Rahel Varnhagen von Ense Alexander von der Marwitz Rahel und Alexander von der Marwitz in ihren Briefen Ein Bild aus der Zeit der Romantiker Alexander von der Marwitz Rahel von Varnhagen-Ense Vorwort. Rahel, die viel gesuchte und verehrte, die viel geliebte beneidete Frau, die Freundin zahlreicher Männer, in dem Berliner Kreise der Romantiker sich hervortaten, besaß einen Vertrauten, der, trotzdem er mitten in dem gesellschaftlichen Leben stand, dennoch eine abgesonderte und eigenartige Stellung unter seinen und ihren Bekannten eingenommen hat. Das war Alexander von der Marwitz . Praktisch und energisch, mildtätig und leidenschaftlich, durch Gestalt und Formen beliebt, zur Freundschaft geeignet durch die weiche Hingabe seiner seelischen Kräfte, in Friedens- und Kriegszeit durch Umsicht und Tatkraft bewährt und doch wieder umhergerissen in den Wirrnissen seiner Zeit, in der er einen festen Halt nicht gewinnen konnte, durch Schicksal und Erlebnis mißtrauisch auf sein eigenes Können, in tiefer Selbsterkenntnis und scharfer Beobachtungsgabe anderer sich verlierend, ohne daß er die Form fand in Gedicht oder Prosa die schlummernden Gedanken zum Leben zu rufen, und doch wiederum von Mut und Freude beseelt, die höchste Pflicht des Erdensohnes in der Persönlichkeit zu sehn, – so ging er hin durch die Jahre seines kurzen Lebens und fand im Heldentod ein jähes Ende, zu früh, um die gärenden Kräfte in sich gestalten zu können. Seine Briefe sind das einzige Denkmal, das seinen Namen in den Wogen der Zeit bewahrt hat; sie offenbaren den Mann besser, als es Gebilde der Phantasie hätten tun können, und geben ein charakteristisches Bild aus der Blütezeit der Romantik. Alexander von der Marwitz erblickte am 5. Oktober 1787 zu Friedersdorf bei Küstrin, dem Stammsitze seiner Familie, das Licht der Welt. Mit sechs Jahren verlor er bereits seinen Vater und wurde dem Hofprediger Arens in Küstrin zu seiner Ausbildung anvertraut. Sein um zehn Jahre älterer Bruder, Friedrich A. Ludwig, der spätere energische Gegner von Hardenberg, trat frühzeitig in den Militärdienst, dem er, wechselnd durch die Schicksale der Zeit und die schwierige Verwaltung des väterlichen Gutes, erhalten blieb, bis er als Generalleutnant in den Friedensjahren nach den Freiheitskriegen seinen Abschied nahm. Die beiden Brüder sind sich in ihrer Jugend nicht näher getreten; sie waren auch in ihrem Charakter und ihrem Verhalten nach Außen grundverschieden. Die Eindrücke, die der jugendliche Alexander in dem Pastorenhause empfing, bildeten die Grundlage zu seiner späteren Entwicklung, denn sein Lehrmeister war ebenso belesen wie gefühlstief. Was der Schüler bei ihm gelernt, nahm er mit Freude und Liebe auf und konnte in Berlin im Gymnasium des Grauen Klosters, das unter der trefflichen Leitung Friedrich Gedickes stand, darauf weiterbauen. Besonders historische und sprachliche Studien zogen ihn an; in die ersteren vertiefte er sich derart, daß er, der junge Mann, das Bestreben in sich fühlte, den damals sehr berühmten Verfasser der Schweizergeschichte Johannes von Müller, welcher als Historiograph des hohenzollerschen Hauses in der Hauptstadt lebte, persönlich zwecks Belehrung aufzusuchen. Freilich war die Enttäuschung groß, denn er fand nicht die Idealgestalt eines deutschen Gelehrten, sondern ein kleines, häßliches Kerlchen, mit kurzen Beinen und dickem Leib und Kopf, dem das Wohlbehagen an guter Speise und gutem Trank die Äußerungen seiner Geistesgröße nicht aufkommen ließ. Aber Müller selbst hatte in dem jungen Manne die seltenen Geistesgaben, und die Begeisterung für Studien des klassischen Altertums wohl erkannt; denn, nachdem Marwitz 1804 ein Jahr lang die ihm durchaus nicht zusagende Universität in Frankfurt a.O. besucht hatte, ging er, durch den großen, neue Bahnen eröffnenden Philologen Friedrich August Wolf angelockt, nach Halle, und Johannes von Müller gab ihm an diesen einen ehrenvollen Geleitsbrief mit. Das rege geistige Leben in Halle schlug den Lernbegierigen bald ganz in seine Fesseln; da konnte er neben seinen philologischen Studien seinen geistigen Horizont durch das tiefere Eindringen in die Philosophie erweitern, wozu das Freundespaar Schleiermacher und Steffens durch ihre Vorlesungen ihm die helfende Hand reichten. Damals schon stand Marwitz in geistiger Beziehung weit über dem Durchschnitt seiner Kommilitonen und hätte es zu einem aussichtsreichen Abschluß seiner Studien gebracht, wenn ihn nicht die Kriegsjahre in eine andere Bahn geworfen hätten. Kurz vor der Schlacht bei Jena verließ er Halle, um die Verwaltung des landwirtschaftlichen Besitzes seines Bruders, der als Adjutant des Prinzen Hohenlohe im Felde stand, zu übernehmen. In dem stillen Friedersdorf fand er sich aber bald zurecht und konnte Ordnung halten, trotzdem das Gut wiederholt von den Franzosen heimgesucht und geplündert wurde. Als aber dazu noch Verdächtigungen und Anzeigen seiner Nachbarn kamen, ließ er sich zu Äußerungen verleiten, die den Anlaß gaben, daß er von französischen Gendarmen des Nachts aus seinem Schlafzimmer geholt und gefesselt nach Küstrin transportiert wurde. So schlimm, wie die Sache anfangs ausschaute, wurde sie nicht, denn durch Verwendungen von Freunden erhielt er bald wieder seine Freiheit und konnte sogar, um Bericht zu erstatten, zu seinem Bruder reisen, zuerst nach Strelitz, dann in die Gegend von Kolberg, wo dieser mit seinem Freikorps stand. Geldmangel war die Ursache des Kommens gewesen, denn wenn auch der damals neunzehnjährige Alexander mit aller Energie und Umsicht, von treuen Beamten unterstützt, alles Mögliche tat, so konnte er doch nicht die Mittel aufbringen, um die abgebrannten Wirtschaftsgebäude und verwahrlosten Äcker wieder brauchbar zu machen. Da war es ein Glück, daß sein Bruder, der Besitzer des Gutes, im November 1807 wieder in Friedersdorf eintraf und selbst die Verwaltung übernahm. Nun konnte Alexander frei seinen Gefühlen und Wünschen wieder eigene Ziele stecken. Die lockten ihn nach Memel, wo sich damals der preußische Hof befand und ein Kreis von begeisterten Patrioten sich bildete. Empfehlungsbriefe von Stein und Niebuhr führten ihn dort ein, jedoch sind seine Berührungen mit den Männern des Tugendbundes nicht so nachhaltend gewesen, als daß er ein ergiebiges Feld seiner Tätigkeit erhoffen konnte. Er verließ Memel und ging durch Pommern, wo der Sammelplatz der kriegerischen Vorbereitungen für einen neuen Krieg mit Frankreich war, nach Berlin zurück. Vielleicht kam er damals schon in Berührung mit Schill , der ein Freikorps zusammengebracht hatte, um die belagerte Festung Kolberg zu entsetzen; später im April 1809 schloß er sich dessen verunglückten Zuge mit einer Reihe seiner Freunde an, ging aber bald wieder nach Berlin zurück, da er das Aussichtslose dieses Unternehmens erkannt hatte. Berlin hatte wieder den alten Zauber auf Marwitz ausgeübt; er suchte seinen früheren geistigen Umgang auf, vertiefte sich in die Studien des klassischen Altertums, hielt sich aber stets dabei vor Augen, daß in der Zeit der Not es wesentlich sei, in Politik und Staatswissenschaften Bescheid zu wissen. Mit welchem Erfolge er dies getan, geht daraus hervor, daß Niebuhr ihn bereits 1809 zu einem Staatsratsposten vorschlug. Es ist bezeichnend, daß Marwitz diesen nicht annahm, weil er sich dadurch gebunden glaubte und erst noch vieles lernen wollte. Das suchte er in seiner sich immer mehr ausbreitenden Gesellschaft, deren Mittelpunkt und Liebling er war. Sein Äußeres trug viel dazu bei; er war groß und schlank, mit seinen Gesichtszügen und schönen dunklen Augen, dazu von einer formgewandten Liebenswürdigkeit im Verkehr, die mit einer Entschiedenheit in seinem Vorhaben und einem unbeugsamen Willen sich vereinigte. Aber gerade diese Eigenschaften des Körpers und Geistes brachten es mit sich, daß er frühzeitig zu einer Art Selbstüberhebung kam, die ihn sogar bis zu einem Lebensüberdruß führten. Wäre der Wille, statt sich in einzelnen Phasen zu verlieren, auf ein bestimmtes Ziel gerichtet gewesen, hätte er den Weg verfolgt, den ihm Geburt, Bildung und Gelegenheit bot, so wäre er vielleicht ein Staatsmann geworden von der Art eines Humboldt oder Niebuhr. So aber verlor er sich in dem Bestreben, immer mehr werden zu wollen, und blieb nach der Art der echten Romantiker ein zwischen klassischer Bildung, feurigem Patriotismus und suchender Menschenliebe hin und her geworfener Mann. Die Liebe zu einem Menschen suchte Marwitz, aber nicht die zu einer spielenden und hübschen Jungfrau, sondern zu einer Frau, die, im Leben stehend, fähig wäre, die sinnlichen Begierden in strenge Zucht zu nehmen, das Verlangen sittlich zu veredeln, sein ohne Scheu und Verbindlichkeit geöffnetes Innere zu verstehen. In den Berliner Kreisen, die um die Schöngeisterei sich scharten, glaubte er solche Seele in der Person der Rahel Levin zu finden. Es war im Mai 1809, als er ihre Bekanntschaft machte und sofort von schrankenlosem Enthusiasmus für sie erglühte. »Sie mag wohl jetzt das größte Weib auf Erden sein«, schreibt er an einen Freund. Und wirklich, Rahel stand damals auf dem Höhepunkt ihres Glanzes und ihrer Beliebtheit, trotzdem sie mit ihren achtunddreißig Jahren den Reiz der Jugend bereits eingebüßt hatte. Aber die leichte, graziöse, kleine Gestalt mit den auffallend zarten Händen und Füßen hatte sich gut erhalten; ihr von reichem schwarzen Haar umrahmtes Gesicht mit einem leichten Zug des Leidens trug den Stempel geistiger Regsamkeit. Die Hauptanziehung aber für alle, die sich ihr näherten, war der Umgangston, die leichte mit Witz und Naivität verbundene Unterhaltung und die warme Teilnahme an den Geschicken anderer; das begeisterte, das bezauberte, denn diese Art des Sichhingebens einer Frau in die natürlichen Formen des Gefühls war damals in der Zeit der steifen Etikette innerhalb der Gesellschaft nicht leicht wieder zu finden. Die schnell wieder gelöste Verlobung mit dem Grafen von Finckenstein, dem Sohne des preußischen Ministers, im Jahre 1797, die darauf erfolgte Reise mit der Gräfin Schlabrendorf nach Paris, sowie die neue Verlobung mit Raphael d'Urquijo 1802 hatten ihrem Gemüt und ihrem Verstande einen weiteren Horizont gegeben, so daß sie freier ihre Lebensschicksale gestalten und Freundin und geliebte Frau werden konnte, wohin immer die Möglichkeit einer seelischen Hilfe sich richten mochte. Sie war damals, 1809, als Marwitz an sie, wie sie selbst mitteilt, einen großartigen, edlen, himmlisch ausgedrückten Brief geschrieben und sie ihm versichert hatte, sie liebe ihn, bereits mit August von Varnhagen so gut wie verlobt und hielt ihm die Treue während fünf schwerer Jahre, aber ihr Freundeskreis blieb nach wie vor in aufrichtiger Verehrung und Liebe ihr zugetan. Kurz war nur die Zeit, in der Marwitz und die Rahel in engerer freundschaftlicher Verbindung sich ausgleichen konnten; in dem Hause der Frau von Fouqué verkehrten beide und in dem Kolleg von Fichte trafen sie sich, um nach Schluß derselben auf der gemeinsamen Rückkehr über das Gehörte ihre Meinungen auszutauschen. Der Geist, der in Fichtes Reden wehte, war wohl auch der innere Anlaß, daß Marwitzens Groll gegen den Bedrücker Deutschlands wieder aufflammte. Ein Bruder hatte bereits in österreichischem Militärdienst gekämpft und sein Leben in der Schlacht verloren; nun ersetzte ihn Alexander, dem es noch vergönnt war, bei Wagram und Znaim seine Tapferkeit zu beweisen, bis ihn der geschlossene Friede zur Untätigkeit zwang. Eine Begebenheit, die sich nach dem Friedensschluß ereignete, warf einen Schatten auf das in edlem Patriotismus aufstammende Gemüt Marwitzens. In Olmütz erstach er, zornig erregt, seinen ihm brutal entgegentretenden Wirt, und wenn auch dieses vom Augenblick geborene Vergehen für ihn nur eine kurze Haft zur Folge hatte, so lastete doch die Schuld schwer auf ihm und bestimmte die Wendung zur Melancholie, zu Selbstvorwürfen und zu den krankhaften körperlichen Zuständen, die er nie wieder los werden konnte. In der Untätigkeit, die sein Regiment in Ungarn, wohin es mit den Klenauischen Chevauxlegers marschiert war, fand, trat der Gedanke, seinen Abschied zu nehmen, immer mehr hervor; seine idealen Anschauungen fanden in der fremden Wirklichkeit und der Einsamkeit in seinem Regimentskreis neue Nahrung, und ein zufälliges Zusammentreffen führte ihm die Bilder des Berliner Lebens wieder lebhaft vor die Augen. August Varnhagen von Ense lag mit seinem Regiment in der Nähe, und ihn suchte Marwitz auf, weil er wußte, daß er mit ihm Erinnerungen austauschen konnte, die in beider Herzen in dem einen Namen Rahel gipfelten. Auf einsamen Spaziergängen durch Wiesen und Felder schwelgten die beiden nicht bloß in der Auffrischung der durchlebten Zeit, sondern auch in der gleichen Vorliebe für die Antike und ihre Literatur, besonders für Homer; die Sehnsucht nach Berlin wuchs immer mehr und wurde durch des Freundes Worte bestärkt. Im Herbst 1810 ward der Entschluß ausgeführt; Marwitz ging in die Hauptstadt zurück in der Absicht, sich gänzlich wissenschaftlichen Studien zu widmen; jedoch trieb ihn sein Verlangen nach einem festen Stützpunkt im öffentlichen Leben dazu, daß er bei der Regierung sich einarbeitete, um die Prüfung als Referendar abzulegen. Das Richterkollegium, vor dem er dies tat, verfiel durch sonderbare Fragestellungen seinem Spotte, so daß er sich wieder abkehrte und neue, innige Beziehungen mit Rahel, auf Spaziergängen im Tiergarten oder durch einen regen Briefverkehr, suchte. Sie brachte ihn ganz in ihren Ideenkreis, sprach von Menschen, die zusammen eine Welt bilden könnten, aber lieber in der Religion als in ihren bewährten Freunden eine Gemeinschaft suchten. Die letzte Konsequenz davon, so gesteht sie in einem Briefe, nämlich das Zusammenleben nicht bloß im Geiste, habe sie Marwitzen noch nie gesagt, weil »es zu persönlich sein würde«, aber es könne einmal hervorbrechen, wenn sie getrennt würden. Und das geschah; Marwitz mußte wieder nach Friedersdorf, um das Gut seines Bruders zu verwalten, und schrieb von da fast täglich an Rahel, die – auffallend genug – nicht immer auf seine Briefe einging, sondern oft an ihnen vorbei schrieb. Aber dadurch gerade faltet sie ihr reiches inneres Leben auseinander, wie sie es selten in ihren vielen anderen Briefen getan hat. Sie mußte jemanden haben, dem sie die Bekenntnisse ihrer Irrungen aus vergangener Zeit, ihre melancholischen Träumereien, ihr hingebendes Herz, ihre Klagen über ungerechte Behandlung und Verkennung mitteilen konnte, einen Mann, der nur das verlangte, was sie ihm gab, und doch ihr so nahe stand, daß sie ihm nichts zu verbergen brauchte, der selbst sich unbekümmert und willenlos seinen Gedanken und seinem Verlangen hingab. So kam es, daß beide, die sich gegenseitig vergötterten, frei über ihre Liebesbeziehungen zu anderen reden durften. Es unterscheiden sich in Inhalt und Form wohl oft die Briefe beider, aber in ihnen allen weht der wunderbare Duft der Romantik und gestaltet das Bild der beiden nicht nur voller und tiefer, sondern gibt auch über sie hinweg eine Ausschau in die Welt der Gedanken und Gefühle, die damals edle und schöne Geister erfüllten. Alexander ladet breit aus, ganz in dem Sinne des Schöngeisterbundes, vertraut ihr alle kleinen Geheimnisse, selbst die Geldsorgen seines Bruders, die Fürsorge für ein leichtsinniges Mädchen, die Liebesgeschichten eines seiner Freunde, und erhebt sich in den Naturschilderungen und den Berichten über Begegnungen zu einer kritischen Schärfe, die durch die Natürlichkeit und Gewandtheit des Stils in bestem Sinne zugunsten des Lesenden beeinflußt wird. Rahel, durch ihre vielseitigen Briefverpflichtungen gezwungen, läßt die Feder, wie es ihr in den Sinn kommt, über das Papier gleiten; die Ansätze zu Gedanken deuten immer auf die geistreiche Frau, aber die Form, der Stil ist manchmal doch zu wenig gepflegt. Vielleicht kommt hinzu, daß Rahel sich beengt fühlte durch Verbindlichkeiten anderen Freunden gegenüber, die ihr mit Eifersüchteleien kamen wegen der vermeintlichen Bevorzugung von Marwitz. Besonders Friedrich von Gentz, der gewandte, viel verlangende Weltmann, war ein nicht zu verachtender Nebenbuhler, während Varnhagen, der Verlobte der Rahel, gutmütig den Irrgängen und Wunderlichkeiten zuschaute. Er war seit Anfang März 1811 in Wien, ging dann nach Prag und Berlin, von wo er seine Braut nach Teplitz begleitete. In Dresden sahen sich auf der Rückreise Marwitz und Rahel wieder und verlebten im September dort ein paar hübsche Tage in Natur- und Kunstgenüssen. In einer Eigenschaft gleicht sich das Freundespaar, in ihren Briefen sowohl, wie wahrscheinlich auch in ihrem persönlichen Verkehr, indem sie damals noch die politischen Ereignisse fast gänzlich zur Seite ließen, bis in der Zeit der ersten Erfolge in dem Befreiungskampf Preußens 1813 ihre Begeisterung und ihr Eifer für die patriotische Sache sich offenbarte. Marwitz hatte aber seine Verbindungen mit der Patriotenpartei von Königsberg her nicht aufgegeben, die von einem allgemeinen Aufstande gegen Napoleon allein das Heil suchten. So unausführbar die Pläne damals erschienen, so gewannen sie Boden, als die ersten Nachrichten von dem verunglückten Zuge nach Rußland bis nach Preußen kamen. Das Stürmen und Drängen zu einem entscheidenden Schlage fand kein Gehör bei Hardenberg und dem preußischen Hofe; da entschloß sich Alexander, der vorher wieder einmal eine Zeitlang das Gut Friedersdorf verwaltet hatte, gegen Ende 1812 zu General York nach Ostpreußen zu reisen, wo er bald eine ersprießliche Tätigkeit entfalten konnte; denn er wirkte mit, daß sich die Provinz für York und Rußland erklärte, und half tatkräftig bei der Errichtung der Landwehr. In den ersten Tagen des Februar 1813 kam er nach Friedersdorf zurück, blieb aber nicht lange, denn es riß ihn fort, an der Erhebung der Preußen tätigen Anteil zu nehmen. Mit seinem Bruder Friedrich reiste er über Frankfurt nach Landsberg und Soldin, wo er Tettenborn fand, den kühnen Reitergeneral, der mit seinem russischen Korps in der Richtung Berlin vorstieß. Jedoch war Marwitzens Bleiben dort nicht von langer Dauer; der unstete, von eigenen Ideen erfüllte junge Offizier konnte mit dem schroffen Wesen des Älteren nicht fertig werden, und so verließ er ihn, um sich nach Breslau zu begeben, wo das Hauptquartier des Widerstandes war und die Freunde Marwitzens sich gesammelt hatten. Aber auch hier hielt er nicht lange aus, da er mit seinen vorwärtsdrängenden Ansprüchen hingehalten wurde, und er ging im Frühjahr 1813 zu Dörnberg, der unter Wittgenstein im russischen Heere diente. Der Weg führte ihn über Berlin, wo er Rahel wiedersah und mit ihr eine kurze, glückliche Zeit durchlebte. Er kam noch gerade zurecht, um unter Dörnberg das siegreiche Gefecht bei Lüneburg mitzumachen, das mit der Vernichtung eines französischen Korps endete. Aber die danach einsetzende Ruhepause trieb den Rastlosen weiter. Er begab sich zu dem russischen Reiterführer Tschernischew, dessen Ruhm damals gerade durch einen kühnen Zug gegen den französischen General Angereau in Berlin in aller Munde war. Bei Halberstadt und bei dem Vordringen gegen Leipzig konnte Marwitz seine Tapferkeit erneut beweisen; auch während des Waffenstillstandes hatten politische Missionen, die ihm übertragen wurden, Erfolg. In der Zeit vom 21. bis 24. August stand er mit Tschernischews Korps bei Bosdorf in der Gegend von Wittenberg, als sich ihm Gelegenheit bot, mit seinen Kosaken polnische Infanterie zu attackieren. Dabei wurde ihm sein Pferd erschossen, er kam, von seinen Leuten verlassen, unter die Feinde, erhielt noch sieben oder acht Wunden und wurde schließlich als Gefangener nach Wittenberg abgeführt. Die Polen hatten ihn gut behandelt, aber die Franzosen, die ihn erst nach Leipzig und dann weiter westwärts schafften, vergingen sich in schändlicher Weise an dem Verwundeten. Trotzdem gelang es ihm, in einer stürmischen Nacht bei Buttelstedt zu entkommen und sich durch Thüringen, Bayern und Sachsen unter Entbehrungen und Entkräftigung bis nach Prag durchzuschlagen. Dort fand er in dem Hause einer Frau von Raimann Unterkommen und Pflege, dort fand er auch seine Freundin Rahel wieder, die während der Kriegswirren mit vielen andern eine Zuflucht in der böhmischen Hauptstadt gesucht hatte. Die beiden Frauen nahmen sich in rührender Weise des Verwundeten an, während seine eigene unverheiratete Schwester, die auch in Prag weilte, sich gar nicht um ihn kümmerte. Karoline von Humboldt, die Frau Wilhelms, versorgt ihn mit Binden für seine steife Hand, Rahel bereitet eigens Kräuterbäder und Aufgüsse, und Marwitz sitzt still am Fenster und liest Plato oder besorgt für einen andern Verwundeten, den Rahel noch pflegt, Arzt und Medikamente. So bleibt er bis Anfang Dezember 1813 in treuer Hut; seine Hand bessert sich, so daß er wieder schreiben, aber wohl nicht mehr mit dem Säbel hauen kann, und seine Seele mildert sich, wie Rahel schreibt, immer mehr, so daß sie ihn anschaut wie ein ihr von Gott gesandtes Wunder. Daß trotzdem Rahel die Abreise des Wiederhergestellten wünscht, wie sie ausdrücklich in einem andern Briefe schreibt, ist wieder eins der ausgeprägten Zeichen ihres Seelenbundes. Für ein längeres Zusammenleben mit dem Freunde war Rahel nicht geeignet; ihre Gedanken schweiften weit über das Bewußtsein einer Liebe zu einem Einzelnen hinaus, und Marwitz selbst, der unstete, durch die ausgestandenen Gefahren und Leiden aufgeregte, war nicht der angenehmste Gesellschafter. Nachlässigkeit, Vergeßlichkeit und Ungeschicklichkeiten, so schreibt Rahel, führten Verärgerungen herbei, und der Mangel des Anerkennens ihrer Zärtlichkeit, »des Witzes der Liebe«, wuchs immer mehr. Schließlich gab aber zu der Trennung beider Eifersucht den Ausschlag. Rahel wohl durfte für sich einen weiten Kreis ihrer Verehrer in Anspruch nehmen, mit denen sie ein wechselndes Spiel trieb, Marwitz aber, der jene auch zur Vertrauten seiner Liebesaffären gemacht hatte, gewann nicht dadurch, daß er nun in persönlichem Verkehr mit der Freundin offen über ein weibliches Wesen, welches ihm gefiel, sprach und sein Betragen gegen ein Weib, das er zu lieben meinte, zur Schau trug. Mit diesen Worten berichtet Rahel an Karoline von Humboldt ihre Herzenssachen. Wer diese beiden Frauen gewesen sind, liegt nicht klar zutage. Wohl aber ist es wahrscheinlich, daß die eine Henriette Schleiermacher gewesen ist. Zu ihr führen noch Fäden hinüber bis in die Zeit von 1813. Erst aus den Briefen des großen Theologen an seine Frau erhalten diese Beziehungen zum ersten Male eine eigenartige Beleuchtung. Die Spuren der Bekanntschaft beider reichen bis in das Jahr 1809 zurück, also in die Zeit, als Marwitz in Berlin war, ehe er nach Österreich ging. Daß beide Männer sich in dem Kreise der Patrioten kennen gelernt haben, ist anzunehmen, daß Henriette, die im Mai desselben Jahres als junge Frau Schleiermachern nach Berlin gefolgt war, durch ihre Lieblichkeit und Natürlichkeit auf den leicht entzündbaren Marwitz einen tiefen Eindruck gemacht haben konnte, ist ebenso wahrscheinlich. Aus der Vertrautheit wurde eine still flackernde Liebe, entzündet durch den Mann, genährt durch die Frau. Schleiermacher hat davon gewußt; ein Zufall brachte eine Zeichnung der Wohnung Marwitzens in Potsdam von der Hand seiner Frau, das Fragment einer Elegie des Solon, das Marwitz übersetzt hatte, und einzelne kleine Zettel der Rahel, die die Vermittlerin zwischen beiden Liebenden gewesen sein muß, vor seine Augen. Offen schreibt er darüber seiner Frau, warnt sie, die damals 1813 der Kriegsgefahr wegen in Schlesien war, vor einem Wiedersehen mit Marwitz, hat auch mit letzterem eine scharfe Aussprache, läßt aber sonst, still beobachtend, die beiden ihren Weg gehen in der Hoffnung, daß der Irrgang der Herzen ein gutes Ende finden würde. Und darin hat er sich nicht getäuscht; die Gattenliebe siegte und hat keinen Makel zurückgelassen. Die Kunst, die Leidenschaft zu einer Freundschaft hinüberzuleiten, hat Schleiermacher ausgezeichnet verstanden; so konnte er denn nunmehr der entfernten Frau unbefangen Nachricht von den Schicksalen des in den Kriegsläuften weit Umhergetriebenen geben. Die Trennung löste das Verlangen in eine stille Sehnsucht auf. Rahel aber ward nicht mehr die Vertraute der Herzensangelegenheiten des Mannes, dem sie einst geschrieben, daß sie vor Sehnsucht vergehe und ihre Neigung immer tiefer ergründen und anbeten wolle. So war die Stimmung der beiden, der Rahel und Alexanders, als sie im Dezember 1813 in Prag zusammen waren, eine andere, ruhigere geworden, so daß die Abreise des Freundes eine Erlösung war. Es stürmte wieder in dem Genesenen; das Gefühl, den großen Siegen des Jahres 1813 fern bleiben zu müssen, hatte unerträgliche Fesseln um ihn geschlagen. Jetzt sprengte er sie; er ging zur Armee und ward Adjutant des Generals Pirch. Die Briefe werden seltener; nur einmal, so berichtet Rahel der Freundin unter dem 10. Februar, hätte Marwitz an sie von Schwalbach aus geschrieben. Am folgenden Tage, den 11. Februar, traf ihn in dem Gefecht von Montmirail, dem ersten, dem er wieder beiwohnte, eine feindliche Kugel in die Schläfe, so daß er sofort tot war. Erst am 18. April erhält Rahel in Prag die Nachricht durch den Brief der Frau Schleiermacher; sie läuft zu ihrer Freundin Auguste Brede, bei der sie wohnte, und diese, als sie den Brief gelesen, teilt ihr die Nachricht mit mit den Worten »Es ist nur Marwitz«. Es war nur Marwitz. Im ersten Gefühl wohl hat Rahel an einen andern gedacht, der ihr entrissen sein könnte. Aber vergessen war der Getreue nicht; in ihren Briefen gedenkt sie seiner, besonders wenn sie das Freie sieht, das er so sehr liebte, und das Geständnis gibt für sie ein ehrendes Zeugnis der Tiefe ihres Fühlens wieder: »Marwitz war der letzte, den ich über mich stellte; mit Tränen hat er's gebüßt, und steinern fand mich dieser Engel, der aber nicht mehr war als ich.« Zur Einleitung . Die Briefe der Rahel und Alexanders von der Marwitz sind hier zum ersten Male nach den Originalen herausgegeben. Sie befinden sich in der Staatsbibliothek zu Berlin; eine ältere Abschrift mit einzelnen Varianten der Briefe M.s besitzt die Literaturarchiv-Gesellschaft. Die Veröffentlichung einiger Briefe, mit großen Auslassungen, Änderungen und Lesefehlern hat Varnhagen in »Rahel. Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde. (Als Handschrift)«, Berlin 1833, neue Ausgabe, ebendort 1834, Duncker und Humblot, und in der »Galerie von Bildnissen aus Rahels Umgang und Briefwechsel« 1838, besorgt. Ein Brief ist im »Euphorion«, Bd. 14, S. 309, veröffentlicht: ein anderer, sowie das Fragment einer Niederschrift von Marwitz befinden sich in den »Briefen von der Universität, aus dem Nachlaß Varnhagens« 1874. Sie enthalten auch den Briefwechsel Marwitzens mit Adolf Müller , dem Sohne des mit Steffens und Schleiermacher befreundeten Bremer Musikdirektors Wilhelm Christian Müller. – Quellen für die Lebensgeschichte Alexanders sind: Aus dem Nachlasse Friedrich August Ludwigs von der Marwitz auf Friedersdorf, Kgl. Preuß. General-Lieutenants a. D. 1852; neu herausgegeben mit Anmerkungen von Friedrich Meusel unter dem Titel »Friedrich August Ludwig von der Marwitz. Ein märkischer Edelmann im Zeitalter der Befreiungskriege«. I. Lebensbeschreibung. 1908, wo auch andere Literaturnachweise, besonders der bei Th. Fontane, Wänderungen durch die Mark Brandenburg II., achte Auflage, S. 229 ff., gegeben sind. Eine Ergänzung bildet der Briefwechsel zwischen Varnhagen und Rahel. 2. Bd. 1874, in welchem Nachrichten über Marwitz eingestreut sind. Die Orthographie ist nach der neuen Schreibweise geändert, wodurch zahlreiche falsche Schreibweisen, besonders der Rahel, getilgt sind. Auch wurden in den Briefen der letzteren einzelne Zusammenziehungen der kurzen, unvermittelten Sätze, vorgenommen und die Interpunktion, besonders durch Hinweglassung der vielen Ausrufzeichen innerhalb der Sätze vereinfacht. – Unter den vielen neuen Persönlichkeiten, die in den Briefen vorkommen, sind einige nicht näher zu bestimmen und in den Anmerkungen deshalb nicht aufgenommen, andere nur vermutungsweise festzustellen, wobei die Schreibweise der Rahel, nach dem Gehör oder französiert und die absichtliche Änderung der Anfangsbuchstaben in den von Varnhagen mitgeteilten Briefen noch hindernd dazutritt. Die Endnoten sind als Fußnoten bzw. Endnoten zum jeweiligen Brief gestellt worden. Projekt Gutenberg-DE, Re. 1. Marwitz an Rahel Nicolsburg, Sonntag d. 26t. Juni 1809. Ich weiß nicht, ob es mir gelingen wird, Ihnen hier einen Brief zu schreiben, liebe Rahel. Alles einzelne, die ganze kleine, mannigfaltige, bunte Gegenwart verschwindet mir, wenn ich an meine Freunde denke; es ist immer nur ihr und mein ganzes und volles Leben, was ich dann sehe und fühle, nichts Besonderes, was hervorspringt, was erscheint. Darum ist es mir so schwer, ja zuzeiten so höchst widerwärtig zu zerlegen, langsam nach und nach zu erzählen; und was ich mir vorher als einen Genuß vorstelle, wieder einmal mit Ihnen zu sein, zu Ihnen zu reden, wird mir in der Regel zur albernsten Langenweile. Ich bin seit Dienstag hier bei meinem Bruder, der schwer verwundet ist und erst seit einigen Tagen aus der tödlichen Krisis gerettet. Heute, da einer seiner Freunde hergekommen ist, der bei ihm bleiben will, gehe ich ins Hauptquartier. Varnhagen ging am Dienstag voraus, allein. Ich habe mich mit ihm erzürnt, nicht direkt, aber so ganz allmählich haben wir uns durch stündlichen kleinen Ärger verbittert. Sagen Sie mir ein Wort über ihn, liebe Rahel, welches mich tröste und meine frühere Meinung über ihn herstelle oder die gegenwärtige bekräftigt. Er erscheint mir, ungeachtet aller äußeren Bildung, innerlich höchst gemein, kleinlich in der Ansicht und gering die Energie seines Wollens, der inneren Tat, in der sein Leben gewurzelt ist. Und dabei ist diese Gemeinheit so widerwärtig, so ärgerlich. Mein frühestes Urteil über ihn, als ich ihn zuerst vor drei Jahren in Halle sah, war eben dieses; ich haßte die Dürftigkeit dieser Natur, die durch Gewandtheit und allerlei kleine Künste sich auf eine viel höhere Stufe gestellt hatte, als die ihr gebührte. Später glaubte ich ihn besser, viel besser, und jetzt auf der Reise, wo seine geselligen Fertigkeiten zurücktreten und er so ganz sich gehen ließ, tritt mir mit einem Male das alte gehaßte Bild lebendig und wieder vor Augen, dieselbe widerwärtige Persönlichkeit, der Mangel an Mut, der sich durch dummdreiste Indolenzen zu decken sucht, und endlich die gänzliche Blindheit und Verschlossenheit gegen alles Höchste. Ich weiß es wohl, er hat Sinn, aber immer nur Sinn für Miniaturen, für ein Blatt, nicht für eine Landschaft, für ein gelegtes Haar, nicht für ein Gesicht, für ein geschicktes und kluges Wort, nicht für die inneren Tiefen einer göttlichen Natur. Das Kolossale sieht er nirgend, und Sie wissen, liebe Rahel, das ist doch das einzig Reelle. Aber er ist Ihr Freund, wie ist das? Ich könnte das wohl verstehen; Sie nehmen ihn, wie er ist. Sie sehen das Negative in dem Positiven und umgekehrt, und das Negative ist Ihnen lieb, weil es das Positive ist. Das ist Ihre große Lebenskunst, ich weiß es wohl. Aber sehen Sie ihn anders als ich, habe ich Unrecht? Ist er edel, denn darauf kommt am Ende doch alles an? Nein, er ist es nicht. Die Natur hier ist wunderschön. Herrliches Gebirg zwischen Schlesien und Mähren, nicht wild, aber von einer göttlichen Vegetation bekleidet, dem frischesten, tiefsten Grün an Gras und Laub, und Wald, wie sie nur ungeheurer Amerika hat, so dicht ist alles verflochten. Äste und Zweige und Blätter, nirgend eine Durchsicht, die üppigste Fülle. Dazwischen hin und her die reizendsten Täler, wohl angebaut in langen Dörfern, meist mit einer türmenden Gebirgsgegend zur Seite oder im Hintergrunde. Und wie soll ich Ihnen dieses kaiserliche Land beschreiben, dieses Mähren? Wir fuhren von einem hohen Berg in die unabsehbare Fläche hinunter, die wieder wie ein Gebirg vor uns lag und weit in den Horizont hineinstieg; da zum ersten Male habe ich gesehn, daß eine Landschaft unendlich sein kann, eine Ebene riesengroß. Unten die größte Wohlhabenheit, alles angebaut, vortreffliches Korn, reiche Dörfer, die größte Unbefangenheit, nirgend Spuren des nahen Kriegs, das heißt in dem innern Leben nicht; denn sonst sind die Rüstungen ungeheuer; Städte und Dörfer sind voll von Rekruten, die Wege damit bedeckt, überhaupt ist Nerv in diesem Staate, oder wohl mehr in diesem Volke, denn die Regierung tut weniger, als sie könnte, das Volk dagegen viel mehr, als es muß. Adieu, liebe Rahel, ich hätte gern länger zu Ihnen gesprochen, aber eben jetzt packt mich die Langeweile des Briefschreibens, die ich wie den Teufel fliehe, denn sie führt mich allemal in die ödeste Leere, die gänzlichste Gemütlosigkeit und Dummheit hinein. Sie werden sie den letzten Zeilen wohl schon angemerkt haben, ich wurde gestört. Gehen Sie fleißig auf der großen Terrasse vor dem Schloß auf dem Steinwege und genießen Sie den Mittag und den Abend. A. Marwitz. Ich bitte Sie, wenn Sie schreiben wollen, Ihre Briefe hierher zu adressieren an meinen Bruder, an Herrn v. M., Lieutenant im k. k. Regiment Graf Klenau Chevauxlegers in Nikolsburg über Troppau und Brünn. Unter dem Couvert meine Adresse an Alexander v. M. – Ich lege das Ende eines Briefes von Müller bei, dessen Anfang Sie haben. Sehen Sie Schleiermacher? Eberhard von der Marwitz , der bei Aspern am 21. Mai 1809 schwer verwundet worden war, starb nach schweren Leiden am 9. Oktober. – August Varnhagen von Ense, seit 1809 bereits heimlich verlobt mit Rahel, später ihr Gemahl, war nach medizinischen und philosophischen Studien in österreichische Kriegsdienste getreten und bei Wagram schwer verwundet worden. Nach dem Waffenstillstande traf er mit M. erst in Ungarn, dann in Mähren zusammen. Beide haben sich nicht gut gestanden, eine gewisse Rivalität wegen Rahel war vorhanden. Vielleicht hat M.s Brief an R. dazu beigetragen, auch das freundschaftliche Verhältnis der letzten beiden zu stören, denn fast ein Jahr lang scheinen sie sich nicht geschrieben zu haben. – Adam Müller , politischer Schriftsteller, Freund von Gentz und Heinrich von Kleist, mit dem er die Zeitschrift Phöbus 1808 herausgegeben hatte. Besonders wurden seine Schriften »Von der Idee des Staates« und »Die Elemente der Staatskunst«, beide 1809 erschienen, viel gelesen. Seit Mai 1811 lebte er dann als politischer Schriftsteller in Wien. 2. Marwitz an Rahel. [1810] Hier, liebe Rahel, ein Brief von Harscher und ein Fragment eines Briefs von [Adolph] Müller. Ich schickte Ihnen gern einiges von meinen Papieren, aber es liegt (einige Gelehrsamkeit ausgenommen) alles zerstreut, ist unvollendet und viel schlechter, als es sein könnte. Wenn Humboldt herkommt oder Sie ihm schreiben, so entschuldigen Sie mich doch bei ihm, daß ich ihn in Ungewißheit gelassen. Ich hatte keine Lust, das Verhältnis mit ihm ganz abzubrechen. Was soll ich Ihnen weiter sagen? Finge ich an, so müßte ich Ihnen von allem reden, von meinem Leben, meiner Art, und das ist, indirekt wenigstens, geschehen. Von einer Einzelheit aber kann zwischen uns jetzt nicht die Rede sein. Adieu also. Donnerstag 9 Uhr. A. Marwitz. Nach der Abschrift Varnhagens mit der Notiz: Das Original damals im Besitz der Frau Dr. Mundt. – Nikolaus Harscher aus Basel, studierte in Halle und Berlin als Schüler Schleiermachers, später im Bibliotheksdienst in Halle, eine unstäte, nicht ganz einwandfreie Persönlichkeit. – W. von Humboldt war seit 1809 Leiter des Kultusministeriums in Berlin. 3. Rahel an Marwitz. Sonnabend, d. 28t. April 1810. Sehr lieber Marwitz! An dreißig Briefe habe ich schon an Sie komponiert und heute morgen noch im Bette einen sehr schönen. Aber jetzt grade, da ich ganz erschöpft von einem an meinen Bruder bin, schreibe ich Ihnen in größter Eil und Nervenirritation diesen, der ganz schlecht wird, werden muß, ist. Warum hör' ich nichts von Ihnen, da Sie mir's doch von selbst versprachen? Sie sind mir doch sehr gut? Und das muß sein. Noch nicht einmal, habe ich gefühlt, haben Sie mich mißverstanden. Mir träumte vorletzte Nacht sehr schön von Ihnen! Minna Schede kam grade den Morgen, und der erzählte ich's gleich. Wir beide, Sie und ich, waren Sommers in einer weiten Ebene mit allen nur möglichen Bekannten. So sonnig und groß alles war, so befanden sich doch alle nur auf einem Sanddamm, einen Fahrweg breit, der durch die grasigen, doch wasserreichen Felder und Wiesen mittendurch nach einem Wasser ging, welches auch durch Überschwemmung der Gegend näher gekommen war. Ungefähr einen Markt weit war das Gedränge der Menschen und Bekannten größer und sehr wimmelnd; wir hielten uns, weil ich es nicht liebe, ferner unter wenigeren. Nach einigem Warten und Sehen, daß es doch noch sehr lange dauern müsse, bis alle, welches nur nach und nach gehen konnte, übergeschifft sein würden und wir auch herankommen könnten, – die Reisewagen standen zerstreut auf dem Sanddamm, und man sah das Ufer und Schiffe eine viertel Meile weit, hell grün und sonnig vor sich nach Morgen zu, – sagte ich Ihnen, wir wollten etwas zurück der Sonne nach die Gegend untersuchen gehn. Schweigend und gehend willigten Sie ein. Bald wurde es bergig, die Sonne gelb und abendlich; ich ging voran und um eine Ecke einen gemachten Gartensteg hinauf, mit einem Male Göttliches sehend, grüne, hohe, geschnitzte Wände und Aussichten in frischen, geputzten Tälern, durch ganz freundlich aussehende, frischgrüne Berge herab; einer sah besonders schön belaubt und dunkelgrün glänzend aus. Sehen Sie das? wandte ich mich um, faßte Ihre Hand, die Sie mir gaben, auch reichten, und wir küßten uns vor Freuden auf den Mund. So ging's wieder weiter, Sie hinter mir; der Pfad führte mich in ein rundes, ganz kleines und umschlossenes Bergtal, wie ein Hof; ich äugte nochmal links und fand einen Hof mit offenstehenden Zimmern. Was ist das? Aber ich besehe es! sagte ich scheu; Sie mir nach! Eine Reihe moderner Zimmer, mit Instrumenten, Büchern, Zeichen- und Nähzeug, Blumentöpfen, Tücherchen über den Stühlen; kurz ganz wohnlich. Mit einem Male steht ein Herr vor mir, nach 50, ohne Hut, wie ein Abbé; er kam aus noch andern Zimmern. Ja, im Hof waren schöne Hühner, Enten, alles lebendig. Mein Herr, sagte ich, verzeihen Sie; wir haben uns, das so sehr Schöne und Sonderbare der Gegend besehend, plötzlich in Ihrem Hof befunden, – es war Mondschein geworden im Hof – da war aber niemand, hier auch nicht, und so kam es, daß wir weiter gingen; verzeihen Sie! Aber wie so ist hier alles offen? Nehmen Sie's ja nicht übel! Hier kommen viele so herein, sagte der Mann, das schadet nichts; und als ich ihn doch noch ansah, setzte er hinzu halb fragend »Hier ist das Taubstummen-Institut? Wir sind hier friedlich und uns tut niemand was«. Da wurde ich einen blondlich dreizehnjährigen Knaben mit einem Buche in der Hand gewahr, ich wollte ihn auch entschuldigungsmäßig grüßen, aber er sah schüchtern auf sein Buch und las weiter. So verschlang sich der Traum, ohne daß Sie gesprochen hätten, und ohne daß wir gegen Morgen nach dem Wasser zurückkamen. Welches mir auch im Traum sehr lieb ist. So bin ich. Wollen Sie nun im Ernste auch nicht sprechen? Mir nicht antworten? Mir nicht sagen, daß und wann ich Sie in Töplitz sehen kann? Ich komme nun bestimmt hin; mein Bruder Meier hat mich gefragt, wie viel ich dazu haben will. Antworten Sie mir gleich. Lieber! Nach Ihnen richte ich mich sehr! Ich lege hier ein Sendbriefchen von Pauline bei, das ich vorige Woche erhielt. Ich antwortete ihr in Du aus angeregter Seele. Mißverstehen Sie nichts darin! Lesen Sie ihn, als wären Sie bei mir. Zeigen Sie ihn ja von ungefähr Gentz nicht. Lang entfernt von mir könnte er, wird er wohl das Unheilige auch nur unheilig finden. Ich verlange weit mehr, und verlange es von Ihnen. Meinen höchsten Äußerungen von Achtung vertrauen? Voraussetzung des Talentes, jemanden behandeln wie mich selbst, und nicht, wie W. Humboldt schon vor zehn Jahren sagte: ich will nicht mit lauter Verwundeten zu tun haben; ich nicht mit Krüppeln. Ich habe Humboldt nur vorgestern gesehen; er verfehlte mich öfters, und ich konnte ihn ohne größere Gesellschaft nicht einladen, ohne ihn irre zu führen. Er fühlte es, wie ich sah, und fügte sich äußerst klug und sittig, ohne Verlegenheit für beide, doch waren wir nicht allein. Es schimmerte alles nur durch Minna Schede, die im Reußischen Garten gegenwärtig war, wo Humboldt wohnt und mit uns spazierte. Adieu, Lieber! Antwort, und das gleich. Rahel. Hier ist Helles Sonnenwetter mit Kälte, ich rheumatisch davon. Nordostwind der gräßliche. Minna (Wilhelmine) Schede , Schwester des Regierungsrats Sch., der zu dem Bekanntenkreis der Rahel, der Herz, Schleiermachers u. a. gehörte. – Meier [Meyer] war der ursprüngliche Vorname des später sich Moritz Robert nennenden Bruders der Rahel. – Pauline Wissel , geb. Cesar, »die schöne Helena von Berlin«, Favoritin des Prinzen Louis Ferdinand von Preußen, bekannt durch verschiedene Liebesaffären. Sie war mit dem Kriegsrat Wissel, später mit Baron Vincent vermählt und starb 1849 in Paris an der Cholera. – Friedrich von Gentz , der bekannte Publizist und Staatsmann, abwechselnd in preußischen und österreichischen Diensten: einer der glühendsten Verehrer der Rahel. – Das Palais des Grafen Reuß , Leipziger Straße 5, hatte einen großen Garten, in dem einzelne Wohnhäuser standen. 4. Marwitz an Rahel. Bilenz, d. 10t. Mai, Donnerstag [1810]. Heute erhielt ich Ihren Brief, liebe Rahel, und will gleich antworten, wiewohl ich fürchte, daß nichts Gescheutes herauskommen wird, wegen Stimmung, Wetter, Ungemütlichkeit der ganzen Lage, Tatenlosigkeit nach innen und nach außen. – Ich wohne hier recht angenehm, auf dem Lande, drei Stunden vom Gebirg. Die Gegend ist frisch, das Dorf liegt an einem kleinen rauschenden Bach, der in mehrere Arme zerteilt zwischen lebendig grünen, reichlich getränkten Wiesen hinschlängelt und von mancherlei Buschwerk umgeben ist, Weiden, hohen Rüstern, Pappeln, Obstbäumen dazwischen, das alles mehrere Stunden weit, den Bach entlang, bald dicht daran, bald entfernter, in Gebüschen versammelt, ganz wie in einem Englischen Garten, und täglich frischer, grüner, blütenreicher. Viel schöner und anmutiger wäre dies alles, wenn wir das echte Frühlingswetter hätten, aber es ist bald drückend warm, und dann wieder wird alles plötzlich und auf mehrere Tage erkältet durch ein Gewitter oder einen Regen, der aber den Staub nicht bezwingt; ein rauher Wind fährt dann über die Gegend weg, und es ist, als ob all das Grün und all die jungen Blüten wieder vergehen und tot von den Bäumen und Gebüschen herabfallen müßten. So heute. Nichts von der heilsamen Frühlingsluft, die frisch und lebenskräftig, nicht heiß aber gelinde warm und von Kühlungen durchhaucht die Lungen erweitert, während die Erde weder dürr noch feucht ist; keine warmen Regenschauer am späten Nachmittage, nach denen die Sonne kurz vor dem Untergange wieder hervorbricht, den Regenbogen erscheinen läßt, während der Geruch von Gebüsch und Wiesen aufsteigt. Kalte Tage nach Gewittern deuten immer auf einen schlechten Sommer, und wir haben sie hier. Ich bin gar nicht wohl, auch physisch nicht; mir fehlt nichts Bestimmtes, aber die Lebenskraft, das frische Gesundheitsgefühl mangelt. Das Wetter ist daran schuld und die toten Formen des militärischen Lebens, in denen ich gezwungen bin mich herumzutreiben, und die mir den Sinn vernichten für die großen, innig begeisterten Regungen der Natur und das stille Bilden des Landlebens. Ferner die Gesellschaft, die ganz ohne Phantasie, ohne Wissen ist, die beste gutmütig und brav und nach der Seite des Herrschens und Befehlens hin gebildet, ohne Nahrung für Geist und Gemüt. Klarheit und Richtigkeit in äußern Lebensverhältnissen für die Darstellung sowohl wie für das Betragen ist das Höchste, wozu sie es gebracht haben, von intellektueller Bildung keine Spur. Was nicht Militär ist, ist gar unter aller Kritik, feig und ohne Selbstgefühl, durchaus gemein und sinnlos. Der Landmann ist ohne Charakter. Ich beschäftige mich wohl, treibe Mathematik, lese die Histoire des republiques italiennes du moyen age von Simonde Sismondi (die Sie auch lesen können; er ist begeistert für seine Nation und den Republikanismus und hat dabei eine Fülle der schönsten Geschichten), aber das alles ist unfruchtbar, weil es in dem Leben keine Haltung findet, weil es, wenn es wirken, wenn ich lernen sollte, ganz andre Stimmungen voraussetzt, als die ich in meiner Gewalt habe. O, die Einheit des Lebens zu finden, in der Beruf und Trieb in einander aufgehn, das Innre von dem Äußern und das Äußere von dem Innern rege getrieben wird, das ist so unendlich schwer. In mir stoßen und treiben sich die beiden Sphären, und diese Reibung macht mich oft verwirrt, fast immer leer, gelangweilt und abgeschmackt. Denken Sie, liebe R., sogar jetzt, indem ich Ihnen schreibe, ist mir nicht ganz festlich zu Mute, es ist als ob eine Wolke mir im Gehirn läge, die mir die frische Regung des Innern hemme und nichts in den Gedanken und Gefühlen recht sonnenbeglänzt hervortreten läßt. Alles, was ich Ihnen geschrieben habe, habe ich wohl gesehn, aber wie durch einen Flor, wie abgebleicht, nicht mit der Energie des gesunden, ungetrübten Auges. Kennen Sie den Zustand? Ich glaube nicht; er ist für Sie zu schlecht, Sie haben mehr geistige Gewalt. In mir ist er häufig, war es auch in bessern Zeiten. Noch muß ich Ihnen meine Wohnung beschreiben. Ich habe den obern Stock eines großen, wohlgebauten Bauernhauses, zwei Zimmer, die an einander stoßen, das eine sehr geräumig mit vier Fenstern, die nach zwei Seiten hinausgehn, das andre kleinere mit einem. Die Fenster sind hoch, mit großen Scheiben, die Türen gebohnt und mit messingenen Schlössern. Aus jenem größern Zimmer weist die eine Aussicht gegen Abend. Bauerhäuser liegen vor mir, über die ich hinwegsehe nach höheren Feldern; rechts ist die Kirche, klein und einfach, dicht neben ihr geht die Sonne unter über dem Gebirg. Die andre Aussicht weist gegen Mittag und Morgen, auch auf Bauerhäuser und höher liegende Felder, weiter links auf eine kleine Wiese an jenem Bach, die reichlich mit hohen Baumgruppen bepflanzt ist. Auch zwischen den Häusern stehn Weiden und Pappeln. Die Zimmer sind ausgeweißt und sehr rein; in dem kleinern stehn ein paar Tische, an denen ich schreibe, eine Kommode und ein Stuhl, im größern mein Bett, einige Schemel, ein Spinde. Ich hatte dies Quartier anfangs sehr lieb gewonnen und habe es zu Zeiten noch lieb. Wie phantastisch ist es; was für eine wohl eingerichtete, mäßige und gesunde Existenz ließe sich darin führen! Jetzt aber macht es mir Langeweile; es verliert mir das harmlose, schon wegen des Korporalen, der täglich mit unzähligen Meldungen hereintritt über Sättel, Ställe, Rekruten und andre massive Dinge. Gleich nach meiner Ankunft war ich in Prag und sah Varnhagen. Seine äußere Lage ist ziemlich bequem. D. 14t. Mai. Dieser Brief, liebe Ralle, hat vier Tage gelegen. Ich habe ihn nicht abschicken wollen, weil ich Ihnen noch so vieles zu sagen habe, das ist aber unsinnig, denn ich habe ja ohne Ende mit Ihnen zu sprechen, und es muß daher jedes Abbrechen willkürlich sein. – Noch immer kein Frühling, keine Zufriedenheit. Ich gehe in einigen Tagen nach Töplitz, um vorläufig für Sie ein Quartier zu suchen; es soll schwer halten, weil der Kaiser auf einige Zeit hinkommt und mit ihm vieles Volk; auch vom Auslande her muß es in diesem Jahre stark besucht werden. Wann kommen Sie, liebe Ralle? Ich bin nur vier Meilen ab und kann Sie jede Woche wenigstens zwei Tage sehn, auch wochenlang da bleiben. Wie leben Sie jetzt in Berlin? Wen sehen Sie? Keinen intim. Vieles sollte ich Ihnen über Ihren göttlichen Traum sagen; ich habe die einfach wunderbare Gegend, das harmlos stille Haus deutlich gesehn; es ist ein wenig wie die Gegend am Ende des blonden Elbert von Tieck, nur reeller, weniger fabelhaft. Schade, daß wir die Landschaft nicht noch einmal im Mondschein gesehn haben, denn gewiß schien der Mond recht hell, und da wäre der dunkelgrün glänzende Berg göttlich gewesen; tiefgestreckte Schatten drüberhin und daraus die dicht belaubten Baumgipfel im Silberglanz hervortretend. Der Abbé war gewiß ein recht angenehmer Mann von einer verständigen, bewußten Herzensgüte, nicht auffallend geistreich, aber gescheut; seine Knaben muß er recht lieb haben, aber mehr wohlwollend als enthusiastisch. Den Brief von Paulinen behalte ich, bis Sie kommen. – Adieu, liebe Ralle. Antworten Sie mir gleich. A.M. Ich schreibe Ihnen ein andres Mal besser, gescheuter. Sagen Sie mir, ob dieser Brief nicht gar unter aller Kritik dumm und leer und abgeschmackt ist. Sie wissen, daß ich dies im heiligsten Ernst ohne Affektation frage. Ich möchte es wissen, weil die Briefe an Sie mir Dokumente für eine bestimmte Zeit sind und Urteile darüber auch die ganze Zeit beurteilen. Bilenz bei Kommotau in Böhmen. – Simonde de Sismondi , Histoire des républiques italiennes du moyen age erschien 1807-18 in neun Bänden. – Der blonde Ekbert . Volks-Märchen von Tieck. 1796. 5. Marwitz an Rahel. Töplitz, d. 15t. Juli 1810. Warum ich nicht geschrieben, liebe Rahel? Weil ich krank gewesen, den ganzen Juni hindurch. Ich habe Fieber gehabt und eine Halsentzündung, die mich mit Schmerz und Hunger entsetzlich geplagt hat, gerade in der nämlichen Zeit, in der Sie auch litten. Jetzt erhole ich mich. Die Mitte des Juli ist da, und Sie noch nicht hier (ich schreibe aus Töplitz). Kommen Sie denn noch? Ich glaube es, da Sie in Ihren letzten Zeilen (vom 17t. Juni, die ich wegen der niederträchtigen Posten erst vor acht Tagen erhalten habe) so gewiß davon sprachen. Kommen Sie aber bald. Zu Ende dieses Monats ist mit Gentz Goethe hier. Gentz kommt heuer aus Karlsbad zurück. Ich liebe ihn sehr, weil er so naiv, so gutmütig, so enthusiastisch, so eitel, kurz auf eine so allerliebste Weise kindlich und kindisch ist, bei vielem Geist, denn ohne den wäre das übrige eben nicht viel wert. Wenn Sie kommen wollen, so bleiben Sie ein paar Tage in Dresden und schreiben Sie wegen des Quartiers an Gentz, warten Sie auf seine Antwort. Aber tun Sie das ja, denn sonst möchten Sie bei Ihrem Ankommen in Verlegenheit geraten; es ist hier entsetzlich voll. Allerlei Leute sind hier, die man gern sieht, der Herzog von Weimar – ein recht braver und unterrichteter Enthusiast [Lücke, ein Wort] er mit sich führt, ein Herr von Rühle (Freund [von] Adam Müller und Kleist), ein paar gescheute Offiziere; von Familien, wie mir scheint, gar nichts Bedeutendes (Frau von Reede aus Berlin avec Mlle Adélaide , die sich statt Reede roide schreiben sollte, elle n'a ni esprit ni tempérament; beauté sans répression, sans attrait; donc elle n'est pas belle; auch nicht plastisch schön ist sie, wie man gesagt hat, keine Fülle stillen, sich genügenden, in sich versunkenen Lebens; nichts als Albernheit et du savoir factive, ich meine das kleinliche Wissen, das in der Erziehung von anno 90-98 mitgeteilt wurde (denn diese Erziehung hat sie genossen, obgleich seitdem Jahrhunderte verflossen sind, das Wissen, durch das man nichts verstehen lernt, das im Gegenteil einen Nebel von Dummheit und Unnatürlichkeit in das Gehirn hineinpumpt, der später nicht mehr zu zerstreuen ist). Von der Gegend kann ich Ihnen nichts sagen; ich habe sie noch nicht gesehn, wegen Hitze, Mattigkeit, Mangel an Gesellschaft, wegen des trouble , in dem man hier leben muß, so lange man keinen eignen Cirkel hat. Adieu, liebe Rahel. Ich höre auf, weil ich abreisen muß, und weil ich lieber mit Ihnen gut reden, als schlecht an Sie schreiben mag. A.M. Aus dem Briefe M.s geht hervor, daß Briefe der beiden, z. B. der der Rahel vom 17. Juni, verloren gegangen sind. – Der Herzog Karl August von Weimar veranlaßte Goethe nach Teplitz zu kommen, wo Marwitz sich mit ihm unterhalten hat; Rahel hatte Goethe schon 1795 in Karlsbad getroffen. – August Rühle von Lilienstern, Leiter der Studiendirektion der Kriegsschule in Berlin und bekannter Militärschriftsteller. – Graf Wilhelm von Kleist -Lotz, Major, später Hofjägermeister. – Charlotte Elisabeth Gräfin von Reede -Ginkel, geb. von Krusemark, die spätere Oberhofmeisterin der Königin Elisabeth von Preußen. 6. Rahel an Marwitz. Mittwoch, d. 27t. Februar 1811. Ich muß Ihnen schon wieder einen großen Brief schreiben, darin kann ich Ihnen gar nicht helfen. Erstlich, denn es steht mir noch zu sehr vor der Seele, hätte ich tausend Scudi gestern für Sie gegeben; denn so kronendumm sieht man die Herz nie wieder. Es ist umsonst! Gott gab mir dazu keinen Zeugen. Sie saß während der Vorstellungen neben mir, und kurz, sie gab mir eine solche Antwort, daß plötzlich ein Gewitter von Schweigen um mich gezogen war, und ich, was der Franzose je restois court nennt, bleiben mußte. Das erschrak auch sie, dieses Aftergebilde, – sie ist außer der Natur, ein Zauberkind hat sich an ihr versucht – und sie setzte noch etwas in Worten drauf, was ich Ihnen nur als acteur nachmachen muß. Was alle diese, ja beinah krankhaften Stupiditäten von dieser Abscheulichen so in mir in Bewegung setzt, das sind ihre Gemeinheiten und schlechte Gesinnung, die sie affectiert, pomphaft und gewichtdumm zu Markte brachte. Ohne Ahnung eines Geistes, der es gewahren, einer Seele, die es verabscheuen muß. Nein, die Weiber sind zu schrecklich. Schaffen Sie mir doch eine, die ich lieben kann! Alles dies ist nur reiner Ärger, das Wesentliche kommt nun erst. Sie werden wissen, daß B[arnekow]s Duell gut für ihn und ehrenvoll abgelaufen ist; er kam also mit seinem Sekundanten gestern Vormittag zu mir, ohne mich zu treffen. Ich sah sie nachher auf der Straße und bat sie zu heute Abend, weniger könnt' ich nicht tun. Graf Egloffstein kommt, auch Herr von Quast, Madame Herz hatte ich vor ihrem Debit auch gebeten, das mußte ich Sie wissen lassen, damit Sie nicht in solche Gesellschaft unverhofft plumpen. Böse bin ich genug, daß Sie so ein alter Mann sind, daß man von so etwas prevenieren muß. Heute ist es aber doppelt nötig, da ich Herrn von Scheibler gar nicht kenne, und Sie nur beurteilen können, wie dgl. auf ihn wirken kann. Frau von Grotthuß vergessen Sie doch nicht. Adieu! Wie war die Herz schrecklich, vielleicht lass' ich ihr absagen. Nämlich sie kommt nicht gewiß und will mir einen Gast, den sie bekommt, mitbringen; aber darüber hab' ich mich anders besonnen, das will ich nicht. Bringen Sie ein Federmesser mit! R. R. Durch den persönlichen Verkehr Rahels und Marwitzens stockte der Briefwechsel: nur einzelne kleine Blättchen sind handschriftlich vorhanden. Jedoch muß ein Brief der Rahel diesem vom 27. Febr. vorangegangen sein, der verloren ist. – Hier zum ersten Male offenbart sich der Zwist zwischen Rahel und Henriette Herz in seiner ganzen Schärfe, die zu Ungunsten der ersteren ausschlägt. Aus dem Verkehrskreise der Rahel treten neue Namen hervor. – von Barnekow war Offizier, später Major im Ersten Garde-Regiment. – Graf Friedrich Leopold Egloffstein , Geh. Regierungsrat und Kammerherr. – von Quast , Geh. Staatsrat. – Frau Sara von Grotthuß , geb. Meyer, stand in Berlin inmitten des literarischen Kreises, und trat, als sie in Dresden lebte, mit Rahel in Briefwechsel.– – Geh. Oberjustizrat von Scheibler war ein Freund der Familie Schede. 7. Rahel an Marwitz. Dienstag [d. 26t. März 1811] Mitternacht. Das fehlt nur noch, daß Sie den Tag zwei Mal zu mir kommen, ohne mich zu finden! Sie können mir ohnehin mit einem Male verschwinden, alle Tage wegreisen, und wo find' ich Sie dann wieder? Diese Angst verläßt mich nie, und nun teile ich sie Ihnen endlich mit. Allen meinen Göttern habe ich es gedankt, Sie im Theater nicht neben mir zu haben. Das hätte ich nicht ausgestanden. Hätten wir aber einen bequemen, guten Platz gehabt, so hätten wir doch des Amüsements und Redens und Bemerkens genug gehabt. Bei Madame H[erz] dankt' ich wieder meinem Gott, daß Sie nicht da waren. Es war eine von den stummen Seancen, und Ihr Ennui kann ich nicht dulden. Kopfschmerzen, sagte man dort, haben Sie; das kenne ich bei Ihnen gar nicht. Und wie ich hier ankomme, sagt mir Dorn wieder, Herr von M[arwitz] sei hier gewesen, und das um halb zehn! Es war mir in der Seele lieb, daß Sie mich suchten, aber wieso glaubten Sie mich zu finden? Harscher war recht freundlich und bemüht und gut; ich blieb am Ende mit ihm und Madame H[umboldt] etwas allein; sie war auch gut, und mit H[umboldt] habe ich mich engagiert zum Spazierengehen. Nach 12 Uhr, du midi, holt er mich morgen ab. Ennuiert Sie das? Oder wollen Sie mit? In jedem Fall muß ich Sie sehen! Gute Nacht! Mein Herz ist rasend aufgeregt! Ganz nächtlich, durch sich und Gespräche mit Harscher. Adieu. Rahel. 8. Rahel an Marwitz. Sonnabend Abend um 8 Uhr, d. 27t. April 1811. Ich will Ihnen auch noch schreiben, solange sich unsere Stimmen, unsere Augen erreichen können. Aber seien Sie Einmal der Ehren und antworten Sie mir. Übernatürlich litt ich heute und betrug ich mich. Erstlich hatte ich geschrieben, das macht mich immer krank. Das Wetter war erdrosselt, ich auch. Meine Leiden alle waren aufs äußerste gekommen, so daß ich zu einem und zu keinem angenehmen Entschluß kam. Dann war es nach Tisch, wo ich immer in Fieberbewegung bin, dann bin ich gewöhnlich unpaß, aber von einer Unpäßlichkeit, die mir auch Fieber giebt. Dann – wollt' ich endlich, vielleicht in der letzten Zeit für dies Leben mit zwei Augen, mit Ihnen allein sein, hatte die gemäßenen, bestimmten, strengen Befehle dazu gegeben und mußte auf eine stupide, müßige, stumpfe und ärgerliche Art mich stören lassen. Dem Wahnwitz war ich nah, und all mein Vorrat von respect lmmam mußte mich zwingen, gegen H[arscher] höflich zu sein. Das Mädchen hätte ich gradezu draußen morden können. Und auch H[arscher], der nichts merkte und so müßig klügelte, ja müßig. Denn dumpf war ihm, doch unheimlich, nur sagen kann er doch was. Und drei sind fast nie gut zusammen. Also, morgen essen Sie bei mir und allein. Und richten Sie sich dazu ein. Und ist's trocken, so gehen wir [Lücke] oder vorher. Nur Antwort, Herr von Marwitz! Für vier Groschen hat man in allen Häusern einen Boten! Ich bin und schreibe bei der G., wo ich dieses Billet zweimal anfangen mußte, den ersten Anfang streiche ich aus. R.R. 9. Rahel an Marwitz. Sonnabend d. 4t. Mai 1811. Goethe hat geschrieben, Frau von Grotthuß Goethes Brief an Frau von Grotthuß datiert vom 17. April 1811. und Robert möchten doch dafür sorgen, daß Wolffs den Beifall in Berlin erhielten, den sie in Weimar so sehr erwürben. Wir beide können nun nichts von ihnen sehen als heute von ihm den Mortimer. Gestern vergaß ich's Ihnen zu sagen, – ich bitte Sie, lassen Sie's geschehen! Die Bethmann spielt einzig die Maria, obgleich ich mir aus dem Stück nichts mache, so werden wir doch von ihr und W[olff] genug abzusehen haben. Wundern Sie sich über meinen zudringlichen Geiz mit Ihnen nicht. Wer weiß, ob und wann ich Sie wiedersehe, und kein Mensch haßt den Tod mehr als ich. Ein Freund, abgetrennt von uns, nimmt Stücke Leben mit. Lassen Sie uns aber ja allein gehn, nämlich ohne H[arscher]. Ich schrieb Ihnen, damit Sie sich einrichten können. R.R. 10. Rahel an Marwitz. Sonntag Vormittag im hellsten Sonnenschein, d. 5t. Mai 1811. Sie sind nun im dicksten Frühling, das denk' ich mir. Hundertfälliges Grün, geputzte Blüten, alles empfängt Sie und weht Ihnen Juni-Gedanken an, das tut der Mai, leichtere Schatten präsentieren sich schon. Ob ich es Ihnen gönne! und sollte ich unterdes eingesperrt sein. Und doch ist es mir, als raubte man Ihnen von dem Genuß, weil ich nicht zu sehr wie Sie genieße, kein Wort höre. Gestern war ein verdutzendes Wetter, und den ganzen Tag beleidigte es mich, daß es Ihr Reisewetter sein mußte. Wie ganz anders wäre Ihnen das Entkommen aus der Stadt bei einem lieblichen Wetter wie heute vorgekommen. Ich rechnete mich zu Tode, den ganzen Tag, wie das ist. Als ich nach elf Uhr von Madame Frohberg ging, könnt' ich durchaus keine Gewißheit in mir bekommen, daß Sie schon zu Hause sind, weil man immer später abreist, als man aussetzt. Wie ich aber zu Hause war und es halb zwölf wurde, war mir mit einem Male, als wären Sie nun bei sich. Es regnete um diese Zeit nicht; der Mond leuchtete, obgleich seine Scheibe nicht zu sehen war, über die ganze Straße, der ganze Markt, die Stadt roch nach Bäumen wie ein Wald, kurz der Geruch, nach dem Sie immer im Tiergarten frugen. Herr von Quast führte mich – er war mit mir aus der Komödie gegangen, wo er mich besucht hatte, und ich schleppte ihn mit zur G. – Robert ging neben her; Quast fing zuerst an, welch göttlich Wetter, nichts ist schöner als solcher Abend; – es schlug eine Nachtigall seliger, stiller, wenn dann eine singt, – überhaupt war der gestern sehr mild, sanft, zart, sittig; die vornehme Gesellschaft tut ihm gut, auch, glaub' ich, liebt er wieder. Ich lobte den Baumgeruch, und so kamen wir an. Ich blieb mit Robert allein und machte bald ein Ende. Nun kommt der Steckbrief von Wolff, in dem dieser stecken sollte, welches nun umgekehrt ist, und da Sie schuld sind. Sie es auch entschuldigen müssen! – Sehen Sie, wie Jean-Paulsch man wird, wenn man nicht schreiben kann, und nur etwas Witz stellt sich ein. Mein tiefster Ernst. Ich kam natürlich, wie wenn man allein geht, und niemand auf einen wartet, zu spät nach Möllendorffs Loge. Und im Korridor hört' ich schon eine mir unbekannte Stimme sehr theatralisieren; das Aufeinanderfolgen der Scenen war mir nicht gegenwärtig, und stutzend dacht' ich, wenn er das nur nicht ist. Ich trete ein, und Maria ist auf der Bühne mit Mortimer vor sich. Ich erkenne W[olff] und sehe zu aller erst eine verdrehte Bewegung des Unterarmes und der Hand (aus der er auch nie herauskommt). Auch mit den Fäusten und Beinen weiß er sich bei weitem nicht so gut zu behelfen als unsere Acteurs. Worüber ich aber ganz ernsthaft und fast traurig in der Seele ward, ist, daß ich mir durch ihn vorstellen muß, das W[olff]sche Theater ist nicht besser als unsers, aber vielmehr, wenn es auch in manchen Stücken besser ist, so hat es doch unsere Fehler; diese Fehler aber sind mir die allergräßlichsten, und erst seit den guten Stücken mit den demonstrierenden Versen bei den mittelmäßig steifen Gemütern der gewöhnlichsten Sujets beim Theater Mode geworden. Dieser große und alle Wahrhaftigkeit und Schönheit des Spiels aufhebende Fehler besteht darin, daß die Mimen den Zustand der Personage, die sie darstellen, nicht aufgefaßt haben, sich nicht angeeignet haben, sich ihn nicht anzueignen vermögen. Sie wissen nicht, sie fühlen's nicht, wie die Großen unter ihnen, daß Worte Phrasen, nur Behelfe sind, um Gemütszustände von sich zu geben, nichts als ein Bild dieser Zustände; und Bilder selbst, nur charakteristischere, Zeichen des Bestrebens nach Ausdruck. Pomphaft und überverständig trennen sie dem Dichter jetzt ein Wort vom andern, führen dies, so zu sagen, einzeln seinem gröbsten Verständnisse nach auf und wollen dem Autor nachhelfen. Dann und wann denken sie sich aus, wie man etwas machen müsse. Und das ganze Studium dieser Kunst besteht nur darin, aufs pünktlichste zu wissen, was man nicht machen darf. Durchdrungen muß der Schauspieler vom ganzen Stück sein, jede Rolle, jede Zusammenstellung wissen und kennen, muß vom Himmel die Gabe haben, Zustände zu fassen und auszudrücken, das Letztere ist eine rohere, äußerere und allgemeinere; wenn er dann nicht tut, was er nicht darf – und diese prohibierenden Gesetze aus allen Gegenden des rechenschaftgebenden Geistes zusammen hat – und sich freies Spiel läßt, so werden wir Gutes haben. Unsere jetzigen Acteurs aber wissen von keinem Stück, keinem Dichter, keiner Stimmung, keinem menschlichen Zustand und ennuieren mich bis zur Nervenkrispation. Auch Herr W[olff] nahm jedes Wort wie unser Stich einzeln und bekam nie die Rolle zusammen. Seine Stimme ist nicht schlecht noch unangenehm (das R spricht er scharf, also tragisch), aber sie ist sich nicht gleich und drückt nie jemanden aus, der aus einem Punkt der Seele heraus lebt, sondern nur einen Menschen, der bald von einer, bald von einer andern großen Idee oder von solchen Menschen erfaßt sein kann, folglich kann er nichts Bewundernswertes, nichts Verehrungswertes – solchen Menschen nämlich – darstellen; gewiß mancherlei romantisch Anziehendes, Bemitleidenswertes, wenn er nach Charakteren und nicht nach Worten spielen wird. Ich habe eine Ahnung, daß er Lieder und dgl. in tollen Reimen und Versen gut sagen kann, wie das Pagenlied, welche von Schiller und sehr vieles von Shakespeare. Wo er vague bleiben kann und anklingen an ganz fantastischen allgemeinen Zuständen der außermenschlichen Dinge und auch solcher fantastischen Gemütszustände, kann er wohl sehr gut sein, das glaub' ich; durch seine Augen, die man im dritten Range sieht, durch ein adliges Gemütswesen, welches ihn sogar während des schlechten Spiels bemeistert, und weil er so, wie es nur reimte, ungewöhnlicher, fantastischer, in weiteren Kreisen, und allgemeiner wurde, gleich gut wurde und ein Schönes in den Sinn brachte. So viel, weil er von Weimar kommt, wo der künstlerischste Deutsche lebt, von dem ich hoffte, daß er ganz Kunstwidriges in seiner Nähe nicht aufkommen läßt, ja tötet, mit Macht und Wache, bei seinem Einflüsse. Es muß doch nicht gehen, und das ist es, was mich so ernst über unsere deutsche Kunst machte und diesen langen Brief veranlaßt. Sind Sie darüber mit mir einverstanden? Und vergeben ihn mir? Ich meine, sehn Sie ein, wie er entstanden ist? Ihnen mußt' ich ihn doch schicken. Sie werden noch mehr, noch viele Klagen mit mir haben. Mademoiselle Beck spielte die Elisabeth göttlich. Sie unterschrieb stumm, allein, wie Elisabeth selbst. Die Bethmann hatte sehr schöne Momente, spielte aber zu Anfang heftiger als sonst. Ich ging gestern, wie Sie weg waren, gleich aus, nun wieder. Frau Frohberg , Rentiere, die in der Markgrafenstraße wohnte, war eine Freundin der Rahel. – Pius Alexander Wolff , Goethes Lieblingsschüler, war später in Berlin engagiert. Seine Frau Amalie, geb. Malcomi, besonders in tragischen Rollen Schillerscher und Goethescher Dramen sehr geschätzt. – Der Schauspieler Stich war der spätere Mann der nachmaligen Frau Crelinger. – Henriette Hendel-Schütz , Friederike Bethmann und Mademoiselle Beck , als Tragödinnen, letztere beide auch als Sängerinnen sehr gerühmt. – Frau G. ist nicht mit Sicherheit zu identifizieren. – Der alte Generalfeldmarschall Graf zu Möllendorf , unter Friedrich d.Gr. bekannter Heerführer, lebte noch damals unvermählt in Berlin. 11. Rahel an Marwitz. Dienstag Vormittag um elf Uhr bei trübem, kühlen Wetter, d. 7t. Mai 1811. Schreiben Sie mir auch immer die Stunde und das Wetter. Ich bin sehr zerstört, weil Robert gestern debut en blanc bei Marcus Diner (wo er aß) vor allen Hausgenossen mich atroce beleidigte und kränkte. Sehr unzeitig, weil ich ihm gar keine Gelegenheit gab; wahrlich niedrig, weil er sich es gegen niemanden in der Welt als gegen mich unterstehn würde; gemein, weil er von meinem losen Maule sprach, wovor sich die ganze Stadt (?) und die ganze Familie fürchtet; unvernünftig, weil er unser ganzes Verhältnis aus den Augen setzte und anders darstellen wollte. Aber höchst umbringend, assomierend für mich, weil er zu ungemessen sich in der Familie Gegenwart so auszudrücken wagte, daß ich deutlich sah, wie ich bei ihm stehe, und was sie von mir denken und sagen. Traurig, weil ich diesem Sein ausgesetzt bleiben muß ohne Rettung, und man gegen mich noch die Moralischen spielen kann, eben weil ich gestellt bin, daß sich niemand meiner annimmt, als ich selbst. Deutlich fiel es mir heute Morgen ein, daß sie mich eigentlich so ansehen wie der Köhlerjunge das Mädchen von Orleans, und ich auf eine gemeine Art untergehe. Ich schreibe Ihnen diese ekelhaft traurige Geschichte, weil sie mir vor der Seele steht, und weil ich die Art von Stimmung verloren habe, die dazu gehört Ihnen Madame Wolff zu beschreiben, die ich nach meiner Katastrophe die Jungfrau spielen sah, und es doch tun will. Ich aß nach vielen herben Tränen gegen fünf, mußte mich niederlegen und ging nach sechs Uhr in Möll[endorfs] Loge, wo ich glücklicherweise allein war. Ich fand wieder Madame W[olff] auf dem Theater, allein im Monolog, wo sie den Helm bekommen hat. Das Erste, was mir auffiel – und ich wußte mit dem ersten Blick auch, daß sie schlecht ist –, war das R durch den Hals und eine Stellung, die ihr beinah ununterbrochen das Ansehn giebt, als wäre eine Hüfte schief, so streckt sie sie hinaus ohne Grund. Die Natur hat nicht an Tragödie noch an irgend etwas Hohes gedacht, als sie gemacht wurde. Es ist Frevel, dergleichen auszusprechen, ich bin aber gewiß, die Frau ist gemein und gering. Sie sieht abgetragen aus im ganzen, kann sich nicht einen einzigen Augenblick einen anderen Anstand noch Ausdruck geben, als wie schlecht gereiste Damen aus der Provinz oder Sängerinnen vom dritten, vierten Schlage haben. Man kann nicht sagen, daß sie garstig ist, aber alles an ihr ist ruppig, so auch ihr Haar, und nie sah ich so hervorstechende Backenknochen unter den Augen; auch bilden sich diese dadurch ganz fremdartig, und, wie ich es auch noch nicht gesehen habe, sie sind in so großen, sonderbaren Höhlen, daß, sieht sie nur mindestens hinauf, nur Weißes zu sehen ist, das ist etwas zur Furcht. Dabei ist sie immer nicht häßlich. Ihre Stimme ist gering, von wenig Umfang, keiner Kraft, ohne alle Innigkeit. Ich mache mir sonst nicht viel daraus, ihr Fuß aber ist unangenehm groß. Eine theatralische Unart hat sie an sich, die mir in guten zehn oder fünfzehn Jahren gar nicht mehr vorgekommen ist, die aber eine Ausflucht aller schlechten Acteurs war und ist, wie ich sehe, und bleiben wird. Nämlich, ich weiß nicht, ob Sie es kennen, wenn ich es Ihnen nicht vormache, es ist bei einem Übergange von einem Seelenzustande in den andern oder auch nur bei abwechselnder Vorstellung oder gar nur bei Punkten in der bloßen Rede, ein gewisses schluchzendes Atemholen. Kennen Sie das? Die gemeinste Unart und Manier der schlechtesten Anfänger auf den schlechtesten Theatern. Wie aber Goethe [diese] Unart duldet, das ist mir das Rätsel, welches ich nicht verstehe. Solch R und solch Schluchzen und solche Hüsten z. B. Und daß sie in einer förmlich weißen battistmusselinen Chemise mit inwendig noch einem Pausch und unten einem Falbalas als Hirtin vorkommt und bleibt. Eine Schärpe wie eine Thee-Dame von demselben Zeuge, an jedem Rande entlang mit kirschbraunem schmalen Band eingefaßt. Rotbraune saffiane Pantofflen dazu an, wie sie sich die Dienstmädchen auf dem Jahrmarkt kaufen. Was soll ich davon denken? Was nur Möllendorf, der zuletzt kam, sagte: »Ich sehe nun, daß Weimar wenig Feuerstellen zählt.« Sie werden mir glauben, daß ich es sah – und gesehen hätte, wenn ich es auch nicht gewußt hätte –, daß ihr alles eingelernt ist. Steif machte sie es nicht, aber so dürftig, so gleich hinterher, wo die Lektion abbrach, so nichts! Sie fiel einigemal gut und inaugierte die ganze Rolle mehr, als ich es je sah, aber dies kam, weil man es ihr erstlich gesagt hatte, und weil sie sie wie eine Madam nahm, die sich noch eine Menge Kleinigkeiten dabei und zerfallene Details denkt. Sie hatte ewig bis auf die gelernten Momente einen Visiten-Anstand. Sie betete aber besser, als man glauben konnte, mit etwas stärkerer Stimme, als zu erwarten war, war aber äußerst schlecht angeschlossen und sprang miserabel aus den Ketten. Starb ziemlich gut, eingelernt, wie ein wahres Kind gegen die Schütz. Sie wurde aber doch Gott Lob heraus gerufen, und das aus wahrer Ehrfurcht vor Goethe. Das freut mich sehr . Da er nicht vergöttert wird, muß er mit Unrecht befehlen, richten können, verehrt werden. Die Applaudeurs sagten deutlich: Goethe fei ihr Orakel . Sie sagte: »Wenn Ihnen mein schwaches Talent nur den geringsten Teil der Freude gemacht hat, die ich jetzt empfinde, so bin ich sehr glücklich!« Heute seh' ich sie zum Thee bei Frau von Grotthuß, wo sie sich wahrscheinlich als Hirtin anziehen wird – er, Herr W[olff], wird dort, weil es Goethe sagte, den Prometheus, »ein etwas obstruses Werkchen von mir«, vorlesen. Davon schick' ich Ihnen Freitag die Rezension mit Müllers Buch und Xenien von Robert. Sie schreiben mir »in meiner Wüste«. Ihr Dasein, Ihr Andenken stellt mir viel vor. Ich sag' Ihnen nicht alles, was. Als Kriegerin hatte sie einen schlechten Panzer und Schuhe hoch auf dem Spann von goldenem Zeug, das aussah wie Goldpapier. Harscher kommt nicht zu mir. Adieu! R. R. Marwitz, dieser große Brief! Macht es Ihnen nichts? 12. Rahel an Marwitz. Donnerstag Mittag um drei, d. 9t. Mai 1811. Heute, jetzt, mein teurer Freund, grüße ich Sie nur, obgleich ich Ihnen viel zu schreiben habe und hätte und seit den ganzen zwei Tagen in Gedanken geschrieben habe. Alles richt' ich an Sie. Gestern Morgen war Nanny lange bei mir, nachher Madam Schleiermacher, Nachmittag Harscher, mit dem ich in Bellevue war. Er blieb auch den Abend bei mir, erweichte sich nach seiner Art. Die Art besteht aber doch darin nichts zu fühlen, was vor ihm ist, mich auch nicht. Doch, sagte er, ich täte ihm wohl. Jetzt leb' ich fast nicht vor Erschöpfung – Nerven-Irritation. Sehn Sie meine Handschrift! Alle Tage werde ich schwächer, jedoch komme ich oft in göttliche Zustände. Ich werde es versuchen sie deutlich zu machen. Sehr komisch mußt' ich's finden, als mir Harscher sagte, Sie kennen Wolffs. Und nun ich mit meinem großen Brief. Es tut mir nicht leid, Ich besuchte Madam W[olff] heute Morgen und Frau von Grotthuß, habe eine Menge Sachen besorgt und Madam Bethmann bei mir gesehn. Nun muß ich essen und ruhn, Wolff in einem Lustspiele sehn. Künftig der Bericht von diesem Spiel und dem Grotthuß'schen Abend. Der Mann gefällt mir, und morgen, wo ich mit ihm bei Madam Bethmann bin, will ich ihm sehr die Cour machen. Auch die Frau habe ich schon sehr getröstet, die von Berlin decontenanziert ist. »Mir wird wieder wohl, seit Sie hier sind«, sagte sie mir diesen Morgen und wollte mich nicht weglassen. Ich bin wieder wie die Jungfrau! Ich, die all dies Herrliche vollbracht, wie ist mir? Sehr wunderbar, Marwitz. Mühsam, geplagt, nicht aber schlecht. Und wie schätze ich, wie empfinde ich, was ich habe, und was ich lieben kann. Sie schreiben mir. Adieu. Gott, wie ist das Grün, wie zauberartig, verzaubert oft die Stadt. Wären Sie nur bis heute hiergeblieben, das mit Ihnen zu sehn! Von Schleiermachers und allem künftig. Adieu. Madam Schleiermacher frug mit großer Liebe nach Ihnen, auch Nanny weiß Sie mehr zu lieben, als ich dachte. Gleich liierte ich mich mit ihr, sie war ganz klug. Sie wollen mir Bettina bitten, denken Sie! Nanny Schleiermacher , die Halbschwester Friedrich Schleiermachers. – Henriette , dessen Frau, geb. von Mühlenfels, verw. gewesene von Willich: über ihre Beziehungen zu Marwitz siehe Brief 23. – Bettina Arnim verkehrte nicht oft bei Schleiermachers. 13. Marwitz an Rahel. (Friedersdorf d. 12t.-14t. Mai 1811.) Friedersdorf bei Küstrin, das Gut von Marwitzens Bruder. Sie wollen Nachrichten von mir, liebe Rahel, und ich will sie Ihnen geben, so gern ich sie zurückhielte (warum, wird Ihnen bald klar werden). Fa, meine einzige Freundin, der reichste, der glühendste Frühling umgiebt mich, und der Juli hat sich mit dem Mai vermählt, gewaltig heiß sind die Tage und doch durchhaucht von kühlenden Lüften, die von den glücklichen Inseln zu kommen scheinen, solch eine Flut von Duft und Wohlgeruch tragen sie bei sich, und in all dieser Pracht und Herrlichkeit geh' ich umher, verschlossen, bang und von wilden Gedanken abgejagt. Halb wie Werther komme ich mir vor und halb wie Harscher. Es wird mir immer klarer, daß ich die Tapferkeit nicht habe, die sich im Dulden bewährt, den ruhigen Gleichmut nicht, der bei großen Ansprüchen nötig ist, um sich durch das Leben hindurch zu kämpfen. Ich bin mit den edelsten Anlagen ausgerüstet, und hätte mich eine volle Woge des Glücks ergriffen, so würde ich etwas sehr Ausgezeichnetes geleistet haben, wohin immer sie mich getrieben hätte. Nun aber habe ich dabei eine zitternde Leidenschaftlichkeit, jeder Angriff auf meine Person rüttelt mein ganzes Wesen auf und bringt es dem Wahnsinn nahe. Auch das hängt mit dem Besten zusammen, ich kann die Berührung des Gemeinen nicht dulden; aber (und das ist der faule Fleck in mir) ich kann es auch nicht verwehren, wo ich soll, und ich kann es nicht mit Besonnenheit abwehren, sondern nur mit Wut. – Dienstag. Ich schrieb Ihnen dies vorgestern Abend, liebe Rahel, und mußte abbrechen, weil es spät war und ich sehr müde wurde. Jetzt ist es zehn Uhr morgens; das Wetter warm und windig. Ich sitze in einem großen Zimmer des ersten Stocks, mit der Aussicht nach Abend und Mitternacht, Kastanienbäume blühen vor meinen Fenstern, daneben links und rechts neu angelegte Boskette, rechts über das Gesträuch hinaus grüne Saaten, gelbe dazwischen ( ihr Raps), endlich am Horizont weit entlegen blau schimmernde Wiesen und Wälder. Vor mir zwischen den Kastanien die Aussicht auf einen Teich und jenseits desselben auf das Dorf. Das Zimmer ist hoch und weit, von dicken Mauern eingefaßt, die Tapete blau und weiß gestreift. Zwischen den beiden Fenstern ein großer Spiegel mit goldnem Rahmen und ein altmodischer prächtiger Tisch, mit grauer Marmorplatte und weißem Gestell, woran die Leisten vergoldet sind; ein ähnlicher zwischen dem ersten Fenster und der hohen Tür, ein dritter (breit und zum Schreiben) in das zweite Fenster hineingeschoben; an diesem schreib' ich. An den drei Wänden hängen drei große Gemälde, das eine (ein sehr schönes) meinen Urältervater vorstellend, der zu seiner Zeit (gleich nach dem Dreißigjährigen Krieg) ein überaus tüchtiger Kriegsmann war. Er steht vor einem dunklen Felsen, von Kopf bis zu Fuß geharnischt, den Kommandostab in der Rechten, ernst und streng vor sich hinblickend; hinter ihm auf einem Vorsprunge des Felsens liegt sein Helm mit hohem Federbusch; rechts neben dem Felsen öffnet sich eine weite, vom Abendrot erhellte Gegend, worauf ein Reitergefecht. Von den zwei andern Bildern stellt das eine einen Heiligen dar (nicht ohne Sinn), schön koloriert, er sitzt begeistert, mit ausgebreiteten Armen zurückgelehnt an einem Fels, den einen Fuß stützt er auf einen Adler, hinter ihm ein Ungewitter, das andre einen General aus der Zeit Friedrich W(ilhelm) I. (mildes frohes Gesicht, sonst unbedeutend). – Da ich einmal so tapfer ins Beschreiben hineingeraten bin, so sollen Sie nun auch gleich von dem ganzen Haus und seiner Umgebung hören. Es liegt im Garten, der aber größtenteils neu angelegt ist, so daß man fast allenthalben hindurch sieht, es hat dicke Mauern und ist ungewöhnlich hoch (die Zimmer im ersten Stock sowohl wie im zweiten haben 18 Fuß Höhe), auf die zwei Stockwerke ist ein mächtiges Dach gesetzt, das nach vorn heraus einen Erker hat. [Folgt eine Skizze des Grundrisses.] So ist das Haus. Jede Tapete, jedes Gerät müßte ich Ihnen beschreiben, wenn ich Ihnen recht anschaulich machen wollte, wie es in seinen großen Gemächern und Sälen eine vollständige Familien- und Zeitengeschichte aufbewahrt. Überall wandeln Geister der Vorfahren. Auch für meine Geschichte ist es der feste Punkt, zu dem sie epochenweise zurückkehrt. Sie wollen mit Fragmenten zufrieden sein, liebe Rahel. So nehmen Sie denn diese hier. Mehr und Besseres kann Ihnen mein beunruhigtes, zerrüttetes Gemüt nicht geben. Die Natur heilt mächtig an meinem Leibe. Täte sie es nicht, so müßte ich längst in den heftigsten Fiebern liegen. So aber schreite ich wohl ein wenig vorwärts zur Gesundheit. Ich hätte sie längst wiedergewonnen, risse nicht eine unselige Gewalt in mir die eignen Wunden immer wieder auf. Adieu, liebe R. Ich freue mich darüber, daß Sie zuweilen in »göttliche Zustände« geraten. Ihre beiden Briefe habe ich erhalten; antworten Sie gleich. A. Marwitz. Friedersdorf d. 14t. Mai [18]11. 14. Rahel an Marwitz. Berlin, Donnerstag Abend nach halb elf, d. 16t. Mai 1811. »Mehr und Besseres kann Ihnen mein beunruhigtes, zerrüttetes Gemüt nicht geben.« Diesen Schreck muß ich von Marwitz haben, das von meinem geliebtesten Freund erleben! Wie oft könnte ein von Wunden zerrissenes Herz heilen, genesen, zum Leben berührt werden in seiner Not; von einem einzigen Blicke, von einem Worte, von einer Bewegung, einer Inflexion der Stimme des geliebten Menschen, auf den der Ringende harrt, nicht aus Schwäche, aus Menschenelend harrt und harren muß. Vergebens! Nicht Blick, nicht Wort, nicht Ton kommt zu uns, wir verschmachten, vergehen, leben nicht , und Welt und wir selbst manchmal wähnen uns getröstet. »Die Menschen verstehen einander nicht«, sagt Werther. Sogar die Jammertöne werden nicht erkannt, die aus eines jeden Brust geschlagen werden, vom andern nicht! Dies ist wahr und schrecklich! Das andere Schrecknis besteht darin, daß wir auch nicht heilen, nicht helfen können, wenn der von uns Geliebte leidet! Wir verstehen ihn ganz; sein Leid reißt in unserer Brust, und einsam ist er, einsam sind wir. Diese Klause, worin jede Menschenseele haftet, und wo Liebe dann und wann Leben und Leben vermählt, wie Licht, vom Himmel geschenkt nur, hinüber trägt, – dies ist der Graul, wovor der Mensch erstarrt (des Denkers Geschäft in Gebet übergehen muß), und ich verzweifle. Mit mir ist es aus. Sie erscheinen mir, den ich lieben kann. Jung und gut dotiert, wie ich es nur wünschen mag, stehen Sie vor mir; ich lerne Sie auch genau kennen. Sie erkennen mich, ich bin Ihre Freundin; das Meiste und Beste der Welt, des Lebens sehen wir mit gleichen Augen, mit gleichem Geiste an; fühlen, sind überzeugt, jeder vom andern, daß er ein lebendiges, unschadhaftes Herz im Busen trägt; besitzen und lieben unsere fünf Sinne. Ich tröste mich – wie man sich an einem Kinde etwa trösten kann – eine ähnliche Natur in ihrem besten Vermögen, in ihren geheimsten, feinsten Nuancen [zu kennen], auf der Erde zu wissen, der es glücklicher gehn soll als mir; kurz, die Worte sind alle dumm und drücken plumpe Gedanken und Absichten und Verhältnisse und Regrets aus! – Ich kenne, durchschaue und empfinde Sie so, daß mein Glück und Ihr Glück Einen Strom geht! Sie wissen, ich halte nur auf Beieinanderleben; aber Sie sind der Erste, den ich nie wieder sehen, wieder hören noch besitzen will, wenn es Ihnen nur gut geht, wenn Ihre Natur mit ihren Bedürfnissen sich nur deployieren darf! Eins wissen Sie nicht, Marwitz, wie über alles zu fassende Maß dies bei mir viel ist. Wissen Sie dabei, daß Ihre Gegenwart mir wie das Auge der Welt geworden ist? Ich sehe Sie, auch wenn Sie nicht da sind; aber in die Augen sehe ich ihr nicht; ich weiß auch nicht, ob sie mich sieht. Ich habe viel geliebt, aber nie einen Menschen wie Sie. Und mußte auch mein wahnsinniges Herz mich bis zu den Grenzen meines eignen Seins reißen, so war mein Geist nie irre, und einem wirklichen Gegenstande war es aufbewahrt mich zu lehren, daß das Maß nicht in mir, sondern in ihm abgesteckt ist. (So habe ich Goethe geliebt in seinen Werken.) Von diesem Freund, dessen Wohlsein ein neues, anderes Lebensziel für mich werden müßte, hör' ich nun auch die trüben, zerstockenden Klagetöne, mit denen ich die Atmosphäre durchdringen müßte, und kann ihm gar nicht helfen . Fühlen Sie das? Begreifen Sie's? Das wollte ich Ihnen sagen, und so viel mußte vorhergehen. Einsam steht jeder, auch liebt jeder allein, und helfen kann niemand dem anderen. Halten Sie kein Wort, keinen Unmut, keine Stimmung zurück, beehren Sie mich damit, ich will Ihr Leben wie meines ertragen, doppelt leben ist ja schön; sowie es dem Menschen möglich ist, will ich es gerne annehmen, dahinnehmen. Auch weiß ich wohl, lieber Marwitz, daß solche Stimmung nicht permanent ist, wechselt, sich beim Schreiben an Intime mehr entwickelt, mehr aufbraust; ich weiß alles hierbei zu stellen, zu würdigen; es ist, als ob Sie zu sich selbst sprächen, sprechen Sie zu mir. Ich danke Ihnen für die Beschreibung Ihres Hauses; ich weiß, daß Sie sie zu Anfang für mich imaginierten, aber wie einzig richtig sah ich dadurch Ihren Zustand, Ihre Denkungsart und die Veranlassung zu den vielfältigen Stimmungen in der einen Grundansicht! Ich kann mir Vorfahren und alles denken (Sie wissen es), wovon ich entfernt bin, wenn es edel, wenn es natürlich, einfach und groß ist. Mir tut der Frühling auch vielfach weh. Ich kann nicht allein leben und bin es, nicht ohne Beziehung und habe keine. Reger und reger nur wird mir Sinn und Herz, bestimmter und schärfer der Geist; und dieser Frühling zaubert mir, zieht mir alle verflossenen durch's Herz, macht es mir erklommen still stehen vor Angst, vor allem künftig! Auch nur Worte! Gott weiß, wie bange, erstockende, zum Tode erstarrte, betrübte Momente ich durchfühlen, durchleben muß. Schreiben Sie mir nur! Wenn auch nur noch so wenige, noch so trübe Worte. Um sechs Uhr, als ich mit Fanny zu ihren Eltern nach dem Tiergarten gehen wollte, kam Harscher; ich hatte soeben Ihren Brief erhalten und las ihn; er bat mich Sie freundlich zu grüßen. Ich zeigte ihm und zeige ihm Ihren Brief nicht. Er brachte mich hinaus. Schedens sind hier, er hat sie noch nicht gesehen. Gute Nacht! Es war heiß, ohne Regen, und ist jetzt ziemlich kühl. Fanny Robert , später verehelichte von Lamprecht, Tochter des Bruders der Rahel Marcus Theodor. – Major im Garde-Kürassier-Regiment von Heister oder dessen Bruder, Major im Ersten Garde-Regiment, beide Söhne des Generals v. H. – Zwischen Harscher und Nanny Schleiermacher bestanden eine Zeit lang vertraute Beziehungen. 15. Rahel an Marwitz. Freitag [d.17t. Mai 1811] Morgen um halb elf, im dicksten Sonnenschein, die Laden nur ein wenig offen. Wenn Sie nicht geschrieben hätten: »Antworten Sie gleich«, so wüßte ich gar nicht einmal, ob Sie dergleichen Briefe von mir haben wollen, wo so alles darin steht, wie es an mir vorübergeht, wie ich darin wühlen muß, so wenig antworten Sie oder tun nur dergleichen. Diesmal haben Sie Recht; und dies eine hier angeführte Wort ist Antwort auf alles, was ich schrieb. Künftig aber forschen Sie auch ein wenig zu mir zurück. Lesen Sie Adam Müllers Buch z. B.? Ihr Haus gefällt mir ja sehr gut. Es ist sinnig und bequem eingerichtet und einzurichten gewesen. Darin könnte einem wohl werden; Sie müssen gut in den Zimmern schlafen, die dicken Mauern beruhigen und halten Hitze und Kälte ab. Sind die Kastanien dicht vor Ihren Fenstern, daß Sie sie anfassen können? Können Sie auf die Wipfel sehen oder gar drüber weg? Beschäftigen Sie sich? Können Sie arbeiten? Lassen Sie Ihrem Körper ja Zeit, Fortschritte zu machen. Dazu müßte die Seele erfrischt werden, und gesunde Seelen werden dies doch am Ende nur durch Menschen. So wie die bestorganisiertesten Gesundheiten am leichtesten leiden, so können nur dumpfe Seelen in Einsamkeit gedeihen. (Sehen Sie dies Schreiben! Ich schreibe mit einem Stück Holz, welches ich mit der Scheere zugestutzt habe.) Ich grüble mich zu Tode über Sie, bis ich Sie fertig habe. Was kann ein Mensch mit solchem Bewußtsein ausrichten, wie Sie es haben, ich möchte sagen, ein wissenschaftliches Bewußtsein, ausrichten. Sie können der Zeit nicht entfliehen. Es giebt nur Lokal-Wahrheiten, und die Zeit ist nichts als die Bedingung, unter welcher sie sich bewegen, entwickeln, leben, wirken. Alle bekannte Wesen sind darin streng gebannt, jeder Mensch in seiner Zeit. Unsere ist die des sich selbst in's Unendliche bis zum Schwindel bespiegelnden Bewußtseins. Und die größten Heldenanlagen, die wirkungsreichste und fähigste Natur muß austrocknen, vergehen, in Luft und Flammen aufgehen, wenn sie doppelt begabt, recht menschlich begabt ist, wenn ihr ein spekulativer, sinnender Geist zugesellt ist, ein scharfes, intelligentes Verständnis, eine zu bewegende Dichterphantasie, ein starkes, aber zartes Herz. Einem verstehenden Menschen ist in der zerstückelten neuen Welt, wo Griechen, Römer, Barbaren und Christen ausgehaust haben, nichts übrig als das Heldentum der Wissenschaft. Staatshelden, die erst vernichten und erobern sollen, haben und dürfen kein großes Bewußtsein haben. Sogar Staatsverwalter müssen den Kranken, den sie vor sich haben, talentartig, ziemlich empirisch und instinktartig behandeln. Auf eine andere Weise gebricht der Mut, und der Augenblick, mit allen Vorteilen schwanger, abortiert. Sie nun sind der Mensch mit den doppelten Gaben, mit dem zwiefachen Sinn, und wie geknebelt, erdrosselt stehen Sie mitten drin. Dies ist Ihr Unglück, Ihr Leid. Sie scheinen zu schwanken, und eine ausgesogene Welt ist es, die farb- und marklos um Sie her wogt. Ich spreche nicht wie alle Menschen von der armen französischen Revolution; die war schon da, eh' sie ausbrach. Zu zerrieben liegen die Elemente der Menschheit von den Jahrhunderten da, weil es der Staub der Trümmern ist, die Gottlosigkeit und Blödsinn geschlagen haben, nicht eine heilsame Mischung, durch frommes Beginnen und ehrliches Handeln erzeugt. Ist sie ganz in chaotischem Aufruhr, die Welt, so strebt der Geist hinweg nach dem Himmel; eine Religion bringen die Seufzer, die élans der Seele, von ihm herab; zweimal kommt sie nicht in gleicher Gestalt, und da diese für die Erde ist, ist auch keine ewige vorhanden; es ist auch jetzt eine neue Religion da. Mir ist sie verkündet, stark, in der Seele. Allein bin ich aber noch. Zu eitel sind noch meine Freunde. Die ganze Welt können jetzt nur die Schlachten umschaffen. Menschen gebäude lassen sich nicht aufführen, wehren kann man sich nicht, entfliehen auch nicht. Hütten aber und stille Anstalten sind zu treffen; dazu aber sind die Guten zu stolz. Einen Namen sollen ihre Taten, ihre Werke haben, nach Alexander, nach Moses, nach Christus sollen sie heißen. Es sind der Guten mehr da als je; seien sie gut, leben sie gut, leben sie noch, soviel als möglich; und dies für eine Tat angesehen ist viel möglich. Die Kolonie ist gleich da, nur ohne Projekt, nur das Allernächste immer gut gemacht; so sehr hindert keine Regierung, und hindern sie wirklich, die Regierungen, so ist es ja gut zusammenzusein, sich helfen, besprechen, sich da wissen, sehen. Kann einer sterbend die Welt, sein Land retten, ich rate es ihm, und wären Sie es. Geht es, nützt es? Das Grübeln über Rettung und die Zeit, die ambitiösen Versuche sind das Schlechteste. Leben, lieben, studieren, fleißig sein, heiraten; wenn's so kommt, jede Kleinigkeit recht und lebendig machen, dies ist immer gelebt, und dies wehrt niemand. Und von einer großen, immer größeren Vereinigung dieses wollender Menschen sollte nichts, gar nichts entstehen? Ein Wachstum solcher Vereinigung müßte alle rohen Anstalten sprengen, in sich aufnehmen. Aber dies hat keinen Namen, und es unterbleibt, oder es geschieht auch nur unbewußt; denn es geschieht allwährend . Aber die Braven, Sie, tummeln sich elend. Auch ich sehe Sie so, wie Sie sich mir mit wenigen Worten schilderten. Ganz sehe ich das ganze Sein und Tun Ihrer Seele, meine lehrt mich dies. Sie können »die Berührung des Gemeinen nicht dulden«; das sind ja die Strohhalme, die auch mich dem Wahnsinn nah bringen, mir alles Blut umwenden und die Besinnung rauben. Auch den »faulen Fleck« kenne ich. Sie müssen »das Gemeine verachten lernen«. Sie müssen das können. Sie müssen es absolut lernen! Durch Zwang, durch Gewalt an sich selbst ausgeübt erreichen Sie dies nie. Sonst würd' ich Ihnen, wie Hamlet seiner Mutter rät, sagen: Wirf den schadhaften Teil (des Herzens) weg! (wenn sie ihm sagt: Du spaltest mir das Herz). Durch Fleiß aber, durch unablässigen Fleiß und Anstrengung können Sie das Gemeine verachten lernen. Durch unablässigen! Ich kenne auch diese Krankheit und wehre sie mir ewig ab. Ein ununterbrochenes Untersuchen dessen, was gemein ist, rettet allein davon. Denn so unsinnig ist unser Inneres nicht, daß wir das Gemeine als solches lieben könnten und halten wollten; aber wir unterscheiden's nicht schnell und lassen uns meist von andern und oft von uns übertölpeln, und überschreien die ewige Stimme in uns. Habe ich Sie verstanden? Meinten Sie dies? so rotten Sie's aus; lassen Sie dies Ihr erstes und immerwährendes Geschäft sein, wo Sie's nur finden. Dies wird Ihnen auch die nötige »Besonnenheit« geben, es »abzuwehren«. Adieu für jetzt. Ich bin rasend echauffiert. Sonnabend Vormittag, d. 18t. [Mai 1811] halb 12. Ich schäme mich, da ich die beklexten Bogen vor mir sehe, daß ich Ihnen dies als eine ordentliche Sendung schicken soll, Sie es ordentlich aufmachen und lesen sollen, was ich so gut zurückhalten kann. Sprechen kann man noch so ungezimmerte Dinge, die Luft und das neutrale Ohr bewahrt sie nicht, aber dergleichen Phrasen und Perioden mit dicker Tinte bleiben unbescheiden. Vieles davon wünsche ich wieder zu Ihrer Kenntnis! Andrerseits schien es mir auch wieder zu präpariert und wie eine Toilette, wenn ich es besser zu machen suchte; mir war so, als ich schrieb, und Sie nehmen es als gesproch´ne Worte hin; da ist viel erlaubt. Warum bin ich entfernt von Ihnen? Schlechtes erzeugt Schlechtes. (Hier störte mich mein Schuster, und dann Heister, der zwei Tage in Potsdam war, und den ich aber nun doch employierte mir diese Kritzelfeder zu schneiden; jetzt steht er neben mir und schneidet ein Kouvert.) Ich habe mir jetzt angewöhnt abends nach dem Tiergarten zu Marcus zu gehen; da sah ich die Kinder; die Frau freute sich, die noch gar nicht aus dem Gehege kam, Marcus ist es auch lieb, es sind viel Blumen und Blüten und schöne Bäume da; hinten geht es nach dem Felde, ich bringe mit, wen ich will. Das Asyl ist artig genug. Jedoch geh' ich auch leicht nach andern Orten. Der Wald ist göttlich! – wunderbar schön. So dünkt mich hatten sich Laub, Zweige, Blätter Scheine und Farben nie. Alles so zauberartig! Und wahrhaftig, ich befinde mich doch nicht so prächtig. Mir bekommt, umgekehrt wie zeitlebens, die Hitze nicht, und ich bin schwer wie ein Gnom; in der Tat, kaum kann ich gehen. Auch darum wähle ich Marcus nahen Garten. (Nun geht Heister.) Hören Sie, lieber Marwitz? Sie schreiben mir, und gleich! Nun bin ich nur noch vierzehn Tage hier. Den 1ten fahre ich ab, dann ist es doch schwer Briefe zu haben. Sie wissen, wie die Töplitzer Posten gehn! Auch sind sie teufelisch teuer. Ich werde es aber immer so einrichten, daß meine Briefe an Sie aufs sicherste von Leuten bis Berlin an Nettchen mitgenommen werden, und daß diese dann sie selber nach der Post trägt. Wo Sie sind, muß ich ohnehin immer zu meiner Seelenruhe wissen. Sonst hilft aller Schwefel aller Quellen nichts. Da Sie es schrieben, hätte ich Ihnen gleich geantwortet, aber da wäre der Brief nur mit der fahrenden Post gegangen und vielleicht nicht früher angekommen. Auch hätte ich gleich nach dem Empfang schreiben müssen, aber das ging nicht. Mit diesen Reden will ich nur so viel sagen, daß Sie mir diesmal gleich antworten sollen. Zwingen Sie sich zur Jugend. Wenn Sie keine Hospitäler anlegen, so können Sie in der Wildnis Friedersdorf nichts Wohltätigeres tun. Madam Herz hat mir sehr freundlich und natürlich von Dresden geschrieben, in welchem Schreiben sie unter dem Namen M. der Koloß nach Ihnen fragt, Harscher aber wie ein Kind pflegen möchte. Harscher will heute zu mir kommen, er ist sehr verschleiermachert, fuhrt sie überall. Adieu. R.R. Karl Philipp Moritz , Schriftsteller aus der Aufklärerzeit, Reisen eines Deutschen in England 1783, Reisen eines Deutschen in Italien 1792/93. – Die Schwägerin M.s ist die zweite Frau seines Bruders Friedrich August Ludwig v.d.M., Charlotte geb. Gräfin Moltke , mit der M. 19. April 1809 sich vermählt hatte; sie war Hofdame bei der Königin Luise. – Die Nichte M.s ist die 1804 geborene Tochter seines Bruders aus erster Ehe Karoline Franziska . Sie ist zum Besuch bei ihrer Großmutter Sophia Brühl, geb. Gomm, Gattin des Generals Karl Adolph Reichsgraf von Brühl. – Honoré Graf von Mirabeau , Lettres originales écrites du donjon de Vincennes 1792. Essai sur les lettres de cachet 1782. – Bei Auguste Brede , Schauspielerin, wohnte damals die Rahel: sie war später in Wien. 16. Marwitz an Rahel. [Friedersdorf d. 19t. Mai 1811.] Goldne göttliche Worte, liebe Rahel: »leben, lieben, studieren, fleißig sein, heiraten, wenn's so kommt, jede Kleinigkeit recht lebendig machen, dies ist immer gelebt und dies wehrt niemand«. Ja ich weiß das; fernab sind mir längst alle Träume von Heldengröße und äußerer Bedeutsamkeit gezogen; führt mich das Schicksal dahin, wo ich in großen Kreisen zu wirken habe, so will ich auch das können; aber meine Hoffnungen, meine Pläne sind nicht darauf gestellt. Ich will nichts als das Rechte, Gute, Ewige, und das läßt sich in allen Formen darstellen und also auch in der lieben, himmlisch einfachen, die jene Worte aussprechen. Ich klage auch nicht über die Zeit; ganz dumm ist, wer das tut. Wenn das Herrliche im Gemüte gegeben ist, dann wird alle Zeit herrlich. Und worüber klage ich denn? Darüber, daß ich dem Gemeinen Gewalt in mir gegönnt habe, daß ich mich habe übertölpeln lassen durch pöbelhafte, nichtige Meinungen, so daß es mir zuweilen scheint, als ob sie sich krebsartig unheilbar in meine Seele hineingefressen hätten. Wie kann die Besonnenheit, die Sanftmut einem so ganz entweichen, wie mir zuweilen! Montag [d. 20t. Mai]. Sie werden es diesen Zeilen ansehen, daß ich ruhiger geworden bin. Ein Paroxismus ist vorüber. Ob er wiederlehrt? Es ist jetzt Abend nach einem drückend warmen Tage. Die Sonne steht vor meinen Fenstern hinter gelben Nebeln, und ein frischer Baum- und Blütengeruch weht durch die Luft. Ob ich arbeite? Nein. Ehe ich nach Berlin ging, konnte ich's und recht tüchtig, jetzt nicht mehr. Ich habe mich zu zwingen versucht, aber umsonst. Darum lass' ich mich jetzt gehen. Ich habe Philosophie treiben wollen, aber grade dazu gehört die religiöseste Ruhe, die frischeste Heiterkeit des Gemüts, die angestrengteste Sammlung. Sonnabend [d. 25t. Mai], Mittag ein Uhr. Heute habe ich zu baden angefangen. Ich fühle mich wunderbar dadurch erweicht, aber nicht schwach, und jetzt erst, nachdem ich lange gelesen, regt sich wieder ein leiser Schmerz im Gehirn, überhaupt hat mein Übel zwei Symptome. Zuweilen zieht es nach dem Herzen hinunter und äußert sich dann bald durch starkes Schlagen, bald durch ein ängstliches Zusammenziehn. Dann steigt es wieder hinauf nach dem Kopf, und wenn es nicht gradezu eine widerwärtige Dumpfheit hervorruft, so ist mir, als ob kleine trübe Wolken in dem Gehirn herumzögen und es leise zerrüttend bewegten. Ich lese jetzt ziemlich viel, aber sehr durch einander: [Adam] Müller, über den ich Anmerkungen niederschreibe. Er ist ein unechter lügenhafter Gesell, bei dem Echauffement die Stelle der Begeisterung und hin und her schweifende, gemeine Witzigkeit die Stelle des strengen Denkens vertreten muß. Alles liegt in seinem Kopf chaotisch neben einander, und nie wird er den Einen leuchtenden Punkt auffinden, der diese verwirrte Masse seiner Ansichten zu einem organischen Ganzen ordnen könnte. Dazu ist er zu faul und zu irreligiös. Und was für eine Unangemessenheit, welcher Tumult in der Darstellung! Wo man erwartet, daß er die Grundsteine seines Gebäudes legen werde, da schweift er ab zu allerlei Auseinandersetzungen, die darum unverständlich sind, weil sie ganz am Ende einer Reihe liegen, deren erste Glieder nicht gegeben sind. Wo er gründlich überlegen soll, da spaßt er, und wie unedel, unmilde, unsicher, wie pöbelhaft zuweilen. An Talent fehlt es ihm nicht, aber seines kleinlichen Gemüts halber dringt er nicht ein in den Kern der Sache, denn statt sich dieser zu ergeben, denkt er überall nur an die vornehme Rolle, die er vor Zuhörern und Zeitgenossen spielen will. Daher die Hohlheit und pfuschernde Unsicherheit seiner Ansichten, die Unzahl schiefer verfehlter und ganz nichtssagender Ausdrücke. Was sagen Sie zu dieser Phrase (S. 32): »Denn sie (die Idee) trägt die Seele aller Ordnung, den Mut des wahren Regierens unüberwindlicher in sich, als die eigne Lebensflamme.« Dieser Gegensatz! S. 2: »Wer vergleicht ihn (den Staat) mit kalten Steinmassen, die das Eisen erst regieren und formen und dann das Winkelmaß ordnen und führen muß.« Wie gefällt Ihnen das? Wenn er nichts anderes findet, um seine Perioden voll zu machen, so greift er ungescheut zu offenbarem Unsinn. Und in seinen Ansichten ist es grade eben so. Erinnern Sie sich unter anderm der Darstellung von dem Gegensatz des Begriffs und der Idee (worauf sein ganzes Buch fundiert ist)? Diese ist nicht bloß lose und ungründlich, sondern stellenweise eben so sinnlos, wie jene Phrase. Auch [Karl Philipp] Moritz lese ich (seine Reise nach England, jetzt die nach Italien). Er gefällt mir sehr wohl, denn er ist ein ächter Mensch, ganz ohne Schein und Lüge. Er hat ein mildes, offnes, freundliches Gemüt und eine große Sehnsucht nach dem Edlen und Ungemeinen. Sonntag [d. 26t. Mai], Morgen um zehn. Verlangten Sie es nicht, liebe Rahel, daß ich Ihnen gleich schreiben soll, so zerrisse ich diese elenden nichtssagenden Zeilen, die noch dazu lügen. Denn es geht allerdings Besseres in mir vor, als auf diesen Blättern geschrieben steht, aber weil ich zwar weich, offen, sehend bin, aber nicht stark, nicht alles beziehend auf eine herrschende Idee, sondern dem Augenblick hingegeben und von den mannigfaltigsten Stimmungen regiert, so kann ich es nicht festhalten, nicht wiedergeben. Reisen Sie unterdes nach Töplitz und seien Sie glücklich mit Goethe, Genz und Pauline. Schreiben Sie mir recht oft, wenn es Ihnen nicht unwürdig scheint, Ihre reichen, von dem vielfachsten Leben durchdrungenen Briefe hinzugeben gegen arme kranke Fragmente (das fürchte ich in der Tat). Aber Sie müssen mir von dortaus zuerst schreiben, damit ich Ihre Adresse habe. Die menschlichen Umgebungen sind hier ziemlich unerquicklich, mein Bruder zwar recht brav und recht freundschaftlich, aber doch festgebannt in einen engen Gesichtskreis, so daß er nicht Zeit und darum nicht Lust hat, seine Gedanken und Gefühle auf etwas anderes zu richten, als auf die doch kleinlichen Dinge, mit denen er sich abgiebt – daher armes Gespräch. Meine Schwägerin ist vor einigen Tagen niedergekommen, welches aber wegen der Größe des Hauses keinen fühlbaren Unterschied in der Lebensweise macht. Ich sehe statt ihrer ihre Schwester (die Ferdinandsche M[oltke]), die hergekommen ist, um die Hauswirtschaft zu führen, und mit der sich eben nicht viel reden läßt, aber sie ist gutmütig und macht keine Prätensionen auf Unterhaltung. Meine kleine Niece ist in Berlin. Das Wetter ist fortdauernd sehr schön, mild und glühend zugleich. Auch Mirabeau habe ich gelesen, seine Briefe aus dem Donjon von Vincennes, viel besser und charakteristischer als seine Lettres de cachet , die größtenteils schiefe und kleinliche Ansichten enthalten; die gewaltige Fülle seines Herzens, die bei dem fürchterlichsten, dem ertötendsten Unglück seinen Geist stark und lebendig erhält, die offenbart sich vielmehr in jenen Briefen. Seine Beredsamkeit ist die wahre, denn er macht, er erdenkt sie niemals, sondern sie strömt ihm ewig aus dem Quell eines immer bewegten Gemüts hervor. Ich bin überzeugt, daß er grade eben so gut gesprochen hat, wie geschrieben, denn alles ist unmittelbar gegenwärtig, er hat nicht nötig zusammenzuraffen und langsam Rat zu suchen für den Mangel des Augenblicks bei vergangenen Stimmungen und Ansichten. Da haben Sie ungefähr mein Leben. Wie sich wieder eine bestimmte Kräftigkeit herausbilden soll aus dieser Schwäche und Nachgelassenheit der Nerven, sehe ich nicht ein; indes will ich nichts übereilen oder erzwingen, jeden Tag nur tun, was ich kann. Da muß sich das Resultat von selbst ergeben. Adieu. Schreiben Sie mir noch aus Berlin? A. M. 17. Rahel an Marwitz. [Berlin,] Dienstag Morgen neun Uhr, d. 28t. Mai 1811, bei der anhaltendsten Hitze ohne Regen. Ich habe Ihren Brief vor mir und will darauf antworten, als ob Sie mit mir sprächen. So sollten Sie es auch machen! Dann ist und bleibt eine Korrespondenz lebendig, – und ist nicht so viel Tod im Leben, ist es selbst nicht eigentlich das Ringen mit ihm, das man es verbreiten, vermehren soll, wo nur möglich? Gestern Abend um zwölf Uhr kam ich mit Neumann – den ich nie sehe – aus dem Ephraimschen Garten zurück, wo Schleiermachers, Harscher und ich Schedens besucht hatten, die dort ein Absteigequartier haben und alle Abende dort sind. Der Abend verging mir ganz angenehm; alles war natürlich und gut – außer dem unseligen Harscher, der wahrlich keinen, ja natürlichen Augenblick hat. Die Menschen waren sich lieb unter einander; eine Demoiselle Reil war auch da, ein junges Blut, die aussieht, als habe einer der modernen Pfuscher ein griechisch Gesichte und Mädchen gemalt; sie spricht hübsch nehlend ausländisch. Sie kennen sie gewiß. Die Schleiermacherschen Frauen waren gekommen, weil ich es ihnen hatte sagen lassen; le nouveau marié äußerst graziös gegen mich. Und Madame Wucherer gefällt mir sehr gut. Sie sieht in den Augen zwei Cousinen und einer Tante von mir ähnlich. In den Augen sieht sie aus, als könnte sich ihr Kopf recht was vornehmen, eine Arbeit, denkend, lebendig, scharf, fest, arbeitend mit einem Wort, und dabei hat sie die sanfteste Stimme, die feinste Aussprache; dieser Kontrast ist ihr größter Reiz und deutet gewiß auf ein schönes inneres Verhältnis von Eigenschaften. Ich weiß und sehe, daß sie nicht hübsch ist; man möchte aber beinah sagen, sie hat es nicht nötig, sie macht alles geschickt und fein erzogen, ist sehr angenehm, aufmerksam, neugierig, empfänglich für Gespräch und sanft und doch behaglich in der Annäherung. Ist aber Schede mit einiger Unruhe gut und hat eine Art von Eifersucht und Aufmerksamkeit auf ihn, die mich z. B. genierte. Gemerkt hat dies niemand, denn sie selbst war gut gegen mich, goutierte über Erwarten mein Wesen (ich sprach oft und lustig) und glaubte nur das Lachen verbergen zu müssen, wenn sie mich zu putzig fand. Unangenehm zeigte sich diese Unruhe auch nicht, denn sie kam liebenswürdig und sogar naiv hervor; sie kam z. B. jedesmal, wenn etwas gesagt wurde, weit her und wollte es auch wissen, frug oft nach einem Wort oder Ausdruck ein paar Mal, wenn es ihr die andern nicht sagen wollten und es Bezug auf Schede hatte; ich sagte es ihr jedes Mal. Und im Nachhausegehen, als die Rede von Mademoiselle Klein gewesen war, und sie mit Schede hinter mir ging, und man zuletzt gesagt hatte, sie käme her, so machte sie nach andern lebhaften Fragen noch die, ob sie komme, worauf Sch[ede] zuletzt es ihr bekräftigte. »Nun, da werde ich sie ja sehn«, sagte sie, noch ein paar Worte, die ich nicht verstand, und dann, alles zu ihm besonders: »Bin ich nicht recht tolerant?« Diese Worte bestärkten mir mehr, als ich es mir vermuten konnte, alle Bemerkungen des ganzen Abends. O meine liebe Seele! was die merkt, ist immer wahr. Dies von Mademoiselle W[ucherer], weil sie der Arbiter Ihres Freundes war, weil sie ihn auch soll geliebt haben, und weil solche Unruhe über einen Menschen, wie ihre über Sch[ede] viel Neigung und keine Überredung, wie ich mir einbildete, voraussetzt. Auch wollte ich Ihnen zeigen, wie sie mir das erste Mal vorgekommen ist, ob ich mich wohl irren werde, oder ob mein Sehn sich zur Wahrheit schlagen wird. Als ich gestern nun beim Zuhausekommen Ihren dicken Brief fand, getraut' ich mir vor Lust beinah nicht ihn zu erbrechen; ich las ihn doch hastig – und noch einen von Paul[ine] – aber er freute mich nicht. Im Gegenteil, das Herz sank mir, und so ist es noch. Warum soll ich es nicht sagen? Nein, Lieber! So trübe können Sie nicht blicken. In Friedersdorf nicht. Ich sage es Ihnen noch einmal, wüßt' ich Sie gut, ich ginge es ein, auf immer einen andern Planeten als den zu bewohnen, wo Sie sind, und Sie einen andern, als wo ich bin. Ich kann Ihr Leben nicht in der Luft erhalten, das ist ausgemacht, dazu gehört einmal ein anderer Wurf, ein anderes Ereignis. Aber so dürfen Sie nicht vereinsamen, auch ein halbes Jahr nicht, auch keinen Sommer durch. In Friedersdorf ist keine Gesellschaft für Sie, und die müssen Sie haben, lebendig alles anregenden Umgang. Könnten Sie irgend ein strenges Studium vollführen, auch gut, ein Geschäft abmachen, das dem künftigen Leben Luft macht wieder! Aber was in Himmels Namen wollen Sie so dort abwarten? Als ich es nur wünschte, daß Sie in Töplitz seien, schlug ich es Ihnen nur einmal wie nicht vor; ein kleiner Ekel vor dem Müßigsein von Ihrer Seite, ein leiser Plan zu einem Amte, ein weitsichtiger zum studieren machte mich mit Recht bis im innersten Gewissen schweigen. Jetzt aber bin ich ganz überzeugt, ist Töplitz, was Sie bedürfen. Ein ländlich schönes Tal und eine solche Lebensart mit der jetzt möglichen belebendsten Gesellschaft. Mit der Möglichkeit bei Ihrer Denkungsart – grade nach Ihren beiden letzten Briefen – und so viel, als Sie wollen, auszuweichen. Bäder können Sie ja da nehmen, von welcher Sorte Sie wollen, auch solche wie in Friedersdorf. Sie finden Goethe, Gentz, den Herzog, Varnhagen, Adam Müller, also Sprecher. Eine Menge umgänglicher Bekannten von meinem Gehege, mich als Salz und Quirl aller dieser Dinge, als Bequemlichkeitsrat. Leben Sie doch dort, wie Sie nur wollen, sich für krank, für bizarrer auszugeben, schelten zu lassen kostet Sie gar nichts! Leben Sie, wenn Töplitz Sie ekelt, auf dem Weg nach den Steinbädern. Göttlich! Da lebte mal ein fränkischer Graf, den ich kannte. Nur daß Sie mir nicht so vergehen, verharschern! Je länger Sie bleiben, wo Sie sind, je weniger Kraft und Grund finden Sie in sich auf weg zu kommen. Es wird himmlisch in Töplitz sein, wir sehen eine Unmenge von Menschen, behandeln, bereden, belachen, studieren sie. Wer hindert Sie zu lesen, zu baden, zu tun, was Sie wollen? Erst nach drei großen Krankheiten verspürt ich in der vierten den Krampf im Herzen, von dem Sie sprechen. Sie sollen ihn durchaus nicht haben bei Ihrer Jugend! Sie sind ja eigentlich gar nicht gekränkt, vergehen wie eine Blume sollen Sie nicht. Jetzt müssen Sie wirklich mir nahe leben. Soll ich Sie auf einen Irrtum aufmerksam machen? Sie wollen in einem Bade, in einem äußerlich müßigen Leben nicht das Ansehen haben, als verweichlichten Sie sich in Untätigkeit, und unterdes geschieht das in der Wirklichkeit in Friedersdorf! Sie gehen da in Ihrer eignen Stimmung wie in einem Zauberwald umher und werden bald nichts mehr vernehmen können. Kaum, Lieber, entschließen Sie sich, mir zu antworten auf Punkte der lebendigen Mitteilung, und möchten mir reine Stimmungen schicken, die ich gewiß alle in mein Herz aufnehmen möchte und mit meinen Augen und eigener Seele erahnen. Diese aber müßten die Dekoration Ihres Lebens nicht werden, diese müssen von der lebendigen und lebendigmachenden Sonne hervorgerufen, modifiziert werden. Von den Sonnen anderer Geister. Überlegen Sie dies, Lieber, und erwägen Sie genau, wie meine Lust Sie in Töplitz zu haben hier mitwirken kann; ich bin nicht ganz im Stande es zu unterscheiden. Nur dies weiß ich, wüßt' ich diese Menschen, dies Tal bei Wiesbaden z. B., so sagte ich, gehn Sie dahin oder irgend in geliebten, belebenden Kreis von Freunden von Ihnen. Ich kenne nur den, der in Töplitz sich versammelt, und rechne viel auf mich. Ich bin geschaffen das zu verlebendigen, was da ist, ja manches nur im Keim Daseiendes zu schaffen. Ich habe schon oft gut auf Sie gewirkt. Varnhagen wird auch sehr gut sein. Ihnen sei es als Geheimnis gesagt. Er kommt vielleicht mich abzuholen. Ist er aber den 10ten Juni nicht hier, so reise ich allein ab, das weiß er. Überlegen Sie alles. Wollen Sie, müssen Sie in Friedersdorf bleiben, so beschwör' ich Sie, schreiben Sie mir, wie Sie getan haben, jede Stimmung, jede Nuance des Befindens, jede krankhafte Laune, und schreiben Sie überhaupt. Denn im Kriege war Ihre Freundin nicht aufmerksamer, nicht besorgter um Sie als jetzt. Bleiben Sie in dem Winkel dort, so wird mir in Töplitz, und ginge es mir noch so gut – ginge es mir, als ob ich dies Maß, dies Ziel nicht kennte! –, so blieb mir ein Stein auf dem Herzen, ein Gewissen, ein guter Teil von mir selbst zurück. Hierüber sprechen Sie nicht, dies waschen Worte nicht aus. Warum haben Sie mir nicht geschrieben, wo Ihre nièce ist? So hätte ich sie doch erkannt, wenn sie mir begegnet wäre. Warum ist das Kind mitten im Sommer hier? Es müßte Ihnen leid sein, daß es weg ist. Für mich war es sehr tröstlich, die liebe, lebenverbreitende, innige Kreatur Ihnen nah zu wissen. Fanny und Hanne prosperieren sehr im Tiergarten. Sie haben angenehme Nachbarinnen, junge Fräulein, die auch Gesellschaft haben, und ich führe ihnen auch Menschen hin; Luft, Blüten, Bäume und eine Schaukel, die das agrément des ganzen Quartiers – wie es die Franzosen meinen: Viertels – macht. Mit Hanne spreche ich von Ihnen, weil sie den bon esprit hat sie sehr zu lieben und zu distinguieren, das Beste, was ich von ihr weiß. Die gestrigen Freundinnen frugen auch alle nach Ihnen. Stünde doch in einem von den hundert gelesenen Journalen, was Sie mir über Müller geschrieben haben! In einem Worte haben Sie sich nur geirrt. Talent grade hat er nicht, Eingebung zu Vergleichen, er weiß sie aber nicht zu beherrschen, dies ist Talent, und bröckt, wie Sie es beschreiben, alle Welt und Systeme unter einander. Mich reizt er recht, weil er doch das Höchste anrührt mit diesen Einfällen, und man in einem ewigen Rektifizieren bei ihm bleibt; auch macht er mich und eben daher denken, wiewohl er einen in diesem Geschäfte auch sehr stört. Kompletten Unsinn sagt er. Seit Sonntag lese ich seinen zweiten Band. Dreimal nennt er Rom, wenn er ihm grade alles Ewige abschwatzt, die ewige Stadt, und ebenso lügenhaft, furchtsam, flagornierend Ad. Smith den großen Mann, Hobbes den gewaltigen etc. Wessen Titel der ist, daß er vor dem Prinzen Bernhard und einer Anzahl Diplomaten las; – ich denke, ich rase, wie ich das vorne lese – der muß, wenn er radotiert, schon meinen, er weissagt der Natur ihre Künste und läßt das kommende Menschengeschlecht hinter sich. Was der der Natur alles für Geschäfte aufträgt und für Absichten absieht! Die Stellen, die Sie anmerken, sind mir akkurat aufgefallen. Nun bitte ich Sie, lesen Sie im zweiten Bande von Seite 265 bis 267 vorbei; nein, 68 steht es erst recht, was sich da wieder die Erde vorbehält. Zwanzigtausend Gesichtspunkte hat er. Und 69, was da die Natur wieder mit den Menschen anstellt. Lauter Einfälle, die ihm après coup , nach dem Resultat entfahren. Gewiß fünf unsinnige Stellen habe ich gefunden, ich hatte aber kein Papier bei der Hand. Die Sie notiert, ist göttlich. Olympischer Unsinn, sagten wir immer als Kinder; das glaub' ich. Mirabeaus Briefe aus dem Donjon sind göttlich. Der soll schlecht gewesen sein? Nie hab' ich es geglaubt. An mir hat er in der Nachwelt die Freundin, den Freund, der ihm vielleicht bei der Mitwelt fehlte; wie oft dacht' ich dies bei diesem Manne. Er ist einer meiner liebsten Menschen in der Welt. Ich bin ewig sein Freund; ich weiß, was in dir lebt, ich kenne dich ganz. Hätte einmal ich ihm dies sagen können, wie Goethe die Wahrheit vor sich sah. Wie oft habe ich es Mirabeau nachgerufen! Es ist mein Freund, träfe ich ihn draußen. Schiller, die Jungfrau: O gäb' ein guter Gott, daß wir dem Wurme gleich in ein besonntes Tal etc. O wäre nur Zeit da, das erlittene Unrecht gut zu machen. Das Verschwinden in nichts ist in dieser Betrachtung schrecklich. Dies eine Anknüpfen, Erinnern wünsche ich nur. So lange ich lebe, schließe ich Mirabeau ernst in meinem Herzen. Wenn der Frohberg ihre kranke Mutter nicht einen besonderen Querstrich macht, so reisen wir in verschiedenen Wagen denselben Tag; ich gedenke den 11ten Juni gewiß. Sie antworten, und genau, und benehmen mir meiner Furcht immer aufs neue weg meine Volume. Sie antworten hübsch gleich. Eigentlich müssen Ihnen meine Briefe lieb sein, sie enthalten so vielerlei, und in Ihrer Wüste dort! Munter, nicht so altklug getan! Überlegen Sie alles, und suchen Sie aus reinem, stillen Gesichtspunkt zu antworten, wie ich mich bemüht habe zu schreiben. Neumann war ganz munter und gesellig, Harscher blind und eitel. Schlecht, schlecht! Den habe ich ganz weg; unheilbar ist er, alle Naturgaben glaubt er nur verkrümelt zu haben. In wenig reinen spekulativen Momenten stellt er sich anders dar, und die sind abgeschnitten von ihm und seinem Benehmen. – Ei, ei! So mächtig muß das Herzensmeer sein, wenn Handel und Wandel oben getrieben werden soll, werden darf! Adieu. R. R. Paul[ine] hat mir einen göttlichen Brief geschrieben. Sie müssen ihn haben; dieser ist nur zu dick. Friedrich Wilhelm Neumann , zuerst in einem großen Handelshause tätig, 1806 mit Varnhagen auf der Universität Halle, dann Erzieher der Kinder des Grafen von Redern, literarisch tätig, später Intendanturrat. – Fräulein Reil , die Tochter des Mediziners Reil. – Es ist nicht bekannt, daß von der Schleiermacherschen Familie damals jemand in Teplitz war. – Karoline Wucherer war die Tochter des Fabrikbesitzers Matthäus W. in Halle, später vermählt mit dem Regierungsrat Schede in Berlin. – Hanne , Tochter des Bruders Marcus der Rahel, später verehelicht mit dem Arzt und Professor Johann Ludwig Casper in Berlin. – Die Steinbäder , eine der vielen Badeanstalten in Teplitz. – Thomas Hobbes , der englische Philosoph (1588 –1679), dessen Moral and political works 1793 auch in deutscher Übersetzung erschienen waren. – Auf einem besonderen, später geschriebenen Blatte sind noch eine Anzahl Zitate aus Ad. Müllers Staatslehre vermerkt. – Adam Smith (1723–1790), bekannter Nationalökonom, dessen auch in deutscher Übersetzung erschienenes Hauptwerk Inquiry into the nature and cause of the wealth of nations 1776 Aufsehen gemacht hatte. 18. Marwitz an Rahel. [Friedersdorf, d. 29t. Mai 1811] Mittwoch zwölf Uhr Mittags. Ihren sanften, reichen, starken, verständigen Brief, liebe Rahel, habe ich in diesem Augenblick erhalten. »Eigentlich«, schreiben Sie, »müssen Ihnen meine Briefe lieb sein.« O über alles Maß sind sie mir das, und meine einzige Furcht ist nur die, daß Ihr lebensreiches, tiefbewegtes Gemüt einmal verschmähen wird sich auszuströmen gegen meine kranke, verwelkende Seele. Jetzt zur Sache. Ich bin bis jetzt hier geblieben und hatte vor, noch einen Monat hier zu bleiben, weil, ungeachtet der Gespenster, die in meinem Innern herumwandeln, doch eigentlich der Körper durch Landluft, besonders durch Bäder gedeiht, und ich jene durch eine muntere Tätigkeit, die dann folgen sollte, bald zu verscheuchen hoffte. Aber ich traue nicht mehr, denn gesunder bin ich zwar, als da ich Berlin verließ, aber nicht weniger reizbar. Ein einziger Moment, das fühle ich, kann mich dahin zurückwerfen, wo ich war, und was am Ende aus dem finstern Brüten werden kann, übersehe ich nicht. Nun sehe ich zwei Auswege. Der erste ist mit Ihnen nach Töplitz zu gehn, unbeschreiblich reizend für den Augenblick, aber bedenken Sie, daß die Schwierigkeit, mir ein Verhältnis zu bilden (das ich haben muß), mit jedem halben Jahr, das ich versäume, unmeßbar steigt. Ich bin bald 24 Jahr alt. In diesem Alter muß man tun und arbeiten, entweder studieren oder ein Amt suchen, wenn sich einem die Aussicht nicht öffnen soll auf eine müßige, verächtliche und verachtete Existenz. »Gut, werden Sie antworten, ich gebe Dir Recht, wie ich Dir Recht gegeben habe. Arbeite, studiere, wie Du kannst , aber Du kannst nicht . Darum gehe dahin, wo Seele und Leib Dir gesunden, wo die Kraft Deines Innern sich wieder aufrichtet. In müßiger Beschaulichkeit geht Dir die immer mehr zu Grunde, und Dein einsames Herz führt Dich nur zu ärgerer Versunkenheit. Fasse Dich, so lange Du kannst, suche mit Deinen letzten Kräften die Gesundheit auf, und hast Du sie gefunden, dann sei tätig.« Ich sehe die Stärke dieser Gründe vollkommen ein, meine liebe Freundin, und frage mich nur, ob es nicht zweckmäßiger ist, den andern Weg einzuschlagen, auf dem ich das Notwendige mit dem Bequemen und Nützlichen verbunden sehe, nämlich auf weite Reisen zu gehn, erstlich nach der Insel Die Insel , wohin M. reisen will, ist England : von dort nach Spanien, wo er Kriegsdienste zu nehmen beabsichtigt. hin und von da weiter dorthin, wo ich Dienste nehmen kann. Ich weiß es wohl, es ist eine gewagte Sache, Abschied zu nehmen von seinem Vaterlande, besonders für einen Kranken, denn heilt ihn nicht unmittelbar die frische, rüstige Tätigkeit des Reisens, so muß ihm doppelt weh werden in den fremden Umgebungen. Was meinen Sie, liebe Rahel? Hätte ich die Aussicht, ein Heldentum der Wissenschaft in mir zu gründen, so sollte mich nichts forttreiben aus meinem Winkel hier, aber die ist mir ganz verdunkelt durch meine arge Krankheit. Soll ich mich nun anschließen an die leibliche Seite meines Vaterlandes, die ich erst begeistern, erst einer großen spekulativen Ansicht unterwerfen muß, wenn sie mir nicht ganz gebrechlich und tot erscheinen soll? Also wieder die Wissenschaft wäre da vonnöten, deren ich mich nicht mächtig fühle. Dort aber stammt ein hoher Enthusiasmus, eine große Angelegenheit wird von großen Talenten mächtig vorwärts getrieben, die eigne Tätigkeit kann sich emporrichten und stärken durch die Fremde; auch Freunde habe ich dort. Wäre es so unrecht, die Kraft der südlichen Sonne an mir zu prüfen? Ich muß schließen, liebe Rahel, denn die Post geht durch. Am Sonntag mehr, wo möglich Geordneteres, Besonneneres. Auf keinen Fall bleibe ich länger hier, als bis ich die Kur ausgebraucht habe (das dauert noch drei Wochen). Dann, wenn Ihr nächster Brief es nicht früher herbeiruft, muß das Entscheidende geschehn. Adieu. A.M. Meine Niece ist bei der Gräfin Brühl in Berlin, wo sie noch 14 Tage bleibt. 19. Marwitz an Rahel. [Friedersdorf,] Sonnabend Abend sechs Uhr, d. 1t. Juni 1811. Sie haben ganz Recht, liebe Rahel, Talent hat Müller nicht; daß dies Wort nicht das rechte war, fühlte ich, indem ich es hinschrieb. Er hat, wie Sie sagen, Eingebung zum Vergleichen, aber, muß ich hinzusetzen, während er das Ähnliche der Dinge und Verhältnisse auffindet, sieht er das Unähnliche nicht, denn er ist ganz ohne Scharfsinn, darum wirft er einfache und ganz komplizierte Erscheinungen in dieselbe Kategorie und verwirrt das Gemüt aller Leser auf eine unglaubliche Weise, die nicht die Kraft haben, zu dem einen Element, das er heraushebt, hinzu zu denken. Mir wird er nachgrade ganz widerwärtig nicht bloß wegen seines Unzusammenhangs, seiner Faulheit, seiner rapsodischen Willtür, sondern auch wegen seiner enormen Dürftigkeit, seiner unausstehlichen Breite, mit der er ein paar Grundgedanken ewig wiederkäut, seiner Unbekanntschaft mit der Geschichte, die es ihm neben seiner Schiefheit unmöglich macht, sein Buch mit echtem und reichem Leben zu erfüllen. Ein Philosoph ist er nicht, ein Historiker auch nicht, was bleibt ihm nun übrig, da sein Werk doch allein in diesen beiden Gebieten wurzelt? Heute Morgen sah ich etwas ganz Einziges. Es war drei Uhr vorbei, da wachte ich auf; vor meinem Fenster stand ein Gewitter, große Blitze und starke Donnerschläge folgten unaufhörlich auf einander in ziemlicher Nähe, aber die Luft war ganz still, kein Regen fiel, die Vögel sangen, wie immer beim Sonnenaufgang, und gegen Osten war der Himmel hochrot erleuchtet. Ich trat ans Fenster, um zu sehen, woher das komme, da sah ich den ganzen Himmel dicht bezogen, nur am tiefsten Horizont war ein kleines Streifchen unbewölkt; da ging eben die Sonne auf feuerrot und bestrahlte die ganze eine Hälfte der Himmelskugel; wohl eine Viertelstunde stand so das Gewitter still mit unaufhörlichem Blitz und Donner. Dann folgte Sturm und starker Regen. Ich habe so etwas nie erlebt. Eben komme ich von einsamen Spaziergängen zurück, die mich immer sehr erquicken. Die Landschaft ist hier unendlich mild, fruchtbar und lachend und doch dabei großartig, denn man übersieht eine meilenweite Ebene und darauf die größte Mannigfaltigkeit von Äckern, Wiesen, Dörfern und Städten. Am Abhang der Berge, von denen man dieser Aussicht genießt, schlängelt ein Bach, von dichtem Elfengebüsch und Obstgärten umgeben. Da ist angenehm zu wandeln, und schön ist es oben, über diesen reichen Vorgrund hinwegzusehn. Wie schön Moritz die Italienischen Landschaften beschreibt. Lesen Sie ihn wo möglich in Töplitz. Sein Stil ist ganz ungekünstelt, aber ungemein edel, passend und lieblich, er ist ein reiner Abdruck seines milden, offnen, liebenswürdigen Gemüts. Sonntag [2. Juni], Mittag 12 Uhr. Ich hätte Ihnen gestern noch vieles geschrieben, liebe Rahel, aber ich wurde abgerufen; nach dem Tee ging ich mit meinem Bruder aus. Die Sonne ging göttlich unter zwischen blauen Wolken, die langsam wandelten und bis gegen die Mitte des Himmels von roten Lichtern in den wunderbarsten Schattierungen beleuchtet waren. Später nahm ich eine Arbeit für meinen Bruder vor, die mich bis gegen elf beschäftigte. Ich schlief sehr schlecht darauf, wachte ermüdet auf mit sehr unangenehmer Hitze im Kopf. Das Bad erquickte mich, der Kopfschmerz verging, aber die Mattigkeit blieb, überhaupt machen mich die Bäder zwar offner, empfänglicher, aber nicht stärker. Adieu, liebe R. Ich schließe wegen der Post, und weil mich das Schreiben angreift. A. M. PS. Ich muß Ihnen sagen, worin es mir besser geht, 1. spüre ich fast keinen Unterschied zwischen Vormittag und Nachmittag, was das körperliche Befinden angeht. Die schwere Digestion und die Stumpfheit am Nachmittag sind ganz fort. 2. bin ich, heute ausgenommen, im Kopf ziemlich heiter, mein Auge ist vollkommen klar und gesund. Der Arzt behauptet, daß, wenn die Bäder das geringste helfen sollen, ich wenigstens 30 nehmen muß (erst Seife und Kleie – jetzt Kräuter, später Stahlbäder). Das dauert bis zum 23. Juni. Kann ich alsdann nicht nach Potsdam gehn, so komme ich nach Töplitz. Nehmen Sie meinen vorigen Brief nicht wörtlich. Er war in der unglückseligsten Stunde geschrieben. In ähnlichen war ich früher auf den (in meiner Lage) verzweifelten Einfall gekommen, mit dem Entschluß. 20. Rahel an Marwitz. Sonnabend früh neun Uhr, d. 1t. Juni 1811. Gestern Abend um halb zwölf kam ich mit Heister im schönsten, aber kalten Mondschein nach vielen Promenaden mit den gräßlichsten Kopfschmerzen nach Hause. Die Geschichte dieser Schmerzen nachher in zwei Worten, um Ihnen eine Idee meiner Gesundheit zu geben, – und finde, wie unverhofft! Ihren Brief. Mein lieber, lieber Marwitz, wie berührte dieser Brief lieb und schmerzhaft mein Herz! Wo stellt der mich hin! Wie der Staatssekretair der Elisabeth, der das Urteil der Maria in Händen hat und es auf seine Gefahr vollziehen lassen soll oder nicht. Erst neulich, als ich Maria wieder sah, dacht' ich, nie hättest du so gehandelt wie der, Elisabeth müßte aus dem Kabinet wieder vor. Gott hat mir eine große Gabe verliehen; ich habe ein Herz, was außer sich sein kann, keines Menschen Geist ist mehr darauf gestellt, faßt mehr, was verzweifeln ist, als meiner; will ich aber einen Gegenstand erwägen, alle seine Seiten betrachten, ihn in seinen Beziehungen richten und messen, so legen sich wie durch ein Gottesgebot alle Wellen des hochbewegten Gemüts, und wie auf einem erhabenen Berge allein vermag ich zu urteilen und zu beschließen. Nur eine Leidenschaft, Zorn, kann mich da hinabschleudern. Es kommt darauf hier an, in das, was wir vor uns haben, genau zu finden, was in Ihrem Gemüte vorgeht, was dies Gemüt, durchaus gestellt in der Menschenwelt, nicht ertragen kann, und genau zu untersuchen und klar hinzustellen, was sie ist, diese Welt 1811, und was unser Vaterland in ihr ist. Ich habe jetzt Ihren Brief wieder gelesen. Sie werden sich der Dilemmas erinnern, die Sie uns darin vorlegten. Eins davon heißt so: »Soll ich mich nun anschließen an die leibliche Seite meines Vaterlandes, die ich erst begeistern, erst einer großen spekulativen Ansicht unterwerfen muß, wenn sie mir nicht ganz gebrechlich und tot erscheinen soll?« Bei welcher Sache in der Welt muß dies ein Mensch wie Sie nicht? Ist irgend in der Welt etwas so, als es der Haufen sieht, der darum und darin wühlt? Machen die höheren Beziehungen, die wir allein im Innern bearbeiten, nicht ganz allein das Hohe einer jeden Angelegenheit, eines jeden Gegenstandes aus? Wie ein anderer lüderlich wird, so wollen Sie sich doch nicht in jene Angelegenheit stürzen, nur damit Sie etwas trägt, hebt und fortbringt, was nicht Sie ist? Sie ist schön, diese große Sache, wie Sie sie mir schildern. Auf Reisen gehn, die Freunde finden, Schönes mit ihnen vollbringen und mit einem Male eine zerbrochene bürgerliche, eine krankhafte Existenz hinter sich lassen. Tun Sie das , sag' ich Ihnen nach dieser Ansicht: und bald, denn hierbei gilt kein Warten, wie bei Kammerdienste nehmen. Nun stellen Sie sich einmal einen Augenblick vor, wie Ihnen mitten und zwischen den österreichischen Schlachten war, wie hohl, wie leer, wie elend; wie alles sich in kleinen Mühseligleiten, Strapazen und Unsinnigkeit zerspaltete. Wie fremd und allein Sie sich trotz der Freunde, unter den näher verwandten Sprachgenossen fühlen mußten, bloß weil ein Gesetz, eine Sitte, eine Ambition uns doch mit ihnen nicht verbindet. Nationales schaffen Jahrhunderte, und der beste Wille des besten Einzelnen kann es nur wünschen, nicht schaffen. Dies bedenken Sie? Wie wird es unter den zwei schon unter sich verschiedenen Völkern sein, wovon das eine so sehr zur Nation gezimmert ist, daß es glatt und fertig nichts Fremdes mehr aufnimmt? Ein anderes ist es, wenn der dringende Augenblick Nation mit Nation aufregt, wie Sturm verschiedene Erden; dann ist solch Aufstehen natürlich und gemächlich in seiner Not. Ein einzelner reißt sich immer nur los und fühlt in oft wiederholten Momenten dies Gewissen und dies Alleinsein. Wären Sie einmal auf der Insel dort oder in jenem Lande, auch dann ist ein Mitgehn oft natürlich; man hilft angegriffenen Fremden, wo man als Gast Freund geworden ist, und erzählt nachher den Hausgenossen daheim, was dem schlechten Streich begegnet werden mußte und was ihn aufgehalten hatte. Es ist hart, in einem stagnierenden kranken Lande mit zu siechen, es ist hart, die kranken Freunde der pesthaften Not zu überlassen und dereinst zu erfahren oder nie, wer blieb, was blieb, wer sank. Unmöglich kann und werde ich Ihnen sagen, siechen Sie mit. Es giebt edle Gemüter, die lieber sterben, rüstige, die den gesunden Bluttod lieber suchen. So sank Louis. Und sind Wissenschaften wirklich nichts für Sie, so müssen Sie hinziehen wie er. Zwei Dinge erwägen Sie noch. Kann es Ihre Gesundheit, vermag sie es? Und werden Sie nicht einsam ohne Krieg und Bewegung in den fremden Ländern liegen bleiben? Dies müssen Sie und der Arzt und die ersten zwei Monate bestimmen, und – sollen wahrlich die Bessern uns verlassen und wie in einem Naturaufruhr das Unterste nach langem, krassem Stillstand und unsichtbarer Nahrung zu oben kommen und das Ungefähr entscheiden, ob dies sich bilden kann? Aber alles in diesem Brief hier Erwogene muß nicht erwogen werden und allein diese allein wichtige Frage gefragt werden: Können Sie es aushalten hier zu bleiben oder nicht? Müssen Sie sich selbst noch Beweise von Tätigkeit geben; schämen Sie sich zu sehr, wie ein Alter oder wie ein Weib oder wie ein Kind oder ein Pflastertreter, wie Sie sich einmal ausdrücken, hier herum zu warten. Können Sie sich wartend nicht achten und nicht achten lassen, so müssen Sie dahin je eher je lieber. So ist es ein Duell und mehr nicht, aber das ist in seinem Augenblick auch sehr viel, denn man kann nicht weiter leben. Und ich rate es Ihnen aus tiefster, innerster Seele, aus dem Herzen voll von Liebe, wie ich es mir selbst raten würde. Sie müssen nicht elend leben. Hier ist der Platz, wo ich Ihnen Paulinens letzten Brief schicken muß. So ist es, wenn einer tot ist. Keine Kunde von ihm, kein Laut zu ihm, von ihm. Pauline hatte acht Tage ein Messer in ihrem Bette nach L[ouis] Tod, und sie hat mir geschworen, so daß ich's glaube, sie hätte sich erstochen, wenn sie hätte [es] nur im gleichen Krieg können, daß es L[ouis] weiß, aber so in der ewigen Stummheit ewige, vielleicht doppelte Getrenntheit! – Mit seinen Briefen sitzt man dann, wenn einer tot ist; nichts, nichts ist mehr, kein Zeichen des wühlendsten, empörendsten Schmerzes der allgewaltigen Liebe dringt mehr durch keine Möglichkeit zu ihm. Aber alles müssen Sie tun, ehe Sie elend leben. Sie können ja auch Glück haben, leben bleiben und vieles heilen in der Welt. Gehen Sie, sagt übernatürlich ruhig mein tiefster Geist, ich mag mich untersuchen, wie ich will. In meiner ganzen Liebe zu Ihnen sehe ich, ich mag's machen, wie ich will, nur Sie; gewaltig lenken Sie von allem Eigennutz, von aller Beschauung und Befühlung meiner eigenen Gefühle meine ganze Seele auf Ihr Sein. Sie fühle ich, wie Ihnen sein muß, immer. Gehen Sie, und wenn Sie tot sein werden, das Ärgste, so wissen Sie jetzt, werde ich denken: Leben, so leben, so elend leben, das konnte er nicht. Und kann sich jetzt in Ihnen und um Ihnen nichts ändern, so werd' ich nachher nicht denken, es hätte geschehn können. Dies sei Ihr Trost über mich, dies wird meiner sein. Ein herrliches Zusammenleben giebt es doch nicht; wäre ich Ihr Freund, so wie ich eine durchaus Elende bin, so verließ ich Sie jetzt nicht. Nun, mein teurer Freund, erwägen Sie sich selbst, was ich nicht kann, und schicken Sie mir das Urteil. Ich will ihm kein Epithet geben, diesem Urteil. Lassen Sie sich aber durch die Strenge, die das Zusammenschieben alles zu Erwägenden schon allein in diesem Briefe ausmacht, nicht übereilen, und meinen Sie nicht, Sie müßten auch so schnell wählen, als der Brief dringend scheint. All diese Worte sind nur Gedanken, wie andrer Menschen ihre über jedes Unternehmen und Geschäft. Lassen Sie mich diesmal auf keinen Brief schmachten. Länger als den 12ten bleibe ich nun durchaus nicht. O, wie viel, über wie vieles habe ich Ihnen so einen Tag über zu sagen. Was ich kontinuierlich noch für Entdeckungen in mir mache! Wie vieles sähen wir! In Briefen geht das nicht. Von meinem Kopfschmerz, – weil es heute Nacht gewittern sollte, kriegte ich sie, bei ganz kühlem und schönem Wetter. Es war Gewitter-Kopfschmerz, aber es dachte nicht an Gewitter, also könnt' ich ihren Grund nicht finden. Ein lauter, langer Donnerschlag weckte mich um drei Uhr in der Nacht. Einem starken Gewitter sah ich zu. Nun bin ich besser. Adieu. R.R. Eins noch vergaß ich; vielleicht der Aufenthalt, die Reise allein nach der Insel tun Ihnen schon gut. Schwer aber ist es jetzt schon hinkommen. Ich muß den Brief wieder aufreißen. Er drückt nicht aus, was ich im Ganzen sagen wollte; ich sprach zu viel vom Tod und von der Trennung. Denken Sie an das Leben, und wie die Insel das gesunde – doch verhältnismäßig gesunde – Volk, wie die Reise, das viele Neue, zu Besichtigende, zu Vergleich wird, auf Sie wirken. Sie beschäftigen, rüstig machen muß. Und was Sie uns hiervon mitbringen, dereinst für uns gebrauchen können. Seien Sie dort fleißig. Sie werden es dort können. Vor allen Dingen aber seien Sie gesund und wenigstens im Stande hin zu gehen. Reisen setzt immer eine große Mäßigkeit voraus, oder man muß sie dazu voraussetzen. Gebrauchen Sie die allgemeine, die nicht abzuändernde Pause zu einer Reise und bedenken Sie dies und antworten Sie mir. – Mittwoch nach einem Regen war ich mit allen Schleiermachers und ihm, mit den drei Schedens, Harscher, Madam Frohberg und Liemann in Charlottenburg. Ich schickte zu Schedens, Schleiermachers kamen von ungefähr zu mir, Madam Liemann auch. Kurz ich machte ihnen allen Lust. Es war sehr schön, aber der, der mit mir gleich sieht, fehlte mir, also beinah die Augen. Alle freuten sich. Mit Harscher sprach ich nicht ein Wort, par le hazard le plus juste du monde . Im Freien ist er schrecklich, und in der Schleiermacherschen Familie denkt er und muß er munter sein. Prinz Louis Ferdinand, der am 10. Oktober 1806 bei Saalfeld fiel. – Friederike Liman , eine Freundin der Rahel. 21. Marwitz an Rahel. [Friedersdorf, d. 2t. und 9t. Juni 1811.] Alles, meine teure Freundin, habe ich überlegt, ehe Ihr Brief kam, und reiflicher, vielseitiger seitdem. Elend leben will und kann ich nicht; der Augenblick, in dem Herzensfülle und Geisteslebendigkeit auch für immer verlassen, ist für mich der, ou la vie est un opprobre et la mort est un devoir , der Augenblick, in dem sie mich für eine bestimmte Situation verlassen, der, wo ich unter jeder Bedingung, allen Gefahren, allen Schwierigkeiten zum Trotz, mich aus ihr herausreißen muß! Es fragt sich, ob ich jetzt so gegen mein Vaterland gestellt bin? Noch nicht. Noch ist es also vergönnt zu beratschlagen, auf welchem Wege, ob auf dem einheimischen oder dem ausländischen, ich mich am besten dem Ziele nähere, welches meine Natur mir aufgesteckt hat, nämlich alles Menschliche und Geschichtliche verstehen zu lernen und verstehend daran zu arbeiten. Die Reise nach der Insel hat für den Augenblick viel Bequemes und auch jene Zwecke Förderndes. Reisen beruhigen das Gemüt und wecken die Lebenslust, indem sie das neue Fremde und Edle zeigen, der tätige Müßiggang, welchen sie herbeiführen, würde meine Nerven bald und sicher heilen. Den Staat, der grade jetzt mein nächstes und größtes Problem ist, finde ich dort in höchster Blüte, und wie in diesem Zustande der vollkommnen Gesundheit seine einzelnen Funktionen sich äußern, würde ich mit heiterm Fleiße beobachten. Von der andern Seite fehlt mir die Kenntnis so manches einzelnen, so mancher kleinen bedeutenden Triebfeder, und vor allen Dingen bin ich der Sprache gar nicht mächtig für das Gespräch (dort, wenn man Menschen, Sitten, Verfassung, Institute will kennen lernen, ein wohl unüberwindliches Hindernis). Und bin ich am Ziele, wie dann? Der Krieg dort ist mein Element nicht, das fühle ich wohl. Er fordert im allgemeinen robuste Naturen, nicht sinnige, und sollen diese daran Teil nehmen, so müssen sie von Freunden und Stammesverwandten umgeben sein, durch die ihnen jedes Gefecht, jeder Marsch, jede durchwachte Nacht zu einem Abenteuer, zu einer eigentümlichen, anregenden Lebenserscheinung wird. Stehn sie allein, so löst sich die ganze glänzende Erscheinung in lauter kleine Quälereien auf, und hohle und gemeine Stimmungen zehren an ihrem Gemüt. Jahre vergehen so in unnützer Tätigkeit, und ist es dann endlich vorüber, so sind auch die besten Kräfte zerrieben, die liebsten Regungen des Herzens erstorben. Besser also, ich versuche zu bleiben. Aber nach Töplitz komme ich fürs erste nicht. Ich muß mir beweisen, daß ich Kraft und Sinn genug habe, um die unscheinbare Tätigkeit des bürgerlichen Lebens zu beseelen (meine Gesundheit erlaubt den Versuch). Ich gehe also in vierzehn Tagen von hier nach Potsdam, arbeite, und gelingt es, so reise ich auf jeden Fall in der Mitte des August Ihnen nach und bleibe den September in Töplitz (ich habe mich so eingerichtet, daß nichts mich hierin hindern kann). Gelingt es nicht, so ist mir das ein Zeichen, daß ich fort muß, und dann zögere ich nicht länger. Montag, d. 9t. Juni. O Verzeihung, meine teure Freundin, daß dieses Blatt Sie so lange hat warten lassen. Das einliegende war vor acht Tagen geschrieben und sollte fort in dem Augenblick, da ich Ihren gewaltigen Brief erhielt. Wie sinnlos, wenn ich jene Kleinigkeit Ihnen gesandt und auf die große lebensentscheidende Frage nicht geantwortet hätte. An jenem Tage selbst war nicht mehr Zeit dazu, an den folgenden fühlte ich mich zu unwürdig. Wie Gentz muß ich sagen: Was soll ich mein armes Wort gegen die donnernde Musik Ihres Innern austauschen? So blieb ich stumm, bei vielen innern Vorwürfen. Mit mir wird es besser. Zwar will mir das Herz noch zuweilen erkranken, aber ich gebiete ihm Ruhe; Wille und Tätigkeit bändigen es. Sie gehen nun, liebe Rahel. O seien Sie ja glücklich, machen Sie sich meinetwegen keinen Kummer. Untergehen kann ich, aber mir zum Ekel, andern zur Last leben oder auf eine unanständige, gemeingrausame Art endigen, das kann ich nicht, und das ist doch noch sehr glücklich. Ich habe in dieser Zeit zuweilen an den Selbstmord gedacht, und immer ist es mir vorgekommen wie eine verruchte Rohheit, das heilige Gefäß so blutig, so überlegt zu zerstören. Auch die kann unvermeidlich werden durch Übermaß der Not, das fühle ich wohl. Wunderlicher Zustand. Indem ich dies schreibe, wird es mir klar, wie bei jeder nicht gemeinen Natur der Körper nach muß, so wie die Seele erstorben und er eben dadurch entheiligt ist, und wie es bloß ein Glück dieser Zeiten ist, daß andre, äußerlich anständigere Wege offen stehn, die einen ablenken von dem gewöhnlichen grausamen. Ich lese viel, fast den ganzen Tag, aber sehr durcheinander. Einsame Spaziergänge erquicken mich, und einen göttlichen Jungen habe ich täglich vor mir, den ältesten meines Bruders, von 4 ½ Jahren. Wie ein kleiner Löwe ist er, in seinen kleinen Bewegungen fast kolossal, ernst, sanft, gehorsam; wenn er weinen will, und das geschieht sehr selten, so verbeißt er es sich mit der größten Macht, sowie man ihn einen Augenblick ernst und mißbilligend ansieht; er schreit nie, auch jetzt nicht, ungeachtet er seit acht Tagen an den Zähnen leidet, wenig schläft und fast gar nicht ißt (gefährlich ist es nicht). Kommt Varnhagen nach Berlin? Grüßen Sie ihn, wenn Sie ihn sehen, und sagen Sie ihm bei Gelegenheit, daß ich ihm keineswegs grolle. Er glaubt das vielleicht. Ich hatte nämlich in frischem Ärger über seine ersten Zeilen aus Kommotau einen, übrigens ganz besonnenen, gehörigen und motivierten Brief an Selby geschrieben; da fand sich denn, was ich hätte voraussehen und wissen können, daß Varnhagen die schon schiefe Ansicht von Selby aufs unmäßigste gespannt und übertrieben hatte. Selby hat ihm deshalb einen Brief geschrieben, der ihm vielleicht unangenehm gewesen ist. Wird er den ganzen Sommer mit Ihnen in Töplitz sein? Die Bäder tun mir sehr wohl. Sie erinnern sich der Mauer zwischen mir und der Natur, die mich an dem übrigens göttlichen Abend beim Hofjäger ängstete. Die ist zerstört, meine Nerven sind rein und empfänglich gestimmt, und die Kämpfe gegen die Herzensmorgue werden seltener. Ich verstehe die Dichter, Mirabeau, Goethe, Winckelmann, Pindar, freue mich an ihnen, nur der strengen Wissenschaft bin ich noch nicht gewachsen. Adam Müller ist mir widerwärtig, doch werde ich ihn wieder vornehmen; er selbst weiß zwar nichts recht, der hohle, gemachte Gesell, doch regt er in schöpferischen Momenten des Lesens vieles an. Halbgesehen hat er vieles. Die Wanderjahre las ich vor vierzehn Tagen und hätte Ihnen damals viel darüber sagen mögen. Mögen Sie denn meine Briefe? Ich begreife es nicht. Mir kommen sie unendlich schlecht und unkräftig vor. Besonders, scheint mir, sind sie auf eine unerträgliche Art unstät. Das Leben soll überall, bis in seine kleinste Erscheinung hinein, ein Ganzes sein, eine Idee soll es regieren, und hier liegt alles massenartig, lose, unverknüpft durcheinander. Die ernste, große, stete Tätigkeit fehlt, die jedem Lebensmoment zum Grunde liegen sollte, und die den einzelnen Stimmungen allein Würde und höheren Gehalt geben kann. Schreiben Sie mir womöglich noch aus Berlin. Haben Sie Schleiermachers gesehn? Die Wucherer öfter? Wahr und erschöpfend ist, was Sie mir über die schreiben. Der unselige Harscher? Er kommt wohl nicht mehr zu Ihnen? Paulinens Brief ist göttlich. Die Wendepunkte des Lebens berührt er wahr und tief. Sie bleiben doch gewiß bis zum September in Töplitz. Gott weiß, was die Zukunft zubereitet. Meiner sicher bin ich nicht. Aber ich meine gewiß, daß ich Sie dann sehen werde. Adieu denn! A.M. Der älteste Sohn des Bruders von M. war Gebhardt , der 1833 starb. – Baron von Selby war M.s Schwadronchef im österreichischen Kriege. – Von Goethes Wilhelm Meisters Wanderjahren erschien das erste Buch im Taschenbuch für Damen, bei Cotta 1810. 22. Rahel an Marwitz. Sonnabend zwölf Uhr mittags, d. 8t. Juni 1811. Sagen Sie, Lieber, was ist das? Gestern vor acht Tagen schreiben Sie mir und sagen mir, Sie würden mir am Sonntag mehr schreiben; Sie erhalten unterdes einen dicken Brief von mir, und nun erwarte ich Ihren versprochenen vergebens. Ich muß mich ja immer auch ängstigen, wenn Sie mir so etwas tun. Wodurch geschah's denn diesmal? Mir ist es sogar im Briefe in der Entfernung recht unangenehm; nun muß ich Abschied von Ihnen nehmen. Mittwoch reise ich. Also bis Dienstag kann ich nur noch Nachricht von Ihnen haben – erkundigen Sie sich doch nach der Posten Lauf und Ankunft – schnelle, nahe Nachricht. Wie unangenehm mich zu entfernen, ohne einen Brief zu entfernen! Vieles habe ich zu besorgen und zu tun, mir alles Verhaßtes. Schwer wird's mir zu reisen; ich sehe nun, ohne schöne Heimat reist es sich schlecht und schwer. Tätig sein ohne Glück und – das ich's sage – ohne irgend eine Hoffnung ist nur Narren möglich; vom Unwesen sich verzehren, erschlagen lassen wie vom Gewitter, das kann man allenfalls in seiner Herzensmorgue. Wie drückt dies selbst geschmiedete Wort ein Verhältnis zu den beiden Sprachen aus! Ich mag nicht über eine Elende grübeln oder auch nur schwätzen. Das Wetter ist der größte Reiz, die Sonne plinkt der Erde zu, bald ist sie da, bald nicht, lebendig reden Schatten und Licht miteinander. »Wäre nur das Mögliche möglich!« aber auch nicht. Und warum büßt und bessert man sich nicht schnell, wenn es weiter nichts sein soll? Wenn ein noch Bekannter stirbt, vorher viel leidet, komme ich immer zu der ergrimmten Talbotschen Talbot , der englische Heerführer in Schillers Jungfrau von Orleans, 2. Aufzug. Laune. Schon die Dinge im Leben, die nicht schnell und mit einem effort gelitten und abgemacht werden können, ekeln mich, nun gar das ganze heilige Dasein. Warum die edle Seele einsperren und warum sie hoch und niedrig bis zum unflätigsten Kote kommen lassen, wie Wasser, welches bald Sumpf ist und die niedrigsten Dienste leistet, bald als luftiger Gebirgstau Sonne und Sterne abspiegelt. Leben Sie wohl! Mein ganzes Herz ist mit Ihnen und sprengt die dicke Rinde des augenblicklichen, doch zu ernst und oft ermüdeten Unmuts! Schreiben Sie mir, wenn ich Vergnügen haben soll, und alles, was Sie betrifft. In Töplitz Rahel Robert, im Lamm. Ich mache zwei Nachtlager bis Dresden, bin den dritten Tag dort und bleibe höchstens drei Tage, dann über den Geiersberg. Rahel. Ich habe Ihre Nichte am Fenster allein sitzen sehn, sie spielte mit ihren eigenen Händen. Das ist ja ein starkes, strotzendes, adliges und adlig angezogenes Kind. Sie saß allein; ich kannte sie gleich; ihre Schwester am andern Fenster. 23. Marwitz an Rahel. Friedersdorf, Dienstag Vormittag ein Uhr, d. 11t. Juli 1811. Gestern erhielt ich Ihren lieben Brief, liebe R., am Nachmittag, an dem ich aus Berlin zurückkam. Hören Sie erstlich meine Widerwärtigkeiten, ehe ich Ihnen antworte. Ich war recht wohl bis auf einige heimlich lauernde Schwäche, konnte fühlen und denken und wollte nun von hier fort. Freitag wollte ich abreisen, am Donnerstag wird mein Bruder arretiert (weil er sich frei und kühn und im allgemeinen großartig betragen und derb gesprochen hatte). Man führt ihn nach Spandau. Hier hinterläßt er alles in der größten Unsicherheit, eine Menge von Dingen angefangen, die unter strenger und genauer Aufsicht fortgeführt werden müssen, wenn sie ihn nicht ganz ruinieren sollen, dabei keinen Aufseher, denn er tut alles selbst mit sehr untergeordneten Instrumenten. Nun mußte ich also hier bleiben, wenigstens so lange, bis die Sache eine entschiedene Wendung wird genommen haben. Wahrscheinlich wird sie in vier Wochen vorüber sein, aber auch die zu verlieren ist unangenehm, widerwärtig die eigne Bahn zu verlassen und ganz fragmentarisch und sinnlos in eine fremde Tätigkeit hineingreifen zu müssen. Dabei tut mir die gar viele Bewegung und zumal das viele Rechnen gar nicht wohl. Ich sehe zwar blühend aus, werde stärker. Wie gar keine Mattigkeit vom Gehen oder Reiten, wohl aber (ein böses Symptom) vom Schlafen. Alle Morgen erwache ich müde mit roten, zuweilen tränenden Augen und mit Dummheit und Dumpfheit im Kopf, die oft erst gegen Mittag verdunstet (denn wie ein schwerer, dicker Nebel liegt sie mir im Gehirn). Dabei ist mein Herz jedoch wohl auf, denn in den erst gesunden Tagen, die ich gehabt, habe ich es gefühlt, daß meine Natur ganz unschadhaft und [un]angegriffen, und daß alle moralische und intellektuelle Schwäche, an der ich gelitten, nur physische Krankheit ist. In Berlin war ich ein paar Tage, vom Donnerstag bis gestern (Dienstag, d. 6t. Juli), um meinen Bruder zu besuchen und andrer Angelegenheiten wegen. Marcus sah ich zufällig am ersten Tage bei Dallach, so bleifarben, so ohne Funken eines höhern Lebens wie je. Dann Harscher, ganz elegant, glaubend aus tiefsten Verstandesgründen und ganz gemäß seiner Lage sich in die neuen Röcke gesteckt zu haben, aber gar nicht einheimisch darin und daher sehr stark mit dem plis eines Kaufmannsburschen. Und so ist es überall mit ihm. Nichts kleidet ihn von allem, was er tut, außer hin und her ein flüchtiger Humor, denn alles andre ist absichtsvoll und erzwungen, ist fremdes Leben, womit er die erstorbene Seele umsonst aufzuwecken strebt. Nun ist auch das vorüber, was seine Erscheinung zu Anfang des Winters mir wenigstens tief rührend machte, die verzweifelnde Klage über sich selbst, denn nun hofft er wieder, glaubt, es werde werden, und es kann nicht werden, wie ich zu meinem Schrecken nun eingesehn habe, denn alle Kraft zu einem bestimmten Leben fehlt ihm. Von allem, was da ist, trägt er ein hohles, allgemeines Schattenbild in sich, von nichts die lebendige Blüte oder den frischen Keim. Darum rührt ihn nichts, darum packt ihn die unsägliche Angst, wenn er Dichterwerke vornimmt, von denen er weiß, daß sie herrlich und begeisternd der Trost und die Freude jedes echten Gemüts sind, und bei denen ihm keine Saite seines Innern erklingen will. Armer! Zeigen Sie dies über Harscher an Varnhagen nicht, sonst begeht mir der eine Perfidie, wenn nicht grade zu, doch mittelbar und ohne es zu wollen. Wenn H[arscher] kräftig genug wäre und nicht zu zerknickt und zerknirscht, so würde und müßte er Sie hassen; jetzt staunt er ihre Natur an, meint aber, daß sie ganz nach der sinnlichen oder (wie er denn dies Höhere zugiebt) der antiken, plastischen Seite hingewandt sei und daher nicht zureiche, um die höchsten sittlichen Anschauungen zu fassen, das offenbare sich ihm zumal in der Musik, deren Bestes Sie nicht anerkannten, ganz zugetan der frivolen, modern italienischen Manier; über diese stritt ich einst mit ihm, erinnerte ihn aber an Ihre Verehrung für die alten strengen Bach, Händel p. p. Dagegen konnte er nichts sagen und auch nicht nach seiner Art erklären, doch machte es keinen Eindruck auf ihn, wie Sie denken können. Bei Schleiermacher aß ich zweimal. Mittwoch d. 12t., Abends um 6. Diese schlechten Zeilen schrieb ich Ihnen gestern, liebe Rahel, in größter Eil vor dem Essen. Heute fahr' ich fort an einem schönen, kühlen Tage, an dem wilde Regenschauer und warmer milder Sonnenschein miteinander wechseln. Sie wissen, wie lachend, wie über alle Maßen jugendlich frisch und in heiterm Glanze dann das Tal erscheint. Auch bei Ihnen, wenn das Wetter Sie ebenso begünstigt, muß es göttlich sein; wie duftend und dunkel der Park; am Gebirg ziehn eilend die Wolken hin; große Risse drein zeigen den Tannenwald, und wie hoch scheinen die Gipfel oben, wenn sie über das kämpfende Gewölk hinausragen. Nie sieht man jene Gegend so schön, so wunderbar mannigfaltig, als eben an solchen schaurigen Tagen. Meine lieben Spaziergänge haben hier leider ein Ende, da sie nun alle einem äußern Zweck dienen müssen. Und wie leben Sie, liebe R.? Rührt Sie innig die schöne Gegend, ist Ihnen das ganze Herz zu stiller Freude, ruhigem Genusse bewegt? Ich frage darum, weil einem auch sehr hohl und leer werden kann in Töplitz wegen des Unzusammenhangs in der Gesellschaft, wegen ihres gänzlichen Mangels an Religion , wegen der städtischen sinnlosen Verrücktheit, mit der alle die Masken durch die wundervolle Natur hindurch rennen, um zum Spieltisch oder sonst einer albernen Beschäftigung zu gelangen. Sehen Sie Rühle öfter? Ist er beim Herzog? Grüßen Sie ihn recht herzlich und sagen Sie ihm, daß mit diesem Briefe zugleich einer an ihn (ein sündenabbüßender, versprechenerfüllender, NB es sind große Kleinigkeiten) nach Dresden abgeht, und daß ich hoffe, daß er ihn bald erhalten wird. Ich liebe ihn sehr. Er hat etwas Dürftiges, wie Sie sagen, aber er ist ein liebenswürdiger Mensch von der offensten, jugendlichsten Freundlichkeit, einer so milden, anspruchslosen und doch nicht schwachen Persönlichkeit, wie ich kaum einen andern kenne, dabei weiß er viel nach einigen Richtungen hin (Krieg, Mathematik) und kann scharf und eigentümlich denken, nur hin und her, besonders über menschliche Verhältnisse etwas hölzern. Sprechen kann er leider gar nicht. Wir haben uns kaum vierzehn Tage gesehn, und er hat mir mit der größten Zutraulichkeit alle Begebenheiten seines Lebens erzählt, auch die, die man sonst einer langen Bekanntschaft ausspart, seine Liebe, die frühern unglücklichen Verhältnisse seiner Braut p. p. Schon das wird Ihnen gefallen. Ich kenne niemanden, der durch ein militärisches Leben hindurch und nach einer militärischen Erziehung (er war Kadett) sein Herz so frisch, so rührbar erhalten hätte. Warum kommt Goethe nicht? Marcus sagte mir, Sie hätten ihn citiert. Wie kommt das? Er ist unmäßig unbedeutend, unerträglich zerstreut, hat dabei etwas Vornehmes. Ich bin sehr tätig mit Lesen, Schreiben, Wirtschaften. Adieu, liebe R. Tausend Dinge sollte und könnte ich Ihnen noch schreiben, aber der Brief muß heute fort, und nun muß ich noch an Rühle, an Winterfeld (der die Briefe in Berlin besorgen soll) schreiben. Antwort hierher über Berlin, Müncheberg und Dölgelin. A. M. ½ 12 Uhr. Weh und wund komme ich hier an, liebe Rahel. Busch war heute morgen noch einmal bei mir, der Jude hatte sich auf nichts einlassen wollen, und ich mußte ihm nun sagen, daß ich ihm die 700 Rtl. nicht geben konnte. Die Tränen traten ihm in die Augen, er küßte mich und ging. Ich zweifelte, ob ich ihm nachlaufen und ihm alles geben sollte, und zweifle noch. Er sah mich so an, als ob er es für mich getan haben würde. Freilich kann er so etwas leichter, weil er unbesonnener ist. Und doch! Eine Wolke von Zweifel, Unmut und Unschlüssigkeit hat sich über meine Seele gesenkt. Dazu die Szenen von gestern. O wie die besten Menschen zu einander stehn! So viel Reines, Gutes und Richtiges, ja so viel Liebe war in allem, was mir geschehn ist, und doch scheide ich unbefriedigt, mit verwirrter, verwundeter Seele. Besonders quält mich, wie Sie denken können, das Verhältnis zur [Schleiermacher]. Ihr liebes verehrtes Bild ist mir verwirrt durch die affektvolle Spannung, die sich nicht rein lösen läßt, ich finde keinen Standpunkt, keine Worte für sie, dies geht so weit, daß, indem ich Ihnen dies schreibe und so daran denke, meine Gedanken und Empfindungen schwanken und in einander stießen und es mir Mühe gemacht hat, dies wenige zu fixieren. Was sagen Sie dazu? Sie, die Sie alle meine Fasern kennen. Wie gut oder wie schlecht ist dies? Es ist grade so, wie ich es schreibe, ich darf nur an das Verhältnis denken, um ängstlich, unbestimmt und unsicher zu werden. Der reine heilige Brief hat nichts gefruchtet. Que ne suis-je assissé à l´ombre des forêts ! – Die Fahrt hierher war merkwürdig. Die beiden konnten mir allerlei Interessantes über jetzige Handelsangelegenheiten und einzelne Kaufleute erzählen. Übrigens gehören sie zu den letzten Sterblichen; alle Sinne fehlen ihnen, alles Ursprüngliche, Großartige, Vornehme in der Seele. Ich wurde hier unterbrochen durch Gerlach und muß nun den Brief siegeln. Ob ich Ihnen den Goethe schicken kann, weiß ich noch nicht. Sie erhalten den Novalis. Antworten Sie mir gleich. A. M Der Bruder Alexanders v. d. M., Friedrich A. Ludwig, war wegen der scharfen Kritik an den Hardenbergschen Reformen fünf Wochen in Spandau eingesperrt morden. – Levin-Marcus , Bankier, der Vater der Rahel, starb 1789, sein Sohn führte das Geschäft weiter. – Dallach war eine bekannte Weinhandlung hinter dem Gießhause. – von Winterfeld , damals Referendar, später Oberlandesgerichtsrat. – Busch , vielleicht der spätere Assessor in der Prinzlichen Domänenkammer. – M. verkehrte in Schleiermachers Hause; es entspann sich zwischen dessen Frau und ihm ein zartes Liebesverhältnis, das später bedenkliche Formen anzunehmen drohte, bis Schleiermacher in überaus gütiger Weise die Angelegenheit regelte. – Leopold von Gerlach , der spätere General und Vertraute König Friedrich Wilhelms IV., ein intimer Freund M.s in Potsdam. – Novalis , Friedrich von Hardenberg: seine Schriften, von F. Schlegel und Tieck 1802 herausgegeben. 24. Marwitz an Rahel. [Friedersdorf,] Mittwoch, d. 31t. Aug.[=Juli]. Nachmittags sechs Uhr [1811]. Ich schreibe Ihnen, liebe R., ganz begeistert von Genelli, der eben hier war und die größten Szenen vor mir aufgeführt hat, redend, richtend, prophetisch, priesterlich. Mit mir hat er die wahrsten und scharfsinnigsten Dinge gesprochen über die Lage der Welt und unsres Staats, über die Bildung der Deutschen, Goethe, Schiller p. p. Dann ging er mit mir und der jüngsten Gräfin Fink (einem hübschen, schuldlosen Mädchen) zu einem toten Kinde meiner Schwägerin (hier ist nämlich großes Herzleid. Mein Bruder ist entfernt, das jüngste Kind ist vorgestern an Krämpfen gestorben, und das älteste, der Knabe, von dem ich Ihnen schrieb, liegt tödlich krank an der Ruhr danieder). Das Kind im Sarge lag vor uns in einem Helldunkeln grünen Zimmer; ich stand hinter dem Sarge; links von mir saß auf einem Ruhbett meine Schwägerin in Tränen, neben ihr auf der einen Seite Genelli, auf der andern stand die kleine Fink. Er sah eine Weile das Kind an, dann küßte er meiner Schwägerin mehrere Male die Hand, die er mit beiden Händen gefaßt hielt, und sagte mit tiefer Rührung und aus der innersten Überzeugung: »Dafür giebt es keinen andern Trost als Gott. Fühlen Sie, daß der ist, so lassen Sie Ihre Tränen reichlich fließen, sie werden Ihnen nicht zu Schaden kommen.« Wir gingen, ich mit ihm, in ein andres Zimmer. »Ich möchte eine Mutter sein«, hub er wieder an, tiefgerührt und mit Tränen im Auge, »nur um diesen Schmerz zu fühlen; eine solche Fülle des Herzens ist darin, sich selbst, seine eigne Seele sterben zu sehn.« Wir kamen nun auf andre Gespräche. Ich kenne keinen Mann, in dem der Kern des Menschen so ausgebildet, alles einzelne so auf die höchsten Ideen bezogen wäre, wie bei G[enelli]. Das Herz brannte mir, mit ihm über Sie zu reden, aber teils war keine Gelegenheit, teils hat er das Unbequeme, daß er mehr Reden hält, als Gespräche führt, und daher den andern oft überhört. Mit einem solchen ist schwer zu streiten, wenn man nicht eben so gute Reden halten kann, wie er. Dann versteht er mich auch oft nicht und glaubt mich wahrscheinlich viel dümmer, als ich bin. Donnerstag, d. 1t. August, Abends neun Uhr. Wenige Stunden, nachdem ich Ihnen diese Zeilen geschrieben, starb der Knabe, am Abend um ¼ auf 11. Der Arzt, der bei ihm war, hatte den ganzen Tag über aus grober Unwissenheit gute Hoffnungen gegeben, obgleich der Tod sich schon der Züge des Gesichts bemeistert hatte. Ich sahe das, lies mich aber täuschen durch die wiederholten Versicherungen des Mannes. Um neun Uhr kam Berends aus Frankfurt, er sagte gleich, daß der Knabe im entsetzlichsten Fieber läge, mir, daß er agonisiere. Wie soll ich Ihnen die Szene beschreiben, die hierauf folgte? Die Mutter, der nun mit einem Male die fürchterliche Bedeutung der Züge offenbar wurde, die über ihn gebeugt verzweifelnd das fliehende Leben aufhalten wollte. Noch immer höre ich ihren Ruf: Ach mein Rudolph, wie siehst du aus? Bleib' bei mir, mein Kind; dies in dem Tone, als ob ein Beil ihr durch die Seele schnitte. Der Knabe, der nun anfing zu röcheln, in der Brust kochte es ihm wie siedendes Wasser im Kessel (haben Sie dieses Entsetzliche je gehört?). So eine halbe Stunde, dann starb er. Nun ging Berends, nachdem er ein paar edle starke, aber wohltätige Worte zu meiner Schwägerin gesprochen. Sie blieb sitzen zu den Häupten des toten Kindes; ich stumm neben ihr, hatte sie bei der Hand gefaßt; zu den Füßen des Kindes saß Karoline Fink, die Vestalengestalt, still weinend. Das dauerte bis 1 Uhr nach Mitternacht. Nun legte sich die Mutter nieder, ich ging zu Bett, hatte aber bis drei Uhr mit einem Gedankenfieber zu kämpfen, dann schlief ich ein. Um fünf Uhr Morgens trat mein Bruder in mein Zimmer. Er kam aus Spandau, wohin ich zu ihm geschickt hatte nach dem Tode des jüngsten Kindes, und wo man ihn hierauf freigelassen. Er hatte den Knaben sehr geliebt und mit Recht viel von ihm gehofft, und wie gewaltig er sich erweichen kann ungeachtet seiner großen Strenge, habe ich Ihnen ja wohl gesagt. Alle Glieder zitterten ihm, wie nach dem Tode seiner ersten Frau. Wie der übrige Tag bald in stummer, bald in gesprächiger Trauer verging, wie wir das tote Kind besuchten, das unentstellt in schuldloser Ruhe zwischen Blumen mit einem Asternkranz auf dem Haupte vor uns lag, das kann ich Ihnen nicht weiter beschreiben. Sonntag, d. 4t. August 1811. Noch manches wollte ich Ihnen aus diesen feierlichen Tagen erzählen, besonders von Gedanken, die ich gehabt, aber ich bin aus der Stimmung. Warum schreiben Sie mir nicht, Ihr letzter Brief ist vom 24t. Juni. Unterdes habe ich Ihnen durch Fichte eine weitläuftige Antwort zugesandt, die zwar durch Winterfelds Nachlässigkeit eine Weile aufgehalten worden ist, die Sie aber doch wenigstens seit drei Wochen haben müssen. Und nun muß ich Ihnen den zweiten Brief schreiben, das ist unbequem, denn in solchen Briefen, in denen man nicht das bestimmte Wort, die individuelle Situation des andern vor sich hat, redet man doch immer halb ins Leere hinein. Darum wird es mir so schwer, an jemand zuerst zu schreiben. Wie leben Sie? Ist Varnhagen noch bei Ihnen? Was macht die sinnlose F[rohberg ]? Der bequeme, liebenswürdige Herzog von Weimar? Hat er schon einmal ohne Maß vor Ihnen radottiert? Ist Goethe da? Kommt er? Aus den Zeitungen sehe ich, daß Ligne Karl Joseph Fürst von Ligne , ebenso bekannt als österreichischer Feldmarschall, wie als geistreicher Schriftsteller und interessanter Unterhalter. Eine nähere Bekanntschaft, der auch ein Briefwechsel folgte, entspann sich zwischen ihm und Rahel 1811 in Teplitz. nicht da ist. Das ist doch eine Entbehrung, denn ungeachtet seiner grauen Torheit, seiner ekelhaften Jugendlichkeit ist er doch ein merkwürdiges Stück. Wollte er nicht den jungen spielen und wäre er daher nicht immer zu sehr mit der Gegenwart beschäftigt, so müßte er interessant und angenehm erzählen können, doch muß er durch geschickte Behandlung auch dahin zu bringen sein. Nun, und ich Esel frage nach der Hauptsache nicht. Ist die Pauline da? Über die ein Meer von Erzählungen, wenn sie da ist. Ich bin gesund und fleißig, nur in den letzten Tagen habe ich leere Momente gehabt, weil es mir nun an Büchern fehlt, ungeachtet ich nach Berlin dringend geschrieben, daß man mir welche schicke; und man schickt keine! – eine Art von Mord! Wie schaal ist dieser Brief, wie schaal sind alle. Man schneidet willkürlich ein paar arme Stimmungen, ein paar Begebenheiten aus seinem Leben heraus, und das Meer, das ewig in einem und um einem wogt, das muß man allein ertragen. Kommen Sie wieder nach Berlin, liebe Rahel? Ich war vor vier Wochen in Ihrem Quartier, wo ich Line traf. Die sagte mir, Sie behielten es. Mein Bruder verreist auf acht Tage. So wie er zurückkommt, gehe ich nach Potsdam. Adieu, liebe. Ich muß der Post wegen schließen. Adressieren Sie Ihren nächsten Brief an Herrn Referendarius von Winterfeld I (Krausenstraße Nr. 37). A.M. Ich habe wieder eine wahre Angst für diese Blätter. Sie sollen mit der Post gehn. Werden Sie sie erhalten? Fragen Sie doch Rühle, ob er Brief, Hefte und Geld erhalten hat. Hans Genelli , geb. 1763, widmete sich dem Studium der Baukunst, brachte es aber darin nicht zu besonderer Bedeutung. Er lebte bei dem Grafen von Finckenstein in Madlitz, wo er auch 1823 starb. – Rudolf und Elisabeth von der Marwitz , die Kinder Friedrichs v. d. M. starben nach kurzer Krankheit, während der Gefangenschaft des letzteren in Spandau. – Berends ist der Arzt, der aus Frankfurt zu den Kranken geholt worden war. – Karoline Finck von Finckenstein , Schwester des Grafen Karl, mit dem Rahel verlobt war. – Fichte war Professor an der neu gegründeten Universität Berlin: Marwitz war durch Rahel zu dessen Vorlesungen geführt worden und kam dann durch dieselbe in näheren Verkehr. 25. Marwitz an Rahel. [Friedersdorf,] Dienstag d. 13t. August 1811. Abend halb elf Uhr. Böse, Böse, warum schreiben Sie mir nicht? Dies ist der dritte Brief, den ich Ihnen zusende, und noch immer keine Antwort. Ich war dieser Tage in Berlin und bei der Markhusen, um dort Nachricht von Ihnen zu erhalten, aber sie wußte nichts, als das Gerücht, das in der ganzen Stadt umherläuft, daß Sie Varnhagen heiraten!! Manches ist mir wieder in dieser Zeit begegnet. Ich ging nach Berlin, um den alten Müller aus Bremen zu sehn, der mit seiner Tochter da war. Die rührendste Erscheinung! Er weinte unsäglich, wie er mich sah; und wie ich zuletzt ging und ich ihn, wie er behauptete, durch mein Wesen so sehr an seinen Sohn erinnert hatte, da brach ihm gänzlich das Herz. Dazwischen ist er sehr kräftig und lustig, von einer ganz jugendlichen Frische und von einer so redlichen und liebevollen Treue, daß man alle seine Konfusionen gern übersieht, ja vielmehr sie gar nicht bemerkt. Die Tochter gleicht dem Bruder über alles Maß, in den Augen, der Sprache und in der ganzen Art zu reden und sich zu betragen: der ungeheure Schmerz, den sie ewig in sich trägt, bricht nur, wenn man sie allein sieht, gewaltig hervor; in Gesellschaft weiß sie ihn mit der größten Stärke in stille Ruhe, ja in Heiterkeit zu verhüllen. Sie können denken, wie lieb sie mir geworden ist, und wie ich ihr heiliges Leiden in mein Herz aufgenommen habe, auch ich bin ihr sehr lieb. Sie ist sehr sicher, klar und richtig in ihren Ansichten, sehr wahr, edel und bequem in ihrem Wesen. Wie leid war es mir, liebe Rahel, daß Sie nicht da waren, daß Sie nicht Tränen und Leid mit der Elise austauschen konnten. Ich sprach ihr natürlich von Ihnen. Mich quälte es, daß ich den teuren Leuten gegenüber zuweilen stumpf sein mußte, oder doch nicht tiefbewegt sein konnte; nach sechswöchentlicher, beinah vollkommner Gesundheit war ich nämlich in Berlin recidiv geworden; ein starkes Herzschlagen, schwere Verdauung am Nachmittag und Angegriffenheit des Gehirns fand sich ein; das stumpfte mich ab an und für sich, noch vielmehr aber durch die ängstigenden Gedanken, die es in mir aufregte. Gott befreie mich von diesem Übel, es ist unglaublich groß. Adieu, liebe Rahel. Es ist tief in der Nacht, ich bin heute von Berlin zurückgekommen und dabei fünf Meilen geritten. Hier fühle ich mich wieder ganz wohl, doch ist es am Abend immer besser, als am Morgen. Mein Bruder reist mit meiner Schwägerin bis etwa zum 24t. Dann gehe ich fort von hier, und der Teufel muß im Spiel sein, wenn ich nicht in vierzehn Tagen in Dresden bin. Von dort schicke ich Ihnen sogleich einen Boten oder komme selbst. Liebe, warum schreiben Sie nicht? Stört Sie die fremde frivole Welt, die Sie umgiebt? Gott weiß, wie das zugeht. Ich kann Berlin fast gar nicht mehr aushalten, dagegen bin ich hier ganz glücklich und tätig. Noch eins. Elise hatte ein Bremisches Mädchen mit sich, eine Freundin; so etwas von altdeutschem Wesen ist mir nie vorgekommen, wie man die Frauen auf Holbeinschen Bildern sieht; solche naive Augen und Blicke, eine so fromme Treue in den Mienen, ein so stilles Aufmerken auf alles um sie her, und neben der demütigen Ruhe viel Geist und Stärke. Dabei dieselbe Haltung, der vorwärts gebeugte Kopf, die Hände, die sie beim Gehen unter der Brust über einander legt. Ihr Vater war gestorben, daher trug sie immer ein kurzes schwarzes Kleid von wollnem Zeuge, darüber, wenn sie ausging, ein großes weißes auch wollnes Tuch, auf dem Kopf einen einfachen weißen Hut mit schwarzem Band. A. M. Haben Sie meinen Brief durch Fichte erhalten, einen zweiten durch die Post? Hat Rühle Geld, Brief, Hefte? Die Markhusen ist Nettchen Marcus , die Cousine der Rahel. Die Bekanntschaft Rahels mit Varnhagen bestand schon seit 1807; die Verheiratung beider erfolgte erst 1814 am 27. September, also erst nach dem Tode Marwitzens. – Der alte Müller ist der vorerwähnte Bremer Musikdirektor Wilhelm Chr. M. 26. Rahel an Marwitz. [Teplitz,] Donnerstag früh zehn Uhr, d. 22t. August 1811. Obgleich erst übermorgen die Post nach Dresden geht, schreibe ich Ihnen doch aus Ungeduld schon heute. Zwei Briefe hatte ich schon von Ihnen, ohne Ihnen antworten zu können, ohne Ihnen geantwortet zu haben. Endlich hatte ich mir fest vorgenommen Ihnen zu schreiben, daß ich Ihnen nicht schreiben könne, daß Sie suchen sollten hierher oder, wie Sie längst projektiert hatten, nach Dresden zu kommen, wohin ich alsdann auch kommen wollte, oder ginge das alles nicht, ich zu Ihnen nach Potsdam kommen wollte, wenn es Sie in keinem Verhältnis stört; weil, da ich Sie doch noch bald sollte sehen, nach dieser großen Störung in den Briefen das Einzige, das Beste sei. (Wie soll ich Ihnen wohl meine Erkenntlichkeit für Ihre Briefe dartun, in denen Sie mir alles mitteilen, vorlegen, was Sie erleben, was Sie betrifft? Hören Sie mir auf, mein teurer Freund, dies zu tun; wenn ich auch verzaubert daliege und nicht antworte, ich höre doch, ich empfinde doch, es muß ein doppelter Trost für mich sein, ein zweifaches Bedürfnis von Ihnen durch Sie zu hören, belebt zu werden. Von allem, was Ihre Nachrichten betrifft, mündlich, und haben Sie keine Antwort von mir vernommen, so glauben Sie nur, jeder Laut von Ihnen hat seine alte Stelle, wuchert in meinem Herzen, und trotz der Stummheit hätten Sie über den Bruder, Harscher, Müllers, über sich und alles zu keinem Besseren reden können. Ich lag arg bezaubert, ja getötet hier. Gerechter Gott! Nach zehn Jahren mußt' ich unter den tötendsten, ungünstigsten Umständen meine erste Krise machen. So getötet, vernichtet hat mich noch nichts, geschmerzt und elend gemacht schon vieles mehr. Kein Wort hierüber in einem Briefe, der an die 3000 Chancen ausgesetzt ist. Mündlich alles besprochen! Als ich Ihnen nun endlich doch schreiben wollte, um Sie eigentlich zu fragen, ob ich rückzu nach Potsdam Sie besuchen kommen könnte ohne incognicité für Sie, bekam ich letzten Dienstag Ihren dritten Brief (leider um einige Stunden zu spät, um noch nach Friedersdorf antworten zu können). Ich muß nun diesen [an] Graf Lippe Alexander Graf Lippe , unter den Bekanten der R. oft genannt: vielleicht der spätere kurtrierische Kammerdirektor, 1753–1836. schicken, damit er ihn an Hrn. von Rühl[e] bringt und Sie ihn wenigstens in Dresden bekommen. Hören Sie also! Die Kosten sind zu gering hierherzukommen, um daß Sie sie scheuen könnten, das Leben hier durchaus so wohlfeil und wohlfeiler als das in Dresden. Sie schicken mir also gleich , wenn die Post nicht gleich geht, einen Boten, sowie Sie nach Dresden kommen, und bestimmen genau, wann ich Sie erwarten soll. Ich werde wahnsinnig! Mit Ihnen damals, Eichwald-Graupen im Mondschein, im September-Mondschein zu sich, in der September-Sonne. Ich bin es wert, daß Sie kommen. Vielleicht ist es unser letztes Gebirg-Zusammensein, wie es unser erstes ist. Ich bin hier ganz frei. Sie sind es hier auch. Nur was uns angenehm ist, brauchen wir zu kultivieren. (Vielleicht kommt Gentz Ende September her.) Varnhagen reist bestimmt diesen 28t. August. Heilen Sie diesen schrecklichen Sommer aus meiner Seele! Tun Sie einmal rein etwas für Ihre Freundin! Ein Spaziergang mit Ihnen, ein Blick in Ihre Augen, auf das verwandte Gesicht wird mir das Herz genesen, die Gemütskräfte wieder in Gesundheit zusammensetzen. Ich füge kein Wort hinzu, ich verlasse mich auf Sie. 27. Rahel an Marwitz. [Teplitz,] Donnerstag, d. 22t. August 1811. Heute Morgen, mein geliebter Freund, habe ich Ihnen schon einen Brief nach Dresden geschickt, den Sie bei Hrn. von Rühle [finden werden]. Dienstag bekam ich Ihren dritten Brief, der mir ankündigt, daß Sie nach Dresden kommen, Ersatz für meinen ganzen abominablen, unerhörten Sommer. Ich sitze bei Madam Frohberg in der großen Konversation beim Tee, Varnhagen, ein Herr von Kleist und Marianne Saling sprechen mit mir; alles, was Sie wissen sollen, steht in dem Dresdner Brief. Varnhagen reist den 28t. dieses Monats ab. Ich werde hier ganz frei sein. Wir müssen die Gegend genießen. Sie schicken mir gleich einen Boten, sowie Sie nach Dresden kommen. Millionen Dank für Ihre Briefe, um so mehr, da ich nicht antworten konnte. Ich wollte nicht eher schreiben, bis ich Ihnen anbieten konnte nach Potsdam zu kommen, oder Sie zu bitten hierher zu kommen. Es ist mir unmöglich zu schreiben, da ich heute Morgen schon alles sagte und diesen Brief nur aus Präcaution schreibe, wenn Sie noch nicht weg sein sollten. Grüßen [Sie] alle meine Geschwister und Schleiermachers. Adieu. R. R. Sonnabend Mittag, d. 30t. August. Dieser Brief mußte warten; ich lege ihm noch ein Wort bei. Ich bin etwas ruhiger. Kommen Sie also ja hierher, wenn Sie es sonst wollten. Ich gehe dann mit Ihnen nach Dresden, und, gehen Sie nach Berlin, von dort mit Ihnen nach Berlin. Dieser Brief wird vom Grafen Loos weggeschickt, ich habe keinen Augenblick Zeit. Ist's zu spät, so geht er mit der morgenden Post. Es wird alles hübsch, wo Sie sind; nur gleich. Was macht Ihre Schwägerin? Adieu. Marianne Saaling , Schwester der vorgenannten Frau Frohberg. – Graf C. F. Loos , Ingenieurkapitän und Lehrer am Kadettenkorps, Freund von Karl La Roche. 28. Marwitz an Rahel. Dresden, Sonnabend d. 6t. Septbr. [1811], Morgen 7 Uhr, im Goldenen Engel. Gestern, liebe Rahel, bin ich hier angekommen und habe Ihre beiden Briefe gefunden. Ich schicke Ihnen einen Boten, um zu erfahren, in welcher Stimmung Sie jetzt sind, ob es Ihnen nötig ist, daß ich Sie von Töplitz abhole, denn auf längere Zeit kann ich nicht hin, äußerer Rücksichten wegen, die ich Ihnen mündlich entwickeln werde, viel mehr aber innerer halber. Mein Geist ist vielleicht schärfer als je, meine Seele erhabener gestimmt. Ich sehne mich unglaublich nach dem Altertum, nach den großen Kunstwerken der neuen Zeit, nach einer würdigen Einsamkeit, nach solitären Spaziergängen in Tharandt, im Plauenschen Grunde, in der Sächsischen Schweiz mit Ihnen . In Euer gemeines Nest, in Eure elenden stagnierenden Kotterien, denen man sich doch nicht entziehen kann und die doch infizieren, mag und kann ich nicht hinabsteigen, überhaupt ist es mir sehr unbequem, auch nur für einen Augenblick nach Töplitz zu gehen, meiner ehemaligen Kameraden halber, die ich nicht vorbei gehen kann, ohne, wenn auch nicht in ihrem Sinne, doch in meinem, atroce zu erscheinen; sie aber aufzusuchen, würde mich noch mehr quälen, weil es mir Zeit raubt und mir schadet durch ermattende Gespräche und durch die Anschauung dürftiger Verhältnisse. Diese Rücksichten aber fallen weg, und ich komme, wenn es Ihnen noch so Bedürfnis ist, wie Sie es in Ihrem ersten Briefe aussprechen. Warum aber? Muß ich Ihnen helfen von Varnhagen loszukommen? Aber basta. Antworten Sie mir nicht auf diese Fragen, überlegen Sie nur Ihre Lage, die meinige, die in der Tat große Unbequemlichkeit, Leute vor den Kopf zu stoßen, mit denen ich der Gegenwart und der Zukunft halber in einem freundlichen und ungestörten Verhältnis bleiben will, und bestimmen Sie, was ich tun soll. Soll ich Sie abholen, so komme ich Dienstag, bleibe Mittwoch in Töplitz (im strengsten Inkognito, reden Sie daher zu niemand davon, außer, wenn es nötig, zu Varnhagen), und Donnerstag reisen wir hierher zurück. Wollen Sie unabgeholt kommen, so schreiben Sie mir, an welchem Tage; ich erwarte Sie alsdann in Zehifta, der letzten Station diesseit, im Posthause und führe Sie in unser Quartier, das unterdes besorgt sein soll. Liebe Rahel, Dresden ist sehr schön, man kann hier in einem edlen Stile leben. Sie fühlten es, wie Sie hier durchgingen, und schrieben es mir. A.M. 29. Rahel an Marwitz. [Teplitz,] Sonntag früh d. 8t. September 1811. Ich freue mich unendlich mit Ihren Brief. Kommen sollen Sie nicht . Daß Sie kommen wollten, lieber Freund, ist ein heilendes, beruhigendes Bewußtsein für mich. Bleiben Sie in Ihrer Stimmung. Ich störe Sie gewiß in nichts; denn wenn ich Sie störte, würde ich es merken. Sonnabend früh reise ich von hier mit Dore und einem unschuldigsten Herrn von Kleist, einem jungen Ruhrländer, den ich los bin, sowie wir vom Wagen steigen, und den ich nahm, weil ich nicht gern ohne Bedienten reise, und der Kosten halber. Sonnabend Abend also sehen wir uns. Mieten Sie uns ein konvenables Logis, aber nicht im Wirtshaus. Ich könnte bei dem Baron Grotthuß wohnen in der Pirnaer Straße, seine Frau ist nach Wien und hat mir dies angeboten; sein Haus hat einen Garten. Nicht unangenehm in dieser Jahreszeit; viel ausgeben kann ich auch nicht mehr. Jedoch denken Sie, daß es konvenabler ist, wir wohnen anderswo, so ziehe ich in Herzensfreude mit Ihnen, wo Sie wollen. Madam Frohberg reist erst mit de Ligne von hier den 23t. und wohnt nicht mit uns. Dann bleibt sie noch ein paar Tage in Dresden, und dann reist ein jeder von uns in einem andern Wagen nach Berlin. Auch kann ich dann wohl ein wenig länger bleiben, wenn es Ihnen konveniert. Absteigen kann ich auf jeden Fall bei Grotthuß. Lassen Sie sich von Lippe im Logis helfen, und schreiben Sie mir noch einmal mit Post oder Gelegenheit hier her; es gehen Millionen, das müssen Sie Grotthuß fragen lassen, dem ich ein paar Worte hier einlegen werde, die Sie gleich abschicken. Es ist auch wohl besser, ich wohne mit Dore und Ihnen für mein bares Geld. Sehen Sie nur, daß ich eine Matratze kriege, mein einziges Bedürfnis, weil ich auf Betten nicht schlafen kann. Sie haben nicht nötig mich los zu machen; dies war nie nötig. Und alles ist milder. Mündlich das Widersprechendste. Ich kann in Dresden leben, wie ich will, und, wenn ich will, niemanden sehen. Grotthuß schreibe ich hierin, ob ich noch bei ihm absteigen kann im Fall ich kein Quartier habe, welches Sie mir dann beim Entgegenkommen sagen, auch Grotthußen. Ich schreibe abends ihm, ich komme Sonnabend oder Sonntag, damit er mir nicht entgegenkommt. Adieu. Gott stärke Sie, daß Ihnen die große Stimmung bleibt! Sie werden auch mich gut finden, das Wetter und die Menschenleere tun mir gut. Leben Sie wohl! R.R. Ich hatte überlesen und nicht bedacht, daß Sie schon im Engel wohnen und also mich da auch einmieten wollen. Wie Sie wollen. In der Pirnaischen Straße bin ich zu weit von Ihnen. Und ich habe nichts wider den Engel, als daß es ein Wirtshaus ist, und daß ich die Preise nicht kenne. Kurz, wie Sie es ausdrücken. Absteigen kann ich ja in jedem Fall im Engel, und konveniert es mir nicht, zu Grotthuß oder chambre garnie ziehen. Also dem schreibe ich nun gar nicht, und ziehe zu Ihnen. M[arwitz] es ist viel, daß ich das Glück in Dresden haben soll. Und wie man zuredestellend zum Himmel spricht und schaut, so sage ich ihm dies jetzt. – Wo ist denn Ihr Bruder und Ihre Schwägerin? Man sagte, hier in Dresden. 30. Rahel an Marwitz. [Dresden, d. 15t. September 1811.] Guten Morgen, cher époux de ma future et digne elève! Hat die Sorge Sie schlafen lassen? Mich quälte das Gewissen im Schlaf, und zu meiner Strafe bin ich mit Kopfschmerzen erwacht, die sich nicht zerstreuen wollen. Ich kann mich also der fatigue nicht aussetzen, bis sie weg sind, werde Ihnen also nur in dem Fall, daß mir später besser wird, bei den Antiken nachkommen. Präparieren Sie also den Mann; finden kann ich sehr gut. Sollten wir uns aber dort nicht sehen, so bin ich gegen zwei gewiß im Engel, wo Sie wahrscheinlich doch auch Ihr Mahl einnehmen werden. Sie schmeicheln mir heute den ganzen Tag. 31. Rahel an Marwitz. [Dresden, d. 15t. September 1811.] Ich werde Dore mitschicken, damit Sie die Antwort gleich können zurücksagen lassen. Mir scheint das Wetter sehr trübe und noch dicker , und muß bald in Regen ausbrechen; tut es aber das nicht , so bleibt es in dieser Zugeschlossenheit und Rauhigkeit. Ich habe aber ganz und gar Lust, zu was Sie wollen, nur müssen Sie's bestimmen; und dann spute ich mich und bin fertig. Rh. [Alex. von der Marwitz an Rahel. – Auf der Rückseite des obigen Zettels.] So bleiben wir also zu Hause. Um zehn hole ich Sie zu den Antiken oder der Bildergalerie ab. Ist Ihnen das ungelegen, so schreiben Sie es mir durch Dore. A. M. 32. Rahel an Marwitz. [Berlin,] Freitag, d. 4t. Oktober 1811. Was soll ich davon denken, lieber M., daß Sie grad heute nicht kommen, wo ich Ihnen sagte, ich nähme mir das Leben, wenn Sie nicht kämen? Wo ich es allen Ihren Freunden zusagte, daß sie Sie sehen würden, noch wie Sie bei mir waren. Nanny, die Schleiermacher, Neumann und Harscher waren gekommen, alle Sie hoffend. Harscher ganz liebenswürdig, alle beredt und gut. Haben Sie denn keinen Augenblick finden können, in dem Sie mir sagten. Sie konnten nicht kommen? Noch ist mir ein Tag ganz abscheulich schrecklich, an dem ich Sie nicht sehen soll, wenn ich auch jede Zukunft kenne und erwarte, die nahe und die ferne. Sogar besorgt war ich, was kann Ihnen denn sein. War es reiner ennui? Mir ist schon heute manches Verdrießliche, Gemeine aus meiner Lage auf den Hals gestürzt. Ich habe Meiern ein paar Worte nach Dresden geschrieben und Lippens Bücher mit dem Kutscher geschickt. Auch Madam Fischer Frau Fischer in Dresden, eine ältere Freundin R.s, bei der sie 1811 gewohnt hat. habe ich geschrieben und von Herrn von Marwitz gegrüßt; das freut sie in der Seele. Harscher will gegen zwölf morgen zu mir kommen, hat mich auch heute gesucht. Er ist auf besserm Weg. Adieu, liebe Furie! R.R. Abscheulich, wenn ich einen ganzen Tag nicht weiß, wie's mit Ihnen ist. Morgen ist Hannens Geburtstag. Bis halb zwölf waren alle hier. 33. Rahel an Marwitz. [Berlin, d. 14t. Oktober 1811.] Wollen Sie in die Opernprobe gehen? Ich gehe ein wenig hin. Noch bin ich zu Hause. Die Eingangstüre ist der Katholischen Kirche gegenüber, wo eine Holztreppe für Pferde über die steinerne gelegt ist. Man wird Sie über's Theater nach der Königlichen Loge führen. Mir ist fürchterlich. Unter welchem stehe ich? 34. Rahel an Marwitz. Dienstag, d. 15t. Oktober 1811. Ist es nicht genug, daß ich Sie einen ganzen, argen, langen, letzten Tag nicht sehe; können Sie auch nicht eine Minute finden, in der ich erfahre, wie es Ihnen geht? Und die Erwartung! Sie glauben nicht, wie das meinen Tag gestern aufwirbelte. War Ihnen denn gut? Und das sag' ich Ihnen, bleiben Sie mir etwa heute aus dem Zauberwald, so nehme ich mir das Leben. Ich weiß, welche Marter ich gestern bei der Probe durchmachte, und knackte, knarrte, rüppelte sich im Fenstern mit Lampen geblendeten Hause etwas, so dacht' ich. Sie müßten's sein. Genug, ihr Musen! R.R. 35. Rahel an Marwitz. Freitag Abend um elf Uhr, d. 17t. Oktober 1811. O, mein teurer Freund, je mehr vergeht, je schrecklicher ist es, daß Sie weg sind. Ich erliege, ich bin überwältigt von dem Strom der Gedanken an Sie, seit Sie weg sind; welche Welle davon sollt' ich schöpfen, um sie Ihnen zu senden? Was ist nicht alles schon vorgefallen, was hab' ich Ihnen nicht alles adressiert! Oft hatte ich auch Augenblicke, wo ich zu furchtsam war. Sie in Ihrer neuen Umgebung, in der neuen Laufbahn gleich zu stören, Sie gleichsam nicht unbefangen zu sich selbst kommen zu lassen, Ihnen mein Andenken aufzudringen! Und andere hatte ich, wo ich dachte, er weiß, daß ihn deine Gedanken belagern, und es ist ihm lieb, er hat es nötig, er denkt es. Furcht behielt aber die Oberhand, und es ist auch besser, Sie sehnen sich nach meinen Briefen und Worten, als daß Sie sie im Augenblick wegwünschen; und ich gestehe es. Es hilft Ihnen nicht, mein lieber Marwitz, daß Sie meine ganze Unwissenheit überschaut haben. Die gelehrtesten Leute kommen in meine Einsamkeit zu mir und bleiben von sieben bis drei Viertel auf elf tête à tête bei mir. Der Philologe Wolf tat das diesen Abend. Sie haben sich nichts mehr zu schämen; dieser Mann denn sprach diese ganze Zeit auf die reichhaltigste, geistreichste, naiveste, offenste Art mit mir von allen seinen Arbeiten (wovon er mir schon morgen die »Wolken« schickt und einen Aufsatz über die Sprache, und mir alles geben wird, was ich nur irgend verstehen kann), Pläne, Gesinnung über alle Gelehrte, und Stadtgenossen, über sein früheres Leben, seine Liebschaften, Heimat, Ehe, Frau, Kinder und ihre Erziehung, über die Art und Weise, wie er seine Arbeiten konzipiert, und unergründlich liebenswürdig, was er davon hielt, was er noch zu schreiben gedenkt, wie er vieles verfaßte, was er vom Übersetzen denkt, von Voß, Schiller, Schleiermacher, Humboldt, Goethe, dessen Ehefrau und Geschichte, sein Leben mit ihr, vom Herzog, der Herzogin, Friedrich Schlegel, dessen Frau und Bruder, Deutschland und seine Meinung darüber (meine Satisfaktion: es war meine), von Madam Herz, Frau von Berg, Gräfin Voß, ihrem Mann, Stein und Varnhagen. Kurz, ich kann mich des lebendigen Gesprächs und der Gegenstände nicht aller erinnern; für mich Arme fiel es aber doch zu einem Leid aus. Mit welchem Jammer bedauerte ich, daß Sie vier Meilen weit waren, mit welcher Anstrengung wollt' ich alles für Sie behalten. Wie schön sprach er über die »Wolken«! Welche Vorrede für mich! Mit welchem großartigen Zutrauen über alle Dinge, mit welchem leisen, nur nötigen Verbot. Wenn ich Sie sehe, bleibt Ihnen das alles unverloren. Welcher Verlust, getrennt zu leben! Lassen Sie mich's auf dem stummen Papier sagen! Andere Menschen können getrennt leben, wir zwei nicht. Es ist zu wahr; ich sag' es dreist. Gestern Abend war ebenso lange und allein Harscher bei mir. Wir sprachen meist von Ihnen, ich in lallenden Versuchen, ob es anginge zu sagen, wie ich Sie sehe. Er war ganz rein, wahr, sanft, aufrichtig, sprach schön über Sie und sagte, er könne Sie so, wie ich Sie liebe, nicht lieben. Schleiermacher und ich liebten Sie am meisten. Ich verteidigte mich nicht. Er gestand rührend, weil ich mehr wäre als er (Harscher), könnt' ich Sie mehr lieben. Ich war ganz wahr gegen ihn und nahm ihn für mich ein. Er gestand mir, er sei nicht gekommen, um uns zwei nicht zu stören; ich setzte ihm wahrhaft auseinander, wie das nicht geschehen wäre, wenn er ordentlich gewesen wäre, und was unter diesem Ordentlich zu verstehen sei; er sah es ein und gab mir sonst recht. Er habe wider mich gesprochen, sagte er mir auch, und Sie hätten mich mit dem größten Feuer ritterlich verteidigt. Besser, dacht' ich und schwieg. Er fing mich an sehr zu bewundern und auch wieder zu zweifeln, ob ich so gut sei, als ich mich zeigte. Aber nicht unangenehm. Ich sprach ihm über sein Innerstes, traf es und konnte ihm sehr wohltun; da aber ging seine Bewunderung los, und bei meinem scharfen Sehen und Wissen, bei meiner Liebe. Über Schleiermacher sprach er sehr klar und klagte über seine Stummheit und klagte ihn an, mit mir nichts zu haben, und bedauerte es. Dies alles aber in der natürlichsten, allmählichsten Folge und nicht im geringsten, wie es hier steht. Jeder Mensch, jedes Ding und er sich selbst wurden ihm klar und lieber; er fühlte das am Ende so, daß er sagte: Bei Ihnen wird mir wohl, faßte sich am Kopf und setzte hinzu: Mir wird klar im Kopf. »Ich bin, die all das Herrliche vollbrachte (die Jungfrau von Schiller) und schwankend geh' ich mit der Fahne her.« Ich werde tot sein, wie Alfonsos Mutter, darben, wie die Schwester von Urbino. Nicht ganz so, lieber Freund! Vorgestern bekam ich beide inliegende Briefe. Lesen Sie sie und senden Sie sie mir sogleich wieder. Varnhagens tat mir nicht wohl; seine Stimmung darin ist wie die Figuren, die von Sandkörnern erzeugt werden, wenn Dr. Cladny auf Scheiben spielt, worauf sie liegen, und ein neuer Strich wendet all die Körnchen um. Lesen Sie ja so unbefangen, wie ich Sie schon oft sah, was er von Ihnen sagt. Er muß die Liebe von mir zu Ihnen annehmen. Das könnt' ich auch Harscher deutlich zeigen, er es mir auch. Bentheims Brief ist geschrieben, weil er wollte, aber er hatte keine Stimmung. Ich werde ihnen beiden antworten. Vorgestern Morgen wollte ich Minna [Schede] besuchen, sah aber nur eine Viertelstunde Madam Wucherer, die kühlig und artig war (zwei Frauen bei sich hatte, die mit mir kamen, die ich aber nicht kenne; die eine, glaube ich, ist Madam Alberdal). Harscher ist sehr von ihr zurückgekommen, sagt, er habe ihr sonst mehr gegeben, als sie hat; ich habe nichts wider sie gesagt. Vorgestern Abend stürzten Bethmanns und Madam Liman bei mir herein und waren den ganzen Abend bei mir. Meyer blieb mir zum soulagement da; ich ließ Madam Frohberg holen, wurde aber so, daß ich mich mit Unterlage meines Taschentuches auf den Sopha lehnen mußte. Das schöne Wetter hatte mir ohnehin jede Kraft genommen; das tut es mir bis zur Ohnmächtigkeit. Ich ertrage keine herabstimmenden, losen Gespräche mehr. Was machen Sie ? Ich müßte schon einen Brief haben, wenn Recht vor Recht ginge und der Mensch etwas versprechen könnte und der andere darauf rechnen könnte. O Mensch, Menschen! Um halb zwölf kommt gestern Meier außer sich vor Freude, daß Robert, der bei Marcus abgestiegen ist, angekommen war. »Warum bist Du nicht herumgekommen?« »Er war so grob gegen mich, er kann zu mir kommen.« »Er mag ja [nicht] können, er war so krank.« Ich stürzte um vor Schreck. Er hat ein nervöses kaltes Fieber in Liegnitz ausgestanden. Diesen Morgen ging ich zu ihm. Er hat rein und total seine Szene vergessen, wollte mit Gewalt zu mir kommen, welches ich nicht litt, weil es sehr nasse Luft war und heute sein einundzwanzigster gefährlicher Tag war. Sagte, er habe Mademoiselle Quilicqui einen Brief für mich mitgegeben – Sängerin, ich sei aber schon weg gewesen; ich hätte viel Vergnügen von ihr gehabt, und es sei ein Verlust für's Mädchen. Es sei ein Unglück für mich gewesen, daß Goethe nicht nach Töplitz gekommen ist, und für ihn – Robert – auch. Wie finden Sie nun den? Als Person gegen mich habe ich ihn um Null und Nichtig in mir erklärt. Nun zu Bette. Leben Sie wohl und schreiben Sie mir auch genau! Übermorgen reist Meyer nach Potsdam. Wüßt' ich Sie frei und nicht zu stören, so käme ich mit. Adieu. Mit welcher sehnsüchtigen Befriedigung denk' ich an Dresden. Sie auch? Mittwoch, d. 23t. Oktober, gleich zehn Uhr. Sie größter Bösewicht, ich werde mich bei den 20 rtl. bedanken, daß Sie mir schrieben, und nicht bei Ihnen für die 20 rtl. Sie hätten mir wohl nie geschrieben, und sagen Sie mir, wie fiel Ihnen ein, die mir mit der Post zu schicken und ohne zu wissen, wie viel Sie mir schuldig sind? Sie werden hierin einen Zettel finden, wie viel ich mir davon nehme und wie viel Taler ich Ihnen verwahre; denn ich schicke sie Ihnen nicht mit der Post zurück. Es ist ganz richtig, daß Sie mir nicht eher schreiben und überall nicht ohne Bedürfnis und die eigentliche Möglichkeit dazu; aber es giebt eine Pflicht, und die hätte Sie dazu bringen sollen, die hätte mich dazu gebracht. Haben Sie meinen Zustand so ganz vergessen können, und daß Ihre Schriftzüge schon allein jetzt mein liebstes, tröstliches Gesichte sind? Es tut nichts. Mein innerstes Herz weiß immer, worauf es zu rechnen hat, und es war mir nichts Unerhörtes, Unerwartetes. Was mich aber das Gegenteil hoffen machte, war meine grimmige Bitte, die in einzelnen Worten Sie so zu fassen wußte, daß Sie mir nach mancher Viertelstunde das Versprechen wie von selbst gaben, daß Sie mir bald, ja gleich schreiben würden. Als kein Brief kam, dacht' ich mir endlich, Sie wollten mir nicht eher als im eingerichteten Quartier schreiben, und Sie haben noch keine Arbeit und wären gleich zu Fouqués gereist – nicht dumm von mir – aber nur meine dritte, tiefste Vermutung war wahr, – er verschiebt's bis auf eine lebendige Stimmung und hat nichts mitgenommen, welches ihm die eingiebt. Zwingen Sie sich nun nicht mehr mir zu schreiben und machen es ganz nach Ihrer Bequemlichkeit, Bedürfnis und Assiette. Auch ich habe endlich Ihren Brief nicht in der besten [Stimmung] gelesen, und Sie werden es wohl jedem schweren Worte anmerken. Mein Herz ist steinschwer, und gedrückt mein Gemüt trotz meines Geistesmuts heute; so lag ich noch in meinem Bette, als man mir Ihr Paket brachte, welches ich noch gestern Abend befahl heute mit dem Frühsten zu holen (gestern Abend erst bekam ich den Avis-Zettel); wie aus einem tiefen Gefängnisse hinaus fühl' ich, was Sie schreiben. Ich segne mit bestem Herzensanteil Ihre Spaziergänge in Sanssouci. Gnädiger Gott, warum bin ich nicht an solchem Ort! Ich habe es nötiger als je. Ja, einen Ort. Seit wie lange schon wälzt dies große Bedürfnis sich mir näher; Sein und Leben benehmend steht es nun groß, dunkel und erdrückend über mich weg, vor mir. Durch dies seh' ich fast nur wie ein Verrückter Ort und Gegenstände, die mich wirklich umgeben. Gestern unter den Linden befiel mich ein solcher Zustand; fremd, ganz fremd und ruppig schienen mir Linden, Straße und Häuser, die Menschen zur Furcht, nicht einer ein Gesicht, eine Physiognomie; der albernste, äußerlichste, hölzernste, zerstreuteste Ausdruck, alberne und eitle Frauen, nicht kokett, auf Neigung oder Geschlecht sich beziehend, oder ein Vollgenuß irgend einer Art. Die Armut der Stadt, wo ich jeden berechnen kann, was er hat, verzehrt, will oder kann, die schreckbare, wüste Beziehungslosigkeit, die nicht an Staat, noch Liebe, Familie oder irgend einer selbsterzeugten Religion anreicht. Ihr schwindelnder, eitler, nichtiger, strafbar ekler Taumel. Ich darunter, noch beziehungsloser, mit vollem, leeren Herzen, frustriert um alles, was wünschenswert ist, getrennt vom Letzten. Kurz, wie vor einem Zaubertempel – denn die Wirklichkeit entschwand dem dennoch nicht toten Gemüt – dessen Wanken ich schon sehe, dessen Einsturz gewiß ist, der mich und alle treffen muß. Nicht gewiß, ob ich wirklich wache, halb träumend ging ich so umher, mir sagend, es ist besser, daß du hier gehst, als einen einsamen, abstrakten Spaziergang zu machen mit denen, die nicht die Rechten sind; du wirst auch alle Tage so hingehen; was machst du dir daraus, sie existieren nicht für dich. Als aber rückzu ganze Damenfamilien mit uns gingen, Legationsfrauen, Bankiertöchter, Weiber, Baroninnen, Staatsratstöchter, Gesandte, Grafen, und ich wie unter Toten war, in eine verlegene Angst geriet – oder Schläfrigkeit, wie mir das jetzt immer geschieht – nahm ich mir vor nicht mehr dahin zu gehen. Mit Madam Frohberg war ich dort, die gehen soll und leidend ist. Bis gestern Nachmittag mußt' ich denken, den Winter in Schlesien zubringen zu müssen. Den Abend erhielt ich einen sehr hübschen, lieben, gescheiten Brief von meinem Onkel, worin er mir seine einsame Lebensart, sein Lokal und seine Verhältnisse auseinandersetzt und mir sagt, ich würde nur ihn und mich im Sommer freuen, gleich im Frühling sollte ich auf seine Kosten zu ihm kommen, dann wollte er mit mir nach den schlesischen Bädern oder nach seinem Gute – ein großes geistliches, welches er sieben Meilen von Breslau gekauft hat – hin, wo wir einer vom andern Vergnügen haben würden. Sie sehen, ich muß mich sehr bedanken und es auch provisorisch annehmen. Meine Pläne und Absichten gehn aber dabei unter. Ich wollte den Winter opfern, um den Sommer zu gewinnen, wollte ihn wirklich sprechen und um Rat fragen und mich unter seiner Autorität schirmen und letztlich doch etwas im Winter sparen, um es im Sommer zu haben. Denn ehe ich den Onkel nun gesprochen habe, mache ich in nichts neue Einrichtung, und an der alten mag ich geizen, wie ich will; wenn ich das Quartier behalte, so kostet es mich 50 Rtl. mehr, als ich beim neuen Etat drauf anwenden kann. Nun hab' ich die zwar noch, wollte sie mir aber gerne erhalten, darf es aber gar nicht mal sagen, daß ich sie habe, und werde Sie noch dazu gebrauchen, der sie mir anscheinend liefern soll. Und nach des Onkels Einladung geht mir der herrliche, brauchbare Sommer weg. Jedoch es wird alles anders, als es selbst die Umstände zu beabsichtigen scheinen, und keine Zukunft fürcht' ich mehr dem Namen nach als ihres Allgemeinen. Was mich drückt, ist das Sparen, weil ich wahrlich es immer tat und nicht weiß, wo ich die Maschine ansetzen soll. Mit einem Wort, ich war bereitet und gefaßt nach Schlesien zu gehn, und soll mich hier nun fasten und einrichten, wollte meinem Onkel alles klagen und Rat von ihm, und muß nun in der prekären, niedrigen Lage bleiben. Tut nichts, ich will sie nicht so ansehn und mit Grobem nicht fein zu fühlen suchen. Nun werde ich Sie ja diesen Winter dann und wann sehen. Kommen Sie nach Berlin, so treten Sie bei mir ab, wenn es Sie nicht geniert; ich gebe Ihnen die grüne Vorderstube und im November, wenn Meier weg ist, auch die erste Hinterstube, zur vordersten haben Sie die Schlüssel wie zu Ihrem Quartier. Dafür will ich meinen Brüdern einbilden, um es das ganze Jahr zu Ihrer Disposition zu haben, welches Ihnen persönliche Geschäfte nötig machen, geben Sie mir 50 Rtl. Wenn Sie dies wollen. Genieren Sie sich aber hierin nicht, ich finde leicht ein andres expedient . Vorgestern suchte mich Wolf wieder, ohne mich zu finden. Gestern schrieb ich ihm kein schlechtes, gehörig kurzes Billet, worin ich ihm Frau von Crayen als Lockung oder Warnung ausstellte, je nachdem er's nehmen wollte; er ließ mich fragen, wann sie käme, sieben war die Stunde; er kam um sechs und blieb eine, er hatte schweren Wein getrunken und wollte sich der Gesellschaft nicht aussetzen. Er scheint oft kommen zu wollen, er merkt, daß meine Zunge das Vortreffliche schmeckt, das mag ihm selten bei unschuldigen Frauenbildern geschehen, und schien sehr dankbar für meinen Zettel. Ich hatte seine Vorrede bewundert und es ihm mit leisen, erfassenden Worten gesagt, wünschend, eine neue Elegie möchte ihm für uns alle danken, weil es nur der Eine könnte. Harscher und Neumann kamen später auch, H[arscher] ganz unbefangen, alert, unschuldig und so gut, daß es sogar Meier bemerkte und mir heute sagte, wenn der noch ein paar Jahre hierbleibt, mustert er sich raus und verliert seine ridicule mehr. Louis Robert kommt mit Gewalt zu mir, und ich muß alle Verleugnungskünste gebrauchen, ihn in schweren Stunden abzuwenden. Gestern hatte ich ihn aus Mitleid genötigt, weil es nah war und er in der convalescense vor Langeweile stirbt. Schicken Sie mir sogleich, wenn auch ohne ein schriftlich Wort, die beiden Briefe zurück, ich muß sie beantworten. Leben Sie wohl! Und fühlen Sie, daß meine Seele Sie begleitet, wenn Sie ein Bedürfnis zu einem Menschen haben. Nun sollen alle meine Lektüren angehn und meine Werke: die Briefe an Sie. Adieu, Häßlichster! Schleiermachers habe ich nicht gesehn, nur ihn von ferne auf der Straße, ich fand ihn gut aussehend. R. R. Reise 4 Rtl. 12 Gr., Konzert 16 Gr., Zauberwald 1 Rtl., eine Düte 10 Rtl. = 16 Rtl. 4 Gr. – Ich schlafe vortrefflich, bin viel zu schläfrig, habe aber meist Vormittag starke Schnupfenkopfweh, jetzt auch. Adieu. Friedrich August Wolf , der berühmte Philologe und einflußreiche Lehrer M.s, seit 1807 in Berlin, gab 1811 die »Wolken« des Aristophanes griechisch und deutsch heraus; seine »Vermischten Schriften und Aufsätze« waren 1802 erschienen. – Frau von Berg war die Schwester der Gemahlin Luise des Grafen August Ernst Voß , preußischen Kämmerer. – Ernst Florenz Friedrich Chladni , 1738–1827. – Graf Wilhelm von Bentheim , bei Wagram Oberst in österreichischen Diensten. – Frau Alberdal , Gattin des Bankiers A. in der Brüderstraße. – Frau von Crayen , vermählt mit dem Rittmeister Karl Adolf Alexander v. Cr. – Mademoiselle Quilicqui ist die Wiener Sängerin Kilitschky , später verehelichte Schulz. 36. Marwitz an Rahel. [Potsdam] Sonntag, d. 20t. Oktbr. [18]11. Es ist Abends um acht Uhr, liebe Rahel; seit sechs Uhr las ich in Adam Smith, trank darauf Tee und wollte nun im Lesen fortfahren, als mir auf einem Spaziergang im Zimmer umher einfiel, daß ich besser täte, an Sie zu schreiben. Im Ganzen geht es mir hier recht wohl; ich fühle mich wunderbar gestärkt, so daß ich den ganzen Tag über und auch in die Nacht hinein (d. h. bis zehn Uhr) ohne die geringste Unbequemlichkeit arbeiten kann; der Ort ist ganz, wie ich ihn brauche, solitär, still und in vielen Beziehungen sinnig, mein Quartier besser, als ich je eins gehabt. Denken Sie, ich wohne in der großen Straße am Kanal in einem einsamen, wohlverwahrten Hause; drei Zimmer, das eine mit der Aussicht auf die Straße, nach Mitternacht, sehr geräumig mit großscheibigen Fenstern, Paneelen, einer roten Tapete, um die eine Weinguirlande läuft; zwei Tische, ein gutes, schwarz überzogenes Sopha, wenige Stühle, eine Kommode, ein Spiegel mit goldnem Rahm, das Bett. Vor den Fenstern eine Allee, dann der Kanal, drüben wieder eine Allee. Zwei Zimmer gegen Mittag; das eine größere im besten Stile modern, mit einer heitern grünen Tapete, an der meine Augen sich von Zeit zu Zeit erholen. Ich esse darin, werde auch vielleicht drin schlafen oder wohnen, nur daß ich für beides bis jetzt die Mitternachtsseite vorziehe. Sonst hat dies Zimmer viel Nervenberuhigendes, denn es ist immer ein dämmerndes Licht darin wegen der herabhängenden freien Rouleaux und der grünen Tapete. Kommt mein Geist über Sie, liebe Rahel? Sehen Sie aus dieser Zimmerbeschreibung, wie ich lebe[n muß]. Ganz einförmig. Um zehn Uhr gehe ich zu Bett, um sieben steh' ich auf, arbeite den ganzen Tag, nur daß ich gewöhnlich zweimal nach Sanssouci hinaus gehe und dort auf der Terrasse umherwandle. Ein königlicher Ort, das kleine Gebäude so, wie kein Privatmann es baut, und wenn er Millionen besitzt, denn für keine kleine Bequemlichkeit des Lebens, keine Sorge, keine Begierde ist es eingerichtet; nur ein einsamer Monarch kann so wohnen. Möchte ich Ihnen die Naturszenen beschreiben können, die ich da oben erlebt habe, besonders manchen Sonnenuntergang! Ich habe Stunden lang auf den Stufen der obersten Terrasse gesessen und zugesehn, wie es allmählich dunkelte in den großen Baumgruppen des Gartens, auf den Seen und drüben den Bergen, während die Wolken mit den wunderbarsten Lichtern sich färbten. Heute war es besonders schön, der Himmel glänzte in allen möglichen Farben; die Grasstücke in den Gärten sind noch ganz frisch, auch ist noch vieles Laub an den Bäumen. Menschen scheint es hier gar nicht zu geben; enge Seelen, von den vielen mechanischen Arbeiten, die sie nicht zu beleben wissen, ganz zusammengedrückt, die besseren voll quälenden Überdrusses, ohne Genuß der Gegenwart, ohne Aussicht in die Zukunft, – die schlechtern selbstgefällige Philister. Ich freue mich darum recht auf den kleinen Gerlach, einen muntern, lebenslustigen Jungen, denn was brauche ich Ihnen zu sagen, wie langweilig und ertötend die völlige Einsamkeit auf die Länge wird. Schon jetzt habe ich das einige Male empfunden, besonders in Sanssouci. Was würde ich da nicht mit Ihnen, liebe Freundin, haben reden können, wie klar würde mir der große Mann geworden sein, der da oben in gewaltiger Einsamkeit gelebt hat, da auf der Terrasse gewandelt ist und wohl oft den stillen gefaßten, aber doch trüben Blick bald auf die Natur geworfen hat, bald auf die Köpfe der großen Römischen Republikaner und Imperatoren, die neben seinem Hause aufgestellt stehn. Entsetzlich waren seine letzten Tage, als nun alle Freunde, alle geistreichen Gefährten der Jugend, alle liebe Verwandten gestorben oder abgefallen waren, und er nun allein einem fremden Menschengeschlecht gegenüber dastand, nicht ohne Härte, aber auch nicht ohne tiefes gestandnes Weh des Herzens, wenn die erfüllende Tätigkeit ihn auf Augenblicke losließ und er nun die genußlose Gegenwart fühlte, die hoffnungslose Zukunft überdachte. Apres nous le deluge hat er öfter gesagt. Adieu, liebe R., schreiben Sie mir fleißig und alles. Sie erhalten den Montaigne und das Geld. Das über die Freundschaft ist bewundernswürdig wegen der reflexionslosen Tiefe und rührend durch die anspruchslose Wahrheit. Ich schäme mich dieses Briefes! Er sagt nichts, wie er sollte. Ein schiefer, ungenügender Ausdruck über den andern. Sehn Sie Harscher, Schleiermachers? Meine Adresse: an Hrn. v. M., Nro. 63 am Kanal. 37. Marwitz an Rahel. [Potsdam] Donnerstag Nachmittag drei Uhr, d. 24t. Oktbr. 1811. Was ist das, liebe Rahel? Mißverstehe ich? Warum schreiben Sie mir so ? Der äußern Veranlassung wegen hätte ich Ihnen geschrieben? Zwingen Sie sich nun nicht mehr, mir zu schreiben, sagen Sie mir darauf. Ich kann mich darüber gar nicht erklären, weil ich es wahrlich nicht verstehe. Haben Sie meinen Brief denn erst am Mittwoch erhalten? Er war am Sonntag geschrieben, wie wahrscheinlich auch darin steht. Mittwoch war ich angekommen; große Schläfrigkeit am Abend. Donnerstag, Freitag stetes Herumlaufen wegen der Anstellung und des Quartiers, zerstreuendes Leben im Wirtshause, dann am Sonnabend fand ich eins, zog ein, packte den ganzen Tag, am Sonntag war ich gesammelt und schrieb Ihnen. Liebe Rahel, quälen Sie mich nicht, sehen Sie mich an bei diesen Worten; ich sage Ihnen dies mit lächelnder Miene, ganz an Sie, an Ihr Wesen denkend, erfüllt, getröstet, angeregt in meiner Einsamkeit durch Ihren Brief, und mit meiner Seele schon weit hinaus über die kleine Disharmonie, die jene ungerechten Worte in mir hervorriefen. Liebe Seele, was schwankst Du mir so ! Ich freue mich, daß Sie Wolf so , daß Sie Harscher so gesehen haben. Sie müssen beide viel sehen, Wolf paßt ungemein für Sie; sein versatiler Geist, seine angenehme, gesprächige, feininnige, zuweilen mit allen möglichen Grazien geschmückte Geselligkeit, die große Haltung, die ihm seine tiefe Kenntnis des Altertums giebt, der Blick auf alle Gebiete des Lebens. Auch hat er durch das Altertum, welches alle Richtungen der Menschheit in großartigen Massen erscheinen läßt, nichts Zersplitterndes, nichts Abgefallenes von dem großen Grundgedanken des Seins, nichts in ein kleinliches, beziehungsloses Treiben Verlorenes darstellt. Es ist ein immenser Vorteil der wahren Philologie, daß sie ein ganzes , nach allen Richtungen hin vollständig gebildetes Leben zu ihren Füßen hat. Varnhagens Brief hat mir nicht gefallen, was darin nicht, kann ich nicht sagen, und doch: es ist das Beziehungslose, Wüste, durch welches bald Eitelkeit hindurch bricht (wie in der Geschichte von Nostitz. Warum in aller Welt erzählt er die? Dergleichen erzählt man richtiger Weise nur dann, wenn man alles erzählt und das tut er nicht), bald Unverständnis (wie über den Staatswirt Kraus, der den Ad[am] Smith auf die geistloseste und impertinenteste Weise abschreibt, so gemein, daß er zwar dieselben Beispiele gebraucht, aber wo A. Smith etwa einen Tuchmacher nennt, setzt er an dessen Stelle einen Leineweber. Wo Ad. Smith sagt: Calecut und London, er Trankebar und Kopenhagen. Beides wörtlich wahr. Das weiß V[arnhagen] zwar nicht, weil er Ad. Smith nicht kennt, aber doch sollte ihn der dürftige Gesell anekeln. Das über sein Verhältnis zu mir ist ein wenig unsinnig, besonders die Erwähnung eines möglichen Duells. Auch gut, liebe Rahel, daß Sie nicht nach Schlesien gehn; ich werde Sie nun den Winter oft sehn. Wann gehn Sie nach Polen? Wenn Sie Sonnabend über acht Tage noch da sind, so komme ich, trete aber nicht bei Ihnen ab, so lange Meier da ist; es würde ihn genieren und mich auch ein wenig; später immer; sagen Sie das mit den 50 Rtl. ihren Brüdern, wenn es noch paßt. – Roberts Betragen ist einzig, ganz erklärlich im übrigen, nur der Unsinn mit Goethe und ihm in Töplitz ist zu groß. Ich irre mich hierin, auch das ist aus einem Stück mit allem andern. Leute ohne richtigen Sinn für menschliche Verhältnisse und ohne Liebe sind auch vergeßlich. Abend sieben Uhr. Liebe Rahel, sind Sie böse? Aber Sie sind ungerecht. Daß ich Ihnen vor dem vierten Tag schreiben mußte (ich sehe das mußte an. Verstehen Sie mich? ich meine, daß es Ihr Bedürfnis und also meine Pflicht war), das wußte ich nicht. Daß Sie sich bei dem Gelde des Briefes wegen bedanken, hinzusetzend: »Sie hätten mir wohl nie geschrieben« (und das nur halb spaßhaft)ist zu arg. – Nach Geschäftsgängen bei Ad. Smith sitzend mußte ich Ihnen dies sagen. Wie konnte es Sie verwundern, daß ich Ihnen das Geld mit der Post schickte? Ich schickte es Ihnen, wie ich es in Berlin würde gebracht haben auf die unbefangendste Weise, weil ich glaubte. Sie möchten es vielleicht brauchen. Sie Häßliche, »senden Sie mir auch ohne ein schriftlich Wort die beiden Briefe zurück«. O Hamlet, welch ein Abfall! Ich bin wirklich böse. Abends acht Uhr. Was soll ich Ihnen von mir sagen, liebe Rahel? Die Tage vergehn mir ungeheuer schnell, weil ich einförmig und beschäftigt lebe, viel in Studien, in praktischen Geschäften noch fast gar nicht, doch wird es nun angehn. Ich habe gelesen 1. Montecuculis Kriegskunst in den Tagen aus. Über den Mann habe ich Ihnen gesprochen. 2. Ciceros Brutus, ein Gespräch über die berühmten Römischen Redner, kundig, treffend und sinnvoll über das Individuelle der Römer und ihrer Kunst, mit größter Gewalt über die Sprache und mit einer Anschauung der Sache, wie sie nur aus vieler Übung und langen Studien hervorgeht. 3. viele neue Gesetze. Alle ihre Weisheit haben sie aus Ad. Smith, einem bornierten, aber in der beschränkten Sphäre scharfsinnigen Mann, dessen Grundsätze sie bei jeder Gelegenheit mit langweiliger Breite und schülerhaft nachbetend proklamieren. Seine Weisheit ist sehr bequem, denn er konstruiert, unabhängig von allen Ideen, losgerissen von allen Richtungen des menschlichen Daseins, einen allgemeinen, für alle Nationen und alle Verhältnisse gleich passenden Handelsstaat, dessen ganze Kunst darin besteht, die Leute machen zu lassen, wie sie wollen. Sein Gesichtspunkt ist der des Privatinteresses; daß es einen höhern für den Staat geben müsse, daß er kraft dieses höhern, auch dem sinnlichen Erwerb eine ganz andere Richtung geben soll, als derjenige wünscht, der nur gemein genießen will, das ahndet er nicht. Wie sehr muß eine solche Weisheit, mit einem Scharfsinn, den nur der Tiefsinn vernichten kann, mit Kenntnis, ja mit Gelehrsamkeit durchgeführt dem Jahrhunderte einleuchten, welches ganz von dem nämlichen Standpunkte ausgeht. Ich lese und kritisiere ihn. Er liest sich langsam, denn er führt durch ein Labyrinth wüster Abstraktionen, künstlicher Verschlingungen der sinnlich produzierenden Kräfte, wo es nicht sowohl schwer als ermüdend ist ihm nachzugehen. Ich möchte gern Kourier durch ihn hindurchreiten und lese daher sehr emsig, lege aber des Tags doch nie mehr zurück als etwa hundert Seiten. Vierzehn Tage lang habe ich gewiß noch zu lesen. Ich werde zusehn, daß ich einmal ausführlich über ihn schreibe; es ist der Mühe wert, denn neben Napoleon ist er jetzt der mächtigste Monarch in Europa (wörtlich wahr). 4. Friedrich Schlegels Aufsatz über Georg Forster (gestern Abend). Großartig geistreich, bei der Wurzel fassend, ohne auf Schulbegriffe zu beziehen, im Gegenteil lebendig gewandt, reich an großem Witz, einiges Willkürliche dazwischen und Spuren eines losen Wesens. Lesen Sie den Aufsatz. Er steht in dem ersten Teil der Charakteristiken. Des Morgens lese ich Szenen aus dem Homer. Schaffen Sie ihn sich an. Ich will Ihnen dann immer schreiben, was ich gelesen habe. Lesen Sie dann gleich Ilias B. 21 v. 34 bis 135. Göttlich naiv. Was soll ich Ihnen von dem teuern Sanssouci sagen. O könnten Sie nur an einem der hellen, sonnigen Mittage hier sein, wo der Naturgeist, ja ich darf sagen Gottes Geist, dort oben sichtbar waltet und still segnend hinabschwebt von dem blauen Himmel auf die bewegte bunte Erde und wieder hinauf. Ich habe mir dort oben zuweilen Worte gesucht, um es Ihnen zu beschreiben, aber sie waren ungenügend und sind vergessen. Ich wandle dort auf der Terrasse hin und her, sehe mir die Landschaft aus allen Richtungen an, sehe mich wohl auf die Quadern vor dem Haus und sonne mich oder lege mich auf eine steinerne Bank und lese die griechischen Gnomiker (größtenteils Elegien, die aber die höchsten Dinge berühren, kolossal einfach). Das von zwölf bis um zwei Uhr. Da las ich neulich eine herrliche Elegie von Solon, worin er das Walten der Götter in der Geschichte beschreibt. Am Abend übersetzte ich folgendes Fragment daraus, welches ich Ihnen herschreibe, teils weil es Ihnen gefallen wird, teils weil es grade an dem Tage bei Sanssouci so war, wie die Verse es beschreiben, die ich unterstreichen werde. Doch Zeus schauet das Ende der Ding'. Urplötzlich wie oftmals Sausender Wind im Lenz Wolken vom Himmel verscheucht, Schnell, der, wenn er des Meeres, des tiefaufwogenden, wüsten Grund erregt und auf fruchtentsprossender Erde zerstört Treffliche Werke, sodann der Götter Wohnung den hohen Himmel erreicht und von neuem heitre gewähret zu schaun. Wieder nun scheinet der Sonne Gewalt auf die endlose Erd' hin Strahlend, doch vom Gewölk, siehe, ist nichts mehr zu schaun. Also auch ist die Rache von Zeus; nicht jeglichem zeigt er Sich jähzornigen Muts, so wie ein sterblicher Mann, Aber auch immer vergisset er ganz des, welcher im Busen Freveln Tücke bewahrt: sondern am Ende erscheint's. Dieser nun büßte sogleich, ein anderer spät, und wenn selbst sie Auch entfliehn, und sie nicht packet der Götter Gericht, Dennoch trifft's: unschuldig sodann abbüßet die Werke Oder von jenen das Kind oder ein später Geschlecht. Können Sie nicht einmal herkommen, Liebe? Aber schreiben Sie mir den Tag vorher. Ihren Spaziergang unter den Linden fühle ich. Groß, gräßlich, wahr. Muß ich Sie nun an die edlen, rührenden Worte erinnern, die Sie mir zur Zeit meines großen Elends über die Hülflosigkeit jeder bangen Seele schrieben? O es ist entsetzlich wahr. Wie vieles halb Tröstliche und darum ganz Nichtige konnte ich Ihnen sagen von der Erhabenheit Ihres Geistes, der Tiefe Ihres Gefühls, kraft deren Sie die ganze wesenlose Umgebung vernichten, sobald Sie wollen, und hineintreten können in die Herrlichkeit des wahren Lebens. Das ist nichts. Der Gott in Ihnen richte Sie auf! Adieu, Liebe. Gleich Antwort. Ihre Briefe sind mir unentbehrlich. A. M. Ich bin gesund. Alle meine Schwächen sind wie weggeblasen. Nur mein Herz leidet noch und macht mir sehr trübe Stunden. Kaufen und schicken Sie mir doch sogleich das Landrecht . Heute traf ich in Sanssouci einen Sächsischen Handwerksburschen. Er fragte mich, ob dies schon Sanssouci sei. Ich sagte ihm, es wäre das ganze Sanssouci. »So«, ganz verwundert. Später, »er hätte es sich ganz anders vorgestellt.« Wie denn? »Wie ein Lager.« Schreiben Sie mir doch, wenn es in Ihre Stimmung paßt, was Wolf von seinen Arbeiten hält. Haben Sie an Gentz geschrieben. »Zu Ihrem Ruhme.« Schicken Sie mir doch auch, wenn es geht, Fr. Schl[egels] Vorlesungen über Geschichte. August Ludwig Ferdinand von Nostitz , seit 1802 Leutnant, 1810 verabschiedet und auf Reisen, später Adjutant Blüchers. – Christian Jakob Kraus, Professor in Königsberg: sein Werk »Staatswirtschaft« erschien nach seinem Tode 1808–11 in fünf Bänden. – Graf Raimund von Montecuccoli , bedeutender österreichischer Feldherr, dessen Memorie della guerra ed istruzione d'un generale , 1703 erschienen, später auch in deutscher Übersetzung, damals grundlegend für die Kriegswissenschaft war. – Friedrich Schlegels Aufsatz »Fragment einer Charakteristik der Teutschen Klassiker« in Reichardts Lyceum der schönen Künste. Berlin 1797. I. 1. 32–78; dann in W. und F. Schlegels Charakteristiken I. 88–131, handelt über Georg Forsters Schriften. – In Homers Ilias, Buch 22, wird der Kampf Achills mit Lykaon, der jenen vergebens um Gnade bittet, geschildert. – Die Gnomiker , Spruchdichter. Die Ausgabe der Opera Gnomicorum 1776 enthält im 2. Bande die Fragmente des Solon, die Fortlage herausgegeben hat. – Der Gesetzgeber von Athen, Solon , ebenso als Dichter bekannt. 38. Rahel an Marwitz. Freitag, d. 24t. Oktober 1811, zehn Uhr morgens. Potsdam ist nicht weit genug von dem Schuß, es sichert Sie vor keinem Morgenbillete. Dieses hier enthält einen Auftrag, den auch ich von Meyer bekommen habe; er war gestern Morgen in Potsdam, seinen verfluchten Judentrauschein einzulösen, wo er in einem Bureau ein Bündchen Schlüssel liegen ließ. Haben Sie die Gnade für mich, nach inliegendem Zettel sich richtend, diese Schlüssel von dort holen zu lassen, sie einzusiegeln und unter Moritz Roberts Adresse, Behrenstraße Nr. 48, hierher zu schicken. Ich bin in der schlechtesten Stimmung, habe Ihnen wie immer hundert Dinge zu sagen, sie wurden aber alle angefärbt von ihr ein schlechtes Regal für Sie sein. So habe ich Ihnen auch schlecht auf Ihre Briefe – vorgestern – geantwortet; ich blieb immer in meiner Stimmung. Gott, Gott, welch ein Verlust, welche Gewalttat, welch Unermeßliches sich nicht zu sprechen. Wie redet man sich da die Seele los, wie wird der Geist lebendig, das Herz befriedigt! Ich habe Herzschmerzen, dunkeles Blut schlägt dran und überwältigt mich; herauf seufzt mein Geist nur, es kann auch anders sein, ist anders, wird anders. Bedenken Sie meine Gefangenschaft, ja meine Verzauberung. Seh' ich Menschen? Tiere, die ich so behandeln muß, zu denen ich nicht sprechen kann, oder wie zu Hunden in gütiger, betrogner Voraussetzung. Und was sah ich denn? Außer Menschen? Vorgestern schrieb ich Harscher zu Schleiermacher hin, er möchte vor der Oper einen Augenblick zu mir kommen, – ich wußte ihn mit Madam Herz dort – ich wollte ihm etwas zeigen, es war eine Zeichnung von Pauline, die ich wieder abgeben mußte. Er ließ mir mündlich sagen, dies ginge nicht, er müßte in Vorlesung. Gut! Aber so war er noch nicht hier. Wen will der den sehen, als die ihm wohltun und ihn klar machen? Auch Schleiermachers lassen mir nie sagen zu kommen. Beurteilen Sie, ob es mich verletzt. Nein. Schon immer zu drei, vieren zugleich zu gehen, ist für mich nichts; dies sind nun die feinen Leute. Nein, nein, es geht nichts über schlechte Gesellschaft – und meine alten Gedanken, wie ich mir es längst ausdachte. Meine Leseanstalt habe ich mir noch nicht genügend und ersprießlich einrichten können, da ich erst vorgestern vom Onkel Antwort hatte und Meyer auch ewig stört. Sowie der weg ist, wird bei mir eine Universität errichtet. Gestern las ich ein Märchen von Fouqué: Undine, Fouqués Undine war 1811 erschienen. darin will er viel, aber grade, wo er nicht viel will, wird es schön. Ein Wort darüber, wenn ich's ausgelesen habe. Das Wetter ist schön, geht mir aber nicht an's Herz; nur wenn ich am Ende der Behrenstraße das Abendrot und Gewölk seh', denk' ich, Sie sehen's. Adieu. Schicken Sie die Schlüssel gleich, und hassen Sie nicht im Ernst die verekelnde Furie. R. R. 39. Rahel an Marwitz. Sonnabend Abend gegen sieben, hellster Mondschein in meine Stube hinein, d. 25t. Oktober 1811. Teuerster, lieber Freund, welche Worte aus Ihrem Briefe soll ich erst aufnehmen? Sie stürmen alle auf mich ein und bewegen, rühren und beruhigen mir das Herz. Als ich ihn zuerst las, waren mir die liebsten, heilendsten, treffendsten, wie ein goldglänzender Pfeil. Das Ende Ihres ganzen Briefes: »Gleich Antwort. Ihre Briefe sind mir unentbehrlich.« Ich bekam aber den Donnerstag geschriebenen Brief (wenn er auch erst Freitag abgegangen wäre; wie schrecklich langsam gehn die Briefe. Meine auch?) erst heute, als man bald Licht anzünden mußte (mit einem von Barnekow zugleich). Als ich ihn ohne Schlüssel sah und so schwer, so wußte ich, er mußte viel für mich enthalten, aber ganz Liebes kommt einem immer ganz unverhofft. Vieles, liebster Freund, habe ich viel einfacher gesagt, als es ausgesehen haben muß. Nämlich grade das, was Sie anführen. Und haben Sie mich mißverstanden, oder ich Sie, o, so ist es mir göttlich lieb! Freilich seh' ich Ihnen in die Augen, aber zu meiner größten Ehre eher, als Sie mir es sagten, unbefangen, mit voller Liebe. In die Augen, wo ich alle Menschlichkeit finde, wahren Trost, Sicherheit, Ersatz. Ich erlasse Ihnen viele Worte des echtesten, strömendsten Wohlwollens; sie strömen besser als alle Vorwürfe. Aber Sie sollen frei davon sein; ich will sie allein, selbst bekämpfen, diese Flut. Ich sagte es ganz ehrlich, zwingen Sie sich nun nicht mehr mir zu schreiben. Nun, da ich so lange trotz ihrem Versprechen gleich zu schreiben hatte warten müssen. Zwingen Sie sich nun nicht, da ich dies ausgehalten habe, wo es mir so notwendig war, Sie es so einsahen. Die übrigen Stimmungen, in denen man nicht schreibt, sollte dies heißen, kenne ich. Und dies selbe sollte es auch heißen, wenn ich die Briefe gleich zurückforderte, ohne ein Wort von Ihnen. Böse, Marwitz, war ich nicht, denn haben Sie nicht den offenbaren Vorwurf gelesen, wie er aus meinem Herzen kam, ganz wie er mich nur drin schmerzte? Sie sahen, fühlten mein Bedürfnis, so daß Sie selbst es mir zum Trost versprachen, und der Brief kam nicht! Dies sagte ich Ihnen klar; und haben wir nicht längst verabredet, daß arge Vorwürfe gar nicht gemacht werden können? Sehen Sie bis auf meinen schwarzen Herzensgrund; ich freue mich, daß ich Sie quälte, aber, bei Gott, ich wollte es nicht und dachte es nicht. Verzeihen Sie mir aber überhaupt meine Stimmungen jetzt! Ich habe ergründet, was es ist. Meine Brüder haben mich zu sehr gekränkt. Es waren die Letzten, die es konnten. Sie wissen, wie ich gegen Menschen stehe und was ich erwarte und wie hoch abgewandt ich mich von einem jeden zurückziehen kann. Wie anders aber ist es mit Geschwistern, wo Eltern, Vergangenheit, Blut, Gott und die Welt, Gesetz und Staat sie so vereinigt haben, ganz ohne Wahl, daß ein Trennen ein Zerreißen eben so vieler organisch-lebendiger Fäden wird. Ich sehe sie noch, diese Geschwister; äußerlich hängt noch alles zusammen, ich fühle aber eine Beleidigung, wie ich sie nie von nichts fühlte. Verletze ich sie, so verletze ich mich mit, und völlige Trennung von ihnen, da ich ihre Fasern so kenne und sie ewig meiner Hülfe bedürfen werden und wahnsinnig drauf rechnen, verletzt und trifft mich wieder. So lauf' ich, wie Sie mich schon gehämmert kennen, dumpf, mit geschlagenen Herzen in dieser Stadt umher, wo nichts ist, wie Sie auch wissen, als was ich Ihnen beschrieben, ärmer in allem, als ich sonst war (mit physisch krankem Herzen). Nun nicht mehr, Lieber. Schon vor Ihrem Brief überlegt' ich's mir oft. Die Einsamkeit ist nicht für mich; trotz meiner regen, tätigen Sinne ist der stärkste, ich sehe es nun wohl (kurz vor meinem Ende beinah) mein Herz; soll das schweigen und ohne Gegenstand sein, so entsteht die Kerkerangst bei mir (der wahre Tod ist Kleinigkeit, der ist ein Aufhören einer Natur in die andere hinein, er sei nun, wie und was er wolle), verdumpfen tun alle meine Sinne und Funktionen, und das ganze Leben zieht in die Angst diese hinein, über diesen Zustand. Ich seh' es ja; darf ich hoffen Sie zu sehen, sind Sie hier, wäre Pauline hier, die mich tausendfach erheitert, die ich vielfältig lieben kann, die ganze kadavereuse, verstaubte Stadt wäre mir belebt, und voll wären meine Tage, ich vermißte nichts, obgleich ich alle sterbliche Güter zu genießen wüßte. Ihre ehrenvolle, herrliche Anrede an mich paßt also nicht auf mich, mein lieber, lieber Freund. Mein Geist und Gefühl sind andere Helden. Ich kann mir die Herrlichkeit des wahren Lebens nur schaffen an der Seite eines Sterblichen, den ich lieben kann. Aber der Gott in mir wird mich aufrichten; denn ich schaffe mir gewiß, was ich brauche, aber beweine es. In Dumpfheit wird mich mein Schöpfer nicht lassen. Jetzt muß ich Sie verlassen. Ich bin zu Madam Frohberg auf ihre Schwester Julie gebeten. Wegen des Landrechts habe ich schon zu Hitzig geschickt, es ist mir erst zu Montag versprochen, ich bin aber mit Marcus in Unterhandlung drüber, von dem ich's vielleicht bekomme. Nach Polen reise ich nicht; Meyer reist Montag (übermorgen) über acht Tage dahin. Und ich freue mich auf Marwitz! Adieu. Die Anekdote von dem sächsischen Handwerksburschen ist eine der großartigsten; es ist mir unendlich lieb, daß sie Ihnen begegnet ist, dem einfachsten Menschen. Ich gönne sie Ihnen mehr als mir. Sie sind nicht böse. Ich freue mich in der Seele, daß Sie es waren. Adieu, Liebster! Lieber Hamlet, welch ein Zu fall! Elf Uhr abends. Zu meiner eigenen Ruhe nur noch ein Wort. Heute an Sie! Sonst schlaf' ich trotz meiner unbändigen Schläfrigkeit nicht. Ich habe Hitzig noch heute geschrieben, daß es ihm Madam Frohberg morgen ganz früh schickt, er soll mir das Buch noch morgen schicken. Marcus seines ist mit Annotationen, und er darf's nicht weggeben. Gute Nacht! Morgen noch über vieles. Sie schlafen schon im ruhigen Hause. Adieu! Sonntag, neun Uhr morgens. Ich habe Ihnen gestern Abend in der entsetzlichsten Eil rasend schlecht geschrieben, nicht eins, wie es aus dem andern hervorgeht, nicht ein Bißchen Zustand, Stimmung ausgedrückt, Gedanken dargestellt. (Auch jetzt hat mich Meyer schon bei den wenigen Worten dreimal herausgeholt zu einer Consulta.) Daß Sie mir das Geld schickten, lieber Marwitz, darin hatten Sie ganz recht. Ich aber, die so gewiß einen Brief als viel dringendere Schuld erwartete, war betroffen, daß das Paket grade die erste Veranlassung war, wie es immer meiner Voraussetzung nach schien, und dankte wirklich beinah dem Gelde. Daß ich mich gestern Abend in allem ärmer nannte, damit meinte ich nicht besonders das Geld, aber ich meine es sehr mit. Bedenken Sie, welche Gesellschaft ich verlor, welchen reichen, geselligen Umgang, – den Aufenthalt bei einer Mutter, der noch Sinn in mein Leben brachte – mein einziger nennbarer Titel –, und bei der ich wirklich dreimal reicher war, als noch vor einem Monat. Wie behaglich wenigstens dies alles meinen Aufenthalt hier machte, wie ich mich für andere regen konnte, ihnen und Freunden zu allen Tagesstunden angenehm sein konnte. Dies alles müssen Sie nur noch hören, damit Sie eine Einsicht in meine Zerschlagenheit bekommen und mir die dumpfe Klage, den benommenen Sinn zu gute halten, mit dem ich Sie seit Potsdam quäle. Rechnen Sie dazu die Art meiner Komplexion und was Sie schon von mir und meinem Leben wissen. Ich hatte beinah nie ein Reelles mir Gehöriges, und mir ist genommen worden und genommen. Schlag auf Schlag auf mich gefallen seit Jahren. Dies alles erwägend werden Sie bei mir sogar noch Fassung finden. Kommt mir das Leben entgegen auch noch so kärglich, so bin ich immer da; selten dauert's länger als Augenblicke, daß ich ganz losgelassen meinen persönlichen Schmerz aus dem Herzen lasse und nur mit meiner eigenen Erlaubnis in Gegenwart eines Freundes; bald bin ich immer wieder gefaßt und zu seiner Rede, zu was ihm lieb ist, fertig. Nur in Briefen ist das anders. Wo kein Gegenstand meinen Blick trifft, kein fortschreitendes Verhältnis mich auffordert und in Anspruch nimmt, da bin ich nur mir selbst gegenüber und schaue immer nur in mein Inneres, in ein Vergangenes, Untätiges, was wahrlich zu herb wenigstens, wenn auch nicht zu schlecht der großen sich bildenden Folgen wegen für ein so zartes, leicht tonangebendes Innere war. Dies ist aber alles schon wieder vorüber mit Ihrem gestrigen Briefe. Seine Worte und die Hoffnung Sie zu sehen entbanden mir das Herz, Leben sehe ich wieder überall, wie der Sommer den Winter wegtreibt, man weiß nicht wieso, weil er da ist; man weiß nicht, wo der Winter bleibt, der vorher so wirklich da war, mit seinem Zusammenziehen, Erstarren, Dunkelheit, Trübe und Zugeschlossenheit. Sie sehen, ich habe wieder mit einem Lobe von mir geendigt. Ich kann die Furie bei Ihnen nicht untergehen lassen. Sie und diese sind mir beide zu lieb. Aber wenn ich auch oft denke, auch ihm lügst du doch, man ist nicht wahr, so bedenke ich wieder, Sie kennen mich doch und auch mein Elendestes, und ich bin aufrichtig genug zu wünschen, es möchte wahr sein. So ist es auch; denn nach und nach sage ich Ihnen ja alles, und es zeigt sich auch alles solchen Augen wie Ihren. – Harscher habe ich noch nicht gesehn – pensez! , vorgestern morgen aber Madam Herz, sehr hübsch und ganz natürlich. Sie frug mich nach Ihnen, ich sagte, Sie lebten sehr einsam, wären sehr fleißig und freuten sich auf Gerlach, sie wollte wissen, welchen; ich kannte aber die Vornamen nicht, ob Sie nicht herkommen würden, das wüßte ich nicht. Sie erzählte mir von Humboldts und Schlegels sehr einfach, und nach Gentz vergaß ich zu fragen. Wie sehr ich ihn geliebt habe, habe ich ihm gesagt; was ich ihm bin, weiß er; wie er ist, weiß ich; er hat das Bedürfnis nicht mich zu sehen; tut dazu nichts, in so langer Zeit also liegt er in meinem Heiligtume auch still, weit zurück. So kam es. Ich lieb' ihn für ewig und werde ihm auch wohl schreiben. Dank für den Anfang, ich hatte ihn vergessen. Wolf habe ich seit der Zeit nicht wieder gesehen; Sie schreiben mir göttlich über ihn, das erzähl' ich ihm. Schreiben Sie ja über A. Smith, es ist notwendig, finde ich nach Ihren Worten, die ich ganz verstehe. Er ist mehr als ein Mitregent Napoleons, ein Zeichen, Produkt und Triebrad der Zeit; was er aber treibt, muß den vorschnellen Faulen gezeigt werden. Tun Sie es ja, so lange er Ihnen noch gegenwärtig und ganz wichtig ist, ehe Sie wieder zu noch größeren Kreisen mit Ihren Gedanken kommen, und der Ihnen auch nur ein kleineres Bedingnis, eine kleinere Wirkung des großen Umschwungs aller Dinge scheint, bewegt von so Hohem, daß ein Mensch schon zufrieden sein kann, wenn er sie in sein Bewußtsein kriegt zur Ausdehnung und Bereicherung alles Denkens. Machen Sie sich den jetzigen Augenblick zu Nutze und setzen Sie ihn gleich auseinander; Sie können die Worte über ihn, die Sie mir gesandt haben, sehr gut dazu gebrauchen. Wo möglich, schaffe ich Ihnen heute noch irgendwo Fr. Schlegel. Sie sind so fleißig, wie ich Ignorant es sein sollte, aber ich gönne es Ihnen doch lieber als mir. Sprechen Sie nur von allem mit mir, ich verstehe es doch. Sie wissen es auch und tun es. Ich bin wahrlich geboren zum Ignoranten; werde ich doch auf diesem wilden Eiland, und fehlet alle Geistesspur des tätigen, sinnigen Menschengeschlechts, so sind gute Dämonen, die sich dieser Wildnis annehmen und Anspruchlose herrlich bewirten. Bei Ihrem Reichtums müssen Sie auch einen solchen wilden Park haben, wo der Dämon gar aufpassend lauert und Sie versteht; der ist mein Trost, nicht wie nichtige Nymphchen, die nicht wissen, was man will und sagt, finden Sie doch wenigstens à qui parler und können immer denken, ich habe einen Herrn besucht. Sie sehen, ich werde ganz toll. Ich verfolge Sie alle Tage in Sanssouci, aber ich bitte, legen Sie sich nicht auf kalte Steine und Stufen! Auf sandigen, sonnigen, trockenen Boden, wenn ich bitten darf! Ich habe darin mit zu sprechen. Sie haben mir auch zu befehlen. Wie gerne käme ich hinüber! Ich will mich doch bei Leuten erkundigen, die hin fahren. Ich weiß, warum Sie's wünschen, damit nicht alle Blätter schon ab seien. – Noch habe ich, es ist nach halb elf, das Landrecht nicht; ich habe hingeschickt. Als ich gestern der Frohberg und Julien die Anekdote vom sächsischen Gesellen las – denn es mußten Ihre Worte sein –, sagte Julie ganz blaß, das ist zum schaudern, man wird ganz kalt, als wie nach einer Pepermünze. Ich finde die Anekdote übernatürlich schön. So wirkt Geschichte, und ihr Wirken ist Geschichte. Seit fünfzig Jahren steht Sanssouci, und Welten haben sich umgekehrt, die Sieger es umwühlt; nun denkt der Sachse mitten im Garten, er ist nicht drin, das Lager soll erst kommen. Solche Kerle wandern noch in Deutschland umher, und in fünfzig Jahren weiß so einer erst von den Schaffwerken der jetzigen Eroberer. Und wie still macht die Anekdote! So still wird von Gemüt zu Gemüte Großes in schützender Unwissenheit bewahrt. Adieu! Sie kommen? Und ich schreibe Ihnen noch unterdes ein Stücker fünfzig bis sechszig Mal. Ihre Fr[eundin] R. R. Ich antworte noch nächstens über vieles aus Ihrem Brief. Leider sehe ich, kriege ich das Landrecht vom häßlichen Hitzig Julius Eduard Hitzig , der Berliner Kriminalist. nicht. – Halb zwölf. Das Landrecht will nicht kommen. Der Brief muß fort, damit Sie wenigstens heute wissen, daß Sie es morgen bekommen. 40. Marwitz an Rahel. [Potsdam, Ende Oktober 1811.] In größter Eil. Der schlingelhafte Rettel, dessen Billet, worin er mir alles zu besorgen verspricht, ich Ihnen zu meiner Entschuldigung schicken werde, hat nichts besorgt. [Er] sprach mir eben, da ich den Trauschein von ihm holen wollte, von vier bis fünf Tagen, die noch bis zur Expedition vergehn würden. Lügen. Ich besorge alles heute Nachmittag und schicke es morgen durch einen Boten. Will Meyer selbst kommen, so ist es gut. Diesen Zettel bringt Ihnen mein kleiner Freund Reinhardt. Nehmen Sie ihn gut auf; doch brauche ich ihn nicht zu empfehlen; sein freundliches, offenes, ganz unbefangenes, redliches Gemüt wird sich Ihnen gleich offenbaren, und Sie werden es lieben. Adieu. Verzeihung. A.M. Der Trauschein ist für den oben erwähnten Bruder der Rahel, Meyer (Moritz) bestimmt. – Reinhardt vielleicht der Sohn des Justizrats R., der ein Bruder der Frau Reimer war. – von Redtel (Rettel, Rethel) war Regierungs- und Departementsrat in Potsdam. 41. Rahel an Marwitz. Montag Vormittag halb elf, d. 28t. Oktober 1811. Gestern Mittag noch kamen die drei Schedens zu mir, und ich benutzte den Besuch sogleich, mir den Fr. Schlegel F. Schlegel , Über die neuere Geschichte. Vorlesungen gehalten zu Wien im Jahre 1810. Wien 1811. von ihm zu erbitten; der gestand ihn mir auch gleich zu, obgleich er ihn selbst noch nicht ausgelesen hat. Er ist mit Büchern sehr liberal; ich bitte Sie aber doch, sobald Sie ihn ausgelesen haben, mir ihn zurückzuschicken, wenn das natürlich vor Ihrem Herkommen geschieht, weil ich Schede nicht gesagt habe, daß ich ihn Ihnen schicke und ihn selbst gerne lesen möchte. Der vierfach eklige Hitzig – Sie werden gleich hören, warum, ich hör' es auch jetzt erst in größter Wut – schickte mir erst gestern Nachmittag, ach, es war beinah Abend, das ungebundene Landrecht – wie das in den kultivierten Ländchen noch alles liegt –, ich also in der größten Eil zum nächsten Buchbinder, er ist nicht zu Hause – Sonntag –, ich lasse ihm sagen, ich müsse heute um halb elf das Buch geheftet haben; jetzt schicke ich hin, läßt mir der berlinische Esel sagen, Mittwoch soll ich es haben, eher könnte er nicht, ohne mir die Bogen zurück zu schicken. Solch brutales Einspänner-Volk giebt's nur hier, ohne allen Sinn, wozu sie gebraucht werden, ohne jede Urbanität. Glauben Sie nur nicht, daß dieser Vorfall allein mir dies eingiebt. Er stürmt mir nur meinen inveterenierten Haß wieder auf. Hätte mir aber nur der plustrige Hitzig nach sonnabend- und sonntagschen Billet die Blätter zu rechter Zeit geschickt, so hätte ich andere Anstalten treffen können. Die Bogen sind zu enorm groß und zu viel, um sie Ihnen ungelegt und ungebunden zu schicken, jetzt sind sie bei L. Robert, der soll sie legen. Tut er's, und sie riechen dann nach Tabak, so wundern Sie sich nicht. Sie schrieben schon Donnerstag darum und wollten sie sogleich, und heute ist schon Montag. Es ist ein dunkeler Tag mit dem ernsthaftesten Regen aus Wolken vom dicksten Löschpapier; also heute können Sie auch nicht ausgehn, nicht nach Sanssouci, über Varnhagens Brief dacht' ich wie Sie, und nach dem, was Sie mir sagen, ist mein Vergleich mit dem Sande und den Glasscheiben nur noch richtiger, so trocken, so lose, so zu jeder andern Figur fertig liegt die aus kleinen unzusammenhängenden Körnchen bestehende Stimmung. Das mit Nostitz finde ich so ganz eitel nicht; denn es bezieht sich wirklich auf vieles, was er mir sagte. Robert wird mir die Ilias geben. Ich liebte, Sie zu sehen in Ruhe, wenn Meyer fort ist, nicht wegen das bei mir Absteigen, jedoch richten Sie sich danach nicht und schreiben mir ja noch, wann ich Sie sehn soll. Meyers Toben der letzten Einrichtung wegen ist jetzt ein rauschendes Presto. Wolf – nur vorläufig – ist der Mensch, den ich am klarsten und rechenschaftsvollen über seine eigenen Talente und Arbeiten gefunden habe. Fünfzehn oder mindestens zehn Jahre hätte er gewiß jedes seiner Werke im Kopf numeriert und bearbeitet und durchdacht, eh' es ihm Bedürfnis geworden wäre es wirklich zu machen oder herauszugeben, und vorher hätte er nie gewußt, daß es geschehen soll und wird. So hätte er nie Deutsch geschrieben oder gewußt, daß er's könnte, mit einem Male habe er's gekonnt, und bloß von den alten Sprachen. Ich gratuliere mir nicht wenig das gemerkt zu haben, ohne alte Sprachen. So sei's auch mit der Übersetzung der »Wolken« gegangen. Zum Stil gehöre Charakter. Adieu. Das Paket muß fort. Ich bin viel, viel bei Ihnen. Ihre R. R. 42. Rahel an Marwitz. Freitag Abend halb zwölf, d. 1t. November 1811. Lesen Sie, was auf der andern Seite steht, es ist eine von den zehn, die ich Campan heute schrieb; hier ist auch sein Brief. Ich ließ Barnekows und Varnhagens und schrieb gleich ihm, beinah aber lauter Schelte. Ich setzte ihm auseinander, was Freundschaft ist, und daß er mich für seine Verschwendung hätte können kommen lassen, und daß Freunde, die sich lieben, zusammen sind, und wenn sie's nicht sind, es nicht nötig haben. Sehr gut konnt' ich es. Das abgeschriebene Blatt schicke ich Ihnen darum, weil es doch eigentlich nur einmal aus meinem Herzen geglitten ist, was darauf steht, und da es Menschen wissen, sollen Sie es wissen, die beiden Dinge, die Sie von mir sich ungeschehen vielleicht nicht vorgestellt hätten. Ich fühlte in der Krankheit das allgemeine Elend so innig und tief, daß ein allgemeines Mitleid mir entstand und gleich mir in dieser Tiefe Verbrecher und Reine standen. Güte mußte für alle eintreten, und Schuld kann man niemandem abnehmen, als durch reines Verzeihen; so und besser ging es in mir vor. Ich litt unendlich, den Tod damals. In Dresden mußte ich beten; es fiel mir ein, es für den Leidendsten zu tun; mein Unglück schien mir nicht groß genug, ich war ruhig. Da fiel er mir natürlich flüchtig ein, eine allgemeine Liebe für all meine Lieben durchflog mich, ich mußte auf den Schuldigsten kommen, der abgeschnitten von uns, von allem Wiedergutmachen, von jedem Ton ist, der Reue ausrufen kann; und so betete ich für ihn und rief ihm zu. – Harscher war bis jetzt bei mir, von halb sechs an, Wolf vorher eine kleine halbe Stunde, der hatte mich schon um drei gesucht, wo ich aus war, um mich zu ruhen vom Schreiben. Von beiden morgen. Adieu. [Es folgt auf der Rückseite eine Stelle aus dem Briefe an Campan.] ... Le comte Finkenstein est mort, le premier, qui a voulu, que je l'aime, qui m'a séduite par son amour; il m'a trompé. Je l'ai encore vu chez moi cet été avant mon départ; froid comme une grenouille, embarrassé comme un filou attrappé. Il était marié à la belle soeur du chanteur Brizzi, il a un enfant, il souhaitoit que je visse sa femme, m'en faisoit un imbécile et fol éloge. Eh bien! le voilà rayé de ce globe, enfin dessous, lui avec sa fausse ambition et ses perfidies, mensonges, bassesses et orgueils. Je lui avois pardonné l'année passée dans ma grande maladie, à lui et à tous ceux, qui m' ont pulverisé le coeur. Dans l'église catholique à Dresde, lorsque tout le monde tomboit à genoux, et que mon coeur voloit à dieu, j'ai prié pour lui, puisque je crois, que les remords sont les maux les plus urgents, et que pour mon compte je n' en avois pas; mais je le méprise ce Finkenstein, mort ou vif, puisque je ne peux pas le voir autrement qu'il ne s'est montré. Dieu m'a fait le coeur rebel et doux, je n'ai jamais pu le changer. Henri Campan , Freund der Rahel, mit der er auch in Briefwechsel stand. – Karl von Finckenstein , der Sohn des Ministers, später Gesandter in Wien und Dresden, war mit Rahel 1798 verlobt gewesen. 43. Rahel an Marwitz. Sonnabend Vormittag, d. 2t. November 1811. Harschern hatte ich gleich nach Ihrer Abreise, als ich angezogen war, ein hartes Billet geschickt, worin ich ihm sagte, er würde selbst wissen, daß er dies Schreiben nicht wert sei; ich schickte es ihm auch nur, weil ich böse auf ihn wäre, aus Rache zu Ihnen, den er zur Strafe nicht hatte sehn sollen, hätte ich klar auseinandergesetzt, aus welchen Gründen er nicht zu mir käme, worüber er sich in seinem verlognen Stolz würde wegsetzen wollen, welches ihm aber nichts helfen würde, weil ich es ihm selbst mit Gewalt auch auseinandersetzen würde. Diesen Abend ging ich auf einen Polterabend, und morgen würde ich mir von Schleiermacher diesen selben Brief wieder abholen lassen. Er kam also gestern Abend und wollte mir erst lange beweisen, daß er auf diesen Brief gar nicht gekommen sei, ich bewies aber ihm, daß ich das nie glauben würde, welches ich auch nicht tue, und dabei blieb's. Er war erst wieder über Kopf und Hals zugeknöpft gegen mich und divergierte in sich selbst herum; ich saß aber bei meinen zehn Seiten an Campan, wozu ich die Kommas und vergessenen Worte machte. Die Rede und die Situation brachte es mit sich, daß ich ihm vieles las. Er geriet wieder einmal in ein Entzücken und Bewundern meiner Natur, und am Ende des Abends hatte er auch viel gesprochen und sagte wieder, er spräche sich ganz los. Kurz, das ganze Betragen ward mein Lob, das sich besonders im Flottwerden seines ganzen geistigen Seins aussprach. Ich hatte auch Gelegenheit ihm zu sagen, warum er mich immer von neuem miede; er war wahr und aufrichtig. Auch über Sie sprachen wir viel, wie ich, wie er zu Ihnen stehen, wie er, wie ich Sie ansehe und finde. Dies fing mit ernsten und scherzhaften Vorwürfen gegen mich an, daß ich Sie ihm und den andern wegnehme. Ich bewies das Gegenteil, aus den Gemütern und äußern Umständen, und daß ein jeder, der sich dran setzte und es wert wäre, den andern haben könnte, wenn der es wieder wert wäre. Ich konnte sehr gut, besser und richtiger und geordneter, als Sie es von mir kennen, sprechen. Er wüßte noch lange nicht, was Liebe und Freundschaft ist, nicht daß die erste ein sich selbst erzeugendes Element sei, die ihren Gegenstand verschluckt, also nur diesen braucht; und wüßte nicht, was die zweite zu fordern hat, und daß auch die, jene in sich tragend, verschenkt und verschleudert und doch die reichste bleibt. Wer sich der Liebe vertraut, hält er sein Leben zu Rat? Und wer vertraut der Flut? Sie muß Lebenselement sein. Hierin liegt aller Irrtum und der Leidenschaften keine, daß ein höheres Leben uns ein geringeres zollen soll mit weltlichem Ertrag. Ich versteh' die Krankheit, ich habe sie genossen. Er wurde still und überzeugt insofern, daß ich wohl ihm, er aber nicht mich überzeugen kann hierin. Er sprach noch viel und gut über Steffens, Henrik Steffens , Freund Schleiermachers, Naturforscher, Professor in Halle und Breslau. es aus einem Wunsche herleitend, daß ich den kennen müßte, weil die Natur mich so bezwingt und schützt. Er erzählte mir, der Mann liebe keine geistreichen Weiber, und vieles noch; alles paßte zum ersten und zu dem, was Sie nachmals von ihm gesagt hatten. Über Varnhagen war Harscher sehr böse; ich mußte schweigen. Wir schieden sehr gut; ich invitierte ihn sehr, aber ich werde ihn nicht immer auftauen, eine Beichtnatur beim Sterbebett bin ich nicht; was habe ich davon? Er lebt, stellt seine Person vor, und so habe er auch die Mühe, das Freundlichste, Beste im Leben, gütig und unschuldig dargeboten, selbst zu ergreifen, und hiermit genug von ihm. W[olf] schenkte mir nur Augenblicke. Er meinte, Sie hätten ihn besuchen sollen, und scheint zu wünschen, Sie möchten studieren, und etwas Bestimmtes. So viel es schicklich war, setzte ich ihm Ihre Art zu sein flüchtigst auseinander, nur andeutend. Ich konnte ihn gar nicht loben und nur sagen, Sie hätten mir die Vorrede gelesen und manches aus den »Wolken«, das ich dadurch besser verstanden hätte. Ich lass' ihn nächstens bitten. Adieu. Ich bin gräßlich echauffiert und soll nun Barnekow schreiben. Vom Polterabend mündlich oder künftig. So viel wissen Sie. Es war eine solche schöne Jüdin von sechszehn Jahren dort, daß sie aus bloßer reiner Stammschönheit grade wie eine Prinzeß aussah und sich auch so betragen mußte; daß jede Nationalität in dieser klaren großen Schönheit unterging, ist natürlich. Der Augenschnitt beinah größer als das richtige griechische Näschen. Sie hatte eine vierzehnjährige hübsche Schwester und einen wunderschönen siebzehnjährigen Bruder mit sich. Künftig mehr. Harscher habe ich so davon erzählt, daß er entzückt und traurig wurde, weil sie ihm so lebhaft wurde, und er, mir wieder mein Gefühl für Natur neidend, bewunderte. So sieht niemand, meint' er, so bewundert niemand alles in der Natur, das wäre solchen Philosophen zu wünschen. Ich war gestern in der größten Harmonie über alle mir bekannten Dinge und in der vollständigsten Seelenruhe und fühlte, daß das Glück ist; und fühlte dabei in vollstimmigsten, zugleich tönenden Akkorden alles Leben meines Herzens. Auch über Sie war ich ganz klar. Nur dies ist Glück, und dies kann sich wirklich vermehren durch Schmerz und jeden Unfall. Adieu, lieber Brief! Grüße Marwitz und gieb ihm auch, teile ihm auch Segen, Ruhe, Fülle und Glück mit! Adieu. Dieser muß fort, eh' einer von Ihnen kommt. R. R. 44. Marwitz an Rahel. [Potsdam,] Sonnabend Abend acht Uhr, d. 2t. November 1811. Hier, liebe Rahel, erhalten Sie den durch vieles und ekelhaftes Rennen endlich erpreßten Trauschein für Meyer. Er kostet 2 Louisd'or oder 10 Rtl. 12 Gr. 11 Pf. in Courant, die ich ihn bitte mir durch die Überbringerin her zu schicken. Ich bin geistig ein wenig ermattet durch 48stündiges ununterbrochenes Sprechen, so lange war Reichardt Johann Friedrich Reichardt , der bekannte Komponist, lebte als Salinendirektor in Giebichenstein bei Halle und unterhielt Beziehungen mit Berliner Freunden. hier. Schreiben Sie mir über den, ob er mit Ihnen hat reden können? Zu dem guten, was ich über ihn gesagt, muß ich noch hinzufügen, daß es wenige Menschen giebt von einer so besonnenen Entschlossenheit, wie er sie hat. Ich liebe ihn sehr. Attachieren Sie ihn sich, wo möglich, in den wenigen Tagen, die er noch in Berlin zubringt. Er kennt Sie durch mich. Adieu. Schreiben Sie mir. Ich fabriziere nächstens ein Volumen für Sie. A.M. Ich soll zu Rettel gehn, der mich gebeten hat; teils deshalb, besonders aber wegen großer Abgetriebenheit kann ich Ihnen nicht mehr sagen. 45. Rahel an Marwitz. Sonntag, d. 3t. November 1811, zehn Uhr, noch im Bette. Schlechte Nacht und unbehaglich. Auch in größter Eil', lieber Marwitz. Heute Morgen um sieben ist ein Brief für [Sie] mit der ollen Journalière abgegangen. Millionen Dank für die ekelhafte Besorgung! Ärgern Sie sich nicht, daß die große Eil' nun nach meinem heutigen Briefe unnötig ist. Damals, als ich Sie bat, war sie nötig. Stellen Sie sich vor, daß Meyer nun erst Ende Dezember Hochzeit macht! – er selbst wollte sich über das Volk gestern tot ärgern. Aber ich, die nun gar nicht weiß, wann er geht! Nicht, daß mir das so lieb und notwendig wäre, außer zur Muße, die ich mir aber nun, da keine Eile mehr stattfindet, fordern werde. Sprechen Sie nicht von dem Aufschub der Hochzeit. Die kleine Alb[erghini] habe ich nicht wieder gesehn. Sie sahen, was es für ein Mädchen ist. Ich werde nichts verraten, sie mir aber doch zitieren. Warum will er sie sehen? Was soll das nun geben? Sie hat einen andern Herrn, der ist schon geschieden von seiner Frau und speist alle Mittage mit ihr, so daß sie Transen [Angst] bei mir ausstand, um eine Ausrede zu erfinden, die wichtig genug wäre, um sitzen gelassen zu haben. Jede, die ich vorschlug, war ihr nicht gut genug. Das kann ich gar nicht, sagte sie endlich, ich werde rot. Und ich hatte immer nur gesagt, sie solle erzählen, sie sei hier gewesen, aber wegen einem Geburtstag mit meinen Nichten oder dgl. Ich werde Neumann ein Wort schreiben, daß er Reinhardt heute bei Reimers zu mir bittet. Und ich will mein verführerisches Feenkleid anlegen, um den Westphalen zu fangen. – Achtundvierzig Stunden ist zu viel gesprochen; so etwas tut Schaden, es macht mir aber die tüchtigste Idee von Reichardt. Nun hören Sie einen Rat der v[ertrauten] F[reundin]. Sie leben doch sehr bequem und essen angenehm bei Ihrer Wirtin; lassen Sie sich um Gottes Willen durch keinen liebenswürdigen Freund verführen, dieses Mahl bei Ihnen mit ihm zu teilen. Ihre ganze Freiheit und alles Wohlbehagen würde für den ganzen Tag dadurch plötzlich für Sie aufhören. Sie werden gleich die Wahrheit davon fühlen. Mit mir können Sie essen, wie in Dr[esden], aber sonst mit niemand, und da muß es auch immer noch so sein, daß Sie in mein Zimmer kommen und ich nicht in Ihres. Die Furie warnt auch, außer daß sie verekelt. Ich habe Ihnen noch von dem Abend mit Harscher nachzutragen, daß er sehr gut und unparteiisch über Madam Herz sprechen konnte, uns aber alles, wo nicht nachgesagt, doch nachgedacht, wie überall er den Abend alles wiederholte, was ich in den vorigen Abenden gesagt hatte. Er entgeht der Furie nicht. Mir nicht reizend, als zum Zorne. [Der Brief ist nicht zu Ende geschrieben, die vierte Seite desselben ist leer.] Emilie Alberghini , aus der Berliner Gesellschaft. – Georg Reimer , der bekannte Buchhändler, dessen Haus ein Mittelpunkt des geistigen Verkehrs war. 46. Marwitz an Rahel. Potsdam, d. 3t. Nov. 1811. Es ist ganz vergeblich. Ich wollte und müßte heute arbeiten, aber wie soll ich die Wogen besänftigen, die die harmonischen Stürme Ihres Briefs in mir aufgeregt haben? Campans Brief ist redlich gemeint, ruht aber doch auf einem schwachen Gemüt. Die gegenseitige innere Überzeugung, welche die starken Freundschaften echter Seelen hervorrufen, fehlt ihm, und so redet er albern und ungezogen von Perfidien und Gefühllosigkeiten. Sie hatten ganz recht ihn zu schelten. Göttlich ist, was Sie über Finckenstein schreiben, im Vorbeigehn muß ich Ihnen sagen, daß Sie zu den klassischen Schriftstellern der Franzosen gehören. Es ist merkwürdig, worin alle schwache Menschen das Beharrliche suchen, nicht in der notwendigen Wechsellosigkeit einer großen Natur (denn grade die klagen sie bei der ersten Gelegenheit der Unbeständigkeit an), sondern umgekehrt in den ewig veränderlichen äußern Umständen, in den Kombinationen des Zufalls. Er giebt lieber die Überzeugung auf, die er von ihrem Wesen hat, als daß er die Regelmäßigkeit des Postenlaufs und überhaupt die gewöhnliche, tausend Veränderlichkeiten unterliegende Ordnung der äußern Dinge bezweifelt. Dienstag Abend ¾ auf 9 Uhr. Ich hatte diese Zeilen Sonntag früh geschrieben und wurde dabei gestört. Seitdem bin ich anhaltend fleißig gewesen. Mit Ad[am] Smith bin ich bald fertig zu meiner nicht geringen Freude, denn gegen das Ende, wo er auf große Staatsangelegenheiten, Kriegführung, Rechtspflege, Erziehung zu sprechen kommt, wird er ganz dumm. Das Buch von Friedrich Schlegel habe ich auch bald durchgelesen. Neben der gewissenlosesten Ungründlichkeit und einer ekelhaften Befangenheit in bornierten Vorurteilen hat er doch große und geistreiche Blicke. So ist alles vortrefflich, was er über das alte deutsche Kaisertum in der sechsten und siebenten Vorlesung und an mehreren Stellen über die Formen sagt, unter denen der Adel im Mittelalter erschien. Schade, daß wir das Buch nicht zusammen oder zugleich lasen. Es enthält den Stoff zu unendlichen Gesprächen, weil es so vieles berührt und dem meisten eine schiefe Richtung giebt. Bei Rettel war ich Sonnabend Abend. Ihm fehlt das Riguröse; so viel Geist und Bildung, wie man ohne frische, mutige Tätigkeit haben kann, hat er ungefähr; doch drücken ihn die Geschäfte, die er auf eine penible und daher überaus zeitraubende Weise treibt, sehr zusammen und hindern ihn am Fortschreiten. Vor acht Uhr des Abends steht er nie auf vom Altentisch. Über die Frau bin ich noch nicht im klaren. Sie ist sehr gutmütig und ohne Manier, aber wahrscheinlich sehr dumm, schlecht gewachsen, mit einem Gesicht, in dem man nur weniges zurecht zu rücken brauchte, um es angenehm und ausdrucksvoll zu machen, aber eben weil das Wenige fehlt, taugt es nichts. Sie hat schönes, glänzendes, braunes Haar. Meine Gespräche mit Rettel waren oberflächlich, aber imponierten ihm vielleicht, weil ich sie mit großer Sicherheit und Bequemlichkeit ohne Pausen führte und doch wohl manches ihm neue vorbrachte. Am folgenden Tag (Sonntag) war Ball auf dem Kasino; schlechtes, enges, schmutziges, niedriges Lokal, Referendarien, die alle schlecht und nicht ohne Gemeinheit tanzten, unbedeutendes Weibervolk, bis auf eine Frau von Bassewitz Frau von Bassewitz , Frau des Regierungspräsidenten in Potsdam. , die beinah schön ist (hier für überschön gehalten wird). Ich beschriebe sie Ihnen gern, wenn ich sie noch ganz gegenwärtig hätte, doch soll es bei erster Gelegenheit geschehen, wenn ich sie bei Tage werde gesehen haben, denn über Frauen, die ich bei Lichte sehe, kann ich mich gewaltig täuschen. Eben fällt mir ein, daß Sie sie wahrscheinlich kennen, denn sie war den Sommer über in Töplitz. Sie ist aus innerer Freundlichkeit sehr gesprächig, lächelt und lacht gern, dabei ist sie einfach und ganz ohne Manier, in Summa liebenswürdig: an der Natur hat sie viele Lust; ich sprach sehr viel mit ihr. Gestern Vormittag arbeitete ich und war auf der Regierung. Nach Tische schlief ich beinah anderthalb Stunden zum Ersatz der Nacht, die ich sehr unruhig und unbequem zugebracht hatte, dann ging ich in später Abenddämmerung im Schloßgarten spazieren; darauf bis ½ 11 Adam Smith und Friedrich Schlegel. Heute war ich wieder in der Dämmerung im Neuen Garten; lange stand ich unter der Marmorhalle des Palais und sah bald über den rasch flutenden See weg, bald, nicht ohne Angst vor Geistererscheinungen, in die dunklen Zimmer des Hauses hinein; die Einsamkeit ist schauerlich dort, aber doch großartig; ich mußte viel über Königtum und über die jetzige Lage von Deutschland nachdenken. Sie wissen wohl, daß das Haus bald eine Ruine sein wird; an einem Säulengang, der neben den Flügeln fortläuft, ist der Fußboden zum Teil nicht ausgebaut, zum Teil sehr eingefallen, nach außen hin steht die Marmorbekleidung, inwendig sind über den verfallnen Gang Bretter gelegt, und auch die sind schon verfault. Der König kommt nie hin. Gute Nacht, liebe R. Freitag komme ich nach Berlin und bleibe wohl bis Sonntag da. A. M. 47. Rahel an Marwitz. Dienstag, d. 5t. November 1811, zwölf Uhr Mittags. Sie Häßlichster (Liebster heißt das, heißt aber nicht immer Liebster), Ihnen habe ich wieder gestern ein großes Stück Tag gewidmet, wollte Ihnen auch gestern einen ausführlichsten Brief schreiben, meine Gesundheit ließ es aber nicht zu, die sich eigenst gegen das Schreiben erklärt hatte. Ha! Robert (mit dem muß ich erst eine Sitzung halten. Adieu!). Jetzt nun ist Robert weg; ich habe sein Stück mit ihm durchkorrigiert – was alles durch mein Zimmer läuft! Er hat mir alle Stimmung und das bißchen Kräfte genommen. Ihre Botenfrau war vorgestern nicht so bald aus dem Zimmer und ich noch im Bette, als Jettchen und Madam Albergh[ini] in die Türe traten, beide zur katholischen Kirche angezogen, die letztere mit dem zitronengelben Mützchen, so frisch und hübsch von der Luft gemacht, als sie nur sein kann; sie wollte mich nur eine Viertelstunde sehen und blieb vor meinem Bette. Ich bat Emilie, morgen oder übermorgen, welchen Tag sie wollte, mit mir zu dinieren. (Ihnen zu Gefallen, des Ausfragens wegen; ich weiß alles über solche Kleine, was ich nur wissen kann und mir nützt; ich habe zu viele gekannt, für Sie aber wollte ich die einigen faits herauspressen. Sie stellen mich doch an? In Ihren Staat?) Gestern Mittag also vor zwölf Uhr; ich sitze und lese Roberts Stück, welches endlich doch geschehen muß, mit der Bleifeder in der Hand, die Türe geht auf, die schlanke Alberghini steht koloriert, freundlich, hübsch, gelbbemützt da. Ich nehme sie freundlichst beruhigend auf, frage, ob sie zu Tisch bei mir bleibt. »Wenn ich es erlaubte.« Ich hatte darum gebeten und bat noch darum. Capotte, Mütze, alles wurde ihr abgenommen, die Entschuldigung eingereicht, daß ich das Geschriebene, welches sie sähe, nachsehn müsse. Von zwölf bis drei, diese Aussicht mit ihr war zu stark, ausgehn könnt' ich nicht mit ihr, sie zeigt sich zu viel mit Jette – da sie nun öfter und für sich und mich ohne gêne kommen sollte, so würde ich fortfahren zu lesen und anzustreichen, sie solle aber auch lesen, reden könnten wir doch dazwischen; und so überreichte ich ihr Madam Frohbergs Roman, geboren zu so etwas. Wir sprachen auch dazwischen; als wir, oder vielmehr ich, ausgelesen hatten, gefrühstückt hatten wir vorher, setzten wir uns nach einigen Gängen im Zimmer ans Fenster. Da frug ich sie ab, nach dem Tode ihrer Schwester und ihren Familienverhältnissen, diese erzählte sie mir antwortend und weinte über die Schwester, die erst vier Wochen tot ist, bald einundzwanzig Jahr alt war, einen in Spanien fechtenden Franzosen liebte, seine Braut war und viel schöner als Emilie. Sie verzog beim Weinen beinah das Gesicht nicht, und dicke Tränen stürzten ihr von den Backen in den Schoß; ich lief und holte ihr ihr Taschentuch vom Sopha. Sie ist von den Personen, die äußerlich unangefochten aussehen, daher kann sie auch wohl Ohnmachten kriegen. Nach dieser Ergießung frug ich sie nach ihrem Bräutigam, und ob sie ihm auch gut sein könnte, sie möchte das sehr erwägen, sonst wäre es ein großes Unglück. Sie versicherte, ihm gut genug zu sein, und sonst würde sie es ja auch nicht tun. Ich frug, ob sie noch nicht geliebt habe; sie sagte: einmal, vor einem Jahre, auch einen Menschen, der sie hätte heiraten wollen, in Westphalen, der Fort hieße, aber ihre Schwester und ihr Vormund hätten davon gewußt, sich nach seinen Umständen erkundigt, und die wären nicht gut, auch nicht nach seiner Aussage gewesen, so hätte es sich zerschlagen. Wir saßen hoch am Fenster, und als sie so mit mir redet, kommt unverhofft, dicht unterm Fenster, von der Friedrichstraße her Urquijo; wir schwindlen ihm, er grüßt. All mein Blut stockte und meine Worte; sie merkte es nicht. Als es gewaltsam wieder vom Herzen strömte, sagte ich ihr (was mach' ich mir daraus!): Sehen Sie, all mein Blut stand mir still, der uns grüßte, den hab' ich geliebt, er hat mich beleidigt, es ist schon sieben Jahr, et tout mon sang ne fait qu'un tour , es war mir hier ganz fest, nun fließt's erst wieder. Sie sind rot, sagte sie, ich werde blaß. Ich war blaß, sagte, ich, das sahen Sie nicht, nun werde ich erst rot. Mir geht's eben so, sagte sie, wenn ich fort sehe, ich werde aber wie der Tod. Was sollte ich nun tun? Ich sagte nach einigen Reden, die mich betrafen und noch mehr berechtigten, ich habe aber gehört, Sie haben einen andern geliebt, der Simon – ich machte mir einen ehemaligen Irrtum, um etwas vaguer sein zu können, zu nutze – oder Salmon heißt. Nein, sagte sie, den kenne ich nicht, beide Namen wiederholend, undurchdringlich, auch für meine Augen, am hellen Tage, in der Nähe, am Fenster; aber verräterisch entwich das Blut ihren Wangen, und was dies bedeute, hatte sie mir vorher gesagt. Ich habe so gehört, wiederholte ich, Simon oder Salmon, der Name ist mir entfallen. Undurchdringlich blieb sie, kerzengerade ohne eine Veränderung. Ohne Emilie nahe treten zu wollen, habe ich schon öfter geringe Menschen so feuerfest gefunden, die sind im Verkehr mit sich selbst und ihrem Innern fremd, aber streng gewöhnt, nur das Allergeringste, das Höchstgleichgültige, das factice in dem Umlauf des hohlen, leeren Tageslaufs von sich zu lassen; nicht so höhere Menschen mit Höherem, im besseren, etwas besseren Umgang. Sie gedenkt zu Ostern Hochzeit zu machen; für jetzt hat der Mann nur 7000 Rtl., giebt aber seiner gewesenen Frau mit drei Kindern 500 Rtl.; ich begreife nicht, wovon er leben will, und machte sie darauf aufmerksam. Sie meinte, es müsse doch gehen (?). Er würde eine Kattundruckerei oder Fabrik, ich glaube das erste, errichten. Mehr kann ich nicht erpressen. Machen Sie nur, daß Salmon sie nicht überfällt, ihr neues Verhältnis stört und ihr Verdruß macht. Er muß sich diese angenehme Emotion versagen. Sie wollte wissen, von wem ich die Namen Simon und Salmon wüßte. Darauf entgegnete ich ihr, da sie kein Zutrauen zu mir habe, so habe ich auch keins. Ich amüsierte sie noch sehr mit Balletanzügen, die ich den vorigen Tag in den Vestalinen gesehen hatte, und wir schieden sehr zufrieden und mit dem Versprechen, sie öfters bei mir zu sehen. Sie ist sieben Jahr im französischen Kloster bei Madame de Hasfeld in Potsdam gewesen, sie spricht es recht französisch und gut, welches mir auch recht angenehm ist. Jette und der Bräutigam hindern mich aber ganz und gar. Morgen von den Vestalinen, von Madam Bethmanns Tee, wo ich heute Abend mit Frau von der Recke und Tietge eingeladen bin, und von Reinhardt, den ich richtig durch Neumann gestern Vormittag sah. Ich sterbe vor Echauffement und muß in die Luft. Adieu, Häßlichster! Mittwoch, d. 6t. November, Mittags zwei Uhr. Nun von Reinhardt, aber ungemein wenig, denn mein schönes Feenkleid wirkte nicht. Ich fing alle Gespräche mit ihm an, deren ich nur mächtig werden konnte, die ich nur in unsern Kreis zu ziehen wußte, kurze und unbiegsame Antworten konnte ich ihm wohl abzwingen, sonst aber nichts. Er sprach auch nicht einmal zu mir. Bald hatte ich's inne und sprach nur noch aus Großmut und um meine eigene verlegne Lage voll zu sprechen. Ich schlug immer unbefangener und natürlich zu lebhaft auf alle Büsche. Er blieb nicht sowohl verlegen als präokkupiert mit allem, was ihm lieb und bequem ist. Emilie kam dazu; er empfahl sich bald mit dem Anerbieten Ihnen wieder einen Brief mitzunehmen. Ich wollte ihm nicht ein zweites Mal dieser Marter aussetzen, da er mir ohnehin von seiner ihm für Berlin zugeschnittenen Zeit gesprochen hatte, und daß die Familie ihm zugeredet habe, er solle es mit seinem Fuhrmann abmachen noch ein paar Tage länger hier bleiben zu können. Es wäre nur indiskret gewesen, ihm davon ganz ohne Ersatz etwas zu stehlen. Und ich bat ihn nicht wieder zu mir zu kommen. Sonderbar ist's, da Sie ihn doch auch auf mich präpariert haben; ich ging so weit ihm zu sagen, daß Sie achtundvierzig Stunden mit einander gesprochen haben, daß Sie sehr eingenommen für ihn wären. Es blieb bei nichts. Ich gebe ihm aber doch nur die Schuld zur Hälfte; ich hab' ihn ja auch nicht zu behandeln gewußt, leid tut es mir aber nicht, denn, wen ich nicht behandeln kann, der ist auch nicht für mich, wie ja das Meiste in der Natur. Lassen Sie sich aber davon ja nicht abschrecken noch abhalten, mir künftig doch den Menschen zu schicken, besser tausend falsche Versuche, als einem Menschen vorbeigesegelt. Ich finde, Reinhardt sieht Finckenstein und Grappengießer ähnlich. In manchen Dingen ist er gewiß kritlich und mikroskopisch, – hätte ich kleinlich gesagt, so hätten Sie kleinlich gedacht. Er hat auch keinen Backenbart. Sie sehen, ich bin aufgebracht auf ihn und nenne nur das Schlechte. Nein, wirklich nicht. Es ist mir nur leid, daß Ihnen der Wunsch nicht gelungen ist, daß Sie so sicher schienen, und daß ich halb schuld bin mit meiner Geschicklichkeit. Fragen Sie ihn mal über mich. Gestern war es beinah drei, als ich aufhörte an Sie zu schreiben; ich ging zur Frohberg, um etwas wegen dem Abend zu verabreden, und wollte allein umherlaufen; mir war sehr unwohl im Gehirn. Sie ging abends mit, und ich führte sie an das Potsdamer Tor, wo wir im Achteck oder wie es heißt umher gingen. Das schönste, mildeste Wetter, der lieblichste Sonnenschein, Berlins beste Luft; wir gingen ziemlich lange, den Wilhelmsplatz, die Linden durch nach Hause. Weit nach vier Uhr. Ich wollte erst mich sehr lange ruhen und zu Bethmanns [gehen]. Point de tout ; ich finde inliegenden Zettel – den freundlichsten im Leben – von Marcus, und aus Schwäche gehe ich richtig in die Zauberflöte, bis acht da; – hatte ich meine Qual mit ihr. Ich gönnte mir keine Note. Sie wurde wirklich – wenn ich das hier sage, von Seiten des Orchesters gut gegeben. Die Madam spricht sehr gut und modifiziert das Deutsche aus, singt und deklamiert besonders mit großem Maß, war gut angezogen – die Sternenkönigin –, sieht Gräfin Pachta ähnlich und singt gräßliche Koloratur. Der Sänger eine schöne, gesunde Bruststimme ohne feine Seele zum Vortrag, kann viel lernen, auch von dem Fehlenden. Madam Schmidt keine Ahndung von Pamina, aber sehr gut gesungen. – Also ich doch in einem Leid! Das tun Sie mir aber nicht an. Torquato Tasso wird diesen Monat hier gegeben. Zu dem Tag sind Sie hier, für den Platz sorge ich. Dann fuhr ich zu Madam Bethmann, wo Frau von der R[ecke] nicht war. aber Herr Tietge, Stägemann – Staatsrat –, Komödienschulz, ein musikalischer Herr Volange, Deutscher, Herr Greuhm, Herr von Lüttwitz, Mademoiselles Seebalds, zwei Marcusens, Madam Frohberg. Beide Marcusens sangen sehr gut und viel, die Seebalds auch, und gut französisch die Li[man] und Bethmann vortrefflich italienisch, die Liman wie niemand in der Stadt. Ich nannte sie beständig Simonetti. Ich sprach nur mit Herrn von L[üttwitz], der mich amüsierte, und einmal aus respect humain mit der Töplitzer Seebald, damit sie den Äußerungen gegen sie zufolge nicht denken sollte, ich spiele Ball mit ihr. Mit den Herren allen hatte ich auch gesprochen – apropos , Bernhardi war auch da mit Herrn Tiedge und Stägemann besonders. Als ich gegen ein Uhr zu Hause komme, finde ich einen liebenswürdigen Brief von Redtel, den ich mit Stolz Ihnen danke. Und nun erliege ich und gehe spazieren, warte auf einen Brief von Ihnen und gehe heute Abend zum Tee bei Madam Lercaro, alles dieses fade, weil Sie's nicht miterleben und es nicht fade war, nur hier so ist. Adieu. Donnerstag, d. 7t. November, halb ein Uhr. Louis, mein Bruder, sitzt bei mir und schreibt seit einer Stunde. Nun möchte ich schon toll werden. Es kam so, weil er und Moritz nun heute nach der Spandauerstraße ziehen. Heute also wird wohl der letzte Trouble dieser Art hier sein, morgen vielleicht noch Nachwehen. Auch Reinhardt war soeben einen Augenblick hier, mir zu sagen, daß er morgen Mittag reist; er war etwas freundlicher. Ich gebe ihm diesen elendesten Brief mit, der letzte, das gelob' ich mir, in dieser Art. Ehe ich nun einen von Ihnen habe, schreibe ich nicht wieder. Bei Lercaros war es häßlich, weil es mit einer gebetenen Familie und der stummen Frohberg so sein muß. Ein alter kassierter Franzose und der sächsische Gesandte – mein Bekannter – kamen hin. Ich hielt mich an das gute Französisch und machte leise zuletzt den Thiele ein wenig toll. Heute hör' ich mit Madam Lercaro Ascherling. Ich muß Mademoiselle Fleck sehen, die man mir sehr lobt und die Meyer bitter tadelt. Adieu. Ich gehe aus désespoir aus. Die Metallfeder macht mich wahnsinnig. Sonnabend, d. 8t., abends sieben Uhr. Wenn Sie mich lieben, lieber Marwitz, so machen Sie künftig immer diese Adresse an mich: Herrn Marcus Levin, dem Kasino gegenüber, für R. R. Ihren Brief von Dienstag erhielt ich gestern Abend, den von gestern heute Abend, jeden später, als es unter der angegebenen Adresse geschähe; die Ursache wissen Sie. Deshalb nun, dieser Verspätung wegen, könnt' ich erst heute früh Reinhardt schreiben, daß Sie heute nach Berlin kommen; er wollte heute abreisen und konnte vielleicht seine Reise danach einrichten; er hat mir aber nicht geantwortet und er wird wohl jetzt bei Ihnen sein. Habe ich aber müssen eine Konfusion machen, so ist es meine Schuld nicht. Diesen Brief hier, an dem ich schreibe, den sollte er mitnehmen, ich hielt ihn aber seit dem Ihrigen von gestern Abend zurück. Also künftigen Freitag. Ich weiß nicht, ob es mir lieb oder leid sein soll, weil ich nicht weiß, – aber Torheit! – wie Ihnen der morgende Tag gewesen wäre. Seit dem Sonntag existiert nämlich die Verabredung wegen eines Leibessens von Quast, das ihm Moritz bei einem jüdischen Restaurateur bestellt, daß diese beiden, Madam Frohberg und Louis, jeder eine Schüssel liefernd, morgen Mittag bei mir essen. Dazu habe ich Heister geladen und Sie, wenn es Ihnen nicht zuwider gewesen wäre, wären mein Liebstes und gewiß aller lieber Gast gewesen. Moritz hat schon heute Nacht nicht hier geschlafen, war soeben zum dritten Mal hier, ich auch schon bei ihm. Und wollen Sie meine ganze turpitude sehen und kennen? Mir tut es weh und leid, aber- und abertausend Mal stürzt' er des Tages mit jeder innern und äußern Angelegenheit in mein Zimmer, blieb, bis ich ins Bett stieg, kam, wenn ich noch drin lag, sprach alles und jedes sich vom Herzen mit einem Zutrauen und Bedürfnis, was allein mich schon gewinnt, öde kommt es mir vor, wenn alles, was im Hause geschehn soll, was ich tue, sich nur auf mich bezieht; freudig bin ich nur, wenn ich mich bequeme, schaffe, besorge, bedenke [für andere]. Helas! Nach und nach sehe ich erst ein, aus welchen geselligen Bestandteilen ich gemacht bin; sonst schrieb ich alles der verliebten Liebe zu, ach, und die selbst schwoll und flammte nur von diesen Eigenschaften getrieben, genährt, entzündet, zur verzehrend-verheerenden Glut auf. Zu Asche ist mein Herz, wie ich Campan schrieb; ich überlegt' es noch gestern, es liebt nicht mehr für seine Rechnung, seine Seele lebt nur noch und der Geist; es ist wirklich tot. Und in Eins hat Harscher recht, daß er sich wundert, daß ich weiter lebe. Sehen Sie, wie traurig ich bin! Ich weine auch und sage das Meiste nicht, niemals. Und doch sehe ich auch dies so ganz anders an und kann es wie ein Glück betrachten. Ich bin so unendlich frei in meinem Innern, wie nicht verpflichtet der Erde. O, ich kann es gar in Worten nicht sagen. Mir ist noch immer zu Mute als damals, als ich vierzehn Jahr alt war; für die andern, für die großen Leute war alles; und so ist es noch, vergesse ich meine gräßlichen Schmerzen, die grimme Schmach, und ich habe eigentlich kein Talent mich mit ihnen abzugeben, zu wiederkauen, wie es war, weil von Natur aus ich zum Unglück nicht gemacht bin. Sie war üppig, stolz, übermütig vor Freude, als die Erde mich empfing, aber weiter ging es schlecht und gut, d. h. viel und nichtsnutz, aber gar nicht recht zum Unglück, obgleich ich's empfinde und genoß wie wenige. Den größten Dichter setz' ich da nicht über mich; es traf in's frische, in's bewußte Leben. Mit großer Gefälligkeit sprech' ich von mir, aber Sie wissen zu viel von mir, als daß Sie nicht alles, was ich ergrübeln kann, auch wissen sollten. Und es ist doch nichts Interessanteres als ein Mensch dem Menschen. Sie glauben nicht, wie ironisch ich mich über mich erheben kann bis zur freiesten Lustigkeit ohne Groll und Zorn, und wie ich gewöhnlich ganz von meinem Schicksale abgewandt bin. Neue Kräfte, neuer Mut, neues Sehen, ein frisches, unpersönliches Herz, ein gesunder Kopf, ein recht geistiger Geist, die helfen sehr. Und Sie, Sie helfen mir auch. Sie machen es mir wahr und wirklich, was ich liebe, was ich in mir liebe. Sie vergewissern es mir, daß ich kein Träumender allein hier bin. – Um von einer schönen Frau zu sprechen: Frau von B[assewitz] ist eine. Aber glauben Sie's? Ich sah sie nur von ferne und mied sie, wie alle Bekanntschaft. Ihre Mutter, die auch dort war, kannt' ich von ungefähr, ich werde Ihnen erzählen wie, – und diese, eine überaus gute Frau mied ich, so daß ich Umwege machte und auf einem Ball auf einem Ende des Saals blieb, bloß weil sie auf dem andern waren, und bloß, weil ich die tötend nichtigen Dinge nicht sagen wollte ohne Endzweck, Plan und Lust, und ganz besonders, weil diese Mutter einen gemein freundlichen Mann – gewesener preußischer Offizier – – hat. Den floh ich eigentlich und alle die Menschen, und weil man so sehr um sie her war, um die Schöne. Wenn sie etwas von der Natur, von Grünes, weiß, so ist das sehr viel. Doch glaub' ich's; warum nicht? Sie haben mir gestern einen göttlichen Brief geschrieben; ich weiß nicht, welche Mischung von unbezwinglicher, aber eben bezwungener Rührung, ja Erschütterung zwischen jedem, auch noch so gleichgültigem Wort gedrungen ist. So stark, so ernst, so tränenreich klang mir noch kein Brief von Ihnen, und so aus einem Stück. Sie glauben nicht, wie es mich schmeichelt, daß Sie mich des Französischen wegen loben, weil ich es gar zu gern wüßte und all meines, ich mag es machen, wie ich will, deutsch bleibt. Also die mindeste Illusion, die ich Ihnen nur machen konnte, ist mir Gold wert. Soviel aber ist dabei wahr; ich schrieb es so schnell, wie dies hier, und sehr bewegt wie immer. Heute hatte ich lange Konferenz mit Jette, die mir manches Bestätigende über Emilie erzählte. Sie hat der schon von drei Bräutigams gesprochen, und naiv bemerkte sie: So nennt sie die Männer, die sie hat, immer. Doch ist dieser ein Bräutigam, und Jette glaubt es auch. Mündlich mehr, aber wenig anderes. Die Schmalz sang gestern virtuos, also hatte ich Vergnügen. Sie schreiben mir vor dem Freitag und sagen Redtel viel Angenehmes vor mir. Er soll ja kommen. R. R. Ich schäme mich des langen Briefs. Sie müssen mich immer von neuem beruhigen, aber nur im Ernst! Ich finde es himmlisch, daß Sie mir immer schreiben, was Sie machen. Ich traf gestern nach dem Theater Madam Bethmann und Liman bei Marcus, Frohberg und Moritz. Ich amüsierte mich. Gute Nacht, Lieber! Es ist elf Uhr. Die Frohberg hat mich ennuiert; ich wollte Moritz da sehn. Ludwig Robert , der zweite Bruder der Rahel; gemeint ist wohl sein Trauerspiel »Die Macht der Verhältnisse«, das erst 1819 erschien. – Jettchen Mendelssohn , Tochter des Philosophen. – Raphael d'Urquijo , Legationssekretär bei der Spanischen Gesandtschaft, 1802–1804 mit Rahel verlobt. Die Briefe Urquijos wurden der Rahel durch Uhland zugestellt. – Christoph August Tiedge , der Dichter, Freund und Reisegenosse der Frau von der Recke , die ebenso als Dichterin wie als religiöse Schwärmerin bekannt ist. – Grappengießer , bekannter Berliner Arzt. – Fräulein Schmidt , Sängerin am Kgl. Schauspielhause. – Friedrich August von Stägemann , Staatsrat und patriotischer Dichter. – Komödien-Schulz ist nicht näher zu kennzeichnen, vielleicht der Mann der vorerwähnten Sängerin Kilitschky. – Volange , ebenfalls nicht näher bekannt, vielleicht Wollank, der Stadtjustizrat war. – E. Salemon , Kammergerichtsreferendar, der Regierung in Potsdam überwiesen. – Geschichte des Herrn William Lovell . Von L. Tieck. 1795/96. – von Greuhm , war Geh. Legationsrat und Lippe-Detmoldischer Geschäftsträger. – Ernst Frh. von Lüttwitz , seit 1809 bei der Regierung in Berlin, begeisterter Patriot, später auf seinem Gute Gorkau in Schlesien lebend. R.s Urteil über ihn ist nicht günstig. – A. F. Bernhardi , Direktor des Friedrich-Werderschen Gymnasiums. – Lercaro war Legationssekretär bei der Westfälischen Gesandtschaft. – Der sächsische Gesandte war ein Herr von Thiollaz , vielleicht ist das derselbe, den Rahel einige Zeilen weiter Thiele nennt, jedoch gab es auch einen Major im Allgemeinen Kriegsdepartement von Thiele. – Ascherling , der Name eines nicht näher zu bezeichnenden Stückes. – Madame Schmalz war Sängerin und Schauspielerin in den Kgl. Schauspielen. 48. Marwitz an Rahel. [Potsdam, nach dem 8t. Nov. 1811.] Ich muß Ihnen eine Geschichte erzählen, liebe Rahel, von der ich ganz voll bin. Dichter haben dergleichen oft erfunden und schöner dargestellt, als ich es werde darstellen können; aber zu wissen, daß es wirklich, daß es mitten unter uns vorgegangen ist, was sie geschildert haben, hat einen eignen hohen Reiz. Ich habe hier einen einzigen nähern Bekannten, den Sa. [Salemon] (seinen Namen schreibe ich nicht aus, weil der Brief aufgemacht werden könnte), einen von den unseligen Menschen, um die Himmel und Hölle sich streiten. Sehen Sie ihn in gewöhnlichen Stunden, so erscheint er Ihnen ganz abgelebt, die blauen Augen ganz erloschen; ein ironischer, auch zuweilen boshafter Zug geht über das Gesicht weg, wenn die Langeweile und die Erstorbenheit es auf Augenblicke verlassen. Dann aber hat er erregte Momente; eine starke Röte bemächtigt sich dann des blassen Gesichts; die Augen werden dunkel und strahlend, und es zeigt sich Ihnen plötzlich eine ungemeine Physiognomie, besonders ein feingeschnittenes, ausgezeichnetes Profil. Er hat viel Talente und Gewandtheit, aber zwei Grundeigenschaften konstituieren sein Wesen: einmal ein Gefühl für das hohe, aber eine Unfähigkeit es in seinen tiefsten Gründen zu fassen; daher innere Verworrenheit, Verachtung des Gemeinen, aber Unfähigkeit sich davon loszureißen, sittliche Impotenz, Bewußtsein derselben, daher Verachtung seiner selbst und tiefstes inneres Unglück. Seine zweite Eigenschaft ist eine Raserei für den Kampf, ein zweckloser, zerstörender, auf keine Idee, sondern auf einer wunderlichen physischen Lust ruhender Mut. Kommt er zu Duellen, die er eifrigst sucht, oder denkt er nur recht lebhaft daran, so schwellen ihm alle Adern, und sein Gesicht gewinnt dann jenen erregten Ausdruck, den ich Ihnen beschrieben, dem aber edlere Stimmen hervorrufen. Er lebte vor drei Jahren in Berlin; ihm gegenüber wurde in der Familie einer alten Fr[anzösin] ein junges Mädchen von italienischer Abkunft (Emilie A[lberghin]i) erzogen. Er sieht sie am Fenster und verliebt sich in sie. Durch Erkundigungen, die er über sie einzieht, erfährt er, daß sie höchst eingezogen und unter strenger Aussicht lebt und daß sie nur einmal in der Woche am Sonnabend zu ihrer verheirateten Schwester in die Gegend von Monbijou geht, bei der sie bis zum Sonntag bleibt. Er grüßt sie nun erst, wenn er vorbeigeht und sie am Fenster ist, sie erwidert Gruß; nach so eingeleiteter Bekanntschaft lauert er ihr auf, wie sie zur Schwester geht, sagt ihr nach einigen einleitenden Worten mit der ihm eigenen Gewandtheit, wie sehr sie ihn interessiere, und wie glücklich ihre nähere Bekanntschaft ihn machen würde. Sie zittert an allen Gliedern, faßt sich aber doch und sagt ihm, daß an eine solche Bekanntschaft unter ihren Verhältnissen nicht zu denken sei. Er begleitet sie bis an das Haus der Schwester und kehrt dann zurück. Am folgenden Morgen ist er früh in der Gegend von Monbijou; nach einigem Warten erscheint sie, er folgt ihr in einiger Entfernung; sie geht in die katholische Kirche; dort betet sie inbrünstig; er drängt sich an sie heran, erklärt ihr seine Liebe, und daß er ewig unglücklich sein werde, wenn er getrennt von ihr bleiben müßte. Sie ist in der gewaltigsten Agitation, läßt sich von ihm zurückbegleiten, und wie er ihr jene Versicherungen mit dem größten Feuer wiederholt, gesteht sie ihm zu, daß er sie heimlich besuchen dürfe. S[alemon] macht mir von ihr folgende Beschreibung. Sie war siebzehn Jahre alt, schlank gewachsen, mit vollem Busen, das Gesicht blaß, die Augen tiefliegend von einem dunklen, unergründlichen Feuer (sein ganz wahrer Ausdruck), die Wimpern lang, schwarze, in dichten Locken in das Gesicht fallende Haare, die Züge nicht regelmäßig, aber von dem reinsten und sanftesten Ausdruck, die Lippen von dem frischesten Rot. Sie sprach nicht fertig Deutsch, aber gut Französisch. Den Tag über würde sie genau von der alten Französin bewacht; in der Nacht schlief sie allein, aber in einem Zimmer, zu dem man nur gelangen konnte, wenn man durch ein andres, von den Kindern der Alten bewohntes hindurchgegangen war. S. besuchte sie dort. Er wußte sich den Eingang in das Haus zu jeder Stunde der Nacht zu verschaffen und kam nun in der Regel um Mitternacht zu ihr. Sie gestand ihm ihre Liebe, war aber so unschuldig und unwissend, daß ihm alle unreine Gedanken vergingen, obgleich sie sich ihm nun ganz und mit höchster Glut hingab (sie war glühend wie ihr Land, sagte er mir). Einmal kommt er zu ihr, von Wein und Ärger übernommen, da benutzt er seine Überlegenheit. Sie weint unaussprechlich, Wochen lang; natürlich dauert das Verhältnis fort; sie lebt nur in ihm. Mit den Blumen am Fenster verabredeten sie sich; ging sie zur Schwester, so traf er sie, und dann fuhren sie gewöhnlich nach irgend einem entlegenen Dorf (oft nach Lichtenberg): sie holte dann für ihn einen Stuhl, für sich eine Hütsche, setzte sich auf die, legte Arme und Kopf auf seine Knie und sah ihn stundenlang unverwandt an, während er ihr erzählte. Sprach er ihr von ganz unverständlichen Dingen (finanziellen, die ihn damals viel beschäftigten), so hörte sie doch mit größter Aufmerksamkeit zu und nickte von Zeit zu Zeit mit dem Kopf. Oft fragte sie ihn, ob er auch bete. So dauerte es mehrere Monate. Allmählich wurde er ihrer überdrüssig; gemeiner Ehrgeiz plagte ihn daneben; er wollte steigen (wozu damals Aussichten für ihn waren) und glaubte in dem Verhältnis zu dem Mädchen ein Hindemis zu sehen. Er kam seltener zu ihr, war kälter; sie schrieb ihm nun die einfachsten, zärtlichsten und rührendsten Briefe, glaubte immer ihn beleidigt zu haben und bat ihn dann mit den rührendsten Worten um Verzeihung. S'ai-je offensé mon cher Edouard , schreibt sie ihm ungefähr in dem einen; Ah je t'en demande mille et mille fois pardon, mon cher ami. Oublie mon tort, je t'en prie. So ungefähr, aber alles noch viel natürlicher und edler und in dem lieblichsten Zusammenhang mit dem übrigen (ich schreibe mir nächstens die Briefe ab und schicke sie Ihnen). Er wollte das Band allmählich lösen und fing daher an von Verhältnissen zu reden, die sie trennen könnten; erst verstand sie ihn gar nicht und fragte ihn, wie denn das möglich sei, sie mache ja keine Ansprüche auf ihn, und daran, daß sie ihm gut sei, könne sie doch nichts in der Welt hindern. Wie er deutlicher wurde, sagte sie ihm einmal sanft, sie würde das nicht überleben, ein ander Mal in der wildesten Empörung, sie könne dann nur eine Rache an ihm nehmen, sie würde sich einem jeden preisgeben; aber immer noch glaubte sie nicht an seine Untreue. Er wurde nun gefährlich krank; sie erfuhr es und wurde es auch; einmal ließ er sich auf ihre bewegliche Bitte ans Fenster bringen; wie sie ihn sah, fiel sie in Ohnmacht. Er sah sie nun nicht wieder. Als er gesund wurde, ging er hierher, den Tag vor seiner Abreise schrieb er ihr, den schändlichsten Brief (wie er ihn selbst nennt), worin er in süßen Worten ihr sagt, daß ihre beiderseitige Lage ihnen die Fortsetzung ihres Verhältnisses doch nicht gestatteten, und daß er es daher als abgebrochen betrachte. Er hat seitdem nichts mehr gehört; vor jeder Erkundigung hat er sich gescheut, weil er befürchten muß das Entsetzliche zu erfahren. Furien verfolgten ihn, besonders seit jener törichte Traum von Einfluß und Bedeutung im Staat verschwunden ist; die dunkle Vorstellung dieser Schuld und einer ähnlichen gegen eine verstorbene Braut greift in jede seiner Tätigkeiten lebenraubend hinein, und eine bleiche Gestalt, wie er sich ausdrückt, begleitet ihn auf allen seinen Schritten. Er hofft nur noch auf einen Krieg. Wie er mir seine Geschichte in den wahrsten und bewegtesten Worten mitgeteilt hatte, verglich er sich mit William Lovel und erzählte mir, daß, wie er jenen Roman zum ersten Mal (lange ehe er Emilien gekannt) gelesen habe, so habe er sich auf das Furchtbarste ergriffen gefühlt, besonders durch die Geschichte von Rosaliens Liebe und Pietros Ermordung; er habe den Gedanken daran lange nicht los werden können, und seine Träume wären immer davon erfüllt gewesen. Es ist wahrscheinlich, daß die Beziehungen Salemons zu der Alberghini schon vorher mündlich zwischen Rahel und Marwitz besprochen worden sind, und daß dieser Brief, der ausführlich die Angelegenheit behandelt, auf einer späteren Mitteilung Salemons beruht, Zumal eine geraume Zelt seitdem vergangen war. 49. Marwitz an Rahel. [Potsdam,] Dienstag d. 12t. November [18]11, sieben Uhr Abends. Ich soll Sie immer wieder beruhigen wegen Ihrer volumes , schreiben Sie mir, liebe Rahel. So hören Sie denn, wie ich sie empfange. Ich lese sie drei- bis viermal hintereinander durch, manche Stellen noch viel öfter, lege sie dann weg mit dem Gefühl eines Geizigen, der seinen Schatz wieder um ein paar Tausend Taler vermehrt sieht (das ist grade mein Fall, anders kann der Geizige seinen Schatz nicht fühlen, als ich in einer Rücksicht Ihre Briefe), und dann laufe ich ein oder mehrere Stunden im Zimmer umher und lasse den Inhalt Ihrer Zeilen in mir nachklingen; antworten kann ich in dieser Stimmung nicht, denn ich bin zu agitiert, fühle zu sehr das Ganze, als daß ich an ein Einzelnes anknüpfen und mich darüber aussprechen könnte. Und nun be[un]ruhige ich Sie nie mehr von neuem. So haben Ihre Briefe immer auf mich gewirkt, so werden sie immer auf mich wirken. Senden Sie mir daher nur ja immer diese volumes , liebe Freundin; es können tausend Umstände kommen, um derentwillen ich nicht sogleich antworte (Sie haben mir ja auch auf drei Briefe von Töplitz nicht geantwortet), äußere Hindernisse, gestörte Stimmungen: aber seien Sie ein für allemal überzeugt, daß darum nicht minder jedes ihrer Worte mir zum innersten Herzen dringt und dort verjagt, was von Unmut oder Stumpfheit sich festgesetzt haben mag. Wie soll ich Ihnen besonders für Ihre beiden letzten Briefe danken, für den unaussprechlichen Reichtum tiefer innerer und lebendiger äußerer Dinge, mit dem sie mich überschüttet haben. Ich will einiges beantworten. Ja, liebe Freundin, Sie haben ein egoistisches Herz, aber ein solches, welches das Edle, Hohe, Kräftige, Wahre an sich ziehen und genießen will. Jeder Rechte hat einen solchen Egoismus, setzt sich als Mittelpunkt des Weltalls, aber wie wenigen Hochbegabten ward, seit die Erde steht, die Fülle des Herzens, » die Gerechtigkeit der Seele«, die Penetration des Geistes verliehen, um ihn zu befriedigen wie Sie? Lassen Sie Rahels Herz zu Asche gesunken sein, das menschliche Herz schlägt weiter in Ihnen mit freieren, höheren Pulsen, abgewandt von allem Irdischen und doch ihm ganz nahe, die scharfe Intelligenz denkt weiter und in größern Kreisen; aus dem grünen, frischen, lebendigen Tal hat Sie der Schicksalssturm hinaufgehoben auf Bergeshöh, wo der Blick unendlich ist, der Mensch ferne, aber Gott nahe. Reinhardt mußten Sie so sehen, er ist ungelenk, er hat nicht die Versatilität tätiger Naturen, und es kann ihn eine bornierte Insichgezogenheit Unbekannten gegenüber beherrschen. Dann dominiert der untere Teil seines Gesichts, besonders die fatale Nasenspitze. Ganz anders ist es, wenn seine Augen herrschen und jene unangenehmen Züge um Mund und Nase ganz bezwingen. Sie haben einen doppelten Ausdruck, einen sinnigen, still hörenden, offen und unbefangen aufnehmenden, und eine muntere, innere Behaglichkeit und lustige Teilnahme andeutend. Diesen doppelten Ausdruck können Sie nicht wahrgenommen haben, und so kennen Sie sein inneres Wesen nicht, das eben in einer Unpersönlichkeit, in einer reinen, unschuldigen Offenheit besteht, welche um so liebenswürdiger ist, da sie gar nicht auf einer schwachen Negativität, sondern auf einem eben so fest bestimmten wie sanften Charakter ruht. Weil ich wußte, daß er sie verstehen würde, hatte ich ihm, ehe er nach Berlin zurückging, viele Ihrer Briefe vorgelesen. Sie begeisterten ihn durchaus, und er faßte sie ganz von der rechten Seite. Wie er zurückkam, fragte ich ihn natürlich gleich, ob er Sie gesehn und wie? Er lobte Sie sehr, auf Tiefen sei das Gespräch nicht gekommen, aber nie habe er einen Menschen gesehn, der mit der Energie und der Leichtigkeit von allem den Mittelpunkt ergriffe. Schöne Worte über Harscher: »die gepeinigte, geistreiche, fromme, angekrankte Seele«. – Abscheuliche Pause hier, Salemon war hier, er schrie im Regen auf dem Hof einige Mal nach mir. Ich konnte es nicht übers Herz bringen und machte ihm auf. Jetzt ist es halb elf. Ich erzählte ihm, um mich nicht stören zu lassen, von Rom und Griechenland und las ihm vor; er hörte es mit halber Teilnahme und anerkennend, war aber innerlich doch leer. Kennen Sie solche Leute, die bis auf einen gewissen Punkt verstehen und sich begeistern, da aber hört es plötzlich auf, man weiß gar nicht warum. Es scheint willkürlich, daß, da sie nun so weit gekommen, sie nicht noch weiter gehn, aber sie können nicht. Es giebt viele der Art. Über Harscher hätte ich Ihnen, wäre S[alemon] nicht gekommen, viel Gutes und vielleicht Erschöpfendes gesagt. Nun ist es vorbei. Für die Erzählung von Emilie von dem Abend bei Bethmanns tausend Dank; ich sah alles. Ich bin ganz fleißig gewesen die Zeit her. Friedrich Schlegel bringe ich Ihnen. Er ist nur vorn erträglich, je weiter er gegen das Ende kommt, desto alberner wird seine Befangenheit, desto unredlicher seine Ignoranz, denn aus bloßem Vorurteil weiß er manches gradezu nicht, hat instinktartig darüber hinweggesehn (das ist aber Gewissenlosigkeit). Die nüchternsten, dümmsten, ideenlosesten Östreichischen Kaiser (denn Östreich ist das Zentrum der Welt, der politische Kern Europas) sind ihm besonnene Weise, jeder mittelmäßige General ein Held, die elende Zeit, in der Östreich prosperierte (die der Minderjährigkeit Ludwig XV.), die glänzendste Epoche der neuern Geschichte. Mit Smith bin ich fertig. Viele auf unsre Verfassung sich beziehende Dinge habe ich gelesen. Auf Sanssouci war ich lange nicht, es ist jetzt dort stürmisch und öde; öfter ging ich im Neuen Garten, wo der flutende See die vielen dichten Tannengebüsche es lebendiger machen und die Marmorhalle vor dem Hause mir ernste, vornehme, rührende und schwermütige Gedanken erweckt. Bei Rettel war ich noch einmal zu Abend, und heute ging ich mit ihm spazieren. Er ist zu sehr in Geschäften festgerannt und kaum etwas andres mit ihm zu reden, wenigstens ergreift es ihn nicht. Auch dringt er nicht an die Wurzel der Dinge, sondern so lange begleitet er einen, artig, verständig und zuweilen geistreich, bis das Gespräch in die Tiefe gehen und zur Untersuchung werden will, dann wendet er sich ab. Kurz, wie ich gesagt habe, das Riguröse fehlt ihm. – Sonntag mußte ich einen Brinkmannisch langen Brief an Scheibler schreiben. Darum erhielten Sie keinen. Von der Mutter der Bassewitz sagte mir Rettel, ihre große Imbecillität sei das Beste an ihr. Das scheint dumm zu sein nach dem, was Sie mir schreiben. Rettels luden mich ein, mich bei Bassewitz präsentieren zu lassen, die hier das erste Haus machen; ich lehnte es ganz gleichgültig ab; wenn sie mir es noch einmal vorschlagen, werde ich nach einer leichten Wendung des Gesprächs ihnen sagen, daß ich über alle mittelmäßige Gesellschaft zu unmäßig blasiert wäre, weil ich so viele vortreffliche gesehn hätte; dies um den Leuten hier den Gedanken, als ob ich mir ein subordiniertes Referendarienverhältnis gefallen ließe, bei der letzten Wurzel auszureißen. Gute Nacht, Liebe. Freitag sehe ich Sie. Ich bin müde und herabgestimmt. A. M. Lesen Sie im Homer Ilias B. 22, bis Hektor stirbt, oder halten Sie es bereit, wenn ich komme. Ich war verzückt. Mein Gott, haben Sie denn Goethes Leben gelesen? Es ist ja heraus. Gustav von Brinckmann , der schwedische Dichter und Diplomat, bekannt durch seine langen philosophierenden Briefe. – Goethes Dichtung und Wahrheit, Bd. 1, war 1811 erschienen. 50. Rahel an Marwitz. Sonntag, neun Uhr morgens, d. 17t. November 1811. Soll ich mich ängstigen oder nicht, lieber Marwitz? Es ist nicht in meiner Natur viel Umstände mit mir zu machen; ich kann mich gar über ausbleibende Briefe nicht ängstigen, es hat jedesmal eine nichtsnutzige Ursach oder ein Mißverständnis zu Grunde. Seit gestern aber bin ich doch besorgt; wenn ich aber nur einmal wissen werde, daß Sie mir Donnerstag schreiben können, ich komme Freitag, und daß Sie darauf ohne weiteres abschreiben, nicht kommen können, so will ich zu Ihrer ewigen Bequemlichkeit nie wieder nachfragen, wenn Sie wegbleiben. Randbemerkung von Marwitz: Ich hatte Freitag und Sonnabend Flußfieber gehabt und kam daher erst Sonntag. Donnerstag erhielt ich einen Brief, der Mittwoch abgegangen sein muß, in welchem Sie mir sagen, Freitag sehe ich Sie. Der Tag geht vorüber, und Sie sind nicht gekommen. Ich bilde mir ein, ich werde Sonnabend einen Brief erhalten, der mir abschreiben soll; der Brief kommt auch nicht. Nun also, da Sie mir vor acht Tagen so exakt abschrieben, muß ich Sie fragen, wie ist es. Lassen Sie es sich nicht verdrießen und halten Sie es für keine gêne für künftig; nur diesmal mußte es mich stutzig machen. Sie sollen aber, wenn Sie wollen, nie sich wieder zu bestimmen haben und können kommen und wegbleiben, wie Sie wollen; bei mir ist immerweg alles zu Ihrem Empfang bereitet, weil Sie immer gewünscht sind, und finden Sie Ihr Zimmer nicht warm, so gehen Sie unterdes in meines. Schreiben Sie mir aber diesmal ein Wort! Mir ist, als wären Sie gar nicht in Potsdam; ich kann Ihnen also in keinem Fall etwas über Ihren Brief sagen; ich wartete immer Sie zu sprechen, da aber auch würd' ich Ihnen nicht drauf geantwortet haben. Ich hätte Ihnen nachher geschrieben. Wissen Sie, daß dieser Schmeichelbrief mich unendlich geschmeichelt hat; wissen Sie, daß es ganz wahr ist, daß ich Beruhigung über meine ganz entsetzlichen Briefe brauchte, daß ich nicht ahnden konnte, daß Sie so mit ihnen verführen? Wissen Sie aber auch, daß ich Ihnen ganz andere wünsche, um daß Sie so mit ihnen verfahren, meine aber doch nicht für unwürdig halten? Und hören Sie für's erste, was ich bei mir beschlossen habe, ich will Ihnen ferner solche schreiben, es sind wahre confessions , hab' ich mir überlegt, und Sie sollen sie sehen, meine Seele, wie ich sie nur selbst erhaschen kann! Vorgestern und gestern las ich einen enormen Pak meiner Briefe an Urquijo. Allwaltender Gott! Da kann man sehen, wie tief der Mensch sinken kann, wie die ganze Welt einer Seele zur Folterbank dienen kann, wie eine Seele vom Himmel zu Erde auseinandergezerrt sein kann – diese Verzerrung ist Leidenschaft –, wie niedrig man sein kann, daß unser Inneres Schicksale von den Göttern herruft, und daß großes Unglück große Verachtung verdient. Wenn ich Ihnen diese Briefe zeige – wie ich es mir vorgenommen habe –, so kann ich Ihnen nichts Niedrigeres mehr von mir zeigen. Auch in meinem Gesicht habe ich diese Seelenseite gefunden, und wie widrig war sie mir immer. Ein zähes Festhalten, ein ekelhaftes Nachgeben, ein Beugen und Bangen mit einem widrigen Lächeln dabei. Sie werden sehen, wie ekelhaft. Aber auch das Schicksal hatte mir einen Menschen bereitet, der zu seinem Gräuelplan geschaffen war, das ist wahr. Eins aber habe ich in diesen Briefen entdeckt, ich bin sehr fromm. Und dann viel über die Liebe; ohne Vorrede kann ich sie Ihnen gar nicht geben, also wenn Sie kommen. Mir war übernatürlich, als ich sie las. Noch lange, Tage lang nachher, als umfingen mich noch gegenwärtig all die Umstände, in denen ich damals war. Orte, Gegenstände, alles. Die Möglichkeit solcher Leiden ist gräßlich, und ich dachte nach, ein gnädiger Gott sollt' es nicht erlauben. Sie sehen also, diese Verwirrung kann mich ewig von neuem verwirren. Vieles muß ich Ihnen dazu als Erklärung sagen. Viele Briefe sind nur geschrieben, damit er wußte, daß ich geschrieben und nichts anderes getan hatte, alle eingerichtet, daß er sie verstehen soll, in einem gräßlichen Französisch; ich konnte es damals gar nicht. Adieu! Künftig einen Brief auf Ihren Brief. O, wüßten Sie, wie ich mit Ihnen verfahre, aber Sie zweifeln nicht. Ihre Adresse lese ich tausendmal und lege sie nicht von meinem Tisch. Heute bin ich bei Marcus, wo Lercaros und andere sind. Morgen habe ich Bethmanns und Jettchen Fromm Henriette Fromm , die Favoritin des Prinzen Louis Ferdinand. und Harscher, der Madame Bethmann sehen will; er war Dienstag bei mir, sehr aufrichtig und gut. Ich hatte den Tag Varnhagen geschrieben und die wichtigsten Stellen abgeschrieben für Sie. Adieu, Lieber! Antwort! R. R. Ich bin noch in meinem Bette. Adieu! 51. Rahel an Marwitz. Sonnabend Vormittag halb zwölf Uhr, d. 23t. November 1811. Sagen Sie, Liebster, Bester, warum schreiben Sie mir wieder nicht? Ein Wort. Ich bat Sie darum, Sie haben mir auch zu antworten, wenn Sie wollen. Sie sind aber nicht ganz herkulisch, nicht sehr entfernt vom Flußfieber in unleidlichem Wetter hier abgereist. Das verdiente wohl zwei Zeilen. Ich erwartete sie immer und wollte nicht mit meiner Stimmung und meinen Angelegenheiten so zuplatzen. Gestern aber hätte ich Ihnen doch geschrieben, wenn mich nicht H. Kleists Tod so sehr eingenommen hätte. Es läßt sich, wo das Leben aus ist, niemals etwas darüber sagen; von Kleist befremdete mich die Tat nicht, es ging streng in ihm her, er war wahrhaft und litt viel. Wir haben nie über Tod und Selbstmord gesprochen, – Sie wissen, wie ich über den Mord an uns selbst denke, wie Sie. Und niemals hör' ich dergleichen, ohne mich der Tat zu freuen. Ich mag es nicht, daß die Unglückseligen, die Menschen, bis auf den Hefen leiden, denn Wahrheit, Großes, Unendliches, wenn man es konzessiert, kann man sich auf allen Wegen nähern; begreifen können wir keine, wir müssen hoffen auf die göttliche Güte, und die sollte grade nach einem Pistolenschuß ihr Ende erreicht haben? Unglück aller Art dürfte mich berühren? Jeden Abend Fieber. Jedem Klotz, jedem Dachstein, jeder Ungeschicklichkeit sollte es erlaubt sein, nur mir nicht? Siech auf kranken und Unglückslagern sollt' ich müssen, und wenn es hoch und schön kommt, zu achtzig Jahren ein glücklicher imbecile werden, und wenn dreißig schon mich ekelhaft deteriorieren? Ich freue mich, daß mein edler Freund – denn Freund ruf' ich ihm bitter und mit Tränen nach – das Unwürdige nicht duldete; gelitten hat er genug. Sehen Sie mich! Keiner von denen, die ihn etwa tadeln, hätten ihm zehn Rtl. gereicht, Nächte gewidmet, Nachsicht mit ihm gehabt, hätt' er sich ihnen nur ungestört zeigen können. Der ewige Calcul hätte sie nie unterbrochen, ob er wohl recht, ob er wohl unrecht, ob er wohl Recht, ob er wohl nicht Recht zu dieser Tasse Kaffee habe. Ich weiß von seinem Tode nichts, als daß er eine Frau und dann sich erschossen hat. Es ist und bleibt ein Mut. Wer verließe nicht das abgetragene, inkorrigible Leben, wenn er die dunklen Möglichkeiten nicht noch mehr fürchtete? Uns loslösen vom Wünschenswerten, das tut der Weltgang schon, dies von denen, die sich nichts zu erfreuen haben; forsche ein jeder selbst, ob es viele oder wenige sind. Sechs Uhr abends. Bei dieser vierzehnten Zeile wurde ich unbändig gestört, habe die größten Kurven gemacht, Menschen gesehen, streiten hören, etwas gestritten, Verse hören müssen. Der tolle Meyer traf mich beim Schreiben, schleppte mich mit, ausgehen wollt' und mußt' ich zwar, weil es heute zum ersten Mal erst wieder trocken war und ich zu Bethmann mußte, ihm die Loge zu bezahlen, die er mir geschickt hatte. Es ist keine kleine, sondern eine zu sechs Plätzen; Sie kommen gewiß nicht, Marcusens nehme ich nun mit, Louis habe ich mir nur verbeten. Wo soll ich erst herumschicken, wer mit mir gehen will? Und die wollten gern Plätze. Allein kann ich mich auch in einen solchen Stall nicht setzen. Haben Sie noch irgend eine Lust, so können Sie doch auch einen Platz haben, weil ich so viel und so wenig von Marcusens Familie mitnehmen kann, als ich will. Hätte ich Ihnen nur schon dieser Tage geschrieben! Ich fühle mich entsetzlich zerstört, und vor ein paar Tagen war es doch noch nicht so arg; es nimmt zu. Erinnern Sie sich, wie Sie mich Sonntag fanden? Ich kann weder des Morgens noch des Nachmittags den Mut finden mich vom Lager zu heben, weil ich gar nicht weiß wozu. Meinem Herzen fehlt die Lebenslust, der Reiz, – es geht nicht. Sie werden hören und alles verstehn. Von Harscher hab' ich Ihnen wieder ein Buch zu schreiben, und wenn es geschehen ist, soll eine Vorrede nachkommen, wieso er so schrecklich auf mich wirkte. Nun ist es aber aus, ich versuche nichts mehr mit ihm. (Ich habe wieder eine gräßliche Feder, eine gekaufte, und schreibe ihretwegen in ganz andern Perioden), wie ich denn alles Probierens und Flickens überdrüssig bin, noch nebenher. Mittwoch Mittag trag' ich G[oethes] Leben zu Schedens, die mit einer Kousine aus Potsdam und Herrn Pfund bei Tisch sind; sie lassen mich hinein nötigen, ich setze mich zu ihnen, mache sie sehr zum Lachen, besonders Herrn Pfund; Madam Wucherer ist auch sehr munter, sie nehmen mich mit ins andere Zimmer, ich trinke eine Tasse Kaffee mit ihnen, ich bleibe, bis es dunkelt, dann geh' ich erst, um Dorens Mutter nicht warten zu lassen, meine ganze Pointe jetzt, sie hatte mir erzählt, Schleiermachers Geburtstag würde noch denselben Abend gefeiert, Reimers wären dort, und sie ging auch mit Blumentöpfen hin etc. Donnerstag Abend bald nach sechs sitze ich mit Hanne allein, die sich Halsbänder bei mir ausgesucht hatte zum morgenden Ball, so kommt Harscher in die Stube, der freien Eintritt hat. Er scheint sich über Hanne zu freuen, ich, um alle à leur aise zu setzen, und weil ich immer von Montag so berührt war, daß ich nicht sprechen konnte, sage ich gleich: Sie müssen viel sprechen, ich werde heute nicht. Sie erzählen aufs genauste, wie es bei Schleiermacher war. Nach einigen Niedlichkeiten schubs' ich mich wirklich in orestischem, nicht Furien-Humor in den Winkel, und er nennt die Personen, die Sie schon wissen, noch ein paar junge Zuhörer von Schleiermacher und Herrn von Winterfeld, der habe viel gespielt, das wäre das Beste gewesen, sonst wäre man eben wie nichts neben einander gewesen, ist sehr unerbaut, erzählt, um zwölf hätte man losgeklirrt und geschrieen zur Gratulation, Madam Schleiermacher hätte ein illuminiertes Tischchen hereingebracht mit sämtlichen Geschenken. Wenn mir das einer täte, hätte ich den Tod, sagte ich nur, – da bewies er mir, wie unfein es sei, daß Frau Schleiermacher kein Gefühl für Feinheiten in der Gesellschaft habe, aber wohl all dergleichen auf das Feinste auseinandersetzte, wo er auseinandersetzt. Punktum! Ohne jedoch alles wiederholt zu haben. Hanne mußte gehn, sie war nur auf einen Augenblick zu mir geschlüpft. Er brachte sie. Als wir allein waren, lobte er sie, sie sei ungemacht, unbefangen und bestimmt über – ich weiß nicht mehr was; nun wenn man das zu siebzehn Jahren nicht weiß, lernt man's nie. »Ist sie siebzehn? Da kann sie sich ja verlieben.« »Wenn sie sonst will.« »Will?« Wie signifikant! Ich hatte es aus Überdruß gesagt; dabei roch er unsäglich nach Rum, kam von Giovanoly, wo er schon Schokolade getrunken hatte, ich bin sicher, gleich von Schleiermacher aus, um nicht zu Hause zu gehen und zu sein. Daß er nach Rum röche, sagte ich ihm gleich, – überhaupt nach dem ganzen Laden roch er, – da gestand er denn die Schokolade, den Gräuel, und erzählte albern und lügend und sich widersprechend eine Geschichte von drei Studenten, wovon zwei Fichtianer und einer Schleiermachisch war, die sich bekriegt. Bald wollt' er sie klug, bald dumm darstellen, von wenig Zwischenfragen von mir ballotiert. Und wie er sie, wär' er munter gewesen, zurecht gesetzt hätte. Dies war noch in Hannes Gegenwart, und ich hatte schon genug. Er kam nämlich und die jungen Leute von Schleiermachers Vorlesungen, das hatte ich vergessen. Wie nun Hanne weg war, kam gleich die Rede von meinem Abend. Ich beklagte mich bitter, klagte mich aber selbst an, daß ich viel zu empfindlich, ja leidenschaftlich gegen ihr ennui gewesen wäre, stellte ihn den Abend zuvor bei Marcus vor, welche prouessen ich da geübt hätte, daß meine Feinde sich bei mir nicht anders hätten betragen können, wenn sie mich etwa tadelnswert fänden. Daß wir alle Lebensmangel gehabt hätten, sonst hätte der Baron wohl schweigen müssen, daß ein jeder doch gelassen ins andere Zimmer ungestört hätte gehn können. Er entschuldigte sich gleich, welches ich auch annahm und doch hinzufügte, daß mir nie eingefallen wäre ihn zu bitten, wenn er nicht Madam Bethmann hätte sehn wollen; daß sie besorgt genug von mir sich da befunden hätte, wieso ich keine andere, und wieso ich, die gegenwärtig gewesen, genötigt hätte, daß gebetene Gesellschaft seit 84 Jahr mein Grauel ist, daß ich nicht als Schneeflocke existierte, die eben ankäme, daß ich allerhand Rücksichten abzuwarten hätte, daß man die mit ihrem ennui jedem verziehe, nur mich immer als ein Unding betrachte, weil ich und was mich betrifft, keinen Titel habe, und je länger, je beflissener ich mich zeigte, wie es bequem und gewünscht wäre, je härter ließe man mich an, wenn das mal nicht ginge. Und das von je und ein jeder. Ich fetzte ihm weitläufigst jedes Verhältnis seit zehn und fünfzehn Jahren auseinander, in welchen ich mit all den Personen gelebt hätte. Welcher Grundstein zuletzt kam; er gab mir recht, und als ich sagte, es sei allenthalben so. Sagen Sie mal aufrichtig, war es besser bei Schleiermacher? Ja, sagte er. Ja, erwiderte ich, weil alle freundlich sich duldeten, weil keine mauvaise volonté war. Das ist wahr, sagte er, und so schlossen wir dies. Als dies abgetan war – mir schwindelte und mich souffoquierte sein Geruch nun schon so und das viele Sprechen, daß ich alle Viertelstunde in größtem Nebel ein Fenster aufmachte. Fängt er mit einem Male so an: Sagen Sie mir doch etwas über Ihren jüngsten Bruder! Alle Räder meiner Gedanken standen plötzlich dumm. Es giebt keine deteriorisierendere Frage. Ich möchte gerne etwas wissen, sagte er mir, über seine Heirat, er interessiert mich, denn – ich sehe zwei in ihm – er hat ihn nie drei Minuten gesehen, wo er ihn sehen könnte, – niemals sah ich ihn gut, oder was er da sagte, und einmal sah ich das Biest in ihm. Kurz, Ihre Worte. Und so fuhr er umständlich und genau nach Ihren Berichten fort. Denken Sie sich mich bei dieser Lage. Zorn und Scham hielten mich ab ihn zu beschämen. Den Tag zuvor hatten Sie mir ehrlich erzählt, was Sie mit ihm über Meyer gesprochen hatten. Sagt er Ihnen denn alles? frug er weiter. Ja, alles. Mit dem größten Zutrauen? Mit dem größten Zutrauen. Ist das aus Liebe? Nein. O weh, warum sagt er's denn? Weil er weiß, daß ich's verstehe und er's mir sagen kann. Nun kam er auf die Liebe meiner Brüder, und ich sagte, es liebe mich keiner meiner Brüder, und ich verachte sie deshalb. Da weinte ich. Überhaupt wollte er mich den Abend abfragen, und so sah er auch meine Tränen. Er sprach unendlich viel, von sich, von Ihnen. Daß Sie besser gegen ihn wären, und daß das in demselben Maße zunehme, als er gesünder würde. Ich leider sagte auch einmal, wie ich Sie liebe, und versuchte es in ein Exempel zu bringen; es geschieht mir nicht wieder. Er lobte Sie sehr und lobte und tadelte sich. Was half das nach der großen Lüge? Es lag ein Almanach auf meinem Tisch von 1812. Wo ich etwas von Apel aus Leipzig sah, wovon ich sagte, das muß ich lesen, weil ich ihn kenne. Ich weiß es, sagte er, wie Sie mit Varnhagen dort waren, durch den. Nein, nicht durch den. Als Sie mit der Burg (Putzhändlerin) zusammen reisten. Ja. Was ist das für eine Person? Sie ist wie Philine, so aß sie einem Manne zum Possen, mit dem wir reisten, und knackte Nüsse, bloß ihn zu ärgern. Nun machte er Millionen Fragen, wollte wissen, ob sie eine fille ist. ... Nun mehr als Pauline ärger verrufen ist sie nicht. Die stupide insolence . Ich schwieg. Sagen Sie mir, fuhr er fort, wie weit ging's mit Pauline? Noch regt sich mir das Herz im Zorn; ich weiß nicht, ist er angespießt dümmer oder atrocer . Wie unsittlich, wie unschicklich, wie untunlich! Ich schwieg, verlor mich ganz in mir und sang Elegien an Pauline, Hymnen mir. Er nannte mich im Verlauf des Abends wieder Heidin, verglich mich aber doch mit Schleiermacher; nur er trüge so vor, wie ich spräche etc., hätte er mich doch vor drei Jahren schon recht gekannt. Wir kamen auf Sittlichkeit, und er dachte mich attrapiert zu haben, meinte er. Hier, rief er, hier scheiden wir, es war mir so gleich. Ich hatte nämlich im Vorbeigehen gesagt, auf die Überzeugung käme mir alles an, die dumme Tat sei wenig; wenn sie mich betrifft, erklärte ich dann nachher. Er sprach von Fichte. Der habe keinen Philosophen verstanden, erzählte er. Streng genommen tun das alle Systemaufsteller. Er sah wohl, daß ich kein Vieh war in solchen Dingen, meinte aber doch, ich errate sie, ich aber lasse mich von undeutschen Worten und Disziplinen nicht abschrecken. Griechen, Römer, der Jude Spinoza, alle haben denken müssen. Endlich sagt' ich, andere dürfe man nicht beeinträchtigen, und klagte dann z. B. Ottilie an. Da hörte er mir lange zu und bricht endlich damit heraus, er wolle doch mal ihn, Schleiermacher, und die Damen fragen, ob sie sie auch so fänden. Mit dieser unharmonischen Harmonie als Schlußakkord sollt' auch ich von ihm aufhören. Aber noch eins; ich weiß, daß er mich nicht hat beleidigen wollen, aber er hat mich, er muß mich beleidigen. Ich habe ja auch noch weiter mit ihm gesprochen und diskutiert und erzählt. Aber an mich kommen lasse ich ihn weniger. Er fatiguiert und ennuyiert und ekelt mich. – Besser Dores Mutter, die unbefangen denkt, ich bin eine gute Mamsell, weil sie's sieht. Dies soll meine Rekreation sein? Dorens Mutter war es dieser Tage her. Das Bewußtsein eine Mutter im Hause zu haben, eine Liebe pflegen zu können, mich richtig aufführen zu können, sie nach meiner und ihrer Art ein Bißchen traktieren zu können. Ich habe sie mit Dore Dienstag Aschenbrödel als prachtvolle Oper sehen lassen. Sie ist noch hier, und ich lasse sie nur mit guter Gelegenheit zu Hause reisen. Sie ist zu Fuß gekommen, hört' ich erst später. – Bedauern Sie mich in meiner Oede. Mit meinem Lebensvorrat. Und würd' ich mir nicht, würden Sie mir nicht Vorwürfe machen wollen, glauben machen zu müssen, wenn ich Extravaganzen anfinge? O, wie nachsichtig macht mich dies, immer mehr! Ich erliege. Morgen mehr. Warum schreiben Sie nicht? Nun ist dieser Brief nicht fertig und liegt bis übermorgen. Immer länger. Adieu. Ich besinne mich anders. Morgen soll dieser Brief weg. Der Rest, der eigentlich in einer Antwort auf Ihren besteht, schreibe ich Ihnen nach. Den Sie in Potsdam von mir fanden, ist nur eine halbe Antwort. Schreiben Sie mir! Ihre Handzüge sind schon mein einziger Trost, meine einzige Freude jetzt. Ich bin sehr disgustiert in mir. Und zu allem. Adieu. R.R. Heinrich von Kleists Tod am 21. November. – Pfund war Oberlehrer am Joachimthalschen Gymnasium. – Agrionien von August Apel , F. Laun und Fr. Kind. Taschenbuch für das Jahr 1811, Leipzig. – Der ausführliche Brief Rahels , aus dem eine unwesentliche Stelle fortgelassen ist, ist an manchen Stellen unklar, weil er wahrscheinlich schnell geschrieben ist, so in der Erwähnung des Barons. Auffallend ist, daß Varnhagen , der einzelne Stellen aus dem Briefe abdruckt, folgendes einfügt, was nicht in dem Briefe sieht: »Er [Harscher] will gebildet und sittlich sein und ist stolz darauf, dünkt sich fein und sinnig und ist doch nur plump, verstockt und kleinlich, überall von vorgefaßten Meinungen befangen, die sein schwacher Geist nicht los werden kann: von unbefangener Güte, von natürlichem Interesse keine Spur! Solchen Umgang soll ich für was halten!« 52. Rahel an Marwitz. Abends elf, d. 23t. November 1811. Montag. Soeben geht Robert, um acht kam Redtel, einen Augenblick nachher Harscher. Ich will Ihnen nur noch meinen großen Anteil beweisen an dem, gewiß für Sie noch schrecklicherem Warten bei Schulzens auf Redtel. Verschlafen Sie's, Lieber! Und lassen Sie's nun auf Robert keinen üblen Einfluß haben! Ich habe mich zu sehr mit ihm gefreut, zu sehr mit ihm gefallen. Und ganz am Ende gegen elf beim Weggehn gestand er mir: Ihnen nur habe ich endlich seinen Besuch zu danken, ich hätte ihm etwas Schönes geschenkt. Und vorher nannt' er Sie als sein schönstes Gut mit in Potsdam. Wir waren, als hätten wir uns gestern gesehn, nur schade, ich lag, weil ich Flußfieber hatte, welches im Augenblick, als Sie aus der Türe waren und ich mich ausstreckte, hervor brach wie aus leicht fallenden Blättern eine Blume brechen kann. Ich hatte Herzspannen, und Luft fehlte mir; ich war geneigt Dinge zu nennen, die nur als Nebenbilder in gesundem Zustand unbemerkt durch unsere Stirne eilen, die ich aber einzelner ansehn mußte. Als ich das merkte, schickte ich das Mädchen hinaus und entschlief auch gleich, bis halb acht. Da kam dann mésage auf mésage und meine Besuche. Morgen werde ich wohl noch Fieber haben, drum schreib' ich noch diesen Abend; des Morgens bin ich affizierter, und dann irritiert mich Federführen äußerst. Sie waren also noch eine Stunde in Berlin? Wie entsetzlich leid tut mir Ihr Ärger! Nehmen Sie dies als Trost hin; ich hab' ihn ganz mitgehabt, als ich ihn hörte. Und als ich in Erbrechen und Fieber fiel, dacht' ich, Marcus ist noch in der Charlottenstraße und denkt das gewiß nicht. Ich kann mich immer halten, so lange es sein muß. So war es auch gestern nach dem Theater, da stürzt' ich in mein Hinterzimmer ebenso. Harscher wollte wenig mit uns eingehn, obgleich er Redtel als Freund und Bekannten bei mir und auch gegen ihn traf. Robert ganz gut und freundlich; um neun sagte er, er habe zu tun. Adieu, Lieber! Ich bin nicht krank und Ihnen doppelt gut nach dem Fieber und Ihrem Ärger. Adieu! Donnerstag d. 26t. November, ein Uhr Mittag. Ich schlief ziemlich viel die Nacht, wenn ich aber wachte, fühlte ich alles, was zum Fieber geführt; bis jetzt war mir ganz leidlich, nun aber tritt es wieder ein. Vom Anstrengen auch. Ich machte tout bien que mal eine Toilette, bekam forces billets und hatte einen ziemlich anstrengenden Besuch von Madam Spazier. Nun muß ich ein Entschuldigungsbillet an Leute schreiben, wo ich morgen Mittag essen sollte, und wo ich in keinem Fall hingegangen wäre. Sie schreiben mir, nicht wahr? Adieu, Lieber! Herr von Heister ist jetzt bei mir von der Reise gekommen. Leben Sie wohl. R.R. 53. Marwitz an Rahel. Potsdam, Sonntag d. 1t. Dezember 1811, Abend sechs Uhr. Sie werden heute einen sehr äußerlichen Brief von mir erhalten, liebe Rahel, denn ich denke und fühle oberflächlich. Ursach davon ist, daß ich vom vielen Arbeiten seit vorgestern an den Nerven leide; der Kopf ist angegriffen, nicht sowohl positiv schmerzlich wie ohne vigueur , und die Augen tränen mir viel, besonders am Morgen auf eine unangenehme Art, doch wird es wahrscheinlich, wenn ich mich heute Abend schone, morgen vorüber sein, und im Ganzen ist es noch nicht arg, denn ich arbeite dabei fort, nur leichtere Sachen. Gestern war hier großer Ball, in dem Saal des Komödienhauses, unzählbare Offiziere von der Garde und den Gardeducorps, viele hübsch, einige mit kräftigen Gesichtern, die meisten gut angezogen, viele gut tanzend; Regierungsräte in ihrer Uniform, die an sich recht anständig ist, sie aber alle nicht kleidet, weil keiner eine ausgebildete Persönlichkeit hat. Nur Franzosen und Engländer nehmen sich gut aus in Ziviluniformen. Einige hübsche Frauen waren da, Frau von Hünerbein, recht konserviert, Frau von Bassewitz, die wirklich hübsch ist, nur daß sie in ihrem Gesicht einen nicht ansprechenden Zug hat, der übrigens nicht auf gewöhnliche Bedeutungslosigkeit oder gar Gemeinheit hindeutet, aber doch mit nicht idealen Gemütseigenschaften (so vornehm muß ich mich ausdrücken) zusammenhängen muß. Ich werde ihre genauere Bekanntschaft machen, um dies Rätsel zu lösen. Es war gestern belebt, der Saal ist groß und schön, nur hat er das überaus unbequeme, daß keine Nebenzimmer dabei sind, daher doch alles sich drängt, es an Sitzen fehlt, man zuweilen während des Tanzes auf einzelne Flecke gebannt ist etc. Ich sprach viel mit vielen Offizieren und erfuhr manches mir Interessante über die politische Lage der Dinge. Das oft Geschehene begegnete mir auch hier wieder, daß sich mir jemand, von dessen moralischen und intellektuellen Fortschritten man mir viel Rühmens gemacht hatte, in seiner ganzen alten Armseligkeit und Beziehungslosigkeit darstellte, ein Mensch, der ohne große Eitelkeit und ohne Heuchelei beständig wichtige und herzliche Mienen macht, während gar nichts in ihm vorgeht – ich nenne ihn mündlich. Woher kommt es doch, daß die Welt zuweilen ganz albern und grundlos anfängt jemanden zu preisen; ein allgemeines Lob erschallt plötzlich von allen Seiten ohne irgend eine Veranlassung. Ist Ihnen dies auf Dummheit und Unselbständigkeit beruhende Phänomen schon aufgefallen? Ich tanzte einigemal und war um vier Uhr der letzte im Saale. Redtel mit seiner Frau und Schwägerin war auch da. Er erscheint mir immer unbedeutender, jede Gemütskraft, jedes Vermögen des Herzens und des Geistes fehlt ihm; streift man die Hülle gewandter und ungewandter Phrasen ab, mit der er sein Denken und Wissen umgiebt, so bleibt nichts übrig; er gehört auch zu den scheinbar geistreichen Schwätzern, von denen wir in Dresden redeten und deren Meister Sie übervortrefflich mit einem Polnischen Juden verglichen, der Lause im Pelz hat. Auch hält er nichts fest, beim leichtesten Angriff reißt er aus. So war ich Donnerstag Abend bei ihm, wir kamen auf die Aufführung des Tasso zu sprechen, er lobte erst, ich schimpfte, d'abord il battoit en retraite , gab zu, gab auf, erst die Bethmann und bald ihn, von dem er denn schließlich nur behauptete, daß er bei seiner absoluten Unfähigkeit und Ungeschicktheit doch das Mögliche geleistet habe. Über Redtel, sagte die naive und wirklich überaus gute Frau halb lachend, widersprich Dir doch nicht, gestern hast Du uns ja das alles ganz anders gelobt. Du warst ja ganz enthusiastisch; mir tat es schon sehr leid, nicht da gewesen zu sein, nun aber ist es mir recht lieb. Seine Verlegenheit wuchs; um seine Person geltend zu machen, nahm er denn auch zuletzt einen philosophischen Streit gegen mich auf, wobei er eigentlich nichts recht meinte noch sah und nur verlegen und unbequem hin und her redete. Aus Humanität und Langeweile erlaubte ich ihm einen geordneten Rückzug zu nehmen. Wären seine Frauen nicht, so würde ich wohl ganz mit ihm brechen, so aber gehe ich von Zeit zu Zeit hin. Ich halte ihn für perfide und glaube gar nicht, daß er mich im Ernst gegen Sie gelobt hat. Gestern Vormittag war ich bei Ternite, der hier für den König in einem Schloßzimmer malt. Alle seine übrigen Gemälde sind flach, bedeutungslos, oberflächlich ausgeführt, ohne Leben; aber das Bild der toten Königin ist furchtbar wahr; erinnern Sie sich der Augen, wie darin der Tod ausgedrückt ist. An diesem Bilde und an Kleinigkeiten sah ich, daß er Talent (Geschick zum Treffen und Ausführen) hat; an Künstlergenie, an dem idealen Fassen der Natur fehlt es ihm in einem solchen Grade, daß ich nicht begreife, woher ihm die Lust und jene Fertigkeit kommt. Er ist dumm und hat dabei die plumpe meklenburgisch-pommersche Herzlichkeit, der man doch ein wenig gut sein muß. Nun von den Studien. Ich lese das Landrecht durch, ein Ding in den kleinlichsten Gesichtspunkten abgefaßt, ja nicht einmal von allgemeinen leitenden Begriffen ausgehend, die in das Chaos einzelner Bestimmungen Faßlichkeit und Ordnung hineinbringen könnten, sondern nur ein Aggregat von Einzelheiten liefern, in dem alles durch frühere Rechtsgelehrsamkeit schon geordnet auf das unbequemste, widerlichste und stupideste durch einander geworfen ist. Montag früh elf Uhr. Plötzlicher Ekel vor meinem Briefschreiben ergriff mich gestern Abend. Ich hörte auf und würde Ihnen wahrlich diese schlechte, gedankenlose und unfertige Rhapsodie nicht zuschicken, wenn Sie mir nicht ein für allemal geboten hätten nichts zurückzuhalten oder zu vernichten. Nehmen Sie sie also hin und sammeln Sie augenblicklich glühende Kohlen aus mein unwürdiges Haupt durch eine gute Antwort auf dies schlechte Schreiben. – In Nebenstunden habe ich die Propyläen von Goethe gelesen, über die ich mit Ihnen reden werde. Ich habe in diesem Augenblick weder Zeit noch Stimmung etwas darüber zu sagen, so wenig wie über den merkwürdigen Aristoteles, dessen Politik ich lese. Ich bin sehr verdutzt und dumm; das Landrecht (heute früh seit halb neun wieder meine Plage) ist großenteils daran schuld, denn was kann den Geist mehr erdrücken, als eine Masse einzelner Abstraktionen, die von keiner großen Idee regiert oder erfrischt werden, sondern allein hervorgehn aus der Anschauung eines armseligen egoistischen Privatlebens und Privatrechts. Adio. Ich lege Ihnen etwas bei, was ich Ihnen schon lange zeigen wollte, nicht durch meine jetzige Stimmung, sondern nur durch Erinnerung an ein früheres Wollen darauf geführt. Sie werden es nicht ohne Tränen lesen. A. M. PS. ich kann es nicht finden. Es ist die Geschichte der Todestage meines Bruders. Ich weiß noch nicht, ob ich Sonnabend oder Montag kommen werde. Frau von Hünerbein , die Gemahlin des späteren kommandierenden Generals in Breslau. – Goethes Tasso wurde im Dezember 1811 in Berlin aufgeführt. – Wilhelm Ternite , 1786 –1871, war Galerieinspektor in Potsdam. – Die Propyläen gab Goethe 1798–1800 heraus. – Aristoteles Politik, wahrscheinlich die deutsche Übersetzung, die Garve 1794–1802 herausgab. 54. Rahel an Marwitz. Dienstag, d. 3t. Dezember 1811. Ich bin es gar nicht wert an Sie zu schreiben; ich bin zu disgustiert, nicht etwa auf eine schöne Art, wie ich es sonst wohl war, in witziger Verzweiflung, in schmerzhaft reicher Herzensempörung. Nein, hölzern und zu bin ich geworden, stumm, und eine Talbotsche Verachtung drückt mir das innere Reich wie mit einem unerbittlich-künstlichen, höllischen Grabstein zu; ein Indignationsgefühl nur steigt wie scheuer Seufzer oder Blick nach dem ehemals gekannten lichten, reichen Jugendhöhen, mir selbst zum Zeichen, daß ich noch lebe, noch weiter zu leben habe. Es kann mir kein Mensch hierauf antworten; denn kein Mensch kann wissen, was ich alles gedacht habe diese Tage her, wie ich es mir selbst nicht mehr erinnere: kein Mensch kann wissen, durch welche wohlgeordnete – wenn auch nicht ausgedachte – Veranstaltung ich Schritt vor Schritt in diese finstere, rettungslose Mordfalle getrieben worden bin, ohne Hilfe, mit unendlicher Gegenarbeit, Geduld, Kraft, Frommheit, Wut, Wehre. (Giebt es eine Notiz von uns in einem höheren, reicheren Geist, so weiß der's.) Umsonst. Es ist geschehen. Wenn auch große Naturanlagen, Munterkeit, Lebendigkeit, Unglaube an dem Äußersten, Scham oft das Ansehn nehmen, als sei es anders mit mir, es ist geschehn, ich bin hin und lebe um es zu fühlen. Glauben Sie nicht, daß ich dies so in grammatikalischen, unverständlichen Worten denke, ich fühle es jusqu'au vif in jedem Augenblick des Tages. Keiner gestaltet sich natürlich, alle drückend, schmerzhaft. Und in welcher Organisation haust das Übel! In der gesundesten, feinsten, empfindlichsten, bewußtesten. Zuviel der Laute des eklen Unglücks. Wie kam ich nur darauf? Aber es ist richtig, ich kann ja das kleinste Benehmen nicht erklären ohne dies. Ein paar Mal im Leben schnellte mein Herz so zurück, daß ich den Tod berührte; es wußte – das Bewußtvollste unseres ganzen Seins –, daß es zum Tod verdammt war. Frevlerweise blieb ich doch leben, und das ist mein Verbrechen, meine Sünde, mein Unrecht, meine Schmach und Gottes harter, großer Fluch, der mich hätte umfallen lassen sollen. Ich ergeb' mich in den ewigsten Schmerz und sollte schweigen. Sie sehen nur Zerstreuung, Leben, Bewegung, Hülfeleisten, sehen, Eitelkeit kann mich retten; bin ich allein, so leg' ich mir Millionen Höllen zurechte, wie Kinder mit Bausteinen oder Sand tun. Bis gestern war ich zu Hause, krank, meist allein; gestern Abend z.B. las ich spät und konnte dann die Nacht nicht schlafen. Ich kann das nie vertragen. Gestern Morgen ging ich zum ersten Mal aus, und weil mir Minna Sonnabend geschrieben hatte, sie wolle mich besuchen, so ging ich zu Schedens und lud sie zu gestern Abend, worauf mir Mademoisse und Madam ingenument sagten, Montag sähen sie immer bei sich Leute, aber jeden andern Tag; sie kommen also diesen Abend. Wie finden Sie die Grobheit mir nicht zu sagen, ich soll zu ihnen kommen? Die Leute, die sie da sehen, ich kenne sie alle. Sagen Sie mir, warum sind alle Leute so niedrig mir Sottisen zu machen bloß in dem Gedanken, die kann uns doch nichts tun? Fragen Sie mich aber nun nicht, warum sehen Sie sie heute? Hören Sie, warum. Weil ich wirklich nicht in der Lage bin ihnen etwas zu tun, und seien Sie versichert, wenn ich heut zu Stand oder Vermögen oder nur passageren Einfluß käme, ich alle en canaille behandeln. Wie hat sie sich verändert, würden sie sagen. Nicht im geringsten. Seit mehr als acht Jahren ist das deutlich und fest bei mir beschlossen. Ich verleugne Welt, Land (nämlich ich sage, ich bin gar nicht von hier), alles. Diesmal aber dacht' ich so. Siehst du sie gar nicht, so inkommodiert dich das, und er giebt dir kein Buch mehr, so gehst und schickst du hin, wenn du etwas willst für dich oder andere. Gedenken tu ich's ihnen doch. Und wäre mir heute das Mindeste vorgefallen, wie ich es sogar vermutete, so ließ ich ihnen um sechs Uhr absagen. Auch Herr Harscher war seit dem Tag, wo er mit Redtel bei mir war und mich im Bette liegen sah, weder bei mir, noch hat er geschickt, was ich mache. Wie würde er es finden, wenn ich ihm nicht wie den ersten elegant oder den vornehmsten Mann behandelte; er aber schickt und geht gewiß zu andern, die er sich als Damen konstituiert hat. Glück zu der schönen Sitte! Ob ich den convoitiere, fragen Sie sich selbst. Wer nichts aus sich macht, sagt Figaro, aus dem macht die Welt auch nichts. Also auch hierin hab' ich, was mir gebührt. Nun werd' ich Punkt vor Punkt auf Ihren letzten Brief antworten. Eins nur noch auf Ihren vorletzten, auf den ich noch so viel zu antworten habe. Wie mit einem kalten, langen Schwert zogen Sie mir durch's Herz mit einer Rede darin, einer wohlgemeinten Marwitzschen herrlichen Rede. Was fügen Sie mir nicht Erhebendes, zum genußreichsten Stolz erhebenden Beifall, wie befriedigte es mich von Ihnen lobend erkannt zu sein als eine Ausgezeichnete! Dem aufhorchenden, gieren, eitlen Persönlichen! Dies ist's, dem Herzen entging nichts, und nahrungsbedürftig sog es alles ein, eh' diese Worte kamen. Die scharfe Intelligenz (so endet Ihre Aufmunterung) denke weiter und in größeren Kreisen. (Dann folgt:) Aus dem grünen, frischen, lebendigen Tal hat Sie der Schicksalssturm hinaufgehoben auf Bergeshöh, wo der Blick unendlich ist, der Mensch fern, aber Gott nah. – Mit Meyer saß ich am Fenster, als ich dies las, und geschwinde Tränen stürzten mir in den Schoß, über die Wangen, allenthalben hin. So ist Unglück; sind meine Freunde wahr, so müssen sie mir das Schreckenswort sagen. Aus dem grünen, lebendigen, frischen Tal soll ich verbannt sein und doch leben? Ich, die Gott, an den Sie mich verwiesen – kennen Sie mich ganz! –, nicht kennt als in der Zeit durch Sinn und Sinne, und bei nichts sich nur nichts denken kann! Er zeigt, er offenbart sich uns in Erde, Farbe, Gestalt, Herzensschlag der Freude oder des Schmerzes; mir hat er das Bewußtsein über dieses Wissen besonders erschlossen, ich bete die mir ganz bekannte Natur an und finde nichts gemein, als eine niedre, enge, lügenhafte Gesinnung. Ich soll verschlagen sein, ohne tot zu sein? Sie haben's gesprochen, Freund. Unglück kann der beste Freund nur mindern durch Trost. Sie haben recht, nennen Sie's, ich tue es auch, und wieder, weil es wahr ist, will ich es, so wie es ist, an mein Herz drücken. Sie wollten das vorletzte Mal Freitag kommen; ich blieb in Besorgnis und las Urquijos Briefe, meine. Sie kamen Sonntag, und erst, wie Sie mich nach diesem von Ihnen hier erwähnten Brief, der Lektüre der meinigen, Meyers langen Unterredung fanden; darauf kam die schlechte Soiree, die bei Marcus vorher. Nun erklären, ergänzen Sie sich mir. Dies alles, weil Sie mein Freund, mein lieber Marwitz, sind, zu dem ich wohl sprechen kann, und den ich nicht wie andere Sieche umgehen und hintergehen mag, weil Sie, wenn Sie eine wie mich kennen, gleich viel erfahren, und weil Sie gar nicht in der Irre sein sollen, was Sie an mir haben, was ich wert bin. Aber folgern müssen Sie, jede Kleinigkeit! Eins können Sie mir zur Ehre glauben, inkonsequent, unbewußt, unerwogen ist fast nichts, nämlich das Tadelnswerte gewiß nicht. Wie bei wenigen Menschen ist es hierin mit mir. – Sonntag habe ich Fouqué geantwortet, ziemlich lang, und abends spät noch an Varnhagen geschrieben, weil er mir sehr lebendig geworden war und ich eine große Lust dazu fühlte und Lust ihn zu sehn. Denselben Tag erhielt ich einen Brief von Barnekow und einen aus Breslau von Cochinsky, Cochinsky , Schauspieler, eigentlich Goschitzki. Schuwaloff unterschrieben, was mich freute; ich nannt' ihn immer so, weil mir der Name geläufiger als seiner war. Der Brief enthielt eine Einlage an Herrn Neumann von seiner Mutter; ich schickte ihn gleich ab, bat ihn zu mir und um Federn. Barnekow schreibt, ich sollte ihm bald antworten, sein Vater wäre mindestens so begierig drauf als er. Dieses gute Vernehmen, welches er noch mehr berührt, freut mich sehr. Er gedenkt nach Berlin zu kommen und arbeitet dran. Wie ich sehe, bin ich zu angegriffen und muß morgen erst Ihren Brief von vorgestern und gestern beantworten. Mir gefiel er grade sehr gut mit seinen vielen Notizen, wo der Marwitz drin leibt und lebt, und sein Ekel. Auf alles Antwort von mir. Wären die Federn nicht, so wär' ich nur halb müde. Bringen Sie mir ja Federn von Neumann. Er giebt sie. Er hatte mich schon vorher grüßen lassen. Redtel defendrai-je jusqu'au dernier retranchement . Wenn einer ganz und ergriffen in seiner Meinung ist, so schweigt man wohl; das tue ich auch. Ich schwieg auch mehr über Tasso, als ich nachdachte. Ganz gut war's nicht, und warum sollen Sie nicht erst ganz und gar Ihres sagen, was doch auch nachher vorausgesetzt werden müßte. Sie kamen, um immer noch in diesem Falle zu bleiben, ganz intakt in die Komedie und hatten recht zu sprechen als Reimer und Geschnitter, aber beschmutzte Theaterfrequententen müssen alle abrechnen und sind die auch geschnitt, so finden sie am Ende die Gründe und Ursachen zusammen, warum. »So hat der Tempel dich bewahrt«, Marwitz! Ich habe aber auch an meinen alten Freund neumodige Schwächen oder vielmehr nur eine, die bedeutet aber wie eine Null viele, gefunden, mündlich die Geschichte. Aber Frau von Redtel hat Unrecht, ist nämlich unvorsichtig, höchstens kindisch dem Gemahl eine démentie zu geben, beschämen oder ennuieren muß man wo möglich keinen, mit dem man weiter zu leben gedenkt. Mit dieser Sentenz zur künftigen Ehe Ihre Sie liebende Furie. Denken Sie sich einen unterwürfigen Ton und eine Art Verneigung dazu. D. 4t. Dezember um zwölf Mittag. Ehe ich nun weiter schreibe, muß ich Ihnen nur noch sagen, beurteilen Sie mich nur nicht nach diesem Briefe; denn der Gedanke zu Ihnen zu sprechen, die Tat selbst belebte mich schon, ich bin aber wirklich, wie ich mich zu Anfang schilderte und benannte: holzartig und versteckt, schon ganz überdrüssig jeder Agitation, da ich mich ganz ohne den geringsten Erfolg schon ewig und in aller Ewigkeit apaisieren muß. Daß Redtel es nicht im Ernste meint, wenn er mir sie lobt, das kann ich noch nicht glauben. Und nun an Ihren Brief, der gelesen und beantwortet werden soll. Erste Antwort. Ich bitte Sie inständigst, schonen Sie sich, lassen Sie sich nicht von Ambition und nicht von Ennui zu Arbeiten treiben, die Ihre Organisation, die im ganzen angesprochen sein will, nicht duldet. Ich weiß wohl, daß Sie sage sind, aber versuchen Sie auch nicht – dies tut man immer – zu viel. Ich habe mir den grausamsten Nervenzustand vorgestern Abend mitgebracht, der noch dauert, im Kopf nämlich. Ich probiere auch. – Zweite Antwort. Es kann erst nach ein paar Kriegen neuerer Art kommen, daß die andern Leute eben so gut aussehen, als die Offiziere. Der Deutsche hält nichts auf seine Person und fürchtet zu affektieren; nur das Militär konnte dazu en corps wie zu einer Pflicht gezwungen werden, da rottete Zwang die Scham aus, weil sie sich doch sagen konnten, ich und die Kameraden müssen grade gehen, so und nicht anders grüßen, uns ernst und würdig darstellen, diese und keine andere Manier haben. (Harscher, er ist weg zum Essen.) Bei diesem geübten Äußern können die leicht gut aussehen; und nur erträgliche Gemütseigenschaften, [nur schon] eine gute, schimmert da schön durch und zeigt sich bequem. Die guten Zivilisten hingegen, wenn sie durch Uniform neben jene Klasse gehoben werden, müssen zwiefach verlieren, weil man dann gar durch den scheinbaren Rock und die scheinbare Reglung aufmerksam gemacht wird und jenes regelmäßige, gewandtstolze Betragen erwartet, ohne befriedigt zu werden, und aus übler Laune dann in die gute kommt, sie recht lächerlich zu finden. Bei uns haßte ich alle Uniformen, die nicht militärisch waren von je. – Frau von Hünerbein lieb ich, weil sie kokett ist und fabelhaft unbefangen und aufrichtig in manchen Dingen und sehr gut. Machen Sie die Bekanntschaft der Frau von Bassewitz, über die Sie ganz exzellent schreiben und mir das völlig vor die Seele bringen, was ich äußerst dunkel und verwirrt von Ferne fühlte und sah. Dies war es doch eigentlich, was mich nicht zwang zu ihr hin zu gehen; ich sah wohl, sie war hübsch, aber kein großartiger Reiz wußte mich zu zwingen. Untersuchen Sie sie recht, da sie ohnehin hübsch und liebenswürdig aimable ist. – Dritter Punkt. Ich kenne den Komödiensaal in Potsdam, wenn es nämlich der ist, wo die Logen sind; mir gefällt er, und glauben Sie, wenn man nicht eine besondere aventure hat, so ist es gut, wenn eine doch nur mittelmäßig große Ballgesellschaft in einen Saal gepreßt ist, wenn man auch dadurch in Winkel gebannt wird. Gedränge ist der Hauptcharme, und zerstreut sich erst eine solche Gesellschaft, die doch aus Bekannten besteht, so ist sie auch aufgelöst und gar nichts. – Vierter Punkt. Wissen Sie, warum man Ihnen den Menschen so lobte, hinter dem Sie nichts fanden? Sie sagen es selbst: »Ein Mensch, der ohne große Eitelkeit und ohne Heuchelei beständig wichtige und herzliche Mienen macht, während gar nichts in ihm vorgeht.« Mienen und das Äußere scharf auf das Innere zu beziehen verstehen die wenigsten Menschen in der Welt, von den darstellenden Künstlern nur – Gott, wie wenige; und diese werden, wissen Sie, auf den Galerien wieder nicht verstanden und nur solche bewundert – nämlich mit Aufrichtigkeit – die, wie Ihr guter Herr, wichtige, herzliche Mienen machten, wo nichts dahinter ist. »Preisen« tut die Welt gern die, die sie ohne weiteren Schaden und Inkommodität loben kann, die nichts verlangen von ihr, nichts sind und in ihrer Sprache loben und tadeln, und worauf sie doch bequem, wenn auch ohne Überzeugung, ihre Faullenzer-Hoffnungen schieben kann. Jedoch haben Sie recht ganz zu ergründen, wie es über einander geht, und die gesellschaftlichen Ursprünge, das geht nicht! Sie drücken sich vortrefflich über Redtel aus. Von meinem Vergleich der Schwätzer mit dem polnischen Juden, der Lause im Pelz hat, weiß ich nichts mehr. – »Aus Humanität und Langerweile erlaubt' ich ihm einen geordneten Rückzug zu nehmen.« Gefällt mir göttlich! Perfide ist er nicht. – Fünfter Punkt. Das Bild der toten Königin ist von den wenigen in der Welt, die ich besitzen möchte. Und nicht nur, weil es unsere Königin ist und mich so erschüttert hat, sondern weil ich es meisterhaft finde, der ganze Horror des Todes ohne seinen Ekel. Sanft und schrecklich, und Liebe berührt es nur, denn es ist noch schön und durchaus die größte, genauste Ähnlichkeit, bei weitem der Königin bestes Bild. Diese Ähnlichkeit der geschlossenen Augen, man muß sie tausend Mal genau ansehn, studiert haben, um es zu wissen. Wie freue ich mich, daß wir auch hierin über eins sind. Grüßen Sie Ternite von mir; Sie haben über ihn erschöpfend recht. – Sechster Punkt. Aber das Landrecht sind Sie ebenso erschöpfend. Ich wußte aber, daß es als Flicke gemacht worden ist und also eine sein muß. Ich bin überzeugt, daß das Alte Blatt vor Blatt vorgenommen worden ist und ohne überhauptige Rück- oder Ansicht nach der nächsten Bequemlichkeit geändert worden, aber daher auch zum Gebrauch, zur Anwendung der Aussprüche höchst unbequem ist, wie denn die Welt empfindet und schreit. – Siebenter Punkt. Ich denke, daß Sie meinem Gebot leben und nichts zurückhalten von dem, was Sie mir einmal geschrieben haben. Bleiben Sie dabei! Ich lasse Ihnen auch ein Fenster an mein Herz machen. Hier schicke ich Ihnen vielleicht wirklich eine Menge glühender Kohlen auf Ihr hübsches Haupt, – Sie wissen doch, daß ich Ihre klaren Haare so liebe. Nur geschrieben über die Propyläen und auch von Aristoteles seiner Politik. Schonen Sie sich! Sie schreiben, Sie sind sehr verdutzt, ich auch. – Harscher kam ganz radiant, Schedens hätten mich sehr liebenswürdig gefunden, – ich kann mich schlechterdings nichts besinnen, als daß ich viel sprach und mich ziemlich amüsierte und sie bis halb ein Uhr blieben. Madam Spazier war auch da und will heute Abend kommen. Ich sagte Ja. Er sagte ganz ingenument . Waren Sie noch krank; ich glaubte nicht, daß es was wäre. Ich erzählte ihm Ja. Ich balge mich nicht mehr mit den Menschen, denke aber, wie ich Ihnen schreibe. Man frug mich auch gestern nach Ihnen. Auch heute H[arscher]. Schreiben Sie mir, welchen Tag Sie kommen. Ja, Lieber? o ja! Adieu. Deine Dich ewig liebende Schwester oder Bruder, ist bei uns aus Ironie Mode. I[hre] S[ie] e[wig] l[iebende] F[reundin] R.R. 55. Marwitz an Rahel. [Potsdam,] Donnerstag Abend fünf Uhr, d. 19t. Dezember 1811. Ich komme eben mit ganz verklammten Fingern von einem abendlichen Spaziergang zurück, liebe Rahel, und will nun Ihren Brief beantworten. Aber sehen Sie meine Buchstaben; mit größter Mühe und Not werden sie grade und deutlich. Es ist wie alle diese Tage unangenehmes Wetter draußen; bis gestern Mittag regnete es immerwährend, da brach die Sonne einige Augenblicke durch das Gewölk hindurch, schwere dunkelblaue Wolken zogen in den wunderbarsten Schattierungen darauf am Horizont herum. Das dauerte von zwölf bis zwei Uhr; seitdem ist es wieder grau und trübe. Ich habe wie ein Maulwurf unterdes in meiner Klause gesessen und immerfort gearbeitet; manche Tage habe ich keinen Menschen gesehn, nicht einmal auf die Regierung bin ich gegangen. Ich stand um acht Uhr auf, saß kontinuierlich bis zwei, ja drei Uhr bei meinem Aufsatz, aß dann schnell in der Stube, spazierte bis vier Uhr in meiner großen Vorderstube herum. Dann Licht und Aristoteles Politik bis acht Uhr; darauf Tee, Goethe, Müller und Jean Paul bis halb elf. Glauben Sie nicht, Johannes Müller in dieser Beschreibung zu hören? Der studiert in dieser Art. Nur einmal war ich im Neuen Garten, gestern mit Redtel auf der Glienicker Brücke, Freitag und gestern Abend in Gesellschaft. Mein großer Aufsatz ist fertig; Ihrem Befehle gemäß habe ich die homerische Stelle ausgestrichen; über Adam Smith bin ich auf dem sechsten Bogen und werde wohl morgen fertig werden. Mit dieser Arbeit bin ich zufriedener als mit der andern; die Hauptsachen sind berührt und gründlich heruntergemacht, auch ist einiges gut geschrieben. Ich bringe es Ihnen Dienstag oder Mittwoch mit nach Berlin. Aber wie müde bin ich von all dem Schreiben! Große Bücher zu machen wäre für mich entsetzlich! Je weiter man in den Gegenstand eindringt, desto klarer wird es einem, wie man von Anfang alles hätte besser ordnen, gründlicher, faßlicher und energischer darstellen können, und dann hängt doch wieder alles so genau zusammen, daß man nichts einflicken, nichts herausreißen kann, sondern alles umarbeiten müßte, wozu denn natürlich die Lust fehlt. Wie bewundre ich Goethe. Ich habe viele seiner Aufsätze in den Propyläen zum zweiten Mal gelesen. Es sind die höchsten Muster des Stils; jedes Wort ist bedeutsam, organisch von Geist und Bildung durchdrungen, die dargelegte Ansicht individuell nuancierend. Diese bis ins kleinste hineindrängende Bildung hat in dem Grade keiner von allen großen Schriftstellern, auch von den Griechen keiner, bis auf Thucydides, der sie aber in einem ganz andern Sinne hat. Man muß bei dem auf jedes Wort aufmerken, weil jedes drastisch, energisch und von den furchtbaren Grazien durchdrungen ist, welche ihn beseelen; bei Goethen ist jedes – Abend neun Uhr. Bis jetzt war mein Bruder bei mir, der hier durch in Geschäften nach Dessau reist. Ich habe ihn bedauert. Er war verlegen und innerlich sehr gedrückt, ja voll Gram, dabei etwas verstockt. Ich war anfangs kalt und sagte ihm sehr entschieden über unsre Angelegenheiten (den Landankauf p. p.) meine Meinung; nicht ein Wort konnte er erwidern, teils aus Verlegenheit, teils weil ich ihn überzeugte. Ich wurde nun gleich weich, wie Sie denken können, und versprach ihm wegen der schuldigen Zinsen alles Mögliche. Das Gespräch wurde nun allgemeiner, wendete sich auf militärische und politische Angelegenheiten, meine hiesige Lage, die Situation der Regierung; ich las ihm meine Aufsätze vor, war im Ganzen angeregt und sprach gut. Ich war ihm auf eine Weise überlegen, die mich wirklich jammerte, denn er blieb verlegen und unbedeutend; doch war es seine Schuld, denn ich war offen und gut gegen ihn, und er hatte gar keine Ursach zurückzuhalten. Denken Sie sich, wenn einem so etwas mit einem begegnet, den man früher in manchen Beziehungen als Vater betrachtet hat. Wie quälend ist da eine solche Überlegenheit. Und wenn ich nun dabei bedenke, worauf sein ganzes Betragen eigentlich ruht, darauf nämlich, daß er zu Grunde geht unter Sorgen und einseitigen Beschäftigungen und auch durch Unglück, daß alle seine guten und großen Eigenschaften in eine allgemeine Versteinerung übergehn, sein ganzes Dasein immer aussichtsloser wird, so grämt mich das. In alles, was er sagte, legte er dies Gefühl eigner Unbedeutendheit und Nichtigkeit hinein. Schrecklich! Den ganzen Winter will er wieder in seiner Einsamkeit zubringen. Ich kann Ihnen heute nichts mehr schreiben, liebe Rahel. Die Szene mit ihm, an die tausend Erinnerungen sich knüpfen, vibriert zu stark in mir. Er kommt Sonntag aus Dessau zurück, und ich dann mit ihm nach Berlin. Dienstag früh geht er nach Friedersdorf; ich bleibe bis Mittwoch. Morgen vielleicht noch einige Zeilen, Liebe. Ich war im besten Zug, Ihnen über tausend interessante Dinge zu schreiben, da er kam. Ich danke Ihnen für die Szene mit Harscher; ich erkenne ihn ganz darin. Auch für Varnhagens Brief. Wie man bei solcher Herzens- und Geistesbewegung so ausführliche, glatte, mit so vielem überflüssigen beladene Perioden und so bedächtig gekritzelte gradlienige Buchstaben machen kann, begreife ich nicht. Es ist mir wahrhaftig ein Problem, dessen Lösung mit Varnhagens tiefsten Gründen zusammenhängt. Genesen Sie, Liebe, sehen Sie mit munterm Aug' in die Welt hinein; ich schrieb Ihnen einmal vom Berg und vom Tal; es hat Sie sehr bewegt; ich konnte Ihnen damals nicht antworten, aber wie Sie es nahmen, hatte ich es nicht gemeint. Der Berg gehört auch zur Erde; der frische Lebensgenuß ist auch auf ihm vergönnt, nur gedämpfter, milder, weniger persönlich und an die größten geistigen Anschauungen geknüpft. Der soll, der wird Ihnen bleiben, Liebe. Sie schrieben mir früher einmal von dem Glück, das aus der Harmonie des innern Daseins, der vollendeten Klarheit über sich und die Welt hervorgeht, und nannten es das Höchste, das eines beständigen Wachsens auch für Sie Fähige. Wer hat größere Ansprüche darauf als Sie? Ich weiß es wohl. Sie brauchen lebendigen Reiz, persönlichen Umgang; aber jenes andre Glück fassen Sie doch auch. Können Sie es sich nicht näher bringen? Seien Sie nicht so betrübt, Liebe. Ich danke Meyern vielmals für seine Güte. Die Papiere meiner Schwester kann ich leider nicht verkaufen, da ich keine Antwort von ihr habe. Adieu. Sonntag Abend oder Montag früh sehe ich Sie. A.M. Johannes von Müller , dessen Werke 1809–19 in 27 Bänden erschienen, war viel gelesen, besonders seine Schweizergeschichte und Über den Untergang der Freiheit der alten Völker. – über die beabsichtigten Landankäufe durch Friedlich von der Marwitz ist nichts Näheres bekannt: vielleicht stehen sie in Verbindung mit den Verkäufen vieler Domänen durch Hardenberg. – Julie von der Marwitz (1789–1872) war mit dem Grafen Gustav Münster -Meinhövel verheiratet. 56. Rahel an Marwitz. Freitag Mittag halb vier Uhr, d. 26t. Dezember 1811. Die Götter wollen es, Sie sehen es, daß ich gleich schreibe. Als Sie gestern zur Tür hinaus waren, kämpft' ich zwischen Schlafbedürfnis und Neugier V[arnhagens] Brief durchzusehn, und finde Goethens. Sprechen Sie einmal mit! Ich freue mich unsäglich, daß es ihn freut, denn das zeigt sein Brief. G. bin ich, das wußt' ich nicht, und es war mir dadurch nur noch deguisierter, weil in V[arnhagen]s letztem Brief stand, G. nur sei aus einer Stadt, die er durch Hamburg verberge. Varnhagens Brief wird Ihnen gefallen. Ich habe ihm gestern Nacht sogleich einige Zeilen geschrieben, in denen ich ihn bat ja Goethen Zeit zu lassen und es ganz ihm anheimzustellen. Der denkt gewiß etwas Schickliches aus. So sehr mich das Ereignis freut, mir und meinem Herzen schmeichelt, so ist es mir doch äußerst leid, daß Goethe nun sehen muß, welche durchaus nichts bedeutende Person dies G. in Welt und Literatur ist, und obgleich er wohl nie daran gedacht hat, so wird's ihm nicht neu sein, daß ich ihn so liebe, und in der Zahl seiner Wohlwollenden geht ihm nun eine ab. Jedoch hab' ich Varnhagen geschrieben, er soll ihm nicht einen Augenblick länger raten lassen; es ist mir unerträglich, Goethe vor einem Rätsel zu wissen. Wüßte doch dieser Fürst unter Menschen, wie sehr er geliebt wird, könnte er doch z. B. unsere unschuldigen Gespräche hören, lesen, was Sie mir schreiben! Ich finde den Brief an Varnhagen über jede Erwartung freundlich, zutunlich und herablassend, einlassend. Erkennen Sie seine lieben Worte? Sie schicken mir sogleich den Brief zurück. Mich freut's rasend! Um halb zwölf bin ich nach einer Hundenacht aufgestanden, Meyer und Hanne schon vor meinem Bett. Kaum war ich in die Anziehstube, so meldet man mir Madam Schleiermacher. Sie war mir so lieb, daß ich als monstre vor sie trat. Sie war freundlich und gut; wir sprachen von den Bekannten, den Freunden, von Ihnen. Ich finde, sie wird immer bestimmter, fester, regierender. Ich beneidete sie sehr, nicht um ihr Schicksal, ihre Lage; wir sind unser Schicksal. Aber dies beneidete ich ihr, sie hat die einzige Eigenschaft, die mir fehlt und ohne welche ich nichts bin, und die, welche ich habe, zu nichts werden. Sie herrscht in sich, über andere und über alles um sich her in sicherer, bestimmter, heiterer Wahl, die so schön kleidet, so glänzend macht, daß es sich wie coqueterie ausdrückt und Anmut ist. So wühlen auch ihre Augen allein umher außer der gemeinen Welt; sie ist nicht beleidigt, nicht betastet vom Gemeinen; auf einem hohen Königsthron ist sie weit darüber, und Freude begleitet eigentlich den feinspähenden Blick. So viel für heute. Ich muß essen, schlafen und Frau von Crayen (und einige) um halb – denken Sie – sieben empfangen. Ihre arme, schläfrige, einsichtige, ballotierte Furie. Die Nachricht vom Tod des Kindes gleich hinter Goethe. Adieu. R. R. Ich antwortete, nämlich ich schrieb Josephinen Pachta gleich in Varnhagens Brief. Mut hat sie eigentlich, die Schleiermacher. Varnhagen macht zu dem Briefe von Goethe folgende Anmerkung: »Cotta hatte gewünscht, daß einige vorzüglich Goethen betreffende Briefstellen, bevor sie gedruckt würden, zu Goethes Kenntnis gelangen möchten. Sie waren demnach von mir zugesandt worden. Rahels Name war durch G. bezeichnet.« Goethe schreibt in seinem Briefe vom 10. Dezember über Rahel: »G. ist eine merkwürdige, auffassende, vereinende, nachhelfende, supplierende Natur ... sie hat den Gegenstand, und insofern sie ihn nicht besitzt, geht er sie nichts an ...« – Josephine Gräfin von Pachta , geb. Gräfin Canal-Malabaila, durch Schönheit und Wissen in der Wiener Gesellschaft berühmt, später durch widrige Schicksale verfolgt, starb 1834. 57. Marwitz an Rahel. [Potsdam,] Mittwoch am Neujahrstag 1812. Abend fünf Uhr. Nicht in der besten Stimmung ergreife ich die Feder, um Ihnen, liebe Rahel, zu antworten. Ich bin müde und stumpf vom vielen Arbeiten, und das Auge und der Sinn »suchet lebendigen Reiz« und findet ihn nicht. Denken Sie! Seit ich Berlin verließ, bin ich bis gestern früh, wenige Abendstunden ausgenommen, ununterbrochen zu Hause gewesen und mußte es sein wegen des schmähligen Wetters und fehlender Gesellschaft. Redtel nämlich ist in Berlin, Salemon, der mich eben wieder durch grenzenlose Stumpfheit gequält hat, kein rechter Umgang für mich, weil er alles nur halb fühlt und faßt, wenig weiß und dabei nicht unschuldig und freundlich ist, nicht rein aufnimmt, sondern meist auf eine unreine Art gegen fremde Überlegenheit ankämpft; überhaupt ist er mehr auf einen persönlichen und darum selbst gemeinen Krieg gegen das Gemeine gestellt, als auf ein Ergreifen und Würdigen des Hohen und Rechten, ohne welches jener Streit doch roh und leer bleibt. Ich sehe ihn daher selten. Zur Bassewitz gehe ich nicht, weil ich mit ihrem Mann in einen unsichtbaren Krieg verwickelt bin (wir fühlen nämlich beide den furchtbaren und nie zu versöhnenden Gegensatz unsrer Naturen), und er haßt mich deshalb; sie aber hat mich nicht so eingeladen und behandelt mich überhaupt nicht so, daß ich dessenungeachtet ohne große Unbequemlichkeit kommen könnte. Außerdem nun ist kein Mensch hier, mit dem ich etwas haben könnte, und wäre Berlin nicht so nah, so müßte ich verzweifeln. Denn hören Sie einmal. Donnerstag Abend kam ich von Berlin. Freitag war ich den ganzen Tag zu Hause (ich esse nämlich auch zu Hause); am Morgen las und schrieb ich an einer juristischen Arbeit, die ich zum Examen machen muß, von halb neun bis drei. Dann gegessen und bis fünf in meiner großen Stube umhergegangen, am Ofen gestanden und den Gedanken freien Lauf gelassen. Gegen fünf Licht. Ich las und excerpierte Niebuhrs Römische Geschichte bis elf Uhr. Sonnabend früh bis zwei Uhr wieder die juristische Arbeit; darauf ging ich zu Salemon, las dem ein Memoire meines Bruders über den Preußischen Krieg vor, welches ich Ihnen bei Gelegenheit schicke oder bringe; um vier Uhr kam ich zurück, aß, erhielt Ihren Brief, war sehr abgespannt und dabei etwas unwohl, hatte zu hastig gegessen, freute mich nicht besonders daran. Salemon hatte mich sehr gequält am Abend zu ihm zu kommen, ich konnte es ihm nicht abschlagen, war indes lange bei mir unschlüssig, ob ich Wort halten solle, denn eigentlich wollte ich Niebuhr lesen; jedoch, da ich später ihm einen Abend hätte widmen müssen und ich einmal aus der rechten Ruhe heraus war, so ging ich. Er mußte mir im Simplizissimus, den ich mitgenommen, vorlesen; ich ließ mich ganz gehen, hörte auf das gelassendste zu und kam so wieder zu einer kräftigen Stimmung, in der ich zu den Gedichten des Malers Müller griff, die er auf mein Anraten gekauft hat, und ihm daraus vorlas. Sie sind stark und naiv, setzen aber die rohe Naturkraft überall als das Höchste und sind daher dürftig, wo sie in ein vielseitig gebildetes Leben hineingreifen (wie in seinem Faust); seine idyllischen Darstellungen dagegen sind göttlich, unvergleichlich, alles Liebliche und Schmerzliche und Starke der Liebe, das Edle der Leidenschaften und von der andern Seite die Gemeinheit und schwächliche Verworfenheit, die sich in unserm Leben für Recht und Tugend und Sitte ausgiebt – dies alles kennt und schildert er, wie kaum einer. Lesen Sie ihn ja. Genelli pries ihn mir zuerst. – Weiter in der Chronik. Ich blieb bis zwölf Uhr bei Salemon. Den andern ganzen Tag las ich an Niebuhr (denn es geht mit dem unendlich schwer und langsam); ich ging zwar am Nachmittag zu Redtel, indes der war grade nach Berlin gereist, und nun war es schon spät und widerwärtig kalt, so daß ich nicht spazieren gehn mochte. Ich daher wieder nach Hause und den Abend geharzt (nach Harschers Ausdruck). Montag schrieb ich wieder von halb neun bis drei an der juristischen Arbeit, dann aß ich, ging dann zu einem Herrn von Röder, Capitain bei der Garde, einen Mann, der den Verstand und die Bildung hat, die in unsrer Zeit so sehr gang und gebe sind, und mit dem ich allerlei reden kann, weil ich in vielen Verhältnissen mit und zu ihm gestanden habe. Eigentlich wollte ich nicht zu ihm, sondern nach Sanssouci spazieren, aber es schneite zu arg, und so wandte ich um. Ich blieb bei ihm bis fünf, wo er zu Prinz Karl mußte, um dort Komödie zu spielen. Nach Hause und wieder Niebuhr. Ich kam am Ende in eine Begeisterung für die Römer hinein, wie ich sie oft hatte, und las in der Schlegelschen Elegie Roma mit großer Lust laut. Es war elf geworden. Der andre Morgen verging wieder in Arbeiten. Abends war ich auf einem großen Ball im Saal des Komödienhauses. Wie ich gegen halb acht hinkam, war der König mit dem ganzen Hof schon da; unendliche Offiziere tanzten und standen gedrängt, einige Zivilisten, meist ruppig, dazwischen. Ich sprach mit sehr vielen und zerstreute mich an dem Anblick der vielen bunten Gestalten, unter denen auch einige hübsche Frauen waren, aber keine interessante, keine reizende. Ich erstaunte von neuem über die unglaubliche, durchgängige Nichtigkeit der Offiziere; ich bin nun ganz über sie blasiert und behandle sie mit der bequemsten Rücksichtslosigkeit. Bei keinem ist nur ein Anklang des echten militärischen Wesens, nur eine Spur roher oder gebildeter Kraft, nur ein schmerzliches Andenken der Vergangenheit, ein ernster Blick auf Gegenwart und Zukunft. Ekossaise und Quadrille sind die Blüten ihres Daseins, der Mittelpunkt ihrer Gedanken, der einzig ungeheuchelte Ernst, dessen sie fähig. Der lange Neumann war auch da; er entschuldigte sich Ihretwegen und verspricht Federn zu liefern. Einen, der mich ignorieren wollte, zwang ich durch die determinierteste Grobheit freundlich gegen mich zu sein, zu grüßen p. p. Die einzig richtige Manier. So wie man das Lumpenpack dem Verdienst nach en canaille behandelt, fängt es an mit dem Schweif zu wedeln. Ihr Betragen gegen Frau von Reck bleibt das ewige Muster. Ich blieb bis vier Uhr auf dem Ball, stand heute spät auf und las Niebuhr bis drei; nach Tisch kam Salemon und desesperierte mich, ich machte, daß er ging, und wäre nun vor Abspannung und Leerheit in Verzweiflung, wenn ich Ihnen, liebe Freundin, nicht schriebe. Gesellschaft nämlich wäre mir heute noch Bedürfnis, und es giebt keine; ich muß zu Hause bleiben auf die Gefahr, morgen früh wieder abgespannt zu sein. – Über den höchst merkwürdigen Niebuhr könnte ich Ihnen in anderer Stimmung vieles schreiben; jetzt nichts und nicht sowohl, weil mir nichts gegenwärtig ist, als weil ich keine Lust habe. Von Barthold G. Niebuhrs Römischer Geschichte war der erste Band 1811 erschienen. – Das Memoire von Friedrich von der Marwitz ist dessen »Letzte Vorstellung der Stände von Lebus und Beeskow-Storkow an den König«, in welchem Hardenbergs Reformen scharf angegriffen wurden.– Grimmelshausens Vagantenroman »Der abenteuerliche Simplizissimus « war 1669 erschienen. – Friedrich Müller , der »Maler Müller«, seine Werke, von Tieck herausgegeben, erschienen in drei Bänden 1811–25, sein Drama »Fausts Leben«, 1. Teil, 1778. – Erhardt von Röder , seit 1808 Flügeladjutant Friedrich Wilhelms III., oder sein Bruder Wilhelm, der Freund und Schüler Scharnhorsts, der bei Kulm fiel. – Prinz Karl Friedrich August von Mecklenburg , 1805 Major in der Garde, der viel angefeindete spätere General und Präsident des Staatsrates. – A. W. Schlegels Rom. Eine Elegie, war 1805 erschienen. – Frau von der Reck , Witwe des Justizministers (1784–1807). 58. Rahel an Marwitz. Sonntag Mittag zwei Uhr, d. 5t. Januar 1812. Könnt' ich Ihnen doch mit einem Male alle meine Meinungen in Ihre Seele stellen, wie Sie vornehmlich gestern bei und nach Lesung Ihres Briefes vor meiner standen! Etwa gegen Mittag erhielt ich ihn; ich hatte nur die Zeit ihn zu lesen, dann mußt' ich ausgehen; ich kann nichts tun, kaum schreiben, beim Lesen steigt mir auf eine ängstigende Weise etwas im Kopf auf; ich weiß nicht, ob es Blut ist, doch glaub' ich's nicht, dem Gefühle nach ist es wie eine Wolke oder gar ein Lebendiges im Kopfe, was mich drängt dadurch, daß es so ist, als drängte es sich selbst. Lauter verwirrte Schupfen, die im zu verwirrten Nervenspiel keinen Ausweg mehr finden und es erhöhen und weiter verwirren, mein Tod. Das Klima paßt durchaus nicht mehr zu mir, auch meine Lebensweise nicht. – Meyer hat mir eine lange Liste mit Aufträgen zu seiner Wirtschaft hingelegt, welche alle sich der Zahl und den Geschäften nach in beinah das Doppelte zerspalten. Ich ging also weit und viel. In den langen, schneeigen, sonnigen, gemein bewegten Straßen tat ich nichts, als Ihnen antworten in der Todesangst, daß morgen nicht ein Wort mehr davon da sein wird, wie es denn auch heute ist. Lieber Freund, wie elend steht's mit uns! Ist es erhört? Heißt das gelebt? Keine Musik, kein Kunstwerk, kein reizend Ziel in Gesellschaft und Staat, wo auch das Auge wem auch durch noch so viel Mitteldunkel hinblicken könnte. Kein Klima, kein Grün, keine Blumen, kein Gespräch, keine Liebe, keinen Gegenstand, dessen Anblick entzückte und einem die Welt entrückte, ersetzte, vergegenwärtigte, in lebendigem Farbenlichte stellte! Sind Mensch, sind wir dazu errichtet, um mit Gut und Blut an einem gespenstischen zu nichts werdenden Gedanken zu nagen? Und wär' es die würdigste Idee – wie man es häufig nennt – das ganze Leben und seine Anlagen ins Werk zu setzen, dies allein ist die größte, vollste Idee für den lebendigen Menschen. Alle die Versuche zu leben, gemein oder im Gefühl der Vergeblichkeit auskämpfend oder gar in bewußter Verzweiflung, sind furchtbar. Jede Extravaganz scheint mir richtig und erlaubt. Ich kann meine Gedanken hierüber nicht mehr mitteilen. Nur der Gemeine darf im trüben, schmutzigen, benebelt-ohnmächtigen Sinn sich nichts erlauben. Ist es erlaubt, daß eine Jugend wie die Ihrige so herabrolle? Erlaubt, daß ein Leben wie das meinige so verwese? Wer sich anders darin ergiebt als ich, hat kein Leben mitbekommen; besser ist er nicht. Ich bin ebenso außer mir über andere. Denken Sie sich alles hinzu, was ich Ihnen jetzt nicht sagen kann, und vielleicht ein anderes Mal sage. Wie ich gewöhnlich das Wesentliche zu sagen vergesse, so hab' ich auch neulich Ihnen nicht gesagt, wie höchst zuwider es mir ist, daß ich nun nicht mehr so unschuldig wie sonst zu Goethen stehe. Mir ist es äußerst unangenehm, daß er nun auch so von mir bekrochen und besponnen ist, wie eine edle, reine Pflanze von Gespinnst und Würmern. Ich bin gar nicht gern das Wurm und bin keins. Warum können Sie alles so gut sagen, was Sie wissen, und ich gar nicht? Es ärgert mich rasend! Ekossaise und Quadrille sind die Blüten Ihres Daseins, der Mittelpunkt Ihrer Gedanken, der einzig ungeheuchelte Ernst, dessen Sie fähig sind. Sie glauben, ich bin nicht bis in jeden Blutstropfen von dieser Wahrheit durchdrungen? Hätte ich es aber jemals ausdrücken können? Sie werden schon sehen Marwitz! Nur über das Schlechte blasiert man sich. Sie können gar nicht mehr nach den Offizieren hinsehn. So haben Sie mir auch über Goethens Brief göttliche Worte geschrieben. Sein Brief ist, wie Sie sagen, und nicht anders. Sie hetzen mich noch mehr auf ihn auf. Mein Wesen hält die Liebe und Verehrung gar nicht mehr. Nun will ich Ihnen aber aus meinem Herzen keine Mördergrube machen. Sie lächelten neulich so, als ich Ihnen sagte, alle Worte von Goethe kämen mir ganz anders vor, wenn er sie sagte, als wenn auch andere Menschen dieselben sagten, als Hoffnung, Treue, Furcht etc. Sie lächelten, gaben mir recht und erklärten meine Worte. Nun hören Sie aber das Unerhörte. So kommt es mir mit meinem Leben vor. Mich dünkt immer, in dem ernsten, aus dem blutigsten, lebendigsten Herzen gegriffenem Sinne tun die andern Menschen nichts. Ich denke so, nämlich noch nicht lange deutlich, und so sag' ich's Ihnen auch. Drum erkenne ich auch Goethens Worte und jede Wahrheit von Menschen geübt. Diesmal find' ich in Varnhagens Brief keine Eitelkeit, Sie müssen sie mir zeigen, wohl aber das Beste minutieuser ausgedrückt, als das Gefühl davon mit sich bringt. Salemon bringt Sie ganz herunter, eben weil er immer Anlauf zu nehmen scheint; nichts ist nervenreizender, meiden Sie ihn! Ich habe allerlei Leute gesehen, Nostitz war ein paar Mal bei mir und hat mir vorgestern Louis' Tod erzählt. Er starb, wie ich mir's dachte, echaufiert, ganz so, Bewegung und alles. Ich dachte selbst zu sterben. Ein Gemüt konnte seines kennen, das war ich, wir haben dieselben Fehler. Ich erkläre es Ihnen einmal. Der war mein wahrster Bruder. Ich bin übrigens nicht empfindsam über ihn und weiß alles von ihm. Sie wissen es. Was haben Sie mit Präsidents vorgehabt? Wodurch kann es sich so deutlich zeigen und entwickelt haben, daß seine und Ihre Natur dissonieren? Er ist ja so häufig in seinem Zimmer. Hat sie keine Lust dies zu mitigieren, was Frauen so edel, schön und leicht und alle können? Sollte ein anderer mit im Spiel sein? Sie einen zu auflösenden Akkord ausgesprochen haben? Meine Neugierde bezieht sich auf das geschäftliche Verhältnis, das doch nicht isoliert stehn kann, und auch der Kampf (wenn an Unterliegen nicht zu denken wäre) ist mir unangenehm, wenn er nicht gleich um das Höchste geht. Die Schleiermacher schien ganz gut gegen Sie, doch will ich sie dieser Tage sehn und es besser versuchen. Es ist sonderbar und selten mir lieb, daß ein edles Verhältnis doch manchmal in der Welt wirkt. Nostitz dachte nicht dran, Herrn Fromm zu besuchen, noch nach Pauline zu fragen, und mich suchte er angelegentlichst auf und läßt mich immer hundert Mal grüßen. Hören Sie, ob es glaublich ist! Seit ich von Urquijo getrennt bin, hab' ich keinen Brief von ihm nachgelesen, in dem festen Gedanken, sie seien dumm, undeutlich geschrieben, und ich wüßte alles, was sie enthalten, und er hätte mich nie geliebt. Ich weiß nicht, ob Sie eine Idee von einem göttlichen Ausspruche haben, von dem festen Zauber des Verliebtseins. Wissen Sie, daß dieser Mensch der Arbiter meines Lebens war und also bleibt; daß er und alles, was von ihm kommt, mir ewig einzig wichtig bleiben wird und ist, ist auch wahr. Vorgestern nehm' ich sein Paket Briefe, um meine Bulletins zu lesen, die hintenan geschrieben sind; ich lese die Briefe, einen, dann mehr; es sind die größten Liebesbriefe, so gut als meine. Was sagen Sie dazu? Das kann nur mir begegnen! Ich hatte es vergessen, er hatte es mich aus Schmach und Zurückstoßen vergessen machen, er konnte auch dies. Sie sind gar nicht so dumm; voller verkehrter Eifersucht, die er oft deguisiert, oft nicht, die ich nicht verstand, weil mein in Liebe sterbendes Herz es nicht erriet, erraten konnte. Die Schrift ist äußerst klein, bis zwei Uhr habe ich auch heute gelesen, die Nacht. Mein letztes Leben ging in Tränen dahin. Welch ein verrückter Fluch! Auch er liebte mich. Die Marter war zu groß, der Verlust zu erschöpfend, und heute bin ich zu müde, zu blind. Adieu. Wollen wir fliehen? Wälderwärts ziehen? Adieu. Nach jedem Aussprechen der Trauer komme ich in eine Art von Vergnügen hinein. Ist es mit allen Menschen so, oder bin ich besonders heiter und gesund geschaffen? Auch hat es heilend, gütig, sanft, wohltätig nach unendlichem Fasten mein Herz berührt, daß er doch auch in Tönen der Liebe zu mir sprach und die Götter mir wohl alles verbitten, aber nicht alles versagt haben. Sie sind viel zu jung für einen Beichtvater; und um das Verkehrte doch wenigstens recht zu machen, habe ich Sie zu meinem gemacht. Ich segne Sie, lieber Vater! 59. Marwitz an Rahel. [Potsdam,] Mittwoch früh, d. 8t. Januar 1812. Ich bitte Sie, liebe Rahel, dem Überbringer, meinem Freunde Busch, 100 Rtl. zu geben. Gestern Nacht um elf kam ich hier an und schlief heute früh zu lange. Die Fahrt war nicht ganz so langweilig noch so kalt, wie ich zu Anfang befürchtete. Ich dachte viel an Gentz (an »fragen Sie die Kleine, sagen Sie Rahel« und sagen Sie Rahel, sagen Sie Liebmann, ist es wahr) auch an Louis, an seinen edlen Tod und wie er sich bei einem schmähligen Ereignis den Kopf würde eingerannt haben. Sie müssen an Varnhagen sogleich schreiben, daß er sich die Geschichte des Todes von Nostitz erzählen lasse und ausschreibe. Ich täte es selbst, aber ich kann ihm eigentlich kein freundliches Wort mehr sagen, seit ich sein Betragen gegen die Frauen in Töplitz weiß; seitdem ist es aus mit uns, ich werde dies und jenes noch an ihm billigen und loben können, aber ich werde ihm nicht mehr gut sein, wie ich es sonst zu Zeiten war. Darum geht es nicht, daß ich ihm schreibe. Bedenken Sie, daß jenes edelste von den äußern Ereignissen unsrer Zeit der Geschichte erhalten werden muß. – Heute morgen fiel mir ein, daß Bossuet eine gewisse Ähnlichkeit mit Möllendorf hat, die nämlich, daß ihm die Religion auf eine konfuse Weise imponiert – ein Grundgefühl, welches er durch eine Menge von Lügen, Falschheiten und Affektationen widrig verhüllt und vergemeinert hat, aber welches doch da ist. Er ist ohne alle Klarheit und ohne alle Tiefe in seiner Anschauung des göttlichen, aber l'élevé und zumal le lugrube desselben rührt und erschreckt ihn grade so, wie jenen die Orgel. Adieu, liebe Rahel, ich weiß Ihnen in diesem Augenblick nichts weiter zu schreiben, auch darum nicht, weil ich die schlechteste Feder habe, die mich in meinen Gedanken, nach der uns bekannten Art, hemmt. Schreiben Sie ja an Gentzen. Schelten und ängstigen Sie ihn so, daß er gleich antworten muß. A.M. Der vorerwähnte August von Nostitz nahm an der Schlacht bei Saalfeld teil, in der Prinz Louis fiel. – von Möllendorff , ein Verwandter des Feldmarschalls, Offizier im Ersten Garde-Regiment. – Jacques B. Bossuet (1627–1704), der berühmte Kanzelredner, hat mehrere Schriften verfaßt, die die Einigung zwischen Katholiken und Protestanten herbeiführen sollten. 60. Rahel an Marwitz. Donnerstag, halb zwei Uhr Mittag, d. 9t. Januar 1812. Unpaß genug! und es ist eine ausgemachte Sache, daß Sie mich noch tot martern; denn mitten in diesen Zuständen bin ich auf nichts beflissen, als Ihnen alles zu erzählen, über alles genaue Rechenschaft zu geben. Dabei steht kein Augenblick still, und es folgen Ereignisse und Gedanken. Damit nun auch für Sie eine zu verstehende Folge möglich werde, wie es außen und innen über einander ging, so will ich die Dinge der Zeit nach vortragen, wie sie über einander gingen. Ein großer Zwang für mich, die ich am affiziertesten vom letzten bin und noch mehr von der Furcht, es Ihnen in der Lebendigkeit, die dies besonders heischt, und in welcher es vorging, nicht darstellen zu können. Als Sie ankamen, fanden Sie mich sehr perplex, – Sie sahen, glaub' ich, es nicht ganz. Auch dies, die Ursache davon sollen Sie erfahren, aber erst ganz am Ende dieses Briefes. Ich erwartete einen Menschen, mit dem ich etwas abmachen wollte, welches meine ganze Seele unter seiner Gewalt hatte; dabei – Sie wissen, was und auch wohl wie – hatte ich Ihnen geschrieben, wollte Ihnen noch schreiben und dachte in dieser Seelenklemme in taktlosen Zwischenräumen an Sie und an das, was ich Ihnen noch sagen wollte. Hauptsächlich war eines davon dies, daß man als Unsinniger sein Leben in Schmutz, Unsinn, Dürre, Sand und Kot, in wahnsinnigen Torheiten hinrinnen läßt, nicht beachtend, daß kein Tropfen zweimal fließt, der Diebstahl an uns selbst geschieht und gräßlicher Mord ist. Bloß weil wir ewig Approbation haben wollen, aus der wir uns nichts machen und nicht tapfer genug sind, menschlich Antlitz nicht zu (soeben war Busch hier –, der mir gefällt, dem ich gegen Quittung 100 Rtl. gegeben habe, die dritte Störung in diesem Brief, erst Robert, dann Dörte, die mich so ärgerte, ich kann nichts mehr aushalten, daß ich noch zittre, da schreib' einmal einer. Auf den kleinen Brief auch nachher Antwort) fürchten und dreist zu sagen, was wir möchten, wünschen und begehren. Nichts ist heilig und wahr und unmittelbare Gottesgabe, als echte Neigung; ewig aber wird die bekämpft für anerkanntes Nichts. Das Fremdeste lassen wir uns aufbürden, und so kommen wir uns selbst abhanden. Ich selbst, wie selten bin ich, komme ich zu Sinnen! Hören Sie, wie ich darauf kam. Ich liebe Sie gewiß, nie aber werde ich wieder zu der Sehnsucht kommen, die ich voriges Frühjahr erlitt, als das neue Jahr grad' aus Erd' und Himmel brach und Sie wegreisten. Ich erlebte eine Welt – ich schrieb es Ihnen –, was aber wär' es geworden, hätte ich Sie nur vier Tage länger behalten! Ich verging fast in Sehnsucht und Bedürfnis es mit Ihnen zu sehen. Ich Elende, Niedrige, würdig des Lumpenlebens, das ich führe! Gott sieht jetzt mein innerstes Herz und diese Tränen! Niedrige, Feige, die ich war! Hatte ich den Mut Sie bleiben zu lassen? Nie werden Sie mir das wieder werden, was Sie damals waren – grade durch die Reihe Leben, das wir geführt hatten, durch den Gang der Gespräche, die Blüten der Stimmung und des Frühlings! Was hätte es Ihrem für alle Ewigkeit fertigen Bruder geschadet, wenn Sie vier Tage später nach Friedersdorf gekommen wären, was Ihnen, wenn Sie mich so hätten beglücken können! Lassen Sie sich das für Ihre eigene Person zur ewigen Warnung dienen. Bezwingen Sie keine Stimmung, keine Gefühlsblüte! Sie werden nachher verzweifeln in der kargen Ausübung der unwahrhaften Verständigkeit. Untersuchen Sie sich immer genau, und fürchten Sie Weisheit, die nicht aus dem Herzen scheint. Nur Neigung, nur Herzenswünsche! Kann ich Ihnen nicht leben, bin ich dazu zu elend, zu verworfen, zu heruntergerissen und mißhandelt, so will ich sie von nun an in mir ergründen und sie anbeten. Gottes starker Wille ist das im Herzen – im dunklen, blutwogenden –, der keinen Namen bei uns hat, deswegen täuschen wir uns, bis es tot ist. Sie haben mich gefaßter gefunden die letzten Tage. Was ist es anders, als daß ich zu meiner Neigung wieder hinabgestiegen war, über die ich mich erheben, zerstreuen wollte. Glücklich bin ich fürwahr nicht von ihr gemacht, noch sanft, noch nur menschenverständlich behandelt, und doch erhalt' ich mich nur selbst, wenn auch in herbem Zustand, wenn ich mich ihr hingebe, mich ihrer ganz erinnere und nicht Sinnen und Herz ihre Güter vertauschen will. Ich bin krank gewesen seit einem Ärger, den ich gehabt; ich kann durchaus nichts mehr ertragen! Nun sollte sich an diese Zeilen fügen, wie ich vorgestern und gestern Abend zugebracht; vergebens! Sie sollen es haben, aber in einem künftigen Brief. Dieser soll weg, wie er ist, damit er bald ankommt. Morgen schreibe ich Ihnen die beiden Abende. In diesem will ich Ihnen noch sagen, was kürzer ist, wozu keine Laune gehört, und was mehr in meine heutigen schmerzhaften Gedanken paßt. Es fehlte mir noch, daß Sie so in Ihrem Innern mit Varnhagen stehen. Also wenn der kommt, welches auch Sie schon für mich wünschten, hab' ich diesem Bruche mit zuzusehen, der sich in jedem Augenblick fühlen wird. Zum Glück, daß nichts in der Art mich schreckt, weil ich auf nichts mehr hoffe, keine Zeit erwarte, die ausgeputzt so kommt, wie wir, wie ich sie bestelle. Dies ist mein Glück, sonst müßt' ich verzweifeln. Varnhagen ist also mein Freund, der mich am meisten liebt, für dessen ganze Lebenseinrichtung ich Bedingung bin; und es ist nicht genug, daß ich ihn ganz kenne und fühle, nehme und ertrage; ich muß nun, Wog' auf Wog' unter, Klippen an mit ihm durch, und all unsre Freunde legen die ganze Last ganz auf mich. »Sie trägt so viel, so gut, warum nicht auch dies?« Dies sagt sich niemand, aber so geschieht's, weil – ich Ambos bin. Verzeihen Sie, ich bin zu krank heute, jetzt! Auch schicke ich nun diesen Brief nicht ab, bis das Folgende steht. Adieu. Ich verzweifle. Eine verfluchte Köchin von Meyer wartet schon wieder auf mich. Freitag, zehn Uhr morgens. Im Bette. Sie müssen Geduld haben, mein lieber Freund, und bedenken, daß Sie es sind. Sehen Sie mich an wie eine Krankheit des menschlichen Geschlechts; es giebt solche Menschen in der Reihe der geboren Wordenen und Werdenden, auf die sich Widersprechendes ladet, und sie liegen und brechen, wie es in einem Menschenleben Momente giebt, mit denen es ebenso geht, und die man kranke nennt und fühlt, die auch nichts anders sind als Träger der Verwirrung, des nicht Aufgegangenen für die gesammten Organisationen dieses Lebens, dieser Erde. Verzeihen Sie mir ja diesen Brief, wie er hier steht! Ich möchte um keinen Preis, was ich oben von Ihnen zu fordern schien, – und dachte schon so, als nur die Züge aus meiner Feder waren, ja als ich sie noch machte –, daß Sie mich schonten, für mich litten, schafften und machten; alsdann wären Sie ja auch Ambos, und dafür soll Gott uns behüten. Ihrem Befehl zufolge habe ich heute Nacht noch an Varnhagen geschrieben, damit der Brief heute vor sieben auf die Post kommt, befürchtend, Nostitz möchte sonst abreisen. Ihnen aber die beiden Abende, Dienstag und Mittwoch, zu beschreiben, dazu bin ich zu schwach, zu erschöpft endlich, zu irritiert; alles dies rein der Körper. Wie es mit meiner Seele ist, weiß wenigstens ich nicht, die scheint in der Tat von Unsterblichen gemacht zu sein. Hören Sie aber von anderen, wenn es möglich ist dergleichen zu beschreiben, auszudrücken, ja sich selbst anders als unwillkürlich zu wiederholen. (Von den beiden Abenden nächstens; dieser Brief wird nur abgeschickt, damit Sie einen erhalten und mir antworten; diesmal aber exigiere ich eine baldige Antwort; zwingen Sie sich zur Tugend!) Als Sie ankamen, erwartete ich Urquijo. Sie wissen, ich hatte seine Briefe gelesen, meine Bulletins; von meinen war mein ganzes Herz und alle Erinnerung aufgestört; ich las zwei Abende; den ersten schrieb ich ihm schon ein Wort, eine gleichgültige Phrase, ich wollte ihn brechen. Ich schickte es nicht ab. Sonnabend las ich wieder, schrieb ein ander Billet und schickte es endlich. Sechs oder mehrere Tage nun schon wollt' ich ihm die einzige Frage machen, ob er wirklich geglaubt habe und glaubt, daß ich ihn betrogen habe. Ich konnte nie den Mut dazu finden. Seine Billete gaben mir ihn endlich, die Liebe darin, die Leidenschaft, die Vorwürfe. Nicht daß ich mir aus der Unwürdigkeit des Verdachts etwas machte, der ist mir zu fremd, weit, ganz entfernt, unbekannt, trotz der langen Folterjahre des Herzenmordes; ich wollte nur wissen aus verliebtem Wahnsinn, der auch Vernunft zur Seite hat, ob es möglich ist, daß eine Liebe, wie ich sie übte, im Betragen wie das meinige nicht erkannt werden müßte. Es machte sich, daß er bis gestern nicht kam, von seiner, aber mehr von meiner Seite. Er stürzte – aus Verlegenheit – in mein Zimmer, laut schreiend, auch aus Verlegenheit. Eh bien votre question ne crie pas , sagte ich, halb schlug mein Herz gewaltsam, halb stockte es ganz. Ich machte die Laden zu und sagte ihm endlich: Lorsque nous nous sommes separes, avez-vous reelement cru que je vous avais trompe et le croyez-vous encore? Gott bewahre, schrie er, gehend, jamais un moment de ma vie, je peux le jurer. Und so wiederholte er es mir in zwanzig ungeschickten, wilden, nuden Wendungen. Vous ne l'avez jamais cru? sagt' ich wie ein Toter aus einer solchen Tiefe der Seele, mit einem solchen Entsetzen, daß dies Wort sein Geschrei übertönte. Lange konnte ich nicht mehr sagen: Pourquoi l'avez-vous donc dit? Nun wurd' er komplett unsinnig und albern. Ich ließ es geschehen; eine dämonische Klaue von Erz war über mein Herz; ich frug nichts mehr, ich wies ihn in nichts zurechte, nicht ad absurdum. Der Inhalt seiner gemachten léger sein sollenden, verlegenen, verdammten Reden war der, als in solchen liaisons hätte man ja keine Ruhe und immer solche soupçons. Er konnte mich wieder nicht ansehen, setzte sich auch nicht. In der Folge des Gesprächs sagte er mir, ich könne ganz glücklich sein, so ausgezeichnet wie ich wäre mit meinem moyens – geistig – und frei wie der Segel in der Luft Herr aller meiner Zeit, und machte mir und im Allgemeinen eine Art Plan, wie man vernünftig sein müsse und könne, wenn man auch manches mißt. Dem widerstritt ich stark und lange. Endlich sagte er mir, er sei auch nicht glücklich, man könne ihm auch sagen: Vous avez 4000 Taler de rente, tout ce que vous voulez, vous êtez lié avec une femme de laquelle vous croyez être aimé, eh bien je voudrais mourir demain, et je ne dis à personne mon malheur. (Nämlich sein Land, er sagte es aber nicht, auch frug er nicht). Diese unterstrichenen Worte sagte er mir; nachdem er vorher gesagt hatte, qu'il avait un caractère bien malheureux, qu'il se croyait l´homme le moins aimable, le moins jolie, le moindre de toutes manîères, et qu´aussi il n'a jamais pu croire, qu'une femme l'aime. Das war schon die Litanei zu meiner Zeit. Die unterstrichenen Worte sagte er mir in Gedanken. Sie sehen also, welcher Unsinn, Lüge, Verwirrung, Schlechtigkeit, Stupidität. Die Hauptsache war ihm die Geschichte von der Rampe, die fing er hundert Mal mit dem größten Geschrei und Zerknirschung an. Das interessierte mich gar nicht, sagt' ich ihm und unangenehm. Er sah alt und vertrocknet aus und ganz wie bucklicht, ganz wie ein morgen zu exekutierender lügenhafter Verbrecher. Könnt' ich ihn Ihnen zeigen! Dabei spricht er immer von Gewissen und glaubt wirklich, er hat ein gutes. Nun wie ist es also? Dies noch nicht genug. Dieser Mensch, dieses Geschöpf hat den größten Zauber über mich verübt, verübt ihn darum noch, dem veräußerte ich mich ganz, gab ihm – dies ist kein Sprichwort, hab' ich Verfluchte erfahren – mein ganzes Herz, und dies kann einem nur Liebe und Würdigkeit zurückgeben, sonst kriegt man's nie. Giebt es also Fluch, Zauber? Giebt es, sich einem Teufel ergeben? Als er aus dem Zimmer war, fiel ich laut schreiend, das Herz gegen die Rippen gesprengt, auf die Kommode und frug Gott, ob man ein Herz veräußern könne, er wüßte ja, daß man ohne Herz nicht weiter leben kann. Ich bin auch diesmal nicht zersprengt in Tränen und sanglots . Wer weiß, wie alles zusammenhängt und was ich ausrichten und aushalten soll! Sie wissen, daß ich im übrigen ganz vernünftig bin, daß ich Leben genießen kann, mich zerstreuen, die Welt fühlen, schon manche Neigung auf dies Herz, wie Sie es nun kennen, und wofür ich keinen Namen habe, gepfropft habe. Auch entzückt mich Urquijo gewiß nicht; es ist aber, als müßt' er mir etwas herausgeben, was er von mir hat, und seine Liebe könnte mich noch entzücken und heilen. Er hat mich zu verwundet! Ich verstehe es nicht; Sie müssen doch einmal seine und meine Briefe lesen. Ich liebt' ihn zu sehr, er erhöhte diesen Zustand zu sehr. Kurz, bis ich nicht einen stärker lieben kann, wie die Welt für mich nicht angetan war, bleibt der notwendige Teil meiner selbst zum Glück zurück, der Quell des hellsten, intimsten Seins begraben unter schwerem Fluch und Zauber. Sehen Sie ganz, wie ich Sie ehre! Gestern Abend nach Urquijo war Robert und Harschers Bach bei mir; weil ich sehr mit ihm gestritten hatte, ladete ich ihn vorgestern ein. Nachdem die weg waren, schrieb ich Urquijo dieses Billet und schickte es heute. Jetzt bekomme ich es mit diesen seinen Zeilen zurück. Sehen Sie ganz darin seinen epileptischen Unverstand, il ne s´agit gar nicht davon, was er mir da drunter setzt, darum schicke ich es Ihnen nur. Gestern wollte er immer wieder anfangen und sagte einige Mal: Non jamais, pas un instant de ma vie j'ai en une pensée si indigne. C'est assez, fiel ich ihm in die Rede, n'en parlons plus. Der Bock, denn wie ein unvernünftig gehörntes Tier kommt er mir gegen mich vor, glaubt, ich will eine Ehrenrettung von ihm. Daß ich will, er soll meine Liebe erkennen, ahndet er noch nicht und nie. Und sehen Sie mich, ebenso gehörnt in meinem Billete an ihn und in allem, was ich Ihnen schreibe! Hingegen, wenn Ihnen einer von Liebe erzählt, wenn sie Ihnen begegnet, wenn Sie ein Tollhaus voll Verliebter sehen, werden Sie wissen, ach ja, es ist möglich! Sie ist ein tolles Kind, der Vernunft mit Natur erzeugt, und Gott segne sie anstatt sie zu fluchen! Hierin könnt' es Ihr Fall sein und in allen Dingen. Leben Sie wohl. R. R. Er hat ein Kreuz bekommen von seinem neuen König und will damit zu mir kommen. Ich werde mich wohl wieder erholen. 61. Rahel an Marwitz. Dienstag abends elf Uhr, d. 13t. Januar 1812. Ich weiß nicht, ob Sie das kennen. Ich war gleich zu meiner Schwägerin gegangen, trete jetzt in mein Zimmer; es ist noch ganz erfüllt von Ihnen, und die größte Liebe zu Ihnen kommt mir darin entgegen, durchströmt mich mit einem Mal. Sie erwarben sie sich gestern ganz wieder von neuem, Sie Lieber! Sie haben es auch gesehn. Gewiß, des einzigen, unschuldigen, milden, weichherzigen Wortes wegen: »Sie müssen sich doch sehr freuen ihn zu sehn.« Von Ihnen, der Sie sich keine Vorstellung zu machen vermögen von der Geistesirrung, die ein starkes, herzgesundes Gemüt entbinden kann zum trüben Gang auf Glück oder Unglück, von Ihrer gesunderhaltenen, reinen, ungebeugten Seele ist dies zu hören ein Triumph. Was menschlich ist, schön und mild, reizend, einfach und lieblich, versteht die unschuldig unbefangene liebe Seele. O Lieber, wie sehr ist mein ganzes Herz dazu gemacht das zu vergöttern, was liebenswürdig ist! Ich muß ihm ewig beistehn, diesem Herzen; es hascht ja nur nach Verehrung und billigungswerten Gegenständen. Es findet sich ja nur im klaren Element der Seligkeit, wenn es leben und lieben kann. So habe ich wegen hundert kleinen Zügen Sie diese Tage unendlich geliebt und bin unendlich dankbar gegen Sie, das Schicksal und mich, die mir dieses belebende, einzig himmlische Gefühl gönnten. Bleiben Sie ja gut, und seien Sie versichert, niemand hat einen besseren Freund gehabt, der mehr jede Bewegung des Herzens sieht und erwägt, als Sie einen an mir haben. Ein großer, ein schöner Trost. Dies wollt' ich Ihnen nur noch heute sagen, und daß Fouqués drei Wochen hier bleiben. Robert sagte es diesen Abend. Auch wollt' ich sagen, daß Sie gestern Abend, als Sie das zweite Mal kamen, über meinen Empfang so empfindlich waren, das entzückt mich, bei andern empört mich und ekelt mich Empfindlichkeit oft, Ihre freute mich. Sie wissen, wie mich das Bild von meinem Freunde heute in Gedanken ängstigen konnte, – es muß so bleiben, denn es ist so. Gönnen Sie mir auch daher die Freude Ihnen sagen zu dürfen, wie Sie mir lieb sind. Gute Nacht! Nun find Sie doch wohl dort. Mittwoch. Bis zu dieser Zeile, das hatte ich gestern Abend geschrieben mit einer Skandalfeder, mit tausend ausgestrichenen Worten, zuletzt goß ich noch Tinte drauf; nun habe ich es abgeschrieben mit derselben Feder, zurecht geschnitten von mir selbst mit der Scheere. Gefallen Ihnen die caractère ? Sie haben mir gewiß nicht geschrieben, Bösewicht, und wenn Herr von Scheibler kommt, gar nicht. Nämlich, ich will wirklich nur wissen, wie Ihnen die kalte Nacht bekommen ist, und ob Sie wieder rot sind. Dore sprach schon gestern anstatt mich: Ob nun Herr von Marwitz schon dort ist? Bei meiner Schwägerin mußten alle – und gütig taten sie's – mit ausrechnen, ob Sie schon dort sein könnten etc. Heute Mittag esse ich ein Leibegericht dort, und gestern mußt' ich Fanny auf frischer Tat tancieren und sprach immer per Ihr, weil sie sich nämlich auch gegen die Mutter verging. Natürlich tat mir dann die Härte leid, und, hören Sie nur, drei Viertelstunden nachher sprachen wir von allerlei, vom Sommer, vom Frühling, von Reisen und da sagt' ich im Laufe der Rede: »Ehe ich nach Schlesien gehe –.« So schreit Fanny mit einem Male laut auf: Warum nicht gar! Fanny, sag' ich, was ist das? Ja, sagt Hanne, ich will es auch nicht, und Fanny nickt mir, sie war weit von mir; ich winke ihr, sie kommt ganz zerknirscht und traulich, äußerst kindisch zu mir, und wir küssen uns ungeheuer. So versprach ich ihnen noch mancherlei Vergnügen, blieb noch ziemlich lange und ging nicht leer nach Hause. Auch las ich noch, nachdem ich Ihnen geschrieben hatte, viel Billete vom Spanier, mit Fassung. Adieu! Ich bin schon wieder sehr echaufiert. Adieu. Sieben abends. Ich will's nicht vergessen, in vierzehn Tagen kommt Achim und Bettine. Und Sie zersprechen sich jetzt mit Herrn von Scheibler. Ich bin ganz allein, zu allem aufgelegt und will lesen. Sonnabend, d. 18t. Nein, Sie Häßlicher, Sie sind zu garstig. Sie schreiben mir doch nicht. Und dieser Brief lag hier immer und wartete auf sein Ende. Diesen Augenblick war Fouqué mit Herrn Hesse aus Hamburg zusammen hier; es mag ein Uhr sein. Er war lustig, nämlich munter scherzend, redselig, ich auch, sieht wohl aus. Sie ließ mich außerordentlich grüßen und mir sagen, sie möchte am liebsten einen Mittag mit mir essen. Erst sagt' ich, es sei mir zwar des Mittags am unliebsten, aber wenn sie's wolle, wollt' ich's auch. Beim Weggehn aber widerrief ich das, weil durch vieles Hinundherreden (worin er mir denn auch erzählt hatte, sie wären gestern zu einem großen Tee bei einer Generalin Bieren gewesen) ich nach mancher Freundlichkeit sagte, wenn sie nicht bald kämen, so würde ich sie einen Augenblick des Morgens in ihrem Wirtshause, der Hirsch, Leipziger Straße, besuchen. Ach, nein, sagte er, da fielen Sie doch nur in die Familie! Ich glaubte, er meinte die Kinder, und sagte, das täte nichts, er aber erklärte, die Generalin Bieren sei es, die mit dort Zimmer an Zimmer wohnte (die wohnen in einem Wirtshause). Nun bin ich aber davon ganz digustiert. Solche Generalin giebt's und soll es nicht mehr geben, und die Frau von Fouqué soll mit ihr auf solchem Fuß nicht stehen, daß ich nicht in das miserable Wirtshaus zu ihr kommen könnte! Dergleichen bin ich ganz überdrüssig, zu blasiert darüber. Dabei hatte er mich wieder dringendst nach Nennhausen invitiert, mit großen Bedauernissen und Klagen, wie ich noch nicht dort war. Wäre Heß nicht zugegen gewesen, so hätte ich es ihm gesagt, wie es hier steht, und ärger. Ich will durchaus nicht mehr mir den nicht leicht gesammelten Honig aus dem Korbe nehmen lassen und wie eine Stachelbiene vom Feste gescheucht sein. Mit nichts: es ist ganz aus! Alle Tage fühle ich mich vornehmer; bei jedem Schritt auf der Gasse im Gefühl meines eigenen Körpers, bis zur Lächerlichkeit für Menschen, die nur Eitelkeit kennen; wer aber gar diese nicht in sich trägt, noch übt, der kann fordern, was ich nicht mehr zu erlassen gedenke. Claudestine Bekanntschaften stoße ich von nun an mit dem Fuß von mir. Der Anblick meiner Leiche konnte einem allerliebsten Charakter wie dem meinigen nur diese Härte, diese Empörung geben. Wundern Sie sich nicht darüber, mich bei nichts in dieser wortreichen Heftigkeit zu sehen. Ich habe zu viel davon gelitten, war dazu zu wenig gemacht, und hätte es, glaub' ich gewiß, unter keinen Umständen gegen andere geübt. Ich kann es mir bezeugen und belegen. Gestern Abend war ich von acht bis halb elf bei der Schleiermacher; sie hatte mir an einen kleinen Zettel von mir, in dem ich sie fragte, mit Bleistift zur Antwort geschrieben, sie würde sich sehr freuen, ich würde sie aber mit Nanny allein treffen (ich hatte mir aber Freitag ausgesucht). Wir waren auch allein, und sehr gut. Im Anfang versuchte ich es, ein klein wenig zu schweigen, weil ich wirklich von mir es zu garstig finde, immer die Positive zu sein. Umsonst, sie saßen gelassen und ließen's drauf ankommen (Nanny sprach gar nicht). Also ich fing an, eh' es in's Lächerliche ging. Und so sprachen wir recht gut von Menschen, Leuten, die wir kennen, und von Weibern; die Schleiermacher manches Wort von weit her und so erfahrungsreich wieder manchmal, als hätte sie sich in den verschiedensten Verhältnissen bewegen müssen, einer Menge zugesehn; alles mit kleinen Ausdrücken, wenig Worten. Auch wenn mir ein lebendig populärer Ausdruck entfuhr, der übrigens ganz ernst gestellt und gemeint war, lachte sie auf, wurde ganz rot und wiederholte ihn. Wir sprachen ganz einig und vertraut; auch Sie kamen öfters vor und mit sichtbar lebendiger Vorliebe. Doch waren wir nicht allein, und es wird nun und nimmermehr daraus etwas. Ich bedarf reichere Quellen, mehreren Stoff. Unsere Gespräche, unser Umgang bezeugt mir zu sehr, was sein kann; ich habe es zu viel gekostet, genossen, imaginiert. Ich bleibe in einer Empörung und disgust, wie Sie sehen, weil ich mir gar nichts mehr weiß mache; nämlich das tat ich nie, aber ich lasse mich von den Göttern selber nicht mehr hinhalten und abspeisen. Verlangen Sie's so gut von uns, verlang' ich's wieder so! Madam Schleiermacher lud mich sehr ein zu kommen; ich versprach's und will es halten. Nanny tancierte ich (und sagte, sie hätte mir gesagt, ich solle es tun, Scherz), daß die nicht einmal kommt. Die Schleiermacher hatte wieder sehr schöne Augen und große Sicherheit, Nanny war stärker, hübscher, aber blaß und sehr blasiert, nämlich mißvergnügt. Sie hat recht. Gestern Morgen läßt sich ein Doktor bei mir hinein sagen, ich wollte eben ausgehn, laufen für Meyer, dessen Namen nicht ausgesprochen wurde. Da die Welt bei mir zu schön haben kann, laß' ich ihn herein treten, es ist Herr Stuhr, ich hielt ihn für einen Professor, durch meine Überraschung mache ich ihn verlegen und fühle die Verlegenheit mit, bringe es gleich wieder in den Gang, und er bestellt mir, daß mich Madam Herz zu Mittwoch einladen läßt, wo sie mir auch Schedens verspricht. Ich unterhalte den Herrn, er geht und ich sage ihm von dem Vergnügen ihn wieder zu sehn. Er ist, wie er mir zuerst schien, etwas unbefangener und jünger; schmutzige Wäsche, Hände und Zähne; kein Gedanke von menschlichem Körper und seinen Erfordernissen; ich sperrte beide Fenster nach ihm auf, auch nach meinem heutigen Besuch. Luft und Gewissen können nicht rein genug sein. Adieu. Bedauern Sie mich! Ich kann gar beinah' nicht lesen. Das Blutsteigen nimmt überhand. Wär' ich nur stark, gesund! Aber denken Sie sich meine Lage ohne Lesen. Gestern, ehe ich meinen Besuch machte, war ich so krank, daß ich in einer lauten Verzweiflung laut sprach, eine ganze Reihe solcher Momente vor mir sehend, als den, welchen ich fühlte. Man verzweifelt doch noch über Zukunft. Adieu. Morgen früh soll dieser Brief reisen. R. R. Schreiben kann ich auch sehr schlecht, wie Sie sehen. Robert war hier, der kam von Frau von Fouqué, war auch gestern dort. Die Schleiermacher, bei der gestern Madam Savigny war, sagte mir, Achims kämen heute. Mein infames Billet an Urquijo schicken Sie mir! Achim von Arnim , heiratete im Frühling 1811 Bettina. – Friedrich de la Motte Fouqué lebte damals ganz seinen dichterischen Neigungen, abwechselnd in Berlin und Nennhausen bei Rathenow, dem Stammgute seiner Frau. – Stuhr war Leutnant und Sekretär bei der Militärstudien-Kommission. – Generalin Biren (Biron, Beeren, Byern?) ist nicht festzustellen; vielleicht die Frau des Generalleutnants Gustav Graf Biron, geb. Freiin von Maltzan. 62. Marwitz an Rahel. [Potsdam,] Montag d. 19t. Januar 1812, früh zehn Uhr. Wie soll ich Ihnen danken, liebe Rahel, für Ihren lieben Brief, den ich in diesem Augenblick erhalte, und wie mich entschuldigen. Aber ich konnte Ihnen nicht schreiben. Ich kam spät in der Nacht nach zwölf hier an, fand alles greulich kalt, konnte daher nicht einschlafen, stand am andern Morgen spät auf, mußte auf die Regierung, ließ mich zwingen (denn Sie wissen doch, daß ich darin bin wie Sie) mit dem kleinen Gerlach spazieren zu gehn, zu reden und zu streiten, während ich Ihnen in den letzten einsamen Momenten hätte schreiben sollen. Wie ich zu Hause kam, war Scheibler da, der nun den ganzen Tag neben mir sitzt und das Klima seines Wesens über mich verbreitet hat, welchem ich mich erst jetzt entziehen kann, wo Ihre lieben, mir an die Seele dringenden Worte hindurch reißen, wie plötzliche heitre von oben. Ich habe mich übrigens recht wohl befunden in diesem Klima. Scheibler war durchaus milde, teilnehmend, eingehend, komisch, unpersönlich und hin und her sehr edel gestimmt; sein Gemüt hat einen sehr liebenswürdigen Grund, der aber in fremder Gesellschaft schwer hindurchscheint durch eine Decke von körperlicher und geistiger Ungewandtheit. Er ist nicht vielseitig und großartig gebildet, wodurch man allein die Ecken natürlicher Häßlichkeit (dies im weitesten Sinne, ausgedehnt auf Haltung, Bewegung p. p.) abschleift, aber er hat ein weiches Herz, einen kräftigen Sinn und ist tapfer. Von allen deutschen Dichtern kann er nur noch Goethe lesen (Tieck nicht mehr). Er bringt Ihnen diesen Brief und wünscht Fouqué zu sehn (aus äußern Gründen), ich habe ihn auf den vorbereitet und ihm gesagt, daß er ihn von der ritterlichen und soldatischen Seite angreifen muß. Können Sie sie beide zusammenbringen, so ist es mir lieb, und für die Gesellschaft wird nichts Ungeschicktes oder Verlegenes daraus entstehn. Ich habe mich übrigens mit Scheibler nicht so zersprochen, wie mit Reinhardt; am Morgen und Abend arbeitete ich doch wenigstens sechs Stunden, war also selten ermattet, wenn die Gespräche wieder anfingen. Diese waren mannigfach, da wir so sehr viel mit einander gelebt haben (von frühester Zeit an) und es also weder an Erinnerungen fehlte, noch bei der spekulativen Tendenz (die er umgebildet), bei der Begeisterung für das echt Sittliche und Edelstarke und poetisch Heroische (die er rein in sich trägt), an Untersuchungen und Erzählungen aus der großen Historie von meiner Seite. Wie wenige haben für das letzte Sinn! Nun saßen wir aber den ganzen Tag (auch wenn wir arbeiteten) in der nämlichen Stube, ich am Schreibtisch, er hinter mir lesend auf dem Sopha; da konnte ich Ihnen nicht schreiben; ich war zu befangen, auch gab es zu viele Störungen durch den Salemon, die ihn genau kennen. Verzeihung, Liebe. Wenn ich meine Einsamkeit wieder habe, will ich alles wieder gut machen durch die weitläufigsten Briefe. Alles in Ihrem Briefe ist mir lieb. Mein Herz dankt Ihnen für den Anfang; was Sie mir über Fouqué, Stuhr, die Schleiermachers und Iffland schreiben, interessierte, erregte und ergötzte mich. Nur Ihre Briefe können einem das Leben unmittelbar in seinen Massen und zugleich in allen seinen kleinen bedeutenden Beziehungen vor die Seele bringen. Ihre wachsende Vornehmheit hat meine größte Approbation. Adieu, liebste Freundin. Ich muß jetzt auf die Regierung. Spätestens Sonnabend sehe ich Sie, doch schreibe ich wohl vorher. AM 63. Rahel an Marwitz. Donnerstag, d. 23t. Januar 1812, elf Uhr morgens. Nur zwei Worte, ehe Sie kommen, und dazu muß dieser Brief um zwölf Uhr weg. Sie sind meine einzige Stütze, wie auf weitem Meere ein Leuchtturm, ein dämmerndes Land; ich wüßte nicht mehr, daß ich Rahel bin, wenn ich nicht an Sie denken könnte, wenn ich Ihre Briefe nicht hätte, ich nicht wüßte, Sie werden kommen. So las ich bis vorgestern manches Mal Ihren kleinen Brief durch Herrn Busch, der mir sehr wohl gefällt. Als ich aber vorgestern Abend spät mir selbst unkenntlich, vernichtet, aus einem wahren Bataillentag zu Hause kam, wurd' ich plötzlich ennobliert wie durch Schwertberührung willentlich und Zaubersaft in einen andern Lebenskreis versetzt (wie wohl ward mir nur dadurch, in mein Lebenselement zurückzukommen!) durch Ihre sehr lieben Briefe, die mir Herr von Scheibler gebracht, aber mich natürlich nicht gefunden hatte. Es war dann endlich die wirkliche Ankunft meiner neuen Schwägerin. Mündlich, wie sie ist, des Zeitmangels wegen. Bis vier hatte ich bei Meyer arrangiert, lief nach Haufe, kaufte noch, aß, zog mich an, fuhr hin, ließ illuminieren, und eine Lampe war noch nicht angezündet, als sie kamen. Bis neun blieben wir bei ihnen, dann fuhr ich mit zu Marcus, bis elf, der unendlich affektiert, konfuse, platt und unleidlich war, mit einem Stücker drei bis vier guten Absichten drunter. Meyer ist, wie er war, wird jetzt eben zu mir herein stürzen, wie immer (das war schon gestern Morgen, und vorgestern annoncierte er es mir schon) und fragt mich immer ganz eilig: Nun hab' ich mich verändert, nein? Nein, antwortete ich. Gestern morgen besuchte ich meine Schwägerin bis vier Uhr, um zu sehen, wie eine von mir gegebene Köchin die Küche macht, und ihr noch ihre Wirtschaft übergebend und ordnend zu zeigen. Dann aß und schlief, sammelte und ruhete ich mich und fuhr zu Madam Herz, wo die Damen Schede, Stuhr, der andere Döhne, Legrand und Winterfeld waren. Ich nahm ein Nähzeug mit, um stockfaul zu sein und womöglich nicht zu forschen. Doch sprach ich mehr als billig, doch nicht hintereinander, und die andern Frauen wohl ebensoviel. Legrand hat mich durch sein Widerwärtiges und Kleines sehr überrascht, schien mir im Anfang affektiert in seines Vetters Art, die Art hat er doch ganz, nach und nach kam er mir besser vor, aufnehmend und aufmerkend und erregbar bis zu Farbewechseln bei bloßem Zuhören, in allem eingehend. Wie viel in dieser avortons -Welt! Eins sagte er, was ich nur von mir gehört hatte und ihn mir also ganz selbständig darstellt, was ich natürlich an mir nicht bewundere, nämlich er setzte der Holländer ihre Weise die Tragödien zu spielen über unsere und über die der Franzosen, versteht aber kein Holländisch so gut als ich, dachte auch über die Bethmann wie ich. Der Abend war lebendig natürlich, also gut, Madam Herz oft geschlagen, still bloß, wenn wirklich Gedachtes und Empfundenes gesagt wurde; jedoch nur mir merklich. Um zehn Uhr fuhr ich fort, weil ich [mit den] Neuvermählten bei Marcus essen mußte und wollte, um sie alle, besonders Meyer, zu soulagieren. Nun ist jede gêne vorbei. Morgen Abend nur noch bin ich bei Bethmanns zu ihrem Geburtstag. Von Harscher war gestern nur insofern die Rede, als er nicht mitkam aus Müdigkeit! Becker Immanuel Becker , seit 1811 Professor der klassischen Philologie in Berlin. und Schede sind bis Sonntag bei Burgsdorff, letzterer [um] Tieck zu sehen. Auch bei Schleiermacher nannt' ich mit tiefem Bedacht Harscher nicht, weil meine Meinung dann doch trotz jedes Vorsatzes durchgebrochen wäre, welches ihn vorbereitet hätte zu einem ernsten Gerichte. Dies aber soll nicht sein, er soll gepackt werden mitten im Sündigen wie Hamlets Oheim, nicht wenn er betet. Fouqué – und darum schrieb ich eigentlich noch – sah ich vorgestern Vormittag; mündlich, was er sprach; er hat gesagt, aber es ist nicht gewiß deshalb, daß er diesen Abend kommen will. Für heute also, auch weil ich die Nummer nicht weiß, kann ich Scheibler nicht bekommen. Er soll ihn aber sehen. Frau von Fouqué hab' ich noch nicht gesehen. Sie lieb' ich wegen das, was Sie mir von Scheibler schrieben, und wie es dasteht und wegen dem ganzen Brief. Bin Ihre treue Furie und erwarte Sie. R. R. Die neue Schwägerin, Ernestine , ist die Frau von Meier Robert. – Döhne , nicht festzustellen, vielleicht Graf Dohna-Wundlaken, Staatsrat, der in Rahels Salon verkehrte. – Wilhelm von Burgsdorff , Tiecks und Humboldts Jugendfreund, lebte ohne Amt ganz seinen künstlerischen und wissenschaftlichen Studien und starb 1822 in Dresden. Durch Brinckmann war Rahel 1795 mit B. bekannt geworden und 1796 mit ihm in Teplitz zusammengetroffen. 64. Marwitz an Rahel. Potsdam, Montag d. 3t. Februar 1812. Ihren Zettel, liebe Rahel, habe ich heute früh erhalten. Ich werde an Willisen schreiben und den Brief hier einlegen. Meyer wird wohl die Gefälligkeit haben, ihn mit einer Anweisung auf 100 Gulden Konventionsgeld, welches ich Sie bitte ihm zu geben, an ein Bankierhaus in Wien zu schicken. Dort müssen Sie den Brief mit der Anweisung an Willisen besorgen, der auf der Zeichnungskanzlei zu erfragen ist. Ich glaube zwar nicht, daß er gefährlich krank ist, da er mir von kaltem Fieber schrieb, indes tue ich es auf allen Fall. Ich selbst bin nicht ganz wohl, d. h. nicht ganz frisch. Der Kopf ist mir ein wenig eingenommen, und ich fühle eine gewisse Seelenmüdigkeit. Ich habe viel gearbeitet, besonders viel gelesen, an den Vormittagen das ganze Pack Hardenbergscher Gesetze, am Nachmittag und Abend Aristoteles, an einem müden Tage, als Münster von hier weg ging, Duclos größtenteils; er gehört zu den durchaus subordinierten Geistern, alles charakteristische hat er von St. Simon; dabei weiß er nicht, daß er, der nichts selbst gesehen und erlebt hat, nicht Memoiren, sondern Geschichte schreiben muß. Die Zeit, die er schildert, ist traurig; überall die größte Erschöpfung, bigotte Superstition und ruchlose Lüderlichkeit matt kontrastierend; Alberoni ist der stärkste Kopf, er leistete nichts, weil ihm eine edle und herzhafte Persönlichkeit fehlte. Er war frei, brutal und umfassend, aber zugleich niederträchtig, daher imponierte und begeisterte er nicht, wurde auch noch mehr gehaßt und verachtet als gefürchtet. Charakteristisch für ihn ist, daß ihn der gichtische Marquis im Zimmer der Königin vom Stuhl aus prügeln konnte. Wem so etwas geschehen kann, der richtet nichts Großes aus. Den Regent charakterisiert die Geschichte, daß, als die Spanische Verschwörung entdeckt war, Dubois ihm am Abend die entscheidenden Papiere nicht mehr vorlegen konnte, weil seine Orgien anfangen sollten. Wäre das bei Louis möglich gewesen? Ich glaube wohl, wenn er in einer so welken, ruhigmatten Zeit aufgetreten wäre, wie die des Regenten war. Doch hatte Louis mehr Gemüt; die Talente des Regent drangen alle nur bis dicht ans Herz, sonst eine gräßliche Ähnlichkeit. Die nämliche Unfähigkeit zu einer ernsten, strengen, geordneten Tätigkeit, die nämliche innere Zerstörung durch ein unglückliches Verhältnis zu der herrschenden Linie und durch die daraus entsprungene übermäßige Lüderlichkeit, in der alle Seelenkraft mehr und mehr unterging, die nämliche Schwäche gegen schlechte Umgebungen, der nämliche Mut, dieselben gefälligen Gaben. Sie sahen es mit Schrecken und sagten es mir, wie sehr das fanfaron de crimes auf Louis paßt. Ich las noch kleine lateinische und deutsche Schriften von Wolf, die lateinischen größtenteils kleine Vorreden zu den Lektionskatalogen der Universität Halle, vortrefflich geschrieben, mit den geistreichsten Wendungen und alles auf eine gediegen und großartige Ansicht des Lebens zurückführend. Vorn ist eine Gedächtnisrede auf Friedrich II., bei dessen Totenfeier in Halle für die Universität geschrieben, vortrefflich mit tiefster Veneration. Die deutschen Aufsätze bringe ich Ihnen mit. Viele seiner Schwächen und Schlechtigkeiten kommen darin hervor. Auch von Marheinecke (Professor in Berlin, der jetzt vielen Ruf hat unter den Theologen) las ich über Orthodoxie und Heterodoxie in den ersten Jahrhunderten der christlichen Kirche, fleißig, aber kleinlich und aus ziemlich nüchternem Gemüt. Nun noch die Chronik, liebe Rahel. Mittwoch Abend um acht nach schneller Fahrt hier angekommen. Ich ging mit Münstern aufs Kasino, war gräßlich müde, amüsierte mich aber doch an allerlei Lustigkeiten, die vorfielen. Bis Donnerstag Nachmittag blieb Münster, ich mußte mit ihm gehn und reden, am Abend las ich Duclos. Ich war sehr müde, konnte nach neun nichts mehr verstehen und gegen halb zehn die Augen nicht mehr aufhalten. Ich schlief lange; Freitag früh nahm ich die Gesetze vor (lose Ware, ein Gewebe von modern eleganter Dummheit, Unwissenheit, Lügenhaftigkeit und Schwäche; was Albernheit und was Gesinnungslosigkeit ist, kann man nicht unterscheiden). Gegen Mittag ging ich auf die Regierung; Salemon wollte bei mir essen, ich schlug es ihm ab. Nachmittag war der kleine Gerlach ein paar Stunden bei mir. Abend war Pikenik der Offiziere, ich da; Wiederholung der alten Bemerkungen; allgemeine Nichtigkeit, Frivolität, die halb aus innerer despondency hervorgeht; bei Tisch saßen sie in großen Haufen beisammen, sprachen aber nicht ein Wort, – ein gräßlicher Beweis, wie sehr aller esprit de corps unter ihnen untergegangen ist; ich habe Ihnen wohl erzählt, wie in Östreich über die beschränktesten Gegenstände ewig gesprochen wurde, weil Interesse für einander und für diese Gegenstände da war. Ich sprach mit der Bassewitz und einer andern hübschen Frau; sie ennuieren mich. Sonnabend war ich bis auf die Klavierstunde den ganzen Tag zu Hause und saß fest bei den Gesetzen, Aristoteles und Marheinecke. Der kleine Gerlach war Nachmittags einige Stunden bei mir; wir redeten lebhaft; er stritt gegen die Philosophie als eigne und von der Poesie streng geschiedne Wissenschaft und gegen die Würde des Denkens rasch und gewandt. Auch gestern und heute war ich den ganzen Tag zu Hause. Ich werde summarisch, liebe Rahel, weil ich nach dreitägigem Einsitzen heute ausgehn will zu Redtel, und es ist schon spät, acht Uhr vorbei; sonst sollten Sie noch einiges über Ihren Zettel hören. Also adieu, Liebe. A. M. Ich habe Willisen geschrieben, daß er die Anweisung durch den Überbringer des Briefs erhalten wird. Karl Wilhelm von Willisen , kämpfte mit Schill, dann in österreichischen Diensten, 1809 in die Heimat beurlaubt, 1811 bei Halle durch westfälische Gendarmen verhaftet und zu Kassel gefangen gehalten, bis es ihm 1813 gelang, zu entkommen. Später als General-Gouverneur von Posen. – Charles Pinot Duclos , Historiker; sein Hauptwerk sind die Mémoires secrets sur la règne de Louis XV . 1791. – Louis Herzog von St. Simon : seine Mémoires 1756 ff . sind die Hauptquelle für die Geschichte der Zeit Ludwigs XIV. – Giulio Alberoni , Kardinal und seit 1717 allmächtiger Staatsminister unter Philipp V. von Spanien. – Elisabeth Farnese war die zweite Frau Philipps. – Der Marquis ist der frühere Minister Del Giudice, an dessen Stelle Alberoni trat. – Guillaume Dubois , unter der Regentschaft des Herzogs von Orleans Staatsrat, dann Minister des Auswärtigen, vereitelte die hochfliegenden Eroberungspläne Alberonis und stürzte ihn 1719. – Louis ist Prinz Louis Ferdinand von Preußen. – Philipp Konrad Marheineke , Prediger an der Dreifaltigkeitskirche in Berlin: sein Werk System des Katholicismus in seiner symbolischen Entwicklung erschien seit 1810 in drei Bänden. 65. Marwitz an Rahel. [Potsdam,] Mittwoch Abend acht Uhr, d. 5t. Februar 1812. Ich will Ihnen einige Zeilen über Duclos schreiben, den ich eben geendigt habe. Ich beurteilte ihn in meinem vorigen Briefe falsch, denn er hat bei aller seiner Ungeschicktheit doch etwas, was ihn vor allen Franzosen auszeichnet, nämlich einen Ernst des Charakters, eine Wahrhaftigkeit, einen gewissen trüben Tiefsinn über Menschen und menschliches Handeln, Einsicht in den sittlichen Verfall und die daher entstehende Schwäche seiner Regierung, Schmerz darüber, der sich mit Ekel und Widerwillen gemischt hat, wodurch er an Tacitus erinnert; ja jene Ungeschicktheit selbst, von diesen höhern Eigenschaften getragen, ist eigentümlich und unfranzösisch an ihm. Der letzte Teil seiner Memoiren war mir höchst merkwürdig, weil mir die Notwendigkeit der Revolution daraus besonders einleuchtete. Der französische Adel und alles, was den Hof und die Regierung bildete, war zu verderbt. Welche schreckliche Depravation desselben brach unter dem Regenten hervor, und mit welcher entarteten Schwäche, welcher albernen Unfähigkeit endete diese unter Ludwig XV. Unter dem Regenten sind die Vornehmen mehr niederträchtig und ruchlos, unter Ludwig mehr sots . Nunmehr hat das Verderben der höhern Klassen auch die untern ergriffen, bei denen sich unter den Königen noch eine gewisse Frische, eine lebenslustige Gutmütigkeit, eine herzliche, ja hin und her religiöse Redlichkeit und Höflichkeit und dabei jene praktische Energie erhalten hatte, durch die sie fähig waren die Revolution zu machen. Nach allem aber, was man sieht und hört, geht es jetzt über in Korruption und Brutalität. Auch Duclos Stil ist hin und her dem des Tacitus ähnlich. Ich habe einige Stellen der Art gezeichnet; sie schildern mit kräftigen und energischen Zügen; doch tritt die Stimmung und die Art, die bei dem Römer permanent ist, bei dem Franzosen nur zuweilen hervor und unterbricht die übrigens schwächliche Darstellung. Montag Abend sechs Uhr. Seit Freitag habe ich alle Tage sicher auf einen Brief von Ihnen gerechnet, liebe Rahel. Warum schreiben Sie mir nicht? Sind Sie krank? Ich fürchte es, denn auf Ihren Zettel, den ich grade heute vor acht Tagen erhielt, müßte längst ein Brief gefolgt sein, wenn alles in der gehörigen Ordnung wäre. Ich hätte Ihnen vieles zu sagen, denn ich habe in diesen letzten acht Tagen ziemlich viel getan, aber da ich gar nicht weiß, wie es Ihnen geht, so kann ich mit keiner Sicherheit zu Ihnen reden. Geben Sie mir sogleich ein Zeichen Ihres Lebens. Ich komme Freitag nach Berlin, muß aber früher von Ihnen wissen. Gewiß ist etwas vorgegangen, denn sonst hätten Sie mir wenigstens ein paar Zeilen über die Besorgung der Kommission an Willisen geschrieben. Sie bei Ihrer Pünktlichkeit. Ich bin ganz besorgt. Adieu. A. M. Sie begreifen, warum ich Ihnen nicht mehr schreibe. Ich kann Sie mir nicht in dem alten gewöhnlichen Zustand denken, und wo fände ich Worte für den neuen, den ich nicht kenne? Auch müssen diese Zeilen noch heute auf die Post. 66. Rahel an Marwitz. Donnerstag Abend d. 15t. Februar 1812. Heute Abend habe ich Ihren zweiten Brief erhalten. Ich war krank. Lieber, Bester. Mit Böhm und allen Schrecknissen; ich bin genesend. Sonnabend ist der Brief an Willisen doch abgegangen. Herr von Humboldt zahlt's ihm aus. Auch Ihren vorigen Brief bekam ich erst Donnerstag. Sie müssen einmal zu Herrn von Segebardt gehen. Kommen Sie, Lieber! Wer weiß, wann Sie diesen Wisch erhalten. Fieber hatte ich nicht, aber mehr als das Gefühl davon. Montag vor acht Tagen ließ ich Böhm 66. Dr. Böhm , Theaterarzt: R.s Urteil über ihn als Arzt ist nicht günstig. – von Segebarth , Generaloberpostmeister. holen. Kann man solche Briefe schreiben, wie ich Ihnen, und nicht krank werden? Ja, nur leben bleiben! Ich lebe und erwarte Sie; ich darf noch nicht lange schreiben. Ich sehe nicht sehr schlimm aus und esse mit großem Hunger. Adieu, alter Marwitz! R. R. 67. Marwitz an Rahel. Potsdam, Montag d. 24t. Febr. 1812. Ich nehme ein altes, an Sie gerichtetes Blatt, liebe Freundin, um darauf an Sie zu schreiben. Ein etwas matter Brief wird es werden, denn ich bin es körperlich; der Kopf ein wenig angegriffen, ein kleiner Halsschmerz, der indes nachläßt. Ich habe wenig gute Stunden gehabt, seit ich Sie zuletzt in der Nachbarschaft des dicken Viehs verließ; ich war oft unwohl, dabei faul wegen großer innerer Zerstreuung, wenig Stille war in meiner Seele und wenig Kraft, keine Richtung nach dem Einen, Höchsten. Es störte mich einen Tag, daß ich examiniert werden sollte und wurde, denn zu meiner Schande muß ich Ihnen nur gestehen, daß mich dergleichen Dinge sogar agitieren und ich erst ruhig werde, wenn ich drin bin. Die meisten Fragen waren sinnlos und, was schlimmer ist, ganz ohne Zusammenhang; sie trieben mich immer von dem Gegenstand weg, den ich eben klar hatte und der mich interessierte, auf einen andern hin, welcher mit jenem in gar keiner Verbindung stand. Ich antwortete daher oft verquer, die Leute aber entgegneten mir nichts, teils weil sie überhaupt verschüchtert waren durch meine Probearbeiten (die hier unendlichen Rumor erregt haben) und durch meine ganze Stellung zu ihnen, teils weil sie mich nicht verstanden und sich zu blamieren fürchteten, wenn sie fragten. Der (ziemlich moderne) Jurist fing sein Examen mit der Frage an: Welches ist das Verhältnis des Göttlichen zum Staat. Ich meinte, er ziele hiermit auf die Antwort, daß der Staat nicht ohne eine Begeisterung für das Überirdische zu denken sei, und gab ihn diese (mit welchem Widerwillen, welcher Scham an dem Ort, und nachdem ich unmittelbar vorher von der Girobank hatte reden müssen!). Er aber hatte auf die Glaubens- und Gewissensfreiheit gezielt. So waren denn die meisten Fragen, man konnte tausend Antworten darauf geben. Genug von der ekelhaften Pasquinade. Daß ich durchgekommen, versteht sich. Ich muß es Ihnen wiederholen, liebe Freundin, ich habe übrigens genußlos und gemein gelebt, ohne eine Seelenerhebung, ohne eine kräftige Übung des Talents. Ein paar gute Stunden habe ich mit dem kleinen Gerlach gehabt; er ist voll Geist und Lebenskraft, unbefangen, fühlt und denkt immer neu, nur mir freilich ein wenig zu neu, denn es grenzt an das Desultorische. Ich werde ihn ja Ihnen zuführen, wenn Sie gesund sind. Ich habe den ersten Teil von Mirabeaus histoire secrete de la cour de Berlin gelesen. Von Friedrich II. sagt er: zwei Drittel von Berlin beeifern sich (nach seinem Tode) ihn für einen gewöhnlichen, ja untergeordneten Menschen zu erklären. Oh! Si les grands yeux, qui au gré de son ame héroique portoient la séduction ou la terreur, se rouvroient un instant, auroient-ils le courage de mourir de honte, ces adulateurs imbécilles . Von dem neuen Eide, den die Soldaten nach seinem Tode leisteten, ces groupes de soldats, qui pendant toute la matinée inondoient 1es rues, cette précipitation du serment légionnaire hätten angedeutet, daß der Herrschende vielmehr König einer Armee als eines Volkes sei. Sie sehen ein, daß ich diese Stelle nur anführe wegen der schönkomponierten unterstrichnen Worte. Herrliche Charakteristiken des Prinzen Heinrich, des verstorbenen Königs, des Herzogs von Braunschweig; nur schlägt er den letzten wie überhaupt die militärischen Fähigkeiten der Preußischen Generale und die Kraft des Preußischen Heeres zu hoch an, desto penetrierender durchschaut er die übrige Schwäche, den Geist des Ganzen, den gänzlichen Mangel an ausgezeichneten Menschen, den matten Gehorsam des Volks. Es sei fröhlich gewesen bei der Huldigung, sagt er, nur freilich glichen seine höchsten Emotionen kaum den ersten leisesten Bewegungen eines andern. Ein verachtender Zug geht durch das Ganze hindurch; die Einsicht in unsre Ungeschicktheit, unsre geistige Armut, unsre Ruppigkeit. Einige Zeichen der Zeit trägt er an sich, so die schon erwähnte Verehrung der Preußischen Taktik, dann den Glauben an die alte Politik und die Wirksamkeit ihrer Kunstgriffe, die Alliancen, Koalitionen p. p. Dienstag Vormittag 10 Uhr. Ich mußte gestern aufhören und will jetzt nur noch einige Zeilen hinzufügen zwischen dem Aristoteles, den ich eben verlasse, und den Akten, die ich vornehmen muß. Das Blut steigt mir ein wenig nach dem Kopfe, doch bezwinge ich es und nötige mich zur Klarheit und Denkkraft. Gestern Abend las ich eine kleine Schrift des Tacitus, die Lebensbeschreibung seines Schwiegervaters, des Julius Agricola, sehr schön mit durchgängiger Wortbedeutsamkeit, überhaupt mit der sinnigsten Behandlung der Sprache geschrieben bei dürftigem Stoff. Die mémoires de Richelieu von Soulavie sind sehr schlecht, gar nichts Neues darin; sie sind verschieden, wie ich erst aus der Vorrede sah, von der vie privée , die wahrscheinlich alles Merkwürdige enthält. Adieu, Liebe. Ich ahnde, daß Sie besser sind; darum fragte ich gar nicht. A. M. Ich komme Freitag. Honoré Comte de Mirabeau , Sur la monarchie prussienne sous Frédéric le Grand 1787 in vier Bänden. – Louis Herzog von Richelieu , Großneffen des berühmten Staatsmannes, Mémoires sind, bearbeitet von Soulavie, 1793 herausgegeben; die Vie privée von Faur erschien 1792. 68. Rahel an Marwitz. Montag, d. 2t. März 1812. Damit Sie morgen diesen Brief haben, muß ich jetzt – halb sechs – schreiben. Ich schickte Marcus Ihren Brief von damals mit einem Zettel, darauf schreibt er mir diesen. Als ich ihm antworte, daß ich damals Ihren Brief zu lesen gegeben hatte, und an welchem Fenster er ihn in meinem Zimmer las, tritt er selbst herein, streitet's mir erst ab; wie das nicht geht, sagt er, ich habe Konventions-Taler gesagt. Wie ich nur darauf kommen soll? Kurz, er ist so incivil, zu machen, als ob es nicht seine, sondern meine Sache wäre. Für zu großen Ärger der Gesinnung und des Unterstehens konnt' ich ihm kein Wort sagen. Und habe nun die kleine Regel für den großen Ärger, nicht mit Brüdern Bankier-Geschäfte zu machen, denn welchen fremden Bankier würd' ich nur erst fragen! Er will Friedländer morgen nach Wien an Herrn von Willisen schreiben lassen, daß er, Friedländer, sich geirrt habe. Ich bitte Sie, schreiben Sie auch, damit Herr Willisen die fünfzig Gulden oder das Ganze wiedergiebt. Ich habe meinen Prager auch gestern wieder erinnert dahin zu schreiben. Seien Sie versichert, ich mische mich in nichts mehr, da zu viel Tolle uneingesperrt sind und mir (nach den ewigen Regeln des sich zu Entwickelnden, nicht nach schwach erdachten Dämonen) nichts gelingen soll. Nach diesem procédé kann ich mir auch von Marcus nichts leihen. Hat seine gute Seite bei dem Unbequemen. Fragen Sie, ob ich Lust zum Schreiben habe. Die Nacht fallt ein, und Sie bringen mir nie Federn. Adieu! R. R. Konventionstaler zum 20 (statt 24) Guldenfuß in Preußen als Handelsmünze geprägt. – M. Friedländer war Bankier in der Burgstraße. 69. Rahel an Marwitz. Mittwoch Vormittag gegen zwölf, d. 11t. März 1812. Was ist das, Lieber, daß Sie mir nicht schreiben; soll ich mich ängstigen? Wollen Sie sich zu mir vergleichen, die ganz vernichtet ist, und die ohnehin noch immer gestört wird? Denn noch immer war ich nicht aus, und die ganze Familie denkt mich besuchen zu müssen und stört mich richtig, grade immer in den Morgenstunden, wo ich schreiben kann; den Nachmittag ist mir unbehaglich, und alle Reden an Sie mir vergangen, und dann rechne ich so; nun geht der Brief doch erst morgen Mittag, bekommt er ihn übermorgen; vaut autant , du schreibst morgen früh, und morgen früh geht's mir ebenso. Sie sind doch nicht krank? Jetzt müssen Sie mich aufheitern und anregen, erfrischen und ermuntern und mir Vorrat vor den Geist bringen. Ich bin an Leib und Seele ganz erschöpft, zu hin. Sonnabend konnt' ich's Varnhagen in seiner ganzen Monstrosität ausdrücken, wie mir ist oder mir da war. Was hat er mir aber auch für einen Brief geschickt und in welchem Moment! Hingerichtet, geopfert, dem Tode näher als dem Leben, lag ich beinah regungslos auf mein Lager gefallen; nach einer strengen sowohl als tiefen Untersuchung meiner selbst und allen Windungen meines Lebens; ganz hatte ich gefunden, wo die Dissonanz, die Tonspaltung anfing. Erschöpft lag ich über das Maß Zeit hinaus, woran ich eigentlich mit meinen Lebensjahren stehe, als man mir beifolgende Briefe reichte. Erst las ich den an mich, zagend und mit zurückstockendem Herzen wollte ich den zweiten nicht lesen, und las ihn doch. Man soll einem Menschen so etwas nicht vorhalten, nicht daß ich nicht alles und nicht besser wüßte und hundert Mal ausgedruckt habe, wo bei mir, von mir alles zu finden ist in Briefen. (Das schrieb ich auch Varnhagen zurück.) Aber wie man einem großen Arzt seine letzten Augenblicke erheitern soll und nicht sich unterrichtend von seinem tödlichen Übel ihn unterhalten soll, das der Mann selbst am besten kennt und zum Unterricht schon erörtert hat, so sollte man mich zerstreuen wo möglich. Mein Schmerz war grenzenlos wie mein Geschrei und mein Herzpochen. Wie in Wänden eingefangen fand ich mich, auch von außen, so unangenehm waren wir das Lange, das eben Anerkannte daher, so furchtbar, so unwiderruflich. Ich ward auf viele Tage ganz krank, das Herz zur eignen Furcht nicht zum ertragen im Busen. Wenn ich mich auch wieder faßte und mit meinen Gedanken in die rege, lebendige Welt führte, wie ich auch schon Varnhagen geschrieben hatte, was ich ungefähr hier sage, und er solle es sich nicht leid sein lassen, es wäre auch noch anders, als er und ich es in einen Begriff fassen könnten, sonst müßt' ich ja auch schon tot niedergeschlagen sein. Bei dem Worte, wo Sie den Stern sahen, kamen Ernestine, ihre Mutter und eine Madam Friedländer, die Sie nicht kennen, dann Meyer, dann Marcusens und Hanne, die mir Ihren kleinen Brief, der mit den dreißig Rtl. kam, brachte. Sehen Sie also wieder die Störung. Sie schrieben mir ja so zerstreut, Lieber, als wenn Sie verliebt wären. Es freut mich, daß Sie Sanssouci, Himmel und Luft sehr genießen. Ich bin noch immer sequestriert, verdammt. Vielen Dank für's Geld. Wie weh tut es mir, daß es Ihnen Mühe machte. Marcus war grade hier, er sagte mir ganz artig und freimütig, es habe Zeit mit dem Rest. Erlauben Sie mir noch ein Wort von immer schmutzigem Geld. Sie wissen doch ganz gewiß, daß das, was ich Ihnen verwahrte, ganz richtig ist? Denn ich habe keinen sous in Konfusion davon genommen, und jedes Agio liegt dabei. Es ist Ihre ganz besondere Kommode. Auch darum, Lieber, wollte ich Ihnen nicht schreiben, weil es keine Klagebriefe mehr werden sollen. Dies muß ein Maß, ein Ziel haben, wenn es würdig, in mir selbst würdig bleiben soll; so müssen Sie auch diesen schon, obgleich er von Jammerklagen strotzt, nicht für einen solchen halten und nehmen; sehen Sie auf die außerordentliche Veranlassung zurück. Und ärgern Sie sich nur noch einmal mit mir, daß der tolle Varnhagen, dem ich die größte Danksagung zollen muß und zolle, für seine Liebe, mitten in seiner Apotheose mich ungerecht nennt, bei Josephinen. Was wär' ich wohl Gutes, ich, wenn ich ungerecht sein könnte? Mich dünkt, der einzige Mittelpunkt, die Achse meines unglänzenden, verränkten Wesens, des unscheinbaren, des grazien- und talentlosen, ist, daß dieser Punkt zu finden ist, daß ich gerecht bin für andere wie für mich. (So schrieb ich Ihnen schon einmal.) Könnte ich gegen ihn sein, wie Varnhagen sagt, was wär' ich dann, und was könne und wolle er denn wohl in und von mir behaupten? Aber zum Glück wissen Sie, mein Freund, was er ungerecht nennt, wann er mich so nannte. Als ich ihm schrieb »Bessere dich wirklich« etc., da schrieb er, ich sei ungerecht gegen ihn, weil die Welt mich verletzt habe, im Ganzen. Und er war toll gegen meine Freundin gewesen und wo möglich verletzend gegen mich, und als das endlich zur Sprache kam, wollte er die ausprügeln. O, seien Sie mein Freund und retten Sie, wenn ich tot bin, das Bild meiner Seele. So lange ich lebe, muß jeder Tag mich verteidigen, nur tot, als Objekt, soll mir meine volle Gerechtigkeit geschehn! Ich habe du Guesclins Leben fertig gelesen, es ist schlecht aufgefaßt und so geschrieben, daß man sieht, die urkundlichen Nachrichten sind schlecht. Grad als Sie wegreisten, las ich Agricolas Leben von Tacitus, da gefiel mir besonders trotz der fabelhaften Übersetzung sehr die Beschreibung der letzten Schlacht, die er gegen das letzte Volk der Britanen lieferte; sie war für mich so deutlich erzählt, als sähe ich sie, welches ich in allen dergleichen Beschreibungen immer vermisse, die mich gewöhnlich ganz verwirren, und wo ich mich für dumm halte, glaubend, die andern Leser verstehn es gewiß besser. Vor ungefähr sechs Tagen war Minna Spazier bei mir, die erzählte mir, man habe ihr gesagt, Herr Geheimrat Wolf habe erzählt, er hätte Sie bei mir gesehen, wo Sie ihm eine hübsche Novelle vorgelesen hätten (welches ich nämlich ihm erzählt habe). Wie gefällt Ihnen das? Frau von Fouqué hat mir recht hübsch geschrieben, ich mußte aber Varnhagen antworten. J. Wobring, Barnekow habe wenig oder keine Schreibekräfte. Nun will ich ihr aber schreiben. Sie Undankbarer haben mir auch nicht ein freundliches Wort geschrieben. Warum, Schlechtester, hebt sich meine Seele, wenn ich Ihnen schreibe! Ihre erzürnte R., Furie, Gräfin von Doberluck etc. Geben Sie sich nun nur keine Mühe zu antworten, sondern kommen Sie, Bösewicht! Friedrichs Worte freuten mich, wie eilig, wie wahr! Bertrand du Guesclin , der Connetable von Frankreich unter Karl V., 1320–1380; sein Leben schrieb Guyard de Berville 1767. – Tacitus beschrieb das Leben seines Schwiegervaters Agricola : die Schrift erschien in vielen Ausgaben und deutschen Übersetzungen. – Minna Spazier , die oft genannte Freundin der Rahel. – Friedrich , der Bruder Alexanders v. d. M. 70. Rahel an Marwitz. Dienstag Abend sieben Uhr, d. 17t. März 1812. »Allgegenwärtiger Balsam allheilender Natur.« Auch dem menschlichen Geiste muß so etwas beigegeben sein, ein seliges Vergessen, ein nur auf ein Maß Zeit gegebenes Fassen des Unheils; und auch ich habe schon öfters empfunden die Unzulänglichkeit in mir des Verzweifelns und Unglückaufnehmens. Denn soeben wollt' ich losschreien über der Franzosen Vergeßlichkeit! Sie machen, so lange die Revolution währt und besonders die in Frankreich, und in ihren Büchern seit der Zeit, als hätte es dergleichen noch gar nicht gegeben. Und was war diese Revolution gegen Karls des Sechsten Regierung! Chauffeurs, Septembriseurs, Verräter an Bürger und König gab's aus allen Klassen; Mord, Mordenlassen, falsche Eide, wozu die Religion und ihre ersten Diener in Anspruch und zu Zeugen genommen waren, war Tagessitte, Hunger und Tod nur von denen gescheut, die nicht raubten und totschlugen. Frankreich ist das bewunderungswürdigste Land. Erstlich begreife ich nicht, wo in einer ganzen solchen Zeit nur eine Ernte, eine Aussaat, eine Fabrikation zu Stande kam; und dann, wie in wenigen ruhigen Regierungsjahren sich eine so freundlich feine Sitte bilden konnte, die das Muster der übrigen Erde wurde. Das sind wahrlich echte Menschen, sehr bös, sehr vergeßlich und leichtsinnig, sehr religions- und ehrbedürftig, geschickt und zerstörend, geistreich und roh und ganz unbegreiflich. Und solche unbegreifliche Unsinne gehen vor! Oder ist das nur der Verfasser der mémoires ? Welch entsetzliches Aufheben wird von Johann von Burgund seiner Ermordung gemacht, als wenn er ein unschuldig Täubchen wäre, und der Herzog von Orleans von seinem Girren umgefallen wäre? Als Johann den vor oder hinter, kurz beim Ausgang einer Kirche, morden ließ und es drei Tage nachher selbst gestand, geschah nichts, als kriegen, welches immer seinen Gang hatte, und als Mörder, Mörder eines königlichen Prinzen, eines Verwandten, war nicht von ihm die Rede. Wissen Sie, was ich bemerke, woraus großenteils das Unglück der Zeiten besteht? Daß eine immer in die andere greift, und nicht die neue in die alte, sondern die alte noch in die neue. Frankreichs Unglück zum Exempel hätte damals gar nicht so wachsen können, wären nicht so viele feste Schlösser dort, so viele kleine Gebiete, so verflochtene Herrschaften vorhanden gewesen, und der Sinn und die Meinung all der Besitzer davon, daß sie teils eigenmächtig und wehrständig sind und teils das Recht haben, einen Lehnsherrn nach Belieben zu wählen. Von den vilains war nur beiläufig die Rede, und das durch die frömmsten, weisesten Leute, deren immer nur wenige sein können. Was ich hier gesagt habe, heißt nur mit andern Worten: Schade und Jammer, daß der Geist unserm Ausüben auf Erden immer vor ist, welches sich ewig von neuem zu unserer Qual und Schmerz wiedererzeugt. Ich kann gar nicht räsonnnieren, wie Sie sehen, weil ich immer bis zum Erdball, der Menschen Geist und dem lieben Gott komme und dann an dem Berg stehe, und ein Räsonnement soll schreiten. Aber ich wollte meinem Geschichtsprofessor mich doch auch einmal produzieren und ihm zeigen, daß ich mir Gedanken bei Lesung derselben mache, welches mir mit Gedächtnis noch schwerer gelänge. – Nun warte ich auf einen Brief von Ihnen, bis mir etwas einfällt. Sehr schön ist es, wie König Heinrich von England unter allen Graueln Michette von Frankreich in Troyes heiratet, die Hofleute, deren sich aus Trümmer und Schutt fanden, ein Tournier geben wollten, welches er sich verbat und ihnen sagte, die Tapferkeit könne übermorgen bei Einnahme einer Stadt – den Namen weiß ich nicht – gezeigt werden, worauf sie losgehn wollten, um endlich dem armen Volk und den leidenden Bürgern Frankreichs Brot und Ruhe zu verschaffen. Aus einer Note. Dienstag, d. 24t. März, Vormittag um sieben Uhr. Wer weiß, ob man mich so lange allein lassen wird, bis ich Ihnen ein paar Zeilen werde geschrieben haben! Sie sehen, Undankbarster, wann dieser Brief angefangen ist. Sie sind stumm und schicken mir auch kein Buch, und nun muß ich mit meinem Lesen warten. Dazwischen lese ich, wenn sie mich nicht stören, ein altes Buch, den Streit von Mendelssohn und Jacobi betreffend, den ein gradgesinnter, vernunftrechter Mensch darlegt; Mendelssohn hat Unrecht. Dieser letztere aber hat, welches dabei gedruckt ist, die Schrift eines englischen Juden übersetzt und eine Vorrede dazu geschrieben, die meine Bewunderung ausmacht, so elegant und besonnen ist sie geschrieben; auch das Buch könnte, nein sollte, den jetzigen Übersetzern ein Muster abgeben. Des Juden Buch betrifft seines Volkes Zustand in Europa und die Auseinandersetzung der Gründe an die englische Regierung, aus welchen sie sie bei sich aufnehmen sollte; es ist im Original englisch, der Verfasser lebte zu Cromwells Zeit in Amsterdam und bekam die Erlaubnis nach England hinüber zu gehen. Er schreibt einen sehr schönen Brief an einen vornehmen Engländer. Ich, die unter Friedrich Wilhelm dem Zweiten von Preußen lebt, schrieb vorgestern einen großen original-deutschen Brief an Frau von Fouqué, welches mich abhielt, dem Ritter von der Marwitz, meinem Freunde, zu schreiben. Unter einem Usurpator, wie man's nennt, regt sich die Menschheit, es sei unter ( entre heißt dies unter) welchen scheußlichen Larven und Gestalten es wolle, immer, dünkt mich. Könnt' ich doch einmal ganz aussprechen, wie die Geschichte vor meinem Geiste liegt. Ist es nicht Jammer und Schade, daß ich die Geschichte nicht weiß, wie Sie? Nein, so viel wie bei und an mir, ist lange nicht verwahrlost worden! Sind Sie noch zerstreut, lieber Hamlet? Hamlet wegen »Zweifle, ob die Wahrheit lüge«. Ich habe den Sonnabend den allernichtswürdigsten Brief von Varnhagen erhalten, den er noch fabriziert hat. Viermal las ich ihn, und er hat mich jedesmal so progressiv geärgert – ich dachte das Gegenteil –, daß ich ihm den bündigsten, kürzesten, beinah ärgerlichsten antwortete; Sonntag aber schickt' ich ihm auch den nicht, sondern einen Zettel, der ihm sagte, daß ich wohl auf Kränkung und Beschämung – er verschwieg ja so viel, um mich nicht zu kränken – gefaßt gewesen sei, aber nicht auf Ärger. Ich schickte ihm den Brief der Gräfin zurück, und es wäre am besten, ich antwortete nicht, da ich mich so wenig verständlich machen könnte. In meinem ganzen Zettel kam weder das anredende Wort Sie noch Du vor, ohne Vorbedacht, was es mir aber angenehm war, als ich es bei Durchlesung bemerkte, das glauben Sie nicht, und doppelt, weil es unwillkürlich richtig geschah. Ich würde Ihnen seinen Brief mitschicken, wenn er, ohne von mir kommentiert zu werden, nicht an Nichtigkeit, Ausgelassenheit, Präsumption, Unsinn, Eitelkeit, Mikroskopie und Auseinandergehn des ganzen Denkens verlöre. Dieses schöne Produkt kam auf den, den ich Ihnen zur Hälfte gelesen hatte, und der wahrlich Ernst, Gesammeltsein, Trost erheischte nämlich, in jeder menschlich gebildeten Seele hervorgerufen hätte. Seiner ist dagegen wie ein Nürnberger schlechtestes Spielzeug, auf den Puff gemacht, inwendig ganz ohne Absicht und verabsäumt; denn ist das tolle Häuschen auch klein, so könnte doch auch das Größenverhältnis beibehalten, kein Geschöpf hinein, noch darin sich aufhalten. – Ich scheine ärgerlicher, als ich jetzt über ihn bin; der große Unsinn des Machwerks ruft nur die doppelte Schärfe aus dem beurteilenden Geiste hervor. Aber der – Varnhagen – zeitigt sich mit und durch eigene Gewalt in mir. Ich sehe nun wirklich ein, ich muß ihn gebrauchen, wozu er gut ist, und sonst nichts. Kluge Leute tun das mit der größten Gelassenheit mit allen Menschen. Sie zu einer Höhe zwingen und haben, wo sie sich nicht halten können, ist wahrlich schülerhaft. Aber nichts ist schwerer wieder mit aus der Welt zu nehmen, als der Drang nach Bewunderung, Liebe, Wohlwollen; die Reich- und Weichherzigen übereilen sich diese Schätze auszuschütten, und nur sehr wenige, auch mit Maß und großer Stärke zu jenen Gaben Begabte sind weise vor dem großen Defizit. Ich bin es mit und während der größten Einsicht nicht. Da steh' ich wieder. Fest hatt' ich mir vorgenommen nicht mehr von mir zu sprechen, wie von einem ausgegangenen Baum, an dessen Stelle endlich neue Pflanzungen kommen müssen. Mein Geist lebt aber noch, und wie soll sich der anders nennen als ich ? Mit mir steht es höchst elend. Meine innerste Gesundheit scheint erschüttert, und außer meinen Geschwistern merken's alle Menschen an meiner Haltung und Weise; auch ich fühle es auf alle Weise, von der stumpfesten Eitellosigkeit bis zum konvulsiven Schmerz – Schrei der Tränen – Cochinsky bemerkte mir erst gestern sehr gescheit diese Veränderung, ich sehe ihn dann und wann mittags, wenn ich esse –, und in wahrer Verzweiflung bin ich, wenn ich glaube, ich würde nicht wieder gesund und so hingepeitscht bis in's taube, stumme Grab, ohne Gesundheitsgefühl vorher; jedoch lodert mein Geist immer von neuem wieder auf, als schüttete man große Behälter voll Schwefel auf eine Flamme, der sie zu dämpfen scheint und furchtbar nährt. Dies kann ich denn den Freunden nicht, nicht einmal jeder Umgebung verbergen. Immer noch einmal überdenke ich das Überdachte, kombiniere es zu andern Gegenständen des Denkens, und es muß passen. Teils bin ich dazu gezwungen, teils geht das in meinen Kopf wie in einem Gebiete vor, wo ich nur das Hinsehen habe, wie große Vegetationen, die sich die atmosphärischen Kräfte unter einander selbst verleihen, in dem einmaligen zum Leben gezauberten Dasein. Mein unschuldigster und auch leidenlosester, fast amüsanter Moment ist, wenn ich ganz neugierig werde, wie das noch mit mir und allem werden wird. Ich war auch in der Komödie, wo ich Madam Bethmanns ihre Tochter aus Prag habe im Opferfest spielen sehen. Dies ist doch die größte Marter, die man sich antun kann, sich durch schmerzbringende Töne und Verkehrtheiten stillsitzend und zur Bewunderung einer Masse von Menschen, die doch alle acht Groschen haben, beweisen zu lassen, wie entfernt unsere Nation von aller Kunst ist; durch zehnfach mißverstandene Ausübung einer, die die meisten gebraucht und wie jede von ihnen alle in sich begreift: einer Kunst, die den Menschen so natürlich ist, daß sie durch eine Schule von verrenkten Ein- und Ansichten erst aus ihnen muß ausgerottet werden, von welcher Schule – wie selten gelingt dergleichen! – Rebenstein ein lebendiges Ideal ist, zur sichtbaren Glorie des großen Meisters. Amen! Ich brauche Luft! Denn ich schöpfte nicht Atem vor Disgust. Leben Sie wohl! Und verdienen Sie solche lange Briefe durch eben so lange. Heinrich V. von England (1387–1422) heiratete Katharina (Michette), Tochter Karls VI. von Frankreich, in der Absicht, daß nach Ableben des letzteren ihm und seinen Nachkommen die französische Krone zufallen sollte, starb aber, bevor der Vertrag zur Ausführung kam. – Johann von Burgund , der Gegner des verschwenderischen Herzogs Louis von Orleans, ließ diesen 1407 in Paris ermorden und erlangte dadurch die Leitung der Staatsgeschäfte und der Erziehung des Dauphins Karl, trat mit Heinrich V. von England in Verbindung und wurde auf Anstiften des Dauphins 1418 ermordet. – F. H. Jacobi hatte in seiner Schrift »Über die Lehre des Spinoza« Lessing angegriffen; Mendelssohn antwortete, um die Ehre seines Freundes zu wahren, mit einer Gegenschrift »Moses Mendelssohn an die Freunde Lessings«, deren Druck er nicht mehr erlebte: er war 1786 gestorben. – M. übersetzte das Buch des jüdischen Schriftstellers Manasse Ben Israel (1604–1657) Conciliador , worin eine Klarstellung sich widersprechender Bibelstellen versucht wird, über den Zustand der Juden in England. – Das Unterbrochene Opferfest von Peter Winter 1796. – Rebenstein , Schauspieler und Sänger. R. R. 71. Marwitz an Rahel. Potsdam, d. 7t. April [1812], Mittwoch um halb 7 Uhr Abends, bei augenblicklich hellem Wetter; der Himmel ist blau und kalt, Schneewolken ziehn drüber hin. Les ennuis me consument, ma chère amie . Ich lebe zu schlecht, zu einsam, zu mechanisch, ohne irgend eine Beziehung, ohne Aussicht: und gegen den matten Tod, der rings auf mich eindringt, hält sich die innere Kraft kaum aufrecht, der ernste, besonnene, gebietende Wille läßt nach, die frische Tätigkeit erblaßt. O, stille, mein Herz! Ja, so ist es, liebe Rahel. Ein Tag nach dem andern vergeht, und keiner bringt mir was Liebes, was Glückliches. Sogar die Frühlingslüfte bleiben aus, die Sonne scheint winterlich, und auf der Terrasse von Sanssouci ist es rauh und unangenehm. Im Herbste ist das ganz anders, das scheidende Jahr erregt da in einem wehmütige und ernste Gefühle; die langen Abende treiben einen mehr und mehr hinein in das Innere, der gewaltige, nützliche Fleiß beginnt da, aber diese Zeit mit den frühen Morgen, den späten Abenden, der hohen Sonne und dabei allen Widerwärtigleiten der rauhen Jahreszeit stumpft ab. Die Morgen gehen noch ziemlich hin; ich arbeite in Regierungsgeschäften und übe mich da noch immer; aber an den Nachmittagen quält mich Langeweile und Unerregtheit. Der einzige Mensch, den ich sehe und viel sehe, ist der kleine Gerlach. Er hat viele gute und vortreffliche Eigenschaften, die ich anerkenne und liebe, aber er paßt nicht recht für mich, und ganz nahe werden wir uns wohl nie kommen. »Seine Augen geben mir keine Sicherheit« muß ich von ihm sagen, wie Sie mir einmal von Heinrich Kleist. Er ist mehr munter, frisch, geistreich und unruhig, als tiefsinnig oder stätig; sein Leben glänzt in lauter hellen Farben, der Ernst und die Regel fehlen. Daher quält er mich, auch äußerlich, denn er arbeitet wenig, am Nachmittag nie, und da ihn die übrigen Zirkel ennuyieren, so will er in diesen seinen Freistunden immer um mich sein, welches mir lästig wird, wie Sie denken können, und um so mehr, da er oft abgestumpft ist und dann grade hierher kommt, um seine Langeweile auf mich zu übertragen. Ich streite ungeheuer mit ihm über die Prinzipien, die höchsten Dinge, namentlich die Religion, halbe Nächte hindurch; er führt seine Sache dabei sehr geschickt und gewandt und witzig und hat daher oft das Übergewicht über mich, aber es geht nicht still in ihm zu; er wird heftig, leidenschaftlich, ist mehr aufgereizt als durchdrungen und hält so von sich und andern die milde, gesammelte, frommdemütige Stimmung ab, der sich das Höchste allein offenbart. Unsre Gespräche der Art sind daher wohl interessant und üben mich, aber sie führen nicht zur Begeisterung. Er verachtet und bekämpft alle Philosophie auf eine übermütige Weise, will dagegen durchaus religiös und christlich in seinen Ansichten sein, er ist aber das Letzte mehr, weil er dadurch einen Gegensatz erhält gegen die Wissenschaft und einen Haltungspunkt für seine Gesetzlosigkeit, als aus Durchdrungenheit und stiller Überzeugung. – Ich weiß nicht, wie ich über ihn fortfahren soll; ich möchte ihn nicht zu sehr tadeln, denn nehme ich das ab, daß er die stille, sanfte Erregtheit der Seele nicht kennt, die Frühlingstage des Gemüts nicht, wo die innere Sonne warm scheint, der Himmel blau ist und still und die Erde in dichtem Grün steht, – nehm' ich dies ab (freilich ist es viel), so kann ich ihn nicht genug loben; er ist klug, sinnig, ganz wahr, fein und scharf auffassend, beredt, auf die glücklichste Weise witzig; seine schönen braunen Augen können einen überaus angenehmen, zutunlichen, liebenswürdigen Ausdruck gewinnen. Grünes kennt er nicht, – böse Folge aus bösem Ursprung. »Sie scheinen zuweilen eine ganz sentimentale Liebe zur Natur zu haben«, sagte er mir einmal, halb im Spaß, halb im Ernst. Auch aus Musik macht er sich nichts; überhaupt versteht er die Erscheinung des Göttlichen im Leben, die Würde der Natur nicht und sucht daher einen bewußten persönlichen Gott jenseits der Welt, er giebt nicht zu, daß Gott nichts ist, als das tiefe, mystisch geheimnisvolle, einfache, unbedingte, über die Persönlichkeit eben so wie über die tote Unpersönlichkeit erhabne Dasein, die Idee, vor der der ganze wilde Tumult der Welt in leerem Schein dahinstirbt, das Böse nicht ist, also auch keiner Erklärung bedarf, und in der die ganze Fülle der Welt ganz körperlich und ganz geistig zugleich ruht. Ach, liebe Freundin, wie unzulänglich sind die Worte, wie schwach die Gedanken, wenn sie sich an dieses höchste Ziel wagen; in einzelnen Momenten kann sich ihm die Seele nahen und ein Strahl des göttlichen Lichts kann sie treffen, aber augenblicklich sinkt sie zurück. Was soll ich Ihnen sonst noch von mir erzählen, liebe Rahel. Meine Tage waren grau in Grau, wie ich Ihnen vorn schon gesagt habe. In freier Luft war ich wenig, gearbeitet habe ich ziemlich, doch nicht viel gelesen, die mémoires der Christine de Pisan, die die unsinnigen Herausgeber an den bedeutendsten Stellen verstümmelt haben, die von Pierre de Fenin halb. Sie sind sehr schlecht. Von Girtanners elendester Geschichte noch ein paar Teile; er wird wirklich auf jeder Seite imbeciller; einige mir interessante kameralistische Bücher. Noch eine Situation muß ich Ihnen zeigen, in der Sie sich mich zuweilen denken müssen. Wenn ich mit Gerlach spazieren gehe, so wenden wir uns gewöhnlich nach dem Neuen Palais zu und enden damit, in der Abenddämmerung auf den breiten und hohen Stufen von Sandstein an den prächtigen Fenstern vorbei, lang um das Haus herum zu laufen. Das letzte Abendrot glüht dann durch die Arkaden der Communs hindurch, und gegen den Garten zu ist es still, vast und dunkel; unsre Schritte hallen. Ein Histörchen. Heute nach fünf ging ich zum Reg.-Rat Kerll, mit dem ich zu tun habe, fand ihn nicht, und da ich ihn gern sprechen wollte, ging ich zu dem Konditor Tamanti hinein, der einige Häuser davon wohnt, um nach einer halben Stunde wieder zuzusehn. Ich finde eine sehr gesprächige Mademoiselle Tamanti im Laden, die mir sehr vornehm von dem langwelligen Aufenthalt in Potsdam spricht, wie sehr der Ort verloren habe durch den Tod der Königin, sie namentlich. Wie ich weiter fragte, kam heraus, daß sie der Königin Unterricht auf der Guitarre und im Singen gegeben hat, daß sie selbst eine Schülerin von Righini und der Marchetti ist; von der letzten will sie vor vierzehn Tagen einen Brief aus Moskau erhalten haben, wo es ihr wohl geht und sie bei einer Russischen Fürstin lebt; sie (die Tamanti) sucht keine Gesellschaft auf, kennt fast keinen Menschen in Potsdam, divertiert sich aber ganz vortrefflich durch das Studium (ihre Worte), spricht von Pik Maljon: ich glaubte, es wäre ein irländischer Komponist, denn sie erwähnte ihn unter Musikern, da zeigte es sich, daß sie Pygmalion meinte. Das alles kam mehr Italienisch dumm, naiv und verrückt als deutsch affektiert heraus. Sie kennen die ziemlich häßliche Kleine gewiß. Ich ging wieder zu Kerll. Wie ich ins Haus trat, stieg die Gabinsche Familie, die zum Besuch kam, eben aus dem Wagen, und ich sah auf einen Augenblick die kleine Gabin, von der ich Ihnen erzählt habe und die mir überaus wohl gefällt. Das tröstete mich, bis ich nach Hause kam, da fing ich diese Elegie an. Den einliegenden Zettel schicken Sie (Mittags vor 3 Uhr) zu Winterfeld. Er enthält den Befehl, Ihnen den Kalender zu schicken, worin die Novelle von der religiösen Polin steht, von der wir einmal sprachen, auch die ekelhafte der Fouqué zusagende von der Pichler. Antworten Sie gleich auf diesen nicht ganz schlechten Brief. Ich sage dies ausdrücklich mit dem Akzent auf ganz in wahrhafter Kontrition. Adio. Ich komme erst Freitag über acht Tage. Christine de Pisan , französische Dichterin 1363–1431; gemeint sind wohl ihre Werke Le livre de faits et bonnes moeurs de Charles V. und Les trésor de la cité des dames. – Pierre de Fenin , gest. 1506; seine Chronik, die die Zeit der Orleans behandelt, erschien in mehreren Auflagen. – Christoph Girtanner , Nachricht und Betrachtungen über die französische Revolution, 13 Bände, 1794. – August Ludwig Kerll , Regierungsrat in Potsdam, später im Handelsministerium. – Vincenzo Righini , seit 1793 Kapellmeister in Berlin, auch als Komponist bekannt. – Die Sängerin Marchetti wird wegen ihres Gesanges von Humboldt in seinen Briefen an Schiller besonders gerühmt. Ihre »Wunderaugen« galten als besonderes Zeichen ihrer Schönheit. – Karoline Pichler , die Dichterin; eine Novelle über die polnische Gräfin ist nicht bekannt; vielleicht gemeint »Olivier« 1812. A. M. 72. Rahel an Marwitz. Freitag Nachmittag sechs Uhr vorbei, schneeig, hell, etwas blau am Himmel, d. 9t. April 1812. Sittliche Menschen, die keine Narren sind, gestellt wie wir (das bißchen Modifikation rechne ich nicht), werden rein vom Tod berührt. Ich habe mich längst gewundert, keinen solchen Brief von Ihnen zu erhalten; die Gründe dieses Wunders und meiner Behauptung sind zu oft, zu lange dargelegt in allen meinen Briefen an Sie! »Grau in Grau.« Dies sind meine Worte schon vor Jahren an Varnhagen. So sollen die frischesten, biblischten, ich meine frömmsten, lebendigsten Gemüter ausdauern müssen? Mit mir ist es nur noch schrecklicher! Sie wissen, wo ich mit meinem Vergehen, meinem Verzweiflen hielt; nun hat grenzenlose Angst und Sorge den Fuß auf mich gesetzt. Angst vor Exzessen – von denen welche, einige, vorfallen, und Sorge, wie ich es nur bestreiten soll. Diese beiden niedrigsten Affekte, oder was es sonst ist, steht meine Seele, wie sie ist, lebendig nicht aus, sie schrollt in Untätigkeit zurück, und dies nur fühl' ich. Die edlern Klagen, das gerechte Vermissen schweigen; und wenn ich auch jetzt für Ruhe Glück und Seligkeit dem Himmel verpfände, so weiß ich von allem doch, wie es ist. Wie mir ist, ist keinem Gefangenen und keinem König im übelsten Zustand; entwickelt, dies nur mündlich! Ich habe einen Kommissär und einen Bedienten als Einquartierung; der Herr aber durch das größte Ungefähr wohnt wo anders! Reines Glück, welches sich in jeder Viertelstunde ändern kann. Ich sehe niemand, gehe nicht aus und fürchte mich unvernünftig. Sie haben mir vortrefflich geschrieben, und das Gefühl darüber wend' ich dazu an, daß es mir wenigstens die Kraft geben soll einen Brief zu schreiben, wenn auch nicht zu antworten. Ja, mein teurer Mitmensch – mehr noch als zufälliger Freund –, Sie drücken es aus, wie man über Gott nicht sprechen kann. Wenn der Begriff eines solchen Daseins nicht die Grenze des unsrigen ist, was ist er denn? Eine grenzenlose Unterwerfung muß es sein jedesmal, von etwas Unendlichem erzeugt, was in uns vorgeht, was wir auffassen! – Schneidende Messer sind es mir, wenn sie so dreist weg von Gott sprechen wie von einem Amtsrat und grade den Stummen, Übererfüllten von ihm ( ihm! ) abwendig glauben. Diese Empfindungen machen mir auch jetzt wieder in der Bibel alle Reden und Gesetze in der Wüste. Ich werde meiner Nation ganz abgewandt; wenn ich auch Moses die Gerechtigkeit muß widerfahren lassen, daß er's mit sechsmalhunderttausend Jungvolk nötig hatte. Gräßlich geschrieben und vorgetragen ist es gewiß. Nur bis nach Josephs Geschichte ist es schön; so weit ich bin. Diese Woche wollte ich einen Morgen Madam Schleiermacher besuchen: sie hatte Klavierstunde, und Nanny, die aus der Küche kam, führte mich mit Gewalt zu ihm, wo ich aus der reinsten Bescheidenheit weder hinein noch bleiben wollte. Er las in einem neuen Buche eines hiesigen Menschen, der die lutherisch-evangelische Vereinigung will, ich brachte ihm einen Teil von Heinrich Kleists Erzählungen wieder und wollte von ihm ein Buch und griff Spinoza. Ich lese ihn. Den habe ich mir zeitlebens anders gedacht. Ich verstehe ihn sehr gut. Fichte ist viel schwerer. Es ist sonderbar, mir kommt immer vor, als sagten alle Philosophen dasselbe, wenn sie nicht seicht sind. Sie machen sich andere Terminologien, die man ehrlich gleich annehmen kann; und den Unterschied find' ich nur darin, daß sich ein jeder bei einem andern Nichtwissen beruhigt, entweder aus einem solchen seine Deduktion anfängt oder sie dahin führt oder weniger streng es mit drunter laufen läßt. Spinoza gefällt mir sehr; er denkt sehr ehrlich und kommt bis zum tiefsten Absolutesten und drückt es aus, und hat den schönen Charakter des Denkers, unpersönlich, mild, still, in der Tiefe beschäftigt und davon geschickt. »Von den Gemütsbewegungen« ennuyiert mich, weil das Wichtige im »vom Geiste« schon vorkommt, und wie sich's weiter fortbewegt mir und uns allen genug bekannt ist, den abstrakten, einsamen Mann aber unterhielt, wie es scheint. So viel ich von Spinoza. Die Ethik des Spinoza , die die angegebenen Traktate enthält, erschien erst nach seinem Tode 1677. Ich lieb' ihn aber sehr, den Mann. Wissen Sie, was Faust Gretchen antwortet, als sie ihn fragt: »Glaubst du an Gott?« Das schönste Gebet ! Welch schöne Gebete strömten schon durch eine Seele, die dies antwortet; wie wälzte da der Geist schon Gedanken empor! – Über Gerlach haben Sie Recht. Ich bin es überzeugt, Sie haben ihn göttlich beschrieben; wie unschuldig, wie ehrlich und wie wirklich gesehen, das erfindet man noch schwerer, als man's sieht. Das Abspeisen neumodischer Art mit dem Glaubenswesen ist meiner tiefsten Seele zuwider. Einzeln steht dieser Befehl, auf keinem Grund und Boden erwachsen, nicht auf Güte, nicht auf keuschem Auffassen der Geschichte, nicht auf Enthusiasmus des göttlichsten Exempels, nicht auf kinderhaftem Glauben an das, was Eltern und Lehrer meinen und lehren; auf schlechte Weise, wie Theater und Galerien besucht werden, hausen sie und disputieren und verschanzen sie sich gegen les ennuis (den »großen Verdruß«) in's neuerfundene Glaubenswesen hinein und herum! Und kaum paßt dies zur Wahrheit, die Sie mir von Gerlach loben, und die ich glaube. Sie lieb' ich doppelt wegen Ihrem Brief und Ihren Gebeten darin. Es giebt nichts anders! Wer nicht in der Welt wie in einem Tempel umhergeht, der wird in ihr keinen finden. Ich kann Ihnen nichts schreiben, – als: trösten Sie mich! Machen Sie mir Hoffnung zu Sommer, zu Luft, zu »Grünem!« Zu anderm, als ich sehe, was mich ganz erdrückt. Leben Sie wohl! Varnhagen hat mir wieder einen Liebesbrief geschrieben, mit einer Einlage von Hrn. von Nostitz an mich, recht artig in jeder Art. Antworten könnt' ich dem aus Unseligkeit nicht. Varnhagen nur wenig, damit er nicht denkt, ich sei böse. Was ihm Graf Goltz geantwortet hat, weiß ich nicht, da Neumann seit zehn Tagen bei Fouqué ist und erst morgen wiederkommen soll. Zu Herrn von Winterfeld werd ich schicken, ich danke Ihnen. – Ich wünsche Sie wohl zu sehen! – aber nicht zum Zeugen meiner Angst. Kommen Sie! Adieu! Ach, wär' ich auf einem schönen, ruhigen Berg und sähe glückliche Familien! Adieu! R.R. Sch[leiermacher] fragte mich gleich höchst freundlich nach Ihnen, pour me plaire glaub' ich. 73. Marwitz an Rahel. Potsdam, Sonntag d. 11t. April 1812. Nur zwei Worte, liebe Rahel. Es ist elf Uhr, draußen mildes Frühlingswetter, der Himmel blau und von leichten Wolkenstreifen durchzogen, die Sonne scheint gelinde zu meinen Fenstern herein. Ich sitze, wollte arbeiten, aber die Arbeit ekelt mich an. Nachdem ich in Arnims Wintergarten Achim von Arnim , Der Wintergarten. Novellen 1809. gelesen und noch nicht ausgehen mochte, nahm ich Ihre Briefe vor und las die lieben, die Sie mir vor einem Jahr schrieben, und worin alle Frühlingslüfte hauchen. Erinnern Sie sich eines aus den ersten Apriltagen, worin Sie mir von Bettina schrieben, der Sie begegnet waren. So aufgeschlossen, empfindlich berührt liegt mein Herz da, wie damals das Ihrige. Seit gestern ist es so. Ich machte am Nachmittag den angenehmsten Spaziergang, allein; gegen halb acht Uhr ging ich aus auf den Brauhausberg und von da in den Wald hinein; wechselnde hohe Hügel ziehn gegen Süden, Pfade führen hindurch, rechts tief unten liegen die Potsdamschen Wasser, auf die man zwischen den Fichten hindurch von Zeit zu Zeit hinsieht. Sie wissen, wie angenehm es ist hoch zu gehen und tiefe Gründe neben sich zu haben; Schafe weideten in dem sparsamen Holz, die Glocken klangen zu mir herüber. Da fühlte ich mich der Natur ganz nahe, wie aus einem Gefängnis entronnen, und das stille, heitre, fromme Lebensgefühl kam über mich, das die städtische Verkehrtheit so selten heranläßt. Wie ein ursprünglicher, wie ein Sohn Gottes und der Natur ging ich mutig und rasch vorwärts über den Waldrasen weg, und als ich endlich heimkehrte, da war mir das Herz ganz mild und rein, aller Ekel der Gegenwart, alles Unbehagen der kleinlich zusammengepreßten, ertötenden Existenz war verschwunden. Nur warum muß ich immer allein gehn, warum sind Sie nicht hier, liebe Rahel? Ich sende Ihnen diese wenigen Zeilen. Sie werden Ihnen als ein neues Zeichen, daß meine besten Stunden mich immer an Sie erinnern, lieb sein. Antworten Sie ja auf meinen Brief. Sind Sie gesund? Ich gehe nun wieder in die Frühlingssonne. A. M. 74. Marwitz an Rahel. [Potsdam, April 1812.] Ich bitte Sie, liebe Rahel, wenn Sie durch einen Fuhrmann eine Gelegenheit wissen, mir meine Betten zu schicken, die Harscher hat, an den der einliegende Zettel geht. Es ist Morgens neun Uhr, schönes Wetter, der Himmel leicht bewölkt, die Sonne scheint, Vögel singen, ich sitze in meiner vordern Stube, die ich gestern wieder bezogen habe, am offnen Fenster. Gestern Abend war es wunderschön, ich lag, bis es dunkelte und die ersten Sterne vortraten, im Fenster, kühle Westwinde wehten, darauf las ich in großer Bewegung Goethes neuen Faust Goethes Faust wurde 1808 vollendet. bis ein halb zwölf. Adieu. Ich bin etwas zerstreut durch zweistündiges Lesen und Denken. Die Rückreise war gestern recht schön. Ich komme wahrscheinlich erst Montag, meines Bruders wegen, den ich sprechen muß. Dienstag früh. A. M. 75. Rahel an Marwitz. Dienstag Vormittag halb zwölf, d. 13t. April 1812, bei bedecktem, nicht trübem Himmel. Ihr Brief von vorgestern, mein lieber Freund, ist ganz in meiner Seele aufgenommen, ohne durch mein Herz gegangen zu sein. Ist solcher Unsinn schon erfunden? So fühl' ich es, es ist zu gedrückt von Totenangst, mein Herz, es kann nicht leben, wie sollt' es an den Frühling kommen? Und doch hab' ich es tief in der Seele geschlossen und mit einem dankbaren Frohsein, als gehörten unsere Gemüter in eines, daß sie eine selige Minute, eine natürliche Empfindung hatten. Voriges Jahr waren Sie gedrückt, und mein Herz regte sich, suchte noch zu leben; dies Jahr ist mein einziger Trost, daß Ihres lebt und so seine Welt empfindet. Der Gedanke, daß ich auch wieder zum Leben kommen kann, steht dabei entfernt, ist nur ein Gedanke, ich fühl' ihn nicht, er bewirkt keinen Umschwung in Herz und Blut. Auch bin ich über nichts stumpf, nur nach und nach vom Umstand zu Umstand wahrlich zusammengedrückt, vielleicht nicht erdrückt. Voriges Jahr war wohl alles eben so, aber das Wetter besser; ich konnte gehen und ging, ich hatte gewisse Aussicht nach mehr als zehn Jahren Entbehrung Feld, Wald, Wolken, Dorf, Berg zu sehen; ich war pekuniär beschränkt, aber noch nicht besorgt, Herr in meinem Zimmer. Jetzt bin ich ohne alles dies für die nächste Zeit und ohne alle Hoffnung und mit jeder Furcht für künftige. So sollte man in der Lage, in der ich noch bin, nicht schon sein; ich weiß es und sehe mich selbst aus anderer Menschen Gesichtspunkt. Aber weiß einer, weiß ich es noch, wie es mir Tag vor Tag, Stunde vor Stunde, zeitlebens erging, welche Schläge, welche Berührung auf mein Herz kamen, wie Geist und Seele beständig gestört, wie ihrem reinsten Dasein widersprochen, wie Wachstum jeder Art gehemmt anstatt befördert bei der Unglückseligen ward; wie nichts sich entwickelte in Körper und Seele, als eine doppelte, immer gesteigerte Empfindlichkeit – sensibilité . Ich habe schon aufgegeben, als ich aufzugeben für unmöglich hielt; alle Ambitionen, alle Bestrebungen liegen weit hinter mir in Vergangenheit, zusammengefallen wie morsche Netze, die ein Wunder, ein Tod vor mir zerstörte. Ruhe aber, Luft, Aussicht, Land, frei Atmen bedarf ich nun. Ich bin zu elend, was soll mir nun tragen helfen, wenn mir dies noch fehlt? Ich bin noch still, ich bin noch vernünftig, ich verstehe noch andere; aber das Herz fehlt mir. Dies läßt sich nicht täuschen, dies hat nur ein reines, tiefes Bewußtsein, dies ist von einer andern Welt, und es will nicht weiter leben, wenn keine Freude durchzieht, keine Ruhe darin ist. So sollte ich Ihnen auf die schöne, liebliche ganz in sich beschlossene Melodie, die Sie mir schickten, nicht antworten. Ganz als eine solche erschien mir Ihr Brief, ein schöner, gelungener Abguß Ihrer damaligen Seele, von Worten zwar, aber sie sind nicht aus der Grammatik, nicht aus dem Wörterbuch, Ihre Empfindung verwandelte sie wieder zu Urtönen, zu organischen, unmittelbaren Ausdrücken des Gemüts, zu wahrer, geseufzter Musik. Solch einen guten, reinen, schönen Brief haben Sie nie geschrieben, wird auch solcher selten geschrieben, er führte mich wahrlich mit Ihnen, wo Sie waren, umher und ließ mich die Bewegung in Ihnen sehen, wie die in Ihrem Gesichte, wenn Sie vor mir stehen. Glauben Sie's, ich verstehe andere noch, reden Sie zu mir; und seien Sie versichert, Sie hätten keinem dankbareren, keinem empfänglicheren, keinem dafür einsichtigeren von Ihren Freunden schreiben können in jener Gemütsverfassung als mir. Es regt sich noch Stolz, Freude und Dank in mir gegen mein karges Schicksal – sagt der Italiener –, daß Sie zu mir in dem Augenblick sprachen, und daß ich noch einen solchen Freund habe. In meinem Sonnabendschen Brief hätte ich Ihnen noch schreiben mögen, es stand vor meiner Seele, wie wenig wir uns doch im Leben sind, wie abwärts jedem seines für sich geht, und welch ein namenloser Verlust es für den andern wäre, wenn einer von uns stürbe; wie lebenslänglich tief empfunden und bedacht, wie ganz und gar unersetzlich und untröstbar, und alle Tage und hundert Mal in einem reich erwogen. Und doch geht man blind und stumpf neben sich selbst hin. Ja wahrlich, auch aus sich selbst sucht man nicht das Beste vor lauter Störung, daß man das Nötige nicht hat. Denken Sie das Weitere! Meyer, der auf wenige Tage in Posen weg war, ist zerstörter, echauffierter, unsinniger zurückgekommen als je. Dies schreib' ich Ihnen, weil es doch zu mir gehört und ich mich davon nicht trennen kann, wie ich könnte. Vorgestern Abend war der Geheime Rat Wolf bei mir, der sich tags zuvor gemeldet hatte, um Madam Spazier kennen zu lernen. Ich zitierte Robert, und Herr von Lüttwitz kam herein geplatzt. Wolf war gesprächig und ziemlich alle. Mich aber treiben, wenn es nicht innige von Menschen zu Menschen sind, alle Gespräche auseinander, oder es müssen sinn- und geistreiche Schlagreden sein. Ich bin verdorben. Adieu! Minna Spazier ist gekommen, Barnekow hat dem Rittmeister geschrieben, er sei frei und kommt bald nach Berlin. Willisen hat auch das Geld, was der Irrtum betrifft, von Wien geschickt; nächstens die Berechnung. 76. Rahel an Marwitz. Montag, d. 8t. Juni 1812. Vorgestern Abend, lieber Marwitz, erhielt ich ein Schreiben von Hrn. von Klewitz, worin mir gesagt wurde, ich würde »nach dem Drang der Umstände« (?) geschont werden und sollte künftig nur einen employé oder einen Offizier zur Einquartierung haben. Von Hrn. Brink ist weiter nichts erfolgt, dies halte ich aber für eine Folge. Dies endlich danke ich Ihnen! Ich war so ganz durchdrungen, wie Sie es nur sein können, von dem Opfer, welches Sie mir durch die Ihrem Sein ganz unangemessenen und widersprechenden Schritte auf dem Bureau brachten. Aber ich habe es gefordert und ließ es mir bringen, weil Sie anders in meiner Seele stehen sollen als all die, die ich wie Christpuppen in meinem Geiste ansehe, denen nur ich und sie mir nie leisten. Jetzt ist auch eine Zukunft, und ich will nicht mit allen Versprechungen und Erfüllungen bis über das Grab hinausgeschoben sein. Ich leiste, was ich vermag, auch gleich und stets, und meine Liebe und Achtung ist eine fruchttragende; so sollen meine Freunde auch sein. Sie sind so gut wie ich oder keine. Zu lange bin ich verächtlich schonend mit Schund umgegangen: mit dem ich so rede wie mit Ihnen, der muß sein können wie ich. Es ward mir so schwer als Ihnen, Sie dahingehen zu lassen – dies glauben Sie! – aber lieber war mir alles, als auch Sie in mir anzuklagen und fahren zu lassen. Sie werden nicht finden, daß ich von einer Kleinigkeit eine zu große Wichtigkeit mache; es ist keine Kleinigkeit, was uns plagen kann, und es ist keine Kleinigkeit, ob der, den wir als Freund behandeln, uns von dieser Plage rettet, wenn er kann, oder nicht. »Des Lebens Baum ist frisch und grün«, und will manchmal mit der Scheere beschnitten, mit Tätigkeit behandelt, mit dem Messer geputzt sein. Apropos! Der Maler Müller hat mir göttliche Augenblicke erweckt, herbe, häufige Tränen gelostet. Ich erriet, daß er aus einer schönen, lieben Gegend ist, und so war es auch. Er ist aus Kreuznach und hat eine Ode an diesen Ort in Prosa gerichtet, die mich wie eine Fontaine hat weinen machen. Der liebt sein Vaterland, weil er sieht, weil er seine Mutter, seine Schwestern liebt. Ich bin gestört durch Nettchen. Vorgestern war Götterwetter; ich ging am Schiffbauerdamm und Weidendamm, kurz an allen großen Plätzen der Stadt umher und dachte an Sie. Gestern war ich im Tiergarten und wollte Ihnen Kaprifolium pflücken und mitschicken, und nachher vergaß ich's doch. Adieu. Lesen Sie alles von Müller und kommen Sie bald. Auf meinem Wege vorgestern traf ich Madam Schöndörffer, die etwas mit mir ging. Sie lobte Sie, und ich konnte mitsprechen, so gut machte sie's. Über Harscher ist sie ziemlich klar. Kommen Sie bald, Lieber. Gehen Sie viel? Ich denke immer an Wetter, Wolken, Wald, Luft und bete darum. Und denke an Sie und Pauline. Adieu. Morgen schreibe ich ihr. Hitzig war heute hier mit Herrn von Rochow, der sehr besser geworden ist in Heidelberg. Es ist drei Uhr Mittag. Gestern ging keine Journalière. Adieu, Lieber. R. R. Madam Spazier war auch hier und hat mir den Kopf inwendig ganz wund gesprochen. Ohne diese Störung hätten Sie einen ganz andern Brief bekommen. Das Papier lag immer neben den Federn auf dem Tisch. Ich erfahre gar nicht mehr, was Sie lesen. Sie kommen bald. Gehen Sie nur recht! Adieu. – Marcus hat mir gleich, ohne daß ich Sie erwähnt habe, gesagt: Bei mir ist es so sicher, als auf der Kammer, er hat all Righinis Vermögen und das Herrn von Winterfelds auch. Anton Wilhelm von Klewitz , Kriegs- und Domänenrat, später Geh. Staatsrat und Finanzminister. – Brink war Lotteriedirektor. – Madam Schöndörffer ist vielleicht Frau Schondorff, die zu dem Bekanntenkreis der Rahel gehört. – Gustav Adolf Rochus von Rochow , studierte in Heidelberg Rechtswissenschaft, dann freiwilliger Jäger in den Freiheitskriegen, 1834 Minister des Innern. 77. Rahel an Marwitz. Donnerstag, d. 25t. Juni 1812. Mein sehr lieber, teurer Freund, ich habe wohl gefühlt, daß ich Ihnen gestern Abend nicht genug zeigte und sagte; ich zeigte Ihnen nur eine kluge, tätige Ruhe, es war aber, um Ihre Bewegung zu mildern, pour ne pas augmenter votre trouble et votre embarras , um denen keine Nahrung zu geben; denn ich litt mit, wenn Sie litten. Lassen Sie sich nichts gereuen oder ängstigen, Liebster! Es wird sich Ihnen zur Freude entwickeln. Warum wäre ich sonst heute ganz anders erwacht, gestern ganz anders zu Bette gegangen als sonst, der Erde neu vermählt, mit ganz andern Lebensbanden? Eine voreilende Zärtlichkeit und Sorge lagern sich schon jetzt zu des Geschöpfes Empfang in und um mich. Ich erfahre dadurch, auf welche Weise ich Sie liebe. Mit Ihnen muß es ja ebenso und noch besser sein. Nicht wahr, keine gemeine Rücksicht wird Sie abhalten es mir zu geben? Bei mir findet es Bergstrom, Äther und alles. Ich verstand jede Bewegung gestern in Ihnen, seien Sie dessen sicher. Und aus wahrer Emotion wollte ich Ihre nur nicht vermehren. Jede innere und äußere Unannehmlichkeit davon, von dieser Sache, teile ich mit Ihnen, fühle ich Ihnen und in Ihrem Sinne nach, aber kein Dritter wird je Sorge und Freude mit Ihnen teilen wie ich. Haben Sie geschlafen? Ich sonderbar geträumt. Ist es Ihnen auch so? Ich kann von Kindheit an die größten Momente meines Gemütes, seine größten Bewegungen und élans nur verbergen und nie zu seiner Glorie zeigen; daß dies gestern geschah, wollt' ich Ihnen nur sagen, und daß ich nun erst weiß, daß Sie eine Freundin haben wie keiner. Mein ganzes Herz ist eingenommen; ich ganz beschäftigt. Seien Sie vergnügt. Lieber! R. R. Nun ziehe ich mich an. 78. Rahel an Marwitz. Berlin, d. 29t. Juni 1812. Montag Abend um sieben Uhr. Um fünf Uhr, lieber Freund, erhielt ich Ihren Brief von Sonnabend. Könnt' ich Ihnen die Unruhe deshalb benehmen! Sonntag geht keine Journalière, Sonnabend gaben Sie ihn, heute Mittag kam er an, Nachmittag brachte man ihn mir. Ich zog mich grade an, lief gleich nach der Stadt – wo ich bis jetzt bleiben mußte –, übermorgen soll ich Bescheid erhalten, da nichts gleich geht und immer einige Bedingungen obwalten, als z. B. Beschäftigung für die Person. Ich schaffe in jedem Fall einen Ort, also seien Sie ruhig. Liegt viel daran, daß die Person zum Ersten gehe, so kann sie gradezu zu mir kommen und bei mir indes wohnen; ich will schon die Acht auf sie haben, die nötig ist, meine plus ample connaissance wird sie ja doch nicht missen. Mein Haus ist das stillste und diskreteste der Welt. Sie wissen, daß Dorens Anverwandte da unbefragt und unbewußt von meiner famille und allen Menschen herbergen, und daß niemand mich über nichts questioniert und questionieren darf. Sobald ich ein näheres Wort weiß, so schreibe ich es Ihnen. Dieser Brief geht morgen Mittag, zu morgen um sieben bekomme ich ihn nicht mehr auf die Post, weil heute schon sieben vorbei ist. Danken Sie mir nicht, mein teurer Freund, sondern freuen Sie sich, daß das Glück dem K[inde] eine edle Mutter auf der Erde angewiesen hat, die wahrscheinlich noch lange genug zu leben hat, um ihm aus der ersten Jugend zu helfen, um ihm für ewig Sitte einzuflößen, und die einen Schatz, ein ganzes Herz voll Zärtlichkeit für ihn in Bereitschaft hat. Freuen Sie sich mit mir, wie ich, meine ich. Gott, was habe ich heute schon für Menschen gesprochen, für Verhältnisse berührt, für drückendes, klemmendes, darbendes Unglück nahe gesehn! Was erspähe, was erfrage ich auch alles, wie ist die Welt! Welche Schicksale, welche stille, ungerühmte Größe, Religion im höchsten Sinn, lebt in Weibern, die ich in grasbewachsenen, vergessenen Höfen fand. Wie ist alles anders, als es von den berühmtest Klügsten ausgeschrieen, gedruckt, gelesen und geglaubt wird! Gott weiß nur die Bewandtnisse, die inneren Herzensbeweggründe und manche von ihm herabgelassene, wahrhafte, unbetrügliche, einfache gute Menschen. Mich hat er auch dazu erwählt. Der furchtbringendste Frevel wär' es, wenn es nicht wahr wäre und ich es sagte. Aber alle Tage werde ich frommer und innerlicher und reinige mich mehr. Und was sah ich für Wolkenspiele! Wie find' ich durch ein Wunder Gottes einen neuen Sinn, neue Sinne möchte ich sagen, das Feld in der leibhaftigen Stadt! Wie sah ich jetzt eben erst aus! Ich komme von der Spandauerstraße über die lange Brücke durch das Schloß über den Opernplatz. – So klingt's nach nichts. Wie war's aber, wie sah's aus, wie war ich, was hatte ich besorgt, welches Kind gesehen? Auch solches, von dem der Vater nicht weiß, daß – es existiert, die Mutter mir es leugnet, und ich es doch weiß. Also hat es meine ganze Zärtlichkeit und alle Wehmut und mehr Verehrung, als wäre es meines. In welchen Stimmungen – nicht allein der Kinder wegen – bin ich mitten in Berlin, in der Stadt, in der gleichgültigen Frevelstadt, wie jede ist. Wie dankbar, wie hoffnungsreich für's innere Leben, und alle Existenz dadurch? Dabei las ich Athalie und Esther Racines Tragödie »Esther« war 1689, »Athalie« 1691 erschienen. von Racine, mit ganz anderem Sinn, mit der größten Erhebung. O, könnte man seine Seele seinen Freunden zum Genuß und Gebrauch schicken! Könnt' ich Sie froh machen! Manche ungewohnte Angst und Sorge, ich weiß es, schleicht um Ihr Herz. Ach, daß ein jeder seines leiden muß, und Liebe, die so viel ist und hilft, so wenig helfen kann! Adieu! Donnerstag reist Minna; welch Schicksal hat die! Ich erwarte sie, sie will sich bei mir ausruhen und etwas essen. Adieu! Wir werden noch Freude haben, wenn nicht großes Unglück kommt. – Meyer hat mir einen sehr guten Brief geschrieben. Adieu. R.R. 79. Rahel an Marwitz. Donnerstag Morgen, d. 2t. Juli 1812. Hören Sie diesen Traum! Es war ein großes Diner, man hatte aber schon Licht, denn es war Abend. An einer von den reichlichen Tafeln war auch unter vielen andern Bekannten Urquijo, ich in einem Zimmer nebenan, wieder mit vielen. Man steht von Tisch auf, und ein Teil meiner Gesellschaft und ich gehen in Urquijos Zimmer, wo sich eine große Gruppe im Fensterraum stellt und setzt; ein allgemeines Gespräch ist im Gange, es kommen immer mehr Herren und Frauen aus den Zimmern zusammen, und Urquijo behauptet mit einem Male im Laufe des Gesprächs ganz in meinem Sinne vieles gegen Lüge, falsche Scham, Betrug und schlechtes Liebesbetragen; ich stutze im Ärger, bekräftige dies und frage immer indirekt mit meinen Antworten, wie er dies behaupten könnte. Auch er wendet seine Reden, sich verteidigend und streitend, nach mir, auf mich; ich sage ihm am Ende: Muß nicht ein Mensch sich geliebt glauben, wenn er den andern in der besinnungslosesten Eifersucht sieht? Und mehr solche Angriffe und Fragen; alle andern schweigen; in höchster Aufgeregtheit und Verachtung scheinen sie mir wie Marionetten der Natur, und nur Blicke des Zuviel gleiten noch über ihre gespannte Wundermienen von mir über sie her. Urquijo spricht immer verwirrter und im Ton des Streitens Dinge, die mir Recht geben; endlich halt' ich ihm faits vor, die auch meine Behauptung im allgemeinen ganz unterstützen. Seine Verwirrung, seine Scham steigt aufs äußerste (Geschwister und Bekannte sehen mich mit hemmenden Blicken vergebens erschrocken an; wie von jener Welt seh' ich im Aufruhr über sie weg); er weiß sich nicht zu helfen und sagt mir auch faits ins Gesichte von mir, aber Lügen. Ich frage mit konzentrierter Wut in gelassenen Worten, ob er das wirklich behaupte, für wahr ausgeben wollte; er wiederholt es und sagt Ja und bleibt dabei, in einer an Wahnsinn grenzenden Verwirrung (so wie ich ihn kenne). Ich springe auf, packe ihn an und frage ihn (alles in französischer Sprache), ob er denn nichts von den Menschen wüßte, wieso er nicht dächte, wieso er hoffte, daß ich ihn nicht auf der Stelle morden würde; und so greife ich ihn stärker an und schüttle ihn am Halse. Darauf fällt er in entsetzliche Krämpfe (wie ich sie an ihn kenne, und ärger). Mich erschrickt das Hideuse; ich bleibe bei ihm und helfe, reibe ihn, knöpfe und binde alles auf; keiner wagt es sich zu nähern, nur mein Bruder Louis steht einen Schritt von mir hülfebereit. Urquijo wird nicht besser. Mit einem Male, als ich ihn lange angesehen hatte, auf einem gegenüberstehenden Stuhl sitzend, reißt er sich von seinem, stürzt in den heftigsten Tränenausbruch an meinen Hals, küßt mich, ich küsse ihn wieder und weine auch, er sagt: Du hast recht! daß es alle hören können, und will mich anders als gerührt küssen, welches ich aufs zärtlichste aber wehre; und ohne Worte, nur wie in einer übernatürlichen Mitteilung sagt er mir durch lauter Tränen, Schluchzen, Andrücken und Küssen, er habe mich doch geliebt; er habe sich so sehr geschämt, er habe nur Unrecht getan, er sei unglücklich etc., am Herzen und im Herzen hörte ich dies alles. Er bekömmt wieder Krämpfe und wird sterbend, sehr gefährlich. Alle sagen: Er stirbt! Und als eine Art Mörderin stehe ich unter Brüdern und Bekannten, deren Blicke alles sagen, sie mir nichts. Diplomaten, die ganze Welt ist gegenwärtig, auch Urquijos Mädchen mit einem großen Hut, rührt sich aber auf ihrem Stuhl nicht; er schrumpft ganz zusammen, wird immer hideuser und mumienartig; ich mit einem leichten Angstgedanken an das Mädchen, daß ich mir alle Hülfe herausnehme, mit einem halben Blick auf sie und ihren vermeinten Schmerz. Ihr Gesicht konnt' ich nicht sehen (auch habe ich es nie gesehen, nur ein Mädchen im Hute kommt mit ihm), nehme Urquijo, der zur Furcht leicht wird, auf den Arm und trag' ihn weit weg, im Hause, in ein Zimmer auf ein Bette. Louis folgt mir; ich will ihm das Herz reiben (wie sonst wirklich auf sein Geheiß in Krämpfen geschah), er macht eine agonisierend schmerzhafte Bewegung, die mir Nein zeigt; er wird schlechter, starrer, und meine Angst so groß, daß ich erwache. Also so denkst du von ihm? sagt' ich mir in der Nacht, du mußt ihm alles verzeihen, du hast ihm alles verziehen (ich habe längst). Sollt' er nichts von diesem Traume wissen? Und dann freute ich mich auch, daß ich erwacht war. Ich schlafe wieder ein, und träume weiter, es sei Morgen, ich in eines von den alten Quartieren, worin wir gewohnt haben, und ich frage ziemlich beruhigt nach einem guten Schlaf unsern Bedienten Feu, der noch die Geräte des Mahls bei Seite bringt: War er drüben (in einem Hause, wo Urquijo wohnte)? Was machen die Herrschaften (nämlich er und sein Mädchen)? Er ist sehr schlecht, sagt Feu. Schlecht! schrei' ich. Heim, Formey, Ernst Ludwig Heim und Geh. Rat Formey , bekannte Ärzte. alle Arzte waren dort gewesen, und alle sagten, er müsse sterben, er agonisiert. Nun lief ich agonisierend in Höllenangst in meinem Zimmer umher; Feu sagte, er ist tot; ich aber konnte es gewiß in meiner Seele nicht aufnehmen, denn es war gewiß (wie Leben oder so etwas), daß, sowie er stirbt, ich mit sterbe. Und laufend dachte ich immer, also das ist sein und mein Ende, so sterben wir, das ist unser Tod, also du hast ihn doch umgebracht, du stirbst ja mit! Es mußte so sein, es war die ganze Zeit auch so, und alles löste sich in einer großen Naturbetrachtung, in unendlichem Liebesgefühl gegen ihn auf. Dann sprach Feu von seinem Tod, ich agonisierte noch laufend, so als sollte er hingerichtet werden, sah ihn sterbend und leidend, ohne vor Angst hingehen zu können, und so erwacht' ich aus der Angst. Nun sagen Sie: Lieb' ich ihn noch? Ja, sagt mir der Traum und mein ganzes verzaubertes, übernatürliches Herzensdasein. Sollte er gar nichts von dem Traum wissen? Wie finden Sie meine Wut, meinen Zorn? Glauben Sie, so bin ich. Was mich aber im Leben abhält so zu handeln, das kenne ich nicht genau, weiß es nicht zu nennen. O, in welchem inneren Horizont leb' ich heute! Mir ist es nicht unangenehm, mir ist es lieb, daß ihn mein Herz noch liebt, da drin ist ein anderes Land, Freiheit, Wahrheit, Einheit, Heimat. Ich schrieb lieber den Traum gleich, damit ich ihn doch auch behalte. Man vergißt alles. Adieu! 80. Rahel an Marwitz. Freitag Morgen nach neun Uhr, d. 3t. Juli 1812. Für's Erste! Sie werden doch wissen, daß Ihre Schwester entbunden ist; sie befand sich gestern gut, es war der dritte Tag. Frau von Kalb Frau von Kalb , Hofdame der Prinzessin Wilhelm. hat mir dies alles début en blanc erzählt. – Ihre protégée kann kommen; ich habe einen Ort für sie, wo ich in solchem Falle mit Ruhe und Vergnügen hin ginge, reinlich, ordentlich, luftig, die Aussicht über Gärten, bei einer artigen Frau, bei einem ordentlichen, häuslichen Manne, die die Ordnung, der Fleiß selbst sind, ein Kind von drei und einem halben Jahre haben, welches schön ist, strickt, Französisch lernt, in die Schule geht, eine ältere, noch junge Tochter, die ich nicht sah. Der Mann ist der Sohn von Marcus Amme, die ich so liebe, sittlich, ordentlich, reinlich, wie sie selbst; eine Art Geschwister in der Behandlung und Aufnahme also; er hat einen kleinen Posten beim Kammergericht, kurz, die angenehmsten Bürgersleute. Sie gehen auch spazieren und werden sie mitnehmen, auf sie achthaben in allem Sinn. Der Mann einige dreißig, die Frau neunundzwanzig. Sie wohnen das zweite Haus in der Mauerstraße, von meiner aus, ein kleines, appetitliches, äußerst anständiges Haus. Die protégée muß ihnen im Hause helfen, habe ich ausgemacht, weil ihr Bewegung nötig ist; sie kann sehr gut da nähen lernen und sich bereiten, was sie braucht, erhält Wohnung mit den Kindern und eine sehr angenehme, freundliche Wohnstube mit den Leuten, kurz, das Quartier gehört ihnen zusammen, wie sie selbst sagt (die Sitte selbst), bekömmt ordentliches Essen, zweimal Kaffee, für den Monat zehn Rtl. Rechnen Sie's aus; das ist den Tag acht Groschen, da verdienen die Leute beinah nichts, mit Bette und alles mitgerechnet: und hätte sie auch eine Kleinigkeit davon, dafür ist sie der Sorgfalt nach wie bei mir, und in vielen Rücksichten besser, angemessener. Sie wissen nicht, wo sie herkommt, noch wer sie ist. Hingegen habe ich ausgemacht, soll das Mädchen von ihnen nicht erfahren, für welchen Preis sie bei ihnen ist; dann geht alles nobler und freundschaftlicher zu. Ich bringe sie zu ihnen und zahle ihnen alle Monat. Doch alles, wie Sie es noch beschließen und für gut finden. Adieu! Der Brief muß weg. Ich bin äußerst froh, so schön für sie gefunden zu haben. Tausend künftige Dinge reden wir beide mit unsern Mündern noch ab. Kommen Sie nur zur Freude bald! Der üppige Sommer, wie sah ich ihn gestern. Ich habe Ihnen auch einen Traum aufgeschrieben, den ich hatte. Adieu! R.R. Sie kann gleich kommen. 81. Marwitz an Rahel. [Potsdam, d. 4t. Juli 1812] Sonnabend Nachmittag sechs Uhr. [Vorher gehn Mitteilungen über das vorerwähnte Mädchen] ... Liebe Rahel, Sie schreiben mir in Ihrem ersten schönen Brief, Sie wüßten, wie ungewohnte Angst und Sorge um mein Herz schlichen; die nicht, aber ein unangenehmes, peinliches Gefühl wegen der nahen, mir nun verwandten, nicht fortzustoßenden und auch nicht zu bessernden Gemeinheit, die kein liebendes und kein strafendes Wort versteht. Nicht leer, nicht geängstet habe ich mich die Zeit her gefühlt, aber ohne Erhebung, ohne den stillen innern Frieden, den reinen ungetrübten Herzensschlag, das tiefe Gefühl und die lebendige Empfänglichkeit des Gemüts, ohne den Zug nach dem reinen und höchsten; kurz, ich war und fühlte mich unbedeutend. Ich habe gearbeitet und gelesen und Menschen gesehn und manches nicht Uninteressante erlebt, aber kein reines und gedeihliches Gefühl ist mir davon zurückgeblieben, und so mag ich Ihnen auch nichts davon erzählen, ich müßte mich erst in eine Stimmung hineinschreiben, und das hat immer etwas widerwärtig Absichtliches. Auch war ich ein paar Tage nicht wohl und in der Natur, die sich auch nicht besonders zeigte, nie allein. Gerlach war gewöhnlich mit mir, den ich nicht genug loben und nicht genug tadeln kann, so ernst und so frivol, so wach und so blind, so lebhaft und so unerregt, so scharfsinnig und so vorschnell ist er zu gleicher Zeit. Burgsdorff mit seiner Frau und dem jungen Voß, dem zweiten Sohn des Ministers, Der Minister Otto Karl Friedrich Graf Voß (1755–1813). war einen Tag hier wahrlich bis zum Ridikülen blasiert, so daß Gerlach, der mit mir in seiner Gesellschaft war, später darauf, als auf etwas Kolossales, während mannigfaltiger Gespräche immer wieder zurückkam, lachend und voll Erstaunen. Voß blieb hier von Dienstag bis gestern; Sie haben ihn ja wohl gesehn; im tiefsten Innern ist er unbedeutend und schwach; auf diesem Fundament ist allerlei halber Sinn, Tätigkeit und Regsamkeit nach mannigfaltigen Richtungen, und daher allerlei Wissen aufgebaut, so daß sich ganz gut mit ihm reden läßt, um so mehr, da er sich einen falschen Enthusiasmus abgewöhnt hat, in den er sich sacht von Zeit zu Zeit hineinarbeitete und in dem er dann ungeschickt und unausstehlich deklamierte. Gute Gesellschaft, die er viel gesehn, hat ihn den von der Haut gerieben, so daß er jetzt anspruchslos und gutmütig erscheint. Adieu, liebe Rahel. Sehn wir uns wieder, so lächeln wir, sagt Brutus zum Kassius bei Shakespeare und darauf: Wo nicht, ist wahrlich wohlgetan dies Scheiden. Worte, die mir immer unglaublich gefallen und oft einen tiefen Eindruck auf mich gemacht haben. Der erste Vers ist: So leb' denn wohl, mein Kassius für und für, sehn wir p. p. Sie gehn darauf in die Schlacht, wo der eine in sein Schwert fällt, und am nächsten Tage der andre. – Heute regnet es den ganzen Tag draußen, es fängt schon an zu dunkeln, doch merkt man, daß die Sonne noch fast eine Stunde hat bis zum Untergang. Ich sitze auf dem Sopha dicht am Fenster, höre den Regen plätschern und sehe von Zeit zu Zeit hinaus nach den grünen Bäumen, die manchmal von Windstößen bewegt werden, dem hohen Schieferdach des Komödienhauses, das über sie hinaussieht, und dem trüben Himmel. Es ist unglaublich still; wenn ich grade schreibe, höre ich nur die Feder; auch innerlich ist mir so. Von Kindheit an habe ich solches Wetter und solche Stimmung dabei sehr geliebt. Man denkt, man fühlt aber nichts; aber eine stille Genügsamkeit geht durch die Seele, und trifft sie dann etwas, so hat sie die vollste, lebendigste Empfänglichkeit dafür. Wie oft habe ich an solchen Tagen stillsinnend verloren und ganz erfüllt Dürersche Holzschnitte in Friedersdorf angesehn. A. M. 82. Marwitz an Rahel. [Potsdam, d. 6t. Juli 1812] Montag Nachmittag sechs Uhr. Ich komme eben zu Hause, liebe Freundin, ein wenig naß von einem Gewitterregen, der jetzt recht stark wird. Ich befinde mich gar nicht wohl; am Morgen wache ich auf mit einem dumpfen, fieberhaften Gefühl im ganzen Leibe und besonders im Kopf. Bin ich aufgestanden, so verliert es sich allmählich, und ich lese dann unaufhörlich bis zwei Uhr. Nachmittags ist es besser, doch fühle ich mich im Ganzen matt. Mein Arzt ist ein Esel, der mir gegen dieses unbedeutende Übelbefinden zu unbedeutende Mittel giebt, jetzt seit einigen Tagen ein Säftchen, mit Teelöffeln zu nehmen. Ich glaube aber doch, daß ich wieder gesund wäre, wenn ich nicht einen sehr unangenehmen Besuch von Münster gehabt hätte ... [Es folgt eine ausführliche Schilderung der Finanzverhältnisse seines Schwagers Münster, dann der Verhältnisse des jungen vorerwähnten Mädchens.] Ich habe mehrere Bände von Girtanners Geschichte der französischen Revolution gelesen, die Geschichte des 10. August, der ersten Septembertage! Girtanner ist unter aller Kritik, aber das Buch wegen der Sachen höchst interessant; jene Zeit ist übrigens noch viel mehr hochkomisch durch die unendliche Mannigfaltigkeit ihrer aufgeblasenen Irrtümer und Verrücktheiten, die alle auf einen Grundirrtum zurück führen, als tragisch und entsetzlich durch ihre Schreckensszenen. Erinnern Sie sich des Baron Kloots, der sich Anacharsis Kloots nennt? Eine himmlische Figur. Der Nationalversammlung gratuliert er bei allen Gelegenheiten schriftlich und schreibt dabei über seine Briefe: Der Redner des Menschengeschlechts den Gesetzgebern des Menschengeschlechts seinen Gruß zuvor p. p. – Jetzt habe ich das große Werk von Blackstone über die englischen Gesetze vor. Adieu, Rahel. Gleich Antwort. A. M. So wie ich gesund bin, muß ich auf längere Zeit nach Berlin kommen wegen Münsters. ... Ich fühle mich sehr unerquickt, habe auch heute wieder Ärger gehabt. – Point de Varnhagen? Jean Baptiste Baron Cloots bereiste unter dem Namen Anacharsis Europa, um überall für die Herstellung der altgriechischen Demokratie zu wirken: in die französische Revolution verwickelt, wurde er 1794 hingerichtet. – William Blackstone , Commentaries of the laws of England , 1765-69, grundlegendes Werk über die englische Staatsverfassung. 83. Marwitz an Rahel. [Berlin, Juli 1812.] ... Schleiermacher war bei mir und lud mich sehr freundlich ein zu ihm zu ziehen; ich wollte es abschlagen und konnte es nicht. Ich ziehe daher Nachmittag hin, muß Sie aber vorher sprechen, wenn Sie können. Kommen Sie vielleicht gleich oder doch vor halb sechs. Im letzten Fall Antwort. Bringen oder schicken Sie mir doch auch einen doppelten Louis, damit ich hier bezahlen kann, denn ich bin ohne Geld hier. Ihr Brief ist sehr schön geschrieben, ich finde aber die Bestrafung zu obskur. Harscher war drei Viertel Stunden hier, hernach mußte er bei von M[ünster?] Kaffee trinken und die Kinder zum Seiltänzer führen. Den Abend war ich bei Burgsdorff mit Vetter, C. W. Vetter , Justizkommissar und Notar in Berlin, Bekannter der Pauline Wissel. der mir gut gefiel. Das Gespräch war nicht geistlos und uninteressant, aber lahm. A. M. 84. Rahel an Marwitz. Mardi, 7 Juillet 1812. Voilà dix heures du soir, et me voilà rentrée de chère Madame Lercero, où il a fallu me rendre lui ayant encore promis ce matin. On vient m'avertir chez Marcus, où je fus pour soigner une pauvre Portugaise, la femme d'un capitaine commandant; toute cette histoire dans ma lettre de demain, qui est malade, qu'il y a deux femmes, qui me demandent. Je m'en vais chez moi pour leur parler; au moment que j'enfile la conversation, les deux demoiselles Oppenheimes Die Töchter des Arztes Dr. Oppenheimer in der Klosterstraße, oder eine Marianne Oppenheim, die in den Briefen R.s öfter genannt wird. viennent me voir; je crie, je n'y suis pas, mais elle entrent, je les fais mener dans ma chambre à coucher, et je continue ma conversation, je joins ces dames, je m'habille en leur présence, je les congédie et je m'en vais avec mes deux étrangères. La petite était très effrayée, et en conséquence de ma caractère très maussade et de mauvaise humeur de cela même elle m'a fait une mauvaise impression à mon tour. ... [Es folgen Einzelheiten über das betr. Mädchen, die »Mutine«.] Je vous développerai toutes mes idées la dessus et sur tout ce que j'ai fait et ce que j'ai encore en idée de faire dans une grande lettre, que je m'en vais Vous forger en attendant agrées mes salutations et le rêve, que je Vous mets dans cette lettre. Mais je Vous prie de me le rendre la première fois, que Vous viendrez à Berlin, car j'aimerais le conserver, puisqu'il ouvre et montre les abymes de l'ame, où I'amour s'ouvre des routes inconnues à tout ce qu'on ne crois en dit et en veut publier et qu'il n'est presque donnée qu'a moi de descendre dans mes rêves, dans les fonds les plus obscurs de mon coeur. Je puis bien dire de nouveau. Dieu m'a fait le coeur rebell et doux, je n'ai jamais pu le changer . Dies sind die Grundsätze meines Wesens. La madam doit se coucher, et moi je ne veux pas être evaillée demain matin, donc il faut que je lui remets cette lettre. Adieu, cher ami; je Vous en écris une autre demain, une bien longue, une réponse. Il faut que je Vous préviens encore, que Vouz ne sauffrez pas 1à bas, que le promis de la petite vient la voir, je l'ai déjà défendre ici, et je Vous dirais avec quels détails. Bonne nuit! R. R. 85. Rahel an Marwitz. Mittwoch, d. 8t. Juli 1812. Hätte ich vorgestern Zeit gehabt Ihnen zu antworten, so hätten Sie einen sehr guten Brief bekommen; ich hatte ihn schon fertig im Kopfe. Jetzt eben hat man mir wieder die Stimmung und Fassung geraubt, als ich Ihren Brief noch einmal las, das Papier auf dem Tisch lag und ich grad hinging. Mir kam ein Billet von Behrenhorst, ein Brief von Mad. Spazier aus Strelitz, ein Billet von einem unglücklichen jungen Menschen. Auf das erste mußte ich antworten, den Brief konnt' ich vor Kleinheit nicht auslesen, das Letzte nimmt mich ein. Vorher war ich bei meiner Kranken, der Portugiesin, mit dem Arzt und besorgte Küche und Wirtschaft dort für den ganzen Tag. Es geht ihr sehr besser. Brutus also sagt mir, daß wir uns so bald nicht sehen werden! Wenn das Feld meiner Seele zu bösen Ahndungen umgeackert wäre, so könnten mich die Sprüche dieser Römer sorgen und traurig machen, wie sie unendlich, ganz unergründlich schön sind, erhaben, edel und freundlich-traurig. Aber ich bin zu sehr beschäftigt, habe zu viel zu tun, wovon Gutes entsteht oder Schlechtes abgewehrt wird, um nach dem Nachhall und Anklang, die dieser Spruch in jenen Gängen meiner Seele aufruft, lange hin zu hören; und von neuem bewundre ich nur Shakespeare davon wieder, der den Macbeth dem Arzt, der ihm den Tod der Lady ankündigt, als schon alles verloren ist und sich zum letzten Mal harnischt, antworten läßt: »Sie hätte ein ander Mal sterben sollen!« Ich will mich bemühen auf Ihren Brief zu antworten. Wenn ich sagte, Angst und Sorge beschleichen Ihr Herz, so meint' ich auch nur Angst, daß Sie für Gemeines zu sorgen haben und mit ihm handhaben müssen, und daß, eben weil Sie dies – auch aus großer Neuheit – nicht können, die Sorge darum größer anwachse, als Ihre Natur es mit sich bringe. Ich ging so weit zu glauben, daß Ihnen Berlin durch den Aufenthalt der Mutine etwas verhaßt werden würde und nicht mehr als ein Lustort und eine Freistatt erscheinen würde, wo man müssige Zeit zur Erholung zuzubringen liebt. Für's erste nur, versteht sich. Ihr Brief ist einer der schönsten, die ich von Ihnen habe. Ihr darstellendes, malerhaftes Talent war darin recht wach; so haben Sie mir die Mutine – so soll sie heißen – und die Mutter überaus treffend geschildert. ... Das Mädchen ist einmal fertig auf der Welt, wie sie da ist. Was sich mit ihr zugetragen, ist geschehen und darum ganz gut. Jedes Ereignis ist roh und nur das, was wir daraus bilden; dies im menschlichsten Vereine des Geistes, der Einsicht und des besten Willens zu tun sei unser Werk!... Da das Kind meines werden soll, und Ihres ist, so habe ich sehr darauf bestanden, daß es, auch noch blind, schon in edlen, freundlichen, für die Mutter gewiß erhebenden Umgebungen umhergetragen wird, und daß bessere Sitte und Laune ihm mit Gewalt durch und in das Blut eingeflößt werden; und aus dieser großen Rücksicht vielleicht auf all die Monate sechs oder acht Rtl. mehr Ausgabe nicht gescheut. Mäßig ist sie überall, wie Sie's auch finden. Nun haben Sie noch zu tun, denn der Mensch ist sterblich in jedem Alter und zu jeder Stunde – mir sind junge Freunde und Bekannte genug gestorben – ein Testament zu machen nach allen Formen und Rechten, worin Sie bestimmen, wie es mit dem Kinde gehalten sein soll, was es verzehren und besitzen soll. Besäße ich nur etwas, so würde ich so dringend wenigstens nicht sein, aber Sie wissen, ich habe kaum für mich selbst, und stürbe ich, so wäre das Geschöpf eine arme Waise. Nehmen will ich es mit Freuden, kosten soll es Sie natürlich nur, was es braucht, dafür erkaufen Sie ihm auch mich zur Mutter. Nur muß ich sagen können, es gehört einer Freundin, die der Kriege wegen ihre Heirat nicht publik machen kann, aber wohlhabend ist und es niemandem als mir vertrauen will. Wie wir alle Details – ich will es gern nach seiner Geburt gleich haben – zu verabreden haben, findet sich noch. Sind Sie meiner Meinung? Auch die ganze erste Jugend, Umgebung und Behandlung halte ich für so wichtig. Gerlach leibt und lebt vor mir, wie Sie ihn beschreiben mit den glücklichsten Worten. Voß auch; aber mit dem sind Sie zu glimpflich im Urteil. Ihnen mag's aber wohl so vorkommen, da Sie ihn sonst gar mit dem verhaßten, falschen Enthusiasmus kannten. Sonst darf man im tiefsten Innern nicht unbedeutend und schwach sein. Von meiner Portugiesin mündlich. Der Süden scheint mir von den Göttern, im Norden aber nur, zugedacht; so mit allem etwas. Ein adlich Herz in einer After-Lage, eine schöne Seele hinter meiner Maske, großen Sinn und kein Talent; aber all diesen Mißlaut beschwichtigt durch eine reine Himmelsgabe, eine ewig innere Musik, und in der Tiefe nichts Verzerrtes, ein reiner Tempel meiner Kinderseele. Wie komme ich auf mich? und nicht unfreigiebig! Lesen Sie dies kleine Büchelchen, Dore hat es für sechs Pfennige von einem Jungen gekauft; ich las es gestern vor dem Zubettegehen und weinte die herzlichsten Tränen darüber; sagen Sie, ob es Ihnen auch so vorkömmt. Daß man dem Kinde viel vorgeredet hatte, sehe ich auch, doch ist's ein Segen und wunderbar, denn wahr ist dies. Adieu, Antwort! Und wenn Sie krank sind, will ich's wissen; die Frau sagte Sie unpaß; das paßt mir zu allen Stimmungen, die durch Ihren Brief gehen. Ich sehe heute noch die Mutine: sie ist jetzt eben zu mir gekommen, es ist halb drei Uhr, sie knöpelt Kanten. Wenn Sie doch veranstalten könnten, wenn auch bezahlend, daß ihr die Mutter ein Kissen und Zwirn herbesorgt, ich wünsche sehr, daß sie knöple. Sie versteht nicht freundlich und soumis zu sein. Es wird sich bei mir geben. R.R. von Behrenhorst , Sohn des Schloßhauptmanns v. B. – Brutus sagt zu Cassius bei Shakespeare: »Sehn wir uns wieder, nun so lächeln wir. Wo nicht, ist wahrlich wohlgetan das Scheiden.« – Bouché , Kommandant, ist nicht näher zu bezeichnen. 86. Rahel an Marwitz. Sonntag Vormittag, bei dem hellsten Sonnenschein, d. 19t. Juli 1812. Wundern Sie sich nicht, wenn mein Brief kurz sein wird und seine Phrasen abgestumpft; mir ist nicht ganz wohl, ich bin in dem Zustand von Migräne ohne ihre Schmerzen und nicht einmal Herr meines geistigen Daseins. Gestern Morgen ging ich, weil sich Mutine gar nicht sehen läßt, zu Madam Müller, wo sie gar nicht zurückgekommen war. ... [Es folgen nähere Angaben über das Verhalten des Mädchens.] Gestern war ich bei Kommandanten Bouché unter Millionen Personen, mit der Capitainin, Nettchen und Emma. Schlecht. Heute fahr' ich mit der Capitainin aus. Auch schlecht. Lieber Marwitz, vergessen Sie nicht Ihre Papiere zu versteuern; es steht gestern wieder ein scharfes Edikt darüber in der Zeitung, die Sie gewiß nicht lesen. Adieu. Meinen Traum bringen Sie mir. R. R. 87. Rahel an Marwitz. [Juli 1812.] Ich schreibe Ihnen nur, weil mir eingefallen ist, Sie können denken, ich sei krank nach meinem letzten Brief. ... Ich weiß, daß Sie das Fieber haben; was soll ich dazu sagen und dazu tun, als es auch in's Herz hinein legen und schweigen. Hätte ich im mindesten die Mittel dazu gehabt, so wäre ich schon bei Ihnen gewesen, hätte schon mit meinen Augen gesehen, was Sie machen, wie Sie aussehen, was Sie brauchen etwa! Aber so bin ich grade hinter meinen Rennstein gebannt und kann nicht um einen Spaziergang vorwärts oder rückwärts, ohne meine ganze Lage zu zerreißen und aufzugeben, und wie gern eigentlich, die ewig verhaßte! So geht der Sommer und jeder Mondschein hin, Rosen und alles, ohne daß wir nur einmal gescheit draußen waren. O, eitle Toren, die immer eine Zukunft bereiten, die wir nie als Gegenwart zu genießen verstehn den edlen Mut haben; und so geschieht uns nur Recht. Sie sehen mein vergälltes Herz, erleuchtet von einem Geiste, der ganz angesättigt von bösen Einsichten wie von argen Dünsten und Materien es so grünbraun erscheint. So sollte man keinem Fiebernden schreiben. – Als Mutine vorgestern weg war, kam Madam Schleiermacher zu mir, die sehr einfach, sehr wahrhaft, sehr gütig gegen mich war und sehr hübsch, auch recht gesprächig und lebendiger als meist. Ich war sehr wahr gegen sie, über alle Schedens, Harscher und dgl. Ich zeigte und sagte ihr mein Blasiertsein über schlechte Behandlung, und wie ich zu zerstreut wäre mich darin noch zu fügen, und überdrüssig mich Jahrtausenden der Dummheit zu legitimieren, als das was sie ewig nicht sein wird und ist und dennoch zu fordern meint und sich erdreistet. Sie ist ganz klar über Harscher, erwägt sein Bestes und kennt ganz seine Eitelkeit, die in seinem besten Blute sich mischt und als feiger, dreister Dieb mit durch die feinsten Adern bis ans edelste Herz läuft. Wir haben uns Promenaden verabredet, die Hasenheide, Kommandant Bouché, Schöneberg; es platzregnet aber täglich. Adieu. Könnten Sie mir ein Wort von sich zukommen lassen? Herr von Gerlach oder Herr Salemon können es ja schreiben. Ich bitte. R. R. Gestern Morgen um sieben steht ein junger Mensch vor meinem Bette; es war die Capitainin, sie ritten gestern morgen ab. Adieu! 88. Rahel an Marwitz. Montag, d. 3t. August 1812. Haben Sie Fieber, Lieber? Und wie war die Nacht? Erwarten Sie noch Heim? Lesen Sie nicht zu lange hintereinander, es strengt, wo nicht gleich fühlbar, doch an. Ich gehe gegen elf Uhr nach dem Tiergarten und weiß gar nicht wo, nämlich wann ich Sie heute sehn soll. Abends muß man seine Fenster erleuchten, dabei wollte sich es mein preußisches Mädchen gar nicht nehmen lassen die Stadt zu sehen, welches ich auch gar nicht mag, und da muß ich denn etwas bei den Lichtern bleiben; doch wäre dies alles noch mit einem Besuch zu vereinigen, wenn ich erst weiß, daß er Ihnen nötig ist, und Sie des Festes wegen allein bleiben. Erfahren Sie dies? Ich habe besser geschlafen und beinah eine große Trompete, Vivat mit Chören, vor meinem Hause mit Schlaf überwunden. R.R. Diesem Briefe geht voran ein Brief der Rahel vom 17. August, der, französisch geschrieben, Einzelheiten über Mutine bringt. – Tornow , südwestlicher Stadtteil von Potsdam. 89. Marwitz an Rahel. Potsdam, Freitag d. 5t. Septbr. 1812. Marcus hat mir eben einen Boten geschickt, der die Papiere von Meyer abholen soll. Durch ihn erhalten Sie diese Zeilen, liebe Rahel. Hamlet fragt den Rosenkranz, wie er sich befinde; nicht auf den Knopf an Fortunens Mütze, antwortet der. Doch auch nicht unter ihrer Sohle, erwidert Hamlet. Nein, gnädiger Herr, sagt Rosenkranz. So ich auch. Es geht passabel, aber zerstreut und leer fühle ich mich. Ich badete heute morgen früh, dann kam Gerlach, mir sehr zur ungelegenen Zeit, und machte Konversation, er ging, ich schrieb einen langen Geschäftsbrief mit großer Geistesabwesenheit an meinen Bruder; so wurde es halb zwei; ich ging mit Willisen, um Gerlach und Stuhr zum Essen auf dem Torno, einem Wirtshaus an dem Havelsee mit sandiger arider Umgebung und der Aussicht auf schlechte Fichtenberge. Es wurde über Ludwig XIV., St. Simon, Richelieu, kurz das alte Frankreich, nicht dumm, aber auch nicht neu, es wurde nichts erfunden. Nach Tisch spielte ich viele Partieen Billard, worauf immer in mir Zerstreuung und Öde im Geist folgt. Um fünf fuhren wir über den See zurück. Regierungsräte, denen wir begegneten, riefen mir zu, daß ein Bote suche mich, und sie hätten ihn in mein Quartier gewiesen. Ich erschrak; Angenehmes konnte mir auf diesem Wege nicht begegnen, und ich zweifelte, daß es etwas Gleichgültiges sein würde. Ich schickte die andern nach Sanssouci, ging hierher, besorgte dies und das, ruhte mich aus, und so ist es halb acht geworden. Ich habe nun Licht. Morgen Mittag reise ich nach Dessau, ich fürchte mich doch etwas vor Stuhls Gesellschaft, er ist nicht sinnig; er sieht wenig, nichts mit inniger, tiefer, liebender Phantasie. Gerlach bemerkte ganz richtig, er sei oft interessant, wenn er rede, aber nie, wenn er schweige. Stuhr, Willisen und Gerlach sind nun hier, vom Spaziergang zurückgekommen. Adieu also, liebe Rahel. A.M. Graf Zichy war österreichischer Gesandter in Berlin. – Adolf Friedrich Sigismund von Warburg , preußischer Rittmeister. – Der Bericht über Willisen bezieht sich wahrscheinlich auf einen Fluchtversuch. Vgl. Br. 64. – Der S. genannte ist nicht festzustellen, kann Salemon oder Schleiermacher sein. 90. Rahel an Marwitz. [Herbst 1812.] Vor einer Stunde erhielt ich Ihren Brief mit Willisens Einlage; ich lies sogleich Varnhagen rufen, um ihn ihm mitzuteilen. Er sagt mir, Zichy wisse durchaus von der Sache nichts, als was Varnhagen Ihnen schon gesagt hat, und das von der Staatskanzelei wisse er von einem andern, der dorther kam und es aus Prag wissen will. Hier ist also durchaus nichts Neues für Willisen zu tun, noch zu erfahren. Von dem Wagen weiß Varnhagen nichts, als daß ihm Willisen vor der Abreise gesagt hat, im Wirtshause wüßten die Leute, wo er steht, und wenn er verkauft werden würde, so würden sich die Käufer an Varnhagen wenden des Preises wegen und würden ihm das Geld einhändigen. Ein solcher Käufer hat sich nicht gemeldet. Nur Herr von Warburg schien einige Lust zur Wurst zu haben, fand sie aber ungesehen viel zu teuer. Den Koffer hat Willisen selbst bei mir ausgeräumt und dann durch zwei Träger, die mir einen Zettel von ihm brachten, abholen lassen. Es freut mich, daß er wieder schreiben darf, so feste, gesunde Hand schreibt und auch Bücher, wenn auch nicht die erwünschten, hat. Da er doch jetzt mehr Freiheit hat, so glaube ich nicht, daß er sich täuscht, wenn er glaubt bald ganz frei zu sein, da er nichts getan hat und man ihm nur soupconiert. Wenn Sie meinem Rate folgen, so schreiben Sie nicht an Metternich; das könnte den jetzt nur gegen Willisen indisponieren. Mündlich könnte ich Ihnen bessere Gründe dafür entwickeln. Vergessen Sie nicht, wenn Sie diesen Brief erhalten, vergessen Sie nicht, daß Mittwoch keine Journalière geht, und er also erst Donnerstag ankommen kann. Ich werde Varnhagen bitten sich zu erkundigen, ob die Leute, wo der Wagen steht, und von welchem Orte Willisen ihm gar keine Notiz geben mochte, nicht etwa den Wagen fraudulös verkauft haben. Das ist alles, was mit und über diese Wurst anzufangen ist. Gestern Morgen war Frau von Fouqué bei mir einen Augenblick und nicht allein; dann ging ich einen Augenblick zu ihr, sah sie auch nicht allein, fand aber ihr Wesen und ihr Gesicht sehr gut, obgleich sie noch ein wenig mitgenommen von ihrer Krankheit aussieht. Sie versprach mir Besuche und bleibt vierzehn Tage. Von Schleiermachers habe ich nichts gesehn, sie glaubt' ich noch vorgestern einen Augenblick zu sehen, begreife aber ganz ihr humeur . Sie haben doch meinen Brief vorgefunden, wo S. seiner drin liegt? Adieu. Ich will sehen, ob das Wetter zum Ausgehn ist. R.R. Abends. Varnhagen war bei dem Sattler; der Wagen steht noch ohne Gebot darauf da, einen kleineren Koffer hat Willisen von mir abholen lassen, ein anderer zur Wurst gehöriger steht noch bei mir, von welchem ich nicht wußte, daß er dazu gehört. Sie wird in jetziger Fahrzeit hier nicht zu verkaufen sein. Leben Sie wohl! 91. Rahel an Marwitz. Dienstag Morgen im Bette, zehn Uhr, d. 8t. Dezember 1812. Bei den angegriffensten Nerven. Von der Kälte, glaub' ich; darum warte ich sie auch noch im Bette ab. ... Gestern Morgen war ich bei der Schleiermacher, weil sie vorgestern Morgen bei mir war, ohne mich zu treffen. Sie führte mich in ihr Kabinett; nach einigem Redewechsel und einer Bestellung über eingeladene Gäste, nach welchem ich sah, daß sie mich nun nicht einladen würde, sagt' ich ihr in der größten Herzensmilde, mit dem hochblickendsten Geiste, ob sie gedenke, Tieck zu sehen, worauf sie mir Ja antwortete, und worauf ich sie bat, sie möchte ihm nun die Bestellung machen, die Sie vergessen haben; von Ihnen jedoch erwähnt' ich hierbei nichts. Ich sah über diese Nichteinladung weg, wie über alle und wie über die, welche mir schon aus diesem Hause zu Teil geworden sind. Ich sagte ihr bald, ich würde ihr meine Träume bringen und lesen; sie war beschämt, innig und dankbar und frug mich, wie sie nur dergleichen bei mir verdiene, mit wahrhaftester Bescheidenheit, Stocken und innrer Bewegung; auch Ihnen hätte sie schon dasselbe gesagt. Ich bedeutete ihr, wie sie bei mir stehen muß, auch nicht aus der Haut, und wir umarmten uns. Dann sagt' ich ihr, warum ich ihr meine Briefe nicht gerne zeigen möchte; sie sah es ganz ein, blieb aber dabei, bei ihr schade auch dies nicht, was ich angeführt hatte. Ich versprach ihr Ihre, da wurde sie ganz glänzend. Noch andere Worte sagte sie mir, Bettine sei gestern Morgen lange bei ihr gewesen; ich frage freundlich, was sie macht. Die Schleiermacher sagt mir, sie habe gräßlich auf Varnhagen geschimpft wegen der Ohrfeige und des behaltenen Manuskripts, habe aber hinzugesetzt, Varnhagen habe sich bei Herrn Staatsrat Stägemann ihr aufgedrungen und sich neben sie gesetzt. Ich wußte es im genauesten détail , weil sie ihm als monstre aufgefallen war, von Varnhagen anders; er lügt nicht. Ich erzählte es der Schleiermacher, die sagt: Ja, Bettina lüge, sie hätte sie schon attrapiert, und dann hätte sie's gestanden. Wir sprachen stundenlang weitläufigst; ich setzte ihr Bettinens niedrig rohes Betragen gegen mich auseinander, das der Herz, der Minna Schede, wie ich sie alle schone, was ich tue, was sie tun und sind; sie giebt mir alles zu und fügt noch zu. Ich sage ihr, wie schonend, wie nie faits nennend ich verführe, wie unheilig grob sie mit Vermutungen umgingen, daß das erste Wort, was Clemens in Töplitz zu Varnhagen sagt, das ist, daß seine Schwester sich über die garstige, zudringliche Jüdin beklagt, und daß schon dies ihm Schläge zuzog – im Gemüt –, daß sie mir äußerst zuwider sind, und ich Varnhagen geschrieben hätte, wenn einer solcher Strafe verdient, möchte ich der Henker sein, und einen schlagen, von dem man wisse, er wehre sich nicht, sei wie eine Frau schlagen. Das bestritt mir die Schleiermacher und meinte, so sei er nie anzusehn, er müsse sich wehren; sie war nicht gegen die Prügel, denn ich hatte ihr auch gesagt, nur ich wisse, was er getan habe und nicht die andern. Ich empörte mich ohne empört zu sein des Menschenunrechts wegen, welches man mir unermüdet bis am Rande der Gruft zufügt, daß Roheit, Unvernunft und karge Gaben von all diesen das Gegenteil mißhandele mit dem Applaus der Menge, mit der Zulassung meiner Freunde. Denn nun fiel mir ein, daß auch eben diese Schleiermacher mich doch zu bitten und bei dem eben für närrisch und unsittlich Erklärten beim Tee durchzuführen den Mut nicht hätte. Direkt sagt' ich nichts, aber ich behauptete, gegen meinen ersten Freund würd' ich ein Scheuermädchen durchführen, hielt ich sie für edler und sittlicher als ihn (und ich habe es getan kürzlich). Endlich hörte dies Gespräch, bis an all seine benachbarten Grenzen geführt, auf, und wir sprachen von Ihnen, ungefähr wie sonst. Ich mußte der Schleiermacher versprechen, Mittwochs und Sonnabends Vormittag zu kommen, dann wären die Kinder weg; ich versprach zu morgen mit den Träumen zu kommen. Sie zweifelte noch einmal, rührender noch, wieso sie mir was sei, ich ihr so etwas zeigen wollte, dankte mir freudig und überschwenglich, und nachdem sie mir die Kinder gezeigt hatte und noch taufend Freundlichkeiten, ging ich. Auf der Straße aber fiel es mir auf's Herz, mich nicht immer von neuem mißhandeln zu lassen. Ich will nicht. Mir falle auch ein edles Opfer. Von der Schleiermacher grade will ich es nicht leiden. Von niemand mehr. Minna, Bettine, die Herz, die nichtgeachteten kann sie bitten. Dies ist mein letzter Ausspruch. Morgen gehe ich nicht zu ihr; ich lasse ihr absagen, um so mehr, da ich nicht weiß, ob ich ihr die Briefe in Bezug auf Mutine zeigen kann. Ich kann endlich jeden missen, mich hat das Leben nicht vernichtet, mich hat es wirklich und wahrhaft umgeschmiedet auf seinem feurigen Ambos. Auch kann dies ein jeder, mich wieder missen. Glück auf! ich bin's zufrieden. Voll bleibt die Welt. Mir überkommt so viel Witz, Laune, Ideen, Leben, Zärtlichkeit nicht, mein sparsames Futter liefert mir jeder Hof. Diese Worte alle stehen hart neben einander; ich merke es selbst. Schieben Sie den Anschein darauf, daß Sie von allen meinen Entschlüssen den Grund und die Gründe kennen, daß ich heute absolut nicht mit der Feder schreiben kann und also jedes Wort zu sparen suche, Nervenzittern und das größte Echauffement habe. Zu meinem letzten Brief an Sie, Lieber, habe ich wohl gefühlt, muß ich einen Nachtrag machen. Dies war ein Brief, wo ich Ihnen mein Herz aufklappte, und weiter nichts, wo ich Ihnen mein Bewußtsein aufschlug, daß Sie wie ich Gegenwart und Vergangenheit schauen möchten, damit Sie sich fassen und für mich ertragen, was ich ertragen muß. Denn unmittelbar hatten Sie nichts zu ertragen; Sie wollte ich bereiten. Sie schonen, damit Sie mich schonen und verständen und mir das Leben nicht sauer machten. Helfen sollen Freunde. Denn verstehen sollen Sie und gütig wollen. So helfe ich jedesmal. Wie leise fühle ich, was häßlich ist, wie übergehe ich's und weiß das Bessere herauszuheben und zur Freude und Bequemlichkeit, zur Schonung herauszulegen. Es liefert uns die Erde nichts rein; ist es der Wille, so ist es schon viel. Wir irren uns alle und verwirren uns im Ergreifen; retten wir das Bewußtsein, so ist das viel. Das Leben wird Ihnen an Ihnen selbst nur dies wiederholt zeigen. So seien Sie auch nachsichtig und einsichtig gegen mich. Wer hat einen Freund aufzuweisen wie ich, der aus den innersten Ursachen bestimmt sein Leben nur mit mir zubringen will, nur an meiner Seite das beste Glück finden kann! Dies Gut ist selten. Es ist nicht rein, aber es reinigt sich jeden Tag; das bin ich sicher und erlebe es. Was kann mir noch geboten werden, oder wer bietet mir etwas? Meine Klagen aber, wenn ich verletzt bin, müssen in Ihren Schoß fallen, aber sie müssen darin nicht erblühen mir zu neuem Leid. Wie tief vergrabe ich Ihre? Sie denken, der Wind hat sie entführt. Wie kann ich Varnhagen etwas von Ihnen über seine Aufführung bestellen? Mich hat er verletzt, nicht Sie. Ich lobte ihm Ihr Gemüt, welches mich entzückte, und sagte ihm: Nur darauf, daß Du mir gesagt hast, Du wollest mit M[arwitz] sprechen, und ich ihm geschrieben habe, ich wolle dies tun, ist er schon so engelhaft freundlich, und nun soll ich ihm bestellen, wenn er nicht bereuet, so meinen Sie's nicht so? Das geht gar nicht. Was ich Schiefes erdulde, und worauf ich (auf die Einsicht) hier warte, das müssen Sie mit mir, oder mich mit korrigieren. Sie wissen aber, wie ich das Ganze und alle seine Teile ansehe, ansehn muß. Nicht Sie, nicht ich, nicht die Götter ohne Wunder können mein Schicksal erneuen; dies muß ich ausspielen. Die Blume ist zerdrückt auf dieser Pflanze, dies vergessen Sie nicht! Ihr Laub macht Illusion. Besonders erwarte ich die Hülse, die Nachsicht wenigstens, die Schonung, die ich leiste. Moritz ist wieder da. (Ich bin äußerst gestört, äußerst echauffiert.) Soll ich den Trost mich beklagen zu dürfen entbehren, damit nicht noch größere Spannungen für mich erwachsen? O nein. Seien wir menschlich! Schonen wir uns! Heute aber ehr' ich Sie über alles und sage Ihnen grade, was ich verlange. Sie wissen, wie schwer mir das wird. Adieu. R.R. Antwort über die Briefe über Mutine. Ein sehr schlecht ausgedrückter Brief. Vorgestern hatte ich Ihnen in meinem Kopf einen andern geschrieben. Adieu! Die öftere Erwähnung der Mutine hatte Frau Schleiermacher verletzt. – Ein Zusatz Rahels über die Geburt des Kindes, bei dem sie die Gevatterschaft übernehmen sollte, ist fortgeblieben. 92. Marwitz an Rahel. [Potsdam, Dezember 1812.] Vorgestern, Sonntag, erhielt ich inliegenden himmlischen und schrecklichen Brief von Scheibler. Ob er mich umgeworfen hat, mögen Sie ermessen. Ich antwortete ihm den ganzen Sonntag und gestern früh, und habe überhaupt seit dem Empfang seines Briefs das Labyrinth der ewigen Gedanken an diese Verhältnisse nicht verlassen können. Heute morgen wachte ich seit sechs Uhr im Bett und schrieb fünfzig Briefe in meinem Innern an Sie und die S[chleiermacher], gegen welche dieser schon darum ganz schlecht wird, weil er draußen entsteht durch die zu irdischen Werkzeuge. Wäre es möglich? Sollte er über sie Recht haben? Ich kann es nicht glauben, sie war zu gefaßt, zu heiter, wie ich sie das letzte Mal sah; ja sie war froh. Und Sie, Rahel, haben auch Sinne. Aber wie soll ich die am Rande angestrichene Stelle seines Briefs verstehn? Hat sie das wirklich gesagt, oder deutete er nur ihre Blicke und ihr Betragen so? Hat sie es gesagt, unter Fremden, so steht es sehr schlimm, ganz anders, als wir meinen. Mir ist eins heute früh eingefallen, liebe Rahel. Sie schrieben mir, Sie wären durchaus wahr gegen sie gewesen in dem Gespräch, das Sie mit ihr hatten. Haben Sie mich vielleicht kälter und gleichgültiger ihr gegenüber geschildert, als ich bin, und hat sie das sehr betrübt? Ich schließe das daraus, weil sie Ihnen hernach gesagt hat, es täte ihr leid überhaupt gesprochen zu haben. Ich fände das auch sehr natürlich von Ihnen, denn ich bin nie in der Stimmung gewesen, wo ich Ihnen ganz hätte sagen können, wie sehr ich die Frau liebe. Gehn Sie doch hin, prüfen Sie sie und schreiben Sie mir, wie es steht; ich komme Freitag und sehe die S[chleiermacher] Sonnabend früh. An sie mag ich nicht schreiben, um nicht durch Unsicherheit oder Leidenschaftlichkeit von neuem zu verwirren, wenn alles auf dem Weg zur Ruhe ist. Wäre sein Brief nicht gekommen, so hätte ich ihr ausführlich heiter, intim geschrieben über tausend Dinge. Denken Sie mich nicht so, wie dieser Brief mich vielleicht darstellt; sonst irritieren Briefe, dieser hat mich gelassen gemacht, ja verdumpft, weil ich alles, was darin steht, und viel mehr Ihnen schon ausführlich im Innern gesagt hatte, und es mich nun angeekelt und zur Gedankenlosigkeit gebracht hat, es mechanisch langsam niederschreiben zu müssen. Nur in sinnig ruhigen Stimmungen kann ich Briefe schreiben, in bewegten verwünsche ich Feder und Papier, die mich dann allemal durch ihre schneckenartige Langsamkeit veröden. Ich bitte Sie, beste Rahel, mir gleich zu antworten und die reine Wahrheit. Sie sehen, wenn es so ist, wie Sch[eibler] es meint, so kann nichts hergestellt werden, die Tulpe ist vom Stengel abgebrochen, und es ist vergebliche Mühe sie anheilen zu wollen. Im Gegenteil wird seine Gegenwart ihr unerträglich werden, und sie wird sich von ihm trennen. Ich denke, daß ich sie dann heirate. Nehmen Sie es nicht für Gewißheit, liebe Rahel; ich will gewiß mich nicht von einer momentanen Wallung hinreißen lassen und dadurch neues Unglück hervorrufen, sondern besonnen bleiben und prüfen. Aber glauben Sie auch nicht, daß ich mich jetzt etwa steigere. Ich fühle keine leere Stelle im Herzen, die auf ein erzwungenes Streben deutete. Verliebt bin ich nicht in sie, aber ich liebe sie sehr und schätze sie über alles, und ich fühle es, daß bei ihren Gesinnungen gegen mich Innigkeit und Glück mir wachsen würden in einem dauernden Verhältnis. Doch dies sei nichts gesprochen, denn ich glaube, daß Sch[eibler] sich ganz irrt. Adieu, beste Rahel. Ihren Brief durch Gerlach habe ich erhalten. Mein Herz ist gewaltig abgearbeitet und der Körper matt, doch ist kein Keim zu einer Krankheit da. A. M. Vergessen Sie nicht die Nachschrift zu Scheiblers Brief zu lesen, auf der ersten Seite. Grausam! Und diese himmlische Gelassenheit und Liebe bei der entsetzlichen Niedergeschlagenheit. – Schicken Sie mir Scheiblers Brief in dem Ihrigen zurück. Während Schleiermacher in den Briefen an seine Frau die Neigung Marwitzens in der zartesten Weise berührt, erwähnt er den Namen des bereits genannten Scheibler gar nicht, auch in keiner Andeutung. Es scheint sich mehr um eine stürmische Neigung Scheiblers zu handeln. Rahel schneidet in diesen Episoden nicht gut ab, indem sie gradezu als Vermittlerin zwischen Marwitz und Frau Schleiermacher auftritt. Schleiermacher selbst konnte die Rahel nicht gut leiden. 93. Rahel an Marwitz. Mittwoch, d. 30t. Dezember 1812. Marcus will sich mit Coupons bezahlt machen, ich habe gestern mit ihm gesprochen. Heute ist Mittwoch, der Tag, wo keine Journalière reist, also können Sie vielleicht diesen Brief erst übermorgen erhalten. Die Schleiermacher war gestern Morgen bei mir; wir haben recht viel gesprochen, ich fand sie ganz gefaßt, ganz gelassen und einsichtiger, als man sich es nur irgend vorstellen könnte; sehr gerecht auch gegen sich selbst. Ich war auch sehr wahr gegen sie, welches sehr gut in ihr wirkte und noch wirken wird. Wir sprachen nämlich nur in Bezug auf Sie und der Geschichte. Das Resultat oder vielmehr das Ende unsers Gesprächs war, daß sie mich fragte, ob ich Ihnen schreiben würde, und mich dann bat, Sie recht herzlich zu grüßen, mit dem innigsten, aber gelassendsten, obgleich glänzendstem Ausdruck im Gesicht, Ton und ganzem Wesen, und daß sie mir sagte, daß – aber auch gefaßt und gelassen genug – sie sich Vorwürfe mache gesprochen zu haben überhaupt: denn sie könnte mir sehr darlegen – wie ich es auch glaubte –, daß sie ganz gewußt habe, was sie Ihnen sein könnte. Sie meinte, sie würde nicht wieder aus der Fassung kommen, und das Ende war, daß wir übereinkamen, daß ja nun alles klarer wäre und wahrer stände, wenn auch noch Augenblicke der verwirrenden Wallung kämen, – jetzt meine Worte, doch nur auszudrücken, was sie sagte. Nun seien Sie auch nicht zu nachlässig – das kann kommen –, untersuchen Sie sich nur, alles in sich zurecht zu stellen, die gehörige Frage in sich anzustellen, die trockensten Bejahungen auszusprechen auf die Frageform, ist's nicht so? und sich auch die wahre Haltung durch Ruhe und Klarheit zu geben. Pardon! so würde ich zu mir selbst sprechen. Von mir? Sehen Sie in mein Herz, wenn Sie können; Sie kennen meine Bestandteile, Sie wissen alles von mir, um jedes wissen zu können. Vergessen Sie nicht, que dieu m'a fait le coeur rebell et doux, je n'ai jamais pu le changer . Daß ich am großen Verdruß knurre wie die großen Pudel, von denen ich sprach, und daß nur aufheiternde Ereignisse oder göttliche innere Erleuchtungen mich beleben können. Also was soll ich schreiben, was soll ich fragen, was kann ich tun ohne die Götter? Das innerste Herz spricht mich endlich frei, und ich kann nicht viel mehr Bewegungen machen. Despotisieren Sie, wenn Sie wollen; mir ist's lieb und recht. Gott schütze Sie! Herr von Gerlach war gestern Morgen hier, aber Dore mußte ihm absagen, ich war beim Waschen und schon von der Schleiermacher unterbrochen. Es tat mir sehr leid. Rahel. 94. Marwitz an Rahel. P[otsdam,]d. 31t. Dezember 1812, früh acht Uhr. Hier, liebe Freundin, grauer Weiser, frischer und abgeblühter, toter und lebendiger Meister, Prediger in der Wüste, die verlangte Sendung. Mir geht es ziemlich. Montag Abend, wie ich in den Wagen stieg, glaubte ich, daß die Fahrt nicht so unangenehm werden würde, aber sie wurde langweilig und kalt, ich schlief zuweilen ein im Wagen und wachte dann auf mit naßkalten Schauern, – eine verdrießliche Empfindung. Wie ich ankam, war es halb eins und alles kalt; vor Kälte konnte ich im Bett nicht einschlafen. Den andern Morgen hatte ich viel zu tun mit Briefen, die an mich angekommen waren; den übrigen Tag las ich in der Geschichte des Vendeekriegs. Hätte ich es nicht mir und andern dieser Tage so oft gesagt, und wäre es mir nicht dadurch trivial geworden, so würde ich hier in ein schönes und gerührtes Erstaunen ausbrechen über die tragischen Schicksale dieses Volks, über seinen ungeheuern Aufwand von Kraft und Enthusiasmus, Tugend und Frevel jeder Art, der nur in dem allgemeinen Tode sein Ende findet. Denn die Nation ist ermordet. Am Abend ging ich zu einem Herrn von Röder, einem Offizier, der hier am besten unterrichtet ist, obwohl er es nicht sein sollte, denn er hat weder Verschwiegenheit noch ein Talent, das ihn zu einer öffentlichen Rolle fähig machen könnte. Wie ich mit ihm sprach und mir hernach das Wesen der übrigen hier überlegte, unter denen er noch ernsthaft, gründlich und verständig dasteht, wurde mir wieder unser gänzlicher Mangel an Köpfen und Charakteren schauderhaft klar. Es ist eine wunderliche und wirklich mystische Zeit, in der wir leben. Was sich den Sinnen zeigt, ist kraftlos, unfähig, ja heillos verdorben, aber es fahren Blitze durch die Gemüter, es geschehen Vorbedeutungen, es wandeln Gedanken durch die Zeit und zeigen sich wie Gespenster in mystischen Augenblicken dem tieferen Sinn, die auf eine plötzliche Umwandlung, auf eine Revolution aller Dinge deuten, wo alles Frühere so verschwunden sein wird, wie eine im Erdbeben untergegangene Erde, während die Vulkane unter entsetzlichem Ruin eine neue frische emporheben. Und der Mittelpunkt dieser Umgestaltung wird doch Deutschland sein mit seinem großen Bewußtsein, seinem noch fähigen und grade jetzt keimenden Herzen, seiner sonderbaren Jugend (ich meine die physische, unser junges Volk). Wie man schwanken kann! Wie einem zuweilen alles klein, vernichtet, zerrieben erscheint, alle Hoheit der Gemüter, alle derbe Kraft der Geister untergegangen! Die Sonne ihres Traums, in dem sie die entsetzliche Sandebene von den Festungswerken herab sehen, scheint über die Erde zu leuchten. Und dann ist es wieder, als ob ein neuer Himmel auf eine neue Erde sich senken sollte, sobald die jetzigen Gewitter ausgetobt und die Atmosphäre gereinigt haben werden. Ist es so, so sind wir aber noch lange nicht bei den letzten Donnern. Und so ist es wohl! Gestern die Vendee, Kopfübel am Vormittag, weil ich vorgestern tief in die Nacht hinein gelesen und es früh am Morgen, ehe ich aufstand, in der Stube geraucht hatte, ziemliche innere Gleichgültigkeit und Verdrießlichkeit über die öffentlichen Angelegenheiten und meine Stellung. Doch fühle ich wohl, daß mich die Zeit brauchen wird und besonders brauchen, und warte daher im Ganzen geduldig ab und bin fähig, auch in dem jetzigen geringfügigen Moment zu fassen und zu tun, was möglich ist. Viele liebevolle Gedanken an die S[chleiermacher] diese Tage her, doch fühle ich nicht, wie es zu dem ruhigen, reinen und ungetrübten Verhältnis kommen soll, welches ich ihr und auch ihm schuldig bin. Vielleicht doch. Adieu, Fasernkenner. A.M. Antworten Sie mir, liebe Rahel. Lieben Sie mich noch, wie sonst? Ich glaube es nicht. Von mir wissen Sie wohl, daß nichts in der Welt meine Meinung über Sie und mein unbedingtes Vertrauen zu Ihnen ändern wird. – Gehen Sie doch zur S[chleiermacher] und zeigen Sie ihr Ihre Träume. Ich sprach mit ihr über die Tiecksche Fete. Sie ist ganz unschuldig dabei. Das nächste Mal zeige ich ihr Ihre 275 Briefe. Die Frau versteht alles, schon um meinetwillen, aber auch an sich wird sie alles würdigen und lieben. Solchen Naturen ist man jeden Genuß schuldig. 95. Rahel an Marwitz. Sonntag, d. 3t. Januar 1813. Ihr sehr freundlicher, lieber Brief kann mich nur bewegen zu schreiben; geantwortet habe ich Ihnen eigentlich schon voraus in dem, den ich Ihnen schickte. Nehmen Sie sich mit rauchenden Zimmern und dgl. sehr in Acht, es verdirbt einem ganze Nächte und im Rückschlag – par ricochet – ganze Tage, und genau genommen ist doch nichts ärger, allein recht arg, als wenn wir uns selbst fehlen. Die Festigkeit, die der richtig spielende Körper giebt, ist auf der Stelle Luxus, wenn man es auch nur als höchste Notwendigkeit anschlagen will. Alle diese Weisheit ist mir gestern überkommen (und ich predige sie nur in Folge großer Narrheit und Unachtsamkeit von meiner Seite!), da ich in mildem Wetter bei hell gelockertem Himmel nach vielem Verdruß allein spazieren ging. Zwar natürlich nur in der Stadt, aber doch im Rondel – oder wie es heißt – am Potsdamer Tor, da sah ich viel Himmel, die Luft ist da ländlich, es war still. Und wie böse Hüllen fiel es von mir, all das Fremde, mir von der Lage Aufgezauberte, und ich wurde auch still. Weil mir die Luft behagte, ich gesund war, und sie mich gesund machte. (Zweimal bin ich schon gestört worden, dann kann man nicht schreiben.) Der Verdruß war von der Art, daß er ganz von meiner Lage her kam, und die wieder in all ihren Punkten, also auch in den empfindlichsten, wovon es die andern mit wurden, berührte. Ganz unleidlich! Und das Unleidlichste der Lage ist, daß ich sie nicht und nie zu ändern vermag. Nun bedenken Sie mich und meine Fasern, und was ich in mir trage und weiß, und stellen Sie Ihre Berechnung an! Dies Schwere all wurde mir leicht, weil mein Blut richtig fließen, meine Nerven richtig vibrieren konnten, und ich so mit Elementen, Farben, Licht und Erde in einem augenblicklich richtigen Zusammenhang und Wechselwirkung kam. Ich genoß es lauschend, beinah verwundert, und dann machte ich dem Himmel Vorstellungen, mir dies wenige Natürliche zu lassen, und klagte auch gegen ihn. So floß mein Tag, von Stadt und Hauswesen gestört, noch ziemlich gesund aus mir heraus, an mir vorbei. (Den Abend, wo Gerlach bei mir war, störte mich durch Schreien und Unkunde Graf Kalckreuth genug.) Die Nacht aber mußte ich schrecklich an Nerven leiden; nun kommt das Ende dieses Werks, womit ich es begonnen, und was ich beweisen wollte, weil mein Zimmer schon den zweiten Abend für die Nacht zu heiß war, welches ich nicht vertragen kann, und wogegen sich mein Blut mit nach dem Kopf steigen wehrt. Was dies ist, wissen Sie. Es artete in Nervendröhnen und in dem ganzen Hofstaat der Nervenübel aus. Wir wollen uns also sehr, sehr! vor solchen Zimmern hüten. Amen. Sie wissen, daß ich so sehr als Sie denke, daß die Schleiermacher das Beste wert ist, weil sie's versteht. Ich frage Sie auch, ob ich sie hoch gehalten habe von je und in Liebe geschaut. Ob ich eine Königin ehrerbietiger, zarter und zärtlicher zu behandeln nur vermöchte? Ich frage aber auch, in was ich mich ohne Stupidität oder Heuchelei unter sie stellen soll. Also müßte mir dieselbe Zartheit und Ehrenhaltung zufließen. Solche Anforderung aber ist stumm im tiefen Herzen gekauert da, stumm wie diese dunkle Tiefe selbst, und würde nie von Worten herauf gezwungen werden als Forderung, weil sie nur als Dank an das nichts schonende Licht mag, wenn ich sie nicht verteidigen müßte, diese Forderung. Verteidigen muß ich sie, weil sie sollizitieren soll, was ihr Wesen selbst bewirken sollte. »Unschuldig« ist hier nichts anders als unwissend. Über gewisse Dinge, wissen Sie im tiefsten Herzen, darf man nicht unwissend sein. Warum sollte ich jemanden mich schätzen lehren und mich dann von ihm schätzen lassen, und dasselbe mit Liebe und zartem Zuvorkommen und Erraten? Da habe ich's bequemer, ich schätze mich selbst und liebe andere, wo sie mir's erlauben. Daß man sich durch Tätlichkeiten die Achtung angedeihen läßt, die man nötig hat zum äußern Sein, dies kann man wohl gegen gleichgültige Leute in Äußerlichkeiten äußerlich üben. Aber wo Liebe, Überzeugung, Zartherzigkeit und Approbation wirken sollen, kann und mag ich nicht in Menschenherzen willkürlich operieren. Sie verstehen es genug das Schönste als Herzensfluten anzunehmen, und dies sei mir und Ihnen genug, wenn es noch so kommen mag. Sie wissen es, ich brauche nicht zu versichern, ich habe genug in Liebe geleistet, eine Heilige wär' ich zu anderer Zeit. Wem gönnt mein Herz nicht alles und jede Eigenschaft? Wer sieht, wer spürt sie eher aus und verkündigt sie? Wer ist gerechter, unpersönlicher? Wer ewig bereit zum besten Leben und Leisten? Wer scheidender und menschlicher? Wer zärtlicher gegen alles, was fühlt und zu fühlen scheint? Wer Gott erkennender in jedem Augenblick? Wo ich einen Zug von diesem Genannten sehe, beugt sich mein Herz und meine Kniee, das wissen Sie. Wo ich es reicher, vereinigter fände als bei mir, würd' ich in jubelnde Anbetung verfallen. Sie wissen es. Des Überschätzens aber bin ich ganz müde, d. h. ganz unfähig geworden. Tasso sagt: »Nur die Galeerensklaven kennen sich, die enggeschmiedeten«, wie es mit dem Überschätzen ist, wenn man selbst nur Gerechtigkeit noch verlangt – so bin ich wenigstens –, dann mag man diese auch nur leisten. Nicht im Behandeln und in der Nachsicht und im Leisten, aber im Beurteilen dessen, was geleistet wird. Ich bin es sehr zufrieden, daß Sie der Schleiermacher meine Briefe zeigen, und empfinde ganz die Ehre, die Sie mir in Ihrem Herzen erzeigen, in meinem. Ich will ihr auch die Träume zeigen. Von Tiecks Fête aber kann ich nicht sprechen. Das können Sie tun. Wenn Sie wollen! Und hiermit erzeige ich Ihnen wieder die größte Ehre, die aus meinem Herzen kommen kann. Auch das wissen Sie, Marwitz, am schwersten in der Welt wird mir von einem Menschen zu fordern, wovon ich denke, daß er's mir ungefordert hätte leisten sollen. Sagen und fordern sind hier eins; und diesmal hab' ich nur gesagt, was ich hätte fordern können, nämlich was ich in Ihrer Stelle würde getan haben – vergessen hätte ich's auch nicht –, aber ich will gar nicht, daß Sie es tun; denn sagen Sie mir, was sollte ich damit in der Ausübung beabsichtigen! Nun fragen Sie, ob ich Sie noch liebe wie sonst! Wie sonst nicht; denn ich bin anders und habe manchen Schmiedeschlag auch seit der Zeit erlitten. Ich liebe Sie, wie es mein Wesen mit sich bringt, und mein ganzes Herz ist gerührt und getroffen von Ihrem Zutraun, welches ich Ihnen ganz erwidere, ganz . Denn wie betrübt und erschwert und verunreinigt ist dies Herz, wenn ich einmal denken muß, dies faßt er nicht, noch nicht, dies mußt du noch zurückbehalten! Oder wenn es gar denkt, hier wärst du aufmerksamer, liebender! Verstehen Sie dies, und Sie werden mich nicht mehr fragen. Aber fragen Sie mich in alle Ewigkeit, ich will in aller Ewigkeit antworten. Dies ist der eigentlichste Umgang, ja, der mit sich selbst. Mehr als mir selbst kann ich Ihnen nicht bieten, und eben das biete ich Ihnen in allen Stücken. Faserkind! Mein Kind mit Fasern. Gerlach kann Ihnen von gestern Abend erzählen. Hanne, Varnhagen und Kalckreuth Graf Friedrich von Kalkreuth auf Siegersdorf bei Berlin, Bruder der Gräfin Schlabrendorf. waren da; den mußt' ich annehmen; ich hatte ihm zu oft abgesagt. Gerlach bringt Ihnen diesen Brief, er gefällt mir noch, Hanne auch. Gott grüße und schütze Sie! Gedenken Sie meiner in Liebe. R.R. 96. Marwitz an Rahel. Lauenburg, d. 3t. Mai 1813. Ich habe Ihnen nicht geschrieben, liebste Rahel, weil wir zwar wenig tätige, aber recht viele unruhige Tage gehabt haben. (Mein Unglück, die scheußlichste Feder, mit der es unmöglich ist, einen vernünftigen Gedanken zu haben und keine Aussicht eine andre zu bekommen.) Jetzt ist Freude für uns seit fünf bis sechs Tagen, ich war in Hamburg und sitze nun hier in einem kleinen freundlichen, an hohe Hügel zwischen Schluchten hinaufgebauten Städtchen; oben auf den Anhöhen ist die Aussicht wunderschön. Es ist zehn Uhr Morgens, die Sonne scheint durch leichte Nebel, es ist windig und kühl, beinah kalt; dicht vor meinem Fenster fließt die Elbe, drüben auf dem andern Ufer stehn grüne Weidenbüsche und Häuserchen dazwischen. Das alles ist nun recht hübsch, und ich könnte recht innig angeregt und vergnügt sein, wenn es mich in einer andern Stimmung träfe, aber ich bin traurig. Wie geht es Ihnen, liebste Rahel? Varnhagen sagte mir, daß Sie bei Einrichtung des Lazaretts vieles besorgt haben, daß Sie niemanden sehen, außer der Familie, daß diese Sie sehr frequentiert; er zeigte mir eine Stelle Ihres Briefes, worin Sie Niebuhr tadeln und das »Hanseatische Heergerät« loben. Wegen Niebuhrs Barthold Niebuhr gab damals den »Preußischen Correspondent« in Berlin heraus, der sich scharf gegen Napoleon wandte. – August Varnhagen war Adjutant des russischen Generals Tettenborn. – Das » Heergeräth der Hanseatischen Legion«, 1813 bei Perthes in Hamburg erschienen, beleuchtet scharf die Zustände in Hamburg. – Wilhelm von Dörnberg , der Freischarenführer, durch seinen kühnen Streifzug gegen Kassel bekannt, diente damals als Führer einer Heeresabteilung unter Wittgenstein und erfocht bei Lüneburg über ein französisches Korps einen Sieg, – Ernst von Pfuel war Chef des Generalstabes bei Tettenborn, später als Gouverneur von Berlin und Kriegsminister bekannt. bin ich mit Ihnen einer Meinung; er sieht alles in einem falschen Licht, die Gesinnungen, die er teils vorzufinden glaubt, teils herbeiwünscht und fordert, sind nicht die wirklichen, nicht die, die sich von dieser Zeit erwarten lassen, und die man ihr wünschen soll; er hat sie in Büchern aufgefunden, in römischen, griechischen und spanischen Geschichten, hat sie nicht recht verstanden, denn notabene auch in jenen Zeiten waren sie ganz anders modifiziert, und nun fordert er das fremde Gewächs von unserer Zone, meint, ein solcher allgemeiner Schatten, ohne die bestimmten, endlichen, mangelhaften und eben darum liebenswürdigen Züge, sei gesundes, natürliches Leben. Daß Ihnen aber das »Heergerät« gefällt, wundert mich; ich nahm das Büchelchen mit großer Begierde in die Hand wegen Ihrer Empfehlung und finde eine triviale Deklamation, ungeschickt in einem angelernten Stile vorgetragen, geschichtliche Fragmente, mit einer oberflächlichen Allgemeinheit hingestellt, die ihnen das Bedeutende und Ergreifende nimmt, eine gute Meinung, aber wenig Kraft und keine völlige Ächtheit des Gefühls und der Gesinnung; halb ist diese letzte wahr und ursprünglich, halb anempfunden, doch trägt sie im Ganzen einen gutmütigen, ja liebenswürdigen Charakter. Von mir werden Sie wissen, liebste Rahel, daß ich Adjutant beim General Dörnberg bin. Im Ganzen kann ich über meine persönliche Stellung nicht klagen. Die Umgebungen des Generals sind nicht unbequem, es kommt mancher bedeutende Mensch zu uns, wir stehen mit vielen in Verbindung, sehen und hören manches. Nur ist die Rolle, die wir spielen, matt. Der General ist das Gegenstück eines Anführers; er hat keine feste Meinung, keinen festen Willen und gar keine Routine, nicht einmal die, die ein jeder Lieutenant in Friedensdiensten sich zu eigen machen muß. Mir ist nie ein Mensch vorgekommen, der so gar nicht zu befehlen weiß. Ich stehe ganz gut mit ihm; er fragt mich bei dem Meisten um Rat, aber einesteils kann ich ihm das Rechte und Beste in den wenigsten Fällen raten, weil er nämlich der Ausführung nicht gewachsen ist, weil ihm in den entscheidenden Momenten, wo der Anführer nicht mehr durch einen andern zu ersetzen ist, die Worte, die Blicke, kurz die notdürftige Haltung fehlt. Andernteils kommt man immer mehr dahinter, daß, wie in allen bedeutenden Dingen der Welt, so bei der Kriegführung, alles aus einem Guß sein muß, und daß es nichts ist mit dem Flickwerk. Gehe ich mit jemandem nicht ungefähr von den nämlichen Grundsätzen aus, kann ich gewisse unumgängliche Eigenschaften nicht bei ihm voraussetzen, so hilft mir mein Raten nichts; er fällt beständig aus der Rolle, und ich schade am Ende öfter, als ich nütze, wenn ich ihn in die Höhe treibe. Allerlei Einzelnes läßt sich tun, und das habe ich auch getan, nur läßt sich dem Ganzen kein andrer Charakter geben, wodurch allein erst etwas Bedeutendes gewonnen wäre. In Hamburg ist tolle Wirtschaft, viel Schein, viel Lärm und wenig Gründlichkeit. Pfuel hat manches getan, aber teils nimmt er die Sachen hin und her zu leicht, teils ermüdet er auch über ihnen. Er begeht den Fehler, daß er nicht in einem stillen und saubern Bureau, sondern in dem Saus und Braus des Tettenb[ornschen] Hauptquartier arbeitet, welches durch einen Haufen von angestellten unwürdigen Nichtstuern und durch das Zuströmen aller übrigen Neugierigen in eine Klatsch- und Freßbude verwandelt ist. Dadurch verliert er Zeit und Sinne. Er ist nicht nach allen Richtungen wach, wie es sein müßte, treibt nicht nach, faßt ein jedes neue Ding geschickt und mit seltner Einsicht an, führt es aber nicht bis auf die Hälfte der Vollendung hin. Daher ist von allem Gearbeiteten nichts tüchtig. Lauenburg, d. 4t. Mai 1813, Dienstag. Ich muß schließen, beste Rahel; ganz unerwartet marschieren wir. Schreiben Sie mir, wo möglich, ausführlichst. Sehen Sie die Schleiermacher? Schreiben Sie mir über sie; ich habe ihr oft geschrieben, habe aber lange nichts von ihr gehört. Wenn es eine Feldpost in unserm Hauptquartier giebt, so adressieren Sie: an den p. p. Lieutenant und Adjutanten des Generals von Dörnberg im Hauptquartier des Generals von Dörnberg: giebt es keine, so adressieren Sie nach Hamburg, abzugeben bei dem Buchhändler Herrn Perthes oder an Varnhagen. Adieu. A. M. 97. Marwitz an Rahel. Reichenbach (in Schlesien bei Schweidnitz) d. 12t. Aug. [1813]. Müde, wie ein Hund, will ich Ihnen, liebste Rahel, doch ein paar Zeilen Antwort schreiben auf Ihren kleinen Brief vom 20. v. M., den ich auf der Herreise vorgestern durch einen mir begegnenden russischen Kurier zufällig erhalten habe. Es machte mir sehr viel Freude. Wie oft ich in dieser Zeit an Sie gedacht habe, brauche ich Ihnen nicht zu sagen, es ist ausgemacht, daß wir die intimsten Freunde sind; daß ich Ihnen nicht viel öfter geschrieben habe, geschah teils, weil ich Ihren Aufenthalt nicht wußte, teils weil [ich] an Hen[riette Schleiermacher] schrieb, und zwei sehr ins einzelne gehende Korrespondenzen zu führen ist schwer. Ich bin gestern von Strelitz als Kurier hierher gekommen, eine infame Partie, von der ich aber jetzt erst (es ist neun Uhr Abends) ganz entsetzlich müde bin. Sie wissen wohl, daß ich Dörnberg verlassen und zu Czernichef gegangen bin, mit dem ich in den Affären von Halberstadt und Leipzig gewesen bin. Nicht grade vom Regen in die Traufe, aber golden ist es auch nicht. Er ist ein zu vollendeter Franzose der neusten Zeit, rastlos, gewandt, sehr beredt, spricht einzig gut Französisch, dabei ist er gutmütig und bösartig zugleich, voll Absicht und immenser Eitelkeit und doch wieder naiv, das Gesicht ist interessant und kann einen sehr verschiedenen Ausdruck haben, die Augen sind schön; Gründlichkeit fehlt ihm ganz und gar. Seine Umgebungen sind teils unangenehm, teils ganz nichtig. Daß ich dabei nicht prosperiere, können Sie denken; meine besten Kräfte schlummern. Die Landsleute haben mir wieder hübsche Streiche gespielt; man stellt mich erstlich in einem antedatierten Brief bei einem Reservebataillon an, wo ich während des gewesenen Feldzugs die Rekruten eines Zuges in irgend einer Festung hätte exerzieren müssen. Den Brief erhalte ich vor dem Waffenstillstand, protestiere dagegen, entschuldige mich meiner Gesundheit halber, bitte bei Czernichef bleiben zu dürfen und lieber in der Kavallerie angestellt zu werden; dem allen lege ich einen Brief von Czernichef bei, worin er mich gewaltig lobt. Gestern erhalte ich die Antwort. Da der General Czernichef erklärt hätte, besonders mit mir zufrieden zu sein, so wolle man mir aus dieser Rücksicht erlauben bei ihm zu bleiben, man entbände mich auch meiner Pflichten gegen das Bataillon und mache mich zum Offizier in der Armee, doch verstände es sich, daß ich kein Gehalt erhalten würde. Wie gleichgültig mir das Letzte ist, können Sie denken, aber die Gesinnung gegen mich leuchtet daraus und überhaupt aus der ganzen Form des Briefs hervor. Adieu. Il vais me coucher. D. 13t. halb acht Uhr Morgens. Noch ein paar Zeilen, ehe ich abreise, liebste Freundin. Während des Waffenstillstandes war ich erst drei Wochen in Berlin. Dort: Studien (über Fortifikation p. p.); der kleine Gerlach, Schleiermachers, etwas Harscher, der einen Tag beim Lützowschen Korps gewesen ist, dann eingesehen hat, daß seine Gesundheit es nicht ertrüge, zurückgekehrt ist und seitdem einen ungeheuren Bart und eine militärische Mütze trägt, beides aus Eitelkeit, welches ich ihm sagte. Nach einem dreiwöchentlichen Aufenthalt ging ich nach Giewitz, wo Voß, seine Frau, Frau von Berg, meine Schwester und ab und zu noch andre Leute waren. Es war recht gut; ich las sehr viel (Heinse, Leibniz, Malebranche, Brinckmannsche Briefe an die Gräfin Voß p. p.) und sahe ein, daß vieles Lesen das Ungesundeste auf der Welt ist. Ich war während des ganzen Feldzugs sehr gesund gewesen, alle Leute wunderten sich über meine frischen Farben, und kaum hatte ich mich ein paar Wochen in Giewitz aufgehalten, so traten die Zufälle von vor zwei Jahren wieder ein, nur schwächer und so, daß mich ein einziger Tag, in freier Luft zugebracht, wieder herstellte. Von Giwitz ging ich nach Strelitz zu Czernichef, von dort als Kurier hierher. Wie ich über die jetzige Lage denke, brauche ich Ihnen kaum zu sagen. Napoleon ist auch als Feldherr gar nicht geistvoll, nicht erfinderisch, vielmehr bis zum Gemeinen einförmig, dabei ist er tollkühn, fixiert, wenn er angefangen hat, zu sehr den einmal ergriffenen Gegenstand und verbeißt sich drin, ohne die notwendigen Nebenrücksichten zu beachten; aber er weiß doch genau in jedem Moment, was er will (wenn auch nicht, was er als Feldherr soll), handelt entschieden, und alles gehorcht ihm; das ist ungeheuer viel und macht gräßliche Fehler wieder gut. Wir dagegen – ich erspare mir die Charakteristik; Sie werden in Prag mit eignen Augen gesehn haben. Von der andern Seite haben wir die physische und moralische Überlegenheit der Armee für uns und können deshalb auf glückliche Schlachten rechnen. Was ich vom Kronprinzen von Schweden gesehn, hat mir sehr gefallen, nach allem, was ich von ihm aus guten Quellen gehört, scheint mir außerordentlich. Edel ist er gewiß, seine Manieren sind vornehm und nobel, ohne Affektation; sein Gesicht ist ausgezeichnet. Adieu, liebste Rahel, es ist die höchste Zeit, daß ich aufbreche, um wieder als Kurier nach Berlin zu gehen. Wenn die Franzosen Schlesien verlassen oder nicht auf das rechte Oderufer vordringen sollten (welches gar nicht wahrscheinlich), so ist der Postenkurs frei. Schreiben Sie mir alsdann: über Berlin, im Hauptquartier des Generals von Czernischef. Schreiben Sie mir genau über Henr[iette Schleiermacher], die Geschichte ihrer ersten Entrevue. Grüßen Sie sie dabei auf eine hübsche Weise, aus einem würdevollen, durchscheinenden Gefühl seiner früheren Lage, bescheiden. Grüßen Sie Gentz, Tieck, meine Verwandten, wenn Sie Gelegenheit haben. Marwitz war von Dörnberg zu dem russischen Freischarenführer Fürst Alex. Tschernischew übergegangen, der einen kühnen Zug zum Entsatz von Berlin plante. – In Giewitz in Mecklenburg wohnte Gräfin Luise Voß. – Während des Waffenstillstandes beschäftigt sich Marwitz mit dem Lesen von Johann J. W. Heinses Roman Ardinghello, ferner mit Gottfried Wilhelm Leibniz philosophischen Schriften und mit Nicolas Malebranche , des französischen Philosophen und Metaphysiker, Oeuvres 1712. A. M. 98. Marwitz an Rahel. Wiesbaden, d. 26t. Decbr. 1813. Hier sitze ich, liebe Rahel, im Wirtshaus; es ist eben acht Uhr Morgens vorbei, und ich brenne noch Licht. Ich gehe heute zu meiner Brigade nach Langenschwalbach; ich bin nämlich in den Generalstab der Blücherschen Armee versetzt und komme als erster Generalstabsoffizier zur ersten Brigade des Yorkschen Armeekorps – alles infolge des Briefes, den ich an den General Müffling schrieb, und den mir Böhm besorgte. Ich treffe in Langenschwalbach Willisen, der mit dem General Hünerbein dort steht. Meine Reise war nicht unangenehm. Das Wetter war häufig wie an den angenehmsten Tagen des anfangenden Frühlings; so unter anderm, wie ich durch Karlsbad ging; der Ort gefiel mir unglaublich. Die besten Menschen, die schönsten und stärksten Männer fand ich im Bayreuthischen: sie sind auf eine rührende Weise preußisch gesinnt, und doch läßt man sie wahrscheinlich im Stich. So wie man ins Katholische hineinkommt, gegen Bamberg zu, wird alles häßlich; nichtssagende, verdumpfte Gesichter. Hübsche Weiber habe ich fast seit Prag nicht mehr gesehen; je mehr man sich auf dieser Seite dem Rhein nähert, desto plumper werden die weiblichen Gestalten, auch die Gesichter verlieren alle Feinheit. Frankfurt traf ich ziemlich verödet, wie ich den 14. ankam, die Kaiser und die Garden waren weg; die Stadt ist recht hübsch, hat palastartige Wirtshäuser (von außen nämlich), übrigens ist sie nicht mehr im geringsten so, wie sie Goethe beschreibt, sie hat sich erstaunlich modernisiert; ich war ein paar Tage bei einem braven, ruhig freundlichen und gesetzten Kaufmann einquartiert, der eine recht gescheute, liebenswürdige Frau und hübsche blasse Kinder hatte. Was ich dort sah, scheint ziemlich allgemeiner Ton zu sein, und danach zu urteilen herrscht viel Sitte in Frankfurt, auch ist man in der Bildung nicht zurück, besonders scheint man Musik zu lieben. Das Orchester im Theater ist besser als irgend eins, das ich je gehört. Meine Stimmungen, seit ich Sie verlassen, sind eben nicht die angenehmsten gewesen. Die Reise war für eine Reise im Winter und auf Vorspannwagen recht gut, aber noch immer fatal, und seit ich hier bin, habe ich mich den ganzen Tag in bornierten und sich immer wiederholenden Gesprächen herumtreiben müssen; bis auf wenige Momente mit dem kleinen Gerlach. Da die Österreicher über den Rhein gegangen sind, wird es unfehlbar auch bald mit uns losgehen. Wiesbaden, d. 29t. [Dezember 1813]. Ich habe den Brief ein paar Tage liegen lassen, und jetzt kann ich ihn nicht fortsetzen; wir brechen auf. Ich schreibe Ihnen nächstens, wohin Sie mir einen Brief adressieren können. Grüßen Sie Augusten [Brede]. Adieu. A M. Es ist anzunehmen, daß bei dem wechselnden Aufenthalt Marwitzens Briefe der Rahel an ihn verloren gegangen sind. – Friedrich Ferdinand Karl Frh. von Müffling , damals Offizier in Potsdam, später Generalfeldmarschall.