Edgar Wallace Die blaue Hand Titel des englischen Originals: The blue Hand .   Ins Deutsche übertragen von Ravi Ravendro.   Kriminal-Roman Ungekürzte Ausgabe 1 Mr. Septimus Salter drückte schon zum dritten Male die Klingel auf seinem Tisch und brummte unzufrieden. Er war ein gesetzter, älterer Herr mit großem, rotem Gesicht und weißen Koteletten und glich mehr einem wohlhabenden Landwirt als einem erfolgreichen Rechtsanwalt. Es gab keinen gescheiteren und tüchtigeren Rechtsanwalt in London, aber in seiner Kleidung und seinem Äußeren blieb er der Zeit treu, in der er jung gewesen war. Er drückte ungeduldig noch einmal auf den Knopf. »Verdammter Kerl«, murmelte er vor sich hin, erhob sich und ging in den kleinen Raum seines Sekretärs. Er hatte eigentlich erwartet, das Zimmer leer zu finden, aber er irrte sich. Seitwärts von dem alten, tintenbeklecksten Tisch stand ein Stuhl, auf dem ein junger Mann kniete. Er hatte die Ellbogen auf den Tisch gestützt und war in das Studium eines Schriftstückes vertieft. »Steele«, sagte Mr. Salter scharf. Der junge Mann schnellte auf und sprang auf die Füße. Er war groß und hatte breite Schultern, aber trotzdem waren seine Bewegungen geschmeidig und biegsam. Sein gebräuntes Gesicht erzählte von Tagen, die er draußen im Freien verbracht hatte. Eine gerade Nase, ein fester Mund und ein hartes Kinn gaben ihm das charakteristische Aussehen eines früheren Offiziers. Nun war er etwas verwirrt und erinnerte eher an einen bei einer Unaufmerksamkeit ertappten Schüler als an einen schneidigen Offizier, der das Viktoriakreuz erhalten und in hartem Luftkampf zwanzig feindliche Flugzeuge heruntergeholt hatte. »Sie sind wirklich zu unaufmerksam, Steele. Ich habe nun viermal vergeblich nach Ihnen geklingelt«, sagte Mr. Salter vorwurfsvoll. »Es tut mir furchtbar leid«, entschuldigte sich Jim Steele und sah Mr. Salter mit dem Lächeln an, dem er nicht widerstehen konnte. »«Was machen Sie denn hier?« brummte der Rechtsanwalt und besah sich die Dokumente, die auf dem Tisch lagen. »Haben Sie immer noch nicht genug von dem Fall Danton?« fragte er seufzend. »Nein, noch nicht«, war die gelassene Antwort. »Ich habe das Gefühl, daß Lady Mary Danton gefunden werden kann. Und wenn man sie erst gefunden hat, wird sich auch ihr damaliges plötzliches Verschwinden befriedigend aufklären lassen. Dann würde jemand sehr außer Fassung geraten –« Er hielt plötzlich inne, aus Furcht, eine Indiskretion zu begehen. Mr. Salter sah ihn scharf an. »Sie mögen Mr. Groat nicht?« fragte er. Jim lachte. »Es ist ja nicht meine Sache, ihn sympathisch oder unsympathisch zu finden. Persönlich kann ich solche Leute nicht leiden. Als einzige Entschuldigung für einen Mann von dreißig Jahren, der nicht im Felde war, kann ich nur gelten lassen, daß er zu der Zeit tot war.« »Er hatte doch ein schwaches Herz«, meinte Mr. Salter, aber er sprach ohne große Überzeugung. »Das wird schon stimmen«, entgegnete Jim ironisch. Mr. Salter sah wieder auf die Papiere, die auf dem Tisch umherlagen. »Legen Sie das ruhig weg, Steele. Sie. werden doch keinen Erfolg damit haben, wenn Sie eine Frau suchen wollen, die verschwand, als Sie noch ein Junge von fünf Jahren waren.« »Ich möchte –«, begann Steele, zögerte dann aber. »Sie haben recht, es ist nicht meine Sache«, sagte er lächelnd. »Ich habe kein Recht, Sie zu fragen, aber ich möchte gern mehr Einzelheiten über das Verschwinden jener Frau hören – wenn Sie einmal freie Zeit hätten und dazu aufgelegt wären. Ich hatte früher niemals den Mut, Sie direkt zu fragen – wie verschwand sie denn eigentlich?« Mr. Salter runzelte erst die Stirn, dann hellten sich seine Gesichtszüge wieder auf. »Steele, Sie sind der schlechteste Sekretär, den ich jemals hatte«, sagte er. »Und wenn ich nicht Ihr Patenonkel wäre und mich moralisch verpflichtet fühlte, Ihnen zu helfen, würde ich Ihnen einen kleinen, höflichen Brief schreiben, daß Ihre Dienste ab Ende dieser Woche nicht mehr benötigt werden.« Jim Steele lachte. »Das habe ich schon immer erwartet!« Der alte Rechtsanwalt zwinkerte freundlich mit den Augen. Er hatte Jim Steele außerordentlich gern, obwohl er es nach außen hin nicht eingestehen wollte. Der junge, hübsche Mensch war ihm viel mehr ans Herz gewachsen, als er selbst ahnte. Aber nicht allein aus Freundschaft und einem gewissen Verantwortlichkeitsgefühl heraus behielt der alte Salter Jim in seinen Diensten, der junge Mann war ihm auch sehr nützlich. Und obgleich er die traurige Veranlagung hatte, Klingelzeichen zu überhören, wenn er sich mit seinem Lieblingsstudium beschäftigte, war er doch sehr vertrauenswürdig. »Schließen Sie die Tür«, sagte Salter etwas schroff. »Wenn ich Ihnen diese Geschichte erzähle« – er hob warnend den Zeigefinger –, »so tue ich es nicht, um Ihre Neugierde zu befriedigen, sondern weil ich hoffe, daß ich Ihr Interesse an dem geheimnisvollen Fall Danton damit für immer beseitige! Lady Mary Danton war die einzige Tochter des Lord Plimstock – ein Adelsprädikat, das jetzt erloschen ist. Sie heiratete als junges Mädchen Jonathan Danton, einen Reeder, der ein Millionenvermögen besaß. Aber die Ehe war nicht glücklich. Der alte Danton war ein harter, unangenehmer und auch kranker Mann. Wir sprachen eben davon, daß Digby Groat herzkrank sei. Jonathan hatte aber wirklich kein gesundes Herz. Seine Krankheit war wohl auch teilweise dafür verantwortlich, daß er seine Frau so schlecht behandelte. Auch das kleine Mädchen, das ihnen geboren wurde, brachte sie einander nicht näher; sie wurden sich immer fremder. Danton mußte eine Geschäftsreise nach Amerika antreten. Vor seiner Abreise kam er in mein Büro, und an diesem Tisch hier unterzeichnete er ein Testament, das eins der seltsamsten und merkwürdigsten war, die ich jemals aufgesetzt habe. Er hinterließ sein ganzes Vermögen seiner kleinen Tochter Dorothy, die damals drei oder vier Monate alt war. Im Falle ihres Todes sollte das Geld an seine Schwester, Mrs. Groat, fallen, aber erst zwanzig Jahre nach dem Tode des Kindes. In der Zwischenzeit sollte Mrs. Groat nur die Einnahmen aus seinem Landgut erhalten.« »Warum hat er denn diese merkwürdige Bestimmung getroffen?« fragte Jim verwundert. »Das ist doch leicht zu verstehen. Er wollte vor allen Dingen, verhindern, daß das Kind in früher Jugend beiseite geschafft wurde. Auf der anderen Seite sah er voraus, daß das Testament von Lady Mary angefochten werden würde. So, wie das Testament aufgesetzt war – ich habe nicht alle Details erwähnt –, konnte es während zwanzig Jahren nicht angefochten werden. Und es ist auch kein Einspruch dagegen erhoben worden. Während Danton in Amerika war, verschwand Lady Mary mit ihrer Tochter Dorothy. Niemand wußte, wohin sie gegangen war, aber die Spur der kleinen Dorothy und ihres Kindermädchens führte nach Margate. Vielleicht war Lady Mary auch dort. Es steht jedenfalls fest, daß das Kindermädchen, die Tochter eines dortigen Fischers, die sehr gut rudern konnte, an einem schönen Sommertage das Kind in einem Boot mit aufs Meer nahm. Dort wurde sie vom Nebel überrascht. Allem Anschein nach wurden sie von einem Passagierdampfer überrannt. Die Überreste des zertrümmerten Bootes wurden aufgefischt, und eine Woche später wurde die Leiche des Kindermädchens ans Ufer gespült. Man hat aber niemals erfahren, was aus Lady Mary wurde. Danton kam zwei Tage nach, dem Unglücksfall zurück, und seine Schwester, Mrs. Groat, brachte ihm die Nachricht von dem Unglücksfall. Das gab ihm den Rest. Er starb.« »Und Lady Mary hat man nie wieder gesehen?« Salter schüttelte den Kopf. »Sie sehen also, mein lieber Junge, selbst wenn Sie durch ein Wunder Lady Mary fänden, könnte das doch nicht den geringsten Einfluß auf die Position der Mrs. Groat oder ihres Sohnes haben. Nur Dantons Tochter könnte die Erbschaft antreten – und die liegt wahrscheinlich auf dem Meeresgrund«, schloß er leise und traurig. »Ich verstehe jetzt die Zusammenhänge«, sagte Jim Steele ruhig, »nur –« »Was haben Sie noch?« »Ich habe den starken Eindruck, daß an der ganzen Sache etwas nicht stimmt, und ich bin fest davon überzeugt, daß das Geheimnis gelöst werden könnte, wenn ich meine ganze Zeit dieser Aufgabe widmen dürfte.« Mr. Salter sah seinen Sekretär scharf an, aber Jim Steele hielt seinem Blick stand. »Sie sollten eigentlich Detektiv werden«, meinte der Rechtsanwalt ironisch. »Ich wünschte nur, ich wäre einer«, erwiderte Jim. »Vor zwei Jahren habe ich Scotland Yard meine Dienste angeboten, als die Bande der Dreizehn die Banken beraubte, ohne daß man einen dieser verwegenen Verbrecher fassen konnte.« »Sehen Sie einmal an«, sagte Salter ein wenig spöttisch und öffnete die Tür, um zu gehen. Aber plötzlich wandte er sich wieder um. »Warum habe ich Ihnen denn eigentlich geklingelt? Ach so, ich brauche alle Pachtverträge, die sich auf den Grundbesitz des alten Danton in Cumberland beziehen.« »Will Mrs. Groat die Ländereien verkaufen?« »Sie kann sie jetzt noch nicht verkaufen. Erst am dreißigsten Mai erhält sie die Verfügung über das Millionenvermögen Jonathan Dantons, vorausgesetzt, daß kein Einspruch dagegen erhoben wird.« »Oder ihr Sohn erhält das große Vermögen«, meinte Jim bedeutungsvoll. Er war seinem Chef in dessen Zimmer gefolgt. An den Wänden standen viele Aktenregale. Abgenutzte Möbel und ein schon etwas fadenscheiniger Teppich bildeten die weitere Ausstattung des Raumes, in dem es nach staubigen Akten roch. »Detektiv möchten Sie werden?« fragte Mr. Salter unwirsch, als er sich an seinem Schreibtisch niederließ. »Und welche Ausrüstung bringen Sie denn für diesen neuen Beruf mit?« Jim lächelte, aber in seinem Blick lag Begeisterung. »Glauben«, sagte er ruhig. »Was nützt Ihnen als Detektiv Glaube?« »Es ist aber der Glaube eine gewisse Zuversicht des, das man hoffet, und ein Nichtzweifeln an dem, das man nicht sieht.« Jim zitierte diesen Bibelspruch feierlich, und Mr. Salter schwieg eine Weile. Dann nahm er ein Stück Papier, auf das er einige Notizen geschrieben hatte, und reichte es Jim. »Sehen Sie einmal, ob Sie mit dem Spürsinn eines Detektivs diese Aktenstücke auffinden können, sie liegen unten in der Stahlkammer.« Aber obwohl er scherzte, hatten Jims Worte doch Eindruck auf ihn gemacht. Jim nahm den Zettel, las ihn durch und wollte eben eine Frage an Mr. Salter stellen, als ein Schreiber hereinkam. »Wollen Sie Mr. Digby Groat empfangen, Sir?« 2 Mr. Salter schaute mit einem humorvollen Lächeln in den Augen auf. »Ja«, sagte er nur kurz und wandte sich zu Jim, der schnell das Büro verlassen wollte. »Sie können ruhig hierbleiben, Steele. Mr. Groat schrieb mir, daß er die Akten durchsehen will, und wahrscheinlich müssen Sie ihn zur Stahlkammer führen.« Jim sagte nichts. Der Schreiber öffnete die Tür für einen elegant gekleideten jungen Herrn. Jim kannte ihn schon von früher, aber je öfter er ihn sah, desto weniger konnte er ihn leiden. Er hätte mit geschlossenen Augen das schmale, wenig freundliche Gesicht mit dem kurzen, schwarzen Schnurrbart, die müden Augen, die blasierten Züge, das große, vorstehende Kinn und die etwas abstehenden Ohren malen können, wenn er Zeichner gewesen wäre. Und doch machte Digby Groat in mancher Beziehung einen guten Eindruck, das konnte selbst Jim nicht bestreiten. Er mußte einen erstklassigen Kammerdiener haben, denn von seiner tadellos glänzenden Frisur bis zu den blitzblanken Schuhen war nichts an seiner Erscheinung auszusetzen. Sein Anzug war nach dem modernsten Schnitt gearbeitet und stand ihm außerordentlich gut. Als er ins Zimmer trat, verbreitete sich ein leiser Duft von Quelques Fleurs. Jim verzog die Nase. Er haßte Männer, die sich parfümierten, so dezent sie es auch tun mochten. Digby Groat schaute von dem Rechtsanwalt zu Steele, und in seinen dunklen Augen lag jener nachlässige und doch so unverschämte Ausdruck, den weder der Rechtsanwalt noch sein Sekretär vertrugen. »Guten Morgen, Salter«, sagte er. Er zog ein seidenes Taschentuch hervor, staubte einen Stuhl damit ab und nahm Platz, ohne dazu aufgefordert worden zu sein. Seine Hände, die in zitronengelben Handschuhen steckten, ruhten auf dem goldenen Knopf eines Ebenholzspazierstockes. »Sie kennen Mr. Stelle, meinen Sekretär?« Der andere nickte. »Ach ja, er war doch früher Offizier und hat das Viktoriakreuz erhalten?« fragte Digby müde. »Vermutlich finden Sie es jetzt sehr öde hier, Steele? Eine solche Stelle würde mich zu Tode langweilen.« »Das glaube ich auch. Aber wenn Sie sich an der Front den Wind hätten um die Nase wehen lassen, gefiele Ihnen die himmlische Ruhe dieses Büros sehr.« »Da mögen Sie recht haben«, erwiderte Digby kurz. Er fühlte sich peinlich dadurch berührt, daß Jim erwähnte, daß er nicht im Felde gewesen war. »Nun. Dr. Groat –«, begann der Anwalt, aber der elegante junge Mann unterbrach Salter durch eine Geste. »Nennen Sie mich bitte nicht Doktor«, sagte er mit einem schmerzlichen Ausdruck. »Vergessen Sie, daß ich ein medizinisches Studium durchgemacht habe und mein Examen als Chirurg bestand. Ich tat das nur zu meiner eigenen Befriedigung, und es wäre mir sehr unangenehm, eine Praxis ausüben zu müssen. Ich würde es nicht aushalten, zu jeder Tages- und Nachtzeit von Patienten gestört zu werden.« Für Jim war es eine Neuigkeit, daß dieser Stutzer einen medizinischen Grad erworben hatte. »Ich bin hierhergekommen, um die Pachtverträge der Besitzungen in Cumberland einzusehen, Salter«, fuhr Groat fort. »Es ist mir ein Angebot gemacht worden – ich sollte eigentlich sagen, es ist meiner Mutter ein Angebot gemacht worden, und zwar von einem Syndikat, das ein großes Hotel dort errichten will. Soviel ich weiß, ist eine Klausel in den Verträgen, die einen solchen Bau verhindert. Wenn es so ist, war es niederträchtig gedankenlos von dem alten Danton, solche Ländereien zu erwerben.« »Mr. Danton tat nichts Gedankenloses und nichts Niederträchtiges«, entgegnete Salter ruhig. »Wenn Sie diese Frage in Ihrem Brief erwähnt hätten, würde ich Ihnen telefonisch darüber Auskunft gegeben haben, und Sie hätten sich nicht hierher bemühen müssen. Aber da Sie nun einmal hier sind, wird Sie Steele zur Stahlkammer führen. Dort können Sie die Pachtverträge einsehen.« Groat sah argwöhnisch zu Jim hinüber. »Versteht er denn etwas von Pachtverträgen?« fragte er. »Und muß ich denn tatsächlich in Ihren schrecklichen Keller hinuntersteigen, um mich auf den Tod zu erkälten? Können die Akten denn nicht für mich heraufgebracht werden?« »Wenn Sie so liebenswürdig sind, in Steeles Zimmer zu gehen, kann er sie Ihnen ja dorthin bringen«, entgegnete Salter, der Mr. Groat ebensowenig liebte wie sein Sekretär. Außerdem hatte er den nicht unbegründeten Verdacht, daß sich die Groats in dem Augenblick, in dem sie in den Besitz des Dantonschen Vermögens kämen, einen anderen Rechtsanwalt zur Verwaltung ihres Eigentums wählen würden. Jim nahm die Schlüssel und kehrte bald mit einem Paket Akten wieder zu seinem Chef zurück. Mr. Groat hatte das Büro Mr. Salters verlassen und saß schon in Jims eigenem kleinen Zimmer. »Erklären Sie Mr. Groat alles, was er über die Pachtbriefe wissen will. Wenn Sie mich dazu brauchen, dann rufen Sie mich.« Jim fand Digby in seinem Raum. Er blätterte in einem Buch, das er sich genommen hatte. »Was bedeutet denn Daktyloskopie?« fragte er und sah zu Jim auf, als er eintrat. »Das Buch handelt von diesem Gegenstand.« »Das ist die Lehre von den Fingerabdrücken«, sagte Jim kurz. Er haßte diese anmaßende Art und war sehr ärgerlich, daß Mr. Groat eines seiner Privatbücher genommen hatte. »Interessieren Sie sich denn für dergleichen?« fragte Groat und stellte den Band wieder an seinen Platz zurück. »Ein wenig. Hier sind die gewünschten Pachtbriefe. Ich habe sie eben oberflächlich durchgesehen. Es gibt keine Klausel darin, die die Errichtung eines Hotels ausschließen könnte.« Groat nahm die Dokumente in die Hand und sah sie Seite für Seite durch. »Nein«, sagte er schließlich, »es steht nichts davon da – Sie haben recht.« Bei diesen Worten legte er das Aktenstück auf den Tisch zurück. »Sie interessieren sich also für Fingerabdrücke? Ich wußte noch nicht, daß sich der alte Salter auch mit Strafprozessen abgibt. – Was ist denn das?« Neben Jims Schreibtisch stand ein Bücherbrett, das mit schwarzen Heften gefüllt war. »Das sind meine Privatnotizen«, erklärte Jim. Digby wandte sich mit einem maliziösen Lächeln um. »Worüber machen Sie sich denn Notizen?« fragte er, und bevor ihn Jim daran hindern könnte, hatte er eins der Hefte in der Hand. »Wenn Sie nichts dagegen haben, möchte ich Sie doch bitten, mein Privateigentum in Ruhe zu lassen«, sagte Jim entschieden. »Tut mir leid – ich dachte, alle Dinge in Salters Kanzlei hätten mit seinen Klienten zu tun.« »Sie sind eben nicht der einzige Klient«, entgegnete Jim. Er konnte sich im allgemeinen gut beherrschen, aber dieser anmaßende Mensch fiel ihm auf die Nerven. »Wozu machen Sie denn das alles?« fragte Groat, als er Seite für Seite umblätterte. Jim stand Mr. Groat am Schreibtisch gegenüber und beobachtete ihn scharf. Plötzlich sah er, daß das gelbe Gesicht des anderen einen Schein dunkler und der Blick der schwarzen Augen hart wurde. »Was bedeutet das?« fragte Groat scharf. »Was, zum Teufel, haben Sie –« Er hielt inne, nahm sich zusammen und lachte. Aber Jim hörte wohl, wie gekünstelt und gequält es klang. »Sie sind ein prächtiger Kerl, Steele«, sagte er in seinem alten, nachlässigen Ton. »Sie sind töricht, sich über diese Dinge den Kopf zu zerbrechen.« Er stellte das Schreibheft an den Platz zurück, von dem er es genommen hatte, nahm einen anderen Pachtbrief und gab sich den Anschein, eifrig darin zu lesen. »Es ist alles in Ordnung«, sagte er schließlich, legte das Aktenstück beiseite und griff zu seinem Hut. »Vielleicht besuchen Sie mich einmal und essen mit mir zu Abend, Steele. Ich habe ein ganz interessantes Laboratorium, das ich mir an der Rückseite meines Hauses am Grosvenor Square erbaut habe. Der alte Salter nannte mich eben Doktor!« Er lachte, als ob das ein guter Scherz sei. »Nun gut, wenn Sie zu mir kommen, kann ich Ihnen verschiedenes zeigen, was zum mindesten meinen Titel rechtfertigt.« Seine großen, dunkelbraunen Augen waren auf ihn gerichtet, als er in der Tür stand. »Nebenbei bemerkt, Mr. Steele – Ihre Privatstudien führen Sie auf ein gefährliches Gebiet, für das Sie selbst ein zweites Viktoriakreuz kaum genügend entschädigen könnte.« Er schloß die Tür behutsam hinter sich. Jim sah ihm stirnrunzelnd nach. ›Was meint er nur damit?‹ überlegte er. Dann erinnerte er sich daran, daß Mr. Groat sein Notizbuch in der Hand gehabt hatte. Wahrscheinlich hatte ihm das zu denken gegeben. Er nahm das Heft von dem Brett herunter, schlug die erste Seite auf und las: ›Einige Bemerkungen über die Bande der Dreizehn.‹ 3 An demselben Nachmittag trat Jim in Mr. Salters Büro. »Ich gehe jetzt zum Tee«, sagte er. Mr. Salter schaute auf die altmodische Uhr an der gegenüberliegenden Wand. »Es ist gut. Sie gehen in letzter Zeit immer sehr pünktlich zum Tee, Steele – warum werden Sie denn rot? Handelt es sich um ein Mädchen?« »Nein«, erwiderte Jim unnötig laut. »Ich treffe zwar ab und zu eine Dame beim Tee, aber –« »Machen Sie, daß Sie fortkommen«, sagte der alte Mann ärgerlich. »Grüßen Sie sie von mir.« Jim mußte lachen, während er die Treppe hinunterstieg und auf die Marlborough Street hinaustrat. Er beeilte sich, weil es schon etwas spät war. Erleichtert atmete er auf, als er in das stille, ruhige Lokal trat und den Tisch, an dem er gewöhnlich saß, noch unbesetzt fand. Als er am Tisch Platz genommen hatte, kam die Kellnerin strahlend auf ihn zu, um nach seinen Wünschen zu fragen. »Ihre junge Dame ist noch nicht gekommen, Sir«, sagte sie. Es war das erste Mal, daß sie Eunice Weldon erwähnte, und Jim war es höchst peinlich. »Die junge Dame, die manchmal mit mir Tee trinkt, ist nicht meine junge Dame«, erwiderte er etwas kühl. »Ich bitte um Verzeihung«, sagte die Kellnerin und kritzelte auf ihrem Notizblock, um ihre Verlegenheit zu verbergen. »Sie bestellen wohl wie gewöhnlich?« »Ja. Bringen Sie alles wie sonst.« In diesem Augenblick trat eine Dame zur Tür herein, und er erhob sich schnell, um sie zu begrüßen. Sie war von schlankem Wuchs und ging sehr, aufrecht. Etwas Liebenswürdiges und Elegantes lag in ihren Bewegungen, so daß die Herren, die auf den Straßen umherschlenderten, stehenblieben, wenn sie vorbeiging. Eunice hatte ein reines, fast madonnenhaftes Gesicht, aber ihre fröhlich lachenden, blauen Augen und ihre schöngeschwungenen Lippen waren sehr lebhaft und schienen nicht gewillt, das Leben in klösterlicher Abgeschlossenheit zu vertrauern. In ihren Augen lag ein eigentümlicher Glanz, in dem sich eine Bitte und auch zugleich eine Warnung ausdrückte. Es lag Reinheit in ihrem ganzen Wesen, in all ihren Zügen, in dem ausdrucksvollen Mund, in dem runden, jugendlichen Kinn. Es lag wie ein Hauch von Taufrische über ihrer weißen, klaren, fast durchsichtigen Haut. Alle Schönheit der Jugend schien in ihr vereinigt zu sein. Sie ging Jim mit ausgestreckter Hand entgegen. »Ich bin etwas spät dran«, sagte sie vergnügt. »Wir hatten eine langweilige Herzogin im Atelier, die ich in siebzehn verschiedenen Stellungen aufnehmen mußte – sie sah nicht besonders schön aus, aber gerade mit den unansehnlichsten Menschen hat man meistens die größte Mühe.« Sie setzte sich, zog ihre Handschuhe aus und erwiderte freundlich den Gruß der Kellnerin. »Die einzige Möglichkeit, schön zu sein, besteht für Leute mit Durchschnittsgesichtern in einer effektvollen Fotografie«, sagte Jim. Eunice Weldon war in einem bekannten fotografischen Atelier in der Regent Street angestellt. Jim hatte sie vor einiger Zeit erst in dem Lokal, in dem sie augenblicklich saßen, beim Tee kennengelernt, und zwar bei einer besonderen Gelegenheit. Die Gardinen am Fenster, in dessen Nähe sie saß, hatten Feuer gefangen. Jim löschte die Flammen und verbrannte sich dabei die Hand. Und Miss Weldon hatte ihn verbunden. Wenn ein Herr einer Dame einen Dienst erweist, so führt das meistens nicht zu einer näheren Bekanntschaft. Wenn aber umgekehrt eine junge Dame einem Mann hilft, so ist das unweigerlich der Beginn einer Freundschaft. Seit dieser Zeit hatten sie sich täglich hier beim Tee getroffen. Einmal versuchte Jim auch, sie zum Theater einzuladen, aber sie schlug seine Bitte ab. »Haben Sie weitere Erfolge gehabt bei Ihrer Suche nach der verlorenen jungen Dame?« fragte sie, während sie sich Marmelade auf ein Brötchen strich. Jims Stirn legte sich in Falten. »Mr. Salter hat mir heute klargemacht, daß es wenig an den Verhältnissen ändern würde, wenn ich sie fände.« »Es wäre aber doch wundervoll, wenn das Kind gerettet worden wäre. Haben Sie jemals an diese Möglichkeit gedacht?« Er nickte. »Leider dürfen wir uns keine Hoffnung in dieser Richtung machen, so schön es auch wäre. Und am meisten würde ich mich freuen«, meinte er lachend, »wenn Sie die vermißte Erbin wären!« »Das ist hoffnungslos«, sagte sie kopfschüttelnd. »Ich bin die Tochter armer, aber ehrlicher Eltern, wie es immer so schön heißt.« »Ihr Vater lebte immer in Südafrika?« »Ja, er war Musiker. Auf meine Mutter kann ich mich kaum besinnen, sie muß sehr lieb gewesen sein.« »Wo wurden Sie denn geboren?« »In Kapstadt-Rondebosch, um genau zu sein. Aber warum geben Sie sich denn solche Mühe, die verlorene Dame aufzufinden?« »Weil ich nicht will, daß dieser schreckliche, ungebildete Mensch, das große Erbe der Danton-Millionen antreten soll.« Sie richtete sich erstaunt auf. »Wer ist denn dieser ungebildete Mensch? Sie haben mir bis jetzt seinen Namen noch gar nicht genannt.« Das stimmte, Jim Steele hatte ihr erst vor ein paar Tagen von dieser Sache erzählt, die ihn so sehr beschäftigte. »Der junge Mensch heißt Digby Groat.« Sie schaute ihn verwirrt an. »Was haben Sie denn?« fragte er erstaunt. »Als Sie vorhin den Namen Danton erwähnten, erinnerte ich mich daran, daß unser erster Fotograf neulich sagte, Mrs. Groat sei die Schwester Jonathan Dantons«, sagte sie langsam. »Kennen Sie die Familie Groat?« »Ich kenne sie nicht«, sagte sie langsam, »wenigstens nicht sehr gut –« Sie zögerte. »Aber ich werde eine Stellung bei Mrs. Groat als Sekretärin annehmen.« Er sah sie groß an. »Und davon haben Sie mir noch nichts gesagt?« Aber als sie die Augen niederschlug, erkannte er, daß es falsch von ihm war, so zu fragen. »Natürlich«, fügte er schnell hinzu, »es liegt ja kein Grund vor, warum Sie mir das sagen sollten.« »Ich weiß es selbst erst seit heute. Mr. Groat ließ sich fotografieren, und seine Mutter begleitete ihn zum Atelier. Sie waren schon ein paarmal da, aber ich habe kaum von ihnen Notiz genommen. Heute rief mich der Chef zu sich und sagte, daß Mrs. Groat eine Sekretärin brauchte und daß es eine sehr gute Stelle für mich sein würde. Sie will fünf Pfund die Woche zahlen, die ich vollständig sparen kann, denn ich werde in ihrem Hause wohnen.« »Wann hat sich denn Mrs. Groat entschlossen, eine Sekretärin anzustellen?« »Das weiß ich nicht – warum fragen Sie mich, danach?« »Ich habe sie vor einem Monat in unserer Kanzlei gesehen. Mr. Salter machte ihr damals den Vorschlag, sich eine Sekretärin zu halten, um ihre Korrespondenz in Ordnung zu bringen. Sie erklärte aber, daß sie das unter keinen Umständen täte, sie wolle keine Fremde um sich haben, die weder Dienstbote noch Freundin sei.« »Sie wird ihre Absicht eben geändert haben«, meinte Eunice lächelnd. »Das bedeutet also, daß wir uns nicht weiter beim Tee treffen können. Wann werden Sie Ihre neue Stelle antreten?« »Schon morgen früh.« Jim ging in düsterer Stimmung in sein Büro zurück. Sein Leben schien plötzlich arm und traurig geworden zu sein. ›Du hast dich verliebt, alter Kerl‹, sagte er zu sich selbst. Es gehörte zu seinen Pflichten, das große Tagebuch zu führen, und wütend blätterte er die Seiten um. Mr. Salter war schon nach Hause gegangen. Jim steckte seine Pfeife an und trug die Vorgänge nach den kurzen Bleistiftnotizen seines Chefs ein, die er auf dem Schreibtisch zurückgelassen hatte. Als er fertig war, ging er noch einmal in das Zimmer seines Chefs, um zu sehen, ob er nicht etwas vergessen hätte. Mr. Salters Schreibtisch war für gewöhnlich in bester Ordnung, aber er hatte die merkwürdige Angewohnheit, wichtige Akten oder Notizen beiseite zu legen, man hätte fast sagen können, sie zu verstecken. Jim hob alle Gesetzbücher auf, die auf dem Tisch standen, ob er nicht noch irgendeine Notiz darunter finden könnte. Ein dünnes, goldgerändertes Notizbuch war zwischen zwei Bänden eingeklemmt gewesen und fiel nun auf die Tischplatte. Er konnte sich nicht besinnen, es früher gesehen zu haben. Als er es öffnete, entdeckte er, daß es ein Tagebuch für das Jahr 1929 war. Mr. Salter pflegte für seinen Privatgebrauch Notizen zu machen und tat das in einer sonderbaren, nur ihm verständlichen Kurzschrift. Keinem seiner Schreiber oder Sekretäre war es jemals gelungen, sie zu entziffern. Auch dieses Tagebuch war in dieser Geheimschrift abgefaßt. Jim drehte die Blätter neugierig um und wunderte sich, daß ein so vorsichtiger und ordentlicher Mann ein Tagebuch herumliegen ließ. Er wußte, daß in dem großen, grünen Geldschrank ganze Stapel solcher kleinen Bände aufbewahrt wurden. Vielleicht hatte der Rechtsanwalt einen herausgenommen, um sein Gedächtnis aufzufrischen. Es waren Hieroglyphen für Jim. Nur ab und zu stand ein Wort in offener Schrift dazwischen. Aber plötzlich stutzte er, denn unter dem vierten Juni fand er eine lange Eintragung. Sie schien erst später von dem Rechtsanwalt gemacht worden zu sein, denn sie war mit grüner Tinte geschrieben. Aus diesem Umstand konnte er feststellen, wann sie geschrieben war, denn vor achtzehn Monaten hatte ein Augenarzt Mr. Salter gesagt, daß es ihm leichter fiele, grüne Schrift zu lesen, und seit diesem Zeitpunk hatte der Rechtsanwalt stets grüne Tinte für seine Schriftsätze benutzt. Jim hatte den Absatz gelesen, bevor er sich darüber klar wurde, daß er eigentlich nicht dazu berechtigt war. »Ein Monat Zuchthaus im Holloway-Gefängnis. Entlassen am 2. Juli. Madge Benson (dieser Name war unterstrichen) 14, Palmer's Terrace, Paddington. 74, Highcliffe Gardens, Margate. Hatte lange Besprechungen mit dem Bootsmann, dem die ›Saucy Belle‹ gehörte. Keine Spur von –« Hier endete der Abschnitt in offener Schrift. »Was, in aller Welt, mag das bedeuten?« murmelte Jim vor sich hin. »Das muß ich mir notieren.« Plötzlich kam ihm der Gedanke, daß er im Begriff war, etwas Unehrenhaftes zu tun, aber er war so interessiert an diesem neuen Hinweis, daß er seine Bedenken überwand. Offenbar bezog sich diese Bemerkung auf die verschwundene Lady Mary. Wer diese Madge Benson war, und was die Erwähnung des Gefängnisses in Holloway bedeutete, wollte er herausbringen. Als er die Notizen abgeschrieben hatte, ging er in sein Zimmer zurück, schloß seinen Schreibtisch ab, ging nach Hause und überlegte angestrengt, welche weiteren Nachforschungen er anstellen könnte. Er hatte eine kleine Wohnung in einem Häuserblock, von dem aus man Regent's Park übersehen konnte. Von seinen eigenen Zimmern aus hatte man allerdings keinen Blick ins Freie. Man konnte nur die unangenehmen Rückseiten anderer Mietshäuser sehen, und unten führte die Eisenbahn vorbei. Er hätte von seinem Fenster aus Kupfermünzen auf die vorbeifahrenden Wagen werfen können, so dicht lagen die Schienen bei seinem Hause. Dafür war aber auch die Miete nur halb so hoch wie für ähnliche Wohnungen in besserer Lage. Er hatte ein kleines Privateinkommen von zwei bis drei Pfund wöchentlich, und wenn er sein Gehalt dazunahm, konnte er verhältnismäßig gut leben. Seine drei Zimmer waren mit wertvollen, alten Möbeln ausgestattet, die er aus dem Zusammenbruch seines väterlichen Vermögens gerettet hatte; denn als sein etwas leichtsinniger Vater starb, konnten von seiner Hinterlassenschaft gerade die zahlreichen Schulden beglichen werden. Jim war im vierten Stock aus dem Lift gestiegen und wollte eben aufschließen, als er hörte, daß die gegenüberliegende Tür sich öffnete. Er wandte sich um. Die ältere Frau, die heraustrat, trug die Tracht einer Krankenschwester. Sie nickte ihm freundlich zu. »Wie geht es Ihrer Patientin?« fragte Jim. »Es geht ihr gut. Das heißt, so gut es einer so kranken Dame eben gehen kann. Sie ist Ihnen sehr dankbar für die Bücher, die Sie ihr schickten.« »Die arme Frau«, meinte Jim bedauernd. »Es muß doch schrecklich sein, wenn man nicht mehr ausgehen kann.« »Sicherlich, aber Mrs. Fane scheint es nichts mehr auszumachen. Man gewöhnt sich daran, wenn man schon sieben Jahre krank liegt.« Es kamen Schritte die Treppe herunter, und sie schaute hinauf. »Der Postbote kommt«, sagte sie. »Ich dachte, er wäre schon dagewesen. Vielleicht bringt er uns etwas.« Die Briefträger ließen sich im Fahrstuhl bis zum sechsten Stock fahren und teilten im Hinuntergehen die Post aus. »Ich habe nichts für Sie, Sir«, sagte er zu Jim, während er das Paket Briefe in seiner Hand durchsah. »Miss Madge Benson – das sind Sie doch, Schwester, nicht wahr?« »Jawohl«, entgegnete die Frau schnell, nahm dem Postboten den Brief aus der Hand, verabschiedete sich durch ein kurzes Kopfnicken von Jim und ging die Treppe hinunter. Madge Benson! Der Name, den er eben in Salters Tagebuch gelesen hatte! 4 »Du langweilst mich zu Tode, Mutter«, sagte Digby Groat, »wenn du mir immer wieder dieselben Geschichten erzählst.« Er goß sich ein Glas Portwein ein. »Es kann dir doch genügen, wenn ich dir sage, daß ich die junge Dame als Sekretärin herhaben will. Ob du etwas für sie zu tun hast oder nicht, ist mir gleichgültig. Aber eins mußt du dir merken: Sie darf niemals den Eindruck bekommen, daß sie aus einem anderen Grund engagiert ist, als deine Briefe zu schreiben oder deine Korrespondenz zu erledigen.« Die Frau, die ihm auf dem Sofa gegenübersaß, sah älter aus, als sie in Wirklichkeit war. Jane Groat war über sechzig, aber manche hielten sie für zwanzig Jahre älter. Ihr gelbliches Gesicht war von vielen Runzeln und Falten durchzogen, und auf ihren blassen Händen traten die blauen Adern hervor. Nur ihre dunkelbraunen Augen machten noch einen lebendigen Eindruck, und in ihrem Blick lag Neugierde, beinahe Furcht. Ihre Gestalt war gebeugt. Ihr Benehmen ihrem Sohn gegenüber war fast kriechend, Sie sah ihm nicht in die Augen – sie sah überhaupt selten jemand an. »Die wird hier herumspionieren, sie wird stehlen!« sagte sie mit weinerlicher Stimme. »Nun sei aber ruhig von dem Mädchen«, sagte er böse. »Und da wir uns nun einmal allein sprechen, möchte ich dir etwas sagen.« Ihre unsteten Blicke schweiften nach rechts und links, aber sie vermied es ängstlich, seinen Augen zu begegnen. Es lag eine Drohung in seinen Worten, die sie nur allzu gut kannte. »Sieh einmal hierher!« Er hatte einen Gegenstand aus seiner Tasche gezogen, der im Licht der Tischlampe blitzte und glänzte. »Was ist es denn?« fragte sie kläglich, ohne aufzuschauen. »Ein Diamantenarmband!« rief er vorwurfsvoll. »Es gehört Lady Waltham. Wir waren das Wochenende auf ihrem Gut. Sieh her!« Seine Stimme war rauh und schrill, und sie senkte den Kopf und begann zu weinen. »Ich habe es in deinem Zimmer gefunden, du alte Diebin!« zischte er sie an. »Kannst du dir diese entsetzliche Sache nicht abgewöhnen?« »Es sah doch so schön aus«, schluchz je sie, und die Tränen rannen ihr über die hageren Wangen. »Ich kann der Versuchung nicht widerstehen, wenn ich schöne Dinge sehe.« »Du weißt doch, daß das Dienstmädchen von Lady Waltham verhaftet wurde, weil sie in dem Verdacht steht, das Armband gestohlen zu haben. Wenn nichts geschieht, wird sie zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt.« »Ich konnte der Versuchung einfach nicht widerstehen«, wiederholte sie mit tränenerstickter Stimme. Er warf das Armband mit einem Fluch auf den Tisch. »Jetzt kann ich es der Dame wieder zurückschicken und muß ihr in einem Brief etwas vorlügen, daß es aus Versehen in deinen Koffer gekommen ist! Ich tue es nicht, um dem Dienstmädchen zu helfen, sondern um meines guten Rufes willen.« »Jetzt weiß ich, warum du das Mädchen ins Haus nimmst – sie soll mich nur ausspionieren!« Seine Lippen kräuselten sich verächtlich. »Da hätte sie wohl eine schwere Aufgabe«, erwiderte er ironisch und lachte heiser, als er sich erhob. Mit harter Stimme sagte er: »Du mußt mit dieser üblen Angewohnheit, alle Dinge zu stehlen, die dir gefallen, unter allen Umständen brechen. Ich habe die Absicht, bei den nächsten Wahlen ins Parlament zu kommen, und ich will meine gesellschaftliche Stellung nicht durch eine alte, verrückte Diebin erschüttert sehen. Wenn in deinem Kopf etwas nicht ganz in Ordnung ist«, fügte er drohend hinzu, »so weißt du, daß ich ein kleines Laboratorium habe, wo wir den Schaden reparieren können.« Sie zuckte erschreckt zusammen. Entsetzen und Furcht zeigten sich in ihren Zügen. »Du – das wirst du doch nicht tun – mein eigener Sohn!« stammelte sie. »Ich bin vollkommen gesund – es ist nur –« »Vielleicht kommt es doch daher, daß du irgendeinen Druck im Gehirn hast«, sagte er kalt. »Dergleichen muß durch Operation entfernt werden –« Sie hatte ihren Stuhl zurückgeschoben und das Zimmer fluchtartig verlassen, bevor er zu Ende gesprochen hatte. Er nahm das Armband, sah verächtlich darauf und steckte es wieder in die Tasche. Ihre krankhafte Neigung kannte er nun schon seit langer Zeit. Er hatte alles versucht, sie davon abzubringen und glaubte auch, daß es ihm gelungen wäre. Um so mehr war er durch dieses letzte Vorkommnis verbittert. Er ging in die Bibliothek, wo kostbare Bücherschränke aus Rosenholz standen. Ein silbernes Gitter war vor dem Kamin befestigt, und die ganze Ausstattung zeigte den größten Luxus. Er setzte sich nieder und schrieb einen Brief an Lady Waltham. Er packte das Armband und den Brief sorgfältig in einen kleinen Kasten und klingelte dann. Ein Mann in mittleren Jahren mit einem dunklen, abstoßenden Gesicht kam herein. »Jackson, bringen Sie das sofort zu Lady Waltham. Meine Mutter geht heute abend in ein Konzert – wenn sie fort ist, durchsuchen Sie ihre Räume genau.« »Das habe ich schon getan, Mr. Groat, aber ich konnte nichts finden.« Er war im Begriff zu gehen, als Digby ihn zurückrief. »Haben Sie der Haushälterin – gesagt, daß sie sich um das Zimmer für Miss Weldon kümmert?« »Jawohl, Sir. Sie wollte ihr zuerst ein Zimmer im obersten Stock geben, wo das Personal schläft, aber das habe ich nicht zugelassen.« »Sie soll das beste Zimmer im ganzen Haus bekommen. Sorgen Sie dafür, daß der ganze Raum mit Blumen geschmückt ist. Stellen Sie auch noch den Bücherschrank und den chinesischen Tisch in ihr Zimmer, die jetzt bei mir stehen.« Der Mann nickte. »Und wie soll das mit dem Schlüssel werden, Sir?« fragte er zögernd. »Meinen Sie den Schlüssel zu ihrem Zimmer?« fragte Digby und schaute auf. Der Mann nickte. »Wünschen Sie, daß man die Tür von innen abschließen kann?« fragte er bedeutungsvoll. Mr. Groats Lippen zogen sich böse zusammen. »Sie sind verrückt!« sagte er. »Natürlich will ich, daß man die Tür von innen verschließen kann. Bringen Sie auch einen Riegel an, wenn keiner vorhanden sein sollte.« Jackson schaute erstaunt auf. Zwischen den beiden schien ein engeres Verhältnis zu bestehen als gewöhnlich zwischen Herr und Diener. »Ist Ihnen schon jemals ein Mann namens Steele begegnet?« fragte Digby plötzlich. Jackson schüttelte den Kopf. »Wer ist das?« fragte er. »Der Sekretär eines Rechtsanwaltes. Tun Sie sich nach ihm um, und beobachten Sie ihn gelegentlich, wenn Sie einmal freie Zeit haben – aber nein, lassen Sie die Sache lieber Bronson machen. Er wohnt ja in Featherdale Mansions.« * Eunice Weldon hatte ihre wenigen Habseligkeiten gepackt, der Wagen wartete vor der Tür. Es tat ihr nicht leid, daß sie die dumpfe, unordentliche Wohnung aufgeben mußte, in der sie nun die beiden letzten Jahre gewohnt hatte. Der Abschied von der etwas nachlässigen Wirtin fiel ihr nicht schwer, und sie konnte Jim Steeles Ansicht nicht teilen, der mit ihrer neuen Stellung so unzufrieden war. Sie war noch zu jung, um einen neuen Posten nicht als den Beginn eines geheimnisvollen Abenteuers anzusehen, der alle möglichen, wunderbaren Ereignisse in sich barg. Sie seufzte, als sie daran dachte, daß diese kleinen Gespräche beim Tee, die eine so angenehme Unterbrechung ihres alltäglichen Lebens waren, nun aufhören mußten. Und doch war sie davon überzeugt, daß Jim alle Anstrengungen machen würde, sie wiederzusehen. Sie würde Stunden, ja vielleicht sogar halbe Tage für sich haben. Plötzlich erinnerte sie sich daran, daß sie nicht einmal seine Adresse hatte! Aber er kannte ja ihren Aufenthaltsort. Dieser Gedanke beruhigte sie, denn sie hätte ihn gar zu gern wiedergesehen. Sie sehnte sich mehr nach ihm, als sie es jemals geglaubt hatte. Wenn sie die Augen schloß, erschien ihr sein schönes Gesicht, und seine lachenden, blauen Augen sahen sie treuherzig an. Die Bewegung seiner Schultern, wenn er ging, der Klang seiner Stimme beim Sprechen, alle seine charakteristischen Eigentümlichkeiten standen klar vor ihr. Und der Gedanke, daß sie ihn nicht wiedersehen sollte – ›Aber ich will ihn sehen, ich muß ihn sehen‹, sagte sie zu sich selbst, als das Auto vor dem imposanten Portal ihrer neuen Wohnung am Grosvenor Square hielt. Sie war bestürzt, als sie die große Schar der Diener sah, die herauskam, um ihr behilflich zu sein. Aber es tat ihr doch gut. »Mrs. Groat möchte Sie sehen, Miss«, sagte ein finster dreinschauender Mann. Sie wurde in einen kleinen Raum auf der Rückseite des Hauses gebracht, der ihr dürftig möbliert erschien, obwohl ihn Mrs. Groat schon für luxuriös ausgestattet hielt. Die alte Frau lehnte jede Ausgabe für Dekorationen oder schöne Möbel ab. Nur die Furcht vor ihrem Sohn hielt sie davon ab, sich über jeden kleinen Betrag aufzuregen, der für sie ausgegeben wurde. Eunice war enttäuscht über ihre Unterhaltung mit der Frau. Sie hatte Mrs. Groat nur in dem fotografischen Atelier in vornehmer Kleidung gesehen, und nun saß eine alte, dürftig gekleidete Frau mit wachsgelbem Gesicht vor ihr und musterte sie mit feindseligen Blicken. »Sie sind also die junge Dame, die meine Sekretärin werden soll?« fragte sie vorwurfsvoll. »Haben Sie schon Ihr Zimmer gesehen?« »Noch nicht, Mrs. Groat.« »Ich hoffe, daß es Ihnen hier gefallen wird«, sagte Mrs. Groat mit einer Stimme, die vermuten ließ, daß sie am liebsten das Gegenteil gesagt hätte. »Wann kann ich mit meiner Tätigkeit beginnen?« fragte Eunice, die sich in dieser Umgebung durchaus nicht wohl fühlte. »Sie können jederzeit beginnen«, erwiderte die alte Frau schnell und sah sie argwöhnisch von der Seite an. »Sie sind sehr schön«, sagte sie mürrisch, und Eunice errötete, denn das Kompliment erschien ihr fast wie eine Beleidigung. »Das wird wohl auch der Grund sein«, sagte Mrs. Groat abwesend. »Wofür denn?« fragte Eunice liebenswürdig. Sie hatte den Eindruck, daß diese Frau geistesschwach war, und hatte schon alle Lust an der neuen Stellung verloren. »Das hat nichts hiermit zu tun«, sagte die alte Frau und entließ sie mit einem Kopfnicken. Das Zimmer, in das sie jetzt geführt wurde, erschien ihr über alle Maßen schön, und sie war zuerst sprachlos über all diesen Luxus. »Sind Sie auch sicher, daß ich hier wohnen soll?« fragte sie ungläubig. »Jawohl, Miss«, sagte die Haushälterin und sah das Mädchen sonderbar an. »Aber das ist doch eigentlich zu prächtig und schön für mich!« Der Raum wäre selbst in einem Schloß aufgefallen. Die Wände waren mit Brokatseide überzogen, und die Möbel waren sehr kostbar. Ein französisches Bett, das in der reichsten Weise geschnitzt und vergoldet war, lud zur Ruhe ein. Ein großer Baldachin aus prächtiger Seide war darüber angebracht. Draußen sah sie einen Balkon, der mit farbenprächtigen Blumen geziert war. Sie stand auf einem dicken, dunkelblauen Teppich, mit dem der ganze Raum ausgeschlagen war, und schaute staunend auf diese Pracht. Der reichgeschnitzte Toilettentisch war im Stil Louis XV. gehalten und hatte eine goldeingelegte Platte. Der dazugehörige Kleiderschrank mußte allein ein Vermögen gekostet haben. In der Nähe des Fensters stand ein hübscher Schreibtisch, und ein prachtvoller Bücherschrank mit wunderbaren Ganzlederbänden war vom Bett aus zu erreichen. »Aber das ist doch gar nicht möglich, daß ich hier wohnen soll«, sagte sie wieder. »Doch, Miss. Sehen Sie, das ist Ihr Badezimmer. Wir haben hier bei jedem Schlafzimmer ein besonderes Bad. Mr. Groat hat das ganze Haus umgebaut, als er es kaufte.« Eunice öffnete eins der bis auf den Boden gehenden Fenster und trat auf den kleinen Balkon hinaus, der sich bis zu einer viereckigen Veranda hinzog, die über der Eingangshalle des Hauses errichtet war. Man konnte sie von dem Podest der Treppe aus erreichen. Eunice sah Mrs. Groat an diesem Tage nicht wieder. Als sie nach ihr fragte, erfuhr sie, daß die alte Dame sich mit bösen Kopfschmerzen zurückgezogen hatte. Auch Digby Groat begegnete sie nicht und aß ihre erste Mahlzeit ganz allein. »Mr. Groat ist noch nicht vom Lande zurückgekehrt«, erklärte Jackson, der sie bei Tisch bediente. »Ist alles nach Ihrem Wunsch, Miss?« »Jawohl, ich danke.« Sie empfand wenig Sympathie für diesen Mann. Nicht, daß er es an Respekt ihr gegenüber hätte fehlen lassen oder daß er plump vertraulich gewesen wäre – aber es lag etwas Anmaßendes in seinem Benehmen. Sie war froh, als sie ihre Mahlzeit beendet hatte und ging enttäuscht in ihr Zimmer. Sie hätte Mrs. Groat gern noch so vieles gefragt, vor allem, wann sie ausgehen konnte. Sie schaltete das Licht aus, öffnete das große Fenster und trat hinaus, um den kühlen, duftenden Abend zu genießen. Die letzten Schimmer des Abendrotes färbten die Wolkenränder. Der Platz unten war schon erleuchtet, und ein endloser Strom von Autos fuhr unter ihrem Fenster vorbei, denn Grosvenor Square war die Hauptverbindung zwischen Oxford Street und Piccadilly. Die Nacht brach allmählich herein, und der gestirnte Himmel wölbte sich über ihr. Die Dächer und Türme der großen Stadt hoben sich wundervoll von dem magischen Licht des Firmaments ab. Die majestätische Einsamkeit und Schönheit der Nacht bezauberten Eunice so, daß ihr fast der Atem verging. Aber nicht das märchenhafte Licht der Sterne, nicht das melodiöse Rauschen der Bäume ließ ihr Blut aufwallen, sondern das Bewußtsein, daß es noch einen Menschen in der Welt gab, der zu ihr gehörte. Irgendwo in dieser großen, dunklen Stadt lebte ein Mann, der jetzt vielleicht an sie dachte. Sie sah sein Gesicht ganz deutlich vor sich, seine lieben Augen, sie glaubte den festen Druck seiner starken Hand zu spüren ... Mit einem Seufzer schloß sie das Fenster wieder und zog die schweren, seidenen Vorhänge zu. Fünf Minuten später lag sie in tiefem Schlummer. Wie lange sie geschlafen haben mochte, wußte sie nicht, aber ihrer Meinung nach mußten es Stunden gewesen sein. Der lebhafte Verkehr auf der Straße war allmählich verstummt, und das summende Geräusch der Großstadt war verklungen, nur hin und wieder hörte sie eine Hupe. Der Raum lag im Dunkeln, dennoch war sie davon überzeugt, daß jemand im Zimmer war! Sie setzte sich aufrecht, ein kalter Schauer überlief sie. Es war jemand hier! Sie tastete mit der Hand nach der Stehlampe und hätte beinahe einen Schreckensschrei ausgestoßen, denn sie berührte eine Hand, eine kalte, kleine Hand, die auf dem Nachttisch lag. Einen Augenblick war sie vor Entsetzen gelähmt. Dann wurde die Hand plötzlich zurückgezogen, sie hörte das Rauschen des Vorhangs und sah einen Augenblick lang den Schatten einer Gestalt am Fenster. Sie zitterte am ganzen Körper; dann raffte sie sich zusammen, sprang aus dem Bett und drehte das Licht an. Das Zimmer war leer, und das große Fenster war nur angelehnt. Und dann entdeckte sie auf dem kleinen Tisch am Bett eine graue Karte. Mit zitternden Fingern hob sie sie auf und las: ›Jemand, der Sie liebt, bittet Sie, um Ihrer Sicherheit und Ihres Rufes willen dringend, dieses Haus sobald als möglich zu verlassen.‹ Eine kleine, blaue Hand bildete die Unterschrift. Sie ließ die Karte auf die Bettdecke fallen, starrte eine Weile darauf, dann schlüpfte sie in ihren Morgenrock, schloß ihre Tür auf und trat in den Gang hinaus. Ein schwaches Licht brannte am Anfang der Treppe. Sie war vollständig außer sich vor Schrecken und wußte kaum, was sie tat, als sie die Treppe hinuntereilte. Sie mußte jemand finden, irgendein lebendes Wesen, etwas Wirkliches, an das sie sich halten konnte. Aber das Haus lag in tiefem Schweigen. Die große Lampe in der Halle brannte, und Eunice sah eine altmodische Uhr stehen. Das kam ihr schwach zum Bewußtsein, als sie das feierliche Ticken hörte. Es war drei Uhr. Aber vielleicht war doch noch jemand im Hause wach. Ihre Gedanken wirbelten durcheinander, und sie eilte den Gang hinunter, bis sie zu einer Tür kam, die sie für den Zugang zu den Dienstbotenräumen hielt. Sie öffnete sie und kam in einen einsamen Korridor, der nur durch ein Licht am äußersten Ende schwach erhellt war. Eine weiße Tür schloß ihn ab. Sie versuchte, sie zu öffnen, aber sie fand keinen Griff oder Drücker. Es war überhaupt eine merkwürdige Tür, denn sie war nicht aus Holz, sondern aus geflochtenem Rohr. Sie stand entsetzt still, denn sie hörte einen langgezogenen Schmerzensschrei aus dem Raum hinter der Tür. Er war so fürchterlich, so gräßlich, daß ihr Blut zu Eis erstarrte. Sie wandte sich um und floh zurück durch die Gänge, die Halle, zur Haustür. Mit zitternden Händen drehte sie den Schlüssel um, das Schloß schnappte, und die Tür flog auf. Sie schwankte auf die breite Treppe hinaus. Auf der obersten Stufe saß ein Mann. Er dreht sich um, als sich die Tür öffnete, und in dem Licht, das aus der Halle drang, erkannte sie ihn. Es war Jim Steele! 5 Jim sprang auf und starrte verwundert auf diese unerwartete Erscheinung. Einen Augenblick lang standen sie sich schweigend gegenüber, Eunice war starr vor Schrecken und Überraschung. »Jim – Mr. Steele!« sagte sie atemlos. Im nächsten Augenblick legte er den Arm um ihre Schultern. »Was ist geschehen?« fragte er schnell. Seine Stimme klang heiser. Sie zitterte und verbarg ihr Gesicht an seiner Brust. »Ach, es ist schrecklich, ganz schrecklich!« flüsterte sie. »Darf ich fragen, was das alles zu bedeuten hat?« fragte jemand leise. Eunice drehte sich um. Ein Mann stand in der offenen Tür. Im ersten Augenblick erkannte sie ihn nicht. Selbst Jim, der doch Digby Groat schon oft aus der Nähe gesehen hatte, wußte nicht, wer es war, denn er war in einen langen, weißen Mantel gehüllt, der bis auf die Füße reichte. Eine weiße Kappe war so eng über seinen Kopf gezogen, daß die Haare vollständig bedeckt waren, Weiße Gummibänder hielten seine Ärmel nach oben, und seine Hände steckten in braunen Gummihandschuhen. »Darf ich Sie fragen, Miss Weldon, warum Sie mitten in der Nacht vor meiner Haustür stehen, in so leichten Kleidern, die eigentlich nicht für die Öffentlichkeit geeignet sind? Kommen Sie herein und erklären Sie mir alles«, sagte er, als er zurückging. »Grosvenor Square ist nicht an solche nächtlichen Vorführungen gewöhnt.« Sie klammerte sich an Jims Arm und ging mit ihm in die Halle zurück. Digby schloß die Haustür. »Mr. Steele, Sie machen Ihren Besuch zu sehr früher Morgenstunde!« Jim erwiderte nichts. Er achtete nur auf Eunice, die von Kopf bis Fuß zitterte. Er führte sie zu einem Stuhl. »Sicher sind hier nähere Erklärungen notwendig«, sagte er dann kühl, »aber meiner Meinung nach von Ihrer Seite, Mr. Groat.« »Von meiner Seite?« Auf diese Aufforderung war Digby offenbar nicht vorbereitet. »Meine Anwesenheit hier ist schnell erklärt«, sagte Jim. Ich stand eben vor dem Haus, als die Tür aufging und Miss Weldon erschrocken herauseilte. Vielleicht sagen Sie mir, Mr. Groat, wie es kommt, daß diese Dame so außer sich ist?« Eine eisige Drohung lag in seinem Ton, »Ich habe nicht die geringste Ahnung, was das alles zu bedeuten hat. Ich arbeitete die letzte halbe Stunde in meinem Laboratorium. Erst als die Haustür geöffnet, wurde, kam mir zum Bewußtsein, daß irgend etwas nicht in Ordnung sein müßte.« Eunice war wieder zu sich gekommen, und die Farbe kehrte allmählich in ihr Gesicht zurück. Aber ihre Stimme zitterte noch, als sie erzählte, was ihr zugestoßen war. Die beiden hörten ihr aufmerksam zu. Jim beobachtete die Haltung Digbys und war beruhigt, als er sah, daß Digby sich ebensowenig wie er selbst die rätselhafte Erscheinung erklären konnte. Als Eunice zu Ende war, nickte Groat. »Der fürchterliche Schrei, den Sie in meinem Laboratorium hörten«, sagte er lächelnd, »ist bald erklärt. Niemand wurde verletzt, oder wenn er verletzt wurde, war es zu seinem eigenen Vorteil. Mein kleiner Hund hatte sich einen Glassplitter in die Pfote getreten, und ich war gerade dabei, ihn herauszuziehen.« Sie seufzte erleichtert auf. »Es tut mir leid, daß ich soviel Unruhe gemacht habe«, sagte sie bedauernd, »aber ich – ich fürchtete mich zu sehr.« »Sind Sie sicher, daß jemand in Ihrem Raum war?« fragte Digby. »Ganz sicher.« Aus einem ungewissen Gefühl heraus sagte sie ihm aber nichts von der Karte mit der blauen Hand. »Und Sie glauben, daß die Person vom Balkon aus in Ihr Zimmer gekommen ist?« Sie nickte. »Kann ich Ihr Zimmer einmal ansehen?« Sie zögerte einen Augenblick. »Ich möchte erst gehen und ein wenig aufräumen«, sagte sie, denn sie erinnerte sich daran, daß sie die graue Karte auf ihrem Bett hatte liegenlassen. Und sie wollte unter keinen Umständen, daß Mr. Groat sie lesen sollte. Ohne weitere Aufforderung folgte Jim Steele Digby nach oben und ging mit ihm zusammen in den prachtvoll ausgestatteten Raum. Auch er war über die ungewöhnlich schöne Einrichtung erstaunt. Aber der Eindruck, den sie auf ihn machte, sprach nicht zugunsten Digby Groats. »Es stimmt, das Fenster ist nur angelehnt. Sie hatten es vorher bestimmt geschlossen?« Das Mädchen nickte. »Ja, ich besinne mich genau, daß ich das große untere Fenster zugemacht habe. Ich öffnete die beiden Oberfenster, um in der Nacht frische Luft im Zimmer zu haben.« »Aber wenn diese Person vom Balkon hereinkam«, meinte Digby, »wie ist sie denn dorthin gekommen?« Er öffnete das bis zum Fußboden reichende Fenster, trat hinaus und ging den schmalen Balkon entlang bis zu dem viereckigen Balkon über dem Hauptportal. Hier befand sich eine andere große Fenstertür, die auf das Hauptpodest der großen Treppe führte. Er versuchte, sie zu öffnen, aber sie war fest geschlossen. Er ging durch das Zimmer des Mädchens zurück. »Merkwürdig«, sagte er vor sich hin. Erst hatte er angenommen, daß seine Mutter vielleicht das Schlafzimmer des jungen Mädchens nach irgendwelchen glitzernden Schmuckstücken abgesucht hätte. Aber die alte Frau war nicht gewandt und beweglich genug, um den Balkon zu erklettern, auch hatte sie nicht den Mut, mitten in der Nacht einen solchen Raubzug zu unternehmen. »Ich habe den Eindruck, daß Sie geträumt haben müssen, Miss Weldon«, sagte er lächelnd. »Und nun gebe ich Ihnen den guten Rat, sich zu Bett zu legen und zu schlafen. Es tut mir leid, daß Ihr Aufenthalt in meinem Hause mit einem so unangenehmen Vorfall beginnt.«. Er hatte bis jetzt das zufällige Erscheinen Jim Steeles nicht erwähnt und sprach auch nicht darüber, bis sie sich von Eunice verabschiedet hatten und wieder unten in der Halle standen. »Das ist ja ein merkwürdiges Zusammentreffen, daß Sie gerade vor der Tür waren. Was machten Sie dort? Haben Sie etwa Daktyloskopie dort studieren wollen?« »Ja, so etwas Ähnliches.« Mr. Groat zündete sich eine Zigarette an. »Ich dachte, Sie seien tagsüber so beschäftigt, daß Ihnen keine Zeit übrigbliebe, sich nachts auf dem Grosvenor Square herumzutreiben.« »So, meinen Sie?« Digby lachte plötzlich. »Sie sind ein merkwürdiger Mensch«, sagte er. »Kommen Sie einmal mit, ich will Ihnen mein Laboratorium zeigen.« Auch Jim hatte den Wunsch, es zu sehen, und die Einladung ersparte ihm die Frage, woher der schreckliche Schmerzenslaut gekommen war, den Eunice gehört hatte. Sie gingen durch den langen Gang und traten durch die weiße, rohrgeflochtene Tür in einen großen Anbau. Die Wände waren fensterlos und mit weißen Kacheln bedeckt. Der Raum wurde tagsüber durch ein großes Oberlicht erleuchtet, das nachts von blauen Gardinen verhüllt war. Der Raum wurde durch zwei starke Lampen erhellt, die von der Decke herabhingen. In der Mitte stand ein kleiner, eiserner Tisch, dessen Füße mit Hartgummirollen versehen waren. Die Platte war weiß emailliert, und merkwürdige Schrauben waren in Zwischenräumen auf der Oberfläche angebracht. Jim interessierte sich weniger für den Tisch als für das Tier, das darauf geschnallt war. Sein Körper wurde durch zwei eiserne Federn darauf festgehalten, von denen sich eine, über den Hals und die andere über das Rückgrat spannte. Die vier Pfoten waren durch dünne Schnürbänder befestigt. Der rauhhaarige Terrier sah Jim mit einem flehenden Blick an, der fast menschlich war. Jim hatte sofort Mitgefühl mit dem armen Tier. »Ist das Ihr Hund?« Digby sah ihn von der Seite an. »Ja, er gehört mir. Warum fragen Sie?« »Sind Sie denn mit Ihrer Operation fertig, und haben Sie ihm den Glassplitter aus der Pfote gezogen?« »Nein, ich bin noch nicht ganz fertig«, sagte Digby kühl. »Sie halten Ihren Hund aber nicht sehr sauber, wenn ich mir die Bemerkung gestatten darf.« Digby wandte sich um. »Was, zum Teufel, wollen Sie damit sagen?« Jim ließ sich nicht beirren. Er sah Digby fest an: »Ich habe den Eindruck, daß das nicht Ihr Hund ist, sondern ein armer Terrier, der sich verlaufen hat. Sie haben ihn vor einer halben Stunde auf der Straße gefunden und ihn in das Haus gelockt.« »Nun – und?« »Ich will Ihnen alle weitere Mühe ersparen und Ihnen sagen, daß ich Sie dabei beobachtet habe.« Digbys Augen wurden klein. »Ach, sehen Sie einmal an«, sagte er höflich. »Dann sind Sie also hinter mir hergewesen und haben mich beobachtet?« »Das gerade nicht«, erwiderte Jim ruhig. »Ich habe nur meine Neugierde etwas befriedigt.« Bei diesen Worten legte er seine Hand auf den Hund und streichelte seine Ohren freundlich. Digby lachte. »Nun, wenn Sie das alles wissen, dann kann ich Ihnen auch sagen, daß ich im Begriff bin, eine interessante Operation an dem Tier vorzunehmen. Ich will einen Teil seines Gehirns entfernen, um zu sehen –« Jim schaute sich um. »Wo haben Sie denn Ihre Betäubungsmittel?« fragte er freundlich. Es war ein böses Anzeichen, wenn er so leise und liebenswürdig sprach. »Betäubungsmittel? Großer Gott, Sie werden doch nicht glauben, daß ich mein Geld verschwende, um einen Hund zu chloroformieren?« Digbys Hand lag dicht vor dem Kopf des Hundes, und das unvernünftige Tier neigte sich vor und leckte ihm die Hand. »Du verdammtes, schmutziges Vieh!« rief er und wischte seine Hand mit einem Tuch ab. Er nahm eine dichte Gummikappe und streifte sie über Mund und Nase des Tieres. »Nun versuche noch einmal zu lecken«, sagte er lachend. »Nun kann das Vieh auch keinen Spektakel mehr machen. Sie sind ein wenig zu weichherzig, Mr. Steele. Sie wissen doch, daß die medizinische Wissenschaft ihre großen Fortschritte den Tierversuchen verdankt.« »Ich kenne wohl den Wert der Vivisektion, aber sie muß unter gewissen Vorsichtsmaßregeln vorgenommen werden. Alle anständig denkenden Ärzte, die mit lebenden Tieren experimentieren, betäuben sie, bevor sie das Messer gebrauchen. Und alle Ärzte müssen ein Zeugnis und einen Erlaubnisschein von der Ärzteschaft haben, bevor sie solche Experimente machen dürfen. Wollen Sie so liebenswürdig sein, mir diesen Schein zu zeigen?« Digbys Züge verdüsterten sich. »Belästigen Sie mich hier nicht«, sagt er unwirsch. »Ich brachte Sie hierher, um Ihnen mein Laboratorium –« »Und wenn Sie mich nicht mitgenommen hätten«, unterbrach ihn Jim, »dann wäre ich doch hereingegangen, denn ich hätte mich unter keinen Umständen mit Ihrer Erklärung zufriedengegeben. Ich weiß schon, daß Sie mir sagen wollen, daß der Hund sich nur fürchtete und nur so furchtbar heulte und winselte, als Sie ihm dieses schreckliche Eisenband um den Hals legten. Ich gebe Ihnen drei Minuten Zeit, Mr. Groat, den Hund von seinen Fesseln zu befreien.« Digby war furchtbar wütend. »Und wenn ich es nicht tue?« fragte er, schwer atmend. »Dann werde ich mit Ihnen dasselbe machen, was Sie mit dem Hund gemacht haben. Glauben Sie nicht, daß ich dazu, imstande wäre?« Einen Augenblick herrschte tiefes Schweigen. »Nehmen Sie jetzt die Klammern von dem Hund!« Ihre Blicke maßen sich. Böser Haß glühte in Digbys Augen, aber dann fügte er sich, und in einer Minute war das Tier frei. Jim nahm den kleinen, zitternden Hund in seine Arme und streichelte ihn. Digby beobachtete die Szene düster, seine Zähne knirschten vor Wut. »Ich werde Ihnen das nicht vergessen, und es soll Ihnen noch leid tun, daß Sie mich bei meiner Arbeit gestört haben!« Jim sah ihn fest an. »Ich habe mich noch niemals im Leben vor einer Drohung gefürchtet«, erwiderte er ruhig, »ich tue es auch jetzt nicht. Ich gebe gern zu, daß die Wissenschaft die Vivisektion braucht, aber nur unter gewissen Voraussetzungen. Leute Ihrer Art, die nur darauf bedacht sind, harmlose Tiere zu quälen, um ihre grausamen, wollüstigen Begierden zu befriedigen, bringen selbst die vornehmste Wissenschaft in Mißkredit. Mr. Groat, ich habe Sie durchschaut, Sie haben nicht die leiseste Absicht, der Wissenschaft zu dienen oder der leidenden Menschheit zu helfen. Als ich in dieses Laboratorium trat«, sagte er, als er schon auf der Türschwelle stand, »habe ich zwei Tiere gesehen – das größere von beiden lasse ich zurück.« Er schlug die Tür zu und trat in den Gang hinaus. Digbys Eitelkeit war maßlos gekränkt. Plötzlich kam Jim wieder zurück zu ihm. »Haben Sie die Tür nach der Straße geschlossen, als Sie nach oben gingen?« Digby runzelte die Stirn und vergaß im Augenblick die Beleidigung, die Jim ihm zugefügt hatte. »Ja – warum fragen Sie?« »Sie steht weit offen. Vermutlich hat der mitternächtliche Besucher Ihr Haus verlassen.« 6 Im hellen Sonnenschein des Morgens vergaß Eunice ihre Furcht und schämte sich wegen ihres Betragens in der Nacht. Aber die graue Karte war eine Tatsache. Sie zog sie unter ihrem Kissen hervor und grübelte darüber nach. Es mußte jemand in ihrem Zimmer gewesen sein. Und der Betreffende war nicht ihr Feind. Plötzlich kam ihr ein Gedanke, der ihr Herzklopfen verursachte. Konnte Jim –? Aber sie schüttelte den Kopf. Eine innere Stimme sagte ihr, daß es Jim nicht gewesen war. Unmöglich konnte es seine Hand gewesen sein, die sie berührt hatte, denn sie kannte deren Form ganz genau und erinnerte sich zu gut an seinen warmen und starken Händedruck. Sie ging zum Frühstück ins Speisezimmer und fand dort Mr. Groat, einen tadellos gekleideten Weltmann. Er war froh und guter Laune, und man konnte ihm nicht das geringste Zeichen von Ermüdung anmerken, obgleich er sich erst um vier Uhr zur Ruhe gelegt hatte. Er begrüßte sie höflich. »Guten Morgen, Miss Weldon, ich hoffe, Sie haben sich von Ihrem nächtlichen Schrecken erholt?« »Es tut mir so leid, daß ich Ihnen Umstände und Mühe gemacht habe«, sagte sie bedauernd und lächelte ihn an. »Ach, das ist nicht der Rede wert«, entgegnete er herzlich. »Ich war nur froh, daß unser Freund Steele zugegen war, der Sie beruhigen konnte. – Miss Weldon, ich muß mich noch bei Ihnen entschuldigen ich habe Ihnen gestern abend eine kleine Lüge gesagt.« Sie sah ihm voll ins Gesicht. »So? Es wird nicht so schlimm gewesen sein«, meinte sie lachend. »Ich erzählte Ihnen doch, daß ich meinem kleinen Hund einen Glassplitter aus der Pfote gezogen hätte. Es war aber in Wirklichkeit gar nicht mein Hund, ich hatte ihn auf der Straße aufgelesen und wollte ein kleines Experiment mit ihm machen. Sie wissen, daß ich Arzt bin?« Sie zitterte. »Also daher kamen die entsetzlichen Laute?« fragte sie etwas erschreckt. Er schüttelte den Kopf. »Nein, der Hund fürchtete sich nur. Ich hatte ihn überhaupt noch nicht verwundet und wollte es auch gar nicht tun. Ihr Freund hat mich dann aber überredet, den armen Kerl laufen zu lassen.« Sie atmete erleichtert auf. »Darüber freue ich mich sehr. Es wäre mir schrecklich gewesen, wenn Sie es getan hätten.« Er lachte leise, als er seinen Platz bei Tisch einnahm. »Steele dachte zuerst, daß ich meine Tierversuche mache, ohne die Tiere zu chloroformieren, aber das ist natürlich absurd. Es ist sehr schwer, Leuten, die nicht vom Fach sind, zu erklären, welche Fortschritte die medizinische Wissenschaft durch die Tierversuche gemacht hat. Natürlich werden alle diese Experimente durchgeführt, ohne daß die Tiere auch nur den geringsten Schmerz spüren«, sagte er leichthin. »Ich würde ebensowenig daran denken, einen kleinen Hund zu verletzen, als Sie mit dem Messer zu schneiden.« »Davon bin ich auch überzeugt«, sagte sie dankbar. Digby Groat war ein schlauer Mann. Er wußte genau, daß Jim wieder mit Eunice zusammentreffen und ihr von seinem Erlebnis im Laboratorium auf seine Art erzählen würde. Es war daher notwendig, daß er ihr die Geschichte zuerst mitteilte, denn er wollte sie nicht irgendwie verletzen, sondern in möglichst gute Beziehungen zu ihr kommen. Er hatte sie zu seinem eigenen Vorteil und zu seinem Amüsement in das Haus gebracht, und er erkannte jetzt, daß sie noch viel schöner und begehrenswerter war, als er sich jemals vorgestellt hatte. Digby war ein Kenner weiblicher Schönheit und war eigentlich vor dem Frühstück etwas bange gewesen, denn das schöne Aussehen der Frauen verträgt selten helles Tageslicht. Er war noch niemals wirklich verliebt gewesen, obgleich er schon viele Frauen kennengelernt und wieder verabschiedet hatte. Aber Miss Weldon hatte von allen bis jetzt den tiefsten Eindruck auf ihn gemacht. Sicher würde sie ihm einige Wochen die Langeweile verkürzen und ihn den grauen Alltag vergessen lassen, bis wieder eine neue Sensation kam. Die Probe fiel glänzend für sie aus. Ihre zarte Haut, durch kein Verschönerungsmittel berührt, war fleckenlos rein, ihre glänzenden Augen strahlten, und ihr ganzes Aussehen sprach von Gesundheit und Natürlichkeit. Ihre Hände waren vollkommen. Eunice selbst fühlte sich weder von ihm angezogen noch durch ihn abgestoßen. Digby Groat war für sie einer der vielen, denen man im Leben begegnet, die man sieht oder nicht sieht, die interessant oder unangenehm wirken können. Mit einigen wird man vorübergehend bekannt, spricht mit ihnen, einige sieht man nur im Vorübergehen, und sie verschwinden aus dem Gesichtskreis, um nie wieder aufzutauchen. »Meine Mutter kommt niemals zum Frühstück herunter«, erwähnte Digby im Laufe der Unterhaltung. »Glauben Sie, daß Ihre Beschäftigung Sie befriedigen wird?« »Ich weiß noch nicht, worum es sich handelt.« »Meine Mutter ist ein wenig sonderbar, ich möchte fast sagen, exzentrisch. Aber ich glaube, Sie sind verständig genug, um mit ihr fertig zu werden. Die Arbeit wird in der ersten Zeit gerade nicht sehr schwer sein. Ich hoffe, daß Sie später vielleicht fähig sein werden, mir bei meinen anthropologischen Studien zu helfen.« »Das klingt schrecklich wichtig. Was bedeutet das?« »Ich studiere Gesichter und Köpfe«, sagte er leichthin, »und habe zu diesem Zweck viele Fotografien aus allen Teilen der Welt gesammelt. Mit der Zeit will ich eine Sammlung von über einer Million Bildern zusammenbringen. Diese Wissenschaft ist in unserem Lande bis jetzt sehr vernachlässigt worden. Die Italiener haben viel darin geleistet. Wahrscheinlich haben Sie schon von Mantegazza und Lombroso gehört?« Sie nickte. »Das sind die großen Kriminalisten, nicht wahr?« sagte sie zu seinem Erstaunen. »Ach, Sie haben sich schon etwas damit beschäftigt?« »Das ist sehr verlockend für mich!« Sie sah ihn begeistert an. »Ich würde Ihnen sehr gern bei dieser Arbeit helfen, wenn Ihre Mutter nicht zu viel Arbeit für mich hat.« »Die wird Ihnen schon freigeben können.« Ihre Hand lag auf dem Tisch ganz nahe bei der seinen, und er war in Versuchung, sie zu streicheln. Aber er beherrschte sich und berührte sie nicht. Er wußte menschliche Charaktere gut und schnell zu beurteilen. Wenn es eine andere Frau gewesen wäre, hätte er seine Hand liebenswürdig auf die ihre gelegt; sie hätte verwirrt gelacht, die Augen niedergeschlagen, und das übrige hätte sich dann schon gefunden. Aber bei Eunice durfte er nicht so vorgehen, sonst würde sie wahrscheinlich heute abend nicht mehr im Hause sein. Aber er konnte ja warten, und sie war es auch wert, daß man auf sie wartete, denn sie war wirklich entzückend. Die halbe Freude des Lebens liegt in der Jagd nach Vergnügen, und die Jagd danach ist nur eine Form heftigen Vorgenusses. Manche Menschen finden die größte Befriedigung darin, sich in ihrer Phantasie Freuden auszumalen, die früher oder später in Erfüllung gehen müssen, und Digby Groat gehörte zu diesen. Als sie aufschaute, begegnete sie einem seiner brennenden Blicke und errötete. Mit Überwindung sah sie ihn noch einmal an; aber nun war nichts Ungewöhnliches mehr an ihm zu sehen. 7 Die ersten Tage in ihrer neuen Stellung waren eine harte Probe für Eunice Weldon. Sie beklagte sich am dritten Tag während des Frühstücks bei Digby, daß Mrs. Groat ihr überhaupt nichts zu tun gebe. »Ich fürchte, daß ich hier überflüssig bin«, sagte sie. »Es ist nicht recht, daß ich unter diesen Umständen Gehalt von Ihnen annehme.« »Warum denn?« fragte er schnell. »Ihre Mutter zieht es vor, ihre Briefe allein zu schreiben. Außerdem scheint ihre Korrespondenz wenig umfangreich zu sein!« »Ach was, Unsinn!« erwiderte er scharf. Als er aber sah, daß er sie durch seinen Ton beleidigte, sprach er liebenswürdig weiter. »Meine Mutter ist nicht daran gewöhnt, daß man ihr hilft, sie ist eine der Frauen, die alles allein tun wollen. Deshalb sieht sie ja auch so angegriffen und alt aus, weil sie sich so sehr abgearbeitet hat. Es gibt hundert Aufgaben, die sie Ihnen übertragen könnte. Aber Sie müssen es der alten Frau zugute halten, Miss Weldon. Es dauert lange Zeit, bevor sie Zutrauen zu fremden Menschen faßt.« »Das kann ich verstehen«, erwiderte sie und nickte. »Meine arme Mutter ist ganz auf sich beschränkt«, meinte er lächelnd, »aber ich bin sicher, daß sie Ihnen noch genügend zu tun gibt, wenn sie Sie erst kennenlernen wird.« Nach dem Frühstück ging er gleich in das kleine Wohnzimmer seiner Mutter. Er fand sie nicht dort, sondern in ihrem Ankleidezimmer, wo sie dicht am Kamin neben einem offenen Feuer saß. Er schloß die Tür sorgfältig und ging zu ihr hinüber. Sie schaute ihn furchtsam an. »Warum gibst du dem Mädchen nichts zu tun?« fragte er. scharf. »Ich habe doch nicht so viel zu tun«, entgegnete sie weinerlich. »Hör, Digby, das ist eine ganz überflüssige Ausgabe, ich kann sie gar nicht leiden.« »Du wirst ihr von heute ab Arbeit geben – ich möchte dir das nicht noch einmal sagen müssen!« »Sie wird mich nur ausspionieren. Du weißt doch, daß ich seit Jahren keine Briefe mehr geschrieben habe, mit Ausnahme des Briefes an den Rechtsanwalt, den ich auf deine Veranlassung hin schrieb.« »Also du wirst ihr Arbeit geben«, wiederholte Digby Groat. »Hast du mich verstanden? Lasse sie doch alle die Rechnungen durchsehen, die du in den letzten Jahren bekommen hast. Sie soll sie sortieren und alle Ausgaben sorgfältig in ein Buch eintragen. Auch deine Bankabrechnungen kannst du ihr geben. Sie soll die Schecks damit vergleichen. Verdammt noch einmal – wenn du nur wolltest, hättest du wirklich genug für sie zu tun! Das kannst du doch wahrhaftig veranlassen; es ist schauderhaft, daß ich dich immer beaufsichtigen muß!« »Ich will es tun, Digby«, erwiderte sie schnell. »Du bist wieder recht hart und böse zu mir. Ich hasse dies ganze Haus!«, rief sie plötzlich heftig. »Ich hasse die Leute hier im Hause. Heute morgen habe ich in ihr Zimmer gesehen, das sieht ja aus wie ein Palast. Es muß ja Tausende von Pfund gekostet haben, nur diesen Räum einzurichten. Das ist doch einfach eine Sünde, so viel für ein einfaches Mädchen auszugeben!« »Das geht dich gar nichts an! Du sollst ihr für die nächsten vierzehn Tage Arbeit geben!« Eunice war überrascht, als Mrs. Groat sie rufen ließ. »Ich habe etwas für Sie zu tun, Miss – ich kann mir Ihren Namen nicht merken.« »Eunice«, sagte das junge Mädchen lächelnd. »Ich kann den Namen Eunice nicht leiden«, murmelte die alte Frau vor sich hin. »Die letzte hieß Lola, eine Ausländerin – ich war froh, als sie ging. – Haben Sie denn keinen anderen Namen?« »Weldon ist mein Familienname. Sie können mich ›Weldon‹ oder ›Eunice‹ nennen, oder wie es Ihnen beliebt, Mrs. Groat.« Die alte Frau räusperte sich. Vor ihr stand eine große Schublade mit Schecks, die von der Bank zurückgekommen waren. »Sehen Sie diese Papiere durch«, sagte sie, »und machen Sie irgend etwas damit. Ich weiß nicht, was.« »Soll ich sie vielleicht an die Rechnungen heften, zu denen sie gehören?« »Ja, das meine ich. Sie wollen es doch nicht hier machen? Aber es ist doch besser, daß Sie nicht damit aus meinem Zimmer gehen; ich wünsche nicht, daß die Dienstboten in meinen Abrechnungen herumschnüffeln.« Eunice stellte die Schublade auf den Tisch, nahm die Rechnungen und die Abschnitte des Scheckbuches, holte sich eine kleine Flasche Leim und machte sich an die Arbeit. Ihre goldene Armbanduhr, ein Geschenk ihres verstorbenen Vaters, legte sie auf den Tisch, weil sie sie bei der Arbeit störte. Mrs. Groats habgierige Blicke waren sofort darauf gerichtet, und mit einem Male rückte sie näher. Die Arbeit schien sehr umfangreich zu sein, aber Eunice ging methodisch vor, und als der Gong zu Tisch rief, war sie schon fertig. »Bitte, Mrs. Groat«, sagte sie lächelnd, »ich habe alle Schecks aufgearbeitet.« Sie stellte die Schublade beiseite und wollte ihre Armbanduhr wieder anlegen, aber sie war verschwunden. In diesem Augenblick öffnete sich die große Tür, und Digby Groat trat herein. »Hallo, Miss Weldon«, sagte er zuvorkommend, »es ist Zeit zum Lunch. Hast du nicht den Gong gehört, Mutter? Du mußt Miss Weldon jetzt gehen lassen.« Eunice schaute sich überall um. »Haben Sie irgend etwas verloren?« fragte Digby schnell. »Ich kann meine Armbanduhr nicht finden; ich habe sie vor einiger Zeit hier auf den Tisch gelegt, und sie ist jetzt nicht mehr da.« »Vielleicht ist sie in der Schublade«, stammelte die alte Frau und vermied es, ihren Sohn anzusehen. Digby schaute sie einen Augenblick an und wandte sich dann an Eunice. »Würden Sie so liebenswürdig sein und Jackson den Auftrag geben, meinen Wagen um drei Uhr bereitzuhalten?« sagte er freundlich. Er wartete, bis das Mädchen die Tür geschlossen hatte. »Wo ist die Uhr?« fragte er rauh. »Die Uhr, Digby?« »Willst du die Uhr hergeben?« schrie er, und sein Gesicht wurde dunkel vor Wut. Sie steckte die Hand zögernd in die Tasche und holte die Uhr hervor. »Sie sieht doch so schön aus«, stotterte sie. Digby riß sie ihr aus der Hand. Gleich darauf kam Eunice wieder zurück. »Wir haben sie gefunden«, sagte Digby lächelnd. »Sie war unter den Tisch gefallen.« »Ich dachte, da hätte ich auch nachgesehen. Sie ist nicht sehr wertvoll, aber sie dient einem doppelten Zweck.« Sie legte die Uhr um ihr Handgelenk. »Welchen anderen Zweck hat sie denn noch, als die Zeit anzugeben?« fragte Digby. »Ich verdecke damit eine häßliche Narbe«, sagte sie und zeigte ihr Handgelenk. Er sah einen runden, roten Fleck, etwa so groß wie ein Halbschillingstück, der wie eine alte Brandnarbe aussah. »Das ist ja merkwürdig«, meinte Digby, als er darauf schaute. Plötzlich hörte er einen unterdrückten Aufschrei seiner Mutter. Sofort wandte er sich nach ihr um und blickte in ihr verzerrtes Gesicht. Ihre Augen starrten auf Eunice. »Digby, Digby!« schrie sie mit gebrochener Stimme. »O mein Gott!« Sie fiel über den Tisch, und bevor er sie erreichen konnte, war sie auf den Boden gesunken. Er beugte sich über seine Mutter und wandte sich dann langsam zu dem erschrockenen Mädchen. »Sie hat sich so über die kleine Narbe auf Ihrer Hand aufgeregt«, sagte er langsam. »Was bedeutet das?« 8 Die Geschichte von der Narbe und dem Eindruck, den sie auf Mrs. Groat gemacht hatte,, stimmte Jim nachdenklich. Er versuchte die Sache auf seine Weise zu erklären, aber Eunice lachte. »Ich werde diese Stelle wieder aufgeben«, sagte sie, »aber ich muß noch so lange dort bleiben, bis alle Papiere von Mrs. Groat geordnet sind. Es sind noch ganze Stöße von Briefen und Dokumenten aller Art zu ordnen und einzutragen. Mrs. Groat hat mir das schon gesagt. Und es scheint doch auch nicht gut zu sein, wenn ich meinen Dienst verlasse, während die alte Frau so krank ist. – Ihre Vermutung, daß ich die junge Dame sein soll, die das große Vermögen erbt, ist auf keinen Fall richtig. Meine Eltern lebten in Südafrika, Jim. Sie sind viel zu romantisch, als daß Sie ein guter Detektiv sein könnten.« Er leistete sich den Luxus, ein Taxi zu nehmen und sie nach Grosvenor Square zurückzubringen. An der Haustür verabschiedete er sich von ihr. Während sie sich noch auf der Treppe unterhielten, öffnete sich die Tür, und Jackson begleitete einen kleinen, starken Mann mit großem, braunem Bart heraus. Offenbar sah Jackson die beiden Leute nicht, er sah sie jedenfalls nicht an. »Mr. Groat wird erst um sieben Uhr nach Hause zurückkommen, Mr. Villa«, sagte er laut. »Sagen Sie ihm, daß ich vorgesprochen hätte«, entgegnete der andere ebenso laut und ging an Jim vorbei. »Wer ist denn der Mann mit dem Bart?« fragte Jim, aber Eunice konnte ihm keine Auskunft geben. Jim war mit der Erklärung über ihre Herkunft nicht zufrieden. Einer seiner Schulfreunde lebte unten in Kapstadt, und als er zu dem Büro zurückging, sandte er ihm ein langes Telegramm mit bezahlter Antwort. Er fühlte, daß er hinter einem Schatten herjagte, aber trotzdem tat er es. Dann ging er mißmutig nach Hause und war bedrückt von der Hoffnungslosigkeit der Aufgabe, die er sich gestellt hatte. Am nächsten Tage erhielt er eine Nachricht von Eunice, daß sie nicht zum Tee kommen könnte. Der Tag war für ihn langweilig und verloren. Obendrein erhielt er noch die Antwort auf sein Telegramm, die alle romantischen Träume zerstörte, soweit sie Eunice Weldons Anwartschaft auf das Millionenvermögen der Dantons betrafen. Eunice May Weldon war am 12. Juni 1910 in Rondebosch geboren. Ihre Eltern waren Henry Weldon, ein Musiker, und Margaret May Weldon. Sie war in der Kirche von Rondebosch getauft worden, und ihre beiden Eltern waren tot. Über die beiden Endzeilen des Telegramms war Jim erstaunt. »Eine ähnliche Anfrage wegen der Eltern Eunice Weldons kam vor sechs Monaten von der Firma Selenger \& Co., Brade Street Buildings.« »Selenger \&. Co.«, sagte Jim nachdenklich. Das war ein neues Rätsel. Wer mochte denn sonst noch Nachforschungen über das junge Mädchen anstellen? Er nahm das Telefonadreßbuch, schlug die Firma nach und fand sie auch gleich. Schnell nahm er seinen Hut, rief ein Taxi an und fuhr zur Brade Street. Nach einigem Suchen entdeckte er auch das Geschäftshaus. Es war ein mittelgroßer Häuserblock, und auf dem umfangreichen Firmen Verzeichnis am Eingang war auch die Firma Selenger \& Co. vermerkt. Ihre Büros befanden sich im Erdgeschoß, Zimmer Nr. 6. Der Raum war verschlossen und wurde anscheinend nicht benützt. Jim suchte den Portier unten auf. »Nein, Sir«, sagte der Mann kopfschüttelnd. »Selengers haben jetzt nicht auf. Am Tag ist niemand hier, nur nachts.« »Nachts?« wiederholte Jim erstaunt. »Das ist aber eine etwas ungewöhnliche Zeit, um Geschäfte zu machen.« Der Portier sah ihn unliebenswürdig an. »Die Leute müssen wohl selbst am besten wissen, wie sie ihre Geschäfte machen«, sagte er mit Nachdruck. Es dauerte einige Zeit, bevor Jim den beleidigten Mann beruhigen konnte. Dann erfuhr er aus der Unterhaltung mit ihm, daß Selengers offenbar bevorzugte Mieter waren. Wegen einer Beschwerde dieser Firma war sein Vorgänger entlassen worden, und die Neugierde einer Reinmachefrau über die nächtliche Tätigkeit dieser Leute führte zu der sofortigen Entlassung dieser Vorwitzigen. »Ich glaube, sie handeln mit ausländischen Aktien«, sagte der Portier. »Es kommen viele Auslandstelegramme hier an, aber ich habe den Inhaber des Geschäfts noch niemals gesehen. Er kommt stets durch den Seiteneingang herein.« Dieser zweite Eingang zu den Büroräumen der Firma ging von einem kleinen Hof aus. Selenger \& Co. war die einzige Firma in diesem Gebäude, die zwei Eingänge zu ihren Büros hatte. Und außerdem war es nur ihnen gestattet, die ganze Nacht hindurch zu arbeiten. »Selbst die Bankagenten in der zweiten Etage müssen um acht Uhr schließen«, erklärte der Portier. »Und das ist sehr hart für sie, besonders wenn eine Hausse in Aktien ist. Dann haben sie gewöhnlich so viel Arbeit, daß sie bis zwölf aufhalten könnten. Aber um acht wird ganz streng geschlossen. Die Mieten sind hier nicht besonders hoch, und es ist eine große Nachfrage nach Büros in der City heutzutage. Die Zeiten werden hier strikt innegehalten; das war schon so zu Mr. Dantons Zeit.« »Mr. Dantons Zeit?« fragte Jim schnell. »War er denn der Eigentümer des Gebäudes? Sie meinen doch den Schiffsreeder Danton, der ein großes Millionenvermögen besaß?« Der Mann nickte. »Jawohl, Sir«, sagte der Portier, der anscheinend mit der Wirkung seiner Worte sehr zufrieden war. »Aber er hat es verkauft oder sonstwie veräußert – schon vor einigen Jahren. Ich weiß es zufällig, weil ich damals als Bürobote in demselben Hause angestellt war. Ich kann mich sehr genau auf Mr. Danton besinnen – sein Büro lag in der ersten Etage; es war ganz herrlich dort.« »Wer bewohnt die Räume denn jetzt?« »Ein Ausländer, Levenski. Er ist aber niemals hier.« Jim hielt die Nachrichten, die er erhalten hatte, für so wichtig, daß er sich aufmachte, um Mr. Salter in seiner Wohnung zu besuchen. Er erfuhr nur, daß der Rechtsanwalt nichts von diesem Geschäftshaus in der Brade Street wußte. Er konnte sich lediglich darauf besinnen, daß es eine Privatspekulation Dantons war. Es kam in seinen Besitz, als die früheren Eigentümer in Konkurs gerieten. Er hatte das Gebäude später ohne Rücksprache mit seinem Anwalt veräußert. Jim stand wieder vor einem Rätsel. 9 Ich kann heute nicht im Büro bleiben, ich habe verschiedene wichtige Dinge zu erledigen«, sagte Jim. Mr. Salter sah auf. »Geschäfte, Steele?« fragte er höflich. »Nicht nur Geschäfte.« Jim hatte den Eindruck, daß Mr. Salter wußte, um was es sich handelte. »Es ist gut.« Salter setzte seine Brille wieder auf und wandte sich der Arbeit zu. »Ich möchte Sie aber noch etwas fragen, Mr. Salter. Deswegen kam ich ja eigentlich hierher, sonst hätte ich Ihnen meine Abwesenheit auch telefonisch erklären können.« Der Rechtsanwalt legte geduldig die Feder wieder hin. »Ich verstehe nicht recht, warum dieser Mr. Groat so viele spanische Freunde hat? Da ist zum Beispiel eine junge Dame, die er sehr häufig sieht, Comtessa Manzana. Haben Sie schon von ihr gehört?« »Ich lese ihren Namen gelegentlich in der Zeitung.« »Es verkehren noch andere Spanier bei ihm, besonders ein gewisser Villa. Auch habe ich erfahren, daß Mr. Groat fließend spanisch spricht.« »Das ist merkwürdig.« Mr. Salter lehnte sich in seinen Sessel zurück. »Sein Großvater hatte auch viele spanische Freunde. Vielleicht ist irgendwie eine spanische Verwandtschaft in der Familie. Der alte Danton, ich meine damit Jonathan Dantons Vater, verdiente den größten Teil seines Vermögens in Spanien und Zentralamerika. Die Dantons waren eigentlich eine sonderbare Familie. Sie lebten alle sehr zurückgezogen und für sich, und ich glaube, Jonathan Danton hat während seiner letzten zwanzig Jahre nur ein Dutzend Worte mit seiner Schwester gewechselt. Sie waren nicht böse miteinander, das war nur eine seiner Eigentümlichkeiten. Ich kenne auch andere Familien, in denen dergleichen vorkommt. Schweigsame Leute, aber sehr ehrenhaft.« »Hat der Großvater Dantons Mrs. Groat irgendein Vermögen hinterlassen? Er hatte doch nur zwei Kinder? Einen Sohn und diese Tochter?« Septimus Salter nickte. »Er hat ihr keinen Pfennig vermacht. Sie lebte in Wirklichkeit von der Mildtätigkeit ihres Bruders. Ich weiß nicht, aus welchem Grunde sie der alte Mann nicht leiden mochte. Jonathan wußte ebensowenig darüber wie ich, denn der Alte sprach nie darüber. Jonathan hat sich verschiedene Male mit mir darüber unterhalten, was seine Schwester wohl getan haben mochte, daß sie sich die Abneigung ihres Vaters zuzog. Diese Abneigung, um nicht zu sagen Feindschaft, war auch der Grund, warum er seine Tochter in seinem Testament vollständig überging. Vielleicht ärgerte sich der alte Mann über ihre Heirat mit Mr. Groat, denn dieser hatte keine große gesellschaftliche Stellung. Er war nur ein Angestellter in Dantons Liverpooler Büro. Er wußte sich in Gesellschaft nicht zu bewegen, hatte ein unfreundliches Wesen und stand mit seiner Frau niemals auf gutem Fuß. Die arme Lady Mary war die einzige, die immer gut zu ihm war. Seine Frau haßte ihn aus einem Grunde, den ich nicht näher kenne. Als er starb, hinterließ er sein ganzes Geld einem entfernten Vetter. Es waren ungefähr fünftausend Pfund. Der Himmel mag wissen, woher er die hatte. – Aber nun machen Sie, daß Sie fortkommen, Steele!« sagte Mr. Salter verzweifelt. »Sie bringen mich immer wieder auf diese alten Geschichten.« Jim ging an diesem Morgen zuerst zum Ministerium des Innern. Er wollte das Geheimnis aufklären, das über Madge Benson lag. Weder das Polizeipräsidium noch die Zentraldirektion der Gefängnisse waren gewillt gewesen, einem Privatmann irgendwelche Auskunft zu geben, und in seiner Verzweiflung hatte er sich direkt ans Büro des Unterstaatssekretärs gewandt. Glücklicherweise hatte er dort einen Freund, einen Mann von mittlerem Alter, mit dem er während des Krieges in Frankreich war. Er empfing ihn in seinem Büro mit einer Wärme, die Jim zeigte, daß er nicht vergessen war. »Nehmen Sie Platz. Ich kann Ihnen leider nur wenig in dieser Angelegenheit mitteilen.« Er nahm ein Blatt Papier von seinem Schreibtisch auf. »Eigentlich dürfte ich Ihnen ja überhaupt nichts darüber sagen – aber hier ist die Auskunft, die mir die Gefängnisdirektion gesandt hat.« Jim las die wenigen Zeilen, die darauf standen. »Madge Benson, 26 Jahre alt, Hausmädchen. Ein Monat Gefängnis wegen Diebstahls. Verurteilt vom Polizeigericht in Marylebone. 5. Juni 1911. Überführt nach Holloway-Gefängnis. Entlassen am 2. Juli 1911.« »Wegen Diebstahls?« sagte Jim nachdenklich. »Man weiß natürlich nicht, was sie gestohlen hat?« Der Beamte schüttelte den Kopf. »Ich würde Ihnen den Rat geben, den Gefängniswärter in Marylebone aufzusuchen. Diese Leute haben oft ein außerordentlich gutes Gedächtnis für Personen. Außerdem könnten Sie ja auch noch die Akten über ihre Verurteilung einsehen. Aber es wäre besser, wenn Sie Mr. Salter darum bitten, einen Antrag zu stellen. Einem Rechtsanwalt wird man die Auskunft nicht verwehren.« Aber das war ja gerade das, was Jim nicht tun wollte. 10 Eunice Weldon gewöhnte sich rasch an ihre neue Umgebung. Durch die Krankheit ihrer Herrin bekam sie mehr Arbeit, als sie erwartet hatte. Es war richtig, wie Digby Groat ihr gesagt hatte, daß sie noch viel zu tun bekäme. Er ließ sie auch die Haushaltungsbücher durchsehen und ordnen, und sie war erstaunt, wie sparsam, ja fast geizig die alte Frau war. Eines Nachmittags, als sie den alten Sekretär aufräumte, hielt sie plötzlich in ihrer Arbeit inne, um dieses alte, schöne Möbelstück zu bewundern. Es war halb Schreibtisch, halb Bücherschrank. Das Schreibtischfach war mit Glastüren geschlossen, die an der Innenseite mit grünseidenen Vorhängen bedeckt waren. Sie wunderte sich über die Dicke der beiden Seitenteile. Sie hatte etwas Ähnliches noch nicht gesehen. Sie strich mit der Hand bewundernd über die glatte, polierte Oberfläche des dunklen Mahagoniholzes, als sie fühlte, daß eine Stelle der Schrankwand unter dem Druck ihrer Finger nachgab. Zu ihrem Erstaunen fiel eine kleine Klappe aus der Seitenwand herunter, deren feine Scharniere so geschickt angebracht waren, daß man sie für gewöhnlich nicht sehen konnte. Eine Geheimschublade in einem alten Sekretär ist keine außergewöhnliche Entdeckung; aber sie war neugierig, was dieses Fach wohl enthalten könnte, das sie so zufällig gefunden hatte. Sie tastete mit ihrer Hand hinein und zog ein zusammengelegtes Aktenstück heraus, das den einzigen Inhalt der Schublade bildete. Durfte sie es wohl lesen? Wenn es so sorgfältig und geheim aufgehoben wurde, hatte Mrs. Groat sicherlich nicht den Wunsch, daß es von fremden Augen gesehen wurde. Trotzdem glaubte sie, daß sie als Sekretärin die Pflicht hatte, zu wissen, um was es sich handelte, und so öffnete sie das Schreiben. Am Kopfende des Dokumentes war ein Stück Papier angeheftet, auf das Mrs. Groat geschrieben hatte: »Dies ist mein letzter Wille, der gleichlautend ist mit den Instruktionen, die ich Mr. Salter in einem versiegelten Briefumschlag übergeben habe.« Das Wort ›Salter‹ war ausgestrichen, und der Name einer anderen Rechtsanwaltsfirma war darübergeschrieben. Das Testament war auf ein gewöhnliches, vorgedrucktes Formular geschrieben, wie man es überall kaufen kann. Der eigentliche Inhalt war sehr kurz: ›Ich hinterlasse meinem Sohne Digby Francis Groat ein Legat in Höhe von zwanzigtausend Pfund, außerdem mein Haus in London, 409, Grosvenor Square, mit der gesamten Einrichtung. Mein übriges Vermögen vermache ich Ramonez, Marquis von Estremeda, in Madrid.‹ Die Namen der Zeugen, die das Testament unterschrieben hatten, waren Eunice unbekannt, und da sie ihren Stand als Dienstboten angegeben hatten, war es möglich und höchstwahrscheinlich, daß sie schon seit langem ihre Stellung aufgegeben hatten. Denn Mrs. Groat behielt ihre Dienstboten gewöhnlich nicht sehr lange bei sich. Was sollte sie mit diesem Dokument machen? Sie entschloß sich,. Digby zu fragen. Als sie später die Schubladen ihres Schreibtisches durchsuchte, entdeckte sie eine kleine Miniatur, die eine schöne Frau darstellte. Nach der Kleidung und der Frisur mußte das Bild nach 1880 angefertigt worden sein. Die Gesichtszüge waren kühn, aber sehr schön, und die dunklen Augen sprühten vor Lebensfreude. Das Gesicht eines Mädchens, das seinen eigenen Weg ging, dachte Eunice, als sie das feste, runde Kinn betrachtete. Sie hätte gern gewußt, wen das Bild darstellte und zeigte es Digby Groat bei Tisch. »Ach, das ist ein Bild meiner Mutter«, sagte er gleichgültig. Eunice war erstaunt, und er mußte lachen. »Wenn man sie jetzt sieht, würde man nicht glauben, daß sie früher so ausgesehen hat. Aber sie muß in ihrer Jugend sehr schön gewesen sein – ein wenig zu schön«, fügte er hinzu. Plötzlich nahm er die Miniatur aus der Hand und schaute auf die Rückseite des Bildes. »Entschuldigen Sie«, sagte er, und sie sah, daß er blaß geworden war. »Meine Mutter schreibt manchmal sonderbare Dinge auf die Rückseite ihrer Bilder –« Seine Gedanken mußten in der Ferne weilen, und er machte einen zerstreuten Eindruck. Das war ein ungewöhnlicher Zustand für ihn, denn er war meistens sehr konzentriert und gesammelt. Er änderte das Thema des Gespräches und stellte eine Frage an sie, die er schon lange beabsichtigt hatte. »Miss Weldon, wissen Sie, wie Sie zu dieser Narbe an Ihrem Handgelenk gekommen sind?« Sie schüttelte lächelnd den Kopf. »Es tut mir leid, daß ich sie Ihnen gezeigt habe; sie sieht häßlich aus.« »Wissen Sie nichts darüber?« »Nein, meine Mutter hat es mir nicht gesagt. Es sieht aber so aus, als ob es eine Brandwunde war.« Er untersuchte den kleinen, roten, runden Fleck sehr genau. »Es ist natürlich absurd, zu denken, daß Ihre Mutter einen Anfall bekam, weil sie die Narbe sah.« »Ich nehme es aber doch an – es muß ein merkwürdiges Zusammentreffen sein.« Er hatte sich große Mühe gegeben, seine Mutter darüber auszufragen, aber er hatte keinen Erfolg damit gehabt. Seit drei Tagen lag sie apathisch in ihrem Bett und hatte ihn wahrscheinlich weder gehört noch gesehen, als er seine Besuche im Krankenzimmer machte. Sie erholte sich jetzt langsam, und bei der ersten Gelegenheit wollte er eine eingehende Erklärung von ihr fordern. »Haben Sie sonst noch etwas gefunden?« fragte er argwöhnisch. Er fürchtete sich stets vor neuen, unbesonnenen Handlungen seiner Mutter. Ihre krankhafte Neigung zum Stehlen war katastrophal und konnte einmal bekannt werden. Sie überlegte sich, ob sie ihm von ihrem Fund in dem Geheimfach erzählen sollte. Er las Zweifel und Sorge in ihrem Gesicht und wiederholte seine Frage. »Ich fand das Testament Ihrer Mutter«, sagte sie schließlich. Er hatte sein Frühstück beendet, den Stuhl vom Tisch zurückgeschoben und rauchte. Aber die Zigarre fiel auf den Teppich, als er das hörte, und sein Gesicht wurde dunkel. »Ihr Testament!« sagte er. »Sind Sie dessen auch ganz gewiß? Ihr Testament ist doch beim Rechtsanwalt deponiert. Es wurde vor zwei Jahren aufgesetzt.« »Das Testament, das ich gesehen habe, wurde erst vor zwei Monaten unterzeichnet«, erwiderte sie erschrocken. »Ich hoffe, daß ich nicht, irgendein Geheimnis Ihrer Mutter verraten habe.« »Zeigen Sie mir doch einmal dieses wertvolle Dokument.« Digby erhob sich. Er sprach abgerissen und heiser, und sie wunderte sich, was, sein Betragen so plötzlich geändert haben mochte. Sie gingen beide zu dem schlecht eingerichteten Wohnzimmer seiner Mutter, und sie holte das Schriftstück aus dem Geheimfach hervor. Er las es sorgfältig durch. »Die Alte ist ganz verrückt geworden«, sagte er böse. »Haben Sie es gelesen?« Er sah sie scharf an. »Ich habe etwas darin gelesen«, entgegnete Eunice. Sie war betroffen von seiner Schroffheit. Er las das Schriftstück noch einmal durch und sprach leise dabei. »Wie kamen Sie darauf?« »Ich habe es zufällig entdeckt.« Sie zeigte ihm, wie sie das Geheimfach gefunden hatte. »Ich verstehe«, sagte Digby Groat langsam und faltete das Papier zusammen. »Miss Weldon, vielleicht erzählen Sie mir jetzt, wieviel Sie von dem Dokument gelesen haben?« Sie wußte nicht, was sie antworten sollte. Sie war doch eigentlich die Angestellte von Mrs. Groat und fühlte, daß es unrecht gegen die alte Frau war, deren Privatangelegenheiten mit ihrem Sohn zu besprechen. »Ich habe etwas über ein Legat gelesen, das Ihre Mutter Ihnen ausstellte«, gab sie zu, »aber ich habe nicht genau hingesehen.« »Sie wissen also, daß meine Mutter mir zwanzigtausend Pfund vermacht hat und den Rest einem andern?« Sie nickte. »Wissen Sie auch, wie dieser andere heißt?« »Ja, es ist der Marquis von Estremeda.« Sein Gesicht sah aschgrau aus, und seine Stimme zitterte vor Wut, die er nicht verbergen konnte. »Wissen Sie, wie groß das Vermögen meiner Mutter ist?« fragte er. »Nein, Mr. Groat. Ich glaube auch, daß es nicht nötig ist, mir das zu sagen; das gehört nicht zu meinen Kompetenzen.« »Sie besitzt eineinviertel Millionen Pfund«, stieß er haßerfüllt hervor, »und mir hat sie zwanzigtausend und diesen verdammten Kasten vermacht!« Er drehte sich plötzlich um und ging zur Tür. Eunice vermutete, was er vorhatte, lief ihm nach und packte ihn am Arm. »Mr. Groat«, sagte sie ernst. »Sie dürfen jetzt nicht zu Ihrer Mutter gehen, das dürfen Sie nicht tun!« Ihr Dazwischentreten ernüchterte ihn. Er trat langsam an den Kamin, steckte ein Streichholz an und entzündete vor den erstaunten Augen des Mädchens das Testament. Als es ganz verbrannt war, zertrat er es mit den Füßen. »Diese Sache wäre geregelt! Sie glauben, daß ich ein Unrecht getan habe?« sagte er lächelnd zu Eunice. Er war plötzlich wieder der alte. »Wie Sie schon gemerkt haben werden, ist meine Mutter nicht ganz normal. Es wäre zuviel gesagt, wenn ich sie für vollkommen verrückt erklärte. Ein Marquis von Estremeda existiert nämlich überhaupt nicht, soviel ich weiß. Es ist eine fixe Idee meiner Mutter, daß sie früher einmal mit einem spanischen Adligen befreundet war. Das ist das traurige Geheimnis unserer Familie, Miss Weldon.« Er lachte; aber sie wußte, daß er log. 11 Die Tür zu Digby Groats Arbeitszimmer stand auf, und er konnte sehen, wie Eunice nach ihrem Zimmer ging, das im Obergeschoß lag. Er hatte fast den ganzen Nachmittag an sie denken müssen und hatte sich selbst verwünscht, daß er sich ihr von einer so schlechten Seite gezeigt hatte, denn er wollte ihr doch vor allen Dingen imponieren und gefallen. Aber vor allem ärgerte er sich darüber, daß er in seiner Wut in ihrer Gegenwart ein Dokument zerstört hatte und dadurch nun in ihrer Hand war. Wenn seine Mutter starb und man nach einem Testament forschte, wenn nun Estremeda durch irgendeinen Zufall mit Eunice bekannt wurde und sie vor Gericht als Zeugin auftrat, konnte durch ihre Aussage das frühere Testament seiner Mutter annulliert und er auf die Anklagebank gebracht werden. Er war stets der Meinung, daß die großen Verbrecher durch Kleinigkeiten zu Fall gebracht werden. Der Verschwender, der Hunderttausende von Pfunden vergeudet, wird schließlich durch eine kleine Summe von hundert Pfund bankerott, die er nicht bezahlen kann. Und er, das Haupt der Bande der Dreizehn, der alle Spuren seiner Vergehen so meisterhaft verwischt hatte, daß die tüchtigste Polizeibehörde der Welt und die schlauesten Detektive nicht imstande waren, ihm etwas nachzuweisen, lief Gefahr, durch irgendeine Dummheit gefaßt zu werden, die er aus plötzlicher Wut oder Eitelkeit beging. Er war jetzt noch mehr als früher entschlossen, Eunice Weldon unter seinen Einfluß zu bringen, so daß sie ihre Kenntnisse niemals gegen ihn ausnützte. Es war eine schwere Aufgabe, die er sich stellte, denn Eunice hatte ihn selbst durch ihre Schönheit sehr fasziniert. Ihre herrliche Erscheinung und ihre ungewöhnliche Intelligenz waren Anziehungskräfte und Reize, denen er sich nicht verschließen konnte. Er wußte genau, daß sie Jim Steele öfter traf, den Mann, den er haßte, und der sein Todfeind war. Jackson hatte sie schon zweimal bei ihren Ausgängen in die Stadt verfolgt und hatte ihm berichtet, daß sie Jim im Park getroffen hatte. Und die Möglichkeit, daß Jim sie liebte, war der größte Ansporn zu all seinen niederträchtigen Plänen. Er konnte sich durch dieses Mädchen an Jim rächen, er konnte die Frau für sich gewinnen, die Jim Steele am meisten auf der Welt liebte. Das würde eine herrliche Rache sein, dachte er, als er vor seinem Schreibtisch saß und sie behend die Treppe hinaufgehen hörte. Aber er wußte, daß er geduldig warten und vorsichtig zu Werke gehen mußte. Vor allen Dingen mußte er ihr Vertrauen erwerben. Und wenn er sein Ziel erreichen wollte, durfte er nichts davon erwähnen; daß sie Jim Steele traf. In keiner Weise durfte er sie hindern, diesen Mann zu sehen, und ebenso mußte er alles vermeiden, was ihr den Eindruck geben konnte, daß er sich für sie interessierte. Er hatte nicht mehr versucht, seine Mutter zu sprechen. Wie ihm die Krankenschwester erzählt hatte, schlief sie schon den ganzen Nachmittag. Er fühlte, daß er auch in diesem Falle nur mit Geduld weiterkommen würde. Beim Abendbrot erwähnte er Eunice gegenüber noch einmal die Szene im Wohnzimmer seiner Mutter. »Sie müssen denken, ich sei ein rücksichtsloser Mensch, Miss Weldon«, sagte er; »aber Sie wissen nicht, wie ich durch die vielen Dummheiten meiner Mutter mit der Zeit verärgert und nervös geworden bin. Sie glauben, daß meine Handlungsweise ihr gegenüber nicht richtig ist?« fragte er lächelnd. »Wir tun in unserer Aufregung manchmal Dinge, über die wir uns hinterher schämen«, erwiderte Eunice, die seinen Wutausbruch entschuldigen wollte. Am liebsten hätte sie über die ganze Sache nicht mehr gesprochen, denn sie hatte ein böses Gewissen, weil sie Digby Groat diese Sache mitgeteilt hatte. Aber sie wurde noch unruhiger bei der Fortsetzung der Unterhaltung. »Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, Miss Weldon, daß alles, was innerhalb dieses Hauses passiert, vertraulich ist, und daß Sie nicht zu Fremden darüber sprechen dürfen.« Er bemerkte, daß sie rot wurde. Sie senkte den Blick auf das Tischtuch und spielte nervös mit ihrer Gabel, so daß er sofort wußte, daß sie über das Testament gesprochen hatte. Er verwünschte sich selbst aufs neue, daß sie Zeugin seines Ärgers und seiner Wut gewesen war. Aber zu ihrer größten Beruhigung ging er dann auf ein anderes Thema über. Er erzählte ihr, daß er Änderungen in seinem Laboratorium vornehmen wolle und sprach begeistert von neuen elektrischen Geräten, die er ausprobieren werde. »Darf ich Ihnen nicht einmal meinen Arbeitsraum zeigen, Miss Weldon?« »Ich würde mich sehr freuen«, antwortete sie. Sie wußte genau, daß sie unaufrichtig war. Sie wollte sein Laboratorium überhaupt nicht sehen. Nachdem Jim ihr neulich beschrieben hatte, wie er den armen kleinen Hund auf dem Operationstisch durch Klammern und Schrauben befestigt hatte, war es für sie eine Stätte des Schreckens und des Abscheus. Aber sie war froh, mit Digby Groat irgend etwas anderes besprechen zu können. Als sie zusammen in den Raum traten, entdeckte sie nichts Schreckliches. Das Laboratorium war weiß und sauber, alle Geräte und Gegenstände waren ordentlich aufgestellt. Bewundernd gingen ihre Blicke über die langen Reihen von Medizinflaschen und Medikamenten auf den Wandbrettern. Er zeigte ihr die kleinen Glasröhren, die geheimnisvollen Instrumente und Apparate. Er hütete sich aber wohl, den einen Schrank zu öffnen, der in der hintersten Ecke des Raumes stand, und so blieben ihr die Zeugen der schrecklichen und grausamen Operationen verborgen, die er hier schon ausgeführt hatte. Sie freute sich nun, daß sie das Laboratorium gesehen hatte, aber trotzdem fühlte sie sich erleichtert, als sie wieder ins Wohnzimmer zurückkehren konnte. Digby ging um neun Uhr aus. Sie blieb allein und konnte lesen oder sonstwie den Abend vertreiben. Auf dem Weg zu ihrem Zimmer sprach sie im Krankenzimmer von Mrs. Groat vor und erfuhr, daß die alte Frau auf dem Wege der Besserung sei. »Ich hoffe, daß sie morgen oder übermorgen wieder ganz hergestellt ist.« Auch das war eine Erleichterung für Eunice. Die Krankheit von Mrs. Groat hatte sie bedrückt. Es war so traurig zu sehen, wie die einst so schöne Frau nun verfallen, alt und krank aussah, eine hilflose Greisin, die nicht mehr Herrin ihres Körpers und ihrer Gedanken war. Sie hatte ihr Zimmer, das schon so schön war, als sie hierherkam, noch hübscher gemacht, indem sie einige Kleinigkeiten änderte und ein paar Möbel umstellte. Sie hatte einige der Bücher gelesen, die Digby Groat zu ihrer Unterhaltung ausgewählt hatte; manche hatte sie auch nur durchgeblättert und war dann zu einem ablehnenden Urteil gekommen. Heute las sie den Roman ›Der Mann aus Virginien‹. In diesem Buche lernte sie eine der entzückendsten Schöpfungen menschlicher Phantasie kennen. ›Der Mann aus Virginien‹ war ebenso schön und tugendhaft wie Jim. Überhaupt ähnelten alle Helden in Büchern, die ihr gefielen, Jim. Als sie ihr Taschentuch aus ihrer Handtasche nahm, berührten ihre Finger die kleine, graue Karte, die sie damals auf ihrem Nachttisch gefunden hatte. Sie nahm sie wieder heraus und zerbrach sich aufs neue den Kopf darüber, wer sie ihr wohl zugesandt hatte, und welchen Zweck er damit verfolgte. Noch mehr wunderte sie sich über das Zeichen der blauen Hand. Sie hätte gar zu gern gewußt, was sie bedeutete. Irgendeine geheimnisvolle Geschichte mußte hinter der ganzen Sache stecken. Sie legte ihr Buch einen Augenblick fort, erhob sich, drehte die Schreibtischlampe an und besah sich noch einmal genau die Handschrift und das blaue Zeichen. Es mußte wohl mit einem Gummistempel aufgedrückt sein. Das Bild einer offenen Hand war schön und klar gezeichnet. Wer mochte wohl ihr geheimnisvoller Freund oder ihre Freundin sein? Nachdenklich schüttelte sie den Kopf. Jim konnte es nicht sein, und doch – es war ihr unangenehm, in diesem Zusammenhang an Jim zu denken. Aber wer es auch immer gewesen sein mochte, der sie warnte, er hatte unrecht gehabt. Sie hatte das Haus nicht verlassen, und doch war ihr nichts passiert. Sie fühlte sich sicher und stolz bei dem Gedanken, daß der geheimnisvolle Bote nichts von Jim wissen konnte, der sie so treu beschützte. Sie hörte Schritte auf dem Gang, und gleich darauf klopfte Digby Groat an ihre Tür, der gerade nach Hause, gekommen war. »Ich sah, daß Sie noch Licht hatten, und wollte Ihnen noch etwas geben, das ich vom Ambassador-Club mitgebracht habe.« Er überreichte ihr eine große, viereckige Schachtel, die mit einer fliederfarbenen Seidenschleife zugebunden war. »Dies ist für mich?« fragte sie erstaunt. »Das wurde unter die Gäste verteilt«, sagte er, »und ich dachte mir, daß Sie vielleicht Pralinen gern essen. Es sind die besten, die in England hergestellt werden.« Sie dankte ihm lachend. Er machte keinen Versuch, die Unterhaltung fortzusetzen, sondern verabschiedete sich durch ein höfliches Kopfnicken und verließ ihr Zimmer. Sie hörte, wie sich seine eigene Zimmertür öffnete und schloß. Fünf Minuten später kam er wieder auf den Gang hinaus, aber seine Schritte entfernten sich immer mehr. Er geht jetzt in sein Laboratorium, dachte sie für sich. Es überlief sie ein Schauer, als ihr der Gedanke kam, daß er zu dieser späten Nachtzeit vielleicht Experimente vornehmen würde. Sie hatte die Schachtel auf den Tisch gestellt und sie bei ihrer Lektüre ganz vergessen. Erst als sie wieder zu Bett ging, erinnerte sie sich daran, zog die Schleife auf und öffnete den Karton, so daß sie den schön geordneten Inhalt sehen konnte. »Wirklich hübsch arrangiert«, sagte sie und nahm ein Stück in die Hand. Bum! Sie drehte sich schnell um, und das Stückchen Schokolade entfiel ihr. Sie hörte irgendeinen Laut vom Fenster her. Es klang, als ob jemand mit der Faust dagegengeschlagen hätte. Sie eilte hin, zog die seidenen Vorhänge zurück, zögerte nervös einen Augenblick, bevor sie hinausschaute. Zuerst sah sie nichts und glaubte schon, daß jemand von der Straße aus etwas gegen das Fenster geworfen hätte. Der Balkon war leer. Sie öffnete das Fenster, trat hinaus und suchte den Boden ab, um den Gegenstand zu finden, der gegen das Fenster geschleudert worden war; aber sie konnte nichts entdecken. Langsam ging sie in ihr Zimmer zurück und schloß die Fenstertür wieder, als plötzlich ihre Blicke auf die Scheibe fielen. Sie war atemlos vor Schrecken, denn sie sah auf dem Glas den lebensgroßen Abdruck einer menschlichen Hand in blauer Farbe! 12 Eunice starrte auf das Zeichen; aber ihre Neugierde war doch größer als ihre Angst. Sie öffnete das Fenster wieder und betastete den Abdruck. Die Farbe war noch frisch. Sie trat auf den Balkon hinaus und ging an der Fassade außen entlang, bis sie zu der Balkontür kam, die sich über dem Haustor befand. Sie versuchte sie zu öffnen, aber sie war verschlossen. Sie lehnte sich über das Geländer und überschaute den Platz. Sie sah einen Herrn und eine Dame zusammen vorübergehen, die miteinander sprachen. An der Ecke des Platzes ging eben ein Polizist an einer Straßenlaterne vorbei. Sie überlegte, daß er gerade am Haus gewesen sein mußte, als der blaue Abdruck auf die Fensterscheibe gemacht wurde. Eben wollte sie sich wieder zurückziehen, als sie eine Frau die Treppe des Hauses hinuntersteigen sah. Wer mochte sie sein? Eunice kannte bereits alle Dienstboten und wußte bestimmt, daß sie eine Fremde war. Vielleicht war es eine Bekannte Digby Groats, vielleicht auch eine Freundin der Krankenschwester. Aber ihre Bewegungen waren so ungewöhnlich, daß Eunice bestimmt wußte, daß sie die geheimnisvolle Persönlichkeit sein mußte, die den Handabdruck auf der Fensterscheibe gemacht hatte. Die fremde Dame ging auf eine große Limousine zu, die auf der anderen Seite des Platzes anscheinend auf sie wartete. Ohne dem Fahrer einen Auftrag zu geben, stieg sie ein, und der Wagen fuhr sofort davon. Eunice ging in ihr Zimmer zurück, setzte sich und versuchte, ihrer Aufregung Herr zu werden. Dieser Abdruck der blauen Hand sollte eine Warnung sein, dessen war sie ganz sicher. Sie wußte nun auch, welchen Weg die Fremde genommen hatte. Sie mußte durch die vordere Tür ins Haus gekommen sein, und nachdem sie die Treppe emporgestiegen war, mußte sie die Tür benutzt haben, die von dem Treppenpodest auf den Balkon führte. Auf ihrem Rückweg hatte sie diese Tür wieder abgeschlossen. Eunice war eher aufgeregt als erschrocken. Aber es lag eine gewisse Beruhigung in dem Gefühl, daß sich jemand um sie sorgte. Rein gefühlsmäßig wußte sie, daß die Frau, die die blaue Hand auf die Fensterscheibe gedrückt hatte, ihr wohlwollte und ihre Freundin war. Sollte sie nach unten gehen und Digby Groat alles erzählen? Nein, sie wollte dieses Geheimnis für Jim aufsparen. Mit einem Staubtuch wischte sie die blaue Farbe von der Fensterscheibe, setzte sich dann auf die Bettkante und dachte über ihr merkwürdiges Erlebnis nach. Warum hatte die Frau diese Art und Weise gewählt, sie zu warnen? Warum hatte sie ihr nicht, wie es sonst üblich war, einen Brief geschrieben? Zweimal hatte sie nun schon eine große Gefahr auf sich genommen, um Eunice zu warnen, und sie hätte doch denselben Zweck erreicht, wenn sie es durch die Post getan hätte. Eunice runzelte die Stirn. Sie überlegte sich, daß ein anonymer Brief kaum Eindruck auf sie gemacht hätte. Wahrscheinlich hätte sie ihn zerrissen und in den Papierkorb geworfen. Diese mitternächtlichen Besuche sollten bei ihr den Eindruck hervorrufen, daß sie in Gefahr schwebte und daß die unbekannte Warnerin sich um sie sorgte. Trotzdem war es noch nicht ganz sicher, daß die Frau, die sie eben aus dem Hause hatte herauskommen sehen, ihre geheimnisvolle Freundin war. Eunice hatte sich nicht die Mühe gemacht, Digby Groats Charakter zu erforschen, sie kannte auch keinen seiner Freunde. Möglicherweise war die Dame in Schwarz eine seiner Bekannten, und wenn sie ihm von ihren Beobachtungen erzählte, hätte es leicht zu Unstimmigkeiten kommen können. Sie legte sich zu Bett; es dauerte lange, bis sie einschlafen konnte. Sie verfiel in einen leichten Halbschlummer und wachte dann wieder auf. Das wiederholte sich mehrere Male, bis sie sich schließlich entschied; aufzustehen. Sie zog die Vorhänge zurück, und das graue Morgenlicht flutete ins Zimmer. Der Verkehr auf der Straße setzte schon ein. Die frische, kühle Morgenluft kam herein, und Eunice zitterte bei dem offenen Fenster. Sie war hungrig, so hungrig, wie nur ein gesundes, junges Mädchen in frischer Morgenluft sein kann. Sie besann sich auf die Pralinen, die Digby ihr gestern abend gebracht hatte. Sie packte ein Stück aus der Stanniolhülle und hatte es schon zwischen den Zähnen, als sie sich plötzlich an die Warnung erinnerte, die sie gestern abend in dem Augenblick erhielt, als sie eine Praline essen wollte. Sie legte die Schokolade nachdenklich wieder auf den Tisch und suchte noch einmal das Bett auf. Sie wollte lieber warten, bis die Dienstboten im Hause aufgestanden waren und ihr etwas zu essen bringen konnten. * Jim Steele war an demselben Morgen eben im Begriff, seine kleine Wohnung zu verlassen, als ihm ein Eilbote ein großes Paket und einen Brief brachte. Er erkannte sofort die Handschrift von Eunice und trug das Paket in sein Arbeitszimmer. Der Brief war in aller Eile geschrieben, und berichtete ihm von den Ereignissen der letzten Nacht. ›Ich kann mir nicht denken, daß die Warnung etwas mit dem Konfekt zu tun hatte; aber irgendwie geht Ihr Vorurteil gegen Digby auf mich über. Ich hatte bis jetzt keinen Grund, ihn zu verdächtigen oder anzunehmen, daß er mir gegenüber schlechte Absichten haben könnte. Wenn ich Ihnen diese Bonbonniere schicke, erfülle ich damit nur Ihren Wunsch, Sie von allen außergewöhnlichen Dingen zu benachrichtigen, die hier vorgehen. Ich bin doch sicher ein gehorsames Mädchen. Würden Sie so lieb sein, Jim, mich heute abend zum Essen abzuholen? Es ist mein freier Abend, und ich möchte Sie gern sprechen. Ich brenne darauf, Ihnen von der blauen Hand zu erzählen. Ist die ganze Sache nicht schrecklich geheimnisvoll? Ich werde heute nachmittag den versäumten Schlaf nachholen, damit ich abends frisch und munter bin.‹ (Sie hatte in ihrem Übermut noch die Worte ›und schön‹ geschrieben, sie aber wieder ausgestrichen.) Jim Steele pfiff vor sich hin. Bis jetzt hatte er die blaue Hand als etwas rein Zufälliges angesehen, die diese unbekannte Persönlichkeit an Stelle einer Unterschrift gebrauchte. Durch die letzten Ereignisse erhielt sie aber eine neue Bedeutung. Dies Zeichen war mit Vorbedacht und aus einem bestimmten Grunde gewählt, den einer der Betroffenen kennen mußte. Ob Digby Groat etwas wußte? Jim schüttelte den Kopf. Digby Groat war die blaue Hand sicher ebenso geheimnisvoll wie Eunice und ihm selbst. Er hatte zwar keinen besonderen Grund für diese Annahme, es war nur ein Gedanke. Aber auf wen konnte sich dieses Zeichen sonst noch beziehen? Er wollte Mr. Salter heute morgen fragen, ob er vielleicht wüßte, welche Bedeutung die blaue Hand haben könnte. Dann erinnerte er sich an die Bonbonniere und untersuchte sie sorgfältig. Die Pralinen waren sehr schön verpackt, der Name einer bekannten Firma im Westen Londons stand auf der Rückseite des Kartons. Er nahm einige Stücke heraus, legte sie sorgfältig in einen Brief Umschlag und steckte ihn in die Tasche. Schließlich machte er sich auf den Weg ins Büro. Als er seine Wohnung abschloß, schaute er auf die gegenüberliegende Tür, wo Mrs. Fane und die geheimnisvolle Madge Benson wohnten. Die Tür war angelehnt, und er glaubte die Stimme der Frau unten zu hören, während sie mit dem Portier sprach. Als er einige Stufen hinuntergestiegen war, hörte er plötzlich einen lauten Hilferuf aus der Wohnung. Ohne zu zögern, stieß er die Tür auf und eilte den Gang entlang. Auf beiden Seiten waren verschiedene Türen, doch nur die letzte auf der rechten Seite stand offen. Dünne Rauchschwaden drangen aus dem Zimmer. Er trat ein, als sich die Frau, die im Bett lag, eben auf die Ellenbogen stützte, als ob sie aufstehen wollte. Er sah, daß die Gardinen brannten, riß sie schnell herunter und trat die Flammen aus. Nach einigen Sekunden war alle Gefahr vorüber. Als er den letzten Funken gelöscht hatte, blickte er von den schwarzverkohlten Gardinenresten auf dem Boden zu der Frau auf, die ihn mit großen Augen anschaute. Sie mochte zwischen vierzig und fünfundvierzig sein. Ihre schönen, sanften Gesichtszüge machten großen Eindruck auf ihn, und er hatte das Gefühl, daß er sie schon irgendwo gesehen haben mußte. Es wurde ihm aber auch klar, daß es ein Irrtum war. Die großen, grauen, leuchtenden Augen, das dunkelbraune, ein wenig mit Grau untermischte Haar, die schönen Hände, die auf der Bettdecke lagen – alles hatte er mit einem Blick gesehen. »Ich bin Ihnen zu größtem Dank verpflichtet, Mr. Steele«, sagte die Dame leise. »Das ist schon der zweite Unglücksfall, den wir hier haben. Ein Funke von einer vorbeifahrenden Lokomotive muß durchs Fenster geflogen sein.« »Ich muß mich entschuldigen, daß ich hier so unvermittelt eingebrochen bin«, erwiderte er lächelnd, »aber ich hörte Ihren Hilferuf. Sicher sind Sie Mrs. Fane.« Sie nickte und sah mit einer gewissen Bewunderung auf seine schlanke, sehnige Gestalt. »Ich möchte nicht länger hier verweilen und unter diesen etwas merkwürdigen Umständen eine lange Unterhaltung anfangen«, meinte er lachend. »Aber ich möchte doch wenigstens zum Ausdruck bringen, wie leid es mir tut, daß Sie so krank sind, Mrs. Fane. Kann ich Ihnen vielleicht noch ein paar Bücher schicken?« »Ich danke Ihnen sehr; Sie haben schon so viel für mich getan.« Er hörte, wie die Krankenschwester die Tür schloß. Sie war erst von unten heraufgekommen und wußte nichts von dem Vorfall. Sie erschrak sehr, als ihr der Brandgeruch entgegenschlug. Jim trat auf den Korridor und begegnete Madge Benson. Mit ein paar Worten erklärte er ihr, warum er in die Wohnung gekommen war, und sie brachte ihn in merkwürdiger Eile und etwas unhöflich zur Tür. »Mrs. Fane darf keine Besuche empfangen – sie regt sich zu sehr darüber auf.« »Was fehlt ihr denn?« fragte Jim, der sich darüber amüsierte, daß er hinausgeworfen wurde. »Sie hat Paralyse in beiden Beinen.« Jim drückte sein Bedauern aus. »Sie müssen nicht denken, daß ich unliebenswürdig sein will, Mr. Steele«, sagte die Frau ernst. Er merkte, daß sie sich nicht länger mit ihm unterhalten wollte und machte deshalb auch keinen weiteren Versuch, etwas Näheres von ihr zu erfahren. Das war also Mrs. Fane. Sie war eine außerordentlich schöne Frau, und es war zu schade, daß sie in den Jahren, in denen andere Frauen auf der Höhe ihrer Kraft stehen, mit einem so schrecklichen Leiden daniederlag. Als er schon halb auf dem Weg zum Büro war, erinnerte er sich plötzlich daran, daß Mrs. Fane sofort gewußt hatte, wer er war und ihn bei Namen genannt hatte. Wie war es möglich, daß sie ihn kannte, da sie doch niemals ihr Krankenzimmer verließ? 13 »Mr. Groat wird nicht zum Frühstück herunterkommen, er hat noch sehr spät gearbeitet.« Eunice nickte. Ihr war es immer noch lieber, sich mit Digby Groat zu unterhalten als mit seinem schlauen Diener, obwohl es ihr schwergefallen wäre, genau zu sagen, was sie an Jacksons Auftreten beleidigte. Äußerlich war er sehr respektvoll ihr gegenüber, und sie konnte kein Wort oder keinen Ausdruck nennen, durch den sie sich hätte verletzt fühlen können. Aber sein unausgesprochenes Selbstbewußtsein, seine anmaßende Haltung machten sie nervös. Sein Auftreten erinnerte sie an den Besitzer einer Pension, in der sie einmal gewohnt hatte. Der Besitzer war zugleich als Hausmeister tätig, aber er versuchte vergeblich, die Zuvorkommenheit eines Dieners mit der Autorität zu verbinden, die ein Hausherr haben muß. »Sie sind heute morgen sehr früh fortgegangen, Miss«, sägte Jackson mit schlauem Lächeln, als er einen neuen Teller vor sie hinsetzte. »Haben Sie etwas dagegen, wenn ich vor dem Frühstück ausgehe?« fragte sie ärgerlich. »Durchaus nicht, Miss«, erwiderte er höflich. »Ich hoffe, daß ich Sie durch meine Frage nicht gekränkt habe. Ich sah Sie nur zurückkommen.« Sie hatte das Paket und den Brief an Jim zur nächsten Post gebracht. Beinahe hätte sie Jackson alles erklärt, aber es war ja kein Grund vorhanden, warum sie sich vor einem Dienstboten entschuldigen sollte. Jackson ließ sich indessen nicht so leicht abweisen, außerdem hatte er ihr noch eine wichtige Neuigkeit mitzuteilen. »Sind Sie gestern abend nicht gestört worden, Miss?« »Was meinen Sie denn?« fragte Eunice und schaute auf. Er sah sie durchdringend an, und sie fühlte sich plötzlich beklommen. »Gestern abend hat sich jemand einen Scherz erlaubt; Mr. Groat war sehr böse.« Sie legte Messer und Gabel hin und lehnte sich in ihren Stuhl zurück. »Ich verstehe Sie nicht, Jackson«, erwiderte sie kühl. »Was für ein Scherz war es denn? Was ist passiert?« »Es war jemand im Hause. Es ist merkwürdig, daß Mr. Groat es nicht gehört hat. Aber wahrscheinlich war er zu sehr in seine Arbeiten im Laboratorium vertieft. Ich dachte, Sie hätten gehört, wie er später das ganze Haus durchsuchte.« Sie schüttelte den Kopf. Ob die blaue Hand entdeckt worden war? »Woher weiß man denn, daß ein Fremder im Hause war?« fragte sie. »Weil er sein Zeichen zurückgelassen hat«, sagte Jackson grimmig. »Sic kennen doch die weiße Tür, die in das Laboratorium führt?« Sie nickte. »Als Mr. Groat um halb drei heute morgen herauskam, drehte er das Licht in der Halle an und sah einen Farbflecken auf der Tür. Er ging zurück und erkannte, daß es der Abdruck einer blauen Hand war. Ich habe schon den ganzen Morgen versucht, ihn abzuwischen, aber er hat sich in das Flechtwerk eingefressen, und ich kann ihn nicht wegbringen.« »Der Abdruck einer blauen Hand?« wiederholte sie langsam und fühlte, daß sie blaß wurde. »Was hat das zu bedeuten?« »Wenn ich das nur selbst wüßte! Auch Mr. Groat hat keine Ahnung. Aber die Zeichnung der Hand war genau und scharf abgezirkelt. Zuerst dachte ich, daß es eins der Dienstmädchen getan hätte, dem einen ist nämlich gekündigt worden, und es wäre ja möglich gewesen, daß das Mädchen es aus Rache gemacht hätte. Aber es konnte es nicht gewesen sein. Außerdem liegen die Dienstbotenschlafräume im Hinterhaus, und die Verbindungstür wird geschlossen gehalten.« Diese geheimnisvolle Fremde hatte also nicht nur sie gewarnt, sondern auch Digby Groat! Eunice war beinahe mit dem Frühstück fertig, als Digby im Speisezimmer erschien. Er sah müde und abgespannt aus. In den Morgenstunden bot er niemals ein vorteilhaftes Bild. Er sah Eunice argwöhnisch von der Seite an, als er am Tisch Platz nahm. »Es tut mir leid, daß Sie schon fertig sind, Miss Weldon«, sagte er nur kurz. »Hat Jackson Ihnen gesagt, was in der Nacht passiert ist?« »Ja«, erwiderte Eunice ruhig. »Haben Sie eine Ahnung, was das bedeuten könnte?« Er schüttelte den Kopf. »Das bedeutet Unannehmlichkeiten für den Täter, wenn ich ihn erwische.« Dann erkundigte er sich, wie es seiner Mutter heute morgen ginge. Eunice fragte immer morgens, wenn sie herunterkam, nach dem Befinden von Mrs. Groat, und so konnte sie ihm mitteilen, daß es ihr besser ginge und sie eine sehr gute Nacht gehabt hätte. »Man kann nicht erwarten, daß sie sich sehr schnell wieder erholt«, sagte er. »Wie haben Sie geschlafen, Miss Weldon?« »Ausgezeichnet«, log sie. »Haben Sie meine Pralinen einmal versucht?« fragte er lächelnd. Sie nickte. »Sie sind ausgezeichnet.« »Essen Sie nur nicht zuviel auf einmal.« Von dem nächtlichen Besuch erwähnte er nichts mehr. Als Eunice später an ihre Arbeit ging, sah sie Handwerker damit beschäftigt, den blauen Flecken zu entfernen. Da sie ihn aber nicht ganz wegbringen konnten, ließ Digby das Flechtwerk der Tür ganz mit dunkelblauer Farbe übermalen. Sie wußte, daß Digby beunruhigter war als gewöhnlich. Als sie ihn zufällig an diesem Morgen noch einmal traf, sah sie, daß er sehr nervös war. Sie brachte ihm eine Rechnung, die sie noch zwischen anderen Papieren gefunden hatte und war überrascht, als er mit sich selbst sprach. * Am Nachmittag war ein Empfang bei Lord Waltham zu Ehren eines hohen Diplomaten, der England einen Besuch abstattete. Digby Groat hielt es für ratsam und vorteilhaft, die Bekanntschaft mit dem feinsinnigen Lord Waltham zu pflegen, der einer der fünf großen Finanzleute der City war. Digby hatte in sehr geschickter Weise ein Syndikat gebildet, das die großen Güter der Dantons aufkaufen sollte, über die er in kurzer Zeit verfügen würde. In dieser glänzenden Gesellschaft befanden sich viele Damen, die gern seine Bekanntschaft gemacht hätten. Man wußte, daß er der Erbe eines großen Vermögens war. Aber Digby war schwer zufriedenzustellen, und man sprach viel darüber, daß er Damengesellschaft direkt aus dem Wege ging. Er hätte eine glänzende Partie machen können, wenn er gewollt hätte. Aber offensichtlich hatten die Mädchen seines eigenen Kreises keine Anziehungskraft für ihn. Seine Freunde erzählten von ihm nach Tisch bei einer guten Zigarre, wenn sie unter sich waren, Geschichten, die ihm gerade nicht zur Ehre gereichten. Digby hatte allerhand Abenteuer hinter sich, meistens schmutzige Affären. Seine Opfer hatte er hinterlistig verraten und im Stich gelassen. Er war, wie er sagte, nur auf einen Sprung gekommen. Er hatte viel zu Hause zu tun und deutete an, daß er neuartige Untersuchungen und Operationen an Tieren vornehmen wollte, die ihn heute den ganzen Abend beschäftigen würden. »Wie geht es Ihrer Frau Mutter, Groat?« fragte Lord Waltham. »Ich danke für Ihre gütige Nachfrage, sie befindet sich bereits auf dem Wege der Besserung.« Es war ihm nicht recht, daß die Unterhaltung auf seine Mutter kam. »Ich kann eigentlich gar nicht verstehen, daß sie sich in den letzten Jahren so verändert hat«, meinte Lord Waltham mit Stirnrunzeln. »Sie sah doch so schön und jugendlich aus und war eine der lebhaftesten Frauen, denen ich jemals begegnet bin. Aber plötzlich schienen all ihr Lebensmut und ihre Lebensfreude verschwunden zu sein, und – verzeihen Sie, wenn ich diesen Ausdruck gebrauche – sie alterte mit einemmal schnell, fast zusehends.« »Auch mir ist das nicht entgangen«, erwiderte Digby, »aber Frauen ihres Alters fallen gewöhnlich schnell ab.« »Ich dachte, es sei noch ein besonderer Grund hierfür vorhanden. Aber ich vergesse immer, daß Sie ja Arzt sind.« Digby verabschiedete sich und lachte in sich hinein, als er wieder in seinen Wagen stieg. Was hätte wohl Lord Waltham gesagt, wenn er ihm die geheimen Gründe auseinandergesetzt hätte, warum seine Mutter plötzlich ihr schönes Aussehen verloren hatte. Auch er selbst war ja nur zufällig dahintergekommen. Sie war dem Morphium verfallen. Nach dieser Entdeckung hatte er selbst mit aller Energie eine Entziehungskurs bei ihr durchgeführt, nicht weil er sie liebte, sondern weil er als Wissenschaftler gern Experimente machte. Er hatte herausbekommen, woher sie das Gift bezog, und hatte mit der Zeit immer mehr von der narkotischen Droge aus den Pillen entfernt, bis er diese schließlich ganz durch andere unschädliche Stoffe ersetzte. Für die alte Frau war das Resultat schrecklich. Sie welkte plötzlich dahin, und Digby, den sie bis dahin vollkommen beherrscht hatte, wurde zu seinem Erstaunen Herr über sie. Er zog auch sofort Vorteile aus der neuen Lage, Tag und Nacht ließ er sie beobachten, damit sie sich nicht von anderer Seite Morphium beschaffte, denn seitdem es ihr ferngehalten wurde, war ihre Energie zerstört, und sie fügte sich sklavisch dem Willen ihres Sohnes. * Mr. Septimus Salter war noch nicht da, als Jim in sein Büro trat. Mr. Steele wartete ungeduldig, denn er hatte seinem Chef, den er fast eine ganze Woche lang nicht gesehen hatte, viel zu berichten. Der Rechtsanwalt hatte wieder einen seiner Gichtanfälle gehabt und war deswegen reizbar und verstimmt. In dieser Verfassung war er nicht geneigt, der blauen Hand irgendeine besondere Bedeutung beizulegen. »Wer nun auch immer die Person sein mag, ob es eine Frau oder ein Mann ist, sie mußte doch den Stempel stets mit sich führen. Sie sagten ja selbst, daß die Abdrücke mit einer Gummiplatte hergestellt sind. Ich kann mich nicht darauf besinnen, daß eine blaue Hand irgendwann einmal eine Rolle gespielt hätte. An Ihrer Stelle würde ich der ganzen Sache keine Bedeutung beilegen.« Obgleich Jim nicht der Meinung seines Chefs war, hütete er sich doch wohl, es ihm zu sagen. »Sie haben mir auch erzählt, daß Mrs. Groat ein neues Testament gemacht hat. Was wissen Sie denn davon? Sie hat doch ihr erstes Testament hier in diesen Räumen bei mir unterzeichnet?« Jim nickte. »Und in diesem zweiten Testament soll sie ihren Sohn enterbt haben?« fragte der alte Salter nachdenklich. »Merkwürdig! Ich hatte doch immer eine Ahnung, daß zwischen den beiden keine große Zuneigung besteht. Wem hat sie denn jetzt ihr Vermögen vermacht?« »Dem Marquis von Estremeda.« »Der Name ist mir bekannt. Er ist ein reicher spanischer Grande, der einige Jahre bei der spanischen Gesandtschaft in London Attaché war. Vielleicht hat er bei den Dantons verkehrt, ich kann mich aber nicht darauf besinnen. Meiner Meinung nach hat sie jedoch keine Veranlassung, ihr Vermögen einem Manne zu vermachen, dem beinahe eine halbe Provinz gehört, und der drei oder vier große Schlösser in Spanien besitzt. Die Sache kommt mir nun wirklich geheimnisvoll vor.« Jim hatte ihm noch mehr zu erzählen. »Ich lasse die Schokolade von einem Chemiker untersuchen.« Mr. Salter lächelte. »Erwarten Sie etwa, daß sie vergiftet ist? Wir leben jetzt nicht mehr in den Tagen Cesare Borgias. Und obwohl Digby einen gemeinen Charakter hat, glaube ich doch nicht, daß er ein Mörder ist.« »Trotzdem überlasse ich nichts dem Zufall. Meiner Ansicht nach ist mit diesen unschuldig aussehenden Pralinen etwas nicht in Ordnung Und diese geheimnisvolle Person mit der blauen Hand wußte darum und warnte deshalb Miss Weldon.« »Ach, das ist doch Unsinn«, brummte der Rechtsanwalt. »Nun gehen Sie aber, ich habe schon wieder viel zuviel Zeit mit dieser niederträchtigen Angelegenheit versäumt.« Jim ging zuerst zum chemischen Laboratorium in der Wigmore Street, und nachdem er seinem Freund dort alles erzählt hatte, war dieser an dem Fall sehr interessiert. »Was könnte denn mit der Schokolade geschehen sein?« fragte er und wog zwei Pralinen in seiner flachen Hand. »Ich kann es Ihnen nicht genau sagen, aber ich wäre sehr überrascht, wenn Sie nicht irgend etwas fänden.« »Kommen Sie heute nachmittag um drei oder vier Uhr wieder, dann werde ich Ihnen alle Resultate, die ich herausgebracht habe, geben.« Als Jim zu der bestimmten Zeit zurückkehrte, sah er drei Reagenzgläser in einem Ständer auf dem Labortisch. »Nehmen Sie Platz, Steele«, sagte der Chemiker. »Die Analyse ist mir sehr schwergefallen, aber wie Sie richtig vermuteten, fanden sich Beimengungen in der Schokolade, die nicht darin sein sollten.« »Doch nicht etwa Gift?« fragte Jim erschrocken. »Ja, vom rein chemischen Standpunkt aus. Wenn Sie so wollen, ist fast in jeder Sache Gift enthalten. Aber Sie können tausend solcher Pralinen essen, ohne daran zu sterben. Ich fand Spuren von Hyacin und einer anderen Droge, die aus indischem Hanf destilliert wird.« »Sie meinen Haschisch?« »Ja, wenn es geraucht wird, nennt man es Haschisch. Wenn man aber einen Extrakt aus der Pflanze zieht, so haben wir dafür einen anderen Namen. Diese beiden Drogen gehören natürlich zu den Giften. Wenn sie zusammen in großen Mengen genommen werden, verursachen sie Bewußtlosigkeit und schließlich den Tod. Aber in diesen Pralinen ist kein genügend großes Quantum enthalten, um solche Folgen zu zeitigen.« »Welche Wirkungen haben denn kleinere Mengen?« »Neuere Forschungen haben bewiesen, daß durch den dauernden Genuß kleiner Mengen Energie und Willenskraft zerstört werden; um es genauer zu sagen: es werden gewisse Hemmungen beseitigt. Sie wissen wahrscheinlich, daß in England vor der Hinrichtung nervöser und erregbarer Menschen diese Drogen in kleinen Quantitäten in das Essen gemischt werden, um ihren Willen derartig zu schwächen, daß selbst die Aussicht auf den nahen Tod keinen großen Eindruck mehr auf sie macht.« Jim war blaß geworden, als er den gemeinen Plan Digbys durchschaute: »Welchen Einfluß würde diese Droge auf ein energisches junges Mädchen haben, die, sagen wir einmal, von einem Mann, den sie nicht leiden mag, mit Liebesanträgen verfolgt wird?« »Vermutlich wird sich ihre Abneigung in Apathie verwandeln. Sie wird zunächst ihren Widerstand gegen ihn nicht vollständig aufgeben, aber mit der Zeit wird er vollkommen verschwinden. Durch den Genuß dieser Droge wird schließlich auch ein starker Charakter allmählich schwach.« »Ich habe Sie sehr gut verstanden«, entgegnete Jim ruhig. »Sagen Sie mir bitte, ob es möglich ist, eine Person, die einem jungen Mädchen solche Süßigkeiten schenkt, vor Gericht zu stellen und zur Verurteilung zu bringen?« »Das glaube ich nicht. Wie ich schon sagte, sind die Mengen verschwindend klein, ich habe bei meiner Untersuchungsmethode nur Spuren davon gefunden. Aber ich vermute, daß bei Wiederholungen dieses Geschenkes die Beimengungen von Woche zu Woche gesteigert werden. Wenn Sie mir nach drei Wochen andere Pralinen bringen oder Speisen, die hiermit versehen sind, so werde ich in der Lage sein, Ihnen auch mengenmäßige Angaben zu machen.« »Waren alle Pralinen, die ich Ihnen gab, gleichmäßig behandelt?« »Ja, die Beimengung der Drogen ist sehr gut vorgenommen. Die Pralinen sind in keiner Weise verfärbt. Ich nehme daher an, daß die Schokolade, aus der sie hergestellt sind, im ganzen mit den Fremdstoffen gemischt wurde. Und dazu ist nur ein Chemiker oder ein Arzt, der hierin besondere Erfahrung hat, imstande.« Jim antwortete nichts. Digby Groat war sowohl ein tüchtiger Chemiker als auch ein Arzt, der sich mit diesem Spezialgebiet beschäftigte. Nachdem er das Laboratorium verlassen hatte, ging Jim im Hyde Park spazieren. Er wollte allein sein, um über alles nachzudenken. Es hatte wenig Zweck, Eunice auf so geringe Anzeichen hin zu warnen, er mußte warten, bis Groat größere Dosen unter die Schokolade mischte. Der Gedanke, daß sie noch länger in Digby Groats Hause weilen mußte, quälte ihn, aber er war fest entschlossen, ihr noch nichts zu sagen. An diesem Abend hatten sich die beiden zum Essen verabredet, und er freute sich schon auf ein Zusammensein mit ihr. Seine Gedanken beschäftigten sich nur noch ausschließlich mit Eunice, selbst die Nachforschungen nach Lady Mary waren in den Hintergrund getreten. Er hätte sich vielleicht überhaupt nicht mehr um sie gekümmert, wenn nicht sein Feind Digby Groat zu sehr mit dieser geheimen Angelegenheit verknüpft gewesen wäre. Solange Eunice Weldon in seinem Hause wohnte, konnte die Angelegenheit Danton bei ihm nicht in Vergessenheit geraten. 14 Jim hatte Eunice noch nie im Abendkleid gesehen und war erstaunt von ihrer fast überirdischen Schönheit. Sie trug ein verhältnismäßig einfaches Kleid aus hellfarbiger Seide, das nur in der Mitte durch golddurchwirkte Spitzen betont war. Sie erschien Jim größer und schlanker, und das Gewand hob die Grazie ihrer Erscheinung und ihre feinen Gesichtszüge noch mehr hervor. »Nun«, sagte sie, als sie neben ihm im Wagen saß und sie Piccadilly entlangfuhren, »wie gefalle ich Ihnen?« Jim konnte sich nicht satt an ihr sehen: »Sie sind wunderbar schön«, sagte er hingerissen. Er saß steif neben ihr im Wagen und wagte nicht, sich zu bewegen. Sie war für ihn der Inbegriff allen Glückes, die Erfüllung seiner letzten Träume. »Ich habe fast Angst vor Ihnen, Eunice.« Sie lachte silberhell. »Aber Jim, sprechen Sie doch nicht so«, entgegnete sie und legte ihren Arm in den seinen. Sie empfand eine gewisse Genugtuung, daß sie einen so großen Eindruck auf ihn machte. »Ich muß Sie sehr viel fragen«, sagte sie, als sie in einer Ecke des großen Speisesaals im Ritz-Carlton-Hotel Platz genommen hatten. »Haben Sie meinen Brief bekommen? Es war eigentlich nicht richtig von mir, und ich glaube, ich war etwas verrückt, daß ich Ihnen die Schokolade geschickt habe. Sicherlich war es Mr. Groat gegenüber unrecht, aber Ihr Verdacht hat mich angesteckt, Jim. Ich werde bald eine nervöse alte Jungfer werden!« Er lachte liebenswürdig. »Ich habe mich sehr über Ihren Brief gefreut. Die Schokolade –« Er zögerte. »Nun?« »Ich würde Mr. Groat an Ihrer Stelle sagen, daß sie ganz vorzüglich ist«, meinte er lächelnd. »Das habe ich schon getan. Aber Lügen sind mir verhaßt, selbst wenn es sich um nebensächliche Dinge handelt.« »Wenn er Ihnen die nächste Bonbonniere schenkt, müssen Sie mir drei oder vier Stück Schokolade schicken.« Sie war bestürzt und sah ihn schnell an. »Ist doch etwas drin entdeckt worden?« Ihre Frage war ihm sehr unangenehm. Er wollte und konnte ihr nicht sagen, was der Chemiker ihm mitgeteilt hatte. Auf der anderen Seite wollte er sie auch nicht unnötig einer Gefahr aussetzen. Er mußte also irgend etwas erfinden, wurde verlegen und brachte nur lahme Entschuldigungen hervor, die sie nicht überzeugten. Sie erkannte genau, daß er ihr nicht alles sagen wollte, aber sie war verständig genug, nicht in ihn zu dringen. Außerdem brannte sie zu sehr darauf, ihm von ihren Erlebnissen zu erzählen und ihn nach seiner Meinung über das Zeichen der blauen Hand zu fragen. »Das klingt ja ganz geheimnisvoll«, meinte Jim, als sie ihm alles erzählt hatte. Aber sein Ton war ernst. »Es ist schwer, derartige Dinge in unserer nüchternen Zeit zu erklären. Aber eins ist sicher. Diese merkwürdige Frau verbindet irgendeine Absicht damit. Auch daß der Abdruck der Hand blau ist, hat eine besondere Bedeutung. Aber anscheinend hat Digby Groat das noch nicht erkannt. Und jetzt wollen wir einmal von uns selbst sprechen«, sagte er lächelnd und legte seine Hand einen Augenblick auf die ihre. Sie machte keinen Versuch, sie fortzuziehen, bis der Kellner erschien. Und dann entfernte sie sie nur langsam, und er merkte, daß sie es nur widerwillig tat. »Ich werde noch einen weiteren Monat bei Mrs. Groat bleiben, und wenn es dann keine weitere Arbeit dort für mich gibt, gehe ich zum fotografischen Geschäft zurück – wenn man mich dort wiederhaben will.« »Ich weiß jemand, der Sie noch viel dringlicher haben möchte als der Fotograf, jemand, dessen Herz schmerzt, wenn er Sie fortgehen sieht.« Sie fühlte, wie ihr Herz heftig schlug. Ihre Hände zitterten. »Wer ist denn dieser Jemand?« fragte sie leise. »Jemand, der Sie nicht eher um Ihre Hand bitten will, bis er Ihnen eine gesicherte Stellung im Leben anbieten kann. Jemand, der den Boden verehrt, auf dem Sie wandeln, jemand, der überall Teppiche vor Ihnen ausbreiten und Ihnen ein schöneres Heim geben möchte, als die kleine, dürftige Wohnung, die neben dem Eisenbahngeleise liegt.« Er schwieg. Er hatte, von ihrer Gegenwart und dem Augenblick überwältigt, mehr gesagt, als er je zu sagen gewagt haben würde, und er hatte Worte gewählt, die ihm viel zu leer und schal schienen für seine Empfindungen. Lange Zeit sprach sie nichts, und er glaubte, er hätte sie beleidigt. Sie wurde blaß und wieder rot, und ihr zarter Busen hob und senkte sich schneller als gewöhnlich. »Jim«, sagte sie nach einer Weile, ohne ihn anzusehen, »ich würde mich selbst in einer ganz schlichten, einfachen Wohnung wohl fühlen, und ich würde gerne auch die Eisenbahnschienen in Kauf nehmen!« Sie wandte ihm ihr Gesicht zu, und er sah, daß Tränen in ihren Augen schimmerten. »Wenn Sie sich nicht mehr in acht nehmen, Jim Steele«, sagte sie mit einem leisen Anflug von Spott, »dann mache ich Ihnen noch einen Heiratsantrag!« »Gestatten Sie, daß ich mir eine Zigarette anzünde?« entgegnete Jim heiser nach einer Pause. Sie nickte. Sie wunderte sich, warum er so ruhig wurde und kaum noch sprach. Sie konnte nicht wissen, daß das große Glück, das ihm so plötzlich widerfuhr, sein Herz ganz erfüllte und ihn beinahe betäubte. Auf der Heimfahrt wünschte sie, daß er sie im Dunkel des Wagens in seine Arme geschlossen hätte. Wie gerne hätte sie an seiner Brust geruht! Sie sehnte sich danach, seine Küsse auf ihren Lippen und Augen zu fühlen. Wenn er sie jetzt gebeten hätte, mit ihm davonzulaufen oder die größte Torheit zu begehen, hätte sie ihm freudig ihre Zustimmung gegeben, denn ihre Liebe zu ihm wuchs immer mehr, wie ein großer, reißender Strom, und die innere Glut mußte zum Ausbruch kommen. Es gab keine Vernunft, keine Schranken und keine Grenzen mehr für sie. Aber er saß ruhig an ihrer Seite, hielt nur ihre Hand in der seinen und träumte von einer goldenen Zukunft. »Gute Nacht, Jim.« Ihre Stimme klang kühl und ein wenig, enttäuscht, als sie ihre Handschuhe anzog und ihm dann die Hand gab. Sie standen vor der großen, breiten Treppe von Mr. Groats Haus. »Gute Nacht«, sagte er leise mit zitternder Stimme und küßte ihr die Hand. Sie wäre beinahe in Tränen ausgebrochen, als sie in ihr Zimmer ging und die Tür hinter sich schloß. Lange schaute sie forschend in den Spiegel, dann schüttelte sie den Kopf. »Ich wünschte, er wäre nicht so gut – oder in mancher Beziehung ein größerer Held.« 15 Jim fuhr zu seiner Wohnung und war so in rosige Träume versunken, daß er jenseits von Zeit und Raum war. Es schien ihm, als ob er eben erst eingestiegen sei, als der Wagen plötzlich mit einem Ruck vor seiner Haustür hielt. Er würde selbst dann noch weitergeträumt haben, wenn ihn der Fahrer nicht etwas unwirsch daran erinnert hätte, daß er noch nicht bezahlt hatte. Das brachte ihn wieder auf die Erde zurück. Als er gerade aufschließen wollte, öffnete sich die Tür, und eine Dame, die von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet war, ging an ihm vorüber. Sie eilte zu einem Auto, das einige Schritte von der Haustür entfernt hielt. Wer mochte sie nur sein? Verwundert schaute er hinter ihr her. Aber er hatte sie bald wieder vergessen, denn der Zauber der Erinnerung an all das, was er soeben durchlebt hatte, war noch zu mächtig. Eine Stunde lang saß er in seinem großen Armsessel, schaute träumend ins Leere und rief sich jede Kleinigkeit des Abends ins Gedächtnis zurück. Er war selig und konnte kaum glauben, daß dieses halbgöttliche Wesen wirklich ihm gehören sollte. Mit einem tiefen Seufzer erhob er sich. Er hatte nur ein kleines Einkommen und mußte sehen, es bedeutend zu steigern, bevor er diese schöne Frau bitten durfte, sein Los zu teilen. Er schaute gleichgültig auf den Tisch. Am Nachmittag hatte er alles notiert, was sich auf den Fall bezog. Das Buch lag auch noch dort, aber – Er hätte darauf schwören können, daß er es offen hatte liegenlassen, denn er hatte ein gutes Gedächtnis für kleine Nebenumstände. Er erkannte jetzt auch, daß das Buch nicht nur geschlossen war, sondern auch an einer anderen Stelle lag. Jeden Morgen kam eine Aufwartefrau zu ihm, die sein Bett machte und die Wohnung reinigte. Sie hatte keinen Schlüssel, und er ließ sie selbst herein. Gewöhnlich kam sie, wenn er dabei war, sich selbst das Frühstück zu bereiten, was eine besondere Liebhaberei von ihm war. Er öffnete das Buch und wäre fast aufgesprungen. Zwischen den Seiten an der Stelle, wo er aufgehört hatte, zu schreiben, lag ein merkwürdiger Schlüssel. Es war ein kleiner Zettel mit der Aufschrift ›D. G.'s Hauptschlüssel‹ daran gebunden. Es war kein Zeichen einer blauen Hand hinzugefügt, aber er erkannte die Handschrift wieder; es war dieselbe wie auf der grauen Karte, die Eunice damals gefunden hatte. Die Dame in Schwarz war in seiner Wohnung gewesen und hatte ihm die Möglichkeit beschert, Digby Groats Haus zu betreten: den Schlüssel ... Jim stand starr vor Staunen! 16 Eunice wachte am nächsten Morgen ein wenig unzufrieden auf. Aber erst als sie ganz munter war, sich im Bett aufrecht gesetzt hatte und den feinen Tee trank, den ihr das Mädchen gebracht hatte, kam ihr zum Bewußtsein, warum sie in dieser Gemütsverfassung war, und sie lachte über sich selbst. ›Eunice Weldon‹, sagte sie zu sich und schüttelte vorwurfsvoll den Kopf, ›du bist ein kühnes, junges Mädchen! Weil der beste, junge Mann, den es überhaupt in der Welt gibt, zu anständig, zu rücksichtsvoll oder zu furchtsam war, dich zu küssen, bist du böse und enttäuscht! Außerdem war es unverzeihlich, einem Mann so weit entgegenzukommen und ihm beinahe selbst einen Antrag zu machen! Das war nicht das Benehmen einer Dame. Du darfst dich in Zukunft nie wieder so wegwerfen. Du hättest dich damit zufriedengeben und warten müssen, bis er den schönen Teppich vor deinen Füßen entrollte und dich in sein Haus führte und hättest nichts von der kleinen Wohnung in der Nähe der Eisenbahnschienen sagen dürfen! Aber ich glaube nicht, daß er in Zimmern mit nacktem Fußboden wohnt, Eunice, er wird schon hübsche Teppiche haben. An den Wänden werden Erinnerungszeichen hängen, und sicherlich ist die Aussicht von der Wohnung sehr hübsch, wenn nicht gerade die Züge vorbeirasseln. Und das wäre ja auch gleichgültig. Du hättest nicht Zeit, aus dem Fenster zu schauen, du hättest immer etwas zu tun. Du könntest seine Wäsche ausbessern, seine Strümpfe stopfen und – aber nun ist es genug, Eunice Weldon. Jetzt mußt du aufstehen!‹ Und schnell schlüpfte sie aus dem Bett. Als Digby Groat den Gang entlangschritt, hörte er ihre fröhliche, helle Singstimme im Bade. Er lächelte. Die reife Schönheit dieses herrlichen Mädchens hatte ihn ganz gefangengenommen, sie erschien ihm nicht nur begehrenswert, sie erschien ihm unentbehrlich! Er hatte sie zuerst zu seinem Spielzeug machen wollen, aber nun sollte sie die Zierde seines Hauses werden. Er lachte vergnügt bei diesem Gedanken. Ein Schmuck! Etwas, was ihn in den Augen seiner Mitmenschen in einem neuen Licht erscheinen ließ. Selbst der Umstand, daß er sie heiraten mußte, war nur ein kleines Opfer, wenn er dadurch dieses Juwel an sich fesseln konnte. Jackson sah, wie er lächelnd die Treppe herunterkam. »Es ist wieder ein Karton Schokolade abgegeben worden«, sagte er leise, als wüßte er, daß dies ein unliebsames Geheimnis sei. »Werfen Sie die Schachtel in den Aschenkasten! Oder geben Sie das Ding meiner Mutter!« sagte Digby gleichgültig. Jackson starrte ihn erstaunt an. »Wollen Sie denn nicht –«, begann er. »Sie müssen nicht so viele neugierige Fragen stellen, Jackson!« Digby schaute seinen Diener wütend an. »Sie kümmern sich zu sehr um meine Angelegenheiten, mein Freund. Da wir nun gerade einmal dabei sind, so möchte ich Ihnen eins sagen: lassen Sie Ihr verfluchtes Grinsen, wenn Sie Miss Weldon anreden, und benehmen Sie sich so, wie sich ein Diener einer Dame gegenüber zu benehmen hat! Haben Sie mich verstanden?« »Ich bin kein Diener«, erwiderte der Mann düster. »Diese Rolle haben Sie aber jetzt zu spielen – und zwar gut«, sagte Digby. »Fangen Sie nicht an, hier mit mir zu rechten, sonst –« Er faßte nach einem Brett an der Wand, wo mehrere Jagdpeitschen hingen. Jackson schrak zurück. »Ich habe ja gar nichts sagen wollen«, entgegnete er eingeschüchtert, aber sein Gesicht zuckte. »Ich habe die Dame immer respektvoll behandelt –« »Bringen Sie mir dir Morgenpost ins Speisezimmer«, befahl Digby kurz. Eunice kam gleich darauf. »Guten Morgen, Miss Weldon«, sagte Digby und schob ihr einen Stuhl an den Tisch. »Haben Sie sich gestern abend gut amüsiert?« »Oh, ganz ausgezeichnet«, erwiderte sie, sprach aber dann über etwas anderes. Sie war ängstlich, daß er noch mehr über den vergangenen Abend fragen konnte und war froh, als das Frühstück zu Ende war. Digbys Haltung ihr gegenüber war sehr korrekt. Er sprach über allgemeine Dinge und berührte den gestrigen Abend nicht mehr. Als sie zu Mrs. Groats Zimmer ging, um ihre Arbeit aufzunehmen, folgte er ihr nicht, wie sie anfänglich gefürchtet hatte. Es war nur noch wenig zu tun, die schwere Arbeit hatte sie hinter sich. Digby wartete, bis der Arzt von seiner Mutter herauskam. Er erfuhr, daß sie vollständig wiederhergestellt war. Der Doktor sagte allerdings, daß ein Rückfall eintreten könne, jedoch hielt er das im Augenblick für unwahrscheinlich. Digby wollte aber seine Mutter heute morgen unter allen Umständen sprechen. Sie saß am Fenster in einem Fahrstuhl, eine zusammengekauerte, unansehnliche Gestalt. Ihre dunklen Augen betrachteten gleichgültig das Teppichmuster, dann schweifte ihr Blick nach draußen ins Grüne. Der Wechsel der Jahreszeit bedeutete für sie nicht mehr als ein Wechsel der Kleidung. Ihr wildes Herz, das früher im Frühling so überlaut jauchzte und so heftig schlug, war jetzt schwach geworden, und ihr einst so schöner Körper war durch häßliche Leidenschaften zerstört. Und doch hatten ihre jetzt so unschönen Hände einst beglückt und bezaubert, aber auch Unheil und Fluch verbreitet. Ihre Gedanken beschäftigten sich augenblicklich mit Eunice Weldon. Sie hatte gar kein Mitgefühl mit ihr. Wenn Digby sie haben wollte, mochte er sie nehmen. Ihr Schicksal interessierte die alte Frau nicht mehr als das Schicksal der Fliege, die eben an der Fensterscheibe summte, und die sie durch einen Schlag ihrer Hand vernichten konnte. Aber aus einem anderen wichtigen Grund wäre es besser gewesen, wenn das Mädchen nicht hier wäre. Sie runzelte die Stirn. Die Narbe am Handgelenk war doch bedeutend größer als ein Halbschillingstück. Alles war wahrscheinlich nur ein reiner Zufall. Sie hoffte, daß sich Digby jetzt mit ihr beschäftigen würde. Dann hatte sie Ruhe. Er hatte dann keine Zeit, zu ihr zu kommen und sich um sie zu kümmern. Sie fürchtete sich entsetzlich vor ihm. Sie wußte, daß sein Wille unbeugsam war und ihr eigenes Leben wie das Licht einer Kerze verlöschen würde, wenn Digby es für vorteilhaft hielte, sie aus dem Weg zu räumen. Als sie nach dem Zusammenbruch das Bewußtsein wiedererlangte und in das Gesicht der Krankenschwester schaute, die sich über sie neigte, wunderte sie sich, daß Digby sie hatte weiterleben lassen. Er wußte, wie sie glaubte, nichts von dem Testament, und ein spöttisches Lächeln huschte über ihr gerötetes Gesicht. Das würde eine böse Überraschung für ihn sein. Es war schade, daß sie nicht dabeisein konnte, um es zu sehen. Aber sie konnte sich schon vorher daran weiden, wenn sie daran dachte, wie er sich ärgern und in nutzloser Wut verzehren würde. Die Tür wurde einen Spalt geöffnet, jemand unterhielt sich mit der Krankenschwester im Flüsterton, und dann trat Digby ins Zimmer. »Wie geht es dir heute, Mutter?« fragte er liebenswürdig. Sie blickte ihn scheu und erregt an. »Sehr gut, mein Junge, es geht mir wirklich vorzüglich«, sagte sie mit zitternder Stimme. »Willst du nicht Platz nehmen?« Sie sah sich ängstlich nach der Krankenschwester um, aber sie hatte das Zimmer verlassen. »Würdest du nicht die Pflegerin rufen? Ich brauche sie, mein Junge.« »Das kann warten«, erwiderte er kühl. »Ich möchte noch einiges mit dir besprechen, bevor sie zurückkommt. Zunächst möchte ich einmal wissen, warum du ein Testament zugunsten Estremedas gemacht und mich mit einer lumpigen Summe von zwanzigtausend Pfund abgefunden, hast?« Sie wäre unter diesem Schlage beinahe zusammengebrochen. »Ein Testament, mein Junge?« Sie sprach kläglich, fast winselnd. »Wovon sprichst du denn in aller Welt?« »Von dem Testament, das du gemacht und in deinem Geheimfach versteckt hast. Aber sage mir jetzt bloß nicht, daß ich träume oder daß es ein Scherz von dir war oder daß du nicht bei Verstand warst, als du es tatest. Ich möchte die reine Wahrheit hören!« »Ich habe das Testament schon vor langen Jahren gemacht«, sagte sie zitternd vor Furcht. »Damals dachte ich, daß mein ganzes Vermögen nicht mehr als zwanzigtausend Pfund betrüge.« »Das lügst du«, entgegnete Digby ruhig. »Du hast das Testament gemacht, um dich an mir zu rächen, du alter, verfluchter Teufel!« Sie sah ihn bleich vor Schrecken an. Digby war am gefährlichsten, wenn er in diesem kühlen, gleichgültigen Ton zu ihr sprach. »Ich habe das wertvolle Dokument verbrannt«, fuhr Digby fort. »Und wenn du Miss Weldon sehen solltest, die dabei war, als ich es vernichtete, würde ich wünschen, daß du ihr erzähltest, das Testament sei gemacht worden, als du nicht ganz richtig im Kopf warst.« Mrs. Groat konnte nicht sprechen. Ihr Unterkiefer zitterte, und sie dachte nur daran, wie sie die Aufmerksamkeit der Krankenpflegerin auf sich lenken konnte. »Stelle meinen Stuhl ans Bett, Digby«, bat sie schwach, »das Licht ist hier zu grell.« Er zögerte zunächst, aber dann erfüllte er ihren Wunsch. Als sie nach der Klingel tastete, die neben dem Bett angebracht war, lachte er. »Du brauchst nicht zu erschrecken, Mutter«, sagte er spöttisch. »Ich habe nicht die Absicht, dir etwas zu tun. Denke daran, daß deine verdammte Krankenpflegerin nicht ewig hier sein wird, und tu, was ich wünsche. Ich werde Miss Weldon in ein paar Minuten unter dem Vorwand zu dir heraufschicken, daß du ihr Aufträge geben willst und daß sie einige Briefe für dich zu beantworten hat, die heute mit der Morgenpost kamen. Hast du mich verstanden?« Sie nickte. Als Eunice in das Krankenzimmer trat, fand sie Mrs. Groat schlechter aussehend als früher. Gehässige Blicke trafen sie, als sie an den Krankenstuhl herantrat. Die alte Frau vermutete, daß Eunice das Testament gefunden hatte, und haßte sie deshalb. Aber die Furcht vor ihrem Sohn war doch größer. Nachdem ein paar Briefe beantwortet waren, hielt sie Eunice zurück, die das Zimmer wieder verlassen wollte. »Nehmen Sie noch einmal Platz, Miss Weldon. Ich wollte noch ein paar Worte mit Ihnen über das Testament sprechen, das Sie gefunden haben. Ich freue mich sehr, daß Sie es entdeckten, denn ich hatte schon ganz vergessen, daß ich es aufsetzte.« Es fiel Mrs. Groat schwer, zu sprechen. »Sehen Sie, mein liebes, junges Fräulein, ich leide manchmal an einer merkwürdigen Gedächtnisschwäche. Und – und – das Testament habe ich aufgesetzt, als ich einen solchen Anfall hatte –« Eunice hatte ihre zögernden und abgerissenen Worte gehört und glaubte, daß sie zu schwach sei, um fließend sprechen zu können. »Ich verstehe Sie vollkommen, Mrs. Groat«, sagte sie mitleidig. »Ihr Sohn hat mir alles erklärt.« »So, der hat Ihnen schon alles gesagt?« Sie schaute nachdenklich zum Fenster hinaus. Eunice wartete darauf, daß sie das Zimmer verlassen konnte. Aber unvermutet fragte Mrs. Groat: »Sind Sie mit meinem Sohn sehr befreundet?« Eunice lächelte: »Nicht besonders, Mrs. Groat.« »Nun, das wird noch kommen, mehr als Sie es sich jetzt denken.« Es lag eine solche Niedertracht und Gemeinheit in ihren Worten und in ihrem Ton, daß Eunice zusammenfuhr. 17 Jim liebte London, er liebte auch New York, diese Stadt aus Stahl und Beton, wo sentimentale Menschen, leben, die sich das Ansehen von Tyrannen geben. Nichts in der Welt kann dem Leben in New York gleichen. Aber London blieb London, es war unvergleichlich schön. Es verkörperte ihm die Geschichte der Welt und war ihm das Symbol der Zivilisation. Er machte einen Umweg und ging durch Covent Garden. Die farbenfreudige Umgebung stimmte ihn fröhlich. Er hätte den ganzen Morgen hier zubringen können, aber er mußte ins Büro, um Mr. Salter zu sprechen. »Haben Sie Nachforschungen nach der Firma Selenger angestellt?« war die erste Frage, die er an Jim richtete. Mr. Steele mußte zugeben, daß er vergessen hatte, dieses Geheimnis aufzuklären. »Es wäre aber sehr wichtig, wenn Sie wüßten, wer die Leute sind. Sie werden unter Umständen entdecken, daß Digby Groat oder seine Mutter dahinterstecken. Ich komme darauf, weil diese Häuser doch früher das Eigentum von Jonathan Danton waren – aber auf Vermutungen können wir uns nicht verlassen!« Jim stimmte ihm bei. Es war in der letzten Zeit so viel passiert, daß er diese wichtige Sache vergessen hatte. »Je länger ich über den Fall nachdenke, desto nutzloser kommen mir meine Nachforschungen vor, Mr. Salter, und selbst wenn ich Lady Mary gefunden habe, so sagen Sie ja selbst, daß ich meinem Ziel, den Groats das Vermögen abzujagen, nicht näher gekommen bin.« Mr. Septimus Salter antwortete nicht sofort. Er hatte ja eigentlich schon viel zuviel darüber gesprochen, aber plötzlich besann er sich eines anderen. Theorien waren keine Tatsachen, und doch konnte er sich nicht verschweigen, daß man der endgültigen Lösung vieler Geheimnisse um ein gutes Stück näher kommen würde, wenn einmal das Verschwinden Lady Marys aufgeklärt wäre. »Also kümmern Sie sich um die Firma Selenger«, sagte Salter schließlich. »Vielleicht finden Sie heraus, daß ihre Nachforschungen sowohl angestellt werden, um Lady Mary aufzufinden, als auch die Identität Ihrer jungen Freundin festzustellen. Auf jeden Fall können Sie nichts verderben, wenn Sie sich um die Sache bemühen.« 18 Eunice hörte abends um zwölf Uhr einen Wagen vor dem Hause halten. Sie hatte sich noch nicht zur Ruhe gelegt und trat auf den Balkon hinaus, um zu sehen, wer es war. Sie erkannte Digby Groat, der eben die Treppenstufen zur Haustür emporstieg. Sie schloß die Tür wieder und zog die Vorhänge vor. Aber sie war noch nicht müde genug, zu Bett zu gehen, da sie unvorsichtigerweise der Versuchung nicht hatte widerstehen können, sich am Nachmittag etwas hinzulegen. Um sich die Zeit zu vertreiben, hatte sie das letzte Paket Rechnungen, das sie unten im Weinkeller in einer Kiste gefunden hatte, auf ihr Zimmer gebracht. Sie hatte die Rechnungen geordnet und eine Liste davon angefertigt. Als sie eben das letzte Blatt aus der Hand legte und einen Gummi um die Papiere band, hörte sie draußen ein Geräusch. Verstohlen und heimlich schlich jemand über den Steinfußboden des Balkons, sie täuschte sich nicht. Schnell drehte sie das Licht aus, trat ans Fenster, zog die Vorhänge geräuschlos zurück und horchte. Wieder hörte sie Schritte. Sie fürchtete sich nicht im mindesten. Es erregte sie nur die Gewißheit, daß sie eine wichtige Entdeckung machen würde. Plötzlich riß sie die Fenstertür auf und trat hinaus. Zunächst konnte sie nichts erkennen; erst als sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah sie eine Gestalt, die an der Wand lehnte. »Wer ist da?« rief sie. Erst nach einer Weile kam Antwort. »Es tut mir furchtbar leid, daß ich Sie erschreckt habe, Eunice.« Es war Jim Steele. »Jim!« sagte sie atemlos und ungläubig. Dann packten sie Ärger und Empörung. Es war also immer Jim gewesen und nicht die schwarze Frau! Jim, der seine Verdächtigungen durch diese gemeinen Tricks begründen wollte! Ihre Entrüstung entbehrte jeder Begründung, aber sie fühlte sie um so mehr, als sie aufs tiefste enttäuscht war. Sie erinnerte sich plötzlich daran, wie günstig Jim den Eindringling beurteilt hatte, als sie ihm davon erzählte, und welches Erstaunen er ihr vorgeheuchelt hatte. Also hatte er sie die ganze Zeit zum besten gehalten! »Ich glaube, es wäre besser, wenn Sie sich jetzt entfernten«, sagte sie kühl. »Lassen Sie mich Ihnen erklären, Eunice –« »Es ist keine Erklärung notwendig«, entgegnete sie. »Jim, Sie spielen eine jämmerliche Rolle!« Sie ging in ihr Zimmer zurück. Ihr Herz schlug wild, und sie hätte weinen können vor Verzweiflung. Jim! Er war der Mann mit der geheimnisvollen blauen Hand! Und er hatte sich über sie lustig gemacht. Wahrscheinlich hatte er auch die Briefe geschrieben und war damals nachts in ihr Zimmer eingedrungen. Sie stampfte vor Ärger mit dem Fuß auf. Sie haßte ihn, weil er sie hintergangen hatte, und sie haßte ihn noch mehr, weil er das Bild zerstört hatte, das sie in ihrem Herzen anbetete. Noch nie in ihrem Leben hatte sie sich so elend gefühlt. Sie warf sich aufs Bett und weinte, bis sie vor Erschöpfung einschlief. – * »Verdammt!« sagte Jim zu sich selbst, als er das Haus verließ und in seinen kleinen, unansehnlichen Wagen stieg. »Du verrückter Tölpel!« schimpfte er, als er im schnellsten und gefährlichsten Tempo eine Ecke nahm und beinahe in ein anderes Auto hineingeraten wäre, das zufällig auf der falschen Straßenseite fuhr. Aber er schimpfte nicht auf den anderen Fahrer. Er hätte sich selbst ohrfeigen mögen, daß er so neugierig und wenig überlegt gleich den Schlüssel versuchen mußte, den er zu Hause auf dem Tisch gefunden hatte. Er war nur auf den Balkon gegangen, um die Verschlüsse der Fenster von Eunices Zimmer zu prüfen und zu sehen, ob sie auch sicher sei. Er fühlte sich äußerst unglücklich und hätte zu gern mit einem Menschen gesprochen und ihm sein Herz ausgeschüttet, aber es gab niemand, den er kannte, niemand, dem er genug vertraut hätte – außer Mrs. Fane. Er mußte über diesen Gedanken lächeln und überlegte, was sie von ihm gehalten hätte, wenn er sie um diese nächtliche Stunde in ihrem Schlaf gestört hätte, nur um ihr seinen Kummer anzuvertrauen. Diese schöne, traurige Frau hatte einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht, und er war erstaunt, wie oft er an sie denken mußte. Als er halbwegs zur Baker Street gekommen war, verlangsamte er die Geschwindigkeit und drehte wieder um, denn er hatte sich an die Firma Selenger erinnert. Um diese Zeit hatte er mit einem Besuch wahrscheinlich mehr Glück als am Tag. Er besann sich darauf, daß der Portier ihm von einem Seiteneingang erzählt hatte, den nur die Inhaber der Firma benützten, und nach einigem Suchen fand er auch die Tür, die zu seiner Überraschung unverschlossen war. Er hörte den gleichmäßigen Schritt eines Polizisten, der die Straße entlang kam, und da er nicht dabei abgefaßt werden wollte, wie er fremde Türen zu nächtlicher Stunde zu öffnen versuchte, ging er schnell hinein und wartete, bis der Beamte vorüber war, bevor er seine Untersuchungen fortsetzte. Er nahm seine Taschenlampe, und mit ihrer Hilfe fand er den Weg über den gepflasterten Hof und kam zu einer Tür, die in das Gebäude führte. Sie war verschlossen, wie er zu seinem Ärger erkannte. Aber es mußte noch eine andere Tür geben, und er begann danach zu suchen. Er sah eine Reihe Fenster, die sich nach dem Hof öffneten, aber sie waren alle sorgfältig mit Läden verschlossen. Nachdem er an zwei weiteren Wänden entlanggegangen war, fand er auch die andere Tür. Er versuchte, sie zu öffnen, und zu seiner nicht geringen Freude gelang es ihm auch. Er befand sich nun in einem kurzen, mit Steinfliesen belegten Gang, an dessen hinterem Ende er eine vergitterte Tür entdeckte. Dicht daneben auf der rechten Seite lag eine grüne Tür. Er drückte den Türgriff herunter, und als er langsam öffnete, sah er, daß innen ein helles Licht brannte. Er öffnete weiter und trat ein. Er stand in einem Zimmer, in dem sich außer einem Tisch und einem Stuhl keine Möbel befanden. Aber es war nicht das sonderbare Aussehen des Raumes, das ihn in Erstaunen setzte. Gerade als er eintrat, ging eine Frau, die von Kopf bis Fuß schwarz gekleidet war, in einen zweiten Raum. Sie hörte die Tür gehen, wandte sich schnell um und zog einen Schleier über ihr Gesicht. Aber sie hatte etwas zu lange gezögert, und Jim erkannte zu seiner größten Verwunderung in ihr die unheilbar kranke Frau wieder – Mrs. Fane! 19 »Wer sind Sie, und was wünschen Sie?« fragte sie. Er sah, wie sie ihre Hand senkte. »Ach, Mr. Steele«, sagte sie, als sie ihn erkannt hatte. »Es tut mir leid, daß ich Sie störe«, erwiderte Jim und schloß die Tür hinter sich, »aber ich möchte Sie dringend sprechen.« »Nehmen Sie bitte Platz. Haben Sie mein« – sie zögerte – »mein Gesicht gesehen?« Er nickte ernst. »Jawohl, ich kenne Sie – Sie sind Mrs. Fane«, sagte er ruhig. Langsam hob sie ihre Hand und nahm den Schleier ab. »Ja, ich bin Mrs. Fane. Sie denken vielleicht, daß ich Sie in hinterhältiger Weise täuschen wollte; aber, ich habe meine Gründe – schwerwiegende Gründe –, warum ich mich tagsüber nicht sehen lasse. Ich wünsche nicht erkannt zu werden als die Frau, die nachts ausgeht.« »Dann waren Sie es, die den Schlüssel in meinem Buch zurückließen.« Sie nickte und sah ihn an. »Ich fürchte, daß ich Ihnen nicht viel sagen kann, weil ich in diesem Augenblick noch nicht darauf vorbereitet bin, weitere Auskünfte zu geben. Es ist überhaupt nicht viel, was ich Ihnen sagen könnte.« Vor wenigen Minuten hatte er noch daran gedacht, wie schön es wäre, ihr seinen ganzen Kummer anvertrauen zu dürfen. Es kam ihm so unwirklich vor, daß er um diese mitternächtliche Stunde nun mit ihr in einem so prosaischen Büro zusammentraf und mit ihr sprach. Er sah auf ihre zarten, weißen Hände und lächelte. Sie hatte schnell seinen Gedankengang erraten. »Sie dachten eben an die ›Blaue Hand‹?« »Ja, ich dachte daran.« »Vielleicht glauben Sie, daß es reine Schikane ist und daß diese Hand keine Bedeutung hat?« »Merkwürdigerweise denke ich das nicht. Ich vermute hinter diesem Symbol eine sehr interessante Geschichte. Aber erzählen Sie sie mir nur, wenn Sie es an der Zeit halten, Mrs. Fane.« Sie ging im Raum auf und ab, tief in Gedanken versunken. Er wartete gespannt, wie sich dieses Abenteuer weiterentwickeln würde. »Sie sind hierhergekommen, weil Sie aus Südafrika die Nachricht erhielten, daß ich Nachforschungen nach dem Mädchen angestellt habe. – Befindet sie sich denn nicht in Gefahr?« »Nein, im Augenblick bin nur ich in Gefahr, weil ich sie über alle Maßen beleidigt habe.« Sie sah ihn scharf an, aber sie fragte nicht nach einer weiteren Erklärung. »Wenn sie meine Warnungen für bedeutungslos hält, könnte ich sie nicht tadeln«, sagte sie nach einer Pause. »Aber ich mußte sie in einer Weise verständigen, die Eindruck auf sie macht.« »Ich kann bei der ganzen Angelegenheit eines nicht verstehen, Mrs. Fane. Wenn nun Eunice diesem Digby Groat etwas von dieser Warnung gesagt hätte –« »Er weiß davon«, erwiderte sie ruhig. Jim erinnerte sich an das Zeichen der blauen Hand an der Tür des Laboratoriums. »Aber er kann die tiefere Bedeutung nicht verstehen. Ich wollte nicht, daß Eunice ein Unglück zustößt.« »Haben Sie einen Grund, daß Sie sie beschützen möchten?« Sie schüttelte den Kopf. »Vor einem Monat glaubte ich es noch. Ich vermutete, daß sie jemand sei, den ich seit langer Zeit suche. Ein Zufall und eine flüchtige Ähnlichkeit führten mich auf ihre Spur. Aber sie war nur ein Schatten, wie alle die anderen, denen ich nachjagte«, sagte sie mit bitterem Lächeln. »Sie interessierte mich. Ihre Schönheit, ihre Unbefangenheit, ihr kindliches Gemüt und ihr guter Charakter haben tiefen Eindruck auf mich gemacht, obgleich ich jetzt weiß, daß sie nicht die ist, die ich suche. Sie scheinen sich ja auch sehr für sie zu interessieren, Mr. Steele?« Sie sah ihn forschend an. »O ja, ich interessiere mich stark für sie.« »Lieben Sie Eunice?« Die Frage kam ihm so unerwartet, daß es ihm unmöglich war, gleich zu antworten. Er war ein schweigsamer und zurückhaltender Mann, der nicht über seine Gefühle sprechen konnte. »Wenn Sie Eunice nicht wahr und aufrichtig lieben, so kränken Sie sie nicht, Mr. Steele. Sie ist noch sehr jung, und sie ist zu schade dazu, einem Mann ein vorübergehendes Abenteuer zu sein, wie Mr. Groat das beabsichtigt.« »Wie? Das will er tun?« fragte Jim empört. Sie nickte. »Es liegt noch eine große Zukunft vor Ihnen, und ich hoffe, daß Sie Ihre Karriere nicht ruinieren, nur weil Sie im Moment einem Phantom nacheilen, das Ihnen die wahre Liebe zu sein scheint.« Er schaute auf und sah in ihr Gesicht. Sie hatte eindringlich gesprochen, und ein feines Rot lag auf ihrem Gesicht. Er dachte, daß er außer Eunice noch niemals eine so schöne Frau gesehen hätte. »Ich bin jetzt am Ende meiner vielen Nachforschungen angekommen«, fuhr sie fort. »Und wenn wir erst Digby Groat und seine Mutter zur Verantwortung gezogen haben, ist meine Aufgabe gelöst.« Sie schüttelte traurig den Kopf. »Ich habe weiter keine Hoffnung im Leben, nichts, wofür ich leben könnte.« »Worauf hatten Sie denn gehofft?« »Zu finden, was ich suchte. Aber ich war töricht genug, etwas zu suchen, daß außer jeder Reichweite ist. Und ich muß für die Jahre, die mir noch zu leben übrigbleiben, mit dem zufrieden sein, was mir Gott schenkt. Dreiundvierzig Jahre umsonst gelebt!« Sie streckte die Arme mit einer leidenschaftlichen Bewegung aus. »Dreiundvierzig Jahre habe ich gelitten. Meine Kindheit war arm an Liebe, meine Ehe war trostlos und eine bittere Enttäuschung. Ich habe alles verloren, Mr. Steele, alles! Meinen Mann, mein Kind und meine Hoffnung.« »Großer Gott«, sagte er plötzlich, »dann sind Sie –« »Ich bin Lady Mary Danton.« Sie sah ihn fest an. »Ich dachte, Sie hätten es schon längst vermutet.« Jim erschrak. »Lady Mary Danton!« »Dann war sie also gefunden, dachte Jim enttäuscht. Das war ein sonderbares Ende seiner Untersuchungen, das ihm keine Belohnung und kein Avancement brachte, und beides brauchte er doch so bitter. »Sie sehen enttäuscht aus«, sagte sie. »Sie hatten sich doch als Ziel gesetzt, Lady Mary zu finden?« Er nickte. »Nun haben Sie sie gefunden; erscheint sie Ihnen weniger anziehend, als Sie sich eingebildet haben?« Er antwortete nicht. Er konnte ihr doch nicht sagen, daß er eigentlich nach ihrem toten Kind gesucht hatte. »Wissen Sie auch, daß ich Sie monatelang jeden Tag gesehen habe, Mr. Steele? Ich habe in Eisenbahnzügen an Ihrer Seite gesessen, in der Untergrundbahn, ich habe im Lift neben Ihnen gestanden«, sagte sie mit einem leichten Lächeln. »Ich habe Sie überwacht, und ich habe Ihren Charakter studiert. Und ich habe Sie liebgewonnen.« Das letzte betonte sie besonders, und ihre schöne Hand ruhte einen Augenblick auf seiner Schulter. »Prüfen Sie sich wegen Eunice, und wenn Sie finden, daß Ihre Gefühle nicht ernst sind, dann erinnern Sie sich daran, daß diese Welt groß ist und daß Sie Ihr Glück auch sonst noch finden können und werden.« »Ich liebe Eunice«, erwiderte Jim ruhig. Sie nahm ihre Hand wieder von seiner Schulter. »Ich liebe sie, wie ich nie wieder eine andere Frau lieben werde. Sie ist der Anfang und das Ende aller meiner Träume.« Er schaute nicht auf, aber er konnte hören, daß sie schneller atmete. »Ich dachte mir, daß es so ist«, sagte sie dann leise. Jim richtete sich plötzlich auf und sah sie offen an. »Lady Mary, haben Sie die Hoffnung ganz aufgegeben, Ihre Tochter jemals wiederzufinden?« Sie nickte. »Wenn nun Eunice Ihre Tochter wäre – würden Sie sie mir geben?« Sie hob den Blick zu ihm. »Ich würde dankbar sein, wenn ich sie Ihnen anvertrauen könnte. Sie sind der einzige Mann in der Welt, dem ich gern ein Mädchen anvertrauen würde, das ich liebe. Aber auch Sie jagen hinter einem Schatten her. Eunice ist nicht mein Kind. Ich habe mich nach ihren Eltern erkundigt, und es besteht kein Zweifel in dieser Frage. Sie ist die Tochter eines Musikers in Südafrika.« »Haben Sie die Narbe an ihrem Handgelenk gesehen?« fragte er langsam. Es war seine letzte Hoffnung, daß sie sie daran erkennen würde, und als sie traurig den Kopf schüttelte, verlor er den Mut. »Es ist mir ganz unbekannt, daß sie eine Narbe am Handgelenk hatte. Wie sieht sie denn aus?« »Es ist ein kreisrundes, kleines Brandmal, so groß wie ein Halbschillingstück.« »Dorothy hatte keine solche Narbe, sie war fleckenlos am ganzen Körper. Glauben Sie mir, Mr. Steele, Ihre Nachforschungen sind vergeblich, sie sind ebenso sinn- und zwecklos wie die meinen. Nun will ich Ihnen noch etwas von mir selbst erzählen«, sagte sie. »Aber ich werde Ihnen noch nicht das Geheimnis entschleiern, wie ich verschwand – das hat noch Zeit. Dieser Gebäudeblock gehört mir. Mein Mann kaufte ihn und schenkte ihn mir in einer großmütigen Anwandlung einen Tag später. Er gehörte schon damals mir, als alle Leute glaubten, daß er sein Eigentum sei. Im allgemeinen war er nicht großzügig und edelmütig, aber ich will Ihnen nichts davon erzählen, wie er mich behandelte. Von den Einkünften dieses Besitzes hatte ich genügend zu leben, und außerdem besitze ich ein Vermögen, das ich von meinem Vater erbte. Meine Familie war sehr arm, als ich Mr. Danton heiratete; aber kurze Zeit darauf starb ein Vetter meines Vaters, Lord Pethingham, und mein Vater erbte dessen großes Vermögen. Der größte Teil fiel später an mich.« »Wer ist denn Madge Benson?« »Müssen Sie das wissen? Sie bedient mich.« »Warum war sie denn im Gefängnis?« Lady Mary preßte die Lippen zusammen. »Sie müssen mir versprechen, mich nicht über die Vergangenheit auszufragen, bis ich Ihnen selbst davon erzähle, Mr. Steele. Und jetzt können Sie mich nach Hause begleiten.« Sie sah sich im Zimmer um. »Gewöhnlich erhalte ich hier ein Dutzend Telegramme, die ich beantworten muß. Ein vertrauenswürdiger Sekretär kommt jeden Morgen und bringt die Telegramme zur Post, die ich hier zurücklasse. Ich habt alle Behörden von Buenos Aires bis Schanghai in Bewegung gesetzt und ich bin so müde – so furchtbar müde! – Aber noch ist meine Arbeit nicht zu Ende«, fuhr Lady Mary fort, und ihre Stimme wurde plötzlich hart und entschlossen. »Noch haben wir eine harte Arbeit vor uns, Jim –« sie gebrauchte seinen Vornamen schüchtern und lächelte wie ein Kind, als sie sah, daß er rot wurde. »Selbst Eunice wird nichts dagegen haben, wenn ich Jim sage – es ist doch ein so hübscher Name!« Er wollte sie gerade fragen, warum sie denn in einer so unansehnlichen Wohnung lebte, die obendrein noch an der Eisenbahn lag, wenn sie ein so großes Vermögen besaß; aber er ahnte, daß sie ihm doch nur eine unbefriedigende Antwort geben würde. Er verabschiedete sich von ihr an ihrer Wohnungstür. »Gute Nacht, Frau Nachbarin«, sagte er lächelnd. »Gute Nacht, Jim«, erwiderte sie leise. Als die ersten Sonnenstrahlen durch die Fenster fielen, saß Jim immer noch in seinem großen Sessel und dachte über alles nach, was er in dieser Nacht erlebt hatte. 20 Am nächsten Morgen kam ein Bote mit einem Brief von Eunice in seine Wohnung, und er seufzte, bevor er ihn öffnete. Sie hatte ihn verärgert geschrieben, und er war traurig, als er ihre Zeilen las. »Ich hatte nicht einmal im Traum daran gedacht, daß Sie es sein könnten, nachdem Sie der Überzeugung Ausdruck gaben, daß eine Frau hinter allem stehe. Das war nicht schön von Ihnen, Jim. Nur um diese Sensation hervorzurufen, haben Sie mich zu Tode erschreckt, als ich die erste Nacht hier verbrachte, damit ich in Ihre offenen Arme fallen sollte. Mir ist jetzt alles klar: Sie können Mr. Groat nicht leiden, und Sie wollten, daß ich sein Haus wieder verlasse. Deshalb haben Sie das alles getan. Es ist sehr schwer, Ihnen zu verzeihen, und es wäre besser, wenn Sie nicht wiederkämen, es sei denn, daß ich Ihnen ausdrücklich schreibe.« »Verdammt«, sagte Jim. Das hatte er nun schon so oft gesagt, seit er sie verlassen hatte. Was konnte er tun? Er hatte schon den sechsten Brief begonnen, aber er zerriß sie alle wieder in kleine Fetzen. Es war so schwierig, ihr zu erklären, wie der Schlüssel in seinen Besitz gekommen war, ohne Lady Mary Dantons Geheimnis zu verraten. Und nun würde sie sich noch weniger als je davon überzeugen lassen, daß Digby Groat ein gewissenloser Schuft war. Die Lage war zum Verzweifeln, und er seufzte aufs neue. Aber plötzlich kam ihm ein Gedanke, und er ging zu der anderen Wohnung hinüber. Madge Benson öffnete die Tür, und diesmal sah sie ihn etwas liebenswürdiger an. »Die gnädige Frau schläft noch.« Sie wußte, daß Jim erfahren hatte, wer Mrs. Fane war. »Glauben Sie, daß man sie aufwecken darf? Es handelt sich um etwas sehr Wichtiges.« »Ich will einmal sehen.« Madge Benson verschwand im Schlafzimmer. Nach ein paar Augenblicken kam sie wieder zurück. »Die gnädige Frau ist wach, wollen Sie hereinkommen?« Lady Mary lag vollständig angekleidet auf dem Bett. Sie nahm den Brief aus Jims Hand, den er ihr wortlos übergab. »Haben Sie Geduld«, sagte sie, nachdem sie ihn gelesen hatte. »Sie wird mit der Zeit alles verstehen.« »Aber in der Zwischenzeit kann sich so viel ereignen! Das war das letzte, was hätte geschehen dürfen!« »Kümmern Sie sich nicht darum, und seien Sie auch nicht traurig. Und nun lassen Sie mich bitte schlafen, Mr. Steele. Ich habe in den letzten vierundzwanzig Stunden kein Auge schließen können.« Kaum hatte Eunice den Boten mit dem Brief fortgeschickt, als sie auch schon ihre impulsive Handlungsweise bereute. Sie hatte ihm bittere Dinge gesagt, die sie eigentlich in Wirklichkeit nicht fühlte. Sie hätte ihm verzeihen müssen, denn sie war überzeugt, daß er nur aus Liebe zu ihr so gehandelt hatte. Und sie hatte auch noch einen weiteren Grund, ihren Irrtum einzusehen. Als sie in Digby Groats Bibliotheksraum trat, fand sie ihn dabei, eine große Fotografie zu studieren. »Die Aufnahme ist glänzend gelungen, wenn man bedenkt, daß sie bei künstlichem Licht gemacht worden ist.« Es war eine vergrößerte Fotografie seiner Laboratoriumstür mit dem Aufdruck der blauen Hand. Der Fotograf hatte seine Aufgabe so gut gelöst, daß jede Linie und jede Krümmung der Fingerabdrucke genau zu sehen war. »Das ist die Hand einer Frau«, sagte Digby. »Sind Sie dessen ganz sicher?« Er sah sie erstaunt an. »Natürlich! Betrachten Sie doch die Größe – diese Hand ist doch viel zu klein für einen Mann.« Sie hatte also Jim furchtbar unrecht getan. Aber was hatte er denn in dem Haus zu suchen, und wie war er hereingekommen? Die ganze Sache erschien ihr so unerklärlich, daß sie es aufgab, das Rätsel zu entwirren. Nur eins stand bei ihr fest, sie mußte Jim um Verzeihung bitten. Sobald sie frei war, ging sie zum Telefon, aber Jim war nicht im Büro. »Wer ist denn am Apparat?« fragte der Schreiber. »Das tut nichts zur Sache«, erwiderte sie und hängte ein. Den ganzen Tag verfolgte sie der Gedanke, daß sie den Mann, den sie liebte, gekränkt hatte. Aber er würde ihr schon wieder schreiben, dachte sie, oder er würde sie anrufen. Wenn das Telefon läutete, war sie jedesmal enttäuscht, wenn sie die Stimme eines Fremden hörte. Der Tag schien ihr endlos lang. Sie hatte fast gar nichts zu tun, und selbst die Unterhaltung mit Digby Groat blieb ihr heute versagt. Er war früh am Morgen ausgegangen, spät am Nachmittag wiedergekommen, hatte nur die Kleider gewechselt und war wieder verschwunden. Sie aß allein zu Abend. Der Gedanke, daß sie diese Stelle bald aufgeben würde, tröstete sie. Sie hatte an ihren alten Chef geschrieben, und er hatte ihr postwendend geantwortet, daß er sich freute, wenn sie wiederkommen wollte. Dann konnte sie Jim jeden Nachmittag beim Tee sehen, und er würde wieder der alte sein. Die Krankenpflegerin ging am Abend aus, und Mrs. Groat schickte nach Eunice. Sie haßte sie zwar, aber noch schlimmer als die Gesellschaft dieses Mädchens war die Einsamkeit. »Bleiben Sie bei mir, bis die Pflegerin wieder zurückkommt. Sie können sich ja ein Buch nehmen und lesen.« Eunice lächelte vor sich hin und suchte sich etwas zum Lesen. Als sie in Mrs. Groats Zimmer zurückkam, sah sie, daß die alte Frau etwas unter ihrem Kissen verbarg. Sie saßen schweigend eine Stunde zusammen. Die alte Frau spielte mit ihren Händen; ihr Kopf war nach vorn gesunken, und sie schien in ihre Gedanken vertieft zu sein. Eunice fiel es schwer weiterzulesen. Jims liebes Gesicht schaute aus jeder Seite hervor, und sie wäre froh gewesen, wenn sie eine Entschuldigung gehabt hätte, das Buch niederzulegen. Aber plötzlich fing Mrs. Groat an zu sprechen. »Woher haben Sie eigentlich diese Narbe am Handgelenk?« fragte sie und schaute auf. »Das weiß ich nicht. Ich hatte sie schon, als ich ein ganz kleines Kind war. Wahrscheinlich habe ich mich an der Stelle verbrannt.« Eine lange Pause folgte. »Wo sind Sie geboren?« »In Südafrika.« Wieder entstand ein längeres Schweigen. »Ich fand eine alte Miniatur von Ihnen, Mrs. Groat«, sagte Eunice endlich aus reiner Verzweiflung. Die alte Frau sah sie von der Seite an. »Von mir? Ach ja, ich besinne mich. Konnten Sie mich denn darauf wiedererkennen?« fragte sie mißvergnügt. »Ja, so müssen Sie vor vielen Jahren ausgesehen haben. Ich konnte eine gewisse Ähnlichkeit feststellen«, erwiderte Eunice diplomatisch. »Ja, früher habe ich so ausgesehen. Halten Sie das Bild für schön? Und glauben Sie, daß ich einmal so ausgesehen habe?« »Ja, Sie müssen sehr schön gewesen sein«, sagte Eunice warm und herzlich, und sie meinte es auch so. »Ja, ich war sehr schön«, sagte die alte Frau mehr zu sich selbst. »Mein Vater wollte mich in einem todeinsamen Dorf lebendig begraben. Er glaubte, daß ich für die Stadt zu schön und dort zu vielen Versuchungen ausgesetzt sei. Er war ein böser, herzloser, alter Mann.« Eunice war betroffen, als sie Mrs. Groat so von ihrem Vater sprechen hörte. Anscheinend wurde das Gebot, die Eltern zu ehren, in dieser Familie nicht sehr geachtet. »Als ich noch ein junges Mädchen war«, fuhr Mrs. Groat fort, »war das Oberhaupt der Familie ein böser Tyrann, der nur zu leben schien, um seine Gewalt seinen Kindern gegenüber zu zeigen. Mein Vater haßte mich von meiner Geburt an, und ich haßte ihn, als ich anfing zu denken.« Eunice erwiderte nichts. Sie hatte nichts dazu getan, sich das Vertrauen dieser alten Frau zu erwerben, und doch interessierte es sie, als Mrs. Groat den Schleier von der Vergangenheit lüftete. Welche Tragödie mochte sich abgespielt haben, um aus diesem früher blühendschönen Mädchen die alte, gebrechliche Frau mit den runzligen Zügen zu machen, die sie vor sich sah? »Männer waren hinter mir her, Miss Weldon«, sagte sie mit merkwürdiger Befriedigung, »Männer, deren Namen in der ganzen Welt bekannt und berühmt waren.« Eunice erinnerte sich an den Marquis von Estremeda und hätte zu gern gewußt, ob ihre Freigebigkeit ihm gegenüber auf ein Liebesverhältnis zurückzuführen war, das früher zwischen den beiden bestanden hatte. »Es gab einen Mann, der mich liebte«, fuhr die alte Frau nachdenklich fort, »aber seine Liebe zu mir war nicht groß genug. Ich muß wohl bei ihm verleumdet worden sein, denn er wollte mich heiraten und brach dann plötzlich die Beziehungen zu mir ab. Er nahm ein einfältiges, hübsches Mädchen aus Malaga zur Frau.« Sie lachte leise vor sich hin. Sie hatte ursprünglich nicht die Absicht gehabt, Eunice Weldon etwas aus ihrem Leben zu erzählen; aber die Erinnerung an frühere Zeiten war irgendwie in ihr wachgerufen worden. Außerdem betrachtete sie Eunice bereits, als ein offizielles Mitglied der Familie. Digby würde ihr das alles früher oder später auch sagen, und so konnte sie es ihr ja mitteilen. »Er war Marquis, ein harter Mann, und er war nicht sehr liebenswürdig zu mir. Mein Vater hat mir niemals verziehen. Und als ich nach Hause zurückkam, hat er kein Wort mehr mit mir gesprochen, obwohl er noch zwanzig Jahre lebte.« ›Nachdem sie nach Hause zurückgekommen war!‹ dachte Eunice. Dann war sie also mit dem Marquis durchgebrannt! Und er hatte sie später im Stich gelassen und das ›einfältige, hübsche Mädchen aus Malaga‹ geheiratet. Allmählich wurden ihr die Zusammenhänge klarer. »Was ist denn aus dem Mädchen geworden?« fragte sie liebenswürdig. Sie erschrak selbst über ihre eigene Frage. »Sie starb«, sagte Mrs. Groat mit einem merkwürdigen Lächeln. »Er behauptete, ich hätte sie getötet. Aber ich habe ihr nur die Wahrheit gesagt.« Sie runzelte die Stirn. »Ich wünschte, ich hätte es nicht getan«, flüsterte sie. »Manchmal kommt ihr Geist in dieses Zimmer und schaut mich mit den tiefen, schwarzen Augen an und sagt mir, daß ich sie getötet habe.« Sie murmelte wieder etwas, und wieder lag Genugtuung in ihrer Stimme. »Als sie hörte, daß mein Kind der Sohn von –« Plötzlich hielt sie inne und schaute sich um. »Wovon habe ich denn gesprochen?« fragte sie verstört. Eunice hatte atemlos zugehört. Nun kannte sie das Geheimnis dieser merkwürdigen Familie. Jim hatte ihr schon manches erzählt. Er hatte ihr von dem kleinen, unbedeutenden Schreiber gesprochen, der Mrs. Groat geheiratet, und den sie so tief verachtet hatte. Er war ein Angestellter ihres eigenen Vaters, den dieser bezahlt hatte, um das Mädchen zu heiraten, damit ihre Schande nicht offenbar wurde. Digby Groat war also der Sohn – des Marquis von Estremeda! Und vor dem Gesetz war er nicht einmal der Erbe der Dantonschen Millionen! 21 Eunice konnte die alte Frau nur anstarren. »Lesen Sie doch weiter«, brummte Mrs. Groat vorwurfsvoll. Eunice sah später vorsichtig zu ihr hinüber und begegnete ihrem argwöhnischen Blick. Das mußte sie Jim erzählen. Obgleich sie den Groats verpflichtet war, erschien ihr das unbedingt nötig. Jim war so interessiert an der Verfügung über das Dantonsche Erbe; er mußte es unter allen Umständen wissen. Plötzlich begann die alte Frau wieder zu sprechen. »Was habe ich Ihnen eben gesagt?« »Sie haben von Ihrer Jugend gesprochen.« »Habe ich irgend etwas von einem Mann erzählt?« fragte die Alte argwöhnisch. Sie hatte schon wieder alles vergessen. »Nein«, log Eunice. Aber sie sprach so laut, daß jeder andere sofort gewußt hätte, daß sie nicht die Wahrheit sprach. »Seien Sie vorsichtig mit meinem Sohn«, sagte Mrs. Groat nach einiger Zeit, »widersprechen Sie ihm nicht, er ist kein schlechter Bursche –« Sie schüttelte den Kopf und sah scheu zu dem Mädchen hinüber. »In vielen Beziehungen gleicht er genau seinem Vater.« »Mr. Groat?« fragte Eunice. Sie kam sich selbst schlecht vor, daß sie aus der Geistesgestörtheit der alten Frau Vorteile zog. Aber sie beruhigte ihr Gewissen durch den Gedanken, daß Jim ihre Entdeckungen wissen mußte. »Groat!« brummte die alte Frau verächtlich. »Dieser elende Wurm, nein – ja, natürlich war es Groat. Wer denn sonst?« sagte sie. Von draußen kam ein Geräusch, die alte Frau wandte den Kopf nach der Tür und horchte. »Sie werden mich doch nicht allein lassen, Miss Weldon, bis die Krankenpflegerin zurückkommt?« flüsterte sie. »Wollen Sie es mir versprechen?« »Aber gern«, erwiderte Eunice lächelnd. »Ich bin ja hier, um Ihnen Gesellschaft zu leisten.« Die Tür öffnete sich, und Eunice hörte, wie Mrs. Groat tief aufseufzte, als Digby eintrat. Er war im Gesellschaftsanzug und rauchte eine Zigarette. Einen Augenblick lang schien er von der Anwesenheit des jungen Mädchens überrascht zu sein, aber dann lächelte er. »Die Schwester ist wohl ausgegangen? Wie fühlst du dich heute, Mutter?« »Sehr gut, mein Junge«, sagte sie zitternd. »Wirklich sehr gut. Miss Weldon leistet mir Gesellschaft.« »Das ist ja glänzend. Hoffentlich hat dich Miss Weldon nicht zu sehr erschreckt.« »Aber nein«, sagte Eunice ärgerlich. »Wie können Sie denn annehmen, daß ich Ihre Mutter erschreckte?« »Ich dachte, Sie hätten ihr vielleicht etwas von unserem geheimnisvollen Besucher erzählt«, sagte er lachend und nahm sich einen gepolsterten Stuhl. »Du hast doch nichts dagegen, daß ich rauche, Mutter?« Eunice dachte, daß auch der Einspruch Jane Groats nicht den geringsten Eindruck auf ihn gemacht hätte. Aber die alte Frau schüttelte den Kopf und sah Eunice flehend an. »Ich möchte nur die Frau fangen«, sagte Digby und sah dem Rauch seiner Zigarette nach, der zur Decke emporstieg. Mrs. Groat senkte den Blick; sie schien nachzudenken. »Von welcher Frau sprichst du denn, mein Junge?« »Von der Frau, die nachts um das Haus streicht und ihr Zeichen auf der Tür zu meinem Laboratorium zurückgelassen hat.« »Das war sicher ein Einbrecher«, sagte Mrs. Groat wenig besorgt. »Eine Frau und gleichzeitig eine Verbrecherin. Sie ließ deutliche Fingerabdrücke zurück. Ich habe die Fotografie nach Scotland Yard eingesandt, und man hat sie dort mit den Fingerabdrücken einer Frau identifiziert, die eine Gefängnisstrafe in Holloway abgesessen hat.« Eunice wurde durch ein Geräusch aufmerksam und wandte sich nach Mrs. Groat um. Sie hatte sich aufgerichtet und starrte Digby mit ihren dunklen Augen aufgeregt an. Ihr Gesicht zuckte. »Was war das für eine Frau?« fragte sie heiser. »Von wem sprichst du?« Digby schien ebenso erstaunt zu sein wie Eunice, als er den Eindruck wahrnahm, den diese Mitteilung auf seine Mutter machte. »Ich spreche von der Frau, die ins Haus kam und uns hier alle beunruhigte, indem sie ihr Zeichen zurückließ.« »Was meinst du damit?« fragte Mrs. Groat gequält. »Sie hat auf meiner Tür den Abdruck einer blauen Hand –« Bevor er den Satz beenden konnte, war seine Mutter aus dem Bett gesprungen und schaute ihn entsetzt an. »Eine blaue Hand – eine blaue Hand!« rief sie wild. »Wie hieß die Frau?« »Die Polizei hat mir mitgeteilt, daß es Madge Benson ist«, sagte Digby. Eine Sekunde stand Mrs. Groat hochaufgerichtet da. »Eine blaue Hand – blaue Hand«, murmelte sie und wäre zusammengebrochen, wenn Eunice nicht gesehen hätte, daß sie ohnmächtig wurde. Schnell eilte sie auf sie zu und fing sie in ihren Armen auf. 22 In dem dunklen Gang lauschte ein Mann gespannt vor der Tür. Er hatte Digby Groat den ganzen Abend verfolgt und war auch in das Haus gekommen. Als er im Zimmer Tritte hörte, schlüpfte er in einen Seitengang und wartete. Eunice kam heraus und ging den Gang entlang. Jim Steele dachte, daß es jetzt an der Zeit sei, sich, aus dem Staub zu machen, denn in den nächsten Minuten würde das ganze Haus alarmiert sein, weil die alte Frau zusammengebrochen war. Es war ein verzweifelter Schritt, zu so früher Stunde in dieses Haus einzudringen. Aber er hatte einen besonderen Grund hierfür. Er mußte unter allen Umständen den Inhalt eines Briefes erfahren, den Digby am Abend bekommen hatte. Jim war ihm überall hin gefolgt, ohne eine besondere Beobachtung machen zu können. Schließlich war Digby Groat am Piccadilly Circus ausgestiegen, um sich anscheinend eine Zeitung zu kaufen. Plötzlich war ein Fremder an ihn herangetreten und hatte ihm schnell einen Brief überreicht. Und diesen Brief mußte er sehen. Jim kam ungesehen in das Erdgeschoß und zögerte. Sollte er in das Laboratorium gehen? Oder sollte er –? Hastige Schritte von oben machten ihn schlüssig, und er schlüpfte schnell durch die Tür, die zu Digbys Arbeitsraum führte. Verstecken konnte er sich dort nicht, er hatte sich in dem Zimmer alles genau gemerkt, als er es vor ein paar Tagen besichtigt hatte. Solange niemand hereinkam und Licht machte, war er hier sicher, Schritte kamen vorbei, und Jim drückte seinen Filzhut tiefer ins Gesicht. Den unteren Teil seines Gesichtes hatte er schon mit einem schwarzseidenen Taschentuch bedeckt. Wenn es zum Äußersten kam, mußte er sich seinen Weg nach draußen mit Gewalt bahnen und sein Heil in der Flucht suchen. Niemand würde ihn in dem alten, grauen Anzug und in dem weichen Hemd ohne Kragen erkennen. Das wäre allerdings kein gutes Ende für das ganze Abenteuer, aber weniger schlimm, als von neuem der Verachtung Eunices ausgesetzt zu sein. Plötzlich schlug sein Herz schneller, denn es kam jemand herein. Er sah, wie der Unbekannte die Tür öffnete, und er bückte sich unter den Tisch, der dort stand, so daß er wenigstens im ersten Augenblick nicht entdeckt werden konnte. Gleich darauf war der Raum von hellem Licht durchflutet. Obgleich Jim nur die Beine des Mannes sehen konnte, wußte er doch, daß es Digby Groat war. Digby trat näher an den Tisch heran und schnitt einen Briefumschlag auf. Dann stieß er einen ärgerlichen Ausruf aus. »Mr. Groat, bitte kommen Sie schnell!« Eunice rief es aufgeregt von oben herunter, und Digby eilte hinaus. Die Tür blieb offenstehen. Jim erhob sich rasch und blickte auf den Tisch. Der Brief lag noch so dort, wie ihn Digby hatte liegenlassen. Schnell steckte ihn Jim in die Tasche. Im nächsten Augenblick schlüpfte er durch die Tür und war im Gang. Hinten am Fuß der großen Treppe stand Jackson und schaute nach oben. Zuerst sah er Jim noch nicht, aber dann entdeckte er die unheimliche Gestalt und wollte einen Warnungsruf ausstoßen, aber Jims Fäuste trafen hin, und er fiel zu Boden. »Was ist los?« fragte Digby. Aber Jim war schon längst aus dem Hause, bevor Digby Groat erfuhr, was geschehen war. Jim verlangsamte seine Schritte allmählich und blieb schließlich unter einer Straßenlaterne stehen, um den Brief zu lesen. Der größte Teil hatte keine Bedeutung für ihn, nur eine Zeile war interessant. »Steele verfolgte sie, wir wollen ihn heute abend noch stellen.« Er las diese Zeile immer wieder und lächelte, als er langsam weiterging. Mehrmals schaute er sich um, weil er glaubte, er würde verfolgt, aber er konnte niemand sehen. Als er über den Portland Place ging, wurde sein Verdacht bestärkt. Zwei Männer gingen hintereinander her, etwa zwanzig Meter von ihm entfernt. ›Na, ihr beide sollt noch für euer Geld laufen‹, sagte Jim zu sich selbst. Er überquerte die Marylebone Road und befand sich im einsamsten Teil Londons. Und nun begann er zu laufen, und er war ein guter Läufer. Er hatte sowohl für kurze Strecken als auch für den Zweimeilenlauf trainiert. Sie kamen hinter ihm her, und er grinste vergnügt. Plötzlich hörte er, wie die Tür eines Autos zugeworfen wurde – sie hatten sich also einen Wagen genommen, der gerade an ihnen vorbeikam. »Das ist sehr wenig sportlich«, sagte Jim, drehte sich kurz um und eilte in der entgegengesetzten Richtung davon. Blitzschnell war er hinter dem Wagen nach der anderen Seite gelaufen. Der Wagen hielt an, und die beiden riefen dem Fahrer zu, daß er umkehren sollte. Jim ging nun ganz langsam. Er hatte sich einen Plan überlegt, der so einfach und so verwirrend für Digby Groat und seine Helfershelfer war, daß der Bluff sich lohnte. Er ging langsam, weil er einen Polizisten auf sich zukommen sah, und als das Auto neben ihm anhielt, sprang er schnell zur Tür und riß sie auf. In dem Licht der Wagenbeleuchtung sah er einen alten Bekannten mit verbundenem Gesicht. »Kommen Sie heraus, Jackson, und erklären Sie mir, warum Sie mich hier in den Straßen dieser friedlichen Stadt verfolgen.« Der Mann folgte der Aufforderung nicht, aber Jim packte ihn an der Weste und zog ihn heraus. Erstaunt sah der Fahrer ihm zu. Der andere war offensichtlich ein Fremder, ein kleiner, dunkler Mann mit schmalem, braunem Gesicht. Beide standen verdutzt da. »Morgen können Sie zu Digby Groat zurückgehen und ihm sagen, daß ich mit genügendem Beweismaterial gegen ihn vorgehe und ihn ins Gefängnis und an den Galgen bringen werde, wenn er das nächste Mal Mitglieder der Bande der Dreizehn hinter mir herschickt. Haben Sie mich verstanden?« »Ich weiß nicht, was Sie da reden«, erwiderte Jackson vorwurfsvoll. »Wir werden Sie zur Anzeige bringen, weil Sie uns aus dem Wagen herausgeholt haben.« »Bitte, tun Sie das. Hier kommt gerade ein Polizist«, sagte Jim. Er packte Jackson am Kragen und schleppte ihn zu dem Polizisten, der schon auf ihn aufmerksam geworden war. »Ich glaube, der Mann will eine Anzeige gegen mich erstatten.« »Nein, das will ich nicht tun«, schrie Jackson. Er war entsetzt, was sein Herr wohl zu diesem kläglichen Ende der Verfolgung Jims sagen würde. »Nun gut, dann bringe ich diesen Mann zur Anzeige.« Diesen Bluff hatte Jim geplant. »Ich zeige ihn an, weil er im Besitz von Waffen ist, um mich zu überfallen. Außerdem zeige ich ihn an, weil er unerlaubt Feuerwaffen trägt. Er hat keinen Erlaubnisschein.« 23 Polizeistationen sind sehr unromantisch und langweilig. Digby Groat, der in höchster Wut dorthin kam, um seine Leute zu befreien, war so aufgeregt, daß er nicht einmal die humorvolle Seite der Sache entdeckte. Vor dem Gebäude entließ er Antonio Fuentes mit einem schrecklichen Fluch und überhäufte den unglücklichen Jackson mit Vorwürfen. »Sie verrückter, dummer Tölpel, ich habe Ihnen doch nur den Befehl gegeben, den Mann nicht außer Sicht zu lassen. Bronson hätte meinen Auftrag ausgeführt, ohne daß Steele auch nur das Geringste davon merkte. Warum haben Sie einen Revolver mitgenommen?« »Wie konnte ich wissen, daß er einen so gemeinen Trick gegen mich ausführen würde?« brummte Jackson. »Nebenbei bemerkt, habe ich noch nicht gewußt, daß das verboten ist.« Digby wußte, daß er in einer unangenehmen, sogar gefährlichen Lage war, als er in seiner Bibliothek saß und darüber nachdachte. Es war seine alte Theorie, daß große Pläne durch Kleinigkeiten über den Haufen geworfen wurden, und großzügig angelegte Verbrechen durch kleine, erbärmliche Versehen zu Fall kommen. Es war Jim gelungen, auf die einfachste und leichteste Art die Polizei gegen die Bande der Dreizehn in Bewegung zu bringen. Auf zwei Mitglieder war die Polizei nun aufmerksam geworden. Aber das schlimmste war, daß er selbst in die ganze Sache verwickelt war. Jackson war sein Hausmeister, und es konnte nicht weiter auffallen, daß er ein berechtigtes Interesse an ihm hatte. Fuentes zu kennen hatte er entschieden in Abrede gestellt, und nur weil der Spanier ein Freund seines Dieners war, hatte er auch für ihn Bürgschaft geleistet. Wenn die Bande der Dreizehn einen großen Schlag führte, waren ihre Spuren so sorgsam verborgen und ihre Vorbereitungen so sorgfältig getroffen, daß niemand etwas entdecken konnte. Und hier waren nun durch eine kleine Gesetzesübertretung zwei Mitglieder der Bande unter polizeiliche Aufsicht geraten! Digby Groat verbrachte eine schlaflose Nacht. Er konnte nicht einmal drei Stunden ruhen, und das war das Minimum, das er brauchte. Der Arzt, der zu Mrs. Groat gerufen wurde, blieb bis drei Uhr morgens. »Sie hat keinen Schlaganfall erlitten, der Zusammenbruch ist durch einen plötzlichen Schrecken veranlaßt worden.« »Da mögen Sie recht haben«, antwortete Digby. »Glauben Sie, daß sie sich wieder erholen wird?« »Ach ja, es wird ihr schon morgen früh wieder besser gehen.« Digby nickte. Er hörte zu, ohne gerade besonders davon erfreut zu sein. Anscheinend wuchsen die Schwierigkeiten täglich. Neue Hindernisse türmten sich ihm entgegen. Und wenn er über die Einzelheiten nachdachte, kam er immer wieder auf Jim zurück – er war an allem schuld! Nachdem er am nächsten Morgen einen Winkeladvokaten angerufen und ihm die Verteidigung der beiden Leute übergeben hatte, ließ er Eunice Weldon holen. »Miss Weldon«, begann er, »ich muß verschiedene Änderungen hier im Haushalt vornehmen. Ich möchte meine Mutter nächste Woche aufs Land mitnehmen. Die Luft hier in der Stadt scheint ihr nicht zu bekommen. Ich glaube nicht, daß sie sich erholen kann, wenn sie nicht eine ganz andere Umgebung bekommt.« Sie nickte ernst. »Ich glaube, daß ich sie nicht dorthin begleiten kann.« Er sah sie scharf an. »Wie meinen Sie das, Miss Weldon?« »Ich habe hier nicht genügend Arbeit und mich deshalb entschlossen, wieder in meine alte Stelle zurückzugehen.« »Es tut mir leid, das zu hören, Miss Weldon«, sagte er ruhig, »ich will Ihnen natürlich nichts in den Weg legen. In der letzten Zeit sind hier viel unangenehme Dinge vorgekommen, und Sie haben gerade nicht die besten Erfahrungen gemacht. Ich verstehe es vollkommen, wenn Sie Ihre Stellung bei uns aufgeben wollen. Ich hätte allerdings gern gesehen, wenn Sie noch bei meiner Mutter geblieben wären, bis sie sich auf dem Land heimisch fühlt. Aber selbst in dieser Beziehung will ich keinen Druck auf Sie ausüben.« Sie hatte erwartet, daß er ärgerlich sein würde, und seine Höflichkeit machte deshalb größeren Eindruck auf sie. »Ich werde Sie natürlich nicht eher verlassen, als bis ich alles getan habe, was in meinen Kräften steht«, sagte sie darum, wie er es erwartet hatte. »Und ich habe mich wirklich hier ganz wohl gefühlt, Mr. Groat.« »Mr. Steele ist mir nicht sehr wohlgesinnt, nicht wahr?« fragte er lächelnd. Sie machte ein abweisendes Gesicht: »Mr. Steele weiß nichts von meinen Plänen. Ich habe ihn in den letzten Tagen überhaupt nicht gesehen.« Die beiden haben sich also entzweit, dachte Digby. Darüber müßte er Genaueres erfahren. Er war zu hinterhältig, um sie offen zu fragen, aber er wußte schon, daß die beiden sich am vergangenen Tage nicht getroffen hatten. Eunice war froh, als die Unterredung zu Ende war und sie in Mrs. Groats Zimmer gehen konnte, die heute etwas früher nach ihr geschickt hatte. Die alte Frau lag im Bett. Rücken und Arme waren durch Kissen gestützt; sie schien sich wieder gut erholt zu haben. »Sie sind ziemlich lange ausgeblieben«, sagte sie vorwurfsvoll. »Ihr Sohn hat mich sprechen wollen, Mrs. Groat.« Die alte Frau brummte etwas, das Eunice nicht verstehen konnte. »Machen Sie die Tür zu, und drehen Sie den Schlüssel um. Haben Sie Ihren Notizblock dabei?« Eunice stellte einen Stuhl neben das Bett und war gespannt, welchen wichtigen Brief Mrs. Groat ihr diktieren würde. Sie wußte, daß die alte Frau ihre Briefe am liebsten mit der Hand schrieb und war um so mehr erstaunt. »Ich möchte, daß Sie in meinem Namen einen Brief an Mary Weatherwale schreiben. Notieren Sie sich den Namen.« Die alte Frau buchstabierte. »Sie wohnt in Somerset Hill Farm, Retherley. Schreiben Sie ihr, daß ich sehr krank bin, daß sie unseren alten Streit vergessen möchte und daß ich sie bitte, hierherzukommen und mich zu besuchen. Unterstreichen Sie bitte, daß ich sehr krank bin«, sagte Jane Groat nachdrücklich. »Schreiben Sie ihr, daß ich ihr für ihre Bemühungen fünf Pfund wöchentlich geben will. Ist das zu viel?« fragte sie. »Nein, schreiben Sie lieber nichts von dem Gehalt. Dann bin ich daran gebunden, wenn sie kommt. Den Weatherwales geht es gerade nicht sehr gut. Schreiben Sie ihr, sie soll gleich kommen, unterstreichen Sie das auch, bitte.« Eunice schrieb alles genau auf. »Also hören Sie, Miss Weldon«, sagte Jane Groat leise. »Sie müssen den Brief schreiben, aber Sie dürfen meinem Sohn nichts davon sagen. Haben Sie mich verstanden? Bringen Sie den Brief selbst zur Post, und überlassen Sie ihn nicht diesem schrecklichen Jackson. Aber denken Sie vor allem daran, mein Sohn darf nichts davon erfahren.« Eunice wunderte sich darüber, daß die alte Frau so geheimnisvoll war, aber sie führte den Auftrag gewissenhaft aus. Von Jim hatte sie nichts mehr erfahren, obwohl sie vermutete, daß er der geheimnisvolle Fremde war, der Jackson in der Halle niedergeschlagen hatte. Die lange Wartezeit fiel ihr auf die Nerven. Sie achtete auf jedes Geräusch, und diese Nervosität hatte sie schließlich zu dem Entschluß veranlaßt, das Haus am Grosvenor Square zu verlassen und die weniger aufregende Tätigkeit in dem fotografischen Atelier wieder aufzunehmen. Warum schrieb Jim nicht? Mit unerbittlicher Logik fragte sie sich indessen gleich darauf, warum sie denn nicht an Jim schrieb. Am Nachmittag machte sie einen kleinen Spaziergang im Park und hoffte, ihn dort zu treffen. Aber obwohl sie eine ganze Stunde lang unter seinem Lieblingsbaum saß, tauchte er nicht auf, und sie kehrte niedergeschlagen und ärgerlich nach Hause zurück. Eine kleine Postkarte hätte genügt, ihn hierherzubringen, aber sie konnte sich nicht überwinden, diese Postkarte zu schreiben. Am nächsten Tag kam Mrs. Weatherwale, eine untersetzte, gutmütige, frisch aussehende Frau von etwa sechzig Jahren. Sie stellte ihr Gepäck unten in der Halle ab und begrüßte Eunice wie eine alte Freundin. »Wie geht es dir denn, mein Liebling? Die arme, alte Jane! Ich habe sie seit vielen Jahren nicht mehr gesehen. Früher waren wir gute Freundinnen, aber sie – nun ja, wir wollen Vergangenes vergessen sein lassen. Führen Sie mich bitte in ihr Zimmer.« Mrs. Weatherwale mußte sich sehr zusammennehmen, um den Schrecken zu verbergen, den sie bei dem Anblick ihrer früheren Freundin empfand. »Aber, Jane, was ist denn mit dir los?« »Nimm Platz, Mary. Es ist schon gut, Miss Weldon, Sie brauchen nicht zu warten.« Eunice war froh, daß ihre Gegenwart nicht benötigt wurde. Als Digby Groat später am Nachmittag zurückkehrte, ging sie gerade durch die Eingangshalle. Er schaute auf das Gepäck, das noch nicht entfernt worden war, und wandte sich stirnrunzelnd an Eunice. »Was hat das zu bedeuten?« fragte er. »Wem gehört denn das?« »Eine Freundin von Mrs. Groat ist gekommen.« »Eine Freundin meiner Mutter?« fragte er schnell. »Wissen Sie vielleicht ihren Namen?« »Mrs. Weatherwale.« Seine Gesichtszüge veränderten sich. »Meine Mutter hat sie wahrscheinlich eingeladen«, sagte er ärgerlich, zog seine Handschuhe aus und legte sie auf den Tisch in der Halle. Dann eilte er die Treppe hinauf. Was sich in dem Krankenzimmer ereignete, konnte Eunice nur vermuten. Als sie sah, daß Mrs. Weatherwale gekränkt die Treppe herunterkam, wußte sie, daß irgend etwas nicht in Ordnung war. Der zerdrückte Hut der Frau zitterte. Sie sah Eunice und rief sie zu sich heran. »Lassen Sie mir, bitte, durch die Dienerschaft einen Wagen holen, mein Liebling. Ich gehe nach Somerset zurück. Es ist doch unerhört, daß man mich aus meinem Geschäft herausholt! Was denken Sie davon – eine Frau meines Alters und von meinem Ansehen! Hat mich doch dieser verrückte kleine Teufel von einem Jungen hinausgewiesen, den ich nicht einmal in meinem Viehhof duldete!« Sie war äußerst aufgebracht, und ihre Stimme zitterte vor berechtigtem Ärger. »Ich spreche von Ihnen«, rief sie mit lauter Stimme und schien damit jemand anzureden, den Eunice nicht sehen konnte. Anscheinend war es Digby. »Sie sind immer so eine kleine grausame Kanaille gewesen, und wenn Ihrer Mutter etwas passiert, gehe ich zur Polizei und zeige Sie an!« »Es wäre besser, Sie gingen fort, bevor ich einen Polizisten hole«, schrie Digby wütend. »Ich kenne Sie!« Sie drohte mit der Faust nach oben. »Ich habe Sie schon vor dreiundzwanzig Jahren gekannt, mein Junge! Ein gemeinerer und niederträchtigerer Bengel hat noch nie gelebt!« Digby kam langsam die Treppe herunter. Er lächelte spöttisch. »Wirklich, Mrs. Weatherwale, Sie benehmen sich einmal wieder recht unvernünftig. Ich kann nicht dulden, daß meine Mutter sich mit Leuten Ihres Schlages abgibt. Ich bin nicht für ihren Geschmack verantwortlich, aber wohl für alles das, was hier in meinem Hause passiert.« Das rosige Gesicht der Frau war dunkelrot geworden. »Gewöhnlich! Sie gemeiner Ausländer! Sehen Sie, das sitzt! Ich kenne Ihr Geheimnis, Mr. Groat!« Wenn Blicke töten könnten, dann wäre sie in diesem Augenblick leblos umgefallen. Digby machte am Fuß der Treppe kehrt, ging in sein Laboratorium und schmetterte die Tür hinter sich zu. »Wenn Sie irgend etwas wissen wollen, was darin vorgeht –«, Mrs. Weatherwale zeigte auf die Tür seines Studierzimmers, »dann fragen Sie mich nur. Ich habe Briefe von seiner Mutter, als er noch ein Kind war. Die Kröte war erst so hoch, aber wenn Sie die Briefe lesen, stehen Ihnen die Haare zu Berge, mein Liebling!« Als schließlich ihr Wagen kam und sie wieder abfuhr, atmete Eunice erleichtert auf. Da habe ich also ein weiteres Familiengeheimnis kennengelernt, dachte sie, aber sie hatte auch schon die Knochen und schrecklichen Präparate gesehen, die Digby im Schrank aufbewahrte. Sie wäre gern fortgegangen wie Mrs. Weatherwale; doch Digby Groat hatte andere Pläne, von denen sie nichts wußte. Diese Pläne reiften, und er dachte gerade wieder darüber nach, als laut an die Haustür geklopft wurde. Er ging in die Halle hinaus. »War das ein Telegramm an mich?« fragte er. »Nein, für mich«, sagte Eunice. Er brauchte nicht zu fragen, von wem sie eine Botschaft erhalten hatte, denn ihre leuchtenden Augen und ihr Erröten verrieten alles. 24 »Jim!« Eunice lief mit ausgestreckten Armen quer über den grünen Rasen, obwohl sie wußte, daß die Spaziergänger im Park sie beobachteten. Jim nahm ihre beiden Hände, und sie fühlte sich glücklich. Dann sprachen sie zugleich, entschuldigten sich beide, und einer unterbrach den anderen mit dem Bekenntnis eigener Reue und Zerknirschung. »Jim, ich werde Mrs. Groats Haus verlassen«, sagte sie, als sie sich etwas beruhigt hatte. »Gott sei Dank!« »Sie sagen das ja so feierlich?« fragte sie lachend. »Glauben Sie denn wirklich, daß ich irgendwie in Gefahr war?« »Ich weiß, daß Sie es noch sind.« Sie hatte ihm so viel zu erzählen, daß sie nicht wußte, wo sie anfangen sollte. »Waren Sie sehr traurig, daß wir uns nicht gesehen haben?« »Die Tage sind tot und auf dem Kalender ausgestrichen. Aber bevor ich es vergesse – Mrs. Weatherwale ist schon wieder fort!« »Mrs. Weatherwale?« fragte er erstaunt. »Ach so, ich habe Ihnen die Geschichte ja noch gar nicht erzählt; ich habe Sie ja gestern nicht gesehen. Mrs. Groat hatte mir den Auftrag gegeben, an diese Frau zu schreiben. Sie ist eine alte Freundin von ihr und bat sie, zu ihr zu kommen und bei ihr zu bleiben. Ich glaube, Mrs. Groat hat große Angst vor Digby.« »Und sie ist gekommen?« »Ja, aber sie ist nur eine Stunde geblieben. Mr. Groat setzte sie ohne Umschweife wieder auf die Straße. In dem Hause geht es wirklich nicht sehr liebenswürdig zu. Die liebe alte Mrs. Weatherwale haßt Digby furchtbar. Sie war reizend zu mir und nannte mich ›Liebling‹.« »Wer könnte Digby Groat lieben? Erzählen Sie bitte weiter. Hat sie denn irgend etwas über ihn gesagt?« »Sie ist in alles eingeweiht, sie kennt auch die Geschichte von Estremeda, dadurch ändert sich übrigens doch auch die ganze Sache mit dem Testament?« »Nein, Digby bleibt immer ihr Sohn. Wenn sie das Geld erst einmal besitzt, ist das ganz gleich. In dem Testament ist nicht ausdrücklich gesagt, daß er der Sohn von John Groat ist, und die Tatsache, daß er vor ihrer Ehe geboren wurde, berührt die Sache nicht.« »Wann werden denn die Groats in den Besitz des großen Vermögens kommen?« »Am nächsten Donnerstag«, sagte Jim mit einem schweren Seufzer. »Und ich habe noch nicht die geringste gesetzliche Handhabe, um es zu verhindern.« Er hatte ihr noch nichts davon erzählt, daß er Lady Mary Danton getroffen hatte, denn das war nicht sein alleiniges Geheimnis. Auch konnte er ihr nicht mitteilen, daß Lady Mary die Dame war, die sie gewarnt hatte. Als sie weiter durch den Park gingen, erkannte Eunice, daß er sich noch immer mit dem alten Problem beschäftigte. »Ich habe ein ganz bestimmtes Gefühl, daß Sie selbst irgendwie mit der Dantonschen Erbschaft verknüpft sind, Eunice.« Sie lachte und hängte sich an seinen Arm. »Jim, wenn Sie könnten, würden Sie mich zur Königin von England machen. Und das können Sie ebensowenig, wie nachweisen, daß ich das Kind anderer Eltern bin. Ich möchte auch wirklich niemand anders sein, als die ich bin. Ich habe meine Mutter sehr lieb gehabt und habe sehr um sie getrauert, als sie starb. Auch mit meinem Vater stand ich sehr gut.« »Ja, es ist eine phantastische Idee, und angesichts der Tatsachen kann ich meine Vermutung nicht aufrechterhalten. Ich habe einen Freund in Kapstadt, der auf meine Bitte hin Nachforschungen angestellt hat.« »Eunice May Weldon«, sagte sie lachend. »So können Sie also Ihren schönen Traum aufgeben!« Sie wollten auf die andere Seite der Straße hinüberwechseln und warteten, bis ein Wagen vorbeigefahren war. Der Herr, der darin saß, grüßte. »Wer war das?« fragte Jim. »Digby Groat«, sagte sie lächelnd, »mein beinahe früherer Vorgesetzter! Aber Jim, wir wollen nicht in ein Lokal gehen, um Tee zu trinken. Könnten wir nicht in Ihre Wohnung gehen? Ich würde sie so gern einmal sehen.« Er war unschlüssig. »Es gehört nicht zum guten Ton, daß Junggesellen eine junge Dame zum Tee in ihre Wohnung einladen.« »Ach, darüber brauchen Sie sich keine Kopfschmerzen zu machen. Das kommt jeden Tag vor, nur spricht man nicht darüber.« Seine Wohnung gefiel ihr außerordentlich. Sie legte ihren Mantel ab und machte sich in der kleinen Küche zu schaffen. »Sie haben mir doch erzählt, daß es eine ganz kleine Wohnung ist mit blankem Fußboden«, sagte sie vorwurfsvoll, als sie das Tischtuch auflegte. »Alles ist hier so sauber. Das haben Sie doch aber nicht alles selbst gereinigt und geputzt, all das Messinggeschirr und das Porzellan?« »Eine ältere Frau kommt jeden Morgen um halb acht und bringt alles in Ordnung.« »Dort fährt ein Zug!« Sie sprang auf und trat an das Fenster, als ein D-Zug am Haus vorbeifuhr. »Aber, Jim, sehen Sie doch einmal die Jungen da drüben.« Quer über die Eisenbahnschienen, nur von zwei starken Masten getragen, liefen Telefondrähte, und einer der kleinen, nichtsnutzigen Kerle schwang sich Hand über Hand an den Drähten über die Eisenbahnlinie hinweg, zur größten Freude seiner Kameraden, die drüben auf der anderen Seite auf einer Mauer saßen. »Dieser kleine Teufel«, sagte Jim bewundernd. Ein anderer Zug kam in entgegengesetzter Richtung ebenfalls in großer Geschwindigkeit vorbei. Die Telegrafendrähte hatten unter dem Gewicht des Knaben so weit nachgegeben, daß er die Beine hochziehen mußte, um nicht die Dächer der Wagen zu berühren. »Wenn die Polizei ihn erwischt«, sagte Jim, »bekommt er eine Geldstrafe von zwanzig Schilling und eine Tracht Prügel.« Sie mußte lachen. »Sie sind ein sonderbarer Mann«, meinte sie. Dann schauten sie beide wieder hinaus und beobachteten den Jungen, der glücklich die jenseitige Mauer erreicht hatte. »Nun wollen wir aber auch unseren Tee trinken, ich muß ja wieder nach Hause.« Sie hatte gerade die Tasse an ihre Lippen gesetzt, als sich die Tür öffnete und eine Frau hereintrat. Eunice hatte sie nicht kommen hören und merkte ihre Anwesenheit erst, als sie »Jim« sagte. Die Frau an der Tür war sehr schön, das sah Eunice sofort. Ihr Alter konnte man nicht erkennen, denn die Zeit hatte keine Runzeln in ihr schönes Gesicht gegraben, und die wenigen grauen Haare ließen sie nur um so interessanter erscheinen. Einen Augenblick sahen sich die beiden Frauen in die Augen. »Ich komme nachher wieder. Es tut mir leid, daß ich Sie jetzt gestört habe.« Mit diesen Worten verließ die Dame das Zimmer. Ein peinliches Schweigen folgte. Jim versuchte dreimal zu, sprechen und sich zu entschuldigen, aber jedesmal brach er wieder ab, da er die Unmöglichkeit einsah, Eunice alles zu erklären. Er konnte ihr doch nicht sagen, daß die Dame, die sie eben gesehen hatte, Lady Mary Danton war. »Sie hat Sie Jim genannt«, sagte Eunice langsam. »Ist Sie vielleicht eine Freundin von Ihnen?« »Hm, ja«, sagte er verlegen, »es ist meine Nachbarin, Mrs. Fane.« »Aber Sie haben mir doch erzählt, Mrs. Fane leide an Paralyse und könnte nicht aufstehen und habe seit Jahren ihre Wohnung nicht verlassen?« Jim war ratlos. »Sie hat Sie Jim genannt – sind Sie sehr eng mit ihr befreundet?« »O ja, wir sind gute Freunde«, erwiderte Jim heiser. »Ich möchte Ihnen erklären, Eunice –« »Wie ist sie in die Wohnung gekommen?« fragte das Mädchen und runzelte die Stirn. »Sie muß doch selbst aufgeschlossen haben? Hat sie denn einen Schlüssel zu Ihrer Wohnung?« Jim wußte nicht, was er sagen sollte. »Ich möchte wissen, ob sie einen Schlüssel hat, Jim!« »Ja, sie hat einen Schlüssel! Ich kann Ihnen im Augenblick keine nähere Erklärung geben, Eunice, aber Sie müssen –« »So, ich verstehe. Sie ist sehr schön.« »Ja, sie ist wirklich schön«, erwiderte Jim, der sich immer elender fühlte. »Sehen Sie, wir haben miteinander geschäftliche Dinge zu besprechen. Und ich bin doch so häufig nicht in meiner Wohnung, und dann spricht sie von meinem Telefon aus. Sie hat nämlich kein eigenes Telefon. Verstehen Sie jetzt, Eunice? »Ja, ich verstehe – und dabei nennt sie Sie Jim.« »Wir sind doch gute Freunde«, rief er verzweifelt. »Eunice, Sie werden doch dieser Sache nicht eine andere Bedeutung beimessen wollen?« »Teil nehme an, daß alles in Ordnung ist, Jim«, sagte sie schließlich und schob ihren Teller zurück. »Ich glaube, ich kann nicht länger bleiben. Bitte, begleiten Sie mich nicht nach Flause, ich möchte lieber allein sein. Ich kann ja einen Wagen nehmen.« Jim fluchte, daß Lady Mary ausgerechnet in diesem Augenblick kommen mußte. Und er fluchte auf sich selbst, daß er nicht die ganze Sache einfach aufgeklärt hatte, selbst auf die Gefahr hin, Lady Mary zu verraten. Durch seine Versuche, alles anders darzustellen, hatte er sich nur immer verdächtiger gemacht. Jetzt schwieg er ganz, als er ihr in den Mantel half. »Soll ich Sie nicht doch nach Hause begleiten?« fragte er schwach. Sie schüttelte nur schweigend den Kopf. Als sie aus der Wohnung traten, stand die Wohnungstür von Lady Mary auf und man hörte, wie ein Telefon klingelte. Eunice sah Jim ernst und traurig an. »Ihre Freundin hat doch den Schlüssel zu Ihrer Wohnung, weil sie kein eigenes Telefon hat? Haben Sie das nicht vorhin gesagt?« Er antwortete nichts mehr. »Ich habe niemals gedacht, daß Sie mich belügen könnten.« Er stand oben auf dem Podest und schaute ihr verzweifelt nach. Kaum war er wieder in seinem Zimmer und hatte sich in den großen Sessel geworfen, als Lady Mary eintrat. »Es tut mir so leid«, sagte sie, »ich hatte keine Ahnung, daß sie hier sein würde.« »Das macht nichts«, erwiderte Jim mit einem schwachen Lächeln. »Ich bin nur in furchtbare Verlegenheit gekommen, denn ich mußte ihr etwas vorlügen, und sie merkte es. Ihr scheußliches Telefon hat mich verraten, Lady Mary.« »Sie haben sich sehr unklug benommen.« »Warum sind Sie denn nicht geblieben? Durch Ihr Verschwinden bekam die Sache ein so sonderbares Gesicht ...« »Aus verschiedenen Gründen konnte ich nicht bleiben. Erinnern Sie sich, Jim, daß ich Nachforschungen nach Eunice Weldon anstellte, ganz ähnlich wie Sie?« Im Augenblick interessierte sich Jim aber durchaus nicht dafür, wer Eunices Eltern waren. »Sie soll doch in Rondebosch geboren sein?« »Jawohl«, sagte er gleichgültig. »Sie hat mir das auch selbst gesagt.« Lady Mary reichte ihm ein Telegramm über den Tisch. Er nahm es auf und las: ›Eunice May Weldon starb in Kapstadt im Alter von zwölf Monaten und drei Tagen und liegt auf dem Kirchhof in Rondebosch begraben, Grab Nr. 7963.‹ 25 Jim las das Telegramm noch einmal durch. Er konnte kaum seinen Augen trauen oder den Sinn erfassen. »Sie ist im Alter von zwölf Monaten begraben worden?« sagte er ungläubig. »Das ist doch unmöglich, sie ist doch hier und lebt! Außerdem habe ich neulich jemand kennengelernt, der die Weldons unten in Südafrika getroffen hat und sich noch sehr gut an. Eunice erinnern, kann, die damals noch ein Kind war. Ein Fall von Kindesunterschiebung kann hier doch nicht vorliegen.« »Die Sache ist ganz rätselhaft«, erwiderte Lady Mary sanft, als sie das Telegramm wieder in ihre Handtasche steckte. »Aber ich weiß, daß der Mann, der mir dieses Telegramm sandte, einer der vertrauenswürdigsten Detektive in Südafrika ist.« Jims Gedanken wirbelten durcheinander. Eunice Weldon wurde geboren, Eunice Weldon starb, und doch lebte Eunice Weldon im Augenblick und war frisch und munter, obgleich sie gerade jetzt wünschte, lieber tot zu sein. Jim stützte den Ellenbogen auf den Tisch und legte das Kinn in die Hand. »Ich muß gestehen, daß ich vollkommen verwirrt bin. Dann muß man wohl annehmen, daß die Eltern nach dem Tod ihrer eigenen Tochter ein anderes Kind angenommen haben, und zwar Eunice. Die Frage ist nur, woher sie kam. Ihr selbst ist nichts von einer Adoption bekannt.« »Ich habe bereits an meinen Agenten in diesem Sinne gekabelt und ihm den Auftrag gegeben, über eine eventuelle Adoption zu berichten. Durch die letzten Ereignisse gewinnt die alte Annahme wieder an Glaubwürdigkeit.« Er sah sie an. »Sie meinen, daß Eunice Ihre Tochter sein könnte?« Sie nickte langsam. »Aber von der Narbe an ihrer Hand wissen Sie nichts?« »Das kann ja später passiert sein – nachdem ich sie aus den Augen verlor.« »Wollen Sie mir nicht erklären, Lady Mary, wann Sie sich von Ihrer Tochter trennten?« »Nein, noch nicht.« »Aber vielleicht können Sie mir ein andere Frage beantworten. Kennen Sie Mrs. Groat?« »Ja.« »Kennen Sie auch eine Mrs. Weatherwale?« Lady Mary sah ihn mit großen Augen an. »Ja, ich kenne sie. Sie war eine Farmerstochter, die Jane sehr zugetan war, eine liebenswürdige und nette Frau; ich habe mich oft darüber gewundert, wie Jane zu dieser Freundschaft kam.« Jim erzählte ihr, was er von den letzten Vorgängen in der Familie Groat erfahren hatte. »Wir wollen unsere Karten soweit wie möglich aufdecken«, sagte sie schließlich. »Glauben Sie, daß Jane Groat irgendwie an dem Verschwinden meiner Tochter mitverantwortlich ist?« »Offen gestanden, ja«, erwiderte Jim, »Und wie denken Sie darüber, Lady Mary?« »Ich war früher auch dieser Ansicht. Aber nach den Nachforschungen, die ich anstellte, hat sie nichts damit zu tun. Sie hat zwar einen sehr bösen Charakter und ist niederträchtiger und gemeiner als irgendeine Frau, die ich sonst kennenlernte, aber sie war doch nicht so schlecht, daß sie an dem Geschick meiner kleinen Tochter Dorothy schuld wäre.« »Können Sie mir nicht noch mehr über sie erzählen?« Sie schüttelte den Kopf. »Aber vielleicht könnten Sie mir doch eine Aufklärung geben, die meine Nachforschungen erleichtert?« »Bis jetzt kann ich nichts weiter sagen«, entgegnete sie leise, erhob sich und verließ das Zimmer, ohne sich zu verabschieden. Jim war wieder ganz bei der Sache. Das neue Telegramm aus Südafrika zeigte ihm die ganze Frage in einem anderen Licht, und das Zerwürfnis mit Eunice war im Vergleich damit vollständig bedeutungslos. Wenn sie nun doch Lady Marys Tochter wäre! Er atmete schwer bei dem Gedanken an die Konsequenzen dieser Möglichkeit, obwohl er sie schon früher überlegt hatte. Sicher hätte Mrs. Groat das ganze Geheimnis aufklären können, aber jeder Versuch, den er gemacht hatte, Einzelheiten über ihr Vorleben zu erfahren, war vergeblich gewesen. Entweder wußten die Leute, die sie früher gekannt hatten, nichts davon, oder sie wollten nichts darüber aussagen. * Es war wenig Aussicht vorhanden, Mr. Septimus Salter noch im Büro zu treffen, und so ging Jim in seine Garage, wo er seinen kleinen Wagen untergestellt hatte, und fuhr nach Chislehurst, wo Mr. Salter wohnte. Der alte Herr war allein zu Haus, und Jim wurde liebenswürdiger empfangen, als er erwartet hatte. »Sie bleiben natürlich zum Dinner bei mir«, sagte der Rechtsanwalt. »Nein, ich danke Ihnen. Ich bin in großer Eile. Ich wollte Sie nur fragen, ob Sie Mrs. Weatherwale kennen?« Der Rechtsanwalt runzelte die Stirn. »Weatherwale – Weatherwale? Ja, ich kann mich auf den Namen besinnen; sie wird in dem Testament von Mrs. Groat erwähnt. Ich glaube, sie hat ihr ein Legat von mehreren hundert Pfund vermacht. Der Vater war ein alter Pächter der Dantons.« »Ja, das ist die Frau«, sagte Jim und erzählte seinem Chef alles, was er von dem Besuch Mrs. Weatherwales erfahren hatte. »Das zeigt nur«, sagte Mr. Salter, »daß die schrecklichsten Geheimnisse, die wir Rechtsanwälte in den tiefsten Tiefen der Aktenschränke und in Stahlkammern gesichert glauben, allgemein bekannt sind. Also nun hören Sie, Jim. Estremeda ist natürlich der spanische Gesandtschaftsattaché, der im Hause Dantons ein und aus ging, als Jane noch ein schönes Mädchen war. Er ist der Vater Digby Groats, seine Mutter war leidenschaftlich in den Spanier verliebt. Ich wußte schon längst, daß sie in irgendeinen Skandal verwickelt war, aber jetzt sehe ich ganz genau, warum ihr Vater niemals mehr mit ihr gesprochen hat und warum er sie enterbte. Trotzdem bin ich sicher, daß ihr Bruder Jonathan Danton nichts von ihren Fehltritten wußte, sonst hätte er ihr keinen Pfennig hinterlassen. Er war in diesem Punkt ebenso unbeugsam wie die anderen Dantons. Sein Vater hat ihm offenbar nichts davon mitgeteilt. Eine merkwürdige Sache, wirklich sehr merkwürdig! Was wollen Sie denn nun weiter tun?« »Ich werde Mrs. Weatherwale in Somerset aufsuchen; vielleicht kann ich durch eine Unterhaltung mit ihr neue Tatsachen herausbekommen.« 26 Jim war noch schläfrig und wenig zuversichtlich, als der Wecker am nächsten Morgen um sechs Uhr rasselte. Aber, als er aufgestanden war und daran dachte, welch neue Überraschungen und Enthüllungen der Tag bringen konnte, freute er sich auf seine kleine Reise. Er nahm den Personenzug, der um sieben Uhr von Paddington abfuhr, und erreichte die nächste Station, in deren Nähe Mrs. Weatherwales Wohnung lag. Er hatte noch nicht gefrühstückt und ging deshalb in das Gasthaus des Ortes; wo ihm die Wirtin Schinken und Eier bereitete, ohne die ein Engländer nicht leben kann. Hill Farm war ein kleines Bauerngut, auf dem hauptsächlich Gemüse gezogen wurde. Als Jim sich erkundigte, erfuhr er, daß Mr. Weatherwale schon vor zwölf Jahren gestorben war. Aber die Frau hatte einen Sohn, der ihr bei der Bewirtschaftung des Gütchens half. Alles das hörte Jim in dem kleinen Gasthaus des Ortes. Jim fand Mrs. Weatherwale beim Buttern. »Ich möchte nicht über Jane Groat sprechen«, sagte sie entschieden, als er den Zweck seines Besuches erwähnte. »Ich werde ihrem Sohn niemals die Beleidigung vergeben, die er mir zugefügt hat. Es ist doch keine Kleinigkeit für mich – ich habe alles liegen und stehen lassen und extra eine Frau angenommen, die meine Arbeit tun und meinem Sohn während meiner Abwesenheit die Wirtschaft hier führen sollte. Und schließlich hat doch die Fahrt nach London auch etwas gekostet.« »Das kann doch aber alles wieder in Ordnung gebracht werden«, sagte Jim lachend. »Mr. Digby Groat wird Ihnen das sicher alles ersetzen.« »Sind Sie ein Freund von ihm?« fragte sie. »Wenn Sie das sind –« »Nein, ich bin nicht sein Freund«, erklärte Jim. »Im Gegenteil, ich kann ihn ebensowenig leiden wie Sie.« »Das ist nicht recht möglich, denn ich würde lieber noch dem Teufel begegnen als diesem gelbgesichtigen Affen.« Sie wischte ihre Hände an der Schürze ab und führte ihn in das kleine, sonnige Wohnzimmer. »Nehmen Sie bitte hier Platz«, sagte sie in etwas rauhem Ton und zeigte auf einen Sitz am Fenster, der mit hellgrünem Kattun überzogen war. »Nun erzählen Sie mir, was Sie eigentlich wollen.« »Ich möchte etwas von Jane Groats Jugendjahren erfahren. Mit wem war sie befreundet, und was wissen Sie von Digby Groat?« »Darüber kann ich Ihnen nicht viel sagen. Ihr Vater, der alte Danton, war der Eigentümer von Kennett Hall. Sie können es von hier aus sehen.« Sie zeigte über die Felder hinweg zu alten, grauen Gebäuden, die oben auf dem Hügel lagen. »Jane kam sehr häufig zu uns. Mein Vater hatte damals ein größeres Gut. Ganz Holyblok Hill gehörte ihm. Aber er hat viel Geld bei den verdammten Rennwetten verloren ...! Wir beide freundeten uns sehr an. Ich gebe zu, daß das ganz ungewöhnlich war, denn sie war ein Mädchen aus vornehmem, reichem Hause, und ich war nur ein armes Farmerkind. Aber wir verstanden uns ganz gut, und ich habe später noch viele Briefe von ihr erhalten. Aber heute morgen habe ich sie verbrannt.« »Sie haben sie verbrannt?« fragte Jim enttäuscht. »Ich hoffte gerade, daß ich verschiedenes darin fände, was ich dringend wissen wollte!« »Ich glaube nicht, daß Sie darin irgend etwas finden konnten. Es standen nur viele, verrückte Dinge über einen Spanier darin, in den sie sich restlos verliebt hatte.« »Meinen Sie den Marquis von Estremeda?« »Mag sein – mag auch nicht sein. Ich will in meinen alten Tagen nicht mehr klatschen, besonders nicht über meine Freundin. Wir haben alle unsere Streiche hinter uns. Auch Sie werden sie noch machen, wenn ich so sagen darf. Nun, Mr. – ich habe mir Ihren Namen nicht gemerkt.« »Steele«, antwortete Jim geduldig. »Nun, da fällt mir ein, es war doch ein so nettes Mädchen in dem Haus. Wie kann Jane nur gestatten, daß ein so liebes Ding mit diesem Scheusal von Digby in Berührung kommt? Aber das wollte ich nur nebenbei erwähnen. Die Briefe habe ich alle verbrannt, nur ein paar habe ich zurückbehalten. Ich hob sie auf zum Beweis, daß ein Junge seinen Charakter nicht ändert, wenn er aufwächst. Es ist ja möglich«, sagte sie halb scherzend, »daß die Zeitungsreporter die Briefe noch brauchen können und mir etwas Geld dafür geben, wenn Digby an den Galgen kommt.« Jim lachte. Ihre gute Stimmung steckte ihn an. Sie ließ ihn kurze Zeit allein und kam dann mit einem kleinen Kasten zurück. »Wissen Sie denn nichts von Digby Groats früherem Leben?« »Ich kannte ihn nur als Jungen. Er war ein schlechter, gemeiner, kleiner Teufel. Er hat früher immer zum Vergnügen den Fliegen die Beine ausgerissen. Ich glaubte, daß das nur in Geschichtsbüchern vorkomme, aber ich habe selbst gesehen, wie er es tat. Wissen Sie, was sein Hauptvergnügen war?« »Nein«, erwiderte Jim lächelnd. »Aber es ist sicher etwas recht Niederträchtiges!« »Er kam jeden Freitag nachmittag zu Johnsons Farm und sah zu, wie die Schweine für den Markt geschlachtet wurden. Einen so gemeinen Charakter hatte er!« Sie nahm ein Bündel verblaßter Briefe aus dem Kasten heraus, setzte ihre große, alte Stahlbrille auf und las darin. »Hier ist so einer, aus dem Sie ganz deutlich sehen können, was für ein Junge er war: ... ›Ich habe Digby heute schlagen müssen, denn er hat dem kleinen Kätzchen eine Schnur von Feuerwerksfröschen um den Hals gebunden und sie dann angesteckt. Das arme, kleine Ding war so schwer verbrannt, daß ich es töten lassen mußte.‹ Das war charakteristisch für Digby«, sagte Mrs. Weatherwale und schaute über das Glas. »Ich habe keinen Brief von ihr bekommen, in dem sie nicht aus dem einen oder anderen Grund über Digby klagen mußte.« Sie las leise für sich weiter und sprach nur halblaut einige Worte vor sich hin. Aber Jim hörte plötzlich das Wort ›Baby‹ fallen. »Was für ein Baby war denn das?« Sie schaute zu ihm auf. »Das war nicht ihr Kind«, sagte sie. »Wem gehörte es denn?« »Das war ein Kind, das ihrer Pflege anvertraut war.« »War es vielleicht das Kind ihrer Schwägerin?« Die alte Frau nickte. »Ja, es gehörte Lady Mary Danton. Das arme, kleine Ding – er hat ihr etwas Schreckliches angetan.« Jim wagte nichts zu sagen, und ohne daß er sie aufforderte, sprach Mrs. Weatherwale weiter. »Ich will Ihnen noch eine Stelle vorlesen, aus der Sie deutlich sehen können, wie schlecht der kleine Digby war: ... ›Auch heute mußte ich Digby wieder bestrafen. Der nichtsnutzige Schlingel ist furchtbar grausam. Denke dir doch, er hat ein Halbschillingstück in der Flamme erhitzt und es dem armen Kind auf das Handgelenk gedrückt.‹« »Großer Gott«, rief Jim. Er war bleich geworden. Sie sah ihn erstaunt an. »Warum sind Sie denn so aufgeregt?« Also daher stammte diese Narbe, und das Dantonsche Millionenvermögen erbte nicht Digby Groat oder seine Mutter, sondern das Mädchen, das die Welt jetzt unter dem Namen Eunice Weldon kannte, das aber in Wirklichkeit Dorothy Danton hieß! 27 Eunice war Lady Marys Tochter! Es gab nun keinen Zweifel mehr. Seine Vermutung war also doch richtig gewesen. Aber wie war sie nach Südafrika gekommen? Dieses Geheimnis mußte noch gelöst werden. Mrs. Weatherwale war sehr verwundert und dachte einen Augenblick, ihr Besucher sei verrückt geworden. »Würden Sie so gut sein, den Abschnitt, der davon handelt, daß Digby das kleine Kind am Handgelenk verbrannt hat, noch einmal zu lesen«, bat Jim. Nachdem sie ihn besorgt angesehen hatte, kam sie seinem Wunsch nach. »Das kleine Mädchen verschwand bald darauf«, erklärte sie. »Eins der Kindermädchen, die Jane Groat engagiert hatte, nahm es mit sich in einem Boot aufs Meer hinaus, und das Boot muß von irgendeinem großen Schiff gerammt worden sein.« Plötzlich kam Jim ein Gedanke. Welche Schiffe fuhren denn an dem Unglückstag östlich an der Goodwin-Sandbank vorbei (denn dort in der Nähe mußte der Unfall passiert sein)? Das müßte er sofort herausfinden, auch diesen Brief, den Mrs. Groat an ihre Freundin geschrieben hatte, mußte er mitnehmen, um ihn Septimus Salter vorzulegen. Aber Mrs. Weatherwale setzte ihm Widerstand entgegen, und Jim mußte seine ganze Überredungskunst aufwenden, um ihr alle Zusammenhänge zu erklären. »Wie, es handelt sich um das schöne Mädchen, das ich im Hause von Mrs. Groat gesehen habe?« »Ja. Sie hat dieses Kennzeichen am Handgelenk. Es ist eine Brandwunde. Ich besinne mich ganz deutlich darauf. Auch Mrs. Groat muß wissen, daß sie die Tochter Lady Marys ist, denn als sie die Narbe sah, brach sie zusammen.« »Ich möchte nicht, daß Jane Groat in Unannehmlichkeiten kommt. Sie ist stets eine gute Freundin gewesen. Aber schließlich scheint es doch nur recht und billig zu sein, daß das hübsche, junge Mädchen diesen Brief bekommt. Sie haben Glück, ich hätte ihn beinahe verbrannt.« »Gott sei Dank, daß Sie das nicht getan haben«, sagte Jim glücklich. Mit dem nächsten Zug fuhr er nach London zurück und begab sich sofort in das Büro von Mr. Salter. »Wenn Ihre Annahme richtig ist«, sagte der Rechtsanwalt, nachdem er Jim genau zugehört hatte, »dürfte es nicht mehr schwierig sein, das fehlende Glied zwischen dem Verschwinden der kleinen Dorothy und dem Auftauchen der Eunice Weldon in Kapstadt zu finden. Da wir bestimmte Nachricht aus Südafrika haben, daß Eunice Weldon in zartem Alter gestorben ist, kann Eunice nicht das gleiche Mädchen sein. Ich möchte Ihnen den Rat geben, Ihre Nachforschungen zu beschleunigen, denn übermorgen händige ich das große Vermögen der Dantons dem neuen Rechtsanwalt von Mrs. Groat aus, und soweit ich sehen kann, wird Mr. Digby Groat die ganzen Liegenschaften sofort verkaufen. Der Landbesitz ist allein vierhunderttausend Pfund wert. Auf dem Gelände stehen vierundzwanzig Häuser, außerdem gehören sechs ziemlich große Güter dazu. Sie besinnen sich doch, daß er vor einiger Zeit hierher ins Büro kam und Erkundigungen einzog, ob er das Recht habe zu verkaufen. Ich habe mit Bennett – das ist der neue Anwalt – erst heute morgen eine Konferenz gehabt. Daraus ging ziemlich klar hervor, daß Digby beabsichtigt, alles so schnell wie möglich loszuschlagen. Er zeigte Bennett die notarielle Vollmacht, die ihm seine Mutter heute morgen gab.« Der Rechtsanwalt beurteilte Digby Groats Absichten richtig. Das Testament, das Eunice fand, hatte ihn sehr erschreckt. Er war fest entschlossen, nicht länger von der Gnade oder Ungnade einer verrückten alten Frau abhängig zu sein, die ihn so wenig wie er sie leiden mochte. Er hatte seine Mutter veranlaßt, den Anwalt zu wechseln, nicht weil er irgendein Vorurteil gegen die Firma Salter hatte, sondern weil er einen neuen Mann haben wollte, der mit den Verhältnissen nicht so vertraut war. Digby hatte sich dafür entschieden, alle Ländereien und Einkünfte aus dem Dantonschen Erbe in bares Geld umzuwandeln – in bares Geld, über das er disponieren konnte. Das Geheimnis all seiner Geschäfte in der City war die Gründung eines Syndikats, das die Dantonschen Ländereien gegen eine bare Kaufsumme erwerben sollte. Er hatte dabei auch vollen Erfolg gehabt, denn er hatte reiche Finanzleute für seinen Plan interessieren können, und es war alles so weit vorbereitet, daß die Verträge nur noch unterzeichnet zu werden brauchten, um den Abschluß perfekt zu machen. »Genügen denn diese Tatsachen noch nicht, um zu beweisen, daß Eunice die Tochter Lady Marys ist?« »Nein, es muß noch mehr Material beigebracht werden. Aber das dürfte Ihnen doch jetzt nicht mehr schwerfallen. Sie kennen das Datum, an dem das Kind verschwand. Es war der 21. Juni 1911.« * Jim ging zuerst zur Union African Steamship Company und kam gerade dort an, als man die Geschäftsräume schließen wollte. Glücklicherweise traf er noch den stellvertretenden Prokuristen, der ihn in sein Büro nahm und alle Akten durchsuchte. »Keins unserer Schiffe hat die Themse am 20. oder 21. Juni verlassen, nebenbei fährt nur unsere Nebenlinie von dort ab, die Postdampfer gehen von Southampton in See. Das letzte Schiff, das Southampton passierte, war die ›Central Castle‹. Sie beförderte Truppen nach Südafrika und legte in Plymouth am 20. an. An Margate muß sie drei Tage früher vorbeigefahren sein.« »Welche anderen Linien fahren denn nach Südafrika?« Der Geschäftsführer gab ihm eine Liste, die bedeutend größer war, als er vermutet hatte. Er eilte heim, um Lady Mary die Neuigkeiten zu bringen, aber er traf sie nicht zu Hause an. Ihre Bediente, die geheimnisvolle Madge Benson, sagte ihm, daß sie die Wohnung verlassen habe und erst in zwei oder drei Tagen zurückerwartet werde. Nun erinnerte er sich daran, daß Lady Mary ihm von der Absicht gesprochen hatte, nach Paris zu reisen. »Wissen Sie, wo sie in Paris Quartier nehmen wollte?« »Ich wußte nicht einmal, daß sie nach Paris gegangen ist«, sagte sie lächelnd. »Lady Mary erzählt mir niemals etwas von ihren Plänen.« Jim seufzte. Vor morgen konnte er nichts beginnen, er mußte warten. Nun fiel es ihm schwer aufs Herz, daß er sich mit Eunice überworfen hatte. Er mußte lächeln. Was würde sie dazu sagen, wenn sie erführe, daß die Dame, die ihn Jim nannte, ihre eigene Mutter war! Plötzlich kam ihm ein Gedanke. Eine Eunice Weldon mochte ihm wohl vergeben, ihn heiraten und seinen grauen Lebensweg in einen blumigen Glückpfad verwandeln, aber eine Dorothy Danton war eine der reichsten Erbinnen, und Jim Steele war ein armer Mann. Unter diesen Umständen konnte er nicht an eine Ehe denken. Er begann mit seinen Nachforschungen am nächsten Morgen, sobald die Büros geöffnet wurden. Aber er ging von einer Firma zur anderen und wurde stets um eine Hoffnung ärmer. Schließlich machte er traurig seinen letzten Besuch bei der ›African Coastwise Line‹. »Ich glaube, es ist zwecklos, daß Sie dort noch hingehen«, hatte ihm der Sekretär in dem Büro gesagt, in dem er eben vorgesprochen hatte. »Die lassen ihre Dampfer überhaupt nicht von London abfahren. Es ist eine Liverpooler Firma. Soviel mir bekannt ist, haben wir noch niemals ein Schiff dieser Gesellschaft im Londoner Hafen gesehen. Ich weiß es zufällig genau, weil ich früher Zollbeamter war.« Die ›Coastwise Line‹ war eine altmodische Firma und hatte auch ein altmodisches Büro in jenem Teil Londons, an dem die moderne Zeit spurlos vorübergegangen war. Die beiden Seniorchefs waren alte Leute, die fast das Aussehen von Patriarchen hatten. Als Jim eintrat, saßen sich die beiden an einem gemeinsamen Schreibpult gegenüber. Jim wurde mit altmodischer Liebenswürdigkeit begrüßt. Ein Bürodiener, der fast ebenso alt war wie die Inhaber der Firma, brachte ihm einen Sessel. Die beiden Herren hörten seinen Erklärungen zu. »Ich glaube, daß niemals einer unserer Dampfer durch die Straße von Dover gefahren ist«, sagte der eine kopfschüttelnd. »Obwohl unser Hauptbüro hier in London ist, gehen doch alle unsere Dampfer von Liverpool ab.« »Dann hat es ja keinen Zweck, daß ich Sie weiter belästige«, sagte Jim mit schwerem Herzen. »Aber Sie belästigen uns durchaus nicht«, sagte einer der beiden Partner. »Um der Sache auf den Grund zu gehen, können wir ja unsere Fahrtenliste vom Juni 1911 durchsehen.« Er klingelte und gab einem Sekretär den Auftrag, sie zu bringen. Gleich darauf kam der Mann mit einem großen Buch zurück und legte es auf den Tisch. Jim beobachtete den älteren Herrn genau, als er sorgfältig die langen Listen durchlas. Plötzlich hielt er an. »Erinnern Sie sich noch«, sagte er zu seinem Teilhaber, »daß wir damals eine Fahrt für die ›Union Africa Line‹ übernommen hatten, weil sie zu stark beschäftigt war?« »Ja, ich kann mich genau besinnen. Es war die ›Battledore‹, die wir damals von Tilbury abgehen ließen. Sie war das einzige unserer Schiffe, das von der Themse ausfuhr.« »An welchem Tag fuhr sie denn ab?« fragte Jim begierig. »Um acht Uhr morgens am 21. Juni. Lassen Sie mich einmal sehen.« Er erhob sich und ging zu der großen Karte, die an der Wand hing. »Dann muß sie ungefähr um zwölf Uhr an dem Leuchtturm von North Foreland vorbeigekommen sein. Und wann ereignete sich der Unglücksfall?« »Um Mittag«, antwortete Jim heiser. »Ich kann mich nicht besinnen, daß etwas Besonderes von der Fahrt berichtet wurde.« »Kann man denn nicht irgendwie herausfinden, was auf dieser Reise passierte?« »Da müßten wir das Logbuch des Schiffes einsehen. Hoffentlich sind wir dazu in der Lage. Die ›Battledore‹ wurde während des Krieges torpediert, aber Captain Pinnings, der das Kommando über das Schiff führte, lebt.« »Und sein Logbuch?« fragte Jim. »Darüber müssen wir Nachforschungen anstellen. Alle Logbücher werden in unserem Büro in Liverpool aufbewahrt. Ich werde heute noch schreiben und unseren Geschäftsführer dort bitten, das Buch herzuschicken, wenn es noch in unserem Besitz ist.« »Es ist äußerst dringend«, sagte Jim ernst. »Sie waren so liebenswürdig zu mir, daß ich Sie nicht drängen würde, wenn es nicht eine so äußerst wichtige Sache wäre. Könnte ich denn nicht nach Liverpool reisen und das Logbuch einsehen?« »Die Mühe kann ich Ihnen sparen«, sagte der eine Teilhaber. »Unser Geschäftsführer aus Liverpool kommt morgen nach London. Er kann das Buch mitbringen, wenn es noch existiert. Ich werde nach Liverpool telefonieren lassen.« Damit mußte sich Jim zufriedengeben, obwohl es ein Verlust von weiteren vierundzwanzig Stunden war. Er berichtete Mr. Salter, was er erreicht hatte, und entschied sich dann zu einer kühnen Tat. Vor allem mußte Eunice beschützt werden, und obgleich ihm nichts von einer unmittelbaren Gefahr bekannt war, mußte er doch unter allen Umständen versuchen, sie sobald wie möglich aus dem Hause am Grosvenor Square zu entfernen. Wenn doch nur Lady Mary in London gewesen wäre! Er fuhr zu dem Hause Digby Groats und wurde sofort in dessen Arbeitszimmer geführt. »Wie geht es Ihnen, Mr. Steele? Nehmen Sie bitte Platz. Hier sitzt man viel bequemer als unter dem Tisch.« Jim lächelte. »Nun, was kann ich für Sie tun?« »Ich möchte Miss Weldon sehen.« »Ich glaube, die Dame ist ausgegangen, aber ich will einmal nachsehen lassen.« Er klingelte. Gleich darauf trat ein Mädchen ein. »Bitte, rufen Sie Miss Weldon hierher.« »Es ist gerade nicht notwendig, daß ich sie hier spreche«, erklärte Jim. »Machen Sie sich keine Sorge«, sagte Digby lächelnd. »Ich werde Sie sofort allein lassen.« Das Dienstmädchen kehrte mit der Nachricht zurück, daß Eunice nicht zu Hause sei. »Nun gut«, sagte Jim, nahm seinen Hut mit einem Lächeln und verabschiedete sich von dem ebenfalls sehr höflichen Mr. Groat. »Ich werde draußen warten, bis sie zurückkommt.« »Sie besitzen eine bewunderungswürdige Dickköpfigkeit«, murmelte Digby, »vielleicht kann ich sie selbst finden.« Er ging hinaus und kam in einigen Minuten mit Eunice zurück. »Dem Mädchen ist nicht richtig Bescheid gesagt worden, Miss Weldon ist tatsächlich nicht ausgegangen.« Er machte eine kurze, höfliche Verbeugung vor ihr und verließ den Raum. Eunice legte die Hände auf den Rücken und schaute den Mann an, auf den sich ihre ganzen Hoffnungen und Wünsche konzentriert hatten und über dessen Verhalten sie so ungeheuer empört war. »Sie wollten mich sprechen, Mr. Steele?« Ihre Haltung erschütterte sein Selbstbewußtsein, so daß er im Moment alles vergaß, was er ihr sagen wollte und sich so sorgfältig zurechtgelegt hatte. »Ich möchte Sie bitten, dieses Haus zu verlassen, Eunice.« »Haben Sie wieder einen neuen Grund?« fragte sie sarkastisch, obgleich sie sich selbst wegen ihres Tones böse war. »Ich habe den besten aller Gründe dafür«, sagte er verbissen. »Ich bin fest davon überzeugt, daß Sie die Tochter Lady Mary Dantons sind.« »Das haben Sie mir früher auch schon erzählt.« »Bitte, hören Sie auf mich, Eunice«, bat er. »Ich kann Ihnen den Beweis bringen, daß Sie die Tochter Lady Marys sind. Die Narbe am Handgelenk hat Ihnen Digby Groat beigebracht, als Sie noch ein kleines Kind waren. Es gibt keine Eunice Weldon, ich kann Ihnen beweisen, daß das Mädchen dieses Namens im Alter von einem Jahr in Kapstadt starb.« Sie sah ihn fest an. Ihr Blick war kühl und hart, und sein Mut sank. »Das ist ja eine äußerst romantische Geschichte! Haben Sie mir vielleicht sonst noch etwas zu sagen?« »Nur noch, daß die Dame, die Sie in meiner Wohnung sahen, Ihre Mutter ist.« Ihre Augen wurden größer, und er sah, wie ein flüchtiges Lächeln über ihre Züge glitt, gleich einem Sonnenstrahl an einem Wintertage. »Wirklich, Jim, Sie sollten Geschichten schreiben! Und wenn es Sie interessiert, kann ich Ihnen ja sagen, daß ich dieses Haus in ein paar Tagen verlassen werde, um meine alte Stelle wieder anzutreten. Sie brauchen mir gar nicht zu erklären, wer die Dame war, die unglücklicherweise kein Telefon, aber den Schlüssel zu Ihrer Wohnung besaß.« Ihr Ärger betäubte alles Mitleid und alle Sympathie für ihn. »Ich will Ihnen nur sagen, daß Sie meinen Glauben an Männer mehr erschüttert haben, als es jemals Digby Groat oder irgendein anderer fertiggebracht hätte. Sie haben mich so tief verletzt, daß ich Ihnen nicht verzeihen kann.« Einen Augenblick zitterte ihre Stimme, aber mit einer außerordentlichen Willensanstrengung riß sie sich zusammen. »Leben Sie wohl, Jim.« Mit diesen Worten verließ sie das Zimmer. Er war verwirrt und betäubt. Ihre Verachtung traf ihn wie ein Peitschenhieb, und die Ungerechtigkeit ihres Urteils machte ihn sprachlos. Einen Augenblick fühlte er Ärger und Zorn in sich aufsteigen, aber er überwand sich. Nun konnte er gehen, denn er hatte keine Hoffnung mehr, sie wiederzusehen. 28 Eine Entscheidung nahte. Digby Groat war viel zu vernünftig, um die Anzeichen nicht zu verstehen. Seit zwei Jahren stand er in Verhandlungen mit einem Landagenten in San Paolo und hatte den Kauf einer großen Plantage so weit gefördert, daß er jeden Augenblick abschließen konnte. Durch allerhand Machinationen hatte er schlau die Identität seiner Person als Käufer nicht bekanntwerden lassen. Auf diesen ungeheuren Ländereien wollte er ein herrliches Leben führen. Es war möglich, daß er fliehen mußte, und in diesem Fall war der Aufenthalt auf seinen großen Besitzungen in Südamerika eine angenehme Abwechslung von dem ewigen Einerlei des Londoner Gesellschaftslebens. Er war fest entschlossen, Eunice Weldon mit sich zu nehmen. Sie sollte wenigstens ein Jahr lang dieses Leben mit ihm teilen. Was nachher wurde – er zuckte die Schultern. Auch früher waren ihm schon Frauen begegnet, hatten ihn fasziniert, stark angezogen und dann gelangweilt, und schließlich waren sie wieder aus seinem Gesichtskreis verschwunden. Wahrscheinlich würde Eunice denselben Weg gehen, aber darüber mußte .man sich ja den Kopf nicht zerbrechen. * Die Morgenstunden gingen zu langsam für Jim vorüber. Der Geschäftsführer sollte um ein Uhr ankommen, und Jim wartete auch pünktlich um diese Zeit im Büro der Schiffahrtsgesellschaft. Der Zug mußte jedoch Verspätung gehabt haben, denn es war schon über zwei, als der Ersehnte ankam. Ein Träger mit einem großen Paket begleitete ihn. Jim wurde sofort in das Privatbüro gebeten. »Wir haben das Logbuch der ›Battledore‹ gefunden, aber nun habe ich das Datum vergessen.« »Es war der 21. Juni.« Das Logbuch lag offen auf dem großen Tisch, und es herrschte eine eigentümliche Atmosphäre und Spannung im altertümlichen Büro. »Hier!« sagte der eine Partner. »Die ›Battledore‹ verließ Tilbury um neun Uhr vormittags bei abnehmender Flut, Wind Ost-Süd-Ost, See ruhig, etwas nebelig!« Er las weiter, »Ich glaube, jetzt kommt das, was Sie brauchen.« Es war einer der dramatischsten Augenblicke im Leben Jims. Nach einigen einleitenden Worten kam der alte Herr plötzlich zu der Eintragung, die so wichtig für die Frau war, die Jim mehr als sein Leben liebte. »›Schwere Nebelbänke, Geschwindigkeit um 11.50 Uhr auf die Hälfte reduziert. Um 12.10 Geschwindigkeit auf ein Viertel abgestellt. Obermaat Bosun berichtete, daß wir kleines Ruderboot in den Grund gebohrt haben und daß er zwei Personen im Wasser gesehen hat. Matrose Grand, ein tüchtiger Schwimmer, geht über Bord und rettet ein Kind. Zweite Person nicht gefunden. Später Geschwindigkeit wieder vergrößert, Versuch gemacht, nach Dungeneß zu signalisieren. Wetter zu diesig für Flaggensignale.‹« Jim nickte. »›Geschlecht des Kindes weiblich, Alter erst einige Monate. Kind der Stewardeß übergeben.‹« Eintragung folgte auf Eintragung, aber das Kind wurde nicht wieder erwähnt, bis der Dampfer in Funchal einlief. »Liegt auf der Insel Madeira«, erklärte der ältere Herr. »›Ankunft in Funchal sechs Uhr morgens. Dem britischen Konsul die Rettung des Kindes gemeldet. Konsul verspricht, nach London zu drahten.‹« Die nächste Eintragung war in Dakar gemacht. »Ein Hafen an der Westküste von Afrika, französisches Protektorat«, erklärte der Mann wieder. »›Telegramm vom britischen Konsul in Funchal erhalten mit der Mitteilung, daß der Londoner Polizei kein Kind als vermißt gemeldet wurde.‹« Drei Tage vor der Ankunft in Kapstadt war wieder eine für Jim interessante Eintragung gemacht worden. »›Mr. Weldon, ein Einwohner von Kapstadt, der mit seiner Frau eine Erholungsreise macht, bot an, das Kind zu adoptieren, das wir am 21. Juni auf See retteten, da er kürzlich sein eigenes Kind verloren hat. Mr. Weldon ist dem Kapitän persönlich bekannt, ferner ist seine Identität durch mehrere Passagiere bestätigt. Das Kind wurde ihm zur Pflege übergeben unter der Bedingung, daß die Angelegenheit den Behörden in Kapstadt gemeldet werden sollte.‹« Eine vollständige Beschreibung der Größe, des Gewichtes, der Haut-, Haar- und Augenfarbe des kleinen Wesens folgte, und unter der Rubrik ›Besondere Merkmale‹ stand: ›Narbe am rechten Handgelenk, Schiffsarzt meint, daß sie von einer Brandwunde herrührt.‹ Jim atmete tief. »Ich kann Ihnen nicht sagen, wie dankbar ich Ihnen bin, meine Herren. Sie haben mir die Mittel in die Hand gegeben, ein großes Unrecht wieder gutzumachen. Auch das Kind ist Ihnen zu großem Dank verpflichtet, es ist allerdings inzwischen eine erwachsene Frau aus ihm geworden. – Es ist möglich, daß wir Sie bitten müssen, dieses Logbuch bei Gericht vorzulegen. Aber ich hoffe, daß die Rechtsansprüche unserer Klientin so klar zutage treten, daß es nicht zu einer Verhandlung kommt.« Er ging die Threadneedle Street hinunter. Er brauchte frische Luft. Die Tatsache, daß er, während er ein Vermögen für Eunice gewonnen hatte, selbst das größte Glück verloren hatte, störte seine Freude nicht. Er hatte eine oberflächliche Kopie der Eintragungen des Logbuches gemacht und legte dieses Schriftstück, ohne ein Wort zu sagen, vor Mr. Salter auf den Tisch. Die Augen des Rechtsanwaltes leuchteten beim Lesen auf. »Die Angelegenheit liegt vollständig klar. Das Logbuch beweist die Identität von Lady Marys Tochter. Ihre Nachforschungen sind also nun zu Ende?« »Noch nicht ganz«, lächelte Jim. »Wir müssen erst noch Jane Groat und ihrem Sohn das Erbe entziehen. Und außerdem müssen wir Miss Danton zu überreden versuchen, das Haus von Mr. Groat zu verlassen.« »In diesem Falle ist vielleicht der Rat eines älteren Mannes wirkungsvoller als der Ihrige, mein Junge«, sagte der Rechtsanwalt und erhob sich. »Ich werde Sie begleiten.« Ein neues Dienstmädchen öffnete ihnen, und Digby erschien sofort in der Tür seines Arbeitszimmers. »Ich möchte Miss Weldon sprechen«, sagte Mr. Salter. Digby wurde steif und formell bei seinem Anblick. Er hätte sich noch unsicherer gefühlt, wenn er gewußt hätte, welche Botschaft Salter zu überbringen, hatte. Digby sah dem alten Mann ins Gesicht, aber Jim glaubte, in seiner ganzen Haltung Ungewißheit und Angst zu entdecken. »Es tut mir leid, daß Sie Miss Weldon nicht sprechen können«, erwiderte Digby langsam. »Sie ist heute früh mit meiner Mutter nach Frankreich gefahren und ist in diesem Augenblick wahrscheinlich schon in Paris.« »Das ist eine verdammte Lüge«, sagte Jim ruhig. 29 Die beiden Männer, die einander tödlich haßten, standen sich gegenüber. »Sie lügen«, wiederholte Jim. »Miss Weldon ist entweder hier in diesem Hause, oder sie ist auf Ihren verdammten Landsitz nach Somerset gebracht worden!« Digby Groat war weniger durch Jims heftige Beleidigungen als durch die Gegenwart des Rechtsanwalts aus der Fassung gebracht. »Sie geben sich also zum Werkzeug dieses erpresserischen und gemeinen Menschen her«, wandte er sich höhnisch an Mr. Salter. »Ich dachte, ein Mann von Ihrer Erfahrung würde es ablehnen, sich von einem solchen Burschen zum Narren halten zu lassen. Jedenfalls«, sagte er zu Jim, »wünscht Miss Weldon, nichts mehr mit Ihnen zu tun zu haben. Sie hat mir von dem Streit, den sie mit Ihnen gehabt hat, erzählt, und ich muß wirklich sagen, daß Sie sich sehr schlecht gegen sie benommen haben.« Digby log, das wußte Jim sofort. Eunice hätte ihm niemals ihr Vertrauen geschenkt. »Welches Interesse haben Sie denn an Miss Weldon?« fragte Digby den Rechtsanwalt. »Ich interessiere mich nur rein menschlich für sie«, erklärte der alte Salter. Jim war von dieser Äußerung betroffen. »Aber –« begann er. »Ich glaube, es ist besser, wir gehen, Steele«, unterbrach ihn der Rechtsanwalt und sah ihn verstohlen und warnend an. »Warum haben Sie ihm denn nicht gesagt, daß Eunice die rechtmäßige Erbin des Dantonschen Vermögens ist?« fragte Jim, als sie in einiger Entfernung von dem Hause waren. »Nehmen wir einmal an, alle Ihre Befürchtungen seien wahr«, erwiderte der Anwalt liebenswürdig, »nehmen wir einmal an, daß dieser Mann tatsächlich ein solcher Schuft ist, wie wir glauben. Das Mädchen ist doch jetzt in seiner Gewalt. Was würde die Folge davon sein, wenn ich ihm erzählte, daß Eunice Weldon ihm die ganze Erbschaft streitig macht, daß ihr sogar dieses Haus gehört und er vollständig arm und ruiniert ist?« Jim biß sich auf die Lippen. »Sie haben recht«, sagte er kleinlaut. »Ich bin immer zu hitzig und unbesonnen.« »Solange Digby Groat nicht weiß, daß ihm Gefahr von Eunice droht, ist sie verhältnismäßig sicher. Auf jeden Fall ist sie nicht in Lebensgefahr. Wenn er erst alles erfährt, was wir wissen, ist sie dem Tod geweiht.« Jim nickte. »Dann glauben Sie also, daß sie in wirklicher Gefahr ist?« »Ich bin davon überzeugt, daß Mr. Digby Groat nicht vor einem Mord zurückschrecken würde, wenn er dadurch sein Erbe retten kann«, sagte der Rechtsanwalt schroff. Sie sprachen nicht mehr, bis sie in das Büro in der Marlborough Street kamen. Dort ließ sich Jim mit einem Seufzer in den Sessel fallen und bedeckte das Gesicht mit den Händen. »Es scheint fast so, als ob wir machtlos wären«, sagte er bitter. »Aber, Mr. Salter, das Gesetz ist doch größer als Digby Groat. Gibt es denn keine Handhabe, ihn durch eine Anklage vor Gericht unschädlich zu machen?« Der alte Septimus Salter rauchte selten in seinem. Büro, aber heute nahm er seine Meerschaumpfeife aus einer Schublade seines Schreibtisches heraus, wischte sie sorgfältig an seinem Ärmel ab und füllte sie langsam und in unerschütterlicher Ruhe mit Tabak. »Das Gesetz, mein Junge, ist größer als Digby Groat und größer als Sie oder ich. Manchmal lachen Leute, die es nicht verstehen, darüber, ' manchmal machen sie sich darüber lustig, im allgemeinen fluchen sie darüber. Aber wenn das Gesetz und die Rechtsprechung auch nicht schnell arbeiten, so sind sie doch wie die Mühle, die nur langsam, aber furchtbar klein mahlt. Das Gesetz beschränkt sich nicht auf Verhaftungs- und Durchsuchungsbefehle, es hat tausend Waffen, mit denen es Betrüger und Bösewichte niederschlagen kann. Und bei Gott, alle diese Waffen sollen gegen Digby Groat angewandt werden!« Jim sprang auf und drückte die Hand des alten Salter. »Und wenn das Gesetz ihn nicht fassen kann, so will ich selbst ein Gesetz schaffen und ihn mit diesen beiden Händen erwürgen!« Mr. Salter sah ihn verwundert, aber auch ein wenig belustigt an. »In diesem Fall, mein lieber Steele«, sagte er dann trocken, »wird das Gesetz Sie packen und erwürgen – und das ist die Sache doch nicht wert, wenn ein paar beschriebene Bogen Papier dasselbe Resultat haben, als wenn Sie persönlich diesen Schuft umbringen.« Jim begann sofort mit seinen Nachforschungen. Zu seinem Erstaunen erfuhr er, daß Mrs. Groat und Eunice tatsächlich zur Victoria-Station gefahren waren. Ferner konnte er feststellen, daß Digby zwei Fahrscheine nach Paris gelöst und zwei Plätze in einem Schlafwagen reserviert hatte. Dadurch konnten die Namen der beiden Damen leicht festgestellt werden, was Digbys Absicht war. Jim konnte aber nicht herausbringen, ob sie wirklich mit dem Zug abgefahren waren. Er ging zu dem Rechtsanwalt zurück und berichtete über seine Erkundigungen. »Die Tatsache, daß Jane Groat fortgefahren ist, beweist noch lange nicht, daß unsere Klientin ebenfalls London verlassen hat«, meinte er nachdenklich. »Unsere Klientin?« fragte Jim erstaunt. »Ja, unsere Klientin«, wiederholte Septimus Salter lächelnd. »Vergessen Sie nicht, daß Miss Danton unsere Klientin ist, und bevor sie mir nicht den Auftrag gibt, die Vertretung ihrer Interessen einem anderen Rechtsanwalt zu übertragen –« »Mr. Salter«, unterbrach ihn Jim, »wann wird Bennett das Vermögen der Dantons übergeben?« »Heute morgen geschah es«, war die etwas, unerwartete Antwort, obwohl Mr. Salter nicht im mindesten darüber deprimiert zu sein schien. »Um Gottes willen!« rief Jim schwer atmend. »Dann befinden sich ja die ganzen Güter schon in Digby Groats Händen?« »Nur vorübergehend, lassen Sie sich dadurch nicht aus der Fassung bringen und setzen Sie Ihre Nachforschungen ruhig weiter fort. Haben Sie noch etwas von Lady Mary gehört?« »Von wem?« fragte Jim ganz erstaunt. »Von Lady Mary Danton. Das ist doch Ihre geheimnisvolle Frau in der schwarzen Kleidung. Ich ahnte es gleich, daß sie es war, ich habe niemals daran gezweifelt. Aber als Sie mir von der blauen Hand erzählten, stand es bei mir fest. Sie sehen, mein Junge«, sagte er und zwinkerte mit den Augen, »ich habe einige Nachforschungen in einer Richtung angestellt, die Sie vernachlässigten.« »Was hat denn die blaue Hand zu bedeuten?« »Lady Mary wird es Ihnen an einem der nächsten Tage wohl erzählen. Bevor sie nicht selbst zu Ihnen darüber spricht, fühle ich mich nicht berechtigt, Sie in mein Vertrauen zu ziehen. Sind Sie schon einmal in einer Färberei gewesen, Steele?« »Ja.« »Haben Sie die Hände der Frauen gesehen, die mit Indigo umgehen?« »Wollen Sie damit sagen, daß Lady Mary in einer Färberei arbeitete, nachdem sie verschwand?« fragte Jim ungläubig. »Das wird sie Ihnen schon selbst mitteilen«, entgegnete der Rechtsanwalt, und hiermit mußte Jim sich zufriedengeben. Die Nachforschungen waren nun zu schwer geworden, und es waren zu viele Spuren zu verfolgen, als daß Jim alles allein hätte durchführen können. Mr. Salter stellte deshalb noch zwei Detektive an, die früher in Scotland Yard gearbeitet, jetzt aber ihre eigene Agentur eröffnet hatten. Am Nachmittag hielten sie mit ihren beiden neuen Hilfskräften eine Konferenz ab, wobei ihnen alles mitgeteilt wurde, was bisher bekannt war. Am selben Nachmittag sah Digby Groat, als er aus seinem Fenster Umschau hielt, einen bärtigen Mann, der an der Gartenseite des Gebäudes entlangschlenderte, eine Pfeife im Mund hatte und offenbar ganz in den Anblick der schönen Natur und der architektonischen Feinheiten der Häuser am Grosvenor Square versunken war. Er hätte sich den Mann genauer angesehen, wenn er nicht durch die Ankunft von Mr. Bennett unterbrochen worden wäre. Dieser eckige Schotte mit den strohblonden Haaren war ihm unsympathisch. »Nun, Mr. Bennett, hat Ihnen der alte Salter alle Urkunden ausgehändigt?« »Jawohl, Sir. Ich habe alles erhalten.« »Glauben Sie nicht, daß er uns noch irgendeinen bösen Trick spielen wird?« »Mr. Septimus Salter ist ein ganz hervorragender Rechtsanwalt, dessen Name überall respektiert wird. Solche Leute lassen sich nicht auf Tricks ein«, sagte Mr. Bennett sehr kühl. »Nun, Sie brauchen sich nicht gleich beleidigt zu fühlen. Großer Gott, glauben Sie etwa, daß er Ihr besonderer Freund ist?« fragte Digby Groat. »Welche Gefühle er mir gegenüber hat«, antwortete Bennett in seiner harten, nördlichen Aussprache, »kümmert mich im Moment nicht. Ich wollte nur zum Ausdruck bringen, was ich von ihm denke. Die ganzen Grundstücksbriefe der Ländereien sind so weit in Ordnung gebracht, daß der Verkauf sofort vollzogen werden kann. – Sie verlieren keine Zeit, Mr. Groat.« »Nein«, sagte Digby, nachdem er einen Augenblick nachgedacht hatte. »Die Mitglieder des Syndikats drängen sehr darauf, daß der Besitz übergeben wird. Welches ist der früheste Termin, an dem wir die Sache perfekt machen können?« »Morgen früh. Ich vermute –«, Mr. Bennett zögerte, »daß die Frage nach der eigentlichen Erbin, Dorothy Danton, endgültig geklärt ist?« Digby lächelte. »Dorothy Danton ist vor zwanzig Jahren ertrunken und längst von den Fischen aufgefressen worden. Machen Sie sich deshalb keine Kopfschmerzen.« »Dann steht der Sache ja nichts im Wege.« Bennett zog eine Anzahl von Schriftstücken aus einer schwarzen Ledermappe. »Vier dieser Dokumente müssen Sie unterschreiben, das fünfte muß Ihre Mutter zeichnen.« Digby runzelte die Stirn. »Meine Mutter? Ich dachte, das sei unnötig. Ich ließ doch die Vollmacht durch den Notar ausfertigen.« »Sie wissen, Mr. Groat, daß diese notarielle Vollmacht nicht ausreicht, um alle Pachtverträge und sonstigen Rechte, die Sie geerbt haben, zu veräußern. Die Rechte, die nicht übertragen werden können, sind zwar nicht sehr wertvoll, aber sie geben Ihrer Mutter ein Pfandrecht auf Kennett Hall. Unter den gegebenen Umständen wäre es besser, wenn Sie die Originalunterschrift beibrächten, damit es nachher keine Unannehmlichkeiten gibt. Mr. Salter ist ein sehr kluger Mann, und wenn ihm die Einzelheiten der Besitzübergabe bekannt werden, wäre es sehr leicht möglich, daß er eine offizielle Warnung, ein Caveat, eintragen läßt. Er fühlt sich doch noch immer verantwortlich als Rechtsanwalt des verstorbenen Mr. Danton.« »Was hat denn ein Caveat zu bedeuten?« »Hierdurch wird jeder Käufer gewarnt, das Besitztum zu erwerben. Sollte sich nach dem Kauf herausstellen, daß der Verkäufer irgendwie nicht zu dem Verkauf berechtigt war, so hat der Käufer den Schaden zu tragen. Und ich glaube nicht, daß das Syndikat das Risiko übernehmen würde, Ihnen die Kaufsumme für die Ländereien in bar auszuzahlen, wenn ein Caveat eingetragen ist.« Digby starrte lange Zeit aus dem Fenster. »Also gut, dann werde ich die Unterschrift meiner Mutter beibringen.« »Sie ist, soviel ich weiß, in Paris?« »Woher wissen Sie das?« »Ich mußte heute bei Mr. Salter vorsprechen, um die letzten Formalitäten zu erledigen, und er erwähnte es nebenbei.« Digby brummte etwas vor sich hin. »War es denn absolut notwendig, daß Sie Salter wieder aufsuchten?« fragte er barsch. »Ich regle meine Angelegenheiten nach bestem Wissen und Gewissen, wie ich es verantworten kann«, erwiderte Mr. Bennett etwas scharf und unfreundlich. Digby sah ihn ärgerlich an und nahm sich vor, nach der Durchführung dieser Transaktion die Dienste dieses unangenehmen Schotten nicht mehr in Anspruch zu nehmen. Er haßte das Gesetz, und er haßte Rechtsanwälte. Er hatte den Eindruck gehabt, daß die Firma Bennett froh sei, diesen großen Auftrag zu erhalten und infolgedessen seinen Wünschen möglichst entgegenkommen würde. Aber er mußte zu seinem Verdruß wahrnehmen, daß der gefügige Rechtsanwalt, den er sich vorgestellt hatte, in Wirklichkeit nicht existierte. »Geben Sie mir das Dokument, ich werde meine Mutter unterzeichnen lassen.« »Werden Sie nach Paris fahren?« »Ich werde es ihr durch ein Flugzeug schicken lassen.« Der Rechtsanwalt nahm die Papiere zusammen und packte sie wieder in die Ledermappe. »Dann erwarte ich Sie also morgen um zwölf Uhr im Büro des Nordland-Syndikats.« Digby nickte. »Noch etwas, Mr. Bennett« – er rief den Rechtsanwalt noch einmal zurück –, »bitte annoncieren Sie dieses Haus zum Verkauf. Ich werde in Zukunft den größten Teil meiner Zeit in Übersee zubringen und kann dieses wertvolle Eigentum nicht ungenützt liegenlassen. Ich möchte, daß es sehr schnell verkauft wird.« »Wenn man schnell verkaufen muß, so drückt das auf den Preis. Aber ich werde sehen, was sich machen läßt, Mr. Groat. Wollen Sie auch die Einrichtung mit verkaufen?« Digby nickte. »Sie haben doch auch noch eine Besitzung auf dem Lande?« »Die will ich nicht veräußern.« Als der Rechtsanwalt fort war, ging er hinauf in sein Zimmer, wechselte die Kleider und war verhältnismäßig lange damit beschäftigt. »Nun muß ich Eunice überreden, ein vernünftiges Mädchen zu sein und keinen Spektakel zu machen«, sagte er zu sich selbst, als er die Treppe herunterkam und die Handschuhe anzog. 30 Digby Groat machte eine unerwartete Reise nach dem Westen. Ein guter Feldherr bereitet, selbst wenn er siegreich ist, seinen Rückzug vor, und Digby hatte längst an Kennett Hall als eine Zuflucht gedacht, wenn er in Bedrängnis käme. Kennett Hall gehörte zu den Ländereien, die seine Mutter geerbt hatte, und die erst an das. Syndikat verkauft werden konnte, wenn er ihre Unterschrift beigebracht hatte. Er hatte seinen Wagen am frühen Morgen dorthin geschickt. Aber er selbst war mit dem Zug gefahren. Sein staubbedeckter Wagen wartete vor dem Bahnhof. Die wenigen Beamten sahen Digby nicht gerade freundlich nach, als er den Bahnsteig verließ. »Da ist Mr. Groat, der Eigentümer von Kennet Hall«, sagte der Pförtner zu dem alten Stationsmeister. »Schon gesehen. Es war ein böser Tag für unseren Ort, als das Gut in den Besitz der Mrs. Jane Groat überging. Sie ist keine gute Frau.« Digby hörte nichts von dem schlechten Urteil, das man über seine Mutter und ihn fällte, als er auf der hügeligen Straße nach Kennett Hall fuhr. Die schmiedeeisernen Tore erwiesen sich als Prachtstücke der Rokokokunst, aber die Wachhäuschen zu beiden Seiten des Eingangs waren häßliche, kleine Bauten aus der Zeit der Königin Victoria. Seit zwanzig Jahren standen sie unbenutzt und sahen zerfallen und verkommen aus. Unkraut bedeckte die schönen Blumenbeete, deren Farbenpracht einst eine herrliche Zierde des Anwesens war. Den geschotterten Fahrweg konnte man kaum mehr von dem Rasen unterscheiden. Der Verwalter eilte zum Tor, um aufzuschließen. Es war ein mürrischer Mann von ungefähr fünfzig Jahren. Auch der Anblick seines Herrn stimmte ihn nicht freundlicher. »Ist jemand hier gewesen?« fragte Digby. »Nein, Sir, nur der Flugzeugführer.« »Steigen Sie aufs Trittbrett«, sagte Digby kurz. Der Wagen durchfuhr eine lange Ulmenallee, wandte sich dann zur Rechten und hielt vor einem baumlosen Abhang, der zu der untersten Terrasse führte. Alle Schönheit der Natur von Somerset konnte den traurigen Eindruck nicht verwischen, den das Herrenhaus machte. Geländer und Terrassen waren zerfallen, und Wind und Wetter hatten dem Gebäude übel mitgespielt. Die Fassade sah verkommen und schmutzig aus, die dunklen, staubigen Fenster starrten trostlos auf die schöne Welt. Digby war nicht deprimiert durch den Anblick des zerfallenen Hauses. Er kannte es schon und hatte früher einmal die Absicht gehabt, es niederzureißen und einen modernen Bau an seiner Stelle errichten zu lassen. Masters schloß die große Haustür auf und folgte seinem Herrn. Im Innern war der Verfall noch mehr als draußen zu erkennen. Als sie in die Eingangshalle traten, hörten sie Tiere forthuschen. »Ratten sind auch hier?« »Ja«, erwiderte Masters resigniert, »sogar unheimlich viele. Ich habe schon genug damit zu tun, sie aus meiner Wohnung fernzuhalten. Aber hier im Ostflügel ist es geradezu fürchterlich; ich hatte auch schon einmal Terrier und Frettchen.« »Ist der Flugzeugführer im Haus?« »Er hat eben gefrühstückt.« Digby folgte dem Verwalter durch einen langen, dunklen Gang und trat durch die Tür, die der andere öffnete. Der bärtige Villa nickte ihm vergnügt zu. Er trug noch Fliegerkleidung. »Gut, daß Sie da sind«, sagte Digby. »Ich bin glücklich hierhergekommen, aber das ist eigentlich nur durch die Gnade der Götter geschehen. Ich bin an diese leichte Maschine nicht gewöhnt. Es ist besser, wenn Bronson sie zurückbringt.« Digby nickte, nahm einen Stuhl und setzte sich ihm gegenüber, »ich habe Bronson den Auftrag gegeben, hierherzukommen; ich erwarte ihn heute abend.« Masters war gegangen, und Villa wartete, bis seine Schritte verklangen. »Was ist eigentlich los? Sie wollen doch nicht etwa Ihren Wohnsitz verlegen?« »Das kann ich nicht sagen«, erwiderte Digby kurz. »Der Flugplatz in Seaford wird dauernd beobachtet, wenigstens Steele ist alarmiert und weiß, daß ich ein Flugzeug benützen will, oder er vermutet so etwas. Ich habe mich daher entschlossen, Privatpiloten zu nehmen.« »Dieses Haus eignet sich aber auch nicht sehr für Sie«, meinte Villa und schüttelte den Kopf. »Warum kommen Sie überhaupt hierher? Hier können Sie doch nur für kurze Zeit Ihr Hauptquartier aufschlagen. Steht die Sache denn schlecht?« fragte er plötzlich. »Es kann sein, daß jeder sehen muß, wie er sich rettet. Aber ich hoffe, daß es nicht dazu kommt. Alles hängt davon ab –«; er beendete den Satz nicht und fragte plötzlich unvermittelt: »Wie weit liegt die Küste von hier entfernt?« »Die ist sehr nahe. Ich bin in einer Höhe von zweitausend Metern geflogen und konnte den Kanal von Bristol deutlich sehen.« Digby fuhr mit der Hand über die Stirn und sah nachdenklich auf den Tisch. »Ich kann Ihnen ja trauen, Villa, und ich muß Ihnen jetzt sagen, so sehr Sie diese schnellen, leichten Flugzeuge auch hassen, müssen Sie sich doch bereit halten, mich mit einer solchen Maschine in Sicherheit zu bringen. Ich wiederhole, daß es nicht zu dieser Flucht kommen wird, soweit ich die Sache überschauen kann, aber wir müssen auf alles vorbereitet sein. In der Zwischenzeit habe ich noch einen Auftrag für Sie. Sie sollten nicht nur die Maschine herbringen, als ich Sie rufen ließ.« Villa hatte das auch vermutet. »Sie haben wahrscheinlich in den Zeitungen schon von dem reichen, brasilianischen Pflanzer Maxilla gelesen. Er hält sich jetzt in Deauville auf.« »Meinen Sie den Spieler?« fragte Villa erstaunt. – Digby nickte. »Ich weiß zufällig, daß er in der letzten Zeit sehr viel Pech gehabt hat. In der letzten Woche hat er etwa zwanzig Millionen Franken verloren. Aber das ist nicht sein einziger Verlust. Er hat auch in Aix und in San Sebastian gespielt, und soweit ich weiß, ist er in einer ziemlich verzweifelten Lage.« »Aber er ist noch lange nicht am Ende«, sagte Villa. »Ich kenne den Mann, er ist so reich wie Krösus. Ich habe seine Jacht gesehen, als Sie mich nach Le Havre schickten. Ein ganz wundervolles Schiff, das etwa eine Viertelmillion wert ist. Er hat ein paar Hundert Quadratmeilen Kaffeeplantagen in Brasilien –« »Das weiß ich alles«, unterbrach ihn Digby ungeduldig. »Die Hauptsache für mich ist, daß er im Augenblick kein Geld hat, kein flüssiges Geld. Wir wollen nicht lange darüber sprechen, Villa. Hören Sie zu. Gehen Sie nach Deauville, nehmen Sie Ihre Maschine, und fliegen Sie hin. Sprechen Sie mit Maxilla – Sie sprechen doch portugiesisch?« »Wie ein Eingeborener. Ich habe längere Zeit in Lissabon gelebt.« »Sie werden also mit Maxilla sprechen, und wenn er Geld braucht, wie ich vermute, dann bieten Sie ihm hunderttausend Pfund für seine Jacht. Es ist ja möglich, daß er den doppelten Kaufpreis fordert, und Sie müssen damit rechnen, auch so viel zu zahlen. Maxilla steht gerade nicht in dem besten Ruf, und wahrscheinlich wird die brasilianische Schiffsbesatzung froh sein, wenn das Schiff verkauft wird. Wenn es Ihnen gelungen ist, das Schiff zu bekommen, senden Sie mir ein Telegramm. Das Schiff soll in den Kanal von Bristol gebracht werden, wo die Kohlen eingenommen werden.« »Es ist ein Turbinendampfer mit Ölfeuerung.« »Nun gut, dann wird er dort eben Öl fassen und Vorräte, die ausreichen, um einen Monat auf See zu bleiben. Der Kapitän soll direkt in meine Londoner Wohnung kommen, um meine Befehle entgegenzunehmen. Der Erste Offizier kann das Schiff ja hinbringen. Haben Sie meinen Auftrag richtig verstanden?« »Mit Ausnahme von zwei Dingen habe ich alles richtig begriffen, mein lieber Freund«, sagte Villa liebenswürdig. »Erstens einmal muß ich Geld haben, wenn ich diese Jacht kaufen soll.« »Das werde ich Ihnen natürlich mitgeben.« »Zweitens – was verdient der arme Villa bei der Sache?« »Sie werden nicht schlecht dabei fahren.« »Dann ist alles in Ordnung.« »Maxilla darf unter keinen Umständen wissen, daß ich der Käufer bin. Entweder kaufen Sie das Schiff auf Ihren eigenen Namen oder für einen reichen kubanischen Pflanzer oder meinethalben für einen Freund, dessen Namen Sie nicht nennen. Ich werde den Kapitän und die Schiffsmannschaft schon zum Schweigen veranlassen, wenn ich erst an Bord bin. Sie fliegen heute abend noch nach Deauville ab.« Digby hatte auch noch andere Vorkehrungen zu treffen, und Masters erhielt den Befehl, zwei kleine Zimmer in Ordnung zu bringen, einzurichten und mit Betten und Möbeln zu versehen. Masters war ganz verwirrt. »Was fällt Ihnen denn ein?« sagte Digby ärgerlich. »Wenn keine Betten hier sind, dann fahren Sie eben nach Bristol oder in eine andere naheliegende Stadt, kaufen Betten und bringen Sie mit einem Auto hierher. Es ist ganz gleich, was es kostet. Bringen Sie auch Teppiche mit.« Er legte ein Paket Banknoten auf den Tisch, und Masters, der noch nie in seinem Leben eine so große Geldsumme in der Hand gehalten hatte, wäre beinahe vor Staunen umgefallen. 31 Digby Groat fuhr im Auto zur Stadt zurück und erreichte sein Haus am Grosvenor Square zum Dinner. Er speiste schnell und ging dann hinauf, um sich umzuziehen. Er ging an Eunices Zimmer vorbei und fand Jackson auf einem Stuhl vor der Tür sitzen. »Sie ist jetzt ruhig«, sagte der Mann grinsend. »Ich habe die Fenster geschlossen, die Fensterläden heruntergelassen und ihr gesagt, daß sie sich still zu verhalten habe, wenn ich nicht böse mit ihr umgehen soll.« »Und wie steht es mit meiner Mutter? Haben Sie ihr die kleine Schachtel mit den Pillen gegeben?« Jackson grinste aufs neue. »Die ist jetzt zufrieden. Ich habe niemals gewußt, daß sie Morphinistin ist.« »Es ist ganz gleich, was Sie wissen oder nicht wissen«, erwiderte Digby scharf. Er mußte noch ausgehen, denn Lady Waltham gab am Abend einen Hausball. Es waren auch mehrere Mitglieder des Syndikats unter den Gästen, und einer derselben nahm ihn während des Tanzes beiseite. »Sind denn schon alle Papiere für morgen früh in Ordnung?« fragte er. Digby nickte. »Einige Mitglieder des Syndikats sind darüber erstaunt, daß Sie bar ausgezahlt sein wollen«, sagte er und sah Digby lächelnd an. Mr. Groat zuckte die Schultern. »Sie vergessen, mein Lieber«, entgegnete er liebenswürdig, »daß ich nur ein Agent in dieser Angelegenheit bin und für meine etwas exzentrische Mutter handle.« »Das hatte ich mir auch schon gedacht. Aber die Papiere werden doch in Ordnung sein? Hat Ihre Mutter auch schon die Unterschrift geleistet?« Digby erinnerte sich innerlich fluchend daran, daß er versäumt hatte, ihre Unterschrift einzuholen. Sobald er konnte, verabschiedete er sich und kehrte nach Grosvenor Square zurück. Das Zimmer seiner Mutter war verschlossen. »Wer ist da?« fragte sie erregt. »Ich bin es, Digby.« »Ich werde lieber morgen früh mit dir sprechen.« »Ich will dich aber jetzt sehen«, verlangte Digby. »öffne die Tür.« Es dauerte einige Zeit, bis sie gehorchte. Sie hatte ihren Schlafrock an, und ihr gelbes Gesicht war grau vor Furcht. »Es tut mir leid, daß ich dich störe, Mutter, aber ich habe hier ein Dokument, das noch heute abend unterschrieben werden muß.« »Ich habe doch schon alles getan, was du wolltest«, sagte sie mit zitternder Stimme. »Habe ich es denn nicht getan, mein Junge?« Sie hatte nicht die geringste Ahnung, daß sie durch diese Unterschrift Ihr ganzes Vermögen verlieren würde. »Könnte ich es nicht morgen früh unterzeichnen?« bat sie. »Meine Hand zittert jetzt so.« »Hier schreibst du deinen Namen hin«, fuhr er sie hart an, und sie gehorchte. * Das Nordland-Syndikat war nur eine Abteilung einer großen Finanzgruppe und eigentlich nur ins Leben gerufen worden, um die Dantonschen Liegenschaften zu erwerben. In einem großen, schön möblierten Sitzungszimmer warteten die Mitglieder des Syndikats. Man sah Lord Waltham unter ihnen, Hugo Vindt, den reichen Bankier, der seine Hände in allen möglichen Geschäften hatte, und Felix Strathelan, den bekannten Lebemann, der einer der schlauesten Landspekulanten in ganz England war. Als vierter trat eben Rechtsanwalt Mr. Bennett ein. Er trug eine schwarze Mappe unter dem Arm, die er vor sich auf den Tisch legte. »Guten Morgen, meine Herren«, sagte er nur kurz. Er hatte längst aufgehört, große Achtung vor diesen reichen Finanzleuten zu haben. »Guten Morgen, Bennett«, erwiderte der Lord. »Haben Sie Ihren Klienten heute schon gesehen.« Mr. Bennett sah unfreundlich drein, als er seine Mappe öffnete. »Nein, Mylord.« Er zeigte durch sein Benehmen, daß er mit Digby Groat nicht in den besten Beziehungen stand und nicht viel von ihm hielt. »Dieser Groat ist doch ein merkwürdiger Mensch«, meinte Bankier Vindt lachend. »Er ist kein Geschäftsmann und stellt trotzdem so scharfe Bedingungen. Ich würde ihn eigentlich nicht für einen Engländer halten, er sieht mehr wie ein Südländer aus. Meinen Sie nicht auch, Lord Waltham?« Der Lord nickte. »Die Groats sind eine sonderbare Familie. Wissen Sie auch, daß seine Mutter Kleptomanin ist?« »Um Gottes willen!« rief Strathelan erstaunt. »Das fehlte noch gerade!« »Sie ist jetzt eine verrückte alte Frau, aber sie gehörte einst zu den schönsten Frauen Londons. Früher verkehrte sie viel in unserer Familie, und wir entdeckten jedesmal, wenn sie uns besucht hatte, daß irgendein kleines Schmuckstück fehlte, das meistens keinen großen Wert hatte. Aber einmal war auch ein sehr wertvolles Armband meiner Tochter mit ihr verschwunden. Mir war die Sache sehr unangenehm, aber als ich mit Groat sprach, hat er mir mein Eigentum sofort zurückerstattet. Damals kam es auch heraus, daß sie an dieser Krankheit litt. Aber im Grunde ist sie doch eine glückliche Frau.« »Das würde ich nun gerade nicht sagen, weil sie diesen Sohn hat«, erwiderte Strathelan lächelnd. »Sie hat trotzdem großes Glück«, behauptete der Lord. »Wäre Dantons Kind damals nicht umgekommen, so wären die Groats so arm wie Kirchenmäuse.« »Haben Sie eigentlich Lady Mary gekannt, Mylord?« fragte Vindt. »Ich habe beide gekannt – Lady Mary und ihr Kind. Wir verkehrten viel mit den Dantos und luden uns gegenseitig ein. Es war ein hübsches Kind.« »Welches Kind meinen Sie?« hörte man eine Stimme aus dem Hintergrund. Digby Groat war in seiner geräuschlosen Art in das Zimmer getreten und hatte die Tür des Sitzungszimmers leise hinter sich geschlossen. Erst als er die Frage stellte, nahmen die anderen seine Gegenwart wahr. »Wir sprachen gerade über Lady Marys kleine Tochter – Ihre verstorbene Kusine.« Digby Groat lächelte verächtlich. »Es wird uns nicht weiterbringen, über sie zu sprechen.« »Können Sie sich denn überhaupt auf sie besinnen?« fragte Lord Waltham. »Nur ganz dunkel. Ich kümmerte mich nicht gerade viel um kleine Kinder. Ich kann mich daran erinnern, daß sie früher einmal in unserem Hause war. Sie schrie und heulte dauernd. Haben Sie alles in Ordnung gebracht, Bennett?« Der Rechtsanwalt nickte. »Hier ist auch das Dokument, dessen Unterschrift Sie von mir verlangten.« Digby nahm das Schreiben aus seiner Mappe und übergab es dem Rechtsanwalt, der es öffnete und bedächtig las. »Also, das wäre in Ordnung. Nun wollen wir zum Geschäftlichen kommen, meine Herren.« Alle nahmen ihre Plätze am Tisch ein. »Ihre Forderung, Groat, das Geld in bar ausgezahlt zu erhalten, war eine schwer zu erfüllende Bedingung«, sagte Lord Waltham und öffnete einen kleinen Kasten, der neben ihm auf dem Tisch stand, »Ich habe nicht gern viel Geld in meinem Büro, und wir mußten deswegen zwei besondere Wachleute anstellen.« »Aber das kommt doch bei der Sache heraus«, meinte Digby gutgelaunt. Er beobachtete gespannt, wie der Lord ein Paket Banknoten nach dem anderen herausnahm und auf den Tisch zählte. Der Rechtsanwalt drehte ein Schriftstück um und reichte Digby eine Feder. »Bitte, unterschreiben Sie hier, Mr. Groat.« In diesem Augenblick wandte sich Hugo Vindt nach dem Sekretär um, der in den Raum getreten war. »Ist das für mich?« fragte er und zeigte auf einen Brief, den der Mann in der Hand hielt. »Nein, für Mr. Bennett.« Bennett nahm das Schreiben an sich, schaute auf den Absender und runzelte die Stirn. »Es ist von Salter, und es steht ›Dringend und wichtig‹ darauf. »Die Sache hat doch wohl Zeit, bis wir das Geschäft beendet haben«, sagte Digby ungeduldig. »Es ist besser, wir öffnen es gleich.« Der Rechtsanwalt machte den Brief auf und las ihn sorgfältig durch. »Was hat er denn geschrieben?« fragte Digby. »Ich fürchte, der Verkauf kann nicht vorgenommen werden«, antwortete Mr. Bennett langsam. »Salter hat ein Caveat gegen den Verkauf der Liegenschaften eingebracht.« Digby sprang wütend auf. »Wie kann er das machen – er hat ja gar kein Recht dazu!« rief er wild. »Er ist doch nicht mehr mein Anwalt. Wer hat ihn denn dazu ermächtigt?« Bennett sah ihn sonderbar an. »Dieses Caveat«, sagte er und betonte jedes Wort, »hat Salter im Auftrage von Dorothy Danton beantragt, die nach diesem Brief noch am Leben ist.« Ein peinliches Schweigen trat ein. »Das ändert natürlich die Sache«, sagte Bankier Vindt plötzlich. »Sie wissen doch, Groat, was dieses Caveat bedeutet?« »Aber ich bestehe darauf, daß die Übereignung vollzogen wird! Das ist doch nur eine Schikane von diesem alten verrückten Salter! Jeder Mensch weiß, daß Dorothy Danton längst tot ist. Sie starb durch einen Unglücksfall vor zwanzig Jahren.« »Trotzdem können wir angesichts dieses Einspruches nichts weiter unternehmen«, sagte Lord Waltham ruhig. »Wir sind als Käufer nachher für allen Schaden verantwortlich.« »Aber ich werde die Übereignungsurkunde unterschreiben«, erwiderte Digby heftig. »Das ist ganz gleich, selbst wenn Sie zwanzigmal Ihre Unterschrift daruntersetzen. Würden wir Ihnen das Geld zahlen, und es stellte sich später heraus, daß es das rechtmäßige Erbe von Miss Danton ist, dann haben wir unser ganzes Geld verloren und müssen ihr ihr Eigentum zurückgeben. Nein, Groat, wenn das nur, wie Sie sagen eine Schikane ist, können wir uns an jedem anderen Tage wieder treffen, sobald alles geklärt ist. Wir möchten die Ländereien sehr gern erwerben. Aber ich kann mir nicht denken, daß ein Mann von Salters Stellung, Alter und Erfahrung einen derartigen Einwand nur aus Schikane vorbringt.« Die anderen stimmten ihm bei. »Im Augenblick können wir also nichts unternehmen – das müssen Sie als Geschäftsmann einsehen.« Digby war außer sich vor Wut, als er sah, daß die Banknoten wieder in den Kasten zurückgelegt wurden. »Nun gut«, sagte er schließlich. Sein Gesicht war bleich. Er überschaute sofort die möglichen Entwicklungen. Sollte ihm dieser Plan, zu Geld zu kommen, nicht gelingen, so mußte er eben andere Maßregeln ergreifen. Er durfte keine Zeit verlieren, bevor Mr. Salter einen weiteren Schritt gegen ihn einleitete. Er drehte sich wortlos um und eilte die Treppe hinunter. Vor dem Tor wartete sein Wagen. »Zur Third National Bank«, rief er dem Fahrer zu, als er einstieg. Er wußte, daß seine Mutter dort ein Bankguthaben von etwa hunderttausend Pfund hatte. Sie war ihr ganzes Leben furchtbar sparsam, um nicht zu sagen geizig gewesen und hatte dieses Vermögen aus den Einkünften des Dantonschen Besitzes aufgehäuft. Digby ahnte sehr wohl, daß Salter nicht aufs Geratewohl diesen Einspruch erhoben hatte. Sicher konnte er sich auf ganz positive Tatsachen stützen. Wo mochte nur diese Dorothy Danton plötzlich herkommen? Wer war sie? Digby fluchte. Auf jeden Fall wollte er sichergehen und alles Geld, das irgendwie einzukassieren war, abheben. Mit diesem Gedanken stieg er aus dem Wagen. Er wünschte nur, daß er Villa das Geld seiner Mutter zum Kauf der Jacht gegeben hätte. Statt dessen hatte er die Summe von dem enormen Bankguthaben der Bande der Dreizehn gezogen. Er wurde in das Büro des Bankdirektors gerufen und glaubte zu erkennen, daß dessen Gruß kühler als sonst war. »Guten Morgen, Mr. Stevens. Ich möchte den größten Teil des Guthabens meiner Mutter abheben und wollte vorher mit Ihnen darüber sprechen.« »Es ist gut, daß Sie das tun wollen, Mr. Groat. Nehmen Sie, bitte, Platz.« Der Direktor fühlte sich anscheinend nicht recht wohl. »Ich bin nämlich nicht in der Lage, Ihnen einen Scheck zu honorieren, den Sie auf das Konto Ihrer Mutter ziehen.« »Was soll denn das bedeuten?« fragte Digby. »Es tut mir leid«, erwiderte der Direktor mit einem Achselzucken, »aber ich habe heute morgen eine Nachricht erhalten, daß ein Einspruch erhoben ist und daß das Dantonsche Testament nicht zugunsten Ihrer Mutter durchgeführt werden kann. Ich habe bereits unsere Direktion benachrichtigt, die sich wegen der juristischen Seite der Sache mit unseren Rechtsanwälten in Verbindung setzen wird. Aber da Mr. Salter uns sofort mit der Klage droht, wenn wir diesem Einspruch nicht nachkommen, so sehen Sie wohl ein, daß ich Ihnen nichts von dem Geld Ihrer Mutter aushändigen kann. Von Ihrem eigenen Konto können Sie natürlich soviel ziehen wie Sie wollen.« Digbys eigenes Konto repräsentierte auch eine beträchtliche Summe. »Nun gut«, sagte er nach kurzem Nachdenken. »Lassen Sie mich bitte wissen, wie hoch mein Konto ist. Ich will dann alles Geld abheben und mein Konto bei Ihrer Bank schließen.« Digby war wieder ganz ruhig und konnte klar und kühl denken. Er wollte nicht das Unmögliche versuchen und mit dem Kopf gegen eine Granitmauer rennen. Diesem kaltblütigen Rechtsanwalt mußte er mit Umsicht und Schlauheit begegnen. Salter war verteufelt klug und hatte alle einschlägigen Bestimmungen in den Fingerspitzen. Äußerste Vorsicht war geboten. Glücklicherweise befand sich das Guthaben der Dreizehn auf einer anderen Bank. Wenn es zum letzten kommen sollte, konnte er ja elf von den dreizehn im Stich lassen. Sie mochten sehen, wie sie fertig wurden. Der Direktor kam zurück und reichte ihm ein Blatt Papier über den Tisch, auf dem die Abrechnung seines Kontos verzeichnet war. Einige Minuten später ging Digby zu seinem Wagen zurück. Seine Taschen waren aufgebauscht von den vielen Banknoten, die er bei sich trug. Ein großer, bärtiger Mann stand auf dem Bürgersteig, als er hinaustrat. Digby sah ihn neugierig an und wußte sofort, daß es ein Detektiv war. Diese Tatsache machte ihn nachdenklich. Befaßte sich die Polizei schon mit ihm? Oder war es nur ein Privatdetektiv, den Salter gegen ihn ausgesandt hatte? Er entschied sich für das letztere und hatte damit recht. Als er nach Hause zurückkehrte, fand er ein Telegramm vor, das Villa gesandt hatte. Es war nur kurz, aber er war mit dem Inhalt sehr zufrieden. ›Kaufte Pealigo hundertzwölftausend Pfund. Schiff unterwegs nach Avonmouth. Bringe Kapitän per Flugzeug. Komme Grosvenor Square neun Uhr abends.‹ Sein Gesicht hellte sich auf, als er das Telegramm zum zweitenmal las. Er lächelte, als er an Eunice dachte. Seine Lage war noch nicht verzweifelt, sie hatte sogar ihr Gutes. 32 Eunice saß in dem durch Fensterläden verdunkelten Raum und versuchte zu lesen, als Digby Groat in das Zimmer kam. Sie wurde blaß bis in die Lippen und erhob sich. »Guten Abend, Miss Weldon. Ich hoffe, daß Sie sich nicht zu sehr geärgert haben.« »Wollen Sie mir, bitte, erklären, warum man mich hier gefangenhält?« fragte sie atemlos. »Sie wissen doch, daß Sie ein schweres Verbrechen begehen.« Er lachte ihr ins Gesicht. »Nun, wenn schon«, sagte er liebenswürdig. »Eunice, wir können jetzt endlich einmal offen miteinander reden und die Maske fallen lassen. Das ist eine Wohltat. Alle diese vielen Formalitäten und höflichen Redensarten sind mir ebenso lästig wie Ihnen.« Er nahm ihre Hand. »Wie kalt Sie sind, mein Liebling. Aber hier im Zimmer ist es doch so warm!« »Wann kann ich dieses Haus verlassen?« fragte sie mit leiser Stimme. »Sie wollen das Haus und mich verlassen?« Er legte die Handschuhe auf einen Stuhl, Dann faßte er sie an den Schultern. »Sie meinen wohl, wann wir zusammen das Haus verlassen? So lautet die Frage besser und richtiger. Wie hübsch Sie doch sind, Eunice!« Plötzlich erkannte sie ihre Lage. Die Maske war gefallen, wie er gesagt hatte, und sie sah die Niedertracht und Bosheit seines Charakters in seinem Blick. Aber sie leistete ihm keinen Widerstand. Sie stand nur kalt und steif wie eine Marmorstatue vor ihm. Sie bewegte sich auch nicht, als er ihr Gesicht in seine Hände nahm und seine Lippen die ihren berührten. Sie schien vollständig zu Eis erfroren zu sein und starrte ihn nur. mit ihren großen Augen unverwandt an. »Eunice, ich muß Sie besitzen! Ich habe mich schon die ganze Zeit nach Ihnen gesehnt. Ich wählte Sie unter allen Frauen der Welt. Ich habe auf Sie gewartet, und nun habe ich Sie! Es ist niemand auf der Welt, Eunice, nur wir beide – du und ich. Hörst du mich, mein Liebling?« Aber plötzlich kam sie zu sich und stieß ihn mit Aufbietung all ihrer Kräfte von sich. Ihre Augen öffneten sich weit vor Entsetzen, als ob sie einem wilden Tier oder einer giftigen Schlange gegenüberstände. Unter ihrem Blick loderte seine Leidenschaft nur von neuem auf. Er sprang auf sie zu, aber sie schlug ihn in ihrer Verzweiflung zweimal mit der geballten Faust ins Gesicht. Mit einem unterdrückten Wutschrei taumelte er zurück. Bevor er sie wieder erreichen konnte, war sie in den Baderaum geflohen und hatte die Tür zugeriegelt. Minutenlang stand er vor der Tür und forderte Einlaß, dann ging er langsam zurück, trat vor den Spiegel und betrachtete sich. »Sie hat mich geschlagen«, murmelte er. Er war kreidebleich geworden. »Sie hat mich tatsächlich geschlagen!« Aber dann lachte er böse. Für jeden Schlag, für jede Berührung eines Fingers, der an seine Wange gekommen war, sollte sie büßen. Schmerz und Schrecken sollten über sie kommen; sie sollte sich den Tod wünschen, sollte vor ihm auf den Knien liegen und seine Füße flehend umfassen. Er atmete schneller und wischte den Schweiß von seiner Stirn. Als er das Zimmer verließ, schloß er die Tür hinter sich zu. Während er noch die Hand am Drücker hielt, hörte er ein Geräusch und sah den Gang entlang. Seine Mutter stand im Eingang zu ihrem Zimmer. »Digby«, rief sie mit befehlender Stimme, »komm her zu mir!« Er war so erstaunt, daß er ihr gehorchte. Sie hatte sich wieder auf ihren Stuhl gesetzt, als er das Zimmer betrat. »Was willst du von mir?« »Schließ die Tür und setz dich.« Er starrte sie entsetzt an. Es war schon über ein Jahr her, daß sie so mit ihm gesprochen hatte. »Was, zum Teufel, bildest du dir ein, daß du mir hier Befehle geben willst –« »Setz dich hin«, erwiderte sie ruhig. Plötzlich war ihm der Zusammenhang klar. »Du hast wieder Morphium genommen, alter Teufel!« »Willst du dich wohl hinsetzen, mein Kind?« fragte sie strenge. »Setz dich, Digby Estremada! Ich will mit dir sprechen.« Sein Gesicht zuckte. »Du – du –« begann er aufs neue. »Ganz still! Sage mir, was du mit meinem Vermögen gemacht hast!« Er sah sie an, als ob er seinen Ohren nicht trauen könne. »Was hast du mit meinem Vermögen gemacht?« wiederholte sie. »Ich war töricht genug, dir eine Generalvollmacht durch den Notar ausstellen zu lassen. Was hast du damit gemacht? Hast du alle Ländereien verkauft?« Er war so überrascht, daß er ihr Rede und Antwort stand. »Man hat einen Einspruch oder so was Ähnliches dagegen erhoben, so daß ich nicht verkaufen konnte.« »Ich hoffte, daß man es tun würde!« »Was – das hast du gehofft?« rief er laut und erhob sich. Aber mit einer gebieterischen Handbewegung brachte sie ihn wieder zum Sitzen. Er fuhr sich mit der Hand über die Augen wie jemand, der plötzlich aus einem Traum erwacht. Wie, die alte Frau wagte es, ihm zu befehlen? Und er hatte ihr widerspruchslos gehorcht! Er hatte ihr Morphium gegeben, um sie zu beruhigen, und nun war sie wieder Herrin ihrer selbst und der ganzen Lage! »Warum hat man denn den Verkauf verhindert?« »Weil dieser alte verrückte Salter einen Eid darauf leistet, daß das Kind noch lebt – ich meine Dorothy Danton, das kleine Mädchen, das damals in der Nähe von Margate ertrunken ist!« Er sah wie ein Lächeln um ihre Lippen spielte, und wunderte sich darüber. »Sie lebt!« Er starrte sie in sprachlosem Erstaunen an. »Dorothy Danton lebt?« rief er. »Du bist wahnsinnig, du bist verrückt, du alte Närrin. Sie ist längst tot; schon vor zwanzig Jahren ist sie ertrunken!« »Ich möchte nur wissen, wodurch sie wieder zum Leben erweckt wurde. Woher wußte man denn, daß es Dorothy war? Du bist an allem schuld. Das sind die Folgen deiner niederträchtigen Handlungsweise, Du bist nur ihr Werkzeug, du Narr!« Er hatte sich wieder in der Gewalt. »Du wirst mir jetzt alles sagen, was du weißt, oder bei Gott, es wird dir leid tun, daß du überhaupt den Mund aufgemacht hast!« »Du hast sie gezeichnet; daran hat man sie doch überhaupt erst wiedererkannt!« »Was habe ich getan?« »Erinnerst du dich nicht, Digby?« Sie sprach schnell und schien eine Freude daran zu haben, ihm wehe zu tun. »Es waren einmal ein Baby und ein grausamer kleiner Junge, der ein Halbschillingstück erhitzte, und es auf das Handgelenk des Kindes drückte.« Plötzlich kam ihm alles wieder ins Gedächtnis zurück. Er hörte wieder das Wehgeschrei des kleinen Wesens, er sah wieder den großen Raum mit den altmodischen Möbeln. Vom offenen Fenster aus konnte man in den Garten blicken und die Bienen summen hören ... er erinnerte sich an die kleine Spirituslampe, an der er die Münze erhitzt hatte ... »Mein Gott«, stöhnte Digby, »ich besinne mich darauf!« Einen Augenblick schaute er in das häßliche, schadenfrohe Gesicht seiner Mutter, dann wandte er sich kurz um und verließ den Raum. Als er auf den Gang hinaustrat, hörte er ein lautes Klopfen an der Haustür. Schnell ging er in sein eigenes Zimmer und eilte zum Fenster. Ein Blick auf die Straße sagte ihm alles, was er wissen wollte. Jim und der alte Salter standen draußen ... und hinter ihnen etwa ein Dutzend Detektive. Die Haustür würde noch fünf Minuten standhalten, und so hatte er noch Zeit genug, seinen letzten Plan auszuführen. 33 Eine Sekunde später erschien er in Eunice Weldons Zimmer. »Ich muß mit Ihnen sprechen«, sagte er. Ein düsterer und unheimlicher Ausdruck lag in seinem Gesicht. »Meine Liebe, Sie brauchen sich nicht zu fürchten. Ihre Freunde sind draußen und wollen in das Haus einbrechen; in einer halben Stunde werden Sie frei sein. Ich will Sie nur in eine Lage bringen, die Sie hindert, Aussagen gegen mich, zu machen, bis ich aus dem Hause bin und genügend Vorsprung habe. Nein, ich will Sie nicht töten«, sagte er fast lachend, »und wenn Sie nicht vernünftig genug sind, einzusehen, warum ich das tun muß, sind Sie eine Närrin. – Aber Sie sind doch so klug, Eunice.« Sie sah etwas Helles, Glänzendes in seiner Hand und schrak entsetzt vor ihm zurück. »Rühren Sie mich nicht an!« rief sie atemlos. »Ich schwöre Ihnen, daß ich nichts verraten will!« Aber er hatte sie schon am Arm ergriffen. »Wenn Sie schreien oder Spektakel machen«, sagte er drohend, »werden Sie es bitter zu bereuen haben.« Plötzlich fühlte sie einen Stich in ihrem Arm und versuchte ihn fortzuziehen, aber er hielt sie wie mit eiserner Klammer fest. »Nun ist ja alles gut – es hat doch gar nicht weh getan.« Sie hörte ihn furchtbar fluchen, und als er ihr sein Gesicht zuwandte, war es dunkelrot vor Wut. »Sie haben die Haustür eingebrochen«, sagte er bitter. Sie ging auf ihn zu. Ihr Gesicht war merkwürdig ruhig. »Gehen Sie jetzt?« fragte sie nur. »In ein paar Minuten werden wir gehen«, sagte Digby und betonte das ›Wir‹ sehr scharf. Aber auch das schien sie kaum zu bemerken. Sie war in einen merkwürdig apathischen Zustand verfallen. Es war ihr furchtbar schwer, ja geradezu unmöglich, sich darauf zu besinnen, was noch vor einer Minute geschehen war. Sie setzte sich auf einen Stuhl und streichelte nur ihren Arm. Sie wußte doch, daß sie gestochen worden war, aber sie fühlte keinen Schmerz. Es war ihr alles gleichgültig; auch um Digby Groat kümmerte sie sich nicht mehr. Es kam ihr alles so seltsam und doch so angenehm vor. »Setzen Sie Ihren Hut auf«, sagte er, und sie gehorchte. Sie dachte gar nicht daran, sich ihm zu widersetzen. Er führte sie zum Kellergeschoß durch eine Tür, die mit einer Garage in Verbindung stand. Es war nicht der Raum, in dem sein eigener Wagen untergebracht war. Jim hatte sich schon oft den Kopf darüber zerbrochen, warum Digby sein Auto so weit entfernt von seinem Haus untergebracht hatte. Hier stand nur ein geschlossener, Lieferwagen, wie ihn die Firmen gebrauchen, um ihre Waren zu befördern. »Steigen Sie ein«, sagte Digby, und Eunice gehorchte wieder mit einem seltsamen Lächeln. Sie stand unter dem Einfluß einer Mischung von Morphium und Hyacin, die ihr Gedächtnis und ihren Willen zerstört hatte. »Setzen Sie sich auf den Boden«, befahl er, und sie folgte ihm. Er zog, unter dem Führersitz aus dem Kasten eine alte Chauffeurjacke hervor, die früher einmal hellgrau gewesen, jetzt aber durch Farbe und Schmutz befleckt war. Er knöpfte sie bis oben zu, dann holte er noch eine alte Kappe hervor, stülpte sie über den Kopf und zog den Schirm so tief ins Gesicht, daß er seine Augen fast bedeckte. Dann öffnete er die Tür der Garage, die in eine Hintergasse führte. Mit Ausnahme einer Frau, die mit einem Milchmann sprach, war niemand zu sehen, und auch die beiden waren so sehr in ihre Unterhaltung vertieft, daß sie nicht auf den Wagen achteten. Digby Groat zeigte keinerlei Eile. Er stieg wieder vom Fahrersitz herunter, machte das Garagentor zu und verschloß es. Dann zündete er sich eine Pfeife an und fuhr langsam in Richtung nach der Bayswater Road davon. Er hielt nur an einer Tankstelle, um Treibstoff einzunehmen, dann fuhr er, aber stets mit mäßiger Geschwindigkeit, weiter. Er kam durch die Vorstädte, bis er die lange Straße erreichte, die von Staines nach Ascot führt. Hier hielt er an und stieg ab. Er nahm einen kleinen, flachen Kasten aus seiner Tasche, füllte die Spritze wieder, öffnete den Verschlag und schaute in den Wagen. Eunice lehnte mit dem Rücken an der Wand des Autos, und ihr Kopf nickte schläfrig. Sie sah ihn verwirrt an. – »Haben Sie keine Angst.« Digby stieß die Nadel wieder in ihren Arm. Sie verzog das Gesicht vor Schmerz ein wenig und streichelte ihren Arm. »Das tut weh«, sagte sie. Als er aus Ascot herauskam, wurde vor ihm ein Auto von Polizisten angehalten. Auch Digby mußte halten, weil der vordere Wagen ihm den Weg nicht freigab. Gespannt beobachtete er die Untersuchung des Wagens vor ihm. »Wir suchen nach einem Herrn und einer Dame«, sagte einer der Beamten zu den Insassen, als sie den Wagen schnell durchsucht hatten. »Sie können weiterfahren.« Jetzt kam Digby an die Reihe. Er nickte dem Polizisten freundlich zu. »Kann ich passieren?« »Ja.« Der Sergeant gab sich nicht die Mühe, in das Innere des Wagens zu schauen, auf dem der Name einer bekannten Londoner Möbelfirma stand. Digby atmete schneller. Er durfte ein solches Risiko nicht noch einmal auf sich nehmen. An der nächsten Straßenkreuzung würde eine zweite Wegsperre sein. Er mußte nach London zurückfahren; die Polizei würde einen Wagen in der Richtung auf die Stadt nicht anhalten. Er bog also in eine kleine Nebenstraße ein und erreichte die Hauptstraße, indem er einen anderen Wachposten passierte. Die Polizisten nahmen gar keine Notiz von ihm. Sie hielten nur alle Wagen in entgegengesetzter Richtung an, und eine lange Reihe von Autos wartete dort. Es gab viele Plätze, zu denen er Eunice bringen konnte, aber der sicherste war die Garage, die er auf der Rückseite eines Häuserblocks in Paddington gemietet hatte. Diese Garage hatte schon der Bande der Dreizehn die besten Dienste geleistet. Jetzt war sie fast ein ganzes Jahr nicht benutzt worden, nur Jackson war öfter dort gewesen und hatte die Räume in Ordnung gehalten. Er erreichte den Westen Londons, als es zu regnen begann. Alles ging nach Wunsch. Die Straße, in der die Garage lag, war vollkommen verlassen, und er hatte die Tore geöffnet und den Wagen hineingefahren, bevor die Inhaber der nächsten Garagen neugierig herauskamen, um zu sehen, wer diese Garage nach so langer Zeit wieder benutzte. Digby hatte sich einen Hauptschlüssel für all die verschiedenen Garagen, Häuser und Räume, die von ihm benutzt, wurden, machen lassen, der alle Schlösser öffnete. Halb führte, halb trug er Eunice aus dem Wagen. Sie seufzte, denn sie fühlte sich zerschlagen und müde. »Hier hinauf«, sagte er und drängte sie vor sich her auf eine dunkle Treppe. Oben auf dem Podest blieb er stehen und schaltete das Lieht an. Obwohl fast einen Monat lang nicht abgestaubt worden war, sah der Raum, dessen Fenster auf den Hinterhof gingen, hübsch und gemütlich aus und war nett möbliert. Er zog die schweren Vorhänge zu, bevor er die Lampe anmachte, Dann fühlte er ihren Puls und schaute ihr in die Augen. »Sie fühlen sich jetzt wohl«, sagte er lächelnd. »Sie müssen hier nur solange warten, bis ich zurückkomme. Ich will etwas zu essen kaufen.« »Jawohl«, erwiderte sie. Nach zwanzig Minuten kam er wieder und sah, daß sie ihren Mantel abgelegt und sich die Hände und das Gesicht gewaschen hatte. Sie trocknete sich die Hände, als er eintrat. Es war etwas rührend Kindliches in ihrer ganzen Haltung, und ein Mann, der weniger roh gewesen wäre als Digby Groat, würde es nicht übers Herz gebracht haben, sie weiter gefangenzuhalten. Aber er hatte nicht das geringste Mitleid mit ihr. Er überlegte sich gerade, ob es nicht besser und sicherer sei, ihr noch eine Spritze zu geben. Um eine schnellere Wirkung bei ihr hervorzurufen, hatte er die Dosis kräftiger genommen, als gut war, und fürchtete nun, daß sie zusammenbrechen oder eine Herzschwäche bekommen könnte. Das wäre für ihn ebenso unangenehm gewesen wie für sie, und er entschied sich dafür, zu warten. »Essen Sie«, sagte er. Sie setzte sich gehorsam an den Tisch. Er hatte kalten Braten, Käse, Butter und Brot gebracht. Aus der nebenanliegenden Küche holte er noch zwei Gläser und füllte sie mit Wein. Plötzlich legte sie Messer und Gabel nieder. »Ich fühle mich so furchtbar müde«, sagte sie. Um so besser, dachte Digby Groat. Dann würde sie jetzt einschlafen. Der hintere Raum war ein Schlafzimmer. Er beobachtete sie, während sie ihre Schuhe auszog, und den Gürtel ihres Kleides löste, bevor sie sich niederlegte. Mit einem tiefen Seufzer wandte sie sich der Wand zu und war schon fest eingeschlafen, bevor er auf die andere Seite des Bettes gehen konnte, um ihr Gesicht zu sehen. Digby Groat rauchte lange, nachdem er gegessen hatte. Eunice war nun ganz in seiner Gewalt, aber sie konnte warten. Eine viel wichtigere Angelegenheit beschäftigte ihn jetzt. Er war in die Lage gekommen, die er schon lange vorausgesehen, für die er also auch schon alle Vorkehrungen getroffen hatte. Die Situation war nicht gerade angenehm, aber er fand Trost bei dem Gedanken an die schöne Plantage in Brasilien, wo er den Rest seiner Tage verbringen wollte. Er erhob sich, nahm aus einer Schublade Rasierzeug und ein Handtuch, machte Wasser auf dem Gasherd in der Küche heiß und rasierte sich den Schnurrbart ab. Mit seinem Nachschlüssel öffnete er den Schrank, der in den Raum eingebaut war, und musterte die Anzüge und Mäntel, die dort hingen. Das obere Fach war mit Kasten angefüllt, und er nahm zwei oder drei Schachteln herunter, um ihren Inhalt zu prüfen. Aus der einen nahm er ein prachtvolles Abendkleid aus Silberspitzen und legte es über die Stuhllehne. Dann wählte er ein dazu passendes Unterkleid aus Seidensatin. Aus einem anderen Kasten nahm er ein Paar weiße Seidenschuhe und Strümpfe. Er schien mit seiner Wahl sehr zufrieden zu sein, denn seine Blicke ruhten mit Wohlgefallen auf den Dingen. Auch seine eigene Verkleidung hatte er schon gewählt. Er legte jetzt eine Chauffeuruniform an und ging dann zum Telefon. 34 »Wie, Jane Groat ist tot?« Lady Mary war bestürzt über die Nachricht. Jim saß teilnahmslos am Fenster des Büros von Mr. Salter. Er sah müde, niedergeschlagen und hohläugig aus. »Die Ärzte glauben, sie hat eine zu große Dosis Morphium genommen, die ihren Tod verursacht hat«, erklärte er kurz. Lady Mary schwieg lange. »Ich glaube, es ist jetzt an der Zeit, daß ich Ihnen etwas über die Bedeutung der blauen Hand erzähle«, sagte sie. »Wird uns das bei unseren Nachforschungen helfen?« fragte Jim und wandte sich schnell um. »Ich fürchte, es wird uns nicht viel helfen, aber trotzdem muß ich es Ihnen sagen. Die Person, gegen die sich die blaue Hand richtete, war nicht Digby Groat, sondern seine Mutter. Ich habe neulich einen schweren Fehler gemacht, als ich glaubte, daß Digby Groat vollständig in der Gewalt seiner Mutter sei. Ich war sehr bestürzt, als ich entdeckte, daß umgekehrt sie ihm sklavisch gehorchte. Die Geschichte der ›Blauen Hand‹«, sagte sie mit einem traurigen Lächeln, »ist weder phantastisch noch dramatisch, wie Sie vielleicht erwarten.« Ein langes Schweigen folgte. »Ich verheiratete mich sehr jung«, begann sie endlich und nickte bei diesen Worten Salter zu. »Sie wissen es, mein Vater war damals ein armer Adeliger, der nur eine Tochter und keine Söhne hatte. Es war furchtbar schwer für ihn, das verschuldete Familiengut zu halten, obwohl er sehr bescheiden lebte. Dann wurde er mit Jonathan Dantons Vater bekannt, und die beiden verabredeten eine Heirat zwischen mir und dem jungen Danton. Ich hatte ihn früher nie gesehen und lernte ihn erst eine Woche vor dem Hochzeitstag kennen. Er war ein Mann mit einem kühlen, harten Charakter und ähnelte hierin stark seinem Vater, denn er war ebenso stolz, rechthaberisch und unbeugsam. Dazu kam noch die Reizbarkeit und der Pessimismus, die durch sein Herzleiden verursacht wurden, und an denen er ja auch später gestorben ist. Meine Ehe war sehr unglücklich. Die Sympathie und das Entgegenkommen, auf das ich von seiner Seite gerechnet hatte, fand ich nicht. Er hätte mich mit seinem großen Reichtum sehr glücklich machen können, aber vom ersten Augenblick an schien er mir zu mißtrauen. Ich habe oft gedacht, daß er mich haßte, weil ich einer Gesellschaftsklasse angehörte, die über ihm stand. Als unser Töchterchen geboren wurde, hoffte ich, daß sich seine Haltung mir gegenüber änderte, aber er zog sich immer mehr zurück, und wir wurden einander noch fremder. Ich hatte seine Schwester, Jane Groat, kennengelernt und wußte, daß sie früher in irgendeine Skandalaffäre verwickelt gewesen war. Jonathan sprach niemals darüber, aber ihr Vater war ihr deshalb gram. Ihr Bruder stand ihr nicht so feindlich gegenüber. Jane hatte einen merkwürdigen Charakter. An manchen Tagen war sie vergnügt und lebhaft, dann konnte sie auch wieder düster und pessimistisch sein. Ich hatte mich schon immer darüber gewundert. Eines Tages war sie bei mir zum Tee und war so nervös und gereizt, daß ich mir Sorge machte. Ich dachte, sie habe sich wieder über ihren Jungen geärgert, der sehr schwer zu erziehen war. Plötzlich zog sie eine Schachtel mit braunen Pillen heraus. ›Ich kann wirklich nicht länger warten, Mary‹, sagte sie und nahm eine Pille. Ich nahm zuerst an, daß es ein Heilmittel sei; als ich aber, sah, wie ihre Augen glänzten und sich ihr ganzes Betragen, änderte, ahnte ich die Wahrheit. ›Du nimmst doch nicht etwa Morphium, Jane?‹ ›Nur in ganz kleinen Mengen‹, antwortete sie. ›Beunruhige dich deshalb nicht, Mary. Wenn du meine Sorgen hättest, würdest du auch deine Zuflucht dazu nehmen!‹ Aber das war nicht ihr schlechtester Charakterzug, wie ich leider nur zu bald erfahren sollte, als mein Mann auf eine Geschäftsreise nach Amerika gefahren war. Dorothy war damals erst sieben oder acht Monate alt. Sie war ein hübsches, gesundes und heiteres Kind, das mein Mann in seiner Art aufs innigste liebte. Eines Morgens kam Jane in mein Zimmer, während ich mich ankleidete. Sie entschuldigte sich, daß sie so früh kam, und bat mich, mit ihr zusammen auszugehen und Einkäufe zu machen. Sie war so vergnügt und guter Laune, daß sie wieder unter dem Einfluß des Morphiums stehen mußte, und ich war töricht, daß ich ihr zusagte. Wir gingen in mehrere Geschäfte und kamen schließlich auch in ein großes Warenhaus. Jane kaufte wenig, aber darauf achtete ich nicht weiter, denn ich wußte, daß sie sehr sparsam war und auch nicht viel Geld hatte. Ich kannte die Firma nicht genauer und war auch niemals dort gewesen. Als wir durch die Seidenabteilung gingen, wandte sich Jane plötzlich mit einem Ausdruck geheimer Furcht an mich und flüsterte mir zu: ›Steck das weg.‹ Bevor ich wußte, was geschehen war, hatte sie etwas in meinen Muff gesteckt. Es war kalt an jenem Tage, und ich trug einen der großen Muffs, wie sie damals modern waren. Gleich darauf berührte mich jemand an der Schulter. Ich wandte mich um und sah einen vornehmen Herrn, der in ganz bestimmtem Ton zu mir sagte: ›Bitte, begleiten Sie mich in das Büro des Geschäftsführers.‹ Ich war bestürzt und verwirrt und kann mich nur noch darauf besinnen, daß Jane mir ins Ohr flüsterte: ›Du darfst deinen Namen nicht sagen.‹ Sie stand ebenfalls unter Verdacht, und wir wurden beide in ein großes Büro gebracht, wo uns ein älterer Herr verhörte. ›Wie heißen Sie?‹ wandte er sich an mich. Der erste Name, der mir einfiel, war der meiner Zofe, Madge Benson. Ich war sehr aufgeregt und wußte kaum, was ich tat. Ich hätte damals sofort sagen sollen, daß ich Lady Mary Danton war und hätte Jane auf der Stelle anzeigen sollen. Mein Muff wurde untersucht, und man fand ein großes Stück Seide darin. Der ältere Herr wandte sich zu einem anderen Mann, und sie zogen sich in eine Ecke des Raumes zurück. Ich wandte mich an Jane. ›Du mußt jetzt ein Geständnis machen‹, sagte ich zu ihr. ›Es ist doch ganz unerhört, so etwas zu tun!‹ ›Um Gottes willen, sage kein Wort‹, flüsterte sie mir zu, ›was auch immer kommen mag, ich werde die Verantwortung auf mich nehmen. Der Untersuchungsrichter –‹ ›Ich werde doch nicht vor den Untersuchungsrichter kommen?‹ fragte ich entsetzt. ›Doch, du mußt es tun, Jonathan würde es nie überwinden und dir Vorwürfe machen, wenn ich vor Gericht käme.‹ Sie sprach ganz leise und schnell zu mir. ›Ich kenne den Untersuchungsrichter in Paddington. Ich werde zu ihm gehen und ihm alles gestehen, du wirst morgen entlassen werden. Mary, du mußt mir helfen!‹ In diesem Augenblick kam der Geschäftsführer mit einem Polizisten zurück, dem er mich übergab. Ich habe das Vergehen, dessen man mich bezichtigte, damals nicht abgestritten und habe auch Jane nicht belastet. Später erfuhr ich dann, daß sie dem Geschäftsführer sagte, ich sei eine entfernte Verwandte von ihr, und sie habe mich zufällig in dem Geschäft getroffen. Ich mußte die Nacht in einer Untersuchungszelle des Polizeigefängnisses zubringen. Es war entsetzlich für mich. Am nächsten Morgen wurde ich vor den Untersuchungsrichter geführt, aber ich zweifelte keinen Augenblick daran, daß Jane ihr Versprechen gehalten hatte. Es war jedoch niemand im Gerichtshof erschienen, der mich kannte. Ich wurde unter dem Namen Madge Benson aufgerufen, der Geschäftsführer des Warenhauses trat als Zeuge gegen mich auf und erklärte, daß seine Firma schon seit langer Zeit große Verluste durch Ladendiebstähle hätte, und daß er glaubte, ich hätte schon seit geraumer Zeit Waren entwendet. So hart diese Erfahrung auch für mich war, so zweifelte ich doch keinen Augenblick daran, daß der Untersuchungsrichter das kleine Vergehen entschuldigen und mich entlassen würde. Ich schämte mich so sehr, als ich dort auf der Anklagebank saß und die neugierige Menge mich anstarrte! Noch heute kann ich nicht darüber sprechen, ohne rot zu werden. Der Richter hörte schweigend die Aussagen des Geschäftsführers an, dann sah er zu mir herüber. Ich wartete. ›Diese Art von Vergehen nimmt derart überhand, daß ich einmal ein Exempel statuieren muß. Ich verurteile Sie zu einem Monat Gefängnis.‹ Der Gerichtshof, der Untersuchungsrichter und alle anwesenden Menschen schienen sich um mich zu drehen. Als ich wieder zu mir kam, saß ich in einer Zelle, eine Wärterin stand neben mir und reichte mir ein Glas Wasser. Jane hatte mich betrogen! Sie hatte gelogen, als sie sagte, daß sie zu dem Untersuchungsrichter ginge. Aber das war nicht die letzte Gemeinheit, die sie mir antat. Ich war schon zwei Wochen im Gefängnis von Holloway, als sie mich dort besuchte. Ich verfügte nicht über besonders große Kräfte, und ich mußte mit mehreren anderen Gefangenen in einem Schuppen arbeiten, in dem die Gefängnisdirektion Versuche im Färben von Stoffen anstellte. Sie wissen wahrscheinlich wenig von Gefängnissen, aber im ganzen Land sucht man die Arbeit von Gefangenen nutzbar zu machen. In Maidstone werden zum Beispiel alle Formulare gedruckt, die die Gefängnisbehörden brauchen. Ich habe vieles in Holloway erfahren! In Shepton Mallet weben die Gefangenen, in Exeter werden Sättel fabriziert, in Manchester werden Baumwollgewebe hergestellt und so weiter. So machte die Regierung auch den Versuch, in einem der Gefängnisse eine Färberei einzurichten. Als ich zu dem kleinen Besuchszimmer kam, um dort mit Jane Groat zu sprechen, hatte ich vergessen, daß meine Hände von der Arbeit noch schmutzig waren. Erst als ich sah, daß sie auf meine Hände starrte, mit denen ich mich am Eisengitter festhielt, sah ich, daß sie dunkelblau waren. ›O wie schrecklich!‹ stammelte sie, ›deine Hände sind ja so blau!‹ Meine Hände waren blau«, sagte Lady Mary bitter, »und deshalb wurde die blaue Hand das Symbol für die Ungerechtigkeit, die diese Frau an mir begangen hatte. Ich machte ihr keine Vorwürfe, ich war zu deprimiert und zu niedergeschlagen, um mit ihr zu rechten oder ihr alle Gemeinheiten und den Verrat vorzuwerfen. Aber sie versprach mir, meinem Mann die Wahrheit zu sagen. Auch erzählte sie mir, daß sie sich in der Zwischenzeit meines Kindes angenommen habe und daß sie es mit einem ihrer Mädchen nach Margate geschickt habe. Sie hätte das Kind ja auch in ihrem eigenen Hause behalten, sagte sie, aber sie fürchtete, daß die Leute es sehen könnten und sich dann wunderten, wo ich geblieben sei. Wenn dagegen das Kind nicht in der Stadt war, konnte ich auch fort sein. Und dann ereignete sich dieser schreckliche Unglücksfall, bei dem Dorothy, wie ich damals annehmen mußte, den Tod fand. Jane Groat sah sofort den Vorteil, der sich für sie daraus ergab. Irgendwie hatte sie von dem Inhalt des Testaments meines Mannes erfahren. Ich selbst hatte damals keine Ahnung davon. Als er bald darauf aus Amerika zurückkehrte, ging, sie sofort zu ihm und erklärte ihm, daß ich wegen Ladendiebstahls verhaftet und verurteilt worden sei und daß Dorothy, um die ich mich nicht gekümmert hätte, den Tod gefunden habe. Mein Mann regte sich so sehr darüber auf, daß er einen Herzschlag bekam und starb. Man fand ihn tot in seinem Büro, nachdem seine Schwester gegangen war. Einen Tag, bevor ich aus dem Gefängnis entlassen wurde, erhielt ich einen Brief von Jane, in dem sie mir brutal diese Tatsachen mitteilte. Sie machte nicht den geringsten Versuch, mir die Nachricht von dem Tod meines Kindes vorsichtig beizubringen. Der ganze Brief schien nur in der Absicht abgefaßt worden zu sein, meine Gesundheit und womöglich mein Leben in Gefahr zu bringen. Glücklicherweise besaß ich das Haus in der Stadt. Kurz nach meiner Entlassung erbte mein Vater ein großes Vermögen, das durch seinen Tod auf mich überging. Ich war nun in der Lage, Nachforschungen nach Dorothy anzustellen, und ich habe all diese langen Jahre hindurch nichts unversucht gelassen, sie zu finden. Der Zweifel am Tod meines Kindes gründete sich auf mein Mißtrauen Jane gegenüber. Ich glaubte immer, sie halte sie irgendwo versteckt. Durch das Zeichen der blauen Hand wollte ich sie terrorisieren und zu einem Geständnis bringen. Nun habe ich damit nur meine Tochter erschreckt.« Salter hatte schweigend der Erzählung dieser Begebnisse gelauscht. »Damit ist nun auch das letzte Geheimnis gelöst«, sagte er. 35 Eunice erwachte und versuchte sich klarzumachen, was geschehen war. Ihre letzte, klare Erinnerung knüpfte sich an ihr Zimmer in Mrs. Groats Haus. Digby Groat – sie zitterte bei dem Gedanken – war auf sie zugekommen. – Sie setzte sich aufrecht im Bett hin, sank aber mit furchtbaren Kopfschmerzen wieder zurück. Wo war sie? Sie schaute sich um. Der Raum war einfach möbliert, ein schwerer, grüner Vorhang war vor das kleine Fenster gezogen, aber es war genug Licht im Zimmer, daß sie den großen Kleiderschrank, die eiserne Bettstelle, den Waschständer und den Teppich erkennen konnte. Sie war vollständig angezogen und fühlte sich entsetzlich elend. Sie wünschte sich in diesem Augenblick wieder nach Grosvenor Square zurück, zu ihrem luxuriösen Baderaum. Wie gerne hätte sie jetzt ein erfrischendes Brausebad genommen! Wo mochte sie nur sein? Sie stand auf, schwankte durch das Zimmer und zog den Vorhang zur Seite. Ihr Blick fiel auf die grauen Hinterwände hoher Gebäude. Sie war also in London. Nur in London konnte man derartig hohe und langweilige Häuser sehen. Als sie die Tür zu öffnen suchte, fand sie, daß sie verschlossen war. Gleich darauf hörte sie draußen Schritte. »Guten Morgen«, sagte Digby Groat, als er aufschloß und eintrat. Zuerst erkannte sie ihn in seiner Chauffeurkleidung und ohne Schnurrbart nicht. »Sie?« fragte sie in wildem Schrecken. »Wo bin ich? Warum haben Sie mich hierhergebracht?« »Wenn ich Ihnen auch sagte, wo Sie sind, so würde Ihnen das doch nichts nützen«, erwiderte Digby kühl. »Und warum Sie bei mir sind, ist doch wohl klar. Seien Sie vernünftig und frühstücken Sie etwas.« Er schaute sie als Arzt an. Die Wirkung des Betäubungsmittels hatte noch nicht aufgehört, und sie setzte ihm noch keinen großen Widerstand entgegen. Ihre Kehle war verdorrt, und sie fühlte furchtbaren Hunger. Sie nippte an dem Kaffee, den er zubereitet hatte, und sah ihn dauernd an. »Ich will Ihnen einmal etwas erklären«, sagte er plötzlich. »Ich bin in schwere Bedrängnis gekommen, und es ist notwendig, daß ich fortgehe.« »Sie wollen Grosvenor Square verlassen? Gehen Sie nicht dorthin zurück?« Er lächelte. »Aller Wahrscheinlichkeit nach nicht«, sagte er ironisch. »Ihr Freund Steele –« »Ist er dort?« rief sie begierig und schlug die Hände zusammen. »Erzählen Sie mir doch, bitte.« »Wenn Sie glauben, daß ich das Lob Ihres Liebhabers singe, dann irren Sie sich gewaltig«, sagte Digby kühl. »Nun essen Sie etwas, und seien Sie ruhig!« Er sprach ohne Erregung, aber es lag etwas Drohendes in seinem Ton, so daß sie ihn nicht reizen wollte. Allmählich begriff sie ihre Lage. Digby war auf der Flucht und nahm sie mit. Warum war sie nur mitgegangen? Er mußte sie irgendwie betäubt haben! Und plötzlich besann sie sich auf die Spritze, die er ihr gegeben hatte, und rieb instinktiv ihren Arm. Digby sah diese Bewegung und erriet ihre Gedanken. Wie reizend sie wieder aussah! Trotz all der für sie schrecklichen Erlebnisse waren ihre Augen doch klar, und er freute sich, als er sie betrachtete. Weibliche Schönheit machte sonst selten Eindruck auf ihn, aber von ihrem Anblick war er stets aufs neue hingerissen. »Eunice, ich werde Sie heiraten!« »Mich heiraten?« fragte sie erstaunt. »Das werden Sie nicht tun, Mr. Groat. Ich will Sie nicht heiraten.« »Darauf kommt es gar nicht an.« Digby lehnte sich über den Tisch. »Eunice«, sagte er leise, »wissen Sie, was ich Ihnen biete, und was geschieht, wenn Sie mein Angebot abweisen?« »Ich werde Sie nicht heiraten!« erwiderte sie entschieden. »Und Sie können durch keine Drohung meine Entschlüsse ändern.« Er sah sie unentwegt an. »Wissen Sie auch, daß ich es in der Hand habe, Sie dahin zu bringen, daß Sie froh sind, mich heiraten zu dürfen?« Er wählte seine Worte mit großer Überlegung und sprach nachdrücklich. »Und daß ich vor nichts – aber auch vor gar nichts zurückschrecke?« Sie antwortete nicht, aber sie erblaßte. »Verstehen Sie mich endlich, mein Liebling? Es ist absolut notwendig, daß ich Sie heirate! Entweder nehmen Sie meinen Antrag an, oder Sie haben die Folgen zu tragen. Und Sie können sich denken, welche Folgen das sein werden.« Sie hatte sich erhoben und schaute verächtlich auf ihn herunter. »Ich bin in Ihrer Gewalt«, sagte sie ruhig. »Tun Sie, was Sie wollen. Aber bei klarem Bewußtsein werde ich Sie niemals heiraten. Sie haben mich gestern betäubt, so daß ich mich nicht darauf besinnen kann, was in der Zeit passierte, nachdem ich Ihr Haus verließ und hier ankam. Möglicherweise können Sie mich wieder in dieselbe Lage versetzen, aber früher oder später, Digby Groat, werden Sie für all das Böse, das Sie getan haben, zur Rechenschaft gezogen werden.« Sie wandte sich, um den Raum zu verlassen, aber er war vor ihr an der Tür und zog sie heftig zu sich. »Wenn Sie schreien, schlage ich Sie tot!« Sie schaute ihn mit eisigen Blicken an. »Ich werde nicht schreien!« Und sie war auch ganz ruhig, als die spitze Nadel der Spritze wieder in ihren Arm drang. »Wenn mir irgend etwas passiert«, sagte sie kaum hörbar, »werde ich mir vor Ihren Augen das Leben nehmen, mit einer Ihrer Waffen.« Ihre Stimme wurde schwächer, und er beobachtete sie scharf. Zum erstenmal erschrak er. Sie hatte ihn an einem empfindlichen Punkt getroffen – seiner eigenen, persönlichen Sicherheit! Sie wußte es. Wie war ihr nur dieser Gedanke gekommen? Er beobachtete sie und sah, wie sie unter dem Einfluß der Spritze erst erblaßte und dann wieder rot wurde. Sie würde ihre Drohung ausführen, so weit kannte er sie. Angstschweiß trat auf seine Stirn. Sie hätte es ja hier tun können, und er hätte seine Unschuld an ihrem Tod nicht beweisen können. Er ließ ihre Hand fallen und führte sie zu einem Stuhl. Wieder strich sie über ihren Arm. »Stehen Sie auf«, sagte Digby Groat dann. Sie gehorchte. »Gehen Sie jetzt in Ihr Zimmer, und bleiben Sie solange dort, bis ich Sie brauche.« 36 Am Nachmittag bekam Digby Besuch. Offenbar wollte der Mann eine Garage mieten, denn er erkundigte sich mehrere Male in der Nebenstraße, bevor er in Digby Groats vorübergehender Wohnung vorsprach. Es war Villa, der auf ein dringendes Telegramm hin gekommen war. – »Nun«, fragte Digby, »ist alles in Ordnung?« »Alles ist aufs beste vorbereitet, mein lieber Freund. Ich habe die drei Leute, die Sie brauchen, Bronson, Fuentes und Silva – Sie kennen sie ja alle von früher her.« Digby nickte. Bronson war ein Armeeflieger, der den Dienst unter merkwürdigen Umständen quittiert hatte. Digby hatte schon früher einmal seine Dienste in Anspruch genommen. Die anderen kannte er als Freunde Villas – und Villa hatte sonderbare Freunde. »Bronson wird auf einem Feld in der Nähe von Rugby sein. Ich sagte ihm, daß er eine Notlandung vorschützen soll.« »Gut. Nun hören Sie zu. Ich werde in der Verkleidung einer alten Frau zunächst nach Norden fahren, um die Leute irrezuführen. Ein Wagen muß eine Meile vor der Station warten, und Fuentes muß mit einer roten Signallampe den Zug zum Stehen bringen. Wenn ihm das gelungen ist, soll er sich aus dem Staube machen. Inzwischen habe ich auch den Zug verlassen. Ich kenne Rugby und seine Umgebung sehr gut, und aus dieser Karte können Sie alles Nähere ersehen.« Er reichte Villa ein Blatt Papier. »Der Wagen muß am Ende der Straße halten, die ich mit einem großen D markiert habe. Ist das Haus in guter Verfassung?« »Es ist zwar ein Haus auf dem Grundstück, aber es ist ziemlich verfallen.« »Es kann nicht schlechter sein als Kennett Hall. Für unsere Zwecke genügt es. Sie können das Mädchen dort die ganze Nacht über versteckt halten und sie am Morgen nach Kennett Hall bringen. Ich werde dann dort sein, um sie zu empfangen. Morgen nachmittag, kurz vor Sonnenuntergang, werden wir zur See fliegen.« »Und was soll Bronson machen?« »Bronson muß abgefunden werden, überlassen Sie das nur mir.« Er wollte im Augenblick nicht darüber sprechen. »Wie kommen Sie denn nach Kennett Hall?« »Das können Sie auch mir überlassen«, sagte Digby stirnrunzelnd. »Warum sind Sie denn plötzlich so neugierig? Ich werde in der Nacht mit dem Wagen hinfahren.« »Und warum nehmen Sie das Mädchen nicht mit sich?« fragte Villa hartnäckig. »Weil ich will, daß sie auf dem einzig sicheren Weg in Kennett Hall ankommt. Wenn es beobachtet werden sollte, dann können wir ebenso schnell wieder fort, bevor sie uns festhalten. Ich werde vor Tagesanbruch dort sein und alles selbst erkunden. Ich kann niemand anders als mir selbst vertrauen. Und was noch wichtiger ist: ich kenne die Leute, die mich überwachen. Haben Sie mich nun verstanden?« »Vollkommen, mein Freund«, sagte Villa liebenswürdig. »Und wie steht es mit der Auszahlung?« »Ich habe das Geld hier«, erwiderte Digby und klopfte auf seine Brusttasche. Sie werden keinen Grund haben, sich zu beklagen. Wir werden noch viel erleben – wir sind noch nicht über den Berg.« * Die fürchterlichen Kopfschmerzen erschienen Eunice Weldon unerträglich. Sie konnte den Kopf kaum vom Kissen heben. Sie mußte den ganzen Tag über in einem Dämmerzustand gelegen haben. Sie versuchte, sich daran zu erinnern, was vorgefallen war und wo sie sich befand. Aber das Nachdenken schmerzte sie so sehr, daß sie zufrieden war, ruhig liegen zu können. Mehrere Male erinnerte sie sich an Digby Groat, aber sie war so verwirrt, daß sie ihn mit Jim Steele verwechselte und die beiden nicht voneinander unterscheiden konnte. Sie wußte nicht, wo sie war, und kümmerte sich im Augenblick auch nicht darum. Sie wußte nur, daß sie lag, und daß sie Ruhe hatte – und das genügte ihr. Sie hatte plötzlich das Gefühl, daß sie in den rechten Arm gestochen würde, dann schlief sie ein. Als sie aufwachte, empfand sie wieder die entsetzlichen Kopfschmerzen. Es war, als ob jemand ihr glühende Nägel in das Gehirn triebe. Schließlich war es nicht mehr zu ertragen, und sie stöhnte laut auf. Eine Stimme in ihrer Nähe fragte ängstlich: »Haben Sie Schmerzen?« »Mein Kopf«, murmelte sie. »Es ist schrecklich.« Gleich darauf fühlte sie, daß jemand sie um den Nacken faßte, sie stützte und ihr ein Glas an den Mund hielt. »Trinken Sie das!« Sie schluckte etwas Bitteres und verzog das Gesicht. »Das hat schlecht geschmeckt«, sagte sie. »Sprechen Sie nicht.« Digby war sehr erschrocken über den Zustand, in dem er sie fand, als er von seiner Erkundungsfahrt zurückkehrte. Sie sah furchtbar blaß aus, ihr Atem ging schwer, und ihr Puls war so schwach, daß er ihn kaum wahrnehmen konnte. Er hatte diesen Zusammenbruch gefürchtet, aber er mußte seine ›Behandlung‹ fortsetzen. Er schaute stirnrunzelnd auf sie nieder, fühlte sich aber beruhigt, als er sah, daß allmählich wieder etwas Farbe in ihr wachsbleiches Gesicht kam. Auch der Puls wurde wieder stärker. Gleich nachdem Eunice die Medizin genommen hatte, fühlte sie sich von den Schmerzen befreit. Der Wechsel kam so plötzlich, und sie fühlte sich so wohl, daß sie dem Mann auf den Knien hätte danken können, der dieses Wunder vollbrachte. Dann fiel sie in Schlaf. Digby seufzte erleichtert auf und wandte sich wieder seiner Arbeit zu. Er hatte eine angenehme Beschäftigung, denn die ganze Tischplatte war mit Päckchen von Fünftausenddollarnoten bedeckt. Es war ihm gelungen, die ganzen Guthaben der Dreizehn von der Bank abzuheben und sie in amerikanische Dollars umzuwechseln. Es wäre verfänglich für ihn gewesen, wenn er in Brasilien mit englischen Banknoten angekommen wäre, die er nicht umtauschen konnte, ohne daß die Nummern bekannt wurden. Als er das Geld durchgezählt hatte, steckte er es in einen Gürtel mit vielen Taschen, schnallte ihn um und machte sich fertig für die Reise. Eine graue Perücke machte ihn vollständig unkenntlich, aber er traute dieser Verkleidung doch nicht ganz. Er schloß die Tür ab und begann sich sorgfältig umzukleiden. Kurz vor acht Uhr kam Eunice wieder zum Bewußtsein. Außer einem peinigenden Durst fühlte sie kein weiteres Mißbehagen. Der Raum war nur schwach durch eine kleine Lampe erhellt, die auf dem Waschtisch stand. Sie trank lange und gierig aus dem großen Glas, das sie auf einem Tisch an der Seite des Bettes fand. Das erste, was ihre Aufmerksamkeit erregte, war ein schönes Gesellschaftskleid mit silbernen Spitzen, das über der Stuhllehne hing. Dann entdeckte sie eine Karte, die an ihr Kopfkissen geheftet war. Sie war grau, aber sie hatte nicht die Tönung jener Karte, die sie in der ersten Nacht in Digbys Haus erhalten hatte. Digby hatte die Farbe nicht richtig getroffen, immerhin hatte er sorgfältig die blaue Hand nachgemacht. Eunice las zuerst die Botschaft, ohne sie zu verstehen, aber plötzlich begann ihr Herz wild zu schlagen. »Ziehen Sie die Kleider an, die Sie hier finden. Wenn Sie der Aufforderung ohne Widerrede nachkommen, werde ich Sie vor einem schrecklichen Schicksal bewahren. Ich werde zu Ihnen kommen, aber Sie dürfen nichts zu mir sagen. Wir werden nach Norden fahren, um Digby Groat zu entkommen.« Neben diesen Zeilen stand der Abdruck einer dunkelblauen Hand. Eunice zitterte an allen Gliedern, und allmählich kamen die Ereignisse der letzten Tage wieder in ihr Gedächtnis zurück. Sie befand sich in der Gewalt Digby Groats, und die geheimnisvolle Frau in Schwarz wollte sie befreien. Es schien fast unmöglich. Sie erhob sich vom Lager und wäre beinahe wieder zurückgesunken, denn ihre Füße waren unfähig, ihren Körper zu tragen. Sie klammerte sich an den Pfosten ihres Bettes, bevor sie begann, sich anzukleiden. Sie vergaß ihren furchtbaren Durst und vergaß auch ihre Schwäche. Mit zitternden Händen legte sie das schöne Kleid an und schlüpfte in die seidenen Strümpfe und Schuhe. Warum mochte wohl die geheimnisvolle, schwarze Frau dieses auffallende Kleid gewählt haben, wenn sie doch fürchtete, daß Digby Groat sie bewachte? Aber sie konnte nicht zusammenhängend denken und nahm sich vor, ihrer Befreierin blindlings zu folgen. Sie ordnete ihr Haar vor dem kleinen Spiegel und sah erschrocken ihr Gesicht. Tiefe, schwarze Ringe lagen um ihre Augen; sie sah aus, als ob sie schwer krank sei. ›Ich bin froh, daß Jim dich nicht sehen kann, Eunice Weldon‹, sagte sie zu sich selbst. Die Erinnerung an Jim belebte sie wieder. Er hatte alles für sie getan, und sie hatte ihn so sehr beleidigt, Sie dachte an ihre letzte Begegnung mit ihm. Er hatte ihr doch gesagt, daß sie die Tochter der Lady Mary sei. Das war nicht möglich! Und doch hatte Jim es gesagt, und deshalb mußte es stimmen. Sie wollte über alles nachdenken, aber es fiel ihr zu schwer. »Ich darf nicht überlegen«, flüsterte sie. Und dabei wirbelten Erinnerungen, Gedanken, Zweifel, Fragen und Vermutungen in ihrem Kopf durcheinander. Lady Mary Danton war ihre Mutter. Dann war sie auch die Frau, die damals in Jims Wohnung gekommen war. Plötzlich hörte sie ein Klopfen an der Tür und erhob sich. War es Digby Groat? »Treten Sie näher«, sagte sie mit schwacher Stimme. Die Tür öffnete sich, aber der Besucher trat nicht ein. Sie sah, daß eine verschleierte Frau in schwarzen Kleidern auf dem Treppenpodest stand und ihr winkte. Unsicher erhob sich Eunice und ging auf sie zu. »Wo wollen wir hingehen?« fragte sie. »Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen tausendmal für alles, was Sie an mir tun!« Die Frau antwortete nicht, sondern ging die Treppe hinunter, Eunice folgte ihr. Draußen war dunkle Nacht. Es regnete, und die Nebenstraße lag verlassen da, nur eine Taxe stand vor der Tür. Die Frau öffnete den Wagen und stieg nach Eunice ein. »Sie müssen nicht fragen«, flüsterte sie ihr zu. »Hier ist ein Cape für Sie. Nehmen Sie es um.« Wo würde diese Fahrt hingehen? Eunice fühlte sich« sicher – aber warum gingen sie denn von London fort? Vielleicht erwartete sie Jim am Ende dieser Fahrt und vielleicht war die Gefahr größer, als sie ahnte. Wohin mochte Digby Groat gegangen sein, und wie war es dieser geheimnisvollen Frau gelungen, ihn aus dem Wege zu schaffen? Sie legte die Hände an die Schläfen. Sie mußte warten und Geduld haben. Sie würde alles noch erfahren zu seiner Zeit – und sie würde Jim wiedersehen! Die beiden Herren, die sich für die Abfahrt des Abendzuges interessierten, der nach dem Norden ging, fanden nichts Ungewöhnliches an einer jungen Dame im Gesellschaftskleid, die von einer älteren Frau in Trauerkleidung begleitet wurde. Eunice und ihre Begleiterin nahmen in einem reservierten Abteil Platz. Dieser Zug wurde häufig von Leuten benützt, die nach London fuhren, um sich die Theatervorstellungen anzusehen. Der Detektiv, der auf dem Bahnsteig stand, sah jeden Herrn, der eine Dame begleitete, argwöhnisch an, aber dem jungen Mädchen im Abendkleid und ihrer Mutter schenkte er keine Beachtung. Auch Lady Mary war in ihrer Unruhe nach Euston gekommen, um den Detektiven bei der Überwachung des Bahnhofs zu helfen. Sie hatte, kurz bevor Eunice ihren Platz einnahm, alle Wagen und alle Passagiere genau beobachtet. – »Setzen Sie sich in die Ecke, und schauen Sie nicht nach draußen«, flüsterte ihr die Frau zu. »Ich fürchte, daß Groat uns nachstellt und sich auch auf dem Bahnsteig aufhält.« Das Mädchen gehorchte, und Lady Mary, die wieder an den Wagen entlangging, sah das junge Mädchen im Gesellschaftskleid. Aber sie konnte ihr Gesicht nicht erkennen. Der Detektiv von Scotland Yard ging mit ihr den ganzen Bahnsteig entlang bis zum Ausgang. »Heute abend gehen keine weiteren Züge ab«, sagte er. »Wahrscheinlich ist er in einem Auto aus der Stadt entkommen.« »Aber es werden doch alle Straßen kontrolliert«, erwiderte Lady Mary ruhig. »Und es ist unmöglich, daß sie London auf diese Weise verlassen haben.« In diesem Augenblick hörten sie den schrillen Pfiff der Lokomotive, und der Zug fuhr langsam aus der Halle. »Kann ich jetzt einmal hinausschauen?« fragte Eunice. Die schwarze Dame nickte nur. Kaum hatte Eunice auf den Bahnsteig gesehen, als sie mit einem Schrei aufsprang. »Dort!« schrie sie wild. »Dort steht Mrs. Fane – nein, meine Mutter, Lady Mary!« Im nächsten Augenblick wurde sie zurückgerissen. »Wollen Sie sich wohl setzen!« rief ihr eine haßerfüllte Stimme zu. Die Dame in Schwarz zog den Vorhang vor das Wagenfenster und hob den Schleier. Eunice wußte, daß es Digby Groat war, bevor sie sein gelbes Gesicht gesehen hatte. 37 Das Erkennen war gegenseitig gewesen. Lady Mary hatte das weiße Gesicht und die weitaufgerissenen Augen nur eine Sekunde lang sehen können, dann war der Zug schnell an ihr vorbeigefahren. Im ersten Augenblick war sie wie gelähmt. »Sehen Sie – dort!« rief sie außer sich. »Halten Sie den Zug an!« Der Detektiv sah sich um, aber es war keiner der Beamten in der Nähe. Schnell eilte er zu der Sperre, Lady Mary war dicht hinter ihm. Er konnte aber niemand finden, der genügend Autorität hatte, entscheidende Schritte zu unternehmen. »Ich will den Stationsvorsteher suchen«, rief er. »Können Sie inzwischen telefonieren?« An der Sperre befand sich eine Telefonzelle. Lady Marys erster Gedanke galt Jim. Er saß in seinem Zimmer und hatte den Kopf in den Händen vergraben, als das Telefon läutete. Er hob den Hörer müde ab. Lady Mary war am Apparat. »Eunice befindet sich in dem Zug nach Norden, der eben den Bahnhof verlassen hat«, sagte sie schnell. »Wir machen den Versuch, den Zug in Willesden aufzuhalten, aber ich fürchte, es wird uns nicht gelingen. Um Gottes willen, Jim, unternehmen Sie etwas zu ihrer Rettung!« »Wie lange ist der Zug schon fort?« »Es ist kaum eine Minute her ...« Er hängte den Hörer sofort ein, riß die Tür auf und eilte die Treppe hinunter. Im nächsten Augenblick hatte er seine Entscheidung getroffen. Blitzartig kam ihm die Erinnerung an den sonnigen Nachmittag, an dem er an der Seite Eunices den kleinen Jungen beobachtet hatte, der an den Telegrafendrähten über die Eisenbahnschienen geklettert war. Er stürzte in den Hof, und als er die Mauer erstiegen hatte; hörte er auch schon das Geräusch eines Zuges im Tunnel. Die Züge fuhren wegen der großen Steigung hier nur langsam. Aus welcher der beiden Öffnungen des Tunnels würde der Zug kommen? Aber es blieb ihm keine Zeit zu überlegen. Schnell griff er nach den Telegrafendrähten und schwang sich ins Freie. Die Drähte waren stark genug, einen Knaben zu tragen, würden sie auch sein Gewicht aushalten? Er fühlte, wie sie unter seiner Last nachgaben und sich senkten. Der Pfosten ächzte, aber er mußte das Risiko auf sich nehmen. Hand über Hand arbeitete er sich vorwärts, und gleich darauf sah er zu seiner größten Bestürzung die Lichter der Lokomotive aus dem entfernteren Tunnel hervorkommen. In größter Eile hangelte er vorwärts. Die Maschine keuchte schwer und war schon vorübergefahren, bevor er den Schienenstrang erreicht hatte. In den nächsten Sekunden war er über dem Zug angelangt und zog die Beine hoch, um nicht gegen die Wagendecken zu schlagen. Dann ließ er sich mit kurzem Entschluß los. Durch die Bewegung des Zuges fiel er um und war in Gefahr, von dem gewölbten Dach herunterzurollen, aber er packte einen Ventilator und konnte sich wenigstens auf seine Knie erheben. Aber schon drohte neue Gefahr, denn der Zug lief in einen zweiten Tunnel ein. Er konnte sich gerade noch flach auf die Decke des Wagens werfen. Qualm und Rauch machten ihm das Atmen schwer. Er hatte den richtigen Zug erreicht, davon war er überzeugt. Keuchend lag er oben auf dem Dach, und es bedurfte all seiner Kraft, sich festzuhalten, als der Lokomotivführer die Geschwindigkeit steigerte. Als sie aus dem Tunnel kamen, fühlte er, daß es anfing zu regnen, und gleich darauf setzte ein starker Platzregen ein, so daß er in kürzester Zeit bis auf die Haut durchnäßt war. Aber er mußte aushalten. Würde Lady Mary Erfolg haben und den Zug in Willesden zum Stehen bringen? Doch der Zug fuhr nicht langsamer, als sie sich der Station näherten, sondern vergrößerte seine Geschwindigkeit noch. Die Wagen bewegten sich unruhig über die Schienen, und Jim bekam bald einen Stoß von rechts, bald von links. Das Dach war durch den Regen ganz glatt geworden. Er mußte seine Beine um einen Ventilator schlingen, an dem anderen hielt er sich fest, und so gelang es ihm, sich oben zu halten. Wenn er müde werden und sich loslassen wollte, bestärkte ihn immer wieder der Gedanke, daß er alles für Eunice tat. Es schien eine unendlich lange Zeit verflossen zu sein, als er in einiger Entfernung viele grüne und rote Lichter auftauchen sah. Sie näherten sich Rugby, und die Geschwindigkeit des Zuges verlangsamte sich allmählich. Plötzlich hielt der Zug mit einem Ruck an, Jim verlor das Gleichgewicht, wurde vom Dach geschleudert und fiel in ein Wasserloch. * Für Eunice Weldon war die Fahrt eine entsetzliche Qual gewesen. Sie verstand jetzt alles. Digby Groat war sich darüber klar gewesen, daß sie niemals freiwillig mit ihm gegangen wäre, aber er hatte nicht gewagt, sie noch einmal zu betäuben, nachdem er ihren Zustand erkannt hatte. Er hatte zu dieser List gegriffen, weil er wußte, daß sie der Frau in Schwarz sofort folgen würde. Nun begriff sie auch, warum er das Gesellschaftskleid für sie ausgesucht hatte. Er hatte die Vorhänge vor die Fenster gezogen und rauchte eine Zigarette. »Wohin bringen Sie mich?« fragte sie. »Wenn ich gewußt hätte, daß Sie mich das fragen würden«, erwiderte er ironisch, »hätte ich Reiselektüre für Sie vorgesehen. Sie müssen sich in Geduld fassen, bis wir ankommen.« Es war nur ein Wagen im Zug, der keinen durchgehenden Seitengang hatte, und Digby hatte ein Abteil darin für sich reservieren lassen. Dieser Wagen verkehrte nur auf kurzen Strecken und sollte in Rugby abgehängt werden. Digby brauchte also nicht zu fürchten, daß sie während der Fahrt gestört wurden. Einige Male hatte er zur Decke gesehen, auch Eunice hatte ein Geräusch über sich gehört, als ob jemand auf dem Dach des Wagens sei. Sie beobachtete ihn scharf, als er das Fenster öffnete und sich hinauslehnte. Aber gleich darauf zog er. sich wieder zurück, naß vom Regen. »Das ist eine schauderhafte Nacht«, sagte er, als er die Vorhänge wieder schloß. »Eunice, nun seien Sie vernünftig, es gibt Dinge, die schlimmer sind, als mich zu heiraten.« »Ich möchte nur wissen, was das sein sollte«, erwiderte Eunice ruhig. Sie hatte die Folgen der Injektion allmählich überwunden und war beinahe wieder normal. Er warf die Zigarette plötzlich auf den Boden und setzte sich neben sie. »Eunice, ich muß Sie besitzen!« Sie hörte das leise Zittern in seiner Stimme und sah seine begehrlichen Blicke. »Verstehen Sie nicht, daß ich Sie liebe, daß ich Sie haben muß? Ich könnte ohne Sie nicht mehr leben. Ich würde lieber Sie und mich tot wissen, als Sie Jim Steele oder einem anderen Mann überlassen.« Er legte seinen Arm um sie, und sein Gesicht war dem ihren so nahe, daß sie seinen schnellen Atem auf ihrer Wange fühlte. »Verstehen Sie mich?« fragte er leise. »Ich würde Sie eher umbringen! Denken Sie einmal darüber nach.« »Es gibt schlimmere Dinge als den Tod.« »Ich freue mich, daß Sie das einsehen.« Er lachte plötzlich auf und fand seine Selbstbeherrschung wieder. Er sagte sich, daß es falsch sei, sie in diesen gefährlichen Augenblicken zu erschrecken. Die eigentlichen Schwierigkeiten standen ja noch bevor. Eunice dachte schnell. Der Zug würde bald anhalten, und wenn er sie töten sollte, würde sie um Hilfe schreien. Sie haßte ihn jetzt über alle Maßen und sah in ihm alles Böse, Häßliche und Schlechte verkörpert. Sie schauderte vor der Zukunft, die er ihr eben gezeigt hatte. Sie wußte nun, was seine Drohung zu bedeuten hatte. Der Tod war demgegenüber ein erlösendes und gnädiges Schicksal. Er wollte sie so erniedrigen, daß sie nicht mehr wagen würde, den Kopf zu erheben und Jim in die Augen zu sehen. Aus Verzweiflung sollte sie ihn heiraten, um ihren Namen und den ihres Kindes vor Schande zu bewahren. Sie fürchtete ihn noch mehr in seiner grotesken Verkleidung. Was mochte er jetzt vorhaben? Wie wollte er von Rugby entkommen? Auf dem Bahnsteig würden die Beamten doch nach ihm suchen. Lady Mary hatte sie gesehen und erkannt. Sie hatte sicher telegrafiert, damit der Zug nach ihr durchsucht würde. Der Gedanke an Lady Mary beruhigte sie. Sie war ihre Mutter, diese schöne Frau, auf die sie sogar eifersüchtig gewesen war! Sie mußte lächeln, und Digby Groat, der sie beobachtete, wunderte sich über dieses Zeichen glücklicher Freude. Sie gab ihm mehr Rätsel auf als er ihr. »Worüber lächeln Sie?« fragte er neugierig. Aber als sie ihn wieder ansah, verschwand der frohe Zug aus ihrem Gesicht, und sie wurde wieder ernst. »Sie denken wohl, daß man Sie in Rugby befreien wird?« »Rugby«, sagte sie schnell. »Hält der Zug dort?« »Sie sind ein merkwürdiges Mädchen«, erwiderte er grinsend. »Sie bringen es doch dauernd fertig, Informationen aus mir herauszuholen. Ja, der Zug hält in Rugby.« Er sah nach seiner Uhr. »Wir sind gleich dort«, sagte er dann und öffnete die kleine, seidene Handtasche, die zu dem Kostüm der älteren Dame gehörte. Er nahm einen kleinen, schwarzen Kasten heraus, und Eunice erschrak, als sie ihn sah. »Nein, das nicht«, bat sie. »Bitte, tun Sie das nicht!« »Wollen Sie mir schwören, daß Sie keinen Versuch machen, zu schreien oder die Aufmerksamkeit der Leute auf sich zu lenken?« »Ja«, entgegnete sie bestimmt. »Ich verspreche es Ihnen.« Sie hoffte ja noch immer, daß die Beamten vorbereitet seien und sie erkennen würden; sonst blieb ihr wirklich keine Hoffnung mehr. »Ich will das Risiko auf mich nehmen. Es ist eigentlich töricht von mir, daß ich Ihnen traue. Aber wenn Sie mich betrügen oder hintergehen, werden Sie nicht weiterleben, meine Liebe!« 38 Sie atmete freier, als sie sah, daß er den kleinen, schwarzen Kasten in die Tasche zurücksteckte. Plötzlich verlangsamte sich die Fahrt des Zuges, und er hielt mit einem so heftigen Ruck an, daß sie beinahe von ihrem Sitz geschleudert wurde. »Ist ein Unglück passiert?« »Ich glaube nicht«, sagte Digby und zeigte lachend seine Zähne. Er hatte seine Kleider und auch den schwarzen Hut in Ordnung gebracht, ließ jetzt das Fenster hinunter und schaute in die Nacht hinaus. Er hörte, wie die Beamten einander zuriefen und sah Signallampen. Schnell öffnete er die Tür und wandte sich nach Eunice um. »Kommen Sie heraus«, befahl er scharf. Sie stand erschrocken auf. »Wir sind doch noch nicht auf dem Bahnsteig?« »Kommen Sie schnell heraus und erinnern Sie sich an Ihr Versprechen!« Mühsam trat sie hinaus in die Dunkelheit. Er half ihr von dem Trittbrett herunter, faßte sie am Arm, und sie stolperten die Böschung hinab, bis sie auf ein Feld kamen, das mit hohem Gras bestanden war. Ihre Schuhe und Strümpfe wurden naß vom Regen, der mit ungewöhnlicher Heftigkeit niederging, und sie konnte sich kaum auf den Füßen halten. Aber Digby umspannte fest ihren Arm und schritt schnell vorwärts. Er schien den Weg zu kennen, obwohl sie kaum einige Meter weit sehen konnte. Bevor sie die Wiese überquert hatten, war sie vollständig durchnäßt. Sie hörte Digby fluchen, als er sich in seinem Kleid verfing. Sonst hätte sie sicher über sein Aussehen gelacht, aber jetzt war sie zu bestürzt, um sich über irgend etwas belustigen zu können. Dafür waren ihr Mut und ihre Entschlußkraft gewachsen. Digby hielt einen Augenblick an und horchte, aber er hörte nichts als den Regen. Als Eunice zurückschaute, sah sie, daß der Zug weiterfuhr, und sie wunderte sich, warum er gerade an dieser Stelle gehalten hatte. »Ich hätte beinahe darauf geschworen, daß ich jemand hier durch den Morast gehen hörte«, sagte Digby. »Kommen Sie mit, dort steht der Wagen.« Sie entdeckte einen schwachen Lichtschimmer. Gleich darauf traten sie aus den sumpfigen Feldern heraus und erreichten einen festen Weg, auf dem sie besser gehen konnte. Sie hatte einen Schuh verloren und schleuderte nun auch den anderen fort. Sie konnte leichter in Strümpfen gehen, da die dünnen Sohlen vollständig durchnäßt waren. Sie hatten nicht mehr lange zu gehen. Aus dem Seitenweg kamen sie auf die Hauptstraße, wo ein geschlossener Wagen wartete. Digby schob Eunice hinein, sprach ein paar leise Worte zum Fahrer und stieg dann hinter ihr ein. »Dieser verfluchte Regen! Aber ich will mich nicht darüber beschweren, er hat unsere Flucht sehr begünstigt.« Plötzlich wurde es hell im Wagen. Er hatte seine kleine Taschenlampe angemacht. »Wo haben Sie Ihre Schuhe?« »Ich habe sie auf dem Felde verloren.« »Verdammt, warum haben Sie das getan?« fragte er ärgerlich. »Sie wollten wohl ein Zeichen für Jim Steele zurücklassen?« »Seien Sie nicht unvernünftig, Mr. Groat. Es waren doch nicht meine Schuhe, also kann man auch nicht daran erkennen, daß ich hier war.« Er antwortete ihr nicht, sondern saß zusammengekauert in einer Ecke, während der Wagen durch die Dunkelheit fuhr. Es dauerte etwa eine Viertelstunde, dann hielt der Wagen vor einem kleinen Hause, und Digby sprang hinaus. »Ich werde Sie tragen«, sagte er zu ihr. »Das ist nicht notwendig«, erwiderte Eunice kühl. »Doch, ich will es«, forderte er. »Ich wünsche nicht, daß man Ihre Fußspuren hier auf der Straße sieht.« Er hob sie auf. Es wäre töricht gewesen, ihm Widerstand zu leisten. Sie mußte seine Berührung dulden, bis er sie auf einen mit Steinplatten belegten Hausflur niedersetzte. Ein dumpfer Geruch schlug ihr entgegen. »Ist ein Feuer angesteckt?« fragte er den Fahrer über die Schulter. »Jawohl, im hinteren Zimmer. Ich dachte mir schon, daß Sie es bei dem Regen brauchen ...« »Machen Sie auch im anderen Kamin Feuer«, befahl Digby. Er stieß die Tür auf. Der Schein des Kaminfeuers war das einzige Licht im Raum. Gleich darauf brachte der Fahrer eine Lampe. Digby bot einen traurigen, ja lächerlichen Anblick. Seine graue Perücke war durchnäßt und hing ihm tief ins Gesicht, sein Kleid war über und über mit Schlamm und Schmutz bedeckt, und seine leichten Schuhe waren vollständig verdorben. Sie selbst befand sich in keinem besseren Zustand, aber sie dachte jetzt nicht an ihr Aussehen. Sie fror und zitterte, trat näher an das Feuer und streckte ihre eiskalten Hände nach der Flamme aus. Digby ging aus dem Zimmer, und sie hörte ihn draußen leise sprechen. Aber der Mann, mit dem er sich unterhielt, war anscheinend nicht der Fahrer. Sie überlegte sich, wo sie diese Stimme schon gehört hatte, und nach einer Weile konnte sie sich darauf besinnen. Es war der Mann, den sie und Jim damals aus Digbys Haus hatten heraustreten sehen, als sie auf den Stufen vor der Haustür standen. Plötzlich kam Digby mit einem Handkoffer zurück. »Sie müssen sich jetzt umziehen, hier finden Sie alles, was Sie nötig haben.« Er stellte die Ledertasche hin, dann zeigte er auf ein Bett, das in der Ecke des Zimmers stand. »Wir haben keine Handtücher hier, aber vielleicht können Sie eins der Bettücher verwenden, um sich abzutrocknen.« »Ihre Sorge um mich ist geradezu rührend«, sagte sie verächtlich, und er lachte. »Ich habe es gern, wenn Sie so sind«, erwiderte er bewundernd. »Es ist Ihr Verstand, Ihre Energie, die ich liebe. Wenn Sie eins von diesen jammernden und winselnden Geschöpfen wären, eins von diesen furchtsamen Mädchen, die keinen Mut haben, wäre ich schon längst mit Ihnen fertig. Aber ich will Ihren teuflischen Stolz schon noch bändigen. Sie glauben wohl, Sie könnten mich verachten? Und Sie wären besser als alle anderen Frauen?« Sie antwortete nicht und wartete, bis er das Zimmer verlassen hatte. Die Tür war nicht verschließbar, sie konnte nur einen Stuhl unter die Türklinke stellen. Schnell entkleidete sie sich und benutzte das Bettuch, um sich trocken zu reiben. Die Fenster waren mit Gittern versehen. Die Einrichtung des Zimmers bestand nur aus einer Bettstelle und einem Stuhl. Die Tapete hing in Fetzen von den feuchten Wänden, der Kamin war mit Asche gefüllt, und ein stickiger Geruch verursachte Eunice beinahe Übelkeit. Sie untersuchte schnell, ob sie irgendwie von hier entkommen konnte. Aber die Gitter des Fensters waren so stark und so eng, daß es unmöglich war, sich durchzuzwängen. Sie glaubte bestimmt, daß der Eingang zu ihrem Zimmer bewacht wurde, trotzdem mußte sie wenigstens den Versuch machen, sobald das Haus ganz ruhig dalag. Als sie aber auf den dunklen Flur hinausging, trat sie auf Villas Hand, der dort schlief. Er war sofort wach. »Brauchen Sie etwas, Miss?« fragte er. »Nein, nichts«, antwortete sie und ging in ihr Zimmer zurück. Es ist hoffnungslos! dachte sie bitter. Sie mußte warten, was ihr der Morgen bringen würde. Sie hoffte auf ihre – Mutter. Wie schwer sie sich an dieses Wort gewöhnen konnte! Sie legte sich nieder und hatte nicht die Absicht, einzuschlafen. Aber die Wärme im Zimmer und ihre Müdigkeit übermannten sie. Sie glaubte, kaum einige Minuten geschlafen zu haben, als sie aufwachte und Villa mit einer großen Tasse Kakao vor dem Bett stehen sah. »Es tut mir leid, daß ich Sie jetzt schon stören muß und daß ich Ihnen keinen Tee geben kann, Miss.« »Wieviel Uhr ist es denn?« fragte sie erstaunt. »Fünf Uhr. Es hat aufgehört zu regnen, und wir haben gutes Flugwetter.« »Flugwetter?« »Wir werden einen kleinen Flug machen«, sagte Villa und freute sich über den Eindruck, den seine Worte auf sie machten. 39 Jim Steele war dem Tod wieder einmal mit genauer Not entgangen, wie schon so oft in seinem abenteuerreichen Leben. Er war nicht in einen Bach oder Fluß, sondern in ein tiefes Wasserloch gefallen, dessen Boden so morastig war, daß er steckenblieb. Er mühte sich vergeblich ab, wieder loszukommen, und war nahe daran, das Bewußtsein zu verlieren, als er plötzlich an die Wurzeln eines Baumes faßte, der am Rande stand. Mit der Kraft der Verzweiflung zog er sich hinauf und lag nun auf festem Boden, unbekümmert um den Regen, und rang nach Atem. Zwei andere müssen auch hier in der Nähe sein, dachte er und richtete sich mühsam in kniende Stellung auf. Plötzlich hörte er, kaum zehn Meter entfernt, Digby Groats Stimme: »Bleiben Sie an meiner Seite!« »Das will ich tun«, murmelte Jim und ging vorsichtig der Richtung nach, in der er die Stimme gehört hatte, obwohl er niemand sehen konnte. Der Zug, der angehalten hatte, fuhr wieder weiter, und der Lärm übertönte jedes andere Geräusch. Jim eilte weiter, sah gleich darauf das Schlußlicht des Wagens auf der Straße und hörte Schritte. Er begann zu laufen, um die beiden womöglich noch zu überholen, bevor sie den Wagen erreichten. Aber als er auf die offene Straße kam, fuhr das Auto eben davon. Er griff nach seinem Revolver. Wenn es ihm gelang, die Reifen der Hinterräder durch einen Schuß zu treffen, konnte er den Wagen anhalten. Jim war ein sicherer Schütze. Er zielte und drückte ab, aber die Pistole ging nicht los, sie war durch den Sturz in das Wasser verschlammt. Der Wagen entfernte sich immer weiter, er konnte ihn nicht mehr erreichen. Er fühlte Schmerzen in allen Gliedern, aber er ließ sich durchaus nicht abschrecken. Schnell steckte er die Waffe in die Tasche und rannte in der Richtung, die der Wagen genommen hatte. Er war gut trainiert, und das Laufen machte ihm keine großen Schwierigkeiten. Im Gegenteil, durch die Bewegung wurde er warm, der Krampf seiner Glieder löste sich, und er konnte ruhiger nachdenken. Er eilte immer in gleichmäßiger Geschwindigkeit dahin, nicht zu schnell, um sich nicht zu verausgaben. Nach einer halben Stunde entdeckte er den Wagen wieder. So war seine Anstrengung also doch von Erfolg gekrönt worden. Aber kaum hatte er das rote Schlußlicht gesehen, als das Auto sich wieder in Bewegung setzte. Warum hatte es angehalten? Jim ging langsam. Vielleicht hatte es eine Panne, vielleicht hatte der Wagen auch vor einem Haus gehalten. Groat besaß ja viele Schlupfwinkel im ganzen Land. Jim sah das Haus und ging vorsichtig näher, als er hörte, wie jemand nach der Zeit fragte. Er konnte aber weder Villa noch Bronson erkennen und überlegte sich, was er machen solle. Das Haus hätte er ja leicht betreten können, aber mit einer versagenden Pistole konnte er nicht den Versuch machen hineinzugehen. Das würde weder ihm noch Eunice geholfen haben. Wenn er doch nur nicht in das Wasserloch gefallen wäre! Plötzlich tauchte ein Mann vor ihm auf, und er blieb stehen. Der Fremde wandte ihm den Rücken zu, rauchte und schien vor dem Hause auf und ab zu gehen. Es hatte aufgehört zu regnen. Als der Mann wieder zurückkam, ging er so nahe an Jim vorbei, daß er ihn von seinem Versteck aus hätte fassen können. Nach einer Weile rief jemand: »Bronson!« Jim dachte nach. Der Name kam ihm bekannt vor. Der Mann drehte sich um und ging schnell ins Haus. Jim hörte eine leise Unterhaltung, verstehen konnte er natürlich nichts. Aber er mußte erfahren, wovon gesprochen wurde, und er schlich sich näher an das Haus heran. Ein kleiner Vorbau wölbte sich über der Haustür, und hier standen die beiden Männer. »Ich werde im Gang schlafen«, sagte Villa mit seiner tiefen Stimme. »Wenn Sie wollen, können Sie im anderen Zimmer übernachten ...« »Nein, danke schön«, erwiderte der Größere, der auf den Namen Bronson hörte. »Ich will lieber die ganze Nacht bei der Maschine bleiben, ich brauche nicht zu schlafen.« Was meinte er mit der Maschine? Hatten sie noch ein anderes Auto hier? »Wird Groat in der Nacht noch ankommen?« fragte Villa. »Das kann ich Ihnen nicht sagen. Wenn er keinen Aufenthalt hat und ihm sonst nichts passiert, wird er morgen früh in Kennett Hall sein. Die Straße dorthin ist allerdings sehr schlecht.« Kennett Hall! Das war doch die Besitzung, von der Mrs. Weatherwale gesprochen hatte. Sie hatte ihm erzählt, daß es das Stammgut der Dantons war. Was für ein Narr war er gewesen, daß er nicht gleich daran gedacht hatte, als sie überlegten, wohin Digby Groat sich gewandt haben mochte! Villa und Bronson rauchten beide, und Jim beneidete sie darum. »Werden wir Schwierigkeiten mit ihr haben, Mr. Villa?« »Bestimmt nicht. Sie wird entsetzliche Angst haben. Ich glaube nicht, daß sie jemals zuvor geflogen ist.« Der andere lachte. Die Maschine, die er eben erwähnt hatte, war also ein Flugzeug. Wo mochte es stehen? Er strengte seine Augen an, doch es war so dunkel, daß er nichts unterscheiden konnte. »Wird der Regen nicht schaden?« »Nein«, sagte Bronson. »Ich habe den Motor zugedeckt; ich habe die Maschine schon oft die ganze Nacht draußen im Freien gehabt.« Das ist nicht die richtige Behandlung, dachte Jim, dem ein Flugzeug soviel wie ein lebendiges Wesen war. Eunice war also hier, und sie wollten sie im Flugzeug irgendwohin bringen. Was konnte er tun? Er konnte nach Rugby zurückgehen und die Polizei informieren. »Wo ist Fuentes?« fragte Bronson. »Mr. Groat sagte doch, daß er auch hier sein würde.« »Er ist unterwegs nach Rugby. Er hat eine Leuchtpistole bei sich und soll uns benachrichtigen, wenn ein Polizeiwagen hinter uns her ist. Aber wenn Sie sich nicht hinlegen wollen, Bronson, werde ich es wenigstens tun. Sie können dann ja hier aufpassen.« Fuentes war demnach auch an der Sache beteiligt. Es war gut, das zu wissen, sonst wäre Jim ihm eventuell in die Arme gelaufen. Jim überlegte, daß Fuentes wahrscheinlich in der Nähe von Rugby Posten gefaßt hatte. Wer konnte wissen, welche Befehle Digby Groat gegeben hatte und was für Vorbereitungen getroffen waren für den Fall eines Befreiungsversuches? Jim entschloß sich, hier zu warten, und hoffte gegen sein besseres Wissen, daß eine Polizeipatrouille hier vorbeikommen könnte. Villa steckte sich eine neue Zigarre an, und Jim konnte in dem Lichtschein die beiden Leute einen Augenblick sehen. Bronson trug Fliegerkleidung, Lederrock, Lederhose und hohe Stiefel. Plötzlich kam Jim ein Gedanke, als er die Größe des Mannes betrachtete. Welch ein Ende des ganzen Abenteuers wäre das! Villa gähnte. »Ich lege mich jetzt in den Gang, und wenn sie versuchen sollte, das Haus zu verlassen, wird sie einen bösen Schrecken bekommen! Gute Nacht, wecken Sie mich um halb fünf!« Bronson brummte etwas und nahm dann seinen Spaziergang wieder auf. So verstrichen zehn Minuten, eine Viertelstunde, eine halbe Stunde. Man konnte nur die Regentropfen von den Bäumen fallen hören und das ferne Rattern der Züge, die durch Rugby fuhren. Im Norden waren die weißen Lichter der Eisenbahnstation und der Werkstätten zu sehen. Im Westen konnte man an dem helleren Schein des Himmels die Lage von London erkennen. Jim nahm die Pistole aus der Tasche und ging gebückt vorwärts, so daß Bronson glaubte, er sei aus dem Boden geschossen, als er sich plötzlich erhob. Er fühlte den kalten Lauf einer Pistole in seinem Gesicht. »Wenn Sie irgendein Geräusch machen, Sie niederträchtiger Kerl, dann knalle ich Sie einfach nieder. Haben Sie mich verstanden?« »Ja«, sagte der Mann, er zitterte vor Furcht. Jim packte ihn mit der linken Hand am Kragen. Felix Bronson war im Grunde ein ängstlicher Mann, nur die Luft hatte für ihn keine Schrecken. »Wo ist der Kasten?« fragte Jim leise. »Auf dem Feld hinter dem Haus«, antwortete Bronson ebenso leise. »Was wollen Sie von mir? Wer sind Sie? Wie sind Sie auf die Spur gekommen?« Fragen Sie nicht soviel auf einmal! Gehen Sie vorwärts – nicht diesen Weg«, sagte er, als Bronson auf das Haus zugehen wollte. »Wir müssen über den Zaun klettern, wenn wir nicht hier entlanggehen«, erwiderte Bronson mürrisch. »Dann klettern Sie eben über den Zaun, das wird Ihnen gut tun, Sie fauler Teufel!« Sie gingen querfeldein, und Jim sah plötzlich die Umrisse des Flugzeuges sich vom Himmel abheben. »Ziehen Sie ihre Kleider aus!« befahl er. »Was wollen Sie?« fragte Bronson entsetzt. »Ich kann mich doch hier nicht ausziehen!« »Ich werde es Ihnen bald beibringen – das geht sehr gut. Es wird leichter sein, wenn Sie sich selbst ausziehen, als wenn ich einem Toten die Kleider abstreifen muß.« Widerwillig zog Bronson die Lederjacke aus. »Werfen Sie sie nicht in das feuchte Gras! Ich will keine nassen Kleider anlegen!« Im Dunkeln faßte Bronson plötzlich nach seiner Hüfttasche, aber bevor er die Pistole fassen konnte, hatte Jim ihn am Handgelenk gepackt und herumgerissen. Im nächsten Augenblick hatte er ihm die Waffe entwunden. »Das trifft sich ja vorzüglich!« Jim warf seine eigene Waffe ins Gras. »Meine ist nämlich nicht mehr ganz in Ordnung, aber die Ihrige ist sicher gut. Nun ziehen Sie schnell die Hosen und die Schuhe aus!« »Ich werde mich erkälten!« Bronsons Zähne klapperten. »Wenn Sie sterben, werde ich einen Kranz zu Ihrer Beerdigung schicken«, entgegnete Jim ironisch. »Aber ich glaube, Sie sind nicht geboren, an Erkältung zu sterben. Eher durch eine Schlinge, die man Ihnen um den Hals legt!« 40 Unter Jims drohender Pistole entkleidete sich Bronson und schüttelte sich vor Frost, denn der Morgen war kalt, und die Kleider, die Jim ihm reichte, waren noch nicht ganz trocken geworden. Er murrte darüber, aber Jim kümmerte sich nicht darum, sondern band ihm die Hände hinten auf dem Rücken zusammen. »So macht man es auch, wenn man Sie einmal hängen wird. Dieses Taschentuch wird als Knebel dienen, damit Sie nicht brüllen können. Jetzt muß ich Sie nur an eine trockene Stelle unter eine Hecke legen. Dann sind Sie für den Rest der Nacht versorgt.« »Sie sind niederträchtig!« rief Bronson aufsässig, »aber warten Sie nur –« »Hören Sie auf zu quaken, alter Laubfrosch, oder ich spreche etwas energischer mit Ihnen.« Er ging mit seinem Gefangenen weiter vom Hause fort und suchte einen trockenen Platz für ihn, an dem er nicht gesehen werden konnte. Hier bewachte er ihn, bis der Himmel heller wurde und er Villa wecken mußte. Mit einem Fluch erhob sich Villa. »Kommen Sie herein und trinken Sie Kakao.« »Bringen Sie ihn mir heraus«, sagte Jim. Er hörte, wie der Mann drinnen die Tür aufschloß, und hob die Pistole. Aber irgendeine Eingebung bestimmte ihn, die Waffe wieder zu verstecken. Leute, die in der Luft kämpfen und den Sieg in den großen Himmelsräumen davontragen, haben gewöhnlich ganz besondere Instinkte, die anderen Sterblichen versagt sind. Jim hatte gerade noch Zeit, die Pistole in die Tasche zu stecken und die Schutzbrille über die Augen zu ziehen, als Villa die Tür öffnete und ihn schläfrig in der Dämmerung betrachtete. »Hallo, Sie sind ja schon fertig zum Start«, meinte er gähnend. »Nun, ich werde Sie nicht lange warten lassen.« Jim ging vor dem Hause auf und ab, wie Bronson es gestern abend getan hatte. Er nahm die Pistole wieder aus dem Lederetui heraus und betrachtete sie verstohlen. Sie war nicht geladen! Villa rief ihn. »Stellen Sie die Tasse nur ruhig hin«, sagte er, als er sah, daß er ihm Kakao brachte. Mit einem Zug leerte er sie, ging quer über die Felder zu dem Flugzeug und nahm die wasserdichte Decke von dem Motor. Er untersuchte die Maschine und warf den Motor an. Eunice hatte auch Kakao getrunken und wartete, bis Villa hereinkam. Sie konnte nur vermuten, was der neue Tag bringen würde. Anscheinend wartete Digby Groat nicht hier auf sie. Er war wohl allein fortgefahren, um die Verfolger von ihrer Spur abzulenken. Sie fühlte sich jetzt wohler. Die Folgen der Spritzen waren ganz verschwunden, Sie fühlte sich nur noch sehr müde, und das Gehen fiel ihr schwer. Ihre Gedanken waren wieder klar, und sie fühlte sich erlöst, daß sie Digby nicht sehen mußte. »Sind Sie fertig, Miss?« fragte Villa. Er trug einen schweren Mantel, hatte einen pelzgefütterten Fliegerhelm auf und sah mit seinem Bart wie ein Russe im Winterpelz aus. Sie wunderte sich, daß er sich an einem so warmen Morgen so dick anzog, aber er half auch ihr in einen ebenso schweren Mantel. »Beeilen Sie sich jetzt, wir können nicht den ganzen Tag auf Sie warten!« »Ich bin fertig«, sagte sie kühl. Er ging in schnellen Schritten mit ihr zu dem Flugzeug. Jim, der seinen Platz auf dem Fliegersitz schon eingenommen hatte, hörte Villas tiefe Stimme, wandte sich nach der Seite und sah Eunice. Neben diesem bärtigen, kleinen, dicken Mann sah sie sehr vorteilhaft aus. Villa führte sie am Arm. »Nun steigen Sie ein.« Er half ihr auf einen der beiden Sitze hinter dem Piloten. Jim durfte sich nicht umsehen. »Ich werde den Propeller für Sie anwerfen«, sagte Villa und ging nach vorn. Jim, dessen Gesicht von der großen Schutzbrille fast ganz verdeckt war, nickte. Der Motor setzte mit großem Geräusch ein. Jim ließ ihn langsamer laufen. »Schnallen Sie die Dame fest«, rief er trotz des Spektakels, den die Maschine machte. Villa nickte und kletterte mit außerordentlicher Beweglichkeit auf seinen Sitz. Jim wartete, bis der große Lederriemen um Eunice befestigt war, dann brachte er den Motor auf Touren. Es war eine ideale Abflugstelle. Die Maschine rollte sanft über die Wiesen und steigerte von Sekunde zu Sekunde ihre Geschwindigkeit. Jim zog das Höhensteuer an, und Eunice merkte plötzlich, daß das Stoßen aufhörte. Das Flugzeug hatte sich in die Luft erhoben. Eunice war noch niemals in ihrem Leben geflogen, und einen Augenblick lang vergaß sie in dem erhebenden Gefühl, das sie durchdrang, ihre gefährliche Lage. Es war ihr, als ob das Flugzeug sich nicht von der Erde erhöbe, sondern als ob die Erde plötzlich unter der Maschine versänke. Sie empfand eine wunderbare Erleichterung, als sich die kräftige Maschine mit einer Geschwindigkeit von dreihundertfünfzig Kilometern in der Stunde durch die Luft bewegte. Immer höher und höher hoben sie sich. Villa war erstaunt über dieses Manöver. Bronson kannte doch den Weg nach Kennett Hall, er mußte sich doch nicht erst aus der Höhe orientieren. Aber Bronson lag in dem Augenblick mit gebundenen Händen und Füßen unter einem großen Haselstrauch in den Feldern. Hätte Villa sorgfältig durch sein Fernglas hinuntergeschaut, so hätte er wahrscheinlich den Mann erkennen können, der in Jims schmutzigen Kleidern dort auf der Erde lag. »Herrlich!« rief Eunice wieder; aber der Mann an ihrer Seite hatte kein Auge für die Schönheit der Gegend. Die Passagiere konnten sich mit dem Führer nur durch ein kleines Telefon verständigen. Jim hatte den Hörer um den Kopf geschnallt. Nach einiger Zeit hörte er plötzlich Villa fragen: »Worauf warten Sie denn noch – Sie kennen doch den Weg?« Jim nickte. Er kannte den Weg nach London, sobald er die Eisenbahnlinie gesichtet hatte. Eunice schaute verwundert auf die große, weite Erdoberfläche, die sich wie ein Schachbrett zu ihren Füßen ausdehnte. Weiße und blaue Linien und Bänder zogen sich darüber hin. Es mußten Wege und Kanäle sein, und diese kleinen, grünen und braunen Flecke waren Felder und Weiden. Wie prächtig war es doch, an diesem frühen Sommermorgen durch die Lüfte zu fliegen, über die kleinen Wolken hinweg, die wie Schleier zwischen ihr und der Erde lagen. Und wie beruhigend war doch diese Einsamkeit hier oben! Sie fühlte sich befreit von der Welt und all ihrer Schrecklichkeit. Digby Groat war nicht größer als dieser kleine, dunkle Punkt, den sie dort unten sehen konnte, und der sich auf der hellen Straße nicht zu bewegen schien. Sie wußte, daß es ein Mensch war, der vorwärts wanderte. Dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit Villa zu. Er war rot im Gesicht und brüllte etwas in das Telefon. Sie konnte es aber bei dem ohrenbetäubenden Lärm des Motors nicht verstehen. Sie sah nur, daß der Führer nickte und die Maschine dann nach rechts wandte. Villa schien zufrieden zu sein, denn er ließ sich in seinen Sitz zurücksinken. Ganz langsam wandte sich die Spitze des Flugzeuges wieder nach Süden zurück. Lange Zeit bemerkte Villa es nicht. Erst als er die große Stadt vor sich sah, schrie er wieder in das Telefon. »Fliegen Sie nach rechts, Bronson! Sind Sie denn verrückt? Haben Sie ganz und gar den Verstand verloren?« Jim nickte, und das Manöver begann von neuem. Aber nun war Villa auf dem Posten. »Was ist denn mit Ihnen los, Bronson?« Jim hörte den drohenden Ton in seiner Stimme. »Nichts; ich fliege nur einer gefährlichen Luftströmung aus dem Wege«, schrie er durch das Telefon. Auch jetzt noch glaubte Villa, daß Bronson am Steuer säße. Jim flog jetzt dauernd nach Westen und war neugierig, welches das Ziel sein sollte. Er war wirklich wahnsinnig, daß er Bronson nicht gefragt hatte, wohin die Fahrt gehen sollte. Es war ihm bisher nicht der Gedanke gekommen, daß aus seiner Unkenntnis des Ziels irgendwelche Schwierigkeiten entstehen konnten. Er wollte nach London fliegen, das hatte er sich von Anfang an vorgenommen. Jetzt drehte er wieder nach links und brachte den Motor auf höchste Tourenzahlen. Das kleine Flugzeug sauste mit größter Geschwindigkeit. »Sind Sie denn verrückt?« brüllte Villa ihm ins Ohr. Aber er antwortete nicht. »Gehorchen Sie mir jetzt, oder Sie haben es mit mir zu tun!« Jim fühlte, wie Villa ihm seine Pistole auf die Schulter setzte. Er sah sich um, und in diesem Augenblick erkannte ihn Eunice und stieß einen Schrei aus. Villa sprang auf und zog Jims Kopf herum. »Steele!« schrie er und hielt ihm den Revolver hinters Ohr. »Sie werden meinen Befehlen folgen!« Jim nickte. »Fliegen Sie nach rechts in der Richtung nach Oxford. Lassen Sie es zur Linken liegen, bis ich Ihnen sage, daß Sie landen sollen!« Jim konnte nichts anderes tun als gehorchen, aber er fürchtete sich nicht. Hätte der Mann ihm erlaubt, nach London zu fliegen, so wäre es wohl für alle Teile das beste gewesen. Da Villa aber aggressiv gegen ihn vorging, konnte dieses Abenteuer nur auf eine Weise enden. Es ging hart auf hart. Er wandte sich halb in seinem engen Sitz um, schaute Eunice an und lächelte ihr ermutigend zu. Der Blick, mit dem sie ihn wieder ansah, entschädigte ihn für all das Mißgeschick, das er für sie schon erduldet hatte. Aber er hatte sich nicht nur umgesehen, um ihr in die Augen zu blicken. Er betrachtete die Lederriemen, mit denen sie angeschnallt war und sah dann auf Villa. Im nächsten Augenblick wußte er alles, was er wissen wollte. Er mußte warten, bis der Mann die Pistole fortsteckte, denn bis jetzt hielt er immer noch die Waffe in der Hand. Sie flogen über Oxford hin, das sich mit seinen grauen Häusermassen gut von der grünen Umgebung abzeichnete. Ober der Stadt lag ein feiner Dunstschleier. Jims Aufmerksamkeit wurde jetzt durch etwas anderes abgelenkt. Einer der Motoren setzte aus. Er vermutete, daß Wasser in den Zylindern war, aber er konnte die Maschine noch einige Zeit in Gang halten. Villa brüllte ihm einen neuen Kurs zu, und er bog etwas nach Westen ab Der Motor setzte wieder ein. Die Schwierigkeit schien behoben zu sein, und das Flugzeug lag gut in der Luft. Wieder schaute er sich um. Villa hatte die Pistole zwischen die Knöpfe seiner Lederjacke gesteckt. Dort würde sie wahrscheinlich bis zum Ende der Reise bleiben. Er konnte nicht länger warten. Eunice, die die Gegend unter sich beobachtete, fühlte plötzlich, daß sich die Spitze des Flugzeuges senkte, als ob sie zur Erde niedergingen. Sie fühlte keine Furcht; sie wunderte sich nur, daß die Maschine plötzlich wieder stieg, und. zwar so schnell, daß der Himmel nach unten zu sinken schien. Sie fühlte, daß sich die Lederriemen um ihren Körper anspannten, und als sie nach unten schaute, sah sie, daß ihr Blick in die Wolken gerichtet war. Plötzlich merkte sie eine Bewegung an ihrer rechten Seite und schloß instinktiv die Augen. Als sie sie wieder öffnete, war Villa verschwunden. Jim hatte einen Sturzflug in senkrechter Schleife gemacht, und Villa, der an der Maschine nicht festgemacht war, verlor den Halt und sauste hinab in die Tiefe. Jim wandte sich ganz zu Eunice. Sie sah, daß er in das Telefon sprach. Seine Augen glänzten. Sie nahm das Mundstück mit zitternden Händen auf; irgend etwas Schreckliches hatte sich ereignet. Sie durfte nicht mehr nach unten schauen; denn sie fürchtete, ohnmächtig zu werden bei dem Versuch. »Was ist geschehen?« fragte sie. »Villa ist im Fallschirm abgesprungen!« log Jim zu ihrer Beruhigung. »Kümmern Sie sich nicht um ihn, er ist nicht in Gefahr.« ›Jedenfalls auf dieser Welt‹, fügte er für sich hinzu. »Aber Jim, wie sind Sie denn hierhergekommen?« »Das werde ich Ihnen später erklären«, rief er zurück. Der Motor lief schon wieder nicht mehr richtig. Diesmal war die Störung ernster Natur, und er wußte, daß der Flug nach London zu gefährlich war. Er war nicht mehr in genügender Höhe, um sich die Landungsstelle aussuchen zu können, und schaute sich um, wo er niedergehen konnte. Gerade vor ihm, etwa zwanzig Kilometer entfernt, dehnte sich eine große, breite, grüne Fläche aus. Es könnte ein Flugplatz sein, dachte er. Er mußte die Stelle erreichen. Wäre er allein gewesen, so hätte er nicht gezögert, auf einem der kleinen Felder dicht unter ihm niederzugehen. Als er immer näher zu der großen, grünen Fläche kam, sah er, daß er sich geirrt hatte. Aber er stellte die Motoren ab und ging im Gleitflug nieder. Die Räder berührten die Erde so leicht, daß Eunice nicht merkte, daß der Flug zu Ende war. »O Jim«, rief sie, »es war so wundervoll. Aber was ist denn mit dem armen Mann geschehen? Haben Sie ...« Jim wollte schon eine sarkastische Bemerkung machen, aber als er in ihr todblasses Gesicht und ihre tief traurigen Augen sah, schwieg er. Er hatte im Krieg viel bessere Männer als Villa in Ausübung ihrer Pflicht sterben sehen, und er war nicht traurig, daß dieser Verbrecher ums Leben gekommen war, der, ohne mit der Wimper zu zucken, das Mädchen getötet hätte. Er hob Eunice aus dem Flugzeug und fühlte, wie sie trotz des dicken Mantels zitterte. Unter so merkwürdigen Umständen mußten sie sich also wieder begegnen! Sie sprachen kein Wort miteinander; er küßte sie nicht, und sie begehrte dieses Liebeszeichen auch nicht von ihm. Seine bloße Gegenwart, der Druck seiner Hand, genügte ihr. »Hier steht ein Haus«, sagte Jim. »Ich werde Sie dorthin bringen, dann in den nächsten Ort gehen und dem guten Salter ein Telegramm senden.« Er legte seinen Arm um ihre Schultern, und sie gingen langsam durch das hohe Gras, in dem viel bunte Blumen blühten. Knietief versanken sie in dem wunderbaren Weidegrund und atmeten den Duft der Blumen ein. »Das Haus scheint nicht bewohnt zu sein«, meinte Jim, »und es ist doch so groß.« Er führte sie über die breite Terrasse, und sie kamen zur Front des Gebäudes. Die Haustür stand offen, und Jim schaute in die große, traurige, halbverfallene Halle. »Ich möchte wohl wissen, was das für Landsitz ist«, rief Jim verwundert. Er öffnete eine Tür, die von der Halle nach links führte. Der Raum, in den er eintrat, war nicht möbliert und zeigte alle Spuren des Verfalls, die er schon in der Halle wahrgenommen hatte. Er ging wieder über den Flur und trat in einen zweiten Raum, der dem vorigen ähnlich sah. »Ist jemand hier?« rief er laut und wandte sich um, denn es war ihm, als ob er einen Schrei von Eunice gehört hätte, die draußen auf der Terrasse geblieben war. »Haben Sie eben gerufen, Eunice?« fragte er, und seine Stimme hallte durch das stille Haus. Es kam keine Antwort, und er ging schnell auf dem Weg zurück, den er gekommen war. Als er auf die Terrasse trat, war Eunice verschwunden. Er eilte bis zum Ende des Platzes, weil er dachte, sie sei vielleicht zu dem Flugzeug zurückgegangen. Aber auch dort konnte er keine Spur von ihr entdecken. Wieder rief er ihren Namen, so laut er nur konnte, aber nur das Echo seiner Stimme anwortete ihm. Er öffnete die Haustür wieder und ging hinein. In demselben Augenblick schlich sich Xavier Silva aus dem Raum zur Linken und schlug mit einem schweren Stock nach ihm. Jim hörte das Sausen in der Luft, wandte sich halb um, und der Schlag traf seine Schulter. Eine Sekunde taumelte er, dann stürzte er auf den Mann zu und schlug ihm rechts und links mit der Faust ins Gesicht, daß er zu Boden stürzte. Doch bevor er sich wieder umkehren konnte, fühlte er, wie eine Schlinge über seinen Kopf geworfen wurde. Er fiel, zu Boden und rang nach Atem. 41 Während Jim das verlassene Haus durchsuchte, ging Eunice bis zum Ende der Terrasse und lehnte sich auf die zerbrochene Balustrade, versunken in den Anblick der schönen Landschaft. Dünne Dunstwolken lagen noch über der Gegend, in der Ferne zeigten sich die violetten Schatten der Wälder. In der stillen Luft stieg der blaugraue Dampf aus den Schornsteinen der Landhäuser über die Wipfel der breitästigen Bäume empor, und die Sonnenstrahlen spiegelten sich in den unruhigen Wellen eines dahineilenden Wasserlaufes, der sich wie ein goldenes Band durch die smaragdgrüne Landschaft zog. Jemand berührte sie leicht an der Schulter, und sie dachte, es sei Jim. »Ist dieser Anblick nicht herrlich?« fragte sie. »Wirklich, wunderschön, aber nicht halb so lieblich wie Sie selbst, mein Kind.« Sie hätte bei dem Ton der Stimme umsinken mögen. Als sie sich schnell wandte, sah sie in das Gesicht Digby Groats und stieß einen Schrei aus. »Wenn Sie Steeles Leben retten wollen«, sagte Digby leise, aber drängend, »dann werden Sie nicht schreien. Haben Sie mich verstanden?« Sie nickte. Er legte seinen Arm um sie; das sollte keine Liebkosung sein. Er führte sie schnell ins Haus, schob sie in einen Raum und folgte ihr. In dem Zimmer stand ein großer, kräftiger Mann, der ein Tau in der Hand hielt. »Warten Sie, Masters, wir werden ihn schon kriegen, wenn er zurückkommt«, flüsterte Digby. Er hatte die Schritte Jims in der Halle gehört. Plötzlich gab es einen Tumult. Eunice öffnete ihre Lippen, um einen Warnungsschrei auszustoßen, aber Digbys Hand legte sich auf ihren Mund. »Erinnern Sie sich an das, was ich Ihnen gesagt habe«, flüsterte er. Sie hörten den Schrei Xavier Silvas. Masters eilte in die Halle, Digby folgte ihm. Jim stand mit dem Rücken nach der offenen Tür, und Digby gab Masters ein Zeichen. Im selben Augenblick sauste der Strick durch die Luft und schlang sich um Jims Hals, so daß er mit einem Ruck atemlos zu Boden gerissen wurde. Sein Gesicht wurde dunkelrot, und er zerrte aufgeregt mit den Händen an der grausamen Schlinge. Wäre Eunice nicht dazugekommen, hätten sie ihn vielleicht sofort umgebracht. Sie stand einen Augenblick starr vor Schrecken, eilte dann aus dem Raum, stieß Masters zur Seite, kniete nieder und löste mit ihren eigenen, zitternden Händen die Schlinge von dem Hals des geliebten Mannes. »Sie gemeiner Schuft«, schrie sie, und ihre Augen blitzten vor Haß. Einen Augenblick später war Digby an ihrer Seite und hob sie auf. »Binden Sie ihn«, sagte er lakonisch und wandte seine Aufmerksamkeit dem sich wehrenden Mädchen zu, denn sie war jetzt nicht länger ruhig. Sie kämpfte mit aller ihr zu Gebote stehenden Kraft, schlug ihm mit den Händen ins Gesicht und versuchte verzweifelt, sich aus seinem Griff zu lösen. »Sie kleiner Teufel«, keuchte er, als er sie an den Handgelenken gepackt hatte und gegen die Mauer stieß. In seinem Gesicht war eine wunde, blutige Stelle zu sehen, an der sie ihn gekratzt hatte. Aber in seinen Augen lag Bewunderung. Gerade im Zorn bewies sie ihr ganze ursprüngliche Furchtlosigkeit. »So gefallen Sie mir am besten! Ich habe niemals meine Wahl bereut, mein Liebling, am allerwenigsten in diesem Augenblick!« »Lassen Sie meine Hände los!« rief sie wild. Ihr Herz schlug heftig, aber sie erkannte schließlich, daß sie Digby Groat nicht gewachsen war, und wurde ruhiger. »Wohin haben Sie Jim gebracht – was haben Sie mit ihm gemacht?« Sie fürchtete sich nicht mehr; eine wilde Energie war in ihr erwacht. »Wir haben Ihren jungen Freund in Sicherheit gebracht. Was ist denn heute morgen passiert, Eunice?« Sie antwortete nicht. »Wo ist Villa?« Aber sie öffnete den Mund nicht. »Nun gut, wenn Sie nicht sprechen wollen, so werde ich schon einen Weg finden, daß der junge Mann, der mit Ihnen hierhergekommen ist, sagt, was vorgefallen ist.« »Wie, Sie wollen ihn zum Geständnis zwingen?« fragte sie zornig. »Da kennen Sie den Mann schlecht! Wenn Sie glauben, daß Sie Jim Steele zum Sprechen bringen können, so gehen Sie nur hin, und versuchen Sie es!« »Sie wissen nicht, was Sie reden«, entgegnete er; aber er war weiß bis in die Lippen, denn ihre Beleidigungen hatten ihn im Innersten getroffen. »Ich werde ihn so foltern, daß er um Gnade winseln soll!« »Sie beurteilen alle Männer nach sich selbst«, sagte sie verächtlich, »und alle Frauen nach dem armen kleinen Ladenmädchen, dessen Lebensglück Sie vernichtet haben, um sich zu amüsieren.« »Wissen Sie auch, was Sie da sagen?« fuhr er sie wütend an. »Sie scheinen zu vergessen, daß ich –« »Ich habe gar nicht vergessen, was Sie sind«, sagte sie wegwerfend. Ihre Blicke sprühten Haß. »Sie sind ein Mann, der kein Vaterland hat, der zu keiner Gesellschaftsklasse gehört! Sie sind ein Verräter an Frauen, ein Meuchelmörder, ein Dieb, der andere Diebe und Verbrecher anstellt, die die Gefahr auf sich nehmen; aber Sie selbst stecken den Löwenanteil in die Tasche. Sie sind ein niederträchtiger Mann, der Experimente macht und genug von Medizin und Chirurgie versteht, um wehrlose Frauen zu betäuben und Tiere zu quälen. Ich habe Sie durchschaut!« Eine ganze Weile konnte er nicht sprechen. Sie hatte ihn so tödlich beleidigt, daß er ihr nie vergeben konnte. Mit unfehlbarem Instinkt hatte sie gerade die Dinge gesagt, die ihn am tiefsten trafen. »Strecken Sie die Hände aus!« schrie er sie an. Sie sah ihn verächtlich an, als er ihre Hände mit der Krawatte zusammenband, die er sich vom Halse riß. Dann packte er sie an den Schultern, und durch einen kurzen Ruck brachte er sie zu Fall, so daß sie in eine Ecke taumelte. »Ich werde später wiederkommen und mich mit Ihnen beschäftigen«, rief er drohend. * In der Halle wartete Masters auf ihn, und der große, starke Mann war anscheinend in Sorge. »Wo haben Sie ihn hingebracht?« »In den Ostflügel, in den Raum des früheren Hausmeisters«, sagte er unsicher. »Mr. Groat, sind denn das nicht schlechte Dinge, die wir hier tun?« »Was soll das heißen?« fuhr ihn Digby an. »Ich habe mich früher nie mit dergleichen befaßt«, erwiderte Masters. »Kann man uns denn nicht deswegen belangen?« »Kümmern Sie sich nicht darum; Sie werden gut dafür bezahlt werden«, sagte Groat. Er wollte fortgehen, aber Masters hielt ihn zurück. »Wenn ich auch gut bezahlt werde, kann mich das doch nicht vor dem Gefängnis retten. Ich bin aus einer guten Familie und bin mit dem Gesetz noch nie in Konflikt gekommen. Ich bin hier auf dem Lande wohlbekannt, und niemand kann auf mich zeigen und mir nachsagen, daß ich etwas getan hätte, worauf Gefängnis steht.« »Sie sind verrückt.« Digby war froh, daß er jemand gefunden hatte, an dem er seine Wut auslassen konnte. »Habe ich Ihnen denn nicht erzählt, daß dieser Mann versuchte, mit meiner Frau durchzubrennen?« »Sie haben mir noch nie etwas davon gesagt, daß sie Ihre Frau ist«, entgegnete Masters kopfschüttelnd und sah ihn argwöhnisch an. »Sie trägt auch keinen Trauring, das habe ich gleich gesehen. Und der fremde Mann hatte auch gar kein Recht, mit dem schweren Spazierstock nach ihm zu schlagen – beinahe hätte er ihn getötet.« »Nun gehen Sie aber, Masters«, erwiderte Digby, der wieder die Herrschaft über sich gewonnen hatte. »Kümmern Sie sich nicht um Dinge, die Sie nicht verstehen. Ich sage Ihnen doch, daß dieser Steele ein Schurke ist, der mit meiner Frau durchbrannte und mir mein Geld gestohlen hat. Meine Frau ist nicht ganz normal; ich will sie mit auf eine Reise nehmen ...« Plötzlich hielt er an. »Auf jeden Fall ist Steele einer der größten Schufte.« »Warum liefern Sie ihn dann nicht der Polizei aus?« fragte Masters, der der ganzen Sache mißtraute. »Warum bringen Sie ihn denn nicht vors Gericht? Das scheint mir doch in diesem Falle das Richtige zu sein, Mr. Groat. Sie werden sich einen schlechten Namen machen, wenn es herauskommt, daß Sie ihn so böse behandelt haben.« »Ich habe ihn nicht böse behandelt«, erwiderte Digby kühl. »Sie waren es doch, der ihm den Strick ums Genick warf.« »Ich versuchte, ihn über seine Schulter zu werfen«, erklärte Masters eilig. »Außerdem haben Sie mir doch den Auftrag dazu gegeben.« »Solche Aussagen müssen Sie aber vor Gericht erst beweisen!« Digby wußte wohl, daß er Masters auf diese Weise einschüchtern konnte. »Nun hören Sie einmal zu, Masters. Der einzige, der bisher hier ein Verbrechen begangen hat, sind Sie.« »Ich?« rief der Mann entsetzt. »Ich habe doch nur nach Ihren Befehlen gehandelt!« »Das glaubt Ihnen kein Richter!« Digby klopfte dem Mann auf die Schulter; und dieses vertrauliche Benehmen kam Masters ganz fremd vor. Er hätte seinen Herrn noch nie von dieser Seite kennengelernt. »Gehen Sie, und bringen Sie der jungen Dame etwas zu essen, und wenn irgend etwas schiefgeht, werde ich schon dafür sorgen, daß Sie davonkommen. Hier, nehmen Sie das.« Er zog ein Paket Banknoten aus der Tasche, nahm zwei davon und drückte sie ihm in die Hand. »Das sind Fünfundzwanzigpfundnoten, mein Freund. Vergessen Sie nicht, sie möglichst bald in kleines Geld umzuwechseln. Und machen Sie jetzt, daß Sie fortkommen, und lassen Sie ein paar Erfrischungen für die junge Dame zubereiten.« »Ich weiß nicht, was meine Frau von alledem halten wird«, brummte Masters. »Wenn ich ihr sage –« »Sie sind ein Dummkopf, wenn Sie ihr überhaupt etwas sagen«, entgegnete Digby scharf. »Verdammt noch einmal: Verstehen Sie denn nicht, wenn ich mit Ihnen rede?« * Um drei Uhr nachmittags kamen zwei Herren in einer Taxe vor dem schöngeschmiedeten Tor von Kennett Hall an. Als man ihnen nicht öffnete, stiegen sie über die hohe Mauer und gingen auf das Haus zu. Digby sah sie schon von weitem, ging ihnen entgegen und begrüßte Bronson und den dunklen Spanier, der in seiner Begleitung war. Am Ende der Zufahrtsstraße trafen sie einander und sowohl Bronson wie sein Herr fragten wie aus einem Munde: »Wo ist Villa?« 42 Der Raum, in den Jim gebracht wurde, unterschied sich wenig von den Zimmern, die er vorher gesehen hatte, er war nur kleiner. Die Planken des Fußbodens waren zerbrochen, hier und dort zeigten sich große Löcher, und er sah gleich, daß hier Ratten hausten. Seine Hände waren so eng verschnürt, daß er sie nicht bewegen konnte, und seine Fußgelenke waren so zusammengebunden, daß es ihm unmöglich war, sich auf seine Füße zu erheben. »Was für ein Leben ist das doch«, sagte er mit philosophischer Ruhe und bereitete sich auf eine lange Wartezeit vor. Er zweifelte nicht daran, daß Digby möglichst bald aufbrechen würde, und rechnete mit der Möglichkeit, daß man ihn hier allein zurückließ. Entweder mußte er sich dann selbst befreien oder verhungern. Aber er war fest entschlossen, am Leben zu bleiben. Auch hatte er sich schon einen Plan ausgedacht, den er sofort ausführen wollte, wenn er sicher war, daß man ihn nicht mehr beobachtete. Aber Digby blieb im Hause, wie er erfahren sollte. Eine Stunde verging, dann wurde die Tür zu seinem Raum aufgerissen, und Digby trat ein. Hinter ihm kam ein Mann herein, der bei Jims Anblick grinste. Es war Bronson, der in Jims Kleidern geradezu lächerlich aussah; denn Rock und Hose waren ihm zu groß. »Man hat Sie also doch entdeckt, Bronson«, sagte Jim lachend. »Nun, jetzt bin ich in derselben Verfassung wie Sie, als ich Sie zurückgelassen habe. Man wird mich ja hier entdecken, und ich werde Sie dann in Dartmoor besuchen und nachsehen können, wie es Ihnen dort geht. In Dartmoor ist es ganz schön; der hübscheste Platz dort ist Block B – da haben Sie Zentralheizung, Gas, Warmwasser – jeden modernen Komfort mit Ausnahme von Tennis.« »Wo ist Villa?« fragte Digby. »Das kann ich Ihnen wirklich nicht sagen«, erklärte Jim gemütlich. »Aber ich vermute, wo er geblieben ist.« »Wo ist er geblieben?« fuhr ihn Bronson an. Jim lächelte, und im nächsten Augenblick schlug ihm Bronson mit der Hand ins Gesicht. Aber Jim lächelte weiter, obwohl ein Ausdruck in seinem Blick lag, der Bronson ängstigte. »Steele, es hat keinen Zweck, daß Sie die Aussage verweigern«, sagte Digby. »Wir wollen unter allen Umständen wissen, was Sie mit Villa gemacht haben. Wo ist er geblieben?« »Meiner Meinung nach schmort er jetzt in der Hölle«, erwiderte Jim ruhig. »Wollen Sie damit sagen, daß er tot ist?« fragte Digby aufgeregt. »Das nehme ich sehr stark an«, entgegnete Jim vorsichtig. »Wir waren ungefähr fünftausend Fuß hoch, als ich vor lauter Freude, daß ich wieder einmal ein Flugzeug in der Hand hatte, einen Sturzflug mit senkrechter Schleife machte. Ich glaube, unser Freund Villa hatte nicht die nötigen Vorsichtsmaßregeln ergriffen – jedenfalls war er nicht mehr da, als ich mich wieder umschaute. Er flog selbständig durch die Luft, Groat, und ich habe die Erfahrung gemacht, daß es fast unmöglich ist, eine gute Landung zu machen, wenn die Leute anfangen, ohne Flugzeug durch die Luft zu fliegen.« »Sie haben ihn umgebracht!« zischte Bronson zwischen den Zähnen. »Sie verdammter Schuft!« »Halten Sie den Mund!« fuhr ihn Digby an. »Wir wissen, was wir wissen wollen. Wo haben Sie ihn hinuntergeworfen?« »Hier irgendwo in der Gegend. Ich habe eine verlassene Stelle gewählt. Es hätte mir zu leid getan, wenn er beim Fall noch einem anderen weh getan hätte.« Digby verließ den Raum, ohne ein Wort zu sagen, und schloß die Tür hinter sich. Er sprach auch nicht, bis er wieder im Raum war, wo er sich vor weniger als einer Woche von Villa verabschiedet hatte. Er schauderte bei dem Gedanken an den schrecklichen Tod dieses Mannes. Die beiden Spanier waren hier, und sie hatten ein Geschäft vor, das nicht aufgeschoben werden konnte. Digby hatte ursprünglich gehofft, daß sie seinem Versprechen trauen und warten würden, bis man einen sicheren Platz erreicht hätte, bevor sie sich ihre Anteile auszahlen ließen. Aber sie legten den Versprechen und Worten ihres Anführers gerade keinen zu großen Wert bei. Sie hatten große Summen zu bekommen, und Digby war es sehr unangenehm, daß er sie auszahlen mußte. Aber er konnte sich jetzt nicht mehr davor drücken. Es blieb ihm ja trotzdem noch ein ungeheures Vermögen. Die anderen Mitglieder der Bande hatten ihre Anteile noch nicht erhalten, und er hatte auch nicht die Absicht, sie ihnen zu geben. »Was haben Sie für Pläne«, fragte Xavier Silva. »Ich gehe nach Kanada«, antwortete Digby. »Lesen Sie die Zeitungen, und suchen Sie unter den ›Privaten Anzeigen‹. Dort werde ich Ihnen meine Adresse bekanntgeben.« Der Spanier grinste. »Wir werden auf andere interessante Dinge aufpassen. Mein Freund und ich werden nach Spanien gehen. Wird Bronson bei Ihnen bleiben?« Digby nickte. Da Villa tot war, mußte er nun den Flieger ins Vertrauen ziehen. Er wollte ihn am Ende doch noch betrügen, aber Bronson konnte das nicht vermuten. Er schickte die beiden aus, um das Flugzeug zu prüfen. Jim hörte in seinem Raum das Summen der Propeller und mühte sich vergeblich ab, seine Hände freizubekommen. Plötzlich hörte das Summen des Propellers auf. Xavier Silva war ein tüchtiger Mechaniker. Er hatte entdeckt, was an dem einen Zylinder defekt war. »Sie bringen den Motor wieder in Ordnung«, murmelte Jim. Er hatte also mehr Zeit, als er ursprünglich gehofft hatte. Er hörte draußen Schritte auf der steinernen Terrasse, und durch einen Spalt im Fensterladen konnte er sehen, daß Bronson vorbeiging. Digby hatte ins Dorf geschickt, um vorsichtige Nachforschungen nach Villas Schicksal anzustellen. Merkwürdigerweise war den drei Männern, die das Herannahen des Flugzeugs von der Terrasse von Kennett Hall aus beobachtet hatten, Villas Schicksal entgangen. Sie hatten zwar gesehen, wie das Flugzeug die senkrechte Schleife beschrieb, aber Digby dachte nichts anderes, als daß Bronson dem jungen Mädchen seine Kunststücke zeigen wollte. Villas Leiche mußte hier irgendwo in der Nachbarschaft liegen; und wie nahe sie war, erfuhr Bronson im Gasthaus des Dorfes. Als Bronson fortgegangen war, begab sich Digby zu seiner Gefangenen. Eunice schritt im Raum auf und ab. »Wie hat Ihnen der Flug gefallen?« fragte er. »Es war wohl aufregend und nervenkitzelnd? Haben Sie auch beobachtet, wie mein Freund Villa ermordet wurde?« Sie schaute ihn an: »Ich habe nicht gesehen, daß der Mann ermordet wurde.« Sie war bereit, Jim gegen jede Anschuldigung zu verteidigen. Er las ihre Gedanken. »Sorgen Sie sich nicht um Mr. Steele. Ich werde ihn nicht wegen Mordes anklagen, dazu habe ich keine Zeit; ich werde morgen abend bei Einbruch der Dunkelheit das Land verlassen, und Sie werden mich im Flugzeug begleiten.« Sie erwiderte nichts. »Ich hoffe, daß Ihnen ein kleines Eintauchen ins Wasser nichts ausmacht. Ich kann Ihnen nämlich nicht garantieren, daß wir gerade auf meiner Jacht landen werden.« Sie wandte sich zu ihm. Auf seiner Jacht? Sie sollte auf einer Jacht entführt werden. Wohin wollte er sie bringen? Draußen hörte er eilige Schritte und öffnete die Tür. Ein Blick auf Bronsons Gesicht sagte ihm, daß er wichtige Neuigkeiten brachte. »Nun?« fragte er scharf. »Sie haben Villas Leiche gefunden. Ich habe einen Zeitungsreporter im Gasthaus gesehen«, sagte er atemlos. »Weiß man, wer er ist?« fragte Digby. Bronson nickte. »Was?« fragte Digby verwundert. »Woher kennt man denn Villas Namen?« »Man hat ein Papier in seiner Tasche gefunden – eine Quittung über die Kaufsumme einer Jacht.« Eunice sah durch, die offene Tür, wie Digby zusammenzuckte. »Dann weiß man auch von der Jacht?« Diese Nachricht verwirrte ihn vollkommen und regte ihn maßlos auf. Wenn die Polizei von der Jacht erfahren würde, türmten sich unüberwindliche Schwierigkeiten auf, und die Gefahr, die ihn bedrohte, schien ihm wie ein gigantisches Ungeheuer den Weg zu versperren. Digby Groat brach unter diesem Schock zusammen. Eunice sah es. Er hatte sich vollständig verändert und war nicht mehr der kühle, selbstbeherrschte Mann, der alle Gefahren verachtete. Er war jetzt ein hilfloses, furchtsames Kind, das schimpfte und die Hände rang. Er gab zusammenhanglose Befehle und nahm sie schon wieder zurück, bevor sein Bote den Raum verlassen hatte. »Drehen Sie Steele das Genick um!« brüllte er. »Töten Sie ihn, Bronson! Dieser verdammte Kerl! Nein, nein, bleiben Sie hier, machen Sie das Flugzeug fertig ... wir wollen heute abend abfliegen ...« Er wandte sich zu Eunice und starrte sie an. »Noch heute abend geht es fort, Eunice! Dann will ich mit Ihnen abrechnen!« 43 Ihr Mut sank, und es kam ihr mit niederschmetternder Gewißheit zum Bewußtsein, daß ihre Schicksalsstunde gekommen war. Sie hatte Digby wegen seiner Schurkereien verhöhnt; aber sie wußte, daß er kein Mitleid mit ihr haben würde. Ganz gegen ihre Absicht hatte sie ihn bei seinen Plänen unterstützt, als sie zugab, die Erbin des Dantonschen Vermögens zu sein. Die Tür ihres Raumes wurde zugeschlagen, der Schlüssel umgedreht, und sie blieb allein. Später hörte sie wieder das Summen des Propellers, als der Spanier den Motor reparierte. Sie mußte sehen, fortzukommen – sie durfte nicht hierbleiben; unter allen Umständen mußte sie entfliehen! Aber die Fenster waren befestigt und verriegelt, und es war kein anderer Ausgang als die Tür vorhanden. Ihre einzige Hoffnung blieb Jim, der wahrscheinlich ganz in ihrer Nähe genau wie sie selbst gefangengehalten wurde. Digby verlor keine Zeit. Er schickte Silva mit dem Auto fort, damit er so schnell wie möglich zur Küste fahren und dem Kapitän des ›Pealigo‹ eine Botschaft überbringen solle. Das Schiff sollte sich bereithalten, ihn noch heute abend an Bord zu nehmen. Er schrieb schnell die verschiedenen Signale auf. Wenn Bronson in der Nähe der Küste eine grüne Leuchtkugel abschoß, sollte auf der Jacht ebenfalls ein grünes Licht abgebrannt werden. Ein Boot sollte sofort an der Jacht heruntergelassen werden, um sie auf See aufzufischen. Nachdem der Bote fort war, erinnerte er sich daran, daß er dem Kapitän dieselben Befehle schon gegeben hatte und daß der Spanier unmöglich die Jacht heute abend noch erreichen konnte. In ruhigeren Augenblicken hatte Digby andere Vorbereitungen getroffen. Drei Schwimmwesten waren ausprobiert und ins Flugzeug gebracht worden. Pistolen zum Abschießen von Leuchtkugeln, Landungsfackeln und sonstige Gerätschaften, die zu einem Nachtflug notwendig waren, fanden sich im Gepäckraum der Maschine. Bronson war jetzt vollständig beschäftigt mit dem Motor, denn der Fehler war noch nicht ganz behoben. Digby Groat ging vor dem Hause auf und ab und rauchte vor Ungeduld und Furcht eine Zigarette nach der anderen. Er hatte Eunice noch nicht gesagt, daß sie sich fertig machen solle, damit mußte er bis zum letzten Augenblick warten. Er wollte nicht noch einen Auftritt erleben. Er wollte ihr noch eine Spritze geben; das übrige würde dann leicht sein. Fuentes trat zu ihm auf die Terrasse hinaus, denn er war begierig, die letzten Nachrichten zu erfahren. »Glauben Sie, daß die Auffindung von Villas Leiche die Leute hier auf unsere Spur zieht?« »Wie kann ich das wissen?« fuhr ihn Groat an. »Kommt es darauf an? In einer Stunde werden wir fort sein!« »Sie werden fortkommen«, sagte der Spanier mit Betonung, »aber ich nicht. Ich habe kein Flugzeug, das mich außer Landes bringt. Xavier hat auch keines, aber er ist noch besser daran als ich, er hat das Auto. Können Sie mich nicht mitnehmen?« »Das ist nicht möglich«, erwiderte Digby gereizt. »Heute abend werden sie noch nicht kommen, und Sie brauchen sich deshalb nicht aufzuregen. Bis morgen früh können Sie schon eine weite Strecke zwischen sich und Kennett Hall gelegt haben.« »Was soll denn aus dem Mann werden?« Fuentes zeigte nach dem Westflügel, wo Jim gefangen saß. Plötzlich kam Digby ein Gedanke. Vielleicht konnte er seinen bis dahin treuen Diener, der sklavisch seinen Befehlen gehorcht hatte, veranlassen, noch eine letzte Instruktion auszuführen. »Fuentes, nur von diesem Mann droht Gefahr. Sehen Sie denn nicht ein, daß er uns alle vernichten kann? Aber niemand außer Ihnen und mir weiß, daß er hier ist.« »Und außer diesem niederträchtigen Engländer«, setzte Fuentes hinzu. »Masters weiß nicht, was mit ihm geschehen ist. Sagen Sie doch selbst, sollen wir diesen Mann leben lassen, damit er gegen uns aussagen kann, wenn ein kleiner Schlag über den Schädel genügt, um ihn für immer verstummen zu lassen?« Fuentes richtete seine dunklen Augen auf Digby und zwinkerte. »Nun ja, mein lieber Mr. Groat«, sagte er spöttisch, »dann töten Sie ihn doch. Es ist recht gemein von Ihnen, daß ich zurückbleiben soll, um nachher mit der Leiche aufgefunden zu werden. Ich habe einen fürchterlichen Schrecken vor englischen Gefängnissen und will unter keinen Umständen deswegen meinen Hals riskieren.« »Sind Sie plötzlich so furchtsam geworden?« »Ich fürchte mich genauso wie Sie. Wenn Sie wollen, daß er getötet wird, so tun Sie es doch selbst. Ich weiß nicht einmal, ob ich das zulassen würde; denn Sie werden fortgehen, und ich muß hierbleiben. Nein, nein, wir wollen diesen Kerl in Ruhe lassen. Er ist ganz tüchtig.« Digby wandte sich verärgert ab. ›Der starke Kerl‹ hatte sich in diesem Augenblick mit übermenschlicher Anstrengung auf seine Füße erhoben. Es war ein akrobatisches Meisterstück, und etwas von der Gewandtheit eines Schlangenmenschen gehörte dazu. Er hatte sich mit dem Kopf gegen die Mauer gestützt, während er seine Füße langsam auf den Boden brachte. Der Abend brach schon herein. Nach dem Summen des Motors zu urteilen, war die Reparatur beinahe beendet, und Digby Groat würde nun wohl bald aufbrechen. Als er ihn durch die Spalten der Fensterläden in einer Fliegerjacke sah, wurde er in seiner Ansicht bestärkt. Von Eunice hatte er nichts entdecken können. Er hüpfte vorsichtig zum Fenster und lauschte. Draußen regte sich nichts. Er wartete, bis Bronson den Motor wieder anstellte, drückte mit seinen Ellenbogen eine Glasscheibe ein und hob seine zusammengebundenen Hände mit der größten Anstrengung zu dem zerbrochenen Fenster. Er mußte sich dazu auf die Zehenspitzen stellen. Dann rieb er seine Fesseln an den Glassplittern durch, die noch fest im Rahmen saßen. Seine Hände wurden rot und schwollen an, und er fühlte keine Kraft mehr in den Handgelenken. Sorgfältig massierte er sie, bis er wieder Gewalt über sie bekam. Nachdem er die Hände frei gemacht hatte, war es eine Kleinigkeit, mit den Glassplittern auch die Fußfesseln zu durchschneiden. Aber er war immer noch im Zimmer eingeschlossen. Die Fensterläden würden kein unüberwindliches Hindernis bieten. Er sah sich im Raum um und fand nichts, das er irgendwie als Werkzeug hätte benutzen können. Er trat mit seinen gewandten Füßen gegen die Läden, doch entdeckte er, daß sie aus Eisen waren. Die einzige Möglichkeit blieb also die Tür, und die war zu stark, als daß er sie hätte eindrücken können. Er horchte am Schlüsselloch, es war kein Geräusch wahrzunehmen. Der Himmel wurde dunkler, und die Nacht brach herein. Er wußte, daß das Flugzeug bald starten würde. Der Gedanke machte ihn fast wahnsinnig. Unter Mißachtung aller Vorsicht warf er sich mit seiner Schulter gegen die Türfüllung. Aber sie widerstand, auch den Tritten seiner schweren Stiefel leistete sie Widerstand. Dann hörte er einen Laut draußen, der sein Herz fast stillstehen ließ. Eunice schrie schrill auf. Wieder und wieder warf er sich mit aller Kraft gegen die Tür; sie rückte und rührte sich nicht. Dann hörte er einen Ruf, lief zum Fenster und lauschte. »Die Polizei kommt!« schrie Fuentes. Jim sah ihn vollständig erschöpft am Fenster vorbeischwanken und hörte, daß Digby ihn, scharf anfuhr. Gleich darauf herrschte absolute Stille. Jim wischte sich mit dem Rockärmel den Schweiß von der Stirn. Verzweifelt schaute er sich um. Plötzlich fiel ihm der alte eiserne Rost des Kamins in die Augen, und schon packte er das schwere Gerät und donnerte damit zweimal gegen die Tür. Sie gab endlich nach. Er zwängte sich durch die zertrümmerte Füllung und eilte aus dem Hause. Als er um die Ecke bog, hörte er das Summen des Flugzeugmotors, das plötzlich von dem Knall eines Schusses übertönt wurde. Er sprang über das Geländer, lief durch den Garten und kam gerade noch zurecht, um zu sehen, wie sich die Maschine in die Luft erhob. »Mein Gott«, stöhnte Jim, als sie schnell am dunklen Himmel verschwand. Aus dem hohen Gras in der Nähe des Startplatzes erhob sich eine Hand und sank wieder schwach zu Boden. Jim rannte dorthin und kniete gleich darauf neben Fuentes. Der Mann lag in den letzten Zügen. Jim wußte das, noch ehe er die schwere Wunde in der Brust untersucht hatte. »Er hat mich niedergeschossen«, sagte Fuentes, »und ich war sein Freund ... Ich bat ihn nur, mich in Sicherheit zu bringen ... Und er hat mich erschossen!« Der Mann lebte noch, als die Polizei kam. Mit ihr erschien auch Septimus Salter, der in seiner Eigenschaft als Friedensrichter die Zeugenaussage des Sterbenden zu Protokoll nahm. »Deswegen kommt Digby Groat an den Galgen, Steele.« Jim antwortete nicht. Er hatte seine eigenen Ansichten darüber, wie Digby Groat enden würde. 44 Der Rechtsanwalt erzählte Jim, wie er hergekommen war. »Ich begleitete die Polizei, weil ich den Platz genau kenne«, sagte Mr. Salter. »Sie sehen ganz verstört aus, mein Freund. Können Sie sich nicht etwas hinlegen und schlafen?« »Ich darf nicht schlafen, bevor ich nicht meine Hand auf Digby Groat gelegt habe. Was haben Sie in der Zeitung gelesen? Erzählen Sie! Woher wußte man, daß es Villa war?« Salter teilte ihm mit, daß man die Quittung in Villas Tasche gefunden hatte. »Es scheint so, daß er auf Groats Veranlassung die Jacht des Brasilianers Maxilla kaufte. Es ist der ›Pealigo‹ –« »Dann ist er zu dem Schiff geflogen! Wo liegt die Jacht?« »Das habe ich auch herausbringen wollen, aber niemand weiß es. Sie hat Le Havre vor ein paar Tagen verlassen, und es ist unbekannt, mit welcher Bestimmung sie abgefahren ist. Sicherlich hat sie einen britischen Hafen angelaufen. Lloyds erhalten doch Nachricht von jedem Schiff, ganz gleich, ob es eine Jacht, ein Passagier- oder ein Frachtdampfer ist. Alle Hafenbehörden benachrichtigen Lloyds sofort.« »Sicher ist er zu der Jacht geflogen«, wiederholte Jim. »Dann muß sie irgendwo in einem Hafen liegen«, meinte der alte Salter. »Wir können ja eine Radiomeldung durchgeben –« Jim unterbrach ihn kopfschüttelnd. »Bronson wird auf dem Wasser niedergehen und die Maschine versenken. Das ist eine sehr einfache Sache. Es ist keinerlei Gefahr damit verbunden, wenn die Insassen mit Schwimmwesten versehen und nicht festgeschnallt sind. Es ist entsetzlich, daß Sie nicht eher gekommen sind.« Er ging unruhig auf und ab. »Würden Sie etwas dagegen haben, wenn ich mich kurze Zeit zurückziehe? Ich muß allein sein, um nachzudenken.« In der Tür drehte sich Jim noch einmal um. »Um keine Zeit zu verlieren, Mr. Salter, haben Sie irgendwelchen Einfluß bei der Admiralität? Ich möchte, daß Sie ein Wasserflugzeug für mich leihen.« Der Rechtsanwalt schaute nachdenklich drein. »Das kann ich schon in Ordnung bringen. Ich werde mich sofort telefonisch mit dem Ersten Lord der Admiralität in Verbindung setzen.« Während der Rechtsanwalt telefonierte, aß Jim eilig etwas. Die Anstrengungen der letzten vierundzwanzig Stunden hatten ihn mitgenommen. Die Gewißheit, daß Digby Groat vor Gericht gestellt würde, beruhigte ihn nicht. Wenn nur Eunice gerettet worden wäre, hätte er sich damit zufrieden gegeben, daß Digby entkam. Er würde nicht die Hand erhoben haben, um ihn anzuhalten. Aber Eunice war in den Händen dieses gemeinen Menschen, und dieser Gedanke war ihm unerträglich. Der Polizeisergeant lud ihn ein, zu dem verhafteten Masters mitzukommen. Er fand den sonst so harten Mann in elender Verfassung. »Ich wußte, daß er mich noch hineinziehen würde«, jammerte Masters. »Und dabei habe ich eine Frau und drei Kinder! Ich habe mir früher nie etwas zuschulden kommen lassen, nicht einmal eine Wilddieberei. Können Sie nicht ein Wort für mich einlegen, Sir?« Wenn Jim nicht in dieser ernsten Lage gewesen wäre, hätte er über diese Unverschämtheit lachen können. »Ich kann nur aussagen, daß Sie den Versuch machten, mich zu strangulieren, und ich zweifle sehr, daß das eine Empfehlung für Sie sein wird.« »Aber ich schwöre Ihnen bei allem, was mir heilig ist, daß ich das nicht beabsichtigte«, rief der Mann aufgeregt. »Er hat mir doch befohlen, einen Strick um Ihre Schultern zu werfen. Unglücklicherweise glitt er ab und packte Sie am Hals. Wie konnte ich denn wissen, daß die Dame nicht seine Frau war? Er sagte doch, sie sei mit Ihnen durchgebrannt.« »Das hat er Ihnen erzählt?« »Jawohl, Sir. Ich sagte noch zu ihm, daß die Dame keinen Trauring trage, aber er beteuerte, daß er mit ihr verheiratet sei und sie auf eine Seereise mitnehmen würde.« »Auf See?« Masters nickte. »Ja. Er sagte auch, daß sie nicht ganz richtig im Kopf sei und daß ihr die Seereise gut bekommen würde.« Jim fragte ihn genau aus, ohne eine weitere Information aus ihm herauszubekommen. Masters wußte nichts von dem Dampfer, auf dem Digby mit Eunice abfahren wollte, auch nichts von dem Hafen, von dem aus sie an Bord zu gehen beabsichtigten. »Ich glaube nicht, daß der Mann irgendwie in die Pläne Groats eingeweiht war«, sagte Jim später zu dem Sergeanten. »Er war nur ein kleiner Angestellter, und es lohnt sich kaum, eine Anklage gegen ihn zu erheben.« Der Sergeant schüttelte den Kopf. »Wir müssen ihn festhalten, bis die Leichenschau vorüber ist«, sagte er düster. »Wenn ich denke, daß ich einen so großen Fall direkt vor mir hatte und trotzdem nichts gesehen habe!« Jim lächelte traurig. »Das ist uns allen so gegangen, und wir waren blinder als Sie!« Eine neue Spritze hatte ausgereicht, um Eunice zur Ruhe zu bringen. Sie wußte, daß Widerstand vergeblich war. Digby konnte sie leicht überwältigen und lange genug festhalten, um diese verteufelte Nadelspitze in ihren Arm zu stoßen. Sie hatte sich zuerst gewehrt und geschrien, als er ihren Arm berührte. Diesen Schrei hatte Jim gehört. »Ich will mit Ihnen gehen, ich verspreche, daß ich Ihnen keine Schwierigkeiten mache«, rief sie, »bitte, legen Sie dieses fürchterliche Instrument fort.« Doch die Zeit drängte, und es war sicherer, sie wehrlos zu machen. Der Propeller drehte sich schon langsam, als sie ihre Sitze bestiegen. »Hier ist noch Platz für mich! Es muß noch Platz sein!« Digby schaute in das verzerrte Gesicht des Spaniers, der hinter ihm hergelaufen war. »Aber, Fuentes, es ist kein Platz für Sie! Das habe ich Ihnen doch schon vorhin gesagt. Sie müssen sehen, wie Sie fortkommen!« »Ich will mit Ihnen fliehen!« Zum Schrecken Digbys klammerte sich der Mann verzweifelt an den Rand der Sitze. Jeden Augenblick wurde die Gefahr, entdeckt zu werden, größer. Er griff zu seiner Pistole. »Lassen Sie los, oder ich erschieße Sie!« Fuentes hatte jede Vernunft verloren und ließ nicht locker. Man hörte Stimmen von der Straße her und, von einer Panik ergriffen, schoß Digby. Er sah, wie der Mann niederstürzte, und rief Bronson zu: »Los!« Eunice sah entsetzt zu. Es war unheimlich, welche Veränderung mit Digby vorgegangen war. Er schien zusammengesunken und kleiner zu sein. Sein Gesicht war verzogen und verzerrt, als ob er einen Schlaganfall, erlitten hätte. Sie dachte auch, daß dies der Fall sei, aber langsam erholte er sich wieder. Er hatte einen Menschen getötet! Der Schrecken über seine Tat kam über ihn. Die Furcht vor den Konsequenzen überwältigte ihn und trieb ihn zu einer plötzlichen Raserei. Er hatte einen Menschen getötet! Er, der so sorgfältig alles getan hatte, um einer Bestrafung aus dem Wege zu gehen, der seine Freunde und Verbündeten in Gefahr gebracht hatte, um selbst sicher zu sein, er mußte jetzt vor dem Arm der Gerechtigkeit fliehen, die nicht ruhen würde, bis sie ihn gefaßt hatte. Und sie hatte ihn gesehen, diese Frau an seiner Seite. Sie würde als Zeugin vor Gericht erscheinen und gegen ihn aussagen. Und dann würde man ihn henken – in dem kleinen Raum, von dem Jim Steele gesprochen hatte. Die Gedanken durchzuckten sein Gehirn. Aber als sich das Flugzeug vom Boden erhoben hatte, wurde er wieder ruhiger. 45 Er würde einfach angeben, daß Bronson ihn getötet habe. Das war die beste Verteidigung für ihn. Bronson, der ihn jetzt rettete und im Fall der Not sein Leben für ihn gelassen hätte, wollte er die Tat in die Schuhe schieben. Das Flugzeug lag ruhig in der Luft, und der Motor arbeitete tadellos. Der Abendwind, blies, und die Maschine schaukelte von einer Seite auf die andere. Zuerst fühlte sich Eunice elend, aber sie nahm sich zusammen und gewöhnte sich allmählich an diese Bewegung. Sie konnte jetzt das Meer sehen. Die Lichtgarben der Leuchttürme erschienen von links und rechts. Bristol, ein einziges Lichtermeer, kam in Sicht. Kleine Lichter waren auf dem Strom und in der Bucht zu sehen, in die er mündete. Sie überflogen die nördliche Küste des Kanals von Bristol, wandten sich dann nach Westen, dem Ufer folgend, und dann plötzlich nach Süden. Das Land mit seinem Lichtgürtel blieb hinter ihnen. Zwanzig Minuten später feuerte Bronson die Signalpistole ab. Eine leuchtende grüne Kugel erschien, und sofort kam von See aus die Antwort. Digby zog die Schnallen an der Schwimmweste des Mädchens enger an und kontrollierte seine eigene. »Machen Sie auch meinen Schwimmgürtel fest«, rief Bronson durch das Telefon. Digby erfüllte seinen Wunsch. Er machte sich lange damit zu schaffen und band auch noch einen anderen festen Riemen daran. In langem Gleitflug ging die Maschine in der Richtung des grünen Lichts nieder, das dauernd brannte. Eunice konnte nun die eleganten Umrisse der Jacht und die grünen und roten Lichter an Bord erkennen. Das Flugzeug beschrieb einen Kreis und kam immer niedriger und niedriger, bis es nur noch einige Meter über dem Meeresspiegel war. Bronson brachte den Motor zum Stehen und setzte die Maschine ins Wasser. Sie waren nicht mehr als fünfzig Meter von dem wartenden Rettungsboot entfernt. Plötzlich sank das Flugzeug, aber sie schwammen auf dem Wasser. Es war ein merkwürdiges, nicht unangenehmes Gefühl, denn das Wasser war ungewöhnlich warm. Sie hörte einen Schrei und wandte sich um, aber Digby faßte ihre Hand. »Bleiben Sie dicht bei mir, Sie können in der Dunkelheit verlorengehen.« Sie wußte, daß er nur an sich selbst dachte. Plötzlich flackerte ein Lichtschein auf, der von dem Boot ausging, das auf sie zuruderte. Sie schaute sich wieder um. »Wo ist der Flugzeugführer?« Bronson war nirgends zu sehen. Digby gab sich nicht die Mühe, zu antworten. Er streckte seine Hand aus und packte den Rand des Bootes. In der nächsten Minute wurde auch Eunice aus dem Wasser gezogen. Sie befanden sich in einem kleinen Kutter, der mit braunen Männern besetzt war. Zuerst dachte sie, es seien Japaner. »Wo ist Bronson?« fragte sie aufs äußerste erschreckt, aber Digby erwiderte nichts. Er saß unbeweglich und vermied es, sie anzusehen. Sie hätte vor Entsetzen laut aufschreien mögen. Bronson war mit dem Flugzeug versunken. Den Riemen, mit dem Digby Bronsons Schwimmweste befestigte, hatte er an den Sitz selbst angeschnallt, und zwar so fest, daß es dem Flieger unmöglich war, sich zu befreien. Digby stieg zuerst an Deck. Er wandte sich um und reichte ihr die Hand. »Willkommen an Bord des ›Pealigo‹«, sagte er spöttisch. Es war also doch nicht Furcht, was ihn vorhin hatte schweigen lassen. Sie konnte nur mit Abscheu auf diesen Mann blicken. »Willkommen, meine kleine Braut«, sagte er noch einmal. Sie wußte nun, daß der Mann,, der nicht gezögert hatte, zwei seiner Kameraden kaltblütig zu morden, kein Mitleid mit ihr haben würde. Eine weißgekleidete Stewardeß näherte sich ihr und sagte etwas zu ihr in einer Sprache, die sie nicht verstand. Aber sie vermutete, daß die Frau sie in ihre Kabine führen sollte. Sie war froh, von Digbys Gesellschaft befreit zu sein, ging die Treppe hinunter durch einen mit Rosenholz getäfelten Gang und kam dann in ihre Kabine. Der Luxus, mit dem dieser Raum ausgestattet war, machte trotz allem Eindruck auf sie. Der Brasilianer mußte ein Vermögen auf die Einrichtung dieses Schiffes verschwendet haben. Der Salon nahm die ganze Breite der Jacht ein. Er erhielt sein Licht durch künstlerisch verzierte Fenster. Ein großer, mit schwerer Seide bezogener Diwan stand an der einen Seite des Raumes, an der anderen eine massiv silberne Bettstelle, die mit rosenfarbigen Vorhängen drapiert war. Mit roter Seide verhangene Beleuchtungskörper erhellten den Raum. Eunice war neugierig, ob noch eine andere Frau an Bord war. Sie fragte die Stewardeß, aber die verstand kein Englisch, und die paar Brocken Spanisch, die Eunice gelernt hatte, reichten nicht aus, um sich mit ihr zu unterhalten. Hinter den seidenen Vorhängen entdeckte sie eine Tür, die zu einem kleinen Wohnzimmer führte, und dahinter lag ein Badezimmer. Auf dem Bett waren neue Kleider und Wäsche für sie ausgebreitet. Es war an alles bis in die letzte Kleinigkeit gedacht. Sie entließ die Stewardeß und verriegelte die Tür. Dann zog sie sich um. Zum drittenmal wechselte sie ihre Kleider vollständig, seitdem sie Groats Haus am Grosvenor Square verlassen hatte. Das Schiff war jetzt in Fahrt. Sie konnte das Stampfen der Maschinen deutlich wahrnehmen, auch das leise Schaukeln, das die wenig bewegte See hervorbrachte. Sie war gerade fertig, als Digby Groat sich meldete. »Wollen Sie nicht mit nach oben kommen zum Essen?« sagte er. Er war genau wie früher, vollständig beherrscht und ruhig. Sie schrak zurück und wollte die Tür wieder schließen, aber er packte sie einfach am Arm und zog sie auf den Gang hinaus. »Sie werden sich anständig betragen, während Sie an Bord sind«, sagte er rauh. »Ich bin hier der Herr und habe zu befehlen, und ich wüßte nicht, warum ich jetzt noch besonders höflich zu Ihnen sein sollte.« »Sie gemeiner Mensch, Sie Schuft!« rief sie in flammendem Zorn. Er lachte über ihre ohnmächtige Wut. »Glauben Sie ja nicht, daß Sie frei von Strafe ausgehen, weil Sie eine Frau sind. Seien Sie vernünftig, und kommen Sie mit zum Speisezimmer.« »Ich will nicht essen!« »Sie gehen sofort mit mir in den Speisesalon, ob Sie essen wollen oder nicht!« Außer ihnen nahm niemand an der Tafel Platz. Ein dunkler Steward bediente sie. Auch dieser Raum war aufs prächtigste ausgestattet. Das ganze Schiff war ein Palast in kleinem Maßstab, mit hängenden, prächtigen Kronleuchtern, herrlichen Blumen und Marmorkaminen. Ein hervorragendes Essen wurde aufgetragen, aber Eunice dachte, sie müßte ersticken, wenn sie auch nur einen Bissen nähme. »Essen Sie!« sagte Digby und begann selbst mit der Suppe. Sie schüttelte den Kopf. »Wenn Sie nicht wollen«, fuhr er böse fort und kniff die Augenlider zusammen, »wenn Sie hier widerspenstig sind, meine Freundin, dann werde ich schon einen Weg finden, Sie zu zwingen. Erinnern Sie sich daran?« Er zog den verhaßten schwarzen Kasten aus der Tasche und legte ihn auf den Tisch. »Wenn ich Ihnen eine Spritze gebe, folgen Sie mir!« Sie nahm gehorsam ihren Löffel und begann zu essen. Er beobachtete sie mit einem ironischen Lächeln. Zu ihrem Erstaunen erkannte sie, daß sie hungrig war und lehnte auch die späteren Gänge nicht ab. Nur den Wein, den der Steward für sie eingegossen hatte, wollte sie nicht trinken. Digby drängte sie auch nicht dazu. »Sie sind töricht, Eunice, wirklich töricht.« Er steckte sich eine Zigarre an, ohne um Erlaubnis zu fragen, lehnte sich in seinen Stuhl zurück und schaute sie kritisch an. »Ein wunderbares Leben erwartet Sie, wenn Sie nur vernünftig sind. Warum machen Sie sich denn Gedanken wegen eines solchen Menschen wie Steele – er ist doch ein armer Bettler, der keinen Pfennig in der Tasche hat!.« »Sie vergessen, daß ich kein Geld brauche, Mr. Groat.« Wenn er Jim erwähnte, fühlte sie sich immer besonders von ihm abgestoßen. »Ich besitze das Geld und die Liegenschaften, die Sie mir stehlen konnten, aber wenn Sie erst verhaftet und im Gefängnis sind, werde ich alles wiederbekommen, was Sie jetzt im Besitz haben, einschließlich dieser Jacht, wenn sie Ihnen gehört.« Er lachte über ihre Antwort. »Ich liebe Ihren klaren Verstand. Sie können mich nicht ärgern, mein Liebling. Ich freue mich, daß Sie unsere Jacht lieben, auf der wir unsere Flitterwochen verbringen werden.« Sie erwiderte nichts. »Wenn Sie wüßten, wie sehr ich Sie liebe –«, er lehnte sich über den Tisch, nahm ihre Hand und sah sie begehrlich an, »wenn Sie wüßten, Eunice, daß ich bereit bin, mein Leben dafür zu geben, Sie glücklich zu machen, würde Sie das nicht umstimmen können?« »Nichts kann meine Gefühle gegen Sie ändern! Sie könnten sich meine Dankbarkeit nur erringen, wenn Sie das Schiff im nächsten Hafen anlegen lassen und mich zur Küste bringen.« »Und was soll dann aus mir werden?« fragte er kühl. »Versuchen Sie doch einmal so vernünftig wie schön zu sein, Eunice. Ich werde mich freuen, wenn ich Sie glücklich machen kann, solange ich dazu in der Lage bin. Aber ich wünsche nicht, ins Gefängnis oder an den Galgen zu kommen.« Er zitterte, und war wütend auf sich selbst, daß er sich so schwach zeigte. Und er haßte sie, weil sie es bemerkt hatte. »Wohin geht diese Fahrt?« fragte sie. »Das Schiff fährt nach Südamerika. Vielleicht interessiert es Sie, daß wir einer Route folgen, die gewöhnlich nicht genommen wird. Wir werden an der Küste von Irland entlangfahren und den Weg einschlagen, den die Seeleute die westliche Linie nennen. Erst wenn wir in einer Entfernung von etwa tausend Meilen von Long Island sind, werden wir uns nach Süden wenden. Hierdurch vermeiden wir es, von den amerikanischen Schiffen gesichtet und erkannt zu werden, und wir vermeiden ebenfalls –« Der Mann, der in diesem Augenblick eintrat, mußte nach Eunices Vermutung der Kapitän sein. Er trug drei goldene Reifen ums Handgelenk, aber er konnte ihr als Seemann nicht gefallen. Er war klein und hatte einen lahmen Fuß. Sein lederartiges Gesicht und sein steifes, schwarzes Haar bestärkten sie noch mehr in ihrer Ansicht, daß es ein japanisches Schiff sein müsse. »Darf ich Ihnen den Kapitän vorstellen?« sagte Digby. »Es wäre gut, wenn Sie sich mit ihm etwas anfreundeten.« Eunice dachte bei sich, daß die Möglichkeit, sich mit diesem Mann zu verständigen, oder gar Freundschaft mit ihm zu schließen, sehr gering sei. »Haben Sie etwas Besonderes, Kapitän?« fragte Digby auf portugiesisch. »Wir haben soeben eine drahtlose Botschaft bekommen. Ich dachte, es sei gut, wenn Sie sie sehen und lesen würden.« »Ich habe ganz vergessen, daß wir drahtlose Telegrafie an Bord haben«, erwiderte Digby, als er die Nachricht entgegennahm. ›An alle Schiffe, die nach Westen und nach Süden fahren sowie nach England zurückkehren. Achten Sie auf die Jacht ›Pealigo‹. Berichten Sie drahtlos Lage und Kurs an Polizeiinspektor Rite, Scotland Yard.‹ Eunice verstand nicht, worüber die beiden sprachen, aber sie sah, wie Digbys Stirn sich runzelte, und vermutete, daß es eine schlechte Nachricht war. Und wenn sie für ihn schlecht war, dann war sie gut für sie. Ihre Stimmung wurde besser. »Eunice, ich glaube, Sie gehen jetzt besser zu Bett. Ich muß noch mit dem Kapitän sprechen.« Sie erhob sich, aber nur der Kapitän stand auf. »Bleiben Sie doch sitzen«, sagte Digby verächtlich. »Sie sind doch nicht hier an Bord, um Mrs. Digby Groat Aufmerksamkeiten zu erweisen.« Eunice hatte die letzten Worte nicht mehr gehört, denn sie war so schnell wie möglich aus dem Speisezimmer gegangen. Sie kehrte zu ihrer Kabine zurück, schloß die Tür und wollte den Riegel vorschieben, aber zu ihrem Entsetzen sah sie, daß er während des Abendessens abgeschraubt worden war. Auch fand sie keinen Schlüssel, mit dem sie die Tür hätte abschließen können. 46 Eunice starrte auf die Tür. Sie irrte sich nicht. Der Riegel war erst kürzlich entfernt worden. Der ›Pealigo‹ schaukelte jetzt stärker, und sie konnte nur schwer ihr Gleichgewicht behalten. Dennoch ging sie in der Kabine umher, nahm alle Stühle, Tische und alles bewegliche Mobiliar und türmte es gegen die Tür auf. Sie durchsuchte alle Schubladen nach irgendeinem Instrument oder einer Waffe, die der frühere Besitzer vielleicht zurückgelassen hatte. Aber sie konnte nichts anderes finden als eine mit Gold überzogene Haarbürste, die der reiche Maxilla übersehen hatte. Auch in den anderen Räumen war nichts zu entdecken. Stunde um Stunde verging. Sie saß in einem Sessel und beobachtete die Tür. Es wurde kein Versuch gemacht, ihre Kabine zu betreten. An Deck schlug in Zwischenräumen eine Glocke. Sie zählte acht Schläge. Es war Mitternacht. Wie lange würde es noch dauern, bis Digby Groat kam? Der saß in diesem Augenblick bleich und zitternd in der Funkkabine und las eine Botschaft, die eben aufgefangen worden war. Ein Teil war in Code abgefaßt und anscheinend an die Kriegsschiffe gerichtet, aber der größere Teil war in offener Sprache und lautete: ›An die Kapitäne und ersten Offiziere aller Schiffe, an die Kommandanten aller Schiffe Seiner Majestät, an alle Friedensrichter und alle Polizeibeamten von Großbritannien und Irland. Verhaften Sie Digby Groat, und setzen Sie ihn gefangen. Größe 1,70 Meter, kräftige Gestalt, dunkle Gesichtsfarbe. Kleiner, dunkler Schnurrbart, der vielleicht abrasiert ist. Spricht Spanisch, Französisch, Portugiesisch, hat Arztexamen bestanden. Ist wahrscheinlich an Bord der Jacht ›Pealigo‹. Dieser Mann wird steckbrieflich verfolgt wegen Mordes und Bandenverbrechens. Auf seine Ergreifung ist von Rechtsanwalt Mr. Salter in London eine Belohnung von fünftausend Pfund ausgesetzt. Es wird vermutet, daß in seiner Gesellschaft Dorothy Danton reist, die von ihm gefangengehalten wird. Alter zweiundzwanzig. Groat ist gefährlich und trägt Feuerwaffen.‹ Der kleine Kapitän des ›Pealigo‹ nahm die dünne Zigarre aus dem Munde und betrachtete aufmerksam die graue Asche. Dann schaute er wieder auf das bleiche Gesicht des Mannes. »Sie verstehen, Sir«, sagte er höflich, »ich bin in einer sehr schwierigen Lage.« »Ich dachte, Sie könnten nicht Englisch sprechen«, erwiderte Digby, der endlich seine Sprache wiederfand. Der kleine Kapitän lächelte. »Ich kann genug Englisch lesen, um zu verstehen, was eine Belohnung von fünftausend Pfund bedeutet, Sir. Und wenn ich es nicht verstände, so spricht doch mein Funker verschiedene Sprachen, einschließlich Englisch. Der würde mir das schon erklärt haben, wenn ich es nicht selbst verstanden hätte ...« Digby sah ihn frostig an. »Was wollen Sie tun?« »Das hängt ganz davon ab, was Sie zu tun für richtig halten. Ich bin kein Verräter, und ich möchte Ihnen gern zu Diensten sein. Aber Sie begreifen doch, daß es eine böse Sache für mich ist, wenn ich Sie bei Ihrer Flucht unterstütze, obwohl ich weiß, daß Sie von der englischen Polizei gesucht werden. Ich bin nicht engherzig«, meinte er achselzuckend. »Señor Maxilla hat auch allerhand gemacht, worüber ich ein Auge zugedrückt habe. Es wären aber meistens Weibergeschichten, niemals Mord.« »Ich bin kein Mörder, das sage ich Ihnen doch«, rief Digby wild und heftig. »Sie sind unter meinem Befehl. Haben Sie mich verstanden?« Er sprang auf und stand drohend vor dem Brasilianer, der sich jedoch nicht aus der Fassung bringen ließ. Plötzlich blitzte eine Waffe in Digbys Hand auf. »Sie werden meine Befehle sorgfältig bis zum letzten Buchstaben ausführen oder bei Gott –« Aber der Kapitän des ›Pealigo‹ betrachtete nur die Asche seiner Zigarre. »Es ist nicht das erstemal, daß man mich mit einem Revolver bedroht«, sagte er kühl. »Vor Jahren, als ich sehr jung war, hat mir das einmal Furcht eingejagt. Heute bin ich nicht mehr jung. Ich habe eine Familie in Brasilien, die mich viel Geld kostet. Mein Gehalt ist klein, sonst würde ich nicht mein Leben auf der See zubringen und mich soweit erniedrigen, alle Wünsche und Launen meiner Herren zu erfüllen. Wenn ich hunderttausend Pfund hätte, würde ich mir eine Plantage kaufen, mich dort niederlassen und glücklich, zufrieden und schweigsam den Rest meines Lebens zubringen.« Er betonte das Wort ›schweigsam‹, und Digby verstand sehr wohl, was er damit sagen wollte. »Könnten Sie das nicht für etwas weniger als ausgerechnet hunderttausend Pfund tun?« »Ich habe mir die Sache wohl überlegt. Wir Seeleute haben viel Zeit zum Nachdenken. Hunderttausend Pfund sind nun einmal für mich die Summe, die es mir ermöglichen würde, ein ruhiges Leben zu führen.« Er schwieg einen Augenblick, fuhr dann aber fort: »Deshalb habe ich auch wegen der ausgesetzten Belohnung gezögert. Hätte die Radiobotschaft hunderttausend Pfund angegeben, dann wäre mein Entschluß schon gefaßt.« Digby wandte sich wütend nach ihm um. »Sprechen Sie aufrichtig und offen! Ich soll Ihnen also hunderttausend Pfund zahlen. Das ist der Preis, um den Sie mich sicher ans Ziel bringen werden? Sonst wollen Sie zum nächsten Hafen zurückkehren und mich den Behörden übergeben?« Der Kapitän zuckte die Schultern. »Ich habe nichts Derartiges gesagt, Sir. Ich habe nur eine kleine, private Angelegenheit erwähnt und wäre froh gewesen, wenn Sie sich dafür interessiert hätten. Der gnädige Herr wünscht ja auch, in Brasilien glücklich zu leben, und zwar mit der schönen Dame, die er mitgebracht hat. Der gnädige Herr ist kein armer Mann, und wenn es wahr ist, daß die hübsche Dame ein großes Vermögen erbt, wird er ja noch reicher werden.« Der Funker schaute zur Tür herein. Er wäre gern wieder in seine eigene Kabine gegangen, aber der Kapitän schickte ihn mit einer seitlichen Kopfbewegung wieder hinaus. Er sprach jetzt ganz leise. »Wäre es denn nicht möglich, daß ich zu der jungen Dame ginge und sagte: ›Mein Fräulein, Sie sind in großer Gefahr; auch ich muß mich in acht nehmen, daß ich nicht ins Gefängnis komme. Was würden Sie mir dafür zahlen, daß ich eine Schildwache vor Ihre Tür stellen, Señor Digby Groat in Eisen schließen und in einen sicheren Raum einsperren lasse?‹ Glauben Sie nicht, daß sie mir dafür hunderttausend Pfund geben würde, eventuell sogar die Hälfte ihres Vermögens?« Digby schwieg. Der Verrat, den dieser Mann an ihm beging, war offenbar. Er gab sich nicht mehr die Mühe, ihn mit schönen Phrasen zu verbrämen, er hatte ihm die Wahrheit brutal und offen ins Gesicht gesagt. »Also gut.« Er erhob sich mit niedergeschlagenen Augen von der Tischkante, auf der er gesessen hatte. »Ich werde Ihnen die Summe zahlen.« »Warten Sie noch. Es gibt noch eine andere Möglichkeit, die ich Ihnen nicht verschweigen will. Nehmen Sie einmal an; ich sei ihr Freund, oder ich gebe wenigstens vor, es zu sein, und würde ihr anbieten, sie zu beschützen, bis wir einen Hafen erreichen, wo ich sie an Land setzen kann. Könnten wir uns dann nicht beide in die Belohnung teilen?« »Ich denke gar nicht daran, sie aufzugeben«, sagte Digby wütend. »Diesen Plan können Sie ruhig vergessen, und ebenso die Bemerkung, daß Sie mich in Eisen legen wollen. Bei Gott, wenn Sie das meinten, dann –« Er schaute düster auf den kleinen Mann, der nur lächelte. »Wer hat überhaupt eine richtige Meinung in diesem schrecklichen Klima?« fragte er nachlässig. »Sie werden mir das Geld morgen in meine Kabine bringen. Aber nein – besser heute abend«, fügte er nachdenklich hinzu. »Ich werde es Ihnen morgen bringen.« Der Kapitän zuckte die Schultern. Er bestand nicht auf seiner Forderung, und Digby blieb mit seinen Gedanken allein. Er hatte noch eine, sogar zwei Hoffnungen. Man konnte ihm nicht beweisen, daß er Fuentes erschossen hatte, und es war schwierig, die Jacht aufzugreifen, wenn sie den Kurs verfolgte, den der Kapitän ausgearbeitet hatte. Und in der Zwischenzeit war ja Eunice da. Seine Lippen kräuselten sich, und seine Wangen röteten sich wieder. Er ging das Deck entlang und trat in den Gang. Aber es stand ein breitschultriger, brauner Mann vor der Tür des Mädchens, der zwar zum Gruß die Hand an die Mütze legte, als der Besitzer der Jacht erschien, im übrigen aber nicht von der Stelle wich. »Gehen Sie aus dem Weg«, sagte Digby ungeduldig. »Ich will in die Kabine.« »Das ist nicht erlaubt«, erwiderte der Matrose. Digby trat einen Schritt zurück, dunkelrot vor Ärger. »Wer gab Ihnen den Befehl, hier zu stehen?« »Der Kapitän.« Digby eilte die Treppe hinauf und fand den Kapitän auf der Brücke. »Was soll das bedeuten?« Der Kapitän richtete einige Worte in Portugiesisch an ihn. Digby schaute auf und gewahrte einen dünnen, weißen Lichtkegel, der das Meer absuchte. »Es ist ein Kriegsschiff. Möglich, daß es nur eine Übung abhält«, sagte der Kapitän, »aber es kann auch nach uns Ausschau halten.« Er gab einen kurzen Befehl, und plötzlich wurden alle Lichter an Bord gelöscht. Der ›Pealigo‹ drehte in einem Halbkreis um und fuhr den Weg zurück, den er gekommen war. »Wir müssen einen Umweg machen, um hier vorbeizukommen«, erklärte er. Digby vergaß im Augenblick die Schildwache vor der Kabinentür. Links und rechts schwankte der Lichtkegel über die Wasserfläche, aber der Strahl berührte den ›Pealigo‹ nicht. Jetzt wurde er nach der Stelle gerichtet, wo die Jacht gewendet hatte, und nur um wenige Meter ging der helle Schein am Schiff vorbei. »Wohin fahren wir jetzt?« fragte Digby mürrisch. »Zunächst zehn Meilen zurück, dann werden wir versuchen, zwischen dem Schiff und der irischen Küste durchzukommen. Irland liegt dort.« Er zeigte auf den Horizont, wo sich der Lichtschein eines Leuchtturmes zeigte und dann wieder verschwand. »Wir verlieren aber wertvolle Zeit«, sagte Digby vorwurfsvoll. »Es ist besser, Zeit zu verlieren als die eigene Freiheit«, meinte der Kapitän philosophisch. Digby mußte sich an der Reling festhalten. Sein Mut sank, als das Licht des Scheinwerfers in der Nähe weitersuchte. Aber sie hatten Glück. Sie waren eben der Gefahr entkommen, als sich Digby wieder daran erinnerte, warum er auf die Kommandobrücke gekommen war. »Was soll das heißen, daß Sie einen Wachtposten vor die Kabine der Dame gestellt haben?« Der Kapitän war in das Deckhaus gegangen und beugte sich über eine Seekarte der britischen Admiralität. Er antwortete nicht, und Digby mußte seine Frage wiederholen. Dann richtete er sich steif auf. »Die Zukunft der Dame hängt ganz davon ab, wie Sie Ihr Versprechen halten, Sir«, erwiderte er höflich in seiner Muttersprache. »Aber ich habe Ihnen doch versprochen –« »Sie haben aber das Versprechen noch nicht eingelöst.« »Sie werden doch nicht an meinen Worten zweifeln?« »Ich zweifle nicht daran. Wenn Sie mir das Geld in meine Kabine bringen, kann ich diese Angelegenheit ja regeln.« Digby dachte einen Augenblick nach. Sein Interesse an Eunice hatte stark nachgelassen, als diese neuen Gefahren auf ihn einstürmten. Es war eigentlich kein Grund vorhanden, warum er schon heute abend bezahlen sollte. Wenn er gefangen werden sollte, hatte er das Geld umsonst ausgegeben. Es kam ihm gar nicht der Gedanke, daß es dann erst recht für ihn verloren sei. Er ging in seine Kabine, die kleiner und weniger luxuriös ausgestattet war als die von Eunice. Er schob einen Armsessel an den kleinen Schreibtisch, setzte sich nieder und überdachte die Lage. Im Laufe der Stunden änderte er seine Meinung. Die Gefahr schien doch sehr weit ab zu liegen, aber Eunice war in nächster Nähe. Und wenn er in wirkliche Bedrängnis kam, konnte er ja mit allem Schluß machen, auch mit ihr. Das Geld hatte dann ebensoviel Wert für ihn wie der Schaum der Wellen, der gegen seine Fenster spritzte. Hinter dem Schreibtisch war ein kleiner Geldschrank eingebaut. Er schloß ihn auf, nahm den großen Geldgürtel heraus, leerte eine der großen Taschen und legte die Banknoten auf das Pult. Es waren große Scheine, von denen jeder zehntausend Dollar Wert hatte. Er zählte vierzig ab, steckte die anderen zurück und verschloß sie wieder im Geldschrank. Es war jetzt halb sechs, und der Horizont im Osten färbte sich heller. Digby steckte das Geld in die Tasche, um mit dem Kapitän zu reden. Ihn fror im kalten Morgenwind, als er aufs Deck trat. Der kleine Brasilianer hatte einen Mantel angezogen und den Kragen hochgeschlagen. Er stand oben auf der Kommandobrücke und starrte über die graue Wasserwüste. Ohne ein Wort zu verlieren, trat Digby an ihn heran und gab ihm das Paket Banknoten in die Hand. Der Brasilianer schaute auf das Geld, zählte es mechanisch durch und ließ es dann in seine Tasche gleiten. »Euer Exzellenz sind sehr freigebig.« »Nehmen Sie jetzt die Schildwache von der Tür zurück!« »Warten Sie hier«, sagte der Kapitän und ging nach unten. Einige Minuten später kam er zurück. 47 Während Digby Groat in seiner Kabine saß und alle Möglichkeiten überlegte, hörte Eunice, wie sich Schritte ihrer Tür näherten. Es war ein Uhr nachts. Sie war davon überzeugt, daß es Digby sei. Sie sah, daß die Türklinke langsam heruntergedrückt wurde, und die Türflügel sich einen Spalt öffneten. Weiter ging es nicht, ohne die Tische und Stühle, die Eunice dahinter aufgebaut hatte, umzustoßen. Sie war vor Schrecken ganz starr, als die Tür noch etwas weiter aufgedrückt wurde. »Fürchten Sie sich nicht«, sagte dann jemand. Es war nicht Digby. Schnell sprang sie auf. »Wer ist dort?« fragte sie. »Ich bin der Kapitän.« »Was wollen Sie?« »Ich möchte mit Ihnen sprechen, Miss. Aber Sie müssen erst die Dinge wegstellen, die Sie hinter der Tür aufgebaut haben, sonst muß ich zwei Matrosen rufen, für die es eine Kleinigkeit ist, den Kram beiseite zu schieben.« Er hatte die Tür nur. so weit geöffnet, daß er durchschauen konnte. Mit einem Seufzer erkannte Eunice die Nutzlosigkeit ihrer Barrikade und zog die Möbel zur Seite. Der kleine Kapitän ging lächelnd hinein und schloß die Tür hinter sich. Er hatte seine Mütze in der Hand. »Gestatten Sie, Miss«, sagte er höflich und stellte alles wieder an seinen Platz. Dann öffnete er die Tür und schaute hinaus. Eunice sah, daß ein großer Matrose dort stand, der ihr den Rücken zukehrte. Offenbar war er ein Wachtposten. Sie war gespannt, was das bedeuten sollte, aber der Kapitän erklärte es ihr bald. »Meine Dame«, sagte er mit fremdem Akzent, »ich bin ein armer Seemann, der seinen gefährlichen Beruf für zweihundert elende Milreis monatlich ausübt. Aber wenn ich auch arm und von niederer Herkunft bin, so habe ich doch ein Herz.« Er schlug sich auf die Brust. »Es widerstrebt mir, daß einer Frau etwas zuleide getan wird!« Sie war gespannt, was er jetzt sagen würde und glaubte schon, daß er ihr gegen Zahlung einer Geldsumme anbieten würde, seinen Herrn zu verraten. Wenn das der Fall war, würde sie freudig einstimmen, aber diese Hoffnung wurde durch seine nächsten Worte wieder zerstört. »Mein Freund Groat ist mein Herr, ich muß seinen Befehlen gehorchen, und wenn er sagt: ›Fahren Sie nach Callao oder nach Rio de Janeiro‹, dann muß ich es tun.« Ihr Mut sank, aber anscheinend hatte er noch mehr zu sagen. »Als Kapitän muß ich seinen Anordnungen folgen, aber ich kann nicht dulden, daß eine Frau hier an Bord zu Schaden kommt. Verstehen Sie mich?« Sie nickte. Ein neuer Hoffnungsschimmer tauchte in ihrem Herzen auf. »Ich selbst kann nicht die ganze Zeit hier sein, und auch meine starken Matrosen können nicht immer Wache stehen, daß Ihnen nichts geschieht. Aber es würde mir nicht zur Ehre gereichen, wenn Sie irgendwie beleidigt würden!« Offenbar war dieser weitblickende Kapitän sehr vorsichtig und wollte allen Teilen gerecht werden. Er suchte nach einem Kompromiß, der ihn wenigstens von seiner Verantwortlichkeit seinem Herrn gegenüber entlastete. »Würde die junge Dame vielleicht so gut sein, diese Waffe zu nehmen?« Sie nahm die Pistole mit einem halb unterdrückten Freudenschrei. »Und wenn Sie sich später daran erinnern werden, daß José Montigano Ihnen gegenüber als ein guter Freund gehandelt hat, werde ich mich glücklich schätzen.« »Oh, ich danke Ihnen, Kapitän, ich danke Ihnen vielmals.« Sie drückte ihm die Hand. »Also erinnern Sie sich.« Er hob warnend den Finger. »Mehr kann ich nicht tun. Ich spreche jetzt als Herr zu einer Dame. Aber nachher bin ich wieder der Kapitän, der einen Herrn über sich hat. Sie verstehen, daß das ein großer Unterschied ist?« Er hatte sie ein wenig verwirrt, aber sie ahnte wenigstens, was er sagen wollte. Er machte eine kleine Verbeugung und ging hinaus. Aber gleich darauf kam er zurück. »Es hat keinen Zweck, Tische und Stühle gegen die Tür zu stellen. Das ist besser.« Er zeigte bedeutungsvoll auf den Revolver. Dann entfernte er sich lächelnd. 48 Digby Groat wußte nichts von dem Besuch des Kapitäns und war zufrieden, daß der Wachtposten von der Kabine zurückgezogen war. Jetzt stand nichts mehr zwischen ihm und der Frau – nur noch ihre eigene Kraft und Stärke. Er liebte sie in seiner Art, so verworfen er auch sonst war. Er kam den Gang entlang und klopfte an die Tür, denn er fand einen Gefallen daran, diese gesellschaftliche Form aufrechtzuerhalten, die doch im Augenblick bedeutungslos war. Als aber keine Antwort kam, öffnete er die Tür langsam und trat ein. Eunice stand am anderen Ende der Kabine. Die seidenen Vorhänge waren zurückgezogen, und die Tür zu ihrem Salon stand weit offen. Sie war vollständig angekleidet und hielt die Hände auf dem Rücken. »Mein Liebling«, sagte Digby schmeichelnd und liebenswürdig, »warum ermüden Sic Ihre schönen Augen? Sie hätten sich zu Bett legen und schlafen sollen.« »Was wollen Sie?« »Was könnte ein Mann, der eine so schöne Frau hat, anderes wünschen, als sich mit ihr zu unterhalten und das Vergnügen ihrer Gesellschaft zu genießen?« fragte er heiter. »Bleiben Sie stehen«, rief sie ihn scharf an, als er den Versuch machte, weiter vorzudringen. Ihre gebieterische Stimme veranlaßte ihn, zu gehorchen. »Aber Eunice«, sagte er kopfschüttelnd. »Sie machen soviel Unannehmlichkeiten und Umstände – das ist doch in dieser Situation nur töricht von Ihnen. Sie brauchen nur vernünftig zu sein, dann gibt es nichts in der Welt, was ich Ihnen nicht geben könnte und möchte!« »Sie können mir nichts geben und haben nichts zu verschenken außer dem Geld, das Sie mir gestohlen haben«, sagte sie eisig. »Warum sprechen Sie denn vom Schenken, wenn ich doch diejenige bin, der alles gehört? Sie können höchstens mein Mitleid erregen.« Er starrte sie an und war verblüfft über ihre Ruhe, da sie doch in größter Gefahr schwebte. Er lachte auf und ging langsam auf sie zu. Seine dunklen Augen glühten. »Bleiben Sie stehen!« rief Eunice wieder und zeigte nun die Waffe, um ihrer Aufforderung Nachdruck zu verleihen. Digby starrte auf die Mündung der Pistole, die auf ihn gerichtet war und taumelte zurück. »Legen Sie das Ding weg«, schrie er heiser. »Verdammt, wollen Sie es wohl tun? Sie sind doch überhaupt nicht gewöhnt, mit Feuerwaffen umzugehen! Das Ding könnte ja losgehen!« »Es wird auch losgehen«, sagte Eunice mit tiefer, eindringlicher Stimme. All der Abscheu, der in ihr aufgespeichert war, kam zum Durchbruch. »Digby Groat, ich sage Ihnen, daß ich Sie wie einen Hund erschießen werde und daß ich mich freue, wenn Sie niederstürzen. Ich werde weniger Erbarmen mit Ihnen haben als Sie mit dem Spanier, den Sie ermordeten.« »Legen Sie die Waffe fort! Wer hat sie Ihnen gegeben? Um Gottes willen, Eunice, machen Sie keinen Unsinn damit!« »Es gab Zeiten, da ich Sie sehr gern getötet hätte«, sagte sie. »Hätte ich damals eine Waffe gehabt, lebten Sie nicht mehr.« Als sie sah, wie er sich feige zurückzog, senkte sie die Pistole. Er wischte sich mit einem seidenen Taschentuch den kalten Schweiß von der Stirn. Seine Knie zitterten. »Wer hat Ihnen die Pistole gegeben?« fragte er heftig. »Sie hatten sie noch nicht, als wir von Kennett Hall abfuhren. Wo haben Sie sie her? Haben Sie sie in einer der Schubladen gefunden?« Er sah nach dem Schreibtisch. Eine der Schubladen stand halb offen. »Darauf kommt es gar nicht an, Mr. Groat. Gehen Sie jetzt aus meiner Kabine und lassen Sie mich in Ruhe.« »Ich hatte gar nicht die Absicht, Ihnen irgendwie zu nahe zu treten«, sagte er furchtsam. Er sah noch sehr bleich aus. »Es war nicht nötig, mich mit der Pistole zu bedrohen. Ich wollte Ihnen Gute Nacht sagen.« »Da hätten Sie sechs Stunden früher kommen sollen«, sagte sie ironisch. »Hören Sie mich an, Eunice«, beharrte er und wollte sich ihr wieder nähern. Aber als sie die Pistole wieder auf ihn richtete, sprang er zur Tür. »Wenn Sie mir so drohen, gehe ich«, rief er und schlug die Tür hinter sich zu. Sie lehnte sich gegen die silbernen Bettpfosten, denn sie war am Ende ihrer Kraft. Sie mußte sich jetzt niederlegen und wenigstens etwas ruhen. Schlafen durfte sie ja nicht, da ihr immer noch Gefahr drohte. Sie ging in das nebenan liegende Wohnzimmer, dann in das Bad, um zu sehen, ob man von dort aus in ihre Räume eindringen könne, aber sie war von dieser Seite aus sicher. Sie hatte alle Paneele untersucht, ob sie keine Geheimtüren fände. Kaum hatte sie wieder ihr Schlafzimmer erreicht, als sie plötzlich von hinten angefallen wurde. Digby Groat hatte sich heimlich hereingeschlichen und neben der Tür auf sie gewartet. Seine Hand entwand ihr die Pistole, die Waffe fiel polternd zu Boden. Im nächsten Augenblick schloß er sie in seine Arme. »Ich werde deinen Widerstand brechen«, sagte er atemlos. »Dein Gesicht soll nahe an dem meinen sein, ich will deine schönen Augen sehen, deinen herrlichen Mund fühlen!« Er preßte seine Lippen auf die ihren und drückte begehrliche Küsse auf ihre Wangen, ihren Hals, ihre Augen. Sie fühlte, wie ihre Kräfte versagten. Er preßte sie so stark an sich, daß ihr Rückgrat schmerzte. Der plötzliche Schrecken hatte sie so gelähmt, daß sie sich nicht mehr gegen seine Liebkosungen wehren konnte. Sie blickte starr auf seine Augen, die ihr so nahe waren. Sie war gelähmt wie ein Vogel durch den Blick einer Schlange. »Du bist jetzt mein – hörst du – du wirst Jim Steele vergessen – du wirst alles vergessen und nur noch daran denken, daß ich dich anbete!« Als er sah, daß sie zur Tür schaute, wandte er sich plötzlich um. Der kleine Kapitän stand dort, hatte die Hände in die Hüften gestemmt und beobachtete den Vorgang. Seine Züge waren undurchdringlich und hart. Digby ließ Eunice los. »Was, zum Teufel, haben Sie denn hier zu tun? Machen Sie, daß Sie hinauskommen!« schrie er. »Ein Flugzeug ist hinter uns her. Wir haben einen Funkspruch von ihm bekommen.« Digby erschrak. Mit dieser Möglichkeit hatte er nicht gerechnet. »Was ist es für ein Flugzeug? Wie heißt der Funkspruch?« »›Nichts gesichtet. Fliege nach Süden.‹ Dann ist noch die genaue Lage des Flugzeugs angegeben. Wenn es weiter nach Süden kommt, wird Mr. Steele uns finden.« Digby taumelte einen Schritt zurück. »Steele?« fragte er heiser. Der Kapitän nickte. »Mit diesem Namen war die Botschaft unterzeichnet. Ich glaube, es ist ratsam für Sie, an Deck zu kommen.« »Ich komme an Deck, wann es mir beliebt«, schrie Digby. Der Teufel in ihm erwachte, und er verlor seine Selbstbeherrschung vollständig. »Werden Sie jetzt so gut sein und an Deck kommen?« »Ich werde kommen, wenn ich diese Angelegenheit hier geregelt habe.« »Sie haben erst Ihre Angelegenheiten an Deck zu regeln!« »Machen Sie, daß Sie hinauskommen!« brüllte Digby. Er hatte nicht gesehen, daß der Kapitän eine Bewegung machte; aber plötzlich ertönte ein Schuß, dessen betäubender Knall die enge Kabine erfüllte. Ein Holzpaneel hinter Digbys Kopf splitterte. Groat starrte auf den Revolver in der Hand des Brasilianers. Er hatte die Zusammenhänge im Augenblick noch nicht erfaßt. »Ich hätte Sie ebensogut auch erschießen können«, sagte der Kapitän ruhig. »Aber ich habe zuerst einmal einen Warnungsschuß dicht an Ihrem Ohr vorbei abgegeben. Kommen Sie bitte mit an Deck!« Digby gehorchte. Verstört und bleich lehnte er an der Reling und sah finster auf den Brasilianer, der zwischen ihn und die Frau getreten war, die er hatte demütigen wollen. »Nun sagen Sie mir, was das alles heißen soll, Sie Schwein!« »Ich habe Ihnen vieles zu sagen, was Sie nicht gern hören werden«, entgegnete der Kapitän. Plötzlich dämmerte Digby eine Erkenntnis auf. »Haben Sie ihr den Revolver gegeben?« »Ja. Ich wollte Sie davor bewahren, unüberlegte Handlungen zu begehen, mein Freund. Spätestens in einer Stunde wird Steele uns gesichtet haben. Ich kann Ihnen auf der Karte zeigen, wo er schon ist. Wollen Sie noch mehr Verbrechen begangen haben, wenn er an Bord kommt?« »Das ist meine Sache«, zischte Digby Groat. Sein Atem ging schnell; er fühlte, daß er ersticken würde, wenn die Wut, die sich in ihm aufgespeichert hatte, nicht irgendwie zur Entladung kam. »Aber es ist auch meine Sache, denn ich beabsichtige nicht, in ein englisches Gefängnis zu ziehen. In England ist es mir zu kalt, ich würde den Winter nicht überleben. Es bleibt jetzt nur noch eins übrig. Wir müssen strikt unseren westlichen Kurs einhalten. Hoffentlich bemerkt uns das Flugzeug nicht; wenn es uns entdeckt, ist es zu Ende.« »Machen Sie, was Sie wollen«, sagte Digby, wandte sich kurz um und ging in seine Kabine. Er war geschlagen, und das Ende kam heran. Er nahm aus einer Schublade eine kleine Flasche mit einer farblosen Flüssigkeit und entleerte sie in ein Glas, das er in Reichweite auf den Tisch stellte. Er würde keine großen Schmerzen spüren – ein Schluck, dann schlief er ein, und alles war vorbei. Dieser Gedanke beruhigte ihn. 49 Eine kleine Rauchfahne fern im Süden ließ Jim einer falschen Fährte nacheilen, denn das Schiff erwies sich nur als ein Frachtdampfer, der seinen drahtlosen Anruf nicht beantwortet hatte, weil der eine Mann, der den Apparat bedienen konnte, in seiner Kabine schlief. Jim erkannte, den Charakter des Schiffes, als er sich auf zwei Meilen genähert hatte. Sofort warf er seine Maschine herum und verfolgte einen Kurs nach Nordwesten. Er sah sich nach seinem Passagier um; aber Inspektor Maynard fühlte sich sehr wohl auf seinem Sitz. Jim wurde ängstlich. Er konnte höchstens vier Stunden in der Luft bleiben, und zwei waren schon vergangen. Er mußte noch genügend Brennstoff behalten, um das Land wieder zu erreichen. Er durfte höchstens noch eine halbe Stunde weitersuchen. Er war schon fast verzweifelt, als er in großer Entfernung eine dünne Rauchfahne sah. Das Schiff selbst konnte er noch nicht erkennen. Er sandte einen Funkspruch, aber es kam keine Antwort. Er wartete eine Minute, dann klapperte der Sender wieder. Als das Stillschweigen anhielt, wurde er ärgerlich und funkte in scharfem Ton. Dann hörte er plötzlich einen hohen, schrillen Ton – der Dampfer antwortete. »Was für ein Schiff ist das?« Er wartete und zweifelte nicht, daß es irgendein kleiner Handelsdampfer sein würde. Wieder kam das hohe Summen. »P-e-a-l-i-g-o«, war die Erwiderung. * Digby lehnte sich über die Brüstung, um zu sehen, was die Leute taten, die draußen in einem Boot niedergelassen wurden. Ais er entdeckte, daß sie den alten Namen ›Pealigo‹ zustrichen und ›Malaga‹ daraus machten, war er beruhigt und erfreut. Er ging in bester Stimmung zum Kapitän. »Das war ein guter Gedanke von Ihnen!« Der Kapitän nickte: »Natürlich in Ihrem Auftrag.« »Selbstverständlich!« lächelte Digby. »Auf meinen Befehl.« Er stand neben dem Kapitän und unterhielt sich mit ihm. Es fiel ihm auf, daß der Mann dauernd nach Norden ausschaute und den Himmel absuchte. Der Funker kam die Treppe zur Brücke herauf und überreichte dem Kapitän eine Botschaft. Wenn sie aber entkommen sollten! – Es war immerhin möglich, daß sie allen Verfolgungen entgingen, die die Polizei gegen sie inszeniert hatte. Sie konnten auch das Land erreichen, daß er sich als Ziel gesteckt hatte. Vom Kapitän konnte er nicht erwarten, daß er dieses Risiko auf sich nahm, nachdem er die drahtlose Warnung erhalten hatte. Der wollte sich nach jeder Seite decken. Wenn sie erst weit draußen auf dem offenen Meer waren, entfernt von den allgemeinen Schiffahrtswegen, würde der kleine Brasilianer seine Haltung ändern, und dann –! Digby nickte. Der Kapitän handelte eigentlich ganz klug. Es war Wahnsinn von ihm, daß er die Erfüllung seiner Wünsche jetzt erzwingen wollte. Eunice konnte sich ja nicht vom Schiff entfernen. Sie fuhr mit ihm in derselben Richtung, zu demselben Ziel. Und es würden Wochen kommen, erfüllt von heißem, glühendem Sonnenschein, wo sie auf dem Vorderdeck nebeneinander sitzen und miteinander plaudern würden. Er nahm sich fest vor, jetzt vernünftig zu sein und sich nicht mehr wie ein Höhlenmensch zu gebärden. Wenn sie eine Woche lang hier auf dem Schiff zusammengelebt hatten, und er sie nicht in ihrer Freiheit störte, würde sie auch ihr Betragen ändern – aber immerhin gab es noch ein großes Wenn, das sah er wohl. Steele würde nicht ruhen, bis er ihn gefunden hatte. Aber zu der Zeit konnte sich Eunice auch schon an ihn gewöhnt haben und mit ihrem Los zufrieden sein. Diese Gedanken beruhigten ihn. Er schloß das Glas wieder in den Schrank und schlenderte an Deck zurück. Zum ersten Male sah er das Schiff bei Tage. Es war eine wunderbare Jacht. Die Decks waren schneeweiß gestrichen, die blankgeputzten Messingstücke glänzten, und vorn auf dem Promenadendeck standen unter einem großen Sonnensegel Korbmöbel, die zum Sitzen einluden. Er beobachtete den Horizont; es war kein Schiff in Sicht. Die vielen kleinen Wellen auf der See glitzerten im strahlenden Sonnenschein. Eine tiefschwarze Rauchfahne zog sich vom Schiff weit über das Meer hin, denn der ›Pealigo‹ raste jetzt mit einer Geschwindigkeit von zweiundzwanzig Knoten in der Stunde vorwärts. Der Kapitän betrog ihn also nicht; sie fuhren mit Volldampf nach Westen. Digby Groat war beruhigt. Rechts in der Ferne zeigte sich ein unregelmäßiger, hellroter Streifen; es war die irische Küstenlinie. Die Stühle sahen so schmuck und einladend aus, daß er sich niedersetzte und sich behaglich ausstreckte. Wieder wandten sich seine Gedanken Eunice zu, die eben an Deck kam. Zuerst sah sie ihn nicht und ging zur Reling. Sie atmete freier in der erquickenden Morgenluft. Wie schön sie doch war! Er konnte sich nicht darauf besinnen, einer Frau begegnet zu sein, die eine so schöne Haltung hatte. Sie wandte sich um und machte eine Bewegung, als ob sie in ihre Kabine zurückgehen wollte. Aber er winkte ihr, und zu seinem Erstaunen kam sie näher. »Stehen Sie nicht auf«, sagte sie kühl. »Ich finde schon selbst einen Stuhl. Ich möchte mit Ihnen sprechen, Mr. Groat.« Er schaute sie nur verwundert an. »Ich habe nachgedacht, und ich kann Ihnen vielleicht einen Vorschlag machen, der Sie veranlaßt, den Kurs des Schiffes zu ändern und mich an der Küste von Irland oder England abzusetzen.« »Was könnten Sie mir denn anderes bieten als sich selbst?« »Ich biete Ihnen Geld«, erwiderte sie kurz. »Ich weiß nicht, durch welches Wunder es geschehen ist, aber ich bin die Erbin eines großen Vermögens, und Sie wissen, daß Sie durch meine Erbschaft arm geworden sind.« »Aber abgesehen davon verfüge ich auch über große Mittel«, sagte er offensichtlich erheitert. »Was wollen Sie mir denn anbieten?« »Die Hälfte meines Vermögens; wenn Sie mich nach England zurückbringen.« »Und was wollen Sie mit der anderen Hälfte anfangen?« fragte er ironisch. »Wollen Sie mich damit vor dem Galgen retten? Nein, nein, meine junge Freundin, ich habe mich zu sehr verstrickt, als daß Ihr Plan ausführbar wäre. Ich werde Sie nicht mehr stören und werde warten, bis wir unser Ziel erreicht haben. Dann werde ich Sie um Ihre Hand bitten. Ihr Angebot war fair, das muß ich zugeben. Aber ich bin jetzt zu weit gegangen, um umkehren zu können. Im Augenblick hassen Sie mich, das Gefühl wird sich legen.« »Niemals!« Sie erhob sich und wollte gehen; aber er ergriff sie bei der Hand und zog sie zurück. »Sie lieben einen anderen?« »Sie haben kein Recht, diese Frage an mich zu stellen.« »Ich frage Sie ja gar nicht – ich stelle nur fest. Sie lieben einen anderen – und zwar Jim Steele.« Er beugte sich vor. »Aber merken Sie sich, bevor ich Sie diesem Mann überlasse, bringe ich Sie um!« Sie lächelte nur verächtlich. »Was ist es?« fragte Digby schnell. Ohne ein Wort reichte ihm der Brasilianer das Blatt. ›Weißes Schiff nach Westen, sendet Name, Nummer und Heimathafen.‹ »Woher kommt das?« Der Kapitän erhob sein Fernglas und suchte wieder den nördlichen Himmel ab. »Ich kann nichts sehen«, sagte er stirnrunzelnd. »Möglicherweise ist es ein Anruf von einer Landstation. Ein Schiff kann ich auch nicht entdecken.« »Wir wollen anfragen, wer es ist«, sagte Digby. Die drei Männer gingen in die Funkkabine, und der Funker hängte die Hörer um. Plötzlich begann er zu schreiben. Digby beobachtete atemlos die Bewegung seines Bleistifts. ›Drehen Sie bei, ich komme an Bord.‹ »Was soll das heißen?« fragte Digby. Der Kapitän trat unter dem Sonnensegel vor ins Freie und richtete sein Glas aufs neue zum Himmel. »Ich kann es nicht verstehen«, sagte er. »Das Signal kam von ganz nahe, Kapitän, es war kaum drei Meilen entfernt«, unterbrach ihn der Funker. Der Kapitän rieb sich das Kinn. »Dann wäre es das beste, wenn ich stoppte.« »Sie werden keinen solchen Unsinn machen!« rief Digby stürmisch. »Sie werden weiterfahren, bis ich Ihnen den Befehl gebe, zu halten!« Sie gingen zur Brücke zurück. Der Kapitän legte die Hand auf den Maschinentelegrafen. Er war unentschlossen. Plötzlich fiel dicht vor ihnen, keine halbe Meile entfernt, etwas in die See, und das Wasser spritzte hoch auf. »Was war denn das?« fragte Digby. Als Antwort schoß an der Stelle eine große Rauchwolke empor, die sich immer mehr verbreiterte und einen undurchdringlichen Schleier bildete. Der Kapitän hielt sich die Hand über die Augen und schaute empor. Direkt über dem Schiff erblickte er ein silberhelles Flugzeug. Es war so klein, daß er es kaum ausmachen konnte. »Sehen Sie, in der Luft kann sich viel ereignen.« Er drehte den Maschinentelegrafen auf ›Halt‹. »Was war das?« fragte Digby wieder. »Eine Rauchbombe. Und ich ziehe eine Rauchbombe in einer halben Meile Entfernung einer echten Bombe auf mein schönes Schiff vor!« Digby starrte ihn einen Augenblick entsetzt an, dann sprang er mit einem Wutschrei auf ihn zu und riß den Maschinentelegrafen auf ›Volldampf voraus‹. Aber zwei Matrosen packten ihn sofort von hinten, und der Kapitän drehte den Maschinentelegrafen wieder auf ›Halt‹. »Melden Sie dem Flieger, dem Sie eben ja auch den Namen des Schiffes gesendet haben«, wandte er sich an den Funker, »daß ich Mr. Digby Groat in Ketten legen lasse.« Aus dem blauen Himmelsgewölbe fiel das silberhelle Flugzeug herab, kreiste erst in großem Bogen um das Schiff und ging dann wie ein Vogel aufs Wasser nieder, ganz dicht neben der Jacht. Schon vorher hatte der Kapitän ein Boot heruntergelassen, und während sich die Matrosen noch abmühten, Groat in Fesseln zu schließen, der wie ein Wahnsinniger um sich schlug, kam Jim Steele an Bord und folgte dem Kapitän nach unten. Eunice hörte trotz, des Geräusches der Schiffsmaschinen das Summen des niedergehenden Flugzeuges. Sie eilte zum Fenster und zog die seidenen Gardinen fort. Nun konnte sie das weiße Flugzeug sehen, das wie eine Mücke summte und jetzt aus der Sicht verschwand, weil es auf die andere Seite des Schiffes wechselte. Was hatte das wohl zu bedeuten? In diesem Augenblick wurde die Tür aufgerissen. Ein Mann ohne Kragen und Weste, mit verwildertem Haar und zerrissenem Hemd, stand im Eingang. Sein verzerrtes Gesicht blutete. Ein Glied einer Handschelle war um sein Handgelenk befestigt. Es war Digby Groat, der von teuflischer Wut besessen war. Sie wich nach dem Bett zurück, als er auf sie zukam. Heller Wahnsinn loderte in seinen Augen. Und plötzlich trat ein zweiter Mann in den Raum. Groat fuhr herum und begegnete dem stahlharten, kalten Blick Jim Steeles. Mit einem markerschütternden Schrei sprang er wie ein wildes Tier den Mann an, den er so tödlich haßte. Aber er konnte den Schlag mit der schweren Handschelle nicht mehr ausführen, denn Jim traf ihn zweimal mit der Faust, so daß er bewußtlos zu Boden taumelte. Im nächsten Augenblick lag Eunice in den Armen Jims.   Ende