Christoph Martin Wieland Agathodämon In sieben Büchern (1799) Est Deus in nobis, agitante calescimus illo   Hegesias von Cydonia an seinen Freund Timagenes Hier, lieber Timagenes, sende ich dir die verlangte Erzählung meines Abenteuers (wenn ich es anders so nennen kann) mit dem außerordentlichen Manne, den ich in einer beinahe unzugangbaren Einöde der weißen Berge kennen lernte. Billig mußte die geheimnisvolle Art, wie ich dieser Begebenheit bei unsrer neulichen Unterredung erwähnte, deine Neugier um so viel höher spannen, da ich die Auflösung des verwickelten Knotens, der uns damals beschäftigte, in ihr gefunden zu haben versicherte, ohne mich in eine nähere Erklärung einlassen zu wollen. In der Tat schien mir die Sache von solcher Beschaffenheit zu sein, daß sie sich besser für eine schriftliche Erzählung, zu welcher ich durch sorgfältige Sammlung meiner Erinnerungen mich vorbereiten könnte, als für den irrenden Gang eines Gespräches schickte; und gewiß würdest du, wenn ich deiner Ungeduld damals nachgegeben hätte, manchen nicht gleichgültigen Zug an dem Bilde dieses merkwürdigen Menschen verloren haben. Erwarte indessen nicht mehr als ich geben kann. Was du hier empfängst, wird doch weiter nichts als ein leicht gefärbter Umriß des lebendigen Bildes sein, welches Agathodämon selbst mit enkaustischen Farben meinem Herzen einbrannte. Denn wie viel hier verloren gehen mußte, wirst du nur zu gut einsehen, wenn ich dich ein wenig bekannter mit meinem Wundermanne gemacht haben werde. Erstes Buch Zweites Buch Drittes Buch Viertes Buch Fünftes Buch Sechstes Buch Siebentes Buch Erstes Buch I. Vor einigen Jahren, als ich auf einer der botanischen Wanderungen, die ich alle Frühlinge vorzunehmen gewohnt bin, einen Teil des Diktäischen Gebirges durchstrich, fügte sichs, daß ich mich genötigt sah meine Nachtherberge bei einigen Ziegenhirten zu nehmen, die sich den Sommer über mit ihren Herden auf diesen Bergen aufzuhalten pflegen. Gutherzig teilten sie ihren kleinen Vorrat mit mir; und da ich an der Unterhaltung mit ungebildeten aber dafür auch unverkünstelten Menschen immer ein eigenes Belieben fand, so brachten wir einen Teil der Nacht mit allerlei zufälligen Gesprächen hin. Unvermerkt gerieten wir auf die Lieblingsmaterie dieser Art Leute, auf wunderbare Geschichten von Ahnungen, Erscheinungen, Zaubereien, Verwandlungen, Berggeistern, und was sonst in dieses Fach gehört. Kreta , die Wiege des großen Zevs , ist bekanntlich an dieser Art luftiger Ware reich, und es gibt vielleicht kein Volk in der Welt, die Thessalier selbst nicht ausgenommen, das den Kretern in der Neigung, unglaubliche Dinge zu erzählen und zu glauben, den Vorzug streitig machen könnte. Meine Wirte schienen an solchen Geschichten unerschöpflich zu sein; und wiewohl sie ehrlich bekannten, sie hätten das wenigste aus eigner Erfahrung, so waren es doch immer Augenzeugen , denen sie diese Wunderdinge mit einer solchen Lebhaftigkeit und Gewißheit nacherzählten, daß ihnen unvermerkt eben so dabei zu Mute ward, als ob sie das Gehörte selbst gesehen hätten. Du trauest mir hoffentlich so viel Nachsicht gegen die schwache Seite der menschlichen Natur, oder wenigstens so viel Klugheit zu, daß ich diese guten Leute nicht durch entschiednen Unglauben und hartnäckigen Widerspruch gekränkt, und mir selbst dadurch ihre gute Meinung entzogen haben werde. Alles was ich mir erlaubte, waren Zweifel, ob solche Erzählungen, indem sie aus einem Mund in den andern gingen, nicht unvermerkt ziemliche Veränderungen erlitten? Ob nicht etwa der erste Erzähler zuweilen ohne seine Schuld sich selbst getäuscht haben, oder von andern getäuscht worden sein könnte? und dergleichen. »Wir sind nur einfältige Leute«, sagte einer von ihnen, »und verstehen uns nicht auf die gelehrten Dinge, die du da vorgebracht hast: aber was wirst du sagen, wenn wir dich versichern, daß seit geraumer Zeit in dieser nämlichen Gegend eine Art von Dämon sich aufhält, den ein jeder von uns schon mehr als Einmal, wiewohl immer nur bei Nacht, gesehen hat, ohne daß wir begreifen wo er herkommt, oder wo er hingeht, wenn er uns aus den Augen schwindet; denn noch keiner von uns hat den Mut gehabt ihm nachzugehen. Wer es versuchen wollte, dem war als ob ihn eine unsichtbare kalte Hand berühre, und er mußte wie im Boden eingewurzelt stehen bleiben. Die Sache hat ihre Richtigkeit; du kannst es uns ohne Bedenken nachsagen.« »Wunderbar genug!« rief ich: »und unter welcher Gestalt läßt sich denn dieser Dämon sehen?« »Gewöhnlich«, erwiderte einer von den Hirten, »als ein langer hagerer Greis von einer Ehrfurcht gebietenden Gesichtsbildung, und einem weit kräftigern Aussehen, als man von seinem eisgrauen Bart und den weißen Locken, die noch ziemlich dicht auf seinem Nacken liegen, erwarten sollte. Er zeigt sich gewöhnlich in einem langen enge gefalteten Rock von weißer Leinewand, mit einem Lorbeerkranz um die Stirn, und mit einem schlangengleich gewundnen Stab in der Hand.« »Einige unsrer Nachbarn«, sagte ein andrer, »haben ihn kurz vor Sonnen-Aufgang als einen schönen gelblockigen Jüngling, mit einer Lyra im Arm, auf einer Felsenspitze sitzen sehen, wo er mit einer unbeschreiblich süßen Stimme dem Gott des Tages einen Hymn entgegen sang.« »Beim Pan!« rief ein junger Hirt, »ich selbst hab ihn in dieser Gestalt gesehen und singen gehört.« »Es ging die Rede«, setzte ein Alter hinzu, »eine von unsern Weibern habe ihn einsmals in Gestalt einer ungeheuern großen Schlange zwischen den Felsen in eine Kluft hinein schlüpfen gesehen: aber wie wir genauer nachfragten, wollte sich keine finden, die es mit eignen Augen gesehen hatte. Das gewisseste ist, daß wir uns seit der Erscheinung dieses Dämons besser befinden . Denn daß er uns Glück bringt, ist augenscheinlich. Unsre Herden haben sich, seitdem er sich in unsrer Nähe aufhält, dreifach vermehrt, und es ist keiner von uns, dem er nicht Gutes getan hätte.« »Davon kann ich ein Wort mitsprechen«, fiel ihm einer ein. »Ich vermißte neulich eine meiner besten Ziegen. Nachdem ich sie im ganzen Gebirge vergebens gesucht hatte, und müd und mißmütig nach Hause kehren wollte, rief mich jemand bei meinem Namen; und wie ich mich umsah, stand er an einer Cypresse und sagte mir: ›Lykas, deine Ziege weidet dort zwischen den Felsen neben dem Wasserfall.‹ Ich erschrak so heftig, daß er schon wieder verschwunden war, eh ich ein Wort heraus bringen konnte; und da ich hinging, fand ich meine Ziege, mit Blumen und Bändern bekränzt, ruhig auf derselben Stelle weiden, die der Genius bezeichnet hatte.« »Meinen Vater (sagte ein andrer) hat er bloß dadurch, daß er ihn anrührte und ihm einen Becher Weins, mit dem Saft unbekannter Kräuter vermischt, auszutrinken gab, von einer langwierigen Krankheit hergestellt.« »Er weiß alles was uns gebricht«, sagte ein dritter, »und wir finden es entweder unversehens in unsern Hütten, oder er schickt es uns durch eine junge Nymphe zu, die ihm dient, oder ihn vielleicht noch näher angeht.« »Eine Nymphe!« rief ich: »woher wißt ihr daß es eine Nymphe ist?« »Was könnte sie anders sein?« antwortete jener mit Verwunderung über meine Frage: »sie erscheint, eben so wie er selbst, nur bei Nacht; niemand von den unsrigen kennt sie, oder weiß ihren eigentlichen Aufenthalt; auch ist sie an Gestalt und Kleidung ganz von unsern Mädchen verschieden.« »Das alles ist sonderbar genug«, sagte ich mit einer etwas unglaubigen Miene. Sie versicherten mich, ich könnte mich von der Wahrheit ihrer Aussagen durch mich selbst überzeugen, wenn ich nur etliche Tage in diesen Gegenden des Gebirges verweilen wollte. »Es vergeht«, sagten sie, »selten eine heitre Nacht, ohne daß der Agathodämon da oder dort sichtbar wird. Denn so nennen wir ihn, weil wir ihm keinen andern Namen zu geben wissen. Ihn zu fragen, wer er sei, und unter welchem Namen wir ihn verehren sollen, hat sich noch keiner von uns unterfangen. Einer und der andere wollten es versuchen: aber sobald sie ihm ins Gesicht sahen, blieb ihnen die Frage im Munde stecken; es war als ob sein Blick sie zu Boden würfe; sie fielen vor ihm nieder, und er war verschwunden, ehe sie es wagten wieder aufzuschauen.« »Ihr seid gar zu schüchtern, meine Freunde«, sagte ich; »was solltet ihr, da er so gut ist, von ihm zu befürchten haben? Ich wenigstens getrauete mir, ihn auf der Stelle aufzusuchen und anzureden, wenn ihr mich an einen Ort bringen wolltet, wo er zu erscheinen pflegt.« »Die gemeine Meinung ist, daß er in einem der Felsen wohne, die sich über jenen Kiefernwald erheben: aber den Eingang zu seiner Wohnung hat noch niemand gefunden.« »Vermutlich«, fiel ich ein, »weil sich noch niemand getraut hat ihn zu suchen. Welcher unter euch hat Lust dieses Vierdrachmenstück zu verdienen, wenn er mich bis zu den Felsen begleitet?« Nach langem Zögern erbot sich endlich einer von den jüngsten dazu, aber unter keiner andern Bedingung, als wenn einer seiner Gesellen mitgehen wollte. Ich zog noch einen Stater für den Begleiter meines Führers hervor; und da sich sogleich einer fand der das Abenteuer unter dieser Bedingung wagen wollte, so machten wir uns bei sehr hellem Mondschein, von den guten Wünschen der übrigen begleitet, auf den Weg. Als wir endlich mit vieler Beschwerlichkeit den Wald erstiegen hatten, sahen wir uns, gegen die Zeit der Morgendämmerung, am Fuß einer hohen Felsenwand, auf der Ostseite mit steilen Abgründen und von der entgegen stehenden mit über einander getürmten Felsenstücken und dicht verwachsnen Gesträuchen umgeben, durch welche es beim ersten Anblick unmöglich schien sich einen Weg zu machen. Der Tag fing bereits an zu dämmern, und eine scharfe Morgenluft verdoppelte das Schauerliche dieser furchtbaren Wildnis. Meine Begleiter bestanden darauf, daß sie nicht weiter gehen könnten, falls ich kühn genug wäre, durch die unzugangbaren Trümmer noch höher empor dringen zu wollen; und da dies allerdings meine Meinung war, so empfahlen sie mich dem Schutze des Agathodämons , dem sie, seiner Menschenfreundlichkeit ungeachtet, nicht sonderlich zu trauen schienen, und ließen mich allein. Die märchenhafte Erzählung der guten Leute von diesem vermeinten Genius hatte ein unbezwingbares Verlangen in mir erregt, einen so sonderbaren Einsiedler durch mich selbst kennen zu lernen. Ich beschloß also das ganze Gebirge so lange zu durchsuchen, bis ich ihn oder seine Wohnung gefunden haben würde. II. Nachdem ich etwa dreißig Fuß hoch mit großer Mühe über die Trümmer empor geklettert war, entdeckte ich eine Art von steilem Fußsteig, der mich mit Hülfe der Gesträuche, die zwischen den Spalten des Gesteins hervor drangen, durch immer enger zusammen gedrängte Klüfte auf einmal in eine Pläne brachte, die dem Ansehen nach fünf- bis sechshundert Schritte lang, ungefähr die Hälfte breit, und ringsum von schroffen oder senkrecht empor ragenden Felsen eingeschlossen war. Ich fand sie mit dem frischesten Grase und allerlei duftenden Kräutern und Blumen bewachsen, deren lebhaftes Grün und üppige Fülle von verschiednen Quellen genährt wurde, die aus den benachbarten Felsen herab rieselten. Ein so anmutiger Ort, und einige Ziegen, die ich an den Anhöhen herum klettern und die sparsam hervor sprießenden Kräuter abfressen sah, ließen mich nicht zweifeln, daß ich hier finden würde was ich suchte. Die aufgehende Sonne vergoldete bereits die Spitzen der Felsen. Ich ging auf einem schmalen Fußpfade bis in die Mitte des kleinen Tales fort, und ward jetzt eines großen Platzes gewahr, der von Menschenhänden mit allen Arten von eßbaren Gewächsen bepflanzt, und mit blühenden Büschen, Feigenbäumen, und vielerlei andern fruchtbaren Stauden und Bäumen in anmutiger Unordnung umgeben war. Der Pfad wurde nach und nach breiter, und wand sich, mit Blumenrändern eingefaßt, und von einzelnen oder gruppierten Bäumen beschattet, durch alle Abteilungen dieses kleinen Paradieses. Ich gestehe dir, Timagenes, daß mir das Herz höher zu schlagen anfing; und du kannst dir vorstellen daß es nicht schwächer pochte, als ich auf einmal hinter einem Gebüsche von glühenden Essigrosen eine ehrwürdige Gestalt langsam auf mich zu kommen sah, die mit der Beschreibung der Hirten völlig übereinstimmte. Es ist ein wunderlich Ding um unsre Einbildungskraft, mein Freund. Wie gänzlich ich auch überzeugt war, daß der vermeinte Dämon ein Mensch sei wie wir andern, und wie gut ich auf seinen Anblick (den einzigen Zweck meiner diesmaligen Wanderung) gefaßt zu sein glaubte: so fand sich dennoch, daß auch mir, als ich ihn auf einmal erscheinen und langsam auf mich zu gehen sah, eben so zu Mute ward, wie jedem andern Menschen, der sich, ohne schon von langem her mit Geistern Umgang gepflogen zu haben, in diesem Augenblick an meiner Stelle befunden hätte. Die treuherzige Erzählung der Hirten, die Ermattung von einem sehr beschwerlichen Wege, das Schauerliche der Gegend und der Morgenluft, und der überraschende Eintritt in dieses stille, von der Welt so ganz abgeschnittene kleine Elysium, alles trug das seinige dazu bei; kurz, ich fuhr bei Erblickung des Ehrfurcht gebietenden Greises eben so zusammen, als wenn es wirklich eine Erscheinung aus der unsichtbaren Welt gewesen wäre. Indessen faßte ich mich doch bald genug wieder, um einem so weisen Manne, als sein ganzes Aussehen ihn ankündigte, keinen ungünstigen Eindruck von meinem Verstande zu geben. Ich blieb ruhig stehen, und erwartete ihn mit der Ehrerbietung, die sein hohes Alter und die Majestät seines ganzen Wesens von einem so viel jüngern und gewöhnlichen Menschen forderte. »Was suchst du hier?« fragte er mich ernst und gelassen. »Einen Weg aus diesen Felsen, worin ich mich verirret habe«, stotterte ich. »Wenn es auch bloße Neugier wäre, was dich hierher geführt hat«, versetzte er, indem er mir mit einem durchdringenden Blick in die Augen sah, »du bist willkommen, Hegesias.« »Es scheint unmöglich, (erwiderte ich, sehr betroffen mich bei meinem Namen nennen zu hören) einem Auge wie das deinige mich verbergen zu wollen. Du hast meinen Bewegungsgrund erraten, ich suchte dich selbst.« »Ich weiß es, und darum komm ich dir entgegen.« »Wenn du«, versetzte ich, »in meiner Seele lesen kannst, so wird es dich nicht gereuen, mich dieser Gunst wert geachtet zu haben.« Ich sagte ihm nun wer ich sei, welche Beschäftigung mich in dies Gebirge geführt habe, wie ich unter die Hirten gekommen, was für wunderbare Dinge sie mir von ihm erzählt hätten, und wie ich dem Verlangen nicht widerstehen können, den Mann selbst zu sehen, von welchem sie mir als einem Wesen höherer Gattung gesprochen: »was mich nicht länger wundert, (setzte ich hinzu) da auch ich, nachdem mir dieses Glück zu Teil geworden, mich kaum erwehren kann, dem einfältigen Gefühl dieser kunstlosen Menschen mehr zu glauben als meiner Philosophie.« »Der Epikurischen vermutlich«, sagte er lächelnd. »Ohne von dieser Sekte zu sein«, erwiderte ich, »hab ich mich bisher von dem Dasein der Wesen, die wir Dämonen nennen, (den Begriff, den man sich gewöhnlich von ihnen macht, voraus gesetzt) niemals überzeugen können.« »Du kennst also nichts höheres als den Menschen ?« sagte er. »Wenn ich dir mit Einem Worte gestehen soll wie ich denke – nein!« »So bist du«, fuhr er fort, »was die Dämonen betrifft, der Wahrheit sehr nahe. Es hat – für die Menschen wenigstens – nie andere Dämonen gegeben als Menschen ; und, was noch mehr ist, was sie waren zu werden – steht in unsrer Macht.« »Ich wünschte dies von dir erklärt zu hören«, sagte ich, indem ich ihn mit neuer Aufmerksamkeit betrachtete. Er mußte in seiner Jugend einer der schönsten Männer gewesen sein, wie er jetzt der ehrwürdigste Greis war, den meine Augen je gesehen hatten; und das Feuer seiner Augen, der Wohlklang seiner Stimme, die gerade Stellung seines Körpers und sein fester Gang kündigten einen desto außerordentlichern Menschen an, da er, seinen Silberhaaren nach, schon weit über siebzig hinaus sein mußte. Er hatte mich unter diesen Reden auf eine sanft empor steigende Anhöhe zu einem Sitze geführt, der, von einem hohen Lorbeergebüsche beschattet, der einzigen Öffnung gegenüber stand, durch welche die dieses Tal einschließenden Felsen dem Aug einen herzerweiternden Blick in eine Ferne verstatteten, wo der Azur der Luft in dem grünlichen Purpur des Meeres zu zerfließen schien. Indem ich mich einen Augenblick in dieser Aussicht verlor, trat ein leicht bekleidetes liebliches Mädchen von zwölf oder dreizehn Jahren aus dem Gebüsch herzu, und reichte, mit jungfräulichem Anstand, dem Alten und mir jedem einen kristallnen Becher des reinsten Wassers, welches sie so eben aus einer nahe vorbei rieselnden Quelle zu schöpfen gegangen war. Nachdem wir uns gelabet hatten, entfernte sich das Mädchen wieder, und der Alte setzte unser angefangenes Gespräch folgendermaßen fort. III. »Zwei unverträglich scheinende Eigenheiten unsrer Natur vereinigen sich, die Idee von dem, was man Dämonen oder Götter nennt, in unsrer Seele zu erzeugen: auf der einen Seite, ein angeborner instinktmäßiger Drang, uns über diese sichtbare Welt, den für unsern Geist allzu engen Kreis der Sinne, Bedürfnisse und Leidenschaften, ins Unendliche empor zu schwingen; auf der andern, die Unmöglichkeit, jemals (wenigstens in diesem Erdenleben) aus den Schranken heraus zu kommen, die unsrer Vorstellungskraft von innen und außen gesetzt sind. Nichts von allem was wir sehen und hören, und keiner von den angenehmsten Eindrücken, womit diese Erscheinungen in unserm Innern verbunden sind, kann jenem wunderbaren Triebe genug tun. Nichts erscheint uns so schön, so groß, so vortrefflich in seiner Art, daß wir nicht etwas noch schöneres, größeres und vortrefflicheres in dieser Art denken könnten, oder, oft sogar wider unsern Willen, ahnen müßten. Wenn es auch einige Gegenstände und Gefühle gibt, die unsre ganze Seele auszufüllen und zu befriedigen scheinen, so ist es doch in der Tat nur im unmittelbaren Augenblick des Genusses. Dieser ist kaum vorüber, so dehnt sich die von ihm zusammen gedrückte Einbildung mit ihrer ganzen Schnellkraft wieder aus, und was uns unübertrefflich schien, dient ihr jetzt bloß zur Springfeder, um sich zur Idee einer noch höhern Vollkommenheit zu erheben, wovon sich ein mehr oder weniger täuschendes Bild in ihrem Zauberspiegel darstellt. Diese Ungenügsamkeit unsres Geistes mit dem, was uns die Welt der Erscheinungen und Täuschungen, welche man sich irriger Weise als die wirkliche vorzustellen gewohnt ist, darbietet, erstreckt sich nicht allein auf alle einzelne Gegenstände der Natur, für sich, oder bloß in ihrem besondern Verhältnis gegen uns betrachtet: auch der Zusammenhang und die Ordnung dieser Dinge, es sei nun daß wir sie als Teile eines Ganzen, oder als Wirkungen gewisser Ursachen, oder als Mittel zu gewissen Zwecken betrachten, vermag uns, aus eben demselben Grunde, nie mehr als eine vorüber gehende Befriedigung zu geben. Immer fehlt etwas daran was wir wünschen; immer finden wir irgend eine Erwartung getäuscht; alles sollte sich, meinen wir, besser schicken und in einander fügen, alles leichter und schneller zum Zweck eilen, reiner zusammen klingen, kurz schöner und vollkommner sein, als es nach unserm Maßstab ist. Daher diese lieblichen Träume der Dichter und Philosophen von einem goldnen Weltalter, von Götter- und Heldenzeiten, von Unschuldswelten, Atlantiden und Platonischen Republiken, womit die Menschen sich von jeher so gern haben einwiegen lassen, und die, so oft man sie im Ernst zur Wirklichkeit bringen wollte, allemal so viel Unheil angerichtet haben. Es ist ein wunderbares Etwas in uns, das immer geneigt ist, die Dinge außer uns als bloßen Stoff zu behandeln, und sich unaufhörlich beschäftigt, Welten nach seinem eigenen Entwurf und zu seinem eigenen Zweck daraus hervor zu rufen. Aber auch dann, wenn es, von der vergeblichen oder verderblichen Arbeit ermüdet, seine Schöpfungskraft ruhen läßt, und das Göttliche in der Natur anerkennt, aber nun mit gleicher Vermessenheit in ihr Geheimnis einzudringen, und die innere Beschaffenheit, die wirkenden Ursachen und den wahren Zusammenhang der Dinge zu erforschen strebt, wird es durch eine unwiderstehliche Notwendigkeit immer wieder in sich selbst zurück gezogen; wo es sich, nach dem hartnäckigsten Herumtreiben in den Gewinden und Irrgängen der Spekulation, immer wieder auf der alten Stelle findet, unvermögend sich von seinem Ich los zu winden und wider Willen genötigt, immer sich selbst zum Maß, Muster und Urbild der Wesen, die ein undurchdringlicher Schleier ihm verbirgt, zu nehmen. Diese Notwendigkeit ist es denn, was in jenem jugendlichen Alter der Welt, als der menschliche Geist, aus der Betäubung der Kindheit erwachend, seine ihm selbst noch unbekannten Kräfte zu versuchen und zu entwickeln anfing, den Dämonen , als unsichtbaren Bildnern, Bewegern und Beschützern der sichtbaren Dinge, im Mikrokosmos seiner Ideenwelt das Dasein gab. Denn da es ihm eben so unmöglich war, an einem dummen tierischen Anstaunen der Natur sich genügen zu lassen, als sich die Erscheinungen derselben aus den Ursachen, die zunächst in die Sinne fallen, zu erklären: wie hätte er sich anders helfen können, als den Grund dieser Erscheinungen in dem Willen und der Macht gewisser unsichtbarer Wesen zu finden, die er sich auf eben diese Weise als die Werkmeister derselben vorstellte, wie er sich bewußt war, Urheber der Werke seiner eignen Hände zu sein? Aber mit unsichtbaren Dämonen können sich die Menschen (wenigstens so lange sie nicht mit Wörtern wie mit Ziffern rechnen gelernt haben) nicht behelfen. Auch das Unsichtbare muß ihnen, wenn es Etwas für sie sein soll, sichtbar werden können; muß eine Gestalt bekommen, ohne welche es weder ihrer Einbildungskraft erscheinen kann, noch ihrem Verstande denkbar ist. Wenn also die Dämonen, die man sich als Beweger der Natur und Beschützer der Menschen vorstellte, eine Gestalt haben mußten, so konnten sie schicklicher Weise unter keiner andern, als der edelsten und vollkommensten aller Gestalten, gedacht werden: und wo in der ganzen Natur hätte der Mensch eine schönere, edlere, vollkommnere, als seine eigene gefunden? Auch würden alle Versuche, sich z.B. den Vater der Götter und Menschen unter einer andern als der menschlichen Form vorzustellen, ewig fruchtlos bleiben. Zwar kann und soll der Dichter und der bildende Künstler, um uns würdige Göttergestalten zu zeigen, die Menschen, die er zu Modellen zu nehmen genötigt ist, von allen der Einzelnheit anklebenden Mängeln befreien; kann und soll sie in ihrer reinsten Schönheit denken, und sie größer, edler und kraftvoller darstellen, als vielleicht jemals ein wirklicher Mensch gewesen ist. Er kann die Blüte der Jugend mit der Reife des vollendeten Alters in ihren Formen vereinigen; kann sie mit Ambrosia nähren, in ätherischen Schimmer kleiden, durch himmlische Wohlgerüche und einen leichtern als menschlichen Gang als Wesen höherer Art sich ankündigen lassen: aber nichts desto weniger werden seine Götter, sobald er sie erscheinen läßt, zu dem was sie in seiner eigenen Einbildung zu sein genötigt sind, zu Menschen ; – und immer werden sich, unter dem ganzen Menschengeschlecht, sogar einzelne Gestalten finden, die einem Phidias für eine Pallas Athene , einem Lysipp für seinen besten Merkur oder Apollo , einem Praxiteles für eine Knidische Venus oder einen Thespischen Amor , zu Modellen dienen könnten. Und eben darum, weil die Dämonen im Grunde nichts als Menschen sind, die der Volksglaube, von Priestern, Dichtern und Künstlern unterstützt, zu höhern Wesen geadelt hat, finden wir, daß die Vorstellungen von ihnen mit der Kultur immer gleichen Schritt gehalten haben. Die Homerischen Götter sind noch eben so roh als seine Menschen, und daher auch eben denselben Bedürfnissen und Leidenschaften unterworfen. Der Wunsch des großen Redners der Römer , ›daß Homer die Menschen lieber zu den Göttern empor gehoben, als die Götter zu Menschen herab gewürdigt haben möchte‹, war ein frommer Wunsch – einer unmöglichen Sache; denn Homer, wie gewaltig auch seine Dichtungskraft war, konnte so wenig über die Schranken der Menschheit als über seine eigenen hinaus gehen. Seine Götter waren alles, wozu sie ein Geist , wie der seinige, in einem Zeitalter , wie das seinige, machen konnte. Fünfhundert Jahre später würde ein Dichter von gleich mächtigem Geist uns schwerlich ein majestätischeres Bild des Vaters der Götter auf seinem Thron haben geben können, als jenes, das die Seele des großen Phidias mit der Idee des Olympischen Jupiters schwängerte: aber gewiß hätte sich ein Dichter aus der Zeit des Phidias nicht einfallen lassen, seinem Jupiter so grobe Schmähungen und so cyklopenmäßige Drohungen gegen die Königin der Götter in den Mund zu legen, wie sich der Homerische im Angesicht des ganzen Himmels erlaubt. Die Götter Homers schimpfen einander, wenn sie aufgebracht sind, eben so ungezogen als seine Helden; und seine Helden sprechen mit den Unsterblichen in einem Ton, als ob sie recht gut wüßten, daß sie mit ihres gleichen sprächen.« IV. Während Agathodämon sich über die Dämonen , seine Geschlechtsverwandten, so offenherzig gegen mich heraus ließ, ging etwas in mir vor, das ich dir zu gestehen erröten würde, wenn es nicht eine Schwachheit wäre, die ich vermutlich mit dem größten Teile der Menschen, wo nicht mit allen, gemein habe. Ich hatte nämlich über das Kapitel von den Dämonen schon lange ungefähr eben so gedacht, wie dieser Einsiedler; und dennoch war es mir unangenehm, mich in der Hoffnung, daß er meine Meinung vielmehr widerlegen als bekräftigen werde, getäuscht zu finden. Denn wie wenig Ursache wir auch haben zu hoffen, daß wir über Dinge dieser Art jemals weiter kommen könnten, als, mit Sokrates , zu wissen daß wir nichts davon wissen : so regt sich doch bei jeder Gelegenheit ein leiser instinktartiger Wunsch in uns, von Personen, die sich uns als außerordentliche Menschen ankündigen, etwas befriedigenderes zu erfahren, als jene gelehrte Unwissenheit, womit wir uns, ungern genug, behelfen müssen. Ich konnte mich also nicht enthalten, – als Agathodämon (vermutlich um seine Brust ein wenig ruhen zu lassen) eine Pause machte – in einem beinahe mißmutigen Tone die Frage zu tun: »Sollte denn der Umstand, daß wir uns die Dämonen nicht wohl anders als unter menschlichen Formen vorstellen können, hinlänglich sein, ihr Dasein außer unsrer Vorstellung zweifelhaft zu machen?« »Wenn du mich bisher verstanden hast«, versetzte er lächelnd, »so kannst du dir diese Frage mit wenigem Nachdenken selbst beantworten.« »Deine Meinung ist also«, erwiderte ich, »daß sie in der Tat keine andere Existenz haben, als die sie durch die Gesänge der Dichter, den Meißel der Bildhauer, und den Glauben des Volks erhalten?« »Wenn dir das noch zweifelhaft scheint, Hegesias, so laß doch sehen, wie sie sich uns auf eine andere Art offenbaren könnten. Gesetzt, Jupiter oder die goldne Aphrodite , seine Tochter, wollten dich so, daß keinem Zweifel Raum übrig bliebe, von ihrem Dasein überzeugen: so könnten sie es doch wohl nicht anders, als wie es deine Natur zuläßt, bewerkstelligen? also auf eben dieselbe Weise, wie du und ich und alle andre Menschen, vermöge unsrer Natur, von dem Dasein irgend eines Dinges außer uns gewiß werden? nämlich vermittelst des äußerlichen Sinnes, durch den unmittelbaren Eindruck, den sie auf eines oder mehrere Organe desselben machen müßten. Setze also, Zevs erschiene dir unter der Gestalt eines Stiers oder Schwans , so wurdest du nicht ihn sondern einen Stier oder Schwan sehen; und wie könntest du – oder wie hätten Europa und Leda , denen dieses Abenteuer wirklich begegnet sein soll, auf den Einfall kommen können, den Vater der Götter unter dieser Maske zu suchen? Eben dasselbe würde geschehen, wenn Zevs oder Aphrodite sich dir unter menschlicher Gestalt zeigten: du würdest Menschen sehen, nicht Götter. Wolltest du sagen, sie könnten ihre Erscheinung durch Umstände und Eindrücke auszeichnen, wodurch sie notwendig als wirkliche Dämonen erscheinen müßten: so würde ich dich fragen, wie sie das anfangen sollten, wofern sie nicht das Unmögliche tun, und dem Menschen neue bisher unbekannte Sinnenwerkzeuge, oder Empfänglichkeit für Erscheinungen, die außerhalb des Kreises ihrer Anschauung liegen, geben können? Gesetzt, Jupiter zeige sich dir in der ganzen Majestät, womit ihn Homer und Phidias umgeben, auf einer Donnerwolke sitzend, die Rechte mit Blitzen bewaffnet, und den göttlichen Adler zu seinen Füßen: was hättest du da gesehen, als ein Bild, das dir Dichter und Maler oft genug vorgemalt haben, um es deiner Einbildungskraft einzuprägen? und wie könntest du je gewiß werden, daß es nicht diese , sondern wirklich der äußere Sinn sei, der dir eine so ungewöhnliche Erscheinung darstellt? Laß es aber auch sein, daß sie deinem körperlichen Auge wirklich widerfahren wäre: so würdest du darum nicht mehr noch weniger, als einen mit Blitzen bewaffneten Menschen , nicht den Gott auf der Donnerwolke gesehen haben; und der wirkliche Jupiter hätte in dieser Gestalt keine andre Eindrücke auf dich machen können, als die Schranken, die er selbst seiner Kraft durch seine scheinbare Vermenschlichung gesetzt hätte, zugelassen haben würden; das heißt, weder mehr noch weniger als denselben Eindruck, den eine erhabene Menschengestalt in dem besagten Jupiters-Kostüm auf die natürlich disponierten Organen eines Menschen machen kann. Meine Behauptung behielte also ihre volle Kraft. Was auch die Dämonen an sich sein mögen, uns können sie weiter nichts als idealisierte Menschen sein; eine göttlichere Gestalt, als die menschliche, gesehen oder erfunden zu haben, hat sich meines Wissens noch kein Sterblicher gerühmt. Ich habe bisher nur von der Gestalt der Dämonen gesprochen. Sollte sichs etwa mit ihrer innern Form , insofern sie als geistige, denkende und handelnde Wesen gedacht werden, anders verhalten? Wird nicht auch da die Menschen-Natur der notwendige Typus bleiben müssen, an welchen wir, wenn wir uns das Göttliche in ihnen vorstellen wollen, schlechterdings gebunden sind? Wir können ihnen keine andern Erkenntnisvermögen beilegen als die unsrigen, keine andere Vernunft als die unsrige, keine sittliche Vollkommenheit und Größe, die nicht auch einem Menschen erreichbar wäre: denn wie könnten wir ihnen etwas beilegen, wovon wir keine Vorstellung haben? Nie hat daher ein Gott etwas gesagt, was sein Priester nicht eben so wohl hätte sagen können; nie etwas so edles und gutes getan, was ein Mensch nicht auch tun könnte, oder schon getan hätte. Nur zu oft sind die Götter bloße Drahtpuppen ihrer Priester; und der Musenführer Apollo selbst macht, bekannter Maßen, schlechte Verse, wenn die Pythia , die ihm ihren Mund leihen, oder der Poet, der ihr Orakel auf der Stelle versifizieren muß, keine guten zu machen gelernt hat. Eben daher ist auch, wie ich schon bemerkte, der Grad von Sittlichkeit, wozu sich die Menschen auf den verschiedenen Stufen der Kultur nach und nach erhoben haben, von jeher der Maßstab des sittlichen Charakters der Götter gewesen: und wenn wir jetzt anständigere Begriffe von den unsrigen hegen als in den Homerischen Zeiten im Schwange gingen; wenn jedermann, der auf Erziehung Anspruch macht, sich die Götter entweder als personifizierte Naturkräfte und Tugenden, oder als vergötterte Menschen, die wegen großer Verdienste um das menschliche Geschlecht nach ihrem Tode zu Schutzgeistern desselben erhoben worden, oder als weise Regenten der menschlichen Dinge und gerechte Austeiler der Belohnungen und Strafen, die der Tugend und dem Verbrechen gebühren, vorstellt; so ist es bloß die Philosophie, die über diesen Punkt die Begriffe der höhern Stände und Klassen veredelt hat. Das Vermögen Wunderdinge zu tun ist in der Tat das einzige, worin die Dämonen etwas voraus zu haben scheinen könnten, wenn wir ihnen nicht unsere Zauberer und Taschenspieler entgegen zu stellen hätten, die das alles durch Kunst zuwege bringen, was man jenen als ein Vorrecht ihrer höhern Natur zuzuschreiben pflegt. Denn bekannter Maßen machen unsre Chaldäer und Magier Anspruch darauf, sich unsichtbar machen und in jede beliebige Gestalt verwandeln zu können; sie gebieten den Elementen, erregen Stürme, ziehen den Mond auf die Erde herab, rufen die Toten aus ihren Gräbern hervor, sehen das Zukünftige, können zu gleicher Zeit an mehr als Einem Orte sein, und was dergleichen mehr ist. Ja, wenn man ihnen glaubt, so besitzen sie das Geheimnis, sich sogar die Dämonen selbst zu unterwerfen: eine Behauptung, wodurch sie meine Meinung von den letztern nicht wenig unterstützen. Denn gewiß können die nicht mehr als Menschen sein, die einen Menschen für ihren Meister erkennen müssen. Und nun«, setzte der Unbekannte hinzu, »glaube ich mich hinlänglich darüber erklärt zu haben, was ich mit meiner Behauptung über die Natur der Wesen, die man unter dem allgemeinen Namen der Dämonen zu begreifen pflegt, sagen wollte. Oder hast du vielleicht noch etwas zu erinnern?« »Da ich in den großen Mysterien zu Eleusis eingeweiht bin«, versetzte ich, »so darf weder diese Behauptung, noch dein Beisatz, daß es in unsrer Macht stehe zu werden was sie waren, etwas befremdendes für mich haben. Gleichwohl muß ich dir gestehen, ich kann mich nicht ohne Mühe dazu bequemen, daß dies Alles sein soll, was wir von den höhern Wesen wissen, deren Dasein ein geheimnisvoller Instinkt uns zu glauben nötigt.« »Und was könntest du denn mehr verlangen?« erwiderte jener. »In das Geheimnis der Natur selbst einzudringen, ist uns verwehrt. Der Kreis der Menschheit ist nun einmal unser Anteil, und der Umfang, worin alle unsre Ansprüche eingeschlossen sind. Sobald wir uns über ihn versteigen wollen, finden wir uns mit einem undurchdringlichen Dunkel umgeben; oder das Licht selbst, das uns dann entgegen strömt, ist so blendend, daß es für Augen wie die unsrigen zur dichtesten Finsternis wird. Aber o daß wir die Würde unsrer eignen Natur erkennen möchten! es ganz durchschauen und immer gegenwärtig haben möchten, daß der Mensch nichts größers kennt noch kennen soll als sich selbst; daß er alles, was er zu seiner Vollständigkeit bedarf, in sich finden kann, und daß seinem ewigen Wachstum an Kraft und Vollkommenheit keine andere Grenze gesetzt ist, als die wesentliche Form seiner eignen Natur, über welche er sich eben so wenig hinaus denken als hinaus dehnen kann, er müßte sich denn nur ins unendliche – Nichts ausdehnen wollen.« V. Indem Agathodämon diese letzten Worte sprach, ließ sich plötzlich eine liebliche Singstimme hören, deren reine Silbertöne, von dem schönsten Echo vervielfältigt, meine ganze Aufmerksamkeit nach dem Ort, woher sie zu kommen schienen, hinzog. Stelle dir vor, Timagenes, wie betroffen ich war, als ich auf einem der Felsen eine schöne Jünglingsgestalt erblickte, die sich selbst zu einem Orphischen Hymnus auf der Cither begleitete, und in ihrer Begeisterung nicht zu achten schien daß sie Zuhörer hatte. Eine Fülle von kunstlos lockigen blonden Haaren wallte, halb in der Morgenluft fliegend, um ihre weißen Schultern. Sowohl ihre Kleidung als ihr schlanker Wuchs und die rundlichen Formen ihrer Arme und Beine ließen das Auge ungewiß, ob man sie für den Sohn der Maja oder für eine der Oreaden dieses Gebirges halten sollte. Als sie zu singen aufgehört hatte, warf ich einen staunenden Blick auf Agathodämon ; und wie ich die Augen nach dem Felsen zurück drehte, war die Erscheinung verschwunden. »Nun, Hegesias«, sagte der Alte lächelnd, »hast du alles gesehen, was mir in den Augen meiner Nachbarn, der Ziegenhirten, den Schein eines übernatürlichen Wesens gibt; und du kannst dir jetzt zum Teil selbst erklären, wie diese guten Leute, in ihrer abergläubischen Einfalt, ungewöhnliche Erscheinungen zu wunderbaren zu erheben wissen. Das junge Mädchen, das uns Wasser reichte, ist die Nymphe , von welcher sie dir gesprochen haben; und der Apollo , in dessen Gestalt ich selbst (wie dir einer sagte) zuweilen gesehen und gehört werde, ist ein schönes Weib von dreißig Jahren, die Mutter der kleinen Nymphe und die Gattin des wackern Mannes, den du dort hinter den Gebüschen mit dem Spaten in der Hand beschäftigst sehen kannst. Denn für dich, Hegesias, soll hier keine Täuschung sein. Dieser Mann war in meinem väterlichen Hause als Sklave geboren, und diente mir, sobald er jemand zu dienen fähig war. Er ist einer der besten Menschen, die ich kenne, und hat mich mit einer seltnen Anhänglichkeit auf einigen der Reisen begleitet, die einen großen Teil meines Lebens wegnahmen. Als ich nach vielen Jahren zurück kam, um einige Zeit in meinem Vaterlande zuzubringen, belohnte ich seine Treue, indem ich seine Liebe zu einem in unserm Hause gebornen Mädchen begünstigte, welches von meiner Mutter selbst eine feinere Erziehung, und die Ausbildung der Naturgaben, wovon du nur eben eine Probe hörtest, erhalten hatte. Ich verheiratete sie mit ihm, und schenkte ihnen die Freiheit, ohne mich sogleich von ihnen zu trennen. Er begleitete mich noch auf verschiedenen neuen Reisen; und als ich mich endlich entschloß, den Rest meiner Tage in gänzlicher Verborgenheit auszuleben, konnt ich ihn nicht verhindern, mir mit seinem Weibe und ihrer Tochter in diese Einsiedelei zu folgen, wo sie sich alle drei beeifern, für meine ziemlich mäßigen Bedürfnisse zu sorgen, und alles mögliche zu tun, um mich in die angenehme Täuschung zu setzen, als ob mein Leben im Elysium schon angegangen sei. Sie hangen an mir wie an einem geliebten Vater, und ich lebe mit ihnen wie unter meinen Kindern. Sie wissen sich so gefällig in meine Eigenheiten zu schicken, und verstehen mich so gut, daß ich kaum der Sprache nötig habe, um ihnen meine Wünsche zu erkennen zu geben. Der alte Kymon , der (wie du siehest) noch ein rüstiger Mann ist, besorgt den Garten, dessen Gemüse und Früchte, nebst der Milch etlicher Ziegen, uns eine leichte und gesunde Nahrung geben. Das Wenige, was uns sonst noch nötig ist, weiß er aus der nächsten Stadt herbei zu schaffen, ohne daß jemands Aufmerksamkeit dadurch erregt wird. Die Hirten, die, den Sommer über, diese Berge beweiden, halten ihn für den Einwohner eines benachbarten Dorfes, und sehen ihn zu selten, um sich genauer nach ihm zu erkundigen; indessen er durch seinen Neffen, der einer aus ihrem Mittel ist, so viel von ihnen auskundschaftet, als es bedarf, sie in dem Wahne zu erhalten, die Spitze des Gebirges werde von einem guten Dämon bewohnt, dessen Nähe ihnen Segen bringe; eine Täuschung, die ihnen unschädlich ist, und mir vor den Folgen ihres Vorwitzes Sicherheit gewährt. – In allem diesem wirst du viel Grillenhaftes finden, lieber Hegesias; und in der Tat muß man mit meiner ganzen Lebensgeschichte bekannt sein, um gelinder davon zu urteilen.« »Das einzige, was ich noch nicht begreife«, versetzte ich, »ist, wie du in dieser Einöde die Abwechslungen der Witterung aushalten, und dich gegen die Unfreundlichkeit des Winters verwahren kannst.« »Dafür«, erwiderte er, »ist von langem her gesorgt. Der ehemalige Eigentümer dieses Berges war der vertrauteste meiner Freunde, und es wurde schon vor vielen Jahren unter uns verabredet, daß ich, sobald ich urteilen würde daß es Zeit sei, diese Einöde zum Aufenthalt wählen wollte. Er ließ eine zu diesem Zweck überflüssig bequeme Wohnung in einen dieser Felsen hauen, und alles darin so einrichten, daß es mir an keiner Gemächlichkeit fehlt, die in meinen Jahren zum Leben unentbehrlich ist. Die Höhe, in welcher ich hier wohne, ist sehr mäßig, und die Felsen, die dieses enge Tal einschließen, verwahren es vor den Winden der rauhen Jahrszeit. Mein Freund ist nicht mehr; aber sein Sohn (der einzige, der um unser Geheimnis weiß) hat die Gesinnungen seines Vaters für mich geerbt. Er hat, dem letzten Willen desselben zu Folge, sogar das Eigentum dieses ganzen Berges an meinen freigelaßnen Kymon abgetreten, wiewohl er, um meine Verborgenheit desto besser zu begünstigen, eingewilligt hat, so lang' ich lebe, den Namen des Eigentümers zu tragen. Kurz, wir haben alle mögliche Vorsicht gebraucht, um der Welt ein Geheimnis daraus zu machen, was aus einem Manne geworden sei, der beinahe ein Jahrhundert durch ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte.« Agathodämon schien voraus gesehen zu haben, daß diese letzten Worte auch meine Aufmerksamkeit auf ihn verdoppeln würden. Denn indem ich meine Augen mit einem forschenden Blick auf ihn heften wollte, blitzten mir die seinigen so mächtig und Ehrfurcht gebietend entgegen, daß ich sie sogleich wieder zu senken genötigt war. Der Ausruf » welch ein wunderbares Wesen bist du? « schwebte mir schon auf den Lippen: aber auch diesen hielt eine Scheu, von welcher ich nicht Meister werden konnte, zurück. Gleichwohl war diese Scheu mit einer so sonderbaren Art von Anmutung vermischt, daß ich mich nicht erwehren konnte, meinen Mund auf seine hagere Hand zu drücken, und diesen unfreiwilligen Ausdruck des Gefühls, das er mir einflößte, mit einigen abgebrochenen Worten zu begleiten, die ihn besser, als die zierlichste Rede, dessen, was in meinem Gemüte vorging, verständigten. Nach einer kleinen Stille fing er wieder an: »Du bist vielleicht nicht neugieriger zu wissen wer ich bin, als ich geneigt bin, mich dir ohne Zurückhaltung zu offenbaren. Es ist eine Art von Bedürfnis für mich; aber ich würde mir die Befriedigung desselben versagen, wenn ich nicht einen andern Bewegungsgrund hätte, der, wiewohl sich vielleicht die Eitelkeit auch hinter ihn versteckt, dem ungeachtet wichtig genug ist meine Entschließung zu bestimmen. Mein Leben hat zu viel Aufsehens gemacht, als daß ich erwarten könnte, der Nachwelt unbekannt, mit dem großen Haufen der Sterblichen den Strom der Vergessenheit hinab zu rinnen. Ich kenne mehr als Einen, der meine Geschichte schreiben, und sie sehr unrichtig schreiben wird, wenn er auch kein Wort mehr sagt, als was er selbst gesehen und gehört zu haben glaubt. Meine wahre Geschichte könnte der Welt vielleicht nützlich werden: verfälscht oder in ein täuschendes Licht gestellt, kann sie nicht anders als Schaden tun. Warum also sollte ich dem Gefühl widerstehen, das dir mein Herz beim ersten Blick aufgetan hat, und nicht einen Mann von reiner gesunder Seele, wie ich in dir zu erkennen glaube, zum Verwahrer des Geheimnisses meines rätselhaften Lebens machen? Denn ein Rätsel war es, und, wie ich gestehen muß, bloß darum, weil ich wollte daß es nicht begriffen werden sollte. Die Ursachen, warum ich es wollte, sind nicht mehr; ich habe meine Rolle ausgespielt – und du, Hegesias, (setzte er hinzu, indem er meine Hand ergriff und drückte) du sollst der Erste sein, dem ich mich so zeigen will, wie ich mich selbst sehe.« Er sprach dies mit einem Ton und Ausdruck von Wahrheit in seinem ganzen Wesen, daß ich, von den mannigfaltigen und sonderbaren Gefühlen, die er in mir aufregte, überwältigt, im Begriff war mich ihm zu Füßen zu werfen; aber er hielt mich noch zurück, schloß mich in seine Arme, und sagte: »Für jetzt kein Wort weiter von dieser Sache! Du bist gerührt; laß uns von andern Dingen sprechen.« Und damit nahm er mich bei der Hand, und führte mich durch die verschiedenen Abteilungen seiner Pflanzung nach seiner Wohnung. »Kannst du dich«, setzte er hinzu, mit Pythagorischer Diät behelfen, wie ich einem Manne von deiner Profession zutrauen darf, so verweile einige Tage bei mir: ich müßte mich sehr irren, wenn sie dir länger vorkommen sollten, als die Stunden, die du bei den Ziegenhirten zugebracht hast.« VI. Wir kamen bei dem wackern Kymon vorbei, der eben beschäftigt war einige Rankengewächse zu stängeln. »Hier bringe ich dir den Fremden, den du mir in verwichener Nacht ankündigtest«, sagte der Greis, und machte mir dadurch mit zwei Worten begreiflich, wie er zur Kenntnis meines Namens gekommen war. Nun führte er mich unter eine große Laube von Weinreben, die das Vorhaus seiner Wohnung ausmachte. Wir ließen uns auf Bänke nieder, die, wie es schien, kurz zuvor mit frischen Rosenblättern bestreut worden waren. Wir unterhielten uns von allerlei, bis das Gespräch unvermerkt auf die große Geneigtheit der Menschen geriet, zu glauben was sie nicht wissen können, und wovon sie sogar sich einen Begriff zu machen unfähig sind. Ich behauptete, daß dies ein wirkliches Bedürfnis unsrer Natur sei; daß der Unzulänglichkeit unsrer Vernunft dadurch nachgeholfen werde, und daß insonderheit der Glaube eines das Ganze umfassenden und beseelenden Geistes, und einer allgemeinen Weltregierung, ja, in Ermangelung eines bessern Begriffs, sogar der Dämonismus , der sich diese Regierung als unter Viele verteilt vorstellt, das einzige sei, was die Leidenschaften roher Menschen zähmen, und dem gebildeten die Bürde der unzähligen Übel und Drangsale des Lebens erträglicher machen könne. Agathodämon hörte alles, was ich über diesen Gemeinplatz vorbrachte, mit vieler Gefälligkeit an; und als ich fertig war, sagte er: »Ich bin nicht nur, was den großen Haufen der Menschen betrifft, deiner Meinung; ich gestehe dir sogar zu, daß der Hang zum Glauben eine allgemeine Schwachheit der Menschen ist. Aber anstatt, wie du, sie als eine Wohltat der Natur anzusehen, betrachte ich sie vielmehr als einen geheimen Feind, den wir in unserm Busen tragen, und dem wir, anstatt ihn zu nähren und zu pflegen, vielmehr, so viel nur immer möglich, alle Nahrung zu entziehen suchen sollten. Bedenke, lieber Hegesias, (fuhr er mit etwas verstärktem Tone der Stimme fort, da er mich über diese Rede stutzen sah) bedenke, daß der größte Teil der Übel und Drangsale, gegen welche du im Glauben eine Stütze findest, ohne ihn gar nicht vorhanden wäre . Denn auch Aberglauben ist Glauben; und wenn wir nicht jenem, sondern bloß einem von der Vernunft selbst gebilligten Glauben, wohltätige Einflüsse auf das menschliche Gemüt zuschreiben wollen, wie so gar unbedeutend ist das Gute, das dieser getan haben mag, gegen die unermeßliche Summe der Übel, welche jener über das menschliche Geschlecht gebracht hat! Sehen wir nicht bei allen Völkern und zu allen Zeiten Vernunft und Sittlichkeit durch Aberglauben verfinstert und gefesselt? Und hat er uns etwa darum weniger Böses zugefügt, weil ihm ein dunkles Gefühl zum Grunde liegt, welches, durch Vernunft erleuchtet, gereinigt und geleitet, ein mächtiger Antrieb zur Tugend und ein fester Grund der Ruhe und Hoffnung für gute Menschen werden kann? Ist es nicht jenes vielgestaltige Ungeheuer, welches, von uralten Zeiten her, das Joch der religiösen und politischen Sklaverei über den Nacken der Menschheit geworfen, ihre edelsten Kräfte gelähmt, ihrem freien Fortschritt zur Ausbildung und Vollendung unübersteigliche Hindernisse entgegen getürmt hat? Alles Jammers ohne Maß und Ziel nicht zu gedenken, welchen er durch die schändliche Gleisnerei, die übermütige Herrschsucht, den unersättlichen Geiz und die wütende Unduldsamkeit seiner Priester über einzelne Menschen, Länder und Zeiträume aufgehäuft hat. Zufällige Umstände führten mich frühzeitig auf diese Betrachtungen. Ich erkannte die Gefahr, in einem dunkeln, auf allen Seiten mit Klippen und Abgründen umgebenen Irrgang zu suchen, was ich auf einem vom hellsten Sonnenlicht bestrahlten Wege viel sichrer und gewisser erlangen konnte, und von dieser Zeit an machte ich mirs zu einer meiner ersten Pflichten, dem Hang zum Glauben eben so ernstlich zu widerstehen, als ich dem Hang zur Wollust widerstand; wiewohl ichs einem Aristipp nicht hätte ableugnen können, daß dieser letztere, durch Vernunft veredelt, geläutert und gemäßigt, glücklich organisierte und unter besonders günstigen Gestirnen (wie man zu sagen pflegt) geborne Menschen auf einem sehr angenehmen Wege zu einem nicht gemeinen Grade von sittlicher Vollkommenheit, innerer Harmonie, Zufriedenheit und Lebensgenuß führen könne. Warum, sagte ich zu mir selbst, sollt ich auf gefahrvollen Umwegen suchen, was ich ohne Gefahr viel näher haben kann? Wenn der Hang zum Glauben auch keinen andern Nachteil hätte, ist es nicht genug, daß er unvermerkt die Nerven des Geistes abspannt? daß seine narkotische Kraft die Vernunft einschläfert? daß wir, wenn wir seinem Einfluß Raum geben, uns beruhigen , wo wir forschen , leiden , wo wir tätig sein , hoffen , wo wir fürchten , uns ergeben , wo wir widerstehen sollten?« »Aber (fiel ich ein) gibt es nicht so viele Fälle im Leben, wo wir mit allem unserm Forschen nichts heraus bringen, mit aller unsrer Tätigkeit nichts ausrichten, und gezwungen sind zu leiden was nicht zu ändern ist? Welch ein elender Tröster ist in solchen Fällen das Gefühl der eisernen Notwendigkeit, unsern Hals unter die zermalmende Gewalt eines blinden Verhängnisses beugen zu müssen – gegen den Glauben, daß Weisheit und Güte alle unsre Schicksale angeordnet habe, und jeder einzelne Mißklang sich im Ganzen in die reinste Harmonie auflöse!« »Ohne Zweifel«, antwortete er, »hat derjenigen der unter einem schweren Leiden in diesem Glauben Trost und Linderung findet, viel vor dem voraus, der seinem gepeinigten Gefühle keinen weichern Pfühl, als ein eisernes Schicksal , unterzulegen hat. Indessen möchte ich mich doch auf dein eigenes Bewußtsein berufen, ob der Gedanke, ›die Mißklänge, die jetzt mein Ohr zerreißen, werden in eine Harmonie, die ich nicht höre , aufgelöst‹, – ob dieser Gedanke, so lange mein Ohr gepeinigt wird, eine sonderliche Wirkung tun kann? Auch wüßte ich nicht, was du einem Leidenden antworten wolltest, der dich versicherte: dies sei es eben was ihn am empfindlichsten schmerze, daß er unter einer milden und weisen Regierung leiden müsse. Von einem anerkannten Tyrannen gequält zu werden, würde weniger unerträglich sein; oder vielmehr, wir sind nun einmal so organisiert, daß unser Gefühl den , der uns peinigt, immer einen Tyrannen nennen wird. Findest du nicht auch, (setzte er in einem halb scherzhaften Ton hinzu) es sei schwer, das unmittelbare Gefühl , daß uns übel ist, durch den Glauben , daß uns wohl sei, zu übertäuben?« »Mehr als schwer, sogar unmöglich«, erwiderte ich beinahe zu ernsthaft, »wenn der Mensch nichts als ein Tier wäre; aber –« »Hier wars, wo ich dich erwartete«, rief der Alte. » Aber – sagst du? – Erkläre dich!« »Du hast mich verstanden, Agathodämon.« »Das habe ich, und wir sind also nahe dabei, einander beide zu verstehen. Da dem Menschen etwas im Busen schlägt, das dem Sinnengefühl das Gegengewicht halten kann, und Böses und Gutes nach einer ganz andern Regel beurteilt – Gut, Hegesias! ich weiß was du daraus folgern willst; aber laß mich die Periode nach meinem Sinne vollenden, und das wahre Resultat aus deinen Vordersätzen ziehen. Der Mensch, über welchen die Vernunft so viel Macht hat als ihr zukommt, wozu sollte er die Täuschungen der Einbildungskraft und eines Glaubens, der seinem innern Gefühle Gewalt antut, vonnöten haben? Wozu ein erbettelter und ungewisser fremder Beistand, wo unsre eigne Kraft völlig hinreicht, sobald wir uns ihrer gehörig bewußt sind, und uns nicht, durch unzeitiges Verzagen an uns selbst, aus unserm Vorteil setzen? Oder nenne mir einen Fall, wo es nicht in unsrer Macht stände, jedem Eindruck der Sinne, jedem Reiz und Drang der Begier, bloß dadurch hinlänglichen Widerstand zu tun, daß wir widerstehen wollen ? Laß uns nicht an unsrer Kraft verzweifeln, ehe wir versucht haben wie weit sie gehen kann, und zu welchem Grade wir sie durch unablässige Übung , oder, da wo es not ist, durch ungewöhnliche Anstrengung , erhöhen können! Gewiß, Hegesias, ist es unsre eigne Schuld, daß wir nicht ganz andere Menschen sind; und ich bin völlig überzeugt, daß die Neigung zum Glauben, die der weichlichen Trägheit unsrer sinnlichen Natur so wohl zustatten kommt, keine der geringsten Ursachen ist, warum der Mensch bisher so weit hinter dem zurück geblieben ist, was er sein könnte und müßte, wenn es ihm etwas ein- für allemal ausgemachtes wäre, daß er alle seine Hülfsquellen in sich selbst zu suchen habe.« »Es kommt mich hart an (versetzte ich) einer meiner Lieblingsideen zu entsagen. Auch bekenne ich dir, Agathodämon, daß sie durch das, was du bisher gegen sie vorgebracht hast, noch nicht erschüttert worden ist, wiewohl ich nicht von mir erhalten kann, mich hierüber näher zu erklären.« »Wie? Ohne dichs anfechten zu lassen, (sagte Agathodämon mit einem ironischen Blick) ob du nicht dadurch den Verdacht bei mir erweckest, du scheuest dich nur deinen Liebling dem Licht auszusetzen, damit seine blöde Seite nicht zum Vorschein komme?« »Ich gestehe, der Argwohn wäre nicht ganz ohne Schein«, erwiderte ich. »Indessen geschieht es doch, die Wahrheit zu sagen, bloß aus eben dem Zartgefühl, weswegen ein sehr warmer Liebhaber nicht gern zu einem kalten Zuhörer von seiner Geliebten spricht.« »Wenn es nur dies ist, Hegesias«, sagte er, »so finden wir in der Folge wohl noch Gelegenheit, zu deiner Geliebten zurück zu kommen. Denn auch ich habe – wie du vielleicht schon hättest merken können – noch nicht alles gesagt, was ich über diesen Gegenstand zu sagen habe.« VII. Als die Tageshitze zunahm, führte mich Agathodämon in seine Felsenwohnung. Die Natur und die Zeit hatten durch verschiedene größere und kleinere Aushöhlungen dem ehemaligen Besitzer vorgearbeitet, als er es unternahm, eine Wohnung für seinen Freund darin zurichten zu lassen. Wir traten in einen hohen und geräumigen Saal, der auf zwei Reihen Dorischer Säulen ruhte, und mit den Brustbildern der berühmtesten Weisen, Dichter, Redner, Staatsmänner und Künstler Griechenlands ausgeziert war. Eine der schmälern Wände nahmen verschiedene Schränke mit Büchern ein. Auf der längern Seite führte eine Tür in einen kleinen Speisesaal, und eine andere in etliche Schlafkammern und zum Aufenthalt der Hausgenossen. »Hier«, sagte Agathodämon, indem er mir die Bequemlichkeiten seiner Wohnung zeigte, »hier ist alles, wie du siehst, und noch mehr, als was ein Mann von sechsundneunzig Jahren bedarf, der sich an dem Schauspiel des menschlichen Lebens müde gesehen, und seine eigene Rolle ausgespielt hat. Für eine Grabhöhle ist hier alles räumig und gemächlich genug.« »Du, Agathodämon, du sechsundneunzig Jahre?« rief ich mit einem Erstaunen, welches ihm an Unglauben zu grenzen schien. »Was befremdet dich am meisten, (sagte er lächelnd) daß ich in einem so hohen Alter nicht gebrechlicher aussehe? oder, daß ich, mit einer solchen Leibesbeschaffenheit, ein so hohes Alter erreichen konnte?« »Ein solches Alter, (erwiderte ich) bei einer Lebhaftigkeit und Stärke, welche von vielen, die kaum halb so viel Jahre zählen, beneidet werden dürften, zeugt unfehlbar von einer vortrefflichen Natur: aber ich müßte mich sehr irren, wenn nicht Weisheit und Enthaltsamkeit den größten Anteil an der Ehre hätten, die du der Menschheit auch in diesem Stücke machst. Ein Nestor war schon in den heroischen Zeiten der Ilias eine seltne Erscheinung; wie sollte sie in den unsrigen nicht unglaublich sein?« »Ich meines Teils (versetzte der Alte) bin völlig überzeugt, es liege bloß an den Menschen selbst, daß ein Jahrhundert nicht das gewöhnliche Maß ihres Lebens ist. Wäre die Lebensweise, welcher ich dieses hohe und noch ziemlich kräftige Alter zu danken habe, allgemein, so würde man nichts leichter und bequemer finden, als so zu leben: aber in einer Zeit, wo man, um eine solche Lebensweise zu behaupten, mit der ganzen Verfassung des gesellschaftlichen Lebens und mit dem allgemeinen Beispiel beinahe in allem zu kämpfen hat, ist vielleicht nichts schwerer.« »Um so eher wirst du mir zu gut halten, (sagte ich) wenn ich zu wissen begierig bin, wie du eine so unmöglich scheinende Sache bewerkstelligen könntest.« »Die Antwort auf diese Frage führt uns mitten in die Geschichte, die ich dir versprochen habe«, erwiderte Agathodämon. »Wie also, (versetzte ich) wenn du, wofern es dir nicht beschwerlich ist, sogleich den Anfang machtest, mich mit der Erfüllung dieses Versprechens zu begünstigen?« »Sehr gern«, sagte er, indem er sich zwischen zwei Säulen den Bildern des Pythagoras und Diogenes gegenüber setzte, und mich neben ihm Platz nehmen hieß. In diesem Augenblick trat die liebliche junge Nymphe wieder herein. Sie stellte einen kleinen Tisch, der mit zwei kristallnen Bechern unvermischten Weins von Naxos und einer sehr leichten Art von kleinen Weizenbroten besetzt war, vor den Alten hin, und trippelte eben so geräuschlos und schweigend, wie sie gekommen war, wieder davon. »In meinen Jahren«, sagte Agathodämon, »bedarf die Natur öfters ein wenig Stärkung, und nähert sich hierin wieder dem Bedürfnis der ersten Kindheit. Auch dir, Hegesias, wird ein wenig reiner Wein wohl tun, zumal da du bei mir mit einer magern Mahlzeit vorlieb nehmen wirst. – Diese Libation den Grazien, unter deren Einfluß sich unsre neue Freundschaft angefangen hat!« Ich folgte seinem Beispiele. Nach einer Viertelstunde kam das Mädchen wieder, den kleinen Tisch wegzutragen, und mein ehrwürdiger Wirt begann seine Erzählung folgendermaßen. Zweites Buch I. »Ich denke nicht, Hegesias, daß ein Mensch einen so besondern Mut, oder eine so heroische Bescheidenheit, vonnöten habe, wie die meisten vorauszusetzen scheinen, um einem andern Menschen zu gestehen, daß er nichts mehr als ein – Mensch sei. Hätte ich mich verbindlich gemacht, dir von mir selbst wie von einer dritten Person zu reden, so könntest du ein billiges Mißtrauen in meine Wahrhaftigkeit setzen; denn noch nie hat ein Mensch sich selbst gesehen, wie er einen andern sieht. Aber ich versprach dir nur was ich halten kann, mich dir darzustellen wie ich mich selbst sehe : und so erwarte, daß ich von meinen Vorzügen ohne Anmaßung, von meinen Tugenden ohne Demut, und von meinen Fehlern ohne Verlegenheit sprechen werde. Hat die Eigenliebe demungeachtet geheime Täuschungen, die ich selbst nicht gewahr werden kann, und die einem unbefangenen fremden Auge vielleicht nicht entgehen, so laß mir die Entschuldigung zu gute kommen, daß ich mich zwar für keinen gewöhnlichen Menschen, aber, meines Übernamens ungeachtet, nur für einen Menschen gebe. Ich rechne es nicht unter meine Fehler, daß ich mit einer Ruhmbegierde geboren bin, die keine andre Leidenschaft in mir aufkommen ließ, und vielleicht einen Alexander oder Cäsar aus mir gemacht hätte, wenn ich zu einem Throne geboren, oder in der Lage, worin man einen Thron erwerben kann, gewesen wäre. Leidenschaften sind nicht (wie die Stoiker irrig lehren) Krankheiten der Seele: sie sind ihr vielmehr was die Winde einem Schiffe sind, das keine Seefahrt von einiger Bedeutung ohne sie vollbringen kann. Sie verstärken die demselben gegebene Bewegung; aber der Schiffer muß sie in seine Gewalt zu bringen wissen, wenn er nicht Gefahr laufen will, von ihnen verschlagen, oder an Klippen zertrümmert zu werden. Starke Leidenschaften zu regieren, werden freilich große Kräfte des Geistes erfordert; aber sie spannen auch diese Kräfte: und da die Stärke des Willens ohne Grenzen ist, so steht es immer in seiner Macht, auch die unbändigsten Leidenschaften, wie Virgils Neptun die stürmenden Winde, durch sein herrisches quos ego zu bändigen, und zu seinem eignen Zwecke dienstbar zu machen. Die Umstände, in welchen ich geboren wurde, schienen dem Ehrgeiz, der sich früh in mir ankündigte, nicht die günstigsten zu sein. Denn eine wenig ausgezeichnete Hellenische Stadt in einer Asiatischen Provinz war seit einigen Jahrhunderten der Sitz meiner Voreltern, welche zwar immer unter die Ersten ihres Orts gezählt wurden, von denen aber keiner, meines Wissens, sich einen Namen in der Welt gemacht hat. Indessen verschafften mir der Rang meines Vaters unter seinen Mitbürgern und seine Glücksumstände zur Entwicklung der ungewöhnlichen Anlagen, die man bei mir zu entdecken glaubte, eine bessere Erziehung, als vermutlich jemals einem meiner Vorfahren zu Teil geworden war. Man gab mir die geschicktesten Lehrer, die man auftreiben konnte, und ich machte in allen Arten von Übungen des Körpers und des Geistes so rasche Fortschritte, daß ich die öffentliche Aufmerksamkeit schon in der ersten Jugend auf mich zog. Was ohne Zweifel das meiste zu dem unmäßigen Beifall, womit mir geschmeichelt wurde, beitrug, war eine vorzüglich glückliche Gestalt und Gesichtsbildung, die mich vor allen jungen Leuten meines Alters auszeichnete, und allem andern, wobei ich mir selbst einiges Verdienst zuschreiben konnte, einen höhern Glanz und Wert zu erteilen schien.« »Das kann ich mir vorstellen!« unterbrach ich ihn; »nach dem zu urteilen, was du noch mit sechsundneunzig Jahren bist, mußt du mit sechzehn von den Malern und Bildnern schrecklich verfolgt worden sein.« »Wie ungereimt es immer sein mag«, fuhr Agathodämon fort, »daß die Menschen (zumal unsere Hellenen) eine ungewöhnliche Schönheit durch die schwärmerische Achtung, die sie ihr beweisen, gleichsam zu einem Verdienst erheben, da sie doch, ihrem wahren Werte nach, selbst unter den Geschenken der Natur eines der letzten ist: so muß man doch gestehen, daß keine andere Eigenschaft so schnell zu unserm Vorteil einnimmt, die Herzen der Menschen so leicht in unsere Gewalt bringt, und sie so geneigt macht, uns als eine Art höherer, von den Göttern besonders begünstigter, Wesen zu betrachten. Ohne zu behaupten, daß diese außerordentliche Parteilichkeit, wovon ich bereits als ein kaum angehender Jüngling von allen Arten Menschen tausend Beweise erhielt, gar keinen Einfluß auf meine Sinnesart gehabt hätte, erinnere ich mich doch sehr deutlich, daß ich mich selbst nicht höher darum schätzte, und daß ich diejenigen mit einer Art von Verachtung ansah, die einen so hohen Wert auf Vorzüge setzten, gegen welche ich gleichgültiger zu sein glaubte, als es sich vielleicht in der Tat verhielt. Gewiß ist, daß ich schon damals einen Ehrgeiz in mir fühlte, dem weder die Meinung andrer von mir, noch mein eigenes Bewußtsein genug tun konnte. Zwar stand das Ideal , zu welchem ich aufstrebte, noch in unberechtigten Verhältnissen und unbestimmten Formen, als eine helldunkle Riesengestalt, vor mir, mehr einem Nachtgespenst als einem Götterbilde ähnlich, und, gleich dem Proteus der Fabel, immer seine Gestalt wechselnd: aber eben diese Unbestimmtheit gab meiner Einbildungskraft freieres Spiel, und trieb mich, mit rastlosem Eifer allen Arten von wahren und vermeinten Vollkommenheiten, deren Züge ich in ihm vereiniget sah, nachzujagen. Es bedarf kaum erwähnt zu werden, daß ich in den Jahren, wo der Knabe sich in den Jüngling zu verlieren anfängt, mich, nach alter Hellenischer Sitte, von einer beschwerlichen Menge so genannter Liebhaber belagert sah, welche nichts unversucht ließen, um sich in meine Gunst einzuschleichen, und einander darin zuvorzukommen. Der kalte Stolz, womit ich auf sie alle herabsah, sicherte zwar die Unschuld und den guten Ruf des Jünglings: aber ich gewöhnte mich doch dadurch, einen rauschenden Hof um mich her zu haben, überall Aufsehen zu erregen, und derjenige zu sein, von welchem am meisten und mit übertriebener Bewunderung gesprochen wurde; und da das Gewohnte unvermerkt in Bedürfnis übergeht, so hatte dieser Umstand vielleicht mehr Anteil, als ich mir selbst bewußt war, an der Wahl der Lebensart, für welche ich mich in der Folge bestimmte. Ich hatte in diesen Jahren, die man unter den Händen der Pädagogen und Pädotriben hinbringt, eine Menge berühmter Namen kennen gelernt, und von den Männern, welche sie führten, nur eben so viel gehört, um vor Begierde zu brennen, hinter keinem von ihnen zurück zu bleiben, und, wo möglich, alles, worin sie einst groß gewesen waren, in mir zu vereinigen. ›Warum‹, dachte ich, ›sollt es einem Menschen nicht möglich sein, alles zu werden was Menschen waren? Was ist dem unverdroßnen Fleiß und dem hartnäckigen Willen unmöglich?‹ II. Die Zeit war nun gekommen, da ich, auf einer unsrer berühmtesten Schulen der Redekunst und Philosophie, die letzte Ausbildung erhalten sollte. Mein Vater brachte mich nach Tarsos , welches damals in dem Rufe stand, der Hauptsitz der Gelehrsamkeit in Asien zu sein. Aber das Getümmel einer sehr volkreichen Handelsstadt und die üppige Lebensart ihrer wollüstigen Einwohner hatte vor kurzer Zeit einige der vorzüglichsten Lehrer bewogen, sich in die benachbarte Stadt Ägä zurückzuziehen, deren geringere Volksmenge und verhältnismäßige Stille den Geschäften der Musen günstiger schien. Ich erhielt von meinem Vater die Erlaubnis ihnen zu folgen; und weil mein Aufenthalt daselbst mehrere Jahre dauern sollte, so mietete er mir ein artiges Haus in der Vorstadt, welches mit schönen Gärten und Spaziergängen versehen, und nahe an einem, in dieser Gegend berühmten, Tempel des Asklepios gelegen war. Hier machte ich mich nach und nach mit den Lehrbegriffen der verschiedenen philosophischen Sekten bekannt, und benutzte jede Gelegenheit, mich mit allen Arten von Kenntnissen zu bereichern. Vorzüglich hielt ich mich zu einem alten Epikureer , der hier in der Stille lebte, und, nebst der Naturgeschichte, die Wissenschaften, die der ausübenden Arzneikunst zum Grunde liegen, zu seinen Lieblingsstudien gemacht hatte. Der Umgang mit diesem, der Welt fast ganz unbekannten, Manne verschaffte meiner Wißbegierde eine ganz andere Befriedigung, als die schalen Spitzfindigkeiten der Akademiker und Stoiker ; denen es, wie ich bald genug merkte, weder um Wahrheit noch Lebensweisheit, sondern bloß darum zu tun war, sich in einen großen Ruf zu setzen, die Wissenschaft als Gewerbe zu treiben, mit einander zu wetteifern, wer die meisten und freigebigsten Schüler an sich locken könne, und sich übrigens bei den Reichen, in deren Gunst sie sich einzuschmeicheln wußten, gute Tage zu machen. Zu meiner großen Befremdung fand ich, daß sogar der Pythagoräer Euxenos , welchem ich von meinem Vater besonders empfohlen war, außer dem Pythagorischen Kostüm , einigen dieser Sekte eigenen Kunstwörtern , und den goldnen Sprüchen des Meisters , die er auswendig wußte, nichts Pythagorisches an sich hatte, als das vornehme und feierliche Ansehen, wodurch die vorgeblichen Jünger des Weisen von Samos sich vor den andern Sekten auszuzeichnen pflegen. Indessen verlor Pythagoras selbst durch die Unwürdigkeit seines Stellvertreters so wenig bei mir, daß ich vielmehr nur desto eifriger wurde, jeder reinern Quelle nachzuspüren, woraus ich einige Aufschlüsse über den Geist und Zweck dieses, mehr berühmten als gekannten, großen Mannes zu schöpfen hoffen konnte. Nachdem ich einige Jahre auf diese Weise zu Ägä zugebracht, rief mich der Tod meines Vaters nach Hause, um mich wegen seiner beträchtlichen Verlassenschaft mit meinem Bruder ins reine zu setzen. Jede auf Geschäfte dieser Art verwandte Zeit war, nach meiner Schätzung, verlorne Zeit. Ich überließ also meinem etwas habsüchtigen Bruder was er wollte, um nur desto eher nach Ägä, in meine liebe Halle am Tempel des Asklepios – die durch die täglichen Besuche der Gelehrten eine Art von Akademie geworden war – und in die noch geliebtere Einsamkeit meiner stillen Gärten, zurück zu fliegen. III. Ich hatte nun das Alter erreicht, wo ich mich, wie der junge Herakles des Prodikos , entscheiden sollte, was für einen Weg durchs Leben ich einschlagen wollte. Es bedurfte keiner langen Überlegung, um mit mir selbst einig zu werden, daß ich zu keiner gewöhnlichen Beschäftigung berufen sei, und zu keiner Rolle tauge, wozu Geldgier, oder Hang zu einem wollüstigen Leben, oder die gemeine Art von Ehrsucht, die durch Ehrenstellen und glänzende Dienstbarkeit zu befriedigen ist, den großen Haufen zu bestimmen pflegt. Ich wollte in einem großen Kreise wirken: aber unter solchen Weltbeherrschern, wie Cäsar Augusts erste Nachfolger waren, würde jede Hoffnung, durch unmittelbaren Einfluß auf sie selbst, oder durch Verwaltung eines Teils ihrer höchsten Gewalt, der Menschheit nützlich zu werden , Torheit gewesen sein; wenn es auch einem frei gebornen Hellenen aus einer unbekannten Stadt in Kappadozien möglich gewesen wäre, sich durch Verdienste einen Weg zu den ersten Stellen des Reichs zu öffnen. Hellenische Sklaven oder sklavische Römer, Kinäden, Histrionen, Kuppler, Elende, die das schändlichste zu leiden und zu verüben fähig waren, hatten von der Regierung der Römischen Welt Besitz genommen; und wer anders, als ihres gleichen, hätte sie zu verdrängen, oder ihnen nachzufolgen, wünschen können? Freilich gab es auch eine Menge von Ämtern und Würden im Umfang der Hellenischen Welt, zu welchen meines gleichen sich hinauf schwingen konnten; nur mußte es auf jedem andern, als dem Wege des Verdienstes, geschehen. Wer in jenen Zeiten reine Grundsätze und Sitten, als einen Titel zu solchen Stellen, hätte anführen wollen, würde für einen aus dem Monde herab gefallenen Menschen angesehen worden sein. Fügte sichs auch einmal durch einen sonderbaren Zufall, daß ein Mann von solchem Charakter irgend eine Rolle im gemeinen Wesen zu spielen bekam: so fand er bald genug, daß ihm keine andre Wahl übrig bleibe, als entweder seine Grundsätze aufzuopfern, oder selbst das Opfer derselben zu werden. Aber (sagte ich zu mir selbst) warum denn von äußerlichen Bestimmungen erwarten, was ich im Leben sein soll? Die Natur selbst hat mir meine ganze Bestimmung schon gegeben, da sie mich zu einem Menschen machte: wenn ich dies bin, Alles bin, was die Idee des Menschen in sich faßt, was könnt ich edleres und größeres zu sein verlangen? Je tiefer die Verderbnis ist, zu welcher ich meine Zeitgenossen herab gesunken sehe, je geringer die Menschheit in ihrer eigenen Schätzung, und je verächtlicher sie in den Augen ihrer Unterdrücker ist: desto nötiger ist es, daß Menschen aufstehen, welche die Würde ihrer Natur zu behaupten wissen, und in ihrem Leben darstellen, was für ein erhabenes, unabhängiges und viel vermögendes Wesen ein Mensch bloß dadurch sein kann, daß er alle seine Anlagen entwickelt und alle seine Kräfte gebrauchen gelernt hat. Von dem Augenblick an, da mir dieser Gedanke in seinem ganzen Umfang klar geworden war, füllte er auch meine ganze Seele aus. Er allein beschäftigte im Wachen und Schlafen meinen Verstand und meine Einbildungskraft. Innigst glaubte ich zu fühlen, daß meine ganze Bestimmung von dieser einfachen Formel umschrieben werde: ›sei so frei und tätig, so groß und gut, als du durch dich selbst sein kannst!‹ – und innigst fühlte ich, daß nur das unaufhaltsame Streben nach dieser Vollkommenheit den stolzen Wunsch, keinen höhern über mir zu sehen, befriedigen könne. Was blieb mir nun übrig, als unverzüglich Hand ans Werk zu legen? Denn von nun an mußte ich, so zu sagen, mein eignes Werk sein. Ich selbst mußte die wesentliche Form meiner Natur ausbilden, den Zweck meines Lebens fortsetzen, und in allem meinem Tun und Lassen mein eigner Oberherr, Gesetzgeber und Richter sein. Ich erlasse dir, Hegesias, um deine Geduld nicht zu sehr zu ermüden, den größten Teil der Betrachtungen, die ich in diesem entscheidenden Zeitpunkte meines Lebens anstellte, um dir nur die Resultate davon zu geben, die (wie ich glaube) einem Manne von deinem Scharfsinn hinlänglich sind, da sie dich von selbst auf die Wege hinweisen, worauf ich zu ihnen gelangte. Von Zeit zu Zeit waren in den vergangenen Jahrhunderten einzelne Menschen aufgetreten, die ich mir, bei diesem für mich so wichtigen Geschäfte, zu Mustern nehmen konnte. Ich kannte sind schätzte sie alle; aber vorzüglich ragten, in meinen Augen, aus allen andern Pythagoras und Diogenes hervor. Indem ich stückweise durchdachte, was jeder von ihnen gewesen war, sah ich, daß jeder in einigen Stücken über , in einigen unter dem andern, gewesen war. Aber wenn ich die Unabhängigkeit und Selbstgenügsamkeit des Diogenes mit den tiefern Kenntnissen und der Würde des Pythagoras, und mit der Macht über die Gemüter , die sich dieser zu verschaffen wußte, vereinigen könnte, dann, dacht ich, würde ich eine Höhe erreichen, welche noch von keinem Sterblichen erstiegen worden; – und dies deuchte mir ein Ziel, das mit allen nur ersinnlichen Aufopferungen nicht zu teuer erkauft würde. Du siehest, Hegesias, wie viel daran fehlte, daß mein Verlangen nach Vollkommenheit rein genannt werden konnte: aber ich entschuldige nichts, wie ich nichts verschönere. Ich versprach dir nichts, als mich ehrlich darzustellen, wie ich war , wie ich wurde , und wie ich bin . Ich sage dir was ich selbst davon weiß, und kann dich nur alsdann betrügen, wenn ich unvermerkt von mir selbst betrogen würde. Höre also, wenn du Lust dazu hast, wie ich es anfing, das hohe Ziel zu erringen, das ich mir vorgesteckt hatte. IV. Um zu leben wie Diogenes , hatte ich nichts vonnöten, als den Willen so zu leben: aber um dem Pythagoras zu gleichen, brauchte es etwas mehr, als keine Bohnen zu essen, ein stark gelocktes Haar zu unterhalten, oder einen meiner Schenkel mit vergoldetem Leder zu überziehen; dazu hatte ich noch viele Kenntnisse zu erwerben, und den Kräften meiner Seele eine viel höhere Spannung zu geben. Dieses erforderte Zeit: jenes konnte ich von Stund an bewerkstelligen. Ich fing also mit dem leichtern an. Meine Art zu leben war von jeher immer sehr mäßig gewesen: indessen hatte ich mir doch, ohne Bedenken, manche Bequemlichkeiten und kleine Befriedigungen der Sinne, die von begüterten Personen zum Notwendigen gerechnet werden, nachgesehen. Jetzt schränkte ich mich, im strengsten Sinn, auf das Unentbehrlichste der Natur ein. Ich begnügte mich eine geraume Zeit mit der dürftigsten Kost eines Cynikers, der gewöhnlich nur aus Mangel einer bessern damit vorlieb nimmt. Ich trank bloßes Wasser. Meine Kleidung war so schlecht und einfach als möglich, und ich schlief mit einem Stein unterm Kopfe auf dem harten Boden. Auch legte ich mir selbst verschiedene Arten von Selbstpeinigung auf, in der Absicht, mich gegen Hunger, Durst und jeden andern körperlichen Schmerz weniger empfindlich zu machen. Ich setzte diese Lebensweise so lange fort, als sie mir einige Mühe kostete, und bis es mir ganz gleichgültig war, so oder anders zu leben. Was ich dadurch erhalten wollte und wirklich erhielt, war eine doppelte Unabhängigkeit ; eine innerliche, von den Trieben und Forderungen der Sinnlichkeit, und eine äußerliche, von den Menschen, unter welchen ich lebte. Da ich auf die Vorteile der bürgerlichen Gesellschaft Verzicht tat, so glaubte ich berechtigt zu sein, mich als einen bloßen Menschen, und das ganze menschliche Geschlecht als eine einzige große Familie anzusehen, mit welcher ich bloß durch die Bande der Sympathie und des Wohlwollens zusammen hange. Alle übrigen Bande fielen wie vermengte Fäden von mir ab, sobald ich keine Bedürfnisse der Gemächlichkeit, der Wollust, der Eitelkeit, des Ehrgeizes und der Habsucht zu befriedigen hatte. Die Natur war nun meine einzige Gesetzgeberin, und, meiner Natur gemäß zu leben, mein letzter Zweck. Diese beiden Formeln, die man oft genug in den Schulen unsrer vermeinten Weisen tönen hört, lassen, so allgemein ausgesprochen, mancherlei Deutungen zu. Ich nahm sie in dem hohen Sinne der Pythagorischen Grundbegriffe. Man betrachtet den Menschen gewöhnlich als ein Wesen, das aus der tierischen und geistigen Natur zusammen gesetzt ist. Aber irrig ist es, wenn man sich diese so ungleichartigen Naturen im Menschen als in Ein Ganzes zusammengeschmelzt vorstellt, wie das Weib und das Mutterpferd in der berühmten Centaurin des Zeuxis . Der Künstler konnte durch eine geschickte Verschmelzung der Farben und durch den Ton des ganzen Stücks dem getäuschten Auge möglich scheinen machen, was der Natur selbst unmöglich ist. Denn nie wird es diese unternehmen, aus zwei so widerwärtigen Naturen ein reines gleichartiges Ganzes zusammen zu setzen. Geist und Körper, Sinnlichkeit und Vernunft, verhalten sich im Menschen zu einander, wie die Sehkraft zum Auge und die Hand zum Willen. Ich betrachtete meine geistige Natur als mein eigentliches Ich ; und meiner Natur gemäß leben hieß mir, das tierische Leben dem geistigen dergestalt unterordnen, daß dieses sowenig als möglich durch jenes gestört und eingeschränkt werde. Desto gemäßer also der Natur, je mehr der Mensch ein bloß geistiges Leben lebt, je völliger er die Sinnlichkeit zur bloßen Sklavin des Geistes gemacht hat, je weniger er die Bürde des Organs, an welches seine Wirksamkeit gebunden ist, fühlt, je zarter die Bande sind, wodurch er mit demselben zusammen hängt, und je mehr der Geist sie in seiner Gewalt hat; kurz, je mehr der Körper einer rein gestimmten Laute gleicht, die dem Tonkünstler bloß dazu dient, die melodischen Harmonien, die er in sich selbst spielt , hörbar zu machen. In diesem Sinne – und selbst dem gemeinen Sprachgebrauch gemäß, der das höchste in jeder Art göttlich nennt – pflegte ich die geistige Natur den Gott in uns zu nennen, und so verstand ich mich selbst, wenn ich von meinem Dämon sprach; wiewohl in der Folge Leute, die mich nicht verstanden oder nicht verstehen wollten, mir, unter manchen ähnlichen Auflagen, auch die Torheit aufbürdeten, daß ich einen eigenen Dämon zu meinem Befehle zu haben, und Wunderdinge durch ihn zu verrichten vorgebe. V. Ich hatte nun einige Jahre, teils zu Ägä, teils in einer noch größern Abgeschiedenheit vom Geräusche der Menschen, in diesen Übungen zugebracht, und mir eine so große Gewalt über mich selbst (weil man doch auch den tierischen Teil zu unserm Selbst zu rechnen gewohnt ist) erworben, daß ich mir in diesem Stücke große Proben auszuhalten schmeicheln konnte. – Im Vorbeigehen darf ich nicht vergessen zu erwähnen, daß die strengste Enthaltung von den Aphrodisischen Mysterien eines der Gesetze war, die ich mir selbst aufgelegt hatte.« Hier, lieber Timagenes, konnt ich mich nicht länger zurück halten, meinen alten Wirt zu unterbrechen. »Und die Schönen Asiens«, rief ich aus, »erlaubten dir, mit einer Gestalt, wie die deinige in einer ungeschwächten Jugend sein mußte, unangefochten einem so unnatürlichen Gesetze treu zu bleiben?« »Die Wahrheit zu gestehen«, erwiderte Agathodämon, »nicht ganz unangefochten, und, selbst auf meiner Seite, nicht ohne alle Schwierigkeit. Denn wiewohl ich in diesem Punkte mit keinem sehr ungelehrigen Temperamente zu kämpfen hatte; so sah ich mich doch, im Lauf eines so langen Lebens, mehr als Einmal in Lagen verwickelt, wo ich die ganze Stärke des Willens nötig hatte, um mich unbeschädigt los zu reißen. Die größte Schwierigkeit in solchen Fällen ist, wenn die zärtern Gefühle des Herzens mit ins Spiel gezogen werden. Indessen kam mir dabei sehr zustatten, daß ich von Jugend an der Einbildungskraft wenig Nahrung gegeben, und ihr nie erlaubt hatte, sich durch reizende Bilder der Schönheit und Liebe zu erhitzen. Überhaupt aber kannst du mir über diesen Umstand um so eher glauben, weil meine Feinde, die mich gewiß nicht aus Schonung hätten entwischen lassen, meinen Ruhm wenigstens in diesem Stück unangetastet ließen. Aber wieder zur Hauptsache! Noch während meines Aufenthalts in Ägä, als ich mich zu dem, was ich für meine besondere Bestimmung hielt, schon ziemlich vorbereitet glaubte, brachte mich der große Verfall der Pythagorischen Schule auf den Gedanken, eine Art von Pythagorischem Orden zu stiften oder vielmehr zu erneuern, dessen Glieder sich feierlich zu Beobachtung der Lebensvorschriften des Meisters verbinden, und zu möglichstes Beförderung des großen Werks der Entfeßlung der Menschheit vereinigen sollten. Anfangs bestand unser Bund nur aus sechs Gliedern. Nach und nach kamen noch einige hinzu; bis sich endlich, bei Gelegenheit meiner häufigen Reisen, der Orden dergestalt vermehrte, daß kaum eine beträchtliche Stadt im ganzen Römer-Reiche war, wo sich nicht eine unsichtbare Kolonie desselben aufgehalten hätte; denn Geheimnis und Verschwiegenheit war eines seiner Grundgesetze. In der ersten Ordensverfassung war auch eine völlige Gleichheit der Brüder festgesetzt; doch mit dem Vorbehalt, daß es ihnen, bei künftiger Vermehrung ihrer Anzahl, überlassen sein sollte, denjenigen zum Vorsteher zu erwählen, von dessen Eifer und Tüchtigkeit sie die meiste Überzeugung hätten. Dies machte mich, wie ich voraus gesehen hatte, zum Oberhaupt dieser geheimen Gesellschaft, welche eines der mächtigsten Organe war, wodurch ich die außerordentlichen Dinge wirkte, die zu ihrer Zeit so viel Aufsehens in der Welt gemacht haben.« Bei diesen Worten faßte ich meinen Alten abermals scharf ins Auge; eine Vermutung, die mir schon eine gute Weile dunkel vorgeschwebt hatte, trat auf einmal ins Licht, und ich glaubte den Mann zu erraten, den ich vor mir hatte. Aber weil ich ihn nicht unterbrechen wollte, hielt ich mit meiner vermeinten Entdeckung noch zurück, und erwartete schweigend den Verfolg seiner Erzählung. Agathodämon begnügte sich, mir mit einem durchdringend scharfen Blick zu sagen, daß er in meiner Seele lese, und fuhr ruhig in seiner Erzählung fort. VI. »Ich hatte mir mit dem Orden, dessen Stifter oder Wiederhersteller ich war, keine geringen Zwecke vorgesetzt, und es gehörte zu den Mitteln, wodurch ich sie zu erreichen hoffte, alle in den Schleier des Geheimnisses eingehüllte Gesellschaften, von welchen ich bereits einige Kenntnis hatte, genauer kennen zu lernen: teils, um ihren wahren Zweck zu erforschen, und zu sehen, ob und wie fern ich sie entweder mit der meinigen verbinden, oder vielleicht, ohne ihr eignes Wissen, zu meinen Werkzeugen machen könnte; teils, um gelegentlich hinter die geheimen Kenntnisse zu kommen, die, (wie ich glaubte) als Überbleibsel aus einer unsre Zeitrechnung weit übersteigenden Epoke der Menschheit, in den ältesten dieser geheimen Orden aufbewahrt würden. Außer den Gymnosophisten in Indien und Äthiopien , und den Priestern zu Memphis und Sais , welche ich zu besuchen gedachte, zeichnete sich damals ein gewisser Orden aus, der seinen Ursprung bis zu jenem berühmten Orpheus hinauf führte, welcher von den Griechen (wiewohl ihn einige für eine fabelhafte und bloß allegorische Person erklären) insgemein für einen der ersten Stifter ihrer Religion und Polizei gehalten wird. So weit auch die Insel Samothrake , wo diese Orphiker in einem berühmten Tempel der Göttermutter ihren Hauptsitz hatten, von meinem bisherigen Wohnort entfernt war, so lag sie mir doch unter den Orten, die ich besuchen wollte, am nächsten. Ich machte also den Anfang meiner mystagogischen Reisen mit ihr, und wurde von den Orphikern sehr freundlich aufgenommen. Anstatt mir den Zugang zu ihren Geheimnissen zu erschweren, schienen sie vielmehr eine Verbindung mit mir als etwas wünschenswürdiges anzusehen; und nachdem ich die verschiednen Grade, wodurch sie die Initianden , absichtlich, teils abzuschrecken, teils aufzuzögern suchten, in ungewöhnlich kurzer Zeit erstiegen hatte, wurde ich unter die Wenigen aufgenommen, denen man nichts verbergen zu müssen glaubte. Diese Grade, wodurch es immer in ihrer Gewalt blieb, wie viel oder wenig sie einem Aspiranten von ihren Geheimnissen mitteilen wollten, schienen mir eine so weise Erfindung, daß ich sie auch in meinen eignen Orden übertrug. Es würde uns, wenn ich mich auch durch ein vor mehr als sechzig Jahren getanes Versprechen nicht länger gebunden hielte, zu weit aus unserm Wege führen, wenn ich dir entdecken wollte, was ich bei dieser Gelegenheit zu sehen und zu hören bekam; und du verlierst um so weniger dabei, da dir das hauptsächlichste aus den Mysterien zu Eleusis schon bekannt ist. Genug, meine Wißbegierde fand in Samothrake so reichliche Nahrung, daß ich mehrere Jahre unter meinen Orphikern zubrachte, weil ich sie nicht eher verlassen wollte, als bis sie mir nichts mehr zu entdecken hätten. Dieser Orden bestand eigentlich nur aus zwei Hauptklassen. Schwärmer, die mit vollem Glauben an den Träumereien der Dämonologie, Magie und Theurgie hingen, sich dem Erforschen und Ausüben dieser Dinge gänzlich widmeten, und (da nichts so gern sich mitteilt als Schwärmerei) ihr ganzes Leben damit zubrachten, andre eben so zu betrügen, wie sie sich selbst betrogen, ohne daß ihnen jemals ein Zweifel über ihre eigene Ehrlichkeit oder die Wahrheit ihrer Hirngespenster aufgestiegen wäre; – diese Phantasten machten in verschiedenen Abteilungen die erste und zahlreichste Klasse aus. Die zweite bestand aus den Obervorstehern des ganzen Ordens; drei oder vier Männern von ziemlich hellem Kopfe, die sich aus den Gliedern der ersten Klasse so viele Werkzeuge bildeten, als sie zu Beförderung ihres Zweckes nötig hatten. Diesen fiel es gar nicht ein, über die Beschaffenheit der Mittel , deren sie sich bedienten, sich selbst täuschen zu wollen: aber dafür hielten sie ihren Zweck für so groß und gemeinnützig, daß es ihnen eben so wenig einfiel, sich wegen der Rechtmäßigkeit der Mittel, wodurch sie ihn zu bewirken suchten, das mindeste Bedenken zu machen. Dieser Zweck war nichts geringeres, als der alten Volksreligion , – deren täglich zunehmender Verfall ihren gänzlichen Umsturz als etwas sehr nahes befürchten heißt, – wieder aufzuhelfen , und zu solchem Ende die berühmtesten Tempel, die in Ruinen zu zerfallen drohten, wieder in Aufnahme, die Orakel, welche zu verstummen anfingen, wieder in Ansehen zu bringen, und den fast ganz erloschnen Glauben an Belohnung und Bestrafung in einem andern Leben, durch alle nur ersinnlichen Kunstgriffe, wieder aufzufrischen und wirksam zu machen. Ihrer wirklichen oder vorgeblichen Überzeugung nach, hängt die Erhaltung der bürgerlichen Ordnung an der Erhaltung des alten Volksglaubens, so wie an jener die Wohlfahrt des menschlichen Geschlechts und die Hoffnung der bessern Zeiten, die der ewige Gegenstand der allgemeinen Wünsche sind. – Gestehe, Hegesias, daß ein solcher Zweck auch täuschende Mittel, sobald sie tauglich sind, rechtmäßig macht!« »Das möchte ich nicht gern gestehen«, erwiderte ich; »wenigstens nicht, so lange ich mich versichert halte, die Vernunft sei keine so tote Kraft im Menschen, daß es weiser sein sollte, anstatt ihn über sein wahres Interesse aufzuklären, ihn durch betrügerische Kunstgriffe, gleichsam wider seinen Willen, auf den Weg der Glückseligkeit zu verführen.« »So dachte ich damals auch«, sagte der Alte lächelnd: »aber der ehrwürdige Theophranor , mein Mystagog, der nun einer meiner vertrautesten Freunde war, unterließ nichts, um mich eines andern zu belehren. ›Wie?‹ sagte er, ›wir machen uns kein Bedenken, den Rand des Bechers, woraus wir unsern Kindern eine bittere Arznei geben, mit Honig zu bestreichen: und wir sollten Bedenken tragen, den Glauben an höhere Mächte durch Orakel zu bestärken, oder einen Menschen, den zügellose Sinnlichkeit und Verderbnis des Herzens zum Unglaubigen gemacht haben, in der Höhle des Trophonios schlafen zu lassen, um ihn durch das eingebildete Zeugnis seiner Sinne zu überzeugen, daß es eine Unterwelt, einen Tartarus und einen Pyriphlegethon gibt?‹« »Du setzest, wie es scheint, voraus, (wendete ich ein) daß der große Haufe der Menschen immer als Kinder behandelt werden müsse?« »Ohne Zweifel«, versetzte er, so lange sie in den wichtigsten Angelegenheiten der Menschheit wie Kinder denken und handeln; und daß dies immer der Fall gewesen sei, liegt am Tage.« »Vermutlich«, erwiderte ich, »weil ihre Erzieher und Beherrscher sich immer alle mögliche Mühe gegeben haben, daß es nicht anders sein könne. Indessen ist nicht zu zweifeln, daß eben diese Menschen, die in allem, was ihr sinnliches Interesse betrifft, sich ihrer Vernunft gar meisterlich zu bedienen wissen, nicht auf dem Wege der Aufklärung so weit gebracht werden könnten, daß sie nicht nötig hätten zu ihrem Besten hintergangen zu werden.« »Theophranor glaubte am kürzesten aus der Sache zu kommen, wenn er mir die Voraussetzung, worauf ich mich als auf eine bekannte Tatsache berief, geradezu ableugnete. Er behauptete, daß das, was man so höflich sei bei dem unendlich größern Teil der Menschen Vernunft zu nennen, nichts weiter als ein vernunftähnlicher Instinkt sei, der wenig oder nichts über ihre Vorurteile und Gelüste vermöge, und alle Augenblicke von ihren Leidenschaften irre geführt werde. ›Oder würden sie sonst, (sagte er) wenn sie sich der Vernunft, auch nur in Dingen, wovon ihr sinnliches Interesse abhängt, so gut zu bedienen wüßten, würden sie sein was sie sind? oder leiden, was sie mit lasttierischer Geduld, wiewohl unter ewigem Murren, aus Furcht vor ihrem eigenen Schatten ertragen? da es doch in ihrer Macht steht, sich durch vernünftigen Gebrauch ihrer vereinigten Kräfte in einen ungleich bessern Zustand zu versetzen?‹ Theophranor behauptete: Das menschliche Geschlecht müsse, eben so wohl wie der einzelne Mensch , zur Vernunft erzogen werden: die Natur selbst befördere dieses Erziehungsgeschäft, bei jenem wie bei diesem, durch die innerlichen Antriebe und äußerlichen Veranlassungen, wodurch die Vernunft entwickelt und in Tätigkeit gesetzt werde; nur könne es nicht anders sein, als daß es bei jenem unendlich langsamer damit hergehen müsse. So lange sinnliche Triebe und Leidenschaften, oder, mit Einem Worte, so lange die Tierheit bei dem größten Haufen die Vernunft noch gefangen halte, sei Täuschung ihrer Sinne und Einbildungskraft eine unentbehrliche Hülfsquelle, der Religion, und den Gesetzen, – als den einzigen Mitteln der Humanisierung des rohen Menschen, – Eingang, Ansehen und Übergewicht bei ihnen zu verschaffen. Die älteste Geschichte der Welt setze dies in das helleste Licht. Hermes, Orpheus, Minos, Phoroneus, Lykurgus, Numa, Pythagoras, und alle übrigen Stifter oder Verbesserer der gottesdienstlichen und bürgerlichen Verfassungen unter den Menschen, hätten sich dieses Hülfsmittels mit Erfolg bedient. ›Und warum (sagte Theophranor) hätten sie Bedenken tragen sollen, entweder ungeschlachte und unwissende, oder durch übermäßige Verfeinerung der Sinnlichkeit geschwächte Menschen, durch heilsame Täuschungen zu hintergehen? Ist nicht auch in diesem Punkt die Natur selbst unsre Lehrerin? sie, die uns, vom ersten Augenblick unsers Daseins an, von außen mit Erscheinungen umgibt, die nicht sind was sie scheinen, und von innen durch die magischen Wirkungen der Liebe und der Hoffnung unser ganzes Leben durch aus den wohltätigsten Absichten täuschet? – Was dich (fuhr er fort) gegen dieses der Natur selbst abgelernte Verfahren der Erzieher der Menschheit eingenommen hat, ist der Mißbrauch, welchen die Priesterschaft und die mit ihr einverstandenen Herrscher bei den meisten, wo nicht bei allen, Völkern davon gemacht haben, und noch lange machen werden. Aber diesem Mißbrauch entgegen zu arbeiten, ist ja eben, wie du weißt, der Hauptzweck der Philosophie sowohl als der Mysterien . Warum sollten wir Anstand nehmen, so lang' es nötig ist, die Kunstgriffe, wodurch religiöse und politische Tyrannei das Menschengeschlecht in ewiger Kindheit zurück zu halten sucht, gegen ihre Feinde selbst zu richten, und zur Befreiung desselben anzuwenden? Je näher wir unserm Zwecke kommen, je weniger werden wir derselben nötig haben. Ist die Vernunft einmal in Freiheit und auf den Thron gesetzt, der ihr allein gehört, dann bedarf es keiner Herablassung zu den Schwachheiten und Vorurteilen der Menschen mehr: die wohltätige Absicht, warum wir sie, so lange sie noch als Kinder oder Toren behandelt werden mußten, zu ihrem eigenen Vorteil zu täuschen genötigt waren, ist dann erreicht; und wohl denen, die vielleicht in einigen Jahrtausenden diese goldne Zeit erleben werden!‹ Diese Vorstellungsart, und diese großen Gesinnungen, welche Theophranor, ein großer Meister in der Täuschungskunst, durch eine lange Übung so geschickt zu heucheln gelernt hatte, daß er einen viel scharfsichtigern Menschenkenner, als ich damals war, hätte hintergehen können, stimmten zu gut mit den meinigen überein, um seine Absicht bei mir zu verfehlen; welche wohl keine andere sein mochte, als mich zu überreden, daß diese Gesinnungen wirklich die seinigen seien, und sich dadurch gänzlich von meinem Herzen Meister zu machen. Aber die Vertraulichkeit, die nun zwischen uns entstand, gab mir zu viele Gelegenheit in das seinige zu blicken, um nicht zuletzt gewahr zu werden, daß ich mich an ihm betrogen hatte, da ich aus der Gleichförmigkeit unsrer Sprache auf die Gleichheit unsrer Gesinnung schloß. Je genauer ich ihn und seine Gehülfen kennen lernte, je mehr überzeugte ich mich, daß sie das, was, ihrem Vorgeben nach, nur Mittel zu einem höhern Zweck sein sollte, zum Zweck selbst machten, und daß es ihnen mehr um Einfluß auf ihre Zeitgenossen zu ihren besonderen Absichten, als um Beförderung dessen, was ich für die große Sache der Menschheit hielt, zu tun war. Es schmeichelte ihrer Eitelkeit, sich vom Volke als Männer, die mit den Göttern in Gemeinschaft ständen, verehrt zu sehen; und der Kredit, in welchen sie sich durch diesen Wahn selbst bei vielen Großen zu setzen wußten, verschaffte ihnen und ihren Anhängern so beträchtliche Vorteile, daß sie, über dem Bestreben sich im Besitz derselben zu erhalten, zuletzt jenen hohen Zweck gänzlich aus den Augen verloren. Diese Entdeckung kostete mir einige Jahre; aber die natürliche Folge davon war auch, daß die Orphiker in meiner Achtung zu den herum ziehenden Isispriestern , Siebdrehern , Schatzgräbern und Geisterbannern herab sanken, welche damals schon die östlichen und westlichen Provinzen des Römischen Reichs zu überschwemmen anfingen. Indessen hütete ich mich wohl, sie merken zu lassen, wie ich von ihnen dachte. Denn wozu hätt es geholfen? Ich konnte nicht hoffen, sie zu meiner Denkart umzustimmen. Die ihrige war ihnen durch lange Gewohnheit persönlich geworden; und wie groß auch mein Selbstvertrauen war, so schien mir doch das Unternehmen, Schwärmer vernünftig oder Heuchler redlich machen zu wollen, schon damals so unmöglich, als ich es im ganzen Laufe meines Lebens befunden habe. Auf der andern Seite stand ich nun einmal mit diesen Leuten in einer Verbindung, welche wieder aufzuheben gegen alle Klugheit gewesen wäre: denn es konnten sich Fälle ereignen, wo sie zu meinen Absichten brauchbar waren, und ihr Haß konnte mir auf jeden Fall nur schädlich sein. In dieser Rücksicht beschloß ich, alle Orphiker, die noch in den untern Graden ihres Ordens standen, zum ersten Grade des meinigen zuzulassen; wodurch sie, wiewohl ihnen der letzte Zweck desselben unbekannt blieb, wenigstens in ein gewisses Verhältnis mit ihm gesetzt wurden, und durch die Hoffnung, dereinst in seine Geheimnisse schauen zu dürfen, angespornt wurden, ihm ihre Anhänglichkeit durch ihren Diensteifer zu beweisen. Eine Einrichtung, die ich treffen mußte, weil beinahe jedermann gut genug war, als bloßes Werkzeug zu meinem Zwecke mitzuwirken; da hingegen nur den Edelsten und Besten zuzutrauen war, daß sie diesen Zweck selbst zum ihrigen machen würden. VII. Während meines Aufenthalts unter den Orphikern fehlte mirs nicht an Zeit und Gelegenheit, verschiedene Reisen nach dem festen Lande zu machen, und die merkwürdigsten Inseln des Ägeischen und Ionischen Meeres zu besuchen. Da es zu meinem Plan gehörte, auch dem seltsamen Gemische von Aberglauben und Betrügerei, das unter dem Namen der Magie von jeher den unaufgeklärten Teil der Menschheit auf dem ganzen Erdboden betört hat, wo möglich auf den Grund zu kommen, so begab ich mich bloß in dieser Absicht nach Thessalien , wo, der gemeinen Sage nach, die Zauberei seit uralten Zeiten ihren Hauptsitz gehabt haben soll. Ich hielt mich eine geraume Zeit zu Larissa und Hypata auf, machte mit allen Arten von Menschen Bekanntschaft, und fand – was ich mit etwas mehr Weltkenntnis, als ich damals besaß, leicht hätte voraus sehen können. Wer zu den höhern Ständen gehörte, und an Erziehung und feinere Lebensart Anspruch machte, verlachte größten Teils alles, was gelegentlich von dergleichen Dingen erzählt wurde; wiewohl es mir vorkam, als ob dieser Unglaube bei manchen mehr aus Anmaßung als wirklicher Überzeugung entspringe. Das gemeine Volk hingegen war von der Wahrheit aller der Zaubermärchen, die es von Kindheit an gehört hatte, so innigst durchdrungen, daß, wer den geringsten Zweifel in die ungereimtesten Erzählungen dieser Art setzte, ein Wahnsinniger oder gar ein Gottesleugner in ihren Augen war. Ihren Reden nach wimmelte Thessalien von Zauberern beiderlei Geschlechts, die den Mond vom Himmel herab ziehen, die Geister der Verstorbenen aus dem Erebus herauf rufen, ja die furchtbare Hekate selbst zu erscheinen zwingen konnten; die mit einem einzigen Worte Menschen in Tiere verwandelten, sich unsichtbar machten, auf dem Wasser oder auf den Wolken gingen, bei heiterm Himmel Stürme und Ungewitter erregten, Wildnisse und Steinhaufen im Augenblick zu prächtigen Gärten und Palästen umschufen, unterirdische Schätze hoben, und eine Menge anderer übernatürlicher Dinge bewerkstelligten; obwohl ein Fremder, dem von diesem allen nichts voraus gesagt worden wäre, zwanzig Jahre in Thessalien hätte leben können, ohne etwas davon gewahr zu werden, oder auf den mindesten Verdacht zu geraten, daß nicht alles in diesem Lande eben so natürlich zugehe, als in jedem andern. In der Tat schien der Glaube an diese Ungereimtheiten sich bei dem Thessalischen Volke bloß auf Tradition und Hörensagen zu gründen: denn unter zehen, die davon als von allgemein bekannten Tatsachen sprachen, war kaum Einer, der sich auf seine eigene Erfahrung berief; und an diesen letztern mußt es jedem Unbefangenen sogleich in die Augen leuchten, daß sie entweder Betrogene oder Betrüger waren . Das beste also, was ich durch den Aufenthalt in diesem Zauberlande gewann, war die ungeheure Übermacht vorgefaßter Meinungen, und einer frühzeitig an erstaunliche und unbegreifliche Dinge gewöhnten Einbildungskraft über den gemeinen Menschenverstand, an einem der auffallendsten Beispiele, das vielleicht der ganze Erdboden darbietet, kennen zu lernen. Denn wiewohl mir, auch ohne nähere Untersuchung, klar genug war, daß in manchen Fällen vorsätzlicher Betrug der unwissenden Einfalt Netze stellte, so waren diese doch von so grobem Gewebe, daß man es für unmöglich hätte halten sollen, daß jemand anders als ein Kind sieh darin fangen lassen würde. Unter mehrern Beispielen dieser Art erinnere ich mich eines einzigen noch deutlich genug, um dir von den Künsten der Thessalischen Zauberer, und von der blinden Leichtgläubigkeit derjenigen, die sich von ihnen täuschen ließen, einen anschaulichen Begriff zu geben. VIII. Ich geriet zu Larissa in die Bekanntschaft einer Frau, die (nach der Versicherung meiner alten Wirtin) für eine der gefährlichsten Zaubrerinnen in ganz Thessalien gehalten wurde. Sie war die Gattin eines reichen Kaufmanns, den seine Geschäfte häufig von Larissa entfernten; und wenn Jugend und Schönheit, mit allen Arten von Reiz verbunden, für Zaubermittel gelten können, so mußte man gestehen, daß Chrysanthis (so nannte man sie) nicht mit Unrecht zu dem Ruf einer zweiten Circe gekommen war. In der Tat schien sie mir, beim ersten Anblick, keiner andern Magie, als ihrer eignen Reizungen, zu bedürfen; und wenn sie (wie die Sage ging) einer nicht geringen Anzahl edler Thessalischer Jünglinge, gleich ihrer Homerischen Vorgängerin, mitgespielt hatte, so war es ohne Zweifel ganz natürlich dabei zugegangen. Daß es ihr an Neigung und Fertigkeit, einen solchen Gebrauch von dem Zauber ihrer Augen zu machen, nicht fehlte, erfuhr ich ziemlich bald durch mich selbst: denn sie ergriff jede Gelegenheit, oder machte vielmehr deren so viele als ihr nur immer möglich war, um mir auf die unzweideutigste Art zu entdecken, daß ich mich nicht über eine Grausame zu beklagen haben sollte, wenn ich ihren Einladungen Gehör geben würde. Lebensart und Sitten sind bekannter Maßen in der ganzen Hellas nirgends freier als in Thessalien. Das überhaupt zu sehr vernachlässigte weibliche Geschlecht wird vielleicht nirgends schlechter erzogen; und es ist daher kein Wunder, wenn die Bewohnerinnen dieses schönen Landes kein höheres Glück, als die Befriedigung ihrer sinnlichen Triebe, kennen, und sich ihnen mit der ganzen Lebhaftigkeit des feurigen Temperaments, womit die Natur sie begabt hat, ohne Bedenken überlassen. Chrysanthis mochte wohl bisher zu wenig Schwierigkeiten angetroffen haben, um die Kälte, womit ich ihre Blicke abglitschen ließ, nicht unbegreiflich zu finden. Indessen ließ sie sich dadurch nicht abschrecken, und nachdem ihr verschiedene andre Versuche mißlungen waren, nahm sie endlich (was ihr vermutlich noch nie begegnet war) ihre Zuflucht zu einer berüchtigten alten Zaubrerin, die sich außerhalb der Stadt in einem kleinen Gartenhause aufhielt, welches sie zum Behuf ihres doppelten Handwerks (denn sie machte nebenher auch die Kupplerin) ziemlich zweckmäßig eingerichtet hatte. Die Alte besaß, ihrem Vorgeben nach, unfehlbare Geheimnisse, hartnäckige Verächter der Liebesgöttin kirre zu machen. Chrysanthis überließ sich ihr mit blinder Zuversicht, und die Nacht auf den nächsten Vollmond wurde zum Anfang ihrer magischen Arbeiten angesetzt. Die Zaubrerin wandte (wie es scheint) die Zwischenzeit teils zu den nötigen Zurüstungen, teils zu genauern Erkundigungen nach dem Aufenthalt und der Lebensart des jungen Mannes an, den sie ihrer Klientin in die Arme zu liefern versprochen hatte. Glücklicher Weise für ihre Absichten hielt ich mich ebenfalls vor der Stadt auf, und meine Wohnung in der Nähe eines anmutigen Wäldchens, wo ich gewöhnlich in mondhellen Nächten zu lustwandeln pflegte, war nur durch einen schmalen Fußweg von dem Gärtchen der Alten abgesondert; ein Umstand, der ihr zur Anlegung ihres Plans sehr zustatten kam. Sobald die bestimmte Nacht erschienen war, schlich die Thessalierin sich heimlich aus ihrem Hause in die Hütte der Zaubrerin, worin sie, ungeachtet des äußerlichen armseligen Ansehens, ein ziemlich nettes Zimmer zu ihrem Empfang bereit fand. Es war mit einem wohl gepolsterten Ruhebette versehen, und von einer dicken Lampe mit wohlriechendem Öl beleuchtet, dessen Dufte die Zaubrerin große Kräfte zuschrieb. Neben dem Ruhebette stand ein Tisch von Elfenbein, mit Erfrischungen und goldnen Trinkgefäßen besetzt, und einer von den Bechern war mit einem Liebestrank angefüllt, der, nach ihrer Versicherung, den Nektar an Süßigkeit übertreffe, und wovon ein einziger Zug genug sei, um den greisen Tithon selbst in einen Jüngling zu verwandeln. Jetzt blieb nur noch die Schwierigkeit übrig, denjenigen herbei zu schaffen, um dessentwillen alle diese Anstalten gemacht waren. Die Alte hatte zu diesem Ende ein kleines wächsernes Bild in Bereitschaft, welches meine Person vorstellte, und aus verschiedenen magischen Mischungen kunstgemäß verfertigt war. Ihrem Vorgeben nach hatte sie auch sieben meiner längsten Haare in ihre Gewalt bekommen, die zu ihrem Vorhaben unentbehrlich waren. Sie knüpfte sie zu einer Schnur zusammen, wovon sie das eine Ende um den linken Daumen der Chrysanthis, das andre um die Hüften der kleinen Wachspuppe befestigte. Hierauf holte sie eine Pfanne mit glühenden Kohlen, warf einige Weihrauchkörner darauf, steckte das Bild auf eine mitten aus der Pfanne hervorragende Spitze, und versicherte nun die Schöne, die ihren Vorrichtungen mit klopfendem Herzen zusah, ehe das Bild völlig geschmolzen sein würde, sollte sie ihren Geliebten herbei eilen sehen. ›Was du alsdann zu tun hast‹, setzte sie hinzu, ›weißt du besser als ich. Er müßte kein Mensch wie andre sein, wenn er deinem eignen Liebreiz und dem Zaubertrank, den du ihm reichen wirst, widerstehen könnte. Auf den Fall aber, daß er, wider alles Hoffen, seinen Starrsinn so weit treiben sollte, übergebe ich dir meinen Zauberstab. Tritt alsdann auf diese mit Sand bestreute Stelle, ziehe mit dem Stab einen Kreis um dich her, schlage dreimal auf den Boden, und rufe dreimal immer lauter, Hekate , Hekate , Hekate! – und eine Göttin wird dir zu Hülfe kommen, deren bloßer Anblick den Widerspenstigen auf immer in deine Arme hinein schrecken wird.‹ Chrysanthis (aus deren Munde ich alle diese Umstände erzähle) hatte, zu aller ihrer natürlichen Herzhaftigkeit, noch die ganze Stärke einer durch Widerstand aufs äußerste gebrachten Leidenschaft vonnöten, um sich zu einem Mittel zu entschließen, vor dessen bloßer Vorstellung ihr das Blut in den Adern gerann: aber die Alte beteuerte bei allen Göttern des Himmels und des Erebus, daß sie nicht die geringste Gefahr dabei laufe, steckte ihr zum Überfluß noch einen talismanischen Ring an den Finger, und brachte es durch ihren Zuspruch so weit, daß die Thessalierin Heldenmut genug in sich zu fühlen glaubte, um den Anblick der gräßlichsten Ungeheuer des Tartarus auszuhalten. Indessen hatte die Alte, wie gewiß sie auch der Macht ihrer Zauberkünste zu sein vorgab, sich dennoch auf die Wirkung des magischen Wachsbildchens und der sieben Haare nicht so gänzlich verlassen, um ein natürlicheres Mittel für überflüssig zu halten, wodurch sie mich unfehlbar herbei zu schaffen hoffte. Die Schönheit der Nacht, in welcher alles dies vorging, hatte mich seit mehr als einer Stunde auf meinen gewöhnlichen Spaziergang gelockt, und ich irrte, meinen Betrachtungen nachhängend, zwischen den Bäumen hin und her, als plötzlich ein Mädchen von eilf oder zwölf Jahren mit ängstlichem Geschrei und ausgebreiteten Armen auf mich zulief, und mich flehentlich beschwor, ihrem alten Vater zu Hülfe zu eilen, der in einer nahen Hütte von zwei bösen Menschen überfallen worden sei, die ihn unfehlbar ermorden würden, wenn er nicht schleunigen Beistand erhielte. Das Kind spielte seine Rolle so natürlich, daß ich, vom Gefühl des Augenblicks fortgerissen, mich von ihm führen ließ, ohne eine Hinterlist zu argwöhnen, oder zu bedenken daß ich unbewaffnet war. Bilde dir ein, wie ich stutzte, da ich, anstatt eines unter Räuberhänden sich sträubenden Alten, die schöne Chrysanthis fand, die, in einem leichten Anzug auf ein wollüstiges Kanapee hingegossen, mit Blicken, Gebärden und Reden mich zu einem viel gefährlichern Kampf, als ich erwartet hatte, heraus forderte. Du verlangst von einem Greise in meinen Jahren keine umständliche Beschreibung der Waffen, womit die schöne Versucherin die Hartnäckigkeit meines Widerstandes bestürmte: aber noch jetzt ist mir unbegreiflich, wie sie von irgend einer andern Magie erwarten konnte, was ihren eigenen Reizen unmöglich gewesen war. Und doch ergriff sie endlich in der Verzweiflung das einzige Mittel, das ihr, wie sie glaubte, übrig blieb; denn den Liebestrank hatte ich durch die Beteurung, daß ich nichts als Wasser trinke, unbrauchbar gemacht. Sie sprang mit der Wut einer Bacchantin auf, um nach dem schwarzen Stabe zu greifen, den ihr die Alte zurück gelassen; und noch in diesem Augenblick sehe ich sie fast eben so lebendig vor mir schweben, als damals, da sie mit halb fliegendem, halb in großen Locken bis unter die Hüfte herab wollendem Haar, rollenden Augen und entblößtem Armen und Füßen, nur von einer Koischen Tunika umflattert, furchtbar und wollustatmend zugleich, den mächtig geglaubten Zauberstab gegen mich schwang; eine wahre Medea , die ich, als ob sie mir diese Rolle auf dem Schauplatz darstellte, nicht ohne eine Beimischung von Vergnügen betrachtete, mit ziemlich ruhiger Neugier erwartend, was aus diesem Anfang einer andern Art von Zauberei werden sollte. Die nur mühsam unterdrückte Angst war auf ihrem erbleichenden Gesicht und langsam sich hebenden Busen sichtbar, da sie, nachdem sie den Kreis gezogen und dreimal auf den Boden geschlagen, den furchtbaren Namen Hekate! so laut als ihr möglich war, ausrief. Sie hatte ihn kaum zum dritten Mal ausgerufen, so erschütterte ein hohles dumpfes Getöse den Boden unter uns, das Zimmer verfinsterte sich, ein schwarzer mit zuckenden Flammen vermischter Rauch wirbelte aus dem krachend sich spaltenden Boden empor, man hörte Donner rollen, Schlangen zischen und Hunde heulen; das fürchterliche Unwesen kam immer näher, und unter Blitzen und Donnern stieg die dreiköpfige Hekate herauf, in der ganzen gräßlichen Ungestalt, wie sie von den Dichtern geschildert wird, mit Schlangenhaaren und Drachenfüßen, in schwarzem Gewand, und eine ungeheure Schlange in der Rechten schwingend. ›Zittre, verwegner Sterblicher‹, schrie sie mich mit hohler krächzender Stimme an, ›zittre vor der Rache der Götter! Fliehe vor Aphroditens Zorn in die Arme der Liebe, oder stürze in den flammenden Tartarus!‹ – ›Elende‹, rief ich, indem ich die unter der gräßlichen Maske versteckte Zaubrerin, trotz ihren unschädlichen Schlangen, kräftig beim Arm ergriff und zu mir herüber zog, – ›bekenne daß du eine schändliche Betrügerin bist, oder du bist verloren!‹ Die Zaubrerin, die auf einen solchen Ausgang nicht vorbereitet war, verlor auf einmal die Besonnenheit, kroch aus ihrer Verkleidung hervor, und bat fußfällig um Gnade. Der Verfolg dieser Geschichte gehört zwar nicht mehr in das Fach, wovon die Rede war; aber er gehört zur Geschichte meines Lebens, und du wirst mir gern verzeihen, daß ich mich dessen nicht ohne Vergnügen erinnere. Bestürzung, Scham und Erstaunen schien die arme Chrysanthis einige Augenblicke versteinert zu haben; aber ein noch mächtigeres Gefühl brachte sie bald wieder zu sich selbst. Eine wunderbare Art von Ehrfurcht überwältigte, oder veredelte vielmehr, plötzlich ihre vorige Leidenschaft. ›Wer bist du‹, sagte sie zu mir, ›den weder die heißeste Liebe zu schmelzen, noch die Hölle selbst zu schrecken vermag? Aber, wer du auch bist, verlaß mich nicht in dieser Verwirrung meiner Sinne! Du hast ein mir selbst unbekanntes Gefühl in mir erregt. Führe mich von hinnen, und vollende deinen Sieg über eine Leidenschaft, die deiner unwürdig war, und mich unter mich selbst erniedrigte. Sei mir mehr als ein Liebhaber, sei mein Freund! Verschmähe diese Hand nicht, die ich dir zum Pfande der Gelehrigkeit, womit ich mich deiner Führung überlassen will, darbiete!‹ Die Reihe zu erstaunen war nun an mir. Ich glaubte die erwachte bessere Seele aus ihren Augen strahlen zu sehen, und widerstand dem Gedanken nicht, eine Bekehrung zu vollenden, welche (wie ich mir schmeichelte) die Übermacht meines Genius über den ihrigen zu bewirken angefangen hatte. Ich begleitete sie nach ihrer Wohnung, und sie wiederholte ihre Bitte, daß ich (nach ihrem Ausdruck) ihr Schutzgeist gegen sie selbst sein, und sie nicht eher verlassen möchte, bis sie durch meinen Umgang Kraft genug erhalten haben würde, sichs zuzutrauen, daß es noch in ihrer Macht stehe, die Verirrungen einer allzu leichtsinnigen Jugend durch die Unsträflichkeit ihres künftigen Lebens zu vergüten. ›Es würde Unsinn sein‹, setzte sie hinzu, ›meine Heilung von einem solchen Mittel zu erwarten, wenn ich dir nach dem, was ich heute gesehen habe, nicht alles, und beinahe sogar das Unmögliche, zutraute.‹ Ich kann dich nicht tadeln, Hegesias, wenn dir die Verwegenheit des jungen Mannes, der sich eines solchen Abenteuers unterfing, die Strafe eines beschämenden Falles zu verdienen scheint. Aber eben die Schwierigkeit der Unternehmung war es, was meinen Entschluß bestimmte: denn es gehörte zum Plan meines Lebens, keiner moralischen Gefahr aus dem Wege zu gehen, und keine Gelegenheit zu versäumen, wo ich durch mich selbst das äußerste erfahren könnte, was menschliche Kraft vermag, um über Lust oder Schmerz den Sieg zu erhalten, wenn jene oder dieser uns von Ausübung irgend einer edeln und guten Handlung abzulocken oder abzuschrecken streben. Die schöne Chrysanthis auf den Weg der Tugend zurück zu bringen, war doch des Versuches wert; nach meinen Grundsätzen wär es die schändlichste Feigheit gewesen, wenn ich mich durch die Gefahr, in welche meine eigene Tugend dabei geraten konnte, von diesem Versuch hätte abhalten lassen wollen. Wir nahmen also Abrede, wie ich sie während meines Aufenthalts zu Larissa ingeheim besuchen könnte; und da dies nur bei Nacht anging, so ließ ich mir (wie unschicklich auch diese Zeit in andern Rücksichten war) gefallen, jedesmal von ihrer vertrautesten Sklavin durch eine von hohem Gesträuche verdeckte Hintertür ihres Gartens in einen Saal, wo sie mich erwartete, geführt zu werden. Chrysanthis schien mir auf diese meine Herablassung (wie sie es nannte) einen Wert zu legen, der mich abnehmen ließ, wie tief sie in ihren eigenen Augen unter mir stehe, und wie nötig es sei, ihrem zu sehr gesunknen Stolze zu Hülfe zu kommen. Meine erste Bemühung war also darauf gerichtet, sie mit sich selbst auszusöhnen, und zu überzeugen, daß das, was die Würde unsrer Natur ausmacht, in der Selbstbewegung unseres Willens bestehe, welche zwar zufälliger Weise gehemmt und gebunden, aber nicht verloren werden könne. Um dem Unterrichte, dessen sie zu bedürfen schien, eine bessere Haltung zu geben, las ich ihr aus Xenophons Cyropädie die Geschichte des Araspes vor, dessen Fall so viele Ähnlichkeit mit ihrem eigenen hatte, daß sie sich desto mehr ermuntert fühlen mußte, ihm auch in dem edeln Schwunge, den seine bessere Seele unter den Augen des Cyrus nahm, ähnlich zu werden. Diese zwei in angebornem Kriege mit einander liegenden Seelen , durch welche Araspes das Schwankende seines Gemütszustandes sich zu erklären suchte, schienen ihr stark einzuleuchten, und sie nahm alles, was ich ihr von den Mitteln, der bessern Seele den Sieg über die schlechtere zu verschaffen, sagte, mit einer Gelehrigkeit auf, die mich hätte argwöhnisch machen können, wäre in ihrem ganzen Betragen auch nur das geringste zu bemerken gewesen, was einen geheimen Anschlag und verdeckte Absichten verraten hätte. Aber nichts konnte einfacher und kunstloser sein als die Art, wie sie sich in allem gegen mich benahm. Ihre Kleidung, ohne weder nachlässig noch überzüchtig zu sein, war ein Muster des schicklichsten Anzugs für eine Matrone von ihren Jahren, die nichts hinterlistig zeigen noch verbergen will, und bei ihrem Putze keine andere Absicht hat als anständig bekleidet zu sein. In der sittsamsten Stellung oder Lage ließ sie immer so viel Raum zwischen uns, daß die natürliche Anziehungskraft, die zwischen Personen von verschiedenem Geschlechte gewöhnlich Statt findet, wenn sie sich nahe kommen, keine oder nur sehr schwache Wirkung tun konnte; und überdies war ihre Vertraute, in einem Winkel des Saals mit stiller Arbeit beschäftigt, immer bei unsern Zusammenkünften gegenwärtig. Ihr Ton gegen mich war mehr gefällig als schmeichelhaft, und mehr aufmerksam als gefällig. Eine Art von Ehrfurcht, wie man in Gegenwart eines höhern Wesens fühlen würde, schien ihr von der feurigen Leidenschaft, deren Gegenstand ich noch vor wenig Tagen gewesen war, nur ein sanft sich hingebendes unbegrenztes Vertrauen übrig gelassen zu haben. Wofern wirklich ein geheimer Anschlag unter diesem allen verborgen lag, so hätte sie allerdings kein zweckmäßigeres Mittel wählen können, meine Vorsicht unvermerkt einzuschläfern, und meinem Herzen ganz leise immer näher zu kommen. Wir schienen beide nichts davon gewahr zu werden: aber schon nach dem fünften oder sechsten Besuche fand ich, daß mir Chrysanthis immer liebenswürdiger vorkam, daß meine Besuche immer länger dauerten, und daß es mir einige Mühe kostete, mich wieder zu entfernen. Auch bemerkte ich endlich, daß wir, ohne uns des warum? bewußt zu sein, näher als anfangs zusammen rückten, und daß ich einsmals, da ich mit ziemlicher Wärme von dem Unterschiede der sittlichen Venus und ihrer Grazien von den gemeinen Volksidolen dieses Namens sprach, unvermerkt eine ihrer Hände in der meinigen hielt. Nach dieser Entdeckung deuchte es mir hohe Zeit, meinen Besuchen ein Ende zu machen, und dies um so mehr, da ich mich, der schönen Chrysanthis zu Gefallen, bereits länger, als es mein Reiseplan erlaubte, zu Larissa aufgehalten hatte. Was sollte ich länger da? Meine Absicht war erreicht. Chrysanthis schien von ihrer Leidenschaft geheilt und eine aufrichtige Verehrerin der himmlischen Venus geworden zu sein. Ich konnte sie also ruhig sich selbst überlassen, und kündigte ihr meinen Entschluß beim nächsten Besuch nicht ohne einige Verlegenheit an. Sie nahm ihn mit ihrer gewohnten Ehrfurcht und Ergebung auf, wiewohl ich merken konnte, daß sie etwas unterdrücke, was wider ihren Willen in ihrem ganzen Wesen sichtbar wurde. Sie sprach wärmer als jemals von den Verbindlichkeiten, die ich ihr aufgelegt hätte; wie ganz sie sich als mein Geschöpf betrachte, und wie sehr sie meinen Verlust empfinden würde. Sie hielt wieder inne – drückte mehr als Einen Seufzer zurück, während die Hülle, die ihren schönen Busen fesselte, nach und nach immer loser wurde – fing von neuem an mich zu versichern, daß sie selbst die Notwendigkeit unsrer Trennung stärker als jemals fühle – ergriff, während sie mir dies versicherte, meine Hand, preßte sie an ihr hoch schlagendes Herz, und brach in Tränen aus, die sie an dem meinigen zu verbergen suchte. Kurz, ohne recht zu wissen wie es zugegangen war, fand sichs, daß ich sie in meinen Armen hatte, daß ihre glühenden Lippen an den meinigen hingen, und daß diese Szene keinen Augenblick länger dauern durfte. Ich raffte mich zusammen, legte die halb ohnmächtige Schöne auf den Sofa, empfahl sie der Sorgfalt ihrer Sklavin, und entfernte mich so schnell als mir möglich war. ›Diesmal bist du einer großen Gefahr entgangen‹, sagte ich zu mir selbst, als ich mich wieder im Freien befand. Ob Chrysanthis in allem diesem nur die Art ihrer Zauberkünste verändert hatte, oder ob sie wirklich aufrichtig war, und nur jetzt, bei dem Gedanken der Trennung, einen unfreiwilligen Rückfall erlitt, lasse ich unentschieden. Damals fand meine Eigenliebe ihre Rechnung dabei, das letztere zu glauben, und vielleicht traf sie die Wahrheit. Ich entfernte mich wirklich den folgenden Morgen aus Larissa, und es fügte sich, daß ich unterwegs mit einem in dieser Stadt wohnhaften feinen Mann Bekanntschaft machte, der von einer Geschäftsreise, die ihn einige Zeit zu Byzanz aufgehalten hatte, zu Pferde nach seiner Heimat zurückkehrte. Bei der Unterredung, in welche wir gerieten, während wir unsre Tiere ausruhen ließen, entdeckte sich, daß er der Gemahl der schönen Chrysanthis war. Er schien sehr nach dem Augenblick des Wiedersehens zu verlangen, und ich benutzte diese Gelegenheit, um ihn, auf eine Art, wodurch ihm die Aufführung seiner Gattin nicht verdächtig werden konnte, zu überzeugen, daß die Vorteile, die er von seinen häufigen Reisen ziehe, nur eine schwache Vergütung der häuslichen Glückseligkeit seien, die er ihnen aufopfere. Meine Vorstellungen schienen den erwarteten Eindruck auf den Mann zu machen; denn er schied von mir mit dem Vorsatz, solche Einrichtungen in seinen Geschäften zu treffen, daß er künftig nur selten und auf kurze Zeit in den Fall kommen könne, sich von seiner geliebten Chrysanthis zu entfernen, die er mir als die schönste, sanfteste und zärtlichste aller Weiber schilderte. Wofern er Wort hielt, so zweifle ich nicht, daß beide sich bei meinem Rate wohl befunden, und Chrysanthis, ohne die Lehren ihres Mentors gänzlich zu vergessen, über seinen Verlust sich bald und leicht getröstet haben werde. IX. Im Verfolg meiner Rückreise aus Thessalien kam ich in eine Gegend, deren erster Anblick dem Fleiß und der Wirtschaft ihrer Anbauer ein schlechtes Zeugnis gab. Auf den Feldern stand das Getreide dünn, mager und von Unkraut erstickt. Die Wiesen, dem von benachbarten Bergen abfließenden Gewässer im Frühling und Herbst unbeschützt preis gegeben und an vielen Stellen von vernachlässigten Brunnadern ersäuft, brachten nur saueres Gras hervor, und waren zum Teil in sumpfiges Moor ausgeartet, worin einige magere Kühe einzeln herum irrten, und trotz ihres Hungers das schlechte Futter unter ihren Füßen verschmähten. Auf den kahlen Angern weideten schmutzige, von der Räude angefressene Schafe. Wohnung, Kleidung und Lebensart der Landleute waren, wie es beim Anblick der elenden Beschaffenheit ihrer Grundstücke zu erwarten war. Kurz, alles hatte ein höchst armseliges und trauriges Ansehen, welches desto mehr auffiel, da diese Flur von zweien Seiten an Ländereien grenzte, über welche der Überfluß sein ganzes Füllhorn ausgegossen zu haben schien, und wo das Auge nicht müde wurde, sich am Anblick der fruchtbarsten und lachendsten Auen, der schönsten Viehherden aller Art, und einer Menge wohl genährter, eben so fröhlicher als emsiger Jünglinge und Mädchen, zu ergetzen, welche so eben mit Einsammlung der Reichtümer beschäftigt waren, womit Ceres und Pomona diese reizenden Fluren gesegnet hatten. Der auffallende Abstich so nah an einander grenzender Ländereien war eine sehr einleuchtende Darstellung des Unterschieds der natürlichen Folgen einer guten und schlechten Kultur. Indessen wünschte ich doch die Ursachen zu erfahren, warum die Eigentümer der einen so weit hinter den andern zurück geblieben wären, und erkundigte mich darüber bei einem jungen Manne, der im Begriff war, die karge Ausbeute eines steinichten Ackers auf einem Karren nach Hause zu führen. Ich erhielt zu meinem Erstaunen den Bescheid: daß ein verruchter Zauberer der einzige Urheber des elenden Zustandes sei, worin die Bewohner dieser Gegend seit mehr als vierzig Jahren schmachteten. ›Er nennt sich Pythokles ‹, sagte der junge Bauer; ›das große Haus dort auf der Anhöhe, das dem Palast eines Königs gleicht, ist seine Wohnung, und die herrlichen Fluren, die sich an dem Hügel hinauf ziehen, sind nur ein kleiner Teil seiner Besitzungen. Es ist uns unmöglich vor einem so gefährlichen Nachbar aufzukommen. Nicht zufrieden, seine eignen Ländereien durch seine Zauberkünste zu einem übernatürlichen Ertrag zu bringen, bedient er sich ihrer auch noch, sich des unsrigen zu bemächtigen. Denn er versetzt, mit Hülfe der bösen Dämonen, die ihm zu Gebote stehen, unser Getreide alle Jahre von unsern Feldern auf die seinigen; ja er weiß sogar die Milch unsrer Kühe in die Euter der seinigen zu zaubern; und wenn er seine Markung umgeht, braucht er nur einen Blick auf die unsrige zu werfen, so ists als ob nichts gedeihen könne, was er angesehen hat.‹ Ich ergrimmte in mir selbst, diese armen Menschen durch einen so sinnlosen Aberglauben, der zuletzt doch wohl die Hauptursache ihrer Trägheit war, so übel gemißhandelt zu sehen. Aber es wäre verlorne Mühe gewesen, Leute, die solchen Unsinn glauben konnten, durch Vernunftgründe eines bessern belehren zu wollen. Ihr guter Genius gab mir ein anderes Mittel ein. ›Euer Zustand ist traurig‹, sagte ich, ›aber euch kann geholfen werden. Führe mich zu den Ältesten in deinem Dorfe.‹ – Der Bauer sah mich mit großen Augen an, besann sich eine Weile, und hieß mich endlich mitgehen, indem er ein mit zusammen geschrumpftem Leder überzogenes Gerippe von einem Pferde, das seinen Karren zog, hinter sich nachschleppte. Als wir ankamen, versammelten sich die Alten um mich her, und ich vernahm die Bestätigung ihrer unglaublichen Dummheit aus ihrem eigenen Munde. ›Meine Freunde‹, sprach ich zu ihnen, ›euer Zustand jammert mich. Ich bin ein Priester der heiligen Kabiren in Samothrake. Die Götter haben uns hohe Geheimnisse anvertraut, und es gibt keine Zauberei, die wir nicht durch ihren Beistand vernichten könnten. Setzt Vertrauen auf mich. Ich will das Orakel des großen Axiochersos fragen, wie euch zu helfen sei, und in weniger als zehen Tagen will ich euch seine Antwort bringen.‹ Da ich, unglücklicher Weise, kein Wunder bei der Hand hatte, um diesen einfältigen Leuten meine Sendung zu beweisen, so war ich darauf gefaßt, daß ein solches Versprechen von einem Unbekannten keinen großen Eindruck auf sie machen würde. Indessen schien ihnen doch mein Äußerliches und mein zuversichtlicher Ton Vertrauen einzuflößen; ich wiederholte meine Zusage, bestieg, während sie leise mit einander sprachen, mein Pferd, und verschwand so schnell aus ihren Augen, daß meine Erscheinung unter ihnen in ihrer Vorstellungsart etwas hinlänglich wunderbares haben mußte, um sie, während meiner Abwesenheit, mit mir und meinem geglaubten oder bezweifelten Wiederkommen bei ihren Zusammenkünften zu beschäftigen. Inzwischen begab ich mich, durch einen Wald von hohen Nußbäumen, der die angrenzende Flur gegen Norden beschützte, zu dem Eigentümer des schönen Landsitzes, und wurde gastfreundlich von ihm aufgenommen. Ich fand einen Mann von siebzig Jahren, der nicht viel über funfzig zu haben schien, von sechs oder sieben Söhnen seiner Art und etlichen wohl gebildeten Töchtern umgeben, deren braunrötliche Sonnenfarbe mir bewies, daß die Schonung einer zarten Haut sie nicht abhielt, bei allen ländlichen Arbeiten, die ihrem Geschlechte ziemen, Hand anzulegen. Die weitläufigen Gebäude, die beinahe die ganze obere Fläche des Hügels bedeckten, wimmelten, wie Bienenkörbe im Frühling, von beschäftigten Menschen, auf deren Angesichtern Zufriedenheit mit ihrem Zustand glänzte. Der Hausherr führte mich, auf mein Ansuchen, in allen Zubehören seiner Landwirtschaft herum, und ich konnte die Reinlichkeit, Ordnung, Zweckmäßigkeit und Harmonie, die überall in die Augen fielen und alle Teile zu einem vollständigen Ganzen verbanden, nicht genug bewundern. Ich sprach von der Schönheit und dem vortrefflichen Anbau seiner Güter, so viel ich im Vorbeigehen davon gesehen hatte, und er gestand mir, daß ihr Ertrag ihn zu einem der reichsten Landwirte in Thessalien mache, und in den Stand setze, eine sehr große Anzahl meistens in seinem Hause geborner Dienstleute so zu halten, daß sie ihre Lage um keine andere in der Welt vertauschen würden. Ich erwähnte bei dieser Gelegenheit des armseligen Zustandes des benachbarten Dorfes. ›Die Schuld liegt an ihnen selbst‹, sagte Pythokles ; ›sie wollen es nicht besser haben, oder wollen wenigstens die Mittel nicht, wodurch ihrem Elend abgeholfen werden könnte. Ein großer Teil des Gutes, dessen Eigentümer ich bin, war vor funfzig Jahren in keinem bessern Stande als die Grundstücke meiner Nachbarn. Alles was du hier siehest, ist, nächst dem Segen der Götter, die Frucht eines unverdrossenen Fleißes, einer scharfen Aufmerksamkeit auf den Gang und die Winke der Natur, einer durch Versuche und Fehler nicht wohlfeil erkauften langen Erfahrung, einer guten Einteilung der Arbeiten, und genauen Berechnung der Mittel und Zwecke, Vorteile und Nachteile, – kurz, einer in allen ihren Teilen klug und emsig betriebenen Ökonomie. Die Natur hat mir ein neidloses Herz gegeben; ich würde mich gefreuet haben, wenn mein Wohlstand auch meinen Nachbarn nützlich geworden wäre. Aber die Toren halten mich für einen Zauberer; sie lassen sichs nicht ausreden, daß meine Kornböden nur darum so voll sind, weil ich ihr Getreide auf meine Felder zaubere; und so kann ihnen weder mein Beispiel noch mein Unterricht nützlich sein.‹ – ›Einem so edeln Manne wie du‹, versetzte ich, ›würde es gewiß Freude machen, diese Unglücklichen von ihrem Wahn geheilt zu sehen. Ich bin auf einen Einfall gekommen, der mir vielleicht gelingt; wenigstens ist es des Versuches wert, ob sich der Aberglaube dieser Leute, der ihnen bisher so schädlich gewesen ist, nicht zu ihrem Vorteil benutzen lasse.‹ Pythokles lobte mein Vorhaben, ohne einige Neugier zu zeigen, durch was für Mittel ich es zu bewerkstelligen gedächte, und wir kamen bald auf andere Gegenstände. Es war so viel merkwürdiges in diesem Hause zu sehen , und so viel von seinem Besitzer zu lernen , die ganze Familie war ein so guter Schlag Menschen, und man setzte mir auf eine so freundliche Art zu, einige Tage bei ihnen zu verweilen, daß ich nicht daran denken konnte, ihnen etwas abzuschlagen, wozu ich selbst so geneigt war. Nach acht Tagen, die mir unter diesen Glücklichen, im schönsten Genuß der Natur, so schnell wie ein einzelner Tag entschlüpften, erinnerte ich mich, daß es Zeit sei, meine Zusage gegen die Talbewohner zu erfüllen. Meine Einweihung in den Samothrakischen Mysterien gab mir die Rechte eines Priesters der Kabiren. Ich erschien also unter ihnen mit der priesterlichen Binde um die Stirne, und sie empfingen mich wie einen Gott. ›Ich habe‹, sprach ich zu ihnen von einer erhöhten Stelle, in einem Tone, der zugleich Vertrauen einflößte und Ehrfurcht gebot, ›ich habe das Orakel für euch gefragt, und bringe euch seine Antwort. Allerdings ist ein geheimer Zauber, der euer Land drückt, die Quelle eures Elends; aber die Ursache desselben ist viel älter als der älteste unter euch. Merket auf meine Rede, und gehorchet von Wort zu Wort dem, was ich euch im Namen der großen Götter sagen werde, und die Bezauberung, die euer Land unfruchtbar gemacht hat, wird aufhören. Auf Befehl des Orakels habe ich einen milchweißen Stein von der Größe eines Schwaneneies in euerer Flur vergraben. Diesem sollt ihr, wenn die Bestellzeit heran kommt, von Osten nach Westen und von Westen nach Osten zugleich, so lange mit dem Spaten nachgraben, bis auf allen euern Feldern kein Fuß breit Landes übrig ist, den ihr nicht wie Gartenland umgegraben habt; und weil dieser weiße Stein keinen andern in seiner Nähe duldet, so sollt ihr alle Steine auf euern Äckern sorgfältig zusammen lesen, und an einem besondern Orte zu dem Gebrauch, den ich euch sagen werde, aufbewahren. So oft ihr an die Arbeit geht, so rufet die großen Götter, auf euern Knieen, um ihren Segen an, und wenn ihr sie vollendet habt, dann bestellet euere Äcker wie gewöhnlich; und so verfahret sieben Jahre nach einander. Mit jedem Jahre wird der milchweiße Stein einen Fuß tiefer in die Erde sinken; mit jedem Fuße, den er tiefer gesunken ist, wird sich die Fruchtbarkeit eures Bodens vermehren; aber nach dem siebenten Jahre wird der Stein ruhen, und seine geheimnisvolle Kraft wird nie wieder von euern Feldern weichen. Merket nun weiter auf, und gehorchet von Wort zu Wort dem, was ich euch im Namen der großen Götter befehle! Euer Wiesengrund wird von Nymphen bewohnt, welchen ihr versäumt habt die gebührende Ehre zu erweisen. Zur Strafe dieser Vernachlässigung haben sie ihn in einen Sumpf verwandelt, worin euer Vieh nur karge und ungesunde Nahrung findet. Um den Zorn der Nymphen zu besänftigen befiehlt euch das Orakel, die sumpfigen Stellen auszutrocknen, das ganze Tal durch tiefe Gräben und erhöhte Dämme vor künftigen Überschwemmungen zu schützen, die Brunnquellen hingegen zu fassen, und in kleinen Kanälen durch eure Fluren hin und her zu leiten. Mit den Steinen, wovon ihre euere Acker gereiniget habt, sollt ihr die tiefsten Stellen euerer Sümpfe ausfüllen, nachdem ihr aus den größten dieser Steine den Nymphen eine kleine Kapelle erbauet, und den ganzen Anger um sie her mit einem Hain von fruchtbaren Bäumen bepflanzt habt, deren Erstlinge ihr alle Jahre, festlich versammelt, den freundlichen Nymphen opfern werdet. Endlich soll ich euch aus dem Munde des Orakels sagen, daß euer Argwohn dem reichen Pythokles Unrecht tut. Die Götter haben sein Herz zu euch geneigt, und er wird euch, wenn ihr ihm einen bessern Willen zeigt, mit Rat und Tat zu Hülfe kommen. Denn nicht böse Zauberkünste, sondern der Segen der Götter und sein von Klugheit geleiteter Fleiß, sind die Quellen seines Reichtums, und wenn ihr seinem Beispiel folget, werdet ihr ihm auch an Wohlstand ähnlich werden.‹ Die Bauern horchten meinem Orakel mit starrer Aufmerksamkeit, wiewohl leicht zu sehen war, daß sie ein weniger mühsames Mittel erwartet hatten, und über den Schluß meiner Rede stutzig wurden. Ich fand aber nicht für gut, das Ende des leisen Gemurmels, das jetzt unter ihnen begann, abzuwarten. Ich übergab ihrem Ältesten eine Abschrift des Orakels, ermahnte sie nochmals den Befehlen der großen Götter zu gehorchen, schwang mich, nachdem ich eine Hand voll Drachmen unter ihre zerlumpten Kinder geworfen hatte, wieder auf mein Roß, und verschwand eben so schnell als ich gekommen war, ohne mich um den Erfolg dieses Abenteuers weiter zu bekümmern. Ungefähr vor zehen Jahren, da ich aus Italien durch Epirus und Thessalien zurück reiste, erinnerte ich mich dieser alten Begebenheit wieder, und ließ mich von der Neugier, zu sehen was sie für Folgen gehabt hätte, zu einem Umweg in die Gegend, wo die Szene derselben lag, verleiten. Ich befand mich eine gute Weile mitten darin, ohne sie zu erkennen; so gänzlich hatte sich das unfruchtbare Land, der sumpfige Talgrund und das armselige Dörfchen in diesem langen Zeitraum umgestaltet. ›Bin ich wirklich zu Gyreinä ?‹ fragte ich endlich einen ziemlich abgelebten Greis, der vor der Tür eines ansehnlichen Meierhofes in der Sonne saß. Der alte Mann bejahte meine Frage, indem er mich mit großer Aufmerksamkeit betrachtete. ›So hat es sich in funfzig Jahren sehr verändert‹, sagte ich. ›Du hast es also vor funfzig Jahren gesehen?‹ fragte jener, mit sichtbarem Streben sich meiner zu erinnern. ›Allerdings‹, erwiderte ich, ›und, wenn mich ein Rest von Ähnlichkeit nicht trügt, auch dich , der damals ein junger Mann von fünfundzwanzig sein mochte, und eben beschäftigt war, einige magere Garben einem Gespenst von einem Karrengaul fortschleppen zu helfen, als ich seine Bekanntschaft machte. Ist dein Name nicht Dryas ?‹ Bei diesen Worten sprang der Alte so lebhaft auf, als ob sie ihm seine Jugend wieder gegeben hätten, und ich konnte ihn kaum abhalten, sich vor mir auf die Erde zu werfen. ›Göttlicher Mann‹, rief er aus, ›nur die Schwäche meiner Augen konnte mich verhindern, in dir, an dessen Gestalt und Gesichtszügen diese lange Zeit nur wenig verändert hat, den ehrwürdigen Priester aus Samothrake zu erkennen, dem die Bewohner dieser Gegend den Wohlstand, worin sie jetzt leben, einzig zu verdanken haben; dem auch ich es verdanke, daß ich ihm das Gastrecht unter meinem eigenen Dach anbieten kann.‹ – Angenehmer wurd ich vielleicht in meinem ganzen Leben nie überrascht, als durch diesen Erfolg einer Handlung, die bloß aus einem schnell aufwallenden Gefühl entstanden war, und von welcher sich ein solcher Ausgang mehr wünschen als erwarten ließ. Der alte Dryas, dem ich es nicht abschlagen konnte, einen Tag bei ihm zu verweilen, befriedigte mein Verlangen, von diesem Hergang genauer unterrichtet zu sein, durch eine sehr umständliche Erzählung, wovon ich nur das Wesentliche berühren will. Als ich mich nach Verkündigung meines Orakels so schnell entfernt hatte, entstand ein ziemlich lebhafter Streit unter den Dorfbewohnern. Die Alten, die in dem Wahne, daß Pythokles ein Zauberer und die Ursache ihrer schlechten Ernten sei, grau geworden waren, wollten sich nicht ausreden lassen, der vorgebliche Priester der Kabiren sei mit Pythokles einverstanden, und habe sie mit seinem Orakel nur zum besten. Die Jüngern hingegen behaupteten, es sei keine Ursache vorhanden, den Fremden für einen Betrüger zu halten; sein bloßes Ansehen zeuge schon genugsam für das Gegenteil, und das Orakel müsse schlechterdings befolget werden. Sie legten auch, da sie die Mehrheit ausmachten, sogleich Hand ans Werk, gruben ihre Äcker um, reinigten sie von Steinen und Unkraut, bauten den Nymphen eine Kapelle, trockneten die Sümpfe aus, und brachten, nicht ohne große Mühe, nach und nach alles zu Stande, was das Orakel befohlen hatte. Die reiche Ernte des nächsten Jahres, womit die Natur ihren Fleiß belohnte, stopfte der Gegenpartei den Mund; sie bewies, daß ihnen der Fremde wohl geraten hatte, und daß ihre böse Meinung von dem reichen Pythokles grundlos war. Denn warum hätte er ihr Getreide nicht auch diesmal auf seine Felder gezaubert, wenn er es jemals getan hätte? Die Verständigern erwogen nun den Inhalt des Orakels mehr als jemals, und forschten seinem wahren Sinne so lange nach, bis sie zu sehen glaubten, seine Absicht sei bloß gewesen, sie von ihrem Vorurteil gegen Pythokles und von ihrer daher entsprungenen Mutlosigkeit und Trägheit zu heilen, und ihnen durch die Erfahrung einleuchtend zu machen, daß nicht die Zauberkünste ihres Nachbars, sondern ihre eigne Untätigkeit und schlechte Wirtschaft, die Ursache, warum sie nicht gedeihen konnten, gewesen sei. Aber was sie von dem weißen Steine, dem sie sieben Jahre lang nachgraben mußten ohne ihn jemals zu finden, denken sollten, wurde ihnen immer zweifelhafter. ›Sollte nicht vielleicht‹, sagte einer, der immer die besten Einfälle zu haben pflegte, ›dieser Stein bloß dazu erfunden sein, uns zu einer mühseligen Arbeit zu vermögen, wozu wir vielleicht durch keine andere Vorstellung zu bringen gewesen wären?‹ – Diese Vermutung war nicht ohne Wahrscheinlichkeit; aber sie getrauten sich dennoch nicht von dem Buchstaben des Orakels abzugehen. Sie setzten das Umgraben der Felder noch zwei Jahre fort, und wurden jedesmal reichlich für ihre Mühe belohnt. Inzwischen hatten sie sich auch mit ihrem Nachbar Pythokles ausgesöhnt, und erhielten von dem edelmütigen Mann alle mögliche Unterstützung bei der neuen Einrichtung ihrer Landwirtschaft. Er bestätigte sie in dem Gedanken, daß es bei dem oft erwähnten Orakel weniger darauf ankomme, es wörtlich zu befolgen, als in seinen Sinn und Geist einzudringen, der kein andrer sei, als sie zu belehren: ›Daß die Götter den Sterblichen nichts Gutes ohne Mühe verleihen; daß der Erdboden desto reichlicher ertrage, je fleißiger er bearbeitet werde, und daß der Mensch die Vernunft darum empfangen habe, damit er der Natur zu Hülfe komme, sie vor Verwilderung bewahre, gegen die verwüstende Gewalt der Elemente schütze, und, indem er sie durch klugen und unverdrossenen Fleiß zum möglichsten Ertrag bringe, sich selbst einen frohen Lebensgenuß, und den Tieren, die ihm von der Natur als eine Art dienstbarer und nützlicher Hausgenossen zugegeben sind, zu seinem eigenen Vorteil reichlichern Unterhalt verschaffe.‹ Pythokles und seine Söhne machten sich ein Vergnügen daraus, den fähigsten und lehrbegierigsten jungen Männern zu Gyreinä Anleitung zu geben, wie sie es anfangen müßten, um es mit der Zeit, wenn auch nach einem kleinern Maßstab, eben so weit zu bringen als sie selbst. Da nun ihre Nachbarn sahen, wie der Wohlstand dieser Leute von Tag zu Tag zunahm, so wurde die Wirkung ihres Beispiels endlich allgemein: und so geschah es, daß eben dieses Gyreinä, von dessen äußerstem Verfall ich vor funfzig Jahren ein Augenzeuge gewesen war, binnen dieser Zeit in den blühenden Zustand kam, worin ich es wieder sah. – ›Und was ist aus den Nachkommen des Pythokles geworden?‹ fragte ich. – ›Ein trauriges und lehrreiches Beispiel‹, versetzte der Alte, ›daß ein wohl erworbenes Gut nur durch eben die Mittel erhalten werden kann, wodurch es erworben wurde. So lange Pythokles lebte, blieb seine Familie in Eintracht beisammen, und machte eine kleine Republik von tugendhaften und glücklichen Menschen aus. Auch unter seinen Söhnen erhielt sich diese Einrichtung noch; und wiewohl der Geist des Vaters unvermerkt von ihnen zu weichen schien, so vermehrte sich doch ihr Reichtum noch immer, vielleicht zum Verderben der dritten Generation, die durch Zwietracht, Üppigkeit und Verschwendung wieder zerstreute, was die Väter mit Mühe gesammelt hatten. Du würdest dich vergebens nach den Enkeln des guten Pythokles in diesen Gegenden umsehen; es ist schon eine geraume Zeit verflossen, seit sie von uns weggezogen sind, und wir haben seitdem nichts mehr von ihnen gehört.‹ Halt es mir zu gut, Hegesias«, fuhr Agathodämon fort, »wenn ich zu umständlich in Erzählung meiner kleinen Abenteuer in Thessalien gewesen bin. Das Alter ist geschwätzig, und ist es nie mehr, als wenn es auf Geschichten seiner Jugend kommt. Aber ich habe mich vorsätzlich bei der Letztem länger verweilt, als einem doppelten Beispiel, von der ungeheuern Gewalt, die der dämonistische Aberglauben über einfältige Menschen ausübt, und von einer vielleicht unverwerflichen Art, wie man sich der Verblendung solcher Leute zu ihrem eigenen Vorteil bedienen könnte. Ich denke dir dadurch begreiflich gemacht zu haben, was ich unter einer Täuschung verstehe, die , so zu sagen, ihr Gegengift bei sich führt , weil sie in eben dem Augenblicke, da sie ihre abgezielte Wirkung getan hat, als Täuschung erkannt wird. Sie fällt dann, wie die Schale von einer reifen Frucht, von selbst ab, und die Wahrheit, deren Hülle sie war, bleibt allein zurück.« Hier machte Agathodämon eine Pause, und da ich ihn von dem langen Reden ein wenig erschöpft sah, war ich im Begriff, ihn zu bitten, daß er mich auf etliche Stunden beurlauben möchte, als er mir mit einem gefälligen Lächeln zuvorkam. »Ich sehe warum du mich bitten willst«, sprach er: »du bist hier gänzlich dein eigener Herr; vielleicht ist es dir angenehm in der Zeit, die noch bis zu unserm kleinen Mahl verstreichen wird, mit meinem wackern Kymon Bekanntschaft zu machen.« Mit diesen Worten begab er sich in ein Nebenzimmer, und ich entfernte mich, von Gefühlen durchdrungen, wie sie mir noch kein Sterblicher eingeflößt hatte. Drittes Buch I. Anstatt den alten Kymon im Garten aufzusuchen, begab ich mich nach der Felsenhöhle, in welcher die Quelle entsprang, woraus ich diesen Morgen die kleine Nymphe Wasser schöpfen gesehen hatte. Die von der Hitze des Tages gemäßigte Kühle dieser Grotte lud mich ein, auf einer dicht bemoosten Bank auszuruhen, und meinen Gedanken über alles, was ich an diesem Morgen gesehen und gehört hatte, nachzuhängen. Je mehr ich darüber dachte, desto mehr fand ich mich in der Vermutung bestätiget, daß dieser außerordentliche Greis, auf den das Homerische Beiwort götterähnlich so gut paßte, kein andrer sei, als der berühmte Apollonius von Tyana , eben derselbe, dessen Lebensgeschichte, von einem gewissen Damis aus Ninive geschrieben, mir vor kurzem aus Athen zugeschickt worden war. Dieser Damis hatte, seiner Versicherung nach, den großen Wundermann auf seinen morgenländischen Reisen begleitet, und alles, was er von ihm erzählt, entweder selbst gesehen, oder glaubwürdigen Personen nachgeschrieben. Aber welch eine Erzählung! Wie viel Unsinn in den Sachen! Welche Barbarei im Stil! Eine gewisse kindische Art von Einfalt und Leichtglaubigkeit, die aus dem ganzen Buch hervor leuchtet, scheint ihn zwar gegen allen Verdacht vorsätzlicher Unwahrheiten sicher zu stellen: aber diese Einfalt ist mit einer so großen Schwäche des Geistes und einem so gänzlichen Mangel an Urteilskraft und Kenntnissen verbunden, daß seine Erzählung, durch die beständige Vermischung oder Verwechslung dessen, was er sah oder hörte, mit seinen eigenen verworrenen Begriffen und Vorurteilen, in dem wunderbaren Teil derselben alle Glaubwürdigkeit verliert, und selbst da, wo er vielleicht die Wahrheit sagt, den Leser gegen seine Zuverlässigkeit mißtrauisch macht. Ich hatte sein Buch, der barbarischen Schreibart zu Trotz, auf meinen Wanderungen im Gebirge nach und nach durchgangen; und da mir alles noch in frischem Andenken lag, so schien mir, wie augenscheinlich auch der schiefe Blick und die ungeschickte Hand des Malers das aufgestellte Bild verzeichnet hatte, doch in mehrern Zügen die Ähnlichkeit noch immer groß genug, um mir keinen Zweifel übrig zu lassen, daß ich in dem vermeinten Agathodämon das Urbild selbst gefunden hätte. Aber wie es möglich gewesen, daß aus einem so lichtvollen Geist, einem so erklärten Feind aller Schwärmerei, einem Manne, der die höchste Veredlung der Menschheit an ihm selbst und andern zum einzigen Geschäfte seines Lebens gemacht, sogar unter den Händen des stümperhaftesten Sudlers, entweder ein fanatischer Wiederhersteller und Beförderer des ungereimtesten Dämonismus und der gröbsten Volksvorurteile, oder ein moralischer Gaukler, der aus selbstsüchtigen Bewegursachen sein Spiel mit der Leichtglaubigkeit der Menschen treibt, hätte werden können: dies schien mir noch immer etwas unerklärbares; wiewohl verschiedene, von Agathodämon selbst mir gegebene Winke mich auf eine Spur gewiesen hatten, die zur Auflösung dieses Rätsels führen konnte. II. In Verfolgung dieser Spur hatte ich mich so sehr in meinen Gedanken vertieft, daß ich den wackern Kymon, der mich im Vorbeigehen erblickt hatte, nicht eher gewahr wurde, bis er vor mir stand und mich anredete. Ich bat ihn, wenn er Muße hätte, sich zu mir zu setzen. Unvermerkt entspann sich ein Gespräch zwischen uns, worin er sich mir als einen Mann von gesundem Sinn und scharfem Blick zeigte, der, zwar ohne die Vorteile, aber auch ohne das Nachteilige einer frühen Erziehung, durch das Leben selbst, und durch das Glück, so viele Jahre um Agathodämon gewesen zu sein, zu einer in seiner Klasse ungewöhnlichen Klarheit des Begriffs und Richtigkeit des Urteils gebildet worden war. Unser Gespräch lenkte sich gar bald auf den erhabenen Greis, dessen Gast ich so unverhofft geworden war. Kymons Anhänglichkeit an diesen seinen ehemaligen Gebieter schien eben so unbegrenzt, als seine hohe Meinung von ihm; und er nannte ihn noch immer seinen Herren, wiewohl er schon lange gewohnt war, als sein Freund von ihm behandelt zu werden. Ich bahnte mir den Weg zu den Erläuterungen, die ich über verschiedene Punkte von ihm zu erhalten hoffte, indem ich mich glücklich pries, den Zugang in dieses allen Menschen verborgene Heiligtum gefunden zu haben, und von dem darin wohnenden guten Dämon einer so freundlichen Aufnahme gewürdigt worden zu sein. Kymon sah mir mit einem mehr freimütigen als forschenden Blick in die Augen, und versetzte: »Ich sehe, daß mein alter Herr eben denselben Eindruck auf dich gemacht hat, den er immer auf alle Menschen machte, denen er sich, oder die sich ihm näherten. Wiewohl er, wie ich leider! befürchte, nur ein Sterblicher ist, so begreife ich doch sehr wohl, wie man sich versucht finden kann ihn für etwas mehr zu halten. Ich wenigstens habe seines gleichen nie gesehen. Die Natur scheint kein Geheimnis für ihn zu haben, und seine Gewalt über sich selbst, und über alle Arten von Menschen, ist beinah unglaublich. Ich rede als einer, der in mehr als funfzig Jahren kaum von seiner Seite gekommen ist, und in dem Verhältnis eines vertrauten Dieners während einer so langen Zeit Gelegenheiten genug gehabt hat, ihn genauer als irgend ein anderer kennen zu lernen.« »Welch ein glücklicher Mann bist du«, rief ich aus, »du, der, sein ganzes Leben durch, einem so außerordentlichen Manne nah, und ein Augenzeuge aller der Wunder, die er verrichtet haben soll, gewesen ist!« »Ich weiß nicht, was du Wunder nennest«, erwiderte Kymon. »Etwas, wodurch die Ordnung und der Lauf der Natur unterbrochen worden wäre, hab ich ihn niemals verrichten sehen. Aber daß er teils durch seine Wissenschaft, teils durch seine immer währende Geistesgegenwart und die Allgewalt seines Genius über gemeine Menschen, Dinge getan hat, die in den Augen der letztern für Wunder gelten konnten, davon bin ich mehr als Einmal Zeuge gewesen.« »Du scheinst also«, sagte ich, »die Biographie nicht zu kennen, die ein gewisser Damis von deinem Herren (den er bereits für gestorben hält) verfaßt hat, und von welcher verschiedene Abschriften in der Welt herum gehen?« »Ein gewisser Damis?« rief er mit dem Ausdruck einer Verwunderung, die mit etwas Mißbelieben vermischt zu sein schien. »Ja, ein Damis von Ninive , der den göttlichen Apollonius sehr genau gekannt zu haben versichert, und im Ton der treuherzigsten Selbstüberzeugung eine Menge erstaunlicher, und, wenn ich frei heraus reden darf, unglaublicher, ja sogar äußerst ungereimter Dinge von ihm erzählt.« »Das mag mir allerdings eine seltsame Biographie von Apollonius sein, wenn Damis von Ninive eine geschrieben hat! Ich habe diesen Menschen sehr gut gekannt. Es ist wahr, daß er meinen Herren auf einem großen Teil seiner Reisen begleitet hat, und einer seiner eifrigsten Anhänger gewesen ist. Seine Landsleute gelten, wie dir bekannt sein wird, überhaupt für ein sehr unwissendes und abergläubisches Volk: aber mit einem solchen Hang Wunder zu glauben , und mit einer solchen Gabe Wunder zu sehen , ist schwerlich in allen Morgenländern jemals ein Menschenkind geboren worden wie Damis; und niemand war wohl weniger fähig als er, sich von einem Manne wie mein Herr einen Begriff zu machen. Für das, was Apollonius wirklich ist, hatte der arme Ninivit schlechterdings keinen Sinn: aber dafür hielt er ihn für einen Dämon vom ersten Rang, der mit den andern Göttern als seines gleichen umgehe, den Elementen und den Geistern gebiete, noch etwas mehr als Alles wisse, und das Unmögliche möglich machen könne. Was brauchte wohl ein Mensch, den so sehr nach Wundern hungerte, mehr als diesen Wahn, um seine Dienste dem vermeinten Wundertäter beinahe mit Gewalt aufzudrängen, und ihn mit einer wenig verdienstlichen Anhänglichkeit viele Jahre lang allenthalben wie sein Schatten zu verfolgen? In einem solchen Schwindelkopf mußte nun freilich das, was er in dieser Zeit sah und hörte, seltsame Gespenster hervorbringen! Auch leugne ich nicht, daß mein Herr selbst – der vielleicht seine Absichten dabei haben mochte, und die Blödigkeit dieses Menschen für unheilbar ansah – auf eine Art mit ihm umging, die ihn in seinen Einbildungen eher bestärken, als davon zurück bringen konnte.« »Ich begreife, (erwiderte ich) wie sich in dem benebelten Gehirn eines so schwachen Menschen manche Dinge, womit es sehr natürlich zugeht, in Wunderdinge verwandeln konnten. Aber es gibt eine Art von Wundern, die dem kältesten Zuschauer und dem wärmsten, dem hellsten und dem finstersten Kopfe unter einerlei Gestalt erscheinen, und wobei es der Phantasie des Augenzeugen kaum möglich ist, den Sinnen einen Streich zu spielen, vorausgesetzt, daß Er eben so wenig von andern betrogen worden sei, als er uns betrügen will.« »Zum Beispiel?« »Zum Beispiel, die Erweckung eines Toten.« »Damis sagt also, daß mein Herr Tote erweckt habe?« »Er führt zwar nur Ein Beispiel an; aber in solchen Fällen ist Eines so gut wie tausend.« »Wenn es, wie ich vermute, die nämliche Begebenheit ist, von welcher ich selbst Augenzeuge war, so konnte Damis sich auf eine große Anzahl von Zuschauern berufen, die eben so von der Sache sprachen wie er. Indessen kann ich dir zuschwören, daß die Toten, die mein Herr erweckt hat, nicht toter waren als ich oder du.« »Ich verstehe dich. – Es waren nur Scheintote. Dein Herr erweckte sie durch seine Kunst . Die Leute machten ein Wunder daraus, und Er ließ sie auf ihrem Glauben, oder half ihm auch wohl absichtlich ein wenig nach?« »Du hast es nahezu erraten. Es ist (wie du von ihm selbst hören kannst) eine seiner Maximen, daß es, zumal in einer Zeit wie die gegenwärtige, einem Weisen nicht unanständig, ja demjenigen, der sich (wie er) mächtig auf sein Zeitalter zu wirken bestimmt fühle, sogar Pflicht sei, anstatt den großen Haufen voreiliger Weise aufklären zu wollen, die Wahnbegriffe desselben und seine Liebe zum Wunderbaren zum Vorteil der guten Sache zu benutzen. Er folgt hierin, wie in vielem andern, dem Beispiele des großen Pythagoras , der, wofern er in unsern Tagen gelebt hätte, von den Epikureern ohne Zweifel eben so wohl für einen Betrüger ausgeschrien worden wäre, als mein Herr, welcher diese Beschuldigung weder mehr verdient, noch durch ein anderes Betragen und wegen anderer Absichten sich zugezogen hat, als jener. Daß er in vielen Fällen, wo es nur auf ihn ankam, den Leuten den Wahn, er könne Wunderdinge wirken, zu benehmen, sie absichtlich auf ihrem Glauben ließ, ist eben so unleugbar, als daß er durch das Feierliche seiner Person und seines Benehmens, durch seine Pythagorische Lebensweise, seinen Aufenthalt in Tempeln, und eine Menge anderer Dinge, wodurch er sich von den gewöhnlichen Menschen unterschied, die Vorstellung, daß er ein besonderer Günstling der Götter sei, beim Volk veranlaßte und unterhielt. Aber daß er jemals (so oft ein Fall eintrat, von dieser Meinung des Volks Gebrauch zu machen) sich niedriger oder gauklerischer Kunstgriffe dabei bedient habe, dies leugne ich schlechterdings. Das Beispiel einer vorgeblichen Totenerweckung, dessen Damis Meldung tut, wie du sagst, wird dir alles klar machen. Die Sache ereignete sich während des ersten Aufenthalts meines Herren in Rom. Die einzige Tochter eines gewissen Kajus Anicius , eines angesehenen Mannes, in dessen Haus er bekannt war, wurde in einem ungewöhnlichen Grade von Nervenzufällen befallen, die in diesen Zeiten eine fast allgemeine Krankheit der Römerinnen sind. Sie war von ihren Eltern einem Jüngling versprochen worden, der meinem Herren eifrig zugetan und einer von seinen Schülern der zweiten Klasse war, das ist, von denen, die in der Vorbereitung zum zweiten Grade seines geheimen Ordens standen. Apollonius wußte von der Krankheit der jungen Römerin, und blieb daher ganz ruhig, als ihm der Bräutigam in größter Bestürzung den plötzlichen Tod seiner Geliebten ankündigte. Er ließ sich umständlich erzählen wie es damit zugegangen, und überzeugte sich aus diesem Berichte, daß der alte Freigelaßne, der den Hausarzt beim Anicius machte, und sich in diese ihm ganz neue Art von Krankheit nicht zu finden wußte, die Familie in einen voreiligen Schrecken gesetzt, und eine hartnäckige Ohnmacht mit dem wirklichen Tode verwechselt habe. ›Beruhige dich‹, sagte mein Herr, nachdem er alle Umstände aufs genaueste erfragt hatte, ›sie ist nicht tot; ihr Zustand ist nur eine ungewöhnliche Art von Ekstasie, aus welcher ich sie zu erwecken gewiß bin, wenn sie auch schon drei Tage lang für tot gelegen hätte.‹ Der junge Mann wollte es darauf nicht ankommen lassen und lag meinem Herren dringend an, die Erweckung keinen Augenblick zu verschieben. ›Wenn sie wirklich tot ist‹, sagte Apollonius, ›so kann ich ihr das Leben so wenig wiedergeben als ein andrer – aber ich bin gewiß, daß sie es nicht ist. Ich kenne diese Art von hysterischen Zufällen; deine Braut liegt bloß in einem dem Tod ähnlichen Schlaf, und das Mittel, wodurch ich sie erwecken will, kommt in vierundzwanzig Stunden noch früh genug. Laß indessen diejenigen, die sie für tot halten, auf ihrer Meinung; stelle dich als ob du selbst nicht daran zweifeltest; beschleunige die Anstalten zu ihrem Leichenbegängnis, und beruhige dich damit, daß ich zu rechter Zeit erscheinen werde, euere Trauer in Freude zu verwandeln. Du weißt‹, setzte er mit einem Ernst hinzu, der jede Einwendung auf den Lippen des Jünglings erstickte, ›unter welchen Bedingungen ich dich in den engern Kreis meiner Freunde aufgenommen habe. Du bist mir unbegrenztes Vertrauen, und der Sache , für welche wir leben, jedes Opfer schuldig. Ein Fall wie dieser kommt zu selten, als daß es uns erlaubt wäre, ihn unbenutzt zu lassen.‹ Der junge Römer entfernte sich, nachdem er Gehorsam und Stillschweigen angelobt hatte, und Apollonius setzte seine gewöhnlichen Geschäfte fort, ohne dieser Sache weiter zu erwähnen. Am folgenden Tage sandte er mich an den Jüngling ab, mit dem Auftrag, auf eine schickliche Art zu veranstalten, daß von den Verwandten, Nachbarn und Freunden des Hauses gegen Abend so viele zusammen kämen, als das Vorhaus, wo die vermeinte Leiche bereits auf einem Prachtbette lag, nur immer fassen könnte. Der junge Mann glaubte dies nicht sichrer bewerkstelligen zu können, als indem er unter der Hand das Gerücht verbreiten ließ, Apollonius hätte sich von ihm erbitten lassen, um diese Zeit zu kommen, und durch die Gewalt seiner theurgischen Kunst die entflohene Seele der schönen Anicia zurück zu rufen, und mit ihrem Leibe wieder zu vereinigen. Mein Herr fand also, da er bald nach Sonnenuntergang anlangte, ein großes Gedränge von Personen alles Alters, Standes und Geschlechts, welche teils die Leichtglaubigkeit, teils der Unglaube herbei geführt hatte, zu sehen was die Sache für einen Ausgang nehmen würde. Der Saal, worin das erblaßte Mädchen, einer Schlafenden ähnlich, aber kalt und atemlos, auf einem lieblich duftenden Blumenbette lag, war von einer großen Anzahl silberner Lampen erleuchtet, und die Eltern nebst den nächsten Anverwandten saßen, in stummer Traurigkeit und wenig hoffender Erwartung, um die geliebte Leiche her. Alle standen auf, als Apollonius mit dem hohen, Ehrfurcht gebietenden Anstand, der ihn auch im höchsten Alter noch nicht verlassen hat, mehr einem Gott als einem Sterblichen ähnlich, herein trat. Vor ihm her gingen sieben schöne Knaben, aus den jüngsten seiner Anhänger ausgesucht, alle weiß gekleidet, und die fliegenden Haare mit Myrtenzweigen und Rosen bekränzt. Indem sie sich mit gesenktem Blick, vier zu den Häupten und drei zu den Füßen der Erblaßten, stellten, näherte sich der Jüngling meinem Herren, fiel ihm zu Füßen, und beschwor ihn in einem Tone, der um so rührender war, weil er wirklich zwischen Angst und Hoffnung schwankte, daß er sich des Kummers, worin er dieses ihm ergebene Haus versenkt sehe, erbarmen, und, als ein Günstling der Götter, dem nichts unmöglich sei, seinen Freunden den Liebling ihrer Herzen wiedergeben möchte. Mein Herr hob ihn mit einem Trost einsprechenden Blick auf, näherte sich der Entschlafnen, und befahl, daß eine Lampe nach der andern bis auf eine einzige ausgelöscht würde. Jetzt stimmten auf seinen Wink die sieben Knaben, mit gedämpften aber sehr reinen Silberstimmen, einen feierlich langsamen Hymnus an die Götter des Hades an; und während die herzerschütternden Worte und Töne alle Anwesenden in Tränen auflösten, bückte sich Apollonius über die Leiche hin, so daß sein weites faltenvolles Oberkleid die obere Hälfte derselben einige Augenblicke ganz verhüllte; und in dieser Zeit goß er aus einer in seinem Busen verborgenen Phiole unbemerkt einige Tropfen einer flüchtigen Essenz in ihren Mund. Nun richtete er sich langsam wieder auf, und befahl nach einer Weile die Lampen allmählich eine nach der andern wieder anzuzünden. Die sieben Knaben wechselten Tonart und Rhythmus; ihr Gesang rief Trost und Hoffnung in die Herzen zurück, und endigte zuletzt in fröhlich jubelnde Töne, womit sie die vom Schlaf des Todes Erwachende ins Leben willkommen hießen. Während dieses Gesangs waren die Augen aller Gegenwärtigen in tiefer Stille und unbeweglich, gleich den Augen eben so vieler Steinbilder, auf die Entschlafne geheftet, und alle sahen mit süßem Erschrecken, daß ihre Lippen und Wangen sich zu färben anfingen, ihre Augendeckel sich hoben, und aus ihrem steigenden Busen ein langer Seufzer sich empor arbeitete. Bald darauf regte sie auch eine Hand nach der andern, richtete sich endlich mit halbem Leib auf, blickte verwundernd bald um sich her, bald auf sich selbst, und schien nichts von allem was sie sah zu begreifen. Aber das Erstaunen, die Freude, die Rührung, die zitternde Ungewißheit, ob man seinen Augen glauben dürfe, die schauervolle Ehrfurcht vor dem göttlichen Manne, der dies Wunder getan, und die fragenden Blicke, ob es erlaubt sei in die Arme der Wiederbelebten zu fliegen, kurz die Wirkung, welche dieses Ereignis auf die Personen, die es am nächsten anging, und auf alle übrigen machte, – man mußte ein Augenzeuge davon gewesen sein, und auch ein solcher müßte beredter sein als ich, um einem, der es nicht war, eine Vorstellung davon zu geben, die der Wahrheit nahe käme. Apollonius war der einzige, der seine gewöhnliche Fassung behielt; und wiewohl er an dem Jubel der Eltern und seines jungen Freundes Anteil nahm, schien er doch wegen dessen, was er selbst dazu beigetragen, keine besondere Ansprüche zu machen. Er erfreute sich des Erfolgs; aber wie es damit zugegangen, darüber erklärte er sich nicht, und niemand wagte es, ihn zu fragen. Seinem jungen Freunde sagte er, als sie sich wieder allein befanden, bloß: ›Wirst du nun künftig Vertrauen auf mich setzen? Du siehst, daß ich dich nicht täuschen wollte; denn da würde ich dir nicht gesagt haben, deine Braut lebe, ungeachtet jedermann, und du selbst, sie für tot hielt. Ich kannte den Zufall, der ihren Scheintod hervorbrachte, und besitze ein eben so natürliches als unfehlbares Mittel dagegen. Das ist alles, und für dich genug. Die übrigen mögen von der Sache glauben was sie können. Ein Irrtum in solchen Dingen kann guten Menschen nicht schaden; und auf allen Fall haben wir ihnen ein Schauspiel gegeben, wie sie noch keines gesehen haben, und dessen Erinnerung ihren Fechterspielen und Pantomimen, eine Zeit lang wenigstens, das Gegengewicht halten wird.‹« III. »Diese Begebenheit machte wohl viel Aufsehens in Rom?« sagte ich. »Nicht so viel als du zu vermuten scheinst. In einer so ungeheuern Stadt, wo jedermann mit sich selbst genug zu tun hat und des Neuen so viel ist, wird selbst von dem außerordentlichsten Ereignis nur so lange gesprochen, als es die Neuigkeit des Tages ist; und gemeiniglich langt es in den entferntern Regionen erst alsdann, wenn es in der , wo es sich zutrug, schon wieder vergessen ist, als ein bloßes Gerücht, oder gar in Gestalt eines Märchens an.« »Apollonius verfehlte also am Ende dennoch seinen Zweck?« »Ich glaube nicht, daß er sich mehr von der Sache versprach, als er wirklich erhielt. Es wurde freilich über diese Geschichte und über ihn selbst sehr ungleich geurteilt. Unter dem Volke hielten ihn viele für einen göttlichen Mann, einige sogar für einen Halbgott, die meisten für einen Zauberer. Die Leute aus den höhern Klassen hingegen, und wer für einen starken, über alle Vorurteile hinweg gesetzten Geist angesehen sein wollte, sprachen von ihm als einem Scharlatan, und affektierten, alles, was andere zu seinem Lobe sagten, mit Naserümpfen anzuhören. Doch muß ich hinzu setzen, daß dies lauter Leute waren, die ihn nie gesehen hatten: denn mir wenigstens ist noch kein Mensch vorgekommen, dem in seiner Gegenwart nicht so zu Mute gewesen wäre, als ob er vor einem höhern Wesen stände. Jener große Haufe zweifelte nicht daran, daß er das junge Mädchen wirklich durch seine magische Kunst ins Leben zurück gerufen habe; und wiewohl es ihnen schwer geworden sein möchte, zu sagen was sie bei diesem Worte dachten, so schien es ihnen doch etwas eben so natürliches, daß ein großer Zauberer Wunder wirke, als daß ein Bildhauer eine Menschen- oder Göttergestalt aus Marmor hervorbringe. Die andern hingegen erklärten die Sache, sobald sie sich genötigt sahen, sie als etwas geschehenes gelten zu lassen, für einen zwischen Apollonius, dem Mädchen und ihrem Liebhaber abgeredeten Handel, und glaubten den Schlüssel des Geheimnisses in dem Umstand entdeckt zu haben, daß mein Herr ein sehr ansehnliches Geschenk, welches ihm der Vater des Mädchens im ersten Überwallen seiner Freude und Dankbarkeit aufdringen wollte, ausgeschlagen, und sich bloß ausgebeten hatte, daß es ihrer Mitgift zugelegt werden sollte. Da es wohl wenig Römer gibt, die sich von der Möglichkeit einer uneigennützigen Handlung einen Begriff machen können: so meinten diese Leute, gerade dieser Umstand verrate das heimliche Einverständnis zwischen den Hauptpersonen des Spiels, und Apollonius habe sich die vornehme Miene einer großmütigen Uneigennützigkeit um so leichter geben können, da er sich die Entschädigung ohne Zweifel zum voraus von dem Liebhaber ausbedungen haben werde. Aber wer in diesem Tone von meinem Herren sprach, legte dadurch, außer seiner eignen niedrigen Gemütsart, nichts zu Tage, als daß ihm der Charakter, die Lebensart und die äußern Umstände des Mannes, von welchem er so ungebührlich urteilte, gänzlich unbekannt waren. Überhaupt wurde diese Auferweckungs-Geschichte nicht nur von denen, welche sie bloß andern nachsagten, sondern selbst von vielen Augenzeugen, so verschieden und mit so vielen Zusätzen und einander widersprechenden Umständen herum getragen, daß es mich wundern sollte, wenn sie nicht in der Erzählung des schwachköpfigen Damis , der damals eben von Rom abwesend war, eine ganz andere Gestalt bekommen hätte. Übrigens befestigte sich doch durch diese Begebenheit, ungeachtet sie so verschieden aufgenommen und gar bald durch andere Gegenstände verschlungen wurde, die öffentliche Meinung, daß Apollonius mehr wisse und könne als andre Menschen, und daß es besser sei, ihn zum Freund als zum Gegner zu haben: und dies, glaube ich, war alles, was er sich von ihr versprochen hatte.« Ich . »Aus diesem einzigen Beispiel läßt sich schon hinlänglich abnehmen, was von einer Menge anderer, zum Teil äußerst ungereimter Wunderdinge zu halten sei, welche Damis , in einem Tone, der kaum an einer alten Wollespinnerin erträglich wäre, seiner Meinung nach zum Ruhm, aber in der Tat zum größten Nachteil seines Helden, zusammen gestoppelt hat. Ohne Zweifel wird an dem läppischen Märchen von Menippus und der Empuse zu Korinth noch weniger wahres sein, als an der Römischen Auferweckungsgeschichte?« Kymon . »Ich erinnere mich eines Menippus, der ein sehr warmer Anhänger meines Herren war, und sich zu Korinth mit einer gewissen Lamia in einen Liebesknoten verstrickte, dessen Auflösung von meinem Herren auf eine seiner würdige Art bewirkt wurde.« Ich . »Damis erzählt sein Märchen so umständlich und treuherzig, daß niemand, der an Wassernixen , Empusen , Eselsfüßlerinnen , und an die drei Gräen mit ihrem einzigen gemeinschaftlichen Aug und Zahn, glaubt, das geringste Bedenken tragen kann, es für wahr zu halten. Höre nur! Als Menippus einst einen Spaziergang von Korinth nach dem Hafen von Kenchreä machte, begegnete ihm ein Gespenst in Gestalt einer schönen Frau . Sie nahm ihn bei der Hand, sagte ihm: sie liebe ihn schon seit langer Zeit; sie sei eine Phönizierin, und wohne in einer von den Vorstädten von Korinth. Wenn er sie begleiten und den Abend bei ihr zubringen wollte, sollte er sie singen hören, und einen Wein zu trinken bekommen, wie er in seinem Leben noch keinen gekostet habe; auch sollte er keinen Nebenbuhler zu fürchten haben, und, wofern er sich ihr ganz ergeben wolle, die Treue einer Turteltaube bei ihr finden. Menippus ließ sich verführen, folgte der vermeinten Schönen, und lebte von nun an auf einem vertraulichen Fuße mit ihr. Zu Korinth hieß es, Menippus sei so glücklich gewesen, sich die Gunst einer schönen und reichen Ausländerin zu erwerben; und viele seines gleichen fanden ihn um so beneidenswürdiger, da er, außer einer blühenden Jugend und einer athletenmäßigen Art von Schönheit, nichts aufzuweisen hatte, was die Wahl der fremden Dame rechtfertigen konnte. Aber Apollonius wollte die Korinther und seinen jungen Freund nicht länger im Irrtum lassen. Er nahm den letztern vor, betrachtete ihn eine Weile von Kopf zu Fuß, als ob er (sagt Damis) ein Bildhauer wäre, der ihn abbilden müßte, und redete ihn endlich mit diesen Worten an: ›Schöner junger Mensch und Günstling schöner Damen, du wärmst eine Schlange in deinem Busen! Du hast dich einer Person ergeben, die nie die deinige werden kann. Glaubst du etwa sie liebe dich wirklich?‹ – ›O gewiß‹, versetzte Menippus, ›und so zärtlich als ich nur wünschen kann.‹ – ›Und du gedenkst sie zu heiraten?‹ – ›Warum nicht?‹ – ›Wird die Hochzeit bald vor sich gehen?‹ – ›Vielleicht schon morgen.‹ – ›Gut‹, sagte Apollonius, und ließ es dabei bewenden. Die Geliebte des jungen Menschen hatte inzwischen das Hochzeitfest wirklich veranstaltet. Die dazu eingeladenen Gäste waren versammelt, die Tafeln aufgeschmückt, der Schenktisch mit goldnen und silbernen Gefäßen belastet. Man erwartete nur noch die Braut, als Apollonius unerwartet herein trat. ›Wo ist denn die Schöne‹, fragte er, ›um derentwillen alle diese Zurüstungen gemacht sind?‹ ›Sie wird sogleich erscheinen‹, sagte Menippus errötend, und stand auf, vermutlich um sie abzuholen. ›Wem gehört‹, fragte Apollonius, ›alles dies Gold und Silber und das übrige prächtige Geräte, womit dieser Saal geschmückt ist, dir oder der Dame?‹ ›Der Dame‹, erwiderte Menippus; ›denn dieser Mantel ist meine ganze Habe.‹ ›Du wirst durch alles, was du hier glänzen siehst, nicht reicher werden‹, versetzte Apollonius. ›Habt ihr‹, fuhr er zu den Gästen fort, ›jemals den Garten des Tantalus gesehen?‹ – Sie antworteten: ›Ja, im Homer ; denn in den Tartarus sind wir nie hinab gestiegen.‹ – ›So wißt ihr‹, versetzte Apollonius, ›daß dieser Garten ist und nicht ist . Gerade so verhält es sich auch mit den Reichtümern, die ihr hier sehet. Alles ist bloßes Blendwerk; und damit ihr sogleich die Wahrheit meiner Worte erkennet, so sage ich euch, daß die Königin dieses Fests (sie war eben herein getreten) eine von den Empusen ist, die man im gemeinen Leben Lamien zu nennen pflegt. Sie sind sehr lüstern, aber nicht nach den Freuden der Liebe, sondern nach Menschenfleisch; und wenn sie junge Männer durch die Lockspeise der Wollust anködern, so geschieht es bloß um sie aufzufressen.‹ – Die vermeinte Braut stellte sich über diese seltsame Rede eben so erstaunt als beleidigt, und erlaubte sich in der ersten Bewegung einige heftige Ausdrücke gegen die Philosophen: aber wie sie auf ein einziges Wort des Apollonius alles Gold- und Silbergeschirr, und die elfenbeinernen Tische und alles übrige Hausgeräte, samt dem Gastmahl, den Köchen und den Aufwärtern, verschwinden sah, wurde sie auf einmal geschmeidig, und flehte dem Philosophen, sie nicht zu quälen und zum Geständnis dessen, was sie wäre, zu nötigen. Aber er setzte ihr nur desto härter zu, und ließ nicht eher von ihr ab, bis sie bekannte, sie sei wirklich eine Empuse, und habe den Menippus bloß darum so gut gehalten, um ihn recht fett zu machen und dann aufzufressen; denn das Fleisch schöner Knaben und Jünglinge sei ihre gewöhnliche Nahrung, weil sie gar süßes Blut hätten.« IV. »Das muß ich gestehen, Hegesias«, sagte Kymon lachend, »dein Damis übertrifft wirklich alles was ich ihm zugetraut hätte! Er ist ein wahrer Meister in der Kunst, eine ziemlich alltägliche Begebenheit in – ein Ammenmärchen zu verwandeln. Aber warum nannte sich auch die arme Phönizierin Lamia ? Denn in dem Doppelsinn dieses Namens liegt, wie du selbst schon gemerkt haben wirst, der Schlüssel zu dieser ganzen Wundergeschichte. Die Empuse abgerechnet, ist das übrige meistens wahr, außer daß Damis die Gabe hat, durch die Manier seiner Darstellung die Wahrheit selbst zur Lüge zu machen. Die Heldin dieser sonderbaren Liebesgeschichte war nun freilich kein Gespenst in Gestalt einer schönen Frau; aber sie gehörte doch zu der Art von Hexen, die wir alle unter dem Namen der Hetären kennen. Sie hatte diese Profession, von ihrer frühesten Jugend an, zu Antiochia, Ephesus, Smyrna, und andrer Orten mit dem besten Erfolg getrieben; und weil Personen ihres Standes gern einen von irgend einer Vorgängerin berühmt gemachten Namen anzunehmen pflegen, so hatte sie den Namen Lamia einer Hetäre aus dem Jahrhundert Alexanders abgeborgt, die durch die Leidenschaft des Demetrius Poliorketes für sie, und durch einen Tempel, den ihr die Thebaner unter der Benennung Venus Lamia widmeten, berühmt ist. Ich erinnere mich noch sehr wohl, sie unter diesem Namen zu Smyrna gesehen zu haben, und vermutlich wurde sie damals auch meinem Herren bekannt. Nachdem sie ihre schönsten Jahre damit zugebracht hatte, ihre Reizungen in den reichsten Städten von Syrien und Kleinasien wuchern zu lassen, und im vierzigsten reich genug zu sein glaubte, um die andre Hälfte ihres Lebens in einer angenehmen Unabhängigkeit zuzubringen, vertauschte sie den Namen Lamia mit einem andern, und zog nach Korinth, wo sie sich für die Witwe eines Sidonischen Seefahrers ausgab, und ein schönes Landhaus zwischen der Stadt und dem Hafen von Kenchreä mietete. Dies geschah kurz zuvor, ehe mein Herr nach Korinth kam, wo sich unter andern jungen Leuten auch Menippus an ihn drängte, der ihm von seinem Freunde, dem berühmten Cyniker Demetrius , als ein Jüngling von den reinsten Sitten, und von einem zu allem was schön und gut ist empor strebenden Geist, empfohlen worden war. Das erste ließ seine blühende Gesundheit und Herkulische Stärke; das andre seine zugleich feine und offne Gesichtsbildung schon beim ersten Anblick vermuten. Mein Herr, der unter so vielen andern Gaben auch die, aus dem Äußerlichen der Menschen das Innere zu divinieren , in einem sehr hohen Grade besitzt, gewann diesen Menippus lieb, und war daher nicht gleichgültig, als er aus verschiedenen Anzeichen, die von einem weniger scharfen Auge schwerlich bemerkt worden wären, wahrnahm, daß sein junger Freund seit kurzem in ein Liebesabenteuer verstrickt sei, welches dieser auf alle Weise vor ihm zu verbergen suchte. Er ließ nun alle Wege des jungen Mannes genau beobachten, und entdeckte nicht nur, daß die vorgebliche Phönizierin der Gegenstand seiner Leidenschaft, sondern auch daß es eben dieselbe Hetäre sei, die unter dem Namen Lamia sich in den Ruf gesetzt hatte, daß sie, gleich den fabelhaften Lamien der Milesischen Märchen, ihre Liebhaber zwar nicht eigentlich, aber doch metaphorisch aufgezehrt, oder wenigstens an Leib und Gut so stark benagt habe, daß der ehrliche, nichts böses ahnende Menipp (zumal da sonst nichts an ihm abzunagen war als seine Person) nicht leicht in schlimmere Hände hätte geraten können. Apollonius beschloß also, den jungen Mann dieser Lamie ohne Aufschub aus den Zähnen zu reißen. Es kostete ihm wenig Mühe Menippen zum Geständnis seines Liebeshandels zu bringen: aber als er hörte, daß die Hetäre es gar auf eine Heirat angelegt habe, und die Sache also noch schlimmer sei als er sich vorgestellt hatte, brach er sogleich wieder ab, und begnügte sich den Tag der Hochzeit zu erfahren, ohne das geringste von seiner sogleich genommenen Entschließung merken zu lassen. Menippus wünschte sich Glück, so leicht davon gekommen zu sein, und wir sahen ihn nicht wieder, bis die Stunde kam, da mein Herr, von mir und einigen seiner Anhänger (worunter auch Damis war) begleitet, als ein sehr unerwarteter Zeuge in die reichlich mit Blumenkränzen behangene Wohnung der Braut hinein trat. Damis, der, wie wir andern, im Vorsaale zurück blieb, hat von den Reden, die zwischen meinem Herren und dem Bräutigam vorfielen, zwar einige Worte aufgeschnappt: aber, – die Schuld liege nun an seinem Gedächtnis, von dessen geringer Zuverlässigkeit mir manche Probe bekannt ist, oder daran, daß er die Lücken von dem, was er entweder gar nicht oder unrecht gehört hatte, so gut er konnte, ausfüllen wollte, – genug, du wirst dir selbst vorstellen, daß Apollonius nicht so gesprochen haben könne, wie ihn Damis sprechen läßt. Ich erinnere mich seiner eigentlichen Worte nicht mehr; auch blieb ihr Sinn den Anwesenden und dem Menippus unverständlich, bis die arme Empuse selbst zum Vorschein kam. Sie hatte die noch wohl erhaltnen Reste ihrer Schönheit durch einen schimmernden Anzug in das vorteilhafteste Licht gesetzt, und versah sich bei ihrem Eintritt in den hochzeitlichen Saal vermutlich eher alles andern, als der Anrede, womit sie von meinem Herren bewillkommt wurde. ›Ich bin gekommen‹, sagte er auf sie zugehend, ›um meinen jungen Freund von dir zurück zu fordern, an den eine Person wie Du keine Ansprüche zu machen haben kann.‹ – Die Dame betrachtete den Mann, der so mit ihr sprach, aus großen Augen, trat zurück, und schien in einer Verlegenheit, welche sie vergebens zu verbergen suchte. Indessen raffte sie doch allen ihren Mut zusammen, und antwortete mit so vielem Stolz, als sie ihren Gesichtszügen und Gebärden nur immer geben konnte: ›Wer bist du, der sich vermessen darf, mich in einem so ungebührenden Ton anzureden und mit einer solchen Absicht in mein Haus einzufallen?‹ – ›Kennst du mich nicht‹, versetzte mein Herr ganz gelassen, ›so kennst du wenigstens dich selbst zu gut, um mit dem neuen Namen, den du dir beigelegt hast, vergessen zu haben, daß du eben diese Lamia bist, die ihre Reize zwanzig Jahre lang in den Hauptstädten Asiens öffentlich feil trug, und daß die Reichtümer, die du hier zur Schau ausstellst, die Beute von einigen hundert Unglücklichen sind, die du mit einer deines Namens würdigen Raubgier aufgezehrt hast.‹ – Jetzt merkte Lamia, daß äußerste Unverschämtheit das einzige sei, wodurch sie sich in diesem gefährlichen Augenblick retten könne. Sie wandte sich mit erzwungenem Lachen zu den Eingeladenen: ›Der Herr scheint ein Philosoph – oder wahnsinnig zu sein, wenn er nicht beides zugleich ist; in jedem Fall ist er ein eben so lästiger als ungebetener Gast. Wie wenn wir ihn ersuchten, sich unverzüglich wieder zu entfernen, und unsre Freude nicht länger durch seine böse Laune zu vergiften?‹ – Die Gäste standen, schweigend und die Augen auf meinen Herren geheftet, gleich eben so vielen Bildsäulen da, und erwarteten in tiefer Stille, was aus dem Handel werden würde. ›Nein, Unverschämte‹, sagte mein Herr, indem er näher auf sie zuging, › so kommst du nicht davon! Ich bin Apollonius von Tyana, und du bist die Hetäre Lamia, die unter einem falschen Namen und durch betrügerische Kunstgriffe die Einfalt dieses Jünglings, der unter meiner Führung steht, bestrickt hat, und ihn, ohne meine Dazwischenkunft, zu einer schimpflichen Verbindung, die in jeder Rücksicht sein Verderben wäre, verleitet haben würde. Ich habe hier mächtige Freunde; aber wenn ich auch ganz allein stände, so ist die Wahrheit mächtig genug, mir den Sieg über dich zu verschaffen. Bekenne auf der Stelle, daß du die Hetäre Lamia bist‹, fuhr er fort, indem er einen dieser Blicke auf sie warf, womit ich ihn, wie mit einem Wetterstrahle, wohl eher Männer selbst zurück schleudern sah, ›und entsage meinem Freunde Menippus auf immer: oder ein Verhaftsbefehl, dessen Gebrauch in meiner Willkür steht, soll in diesem Augenblicke vollzogen werden.‹ – Diese Worte, mit einer Donnerstimme ausgesprochen, und die Gewißheit, daß sie entdeckt sei, und daß es vergeblich wäre, einem so sehr überlegnen Gegner länger die Stirne bieten zu wollen, brachten die arme Lamia so gänzlich aus aller Fassung, daß sie sich meinem Herren zu Füßen warf, und ihn mit Tränen beschwor, ihrer zu schonen, und sich an ihrem Worte zu begnügen, daß sie ihre Ansprüche an Menippen auf immer aufgebe. Aber Apollonius blieb, (wie Damis sagt) unerbittlich: sie mußte in Gegenwart des bestürzten und beschämten Menippus bekennen, daß sie wirklich diese berüchtigte Lamia sei, welche mein Herr beim ersten Anblick in ihr erkannt hatte; und da ihm dieses Geständnis hinlänglich schien, seinen jungen Freund von seiner unwürdigen Leidenschaft zu heilen, so begnügte er sich, den letztern auf der Stelle mit sich zu nehmen, und die entlarvte Hetäre ihrem Schicksal zu überlassen, ohne von dem Verhaftsbefehl Gebrauch zu machen, den er, auf alle Fälle, von dem Römischen Statthalter in Korinth ausgewirkt hatte.« Ich . »Aber wie war es denn mit dem plötzlichen Verschwinden des Goldes und Silbers und der Hausbedienten?« Kymon . »Es ging damit eben so natürlich zu, als mit allem übrigen. Sobald Lamia das Wort Verhaftsbefehl hörte, gab sie ihrem Hausverwalter einen Wink, dem vermutlich eben dieses Schreckenswort zum Ausleger diente. Denn in wenig Augenblicken machten sich die Bedienten mit allen Kostbarkeiten in möglichstes Stille davon. Auf die nämliche Art verschwand auch die schöne Lamia selbst: denn sie schiffte sich mit allen ihren Habseligkeiten noch in derselben Nacht auf einem nach Athen befrachteten Kornschiff ein, und wurde zu Korinth nicht wieder gesehen.« V. »Deine Glaubwürdigkeit, Kymon, ist für mich etwas ausgemachtes«, sagte ich: »auch braucht man das alberne Buch des Damis nur zu durchblättern, um zu sehen, daß er sogar dann, wenn er nichts erzählt als was er selbst gesehen und gehört zu haben glaubt, keine Aufmerksamkeit verdient. Indessen ist mir dennoch unbegreiflich, wie er bei der Begebenheit, wovon die Rede ist, zugegen sein, und sie gleichwohl in ein so läppisches Rockenstubenmärchen umgestalten konnte; da er doch gehört haben mußte, daß seine vorgebliche Empuse zwar Lamia hieß , aber darum keine Lamie war ; hingegen das Geständnis, das er sie zuletzt tun läßt, nicht gehört haben konnte, weil sie nichts dergleichen gestand; und da er überdies weder sagt noch sagen konnte , er habe sich durch seine eigenen Augen überzeugt, daß sie aus einer schönen Frau wieder zur Empuse geworden sei.« Kymon . »In der Tat kann ich dirs nicht verdenken, wenn du gegen die Ehrlichkeit des schwachköpfigen Niniviten eben so starke Zweifel bekommen hast, als gegen seinen Verstand. Und doch muß ich, zur Steuer der Wahrheit, meiner vorigen Erzählung noch eine kleine Anekdote anhängen, die mir inzwischen beigefallen ist, und die dich vielleicht auf bessere Gedanken von ihm bringen wird. Als Apollonius von diesem kleinen Abenteuer nach Hause zurück gekommen war, unterhielten wir andern, die ihn begleitet hatten, uns in seiner Gegenwart noch eine Weile damit, ohne daß er Anteil an dem Gespräche zu nehmen schien. Damis hörte uns stillschweigend zu; denn er war ein sehr bescheidener Mensch, und hatte, außer dem tiefsten Gefühl, daß er unter Hellenen nur ein Barbar sei, überhaupt eine sehr mäßige Meinung von seiner Fähigkeit zum Philosophieren. Als aber endlich eine kleine Pause entstand, platzte er auf einmal mit einem wie aus der Luft gegriffenen Einfall heraus, worüber wir einander mit Erstaunen ansahen; denn wir sahen daraus, daß er die Geliebte des Menippus, weil er sie Lamia nennen gehört hatte, für eine wirkliche Empuse hielt. Apollonius, welcher, ungeachtet er mit etwas anderm beschäftigt war, alles was gesprochen worden, gehört hatte, winkte uns zu schweigen, und sagte lächelnd: ›Das muß man gestehen, unser Freund Damis hat eine glückliche Einbildungskraft!‹ – ›Mit deiner Erlaubnis, Apollonius‹, erwiderte die treuherzige Seele, ›glücklich und unglücklich, wie mans nehmen will; denn, bei der großen Atergatis ! ich werde diese arme Empuse, wie sie in ihrem schimmernden Brautschmuck zu deinen Füßen lag, und ihre schönen Arme zu dir aufhob, und dich mit großen Tränen in ihren schwarzen Augen bat, sie nicht länger zu peinigen – nein, in meinem ganzen Leben werd ich sie nicht wieder aus dem Kopfe kriegen! Sie war freilich nur ein Ungetüm: aber wer sonst als Apollonius hätte ihr das ansehen sollen? Wir Assyrer haben ein weiches Herz. Lacht immer so viel ihr wollt, ihr andern! ich wünschte daß ich nicht dabei gewesen wäre! Denn das weiß ich gewiß, daß ich in meinen Träumen oft genug für meinen Vorwitz büßen werde.‹ – Ich denke, du begreifst nun, Hegesias, wie der unbezweifelte Glaube, daß es Empusen gebe, die den schönen Jünglingen nachstellen, um sie aufzuessen, und die Voraussetzung, daß die Braut des Menippus ein solches Gespenst gewesen sei, in einem Gehirne, welchem dergleichen Vorstellungen geläufig waren, allen Umständen der Geschichte eine diesem Wahn gemäße Gestalt und Farbe geben mußte. Und wenn Damis auch in der Folge das eine und andere, um seine Erzählung runder und mit sich selbst übereinstimmender zu machen, aus seiner Einbildung , anstatt aus dem Gedächtnis , hinzu tat: so vermute ich, er tat daran nicht mehr, als alle Liebhaber des Wunderbaren zu tun pflegen, wenn sie vorgebliche Wunderdinge, wovon sie Augenzeugen waren, erzählen. Ich wenigstens habe allemal bemerkt, daß solche Leute, mit der ehrlichsten Miene von der Welt, immer mehr gesehen haben wollen , als sie wirklich gesehen haben können : nicht, weil sie uns vorsätzlich belügen wollen, sondern weil sie im Erzählen von ihrer Liebe zum Wunderbaren in eine so lebhafte Begeisterung gesetzt werden, daß sie das, was sie mit ihren Augen sahen, von dem, was ihre erhitzte Phantasie hinzu tut, selbst nicht mehr zu unterscheiden vermögen.« Ich . »Aber wenn ein Biograph , um nur recht wunderbare Dinge von seinem Helden sagen zu können, ihm sogar Abscheulichkeiten nachsagt, die kein gewöhnlich ehrlicher Mann auf sich sitzen lassen könnte: womit wollen wir ihn dann entschuldigen?« Kymon . »Hat Damis das getan?« Ich . »In seiner Erzählung von der Pest zu Ephesus , welche Apollonius durch ein Wunder von der abgeschmacktesten Art vertrieben haben soll.« Kymon . »Du machst mich neugierig zu hören, wie der närrische Mensch diese Begebenheit erzählt.« Ich . »Die Pest (sagt er) zeigte sich zu Ephesus während Apollonius sich daselbst aufhielt. Apollonius, der das Übel überhand nehmen sah, ohne daß die Epheser irgend eine Anstalt dagegen machten, warnte sie mehrmalen öffentlich, und sagte ihnen was sie zu tun hätten: da er sie aber, aller seiner Ermahnungen ungeachtet, in ihrem unklugen Leichtsinn beharren sah, fand er nicht für gut, den Erfolg seiner Vorhersagungen abzuwarten, sondern machte sich auf den Weg, auch Smyrna und die übrigen Städte Ioniens zu besuchen.« Kymon . »Bis hierher scheint mir Damis der Wahrheit ziemlich treu geblieben zu sein.« Ich . »Höre nur weiter! Die Pest griff inzwischen zu Ephesus so schnell um sich, und richtete solche Verwüstungen an, daß die Einwohner, die sich selbst in dieser Not nicht zu helfen wußten, endlich ihre Zuflucht zum Apollonius nahmen, und ihn inständig bitten ließen, wieder zu kommen und sich ihrer anzunehmen. Dieser wollte sie nicht lange auf seine Hülfe warten lassen, und versetzte sich, nach dem Beispiel des Pythagoras, der zu gleicher Zeit zu Metapont und zu Thurium gesehen wurde, von Smyrna nach Ephesus. Hier versammelte er die sämtlichen Einwohner, ermahnte sie Mut zu fassen, und versprach ihnen, daß er der Pest noch an demselben Tage steuern wollte. Er führte sie hierauf in das Theater, wo sie einen häßlichen alten zerlumpten Bettler antrafen, der auf eine seltsame Art mit den Augen blinzte, und einen mit Stückchen Brot angefüllten Quersack auf den Schultern hatte. Apollonius befahl den Ephesern, diesen Feind der Götter zu umringen und zu steinigen. Ein so grausamer Befehl setzte die guten Leute in Erstaunen und Verlegenheit; denn sie fanden es unmenschlich, einen armen Unglücklichen zu steinigen, der nichts verbrochen hatte, und in den beweglichsten Ausdrücken um sein Leben bat. Aber Apollonius ermahnte sie, keinen Augenblick zu zaudern und diesen Menschen ja nicht entrinnen zu lassen. Einige der Anwesenden fingen nun an mit Steinen nach dem Bettler zu werfen, und siehe da! eben derselbe, der vorher immer blinzelte, öffnete plötzlich ein Paar feurige Augen, aus denen er die fürchterlichsten Blicke auf sie schoß. Nun sahen die Epheser, daß es ein Dämon sei , und steinigten ihn mit solchem Eifer, daß er in kurzem von einem großen Steinhaufen überdeckt war. Bald darauf befahl Apollonius, sie sollten die Steine wieder wegschaffen, um zu sehen was für ein Tier sie getötet hätten. Die Epheser gehorchten; aber anstatt des Bettlers, den sie zerschmettert zu finden glaubten, fanden sie einen Hund von ungeheurer Größe, der, als man ihn zu Tode steinigte, einen Schaum von sich gab, als ob er wütend wäre.« Kymon . »Und Damis hat die Unverschämtheit, sich für einen Augenzeugen dieser Geschichte auszugeben?« Ich . »Das tut er nicht , Kymon; auch konnte er nicht wohl selbst dabei gewesen sein, da er vermutlich dem Pythagoras nicht ähnlich genug war, um sich in einem Augenblick von Smyrna nach Ephesus zu versetzen, wie Apollonius, seinem Vorgeben nach, getan haben soll.« Kymon . »In der Tat war ich von allen, welche meinen Herren damals umgaben, der einzige, den er auf dieser Reise mit sich nahm; und wiewohl wir sie mit möglichster Eilfertigkeit machten, so wirst du vermutlich keinen weitern Beweis gegen das lächerliche Vorgeben des Niniviten von mir verlangen, als die bloße Versicherung, daß wir weder auf Merkurs Flügelsohlen, noch auf einem Pfeile, wie der Skythe Abaris , sondern auf zwei schnellen Rennpferden zu Ephesus anlangten. Apollonius wußte, oder konnte wenigstens (wie er mir nachher selbst sagte) mit größter Wahrscheinlichkeit vermuten, daß die Epidemie zu Ephesus, die bei seiner Abreise ihrem höchsten Punkt nahe war, jetzt wieder im Abnehmen sei: und so konnte er den Ephesern um so zuversichtlicher versprechen, daß er sie von der Pest befreien wolle, da er jetzt mehr Gelehrigkeit von ihnen erwarten durfte. Es war immer eine seiner Hauptmaximen, daß man, in Fällen dieser und ähnlicher Art, vor allen Dingen die Einbildungskraft der Menschen entweder überwältigen, oder auf seine Seite ziehen müsse. Hierin hat es ihm schwerlich jemals ein Sterblicher zuvorgetan, und ich bin überzeugt, daß der größte Teil der wunderähnlichen Dinge, deren er so viele getan hat, dieser Gewalt, die er über die Einbildung gewöhnlicher Menschen ausübte, zuzuschreiben ist. Wahr ist es, daß ein gewisses dunkles, den meisten unerklärbares Gefühl der Überlegenheit seines Genius, – ein Gefühl, das durch die majestätische Schönheit seiner Person und die Würde seines Anstands nicht wenig erhöht wurde, – sehr viel zu dieser Wirkung beigetragen haben mag; sogar seine Stimme, deren reinen Metallklang er jeder Erfordernis anzupassen und von der lieblichsten Sanftheit bis zum furchtbarsten Donner zu erheben wußte, war in dieser Rücksicht kein unbedeutendes Hülfsmittel. Aber das alles würde ohne die tief eindringende Kenntnis, die er, wie durch unmittelbare Anschauung, von den Menschen hatte, auf welche er wirken wollte, – ohne die richtigste Beurteilung der Zeit, des Orts und der übrigen seinen Absichten günstigen oder nachteiligen Umstände, – und ohne genaue Berechnung des Grades von Kraft, der in jedem besondern Falle hinlänglich war, die Erfolge nicht hervorgebracht haben, wovon ich während eines halben Jahrhunderts Zeuge gewesen bin. Was die Epheser, von welchen die Rede ist, betrifft, so muß ich gestehen, daß sie ihm diesmal die Erreichung seiner Absicht sehr erleichterten. Nichts ist der schwärmerischen Freude und dem gläubigen Vertrauen gleich, womit alle Einwohner dieser großen Stadt, gesunde, genesende und kranke selbst, wenn sie nur noch so viel Kräfte zusammen raffen konnten ihm entgegen zu kriechen, sich um ihn her versammelten, sobald seine Ankunft ruchtbar wurde, welche man bloß darum, weil man sie nicht so bald erwartet hatte, für etwas wunderbares anzusehen geneigt war. Apollonius hielt, seiner Gewohnheit nach, nur eine kurze Anrede an das Volk, worin er ihnen, im Namen Äskulaps, die Bedingungen ankündigte, unter welchen er sie von der Pest befreien wollte. Es deuchte ihm unumgänglich, diese Bedingungen einem äußerst abergläubischen Volke in allerlei religiöse Zeremonien einzuhüllen: aber, der Hauptsache nach, bestanden sie in lauter solchen Vorschriften, deren Befolgung ihrer Seuche auf die einzig mögliche Art ein Ende machen konnte. Unter andern befahl er, die Stadt unverzüglich von allen fremden Bettlern und anderm heillosen Gesindel zu reinigen, durch welches (wie man zu vermuten Ursache hatte) diese ansteckende Krankheit in die Stadt gebracht worden war; und bei dieser Gelegenheit könnte sich wohl etwas zugetragen haben, was in der Folge zu dem läppischen Märchen des Damis Anlaß geben konnte. Es ist so leicht, das, was daran wahr sein kann, von dem abgeschmackten Wunderbaren abzusondern, was nach und nach, indem das Geschichtchen durch etliche hundert Spinnstuben lief, zur Verschönerung desselben hinzu gefabelt wurde, daß es lächerlich wäre, mich länger dabei aufzuhalten. Mit dem Hunde hatte es ohne Zweifel die nämliche Bewandtnis. Was für ein Zufall auch mit dabei im Spiele gewesen sein mag, so war der unter den Steinen irgend eines alten Gemäuers angetroffene Hund wahrscheinlich ein wirklich toller Hund; so wie der gesteinigte Bettler, der auf einmal zum Kakodämon wurde, ein wirklicher, vielleicht wahnsinniger Bettler war, der sich, da die Stadt von allen seines gleichen gereiniget wurde, hinter jene Ruinen flüchtete, und von einem zusammen gelaufenen Haufen Volks endlich mit Steinen verjagt wurde. Alles was ich dir von dieser Anekdote, die nur ein Damis so zu erzählen fähig war, mit Gewißheit sagen kann, ist, daß ich, so lange wir zu Ephesus verweilten, kein Wort von dem Betteldämon und seinem Hunde gehört habe, und daß mein Herr wahrscheinlich eben so wenig davon weiß als ich.« Ich . »In der Tat schäme ich mich, lieber Kymon, dich mit einer so unwürdigen Posse aufgehalten zu haben. Indessen ist es doch ärgerlich, daß einem Manne wie Apollonius solche Dinge von seinem Biographen nachgesagt werden sollen; und, was das schlimmste ist, von einem Biographen, der den Vorteil hat, sich für einen Schüler und Vertrauten desselben ausgeben zu können. Erlaube mir zu sagen, daß es mir unbegreiflich ist, wie Apollonius einen so blödsinnigen Barbaren so lange und so nahe um sich dulden mochte.« Kymon . »Das kann ich dir leicht begreiflich machen. Als mein Herr seine Reise zu den Gymnosophisten in Indien antreten wollte, betrachtete er es als einen sehr glücklichen Zufall, daß er an diesen Niniviten geriet, den er zum Dolmetscher unter den verschiedenen Völkern, deren Länder wir durchwandern mußten, gebrauchen zu können hoffte. Was diesem dabei zur Empfehlung diente, war, daß er eine ziemliche Fertigkeit in unsrer Sprache besaß, und eine unsägliche Begierde zeigte, im Umgang mit Hellenen aus einem Barbaren zu einem Menschen (wie er sich selbst ausdrückte) umgebildet zu werden. Überdies war er an seinem Ort angesehen, hatte Vermögen, und fiel also von dieser Seite meinem Herren nie zur Last. Seine Blödigkeit schien durch alle diese Eigenschaften und Umstände hinlänglich vergütet; aber auch ohne diese Rücksicht mußte seine Assyrische Vorstellungsart, sein Hang zum Wunderbaren, seine Leichtglaubigkeit, die ungeheure Menge von Zauber- und Geistermärchen, womit sein Kopf dicht angefüllt war, und die abergläubischen Wahnbegriffe aller Arten, die ihm für lauter ausgemachte Wahrheiten galten, ihn bei manchen Gelegenheiten, und in Augenblicken, da ein wenig fremde oder eigene Torheit dem Weisen selbst Bedürfnis ist, zu einem sehr kurzweiligen Gesellschafter machen. Damis war freilich ein Narr; aber ein drolliger und gutmütiger Narr, dem man nichts übel nehmen konnte, und der, trotz seiner Unverbesserlichkeit, immer bereit war, andern über seine eigenen Albernheiten lachen zu helfen. Mein Herr pflegte zu sagen: ein weiser Mann habe sich vor nichts so sehr zu hüten, als über den unheilbaren Unsinn der Menschen zu zürnen ; und er schien den Niniviten vornehmlich darum gern um sich zu haben, weil ein so großer Teil der Torheit des ganzen Menschengeschlechts in ihm personifiziert war, und man sich also immer an ihm in der schweren Kunst, die Narren zu ertragen, üben konnte. Zu allem diesem kam noch der besondere Beweggrund, daß Damis ein ungemein bequemes Werkzeug war, auf die untern Volksklassen zu wirken, ohne daß Apollonius etwas andres dabei zu tun hatte, als ihn seiner kindischen Vorstellungsart zu überlassen. Die Wunderdinge, die er von seinem Meister erzählte, konnten diesem bei vernünftigen Menschen nicht schaden, und setzten ihn hingegen bei den übrigen in eine Art von religiöser Achtung, die ihm zu seinen großen Absichten unentbehrlich war.« Was sagst du, Timagenes, zu diesem Freigelaßnen des Apollonius? Findest du nicht, daß er die Meinung vollkommen rechtfertiget, die ich dir zum voraus von der Richtigkeit seines Verstandes gegeben habe? VI. Kymon bemerkte jetzt, daß es Zeit sei, ins Bad zu gehen, und führte mich in ein Gemach, wo wir alles, was zu diesem Gebrauch nötig ist, bereit fanden. Als wir wieder angekleidet waren, begaben wir uns in die Wohnung Agathodämons zurück. Wir trafen ihn in einem kleinen Speisesaal an, wo er, in Erwartung unsrer Zurückkunft, sich von dem zu seinen Füßen sitzenden jungen Mädchen einen Orphischen Hymnus hatte vorlesen lassen. Als wir herein traten, fuhr er, ohne uns zu bemerken, fort, dem mit seelenvollen Augen an seinem Blicke hängenden Kinde den Inhalt des Gelesenen zu erklären. Bald darauf befahl er ihr das Essen aufzutragen, grüßte mich, und wiederholte seine Einladung zu einer Mahlzeit, die ich den strengsten Vorschriften der Hippokratischen Familie gemäß finden würde. »Du wirst dich, denke ich, nicht daran stoßen«, fuhr er fort, »daß ich mich in der kleinen Gesellschaft, worin ich hier, von der Welt abgesondert, wie auf einer unbewohnten Insel des Atlantischen Ozeans lebe, von allem Zwang der Hellenischen und Morgenländischen Sitten dispensiere. Ich betrachte die kleine Familie, die mir hierher gefolgt ist, als die meinige, und wir leben mit einander, als ob wir die einzigen in der Welt wären.« Indem er dies sagte, trat Kymon mit seinem Weibe und der kleinen Apollonia herein; denn diesen Namen hatte er, seinem ehemaligen Herren zu Ehren, seiner Tochter beigelegt. Der Tisch wurde mit Brot, Gartengemüsen, Eiern, und verschiedenen Früchten der Jahrszeit besetzt. Die beiden Frauenspersonen setzten sich auf kleinen dreifüßigen Stühlen dem Alten gegenüber, ich und Kymon nahmen zu beiden Seiten auf Polstern Platz. Agathodämon aß wenig, trank Wasser, und beschloß seine Mahlzeit mit einem kleinen Becher unvermischten Weins von Thasos, worein er eine Art von äußerst leichtem Weizenbrot tunkte, welches von Kymons Gattin für ihn besonders zubereitet wurde. Er war sehr munter; und wiewohl er (nach Art alter Personen) beinahe allein sprach, so hätte ich ihm doch, deuchte mich, Tag und Nacht zuhören mögen; so geistvoll und unterhaltend war sein Gespräch, auch wenn der Gegenstand von geringer Wichtigkeit war. Schwerlich lebte jemals ein Sterblicher, der mehr gesehen, größere Reisen gemacht, und sich mehr Gelegenheiten, die Menschen kennen zu lernen, zu verschaffen gewußt hätte. Sein Gedächtnis in einem so hohen Alter würde ein Wunder geschienen haben, wenn nicht alles andre an ihm eben so außerordentlich gewesen wäre. Von allem, was er in seinem ganzen Leben gesehen, gehört, und getan hatte, schien er nichts verloren zu haben; alles stand, wie in einer unermeßlichen, wohl geordneten Bildergalerie, im richtigsten Zusammenhange des Orts, der Umstände und der Zeit, in seinem Kopfe, und es hing bloß von ihm ab, welches Bild oder welche Reihe von Bildern er hervor winken und gleichsam lebendig machen wollte. Kein Zug war verwischt, keine Farbe erloschen, keine Erinnerung durch die Länge der Zeit mit andern zusammen geflossen, oder unkenntlich gemacht. Sein Verstand zeigte sich immer eben so hell und unbewölkt, als sein Gemüt rein von Leidenschaft. Auf der Höhe, worauf er selbst stand, mußten ihm zwar die menschlichen Dinge, wenigstens alles, was den Gegenstand unsrer heftigsten Begierden, Sorgen und Mißhelligkeiten ausmacht, sehr klein und unbedeutend vorkommen; aber, anstatt von diesen Dingen bloß nach ihrem Verhältnis zu ihm selbst zu urteilen, dachte er sich immer, wo es nötig war, an die Stelle und gleichsam in die Seele der andern, sah die Idole ihrer Liebe oder ihres Hasses, ihrer Furcht oder ihrer Hoffnung mit ihren Augen an, und vermied dadurch nicht nur schiefe und unbillige Urteile über sie, sondern gewann auch desto mehr Gelegenheiten, durch Herablassung zu ihrer Vorstellungsart ihnen sowohl als der guten Sache, die sein Hauptzweck war, nützlich zu werden. Wiewohl er sich selbst von allen Arten von Vorurteilen los gewunden hatte, so erkannte er doch, – was so manche voreilige Weltverbesserer , zum größten Schaden derer, denen sie helfen wollten, nicht gesehen haben, – daß es wohltätige Vorurteile und schonenswürdige Irrtümer gibt, welche eben darum, weil sie dem morschen Bau der bürgerlichen Verfassungen, und, bei den meisten Menschen, der Humanität selbst zu Stützen dienen, weder eingerissen, noch unbehutsam untergraben werden dürfen, bis das neue Gebäude auf einem festern Grund aufgeführt ist. Diese Überzeugung allein (oder ich müßte mich sehr an ihm irren) war die Ursache jener mystischen Hülle , womit er sich, so lang' er unter den Menschen lebte, umgeben hatte, und welche bei einigen den Grund, bei andern den Vorwand der schiefen Urteile abgab, die man so häufig über ihn aussprechen hörte. Auch hatte er sie, seitdem er aus dem dumpfen Kreise der Wolken und Stürme in diese beinah ätherische Höhe gezogen war, von sich geworfen, und erschien mir, eben so wie seinem alten Vertrauten, in seinem eigenen Lichte . Indessen war doch, durch die lange Gewohnheit, noch immer eine Art von zartem durchsichtigen Nebel zurück geblieben, worin dieses Licht sich brach, und dadurch einen gewissen Schein um ihn verbreitete, der ihm dieses besser zu fühlende als zu beschreibende Etwas gab, womit er mich, so oft ich ihm nahte, zugleich anzuziehen und zurück zu drücken schien, und was mich beinahe wider meinen Willen nötigte, mich in der Gegenwart eines höhern Wesens zu glauben. – Dieses unnennbare Etwas in seinem ganzen Äußern und Innern war es hauptsächlich, was ich im Sinne hatte, lieber Timagenes, da ich dir gleich anfangs von meiner Darstellung so wenig versprach, daß es mir vielleicht gelingen könnte, wie weit ich auch unter meinem Urbilde bleibe, doch noch mehr zu leisten, als ich dich erwarten ließ. Viertes Buch I. Das Tischgespräch lenkte sich unvermerkt auf den Wahn der Ziegenhirten, den ich als die erste Ursache meiner Bekanntschaft mit Agathodämon segnete. Dies brachte uns auf die Allgemeinheit des Glaubens an übernatürliche Dinge , dessen Ursprung sich allenthalben in jenen Zeiten verliert, da die Menschheit, roh und ungebildet, noch gleichsam als ein Kind am Busen der Natur lag, und alle ihre Triebe, Neigungen und Kraftäußerungen, noch bloß vom Bedürfnis erregt und vom Instinkt geleitet, als wahre Eingebungen der Natur zu betrachten sind. »Sonderbar«, sagte Kymon, »daß es dem Menschen natürlich ist, übernatürliche Dinge zu glauben!« »Was man unter dieser letzten Benennung begreift«, versetzte Agathodämon, »ist entweder Hirngespenst , und also in gewissem Sinn, als Geschöpf der menschlichen Einbildungskraft, natürlich; oder etwas, das an einer höhern Ordnung der Dinge hängt, und nur darum übernatürlich scheint , weil es außer dem engen Kreise unsrer Sinnenwelt liegt, den man irrig mit der Natur selbst zu verwechseln gewohnt ist.« »Diesem nach«, sagte ich, »gäbe es, eigentlich zu reden, gar nichts übernatürliches?« »Gewiß nicht«, antwortete jener, »oder die Natur müßte nicht Alles was ist , war , und sein wird , umfassen.« »Also auch das Chaos unsrer alten Dichter? Oder wofür sollen wir dieses halten, Agathodämon?« »Es ist entweder gar nicht denkbar, oder, wenn wir es uns so, wie es von den Dichtern geschildert wird, vorstellen, so ist es der natürliche Zustand eines durch natürliche Ursachen zerstörten , und durch die Kräfte der Natur sich wieder herstellenden oder umgestaltenden großen Weltkörpers.« »Du betrachtest also, wenn ich dich anders recht verstanden habe, nicht nur den religiösen Glauben an Dämonen , sondern sogar die Magie , als etwas, wozu uns die Natur selbst gewisser Maßen einladet? Ich nehme beide zusammen, weil sie (so viel mir bekannt ist) bei allen Völkern von jeher in ziemlich enger Verbindung mit einander standen.« »In so enger«, sagte Agathodämon, »daß, wiewohl man jenen aufheben könnte, ohne diese zugleich zu vernichten, diese nicht zerstört werden könnte, ohne jenen mit in ihren Fall zu ziehen.« »Du berührest hier etwas«, versetzte ich, »worüber ich gern ins klare kommen möchte. Darf ich dich bitten, Agathodämon, uns deine Gedanken über diese Verbindung der Magie mit der Religion ausführlicher mitzuteilen?« II. »Sehr gern«, erwiderte er; »nur mußt du dir gefallen lassen, bis zum Ursprung von beiden mit mir zurück zu gehen. Ihre Quellen sind zwar verschieden, aber sie entspringen so nahe an einander, daß sie gar bald in einem gemeinschaftlichen Bette zusammen fließen. Die erste Quelle des Dämonism ist ohne Zweifel der allgemeine, dem Menschen wesentliche Trieb, alles was außer ihm ist oder zu sein scheint (was hier gleich viel ist), so viel nur immer möglich, sich selbst zu assimilieren , und sich unter Formen, die seiner eigenen ähnlich sind, vorzustellen. In unsrer ersten Kindheit zerfließen die äußern Dinge, so zu sagen, im Gefühl unser selbst , und nur allmählich lernen wir die Gegenstände von den Empfindungen, welche durch sie erregt werden, und diese vom Gefühl unser selbst unterscheiden. Auch nachdem wir diese erste Stufe der Entwicklung erstiegen haben, währt es noch eine ziemliche Zeit, bis wir uns die Dinge, die uns umgeben, als zusammenhangende und in einander greifende Teile Eines Ganzen vorstellen. Wir sehen alles nur vereinzelt, für sich bestehend, und der Raum, worin wir die Dinge sehen, ist das einzige, was sie zu verbinden scheint; so wie ihre unmittelbare Beziehung auf unsre Sinne und körperlichen Bedürfnisse das einzige ist, wodurch sie uns etwas sind. Unvermerkt, wie wir mit uns selbst bekannter und sowohl unsrer innern Regungen, als des Vermögens unsern Körper willkürlich zu bewegen, uns immer klarer bewußt werden, tragen wir diese Eigenschaften auch auf andre Wesen über, und teilen allem Leblosen etwas von unserm Leben , allem Lebenden etwas von unsrer Seele mit. Auf einer noch höhern Stufe der Entwicklung bilden sich in uns die Begriffe von Ursache und Wirkung , von Mittel und Zweck ; und indem wir auch hierin das, was in uns ist und vorgeht, zum Vorbilde dessen, was außer uns ist oder vorgeht, zu machen genötigt sind, stellen wir uns die von unsrer Willkür unabhängigen Veränderungen aller Art, die wir in der Natur gewahr werden, als Wirkungen einer Art von Wesen vor, welche, gleich uns , mit Bewußtsein, Willkür und Absicht handelten. Auf diese Weise geschah es, daß bei allen Völkern, die ihrem ersten Naturstande noch nahe waren, die Unwissenheit der wirklichen Ursachen, oder der Gesetze, nach welchen die unbekannten Naturkräfte wirken, auf der einen Seite, und der angeborne Trieb, uns selbst gleichsam in den Dingen außer uns zu spiegeln, auf der andern, einer unendlichen Menge von Menschen-ähnlichen Dämonen im Himmel und auf Erden ein eingebildetes Dasein gab, dessen Wirkungen man zu sehen glaubte, wiewohl sie selbst unsichtbar waren. So erhielten Sonne, Mond und Sterne, Luft und Erde, Meer, Flüsse und Quellen, Berge, Wälder und Fluren überall ihre besondern Dämonen : und da man sie als die Ursachen von Licht und Finsternis, von Wärme und Kälte, von Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit, von dem ewigen Wechsel der Tages- und Jahreszeiten und allem was sich in unserm Luft- und Dunstkreise zuträgt, ingleichen von allen zerstörenden Wirkungen der Gewitter, Stürme, Wasserfluten, Vulkane und Erderschütterungen betrachtete; so verband man mit dem Glauben ihres Daseins die Vorstellung einer übermenschlichen Macht . Man dachte sie sich als willkürliche Beherrscher der Natur , die sich in die verschiedenen Reiche, Kreise und Bezirke derselben geteilt hätten; und weil man sie nur aus ihren wohltätigen oder verderblichen Wirkungen kannte, so war die verworrene Vorstellung von ihrer Macht natürlicher Weise von jener Furcht begleitet, die wir vor unsichtbaren Wesen haben, in deren Gewalt wir zu sein glauben, und deren Handlungsweise uns eben so unbekannt, als ihre Macht unbestimmbar und ihre Gesinnung gegen uns zweifelhaft ist. Man war also um so geneigter, ihnen alles Böse , dessen nächste Ursachen man nicht kannte, zuzuschreiben, da man sie, vermöge des mehr besagten Mechanism der menschlichen Vorstellungskraft, sich nicht ohne Bedürfnisse, Leidenschaften und Launen, die den unsrigen ähnlich wären, einbilden konnte. Der Gedanke, daß sie beleidigt werden könnten , machte daß man auf Mittel bedacht war, sich ihres Wohlwollens zu versichern, und falls sie sich, durch irgend ein bekanntes oder unbekanntes Vergehen, wirklich beleidigt fänden, ihren Zorn zu besänftigen. Hier, Hegesias, hast du, mit wenigem, den wahren Ursprung aller dämonistischen Religionen! – Wie Priester und Mystagogen , Dichter und Bildner , nach und nach einen so reichhaltigen und bildsamen Stoff verarbeitet haben, ist bekannt. Unleugbar haben die Letztern sich am wenigsten an den Göttern versündiget. Denn was ihre Kunst vermag, haben sie getan, uns an anständige und sogar erhabene Vorstellungen von denselben zu gewöhnen: da hingegen Homer und seine Familie gegen den Vorwurf, daß sie sogar die großen Götter, an welche die öffentliche Verehrung der Hellenen vorzüglich gerichtet ist, als Muster der unsittlichsten Handlungen aufgestellt, vielleicht mit den rohen Sitten seiner Zeit zu entschuldigen, aber nie zu rechtfertigen ist. Indessen trifft doch der Vorwurf, den Volksglauben zum Vorteil ihrer eigenen Zwecke gemißbraucht zu haben, die Priester und Mystagogen am stärksten. Nicht zufrieden, die Bewahrer der alten religiösen Gebräuche, die Vorsteher der öffentlichen Feierlichkeiten, die Hüter der Tempel, und die Mittelspersonen, durch welche die Gebete und Opfer einzelner Familien oder eines ganzen Volkes den Göttern dargebracht wurden, zu sein, wußten sie durch mancherlei Kunstgriffe die Meinung von sich zu erregen, als ob sie selbst mit den Göttern in noch näherer Verbindung ständen, und es in ihrer Macht hätten, den Sterblichen die Gunst oder den Unwillen derselben nach ihrem Belieben zuzuziehen. Wie sie auf diesem Wege dahin gekommen, schon in den ältesten Zeiten der Welt die geheimen Künste , die man unter dem Worte Magie zu begreifen pflegt, mit dem religiösen Volksglauben zu verbinden, wird uns klar werden, wenn wir zuvor die erste Quelle dieser Magie in der Natur selbst aufgesucht haben werden. Denn nie würde es den Priestern und andern Meistern jener täuschenden Künste gelungen sein, diesen neuen Sprößling des Aberglaubens zu einem so üppigen und fruchtreichen Baume zu ziehen, wenn nicht sein Keim sich aus der menschlichen Natur selbst entwickelt hätte. Es wird dir vielleicht seltsam vorkommen, Hegesias, daß ich diesen Keim in dem Glauben aller noch ungebildeten Völker an die Realität ihrer Träume gefunden habe: aber höre mich erst, und denke dann davon was du kannst. III. Was in Rücksicht auf die allmähliche Entwicklung der Vernunft von Kindern gilt, ist auch auf ganze Völker , die sich noch im Stande der Vernunftskindheit befinden, anwendbar. Wer Kinder aufmerksam beobachtet, kann sich leicht überzeugen, daß es ziemlich lange währt, eh ein Kind seinen Zustand im Träumen und im Wachen unterscheiden lernt, und sich von dem Irrtum los machen kann, daß alles, was im Traume mit ihm vorgeht, eben so wahr sei, und eben so wirklich außer ihm vorgehe, als was ihm wachend begegnet. Das nämliche findet sich auch bei den Völkern, die dem ersten rohen Naturstande noch nahe sind. Sie glauben dem vermeinten Zeugnis ihrer Sinne im Traum eben so zutraulich als im Wachen, und betrachten ihre Träume entweder als eine Fortsetzung ihres wachenden Zustandes, oder bilden sich ein, wenn sie träumen, in das Land der Geister versetzt zu sein, um so weniger an der Realität der Erscheinungen, die ihnen darin vorkommen, zweifelnd, je größer der Unterschied zwischen der Sinnenwelt und der Traumwelt, und zwischen den Naturgesetzen ist, die in der einen und in der andern Statt finden. Ich brauche kaum zu erinnern, daß die Rede hier bloß von der lebhaftern Gattung von Träumen ist, worin entweder eine Art von scheinbarem Zusammenhang herrscht, oder deren Eindruck auf uns so stark war, daß wir uns ihrer beim Erwachen mehr oder weniger deutlich bewußt bleiben. Da die Traumerscheinungen dieser Gattung uns eben so stark und oft noch stärker anmuten und rühren, als die Gegenstände unsrer Sinne im Wachen, und wir im Traum alles eben so wirklich zu sehen und zu hören, zu tun und zu leiden glauben, als ob wir wachten: so ist begreiflich, wie Menschen, denen die Kennzeichen des Unterschieds beider Zustände noch nicht klar sind, so einfältig sein können, nicht den geringsten Zweifel in die Realität ihrer Traumerscheinungen zu setzen. Nun kommen unter diesen letztern häufig solche vor, die aus den Kräften der Natur und den Gesetzen der Bewegung, so wie wir sie im Zustande des Wachens kennen lernen, nicht erklärbar sind. Raum und Zeit sind im Traume ganz was andres als im Wachen. In jenem begegnet uns oft in einem Augenblick, wozu in diesem Tage, Monate und Jahre erfordert würden. In einem Augenblick befinden wir uns von Korinth nach Karthago, von Memphis nach Rom versetzt. In einem Augenblick verwandelt sich oft Szene und Handlung; wir waren in einer Wildnis, in einer finstern Höhle, und sehen uns auf einmal in einem schimmernden Palast oder in einer bezaubernden Gegend. Eben so schnell verwandeln sich oft die Personen , mit welchen wir in Handlung begriffen waren; wir befinden uns plötzlich unter lauter unbekannten, oder bekannte Personen erscheinen uns unter fremden Formen und Verhältnissen. Wir selbst sind oft ganz andere Menschen als vorher, und bewerkstelligen ohne mindeste Befremdung, was jedem Wachenden unmöglich ist. Wir steigen mit der Leichtigkeit einer Flaumfeder, und doch schneller als ein Mühlstein fallen könnte, von der Spitze eines Turms herab, und eben so schnell wieder hinauf; wir fliegen über die Erde weg, gehen auf dem Wasser ohne zu sinken, durch Flammen ohne uns zu versengen oder den geringsten Schmerz zu empfinden, und was dergleichen mehr ist. Alle diese und ähnliche Traumerscheinungen erzeugen bei Menschen, die von dem Ursprung und der Beschaffenheit derselben noch keinen Begriff haben, notwendiger Weise den Glauben an übernatürliche Dinge , oder, so zu sagen, an eine zweifache Natur , wovon die eine das Widerspiel der andern ist, und die in keinem solchen Bezug mit einander stehen, daß man sie für Teile Eines Ganzen halten könnte. Was aber unter allen wunderbaren Erscheinungen, die uns im träumenden Zustande vorkommen, auf den rohen Naturmenschen am meisten Eindruck machen mußte, war unstreitig, wenn ihn der Traum mit verstorbenen Personen wieder zusammen brachte. Denn was mußte ihn (bei der Voraussetzung daß Träumen nur eine andere Art von Wachen sei) mehr befremden, als Personen, von deren Tod er völlige Gewißheit hatte, ins Leben zurück kommen, und gleich andern Lebenden sich betragen zu sehen? – Das erste, was er daraus schließen mußte, war, daß sie, der Verwesung zu Trotz, noch immer fortlebten, noch immer Anteil an ihren ehemaligen Freunden nähmen, und an den Geschäften und Vergnügungen ihres vorigen Lebens Freude hätten. Da diese Art von Träumen bei Menschen, deren Phantasie noch auf eine sehr kleine Anzahl von Bildern eingeschränkt war, vermutlich häufiger vorkommen mußte als bei uns, und da die Einbildungskraft nicht selten den Ort , wo wir uns im Traume mit geliebten Personen zusammen finden, zu verschönern pflegt: so begreift sichs, wie dergleichen Träume den Glauben an ein Land der Seelen , einen Hades , ein Elysium , oder unter welchen Namen es bei andern Völkern vorkommen mag, begründet haben können. Indessen ist kein Zweifel, daß diesen Menschen, bei allem ihrem Dumpfsinn, der Unterschied zwischen ihrem Zustand im Wachen und im Träumen endlich auffallen mußte. In jenem erfolgt alles nach gleichförmigen Gesetzen; alles steht in begreiflicher Verbindung und Beziehung, als Wirkung oder Ursache, Zweck oder Mittel; der folgende Tag ist in den vorhergehenden gegründet und setzt sie fort; und wiewohl das, was im Leben des Wachenden immer dasselbe bleibt, alle Augenblicke durch Zufälligkeiten modifiziert und das Gewebe seiner Gedanken und Verrichtungen öfters abgebrochen wird, so knüpft doch die Vernunft die abgerißnen Faden immer wieder an einander, und bringt Zusammenhang und Übereinstimmung in das Ganze. Im Traum hingegen ist der Mensch gewöhnlich mehr leidend als handelnd. Die Zufälle, die ihm zu begegnen scheinen, hangen nicht nur mit seinem eigentlichen Leben, sondern auch unter sich selbst, wenig oder gar nicht zusammen. Räume und Zeiten, Ursache und Wirkung, Mittel und Endzweck werden alle Augenblicke verwirrt, verschoben, und in Mißverhältnis gesetzt, und selten ist zwischen einer Reihe von Träumen mehr Verbindung, als zwischen einer Folge von Würfen aus einem Würfelbecher. Wiewohl nun die Wahrnehmung dieses Unterschiedes den rohen Menschen, von welchem hier die Rede ist, nicht so weit bringt, seine Träume für nichts als wesenlose Erscheinungen in seiner eignen Phantasie zu erkennen: so ist doch etwas in ihm, das auch in diese Truggestalten Bedeutung, Zweck und Beziehung auf seinen fortdauernden Zustand zu bringen, und aus beiden ein Ganzes zu machen sucht. Wie sollte ihm also ein Mann, der den Schlüssel zu den Geheimnissen der unsichtbaren Welt gefunden zu haben vorgibt, nicht willkommen sein? Was könnte wohl das Reich der Träume anders sein als eine Provinz dieser unsichtbaren Welt, worin das unendliche Heer der Dämonen sein Wesen treibt? Und wer anders, als irgend ein den Menschen gewogener Dämon, könnte den Träumer in jene wundervolle Welt versetzen, wo ihm, unter mancherlei rätselhaften aber viel bedeutenden Bildern, Aufschlüsse über die Schicksale seines Lebens, und Winke gegeben werden, was er zu tun und zu meiden habe, um Übeln, die ihm drohen, zu entgehen, oder eines ihm zugedachten Glückes sich zu versichern? Wenn gleich nicht alle Träume von dieser Art sind, so schien doch der Beistand eines weisen und mit den Göttern vertrauten Auslegers nur desto nötiger, um göttliche Träume von denen zu unterscheiden, die uns von feindseligen Geistern , oder solchen, deren Gesinnung zweifelhaft ist, zugeschickt werden konnten. Es ist leicht zu sehen, daß keine geringe Bekanntschaft mit den übermenschlichen Dingen dazu gehörte, um sich eines solchen Amtes anzumaßen; und wem sollten wir in jener Kindheit der Welt zugleich diese erhabnen Kenntnisse, und den Willen , sie zum Trost und Heil armer unwissender Menschen anzuwenden, zutrauen, als eben diesen Dämonenpriestern , die wir in jenem Zeitraum allenthalben im Besitz des höchsten Ansehens und einer allvermögenden Herrschaft über den Glauben und die Meinungen der Menschen finden? Oder könntest du zweifeln, ob sie auch wohl unklug genug hätten sein können, eine so ergiebige Quelle von Einfluß und Gewinn unbenutzt zu lassen? IV. Die Traumdeuterkunst war also vermutlich der erste Gebrauch, den die Priester von diesem Zweige des Aberglaubens machten; eine Kunst, die dem Dämonism und der Magie mit gleichem Recht angehört, und daher als das natürlichste Band zwischen beiden zu betrachten ist. Aber wie hätte man auf einem so schönen Wege stehen bleiben sollen? Daß die Seelen der Verstorbenen in irgend einem Geisterlande fortlebten, und daß sie den Zurückgelassenen in ihrer ehemaligen Gestalt erscheinen könnten, war eine vermeinte Erfahrung, welche die meisten in ihren Träumen gemacht zu haben glaubten. Aber von ihrem wahren Zustande hatte man dadurch noch wenig Kundschaft erhalten, und wußte überhaupt keinen sonderlichen Nutzen von ihnen zu ziehen; weil man gleich wenig wußte, wozu sie uns etwa behilflich sein könnten, oder wie man es anfangen müßte, um sich, nach eigner Willkür, mit ihnen in Verhältnis zu setzen. Unsre Priester wußten schon desto mehr davon. Sie besaßen das Geheimnis, die Seelen der Verstorbenen, welche nun selbst für eine Art von Dämonen galten, aus dem Hades herauf zu rufen, und sich ihres Rats und Beistands zu diesem oder jenem Vorhaben zu versichern. So verwebten sich schon in den ältesten Zeiten zwei Hauptäste der Magie , Traumdeuterei und Nekromantie , mit dem Glauben an die Dämonen und – ihre Priester . In der Folge fanden sich bei allen Völkern, die noch auf den untersten Stufen der Kultur standen, allerlei Arten von weisen Meistern ein, unter deren Händen die Zauberkünste so schnelle und große Fortschritte machten, daß die Priester , weil sie kein ausschließliches Recht an die Gemeinschaft mit den Ländern, die jenseits der Sinne und der Vernunft liegen, und an den Alleinhandel mit den Produkten derselben geltend machen konnten, sich mit Unwillen genötigt sahen, ihnen einen beträchtlichen Teil dieses Gewerbes zu überlassen. Diese unter allerlei Namen bekannten Magiker und Theurgen wollten, außer den gewöhnlichen Mitteln, welche allen dämonistischen Religionen gemein sind, noch besondere Geheimnisse haben, sich alle Arten von Göttern und Dämonen entweder geneigt , oder, auch wider Willen, dienstbar zu machen. Die Sterndeuterkunst wurde nun zur Unterstützung der Magie zu Hülfe gerufen. Man erfand Talismane , Zauberringe , Zauberworte , Lieder und Beschwörungen , wodurch man alle die übernatürlichen Dinge zu bewerkstelligen vorgab, von deren durch die Länge der Zeit zum gemeinen Volksglauben gewordenen Möglichkeit die Menschen sich einst durch ihre Träume überzeugt hatten. Wer kennt nicht den fliegenden Pfeil des Abaris, den Ring des Gyges, den Stab der Circe, den Kessel der Medea? Und sind nicht nach und nach ganze Länder, Ägypten, Kreta, Kolchis, und vornehmlich Thessalien, als Hauptsitze dieser Wunderkünste, in einen Ruf gekommen, den keine Zeit auslöschen kann? Seit diesem hat sich die Magie von der Religion in gewissem Sinne getrennt, und die Priester, die das Ansehen ihrer Götter und ihr eigenes immer mehr und mehr durch sie geschmälert sahen, sind sogar erklärte Feinde derselben geworden. Aber ich sehe die Zeit sich nähern, wo sie, um den allmählich erlöschenden Glauben an die Götter wieder anzufachen, die Theurgie wieder zu Hülfe rufen, und durch sie einige zur Schwärmerei geneigte Köpfe, besonders unter den Großen, auf ihre Seite ziehen und zu Beschützern des alten Glaubens machen werden. Indessen bin ich versichert, daß sie mit ihren äußersten Anstrengungen nichts gegen den immer wachsenden Strom der allgemeinen Meinung ausrichten werden. Alle Dinge unter dem Mond, und vermutlich auch über ihm, haben einen Zeitpunkt der Entstehung, des Wachstums, der Blüte, des scheinbaren Stillstehens, der Abnahme, des Verfalls, und des Untergangs. Die Dämonen-Religion hat für ein so ungeheures, und doch so schwach zusammen hängendes und auf einem so seichten Grund errichtetes Gebäude lange genug gedauert, und ist durch die Länge der Zeit und die Sorglosigkeit der Aufseher baufällig genug geworden, um vom ersten starken Stoß zusammen zu stürzen.« »Sollte dieser Zeitpunkt wirklich so nahe sein?« fragte ich. »Zufällige Umstände«, versetzte er, »können ihn beschleunigen: eine Reihe guter und weiser Beherrscher der Römischen Welt, die vielleicht mit Trajan begonnen hat, und einige starke Pfeiler, womit das morsche Gebälk von klugen Priestern und von den Weisen selbst noch unterstützt werden mag, könnten ihn vielleicht noch ein paar Jahrhunderte aufhalten. Aber was wäre das – in Vergleichung mit den vielen Jahrtausenden, während welcher die Religion der Dämonen den Erdboden beherrscht hat – mehr, als wenn das Dasein eines abgelebten Mannes durch die höchste Anstrengung der Kunst noch um ein paar Jahre verlängert würde?« »Ich glaube die Wahrheit deiner Vorhersagung einzusehen«, sagte Kymon: »aber die Zeit möchte ich nicht sehen, da sie in Erfüllung gehen wird. Wie alt, unregelmäßig und baufällig auch unser Pantheon sein mag, immer war es doch ein herrlicher Bau!« »Gib ihm seinen rechten Namen«, versetzte Agathodämon: »es ist nur ein Pandämonion ; das wahre Pantheon ist noch zu erwarten.« »Wenn ich bloß nach meinem Gefühl reden dürfte, Agathodämon, so würde ich mit Kymon sagen, es war doch ein herrliches Gebäude! Die Menschen wohnten so friedlich darin beisammen; es hatte Raum genug für alle, und jeder fand darin was ihm nötig war.« » Wenn war es so?« fragte der Alte. – Ich stutzte und schwieg. – »Du siehst was ich meine«, fuhr er fort. »Jedes Ding hat eine Zeit, wo es am besten ist; von dieser an wird es immer schlechter und schlechter, bis es endlich zu gar nichts mehr taugt. Es war eine Zeit, wo unser Pandämonion – wenigstens der Teil, den unsre Vorfahren inne hatten – ihrem Bedürfnis und ihrer Fähigkeit gleich angemessen war. Die bürgerliche Gesellschaft fing erst in diesem Zeitalter an eine Gestalt zu gewinnen; und da der Glaube an die Dämonen und die Furcht vor ihrem Zorn noch mächtig auf die rohen Menschen wirkte, so machten unsre ersten Gesetzgeber die Volksreligion weislich zur Grundlage der politischen Verfassung , und verwebten beide so stark in einander als ihnen möglich war. Jedes sittliche Band, das die Menschen einander nähern, sie von gewaltsamen Ausbrüchen ihrer Leidenschaften zurück halten, und an Geselligkeit, Zucht, häusliches Leben, Arbeitsamkeit, Unterwerfung unter die Gesetze und Gehorsam gegen die Obrigkeit gewöhnen sollte, stand unter der unmittelbaren Garantie einer Gottheit, welche die Verletzung desselben, als eine ihr selbst zugefügte Beleidigung, rächte. Zevs , der König der Götter und Menschen, wurde als der Urheber und oberste Schirmherr der Gesetze verehrt; und der Glaube, daß die Könige oder Hirten der Völker (wie Homer sie nennt) ihr Amt und die dazu erforderliche Gewalt unmittelbar von ihm empfangen hätten, war in jenen Zeiten ganz unentbehrlich, um verwilderte, des wohltätigen Jochs der Gesetze noch ungewohnte Menschen in Ehrfurcht zu halten. – Die eheliche Verbindung, von deren Heiligkeit die Dauer und der Wohlstand der Familien abhängt, war von Here , der Königin der Götter, gestiftet, und stand unter ihrem Schutz; so wie überhaupt alle Verträge, zwischen Privatpersonen sowohl als ganzen Gemeinheiten und Völkern, unmittelbar von Jupiter gehandhabet wurden, und jeder Meineid, nach dem Glauben jener Zeiten, einen unerbittlichen Rächer an ihm fand. Außer diesem richteten die Stifter unsrer Religion und bürgerlichen Verfassung ihr Augenmerk vorzüglich darauf, zwei der wesentlichsten Hauptstücke , ohne welche die Zivilisierung wilder Nomaden unmöglich ist, das eine mit allem was der Dämonism furchtbares , das andere mit allem was er erfreuliches und tröstliches hat, zu umgeben. Jenes war die persönliche Sicherheit , als der erste Zweck des gesellschaftlichen Vereins: dieses , die Angewöhnung an einen festen Wohnsitz , und an den Ackerbau , der denselben notwendig macht, und als der Anfang aller fernern Kultur und Fortbildung zur Humanität anzusehen ist. Um jene zu erhalten, wurde nicht nur das Leben der einzelnen Personen, sondern auch die innere Ruhe und Eintracht des ganzen Hellenischen Bundes in den besondern Schutz der Götter gegeben. Wer einen Menschen tötete, fiel sogleich in die Gewalt der Erinnyen , und konnte, sogar wenn er die Tat unvorsätzlich begangen hatte, oder sein Beweggrund rechtmäßig schien, nur durch eine förmliche Expiation ihren rächenden Händen entrissen werden. Aber um so nötiger war es, solche Unglückliche der Rache der Verwandten und Freunde des Getöteten zu entziehen; und zu diesem Ende standen ihnen in allen Hellenischen Landschaften gewisse Tempel als Freistätten offen. – Von den Einrichtungen, wodurch die Religion zu einem Mittel gemacht wurde, die Eintracht unter den Hellenen (die aus so vielen Ursachen nur zu oft unterbrochen wurde) zu befördern, und, wenn sie gestört war, wieder herzustellen, will ich jetzt nur des allen gemeinschaftlichen Delphischen Orakels , und der heiligen Kampfspiele zu Olympia erwähnen, deren feierliche Begehung eine allgemeine Nationalversammlung war, welche auch in Zeiten einheimischer Fehden nie unterbrochen wurde. Denn da dieses uralte Institut unter Jupiters unmittelbarem Schutze stand, so hörten um die Zeit seiner Feier alle Feindseligkeiten unter den Hellenen auf, und eine Versammlung, wo alles, was sich durch Geburt, Reichtum, Ehrenstellen, Talente und Verdienste in allen Griechischen Staaten auszeichnete, sich zusammen fand, war natürlicher Weise die schicklichste Gelegenheit, nicht nur alte Freundschaften unter Privatpersonen zu erneuern, sondern auch an Wiederherstellung der Harmonie unter den Staaten selbst zu arbeiten. Was den andern Hauptpunkt betrifft, wie hätten wohl unsre ersten Gesetzgeber die damaligen Menschen stärker zum häuslichen Leben und zur Bebauung und Bepflanzung des Erdbodens vermögen können, als indem sie die Erfindung des Ackerbaues einer der obersten Göttinnen zuschrieben, und den ersten Sterblichen, der diese Kunst als ein von ihr erhaltenes Geschenk in Hellas einführte, unter die Götter versetzten? Wie hätte, nachdem es Volksglaube geworden war, daß Demeter , die Schwester des Königs der Götter, den Getreidebau , und Pallas Athene , seine Tochter, die Kunst zu weben erfunden, der Pflug nicht den Männern , der Spinnrocken und der Webstuhl nicht den Frauen , in diesen Zeiten der Einfalt ehrwürdig werden sollen? Aber die Stifter unsrer Religion taten noch mehr. Sie gaben jeden Zweig der Landwirtschaft und die besondern Verrichtungen jeder Jahreszeit unter die Aufsicht und den Schutz besonderer Götter, heiligten den häuslichen Herd und das Feuer, um welches die Familie sich versammelte, und füllten, außerhalb der Hütte, alles was den Landmann umgab, Feld und Tal, Berge, Wälder, Flüsse, Bäche und Quellen, mit freundlichen Nymphen und fröhlichen Feldgöttern an, deren Gunst mit einem Blumenkranz oder etwas Milch und Früchten zu erhalten war, und doch auf das Gedeihen der Feldarbeiten, Pflanzungen und Herden den größten Einfluß hatte. Noch mehr: sie machten die Feste , die allen diesen wohltätigen Wesen zu Ehren gefeiert wurden, zu wirklichen Freudentagen für das Volk. Denn sie hatten den guten Verstand, einzusehen, daß menschenfreundliche Götter nicht würdiger geehrt werden können, als durch öffentliche Zeichen, daß die Menschen sich unter ihrer Regierung glücklich fühlen; und daß nichts geschickter ist, sowohl die Liebe zu den ländlichen Arbeiten als das gute Vernehmen unter Nachbarn und Gemeindegenossen zu unterhalten, als solche Volksfeste, auf die sich alles lange zuvor schon freut, die man während der mühsamsten Arbeiten als die Belohnung derselben vor sich sieht, und deren Genuß eben dadurch, daß die Fröhlichkeit öffentlich und allgemein ist, erhöht und vervielfältigt wird. Überhaupt kann man von den Göttern einer Nation sicher auf den Grad ihrer eignen Humanität schließen. Ein Volk, dessen Götter die Urheber, Vorsteher und Beschirmer der Gesetze und der bürgerlichen Ordnung, der Gerechtigkeit und Weisheit, der Schönheit, Anmut und Wohlanständigkeit, der Künste und Wissenschaften, der Beredsamkeit und Musik sind; ein Volk, bei welchem Pallas Athene und Themis und Nemesis , und die Musen mit ihrem Führer Apollo , und die Charitinnen mit Eros und der himmlischen Aphrodite , Tempel und Altäre haben, beweist dadurch, daß es zu der edelsten Menschenrasse gehöre; und wie sollte es durch eine solche Religion, so lange sie noch wirksam ist, nicht noch immer mehr veredelt werden? Unleugbar trugen dazu auch die Mysterien nicht wenig bei, von welchen, so lange sie sich in ihrer ursprünglichen Reinheit erhielten, mit Grunde gesagt werden konnte, daß sie der Anfang eines humanern Lebens für die Menschen gewesen, und sie nicht nur ihres Daseins froher werden, sondern auch, mit der Hoffnung eines bessern, sterben gelehrt haben. Ihr sehet, daß ich weit entfernt bin, das Schöne, Zweckmäßige und den Bedürfnissen ihres Zeitalters Angemessene in der Religion unsrer Väter zu verkennen: aber ihr seht auch, daß sie der wohltätigen Absicht ihrer Stifter nur so lange entsprechen konnte, als sie in Einfalt geglaubt wurde, mit ihrer ganzen Stärke auf die Gemüter wirkte, und von den Mißbräuchen und Verfälschungen, die sich nach und nach einschlichen, rein blieb. Jede Religion muß durch die Länge der Zeit schon dadurch entkräftet werden, daß sie ein altes Institut ist. So wie ein Volk Fortschritte in der Kultur macht, wie seine Begriffe sich vermehren und erweitern, seine Bedürfnisse mit seinem Kunstfleiß zunehmen, seine Lebensweise und Sitten durch immer höhere Grade von Wohlstand, Macht, Reichtum, Handelschaft und Verkehr mit andern Völkern verfeinert und verschlimmert werden, verliert der religiöse Glaube der Väter immer mehr von seinem ehemaligen Einfluß. Der öffentliche Gottesdienst , weil er mit der politischen Verfassung so stark verflochten ist, dauert freilich mit immer größerem Gepränge , und durch dasselbe, noch Jahrhunderte fort, wenn sein Geist längst verflogen war: aber die Götter selbst werden unvermerkt zu bloßen Namen , die jeder gelten läßt was er will. Endlich kommt die Zeit, daß Leute, die auf einige Bildung Anspruch machen, sich selbst lächerlich finden würden, wenn sie die Religion für etwas mehr hielten als ein abgenutztes Kammrad in der politischen Maschine, und daß sogar der gemeine Mann, der nur noch durch Erziehung und Gewohnheit an ihrem Äußerlichen hängt, unvermerkt von dem Unglauben seiner Obern mit angesteckt wird. Je geistiger eine Religion wäre, desto eher müßte dies ihr Schicksal sein; und die unsrige hat sich bloß dadurch so lange erhalten, weil sie in einem so hohen Grade sinnlich ist. Daß übrigens die Dichter durch ihre Fabeln viel zum Verfall derselben beigetragen, ist wohl nicht zu leugnen; aber den größten Schaden haben unsern Göttern doch die Meisterstücke der Phidias , Alkamenes , Skopas und Praxiteles getan. Denn obschon auch die Dichter den Göttern eine Menschen-ähnliche Gestalt zu geben genötigt waren, so behielt doch die Einbildungskraft bei ihren Darstellungen noch einige Freiheit ; da sie hingegen durch die genau bestimmten Götterbilder unsrer Künstler gefesselt wurde, und daher mit der Zeit ganz natürlich erfolgen mußte, daß der Gott oder die Göttin mit ihrem Marmorbilde, so zu sagen, Ein Ding wurde, und, indem man sich die Götter nie anders als unter diesen bestimmten Formen dachte, unvermerkt die Bilder selbst an die Stelle derselben traten. Durch den Wettstreit der Künstler und die unendliche Vervielfachung der Götterbilder wurden diese ein Gegenstand des Handels, des Geschmacks und des Luxus; sie bekamen einen Marktpreis . Die Reichen beeiferten sich, ihre Säle und Landhäuser mit Bildern von den berühmtesten Meistern zu zieren. Die Götter wurden also eine Art von üppigem Hausrat; und je teurer man ihre Bilder bezahlte, desto weniger machte man sich aus ihnen selbst . Was aber auch die Ursache davon gewesen sei, genug, sobald es einmal so weit gekommen war, daß (nach einem bekannten Worte des Spartanischen Lysander ) Männer mit Eiden, wie Knaben mit Würfelknochen spielten; daß Aristophanes einen der vornehmsten Götter mit den Sitten und der Sprache des liederlichsten Wüstlings auf die Bühne stellen durfte; daß die Athener, die für die religiösesten aller Hellenen gehalten sein wollten, einen Demetrius Poliorketes unter ihre Götter aufnahmen, ihm einen eignen Priester bestellten, und die Thebaner den Namen einer seiner Beischläferinnen zu einem Beinamen der Aphrodite machten, indem sie der Aphrodite Lamia einen Tempel bauen ließen: sobald es mit dem Volksglauben und den Sitten so weit gekommen war, was konnte man bessers erwarten, als daß sie durch eben den wechselseitigen Einfluß, der ehemals beiden vorteilhaft war, einander künftig immer mehr verderben würden? Dies ist denn auch, unter der kräftigen Mitwirkung einiger von unsern Philosophen, trotz dem Entgegenstreben der andern, in solcher Maß' erfolgt, daß nun, wie eigne Erfahrung mich überzeugt hat, nichts weiter zu tun ist, als das baufällige, aus allen seinen Fugen gekommene alte Pandämonion vollends in sich selbst zusammen stürzen zu lassen, und zu erwarten, was für einen andern Bau die Zeit an seiner Statt, und vielleicht aus seinen Trümmern, hervorgehen lassen wird.« – Du siehest, Timagenes, daß Agathodämon die Last der Unterhaltung unsrer kleinen Gesellschaft ziemlich allein trug. Aber welchem andern gebührte zu reden als ihm ? Und wär ich auch nicht immer seiner Meinung gewesen, wie hätte mir einfallen können, gegen einen so ehrwürdigen Greis recht behalten zu wollen? In der Tat aber fand ich fast immer durch seinen Unterricht entweder meine eignen Meinungen bestätiget, oder Gedanken entwickelt und in ihr wahres Licht gestellt, die ich bisher nur geahndet, oder wie durch einen Nebel gesehen hatte. V. Die Schönheit des Abends lockte uns, nachdem wir vom Tische aufgestanden waren, ins Freie: wir wandelten unter allerlei Gesprächen zwischen einigen Reihen mit künftigen Früchten reich beladner Bäume hin und her, und als die Dämmerung zunahm, setzten wir uns, Agathodämon, Kymon und ich, unter die Rebenlaube vor seiner Wohnung. Eine Nachtigall, die sich aus dem nahen Gebüsche hören ließ, erregte unsre Aufmerksamkeit. »Auch die Nachtigallen«, sagte ich, »scheinen hier Agathodämons Gegenwart zu fühlen; denn mit solcher Begeisterung hörte ich noch keine schlagen.« »Wenn wir sie nur verstehen könnten!« versetzte Kymon, indem er mich mit einem bedeutenden Wink ansah. »Was meinst du damit, Kymon?« sagte der Alte: » warum sollten wir sie nicht verstehen? Wir, die in unserm Gefühl ein mit der ganzen Natur zusammen gestimmtes Organ und den Schlüssel zu der Sprache aller Wesen in unserm Busen tragen? Diese Nachtigall glaubt freilich nicht mit uns zu sprechen, und sagt uns also nur wenig; aber dies Wenige verstehen wir gewiß alle, jeder nach seiner Weise: welches auch der Fall wäre, wenn, an ihrer Statt, eine menschliche Philomele uns Pindars hohen Gesang an die Grazien hören ließe. Auch täten wir besser«, setzte er mit einem freundlichen Blick auf Kymon hinzu, »wir behorchten, anstatt zu plaudern, diese unschädliche Waldsirene , wiewohl sie uns nicht so viel zu lehren verspricht als jene Homerischen .« Wir schwiegen, und nach einigen Augenblicken fing in einem gegenüber stehenden Busch eine andere an, sich mit der ersten in einen Wettgesang einzulassen, der durch die Mannigfaltigkeit der Sätze und das immer steigende Feuer des Vortrags äußerst anmutend wurde. Es war beinahe unmöglich, nicht zu glauben, daß Sinn und Absicht in ihrem Gesang sei, daß sie sich beeiferten einander den Preis abzugewinnen, und daß die schweigende, während sie ihre kleine Brust wieder mit Luft anfüllte, zugleich darauf sinne, ihrer Nebenbuhlerin etwas unübertreffliches aufzugeben. Agathodämon saß ein wenig zurück gelehnt, und das Gesicht halb von uns abgewandt, als ob er in einen angenehmen Traum gesunken wäre, und wir beide hörten dem Wettstreit der Nachtigallen so aufmerksam zu, daß wir uns kaum zu atmen getrauten. Auf einmal schallte aus dem kleinen Lorbeerwäldchen ein himmlischer Gesang zu uns herüber, der unsre befiederten Sänger selbst sogleich zum Schweigen brachte. Es war die Mutter und die Tochter , welche, ohne eine andere Begleitung als das lieblichste Echo, das ich je gehört hatte, bald wechselsweise bald zusammen singend, eben dieses hohe Lied der Charitinnen anstimmten, dessen Agathodämon vorhin erwähnte. Ich will es nicht versuchen, lieber Timagenes, dir zu beschreiben, wie dieser wahre Musengesang, in der Stimmung worin ich mich befand, auf meine ganze Seele wirkte. Alles was ich davon sagen kann, ist, daß ich die Macht des Gesanges über das menschliche Herz nie in diesem Grade gefühlt habe, und schwerlich jemals wieder so fühlen werde. Die Worte und Rhythmen dieser Pindarischen Ode sind an sich schon Musik: was mußten sie sein, da sie von zwei der schönsten Silberstimmen, in die einfachste, heiligste und anmutigste Melodie gesetzt, und in häufigen Pausen mit den reinsten Flötentönen eines dreifach immer sanfter wiederholenden Nachhalls zusammen schmelzend, durch die Stille einer lauen Mondnacht zu uns herüber schwebten! – Ich geriet, im eigentlichsten Sinne des Worts, außer mir ; ich fühlte mich wie entkörpert, in die himmlische Wohnung der Unsterblichen versetzt, und von seligen Gefühlen überströmt, für welche die Menschensprache keine Namen hat. Agathodämon lag, so lange der Gesang währte, mit geschloßnen Augen sanft zurück gelehnt, und schien eingeschlummert zu sein. Aber, als der letzte, leis' hinsterbende Ton des dritten Nachhalls in der feiernden Stille sich verloren hatte, richtete er sich auf, nahm mich bei der Hand, und sagte: »Von allen Lebensregeln des Pythagoras ist mir diese die heiligste, welche seinen Jüngern befiehlt, sich wo möglich nie zur Ruhe niederzulegen, ohne durch eine sanfte herzerhebende Musik die Seele zu reinigen, und den Leib zu einem leichten und ruhigen Schlummer vorzubereiten. Und nun, Hegesias, ist es Zeit, uns bis künftigen Morgen zu trennen. Lebe wohl!« – Mit diesem Worte drückte er mir die Hand, empfahl mich der Obsorge seines Freundes Kymon, und begab sich in sein Schlafgemach. »Du verstandest doch meinen Wink«, sagte dieser, als wir uns allein sahen, »da ich von den Nachtigallen Anlaß nahm der Sprache der Vögel zu erwähnen? Denn ich zweifle nicht, Damis wird auch über diesen Punkt irgend ein albernes Märchen auf Unkosten meines Herren zu erzählen haben.« »Nach dem Wenigen, (antwortete ich) was Apollonius darüber sagte, kann ich mir leicht einbilden, wie ein Mensch von diesem Schlage die ihm unverständlichen Äußerungen eines so weit über seinen Fassungskreis erhabenen Geistes in seine eigene Sprache übersetzen mochte. Ich begreife sogar was an seinem Märchen von den Vögeln und dem Kornsacke wahr sein könnte.« – »Ich möchte wohl wissen, wie er diese Geschichte erzählt«, sagte Kymon. – »Wäre nicht das beste«, versetzte ich, »wenn ich dir sein Buch selbst mitgäbe? denn um den Nachgenuß dieses Abends möcht ich mich nicht gern von einem Damis bringen lassen.« Und so gab ich ihm, nachdem er mich in meine Schlafkammer eingeführt hatte, das Buch des Niniviten, um uns, wenn er es durchgangen hätte, bei unsrer nächsten Zusammenkunft über den Inhalt desselben weiter zu besprechen. Pindars Grazien, von zwei Musen gesungen und so lieblich von der Nymphe des Widerhalls begleitet, tönten noch immer um mein Ohr, und füllten meine ganze Seele aus. Ich legte mich nieder; aber ob ich schlief oder wachte, weiß ich nicht; denn, wachend oder schlummernd, bracht ich die ganze Nacht in elysischen Träumen hin. Fünftes Buch I. Die Sonne schwebte schon über den Spitzen der östlichen Felsen, als ich mein Lager verließ, um den wackern Kymon aufzusuchen. Ich fand ihn im Garten mit seiner gewöhnlichen Morgenarbeit beschäftigt. Er gestand mir, daß er den größten Teil der Nacht zugebracht, die Handschrift zu durchgehen, die ich ihm gestern zurück gelassen. »Ich erwartete«, sagte er, »wie billig, wenig Gesundes von einem Kopfe wie Damis: aber so arg hatte ich mirs doch nicht vorgestellt. Was für einen abgeschmackten Mischmasch von Milesischen Märchen und Landfahrerlügen der Mensch zusammen gestoppelt hat, um dem Leben eines Mannes wie Apollonius den Anschein der Geschichte eines philosophischen Marktschreiers zu geben! Wie er durch die Wendungen, die seine vorgefaßte Meinung den Sachen gibt, und die Zusätze, womit seine kindische Phantasie die Wahrheit selbst zur Lüge macht, den alltäglichsten Ereignissen einen Anstrich von Geheimnis und Unbegreiflichkeit gibt! Aber der Teil seiner Wundergeschichte, worin die Reise zu den Indischen Weisen, die unglaublichen Dinge, die auf dem Berge, wo sie wohnten, zu sehen waren, die Aufnahme, welche Apollonius bei ihnen fand, seine Unterredungen mit Jarchas, ihrem Oberhaupt, die geheimen Wissenschaften, die er von ihnen gelernt haben soll, und die Rückreise nach Griechenland beschrieben sind, – das übertrifft nun vollends alles, was in dieser Art je gefabelt worden ist, und erreicht das Sublime des Ungereimten. Nachdem ich dieses feine Stück Arbeit gesehen habe, muß ich bekennen, daß ich meine gute Meinung von der Ehrlichkeit des Niniviten zurück zu nehmen genötigt bin. Denn, fürs erste, springt es doch einem jeden in die Augen, daß er von allem dem, was zwischen Apollonius und den Brahmanen oben auf dem Berge vorgegangen sein soll, nichts wissen konnte, da er, seinem eigenen Geständnis nach, mit den übrigen Reisegefährten am Fuße des Berges zurück bleiben mußte; und daß er daher, um doch die gereizte Neugier seiner Leser nicht mit dem kahlen Geständnis seiner Unwissenheit abzuspeisen, so viele Märchen von den Wundern des Kaukasus und Indus, und von den Brahmanen, über welche seit Alexanders Zug nach Indien so viel gefabelt worden ist, als er nur immer aufzutreiben wußte, in diese Kapitel seiner Geschichte zusammen getragen hat. Ich habe aber außer diesem noch einen andern Umstand, der die Wahrhaftigkeit des armen Damis, die überhaupt in seinem ganzen Buche nur zu oft in die Klemme kommt, in diesem Teile seiner Erzählung gänzlich zu Grunde richtet.« »Und was könnte das wohl sein?« fragte ich mit einem Ausdruck von Neugier, dessen Kymon durch ein kleines Zögern vielleicht spotten wollte. »Etwas, (versetzte dieser) wogegen, wie du sogleich sehen wirst, keine Einwendung Statt findet, – und das ist, daß Apollonius den Indus und die Brahmanen am Indus so wenig gesehen hat, als du oder ich die Hyperboreer oder das Land der Pygmäen, die in ewigem Kriege mit den Kranichen leben.« Ich . »Nun so muß man gestehen, daß dieser Damis der unverschämteste Lügner ist, den jemals die Sonne beschienen hat! Jetzt wundert michs nicht mehr, wie ein Mensch, der an Ort und Stelle gewesen zu sein vorgibt, sagen konnte, der Hypasis , der sich in den Indus ergießt, stürze sich mit großem Ungestüm ins Meer , und wenn man die Rückreise von den Brahmanen nach Griechenland zu Wasser machen wolle, habe man den Ganges zur Rechten und den Hypasis zur Linken ; wovon gerade das Gegenteil wahr ist.« Kymon . »Wie gesagt, Apollonius ist nie bis zum Indus gekommen. Wahr ist es, daß er dazu entschlossen war, als er zu Ninive mit dem närrischen Menschen in Bekanntschaft geriet, den ein mißgünstiger Dämon ihm zum Geschichtschreiber ausgesucht zu haben scheint. Denn, wiewohl er den Wunderdingen, die von der übernatürlichen Weisheit der Brahmanen erzählt werden, wenig Glauben beimaß, so hielt er es doch für wahrscheinlich, daß ein so uralter Orden durch Überlieferung im Besitz mancher wichtigen Überbleibsel der Künste und Entdeckungen jener mehr berühmten als bekannten Atlantiden sein könnte, welche vor undenklichen Zeiten den höchsten Teil der Erde jenseits des Imaus bewohnten, und von denen, seiner Meinung nach, alle Kultur und Policierung nach und nach in die übrige Welt ausgegangen war. Nachdem er aber zu Ktesiphon , wo wir uns einige Monate aufhielten, mit einem ehrwürdigen Greise, welcher Indien mehrmals durchwandert, und die so genannten Gymnosophisten am Indus und Ganges durch sich selbst genau kennen gelernt hatte, in eine sehr vertraute Verbindung gekommen war, stand er von jenem Vorhaben auf einmal ab, ohne sich über die Beweggründe seines veränderten Entschlusses näher zu erklären; aber vermutlich, weil ihn sein neuer Freund überzeugt haben mochte, daß er von diesen Leuten nichts zu erwarten hätte, was er nicht entweder bereits besser wußte als sie, oder aus dem Umgange mit dem letztern eben so gut als aus der Quelle selbst schöpfen könnte. Genug, wir kehrten durch einen andern Weg wieder dahin zurück, woher wir gekommen waren, ohne einen einzigen von den ungeheuern Feld- Sumpf- und Berg-Drachen gesehen zu haben, womit Damis lächerlicher Weise das fruchtbarste und volkreichste aller Länder des Erdbodens anfüllt. – Aber, wozu wollten wir unsre Zeit noch länger mit den Aufschneidereien dieses Menschen verlieren? Du kennest nun den Apollonius durch dich selbst; du hast ihn gesehen und gehört; er hat dich lieb gewonnen, und scheint keine Geheimnisse vor dir zu haben. Eine einzige Stunde, mit ihm selbst zugebracht, macht dir den Charakter und das Leben dieses außerordentlichen Mannes anschaulicher und begreiflicher, als alles, was ich oder ein anderer, wer er auch sei, dir von ihm sagen könnte.« Ich . »Eine einzige Minute, Kymon, ist hinlänglich, jeden Eindruck auszulöschen, den ein Biograph, wie Damis, oder die von ihm, gegen seine Absicht, bekräftigten falschen Gerüchte, in meinem Gemüte zurück gelassen haben könnten, wenn es meine Art wäre, mich durch schlecht verbürgte Anekdoten oder fremde Urteile für oder wider außerordentliche Menschen einnehmen zu lassen.« Kymon . »Apollonius, oder wenn du ihm lieber seinen rechten Namen gibst, Agathodämon, scheint dir also ein sehr außerordentlicher Mensch?« Ich . »Weil er es ist . Ich wenigstens kenne niemand, der nicht, neben ihm , sich selber ein gemeiner Mensch scheinen müßte.« Kymon . »Ich muß gestehen, daß dieses Gefühl sich bei mir, durch die Länge der Zeit die ich mit ihm lebte, beinahe ganz verloren hat. Anstatt ihn als einen außerordentlichen Menschen zu betrachten (was er freilich mit andern verglichen nur zu sehr ist), kommt es mir vor, als ob er nicht mehr und nicht weniger sei, als was wir alle sein sollten , – ein Mensch im eigentlichsten, edelsten Sinne des Wortes, indem bloß die Ausartung der übrigen Menschen die Ursache ist, warum ein durchaus weiser und guter Mann eine so seltsame Erscheinung in der Welt ist. Wir drei, die in dieser Abgeschiedenheit allein mit ihm leben, sind an seine Art zu sein so gewöhnt, als ob es die einzige mögliche wäre; auch zweifle ich nicht, wiewohl es vielleicht unbescheiden aus meinem Munde lauten mag, daß es dir vorgekommen sein mag, als ob wir, jedes in seiner Art, kaum etwas andres als bloße Widerscheine und Nebenmonde von ihm wären.« Ich . »Agathodämon würde diese schöne Wirkung des stillen Einflusses seiner Gegenwart auf die liebenswürdige kleine Familie, die ihn umgibt, nicht machen können, wenn sie nicht schon für sich selbst gut, und, dem Geist und Herzen nach, nahe mit ihm verwandt wäre. Oder warum hätte er nicht auch auf die übrigen Menschen so gewirkt? Was für eine sittliche Umgestaltung der Welt müßte nicht ein Mann wie er, in einem mehr als sechzigjährigen öffentlichen Leben verursacht haben! Es gibt schwerlich eine namhafte Stadt im Römischen Erdkreise, wo er sich nicht aufgehalten und Beweise dessen, was er ist, gegeben hätte. Warum ist die Zahl derer, die durch ihn weiser und besser wurden, so gering? Warum scheint, seitdem er aus den Augen der Menschen verschwand, auch alles Gute, das er zu wirken suchte, mit ihm verschwunden zu sein, – wie die schimmernden Paläste und Gärten, die durch magische Kunst aus der Erde hervorgehen, eben so schnell, als sie entstanden, mit den Zauberern, ihren Urhebern, verschwinden? Der beste aller Menschen vermag, wie es scheint, eben darum nur wenig über den großen Haufen, der ihn weder zu schätzen noch zu lieben fähig ist; denn er kann nur die Guten an sich ziehen, und wird, aus derselben Ursache, von den Bösen zurück gestoßen.« Kymon . »Wenn ein Mann wie Apollonius keine geräuschvolle Rolle in der Welt spielt, sich nicht zu den obersten Stellen im Staat empor schwingt, oder in einem der Auflösung so nahen Reiche, wie das Römische zu unsrer Zeit war, nicht an der Spitze einer mächtigen Partei eine Revolution verursacht, so ist es bloß, weil er nicht will . Mit gewalttätigem Arm in die Räder der Zeit einzugreifen, und die bürgerliche Ordnung, um sie zu verbessern, umzustürzen, war weder in seinem Plane, noch seinen Grundsätzen gemäß. Er wirkte, wie es einem guten Genius zukommt, still und geheim, und du kannst es mir, einem so vieljährigen Augenzeugen, um so mehr glauben, da du sogar in der Erzählung des einfältigen Damis Spuren davon gefunden haben wirst: – er tat und beförderte im Verborgenen so viel Gutes, und hinderte laut und öffentlich so viel Böses, als unter den äußerst verderbten Römern und Griechen unsrer Zeit, und unter der Autokratie solcher Ungeheuer, wie Claudius, Nero und Domitian, nur immer möglich war; und indes ihn der große Haufe der Weltleute für einen religiösen und philosophischen Gaukler, der Pöbel für einen mächtigen Zauberer, und leichtgläubige Schwärmer für den wieder ins Leben gekommenen Orpheus oder Pythagoras hielten, bereitete sein geheimer Einfluß unvermerkt die bessern Tage vor, denen wir jetzt entgegen sehen. Mehr zu sagen ist mir nicht erlaubt; ich zweifle aber nicht, Agathodämon selbst wird kein Bedenken tragen, dir über alles dies so viel Licht zu geben als du wünschen kannst.« Ich . »Ich sehe ihn dort, am Ende des Gartens, mit einem Buch in der Hand, langsam unter den Bäumen gehen. Er scheint sich uns nähern zu wollen.« Kymon . »Ich errate was er liest; vermutlich seine Biographie von Damis, die du mir gestern abends mitgabst.« Ich . »Und wie kam sie aus deinen Händen in die seinen?« Kymon . »Als ich heute mit Tagesanbruch in sein Schlafzimmer trat, sagte er mir, mit dem Blick, der ihm eigen ist, wenn er einen in die Unmöglichkeit setzen will, ihm die Wahrheit zu verhehlen: ›Du hast nicht geschlafen, Kymon; wie kam das? Was hast du getrieben?‹ – Ich gestand also was ich nicht verbergen konnte. Der Gedanke, den Damis zum Geschichtschreiber zu haben, schien ihn zu belustigen. Er verlangte das Buch selbst zu sehen, und da ich deine Einwilligung voraussetzen konnte, trug ich kein Bedenken ihm zu gehorchen.« II. Apollonius war uns jetzt so nahe, daß wir das Gespräch fallen ließen, um ihm einige Schritte entgegen zu gehen. Er grüßte mich, indem er das Buch dem Kymon zurück gab; dieser entfernte sich, um seinen kleinen Geschäften nachzugehen, und der ehrwürdige Greis nahm mit mir den Weg, der zur Bank an dem Lorbeergebüsche führte. »Der arme Damis«, fing er an, »hat mir, wiewohl auf meine eigenen Kosten, ein paar kurzweilige Stunden gemacht. Als ich dir gestern sagte, ich kenne mehr als Einen, der meine Geschichte sehr unrichtig schreiben werde, glaubte ich nicht die Wahrheit meiner Voraussehung so bald bestätiget zu finden. Es müßte ein seltsames Werk herauskommen, wenn, bei dem immer wachsenden Hang der Menschen zu übernatürlichen und unglaublichen Dingen, irgend ein redseliger Sophist sich in hundert Jahren einfallen ließe, aus dieser etwas unförmlichen Handzeichnung meines Assyrischen Freundes ein großes, reich zusammen gesetztes und mit üppiger Farbenverschwendung ausgeführtes Gemälde, zur Gemütsergetzung irgend einer wunderlustigen Dame, auszufertigen. Gut, daß ich auf alle Fälle die Vorsicht gebraucht habe, meine wahre Geschichte einem verständigen Manne zu vertrauen.« »So teuer mir (versetzte ich) dieses für mich so ehrenvolle Vertrauen ist, insofern ich, zu meinem eigenen unschätzbaren Gewinn, durch einen glücklichen Zufall und deine Güte damit begünstiget worden bin, so kann ich doch nicht zweifeln, daß die Nachwelt, auch ohne die Berichtigungen und Aufschlüsse, die sie nun von mir erhalten kann, das Wahre von dem Falschen in der abenteuerlichen Schilderung des Damis, und jeder andern, die in diesem Geschmacke gemacht werden könnte, zu scheiden wissen werde. Denn daß es das verzeichnete, überladene, falsch gefärbte und schief beleuchtete Bildnis eines Mannes von seltner Größe und Kraft des Geistes sei, muß auch der Blödeste sehen; und dem Verständigen wird es leicht sein, aus einigen echten Zügen, die hier und da wie durch einen schmutzigen Nebel durchscheinen, nach dem Kanon der Natur , ein der Wahrheit wenigstens ziemlich nahe kommendes Bild zusammen zu setzen.« Apollonius schwieg einige Augenblicke, und sagte dann, indem er mir mit kaum merklichem Lächeln scharf in die Augen sah: »Gestehe, Hegesias, daß es dir noch immer ein wenig schwer wird, die Rolle, die ich im Leben spielte, mit allem dem, was dir die Gegenwart darstellt, in reinen Zusammenklang zu bringen, und dich in dir selbst zu überzeugen, daß der Apollonius, der sich für einen Vertrauten der Götter ausgab, allenthalben, wohin er kam, sogleich von den Tempeln Besitz nahm, und gewöhnlich nur in den Vorhallen oder Hainen des Äskulaps oder Apollo zu finden war; der Mann, der von der Zukunft immer sprach, als ob sie ihm schon gegenwärtig sei, Gewalt über die bösen Geister hatte, Tote erweckte, in eben derselben Stunde, da er zu Rom vor dem Richtstuhle Domitians aus aller Anwesenden Augen verschwand, im Nympheon vor Puteoli in Kampanien seine Freunde Demetrius und Damis durch seine Erscheinung überraschte, und ein paar Jahre darauf den Tod des Tyrannen auf dem Markte zu Ephesus, als eine Sache, die in diesem Augenblick vor seinen Augen vorgehe, öffentlich ankündigte: – gestehe, es wird dir schwer zu glauben, daß es eben derselbe sei, den du vor dir siehest?« Die Reihe zu schweigen war jetzt an mir. Apollonius, dem es nicht entgehen konnte, daß ich um eine schickliche Antwort verlegen war, heftete einen still heitern aufmunternden Blick auf mich, und setzte nach einer kleinen Pause hinzu: »Ich wundere mich nicht, daß ich die Wahrheit erraten habe, und finde deine Verlegenheit sehr natürlich.« »Freilich«, erwiderte ich, »ist nichts natürlicher, als daß ein Mann wie du in den Augen alltäglicher Menschen ein Wunder scheinen muß. Aber du erweisest mir, hoffe ich, die Gerechtigkeit, zu gut von mir zu denken, als daß irgend etwas deiner unwürdiges, was ein so schwachsinniger Mensch wie Damis erzählen kann, an meiner Seele haften sollte.« »Und doch«, versetzte er, »liegt – wenn ich das gar zu Alberne und Läppische, zumal in einigen Reden oder Antworten, die er mir als besonders sinnreiche Sprüche in den Mund legt, ausnehme – seinen meisten Erzählungen etwas Wahres zum Grunde, das er entweder schief, oder durch den gefärbten Nebel seiner Vorurteile sah. Ich würde deine Zeit mißbrauchen, und eine der zwölf Arbeiten des Herkules ohne allen Nutzen unternehmen, wenn ich sein Buch mit dir durchgehen, und ein Kapitel nach dem andern von den grotesken Auszierungen und Verschönerungen reinigen wollte, die der gute Mensch an seine Darstellung meines Lebens verschwendet hat. Einiges hat der wackere Kymon bereits ins Reine gebracht, und es wird dir ziemlich leicht sein, eine Menge ähnlicher Abenteuer auf dieselbe Weise zu berichtigen. Indessen bleibt doch im Ganzen etwas Unerklärbares und Magisches, wozu ich dir den Schlüssel schuldig bin. Alles wird dir klar werden, sobald ich dir – was sonst niemand tun kann als ich – das innere Adyton meines Ordens aufgeschlossen haben werde.« Ich brauche dir nicht zu sagen, Freund Timagenes, wie sehr ich durch die Herablassung und Offenheit gerührt wurde, womit ich ein so erhabenes Wesen, als dieser wahre Agathodämon in meinen Augen ist und nun auch in den deinen sein wird, sein Inneres vor mir aufzudecken bereit sah. Er nahm die Wärme, womit ich ihm mein Gefühl zeigte, mit seiner gewohnten Güte und Gleichmütigkeit auf; und nachdem die kleine Hebe ihren täglichen Morgendienst bei der Quelle verrichtet, und ihre Mutter, wiewohl diesmal unsern Augen durch das Gebüsch entzogen, mich durch einen herrlichen Gesang, den sie mit großer Fertigkeit und Anmut auf der Cither begleitete, zu der Weihe, die ich empfangen sollte, vorbereitet hatte, fing mein ehrwürdiger Nestor, dem, gleich jenem Homerischen, die Rede wie Hybläischer Honig von den Lippen floß, die folgende Erzählung an. III. »Du erinnerst dich vermutlich, Hegesias, daß ich dir gestern sagte, es hätte sich schon in der ersten Morgenröte meiner Jünglingsjahre eine Art von Ehrgeiz – wenn anders dieser Trieb nicht einen bessern Namen verdient – mächtig in mir erhoben, dem weder die Meinung andrer von mir, noch mein eigenes Bewußtsein habe genug tun können. In der Tat überwältigte von dieser Zeit an ein heftiges Verlangen, der größte und beste, der unabhängigste und ohne fremden Beistand durch sich selbst mächtigste aller Menschen zu sein, alle andere Triebe und Leidenschaften der Jugend in mir, und mehrere Jahre lang war die Bearbeitung meiner selbst zu diesem großen Zweck das Hauptgeschäfte meines Lebens. Was für Wege ich dazu eingeschlagen, wie ich mir ein Ideal, aus Pythagoras und Diogenes zusammen gesetzt, zum Muster vorgestellt, durch welche Übungen und Angewöhnungen ich dahin gelangt, diesem Vorbilde ziemlich nahe zu kommen, und wie ich schon zu Ägä den ersten Grund zu einer neuen Art von Pythagorischem Orden gelegt, davon habe ich dir gestern bereits ausführlich genug gesprochen. Das, was in der Folge der Hauptzweck dieses Ordens wurde, lag damals noch in einer Art von Nebel vor mir. Mein erster Plan ging noch nicht weiter, als mich mit einer kleinen Anzahl gleich gesinnter Jünglinge zu gemeinschaftlicher Vervollkommnung unser selbst zu vereinigen, in der Absicht, uns dadurch zu irgend einer großen wohltätigen Einwirkung auf die Menschheit tüchtig zu machen, welche wir, in Vergleichung mit dem, was der Mensch nach unsrer Idee sein sollte, so tief unter ihre ursprüngliche Würde und Bestimmung herab gesunken sahen, daß ihr nur durch ganz außerordentliche Mittel geholfen werden könnte. Wie wir dabei zu Werke gehen müßten, war uns noch nicht klar; unsre Begriffe, Aussichten und Entwürfe konnten damals nicht anders als unbestimmt, schwebend und träumerisch sein, da es uns, bei unsrer Jugend und beschränkten Lebensweise, noch zu sehr an praktischer Kenntnis der wirklichen Welt, und an einem hellen Überblick des Zusammenhangs der menschlichen Dinge fehlte. Aber eben darum war uns, als ob wir ein unendliches Werk vor uns liegen sähen, und mit der eben so unendlichen Kraft, die wir in uns fühlten, gleichsam eine neue Welt zu erschaffen hätten. Die ersten, die sich mit mir hierzu verbanden, waren Jünglinge von sehr lebhaftem Gefühl und feuriger Einbildungskraft, voll enthusiastischer Liebe zu allem was schön und gut ist, edel und großherzig, mehr zum Handeln als zum Denken aufgelegt, geschickter einen Plan ausführen zu helfen als zu erfinden, und übrigens mir mit desto unbegrenzterer Anhänglichkeit zugetan, da sie eine Obermacht des Genius in mir zu erkennen glaubten, die mich, ungeachtet der zwischen uns festgesetzten Gleichheit, unvermerkt zum Haupt unsers Ordens und zur Seele aller seiner Unternehmungen machte. In der Tat war ich der einzige unter ihnen, dessen Kopf kalt und hell genug zu diesem Amte war: und da ich den gemeinschaftlichen Hauptzweck, ohne selbstsüchtige Nebenabsichten, mit rastloser Tätigkeit verfolgte, und mich der Vorzüge meiner Natur über sie immer mit Bescheidenheit und Nachsicht bediente; so erwarb ich mir, schon von jener Zeit an, das Vertrauen und die Liebe meiner Brüder in einem so hohen Grade, daß mir in der Folge vielleicht nichts, was ich durch sie hätte ausführen wollen, unmöglich gewesen wäre. Von meinem ersten Ausfluge zu den Orphikern in Samothrake kennst du bereits das merkwürdigste. Die Aufschlüsse, die ich während eines Aufenthalts von mehrern Jahren unter diesen Eingeweihten erhielt, trugen nicht wenig bei, den Plan meines eignen Ordens, der sich inzwischen immer in meinem Kopfe fortorganisierte, zur Reife zu bringen. Meine Kenntnis von dem Zustande der Welt, unter der übermütigen Herrschaft der verderbtesten aller Menschen, nahm in dieser Zeit beträchtlich zu; und die Kluft zwischen dem, was meine Zeitgenossen waren , und der Höhe, welche mir dem Menschengeschlecht erreichbar schien, deuchte mir jetzt so ungeheuer, daß Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende, dazu gehörten, sie auszufüllen, um dahin gelangen zu können, was ich und meine Freunde, einige Jahre zuvor, in unsrer jugendlichen Unerfahrenheit etwa für das Werk zweier Generationen hielten. Durch die Eroberungen Alexanders des Großen und die Griechischen Dynastien in Syrien und Ägypten, die sich aus den Trümmern seines eben so schnell verschwundenen als entstandenen Reichs erhoben, waren Griechische Bildung und Kunst zugleich mit der Sprache der Musen an den Orontes und Nilus verpflanzt worden; und die darauf folgende, alle andere Mächte verschlingende Herrschaft der Römer, hatte die Gesetze der stolzen Göttin Roma über den Erdkreis verbreitet: aber den Völkern war weder an Wohlstand noch Sittlichkeit etwas beträchtliches dadurch zugewachsen. Die Blut verschwendenden Kriege und die räuberischen Triumphe der Scipionen und Marcelle, Marius und Sylla, der Luculle, Pompejen und Cäsarn, zerstörten immer mehr, als sie wieder herstellten; und wie Augustus endlich der erschöpften Welt eine längere Ruhe schenkte, als sie seit undenklichen Zeiten genossen hatte, wurde diese Ruhe selbst, durch die Bedingungen, unter welchen sie ihr zu Teil wurde, der Menschheit nachteiliger, als alle Drangsale der vorigen Erschütterungen. Griechen und Römer hatten zwar überall, wohin sie ihre Kultur brachten, auch ihre verderbten Sitten mitgebracht: aber während des langen Kampfes, den die letztern mit allen übrigen Völkern, und endlich unter sich selbst, um Obermacht und Alleinherrschaft kämpften, erhielt dieser nur selten auf kurze Zeit unterbrochne Kriegsstand die Menschheit doch immer in einer beständigen Tätigkeit und Anstrengung aller Kräfte, die jenem Verderbnis, im Ganzen wenigstens, die Waage hielt. In Zeiten der Not und Gefahr gilt ein Mensch was er ist , und sogar die Tugend wird ihm zum Verdienst angerechnet, weil man ihrer bedarf; man schätzt sie, nicht weil sie Tugend, sondern insofern sie zuweilen eine nützliche Sache ist. Der Drang der Umstände spannt alle Triebfedern, setzt alle Räder in Bewegung, eröffnet alle Hülfsquellen der Menschheit. Große Männer kommen zum Vorschein, und kämpfen, auf entgegen stehenden Parteien, um Vaterland, Freiheit und Selbsterhaltung, oder um Ruhm, Oberherrschaft und Beute. Große Tugenden halten großen Lastern noch das Gegengewicht; wer nicht handeln kann, lernt leiden; und wer des Leidens müde ist, wird durch die Verzweiflung selbst zur Tätigkeit angespornt. In solchen Zeitläufen ist es unmöglich, daß die Menschheit ganz unter sich selbst herab sinke; auch stellt uns die Geschichte der zwei letzten Jahrhunderte vor August große und vortreffliche Männer aller Arten in Menge auf. Aber sobald die zermalmende Keule der Römischen Alleinherrschaft alles, was noch empor ragte, niedergeschmettert hatte, und die Willkür eines Einzigen das höchste Gesetz wurde, welches alle andern in bloße Netze und Schlingen verwandelte; sobald der Römer die zahllosen und größten Teils reichen Provinzen des neuen Kaiserreichs bloß als unerschöpfliche Quellen für die unersättliche Raubgier und die übermütigen Ausschweifungen eines zuvor nie erhörten Luxus betrachtete: – von diesem unseligen Zeitpunkt an, sank das menschliche Geschlecht von Stufe zu Stufe mit immer zunehmender Geschwindigkeit, und würde noch tiefer gesunken sein, wenn nicht neuerlich ein Regent von großen Eigenschaften und festem Charakter an das Steuerruder gestellt worden wäre, und dem reißenden Strom des Verderbens, eine Zeit lang wenigstens, Einhalt täte.« Hier hielt Apollonius inne, um, wie es schien, seine Gedanken wieder um Einen Punkt zu sammeln, und nach einer kleinen Weile fuhr er wieder fort: »Ein Hauptzeichen des Jahrhunderts, das ich nun beinahe durchlebt habe, ist eine fast allgemeine Erschlaffung und Stumpfheit des Geistes; die natürliche Folge teils der ehemaligen Überspannung, teils der Sklaverei und Unterdrückung der Völker des Römerreichs; wozu noch unter den höhern Klassen die mehr als Sybaritische Üppigkeit kommt, die den meisten schon in dem Alter des Genießens selbst eine so klägliche Schwäche aller Organe zugezogen hat, daß sogar die kleine Kraftanwendung, ohne welche kein Genuß möglich ist, für sie zur Herkulischen Arbeit wird. Wo sollten die kaum noch vegetierenden Seelen solcher Menschen die Kraft hernehmen, zwei Gedanken fest genug zu halten, um sie drei Augenblicke lang mit einander vergleichen zu können? Das auffallendste Symptom dieser traurigen Paralysierung aller Verstandeskräfte zeigte sich mir in jenem Zeitpunkte meines Lebens an der außerordentlichen Stimmung der Menschen zur religiösen Schwärmerei. Eigentlich gab es damals, in Hinsicht auf Religion, nur zwei Hauptklassen: Spötter und erklärte Atheisten, oder überglaubige Andächtler und fanatische Nympholepten. Wer das eine nicht war, war sicher das andere. Aber, was man kaum glauben sollte, wenn die tägliche Erfahrung es nicht so häufig zeigte, dieselben Menschen, die das Dasein einer göttlichen Weltregierung leugneten, ihrer eignen Seele die geistige Natur absprachen, und, wie andere Tiere, mit dem Tode aufzuhören hofften, glaubten an Magie und Astrologie, ließen sich und andern die Nativität stellen, hielten sich eigene Chaldäer und Traumdeuter, und trugen Amulette am Hals und talismanische Ringe an den Fingern. Bei den Andächtlern hingegen hatten die alten Götter beinahe alles Ansehen verloren; ihre Tempel verfielen, ihre Orakel waren verlassen, auf ihren Altären wuchs Gras; jedermann wählte sich irgend einen neumodischen Gott, mehr zum Günstling als zum Patron; Äskulap verdrängte seinen Vater Apollo, Sabatius den Bacchus, Anubis den Merkur, Serapis sogar den Jupiter. Allenthalben zogen vorgebliche Priester der Isis und der Syrischen Göttin in den Dörfern umher, und besteuerten den Aberglauben des unwissenden Landvolks. Kurz, nie war der Glaube an Orakel und Theurgie, der Eifer für fremde Gottesdienste, die Begierde sich in neuen Mysterien initiieren zu lassen, so allgemein gewesen: und alles dies in einer Zeit, wo, unter der heillosen Regierung der Cäsarn und ihrer Stellvertreter, alle Arten von Lastern und Verbrechen im Schwange gingen, Tugend nur noch als Larve brauchbar war, und, einen Rest von äußerlicher Anständigkeit ausgenommen, alle Spur von Sittlichkeit und Humanität aus der Welt verschwunden zu sein schien. Ich würde dirs nicht verdenken, Hegesias, wenn dir das Unternehmen, in so tief herab gesunknen Menschen das erstorbene Gefühl der Würde ihrer Natur wieder aufzuwecken, widersinnig und beinahe lächerlich vorkäme.« – »Wenn ein solches Wunder möglich wäre«, erwiderte ich, »so müßte es einem Agathodämon gelungen sein.« – »Wir wollen sehen«, versetzte er lächelnd, wie man einem Kinde zulächelt, das mit einer klugen Miene etwas kindisches gesagt hat. »Wenigstens gibt es Fälle, wo es erlaubt, ja sogar Pflicht ist, das unmöglich scheinende zu versuchen . Überhaupt wird dir die Sache begreiflicher werden, wenn du verschiedene Zeitpunkte annimmst, in welchen mein Plan sich nach und nach ausbildete, bis er endlich die Gestalt gewann, welche mir dem Bedürfnis der Zeit die angemessenste schien. Denn selten, oder vielleicht noch niemals, hat ein Sterblicher, dem eine große Idee bei seinem Werke vorschwebte, das wirklich hervorgebracht, was er machen wollte. Als ich den ersten Grund zu meinem Orden legte, sah ich die Welt noch mit den Augen und der Phantasie eines jungen Mannes von dreißig Jahren, der sie nur stückweise , von unten und in der Nähe sieht. Zwar ward ich schon damals beinahe alles gewahr, was ich viele Jahre später sah; aber es erschien mir in einem sanftern Lichte, mit minder scharfen Umrissen und minder grellen Farben. Ich glaubte noch durch die bloße Macht eines großen Beispiels und den vereinigten Einfluß einer Anzahl vortrefflicher Menschen Wunder tun zu können. Ich stellte mir vor, was Pythagoras ehemals in den verderbten Republiken Ober-Italiens gewirkt hatte. Mit einer verhältnismäßig größern Anzahl würdiger Gehülfen, die ich im ganzen Umfang des Römischen Reichs zusammen zu bringen hoffte, würde mir, (dacht ich) wenn auch in längerer Zeit, vielleicht im Großen gelingen, was Er im Kleinen zu Stande brachte. Aber ich hatte die Verschiedenheit der Zeit und aller übrigen Umstände nicht mit in den Anschlag gebracht, und so zeigte sichs bald genug, daß ich falsch gerechnet hatte. Indessen wär es doch vielleicht besser gewesen, mich auf meinen ersten Plan einzuschränken. Wir würden freilich keine merkliche Veränderungen in der Welt bewirkt haben; aber im Einzelnen wäre doch immer manches Gute geschehen, manches Böse gehoben, vermindert oder verhütet worden. Gewiß ist der sicherste und harmloseste Weg, uns um die Menschheit verdient zu machen, wenn wir es im Stillen tun, ohne weit greifende Anstalten und ein künstlich zusammen gesetztes Maschinenwerk, dessen Wirkungen wir nicht immer in unsrer Gewalt behalten. Aber für die Kraft, die ich in mir fühlte, und – wiewohl ich damals aus reinen Beweggründen zu handeln glaubte – für meinen Stolz , war dies nicht genug. Selbst das musterhafteste Beispiel der Weisheit und Tugend, von einigen hundert durch die ganze Welt verstreuten Sokraten gegeben, und mit gelegentlichen Belehrungen und Zurechtweisungen, in der Manier jenes berühmten Atheners, unterstützt, würde, so deuchte mich damals, der Welt nicht mehr Licht und Wärme mitteilen, als die still funkelnden Sterne der ersten und zweiten Größe, die den Himmel in einer heitern Nacht so prächtig zieren, und dem denkenden Betrachter einen so herzerhebenden Anblick gewähren, aber doch alle zusammen nicht so viel Wirkung auf unsern Planeten hervorbringen, als der kleinste Abschnitt der Mondsscheibe. Ich änderte also meinen Plan, als ich mich durch den Aufenthalt unter den Orphikern überzeugt zu haben glaubte, daß ich die Menschen meiner Zeit auf keine andre Weise mächtig bearbeiten könne, als indem ich unmittelbar auf die einzige Seite, wo ihnen noch beizukommen wäre, auf ihre religiöse Stimmung , wirkte, und ihren Hang zum Wunderbaren und Übernatürlichen zu ihrer moralischen Besserung, ja sogar – wie man erfrorne Glieder durch Schnee wieder aufwärmt – als ein Heilmittel gegen ihren Aberglauben selbst, zu benutzen suchte. Wie ich bei den Orphikern nach und nach dahin gekommen, mir diese Art von wohltätiger Täuschung nicht nur als unschuldig, sondern als den zweckmäßigsten, oder vielmehr einzig möglichen Weg, meine Absicht zu erreichen, vorzubilden, hast du gestern schon gehört. Um diese Zeit war es, da ich mich entschloß, den Charakter eines Verbesserers und Wiederherstellers der Religion und der Sitten öffentlich anzunehmen, in dieser Absicht die verschiednen Provinzen der Römischen Welt zu durchwandern, und mich in den größern Städten, nach Maßgabe der Umstände, lange genug aufzuhalten, um mir eine Anzahl Anhänger zu verschaffen, aus welchen ich die verschiedenen Grade meiner geheimen Gesellschaft nach und nach organisieren könnte.« Während dieser Erzählung hatte mich Apollonius zu einer Seite seiner Einsiedelei geführt, die mir noch unbekannt war. Ein langer Gang von dicht belaubten Platanen, der sich an einer unabsehbaren, schroffen und buschichten Felsenwand hinzog, brachte uns durch eine unmerkliche Krümmung bis zur Hinterseite seiner Wohnung, welche hier eine auf Dorischen Säulen ruhende hohe Vorhalle bildete. Sie war zur Rechten und Linken von blühenden Gebüschen umgeben, und mit bequemen Sitzen versehen, von welchen man, durch eine allmählich sich erweiternde Öffnung in der Felsenwand, eine entzückende Aussicht über die See hatte, die das Vorgebirge, die Widderstirne genannt, anspült. Hier nahmen wir Platz, und mein ehrwürdiger Wirt ließ mir Zeit, mich an der hohen Schönheit dieser überraschenden Szene zu ergetzen. Eine Weile darauf kam auch die kleine Nymphe aus einer verborgenen Tür mit ihrem Frühstück hervor, und bediente uns wie gestern; und nachdem sie wieder verschwunden war, fuhr Apollonius in seinem Diskurse folgendermaßen fort. IV. »Wer sich irgend einen besondern Zweck im Leben zu erreichen vorgesetzt hat, dem darf es nicht genug sein, wär er auch der weiseste und beste aller Menschen, immer bloß seinem Charakter und Herzen gemäß zu handeln. Sein besonderer Zweck legt ihm, in Rücksicht auf die Menschen, mit denen er es zu tun hat, eine Rolle auf, die in ihrer eigenen Weise gespielt sein will, und die, auch mit den größten Naturgaben und Anlagen, ohne Kunst nicht gut gespielt werden kann. Er hat Schwierigkeiten zu überwinden oder ihnen auszuweichen, Gelegenheiten zu erhaschen, Umstände zu benutzen. Die Meinungen, Leidenschaften und Zwecke der andern Menschen, die seinen Weg beständig durchkreuzen, erlauben ihm beinahe nie, in der geradesten Richtung fortzuschreiten, sondern nötigen ihn, gern oder ungern, zu Umwegen, die aber eben darum, weil sie sicher zum Zweck führen, der kürzeste Weg sind. In allem diesem nie zu viel noch zu wenig zu tun, und (wie ein Morgenländischer Weiser sagte) immer die glatte Geschmeidigkeit der Schlange mit der harmlosen Einfalt der Taube zu verbinden, ist die große Kunst des Lebens , und vielleicht unter allen Künsten diejenige, worin, wer nach Vollkommenheit strebt, sich selbst am wenigsten genug tun kann. Sobald es bei mir festgesetzt war, was für eine Person auf dem Weltschauplatz vorzustellen sich für mich am besten schicke, war der erste Gegenstand meiner Überlegung, welche besondere Art von Spiel diese Rolle erfordere. Die Resultate dieser Beratschlagung mit mir selbst sind der Schlüssel zu dem, was ich das Geheimnis meiner Person nennen kann. Ich trage kein Bedenken, Hegesias, dir dieses Geheimnis aufzuschließen, teils weil meine Rolle ausgespielt ist, teils weil es nun gewisser Maßen eine Last für mich selbst ist, von welcher ich mich zu erleichtern wünsche, indem ich es in die Seele eines verständigen und guten Mannes niederlege. Überhaupt schien es mir zu meinem Zweck notwendig, eine Art von heiligem Dunkel um meine Person und die Klasse von Wesen, zu welcher ich gehörte, zu verbreiten. Glücklicher Weise trafen eine Menge zufälliger Umstände bei mir zusammen, welche diese Wirkung größten Teils von selbst hervorbrachten. Es wäre überflüssig hierüber ins besondere zu gehen; genug, daß, indem ich die Rolle eines ungewöhnlichen Menschen spielte, ich im Grunde nichts vorstellte, als was ich wirklich war. Mit der Zeit ward es auch bei andern als den Hirten auf dem weißen Gebirge zweifelhaft, ob ich nicht etwas mehr als ein Sterblicher sei. Die wärmsten Liebhaber des Wunderbaren erklärten mich geradezu für einen Mensch gewordenen Dämon ; andere glaubten, Orpheus , der Stifter der ältesten Mysterien, andere, der Kretische Prophet Epimenides , noch andere, der göttliche Pythagoras sei in mir zurück gekommen; die letztern meinten in der sonderbaren Ähnlichkeit, die man zwischen mir und den Bildnissen dieses Weisen sehen wollte, einen triumphierenden Beweis für ihre Meinung zu finden. Damis glaubt mich sogar zu ehren, da er mich zum Proteus macht, und beruft sich auf einen Traum, worin dieser Ägyptische Gott in Person meiner Mutter angekündigt habe, daß er sich von ihr gebären lassen werde. Viele, die sich zu weise dünkten, um einer von diesen Hypothesen beizutreten, hielten wenigstens für etwas ausgemachtes, daß ich, es sei nun durch unmittelbare Erleuchtung oder auf natürlichen Wegen, zum vollständigen Besitz aller geheimen Wissenschaft der Zoroaster , Hermes und Orpheus gelangt, und nichts Vergangenes, Gegenwärtiges noch Zukünftiges vor mir verborgen sei; noch andere, daß ich, kraft meiner Einweihung in den Mysterien der theurgischen Magie, in unmittelbarer Gemeinschaft mit den Göttern stehe, Macht über die bösen Geister habe, und Dinge tun könne, die über die Kräfte aller Sterblichen gingen. Zwei oder drei Begebenheiten, die den Schein hatten, als ob sie in diese Klasse gehörten, waren mehr als hinreichend, hundert andere, zum Teil ganz ungereimte Wunder zu beglaubigen, die auf meine Rechnung herum getragen wurden. Es bedarf, denke ich, keiner ausdrücklichen Verwahrung bei dir, daß ich an diesen ungereimten Meinungen und Gerüchten geradezu keinen andern Anteil hatte, als daß ich sie durch mein Benehmen überhaupt eher zu bekräftigen als zu vernichten schien. Es war in meinem Plan, über alles, was meine Person betraf, ein geheimnisvolles Schweigen zu beobachten, oder doch die schüchternen, durch behutsame Umwege sich annähernden Fragen der Vorwitzigen so rätselhaft zu beantworten, daß es nur an den Fragenden lag, in ihren Vorurteilen bestärkt zu werden. Von den Göttern sprach ich immer mit hoher Ehrfurcht, aber wie ein vertrauter Diener von seinem Herren spricht: im Ton eines Menschen, der sie in der Nähe sieht, der sich bewußt ist etwas bei ihnen zu vermögen, dem es zukommt in ihrem Namen zu sprechen, und der sich darauf verlassen kann, daß sie ihn nie beschämen noch fallen lassen werden. Ich gab bei Gelegenheit zu verstehen, (was denn auch die reine Wahrheit war) daß ich in den ältesten und geheimnisreichsten Mysterien eingeweiht sei; und so oft sich ein Anlaß zeigte, es sei nun durch unbekannte physische Mittel, oder durch starke Einwirkung auf die Nerven und die exaltierte Einbildungskraft hypochondrischer und hysterischer Personen, Wunder zu tun , so blieb sie sicher nicht unbenutzt. Unter vernünftigern Menschen, als der größte Teil meiner Zeitgenossen war, würde ein Mann, der etwas besseres als einen landfahrenden Isispriester hätte vorstellen wollen, sich durch alles dies verächtlich und lächerlich gemacht haben; aber bei den Leuten, mit denen ichs zu tun hatte, wagte ich nichts. Auf die untern Volksklassen wird, ohne ähnliche Behelfe und Täuschungen, kein Weiser, der sich die Heilung der moralischen Gebrechen der Menschheit zum Ziel gesetzt hat, in unsern Tagen den geringsten Eindruck machen. Er kann ihre Aufmerksamkeit nur durch ungewöhnliche Dinge erregen; er muß ihre Sinne erschüttern, ihre Seelen in Erstaunen setzen, und nur die Meinung, daß er ein Wesen aus einer höhern Ordnung sei, kann ihm in ihren Augen das Recht geben, den Sterblichen den Willen der Gottheit anzukündigen. Je verworrener und dunkler die Vorstellung ist, die sie sich von ihm machen, je ungewisser seine eigentliche Natur und die Grenzen seiner Macht in ihrer Einbildung sind, desto mehr Glauben, Zutrauen, Lenksamkeit und Gehorsam kann er sich von ihnen versprechen. Was die gebildetern Klassen betrifft, so möchten zwar die meisten, die sich darunter rechnen, dafür angesehen sein, als ob sie in allen solchen Dingen weit über die blödsinnige Schwäche des gemeinen Mannes hinweg wären: aber in der Tat ruht ihr Unglaube auf keinem festern Grunde, als der Aberglaube des Pöbels; und es verhält sich mit ihrer affektierten Freigeisterei überhaupt wie mit ihrer vorgeblichen Verachtung der Gespenster- und Geistergeschichten, die in allen Ländern beim Volk in so großem Ansehen stehen. Wer sich überzeugen will, wie wenig sie in diesem Punkte vor Kindern und Kinderwärterinnen voraus haben, darf nur eine solche Geschichte, wenn sie auch noch so unglaublich wäre, als Augenzeuge mit lebhafter mimischer Darstellung und anscheinender Selbstüberzeugung in einer großen Gesellschaft erzählen, und er wird die Unwahrheit der Versicherung, daß man kein Wort davon glaube, in den meisten Gesichtern deutlich lesen können. Der Gedanke, es könnte doch vielleicht wahr sein, dringt sich ihnen wider ihren Willen auf, und wird sogar durch einen leisen instinktartigen Wunsch, daß es wahr sein möchte, unterstützt. Man wird daher immer finden, daß ein Mann, der in dem Rufe steht, daß er in den Mysterien der hohen Magie eingeweiht sei und außerordentliche Dinge vermöge, wofern er nur durch nicht gemeine persönliche Eigenschaften, durch eine große Geistesgegenwart, und ein sich selbst immer gleiches festes Betragen, seinen Ruf zu behaupten weiß, den Großen und den Weltleuten überhaupt imponiert, und sogar diejenigen, die ihn für einen bloßen Gaukler halten, in Verlegenheit setzen, und in ihrer Meinung von seiner Person schwankend machen kann. Ich habe dies im Lauf meines Lebens öfters, und besonders auf eine sehr einleuchtende Weise bei meinem letzten Aufenthalt zu Rom erfahren, da mich Domitian gefangen setzen ließ, um mir wegen eines dreifachen Verbrechens, der Philosophie, der Magie, und der Teilnahme an einer Verschwörung gegen seine Person, den Prozeß zu machen. Die Wirkung, die der Anblick eines Greises von neunzig Jahren, wie er vermutlich noch keinen gesehen hatte, beim ersten Verhör auf den eben so schwachherzigen als übermütigen Tyrannen machte, wurde von allen Anwesenden bemerkt. Er schien seine Verlegenheit durch eine herrische Miene und den rauhen Ton, womit er mich anfuhr, verbergen, und mich selbst dadurch aus meiner Fassung bringen zu wollen. ›Wer bist du?‹ donnerte er mich, gegen seine Gewohnheit, an. – ›Apollonius von Tyana.‹ – ›Warum erscheinst du in dieser ungewöhnlichen Kleidung vor mir?‹ – ›Ich trage seit siebzig Jahren keine andere.‹ – Er schwieg einen Augenblick, als ob er sich besinnen wolle. ›Du bist schwerer Verbrechen wegen angeklagt‹, fuhr er fort. – ›Von dem gerechten Richter, den ich zu erwarten befugt bin, habe ich nichts zu befahren, und einen ungerechten fürchte ich nicht.‹ – Die Ruhe, womit ich dies sagte, warf ihn, wie es schien, in eine neue Ungewißheit, was er aus mir machen und wie er mich behandeln sollte. Er wandte sich von mir weg, sprach einige leise Worte zu dem Befehlshaber seiner Leibwache, der etliche Schritte hinter ihm stand, drehte sich dann wieder um, und sagte mir in einem etwas milderen Tone, daß er meine Sache nächstens selbst untersuchen wollte. Er begleitete diesen Bescheid mit einem Blick, der mir die ganze Majestät des Herren der Welt in die Augen blitzen sollte: aber ich ließ ihn an der unerschütterlichen und von angeborner Unerschrockenheit unterstützten Gleichmütigkeit abprallen, die mir durch die Länge der Zeit so natürlich geworden ist, daß ich mir beinahe zutrauen darf, sie nicht zu verlieren, wenn die Welt über mir zusammen stürzte. Der furchtbare Autokrator-Blick fiel wie ein stumpfer Pfeil vor mir nieder; Domitian kehrte mir schnell den Rücken zu, und ich wurde sogleich wieder ins Gefängnis abgeführt. Im Weggehen hörte ich ihn zum Obersten seiner Leibwache sagen: ›Wenn der kein eingefleischter Dämon ist, so hat es nie einen gegeben.‹ Einer meiner heimlichen Freunde, der bei diesem Verhör zugegen war, sagte mir in der Folge: der Kaiser, den seine ungeheuern Ausschweifungen schon im vierzigsten Jahre sehr herab gebracht, habe nichts so unbegreiflich gefunden, als wie ein Mann mit silbergrauem Bart und Haar noch ein so kräftiges Ansehen und einen so festen Ton der Stimme haben könne. Der Präfekt, der mich vor mehrern Jahren in Ägypten kennen gelernt hatte und mir nicht übel wollte, habe ihm zu verstehen gegeben, er halte mich für einen großen Magus. ›Das wollen wir sehen‹, habe der Kaiser gesagt. Ob er sich vielleicht einbilden mochte, daß die Kraft meiner Zauberei in meinen Haaren stecke, weiß ich nicht: aber bald nachdem ich in mein Gefängnis gebracht worden war, trat einer von den Sklaven des Palasts herein, und kündigte mir mit zitternder Stimme an, er habe Befehl vom Kaiser, mir Haare und Bart abzuscheren. Ich sah dem Menschen scharf ins Gesicht und schwieg. Da er sich aber zusammen raffte, und Hand ans Werk legen zu wollen schien, trat ich auf ihn zu, und sagte mit einer Stimme, die ihn beinahe zu Boden warf: ›Zittre, Mensch! Diese Haare sind dem Pythischen Apollo, und dieser Bart dem Äskulapius heilig! Wag es nicht mir einen Schritt näher zu kommen, oder du bist auf der Stelle des Todes!‹ – Der arme Wicht, dem sein Leben lieb war, ließ die Werkzeuge der Operation vor Schrecken fallen, lief davon, und machte dem Offizier, von dem er den Befehl des Kaisers erhalten hatte, eine so grausenhafte Beschreibung von den Blitzen, die aus den Augen des Zauberers heraus gefahren, da er sich seines Auftrags habe erledigen wollen, daß man, wie der Erfolg zeigte, für das ratsamste hielt, die Sache aufzugeben. – Ich habe mich bei diesem Beispiele der Wirkung, welche der allgemein verbreitete Wahnbegriff von meiner Stärke in der Magie, durch einige äußerliche Vorzüge unterstützt, nicht nur auf den Pöbel, sondern sogar auf Personen vom ersten Rang und auf den Autokrator selbst machte, länger verweilt, weil es zugleich zu einer Probe dienen kann, welche Vorteile ich dadurch erhielt, daß ich diesen Wahn durch die Art meines Benehmens vielmehr unterhielt als zerstörte. Da es zu meinem Zweck dienlich war, mich von den andern Philosophen, welche die Absicht, das Reich der Weisheit und Tugend unter den Menschen zu fördern, und sich selbst als Vorbilder darzustellen, mit mir gemein zu haben vorgaben, auf alle mögliche Weise zu unterscheiden, so mußte dies vornehmlich in solchen Dingen geschehen, die dem Volk am stärksten in die Augen fallen. Diesem Grundsatze zu Folge zeichnete ich mich in Kostüm und Diät von allen andern Römern und Griechen aus. Nichts Animalisches durfte meinen Leib berühren, noch zu meinem Mund eingehen. Ich kleidete mich, nach der Weise der Ägyptischen Priester, in einen langen faltenreichen Leibrock von Byssus, und beobachtete die Pythagorische Lebensordnung mit der pünktlichsten Genauigkeit. Es fiel anfangs auf; aber man gewöhnte sich nach und nach, zu glauben, es müsse so sein; und als, nach einer Reihe von Jahren, mein Ruf allenthalben vor mir her ging, so war man auch da, wo ich zum ersten Male gesehen wurde, darauf gefaßt, ein Wesen zu sehen, das in allem anders wäre als die gewöhnlichen Menschen. Man fand es ganz natürlich, daß der Mann, der mit den Göttern in unmittelbarer Gemeinschaft stand, und ihren alten reinen Dienst wieder herzustellen gesandt war, seine Wohnung in Tempeln aufschlug; und da man nichts geringeres als einen Propheten, Wundertäter und Alleswisser erwartete, so wurde auch alles, was ich vom Vergangenen und Gegenwärtigen sagte, als unfehlbare Wahrheit, alles, was ich vom Künftigen vermutete, als Weissagung, und beinahe alles, was ich tat, als etwas Außerordentliches aufgenommen. In allem diesem kommen die Menschen mit ihrer angestammten Leichtglaubigkeit und kindischen Liebe zum Wunderbaren demjenigen, der sich einmal in den Ruf eines Thaumaturgen gesetzt hat, so gutwillig und voreilig entgegen, daß es zuletzt gar keiner Kunstgriffe mehr bedarf, und daß nichts leichter ist, als sie, sogar gegen das Zeugnis ihrer eignen Sinne, glauben zu machen, sie hätten gesehen was sie nicht sahen, und gehört was sie nicht hörten. So erinnere ich mich, daß sich einst ein Gerücht, daß ich einem Stockblinden durch bloßes Anrühren seiner Augen das Gesicht wieder gegeben haben sollte, durch eine ganze Provinz in Klein-Asien verbreitete und von einer Menge vorgeblicher Augenzeugen bekräftiget wurde; wiewohl das ganze Wunder in einer sehr einfachen Operation bestand, die ich in meiner Jugend von einem Augenarzt gelernt hatte, der sich das Geheimnis teuer genug von mir bezahlen ließ. Eine von den Maximen, die mir zu meinem Unternehmen am meisten zustatten kamen, war, mich wohl zu hüten, den Menschen, unter welchen ich lebte, ein alltäglicher Anblick zu werden, oder irgend eines meiner Talente bloß zu ihrem Vergnügen anzuwenden. Das Außerordentliche wird alltäglich, sobald es oft gesehen wird. Ich zeigte mich sehr selten öffentlich; auf den Versammlungsplätzen, wo sich, nach Griechischer Sitte, die Bewohner eines Ortes und die Fremden einzufinden, und die Zeit mit Gesprächen oder auf andere Art zu vertreiben pflegen, wurde ich gar nie gesehen; und wenn ich, bei einer besonderen Gelegenheit, wie z. B. als ich die Epheser von der Pest befreite, zum Volke sprach, ließ ich mich die Eitelkeit ja nicht verführen, nach Art der Rhetorn und Philosophen von Profession, durch das Bestreben schön zu reden, um den Beifall meiner Zuhörer zu buhlen, und ihre Ohren mit zierlich gedrehten wohl klingenden Perioden zu kitzeln; sondern ich sprach in kurzen Sätzen, stark und geradezu, kein Wort mehr als was die Sache erforderte, und mehr im Ton eines Gesetzgebers, der befiehlt was man tun oder lassen solle, als eines Sophisten, der den Zauber der Überredungskunst zu Hülfe nehmen muß, um die Gemüter in seine Gewalt zu bekommen. Du begreifst, Hegesias, daß dies die einzige Art zum Volke zu reden war, die sich für den Charakter, den ich zu behaupten hatte, schickte. Auch verfehlte sie ihre Wirkung selten oder nie; und ich könnte verschiedene Beispiele anführen, daß ich einen Tumult, oder einen Streithandel, der schon in Tätlichkeiten auszubrechen anfing, mit wenig Worten, ja durch meine bloße Dazwischenkunft, beruhigte.« Indem Apollonius hier wieder eine Pause machte, fand ich mich in einer kleinen Verlegenheit, wie ich ihm ein gewisses Gefühl in meinem Innersten verbergen wollte, das sich schlechterdings weigerte, der zweideutigen Rolle, die er in dem angenommenen Charakter eines Theurgen gespielt hatte, vollen Beifall zu geben. Nach einer kurzen Besinnung glaubte ich mich am besten aus der Sache zu ziehen, wenn ich ihn mit guter Art aufforderte, sich über diesen Punkt selbst näher zu erklären; eine Sorge, die ich mir hätte ersparen können, wenn ich bedacht hätte, daß er meine Gedanken in diesem Augenblick so gut erriet, als ob mein Inneres wie ein aufgeschlagnes Buch vor ihm läge. Ich sagte ihm also: In allem dem, was er mir bisher von dem außerordentlichen Charakter, den er in einem so langen Leben behauptet habe, entdecken wollen, fände ich zwei moralische Wunder ohne Vergleichung wunderbarer als alle andere, die ihm die öffentliche Meinung zuschreibe. Es scheine mir nämlich ein wahres Wunder der Klugheit zu sein, wie er während des großen Zeitraums bis zu dem, was ihm mit dem Kaiser Domitian begegnet sei, habe vermeiden können, weder mit den Priestern, noch mit der Römischen Obrigkeit, noch mit den Philosophen von Profession, in verdrießliche Lagen zu geraten; aber ein noch viel größeres Wunder der Weisheit sei in meinen Augen, wie er so viel Mäßigung und Gewalt über sich selbst habe besitzen können, sich der kaum zu berechnenden Macht, die ihm sein außerordentliches Ansehen und ein allen seinen Zeitgenossen so sehr überlegener Genius in die Hände gegeben, nicht zu einer großen Revolution im Staate zu gebrauchen, da er doch durch die unleidliche Tyrannei der Ungeheuer, die nach Augustus die Herrschaft über die Welt usurpierten, so mächtig dazu aufgefordert worden sei. Apollonius erwiderte mit einem Blick, der mir sagte, daß er mich erraten habe: »Was den ersten Punkt betrifft, so trafen, außer dem, was ich dir vorhin von dem nervenlosen, abgestumpften und fanatischen Charakter meiner Zeitgenossen sagte, mehrere Umstände zusammen, die das, was dir so wunderbar scheint, sehr natürlich machten. Der Verfall des alten Gottesdienstes und der Religion überhaupt hatte auch der Priesterschaft einen Stoß gegeben, wovon sie sich, ohne den Beistand der theurgischen Magie, schwerlich wieder erholen konnte. Wie eifersüchtig auch manche aus ihnen auf den Mann sein mochten, der, ohne selbst Priester zu sein, sich mit dem Ruf eines neuen Orpheus und Eumolpus zum Wiederhersteller der alten Religion und ihrer echten Zeremonien und Mysterien aufwarf, so forderte doch ihr eigenes Interesse, seine Sache als die ihrige anzusehen, folglich seinen Kredit beim Volke vielmehr zu unterhalten als zu schwächen; und wiewohl es in der Folge an Zunder und Materie zu Mißhelligkeiten zwischen uns nicht fehlte, so war hingegen auch mein Ansehen damals schon zu sehr befestigt, als daß ihre heimlichen Ränke oder öffentlichen Anfälle mir oder meinen Anhängern einen bedeutenden Schaden hätten tun können. – Was die römischen Staatsbeamten betrifft, diese affektierten (wie gesagt) entweder gar nichts zu glauben, oder glaubten Alles, oder waren (was mir jedoch selten vorgekommen ist) Männer von edler Sinnesart, und von gebildetem, oder, wo dies der Fall nicht war, von großem natürlichen Verstande. Die ersten nahmen wenig Kenntnis von mir, die andern waren meine eifrigen Anhänger, die dritten sogar meine Freunde. Das einzige, wodurch ich mit den öffentlichen Staatsgewalten in einen Zusammenstoß hätte geraten können, war, wenn sie die Entdeckung gemacht hätten, daß ich das Haupt einer durch die ganze Welt verbreiteten geheimen Gesellschaft sei, und wenn der eigentliche Zweck dieser Verbindung zu ihrer Wissenschaft gekommen wäre. Aber so, wie ich meinen Orden organisiert hatte, war dies unmöglich; denn der Auserwählten, denen das Geheimnis meines Zwecks anvertraut werden durfte, war ich so sicher als meiner selbst. Die übrigen konnten nicht verraten was sie nicht wußten; und auch das Wenige, was sie wußten, würde die Furcht des Todes selbst schwerlich einem unter ihnen ausgepreßt haben. – Mit den Philosophen verhielt es sich ungefähr eben so wie mit den Priestern. Außer mehrern andern Ursachen, hatte die Mode unter den Großen in Rom, einen oder mehrere langbärtige Griechische Hausphilosophen im Solde zu haben und in ihrem gewöhnlichen Gefolge überall mit sich zu schleppen, diese vormals so hoch geachtete Profession zu meiner Zeit tief herab gesetzt; besonders trugen die Cyniker , von denen es allenthalben wimmelte, durch die Unwissenheit, den Schmutz und die Unverschämtheit, wodurch, als die drei Haupterfordernisse ihres Ordens, sie sich vor allen andern auszeichneten, ihr möglichstes zu der Verachtung bei, die auf dem Namen eines Philosophen haftete. Daß Apollonius diesen Namen nicht verschmähte, konnte bei vielen die ganze Zunft wieder in Achtung setzen; da hingegen eine allgemeine Verschwörung aller ihrer Sekten gegen ihn seinem Ansehen nicht den geringsten Abbruch getan hätte. Es war also überhaupt dem eigenen Interesse der Philosophen gemäß, in leidlichem Vernehmen mit mir zu stehen. Wahr ists, die Welt begriff unter dieser einst so ehrwürdigen Benennung auch zwei oder drei Menschen von hoher Vollkommenheit, wie z. B. Epiktet und Demetrius ; Männer, welche Sokrates selbst für seines gleichen erkannt haben würde: allein sowohl diese beiden, als die Wenigen, die sich aus dem übrigen großen Haufen durch Talente, Wissenschaft und Charakter aushoben, waren unter meinen vorzüglichen Freunden, einige sogar vertraute Glieder meines Ordens. Wie du siehst, hatte ich also auch von den Philosophen nichts zu befahren. Der einzige Euphrates machte die Ausnahme; aber mein Verhältnis mit diesem Menschen würde uns zu weit aus unserm Wege führen, und du kannst bei Gelegenheit das Nähere davon von Kymon erfahren. Überhaupt gebe ich indessen gerne zu, daß einige Klugheit dazu gehörte, in dem Charakter, den ich angenommen hatte, unter so mancherlei Völkern, mit so vielerlei Menschen von allen Arten, Klassen und Professionen, sich in einem Zeitraume von funfzig bis sechzig Jahren immer schicklich zu benehmen. Doch muß auch billig mit in den Anschlag gebracht werden, daß eine sehr lange Zeit und überhaupt unendlich viel dazu gehört, bis ein einzelner Mensch, und wär er ein dreimal größerer Wundermann als der dreimal größte Hermes selbst, in einem so ungeheuern Reiche wie das Römische einiges Aufsehen macht; und daß, sogar in der Epoke meines größten Rufs und Ansehens, unter fünfhundert Menschen kaum Einer war, der den Namen Apollonius nennen gehört hatte, und vielleicht keiner unter fünftausend, den es kümmerte, ob Apollonius ein Weiser oder ein Phantast, ein Wohltäter der Menschheit oder ein Marktschreier sei.« »Bei dir«, sagte ich, »aber auch bei dir allein, da du den größten Teil der bekannten Welt durchwandert hast, und binnen dreien Generationen einigen Millionen Menschen bekannt werden mußtest, möchte wohl eine ganz andere Berechnung Statt finden.« »Wie dem auch sei«, fuhr er fort, »ich bin dir noch eine Erklärung über das zweite große Wunder, worüber du mir dein Erstaunen bezeigt hast, schuldig; und es ist nicht nur billig, sondern zu meiner eigenen Absicht nötig, dir aus diesem Wunder heraus zu helfen. Du findest unbegreiflich, wie ich mit solchen Mitteln, bei so starken Aufforderungen, mich hätte enthalten können, eine Staatsrevolution zu unternehmen, und machst darüber, daß dies nicht geschehen sei, meiner Weisheit ein großes Kompliment. Was wirst du also sagen, lieber Hegesias, wenn du hörest, daß du meiner Weisheit zu viel Ehre erweisest; daß die Revolution, wozu der Drang der Zeit mich so mächtig aufforderte, wirklich erfolgt ist, und sogar der letzte Zweck und das eigentliche Geheimnis meines Ordens war?« Ich gestehe dir, Timagenes, die weit offnen Augen, womit ich den Mann, der mir dies sagte, anstaunte, machten meiner Scharfsichtigkeit keine sonderliche Ehre. »Du scheinst über diese Eröffnung so erstaunt«, sagte Apollonius, »als ob du eher alles andere erwartet hättest, und begreifst, wie es scheint, nichts von einer Revolution, wobei es so ruhig zuging, und wovon die Welt so wenig gewahr wurde, als vom Anfang eines neuen Sonnenzirkels? – Wisse also, Hegesias, daß der Tod des Tyrannen Domitian , die Versetzung des guten Greises Nerva auf den Thron der Cäsarn, und die Adoption des tapfern und weisen Trajan zu seinem Sohn und Nachfolger, das Werk der geheimen Verbindung war, an deren Spitze ich mehr als funfzig Jahre gestanden habe.« »Ich schäme mich billig«, versetzte ich, »daß ich so kurzsichtig sein konnte, nicht voraus zu sehen, daß ein Mann wie du eine so große Anstalt, als eine durch die ganze Welt ausgebreitete Verbindung der vorzüglichsten Menschen ist, nicht zu kleinfügigen Zwecken errichtet haben werde: und doch muß ich gestehen, daß mich die plötzliche Verwandlung eines in seinem Ursprung religiösen Ordens in einen politischen überrascht hat; wiewohl ich leider sehe, daß das Plötzliche dieser Umgestaltung bloß in mir liegt, die Sache selbst hingegen ohne Zweifel eine lange Vorbereitung erforderte, und, sogar unter dem Einfluß eines Apollonius, nur durch die Zeit zur Reife gebracht werden konnte.« »Im Geiste meines Ordens«, erwiderte er, »sind Religion und Polizei zwei sehr nahe verwandte Institute; beide Mittel zu eben demselben Zweck, und beide nur in so fern gut und ehrwürdig, als sie das Beste der Menschheit befördern. Die Verwandlung, von der du sprichst, wäre dir schwerlich so auffallend vorgekommen, wenn du dies bedacht hättest.« Ich nahm diesen kleinen wohl verdienten Verweis mit errötendem Schweigen hin, und Apollonius setzte seine Erzählung fort. V. »Um dir begreiflich zu machen, wie die vor kurzem erfolgte Glück weissagende Staatsveränderung zu Rom das Werk meines geheimen Ordens sein konnte, werde ich dich vor allen Dingen mit der innern Einrichtung desselben genauer bekannt machen müssen. Die erste Maßregel, die ich zu nehmen für nötig hielt, als nach meiner Zurückkunft aus Syrien und Ägypten mein Anhang in Klein-Asien sich täglich vergrößerte, war, alle, die sich zu mir hielten, in zwei Hauptklassen abzuteilen. Unter der ersten wurden diejenigen begriffen, denen erlaubt war, den öffentlichen Anreden beizuwohnen, die ich an allen festlichen Tagen, früh bei Tagesanbruch und abends nach Sonnenuntergang, hinter einem dünnen Vorhange, der mich den Augen der Zuhörer entzog, zu halten pflegte. Diese Anreden wurden gewöhnlich in der Vorhalle eines Tempels gehalten, und durch einen mit unsichtbaren Instrumenten begleiteten Hymnus vorbereitet und beschlossen. Sie dauerten nicht viel über eine Viertelstunde, und bestanden teils in einem kurzen Unterricht über den Ursprung und Zweck des Festes, teils in Aufmunterungen zu einem tugendhaften unsträflichen Leben, auf religiöse Gefühle und hohe Begriffe von der Würde der menschlichen Natur gestützt. Die tiefste Stille und ein eben so ehrfurchtvolles Betragen, wie bei Begehung der heiligsten Mysterien erfordert wird, war die einzige Bedingung, unter welcher der Zutritt einem jeden erlaubt war: aber wer sich regelmäßig bei diesen Versammlungen einfand, wurde zur Klasse der Akusten (Hörer) gezählt, die den exoterischen Teil meiner Anhänger ausmachten. Die zweite Hauptklasse begriff den esoterischen Teil, oder alle, die durch eine besondere Weihe in den Orden aufgenommen wurden. Sie war wieder in drei Ordnungen oder Grade abgeteilt. Zum untersten gehörten die Epopten (Seher), so genannt, weil sie das Vorrecht hatten, bei den besagten Versammlungen hinter dem Vorhange zu stehen. Gewöhnlicher hießen sie die Homileten , weil sie mit mir reden und umgehen, und sogar Fragen an mich tun durften, die ich, nach Gutbefinden, entweder kurz beantwortete, oder, wenn sie die ihrem Grade gesetzten Grenzen überschritten, unbeantwortet ließ. Aus diesen Homileten wählte ich, nachdem ich mich von ihrer Tauglichkeit genugsam überzeugt hatte, diejenigen, die unter dem Namen der Asketen die Weihe zum zweiten Grad erhielten, um einige Jahre lang in demselben zu der höchsten Stufe vorbereitet zu werden. Diese wurden nun täglich etliche Stunden sowohl in dem theoretischen als praktischen Teile der Pythagorischen Weisheit unterrichtet, beobachteten, so lange ihre Probezeit dauerte, eine sehr strenge Lebensordnung, und mußten sich, als moralische Athleten , mancherlei beschwerlichen Übungen unterwerfen, um alle ihre Triebe, Neigungen und Leidenschaften gänzlich in ihre Gewalt zu bekommen. Sie wurden scharf beobachtet, auf alle mögliche Proben der Enthaltung, der Verschwiegenheit, der Geistesgegenwart, der Unerschrockenheit, und der Apathie gegen körperlichen Schmerz sowohl, als gegen alle Anreizungen zum Zorn, zur Eifersucht, zur Wollust und zu jeder andern schnell aufbrausenden Leidenschaft gestellt, und, wenn sie denselben Fehler zum vierten Mal begingen, ohne alle Schonung aus der Klasse der Esoteriker ausgestoßen; wovon ich mich aber keines Beispiels erinnern kann. Von den Geheimnissen des Ordens wußten sie zwar noch eben so wenig als die Homileten, und der unbedingteste Gehorsam gegen die Vorgesetzten wurde beiden zur ersten aller Pflichten gemacht: aber was sie vor jenen voraus hatten, war die Gewißheit, wenn sie ihre Probezeit rühmlich bestanden, zum dritten Grade des Ordens erhoben zu werden; da die Homileten hingegen, wenn sie nicht schon in den ersten Jahren zur zweiten Weihe zugelassen wurden, ziemlich sicher darauf rechnen konnten, immer auf der untersten Stufe stehen zu bleiben; welches der Fall des einfältigen Damis war, wiewohl ich finde, daß er dafür angesehen sein möchte, als ob er auf dem vertrautesten Fuß mit mir gelebt habe. Da der Grad der Asketen die Pflanzschule war, aus welcher die eigentlichen Glieder meines Ordens, in der engesten Bedeutung, gezogen wurden, so ließ ich mir ihre Bildung vorzüglich angelegen sein, und widmete ihnen einen großen Teil meiner Zeit. Ich unterließ nichts, was mir ihre reinste Liebe und ihr unbeschränktestes Vertrauen erwerben konnte, und war um so gewisser meine Absicht nicht zu verfehlen, da sie durch die Gleichförmigkeit ihrer Bildung mit derjenigen, die ich mir ehemals selbst gegeben hatte, unvermerkt eine so große Ähnlichkeit mit mir erhielten, daß es mir oft selbst vorkam, als ob ich mich in ihnen vervielfältigt sähe, eine Ähnlichkeit, die an einigen desto auffallender war, weil bei der Wahl der Asketen vornehmlich auch auf ungewöhnliche Naturgaben und ein vorteilhaftes Äußerliches gesehen wurde. Im letzten Probejahre machte die Geschichte des menschlichen Geschlechts, und der verschiedenen Stufen der Barbarei und Kultur, der Ursprung der bürgerlichen Gesellschaft, ihre verschiedenen Formen, die Bedingungen des Wohlstandes und die Ursachen des Verfalls und Untergangs der Staaten, das Studium der Asketen aus, wozu sie von Lehrern, die den dritten Grad des Ordens empfangen hatten, angeführt wurden. Dieser Unterricht zweckte dahin ab, sie, vornehmlich durch die neuere Geschichte der Griechen und Römer, mit den nächsten Ursachen des gegenwärtigen Zustandes der Welt, so weit sie dem Römischen Joche unterworfen war, bekannt zu machen, und dadurch ihre Vorbereitung zum dritten Grade zu vollenden, in welchem sie den Namen der Kosmopoliten (Weltbürger) und mit ihm die ersten Aufschlüsse zum Geheimnis des Ordens erhielten. Sie kamen nun wieder in meinen unmittelbaren Unterricht, und du siehest, wie leicht es mir jetzt sein mußte, junge Männer mit der glücklichsten Anlage zu allem was edel, groß und schön ist, nach einer solchen Vorbereitung, von den großen Grundsätzen zu überzeugen: Daß das ganze Weltall als ein einziger Staat , und das ganze Menschengeschlecht als Eine große Familie in dieser Stadt Gottes zu betrachten sei, welche von dem allgemeinen Geiste nach den ewigen Gesetzen der Natur und Vernunft regiert werde; daß also, vermöge dieser auf die Natur der Dinge selbst gegründeten Ordnung, für die Menschheit kein Heil, keine Befreiung von den Übeln, unter deren Last sie zusammen sinke, denkbar sei, bis wenigstens die Hauptzweige, in welche sie sich auf der Erde ausgebreitet, unter eine Verfassung gebracht würden, worin sie, in möglichstes Harmonie mit der allgemeinen Ordnung, nach eben denselben Natur- und Vernunftgesetzen regiert würden, welche das ganze Weltall in ewiger Ordnung erhalten; und daß, wie ungeheuer auch, dem Anschein nach, die Kluft sei, die den jetzigen sittlichen Zustand der Menschheit von demjenigen trennt, der das unverrückte Ziel aller ihrer Bestrebungen sein müsse, gleichwohl alle Kräfte und Mittel, jene Kluft auszufüllen, in unsrer Gewalt seien, und es also nur darauf ankomme, diese Mittel kennen und gebrauchen zu lernen. Aber eben dies war der Gordische Knoten, von dessen geschickter Auflösung alles abhing. – Womit sollte und mußte diese Kluft ausgefüllt werden? – Womit anders als mit den Trümmern des ganzen ungeheuern Gebäudes, worin die lichtscheuen und alles um sich her verfinsternden Dämonen des Aberglaubens, der Gewalt, die kein Gesetz erkennt, und der gesetzgebenden Ungerechtigkeit, seit Jahrtausenden ihr Wesen getrieben; mit den Trümmern aller Bollwerke, hinter welche sie sich verschanzt, und aller Kerker, worin sie die betörte, gemißhandelte und unterdrückte Menschheit so lange gefangen gehalten hatten? – Zertrümmert müssen sie vor allen Dingen werden, diese so lange bestandenen, so tief gegründeten, so künstlich zusammen gefügten, und mit so starken Pfeilern und Streben unterstützten Werke des Betrugs und der Ungerechtigkeit! – Aber wie ? – Auf einmal? Durch eine einzige, gewaltsame, allgemeine Erschütterung, von welcher die ganze dermalige Verfassung der Welt zusammen stürzen und wenigstens die Hälfte des menschlichen Geschlechts unter ihren Ruinen zermalmen würde? – Könnte ein solcher Gedanke jemals in die Seele eines Freundes der Menschheit, eines Kosmopoliten, kommen? Nimmermehr! – Es bleibt also nur Eine Art, die Ausfüllung jener Kluft zu bewerkstelligen, übrig: ›Die Zerstörung alles dessen, was zerstört werden muß, darf nicht anders als nach und nach , mit Bedacht und Klugheit , aber mit Geduld und Beharrlichkeit , unternommen werden.‹ – Dies ist nicht das Werk eines Einzigen oder etlicher Weniger; es kann nur durch die engeste Verbindung und die wohl kombinierte Tätigkeit einer beträchtlichen Zahl gleich gesinnter, weiser und guter Menschen, unter der Leitung eines Einzigen, der ihre Bewegungen nach Erfordernis der Umstände aufhält oder beschleunigt, mit Hülfe der Zeit und günstiger Zufälle zu Stande kommen. – Und dies war nun die ehrwürdige Verbindung, in welche sie durch die empfangene Weihe des dritten Grades eingetreten waren; dies war der Zweck aller Vorbereitungen, durch welche sie gegangen, der große Zweck unsers ganzen Ordens, das Ziel, auf welches ihre Augen von nun an, unter allen andern Verhältnissen, Geschäften und Zerstreuungen des Lebens, unverwandt gerichtet bleiben mußten. Aber natürlicher Weise trat nun eine neue Schwierigkeit mit der Frage ein: Wie waren jene reinen und erhabenen Grundsätze des Kosmopolitism auf die gegenwärtige Lage der Dinge anzuwenden? Wie konnten die höhern Pflichten des Weltbürgers mit den Pflichten des Römischen Bürgers in Übereinstimmung gebracht werden? und, wenn sie in Kollision gerieten, was war zu tun? – Die Subjekte, aus welchen der Grad der Kosmopoliten bestand, waren größten Teils junge Männer, die, durch Geburt oder Familien-Verhältnisse zu bürgerlichen oder militärischen Stellen bestimmt, sich den Fällen, wo solche Kollisionen eintraten, nur allzu oft ausgesetzt sahen. Aber dafür waren sie auch in allen den Tugenden geübt, deren sie in diesen Lagen am meisten bedurften. Sie hatten sich mäßigen und zurück halten, dulden und ausharren gelernt. Überdies wurde ihnen zur besondern Pflicht gemacht, sich immer in den Grenzen des Amtes, dem sie vorstanden, zu halten; sich ohne Vorwissen und Genehmigung der Ordensobern in keine besondere, auch noch so scheinbare, Verbindung einzulassen, noch eigenmächtig, zum Besten des Staats oder der Menschheit überhaupt, irgend etwas zu unternehmen, als was sie im Wege der gesetzmäßigen Ordnung, mit eigenen Kräften und auf eigene Gefahr auszuführen sich getrauten. Klugheit und Vorsichtigkeit wurden ihnen jetzt als Tugenden empfohlen, die ihnen, wenn sie den großen Zweck unsrer Verbindung mit Erfolg bearbeiten helfen wollten, eben so unentbehrlich wären als Weisheit und Rechtschaffenheit. In dieser Rücksicht verpflichtete sich jeder Kosmopolit, eine Art von Denkbuch zu führen, worin er sich selbst von seinem Benehmen in schwierigen und zweifelhaften Fällen, täglich Rechenschaft geben wollte. Wo sie sich nicht gewiß hielten, des rechten Weges nicht verfehlen zu können, waren sie angewiesen, sich bei dem Ordensvorsteher ihrer Provinz, oder, wenn ich in der Nähe war, bei mir selbst, Rates zu erholen. Etwas, wodurch dieser Orden sich, wie ich glaube, von allen andern auszeichnete, und worauf das Vertrauen, welches ich auf ihn setzte, hauptsächlich beruhte, war, daß von dem Augenblicke an, da ein Asket in die Klasse der Kosmopoliten, oder, was einerlei war, in den eigentlichen geheimen Orden , überging, alle seine Verpflichtungen freiwillig waren, und keine andere Garantie von ihm gefordert wurde, als die uns die Gleichförmigkeit seiner Gesinnungen mit den unsrigen gab. Man verlangte keinen Eid von ihm; und, da der Fall, daß einer die übernommenen Pflichten vorsätzlich verletzen könnte, als etwas Unmögliches angenommen wurde, so bedurfte es auch weder Drohungen noch Strafen. Jeder hielt sich des andern so gewiß als seiner selbst; Liebe und Zutrauen, beide ohne Grenzen, waren die einzigen, aber unzerstörbaren Bande, auf welchen das ganze Institut beruhte. Indessen hatte doch, als die Anzahl der Kosmopoliten auf mehrere hundert angewachsen war, die Erleichterung eines ununterbrochnen Zusammenhangs unter allen Gliedern eine gewisse innere Polizei notwendig gemacht. In jeder Römischen Provinz war ein Vorsteher, an welchen die übrigen Ordensglieder angewiesen waren, und dem sie zu bestimmten Zeiten über gewisse vorgeschriebene Punkte Bericht erstatteten. Von diesen Vorstehern erhielt ich selbst, alle drei Monate, und wenn es die Umstände erforderten, in viel kürzerer Zeit, durch Briefe oder reisende Ordensbrüder, nicht nur das Wesentlichste aus den Berichten, die das Innere des Ordens betrafen, sondern auch Nachrichten von dem Zustande der Stadt oder Provinz, wo sie sich aufhielten, von dem Charakter und Betragen der Römischen Befehlshaber, von der Stimmung des Volkes, und überhaupt von allem, was mir in Rücksicht auf unsern Zweck merkwürdig sein konnte: so daß ich, nachdem dieses Institut zwanzig bis dreißig Jahre gedauert hatte, von dem innern Zustande des ganzen Reichs so genau, und vermutlich zuverlässiger unterrichtet war, als der Autokrator selbst. Wie aufmerksam auch unter den drei ersten Nachfolgern des Tiberius die schändlichen Menschen, denen sie die Zügel des Staats überließen, sein mochten, alle Stellen von einiger Wichtigkeit mit Leuten ihres Gelichters zu besetzen, so konnten sie doch nicht verhindern, daß in einem so unermeßlichen Reiche nicht hier und da einige rechtschaffne Männer, die ihre Bildung in meinem Orden erhalten hatten, zu Ämtern gelangten, die ihnen Ansehen und Einfluß genug gaben, um noch mehrern aus unserm Mittel zu ähnlichen Stellen verhelfen zu können; und wiewohl mehr als Einer von ihnen in den Zeiten des Claudius und Nero seine Rechtschaffenheit mit dem Leben büßen mußte, so nahm doch die Zahl der Guten, zwar unvermerkt, aber doch dem, der das Ganze übersah, merklich genug zu, um uns von der neuen Epoke, die mit den beiden Vespasianen begann, fröhliche Erwartungen zu geben. Ich konnte sicher darauf rechnen, daß jeder meiner Kosmopoliten alle guten Menschen, die in seinem Wirkungskreise lebten, entdecken und an sich ziehen , alle nicht ganz Verdorbene bessern , und wenigstens einige Böse in Schranken halten würde. Denn was gewöhnlich der Fall in sehr heillosen Zeiten ist, war es auch damals; es gab der Guten mehr als man glaubte: die meisten hatten sich verborgen gehalten und für eine bessere Zukunft aufgespart; aber sie kannten einander, und kamen nun auf einmal zum Vorschein, da sie es mit Sicherheit tun konnten, und die Möglichkeit sahen, gemeinschaftlich nicht ohne Erfolg tätig zu sein. Die Regierung der Vespasiane würde unser großes Werk ziemlich weit vorwärts gebracht haben, wenn sie länger gedauert hätte. Aber die Hoffnungen der Menschenfreunde verschwanden mit der kurzen Morgenröte des Titus , vor dem trübseligen Tage, der unter seinem unwürdigen Bruder die Welt mit einem Rückfall in die Zeiten Caligulas und Neros bedrohte. Du hast den schlimmsten Teil der Regierung dieses eben so verächtlichen als hassenswürdigen Tyrannen selbst gesehen, und es ist daher überflüssig, das, was ich dir nun zu entdecken habe, durch eine Schilderung ihrer Greuel zu rechtfertigen . Wär es nicht darum zu tun gewesen, das menschliche Geschlecht gegen die Gefahr, in die Klauen eines neuen Ungeheuers zu geraten, sicher zu stellen, so bedürfte es vielmehr einer Entschuldigung, daß ich so lange gewartet , es von den Mißhandlungen jenes kaltblütigen Bösewichts zu befreien.« VI. Während dieser Erzählung, die uns beide, den Erzähler und den Zuhörer, zu sehr interessierte, um auf die Dinge über uns Acht zu geben hatte sich am östlichen Himmel eine schwarze Gewitterwolke herauf gezogen, die in schauerlicher Stille unserm Scheitelpunkt immer näher kam. Schon lange rollte der Donner majestätisch und mit zunehmender Stärke durch die uns umgebenden Felsen und Klüfte, und, von dem plötzlich sich erhebenden Sturm getrieben, wälzte sich das Gewölke, fürchterlich herab hangend und von allen Seiten blitzend, gegen uns her, ohne daß Apollonius diese schnelle Verwandlung der Szene, die vor kurzem noch so heiter war, zu bemerken schien. Er fuhr ruhig im Reden fort, hatte aber kaum die letzten Worte gesprochen, als ein gewaltiger Wetterstrahl, fünf oder sechs Schritte von dem bedeckten Platze, wo wir saßen, auf eine hohe Cypresse herab fuhr, und sie mit entsetzlichem Krachen von oben bis an die Wurzeln spaltete. Ich schäme mich nicht zu gestehen, daß ich in dem Augenblicke, da wir in das durchdringende Feuer des Himmels ringsum eingehüllt schienen, eben so erschrocken zusammen fuhr, als ob mir die natürlichen Ursachen dieser meteorischen Erscheinung unbekannt gewesen wären. Indessen behielt ich doch Besinnung genug, um im gleichen Momente den mir gegenüber sitzenden Apollonius zu beobachten, und ich versichre dich, Timagenes, daß, außer einem unfreiwilligen Zucken der Augenlider, nicht die geringste Spur von Erschrecken an seiner ganzen Person wahrzunehmen war. Im Gegenteil seine majestätische Gesichtsbildung und ehrwürdige Gestalt, mit den lockigen Silberhaaren um Scheitel und Wangen, bekam in dem blendenden Lichtglanz, den die himmlische Flamme auf ihn warf, etwas so überirdisches, daß ich mich stärker als je versucht fühlte, mich vor ihm, als vor einem mehr als sterblichen Wesen, niederzuwerfen. Indessen nötigte uns der herab strömende Regen, in dem Innern seiner Wohnung Schutz zu suchen. Ein Druck auf eine verborgene Feder öffnete uns die Tür, durch welche vorhin die Tochter Kymons erschienen und wieder verschwunden war, und wir befanden uns in dem gestrigen Saal, den Brustbildern des Pythagoras und Diogenes gegenüber. – »Wenige Schritte näher an der Cypresse«, sagte Apollonius, indem er mir mit einem sanft gerührten Blick die Hand drückte, »hätten uns auf einmal eine Welt aufgetan, von welcher wir beide, so nahe sie uns auch ist, nicht den mindesten Begriff haben, und – die uns also auch nicht hindern soll, die Geschichte fortzusetzen, worin wir einen Augenblick unterbrochen wurden.« Wir nahmen Platz, und er fuhr in seiner Erzählung fort. »Du wirst ohne mein Erinnern bemerkt haben, daß die Idee meines neuen Pythagorischen Ordens sich nur nach und nach in mir entwickelte, und daß dieser, indem ich ihn mit den Bedürfnissen der Zeit immer mehr in Verhältnis setzte, allmählich eine politische Tendenz bekam, die er anfangs nicht haben konnte. Wenn Ehrgeiz und Regiersucht sich bei mir oder einem meiner kosmopolitischen Freunde ins Spiel mischte, so geschah es so heimlich, daß wir nichts davon gewahr wurden; denn unsre Seelen waren rein von selbstischen Absichten. Keiner von uns erschien in einer Hauptrolle auf dem Schauplatz. Wir wollten nichts, als daß das Gute geschehe, gleichviel durch wen; und zufrieden, wie unsichtbare Geister, im Verborgenen zu wirken, überließen wir den Lohn gelungener Unternehmungen denen, die, größten Teils unwissender Weise, uns ihre Augen oder ihren Mund, ihren Arm oder ihre Kasse zur Ausführung geliehen hatten. Von der Zeit an, da Domitian die Larve eines mildern Tiberius gänzlich fallen ließ, hinter welcher er seine wollüstige Untätigkeit, seinen Stumpfsinn für alles Schöne und Gute, und eine mit dem übermütigsten Stolz gepaarte argwöhnische, launische und kaltblütig grausame Sinnesart mehrere Jahre lang zu verbergen gesucht hatte, drängte sich mir der Gedanke auf: dies sei der Zeitpunkt, wo etwas großes und entscheidendes zum Heil der Menschheit getan werden müsse. Denn so weit war es bereits gekommen, daß eine Regierung, wie Domitians, wenn sie nur noch zwanzig Jahre gedauert hätte, die Verdorbenheit des ungeheuern Römischen Staatskörpers zu einem Grade von Auflösung gebracht haben würde, gegen welche jedes Rettungsmittel zu spät gekommen wäre. Gleichwohl schien allzu große Eile noch gefährlicher als Langsamkeit zu sein. Den allgemein gehaßten Tyrannen aus der Welt zu schaffen, war nicht schwer; aber unverzeihliche Torheit wär es gewesen, wenn es eher geschehen wäre, als man gewiß sein konnte, daß es zum Heil des Reichs geschehe. Dieses bedurfte einen Imperator, der die seltensten Eigenschaften und Tugenden in sich vereinigte; so vieles war wieder herzustellen, so vieles zu verbessern, so vieles zu erhalten und zu beschützen: aber nie hatte Rom an Männern, unter welchen man wählen konnte, einen größern Mangel gehabt; und die etwa noch vorhandenen waren um so schwerer zu finden, da ausgezeichnete persönliche Vorzüge sich vor der argwöhnischen Eifersucht des Tyrannen sorgfältiger verbergen mußten, als man unter gerechten Fürsten seine Laster zu verbergen sucht. Acilius Glabrio und Ulpius Trajanus , welche im eilften Jahre Domitians beide zugleich die konsularische Würde bekleideten, schienen mir unter allen, die ich kannte, die einzigen, die einander an persönlichem Wert das Gleichgewicht hielten; jener hatte vor diesem noch den Vorzug, (der in diesen Zeiten so selten war) aus einem Altrömischen edeln Geschlechte abzustammen. Eine beispiellose Begebenheit hatte vor kurzem die öffentliche Aufmerksamkeit auf diesen Mann gezogen, und ihn zugleich zu einem Gegenstand der Bewundrung und des Bedauerns der Römer gemacht. Domitian hatte ihn während seines Konsulats, bei einem Feste auf seiner Albanischen Villa, durch einen Scherz, der einem Manne von Ehre keine andere Wahl ließ, genötiget, mit einem der größten Löwen zu kämpfen; und Glabrio hatte das gefährliche Abenteuer mit so viel Mut, Geistesgegenwart und Geschicklichkeit bestanden, daß die Zuschauer sich nicht enthalten konnten, ihre Teilnehmung an dem Sieger und ihren Unmut über die schändlich grausame Art, wie der Kaiser bei dieser Gelegenheit mit der Würde und dem Leben eines Römischen Konsuls sein Spiel trieb, gleich laut werden zu lassen. Der eifersüchtige Tyrann, der sich dadurch beleidigt fand, machte ihm seine vergebliche Gunst beim Volke zum Verbrechen, und wollte es noch für Gnade erkannt wissen, daß er ihn für den Anfang bloß aus Italien verbannte. Was den Trajan betrifft, den das Schicksal zum Retter und Wiederhersteller des Reichs bestimmt hatte, so mußten alle Umstände sich so fügen, daß, während eine Menge anderer dem Mißtrauen des feigherzigen, seinen eignen Schatten fürchtenden Domitian aufgeopfert wurden, er allein dem Tyrannen unverdächtig blieb. Der männliche Ernst und die anspruchlose Bescheidenheit, womit er seine ohnehin mehr gründlichen als schimmernden Vorzüge bedeckte , kamen ihm ohne Zweifel dabei eben so sehr zustatten, als die ungezwungene Entfernung vom Hofe, worin er sich zu halten wußte, ohne sich dadurch das Ansehen eines Mißvergnügten zu geben; aber alles das verschleierte auch seine Verdienste vor den Augen des Publikums, und machte, daß niemand an ihn zu denken schien, als der Haß gegen den Tyrannen endlich so allgemein, und der Wunsch ihn gestürzt zu sehen so ungeduldig wurde, daß die Frage, wer sein Nachfolger sein könnte? der gewöhnliche Gegenstand aller Gespräche unter vier Augen war, und die Astrologen zu Befriedigung der Vorwitzigen nicht Horoskope genug ziehen konnten. Die meisten Wünsche waren, wie es schien, für den alten Nerva , an Rang und Vermögen einen der ersten Römer, der das damals so seltne Verdienst eines unbescholtnen, von niemand weder beneideten noch gehaßten, und seiner äußersten Gutherzigkeit und Lindigkeit wegen allgemein geliebten Charakters mit dem Vorzug eines von Vater und Großvater berühmt gemachten Namens verband. Seine Jahre und eine schon sehr geschwächte Gesundheit versprachen zwar weder einen dauerhaften, noch der Last, die man ihm auflegen wollte, gewachsenen Autokrator: aber man ging auch damals nicht weiter, als sich einen Kaiser zu wünschen, der dem Ungeheuer, das den Stuhl des Augustus und Titus schändete, so unähnlich als möglich wäre; und Gute und Böse hielten sich gleich gewiß, bei einem so milden Imperator, wie Nerva sein würde, ihre eigene Rechnung zu finden. Dies war, im allgemeinen, die Lage der Sachen um die Zeit, da ich, nach meiner Befreiung aus den mordlustigen Klauen Domitians, nach Asien zurück ging, und nun meinem schon zuvor gefaßten Vorsatz, die Welt von ihm zu befreien, eine bestimmtere Richtung zu geben beschloß. Zu diesem Ende musterte ich vor allen Dingen das kleine unsichtbare Heer, dessen Anführer ich war. Es fand sich, daß der Kosmopoliten , auf denen meine Macht hauptsächlich beruhte, über vierhundert, und der Homileten , auf deren Treue und Gehorsam im Ausführen ich sicher rechnen konnte, wenigstens eben so viele Tausende waren. Sie lebten, in größerer oder geringerer Anzahl, durch die vornehmsten Provinzen des Reichs verstreut, viele in Italien, Gallien und Spanien, die meisten in Rom selbst, teils in mancherlei Zivilämtern, teils bei den Kriegsheeren und unter den Prätorianern, einige sogar bei Hofe, unter den Hausgenossen des Imperators. Wenn du bedenkst, daß ein jeder dieser Menschen einige Freunde hatte, deren Vertrauen er besaß, und auf die er sich Einfluß zu verschaffen wußte, so wirst du finden, daß es mir nicht an Mitteln fehlte, ein weit schwereres Unternehmen, als das womit ich umging, zu Stande zu bringen. Mein Entwurf wurde nun meinen Vertrautesten (die eine Art von geheimem Ausschuß und gewisser Maßen den vierten, mir allein bekannten Grad des Ordens ausmachten), und durch sie den übrigen, die zur Ausführung mitwirken mußten, nach und nach, so viel ihnen davon zu wissen nötig war, mitgeteilt. Weil ich selbst zu weit von Rom entfernt war, um das Unternehmen unmittelbar zu leiten, so wurde einer aus ihnen bevollmächtiget, meine Stelle zu vertreten; und ich begnügte mich, in so kurzen Zeiträumen als möglich, von allem, was vorging und noch geschehen sollte, Bericht zu erhalten. Der Tyrann war von unsichtbaren Beobachtern umgeben, denen keiner seiner Schritte, und beinahe keiner seiner geheimsten Gedanken, entging. Ein allgemeines dumpfes Erwarten einer großen Katastrophe brütete über der ungeheuern Hauptstadt der Welt, deren unermeßliche Volksmenge, trotz dem zahlreichen Heere der Auflaurer und Angeber, so geschickt war, geheime Verständnisse und Anschläge zu verbergen. Domitian selbst schwebte in größerer Unruhe als jemals; denn ein Horoskop, das er sich in seiner Jugend hatte stellen lassen, hatte (wie man sagte) das Jahr und sogar den Tag, die Stunde, und die Art seines Todes bezeichnet, und dieses Jahr war angebrochen. Nerva hatte die Klugheit, ihm, unter dem scheinbaren Vorwand, daß er seiner zerrütteten Gesundheit unter einem mildern Himmel wieder aufzuhelfen versuchen wollte, aus dem Wege zu gehen, und hielt sich auf seiner Tarentinischen Villa so eingezogen, daß ihn der Tyrann unvermerkt aus den Augen verlor; wiewohl die wahre Absicht dieser freiwilligen Verbannung wenigen verborgen blieb, und sein heimlicher Anhang sich täglich vergrößerte. Trajan war indessen durch Personen, die, ohne es zu wissen, von meinem Stellvertreter in Bewegung gesetzt wurden, dem Domitian, als ein tapfrer, anspruchloser, zuverlässiger, und sich bloß auf seinen Dienst einschränkender Offizier, zum Oberbefehlshaber gegen einige die Ufer des Niederrheins beunruhigende Germanische Völker empfohlen worden. Wir hatten dadurch in unsrer Absicht mit ihm einen großen Schritt vorwärts getan. Der Mut und die Klugheit, die er in Wiederberuhigung dieser Provinz bewies, der ausdauernde Eifer, womit er die verfallne Disziplin unter den verwilderten, der alten Kriegszucht eben so gehässigen als ungewohnten Legionen wieder herstellte, und vornehmlich der Umstand, daß er sich, ungeachtet dieser Strenge, die Liebe seiner Untergebenen in einem hohen Grade zu erwerben wußte, befestigten mich in der Überzeugung, daß Er allein der Mann sei, durch den das sinkende Reich gerettet werden könne. Aber ihn gleichsam zum Nebenbuhler des ehrwürdigen, allgemein geliebten Nerva aufzuwerfen, ihm voreilig eine Partei im Senat und unter den Prätorianern zu werben, und Bewegungen dadurch zu veranlassen, welche beiden den Untergang zuziehen konnten, wäre gegen alle Klugheit gewesen. Wir beschlossen also, fürs erste mit den Freunden Nervas gemeine Sache zu machen, und die gelegene Zeit, den Trajan ins Spiel zu bringen, (welche, wenn es mit jenem erst gelungen war, nicht ausbleiben konnte) ruhig abzuwarten. Inzwischen rückte der Tag immer näher, der den Kaiser mit der geweissagten, aber (wie er hoffte) durch vorsichtige Maßregeln vielleicht noch vermeidlichen Lebensgefahr bedrohte. Seine Unruhe nahm zu, und da er nicht wußte, auf wen er eigentlich seinen Argwohn heften sollte, so wurde ihm jedermann verdächtig. Eine große Anzahl Senatoren, und unter mehrern Konsularen auch Glabrio und sein eigener nächster Verwandter Flavius Clemens , der unbedeutendste und harmloseste aller Menschen, wurden in kurzer Zeit unter nichtswürdigen Vorwänden hingerichtet, und von dem seinen eignen Untergang witternden Tyrannen gleichsam als Totenopfer voraus geschickt. Jetzt war keine Zeit mehr zu verlieren. Die zu Realisierung der Weissagung heimlich Einverstandenen traten näher zusammen. Ein Freigelaßner der Kaiserin Domitia , der bei Gelegenheit meines öffentlichen Verhörs zu Rom einer meiner warmen Anhänger geworden, und von meinem Bevollmächtigten gewonnen war, den Kaiser Tag und Nacht scharf zu beobachten, hinterbrachte seiner Gebieterin, daß er auf einer Liste der Personen, die noch aufgeopfert werden sollten, auch ihren Namen gelesen habe; sie zugleich versichernd, daß sie sich gänzlich auf ihn und seine Freunde verlassen könne, wenn sie den ihr zugedachten Streich auf den Kopf des gemeinschaftlichen Feindes fallen lassen wollte. Domitia winkte ihre Einwilligung, und noch in derselben Stunde wurde Rom von einem Herrscher befreit, dessen Leben eine Kalamität für die Menschheit war, und erhielt an Nerva einen Fürsten, dem man keinen andern Fehler als körperliche Schwäche und fünfundsechzig Jahre vorwerfen konnte. Aber, es sei nun, daß diejenigen, die bei seiner Erwählung die meiste Tätigkeit gezeigt hatten, ihn für ihre besondern Absichten nicht schwach genug fanden, oder daß man, sobald der erste Taumel der Freude über eine so schnelle und glückliche Veränderung der Dinge verraucht war, erst zu überlegen anfing, daß die ungeheure Last, die man dem guten alten Mann aufgelegt hatte, die Schultern eines Herkules erforderte; genug, es offenbarte sich nur zu bald, daß unsre Vorsorge, einen tüchtigen Gehülfen und Nachfolger für ihn bereit zu halten, nichts weniger als unnötig gewesen war. Schon beim Tode des Tyrannen hatte sich unter den Prätorianern eine mißvergnügte Partei gezeigt, deren Unzufriedenheit zwar damals, aus Mangel eines entschloßnen Anführers, gegen den Enthusiasm des Senats und des Volks nichts vermochte, aber, indem sie unter der Asche fortglimmte, der öffentlichen Ruhe, und der Person des zwar von aller Welt geliebten, aber von niemand gefürchteten Nerva selbst, gefährlich werden konnte. Ich fand es also dringend, alle Stränge anzuziehen, um unsern Plan durch eine überwiegende Partei im Senat, bei den Legionen und unter den Prätorianischen Kohorten zu unterstützen, vor allem aber den neuen Kaiser in die Stimmung zu setzen, die zu unsrer Absicht nötig war. Dieser, indem er die edelsten, wohlgesinntesten und unsträflichsten Menschen um sich her zu versammeln suchte, hatte sich, ohne es zu wissen, mit meinen vertrautesten Freunden umringt, die keine Gelegenheit versäumten, ihn auf Trajans große Eigenschaften und Tugenden aufmerksam zu machen, und den Gedanken in ihm zu veranlassen, daß er dem Reich und sich selbst keine größere Wohltat erweisen könnte, als wenn er den einzigen Mann zum Mitregenten und Nachfolger erwählte, welchem er die öffentliche Glückseligkeit und die Aufrechthaltung des Römischen Reichs, die ihm so sehr am Herzen läge, mit völliger Zufriedenheit anvertrauen könne. Nerva zeigte sich dazu nicht ungeneigt; und doch zögerte er, vermöge einer Schwachheit, von welcher wenige Regenten frei sind, so lange, Ernst aus der Sache zu machen, bis ihm der unruhige Präfekt des Prätoriums Casperius Älianus , durch einige dem kaiserlichen Ansehen äußerst nachteilige Schritte und aufrührerische Versuche, seine eigene Unzulänglichkeit und die Gefahr eines längern Zauderns stark genug zu fühlen gab, um ihn plötzlich dahin zu bringen, daß er an einem der glücklichsten Tage, die der Menschheit jemals aufgegangen sind, den Marcus Ulpius Trajanus feierlich an Sohnes Statt annahm, und unter allgemeinem Jubel aller Stände zum Mitregenten und Nachfolger erklärte. Mein letzter und eifrigster Wunsch war nun erfüllt. Wenn, wie ich nicht zweifle, Trajan bei Ernennung seines Nachfolgers, und dieser bei der Auswahl des seinigen, dem Beispiel des guten Nerva getreu bleibt, so kann sich die Welt auf eine goldne Zeit freuen, wie die Geschichte noch keine aufzuweisen hat. Ich hatte zu diesem Ziele mitgewirkt, und dies schon zu einer Zeit, da ich noch nicht wissen konnte, was die Frucht meiner Arbeit sein würde; das Geschäft meines Lebens war vollbracht; ich hinterließ der Welt – was ihr jeder nach Maßgabe seiner Kräfte schuldig ist – manchen guten Baum, den ich gepflanzt hatte, manche gute Frucht, die unter meiner Pflege reif geworden war; und ich glaubte mir ein Recht erworben zu haben, für die Welt gestorben zu sein, und die Tage, die ich noch zu leben habe, mit mir selbst und für mich selbst zu leben.« Hier endigte Apollonius seine Erzählung, und überließ mich nun meinen eigenen Betrachtungen. Der Himmel hatte sich inzwischen wieder aufgeklärt, die Luft war frisch und mild, und die Sonne spielte tausend liebliche Farben aus den Regentropfen, die, noch an den Blättern der Bäume zitternd, oder in den Kelchen der Blumen funkelnd, eine unbeschreibliche Glorie über die kleine Landschaft verbreiteten, die vor uns lag. Wir ergetzten uns einige Augenblicke an diesen Erscheinungen der Zaubrerin Natur; und als ich mich von dem ehrwürdigen Alten auf kurze Zeit beurlaubte, sagte er mir: »Wenn du (wie ich kaum zweifle) über dies oder das, was ich in meiner Erzählung nur leise oder gar nicht berührt habe, noch Erläuterung bedarfst, so kannst du sie von Kymon so gut als von mir selbst erhalten; denn er ist von allem genau unterrichtet, was zur Geschichte der vier oder fünf letzten Jahre meines Lebens gehört.« Da ich mich wirklich in diesem Falle befand, so war es mir um so lieber, daß Apollonius abermals in meiner Seele las, weil ich, ohne eine solche zuvorkommende Erlaubnis, Bedenken getragen hätte; Fragen zu tun, die vielleicht für unbescheiden angesehen werden konnten. Sechstes Buch I. Apollonius hatte in der Unterredung, deren er mich diesen Morgen würdigte, das Wunder seiner plötzlichen Verschwindung aus dem Gerichtssaale Domitians, in eben der Stunde, da er sich seinen um ihn hoch bekümmerten Freunden zu Puteoli in Campanien sehen ließ, und den nicht weniger wunderbaren Umstand, daß er die Ermordung des Tyrannen, in dem nämlichen Augenblicke, da sie zu Rom sich ereignete, zu Ephesus in einer Art von Entzückung gesehen haben sollte, nur im Vorbeigehen, und auf eine Art berührt, die mir deutlich genug sagte, was davon zu halten sei. Indessen war ich doch um so begieriger, von der eigentlichen Bewandtnis dieser Begebenheiten unterrichtet zu sein, weil mir auch hier den Wundermärchen des Damis etwas Wahres zum Grunde zu liegen schien, und ich mit meinen Vermutungen darüber gern im klaren gewesen wäre. Noch mehr verlangte mich, den Grund des Mißverhältnisses zu erfahren, das zwischen meinem Helden und dem berühmten Philosophen Euphrates vorgewaltet hatte. Denn wie war es möglich, daß ein ehemaliger vertrauter Freund des Apollonius sein tödlichster Feind werden konnte? und wie konnte dies einem Manne begegnen, wie Euphrates, dessen Namen ich nie anders als mit Ehrerbietung nennen gehört hatte, und der in dem allgemeinen Rufe stand, nicht nur unter den beredtesten und gelehrtesten, sondern selbst unter den edelsten und liebenswürdigsten Männern des Jahrhunderts, der ersten einer zu sein. Da die Tageshitze jetzt am größten war, fand ich den alten Kymon auf der Nordseite der Felsenwohnung bei einem Brunnen sitzen, mit einer leichten Arbeit beschäftigt, die für ihn eine Art auszuruhen war. Ich säumte nicht, ihm mein Anliegen zu eröffnen, und daß mich Apollonius an ihn gewiesen habe, um die Auflösung der besagten Rätsel von ihm zu erhalten. Der gefällige Alte war sogleich dazu bereit, und erteilte mir, in seiner eben so verständigen als treuherzigen Manier, folgenden Bericht. »Wenn du willst, Hegesias, so machen wir von Euphrates den Anfang. Du begreifst nicht, wie ein Mann von so vorzüglichen Eigenschaften erst ein vertrauter Freund, und zuletzt der tödlichste Feind meines Herren habe sein können. Ich würde es eben so wenig begreifen können, wenn es sich so verhielte: aber Damis, der immer mehr oder weniger sah als zu sehen war, hat die Sache auch hier übertrieben. Euphrates besaß das Vertrauen meines Herren niemals in einem besondern Grade. Er wurde zu Antiochia mit uns bekannt, und erklärte sich gar bald für einen warmen Verehrer des Apollonius. Unleugbar ist er ein Mann von nicht gemeinen Naturgaben; seine Gestalt ist edel, seine Gesichtsbildung offen und heiter, und sein ganzes Wesen hat etwas gefälliges und anziehendes, das ihn damals um so mehr zu seinem Vorteil auszeichnete, da er in Grundsätzen, Kostüm und Lebensweise den strengsten Stoicism profitierte. Wir andern waren alle von ihm eingenommen, und Apollonius fand keine Ursache, die angebotene Freundschaft eines so vorzüglichen und allgemein beliebten Mannes durch ein kaltes Betragen abzuschrecken. Er gestattete ihm freien Zutritt, unterhielt sich gern mit ihm, sprach rühmlich von seinen Talenten, und empfahl ihn sogar dem nachmaligen Kaiser Vespasian, der damals Statthalter in Ägypten war. Mehr brauchte es freilich nicht, um einen Damis glauben zu machen, daß die vertrauteste Freundschaft zwischen ihnen herrsche. Aber so weit kam es nie. Mit welchem Enthusiasm sich auch jemand an meinen Herren anzudrängen oder anzuschmiegen suchte, immer wußte er solche Leute unvermerkt so weit von sich entfernt zu halten als er für gut befand. Es war als ob er für jeden Menschen einen eigenen Zauberkreis um sich herum gezogen hätte, über den keiner hinüber könnte, dem er nicht selbst die Macht dazu gäbe. Ich hatte öfters Gelegenheit zu bemerken, wie sehr Euphrates sichs angelegen sein ließ ihm näher zu kommen, und durch welche feine Ausbeugungen Apollonius immer eine solche Stellung gegen ihn nahm, daß die gleiche Distanz zwischen ihnen blieb. Ich gestehe dir, ich wurde begierig, die Ursache dieses mir unerklärbaren Benehmens zu erforschen, und glaubte meine Sachen gar schlau gemacht zu haben, indem ich an einem Abend, da ich allein mit meinem Herren war, und er sich mit mehr als gewöhnlicher Traulichkeit und guter Laune mit mir unterhielt, Gelegenheit nahm, eine Vergleichung zwischen dem berühmten Cyniker Demetrius , einem seiner vorzüglich begünstigten Freunde, und dem Euphrates, zum Vorteil des letztern anzustellen. ›Wozu diesen Umweg, guter Kymon?‹ sagte mein Herr: ›frage mich lieber geradezu; denn ich sehe doch, daß du gern wissen möchtest, warum ich zwei an Grundsätzen und Sitten einander so ähnliche Männer nicht mit gleichem Vertrauen behandle. Ich will dir die Ursache sagen. Beide sind in diesem Augenblicke wirklich was sie scheinen; aber der Grund, warum sie es sind, ist nicht derselbe, und der eine täuscht sich darüber selbst, da hingegen der andere mit sich selber im klaren ist. Euphrates denkt, spricht und lebt wie Antisthenes und Zeno , weil niedrige Herkunft und Dürftigkeit ihm keinen andern Weg offen ließ, sich über die gemeinen Menschen zu erheben, und mit denen aus den obern Klassen gewisser Maßen in gleicher Linie zu stehen. Die Übereinstimmung seines Lebens mit seinen Grundsätzen zeichnet ihn unter dem großen Haufen der Stoiker und Cyniker zu seinem Vorteil aus, und erwirbt ihm, zu der Gabe sich beliebt zu machen, noch die öffentliche Achtung. Aber im Grunde kennt Euphrates sich selbst nicht. Er hängt von der Meinung, welche andre Menschen von ihm haben, ab; er liebt das Vergnügen, und schielt mit geheimer Lüsternheit nach den Gegenständen seiner unfreiwilligen Enthaltung. Wenn er nicht auf einem eben so üppigen Fuß lebt als die meisten, denen das Glück die Mittel dazu gegeben hat, so liegt es, glaube mir, nicht an ihm.‹ – Als mein Herr mir das alles sagte, hätte ich ihn gerne fragen mögen, woher er es wisse: aber ihn weiter zu fragen, nachdem er von einer Sache zu reden aufgehört hatte, getraute ich mir nicht; und es würde auch vergebens gewesen sein, denn auf solche Fragen gab er keine Antwort. Allein wenige Jahre nachher zeigte sichs, wie richtig er den weisen Euphrates ins Auge gefaßt hatte. Euphrates kam, von der Zeit an, da mein Herr sich öffentlich als seinen Freund bewies, in immer größern Ruf; er schlug nun seine Weisheitsbude bald in dieser bald in jener der ansehnlichsten Städte von Syrien, Ägypten und Asien auf, und bekam viele vornehme und reiche Schüler, von denen er sich seinen Unterricht wohl bezahlen ließ. Sein Ruhm und die Annehmlichkeit seines Umgangs öffneten ihm das Haus eines der vornehmsten und reichsten Römer in Syrien; er gewann die Zuneigung dieses Mannes, erhielt seine Tochter zur Ehe, und sah sich nun in eine Lage versetzt, die zu seiner natürlichen Sinnesart paßte. Der ehemalige Stoiker, der mit einem Epiktet und Demetrius wetteiferte, wer am wenigsten bedürfe, stimmte nun seine Philosophie nach seinen Glücksumständen um, und verwandelte sich mit der größten Leichtigkeit in einen eiteln, prachtliebenden und üppigen Aristipp. Mein Herr machte ihm anfangs einige freundlich-ernste Vorstellungen über einen so auffallenden Widerspruch mit sich selbst: da sie aber fruchtlos blieben und sogar übel aufgenommen wurden, brach er plötzlich allen Umgang mit ihm ab. Wir verloren den Mann, der uns nichts mehr anging, eine lange Zeit aus den Augen, und erinnerten uns seiner nicht eher wieder, als da wir berichtet wurden, daß Apollonius bei dem Kaiser Domitian heimlich als ein übelgesinnter, unruhiger und gefährlicher Mann angegeben worden, und daß Euphrates durch seine Verbindungen in Rom die Seele dieser Kabale sei. Mein Herr hielt es seiner unwürdig, dem Urheber dieser Verleumdung nachzuspüren. ›Ich kümmere mich nichts um unsichtbare Feinde‹, war alles was er sagte, da einige von dieser Sache sprachen, und es wahrscheinlich fanden, daß Euphrates die Hand im Spiel habe. – Und dies, Hegesias, ist alle Auskunft, die ich dir über die vorgebliche Feindschaft zwischen meinem Herren und diesem Philosophen nach der Welt geben kann. Was das Verschwinden aus dem Gerichtssaale des Kaisers und die plötzliche Erscheinung zu Puteoli betrifft, so hat es damit, meines Wissens, folgende Bewandtnis. Der Befehl des Tyrannen, daß Apollonius sich in Person vor ihm stellen und verantworten sollte, hatte die zahlreichen Anhänger und Freunde meines Herren in nicht geringe Unruhe gesetzt, und verschiedene geheime Verabredungen über die Maßregeln, die man in jedem möglichen Falle zu nehmen hätte, veranlaßt. Wie viel indessen die widrigen Vorurteile, die man dem Kaiser gegen ihn beigebracht, zu diesem Befehle beigetragen haben mochten, so scheint es doch, als ob die Neugier, einen Mann, von dem so viel unglaubliche Dinge erzählt und geglaubt wurden, von Person kennen zu lernen, wenigstens eben so viel Anteil daran gehabt habe. Gewiß ist, daß das erste Verhör einen so sonderbaren Eindruck in Domitians Einbildungskraft zurück ließ, daß er sich vor dem zweiten zu fürchten schien, und es daher lange genug aufschob, um unsern Freunden zu geheimen Verwendungen Zeit zu lassen. Sie fanden Mittel, einige Personen, die beim Kaiser wohl gelitten waren, zu gewinnen, und ihnen die Rolle beizubringen, die sie zur Rettung eines ehrwürdigen und schuldlosen Greises zu spielen hätten. Die einen beschrieben ihm meinen Herrn als einen zwar schwärmerischen, aber harmlosen Menschensohn, der, wie alle Kappadozier, einen Sparren zu viel im Kopf habe, und von dem sie ihm die lächerlichsten Histörchen zu erzählen wußten; andere begehrten dies zwar nicht zu leugnen, führten aber doch verschiedene glaubwürdige Tatsachen an, woraus man nichts andres schließen könne, als er müsse sich wirklich im Besitz einiger magischer Künste befinden. Daß diese geheimen Bearbeitungen des Kaisers, wobei man keine andere Absicht, als ihm die Zeit zu kürzen, merken ließ, nicht ohne alle Wirkung geblieben waren, zeigte sich denen, die um das Geheimnis wußten, beim zweiten Verhör ziemlich deutlich. Domitian versuchte verschiedene Töne, bald einen ironischen, um den Schwärmer warm zu machen, bald einen stolzen und drohenden, um dem Zauberer an den Puls zu fühlen; aber wer ihn kannte, merkte leicht, daß es ihm mehr darum zu tun war, mit guter Art aus der Sache zu kommen, als einen Machtspruch zu tun, der zu seiner Beschämung ausfallen konnte, wenn der alte Magus ihm plötzlich mit einem Stückchen seiner Kunst aufgewartet hätte. Aber Apollonius behielt seine gewöhnliche unerschütterliche Ruhe; er beantwortete die unzusammenhängenden und verfänglichen Fragen des Kaisers in wenig Worten, bestimmt, geziemend, freimütig und ohne die mindeste Verlegenheit. Könnt es, dacht ich damals in mir selbst, auch nur einen Augenblick zweifelhaft sein, wer von diesen beiden der Monarch zu sein verdient? und ich glaubte denselben Gedanken in den Blicken aller Anwesenden zu lesen. Indessen schien Domitian eine Unbehäglichkeit zu fühlen, die er vergebens zu verbergen suchte; er eilte also dem tragischen Possenspiel ein Ende zu machen. Da weder Ankläger noch Zeugen gegen den Beschuldigten auftreten wollten, hingegen eine Menge wackerer Leute bereit waren, sich selbst für seine Unsträflichkeit und Rechtschaffenheit zu verbergen, so brach er das Verhör plötzlich ab, und befahl den alten Mann wieder auf freien Fuß zu stellen, unter der Bedingung, daß er Italien unverzüglich verlassen, und sich wohl hüten sollte, zu keiner neuen Klage mehr Gelegenheit zu geben. Er fügte, wie es schien, eine Drohung hinzu, die ich vor dem frohen Gemurmel, das sich bei der Freisprechung meines Herren in der ganzen Versammlung erhob, nicht verstehen konnte. Das Gerücht, als ob Apollonius aus dem Saal verschwunden sei, war nicht ohne allen Schein; denn er wurde von seinen Freunden mit einer solchen Geschwindigkeit die Treppe des Richthauses hinab getragen, in den schon für ihn bereit stehenden Wagen gesetzt und aus Rom davon geführt, daß ich mir selbst nicht sagen konnte, wie es zugegangen, daß ich mich an seiner Seite auf der Straße nach Neapolis befand. Die Furcht Aufsehen zu erregen erlaubte zwar keinem seiner Anhänger uns zu begleiten; wir fanden aber alle zwei Stunden frische Pferde bereit, und reiseten so schnell, daß wir um die sechste Stunde des dritten Tages Puteoli erreichten, wo Damis mit zwei andern, die uns nach Italien gefolgt waren, wider seinen Willen bei unserm Freunde Demetrius zurück bleiben mußte, weil mein Herr von mir allein begleitet sein wollte, als er nach Rom zum Verhör abging. Dem armen Niniviten war die Zeit indessen sehr lang geworden; er hatte, zwischen Furcht und Hoffnung schwebend, in allen Tempeln und Kapellen zu Puteoli und in der ganzen Gegend täglich Opfer für die Erhaltung seines geliebten Meisters gebracht, und, wiewohl, seiner Rechnung nach, alles schon hätte entschieden sein sollen, und das längere Ausbleiben desselben ein böses Zeichen schien, sich an die erhaltene Versicherung, daß er ihn in kurzem wieder sehen würde, wie ein Schiffbrüchiger an ein Brett, fest angeklammert. Diesen Morgen hatte er, nicht weit von der Stadt, seine Andacht in einer alten, halb verfallenen Kapelle, die den Nymphen des wasserreichen Orts gewidmet war, verrichtet, und saß eben, schwer bekümmert um das Schicksal des zu lange Zögernden, mit Demetrius am Rand eines Brunnens, als ihm auf einmal die Gestalt des aus dem umgebenden Gebüsche heraus tretenden Apollonius in die Augen fiel. Er tat einen lauten Schrei, lief hastig auf die Gestalt zu, schwankte aber vor Schrecken zusammen fahrend wieder zurück, weil ihn der Gedanke wie ein Blitz traf, daß es wohl nur der Geist des Apollonius sein könnte. Da ihn aber dieser bei der Hand ergriff und freundlich grüßte, faßte er sich schnell wieder, und sagte, im Taumel seiner Freude vielleicht selbst nicht wissend was er sagte: ›Ists möglich? Bist du es selbst, Apollonius? Wo kommst du uns so plötzlich her?‹ – ›Aus dem Richthause Domitians‹, antwortete mein Herr; ›ich habe dir Wort gehalten, wie du siehest.‹ Damis, den die Sache selbst ohne ein Wunder nicht halb so glücklich gemacht hätte, nahm die Worte des Meisters im buchstäblichen Sinn, und fand nichts natürlicher, als daß Apollonius vor wenig Augenblicken aus Rom verschwunden und nun auf einmal zu Puteoli sei. Wenn der Skythe Abaris auf einem bezauberten Pfeile die größten Reisen durch die Luft machen konnte, warum sollte sich ein so göttergleicher Mann als Apollonius nicht wie durch einen Pfeilschuß von Rom an die Küste von Campanien versetzen können? Mein Herr nahm jetzt, ohne sich mit Damis weiter einzulassen, seinen Freund Demetrius auf die Seite, vermutlich um ihm zu erzählen, was zu Rom vorgegangen war, und die Anstalten zu seiner Rückreise über Syrakus und Korinth mit ihm abzureden. Da nun Damis indessen mir zufiel, zeigte sichs bald, was für eine lächerliche Einbildung er sich in den Kopf gesetzt hatte; aber ich konnt es nicht über mich gewinnen, ihm einen Irrtum zu benehmen, wobei er so glücklich war. Denn wer ihn um ein Wunder ärmer machte, beging einen Raub an ihm, den die Wahrheit ihm nicht ersetzen konnte. Du kannst dir nun, denke ich, nach dieser neuen Probe, wie der wunderlustige Mensch in solchen Fällen zu verfahren pflegte, leicht erklären, was es mit dem andern Wunder für eine Bewandtnis haben mochte. Apollonius befand sich zu Ephesus, als Domitian von Parthenius und seinen Gehülfen ermordet wurde. Wer in so wenig Augenblicken (wie Damis glaubte) eine Reise von mehr als sechzig Stunden durch die Luft machen kann, kann auch wohl von Ephesus aus sehen, was zu Rom in der Schlafkammer des Kaisers vorgeht. Aber allen Märchen, wie ungereimt sie sein mögen, liegt immer etwas Wahres zum Grunde. Mein Herr wich, in den drei letzten Jahren, die er unter den Menschen lebte, von seiner vormaligen Gewohnheit, sich selten in Gesellschaften und an öffentlichen Orten sehen zu lassen, ab, und teilte sich, gleichsam zum Abschied, mit der größten Gefälligkeit allen mit, die ihn zu sehen oder reden zu hören wünschten. Nun traf sichs, daß er gerade um die Stunde, da Domitian aus dem Wege geräumt wurde, unter einer der Hallen des Dianentempels saß, von einem vermischten Kreise von Bekannten und Fremden umgeben, mit denen er sich unterhielt. Er wußte um die Verschwörung, und man hatte ihm sogar den Tag, an welchem sie ausbrechen sollte, zu wissen getan, wiewohl die Tat zufälliger Weise um einige Tage beschleuniget wurde. Durch eine eben so zufällige Veranlassung fiel ihm auf einmal ein, was jetzt vermutlich zu Rom im kaiserlichen Palast vorgehe, oder bereits vorgegangen sei; und die Sache stellte sich seiner Phantasie so lebhaft vor, daß er plötzlich im Reden inne hielt, und, während die Augen aller Anwesenden mit erwartender Verwunderung auf ihn geheftet waren, mit starrem Blick, wie von einer plötzlichen Vision empor gezogen, in die Luft hinaus schaute. Nach einer kleinen Weile fand er sich wieder zu Ephesus bei seiner Gesellschaft, und sagte mit dem Ton eines Augenzeugen: ›In dieser Stunde stirbt ein Tyrann, dessen Tod eine Wohltat für das menschliche Geschlecht ist.‹ – Und nun fuhr er ruhig in seiner vorigen Rede fort, und aus Ehrerbietung wagte es niemand, eine nähere Erklärung von ihm zu verlangen; auch war es überflüssig, denn jedermann verstand ihn, und die meisten nahmen es für etwas ausgemachtes, daß Domitian nicht mehr lebe. Nach einigen Tagen kam die Nachricht, der Autokrator sei, zwar etliche Tage eher, aber doch um dieselbe Stunde, welche mein Herr angegeben hatte, ermordet worden; und nun verbreitete sich in kurzem ein Gerücht, Apollonius habe dieses Ereignis in der nämlichen Stunde, da es in Rom vorgegangen, zu Ephesus in einem Gesichte gesehen, und einer großen Menge Volks öffentlich angekündigt. Einige versicherten sogar, er habe die Verschwornen bei ihrem Namen genannt, und durch seinen Zuruf angefeuert, und folgerten daraus, seine Seele sei in demselben Augenblick wirklich in das Schlafgemach des Kaisers verzückt und ein mitwirkender Augenzeuge der Tat gewesen; und da dieser Umstand das Wunderbare der Sache beträchtlich erhöhte, so war es natürlich, daß Damis ihn in seine Erzählung aufnahm, indem er sich (seiner Gewohnheit nach) das Ansehen gibt, als ob er selbst dabei gewesen sei, wiewohl ich dich versichern kann, daß er nicht zugegen war.« »Diese Begebenheit«, sagte ich, »ist, auch so wie Du sie erzählst, Kymon, noch immer außerordentlich genug.« – »Das sollt ich kaum denken«, versetzte er: »es geschieht doch wohl öfters, daß Personen von lebhafter Einbildungskraft – zumal solche, denen Stand, Ansehen oder Alter eine Art von Vorrecht gibt, es nicht so genau mit sich selbst zu nehmen – mitten in einem Diskurs inne halten, weil ihnen eine Vorstellung oder ein Gedanke in den Wurf kommt, der sie gleichsam auf die Seite zieht, und, indem er sich ihrer Aufmerksamkeit unfreiwillig bemächtigt, sie einige Augenblicke vergessen macht, daß sie nicht allein sind; was um so leichter geschehen kann, wenn sichs gerade trifft, daß ihr Gemüt von dieser Vorstellung voll, oder mit diesem Gedanken innerlich sehr beschäftigt ist.« – »Aber das Zutreffen der Stunde?« – »War eben so zufällig als daß der Tag nicht zutraf«, erwiderte Kymon; »wenigstens war Apollonius selbst dieser Meinung, und fand an der ganzen Sache nichts merkwürdig, als daß sie zu einem neuen Beispiel dienen könne, wie leicht es sei die Menschen zu täuschen, da sie beinahe alle mit einer so großen Anlage und Neigung sich täuschen zu lassen , behaftet sind, daß sie, wenn kein andrer sich über sie erbarmen will, sich lieber selbst hintergehen, und, wie die kleinen Mädchen, lieber das nächste beste Holz zum Wickelkinde machen, und liebkosend auf den Armen herum tragen, als ohne Kind sein wollen.« II. Ich müßte mich sehr irren, lieber Timagenes, wenn mein Agathodämon dir durch alles, was du bisher von ihm gesehen und gehört hast, nicht so lieb geworden wäre, daß du schwerlich irgend etwas, das sich aus meinem dreitägigen Aufenthalt bei ihm in meinem Gedächtnis erhalten hat, deiner Aufmerksamkeit unwürdig finden wirst. In dieser Voraussetzung fahre ich fort, dir von den Unterredungen Rechenschaft zu geben, womit wir, nachdem unser Pythagorisches Mahl vorüber war, den Rest des Tages zubrachten. Ich erinnere mich nicht mehr, aus welchem Anlaß Kymon der alten Wahrnehmung erwähnte, daß viele Menschen nicht nur in dem Bau der festen Teile des Kopfs und Angesichts, sondern selbst in dem Gesamtausdruck der beweglichen Teile, besonders der Augen und des Mundes, eine mehr oder weniger auffallende Ähnlichkeit mit gewissen Tierarten zu haben scheinen. – »Ich glaube«, sagte Apollonius, »diese Bemerkung gelte – zwar nicht von allen (was ich keineswegs behaupten möchte), doch gewiß von den meisten Menschen. Gewöhnlich wird sie freilich nur an solchen gemacht, an denen diese Ähnlichkeit stark in die Augen fällt: aber, wer alle ihm vorkommende Personen in dieser Rücksicht scharf und genau beobachten wollte, vorausgesetzt daß er auch alle bekannten Arten von Luft- Land- und Wassertieren physionomisch studiert hätte, würde vielleicht nur wenige Ausnahmen von der allgemeinen Regel finden.« »Sollte dies«, versetzte Kymon, »nicht für Bestätigung einer Hypothese gelten, die ich einst einen Schüler des Anaxilaus , als eine Lehre dieses bekannten Pythagoräers, behaupten hörte: ›Die Seelen der Tiere würden durch Versetzung in menschliche Leiber zu Menschenseelen veredelt, und so der Verlust, den unsre Gattung durch den Tod der Einzelnen erleide, aus dem Tiergeschlecht wieder ersetzt.‹« »Dies anzunehmen müßten wohl andere Gründe vorhanden sein«, – sagte ich, um doch bei diesem Gespräche nicht eine ganz stumme Person vorzustellen: »denn aus der Ähnlichkeit zwischen gewissen menschlichen mit gewissen tierischen Physionomien scheint höchstens einige Ähnlichkeit in der Sinnesart gefolgert werden zu können. Überdies müßte man, um zu erklären, warum z. B. die Seele eines ehemaligen Schafs dem menschlichen Embryo, von welchem sie Besitz nimmt, eine schafsmäßige Gesichtsbildung gebe, annehmen, daß die Seele einen unmittelbaren physischen Einfluß in die Bildung ihres Körpers habe, und also eine plastische Kraft besitze, deren sie sich nicht bewußt ist, und von welcher es schwer sein dürfte sich einen klaren Begriff zu machen.« »Die Hypothese des Anaxilaus, oder wer ihr Erfinder sein mag (denn sie scheint weit älter zu sein als er), ist eine von denen, (sagte Apollonius) auf welche man verfällt, und beinahe verfallen muß, wenn man sich zwei oder drei sehr kurze, aber sehr rätselhafte Fragen beantworten will, deren kein denkender Mensch sich immer entschlagen kann, und auf welche, wie nahe sie uns auch angehen, noch niemand eine befriedigende Antwort gefunden hat. Wer bin ich? – Woher kam ich ? – Was wird aus mir werden? Das, was ich meine Seele nenne, macht mich, in einer gewissen Verbindung mit dem Körper , den ich gern oder ungern für den meinigen erkennen muß, zu dem Wesen, das man einen Menschen nennt: aber ich war nicht immer was ich jetzt bin; ich war ein junger Mann, ein Jüngling, ein Kind, ein Embryo; was war ich vorher ? – ›Gar nichts?‹ – Wie kann Nichts zu Etwas werden? – Formen, Gestalten, Zusammensetzungen, können entstehen, weil der Stoff dazu vorhanden ist. Damit Etwas werde , muß Etwas sein . Was ich jetzt bin, kann nicht mein eigentliches Ich sein, sonst wäre Ich vor sechsundneunzig Jahren Nichts gewesen. Was ich jetzt bin, ist also eine bloße Form meines Ichs, und ich war schon vorher unter irgend einer andern Form vorhanden. Daß ich der Natur angehöre, ist klar. In der Natur hängt alles genau zusammen; sie kennt keine Lücken und macht keine Sprünge. Was ich unmittelbar vorher war, muß also mit dem, was ich jetzt bin, so viele Ähnlichkeit gehabt haben, als der gewöhnliche, ordentliche Gang der Natur erfordert. Ich war also nur eine unvollkommnere Art von Menschen. Und vorher, eh ich dies ward, was war ich? Allem Ansehen nach gibt es in der Menschheit mehrere Abstufungen, als man gemeiniglich glaubt. Angenommen also daß ich von der untersten Stufe ausgegangen, was war ich vorher? Die Klasse von Wesen, die wir Tiere nennen, und von deren wahrer Beschaffenheit wir noch sehr wenig echte Kenntnis haben, enthält vermutlich eine noch größere Anzahl von Abstufungen als die Menschheit. Ich habe auch diese durchwandern müssen, bevor ich ein Mensch werden konnte. – Da haben wir also die Lehre des Anaxilaus, und, wie es scheint, ziemlich fest gegründet. Oder dünkt dich nicht, Hegesias, daß Anaxilaus ungefähr so räsonieren mußte?« Ich . »Sehr wahrscheinlich. Aber unglücklicher Weise kommt die erste Frage, was war ich vorher? immer wieder. Daß unsre Erdkugel vor irgend einem uralten Zeitpunkte unbewohnbar war, und es dereinst, wenn auch erst in vielen Jahrtausenden, wieder werden wird, ist bis zur Gewißheit wahrscheinlich. Das letztere rettet unsre Hypothese von einem Einwurf, der, wie mich dünkt, sonst unbeantwortbar wäre. Denn, wenn die Erde so wie sie ist, immer dauerte, woher sollten sich sowohl die menschliche als die tierischen Gattungen zuletzt ersetzen können? Die Zahl der Individuen, wie groß man sie auch annehmen will, muß am Ende doch bestimmt sein, und also endlich erschöpft werden.« Apollonius . »Und sobald sich dies ereignet, muß, durch eine notwendige Folge, auch die große Revolution mit der Erde vorgehen, die du ihr weissagst. Wenn sie keine Bewohner mehr hat, wird sie in kurzer Zeit auch unbewohnbar werden, und so bedarf es dann keiner Ersetzung der Abgegangnen.« Ich . »Wenn also auch jener Einwurf wegfällt, so sehe ich doch nicht, was Anaxilaus auf die Frage antworten kann, was er gewesen sei, bevor es noch Tiere auf der Erde gab.« Kymon . Vermutlich eine Pflanze. Versichert uns doch schon der berühmte Empedokles , daß er ein Strauch gewesen sei, bevor er, nach und nach, Fisch, Vogel, Mädchen und endlich Knabe geworden. Aber freilich wird sich Hegesias damit nicht abfertigen lassen, und die Freunde dieser Art von Seelenwanderung werden sich genötigt finden, die armen Menschenseelen durch das ganze Mineral- und Steinreich durchzuführen, und sie endlich, wenn sie nicht mehr weiter können, sogar in Gestalt der einfachsten Elemente in einen ewigen Schlaf zu versenken, der vor dem Nichtsein wenig voraus hat, und aus welchem sie, begreiflicher Weise, nie erwachen können.« Ich . »Für diese letzte Schwierigkeit könnten unsre Metempsychosisten wohl noch Rat schaffen. Die Elemente können doch nicht ohne Kraft , und eine Kraft nicht ohne Streben gedacht werden. Sie streben also so lange, bis sie aus dem tiefsten Schlummer zu einem leichtern, und aus diesem endlich zum animalischen Leben erwachen.« Kymon . »Was nennst du den tiefsten Schlummer? Vermutlich den, unter welchem sich kein tieferer denken läßt? Was war ich also, bevor ich in dem tiefsten Schlummer lag, in welchem noch ein Streben möglich ist?« Ich . »Ich sehe wohl, daß Anaxilaus, um eine so beschwerliche Frage zum Schweigen zu bringen, die Planeten zu Hülfe rufen, und unsre Seelen, bevor sie ihre Migrationen auf der Erde beginnen, vorher auf unzählige, uns unbekannte Arten, in andern Weltkörpern existieren lassen muß.« Kymon . »Du denkst dich, wie ich merke, hinter die Wörter unzählig und unbekannt zu bergen; aber sie werden dir wenig helfen. Ich erlaube dir, die Anzahl dieser, uns zwar unbekannten, aber an ihrem Orte sehr wohl bekannten Arten von Existenz so groß anzunehmen als du willst, immer bleibt es eine bestimmte Anzahl. Ich erlaube dir sogar, unsre Seelen alle mögliche Planeten und Sonnen, wären ihrer auch so viele als des Sandes am Meer und der Wassertropfen im Ozean, rückwärts durchwandern zu lassen; meine alte Frage, was war ich vorher? ist immer wieder da, und ich sehe nicht, wie wir uns vor ihr retten können.« Apollonius . »Das schlimmste ist, daß die andre Frage , die noch auf uns wartet, und an deren Beantwortung uns im Grunde weit mehr gelegen ist, dem guten Anaxilaus, und in der Tat einem jeden andern, der sich auf sie einlassen wollte, nicht weniger zu schaffen machen wird: ›Was wird aus uns werden, wenn wir aufhören die Menschen zu sein, die wir jetzt sind?‹ Denn wie oft wir auch in andere menschliche Leiber wandern möchten, endlich muß es doch ein Ende nehmen, oder wir müßten uns überreden können, die Natur, die uns vorher aus einem Zustande, worin wir uns selbst kaum dunkel fühlten, von Stufe zu Stufe bis zur Menschheit hinauf geführt hatte, habe es bloß getan um ihren Scherz mit uns zu treiben, und verdamme uns nun, da unsre Vervollkommlichkeit außer Zweifel ist, zu dem traurigen Los, uns in dem großen Rade der menschlichen Torheiten und Armseligkeiten, wie Sklaven in einer Mühle, ewig herum zu treiben. Es muß also ein Zeitpunkt kommen, wo wir in eine vollkommnere Klasse von Wesen übergehen. Ob mit oder ohne einen Körper, mit oder ohne Bewußtsein dessen, was wir waren, davon soll jetzt nicht die Rede sein. Ich frage nur: Was wird aus uns werden, wenn wir die höchste Stufe von Vollkommenheit erreicht haben, zu der wir uns, vermöge unsrer eingeschränkten Natur, erheben können?« Ich . »Unsre Schranken werden sich erweitern, je vollkommner wir werden, und mit jeder Stufe, die wir erstiegen haben, werden sich höhere zeigen, die noch zu ersteigen sind.« Apollonius . »Aber ob wir sie ersteigen können?« Ich . »Warum nicht? Wer Kraft genug hatte, so hoch zu steigen, hat wohl auch so viel, noch höher zu steigen.« Apollonius . »Das ist so ausgemacht nicht. Ein beschränktes Wesen kann nicht über eine gewisse Linie hinaus, welche das höchste Maß seiner Empfänglichkeit und Tätigkeit ist; darin eben besteht seine Beschränktheit. Doch ich will mich bei diesem Einwurf nicht aufhalten. Du nimmst also keine höchste Stufe an?« Ich . »Wie könnte ichs? Denn da würdest du fragen: was nun, wenn wir sie erreicht hätten, aus uns werden sollte, und was hätte ich dir da zu antworten? Ewig auf ihr stille zu stehen, wäre eben so unmöglich, als höher zu steigen; es bliebe uns also nichts übrig, als das alberne Geschäft, wieder so tief herab zu steigen, als wir hoch empor gestiegen wären. Ich sage demnach, die höchste Stufe ist es nur in Vergleichung mit einer viel niedrigern, aus welcher sie erblickt wird; es gibt immer eine noch höhere.« Apollonius . »Kannst du dir eine Leiter ohne Anfang und ohne Ende denken?« Ich stutzte, und bedachte mich, was hierauf zu sagen wäre. Apollonius wartete einige Augenblicke, und fuhr dann fort. Apollonius . »Es ist wirklich etwas bemerkenswertes an der sonderbaren Art, wie wir uns selbst zu täuschen suchen, um uns eine Vorstellung vom Unendlichen zu machen; was doch eben so unmöglich ist, als das große Weltmeer in eine Trinkschale zu schöpfen. Wir denken uns unser Leben als eine schmale Landzunge zwischen zweien Unendlichkeiten, deren eine hinter uns , die andre vor uns grenzenlos ausgedehnt liegt. Die eine ist freilich so unendlich als die andere, aber unsre Vorstellungsart macht einen beträchtlichen Unterschied zwischen ihnen. Wie sehr wir uns auch anstrengen, uns ein Ding ohne Anfang vorzustellen, es ist uns unmöglich; wie weit wir auch Raum und Zeit zurück rücken, immer fühlen wir uns genötiget, irgendwo einen Punkt anzunehmen, wo die Dinge angefangen haben; und da es im Unendlichen gleich viel ist, wo wir den Punkt hin setzen, so nehmen wir ihn, der Bequemlichkeit wegen, lieber nah, damit wir nicht gar zu weit rückwärts zu gehen haben. Daher kommt es, daß die Ägypter und Indier, die den Anfang der Welt am weitesten zurück setzen, doch nicht über einige hunderttausend Jahre hinaus gehen, wiewohl sie dadurch kein größeres Stück vom Unendlichen abgeschnitten haben, als diejenigen, die ihr eine Dauer von vier- oder fünftausend Jahren geben. Im Unendlichen vor uns hingegen bewegt sich unsre Einbildung viel leichter und gemächlicher; und wiewohl wir von Zeit zu Zeit Halt zu machen und auszuruhen genötigt sind, so geschieht es doch nicht, um stehen zu bleiben; wir setzen die Reise immer fort, finden nichts natürlicher, als daß das Unendliche – kein Ende nimmt, und sind wohl mit uns selbst zufrieden, indem wir uns einbilden, eine Reihe von Zuständen oder Stufen einer immer vollkommnern Existenz denken zu können, die nie aufhört, weil der gegenwärtige Zustand immer der Keim eines folgenden ist; und, ob wir gleich weder Lust noch Muße haben, auf dieser Leiter, deren Haupt sich im Unendlichen, wie in einem dunkeln Gewölke, verbirgt, in Gedanken immer fortzusteigen, so genüget uns doch schon an der dunkeln Vorstellung, daß es nur von uns abhängt, so lange weiter zu steigen als uns beliebt. Der Grund der Täuschung in dieser Vorstellungsart liegt, deucht mich, darin, daß wir, bei allem, was wir zählen oder messen, mit Eins anzufangen genötigt sind, hingegen keine Zahl und kein Maß so groß ist, daß nicht immer noch etwas hinzu gesetzt werden könnte. Wie kindisch es auch immer ist, unsre gewohnte Art zu messen und zu zählen auf das Unendliche anzuwenden, so kann sich unsre Einbildungskraft doch nicht anders helfen. Daher kommt es, daß, wenn wir auch dem Chaos , als der Materie des Weltalls, ein ewiges Dasein zuschreiben, wir uns doch die Gestaltung und Organisierung dieses Urstoffs, wodurch er das wird, was wir die Welt nennen, notwendig als in der Zeit geschehen vorstellen. Wir nehmen ein ewiges Chaos an, weil es uns unmöglich ist zu denken, daß die Welt aus Nichts entstanden, d. i. daß Nichts – Etwas geworden sei: aber der Welt geben wir einen Anfang, aus eben dem Grunde, warum wir entweder ein erstes Ei, oder eine erste Henne annehmen müssen, weil wir uns rückwärts keine unendliche Reihe von aus einander entwickelten Eiern und Hennen vorstellen können. Aber können wir das vorwärts etwa besser? Man bildet sichs ein, weil man in dem letzten Ei schon wieder die künftige Henne sieht, die in einem neuen Ei eine neue Henne legen wird, und weil man dieses Spiel ohne Mühe so lange fortsetzen kann als man will: aber es ist eine bloße und ziemlich grobe Täuschung, wenn wir uns eine unendliche Folge von künftigen Eiern und Hennen leichter einzubilden glauben als eine vergangene ; indem es mit der letztern völlig die nämliche Bewandtnis hat, und, es sei nun daß man bei der Henne oder beim Ei anfange, das Ei immer eine Henne und die Henne immer ein Ei voraussetzt, und wir diese Operation der Einbildung eben so leicht und eben so lange rückwärts fortsetzen können als vorwärts, ohne durch etwas andres als unsre Ermüdung genötigt zu werden, das Spiel endlich aufzugeben. Es ist, wie gesagt, etwas kindisches in diesen popularen Vorstellungen, das eben darin liegt, daß man das Unmeßbare messen und das Unbegreifliche begreifen will; ein Versuch, der dem tiefsinnigsten Denker nicht besser gelingen kann, als dem schwächsten Kopfe. Den höchsten Versuch in dieser Art, den ich kenne, machte der große Ägyptische Hermes , da er das Unendliche einen Zirkel nannte, dessen Mittelpunkt allenthalben und dessen Umkreis nirgends ist. Die Einbildungskraft erschrickt vor diesem Gedanken, wenn es anders ein Gedanke heißen kann; denn was ist ein Zirkel, der aus lauter Mittelpunkten besteht und keinen Umkreis hat?« Kymon . »Ich will mirs gefallen lassen, wenn ihr über mich lachet; aber ich gestehe, daß ich etwas unbeschreiblich Erhabenes in diesem undenkbar scheinenden Bilde finde. Wenn ich auf der Spitze des Ida stehe, übersehe ich einen großen Raum, aber er ist vom Horizont umgrenzt; ich umfliege in Gedanken die ganze Erde, schwinge mich von ihr in den Mond auf, erhebe mich vom Mond bis zur Sonne; der Raum um mich her wird immer ungeheurer, und doch hat er immer noch einen Umkreis. Nun ergreift mich der göttliche Hermes , und stürzt sich mit mir ins Unendliche. Mit der Geschwindigkeit des Blitzes eile ich ohne Stillstand von einem Stern, von einem Himmel zum andern, und sehe keinen Umkreis; der täuschende Horizont, in dem ich vorher mich eingeschlossen wähnte, ist verschwunden; in jedem Punkte meines rastlosen Flugs bin ich im Mittelpunkt eines Kreises, der sich mit jedem Augenblick erweitert; vergebens suche ich einen letzten Umkreis, der diese ungeheuern Räume einschließe; Millionen Sonnen könnten nach und nach erlöschen und Millionen neue Himmel um mich her entstehen, und ich flöge immer noch, ohne aus der Mitte des immer weiter sich ausdehnenden Kreises heraus zu kommen. Endlich ermattet meine Phantasie; der vergebliche Flug hat ihre Kraft erschöpft, ich versinke und verliere mich im Unendlichen wie ein Wassertropfen im Ozean.« Während Kymon dies mit Begeisterung sprach, heftete Apollonius einen Blick voll Wohlgefallen und Liebe auf das glänzende Gesicht des Alten, und, da er zu reden aufgehört, drückte er ihm die Hand und sagte: » Dies war es, guter Kymon, und war alles , was Hermes mit seinem Zirkel ohne Umkreis wollte. Dein gerader Sinn hat ihn sogleich gefaßt, und wehe dem Sophisten, der dich mit seiner Logik darüber schikanieren wollte! Dies angestrengte vergebliche Streben, und zuletzt dies Verlieren unser selbst in dem alles hervorbringenden und alles verschlingenden Unendlichen, – dies ist die einzige Art, wie Wesen unserer Gattung – nicht zum Begriff , aber zu einem dunkeln, die ganze Seele ausfüllenden Gefühl desselben sich erheben können; einem Gefühl, das mehr wert ist, als die subtilste Worterklärung des trocknen Dialektikers, der uns Rechenpfennige für Münze, und Worte für Sachen gibt. Indessen sollte das Unvermögen, uns über die selbst schon grenzenlose und bloß durch die Unzulänglichkeit unsrer Organe beschränkte Sinnenwelt bis zum wirklichen Anschauen des Ewigen, Notwendigen und selbstständigen Unendlichen aufzuschwingen, – denn, was wir davon sehen, sind, (wie Plato zuerst so richtig sah, oder sagte) doch nur zurück geworfene Schattenbilder von Ideen, – billig, sage ich, sollte dieses Unvermögen uns lehren, daß der Umkreis der Menschheit und ihrer so mannigfaltigen und wichtigen Angelegenheiten der wahre, unsern Kräften angemessene Wirkungskreis ist, den die Natur uns angewiesen hat, und auf den wir uns um so mehr beschränken sollten, da selbst der geringste dieser Gegenstände einen beträchtlichen, und so viele einen entscheidenden Einfluß auf das Wohl oder Weh des Menschengeschlechtes haben. Die großen Aufgaben: ›Was ist der Mensch in der gegenwärtigen Periode seines Daseins? Welches sind seine Kräfte und Anlagen? Wie und wozu hat er sie zu gebrauchen? Was soll er hier sein? Was kann er hier werden? Zu welcher Vollkommenheit könnte er schon in diesem Leben gelangen, wenn er die Mittel kennen und richtig anwenden lernte, die ihm dazu gegeben sind?‹ – Diese Aufgaben, die sich wieder in unzählige andere auflösen, sind so ganz für uns gemacht, und geben uns so viel zu schaffen, daß ich nicht sehe, wo wir Zeit hernehmen wollen, uns um Dinge zu bekümmern, die wir eben darum, weil sie uns unerreichbar sind, mit gutem Fug als uns nichts angehend betrachten dürften.« Ich . »So gewiß dies ist, so scheint es doch nicht in unserer Gewalt zu sein, uns eines von Zeit zu Zeit tief aus unserm Innern aufsteigenden Verlangens, ›zu wissen, woher wir kommen und wohin wir gehen‹, gänzlich zu entschlagen. Dieses Verlangen scheint zu billig zu sein, als daß seine Nichtbefriedigung uns nicht beunruhigen, und zu natürlich, als daß uns so schlechterdings jeder Weg zu seiner Befriedigung versperrt sein sollte.« Apollonius . »Um dir meine Meinung frei zu sagen, so dünkt mich die erste dieser Fragen die zweckloseste von allen, die der grübelnde Vorwitz jemals aufgeworfen hat. Ich dächte, wir könnten zufrieden sein, daß wir da sind, und brauchten uns den Gedanken, woher wir kommen und was wir ehemals waren, um so weniger anfechten zu lassen, da es uns nichts helfen könnte wenn wirs wüßten. Nur das was ich bin , seitdem ich diese Person bin, betrifft mich ; nur diese Person macht mein Ich aus, und in so fern kann ich richtig sagen: bevor ich der Mensch war, der ich in meinem gegenwärtigen Leben wurde, war ich noch gar nicht. Wäre ich schon gewesen, so müßte ich mir dessen bewußt sein; oder wäre ich zwar schon unter irgend einer andern Gestalt da gewesen, könnte mich aber dessen auf keine Weise erinnern, so wär es für mich eben so viel, als ob ich nicht gewesen wäre; so wie eine vom Wahnsinn wieder hergestellte Person die Tage oder Jahre ihres Wahnsinns von ihrem Leben abrechnen muß. – Mit der andern Frage: Wohin gehen wir, und was wird nach diesem Leben aus uns? scheint es hingegen eine andere Bewandtnis zu haben, und ich gestehe dir selbst, Hegesias, daß es mir angenehm wäre, wenn du mir etwas zuverlässigeres davon sagen könntest, als was wir alle wissen. Wer die Reise in das unbekannte Land so nahe vor sich hat wie ich, dem ist ein wenig Vorwitz zu verzeihen, wie es darin aussehe, wie es ihm gefallen, und vornehmlich wie er wohl behalten hinein kommen werde? Ernsthaft zu reden, Freund Hegesias, es ist natürlich, daß ein Mann von meinem hohen Alter sich mit dem Gedanken an den Tod, und an das, was auf den Tod folgt, vertraut zu machen sucht; was mir um so leichter wird, da er sich mir so langsam nähert. Ich sehe ihm ruhig, oder vielmehr mit dem stillen Verlangen entgegen, womit man einen Freund erwartet, dessen Kommen gewiß, aber der Tag unbestimmt ist. Ich betrachte ihn als einen guten Genius, der mich, im schlimmsten Falle, zu einer ewigen Ruhe, aber wahrscheinlich an den Ort meiner künftigen Bestimmung führen wird. Die schöne Ordnung und weise Zweckmäßigkeit, die ich im Ganzen der Natur regieren sehe, läßt mich keinen Augenblick zweifeln, daß diese Bestimmung meinen Kräften und meiner innern Verfassung angemessen sein werde. Dies ist alles was ich davon weiß und wissen kann; und es ist zu meiner Beruhigung genug. Indessen, warum sollt es der Einbildungskraft, deren eigentümliches Gebiet das unendliche Reich der Vermutungen und vermeinten Möglichkeiten ist, nicht erlaubt sein weiter zu gehen, und mit harmlosen Träumen, aus helldunkeln Aufblitzungen und Vorgefühlen der künftigen Welt gewebt, die Ungeduld der Erwartung einzuwiegen? Laß es sein, daß der müde Seefahrer, den nach einer langen Reise wieder Land zu sehen verlangt, bei heiterm Wetter ein duftiges Luftgebild am fernen Horizont für eine reizende Insel ansieht; sein Irrtum schadet niemand, und gewährt ihm einige frohe Augenblicke.« Ich . »Für mich würde ein Traum, an welchem Apollonius etwas anmutendes findet, beinahe das Ansehen einer Urkunde haben.« Er schwieg eine kleine Weile, lenkte dann unvermerkt das Gespräch auf andere Gegenstände, die vor uns lagen, und beurlaubte mich, mit der Abrede, ihn eine Stunde vor Sonnenuntergang in dem Lorbeerwäldchen zu erwarten. III. Als Apollonius, seinem Versprechen zu Folge, sich an dem bestimmten Ort eingefunden hatte, drückte er mir traulich die Hand und sagte: »Du hast nun bald zwei Tage bei mir ausgehalten, Hegesias, und ich hoffe, du werdest mir, wenn es bloß von dir abhängt, noch den dritten schenken. Ob Apollonius hielt, was Agathodämon dir versprach, weiß ich nicht; doch schmeichle ich mir, daß du die bei uns zugebrachte Zeit nicht unter die verlorne zählen werdest.« Was ich ihm hierauf antwortete, kannst du dir ohne Mühe selbst sagen, lieber Timagenes. Ich setzte hinzu: Nichts, als die Furcht unbescheiden zu sein, hätte mich abgehalten, ihn um die Gunst zu bitten, die seine zuvorkommende Güte mir zugedacht habe. Der morgende Tag sei noch in meiner Gewalt, und ich hoffte, nach den vielen Proben, die ich hätte, daß er in meiner Seele lesen könne, bedürfe es keiner Versicherung, daß ich, wenn es nur auf meine Wünsche ankäme, das Glück, immer unter seinen Augen zu leben, jedem andern vorziehen würde. Er schien an meinen Gesinnungen für ihn Gefallen zu haben, und nachdem wir in den Alleen des Lustwäldchens einigemal hin und wider gegangen waren, hieß er mich neben ihm Platz nehmen; und nun begann folgendes Gespräch, worin ich ihn durchaus mit seinen eigenen Worten reden lassen werde, was ich auch bisher mit möglichster Treue zu tun beflissen war. Apollonius . »Ich glaube, lieber Hegesias, dir bisher das Merkwürdigste meines Lebens mitgeteilt zu haben, oder doch so viel davon, als du bedarfst, um den Mann zu beurteilen, der in einem ungewöhnlich langen Leben eine zu sonderbare Person vorgestellt hat, um etwas andres zu erwarten, als daß er der Nachwelt, wo nicht in einem ganz falschen, doch gewiß sehr zweideutigen Licht erscheinen werde.« Ich . »Daß dies nicht geschehen könne, soll eine meiner ersten Sorgen sein.« Apollonius . »Deine eigenen Zweifel sind, denke ich, größten Teils aufgelöst, und was etwa daran noch fehlt, wird ins reine kommen, wenn ich dir mit derselben Offenheit, womit ich mich bisher dargestellt habe, nun auch das Urteil mitteile, das ich über mich selbst fälle, seitdem ich in dieser stillen Verborgenheit, der Welt und allen meinen ehemaligen Verbindungen, Entwürfen und Betrieben abgestorben, mich und die menschlichen Angelegenheiten überhaupt ungefähr eben so betrachte, als ob ich den Körper, der mich noch an die Erde fesselt, bereits abgelegt hätte. – Bin ich gewesen was ich sein wollte? Hab ich gewirkt was ich wirken wollte? Hab ich mit den Kräften, die mir die Natur verlieh, als ein treuer Weltbürger so gut Haus gehalten, wie es mir unter den Umständen, die nicht von meiner Willkür abhingen, möglich war? War mein Zweck rein? War er der beste unter allen, die ich mir vorsetzen konnte? Hab ich ihn auf dem geradesten Wege, durch die einfachsten, sichersten und edelsten Mittel zu erreichen gesucht? Kann ich, wenn ich in mein ganzes langes Leben hinter mir zurück schaue, mit mir selbst zufrieden sein?« Indem Apollonius dieses sprach, schien sein Ton eine Rührung zu verraten, die er, ohne sie mir ganz verbergen zu wollen, zurück zu drücken suchte; er hielt einige Pulsschläge lang inne, und fuhr dann mit heitrer Stirn und ruhiger Stimme fort: »Was soll ich mir selbst antworten? Nach Unerreichbarem zu streben, ist des Menschen Los. ›Ich habe viel getan – viel erreicht – laß andre mehr tun!‹ sagt die Eigenliebe. ›Du hättest mehr, du hättest Besseres tun können‹, ruft eine Stimme in mir, die ich nie zu übertäuben wünsche. O gewiß, Hegesias, hätte ich mehr getan, wenn ich weniger getan hätte. Wie viel hab ich aufgeopfert, wie viel mir selbst versagt, wie viele der reinsten Menschenfreuden nicht genossen, um unabhängig zu sein ! Soll, darf der Mensch so ganz unabhängig sein? Wie manche der schönsten zartesten Bande, womit die Natur ihre Lieblingskinder zu einer einzigen Familie verweben wollte, mußte ich von meinem Herzen abreißen, um diese stolze Unabhängigkeit zu behaupten, die mich zu etwas mehr als einem Menschen zu machen schien! Freilich war sie notwendig zu meinem Zweck. Aber dieser Zweck selbst, war er wirklich rein? – Und, war ers als ich meinen Lauf begann, blieb ers immer? War ich immer frei von den geheimen Einwirkungen eines Stolzes, den es gedemütigt hätte, einen Menschen über sich zu sehen? – Nein, Hegesias, ich kann und will mich selbst nicht belügen.« Ich . »Du warst und bist was du sein wolltest; welcher Mensch darf sich an dir messen? Aber zürne nicht auf dich selbst, daß du – nur ein Mensch warst.« Apollonius . »Ich verzeihe mirs auch, guter Hegesias; aber ich bin jetzt im Bekennen. Ich gestehe, – ungeachtet der menschlichen Unlauterkeit, war mein Zweck edel und groß. Aber die Mittel? – Du erinnerst dich ohne Zweifel alles dessen, was ich dir gestern und diesen Morgen zur Rechtfertigung der Täuschungen sagte, die mein Wirkungsplan zu erfordern schien. War die Rolle eines Orpheus oder Epimenides, eines Mystagogen und Theurgen, meine eigene ? War ich nicht ein Schauspieler , indem ich diese Rollen spielte? Schien ich nicht zu sein , was ich nicht war ?« Ich . »Du spieltest diese Rollen in einer hohen Vollkommenheit und zu einem wohltätigen Zweck.« Apollonius . »Hab ich ihn erreicht? Hab ich etwa die Menschen meiner Zeit von der Geistesschwäche und Herzensverdorbenheit geheilt, die, so lange sie nicht von Grund aus gehoben sind, alle ihre andern Übel unheilbar machen? Hab ich die Fesseln der Menschheit zerbrochen, oder nur wenigstens einen dauernden Grund zu einer künftigen wesentlichen Verbesserung ihres sittlichen Zustandes gelegt? Hab ich in einem Leben, dessen Maß beinahe ein Jahrhundert ist, etwas zu Stande gebracht, das mich auch nur ein Jahrhundert überleben wird?« Ich . »Deinen Pythagorischen Orden.« Apollonius . »Er war also nicht mein!« Ich . »Du hast ihn zu deinem eigenen Werke gemacht. Und wahrlich, es ist eine herrliche, deiner würdige Stiftung für Zeitgenossen und Nachwelt! Wie viele treffliche Menschen hast du gebildet! –« Apollonius . »Schmeichle mir nicht, Hegesias! Man kann nur Anlagen ausbilden. Wem die Anlage zu einem vortrefflichen Menschen gegeben ward, der wird sich auch ohne Hülfe einer fremden Hand entwickeln, und, unter dem bestimmenden Einfluß der Umstände, durch das Leben selbst am gewissesten das werden, was er werden kann und soll.« Ich . »So hast du wenigstens eine Menge edler Menschen zu Einem gemeinschaftlichen großen Zweck vereinigt und in Tätigkeit gesetzt; und was du durch diesen Verein zu Stande gebracht hast, der neue glückliche Zeitlauf, der mit Trajan, dem zweiten und bessern August , beginnt, wird seine wohltätigen Folgen über mehr als Ein Jahrhundert ergießen.« Apollonius . »Wer weiß das? Wie oft hat uns schon der Anschein eines schönen Tages betrogen! Und gesetzt, es erfolge alles was wir hoffen und wünschen, kann ich einen glücklichen Erfolg mir zum Verdienst anrechnen? Wie viele mußten dazu mitwirken! Und was durch den ganzen Zusammenhang der Dinge vorbereitet war, was beinahe notwendig erfolgen mußte, würde es nicht, auch ohne mich und meine Freunde, durch andere Mittel und Wege ausgeführt worden sein? Die reife Frucht wäre gefallen, wenn wir sie auch nicht geschüttelt hätten. Der Tyrann, gegen welchen aller Menschen Herzen zusammen verschworen waren, sah sich keine Stunde seines Lebens sicher. Fiel er, so rief der allgemein gefühlte Drang der Zeit den besten unter den Großen zum Imperator aus, wiewohl er vielleicht der schwächste von allen war; und wollte dieser sicher sein, so mußt er sich, je eher je besser, eine Stütze an einem tüchtigen Nachfolger verschaffen. Zu allem diesem bedurfte es vielleicht meiner Mitwirkung nicht.« Ich . »Das läßt sich wenigstens nicht mit Gewißheit sagen; es ist auch nicht wahrscheinlich. Die wichtigsten Erfolge hängen oft von einem einzigen Umstand, einem einzigen Anstoß, dem Druck einer einzigen Feder ab. Du würdest unbillig gegen dich selbst sein, wenn du dir, um eines Vielleichts willen, das Verdienst, der Welt einen Trajan gegeben zu haben, verkümmern wolltest.« Apollonius . »Auch hierin, guter Hegesias, wird das Verdienstliche wohl allein darin liegen, daß ich das Beste der Menschheit ernstlich wollte , und alles, was in meinem Vermögen war, dazu beizutragen mich beeiferte. Der Erfolg ist nie das Werk eines Einzigen. Mit meinem Orden – dessen Einrichtung und Regierung das eigentliche große Geschäft meines Lebens war – hat es dieselbe Bewandtnis. Ich halte mich für gewiß, daß viel Gutes durch ihn geschehen ist und noch geschieht: aber wie könnte ich mir verbergen, daß das alles bloß persönlich ist, und von keiner langen Dauer sein kann? Setzt das Institut sich fort, so wird es sich bald von seiner ursprünglichen Lauterkeit entfernen. Ehrgeiz, Eigennutz, Privatabsichten und Leidenschaften werden sich einmischen; Kabalen und Parteien werden die schöne Harmonie und Einheit des Ganzen stören; seine Grundsätze werden Formeln, sein edler Zweck ein prächtiger, weiter und bequemer Deckmantel für selbstsüchtige Plane und ungerechte Mittel, die Redlichen und Guten, die sich in ihn verflochten finden, ohne ihr Wissen, Werkzeuge schlauer Egoisten werden; und so werde ich, aus dem wohlmeinenden Urheber einer Gesellschaft wohltätiger Kosmopoliten, am Ende der Stifter eines unruhigen und gefährlichen geheimen Staats im Staate geworden sein.« Ich . »Gesetzt auch, die Sache, nachdem sie aus deinen Händen ist, nähme diese Wendung, wie könntest du dich dir selbst für einen solchen Erfolg verantwortlich machen?« Apollonius . »Wer aus eigener Bewegung große weit greifende Dinge unternimmt, für deren Erfolg er nicht stehen kann, darf sich nicht von aller Schuld frei sprechen, wenn die Sache so ausfällt, daß die daher entspringenden Übel das beabsichtigte Gute bei weitem überwiegen.« Ich . »Du bist sehr streng gegen dich selbst, Apollonius.« Apollonius . »Ich würde es vielleicht weniger sein, (versetzte er nach einer kleinen Pause) wenn nicht unter meinen Zeitgenossen ein Mann gelebt hätte, der das war , was ich schien , und der bloß durch das was er war , ohne alle Geheimanstalten, Kunstgriffe und Blendwerke, auf dem geradesten Wege und durch die einfachsten Mittel, zum Heil der Menschheit zu Stande bringen wird, was ich vermutlich durch die meinigen verfehlte.« Ich . »Du setzest mich in Erstaunen. Was für ein Mann könnte das sein, den du so hoch über dich selbst hinauf setzest, der so große Dinge wirken soll, und von dem doch so wenig die Rede in der Welt ist, daß ich jetzt zum ersten Male von seinem Dasein höre? Er muß sein Wesen in einer außerordentlichen Verborgenheit treiben.« Apollonius . »Solltest du wirklich nichts von diesem Manne gehört haben?« Ich . »Nicht ein Wort, so viel ich mich besinnen kann.« Apollonius . »So hast du doch wenigstens von den Christianern gehört?« Ich (mit einer Verwunderung, die ich nicht zurück zu halten vermochte). »Von den Christianern? – Allerdings! als von einer jüdischen Sekte, die, von ihren Religionsverwandten als irrgläubig und rebellisch aus ihrem Mittel ausgestoßen, sich nun unter den übrigen Völkern des Römischen Reichs Anhänger zu machen sucht, und deren auch in einer Zeit, wie die unsrige, zumal unter den niedrigsten Volksklassen, überall findet. Sie sollen sich allenthalben, wo es Juden gibt, in Syrien, Ägypten, Klein-Asien, Macedonien, Achaja, sogar in Italien und in Rom selbst, schon beträchtlich vermehrt haben, und man findet ihrer, wie ich höre, auch in Kreta. Ich kenne aber keinen von ihnen persönlich, und habe auch, da sie mir als eine lichtscheue und menschenfeindliche Art von Schwärmern beschrieben worden, die Wahrheit zu sagen, nie Lust gehabt, ihre Bekanntschaft zu suchen.« Apollonius . »In diesen bösen Ruf mögen sie wohl hauptsächlich gekommen sein, weil es ihnen, als abgesagten Feinden der Vielgötterei, Religion ist, sich nicht nur aller Teilnehmung an unsern gottesdienstlichen Gebräuchen, Opfern, Festen und Volksbelustigungen aller Art zu enthalten, sondern bei jeder, im täglichen Leben alle Augenblicke vorkommenden Gelegenheit, sich sogar laut und ohne Scheu dagegen zu erklären:, vielleicht auch, weil sie von dem Untergange der Welt, und einer Menge fürchterlicher Kalamitäten, die diesem Tage (den sie den Tag ihres Herrn nennen) vorhergehen sollen, als sehr nahe bevorstehenden Ereignissen, mit der freudigsten Erwartung und Ungeduld reden.« Ich . »Was kann aber diese seltsame Gattung fanatisierter Idioten mit dem großen Manne zu tun haben, von dem du eine so viel versprechende Idee in mir erwecktest?« Apollonius . »Du bist noch zu wenig mit den Christianern bekannt, wie ich sehe, um dir einen richtigen Begriff von ihnen zu machen. Aber, wie dem auch sei, sie erkennen den außerordentlichen Mann, von dem ich dir sagte, für ihren Meister und Herrn, und hangen mit einer Liebe und einem Glauben an ihm, die ohne Beispiel sind, und durch nichts begreiflich werden, als durch eine beinahe magische Gewalt, die er sich über die Gemüter der Menschen, die um ihn waren, verschafft haben muß. Sie betrachten ihn als einen Mensch gewordenen Gott, oder zum Gott gewordenen Menschen – welches von beiden, scheint unter ihnen selbst noch nicht ausgemacht – aber darin stimmen sie überein: daß er, nachdem seine Erscheinung Jahrtausende vorher von den Propheten des jüdischen Volkes angekündigt worden, als ein bevollmächtigter Abgesandter der Gottheit, auf eine übernatürliche Art in die Welt gekommen sei, das Reich der Dämonen , der Urheber alles physischen und sittlichen Übels, zu zerstören, und dagegen das Reich des Lichts, der Wahrheit, der Gerechtigkeit, der Unschuld und der Liebe, mit Einem Worte, das Reich Gottes , dessen Sohn er sei, unter den Menschen aufzurichten. Sie glauben, daß er, nachdem er sich selbst durch einen freiwillig erlittenen Tod für das Heil der Welt aufgeopfert, am dritten Morgen wieder lebendig aus seinem Grabe hervorgegangen sei, noch vierzig Tage mit seinen Vertrautesten Umgang gepflogen habe, und sodann vor ihren Augen lebendig gen Himmel gefahren sei; daß er, seinem untrüglichen Versprechen zu Folge, in kurzer Zeit auf eine gloriöse Art zur Erde zurückkehren werde, um alle seine Feinde zu vernichten, mit den verdienstvollsten seiner Anhänger tausend Jahre lang über die ganze Erde zu herrschen, und in ununterbrochner Ruhe den Vollgenuß aller geistigen und irdischen Seligkeit, deren die menschliche Natur fähig ist, über die Genossen seines Reichs zu verbreiten; und daß er, um die Seinigen während dieser kurzen Zwischenzeit über seine Abwesenheit zu trösten, ihnen seinen Geist hinterlassen habe, durch welchen er, wiewohl unsichtbar, noch immer mitten unter ihnen sei, sie regiere, unterrichte, stärke, und mit den göttlichen Wunderkräften ausrüste, deren sie zum glücklichen Erfolg ihres unversöhnlichen Kampfs mit dem Geist der Zeit und allen seinen Gehülfen und Werkzeugen, und zum Gedeihen ihrer rastlosen Bemühungen für die Ausbreitung des Reichs Gottes nötig haben. – Was für eine Bewandtnis es auch mit dem Grunde dieses Glaubens haben mag, – davon bin ich gewiß, daß diese von den Juden ausgestoßene, von den Griechen verlachte, und von den Römern verabscheute Sekte, mit diesem ihrem Glauben, in zwei bis drei Jahrhunderten längstens, eine allgemeine Revolution bewirkt haben wird, wie die Welt noch keine gesehen hat, und daß ihrem Stifter auf ewig das hohe Verdienst bleiben wird, tiefer als alle bisherigen Gesetzgeber in die menschliche Natur geblickt, und das große Werk der sittlichen Verbesserung und Veredlung des Menschengeschlechts auf einen so festen Grund gesetzt zu haben, daß die Zeit, die alle andern Menschenwerke abwürdiget und zuletzt völlig aufreibt, dem seinigen nichts anhaben, sondern es vielmehr, trotz aller zufälligen Verdunklungen und Verunstaltungen, in immer reinerm Glanze darstellen, und der Vollkommenheit, zu welcher es die unzerstörbare Anlage in sich hat, immer näher bringen wird.« Mein Erstaunen, ein so günstiges Urteil über das Institut der so allgemein verhaßten und verachteten Christianer aus dem Munde dieses Mannes zu hören, drückte sich wider meinen Willen zu sichtbar aus, als daß es seiner Wahrnehmung hätte entgehen können. »Ich finde es ganz natürlich«, fuhr er nach einer kurzen Stille fort, »daß dir diese Weissagung, bei deiner wenigen Bekanntschaft mit den Christianern und ihrer innern Verfassung, unbegreiflich, oder vielmehr ganz unverständlich ist. Noch seltsamer wird es dir vermutlich vorkommen, wenn ich hinzu setze: daß unter diesen guten Leuten selbst vielleicht nicht Einer sein mag, der mich besser als du verstanden hätte. So weit ich sie kenne, haben sie selbst noch sehr unvollständige und wenig entwickelte Begriffe von dem wahren Geist und Zweck ihres Instituts. Alles ist bei den meisten bloß Gefühl, Glaube und Ahnung. Sogar die kleine Anzahl, die des Vorzugs genoß mit dem Stifter unmittelbar umzugehen, scheint zu dumpf und beschränkt gewesen zu sein, um ihn immer recht begriffen, oder den Umfang seines Plans deutlich eingesehen zu haben. Nach der Kenntnis, die ich mir in den letzten zwanzig Jahren von diesem der Welt noch ganz unbekannten Institut zu verschaffen gewußt habe, ist es nicht als ein aus mancherlei Hebeln, Rädern, Federn und Winden künstlich zusammen gesetztes Maschinenwerk zu betrachten, sondern als ein lebendiger, wohl organisierter Körper, der die Anlage alles dessen, was er werden soll , in sich selbst hat, aber es nur durch stufenweise Entwicklung und Ausbildung, mit Hülfe des in ihm wohnenden Geistes, werden kann . Es ist der befruchtete Keim, aus welchem sich nach und nach ein mächtiger Baum entfalten wird, der zwar zu seinem Wachstum und Gedeihen des Einflusses aller Elemente bedarf, und einer Menge widriger Zufälle und Beschädigungen ausgesetzt ist, die seine freie Ausbildung hemmen, seine Schönheit vermindern, und seiner Gesundheit nachteilig sind; der aber auch Lebenskraft genug in sich hat, sich selbst fortzuhelfen, äußern Anfällen zu widerstehen, und, wenn er zu Schaden gekommen, sich selbst zu heilen, zu ergänzen und wieder herzustellen. Setze noch hinzu, daß er unter dem Schutz eines mächtigen Genius steht, der seine Erhaltung beschlossen hat, weil die Vögel des Himmels und die Tiere des Feldes in seinen Zweigen und unter seinem Schatten wohnen sollen.« Ich . »Wenn deine Absicht ist, meine Neugier nach dem Worte dieses wunderbaren Rätsels bis zur Ungeduld zu spannen, Apollonius, so hast du sie vollkommen erreicht: aber gewiß würdest du mir nicht so viel gesagt haben, wenn du nicht gesonnen wärest, Alles zu sagen, was ich wissen muß um dich zu verstehen.« Apollonius . »Ich trage kein Bedenken, dein Verlangen, so viel in meinem Vermögen ist, zu befriedigen: nur wirst du dir gefallen lassen, daß ich eine Bedingung hinzu füge, ohne welche ich mir diese Gefälligkeit gegen dich nicht erlauben dürfte.« Ich . »Ich unterwerfe mich jeder Bedingung, die du von mir verlangen kannst.« Apollonius . »So versprich mir bei dem Wort eines rechtschaffnen Mannes, alles, was ich dir von den Christianern und über ihr Institut sagen werde, als ein Geheimnis anzusehen, das keinem profanen Ohr anvertraut werden darf.« Ich versprach es ihm mit Mund und Hand. Apollonius . »Hast du Freunde in der engern Bedeutung des Wortes?« Ich . »Einen einzigen.« Apollonius . »Diesem, aber diesem allein, magst du, unter gleicher Bedingung, mitteilen, was du jetzt hören wirst. Überhaupt wünsche ich, daß du sonst keinen Gebrauch davon machest; es wäre denn, wenn du Gelegenheit fändest, verfolgten Christianern durch Äußerung deiner guten Meinung von ihnen nützlich zu werden. Noch ein möglicher Fall, worin ich dich von der auferlegten Bedingung los zähle, wäre der, wenn du etwa selbst ein Christianer würdest.« Ich . »So weit, denke ich, soll es nicht kommen.« Apollonius . »Verrede nichts, Hegesias! Du könntest in der Folge finden, daß es schwerer ist als du jetzt glaubst, wie Sokrates oder Epiktet zu denken und zu leben, und kein Christianer zu werden.« Ich . »Ich schwöre nicht gerne zu jemands Fahne, wenn ich es vermeiden kann. Schon lange denke und lebe ich als ein guter Weltbürger, wiewohl ich nicht in deinem Kosmopoliten-Orden erzogen wurde. Sollt es sich finden, daß ich ein Christianer bin ohne es zu wissen, auch gut! Der Charakter eines Weltbürgers überhebt mich doch immer der Anhänglichkeit an irgend eine besondere Partei oder Sekte, und erlaubt mir gerecht und wohlwollend gegen alle zu sein.« Apollonius . »Für dich und mich ists daran genug; bei den Christianern, falls sie (wie ich glaube) über lang oder kurz die herrschende Partei werden sollten, möchtest du damit nicht auslangen. Jetzt nur noch Eins bevor wir zum Werke schreiten, lieber Hegesias. Ich zweifle nicht, daß du nach deiner Zurückkunft alles, was du hier gesehen und gehört hast, zu Papier bringen wirst. Ich bin es wohl zufrieden; nur bitte ich dich, auch hierüber eine Bedingung gegen mich einzugehen, zu welcher ich meine Ursachen habe. Wenn du den Gebrauch davon gemacht hast, den ich deiner Willkür überlasse, so verschließe dein Buch unter drei Siegeln, und belege den Verwegenen mit einem furchtbaren Fluch, der sich unterfangen wollte, diese Siegel vor dem Jahre 1200, nach Römischer 347, nach der Christlichen. Zeitrechnung, zu erbrechen.« Ich gelobte es ihm an, ohne daß ich mir herausnahm, nach der Ursache dieser sonderbaren Bedingung zu fragen: und da nun alle Präliminarien in Richtigkeit gebracht waren, entledigte sich Apollonius seiner Zusage folgendermaßen. IV. »Es mögen ungefähr drei- oder vierundsechzig Jahre sein, daß ich auf einer Reise durch Palästina zufälliger Weise von einem außerordentlichen jungen Manne reden hörte, der kurz zuvor, wegen einer ihm angeschuldeten Empörung gegen die Römer, von dem Prokurator Pilatus zu einem schmählichen Tode verurteilt worden war. Ich hörte sehr ungleiche und einander widersprechende Urteile über diese Begebenheit und den Charakter des Mannes, den sie betroffen hatte. Verschiedene Personen, die ihn wohl gekannt zu haben und Augenzeugen seiner Hinrichtung gewesen zu sein versicherten, erzählten mir bewundernswürdige Dinge von seinem Leben, vornehmlich von der übermenschlichen Standhaftigkeit und Seelengröße, die er in seinem Leiden und Tode bis zum letzten Augenblick bewiesen habe. Die Personen, von welchen ich diesen Bericht erhielt, schienen mir einfache und redliche, wiewohl nicht ganz unbefangene Leute zu sein. ›Wir hofften‹, sagten sie, ›daß er sein Volk erlösen sollte: aber unsere Sünden lagen zwischen ihm und uns; der Schuldlose wurde das Opfer unsrer Missetaten, und unterlag der Wut seiner Feinde, bevor er das glorreiche Werk zu Stande bringen konnte.‹ – Andre, meistens Leute von Ansehen unter ihrem Volke, sprachen aus einem ganz andern Tone. Ihrem Urteil nach war der vorgebliche Gottgesandte ein Betrüger, der durch nicht gemeine Naturgaben, Affektation einer sonderbaren Heiligkeit und verführerischen Popularität, hauptsächlich aber durch die Wunder, die er mit Hülfe böser Geister in großer Menge verrichtet, sich einen Anhang unter dem Volke zu machen gewußt, und, da er sich, mit oder ohne Grund, für einen Abkömmling des Hauses Davids und für den schon so lang' erwarteten, von ihren alten Propheten geweissagten Erlöser der jüdischen Nation ausgegeben, den Anschlag gefaßt habe, einen Aufstand gegen die Römer zu erregen, und sich selbst zum König der Juden aufzuwerfen. Auch sei er in dieser Eigenschaft wirklich an der Spitze seines Anhangs, unter dem Zulauf des von allen Ecken aus Neugier herbei strömenden Volkes, in Jerusalem eingezogen: die Priesterschaft aber und der Senat, die von allen seinen Schritten heimliche Kundschaft gehabt und ihre Maßregeln in der Stille genommen, hätten sich – um so leichter, da ihm der Versuch, das Volk in eine seinen Absichten vorteilhafte Bewegung zu setzen, nicht gelungen – in der folgenden Nacht seiner Person bemächtigt; und so wäre er, als ein im Aufruhr gegen den Kaiser ergriffner Ruhestörer, dem Römischen Beamten ausgeliefert, und von diesem mit der Todesstrafe belegt worden. Die Personen, die mir einen so ungünstigen Bericht von ihm erteilten, begehrten übrigens nicht zu leugnen, daß sie ihn nicht einmal von Person gekannt, und überhaupt sein Tun und Lassen nie für wichtig genug gehalten hätten, um sich durch sich selbst eine nähere Kenntnis davon zu verschaffen. – Ein Römer vom Gefolge des Prokurators, gegen welchen ich dieses Handels erwähnte, sah die Sache in einem andern Lichte. Er sprach von dem jungen Rabbi als einem gutherzigen unschuldigen Schwärmer, der den Juden Buße gepredigt und sich zum Verbesserer ihrer verkehrten Sinnesart und verderbten Sitten berufen geglaubt habe, und, weil er nach und nach beim Volk in Ansehen gekommen, von den Priestern, deren Heuchelei und Laster er mit großer Freimütigkeit gestraft, und von der pharisäischen Sekte, deren erklärter Gegner er gewesen, ihrer gemeinschaftlichen Rachgier aufgeopfert worden sei. Die Beschuldigung, daß er das Volk gegen den Kaiser aufwiegeln und Anspruch auf den Thron Davids habe machen wollen, nannte der Römer ein grundloses lächerliches Vorgeben, und versicherte mich, daß Pilatus selbst, vom Gegenteil völlig überzeugt und ganz wider seinen Willen, bloß durch die Furcht, von den Juden bei dem mißtrauischen Tiberius angeschwärzt zu werden, dazu gebracht worden sei, in die Hinrichtung dieses unschuldigen Menschen einzuwilligen, dessen ganzes Verbrechen, seiner Meinung nach, darin bestanden, daß ihm das Lesen der alten Seher und Weissager seines Volks den Kopf ein wenig verrückt habe. – Ich gestehe dir, Hegesias, die verächtliche Meinung, die ich damals noch von den Juden überhaupt, als einem allen andern Nationen gehässigen und verhaßten Auswurf des Menschengeschlechts, hegte, machte, daß ich diese Erzählungen gleichgültiger anhörte, als vermutlich geschehen wäre, wenn die Szene dieser Geschichte in Griechenland oder Italien gelegen und einen Mann wie Epiktet oder Demetrius betroffen hätte. Ich fand also den Bericht des Römers wahrscheinlich genug, um nicht weiter nachzuforschen, und betrachtete den ganzen Vorfall als eine geschehene Sache, die, wie manche andere dieser Art, keine Folgen von großer Bedeutung haben würde. Viele Jahre hernach, als Nero nach dem großen Brand in Rom an den Juden, als den beschuldigten Urhebern dieses Unglücks, unerhörte Grausamkeiten ausüben ließ, unter welchen auch die zu Rom befindlichen Christianer (die man noch immer mit den Juden zu vermengen pflegte) leiden mußten, erregte der Name der letztern, den ich bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal hörte, meine Aufmerksamkeit. Bei näherer Erkundigung vernahm ich: Daß eine vor dreißig Jahren in Judäa entstandene religiöse Sekte mit diesem Namen bezeichnet werde; daß sie sich für Anhänger eines gewissen Jesus von Nazareth, genannt Christus , bekannten, der, ihrem Vorgeben nach, vor dreißig Jahren für die Sünden der Welt gekreuziget worden sei; und daß sie sich bereits in einer beträchtlichen Anzahl kleiner Gesellschaften, die sich Ekklesien nennten und von selbsterwählten Vorstehern nach eigenen Gesetzen regiert würden, durch alle Provinzen des Römischen Reichs verbreitet hätten. Jetzt erinnerte ich mich dessen wieder, was ich um jene Zeit von einem heiligen und wundertätigen Manne, der vor kurzem zu Jerusalem am Kreuze gestorben war, gehört hatte, und konnte nicht zweifeln, daß es eben derselbe sei, für dessen Anhänger die Christianer sich ausgaben. Von dieser Zeit an nahm ich mir vor, auf diese Leute genauer Acht zu geben, und nicht abzulassen, bis ich auf den Grund dessen, was sie (wie ich hörte) äußerst geheim hielten, gekommen wäre, und zuverlässig herausgebracht hätte, was es für eine Bewandtnis mit ihnen habe, und was sie im Schilde führten. Denn ich entdeckte bald, daß sie, gleich den Orphikern , eine Art von religiösem Orden ausmachten, und Geheimnisse hatten, zu welchen niemand ohne vorhergehenden Unterricht und erst nach Verfluß einer längern oder kürzern Probezeit zugelassen wurde. Wie die alten Pythagoräer, litten sie eher Marter und Tod, als daß sie diese Geheimnisse einem Profanen verraten, oder einen solchen, wär er gleich vom Kaiser selbst abgeschickt worden, zur Begehung derselben als Augenzeugen zugelassen hätten. Dieser sonderbare Eigensinn nötigte sie zu heimlichen Zusammenkünften, und, als die Kaiser aus politischen Rücksichten alle geheime Gesellschaften und nächtliche geschloßne Versammlungen bei scharfer Strafe untersagt hatten, zu einem Ungehorsam, der sie in den Augen der Regierung um so strafwürdiger erscheinen ließ, da man nicht begreifen konnte, was diese Menschen – die sich im täglichen Leben durch die Unschuld und Reinigkeit ihrer Sitten auf eine in unsern Zeiten höchst auffallende Weise auszeichneten – bewegen könne, lieber dem Leben als ihren geheimen Zusammenkünften zu entsagen. Ich habe verständige und edel gesinnte Männer unter den Römern gekannt, die sich diese Halsstarrigkeit der Christianer eben so wenig erklären konnten, als die unkluge, bei vielen dieser Leute bis zur Tollheit getriebene Intoleranz , womit sie ihren Haß gegen die gesetzmäßigen Landesreligionen bei allen Gelegenheiten zu Tage legten. Durch diese zogen sie sich den Abscheu des Volks und die Verfolgung der Priester, durch jene von Zeit zu Zeit die schärfste obrigkeitliche Ahndung zu; beides ohne alle Not: denn, wofern sie nur vernünftig und billig genug waren, den alt hergebrachten Religionen und ihren Gebräuchen eben die Duldung angedeihen zu lassen, welche sie mit bestem Rechte für sich selbst forderten, so würde der Staat keine Kundschaft von ihnen genommen haben; und da man ihnen die öffentliche Profession ihrer neuen Religion, so gut wie allen andern, nachgesehen hätte, wär es ganz unnötig gewesen, sich der Regierung durch geheime Konventikeln verdächtig zu machen, und, weil diese gewöhnlich bei Nacht gehalten wurden, sich, zu allem Überfluß, den abscheulichsten Verleumdungen feindselig gesinnter oder schlecht denkender Menschen auszusetzen. Ich gestehe, daß ich selbst von den Christianern, die ich um die Ursachen eines so widersinnigen Benehmens fragte, keine Antwort erhielt, die mich befriedigt hätte, und es daher den besagten Römern um so weniger verdenken konnte, wenn sie sich dadurch in der Vermutung, daß diese Sekte an einem geheimen Plan zum Umsturz der gegenwärtig bestehenden Ordnung der Dinge arbeite, bestätiget fanden. Das sonderbarste bei der Sache, und was jener Vermutung kein geringes Gewicht zulegte, war, daß alles, was die Christianer nicht geheim hielten, recht dazu gemacht schien, sie gleichsam aus ihrem eigenen Munde übler Gesinnungen gegen das ganze Menschengeschlecht zu überweisen. Wer es wissen wollte, konnte auf offnem Markte von ihnen hören: daß ihr Gott keinen andern neben sich dulde; daß Jupiter, Juno, Minerva, Merkur, Apollo mit allen seinen Musen, und Venus mit allen ihren Grazien, eben so viele höllische Geister wären, die sich, dem wahren Gott zu Trotz, von den armen verblendeten Menschen anbeten ließen, um sie dafür in ein ewiges Verderben, woraus keine Rettung sei, zu stürzen; daß sie, die Christianer, Anhänger oder vielmehr Glieder desjenigen wären, der gekommen sei das Reich der Dämonen zu zerstören; daß der Welt eine schreckliche Umkehrung, in welcher alle Abgötter und Ungläubige jämmerlich zu Grunde gehen würden, nahe bevorstehe; und was der Unglück weissagenden Dinge mehr waren, die sie jedem, der es anhören mochte, mit der unbarmherzigsten Gewißheit und Überzeugung in die Ohren sammelten. ›Wenn sie aus solchen Behauptungen kein Geheimnis machen‹, sagte man, ›was für schreckliche Dinge müssen uns erst ihre Mysterien verbergen!‹ Da mir meines Orts mit bloßen Vermutungen nicht gedient war, und ich gleichwohl in vielen Jahren, wie große Mühe ich mir auch gegeben, mich mit Christianern aller Arten, Stände und Geschlechter in die mannigfaltigsten Verhältnisse zu setzen, nicht viel mehr von dem Innern ihres Instituts herauszubringen vermocht hatte, als was jedermann wußte, so blieb mir zuletzt kein andres Mittel übrig, als einige meiner Vertrautesten zu bewegen, daß sie, an verschiednen Orten in Achaja, Asien und Syrien, öffentlich zu den Christianern übergingen. Da ich durch diesen Schritt ihr Leben in Gefahr setzte, so wählte ich sorgfältig solche Ekklesien aus, die sich – was nicht selten war – den heimlichen Schutz der Römischen Landvögte und Beamten zu verschaffen gewußt hatten, und wo also, eine Zeit lang wenigstens, keine Gefahr für meine Freunde zu besorgen war. Durch diesen Kanal erfuhr ich (unter Bedingungen, wozu ich mich auch in meiner jetzigen Abgeschiedenheit noch verpflichtet halte) alles, was mir nötig war, um zu wissen, was die Christianer sind . Was ich von ihnen weiß, scheint mir von so großer Wichtigkeit, daß ich mich, seitdem ich hier lebe, nicht selten mit tiefem Nachdenken beschäftigt habe, was für eine neue Ordnung der Dinge sie , aller Wahrscheinlichkeit nach, in der Welt bewirken werden . Mit beidem, Hegesias, gedenke ich dich morgen ausführlich zu unterhalten; für heute ists an diesem Vorbericht genug.« V. Die Sonne war indessen untergegangen, und wir kehrten nach der Wohnung zurück. Bevor wir uns zur Ruhe begaben, setzte sich Apollonius mit mir unter die Rebenlaube, um seiner täglichen Gewohnheit nach, durch Anhörung eines die Sinne zur Ruhe stimmenden Gesangs, sich einen wohltätigen Schlummer zu verschaffen. Kymon hatte sich von uns getrennt, um den Wechselgesang der Mutter und Tochter, wobei sie sich selbst auf der Pandura begleiteten, mit seinem vielbesaiteten Barbiton zu verstärken. Auch diesmal schien mir der Geist Agathodämons in dieser herzerfreuenden Musik zu weben: aber ich glaubte etwas zu bemerken, das ich gestern (vermutlich von dem Zauber der beiden Stimmen zu stark ergriffen, um auf etwas anderes Acht zu geben) wenigstens nicht so deutlich als jetzt wahrgenommen hatte. Die Begleitung, welche gewöhnlich sich begnügt, der Singstimme Ton für Ton zur Seite zu gehen, oder höchstens in Oktaven über oder unter ihr zu schweben, schien mir jetzt öfters, in andern, dem ungewohnten Ohr auffallenden Verhältnissen, von ihr abzuweichen, und dadurch nicht nur in das Ganze eine gefällige Mannigfaltigkeit zu bringen, sondern dem Gesang selbst mehr Anmut zu geben, und seine psychagogische Wirkung merklich zu erhöhen. Bei der ersten Erlaubnis, die mir das Schweigen der Musik zum Reden gab, teilte ich diese Bemerkung dem Apollonius im Ton eines Fragenden mit, und erhielt zur Antwort: mein Ohr hätte mich nicht getäuscht, und das, was ich so eben gehört, könnte mir zu einer Probe dienen, daß die alten Philosophen, die sich so ernstlich gegen alle Neuerungen in der Musik erklärten, wohl ein wenig unrecht haben könnten. »Ich liebte«, fuhr er fort, »diesen wesentlichen Teil der Musenkunst von Kindheit an, und Pythagoras, den ich in der Folge zu meinem Lehrer wählte, führte mich durch seine Theorie nach und nach auf eine Betrachtung, die so leicht zu machen war, daß ich nicht begreife, wie nicht jeder etwas mehr als bloß mechanische Tonkünstler sie nicht längst in seinem Wege finden mußte: nämlich, daß, da jeder Ton in einer fortschreitenden Melodie mit verschiedenen andern, über und unter ihm, in gewissen dem Ohr angenehmen Verhältnissen steht, eben deswegen auch unter mehrern zu gleicher Zeit gehörten Tönen dieselbe oder eine ähnliche Zusammenstimmung Statt finden kann, wie zwischen einer Anzahl von Tönen, die in einem melodischen Gesange auf einander folgen . Dies, als etwas unstreitiges, vorausgesetzt, muß es möglich sein, zu jedem Gesang zwei, drei, und, wenn man auch die Oktave und den Unisono zu Hülfe nimmt, noch viel mehrere melodische Gänge für andere Stimmen oder Instrumente zu finden, die immer in schönen, dem Ohre gefälligen Verhältnissen mit ihm fortschreiten, und solchergestalt eine weit vollkommnere Harmonie hervorbringen, als wenn mehrere Stimmen einerlei Melodie im Unisono, oder bloß um die Oktave erhöht, zugleich hören lassen. Weit entfernt daß das Ohr dadurch verwirrt, oder dem Gesang , der die Hauptmelodie führt, geschadet werden sollte, wird jenes vielmehr durch die harmonische Mannigfaltigkeit der zugleich angegebenen Töne mehr ergetzt, und dieser , insofern die untersten und mittlern Töne in passenden Intervallen mit richtigem Urteil gewählt worden sind, unterstützt, empor getragen und bedeutender gemacht. Kurz, diese Grund- und Mitteltöne bringen in einem vielstimmigen oder mit Instrumenten begleiteten Gesang ungefähr eben dieselbe Wirkung hervor, wie die Mitteltinten in einem Gemälde; und ich zweifle nicht, daß die Musik, wenn dieser Teil von sinnreichen Meistern gründlich studiert, und nach und nach zur Vollkommenheit gebracht werden sollte, mit der Zeit auf einen Grad von Höhe steigen würde, wovon wir uns jetzt noch keinen Begriff machen können.« Apollonius wurde hier durch ein zweites Akusma unterbrochen, das durch seine Neuheit und Anmut meine ganze Aufmerksamkeit fesselte. Es war eine Art von Wettstreit zwischen drei Instrumenten, ohne Menschenstimme, welche, indem sich jedes gleichsam nach seiner eigenen Laune bald schneller bald langsamer, wiewohl nach eben derselben Mensur, bewegte, und den andern bald nachzuschleichen, bald vor ihnen zu fliehen, bald die Fliehenden zu verfolgen, bald sich wieder mit ihnen zu vereinigen schien, mich eine Art von Tanz (wenn ich es so nennen kann) hören ließen, der sich in den mannigfaltigsten und anmutigsten Wendungen um mein inneres Ohr herum schlang, und tausend liebliche Bilder von tanzenden Nymphen und Zephyrn und Amoretten meine Phantasie durchgaukeln machte. Du wirst mir verzeihen, Timagenes, wenn ich mich unverständlich über eine Sache ausdrücke, die dir ohne Zweifel eben so neu und wunderbar vorgekommen wäre, da du gewiß, so wenig als ich, jemals eine so seltsame Art von dissonierender Harmonie gehört hast. Als sie wieder aufhörte, und ich meinem gütigen Wirte mein Vergnügen an diesem nie gehörten Ohrenschmause in den stärksten Ausdrücken zeigte, sagte er: »Andere Geschäfte und Sorgen ließen mir ehemals keine Zeit, die Theorie zu entwickeln, deren ich vorhin erwähnte; aber, nachdem ich mich mit drei so musikalischen Wesen, wie Kymon und Terpsinoe und die junge Melitta , ihre Tochter, in diese Einöde zurück gezogen hatte, erwachte jener Gedanke wieder in meinem Gemüt; ich sprach davon mit Terpsinoe, die von der Natur mit dem zartesten Ohr und einer Stimme von seltner Schönheit, und von den Musen mit dem Geist ihrer lieblichsten Kunst begabt worden war. Sie faßte mich ohne Mühe, sah in kurzem deutlich was ich nur ahnete, machte eine Menge Versuche und Proben, und brachte es bald, mit meiner und ihres Mannes Hülfe, so weit, daß alles, was du gestern und heute hörtest, ihre Erfindung und das Werk ihres musikalischen Genius ist.« »Nenne es lieber (rief ich mit allem Feuer eines Begeisterten aus) mit seinem rechten Namen, unmittelbare Eingebungen der Musen selbst; denn das, was ich hier gehört habe, ist so weit über das einförmige Getön, das wir bisher Harmonie nannten, erhaben, als der Pindus über die Thessalischen Hügel, und der Gesang der Homerischen Kalypso über das Gezirpe der Attischen Cikaden.« Aber mein Entzücken sollte noch höher steigen, und Apollonius schien es mit seiner kleinen Hausgenossenschaft abgeredet zu haben, mich an diesem schönen Abend erfahren zu lassen, was die Zauberkraft des Gesangs und der Harmonie, wenn sie in Gemeinschaft wirken, über eine selbst rein gestimmte Seele vermöge. Kaum hatte ich das letzte Wort ausgesprochen, so gebot ein mächtiges Getön des vielseitigen Barbitons – heiliges Schweigen; und nach einer kleinen Pause begann die junge Melitta , ohne Begleitung eines Instruments, einen sehr einfachen, aber feierlich lieblichen, zum Herzen sprechenden Gesang, dessen Worte die Ruhe einer reinen, die ganze Natur mit Liebe umfassenden Seele andeuteten. Er bestand aus drei fortschreitenden Teilen, welche so gesetzt waren, daß jeder mit beiden andern, zugleich gehört, die anmutigste Harmonie hervorbrachte. Der Gesang war dreistimmig, und so wie Melitta, nach Vollendung des ersten Teils, unmittelbar zum zweiten fortging, begann Terpsinoe den ersten, und ging in eben demselben Augenblick, da Melitta den dritten anfing, zum zweiten über, indem Kymon , dessen Stimme für seine Jahre noch ungewöhnlich rein und fest war, eine Oktave tiefer, den ersten begann, und ohne Stillstand zum zweiten und dritten fortging, während Terpsinoe den dritten und ersten, und Melitta den ersten und zweiten hören ließ. Dieser sich gleichsam um sich selbst herum windende Gesang wurde so oft wiederholt, bis die letzte Stimme alle drei Teile zum dritten Mal vollendet hatte; und der Effekt der letzten Wiederholung war um so angenehmer, da diese zauberische Harmonie, nachdem sie zuvor nach und nach bis zur höchsten Stärke, deren ein reiner Ton fähig ist, gestiegen war, durch langsame Entfernung der Singenden und unmerkliche Schwächung der Stimmen, allmählich wieder abnahm, bis sie, gleich den letzten Tönen eines dreifachen Echo, in kaum hörbare Laute hinzuschmelzen schien. Ich finde keinen Ausdruck, Freund Timagenes, der dir etwas von der Wirkung, welche dieser Gesang auf mich machte, mitzuteilen vermöchte. Mein ganzes Wesen schien sich nach und nach in Harmonie aufzulösen, und mir war zuletzt, als ob alle diese lieblichen Töne zu lauter ätherischen Geistern wurden, die mich in ihre Mitte nähmen, und auf ihren weit verbreiteten mächtigen Flügeln in eine andere bessere Welt empor trügen. Die Griechen hatten noch so unentwickelte Begriffe von dem, was wir Harmonie nennen, und waren doch für die Reize der Musik so ungemein empfindlich, daß die Wirkung, die der erste Kanon (denn das war ohne Zweifel dieser Gesang), von sehr schönen Stimmen schön gesungen, auf den empfänglichen Hegesias machte, nichts befremdendes haben kann; es müßte denn nur für jemand sein, der mit J. J. Rousseau die Melodie allein für Musik hielte, und die Harmonie der Neuern für eine Gotische und barbarische Erfindung erklärte, auf die wir nie verfallen wären, wenn wir für die wahren Schönheiten der Kunst und einer echt natürlichen Musik Sinn hätten. Apollonius selbst, der diesen Gesang ebenfalls zum ersten Mal hörte, wiewohl ihm die Form desselben nichts neues war, schien sehr angenehm davon gerührt zu sein; und als ich ihm mit allem Feuer eines Musolepten davon sprach, sagte er: »Du wirst also den Namen, den wir dieser neuen Art von Gesängen geschöpft haben, nicht übel passend finden. Wir nennen sie Psychagogikon , und wirklich kenne ich jetzt noch keine Musik, die das Gemüt zugleich so stark und so angenehm bewegte wie diese. Gleichwohl zweifle ich nicht, daß unsre von den Musen begünstigte Terpsinoe die Wunder der Harmonie noch viel höher treiben, und in andern, weniger Zwang auflegenden Arten von Melodemen , einen noch viel angenehmern und mächtiger auf den innern Menschen wirkenden Gebrauch von dem unerschöpflichen Reichtum derselben zu machen fähig sein werde. Ich gestehe dir ohne Bedenken, lieber Hegesias, daß die Unterhaltung, die mir das Talent dieser guten, mir so herzlich ergebenen Wesen täglich verschafft, ein großer Teil meines Glücks in diesem Vorelysium ist, worin ich den Übergang in das unsichtbare ruhig und mit guten Hoffnungen erwarte. Ich kenne nichts, was einer mit zarten Sinnen und erhöhter Einbildungskraft begabten Seele einen anschaulichern Begriff und weniger täuschende Vorgefühle von einer vollkommneren Ordnung der Dinge und einem geistigem Leben geben könnte, als diese Art von Musik, die du hier gehört hast. Denn was ist die ganze unermeßliche Natur anders, als die ewige Harmonie der unendlich mannigfaltigen, aber unauflöslich in einander geschlungenen, und, ungeachtet so vieler wirklichen und anscheinenden Dissonanzen, aufs reinste zusammen klingenden Verhältnisse der Bewegungen und Wirkungen aller Wesen? Und ist es nicht die Musik, die durchs Ohr unserm innern Sinn eine viel schärfere, und selbst die Wirkung, die das Licht, die Farben und das Helldunkle auf unser Auge macht, an Deutlichkeit und Energie übertreffende Anschauung von dieser, aus unendlich vielfachen Tönen, Stimmen und Akkorden durch den Geist der Ordnung und Liebe zusammen gesetzten Symphonie des Weltalls gibt? – Ich weiß nicht, ob du eben dasselbe fühlst: aber ich bedarf bei einer Musik, wie die heutige, keiner Worte, die mir ihren Sinn erst erklären und sie gleichsam in meine Sprache übersetzen müßten; ich bedarf nicht nur der Worte nicht dazu, sondern sie stören mich sogar im reinen Genuß derselben, indem sie den freien Flug meiner durch sie leichter beflügelten Seele hemmen, und meine Aufmerksamkeit zerstreuen, und von dem, was mir die Musen in ihrer eigenen geistigen Sprache unmittelbar mitteilen, durch Vergleichung der Worte mit dem, was sie ausdrücken sollen, abziehen.« Apollonius setzte, während wir, vom halb vollen Monde sanft beleuchtet, nach der Wohnung zurückkehrten, noch verschiedenes über die mögliche Vervollkommnung unsrer Musik hinzu, was mir nicht verständlich genug war, um es einem andern wiedergeben zu können; und als wir angekommen waren, empfahl er mich, wie gestern, seinem Freunde Kymon, und entließ mich mit dem Versprechen, wenn uns der folgende Tag so günstig sein werde, als die Schönheit der Nacht versprach, sich um die gewohnte Zeit bei der Quelle einzufinden, und die Materie fortzusetzen, womit wir uns diesen Abend unterhalten hatten. Da mir der gute Kymon keine Lust, in ein Gespräch mit mir einzugehen, zeigte, und sich eben so sehr nach Ruhe, wie ich nach Einsamkeit, zu sehnen schien, so nahm er schon an der Tür meines Schlafgemachs Abschied, um sich, wie gewöhnlich, zu seinem Herrn zu begeben. Aber der wahre Beweggrund, warum er mich heute so früh verließ, entdeckte sich bald hernach. Die gefällige kleine Familie bereitete mir in aller Stille die angenehmste Überraschung vor: denn kaum hatte ich mich zur Ruhe niedergelegt, so war mir als ob ich durch ein mit Efeu leicht umlaubtes Fenster, das, dem Lorbeerwäldchen gegenüber, offen stand, den Gesang, der mich eine Stunde zuvor so hoch entzückt hatte, wieder anstimmen hörte; aber so leise, daß ich nur den sanft verschmolznen Widerhall davon zu hören glaubte. Durch unmerkliche Grade nahm er immer an Stärke zu, bis das liebliche Tongewebe zuletzt mein ganzes Ohr ausfüllte, und, da mir in dieser Entfernung nur die Töne, nicht die Worte, rein vernehmlich waren, mich die Wahrheit der von Apollonius gemachten Bemerkung erfahren ließ: daß eine Musik, wie diese, uns in ihrer eigenen, unsrer Seele gleichsam angebornen Sprache, anrede, und keiner Übersetzung in eine willkürliche kalte Zeichensprache bedürfe, um von ihr verstanden zu werden. Hätte ich nicht zu gewiß gewußt, wer mir diesen hohen Genuß verschaffte, es würde mir unmöglich gewesen sein, nicht zu glauben, daß ich Stimmen aus der andern Welt zu mir herüber schallen höre. Da diese Art von Gesängen so lange fortgesetzt werden kann als man will, und die Familie Kymon nicht müde wurde, nur mit kleinen Veränderungen der Modulation und öfterer Abwechslung der Mensur und der Stärke des Tons, immer wieder von vorn anzufangen, so erfolgte, bei aller Begeisterung worein ich mich gesetzt fühlte, oder vielmehr durch diese Begeisterung selbst, zuletzt, was vermutlich die Absicht der freundlichen Sänger war: eine süße Ermattung spannte allmählich meine Nerven ab, ich verlor mich in einem luftigen Gedränge lieblicher Träume, die um mich her zu tanzen schienen, und schlummerte endlich unvermerkt in – die unsichtbare Welt hinüber. Siebentes Buch I. Ich erwachte mit den ersten Strahlen, welche die aufgehende Sonne durch das leicht umlaubte Fenster in mein kleines Schlafgemach spielen ließ; aber der erste Gedanke, der mit mir erwachte, fiel mir so schwer auf die Brust, daß ich mich nicht erwehren konnte, mich von ihm zu erleichtern, indem ich ihn laut werden ließ. »Und so ist denn dies der letzte Tag«, rief ich, »der mir unter diesen seltnen Menschen zu leben vergönnt ist, den unvergeßlichsten, die ich jemals sehen werde, wenn ich auch Nestors Jahre dreifach erlebte! – Wie schön geht er über mir auf! und wie traurig wird er mir untergehen! – Aber worüber klage ich? Was für ein Recht hätte ich mehr zu verlangen? War es nicht Glücks genug, daß ein Zufall, dessen ich mich nie versehen konnte, mich diesen, allen andern Sterblichen unzugangbaren, Ort finden ließ? daß der merkwürdigste Mann dieses Jahrhunderts mich, einen namenlosen unbedeutenden Fremdling, so freundlich aufnahm, mir so schnell gewogen wurde, sich mir so traulich mitteilte, mich sogar zum Bewahrer der verborgensten Geheimnisse seines ewig denkwürdigen Lebens machte? – Welch einen Schatz trage ich mit mir von hinnen! Was brauche ich für mein ganzes künftiges Leben, als die Erinnerung an diese drei Tage, um meinen Geist heiter und tätig, mein Herz warm, meinen Mut hoch, und mein Vertrauen auf die Natur und mich selbst lebendig zu erhalten! – ›Die Natur hat mir meine ganze Bestimmung gegeben, da sie mich zum Menschen machte: was könnt ich edleres und größeres zu sein verlangen? – Sei so frei und tätig, so groß und gut, als du als Mensch durch dich selbst sein kannst!‹ – Sagtest du das nicht, göttlicher Apollonius, du mein wahrer guter Dämon? – Du sollst es mir nicht vergeblich gesagt haben!« Unter diesen Selbstgesprächen ging ich ins Freie hervor, und durchwanderte, aufmerksam auf den geringsten Umstand, nochmals alle mir schon bekannten Gänge, Plätze, Pflanzungen, Lustwäldchen, Lauben und Grotten dieses stillen und lieblichen, wiewohl enge beschränkten Vorelysiums, wie Apollonius selbst es nannte; an jedem Platze, wo meine horchende Seele an den Lippen des ehrwürdigen Greises hing, setzte ich mich nieder, und rief alles, was er mir gesagt hatte, in mein Gedächtnis zurück, froh und zufrieden mit mir selbst, daß mir beinahe keines seiner Worte entfallen war. Als ich bei der Quelle am Lorbeerwäldchen ankam, sah ich den wackern Kymon mit seinem schönen Weibe und der jungen Melitta nahe bei der Wohnung im Garten beschäftigt. Sie schienen mich nicht gewahr zu werden, und ich widerstand dem Verlangen mich ihnen zu nähern, um alle meine Gedanken auf den Gegenstand zu versammeln, worüber Apollonius mich diesen Morgen ins klare setzen wollte. Was er mir von den Christianern bereits entdeckt hatte, und die großen Dinge, die ein so tief sehender Geist der Welt von ihnen prophezeite, machten mir diese Sekte, die ich vor so kurzer Zeit keiner Aufmerksamkeit wert schätzte, jetzt so wichtig, daß ich die Stunde unsrer Zusammenkunft mit Ungeduld erwartete. Apollonius erschien um seine gewöhnliche Zeit; aber ein mehr als gewöhnlicher Ernst lag, wie mich deuchte, auf seiner hohen, sonst immer unbewölkten Stirne. Ein freundlicher Sonnenblick schien sich über sie zu verbreiten, da er mich ihm entgegen eilen sah. Er reichte mir die Hand, und sagte: er wolle mich an einen Platz führen, der mir noch unbekannt sei, und sich am besten zur Szene unsrer bevorstehenden Unterhaltung schicken werde. Ich folgte ihm auf einem schmalen, zwischen den Felsen sich allmählich hinauf windenden, durch Gesträuch und Buschwerk versteckten Fußpfad, auf einen kleinen ebnen Platz, wo wir von drei Seiten nichts als Meer und Himmel vor und um uns sahen; eine Aussicht, die durch Vereinigung des höchst Erhabenen mit dem höchst Einfachen ein Gefühl in der Seele erweckt, das mit keinem andern verglichen werden kann. Ein leicht bedeckter Himmel und eine erfrischende Seeluft sicherten uns vor der Sonnenhitze, und eine tief in den Felsen gehauene Blende bot uns eine dicht bemooste Bank an, auf der wir uns niederließen. »Ich habe mich eines doppelten Versprechens gegen dich zu entledigen, Hegesias«, sagte Apollonius: »dich mit dem Geist und der innern Verfassung der Christianer näher bekannt zu machen, und dir meine Gedanken und Vermutungen über das, was künftig aus ihnen werden muß, und über die große Revolution, die der Römischen Welt und der Menschheit überhaupt durch sie bevorsteht, etwas ausführlich mitzuteilen. Aber bevor die Rede von den Jüngern ist, solltest du billig den Meister kennen; und dies ist hier um so nötiger, da der Unterschied zwischen jenen und diesem so groß zu sein scheint, daß man weder von dem Institut auf den Stifter, noch von dem Stifter auf das Institut, ohne Gefahr sich zu täuschen, schließen darf. Unglücklicher Weise befinden wir uns, was die Geschichte dieses merkwürdigen Mannes betrifft, wiewohl seit seinem Tode noch nicht viel über sechzig Jahre verflossen sind, beinahe in dem nämlichen Falle, wie mit Hermes , Zoroaster , Orpheus , Minos , Phoroneus , und andern der ältesten Gesetzgeber und Religionenstifter: was man uns davon sagt, ist mit zu vielem Wunderbaren und Unglaublichen durchwebt, um nüchterne Menschen zu befriedigen; und was wir am liebsten wissen möchten, was uns den Schlüssel zu allem andern gäbe, ist gerade das, was man uns vorenthält. Die verschiedenen Sekten, in welche die Christianer sich bereits geteilt haben, tragen sich mit einer großen Menge so genannter guter Botschaften , worin die wundervollen Umstände der Geburt, des Lebens und des Todes ihres Meisters, mit einer beträchtlichen Anzahl seiner Reden und Taten, bald kürzer, bald umständlicher erzählt werden. Die meisten dieser Bücher führen den Namen von Verfassern an der Stirne, welche sich für Augenzeugen, aber zugleich für vertraute Freunde und Anhänger, zum Teil für nahe Verwandte desselben geben, und schon dieses Umstands wegen nicht als ganz unbefangen betrachtet werden können. Überhaupt fehlt diesen Erzählungen, wiewohl ihnen nicht alle Glaubwürdigkeit abzusprechen ist, doch sehr viel von dem, was von einer zuverlässigen Urkunde gefordert wird, und dem Schreiber einer wahren Geschichte das Zutrauen der Leser erwirbt. Sie sind im gemeinsten Märchenton erzählt, mit Widersprüchen und unglaublichen, zum Teil schlechterdings unmöglichen Wunderdingen angefüllt, und verraten fast auf allen Blättern den größten Mangel an Geistesbildung und an Kenntnissen, die bei uns keinem Menschen von einiger Erziehung fehlen: auch finden sich in den Reden, die dem großen Propheten in den Mund gelegt werden, viele ganz unverständliche Dinge, und manches, was er, dem Charakter seines Geistes und Herzens nach, unmöglich gesagt haben kann. Mit Einem Wort, ich weiß dir von diesen Anekdoten-Sammlungen keinen richtigern Begriff zu geben, als wenn ich dich versichre, daß sie im Sinn und Geschmack meines Freundes Damis geschrieben sind; drei oder vier ausgenommen, die aus mehrern Rücksichten Aufmerksamkeit verdienen; wiewohl mir auch an diesen die Merkmale von Verfälschungen und Einschiebseln unverkennbar scheinen. Es ist kein Zweifel, daß die Christianer, wenn dereinst Eine von den vielen Sekten, in welche sie sich seit einiger Zeit gespaltet, alle übrigen verschlungen haben wird, eine allgemeine Musterung mit diesen guten Botschaften vornehmen, und Reines vom Unreinen, Wahres vom Verfälschten oder Eingeschobenen zu unterscheiden suchen werden. Wie schwer diese Arbeit sein dürfte, und ob sie, in einer Zeit von Einem oder mehrern Jahrhunderten nach dem Tode des Meisters, überall möglich sein werde, lasse ich an seinen Ort gestellt; aber bis dahin, und wahrscheinlich auch dann wie jetzt, wird jeder, dem an Wahrheit gelegen ist, am sichersten gehen, wenn er diese Prüfung und Scheidung selbst vornimmt. Ich wenigstens, nachdem ich die Geduld gehabt, mehr als funfzig dieser so genannten Evangelien zu durchlesen, fand, um mich an einem der besten Sterblichen, die je gelebt haben, nicht eben so schwer als an der Wahrheit überhaupt zu versündigen, kein anderes Mittel, als alles Wunderbare, Übernatürliche und Unverständliche, zugleich mit den Widersprüchen und handgreiflichen Ungereimtheiten, auf die Seite zu legen, und mich bloß an das rein Menschliche, Verständliche, Konsequente und unmittelbar zu meinem Wahrheitssinn und Herzen Sprechende zu halten.« Ich . »Müssen wir dies doch schon mit unsern alten Philosophen tun, wenn wir uns nicht von den Anekdotenjägern und Kompilatoren ihrer Meinungen, Reden und Taten die ungereimtesten Märlein aufheften und uns am Ende weis machen lassen wollen, daß unsre hellsten Köpfe die größten Narren, Gecken und Windbeutel der Nation gewesen seien. – Doch, verzeih daß ich dich unterbreche. – Und was fandest du, nachdem du diese Scheidung vorgenommen hattest?« Apollonius . »Soll ich dirs gestehen, Hegesias? – Auf den ersten Anblick scheint eine so auffallende Ähnlichkeit zwischen diesem jüdischen Religions- und Sittenverbesserer und – dem Manne, den du vor dir siehest, obzuwalten, daß ich selbst einige Augenblicke davon getäuscht wurde. Aber bei genauer und unbefangener Vergleichung fand ich einen sehr großen und sehr zum Vorteil des Ersten auffallenden Unterschied. – In der Tat läßt sich dieser in seiner Art einzige Mann mit keinem unsrer Weisen, selbst nicht mit Pythagoras oder Sokrates, vergleichen, ohne daß entweder ihm oder diesen Unrecht geschieht. Der jüdische Weise scheint neben den unsrigen ein Mann aus einer andern Welt zu sein; und es läßt sich mit gutem Grunde behaupten, daß er nur unter seiner Nation werden konnte, was er war. Du erinnerst dich, daß ich gestern sagte: er sei das, was ich schien , wirklich gewesen. Ich setze hinzu: er glaubte auch der zu sein, für den er sich gab; er wollte nicht täuschen , und wurde jemand durch ihn getäuscht, so war ers selbst vorher; denn in der Tat scheint der Erfolg seinen ersten Erwartungen nicht entsprochen zu haben. Wie groß war schon durch dies allein der Unterschied zwischen mir und ihm! Ich sage dir wohl nichts neues, indem ich gestehe, daß ich nicht an die Götter glaubte, deren Dienst ich reinigen wollte, und denen ich wieder zu ihrem alten Ansehen zu verhelfen suchte. Ich wußte sehr wohl, da ich mich für ihren Gesandten ausgab, daß sie mich nicht gesandt hatten. Meine Andacht zu Jupiter, Apollo und Äskulap, zu den Kabiren, zur Göttermutter und zu der Ephesischen Diana, der geheime Umgang, den ich mit höhern Wesen zu pflegen scheinen wollte, die Mirakel, die ich tat, alles das war absichtliche Täuschung, die der Zweck allein rechtfertigen sollte. Er hingegen trug den Gott, von welchem er sich gesandt glaubte, in seinem Busen. Nenn es immerhin Enthusiasm; genug es war kein geheuchelter : sein Gott lebte und webte in ihm, sprach aus ihm, wirkte durch ihn, war der herrschende Gedanke seiner Seele, der Gegenstand seiner innigsten Anhänglichkeit, seines lebendigsten Zutrauens, sein Bewegungsgrund, sein Zweck, sein Mittel. Was er tat, glaubte er durch Gott bloß um Gottes willen zu tun, und ich bin versichert, daß er eben dadurch viel wunderbares tat; wiewohl nicht zu zweifeln ist, daß ihm das Gerücht und seine Geschichtschreiber in diesem Punkt eben so viele Dienste getan haben mögen als mir. Sein Verhältnis zu seinem Gott war so zart und innig, daß er sich ihn nicht anders als seinen Vater denken konnte; denn er fühlte sich selbst als seinen Sohn , und der unbedingte Gehorsam, die gänzliche Ergebung, das alle Proben aushaltende Vertrauen, das ihn selbst im Tod am Kreuze nicht verließ, sind Gefühle und Gesinnungen eines Sohns, wie es wohl vor ihm noch keinen gegeben hat, für einen über alles geliebten Vater. Den Willen seines Vaters zu tun, das Geschäft, wozu er von ihm in die Welt gesandt zu sein glaubte, mit Eifer und Treue auszurichten, war das einzige, was er suchte, und wofür er allein lebte. Alles andre war ihm nichts; er begehrte nichts und fürchtete nichts, dachte nie an sich selbst, hatte keinen selbsterfundenen Plan auszuführen, noch für die Mittel dazu zu sorgen, sondern überließ dies demjenigen, dem er, als sein bloßes Werkzeug, mit dem Gehorsam eines treuen Knechts und mit dem teilnehmenden Eifer eines liebenden Sohnes diente. Es ist wirklich interessant, in einigen der besagten Bücher – deren Verfassern es mehr an Vermögen ihren Meister zu verstehen, und sich bis zu der Höhe, worauf er stand, zu erheben, als an gutem Willen gefehlt zu haben scheint – mitten durch den Nebel ihrer dumpfsinnigen Darstellung zu sehen, wie der alte beschränkte Begriff der Juden von einem strengen, eifersüchtigen, launenvollen, aber für sie parteiischen, ihnen ausschließlich gewogenen, und in einem besondern Bunde mit ihnen stehenden Nationalgott , und seiner irdischen Oberherrschaft über sein erwähltes Volk, sich in dieser schönen, liebevollen Seele zu dem so viel würdigern, reinern und humanern Begriff eines allgemeinen Vaters der Menschen, und eines Allen offen stehenden Reichs Gottes, läuterte. In dieses Reich nicht nur seine leiblichen Stammverwandten, die Juden, sondern alle Völker der Erde einzuladen, dazu glaubte er in die Welt gekommen zu sein. Nichts kann einem irdischen Reich und dem, was die Menschen darin suchen, mehr entgegen gesetzt sein, als sein Begriff von diesem Reiche Gottes , dessen unsichtbarer Beherrscher nur über Herzen regiert, nur einen Dienst des Herzens fordert, nur im Geist angebetet sein will, und seinen Untertanen nur geistige Güter verspricht. Den Willen Gottes zu tun, der durch Vernunft und Gewissen jedem Menschen kund wird, ist nach ihm die erste Pflicht der Genossen dieses Reichs, die alle andern in sich schließt. Sie sind alle frei , denn sie gehorchen nur ihrem Vater, und ihr Gehorsam ist munter, freudig und unbedingt, weil er aus Liebe und Vertrauen kommt; sie sind, als Kinder eben desselben Vaters, alle gleich , und zu allem, was ihres Vaters ist, gleich berechtigt; und in dem einzigen Wort Liebe sind alle ihre wechselseitigen Pflichten enthalten. Sie lieben Gott über alles; aber sie können ihm diese Liebe nur dadurch beweisen, daß sie ihn in seinen Kindern, ihren Brüdern, lieben. Was bedürfte es mehr als diese reine, kindlich einfältige Sinnesart, um allgemeine Harmonie und Glückseligkeit auf ewig zu gründen, und die Erde zu einem Himmel, ihre Bewohner zu den Engeln dieses Himmels zu machen? – Aber wie weit sind die Menschen, die wir um uns sehen, von dieser Sinnesart entfernt! Wie wenig läßt sie sich mit ihren selbstsüchtigen Begriffen, Maximen, Neigungen, Leidenschaften, Bestrebungen und Zwecken vereinbaren! – Sinnesänderung also, gänzliche Umschaffung des Innern ist, seiner Lehre zu Folge, bei allen, die jenes göttlichen Sinnes noch ermangeln, die einzige, aber unerläßliche Bedingung, unter welcher ins Reich Gottes , worein nichts Unreines eingehen kann, zu gelangen möglich ist. Der sinnliche, verderbte, ungöttliche Mensch, der eben dadurch (einer Morgenländischen Vorstellungsart nach) ein Sklave der bösen Geister , ein unseliger Genoß des Reichs der Finsternis ist, muß also durch diese gänzliche Reinigung seines Herzens zu einem neuen , geistigen, göttlichen Menschen, zu einem Kinde des Lichts gleichsam wiedergeboren werden, bevor er am Reiche des Lichts Anteil haben kann. Dies, lieber Hegesias, ist das Wesentlichste, was ich von der Lehre des Jesus von Nazareth, den die Christianer für ihren Meister und Herren erkennen, aus den ältesten Nachrichten seiner Anhänger herausgebracht habe. Du siehest (denke ich) von selbst, wie leicht sich das alles in die Pythagorische und Platonische , ja sogar in die Sokratische oder Epiktetische Sprache übersetzen ließe; wie ungezwungen aus diesen äußerst einfachen Begriffen und Grundsätzen eine vollständige, dem Fassungsvermögen aller, auch der ungelehrtesten, Menschen angemessene Lebensphilosophie sich entwickeln läßt, und wie weit der Mann, der die ganze Theorie dessen, was jeder Mensch zu Erfüllung seiner moralischen Bestimmung und zum Aufstreben nach dem höchsten Gipfel menschlicher und geistiger Vollkommenheit vonnöten hat, auf so kindlich einfältige Prinzipien zurück führte, uns andere mühselige Verbesserer und Veredler der Menschheit, so viel unser sind, hinter sich gelassen hat.« Ich . »Nur, bester Apollonius, sehe ich auch, daß diese einfache, diese allen zarten, unverdorbenen, liebevollen, und zu einer gewissen hohen Schwärmerei geneigten Seelen so angemeßne Lebensphilosophie etwas noch zehnmal persönlicheres ist, als dein Pythagorischer Orden, und daß, wie klein auch das Häufchen jener guten kindlichen Seelen sein mag, dennoch, aller Wahrscheinlichkeit nach, die Anzahl der Weltmenschen, die sich auf diese Art wiedergebären zu lassen geneigt sein möchten, noch ungleich geringer ausfallen, und also das Gute, das der so hoch von dir gepriesene Jüdische Theurg mit seiner Lehre stiften kann, auf ein unendlich kleines hinaus laufen dürfte.« Apollonius . »Erlaube, daß ich dir die Antwort auf diesen Einwurf noch eine Weile schuldig bleibe. Sie wird sich an der rechten Stelle von selbst einfinden. Für jetzt habe ich, eh ich von dem Lehrer zu den Jüngern übergehe, noch ein paar Bemerkungen über jenen zu machen. Fürs Erste überzeugt mich eine unbefangene Betrachtung aller Nachrichten, die ich von diesem außerordentlichen Manne auftreiben konnte, daß es keineswegs seine Absicht war, der Stifter einer neuen politischen oder mit dem Staat in gesetzmäßigen Beziehungen stehenden Religion zu sein. Im Gegenteil, seine Lehre, und das Beispiel seines rein moralischen Verhältnisses zu Gott und Menschen, zweckt augenscheinlich dahin ab, alle unter den Menschen bestehende Religionen zwar nicht geradezu zu bekämpfen oder abzuschaffen , aber doch so unnötig und überflüssig zu machen, daß sie von selbst aufhören und aus der Welt verschwinden müßten. Eine einzige, in sieben kurze Bitten zusammen gedrängte Gebetsformel ausgenommen (aus welcher sich seine ganze Lehre ziemlich ungezwungen entwickeln ließe), findet sich nirgends das geringste von ihm, das einer Vorschrift dessen, was seine Anhänger zu glauben oder nicht zu glauben hätten, ähnlich sähe, insofern glauben und für wahr annehmen gleichbedeutende Ausdrücke sind. Was Er glauben nennt, ist eine auf inniges Gefühl gegründete Gesinnung des Gemüts, mit einer geistig sinnlichen Vorstellung verbunden, welche eher Anschauung als räsonierter Begriff zu nennen ist; mit Einem Worte, nicht Begreifen, sondern Ergreifen dessen, was nicht begriffen werden kann noch soll. Er setzt alle unter den Juden von ihren Urvätern her im Schwange gehende Begriffe, ja sogar verschiedene Meinungen und Vorstellungsarten voraus, welche sich (wie es scheint) erst nach ihrer Deportation in die Provinzen des Assyrischen und Persischen Reichs Eingang bei ihnen verschafften, dergleichen z. B. der Glaube guter und böser Geister und unmittelbarer Einwirkungen derselben auf die Menschen ist; kurz, er bequemt sich in allem, was den großen Zweck seiner geglaubten Sendung nicht wesentlich angeht, zu popularen Begriffen und Redensarten, läßt alles, was bloße Spekulation ist, an seinen Ort gestellt, und nimmt nur dann den kategorischen Ton eines unfehlbaren und von Gott bevollmächtigten Propheten an, wenn er Vorurteile, Irrtümer oder Laster bestreitet, die mit dem Geist der Liebe Gottes und der Menschen, und mit der Lauterkeit des Herzens, welche gleichsam das Element dieses Geistes ist, schlechterdings unvereinbar sind. Zweitens , deucht mich auch, man könne nicht von ihm sagen, daß er der Stifter eines geheimen religiösen oder asketischen Ordens gewesen sei. Man sieht nirgends in seiner Geschichte, daß er es mit seinen Anhängern darauf angelegt, oder die zu einem solchen Institut nötigen Anstalten gemacht hätte. Noch viel weniger kann ein billiger Verdacht auf ihn fallen, als ob er mit dem festen Glauben und Bewußtsein, daß Er der von den spätern jüdischen Propheten vorher verkündigte und von den Juden mit Ungeduld erwartete Messias sei, irgend einen politischen Zweck verbunden habe; denn dazu hätte er sich ganz anders benehmen, und sowohl gegen das Volk als die in hohem Ansehen bei demselben stehende pharisäische Sekte eine ganz andere Rolle spielen müssen. Überhaupt, wiewohl die Begierde ihn reden zu hören und der Ruf der Wunder, die er verrichte, unter dem wunderlustigsten Volke der Welt immer viel neugierige und müßige Leute um ihn her versammelte, so war doch die Zahl seiner eigentlichen Jünger und Freunde nicht beträchtlich, und die zwölf besonders Ausgewählten, die er fast immer um sich hatte, (großen Teils seine Blutsverwandte) scheinen zwar gutwillige und ihm herzlich ergebene, aber ungelehrte, dumpfsinnige, und zu weit aussehenden politischen Zwecken, wofern er deren gehabt hätte, ganz unbrauchbare Leute gewesen zu sein. II. Wenn du alles, was ich dir bisher von diesem in seiner Art einzigen Manne gesagt habe, zusammen nimmst, Hegesias, so dürfte es dir leicht von allen seinen Wundern das wunderbarste scheinen, wie er – erst ziemlich lange nach seinem Tode, und nach einem so schmählichen Tode – das Haupt einer bereits sehr zahlreichen, durch die ganze Römische Welt ausgebreiteten, geheimnisvollen, religiösen Sekte, die allen bestehenden Religionen den Krieg ankündigt und den Untergang droht, habe werden können. Ich muß dir also, bevor ich weiter gehe, noch von einem höchst sonderbaren Umstande seiner Lebensgeschichte sprechen, der, wie unglaublich er dir auch vorkommen mag, doch seine völlige historische Richtigkeit zu haben scheint, und dir sowohl etwas, das mir gestern entfiel und worüber du nicht wenig zu stutzen schienst, begreiflich machen, als das so eben erwähnte Problem seiner Auflösung merklich näher bringen wird. Erinnerst du dich noch, daß ich das Institut der Christianer, oder vielmehr das Werk seines ersten Urhebers, mit einem allmählich aus einem zarten, aber lebenskräftigen Keim empor wachsenden gewaltigen Baume verglich, und dann hinzu setzte: er stehe unter dem Schutz eines mächtigen Genius. Du selbst wirst, wie ich kaum zweifle, an diesen Genius glauben, wenn du Geduld hast, mir noch weiter zuzuhören.« Ich . »Du scherzest, Apollonius. Wer wollte dir nicht Tage lang zuhören, zumal nachdem du seine Erwartung so hoch gespannt hättest, wie jetzt die meinige?« Apollonius . »So wisse also, daß der wichtigste Teil der Geschichte meines Helden sich erst mit seinem Tode anfängt. Das glaubwürdigste von dieser unglaublichen Begebenheit, so weit ich ihr auf die Spur kommen konnte, beruht auf folgenden Umständen. Er hatte in der Nacht, da das so genannte Synedrion zu Jerusalem sich seiner Person bemächtigte, und an dem darauf folgenden Morgen bis zur dritten Tagesstunde, da er gekreuziget wurde, an Leib und Gemüt schon so viel gelitten, daß diese letzte, durch verschiedene Umstände noch mehr geschärfte Marter binnen sechs Stunden die Kräfte seines zart organisierten Körpers (wie groß man sie auch, verhältnismäßig, in einem vollkommenen Gesundheitszustande bei einem von allen Arten der Verderbnis immer frei gebliebenen Manne von fünfunddreißig Jahren annehmen mag) aufs äußerste erschöpft haben mußte. Genug, er selbst glaubte, einige Augenblicke vor einer todähnlichen Ohnmacht, die ihn überfiel, den Tod selbst zu empfinden, und befahl mit lauter Stimme seinen Geist in die Hände seines Vaters. Da er unmittelbar darauf sein Haupt neigte und kein Zeichen des Lebens mehr gab, glaubte man, er sei verschieden; und einer seiner heimlichen Anhänger, ein Mann von Ansehen und Vermögen, eilte was er konnte, sich die Erlaubnis, den Leichnam vom Kreuz abzunehmen und noch vor Sonnenuntergang zu begraben, von dem Römischen Prokurator zu erbitten. Weil es gewöhnlich einen und mehrere Tage ansteht, bis ein mit dieser peinvollen, aber langsamen Todesart belegter Mensch endlich verschmachtet, so wollte Pilatus nicht glauben, daß er schon tot sein könnte, machte aber doch keine Schwierigkeit, die begehrte Erlaubnis zu erteilen. Einige gute Weiber von der Familie des Gekreuzigten und einer seiner Freunde hatten indes in aller Eile die zu Einbalsamierung des geliebten Leichnams nötigen Spezereien zusammen zu bringen gesucht; da aber der Sabbat, an welchem den Juden bekannter Maßen jede Art von Arbeit oder Beschäftigung ein todwürdiges Verbrechen ist, im Anbruch war, so hatte der besagte Freund kaum noch so viel Zeit, den Leichnam in Leinewand zu wickeln und in einem neuen, noch nie gebrauchten Begräbnisgewölbe beizusetzen, das in einem, nahe am Ort der Kreuzigung gelegenen, vermutlich ihm zugehörigen Garten, in einen Felsen gehauen war. Die Feinde des Gekreuzigten hatten indes, aus Furcht, seine Anhänger möchten den Leichnam stehlen, und dann unter das Volk aussprengen, er sei, seiner Vorhersagung gemäß, wieder lebendig aus dem Grabe erstanden, bei Pilatus ausgewirkt, daß er den großen Stein, womit die Öffnung des Grabes zugeschlossen worden war, versiegeln und das Grab von einigen Römischen Soldaten bewachen ließ. Es schien nun unmöglich, daß der Gekreuzigte, wofern auch sein geglaubter Tod nur ein Scheintod gewesen wäre, jemals lebendig aus einem so wohl verwahrten Grabe hätte heraus kommen können: aber siehe da, ein zwar ganz natürliches, aber auch so ganz zur rechten Zeit, wie gerufen, sich einstellendes Ereignis, das auf einmal alle Vorsichtsanstalten der boshaften Juden zu nichte macht! In der Nacht zwischen dem Sabbat und dem nächst folgenden Tage sprengt ein plötzliches Erdbeben das Grabmal und den Begrabenen zugleich auf, und verjagt die erschrocknen Wächter. – Der Totgeglaubte erwacht, geht hervor, zeigt sich noch an demselbigen Tage einigen, und in den folgenden vierzig Tagen nach und nach allen seinen in Traurigkeit über die Vernichtung ihrer glänzenden Hoffnungen versunkenen Vertrauten , überzeugt sie aufs vollkommenste daß er lebe, ißt und trinkt mit ihnen, gibt ihnen neue Aufschlüsse über alles, was ihnen vorher an ihm unverständlich und unerklärbar war, weihet sie zu Boten des Reichs Gottes an alle Völker der Erde ein, und, nachdem er sie zum Abschied auf einen Berg unweit Jerusalem versammelt hat, gibt er ihnen seine letzten Befehle, segnet sie, und wird von einer Wolke vor ihren Augen gen Himmel aufgehoben.« Ich . »Wunderbar genug, und beinahe mehr, als man einem Arzt und Naturforscher zu glauben zumuten darf. Indessen dünkt mich, ich sehe eine Möglichkeit den Genius der Mühe, die er bei dieser Begebenheit so gefällig auf sich genommen haben soll, zu überheben; was, wenn ich nicht irre, in jedem Falle, wo wir uns mit einer natürlichern Erklärungsart behelfen können, unsre Schuldigkeit ist. Vergib mir, ehrwürdiger Apollonius, wenn mein Zweifel an einer Sache, die ein Mann wie du für wahr gelten zu lassen scheint, ein wenig unbescheiden klingt. Aber sollte dein Held wirklich von allen täuschenden Mitteln zu seinem, wenn du willst, edeln und wohltätigen Zweck so frei gewesen sein, wie du annimmst, oder sich nicht wenigstens durch ein leidendes Verhalten zu den Täuschungen bequemt haben, die von seinen Freunden ihm zu Liebe veranstaltet wurden? Wie wenn einige geheime , oder nur selten, gleichsam im Vorbeigehen, sichtbar werdende Agenten in seine Geschichte verflochten wären? Der vornehme und reiche Mann z. B. der so große Eile hatte, seinen Freund vom Kreuz abzunehmen –« Apollonius . »Ich erinnere mich jetzt, daß er Joseph von Arimathia hieß, und ein Mitglied des Jüdischen Senats war.« Ich . »Ich gestehe, dieser wackere Mann ist mir ein wenig verdächtig, wiewohl mein Verdacht ihm bei mir zur größten Ehre gereicht. Wahrscheinlich kam es auch ihm nicht glaublich vor, daß sein unglücklicher Freund, aller Anscheinungen des Todes ungeachtet, wirklich tot sei. Daher seine Eile, ihn vom Kreuz abzunehmen und in das, zu gutem Glück, in seinem Garten bereit stehende Grab zu schaffen, aus Furcht, daß er etwa zu früh wieder zu sich selbst kommen, und seine Bemühungen ihn zu retten dadurch vereiteln möchte. Dies vorausgesetzt, ist zu vermuten, daß dieser Joseph auch Mittel gefunden haben wird, die Römische Wache gefällig zu machen, und den Begrabenen, nachdem er ihn wieder zu sich selbst gebracht und gestärkt, auf die eine oder andere Weise in Sicherheit zu bringen.« Apollonius . »Nach deiner Hypothese wären die Wächter am besten bei diesem Handel gefahren. Denn die Geschichte sagt: ›Nachdem die Auferweckung des Gekreuzigten ruchtbar zu werden angefangen, hätten seine Feinde und Mörder den Wächtern heimlich viel Geld gegeben, daß sie sagen sollten, sie wären eingeschlafen, und die Anhänger des Nazareners hätten sich indessen ihres Vorteils ersehen und den Leichnam auf die Seite gebracht.‹ – Sie wären also von beiden Parteien bezahlt worden, von der einen, zu schlafen, und von der andern, sich selbst anzuklagen, daß sie geschlafen. Indessen will ich über deine Mutmaßung nicht mit dir hadern, lieber Hegesias; wiewohl es dir schwer fallen dürfte, sie mit einigen, nicht von mir erwähnten Nebenumständen dieser wunderbaren Begebenheit in Übereinstimmung zu bringen. Genug, daß die Hauptsache, mit ihren wesentlichsten Umständen, unleugbar, ja schon allein durch die Existenz des Christianism hinlänglich erwiesen ist ; so wichtig waren die Folgen dieser Auferstehung (was auch ihre Ursache gewesen sein mag) sowohl für den Stifter selbst als für seine Anhänger. Dies verdient eine genauere Erläuterung, wozu ich dich um Geduld und Aufmerksamkeit bitten muß; denn ich kann nicht umhin, meiner Gewohnheit nach, etwas weit auszuholen. III. Daß die Verdorbenheit der Sitten, und ihre Quelle, das Verderbnis des Herzens, die Gleichgültigkeit gegen das, was wahr und recht ist, die Verachtung alles dessen, was unsern Vorfahren heilig war, die über alle Grenzen der Mäßigung und der Natur selbst getriebene Wut nach tierischen Befriedigungen, der Egoism, der sich alles erlaubt und alles an sich zu ziehen sucht, und seine natürlichste Folge, ein durchgängiger Mangel an Humanität bei der größten Verfeinerung des Äußerlichen, unter den Großen und Reichen, und eine zu jedem Bubenstück bereitwillige Ruchlosigkeit bei dem größten Hang zum Aberglauben und Dämonism, unter dem gemeinen Volke – daß diese bis ins innerste Mark der Menschheit eingedrungene moralische Verdorbenheit zu unsern Zeiten in der ganzen zivilisierten Welt auf einen fürchterlichen Grad gestiegen sei, ist eine traurige Tatsache, die kein verständiger Mensch zu leugnen begehren wird. Was soll endlich aus einem solchen Zustande werden? ist eine Frage, wobei jeden nicht ganz gefühllosen Menschen ein Schauder überfällt. Wie kann geholfen werden? ist eine andere Frage, die auch den weisesten Mann in Verlegenheit setzt. Die Gesetze und die Polizei , kaum noch vermögend das Ganze einiger Maßen zusammen zu halten, haben keine Kraft, diesen Übeln Einhalt zu tun, geschweige sie von Grund aus zu heilen. Selbst der beste Regent kann dem immer weiter und tiefer um sich fressenden Schaden nur mildernde und unsichere topische Mittel entgegen setzen. Was die Philosophen , die seit vier bis fünf Jahrhunderten an der Verbesserung, Aufklärung und Veredlung der Menschen arbeiten oder zu arbeiten vorgeben, ausgerichtet haben, liegt am Tage. Ihr Wirkungskreis erstreckt sich nur auf eine verhältnismäßig sehr kleine Anzahl, und das beste, was sie bei dieser bisher gewirkt haben, geht selten über eine gewisse Verfeinerung und Abglättung des Verstandes und der Sitten hinaus. Wer durch sie besser wird, war vorher schon gut, und von einer durch Philosophie gewirkten eigentlichen Bekehrung oder Sinnesänderung ist nur ein einziges Beispiel bekannt. Nichts davon zu sagen, wie viel Schaden sie durch ihre Sophisterei und Meteoropolie angerichtet, immer bleibt gewiß, daß sie auf die niedrigern Volksklassen, d. i. auf den unendlich größern Teil der Menschen, entweder gar keine, oder eine verkehrte Wirkung tun. Bedenke, Hegesias, daß unter den hundertundzwanzig Millionen Menschen, die, nach dem geringsten Anschlag, das Römische Reich bewohnen, wenigstens achtzig Millionen Sklaven sind, die das Gesetz zwar der Vernunftrechte entsetzt hat, aber der menschlichen Natur nicht ganz berauben konnte, und die eben darum, weil ihnen nicht erlaubt ist Menschen zu sein , die verderbteste, schamloseste Klasse der Anthropomorphen ausmachen. Bedenke, daß diese so tief herabgewürdigten Halbmenschen in jedem Hause zur Familie gehören; daß die Freigebornen unter ihnen leben und ihre erste Bildung von ihnen erhalten; daß dem Herren und der Frau des Hauses alles über sie erlaubt ist, und daß sie ihr höchstes Ziel, die Mittelstufe zwischen Knechtschaft und Freiheit, gewöhnlich nur durch lasterhafte Gefälligkeit gegen die Leidenschaften – oder schlauen Mißbrauch der Schwachheiten – ihrer Gebieter erkaufen können: bedenke nur dies einzige, und du wirst das tiefe sittliche Verderben der zahlreichsten Volksklassen sehr begreiflich finden, und dich nicht wundern, daß die bisherigen Weltaufklärer und Sittenverbesserer diesem Übel nicht zu helfen vermochten. Es bleibt also nichts übrig, als das Einzige, was beinahe auf alle Menschen, aber am stärksten auf die rohern, wenig gebildeten, unterdrückten, und, wenn sie ja noch fühlen, sich unglücklich fühlenden Klassen, wirken kann, die Religion . – Aber was für heilsame Einflüsse zu einer sittlichen Verbesserung, die nur durch Sinnesänderung bewirkt werden kann, dürfen wir uns von einer veralteten, durch die unsittlichste Mythologie profanierten, beinahe alles moralischen Gebrauchs beraubten, und auf bloße alt hergebrachte Zeremonien, heuchlerische Grimassen, und ungereimte, oder gar durch die Änderung der Zeiten und Sitten schandbar gewordene Gebräuche herabgesetzten polytheistischen Religion versprechen? – Ich will nicht wiederholen, was ich in unserm gestrigen Gespräch über diesen Gegenstand bereits gesagt habe. Unsre alte Volks- und Staatsreligion hatte unstreitig in der Zeit, für welche sie paßte, eine schöne Seite; aber daß wir uns mit dem, was davon übrig ist, nicht länger behelfen können, ist schon lange unter allen gesunden Köpfen ausgemacht. Wenn irgend ein religiöser Volksglaube einen sittlichen Wert haben soll, so muß es den Menschen, die ihm zugetan sind, Religion sein , das verbotene Böse zu unterlassen und das Gute auch ungeboten zu tun. Dies war es, wozu unsre ältesten Gesetzgeber den Aberglauben der wilden oder halb wilden Menschen benutzten, die das ungewohnte Joch der bürgerlichen Verfassung tragen lernen sollten. Ihr politischer Bau ruhte größten Teils auf diesem Grunde. Seitdem die Furcht vor Jupiter , dem Rächer , verschwunden ist, seitdem kein Mörder die Schlangengeißeln der Erinnyen mehr auf seinem Rücken fühlt, seitdem unsre Götter bloße Bildsäulen sind, und sogar unsre Knaben des Tartarus und Pyriphlegethon spotten, sehen wir einen Pfeiler dieses Gebäudes nach dem andern einsinken. Ich bekenne dir offenherzig, Hegesias, daß ich mir selbst, mit meinen wohlgemeinten Kunstgriffen, eine solche Religion wieder in Ansehen zu bringen und ihr eine sittliche Tendenz zu geben, zuweilen lächerlich vorkomme. Wir sind nun auf dem Standpunkte, aus welchem der Glaube und das Institut der Christianer gesehen und beurteilt werden muß. Wenn wir, unter welcher Benennung es sei, ein selbstständiges Prinzip der physischen und moralischen Ordnung im Weltall annehmen, – ein Glaube, womit die besten Menschen von jeher sich so gern beruhiget und getröstet haben, – so kann die Idee einer Veranstaltung , um die beinahe gänzlich erloschene moralische Lebenskraft im Menschengeschlechte wieder anzufachen, keinem Vernünftigen anders als konsequent erscheinen. Vorausgesetzt also, daß eine solche Veranstaltung in unsern Zeiten (wo sie mehr als jemals nötig war) wirklich habe getroffen werden sollen, laß uns sehen, wie das Mittel zu Erzielung jenes Zwecks, und die Person , die zum Hauptwerkzeug dazu am tauglichsten wäre, beschaffen sein müßte. Was das Mittel betrifft, so müßte es, vermöge unsrer vorausgeschickten Bedingungen, von solcher Art sein, daß es hauptsächlich auf den größten und am meisten verwahrlosten Haufen wirken könnte; es müßte für alle seine moralischen Bedürfnisse zureichen, und, indem es in diesen beinahe zur Tierheit herabgewürdigten Menschen die verkannte oder verlorne Würde unsrer Natur wieder herstellte, sie zugleich für alle Entbehrungen, Mühseligkeiten und Drangsale, denen ihre Lage im Stande der Gesellschaft sie unterwirft, ihrem eigenen Gefühl nach reichlich entschädigen. Die Person , aus deren Hand die Welt diese Wohltat empfangen sollte, müßte – da die Aufhebung der unbrauchbar gewordenen dämonistischen und magischen Religionen und Mysterien einer der vornehmsten Zwecke der Veranstaltung, wovon die Rede ist, wäre – aus einem Volke genommen werden, welches sich von jeher durch eine mit Magie und Dämonisterei unverträgliche monotheistische Religion von allen übrigen Völkern unterschieden hätte. Es müßte ein Mann von ungewöhnlichen Naturgaben, von sanftem und herzgewinnendem, aber zugleich unerschütterlich festem Charakter, und von untadeligem Wandel sein. Er müßte von Jugend an einen so entschiedenen Beruf zu dem Werke, wozu er bestimmt wäre, in sich fühlen , daß er selbst in seine göttliche Sendung nicht den geringsten Zweifel setzte. Je lebendiger und inniger sein Gottesgefühl, je unbedingter und heroischer sein Glaube an einen allmächtigen Beistand, je rein menschlicher das Verhältnis wäre, worin er sich selbst und die Menschheit überhaupt mit der Gottheit dächte, – desto geschickter würde er zu Ausführung des großen Werkes sein. Meine so eben von dem Koryphäen der Christianer gemachte Abschilderung schwebt dir noch zu frisch vor den Augen, als daß ich erst zu beweisen nötig hätte, daß alle diese Eigenschaften sich in Ihm beisammen fanden. Wenn man einen Sterblichen, der mit einem so hohen und anhaltenden Enthusiasmus begabt ist, daß er sich selbst und alles gleichsam nur in Gott sieht, einen Gottmenschen nennen könnte, so hätte wohl noch niemand diese Benennung so sehr verdient wie Er. Aber es kam noch ein Umstand hinzu, der seiner innerlichen Überzeugung, daß er von Gott unmittelbar zum Heil der Welt unter die Menschen gesandt sei, ein mächtiges Gewicht von außen zulegte. Die alten Propheten der Juden, die bei diesem Volke für unmittelbar von Gott getriebene Verkündiger seines Willens galten, hatten ihrem Volke, in den Zeiten seiner tiefsten Demütigung, einen künftigen Erlöser und Wiederhersteller des Reichs Davids, aus dem Geschlechte dieses größten ihrer ehemaligen kleinen Könige, vorher verkündigt, der, als unmittelbarer Repräsentant ihres Gottes, alle Völker der Erde unter seinem gerechten und friedsamen Zepter vereinigen, aller Fehde und Not ein Ende machen, und den lieblichen Traum der goldnen Zeit , womit das Menschengeschlecht die Gefühle seiner gegenwärtigen Beschwerden und Leiden von jeher so gern eingeschläfert hat, auf dem ganzen Erdboden realisieren werde. Sie hatten ihre Gemälde von diesem allgemeinen Reich Gottes mit den prächtigsten und reizendsten Farben der Dichtkunst ausgemalt, und (wenigstens nach der Meinung der Juden) die Person des zukünftigen Weltbefreiers durch eine Menge besonderer Züge und Umstände seines Charakters und Lebens bezeichnet, ja sogar die Zeit seiner Erscheinung ziemlich genau angegeben. Diese Zeit schien nun herbei gekommen zu sein, und wurde von vielen, die mehr als andre sich auf die Ankunft des Gottgesandten zu freuen Ursache hatten, mit Sehnsucht erwartet. Sonderbarer Weise trafen so viele von den geweissageten Kennzeichen dieses Messias in der Person Jesus von Nazareth zusammen, daß er sich (wie es scheint) verbunden glaubte, auch diejenigen zu erfüllen, die von seiner Willkür abhingen. Überhaupt war in den Auslegungen der prophetischen Stellen, die auf den gehofften Weltbeglücker bezogen wurden, viel ungewisses und willkürliches; auch lassen diese Weissagungen, zusammen genommen, den Leser im Zweifel, ob das angekündigte Reich Gottes bloß von einem figürlichen geistigen Reiche der Wahrheit, Unschuld und Liebe, oder von Verbindung desselben mit einer sichtbaren Universalmonarchie zu verstehen sei. Jesus selbst scheint hierüber nicht völlig gewiß gewesen zu sein; aber da er keinen andern Willen haben wollte als seines Vaters, überließ er diesem die Leitung und Ausführung der Sache mit unbedingtem Vertrauen, und hielt sich selbst in den Grenzen des Amtes und der Verrichtungen, die ihm die Propheten vorgezeichnet hatten; daher auch seine grimmigsten Feinde, als sie ihn bei dem Römischen Unterstatthalter als einen Empörer, der sich zum König der Juden habe aufwerfen wollen, anklagten, so wenig zum Beweis dieser Beschuldigung aufbringen konnten, daß jener sich zu wiederholten Malen von seiner Unschuld überzeugt erklärte. Indessen scheint doch, da er von dem bösen Willen der Priester und Pharisäer gegen ihn immer stärkere Proben erhielt, und den Ausgang leicht vorher sehen konnte, kurze Zeit vor seiner Hinrichtung der Gedanke in ihm lebendig geworden zu sein, daß zu Erfüllung alles dessen, was von ihm geweissagt sei, eine zweimalige Erscheinung auf Erden, und also, nachdem er die Verrichtungen der ersten vollbracht, noch eine zweite nötig sei, um auch das sichtbare Reich Gottes, nach gänzlicher Zerstörung des Reichs der bösen Geister, auf Erden aufzurichten. Hieraus erklären sich verschiedene seiner auffallendsten Reden in den letzten Tagen seines Lebens, und man begreift um so leichter, wie er wirklich geglaubt habe, daß ihn Gott von den Toten erwecken, und dann auch das übrige, was von ihm geschrieben stehe, an ihm erfüllen werde. Dieser Glaube erhielt seinen Mut in der letzten schweren Probe, worauf er gesetzt wurde. Er benahm sich vor dem großen Rat der Juden und im Richthause des Römischen Prokurators mit Würde, Klugheit und Standhaftigkeit, und ertrug die grausamsten Mißhandlungen mit bewundernswürdiger Geduld und Ergebung; denn auch diese waren von ihm geschrieben , auch diese mußte der Messias leiden, und dadurch eben machte er den Beweis, daß er der Messias sei, vollständig, wenn er sich dem Willen seines Vaters, der ihm diese Prüfung auferlegte, mit stillem Gehorsam untergab. Nur am Kreuz scheint ihn endlich, im Augenblick der äußersten Krafterschöpfung, dieser Glaube – nicht an Gott, sondern an sich selbst – verlassen zu haben; und wiewohl kurz darauf, da er den Augenblick der Trennung der Seele vom Leibe zu fühlen glaubte, sein schönes Verhältnis zu Gott als seinem Vater sich wieder herstellte, so läßt doch sein letztes Wort mehr auf unbedingte Hingebung, als auf Gewißheit, daß das, was wirklich erfolgte, erfolgen werde, schließen. Wie dem aber auch sei, so viel ist unleugbar, daß dieser Erfolg das ganze Schicksal des Christianism entschied. Wäre der Stifter desselben am Kreuze gestorben, ohne, nach seinem Versprechen, wieder aus dem Grabe aufzustehen, so würde sein angefangenes Werk, das nun durch andere fortgesetzt werden mußte, zugleich mit ihm gestorben sein, und in kurzem kaum eine Spur zurück gelassen haben. Seine Anhänger und Vertrauten hatten schon mit der letzten Katastrophe seines Lebens, nicht ihn zu lieben, aber an ihn zu glauben aufgehört. Sie hatten einen ganz andern Ausgang erwartet. – ›Wir hofften, (so läßt einer der Evangelisten sie selbst in ihrer Einfalt sagen) wir hofften, er wäre der, der unsre Nation in Freiheit setzen sollte; aber unsre Hohenpriester und Vorgesetzten haben ihn zum Tode verurteilt und gekreuziget.‹ – Alle ihre Hoffnungen und Aussichten, als seine nächsten Blutsfreunde und getreuen Anhänger ein glänzendes Glück in seinem Reiche zu machen, waren nun dahin; sie blieben nun was sie gewesen waren, arme verachtete Galiläische Fischersleute, auf die man spottend mit den Fingern wies, und die sich vor den Feinden ihres unglücklichen Meisters nicht sorgfältig genug verbergen konnten. Wie herzlich sie ihn auch betrauerten, seinen Kredit hatte er bei ihnen verloren; sein Tod am Kreuz hatte ihnen alle Nüchternheit des gemeinen Menschenverstandes wiedergegeben, die der gewöhnliche Zustand der Leute ihrer Gattung ist. Sie glaubten zwar nicht, daß er sie vorsätzlich habe täuschen wollen; aber sie glaubten, er habe sich selbst getäuscht; und daß er, nachdem es so weit mit ihm gekommen, vom Tode wieder auferstehen werde, kam ihnen so wenig in den Sinn, daß sie den Bericht der Weiber, denen der Auferstandene zuerst erschienen war, für Märlein hielten. Indessen war er wirklich auferstanden, und zwar – was zur vollen Wirkung des Wunders schlechterdings notwendig war – indem er selbst und jedermann gewiß zu sein glaubte, daß er gestorben sei. Die Folgen dieses außerordentlichen Ereignisses waren notwendig von der größten Wichtigkeit für ihn selbst und die Seinigen. Der erstorbene Glaube der Letztern an ihn lebte nicht nur, sobald sie sich überzeugt hatten, daß Er lebe , auf einmal wieder auf; er bekam nun eine Festigkeit und Stärke, die von keinem Zweifel mehr angefochten, von keinen Vernunftgründen geschwächt, von keiner Furcht, Verfolgung noch Marter überwältigt werden konnte. Nun erst waren sie gewiß, daß der, den Gott von den Toten erweckt hatte, wirklich der vorher verkündigte Messias und Gottes Sohn sei; und das herrliche unvergängliche Reich, das er stiften werde, wie gering auch noch der Anschein dazu war, stand schon vor ihren Augen da. Der Auferweckte (der ohne Zweifel die Kürze der Zeit, die er noch benutzen mußte, fühlte) eilte, sie zu dem Geschäfte, wozu er sie nun förmlich berief, vorzubereiten. Da er jetzt selbst über den Zweck seiner Sendung mehr als jemals im klaren war, benahm er ihnen (was er schon ehemals, wiewohl fruchtlos, getan hatte) ihre irrigen jüdischen Vorstellungen von dem Reiche Gottes, in welches sie nicht mehr die Juden allein, sondern alle Völker in seinem Namen einladen sollten; erklärte ihnen den Sinn der darauf bezogenen Weissagungen, und belehrte sie über die wahre Beschaffenheit dieses Reichs und seiner Bürger, ohne ihnen doch die Hoffnung einer sichtbaren Theokratie auf Erden, an welcher sie so stark hingen, zu benehmen, wiewohl er die Erfüllung derselben auf eine unbestimmte Zeit hinaus setzte. Man läßt ihn noch verschiedenes sagen, dessen Echtheit mir ziemlich verdächtig ist; aber das Wesentliche des Auftrags, den die so genannten Apostel von ihm erhielten, – alle Menschen zur Wiederkehr zu Gott, oder zur Buße und Sinnesänderung, zum Glauben an ihn als den Gesandten Gottes, und zu einem seiner Lehre gemäßen unsträflichen Leben zu rufen, und ihnen unter dieser Bedingung die Vergebung ihrer Sünden und die Teilnehmung an allen himmlischen und ewigen Gütern, wozu sie als Gottes Kinder berechtiget seien, anzukündigen, – stimmt mit dem Begriff, den ich dir von dem Eigentümlichen seiner Lehre und seines persönlichen Charakters gegeben habe, zu wohl überein, um einem Zweifel Raum zu lassen, daß sie diesen Auftrag nicht wirklich von ihm empfangen haben sollten. Dahin gehört auch, wie mich dünkt, die Gewalt, die er ihnen über die bösen Geister gab, die Macht durch den Glauben an ihn Wunder zu tun, und das Versprechen, ihnen seinen Geist zu senden und unsichtbar immer bei ihnen zu sein bis ans Ende der Welt.« Ich . »Ich bekenne unverhohlen, daß meine Philosophie sich an diese Begriffe, wenn es Begriffe sind, oder an diese Sprache, wenn es nur Sprache ist, nicht recht gewöhnen kann. Aber deine Meinung ist ja auch nur, mich mit den Christianern bekannt, nicht mich selbst zum Christianer zu machen, und diese Absicht ist bereits ziemlich erreicht.« Apollonius . »Daran sollt ich beinahe zweifeln; aber es wird sich geben, wenn wir erst zur Übersicht des Ganzen gelangt sind.« Ich . »Vorher erlaube mir nur Eine Frage. Was wurde aus dem Auferstandenen, nachdem er von den Seinigen Abschied genommen hatte?« Apollonius . »Das ist mehr als ich beantworten kann. Die gemeine Meinung der Christianer ist, er sei vor ihren Augen auf einer Wolke gen Himmel gefahren.« Ich . »In einer Ode laß ich das gelten; aber prosaisch von der Sache zu reden, –« Apollonius . »Gib dich zufrieden, daß ich nicht mehr davon weiß, als zwei Evangelienschreiber, die bei seinem Abschied zugegen waren, und weder dieser, noch irgend einer andern Art, wie er sich den Augen der Seinigen entzogen habe, mit einem Worte gedenken.« Ich . »Verzeih! Ich fühle daß meine Frage nicht zur Sache gehört. Weiß doch die Welt auch nicht, was aus Dir geworden sei, und trägt sich darüber mit den seltsamsten Sagen.« Apollonius . »Genug, sein Lauf war vollendet – und von Ihm hab ich dir nichts weiter zu sagen. Daß ich nur der Wahrheit Zeugnis gab, da ich sagte: › Er sei der Mann wirklich gewesen, der Ich zu sein scheinen wollte ‹, glaube ich hinlänglich dargetan zu haben. Laß uns nun sehen, wie es zuging, daß das Samenkorn, das er in die Erde legte, so schnell zu einem Baum empor wuchs. IV. Ich überlasse es deinem Herzen, Hegesias, dich etwas davon ahnen zu lassen, wie seinen vertrautern Anhängern, diesen gutmütigen, treuen, so ganz an ihm hängenden, und an den täglichen Umgang mit einem solchen Manne seit einigen Jahren gewöhnten Menschen, zu Mute war, und was in ihrem Innern vorging, als sie ihn nicht mehr sahen, nicht länger zweifeln konnten, daß sie nun von ihrem so herzlich geliebten Meister und Herrn – zwar nicht auf ewig, aber doch auf eine ungewisse, ihrem Gefühl nach immer sehr lange Zeit – geschieden seien.« Ich . »Ich habe einen guten Maßstab dazu in mir selbst, Apollonius. Ich darf mir nur vorstellen, wie mir an dem heutigen Abend zu Mute sein wird, wenn ich dich nicht mehr sehen, nicht mehr hören werde, – wiewohl heut erst der dritte Tag ist, da du mir den Zutritt zu dir vergönntest.« – Eine Träne trat mir in die Augen, indem ich dies sagte. Er drückte mir die Hand und fuhr fort. Apollonius . »Indessen war zwischen dem, was sie fühlten, da sie ihn am Kreuz verscheiden sahen, und was sie jetzt fühlten, nachdem er wieder vierzig Tage lang, als der auferstandene, wirklich lebende, und dadurch von Gott selbst (wie sie glaubten) unmittelbar bestätigte Messias, mit und unter ihnen gewesen war, ein himmelweiter Unterschied. Damals betrachteten sie sich als verstreute hülflose Schafe, die ihren Hirten verloren hatten: jetzt konnten sie nicht mehr zweifeln, daß er lebe und ewig leben werde. Sie waren nun gewiß, daß ihr Glaube an ihn sie nicht täuschen könne; er hatte sie mit seinem Geist angehaucht, ihnen zugesagt, daß er immer bei ihnen sein werde; sie fühlten seine Gegenwart; ihre Herzen brannten. Nie hatten sie ihn, da er ihren körperlichen Augen noch sichtbar war, so innig geliebt, nie so fest auf ihn vertraut als jetzt. Sie erinnerten einander nun an alles, was er getan und gesprochen hatte; und da sie immer beisammen waren, und an nichts anders dachten, von nichts anderm sprachen, die für sie so wichtigen wundervollen Begebenheiten der letztern Wochen und Tage immer vor ihren Augen standen, die letzten Worte, Aufträge und Verheißungen des scheidenden Gottessohns immer in ihrem Ohre klangen, was war natürlicher, als daß ihre mit so viel brennbarem Stoff angefüllten Seelen, von dem mächtigen Geist ihres Meisters angeweht, wie in einer einzigen Lohe aufwallten, und nun desto stärker und anhaltender brannten, je länger es gewährt hatte, bis sie in Feuer gesetzt worden waren? Diese vor kurzem noch so furchtsamen Menschen fühlten jetzt einen Mut in sich, den keine Gefahr, keine Drohung, keine Mißhandlung, die sie von den unversöhnlichen Feinden ihres Meisters zu erwarten hatten, schrecken konnte. Sie traten öffentlich als Zeugen seiner Auferstehung von den Toten mitten in Jerusalem auf, und predigten den Glauben an ihn, als den ihren Vätern geweissagten Messias, mit einer Kraft, Freudigkeit und Geistesfülle, die jedermann desto mehr in Erstaunen setzte, da man sie vorher als ungelehrte Handwerksleute gekannt hatte, und nicht begreifen konnte, wie sie, ohne übernatürliche Mittel, auf einmal zu einem so hohen Mut und zu solchen Geistesgaben gekommen wären; zumal da sie (wie ihre Geschichte sagt) ihre Predigt noch durch viele, im Namen des Auferstandnen verrichtete Zeichen und Wunder bekräftigten. Die Vorsteher der Juden benahmen sich hierbei, wie jede Obrigkeit in solchen Fällen zu tun pflegt: sie untersagten ihnen beides, das öffentliche Lehren und Wundertun, bei scharfer Strafe; aber vergebens. Die Apostel behaupteten, daß man Gott mehr gehorchen müsse als den Menschen, trieben ihr Amt nur mit desto größerm Eifer, duldeten die angedrohten körperlichen Züchtigungen mit heroischer Standhaftigkeit, und das Blut des Ersten, der für sein Zeugnis von dem Auferstandnen, nach jüdischer Weise, zu Tode gesteiniget wurde, ging in einer so reichen Saat von Neubekehrten und Gläubigen auf, daß die Gegner jetzt für klüger hielten, einen gelindern Weg einzuschlagen, und zu sehen, ob der vermeinte Fanatism, wenn man ihm etwas Luft ließe, nicht ruhiger brennen und sich desto eher in sich selbst verzehren werde. Aber weder Gelindigkeit noch Strenge vermochten etwas gegen den Geist des Glaubens, der diese Boten des Reichs Gottes beseelte. Es war ihnen versprochen worden, daß sie durch diesen Glauben die Welt überwinden, daß sie das unmöglich scheinende durch ihn möglich machen sollten; und der Erfolg rechtfertigte diese Zusage. In weniger als zwanzig Jahren hatte sich, durch den unermüdlichen Eifer der Apostel und ihrer Gehülfen, die neue Sekte der Nazaräer , die diese Benennung in der Folge mit dem edlern Namen Christianer vertauschten, durch ganz Palästina, Syrien, Asien, Macedonien und Achaja ausgebreitet. Sie bestand anfangs allein aus Juden , wurde aber in ziemlich kurzer Zeit durch die Bemühungen eines ehemaligen Pharisäers von Tarsus, der seinen Jüdischen Namen Saul klüglich in den Römischen Paulus verwandelt hatte, mit einer Menge Neubekehrter aus Griechen, Römern, und andern der alten Vielgötterei zugetanen Völkern vermehrt. Dieser Paulus war in verschiedenen Rücksichten ein merkwürdiger Mann. Er hatte sich aus einem grimmigen Verfolger der Christianer, kraft einer himmlischen Erscheinung, die er auf einer Reise nach Damask erhalten zu haben versicherte, zum Apostel aufgeworfen, aber auch (wie er sich selbst in einem Briefe an die Christianer zu Korinth rühmt) so viel und mehr zur Ausbreitung des Christentums beigetragen, als die andern alle. – Doch, ich darf mich nicht zu weit von meinem Zweck entfernen, und es würde dich und mich ermüden, wenn ich in die Geschichte der Pflanzung dieses Wunderbaums, der wahrscheinlich in einigen Jahrhunderten den ganzen Erdkreis überschatten wird, tiefer eingehen wollte. Es mag also an einigen wesentlichen und allgemeinem Betrachtungen genug sein, auf deren hinlänglichen Grund in der Geschichte der Christianer du dich verlassen kannst. Diejenigen, die sich wunderten, warum Christus ungebildete und ungelehrte Leute aus dem Volke zu Verkündigern seiner Lehre, und Zeugen der wunderbaren Tatsachen, die seine Sendung bestätigten, ausgewählt habe, sahen die ganze Sache des Christianism in einem sehr falschen Lichte. Der weise und mit einem seltnen Vermögen die Menschen richtig zu beurteilen und gleichsam zu divinieren begabte Stifter desselben wußte sehr wohl was er tat, da er zu einem Werke, das nur durch Glauben und Enthusiasm in den Gang gebracht werden konnte, und wobei vornehmlich auf das Volk, d. i. auf einfältige, kunstlose, durch sinnliche Vorstellungen und dunkle Gefühle regierte Menschen, gewirkt werden mußte, Leute ihres Standes und ihrer Art, aber gleichwohl in dieser Art nicht gemeine Menschen, zu Werkzeugen erwählte. Es kam hier nicht auf große Kenntnisse und Einsichten, Subtilität des Verstandes, oder künstliche Beredsamkeit, sondern auf Stärke der eigenen Überzeugung, auf unbewegliche Festigkeit und Beharrlichkeit bei der einmal gefaßten Entschließung, auf einen Mut, der keine Schwierigkeiten berechnet, in der Ausführung, und am allermeisten auf die leidenschaftliche Anhänglichkeit an seine Person, an; und in diesen Rücksichten hätte er seine Leute nicht besser wählen können. Die Sache kam ohnehin bald genug, und nur zu bald für die Erhaltung ihrer ersten Lauterkeit, in die Hände gelehrter, feinerer und planmäßig verfahrender Köpfe. Es bedarf, um die größten Veränderungen im Zustande der Welt hervorzubringen, nur weniger Ideen, die in beschränkten aber kraftvollen Menschen lebendig und herrschend werden. Diese wenigen Ideen brauchen nicht einmal deutlich und bestimmt zu sein; im Gegenteil, sie wirken nur desto gewaltiger, je verworrener sie sind; ja, in kurzem wirken die bloßen Zeichen derselben, Worte oder symbolische Bilder, in welche jeder so viel selbstbeliebige Bedeutung legen kann als er will, stärker als die Ideen selbst. Was kann einfacher sein als die Lehre der ersten Christianer, wie ich sie gestern in wenige Sätze zusammen faßte? Aber daß es keine kalten leeren Begriffe waren, daß der Glaube, der sie umfaßte, ihnen Geist, Kraft und Leben gab, das wars, wodurch er so große Dinge tat. Die Erstlinge, die durch den Dienst der Apostel zu diesem Glauben gebracht wurden, waren, wie gesagt, Juden , die dadurch keineswegs der Religion ihrer Väter zu entsagen gemeint waren, und sich von den übrigen ihres Volkes nur dadurch unterschieden, daß der Messias, den die andern noch erwarteten, für sie schon gekommen war. Da sie aber von der herrschenden Partei als eine irrgläubige Sekte betrachtet, und, weil sie standhaft auf ihrem Glauben an den Auferstandnen beharreten, von aller Gemeinschaft mit den Rechtgläubigen, die sich im Besitz des Tempels, der Schulen und des Synedrions befanden, ausgeschlossen wurden: so war es eine ganz natürliche Folge dieser unpolitischen Maßregel, daß sie dadurch desto enger zusammen gedrängt, und eine besondere Gesellschaft, gleichsam einen kleinen Christlichen Staat in dem herrschenden Jüdischen, auszumachen genötigt wurden. Diese neue Gemeine zeichnete sich durch eine Einmütigkeit des Geistes und Sinnes und einen Grad von Eintracht, Liebe und Unsträflichkeit der Sitten aus, wovon die Welt, außer unsern alten Pythagoräern, vielleicht noch kein Beispiel gesehen hatte. Sie waren, nach dem schönen Ausdruck eines ihrer Geschichtschreiber, Ein Herz und Eine Seele . Durch den feurigsten Glauben an den gekreuzigten und wieder auferstandenen Gottgesandten, durch wetteiferndes Bestreben, seine Gesinnungen zu den ihrigen, sein Leben zum Vorbild ihres Tuns und Lassens zu machen, und durch die hoffnungsvolle Sehnsucht nach seiner glorreichen Wiederkunft aufs innigste vereiniget, die ersten Genossen seines himmlischen Reichs auf der Erde, betrachteten sie sich selbst als die Heiligen und Auserwählten Gottes , die mit den unreinen Kindern der Welt so wenig als möglich gemein haben dürften. Sie unterwarfen sich den Aposteln , als sichtbaren Stellvertretern ihres unsichtbaren Herrn , mit kindlicher Ehrfurcht und unbeschränktem Vertrauen: unter sich aber waren alle gleich , alle Brüder und Schwestern in Christus . Vermöge dieses Geistes einer vollkommenen Gleichheit, und um so mehr, da ihre Existenz zu Jerusalem von der momentanen, wenig zuverlässigen Duldsamkeit der Jüdischen Priester und Vorgesetzten abhing, verkauften die Begüterten unter ihnen alle ihre Habe, und legten das Geld zu den Füßen der Apostel in eine gemeinschaftliche Kasse, zu welcher jedes Glied der Gemeine seinen Erwerb oder sein Vermögen beitrug, und woraus er und die Seinigen mit allem Notwendigen versehen wurden, so daß keines von ihnen Mangel hatte oder für den andern Morgen zu sorgen brauchte. Diese Einrichtung konnte zwar, aus leicht in die Augen fallenden Ursachen, von keiner langen Dauer sein: aber der Gemeingeist und Brudersinn , der ihr zum Grunde lag, erhielt sich, wiewohl sein Quell nach und nach immer trüber floß, bis auf diesen Tag, und wird sich auch so lang' erhalten, bis diese unvermerkt immer zahlreicher und mächtiger werdende Sekte die Alleinherrschaft, auf welche alle ihre Bestrebungen gerichtet sind, auf die eine oder andere Art endlich errungen haben wird. Unstreitig war ein so seltner und von dem herrschenden Egoism unsrer Zeit so stark abstechender Gemeingeist eine der wirksamsten Ursachen der so schnellen Vermehrung der Christianer. Wer wollte nicht in eine zahlreiche Gesellschaft zu treten wünschen, deren Glieder in jedem Fall auf die tätigste Unterstützung von allen übrigen rechnen dürfen? Es kommen aber noch verschiedene andere hinzu, wovon ich nur die hauptsächlichsten berühren will. Erstens: alle weichen, gutartigen, von der Ansteckung der herrschenden Verderbnis frei gebliebenen, und zu einer gewissen herzerhebenden Schwärmerei geneigten Seelen, zumal unter dem zärtern Geschlecht, sind, so zu sagen, als natürliche Kandidaten des Christentums zu betrachten, und werden schon durch den bloßen Anblick der Liebe und Eintracht, der Gemütsruhe, der guten Ordnung und Zucht, und der stillen unscheinbaren, aber beglückenden häuslichen Tugenden, die unter den Christianern herrschen, für diese guten Menschen, und folglich auch für den Glauben, der sie dazu macht, eingenommen und gewonnen. Zweitens: auf der andern Seite finden sich auch unter denen, die der Welt bis zum Überdruß genossen haben, oder die von ihr verlassen worden sind, so wie unter der Menge von großen Sündern, die von ihrem erwachten Gewissen schwer gedrückt und geängstiget werden, manche, denen das Asyl, das ihnen hier aufgetan wird, – die Hoffnung von allen ihren Sünden rein gewaschen und sogar in die Gemeine der Heiligen aufgenommen zu werden – um so willkommener ist, da die Eleusinischen und andere Mysterien, wo diese Bequemlichkeit sonst auch zu haben war, ihren Kredit immer mehr und mehr verlieren. Drittens: die Religion, die in gewissem Sinne der Menschheit überhaupt unentbehrlich ist, wird insonderheit für gewisse Gattungen von Menschen, in irgend einer Epoke des Lebens, ein dringendes Bedürfnis der Einbildungskraft und des Herzens . Aber dann ist ihnen auch mit einer Religion, die in bloßen religiösen Gebräuchen und Festivitäten besteht, und deren Ansehen sich bloß auf ein hohes Altertum gründet, wenig gedient. Sie verlangen eine Religion, die in Geist und Herz eingreift, die auf beide wohltätig wirkt, die dem Niedergeschlagenen aufhilft, den Betrübten tröstet, den Schwachen stärkt, den Leidenden erquickt. Wer sich in diesem Falle befindet, wird natürlicher Weise eine neue Religion, die alles dies verspricht und hält , einer alten vorziehen, die nur noch ein leeres Phantom ohne Geist und Leben ist, und weder den Kopf noch das Herz befriediget. Ich sagte dir vorhin, der erste Stifter des Christentums scheine die Absicht nicht gehabt zu haben, der Urheber einer neuen Religion , in der gewöhnlichen Bedeutung dieses Wortes, zu sein. Allein so bald sein Institut von den Juden zu den übrigen Völkern überging, mußte es nun gewisser Maßen für das besondere Bedürfnis der letztern eingerichtet werden, und, da es mit der alten Vielgötterei nicht wohl bestehen konnte, notwendig die Gestalt einer neuen Religion annehmen, die an die Stelle der alten träte, und das alles wirklich leistete, was jene durch eitle Täuschungen vergebens zu bewirken gesucht hatte. Diese Notwendigkeit scheinen die Vorsteher der Christianer immer mehr einzusehen, und ihre ganze Verfassung darnach einzurichten. Was im Geiste des ersten Stifters bloße reine Angelegenheit des Herzens war, gewinnt nun unvermerkt eine Form , in der ich bereits die ganze Anlage zu künftigen Tempeln und Altären , zu Priestern und Opfern , zu einem öffentlichen Gottesdienste , der unsern Griechischen und Römischen an Pracht, und zu einer Priesterherrschaft , welche die alte jüdische an Furchtbarkeit hinter sich zurück lassen, ja sogar zu einer neuen Art von Mythologie und von Dämonism , unter welchem der Geist und das Wesen des ersten Instituts endlich erdrückt werden wird, erblicke. Schon jetzt haben die Christianer sich zu einer geheimen Gesellschaft, die ihre exoterische und esoterische Lehre hat, gebildet; schon jetzt haben sie ihre Mysterien , die kein profanes Auge entweihen darf; und indem sie von den unsern, als von Erfindungen der bösen Geister, mit Verachtung und Abscheu sprechen, finden ihre Vorsteher es doch (um dem Reiche Gottes desto mehr Untertanen zu gewinnen) wohl getan, die Formen und die Sprache des geheimen Gottesdienstes zu Eleusis auf die feierliche Begehung einer gewissen, von ihrem Meister kurz vor seinem Tode zu seinem Andenken gestifteten symbolischen Handlung, anzuwenden. ›Sie allein sind im Besitz des wahren Lichts und des wahren Mittels die Seelen zu reinigen ; auch sie haben ihre unaussprechlichen Worte ; und was der Hierophant zu Eleusis seinen Eingeweihten betrüglicher Weise verspricht, ein frohes Gemüt im Leben , und Hoffnung eines bessern im Tode , davon können sie allein den ihrigen die vollständigste Gewißheit geben.‹ – Wie stolz und anmaßend auch diese Behauptungen der Christlichen Hierophanten klingen, so gründen sie sich auf das Bewußtsein ihrer guten Sache, und es ist nicht zu leugnen, daß in dieser Rücksicht der Vorteil ganz auf ihrer Seite ist. Zu allem diesem kommt noch eine Art von innerer Polizei , wodurch ihre Gemeinen, und (vermöge der engen Verbindung, worin sie mit einander stehen) das ganze Christianische Wesen, als Ein Leib , der von Einem Geiste regiert wird, so zu sagen einen besondern Staat im Staate ausmachen, der entweder von diesem noch in Zeiten unterdrückt werden muß, oder ihn selbst zuletzt verschlingen wird. Die Diener ihrer Gemeinen sind in verschiedene Klassen abgeteilt, und die so genannten Aufseher haben sich, als Stellvertreter der Apostel, bereits eine Art von obrigkeitlichem Ansehen zu verschaffen gewußt, welches sich mit dem Wachstum der Gemeinen natürlicher Weise immer weiter ausdehnen wird. Einen Glaubensgenossen, oder, nach ihrer Art zu reden, einen Bruder , vor die ordentliche Römische oder von Römern angeordnete Obrigkeit zu ziehen, ist eines der größten Verbrechen in ihren Augen. Ihre Vorsteher schlichten nicht nur alle unter ihnen über streitige Rechtsfragen, wiewohl selten vorfallende Händel, sondern üben auch ein sehr scharfes Zensur- und Strafamt über ihre Untergebenen aus; und da alle Verbrechen, die etwa in ihrem Mittel begangen werden, zu Vermeidung des Skandals (wie sie es nennen) mit der äußersten Sorgfalt verheimlicht und dem Auge des gesetzmäßigen Richters entzogen werden, so leuchtet die Unschuld und Unsträflichkeit der Christianer, in Vergleichung mit den Anhängern der alten Religion, welche noch die ungleich größere Mehrheit ausmachen, um so viel stärker hervor, erhält sich immer in ihrem alten Ruf, und erwirbt ihnen unter dem bessern Teile des Volks immer neue Anhänger. Was dieser, auf möglichste Unabhängigkeit vom Staat abzweckenden, obgleich bis jetzt noch unschuldigen Verfassung die Krone aufsetzt, ist die Einrichtung, vermöge deren jede Gemeine, die nicht etwa ihrer Armut oder zufälliger Umstände wegen selbst Unterstützung bedarf, eine mehr oder weniger reiche Gemein-Kasse besitzt, die mit der größten Gewissenhaftigkeit verwaltet, und zu allen Arten von Liebeswerken (wie sie es nennen), zu Unterstützung armer Witwen, Erziehung verlaßner Waisen, Verpflegung dürftiger oder zu Arbeit unvermögender alter Leute, kranker, gefangener, oder vertriebener Brüder und Schwestern, u. dergl. auch im Notfall zu Handreichung an andre notleidende Brüder-Gemeinen, verwendet wird. Da es nichts seltnes ist, daß begüterte Christianer (deren Anzahl immer zunimmt) ihr ganzes Vermögen, oder doch einen beträchtlichen Teil, diesem heiligen Gemeinschatz schenken, so ist leicht zu sehen, daß diese ökonomische Einrichtung für die Fortdauer und den immer steigenden Flor eines so wohl organisierten, höchst moralischen kleinen Staats in dem äußerst unmoralischen großen Staate mit der Zeit wichtig werden kann. V. Dies, lieber Hegesias, ist das Wesentlichste, was ich von dem Ursprung und der innern Verfassung der Christianer bisher zu erfahren Gelegenheit hatte. Wie viel auch zur Vollständigkeit daran fehlen mag, so ist es doch mehr als hinlänglich, dir zu zeigen, wie sehr sie sich von allen übrigen Menschen, die in ihrer Sprache verachtungsweise unter dem Namen Welt begriffen werden, unterscheiden. Denn du wirst aus meiner Erzählung bemerkt haben, daß sie für alles, was an ihnen charakteristisch ist, entweder neue Wörter oder neue Bedeutungen der alten erfunden, und sich überhaupt an eine Menge sonderbarer figürlicher Redensarten gewöhnt haben, welche zusammen genommen eine eigene Sprache ausmachen, die den Profanen ohne einen besondern Schlüssel unverständlich ist, und weit mehr, als man meinen sollte, zur Befestigung und Ausbreitung ihrer Sekte beiträgt. Und nun sage mir, was meinst du, was, bei so bewandten Sachen, aus diesen Leuten werden, oder (um mich in ihrer Manier auszudrücken) was dieser Baum für Früchte bringen wird?« Ich . »Wenn du selbst, ehrwürdiger Apollonius, mir deine Meinung davon nicht bereits zu erkennen gegeben hättest, so würde ich sagen, daß ich wenig oder nichts von ihnen erwarte. Da sie im Lauf von sechzig Jahren, ohne es selbst zu merken, schon so weit von dem Pfade ihres ersten Führers abgekommen sind, wie weit werden sie sich erst in fünf oder sechs Generationen von ihm verirret haben! Je zahlreicher die Sekte wird, desto mehr muß die Einfalt und Lauterkeit ihrer ersten Glieder abnehmen; je mehr ihr Institut an Form gewinnt, desto weniger wird es von dem Geiste des Urhebers übrig behalten. Formulare, Symbole und Gebräuche abgerechnet, werden ihre Nachkommen unvermerkt wieder werden wie andere Menschen, und in weniger als zweihundert Jahren dürfte leicht von den ersten Christianern nichts als der Name übrig sein. So , dünkt mich, bringt es die Natur der Sache, oder vielmehr die menschliche Natur mit sich, die über jedes ihr entgegen strebendes Institut mit der Zeit immer die Oberhand behält. Wenn also unsre Priester und Obrigkeiten nur so weise sind, von diesen guten frommen Schwärmern und ihren harmlosen theurgischen Mysterien keine Kenntnis zu nehmen – was von der natürlichen Toleranz des Polytheism billig zu erwarten ist –, so müßte, sollt ich denken, auch diese Schwärmerei das Schicksal aller übrigen haben, und man wird von den Christianern in vierzig bis funfzig Olympiaden nicht mehr reden hören, als von den Orphikern oder den ehemaligen Therapeuten in Ägypten, deren Institut mir (im Vorbeigehen zu sagen) dem Christianischen so ähnlich scheint, daß es ihm wohl gar zum Muster gedient haben könnte. Aber, wie gesagt, in diesem, wie in allem andern, wird dein Urteil mir immer mehr gelten als mein eigenes.« Apollonius . »Nicht so, Freund Hegesias! Die menschlichen Dinge können und sollen von mehr als Einer Seite betrachtet werden. Es ist, denke ich, viel Wahres in der Vorstellung, die du dir von der zunehmenden Abartung der Christianer machst; nur die Folgerung, die du daraus ziehst, scheint mir unrichtig zu sein. Höre die Gründe, warum ich über diesen Punkt anders denke. Ohne Zweifel kam die Gleichgültigkeit des Polytheism gegen alle Arten von Religionen, die sich mit ihm vertragen, anfangs den Christianern sehr zustatten, und würde ihnen noch ferner zum Schirme dienen, wenn sie nicht die Obrigkeit durch ihren Ungehorsam gegen das Verbot geheimer Zusammenkünfte, und die Priester durch ihre Unduldsamkeit gegen den noch herrschenden Götterdienst, wider sich aufreizten, und sich dadurch von Zeit zu Zeit wohl verdiente Bestrafungen zuzögen, die in ihrer Sprache Verfolgungen heißen, aber, im Ganzen genommen, bisher von geringer Bedeutung und noch geringerer Wirkung gewesen sind. Indessen ist nicht zu leugnen, daß gewöhnlich allenthalben, wo die kaiserlichen Befehlshaber und Beamten so klug und menschlich sind, durch die Finger zu sehen, und die Angeber vielmehr abzuschrecken als zu begünstigen, auch die Christianer an ihrem Teile sich ziemlich ruhig zu verhalten pflegen, und, nach dem weisen Rat ihres Meisters, Schlangenklugheit mit Taubeneinfalt zu paaren suchen. Auf der andern Seite ist mehr als wahrscheinlich, daß die Halcyonischen Tage , die das bevorstehende Jahrhundert unter der Regierung Trajans und seiner ersten Nachfolger zu erwarten hat, der Ausbreitung dieser neuen Religion (die aus den vorangeführten Ursachen notwendig immer schneller und weiter um sich greifen muß) günstig sein werden. Aber die Unbeständigkeit der menschlichen Dinge wird, in längerer oder kürzerer Frist, wieder Tyrannen, oder schwache, wollüstige und der Weltregierung nicht gewachsne Fürsten auf den Thron der Cäsarn setzen. Das ungeheure Römerreich nähert sich unvermerkt seinem Verfall, und muß zuletzt unter seiner eigenen Last zusammen stürzen. Glaubst du, daß die Christianer, die indessen zu mehrern Millionen angewachsen sind, müßige Zuschauer dabei abgeben werden? Ich glaub es nicht . Ihre Religion, die, je weiter sie sich von dem milden, humanen Enthusiasm des Stifters entfernt, desto mehr von dem ausschließlichen unduldsamen Fanatism des alten Judentums in sich aufnimmt, wird ihnen dann zugleich das Ziel ihrer Bestrebungen zeigen, und die Mittel es zu erreichen in die Hand geben. Der Christ (so sagen sie schon jetzt) ist in die Welt gekommen, die Feinde Gottes, die bösen Geister, die sich von den betörten Menschen auf dem ganzen Erdboden als Götter anbeten lassen, zu bekämpfen, ihre Werke zu zerstören; und das Reich Gottes und seines Gesandten auf den Trümmern des ihrigen zu errichten. Jeder, der sich zu ihm bekennt, ist ein Kämpfer in diesem heiligen Kriege. Glücklich, wer die Zeit des Triumphs erleben wird; noch glücklicher, wer sein Leben für die Sache Gottes aufopfert. Der Krieg, in den sie angeworben sind, ist ein Vertilgungskrieg , und muß sich also, da der Allmächtige auf ihrer Seite ist, oder vielmehr seine eigene Sache durch sie führt, notwendig mit dem Untergang seiner Feinde endigen. Heißt dies, in unsre Sprache übersetzt , etwas anders als: die Christianer dürfen und werden nicht eher ruhen, bis ihre Religion die allein herrschende ist, und den Polytheism gänzlich verschlungen hat? – Aber wie könnte dies jemals geschehen, so lange die Abgötter im Besitz der höchsten Gewalt im Staate bleiben, die Gesetze den Götzendienst und seine Priester mit ihrer ganzen Macht schützen, und der Kaiser selbst der oberste Priester Jupiters ist? – Die höchste Gewalt muß also über lang oder kurz, es koste was es wolle, in die Hände der Christianer gespielt werden, – und, glaube mir, Hegesias, so wenig es auch jetzt noch das Ansehen hat, daß sie mit so großen Dingen umgehen, dies ist schon jetzt das wahre Geheimnis , das eigentliche unaussprechliche Wort ihrer Mystagogen , deren große Mehrheit, bei aller ihrer anscheinenden Demut, und bei aller Verachtung der irdischen Dinge, mit welcher sie jetzt ihren Stolz befriedigen, die Zeit kaum erwarten kann, da der Triumph ihrer Partei sie in den Besitz des Ansehens, der Einkünfte und der reichen Tempelgüter unsrer Priester setzen wird. Diese Zeit wird kommen, Hegesias; ich sehe sie im Geist; ich glaube sogar einen Teil der Umstände, welche sie herbei führen werden, vorher zu sehen: und wenn ich mich auch hierin täuschte, in dem Haupterfolg kann ich mich nicht täuschen; dafür bürgt mir der mächtige Genius, der das Christentum gegen seine Feinde und Freunde schützt, der es nie unterliegen lassen, sondern gerade dann, wenn es seinem Untergang am nächsten zu sein scheint, gleich seinem Stifter wieder erwecken, und in reinerm Glanz als jemals über die Menschheit, die es zu veredeln und zu beglücken bestimmt ist, aufgehen lassen wird. Aber durch wie viele Veränderungen, Umwandlungen, Verbildungen und Entweihungen, durch welche Stürme, Gefahren, Erschütterungen und Katastrophen wird es gehen, bis es seine ganze Bestimmung erfüllt hat, wenn es anders in der unendlichen Folge der Zeiten einen solchen Punkt gibt! Von wie vielem Unheil und Jammer, von welchen Verbrechen und Greueln wird es bald die Veranlassung, bald der Vorwand, bald der Deckmantel sein! Wie oft wird der Kurzsichtige sein wohltätiges Licht von der dicksten Finsternis verschlungen sehen! Wie tief wird es oft unter sich selbst herunter gesunken zu sein, und seinen großen Zweck gänzlich verfehlt zu haben scheinen! Es war (wie du sehr richtig bemerkt hast) unmöglich, daß der ursprüngliche Geist des Christianism, indem er von Christus selbst in seine unmittelbaren Anhänger, von diesen in die ersten Gemeinen, und so immer weiter von den Juden zu den polytheistischen Völkern, und von der ersten Generation zur zweiten und dritten überging, nicht unvermerkt von seiner Lauterkeit hätte verlieren sollen. Das Göttlichste wird menschlich, sobald es sich Menschen mitteilt; und die aufrichtigste Sinnesänderung kann einen verderbten Menschen nicht so gänzlich umschaffen, daß nicht eine Anlage zu neuer Verderbnis übrig bleibe. Es war leicht, zu einem neubekehrten Syrer, Asiaten, Griechen, Römer, Gallier usw. und, unter allen diesen so verschiedenen Völkern, zu einem Sklaven, Freigelaßnen, oder Freigebornen von niedrigeren oder höherm Stande, schlechter oder besser erzogen, mehr oder weniger gebildet oder verbildet, mit mehr oder weniger natürlicher Anlage zu einer edlen Sinnesart, mit mehr oder minder hartnäckigen Vorurteilen und bösen Gewohnheiten behaftet, – es war ein leichtes, zu allen diesen so ungleichartigen Menschen zu sagen: › Seid gesinnt wie Christus gesinnt war .‹ Um gesinnt zu sein wie Er , müßte man er selbst sein. Wer es unternahm, seinen göttlichen Sinn, seine einfältig erhabene Theosophie, seinen Glauben, seine Liebe, seine reinen anspruchlosen Tugenden in solche Menschen zu verpflanzen, glich einem Gärtner, der die Früchte eines reichen Bodens und einer glühenden Sonne unter einem kalten Himmel in einem undankbaren Boden erziehen will: sie werden gar bald aus der Art schlagen, und, wo es auch am besten gelingt, doch nie zu der Güte und Vollkommenheit derjenigen gelangen, die in ihrem angebornen Klima reiften; sie werden diesen mehr oder weniger an Gestalt, Farbe, Geruch und Geschmack ähneln, aber an Geist und Kraft immer weit unter ihnen bleiben. – Doch dabei wollen wir uns, da es Natur der Sache ist, nicht länger aufhalten. Die Umgestaltung des primitiven Christentums zu einer ausschließlich herrschenden Volks- und Staatsreligion wird noch besondere , zuvor unbekannte Übel teils herbei führen, teils zur Begleitung haben, die mir für eine Reihe künftiger Jahrhunderte eine traurige Aussicht geben. Das menschliche Geschlecht, zu dessen Befreiung Christus erschienen war, wird von seinen vorgeblichen Bevollmächtigten in neue Fesseln geschlagen werden. Statt des Lichts , das über die Welt aufgehen sollte, wird sich eine fast allgemeine langwierige Finsternis über sie verbreiten, und statt der Humanität , zu welcher die ausgearteten Menschen gleichsam wiedergeboren werden sollten, werden sie in eine noch größere Barbarei und Verwilderung zurück fallen, als die, woraus unsre alten Gesetzgeber unsre Voreltern gezogen haben. Aber gegen alle diese Übel trägt das Christentum auch Heilkräfte in seinem Schoße, die immer, so oft es Zeit sein wird, ihre Wirkung tun, und das, was ich von der wohltätigen Tendenz und unzerstörbaren Natur desselben gesagt habe, rechtfertigen werden. Ich hätte Tage lang zu reden, wenn ich dir hierüber alles sagen wollte, was mich ein durch so lange Beobachtung der menschlichen Dinge geschärftes Divinationsvermögen mit einer Art von Gewißheit voraus sehen läßt. Es sei also zur Probe an folgendem genug. Ich sagte, Christus habe keine vollständige Vorschrift dessen, was seine Nachfolger für wahr anzunehmen hätten, kein eigentliches Glaubensformular hinterlassen. Alles war bei ihm praktisch, nichts Spekulation: es kam darauf an, den Willen des Vaters, den er als bekannt voraussetzte, wirklich zu tun ; Gott über alles, die Menschen als sich selbst zu lieben; nicht spitzfindige Untersuchungen über das Wesen Gottes und über den ersten Grund und die äußersten Grenzen des Rechts und der Pflicht anzustellen. Von diesem Wege haben die Christianer ziemlich bald angefangen sich zu entfernen, und ich höre, daß sie sich wegen Verschiedenheit der Meinungen über Dinge, worüber vernünftige Menschen gar keine Meinung haben, bereits in mehrere Sekten gespaltet haben, die einander wechselsweise für irrgläubig erklären, und mit großer Bitterkeit verdammen und verfolgen. Einige von ihnen, die sich, weil sie von den übersinnlichen und göttlichen Dingen mehr als andre wissen wollen, Gnostiker nennen, haben bereits die Fragen, was Christus eigentlich sei? wie und in wie fern er Gottes Sohn sei? ob nur der erste unter den Erschaffnen, oder wirklicher Gott? usw. auf eine Art zur Sprache gebracht, die leicht voraus sehen läßt, daß die Streitigkeiten und Spaltungen, welche sich über diese und eine Menge ähnlicher Fragen, wozu es ihnen an Stoff nicht fehlt, erheben werden, nicht eher aufhören können, bis eine große Staatsrevolution die höchste Gewalt in die Hände der Christianer gelegt, und eine der streitenden Parteien es in ihre Macht bekommen haben wird, die übrigen mit Hülfe des weltlichen Arms zu unterdrücken. Je mehr Anhänger das Christentum unter den subtilen, von Alters her sophistischen und disputiersüchtigen Griechen gewinnt, desto mehr wird dieser vorwitzige Geist der Spekulation über unbestimmbare und unbegreifliche Dinge, die Wut recht zu behalten, und die Anmaßung andere zu unsrer Meinung zu nötigen, unter diesen Leuten überhand nehmen, so daß die Bruderliebe unter dem Gezänk über die Glaubenslehren oft sehr ins Gedränge kommen wird. Denn das schlimmste ist, daß sie – aus Verwirrung dessen, was ihr Stifter bei dem Worte Glauben dachte, mit dem Begriff, den sie damit verbinden – jeden Irrtum in Glaubenssachen für verdammlich , und die Beharrlichkeit bei einer Überzeugung, die ihnen irrig scheint, für ein sakrilegisches Verbrechen erklären, welches sie, sobald sie die Macht dazu haben, aufs strengste zu bestrafen nicht ermangeln werden. Das Unheil, das durch diese schwerlich jemals beizulegenden Fehden zwischen Rechtgläubigkeit und Irrgläubigkeit dereinst über die Christliche Welt kommen wird, ist unübersehbar. Je größer die Autorität ihrer Aufseher und Lehrer alsdann sein wird, desto schrecklicher wird diese bisher nie gekannte Pest wüten; und wenn dann noch vollends schwachsinnige oder tyrannische Fürsten auf den unglücklichen Einfall kommen sollten, sich in diese heillosen Händel zu mischen und Partei zu nehmen, so würde man nur zu oft, um einer spitzfindigen Distinktion , oder um eines beiden Parteien unverständlichen Wortes willen, Ströme Bluts fließen, und blühende Städte und Provinzen, von heiligen Bürgerkriegen verheert, Gott und seinem Christ zu Ehren in Einöden verwandelt sehen. Ich wünsche, daß meine Phantasie diese Greuel der Zukunft um vieles übertrieben haben möge: aber ich sehe nur zu große Ursache das Gegenteil zu besorgen, wenn ich bedenke, zu welchem Grade von Ansehen, Einfluß und Macht die künftige Priesterschaft der Christianer sich empor zu schwingen wissen wird. Denn, glaube mir, Priester werden sie haben, wie sie Tempel haben werden; wiewohl weder diese noch jene dem Sinn und Zweck ihres Meisters gemäß sind. Die ganze Anlage zu einer künftigen Hierarchie ist bereits in den verschiedenen Abstufungen der gegenwärtigen Vorsteher und Diener ihrer Ekklesien sichtbar. Schon jetzt ist die Ehrfurcht vor den Aufsehern ( Episkopen ), und der Glaube an die Heiligkeit, Unfehlbarkeit und geistliche Gewalt dieser vermeinten Stellvertreter des Herrn beinahe grenzenlos. Was wird erst werden, wenn unter einem zum Christentum sich bekennenden Autokrator die allgemeine Ekklesia über das Reich der Dämonen (die alte Religion und ihre Anhänger) triumphiert haben wird? Sollten sie sich wohl alsdann, wenn die Umstände ihnen nur einiger Maßen günstig sind, an den Schlüsseln des Himmelreichs , die ihnen (ihrem Vorgeben nach) anvertraut sind, genügen lassen, und sich derselben nicht vielmehr, zu größrer Ehre Gottes , klüglich zu bedienen wissen, um, so viel möglich, alle Gewalt im Himmel und auf Erden an sich zu ziehen? – Wenn du den Priestergeist kennst, so denke hiervon – was du kannst: so viel bleibt immer gewiß, daß, das alte Ägyptische und Jüdische Priestertum ausgenommen, kein anderes, zu einem so hohen Ziel zu gelangen, größere Vorteile in Händen gehabt hat, als das Christliche. Denke dir nun noch, zu allem Überfluß, einen Kaiser, der die Unterstützung der Christianer gegen eine noch nicht ganz unterdrückte Gegenpartei nötig hat, oder vor Verlangen brennt, ihnen seine Dankbarkeit für bereits geleistete treue Dienste zu zeigen, und sie – zu noch größern aufzumuntern; oder einen andern Fürsten, der für nötig hält, der Macht der Großen seines Reichs durch Vergrößerung des Ansehens und der Einkünfte des Priestertums ein Gegengewicht zu geben: so wirst du um so leichter begreifen, wie es möglich wäre, daß die künftigen Nachfolger dieser Aufseher , die gegenwärtig noch eine sehr demütige Rolle spielen und nur für die Diener der Diener Gottes angesehen sein wollen, dereinst eine sehr vornehme Figur in dieser von den Christianern jetzt so sehr verachteten und mit Füßen getretenen Welt machen könnten. Doch sie bedürfen solcher günstigen Zufälle von außen nicht einmal; ihre geistliche Gewalt, der goldene Schlüssel des Himmels und der eiserne der Hölle, die in ihren Händen sind, die Macht Sünden zu vergeben oder vorzubehalten , das Recht zu entscheiden was man glauben soll und lehren darf, die unumschränkteste Herrschaft über den Verstand und die Gemüter der Gläubigen, das Recht die Vernunft schweigen zu heißen, und ihre Entscheidungen dem Gewissen selbst bei Strafe zeitlicher und ewiger Verdammnis aufzudrängen, – wahrlich, wer im Besitz einer solchen Macht steht, – einer Macht, die ihm durch alles was dem Volke heilig ist garantiert wird, und die ihm der größte Monarch sogar nicht streitig zu machen wagt, – der kann was er will, und man ist ihm noch Preis und Dank schuldig, wenn er sich seiner Übermacht mit einiger Mäßigung bedient. Sollte es wohl in der menschlichen Natur sein, wenn man das Ziel so nahe vor sich sieht, freiwillig stehen zu bleiben? Ich denke, nein. Mein Genius müßte mich sehr betrügen, oder die Priester der Christianer werden unsern Nachkommen dereinst etwas zeigen, was die Welt noch nie gesehen hat: – einen Priester , der gleichsam der sichtbare Gott auf Erden ist; vor dem alle Völker mit ihren Fürsten die Kniee beugen; der sich, kraft seines Oberpriestertums, der wirklichen Oberherrschaft über den Erdboden und den Ozean (was in gewissem Sinne mehr sagt, als im Himmel und auf Erden ) anmaßt, und dem sie, wenigstens von einem großen Teile des menschlichen Geschlechts, zugestanden wird; der Könige einsetzt und absetzt, große Reiche nimmt und gibt wem er will; kurz, und um alles auf einmal zu sagen, der sogar über seine geistlichen Brüder und Söhne, die übrigen Aufseher und Priester, eine eben so unumschränkte Gewalt ausübt, als über die gemeinen Menschen. Sollte mich meine Einbildungskraft auch hierin über die Grenzen des Möglichen führen? Das wolle der Himmel! Denn in Wahrheit, wenn ich recht diviniere, so stehen der Menschheit von dieser Christlichen Theokratie – die gewiß das Reich Gottes nicht ist – unbeschreibliche Übel aller Art bevor. Eine so grenzenlose Macht, eine so übermenschliche Würde kann kein Sterblicher weder ertragen noch behaupten. Welche Verbrechen, welche Greuel würde der Mißbrauch einer solchen Gewalt, – wie viele Verwirrung im bürgerlichen Leben, welche auf Tod und Leben kämpfende Faktionen, welche heilige Kriege würde die notwendig von Zeit zu Zeit ausbrechende Ungeduld der Monarchen, ein so unleidliches Joch zu tragen, in der Christlichen Welt nach sich ziehen! Und zu welcher tiefen Sklaverei müßte unter der willkürlichen Oberherrschaft eines Priesters, der in dieser und jener Welt verdammen könnte, der menschliche Geist, dessen Element Freiheit ist, nach und nach herunter sinken! Wenn ich mich nun vollends in die Folgen, die das alles für die Moralität der künftigen Christianer haben wird, einlassen wollte, welche traurige Gemälde hätte ich dir noch aufzustellen! welche Verdunklung der klärsten Begriffe des allgemeinen Menschenverstandes! welche Zerrüttung des moralischen Sinnes! welche Vermengung des Heiligen mit dem Profanen! Du würdest Wahrheit als Irrtum und Verbrechen bestraft, verderbliche Grundirrtümer zu unzweifelhaften Wahrheiten erhoben, die Vernunft unter die Füße des blinden Glaubens getreten, Laster zu Tugend, Verbrechen zu verdienstlichen Handlungen, Wahnsinn und Aberwitz zu Gegenständen der öffentlichen Verehrung gestempelt sehen, und deine Augen mit Ekel und Unwillen von dem häßlichen Anblick wegwenden. Aber es mag an diesem Wenigen genug sein. –« Ich . »Dieses Wenige ist sehr viel, bester Apollonius, und du hast mir darin einen reichhaltigen Stoff zum Nachdenken auf mein ganzes Leben gegeben.« Apollonius . »Ich werde dir die Sache vielleicht über alle Grenzen der Wahrscheinlichkeit zu treiben scheinen; – aber ich halte es nicht für unmöglich, oder vielmehr ich traue es dem leidenschaftlichen, die Folgen wenig berechnenden Eifer der Christianischen Priesterschaft zu, daß sie – künftig, wenn ihre Zeit gekommen sein wird, teils aus Gefälligkeit gegen die Vorurteile und Gewohnheiten der neubekehrten oder herbeizulockenden Abgötter, teils um ihrem eigenen Gottesdienst mehr Anziehendes für Sinne und Einbildungskraft zu geben, und es den Ethnikern (wie sie uns nennen) durch die Menge und den Pomp ihrer Feste und feierlichen Aufzüge noch zuvorzutun, teils um ihr eigenes Ansehen und ihre Gewalt über die Gemüter des Volks noch mehr zu befestigen, – sogar den Dämonism und Magism – d. i. gerade das, was Christus zu zerstören gekommen war – unter einer neuen, ihrem Lehrbegriff angepaßten Gestalt und Einkleidung, in das Christentum wieder einzuführen fähig sein könnten. Die abergläubische Verehrung, die sie schon jetzt den Gebeinen ihrer so genannten Märtyrer erweisen, macht es mir sehr begreiflich, wie sie stufenweise mit der Zeit endlich so weit gehen könnten, den Monarchen des Himmels mit einem Hofstaat von Heiligen aus ihrem Mittel zu umgeben, ihre Tempel mit den Bildern dieser neuen Art von Schutzgöttern anzufüllen, und, um dem Monarchen selbst nicht mit ihren Bitten und Gelübden beschwerlich zu fallen, sie an seine vermeinten Minister und Höflinge, und zuletzt sogar an ihre Bilder , als eine Art magischer, mit den unsichtbaren Urbildern im Himmel korrespondierender Talismane, zu richten, diese Bilder mit Votivtafeln zum Dank der durch sie empfangnen wunderbaren Gnaden zu behängen, und, mit Einem Wort, alle die abergläubischen Ungereimtheiten, die den dämonistischen Religionen zum Vorwurf gereichen, in den Schoß der ihrigen zurück zu rufen. VI. Angenommen, daß die Umgestaltung des primitiven Christentums in eine ausschließlich herrschende Volks- und Staatsreligion künftig, wenn auch erst nach mehrern Jahrhunderten, die Folgen haben werde, die ich voraus sehe, so mußt du mich freilich in einem sehr auffallenden Widerspruche mit mir selbst finden, wenn du meine Weissagungen mit meiner Behauptung, der unzerstörbaren innern Vortrefflichkeit des Christlichen Instituts und seiner wohltätigen Einwirkung auf alle künftige Zeiten, zusammen hältst. Indessen ist dieser Widerspruch bloß anscheinend, und wird bald verschwinden, wenn wir uns eine Übersicht der Sache aus dem einzigen Gesichtspunkte, woraus sie richtig gesehen werden kann, verschafft haben werden. Alle die Übel, wovon so eben die Rede war, sind Folgen der Umbildung des ursprünglichen Christentums zu einer künstlich organisierten Volksreligion . Aber Volksreligion muß es schlechterdings werden, wenn es, als Veranstaltung zur Verbesserung des sittlichen Zustandes der Welt , einen seiner wichtigsten und nächsten Zwecke erfüllen, wenn durch dasselbe die durchaus unkräftig und verächtlich gewordene polytheistische Staatsreligion abgetan, und der herabgewürdigten, entnervten, in der gröbsten Sinnlichkeit versunknen Menschheit ein neuer Schwung und neue moralische Lebenskraft gegeben werden soll. Das letztere bewirkt es in seiner Maße schon jetzt, und der gute Einfluß, den die Rechtschaffenheit, Sittenreinheit und häusliche Tugend der Christianer auf die übrige Volksmasse hat, wird in seiner immer zunehmenden Ausbreitung sichtbar werden: dagegen aber ist es auch Natur der Sache, daß diese Ausbreitung selbst, wiewohl zu jenem großen Zweck notwendig, der Sittenreinheit Schaden tun, und das Christentum überhaupt, sobald es die Gestalt und Verfassung einer öffentlichen Staatsreligion erhalten haben wird, seine erste Lauterkeit in der Maße verlieren muß, wie seine Bekenner – die sich jetzt bloß als Fremdlinge und einem bessern Leben zueilende Pilger in der Welt betrachten – immer tiefer in die mancherlei Verhältnisse, Angelegenheiten, Sorgen und Kollisionen des bürgerlichen und politischen Lebens hinein gezogen werden. Nicht zu gedenken, wie viel es nur allein durch den Umstand verlieren muß, daß in der Epoke, die wir als künftig voraussetzen, eine Menge Menschen aus unlautern Bewegungsgründen und Absichten zu der herrschenden Partei übergehen, und, indem sie die Zahl der Bekenner des Christentums vermehren, einen Sauerteig in dasselbe mischen werden, der die ganze Masse verderben wird. Nächst diesem kommt hier noch der wesentliche Unterschied in Betrachtung, der zwischen dieser neuen Religion und der alten polytheistischen verwaltet. Diese letztere hatte mit dem innern Menschen , mit Erleuchtung des Verstandes und Reinigung des Herzens, nichts zu tun: die Christliche hingegen wird auch dann, wenn sie sich zu einer öffentlichen Staatsreligion organisiert, immer noch auf das Wesentliche des ersten Instituts, auf Stärke und Reinheit des Glaubens und Heiligkeit des Lebens, Anspruch machen; nur freilich mit dem Unterschied, daß jene in leere Formeln , diese in äußerliche Übungen , und bei denen, die es aufrichtig und ernstlich meinen, in Aberglauben und Schwärmerei sich verwandeln werden. Eine Staatsreligion, die einer Anzahl von hundertundzwanzig bis –dreißig Millionen Menschen zur ersten bürgerlichen Pflicht macht, sich als Bürger eines unsichtbaren Reichs Gottes zu betrachten, und durch Rechtgläubigkeit und Heiligkeit, als die einzigen Bedingungen einer ewigen Höllenpein zu entgehen, sich den Eingang in ein künftiges Leben voller Wonne und Herrlichkeit zu verschaffen, eine solche Staatsreligion muß freilich eine ganz neue, zuvor unerhörte, von keinem Gesetzgeber jemals nur geträumte oder geahnete Ordnung der Dinge hervorbringen; eine Ordnung, die zwar, insofern sie die ganze bisherige Welt, so zu sagen, auf den Kopf stellt, Unheil genug anrichten, aber gleichwohl, weil sie eine große sittliche Verbesserung der Menschheit bezweckt, und (wiewohl auf eine noch sehr unvollkommne Art) bewirkt, immer ein starker Schritt vorwärts sein, und künftigen zweckmäßigern Einrichtungen den Weg bahnen wird. Von dieser neuen Ordnung der Dinge aber ist die Hierarchie , die ich der künftigen Christlichen Welt weissage, eine so notwendige Bedingung, daß ich mir jene ohne diese gar nicht denken kann. Wie groß und mannigfaltig also auch die mit dieser Hierarchie verbundenen Übel sein mögen, und wenn sie sogar selbst ein Übel wäre, so ist sie ein notwendiges Übel: ohne sie könnte weder die neue Ordnung der Dinge, noch die Organisierung des Christentums zu einer öffentlichen Volksreligion, noch die Abschaffung des alten Götterdienstes, jemals zu Stande kommen. Indessen sehe ich auch nicht, warum eine Priesterregierung an sich schlimmer als eine andre sein sollte; und in der Tat scheint das schlimmste, was von ihr gesagt werden kann, nur alsdann Statt zu finden, wenn sie sich (wie in dem künftigen Christlichen Reiche wahrscheinlich der Fall sein wird) dem bereits im Besitz der höchsten Gewalt stehenden Regenten an die Seite setzt, und einen Staat im Staat ausmacht. Denn wiewohl die so genannten Aufseher der Christianer das Ansehen werden haben wollen, als ob ihr Regiment bloß geistlich sei, und die Staatsbürger, nur insofern sie auch Bürger des himmlischen Reichs sind, ihrer Gerichtsbarkeit unterworfen seien: so sind doch die Verhältnisse dieser, in einer und eben derselben Person vereinigten, ungleichartigen Bürgerschaften so verwickelt, daß die Grenzen der beiden Gerichtsbarkeiten fast immer zusammen fließen, und also häufige Kollisionen der geistlichen und weltlichen Gewalthaber unvermeidlich sein werden; da es denn nicht fehlen kann, daß, so lange die neue Volksreligion noch mit ihrer ganzen Energie auf die Gemüter wirkt, die Popularität der erstern ihnen nicht ein Übergewicht geben sollte, dessen sie sich nicht immer mit Mäßigung bedienen werden. Wie groß aber auch der Mißbrauch sein mag, den die künftige Christliche Hierarchie und Theokratie von ihrem Übergewichte machen kann und wird, so sehe ich doch im Schoß der nächst kommenden Jahrhunderte eine Weltbegebenheit reifen, die ohne dasselbe die größte Kalamität sein würde, die das menschliche Geschlecht je betroffen hat. Es fällt einem nachdenkenden Beobachter der Zeit nur zu sehr in die Augen, daß das Römische Reich sich seinem Verfall nähert, und daß die größten Teils noch unpolicierten barbarischen Völker, die den Norden von Europa und Asien inne haben, sich immer näher an uns andrängen, und immer mehr über uns gewinnen. Etliche kluge und tapfre Regenten werden dem reißenden Strom Einhalt tun; aber auch nur zu bald werden auf sie folgende wahnsinnige Tyrannen, oder schwache und übel beratene Fürsten, den Umsturz des aus so vielerlei Ursachen nicht länger haltbaren Kolosses beschleunigen. Die schönsten Provinzen von Europa, Asien und Afrika werden nach und nach von jenen rohen Skythischen, Gotischen und Germanischen Horden überschwemmt werden. Alles wird dem unwiderstehlichen Eindringen dieser neuen Titanen weichen müssen, gegen deren gewaltige, rauhe, aber von unverdorbenem Blute geschwellte Riesenkörper und Herkulische Naturen die mutlosen, von Weichlichkeit und Ausschweifungen aller Art entmannten Römer sich selbst wie Heuschrecken vorkommen werden. Die Eroberer werden von den Ländern der Schwächlinge Besitz nehmen, und sie mit einem neuen, kraftvollen und dauerhaften Geschlecht von Menschen anfüllen, durch welche (was jetzt am meisten not war) vorerst der physische Teil der Menschheit wieder hergestellt werden wird. Aber diese Barbaren sind größten Teils noch bloße Naturmenschen, wild und ungebändigt, wie die Tiere der ungeheuern Wälder und Gebirge, aus denen sie hervorbrechen, ohne Künste, ohne Wissenschaft, sogar ohne die Elemente von beiden, mit Einem Worte, Menschen, wie diejenigen waren, die von unsern ältesten Gesetzgebern und Religionsstiftern in bürgerliche Gesellschaften vereinigt und humanisiert wurden. Wer wird nun den schönsten Teil des Erdbodens, die so viele Jahrhunderte durch Polizei, Künste, Wissenschaften, Gewerbe, Handlung und Schiffahrt angebaute, gebildete und verschönerte Welt, von den alles zerstörenden und zertretenden Fäusten und Fersen dieser Wilden retten? Was ehemals geschah, wird auch jetzt geschehen. Das Einzige, was solchen ungeschlachten Erdensöhnen imponieren kann, die Religion , ehemals die Stifterin der Humanität, wird jetzt ihre Retterin sein. Glücklicher Weise ist die neue Volksreligion der rohen Fassungskraft dieser sinnlichen Menschen eben so angemessen, als sie geschickt ist, ihre Wildheit zu zähmen, und sie allmählich das Joch der sittlichen Disziplin dulden zu lehren. Reiner und geistiger würde sie ihnen unverständlich und unbrauchbar sein; gerade so, wie sie dann sein wird, ist sie was sie sein muß, um mit Erfolg auf solche Menschen zu wirken. Aber Jahrhunderte werden vorbei gehen, bis diese in ungezügelter Freiheit von Krieg und Raub zu leben gewohnten Barbaren ihren alten Gewohnheiten entsagen, und sich in die Verhältnisse und Pflichten, Vorstellungsweisen und Sitten des bürgerlichen Gesellschaftsstandes fügen gelernt haben werden; Jahrhunderte, bis ihre Fürsten und Edeln den Künsten des Friedens die gebührende Achtung zu erweisen, ihren ungestümen Soldatentrotz durch Klugheit zu mildern, und ihres neuen Reichtums und Wohlstandes in Ruhe, mit Würde, Mäßigung und Geschmack zu genießen, gebildet genug sein; Jahrhunderte, bis sie in der großen Kunst, einen Staat zu regieren und blühend zu machen, nur einige Fortschritte getan haben werden. Wer wird, in dieser Zeit einer fast allgemeinen Zerrüttung und Verwilderung, der Ohnmacht der Gesetze, der Roheit und Unwissenheit der Regenten, der Vernichtung oder Stockung aller Federn, Gewichte und Räder der Staatsmaschinen zu Hülfe kommen? Wer dürfte sich zum Beschützer der Völker, zum Handhaber der Ordnung, zum Vormünder, und, wo es not tut, zum Richter und Zuchtmeister der Könige aufwerfen, und wer vermöchte es, als eben diese Hierarchie, die wir, von einer andern Seite betrachtet, so viel Unheil stiften sahen? In der Tat wird in diesen Zeiten sie allein im Besitz der Mittel sein, sich um die Menschheit ein so großes Verdienst zu machen, und du wirst mir gerne glauben, daß es ihr, wiewohl nicht aus den reinsten Bewegungsgründen, am Willen dazu nicht fehlen wird. Ohne sie würde der policierteste Teil der Welt in eine vielleicht ewige Verwilderung versinken. Sie und ihre Priesterschaft allein werden die aus den Ruinen des Römerreichs hervorgehenden neuen Staaten mit Gesetzgebern und Gesetzauslegern, Räten, Richtern, Lehrern, Ärzten, usw. versehen; sie allein die Reste der Künste und Wissenschaften des Altertums, die dem Fanatism ihrer eignen Vorfahren entgingen, jetzt den Klauen der Barbarei entreißen, und zum Gebrauch einer bessern Zeit aufbewahren. Und wer anders, als ein mit der höchsten Gewalt im Himmel und auf Erden bekleideter, und von der allgemeinen Meinung mit unendlich furchtbarern Blitzen als unser armer Jupiter bewaffneter Oberpriester, hätte Ansehen genug, in so stürmischen Zeiten den Völkern von Zeit zu Zeit einige Ruhe, den Gesetzen und Verträgen einige Achtung, den Personen und ihrem Eigentum einige Sicherheit zu verschaffen, mächtige Verbrecher zur Strafe zu ziehen, und das gesellschaftliche Band unter dem unaufhörlichen Zusammenstoß unbändiger Leidenschaften, die alles mit der Schärfe des Schwerts zu entscheiden gewohnt sind, vor gänzlicher Auflösung zu bewahren? Du siehst hieraus wenigstens die Möglichkeit , daß eine Zeit eintreten könne, wo die künftige Priester-Theokratie der Christianer, wie weit sie sich auch von dem Zweck und Sinn des primitiven Instituts zu entfernen scheint, durch die Kunst, ›den Stoff und die Formen desselben zur Nahrung eines neuen Aberglaubens , und diesen Aberglauben zu einem allgewaltigen Hebel ihres eigenen Ansehens und Einflusses zu machen‹, der Welt wohltätig werden könnte, und daß, in diesem Fall, die Summe der Übel, die durch sie verhindert oder erleichtert, und des positiven Guten, das durch sie bewirkt wurde, alles Böse, was sie stiften oder veranlassen kann, weit übersteigen würde. Wenn ich richtig im Buche des Schicksals gelesen habe, so wird diese Zeit wirklich kommen; aber sie wird auch wieder ein Ende nehmen. Die Priesterregierung wird aufhören den Christlichen Völkern unentbehrlich zu sein; der Druck ihres Mißbrauchs wird endlich unerträglich werden; alles wird gegen sie aufstehen, und die Menschheit ihre Fesseln so lange schütteln bis sie abfallen. Ihr Jahrhunderte lang gefangen gehaltner Geist wird seine Kräfte wieder versuchen; neue Erfindungen und Entdeckungen werden vielleicht einen höhern Grad von Kultur und Aufklärung befördern, als das menschliche Geschlecht noch nie erreicht hat; diese Aufklärung wird sich wahrscheinlich auch über den Christianism verbreiten; seine Geschichte, seine wahren oder vorgeblichen Urkunden, seine vielfachen Verbildungen und Verunstaltungen, was an ihm wesentlich, und was bloß zufällig, lokal und temporär ist, wird einer scharfen aber unbefangenen Untersuchung unterworfen, und sein Jahrhunderte lang verkannter Geist schon allein dadurch wieder erkannt werden, daß man ihn von den alten Judaismen , in die er eingewindelt war, völlig los wickeln, und, da ihm doch zum Wirken ein Organ unentbehrlich ist, ihn eine allgemein verständliche Sprache reden lassen wird. Doch – ich bin des Weissagens müde, lieber Hegesias, und werde, wiewohl etwas spät, gewahr, daß ich deine Geduld bereits auf eine zu starke Probe gesetzt habe. Es ist eine Schwachheit, die das hohe Alter mit der ersten Jugend gemein hat, daß wir nicht aufhören können, wenn wir von einem Gegenstande sprechen, der ein großes Interesse hat, und ich leugne nicht, daß ich in meinen schönen Traum, von dem, was die so humane, so herzerfreuende und herzerhebende, von aller Schwärmerei so reine praktische Theosophie jenes in seiner Art einzigen Lehrers der Menschheit sein und wirken müßte, wenn sie, ohne Einmischung fremdartiger Zusätze, zur allgemeinen Religion des Menschengeschlechts erhoben werden könnte, – vielleicht ein wenig mehr verliebt bin, als einem weisen Mann in meinen Jahren ziemt. Es ist Zeit aufzuhören. Laß mich also nur dies Einzige noch hinzu setzen: Eben deswegen, weil jene Theosophie, in ihrer lautersten Reinheit gedacht, das höchste Ideal der moralischen Güte und Vollkommenheit der menschlichen Natur ist, kann ihre heilsame Einwirkung auf das tiefverderbte Menschengeschlecht nicht anders als langsam, und, aus einem niedrigen Gesichtskreise betrachtet, fast unmerklich sein. Aber sie ist auf die Dauer eines unsterblichen Geschlechts berechnet, auf eine Folge von Zeiten, in welcher vielleicht ein Jahrtausend nicht mehr als im Leben der Sterblichen ein einzelner Tag ist. Der Zeitpunkt, wo sie ihre ganze Wirkung getan haben wird, gleicht vielleicht dem Mittelpunkt im unendlichen Zirkel des Hermes, und rückt immer weiter zurück, je mehr wir uns ihm nähern. Genug, daß wir nun ohne Aufhören vorwärts schreiten, und von der Zeit an, da dies Licht über die Menschheit aufgegangen sein wird, ein wirklicher Rückfall in die alte Finsternis nicht mehr möglich ist.« VII. Mit diesen Worten erhob sich Apollonius von seinem Sitz, und führte mich auf einer sehr gemächlichen Art von Wendeltreppe, die durch die Felsen gehauen war, von der hohen Szene unsers Morgengesprächs herab; und da zeigte sichs, daß wir am Eingang einer bedeckten Rebenlaube waren, die nach der Hinterseite seiner Wohnung führte. Indem wir uns dahin begaben, sagte er zu mir: »Du verlässest uns diesen Abend, Hegesias, und wir werden uns vielleicht nie wieder sehen. Ich wünsche, daß du befriedigt von uns scheidest, und dich noch am Abend deines Lebens mit reinem Vergnügen deines kurzen Aufenthaltes im Agathodämonium , als eines schönen Traumgesichtes, erinnern mögest. Hast du noch etwas auf dem Herzen, Lieber, dessen du dich gern entladen möchtest, so rede frei. Mich dünkt, ich sehe eine Frage auf deinen Lippen, die von einem Zartgefühl zurück gehalten wird, das ich an dir liebe, wiewohl es dich nicht verhindern soll, ganz offen gegen mich zu sein.« »O Apollonius«, rief ich mit einem sanft schaudernden Gefühl von Bewunderung und Liebe, »konnte der Wundermann, von dem du mich diesen Morgen unterhieltest, auch so wie du in den Seelen lesen?« Apollonius . »Er konnt es, und seine Geschichte gibt davon mehrere Beispiele. Aber das war es nicht, was du mich fragen wolltest. Ich will dir eine kleine Verlegenheit ersparen. Nicht wahr, du kannst den Apollonius, der in unsrer ersten Unterredung den Hang zum Glauben für eine Schwachheit der menschlichen Natur, die mit Ernst bekämpft werden müsse, erklärte, und darauf bestand, daß der Mensch nur in so fern der Vollkommenheit nahe kommen könne, als er alle seine Hülfsquellen in sich selber suche, – und den Apollonius, der dir heute von dem jetzt noch sehr verkannten und mit Unrecht verachteten Institut der Christianer als von einer Anstalt zum Heil der Welt, und von seinem Stifter als einem Wohltäter der Menschheit sprach, nicht in Übereinstimmung mit einander bringen? Du möchtest den bindenden Begriff kennen, der zwei so widersprechend scheinende Urteile in mir vereiniget? Mit Einem Worte, du würdest nicht ganz befriediget von hinnen gehen, wenn du nicht wüßtest, was du dir von der Religion des Apollonius für eine Vorstellung machen sollst? – Hab ich es erraten, Hegesias?« Mein Erröten und ein dankender Blick war alles, was ich ihm zu antworten vermochte. »Was den ersten Punkt betrifft«, fuhr er fort, »so denke ich, mich über den Grund, warum ich den Hang zum Glauben für eine Schwachheit der menschlichen Natur halte, schon so deutlich erklärt zu haben, daß du keiner weitern Auslegung mehr nötig haben kannst, wenn du dich meiner Rede noch erinnerst.« Ich . »Mir ist keines deiner Worte entfallen, Apollonius.« Apollonius . »Der Schwache und Lahme bedarf einer Stütze oder Krücke, – und welcher Mensch ist in keinem Zeitpunkte seines ganzen Lebens schwach? In diesem Fall ist es gut, eine Krücke zu haben, an der man gehen kann; gleichwohl ist es unleugbar besser, ohne Krücke gehen zu können. Was den zweiten Punkt betrifft, so sprach ich dir von der Person des merkwürdigsten Mannes unsrer Zeit, von seiner Theosophie und von seinem Institut , ohne Rücksicht auf das, was ein Demokritus , Aristoteles oder Karneades gegen seine Geschichte oder Lehre etwa einwenden könnte, bloß als ein Mensch, den alles Menschliche nahe angeht, und den keine Art von Vorurteil hindert, gegen jedermann gerecht und billig zu sein: von der Person , wie es dem Begriff gemäß war, der sich mir aus dem ganzen Zusammenhang der über ihn erhaltenen Nachrichten (ihre Wahrheit vorausgesetzt) meinem Verstand aufgedrungen hat; von seiner Theosophie und Lebensweisheit , als einem auf den allgemeinen Wahrheitssinn gegründeten, sehr konsequenten Inbegriff von Überzeugungen und Gesinnungen, die jeden Menschen, in welchem sie lebendig sind, zu einem bessern Menschen machen, als er ohne sie wäre; und von seinem Institut , als einer sehr zweckmäßigen Anstalt, diese Überzeugungen und Gesinnungen unter den Menschen zu verbreiten und so viel möglich allgemein zu machen. Daß ich dadurch weder dir noch mir etwas zumuten wollte, das unsrer Freiheit zu nahe träte, versteht sich von selbst. Jeder selbstständige Mensch hat seine eigene individuelle Geistesform; auch der außerordentliche Sterbliche, von dem die Rede war, hatte die seinige; und gewiß könnte der schwerlich von Schwärmerei frei gesprochen werden, der sich ihn so buchstäblich zum Muster nähme, daß er darüber seine eigene Form verlöre. Meiner Vorstellungsart nach, könnte ihm einer sehr unähnlich scheinen, der im Grunde mehr mit ihm gemein hätte, als ein anderer, der jeden Tritt mit sklavischer Ängstlichkeit in einen seiner Fußstapfen setzte. Übrigens gab ich dir von meinen Urteilen und Vermutungen immer die Gründe an, und die Sache ist jetzt in deinen Händen. Nun ist noch die schwerste Frage übrig, lieber Hegesias, – du möchtest auch den Gott des Apollonius kennen. – Was soll , oder was kann ich dir sagen? Welche Sprache hat Worte, sich darüber auszudrücken? Was du von mir zu wissen verlangst, ist das Geheimnis der Natur , das unaussprechliche Wort ihrer heiligsten Mysterien, auf denen ein Schleier liegt, den noch kein Sterblicher aufgedeckt hat. Von Jugend an bemühte ich mich, zu diesem unzugangbaren Licht eine Öffnung zu finden. Ich durchforschte alle Meinungen und Systeme der Denker, und es wurde immer dunkler um mich her. Ich überließ mich der Einbildungskraft, und erkannte gar bald ihre magischen Täuschungen. Ich hatte Augenblicke, wo ich fühlte ohne zu glauben, andere, wo ich glaubte ohne zu fühlen, unzählige, wo ich keines von beiden bedurfte. Ich habe nun sechsundneunzig Jahre hinter mir, und will dir sagen, wohin ich gekommen bin. Die grenzenlose Natur, die ewige Ordnung und Harmonie der Dinge, das, was diese Masse der ungleichartigsten Erscheinungen außer mir zusammen hält und in ein unergründliches Ganzes innigst verwebt und vereinigt, und das, was die unermeßliche Masse von Empfindungen, Ideen, Trieben und Gesinnungen in mir zusammen hält, und in einem sich selbst unerforschlichen Ich zu Einem Ganzen zu verbinden strebt – alle diese helldunkeln geistigen Anschauungen fallen, wenn ich, tief in mich selbst gekehrt, jede derselben einzeln betrachten will, plötzlich in einander; das unendliche Eins verschlingt Raum und Zeit; alles was war, was ist und was sein wird, zerfließt in den einzigen Akt eines einzigen ewigen Augenblicks, und ich verliere mich darin, wie Kymon gestern sagte, gleich einem Wassertropfen im uferlosen Ozean. – Aber bald öffnen sich meine Augen wieder, und glücklicher Weise finde ich mich wieder in meinem angebornen beschränkten Vaterland, Himmel und Erde ; ich sehe wieder das allerfreuende Licht , und die allernährende Erde ; die schönen Horen mit ihrem wimmelnden Gefolge von Tagen und Stunden tanzen wieder um mich her; das allgemeine Leben der Natur drängt sich wieder warm an mein Herz, ich webe in allem was webt, und fühle mich in allem was atmet; die Phantasie schließt ihre unsichtbare Zauberwelt wieder vor mir auf; die Unsterblichen nahen sich meinem Geiste, und mit süßem Schauern umfaßt mich die Gegenwart des allgemeinen Genius der Natur , des liebenden, versorgenden Allvaters , oder wie der beschränkte Sinn der Sterblichen den Unnennbaren immer nennen mag, und ich bin – mit Einem Worte, wieder was ich sein soll, ein Mensch , gut und glücklich, und verlange nicht mehr zu sein als ich sein kann und soll . Erinnere dich in dreißig oder vierzig Jahren dessen wieder, was ich jetzt sagte, und du wirst mich besser verstehen als jetzt; denn nun hab ich dir nichts mehr zu sagen, was des Hörens wert wäre.« Mit diesen Worten drückte er mir die Hand und verließ mich; und ich eilte, von so vielem Stoff zum Denken gepreßt, auf eine der nächsten Anhöhen, um – wieder zu Atem zu kommen. Die schöne und gute Terpsinoe hatte beim Abschiedsmahl, ohne Zweifel mit Vorwissen ihres Herren, die Gesetze der Pythagorischen Küche, seinem Gaste zu Ehren, merklich überschritten. Apollonius, der es nicht zu bemerken schien, zeigte mir hingegen durch seine Aufmerksamkeit, mich zu unterhalten und zu zerstreuen, daß ihm der Kampf, den es mir kostete, meine Wehmut unter einen Schein von Heiterkeit und Ruhe zu verbergen, nicht unbemerkt blieb. Er fragte nach verschiedenen Personen in Cydonia, die er ehemals gekannt hatte, brachte mich unvermerkt auf meine Kunst, und verwickelte mich in ein so interessantes Gespräch über den Einfluß des Gemüts und sogar des Willens auf den Gang und die Besserung oder Verschlimmerung vieler, wo nicht der meisten, Krankheiten, daß es ihm ziemlich gelang, mich von dem Gedanken der Trennung abzulenken und mir zu einer männlichem Stimmung zu verhelfen. Endlich kam die Stunde des Scheidens. Apollonius begleitete mich bis an die Grenze seines kleinen Elysiums, wo Kymon mich bereits erwartete. Ich heftete einen letzten Blick auf den göttlichen Greis, einen Blick, der sein Bild auf ewig in meine Seele grub, und konnte mich im Drang meiner Gefühle nicht enthalten, mich ihm zu Füßen werfen zu wollen: aber er zog mich mit beiden Armen empor, drückte mich an seine Brust, und hielt mich so einige Augenblicke fest an sich geschlossen. Nun trat er einen Schritt zurück, stand auf einmal wieder gleich einem höhern Wesen vor mir da, ergriff meine Hand, schüttelte sie mit einem warmen Druck, und sagte mit gerührter aber gesetzter Stimme: »Lebe wohl, Hegesias!« – Mir war als ob mit diesem Lebewohl eine Kraft in mich dränge, die mich nie wieder verlassen würde. Ich stand einen Augenblick wie außer mir; aber als ich mich selbst wieder fand, sah ich ihn nicht mehr; ein dichtes Gebüsche hatte ihn meinen Augen entzogen. Ich fiel dem guten Kymon schweigend um den Hals, und ließ den Gefühlen, die mein Herz schwellten, freien Lauf, während Terpsinoe und ihre Tochter mir ein süß rührendes Lebewohl von der Spitze eines nahen Felsens zusangen. Kymon führte mich nun auf einem ihm allein bekannten kürzern Pfad aus dem Gebirge, und begleitete mich bis zu einem wenige Stunden von Cydonia gelegenen Meierhof, der dem anfangs erwähnten Freunde seines Herren zugehörte, wo ich, auf seine Empfehlung, eine Nachtherberge fand, und freundlich aufgenommen wurde. Kymon kehrte noch in der Nacht zu seinem Herren zurück, nachdem er mir versprochen hatte, die guten Ziegenhirten meinethalben zu beruhigen, und wir trennten uns von einander, wie Freunde, die sich wieder zu sehen hoffen.