Emil Zola Rom – Band III XII. Es war zehn Uhr, als Pierre und Narcisse, nachdem sie im Café de Rome dinirt und dann dort in einem langen Geplauder der Zeit vergessen hatten, zu Fuß über den Corso gingen, um sich in den Palazzo Buongiovanni zu begeben. Sie hatten die größte Mühe, ans Thor zu gelangen. Die Wagen kamen in geschlossener Reihe an, und die Menge der Neugierigen, die trotz der Polizisten stehen blieben und den Fußweg überschwemmten, wurde so dicht, daß die Pferde nicht mehr vorwärts konnten. Aus den zehn hohen Fenstern des ersten Stockwerks in der langen, monumentalen Fassade loderte ein heller, weißer Schein, die Tageshelle der elektrischen Lampen, welche die Straße, die in der Menschenflut festgekeilten Wagen, die Schlagwelle der aufgeregten, leidenschaftlichen Leute inmitten des außerordentlichen Aufruhrs von Gesten und Schreien wie mit Sonnenlicht beleuchteten. Aber es war dies nicht nur die gewöhnliche Neugierde, Uniformen anzuschauen und Frauen in kostbaren Toiletten aussteigen zu sehen; Pierre hörte bald, daß diese Menge auf die Ankunft des Königs und der Königin warte, die ihr Erscheinen bei dem Festballe zugesagt hatten, den Fürst Buongiovanni zur Feier der Verlobung seiner Tochter Celia mit dem Lieutenant Attilio Sacco, dem Sohne eines Ministers Seiner Majestät, gab. Außerdem war diese Heirat eine Wonne für alle Welt, die glückliche Lösung einer Liebesgeschichte, die die ganze Stadt lebhaft anzog; die Erzählung von dem Blitzstrahl der Liebe, dem jungen und so schönen Paar, der hartnäckigen, alle Hindernisse besiegenden Treue unter romantischen Umständen ging von Mund zu Mund, feuchtete alle Augen und ließ alle Herzen klopfen. Diese Geschichte hatte Narcisse Pierre noch beim Nachtisch, während sie die zehnte Stunde abwarteten, erzählt. Er kannte sie teilweise. Man behauptete, wenn der Fürst nach einer letzten, schrecklichen Scene endlich nachgegeben habe, so hätte er es nur gethan, weil er befürchtete, Celia eines schönen Abends am Arme ihres Geliebten den Palast verlassen zu sehen. Sie drohte ihm nicht damit, aber in ihrer jungfräulich-unwissenden Ruhe lag eine solche Verachtung all dessen, was nicht ihre Liebe war, daß er sie für fähig hielt, in aller Naivität die schlimmsten Thorheiten zu begehen. Die Fürstin, seine Frau, eine phlegmatische, noch schöne Engländerin, die für das Haus genug gethan zu haben glaubte, indem sie ihm fünf Millionen Mitgift zubrachte und ihrem Gatten fünf Kinder schenkte, hatte das Interesse an der Sache verloren. Der Fürst, unruhig und schwach bei all seiner Heftigkeit, in der das alte, bereits von der Mischung mit einer fremden Rasse verdorbene Römerblut zu erkennen war, handelte nur mehr unter dem Druck der Furcht, sein bisher inmitten der angehäuften Ruinen des Patriziats unversehrt gebliebenes Haus und Vermögen zusammenbrechen zu sehen; indem er zuletzt nachgab, hatte er wohl dem Gedanken gehorcht, daß er sich durch seine Tochter ralliiren und im Quirinal festen Fuß fassen konnte, ohne sich trotzdem vom Vatikan zurückzuziehen. Zweifellos war es eine brennende Schmach und sein Stolz blutete über diese Verbindung mit den Saccos, diesen Nichtsmenschen. Aber Sacco war Minister und er war so rasch von Erfolg zu Erfolg geschritten, daß er auf dem Wege zu sein schien, noch höher zu steigen und nach dem Portefeuille des Ackerbaues noch das der Finanzen zu erobern, nach dem es ihm schon lange gelüstete. Wer es mit ihm hielt, besaß die sichere Gunst des Königs und einen gesicherten Rückzug nach jener Seite, wenn der Papst eines Tages unterging. Dann hatte der Fürst Erkundigungen über den Sohn eingezogen und ward von diesem so schönen, so tapfern, so gradherzigen Attilio, der die Zukunft, vielleicht das glorreiche Italien von morgen war, etwas entwaffnet. Er war Soldat, man konnte ihn zu den höchsten Graden poussiren. Die Welt fügte boshaft hinzu: der letzte Grund, der den Fürsten, der sehr geizig und ganz verzweifelt war, weil er sein Vermögen unter seine fünf Kinder zerteilen mußte, zum Nachgeben bestimmte, sei der glückliche Umstand, daß er Celia eine lächerliche Mitgift geben konnte. Und nun, nachdem er die Heirat einmal bewilligt hatte, war er entschlossen, die Verlobung mit einem glanzvollen Feste zu feiern, wie sie deren nur noch selten in Rom gegeben wurden. Die Thüren sollten aller Welt offen stehen, die Herrscher eingeladen werden und der Palast so strahlen, wie in den großen Tagen von einst. Mochte dabei auch viel von dem Gelde draufgehen, das er so grimmig verteidigte – aber er wollte aus Trotz beweisen, daß er nicht besiegt sei, daß die Buongiovannis nichts versteckten, über nichts erröteten. In Wirklichkeit behauptete man, daß dieser stolze Trotz nicht von ihm herrühre, sondern ihm, ohne daß er sich dessen bewußt sei, von Celia, der Ruhigen, Unschuldigen, eingeblasen worden war. Sie wünschte ihr Glück am Arme Attilios vor ganz Rom zu zeigen, das dieser, wie in den schönen Feenmärchen gut endenden Liebesgeschichte, Beifall klatschte. »Zum Teufel, wir werden nie hinaufkommen,« sagte Narcisse, den eine Woge der Menge festkeilte. »Sie haben ja die ganze Stadt eingeladen!« Pierre wunderte sich, als er einen Prälaten in seiner Karosse vorüberfahren sah. »O,« meinte Narcisse, »Sie werden mehr als einen treffen. Wenn auch die Kardinäle sich wegen der Anwesenheit der Souveräne nicht hinwagen, so wird doch sicherlich die ganze Prälatenschaft kommen. Es handelt sich um einen neutralen Salon, wo die schwarze und die weiße Gesellschaft sich verbrüdern können. Außerdem sind Feste nicht so zahlreich; man drängt sich hin.« Er erklärte Pierre, daß es mit Ausnahme der zwei großen Bälle, die der Hof jeden Winter gab, besonderer Umstände bedurfte, um das Patriziat zu solchen Galaabenden zu bestimmen. Zwei oder drei schwarze Salons öffneten wohl noch einmal, gegen Ende des Karnevals, ihre Salons, aber überall vertraten kleine, intime Tanzgesellschaften die prunkvollen Empfänge. Einige Fürstinnen hatten einfach ihren Jour, und was die wenigen weißen Salons betraf, so bewahrten sie eine gleiche, mehr oder minder gemischte Intimität; denn keine Hausfrau war die unbestrittene Königin der neuen Welt geworden. »Nun, endlich!« fuhr Narcisse fort, als sie auf der Treppe angelangt waren. »Bleiben wir beisammen,« sagte Pierre unruhig. »Ich kenne nur die Braut ein wenig und verlasse mich darauf, daß Sie mich vorstellen.« Aber die Menge der Ankommenden stieß sich derart auf der riesigen Treppe, daß das Hinaufsteigen abermals eine saure und lange Anstrengung war. Selbst in alten Zeiten, zur Zeit der Wachskerzen und Oellampen, hatte sie nie in solchem Lichterglanz gestrahlt. Elektrische Lampen, die büschelweise in den wunderbaren Bronzekandelabern brannten, mit denen die Treppenabsätze geschmückt waren, übergossen sie mit weißem Licht. Der kalte Stuck der Wände war unter einer Reihe von kostbaren, die Geschichte Psyches und Amors darstellenden Stickereien versteckt worden; diese Wunderwerke waren seit der Renaissance in der Familie geblieben. Ein dicker Teppich bedeckte die abgenützten Stufen, und Pflanzengruppen, Palmen, die so groß wie Bäume waren, zierten die Winkel. Ein neues Blut strömte zu und erwärmte das alte Haus, ein neu entstehendes Leben stieg mit der Flut der lachenden, wohlriechenden Frauen mit den nackten Schultern und funkelnden Diamanten empor. Als sie oben angelangt waren, bemerkte Pierre sogleich beim Eintritt in den ersten Salon den Fürsten und die Fürstin Buongiovanni, die neben einander stehend ihre Gäste empfingen. Der Fürst, ein schon ergrauender, großer und schlanker blonder Mann, besaß das energische Gesicht eines ehemaligen päpstlichen Feldherrn und die blassen nordischen Augen, die seine Mutter ihm vererbt hatte. Die Fürstin mit ihrem runden, zarten Gesichtchen schien keine dreißig Jahre alt zu sein, obwohl sie bereits das vierzigste überschritten hatte; sie war noch immer hübsch, besaß eine lächelnde Heiterkeit, die nichts außer Fassung brachte, und war in ihrer Selbstanbetung glücklich. Sie trug eine rosa Atlastoilette und strahlte in einem wunderbaren Schmuck aus großen Rubinen, die auf ihrer feinen Haut und in ihrem feinen blonden Haar kurze Flammen zu entzünden schienen. Von den fünf Kindern war, da der älteste Sohn sich auf Reisen befand und die drei anderen, noch zu jungen Mädchen noch im Pensionat waren, nur Celia anwesend – Celia im weißen Musselinkleidchen, ebenfalls blond, entzückend mit ihren Unschuldsaugen und ihrem reinen Munde. Bis ans Ende ihres Liebesabenteuers bewahrte sie das Aussehen einer großen, geschlossenen, in ihrem jungfräulichen Geheimnis undurchdringlichen Lilie. Die Saccos waren eben erst gekommen, und Attilio, der neben seiner Braut stehen geblieben war, trug seine einfache Lieutenantsuniform; aber er zeigte sein großes Glück so naiv, so offen, daß sein hübscher Kopf mit dem zärtlichen Munde, den tapferen Augen, davon in einem außerordentlichen Glanz der Jugend und Kraft strahlte. In diesem Triumph ihrer Leidenschaft Seite an Seite stehend, erschienen beide schon von der Schwelle aus wie die Freude, die Gesundheit des Lebens selbst, wie die unbegrenzte Hoffnung auf die Verheißungen des Morgen, und alle eintretenden Gäste, die sie so erblickten, konnten nicht umhin, zu lächeln, wurden gerührt und vergaßen ihre boshafte, geschwätzige Neugierde so weit, daß ihre Herzen diesem so schönen und so entzückten Liebespaar zuflogen. Narcisse war vorgetreten, um Pierre vorzustellen. Aber Celia ließ ihm keine Zeit dazu, sondern ging dem Priester einen Schritt entgegen und führte ihn ihren Eltern zu. »Herr Abbé Froment, ein Freund meiner lieben Benedetta.« Eine zeremoniöse Begrüßung folgte. Pierre ward von der Grazie des jungen Mädchens sehr bewegt. »Benedetta wird mit ihrer Tante und Dario kommen,« sagte sie dann. »Sie muß heute abend so glücklich sein! Und Sie werden sehen, wie schön sie ist« Pierre und Narcisse beglückwünschten sie nun. Aber sie konnten nicht langer stehen bleiben, denn die Flut trieb sie weiter. Der Fürst und die Fürstin hatten nur die Zeit, mit einem liebenswürdigen und fortwährenden Kopfnicken zu grüßen, dann wurden sie verschlungen, überschwemmt, und Celia mußte, nachdem sie die beiden Freunde Attilio zugeführt hatte, wieder ihren Platz als kleine Königin des Festes neben ihren Eltern einnehmen. Narcisse war mit Attilio ein wenig bekannt. Es gab abermaliges Beglückwünschen und Händeschütteln. Dann manöverirten beide aus Neugierde derart, daß sie einen Augenblick in diesem ersten Salon blieben. Das Schauspiel darin war wirklich der Mühe wert. Es war ein sehr großes, mit grünem, goldgeblümten Sammet ausgeschlagenes Gemach, das der Waffensaal genannt wurde und thatsächlich eine sehr bemerkenswerte Waffensammlung enthielt – Kürasse, Streitäxte, Degen, die fast alle im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert den Buongiovannis gehört hatten. Inmitten dieser derben Kriegsgeräte bemerkte man eine herrliche, mit den zartesten Vergoldungen und Malereien geschmückte Sänfte aus dem letzten Jahrhundert, in der sich die Urgroßmutter des gegenwärtigen Buongiovanni, die berühmte Bettina, eine legendenhafte Schönheit, in die Messe tragen ließ. Uebrigens befanden sich auf den Wänden nichts als historische Gemälde, Schlachten, Friedensunterzeichnungen, königliche Empfänge darstellend, bei denen die Buongiovannis eine Rolle gespielt hatten; dazu kamen die Familienporträts – lauter hohe, stolze Gestalten, Feldherren zu Wasser und zu Land, kirchliche Großwürdenträger, Prälaten, Kardinäle, unter denen auf dem Ehrenplatz der Papst, der mit der weißen Sutane bekleidete Buongiovanni, triumphirte, dessen Thronbesteigung die lange Nachkommenschaft bereichert hatte. Zwischen diesen Waffen nun, neben der galanten Sänfte, unter diesen antiken Porträts, waren auch die Saccos, Mann und Frau, wenige Schritte von den Herren des Hauses entfernt, stehen geblieben und nahmen ihren Teil an den Glückwünschen und Begrüßungen entgegen. »Sehen Sie!« hauchte Narcisse Pierre ganz leise zu, »das sind die Saccos – da drüben, uns gegenüber. Der kleine schwarze Mann und die Dame in malvenfarbener Seide.« Pierre erkannte Stefana, der er bei dem alten Orlando begegnet war, an ihrem hellen Gesicht mit dem artigen Lächeln, den kleinen Zügen, die ein beginnendes Embonpoint verschwamm. Aber vor allem interessirte ihn der Gatte. Er war braun und ausgetrocknet, besaß große Augen in einem gelbsüchtigen Teint, ein hervorstehendes Kinn, eine Geierschnabelnase, kurz, die lustige Maske eines neapolitanischen Hanswursts. Dabei tanzte und schrie er und war von so überwältigend guter Laune, daß die Leute ringsum sofort gewonnen wurden. Er besaß eine außerordentliche Redseligkeit und vor allem eine Stimme, die ein unvergleichliches Bezauberungs- und Eroberungswerkzeug war. Bloß wenn man sah, wie er in diesem Salon so leicht die Herzen gewann, begriff man seine vernichtenden Erfolge in der brutalen und so mittelmäßigen Welt der Politik. Bezüglich der Heirat seines Sohnes hatte er mit seltener Geschicklichkeit manöverirt; er heuchelte gegen Celia, selbst gegen Attilio ein übertriebenes Zartgefühl und erklärte, daß er seine Einwilligung verweigere, weil er fürchte, man könne ihn beschuldigen, eine Mitgift und einen Titel zu stehlen. Er hatte erst nach den Buongiovannis nachgegeben und vor allem die Ansicht des alten Orlando einholen wollen, dessen hohe, heldenhafte Redlichkeit in ganz Italien sprichwörtlich war; er that dies um so eher, als er seiner Billigung sicher war, denn der Held scheute sich nicht, ganz laut zu wiederholen, daß die Buongiovannis sich glücklich schätzen müßten, seinen Großneffen, einen schönen Jungen mit einem gesunden und braven Herzen, in ihre Familie aufzunehmen. Er würde ihr erschöpftes, altes Blut regeneriren, indem er ihrer Tochter schöne Kinder gab. Und Sacco hatte sich bei der ganzen Angelegenheit bewundernswert den legendenhaften Namen Orlandos zu nutze gemacht, indem er die Verwandtschaft mit ihm ausposaunte, für den glorreichen Begründer des Vaterlandes eine kindliche Ehrfurcht bekundete und keinen Augenblick ahnen zu wollen schien, wie sehr ihn dieser verachtete und verwünschte. Denn Orlando war über seinen Ausstieg zur Macht verzweifelt und überzeugt, daß er das Land dem Ruin und der Schande zuführen würde. »O, das ist ein geschmeidiger, praktischer Mann, den die Ohrfeigen nicht stören,« fuhr Narcisse, zu Pierre gewendet, fort. »Wie es scheint, sind solche skrupellose Leute in Staaten, die in Not geraten sind, die politische, finanzielle und moralische Krisen durchmachen, vonnöten. Es heißt, daß dieser mit seiner unerschütterlichen Zuversicht, seinem scharfsinnigen Geist, seinen unendlichen, vor nichts zurückschreckenden Widerstandsmitteln vollständig die Gunst des Königs erobert hat ... Aber sehen Sie nur, sehen Sie nur! Könnte man ihn nicht inmitten dieser Flut von Höflingen, die ihn umgibt, schon für den Herrn dieses Palastes halten?« In der That häuften sich die Gäste, die grüßend an den Buongiovannis vorübergingen, um Sacco an; denn er bedeutete die Macht, gute Stellen, Pensionen, Orden, und wenn auch der Anblick des magern, schwarzen, unruhigen Mannes zwischen den großen Ahnen des Hauses noch ein Lächeln hervorrief, so umschmeichelte man ihn als die neue Macht – jene demokratische, noch so unklare Macht, die von überall, selbst aus diesem alten römischen Boden, aufstieg, auf dem das Patriziat in Trümmer lag. »Wein Gott, welche Menge!« murmelte Pierre. »Wer sind denn alle diese Leute?« »O, sie sind schon sehr gemischt,« antwortete Narcisse. »Die Leute gehören weder der schwarzen noch der weißen Gesellschaft mehr an, sondern der grauen. Die Evolution war verhängnisvoll; die Intransigenz eines Kardinals Boccanera kann nicht die einer ganzen Stadt, eines Volkes sein. Der Papst allein wird immer »nein« sagen und unwandelbar bleiben. Aber alles um ihn schreitet vorwärts und verwandelt sich unaufhaltsam. So wird Rom, trotz allen Widerstandes, in einigen Jahren italienisch sein. Sie wissen, wenn von jetzt ab ein Fürst zwei Söhne hat, so bleibt der eine beim Vatikan und der andere geht zum Quirinal über. Man muß doch leben, nicht wahr? Die großen Familien besitzen in der Todesgefahr nicht den Heldenmut, den Starrsinn bis zum Selbstmord zu treiben... Auch habe ich Ihnen ja schon gesagt, daß wir hier auf neutralem Boden sind; denn der Fürst Buongiovanni hat als einer der ersten die Notwendigkeit der Versöhnung begriffen. Er fühlt, daß sein Vermögen tot ist, wagt es weder in der Industrie noch in Geschäften aufs Spiel zu setzen, sieht es schon unter seine fünf Kinder zerstückelt, die es ihrerseits zerstückeln werden und hat sich darum auf Seite des Königs gestellt, ohne daß er dabei, aus Vorsicht, mit dem Papst brechen will. Sie sehen daher in diesem Salon das genaue Abbild des Zusammenbruches, des Mischmasch, der in den Ideen und Ansichten des Fürsten herrscht.« Er unterbrach sich, um Pierre die Namen der eintretenden Personen zu nennen. »Sehen Sie, da ist ein General, der seit seinem letzten afrikanischen Feldzug sehr beliebt ist. Wir werden heute abend sehr viele Militärs sehen; man hat alle Vorgesetzten Attilios eingeladen, um dem jungen Manne eine glorreiche Umgebung zu bereiten. Und sehen Sie, dort ist der deutsche Botschafter. Man darf annehmen, daß fast das gesamte diplomatische Corps wegen der Anwesenheit Ihrer Majestäten kommen wird. Und zum Gegensatz ... sehen Sie den dicken Mann da unten? Der ist ein sehr einflußreicher Abgeordneter, ein Reichgewordener aus dem neuen Bürgertum. Vor dreißig Jahren war er nichts als ein Pächter des Fürsten Albertini, einer jener mercanti die campagna , die in hohen Stiefeln und im weichen Hut die römische Campagna durchstreiften. Und nun, sehen Sie sich den Prälaten an, der eben eintritt ...« »Diesen kenne ich,« sagte Pierre. »Es ist Monsignore Fornaro.« »Ganz richtig, Monsignore Fornaro, eine Persönlichkeit. Allerdings, Sie haben mir erzählt, daß er der Berichterstatter in dem Prozeß Ihres Buches ist. Ein entzückender Prälat! Haben Sie bemerkt, mit welcher Verbeugung er eben die Fürstin grüßte? Und was eine edle Haltung, was für eine Anmut er in feinem lila Seidenmantelchen hat!« Narcisse fuhr fort, in dieser Weise das unglaublichste Tohuwabohu von Fürsten und Fürstinnen, Herzogen und Herzoginnen, Politikern und Funktionären, Diplomaten und Ministern, Bürgerlichen und Offizieren aufzuzählen – die Fremdenkolonie, Engländer, Amerikaner, Deutsche, Spanier, Russen, das alte Europa und Nord- wie Südamerika gar nicht eingerechnet. Dann kam er plötzlich wieder auf die Saccos, die kleine Frau Sacco zurück und erzählte von den heldenhaften Anstrengungen, die sie, in der guten Absicht, die ehrgeizigen Bestrebungen ihres Gatten zu unterstützen, gemacht hatte, indem sie einen Salon eröffnete. Diese sanfte, so bescheiden aussehende Frau war eine sehr geriebene Person und besaß die gediegensten Eigenschaften, eine echt piemontesische Geduld und Widerstandskraft, Ordnungsliebe und Sparsamkeit. Sie stellte daher im Hause das Gleichgewicht her, das der Gatte durch seinen Kraftüberschuß in Gefahr brachte. Er verdankte ihr sehr viel, ohne daß jemand etwas davon ahnte. Aber bisher war ihre Absicht, den letzten der schwarzen Salons einen weißen, tonangebenden Salon entgegen zu stellen, gescheitert. Sie versammelte immer nur Leute ihres eigenen Kreises, nicht ein Fürst war erschienen, und an ihren Montagen wurde getanzt, so wie in zwanzig anderen kleineren, bürgerlichen Salons, ohne Glanz und Macht. Der wirkliche weiße Salon, der die Menschen und die Dinge leitete, der Herr von Rom war, befand sich noch im Zustand der Chimäre. »Betrachten Sie nur ihr Lächeln, während sie alles hier besieht,« fuhr Narcisse fort. »Ich bin ganz überzeugt, daß sie daraus Belehrung schöpft und daß sie Pläne entwirft. Vielleicht hofft sie endlich die gute Gesellschaft bei sich zu sehen, jetzt, da sie mit einer fürstlichen Familie verschwägert sein wird.« Die Menge in dem doch so großen Raum wurde so dicht, daß sie erstickten, gestoßen und gegen eine Wand gedrückt wurden. Der Gesandtschaftsattaché führte den Priester weg, indem er ihm Näheres über das erste Stockwerk des Palastes erzählte. Dieser war einer der prunkvollsten von Rom und wegen der Pracht seiner Empfangsräume berühmt. Getanzt wurde in der Bildergalerie, einem zwanzig Meter langen, königlichen, von Meisterwerken überströmenden Saal, dessen acht Fenster auf den Corso gingen. Das Büffet war im Antikensaal aufgestellt; es war ein Marmorsaal, in dem sich eine in der Nähe des Tibers aufgefundene Venus befand, die mit der des Kapitols rivalisirte. Dann kam eine Reihe wunderbarer, noch in der Pracht von einst strahlender Salons; sie waren mit den seltensten Stoffen ausgeschlagen und enthielten von der einstigen Einrichtung noch einige unvergleichliche Stücke, auf die die Antiquitätenhändler in der Hoffnung auf den künftigen, unvermeidlichen Ruin lauerten. Unter diesen Salons war besonders einer, der kleine Spiegelsaal, berühmt; es war ein rundes Gemach im Stil Louis XV., gänzlich mit Spiegeln in geschnitzten, köstlichen Rokolorahinen von außerordentlicher Kostbarkeit ausgestattet. »Sie sollen sogleich alles sehen,« sagte Narcisse. »Aber lassen Sie uns hier eintreten, wenn wir ein wenig aufatmen wollen. Hieher hat man für die schönen Damen, die sich niedersetzen, gesehen und geliebt werden wollen, die Fauteuils aus der Nebengalerie getragen.« Der Salon war sehr groß und mit dem wunderbarsten Genueser Sammet, den man sehen konnte, ausgeschlagen; es war jener alte Sammet mit blassem Atlasgrund und leuchtenden Blumen, deren Grün, Blau und Rot aber göttlich verblichen ist und den weichen, welken Ton alter Liebesblumen angenommen hat. Auf den Pfeilertischen, in den Glasschränken befanden sich die kostbarsten Kunstgegenstände des Palastes: elfenbeinerne Kästchen, gemalte und vergoldete Holzschnitzereien, Silbersachen – eine Anhäufung von Wunderdingen. Auf die zahlreichen Sitze hatten sich thatsächlich schon Damen zurückgezogen, die die Menge flohen; sie saßen in kleinen Gruppen umher und lachten und plauderten mit den wenigen Männern, die diesen anmutigen Winkel der Galanterie entdeckt hatten. Es gab keinen lieblicheren Anblick als in dem lebhaften Licht der Lampen diese Fließe von seidenweichen, nackten Schultern, diese geschmeidigen Nacken, über die sich blondes und braunes Haar wand. Die nackten Arme stiegen wie lebendige Blumen aus Fleisch und Blut aus dem reizenden Gewirr zarter Toiletten hervor. Die Fächer bewegten sich langsam, wie um das Feuer der kostbaren Steine zu steigern, und verbreiteten bei jedem Wehen einen weiblichen Duft, gemischt mit einem vorherrschenden Veilchenparfüm. »Ei, unser guter Freund, Monsignore Nani!« rief Narcisse. »Er begrüßt dort unten die österreichische Botschafterin.« Sobald Nani den Priester und seinen Gefährten erblickte, ging er auf sie zu und alle drei traten in eine Fensternische, um einen Augenblick in Muße zu plaudern. Der Prälat lächelte, von der Schönheit des Festes entzückt, bewahrte aber inmitten aller dieser prangenden Schultern die heitere Ruhe einer dreifach mit Unschuld gepanzerten Seele, als hätte er sie nicht einmal gesehen. »Ah, mein Sohn, wie freue ich mich, Sie wiederzusehen!« sagte er zu Pierre. »Nun, was sagen Sie zu unserm Rom, wenn es sich mit Festegeben befaßt?« »Monsignore, es ist herrlich!« Der Prälat sprach gerührt von der hohen Frömmigkeit Celias und stellte sich, als sehe er bei dem Fürsten und der Fürstin nichts als Getreue des Vatikans, um dem letzteren mit diesem prunkvollen Feste die Ehre zu geben. Er schien nicht einmal zu wissen, daß der König und die Königin kommen sollten. Dann sagte er plötzlich: »Mein lieber Sohn, ich habe den ganzen Tag an Sie gedacht. Ja, ich habe erfahren, daß Sie Seine Eminenz den Kardinal Sanguinetti in Angelegenheit Ihres Prozesses besucht haben. Nun, wie hat er Sie empfangen?« »O, sehr väterlich. Anfangs gab er mir zu verstehen, in welcher Verlegenheit er sich als Beschützer von Lourdes befinde, aber als ich fortging, war er reizend. Er hat mir förmlich seine Hilfe versprochen – mit einem Zartgefühl, das mich sehr rührte.« »Wirklich, mein lieber Sohn! Uebrigens wundert mich das nicht. Seine Eminenz ist so gut!« »Und ich muß gestehen, Monsignore, daß ich mit leichtem Herzen und voll Hoffnung zurückgelehrt bin. Mir scheint, daß mein Prozeß von nun an zur Hälfte gewonnen ist.« »Das ist sehr natürlich. Ich verstehe das.« Nani lächelte noch immer. Ein Anflug von Ironie verschärfte sein seines, geistreiches Lächeln, aber so diskret, daß man den Stich nicht fühlte. Nach einem kurzen Schweigen fügte er sehr einfach hinzu: »Ein Unglück nur, daß Ihr Buch vorgestern von der Indexkongregation verdammt worden ist. Sie hatte sich auf eine Berufung des Sekretärs hin eigens versammelt und das Urteil wird sogar übermorgen Seiner Heiligkeit zur Unterzeichnung vorgelegt werden.« Pierre blickte ihn betäubt an. Wenn der alte Palast über seinem Haupte zusammengebrochen wäre, so hätte es ihn nicht mehr niedergeschmettert. Es war also aus! Die Reise, die er nach Rom unternommen, das Experiment, das er dort versuchen wollte, lief also auf diese Niederlage aus, die er so plötzlich, inmitten dieses Festes erfuhr! Und er hatte sich nicht einmal verteidigen können, er hatte seine Zeit verloren, ohne jemand zu finden, mit dem er sprechen, vor dem er seine Sache hätte vertreten können! Der Zorn stieg in ihm auf und er konnte nicht umhin, halblaut und bitter zu sagen: »Ah, wie man mich zum Narren gehalten hat! Dieser Kardinal, der noch heute vormittag zu mir sagte: ›Wenn Gott mit Ihnen ist, wird er Sie retten, sogar gegen unsern Willen!‹ Ja, ja, jetzt verstehe ich es; er spielte mit den Worten, er wünschte mir bloß ein Unheil, damit mir die Unterwerfung den Himmel gewinnt. Mich unterwerfen! O, das kann ich nicht, das kann ich noch nicht! Mein Herz schwillt zu sehr vor Empörung und Kummer.« Nani hörte neugierig zu; er studirte ihn. »Aber, mein lieber Sohn, es ist ja nichts entschieden, so lange der heilige Vater nicht unterzeichnet hat. Sie haben den morgigen Tag und sogar übermorgen vormittag vor sich. Ein Wunder ist immer möglich.« Und während Narcisse, der in lange Hälse und kindliche Busen verliebte Aesthetiker, die Damen betrachtete, nahm er ihn beiseite und sagte mit gedämpfter Stimme: »Hören Sie, ich habe Ihnen etwas im tiefsten Geheimnis mitzuteilen. Suchen Sie mich einen Augenblick, während des Cotillons, im kleinen Spiegelsaal auf. Wir werden dort in Ruhe reden.« Pierre versprach es mit einer Kopfbewegung; der Prälat entfernte sich diskret und verlor sich in der Menge. Aber in den Ohren des Priesters summte es. Er vermochte nicht mehr zu hoffen. Was würde er in einem Tage thun, da er drei Monate verloren hatte, ohne auch nur einen Empfang beim Papst zu erreichen? In seiner Betäubung hörte er plötzlich Narcisse, der von Kunst sprach. »Es ist erstaunlich, wie der Frauenkörper seit unseren schrecklichen, demokratischen Zeiten zu Schanden geworden ist. Er wird dick, er wird furchtbar gewöhnlich. Sehen Sie doch, hier vor uns ist keine, die die florentinische Linie, die kleine Brust, den schlanken, königlichen Hals besitzt ...« Er unterbrach sich, um zu rufen: »O, da ist eine, die ziemlich nett ist – die Blonde, mit dem Scheitel ... die dort, an die Monsignore Fornaro eben herangetreten ist.« In der That, seit einer Weile ging Monsignore Fornaro mit liebenswürdiger Eroberermiene von einer schönen Dame zur andern. Er sah an diesem Abend mit seiner hohen, dekorativen Gestalt, seinen blühenden Wangen, seiner siegreichen Anmut prächtig aus. Keinerlei leichtfertige Geschichten waren über ihn im Umlauf; man hielt ihn einfach für einen galanten Prälaten, der sich in Frauengesellschaft gefiel. Er blieb stehen, plauderte, beugte sich über nackte Schultern, streifte sie und atmete ihren Duft mit feuchten Lippen und lachenden Augen, in einer Art frommer Verzückung ein. Er bemerkte Narcisse, dem er manchmal begegnete, und trat ihm entgegen. Der junge Mann mußte ihn begrüßen. »Monsignore befinden sich wohl, seit ich die Ehre hatte, Sie auf der Botschaft zu sehen?« »O, sehr wohl, sehr wohl. Ein entzückendes Fest, wie?« Pierre hatte sich verbeugt. Das war der Mann, dessen Bericht zur Verdammung seines Buches geführt hatte. Aber er machte ihm vor allem seine schmeichelnde Miene, die falschen Versprechungen zum Vorwurf, die er ihm bei seinem so reizenden Empfang gemacht hatte. Der schlaue Prälat mußte jedoch fühlen, daß er das Urteil der Kongregation erfahren habe. Er hielt es daher für würdiger, ihn nicht offen zu erkennen und begnügte sich ebenfalls, mit leichtem Lächeln den Kopf zu neigen. »Nein, wie viele Leute!« wiederholte er. »Und was für schöne Damen! Man wird sich in diesem Salon bald nicht mehr bewegen können.« Nun waren alle Sitzplätze mit Damen besetzt und man begann inmitten dieses Veilchenparfüms, das der Duft der blonden oder braunen Nacken erwärmte, zu ersticken. Die Fächer wehten lebhafter, aus dem wachsenden, wirren Lärm stieg helles Lachen auf, und in dem wahren Aufruhr von Gesprächen vernahm man immer wieder dieselben Worte. Zweifellos war eben eine Nachricht, ein Gerücht aufgetaucht, das man sich zuflüsterte, das eine Gruppe nach der andern in fieberhafte Aufregung versetzte. Monsignore Fornaro, der ganz auf dem Laufenden war, wollte selbst die Nachricht mitteilen, die man noch nicht laut aussprach. »Wissen Sie, worüber alle Damen sich ereifern?« »Ueber die Gesundheit des heiligen Vaters?« fragte Pierre in seiner Unruhe. »Hat sich der Zustand heute abend noch verschlimmert?« Der Prälat sah ihn erstaunt an, dann sagte er mit einer Art Ungeduld: »O nein, nein, Seiner Heiligkeit geht es Gott sei Dank viel besser! Eben hat mir jemand aus dem Vatikan gesagt, daß der heilige Vater nachmittags aufstehen und seine Intimen wie gewöhnlich empfangen konnte.« »Man hat doch große Angst gehabt,« fiel nun Narcisse ein. »Ich gestehe, wir waren in der Botschaft nicht sehr beruhigt, denn ein Konklave wäre in diesem Augenblick eine ernste Sache für Frankreich. Es besäße darin gar keine Macht. Unsere republikanische Regierung hat unrecht, das Papsttum als eine quantité négligeable zu behandeln. Aber weiß man je, ob der Papst krank ist oder nicht? Ich habe von sicherer Seite erfahren, daß er im vorigen Winter, als Niemand ein Wort davon sagte, beinahe weggerafft worden wäre, während ich ihn beim letztenmal, als alle Zeitungen ihn töteten, indem sie von einer Bronchitis sprachen, mit meinen eigenen Augen sehr frisch und munter gesehen habe. Ich glaube, er ist krank, wenn es nötig ist.« Monsignore Fornaro schob mit einer eiligen Geberde dieses ungelegene Thema beiseite. »Nein, nein, man ist ganz beruhigt, es wird davon nicht mehr gesprochen ... Was alle diese Damen so in Eifer bringt, ist, daß die Konzilskongregation heute in dem Prozeß Prada die Annullirung der Ehe mit großer Stimmenmehrheit votirt hat.« Pierre geriet abermals in Aufregung. Da er nach seiner Rückkehr aus Frascati noch keine Zeit gehabt hatte, jemand aus dem Palazzo Boccanera zu sehen, so fürchtete er, daß es eine falsche Nachricht sein könne. Der Prälat glaubte sein Ehrenwort geben zu müssen. »Es ist ganz sicher, ich habe die Nachricht von einem Mitgliede der Kongregation erhalten.« Aber plötzlich entschuldigte er sich und entschlüpfte. »Verzeihung, aber da ist eine Dame, die ich nicht bemerkte und begrüßen möchte.« Er lief sofort zu ihr hin und umschwärmte sie. Da er sich nicht setzen konnte, blieb er, seine hohe Gestalt herabbeugend, stehen, als hülle er die junge, so frische, so stark entblößte Frau, die bei der leichten Berührung des lila Seidenmäntelchens so schön lachte, mit seiner galanten Höflichkeit ein. »Sie kennen diese Dame, nicht wahr?« fragte Narcisse Pierre. »Nein? Wirklich nicht? Das ist die gute Freundin des Grafen Prada, die reizende Lisbeth Kauffmann, die ihm eben einen dicken Jungen geschenkt hat und heute abend zum erstenmal wieder in Gesellschaft erscheint. Sie wissen, sie ist eine Deutsche, hat hier ihren Gatten verloren und malt ein bißchen, sogar ziemlich hübsch. Den Damen der Fremdenkolonie wird viel verziehen, und diese ist wegen der rosigen Laune, mit der sie in ihrem kleinen Palast in der Via Principe Amadeo empfängt, besonders beliebt. Sie können sich denken, daß die Nachricht von der Annullirung der Ehe sie belustigen muß!« Diese hochblonde, tiefrosige, sehr lustige Lisbeth mit ihrer Atlashaut, ihrem Milchgesicht, ihren so zart blauen Augen, ihrem Munde, dessen liebenswürdiges Lächeln durch seine Anmut berühmt war, war wirklich köstlich; insbesondere an diesem Abend besaß sie in ihrem weißen, goldgeflitterten Seidenkleide eine solche Lebensfreude, eine solche glückliche Gewißheit, frei, geliebt zu sein und zu lieben, daß die Nachricht, die man sich ringsum zuflüsterte, die Bosheiten, die hinter dem Fächer gesprochen worden, sich zu ihrem Triumph zu wenden schienen. Aller Blicke waren einen Augenblick auf sie gerichtet, unterdrücktes Gelächter ertönte und unehrerbietige Scherze kreisten ganz leise von Mund zu Ohr, während sie, strahlend in ihrer frech-heitern Ruhe, mit entzückter Miene die Galanterien Monsignore Fornaros entgegennahm. Er beglückwünschte sie zu einem Gemälde, einer Jungfrau mit der Lilie, das sie in eine Ausstellung geschickt hatte. Ach, welche Aufregung diese Annullirung der Pradaschen Ehe, die seit einem Jahr die Lästerchronik Roms bestritt, noch ein letztesmal hervorrief, als die Nachricht davon mitten in diesen Ball hineinfiel! Die schwarze und die weiße Gesellschaft hatten sie schon lange als ein Schlachtfeld auserwählt, um darauf die unglaublichsten Nachreden, endlose Klatschereien und märchenhafte Geschichten auszutauschen. Nun war es aus. Der unerschütterliche Vatikan wagte die Annullirung unter dem Vorwand auszusprechen, daß die Ehe infolge Unvermögens des Gatten nicht habe vollzogen werden können. Ganz Rom würde darüber lachen; sobald es sich um Geldangelegenheiten der Kirche handelte, zeigte es offen seinen Skeptizismus. Schon waren die Ereignisse des Kampfes niemand unbekannt; alle Welt wußte, daß der empörte Prada sich abseits gehalten, die unruhigen Boccaneras Himmel und Erde in Bewegung gesetzt hatten, daß unter die Kreaturen der Kardinäle Geld ausgeteilt worden war, um ihren Einfluß zu kaufen, und daß man den zuletzt günstigen Bericht des Monsignore Palma indirekt mit einer großen Summe bezahlt hatte. Man sprach von mehr als hunderttausend Franken im ganzen, was man nicht allzu teuer fand; denn eine andere Scheidung, die einer französischen Gräfin, hatte beinahe eine Million gekostet. Der heilige Vater hatte so viele Bedürfnisse! Uebrigens ärgerte das niemand; man begnügte sich damit, boshaft darüber zu scherzen. Die Fächer wehten in der wachsenden Hitze noch immer und die Damen überlief bei dem diskreten Flug der leichtfertigen, kaum gemurmelten Worte, die ihre nackten Schultern streiften, ein behagliches Zittern. »O, wie froh muß die Contessina sein!« hob Pierre wieder an. »Ich habe nicht begriffen, warum ihre kleine Freundin bei unserm Kommen sagte, daß sie heute abend so glücklich und so schön sein werde. Sicherlich kommt sie deshalb – sie, die sich seit dem Prozeß als in der Trauer befindlich erachtete.« Aber Lisbeth hatte Narcisse, dessen Blick sie begegnet war, zugelächelt und er mußte sie nun ebenfalls begrüßen gehen; denn er kannte sie, da er wie die ganze Fremdenkolonie ihr Atelier besucht hatte. Er kehrte zu Pierre zurück, als eine neue Erregung die Diamantenaigretten und Blumen in den Frisuren erzittern ließ. Die Köpfe wandten sich, der wirre Lärm wuchs. »Ei, Graf Prada in eigener Person!« murmelte Narcisse verwundert. »Nun, eine schöne Schulterbreite besitzt er! In Sammet und Gold gekleidet, gäbe er eine gute Figur eines Abenteurers aus dem fünfzehnten Jahrhundert ab, der ohne Bedenken in alle Genüsse beißt!« Prada trat mit sehr unbefangener, heiterer, fast triumphirender Miene ein. Mit seinen offenen, harten Augen, seinem energischen, von einem dichten, braunen Schnurrbart durchquerten Gesicht über dem breiten, weißen Hemdplastron, das der Frack schwarz umrahmte, hatte er wirklich etwas Stolzes und Beutegieriges an sich. Noch nie hatte sein gefräßiger Mund sein Wolfsgebiß in einem entzückteren, sinnlicheren Lächeln gezeigt. Mit einem raschen Blick prüfte und entkleidete er alle Frauen. Dann, als er die so spitzbübische, so rosige und blonde Lisbeth erblickt hatte, wurde er etwas milder und ging ganz offen auf sie zu, ohne sich im geringsten um die brennende Neugierde zu kümmern, mit der man ihn betrachtete. Er beugte sich zu ihr herab und sprach eine Weile leise mit ihr, sobald Monsignore Fornaro ihm seinen Platz abgetreten hatte. Zweifellos wurde ihm die im Umlauf befindliche Nachricht von der jungen Frau bestätigt, denn er machte, als er sich aufrichtete, eine Geberde und lachte etwas gezwungen. Nun sah er Pierre und gesellte sich zu ihm in die Fensternische. Er drückte auch Narcisse die Hand und sagte sogleich mit seiner gewöhnlichen Bravour: »Sie wissen, was ich sagte, als wir heute von Frascati zurückkamen. Nun, wie es scheint, ist es geschehen. Meine Ehe ist annullirt worden. Das ist so plump, so unverschämt, so albern, daß ich noch eben daran zweifelte.« »O, es ist ganz sicher,« erlaubte sich Pierre zu sagen. »Die Nachricht ist uns eben von Monsignore Fornaro bestätigt worden, der sie von einem Mitglied der Kongregation hat. Man behauptet, daß die Majorität sehr groß war.« Abermals wurde Prada von einem Lachen geschüttelt. »Nein, nein, eine solche Posse kann man sich gar nicht vorstellen. Das ist meines Wissens die schönste Ohrfeige, die man der Gerechtigkeit und dem gesunden Menschenverstand versetzt hat. O, wenn es nun auch gelingt, die bürgerliche Ehe zu lösen, und wenn meine Freundin, die Sie da drüben sehen, einverstanden ist – wie wird sich da Rom unterhalten! Gewiß, ich werde sie mit großem Pomp in S. Maria Maggiore heiraten! Und es gibt irgendwo in der Welt ein liebes, kleines Wesen, das auf den. Arm seiner Amme das Fest mitfeiern wird!« Er lachte bei dieser Anspielung auf sein Kind, diesen lebenden Beweis seiner Männlichkeit, allzu laut, allzu brutal. Litt er, da er eine Falte um die Lippen hatte, die sie zurückschob und seine weißen Zähne zeigte? Man fühlte, daß er zitterte, daß er gegen das Erwachen einer heimlichen, stürmischen Leidenschaft kämpfte, die er sich nicht einmal selbst eingestand. »Und kennen sie auch die andere Neuigkeit, lieber Abbé?« fuhr er lebhaft fort. »Hat man Ihnen gesagt, daß die Gräfin kommen soll?« So nannte er Benedetta aus Gewohnheit; er vergaß, daß sie nicht mehr seine Frau war. »Allerdings, man hat es mir eben gesagt,« antwortete Pierre. Er zögerte einen Augenblick, ehe er in dem Bedürfnis, jedweder peinlichen Ueberraschung vorzubeugen, hinzufügte: »Zweifellos werden wir auch den Fürsten Dario sehen, denn er ist nicht nach Neapel abgereist, wie ich Ihnen sagte. Ich glaube, im letzten Moment trat eine Verhinderung ein.« Prada lachte nicht mehr, sondern murmelte bloß mit plötzlich ernst gewordenem Gesicht: »Ah, der Vetter ist dabei! Nun, so werden wir sie sehen, alle beide sehen!« Und während die Freunde ihr Gespräch fortsetzten, verstummte er, überwältigt von einer Mut ernster Gedanken, die ihn zum Nachdenken zwangen. Dann machte er eine entschuldigende Geberde, drückte sich tiefer in die Nische, zog ein Notizbuch aus der Tasche und riß ein Blatt heraus, auf das er, nur die Schriftzüge etwas dicker auftragend, mit Bleistift folgende paar Zeilen schrieb: »Eine Legende behauptet, daß der Feigenbaum des Judas, tödlich für jeden, der eines Tages Papst werden will, in Frascati wieder wächst. Essen Sie nicht die vergifteten Feigen, geben Sie sie weder Ihren Leuten noch Ihren Hennen.« Er faltete das Blatt zusammen, versiegelte es mit einer Postmarke und schrieb die Adresse darauf: »An Seine Ehrwürdigste und Erlauchteste Eminenz Kardinal Boccanera.« Als er alles wieder in die Tasche gesteckt hatte, atmete er tief auf und fand sein Lachen wieder. Etwas wie ein unbesiegbares Unbehagen, ein ferner Schrecken hatte ihn erstarrt. Ohne daß sich eine bestimmte Schlußfolgerung in ihm gebildet hätte, fühlte er das Bedürfnis, sich gegen die Versuchung einer Niedertracht, eines möglichen Greuels zu sichern. Aber er hätte die Ideenverbindung, die ihn zwang, die vier Zeilen sofort, auf der Stelle, ohne Zögern, bei Strafe des höchsten Unglücks, niederzuschreiben, nicht erklären können. Er hatte nur einen bestimmten Gedanken: er wollte das Billet beim Verlassen des Balles in den Briefkasten des Palastes Boccanera werfen. Nun war er ruhig. »Was haben Sie denn, lieber Abbé?« fragte er. indem er sich von neuem ins Gespräch mischte. »Sie sind ja ganz düster geworden.« Als Pierre ihm die böse Nachricht mitgeteilt hatte, daß sein Buch verdammt, daß er morgen mir einen einzigen Tag zum Handeln übrig habe, wenn er nicht wolle, daß seine Reise nach Rom eine Niederlage sei, rief er, als empfände er selbst ein Bedürfnis nach Aufregung, nach Betäubung, um trotz allem hoffen und leben zu können: »Pah, pah, verlieren Sie nicht den Mut! Man läßt dabei seine ganze Kraft. Ein Tag ist viel, in einem Tage kann man vieles thun! Eine Stunde, eine Minute genügt dem Schicksal, um zu handeln und Niederlagen in Siege zu verwandeln.« Und fieberhaft fügte er hinzu: »Kommen Sie, gehen wir in den Ballsaal. Wie es scheint, ist es dort wunderbar.« Während Pierre und Narcisse ihm folgten, wechselte er einen letzten, zärtlichen Blick mit Lisbeth; alle drei machten sich mit großer Mühe frei und erreichten die Nebengalerie inmitten der eiligen Flut von Frauenröcken, inmitten dieser Schlagwelle von Nacken und Schultern, aus der die lebengebende Leidenschaft, der Duft der Liebe und des Todes aufstieg. Die zehn Meter breite und zwanzig Meter lange Galerie entfaltete sich in unvergleichlicher Pracht. Ihre acht kahlen, weder mit Vorhängen noch mit Vitragen versehenen Fenster gingen auf den Corso hinaus und entflammten die gegenüberliegenden Häuser. Eine blendende Helle herrschte; sieben Paar ungeheurer, marmorner Armleuchter wurden von Büscheln elektrischer Lampen in riesige, sonnenartige Pechfackeln verwandelt, und oben, längs des Karnies bildeten andere, von hellfarbigen Blumen umschlossene Lampen ein wunderbares Gewinde von Feuerblüten, Tulpen, Päonien und Rosen. Der alte, mit Goldborten besetzte rote Sammet der Wandtapeten besaß einen feurigen Widerschein, eine helle Glut. Die Behänge an Thüren und Fenstern bestanden aus alten Spitzen, die in farbiger Seide ebenfalls mit Blumen von lebensvoller Kraft bestickt waren. Aber der unvergleichliche, in der Welt einzig dastehende Schatz war die Sammlung von Meisterwerken unter der prächtigen Decke mit den mit Goldrosetten geschmückten Deckenfeldern. Kein Museum hatte eine schönere auszuweisen. Da waren Raffaels, Tizians, Rembrandts, Rubens', Velasquez' und Riberas – hochberühmte Werke, die in dieser unerwarteten Beleuchtung plötzlich in triumphirender Jugend erschienen, als wären sie gleichsam zu dem unsterblichen Leben des Genies wieder erwacht. Da Ihre Majestäten erst gegen Mitternacht kommen sollten, war der Ball eben eröffnet worden; ein Walzer trug die Paare dahin, zarte Toiletten flogen durch die prunkvolle Menge, Ordensdekorationen und Kleinodien, goldgestickte Uniformen und perlenbestickte Kleider rieselten in einem sich unaufhörlich ausbreitenden Schwall von Sammet, Seide und Atlas. »Das ist wirklich wunderbar!« erklärte Prada mit seiner aufgeregten Miene. »Kommen Sie doch hierher, wir werden uns wieder in eine Fensternische stellen. Es gibt keinen bessern Platz, um alles gut zu sehen, ohne zu viel gestoßen zu werden.« Sie hatten Narcisse verloren und so waren Pierre und der Graf, als sie endlich die gewünschte Nische erreichten, nur ihrer zwei. Das auf einer kleinen Estrade im Hintergründe aufgestellte Orchester hatte eben den Walzer beendet und die Tanzenden schritten wieder langsam, mit entzückt betäubter Miene, durch die wachsende Flut der Menge, als einige Personen erschienen, deren Eintreten alle Köpfe herumfahren ließ. Donna Serafina, in einem karmesinroten Atlaskleide, als trage sie die Farben ihres Bruders, des Kardinals, trat wie eine Königin am Arme des Konsistorialanwalts Morano ein. Nie hatte sie ihre dünne, mädchenhafte Taille mehr geschnürt, nie hatte ihr hartes, von großen Falten durchfurchtes und von dem weißen Haar kaum gemildertes Altjungferngesicht eine so störrische und so siegreiche Gewalt ausgedrückt. Ein diskretes, beifälliges Gemurmel erhob sich; es war eine Art allgemeiner Erleichterung, denn die römische Gesellschaft hatte das unwürdige Vorgehen Moranos, ein dreißigjähriges Verhältnis zu brechen, an das sich die Salons wie an eine rechtmäßige Ehe gewöhnt hatten, unbedingt verurteilt. Man sprach von einer unmöglichen Laune für eine kleine Bürgerliche, von einem schlechten Vorwand zum Bruche, den ein Streit über die damals fragliche Scheidung Benedettas bieten sollte. Das Zerwürfnis hatte beinahe zwei Monate gedauert – zum großen Aergernis Roms, in dem der Kultus langer, zärtlicher Liebesverhältnisse noch immer besteht. Daher berührte die Aussöhnung alle Herzen als eine der glücklichsten Folgen des am selben Tage bei der Konzilskongregation gewonnenen Prozesses. Der reuige Morano, Donna Serafinas Wiedererscheinen an seinem Arme – das war sehr schön, das war der Sieg der Liebe; nun war die gute Sitte gerettet, die Ordnung wieder hergestellt. Aber ein noch größeres Aufsehen entstand, als hinter ihrer Tante Benedetta sichtbar ward, die an der Seite Darios eintrat. Diese ruhige Gleichgiltigkeit gegen die gewöhnlichen Anstandsgründe, dieser Sieg ihrer eingestandenen, vor allen gefeierten Liebe an demselben Tage, an dem ihre Ehe annullirt worden war, erschien als eine so hübsche Kühnheit, als ein solcher Heldentrotz der Jugend und Hoffnung, daß sie ihnen sofort unter einem Murmeln allgemeiner Bewunderung vergeben ward. Gleich Celia und Attilio flogen ihnen die Herzen wegen des Schönheitsglanzes, in dem sie strahlten, wegen des außerordentlichen Glückes, das von ihren Gesichtern leuchtete, entgegen. Dario, noch blaß von seiner langen Krankheit, besaß bei seiner ein wenig schwächlichen Zartheit, seinen schönen, klaren Kinderaugen, seinem braunen Barte, der wie der eines jungen Gottes gekräuselt war, etwas Freies und Stolzes, in dem sich das ganze alte fürstliche Blut der Boccaneras wiederfand. Benedetta, sehr weiß unter ihrer schwarzen Haarkrone, sehr ruhig, sehr gesetzt, ließ ihr schönes Lachen ertönen. Dieses Lachen war bei ihr sehr selten, aber von unwiderstehlich verführerischem Reiz; es verwandelte sie, gab ihrem etwas starken Munde einen blumenhaften Zauber und erfüllte die Unendlichkeit ihrer großen, düstern, unergründlichen Augen mit Himmelsklarheit. Und in dieser wiederkehrenden, so heitern, so süßen Kindheit war sie von dem köstlichen Instinkt geleitet worden, ein weißes Kleid, ein ganz schlichtes Mädchenkleid anzuziehen, dessen Symbol ihre Jungfräulichkeit, die große, reine Lilie verkündete, die sie beharrlich für den Gatten ihrer Wahl geblieben war. Nichts von ihrem Körper war noch zu sehen; sie hatte sich nicht einmal einen diskreten Halsausschnitt gestattet. Das Geheimnis undurchdringlicher, furchtbarer Liebe, die Allmacht erhabener Frauenschönheit schlummerte hier, weiß verhüllt. Kein Schmuck, kein Kleinod war an ihr zu sehen – weder an den Händen noch in den Ohren, und auf dem Leibchen nichts als ein Halsband: aber es war das Halsband einer Königin, das berühmte Perlenhalsband der Boccaneras, das sie von ihrer Mutter geerbt hatte, das ganz Rom kannte. Die fabelhaft großen Perlen waren nachlässig um ihren Hals geworfen, aber sie genügten, um ihr in ihrem einfachen Kleide Königswürde zu verleihen. »O, wie glücklich, wie schön ist sie!« murmelte Pierre verzückt. Er bereute sogleich, so laut gedacht zu haben, denn er hörte neben sich einen dumpfen Klageton wie von einem Wild, ein unwillkürliches Murren, das ihn an die Gegenwart des Grafen erinnerte. Dieser erstickte übrigens den Aufschrei seiner jählings wieder geöffneten Wunde, und hatte sogar noch die Kraft, eine brutale Heiterkeit zu heucheln. »Zum Henker, es fehlt ihnen beiden nicht an Sicherheit! Hoffentlich wird man sie vor uns verheiraten und betten.« Dann bereute er diese rohe Scherzhaftigkeit, in der sich der Schmerz des ungesättigten männlichen Verlangens aufbäumte, und wollte sich gleichgiltig zeigen. »Sie ist heute wirklich hübsch. Wissen Sie, sie hat die schönsten Schultern von der Welt; es ist ein wahrer Erfolg für sie, daß sie noch schöner aussieht, indem sie sie nicht zeigt.« Es gelang ihm, mit zerstreuter Miene weiterzusprechen und er erzählte unbedeutende Thatsachen von der Frau, die er beharrlich noch immer »die Gräfin« nannte. Aber er hatte sich etwas tiefer in die Nische zurückgezogen, zweifellos aus Furcht, daß man seine Blässe, das schmerzliche Zucken bemerken könne, das seine Lippen verzerrte. Er war nicht mehr im stande, zu kämpfen, sich neben der so naiv zur Schau gestellten Freude des Paares lachend und frech zu zeigen und war glücklich über die Frist, die ihm in diesem Augenblick die Ankunft des Königs und der Königin schenkte. »Ah, da sind Ihre Majestäten!« rief er, indem er sich zum Fenster wendete. »Sehen Sie nun das Gedränge auf der Straße!« In der That drang trotz der geschlossenen Fenster der Lärm einer Menge von den Bürgersteigen herauf, und als Pierre hinausblickte, sah er in dem Widerschein der elektrischen Lampen eine Flut von menschlichen Köpfen den Fahrweg überschwemmen und sich um die Karossen drängen. Er war dem König bereits mehrmals auf seinen täglichen Spaziergängen in die Villa Borghese begegnet; er kam dahin wie ein bescheidener Rentner, ein braver Bürgersmann, ohne Leibwache, ohne Eskorte und nur ein Adjutant saß neben ihm in der Viktoria. Manchmal war er allein und lenkte selbst, nur von einem Bedienten in schwarzer Livree begleitet, sein leichtes Phaeton. Einmal hatte er sogar die Königin mitgenommen und beide saßen neben einander wie ein gutes Ehepaar, das zum Vergnügen spazieren fährt. Die geschäftige Menge in den Straßen, die Spaziergänger in den Gärten begnügten sich, als sie sie so vorüberfahren sahen, mit einer liebevoll grüßenden Geberde, ohne sie mit Zurufen zu belästigen, während die expansiveren Naturen bloß frei näher traten, um ihnen zuzulächeln. Pierre, in seiner überlieferten Vorstellung von den Königen, die sich schützen und umgeben von militärischem Pomp vorüberziehen, war daher von der liebenswürdigen Gutmütigkeit dieses mit schöner Sicherheit inmitten der lächelnden Liebe seines Volkes einhergehenden Königspaares seltsam überrascht und gerührt. Auch noch andere Einzelheiten über den Quirinal waren ihm von allen Seiten zugekommen; man erzählte ihm von der Güte und Einfachheit des Königs, seinem Verlangen nach Frieden, seiner Leidenschaft für die Jagd, die Einsamkeit und das Freie, die ihn wohl oft in dem Abscheu vor der Macht von einem freien Leben träumen ließ – fern von jener autoritativen Herrscherarbeit, für die er gar nicht geschaffen zu sein schien. Aber insbesondere die Königin wurde angebetet; sie war von einer so natürlichen und reinen Ehrenhaftigkeit, daß sie allein von den Skandalen Roms nichts wußte, war sehr gebildet, kannte gut alle Literaturen und fühlte sich sehr glücklich, daß sie intelligent und ihrer Umgebung weit überlegen war. Sie wußte das und ließ es gerne, ohne Anstrengung, mit vollkommener Anmut sehen. Prada, der gleich Pierre das Gesicht gegen eine Scheibe des Fensters gedrückt hielt, deutete mit einer Geberde auf die Menge. »Jetzt, nachdem sie die Königin gesehen haben, werden sie ruhig schlafen gehen. Und es gibt da unten keinen einzigen Polizeiagenten, dafür stehe ich Ihnen gut – – Ah, geliebt werden, geliebt werden!« Sein Weh erfaßte ihn von neuem; er wandte sich wieder der Galerie zu. »Achtung, mein Lieber,« scherzte er. »Der Eintritt Ihrer Majestäten darf nicht verpaßt werden. Das ist das Schönste an dem Fest.« Ein paar Minuten verstrichen, dann unterbrach sich das Orchester plötzlich mitten in einer Polka, um mit der ganzen Kraft seiner Blechinstrumente den Königsmarsch zu spielen. Unter den Tanzenden trat eine Zerrüttung ein und die Mitte des Saales leeret sich. König und Königin traten ein, begleitet von den Fürsten und der Fürstin Buongiovanni, die sie am Fuße der Treppe empfangen hatten. Der König war einfach im Frack, die Königin trug eine strohgelbe, mit einer wunderbaren, weißen Spitze bedeckte Atlasrobe, und unter dem Brillantendiadem, das ihr schönes, blondes Haar umschloß, sah ein rundes und frisches, aus Liebenswürdigkeit, Sanftmut und Geist gebildetes Gesicht hervor. Sie hatte ein äußerst jugendliches Aussehen. Die Musik spielte noch immer mit bewillkommender, begeisterter Heftigkeit. In der Flut der Zuschauer, die dem Königspaare folgten, um zu schauen, erschien auch Celia, hinter ihrem Vater und ihrer Mutter; dann kamen Attilio, die Saccos, Verwandte, offizielle Persönlichkeiten. Da man die Beendigung des königlichen Umzuges abwartete, hörte und sah man inmitten der klingenden Instrumente und der leuchtenden Lampen noch nichts als Grüße, Blicke, Lächeln; alle Eingeladenen standen, stießen einander und bildeten, mit ausgestrecktem Hals und glänzenden Augen sich reckend, eine steigende Flut von Köpfen und juwelenfunkelnden Schultern. Endlich verstummte das Orchester und die Vorstellungen fanden statt. Ihre Majestäten, die Celia übrigens bereits kannten, beglückwünschten sie mit wahrhaft elterlicher Güte. Aber Sacco war als Minister sowohl wie als Vater vor allem darauf bedacht, seinen Sohn Attilio vorzustellen. Der kleine Mann krümmte sein geschmeidiges Rückgrat, fand die passenden, schönen Worte, so daß er vor dem König den Lieutenant sich verneigen ließ, während er der Königin die Huldigung des schönen, so leidenschaftlich geliebten Jünglings vorbehielt. Ihre Majestäten legten abermals ein außerordentliches Wohlwollen an den Tag, sogar gegen Frau Sacco, die sich, stets bescheiden und vorsichtig, im Schatten hielt. Und nun begab sich etwas, was, von Salon zu Salon weitergetragen, endlose Kommentare erwecken sollte. Als die Königin Benedetta erblickte, die Graf Prada ihr nach der Hochzeit zugeführt hatte, lächelte sie ihr zu, da sie für ihre Schönheit und ihren Reiz eine zärtliche Bewunderung empfand; die junge Frau mußte sonach näher treten und erhielt die ungewöhnliche Begünstigung eines einige Minuten währenden Gespräches. Es war von den liebenswürdigsten Worten begleitet, die alle Nebenstehenden hören konnten. Die Königin wußte sicherlich nichts von dem Ereignis des Tages, der annullirten Ehe mit Prada, der bevorstehenden Verbindung mit Dario, die bei diesem Feste öffentlich verkündigt wurde, so daß es fortan eine Doppelverlobung feierte. Aber der Eindruck war nichtsdestoweniger hervorgerufen worden, und man sprach nun von nichts mehr als von den Komplimenten, die die tugendhafteste und geistreichste der Königinnen an Benedetta gerichtet hatte. Ihr Triumph war dadurch noch gesteigert; sie wurde in diesem Glück, endlich dem erwählten Gatten anzugehören, noch schöner, noch stolzer, noch sieghafter. Das waren nun für Prada unsägliche Leiden. Während die Herrscher fortfuhren, sich zu unterhalten – die Königin mit den Damen, die sie begrüßten, der König mit Offizieren, Diplomaten, einem ganzen Aufzug von wichtigen Persönlichkeiten – sah Prada immer nur Benedetta, die beglückwünscht, umschmeichelt, von Glanz und Ruhm erhoben ward. Neben ihr stand Dario und genoß, strahlte mit ihr. Sie waren es, für die der Ball gegeben ward; für sie funkelten die Lampen, spielte das Orchester, hatten sich alle schönen Frauen Roms entkleidet und prangten nun mit ihren von Diamanten rieselnden Busen in einem heftigen Liebesduft; für sie waren ihre Majestäten eben bei den Klängen des Königsmarsches eingetreten, für sie verwandelte sich das Fest in eine Apotheose, für sie lächelte eine angebetete Herrscherin, für sie brachte sie, gleich der guten Fee aus dem Märchen, deren Kommen das Glück der Neugeborenen sichert, diesem Verlobungsfeste das Geschenk ihrer Gegenwart. Und diese Stunde außerordentlichen Glanzes bedeutete den Gipfel des Glückes und Jubels, den Sieg dieser Frau, deren Schönheit sein gewesen, ohne daß er sie besitzen konnte, den Sieg dieses Mannes, der sie ihm jetzt rauben sollte – einen so öffentlichen, so zur Schau gestellten, so beschimpfenden Sieg, daß er ihn, brennend wie ein Schlag, mitten ins Gesicht traf. Aber nicht nur sein Hochmut und seine Leidenschaft bluteten; durch den Triumph der Saccos fühlte er sich auch in seinem Vermögen bedroht. War es also wahr, daß das köstliche Klima Roms die reichen Eroberer aus dem Norden zuletzt verdarb, da er dieses Gefühl von Ermüdung und Erschöpfung empfand, da er schon halb aufgezehrt war? Am selben Tage hatte er in Frascati, bei jener unglückseligen Baugeschichte seine Millionen krachen gehört, obwohl er nicht zugestehen wollte, daß seine Geschäfte, wie das Gerücht ging, schlecht standen. An diesem Abend nun, inmitten dieses Festes, sah er den Sieg des Südens; Sacco trug ihn davon, wie einer, der gemächlich von der warmen Beute lebt, die er gefräßig unter der flammenden Sonne gemacht hat. Sacco, der Minister, Sacco, der Vertraute des Königs, Sacco, der sich durch die Heirat seines Sohnes mit einer der edelsten Familien der römischen Aristokratie verband, der auf dem Wege war, eines Tages der Herr Roms und Italiens zu werden, der schon jetzt mit vollen Händen im Gelde und im Volke wühlte – dieser Sacco war ein neuer Schlag für die Eitelkeit dieses Raubgierigen, für die stets gefräßigen Begierden dieses Genußmenschen, der sich vor dem Ende des Gelages von der Tafel verstoßen sah. Alles brach zusammen, alles entschlüpfte ihm: Sacco stahl ihm seine Millionen, Benedetta wühlte ihm die Sinne auf und hinterließ ihm jene abscheuliche Wunde ungesättigten Verlangens, von der er nie mehr genesen sollte. In diesem Augenblick hörte Pierre abermals jenen dumpfen, tierähnlichen Klagelaut, jenes unwillkürliche, verzweifelte Murren, das ihm schon einmal das Herz aufgestürmt hatte. Er sah den Grafen an. »Sind Sie leidend?« fragte er. Aber angesichts dieses bleichen Mannes, der durch eine übermenschliche Willensanstrengung eine große Ruhe bewahrte, bedauerte er seine indiskrete Frage; er erhielt übrigens keine Antwort, und um ihn zu ermutigen, redete er weiter, indem er ganz laut die Betrachtungen aussprach, die das Schauspiel der sich vor ihnen entwickelnden Pracht in ihm erstehen ließ. »Ach, Ihr Vater hatte recht! Wir Franzosen mit unserer selbst in diesen Tagen allgemeinen Zweifels so tief katholischen Erziehung, sehen in Rom immer nur das uralte Rom der Päpste – fast ohne von den tiefen Veränderungen, die von Jahr zu Jahr das italienische Rom von heute daraus machen, etwas zu wissen, fast ohne sie zu begreifen. Wenn Sie wüßten, wie nichtig mir bei meiner Ankunft der König, seine Regierung, dieses junge Volk erschien, das daran arbeitet, sich eine Hauptstadt zu schaffen! Ja, in meinem Traum, Rom, ein neues, christliches und evangelisches Rom zum Wohle der Völker auferstehen zu lassen, schob ich das alles beiseite, brachte es gar nicht in Anschlag.« Er brach in leises Lachen aus, denn seine Unschuld erbarmte ihn selbst; dann deutete er mit einer Geberde auf die Galerie, auf den Fürsten Buongiovanni, der sich in diesem Augenblick vor dem König verbeugte, die Fürstin, die den Artigkeiten Saccos zuhörte, – auf die zu Boden geschlagene päpstliche Gesellschaft, die aufgenommenen Emporkömmlinge von gestern. Die schwarze und die weiße Gesellschaft waren derart vermischt, daß nichts mehr als Unterthanen übrig waren, die im Begriffe standen, ein einziges Volk zu bilden. Deuteten nicht, angesichts der täglichen Entwicklung, angesichts dieser frohen, lachenden, geschmückten, vom Hauch des Verlangens hingerissenen Männer und Frauen, die Thatsachen – wenn auch nicht die Prinzipien – die unmögliche Versöhnung zwischen Quirinal und Vatikan als eine vom Schicksal bestimmte an? Man muß ja leben, lieben, geliebt werden, ewig Leben geben! Und die Heirat Attilios und Celias sollte das Symbol des notwendigen Bundes werden: Jugend und Liebe sollten den alten Haß besiegen und alle Streitigkeiten in der Umarmung des schönen Jünglings vergessen werden, der kommt und das schöne, eroberte Mädchen in seinen Armen davonträgt, damit die Welt fortdauert. »Sehen Sie sie doch an!« fuhr Pierre fort. »Wie schön sind diese Verlobten, wie jung und fröhlich, wie lachen sie der Zukunft entgegen! Ich verstehe sehr wohl, daß Ihr König hieher gekommen ist, um seinem Minister ein Vergnügen zu machen und eine der alten, römischen Familien vollends seinem Throne zu gewinnen. Das ist eine gute, eine wackere und väterliche Politik. Aber ich möchte auch glauben, daß er die rührende Bedeutung dieser Heirat verstanden hat: das alte Rom, in Gestalt dieses entzückenden, so naiven, so verliebten Kindes gibt sich dem jungen Italien, diesem enthusiastischen, redlichen Jüngling, der so prächtig die Uniform trägt. Möge ihre Ehe entscheidend und fruchtbar sein, möge ihr das große Land entspringen, das zu sein ich euch jetzt, da ich euch kennen lerne, von ganzem Herzen wünsche!« In dem Schmerz über das Wanken seines einstigen Traumes von einem evangelischen und universellen Rom, hatte er diesen Wunsch nach einem neuen Glücke der ewigen Stadt mit so lebhafter, so tiefer Erregung ausgesprochen, daß Prada nicht umhin konnte, zu antworten: »Ich danke Ihnen. Das ist ein Wunsch, der im Herzen eines jeden guten Italieners lebt.« Aber seine Stimme erstickte. Während er Celia und Attilio betrachtete, die lächelnd mit einander sprachen, hatte er eben Benedetta und Dario bemerkt, die mit demselben Lächeln ungeheuren Glückes zu ihnen traten. Als nun die beiden so strahlenden, in stolzer, glücklicher Lebensfreude so triumphirenden Paare vereinigt waren, hatte er nicht mehr die Kraft, dazubleiben, sie anzusehen und zu leiden. »Ich platze vor Durst« sagte er brutal. »Kommen Sie doch ans Buffet, ich will etwas trinken.« Und er glitt hinter der Menge, längs der Fenster hin, um nicht bemerkt zu werden, während er zu der am äußersten Ende der Galerie gelegenen Thür des Antikensaales strebte. Indem Pierre ihm folgte, wurden sie von einer Menschenflut getrennt, und der Priester sah sich gegen die zwei noch immer zärtlich plaudernden Paare getragen. Celia rief ihn, da sie ihn erkannt hatte, mit einer leichten, freundschaftlichen Geberde herbei. In ihrem feurigen Schönheitskultus geriet sie über Benedetta in Verzückung und faltete vor ihr die kleinen Lilienhände, wie vor der Madonna. »O, Herr Abbé, thun Sie mir den Gefallen, sagen Sie ihr, daß sie schön ist – schöner als das Schönste auf der Welt, schöner als die Sonne, der Mond und die Sterne! – Liebste, wenn Du wüßtest – es überläuft mich, daß Du gar so schön bist, schön wie das Glück, schön wie die Liebe!« Benedetta begann zu lachen, während die beiden jungen Leute sich amüsirten. »Du bist ebenso schön wie ich, Liebe. Wir sind schön, weil wir glücklich sind.« »Ja, ja, wir sind glücklich« wiederholte Celia leise. »Erinnerst Du Dich des Abends, da Du sagtest, es gehe nicht an, König und Papst zu vermählen? Attilio und ich vermählen ihn, und sind doch so glücklich!« »Aber Dario und ich vermählen ihn nicht, im Gegenteil!« entgegnete Benedetta fröhlich. »Geh, geh, was hast Du mir am selben Abend geantwortet: es genügt, wenn man liebt, dann rettet man die Welt.« Als Pierre endlich zur Thür des Antikensaales, in dem das Buffet aufgestellt war, gelangen konnte, fand er Prada dort unbeweglich stehen. Er war wie angenagelt und seine Augen tranken den furchtbaren Anblick in sich, den er fliehen wollte. Er hatte sich umdrehen, hinsehen, immer wieder hinsehen müssen. Und so wohnte er mit blutendem Herzen dem Wiederbeginn des Tanzes, der ersten Figur einer Quadrille bei, die das Orchester mit dem vollen Klang seiner Blechinstrumente spielte. Benedetta und Dario, Celia und Attilio tanzten einander vis-à-vis , und diese beiden jungen, frohen Paare sahen, wie sie so in dem weißen Lichte, in der Pracht und in dem Duft der Liebe tanzten, so reizend, so anbetungswürdig aus, daß der König und die Königin näher traten und sich dafür interessirten. Bewundernde Bravos ertönten, eine unendliche Zärtlichkeit ergoß sich aus allen Herzen. »Ich platze vor Durst, so kommen Sie doch!« wiederholte Prada, der sich endlich von seiner Marter loszureißen vermochte. Er ließ sich ein Glas Eislimonade geben und stürzte es in einem Zuge, mit der gierigen Miene eines Fiebernden hinunter, der das innere Feuer, das ihn verzehrt, nie stillen wird. Dieser Antikensaal war ein sehr großes, mit Mosaik gepflastertes und mit Stuck geschmücktes Gemach, in dem sich, längs der Wände, eine berühmte Sammlung von Vasen, Basreliefs und Statuen befand. Marmor herrschte vor, aber es waren auch einige Bronzen vorhanden, darunter ein sterbender Gladiator von unvergleichlicher Schönheit. Aber das wunderbarste war die berühmte Venus; sie war ein Gegenstück zu der Venus des Kapitols, doch feiner, geschmeidiger, und der linke Arm hing mit einer Geberde wollüstiger Hingebung herab. An diesem Abend warf ein mächtiger, elektrischer Reflektor eine blendende Sonnenhelle über sie, und der Marmor schien in seiner göttlichen, reinen Nacktheit ein übermenschliches, unsterbliches Leben zu besitzen. Das Buffet, ein langer, mit einem gestickten Tischtuch belegter und mit Obst, Gebäck und kaltem Fleisch beladener Tisch war an der Wand im Hintergrunde aufgestellt worden. Blumensträuße erhoben sich unter Champagnerflaschen, heißen Punschs und Eissorbets, dem Heer von Gläsern, Thee- und Bouillontassen, der im Licht funkelnden Pracht des Kristalls, Porzellans und Silbers. Eine glückliche Neuerung bestand darin, daß man eine Hälfte des Saales mit Reihen kleiner Tische angefüllt hatte, wo die Gäste, statt stehend zu essen, sich niedersetzen und sich wie in einem Café bedienen lassen konnten. An einem dieser kleinen Tische bemerkte Pierre Narcisse, der neben einer jungen Frau saß, und Prada trat näher, als er Lisbeth erkannte. »Sie sehen, Sie finden mich in guter Gesellschaft wieder,« sagte der Botschaftsattaché galant. »Nachdem Sie mich verloren hatten, hatte ich nichts Besseres zu thun, als der gnädigen Frau den Arm zu reichen, um sie hierher zu führen.« »Es war eine gute Idee, um so mehr als ich großen Durst hatte«, meinte Lisbeth mit ihrem hübschen Lachen. Sie hatten sich Eiskaffee geben lassen und aßen ihn langsam, mit Hilfe von kleinen Vermeillöffeln. »Ich sterbe auch vor Durst, und kann ihn gar nicht löschen,« erklärte der Graf. – »Sie laden uns doch ein, lieber Herr Habert, nicht wahr? Dieser Kaffe wird mich vielleicht etwas beruhigen. – Ah, liebe Freundin, gestatten Sie mir, Ihnen den Herrn Abbé Froment, einen der hervorragendsten jungen französischen Priester, vorzustellen.« Alle vier blieben lange Zeit so sitzen; sie plauderten und machten sich über die vorüberziehenden Gäste ein wenig lustig. Aber Prada blieb trotz seiner gewöhnlichen Galanterie gegen seine Freundin nachdenklich; zeitweise vergaß er sie, gab sich wieder seinem Weh hin und seine Augen kehrten wider Willen zu der Nebengalerie zurück, aus der das Geräusch der Musik und des Tanzes zu ihm herüberdrang. »Nun, lieber Freund, woran denken Sie denn?« fragte Lisbeth liebenswürdig, als sie ihn einen Augenblick so blaß, so verloren dasitzen sah. »Sind Sie unwohl?« Er antwortete nicht, sondern sagte plötzlich: »Seht ihr, das ist das echte Liebespaar – das ist die Liebe und das Glück!« Und er deutete leicht auf die Marquise Montefiori, die Mutter Darios, und ihren zweiten Gatten, diesen Jules Laporte, diesen ehemaligen Sergeanten der Schweizer Garde, der fünfzehn Jahre jünger als sie war, den sie sich mit ihren immer noch prächtigen Flammenaugen auf dem Corso geangelt, aus dem sie triumphirend einen Marquis Montefiori gemacht hatte, um ihn ganz zu besitzen. Es machte sie so glücklich, den schönen Mann, auf den sie stolz war, zu zeigen, daß sie ihn auf Bällen und Soireen nicht losließ, der Sitte entgegen an seinem Arm hängen blieb und sich von ihm ans Buffet führen ließ. Nun tranken beide stehend Champagner und aßen Sandwichs – sie, trotzdem sie die Fünfzig hinter sich hatte, noch von außerordentlicher, massiver Schönheit, er, mit seinem flatternden Schnurrbart von stolzem Anstand – ein glücklicher Abenteurer, dessen fröhliche Brutalität den Damen gefiel. »Sie wissen, sie hat ihn aus einer häßlichen Geschichte ziehen müssen,« fuhr der Graf fort. »Ja, er brachte Reliquien unter, schlug sich kümmerlich durch, indem er für die französischen und Schweizer Klöster den Makler machte, und hatte ein ganzes Geschäft mit falschen Reliquien in Gang gebracht. Hiesige Juden fabrizirten kleine, altertümliche Reliquienschreine mit Stücken von Hammelknochen, alles mit dem Siegel und der Unterschrift der glaubwürdigsten Autoritäten. Man hatte diese Geschichte, in der sich auch drei Prälaten bloßgestellt hatten, vertuscht ... Ah, der Glückliche! Seht doch, wie sie ihn mit den Augen verschlingt! Und er, sieht er nicht wie ein richtiger Grandseigneur aus, wie er den Teller hält, von dem sie ein Stück Geflügelbrust ißt!« Dann fuhr er mit dumpfer, grimmiger Ironie fort, von den römischen Liebschaften zu erzählen. Die römischen Frauen waren unwissend, störrisch und eifersüchtig. Wenn eine Frau einen Mann erobert hatte, behielt sie ihn das ganze Leben; er wurde ihr Gut, ihre Sache, über die sie zu jeder Stunde nach Gefallen verfügte. Er führte endlose Liebesverhältnisse an – unter anderen das Donna Serafinas und Moranos – die wirkliche Ehen geworden waren, und spöttelte über diesen Mangel an Phantasie, über diese vollständige und allzu schwerfällige Hingabe, diese spießbürgerlich machenden Küsse, die nur inmitten der unangenehmsten Katastrophen enden konnten, wenn sie überhaupt je endeten. »Aber was haben Sie denn, was haben Sie denn, lieber Freund?« rief Lisbeth abermals lachend. »Was Sie uns da erzählen, ist ja im Gegenteil sehr reizend! Wenn man liebt, muß man sich immer lieben.« Sie sah mit ihrem feinen, duftigen blonden Haar, in ihrer zarten, blonden Nacktheit köstlich aus und Narcisse verglich sie schmachtend, mit halbgeschlossenen Augen, mit einer Figur Botticellis, die er in Florenz gesehen. Die Nacht rückte vor und Pierre war wieder in seine düstere Nachdenklichkeit verfallen, als er eine vorübergehende Frau sagen hörte, daß man bereits den Cotillon tanze. In der That erklangen in der Ferne die Blechinstrumente des Orchesters. Er erinnerte sich plötzlich an die Zusammenkunft, die Monsignore Nani mit ihm im kleinen Spiegelsaale verabredet hatte. »Sie gehen?« fragte Prada lebhaft, als er sah, daß der Priester sich von Lisbeth empfahl. »Nein, nein, noch nicht.« »Ah, schön! Dann gehen Sie nicht ohne mich. Ich möchte noch ein wenig marschiren, ich werde Sie nach Hause begleiten ... Nicht wahr, Sie suchen mich hier wieder auf?« Pierre mußte zwei Salons, einen gelben und einen blauen durchschreiten, ehe er, ganz zuletzt, in den kleinen Spiegelsaal gelangte. Er war wirklich ein Wunderwerk, in köstlichem Rokokostil gehalten und bildete eine Rotunde von matten Spiegeln, die herrliche vergoldete Holzschnitzereien umrahmten. Die Spiegel setzten sich selbst an der Decke in geneigten Scheiben fort, so daß sich die Bilder nach allen Seiten vervielfältigten, vermischten und ins Unendliche zurückstrahlten. Eine kluge Umsicht hatte es bewirkt, daß hier keine Elektrizität eingeführt wurde; bloß zwei mit rosa Kerzen beladene Armleuchter brannten. Die Tapeten und Möbel bestanden aus sehr zartblauer Seide und der Eindruck, den man beim Eintreten empfing, war unvergleichlich milde und reizvoll, als wäre man zu den Feen, den Quellenbeherrscherinnen, in einen hellen, bis in die fernste Tiefe von Sternensträußen erleuchteten Wasserpalast gekommen. Pierre bemerkte sofort Monsignore Nani, der friedlich auf einem niedrigen Kanapee saß. Wie der Prälat gehofft hatte, befand er sich ganz allein, da der Cotillon die Menge nach der Galerie gelockt hatte. Eine große Stille herrschte; man hörte kaum das Orchester, das drüben eben in einem unbestimmten, leisen Flötenhauch erstorben war. Der Priester entschuldigte sich, daß er auf sich hatte warten lassen. »Nein, nein, lieber Sohn,« sagte Monsignore Nani mit seiner unerschöpflichen Liebenswürdigkeit, »ich habe mich in diesem Asyl sehr wohl gefühlt ... Als mir die Menge gar zu drohend ward, habe ich mich hieher geflüchtet.« Er sprach nicht von Ihren Majestäten, gab aber anzuhören, daß er ihnen höflich ausgewichen sei. Er war überhaupt nur aus großer Liebe zu Celia gekommen – auch wegen eines sehr heiklen, diplomatischen Zweckes, damit es nicht aussehe, als breche der Vatikan gänzlich mit den Buongiovannis, dieser alten, in den Jahrbüchern des Papsttums so berühmten Familie. Zweifellos konnte der Vatikan dieser Heirat, die das alte Rom mit dem jungen Königreich Italien zu vereinigen schien, nicht als Zeuge dienen; aber trotzdem wollte er sich auch nicht stellen, als verschwinde, als verliere er das Interesse, indem er seine treuesten Diener verließ. »Nun, mein lieber Sohn, es handelt sich jetzt um Sie,« fuhr der Prälat fort. »Ich habe Ihnen gesagt, daß wenn auch die Indexkongregation auf Verdammung Ihres Buches erkannt hat, das Urteil erst übermorgen dem heiligen Vater vorgelegt und von ihm unterzeichnet werden wird. Sie haben also noch einen ganzen Tag vor sich. Pierre konnte nicht umhin, ihn mit schmerzlicher Lebhaftigkeit zu unterbrechen. »Ach, Monsignore, was soll ich denn thun? Ich habe bereits nachgedacht, aber ich habe gar keine Gelegenheit, gar kein Mittel, um mich zu verteidigen ... Wie soll ich Seine Heiligkeit sehen – jetzt, da er krank ist!« »O, krank, krank!« murmelte Nani mit seiner schlauen Miene. »Es geht Seiner Heiligkeit viel besser, da ich heute, sowie jeden Mittwoch, die Ehre hatte, empfangen zu werden. Wenn der heilige Vater ein wenig ermüdet ist und man ihn für sehr krank ausgibt, so läßt er die Leute reden: das gestattet ihm ein wenig auszuruhen und gewisse Ehrgeizige und gewisse Ungeduldige in seiner Umgebung zu beurteilen.« Aber Pierre war zu verstört, um aufmerksam zuzuhören. »Nein, es ist aus, ich bin verzweifelt,« fuhr er fort. »Sie haben von einem Wunder gesprochen, das noch möglich wäre. Ich glaube nicht an Wunder. Da ich in Rom geschlagen worden bin, werde ich abreisen und nach Paris zurückkehren, wo ich den Kampf fortsetzen werde ... Ja, meine Seele kann sich nicht ergeben, meine Hoffnung auf eine Rettung durch die Liebe kann nicht sterben. Ich werde mit einem neuen Buche antworten, ich werde sagen, in welcher neuen Erde die neue Religion sprossen muß!« Ein Schweigen entstand. Nani sah ihn mit seinen klaren Augen an, deren geistvoller Ausdruck die Helle und Schärfe des Stahles besaß. In die große Stille, in die schwere, heiße Luft des kleinen Saales, dessen Spiegel die zahllosen Kerzen widerstrahlten, fuhren plötzlich lautere Klänge des Orchesters. Langsame, wiegende Walzertöne erklangen und erstarben wieder. »Mein lieber Sohn, der Zorn ist immer etwas Böses ... Erinnern Sie sich, daß ich Ihnen gleich nach Ihrer Ankunft versprochen habe, meinerseits einen Versuch zu machen, sobald Sie sich vergeblich bemüht hätten, vom heiligen Vater empfangen zu werden? Hören Sie mich an, ereifern Sie sich nicht,« fuhr er fort, als er sah, daß der junge Priester in Aufregung geriet ... »Seine Heiligkeit wird leider nicht immer klug beraten. Er hat Personen um sich, deren Ergebenheit es manchmal an der wünschenswerten Verständigkeit mangelt. Ich habe Ihnen das bereits einmal gesagt, ich habe Sie vor unbedachten Schritten gewarnt ... Daher trug ich, bereits vor drei Wochen, dafür Sorge, Ihr Buch dem heiligen Vater selbst zu übergeben, damit er geruhe, einen Blick darauf zu werfen. Ich ahnte, daß man es nicht bis zu ihm hatte gelangen lassen. Und nun ward ich beauftragt, Ihnen folgendes zu sagen: Seine Heiligkeit haben die außerordentliche Güte gehabt, Ihr Buch zu lesen und nun den förmlichen Wunsch ausgesprochen, Sie zu sehen.« Ein Aufschrei der Freude und des Dankes erstickte in Pierres Kehle. »Ach, Monsignore, Monsignore!« Aber Nani hieß ihn lebhaft schweigen und blickte sich mit außerordentlich unruhiger Miene um, als fürchte er, daß man sie hören könne. »Still, still, das ist ein Geheimnis! Seine Heiligkeit wünscht Sie ganz privatim zu empfangen, ohne jemand ins Vertrauen zu ziehen ... Hören Sie mich wohl an. Es ist zwei Uhr morgens, nicht wahr? Noch heute, Punkt neun Uhr abends, werden Sie im Vatikan erscheinen und bei allen Thüren nach Herrn Squadra fragen. Ueberall wird man Sie passiren lassen. Oben wird Herr Squadra Sie erwarten und einführen ... Aber kein Wort davon! Daß ja keine Seele etwas von diesen Dingen ahnt!« Das Glück, die Dankbarkeit Pierres strömten endlich über und er ergriff die weichen, fetten Hände des Prälaten. »Ach, Monsignore, wie soll ich Ihnen meine ganze Dankbarkeit ausdrücken? Wenn Sie wüßten – in meiner Seele war Nacht und Empörung, seit ich mich als das Spielzeug dieser mächtigen Eminenzen fühlte, die sich über mich lustig machten! ... Aber Sie retten mich; ich bin von neuem siegesgewiß, da ich mich endlich zu den Füßen Seiner Heiligkeit, des Vaters aller Wahrheit und aller Gerechtigkeit, werfen kann. Er muß mich lossprechen – mich, der ihn liebt, der ihn bewundert, der überzeugt ist, nie für etwas anderes als für seine Politik, seine liebsten Gedanken gekämpft zu haben ... Nein, nein, es ist unmöglich! Er wird nicht unterzeichnen, er wird mein Buch nicht verdammen!« Nani, der seine Hände freigemacht hatte, bemühte sich, ihn mit einer väterlichen Geberde zu beruhigen; dabei wich ein leichtes, verächtliches Lächeln über eine so unnütze Verschwendung von Begeisterung nicht von seinen Lippen. Es gelang ihm, den Priester zu besänftigen und er beschwor ihn, sich zu entfernen. In der Ferne hatte das Orchester wieder zu spielen begonnen. Dann, als der Priester sich entfernte, indem er ihm nochmals dankte, sagte er einfach: »Mein lieber Sohn, erinnern Sie sich, daß nur der Gehorsam etwas Großes ist.« Pierre, der jetzt nur noch ans Fortgehen dachte, fand Prada fast sofort im Waffensaal wieder. Ihre Majestäten hatten den Ball soeben in feierlichem Gepränge, von den Buongiovannis und den Saccos begleitet, verlassen. Die Königin hatte Celia mütterlich umarmt, während der König Attilio die Hand drückte – Ehren, über die beiden Familien strahlten. Aber viele Gäste folgten dem Beispiel der Herrscher und entfernten sich in kleinen Gruppen. Auch der Graf, der, seltsam entnervt, noch grimmiger und bitterer geworden zu sein schien, war ungeduldig. »Endlich! Ich habe auf Sie gewartet. Nun, machen wir, daß wir fortkommen, nicht wahr? ... Ihr Landsmann, Herr Narcisse Habert, bat mich, Ihnen zu sagen, daß Sie ihn nicht suchen mögen. Er ist hinunter, um meine Freundin Lisbeth zum Wagen zu begleiten ... Ich brauche entschieden Luft. Ich will einen Gang machen; ich gehe mit Ihnen bis in die Via Giulia.« Dann, als beide ihre Kleider in der Garderobe an sich nahmen, konnte er nicht umhin, höhnisch zu lachen, indem er mit seiner brutalen Stimme hinzufügte: »Ich habe Ihre guten Freunde alle vier zusammen eben fortfahren sehen ... Es ist klug von Ihnen, daß Sie gern zu Fuß nach Hause gehen, denn für Sie war kein Platz in der Karosse ... Diese Donna Serafina! Welche Unverschämtheit, sich in ihrem Alter mit ihrem Morano herzuschleppen, um über die Rückkehr des Ungetreuen zu triumphiren! ... Und die beiden anderen, die beiden Jungen! O, ich gestehe, es wird mir schwer, ruhig von ihnen zu sprechen, denn sie haben heute, indem sie sich so zeigten, eine Abscheulichkeit von seltener Frechheit und Grausamkeit begangen!« Seine Hände zitterten. »Glückliche Reise, glückliche Reise, junger Mann, da Sie nach Neapel fahren!« murmelte er dann. »Ja, ich habe gehört, wie man zu Celia sagte, daß er heute abend um sechs Uhr nach Neapel abreist. Nun, meine guten Wünsche begleiten ihn. Glückliche Reise!« Draußen, beim Hinaustreten aus der erstickenden Hitze der Säle in die wunderbare, klare und kalte Nacht ergriff die beiden Männer eine köstliche Empfindung. Es war eine prächtige Vollmondnacht, eine jener römischen Nächte, da die Stadt in einer elysischen Helle, wie von einem Traume der Unendlichkeit gewiegt, unter dem ungeheuren Himmel schlummert. Sie gingen den Corso hinab und dann längs des Corso Viktor Emanuel. Prada hatte sich etwas beruhigt, blieb aber noch immer ironisch; zweifellos um sich zu betäuben, sprach er mit fieberhafter Redseligkeit wieder über die römischen Frauen, über dieses Fest, das er herrlich gefunden hatte und nun bespöttelte. »Ja, sie haben schöne Kleider, aber sie stehen ihnen nicht – Kleider, die sie von Paris kommen lassen, jedoch natürlich nicht probiren konnten. Es ist gerade so wie mit ihren Juwelen; sie haben noch Diamanten und vor allem äußerst schöne Perlen, aber sie sind so schwer gefaßt, daß sie im großen und ganzen schrecklich aussehen. Und wenn Sie wüßten, was für eine Unwissenheit, was für eine Frivolität sich unter ihrem scheinbaren Stolz verbirgt! Alles bei ihnen ist oberflächlich, selbst die Religion: darunter ist nichts als eine unergründliche Leere. Ich sah zu, wie sie beim Buffet mit aller Kraft aßen. Ah, das ist wahr, einen kräftigen Appetit haben sie! Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß die Gäste sich heute abend ziemlich gut benahmen; man hat nicht zu viel verschlungen. Aber wenn Sie einem Hofball beiwohnen würden, sähen Sie eine ganz unsagbare Plünderung: das Buffet wird belagert, die Schüsseln werden verschlungen, alles drängt sich mit außerordentlicher Gefräßigkeit herzu!« Pierre antwortete bloß einsilbig. Er gab sich ganz seiner überströmenden Freude über diese Audienz beim Papst hin, träumte schon von ihr und bereitete sie in ihren geringsten Einzelheiten vor, ohne sich jemand anvertrauen zu können. Und die Schritte der beiden Männer erklangen in der breiten, einsamen und hellen Straße auf dem trockenen Pflaster, während der Mond die schwarzen Schatten deutlich abzeichnete. Plötzlich verstummte Prada. Er war mit seiner geschwätzigen Bravour zu Ende; der schreckliche Kampf, der in ihm tobte, hatte ihn ganz überkommen und gleichsam gelähmt. Bereits zweimal hatte er in seiner Rocktasche das mit Bleistift geschriebene Billet berührt, dessen paar Zeilen er sich in Gedanken wiederholte: »Eine Legende behauptet, daß der Feigenbaum des Judas, tödlich für jeden, der eines Tages Papst werden will, in Frascati wieder wächst. Essen Sie nicht die vergifteten Feigen, geben Sie sie weder Ihren Leuten noch Ihren Hennen.« Das Billet war da, er fühlte es; und er hatte Pierre nur begleiten wollen, um es in den Briefkasten des Palastes Boccanera zu werfen. Er schritt lebhaft weiter: noch vor Ablauf von zehn Minuten würde das Billet im Kasten sein – keine Macht der Welt konnte ihn hindern, es hineinzuwerfen, da sein Entschluß förmlich gefaßt war. Nie würde er das Verbrechen begehen, Leute vergiften zu lassen. Aber er litt eine so greuliche Marter! Diese Benedetta und dieser Dario hatten in ihm einen solchen Sturm eifersüchtigen Hasses erregt! Er vergaß darüber Lisbeth, die er liebte, vergaß das Kind, dieses kleine Wesen aus seinem eigenen Fleisch und Blut, auf das er so stolz war. Stets hatte das Weib das männliche Eroberungsverlangen in ihm entfesselt; nur jene, die ihm widerstanden, hatten ihm heftigen Genuß bereitet. Und nun existirte eines in der Welt, das er begehrt, das er durch eine Heirat erkauft, das sich dann verweigert hatte! Dieses sein Weib hatte er nicht besessen und würde er nie besitzen. Um Benedetta zu besitzen würde er einst Rom angezündet haben; jetzt fragte er sich, was er wohl thun werde, um zu verhindern, daß sie eines andern ward. Ja, der Gedanke an diesen andern, der sein Gut genoß – das war der Gedanke, der die blutende Wunde in seiner Brust wieder öffnete. Wie mußten sie sich zusammen über ihn lustig machen! Welche Freude hatte es ihnen bereitet, ihn durch das Verbreiten der Lüge von seinem angeblichen Unvermögen lächerlich zu machen! Er fühlte sich davon, trotz aller Beweise, die er für seine Männlichkeit erbringen konnte, getroffen. Obwohl er selbst nicht recht daran glaubte, hatte er sie beschuldigt, schon lange Liebhaber und Maitresse zu sein, die nachts zusammenkamen und in diesem düstern Palaste Boccanera, dessen Liebesgeschichten legendenhaft waren, nur ein Schlafgemach besaßen. Jetzt, da sie frei, wenigstens des kirchlichen Bandes entledigt waren, würde das sicherlich geschehen. Er sah sie neben einander auf demselben Lager, er beschwor brennende Visionen, Umarmungen, Küsse, die Verzückung ihrer Raserei herauf. Ah, nein, nein, das war unmöglich! Eher brach die Erde zusammen! Dann, als er mit Pierre den Corso Viktor Emanuel verließ, um die zur Via Giulia führenden alten, eingezwängten und gewundenen Straßen zu betreten, sah er sich wieder, wie er das Billet in den Briefkasten des Palastes warf. Hierauf sagte er sich im Geiste, was nun geschehen würde. Das Billet würde bis zum Morgen im Kasten ruhen. Don Vigilio, der Sekretär, der auf förmlichen Befehl des Kardinals den Schlüssel zu diesem Kasten aufbewahrte, würde frühzeitig hinabgehen, den Brief finden und ihn Seiner Eminenz übergeben, der nicht erlaubte, daß man irgend welche Briefe öffnete. Die Feigen würden weggeworfen werden, ein Verbrechen nicht mehr möglich sein, die schwarze Gesellschaft schweigen. Aber wenn sich das Billet doch nicht in dem Kasten fand – was dann? Er ließ nun diese Annahme zu und sah deutlich, wie die so zierlich mit Blättern bedeckten Feigen in ihrem hübschen Körbchen auf der um ein Uhr stattfindenden Mittagstafel erschienen. Dario war wie gewöhnlich da, allein mit seinem Oheim, weil er erst abends nach Neapel abreiste. Würden sowohl Oheim wie Neffe von den Feigen essen, oder nur der eine – und welcher von den beiden? Hier verschwamm die Vision. Es war von neuem der Lauf des Schicksals, dieses Schicksals, dem er auf der Straße von Frascati begegnet war, als es unaufhaltsam, durch alle Hindernisse hindurch, seinem unbekannten Ziele zuschritt. Der kleine Korb Feigen ging weiter und weiter, seiner notwendigen Aufgabe entgegen; keine Hand in der Welt war stark genug, sie zu verhindern. Die Via Giulia streckte sich endlos im weißen Mondlicht hin und Pierre erwachte vor dem schwarz von dem silbernen Himmel abstechenden Palaste Boccanera wie aus einem Traum. Von einer Kirche in der Nachbarschaft schlug es drei Uhr morgens. Er fühlte einen leisen Schauer, als er neben sich diese schmerzhafte Klage eines auf den Tod verwundeten Wildes, dieses unwillkürliche Murren hörte, das der Graf sich in seinem furchtbaren Kampfe abermals entschlüpfen ließ. Aber gleich darauf brach er in ein spöttisches Lachen aus und sagte, indem er dem Priester die Hand drückte: »Nein, nein, ich gehe nicht weiter ... Wenn man mich zu dieser Stunde hier sähe, würde man glauben, daß ich mich wieder in meine Frau verliebt habe.« Er zündete eine Cigarre an und ging in die helle Nacht hinein, ohne sich umzudrehen. XIII. Als Pierre erwachte, war er ganz überrascht, da er elf Uhr schlagen hörte. Nach der Ermüdung des Balles, auf dem er bis zu so später Stunde geblieben war, hatte er wie ein Kind in einem köstlichen Frieden geschlafen, als hätte er im Schlummer sein Glück gefühlt. Kaum hatte er die Augen geöffnet, so badete ihn die zum Fenster hereinscheinende, strahlende Sonne in Hoffnung. Sein erster Gedanke war, daß er heute abend um neun Uhr endlich den Papst sehen würde. Noch zehn Stunden. – Was sollte er während dieses gesegneten Tages, dessen herrlicher, reiner Himmel ihm als ein so glückliches Omen erschien, anfangen? Er erhob sich, öffnete das Fenster und ließ die warme Luft hereinströmen. Sie schien ihm jenen Frucht- und Blumengeruch zu haben, den er gleich am Tage seiner Ankunft bemerkt, dessen Natur er später vergeblich zu analysiren versucht hatte: ein Geruch von Orangen und Rosen. War es möglich, daß man sich im Dezember befand? Welch herrliches Land, da selbst an der Schwelle des Winters der April hier neu zu blühen schien! Dann, nachdem er sich angekleidet hatte und die Ellenbogen aufs Fenster stützte, um jenseits des goldfarbigen Tiber die zu allen Jahreszeiten grünen Abhänge des Janiculus zu betrachten, bemerkte er in dem kleinen, vernachlässigten Garten des Palastes, neben dem Springbrunnen, Benedetta. Und einem Bedürfnis nach Leben, Heiterkeit und Schönheit nachgebend, stieg er hinab, denn er konnte nicht auf derselben Stelle bleiben. Benedetta, strahlend, leuchtend, stieß sofort den Schrei aus, den er erwartete. Sie hielt ihm beide Hände entgegen. »Ach, mein lieber Herr Abbé, wie glücklich bin ich, wie glücklich bin ich!« Sie hatten oft die Vormittage in diesem ruhigen und vergessenen Winkel mit einander verbracht. Aber was für traurige Vormittage waren das gewesen, als sie beide so hoffnungslos waren! Heute schien es ihnen, als besäßen die vernachlässigten, von Unkraut überwachsenen Alleen, die in dem alten, zugeschütteten Wasserbecken aufgeschossene Tobira, die symmetrischen Orangenbäume, die allein die ehemalige Zeichnung der Einfassungen andeuteten, einen unendlichen Reiz, eine träumerische und zärtliche Vertraulichkeit, in der es sich sehr gut von der Freude ausruhen ließ. Und vor allem war es neben dem großen Lorbeerbaum, in dem Winkel, wo sich die Fontäne befand, so warm! Der dünne Wasserfaden floß mit seinem Flötengesang endlos aus dem ungeheuren, offenen Munde der tragischen Maske. Eine frische Kühle stieg aus dem großen Marmorsarkophag auf, dessen Basrelief ein rasendes Bacchanal, Faune zeigte, die Frauen entführten und unter gierigen Küssen niederwarfen. Man befand sich hier außerhalb der Zeit und des Ortes, in einer abgelaufenen, so fernen Vergangenheit, daß die Umgebungen, die neuen Quaibauten, das aufgerissene, von dem Staube der Trümmer noch graue Viertel, selbst das durch einander geworfene, mit einer neuen Welt schwangere Rom verschwanden. »Ach, wie glücklich bin ich!« wiederholte Benedetta. »Ich erstickte in meinem Zimmer und mußte hinab, so sehr bedurfte mein Herz Raum, Luft und Licht, um nach Herzenslust zu klopfen!« Sie saß neben dem Sarkophag auf dem umgestürzten, als Bank dienenden Säulenfragment und wünschte, daß der Priester sich neben sie niedersetzte. Noch nie war sie ihm so schön vorgekommen wie jetzt, mit ihrem schwarzen Haar, das das reine, in der Sonne ganz rosige und blumenzarte Gesicht umrahmte. Ihre ungeheuren, grundlosen Augen waren im Licht eine Kohlenglut, in der Gold schmolz, während ihr Kindermund, ihr reiner, klug verständiger Mund lachte – wie ein gutmütiges Wesen lacht, das nun frei nach seinem Herzen lieben darf, ohne Gott oder die Menschen zu beleidigen. Und sie träumte ganz laut, entwarf ihre Zukunftspläne. »Ach, jetzt ist es ganz einfach! Nachdem ich bereits die Scheidung von Tisch und Bett durchgesetzt habe, werde ich, sobald die Kirche einmal meine Ehe annullirt hat, leicht die Zivilscheidung erlangen. Und ich werde Dario heiraten – ja, gegen den nächsten Frühling zu, vielleicht schon früher, wenn es gelingt, die Förmlichkeiten zu beschleunigen ... Heute abend um sechs Uhr reist er nach Neapel. Er hat dort eine Geschäftsangelegenheit zu ordnen. Wir hatten dort noch einen Besitz, der verkauft werden mußte, denn das alles hat sehr viel gekostet. Aber was liegt jetzt daran, da wir nun einander gehören! ... Was für schöne Stunden werden wir in einigen Tagen, sobald er wieder zurück ist, verleben – wie werden wir lachen, wie werden wir die Zeit fröhlich zubringen! Ich habe nach dem schönen Ball gar nicht geschlafen, so viele Pläne habe ich gemacht. Ach, prächtige Pläne! Sie werden sehen, Sie werden sehen, denn jetzt müssen Sie bis zu unserer Hochzeit in Rom bleiben.« Er begann mitzulachen; dieser Ausbruch von Jugend und Glück bezauberte ihn so, daß er eine heftige Anstrengung machen mußte, um nicht auch von seinem Glück, von der Hoffnung zu erzählen, mit der die nahe Unterredung mit dem Papst ihn erfüllte. Aber er hatte geschworen, zu niemand davon zu sprechen. In der schauernden Stille des schmalen, sonnigen Gartens ertönte in Zwischenräumen immer wieder der beharrliche Schrei eines Vogels. Benedetta hob scherzend den Kopf und blickte einen Käfig an, der an einem Fenster des ersten Stockwerks hing. »Ja, ja, Tata, schrei nur recht, sei zufrieden. Alle im Hause müssen zufrieden sein.« Dann wandte sie sich wieder, wie ein tolles Schulmädchen, das Ferien hat, zu Pierre: »Sie kennen doch Tata? ... Wie, Sie kennen nicht Tata? Das ist ja der Papagei meines Oheims, des Kardinals! Ich habe ihn ihm voriges Frühjahr geschenkt; er betet ihn an und erlaubt ihm, die Bissen von seinem Teller zu stehlen. Er pflegt ihn selbst, läßt ihn heraus und wieder hinein und fürchtet sich so sehr, daß er sich einen Schnupfen holen könnte, daß er ihn im Speisezimmer läßt, dem einzigen Zimmer in seiner Wohnung, wo es ein bißchen warm ist.« Pierre sah ebenfalls hinauf und betrachtete den Papagei. Es war einer jener hübschen berggrünen, so seidigen und geschmeidigen kleinen Papageien. Er hing sich mit dem Schnabel an die Stäbe seines Bauers, schaukelte sich und schlug vor Freude über die helle Sonne mit den Flügeln. »Spricht er?« fragte er. »O nein, er schreit,« antwortete Benedetta lachend. »Mein Oheim behauptet, alles zu hören, was er sagt, und sehr gut mit ihm sprechen zu können.« Plötzlich sprang sie auf ein anderes Thema über, als ob eine dunkle Ideenverbindung sie auf ihren andern Oheim, den angeheirateten Oheim in Paris gebracht habe. »Sie müssen einen Brief vom Vicomte de la Choue erhalten haben ... Er schrieb mir gestern, wie bekümmert er sei, daß es Ihnen nicht gelinge, von Seiner Heiligkeit empfangen zu werden. Er hatte auf Sie, auf Ihren Sieg zum Triumph seiner Ideen so gerechnet! Allerdings erhielt Pierre von dem Vicomte häufig Briefe, in denen sich dieser verzweifelt über die Bedeutung äußerte, die sein Gegner, der Baron von Fouras, seit dem großen Erfolge seines letzten römischen Feldzuges mit dem internationalen Pilgerzug des Peterspfennigs erlangt habe. Das bedeutete das Erwachen der alten, intransigenten, katholischen Partei, und alle liberalen Eroberungen des Neukatholizismus waren bedroht, wenn man nicht vom heiligen Vater einen förmlichen Beitritt zu den obligatorischen Korporationen erlangte, um in die von den Konservativen geforderten freien Korporationen eine Bresche zu schlagen. In seiner Ungeduld, Pierre endlich im Vatikan empfangen zu sehen, belästigte er ihn und schickte ihm komplizirte Pläne. »Ja, ja,« murmelte Pierre endlich, »ich erhielt Sonntags einen Brief und fand auch gestern abend einen, als ich von Frascati zurückkam ... Ach, ich wäre so glücklich, so glücklich, wenn ich ihm die gute Nachricht mitteilen könnte!« Bei dem Gedanken, daß er den Papst am Abend sehen, ihm sein von Liebe brennendes Herz öffnen, die höchste Ermutigung von ihm erhalten, in seiner Mission der sozialen Rettung im brüderlichen Namen der Kleinen und der Armen bestärkt werden würde, strömte seine Freude von neuem über. Er konnte sich nicht länger halten und gab das Geheimnis preis, das ihm das Herz schwellte. »Wissen Sie, es ist nun bestimmt: heute abend findet meine Audienz statt.« Benedetta verstand anfangs nicht. »Wie?« »Ja, Monsignore Nani hat geruht, mir heute früh auf dem Ball mitzuteilen, daß der heilige Vater, dem er mein Buch übergeben hatte, mich zu sehen wünscht – und ich werde heute abend um neun Uhr empfangen werden.« Die Freude des jungen Priesters, den sie mit inniger Freundschaft lieben gelernt hatte, freute sie so, daß sie ganz rot wurde. Dieser mit ihrem eigenen Glücke zusammenfallende Erfolg eines Freundes nahm in ihren Augen eine außerordentliche Wichtigkeit an, als bedeute er den gewissen, vollständigen Erfolg aller. Die Abergläubische stieß einen verzückten und entzückten Schrei aus. »Ach Gott, das wird uns Glück bringen! ... Ach, wie glücklich bin ich, lieber Freund, wie glücklich bin ich, daß Sie zur selben Zeit glücklich werden wie ich! Das ist auch für mich ein Glück, ein Glück, das Sie sich gar nicht vorstellen können ... Jetzt ist es sicher, daß alles sehr gut gehen wird, denn ein Haus, wo einer ist, der den Papst sieht, ist gesegnet. Der Blitz trifft es nicht mehr.« Sie lachte noch lauter und klatschte mit so lärmender Freude in die Hände, daß er unruhig ward. »Still, still, man hat Geheimhaltung von mir gefordert ... Ich beschwöre Sie, kein Wort zu irgend jemand, – weder zu Ihrer Tante noch zu Seiner Eminenz ... Monsignore Nani würde sehr ärgerlich sein.« Sie versprach nun, zu schweigen, wurde gerührt und sprach von Monsignore Nani wie von einem Wohlthäter. Verdankte sie es denn nicht ihm, daß sie endlich dahin gelangt war, ihre Ehe annulliren zu lassen? Dann wurde sie wieder von einer Anwandlung toller Freude ergriffen. »Sagen Sie, lieber Freund – nicht wahr, das Glück allein ist etwas Gutes? ... Heute verlangen Sie von mir keine Thränen, selbst nicht für die Armen, die leiden, die frieren und hungern ... Ach, das kommt daher, weil es wirklich nur das Glück des Lebens gibt! Das heilt alles. Man leidet nicht, man friert nicht, man hungert nicht, wenn man glücklich ist!« In der Ueberraschung, die diese seltsame Lösung der furchtbaren Frage des Elends ihm verursachte, sah er sie verblüfft an. Plötzlich fühlte er, daß bei dieser Tochter eines schönen Himmels, die den Atavismus so vieler Jahrhunderte souveräner Aristokratie in sich hatte, seine ganze Apostelarbeit vergeblich war. Er hatte sie im Christentum unterrichten, zur christlichen Liebe zu den Einfältigen und Elenden zurückführen, für das neue Italien erobern wollen, von dem er träumte – ein Italien, das auf die neuen Zeiten bedacht, von Mitleid für die Dinge und die Wesen erfüllt wäre. Aber siehe, wenn sie auch in den Stunden, da sie selbst litt, da ihr Herz aus den grausamsten Wunden blutete, mit ihm über die Leiden des niedrigen Volkes geweint hatte, so feierte sie, das Kind brennender Sommer und frühlinggleicher Winter, gleich nach ihrer Genesung das Glück der Welt! »Aber alle sind nicht glücklich!« sagte er. »O ja, ja!« rief sie. »Sie sind es, der die Armen nicht kennt! ... Man gebe nur einem Mädchen aus unserm Trastevere den jungen Mann, den sie liebt, und sie strahlt ebenso wie eine Königin und ißt abends ihr trockenes Brot, und findet es von köstlichster Süße. Die Mütter, die ein Kind aus einer Krankheit retten, die Männer, die in einer Schlacht siegen oder auch ihre Nummern in der Lotterie herauskommen sehen – alle sind so, alle verlangen nur Glück und Vergnügen ... Gehen Sie mir, Sie mögen sich bemühen, gerecht zu sein und das Glück besser zu verteilen, wie Sie wollen – zufrieden werden stets doch nur die sein, deren Herz, oft selbst ohne zu wissen, warum, an einem so schönen, sonnigen Tage wie heute singt!« Er machte eine Geberde der Ergebung, denn er wollte sie nicht betrüben, indem er von neuem die Sache der armen Wesen verfocht, die in dieser selben Minute irgendwo in der Ferne den Todeskampf kämpften, dem körperlichen oder moralischen Schmerz erlagen. Aber plötzlich glitt durch die so leuchtende und milde Luft ein Schatten; er empfand die unendliche Trauer der Freude, die grenzenlose Verzweiflung der Sonne, als ob jemand, der nicht sichtbar war, diesen Schatten geworfen hätte. War es der zu starke Duft des Lorbeers, der bittere Geruch der Orangen und der Tobirabüsche, der ihm diesen Schwindel verursachte? War es der Schauer sinnlicher Wärme, die seine Adern unter diesen Ruinen in diesem Winkel voll uralter Leidenschaft klopfen machte? Oder erweckte nicht eher dieser Sarkophag mit seinem wütenden Bacchanal die Gedanken an den nahen Tod, selbst inmitten der dunklen Wollust der Liebe, unter dem ungesättigten Kuß der Liebenden? Einen Augenblick erschien ihm das helle Lied der Fontäne wie ein langes Schluchzen und es war ihm, als verschwinde alles in diesem plötzlichen, furchtbaren Schatten des Unsichtbaren. Aber schon hatte Benedetta seine beiden Hände ergriffen und erweckte ihn zu dem bezaubernden Bewußtsein, hier, in ihrer Nähe zu sein. »Die Schülerin ist recht ungefügig, nicht wahr, lieber Freund? Sie hat einen recht harten Schädel. Aber was wollen Sie, es gibt Ideen, die nicht in unsern Kopf hineinwollen. Nein, solche Sachen werden Sie in den Kopf einer Tochter Roms nie hineinbringen ... Lieben Sie uns also, begnügen Sie sich damit, uns so zu lieben, wie wir sind – schön aus ganzer Kraft, soviel wir können!« Und sie war in dieser Minute, in dem Glanz ihrer Schönheit so schön, daß er davor erzitterte, wie vor einem Gott, vor der Allmacht, die die Welt führt. »Ja, ja,« stammelte er, »die Schönheit, die Schönheit – sie ist noch immer die Herrscherin, wird immer die Herrscherin sein ... Ach, warum kann sie nicht genügen, um den ewigen Hunger der armen Menschen zu stillen!« »Pah, pah, das Leben selbst ist schön!« rief sie freudig. »Gehen wir hinauf, meine Tante muß uns zum Diner erwarten.« Das Diner fand um ein Uhr statt. In den seltenen Fällen, da Pierre nicht außer Hause speiste, stand sein Gedeck auf dem Tische der Damen in dem kleinen, auf den tödlich traurigen Hof gehenden Speisesaal im zweiten Stock. Zur selben Stunde dinirte auch der Kardinal im ersten Stock, in dem sonnigen Saal, dessen Fenster auf den Tiber gingen. Er war sehr froh, daß er seinen Neffen, Dario, zum Tischgenossen hatte, denn sein Sekretär, Don Vigilio, sein anderer, gewöhnlicher Tischgenosse, machte nur den Mund auf, wenn man ihn fragte. Die beiden Haushaltungen waren vollständig verschieden; sie hatten weder dieselbe Küche noch dasselbe Personal, und es gab unten nichts Gemeinsames als ein großes Gemach, das als Anrichtestube diente. Aber wie düster und von dem grünlichen Halbdunkel des Hofes getrübt der Speisesaal im zweiten Stock auch sein mochte, das Frühstück der beiden Damen und des jungen Priesters war doch sehr fröhlich. Selbst die gewöhnlich so steife Donna Serafina schien durch ein großes, innerliches Glück milder gestimmt zu sein. Zweifellos waren die Wonnen ihres gestrigen Triumphes auf dem Ball, am Arme Moranos, noch nicht erschöpft. Sie war die erste, die voll Lobes über die Soirée sprach, obwohl die Anwesenheit des Königs und der Königin sie sehr genirt habe, wie sie sagte. Sie erzählte, wie sie durch eine geschickte Taktik vermieden habe, sich vorstellen zu lassen. Uebrigens hoffte sie, daß ihre bekannte Liebe zu Celia, deren Patin sie war, ihre Anwesenheit in diesem neutralen Salon, wo alle Mächte einander begegnet waren, genügend erklären würde. Trotzdem mußte sie noch Gewissensbisse haben, denn sie kündigte an, daß sie sich gleich nach dem Frühstück in den Vatikan, zum Kardinalsekretär begeben wolle; sie wünschte mit ihm über ein Werk zu sprechen, dessen Patronnesse sie war. Dieser Entschädigungsbesuch am Tage nach der Buongiovannischen Soirée mußte ihr wohl unerläßlich erscheinen. Nie hatte sie anläßlich der nahen Erhebung ihres Bruders, des Kardinals auf den Thron St. Peters mehr vor Eifer aber auch mehr vor Hoffnung gebrannt: das war für sie der höchste Triumph, die Erhebung ihrer Rasse die ihr Familienstolz für notwendig und unvermeidlich hielt. Während des letzten Unwohlseins des regierenden Papstes hatte sie die Dinge sogar so weit getrieben, daß sie sich um die Wäscheausstattung sorgte, die sie mit den Wappen des neuen Pontifex zeichnen lassen wollte. Benedetta hörte nicht auf zu scherzen, lachte über alles und sprach von Celia und Attilio mit der leidenschaftlichen Zärtlichkeit einer Frau, deren Liebesglück an dem Glück eines befreundeten Paares Wohlgefallen findet. Dann, als eben der Nachtisch aufgetragen wurde, wandte sie sich mit überraschter Miene zu dem Bedienten: »Nun, Giacomo, und die Feigen?« Dieser, mit seinen langsamen, wie verschlafenen Bewegungen sah sie verständnislos an. Glücklicherweise ging Victorine durchs Zimmer. »Und die Feigen, Victorine? Warum servirt man sie uns nicht?« »Was für Feigen denn, Contessina?« »Die Feigen, die ich heute früh in der Anrichtestube sah. Ich ging aus Neugierde durch, als ich in den Garten hinabstieg ... Es waren prächtige Feigen, in einem kleinen Korbe. Ich habe mich sogar gewundert, daß es um diese Jahreszeit noch welche hier gibt ... Ich esse sie sehr gern und habe schon im voraus bei dem Gedanken geschwelgt, daß ich sie beim Diner essen würde.« Victorine begann zu lachen. »Ach, ich weiß, ich weiß, Contessina ... Das sind die Feigen, die der Priester aus Frascati – Sie erinnern sich, der Pfarrer von da unten – gestern abend persönlich für Seine Eminenz abgegeben hat. Ich war dabei. Er hat dreimal wiederholt, daß es ein Geschenk sei und daß man es auf die Tafel Seiner Eminenz stellen müsse, ohne ein Blatt daran in Unordnung zu bringen ... So hat man also gethan, wie er gesagt hatte.« »Nun, das ist nett!« rief Benedetta in komischem Zorn. »Und diese Feinschmecker schmausen ohne uns! Mir scheint, man hätte doch teilen können!« Hier mischte sich Donna Serafina ein, indem sie Victorine fragte: »Sie sprechen von dem Pfarrer, der früher zu uns in die Villa kam, nicht wahr?« »Ja, ja, der Pfarrer Santobono, der da unten die kleine Kirche S. Maria dei Campi versieht ... Wenn er kommt, so fragt er immer nach dem Abbé Paparelli; ich glaube, er war sein Kamerad im Seminar. Auch gestern abend mußte ihn der Abbé Paparelli mit seinem Korbe zu uns in die Anrichtestube führen ... O, dieser Korb! Stellen Sie sich vor, trotzdem er es uns so eingeschärft hatte, hat man vorhin vergessen, ihn auf die Tafel Seiner Eminenz zu stellen, so daß die Feigen heute früh gar nicht gegessen worden waren, wenn nicht der Abbé Paparelli herabgelaufen wäre, um sie zu holen und selbst hinaufzutragen – mit einer wahren Andacht, als trage er das heilige Sakrament. – Freilich ißt sie Seine Eminenz so gern!« »Heute früh wird mein Bruder ihnen keine große Ehre anthun, denn er hat eine leichte Verdauungsstörung,« schloß die Prinzessin. »Er hat eine schlechte Nacht verbracht.« Die Wiederholung des Namens Paparelli machte sie etwas besorgt. Der Schleppträger mit seinem schlaffen, runzeligen Gesicht, seiner dicken, kurzen Gestalt, die der einer schwarzgekleideten, frommen, alten Jungfer glich, mißfiel ihr, seit sie die außerordentliche Herrschaft bemerkt hatte, die er aus seiner Demut und seinem Zurücktreten heraus auf den Kardinal übte. Er war nichts als ein Bedienter, scheinbar der geringste, und doch regierte er; sie fühlte, daß er ihren eigenen Einfluß bekämpfte und oft das rückgängig machte, was sie gethan hatte, um dem Ehrgeiz ihres Bruders zum Siege zu verhelfen. Das Schlimmste war, daß sie ihn im Verdacht hatte, diesen bereits zweimal zu Handlungen getrieben zu haben, welche sie für wirkliche Fehler hielt. Vielleicht hatte sie sich geirrt; sie ließ ihm die Gerechtigkeit widerfahren, daß er seltene Tugenden und eine ganz musterhafte Frömmigkeit besaß. Mittlerweile fuhr Benedetta fort, zu lachen und zu scherzen, und da Viktorine sich entfernt hatte, rief sie den Bedienten. »Hören Sie, Giacomo, Sie müssen mir eine kleine Besorgung machen ...« Sie unterbrach sich, um sich zu ihrer Tante und zu Pierre zu wenden: »Ich bitte euch, machen wir unsere Rechte geltend ... Ich sehe sie vor mir, wie sie da unten, fast unter uns, bei Tische sitzen. Der Oheim hebt die Blätter auf, bedient sich mit einem guten Lächeln, reicht den Korb Dario, der ihn wieder Don Vigilio reicht, und alle drei essen voll Zerknirschung. Seht ihr sie, seht ihr sie?« Sie sah sie; das Bedürfnis, in der Nähe Darios zu sein, ihre fortwährend zu ihm fliegenden Gedanken beschworen ihn so zugleich mit den beiden anderen herauf. Ihr Herz war unten, sie sah, hörte, fühlte mit allen ausgesuchten Sinnen ihrer Liebe. »Giacomo, Sie werden heruntergehen und Seiner Eminenz sagen, daß wir fürs Leben gern von seinen Feigen kosten möchten. Es wäre sehr liebenswürdig von ihm, wenn er uns die schicken wollte, die er nicht mehr mag.« Aber Donna Serafina, die ihre strenge Stimme wieder fand, mischte sich von neuem ein. »Giacomo, Sie rühren sich nicht von der Stelle. Genug der Kindereien,« wandte sie sich zu ihrer Nichte. »Ich verabscheue diese Art Schelmenstreiche.« »O Tante!« murmelte Benedetta, »ich bin so glücklich; es ist schon so lange her, daß ich nicht so von Herzen gelacht habe!« Pierre hatte sich bisher begnügt, zuzuhören; es belustigte ihn selbst, sie so fröhlich zu sehen. Da nun eine leichte Kälte entstand, begann er zu sprechen und sagte, wie er selbst erstaunt gewesen sei, als er tags zuvor, zu so später Jahreszeit, noch Früchte auf dem berühmten Feigenbaum von Frascati erblickt habe. Das rührte zweifellos von der Lage, von der großen Mauer her, die den Baum schützte. »Ah, Sie haben den berühmten Feigenbaum gesehen?« fragte Benedetta. »Gewiß, ich bin sogar mit den Feigen gereist, auf die Sie so Lust haben.« »Wieso – mit den Feigen gereist?« Er bereute schon, daß ihm das Wort entfahren war, aber dann zog er vor, alles zu sagen. »Ich bin dort jemand begegnet, der zu Wagen hingekommen war und unbedingt darauf bestand, mich nach Rom zurück zu bringen. Unterwegs haben wir den Pfarrer Santobono aufgenommen, der sich sehr tapfer mit seinem Korbe aufgemacht hatte, um den Weg zu Fuß zurückzulegen. Wir haben sogar einen Augenblick in einer Osteria angehalten.« Er fuhr fort und schilderte die Fahrt, seine lebhaften Eindrücke quer durch die von der Dämmerung überflutete römische Campagna. Aber Benedetta sah ihn fest an, denn sie war voreingenommen, von allem unterrichtet und die häufigen Besuche, die Prada seinen Grundstücken und Leuten da unten machte, waren ihr nicht unbekannt. »Jemand, jemand!« murmelte sie. »Es war der Graf, nicht wahr?« »Ja, Madame, es war der Graf,« antwortete Pierre einfach. »Ich habe ihn heute nacht wieder gesehen. Er war außer Rand und Band und man muß ihn beklagen.« Der junge Priester sprach diese barmherzigen Worte in der überströmenden Liebe, die er über alle Wesen und Dinge hätte ergießen mögen, mit so tiefer und natürlicher Bewegung aus, daß die beiden Frauen dadurch nicht verletzt wurden. Donna Serafina blieb unbeweglich, als stelle sie sich, es gar nicht gehört zu haben, während Benedetta mit einer Geberde auszudrücken schien, daß sie für einen Mann, der ihr vollständig fremd geworden sei, weder Mitleid noch Haß zu zeigen habe. Dennoch lachte sie nicht mehr und sagte zuletzt, an den kleinen Korb denkend, der im Wagen Pradas mitgefahren war: »Ach, hören Sie, ich habe gar keine Lust mehr auf diese Feigen; es ist mir jetzt lieber, daß ich nichts davon gegessen habe.« Gleich nach dem Kaffee verließ sie Donna Serafina, indem sie sagte, daß sie einen Hut aussetzen und in den Vatikan gehen werde. Als Benedetta und Pierre allein waren, blieben sie, wieder heiter geworden, noch eine Weile am Tische sitzen und plauderten wie gute Freunde. Der Priester sprach wieder von seiner abendlichen Audienz, seinem Fieber glücklicher Ungeduld. Es war kaum zwei Uhr – also noch sieben Stunden. Was sollte er machen, wozu diesen endlosen Nachmittag verwenden? Da hatte sie einen sehr artigen Einfall. »Sie wissen es nicht? Nun wohl, da wir alle so zufrieden sind, dürfen wir uns nicht verlassen ... Dario hat seinen Wagen. Er muß, so wie wir, mit dem Frühstück fertig sein. Ich werde ihm sagen lassen, daß er uns abholen und mit uns eine große Spazierfahrt längs des Tiber, sehr weit hinaus, machen soll.« Sie klatschte, über diesen schönen Plan entzückt, in die Hände. Aber gerade in diesem Augenblick erschien Don Vigilio mit bestürzter Miene. »Ist die Prinzessin nicht da?« »Nein, Tante ist ausgegangen ... Was gibt es denn?« »Seine Eminenz schickt mich. Dem Fürsten ward eben, als er vom Tisch aufstand, unwohl ... O, es ist nichts, gewiß nichts Ernstes.« Sie stieß, mehr vor Ueberraschung als vor Unruhe, einen Schrei aus. »Wie, Dario! ... Aber dann gehen wir alle hinunter. Kommen Sie doch, Herr Abbé. Er darf nicht krank sein, wenn er mit uns spazieren fahren soll.« Als sie dann auf der Treppe Victorine begegnete, hieß sie sie ebenfalls mitgehen. »Dario ist unwohl geworden, man könnte Dich brauchen.« All vier traten in das große, altmodische, einfach eingerichtete Zimmer, wo der junge Fürst, von seiner Schulterwunde hier festgenagelt, bereits einen langen Monat zugebracht hatte. Man gelangte dahin durch einen kleinen Salon, und ein von dem daneben liegenden Ankleidezimmer ausgehender Gang verband dieses Zimmer mit den inneren Wohnräumen des Kardinals, dem verhältnismäßig schmalen Speisesaal, Schlaf- und Arbeitszimmer, die man mit Hilfe von Scheidewänden aus einem der ungeheuren Säle von einst gebildet hatte. Dann kam noch die Kapelle, deren Thür auf den Gang ging; es war ein einfaches, kahles Zimmer, in dem sich ein Altar aus gemaltem Holz, aber kein Teppich, kein Stuhl befand – nichts als die harte, kalte Diele, um hin zu knieen und zu beten. Benedetta lief auf das Bett zu, auf dem Dario, ganz angekleidet, lang ausgestreckt lag. Neben ihm stand in väterlicher Sorge der Kardinal Boccanera; er bewahrte trotz seiner beginnenden Unruhe seine hohe, stolze Haltung, die Ruhe einer erhabenen und vorwurfsfreien Seele. »Was gibt es denn? Mein Dario, was ist Dir geschehen?« Aber der Fürst lächelte, da er sie beruhigen wollte. Er war vorläufig nur sehr blaß und sah wie trunken aus. »O, es ist nichts, eine Betäubung ... Stelle Dir vor, es ist mir, als hätte ich getrunken. Mit einemmale ward mir schwindelig und es schien mir, als würde ich fallen. Ich hatte nur noch Zeit, her zu gehen und mich auf mein Bett zu werfen.« Er atmete tief auf, wie einer, der wieder zu Atem kommen muß. Nun ging der Kardinal ebenfalls in einige Einzelheiten ein. »Wir beendeten ruhig das Frühstück, ich gab Don Vigilio die Befehle für den Nachmittag und war im Begriffe, die Tafel zu verlassen, als ich sah, wie Dario aufstand und schwankte. Er wollte sich nicht wieder niedersetzen, sondern ging mit wankenden Schritten, wie ein Nachtwandler hierher, indem er tastend die Thüren öffnete. Wir gingen ihm nach, ohne etwas zu begreifen. Ich gestehe, ich suche noch immer, ich verstehe es noch immer nicht.« Mit einer Geberde drückte er seine Ueberraschung aus und wies auf das Zimmer, durch das ein plötzlicher Unglückswind geweht zu haben schien. Alle Thüren waren weit offen geblieben; man sah in einer Reihe das Ankleidezimmer, dann den Gang und an dessen Ende den Speisesaal in der Unordnung eines Zimmers, das plötzlich verlassen wurde, mit dem noch gedeckten Tisch, den hingeworfenen Servietten, den zurückgeschobenen Stühlen. Trotzdem geriet man noch immer nicht in Schrecken. Benedetta sprach laut die in solchen Fällen gewöhnliche Befürchtung aus. »Wenn ihr nur nichts Schlechtes gegessen habt!« Der Kardinal sagte mit einer abermaligen Geberde, lächelnd, die gewöhnliche, mäßige Zusammensetzung seiner Tafel her. »O, Eier, Lammkoteletten, Sauerampfer – das kann ihm nicht den Magen überladen haben. Ich trinke bloß reines Wasser, er nimmt zwei Schluckchen Weißwein ... Nein, nein, das Essen hat nichts damit zu schaffen.« »Und dann wären Seine Eminenz und ich ebenfalls unwohl,« erlaubte sich Don Vigilio zu bemerken. Dario, der einen Augenblick die Augen geschlossen hatte, öffnete sie und atmete wieder tief auf, indem er sich zwang, zu lachen. »Geht, geht, es wird nichts sein. Ich fühle mich schon viel besser. Ich muß ein bißchen Bewegung machen.« »Dann höre meinen Plan an,« hob Benedetta an. »Du wirst mich und den Herrn Abbé Froment spazieren fahren und uns sehr weit in die Campagna hinaus führen.« »Gern! Das ist ein sehr netter Gedanke. Victorine, so helfen Sie mir doch.« Er hatte sich aufgerichtet, indem er sich mühsam mit der Hand nachhalf. Aber ehe die Dienerin sich genähert hatte, ergriff ihn ein leichter Krampf und er fiel, wie von einer Ohnmacht niedergeschmettert, zurück. Der Kardinal, der neben dem Bette stehen geblieben war, fing ihn in seinen Armen auf, während die Contessina diesmal den Kopf verlor. »Gott, Gott, schon wieder ... Schnell, schnell, einen Arzt!« »Wünschen Sie, daß ich um einen laufe?« fragte Pierre, den die Scene ebenfalls aufzuregen begann. »Nein, nein, Sie nicht – bleiben Sie bei mir. Victorine wird schnell gehen. Sie kennt die Adresse. Doktor Giordano, Du weißt, Victorine.« Die Dienerin entfernte sich und eine schwere Stille senkte sich über das Zimmer. Von Minute zu Minute wuchs die schauernde Angst. Benedetta war mit sehr blassem Gesicht wieder an das Bett getreten, wahrend der Kardinal Dario, dessen Kopf auf seine Schulter gesunken war, in den Armen behalten hatte und ihn ansah. Ein furchtbarer, noch unklarer, unbestimmter Argwohn war gerade in ihm erwacht: es kam ihm vor, daß Darios Gesicht grau war und denselben entsetzten, angstvollen Ausdruck besaß, den er bei seinem liebsten Herzensfreunde, Monsignore Gallo, bemerkt hatte, als er ihn, zwei Stunden vor seinem Tode, ebenso an seiner Brust gehalten hatte. Es war dieselbe Ohnmacht, dasselbe Gefühl, daß er nur noch den kalten Körper eines geliebten Wesens halte, dessen Herz stillestand; vor allem aber wuchs in ihm der Gedanke an Gift, an das aus dem Dunkel kommende, im Dunkeln wie ein Blitzstrahl niederfahrende Gift. Lange beugte er sich so über das Gesicht seines Neffen, den letzten seiner Rasse, suchte, studirte und fand die Anzeichen des geheimnisvollen, unerbittlichen Nebels wieder, das ihm bereits die Hälfte seines Selbst entrissen hatte. Aber Benedetta flehte halblaut: »Lieber Onkel, Sie werden müde werden ... Ich bitte Sie, lassen Sie mich ... ich werde ihn auch ein bißchen halten ... haben Sie keine Angst, ich werde ihn sehr sanft anfassen; er wird fühlen, daß ich es bin, vielleicht wird ihn das erwecken.« Er hob endlich den Kopf, sah sie an und trat ihr den Platz ab, nachdem er sie mit Augen voll Thränen heftig an sich gedrückt und geküßt hatte. Eine plötzliche Erregung hatte ihn überkommen, bei der die Anbetung, die er für sie empfand, die starre Kälte schmolz, die er gewöhnlich heuchelte. »Ach, mein armes Kind, mein armes Kind!« stammelte er und zitterte heftig wie eine entwurzelte Eiche. Uebrigens beherrschte er sich sofort, errang seine Fassung wieder, und während Pierre und Don Vigilio stumm, unbeweglich und verzweifelt, weil sie nichts nützen konnten, warteten, ob man ihrer bedürfe, begann er langsam im Zimmer auf und ab zu gehen. Dann schien ihm dieser Raum für die Gedanken, die er durch seinen Kopf wälzte, zu eng zu werden; er zog sich zuerst in das Ankleidezimmer zurück und strich zuletzt durch den Gang, wanderte bis in den Speisesaal. So ging und kam er immer wieder, ernst, unbeweglich, gesenkten Hauptes, stets in dieselbe düstere Träumerei versunken. Was für eine Welt von Betrachtungen bewegte sich in dem Schädel dieses Gläubigen, dieses hochmütigen Fürsten, der sich Gott hingegeben und nichts gegen das unvermeidliche Schicksal vermochte? Von Zeit zu Zeit kehrte er zu dem Bette zurück, überzeugte sich von den Fortschritten, die das Uebel machte, ersah aus dem Gesichte Darios, wie die Krisis stand und entfernte sich dann wieder mit demselben regelmäßigen Schritt. Er verschwand und kam wieder zum Vorschein, wie getragen von der einförmigen Regelmäßigkeit der Kräfte, die der Mensch nicht aufzuhalten vermag. Vielleicht täuschte er sich, vielleicht handelte es sich nur um ein einfaches Unwohlsein, über das der Arzt lächeln würde. Man mußte hoffen und warten. Und so ging und kam er immer wieder; und nichts konnte inmitten der schweren Stille angsterregender klingen, als die rhythmischen Schritte dieses hohen Greises, der das Schicksal erwartete. Die Thür öffnete sich wieder; Victorine kehrte atemlos zurück. »Der Arzt – ich habe ihn getroffen – da ist er!« Doktor Giordano, mit seiner lächelnden Miene, seinem kleinen, rosigen Gesicht mit den weißen Locken, seiner ganzen, verschwiegenen, väterlichen Figur, die ihm das Aussehen eines liebenswürdigen Prälaten gab, trat ein. Aber kaum hatte er das Zimmer, alle diese geängstigten Leute erblickt, die ihn erwarteten, so wurde er sofort ernst und nahm die verschlossene Haltung, die unbedingte Ehrfurcht vor den kirchlichen Geheimnissen an, die ihm seine geistliche Kundschaft verschafft hatten. Und sobald er einen Blick auf den Kranken geworfen hatte, ließ er sich nur ein paar gemurmelte Worte entschlüpfen. »Wie, schon wieder! Fängt das von neuem an!« Zweifellos spielte er auf den Messerstich an, den er kürzlich behandelt hatte. Wer wütete denn gegen diesen armen, jungen Fürsten, der so harmlos war, so wenig belästigte? Uebrigens konnte ihn, mit Ausnahme Benedettas, niemand verstehen; aber diese befand sich in einem solchen Fieber der Ungeduld und brannte so nach Beruhigung, daß sie nicht zuhörte, nicht hörte, sondern abermals zu flehen begann. »O Doktor, ich beschwöre Sie, sehen Sie ihn an, untersuchen Sie ihn, sagen Sie uns, daß es nichts zu bedeuten hat. Es kann nichts zu bedeuten haben, denn er war noch eben so wohl, so munter. Es ist nichts, es ist nichts, nicht wahr?« »Gewiß, gewiß, Contessina – sicherlich ist es nichts ... wir werden sehen.« Aber er hatte sich umgedreht und verbeugte sich tief vor dem Kardinal, der mit seinem gleichmäßigen, träumerischen Schritt aus dem Speisesaal zurückkehrte und sich unbeweglich zu Füßen des Bettes aufstellte. Zweifellos las er in den düsteren Augen, die sich auf die seinen richteten, eine tödliche Unruhe, denn er fügte nichts hinzu, sondern begann Dario zu untersuchen, wie einer, der den Wert der Minuten gefühlt hat. Und je mehr seine Untersuchung fortschritt, desto mehr nahm sein liebenswürdig optimistisches Gesicht einen bleichen Ernst, einen geheimen Schrecken an, die sich nur in einem leichten Zittern der Lippen zeigten. Gerade er war es gewesen, der Monsignore Gallo während des Anfalles beigestanden hatte, an dem er gestorben war – einem Anfall eines ansteckenden Fiebers, wie seine Diagnose für den Totenschein gelautet hatte. Zweifellos erkannte auch er dieselben schrecklichen Symptome, das bleigraue Gesicht, den Stumpfsinn einer schrecklichen Trunkenheit wieder, und als alter, römischer Arzt, der an plötzliche Todesfälle gewöhnt ist, fühlte er die böse Luft vorüberstreichen, die tötet, ohne daß die Wissenschaft noch recht erkannt hat, ob es die faule Ausdünstung des Tiber oder das uralte Gift der Legende ist. Aber nun hob er wieder den Kopf und sein Blick begegnete von neuem dem dunklen Auge des Kardinals, das nicht von ihm wich. »Herr Giordano, ich hoffe, Sie sind nicht allzu unruhig?« fragte der Kardinal endlich. »Es ist nur eine Verdauungsstörung, nicht wahr?« Der Arzt verbeugte sich abermals. Er hatte an dem leichten Beben der Stimme die grausame Angst des mächtigen Mannes erkannt, der wieder an der empfindsamsten Stelle seines Herzens getroffen worden war. »Eure Eminenz muß recht haben, es ist sicherlich eine Verdauungsstörung. Manchmal, wenn Fieber dazu kommt, sind solche Fälle gefährlich. Ich brauche Eurer Eminenz nicht zu sagen, wie sehr Eminenz auf meine Vorsicht und meinen Eifer zählen können.« Er hielt inne, und fuhr gleich darauf mit dem bestimmten Tone des erfahrenen Arztes fort: »Die Zeit drängt, wir müssen den Fürsten entkleiden und rasch handeln. Man soll mich einen Augenblick allein lassen; es wäre mir lieber.« Trotzdem hielt er Victorine zurück; sie sollte ihm helfen. Wenn er noch einer zweiten Hilfe bedürfte, würde er Giacomo nehmen. Offenbar wünschte er die Familie zu entfernen, um freier, ohne lästige Zeugen zu sein. Der Kardinal verstand ihn und bemächtigte sich sanft Benedettas, um sie selbst an seinem Arm in den Speisesaal zu führen. Pierre und Don Vigilio folgten ihnen dahin. Als die Thüren sich wieder geschlossen hatten, herrschte in diesem Speisesaal, den die klare Wintersonne mit köstlichem Licht und köstlicher Wärme überflutete, die düsterste und drückendste Stille, die man sich denken kann. Der Tisch war noch immer gedeckt; die Teller standen verlassen da, das Tischtuch war mit Krumen beschmutzt, eine Tasse Kaffee war noch halbvoll und in der Mitte befand sich der Korb Feigen, von dem man die Blätter entfernt hatte; aber bloß zwei bis drei Feigen fehlten daraus. Vor dem Fenster hockte in einem großen, gelben Sonnenstrahl, durch den die Sonnenstäubchen tanzten, Tata, der Papagei, den man aus seinem Bauer herausgenommen hatte, entzückt, geblendet auf seinem Stock. Dennoch hatte er, erstaunt über den Eintritt so vieler Leute, aufgehört zu schreien und sich mit dem Schnabel die Federn zu glätten; sehr artig drehte er halb den Kopf, um mit seinem runden, forschenden Auge diese Leute besser zu studiren. Endlose Minuten verstrichen in dem fieberhaften Warten auf das, was im Innern des Nebenzimmers vorging. Don Vigilio hatte sich schweigend abseits gesetzt, wahrend Benedetta und Pierre, die stehen blieben, ebenfalls unbeweglich schwiegen. Der Kardinal aber hatte seinen endlosen Marsch, dieses instinktive, einlullende Herumwandern wieder aufgenommen, durch das er seine Ungeduld täuschen und rascher zu der Erklärung gelangen zu wollen schien, die er inmitten eines furchtbaren Gedankensturmes unklar suchte. Während sein rhythmischer Schritt mit maschinenmäßiger Regelmäßigkeit erklang, herrschte in ihm eine düstere Wut, eine außerordentliche Verwirrung der extremsten und entgegengesetztesten Regungen. Er suchte verzweifelt nach dem Warum und Wieso. Aber bereits zweimal war sein Blick im Vorübergehen über die Unordnung des Tisches geschweift, als suche er etwas. War es vielleicht der unausgetrunkene Kaffee? Oder das Brot, von dem die Krumen noch umherlagen? Oder diese Lammkoteletten, von denen noch ein Knochen übrig war? Dann, im Augenblick, als er, zum drittenmal vorübergehend, hinsah, fielen seine Augen auf den Korb Feigen, und von einer plötzlichen Offenbarung getroffen, blieb er steif stehen. Der Gedanke hatte ihn gepackt und nahm ihn in Besitz, ohne daß er wußte, welches Experiment er unternehmen solle, damit der jähe Verdacht sich in Gewißheit verwandle Einen Augenblick blieb er so, suchend und nicht findend, die Augen auf den Korb geheftet, stehen. Endlich ergriff er eine Feige und näherte sie seinem Gesichte, wie um sie ganz in der Nähe zu betrachten. Aber sie bot nichts Bemerkenswertes und er war im Begriffe, sie zu den anderen zurückzulegen, als Tata, der Papagei, der Feigen sehr gern aß, einen schrillen Schrei ausstieß. Und das war eine Erleuchtung; das gesuchte Experiment bot sich dar. Langsam, mit seiner ernsten Miene, das Gesicht in tiefe Schatten getaucht. trug der Kardinal dem Papagei die Feige hin und gab sie ihm ohne Zögern oder Bedauern. Es war ein sehr hübsches Tier, das einzige, das er so leidenschaftlich geliebt hatte. Den feinen, geschmeidigen Körper vorstreckend, dessen seidiges, berggrünes Gefieder sich in der Sonne rosa moirirte, hatte der Papagei die Feige zierlich mit dem Fuß genommen und sie dann mit einem Schnabelhieb aufgeschlitzt. Aber nachdem er sie durchwühlt hatte, aß er nur sehr wenig davon und ließ die noch volle Schale fallen. Der Kardinal sah zu und wartete, noch immer ernst und unbeweglich, Das Warten dauerte volle drei Minuten. Einen Augenblick beruhigte er sich und kraute den Kopf des Papageis, der sich voll Behagen streicheln ließ, den Kopf drehte und sein kleines, rotes, hell wie ein Rubin glänzendes Auge zu seinem Herrn erhob. Aber mit einemmale fiel er wie ein Stück Blei um, ohne auch nur mit den Flügeln zu schlagen. Tata war tot, vernichtet. In dem Entsetzen über das, was er nun endlich wußte, fand Boccanera nur eine Geberde; er erhob, schleuderte beide Arme zum Himmel empor. Großer Gott, ein solches Verbrechen, eine so furchtbare Verwechslung, ein so abscheuliches Spiel des Schicksals! Kein Schrei des Schmerzes entfuhr ihm; der Schatten auf seinem Gesichte war grimmig und finster geworden. Trotzdem ertönte ein Schrei – ein heller Aufschrei Benedettas, die, gleich Pierre und Don Vigilio, das Vorgehen des Kardinals anfangs mit Erstaunen verfolgt hatte, das sich dann in wahren Schrecken verwandelte. »Gift, Gift! Ach, Dario, mein Herz, meine Seele!« Aber der Kardinal hatte das Handgelenk seiner Nichte heftig erfaßt, indem er einen schrägen Blick auf die zwei dieser Scene beiwohnenden kleinen Priester, diesen Sekretär und diesen Fremden, warf. »Schweig, schweig!« Empört, von rufendem Zorn und Haß aufgebracht, machte sie sich mit einem Ruck los. »Warum soll ich schweigen? Prada hat den Streich verübt, ich werde ihn anzeigen, ich will, daß auch er stirbt!... Ich sage Ihnen, es ist Prada ... ich weiß es, denn Herr Froment ist gestern in seinem Wagen mit dem Pfarrer Santobono und diesem Korb Feigen von Frascati zurückgefahren... Ja, ja, ich habe Zeugen, es ist Prada, es ist Prada!« »Nein, nein. Du bist wahnsinnig – schweig!« Er hatte abermals die Hände der jungen Frau ergriffen und bemühte sich, sie mit seiner ganzen erhabenen Autorität zu bezwingen. Er, der den Einfluß kannte, den Kardinal Sanguinetti aus diesen Exaltirten, diesen Santobono ausübte, hatte sich bereits die Geschichte erklärt; es war nicht eine unmittelbare Mitschuld, aber ein heimlicher Druck; das Tier wurde gereizt, und dann in der Stunde, da der päpstliche Thron zweifellos frei werden würde, auf den lästigen Nebenbuhler losgelassen. Die Wahrscheinlichkeit, die Gewißheit davon war plötzlich vor seinen Augen aufgeblitzt, trotz der Lücken und Dunkelheiten, ohne daß er alles zu verstehen brauchte. Es war so, weil er fühlte, daß es so sein mußte. »Nein, es ist nicht Prada, hörst Du? Dieser Mann hat keinen Grund, mir übel zu wollen, und auf mich allein war es abgezielt, mir hat man diese Früchte gegeben ... Höre, denke doch nach! Es bedurfte eines unvorhergesehenen Unwohlseins, um mich zu verhindern, meinen reichlichen Teil zu essen, denn man weiß, daß ich Feigen sehr liebe; und während mein armer Dario allein von ihnen kostete, scherzte ich und sagte zu ihm, er möge mir die schönsten für morgen aufheben ... Das Gräßliche war für mich und ihn hat es getroffen! O Herr! Durch den grausamsten Zufall, die ungeheuerlichste Dummheit des Schicksals ... Herr, Herr, du hast uns also verlassen!« Thränen waren in seine Augen gestiegen, während sie, zitternd, noch nicht überzeugt zu sein schien. »Aber, Onkel, Sie haben gar keinen Feind; warum sollte dieser Santobono so auf Ihr Leben abzielen?« Einen Augenblick blieb er stumm, ohne eine genügende Antwort finden zu können. Die Absicht, zu schweigen, bildete sich bereits in ihm in erhabener Größe. Dann fiel ihm etwas ein und er ergab sich ins Lügen. »Santobono hat immer einen etwas wirren Kopf gehabt und ich weiß, daß er mich haßt, seit ich mich weigerte, seinen Bruder, einen unserer ehemaligen Gärtner, durch ein gutes Zeugnis, das er sicherlich nicht verdiente, aus dem Gefängnis zu befreien ... Solch ein tödlicher Groll hat oft keine ernsteren Ursachen. Er wird geglaubt haben, daß er sich an mir rächen muß.« Da ließ sich Benedetta, zerbrochen, unfähig, weiter zu streiten, mit einer Geberde verzweifelter Ergebung auf einen Stuhl niederfallen. »O Gott, o Gott! Ich weiß nicht mehr ... Und dann, was liegt daran, jetzt, wenn mein Dario so weit ist? Es gibt nur eines: er muß gerettet werden, ich will, daß er gerettet wird. Wie lange das dauert, was sie da in dem Zimmer machen! Warum holt Victorine uns nicht?« Wieder trat eine bestürzte Stille ein. Der Kardinal ergriff, ohne zu sprechen, den Korb Feigen, trug ihn an einen Schrank, den er doppelt versperrte, und steckte dann den Schlüssel in die Tasche. Zweifellos nahm er sich vor, ihn gleich nach Anbruch der Nacht selbst verschwinden zu lassen, indem er zum Tiber hinabstieg und ihn hineinwarf. Aber als er vom Schrank zurückkehrte, erblickte er die beiden kleinen Priester, deren Blicke ihm notgedrungen gefolgt waren. »Meine Herren,« sagte er einfach, groß, »ich brauche Sie nicht zu bitten, verschwiegen zu sein. Es gibt Aergernisse, die wir der Kirche, die nicht schuldig ist, nicht schuldig sein kann, ersparen müssen. Einen der Unseren, selbst wenn er ein Verbrecher ist, den bürgerlichen Gerichten überliefern, heißt oft die gesamte Kirche treffen, nachdem die bösen Leidenschaften sich der Angelegenheit bemächtigen, um die Verantwortlichkeit für das Verbrechen bis auf sie zu schieben. Wir brauchen den Mörder bloß den Händen Gottes zu übergeben, der ihn sicherer zu strafen wissen wird. Ah, für meinen Teil, mag ich in meiner Person oder meiner Familie, in meinen zärtlichsten Gefühlen getroffen sein – im Namen Christi, der am Kreuz gestorben, erkläre ich, daß ich weder Zorn noch ein Rachebedürfnis empfinde, daß ich den Namen des Mörders aus meinem Gedächtnis tilge und seine abscheuliche That in das ewige Schweigen des Grabes versenke!« Seine hohe Gestalt schien noch gewachsen zu sein, während er, die Hand weit ausstreckend, diesen Schwur aussprach, seine Feinde einzig der Gerechtigkeit Gottes überließ; denn er sprach nicht bloß von Santobono, sondern auch vom Kardinal Sanguinetti, dessen unheilvollen Einfluß er erraten hatte. Und bei dem Gedanken an den düstern Kampf um die Tiara, an all das Böse und Gierige, das sich im Grunde des Dunkels bewegte, erschütterte ihn in dem Heldentum seines Stolzes eine unendliche Betrübnis, ein tragisches Leid. Dann, als Pierre und Don Vigilio, Schweigen versprechend, sich verneigten, erstickte ihn eine unbesiegbare Bewegung, und das Schluchzen der Rührung, das er unterdrückte, brach ihm wider Willen aus der Brust. »O, mein armes Kind, mein armes Kind!« stammelte er. »Ah, der einzige Sohn unseres Geschlechtes, die einzige Liebe und einzige Hoffnung meines Herzens. O, sterben, so sterben!« Aber Benedetta hatte sich von neuem heftig erhoben. »Sterben? Wer denn? Dario? ... Ich lasse es nicht zu. Wir werden ihn pflegen, wir werden zu ihm zurück gehen. Und wir werden ihn in die Arme nehmen, wir werden ihn retten. Kommen Sie, Oheim, kommen Sie rasch ... Ich lasse ihn nicht sterben, ich lasse ihn nicht, ich lasse ihn nicht!« Sie schritt zur Thüre und nichts hätte sie hindern können, in das Zimmer zurückkehren; da erschien gerade Victorine mit verstörter Miene. Sie hatte trotz ihrer gewöhnlichen, heiteren Ruhe allen Mut verloren. »Der Doktor läßt die Signora und Seine Eminenz bitten, sofort zu kommen, aber sofort.« Pierre, der von diesen Dingen ganz betäubt aussah, folgte ihnen nicht, sondern blieb einen Augenblick mit Don Vigilio in dem sonnenbeschienenen Speisesaal zurück. Was, Gift! Gift, zierlich versteckt, wie zu den Zeiten der Borgia, von einem lichtscheuen Verräter, den man nicht einmal dem Gerichte anzuzeigen wagt, mit diesen Früchten vorgesetzt! Und er entsann sich seines Gespräches bei der Rückkehr von Frascati, wie er als Pariser sich skeptisch gegen jene legendenhaften Droguen verhalten hatte, die er nur im fünften Akt eines romantischen Dramas zuließ. Und doch waren sie wahr, diese abscheulichen Geschichten von den vergifteten Blumensträußen und Messern, von den lästigen Prälaten und sogar Päpsten, die man hinwegräumte, indem man ihnen die Morgenschokolade brachte; jetzt konnte er nicht mehr daran zweifeln: dieser leidenschaftliche, tragische Santobono war ein Giftmischer. Bei dieser erschreckenden Beleuchtung sah er den ganzen gestrigen Tag an sich vorüberziehen; er gedachte der ehrgeizigen und drohenden Worte, die er in der Wohnung des Kardinals Sanguinetti belauscht hatte, seiner Eile, noch vor dem wahrscheinlichen Tode des regierenden Papstes zu handeln, der Suggestion des Verbrechens im Namen der Rettung der Kirche; dann des Pfarrers, dem er mit seinem kleinen Korb Feigen auf der Landstraße begegnet war, dann dieses Korbes, der, von dem Priester andächtig auf den Knieen gehalten, so lange durch die Dämmerung der schwermütigen Campagna spazieren gefahren war – dieses Korbes, der ihn jetzt wie ein Alpdruck verfolgte, an dessen Form, Farbe und Geruch er stets mit einem Schauder denken würde. Gift, Gift! Es war also doch wahr! So etwas existirte, so etwas kreiste noch im Dunkel der schwarzen Gesellschaft, inmitten der grimmigen Eroberungs- und Herrschaftsgelüste! Und plötzlich erhob sich in der Erinnerung Pierres auch die Gestalt Pradas. Vorhin, als Benedetta ihn so heftig angeklagt hatte, war er einen Augenblick vorgetreten, um ihn zu verteidigen, um die ihm bekannte Geschichte des Giftes, den Punkt, von dem der Korb ausgegangen, die Hand, die ihn dargeboten, laut zu verkündigen. Aber gleich darauf ließ ihn eine Betrachtung erstarren; wenn Prada das Verbrechen auch nicht verübt, so hatte Prada es doch geschehen lassen. Eine zweite Erinnerung durchzuckte ihn scharf wie eine Klinge – die Erinnerung an die kleine, schwarze Henne in der düsteren Umgebung der Osteria, die, wie vom Blitz getroffen, mit dem dünnen, ins Violette spielenden Blutstrom, der ihr aus dem Schnabel floß, tot unter dem Schuppen lag. Und hier, am Fuße der Stange, lag geradeso Tata, das Papageienweibchen, schlaff und warm, den Schnabel von einem Blutstropfen befleckt. Warum also hatte Prada gelogen, indem er ihm von einem Kampf erzählte? Es war eine ganze Verwicklung von dunklen Leidenschaften und Kämpfen, in deren Nacht Pierre sich nicht mehr auskannte, ebenso wie er sich nicht den furchtbaren Kampf vorzustellen vermochte, der während der Ballnacht in dem Gehirn dieses Mannes stattgefunden haben mußte. Er konnte ihn sich nicht wieder an seiner Seite denken, seine Gestalt während des morgendlichen Spazierganges bis zum Palaste Boccanera heraufbeschwören, ohne zu zittern; denn er erriet insgeheim all das Entsetzliche, was sich an dieser Thüre entschieden hatte. Uebrigens, ob er es aus Haß gegen den Kardinal oder eher in der Hoffnung auf einen verirrten Pfeil gethan hatte, der ihn auf gut Glück, durch einen grausamen Zufall rächen würde, die schreckliche Thatsache stand, trotz der Dunkelheiten und Unmöglichkeiten, fest: Prada wußte es, Prada hätte den Gang des Schicksals aufhalten können, und hatte das Schicksal sein blindes Todeswerk vollenden lassen. Aber als Pierre den Kopf wandte, sah er Don Vigilio so verstört und so bleich abseits auf dem Stuhle sitzen, von dem er sich nicht gerührt hatte, daß er glaubte, es habe ihn auch getroffen. »Sind Sie leidend?« Anfangs schien der Sekretär nicht antworten zu können, derart preßte ihm der Schreck die Kehle zusammen. Dann sagte er mit leiser Stimme: »Nein, nein, ich habe nichts davon gegessen ... O großer Gott, wenn ich bedenke, daß ich große Lust dazu hatte, und nur die Ehrerbietung mich davon abhielt, da ich Seine Eminenz nicht essen sah!« Bei dem Gedanken, daß bloß seine Demut ihn gerettet hatte, schüttelte ein leichter Fieberfrost seinen ganzen Körper, und auf seinen Händen, auf seinem Gesicht blieb die Kälte des nahen Todes zurück, dessen Vorüberstreifen er gefühlt hatte. Zuletzt seufzte er zweimal auf, während er in seinem Schrecken das Furchtbare mit einer Geberde von sich schob. »Ah, Paparelli, Paparelli!« murmelte er. Sehr bewegt, bemühte sich Pierre, der wußte, wie er über den Schleppträger dachte, mehr von ihm zu erfahren. »Wie? Was wollen Sie damit sagen? Beschuldigen Sie ihn? ... Glauben Sie also, daß sie ihn dazu getrieben haben, kurz, daß sie es sind?« Das Wort »Jesuiten« wurde nicht einmal ausgesprochen; aber der große, schwarze Schatten glitt durch den hellen Sonnenschein des Speisesaales, den er einen Augenblick zu verdunkeln schien. »Sie!« rief Don Vigilio. »Ach ja! Sie sind es überall, sie sind es jederzeit! Wo man weint, wo man stirbt, sind sie dabei, sind sie es! Und es war für mich; ich wundere mich, daß ich nicht dabei auf dem Platze geblieben bin!« Dann stieß er abermals seine dumpfe Klage voll Haß, Abscheu und Zorn aus: »Ah, Paparelli, Paparelli!« Und er verstummte; er wollte nicht mehr antworten, und sah mit seinen verstörten Blicken die Wände des Saales an, als würde er den Schleppträger mit seinem schlaffen, runzeligen Altjungferngesicht, den trippelnden Schritten einer nagenden Maus, den geheimnisvollen, räuberischen Händen, die den vergessenen Korb Feigen aus der Anrichtestube heraufgeholt hatten, um ihn auf die Tafel zu setzen, daraus hervortreten sehen. Nun entschlossen sich beide, in das Zimmer zurückzukehren, wo man ihrer vielleicht bedurfte, und Pierre wurde beim Eintreten von dem herzzerreißenden Schauspiel gepackt, den es darbot. Seit einer halben Stunde hatte Doktor Giordano, der Gift vermutete, vergeblich die üblichen Mittel, ein Brechmittel, dann Magnesia angewendet, ja sogar von Victorine Eiweiß in Wasser schlagen lassen. Aber das Uebel verschlimmerte sich so blitzähnlich schnell, daß jetzt alle Hilfe nutzlos ward. Dario, entkleidet auf dem Rücken liegend, den Oberkörper von Kissen gestützt und die Arme längs des Körpers ausgestreckt, sah erschreckend aus; er befand sich in jener Art angstvoller Trunkenheit, dem Kennzeichen dieses geheimnisvollen, furchtbaren Nebels, dem bereits Monsignore und viele andere erlegen waren. Die Betäubung des Schwindels schien ihn befallen zu haben, seine Augen sanken immer tiefer in die schwarzen Augenhöhlen ein, während das Gesicht zusehends vertrocknete, alterte und von einem grauen, erdfarbenen Schatten überzogen ward. Seit einer Weile hatte er ganz erschöpft die Augen geschlossen; nichts Lebendes war mehr an ihm als die bedrückten, mühsamen, langen Atemzüge, die seine Brust hoben. Und daneben, über das arme Gesicht des Sterbenden gebeugt, stand Benedetta; sie litt seine Schmerzen mit, und ein solcher ohnmächtiger Schmerz hatte sie überkommen, daß sie selbst unkenntlich, so blaß, so rasend vor Angst aussah, als hätte der Tod auch sie nach und nach, gleichzeitig mit ihm ergriffen. In der Fensternische, in die der Kardinal Boccanera den Doktor Giordano geführt hatte, wurden mit leiser Stimme ein paar Worte gewechselt. »Er ist verloren, nicht wahr?« Der Doktor, selbst ganz außer sich, machte die verzweifelte Geberde eines Besiegten. »Leider, ja. Ich muß Eure Eminenz darauf vorbereiten, daß in einer Stunde alles vorbei sein wird.« Ein kurzes Schweigen herrschte. »Aber es ist dieselbe Krankheit wie bei Gallo, nicht wahr?« Und da der Doktor nicht antwortete, sondern zitternd wegschaute, setzte er hinzu: »Kurz, ein ansteckendes Fieber?« Giordano verstand sehr wohl, was der Kardinal von ihm verlangte. Er forderte Schweigen; das Verbrechen sollte um des guten Rufes seiner Mutter, der Kirche, willen für ewig begraben werden. Es gab nichts, was so groß, von einer so hohen, tragischen Grüße gewesen wäre, als dieser noch so aufrechte und erhabene Greis von siebenzig Jahren, der nicht wollte, daß seine geistliche Familie verfalle, ebenso wenig wie er es litt, daß man seine menschliche Familie durch den unvermeidlichen Schmutz eines aufsehenerregenden Prozesses schleppte. Nein, nein! Schweigen, ewiges Schweigen, in dem alles ruht und vergessen wird! Der Doktor verneigte sich zuletzt mit seiner sanften, klerikal verschwiegenen Miene. »Ja, es ist offenbar ein ansteckendes Fieber, wie Eure Eminenz so richtig bemerken.« Gleich darauf erschienen wieder große Thränen in den Augen Boccaneras. Jetzt, da er Gott geschützt hatte, blutete seine menschliche Natur von neuem. Er flehte den Arzt an, eine letzte Anstrengung zu machen, das Unmögliche zu versuchen; aber dieser schüttelte den Kopf und deutete mit seinen armen, zitternden Händen auf den Kranken. Für seinen Vater, für seine Mutter hätte er nicht mehr thun können. Der Tod war da. Wozu einen Sterbenden ermüden und quälen, da er dessen Schmerzen nur noch verschlimmert hätte? Und da der Kardinal angesichts der nahen Katastrophe an seine Schwester Serafina dachte, in Verzweiflung war, daß sie ihren Neffen nicht noch zum letztenmal umarmen könne, wenn sie sich im Vatikan, wo sie sein mußte, verspätete, so erbot sich der Arzt, sie in seinem Wagen, den er unten hatte warten lassen, abzuholen. Das war eine Sache von zwanzig Minuten; er würde wieder zurück sein, wenn man seiner in den letzten Augenblicken bedürfte. Als der Kardinal in der Fensternische allein blieb, stand er noch einen Augenblick unbeweglich still. Seine von Thränen verdunkelten Augen sahen durch das Fenster den Himmel an, und seine bebenden Arme streckten sich mit innigem Flehen aus. O Gott, da die Wissenschaft der Menschen so kurz und so eitel ist, da dieser Arzt, froh, der Verlegenheit über seine Ohnmacht zu entgehen, davoneilte – o Gott, warum thust du nicht ein Wunder, um den Glanz deiner grenzenlosen Macht zu zeigen! Ein Wunder, ein Wunder! Er verlangte es aus der Tiefe seiner gläubigen Seele, dringend, mit dem gebieterischen Gebet eines irdischen Fürsten, der dem Himmel durch sein ganzes, der Kirche geweihtes Leben einen beträchtlichen Dienst erwiesen zu haben glaubt. Er verlangte es für die Fortsetzung seines Geschlechtes, damit der letzte männliche Sprosse nicht so elend verschwinde, damit er diese vielgeliebte, nun so bitterlich weinende und so unglückliche Base heiraten könne. Ein Wunder, ein Wunder zu Gunsten dieser beiden teuren Kinder! Ein Wunder, das die Familie wieder erstehen ließ! Ein Wunder, das den glorreichen Namen der Boccanera verewigte, indem es aus diesen jungen Gatten eine zahllose Reihe von tapferen und gläubigen Nachkommen ausgehen ließ! Als der Kardinal wieder in die Mitte des Zimmers zurückkehrte, schien er verwandelt zu sein; der Glaube hatte seine Augen getrocknet, seine Seele war fortan stark und ergeben, aller Schwäche ledig. Er hatte sich wieder in die Hände Gottes gegeben, er war entschlossen, Dario selbst die letzte Oelung zu geben. Mit einer Geberde rief er Don Vigilio herbei und führte ihn in das kleine Nebengemach, das ihm als Kapelle diente. Er trug den Schlüssel dazu stets bei sich. Dieses kahle Zimmer, das niemand betrat, dieses Zimmer, in dem sich bloß ein kleiner, von einem großen, kupfernen Kruzifix überragter Altar aus gemaltem Holz befand, stand im Palaste im Rufe eines heiligen, unbekannten und schrecklichen Ortes; denn es hieß, daß Seine Eminenz dort die Nächte auf den Knieen, im Gespräch mit Gott in eigener Person zubrachte. Da er nun öffentlich eintrat, da er die Thür so weit offen ließ, mußte er wohl, in seinem Wunsch nach einem Wunder, Gott zwingen wollen, mit ihm daraus hervorzutreten. Hinter dem Altar war ein Schrank angebracht worden, und der Kardinal trat an ihn heran, um Stola und Chorhemd zu holen. Die Büchse mit dem heiligen Oel befand sich gleichfalls hier; es war eine alte, silberne Büchse mit dem Wappen der Boccanera. Dann, nachdem Don Vigilio hinter dem Amtirenden ins Zimmer zurückgekehrt war, um ihm zu assistiren, wechselten sofort die lateinischen Worte mit einander ab. » Pax huic domini .« » Et omnibus habitantibus in ea .« Der Tod kam so rasch, so drohend heran, daß alle gewöhnlichen Vorbereitungen notgedrungen unterblieben. Es waren weder die zwei Kerzen noch der kleine, mit einem weißen Tuch bedeckte Tisch vorhanden. Desgleichen mußte sich der Amtirende, da der Assistent weder Weihwasserkessel noch Weihwedel gebracht hatte, damit begnügen, das Zimmer und den Sterbenden mit einer Geberde zu segnen, indem er dabei die Worte des Rituals aussprach: » Asperges me, Domine, hyssopo, et mundabor; lavabis me, et super nivem dealbabor .« Als Benedetta den Kardinal mit der heiligen Oelung erscheinen sah, war sie, heftig erschauernd, zu Füßen des Bettes auf die Kniee gefallen, während Pierre und Victorine, von der schmerzlichen Größe des Schauspiels erschüttert, ebenfalls etwas weiter rückwärts niederknieten. Die ungeheuren, in dem schneebleichen Antlitz noch erweiterten Augen der Contessina wichen nicht von ihrem Dario, den sie nicht mehr erkannte; denn sein Gesicht war erdfahl, die Haut lohfarben und runzelig wie die eines Greises. Aber nicht für die von ihm bewilligte und gewünschte Trauung brachte ihr Oheim, der allmächtige Kirchenfürst, das Sakrament – nein, für die letzte Trennung, für das menschliche Ende jeglichen Stolzes, für den Tod, der die Geschlechter beendet und mitreißt, wie der Wind den Straßenstaub fegt. Er konnte sich nicht aufhalten; rasch sagte er halblaut das Credo her. » Credo in unum Deum .« »Amen,« antwortete Don Vigilio. Nach den rituellen Gebeten stammelte der letztere die Bittgebete, auf daß der Himmel sich des elenden Menschen erbarme, der nun vor Gott erscheinen würde, wenn ein Wunder Gottes ihn nicht begnadete. Nun öffnete der Kardinal, ohne sich Zeit zum Händewaschen zu nehmen, die Büchse mit dem heiligen Oel, und sich mit einer einzigen Salbung begnügend, wie es im Notfall erlaubt ist, legte er mit dem silbernen Löffel einen einzigen Tropfen auf den ausgetrockneten, schon vom Tode gebleichten Mund. » Per istam sanctam unctionem, et suam piissimam misericordiam, indulgeat tibi Dominus quidquid per visum, auditum, odoratum, gustum, tactum, deliquisti .« Ach, mit welch gläubig brennendem Herzen sprach er diese Bitten um Vergebung aus, auf daß die göttliche Gnade die von den fünf Sinnen, diesen fünf der ewigen Versuchung offen stehenden Thüren der Seele, begangenen Sünden auslösche! Aber er that es noch in der Hoffnung, daß Gott, wenn er dies arme Wesen seiner Sünden wegen gestraft hatte, vielleicht, sobald er sie verziehen, so nachsichtig wäre, ihm das Leben wiederzugeben. Das Leben, o Herr, gib ihm das Leben wieder, damit dieses alte Geschlecht der Boccanera sich noch vermehre und fortfährt, dir durch alle Zeiten in der Schlacht und vor dem Altar zu dienen! Einen Augenblick blieb der Kardinal mit bebenden Händen stehen und betrachtete, ein Wunder erwartend, das stumme Gesicht, die geschlossenen Augen des Sterbenden. Nichts geschah; ihm ging kein Lichtstrahl auf. Don Vigilio hatte den Mund eben mit einem Wattestückchen abgewischt, ohne daß ein Seufzer der Erleichterung von den Lippen ertönte. Das letzte Gebet war gesprochen, der Amtirende kehrte, von dem Assistenten gefolgt, inmitten der wieder eintretenden furchtbaren Stille in die Kapelle zurück. Dort knieten beide nieder und der Kardinal versank, auf der kahlen Diele knieend, in ein brennendes Gebet. Die Augen zu dem kupfernen Kruzifix erhoben, sah und hörte er nichts mehr; er gab sich ganz hin, flehte Jesus an, ihn an Stelle seines Neffen zu nehmen, wenn ein Opfer nötig war, und verzweifelte noch immer nicht daran, den himmlischen Zorn zu erweichen, so lange Dario einen Hauch des Lebens in sich hatte, so lange er selbst so auf den Knieen lag und mit Gott sprach. Er war so demütig und zugleich so hehr! Mußte denn das Einverständnis zwischen Gott und einem Boccanera sich nicht doch ergeben? Der alte Palast hätte zusammenbrechen können, er würde das Stürzen der Balken nicht gemerkt haben. Mittlerweile hatte sich im Zimmer, unter dem Gewichte der tragischen Majestät, die die Zeremonie darin zurückgelassen zu haben schien, noch nichts gerührt. Und jetzt erst schlug Dario die Lider auf. Er blickte seine Hände an und sah, daß sie so eingeschrumpft, so alt geworden waren, daß ein ungeheurer Schmerz um das fliehende Leben sich in seinen Augen malte. Zweifellos ging ihm in diesem klaren Augenblick, mitten in dieser Art von Rausch, mit dem das Gift ihn überwältigte, zum erstenmal das Bewußtsein seines Zustandes auf. Ach, sterben, unter solchen Schmerzen, in einem solchen Verfall sterben! Welch empörender Greuel für dieses leichtfertige, selbstsüchtige Wesen, für diesen Verehrer der Schönheit, der Heiterkeit und des Lichtes, der nicht zu leiden verstand! Das grausame Schicksal strafte sein endendes Geschlecht allzu rauh an ihm. Es graute ihm vor sich selbst, und Verzweiflung, kindischer Schrecken ergriffen ihn, die ihm die Kraft gaben, sich aufzusetzen und bestürzt im Zimmer umher zu schauen, um zu sehen, ob alle ihn verlassen hatten. Aber als sein Blick auf Benedetta fiel, die noch immer zu Füßen des Bettes kniete, riß es ihn ein letztesmal zu ihr hin. Er streckte ihr so leidenschaftlich, als seine Kräfte es erlaubten, die Arme entgegen und stammelte ihren Namen: »O Benedetta, Benedetta!« Sie, unbeweglich, im Warten erstarrt, hatte kein Auge von ihm verwandt. Das schreckliche Nebel, das ihren Geliebten wegraffte, schien sie, je schwächer er wurde, immer mehr und mehr zu ergreifen und zu zerstören. Ihr Gesicht wurde unkörperlich weiß und durch die Löcher ihrer hellen Pupillen begann man ihre Seele zu sehen. Aber als sie ihn jetzt sah, vom Tode auferstehend, mit ausgestreckten Armen ihren Namen rufend, da erhob sie sich ebenfalls, näherte sich ihm und stellte sich neben das Bett. »Ich komme, mein Dario ... Da bin ich, da bin ich!« Und nun wohnten Pierre und Victorine, die noch immer auf den Knieen lagen, dem erhabenen Akte bei. Er war von so außerordentlicher Größe, daß sie am Boden angenagelt blieben, wie bei einem unirdischen Schauspiel, an dem Menschen nicht mehr teilzunehmen haben. Benedetta selbst sprach und handelte wie ein Geschöpf, das, von allen konventionellen und sozialen Banden befreit, bereits außerhalb des Lebens steht und die Wesen und Dinge nur noch aus weiter Ferne, aus der Tiefe des Unbekannten, in dem es verschwinden wird, sieht und vernimmt. »O, mein Dario, man wollte uns trennen. Ja, nur damit ich mich Dir nicht geben kann, damit wir niemals Arm in Arm glücklich werden, hat man Deinen Tod beschlossen, wohl wissend, daß Dein Leben meines mitreißt ... Jener Mann hat Dich getötet – ja, er ist Dein Mörder, selbst wenn ein anderer es gethan hat. Er ist die erste Ursache, er hat mich Dir gestohlen, als ich Dein werden sollte, er hat unser beider Leben verwüstet, er hat um uns, in uns das abscheuliche Gift gehaucht, an dem wir sterben ... Ah, wie ich ihn hasse, wie ich ihn hasse! Ich möchte ihn mit meinem Haß zermalmen, ehe ich in Deinen Armen von hinnen gehe!« Sie hob die Stimme nicht, sondern sprach diese furchtbaren Worte mit einem tiefen Flüstern, einfach, leidenschaftlich. Pradas Name ward nicht einmal genannt und sie kehrte sich kaum zu dem von Erstarrung ergriffenen Pierre hinter ihr um, während sie mit befehlender Miene hinzufügte: »Sie werden seinen Vater sehen. Ich trage Ihnen auf, ihm zu sagen, daß ich seinen Sohn verflucht habe. Der zärtliche Held hat mich sehr geliebt, ich liebe ihn noch und diese Worte, die Sie ihm überbringen werden, müssen ihm das Herz zerreißen. Aber ich will, daß er es erfährt; er muß es wissen, um der Wahrheit und der Gerechtigkeit willen.« Als Dario merkte, daß sie ihn nicht mehr ansah, daß ihre klaren Augen nicht mehr auf ihn gerichtet waren, streckte er ihr, rasend vor Furcht, in einem letzten Krampf aufschluchzend, von neuem die Arme entgegen. »Benedetta, Benedetta!« »Ich komme, ich komme, mein Dario ... da bin ich!« Sie war noch näher herangetreten und neben dem Bette stehend, berührte sie ihn fast. »Ach, ich hatte der Madonna geschworen, keinem Manne, selbst Dir nicht anzugehören, ehe Gott es nicht durch den Segen eines seiner Priester erlaubt hätte! Ich fand eine höhere, göttliche Würde darin, unbefleckt, jungfräulich wie die Jungfrau, ohne Kenntnis der Verunreinigungen und Niedrigkeiten des Fleisches zu sein. Aber es war auch ein erlesenes, seltenes Liebesgeschenk von unschätzbarem Wert, das ich dem von meinem Herzen erwählten Geliebten geben wollte, damit er für ewig der einzige Herr über meine Seele und meinen Körper sei... Diese Jungfräulichkeit, auf die ich so stolz war, habe ich gegen den andern verteidigt, mit den Zähnen und den Nägeln, wie man sieh gegen einen Wolf wehrt – ich habe sie unter Thränen gegen Dich verteidigt, damit Du den Schatz nicht in einem weiheschänderischen Fieber, vor der heiligen Stunde der erlaubten Wonne beschmutztest... Und wenn Du wüßtest, was für schreckliche Kämpfe ich auch gegen mich selbst führte, um nicht nachzugeben! Ich empfand ein wahnsinniges Verlangen, Dir zuzuschreien: ›Nimm mich, besitze mich, trag mich fort!‹ Denn ich wollte Dich ganz besitzen, mich ganz gab ich Dir hin – ja, ohne Rückhalt, als ein Weib, das die ganze Liebe, die Liebe, die zur Gattin und zur Mutter macht, kennt, annimmt und fordert ... Ah, unter welchen Schmerzen habe ich der Madonna meinen Schwur gehalten, wenn das alte Blut wie ein Sturm durch mich brauste! Und nun, welches Unglück!« Sie trat noch näher heran, während ihre leise Stimme immer inniger ward. »Erinnerst Du Dich an den Abend, an dem Du mit einem Messerstich in der Schulter heimkehrtest ... Ich hielt Dich für tot und schrie vor Raserei bei dem Gedanken, daß Du von hinnen gingst, daß ich Dich verlieren sollte, ohne daß wir das Glück kennen gelernt hätten. Ich schmähte die Madonna, ich bereute in jenem Augenblick, nicht mit Dir unselig geworden zu sein, um mit Dir zu sterben, in einer so festen Umarmung verstrickt, daß man uns zusammen hätte begraben müssen ... Und diese furchtbare Warnung sollte zu nichts gedient haben! Ich war blind, dumm genug, die Lehre nicht zu verstehen! Nun hat es Dich von neuem heimgesucht – man hat Dich meiner Liebe gestohlen und Du gehst von hinnen, ehe ich mich Dir endlich gegeben, so lange es noch Zeit gewesen ... Ah, elendes, stolzes Weib, alberne Träumerin!« Was jetzt in ihrer erstickten Stimme grollte, das war der Zorn der praktischen und vernünftigen Frau, die sie stets gewesen, gegen sich selbst. Wollte denn die Madonna, die so mütterlich war, das Unglück der Liebenden? Inwiefern hätte es sie erzürnt oder betrübt, sie so glücklich, so leidenschaftlich Arm in Arm zu sehen? Nein, nein, die Engel weinten nicht, wenn zwei Liebende, selbst ohne den Priester, sich auf Erden liebten; im Gegenteil, sie lächelten, sie sangen vor Jubel. Sicherlich, es war ein abscheulicher Betrug, daß man die Freude nicht auskosten sollte, auf Erden zu lieben, wenn das lebendige Blut in den Adern pochte. »Benedetta, Benedetta!« widerholte der Sterbende voll kindischen Entsetzens, daß er so ganz allein in die ewige, schwarze Nacht hinaus mußte. »Da bin ich, da bin ich, Dario – ich komme!« Dann, da sie glaubte, daß die Dienerin, die doch so unbeweglich blieb, eine Bewegung gemacht habe, um sich zu erheben und sie an ihrem Thun zu hindern, setzte sie hinzu: »Laß, laß, Victorine. Nichts in der Welt kann es fortan hindern, denn es ist stärker als alles, stärker als der Tod. Vorhin, als ich kniete, hat etwas mich aufgerichtet, vorwärts getrieben. Ich weiß, wohin ich gehe ... Und übrigens, hab' ich es nicht an dem Abend, da er den Messerstich erhielt, geschworen? Hab' ich nicht versprochen, ihm allein zu gehören, sogar in der Erde, wenn es sein müßte? Laßt mich ihn küssen – mag er mich mit sich nehmen! Wir werden tot sein und doch vermählt, für ewig vermählt!« Sie kehrte zu dem Sterbenden zurück, berührte ihn jetzt. »Mein Dario, da bin ich, da bin ich!« Und da geschah etwas Unerhörtes. In wachsender Exaltation, getragen von einer hellen Flamme der Liebe, begann sie sich ohne Hast zu entkleiden. Zuerst fiel das Leibchen des Kleides und die weißen Arme, die weißen Schultern leuchteten auf; dann glitten die Rücke nieder und die weißen Füße, die weißen Knöchel, der Schuhe entledigt, erblühten auf dem Teppich; dann schwanden die letzen Hüllen, eine nach der andern, und der weiße Leib, der weiße Busen, die weißen Schenkel entfalteten sich zu einer hohen, weißen Blüte. Mit naiver Kühnheit, einer erhabenen Ruhe, als befinde sie sich allein, hatte sie alles, bis auf den letzten Schleier zurückgezogen. Gleich einer großen Lilie stand sie in ihrer reinen Nacktheit, ihrer unbekümmerten, der Blicke nicht achtenden, königlichen Würde da, und erhellte, durchduftete das düstere Zimmer mit der Schönheit ihres Leibes. Er war ein Wunder der Schönheit, die lebendige Vervollkommnung der schönsten Marmorgestalten. Der Hals einer Königin, die Brust einer Kriegsgöttin, die stolze, geschmeidige Linie von der Schulter bis zur Ferse, die heiligen Rundungen der Glieder und der Hüften. Und sie war so weiß, daß keine Marmorstatue, keine Taube, der Schnee selber nicht weißer waren als sie. »Mein Dario, da bin ich, da bin ich!« Pierre und Viktorine, wie von einer Erscheinung, von dem glorreichen Aufflammen einer heiligen Vision zu Boden geworfen, sahen sie geblendeten Auges an. Die letztere hatte nicht einmal eine Bewegung gemacht, um sie in ihrem außerordentlichen Thun aufzuhalten; jene Art entsetzter Ehrfurcht, die man angesichts des Liebes- oder Glaubenswahnsinns empfindet, hatte sie überwältigt. Und er, gelähmt, fühlte etwas so Großes vorüberstreichen, daß er nur noch eines Schauers erschreckter Bewunderung fähig war. Nichts Unreines strömte ihm aus dieser schneeigen, lilienweißen Nacktheit, von dieser reinen, edlen Jungfrau entgegen, deren Körper in seinem eigenen Licht, in dem Glanz der in ihm brennenden, mächtigen Liebe strahlte. Sie verletzte ihn nicht mehr als ein wahrheitsgetreues, vom Genius verklärtes Kunstwerk. »Mein Dario, da bin ich, da bin ich!« Und Benedetta nahm, nachdem sie sich hingelegt, den sterbenden Dario in ihre Arme. Seine Arme hatten nur noch die Kraft, sich über ihr zu schließen. Das hatte sie ja schließlich gewollt, trotz ihrer scheinbaren Ruhe, trotz der lilienhaften Reinheit ihrer Beharrlichkeit, unter der die glühende Raserei eines Brandes tobte. Diese Heftigkeit hatte sie immer verzehrt, selbst in ruhigen Stunden. Jetzt, da das abscheuliche Schicksal ihr den Geliebten stahl, wollte sie sich nicht darin ergeben, sich noch ferner prellen zu lassen; sie wollte ihn nicht verlieren, ohne sich ihm hingegeben zu haben, da sie so albern gewesen, sich ihm nicht zu geben, als beide noch in lächelnder Zärtlichkeit und Kraft strahlten. In ihrem Wahnsinn ward die Empörung der Natur offenbar; es war der unbewußte Aufschrei des Weibes, das nicht unfruchtbar sterben wollte, unnütz wie ein Samenkorn, das ein unheilvoller Wind davonträgt und aus dem kein neues Leben mehr keimen wird. »Mein Dario, da bin ich, da bin ich!« Sie umfaßte ihn mit ihren nackten Gliedern, mit ihrer ganzen, nackten Seele. In diesem Augenblick erblickte Pierre an der Wand zu Häupten des Bettes das Wappen der Boccanera, ein altes, in Gold und farbiger Seide gesticktes Panneau auf lila Sammet. Ja wohl, das war der beflügelte Drache, der in die Flamme blies, das war die wilde, feurige Devise: » Bocca nera, alma rossa ,« – schwarzer Mund; rote Seele – der Mund von einem Brüllen verdunkelt, die Seele eine flammende Glut des Glaubens und der Liebe. Dies ganze, leidenschaftliche, heftige Geschlecht mit den tragischen Legenden war wieder auferstanden, um seine letzte, herrliche Tochter zu dieser furchtbaren und seltsamen Verlobung im Tode zu treiben. Aber der Anblick des gestickten Wappens erweckte in ihm noch eine andere Erinnerung – die Erinnerung an das Porträt der Cassia Boccanera, der Liebenden, der Richterin, die sich mit ihrem Bruder Ercole und dem Leichnam ihres Geliebten, Flavio Corradini, in den Tiber gestürzt hatte. War das nicht dieselbe verzweifelte Umarmung, die den Tod zu besiegen trachtete, dieselbe Wildheit, die sich mit dem Körper des Vielgeliebten, des Erwählten, Einzigen in den Abgrund stürzte? Die beiden – sie, die da oben auf dem Gemälde wieder auflebte und die, die hier mit ihrem Geliebten starb – ähnelten einander mit ihren gleichen, zarten Kinderzügen, demselben verlangenden Munde und denselben großen, träumerischen Augen in demselben runden, klugen und störrischen Gesichtchen wie zwei Schwestern. Es war, als ob die letztere nur der wiederkehrende Geist der andern sei. »Mein Dario, da bin ich, da bin ich!« Eine Ewigkeit, vielleicht eine Sekunde lang, umfaßten sie sich. Sie legte in ihre Hingabe eine Raserei, eine heilige Raserei, die über das Leben hinaus, bis in die dunkle Unendlichkeit des Unbekannten ging, das nun für sie begann. Ohne Furcht oder Widerwillen vor dem Uebel, das ihn unkenntlich machte, vermischte sie sich, verschmolz sie mit ihm; und er, der während dieses großen Glückes, dessen Seligkeit ihm endlich zu teil geworden, verschieden war, blieb mit zusammengepreßten, fest um sie geschlungenen Armen liegen, als trage er sie mit sich fort. Da aber – geschah es aus Schmerz über diesen unvollständigen Besitz, bei dem Gedanken an ihre unnütze Jungfräulichkeit, die nicht mehr befruchtet werden konnte, oder geschah es inmitten der höchsten Freude über den mit der ganzen Willenskraft ihres Wesens trotz alledem erfolgten Vollzug der Ehe? – da stieg bei dieser Umarmung des ohnmächtigen Todes ein solcher Blutstrom in ihr Herz, daß es brach. Fest an einander gepreßt, für ewig Arm in Arm lag sie tot am Halse ihres toten Geliebten. Ein Stöhnen ertönte; Victorine war näher getreten und hatte alles begriffen. Pierre, der ebenfalls aufgestanden war, zitterte, von dem erhabenen Anblick emporgetragen, vor Bewunderung und Thränen. »Sehen Sie nur, sehen Sie!« stammelte die Dienerin mit sehr leiser Stimme. »Sie rührt sich nicht mehr, sie atmet nicht mehr. Mein armes Kind, mein armes Kind! Sie ist tot!« Und der Priester murmelte: »Gott, wie schön sie sind!« Das war wahr; noch nie hatte eine so hohe, so strahlende Schönheit auf Totengesichtern geleuchtet. Das eben noch erdfahle und gealterte Gesicht Darios hatte eine Marmorblässe, eine marmorne Hoheit angenommen, und die Züge hatten sich wie in einer Aufwallung unaussprechlichen Jubels gestreckt, vereinfacht. Benedetta blieb sehr ernst; eine leidenschaftlich energische Falte lag um ihre Lippen, während das ganze, unendlich weiße Gesicht eine schmerzliche, unendliche Seligkeit ausdrückte. Ihre Haare vermischten sich und ihre weit offenen, tief in einander schauenden Augen blickten sich endlos, in ewig süßer Liebkosung an. Sie waren das für immer verknüpfte, im vollen Zauber seines Bundes in die Unsterblichkeit hinübergegangene Paar, das den Tod besiegt hatte. Die verzückte Schönheit der unsterblichen, sieghaften Liebe strahlte von ihm aus. Aber das Schluchzen Victorinens brach endlich los und mischte sich mit solchen Klagerufen, daß eine ganze Verwirrung entstand. Pierre, jetzt ganz verstört, konnte sich nicht recht erklären, wieso das Zimmer sich mit einemmale mit Leuten füllte, die eine Art verzweifelter Schrecken erregte. Der Kardinal war wohl mit Don Vigilio aus seiner Kapelle herbeigeeilt. Zweifellos brachte Doktor Giordano in dieser Minute auch die von dem nahen Tode ihres Neffen benachrichtigte Donna Serafina zurück; denn sie war jetzt hier, betäubt von den auf einander folgenden Donnerschlägen, die das Haus trafen. Der Doktor selbst befand sich in jenem unruhigen Erstaunen ganz alter Aerzte, deren Erfahrung fortwährend vor den Thatsachen erschrickt, und versuchte, eine Erklärung zu geben, indem er zögernd sagte, es sei möglicherweise eine Pulsadergeschwulst, vielleicht eine Embolie. Victorine wagte es, ihn zu unterbrechen. Der Schmerz stellte sie, die Dienerin, ihrer Herrschaft gleich. »Ach, Herr Doktor, sie haben sich beide zu viel geliebt! Genügt das nicht, um zusammen zu sterben?« Donna Serafina wollte, nachdem sie die Stirne der teuren Kinder geküßt hatte, ihnen die Augen schließen. Aber es gelang ihr nicht; die Lider öffneten sich wieder, sobald der Finger von ihnen wich, und die Augen begannen einander wieder zuzulächeln und die Liebkosung ihres ewigen Blickes starr mit einander zu tauschen. Als sie aber davon sprach, daß man, um des Anstands willen, die beiden Körper trennen müßte und dabei ihre Glieder zu lösen versuchte, rief Victorine abermals: »O Signora, Signora, Sie werden ihnen eher die Arme brechen! Sehen Sie doch, man könnte meinen, daß die Finger in die Schultern hineingewachsen sind. Nie werden sie von einander lassen.« Nun mischte sich der Kardinal ein. Gott hatte kein Wunder gethan. Er war leichenfahl, thränenlos, in einer eisigen Verzweiflung, die ihn größer erscheinen ließ. Angesichts dieser herrlichen Liebe des Anstands kühn nicht achtend, bis ins Innerste von dem Leid ihres Lebens und der Schönheit ihres Todes bewegt, machte er eine majestätische Geberde der Lossprechung, der Heiligung, als lasse er als Fürst der Kirche, der über die Wünsche des Himmels gebot, die beiden umschlungenen Liebenden hiermit vor das letzte Gericht zu. »Laß sie, laß sie, meine Schwester! Störe ihren Schlummer nicht ... Mögen ihre Augen offen bleiben, da sie sich bis ans Ende der Zeiten anschauen wollen, ohne dessen je satt zu werden! Mögen sie doch Arm in Arm schlafen, da sie während ihres Lebens nicht gesündigt, da sie sich in einer solchen Umarmung nur verknüpfen, um sich in die Erde zu legen! Zwei Boccanera können so schlafen,« fügte er hinzu und ward wieder der römische Fürst mit dem stolzen, von alten Schlachten und Leidenschaften noch heißen Blut, »ganz Rom wird sie bewundern und beweinen. Laß sie, laß sie einander, meine Schwester. Gott kennt sie und erwartet sie.« Alle Anwesenden waren niedergekniet; der Kardinal selbst sprach die Totengebete. Die Nacht kam heran; ein wachsender Schatten überzog das Zimmer, in dem bald zwei Kerzen wie zwei Sterne glänzten. Dann fand sich Pierre, ohne daß er wußte, wie es geschehen war, in dem kleinen, vernachlässigten Garten des Palastes am Tiberufer wieder. Er mußte wohl, vor Müdigkeit und Kummer erstickend, in dem Bedürfnis nach Luft hinabgestiegen sein. Die Finsternis überflutete die reizenden Winkel, den alten Sarkophag, wo der aus der tragischen Maske herabfließende dünne Wasserfaden sein zartes Flötenlied sang, und der Lorbeerbaum, der ihn beschattete, die Tobirabüsche, die Orangenbäume der Einfassungen waren unter dem blauschwarzen Himmel nichts mehr als undeutliche Massen. Ach, wie milde und heiter war dieser köstliche, schwermütige Garten am Morgen gewesen! Und was für ein trostloses Echo hinterließ darin das Lachen Benedettas, diese ganze, tönende Freude auf das nahe Glück, das nun da oben in dem Nichts der Dinge und der Wesen lag! Sein Herz war so schmerzlich zusammengepreßt, daß er in lautes Schluchzen ausbrach, während er auf derselben Stelle saß, wo sie gesessen hatte, auf dem umgestürzten Säulenfragment, in der Luft, die sie eingeatmet, die den reinen Duft des anbetungswürdigen Weibes bewahrt hatte. Plötzlich schlug eine Turmuhr in der Ferne sechs, und Pierre fuhr jäh zusammen, indem er sich erinnerte, daß er am selben Abend um neun Uhr vom Papst empfangen werden sollte. Noch drei Stunden. Während der furchtbaren Katastrophe hatte er nicht daran gedacht; es schien ihm, daß Monate und Monate seither verstrichen waren, und es fiel ihm wieder ein, wie ein sehr altes Stelldichein, zu dem man nach jahrelanger Abwesenheit, gealtert, durch zahllose Ereignisse an Herz und Geist verändert, erscheint. Mühsam faßte er wieder Fuß. In drei Stunden würde er in den Vatikan gehen, würde er endlich den Papst sehen. XIV. Abends, als Pierre aus dem Borgo vor dem Vatikan heraustrat, that die Uhr inmitten der tiefen Stille des verdunkelten und bereits schlummernden Viertels einen lauten, tönenden Schlag: halb neun. Er war zu früh gekommen. Er beschloß zwanzig Minuten zu warten, um erst um neun Uhr, genau zur Stunde der Audienz, oben an der Thür der Gemächer zu erscheinen. In der unendlichen Erregung und Trauer, die ihm das Herz zusammenpreßten, war diese Frist ihm eine Erleichterung. Als er anlangte, fühlte er sich von dem tragischen Nachmittag, den er in jenem Totenzimmer verbracht hatte, wo Dario und Benedetta jetzt, Arm in Alm, ihren ewigen Schlaf schliefen, an allen Gliedern zerschlagen, furchtbar matt. Er hatte nicht essen können; das grausame, schmerzliche Bild der zwei Liebenden verfolgte ihn und erfüllte ihn so, daß unwillkürliche Seufzer seiner Brust entfuhren, während unablässig Thränen in seine Augen traten. Ach, wie gern hätte er sich verstecken, nach Herzenslust weinen, das ungeheure Bedürfnis nach Thränen befriedigen mögen, an dem er erstickte! Es war eine Rührung, die sein ganzes Denken in Anspruch nahm; der klägliche Tod der beiden Liebenden fügte sich in seinem Geiste der aus seinem Buche hervorgehenden Klage an und erfüllte ihn mit einem noch größern Mitleid, einer wahrhaft angstvollen Nächstenliebe für alle Elenden und alle Leidenden dieser Welt. Diese Heraufbeschwörung so vieler körperlicher und moralischer Wunden in diesem Paris, in diesem Rom, wo er so viele ungerechte und ungeheuerliche Leiden gesehen, machte ihn derart rasend, daß er bei jedem Schritt fürchtete, in Thränen ausbrechen und die Arme zu dem schwarzen Himmel erheben zu müssen. Da ging er, um sich ein wenig zu beruhigen, langsam auf dem Petersplatz spazieren. Zu dieser Stunde der Nacht herrschte hier eine ungeheure Finsternis und Einsamkeit. Als er anlangte, glaubte er sich in einem Meer von Schatten zu verlieren. Aber nach und nach gewöhnten sich seine Augen daran. Der riesige Raum ward nur von den vier Kandelabern mit sieben Brennern an den vier Ecken des Obelisken und von den wenigen Gasbrennern rechts und links, längs den zu der Basilika führenden Gebäuden erhellt. Unter dem Doppelportikus der Kolonnade brannten ebenfalls Laternen mit gelblichem Licht inmitten des gewaltigen Waldes der vier Säulenreihen, deren Schafte sie wunderlich abhoben. Auf dem Platze aber war nichts sichtbar als der farblose, wie gespenstisch aufsteigende Obelisk. Auch die Fassade von St. Peter tauchte, kaum erkenntlich, wie ein Traum, verschlossen, ausgestorben, in außerordentlicher, schlummernder, unbeweglicher und schweigender Größe auf. Den Dom sah er nicht; eine bläuliche, riesige Rundung auf dem Himmel verriet ihn kaum. Zuerst hatte er, irgendwo in der Tiefe dieses unbestimmten Dunkels das Rauschen der Fontänen gehört, ohne sie zu sehen; zuletzt unterschied er das dünne bewegliche Phantom der fortwährend aufschießenden Wasserstrahlen, die wie ein Regen wieder herabfielen. Und über dem ungeheuren Platze streckte sich der ungeheure, mondlose Himmel hin; er war wie aus dunkelblauem Sammet und die Sterne schienen die Dicke und den Glanz von Karfunkeln zu besitzen. Der Wagen mit seinen goldenen Rädern, seiner goldenen Deichsel lag umgekehrt über dem Dach des Vatikans, und da unten über Rom, auf der Seite der Via Giulia der prächtige, mit den drei goldenen Sternen seines Gürtels gezierte Orion. Pierre hob die Augen zum Vatikan empor. Aber dort war nur eine Anhäufung von wirren Fassaden zu sehen und nur im Stockwerk der päpstlichen Gemächer leuchtete der Schein zweier Lampen. Bloß in dem innen erleuchteten Damasiushof funkelten die rückwärtige und die linke Fassade in dem weißen Widerschein ihrer großen Treibhausfenster. Und noch immer kein Geräusch, keine Bewegung, nicht einmal ein Verschieben der Schatten. Zwei Personen durchschritten den ungeheuren Platz; eine dritte kam, die ebenfalls verschwand und dann blieb nichts zurück, als ein sehr ferner Tonfall rhythmischer Schritte. Es war die reine Einöde; weder Spaziergänger noch Vorübergehende, nicht einmal der Schatten eines Herumstreichers waren unter der Kolonnade, in dem Säulenwalde zu sehen, der ebenso leer war wie die hundertjährigen Urwälder der ersten Zeiten. Und was für eine feierliche Einöde, was für eine stolz-trostlose Stille! Noch nie hatte er den Eindruck eines so unermeßlichen, trüben Schlummers voll von dem majestätischen Adel des Todes empfunden. Zehn Minuten vor neun faßte Pierre einen Entschluß und wandte sich der Bronzethür zu. Ein einziger ihrer Thürflügel, am Ende des rechten Portikus stand noch offen; dort waren die Schatten noch dichter und hüllten sie in Nacht. Er erinnerte sich an die genauen Anweisungen, die Monsignore Nani ihm gegeben: an jeder Thür sollte er nach Herrn Squadra fragen, kein Wort hinzufügen – und jede Thür würde sich öffnen. Er würde sich bloß führen lassen brauchen. Niemand auf der Welt wußte jetzt, daß er hier sei, denn Benedetta war nicht mehr. Als er die Bronzethür durchschritten hatte und sich vor dem unbeweglichen Schweizer Gardisten befand, der mit verschlafener Miene den Eingang bewachte, sprach er einfach das verabredete Wort aus. »Herr Squadra.« Und da der Schweizer Gardist sich nicht rührte, ihm den Weg nicht vertrat, schritt er weiter, sofort nach rechts, zu der großen Halle der Scala Pia, der steinernen Treppe mit dem ungeheuren, viereckigen Treppenhause, die zum S. Damasiushof führt. Auch hier keine Seele zu sehen – nichts als das erstickte Echo der Schritte, nichts als der ruhige Schein der Gasbrenner, deren matte Kugeln das Licht milde bleichten. Oben, während er den Hof durchschritt, erinnerte er sich, daß er ihn bereits mit seinem Portikus, seinem Springbrunnen, seinem weißen Pflaster in der brennenden Sonne von den Loggien des Raphael aus gesehen habe. Aber jetzt bemerkte er nicht einmal mehr die fünf bis sechs wartenden Wagen, die steif dastehenden Pferde, die starr auf dem Bock sitzenden Kutscher. Es war eine Einöde, ein unermeßliches, kahles und farbloses Viereck, wie im Grabesschlummer unter dem düstern Schein der Laternen liegend, deren Zurückstrahlungen die hohen Fenster der drei Fassaden erhellten. Etwas beunruhigt, von dem leichten Schauer der Leere und der Stille ergriffen, schritt er eiliger weiter und wandte sich nach rechts, zu dem von einer Marquise beschützten Perron, dessen wenige Stufen zur Treppe der Gemächer führten. Dort stand ein prächtiger Gendarm in großer Uniform. »Herr Squadra.« Mit einer einfachen Geberde, wortlos, deutete der Gendarm auf die Treppe. Pierre stieg hinauf. Es war eine sehr breite Treppe mit niedrigen Stufen, einem weißen Marmorgeländer und gelbangestrichenen Wänden. Das Gas in den matten Glaskugeln schien aus weiser Sparsamkeit bereits herabgeschraubt worden zu sein. Es konnte nichts Traurig-feierlicheres geben als diese majestätische, so bleiche und so kalte Kahlheit bei diesem Nachtlampenschein. Auf jedem Treppenabsatz stand noch ein Schweizer Gardist mit seiner Hellebarde Wache und in dem schweren Schlaf, der den Palast überkam, hörte man nichts mehr als die regelmäßigen Schritte dieser Männer, die fortwährend auf- und abgingen, zweifellos um nicht der Betäubung der Umgebung zu unterliegen. Der Aufstieg über die Treppe inmitten dieses um sich greifenden Dunkels, dieser großen, schauernden Stille, schien kein Ende zu nehmen. Jedes Stockwerk teilte sich in Stücke: noch eines, und noch eines, und noch eines. Als er endlich auf dem Treppenabsatz des zweiten Stockwerks anlangte, war es ihm, als steige er seit hundert Jahren diese Treppe hinan. Hier, vor der Glasthür der Sala Clementina, von der bloß der rechte Thürflügel offen stand, hielt der letzte Schweizer Gardist Wache. »Herr Squadra.« Der Gardist wich beiseite und ließ den jungen Priester eintreten. Dieser ungeheure Clementinensaal schien zu dieser Stunde, in dem dämmerigen Schein der Lampen grenzenlos zu sein. Die reiche Ausschmückung, die Skulpturen, Malereien, Vergoldungen, verschwammen und waren nichts mehr als eine unbestimmte, fahle Vision, gespenstische Mauern, auf denen der Widerschein der Kleinodien und Gesteine ruhte. Im übrigen war kein einziges Möbelstück darin zu sehen; die endlosen Fliesen, eine erweiterte Einöde, verloren sich im Hintergrunde des Halbdunkels. Endlich glaubte Pierre am andern Ende des Saales, neben einer Thür, auf einer Bank Gestalten zu erblicken. Es waren drei Gardisten, die dort verschlafen saßen. »Herr Squadra.« Einer der Gardisten erhob sich langsam und verschwand. Pierre begriff, daß er warten sollte. Er wagte sich nicht zu rühren; das Geräusch seiner Schritte auf den Fliesen beunruhigte ihn. Er begnügte sich, umherzuschauen und die Mengen heraufzubeschwören, die diesen Saal bevölkert hatten. Noch heute war er ein Saal, der allen zugänglich war, den alle durchschreiten mußten, ein einfacher Wachensaal, stets vom Lärm zahlloser Schritte, eines unaufhörlichen Kommens und Gehens erfüllt. Aber wie drückend lastete der Tod auf ihm, sobald die Nacht ihn überkommen hatte – wie trostlos, wie müde war er von dem Vorüberziehen so vieler Dinge und so vieler Wesen! Endlich kehrte der Gardist zurück und hinter ihm erschien auf der Schwelle des Nebenzimmers ein ganz schwarz gekleideter Mann von etwa vierzig Jahren, der etwas von einem Bedienten eines großen Hauses und einem Kirchendiener einer Kathedrale hatte. Er besaß ein schönes, tadelloses, rasirtes Gesicht, mit einer etwas starken Nase zwischen einem Paar großer, starrer und heller Augen. »Herr Squadra,« sagte Pierre abermals. Der Mann verbeugte sich, wie um zu sagen, daß er der Herr Squadra sei, dann lud er den Priester mit einer abermaligen Verneigung ein, ihm zu folgen, und beide betraten, einer hinter dem andern, ohne jede Eile die endlose Flucht der Säle. Pierre, der das Zeremoniell kannte und mehrmals mit Narcisse darüber gesprochen hatte, erkannte beim Durchgehen die verschiedenen Säle, erinnerte sich an die Verwendung eines jeden und füllte sie mit den Personen, die das Recht hatten, sich darin aufzuhalten. Jeder Würdenträger kann, je nach seinem Range, nur eine gewisse Thür durchschreiten, so daß die Personen, die vom Papst empfangen werden sollten, bis zum heiligen Vater aus einer Hand in die andere gehen – aus der der Bedienten in die der Nobelgardisten, dann in die der Ehrenkämmerer, zuletzt in die der Geheimkämmerer. Aber von acht Uhr ab leeren sich die Säle und nur wenige Lampen brennen auf den Pfeilertischen; es ist nichts mehr als eine Flucht einsamer, halbdunkler Zimmer, die in dem erhabenen Nichts, in das der gesamte Palast versinkt, eingeschlossen sind. Zuerst kam der Saal der Bedienten, der Bussolanti, der einfachen Thürsteher, die, in roten, mit dem päpstlichen Wappen gestickten Sammet gekleidet, die Besucher bis zur Thür des Ehrenvorzimmers zu geleiten haben. Zu dieser späten Stunde war nur noch ein einziger da; er saß auf einer Bank, in einem so dunkeln Winkel, daß sein roter Mantel schwarz auf den Knieen liegen. Leer war endlich auch das Ehrenvorzimmer, der Thronsaal, in dem der Papst 300 – 400 Personen auf einmal in öffentlicher Audienz empfängt. Den Fenstern gegenüber, auf einer niedrigen Estrade steht der Thron, ein vergoldeter, mit rotem Sammt bedeckter Lehnstuhl unter einem Baldachin vom selben Sammt. Daneben liegt das Kissen für den Fußkuß. Dann befinden sich rechts und links, einander gegenüber, zwei Pfeilertische; auf dem einen steht eine Stehuhr, auf dem andern ein Kruzifix zwischen hohen, Kerzen tragenden Armleuchtern mit vergoldeten Holzfüßen. Die rote Damasttapete mit den großen Louis XIV. Palmen steigt bis zu dem prunkvollen Fries empor, der die Decke mit allegorischen Sinnbildern und Figuren umrahmt, und das prächtige, kalte Marmorpflaster wird erst vor dem Thron von einem Smyrnateppich bedeckt. Aber bei Privataudienzen, wenn der Papst sich im kleinen Thronsaal oder gar in seinem Zimmer aufhielt, war der Thronsaal nichts mehr als ein Ehrenvorzimmer, wo die ganze Prälatenschaft, die hohen kirchlichen Würdenträger warteten, gemischt mit den Botschaftern, den großen Staatspersonen jeden Ranges. Den Dienst versehen hier die zwei Ehrenkämmerer; sie übernehmen die zur hohen Ehre einer Audienz zugelassenen Personen aus den Händen der Bussolanti, um sie selbst zur Thür des Nebenzimmers, des geheimen Vorsaals zu geleiten, wo sie sie den Geheimkämmerern übergeben. Das war der luxuriöseste, der lebhafteste Saal, sowohl durch den Glanz der Uniformen wie durch die Aufregung, die wuchs, je mehr man sich durch diese endlose Reihenfolge von Sälen dem von dem Erwählten und Einzigen bewohnten Tabernakel näherte. Das Herz, von dieser weisen Steigerung von geringerer bis zu unaufhörlich zunehmender Pracht bis zum Ersticken zusammengepreßt, klopfte immer stärker und stärker. Zu dieser nächtlichen Stunde war indessen keine Seele zu sehen, keine Bewegung, keine Stimme zu hören – nichts war da als die Stille, die von der dunkeln Decke über den roten Sammtthron herabsank, nichts als eine rauchige Lampe, die in dem leeren, schlafenden Saal an der Ecke eines Pfeilertisches brannte. Herr Squadra, der sich noch nicht umgedreht hatte, sondern langsam und stumm weiterschritt, blieb einen Augenblick vor der Thür des geheimen Vorsaals stehen, wie um dem Besucher Zeit zu lassen, sich vor dem Betreten des Heiligtumes ein wenig zu fassen. Nur die Geheimkämmerer hatten das Recht, sich dort aufzuhalten, und nur die Kardinäle konnten hier warten, bis der Papst sie zu empfangen geruhte. An seinem leichten nervösen Schauer erkannte Pierre, nachdem Herr Squadra sich entschlossen hatte, ihn hineinzuführen, daß er das furchtbare Jenseits, die andere Seite dieser niedrigen, menschlichen Welt betrete. Unter tags behütete ein wachestehender Nobelgardist die Thüre; aber zu dieser Stunde war die Thür frei und das Gemach leer wie alle anderen. Um es zu bevölkern, mußte man die edlen und hochmögenden Persönlichkeiten heraufbeschwören, die es gewöhnlich in großer Festtracht füllten. Es war etwas zu schmal, gangförmig; zwei Fenster gingen auf das neue Viertel der Prati del Castello hinaus, während ein einziges Fenster am andern Ende, neben der in den kleinen Thronsaal führenden Thüre auf den Petersplatz hinausging. Hier zwischen dieser Thür und diesem Fenster saß gewöhnlich an einem kleinen Tische ein in diesem Augenblicke abwesender Sekretär. Und immer wieder zeigte sich derselbe vergoldete Pfeilertisch, mit demselben Kruzifix zwischen demselben Paar Lampen. Eine große Uhr in einem Gehäuse aus Ebenholz, mit Kupfer eingelegt, schlug schwer die Stunde. Die einzige Merkwürdigkeit unter der Decke mit den Goldrosetten war die Tapete; sie bestand aus rotem Damast und war mit gelben Schildern besät. Die zwei Schlüssel und die Tiara wechselten mit dem Löwen, der die Klaue auf die Weltkugel legte. Aber Herr Squadra hatte bemerkt, daß Pierre, der Etikette zuwider, seinen Hut, den er im Saal der Bussolanti hätte lassen sollen, in der Hand behalten hatte. Nur die Kardinäle haben das Recht, das Barett bei sich zu behalten. Er nahm ihm den Hut mit einer diskreten Bewegung ab und legte ihn selbst auf den Pfeilertisch, um anzudeuten, daß er wenigstens hier bleiben müsse. Dann gab er, noch immer wortlos, mit einer einfachen Verbeugung zu verstehen, daß er den Besucher Seiner Heiligkeit anmelden wolle und daß dieser einen Augenblick in diesem Zimmer warten möge. Als Pierre allein blieb, atmete er tief auf. Er erstickte, sein Herz klopfte zum Brechen. Trotzdem blieb sein Verstand klar; er hatte diese berühmten, diese prächtigen päpstlichen Gemächer im Halbdunkel sehr gut beurteilt. Sie waren mit den mit Stickereien geschmückten, mit Seide ausgeschlagenen Wänden und gemalten Friesen, den Plafonds, auf denen sich Fresken entfalteten, eine Flucht herrlicher Salons. Aber an Möbeln war nichts da als Pfeilertische, Schemel, Throne und die Lampen, die Uhren, die Kruzifixe, selbst die Throne waren nichts als Geschenke, die an großen Jubiläumstagen aus den vier Winkeln der Welt herbeigetragen worden waren. Nicht die geringste Behaglichkeit herrschte; alles war prunkend, steif, kalt und unbequem. Es war das alte Italien mit seiner fortwährenden Gala und seinem Mangel an vertraulichem, warmem Leben. Man hatte über die bewunderungswürdigen Marmorfliesen, auf denen die Füße erstarrten, ein paar Teppiche werfen müssen und zuletzt vor kurzem Heizapparate aufgestellt, die man übrigens aus Furcht, den Papst zu erkälten, nicht anzuzünden wagte. Was Pierre aber noch mehr auffiel, was ihm bis in die Knochen drang, während er jetzt wartend dastand, das war die außerordentliche Stille. Eine so tiefe Stille hatte er noch nirgends bemerkt; es war, als sei rings um ihn all das finstere Nichts des gewaltigen, in Schlaf versunkenen Vatikans in dieses Stockwerk, in diese Flucht einsamer, prächtiger und ausgestorbener Zimmer hinaufgestiegen, wo die kleinen, unbeweglichen Flammen der Lampen brannten. Auf der Ebenholzuhr schlug es neun. Er geriet in Erstaunen. Wie, erst zehn Minuten waren verflossen, seit er die Bronzethür überschritten? Er hatte geglaubt, daß er seit Tagen unterwegs sei. Nun wollte er die nervöse Bedrückung, die ihn würgte, bekämpfen; denn er war nie seiner selbst sicher und fürchtete immer, seine Ruhe, seine Vernunft in einem Thränenanfall untergehen zu sehen. Er ging auf und ab, schritt an der Uhr vorüber, warf einen Blick auf das Kruzifix auf dem Pfeilertisch und betrachtete die Lampenkugel, auf der die fetten Finger eines Bedienten ihren Abdruck zurückgelassen hatten. Sie leuchtete mit so gelbem und schwachem Schein, daß er Lust hatte, sie höher zu schrauben; aber er wagte es nicht. Dann stand er, die Stirn an eine Scheibe gedrückt, vor dem Fenster, das auf den Petersplatz hinausging. Eine Minute lang ward er gepackt. Durch die klaffenden, schlecht schließenden Schalterläden breitete sich das ungeheure Rom vor ihm aus – Rom, so wie er es von den Loggien Rafaels aus gesehen, so wie er es sich an dem Tage gedacht hatte, an dem er von dem kleinen Restaurant auf dem Platze Leo XIII. am Fenster seines Zimmers zu sehen vermeinte. Nur war es jetzt das nächtliche, das von der Finsternis noch erweiterte Rom, grenzenlos wie der gestirnte Himmel. In diesem schrankenlosen Meer mit den schwarzen Wogen ließen sich mit Gewißheit nur die großen, durch das helle Weiß der elektrischen Beleuchtung in Milchstraßen verwandelten Straßen erkennen: der Corso Victor Emanuel, dann die Via Nazionale, dann der Corso, der sie im rechten Winkel durchschnitt und selbst in der gleichen Weise von der Via del Tritone durchschnitten wurde, die die Via S. Nicola del Tolentino fortsetzte, welche wiederum mit dem Thermenplatz und dem Bahnhof verbunden war. Auf der andern Seite des Corso Victor Emanuel und der Via Nazionale, gegen das alte Rom zu, flammten noch einige Plätze, einige Straßenecken, aber die Finsternis überflutete bereits alles. Das Uebrige war nur mehr ein Gewimmel kleiner, gelblicher Lichter, der kleinen Stückchen eines halb erloschenen, auf die Erde gefegten Himmels. Einige Konstellationen, einige glänzende, geheimnisvolle und edle Figuren bildende Sterne suchten vergeblich zu kämpfen und hervorzutreten. Sie verschwammen, verwischten sich in dem wirren Chaos des Staubes eines alten Sternes, der gleichsam hier zersprungen war und fortan nichts mehr als eine Art phosphoreszirenden Sandes seiner Herrlichkeit hinterließ. Was für eine dunkle, derart mit Licht bestreute Unendlichkeit war das, was für eine ungeheure, dunkle, unbekannte Masse, in der die siebenundzwanzig Jahrhunderte der ewigen Stadt, ihre Ruinen, ihre Monumente, ihr Volk, ihre Geschichte untergegangen zu sein schienen, so daß man nicht mehr zu sagen vermochte, wo sie begann oder wo sie endete! Vielleicht breitete sie sich bis an den unbegrenzten Rand des Dunkels aus, das die ganze Nacht umspannte, vielleicht war sie so zusammengeschrumpft, so verschwunden, daß die Sonne bei ihrer Rückkehr nur mehr das bißchen Asche beleuchtete! Aber selbst angesichts dieses Schattenmeeres voll erhabenen Friedens steigerte sich die nervöse Angst Pierres, trotzdem er sich anstrengte, sie zu beruhigen, von Sekunde zu Sekunde. Er trat von dem Fenster fort und sein ganzes Wesen erzitterte, als er ein leichtes Geräusch von Schritten hörte. Er glaubte, daß man ihn holen komme. Das Geräusch kam aus dem Nebensaal, dem kleinen Thronsaal: er bemerkte nun, daß dessen Thür halb offen geblieben war. Da er nichts mehr hörte, wagte er sich in dem Fieber seiner Ungeduld vor und streckte den Hals aus, um etwas zu sehen. Es war abermals ein mit rotem Damast ausgeschlagener, ziemlich großer Saal, mit einem vergoldeten roten Sammetlehnstuhl unter einem Baldachin aus gleichem Sammet, und auch hier erblickte man den unvermeidlichen Pfeilertisch, das hohe, elfenbeinerne Kruzifix, die Uhr, die zwei Lampen, die Armleuchter, zwei große Vasen auf Sockeln, zwei andere von geringerer Höhe, mit dem Bilde des heiligen Vaters geschmückt, aus der Fabrik von Sévres; dennoch merkte man hier mehr Behaglichkeit. Der Smyrnateppich bedeckte das ganze Plattenpflaster, an den Wänden zogen sich einige Lehnstühle hin, ein falscher, mit Stoff verkleideter Kamin bildete das Gegenstück zu dem Pfeilertisch. Der Papst, dessen Zimmer auf diesen Saal ging, empfing hier gewöhnlich die Personen, die er ehren wollte. Der Schauer Pierres verstärkte sich bei dem Gedanken, daß er nur mehr dieses Gemach zu durchschreiten habe, daß dort, hinter jener einfachen Holzthür Leo XIII. sich befand. Warum ließ man ihn warten? Schickte man sich an, ihn in diesem Saal zu empfangen, um ihn nicht in eine zu große Intimität zuzulassen? Man hatte ihm von geheimnisvollen Besuchen zu solcher Stunde, von Unbekannten erzählt, die in derselben Weise, schweigend, hereingeführt wurden. Das waren große Persönlichkeiten, deren Name sehr leise geflüstert ward. Ihn mußte man wohl für kompromittirend halten, da man ohne Wissen der Umgebung in Muße mit ihm sprechen wollte, ohne sich zu etwas zu verpflichten. Dann erklärte er sich plötzlich die Ursache des gehörten Geräusches; er bemerkte auf dem Pfeilertisch neben der Lampe eine kleine Holzkiste, eine Art tiefer Henkeltasse, auf der sich die Ueberreste einer Abendmahlzeit, Geschirr, Eßzeug, eine Flasche und ein Glas befanden. Er begriff, daß Herr Squadra, nachdem er die abgetragenen Speisen im Zimmer bemerkt, sie herausgetragen hatte und dann wieder zurückgekehrt war, um noch ein paar häusliche Verrichtungen zu besorgen. Er kannte die große Mäßigkeit des Papstes, wußte, daß er seine Mahlzeiten auf einem schmalen Gueridon einnahm, wobei alles auf einmal in dieser kleinen Kiste hereingebracht wurde. Er nahm eine Fleischspeise, ein Gemüse, auf Befehl des Arztes zwei Schlückchen Bordeaux und vor allem Bouillon, Tassen Bouillon, die er gern den alten Kardinälen, seinen Lieblingen anbot, so wie man Thee anzubieten pflegt – ein kräftigender alter Junggesellenschmaus. Der gewöhnliche Tisch Leo XIII. war mit acht Franken per Tag festgestellt. O, Schwelgereien Alexander VI., o, Gelage und Prunkessen Julius II. und Leo X.! Aber aus dem Zimmer kam abermals ein leichtes Geräusch, das er sich nicht erklären konnte; er erschrak über seine Indiskretion und zog eilig den Kopf zurück, denn er glaubte den ganzen kleinen roten Thronsaal, trotz des todten Friedens, in dem er schlief, plötzlich aufflammen zu sehen. Da er zu sehr bebte, um unbeweglich bleiben zu können, zog er es vor, mit kleinen Schritten auf und ab zu gehen. Dieser Herr Squadra – Er erinnerte sich jetzt, Narcisse von ihm sprechen gehört zu haben. Er war eine große Persönlichkeit, der wichtigste, einflußreichste Mann, der vielgeliebte Kammerdiener Seiner Heiligkeit, der einzige, der ihn bewegen konnte, an Empfangstagen eine reine weiße Sutane anzuziehen, wenn die, die er trug von Taback allzu beschmutzt war. Seine Heiligkeit bestand auch eigensinnig darauf, sich jede Nacht ganz allein in seinem Zimmer einzuschließen und niemand bei sich schlafen zu lassen; das geschah aus Unabhängigkeit, aber, wie es hieß, auch infolge der Angst des Geizhalses, der mit seinem Schatz allein schlafen will. Dies verursachte fortwährende Beunruhigung, da es nicht vernünftig war, wenn sich ein Greis dieses Alters derart verrammelte; Herr Squadra schlief bloß in einem Nebenzimmer, war aber stets auf der Lauer und immer bereit, auf den leisesten Ruf herbei zu eilen. Er war es auch, der sich ehrfurchtsvoll ins Mittel legte, wenn Seine Heiligkeit zu lange aufblieb, zu viel arbeitete. Trotzdem nahm er in diesem Punkte schwer Vernunft an; er stand auf, wenn er keinen Schlaf finden konnte, und ließ durch ihn einen Sekretär wecken, um Notizen zu diktiren, um den Entwurf einer Encyklika zu Papier zu bringen. Wenn die Abfassung einer Encyklika ihn beschäftigte, so hätte er Tag und Nacht dabei zubringen mögen, so wie einst, da er auf seine schönen lateinischen Verse stolz war, die Morgendämmerung ihn manchmal beim Feilen einer Strophe überraschte. Er schlief sehr wenig, denn er war die Beute fortwährender Arbeit, einer außerordentlichen Gehirnthätigkeit und ward stets von der Verwirklichung irgend einer alten Absicht verfolgt. Nur das Gedächtnis war in letzter Zeit etwas schwächer geworden. Vielleicht hatte Herr Squadra Seine Heiligkeit infolge irgend einer übermäßigen Arbeit leidender gefunden, da er, wie es geheißen hatte, noch tags zuvor so krank gewesen war. Uebrigens verschmähte er es zumeist, sich zu pflegen. Während Pierre fortfuhr, leise auf und ab zu schreiten, wurde er so nach und nach von dieser hohen und erhabenen Gestalt durchdrungen. Von den geringen Einzelheiten des täglichen Lebens ging er zu dem geistigen Leben, zu der Rolle eines großen Papstes über, die Leo XIII. sicherlich zu spielen gedachte. Er hatte in S. Giovanni de Laterano den endlosen Fries gesehen, auf dem die Porträts der zweihundertzweiundsechzig Päpste dargestellt sind und er fragte sich, welchem Papste in dieser langen Reihe von Mittelmäßigen, Heiligen, Verbrechern und Genies Leo XIII. wohl gleichen wollte. Einem der ersten, so demütigen Päpste, einem jener, die einander während der ersten drei Jahrhunderte verborgenen Lebens folgten, die einfache Leiter von Leichenbestattungsvereinen, brüderliche Hirten der christlichen Gemeinde waren? Dem Papst Damasius, dem ersten großen Bauherrn, dem Gelehrten, der sich in geistigen Dingen gefiel, dem Gläubigen mit dem lebendigen Glauben, der den frommen Getreuen die Katakomben öffnete? Leo III., dessen kühne Hand durch die Salbung Karls des Großen den Bruch mit dem von dem großen Schisma bereits getrennten Orient vollendete, der kraft des einzigen, allmächtigen Willens Gottes und seiner Kirche, die fortan über die Kronen verfügte, dem Westen die Herrschaft gab? Dem furchtbaren Gregor VII., dem Tempelreiniger, dem Beherrscher der Könige? Innocenz III., Bonifacius VIII., den Herren der Seelen, Völker und Throne, die, mit dem grimmigen Bannfluch bewaffnet, mit solcher Gewalt das entsetzte Mittelalter beherrschten, daß der Katholizismus nie mehr so nahe der Verwirklichung seines Traumes stand? Urban II., Gregor IX., oder einem andern der Päpste, in deren Herz die brennende Leidenschaft der Kreuzzüge, die Sucht nach heiligen Abenteuern brannte, die die Mengen emportrug, der Eroberung des Unbekannten und Göttlichen zutrieb? Alexander III., der das Papsttum gegen das Kaiserreich verteidigte, bis zuletzt kämpfte, um von der höchsten Gewalt, in die Gott ihn eingesetzt, nichts abzutreten, und endlich siegte, indem er seinen Fuß triumphirend auf das Haupt Friedrich Barbarossas setzte? Julius II., der lange nach der traurigen Zeit von Avignon den Panzer trug und die politische Macht des heiligen Stuhles befestigte? Leo X., dem Prunkvollen, dem glorreichen Beschützer der Renaissance, eines ganzen großen Kunstzeitalters, der aber einen beschränkten, nicht vorausschauenden Geist besaß, da er Luther als einfachen empörten Mönch behandelte? Pius V., der finstern, rasenden Reaktion, der Scheiterhaufenflamme, die die wieder heidnisch gewordene Erde züchtigte? Einem der Päpste, die nach dem Trienter Konzil, als die Gläubigkeit in voller Unversehrtheit wieder eingesetzt, die Kirche durch ihren Stolz, ihre Intransigenz, ihr Beharren an dem vollständigen Respektiren der Dogmen gerettet war, in unumschränktem Glauben regierten? Oder jenem Papste zur Zeit des Verfalles des Papsttums, da es nicht mehr als ein den Prunk der großen europäischen Monarchie regelnder Zeremonienmeister gewesen – jenem Benedikt XVI., dem unermeßlichen Geiste, dem tiefen Theologen, der, nachdem seine Hände gebunden waren und nicht mehr über die Königreiche dieser Welt verfügen konnten, sein schönes Leben mit dem Regeln der himmlischen Dinge verbracht hatte? Und so rollte sich die Geschichte dieses Papsttums, die wundersamste Geschichte, die es gibt, vor ihm auf: es hatte alle Wechselfälle des Glückes gekannt, die niedrigsten, die elendsten, wie die höchsten, die blendendsten; es besaß einen hartnäckigen Willen zum Leben, der es trotz allem, inmitten der Brände, Gemetzel und Zusammenbrüche der Völker am Leben erhalten hatte; es stand in der Person seiner Päpste stets streitbar und aufrecht da. Sie waren das seltsamste Geschlecht unumschränkter, erobernder und gebietender Herrscher, das es je gegeben. Alle, selbst die Gebrechlichen und Schwachen waren die Herren der Welt, alle strahlten in dem unvergänglichen Ruhm des Himmels, wenn man sie so in diesem uralten Vatikan heraufbeschwor, wo ihre Schatten des Nachts sicherlich erwachten und inmitten dieser Grabesstille, deren Schauer von dem leichten Streifen ihrer Füße über die Marmorfliesen herkommen mußte, durch die endlosen Gänge, die ungeheuren Säle strichen. Aber jetzt sagte sich Pierre, daß er den großen Papst, der Leo XIII. sein wollte, gar wohl kenne. Das war, ganz zu Anfang der katholischen Macht, Gregor der Große, der Eroberer und Organisator. Dieser war aus altem römischen Geschlecht und etwas von dem alten Kaiserblut pochte in seinem Herzen. Er verwaltete das vor den Barbaren gerettete Rom, ließ die geistlichen Domänen bestellen und teilte die Güter der Erde ein: ein Teil den Armen, ein Teil dem Klerus, ein Teil der Kirche. Dann war er der Erste, der die Propaganda schuf; er schickte seine Priester aus, die Nationen zu zivilisiren und zu pacificiren, und dehnte die Eroberung bis auf die Unterwerfung Großbritanniens unter das göttliche Gesetz Christi aus. Das war auch nach einem ungeheuren Zwischenraum von Jahrhunderten Sixtus V., der Finanzmann und Politiker, der Gärtnerssohn, der sich unter der Tiara als einer der umfassendsten und geschmeidigsten Geister einer an seinen Diplomaten fruchtbaren Zeit offenbarte. Er sammelte Schätze und war hart und geizig, um als Herr zu regieren, der in seinen Truhen stets das zum Krieg und zum Frieden notwendige Gold liegen hat. Er brachte Jahre in Unterhandlungen mit den Königen zu, er verzweifelte niemals am Siege. Ebensowenig wiedersetzte er sich seiner Zeit; er nahm sie hin, wie sie war, suchte sie dann zu Gunsten der Interessen des heiligen Stuhles abzuändern, war konziliant für alles und gegen alle und träumte bereits von einem europäischen Gleichgewicht, dessen Mittelpunkt und Herr er zu werden gedachte. Dabei war er ein sehr heiliger Papst, ein feuriger Mystiker, aber ein Papst, der der absoluteste, unumschränkteste Geist, zugleich ein zum Handeln entschlossener Staatsmann war, um das Reich Gottes auf dieser Erde zu sichern. Aber in der Begeisterung, die wider seine Absicht, ruhig zu bleiben, wieder in ihm aufstieg und alle Klugheit und allen Zweifel wegfegte, fragte sich Pierre übrigens, warum er derart die Vergangenheit prüfte? War denn der wahre Leo XIII. nicht der seines Buches – der große Papst, der sich ihm offenbart, den er seinem Herzen nach geschildert, so wie die Herzen ihn ersehnten und erwarteten? Zweifellos war es nicht ein streng ähnliches Porträt, aber in seinen großen Linien mußte es wahr sein, damit die Menschheit nicht an ihrer Rettung verzweifle. Und ganze Seiten seines Buches stiegen, flammten vor seinen Augen auf; er sah seinen Leo XIII. wieder vor sich, den weisen Staatsmann, den Vermittler, der an der Einheit der Kirche arbeitete und sie für den nahen Tag des unvermeidlichen Kampfes stark und unbesiegbar machen wollte. Er sah ihn vor sich, befreit von den Sorgen der weltlichen Herrschaft, gewachsen, geläutert, strahlend in moralischer Pracht, die einzige über den Nationen aufrecht stehende Autorität; denn er hatte die tödliche Gefahr erkannt, die darin lag, wenn die sozialistische Lösung in den Händen der Feinde des Christentums gelassen ward, und war fortan entschlossen, in dem zeitgenössischen Streit wie einst Jesus für die Verteidigung der Armen und Geringen einzutreten. Er sah ihn, wie er sich auf die Seite der Demokratie stellte, die Republik in Frankreich anerkannte, die von ihren Thronen verjagten Könige im Exil ließ und die Weissagung verwirklichte, die Rom von neuem die Weltherrschaft verhieß, sobald das Papsttum den Glauben vereinigt haben und an der Spitze des Volkes marschiren würde. Die Zeit erfüllte sich: Cäsar war zu Boden geschlagen, der Papst allein blieb zurück. Würde das Volk, der große Stumme, den sich die beiden Mächte so lange streitig machten, sich nicht dem Vater hingeben, da dieser jetzt, wie er wußte, gerecht und barmherzig war, da er die brotlosen Arbeiter und die Bettler von der Straße mit glühendem Herzen und ausgestreckter Hand aufnahm? In der furchtbaren Katastrophe, die die verfaulten Gesellschaften bedrohte, in dem furchtbaren Elend, das die Städte verwüstete, war keine andere Lösung möglich als Leo XIII., der Geweissagte, der notwendige Erlöser, der Hirte, der gesandt ward, um seine Schafe durch die Wiederherstellung der christlichen Gemeinde, des vergessenen goldenen Zeitalters des Urchristentums vor dem nahen Unheil zu retten. Endlich herrschte die Gerechtigkeit, endlich strahlte die Wahrheit wie die Sonne, und alle Menschen waren versöhnt, nur mehr ein einziges, in Frieden lebendes, nur dem gleichmachenden Gesetz der Arbeit gehorchendes Volk unter dem hohen Schutze des Papstes, des einzigen Bandes der Barmherzigkeit und Liebe! Nun packte es Pierre wie eine Flamme und trug, stieß ihn vorwärts. Endlich, endlich sollte er ihn sehen, ihm sein Herz ausschütten, seine Seele aufthun! Seit so vielen Tagen sehnte er diese Minute leidenschaftlich herbei, kämpfte er mit seinem ganzen Mute, um sie zu erreichen! Er erinnerte sich der unaufhörlich entstehenden Hindernisse, mit denen man ihn seit seiner Ankunft in Rom fesseln wollte; dieser lange Kampf, dieser schließliche, unerhoffte Erfolg verdoppelten sein Fieber, verstärkten seinen Wunsch, zu siegen. Ja, ja, er würde die Gegner seines Buches besiegen, zu Schanden machen. Konnte denn, wie er zu Monsignore Fornaro gesagt hatte, der heilige Vater ihn verleugnen? Hatte er denn nicht einfach seine geheimen Ideen ausgedrückt? Vielleicht zu früh, aber das war doch ein verzeihlicher Fehler! Er erinnerte sich auch, was er Monsignore Nani erklärt hatte – an dem Tage, da er geschworen, sein Buch niemals zu unterdrücken, da er nichts bereue, nicht ableugne. In dieser Minute prüfte er sich wieder, und in der heftigen nervösen Erregung, in die ihn das Warten nach der endlosen Wanderung durch diesen ungeheuren, ihn so stumm und finster umgebenden Vatikan versetzte, glaubte er im Besitze seiner ganzen Tapferkeit, seiner ganzen Willenskraft zu sein; sie sollten ihm helfen, sich zu verteidigen, seiner Ueberzeugung zum Siege zu verhelfen. Trotzdem geriet er immer mehr in Verwirrung und kam dahin, seine Gedanken zusammenzusuchen, sich zu fragen, wie er eintreten, was und in welchen Ausdrücken er sprechen würde. Wirre und schwere Dinge mußten sich in ihm angehäuft haben, denn ihr Gewicht trug viel zu seiner Beklemmung bei, ohne daß er sich davon Rechenschaft geben wollte. Im Grunde war er schon zerbrochen, erschöpft und besaß keine andere Spannkraft mehr als den Flug seines Traumes, den Aufschrei seines Mitleids mit dem abscheulichen Elend. Ja, ja, er würde rasch eintreten, auf die Knie fallen, sprechen wie er könnte, sein Herz überströmen lassen. Und sicherlich würde der heilige Vater ihm zulächeln und ihn mit den Worten wegschicken, daß er das Verdammungsurteil eines Buches nicht unterzeichnen würde, in dem er sich selbst, mit allen seinen liebsten Gedanken wiedergefunden habe. Pierre wandelte eine solche Schwäche an, daß er abermals ans Fenster schritt, um seine brennende Stirn an eine eisige Scheibe zu lehnen. In seinen Ohren brauste es, seine Beine knickten zusammen, während das Blut mit heftigen Stößen in seinem Schädel hämmerte. Er bemühte sich, an nichts mehr zu denken. Er betrachtete das schattenüberflutete Rom und bat es, ihm ein wenig von jenem Schlummer zu schenken, in dem es unterging. Um sich von diesem Spuk abzuziehen, versuchte er die Straßen, die Monumente an der bloßen Art der Gruppirung der Lichter zu erkennen. Aber es war ein grenzenloses Meer; seine Gedanken verwirrten sich und trieben am Grunde dieses nächtigen, mit lügnerischen Lichtern bestreuten Abgrundes. Ach, um ruhig zu werden, um nicht mehr zu denken, muß Nacht sein, vollständige, wiederherstellende Nacht – eine Nacht, in der man vom Elend und Leid geheilt, auf immer schläft! Plötzlich hatte er das deutliche Gefühl, daß jemand unbeweglich hinter ihm stehe; mit einem leichten Zusammenfahren drehte er sich um. In der That, da stand Herr Squadra in seiner schwarzen Livree und wartete. Er machte bloß eine seiner Verbeugungen, um den Besucher aufzufordern, ihm zu folgen; dann ging er wieder voran, schritt durch den kleinen Thronsaal, öffnete langsam die Thür des Zimmers, trat beiseite, ließ ihn eintreten und machte ohne jedes Geräusch die Thür wieder zu. Pierre befand sich im Zimmer Seiner Heiligkeit. Er hatte sich vor einer jener niederschmetternden Gemütsbewegungen gefürchtet, die rasend machen oder lähmen; man hatte ihm erzählt, daß Frauen sterbend, ohnmächtig, wie berauscht ankamen, oder wie von unsichtbaren Flügeln gehoben, getragen, hereinstürzten. Aber plötzlich lief die Angst des Wartens, das wechselnde Fieber von vorhin in eine Art Schauer, in eine Reaktion aus, die ihn sehr ruhig machte. Seine Augen wurden klar und sahen alles. Beim Eintreten war ihm die entscheidende Bedeutung einer solchen Audienz ganz klar geworden: er, der einfache kleine Priester erschien vor dem Oberpriester, dem Haupt der Kirche, dem unumschränkten Herrn der Seelen. Sein ganzes religiöses und moralisches Leben sollte davon abhängen. Vielleicht war es dieser plötzliche Gedanke, der ihn an der Schwelle des gefürchteten Heiligtums, dem er ebenso zitternd zugeschritten, erstarren ließ; er hatte geglaubt, es nur bebenden Herzens, mit vernichteten Sinnen, bloß seine Kindergebete stammelnd, betreten zu können. Später, als er seine Erinnerungen regeln wollte, entsann er sich, daß er Leo XIII. zuerst erblickt hatte; aber er sah ihn in dem Rahmen, in dem er sich befand – in diesem großen, mit gelbem Damast ausgeschlagenen Zimmer mit dem ungeheuren Alkoven, der so tief war, daß das Bett darin ebenso wie die ganze kleine Einrichtung, eine Chaiselongue, ein Tisch, ein paar Truhen, verschwanden. Es waren die berühmten Truhen, in denen sich, wie es hieß, der Schatz des Peterspfennig befand. Ein Möbel im Stil Louis' XV., eine Art Schreibtisch mit ziselirten Kupferbeschlägen stand einem großen, vergoldeten und bemalten Pfeilertisch im Stil Louis' XV. gegenüber, auf dem sich neben einem hohen Kruzifix eine brennende Lampe befand. Das Zimmer war kahl und nichts anderes als drei Lehnstühle und vier oder fünf mit heller Seide bezogene Stühle füllten den ungeheuren Raum. Den Fußboden bedeckte ein bereits sehr stark abgenützter Teppich. Auf einem der Lehnstühle, neben einem kleinen fliegenden Tischchen, auf das eine zweite, mit einem Schirm gezierte Lampe gestellt worden war, saß Leo XIII. Auf dem Tischchen lagen drei Zeitungen, zwei französische und eine deutsche; die letztere war halb auseinandergefaltet, als ob der Papst sie einen Augenblick beiseite gelegt hätte, um mit Hilfe eines langen, vergoldeten Silberlöffels ein neben ihm stehendes Glas Sirup umzurühren. So wie Pierre das Zimmer gesehen, so sah er auch das Kostüm, die Sutane aus weißem Tuch mit weißen Knöpfen, das weiße Käppchen, die weiße Pellerine, den weißen, goldbefransten Gürtel, dessen Enden mit goldenen Schlüsseln bestickt waren. Die Strümpfe waren weiß, die Pantoffeln aus rotem, ebenfalls mit goldenen Schlüsseln bestickten Sammet. Am meisten überraschte ihn jedoch das Gesicht, die ganze Persönlichkeit, die ihm verkleinert vorkam, die er kaum erkannte. Das war seine vierte Begegnung mit ihm. Er hatte ihn an einem schönen Abend in einem wonnigen Garten gesehen, wie er lächelnd und vertraulich dem Geschwätz eines Lieblingsprälaten zuhörte, während er mit seinen kleinen, greisenhaften Schritten wie ein verwundeter Vogel umherhüpfte. Er hatte ihn im Beatifikationssaal gesehen als vielgeliebten, gerührten Papst, dessen Wangen sich vor Befriedigung röteten, während die Frauen ihm Geldbörsen, goldgefüllte, weiße Käppchen darbrachten, sich ihren Schmuck abrissen, um ihn ihm zu Füßen zu werfen, und sich gern das Herz herausgerissen hätten, um es ebenso hinzuwerfen. Er hatte ihn zu St. Peter gesehen – hoch auf dem Schild getragen, in all der Verklärung des sichtbaren, von der Christenheit angebeteten Gottes, gleich einem Götzen in seinem Schrein aus Gold und Edelsteinen eingeschlossen, starren Antlitzes, von hieratischer, erhabener Unbeweglichkeit. Und jetzt sah er ihn in diesem Lehnstuhl, in enger Vertraulichkeit wieder. Er sah so dünn, so gebrechlich aus, daß er eine Art Unruhe empfand, in die sich Rührung mischte. Insbesondere der Hals war seltsam, unwahrscheinlich fadendünn, der Hals eines kleinen, sehr alten, ganz weißen Vogels. Das alabasterweiße Gesicht besaß eine charakteristische Durchsichtigkeit; man sah das Lampenlicht durch die große, gebieterische Nase schimmern, als ob alles Blut daraus gewichen sei. Der ungeheure Mund mit den schneeigen Lippen durchschnitt mit einer dünnen Linie den untern Teil der Physiognomie und nur die Augen waren schön und jung geblieben; es waren wunderbare Augen, leuchtend schwarz wie schwarze Diamanten, von einem Glanz, einer Gewalt, die die Herzen öffnete und sie zwang, die Wahrheit mit lauter Stimme zu bekennen. Das spärliche Haar schaute in leichten weißen Locken aus dem weißen Käppchen hervor und legte eine weiße Krone über das magere weiße Gesicht, dessen Häßlichkeit von all diesem Weiß geläutert ward. Das Fleisch schien sich in dieser rein seelischen Weiße zu einer lautern Lilienblüte aufzulösen. Aber auf den ersten Blick hatte Pierre festgestellt, daß Herr Squadra ihn nicht darum habe warten lassen, weil er den heiligen Vater nötigen wollte, eine reinere Sutane anzuziehen; denn die, die er trug, war von Tabak, von braunem Schmutz, der längs der Knöpfe herabgeflossen war, stark befleckt. Und gut bürgerlich hielt der heilige Vater ein Schnupftuch auf dem Schoß, um sich abzuwischen. Uebrigens schien er wohl und von seinem gestrigen Unwohlsein hergestellt zu sein; er erholte sich gewöhnlich so leicht, denn er war ein sehr mäßiger und sehr weiser Greis, der keinerlei organische Krankheit hatte und einfach aus natürlicher Erschöpfung täglich ein bißchen dahinschwand, so wie eine Fackel, die immer leuchten muß, zuletzt eines Abends erlischt. Schon von der Thüre aus fühlte Pierre die funkelnden Augen, die zwei schwarzen Diamantenaugen auf sich gerichtet. Eine ungeheure Stille herrschte; die beiden Lampen brannten mit unbeweglicher, blasser Flamme in dieser ungeheuren Ruhe des schlummernden Vatikans, ohne daß man etwas anderes vernahm als in der Ferne das alte, am Grunde der Nacht versunkene Rom. Es glich einem Tintensee, in dem sich die Sterne spiegelten. Er mußte näher treten, machte die drei Kniebeugungen und beugte sich herab, um den auf einem Kissen ruhenden roten Sammetpantoffel zu küssen. Kein Wort, keine Geberde, keine Bewegung ging vom Papste aus; und als Pierre sich aufrichtete, sah er die zwei schwarzen Diamanten, das flammende, geistvolle Augenpaar noch immer auf sich gerichtet. Endlich hob Leo XIII., der ihm die Demütigung des Fußkusses nicht hatte ersparen wollen und ihn jetzt stehen ließ, zu sprechen an. Er hörte dabei nicht auf, ihn prüfend zu betrachten, ihn bis ins tiefste Wesen der Seele zu durchforschen. »Mein Sohn, Sie haben lebhaft gewünscht, mich zu sehen. Ich habe eingewilligt, Ihnen diese Befriedigung zu gewähren.« Er sprach französisch, etwas unsicher, mit italienischer Aussprache und so langsam, daß man die Sätze wie unter Diktat hätte niederschreiben können. Die Stimme war stark, nasal, eine jener dicken, grollenden Stimmen, die man aus gewissen schwächlichen, scheinbar blutlosen und atemlosen Körpern mit Ueberraschung vernimmt. Pierre hatte sich damit begnügt, sich nochmals zum Zeichen tiefer Dankbarkeit zu verbeugen; wie er wußte, erforderte es der Respekt, daß man, ehe man sprach, abwartete, bis man direkt gefragt ward. »Sie leben in Paris?« »Ja, heiliger Vater.« »Gehören Sie zu einer der großen städtischen Pfarren?« »Nein, heiliger Vater, ich versehe nur die kleine Kirche von Neuilly.« »Ach ja, ja, ich weiß. Neben dem Bois du Boulogne, nicht wahr? ... Und wie alt sind Sie, mein Sohn?« »Vierunddreißig, heiliger Vater.« Ein kurzes Schweigen entstand. Leo XIII. hatte zuletzt den Blick gesenkt. Er ergriff mit seiner zarten, elfenbeinernen Hand wieder das Glas Sirup, rührte es mit dem langen Löffel um und trank einen Schluck. Er that es sachte, mit vorsichtiger, bedachter Miene, wie alles, was er denken und thun mußte. »Ich habe Ihr Buch gelesen, mein Sohn. Ja, zum großen Teil. Gewöhnlich legt man mir nur Bruchstücke vor, aber jemand, der sich für Sie interessirt, hat mir das Buch direkt übergeben, indem er mich anflehte, es zu überfliegen. Auf diese Weise habe ich davon Kenntnis nehmen können.« Und er machte eine leichte Geberde, in der Pierre eine Verwahrung gegen die Isolirung zu sehen glaubte, in der seine Umgebung ihn erhielt – jene verabscheuungswürdige Umgebung, die nach den Worten Monsignore Nanis selbst achtsam darüber wachte, daß nichts Beunruhigendes von der Außenwelt eindrang. »Ich danke Eurer Heiligkeit für die mir erwiesene so große Ehre,« erlaubte sich nun der Priester zu sagen. »Es konnte mir kein größeres noch sehnlicher erwünschtes Glück zukommen.« Wie glücklich war er! Er bildete sich ein, daß seine Sache gewonnen sei, da der Papst sehr ruhig, ohne jeden Zorn mit ihm über sein Buch redete, wie jemand, der ihn nun bis auf den Grund kannte. »Sie stehen in Beziehungen zu dem Herrn Vicomte Philibert de la Choue, nicht wahr, mein Sohn? Die Aehnlichkeit gewisser Ihrer Ideen mit denen dieses sehr ergebenen Dieners, der uns andererseits kostbare Beweise seiner guten Gesinnung gegeben hat, fiel mir anfangs auf.« »Allerdings, heiliger Vater, Herr de la Choue will mir wohl. Wir haben viel mit einander gesprochen; da ist es nicht verwunderlich, daß ich mehrere seiner liebsten Gedanken wiedergegeben habe.« »Gewiß, gewiß. So auch die Zunftfrage. – Er beschäftigt sich viel mit ihr, sogar ein wenig zu viel. Zur Zeit seiner letzten Reise hat er mich mit seltener Beharrlichkeit damit unterhalten, ebenso wie jüngst ein anderer Ihrer Landsleute, einer der besten und vorzüglichsten Menschen, der Herr Baron von Fouras, der uns den schönen Pilgerzug des Peterspfennig hergeführt hat, nicht Ruhe hatte, bis ich ihn empfing, um dann beinahe eine Stunde darüber zu reden. Aber man muß sagen, sie sind gar nicht einig; denn der eine fleht mich an, etwas zu thun, was ich dem andern zufolge nicht thun soll.« Das Gespräch schweifte gleich von Anfang an ab. Pierre fühlte, daß es von seinem Buche ablenkte, erinnerte sich aber, daß er dem Vicomte für den Fall, daß er den Papst sehen und die Gelegenheit sich darbieten sollte, förmlich versprochen hatte, einen Versuch zu machen, um ihn zu einem entscheidenden Ausspruch über die berühmte Frage, ob die Zünfte frei oder obligatorisch, offen oder geschlossen sein sollten, zu bewegen. Seit er in Rom war, hatte er Brief auf Brief des armen Vicomte erhalten, den die Gicht in Paris annagelte, während sein Nebenbuhler, der Baron, die wunderbare Gelegenheit des Pilgerzuges, dessen Führer er war, benützte, um dem Papst das einfache Zustimmungswort zu entreißen; dieses hätte er dann triumphirend zurückgebracht. Der Priester legte Gewicht darauf, sein Versprechen gewissenhaft zu erfüllen. »Eure Helligkeit weiß besser als wir alle, wo die Weisheit ist. Herr von Fouras glaubt, daß die Rettung, die Lösung der Arbeiterfrage einfach in der Wiederherstellung der alten freien Zünfte liegt, während Herr de la Choue obligatorische, vom Staat beschützte und neuen Regeln unterworfene Zünfte wünscht. Sicherlich entspricht diese letztere Ansicht mehr den heutigen sozialen Ideen. Wenn Eure Heiligkeit geruhen würde, sich in diesem Sinne auszusprechen, vermöchte die junge katholische Partei in Frankreich sicherlich das schönste Resultat daraus zu erzielen. Eine ganze Arbeiterbewegung zum Ruhme der Kirche würde entstehen.« »Aber ich kann es nicht,« antwortete Leo XIII. mit seiner ruhigen Miene. »In Frankreich verlangt man von mir stets Dinge, die ich nicht thun kann, nicht thun will. Was ich Ihnen erlaube, Herrn de la Choue von mir zu sagen, ist, daß wenn ich ihn auch nicht zufriedenstellen kann, ebenso wenig Herr von Fouras zufrieden gestellt werden wird. Er hat gleichfalls nur den Ausdruck meines Wohlwollens für Ihre teuren französischen Arbeiter, die für die Wiederherstellung des Glaubens so viel vermögen, von mir mitgenommen. Begreift doch endlich bei euch, daß es Detailfragen, mit einem Wort einfache Organisationsfragen gibt, in die ich mich unmöglich einlassen kann, wenn ich mich nicht der Gefahr aussetzen will, ihnen eine Wichtigkeit zu geben, die sie nicht besitzen, den einen heftiges Mißvergnügen zu bereiten, wenn ich den anderen ein zu großes Vergnügen machte.« Ein schwaches Lächeln zog um seinen Mund. In diesem Lächeln zeigte sich der ganze konziliante, kluge Staatsmann, der fest entschlossen war, seine Unfehlbarkeit nicht in unnützen Abenteuern bloßzustellen. Und er trank wieder einen Schluck Sirup und wischte sich mit seinem Taschentuch ab, wie ein Herrscher, dessen Galatagewerk zu Ende ist, der sich Zeit nimmt und diese einsame, stille Stunde wählte, um ohne Hast so lange zu sprechen, wie er Lust hatte. Pierre bemühte sich, ihn zu seinem Buche zurückzuführen. »Der Herr Vicomte de la Choue war so gut zu mir – er erwartet das meinem Buche bestimmte Schicksal, als ob es sein eigenes Werk wäre! Darum wäre ich sehr froh gewesen, wenn ich ihm ein gütiges Wort Eurer Heiligkeit überbringen könnte.« Aber der Papst fuhr fort, sich abzuwischen, ohne zu antworten. »Ich habe ihn bei Seiner Eminenz dem Kardinal Bergerot kennen gelernt. Das ist auch ein großes Herz, dessen feurige Nächstenliebe genügen müßte, wieder ein gläubiges Frankreich zu schaffen.« Diesmal war die Wirkung eine sofortige. »Ach ja, der Herr Kardinal Bergerot! Ich habe seinen Brief an der Spitze Ihres Buches gelesen. Er hat an dem Tage, an dem er ihn Ihnen schrieb, eine sehr böse Eingebung gehabt und Sie, mein Sohn, waren sehr strafbar, als Sie ihn veröffentlichten. Ich kann noch immer nicht glauben, daß der Herr Kardinal Bergerot gewisse Stellen Ihres Werkes gelesen hatte, als er Ihnen seine volle und gänzliche Zustimmung sandte. Ich will ihn lieber der Unwissenheit und des Leichtsinns zeihen. Wie hätte er ihre Angriffe gegen das Dogma, Ihre revolutionären Theorien billigen können, die auf die vollständige Zerstörung unserer heiligen Religion hinzielen? Wenn er es gelesen hat, so hat er keine andere Entschuldigung als eine plötzliche, unerklärliche, unverzeihliche Verirrung. Freilich herrscht in einem kleinen Teile des französischen Klerus ein so böser Geist. Das sind die gallikanischen Ideen, die unablässig wie Unkraut aufschießen, das ist ein Frondeur-Liberalismus, der sich gegen unsere Autorität empört, den es fortwährend nach freier Prüfung und sentimentalen Abenteuern gelüstet.« Er wurde lebhaft, italienische Worte mischten sich in seine zögernde, französische Rede und seine dicke, nasale Stimme drang hellklingend wie Metall aus seinem gebrechlichen, wie aus Wachs und Schnee gebildeten Körper. »Mag der Herr Kardinal Bergerot es erfahren: an dem Tage, da wir nur mehr einen empörten Sohn in ihm sehen, werden wir ihn zerbrechen. Er schuldet das Beispiel des Gehorsams; wir werden ihm unsere Unzufriedenheit mitteilen und hoffen, daß er sich unterwerfen wird. Zweifellos sind Demut, Nächstenliebe große Tugenden, und wir haben sie stets gern ihn ihm geehrt. Aber sie dürfen nicht die Zuflucht eines rebellischen Herzens sein, denn sie sind nichts, wenn der Gehorsam sie nicht begleitet. Der Gehorsam, der Gehorsam ist der schönste Schmuck der großen Heiligen!« Betroffen, verstört hörte Pierre zu. Er vergaß an sich selbst und dachte nur an den gütigen, duldsamen Mann, auf den er jetzt diesen allmächtigen Zorn herabgezogen hatte. So hatte Don Vigilio recht gehabt: die Angebereien der Bischöfe von Poitiers und Evreux sollten über seinen Kopf hinweg den Gegner ihrer ultramontanen Intransigenz, den sanften, guten Kardinal Bergerot, diese allem Elend, allen Leiden der Armen und Geringen offenstehende Seele treffen. Er war darüber verzweifelt; die Denunziation des Bischofs von Tarbes, dieses Werkzeugs der Väter der Grotte, die wenigstens nur ihn als Antwort auf die auf Lourdes bezügliche Stelle traf, nahm er noch hin, aber der tückische Krieg der beiden anderen erbitterte und versetzte ihn in schmerzliche Empörung. Aus dem schwachen Greise mit dem gebrechlichen Vogelhalse aber sah er jetzt einen so grimmigen, so furchtbaren Herrn aufsteigen, daß er erzitterte. Wie hatte er sich nur beim Eintreten vom äußern Schein täuschen lassen, wie hatte er glauben können, daß das nur ein armer, altersschwacher Mann sei, der sich nach Frieden sehnte und entschlossen war, alles zu bewilligen? Ein Hauch war durch das schlummernde Zimmer geweht und hatte wieder den Kampf mitgebracht, seine Zweifel, seine Angst wieder geweckt. Ach, dieser Papst war ganz so, wie man ihn ihm in Rom geschildert hatte, wie er ihn sich nicht hatte vorstellen wollen: mehr Geist als Gefühl, maßlos stolz, von Jugend auf vom höchsten Ehrgeiz erfüllt, so daß er seiner Familie den Triumph versprochen, um von ihr die notwendigen Opfer zu erlangen. Seit er den Päpstlichen Thron einnahm, zeigte er überall und in allem eine einzige Absicht: herrschen, um jeden Preis herrschen, als unumschränkter, allmächtiger Herr herrschen! Die Wirklichkeit stieg mit unwiderstehlicher Gewalt empor; dennoch wehrte er sich und blieb störrisch dabei, seinen Traum wieder in Besitz zu nehmen. »O, heiliger Vater, ich würde mich so kränken, wenn Seine Eminenz infolge meines unseligen Buches auch nur eine Sekunde Verdruß hätte! Ich, der Schuldige, kann für meinen Fehler verantwortlich sein – aber Seine Eminenz, der nur seinem Herzen gehorcht hat, der nur durch seine allzu große Liebe zu den Enterbten dieser Welt gesündigt hätte!« Leo XIII. antwortete nicht. Er hatte seine wunderbaren Augen, diese feurig lebensvollen Augen in dem unbeweglichen Gesicht eines Alabastergötzen, wieder zu Pierre erhoben und sah ihn abermals starr an. Und in dem Fieber, von dem Pierre wieder ergriffen wurde, sah er ihn fortwährend an Glanz und Pracht zunehmen. Jetzt meinte er zu sehen, wie sich hinter ihm, durch alle Zeiten hindurch, die lange Reihe der Päpste hinzog, die er eben heraufbeschworen: die Heiligen und die Stolzen, die Krieger und die Asketen, die Diplomaten und die Theologen – die, die den Panzer trugen, die, die mit dem Kreuze siegten, die, die über Kaiserreiche verfügten, wie über einfache Provinzen, die Gott ihrer Hut anvertraut. Dann erschienen vor allem Gregor der Große, der Eroberer und Gründer, Sixtus V., der Unterhändler, der Staatsmann, der als Erster den Sieg des Papsttums über die besiegten Monarchen ins Auge faßte. Welche Menge prächtiger Fürsten, souveräner Herren, allmächtiger Gehirne und Arme, was für ein Haufen unerschöpflicher Willenskraft, genialer Hartnäckigkeit, grenzenloser Gewalt, lag hinter diesem blassen, unbeweglichen Greise! Ja, es war die ganze Geschichte des menschlichen Ehrgeizes, das ganze Bestreben, die Völker der Hoffart eines Einzigen zu unterwerfen, die höchste Macht, von der die Menschen je im Namen ihres eigenen Glückes erobert, ausgenützt, gemodelt wurden! Und zu was für einer geistigen Hoheit war dieser dünne, so blasse Greis selbst jetzt aufgestiegen, da sein irdisches Königtum ein Ende genommen! Er hatte gesehen, wie Frauen gleichsam von der aus seiner Person ausstrahlenden, furchtbaren Gottheit zerschmettert vor ihm in Ohnmacht fielen. Nicht nur die Aufsehen erregenden Ruhmesthaten, die vorherrschenden Triumphe der Geschichte rollten sich hinter ihm auf – nein, der Himmel selbst öffnete sich, das Jenseits strahlte in dem Glanze des Geheimnisvollen. Er hielt den Schlüssel vor der Thür des Himmels, er öffnete ihn den Seelen; das uralte Symbol, endlich von dem befleckenden irdischen Königtum befreit, lebte mit neuer Kraft wieder auf. »O, heiliger Vater, wenn ein warnendes Beispiel gegeben werden muß, so strafen Eure Heiligkeit keinen andern als mich. Ich bin gekommen, da bin ich; mögen Eure Heiligkeit über mein Schicksal entscheiden, aber meine Strafe nicht durch Gewissensbisse verschärfen, einen Unschuldigen ins Verderben gezogen zu haben.« Leo XIII. fuhr fort, ihn mit seinen brennenden Augen anzusehen, ohne zu antworten. Und er sah nicht mehr Leo XIII., den zweihundertdreiundsechzigsten Papst, den Statthalter Jesu Christi, Nachfolger des Apostelfürsten, souveränen Pontifex der Weltkirche, Patriarchen des Occident, Primas von Italien, Erzbischof und Metropolit der römischen Provinz, Souverän der weltlichen Domänen der heiligen Kirche – nein, er sah Leo XIII., von dem er geträumt, den erwarteten Messias, den Retter, der gesandt wurde, um das furchtbare soziale Unheil zu beschwören, in dem die alte, verfaulte Gesellschaft versank. Er sah ihn vor sich, mit seinem ungeheuren, geschmeidigen Geist, seiner brüderlichen Versöhnungstaktik, die Zusammenstöße vermeidend, auf die Einheit hin arbeitend, mit seinem von Liebe überströmenden Herzen unmittelbar zum Herzen der Mengen sprechend und zum Zeichen des neuen Bundes noch einmal sein bestes Blut hingebend. Er stellte ihn als die einzige moralische Autorität auf, als das einzig mögliche Band der Nächstenliebe und des Friedens, mit einem Wort als den Vater, der allein im stande ist, der Ungerechtigkeit unter seinen Kindern ein Ende zu machen, das Elend zu töten, das befreiende Gesetz der Arbeit wieder einzusetzen, indem er die Völker zu dem Glauben der Urkirche, zur Milde und Weisheit der christlichen Gemeinde zurückführte. Und diese hohe Gestalt nahm in der tiefen Stille des Zimmers eine unbesiegbare Allmacht, eine außerordentliche Majestät an. »O Gnade, heiliger Vater! Hören Eure Heiligkeit mich an! Strafen Eure Heiligkeit nicht einmal mich, strafen Eure Heiligkeit niemanden, o niemanden – kein Wesen, kein Ding, nichts, was auf Erden leiden kann. Seien Eure Heiligkeit gut, o zeigen Eure Heiligkeit die ganze Güte, die die Schmerzen der Welt in Ihr Herz gelegt haben müssen!« Und als er sah, daß Leo XIII. noch immer schwieg und ihn vor sich stehen ließ, fiel er auf beide Kniee nieder, als breche er bestürzt unter der wachsenden Bewegung zusammen, die ihm das Herz so schwer machte. In seinem Wesen fand etwas wie ein Zusammenbruch der Masse aller Zweifel, aller Angst, aller Trauer statt, die ihn von neuem erstickte und nun in einer unwiderstehlichen Flut hervorbrach. Da war zuerst der schreckliche Tag, der so tragische Tod Darios und Benedettas, dessen Grauen wie ein bleischweres Gewicht auf seinem Herzen lag. Dann kam alles, was er gelitten hatte, seit er sich in Rom befand: die nach und nach zerstörten Illusionen, das verwundete, intimste Zartgefühl, die von der Wirklichkeit der Menschen und Dinge verhöhnte jugendliche Begeisterung. Dann kam, noch eindringlicher, das ganze Menschenelend selbst: die heulenden Hungernden, die Mütter mit den versiegten Brüsten, die schluchzend ihre Säuglinge küßten, die arbeitslosen Väter, die sich mit geballter Faust empörten, das fluchwürdige Elend, das so alt wie die Menschheit ist, an der es seit dem ersten Tage nagt. Ueberall hatte er es angetroffen – wachsend, verzehrend, furchterweckend, ohne jede Hoffnung auf Heilung. Und zuletzt kam, noch ungeheurer, noch unheilbarer, ein namenloser Schmerz, der keine genaue Ursache hatte, ein Schmerz um nichts und um niemand, ein allgemeiner unbegrenzter Schmerz, in dem er sich badete und mit Verzweiflung aufgehen fühlte. Vielleicht war es der Lebensschmerz. »O, heiliger Vater, ich existire nicht, mein Buch existirt nicht. Ich sehnte mich, o leidenschaftlich, Eure Heiligkeit zu sehen, um Erklärungen zu geben, um mich zu verteidigen. Aber ich weiß nichts mehr, ich finde kein einziges der Worte mehr, die ich sagen wollte, ich habe nichts als Thränen, Thränen, die mich ersticken ... Ja, ich bin nur ein armer Mensch, ich empfinde nur das Bedürfnis, Eurer Heiligkeit von den Armen zu erzählen. O, die Armen, die Unglücklichen, die ich seit zwei Jahren in unseren so elenden und traurigen Pariser Vorstädten gesehen habe! Die armen Kleinen, die ich aus dem Schnee auflas, die armen kleinen Engel, die seit zwei Tagen nichts gegessen hatten, die Frauen, an denen die Schwindsucht nagte, die in der Tiefe unsauberer Löcher, ohne Brot, ohne Feuer hockten – die Männer, die die Arbeitseinstellung aufs Pflaster geworfen, die es satt haben, um Arbeit zu betteln, wie man um ein Almosen bettelt, die trunken vor Zorn in ihre finstern Nester zurückkehren, erfüllt von dem einzigen Rachegedanken, die Stadt an allen vier Ecken anzuzünden! Und der Abend, der schreckliche Abend, da ich in das Schreckensgemach einer Mutter trat, die sich eben mit ihren fünf Kleinen getötet hatte! Die Mutter war, ihr Neugeborenes säugend, auf den Strohsack niedergefallen; die zwei kleinen Mädchen, zwei hübsche Blondköpfe, schliefen gleichfalls dort ihren ewigen Schlaf; die beiden Knaben lagen tot etwas weiterhin – der eine neben der Mauer, der andere auf dem Boden, in einer letzten Auflehnung herumgeworfen ... O, heiliger Vater, ich bin nichts mehr als ihr Abgesandter, geschickt von denen, die leiden und schluchzen, der demütige Delegirte der im Elend, unter der fluchwürdigen Härte, der furchtbaren sozialen Ungerechtigkeit sterbenden Armen. Und ich bringe Eurer Heiligkeit ihre Thränen, ich lege Eurer Heiligkeit ihre Qualen zu Füßen, ich lasse Eure Heiligkeit ihren Notschrei hören. Es ist ein Schrei, der wie aus dem Abgrund empordringt; er fordert Gerechtigkeit, wenn man den Himmel nicht zusammenbrechen lassen will ... O, seien Eure Heiligkeit gut, seien Eure Heiligkeit gut!« Er hatte die Arme ausgebreitet, er beschwor ihn mit der Geberde, mit der man das göttliche Erbarmen anruft. Dann fuhr er fort: »Und, heiliger Vater, ist das Elend in diesem ewigen, strahlenden Rom nicht ebenfalls furchtbar? Seit Wochen irre ich, wartend, aufs Geratewohl durch den berühmten Staub seiner Ruinen und stoße mich fortwährend an unheilbaren Uebeln, die mich mit Schrecken erfüllt haben. Ach, alles bricht zusammen, alles verscheidet! Es ist die Agonie so großen Ruhmes, die furchtbare Schwermut einer Welt, die an Erschöpfung und aus Hunger stirbt! ... Und habe ich nicht da, unter den Fenstern Eurer Heiligkeit ein grauenhaftes Viertel, unvollendete Paläste gesehen, die von einem unseligen Erbe heimgesucht sind, wie rhachitische Kinder, die nicht ans Ende ihres Wachstums gelangen können – Paläste, die bereits Ruinen, der Zufluchtsort alles jammervollen Elends von Rom geworden sind? Und was für ein Leidensvolk, gerade wie in Paris! Nur stellt es sich mit noch größerer Unverschämtheit offen dar, duldet und zeigt in seiner furchtbaren Unbewußtheit die ganze soziale Wunde, den fressenden Krebs. Ganze Familien bringen ihr hungriges Müßiggängerleben unter der herrlichen Sonne zu. Die Alten sind nun gebrechlich geworden, die Väter warten darauf, daß ihnen ein bischen Arbeit vom Himmel fällt, die Söhne schlafen im trockenen Grase, die Mütter und Töchter, vorzeitig verwelkt, schwatzen und schleppen sich faul hin. O, heiliger Vater, gleich morgen, wenn der Tag anbricht, möge Eure Heiligkeit dies Fenster öffnen und durch den höchsten Segen dieses große Kindervolk wecken, das noch in seiner Unwissenheit und seiner Armut schlummert! Möge Eure Heiligkeit ihm die fehlende Seele geben, eine Seele, die sich der Menschenwürde, des notwendigen Gesetzes der Arbeit, des freien und brüderlichen, bloß von der Gerechtigkeit geregelten Lebens bewußt ist! Ja, möge Eure Heiligkeit ein Volk aus diesem Gesindel von Unglücklichen schaffen, deren Entschuldigung darin liegt, daß sie an Geist und Körper so viel leiden, daß sie wie das Vieh leben, das lebt und stirbt, ohne etwas zu wissen, zu begreifen, das mit Schlägen bearbeitet wird!« Nach und nach erstickte ihn das Schluchzen; von seiner Leidenschaft geschüttelt, fortgerissen, vermochte er nur noch stoßweise zu sprechen. »Ist es nicht der heilige Vater, an den ich mich im Namen der Unglücklichen wenden muß? Sind Eure Heiligkeit nicht der Vater? Muß nicht der Abgesandte der Armen und Geringen vor dem Vater niederknieen, so wie ich in diesem Augenblick kniee? Muß er nicht dem Vater die ungeheure Last ihrer Schmerzen überbringen, und endlich Mitleid, Hilfe, Rettung, Gerechtigkeit, o vor allem Gerechtigkeit verlangen? Eure Heiligkeit sind der Vater: möge also Eure Heiligkeit weit die Thür aufthun, damit alle Welt eintreten kann, bis zu den Geringsten ihrer Kinder – die Getreuen, die zufällig Vorübergehenden, selbst die Empörer, die Verirrten, jene, die vielleicht eintreten, die Eure Heiligkeit vor den Fehlern der Vernachlässigung retten werden. Seien Eure Heiligkeit der Zufluchtsort nach den bösen Straßen, der zärtliche Empfang, der die Wanderer erwartet, die immerwährend brennende gastliche Lampe, die schon von ferne bemerkt wird und die Rettung im Sturm ist ... Und da Eure Heiligkeit die Macht sind, seien Eure Heiligkeit das Heil. Eure Heiligkeit vermögen alles; Eure Heiligkeit haben Jahrhunderte der Gewalt hinter sich, sind heutigentags zu einer moralischen Autorität emporgestiegen, die sich zum Schiedsrichter der Welt machte, und stehen hier vor mir, wie die Majestät der erhellenden und fruchtbar machenden Sonne selbst. O, seien Eure Heiligkeit der Stern der Güte und Barmherzigkeit, der Erlöser, nehmen Eure Heiligkeit die Arbeit Jesu wieder auf! Man hat sie im Lauf der Jahrhunderte verderbt, indem man sie in den Händen der Reichen und Mächtigen ließ, die zuletzt aus dem evangelischen Werke das fluchwürdigste Monument der Hoffart und Tyrannei machten. Das Werk ist verfehlt; möge Eure Heiligkeit es wieder von vorne anfangen, sich mit den Kleinen, den Geringen, den Armen aussöhnen, sie zum Frieden, zur Brüderlichkeit, zur Gerechtigkeit der christlichen Gemeinde zurückführen ... Und Eure Heiligkeit spreche es aus, spreche es aus, daß ich Eure Heiligkeit verstanden, daß ich nur einfach die liebsten Ideen, den einzigen, lebhaften Wunsch der Regierung Eurer Heiligkeit ausgesprochen habe. An dem übrigen, o an dem übrigen, meinem Buche, mir – was liegt daran! Ich verteidige mich nicht, ich will nur den Ruhm Eurer Heiligkeit und das Glück der Menschen. Sprechen Eure Heiligkeit es aus, daß Sie aus der Tiefe Ihres Vatikans das dumpfe Krachen der alten, verfaulten Gesellschaften gehört haben. Sprechen Eure Heiligkeit es aus, daß Sie vor Rührung und Mitleid zittern, daß Sie die furchtbare Katastrophe verhindern wollten, indem Sie Ihren wahnbethörten Kindern das Evangelium ins Gedächtnis rufen, indem Sie sie zur Zeit der Einfachheit und Reinheit, da die ersten Christen als unschuldige Brüder mit einander lebten, zurückführen. – Nicht wahr, o Vater, nur deshalb haben Eure Heiligkeit sich mit den Armen wieder ausgesöhnt, nur deshalb bin ich hier, um von ganzem Herzen, o, mit meinem ganzen armen Menschenherzen Mitleid, Güte, Gerechtigkeit von Eurer Heiligkeit zu verlangen!« Aber nun erlag er der Aufregung und sank in einem Ausbruch lauten Schluchzens auf dem Boden zusammen. Sein Herz barst und ergoß sich. Es war ein ungeheures, ein endloses Schluchzen, eine fürchterliche Schlagwelle, die aus seinem ganzen Wesen hervorbrach. Sie kam noch von weiter her, von allen den unglücklichen Wesen, sie kam aus der Welt, deren Adern zugleich mit dem Lebensblut den Schmerz mit sich führen. Da lag der Abgesandte des Leides, wie er sich selbst genannt hatte, in seiner plötzlichen, nervösen Schwäche; und zu den Füßen dieses stummen, unbeweglichen Papstes lag mit ihm das ganze weinende Menschenelend. Leo XIII., der sehr gern sprach und stets eine Anstrengung über sich selbst machen mußte, um anderen zuzuhören, hatte zuerst zweimal eine seiner bleichen Hände erhoben, um ihn zu unterbrechen. Dann als er nach und nach von Erstaunen ergriffen, selbst von der Rührung angesteckt ward, ließ er ihn in der Regellosigkeit der unwiderstehlichen Flut, die ihn fortriß, weitersprechen, seinen Aufschrei zu Ende kommen. Etwas Blut war ihm in das schneeige Gesicht gestiegen, seine Lippen und Wangen hatten sich schwach gerötet, während seine Augen in noch lebhafterem Glanz leuchteten. Sobald er ihn so ohne Stimme zu seinen Füßen niedergeworfen sah, geschüttelt von dem lauten Schluchzen, das ihm das Herz herauszureißen schien, geriet er in Unruhe und beugte sich zu ihm herab. »Beruhigen Sie sich, mein Sohn, stehen Sie auf.« Aber das Schluchzen währte fort, überströmte und riß, eine rasende Klage der verwundeten Seele, das Murren des leidenden, ringenden Fleisches, alle Vernunft und allen Respekt mit sich fort. »Stehen Sie auf, mein Sohn, das schickt sich nicht. Da, setzen Sie sich auf diesen Stuhl.« Und mit einer gebietenden Geberde lud er ihn endlich ein, sich niederzusetzen. Pierre erhob sich mühsam; er setzte sich, um nicht zu fallen. Er strich sich das Haar aus der Stirn und wischte sich wie wahnwitzig mit den Händen die brennenden Thränen ab, indem er sich zu fassen suchte. Er konnte nicht verstehen, was vorgefallen war. »Sie rufen den heiligen Vater an. O gewiß seien Sie überzeugt, daß sein Herz voll von Mitleid und Zärtlichkeit für die Unglücklichen ist. Aber darum handelt es sich nicht, sondern um unsere heilige Religion. Ich habe Ihr Buch gelesen; ich sage es Ihnen gleich, es ist ein schlechtes Buch, das denkbar schlechteste und gefährlichste Buch und zwar gerade infolge seiner guten Eigenschaften, infolge der Stellen, die mich selbst interessirten. Ja, ich bin oft davon verführt worden; ich würde die Lektüre nicht fortgesetzt haben, wenn mich nicht der feurige Odem Ihres Glaubens und Ihrer Begeisterung gleichsam emporgetragen hätte. Der Gegenstand ist so schön und zieht mich so lebhaft an! »Das neue Rom!« O, zweifellos ließe sich unter diesem Titel ein Buch schreiben, aber in einem total andern Geiste! Mein Sohn, Sie glauben mich verstanden, sich in meine Schriften und Handlungen so eingelebt zu haben, daß Sie nur meine liebsten Ideen auszudrücken vermeinen. Nein, nein, Sie haben mich nicht verstanden und darum wollte ich Sie sehen, um Sie aufzuklären, zu überzeugen.« Jetzt hörte Pierre stumm und unbeweglich zu. Er war doch gekommen, um sich zu verteidigen, er hatte diese Unterredung seit drei Monaten fieberhaft herbeigewünscht und siegesgewiß seine Argumente vorbereitet; und nun hörte er wie sein Buch gefährlich, verdammungswürdig genannt wurde, ohne daß er dagegen protestirte, ohne daß er alle die guten Gründe vorbrachte, die er für unwiderstehlich hielt. Eine außerordentliche Mattigkeit drückte ihn nieder; er war von seinem Thränenausbruch gleichsam erschöpft. Aber gleich würde er wieder tapfer sein und sagen, was er beschlossen hatte, zu sagen. »Man versteht mich nicht, man versteht mich nicht!« wiederholte Leo XIII. mit gereizter, ungeduldiger Miene. »Besonders nicht in Frankreich. Es ist unglaublich, wieviel Mühe es mich kostet, mich dort verständlich zu machen! Zum Beispiel, die weltliche Herrschaft. Wie haben Sie glauben können, daß der heilige Stuhl jemals über diese Frage Vergleiche treffen würde? Diese Sprache ist eines Priesters unwürdig; das ist die Chimäre eines Unwissenden, der sich über die Bedingungen, unter denen das Papsttum bisher gelebt, unter denen es weiter leben muß, wenn es nicht von der Welt verschwinden will, keine Rechenschaft gibt. Sehen Sie nicht den Sophismus ein, wenn Sie erklären, daß es um so höher steht, je mehr es von den Sorgen seines irdischen Königtums befreit ist? Ach ja, das rein geistige Königtum, die Souveränität durch die Barmherzigkeit und die Liebe ist ein schönes Phantasiegebilde! Aber wer wird uns Respekt verschaffen? Wer wird uns einen Stein schenken, um unser Haupt darauf auszuruhen, wenn wir je verjagt werden und durch die Straßen irren? Wer wird unsere Unabhängigkeit sichern, wenn wir von der Gnade aller Staaten abhängen werden? Nein, nein, dieser römische Boden gehört uns, denn wir haben ihn von der langen Reihe der Vorfahren zum Erbe erhalten und er ist der unzerstörbare, ewige Boden, auf dem die heilige Kirche erbaut ist, so daß es den Zusammenbruch der heiligen römisch-katholisch-apostolischen Kirche wünschen heißt, wollte man ihn aufgeben. Uebrigens könnten wir es auch nicht; wir sind durch unsern Schwur vor Gott und den Menschen gebunden.« Er schwieg einen Augenblick, um Pierre Zeit zu einer Antwort zu lassen. Aber dieser sah zu seinem Erstaunen, daß er keine Antwort fand, denn er bemerkte, daß dieser Papst sprach, wie er mußte. Das Wirre und Schwere, das sich in ihm angehäuft, das ihn vorhin im geheimen Vorsaal bedrückt hatte, hellte sich mit einemmale wieder auf und zeichnete sich mit immer größerer Deutlichkeit ab. Es war alles, was er seit seiner Ankunft gesehen, alles was er begriffen hatte, die Masse seiner Enttäuschungen, der bestehenden Wirklichkeit, unter deren Last sein Traum von einer Rückkehr zum Urchristentum bereits halb gestorben, zermalmt war. Er entsann sich plötzlich der Stunde, da er sich auf dem Dom von St. Peter, angesichts der alten, hartnäckig auf ihren Purpur bestehenden Stadt mit seinem Phantasiegebilde von einem rein geistigen Papst albern vorgekommen war. An diesem Tage war er vor dem wütenden Geschrei der den Papst-König akklamirenden Pilger des Peterspfennigs geflohen. Die Notwendigkeit des Geldes, dieser letzten Sklavenfessel des Papstes, hatte er hingenommen. Aber dann, als das wirkliche Rom, die uralte Stadt der Hoffart und der Gewalt ihm erschien, war alles zusammengebrochen. Das Papsttum würde darin ohne die weltliche Herrschaft nicht bestehen können. Zu viele Bande, das Dogma, die Ueberlieferung, die Umgebung, der Boden selbst machten es für ewig unwandelbar. Es konnte nur dem Scheine nach nachgeben; trotz allem würde eine Stunde kommen, in der die Unmöglichkeit, weiterzugehen, ohne Selbstmord zu begehen, seine Zugeständnisse aufhalten mußte. Das neue Rom würde sich vielleicht eines Tages nur außerhalb von Rom, in der Ferne verwirklichen; nur dort würde das Christentum wieder erwachen, denn der Katholizismus müßte an Ort und Stelle sterben, wenn der letzte Papst, an diesen Ruinenboden angenagelt, unter dem letzten Krachen des Domes von St. Peter verschwinden würde. Und dieser wird zusammenbrechen, wie der Tempel des Jupiter Capitolinus zusammengebrochen war. Was den heutigen Papst anbetraf, so flammte, mochte er auch kein Königreich mehr haben, mochte er auch die kränkliche Gebrechlichkeit seines hohen Alters, die blutlose Blässe eines sehr alten, wächsernen Götzenbildes besitzen, nichtsdestoweniger die brennende Leidenschaft nach der Weltherrschaft in ihm, war er nichtsdestoweniger der starrsinnige Sohn des Ahnen, der Pontifex Maximus, der Cäsar Imperator, in dessen Adern das Blut des Augustus, des Herrn der Welt floß. »Sie haben den innigen Wunsch nach Einheit, der uns immer erfüllt hat, sehr richtig erkannt,« fuhr Leo XIII. fort. »An dem Tage, an dem wir den Ritus vereinigten, indem wir der ganzen katholischen Welt den römischen Ritus auferlegten, waren wir sehr glücklich. Das ist einer unserer liebsten Siege, denn er vermag viel für unsere Autorität. Ich hoffe auch, daß unsere Bemühungen im Orient uns zuletzt unsere lieben verirrten Brüder aus den Dissidentengemeinden zurückführen werden, ebensowenig wie ich nicht daran verzweifle, die anglikanischen Sekten zu überzeugen – abgesehen von den protestantischen Sekten, die in den Schoß der einzigen römisch-katholisch-apostolischen Kirche zurückkehren müssen, sobald sich die von Christus geweissagte Zeit erfüllen wird. Was Sie aber nicht gesagt haben, ist, daß die Kirche nicht das geringste vom Dogma aufgeben kann. Im Gegenteil, Sie scheinen geglaubt zu haben, daß eine Einigung entstehen, daß man sich von dieser und jener Seite Zugeständnisse machen wird; das ist ein verdammungswürdiger Gedanke, eine Sprache, die ein Priester nicht sprechen darf, ohne ein Verbrecher zu sein. Die Wahrheit ist absolut; kein Stein des Gebäudes darf verrückt werden. O, in der Form – soviel man will! Wir sind zur größten Versöhnlichkeit geneigt, wenn es sich nur um die Umgehung gewisser Schwierigkeiten, um eine vorsichtige Ausdrucksweise zur Erleichterung der Einigung handelt. Das ist gerade so wie unsere Rolle im zeitgenössischen Sozialismus. Wir müssen uns verstehen. Gewiß sind die, die Sie so richtig die Enterbten dieser Welt nannten, der Gegenstand unserer Sorge. Wenn der Sozialismus einfach den Wunsch nach Gerechtigkeit, die fortwährende Absicht ist, den Schwachen und Leidenden zu Hilfe zu kommen, so beschäftigt sich, so arbeitet niemand mit größerer Energie daran wie wir. Ist denn die Kirche nicht stets die Mutter der Betrübten, die Helferin und Wohlthäterin der Armen gewesen? Wir sind für allen vernünftigen Fortschritt, wir geben alle neuen sozialen Formen zu, die zum Frieden, zur Brüderlichkeit verhelfen werden. Aber den Sozialismus, der damit anfängt, Gott zu versagen, um das Glück der Menschen zu sichern, können wir nicht anders als verdammen. Das ist einfach ein Zustand der Wildheit, ein abscheulicher Rückfall, bei dem es nichts als Katastrophen, Brand und Gemetzel geben wird. Das ist auch etwas, was Sie nicht mit genügendem Nachdruck gesagt haben; denn Sie haben nicht dargelegt, daß außerhalb der Kirche keinerlei Fortschritt stattzufinden vermag, mit einem Worte, daß sie die einzige Einweihende, die einzige Führerin ist, der man sich furchtlos anvertrauen darf. Ja, es schien mir sogar – und das ist eines Ihrer Verbrechen – es schien mir, daß Sie Gott beiseite setzten, daß die Religion für Sie einzig und allein ein seelischer Zustand, eine Blüte der Liebe und Barmherzigkeit blieb, in der man sich bloß zu finden braucht, um sein Heil zu sichern. Eine fluchwürdige Häresie! Gott ist immer gegenwärtig, der Herr der Seelen und Körper, und die Religion bleibt das Band, das Gesetz, sogar die Regierung der Menschen, ohne die es nichts als Barbarei in dieser Welt und Verdammung in der andern geben könnte. Nochmals, an der Form liegt nichts; es genügt, wenn das Dogma bestehen bleibt. So beweist unsere Zustimmung zur Republik in Frankreich, daß wir das Schicksal der Religion nicht an eine selbst erhabene und uralte Regierungsform knüpfen wollen. Wenn die Zeit der Dynastien vorüber ist – Gott ist ewig. Mögen die Könige zu Grunde gehen, Gott aber lebe! Uebrigens hat die republikanische Staatsform nichts antichristliches an sich; im Gegenteil, es scheint, daß sie etwas wie ein Erwachen jener christlichen Gemeinde ist, von der Sie in wirklich reizenden Worten sprachen. Das Schlimmste ist, daß die Freiheit sofort eine Licenz wird und daß man uns unsern Vermittlungswunsch oft sehr böse lohnt. – Ach, mein Sohn, was für ein schlechtes Buch haben Sie geschrieben! Ich will ja glauben, daß es in der besten Absicht geschah. Und wie beweist Ihr Schweigen, daß Sie die verhängnisvollen Folgen Ihres Fehlers einzusehen beginnen!« Vernichtet, fuhr Pierre fort zu schweigen; er fühlte in der That, daß eines seiner Argumente nach dem andern wie an einem tauben, blinden, undurchdringlichen Felsen zusammenbrach. Es wäre nutzlos, es wäre ein Hohn gewesen, wenn er versucht hätte, sie in ihn hineinzutreiben. Wozu denn, da doch nichts in ihn eindrang? Er hatte jetzt nur noch einen Gedanken: er fragte sich mit Ueberraschung, wie ein Mann von dieser Intelligenz, diesem Ehrgeiz sich nicht einen klareren und genaueren Begriff von der modernen Welt gemacht habe? Offenbar war er über alles belehrt, unterrichtet, auf alles achtsam, hatte die unermeßliche Karte der Christenheit mit deren Bedürfnissen, Hoffnungen, Handlungen im Kopfe, und blieb inmitten des komplizirten Gewirres seiner diplomatischen Kämpfe hellsehend und klar. Und dennoch, was für Lücken! Es konnte nicht anders sein, als daß er von der Welt einzig und allein das wußte, was er von ihr während seiner kurzen Nuntiatur in Brüssel gesehen hatte. Dann kam sein Episkopat in Perugia, wo er sich nur in das Leben des jungen, entstehenden Italiens gemischt hatte, und nun war er seit achtzehn Jahren in seinem Vatikan eingeschlossen, von den übrigen Menschen isolirt, verkehrte mit den Völkern nur durch seine Umgebung, die oft höchst unintelligent, lügenhaft und verräterisch war. Außerdem war er ein italienischer Priester, ein Papst, abergläubisch und despotisch, von der Ueberlieferung gefesselt, den Einflüssen der Rasse und Umgebung, dem Geldbedürfnis, den politischen Notwendigkeiten unterworfen – ganz abgesehen von seinem ungeheuren Stolz, von der Gewißheit, daß er der Gott sei, dem man gehorchen muß, die einzige gesetzliche und vernünftige Macht auf Erden. Daher rühren die Ursachen der verhängnisvollen Mißgestaltung dieses außerordentlichen Kopfes, der er mit seinen Fehlern, seinen Mängeln mitten unter so vielen bewundernswerten Eigenschaften sein mußte; denn er besaß ein rasches Verständnis, einen geduldigen Willen, die unermeßliche Kraft, die verallgemeinert und handelt. Insbesondere aber die Intuition schien wunderbar zu sein; war sie es denn nicht, sie allein, die ihn in seinem freiwilligen Gefängnis aus der Ferne die ungeheure Entwicklung der heutigen Menschheit erraten ließ? So hatte er das deutliche Bewußtsein der furchtbaren Gefahr, in der er sich befand; er sah die steigende Flut der Demokratie, den grenzenlosen Ozean der Wissenschaft, der die schmale Insel, auf der der Dom von St. Peter noch triumphirt, zu überschwemmen droht. Er brauchte sich nicht einmal ans Fenster zu stellen; die Stimmen von außen drangen durch die Mauer und trugen ihm den Schrei der Geburt neuer Gesellschaften zu. Davon ging seine ganze Politik aus; er hatte nie einen andern Bedarf gehabt, als zu siegen, um zu herrschen. Wenn er die Einheit der Kirche wollte, so kam das daher, weil er sie für den Angriff, den er voraussah, stark und unbezwinglich machen wollte. Wenn er Versöhnung predigte, in Formsachen nach Kräften nachgab, die Kühnheit der amerikanischen Bischöfe duldete, so kam das von seiner großen, uneingestandenen Furcht vor einer Auflösung der Kirche selbst, vor irgend einem plötzlichen Schisma, das das Unheil beschleunigen würde. Ach, dieses Schisma! Er mußte es wie eine nahe Drohung, eine unvermeidliche Todesgefahr, gegen die man sich im voraus wappnen muß, in der Luft spüren, die von den vier Punkten des Horizonts kam. Wie gut erklärte diese Furcht seine zärtliche Rückkehr zum Volke, seine Beschäftigung mit dem Sozialismus, die christliche Lösung, die er dem Elend hienieden bot! Cäsar war zu Boden geworfen; war da nicht der lange Streit, wer von ihnen beiden, er oder der Papst das Volk haben sollte, durch die Thatsache beigelegt, daß der Papst allein aufrecht blieb und das Volk, der große Stumme endlich im Begriff war, den Mund aufzuthun und sich ihm hinzugeben? Der Versuch war in Frankreich gemacht worden; er ließ dort die besiegte Monarchie im Stiche, anerkannte die Republik und wollte sie stark und siegreich sehen; denn Frankreich war immer die älteste Tochter der Kirche, die einzige katholische Nation, die noch mächtig genug war, um eines Tages vielleicht die weltliche Herrschaft des heiligen Stuhles wieder herzustellen. Herrschen, herrschen! Also durch Frankreich herrschen, da es unmöglich zu sein schien, durch Deutschland zu herrschen! Durch das Volk herrschen, da das Volk der Herr der Throne war und sie austeilte! Durch die italienische Republik herrschen, wenn nur diese Republik ihm das dem Hause Savoyen entrissene Rom wiedergeben konnte – durch eine föderative Republik, die den Papst zum Präsidenten der Vereinigten Staaten Italiens machen würde, bis er der der Vereinigten Staaten Europas ward! Herrschen um jeden Preis, herrschen trotz allem – die Welt beherrschen, wie Augustus sie beherrscht hatte, dessen gieriges Blut das einzige war, was diesen erlöschenden, auf seine Herrschaft erpichten Greis aufrecht hielt! »Und Ihr Verbrechen, mein Sohn,« fuhr Leo XIII. fort, »besteht endlich darin, daß Sie es gewagt haben, eine neue Religion zu verlangen. Das ist gottlos, blasphemisch, ein Sakrileg. Es gibt nur eine Religion – unsere heilige, römisch-katholisch-apostolische. Außerhalb ihr kann es nur Nacht und Verdammnis geben ... Ich verstehe wohl, daß Sie vorgeben, eine Rückkehr zum Christentum herbeiführen zu wollen. Aber die so sündhafte, so fluchwürdige protestantische Irrlehre hatte auch keinen andern Vorwand. So wie man sich von der strengen Beobachtung der Dogmen, dem unbedingten Respekt vor den Ueberlieferungen entfernt, stürzt man in die fürchterlichsten Abgründe ... Ach, das Schisma, das Schisma! Mein Sohn, das ist ein Verbrechen, für das es keine Verzeihung gibt, das ist die Ermordung des wahren Gottes, das unreine Tier der Versuchung, von der Hölle zum Verderben der Gläubigen aufgehetzt. Wenn es in Ihrem Buche nur diese Worte von der ›neuen Religion‹ gäbe, müßte man es zerstören, verbrennen wie ein tödliches Seelengift.« Er sprach noch lange so weiter. Pierre aber dachte an das, was Don Vigilio ihm von den Jesuiten erzählt hatte, die im Dunkeln, im Vatikan wie anderwärts allmächtig waren und die Kirche unumschränkt regierten. War es also wahr, daß dieser staatsmännische Papst mit dem stets wachen Opportunismus, der von den Lehren des heiligen Thomas so durchdrungen zu sein glaubte, selbst unbewußt einer von ihnen, das fügsame Werkzeug in ihren gelenken sozialen Erobererhänden war? Auch er paktirte mit dem Jahrhundert, kam der Welt entgegen, ließ sich herab, ihr zu schmeicheln, um sie zu besitzen. Pierre hatte noch nie so grausam tief empfunden, daß die Kirche fortan darauf beschränkt war, nur durch Zugeständnisse und Schlauheit zu leben. Nun endlich ging ihm das, für einen französischen Priester anfangs so schwere Verständnis für diesen römischen Klerus, diese durch den Papst, seine Kardinäle, seine Prälaten dargestellte Regierung der Kirche auf. Gott in eigener Person hat sie mit der irdischen Verwaltung seines Gutes, der Menschen und der Erde, betraut. Sie fangen damit an, Gott beiseite, in den Hintergrund seines Tabernakels zu stellen, dulden nicht mehr, daß man über ihn verhandelt, schreiben die Dogmen als die Wahrheiten seines Wesens vor, kümmern sich aber selbst nicht mehr um ihn und verlieren keine Zeit damit, seine Existenz durch müßige, theologische Erörterungen zu beweisen. Offenbar existirt er, da sie in seinem Namen regieren. Das genügt. Sonach sind sie im Namen Gottes die Herren, willigen wohl ein, der Form nach Kandordate zu unterzeichnen, halten sie aber nicht, beugen sich nur vor der Gewalt und behalten sich stets ihre Oberhoheit vor, die schließlich eines Tages triumphiren wird. In Erwartung dieses Tages benehmen sie sich einfach wie Diplomaten, organisiren die langsame Eroberung wie Beamte des triumphirenden Gottes von morgen und die Religion mit dem Prunk, der Pracht, die die Mengen gewinnen, ist somit nichts als die öffentliche Huldigung, die sie ihm einzig und allein zu dem Zwecke erweisen, ihn über die entzückte, eroberte Menschheit regieren zu lassen – besser gesagt, um an seiner Statt zu regieren; denn sie sind seine sichtbaren, von ihm bestellten Vertreter. Sie stammen von dem römischen Recht ab, sie sind immer nur die Kinder dieses alten, heidnischen, römischen Bodens, und wenn sie fortbestanden, wenn sie ewig, bis zu der ersehnten Stunde, da die Weltherrschaft ihnen zurückgegeben werden wird, fortzubestehen glauben, so kommt das daher, weil sie die direkten Erben der Cäsaren, weil sie in ihren Purpur gehüllt, weil sie das ununterbrochene, lebendige Geschlecht aus dem Blute des Augustus sind. Pierre schämte sich nun seiner Thränen. Ach, seine armen Nerven! Ach, die Hilflosigkeit des Empfindsamen, des Schwärmers! Scham ergriff ihn, als hätte er sich hier in der Nacktheit seiner Seele gezeigt. Großer Gott, und wie unnütz! In diesem Zimmer, in dem nie etwas Aehnliches gesprochen worden, vor diesem Papst-König, der ihn nicht hören konnte! Der politische Gedanke der Päpste, durch die Geringen und durch die Armen zu herrschen, flößte ihm Grauen ein. War der Gedanke, das von seinen ehemaligen Herren befreite Volk aufzusuchen, um sich nun seinerseits von ihm zu nähren, nicht teuflisch? Wahrlich, er hatte an dem Tage, da er sich einbildete, ein römischer Prälat, ein Kardinal, ein Papst wären im stande, die Rückkehr zur christlichen Gemeinde, eine neue Blüte des Urchristentums zuzugeben, die die alten, vom Haß verzehrten Völker pacificirt, wahnsinnig sein müssen. Ein solcher Einfall konnte Menschen, die seit Jahrhunderten die Herren der Welt waren, mit sorgloser Verachtung auf die Geringen und die Leidenden herabsahen, zuletzt der Barmherzigkeit und Liebe vollständig unfähig geworden waren, nicht einmal in den Sinn kommen. Aber Leo XIII. sprach mit seiner dicken, unversiegbaren Stimme immer weiter und der Priester hörte, wie er sagte: »Warum haben Sie jene von einem so bösen Geist befleckte Stelle über Lourdes geschrieben? Lourdes, mein Sohn, hat der Religion große Dienste erwiesen. Ich habe Leuten gegenüber, die mir die rührenden, fast täglich sich begebenden Wunder der Grotte erzählen kamen, öfters den lebhaften Wunsch geäußert, daß diese Wunder durch die strengste Wissenschaft bestätigt, festgestellt werden möchten. Aber nach dem, was ich gelesen habe, scheint es mir, daß heutzutage auch die Uebelwollenden nicht mehr zweifeln können, denn die Wunder sind fortan auch wissenschaftlich in unwiderleglicher Weise bewiesen worden ... Die Wissenschaft, mein Sohn, muß die Magd Gottes sein. Sie vermag nichts gegen ihn, und nur durch ihn allein gelangt sie zur Wahrheit. Alle Lösungen, die man wirklich zu finden angibt, die die Dogmen zu zerstören scheinen, werden eines Tages notgedrungen für falsch erkannt werden; denn die Wahrheit Gottes wird siegen, sobald die Zeit sich erfüllt hat. Es sind doch ganz einfache Gewißheiten, die schon die kleinen Kinder kennen, die für den Frieden, das Heil der Menschen genügen würden, wenn sie sich mit ihnen begnügen wollten ... Und, mein Sohn, seien Sie überzeugt, daß der Glaube mit der Vernunft nicht unvereinbar ist. Ist nicht der heilige Thomas da, der alles vorausgesehen, alles erklärt, alles geregelt hat? Ihr Glauben ist durch den Ansturm des Geistes der Forschung erschüttert worden; Sie haben Beunruhigungen, Beängstigungen kennen gelernt, die der Himmel den Priestern dieses altgläubigen Landes, dieses vom Blute so vieler Märtyrer geheiligten Roms ersparen möge. Aber wir fürchten den Geist der Forschung nicht; studiren Sie weiter, lesen Sie gründlich den heiligen Thomas und Ihr Glaube wird fester, entschiedener und triumphirend wiederkehren.« Pierre nahm alle diese Dinge verstört entgegen, als ob ihm Stücke des Himmelskörpers auf den Schädel gefallen wären. O Gott der Wahrheit! Die Wunder von Lourdes sind wissenschaftlich bewiesen, die Wissenschaft ist die Magd Gottes, der Glaube mit der Vernunft vereinbar, der heilige Thomas genügt der Gewißheit des Jahrhunderts! O Gott, wieso antworten? Und wozu antworten? »Es ist das sündhafteste und gefährlichste Buch, das existirt,« schloß Leo XIII. endlich. »Ein Buch, dessen bloßer Titel, ›Das neue Rom‹, an und für sich eine Lüge und ein Gift ist, ein Buch, daß um so verdammungswürdiger erscheint, als es alle Verlockungen des Stils, alle Verderbtheiten hochherziger Chimären besitzt – mit einem Wort ein Buch, das ein Priester, wenn er es in einer Stunde der Verirrung verfaßt hat, zur Strafe öffentlich, mit derselben Hand verbrennen muß, die diese irrenden, ärgerniserregenden Seiten schrieb.« Pierre erhob sich plötzlich und stand aufrecht da. In der ungeheuren Stille, die sich um dieses ausgestorbene, so schwach beleuchtete Zimmer gebildet hatte, existirte nichts als das Rom vor den Fenstern, das nächtliche, schattenüberflutete, ungeheure, schwarze, nur von Sternenstaub bestreute Rom. »Es ist wahr,« wollte er rufen, »ich hatte den Glauben verloren, aber ich glaubte ihn in dem Mitleid wieder zu finden, das das Elend der Welt mir ins Herz legte. Sie waren meine letzte Hoffnung, der erwartete Erlöser. Nun ist auch das ein Traum. Sie können kein neuer Jesus sein und am Vorabend des furchtbaren Bruderkrieges, der sich vorbereitet, Frieden unter den Menschen stiften. Sie können den Thron nicht lassen und mit den Geringen, mit den Armen durchs Land ziehen, um das erhabene Werk der Brüderlichkeit zu vollziehen. Wohlan, es ist aus mit Ihnen, aus mit Ihrem Vatikan, Ihrem heiligen Vater. Alles bricht unter dem Ansturm des aufsteigenden Volkes und der wachsenden Wissenschaft zusammen. Sie existiren nicht mehr; nichts existirt hier mehr als Schutt.« Aber er sprach diese Worte nicht aus. Er verbeugte sich und sagte: »Heiliger Vater, ich unterwerfe mich und verwerfe mein Werk.« Seine Stimme zitterte vor bitterem Widerwillen; seine ausgebreiteten Hände machten eine hilflose Bewegung, als lasse er seine Seele fahren. Es war die genaue Unterwerfungsformel: Auctor laudabiliter se subjecit et opus reprobavit – der Verfasser hat sich löblicherweise unterworfen und sein Werk verworfen. Es gab keine höhere Verzweiflung, keine erhabenere Größe im Gestehen eines Irrtums und im Selbstmord einer Hoffnung. Aber welch furchtbare Ironie! Dieses Buch, das nie zurückzuziehen er geschworen, für dessen Sieg er so leidenschaftlich gekämpft hatte – nun verleugnete, nun unterdrückte er es mit einemmale selbst, nicht weil er es für strafbar hielt, sondern weil er eben eingesehen, daß es nutzlos, chimärisch war, wie der Wunsch eines Liebenden, ein Dichtertraum. Ach ja, wozu bei der Illusion eines unmöglichen Erwachens beharren, da er sich getäuscht, da er geträumt hatte, da er hier weder den Gott noch den Priester gefunden, den er zum Glück der Menschen ersehnte! Da war es besser, wenn er sein Buch gleich einem toten Blatt zu Boden warf, besser, wenn er es verleugnete, wie ein abgestorbenes, fortan nutzlos und sinnloses Glied von sich abschnitt! Leo XIII. stieß, über einen so raschen Sieg etwas überrascht, einen leichten Ausruf der Befriedigung aus. »Das ist sehr schön, sehr schön, mein Sohn! Sie haben da die einzigen weisen Worte gesprochen, die Ihrem Stande als Priester geziemen!« Und er, der nie etwas dem Zufall überließ, der jede seiner Audienzen bis auf die Worte, die er sagen, bis auf die Gesten, die er machen würde, vorbereitete, wurde in seiner sichtlichen Befriedigung etwas milder und legte eine wirkliche Gutmütigkeit an den Tag. Da er die wahren Beweggründe dieser Unterwerfung, dieser Empörung nicht verstand, sich über sie täuschte, so genoß er die stolze Freude, ihn so leicht zum Schweigen gebracht zu haben; denn seine Umgebung hatte ihm von ihm das Bild eines schrecklichen Revolutionärs entworfen. Eine solche Bekehrung schmeichelte ihm daher sehr. »Uebrigens, mein Sohn, habe ich von Ihrem hervorragenden Geiste nichts anderes erwartet. Es gibt keinen höheren Genuß als seinen Fehler zu erkennen, Buße zu thun und sich zu unterwerfen.« Er hatte mit einer vertraulichen Geberde wieder nach seinem Glase Sirup auf dem Tischchen gegriffen und rührte es, ehe er den letzten Schluck trank, mit dem langen, vergoldeten Silberlöffel noch einmal um. Pierre fiel es besonders auf, daß er wieder wie zu Anfang so zusammengefallen aussah und von seiner hehren Majestät herabgesunken zu sein schien; er glich einem sehr alten Kleinbürger, der einsam sein Glas Zuckerwasser trank, ehe er sich zu Bette legte. Die Gestalt war, nachdem sie wie ein am Zenith aufsteigender Stern zugenommen und gestrahlt hatte, wieder am Horizont, knapp am Boden, in ihre menschliche Mittelmäßigkeit untergesunken. Mit seinem dünnen Halse, der dem eines kleinen, kranken Vogels glich, mit seiner greisenhaften Häßlichkeit, erschien er ihm wieder kränklich, gebrechlich. Diese Häßlichkeit erschwerte die Herstellung seiner Porträts, ob nun auf Gemälden oder Photographien, goldenen Medaillen oder Marmorbüsten; denn er sagte, daß man nicht den Papa Pecci, sondern Leo XIII., den großen Papst abkonterfeien müsse, von dem er der Nachwelt ein so hohes Bild zurücklassen wollte. Und Pierre wurde von neuem von dem auf den Knieen des Papstes liegen gebliebenen Schnupftuch, von der unsauberen, mit Tabak befleckten Sutane gestört, die er einen Augenblick nicht mehr gesehen hatte. Er empfand nichts mehr als ein gerührtes Mitleid mit einem so hohen, reinen und weißen Alter, nichts als eine tiefe Bewunderung für die hartnäckige Lebenskraft, die sich in die schwarzen Augen zurückgezogen hatte, nichts als die ehrerbietige Hochachtung des Arbeiters vor dem großen, von so zahllosen Gedanken und Handlungen überströmenden Gehirn mit seinen unermeßlichen Plänen. Die Audienz war zu Ende; er verneigte sich tief. »Ich danke für den väterlichen Empfang, den Eure Heiligkeit mir zu teil werden lassen geruhten.« Aber Leo XIII. geruhte ihn noch eine Minute zurückzuhalten, indem er wieder von Frankreich sprach und den lebhaften Wunsch ausdrückte, es zum größten Wohl der Kirche glücklich, ruhig und stark zu sehen. Und während dieser letzten Minute hatte Pierre eine seltsame Vision. Es war ein wahrer Spuk. Während er die elfenbeinerne Stirn des heiligen Vaters betrachtete, während er an sein hohes Alter dachte, bei dem ihn der geringste Schnupfen wegraffen konnte, fiel ihm, durch eine unwillkürliche Ideenverbindung die wild-große, übliche Scene ein: Pius IX., Giovanni Mastai, vor zwei Stunden verschieden, das Gesicht mit einem weißen Linnen bedeckt, von der verstörten päpstlichen Hausgenossenschaft umgeben; Kardinal Pecci, der Kardinalkämmerer, nähert sich dem Totenbette, läßt die Hülle entfernen und schlägt dreimal mit seinem silbernen Hammer auf die Stirn des Leichnams, jedesmal den Ruf ausstoßend: Giovanni, Giovanni, Giovanni! Und da der Leichnam nicht geantwortet hat, dreht sich der Kardinal, nachdem er sich einige Sekunden geduldet, um und spricht: »Der Papst ist tot!« Zu gleicher Zeit erblickte Pierre da unten in der Via Giulia den Kardinal Boccanera, den Kardinalkämmerer, der mit seinem silbernen Hammer wartete, und sah vor sich Leo XIII., Joachim Pecci, wie er, seit zwei Stunden verschieden, das Gesicht von einem weißen Linnen bedeckt, von seinen Prälaten umgeben, in diesem selben Zimmer lag. Und er sah wie der Kardinalkämmerer sich näherte, die Hülle entfernen ließ, und dreimal auf die elfenbeinerne Stirn schlug, indem er jedesmal den Ruf ausstieß: Joachim, Joachim, Joachim! Dann, da der Leichnam nicht geantwortet hatte, drehte er sich, nachdem er sich einige Sekunden geduldet, um und sprach: »Der Papst ist tot!« Erinnerte sich Leo XIII. an die drei Schläge, die er Pius IX. auf die Stirn gegeben – fühlte er manchmal auf seiner Stirn die eisige Furcht vor den drei Schlägen, die tödliche Kälte des Hammers, mit dem er den Kardinalkämmerer, den unversöhnlichen Gegner, den er, wie er wußte, in Kardinal Boccanera besaß, bewaffnet hatte? »Gehen Sie in Frieden, mein Sohn,« sprach endlich Seine Heiligkeit wie zu einem letzten Segensspruch. »Ihr Fehler wird Ihnen erlassen werden, da Sie ihn gebeichtet haben und Abscheu darüber bezeigen.« Ohne zu antworten, entfernte sich Pierre, dem üblichen Zeremoniell gemäß, rückwärts schreitend. Seine Seele war geängstigt; er nahm die Demütigung als die verdiente Strafe seiner Chimäre hin. Dreimal verneigte er sich tief; dann schritt er aus der Thür, ohne sich umzudrehen, gefolgt von den schwarzen Augen Leos XIII., die nicht von ihm wichen. Trotzdem sah er noch, wie er wieder nach der Zeitung griff, deren Lektüre er unterbrochen hatte, um ihn zu empfangen. Er hatte die Neigung zur Presse, eine lebhafte Neugierde nach Neuigkeiten bewahrt, obwohl er sich in seiner Isolirung oft über die Bedeutung der Artikel täuschte und gewissen derselben in einigen Punkten eine Wichtigkeit beimaß, die sie nicht besaßen. Die beiden Lampen brannten mit ruhigem, unbeweglichem Licht; das Zimmer versank wieder in seine große Stille und seinen unendlichen Frieden. In der Mitte des geheimen Vorsaales stand Herr Squadra, schwarz und unbeweglich; er wartete. Als er bemerkte, daß Pierre in seiner erschreckten Betäubung, seinen Hut vergessend, an dem Pfeilertisch vorüberging, auf dem er ihn hatte liegen lassen, ergriff er vorsichtig diesen Hut und reichte ihn ihm mit einer stummen Verbeugung. Dann begann er wieder ohne jede Eile, mit demselben Schritt wie beim Kommen, ihm voraus zu gehen, um ihn in den Clementinensaal zurückzuführen. Nun fand, in entgegengesetzter Richtung, derselbe ungeheure Spaziergang, das endlose Wandern durch endlose Säle statt. Noch immer keine Seele zu sehen, kein Geräusch, kein Hauch zu hören. In jedem der leeren Gemächer blakte die einzige, einsame, gleichsam vergessene Lampe und brannte noch schwächer in der noch größeren Stille. Die Einöde schien sich erweitert zu haben, je mehr die Nacht vorrückte, und die unter den hohen, vergoldeten Decken zerstreuten spärlichen Möbel, die Throne, Holzschemel, Pfeilertische, Kruzifixe und Armleuchter, die sich in jedem Saale wiederholten, in Finsternis tauchte. So kam nach dem Ehrenvorsaal, dessen Damast rot glühte, der Saal der Nobelgarde; er schlummerte in einem leichten Weihrauchduft, den eine am Morgen abgehaltene Messe zurückgelassen hatte. Dann kam der Tapetensaal, der Saal der palatinischen Garde, der Saal der Gendarmen; in dem darauf folgenden Saal der Bussolanti war der letzte der dienstthuenden Bedienten, auf dem Bänkchen sitzend, so fest eingeschlafen, daß er gar nicht erwachte. Die Schritte hallten schwach auf den Fliesen; das trübe Licht dieses geschlossenen, von allen Seiten wie ein Grab eingemauerten, in dieser späten Stunde von einem alles überschwemmenden Nichts überkommenen Palastes, erstickte sie. Endlich kam der Clementinensaal, den der Wachposten der Schweizer Garde eben verlassen hatte. Bis zu diesem Saale hatte Herr Squadra nicht den Kopf gewandt. Noch immer stumm trat er, ohne eine Geberde, beiseite und ließ Pierre vorüber, indem er sich ein letztesmal verbeugte. Dann verschwand er. Und Pierre stieg die beiden Stockwerke der monumentalen Treppe hinab, welche die matten Kugeln der Gasbrenner mit dem Lichte von Nachtlampen erhellten; eine außerordentliche Stille herrschte, seit die Tritte der wachestehenden Schweizer Gardisten nicht mehr auf den Treppenabsätzen widerhallten. Er durchschritt den Damasiushof, der leer und ausgestorben unter dem blassen Schein der Laternen des Perrons dalag, stieg die Scala Pia, die andere ebenso leere, in ihrem Halbdunkel ebenso ausgestorbene Riesentreppe hinab und durchschritt endlich die Bronzethür, die ein Thürsteher hinter ihm mit langsamem Druck zuschob und schloß. Und wie murrte, wie wild schrillte das harte Metall über all das, was diese Thür verschloß: diese zusammengehäufte Finsternis, diese wachsende Stille, die unbeweglichen Jahrhunderte, die die Ueberlieferung hier verewigte, die unzerstörbaren, mit ihren Mumienbinden aufbewahrten Dogmen, all die Ketten, die drücken und fesseln, den ganzen Apparat strenger Knechtschaft und höchster Gewalt, deren furchtbaren Widerhall die Echos der einsamen, dunklen Säle zurückwarfen. Auf dem Petersplatz befand er sich inmitten dieser düsteren Unermeßlichkeit ganz allein. Kein verspäteter Spaziergänger, kein Wesen war zu sehen – nichts als zwischen den vier Armleuchtern die hohe, aus dem ausgedehnten Mosaik des kleinen grauen Pflasters auftauchende Erscheinung des Obelisken. Auch die Fassade der Basilika stieg wie ein bleicher Traum auf; gleich zwei ungeheuren Armen breitete sie die vierfachen Reihen der Säulen der Kolonnade aus, die, von Dunkelheit überflutet, einem steinernen Hochwald glichen. Sonst nichts. Der Dom war nur eine maßlose Rundung, die man an dem mondlosen Himmel kaum erriet. Bloß die Wasserstrahlen der Fontainen, die man zuletzt wie dünne, bewegliche Phantome unterschied, ließen ihre Stimme, ein endloses, traurig klagendes Gemurmel ertönen, das aus wer weiß was für einem Dunkel kam. Ach, die schwermütige Größe dieses Schlummers! Ach, dieser ganze berühmte Platz mit dem Vatikan, mit Sankt Peter, des Nachts, von Dunkel und Stille überflutet! Plötzlich schlug die Uhr zehn – so langsam und so laut, daß es schien, als hätte nie eine feierlichere, entscheidendere Stunde in einer tieferen, düsteren, unergründlichen Unendlichkeit geschlagen. Pierre stand unbeweglich inmitten des weiten Raumes; sein ganzes, armes, zerbrochenes Wesen erzitterte. Wie, hatte er da droben kaum drei Viertelstunden mit dem weißen Greise gesprochen, der ihm seine ganze Seele herausgerissen hatte? Ja, das war das Ende: der letzte Glaube war ihm aus seinem blutenden Gehirn und Herzen herausgerissen worden. Das letzte Experiment war gemacht; eine Welt war in ihm zusammengebrochen. Mit einemmale fiel ihm Monsignore Nani ein, indem er bedachte, daß dieser allein recht gehabt hatte. Man hatte ihm gesagt, daß er zuletzt doch das thun würde, was Monsignore Nani wollte und jetzt sah er zu seiner Verblüffung, daß er es gethan hatte. Aber eine plötzliche Verzweiflung, eine so furchtbare Angst ergriff ihn, daß er aus der Tiefe des nächtigen Abgrundes, in dem er sich befand, seine beiden zitternden Arme ins Leere erhob und ganz laut sprach: »Nein, nein, hier bist Du nicht, o Gott des Lebens und der Wahrheit, Gott der Rettung! So komm doch, erscheine, da deine Kinder sterben, weil sie weder wissen, wer du bist noch wo du in der Unendlichkeit der Welten lebst!« Ueber dem ungeheuren Platze breitete sich der ungeheure, dunkle, blausammetne Himmel, die stumme, beunruhigende Unendlichkeit aus, auf der die Gestirne zuckten. Der Wagen über den Dächern des Vatikans schien noch mehr nach rückwärts gefallen zu sein; seine goldenen Räder waren gleichsam vom rechten Wege abgewichen, seine goldene Deichsel ragte in die Luft. Orion dagegen, da unten, über Rom, auf der Seite der Via Giulia, war im Begriffe zu verschwinden und ließ nur noch einen einzigen der drei goldenen Sterne sehen, die seinen Gürtel zierten. XV. Pierre war erst bei Tagesgrauen eingeschlummert; er war vor Aufregung gebrochen und brannte vor Fieber. Gleich bei seiner Rückkehr in den Palast Boccanera, in später Nacht, hatte er die furchtbare Totentrauer um Dario und Benedetta wiedergefunden und gegen neun Uhr, als er erwacht war und gefrühstückt hatte, wollte er sofort in die Wohnung des Kardinals hinabsteigen, wo man die Leichen der beiden Liebenden ausgestellt hatte, damit die Familie, die Freunde, die Schützlinge ihnen ihre Thränen und Gebete darbringen konnten. Während er frühstückte, kam Victorine, die sich, bei all ihrer Verzweiflung tapfer und thätig, nicht niedergelegt hatte, und erzählte ihm die Ereignisse der Nacht und des Morgens. Aus prüdem Respekt vor dem Anstand hatte Donna Serafina einen neuen Versuch gemacht, um die beiden Leichen von einander trennen zu lassen. Dieses nackte Weib, das im Tode so fest den ebenfalls entkleideten Mann umschlang, verletzte ihre ganze Schamhaftigkeit. Aber es war keine Zeit mehr dazu; die Todesstarre war eingetreten, und was nicht im ersten Augenblick gethan worden war, konnte ohne eine furchtbare Entweihung nicht mehr geschehen. Ihr Liebesband war so mächtig, daß man, um sie von einander zu lösen, ihnen das Fleisch hätte abreißen, die Glieder zerbrechen müssen. Und der Kardinal, der bereits einmal nicht gestattet hatte, ihren Schlummer, ihren Ewigkeitsbund zu stören, hatte sich beinahe mit seiner Schwester gezankt. Unter seinem Priesterkleide fand er sich als Sohn seiner Rasse wieder, stolz auf die Leidenschaften von einst, die schönen, heftigen Liebschaften, die schönen Dolchstiche. Wenn die Familie zwei Päpste, große Feldherrn aufzähle, so hätten sie auch große Liebende verherrlicht, sagte er. Niemals würde er diese beiden Kinder anrühren lassen, die in ihrem Schmerzensleben so rein gewesen, die das Grab allein vereinigt hatte. Er war Herr in seinem Palaste. Man würde sie in dasselbe Schweißtuch einhüllen, in denselben Sarg einschließen. Die religiöse Feier würde zu S. Carlo stattfinden, in der benachbarten Kirche, deren Kardinalstitel er besaß, wo er ebenfalls der Herr war. Wenn es sein müßte, würde er bis zum Papst gehen. Und so gewaltig war sein so laut ausgesprochener Wunsch, daß alles im Hause sich ihm beugen mußte, ohne sich eine Geberde oder einen Laut zu erlauben. Nun hatte sich Donna Serafina mit der letzten Toilette der Toten beschäftigt. Der Sitte gemäß, war die Dienerschaft dabei anwesend; Victorine, als die älteste und geliebteste Dienerin, hatte der Familie geholfen. Man hatte sich damit begnügen müssen, die beiden Liebenden zuerst in das aufgelöste Haar Benedettas, dieses duftende, dichte, lange, einem königlichen Mantel gleichende Haar zu hüllen; dann hatte man sie mit demselben weißseidenen, unter dem Halse zusammengezogenen Leichentuch bekleidet, das aus ihnen im Tode ein einziges Wesen machte. Nun hatte der Kardinal von neuem gefordert, daß man sie in seine Gemächer hinabtrage und in der Mitte des Thronsaales auf ein Paradebett lege, damit ihnen als den letzten des Namens, den zwei tragischen Verlobten, mit denen der einst so aufsehenerregende Ruhm der Boccanera in die Erde zurückkehrte, die letzte Huldigung erwiesen werde. Uebrigens hatte sich Donna Serafina diesem Plan sofort untergeordnet; denn sie hielt es für wenig anständig, daß man ihre Nichte, selbst als Tote, in diesem Zimmer, auf dem Bette eines jungen Mannes erblicke. Die hergerichtete Darstellung der Vorgänge war bereits im Umlauf; man erzählte sich von dem plötzlichen Absterben Darios, den ein ansteckendes Fieber in wenigen Stunden weggerafft, von dem wahnsinnigen Schmerz Benedettas, die auf seiner Leiche verschieden sei, indem sie ihn ein letztesmal in die Arme drückte, von den königlichen Ehren, die man ihnen erwies, von der schönen Totenhochzeit, die man ihnen bereitete, während sie beide auf demselben ewigen Ruhebette lagen. Ganz Rom, von dieser Geschichte von Liebe und Tod erschüttert, würde vierzehn Tage lang von nichts anderem sprechen. In der Eile, die Pierre hatte, diese Unglücksstadt zu verlassen, wo er die letzten Fetzen seines Glaubens lassen mußte, wäre er am liebsten noch am selben Abend nach Frankreich abgereist; aber er wollte die Beisetzung abwarten und hatte daher seine Reise auf den nächsten Abend verschoben. Den ganzen Tag würde er noch hier, in diesem zusammenbrechenden Palaste, bei dieser Toten zubringen, die er geliebt hatte, und sich bemühen, für sie Gebete in der Tiefe seines leeren, zermalmten Herzens wiederzufinden. Als er in das erste Stockwerk hinabgestiegen war und vor den Empfangsräumen des Kardinals stand, kam ihm die Erinnerung an den ersten Tag, da er hier erschienen war. Er empfing denselben Eindruck eines einstigen, nun abgenützten und vom Staube der Vergangenheit bedeckten fürstlichen Prunkes. Die Thüren der drei ungeheuren Vorzimmer standen weit offen, und die Säle mit ihren hohen, dunklen Decken waren infolge der frühen Morgenstunde noch leer. Im ersten, im Bedientensaal, befand sich nur Giacomo in schwarzer Livree; er stand unbeweglich vor dem unter dem Baldachin befestigten alten roten Hut mit seinen halbzerfressenen Tressen, zwischen denen die Spinnen ihr Netz spannen. Im zweiten, dem, wo einst der Sekretär sich aufhielt, erwartete der Abbé Paparelli, der Schleppträger, der auch das Amt eines Kammerherrn ausfüllte, die Besucher; er ging mit kleinen, leisen Schritten auf und ab, und noch nie hatte er, mit seiner erobernden Demut, seiner verdächtigen Miene, in der sich willfährige Allmacht aussprach, mehr einer sehr alten, von allzu strengen religiösen Uebungen fahlen und verrunzelten Jungfer geglichen. Im dritten Vorzimmer endlich, dem Ehrenvorsaal, wo das auf einer Kredenz liegende Barett sich dem großen, mächtigen Porträt des Kardinals im Zeremonienkostüm gegenüber befand, stand der Sekretär, Don Vigilio, der seinen kleinen Arbeitstisch verlassen hatte, bei der Thür des Thronsaales und begrüßte die Personen, die dessen Schwelle übertraten, mit einer Verbeugung. An diesem düstern Wintermorgen sahen diese Säle noch finsterer und zerrütteter aus; die Tapeten hingen in Fetzen, die spärlichen Möbel waren von Staub geschwärzt, die alten Schnitzereien zerfielen unter der fortgesetzten Arbeit der Würmer, und nur die Decken bewahrten den Prunk ihrer triumphirenden Vergoldungen und Malereien. Aber Pierre, den der Abbé Paparelli eben mit einer übertrieben tiefen Verbeugung begrüßt hatte – man merkte aus ihr eine Art ironischen Abschied, wie man ihn einem Besiegten erteilt – ward insbesondere von der traurigen Großartigkeit dieser drei unermeßlichen, zerstörten Säle gepackt, die an diesem Tage in den zu einem Totengemach verwandelten Thronsaal führten, wo die zwei letzten Kinder des Hauses schliefen. Was für ein prächtiger und trostloser Totenprunk! Alle diese weit offenen Thüren, diese Leere der übergroßen Gemächer, die einst mit solchen Menschenmengen bevölkert waren und nun zur höchsten Trauer des Endes eines Geschlechtes führten! Der Kardinal hatte sich in seinem kleinen Arbeitszimmer eingeschlossen, wo er die Familienmitglieder, die intimen Freunde empfing, die darauf bestanden, ihm ihr Beileid zu bezeugen; Donna Serafina hatte ihrerseits ein Nebenzimmer gewählt, um die befreundeten Damen zu erwarten, deren Defilé bis zum Abend währen sollte. Pierre, den Victorine von diesem Zeremoniell unterrichtet hatte, mußte sich entschließen, unmittelbar in den Thronsaal zu treten, wo ihn abermals ein sich tief verbeugender Priester empfing; diesmal war es Don Vigilio, der, blaß und stumm, ihn nicht einmal zu erkennen schien. Den Priester erwartete eine Ueberraschung. Er hatte sich eine vollständig verdunkelte Trauerkapelle vorgestellt, wo hunderte von Kerzen rings um einen in der Mitte des mit schwarzen Behängen ausgeschlagenen Saales stehenden Katafalk brennen würden. Man hatte ihm gesagt, daß die Aufbahrung hier stattfinde, weil die alte, im Erdgeschoß gelegene Kapelle des Palastes seit fünfzig Jahren geschlossen und außer Gebrauch war, und weil die kleine Privatkapelle des Kardinals sich für eine solche Zeremonie zu klein erweisen würde. Man hatte daher im Thronsaal einen Altar errichten müssen, wo seit dem Morgen eine Messe auf die andere folgte. Außerdem mußten auch in der Privatkapelle den ganzen Tag über Messen gelesen werden; desgleichen hatte man zwei andere Altäre errichtet, einen in einem kleinen, neben dem Ehrenvorsaal gelegenen Gemach, den andern in einer Art Alkoven, in den das zweite Vorzimmer auslief. So kam es, daß Priester, besonders Franziskaner, Mönche, die den armen Orden angehörten, ununterbrochen und gemeinschaftlich die Meßopfer auf diesen vier Altären celebrirten. Der Kardinal hatte gewünscht, daß das göttliche Blut keinen Augenblick aufhöre, in seinem Hause zu fließen, damit die beiden teuren, zusammen entflohenen Seelen erlöst würden. In dem trauernden Palaste, in den Trauersälen klingelten ohne Unterlaß die Glöckchen bei der Aufhebung; das schauernde Gemurmel der lateinischen Worte verstummte nicht, und unaufhörlich wurden Hostien gebrochen und Kelche geleert, so daß Gott sich keine einzige Minute aus dieser schweren, nach Tod riechenden Luft entfernen konnte. Und Pierre fand zu seinem Erstaunen den Thronsaal gerade so wieder, wie er ihn am Tage seines ersten Besuches gesehen hatte. Nicht einmal die Vorhänge der vier großen Fenster waren zugezogen worden; das schwache, graue, kalte Licht des düstern Wintermorgens drang herein. Da waren unter der Decke aus geschnitztem und vergoldetem Holz wieder die roten Wandtapeten, ein großpalmiger, vom langen Gebrauch zerfressener Brokat; auch der alte Thron, der zur Wand gekehrte Lehnstuhl stand da und wartete vergeblich auf den Papst, der nie mehr kommen würde. Nur der neben diesem Thron errichtete, improvisirte Altar veränderte ein wenig das Aussehen des Raumes, aus dem man die wenigen Möbel, Stühle, Tische und Konsolen, entfernt hatte. In der Mitte hatte man auf einer niedrigen Stufe das Prunklager aufgestellt, auf dem Benedetta und Dario unter einer Masse von Blumen gebettet waren. Zu Häupten des Bettes brannten bloß zwei Kerzen, je eine an jeder Seite. Sonst nichts – nichts als Blumen, eine solche Fülle von Blumen, daß man nicht wußte, in welchem chimärischen Garten sie gepflückt worden sein mochten. Besonders waren weiße Rosen gestreut worden. Rosensträuße lagen auf dem Bette, Rosensträuße stürzten von dem Bette herab, Rosensträuße bedeckten die Stufe und strömten von der Stufe hinab bis auf die prächtigen Fliesen des Saales. Pierre hatte sich dem Bette genähert; eine tiefe Bewegung erschütterte sein Herz. Diese zwei Kerzen, deren kleine, gelbe Flamme das blasse Tageslicht halb dämpfte, diese fortwährenden, leise klagenden Töne der daneben abgehaltenen Messe, dieser durchdringende, die Luft schwer machende Rosenduft erfüllten den großen, veralteten, staubigen Saal mit unendlicher Angst, mit einer grenzenlosen Trauerklage. Und keine Bewegung, kein Hauch war zu hören – nichts anderes als von Zeit zu Zeit ein leises Geräusch von unterdrücktem Schluchzen unter den wenigen Anwesenden. Die Bedienten des Hauses lösten sich unablässig ab; stets standen vier unbeweglich, wie treue, vertraute Wächter zu Häupten des Bettes. Von Zeit zu Zeit ging der Konsistorialanwalt Morano, der sich seit dem Morgen mit allem beschäftigte, eilig und leisen Schrittes durch das Gemach, und auf der Stufe knieten alle Eintretenden nieder, weinten und beteten. Pierre bemerkte dort drei Damen, die das Gesicht ins Taschentuch gedrückt hielten. Auch ein alter Priester befand sich dort, dessen Gesicht man nicht unterscheiden konnte; er zitterte vor Schmerz und hielt den Kopf gesenkt. Besonders aber rührte ihn der Anblick eines ärmlich gekleideten, jungen Mädchens, das er für eine Dienerin hielt; der Schmerz hatte sie derart auf die Fliesen niedergeworfen, daß sie nur mehr wie ein Bündel Elend und Leid dort lag. Nun kniete er ebenfalls nieder und bemühte sich, während des berufsmäßigen Stammelns der Lippen die lateinischen Worte der heiligen Gebete wiederzufinden, die er so oft als Priester am Lager der Toten gesprochen hatte. Seine zunehmende Erregung verwirrte sein Gedächtnis; er versank in den herrlichen und schrecklichen Anblick der beiden Liebenden, von denen seine Blicke nicht lassen konnten. Unter der Rosenfülle zeichneten sich die umschlungenen Körper kaum ab, aber die bis zum Halse von dem seidenen Schweißtuch eingeschlossenen Köpfe tauchten daraus auf. Und wie schön waren sie noch, wie sie da, ihre Haare mit einander vermengend, beide auf demselben Kissen lagen! Es war die Schönheit der endlich befriedigten Leidenschaft. Benedetta, bis in Ewigkeit liebend und getreu, verzückt, weil sie ihren letzten Odem in einem Liebeskuß ausgehaucht, hatte ihr göttlich lachendes Gesicht behalten. Dario sah, trotz seiner letzten Freude, schmerzlicher aus – wie der Marmor der Leichensteine, die die Liebenden vergeblich umfassen. Und ihre Augen, die tief in einander tauchten, standen noch weit offen und fuhren fort, sich endlos, mit einer sanften Liebkosung anzusehen, die niemals mehr gestört werden sollte. O Gott, war es also wahr, daß er diese Benedetta geliebt, mit einer so reinen, von jedem selbstsüchtigen Gedanken freien Liebe geliebt hatte? Und die köstlichen Stunden, die er in ihrer Nähe, in einem erlesenen Freundschaftsbunde verlebt hatte, der so süß war wie Liebe, bewegten Pierre bis in die tiefste Seele. Sie war so schön, so klug, so voll brennender Leidenschaft! Er selbst hatte einen so schönen Traum geträumt: seine befreiende Bruderliebe sollte dieses wunderbare Geschöpf mit der Feuerseele und dem lässigen Gehaben beleben; er sah in ihr das ganze alte Rom, das er für das Italien von morgen wecken und erobern hätte mögen. Er träumte davon, sie zu belehren, ihr durch die Liebe zu den Armen und Kleinen, die Flut des zeitlichen Erbarmens für Dinge und Wesen Herz und Geist zu erweitern. Jetzt hätte ihn das ein wenig zum Lächeln gebracht, wenn er nicht von Thränen überflossen wäre. Wie reizend war sie gewesen, während sie sich bemühte, ihn zufriedenzustellen, trotzdem unbesiegliche Hindernisse, Rasse, Erziehung, Umgebung sie abhielten, ihm zu folgen! Sie war eine fügsame Schülerin, aber wirklichen Fortschrittes nicht fähig. Dennoch schien sie sich ihm eines Tages zu nähern, als ob das Leid ihr Herz allem Erbarmen geöffnet hätte. Dann kam die Illusion des Glückes hinzu und sie hatte das Elend der anderen nicht mehr begriffen, war in der Selbstsucht ihrer eigenen Hoffnung und Freude aufgegangen. Großer Gott, kam es daher, daß dieses zum Verschwinden verurteilte Geschlecht so enden mußte? Es war manchmal noch so schön, so anbetungswürdig, aber so verschlossen gegen die Liebe zu den anderen, gegen das Gesetz der Nächstenliebe und Gerechtigkeit, das durch Regelung der Arbeit fortan allein die Welt retten konnte. Dann regte sich in Pierre noch eine andere Verzweiflung, die ihn stammeln machte und keine ausdrücklichen Gebete finden ließ. Der Gewaltstreich war ihm eingefallen, der die beiden Kinder durch eine vernichtende Wiedervergeltung der Natur hinweggerafft hatte. Welch ein Hohn! Sie hatte der Jungfrau versprochen, nur dem erwählten Gatten das Geschenk ihrer Jungfräulichkeit zu bieten, sie hatte ihr ganzes Leben lang unter diesem Schwur wie unter einem Büßerhemde geblutet, um sich zuletzt im Tode, rasend vor Reue, brennend vor Verlangen, ganz hinzugeben, dem Geliebten in die Arme zu werfen! Und sie hatte sich mit der Raserei eines letzten Protestes hingegeben – die brutale Thatsache der drohenden Trennung, die sie auf die Täuschung aufmerksam machte und zu dem Instinkt der allgemeinen Liebe zurückführte, genügte. Das war wieder eine Niederlage der Kirche, das war wieder der große Pan, der Säer der Keime, der die Paare mit seiner stetig befruchtenden Geberde vereinigt. Wenn auch die Kirche zur Zeit der Renaissance unter dem Ansturm der aus dem alten römischen Boden ausgegrabenen Venusse und Herkulesse nicht zusammengebrochen war, so setzte sich der Streit doch ebenso grimmig fort und zu jeder Stunde drohten die neuen, von Saft überströmenden, nach Leben hungernden Völker, im Kampfe gegen eine Religion, die nur ein Gelüst nach dem Tode war, das alte katholische Gebäude niederzureißen, dessen Mauern schon von allen Seiten zusammenbrachen. Und in diesem Augenblick hatte Pierre das Gefühl, daß der Tod dieser anbetungswürdigen Benedetta das höchste Unglück für ihn war. Er sah sie immerzu an und Thränen brannten in seinen Augen. Sie vernichtete sein Traumbild vollends. So wie am Abend zuvor, im Vatikan, vor dem Papst fühlte er seine letzte Hoffnung, die so ersehnte Auferstehung des alten Rom zu einem Rom voll Jugend und Wohlfahrt zusammenstürzen. Diesmal war es wahrlich zu Ende: Rom, das katholische, das fürstliche Rom war tot. Wie eine Marmorstatue lag es auf diesem Totenbette. Es hatte nicht zu den Geringen, den Leidenden dieser Welt, dringen können, und war nun in dem ohnmächtigen Aufschrei seiner selbstsüchtigen Leidenschaft verschieden, als es zu spät zum Lieben und Zeugen war. Nie mehr würde es Kinder gebären; das alte römische Haus war fortan leer, unfruchtbar und ein Erwachen nicht mehr möglich. Pierre, dessen Seele die teure Tote verwitwet, in Trauer um einen so großen Traum zurückgelassen hatte, empfand, als er sie so unbeweglich und eisig daliegen sah, einen solchen Schmerz, daß er sich schwach werden fühlte. Trübte das fahle, von den gelben Flecken der zwei Kerzen gestirnte Tageslicht sein Auge? Betäubte ihn der in der Todesluft noch trägere Rosenduft wie ein Rausch? Brauste das dumpfe, stetige Gemurmel des hinter ihm seine Messe beendenden amtirenden Priesters in seinem Schädel und hinderte ihn, seine Gebete wiederzufinden? Er fürchtete quer über die Stufe zu fallen, richtete sich mühsam auf und trat beiseite. Dann, als er sich in eine Fensternische flüchtete, um sich zu erholen, traf er dort zu seinem Erstaunen Victorine, die auf einem halb versteckten Bänkchen saß. Donna Serafina hatte es ihr befohlen; sie wachte aus diesem Winkel über ihre zwei teuren Kinder, wie sie sie nannte, und ließ die Eintretenden und Fortgehenden nicht aus den Augen. Als sie sah, wie bleich und einer Ohnmacht nahe der junge Priester war, ließ sie ihn sofort sich niedersetzen. »Ach,« sagte er sehr leise, nachdem er tief aufgeatmet hatte, »mögen sie wenigstens die Freude haben, anderswo zusammen zu leben, in einer andern Welt zu einem neuen Leben zu erwachen!« Sie zuckte leicht die Achseln und antwortete ebenfalls mit sehr leiser Stimme: »O, Herr Abbé, erwachen! Wozu denn? Hören Sie mal, wenn man tot ist, da ist es noch am besten, man bleibt tot und schläft. Die armen Kinder haben auf Erden Kummer genug gehabt; man darf ihnen nicht wünschen, daß es anderswo noch einmal anfängt.« Dieses so naive und tiefe Wort der ungebildeten Ungläubigen jagte Pierre einen Schauer durch die Knochen. Und ihm, ihm hatten manchmal nachts, bei dem plötzlichen Gedanken an das Nichts vor Angst die Zähne geklappert! Sie kam ihm heldenhaft vor, weil sie nicht von Gedanken an Ewigkeit und Unendlichkeit beunruhigt ward. Ach, wenn alle Welt die ruhige Irreligiosität, die so weise, so heitere Sorglosigkeit des ungläubigen, gemeinen französischen Volkes besäße – was für eine plötzliche Ruhe, was für ein glückliches Leben würde unter den Menschen herrschen! Und da sie fühlte, wie er erzitterte, setzte sie hinzu: »Was soll denn noch nach dem Tode sein? Man hat sich den Schlaf wohl verdient; das ist noch das wünschenswerteste und tröstlichste. Wenn Gott die Guten belohnen und die Bösen bestrafen müßte, hätte er wirklich viel zu thun. Ist ein solches Gericht auch nur möglich? Ist denn nicht das Gute und das Böse in einem jeden so vermischt, daß es das beste wäre, alle Welt freizusprechen?« »Aber diese beiden da, die so liebenswert, so geliebt waren, haben nicht gelebt,« murmelte er. »Warum sich nicht die Freude machen, zu glauben, daß sie anderswo belohnt und ewig Arm in Arm von neuem leben werden?« Sie schüttelte abermals den Kopf. »Nein, nein! ... Ich hab' es ja immer gesagt, daß meine arme Benedetta unrecht hatte, sich mit dem Gedanken an die andere Welt zu martern, indem sie sich ihrem Geliebten verweigerte, der sich so nach ihr sehnte! Wenn sie nur gewollt hätte – ich hätt' ihr den Geliebten in ihr Zimmer gebracht, ohne Standesamt und auch ohne Pfarrer! Das Glück ist so selten! Später, wenn keine Zeit mehr dazu ist, bereut man es so sehr! ... Ja, das ist die ganze Geschichte dieser beiden armen Herzchen. Es ist zu spät für sie, sie sind tot und es hilft nichts, wenn man die Liebenden unter die Sterne versetzt – sehen Sie, wenn man 'mal tot ist, ist man's; von dem Umarmen wird ihnen nicht mehr warm noch kalt.« Nun überwältigten sie ebenfalls die Thränen; sie schluchzte. »Die armen Kleinen! die armen Kleinen! Wenn man bedenkt, daß sie nicht einmal eine hübsche Nacht gehabt haben und jetzt die große Nacht da ist, die nicht mehr endet! ... Sehen Sie sie doch an! Wie weiß sie sind! Und denken Sie daran, wenn von den beiden Köpfen auf dem Kissen nichts mehr als die Knochen übrig sein werden, wenn nur die Knochen ihrer Arme sich noch umschlingen werden? ... Ach, mögen sie nur schlafen, mögen sie nur schlafen! Wenigstens wissen, wenigstens fühlen sie nichts mehr!« Wieder trat eine lange Stille ein. Pierre, von dem Schauer seines Zweifels, von dem angstvollen Verlangen nach Ueberleben geschüttelt, blickte die Frau an, deren »schwache Seite« die Pfarrer nicht waren, die sich in ihrer bescheidenen, dienenden Stellung, seit fünfundzwanzig Jahren in ein fremdes Land verschlagen, dessen Sprache sie nicht einmal hatte erlernen können, ihre beauceronnische Freimütigkeit bewahrt hatte, die so friedlich und mit ihrer erfüllten Pflicht so zufrieden aussah. Ach ja, wer so sein könnte wie sie, wer das schöne Gleichgewicht eines gesunden, beschränkten Wesens haben könnte, das sich mit der Erde begnügte, das sich abends, nach Erfüllung des Tagewerkes, vollständig befriedigt niederlegte, unter der Bedingung, nie mehr zu erwachen! Aber Pierre, der den Blick wieder auf das Totenlager gerichtet hatte, erkannte jetzt den alten Priester, der auf der Stufe kniete; man hatte seine Züge nicht erkennen können, weil er, von Schmerz niedergedrückt, den Kopf gesenkt hielt. »Ist das nicht der Abbé Pisoni, der Pfarrer von S. Brigitta, wo ich ein paar Messen las? Ach, der Arme, wie er weint!« »Er hat Grund dazu,« antwortete Victorine mit ihrer ruhigen Stimme. »An dem Tage, an dem es ihm einfiel, meine arme Benedetta mit dem Grafen Prada zu verheiraten, hat er wirklich einen schönen Streich gemacht. All die Greuel wären nicht eingetreten, wenn man dem lieben Kinde gleich ihren Dario gegeben hätte. Aber in dieser blöden Stadt sind sie alle toll mit ihrer Politik; der dort, der doch ein so braver Mann ist, glaubte ein wahres Wunder gethan und die Welt gerettet zu haben, indem er Papst und König vermählte, wie er mit dem sanften Lachen eines alten Gelehrten sagte, der nie etwas anderes als die alten Steine geliebt hat: Sie wissen ja, ihren alten Plunder, ihre patriotischen Ideen von vor hunderttausend Jahren. Und Sie sehen, heute weint er, was er weinen kann ... Der andere war auch da – es sind noch keine zwanzig Minuten her – der Pater Lorenzo, der Jesuit, der nach dem Abbé Pisoni der Beichtvater der Contessina war und das, was dieser machte, wieder rückgängig gemacht hat. Ja, ein schöner Mann, auch einer, der das Verpfuschen versteht, der das Glücklichsein hindert. Was für tückische Verwicklungen er in die Scheidungsgeschichte brachte! ... Es wäre mir lieb gewesen, wenn Sie dagewesen wären, um zu sehen, wie er erst niederkniete und dann ein großes Kreuzeszeichen machte. Er hat nicht geweint, o, der nicht! Er schien zu sagen, wenn die Sache so übel ausgegangen sei, so komme das daher, weil Gott sich zuletzt ganz davon zurückgezogen hätte. Um so schlimmer für die Toten!« Sie sprach leise, unaufhaltsam, als erleichtere es sie, sich nach den schrecklichen Stunden der Verwirrung und Beklemmung, die sie seit gestern durchlebte, das Herz ausschütten zu können. »Und die dort,« fuhr sie leiser fort. »Erkennen Sie sie nicht?« Sie wies mit dem Blick auf das ärmlich gekleidete junge Mädchen, das er für eine Dienerin gehalten, das der Kummer, ein furchtbarer Schmerz auf die Fliesen vor dem Bette niedergeschmettert hatte. Sie hatte sich eben mit einer Bewegung rasenden Leidens aufgerichtet und den Kopf zurückgeworfen – einen Kopf von außerordentlicher Schönheit, von dem wunderbarsten schwarzen Haar überflutet. »Die Pierina!« sagte er. »Die Arme!« Victorine machte eine mitleidige, duldsame Geberde. »Was sollte ich thun? Ich habe ihr erlaubt, heraufzukommen. Ich weiß nicht, wieso sie das Unglück hat erfahren können. Freilich streicht sie immerzu um den Palast. Sie ließ mich also herunterrufen ... wenn Sie gehört hätten, wie sie mich anflehte, wie sie mich mit lautem Schluchzen um die Gnade bat, sich ihren Fürsten noch einmal ansehen zu dürfen! ... Mein Gott, da auf Erden schadet es niemand, wenn sie alle beide mit ihren schönen, verliebten Augen voll Thränen ansieht. Sie ist seit einer halben Stunde da; ich habe mir vorgenommen, sie hinauszuschaffen, wenn sie sich nicht gut aufführt. Aber da sie vernünftig ist und sich nicht einmal rührt – mag sie bleiben und sich das Herz fürs ganze Leben anfüllen!« Und wahrlich, diese Pierina, diese Tochter der Unwissenheit, der Leidenschaft und Schönheit, war ein erhabener Anblick, wie sie so zerschmettert, vernichtet zu Füßen des Brautbettes lag, auf dem die beiden umschlungenen Liebenden im Tode ihre erste und ewige Nacht zubrachten. Sie hatte sich auf die Hacken niedergelassen, ließ ihre zu schweren Arme mit ausgespreizten Händen herabhängen und verwandte, das Gesicht emporgerichtet, unbeweglich, wie in der Verzückung der Agonie erstarrt, keinen Blick von dem herrlichen, tragischen Paare. Nie noch hatte ein Menschenantlitz so schön ausgesehen, so in der Pracht des Schmerzes und der Liebe geleuchtet. Mit ihrer königlichen Stirn, ihren stolz anmutigen Wangen, ihrem göttlich vollkommenen Munde glich sie dem antiken Schmerz; aber sie war voll zuckenden Lebens. Woran dachte sie, was litt sie, während sie starr ihren Fürsten betrachtete, der nun für ewig im Arm ihrer Nebenbuhlerin lag? Erstarrte eine Eifersucht, für die kein Ende möglich war, das Blut in ihren Adern? Oder war es eher der bloße Schmerz, ihn verloren zu haben, sich sagen zu müssen, daß sie ihn zum letztenmal sehe – ohne Haß gegen dies andere Weib, das ihn vergeblich mit ihrem eigenen Leibe zu erwärmen versuchte, der ebenso kalt war wie der seine? Ihre verschleierten Augen blieben dennoch sanft, ihre bitter verzogenen Lippen bewahrten ihren zärtlichen Ausdruck. Sie kamen ihr so rein, so schön vor, wie sie da zwischen dieser Blumenfülle ruhten! Und sie, in ihrer eigenen Schönheit, ihrer königlichen, unbewußten Schönheit lag atemlos da – wie eine geringe Magd, wie eine liebende Sklavin, der ihre Herren im Sterben das Herz ausgerissen und mitgenommen haben. Jetzt traten unaufhörlich, langsamen Schrittes, mit trauernder Miene Leute ein, knieten nieder, beteten ein paar Minuten lang und entfernten sich dann wieder mit derselben stummen, trostlosen Miene. Pierre krampfte sich das Herz zusammen, als er so auch die Mutter Darios, die noch immer schöne Flavia kommen sah. Sie ward korrekterweise von ihrem Gatten, dem schönen Jules Laporte, dem einstigen Sergeanten der Schweizer Garde, begleitet, aus dem sie einen Marquis Montefiori gemacht hatte. Sie war am Abend zuvor dagewesen, nachdem man sie von dem Tode benachrichtigt hatte; aber nun kam sie zeremoniös, in tiefe Trauer gekleidet, wieder. Sie war prächtig in all dem Schwarz, das zu ihrer etwas starken, junonischen Majestät sehr gut paßte. Als sie sich mit königlichem Anstand dem Bette genähert hatte, blieb sie einen Augenblick stehen; zwei Thränen, die nicht herabflossen, hingen am Rande ihrer Lider. Dann, ehe sie niederkniete, überzeugte sie sich, daß Jules an ihrer Seite sei und gebot ihm mit einem Blick, ebenfalls neben ihr niederzuknieen. Beide neigten sich am Rande der Stufe und verharrten die passende Zeit über im Gebet; sie gab sich sehr würdig und niedergeschlagen, er noch viel besser als sie, mit der vollendeten Verzweiflung eines Mannes, der in allen Verhältnissen des Lebens, selbst in den ernstesten, am rechten Platze ist. Dann erhoben sich beide und verschwanden durch die Thür, die zu den Gemächern führte, wo der Kardinal und Donna Serafina die Familie und die vertrauten Freunde empfingen. Fünf Damen traten in einer Reihe ein, während zwei Kapuziner und der spanische Botschafter beim heiligen Stuhl hinausgingen. »Ah, da ist die kleine Prinzessin!« sagte plötzlich Victorine, die seit einigen Minuten geschwiegen hatte. »Und wie betrübt! Sie hat unsere Benedetta sehr geliebt!« Pierre sah in der That Celia eintreten, die für diesen gräßlichen Abschiedsbesuch ebenfalls Trauer angelegt hatte. Hinter ihr hielt die Kammerfrau, von der sie sich hatte begleiten lassen, unter jedem Arm einen ungeheuren Strauß weißer Rosen. »Die liebe Kleine!« murmelte Victorine wieder. »Sie wollte, daß ihre Hochzeit mit ihrem Attilio zu gleicher Zeit stattfinde wie die Hochzeit der beiden armen Toten, die da ruhen! Jetzt sind sie ihr zuvorgekommen; sie haben schon Hochzeit gehalten; ihre Brautnacht ist schon da!« Celia war sofort niedergekniet und hatte das Kreuzzeichen gemacht. Aber augenscheinlich betete sie nicht; mit verzweifeltem Staunen betrachtete sie die beiden teuren Liebenden, die sie so weiß, so kalt, in solcher Marmorschönheit wiederfand. Wie, nur wenige Stunden hatten dazu genügt? Das Leben war entflohen, diese Lippen würden sich nie mehr küssen? Sie sah sie noch vor sich, wie sie inmitten jener Ballnacht in lebendiger Liebe gestrahlt, triumphirt hatten. Ein wütender Protest stieg aus ihrem jungen, dem Leben offenstehenden, nach Lust und Sonnenlicht dürstenden Herzen gegen den albernen Tod auf. Dieser Zorn, dieser Schrecken, dieser Schmerz angesichts des Nichts, in dem alle Leidenschaft erstarrt, waren deutlich auf ihrem unschuldigen Gesichte zu lesen, das einer reinen, geschlossenen Lilie glich. Nie hatte ihr Unschuldsmund mit den über den weißen Zähnen geschlossenen Lippen, nie hatten ihre wie Quellwasser klaren, grundlosen Augen mehr das unergründliche Geheimnis, das Leben der Leidenschaft ausgedrückt, das sie nicht kannte, in das sie nun eintrat, das sich gleich an der Schwelle an diesen zärtlich geliebten Toten stieß, deren Verlust ihr das Herz aufwühlte. Sachte schloß sie die Augen und bemühte sich, zu beten, während jetzt große Thränen aus ihren gesenkten Lidern flossen. Eine Weile verstrich in der bebenden Stille, die nur von dem leisen Geräusch der daneben zelebrirten Messe unterbrochen ward. Endlich erhob sie sich und ließ sich von der Kammerfrau die zwei weißen Rosensträuße geben, die sie selbst auf das Bett niederlegen wollte. Auf der Stufe stehend, zögerte sie etwas; zuletzt legte sie sie rechts und links auf das Kissen, auf dem die beiden Köpfe ruhten, als hätte sie sie mit diesen Blumen gekrönt. Sie mischte sie mit ihrem Haar und überduftete ihre jungen Stirnen mit diesem so süßen und so starken Wohlgeruch. Aber auch als ihre Hände nun leer waren, entfernte sie sich nicht, sondern blieb ganz in der Nahe, über sie gebeugt, stehen und suchte zitternd nach etwas, was sie ihnen noch sagen, was sie ihnen auf ewig zurücklassen könnte. Und sie fand es; sie beugte sich tiefer herab und drückte zwei lange Küsse, ihre ganze tiefe, liebende Seele auf die eisigen Stirnen der Gatten. »Ach, die wackere Kleine,« sagte Victorine, deren Thränen flossen. »Sie haben es gesehen, sie küßte sie. Daran hat noch niemand gedacht, nicht einmal die Mutter. Ach, das wackere Herzchen! Sicherlich hat sie dabei an ihren Attilio gedacht.« Als Celia sich umdrehte, um die Stufen hinabzusteigen, erblickte sie Pierina, die in stummer, schmerzlicher Anbetung noch immer halb zurückgeworfen dalag. Sie erkannte sie und wurde besonders gerührt, als sie sah, wie ein so lautes Schluchzen sie ergriff, daß ihr ganzer Körper, ihre Hüften und ihr Göttinnenhals davon furchtbar geschüttelt ward. Dieser Liebesschmerz erschütterte sie; alles übrige ging in diesem Unglück unter. Man hörte, wie sie halblaut, mit unendlich mitleidigem Ton sagte: »Meine Liebe, beruhigen Sie sich, beruhigen Sie sich. Ich bitte Sie, seien Sie vernünftiger, meine Liebe.« Als Pierina aber vor Ueberraschung, daß man sie so bedauerte und ihr beisprang, noch lauter schluchzte und im Begriffe war, Aergernis zu geben, hob Celia sie auf und stützte sie, aus Furcht, daß sie zu Boden fallen könne, mit beiden Armen. Dann führte sie sie in schwesterlicher Umarmung, wie eine Schwester in Liebe und Verzweiflung aus dem Saale, indem sie die sanftesten Worte an sie verschwendete. »Gehen Sie ihnen doch nach, sehen Sie zu, was aus ihnen wird,« sagte Victorine zu Pierre. »Ich will nicht von hier fort; es beruhigt mich, wenn ich die teuren Kinder bewachen kann.« An dem improvisirten Altar begann ein anderer Priester, ein Kapuziner, eine neue Messe; abermals erhob sich der dumpfe, lateinische Psalmengesang, während aus dem Nebensaal die Glöckchen der Aufhebung in das undeutliche Gemurmel der daneben abgehaltenen Messe tönten. Der Blumenduft wurde in der trüben, unbeweglichen Luft des ungeheuren Saales immer stärker und schwerer und verwirrte schmeichelnd die Sinne. Im Hintergrunde standen die Bedienten wie bei einem Galaempfang und rührten sich nicht. Vor dem Paradebette, das die zwei blassen Kerzen wie Sterne erhellten, nahm das Trauerdefile geräuschlos seinen Fortgang; Frauen, Männer standen hier einen Augenblick und gingen dann wieder, das unvergeßliche Bild der ihren letzten Schlaf schlummernden tragischen Liebenden mit sich nehmend. Pierre holte Celia und Pierina in dem Ehrenvorsaal ein, in dem sich Don Vigilio aufhielt. Man hatte dort die paar Stühle aus dem Thronsaal in eine Ecke getragen und die kleine Prinzessin halte die Arbeiterin genötigt, sich auf einen Fauteuil niederzusetzen, damit sie sich ein wenig erhole. In Ekstase stand sie vor ihr, voll Entzücken über ihre Schönheit – sie sei schöner als alle, sagte sie. Dann sprach sie wieder von den zwei teuren Toten, die ihr ebenfalls sehr schön erschienen waren. Es war eine stolze und sanfte, außerordentliche Schönheit. Inmitten ihrer Thränen riß sie die Begeisterung hin. Als der Priester Pierina zum Reden brachte, erfuhr er, daß Tito, ihr Bruder, mit einer von einem schrecklichen Messerstiche durchbohrten Seite in großer Gefahr im Hospital liege; und seit dem Beginn des Winters war das furchtbare Elend auf den Prati del Castello noch gewachsen. Alle Welt hatte großen Kummer; die, die der Tod hinwegraffte, mußten sich freuen. Aber Celia verscheuchte mit einer Gebende unbesiegbarer Hoffnung das Leid, den Tod selbst. »Nein, nein, man muß leben. Und, meine Liebe, wenn man schön ist, genügt das, um zu leben. Gehen Sie, meine Liebe, bleiben Sie nicht da; weinen Sie nicht mehr, leben Sie für die Freude, schön zu sein.« Sie führte sie hinaus und Pierre blieb ans einem der Fauteuils sitzen; eine solche müde Traurigkeit überkam ihn, daß er Lust hatte, sich nie mehr zu rühren. Don Vigilio fuhr fort, jeden Besucher mit einer Reverenz zu begrüßen. In der Nacht hatte er einen Fieberanfall gehabt; er zitterte noch davon, war sehr gelb und seine Augen brannten unruhig. Er warf fortwährend Blicke auf Pierre, als verzehre ihn der Wunsch, mit ihm zu sprechen; aber die Angst, daß der Abbé Paparelli ihn durch die weit offenstehende Thür des Nebenvorzimmers sehen könne, bekämpfte zweifellos diesen Wunsch, denn er horte auch nicht auf, den Schleppträger lauernd zu beobachten. Endlich mußte dieser sich auf einen Augenblick entfernen; Don Vigilio näherte sich dem Priester. »Sie waren gestern bei Seiner Heiligkeit?« Erstaunt sah Pierre ihn an. »O, ich habe es Ihnen ja schon gesagt, man erfährt alles. Was haben Sie gethan? Ganz einfach Ihr Buch zurückgezogen, nicht wahr?« Das wachsende Erstaunen des Priesters sagte ihm alles, ohne daß er ihm sogar Zeit zu einer Antwort gelassen hatte. »Ich dachte es mir, aber ich wollte Gewißheit darüber haben. Ach, das alles ist ihr Werk! Glauben Sie mir jetzt, sind Sie überzeugt, daß sie die ersticken, die sie nicht vergiften?« Er mußte wohl von den Jesuiten sprechen. Vorsichtig streckte er den Hals aus und überzeugte sich, daß der Abbé Pavarelli noch nicht zurück sei. »Und was hat Ihnen Monsignore Nani vorhin gesagt?« »Verzeihung,« antwortete Pierre endlich, »ich habe Monsignore Nani noch nicht gesehen.« »O, ich glaubte... Er ist vor Ihnen durch diesen Saal gegangen. Wenn Sie ihn im Vorsaal nicht sahen, so wird er sich wohl zu Donna Serafina und Seiner Eminenz begeben haben, um sie zu begrüßen. Er wird sicherlich wieder vorbeikommen; Sie werden ihn sehen.« Dann setzte er mit der Bitterkeit des stets eingeschüchterten und besiegten Schwachen hinzu: »Ich habe es Ihnen ja vorausgesagt, daß Sie zuletzt das thun würden, was er will.« Aber er glaubte das leise Getrippel des Abbé Paparelli zu hören, kehrte rasch auf seinen Platz zurück und begrüßte zwei alte, eben eintretende Damen mit seiner Verbeugung. Pierre aber, der niedergedrückt, mit halbgeschlossenen Augen sitzen geblieben war, sah endlich die Gestalt Nanis in ihrer Wirklichkeit, ihrer höchsten Intelligenz und Diplomatie. Er erinnerte sich, was Don Vigilio ihm in jener famosen Enthüllungsnacht von jenem Manne erzählt hatte. Der Prälat war viel zu gewandt, um sich mit einem mißliebigen Kleide zu kennzeichnen; im übrigen war er bezaubernd, kannte die Welt durch seine Thätigkeit in den Nuntiaturen und im S. Offizio ans dem Grunde, nahm an allem teil, war in allem beschlagen, kurz, einer der Köpfe, eines der Gehirne der modernen schwarzen Armee, die mit ihrem Opportunismus das Jahrhundert zur Kirche zurückzuführen gedenkt. Plötzlich ward es vollständig Tag in ihm: er begriff, durch welche schmiegsame, bewunderungswürdige Taktik dieser Mann ihn zu dem Akt, den er von seinem scheinbar freien Willen erlangen wollte, zu dem rückhaltslosen Zurückziehen seines Buches geführt hatte. Zuerst hatte ihn bei der Nachricht von der Verfolgung des Buches ein lebhafter Aerger, die plötzliche Unruhe ergriffen, daß der exaltirte Verfasser zu irgend einer unangenehmen Empörung getrieben werden könne; sofort war sein Plan gefaßt, wurden Erkundigungen über diesen jungen, des Schisma fähigen Priester eingezogen, seine Reise nach Rom bewirkt und ihm die Einladung übermittelt, in einem alten Paläste abzusteigen, dessen bloße Mauern ihn erstarren und belehren sollten. Dann kamen von da an die unaufhörlich neu entstehenden Hindernisse; sein Aufenthalt wurde verlängert, indem man ihn hinderte, den Papst zu sprechen, indem man versprach, ihm die heißersehnte Audienz zu verschaffen, sobald die Stunde gekommen sei, nachdem man ihn alles anstoßen hatte lassen, nachdem man ihn überall herumgeführt hatte – von Monsignore Fornaro zum Pater Dangelis, vom Kardinal Sarno zum Kardinal Sanguinetti. Dann kam endlich, als die Dinge und Menschen ihn wankend, matt gemacht, mit Ekel erfüllt, dem Zweifel wieder ausgeliefert hatten, die Audienz, auf die man ihn seit drei Monaten vorbereitete, dieser Besuch beim Papst, der seinen Traum vollends in ihm töten sollte. Jetzt sah er Nani wieder vor sich, mit seinem feinen Lächeln, den hellen Augen eines klugen Staatsmannes, den ein Experiment belustigte; er hörte ihn wieder mit seiner leicht spöttischen Stimme wiederholen, daß es eine wahre Gnade der Vorsehung sei, wenn diese Verzögerungen ihm gestatteten, Rom zu besichtigen, nachzudenken, zu verstehen. Das sei ein ganzer Unterricht, eine ganze Erziehung, die ihm manche Fehler ersparen würde. Und er, der mit seiner Apostelbegeisterung angekommen war – der gebrannt hatte, zu kämpfen, der geschworen, niemals sein Buch zurückzuziehen! War es nicht die heikelste, die höchste Diplomatie, derart sein Gefühl an seiner Vernunft zerschellt zu haben, indem man sich an seine Intelligenz wendete, damit sie ohne ärgernisgebenden Kampf das unnütze, falsche Buch unterdrücke – etwas, was sich von selbst ergeben mußte, sobald sie angesichts des wirklichen Rom einsah, wie ungeheuer lächerlich es wäre, von einem neuen Rom zu träumen? In diesem Augenblick erblickte Pierre Monsignore Nani, der aus dem Thronsaal kam; aber er empfand nicht das Gefühl der Gereiztheit und Erbitterung, das er erwartet hatte. Im Gegenteil, er war glücklich, als der Prälat, nachdem er ihn ebenfalls bemerkt hatte, herankam und ihm die Hand reichte. Aber er lächelte nicht wie gewöhnlich; seine Miene war sehr ernst, schmerzlich betroffen. »Ach, mein lieber Sohn, was für eine entsetzliche Katastrophe! Ich komme von Seiner Eminenz. Er schwimmt in Thränen. Das ist furchtbar, furchtbar!« Er setzte sich auf einen der Stühle nieder, indem er den Priester ebenfalls zum Sitzen einlud, und schwieg einen Augenblick; zweifellos war er vor Aufregung matt und bedurfte dieser paar Minuten Ruhe, um sich von der Last der Betrachtungen zu erholen, die sichtbarlich sein helles Gesicht verdüsterten. Dann schien er diesen Schatten mit einer Geberde verscheuchen zu wollen und fand sein liebenswürdig gefälliges Benehmen wieder. »Nun, mein lieber Sohn, Sie haben mit Seiner Heiligkeit gesprochen?« »Ja, Monsignore, gestern abend, und ich danke Ihnen für die große Güte, mit der Sie meinen Wunsch befriedigten.« Nani sah ihn starr an, während ein unbezwingliches Lächeln auf seinen Lippen erschien. »Sie danken mir. Ich sehe, Sie sind verständig gewesen und haben sich zu den Füßen Seiner Heiligkeit vollständig unterworfen. Ich war davon überzeugt, ich hatte von Ihrer hohen Intelligenz nichts anderes erwartet. Aber Sie machen mich doch sehr glücklich, denn ich konstatire mit Entzücken, daß ich mich in Ihnen nicht getäuscht habe.« Er vergaß sich und fügte hinzu: »Ich habe nie mit Ihnen diskutirt. Wozu denn, da die Thatsachen da waren, um Sie zu überzeugen? Und jetzt, wo Sie Ihr Buch zurückgezogen haben, wäre jede Diskussion noch unnützer. Trotzdem, bedenken Sie wohl: wenn es in Ihrer Macht läge, die Kirche zu ihrem Anfang, zu jener christlichen Gemeinde zurückzuführen, von der Sie eine so köstliche Schilderung entwarfen, so könnte sich die Kirche doch nur von neuem in jener Bahn bewegen, in die Gott sie einmal geführt hat, so daß sie nach Ablauf von ebenso viel Jahrhunderten genau wieder dort stünde, wo sie jetzt steht. Nein, Gott hat das, was er gethan hat, wohl gethan; die Kirche, so wie sie ist, muß die Welt regieren, so wie sie ist und sie allein hat zu wissen, wieso sie ihr Reich hienieden zuletzt sichern wird. Darum war Ihr Angriff gegen die weltliche Herrschaft ein unverzeihlicher Fehler, ein Verbrechen; denn indem Sie das Papsttum seiner Herrschaft entsetzen, liefern Sie es der Gnade der Völker aus. Ihre neue Religion ist nur der endgiltige Zusammenbruch aller Religion, die moralische Anarchie, die Erlaubnis zum Schisma, mit einem Wort die Zerstörung des göttlichen Gebäudes, jenes uralten, an Weisheit und Festigkeit so reichen Katholizismus, der bisher zum Heil der Menschen genügt hat, der allein sie zu retten vermag – morgen und bis in Ewigkeit.« Pierre fühlte, daß er aufrichtig fromm war, einen wirklich unerschütterlichen Glauben besaß und die Kirche wie ein dankbarer Sohn liebte, fest überzeugt, daß sie die schönste, die einzige soziale Organisation sei, die die Menschheit glücklich machen könne. Wenn er die Welt zu regieren gedachte, so herrschte wohl die Freude am Regieren selbst vor, aber er war auch überzeugt, daß niemand sie besser regieren würde als er. »O, gewiß, über die Mittel und Wege kann man streiten! Ich für meinen Teil will freundliche, möglichst humane Mittel, solche, die ganz mit dem Jahrhundert verträglich sind, das uns zu entschlüpfen scheint – gerade weil zwischen ihm und uns ein einfaches Mißverständnis besteht. Aber wir werden es zurückführen, davon bin ich überzeugt ... Und darum, mein lieber Sohn, freut es mich, Sie in unsern Schoß zurückkehren zu sehen, eins mit uns in Gedanken, bereit mit uns zu kämpfen – nicht wahr?« Der Priester fand darin alle Argumente Leos XIII. wieder. Da er, nun keinen Zorn mehr, aber noch immer die offene Wunde seines herausgerissenen Traumes empfindend, eine direkte Antwort vermeiden wollte, verbeugte er sich abermals und sprach langsamer, um das bittere Zittern seiner Stimme zu verbergen: »Ich wiederhole, Monsignore, wie sehr ich Ihnen dankbar bin, daß Sie mich mit der geschickten Hand eines vollendeten Chirurgen von meinen eitlen Illusionen befreiten. Morgen, wenn ich nicht mehr leiden werde, werde ich Ihnen eine ewige Dankbarkeit bewahren.« Monsignore Nani fuhr fort, ihn lächelnd anzusehen. Er begriff sehr wohl, daß dieser junge Priester sich abseits halten würde, eine für die Kirche verlorene Kraft war. Was würde er morgen thun? Zweifellos eine neue Dummheit begehen. Aber der Prälat mußte sich daran genügen lassen, daß er ihm geholfen hatte, die erste wieder gut zu machen; die Zukunft konnte er nicht voraussehen. Und er machte eine hübsche Geberde, wie um zu sagen, daß jeder Tag seiner Aufgabe genüge. »Mein lieber Sohn, erlauben Sie mir, zu schließen?« sagte er endlich. »Seien Sie verständig; Ihr Glück als Priester und Mensch liegt in der Demut. Sie werden schrecklich unglücklich sein, wenn Sie die wunderbare Intelligenz, die Gott Ihnen gegeben, gegen Gott anwenden.« Dann schob er mit einer abermaligen Geberde diese ganze Angelegenheit beiseite; sie war nun vollständig beendet, er brauchte sich nicht mehr um sie zu kümmern. Nun verdüsterte ihn wieder die andere Angelegenheit, die auch zu Ende ging – aber auf so tragische Weise, durch den blitzähnlichen Tod der beiden Kinder, die da drin im Nebensaal ruhten. »Ach, die arme Prinzessin, der arme Kardinal!« fuhr er fort. »Sie haben mir das Herz zerrissen! Noch nie ist eine, grausamere Katastrophe auf ein Haus herabgefahren. – Nein, nein, es ist zu viel! Das Unglück geht zu weit; die Seele empört sich dagegen!« Aber in diesem Augenblick ertönte aus dem zweiten Vorzimmer ein Stimmengeräusch und Pierre sah zu seinem Erstaunen den Kardinal Sanguinetti vorübergehen, den der Abbé Paparelli mit verdoppelter Ehrerbietung geleitete. »Wenn Eure Eminenz die Güte hätten, mir zu folgen, werde ich Eminenz selbst führen.« »Ja, ich bin gestern abend von Frascati zurückgekommen, und als ich die traurige Nachricht hörte, wollte ich sofort mein Beileid und meinen Trost überbringen.« »Eure Eminenz geruhe einen Augenblick, bei den Leichen zu verweilen, dann werde ich Ew. Eminenz zu Seiner Eminenz führen.« »Sehr wohl. Man soll wissen, welchen ungeheuren Anteil ich an der Trauer dieses illustren Hauses nehme.« Er verschwand im Thronsaal und Pierre, über eine solche Kühnheit erstaunt, blieb mit offenem Munde sitzen. Gewiß, er hielt ihn nicht für den unmittelbaren Mitschuldigen Santobonos, er wagte nicht, auszurechnen, bis wohin seine moralische Mitschuld reichte, aber als er ihn so vorübergehen sah, hocherhobenen Hauptes, mit so bestimmter Sprache, da empfing er die plötzliche, feste Ueberzeugung, daß er alles wisse. Wieso? Durch wen? Das hätte er nicht sagen können. Zweifellos auf die Weise, wie die Verbrechen in diesen finstern Tiefen, unter Leuten, die ein Interesse daran haben, sie zu erfahren, herauskommen. Er war starr über das hochmütige Auftreten dieses Mannes; er erschien vielleicht, um den Argwohn aufzuhalten, sicherlich aber, um einen Akt der Politik auszuführen, indem er seinem Nebenbuhler einen öffentlichen Beweis der Achtung und Liebe gab. »Der Kardinal, hier!« konnte er nicht umhin, zu murmeln. Monsignore Nani, der den Schatten der Gedanken Pierres in seinen Kinderaugen, die alles verrieten, verfolgte, stellte sich, als fasse er den Sinn dieses Ausrufs nicht richtig auf. »Ja, in der That, ich habe erfahren, daß er seit gestern abend wieder in Rom ist. Er legte Gewicht darauf, nicht länger fernzubleiben, da es dem heiligen Vater besser geht und er seiner bedürfen könnte.« Obwohl er das mit völlig unschuldiger Miene sagte, ließ sich Pierre keinen Augenblick dadurch irreführen, und nachdem er nun seinerseits den Prälaten angeblickt hatte, kam er zu der Ueberzeugung, daß auch er alles wisse. Mit einmal erschien ihm die ganze Sache in ihrer furchtbaren Verwicklung, in der ganzen Grausamkeit, die das Schicksal ihr verliehen hatte. Nani, ein alter vertrauter Freund des Palastes Boccanera, war doch gewiß nicht herzlos und liebte Benedetta, von soviel Schönheit und Anmut bezaubert, sicherlich. Das konnte erklären, warum er zuletzt in so sieghafter Weise die Annullirung der Ehe hatte aussprechen lassen. Aber Don Vigilio nach war diese um den Preis von Geld und unter dem Druck der offenkundigsten Einflüsse erlangte Scheidung einfach ein Skandal, den er anfangs in die Länge gezogen und dann einer aufsehenerregenden Lösung zugetrieben hatte, einzig und allein zu dem Zweck, den Kardinal am Vorabend des Konklaves, das alle Welt für nahe bevorstehend hielt, in Mißkredit zu bringen und von der Tiara zu entfernen. Uebrigens schien es außer Zweifel zu sein, daß der intransigente, gar nicht diplomatische Kardinal nicht der Kandidat des so geschmeidigen, eine allgemeine Einigung herbeisehnenden Nani sein konnte; so konnte die lange Arbeit des letzteren in diesem Hause, trotzdem sie der lieben Contessina zu ihrem Glücke verhalf, nichts anderes gewesen sein als die langsame; ununterbrochene Zerstörung des brennenden Strebens der Geschwister, der Kirche den dritten triumphirenden Papst aus ihrer alten Familie zu geben. Aber wenn er das auch immer gewollt, wenn er sich sogar einen Augenblick für den Kardinal Sanguinetti gestritten und seine Hoffnung auf ihn gesetzt hatte, so war es ihm doch nie eingefallen, daß es bis zu einem Verbrechen, bis zu dem albernen Greuel von einem an die falsche Adresse gelangenden und Unschuldige treffenden Gift kommen würde. Nein, nein, das war, wie er sagte, zu viel; dagegen empörte sich die Seele. Er bediente sich sanfterer Waffen; eine solche Roheit stieß ihn ab, erzürnte ihn. Auf seinem so rosigen, so gepflegten Gesicht lag noch der Ernst der Empörung, die ihn angesichts des weinenden Kardinals und dieser zwei traurigen, an seiner Stelle vernichteten Liebenden erfaßt hatte. Pierre, in der Meinung, daß der Kardinal Sanguinetti noch immer der geheime Kandidat des Prälaten sei, ward trotzdem von dem Verlangen gequält, zu erfahren, bis wohin die moralische Mitschuld des letzteren an diesem verruchten Geschehnis gehe. Er setzte das Gespräch fort. »Man sagt, daß Seine Heiligkeit auf Seine Eminenz den Kardinal Sanguinetti böse ist. Es ist natürlich, daß der regierende Papst den zukünftigen Papst nicht sehr gerne sieht.« Monsignore Nani ließ sich einen Augenblick in aller Offenheit gehen. »O, der Kardinal hat sich bereits drei- oder viermal mit dem Vatikan verzürnt und wieder ausgesöhnt! Auf jeden Fall braucht der heilige Vater keine posthume Eifersucht zu zeigen; er weiß, daß er Seine Eminenz sehr gut aufnehmen darf.« Dann bereute er es, sich so bestimmt ausgedrückt zuhaben und verbesserte sich: »Ich scherze. Seine Eminenz ist des hohen Lohns, der ihn vielleicht erwartet, vollständig würdig.« Aber Pierre war orientirt: der Kardinal Sanguinetti war sicherlich nicht mehr der Kandidat Monsignore Nanis. Zweifellos war er der Meinung, daß er von seinem ungeduldigen Ehrgeiz zu geschwächt und durch die zweideutigen Verbindungen, die er in seinem Fieber mit aller Welt, sogar mit dem jungen, patriotischen Italien geschlossen, auch zu gefährlich geworden sei. Die Situation klärte sich: der Kardinal Sanguinetti und der Kardinal Boccanera würden einander verschlingen, gegenseitig unterdrücken – der eine mit seinen unaufhörlichen Ränken, vor keinem Kompromiß zurückschreckend, erfüllt von dem Traum, Rom durch die Wahlen zurückzuerobern – der andere, unbeweglich und hochaufgerichtet in seiner Intransigenz, das Jahrhundert in den Bann thuend, das Wunder, das die Kirche retten sollte, von Gott allein erwartend. Warum sollte man die beiden, so einander gegenüber gestellten Theorien sich nicht mit allem Extremen und Beunruhigendem, was sie besaßen, zerstören lassen? Wenn Bocccanera auch dem Gift entgangen war, so hatte ihn das tragische Ereignis nichtsdestoweniger getroffen und er war durch die Geschichten, von denen ganz Rom summte, vernichtet, als Kandidat fortan unmöglich; und wenn Sanguinetti sich endlich eines Nebenbuhlers entledigt zu haben glaubte, so hatte er nicht eingesehen, daß er sich selbst traf, daß er zu gleicher Zeit seine eigene Kandidatur vernichtete, indem er ihr durch eine solche in den Mitteln wenig wählerische, für alle bedrohliche Sucht nach Macht schadete. Monsignore Nani war darüber sichtbarlich entzückt: also weder der eine noch der andere; der Platz war frei. Es war die Geschichte von jenen zwei legendenhaften Wölfen, die sich bekämpft und aufgefressen hatten, ohne daß etwas von ihnen übrig blieb – nicht einmal die Schwänze. Auf dem Grunde seiner blassen Augen, seiner ganzen diskreten Persönlichkeit war nichts mehr da als ein furchtbarer Unbekannter, der von der allmächtigen Armee, zu deren geschicktesten Führern er zählte, endgiltig gewählte und beschützte Kandidat. Ein solcher Mann war nie unbeteiligt, hatte stets eine Lösung bereit. Wer also, wer sollte der Papst von morgen sein? Er hatte sich erhoben und nahm von dem jungen Priester herzlichen Abschied. »Mein lieber Sohn, ich zweifle, ob ich Sie wiedersehen werde ... Ich wünsche Ihnen glückliche Reise ...« Trotzdem entfernte er sich nicht, sondern fuhr fort, Pierre mit seinem durchdringenden Blick anzusehen; zuletzt hieß er ihn sich wieder niedersetzen und ließ sich selbst wieder auf einen Stuhl nieder. »Hören Sie, Sie werden doch sicherlich, gleich nach Ihrer Ankunft in Frankreich, den Kardinal Bergerot begrüßen gehen ... Haben Sie die Güte, mich ihm ehrfurchtsvoll zu empfehlen. Ich kannte ihn flüchtig, als er hier war, um sich den Kardinalshut zu holen. Er ist eine der größten Leuchten des französischen Klerus ... Ach, wenn ein solcher Geist für die Eintracht in unserer heiligen Kirche arbeiten wollte! Leider besitzt er, fürchte ich, Vorurteile der Rasse und Umgebung; er hilft uns nicht immer.« Pierre hörte neugierig zu; er war überrascht, ihn so zum erstenmal, in dieser letzten Minute, von dem Kardinal sprechen zu hören. Aber dann that er sich keinen Zwang mehr an und antwortete mit aller Offenheit: »Ja, Seine Eminenz hat über unsere alte Kirche von Frankreich sehr bestimmte Ansichten. So bekennt er, ein wahres Grauen vor den Jesuiten zu empfinden.« Monsignore Nani unterbrach ihn mit einem leichten Ausruf und machte das erstaunteste, aufrichtigste Gesicht, das man sehen kann. »Wie, Grauen vor den Jesuiten? Womit können die Jesuiten ihn beunruhigen? Es gibt keine mehr, die Geschichte mit den Jesuiten ist aus! Haben Sie welche in Rom gesehen? Haben diese armen Jesuiten, die hier nicht einmal mehr einen Stein besitzen, auf dem sie ihr Haupt ausruhen lassen können, Sie in irgend etwas gestört? ... Nein, nein, dieser Popanz soll nicht wieder in Bewegung gesetzt werden! Das ist kindisch!« Nun sah Pierre ihn an; er wunderte sich über seine Ungezwungenheit, seine ruhige Kühnheit bei einer so brennenden Frage. Er wandte die Augen nicht ab und zeigte sein Gesicht offen, wie ein Buch der Wahrheit. »O, wenn Sie unter Jesuiten die verständigen Priester verstehen, die, statt sich mit den modernen Gesellschaften in unfruchtbare, gefährliche Kämpfe einzulassen, sich bemühen, sie mit Menschlichkeit zur Kirche zurückzuführen – mein Gott, dann sind wir alle mehr oder weniger Jesuiten, denn es wäre wahnsinnig, die Zeit, in der man lebt, nicht in Anschlag zu bringen ... Uebrigens hänge ich mich nicht an Worte! Was liegt daran! Also gut, Jesuiten, wenn Sie es so haben wollen, Jesuiten!« Er lächelte abermals. Es war sein hübsches, so seines Lächeln, in dem so viel Spott und so viel Geist lag. »Nun, wenn Sie den Kardinal Bergerot sehen, so sagen Sie ihm, daß es unvernünftig ist, die Jesuiten in Frankreich zu verfolgen, als Feinde der Nation zu behandeln. Gerade das Gegenteil ist wahr: die Jesuiten sind für Frankreich, weil sie für den Reichtum, für die Kraft und den Mut sind. Frankreich ist die einzige große katholische Nation, die noch aufrecht steht und herrscht, die einzige, auf die sich das Papsttum eines Tages fest stützen kann. Darum hat auch der heilige Vater, nachdem er einen Augenblick diese Stütze bei dem siegreichen Deutschland zu finden gehofft hatte, das Bündnis mit dem eben besiegten Frankreich geschlossen; denn er begriff, daß außer ihm kein Heil für die Kirche existire. Damit ist er aber nur der Politik der Jesuiten gefolgt, dieser schrecklichen Jesuiten, die euer Frankreich so haßt ... Sagen Sie außerdem dem Kardinal Bergerot, daß es sehr schön von ihm wäre, wenn er auf die Beruhigung hinarbeiten wollte, indem er zu verstehen gäbe, wie unrecht es von eurer Republik ist, dem heiligen Vater bei seinem Versöhnungswerk nicht mehr zu helfen. Er stellt sich, als halte er ihn für eine quantité négligeable ; das ist ein gefährlicher Fehler für Regierende, denn wenn er auch aller politischen Wirksamkeit beraubt zu sein scheint, so ist er nichtsdestoweniger eine ungeheure moralische Kraft, die zu jeder Stunde die Gewissen aufwühlen, religiöse Agitationen von unberechenbarer Tragweite bewirken kann. Immer ist er es, der über die Völker verfügt, da er über die Seelen verfügt; die Republik handelt sehr leichtfertig, sogar in seinem Interesse, wenn sie zeigt, daß sie ihn nicht mehr fürchtet ... Und sagen Sie ihm endlich, daß es ein wahrer Jammer ist, wenn man sieht, in welcher erbärmlichen Weise diese Republik ihre Bischöfe wählt, gerade als ob sie ihr Episkopat absichtlich schwächen wollte. Abgesehen von einigen glücklichen Ausnahmen, sind eure Bischöfe recht armselige Geister, und demzufolge haben eure Kardinäle, mittelmäßige Köpfe, hier gar keinen Einfluß, spielen sie hier gar keine Rolle. Ach, was für eine traurige Figur werdet ihr bei dem nächsten Konklave spielen! Warum behandelt ihr also die Jesuiten, die in der Politik eure Freunde sind, mit einem so albernen, so blinden Haß? Warum benützt ihr nicht ihren intelligenten Eifer, der euch zu dienen bereit ist, so daß ihr euch der Hilfe des Papstes von morgen versichert? Ihr braucht sie; er muß bei euch das Werk Leos XIII. fortsetzen, dieses Werk, das so schlecht beurteilt, so bekämpft wird, das sich wenig um kleine, zeitliche Ergebnisse kümmert, das vor allem für die Zukunft, für die Vereinigung aller Völker in ihrer heiligen Mutter, der Kirche, arbeitet ... Sagen Sie das dem Kardinal Bergerot, sagen Sie ihm, daß er mit uns sein soll, daß er für sein Land arbeitet, in dem er für uns arbeitet. Der Papst von morgen! Aber darin liegt ja alles! Wehe Frankreich, wenn es nicht in dem Papste von morgen einen Fortsetzer Leos XIII. findet!« Er hatte sich abermals erhoben, und diesmal ging er wirklich. Noch nie hatte er sich in dieser Weise, so lange ausgelassen. Aber sicherlich hatte er nur das gesagt, was er sagen wollte, und zwar zu einem Zweck, den er allein kannte; man fühlte, daß jedes seiner mit fester Langsamkeit und Milde gesprochenen Worte gereift, im voraus erwogen war. »Adieu, mein lieber Sohn! Und nochmals, denken Sie über alles nach, was Sie in Rom gesehen und gehört haben; seien Sie recht vernünftig, verderben Sie Ihr Leben nicht.« Pierre verneigte sich und drückte die kleine, fette und geschmeidige Hand, die der Prälat ihm reichte. »Ich danke Monsignore nochmals für die bewiesene Güte und seien Monsignore überzeugt, daß ich nichts von meiner Reise vergessen werde.« Er sah ihm nach, wie er in seiner seinen Sutane, mit seinem leichten, erobernden Schritt, der allen Siegen der Zukunft entgegen zu gehen glaubte, verschwand. Nein, nein, er würde nichts von seiner Reise vergessen! Er kannte jetzt diese Vereinigung aller Völker in ihrer heiligen Mutter, der Kirche, diese weltliche Knechtschaft, bei der das Gesetz Christi die Diktatur des Augustus, des Herrn der Welt ward. Und er zweifelte gar nicht, daß die Jesuiten Frankreich liebten – die älteste Tochter der Kirche, die einzige, die ihrer Mutter noch zur Wiedereroberung des Weltreiches verhelfen konnte; aber sie liebten sie, wie die schwarzen Heuschreckenschwärme die Felder lieben, auf die sie sich herabstürzen, die sie verzehren. Eine unendliche Trauer war wieder in sein Herz gezogen, denn er hatte das dumpfe Gefühl, daß in diesem alten, vernichteten Palast, in dieser Trauer und in diesem Zusammenbruch sie, wieder sie es waren, die die Schöpfer des Schmerzes und Unglücks sein mußten. Just in diesem Augenblick bemerkte er, als er sich umdrehte, Don Vigilio, der vor dem großen Porträt des Kardinals an der Kredenz lehnte; er hielt das Gesicht in die Hände gedrückt, als wolle er für ewig verschwinden, vergehen, und alle seine Glieder zitterten, ebenso vor Furcht wie vor Fieber. In einem Augenblick, da keine Besucher mehr erschienen, war er einem Anfall entsetzter Verzweiflung erlegen und gab sich ihm ganz hin. »Mein Gott, was ist Ihnen?« fragte Pierre, indem er näher trat. »Sind Sie krank? Kann ich Ihnen helfen?« Aber Don Vigilio verstopfte sich die Augen, stotterte erstickend etwas hinter seinen zusammengepreßten Händen und gab nur seinen unterdrückten Schreckensschrei von sich: »O, Paparelli, Paparelli!« »Wie? Was hat er Ihnen gethan?« fragte der Priester erstaunt. Da nahm der Sekretär die Hände vom Gesicht und gab abermals dem zitternden Bedürfnis nach, sich jemand anzuvertrauen. »Wie, was er mir gethan hat? ... Ja, fühlen Sie denn nichts, sehen Sie denn nichts? Haben Sie bemerkt, wie er sich des Kardinals Sanguinetti bemächtigte, um ihn zu Seiner Eminenz zu führen? Welche freche Kühnheit! In einem solchen Augenblick Seiner Eminenz diesen verwünschten Nebenbuhler aufzudrängen! Und haben Sie gesehen, mit was für einer bösen Tücke er ein paar Minuten zuvor eine alte Dame hinauskomplimentirte – eine sehr alte Freundin, die Seiner Eminenz bloß die Hand küssen wollte? Seine Eminenz wäre über dies bißchen wahre Liebe so glücklich gewesen! ... Ich sage Ihnen, er ist der Herr hier, er öffnet oder schließt die Thür je nach seinem Belieben, er hält uns alle zwischen den Fingern, wie eine Fingerspitze Staub, die man in alle Winde streut!« Pierre ward unruhig, als er sah, wie er bebte und wie gelb sein Gesicht war. »Nun, nun, mein Lieber, Sie übertreiben.« »Ich übertreibe ... Wissen Sie, was heute nacht vorgegangen ist, welcher Scene ich wider Willen beiwohnte? Nein, nicht wahr? Nun, ich werde es Ihnen erzählen.« Er berichtete, daß Donna Serafina, als sie tags zuvor zurückgekehrt war, um in die furchtbare Katastrophe, die sie erwartete, hineinzugeraten, bereits mit zerrissenem Herzen heimkehrte; sie war ganz gebrochen von den bösen Nachrichten, die sie erhalten hatte. Im Vatikan, beim Kardinalsekretär, dann bei den Prälaten ihrer Bekanntschaft hatte sie die Ueberzeugung gewonnen, daß die Lage ihres Bruders sich seltsam verschlimmerte, und daß er sich im heiligen Kollegium immer zahlreichere Feinde geschafft hatte, so daß seine, im Vorjahr noch wahrscheinliche Erhebung auf den päpstlichen Thron fortan unmöglich geworden zu sein schien. Der Traum ihres Lebens brach plötzlich zusammen; der Ehrgeiz, den sie stets genährt, lag in Staub zerfallen zu ihren Füßen, Wieso? Warum? Sie hatte sich verzweifelt nach den Beweggründen erkundigt und von allerlei Fehlern und Schroffheiten des Kardinals erfahren. Er hatte unpassende Kundgebungen gethan, Leute durch ein Wort, durch eine Handlung verletzt, kurz, eine so herausfordernde Haltung angenommen, daß man hätte meinen können, er thue es absichtlich, um alles zu verderben. Das schlimmste war, daß sie in jedem dieser Fehler Ungeschicklichkeiten erkannte, die sie selbst mißbilligt und abgeraten hatte, die aber ihr Bruder, unter dem uneingestandenen Einfluß des Abbé Paparelli stehend, eigensinnig doch begangen hatte. Sie ahnte in diesem so demütigen, so niedrigen Schleppträger eine unheilvolle Macht, den Zerstörer ihres eigenen, so wachsamen und ergebenen Einflusses. Darum hatte sie trotz der Trauer, in der das Haus sich befand, die Exekution des Verräters nicht verzögern wollen, um so mehr als seine alte Kameradschaft mit dem schrecklichen Santobono, die Geschichte mit dem Korb Feigen, der aus den Händen des letzteren in die Hände des ersteren übergegangen war, sie in einem Argwohn erstarren ließ, den sie nicht aufklären wollte. Aber gleich bei ihren ersten Worten, als sie die förmliche Forderung stellte, daß der Verräter zur selben Stunde vor die Thür gesetzt werde, war sie bei ihrem Bruder auf einen plötzlichen, unbesiegbaren Widerstand gestoßen. Er wollte sie nicht anhören, ward aufgebracht und geriet in einen jener orkanähnlichen Zornanfälle, deren Heftigkeit alles wegfegte. Er sagte, daß es sehr schlecht von ihr sei, einen so bescheidenen, so frommen, heiligen Mann anzugreifen, und beschuldigte sie, darin das Spiel seiner Feinde zu unterstützen, die, nachdem sie ihm Monsignore Gallo getötet, seine letzte Zuneigung für diesen armen, unbedeutenden Priester zu vergiften suchten. Er nannte alle diese Geschichten abscheuliche Erfindungen und schwur, ihn zu behalten, sei es auch nur, um seine Verachtung der Verleumdung zu zeigen. Und sie hatte schweigen müssen. Don Vigilio hatte sich, wieder von Schauern ergriffen, von neuem mit beiden Händen das Gesicht bedeckt. »Ach, Paparelli, Paparelli!« Und er stammelte dumpfe Schmähungen: der verdächtige Gleisner, der Bescheidenheit und Demut heuchelte, der gemeine Spion, der den Auftrag hatte, alles im Palaste zu sehen, zu hören, zu verderben – das unreine, zerstörende Insekt, das die edelste Beute beherrschte, die Mähne des Löwen verzehrte – der Jesuit, der echte Jesuit, Knecht und Tyrann zugleich, in seiner niedrigen Abscheulichkeit, seiner triumphirenden Geschmeißarbeit! »Beruhigen Sie sich, beruhigen Sie sich,« wiederholte Pierre. Trotzdem er die wahnsinnige Übertreibung berücksichtigte, überkam ihn selbst ein Schauer von dem furchtbaren Unbekannten, den drohenden und unbestimmten Dingen, die sich, wie er fühlte, wirklich in der Tiefe des Dunkels bewegten. Aber seit Don Vigilio beinahe die schrecklichen Feigen gegessen hatte, seitdem der Blitz dicht neben ihm niedergefahren war, hatte er davon dieses Zittern, diesen Schrecken zurückbehalten, die nichts mehr beruhigen konnte. Selbst wenn er allein war, des Nachts, im Bette, bei verriegelter Thür, ergriff ihn die Angst, so daß er sich, seine Schreie erstickend, unter die Decken versteckte, als ob durch die Mauern Leute hereinkommen würden, um ihn zu erwürgen. Atemlos, mit schwacher Stimme, als gehe er aus einem Kampf hervor, fuhr er fort: »Ich habe es ja gesagt – an dem Abend, als wir in Ihrem Zimmer mit einander sprachen, trotzdem die Thür dreifach verschlossen war ... Es war unrecht von mir, mit Ihnen frei über sie zu sprechen, mir das Herz zu erleichtern, indem ich Ihnen erzählte, wessen sie fähig sind. Ich wußte, daß sie es erfahren würden, und Sie sehen, sie haben es erfahren, da sie mich töten wollten ... Sehen Sie, in diesem Augenblick begehe ich auch ein Unrecht, Ihnen das zu sagen, denn sie werden es erfahren, und diesmal werden sie mich nicht verfehlen ... O, es ist aus! Ich bin tot – dieses edle Haus, das ich für so sicher hielt, wird mein Grab sein!« Ein tiefes Mitleid mit diesem fiebernden, von Schreckbildern verfolgten Gehirn, mit diesem Kranken, der sein verfehltes Leben vollends in den Beängstigungen des Verfolgungswahnes verwüstete, ergriff Pierre. »Aber Sie müssen fliehen! Bleiben Sie hier nicht, kommen Sie nach Frankreich, gehen Sie fort, wo immer hin!« Erstaunt sah ihn Don Vigilio an; er beruhigte sich einen Augenblick. »Fliehen? Wozu? Nach Frankreich? Dort sind sie auch. Wo immer hin? Dort sind sie auch. Sie sind überall; ich würde vergeblich fliehen – ich wäre trotzdem bei ihnen, unter ihnen ... Nein, nein, da ziehe ich vor, hier zu bleiben. Lieber sterbe ich hier sofort, wenn Seine Eminenz mich nicht mehr verteidigen kann.« Er richtete auf das große Porträt, auf dem der Kardinal in seiner roten Moiréesutane strahlte, einen Blick unendlichen Flehens, in dem noch ein Hoffnungsstrahl aufzuglänzen versuchte. Aber der Anfall kehrte wieder und schüttelte, überkam ihn mit verdoppelter Fieberwut. »Lassen Sie mich, lassen Sie mich, ich bitte Sie ... Zwingen Sie mich nicht mehr zum Reden. Ach, Paparelli, Paparelli! Wenn er wiederkäme, wenn er uns sähe, wenn er mich sprechen hörte ... Ich werde nie mehr reden. Ich werde mir die Zunge anbinden, ich werde sie mir abschneiden ... Lassen Sie mich doch! Ich sage Ihnen, Sie töten mich – er wird wiederkommen und das ist mein Tod! Gehen Sie, o bitte, gehen Sie!« Und Don Vigilio drehte sich zur Wand, als wollte er sich dort das Gesicht zerquetschen, den Mund mit Grabesstille vermauern, Pierre entschloß sich, ihn zu verlassen; denn er fürchtete, einen noch ernsteren Anfall hervorzurufen, wenn er darauf bestünde, ihm beizustehen. Als Pierre in den Thronsaal zurückkehrte, fand er sich wieder inmitten der furchtbaren, unheilbaren Trauer des Hauses. Eine neue Messe folgte den früheren; fortwährend wurden Messen gelesen, deren gestammelte Gebete endlos die göttliche Gnade anflehten, damit sie die beiden teuren, entflohenen Seelen mit Wohlwollen aufnehme. Und in dem ersterbenden Duft der welkenden Rosen, vor den zwei erblichenen Sternen der Kerzen dachte er an diesen letzten Zusammenbruch der Boccaneras. Dario war der letzte des Namens. Mit ihm verschwanden die so lebenskräftigen Boccaneras, deren Name die Geschichte erfüllt hatte. Man begriff die Liebe des Kardinals – dessen einzige Sünde der Stolz auf den Namen geblieben war – zu diesem zarten Knaben, den letzten des Geschlechtes, den einzigen Sproß, durch den der alte Stamm wieder grünen konnte; und wenn er, wenn Donna Serafina die Scheidung und dann die Heirat gewünscht hatten, so rührte das, mehr noch als aus dem Wunsche, dem Skandal ein Ende zu machen, von der Hoffnung her, aus den beiden schönen Kindern ein neues, starkes Geschlecht erstehen zu sehen; denn Vetter und Base blieben hartnäckig dabei, nicht zu heiraten, wenn man sie nicht einander gäbe. Jetzt lag dort auf dem Paradebette mit ihnen, in ihrer unfruchtbaren Todesumarmung, die letzte Hülle, der armselige Rest einer so langen, glänzenden Reihe von Fürsten, Prälaten und Feldherrn, die nun das Grab verschlingen würde. Es war aus; aus einem alten Mädchen, das nicht mehr Weib war, aus einem alten Priester, der aufgehört hatte, ein Mann zu sein, würde nichts mehr erstehen. Die beiden blieben einander gegenüber stehen, unfruchtbar, gleich wie zwei Eichen, die allein von dem einstigen, verschwundenen Walde übrig sind und nach ihrem Absterben bald eine vollständig flache Ebene hinterlassen werden. Welch ein ohnmächtiger Schmerz lag in diesem Ueberleben! Wie traurig, sich sagen zu müssen, daß man das Ende von allem ist, daß man das ganze Leben, die ganze Hoffnung des Morgen mit sich nimmt! Aus dem Gestammel der Messen, aus dem ermattenden Duft der Rosen, aus der Blässe der zwei Kerzen fühlte Pierre jetzt den Zusammenbruch dieser Trauer, die Schwere, des Steines heraus, der für immer hinter einer erloschenen Familie, hinter einer verschwundenen Welt zufallen würde. Er begriff, daß er als Hausgenosse Donna Serafina und den Kardinal aufsuchen müsse, und ließ sich sofort in das Nebenzimmer führen, in dem die Prinzessin empfing. Sie saß, in Schwarz gekleidet, sehr dünn, sehr gerade auf einem Lehnstuhl, von dem sie sich langsam und würdevoll einen Augenblick erhob, um den Gruß jedes Eintretenden zu erwidern. Mit starrer Miene, den körperlichen Schmerz besiegend, hörte sie die Beileidsbezeugungen an und antwortete keine Silbe. Aber Pierre, der sie näher kennen gelernt hatte, erriet aus den eingefallenen Zügen, dem leeren Blick, dem bitter verzogenen Munde das Schreckliche, was in ihrem Innern vorging, alles was in ihr zusammengebrochen war, ohne daß eine Hoffnung auf Wiederherstellung möglich war. Nicht nur das Geschlecht war zu Ende, auch ihr Bruder würde niemals Papst werden, trotzdem sie so lange Zeit geglaubt hatte, daß die Ergebenheit, die Entsagung einer Frau, die diesem Traume ihr Gehirn und ihr Herz, ihre Sorgen, ihr Vermögen, ihr verfehltes Gattin- und Mutterleben geopfert, ihn dazu machen würde. Vielleicht blutete inmitten so vieler Ruinen am meisten die Wunde dieses enttäuschten Ehrgeizes. Als der junge Priester, ihr Gast, eintrat, stand sie auf, so wie sie sich bei allen anderen erhoben hatte; aber es gelang ihr, in die Art ihres Aufstehens eine gewisse Abschattirung zu legen, und er fühlte sehr wohl, daß er in ihren Augen noch immer der kleine französische Priester, der unterste Diener im Hausstande Gottes war, da er es nicht einmal verstanden, sich zum Range eines Prälaten zu erheben. Als sie sich, nachdem sie seine tiefe Verbeugung mit einem leichten Neigen des Kopfes entgegengenommen, wieder niedergelassen hatte, blieb er noch einen Augenblick aus Höflichkeit stehen. Kein Geräusch, kein Wort störte den düstern Frieden des Gemaches. Dennoch waren vier bis fünf Damen, Besucherinnen, anwesend; sie saßen ebenfalls in verzweifelter, stummer Unbeweglichkeit da. Was ihm aber am meisten auffiel, war die schwächliche Gestalt des Kardinals Sarno, eines der alten Freunde des Hauses, der mit seiner linken, höheren Schulter, zusammengebeugt, fast liegend, mit geschlossenen Lidern in einem Fauteuil lehnte. Er hatte, nachdem er sein Beileid ausgesprochen, noch etwas länger verweilt und war dann, von der schweren Stille, der erstickend warmen Luft überkommen, eingeschlafen. Alles respektirte seinen Schlummer. Träumte er in diesem Schlummer von der Karte der gesamten Christenheit, die er hinter seinem niedrigen, stumpfgeformten Schädel liegen hatte? Setzte er im Traum, hinter der fahlen Maske des von einem halben Jahrhundert beschränkten Beamtenlebens abgestumpften, alten Bureaukraten die furchtbare Erobererarbeit fort, die Erde aus der Tiefe seines düsteren Zimmers im Palaste der Propaganda zu unterwerfen und zu regieren? Die Damen richteten gerührte und ehrerbietige Blicke auf ihn; man schalt ihn manchmal sanft, daß er zu viel arbeite, und sah in dieser Schlafsucht, die ihn seit einiger Zeit überall ergriff, das Uebermaß seines Genies und seines Eifers. Pierre aber sollte von dieser allmächtigen Eminenz nur dieses letzte Bild mit sich nahmen: ein erschöpfter Greis, nach der Erregung eines Trauerfalles ausruhend, schlafend wie ein altes, reines Kind, ohne daß man wissen konnte, ob dies beginnender Blödsinn sei oder die Ermüdung nach einer im Dienste Gottes zugebrachten Nacht, um Gott über irgend einen fernen Kontinent herrschen zu lassen. Zwei Damen entfernten sich, drei andere erschienen, Donna Serafina hatte sich von ihrem Sitze erhoben, gegrüßt und saß nun wieder in ihrer starren Haltung, mit gerade aufgerichteter Büste und harter, verzweifelter Miene da. Der Kardinal Sarno schlief noch immer. Nun meinte Pierre zu ersticken; eine Art Schwindel ergriff ihn, sein Herz schlug heftig. Er verbeugte sich und ging hinaus. Dann, als er durch den Speisesaal schritt, um sich in das kleine Arbeitszimmer zu begeben, in dem der Kardinal Boccanera empfing, sah er sich dem Abbé Paparelli gegenüber, der die Thür eifersüchtig hütete. Als der Schleppträger ihn witterte, schien er zu begreifen, daß er ihm den Eintritt nicht verwehren könne. Uebrigens stand ja nichts von ihm zu befürchten, da der Eindringling am nächsten Tage, geschlagen und beschämt, wieder abfahren würde. »Sie wünschen Seine Eminenz zu sprechen? Gut, gut! ... Gleich, warten Sie!« Und da er der Meinung war, daß er sich der Thür zu sehr nähere, trieb er ihn, zweifellos aus Furcht, daß er ein Wort erlauschen könne, an das andere Ende des Zimmers. »Seine Eminenz ist noch mit Seiner Eminenz dem Kardinal Sanguinetti eingeschlossen. Warten Sie, warten Sie da!« In der That hatte sich Sanguinetti bestrebt, sehr lange neben den zwei Leichen im Thronsaal auf den Knieen liegen zu bleiben. Dann verlängerte er auch seinen Besuch bei Donna Serafina, um zu beweisen, welchen Anteil er an der Verzweiflung der Familie nehme, und nun war er seit mehr als zehn Minuten bei dem Kardinal, ohne daß man durch die Thür etwas anderes hörte als von Zeit zu Zeit das Murmeln ihrer Stimmen. Aber als Pierre hier Paparelli wieder traf, wurde er von neuem von all dem verfolgt, was Don Vigilio ihm erzählt hatte. Er sah ihn an: er war so dick, so kurz, von einem häßlichen Fett gebläht, und glich mit seinem schlaffen Gesicht, das zu vierzig Jahren von Runzeln entstellt ward, in seiner unsaubern Sutane einer sehr alten Jungfer, aus der das Cölibat einen halbschlaff gewordenen Schlauch gemacht hatte. Er geriet in Erstaunen. Wie hatte sich der Kardinal Boccanera, dieser stolze Fürst, der in dem unzerstörbaren Stolz aus seinen Namen den Kopf so hoch trug, sich von einem solchen Wesen überwältigen und beherrschen lassen können, das so grausam häßlich war und derart von Niedrigkeit und Ekel strotzte? Waren ihm nicht gerade dieser körperliche Verfall der Kreatur, diese tiefe moralische Demut als außerordentliche Heilsgaben, die ihm mangelten, aufgefallen und hatten ihn zuerst beunruhigt, dann verführt? Sie verhöhnten seine eigene Schönheit, seinen eigenen Stolz. Er, der nicht so entstellt werden konnte, dem es nicht gelang, sein Verlangen nach Ruhm zu besiegen, mußte durch eine Anstrengung seines Glaubens dahin gelangt sein, dieses unendlich häßliche, unendlich kleine Wesen zu beneiden, zu bewundern, als eine höhere, die Thore des Himmels weit öffnende Macht der Buße, der menschlichen Erniedrigung zu ertragen. Wer wird je die Gewalt erklären, die das Ungeheuer über den Helden, der mit Ungeziefer bedeckte, ein Gegenstand des Abscheus gewordene Heilige über die Mächtigen dieser Welt besitzt, die ihre irdischen Freuden mit den ewigen Flammen bezahlen zu müssen fürchten? Ja, das war der Löwe, den das Insekt verzehrt; soviel Kraft und Glanz ward von dem Unsichtbaren zerstört. Ach, wer so sein könnte, wie diese schöne, des Paradieses so sichere Seele, die zu ihrem Heil in diesem unsauberen Körper eingeschlossen war! Wer die glückselige Demut dieses Geistes, dieses hervorragenden Theologen besäße, der sich jeden morgen mit Ruten geißelte und einwilligte, nichts als der unterste der Diener zu sein! Der Abbé Paparelli, mit fahlem Fett angesackt, stand da und beobachtete Pierre mit seinen kleinen, grauen Augen, die inmitten der tausend Falten seines Gesichtes blinzelten. Dieser begann von Unbehagen ergriffen zu werden, indem er sich fragte, was wohl die beiden Eminenzen sich zu sagen hätten, da sie so lange Zeit mit einander eingeschlossen waren. Was für eine Zusammenkunft mochte das sein, wenn Boccanera in Sanguinetti den Bischof vermutete, zu dessen Schützlingen Santobono gehörte! Was für eine kühne Ruhe besaß der eine, da er zu erscheinen gewagt hatte – und was für eine seelische Kraft, was für eine Herrschaft über sich selbst der andere, da er im Namen der heiligen Religion einen Skandal vermied, indem er schwieg, indem er den Besuch als ein einfaches Zeichen der Achtung und Zuneigung aufnahm! Aber was konnten sie sich zu sagen haben? Wie interessant wäre es gewesen, sie beisammen zu sehen, zu hören, wie sie diplomatische, für eine solche Zusammenkunft passende Worte mit einander wechselten, wahrend in ihren Seelen wütender Haß tobte! Plötzlich öffnete sich die Thür und der Kardinal Sanguinetti kam wieder zum Vorschein; sein Gesicht war ruhig, nicht röter als gewöhnlich, sogar ein wenig blasser und bewahrte das richtige Maß der Trauer, die er zu zeigen für gut befand. Nur seine unruhigen, immerfort kreisenden Augen verrieten, wie er sich freute, von einer im Grunde sehr schweren Plage befreit zu sein. Er entfernte sich in der Hoffnung, daß fortan er der einzige mögliche Papst sei. Der Abbé Paparelli war herbeigestürzt. »Wenn Eminenz geruhen wollen, mir zu folgen, ich werde Eminenz hinausbegleiten ...« Er wandte sich zu Pierre: »Sie können jetzt eintreten.« Pierre sah ihnen nach, wie sie verschwanden – der eine so demütig, der andere so triumphirend. Dann trat er ein und erblickte sofort im Mittelpunkte des schmalen, mit einem einfachen Tisch und drei Stühlen ausgestatteten Arbeitszimmers den Kardinal Boccanera; er stand noch aufrecht, in der hohen, edlen Haltung da, die er angenommen hatte, um Sanguinetti, den gefürchteten, verwünschten Thronrivalen, zu begrüßen. Und sichtbarlich hielt sich Boccanera in der Phantasie ebenfalls für den einzig möglichen Papst, für den, den das Konklave von morgen wählen mußte. Aber als die Thür sich geschlossen hatte, als er diesen jungen Priester, seinen Gast, erblickte, der dem Tode seiner zwei teuren, nun für ewig in dem Nebensaale schlummernden Kinder beigewohnt hatte, da wurde der Kardinal von einer unsagbaren Bewegung, von einer unerwarteten Schwäche befallen, in der seine ganze Energie unterging. Das war die Genugthuung, die seine Menschlichkeit nahm, jetzt, da sein Nebenbuhler ihn nicht mehr sehen konnte. Er schwankte, wie ein alter Baum unter der Axt erzittert, und sank, plötzlich von lautem Schluchzen erstickt, auf einen Stuhl nieder. Und als Pierre, dem Zeremoniell gemäß, den Smaragd küssen wollte, den er am Ringfinger trug, hob er ihn auf und wies ihm dicht vor sich einen Platz an, indem er mit gebrochener Stimme murmelte: »Nein, nein, mein lieber Sohn, setzen Sie sich dahin, warten Sie ... Entschuldigen Sie mich – lassen Sie mich einen Augenblick – das Herz bricht mir.« Er schluchzte in seine gefalteten Hände hinein; er vermochte sich nicht zu beherrschen, vermochte den Schmerz nicht mit seinen noch kräftigen Fingern, die er sich auf die Wangen, aus die Schläfen drückte, in sich hineinzupressen. Thränen stiegen nun auch in die Augen Pierres, wahrend er ebenfalls das furchtbare Geschehnis noch einmal durchlebte; es erschütterte ihn, diesen hohen Greis, diesen gewöhnlich so stolzen, so selbstbeherrschten Heiligen und Fürsten weinen zu sehen. Er war nun nichts mehr als ein armes, im Todeskampf und Schmerz ringendes Wesen – so hilflos, so schwach wie ein Kind. Trotzdem er selbst erstickte, wollte er sein Beileid aussprechen und suchte nach ein paar guten Worten, um diese Verzweiflung ein wenig zu lindern. »Ich bitte Eure Eminenz, an meinen tiefen Kummer zu glauben. Ich bin von Eminenz mit Güte überhäuft worden und legte Gewicht darauf, sofort auszusprechen, wie sehr dieser unersetzliche Verlust ...« Aber der Kardinal hieß ihn mit einer mutigen Geberde schweigen. »Nein, nein, sprechen Sie nicht, ich bitte Sie, sprechen Sie nicht!« Und Stille herrschte, während er, von seinem Kampf geschüttelt, noch immer weinte und abwartete, bis er wieder stark genug sei, um sich zu beherrschen. Endlich bezähmte er seinen Schauer und entfernte langsam die Hände von seinem allmälich ruhiger gewordenen Gesicht. Es war nun wieder das Antlitz eines glaubensstarken, dem Willen Gottes unterworfenen Gläubigen. Da Gott sich geweigert hatte, ein Wunder zu thun, da er sein Haus so hart strafte, so hatte er zweifellos seine Gründe dafür und ihm, einem seiner Diener, einem der hohen Würdenträger seines irdischen Hofes, blieb nichts übrig, als sich zu beugen. Das Schweigen dauerte noch einen Augenblick – dann sprach er, und es war ihm gelungen, seiner Stimme einen natürlichen und gefälligen Klang zu geben: »Sie verlassen uns, mein lieber Sohn? Sie reisen morgen ab?« »Ja, morgen. – Ich werde mir die Ehre geben, mich von Eurer Eminenz zu verabschieden und nochmals für die mir bewiesene unerschöpfliche Güte zu danken.« »So haben Sie also erfahren, daß die Indexkongregation Ihr Buch verdammt hat, wie es ja unvermeidlich war?« »Ja, ich hatte die ungewöhnliche Ehre, von Seiner Heiligkeit empfangen zu werden, und zu seinen Füßen habe ich mich unterworfen und mein Werk verworfen.« In den feuchten Augen des Kardinals begann wieder eine Flamme aufzusteigen. »Ah, das haben Sie gethan! Das war wohl gethan, mein lieber Sohn! Es war nur Ihre strikte Pflicht als Priester, aber in unserer Zeit gibt es so viele, die nicht einmal ihre Pflicht thun! ... Als Mitglied der Kongregation habe ich das Versprechen gehalten, das ich Ihnen gab, nämlich Ihr Buch zu lesen und besonders die von der Anklage bezeichneten Stellen sorgfältig zu studiren. Wenn ich aber später neutral blieb, wenn ich mich stellte, als interessirte ich mich für die Sache nicht, so daß ich sogar die Sitzung versäumte, in der das Urteil gefällt wurde, so geschah das nur, um meiner armen, lieben Nichte ein Vergnügen zu machen – sie liebte Sie, sie verteidigte Sie ...« Die Thränen überwältigten ihn wieder; er unterbrach sich, denn er fühlte, daß er wieder schwach werden müßte, wenn er das Andenken Benedettas, der Angebeteten, der Beweinten heraufbeschwören würde. Darum fuhr er mit streitbarer Herbigkeit fort: »Aber, mein lieber Sohn, gestatten Sie es mir, zu sagen, daß es ein fluchwürdiges Buch ist! Sie haben mir beteuert, daß Sie das Dogma respektirten, und ich frage mich noch immer, durch welche Verirrung Sie in eine solche Verblendung geraten konnten, daß Sie selbst das Bewußtsein Ihres Verbrechens verloren! Das Dogma respektiren – großer Gott, wenn das ganze Werk die Verneinung unserer heiligen Religion selbst ist! Sie haben also nicht gefühlt, daß eine neue Religion verlangen die alte, die einzig wahre, die einzig gute, die einzig ewige vollständig verdammen heißt? Das genügte, um aus Ihrem Buche das tödlichste Gift, eines jener schmachvollen Bücher zu machen, die einst durch Henkershand verbrannt wurden, heutzutage aber notgedrungenerweise im Umlauf gelassen werden, nachdem man sie mit dem Interdikt belegt und gerade dadurch der perversen Neugierde bezeichnet hat, was die ansteckende Fäulnis des Jahrhunderts erklärt ... Ach, gar wohl habe ich darin die Ideen unseres ausgezeichneten, poetischen Verwandten, des lieben Vicomte Philibert de la Choue erkannt! Ein Literat ist er, ja, ein Literat! Literatur, nichts als Literatur! Ich bitte Gott, ihm zu verzeihen, denn er weiß sicherlich weder was er thut noch wohin er mit seinem elegischen Christentum steuert, das für schönrednerische Arbeiter und für junge Leute beiderlei Geschlechts bestimmt ist, deren Seele durch die Wissenschaft unbestimmter Gattung geworden ist. Ich behalte meinen Zorn nur für Seine Eminenz den Kardinal Bergerot auf, denn dieser weiß, was er thut, thut, was er will ... Sagen Sie nichts, verteidigen Sie ihn nicht. Er bedeutet die Revolution in der Kirche; er ist gegen Gott!« In der That hatte sich Pierre, obwohl er sich vorgenommen, nicht zu antworten, nicht zu streiten, angesichts dieses wütenden Angriffes gegen den Mann, den er auf der Welt am meisten verehrte und liebte, eine protestirende Handbewegung entschlüpfen lassen. Uebrigens gab er nach und beugte sich abermals. »Ich kann meinen Abscheu, ja, meinen Abscheu vor diesem ganzen hohlen Traum von einer neuen Religion nicht genügend ausdrücken,« fuhr Boccanera rauh fort. »Meinen Abscheu vor diesem Appell an die häßlichsten Leidenschaften, der die Armen gegen die Reichen aufhetzt, indem man ihnen Gott weiß was für eine Teilung, eine heutzutage unmögliche Gemeinschaft verspricht! Vor diesem niedrigen Umschmeicheln des gemeinen Volkes, indem man ihm, ohne es je thun zu können, eine Gleichheit und eine Gerechtigkeit verspricht, die von Gott allein kommt, die Gott allein am bezeichneten Tage durch seine Allmacht endlich wird herrschen lassen können! Vor dieser eigennützigen Nächstenliebe, die man gegen den Himmel selbst mißbraucht, um ihn der Unbilligkeit und Gleichgiltigkeit anzuklagen, vor dieser thränenseligen, erschlaffenden, fester und starker Herzen unwürdigen Nächstenliebe! Als ob das menschliche Leid nicht zum Heile notwendig wäre, als ob wir nicht, je mehr wir leiden, größer, reiner würden und dem unendlichen Glücke näher kämen!« Er erhitzte sich; er war demütig und zugleich hochmütig. Was ihn so erbitterte, war seine Trauer, seine Herzenswunde; der Axthieb hatte ihn einen Augenblick niedergeworfen; aber nun erhob er sich herausfordernd gegen den Schmerz, störrisch an seiner stoischen Vorstellung von einem allmächtigen Gott festhaltend, der der Herr der Menschen war und seine Glückseligkeit nur seinen Erwählten vorbehielt. Abermals machte er eine Anstrengung, um sich zu beruhigen, und fuhr sanfter fort: »Nun, mein lieber Sohn, der Schafstall steht immer offen und Sie sind ja in ihn zurückgekehrt, da Sie bereuten. Sie können gar nicht glauben, wie glücklich ich darüber bin.« Pierre bemühte sich nun seinerseits, Versöhnlichkeit zu zeigen, um dieses heftige, gekränkte Herz nicht noch mehr zu zerreißen. »Eure Eminenz können sicher sein, daß ich trachten werde, kein einziges dieser gütigen Worte zu vergessen, ebenso wenig wie ich den väterlichen Empfang Seiner Heiligkeit Leos XIII. vergessen werde.« Aber diese Phrase schien Boccanera in seine frühere Aufregung zurückzuversetzen. Anfangs stieß er nur dumpfe, halb unterdrückte Worte hervor, als kämpfe er, um den jungen Priester nicht unmittelbar auszufragen. »Ach ja, Sie haben Seine Heiligkeit gesehen, haben mit ihm gesprochen und er hat Ihnen wohl sicherlich gesagt – wie allen Fremden, die ihm ihre Aufwartung machen – daß er Versöhnung, Frieden will ... Ich, ich sehe Seine Heiligkeit nur bei den unvermeidlichen Gelegenheiten; es ist jetzt bereits mehr als ein Jahr her, seit ich nicht mehr zur Privataudienz zugelassen wurde.« Dieser öffentliche Beweis von Ungnade, dieser heimliche Kampf, der gerade so wie zu Zeiten Pius' IX. zwischen dem heiligen Vater und dem Kardinalkämmerer herrschte, erfüllte den letzteren mit Bitterkeit. Er konnte sich nicht zurückhalten, zu sprechen, wobei er sich zweifellos sagte, daß er einen Vertrauten, einen sicheren Menschen vor sich habe, der außerdem am nächsten Tag abreiste. »Friede, Versöhnung! Mit diesen schönen Worten, die so oft der wahren Weisheit und des wahren Mutes bar sind, kommt man weit... Die furchtbare Wahrheit besteht darin, daß die achtzehn Jahre der Zugeständnisse Leos XIII. alles in der Kirche erschüttert haben, und daß der Katholizismus, wenn er noch lange regiert, in Staub zerfallen wird wie ein Gebäude, dessen Säulen unterminirt wurden.« Pierre, den das sehr interessirte, konnte sich nicht enthalten, Einwendungen zu erheben, um sich zu belehren. »Aber hat er sich nicht sehr klug benommen, hat er nicht das Dogma geschützt, in eine unbezwingliche Festung untergebracht? Mit einem Wort, wenn er auch in vielen Punkten nachgegeben zu haben scheint, so geschah es immer nur der Form nach.« »Ach ja, der Form nach!« fuhr der Kardinal mit wachsender Leidenschaft fort. »Er hat Ihnen wie allen anderen gesagt, daß er, wenn auch im Grunde unerschütterlich, der Form nach gern nachgebe. Ein beklagenswertes Wort, eine zweideutige Diplomatie, wenn es nicht einfach eine niedrige Heuchelei ist! Meine Seele empört sich gegen diesen Opportunismus, dieses Jesuitentum, das Listen gegen das Jahrhundert gebraucht, das nur dazu angethan ist, den Zweifel, die Verwirrung des ›rette sich wer kann‹, unter die Gläubigen zu schleudern! Das ist die erste Ursache unheilbarer Niederlagen, das ist eine Feigheit, die schlimmste Feigheit, das Wegwerfen der Waffen, damit man sich schneller zurückziehen kann, die Scham darüber, ganz selbst zu sein, die Maske, die in der Hoffnung acceptirt wird, die Welt zu betrügen, durch Verrat bei dem Feinde einzudringen und ihn zu vernichten! Nein, nein, die Form ist alles bei einer überlieferten, unwandelbaren Religion, die achtzehnhundert Jahre lang das Gesetz Gottes selbst gewesen, die es noch heute ist, bis ans Ende aller Zeiten bleiben wird!« Er konnte nicht sitzen bleiben; er erhob sich und begann durch das enge Gemach zu schreiten, das er mit seiner hohen Gestalt auszufüllen schien. Und nun besprach, nun verdammte er heftig die ganze Regierung, die ganze Politik Leos XIII. »Die Einheit, die famose Einheit, die er, was man ihm so zum großen Ruhm anrechnet, in der Kirche wieder herstellen will – sie ist nichts als der wütende, blinde Ehrgeiz eines Eroberers, der sein Reich erweitert, ohne sich zu fragen, ob die neuen, unterworfenen Völker sein altes, bisher so treues Volk nicht desorganisiren, verderben, mit allen Irrtümern anstecken werden. Wie, wenn die orientalischen Schismatiker, wenn die Schismatiker der anderen Länder beim Wiedereintritt in die katholische Kirche sie verhängnisvoll umwandeln, so daß sie sie töten, eine neue Kirche aus ihr machen? Es gibt bloß eine Weisheit: nur das sein, was man ist, aber es fest bleiben, ... Und ist nicht auch dieses angebliche Bündnis mit der Demokratie, diese Politik, die genügt, um den uralten Geist des Papsttums zu verdammen, eine Gefahr und zugleich eine Schande? Die Monarchie ist ein göttliches Recht; sie aufgeben heißt gegen Gott gehen, mit der Republik paktiren, von der ungeheuerlichen Lösung träumen, den Wahnwitz des Menschen zu benützen, um wieder eine größere Macht über sie zu erlangen. Jede Republik ist ein anarchischer Zustand, und darum bedeutet die Anerkennung der Republik, einzig und allein zu dem Zwecke, um sich mit dem Traum einer unmöglichen Versöhnung zu schmeicheln, den verbrecherischsten Fehler, die Erschütterung der Idee der Autorität, der Ordnung, ja sogar der Religion... Sehen Sie nur, was er mit der weltlichen Herrschaft gemacht hat. Er fordert sie wohl noch, er stellt sich, als sei er bezüglich der Frage von der Rückgabe Roms intransigent. Aber hat er nicht in Wirklichkeit den Verlust bereits vollzogen, hat er nicht endgiltig darauf verzichtet, da er anerkennt, daß die Völker das Recht haben, über sich zu verfügen, daß sie ihre Könige verjagen und wie die Tiere frei in den Wäldern leben können?« Er hielt plötzlich inne und erhob in einem Ausbruch heiligen Zornes beide Arme zum Himmel. »Ach, dieser Mann, dieser Mann, der durch seine Eitelkeit, seine Sucht nach Erfolg der Ruin der Kirche gewesen sein wird! Dieser Mann, der nicht aufhörte, alles zu verderben, alles aufzulösen, alles zu zerbröckeln, um die Welt zu regieren, die er auf diese Weise wieder zu erobern meint! Warum, allmächtiger Gott, warum hast du ihn noch nicht zu dir zurückgerufen?« Und dieser Anruf des Todes hatte einen so aufrichtigen Klang, der Haß, der in ihm lag, ward durch das Verlangen, Gott, der hienieden in Gefahr war, zu retten, so vergrößert, daß auch Pierre von einem heftigen Schauer überlaufen ward. Jetzt begriff er diesen Kardinal Boccanera, der Leo XIII. fromm, leidenschaftlich haßte; er begriff, daß er aus der Tiefe seines dunklen Palastes, seit Jahren schon, auf den Tod des Papstes lauerte – diesen Tod, den er in seiner Eigenschaft als Kardinalkämmerer offiziell festzustellen hatte. Wie mußte er darauf warten, wie wünschte er mit fieberhafter Ungeduld die selige Stunde herbei, da er, mit dem silbernen Hämmerchen bewaffnet, die drei symbolischen Schlage auf den Schädel des eisig, starr, auf seinem Bette ausgestreckten, von seinem päpstlichen Hof umgebenen Leos XIII. thun würde! Ach, könnte er doch endlich an diese Gehirnwand klopfen, um ganz sicher zu sein, daß keine Antwort mehr kam, daß nichts mehr da drin war, nichts als Nacht und Schweigen. Und der Ruf »Joachim, Joachim, Joachim!« würde dreimal ertönen; und da der Leichnam nichts antwortete, würde der Kardinalkämmerer sich umdrehen, nachdem er sich einige Sekunden geduldet hätte, und würde dann sagen: »Der Papst ist tot!« »Trotzdem ist die Versöhnung eine Waffe der Epoche,« fuhr Pierre fort, der ihn auf die Gegenwart zurückführen wollte. »Nur um sicher zu siegen, willigt der heilige Vater ein, in Formfragen nachzugeben.« »Er wird nicht siegen, er wird besiegt werden!« rief Boccanera. »Nie noch hat die Kirche den Sieg davongetragen, wenn sie nicht auf ihrer Integrität, auf der unwandelbaren Ewigkeit ihres göttlichen Wesens beharrte. Und es steht fest, an dem Tage, an dem sie an einem einzigen Stein ihres Gebäudes rühren lassen wird, wird sie zusammenbrechen... Erinnern Sie sich an den schrecklichen Augenblick, den sie zur Zeit des Konzils von Trient durchlebte. Die Reformation hatte sie eben tief erschüttert, die Zügellosigkeit der Disziplin und der Sitten wurde überall ärger; es war eine steigende Flut von Neuerungen, von Gedanken, die der Geist des Bösen eingehaucht, von ungesunden Plänen, die die Hoffart des in voller Freiheit losgelassenen Menschen erzeugte. Und selbst viele Mitglieder des Konzils waren beunruhigt, angefressen, bereit, für die wahnsinnigsten Modifikationen zu stimmen – es war ein wahres Schisma, das sich den anderen anschloß. Nun denn, wenn der Katholizismus zu jener kritischen Zeit, angesichts einer so großen, drohenden Gefahr vom Unheil errettet wurde, so kam das nur daher, weil die von Gott erleuchtete Mehrheit das alte Gebäude unversehrt erhalten hat, weil sie den göttlichen Starrsinn besaß, sich in das starre Dogma einzuschließen, weil sie in nichts nachgab, in nichts, in nichts – weder in der Sache selbst noch in der Form ... Heutzutage ist die Lage gewiß nicht schlimmer als zur Zeit des Konzils von Trient. Nehmen wir aber an, daß sie gerade so schlimm sei, und sagen Sie mir, ob es nicht edler, mutiger und für die Kirche sicherer ist, wenn man, wie einst, die Tapferkeit besitzt, laut zu sagen, was sie ist, was sie war, was sie sein wird. Für sie gibt es kein Heil als in ihrer vollständigen, unbestreitbaren Souveränität, und da sie stets durch ihre Intransigenz gesiegt hat, heißt es sie töten, wenn man sie mit dem Jahrhundert versöhnen will.« Er ging wieder mit seinen mächtigen, nachdenklichen Schritten von einem Ende des Zimmers zum andern. »Nein, nein, keine Anbequemung, Kein Nachlassen, keine Schwäche! Die Mauer aus Erz, die den Weg versperrt, der granitne Grenzstein, der eine Welt begrenzt! ... Mein lieber Sohn, ich habe es Ihnen bereits am Tage Ihrer Ankunft gesagt. Den Katholizismus den neuen Zeiten anbequemen wollen, heißt sein Ende beschleunigen, wenn er wirklich, wie die Atheisten behaupten, von einem nahen Tode bedroht wird. Er würde niedrig, schändlich sterben, statt aufrecht, würdig, stolz, in seiner alten, glorreichen Königswürde ... Ah, aufrecht sterben, nichts von der Vergangenheit verleugnen, der Zukunft trotzend, seinen ganzen Glauben bekennend!« Und dieser Greis von siebenzig Jahren, der furchtlos, mit der Geberde eines künftigen Jahrhunderten trotzenden Helden der endgiltigen Vernichtung entgegenblickte, schien noch zu wachsen. Der Glaube hatte ihm diesen ruhigen Frieden gegeben; es war der Frieden, den die Erklärung des Unbekannten durch das Göttliche dem Geiste verleiht, dessen Bedürfnis nach Gewißheit sie vollständig befriedigt, indem sie ihn ausfüllt. Er glaubte, er wußte, und hegte über den Tag nach dem Tode weder Zweifel noch Furcht. Aber eine stolze Schwermut klang jetzt aus seiner Stimme. »Gott vermag alles, selbst sein Werk zu zerstören, wenn er es schlecht findet. Wenn morgen alles zusammenfallen, die heilige Kirche unter Trümmern verschwinden, die ehrwürdigsten Heiligtümer unter den herabstürzenden Welten zusammenbrechen würden, so müßte man sich beugen und Gott anbeten, dessen Hand, nachdem sie die Welt geschaffen, sie wieder zu seinem eigenen Ruhm vernichtet. Ich warte, ich unterwerfe mich im voraus seinem Willen, der allein sich bekannt machen kann; denn nichts geschieht, ohne daß er es will. Wenn die Tempel wirklich erschüttert sind, wenn der Katholizismus wirklich morgen in Staub zerfallen muß, so werde ich da sein, um der Diener des Todes zu sein, so wie ich der des Lebens war. Ich bekenne sogar, es steht fest, daß es Stunden gibt, da schreckliche Zeichen mich betroffen machen. Vielleicht ist in der That das Ende der Zeiten nahe und werden wir jenem Zusammenbrechen der alten Welt beiwohnen, mit dem uns gedroht wurde. Die Würdigsten, die Höchsten werden zerschmettert, als ob der Himmel sich irre und in ihnen die Verbrechen der Erde strafe. Habe ich nicht den Hauch des Abgrunds, in dem alles untergehen wird, gespürt, seit mein Haus für Sünden, die mir unbekannt sind, von dieser furchtbaren Trauer heimgesucht ward, die es in den Schlund hinabstürzt, für ewig in die Nacht zurückkehren läßt?« Er beschwor die zwei teuren Toten im Nebengemach herauf, die unaufhörlich anwesend waren. Ein Schluchzen stieg ihm wieder in die Kehle; seine Hände zitterten, ein letztes Aufbäumen des Schmerzes schüttelte seinen großen Körper, ehe er sich mit Anstrengung unterwarf. Ja, da Gott sich erlaubt hatte, ihn so grausam anzugreifen, sein Geschlecht zu unterdrücken, da er mit dem Größten, mit dem Getreuesten begonnen hatte, mußte die Welt endgiltig verdammt sein. War das Ende seines Hauses nicht das nahe Ende von allem? Und in seinem hehren Fürsten- und Priesterstolz entrang sich ihm ein Schrei höchster Ergebung, während seine beiden Arme sich abermals gen Himmel erhoben. »O Allmächtiger, geschehe also dein Wille! Mag alles sterben, mag alles zusammenbrechen, alles in die Nacht des Chaos zurückkehren! Ich werde in diesem zerstörten Palaste aufrecht bleiben, ich werde warten, bis mich seine Trümmer begraben. Und wenn es dein Wille ist, daß ich der erhabene Totengräber deiner heiligen Religion werde, o, so sei ohne Furcht: ich werde nichts Unwürdiges thun, um ihr Leben um einige Tage zu verlängern! Ich werde sie aufrecht halten wie mich selbst, ebenso stolz, ebenso unwandelbar wie zur Zeit ihrer Allmacht. Ich werde sie mit derselben tapfern Hartnäckigkeit bekennen und nichts von ihr aufgeben – nichts, weder von der Disziplin, noch vom Ritus, noch vom Dogma. Und wenn der Tag kommen wird, werde ich sie mit mir begraben, werde sie lieber ganz mit mir in die Erde nehmen, ehe daß ich etwas von ihr abtrete, werde sie in meinen erstarrten Armen halten, um sie dir zurückzustellen, so wie du sie deiner Kirche in die Hut gegeben ... O Allmächtiger, Allerhöchster, verfüge über mich, mache aus mir, so es dein Wille ist, den Papst der Zerstörung, des Todes der Welt!« Pierre, von Furcht und Bewunderung gepackt, erzitterte vor der außerordentlichen Gestalt, die da aufstieg – dem letzten Papst, der das Leichenbegängnis des Katholizismus anführte. Er begriff, daß Boccanera oft davon geträumt haben mußte; er dachte ihn sich, wie er in seinem Vatikan, in seinem vom Blitz aufgerissenen St. Peter aufrecht, allein inmitten der ungeheuren Säle stand, die sein entsetzter, feiger Hofstaat verlassen hatte. Langsam, gekleidet in die weiße Sutane – solcherart in Weiß um die Kirche trauernd – stieg er noch einmal in das Heiligtum hinab, um dort zu warten, bis der Himmel am Abend der Zeiten herabfiele und die Erde zermalmte. Dreimal richtete er das große Kruzifix auf, das die letzten Krämpfe des Bodens umgeworfen hatten. Dann, als das letzte Krachen den Marmorboden spaltete, riß er es in seine Arme und verschwand mit ihm unter den einbrechenden Gewölben. Und eine königlichere, eine wildere Größe konnte es nicht geben. Mit einer Geberde – denn er hatte keine Stimme mehr – aber ohne Schwäche, unbesiegbar und trotz allem seine hohe Gestalt gerade aufrichtend, verabschiedete der Kardinal den jungen Priester. Dieser fand in seiner Leidenschaft für die Schönheit und Wahrheit daß er allein groß sei, daß er allein recht habe, und küßte ihm die Hand. Am Abend, als die Besuche aufgehört hatten, bei angebrochener Nacht, schloß man die Thüren des Thronsaales und machte sich an die Sarglegung. Die Messen waren beendigt, die Glöckchen der Aufhebung klingelten nicht mehr, das Gestammel der lateinischen Worte verstummte, nachdem es zwölf Stunden lang den beiden teuren, toten Kindern ins Ohr geklungen hatte. Nichts war mehr übrig als der ersterbende Duft der Rosen, der heiße Geruch der zwei Wachskerzen in der stillen, schweren Luft. Da die Kerzen mit ihren zwei blassen Sternen den ungeheuren Saal gar nicht erleuchteten, hatte man Lampen herbeigebracht, die die Bedienten gleich Fackeln in der Faust hielten. Der Sitte gemäß waren alle Diener des Hauses anwesend, um ihren Herren, die für immer zur Ruhe gehen sollten, ein letztes Lebewohl zu sagen. Es entstand eine Verzögerung. Morano, der seit dem frühen Morgen eifrig bemüht war, über die tausend Einzelheiten zu wachen, lief noch einmal weg, da der dreifache Sarg zu seiner Verzweiflung nicht kam. Endlich trugen ihn Bediente herauf und man konnte anfangen. Der Kardinal und Donna Serafina standen neben einander bei dem Bette. Auch Pierre stand dort, desgleichen Don Vigilio. Victorine begann die beiden Liebenden in ein einziges Leichentuch, ein großes Stück weiße Seide, zu hüllen; es war, als bekleide man sie mit demselben Brautgewande, dem heitern, reinen Kleide ihres Bundes. Dann traten zwei Bediente vor und halfen Pierre und Don Vigilio, sie in den ersten Sarg zu legen, der aus Fichtenholz und mit rosa Atlas ausgefüttert war. Er war gar nicht breiter, als die gewöhnlichen Särge es sind – so jung, von so zarter Anmut waren die beiden Liebenden, so eng verknüpfte sie die Umarmung, die einen einzigen Körper aus ihnen machte. Als sie im Sarge lagen, setzten sie darin ihren ewigen Schlaf fort; ihr duftendes Haar, das sich mit einander mischte, verbarg halb die beiden Köpfe, und als dieser erste Sarg in den zweiten aus Blei und dann in den dritten aus Eichenholz eingeschlossen worden war, als die drei Deckel verlötet und zugeschraubt worden waren, konnte man die Gesichter der zwei Liebenden noch immer durch die runde, mit einer dicken Glasscheibe versehene Oeffnung, die nach römischer Sitte in allen drei Särgen angebracht war, erblicken. Auf ewig von den Lebenden getrennt, allein auf dem Grunde dieses dreifachen Sarges, lächelten sie einander noch immer zu und sahen sich noch immer mit ihren beharrlich offen bleibenden Augen an. Sie hatten nun die Ewigkeit für sich, um ihre unendliche Liebe auszukosten. XVI. Am nächsten Tage, nach der Rückkehr vom Friedhof, nach der Beerdigung, frühstückte Pierre allein auf seinem Zimmer; er behielt sich vor, nachmittags vom Kardinal und Donna Serafina Abschied zu nehmen. Am Abend, mit dem Zuge, der um zehn Uhr siebenzehn Minuten abging, sollte er Rom verlassen. Nichts hielt ihn mehr zurück; er hatte nur noch einen Besuch zu machen, der ihm am Herzen lag – einen letzten Besuch bei dem alten Orlando, dem Helden der Unabhängigkeit, dem er förmlich versprochen, nicht nach Paris zurückzukehren, ohne vorher ein langes Gespräch mit ihm gehabt zu haben. Gegen zwei Uhr ließ er sich einen Fiaker holen, der ihn in die Via Venti Settembre brachte. Während der ganzen Nacht war ein feiner Regen gefallen, dessen Feuchtigkeit die Stadt in einen grünen Dunst einhüllte. Dieser Regen hatte aufgehört, aber der Himmel blieb sehr düster, und die Fassaden der großen neuen Paläste der Via Venti Settembre sahen unter diesem Dezemberhimmel mit ihren ganz gleichen Balkonen, ihren regelmäßigen Fensterreihen, die kein Ende nahmen, fahl, unendlich schwermütig aus. Besonders das Finanzministerium, diese gewaltige Anhäufung von Mauerwerk und Skulpturen, nahm das Aussehen einer toten Stadt, die unendliche Trauer eines großen, blutlosen Körpers an, den das Leben verlassen hat. Die Luft war durch den Regen milder geworden; es war beinahe heiß, eine feuchte Fieberwärme herrschte. In der Vorhalle des kleinen Palastes Prada begegnete Pierre zu seiner Ueberraschung vier bis fünf Herren, die im Begriffe waren, die Ueberröcke abzulegen; ein Diener sagte ihm, daß der Herr Graf eine Besprechung mit Unternehmern habe. Uebrigens, da der Herr Abbé den Vater des Grafen besuchen wolle, brauche er nur in den dritten Stock hinaufzusteigen. Die kleine Thür, rechts auf dem Treppenabsatz. Aber im ersten Stock sah sich Pierre plötzlich Prada gegenüber, der seine Unternehmer empfing. Er bemerkte, daß er furchtbar bleich wurde, als er ihn erkannte. Seit dem entsetzlichen Drama hatten sie sich nicht gesehen. Der Priester begriff daher, welche Angst, welche ungelegene Erinnerung an eine moralische Mitschuld, welche tödliche Unruhe sein Anblick in diesem Manne hervorrufen mußte. »Sie kommen zu mir? Sie haben mir etwas zu sagen?« »Nein, ich reise ab und will mich von Ihrem Vater verabschieden.« Pradas Blässe nahm noch zu; ein Zittern bewegte sein ganzes Gesicht. »Ah, zu meinem Vater. Er ist ein wenig leidend – schonen Sie ihn.« Und seine Angst verriet wider seinen Willen deutlich, was er befürchtete: ein unvorsichtiges Wort, vielleicht sogar eine letzte Mission, den Fluch jenes Mannes und jener Frau, die er getötet hatte. Sicherlich würde dann auch sein Vater sterben. »Ach, wie ärgerlich, daß ich nicht mit Ihnen hinaufgehen kann! Diese Herren erwarten mich. Mein Gott, wie ärgerlich! So wie ich nur kann, komme ich nach. O, gleich, gleich!« Da er nicht wußte, wie er ihn zurückhalten solle, mußte er ihn wohl mit seinem Vater allein lassen, während er selbst von seinen Geldangelegenheiten, die sich verschlechterten, hier unten angenagelt ward. Aber mit wie angstvollen Augen sah er ihm nach, wie flehte sein ganzes Zittern! Sein Vater, die einzige, wirkliche Liebe, die große, reine und treue Leidenschaft seines Lebens! »Lassen Sie ihn nicht zu viel reden, heitern Sie ihn auf. Nicht wahr, Sie werden das thun?« Oben wurde die Thür nicht von Battista, dem seinem Herrn so ergebenen ehemaligen Soldaten geöffnet, sondern von einem ganz jungen Manne, was Pierre anfangs nicht einmal bemerkte. Er fand das ganz kahle, ganz weiße Zimmer mit seiner einfachen hellen, blaugeblümten Papiertapete, mit seinem ärmlichen, hinter einem Wandschirm stehenden Eisenbette, den als Bibliothek dienenden paar Brettern an einer Wand, dem schwarzen, hölzernen Tisch und den zwei Rohrsesseln wieder, die die ganze Einrichtung ausmachten. Und aus dem breiten, hellen, vorhanglosen Fenster bot sich dasselbe wunderbare Panorama von Rom – ganz Rom, bis zu den fernen Bäumen des Janiculus. An diesem Tage war es von einem bleiernen Himmel erdrückt, von düstertraurigen Schatten überflutet. Aber der alte Orlando selbst, mit seinem prächtigen, alten weißen Löwenkopf, dem mächtigen Gesicht, den jugendlichen Augen, in denen noch die Leidenschaften funkelten, die einst in dieser Feuerseele gegrollt, hatte sich nicht verändert. Pierre fand ihn in demselben Lehnstuhl, neben demselben, mit denselben Zeitungen bedeckten Tisch wieder; seine Beine waren von derselben schwarzen Decke bedeckt, verhüllt, als ob diese toten Beine ihn da in einem steinernen Gehäuse unbeweglich festhielten, so daß man sicher war, ihn nach Monaten, nach Jahren ohne jede Veränderung, mit seinem lebendigen Oberkörper, seinem von Kraft und Intelligenz leuchtenden Gesicht wiederzufinden. Dennoch schien er an diesem trüben Tage niedergeschlagen zu sein und sein Gesicht sah düster aus. »Ach, da sind Sie, mein lieber Herr Froment! Seit drei Tagen denke ich an Sie; ich stelle mir die gräßlichen Tage vor, die Sie in dem tragischen Palaste Boccanera mitmachen mußten. Mein Gott, was für ein entsetzlicher Fall! Das Herz dreht sich mir im Leibe um; diese Zeitungen da wühlen mir mit den neuen Einzelheiten, die sie bringen, noch mehr die Seele auf.« Er deutete auf die Zeitungen, die auf dem Tische zerstreut lagen. Dann verscheuchte er mit einer Geberde die düstere Geschichte, die Gestalt der toten Benedetta, die ihn verfolgte. »Nun, und Sie?« »Ich reise heute abend ab; ich wollte Rom nicht verlassen, ohne Ihnen die tapferen Hände geschüttelt zu haben.« »Sie reisen ab? Und Ihr Buch?« »Mein Buch – Ich bin vom heiligen Vater empfangen worden – ich habe mich unterworfen, ich habe mein Werk verworfen.« Orlando sah ihn starr an. Ein kurzes Schweigen entstand, während dessen ihre Augen sich alles sagten, was zu sagen war. Weder der eine noch der andere fühlte die Notwendigkeit einer längeren Erklärung. »Sie haben recht gethan,« schloß der Greis einfach. »Ihr Buch war eine Chimäre.« »Ja, eine Chimäre, eine Kinderei, und ich habe es selbst verdammt, im Namen der Wahrheit und der Vernunft.« Auf den schmerzlichen Lippen des zerschmetterten Helden erschien wieder ein Lächeln. »Sie haben also alles gesehen und verstanden. Sie wissen jetzt alles?« »Ja, ich weiß alles und darum wollte ich nicht fort, ohne das gute, offenherzige Gespräch mit Ihnen geführt zu haben, das wir uns versprachen.« Orlando ward dadurch sehr erfreut. Aber plötzlich schien er sich des jungen Mannes zu entsinnen der die Thür geöffnet und dann bescheiden seinen Platz auf einem abseits beim Fenster stehenden Stuhl eingenommen hatte. Er war fast noch ein Kind, keine zwanzig Jahre alt, noch unbärtig, von einer blonden Schönheit, wie sie manchmal in Neapel blüht. Er hatte langes, gelocktes Haar, eine Lilienhaut, einen Rosenmund und vor allem träumerisch schmachtende Augen von unendlicher Sanftmut. Der Greis stellte ihn väterlich vor: Angiolo Mascara, der Enkel eines seiner alten Kriegskameraden, des epischen Mascara von den Tausend, der als Held, von hundert Wunden durchbohrt, gefallen war. »Ich ließ ihn herkommen, um ihn auszuschelten,« fuhr er lächelnd fort. »Stellen Sie sich vor, dieser Kerl mit dem Mädchengesicht läßt sich in die neuen Ideen ein! Er ist Anarchist, einer von den drei bis vier Dutzend Anarchisten, die wir in Italien haben. Im Grunde ist er ein braver kleiner Bursche, der nur noch seine Mutter hat und sie, dank der kleinen Stelle, die er besitzt, aushält; aber eines schönen Tages wird man ihn wegjagen. – Höre, mein Kind, Du mußt mir versprechen, vernünftig zu sein.« Da antwortete Angiolo, dessen abgenützte, reinliche Kleider in der That das anständige Elend verrieten, mit ernster, musikalischer Stimme: »Ich bin vernünftig; die anderen, alle anderen sind es nicht. Wenn alle Menschen vernünftig sein und Wahrheit und Gerechtigkeit wünschen werden, dann wird die Welt glücklich sein.« »O, glauben Sie nicht, daß er nachgeben wird!« rief Orlando. »Mein armes Kind, Gerechtigkeit, Wahrheit! Frage doch den Herrn Abbé, ob man je weiß, wo sie liegen. Nun, man muß Dir Zeit geben, zu leben, zu sehen und zu verstehen!« Und ohne sich mehr um ihn zu bekümmern, wandte er sich wieder zu Pierre. Aber Angiolo blieb mit sehr verständiger Miene in seinem Winkel sitzen, hielt die brennenden Augen auf die Sprechenden gerichtet und war ganz Ohr, verlor keines ihrer Worte. »Mein lieber Herr Froment, ich habe es Ihnen ja gesagt, daß Ihre Ideen sich ändern, und die Bekanntschaft mit Rom Sie auf richtigere, viel bessere Ansichten bringen würde, als alle schönen Reden, mit denen ich Sie zu überzeugen versucht hätte. So habe ich nie gezweifelt, daß Sie Ihr Buch vollständig freiwillig, wie einen unangenehmen Irrtum zurücknehmen würden, sobald Dinge und Menschen Sie über den Vatikan aufgeklärt haben würden. Aber wir wollen den Vatikan beiseite lassen, nicht wahr? Es läßt sich dort nichts machen, als ihn in seinem langsamen, unvermeidlichen Ruin zusammenbrechen zu lassen. Was mich noch interessirt, was mich noch begeistert, das ist das italienische Rom – unser Rom, das wir so liebevoll eroberten, so fieberhaft wiedererstehen ließen, das Sie als quantité négligeable behandelten. Nun aber haben Sie es gesehen und jetzt, da Sie es kennen, können wir darüber reden wie Leute, die einander verstehen.« Als intelligenter, vernünftiger Mann, der, von der Lähmung festgenagelt, fern vom Kampfe, ganze Tage Zeit zum Nachdenken und zur Unruhe hatte, gab er sofort vieles zu, gestand die begangenen Fehler ein und anerkannte den beklagenswerten Zustand der Finanzen, die ernsten Schwierigkeiten aller Art. Ach, seine Eroberung, sein angebetetes Italien, für das er gern wieder das Blut aus seinen Adern hergegeben hätte – in welch tödliche Sorgen, in welch unsagbare Leiden war es von neuem geraten! Sie hatten aus verzeihlichem Stolz gesündigt, sie waren zu rasch vorgegangen, indem sie ein großes Volk improvisiren, indem sie aus dem antiken Rom mit einem Zauberschlage eine große, moderne Hauptstadt machen wollten. Daher rührte der Wahnsinn der neuen Viertel, diese wahnwitzige Spekulation in Gründen und Bauten, die die Nation dem Bankerott so nahe gebracht hatte. Pierre unterbrach ihn sanft, um ihm die Formel mitzuteilen, zu der er nach seinen Gängen und Studien in Rom gelangt war. »O, dieses Fieber, diese Freßlust der ersten Zeit, dieser finanzielle Zusammenbruch ist noch nichts. Alle Wunden, die das Geld schlägt, heilen wieder. Aber das Schlimme ist, daß euer Italien erst geschaffen werden muß ... Es hat keine Aristokratie mehr, noch kein Volk, nur ein erst geborenes, gefräßiges Bürgertum, das im Begriff ist, die reiche künftige Ernte auf dem Halme zu verzehren.« Ein Schweigen entstand. Orlando schüttelte traurig den Kopf, wie ein alter, fortan ohnmächtiger Löwe. Die harte Deutlichkeit der Formel traf ihn ins Herz. »Ja, ja, das ist der Grund; Sie haben richtig beobachtet. Warum lügen, warum es leugnen, da die Thatsachen da sind und allen in die Augen springen? Mein Gott, dieses Bürgertum, diese Mittelklasse, von der ich Ihnen bereits erzählt habe, daß sie auf Stellen, Aemter, Auszeichnungen, Federbüsche so erpicht und dabei so geizig ist, ihr Geld so hütet, daß sie es in Banken anlegt und nie in der Agrikultur, in der Industrie oder im Handel aufs Spiel setzt! Sie wird bloß von dem Bedürfnis verzehrt, zu genießen, ohne etwas zu thun, und ist so unintelligent, daß sie nicht einsieht, daß sie ihr Land durch diesen Ekel vor der Arbeit, diese Verachtung des Volkes, durch die einzige Leidenschaft, kleinbürgerlich, umgeben von der Gloriole, irgend einer Verwaltungsbehörde anzugehören, zu leben, tötet ... Und diese sterbende Aristokratie, dieses entthronte, ruinirte, in die Entartung endender Rassen herabgesunkene Patriziat! Der größte Teil davon ist ins Elend geraten, die anderen, die wenigen, die noch ihr Geld behalten haben, werden unter zu schweren Steuern erdrückt, besitzen nur noch tote Vermögen, die sich nicht mehr erneuen können, durch fortwährende Teilungen vermindert werden und bestimmt sind, mit den Fürsten selbst in dem Zusammenbruch der alten, nun nutzlos gewordenen Paläste zu verschwinden. Und endlich das Volk, dieses arme Volk, das so viel gelitten hat, noch leidet, aber an sein Leid so gewöhnt ist, daß es nicht einmal den Gedanken an ein Losreißen zu fassen scheint. Blind und taub treibt es die Dinge so weit, daß es vielleicht die ehemalige Dienstbarkeit zurückwünscht, liegt in stumpfer Niedergeschlagenheit wie ein Tier auf seinem Mist da, ist vollständig unwissend – diese abscheuliche Unwissenheit ist die einzige Ursache seines Elends – hat keine Hoffnung, kein Morgen, nicht einmal den Trost, zu verstehen, daß wir dieses Italien, dieses Rom nur für das Volk, einzig und allein für das Volk erbaut haben und es in seinem einstigen Glanze wiederaufstehen zu lassen bemüht sind. Ja, ja, keine Aristokratie mehr, noch kein Volk und ein so beunruhigendes Bürgertum! Da muß man manchmal der Angst der Pessimisten, jener Leute erliegen, die behaupten, daß all unser Unglück noch nichts ist, daß wir noch viel schrecklicheren Katastrophen entgegengehen, als ob wir erst bei den ersten Symptomen des Endes unserer Rasse, den Vorläufern der letzten Vernichtung wären!« Er hatte seine langen, zitternden Arme dem Fenster, dem Licht entgegengestreckt, und Pierre erinnerte sich mit tiefer Bewegung an jene angstvoll stehende Geberde, die der Kardinal tags zuvor bei seinem Appell an die göttliche Macht gemacht hatte. Diese beiden, im Glauben so entgegengesetzten Männer besaßen dieselbe verzweifelte, wilde Größe. »Und doch haben wir, wie ich Ihnen schon am ersten Tage sagte, nur etwas Logisches und Unvermeidliches gewollt. Dieses Rom, das mit seiner glänzenden und gebietenden Vergangenheit so schwer auf uns lastet – wir mußten es zur Hauptstadt nehmen, denn Rom allein war das Band, das lebende Sinnbild unserer Einheit und zugleich die Verheißung der Ewigkeit, die Erneuerung unseres großen Traumes von Auferstehung und Ruhm.« Er sprach weiter, indem er alle unglücklichen Eigenschaften, die Rom als Hauptstadt besaß, anerkannte. Es war eine reine Dekorationsstadt, eine Stadt, deren Boden erschöpft, die abseits vom modernen Leben liegen geblieben war, eine ungesunde Stadt, in der weder Industrie noch Handel möglich waren, eine Stadt, die inmitten der sterilen Wüste ihrer Campagna von einem unbesiegbaren Tode überkommen ward. Dann stellte er sie den anderen Städten an die Seite, die auf sie eifersüchtig waren: Florenz, das so gleichgiltig und dabei so skeptisch geworden war, das eine nach den rasenden Leidenschaften, den Blutströmen seiner Vergangenheit unerklärliche, glückliche Sorglosigkeit besaß; Neapel, dem noch seine helle Sonne genügt, Neapel mit seinem Kind gebliebenen Volk, von dem man nicht weiß, ob man es seines Elends und seiner Unwissenheit wegen bemitleiden soll, da es sich an ihnen so träge zu werden scheint; Venedig, das sich darein ergibt, nichts anderes zu sein als ein Wunder der alten Kunst, das man unter Glas setzen sollte, um es unversehrt zu erhalten, das in dem Prunk und der Hoheit seiner Annalen eingeschlafen ist; Genua, ganz seinem thätigen, lärmenden Handel hingegeben, eine der letzten Königinnen des Mittelmeeres, dieses heutzutage geringen Sees, der einst das üppige Meer, der Mittelpunkt war, durch den sich alle Reichtümer der Welt wälzten; Turin und vor allem Mailand, diese so lebhaften, so modernen Industrie- und Handelsstädte, die die Touristen als nichtitalienisch mißachten, die sich beide aus dem Ruinenschlaf retteten und in die westliche Entwicklung eintraten, die das nächste Jahrhundert vorbereitet. Ach, dieses alte Italien! Mußte man es also wie ein staubiges Museum, gleich jenen erlesenen Nippes, die man aus Furcht, ihren Charakter zu zerstören, nicht auszubessern wagt, zum Vergnügen der Künstlerseelen zusammenfallen lassen, so wie seine kleinen Städte in Umbrien und Toskana es schon thun? Also entweder ein naher, unvermeidlicher Tod oder die Haue der Niederreißer, das Zubodenwerfen schwankender Mauern, das Schaffen von Städten der Arbeit, der Wissenschaft, der Gesundheit, kurz ein ganz neues, wirklich aus der Asche entstehendes, für die neue Zivilisation der Menschheit geschaffenes Italien! »Aber warum sollten wir verzweifeln?« fuhr er mit Macht fort. »Wenn Rom auch schwer auf unseren Schultern lastet, so ist es doch nichtsdestoweniger der Gipfel, den wir erreichen wollten. Wir sind dort angelangt, wir bleiben dort und warten die Ereignisse ab ... Uebrigens, wenn die Bevölkerung auch aufgehört hat, zuzunehmen, so bleibt sie doch bei etwa viermalhunderttausend Seelen stehen, und an dem Tage, da die Ursachen, die die steigende Flut hemmten, verschwinden, kann sie ruhig wieder zu steigen anfangen. Wir haben das Unrecht begangen, zu glauben, daß Rom ein Berlin, ein Paris werden würde; bisher scheinen sich dem alle Arten von sozialen, historischen, sogar ethischen Verhältnisse zu widersetzen. Aber wer kennt die Ueberraschungen, die das Morgen bringen kann? Kann man uns die Hoffnung, den Glauben untersagen, der in dem in unseren Adern fließenden Blute liegt – dem Blute der einstigen Welteroberer? Ich, ein Zerschmetterter, ein Vernichteter, der ich mich mit meinen toten Beinen nicht mehr aus diesem Zimmer rühre, ich habe Stunden, da mein Wahnwitz mich wieder packt, da ich an Rom wie an meine unbesiegbare, unsterbliche Mutter glaube, da ich die zwei Millionen Einwohner erwarte, die kommen müssen, um jene traurigen, leeren und schon zusammenbrechenden neuen Viertel, die Sie besuchten, zu bevölkern. Gewiß, sie werden kommen. Warum sollten sie denn nicht kommen? Sie werden sehen, Sie werden sehen, alles wird sich bevölkern, man wird noch dazu bauen müssen. Und dann, offen gestanden: kann man eine Nation, die die Lombardei besitzt, arm nennen? Ist unser Süden an und für sich nicht schon ein unerschöpflicher Reichtum? Lassen Sie nur Friede entstehen, den Süden mit dem Norden verschmelzen und ein ganzes Geschlecht von Arbeitern aufwachsen – da der Boden, der so fruchtbare Boden vorhanden ist, wird wohl eines Tages die große, erwartete Ernte aufwachsen und in der brennenden Sonne reifen!« Die Begeisterung trug ihn empor; ein wahres Jugendfeuer entflammte seine Augen. Pierre, schon gewonnen, lächelte und sagte, als er sprechen konnte: »Das Problem muß von unten, vom Volk aus wieder angefaßt werden. Man muß Menschen schaffen.« »Jawohl, so ist's!« rief Orlando. »Ich wiederhole es unaufhörlich: Italien muß geschaffen werden. Man könnte meinen, daß ein Ostwind den menschlichen Samen, den Samen der kräftigen und mächtigen Völker, anderwärts, fern von unserer alten Erde, getragen hat. Unser Volk ist nicht wie euer französisches Volk ein Behälter von Menschen und Geld, aus dem man mit vollen Händen schöpft. Diesen unerschöpflichen Behälter möchte ich aber bei uns entstehen sehen. Ja, von unten also muß man wirken! Ueberall müssen Schulen errichtet, die Unwissenheit verjagt, die Roheit und Faulheit mit Hilfe von Büchern bekämpft werden; die geistige und moralische Erziehung muß uns das arbeitende Volk geben, dessen wir bedürfen, wenn wir nicht aus dem Einverständnis der großen Nationen verschwinden wollen. Ich sage es nochmals: für wen haben wir denn gearbeitet, indem wir Rom zurücknahmen, indem wir ihm eine dritte Glanzzeit schaffen wollten, wenn nicht für die Demokratie von morgen? Und wie erklärlich ist es, daß alles zusammenbricht, daß nichts mehr kräftig sprossen will, da diese Demokratie vom Grund aus fehlt! ... Ja, ja, die Lösung des Problems liegt nur dort! Ein Volk, eine italienische Demokratie muß geschaffen werden!« Pierre war unruhig verstummt; er wagte nicht zu sagen, daß eine Nation sich nicht leicht ändere, daß Italien das war, wozu der Boden, die Geschichte, die Rasse es gemacht hatten und daß es gefährlich sein könnte, wenn man es mit einemmal ganz verwandeln wollte. Besitzen nicht die Völker wie die einzelnen Kreaturen eine thätige Jugend, ein strahlendes Alter der Reife, ein mehr oder minder langsames, dem Tode zuführendes Greisenalter? Großer Gott, ein modernes, demokratisches Rom! Die modernen Roms heißen Paris, London, Chicago. Er begnügte sich damit, vorsichtig zu sagen: »Aber glauben Sie nicht, daß ihr, in Erwartung dieser großen Erneuerungsarbeit durch das Volk, wohl daran thätet, vernünftig zu sein? Eure Finanzen sind in so schlechtem Zustand, ihr macht so große, soziale und volkswirtschaftliche Schwierigkeiten durch, daß ihr euch der Gefahr noch ärgerer Katastrophen aussetzt, ehe ihr Menschen und Geld habt. Ach, was für ein kluger Minister wäre das, wenn einer von euren Ministern von der Tribüne aus sagen würde: ›Nun wohl, unser Stolz hat sich geirrt, wir hatten unrecht, uns von heut auf morgen als große Nation zu improvisiren; dazu braucht es mehr Zeit, mehr Arbeit und Geduld. Wir willigen also ein, noch nichts zu sein als ein junges Volk, das sich sammelt, das in seinem Winkel arbeitet, um sich zu stärken, ohne bis auf weiteres eine vorherrschende Rolle spielen zu wollen; wir rüsten ab, wir schränken das Kriegsbudget, das Marinebudget, alle Budgets äußerlicher Prahlerei ein, um uns nur der innern Wohlfahrt, dem Unterricht, der körperlichen und sittlichen Erziehung des großen Volkes zu weihen, das wir – wir schwören es – in fünfzig Jahren sein werden.‹ Bremsen, ja, bremsen! Darin liegt eure Rettung!« Orlando hatte ihm zugehört; nach und nach war er wieder düster geworden und in sein ängstliches Sinnen zurückgefallen. Er machte eine matte, unbestimmte Geberde und sagte halblaut: »Nein, nein, ein Minister, der solche Sachen sagen würde, würde ausgepfiffen werden. Das wäre ein zu hartes Eingeständnis, das man von einem Volke nicht verlangen kann. Die Herzen aller würden von Ekel erfüllt werden, die Brust zersprengen. Und dann, wäre es vielleicht nicht noch gefährlicher, wenn man alles, was schon gethan wurde, plötzlich zusammenbrechen ließe? Wie viele fehlgeschlagene Hoffnungen, wie viele Ruinen, wie viele unnütz verschwendete Materialien gäbe es da! Nein, wir können uns nur noch durch Geduld und Mut retten, indem wir vorwärts, immer vorwärts gehen! Wir sind ein sehr junges Volk; wir haben die Einheit, zu deren Eroberung andere Nationen zweihundert Jahre gebraucht haben, in fünfzig Jahren schaffen wollen. Nun denn, diese Uebereilung muß bezahlt werden, wir müssen warten, bis die Ernte reift und unsere Scheuern füllt.« Mit einer abermaligen, stärkeren, weiteren Geberde beharrte er steif auf seiner Hoffnung. »Sie wissen, ich bin immer gegen das Bündnis mit Deutschland gewesen. Ich habe es vorausgesagt, es hat uns zu Grunde gerichtet. Wir waren noch nicht groß genug, um gemeinschaftlich mit einer so reichen und mächtigen Persönlichkeit einherzuschreiten; nur im Hinblick auf den fortwährend bevorstehenden, für unvermeidlich gehaltenen Krieg leiden wir derzeit so grausam unter den zermalmenden Budgets einer großen Nation. Ach, dieser Krieg, der nicht gekommen ist, hat unser bestes Blut, Mark und Gold aufgezehrt, ohne daß wir irgend welchen Nutzen davon hatten! Heute bleibt uns nichts mehr übrig, als mit einem Verbündeten zu brechen, der mit unserer Hoffart gespielt hat, ohne uns je in etwas zu nützen, ohne daß wir von ihm je etwas anderes erhielten als Mißtrauen und unheilvolle Ratschläge ... Aber all das war unvermeidlich und das will man in Frankreich nicht zugeben. Ich kann frei darüber sprechen, denn ich bin ein erklärter Freund Frankreichs; man grollt mir sogar deswegen. Erklären Sie also Ihren Landsleuten, die eigensinnig nicht begreifen wollen, daß wir am Tage nach der Eroberung Roms, in dem rasenden Verlangen, unsern einstigen Rang wieder einzunehmen, unsere Rolle in Europa spielen, uns als eine Macht bethätigen mußten, mit der man fortan zu rechnen hätte. Ein Zögern war nicht erlaubt; alle unsere Interessen schienen uns Deutschland zuzutreiben; das drängte sich mit blendender Gewißheit auf. Das harte Gesetz des Kampfes ums Leben lastet auf den Völkern ebenso verhängnisvoll wie auf den Individuen; das erklärt, das rechtfertigt den Bruch der beiden Schwestern, das Vergessen so vieler gemeinsamer Bande, der Rasse, der Handelsbeziehungen, ja sogar der geleisteten Dienste ... Zwei Schwestern! Ja, und jetzt zerreißen sie, jetzt verfolgen sie einander mit solchem Haß, daß auf beiden Seiten alle gesunde Vernunft abhanden gekommen zu sein scheint; mein armes, altes Herz blutet vor Schmerz, wenn ich die Artikel lese, die eure und unsere Zeitungen wie vergiftete Pfeile mit einander tauschen. Wann wird denn dieses brudermörderische Gemetzel enden? Wer von den beiden wird zuerst begreifen, wie notwendig der Frieden, das Bündnis der lateinischen Rassen ist, wenn sie inmitten der immer höher steigenden Wut der anderen Rassen am Leben bleiben wollen?« Und mit der Gutmütigkeit des vom Alter entwaffneten Helden, der sich in die Träume geflüchtet hat, fügte er heiter hinzu: »Hören Sie, mein lieber Herr Froment, Sie müssen mir versprechen, uns zu helfen, sobald Sie nach Paris zurückkehren. Schwören Sie mir, daß Sie in Ihrem Arbeitsfelde, wie klein es auch sein mag, für den Frieden zwischen Frankreich und Italien wirken werden. Denn es gibt keine heiligere Arbeit. Sie haben drei Monate unter uns gelebt, Sie können sagen, was Sie gesehen, was Sie gehört haben. O, thun Sie das ganz offen! Wenn wir unrecht haben, so habt ihr es sicherlich auch. Ei Teufel, Familienzwistigkeiten können ja nicht ewig dauern!« »Gewiß,« antwortete Pierre befangen. »Leider sind sie gerade die zähesten. In der Familie, wenn das Blut sich gegen das eigene Blut erbittert, kommt es bis zu Messer und Gift. Dort ist ein Verzeihen nicht möglich.« Er wagte nicht, seinen ganzen Gedanken auszusprechen. Seit er in Rom war, seit er hörte und urteilte, faßte sich ihm dieser Streit zwischen Frankreich und Italien zu einem schönen, tragischen Märchen zusammen. Es gab einmal zwei Prinzessinnen, die eine mächtige Königin, die Herrin der Welt, geboren hatte. Die ältere, die von der Mutter das Reich geerbt hatte, sah zu ihrem geheimen Kummer, daß die jüngere, die sich in einem benachbarten Lande niedergelassen, nach und nach an Reichtum, Kraft und Glanz zunahm, während sie selbst, gleichsam vom Alter geschwächt, zerstückelt, abnahm und so erschöpft, so zerbröckelt war, daß sie an dem Tage, da sie eine letzte Anstrengung machte, um die Weltherrschaft wieder zu erobern, sich geschlagen sah. Was für eine Bitterkeit, was für eine immerwährend offene Wunde war es für sie, da sie mit ansehen mußte, wie ihre Schwester sich von den schrecklichen Erschütterungen erholte, ihre blendende Pracht wieder gewann und durch ihre Kraft, ihre Anmut und ihren Geist über die Erde herrschte! Das würde sie nie verzeihen, mochte diese beneidete und gehaßte Schwester welche Haltung immer gegen sie einnehmen. Das war die unheilbare Wunde in ihrer Brust; das Leben der einen wurde durch das Leben der andern vergiftet, und dieser Haß des alten Blutes gegen das junge Blut würde sich erst mit dem Tode beruhigen. Vielleicht würde die ältere Schwester sogar an dem nahen Tage, da Friede zwischen ihnen entstünde, angesichts des augenscheinlichen Triumphes der jüngeren im tiefsten Herzen den endlosen Schmerz bewahren, daß sie die ältere und die Vasallin sei. »Auf jeden Fall zählen Sie auf mich,« fuhr Pierre liebreich fort. »Dieser wütende Streit der zwei Völker ist in der That ein großer Schmerz, eine große Gefahr ... Aber ich werde nichts über euch sagen als das, was ich für die Wahrheit halte. Ich bin nicht im stande, etwas anderes zu sagen. Aber ich fürchte sehr, daß ihr sie nicht liebt, daß ihr weder durch euer Temperament noch durch die Gewohnheit auf sie vorbereitet seid. Die Dichter aller Nationen, die herkamen und mit der überlieferten Begeisterung ihrer klassischen Bildung über Rom sprachen, haben euch mit solchem Lob berauscht, daß ihr, wie mir scheint, wenig dazu angethan seid, die volle Wahrheit über euer heutiges Rom zu hören. Wenn man auch noch so sehr auf eure Hoffart Rücksicht nähme, so müßte man doch zur Wirklichkeit der Dinge gelangen und eben diese Wirklichkeit wollt ihr nicht zugeben; denn ihr seid in das Schöne verliebt und sehr empfindlich, gleich jenen Frauen, die sich bewußt sind, nicht mehr schön zu sein und wegen der geringsten Bemerkung über ihre Runzeln verzweifelt sind.« Orlando war in ein kindliches Lachen ausgebrochen. »Gewiß, man muß die Dinge immer ein wenig verschönern. Wozu denn von häßlichen Gesichtern reden? Wir lieben auf der Bühne nur hübsche Musik, hübsche Tänze, hübsche Stücke, die Vergnügen machen. Das übrige, alles was unangenehm ist – guter Gott, das muß verborgen werden!« »Aber ich gestehe gerne sofort den Hauptfehler meines Buches zu,« fuhr der Priester fort. »Dieses italienische Rom, das ich vernachlässigte, um es dem päpstlichen Rom, von dessen Wiedererwachen ich träumte, zu opfern, existirt, ist schon so mächtig, so triumphirend, daß es sicherlich das andere Rom ist, das vom Schicksal dazu bestimmt ward, mit der Zeit zu verschwinden. Wie ich schon bemerkte, besteht der Papst vergeblich darauf, unwandelbar in seinem immer rissiger werdenden, vom Ruin bedrohten Vatikan zu bleiben – alles um ihn entwickelt sich, und die schwarze Gesellschaft ist bereits eine graue Gesellschaft geworden, indem sie sich mit der weißen mischte. Das habe ich nie mehr gefühlt als bei dem Feste, das der Fürst Buongiovanni zur Verlobung seiner Tochter mit Ihrem Großneffen gab. Ich verließ es ganz entzückt, ganz eingenommen für eure Sache.« Die Augen des Greises funkelten. »Ah, Sie waren dabei! Nicht wahr, es war ein unvergeßliches Schauspiel und Sie zweifeln nicht mehr an unserer Lebenskraft, an dem Volke, das wir sein müssen, sobald die Schwierigkeiten von heute besiegt sind? Was liegt an einem Vierteljahrhundert, was liegt an einem Jahrhundert! Italien wird in seinem alten Glanz auferstehen, sobald das große Volk von morgen aus der Erde gesproßt sein wird! ... Freilich verabscheue ich diesen Sacco, weil ich ihn für die Verkörperung der Ränkeschmiede, der Genüßlinge halte, deren Begierden alles zurückhielten, indem sie sich auf die warme Beute unserer Eroberung stürzten, die uns so viel Blut und so viel Thränen gekostet hatte. Aber in meinem vielgeliebten Attilio, der wirklich Fleisch von meinem Fleisch ist, lebe ich wieder auf; er ist so zärtlich und so tapfer, er wird die Zukunft, das Geschlecht der Wackeren sein, deren Kommen das Land belehren und reinigen wird ... Ach, möge doch das große Volk von morgen aus ihm und dieser Celia, dieser anbetungswürdigen, kleinen Prinzessin erstehen! Stefana, meine Nichte, eine im Grunde vernünftige Frau, hat sie mir neulich hergebracht. Wenn Sie gesehen hätten, wie dieses Kind mir um den Hals fiel, mich mit den süßesten Namen nannte und sagte, daß ich der Pate ihres ersten Sohnes sein würde, damit er so heiße wie ich und ein zweitesmal Italien rette ... Ja, ja, möge es um diese nahe Wiege Friede werden, möge der Bund dieser teuren Kinder die unlösliche Vermählung zwischen Rom und der ganzen Nation sein, möge durch ihre Liebe alles wieder gut werden, alles wieder aufleuchten!« Die Thränen waren ihm in die Augen gestiegen. Pierre, den diese in dem zerschmetterten Helden noch brennende, unauslöschliche Flamme der Vaterlandsliebe tief rührte, wollte ihm ein Vergnügen machen. »Das ist der Wunsch, den ich selbst bei ihrem Verlobungsfeste ausgesprochen habe; ich sagte zu Ihrem Sohne beinahe dasselbe wie Sie. Ja, möge ihre Ehe bleibend und fruchtbar sein, möge aus ihr das große Land entstehen, das zu sein ich euch, jetzt, da ich euch kennen gelernt habe, von ganzem Herzen wünsche!« »Das haben Sie gesagt!« rief Orlando. »Das haben Sie gesagt! Dann verzeihe ich Ihnen Ihr Buch, dann haben Sie endlich verstanden. Und das ›neue Rom‹ – da liegt es! Das Rom, das uns gehört, das wir, seiner glorreichen Vergangenheit wieder würdig, zum drittenmal zur Königin der Welt machen wollen!« Mit einer seiner weiten Geberden, in die er alles, was ihm vom Leben blieb, legte, wies er auf das ungeheure Panorama, das sich vor dem hellen, vorhanglosen Fenster entfaltete – auf Rom, das sich in der Ferne, von einem Ende des Horizonts zum andern hinstreckte. Unter dem schieferfarbenen Himmel, in dieser so seltenen, winterlichen Trauerzeit nahm die Stadt eine Art höherer Majestät, die schwermütige Größe einer Königsstadt an, die heute noch verfallen, in der trüben Luft stumm und unbeweglich auf das glänzende Erwachen, die allseitig anerkannte, ihr von neuem verheißene Königswürde harrt. Von den neuen Vierteln am Viminal bis zu den fernen Bäumen des Janiculus, von den roten Dächern des Kapitols bis zu den grünen Wipfeln des Pincio lag die Schlagwelle der Terrassen, der Kampanile, der Dome wie ein weiter Ozean da, dessen tiefe, graue Wogen endlos hin und her schwankten. Aber plötzlich wandte Orlando, von väterlichem Zorn ergriffen, den Kopf und fuhr den jungen Angiolo Mascara an. »Du Bösewicht, Du! Also unser Rom gedenkst Du mit Bomben zu zerstören, unser Rom willst Du wie ein altes, erschüttertes, verfaultes Haus schleifen, um die Erde seiner auf ewig zu entledigen!« Angiolo hatte bisher schweigend und leidenschaftlich dem Gespräche zugehört. Auf seinem unbärtigen, schönen, blonden Mädchengesicht zeigte sich die geringste Erregung in plötzlichem Erröten und besonders seine großen blauen Augen hatten gebrannt, als er von dem Volke reden hörte, von dem neuen Volke, das geschaffen werden sollte. »Ja,« sagte er langsam mit seiner reinen, musikalischen Stimme, »ja, schleifen, keinen einzigen Stein davon übrig lassen! Aber zerstören, um es wieder aufzubauen!« Orlando unterbrach ihn mit zärtlich spöttischem Lachen. »Ah, Du wirst es wieder aufbauen! Das ist noch ein Glück!« »Ich werde es wieder aufbauen!« wiederholte das Kind, sich erhebend, mit zitternder Stimme, wie ein erleuchteter Prophet. »Ich werde es wieder aufbauen – o, so groß, so schön, so edel! Braucht denn nicht die Weltdemokratie von morgen, die endlich befreite Menschheit eine einzige Stadt, die die Bundeslade, der Mittelpunkt der Welt selbst wäre? Und ist nicht Rom die auserwählte Stadt, die von den Prophezeiungen als die ewige, die unsterbliche, als diejenige bezeichnet wird, in der sich das Schicksal der Völker erfüllen wird? Aber damit sie das bleibende Heiligtum, die Hauptstadt der zerstörten Königreiche werde, in der sich einmal jährlich die Weisen aller Länder versammeln, muß man sie zuerst durch Feuer reinigen und nichts von den früheren Befleckungen in ihr zurücklassen. Dann, wenn die Sonne die Pestilenz des alten Bodens aufgesogen haben wird, dann werden wir sie wieder aufbauen – zehnmal schöner, zehnmal größer, als sie je gewesen. Und was für eine Stadt der Gerechtigkeit und Wahrheit wird endlich dieses seit dreitausend Jahren verkündete, erwartete Rom sein – ganz aus Gold, ganz aus Marmor, die Campagna vom Meer bis zum Sabiner- und Albanergebirge ausfüllend, so glücklich und so weise, daß seine zwanzig Millionen Einwohner nach der Regelung des Gesetzes der Arbeit in unvergleichlicher Daseinsfreude leben werden. Ja, ja, Rom, die Mutter, die Königin, die Einzige auf Erden, bis in Ewigkeit!« Pierre hörte mit offenem Munde zu. Was, dahin kam es mit dem Blute des Augustus? Im Mittelalter hatten die Päpste nicht die Herren Roms sein können, ohne infolge ihres uralten Wunsches, die Welt von neuem zu regieren, das gebieterische Bedürfnis nach einem Wiederaufbauen Roms zu empfinden. In jüngster Zeit, als das junge Italien sich Roms bemächtigt hatte, erlag es sofort dem atavistischen Wahn der Weltherrschaft, wollte es seinerseits zur größten aller Städte machen und baute ganze Viertel für eine Bevölkerung, die nicht gekommen war. Und nun waren sogar die Anarchisten in ihrer Umsturzwut von demselben hartnäckigen, diesmal maßlosen Traum der Rasse besessen; sie verlangten ein viertes, ungeheuerliches Rom, dessen Vorstädte zuletzt die Kontinente an sich reißen sollten, um ihre befreite, zu einer einzigen Familie vereinte Menschheit darin unterzubringen! Das war die Krone von allem; nie würde es einen phantastischeren Beweis für das hoffärtige, herrschsüchtige Blut geben, das die Adern dieser Rasse verbrannt hat, seit Augustus ihr das Erbe seines unumschränkten Reiches und zugleich die wütende Anlage zu dem Glauben hinterließ, daß die Welt ihr gesetzlich gehöre und daß sie stets die Mission habe, sie wieder zu erobern. Das kam aus dem Boden selbst, das war ein Saft, der alle Kinder dieses historischen Humus berauscht hat, der alle antrieb, aus ihrer Stadt die einzige Stadt, diejenige zu machen, die regiert hat, die strahlend zu den von den Orakeln geweissagten Zeiten regieren wird. Und Pierre entsann sich der vier päpstlichen Buchstaben, des S. P. G. R. des alten, glorreichen Rom, das er überall in dem gegenwärtigen Rom wiedergefunden hatte. Es stand wie ein dem Schicksal erteilter Befehl, endgiltig zu siegen, auf allen Mauern, allen Abzeichen, bis zu den Schubkarren des städtischen Wegeamtes, die des Morgens den Kehricht fortführten. Pierre begriff nun die seltsame Eitelkeit dieser von der Größe der Ahnen verfolgten, von der Vergangenheit ihres Rom hypnotisirten Leute, mit der sie erklären, daß es alles in sich schließt, daß sie selbst nicht dahin gelangen, es kennen zu lernen, daß es die Sphinx ist, die eines Tages die Erklärung des Weltalls zu geben haben wird. Es ist so groß und so edel, daß alles darin größer und edler wird, daß sie in dieser lebhaften Illusion der Legende, in der es lebt, dieser unentwirrbaren Verwirrung von all dem, was groß hätte sein können und all dem, was nicht mehr groß ist, zuletzt von der ganzen Erde diese abgöttische Ehrfurcht von Rom verlangen. »Aber ich kenne Dein viertes Rom,« fuhr Orlando, wieder heiter werdend, fort. »Es ist das Rom des Volkes, die Hauptstadt der allgemeinen Republik, von der schon Mazzini träumte. Freilich fügte er den Papst hinzu ... Siehst Du, mein Junge, wenn wir, die alten Republikaner, uns rallirt haben, so kam das daher, weil wir besorgten, das Land im Revolutionsfall in die Hände der gefährlichen Narren fallen zu sehen, die Dir den Kopf verdrehten. Meiner Treu, so haben wir uns in unsere Monarchie ergeben, die sich von einer guten, parlamentarischen Republik nicht merklich unterscheidet ... Nun, auf Wiedersehen. Sei vernünftig, denk daran, daß Deine arme Mutter stürbe, wenn Dir etwas zustieße ... Komm her, ich will Dir trotzdem einen Kuß geben.« Angiolo errötete bei dem liebevollen Kuß des Helden wie ein junges Mädchen. Dann, nachdem er den Priester höflich mit einer Kopfbewegung begrüßt hatte, ohne ein Wort hinzuzufügen, entfernte er sich mit seiner sanften Miene, der Miene eines wachen Träumers. Ein Schweigen entstand. Da die Blicke des alten Orlando auf die auf dem Tische zerstreut liegenden Zeitungen gefallen waren, sprach er wieder von dem schrecklichen Trauerfall im Palast Boccanera. Ach, diese Benedetta, die er in den traurigen Tagen, da sie bei ihm wohnte, wie eine teure Tochter angebetet hatte! Was für ein blitzähnlicher Tod, was für ein tragisches Los, so von dem Tode des Mannes, den sie liebte, hinweggerafft zu werden! Und da ihm die Erzählungen der Zeitungen sonderbar vorkamen, da das Dunkle, was er da herausfühlte, ihn schmerzte und quälte, fragte er gerade nach näheren Einzelheiten, als sein Sohn Prada plötzlich, vom zu raschen Treppensteigen atemlos, eintrat. Sein Gesicht war von Unruhe verzerrt. Er hatte seine Bauunternehmer soeben mit ungeduldiger Rohheit fortgeschickt, ohne auf die ernste Lage, auf sein gefährdetes, dem Zusammenbrechen nahes Vermögen Rücksicht zu nehmen; er erlag einem solchen Verlangen, oben, bei seinem Vater zu sein, daß er ihnen nicht einmal zuhörte und sich nicht darum kümmerte, ob das Haus über seinem Kopf zusammenbrechen würde. Und als er oben, bei dem Greise war, galt sein erster, angstvoller Blick seinem Gesichte, um sich zu überzeugen, ob der Priester ihn nicht durch ein unvorsichtiges Wort zu Tode getroffen hätte. Er erbebte, als er sah, daß der Greis über das schreckliche Ereignis, von dem er sprach, zu Thränen gerührt war und zitterte. Einen Augenblick glaubte er, daß er zu spät komme, daß das Unheil schon geschehen sei. »O Gott, Vater, was fehlt Ihnen? Warum weinen Sie?« Und er warf sich zu seinen Füßen nieder, ergriff knieend seine Hände und sah ihn leidenschaftlich, mit solcher Anbetung an, daß er ihm sein ganzes Herzblut darzubieten schien, um ihm den geringsten Schmerz zu ersparen. »Ach, es ist der Tod der armen Frau,« antwortete Orlando traurig. »Ich sagte zu Herrn Froment, wie trostlos ich darüber sei und fügte hinzu, daß ich das Geschehene erst begreifen müßte. Die Zeitungen sprechen von einem plötzlichen Tode. Das ist immer etwas so Außerordentliches!« Prada richtete sich mit sehr bleichem Gesicht auf. Der Priester hatte noch nicht gesprochen. Aber was für ein furchtbarer Moment! Wenn er antwortete, wenn er spräche! »Sie waren dabei, nicht wahr?« fuhr der Greis fort. »Sie haben alles gesehen ... Erzählen Sie mir doch, wie es sich zugetragen hat.« Prada sah Pierre an. Ihre Blicke trafen sich starr und drangen in einander ein. Alles spielte sich noch einmal zwischen ihnen ab. Da war wieder das schreitende Schicksal, da war Santobono, dem sie am Fuße der Abhänge von Frascati mit seinem kleinen Korbe begegneten; da war die Rückfahrt durch die schwermütige Campagna, das Gespräch über Gift, während der kleine Korb auf den Knieen des Pfarrers dahinfuhr und sich langsam schaukelte; da war vor allem die in der Einöde schlummernde Osteria, die kleine, plötzlich gestorbene schwarze Henne, mit einem violetten Blutstrom am Schnabel. Dann kam, in derselben Nacht, der strahlende Ball bei den Buongiovannis – ein wahrer Duft von Frauen, ein wahrer Triumph der Liebe. Zuletzt stand vor dem im silbernen Mondlicht schwarz sich abhebenden Palazzo Boccanera der Mann, der sich eine Cigarre anzündete und langsam, ohne den Kopf zu wenden, sich entfernte, indem er das dunkle Schicksal sein Todeswerk ausführen ließ. Diese Geschichte kannten sie beide, lebten sie wieder durch und hatten es nicht nötig, sie sich laut zu wiederholen, um sicher zu sein, daß sie einander bis ins tiefste Herz geschaut hatten. Pierre hatte dem Greise nicht sofort geantwortet. »O, es sind schreckliche Dinge vorgegangen,« murmelte er endlich, »schreckliche Dinge ...« »Gewiß, das habe ich geahnt,« fuhr Orlando fort. »Sie können uns alles sagen ... Mein Sohn hat angesichts des Todes vergeben.« Der Blick Pradas suchte abermals den Pierres und legte sich so schwer, so voll innigen Flehens auf ihn, daß der Priester tief erschüttert ward. Er erinnerte sich an die Herzensangst dieses Mannes während des Balles, an die gräßlichen Eifersuchtsqualen, die er wohl hatte erleiden müssen, ehe er dem Schicksal die Sorge für seine Rache überließ. Er stellte sich zusammen, was dann, nach der furchtbaren Lösung, in ihm vorgegangen sein mußte; zuerst das Erstaunen über diese Raschheit des Schicksals, diese Rache, die grausamer ausgefallen, als er verlangt hatte; dann die eisige Ruhe des ruhigen Spielers, der die Ereignisse abwartet, die Zeitungen liest und keine anderen Gewissensbisse empfindet als die des Feldherrn, den ein Sieg zu viele Menschen gekostet hat. Er hatte sofort begriffen, daß der Kardinal die Sache um der Ehre der Kirche willen begraben würde. Nur auf dem Herzen blieb ihm ein schweres Gewicht liegen – vielleicht war es die Sehnsucht nach jener so heißersehnten Frau, die er nie besessen, nie besitzen würde – vielleicht auch eine furchtbare, letzte Eifersucht, die er sich nicht eingestand, an der er allezeit leiden würde – die, sie im Grabe auf ewig in den Armen eines andern zu wissen. Und nun erhob sich aus dieser sieghaften Anstrengung, die Ruhe zu bewahren, aus diesem kalten, reuelosen Warten die Strafe, die Furcht, daß das mit den vergifteten Feigen einherschreitende Schicksal nicht nochmals auf seinem Wege innehalten und durch einen Rückschlag seinen Vater treffen könnte. Noch ein Donnerschlag, noch ein Opfer – das unerwartetste, das angebetetste. Seine ganze Widerstandskraft war in einer Minute zusammengebrochen; hilfloser und zitternder als ein Kind stand er dem Schrecken des Schicksals gegenüber. »Aber,« sprach Pierre langsam, als suche er die Worte zusammen, »aus den Zeitungen haben Sie doch wohl entnommen, daß der Fürst zuerst verschied und die Contessina vor Schmerz starb, indem sie ihn zum letztenmal umarmte. Die Todesursachen ... mein Gott, Sie wissen, daß die Aerzte selbst sich gewöhnlich nicht genau auszusprechen wagen –« Er hielt inne; er hörte plötzlich die Stimme der sterbenden Benedetta, wie sie ihm den schrecklichen Befehl erteilte: »Sie werden seinen Vater sehen. Ich beauftrage Sie, ihm zu sagen, daß ich seinen Sohn verflucht habe. Ich will, daß er es erfährt; er muß es wissen, um der Wahrheit und Gerechtigkeit willen.« Großer Gott, sollte er gehorchen? War das einer jener heiligen Befehle, die man ausführen muß, selbst wenn Thränen und Blut in Strömen fließen? Einige Sekunden lang fand der herzzerreißendste Kampf in ihm statt; er schwankte zwischen dieser Wahrheit, dieser Gerechtigkeit, auf die die Tote sich berufen, und seinem persönlichen Bedürfnis nach Vergebung, dem Grauen, das er vor sich selbst gehabt hätte, wenn er diesen Greis durch die Erfüllung seiner unversöhnlichen, niemand Nutzen bringenden Mission getötet haben würde. Und sicherlich mußte der andere, der Sohn, begreifen, daß irgend ein Kampf in ihm stattfinde, von dem das Schicksal seines Vaters abhing; denn sein Blick wurde noch schwerer, noch flehender. »Man hat zuerst an eine Verdauungsstörung gedacht,« fuhr Pierre fort. »Aber das Uebel verschlimmerte sich so rasch, daß man erschrak und um einen Arzt lief.« Ach, die Augen Pradas, die Augen Pradas! Sie waren so verzweifelt geworden, und die rührendsten, die gewichtigsten Dinge malten sich in ihnen, so daß der Priester alle die entscheidenden Gründe aus ihnen herauslas, die ihn am Sprechen hindern sollten. Nein, nein, er würde den unschuldigen Greis nicht so treffen! Er hatte nichts versprochen; es hätte das Andenken der Toten mit einem Verbrechen belasten geheißen, wenn er ihrem letzten Hassesausbruch gehorcht haben würde. Prada selbst hatte während dieser wenigen, angstvollen Minuten ein ganzes Leben so gräßlichen Schmerzes durchgemacht, daß trotz alledem der Gerechtigkeit ein wenig Genüge geschehen war. »Als nun der Arzt kam, erkannte er förmlich, daß es sich um ein ansteckendes Fieber handelte,« schloß Pierre. »Es herrscht kein Zweifel daran ... Ich habe heute vormittag dem Begräbnis beigewohnt; es war sehr schön und sehr rührend.« Orlando drang nicht weiter in ihn, sondern begnügte sich, mit einer Geberde auszudrücken, daß auch er den ganzen Vormittag bei dem Gedanken an diese Beerdigung bewegt gewesen sei. Als er sich dann umdrehte und mit seinen noch zitternden Händen die Zeitungen auf dem Tische ordnete, sah Prada Pierre noch einmal mit einem festen Blick an, während er sich, von Todesschweiß erstarrt, schwankend an die Lehne eines Stuhles stützte, um nicht zu fallen; aber es war ein sehr sanfter Blick voll rasender Erkenntlichkeit, der »danke« sagte. »Ich reise heute abend ab,« wiederholte Pierre; er war ganz erschöpft und wollte das Gespräch abbrechen. »Ich komme, um von Ihnen Abschied zu nehmen ... Haben Sie mir keinen Auftrag für Paris zu geben?« »Nein, gar keinen,« sagte Orlando. Aber mit einemmale besann er sich. »Ei doch, ich habe einen Auftrag für Sie. Sie erinnern sich gewiß an das Buch meines alten Waffengefährten Theophil Morin, einem der Tausend Garibaldis – an dieses Handbuch für das Baccalaureat, das er übersetzen und für Italien bearbeiten lassen wollte. Ich bin sehr froh, denn man hat mir versprochen, es in unseren Schulen aufzunehmen; aber unter der Bedingung, daß er einige Aenderungen macht ... Luigi, reiche mir doch den Band her, der dort auf dem Brette liegt.« Und als sein Sohn ihm den Band gereicht hatte, zeigte er Pierre die Notizen, die er mit Bleistift auf dem Rande gemacht hatte, indem er ihm die Aenderungen erklärte, die man von dem Verfasser bezüglich des allgemeinen Planes des Werkes erwartete. »Seien Sie also so liebenswürdig, dieses Exemplar Morin, dessen Adresse auf der Rückseite des Buches steht, selbst hinzutragen. Sie ersparen mir dadurch einen langen Brief und werden ihm in zehn Minuten mehr und in bestimmterer, vollständigerer Weise sagen, als ich es auf zehn Seiten thun könnte. Und umarmen Sie Morin von mir; sagen Sie ihm, daß ich ihn noch immer liebe – o, von ganzem Herzen, wie einst, da ich noch meine Beine hatte und wir uns beide wie die Teufel im Kugelregen schlugen!« Ein kurzes Schweigen – das Schweigen, die gerührte Befangenheit des Trennungsmomentes trat ein. »Adieu also! Umarmen Sie mich, für ihn und für sich selbst; umarmen Sie mich zärtlich, so wie vorhin jenes Kind es gethan ... Mein lieber Herr Froment, ich bin so alt und so fertig, daß Sie mir wohl erlauben, Sie ›mein Kind‹ zu nennen und Sie wie ein Großvater zu umarmen, der Ihnen Mut und Frieden und den Glauben an das Leben wünscht, der allein zum Leben hilft.« Pierre war so gerührt, daß die Thränen ihm in die Augen stiegen; und als er den zerschmetterten Helden von ganzer Seele auf beide Wangen küßte, fühlte er, daß auch er weinte. Mit der einen noch kräftigen Hand hielt er ihn wie ein Schraubstock einen Augenblick bei seinem Krankenstuhl fest, während er ihm mit der andern, mit einer erhabenen Geberde zum letztenmal Rom zeigte, das in seiner Trauer, unter dem aschfarbenen Himmel ungeheuer dalag. Seine Stimme wurde leiser, bebend und flehend. »Und, bitte, schwören Sie mir, es trotz allem, allem zum Trotz zu lieben! Denn es ist die Wiege, es ist die Mutter! Lieben Sie es um dessentwillen, was es nicht mehr ist, um dessentwillen, was es sein will! ... Sagen Sie nicht, daß es aus mit ihm ist. Lieben Sie es, lieben Sie es, damit es noch bestehe, damit es ewig bestehe!« Unfähig zu antworten, umarmte ihn Pierre abermals. Die so große Leidenschaft dieses Greises, der von seiner Stadt sprach, wie man zu dreißig Jahren von einem angebeteten Weibe spricht, erschütterte ihn, und er kam ihm mit seinem gesträubten weißen Löwenhaar, mit seinem hartnäckigen Wunsch nach einer nahen Auferstehung so schön, so groß vor, daß noch einmal der andere große Greis, der Kardinal Boccanera, vor ihm aufstieg. Auch er beharrte so störrisch bei seinem Glauben, gab nichts von seinem Traum auf und war bereit, von dem fallenden Himmel an Ort und Stelle zermalmt zu werden. Sie standen einander stets zu beiden Enden der Stadt gegenüber und nur ihre hohen Gestalten beherrschten den Horizont, während sie der Zukunft harrten. Dann, nachdem Pierre sich von Prada empfohlen hatte und sich wieder auf der Straße, in der Via del Venti Settembre befand, blieb ihm nur noch eines übrig: in den Palast in die Via Giulia zurückzukehren, um seinen Koffer zu packen und abzureisen. Alle seine Abschiedsbesuche waren gemacht; er brauchte nur noch von Donna Serafina und dem Kardinal Abschied zu nehmen und ihnen für ihre so wohlwollende Gastfreundschaft zu danken. Für ihn allein würde ihre Thür sich öffnen; denn sie hatten sich nach der Rückkehr vom Begräbnis eingeschlossen und waren entschlossen, niemand zu empfangen. Von der Dämmerung an konnte Pierre daher glauben, daß er in dem ungeheuren, dunklen Palaste vollständig allein sei, da nur noch Victorine ihm Gesellschaft leistete. Als er den Wunsch bezeugte, mit Don Vigilio zu essen, meldete sie ihm, daß auch der Abbé sich in seinem Zimmer eingeschlossen habe, und als er, da er ihm wenigstens ein letztesmal die Hand drücken wollte, an die Thür des neben dem seinen gelegenen Zimmers klopfte, erhielt er nicht einmal eine Antwort. Er erriet, daß der Sekretär, von einem Anfall von Fieber und von Mißtrauen gepackt, ihn aus Furcht, sich noch mehr bloßzustellen, nicht empfangen wolle. Somit war alles geregelt; man kam überein, daß Victorine ihm, da der Zug erst um zehn Uhr siebenzehn Minuten abging, sein Abendbrot wie gewöhnlich um acht Uhr auf dem kleinen Tisch in seinem Zimmer auftragen lassen solle. Sie selbst brachte ihm eine Lampe und sprach davon, ihm seine Wäsche zurecht zu legen. Aber er wollte sich unbedingt nicht von ihr helfen lassen, und sie mußte ihn ruhig seinen Koffer packen lassen. Er hatte eine kleine Kiste gekauft, da sein Handkoffer für die Wäsche und die Kleider nicht ausreichen konnte, die er sich, je länger sein Aufenthalt sich ausdehnte, von Paris hatte kommen lassen. Trotzdem dauerte die Arbeit nicht lange; bald waren der Schrank geleert, die Schubladen durchsucht, die kleine Kiste und der Handkoffer gefüllt und zugesperrt. Es war erst sieben Uhr; er hatte bis zum Abendbrot noch eine Stunde zu warten. Da fielen seine Blicke, während sie an den Wänden entlang gingen, um sicher nichts zu vergessen, auf das alte Bild, das Gemälde eines unbekannten Meisters, das ihn während seines Aufenthaltes so oft bewegt hatte. Gerade jetzt fiel das Licht der Lampe voll darauf und ließ es hervortreten; und auch diesmal traf es ihn ins Herz, um so tiefer, als er sich in dieser letzten Stunde einbildete, in dieser klagenden, tragischen Frauengestalt, die halb nackt, in einen Fetzen gehüllt, auf der Schwelle des Palastes saß, aus dem man sie verjagt hatte, und in ihre gefalteten Hände hinein weinte, das ganze Symbol seiner Niederlage in Rom zu sehen. War diese Verstoßene, diese Beharrlichliebende, die so schluchzte, von der man nichts wußte, weder wie ihr Gesicht aussah noch von wannen sie kam, noch was sie begangen – war sie nicht das Bild all der nutzlosen Versuche, bei der Wahrheit einzudringen, all der furchtbaren Hilflosigkeit, in die der Mensch versinkt, sobald es an der Mauer anstößt, die das Unbekannte verrammelt? Lange sah er sie an, und von neuem ergriff ihn die Qual, daß er fortgehen mußte, ohne ihr von den goldenen Haaren überflutetes Gesicht gekannt zu haben – dieses Gesicht voll schmerzlicher Schönheit, das er sich so jugendstrahlend, so geheimnisvoll entzückend vorstellte. Und er glaubte sie schon zu kennen, er war im Begriffe, sie endlich zu verstehen, als an die Thür geklopft wurde. Zu seiner Ueberraschung sah er Narcisse Habert eintreten, der sich vor drei Tagen nach Florenz begeben hatte. Der künstlerisch bummelnde junge Gesandtschaftsattaché gefiel sich in solchen Ausflügen. Narcisse entschuldigte sich sofort wegen seines plötzlichen Eindringens. »Du ist Ihr Gepäck, ich weiß, daß Sie heute abend reisen, da wollte ich Sie nicht wegfahren lassen, ohne Ihnen die Hand zu schütteln ... Und was für furchtbare Dinge sind vorgegangen, seit wir uns zum letztenmal sahen! Ich bin erst heute nachmittag zurückgekommen und konnte daher dem Leichenbegängnis von heute morgen nicht beiwohnen. Aber Sie können sich meine Ergriffenheit vorstellen, als ich diese zwei schrecklichen Todesfälle erfuhr.« Er fragte ihn aus, denn als einer, der das düstere, legendenhafte Rom kannte, ahnte er irgend ein uneingestandenes Drama. Uebrigens drang er nicht weiter in ihn; er war im Grunde viel zu vorsichtig, um sich nutzlos mit furchtbaren Geheimnissen zu belasten. Er begnügte sich damit, über das, was ihm der Priester von den zwei eng umschlungenen, im Tode übermenschlich schönen Liebenden erzählte, in Begeisterung zu geraten und ward böse, weil niemand sie abgezeichnet hatte. »Aber Sie selbst, mein Lieber, hatten es thun sollen! Es macht nichts, daß Sie nicht zeichnen können. Sie hätten Ihre Naivität hineingelegt, hätten vielleicht ein Meisterwerk hinterlassen.« Dann beruhigte er sich. »Ach, die arme Contessina, der arme Fürst! Aber es thut nichts; sehen Sie, in diesem Lande kann alles zusammenbrechen – sie haben die Schönheit besessen, und die Schönheit ist unzerstörbar!« Pierre ward durch das Wort betroffen. Sie sprachen lange über Italien, Rom, Neapel, Florenz. »Ah, Florenz!« wiederholte Narcisse schmachtend. Er hatte sich eine Cigarre angezündet und sprach in langsamerem Ton, während er die Blicke rings um das Zimmer schweifen ließ. Sie haben es hier gut gehabt, sehr ruhig. Ich war noch nie hier oben in diesem Stockwerk.« Seine Augen fuhren fort, über die Wände zu schweifen; da wurden sie von dem alten, von der Lampe beleuchteten Gemälde aufgehalten. Einen Augenblick zuckten seine Lider überrascht; mit einemmal erhob er sich und trat näher. »Was ist denn das? Was ist denn das? Das ist ja sehr gut, das ist ja sehr schön!« »Nicht wahr?« meinte Pierre. »Ich verstehe mich darauf nicht, aber es hat mich vom ersten Tage an nicht weniger ergriffen. Und wie oft bin ich mit klopfendem, von unsagbaren Dingen geschwelltem Herzen davor stehen geblieben!« Narcisse sprach nicht mehr, sondern betrachtete das Gemälde aus der Nähe mit der Sorgfalt eines Kenners, eines Sachverständigen, dessen scharfer Blick die Echtheit entscheidet und den Kaufwert bestimmt. Eine ganz seltsame Freude malte sich auf seinem blonden, schmachtenden Gesicht, während ein leises Zittern seine Finger ergriff. »Das ist ein Botticelli! Ein Botticelli! Ein Zweifel ist nicht möglich. Sehen Sie doch die Hände an, die Falten der Draperien. Und der Ton des Haares, die ganze Manier, der Schwung der ganzen Komposition!... Ein Botticelli! O Gott, ein Botticelli!« Er wurde ganz schwach und überströmte von wachsender Bewunderung, je mehr er in diesen so einfachen und so packenden Vorwurf eindrang. War das nicht akut modern? Der Künstler hatte unser ganzes, klägliches Jahrhundert, unsere Unruhe nur dem Unsichtbaren, unsere Not vorausgesehen, weil wir die auf ewig geschlossene Thür des Geheimnisvollen nicht überschreiten können. Und was für ein ewiges Symbol des Weltelends war dieses Weib, dessen Gesicht man nicht sah, das so rasend schluchzte, ohne daß man seine Thränen abwischen konnte! Welch ein Fund! Ein unbekannter Botticelli, ein Botticelli von dieser Qualität, der in allen Katalogen fehlte! »Wußten Sie, daß es ein Botticelli ist?« unterbrach er sich. »Meiner Treu, nein! Ich fragte eines Tages Don Vigilio, aber er schien aus diesem Gemälde nicht viel Aufhebens zu machen. Victorine, mit der ich ebenfalls darüber sprach, antwortete mir, daß alle diese alten Sachen nur Staubnester seien.« Narcisse schrie vor Erstaunen auf. »Wie, in diesem Hause hat man einen Botticelli, ohne es zu wissen! Ah, daran erkenne ich meine römischen Fürsten; die meisten von ihnen sind nicht im stande, sich unter ihren Meisterwerken auszukennen, wenn nicht die Zettel darauf kleben! ... Es ist ein Botticelli, der zweifellos ein bißchen gelitten hat, aber durch eine einfache Reinigung ein Wunder, ein famoses Bild werden wird. Ich glaube es zu niedrig zu schätzen, wenn ich sage, daß ein Museum dafür –« Plötzlich verstummte er und sprach die Ziffer nicht aus, sondern vollendete den Satz mit einer unbestimmten Geberde. Der Abend rückte vor und als Victorine, von Giacomo gefolgt, eintrat, um auf dem kleinen Tische zu decken, drehte er dem Botticelli den Rücken zu und ließ kein Wort über ihn laut werden. Aber Pierre, dessen Aufmerksamkeit geweckt worden war, erriet, welche Gedanken in ihm arbeiteten, als er ihn setzt so kalt und seine malvenfarbigen Augen stahlblau werden sah. Es war ihm nicht mehr unbekannt, daß hinter dem engelhaften Jüngling, dem erkünstelten Florentiner ein in Geschäften sehr geriebener Patron steckte, der sein Vermögen bewunderungswürdig verwaltete und wie es hieß, sogar ein wenig geizig war. Er mußte lächeln, als er sah, wie er sich vor die neben dem Meisterwerk hängende schreckliche Jungfrau, eine schlechte Kopie eines Gemäldes aus dem achtzehnten Jahrhundert stellte und rief: »Sieh mal, das ist ja gar nicht übel! Ein Freund hat mich beauftragt, ihm ein paar alte Bilder zu kaufen. Sagen Sie doch, Victorine, glauben Sie, daß Donna Serasina und der Kardinal jetzt, da sie allein sind, gern gewisse, wertlose Bilder loswerden möchten?« Die Dienerin hob beide Arme in die Höhe, als wolle sie damit sagen, daß man, wenn es von ihr abhinge, ihretwegen alles forttragen konnte. »O, Herr Habert, einem Händler gäben sie sie nicht, von wegen der häßlichen Gerüchte, die gleich in Umlauf kämen; aber einem Freunde werden sie sicherlich gerne dieses Vergnügen machen. Das Haus ist kostspielig; das Geld wäre willkommen.« Pierre versuchte Narcisse vergeblich zum Abendbrot zurückzuhalten. Der junge Mann gab sein Ehrenwort, daß er erwartet werde. Er habe sich sogar schon verspätet. Und nachdem er dem Priester beide Hände gedrückt und liebevoll glückliche Reise gewünscht hatte, machte er sich davon. Es schlug acht Uhr. Sobald Pierre allein war, setzte er sich an den kleinen Tisch und Victorine bediente ihn, nachdem sie Giacomo weggeschickt, der das Geschirr und die Schüsseln in einem Korbe herausgebracht hatte. »Es kocht in mir, wenn ich sehe, wie langsam die Leute hier sind,« sagte sie. »Und außerdem, Herr Abbé, ist es mir ein Vergnügen, Sie bei Ihrer letzten Mahlzeit zu bedienen. Sie sehen, ich habe Ihnen ein kleines Diner nach französischer Art machen lassen: Seezunge au gratin und ein gebratenes Hühnchen.« Er war von ihrer Aufmerksamkeit gerührt und freute sich, diese Landsmännin zur Gesellschaft zu haben, während er inmitten der ungeheuren Stille des alten, dunklen und verlassenen Palastes aß. In ihrer ganzen, dicken, rundlichen Figur prägte sich noch die Betrübnis, die Trauer um den schmerzlichen Verlust ihrer lieben Contessina aus; aber schon begann ihr Tagewerk, das sie wieder aufgenommen, ihre willig hingenommene Dienstbarkeit sie aufzurichten und gab ihr ihre behende Thätigkeit wieder. In der Demut eines armen Mädchens ergab sie sich in die schlimmsten Katastrophen dieser Welt. Sie plauderte fast heiter, während sie ihm die Schüsseln reichte. »Wenn ich denke, Herr Abbé, daß Sie übermorgen früh in Paris sein werden! Wissen Sie, mir kommt es vor, als hätte ich Anneau gestern verlassen. Ach, die Erde ist dort so schön – ja, dick, goldgelb, nicht so wie ihre magere Erde hier, die nach Schwefel riecht. Und die frischen, hübschen Weiden am Rande unseres Baches! Und das Wäldchen, wo es so viel Moos gibt! Hier haben sie keines; sie haben nichts als ihre blechernen Bäume unter ihrer dummen Sonne, die das Gras röstet. Mein Gott, in der ersten Zeit hätte ich wer weiß was für einen guten Regen gegeben, der mich ordentlich durchnäßt und mir ihren schmutzigen Staub abgewaschen hätte. Noch heute klopft mir das Herz, sowie ich an den schönen Morgen bei uns zu Hause denke, wenn es tags zuvor geregnet hat und das ganze Land so milde, so angenehm aussieht, als wolle es nach dem Weinen lachen. Nein, nein, an ihr verteufeltes Rom werde ich mich nie gewöhnen können. Nein, was für Leute, was für ein Land!« Ihre treue Anhänglichkeit an die Heimat, die sie noch nach einem fünfundzwanzigjährigen Aufenthalt fremd und unempfindlich bleiben ließ, belustigte ihn. Als Kind eines liebenswürdigen, gemäßigten, heitern, am Morgen von rosigen Nebeln überhauchten Landes graute ihr vor dieser Stadt des grellen Lichtes und der schwermütigen Vegetation. Er selbst vermochte sich nicht ohne lebhafte Bewegung zu sagen, daß er bald die lieblichen, köstlichen Ufer der Seine wiedersehen würde. »Aber was hält Sie hier zurück, da jetzt Ihre junge Herrin nicht mehr ist?« fragte er. »Warum steigen Sie nicht mit mir in den Zug?« Sie sah ihn voll Ueberraschung an. »Ich, von hier weggehen, wieder da hinauf zurück? O nein, Herr Abbé, das ist unmöglich. Erstens wäre das gar zu undankbar, denn Donna Serafina ist an mich gewöhnt; es wäre sehr schlecht von mir, wenn ich sie und Seine Eminenz verlassen wollte, da sie im Unglück sind. Und dann, was soll ich denn anderswo anfangen? Mein Loch ist jetzt einmal hier.« »So werden Sie also Anneau nie wiedersehen?« »Nein, nie. Das steht fest.« »Und es wird Ihnen nichts daran liegen, hier begraben zu werden, in dieser Erde zu schlafen, die nach Schwefel riecht?« Sie brach in ein freimütiges Lachen aus. »O, wenn ich tot bin, ist es mir gleich, wo ich bin! Zum Schlafen ist es überall gut, Herr Abbé! Es ist komisch, daß Sie sich so um das sorgen, was geschieht, wenn man tot ist. Gar nichts geschieht, bei Gott! Was mich beruhigt, was mich beschwichtigt, ist der Gedanke, daß es für alle Zeit aus sein wird und daß ich mich ausruhen werde. Der liebe Gott ist das unser einem, der so viel gearbeitet hat, wohl schuldig. Sie wissen, ich bin keine Fromme. O nein! Aber das hat mich nicht abgehalten, mich anständig aufzuführen; so wie Sie mich ansehen, habe ich nie einen Geliebten gehabt. Wenn man in meinem Alter so etwas sagt, sieht das dumm aus. Trotzdem sage ich es, denn es ist die reine Wahrheit.« Sie lachte wieder, wie ein braves Mädchen, das an die Pfarrer nicht glaubte und keine einzige Sünde auf dem Gewissen hatte. Pierre wunderte sich abermals über diesen einfachen Lebensmut, die hohe, praktische Vernunft dieser so ergebenen Arbeiterin. Sie verkörperte ihm das ungläubige, gemeine Volk von Frankreich, das nicht mehr glaubt, nie mehr glauben wird. Ach, wer doch sein konnte wie sie, wer seine Aufgabe erfüllen und sich ohne hoffärtige Empörung, bloß in der Freude, seinen Teil an der Arbeit gethan zu haben, zum ewigen Schlaf niederlegen könnte! »Also, Victorine, dann soll ich, wenn ich je durch Anneau komme, dem kleinen Wäldchen voller Moos in Ihrem Namen guten Tag sagen?« »Thun Sie das, Herr Abbé. Sagen Sie ihm, daß ich es im Herzen habe und daß ich es darin jeden Tag wieder grün werden sehe.« Da Pierre mit dem Abendbrot fertig war, ließ sie das Geschirr durch Giacomo wegtragen. Dann riet sie dem Priester, da es erst halb neun war, noch eine Stunde ruhig in seinem Zimmer zu bleiben. Wozu sollte er zu früh auf dem Bahnhof frieren? Um halb zehn würde sie einen Fiaker holen lassen und sobald der Wagen unten sei, würde sie es ihm melden und sein Gepäck herabtragen lassen. Er könnte also ganz ruhig sein; er brauche sich um nichts mehr kümmern. Als sie sich entfernt hatte und Pierre allein war, empfand er in der That ein Gefühl von Leere, von seltsamer Abgeschiedenheit. Sein Gepäck, sein Koffer und die kleine Kiste lagen am Boden, in einem Winkel des Zimmers. Und wie stumm, wie wüst und ausgestorben war dieses Zimmer, das ihm schon wie fremd vorkam! Es blieb ihm nichts übrig, als abzureisen, er war schon abgereist und Rom ringsum war nur mehr ein Bild – das Bild, das er in der Erinnerung mitnehmen würde. Noch eine Stunde. Das kam ihm maßlos lang vor. Unter ihm schlief der dunkle, einsame Palast in der Vernichtung seines Schweigens. Er setzte sich nieder, um sich zu gedulden und versank in ein tiefes Sinnen. Was er heraufbeschwor, das war sein Buch, »das neue Rom« – so wie er es geschrieben, so wie er es zu verteidigen gekommen war. Er erinnerte sich an den ersten Morgen auf dem Janiculus, am Rande der Terrasse von S. Pietro in Montono, im Angesichte des so ersehnten Rom, das so verjüngt, so kindlich sanft unter dem weiten, reinen Himmel dalag, als schwinge es sich in die Frische des Morgens auf. Dort hatte er sich die entscheidende Frage gestellt: konnte der Katholizismus sich erneuern, zum Geiste des Urchristentums zurückkehren, die Religion der Demokratie, der Glaube werden, den die erschütterte, in Todesgefahr befindliche moderne Welt erwartet, damit sie sich beruhigen und leben könne? Sein Herz klopfte vor Begeisterung und Hoffnung; kaum von seinem Unglück in Lourdes erholt, war er hergekommen, um hier ein zweites, letztes Experiment zu versuchen, indem er Rom um eine Antwort befragte. Und jetzt war das Experiment mißlungen; er kannte die Antwort, die Rom ihm durch seine Ruinen, seine Monumente, seinen Boden selbst, durch sein Volk, seine Prälaten, seine Kardinale, seinen Papst gegeben hatte. Nein, der Katholizismus konnte sich nicht erneuern! Nein, er konnte nicht zum Geiste des Urchristentums zurückkehren! Nein, er konnte nicht die Religion der Demokratie, der neue Glaube sein, der die alten, zusammenbrechenden, vom Tode bedrohten Gesellschaften retten würde. Wenn er auch demokratischen Ursprungs zu sein schien, so war er fortan an diesen römischen Boden festgenagelt, König wider Willen, unter Strafe des Selbstmords gezwungen, auf der weltlichen Herrschaft zu beharren; er war durch die Ueberlieferung gebunden, vom Dogma gefesselt, entwickelte sich nur scheinbar und war in Wirklichkeit auf eine solche Unbeweglichkeit beschränkt, daß das Papsttum in seinem ununterbrochenen Traum von der Weltherrschaft hinter der Bronzethür des Vatikans der Gefangene, das Gespenst eines achtzehnhundert Jahre alten Atavismus war. Dort, wo sein von der Liebe zu den Leidenden und Armen erhitzter Priesterglauben das Leben, eine Auferstehung der christlichen Gemeinde suchte, dort fand er den Tod, den Staub einer zerstörten Welt, für die ein Keimen nicht mehr möglich war, eine erschöpfte Erde, aus der nie mehr etwas anderes sprossen würde als dieses despotische Papsttum, das ebenso Herr über die Körper wie über die Seelen war. Auf seinen rasenden Aufschrei, der eine neue Religion verlangte, hatte Rom bloß die Antwort gegeben, daß es sein Buch, als von Ketzerei besteckt, verdammte, und er selbst hatte es in dem bittern Schmerz seiner Enttäuschung zurückgezogen. Er hatte gesehen, hatte verstanden; alles war zusammengebrochen und er selbst, seine Seele, sein Gehirn lagen unter den Trümmern. Pierre erstickte. Er stand auf und öffnete weit das auf den Tiber gehende Fenster, um sich einen Augenblick hinauszulehnen. Gegen Abend hatte es wieder zu regnen begonnen; aber nun hatte der Regen abermals aufgehört. Die Luft war sehr milde, feucht, drückend milde. An dem aschgrauen Himmel mußte der Mond schon aufgegangen sein, denn man ahnte ihn hinter den Wolken, die er mit einem gelben, trüben, unendlich traurigen Licht beleuchtete. Bei diesem ruhigen Nachtlampenschein nahm sich der unermeßliche Horizont schwarz und gespensterhaft aus; gegenüber lag der Janiculus mit den zusammengehäuften Häusern von Trastevere, da unten, links, gegen die wirre Höhe des Palatin zu, der Lauf des Flusses, während rechts die gebietende Rundung des Domes von St. Peter sich von dem blassen Hintergrunde abhob. Den Quirinal konnte er nicht sehen, aber er wußte, daß er hinter ihm war und stellte sich vor, wie er in dieser so schwermütigen, so traumhaften Nacht mit seiner endlosen Fassade eine Ecke des Himmels absperrte. Und wie zu Ende gehend sah dieses vom Dunkel halb verzehrte Rom aus! Wie verschieden war es von dem Rom der Jugend und Chimäre, das er am ersten Tage von dem Gipfel des Janiculus erblickt und leidenschaftlich geliebt hatte! Zu dieser Stunde konnte er die finstere Masse des Hügels nur schlecht unterscheiden. Noch eine andere Erinnerung wurde in ihm wach – die an die drei höchsten Punkte, die drei symbolischen Gipfel, die von diesem Tage an für ihn die Geschichte Roms, des antiken, des päpstlichen, des italienischen Rom zusammengefaßt hatten. Aber wenn auch der Palatin derselbe entkrönte Berg geblieben war, auf dem sich nichts erhob als das Gespenst des Ahnen, des Kaisers und Pontifex Augustus, des Herrn der Welt, so sah er St. Peter und den Quirinal, die gleichsam den Platz gewechselt hatten, mit andern Augen an. Diesem mißachteten Königspalast, der ihm wie eine flache, niedrige Kaserne erschienen war, dieser neuen Regierung, die ihm den Eindruck eines weiheschänderischen Modernisirungsversuches an einer auserkorenen Stadt gemacht hatte, gestand er jetzt, wie er zu Orlando gesagt hatte, den beträchtlichen, wachsenden Platz am Horizont zu, den sie bald ganz einnehmen würden; St. Peter dagegen, dieser Dom, der ihm triumphirend, himmelsfarben, wie ein die Stadt beherrschender, durch nichts zu erschütternder Riesenkönig erschienen war, kam ihm jetzt rissig, schon kleiner vor. Er war einer jener ungeheuren Altertümer, deren Masse manchmal infolge der heimlichen Abnützung, des unbeachteten Zerbröckelns der Gerüste, mit einemmale zusammenstürzt. Ein dumpfes Murmeln, ein klagendes Murren stieg von dem geschwollenen Tiber auf und Pierre erschauerte bei dem eisigen Grufthauch, der ihm übers Gesicht strich. Dieser Gedanke an die drei Gipfel, an das symbolische Dreieck, erweckte in ihm den Gedanken an das lange Leid des großen Stummen, des Volkes der Kleinen und Armen, um dessen Besitz Papst und König sich stets gestritten hatten. Dieser Streit dauerte schon lange, seit dem Tage, da bei der Teilung der Erbschaft des Augustus der Kaiser sich mit den Körpern begnügen und die Seelen dem Papst überlassen mußte. Dieser brannte von diesem Augenblick nur von dem Verlangen, die weltliche Herrschaft, deren man Gott in seiner Person belaubte, wieder zu erobern. Der Streit hatte das ganze Mittelalter erschüttert und mit Blut befleckt, ohne daß weder Kirche noch Reich sich über die Beute, die sie einander in Fetzen entrissen, einigen konnten. Endlich wollte der große Stumme, der Belästigungen und des Elends überdrüssig, sprechen; er schüttelte zur Zeit der Reformation das Joch des Papstes ab und begann später, in seinem wütenden Ausbruch von 1789, die Könige zu stürzen. Und davon war, wie Pierre es in seinem Buche beschrieben hatte, das außerordentliche Los des Papsttums, ein neues Glück ausgegangen, das dem Papst gestattete, den uralten Traum fortzusetzen. Der Papst verlor das Interesse an den gestürzten Thronen und versöhnte sich mit den Unglücklichen, denn er hoffte, diesmal das Volk zu erobern, endlich ganz zu besitzen. War es nicht etwas Wunderbares um diesen, seiner Königswürde beraubten Leo XIII., der sich für einen Sozialisten ausgeben ließ, der die Herde der Enterbten sammelte, der an der Spitze des vierten Standes, dem das nächste Jahrhundert gehören wird, gegen die Könige marschirte? Der ewige Kampf um diesen Besitz des Volkes wütete ebenso grimmig weiter, und zwar in Rom selbst, im engsten Raum; denn der Vatikan lag dem Quirinal gegenüber, der Papst und der König konnten sich von ihren Fenstern aus sehen und immer sich darum streiten, wem das Reich gehören solle; vor ihren Augen lagen die roten Dächer der Altstadt, lag dieses gemeine Volk, das sie sich noch immer streitig machten, wie der Falke und der Sperber sich um die kleinen Waldvögel streiten. Hierin lag, Pierres Ansicht nach, der Grund, warum der Katholizismus verdammt, einem verhängnisvollen Ruin geweiht war – gerade weil sein Wesen, monarchisch war, und zwar so sehr, daß das römisch-apostolische Papsttum auf die weltliche Herrschaft nicht verzichten konnte, wenn es nicht etwas anderes sein und verschwinden wollte. Vergebens heuchelte es eine Rückkehr zum Volke, vergeblich stellte es sich, als sei es ganz Gefühl – inmitten unserer Demokratie war kein Platz für die vollständige und universelle Oberhoheit, die es von Gott erhalten. Stets sah er aus dem Pontifex wieder den Imperator hervorsprießen. Das war es hauptsächlich, was seinen Traum getötet, sein Buch zerstört, den Trümmerhaufen aufgeschichtet hatte, vor dem er entsetzt, kraft- und mutlos stehen geblieben war. Dieses in Asche gebadete Rom, dessen Gebäude verschwammen, preßte ihm zuletzt derart das Herz zusammen, daß er wieder auf den Stuhl neben seinem Gepäck sank. Noch nie hatte er eine solche Angst empfunden; es schien ihm, daß es mit seiner Seele zu Ende gehe. Er erinnerte sich, in welchem Lichte diese Reise nach Rom, dieses neue Experiment sich ihm infolge seines Unglücks in Lourdes dargestellt hatte. Er war nicht mehr hergekommen, um den naiven, vollständigen Glauben eines kleinen Kindes zu fordern, sondern den höherstehenden Glauben des Verständigen, der sich über Riten und Symbole erhebt und auf das größtmögliche, auf das Gewißheitsbedürfnis sich gründende Glück der Menschheit hinarbeitet. Wenn das zusammenbrach, wenn der verjüngte Katholizismus nicht die Religion, das Moralgesetz des neuen Volles sein konnte, wenn der Papst in Rom, mit Rom nicht der Vater, die Bundeslade, der geistige Führer war, dem alles gehörte und gehorchte, so bedeutete das in seinen Augen den Schiffbruch der letzten Hoffnung, das letzte Krachen, in dem die gegenwärtige Gesellschaft unterging. Dieses ganze Gerüst des katholischen Sozialismus, das ihm für die Befestigung der alten Kirche so vorteilhaft erschienen war, sah er jetzt auf der Erde liegen; er beurteilte es strenge, wie ein einfaches Uebergangsmittel, das vielleicht jahrelang die Ruinen stützen konnte. Aber all das war nur auf einem absichtlichen Mißverständnis, auf einer geschickten Lüge, auf Diplomatie und Politik aufgebaut. Nein, nein, es widerstrebte der Vernunft, daß das Voll wieder gewonnen und betrogen, geschmeichelt und dann geknechtet werden sollte! Das ganze System stellte sich als ausgeartet, gefährlich, zeitweilig dar und mußte zu den schlimmsten Katastrophen führen. Das war also das Ende. Nichts blieb aufrecht stehen, und die alte Welt sollte in der furchtbaren, blutigen Krisis, deren Nahen sichere Zeichen verkündeten, verschwinden. Und er hatte angesichts dieses Chaos kein Herz mehr, denn er hatte bei diesem Experiment von neuem seinen Glauben verloren. Er hatte gefühlt, daß es entscheidend sein werde; er war im voraus überzeugt gewesen, daß er entweder gestärkt oder für ewig zerschmettert daraus hervorgehen würde. Der Blitzstrahl war hinabgefahren. Großer Gott, was jetzt? Die Angst packte ihn so rauh an, daß er sich erhob und im Zimmer umherzugehen begann, um ein wenig Ruhe Zu finden. Großer Gott, was sollte er anfangen, da er nun wieder dem ungeheuren Zweifel, der schmerzlichen Verneinung ausgeliefert war und die Sutane noch nie so schwer auf seinen Schultern gelastet hatte! Er erinnerte sich, mit welchem Aufschrei er sich geweigert hatte, sich zu unterwerfen; seine Seele könne sich nicht ergeben, hatte er zu Monsignore Nani gefügt, seine Hoffnung auf eine Rettung durch die Liebe könne nicht sterben; er würde mit einem zweiten Buche antworten, er würde sagen, in welcher neuen Erde die neue Religion sprossen müßte. Ja, ein flammendes Buch gegen Rom, in das er alles legen würde, was er gesehen, was er gehört hatte; ein Buch, das das wahre Rom, das unbarmherzige, lieblose Rom zeigen würde, das im Begriffe war, in der Hoffart seines Purpurs zu sterben! Er wollte nach Paris zurück, aus der Kirche austreten, bis zum Schisma gehen. Nun denn, sein Gepäck lag da, er reiste ab – er würde das Buch schreiben, würde der große, erwartete Schismatiker sein. Ach, kündigt denn nicht alles das Schisma an? Schien es nicht inmitten der seltsamen Bewegung der der Dogmen überdrüssigen und doch nach dem Göttlichen hungernden Geister nahe bevorzustehen? Leo XIII. war sich dessen wohl dumpf bewußt, denn seine ganze Politik, sein Streben nach der christlichen Einheit, seine Zärtlichkeit für die Demokratie hatten keinen andern Zweck, als die Familie um das Papsttum zu gruppiren, sie zu stärken und zu festigen, um den Papst für den nahen Kampf unbesiegbar zu machen. Aber die Zeit war gekommen; der Katholizismus würde bald am Ende der politischen Zugeständnisse angelangt und nicht mehr im stände sein, noch mehr nachzugeben, ohne daran zu sterben. Er würde gleich einem alten, hieratischen Götzen in Rom immobilisirt sein, während er sich anderwärts, in jenen Propagandaländern, wo er sich im Kampf mit den anderen Religionen befand, entwickeln konnte. Darum wohl war Rom verdammt, umsomehr als die Abschaffung der weltlichen Herrschaft, indem sie den Geist an die Vorstellung von einem rein geistigen, vom Boden befreiten Papste gewohnte, es begünstigen zu müssen schien, daß ein Antipapst in der Ferne aufstand, während der Nachfolger des heiligen Petrus gezwungen wäre, bei seiner apostolisch-römischen Fiktion zu beharren. Ein Bischof, ein Priester würde sich erheben. Wo? Wer hätte das zu sagen vermocht? Vielleicht da drüben, in diesem so freien Amerika, unter diesen Priestern, aus denen die Notwendigkeit des Kampfes ums Leben überzeugte Sozialisten, feurige Demokraten gemacht hat, die bereit sind, mit dem nächsten Jahrhundert vorwärts zu gehen. Und während Rom von seiner Vergangenheit, den Mysterien und den Dogmen nichts wird preisgeben können, wird dieser Priester von diesen Dingen alles aufgeben, was von selbst in Staub zerfällt. Dieser Priester, dieser große Reformator, dieser Retter der modernen Gesellschaft zu sein – welch ungeheurer Traum! Es war die Rolle des von den leidenden Volkern erhofften, herbeigerufenen Messias. Einen Augenblick ward Pierre davon bethört; ein Sturm von Hoffnung und Triumph hob ihn empor und trug ihn fort. Und wenn es nicht in Frankreich, in Paris sein konnte, so würde es in der Ferne, da drüben, auf der andern Seite des Ozeans, oder noch weiter, wo immer in der Welt geschehen, auf irgend einem Boden, der fruchtbar genug wäre, damit der neue Same zu üppiger Ernte aufgehe. Eine neue Religion! Eine neue Religion! So hatte er nach Lourdes aufgeschrieen. Eine Religion, die nicht hauptsachlich ein Gelüst nach dem Tode wäre! Eine Religion, die endlich das Reich Gottes, von dem das Evangelium spricht, hienieden verwirklicht, die den Reichtum nach Billigkeit teilte und zugleich mit dem Gesetz der Arbeit Wahrheit und Gerechtigkeit herrschen ließ! In dem Fieber dieses neuen Traumes sah Pierre bereits die Seiten seines nächsten Buches, in dem er durch die Verkündigung des Gesetzes des verjüngten, befreienden Christentums das alte Rom vollends zerstören würde, vor sich aufflammen. Da fiel sein Blick auf einen Gegenstand, der auf einem Stuhl liegen geblieben war. Anfangs überraschte ihn sein Anblick. Es war auch ein Buch, das Werk Teophil Morins, das der alte Orlando ihm gegeben, damit er es seinem Verfasser zurückstelle; er wurde böse auf sich selbst, als er es erkannte, denn er sagte sich, daß er es sehr leicht hätte vergessen können. Ehe er seinen Handkoffer öffnete, um es hinein zu legen, behielt er es einen Augenblick in der Hand und blätterte darin; seine Gedanken hatten sich plötzlich geändert, als ob mit einemmale ein bedeutendes Ereignis, eine jener entscheidenden Thatsachen eingetreten sei, die eine Welt in Aufruhr bringen. Dennoch war es eines der bescheidensten Werte, das Schulhandbuch für das Baccalaureat und enthielt nichts als die Elemente der Wissenschaften; aber alle Wissenschaften waren darin vertreten und es faßte so ziemlich den gegenwärtigen Stand des menschlichen Wissens zusammen. Mit einem Worte, es war die Wissenschaft, die plötzlich, mit der Wucht, mit der unwiderstehlichen Energie einer allmächtigen, unumschränkten Macht in die Träumerei Pierres einbrach. Sie fegte nicht nur den Katholizismus wie Ruinenstaub hinweg, sondern alle religiösen Begriffe, alle Hypothesen vom Göttlichen schwankten und brachen durch sie zusammen. Dieser bloße Schulauszug, dieses unendlich kleine Schulbuch, der bloße, allgemeine Wunsch nach Wissen, dieser sich täglich ausbreitende, das gesamte Volk ergreifende Unterricht genügte, damit die Mysterien lächerlich wurden, die Dogmen zusammenbrachen und nichts von dem alten Glauben aufrecht blieb. Ein mit Wissenschaft genährtes Volk, das weder an Mysterien und Dogmen, noch an das Entschädigungssystem mittelst Strafen und Belohnungen glaubt, ist ein Volk, dessen Glaube für immer tot ist; und ohne Glauben kann der Katholizismus nicht bestehen. Das ist die Schneide des Hackmessers, das Messer, das herabfällt und durchschneidet. Wenn ein, wenn zwei Jahrhunderte dazu nötig sind, so wird die Wissenschaft sie abwarten. Sie allein ist ewig. Es ist naiv, wenn man sagt, daß die Vernunft dem Glauben nicht zuwider ist und daß die Wissenschaft die Magd Gottes sein muß. Wahr ist, daß von heute ab die heilige Schrift zu Grunde gerichtet ist und daß man sie, um ihre Bruchstücke zu retten, den neuen Gewißheiten anbequemen mußte, indem man zum Symbol Zuflucht nahm. Was für eine außerordentliche Haltung nimmt die Kirche ein, indem sie jedem, der eine den heiligen Büchern zuwiderlaufende Wahrheit entdeckt, verbietet, sich in entschiedener Weise auszusprechen; denn sie erwartet, daß diese Wahrheit eines Tages als Irrtum überführt werden wird! Der Papst allein ist unfehlbar, die Wissenschaft kann fehlen; man beutet ihr fortwährendes Tasten gegen sie aus und liegt auf der Lauer, um ihre Entdeckungen von heute in Widerspruch zu denen von gestern zu stellen. Was kümmern einen Katholiken ihre gotteslästerlichen Behauptungen, was liegt ihm an den Gewißheiten, mit denen sie das Dogma angreift, da er doch überzeugt ist, daß am Ende der Zeiten Wissenschaft und Glaube sich vereinigen werden, so zwar, daß die erstere buchstäblich wieder die Sklavin des letzteren geworden sein wird? War diese freiwillige Verblendung und diese, sogar das Sonnenlicht wegleugnende freche Haltung nicht wunderbar? Und das unterste Büchlein, das Handbuch der Wahrheit, setzte sein Werk fort, indem es allem zum Trotz den Irrtum zerstörte und die künftige Erde baute, wie die unendlich kleinen Teilchen, die Kräfte des Lebens nach und nach die Kontinente erbauten. In dem hellen Licht, das plötzlich in Pierre entstand, fühlte er sich endlich wieder auf festem Boden stehen. Ist denn die Wissenschaft je zurückgewichen? Der Katholizismus ist es, der unaufhörlich vor ihr zurückweicht und unaufhörlich vor ihr zurückweichen müssen wird. Nie steht sie stille; Schritt für Schritt nimmt sie dem Irrtum die Wahrheit ab, und wenn man sagt, daß sie bankerott macht, weil sie die Welt nicht mit einemmale aufklären könnte, so ist das einfach unvernünftig. Wenn sie dem Geheimnisvollen ein immer geringer werdendes Gebiet läßt und zweifellos immer lassen wird, wenn eine Hypothese immer den Versuch einer Erklärung dieses Geheimnisvollen wird machen können, so ist es darum doch nicht weniger wahr, daß sie die alten Hypothesen – jene, die vor den eroberten Wahrheiten zusammenstürzen – zu Grunde richtet, mit jeder Stunde mehr zu Grunde richten wird. Und der Katholizismus befindet sich in dieser Lage; er wird es morgen noch mehr sein als heute. Wie alle Religionen ist er im Grunde nur eine Auslegung der Welt, ein höherer, sozialer und politischer Kodex, der dazu bestimmt ist, allen Frieden, alles mögliche Glück auf Erden herrschen zu lassen. Dieser Kodex, der die Gesamtheit der Dinge umfaßt, wird somit menschlich und sterblich, wie alles Menschliche. Man vermag ihn nicht abzusondern, indem man sagt, daß er auf der einen Seite durch sich selbst besteht, während die Wissenschaft auf der andern Seite existirt. Die Wissenschaft ist vollständig; das hat sie ihm bereits zu verstehen gegeben, das wird sie ihm wohl noch zu verstehen geben, indem sie ihn nötigt, die fortwährenden Breschen, die sie ihm schlägt, auszubessern – bis zu dem Tage, da sie ihn bei einem letzten Ansturm der leuchtenden Wahrheit hinwegreißen wird. Es gibt Stoff zum Lachen, wenn man sieht, wie Leute der Wissenschaft ihr eine Rolle zuweisen, ihr das Betreten dieses oder jenes Gebietes verbieten, ihr prophezeien, daß sie nicht weiter gehen wird und erklären, daß sie, schon jetzt müde, am Ende dieses Jahrhunderts abdanken wird. Ach, ihr kleinen Menschen, ihr beschränkten oder schlecht gebauten Gehirne, ihr Aushilfspolitiker, ihr Dogmatiker in den letzten Zügen, ihr, die ihr beharrlich die alten Träume wieder träumen wollt! Die Wissenschaft wird über euch fegen und euch forttragen wie trockene Blätter! Und Pierre blätterte in dem einfachen Buche weiter und lauschte auf das, was es ihm von der hehren Wissenschaft erzählte. Sie kann nicht bankerott machen, denn sie, die einfach die allmäliche Eroberung der Wahrheit ist, verspricht nicht das Absolute. Nie hat sie sich angemaßt, die vollständige Wahrheit mit einemmale zu geben; gerade diese Art System ist Sache der Metaphysik, der Offenbarung, des Glaubens. Die Rolle der Wissenschaft liegt im Gegenteil nur darin, daß sie den Irrtum zerstört, je mehr sie fortschreitet und die Helle vergrößert. Somit bleibt sie in ihrem unaufhaltsamen Lauf, weit davon entfernt, Bankerott zu machen, die einzige Wahrheit, die für gesunde und gleichmäßige Köpfe denkbar ist. Was jene betrifft, die sie nicht befriedigt, jene, die das rufende Bedürfnis nach der vollständigen und unmittelbaren Erkenntnis empfinden, so bleibt ihnen das Hilfsmittel, zu irgend einer religiösen Hypothese Zuflucht zu nehmen; freilich unter der Bedingung, daß, wenn sie scheinbar recht behalten wollen, ihre Chimäre nur auf den erworbenen Gewißheiten aufbauen. Alles, was auf erwiesenem Irrtum aufgebaut wird, bricht zusammen. Wenn das religiöse Gefühl im Menschen weiterlebt, wenn das Bedürfnis nach einer Religion ewig ist, so folgt daraus nicht, daß der Katholizismus ewig ist; denn er ist eigentlich nur eine Religionsform, die nicht immer existirt hat, der andere Religionsformen vorausgingen und andere folgen werden. Die Religionen können verschwinden, das religiöse Gefühl wird andere schaffen, sogar mit Hilfe der Wissenschaft. Und Pierre dachte an jene angebliche Schlappe, die die Wissenschaft durch das gegenwärtige Erwachen des Mystizismus erlitten hatte. Er hatte dessen Gründe in seinem Buche angegeben: erstens den Niedergang des Freiheitsgedankens unter dem Volke, das bei der letzten Teilung betrogen ward, und zweitens das Unbehagen der bevorzugten Klasse, die über die Leere, in der ihre befreite Vernunft, ihr erweiterter Geist sie zurücklassen, verzweifelt ist. Es ist die Angst vor dem Unbekannten, die wieder erwacht; aber das ist nur eine natürliche, flüchtige Reaktion nach so viel Arbeit, im ersten Augenblick, da die Wissenschaft noch weder unsern Durst nach Gerechtigkeit, noch unser Verlangen nach Sicherheit, noch unsere uralte Vorstellung vom Glück befriedigt, die im Ueberleben, im ewigen Genießen besteht. Damit der Katholizismus, wie man verkündet, wieder erstehen kann, müßte der soziale Boden geändert werden; der aber vermag sich nicht zu ändern; er besitzt nicht mehr den nötigen Saft zur Erneuerung einer hinfälligen Formel, die die Schulen und Laboratorien täglich mehr töten. Der Boden hat sich verändert; eine andere Eiche wird darauf wachsen. Möge doch die Wissenschaft ihre Religion haben, wenn eine aus ihr sprossen muß! Denn diese Religion wird bald die einzig mögliche für die Demokratie von morgen, für die immer kenntnisreicheren Völker sein, bei denen der Katholizismus schon jetzt nur mehr Asche ist. Und Pierre kam plötzlich zu einem Schluß, indem er an die Dummheit der Indexkongregation dachte. Sie hatte sein Buch verdammt und würde sicherlich auch das neue Buch, dessen Plan ihm eben aufgestiegen war, verdammen, falls er es je schreiben würde. Wahrlich, ein schönes Geschäft, arme Bücher schwärmerischer Träumer zu vernichten, Chimären, die sich wütend über Chimären stürzten! Und dieses kleine Schulbuch, das er da in den Händen hielt, diesen einzigen furchtbaren, stets triumphirenden Feind, der die Kirche sicherlich stürzen wird, hatte sie in ihrer Dummheit nicht mit dem Interdikt belegt! Es half nichts, daß es sich als armes Schulbuch so bescheiden gab: die Gefahr begann bei dem Alphabet, das die kleinen Kinder buchstabirten, sie wuchs, je mehr Kenntnisse der Schulplan aufnahm, sie kam zum Ausbruch mit den Ergebnissen der Physik, Chemie und Naturlehre, die die Schöpfung des Gottes der heiligen Schrift wieder in Frage stellten. Aber das Schlimmste war, daß der bereits entwaffnete Index diese bescheidenen Bücher, diese furchtbaren Soldaten der Wahrheit, diese Zerstörer des Glaubens nicht zu unterdrücken wagte. Welchen Wert hatte also all das Geld, das Leo XIII. dem verborgenen Schatze des Peterspfennigs entnahm, um damit die katholischen Schulen auszustatten, um dort das gläubige Geschlecht von morgen zu formen, dessen das Papsttum zu seinem Siege bedurfte! Welchen Wert besaß die Schenkung dieses kostbaren Geldes, wenn es nur zum Ankauf dieser geringen und furchtbaren Bücher diente! Niemals würde man sie genügend säubern können, denn sie enthielten stets zu viel Wissenschaft, jene wachsende Wissenschaft, deren Ausbruch zuletzt eines Tages den Vatikan und St. Peter in die Luft sprengen würde! Ach, was für ein Elend, was für ein Hohn war der alberne, nichtige Index! Nachdem Pierre das Buch Theophil Morins in seinen Handkoffer gesteckt hatte, kehrte er ans Fenster zurück und hatte dort eine seltsame Vision. In der so milden und so traurigen Nacht, an dem wolkigen, von dem rostfarbigen Mond gelb gefärbten Himmel hatten sich schwebende Nebel erhoben, die die Dächer teilweise hinter ihren schleppenden, Leichentüchern gleichenden Fetzen verbargen. Ganze Gebäude waren vom Horizont verschwunden. Und er stellte sich vor, daß die Zeit sich erfüllt, daß die Wahrheit den Dom von St. Peter in die Luft gesprengt hatte. In hundert oder in tausend Jahren würde er somit zusammengebrochen, geschleift unter dem dunklen Himmel liegen. An dem aufregenden Tage, da er eine Stunde in ihm zubrachte, hatte er wohl gemerkt, daß er unter ihm schwanke und berste; mit Verzweiflung erblickte er von oben das eigensinnig bei dem Purpur der Cäsaren beharrende päpstliche Rom und sah von damals an voraus, daß dieser Tempel des katholischen Gottes zusammenbrechen würde, so wie der Tempel des Jupiter auf dem Kapitol zusammengebrochen war. Das war nun geschehen; der Dom hatte den Boden mit seinen Trümmern besät und nichts war mehr von ihm übrig als ein Stück des Chors mit fünf Säulen des Mittelschiffes, die noch ein Stück des Simses stützten. Insbesondere aber standen die vier Säulen des Kreuzarmes, die den Dom getragen hatten, die cyklopischen Pfeiler noch immer einsam und stolz, wie unzerstörbar unter den umliegenden Trümmern. Dichtere Nebel wälzten sich dahin; noch weitere tausend Jahre verstrichen zweifellos und nichts mehr blieb übrig. Jetzt waren auch die letzten Säulen, der Chor, sogar die riesigen Pfeiler niedergeworfen worden. Der Wind hatte ihren Staub davongetragen; man hätte den Boden durchglühen müssen, um unter den Nesseln und Dornen einige Bruchstücke von zerbrochenen Statuen, von Marmorplatten mit Inschriften zu finden, über deren Sinn die Gelehrten sich nicht einigen konnten. So wie einst am Kapitol, unter den verschütteten Trümmern des Jupitertempels, kletterten Ziegen in der Einsamkeit, in der großen, bloß von dem Summen der Fliegen ausgefüllten Stille träger Sommermittage umher und nährten sich von Sträuchern. Jetzt erst fühlte Pierre, wie völlig alles in ihm zusammengebrochen war. Es war ganz aus; die Wissenschaft war Siegerin, von der alten Welt blieb nichts übrig. Wozu der Schismatiker, der erwartete Reformator sein? Hieß das nicht einen neuen Traum aufbauen? Nur der ewige Kampf der Wissenschaft gegen das Unbekannte, ihre Untersuchung, die im Menschen den Durst nach dem Göttlichen unablässig hetzte und verminderte, schien ihm jetzt von Wert zu sein und ließ ihn darauf harren, ob sie je derart triumphiren würde, daß sie der Menschheit eines Tages durch die Befriedigung aller ihrer Bedürfnisse Genüge thäte. In dem Bankerott seiner Apostelbegeisterung, angesichts der Ruinen, die sein ganzes Wesen, seinen toten Glauben, seine tote Hoffnung, den alten Katholizismus für die soziale und moralische Rettung zu benützen, bedeckten, hielt ihn nur noch die Vernunft aufrecht. Einen Augenblick hatte sie geschwankt. Daß er sein Buch geträumt, daß er diese zweite, schreckliche Krisis durchgemacht hatte, kam daher, weil sein Gefühl von neuem den Sieg über seine Vernunft davongetragen hatte. Beim Anblick der Leiden der Unglücklichen, bei dem unwiderstehlichen Wunsch, ihnen zu helfen, um die nahen Gemetzel zu beschwören, hatte seine Mutter in ihm zu weinen begonnen; so ließ ihn sein Bedürfnis nach Nächstenliebe die Bedenken seines Verstandes vergessen. Jetzt hörte er die Stimme seines Vaters, die hohe Vernunft, die grimmige Vernunft – die Vernunft, die einen Augenblick verdunkelt werden konnte, aber majestätisch wiederkehrte. So wie nach Lourdes protestirte er gegen die Verherrlichung des Lächerlichen und den Verfall des gesunden Menschenverstandes. Er war die Vernunft. Sie allein ließ ihn fest und aufrecht unter den Trümmern der alten Ueberzeugungen, sogar inmitten der Dunkelheiten und Fehlgeburten der Wissenschaft einherschreiten. Ach, die Vernunft! Nur durch sie würde er leiden, nur durch sie würde er befriedigt werden; er schwor, ihr, seiner einzigen Herrin, immer mehr Genüge zu thun, und wenn er auch das Glück dabei lassen müßte! Was er anfangen würde? Es wäre vergebliche Mühe gewesen, das in dieser Stunde erfahren zu wollen. Alles hing in Schwebe; er hatte die ungeheure Welt vor sich. Sie war noch von den Ruinen der Vergangenheit versperrt, aber vielleicht schon morgen von ihnen befreit. Da drüben, in der traurigen Vorstadt, würde er den guten Abbé Rose wiederfinden, der ihm erst tags zuvor geschrieben hatte, er möge zurückkommen, recht rasch zurückkommen, um seine Armen zu pflegen, um sie zu lieben, zu retten, da dieses aus der Ferne so strahlende Rom sich der Barmherzigkeit taub verschloß. Und rings um den guten, friedlichen Priester würde er auch die fortwährend wachsende Flut der Unglücklichen wiederfinden – die aus dem Neste gefallenen, vor Hunger bleichen, vor Kälte zitternden Kleinen, die er auflas – die in entsetzlicher Not lebenden Familien, wo der Vater trinkt, die Mutter sich preisgibt, die Söhne und Töchter dem Laster und dem Verbrechen anheimfallen – ganze Häuser, durch die der Hunger strich – der widrigste Schmutz, die schmachvollste Gemeinschaftlichkeit – keine Möbel, keine Wäsche – ein tierisches Leben, das Befriedigung und Erleichterung sucht, wie es kann, wie Instinkt und Zufall es mit sich bringen. Dann kämen wieder die Winterfröste, das Unglück der Arbeitseinstellung, die Schwindsucht, die die Schwachen wie ein Stoßwind wegraffte, während die Starken, von Rache träumend, die Faust ballten. Eines Abends würde er vielleicht wieder in ein Schreckensgemach treten, in dem eine Mutter sich mit ihren fünf Kleinen getötet hätte. Die Jüngstgeborenen hielte sie im Arm, an ihrer leeren Brust, die anderen lägen zerstreut auf der kahlen Diele, im Tode endlich glücklich und gesättigt. Nein, nein, dieses finstere, zum Selbstmord führende Elend inmitten des großen, von Reichtum strotzenden, genußtrunkenen Paris, das für Vergnügungen Millionen auf die Straße streute, war nicht mehr möglich! Das soziale Gebäude war in seinen Grundfesten verfault, alles brach in Kot und Blut zusammen. Noch nie hatte er es so tief empfunden, wie nutzlos und trügerisch die Wohlthätigkeit war. Und mit einemmale ward er sich bewußt, daß das erwartete Wort, das Wort, das endlich aus dem Munde des großen, uralten Stummen, des zermalmten und geknebelten Volkes hervorbrach, das Wort »Gerechtigkeit« war. Ja, ja, Gerechtigkeit, nicht mehr Barmherzigkeit! Die Barmherzigkeit hatte das Elend nur verewigt; die Gerechtigkeit wird es vielleicht heilen. Nach Gerechtigkeit hungerten die Unglücklichen; nur ein Akt der Gerechtigkeit konnte die alte Welt hinwegfegen, um die neue wieder aufzubauen. Der große Stumme würde weder dem Vatikan noch dem Quirinal, weder dem Papst noch dem König gehören; in seinem langen, bald geheimen, bald offenen Kampf durch alle Zeiten hatte er nur so dumpf gegrollt und sich zwischen Pontifex und Kaiser, die ihn jeder für sich allein haben wollten, nur so gewehrt, um sich zu fassen, um an dem Tage, da er »Gerechtigkeit« schreien würde, auszusprechen, daß er niemand gehören wolle. Sollte dieser Tag der Gerechtigkeit und Wahrheit also endlich schon morgen anbrechen? In seiner Herzensangst, geteilt zwischen dem Bedürfnis nach dem Göttlichen, das den Menschen quält, und der Oberherrschaft der Vernunft, die ihm hilft, am Leben zu bleiben, war Pierre nur von einem überzeugt: er wollte seinen Schwur halten, als Priester ohne Glauben über den Glauben der anderen wachen und seinem Berufe keusch und ehrenhaft obliegen, voll stolzer Trauer, daß er seiner Intelligenz nicht habe entsagen können, so wie er seiner Liebessinnlichkeit und seinem Traum; der Retter der Völker zu werden, entsagt hatte. Und von neuem, gerade so wie nach Lourdes, wollte er warten. Aber seine Betrachtungen an diesem Fenster, angesichts dieses von Dunkel überzogenen Rom, dessen Gebäude die Nebelflut zu schleifen schien und überschwemmte, waren so tief geworden, daß er nicht hörte, wie eine Stimme ihn rief. Er hörte nicht eher, als bis eine Hand seine Schulter berührte. »Herr Abbé, Herr Abbé!« »Es ist halb zehn,« sagte Victorine, als er sich endlich umdrehte. »Der Fiaker ist unten, Giacomo hat das Gepäck schon hinuntergetragen. Sie müssen fort, Herr Abbé.« Dann, als sie sah, daß seine Lider noch ganz erschreckt zuckten, lächelte sie. »Sie haben von Rom Abschied genommen. Der Himmel sieht recht häßlich aus.« »Ja, recht häßlich,« sagte er einfach. Nun gingen sie hinab. Er hatte ihr eine Hundertfranknote übergeben, die sie mit den Bedienten teilen sollte. Sie entschuldigte sich, daß sie die Lampe nehme und ihm vorangehe, »denn« erklärte sie, »man sehe kaum einen Schritt vor sich, so finster sei der Palast heute abend.« Ach, diese Abreise, dieser letzte Gang durch den finstern und leeren Palast! Pierre ward davon erschüttert. Er hatte den letzten Abschiedsblick über sein Zimmer geworfen; solch ein Abschied erfüllte ihn immer mit Verzweiflung und riß ein Stück von seiner Seele ab, selbst wenn er ein Zimmer verließ, in dem er gelitten hatte. Dann, vor dem Zimmer Don Vigilios, aus dem nur eine schauernde Stille hervordrang, stellte er sich vor, wie er den Kopf in die Kissen drückte, den Atem zurückhielt, aus Furcht, daß sein Atem noch sprechen und die Rache auf ihn herabziehen könne. Aber besonders auf den Treppenabsätzen des zweiten und ersten Stockwerks, vor den geschlossenen Thüren Donna Serafinas und des Kardinals erzitterte er, da er gar nichts, nicht einmal einen Hauch hörte; es war als ginge er an Gräbern vorüber. Seit ihrer Rückkehr vom Begräbnis hatten sie kein Lebenszeichen gegeben; sie hatten sich eingeschlossen und damit auch das ganze Haus in Unbeweglichkeit versetzt. Man konnte weder ein gewispertes Gespräch noch den leisen Tritt eines Dieners vernehmen. Victorine ging, die Lampe in der Hand haltend, immer weiter und Pierre folgte ihr, indem er an die beiden dachte, die in dem zerstörten Palaste zurückblieben – die letzten aus einer halb zerfallenen, an der Schwelle einer neuen Welt stehenden Welt. Dario und Benedetta hatten alle Lebenshoffnung mitgenommen; nichts mehr war übrig geblieben als die alte Jungfer und der unfruchtbare Priester. Eine Auferstehung war nicht mehr möglich. Ach, diese endlosen, düster dunklen Korridore, die kalte, riesenhafte Treppe, die in Nichts hinabzuführen schien, diese ungeheuren Säle, deren Mauern vor Armut und Vernachlässigung barsten! Und der innere, friedhofähnliche Hof, mit seinem Unkraut, mit seinem Portikus, unter dem Venus- und Apollotorsen faulten! Und das einsame, von den reifen Orangen durchduftete Gärtchen, das niemand mehr betreten würde – jetzt, da man unter dem Lorbeerbaum, neben dem Sarkophag, nie mehr die herrliche Contessina treffen konnte! All das ging in der furchtbaren Trauer, in der Stille des Todes unter, und die beiden letzten Boccanera brauchten in ihrer wilden Größe nur noch abzuwarten, bis ihr alter Palast, gleich ihrem Gotte, über ihrem Haupte zusammenbrach. Und Pierre vernahm nichts anderes als ein ganz leises Geräusch, das zweifellos von trippelnden Mäusen herrührte. Vielleicht waren die Zähne eines Nagetiers, der Abbé Paparelli, irgendwo in den abgelegenen Zimmern dabei, die Mauern zu zerbröckeln, das alte Haus von unten aus endlos anzufressen, um seinen Zusammenbruch zu beschleunigen. Der Fiaker mit seinen zwei Laternen, deren zwei gelbe Strahlen das Dunkel der Straße durchbrachen, hielt vor der Thür. Das Gepäck war schon aufgeladen; die kleine Kiste lag neben dem Kutscher, der Handkoffer auf dem Rücksitz. Der Priester stieg sogleich ein. »O, Sie haben Zeit,« sagte Victorine, die auf dem Trottoir stehen geblieben war. »Es fehlt nichts; ich freue mich, daß Sie so bequem wegfahren.« In dieser letzten Minute tröstete es ihn, diese Landsmännin, diese gute Seele zur Seite zu haben, die ihn am Tage seiner Ankunft empfangen hatte und ihm nun bei der Abreise das Geleite gab. »Ich sage nicht ›auf Wiedersehen‹, Herr Abbé, denn ich glaube nicht, daß Sie sobald wieder in ihre verteufelte Stadt zurückkommen werden ... Adieu, Herr Abbé.« »Adieu, Victorine. Und ich danke Ihnen, von ganzem Herzen.« Das Pferd hatte sich bereits in raschen Trab gesetzt und der Wagen bog in die engen, gewundenen Straßen, die zum Corsa Victor Emanuel führen. Es regnete nicht; das Wagendach war nicht hinaufgeschlagen worden, aber trotzdem die feuchte Luft milde war, ward dem Priester sofort kalt. Er wollte jedoch keine Zeit verlieren, indem er den Kutscher halten ließ; diesmal war es ein Schweigsamer, der nur Eile zu haben schien, seinen Fahrgast loszuwerden. Als Pierre auf den Corso Victor Emanuel hinausgelangte, war er überrascht, ihn zu dieser noch frühen Nachtstunde schon so einsam zu finden. Die Häuser waren verrammelt, die Trottoirs leer, nur die elektrischen Lampen brannten in der schwermütigen Einsamkeit. Wahrlich, es war gar nicht warm und der Nebel schien zuzunehmen, die Fassaden immer mehr zu überschwemmen. Als er an der Cancelleria vorbeikam, schien es ihm, daß das streng regelmäßige, gewaltige Gebäude weiter hinausrücke, verschwinde; und weiterhin, rechts, am Ende der von wenigen, rauchigen Gashähnen erhellten Via d'Aracoeli war das Kapitol in völliger Finsternis untergegangen. Dann verengerte sich der breite Torso und der Wagen fuhr zwischen den zwei düsteren, erdrückenden Massen des dunklen Il Gesu und des schwerfälligen Palazzo Altieri durch. In diesem engen Korridor nun, wo selbst an schönen sonnigen Tagen die ganze Feuchtigkeit der alten Zeiten fühlbar ward, gab er sich, Leib und Seele von Schauer ergriffen, einer neuen Träumerei hin. Plötzlich erwachte in ihm wieder jener Gedanke, der ihn schon manchmal beunruhigt hatte: nämlich, daß die von da unten, von Asien ausgegangene Menschheit immer in der Richtung der Sonne gewandert sei. Stets hatte ein Ostwind geweht, der den menschlichen Samen für die künftige Ernte gen Westen trug. Schon seit langer Zeit hatte Zerstörung und Tod die Wiege getroffen; es war, als könnten die Völker nur etapenweise vorrücken, indem sie einen erschöpften Boden, zerstörte Städte, dezimirte und entartete Bevölkerungen hinter sich ließen, je weiter sie von Sonnenaufgang gegen Sonnenuntergang, dem unbekannten Ziele zuschritten. Ninive und Babylon an den Ufern des Euphrat, Theben und Memphis an den Ufern des Nil waren in Staub zerfallen, vor Alter und Müdigkeit in eine tödliche Betäubung versunken, aus der kein Erwachen möglich war. Von da aus hatte diese Abgelebtbeit die Küsten des großen Mittelmeeres ergriffen, Tyrus und Sidon im Staube der Zeit begraben und späterhin das in voller Pracht von Altersschwäche heimgesuchte Karthago eingeschlummert. Diese vorwärts schreitende Menschheit, die von der verborgenen Kraft der Zivilisationen derart vom Orient dem Occident zugewälzt ward, bezeichnete ihre Tagreisen mit Ruinen. Welch furchtbare Sterilität besitzt heute diese Wiege der Geschichte, dieses Asien, dieses Aegypten, die zum Lallen der Kindheit zurückkehrten und unbeweglich, in Unwissenheit und Hinfälligkeit auf den Trümmern der antiken Hauptstädte, der einstigen Herrinnen der Welt liegen! Während des Fahrens, mitten in seinem Sinnen, hatte Pierre die Empfindung, daß der in Nacht gehüllte Palazzo di Venezia unter irgend einem Ansturm des Unsichtbaren zusammenzubrechen scheine. Der Nebel hatte seine Zinnen umzogen; die hohen, kahlen, so furchtbaren Mauern bogen sich unter dem Druck des wachsenden Dunkels. Nach dem tiefen, grabenähnlichen Corso links, der ebenfalls einsam unter dem weißlichen Licht der elektrischen Lampen dalag, erschien rechts der Palazzo Torlonia, dessen einer Flügel von der Haue der Niederreißer aufgerissen war; weiterhin dagegen, wieder links, zog sich die düstere Fassade des Palazzo Colonna mit ihren geschlossenen Fenstern hin, als ob der von seinen Herren verlassene, seines einstigen Prunkes beraubte Palast ebenfalls die Niederreißer erwarte. Während nun der Wagen langsam weiterrollte und die Via Nazionale hinaufzufahren begann, spann sich Pierres Träumerei fort. Hatte die Zerstörung, die die vorwärtsschreitenden Völker fortwährend hinter sich ließen, nicht nun auch Rom ergriffen? War nicht auch seine Stunde des Verschwindens gekommen? Griechenland, Athen und Sparta schlummerten in ihren glorreichen Erinnerungen und zählten für die heutige Welt nicht mehr. Der ganze untere Teil der italienischen Halbinsel war bereits von der fortschreitenden Lähmung ergriffen. Nun war, gleichzeitig mit Neapel, Rom an der Reihe. Es befand sich an der Grenze der Ansteckung, am Rande jenes Todesfleckens, der sich unablässig über den alten Kontinent ausbreitet, an jenem Rande, wo der Todeskampf eintritt, wo die erschöpfte Erde keine Städte mehr nähren oder tragen will, wo die Menschen selbst von ihrer Geburt an von Altersschwäche befallen zu sein scheinen. Seit zwei Jahrhunderten ging Rom abwärts, schied nach und nach aus dem modernen Leben aus, besaß keinen Handel, keine Industrie mehr, ja sogar keine Wissenschaft, keine Literatur und Kunst. Nun war es nicht allein St. Peter, der zusammenbrach, der so wie einst der Tempel des Jupiter Capitolinus das Gras mit seinen Trümmern besäte. In seiner finstern, schmerzlichen Träumerei sah Pierre ganz Rom mit einem letzten Krachen zusammenbrechen, die sieben Hügel mit dem Chaos seiner Ruinen bedeckten. Die Basiliken, die Paläste, ganze Viertel waren verschwunden und ruhten unter den Nesseln und Dornen. Gleich Ninive und Babylon, gleich Theben und Memphis war Rom nur mehr eine flache Ebene, bedeckt mit Trümmern, unter denen man vergeblich die Stelle der alten Gebäude zu erkennen versuchte. Nur Schlangen und Banden von Ratten bewohnten sie. Der Wagen beschrieb eine Wendung und Pierre erkannte rechts in einer ungeheuren, nachtdunklen Bucht die Trajanssäule. Aber zu dieser Stunde war sie ganz schwarz, wie der abgestorbene Stamm eines Riesenbaumes, dessen Zweige durch sein hohes Alter abgefallen sind. Und weiter oben, als er, während er über den dreieckigen Platz fuhr, den Blick hob, erschien ihm der Baum, den er an dem bleifarbenen Himmel bemerkte – die Schirmpinie der Villa Aldobrandini, die dort wie die Anmut und der Stolz Roms selbst stand – fortan nur mehr wie ein Schmutzfleck, wie eine kleine Kohlenstaubwolke, die aus dem vollständigen Zusammenbruch der Stadt aufstieg. Jetzt, am Ende dieses tragischen Traumes, wurde sein von unruhiger Bruderliebe erfülltes Herz von Entsetzen erfaßt. Wenn die durch die gealterte Welt gehende Erstarrung Rom überschritten, wenn sie die Lombardei erfaßt haben wird, wenn Genua, Turin und Mailand so einschlafen werden, wie Venedig bereits schläft, dann kommt also die Reihe an Frankreich. Sie wird über die Alpen gehen, der Sand wird die Häfen Marseilles gleich denen von Tyrus und Sidon zuschütten, Lyon in Einsamkeit und Schlummer versinken und zuletzt wird Paris, von der unbesiegbaren Betäubung ergriffen, in ein unfruchtbares, mit Disteln bewachsenes Steinfeld verwandelt, sich Rom, Ninive und Babylon im Tode anschließen, während die Völker ihren Marsch von Sonnenaufgang gen Sonnenuntergang mit der ewigen Sonne fortsetzen werden. Ein lauter Schrei drang durch das Dunkel – der Todesschrei der lateinischen Rasse. Die Geschichte, die in dem Becken des Mittelmeeres geboren zu sein schien, veränderte ihren Platz und der Atlantische Ozean ward heute der Mittelpunkt der Welt. Wie hoch stand der Tag der Menschheit? Befand sich die Menschheit, die von da unten, von der Wiege, von Sonnenaufgang ausgegangen war und von Etape zu Etape ihren Weg mit Ruinen bestreut hatte, in der Mitte des Tages, wenn der Mittag flammt? Dann also begann die andere Hälfte des Tages, dann kam die neue Welt nach der alten, dann waren die Städte Amerikas, wo die Demokratie vorbereitet wird, wo die Religion von morgen keimt, die herrschenden Königinnen des nächsten Jahrhunderts. Und dann kam, da unten, jenseits eines zweiten Ozeans, auf der andern Seite der Erde, der Wiege wieder sich nähernd, der unbewegliche äußerste Orient, das geheimnisvolle China und Japan, die ganze, drohende Zunahme der gelben Rasse. Aber in dem Maße, wie der Fiaker die Via Nazionale hinanfuhr, fühlte Pierre den Alpdruck von sich weichen. Es wehte eine leichtere Luft und etwas mehr Hoffnung und Mut kehrten in ihn zurück. Die Bank jedoch machte ihm in ihrer neuen Häßlichkeit, ihrer noch kreidigen Ungeheuerlichkeit den Eindruck eines Gespenstes, das in seinen Totentüchern durch die Nacht wandert; der Quirinal hingegen bildete über den unbestimmten Garten nur eine schwarze, den Himmel durchkreuzende Linie. Aber die Straße stieg immer mehr an, erweiterte sich immer mehr und auf dem Gipfel des Viminal, auf dem Thermenplatz, als Pierre an den Ruinen des Diokletian vorbeifuhr, atmete er tief auf. Nein, nein, der Tag der Menschheit konnte kein Ende nehmen, er war ewig und die Etapen der Zivilisation würden einander endlos folgen. Was lag an dem Ostwind, der die gleichsam von der Kraft der Sonne getriebenen Völker nach Westen trug? Wenn es sein müßte, würden sie auf der andern Seite der Erdkugel zurückkommen, und mehrmals die Runde um die Erde machen, bis sie sich eines Tages in Frieden, Wahrheit und Gerechtigkeit niederlassen konnten. Nach der nächsten Zivilisation am Atlantischen Ozean, der nun der Mittelpunkt geworden und von herrschenden Städten besetzt sein wird, würde abermals eine Zivilisation erstehen, ihr Mittelpunkt würde der Stille Ozean sein, mit Küstenhauptstädten, die man noch nicht voraussehen konnte, deren Keime noch an unbekannten Gestaden schlummerten. Dann kamen wieder andere, immer wieder andere, bis in Unendlichkeit! Und in dieser letzten Minute kam ihm der zuversichtliche, rettende Gedanke, daß die große Bewegung der Nationen der Instinkt, das Bedürfnis der Völker nach einer Rückkehr zur Einheit war. Von einer einzigen Familie ausgegangen, strebten sie, obwohl sie sich später getrennt, in Stämme zerstreut und mit brudermörderischem Haß angefallen haben, wieder dahin, eine einzige Familie zu werden. Die Provinzen vereinigten sich zu Völkern, die Völker vereinigten sich zu Rassen und die Rassen würden sich zuletzt zu der einzigen, unsterblichen Menschheit vereinigen. Endlich eine Menschheit ohne Grenzen, ohne Kriege – eine Menschheit, die von der gerechten Arbeit, in allgemeiner Gütergemeinschaft lebt! War das nicht die Evolution, das Ziel der überall stattfindenden Arbeit, die Lösung der Geschichte? Möge doch Italien ein gesundes, starkes Volk werden, möge doch Eintracht zwischen ihm und Frankreich entstehen, möge diese Brüderlichkeit der lateinischen Rassen der Beginn der allgemeinen Brüderlichkeit werden! Ach, ein einziges Vaterland, eine beruhigte und glückliche Erde! In wie viel Jahrhunderten wird das sein? Und welch ein Traum war das? Auf dem Bahnhof, inmitten des Gedränges, dachte Pierre nicht mehr. Er mußte seine Karte nehmen, sein Gepäck aufgeben und stieg sofort in den Waggon. Uebermorgen, bei Tagesanbruch, würde er in Paris sein.