Heinrich Zschokke Blätter aus dem Tagebuche des armen Pfarr-Vikars von Wiltshire. Am 15. Dezember 1764. Ich erhielt von Herrn Doktor Snart, meinem Patron, zehn Pfund Sterling als den Betrag des halbjährigen Gehalts. Ich mußte den sauer verdienten Lohn noch unter manchen Unannehmlichkeiten in Empfang nehmen. Nachdem ich anderthalb Stunden im kühlen Vorzimmer des Herrn Rektors hatte warten müssen, erlaubte man mir endlich, in sein Gemach zu treten. Er saß gemächlich im großen Lehnstuhle am Schreibtische; das Geld war schon gezählt. Er erwiderte meine Verbeugungen mit einem majestätischen Kopfnicken seitwärts, indem er seine schöne schwarzseidene Hausmütze ein wenig aus dem Nacken empor und wieder zurückschob. Wirklich hat er viel Würde. Ich kann mich ihm nie ohne Ehrfurcht nahen. Ich glaube, ich würde zu dem Könige selbst nicht mit größerer Ehrerbietung hintreten. Er nötigte mich nicht zum Sitzen, obwohl er wissen konnte, daß ich den Morgen schon elf (englische) Meilen bei schlechtem Wetter gemacht und vom anderthalbstündigen Stehen im Vorzimmer auch nicht viel Trost für die müden Beine gehabt hatte. Er wies mit der Hand auf das Geld. Mir schlug das Herz gewaltig, als ich nun mit der lange überlegten und wohleingelernten Bitte um einige Gehaltsvermehrung hervortreten wollte. Daß ich doch meine Schüchternheit auch in den allerunschuldigsten, ja ich darf sagen, in den gerechtesten Sachen nicht ablegen kann! Mit einer Angst, als wollt' ich ein Verbrechen begehen, hob ich zweimal vergebens an. Gedächtnis, Worte und Stimme verließen mich. Der Schweiß stand mir plötzlich in großen Tropfen auf der Stirn. »Was wollen Sie eigentlich?« fragte er leutselig. »Ich bin . . . alles ist teuer . . . kaum im stande, mit dem geringen Gehalt in diesen Zeiten auszukommen.« »Geringes Gehalt, Herr Vikar? Wo denken Sie hin? Ich kann jeden Tag einen andern Vikar um fünfzehn Pfund Sterling Jahrgehalt haben!« »Um fünfzehn Pfund! Nun ja, wenn er ohne Familie ist, mag er's mit dem Gelde machen.« »Ihre Familie, Herr Vikar, hat sich doch nicht vermehrt, hoffe ich? Sie haben ja nur zwei Töchter.« »Ja, Eure Hochwürden! Aber diese wachsen heran. Meine Jenny, die älteste, ist nun achtzehn Jahre, und Polly, die jüngere, bald zwölf Jahre alt.« »Desto besser! Können die Mädchen nicht arbeiten?« Ich wollte antworten, er ließ mich aber nicht zum Worte kommen, sondern stand auf und sagte, indem er gegen das Fenster ging und mit den Fingern an den Scheiben trommelte: »Ich habe heute unmöglich Zeit, mich weiter einzulassen, Überlegen Sie's, ob Sie mit fünfzehn Pfund des Jahres die Stelle behalten wollen, und melden Sie mir's dann. Können Sie nicht, so wünsche ich Ihnen eine bessere Vikarstelle zum Neujahrsgeschenk.« Er verbeugte sich höflich gegen mich und schob wieder an der Mütze. Ich strich hastig das Geld ein und empfahl mich seiner Huld. Ich war wie angedonnert. So kalt hatte er mich noch nie empfangen und abgefertigt. Nicht einmal bot er mir, nach bisheriger Gewohnheit, ein Mittagessen an Ich hatte darauf gehofft, denn ich war nüchtern von Crekelade in aller Frühe fortgegangen. Nun kaufte ich mir in der Vorstadt bei einem Bäcker, an dem ich vorüberging, ein Brot und machte mich damit auf den Rückweg. Wie niedergeschlagen war ich auf dem Wege! Ich weinte wie ein Knabe. Die Thränen fielen auf das Brot, indem ich es hungrig verschlang. Pfui, Thomas! Schäme Dich Deines Kleinmutes! Lebt der alte Gott nicht mehr? Und wenn Du nun die ganze Stelle verloren hättest? Jetzt sind es ja nur fünf Pfund weniger. Freilich der vierte Teil des ganz kleinen Jahrlohns! freilich auf den Tag im Durchschnitt kaum zehn Pence, wovon drei Personen sich nähren und kleiden müssen . . . Was ist's denn weiter mehr? . . . Man muß vom alten Wohlleben etwas abbrechen. Am 16. Dezember. Ja, ich glaube, Jenny ist ein Engel. Ihre Seele ist noch schöner, als ihr Leib; beinahe muß ich mich schämen, ihr Vater zu sein: sie ist viel besser und frömmer, als ich. Gestern hatte ich nicht den Mut, den beiden Mädchen unser bevorstehendes Unglück zu verkünden. Als ich es heute that, ward Jenny ernst, dann plötzlich wieder freundlich, und sagte: »Bist Du unruhig, Vater?« »Sollte ich nicht?« »Nein, Du solltest nicht!« »Liebes Kind, wir kommen nie aus Schulden und Sorgen! Ich weiß nicht, wie wir bestehen werden. Es fehlt uns so vieles! Wer giebt es nun bei fünfzehn Pfund, die kaum für Lebensmittel ausreichen?« Statt der Antwort legte Jenny schmeichelnd ihren Arm um meinen Nacken und wies mit der andern Hand zum Himmel. »Der dort!« sagte sie. Polly setzte sich auf meinen Schoß, streichelte mir das Gesicht und sagte: »Ich will Dir was erzählen. Mir träumte diese Nacht, es sei Neujahr und der König sei nach Crekelade gekommen. Das war eine Pracht! Der König stieg vor unserer Hausthür vom Pferde und kehrte bei uns ein. Da hatten wir unsere Not mit Kochen und Braten. Der König aber ließ von seinen eignen Speisen bringen in goldenem und silbernem Geschirr. Draußen schollen Pauken und Trompeten. Und denke Dir, bei Pauken- und Trompetenklang brachte man Dir auf einem Atlaskissen zum Neujahrsgeschenk eine goldene Bischofsmütze. Sie sah etwas närrisch aus, ungefähr wie die spitzen Hauben der Bischöfe im alten Bilderbuch. Du nahmst Dich aber darin recht gut aus, doch mußte ich mich fast außer Atem lachen. Da weckte mich Jenny. Ich war recht böse darüber. Der Traum von dem Neujahrsgeschenk hat gewiß etwas zu bedeuten; bis Neujahr sind ja nur noch vierzehn Tage.« Ich sagte der Polly: »Träume sind Schäume.« Sie aber sagte: »Träume kommen von Gott.« Zwar glaube ich an so etwas nicht, doch will ich den Traum aufschreiben, um zu sehen, ob er ein tröstender Wink des Himmels war. Ein Neujahrsgeschenk wäre ja doch möglich, das uns allen wohl zu statten käme. Den ganzen heutigen Tag habe ich gerechnet. Ich rechne nicht gern; das Rechnen und Geldwesen macht mir den Kopf wüst und das Herz leer und doch schwer. Am 17. Dezember. Meine Schulden sind – Gott sei Dank! – nun alle bis auf eine abgetragen. An fünf verschiedenen Orten zahlte ich sieben Pfund Sterling und elf Shilling; bleiben mir also bar zwei Pfund und neun Shilling. Damit soll ich ein halbes Jahr haushalten. Helfe mir Gott! Die schwarzen Hosen, welche ich beim Schneider Cutbay sah, die muß ich nun wohl ungekauft lassen, obgleich ich sie dringend nötig hätte. Sie sind zwar schon getragen, aber noch gut imstande und der Preis wäre billig, aber Jenny hat einen Rock noch nötiger. Das gute Kind dauert mich, wenn ich es bei der strengen Kälte im leichten Kamelotkleide sehen muß. Polly kann mit dem Kleide zufrieden sein, das ihr die Schwester aus ihrem alten sehr künstlich zusammengestückt hat. Auch meine Teilnahme an der Zeitung, die ich bisher mit dem Weber Westburn hielt, muß ich aufgeben. Das thut mir weh. Hier in Crekelade erfährt man sonst nichts vom Laufe der Welt. Beim Pferderennen in Newmarket gewann der Herzog von Cumberland gegen den Herzog von Grafton eine Wette von fünftausend Pfund Sterling. Es ist doch sonderbar, daß sich die Worte der Schrift immer so buchstäblich bewähren: Wer da hat, dem wird gegeben, und man kann hinzufügen, wer wenig hat, dem wird genommen. Ich muß noch fünf Pfund von meinem kargen Gehalte verlieren. Pfui, Thomas, schon wieder murrend! Und warum? Wegen der Zeitung, die Du nicht mehr mithalten kannst? . . . Schäme Dich! Wirst es ja doch wohl von andern erfahren, ob General Paoli auf Korsika die Freiheit behaupten werde. Die Franzosen haben den Genuesen freilich Hilfstruppen zugesagt, aber Paoli hat zwanzigtausend Mann alter Soldaten. Am 18. Dezember. Ach, wie glücklich sind wir armen Leute doch! Um ein Spottgeld hat Jenny einen prächtigen Weiberrock bei der Trödlerin Barde gekauft und nun sitzt sie da und trennt ihn in Pollys Gesellschaft auf, um einen neuen daraus für sich zu machen. Jenny versteht das Handeln und Feilschen besser denn ich, aber man giebt ihr auch lieber nach, wenn sie so engelhaft-mild bittet. Nun ist Freude über Freude im Hause. Am Neujahrstage will Jenny zum ersten Mal im neuen Rocke erscheinen. Polly macht hundert lustige Glossen und Prophezeiungen dazu. Ich wette, der Dey von Algier hat sich nicht so sehr über das kostbare Geschenk der Venetianer gefreut, über die zwei Diamantringe, die beiden mit Brillanten besetzten Uhren, die mit Gold ausgelegten Pistolen, köstlichen Teppiche, Pferdedecken und die zwanzigtausend Zechinen bar. Jenny meint, wir müssen uns ihren Rock am Mund absparen. Bis Neujahr wird kein Fleisch gekauft. Das ist ganz recht. Der Weber Westburn ist ein edler Mann. Ich sagte ihm gestern die Zeitung auf, weil ich meines bisherigen Gehalts, vielleicht meiner ganzen Stelle, nicht sicher sei. Er schüttelte mir die Hand und sagte: »So halte ich mir das Blatt allein und Sie, Herr Vikar, lesen es doch mit mir!« Man muß nur nie verzagen. Es giebt der guten Menschen in der Welt mehr als man glaubt, und unter den Armen mehr als unter den Reichen. Abends, an demselben Tage. Der Bäcker ist ein unfreundlicher Mann. Obgleich ich ihm nichts mehr schuldig bin, machte er doch der guten Polly, als sie das Brot holte und sie es gar klein und schlecht aufgegangen oder halb verbrannt fand, einen Zank, daß die Leute auf der Straße still standen. Dann erklärte er, er gebe nichts mehr auf Borg; wir sollten unser Brot anderswo kaufen. Polly dauerte mich. Ich hatte genug zu trösten. Ich weiß nicht, wie die Crekelader zu allen Nachrichten kommen. Jedermann im Dorfe spricht davon, der Rektor Snart werde statt meiner einen andern Vikar anstellen. Das wäre mein Tod. Der Fleischer sogar muß Wind davon bekommen haben, denn nicht umsonst schickte er seine Frau mit Klagen über schlechte Zeiten zu mir und ließ sagen, daß er unmöglich ferner sein Fleisch anders als gegen bare Bezahlung verkaufen könne. Die Frau war wirklich sehr höflich und konnte nicht genug sagen, wie lieb und wert wir ihr wären. Sie riet uns, zu Colswood zu gehen, um da unsern kleinen Fleischbedarf einzukaufen; er sei ein vermögenderer Mann und könne leichter auf das Geld warten. Ich mochte der guten Frau nicht sagen, wie uns dieser Wucherer vor einem Jahr behandelte, als er uns das Pfund Fleisch um einen Penny teuerer denn anderen Leuten angerechnet hatte und, da ihm sein Schwören und Fluchen nicht half und er nicht leugnen konnte, rund heraus sagte: sein Geld, wenn er es ein Jahr lang ausstehen habe, müsse verzinst werden . . . und wie er uns damit die Thür wies. Noch besteht meine Barschaft in einundvierzig Shilling drei Pence. Wie soll das enden, wenn mir niemand mehr so viel vertraut, daß ich meine Lebensmittel am Ende eines Vierteljahrs bezahlen kann? . . . Und wenn Rektor Snart einen andern Vikar nimmt? . . . Dann bin ich mit meinen armen Kindern auf die Gasse hinausgeworfen. Nun, Gott ist auch auf der Gasse! Am 19. Dezember, in der Frühe. Ich erwachte heute schon sehr früh und überlegte, was in meiner mißlichen Lage zu thun sei. Ich dachte wohl an Master Sitting, meinen reichen Vetter zu Cambridge; allein die armen Leute haben keine Vettern, nur die reichen. Brächte mir der Neujahrstag die Bischofsmütze aus Pollys Traum, wäre mir halb England verwandt. Folgenden Brief habe ich an den hochwürdigen Herrn Doktor Snart geschrieben und heute auf die Post gegeben: »Ich schreibe mit bangem Herzen, denn jedermann sagt, daß Eure Hochwürden einen andern Vikar statt meiner anstellen. Ich weiß nicht, ob das Gerücht Grund habe oder nur entstanden ist, weil ich einigen Personen von der Unterredung gesagt habe, die ich mit Ihnen hatte. Dero mir anvertrautes Land habe ich mit Eifer und Treue verwaltet, Gottes Wort lauter und rein gelehrt, keine Klage über mich vernommen; selbst mein innerer Richter verurteilt mich nicht. Ich bat demütig um eine kleine Zulage zu meinem geringen Gehalte. Eure Hochwürden sprachen von Verminderung meines Lohnes, der kaum hinreicht, für mich und meine Familie die notwendigsten Bedürfnisse des Lebens zu bestreiten. Möge Ihr menschenfreundliches Herz entscheiden! Unter Eurer Hochwürden seligem Vorgänger habe ich sechzehn, unter Ihnen anderthalb Jahre gedient. Ich bin ein Fünfziger; mein Haar beginnt grau zu werden. Ohne Bekannte, ohne Gönner, ohne Aussicht auf ein anderes Amt, ohne Kenntnis, mir auf andere Weise mein Brot zu schaffen, hängt mein und meiner Kinder Glück allein von Ihrer Gnade ab. Lassen Sie uns fallen, so bleibt uns keine andere Stütze als der Bettelstab. Meine Töchter, allmählich erwachsen, verursachen bei aller Einschränkung größere Ausgaben. Die älteste Tochter Jenny vertritt bei der jüngern Mutterstelle und führt das Hauswesen. Wir halten keine Magd; meine Tochter ist die Magd, die Köchin, die Wäscherin, die Schneiderin, die Schusterin sogar; so wie ich der Zimmermann, der Maurer, der Schornsteinfeger, der Holzhauer, der Gärtner, Bauer und Holzträger meines Hauses bin. Gottes Barmherzigkeit war bisher mit uns. Keines ward krank. Wir hätten keine Arznei bezahlen können. Crekelade ist ein kleiner Ort. Meine Töchter boten sich vergebens an, für andere Haushaltungen Arbeiten zu machen, zu waschen, zu flicken, zu nähen. Selten empfingen sie eine Arbeit. Hier im Orte hilft sich jede Haushaltung selbst; niemand ist reich. Es wäre ein herbes Schicksal, wenn ich ferner mit zwanzig Pfund Sterling im Jahre mich und die Meinigen durchbringen sollte; es wäre das Traurigste, wenn ich es mit fünfzehn Pfund versuchen müßte . . . aber ich vertraue auf Ihr Erbarmen und auf Gott, und bitte Eure Hochwürden, mich wenigstens aus der Angst reißen zu wollen.« Nachdem ich den Brief geschrieben, warf ich mich auf die Kniee, während ihn Polly auf die Post trug, und betete um glücklichen Ausgang. Da ward es mir im Gemüt sonderbar hell und wohl. Ach, ein Wort zu Gott ist immer ein Wort von Gott! Ich kam so leicht aus meinem Kämmerlein, und war doch so schwer hineingegangen. Jenny saß am Fenster bei der Arbeit; sie saß da mit einer Ruhe, Seligkeit und Anmut, wie ein Engel. Es strahlte von ihrem Antlitze wie Licht. Ein schwacher Sonnenblick durch das kleine Fenster verklärte das ganze Zimmer. Mir war himmlisch wohl. Ich stellte mich an's Pult und schrieb meine Predigt: Von den Freuden der Armut. Ich predige in der Kirche ebensoviel mir selber als anderen. Und geht keiner gebessert aus der Kirche, bin ich es doch; und schöpft keine Seele Trost aus meinen Worten, schöpfe ich ihn doch. Es geht dem Geistlichen, wie dem Arzt. Er kennt die Kraft seiner Arzneien, aber nicht immer ihre Wirkungen auf die Natur aller Kranken. An demselben Tage Vormittags. Am Morgen erhielt ich ein Billet, das mir ein Fremder aus dem Wirtshause schickte, welcher daselbst übernachtet hatte. Der Unbekannte bat mich wegen dringender Angelegenheiten auf einen Augenblick zu sich. Ich ging zu ihm. Es war ein hübscher junger Mann von etwa sechsundzwanzig Jahren, von edlen Gesichtszügen und vielem Anstande. Er trug einen alten, abgeschabten Überrock und Stiefel, an denen der gestrige Kot verhärtet war. Sein runder Hut, obwohl ursprünglich kostbarer als der meinige, war doch weit verdorbener und abgetragener. Der junge Mensch schien, ungeachtet seiner übelbestellten Kleidung, von gutem Hause zu sein. Er trug wenigstens ein sauberes Hemd vom feinsten Linnen, wenn es ihm nicht etwa von einer mildthätigen Hand erst verehrt worden war. Er führte mich in ein Nebenzimmer der Wirtsstube, bat tausendmal um Entschuldigung, mich bemüht zu haben, und entdeckte mir demütig, er sei in der bittersten Verlegenheit, kenne niemand in diesem Orte, wo er gestern Abend angekommen wäre, und habe deswegen seine Zuflucht zu mir, als Geistlichen, nehmen wollen. Er wäre, setzte er hinzu, seines Standes ein Komödiant, jetzt ohne Anstellung und im Begriff, nach Manchester zu reisen. Nun aber sei er mit seinem Gelde zu Ende, so daß er nicht einmal genug habe, den Wirt völlig zu bezahlen, geschweige nach Manchester zu kommen. Demnach wende er sich in der Verzweiflung an mich. Mit zwölf Schillingen wäre ihm geholfen. Er wolle mir, wenn ich ihm den Vorschuß machen könne, das Geld, sobald er wieder bei einem Theater angenommen sein würde, ehrlich und dankbar zurückstellen. Sein Name sei John Fleetmann. Er hätte nicht nötig gehabt, mir seine Not und Angst so ausführlich zu schildern. In den Zügen seines Gesichts lag noch mehr Kummer und Unruhe, als in seinen Worten. Allein in meinem Gesicht las er vermutlich etwas Ähnliches, denn wie er die Augen zu mir aufschlug, erschrak er und sagte: »Wollen Sie mich hilflos lassen?« Ich erklärte ihm nun ganz unumwunden meine Lage: daß er von mir nichts weniger als den vierten Teil meiner Baarschaft begehre, daß ich sogar in größter Ungewißheit über die fernere Dauer meines Amtes schwebe. Plötzlich kalt und wie in sich zurückgesunken, sagte er: »Sie rechnen einem Unglücklichen Ihr Unglück vor. Ich fordere von Ihnen nichts. Ist denn niemand anders in Crekelade, der, wenn auch keinen Reichtum, doch Mitleid hat?« Ich sah den Herrn Fleetmann mitleidig an und schämte mich ein wenig, ihm meine böse Lage vorgestellt zu haben, um dahinter ohne Erröten hartherzig sein zu können. Zugleich sann ich umher unter meinen Crekeladern und getraute mir nicht einen zu nennen. Ich kannte ihre Herzen vielleicht zu wenig. Dann trat ich ihm einen Schritt näher, legte meine Hand auf seine Schulter und sagte: »Herr Fleetmann, Sie thun mir leid! Haben Sie noch ein wenig Geduld! Sie wissen, wie arm ich bin. Ich will Ihnen helfen, wenn ich kann. In einer Stunde gebe ich Ihnen Bescheid.« Ich ging nach Hause. Unterwegs dachte ich: »Sonderbar, warum der Fremde sich eben an mich zuerst wendet und der Komödiant an einen Geistlichen! Ich muß etwas in meiner Natur haben, das den Instinkt der Unglücklichen und Begehrenden magnetisch anzieht. Denn was in Not ist, spricht mich an, der doch das Wenigste zu geben hat.« Daheim erzählte ich den Kindern, wer der Fremde sei und was er von mir begehre. Ich wollte Jennys Rat hören. Sie sagte mitleidig: »Ich weiß, Vater, was Du denkst, darum habe ich Dir nichts zu raten.« »Und was denke ich denn?« »Du denkst, ich will gegen den armen Komödianten sein, wie ich wünsche, daß Gott und der Doktor Snart gegen mich sein möchten.« Das hatte ich zwar nicht gedacht, aber ich wünschte es gedacht zu haben. Ich suchte die zwölf Schilling hervor und gab sie an Jenny, daß sie dem Reisenden die Gabe brächte. Ich mag nicht gern das leidige Danken mit anhören, weil es mich demütigt. Undank erhöht mich. Auch wollte ich mich nicht in der Ausarbeitung meiner Predigt stören lassen. An demselben Tage abends. Der Komödiant ist gewiß ein guter Mensch. Als Jenny vom Wirtshause zurückgekommen war, wußte sie viel von ihm zu erzählen, nicht minder auch die Wirtin. Diese Frau hat es sogleich herausgebracht, daß ihr Gast einen leeren Beutel habe, und Jenny konnte es ihr nicht läugnen, daß ich ihm etwas Reisegeld schicke. Da mußte Jenny eine lange Strafpredigt anhören über den Leichtsinn des Gebens, wenn man selbst nichts habe; über die Gefahr, Landstreicher zu unterstützen, wenn man die eigenen Kinder nicht kleiden könne; das Hemd sei näher, als der Rock; selber essen mache satt u. s. w. Ich war eben wieder an meiner Predigt, als Herr Fleetmann hereintrat. Er wollte, sagte er Crekelade nicht verlassen, ohne seinem Wohltäter zu danken, durch welchen er aus der peinlichsten Verlegenheit gerissen sei. Jenny war daran, den Tisch zu decken. Wir hatten Rüben und einen Eierkuchen. Ich lud den Reisenden ein, mit uns zu Mittag zu essen; er schlug es nicht aus. Er mochte es wohl nötig haben, denn er hatte sich im Wirtshause an seinem Frühstück schwerlich satt gegessen. Polly mußte Bier holen. Wir hatten lange nicht so gut gelebt. Herr Fleetmann schien sich bei uns zu gefallen; er hatte sein voriges Kummergesicht ganz verloren, doch blieb ihm das, unglücklichen Leuten eigene, schüchterne, verlegene Wesen. Er meinte, wir wären sehr glücklich, und das bestätigten wir auch; daß ich aber wohlhabender und reicher sei, als ich zu sein das Ansehen haben wollte, darin irrte er sich. Ohne Zweifel täuschte den guten Menschen die Ordnung und Reinlichkeit unserer Zimmer, die Klarheit der Fenster, die Sauberkeit der Vorhänge, des Tischgeräts, des Fußbodens, der Firniß unserer Tische und Stühle. In den Hütten der Armut pflegt man gewöhnlich den Unflath überall zu sehen, weil arme Leute nicht zu sparen wissen. Ordnung und Reinlichkeit aber, das predigte ich meiner seligen Frau und meinen Töchtern immer, sind die ersten aller Sparmittel. Jenny ist darin Meisterin. Unser Gast war mit uns allen bald sehr bekannt und traulich; doch sprach er weniger von seinem, als von unserm Schicksale. Der arme Mensch muß einen schweren Kummer auf dem Herzen haben, ich will nicht glauben, auf seinem Gewissen. Ich bemerkte, daß er oft plötzlich im Gespräch abbrach und sich verfinsterte, dann sich anstrengte, wieder heiter zu sein. Seine letzten Worte waren: »Es ist unmöglich, Ihnen kann es in dieser Welt nicht übel gehen; Sie haben den Himmel in der Brust und zwei Engel Gottes neben sich.« Bei den letzten Worten deutete er auf Polly und Jenny. Am 20. Dezember. Der Tag verstrich sehr ruhig, doch kann ich nicht sagen, angenehm. denn der Krämer Loster schickte mir die Jahresrechnung. Sie war für die bei ihm genommenen Waren größer, als wir erwartet hatten, obgleich wir nichts genommen, was nicht auch von uns aufschrieben worden wäre. Allein er hatte bei allen Artikeln im Preise aufgeschlagen; sonst traf seine Rechnung redlich mit der unsrigen zusammen. Das schlimmste ist der Rückstand meiner Schuld vom vorigen Jahre bei ihm. Er bat um Zahlung derselben, weil er in größter Geldverlegenheit sei. Die Gesamtsumme aber betrug achtzehn Schilling. Ich begab mich zu Herrn Loster. Es ist ein sehr höflicher und billiger Mann. Ich hoffte ihn mit einer Zahlung auf Rechnung zu beruhigen und versprach den Rest auf Ostern abzutragen. Er war aber nicht zu bewegen und bedauerte, daß ihn die Not zwingen könne, zu den äußersten Mitteln zu greifen. Wenn er es vermöchte, würde er gerne warten; allein binnen drei Tagen habe er einen Wechsel, der auf ihn ausgestellt sei, zu zahlen. Einem Kaufmanne gehe der Kredit über alles. Dagegen ließ sich nichts mehr einwenden, nachdem meine wiederholten Bitten eitel gewesen waren. Hätte ich es sollen gegen mich zu richterlicher Beitreibung kommen lassen, wie er drohte? Ich schickte ihm das Geld und zahlte ihm die ganze Schuld ab. Nun aber ist auch mein ganzes Vermögen auf elf Schilling herabgeschmolzen. Gebe der Himmel, daß mir der Komödiant den Vorschuß bald zurückschicke; sonst weiß ich nicht, wie mir helfen! Am 24. Dezember. Man kann doch auch beim wenigsten recht froh sein. Wir haben tausend Freuden an Jennys neuem Rock. Sie steht darin, schön wie eine Braut. Aber sie will ihn erst zum Neujahrstage das erstemal öffentlich in der Kirche tragen. Sie rechnet mir jeden Abend vor, mit wie geringen Unkosten sie den Tag die Haushaltung bestritten hat. Freilich müssen wir schon abends sieben Uhr ins Bett, um Lampenöl und Kohlen zu sparen. Daran liegt auch nicht viel. Die Mädchen sind am Tage desto fleißiger und plaudern im Bette bis Mitternacht. Wir haben von Rüben und Gemüse schönen Vorrat. Jenny meint, sechs bis acht Wochen wolle sie uns durchhelfen, ohne Schulden zu machen. Das wäre nun wohl ein Kunststück ohne gleichen, und bis dahin hoffen wir alle, werde Herr Fleetmann als ehrlicher Mann Wort halten und mein Darlehn zurückzahlen. Wenn ich zu der Hoffnung eine bedenkliche Miene mache, kann Jenny wahrhaftig in Eifer geraten. Sie läßt auf den Komödianten nichts kommen. Er ist unser Gespräch; besonders machen sich die beiden Mädchen mit ihm zu schaffen. Seine Erscheinung brachte in die Einförmigkeit unseres Lebens etwas neues, ein halbes Jahr lang giebt er uns wohl zur Unterhaltung Stoff. Lustig ist besonders Jennys Zorn, wenn die mutwillige Polly sagt: »Aber er ist ein Komödiant!« Dann erzählt Jenny von den berühmten Schauspielern in London, die sogar bei den Prinzen des königlichen Hauses essen dürfen, und will sogar beweisen, Fleetmann werde einer der besten Schauspieler von der Welt werden. Er habe große Anlagen, vielen Anstand und wohlgewählte Redensarten. »Ja freilich,« sagte die schelmische Polly heute sehr witzig, »schöne Redensarten! Er hat Dich ja einen Engel Gottes genannt.« »Und Dich auch!« rief Jenny ärgerlich. »Ganz gut: ich ging mit in den Kauf,« erwiderte ihr Polly, »aber Dich sah er dazu an.« Die Plaudereien und kindischen Neckereien meiner Kinder erwecken mir doch Besorgnis. Polly wächst heran, Jenny ist achtzehnjährig. Welche Aussichten habe ich, die armen Kinder versorgt zu sehen? Jenny ist ein wohlerzogenes, hübsches Mädchen, aber ganz Crekelade kennt unsere Armut; daher sind wir wenig geachtet und es wird sich schwerlich ein Mann für Jenny finden. Ein Engel ohne Geld ist heutiges Tages nicht halb so viel wert, als ein Teufel mit einem Sack von Guineen. Das einzige hat Jenny von ihrem zarten Gesicht, es sieht sie jedermann freundlicher an. Hat ihr doch sogar der Krämer Loster, als sie ihm das Geld brachte, ein Pfund Rosinen und Mandeln zum Geschenk gegeben und die Versicherung, er bedaure sehr, von mir das Geld nehmen zu müssen; aber er wolle mir wieder, wenn ich bei ihm Ware nehme, bis Ostern kreditieren. So viel versprach er mir selbst nicht einmal. Wenn ich mit Tode abginge, wer würde sich meiner verlassenen Kinder annehmen? Wer? . . . Nun doch ihr Vater im Himmel! Sie sind zum Glück soweit, daß sie irgendwo in Dienst treten können. Ich will mich nicht um das Künftige härmen. Am 26. Dezember. Das waren zwei saure Tage Das Weihnachtsfest ist mir noch nie so schwer geworden. Ich hielt meine zwei Predigten in zwei Tagen fünfmal, in vier verschiedenen Kirchen. Der Weg in die Dörfer war abscheulich, Wind und Wetter fürchterlich. Das Alter läßt sich allmälich in mir verspüren. Es geht nicht mehr so frisch und kräftig wie ehemals. Freilich, Kohl und Rüben täglich, mager geschmalzt . . . das Glas frischen Wassers dazu . . . geben nicht viel Nahrung. Ich habe aber beide Tage beim Pächter Hurst zu Mittag gespeist. Die Leute sind doch auf dem Lande bei weitem gastfreundlicher, als hier im Städtchen, wo seit einem halben Jahre niemand daran gedacht hat, mich zu sich einzuladen. Ach, hätte ich meine Töchter bei mir am Tische haben dürfen! Welch ein Überfluß! Hätten sie am Weihnachtsfeste nur haben können, was von dem Überreste der Mahlzeit des Pächters Hunde bekamen! Nun, sie haben ja doch am Ende noch Kuchen bekommen und ergötzen sich jetzt, während ich schreibe, recht herrlich daran. Es war gut, daß ich den Mut hatte, als mir der Pächter und seine Frau noch mehr zu essen aufdrangen, ihnen zu sagen: wenn sie es erlauben wollten, möchte ich meinen Töchtern das Schnittchen Kuchen mitbringen. Die herzensguten Leute packten mir ein Säckchen voll und ließen mich, weil es erbärmlich regnete, in ihrem Wagen nach Crekelade fahren. Am Essen und Trinken ist zwar im grunde wenig gelegen, wenn man nur hat, den Hunger und Durst notdürftig zu stillen, doch läßt sich nicht läugnen, daß auch die behagliche Pflege des Leibes eine angenehme Sache ist. Man denkt klarer, man fühlt wärmer. Ich bin sehr müde. Meine Gespräche mit dem Pächter Hurst waren merkwürdig, ich will sie morgen anschreiben. Am 27. Dezember. Da haben wir nun die volle Freude erlebt . . . aber man muß sich auch in der Freude mäßigen. Die Mädchen müssen das auch lernen und sich darin üben. Darum lege ich das angekommene Geldpäckchen unentsiegelt hin, das mir der Herr Fleetmann schickt. Ich mache es nicht auf, bis nach dem Mittagessen. Meine Töchter sind Evenstöchter; sie sterben bald vor Neugier, zu wissen, was Herr Fleetmann schreibt. Nun lesen sie die Aufschrift und das Päckchen läuft in einer Minute dreimal von der Hand der einen in die der andern. In der That, ich bin mehr bestürzt, als erfreut. Ich habe Herrn Fleetmann nicht mehr als zwölf Schilling geliehen und er schickt mir fünf Pfund Sterling zurück. Gott sei Dank! Er muß eine gute Anstellung haben. Wie doch Freud' und Leid wechseln! . . . Ich war diesen Morgen zum Alderman, Herrn Fieldson, gegangen, weil man mir gestern als Gewißheit erzählt hatte, der Fuhrmann Brook zu Wotton-Basset habe sich Schulden halber um's Leben gebracht. Ich hatte ihm vor elf oder zwölf Jahren wegen weitläufiger Verwandtschaft mit meiner seligen Frau um hundert Pfund Sterling bei einem Kauf, den er gemacht, Bürgschaft leisten müssen. Nun habe ich die Bürgschaft noch nicht zurück. Der Mann hat in den letzten Jahren viel Unglück gehabt und sich dem Trunk ergeben. Der Herr Aldermann beruhigte mich aber sehr. Er sagte, daß er zwar auch von dem bösen Gerüchte vernommen, doch sei es sehr unwahrscheinlich, daß sich Brook entleibt habe, auch wäre noch keine Nachricht eingelaufen. So ging ich getrost nach Hause und betete unterwegs, Gott solle mir ferner gnädig sein. Da sprang mir Polly schon von weitem auf der Straße entgegen und sagte ganz atemlos: »Ein Brief von Herrn Fleetmann, Vater, mit fünf Pfund Sterling! Das Päckchen hat aber auch sieben Pence gekostet.« Jenny überreichte mir mit feuerrotem Angesicht das Geldpäckchen, ehe ich noch Stock und Hut ablegen konnte, die Kinder waren vor lauter Seligkeit halb närrisch. Da schob ich ihre Messer und Scheren zurück und sagte: »Nun sehet Ihr wohl, Kinder, daß es weit schwerer ist, eine große Freude mit Gleichmut und Gelassenheit zu ertragen, als ein großes Übel. Ich habe Euern Frohsinn oft bewundert, wenn wir in der tiefsten Not lebten und nicht wußten, wovon wir uns den andern Tag ernähren sollten. Nun seid Ihr beim ersten Lächeln des Glückes ganz außer Fassung. Zur Strafe öffne ich das Päckchen und den Brief erst nach dem Mittagessen.« Jenny wollte mir zwar behaupten, sie freue sich nicht sowohl über das viele Geld, ob es uns gleich not thue, als über Herrn Fleetmanns außerordentliche Dankbarkeit, über seine Rechtschaffenheit; sie wünsche nur zu wissen, was er schreibe, wie es ihm ergangen sei. Ich blieb bei meinem Ausspruche: die kleine Neugier soll sich in Geduld üben lernen. An demselben Tage abends. Die Lust hat sich in Traurigkeit verwandelt; der Brief mit dem Gelde kam nicht von Herrn Fleetmann, sondern vom Herrn Doktor Snart. Er kündigte mir laut unseres bestehenden Vertrages, als Antwort auf meinen Brief, meine Stelle bis Ostern auf, womit unsere Rechnung für immer abgethan sei. Er meldete, ich könne mich bis dahin nach einer anderen Versorgung umsehen und er habe deswegen mir nicht nur das Gehalt zu etwaigen Reisen vorausbezahlt, sondern auch dem neuen Vikar, als meinem Nachfolger befohlen, falls ich nichts dawider hätte, meine kirchlichen Verrichtungen zu besorgen. Also war das Geschwätz der Leute hier im Flecken doch nicht ungegründet, und so mag auch wahr sein, daß man sagt, der neue Vikar habe seine Anstellung darum so geschwind erhalten, weil er eine nahe Verwandte des Doktors Snart, die, man wisse nicht von wem, schwanger sei, geheiratet habe. So verliere ich denn Amt und Brot wegen des Leichtsinnes eines Mädchens und werde mit meinen armen Kindern auf die Straße getrieben, weil sich ein Mann gefunden, der meine Stelle mit einer Ehrvergessenheit erkaufen konnte. Jenny und Polly wurden totenbleich, als sie statt Herrn Fleetmann den Rektor reden hörten und im Päckchen statt des reichen Geschenks der Erkenntlichkeit den bittern, letzten Gnadenlohn meiner vieljährigen Amtsgeschäfte fanden. Polly warf sich schluchzend auf den Stuhl und Jenny ging hinaus. Meine Hand, in der ich den Brief und die förmliche Entlassung hielt, zitterte. Ich aber ging in mein Kämmerlein, schloß es hinter mir zu, fiel auf meine Kniee und betete, während Polly laut weinte. Ich stand erquickt und beruhigt vom Gebete auf und nahm die Bibel. Und die ersten Worte, welche mir in die Augen fielen, waren: »Fürchte Dich nicht, denn ich habe Dich erlöset; ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen; Du bist mein!« Jesaias, Kap. 43, V. 1. Da verschwand alle Furcht aus meiner Brust; ich sah empor und sagte: »Ja, Herr, ich bin Dein!« Weil ich Polly nicht mehr weinen hörte, ging ich in die Stube zurück. Da ich aber sah, daß sie auf den Knieen lag, betend, ihre gefalteten Hände auf den Stuhl gesetzt, zog ich mich wieder zurück ins Kämmerchen und machte die Thür leise zu, um die liebe Seele ja nicht zu stören. Nach einiger Zeit hörte ich Jenny kommen. Nun begab ich mich zu meinen Töchtern; sie saßen beide am Fenster; ich sah an Jennys verweinten Augen, daß sie ihrem Schmerz in der Einsamkeit Luft gemacht hatte. Sie blickten beide schüchtern zu mir auf. Ich glaube, sie fürchteten sich, in meinem Gesichte eine Spur der Verzweiflung wahrzunehmen. Wie sie aber sahen, daß ich ganz getrost und heiter kam und sie lächelnd anredete, wurden beide wohlgemut. Ich nahm den Brief und das Geld, indem ich dazu ein Liedchen pfiff, und trug es in mein Pult. Sie sprachen den ganzen Tag kein Wort von der Begebenheit, ich mochte sie auch nicht berühren. Bei ihnen war es ein schonendes Zartgefühl; bei mir Furcht, mich vor meinen Kindern schwach zu zeigen. Am 28. Dezember. Es ist gut, das man den ersten Sturm vorüberfahren lasse, ohne seine Verwüstung allzu genau ins Auge zu fassen. Wir haben alle sehr ruhig die Nacht geschlafen; nun sprechen wir von dem Briefe des Doktors Snart und von meiner Amtslosigkeit, wie von einer alten Geschichte. Wir machen allerlei Pläne für die Zukunft. Das Bitterste in diesen Plänen ist, daß wir drei uns notwendig für eine Zeit trennen müssen. Es läßt sich vor der Hand nichts besseres thun, als daß Jenny und Polly in ehrbaren Häusern Dienste zu bekommen suchen, während ich mich auf Reisen begebe, um irgendwo wieder ein Plätzchen und Brot für mich und meine Kinder zu finden. Polly hat wieder ihre vorige gute Laune angenommen. Sie sucht wieder ihren Traum von der Bischofsmütze hervor und belustigt uns damit. Sie zählt beinahe allzu abergläubig auf das Neujahrsgeschenk des Schicksals. Ich habe wohl zuweilen an den Traum gedacht, aber ich glaube nicht daran. Sobald der neue Vikar, mein Nachfolger, in Crekelade angekommen sein wird und er in die Geschäfte eintreten kann, übergebe ich ihm meine Pfarrbücher und mache mich auf den Weg, mir ein anderes Brot zu suchen. Inzwischen schreibe ich heute nach Salisbury und Warminster an ein paar alte Bekannte, daß sie trachten, meine Töchter als Köchinnen oder Näherinnen oder Stubenmädchen in achtbaren Familien unterzubringen. Jenny wäre auch eine gute Erzieherin für kleine Kinder. In Crekelade lasse ich meine Töchter nicht; der Ort ist arm; die Leute sind hier unfreundlich, stolz und haben eine widerliche kleinstädtische Art. Man spricht jetzt von nichts anderem als dem neuen Vikar. Einige bedauern, daß ich fort muß; ich weiß nicht wem es von Herzen geht. Am 29. Dezember. Ich habe heute an den Herrn Bischof von Salisbury geschrieben, und ihm meine traurige, hilflose Lage, die Verlassenheit meiner Kinder und meine vieljährigen, treuen Dienste im Weinberge des Herrn lebhaft dargestellt. Er soll ein menschenfreundlicher, frommer Mann sein. Gott regiere sein Gemüt! Unter den dreihundert und vier Kirchspielen der Landschaft Wildshire sollte doch wohl endlich noch ein kleines Winkelchen für mich zu finden sein! Ich verlange ja nicht viel. Am 30. Dezember. Die Bischofsmütze aus Pollys Traum muß bald erscheinen, sonst muß ich ins Gefängnis wandern. Nun, sehe ich wohl, ist das Gefängnis unvermeidlich. Ich bin halb ohnmächtig und strenge mich umsonst an, wieder den alten Heldenmut zu gewinnen. Selbst zu inbrünstigem Gebet fehlt mir's an Kraft; der Schreck ist zu groß. Ja, das Gefängnis ist unausweichbar! Ich will es mir recht oft sagen, damit ich mich an meine Aussicht gewöhne. Der Allbarmherzige erbarme sich meiner lieben Kinder! Ich mag es, ich kann es ihnen nicht sagen. Vielleicht hilft mir noch ein früher Tod von der Schmach. Ich fühle mein Gebein zermalmt; es ist Fieberfrost in meinen Gliedern; ich kann nicht schreiben vor Zittern. Einige Stunden nachher. Nun bin ich schon gefaßter. Ich wollte mich in den Arm Gottes werfen und beten, aber mir ward nicht wohl; ich legte mich aufs Bett. Ich glaube, ich habe geschlafen; vielleicht bin ich auch ohnmächtig gewesen. Es sind seitdem drei Stunden vergangen. Die Töchter haben meine Füße mit Kissen bedeckt. Ich bin am Körper matt, aber mein Herz ist doch wieder frisch. Alles, was geschehen ist, was ich gehört habe, schwebt mir vor wie ein Traum. Also der Fuhrmann Brook hat sich doch erhenkt. Der Herr Alderman Fieldson ließ mich rufen und gab mir die Botschaft. Er hat ein amtliches Schreiben erhalten nebst der Anzeige von meiner Bürgschaft, und daß Brook eine ungeheure Schuldenmenge hinterlassen habe. Er erinnerte mich, darauf zu denken, dem Tuchhändler Withiel zu Trowbridge wegen der hundert Pfund Sterling Genüge zu leisten. Herr Fieldson hatte wohl Ursache, mich aufrichtig wegen dieses unerwarteten Ereignisses zu bedauern. Großer Gott! Hundert Pfund Sterling! Wie soll ich die aufbringen? Wenn man mir und meinen Kindern alle Habe nimmt, ist sie beim Verkauf keine hundert Schilling wert. Brook galt sonst für einen rechtschaffenen und sehr reichen Mann. Ich dachte nicht, daß es so mit ihm enden würde. Das Vermögen meiner Frau verschwand während ihrer langwierigen Krankheit; mußte ich doch zuletzt die Äcker, die sie zu Bradford geerbt hatte, unter dem Preise verkaufen. Jetzt bin ich ein Bettler. Ach könnte ich nur noch ein freier Bettler sein. Ich muß in's Gefängnis wandern, wenn Herr Withiel nicht großmütig ist. An Zahlung ist nicht zu denken. – An demselben Tage abends. Ich schäme mich meiner Schwachheit. In Ohnmacht fallen! Verzweifeln! Pfui! . . . Und doch an eine Vorsehung glauben und ein Priester Gottes sein! Pfui, Thomas! Doch nun habe ich alles wieder gut gemacht und gethan, was ich sollte. Den Brief an Herrn Withiel zu Trowbridge habe ich auf die Post getragen. Ich habe ihm mein Unvermögen, die eingegangenen Bürgschaftsverpflichtungen zu erfüllen, ehrlich angezeigt, und daß ihm freistehe, mich in den Schuldturm führen zu lassen. Hat der Mann menschliches Gefühl, so wird er Mitleid fühlen, wo nicht, so lasse ich mich hinschleppen, wohin er will. Als ich von der Post kam, stellte ich den Mut meiner Kinder auf die Probe. Ich wollte sie auf das Böseste vorbereiten. Ach, die Mädchen dachten männlicher als der Mann und christlich-größer als der Priester! Ich erzählte ihnen von Brooks Tode, von meiner Bürgschaft, von den möglichen Folgen derselben. Beide hörten mir ernst und ängstlich zu. »In's Gefängnis?« sagte Jenny leise weinend und nahm mich in ihre Arme. »Ach, du guter armer Vater! . . . Nichts hast Du verbrochen und mußt so Vieles dulden. Aber ich gehe nach Trowbridge; ich werfe mich zu Withiels Füßen, ich stehe nicht auf, bis er Dich freispricht.« »Nein,« rief Polly schluchzend, »thu' es nicht! Kaufleute sind Kaufleute; sie lassen für Deine Thränen von der Schuld des Vaters keinen Farthing nach. Ich gehe zum Tuchhändler und verdinge mich ihm auf Lebenszeit bei Wasser und Brot zur wahren Leibeigenen, bis ich durch meine Arbeit die Schuld des Vaters abgethau habe.« Unter solchen Plänen wurden beide allmälich ruhiger, aber sie sahen endlich auch das Eitle ihrer Hoffnungen ein. Zuletzt sagte Jenny: »Wozu doch alle diese fruchtlosen Entwürfe? Erwarten wir die Antwort des Herrn Withiel. Will er grausam sein, so sei er's; Gott ist ja auch im Gefängnisse. Vater! geh' Du in's Gefängnis; vielleicht hast Du es da besser als jetzt mit uns in dem Elend unseres Lebens. Geh', denn du gehst ohne Schuld! Schande ist dabei für Dich nicht; wir beide aber verdingen uns als Mägde und mit unserm Lohn wollen wir Dir alle Bequemlichkeiten verschaffen. Zuletzt schäme ich mich auch des Bettelns nicht. Für einen Vater zu betteln ist etwas Heiliges und Schönes. Von Zeit zu Zeit kommen wir und besuchen Dich; Du sollst gut verpflegt werden. Wir wollen uns nicht mehr fürchten.« »Jenny, Du hast Recht!« sagte Polly. »Wer sich fürchtet, glaubt an keinen Gott. Ich fürchte mich nicht; ich will recht froh sein, so froh, wie ich's, getrennt vom Vater und von Dir, sein kann.« Solche Reden erhoben mein Herz. Fleetmann hatte beim Abschiede Recht, als er sagte, ich hätte zwei Engel des Herrn zur Seite. Am Sylvestertage. Das Jahr ist geendet. Ich danke dem Himmel, es war mit Ausnahme einiger Stürme ein herrliches, ein freudenreiches Jahr! Zwar hatten wir oft kaum zu essen, doch wurden wir satt. Zwar kamen zu meinem elenden Gehalte oft bittere Sorgen, allein die Sorgen sogar machten ihre Freuden. Nun freilich habe ich kaum so viel Vermögen, um mir und meinen Kindern das Leben noch ein halbes Jahr lang zu fristen; allein wie viele Menschen haben nicht so viel und wissen nicht, wovon den nächsten Tag leben! Meine Stelle habe ich freilich verloren, bin in meinen alten Tagen ohne Amt und Brot . . . es ist möglich, daß ich künftiges Jahr im Gefängnisse wohnen muß, getrennt von meinen guten Töchtern . . . aber Jenny hat Recht, Gott wohnt auch im Gefängnisse! Einem reinen Gewissen ist selbst in der Hölle keine Hölle und schlechten Seelen ist selbst im Himmel kein Himmel. Ich bin sehr glücklich. Wer entbehren kann, ist reich. Ein gutes Bewußtsein geht über Ehre vor der Welt. Erst wenn man, was die Leute Schande und Ehre zu nennen pflegen, gleichgültig ansehen kann, ist man recht ehrwürdig. Wer die Welt verschmähen kann, hat den Himmel. Ich verstehe das Evangelium von Christo täglich besser, seit ich es in der Schule des Schicksales lese. Die Gelehrten zu Oxford und Cambridge kommentieren nur Buchstaben, den Geist nicht. Die Natur ist die beste Auslegerin des Evangeliums. Mit diesen Betrachtungen schließe ich heute das Jahr. Es ist mir sehr lieb, daß ich seit einigen Jahren dieses Tagebuch fortsetze. Jeder Mensch sollte ein solches führen; man lernt aus sich selbst mehr, als aus den gelehrtesten Büchern, Wenn man sich durch Niederzeichnung seiner Gedanken und Empfindungen gleichsam täglich selbst abmalt, sieht man am Ende des Jahres, wieviel Gesichter man hat. Der Mensch ist sich in keiner Stunde gleich. Wer da sagt, er kenne sich selbst, hat nur Recht in dem Augenblick, da er es von sich sagt, denn da fühlt er sich. Wenige wissen, was sie gestern waren; noch wenigere, was sie morgen sein werden. Auch dazu ist das Tagebuch gut, daß man festeres Vertrauen auf Gott und Vorsehung gewinne. Die ganze Weltgeschichte lehrt das nicht so lebendig, als die Geschichte der Gesinnungen, Urteile und Gefühle von einem einzigen Menschen binnen zwölf Monaten. Ich habe auch dies Jahr die Wahrheit des Erfahrungssatzes bestätigt gefunden: ein Unglück kommt selten allein . . . aber wenn die Übel am höchsten gestiegen sind, beginnen wieder die schönen Stunden. Dann bin ich, mit Ausnahme der ersten Erschütterungen, wirklich am vergnügtesten, wenn es am ärgsten geht, denn ich freue mich schon auf das Bessere, was nachkommt, und lache, weil mich nichts anfechten kann. Hingegen bin ich, wenn alles nach Wunsch geht, ängstlich und schüchtern und mag mich nicht der Freude sorglos hingeben, denn ich traue dem Frieden nicht. Das ist das empfindlichste Übel, von dem man sich überraschen läßt. Auch ist es wahr, daß jedes Unglück in der Ferne furchtbarer scheint, als es ist, wenn man es hat. Gewitterwolken sind in der Nähe nie so schwarz, als wenn sie aus der Ferne heranziehen. Ich habe mir's zur Gewohnheit gemacht, bei allen bösen Vorfällen blitzschnell zu denken: welches können für mich die nachteiligsten Folgen davon sein? . . . Dann mache ich mich ohne weiteres auf das Äußerste gefaßt, und es kommt selten. Auch das finde ich gut. Ich spiele zuweilen wohl mit Hoffnungen, aber ich lasse die Hoffnungen nicht mit mir spielen. Um die Hoffnungen im Zaume zu halten, denke ich nur, wie selten das Glück mir wohl will. Dann weichen alle Träumereien zurück, als ob sie sich vor mir schämten. Wehe dem, der ein Spiel seiner Hoffnungen ist! Er geht tanzenden Irrwischen in die Sümpfe nach. Am Neujahrstage 1765, des Morgens. Eine wundervolle und traurige Begebenheit eröffnet dieses Jahr. Folgendes ist der Hergang der Sache. In der Frühe um sechs Uhr, da ich im Bette liegend über meine heutige Predigt nachdachte, hörte ich an der Hausthür pochen. Polly war schon in der Küche. Sie sprang hinaus, die Thür zu öffnen und nachzusehen, denn so frühe Besuche sind bei uns ungewöhnlich. Es trat ihr in der Dunkelheit des Morgens ein Mann entgegen, der eine große Schachtel in dem Arm hielt und an Polly mit den Worten übergab: Herr — (den Namen verstand Polly nicht) übersendet dem Herrn Vikar die Schachtel, und er möchte Sorgfalt haben für den Inhalt. Polly nahm mit freudiger Bestürzung die Schachtel. Der Träger derselben entfernte sich. Polly klopfte leise an meine Kammerthür, um zu hören, ob ich wache. Sie kam auf meine Antwort und wünschte mir mit dem guten Morgen zugleich auch Glück zum neuen Jahre und setzte lachend hinzu: »Siehst Du, Väterchen, daß Polly prophetische Träume haben kann! Hier ist die verkündete Bischofsmütze!« Nun erzählte sie, wie man ihr das Neujahrsgeschenk für mich übergeben habe. Es verdroß mich, daß sie nicht bestimmter nach dem Namen des unbekannten Gönners oder Wohlthäters gefragt habe. Während sie hinausging, die Lampe anzuzünden und Jenny aus dem Bett zu rufen, kleidete ich mich an. Ich läugne nicht, daß ich vor Neugier brannte, denn bisher waren die Neujahrsgeschenke für den Vikar in Crekelade ebenso unbedeutend als selten gewesen. Ich vermutete, mein Gönner, der Pächter, dessen Wohlwollen ich erworben zu haben schien, wolle mich mit einer Schachtel voll Kuchen überraschen, und bewunderte seine Bescheidenheit, mir das Geschenk zu übersenden, ehe es Tag geworden. Als ich ins Wohnzimmer trat, standen Polly und Jenny schon vor dem Tische bei der Schachtel, die sorgfältig versiegelt und von ganz ungewöhnlicher Größe war, wie ich noch nie eine gesehen hatte. Ich hob sie und fand sie ziemlich schwer. Im Deckel waren zwei sauber geschnittene runde Löcher. Ich öffnete mit Jennys Hülfe die Schachtel sehr behutsam, weil mir der Inhalt zur sorgfältigen Behandlung empfohlen war. Ein feines weißes Tuch ward abgedeckt und siehe da . . . Nein, unser Erstaunen ist nicht zu beschreiben. Wir riefen alle, wie aus einem Munde: »Mein Gott!« Da lag ein junges Kind, etwa sechs oder acht Wochen alt, schlummernd, in das feinste Linnen mit rosafarbenen Seidenbändern zierlich eingehüllt. Es ruhte mit dem Köpfchen auf einem weichen blauseidenen Kissen und war mit einem Bettdeckchen wohl zugedeckt. Die Decke, sowie das Häubchen des Kindes, waren mit den kostbarsten Brabanter Spitzen besetzt. Wir standen einige Minuten lang stumm betrachtend da. Endlich brach Polly in ein närrisches Gelächter aus und rief: »Was sollen wir damit anfangen? Das ist keine Bischofsmütze!« Jenny berührte schüchtern mit der Fingerspitze die Wangen des schlafenden Kindes und sagte mitleidig: »Du armes Geschöpf, hast Du keine Mutter, oder darfst Du keine haben? . . . Großer Gott, ein so liebenswürdiges, hülfloses Wesen verstoßen! . . . Und sieh nur, Vater, sieh nur, Polly, wie ruhig und vertrauensvoll es schläft, um sein Unglück unbekümmert, als wenn es fühlte, es läge in Gottes Hand! Schlaf nur, du armes, verstoßenes Wesen! Deine Eltern sind vielleicht zu vornehm für Dich, armes Geschöpf und zu glücklich, um ihr Glück durch Dich stören zu lassen. Schlaf nur, wir verstoßen Dich nicht! Man hat Dich ja an den rechten Ort getragen: ich will Deine Mutter sein.« Wie Jenny so sprach, fielen ein paar große Thränen aus ihren Augen. Ich nahm das fromme, weichherzige Mädchen an meine Brust und sagte: »Sei seine Mutter! Die Stiefkinder des Schicksals kommen zu den Stiefkindern. Gott prüft unsern Glauben . . . nein er prüft ihn nicht, er kennt ihn schon. Darum mußte uns das verstoßene, kleine Geschöpf zugetragen werden. Zwar wissen wir selbst nicht, wie uns in den nächsten Tagen das Leben fristen, aber der weiß es, welcher uns zu Eltern dieser Waise machte.« Also entschieden wir uns kurz. Das Kind schlief fort und fort sanft. Unterdessen erschöpfen wir uns in Mutmaßungen über seine Eltern, die wir ohne Zweifel kennen mußten, weil die Schachtel laut Aufschrift mir zugeschrieben war. Polly wußte uns leider vom Träger nicht mehr zu sagen, als sie schon erzählt hatte. Während das kleine Wesen süß schlummerte und ich meine heutige Neujahrspredigt von der Macht der ewigen Vorsehung durchlief, berieten sich meine Töchter über die Pflege des armen Ankömmlings. Polly freute sich kindisch; Jenny schien sehr bewegt zu sein. Mir war es, als wenn ich mit dem Anfang des neuen Jahres in eine Zeit der Wunder träte, und – sei es Aberglauben oder nicht – als wenn das Kindchen ein mir zugesandter Schutzgeist in der Not wäre. Ich kann nicht aussprechen, wie heiter ich atmete, wie stillselig meine Gefühle waren. An demselben Tage abends. Sehr erschöpft und müde von meinem heiligen Tagewerk kam ich nach Hause. Bei dem äußerst verdorbenen Wege mußte ich doch meine Wanderung auf dem Lande zu Fuß machen, aber dabei erquickte mich bei der Heimkunft manche frohe Nachricht, die Freude meiner Töchter, das traute Stübchen. Mir stand der Tisch gedeckt und auf demselben eine Flasche Wein zur Stärkung. Es war ein Neujahrsgeschenk von unbekannter gütiger Hand. Vor allem freute mich der Anblick des muntern Kindes in Jennys Arm. Polly wies mir die schönen Bettchen unseres Pfleglings, das Dutzend seiner Windeln, die wunderschönen Hauben und Nachtjäckchen, welche in der Schachtel gewesen waren . . . dann ein versiegeltes Geldpäckchen mit der Aufschrift an mich, das man zu Füßen des Kindes gefunden hatte, als es erwachte und herausgenommen worden war. Begierig, von der Herkunft meines kleinen, unbekannten Hausgenossen etwas zu erfahren, öffnete ich das Päckchen. Es enthielt eine Rolle mit zwanzig Guineen und einen Brief, der folgendermaßen lautet: »Im Vertrauen auf Eurer Wohlehrwürden Frömmigkeit und Menschenliebe übergeben Ihnen unglückliche Eltern ihr teures Kind zur Pflege. Verlassen Sie dasselbe nicht: wir werden einst, wenn wir uns Ihnen entdecken dürfen, dankbar sein! Wir werden auch, was Sie unserem Kinde leisten, aus der Ferne mit unverwandtem Blick beobachten . . . Der liebe Knabe heißt Alfred; er ist schon getauft. Das Kostgeld für das erste Vierteljahr liegt beigeschlossen. Pünktlich wird Ihnen, von drei Monaten zu drei Monaten, die gleiche Summe ausbezahlt werden. Nehmen Sie sich des Kindes an; wir empfehlen es der Zärtlichkeit Ihrer edeln Jenny!« Als ich den Brief las, sprang Polly hoch auf vor Freuden, und rief: »Da haben wir die Bischofsmütze! Gütiger Himmel, wie reich werden wir plötzlich! Nun fahre hin, armselige Vikarstelle! . . . Doch sollte ich mich eigentlich nicht einmal so freuen. Nein, der Brief hätte doch wohl auch der edlen Polly Erwähnung thun können!« Wir lasen den Brief wohl zehnmal; wir trauten unsern Augen nicht beim Anblick des vielen Geldes auf dem Tische. Welch ein Neujahrsgeschenk! Der schwersten Sorgen um unsere Zukunft war ich plötzlich entbunden, aber auf wie seltsame, unbegreifliche Weise! Ich sann vergebens die Reihe von Menschen durch, die ich kannte, um unter denselben einen einzigen zu entdecken, der vielleicht durch Stand und Geburt gezwungen wäre, seines Kindes Dasein verheimlichen zu müssen, oder der solche Belohnungen für einen christlichen Liebesdienst gewähren könnte. Ich sinne noch immer; ich finde keinen; und doch müssen die vornehmen Eltern mich und die Meinigen genau kennen. Die Wege der Vorsehung sind wunderbar! Am 2. Januar. Das Glück überhäuft mich mit seinen Schätzen. Diesen Morgen erhielt ich abermals ein Päckchen Geld von der Post mit zwölf Pfund Sterling, nebst einem Brief von Herrn Fleetmann. Es ist zu viel: für den Schilling giebt er ein Pfund Sterling zurück. Es muß ihm sehr gut gegangen sein. Auch meldet er das. Ich kann ihm leider nicht danken, da er vergessen hat, seinen Aufenthaltsort zu nennen. Behüte der Himmel, daß ich durch meinen gegenwärtigen Reichtum übermütig werde. Jetzt hoffe ich, Herrn Withiel Brook's Schuld nach und nach in Fristen ehrlich abzahlen zu können. Wie ich meinen Töchtern sagte, Herr Fleetmann habe geschrieben, war ein neues Fest. Ich begreife nicht, was die Mädchen mit Herrn Fleetmann haben. Jenny wurde rot und Polly sprang lachend zu ihr und hielt ihr beide Hände vor das Gesicht. Da that Jenny, als wäre sie recht böse auf das kindische Mädchen. Ich las Fleetmann's Brief vor: »Als ich, edler Mann, aus Ihrem Hause ging, ward mir, als ging ich aus meines Vaters Hause wieder in das wüste Leben hinaus! Ich vergesse Sie zeitlebens nicht; zeitlebens nicht, wie wohl mir bei Ihnen war. Noch sehe ich Sie vor mir, in Ihrer reichen Armut, in Ihrer christlichen Demut, in Ihrer patriarchalischen Seelenhoheit. Und die wunderliebliche, flatternde, schmeichelnde Polly; und die . . . ach, für Ihre Jenny giebt es ja kein Beiwort! Welches Beiwort giebt man den Heiligen, unter deren Berührung alles Irdische sich verklärt? . . . Ich werde ewig des Augenblicks gedenken, da sie mir die zwölf Schillinge gab; ewig, ewig, wie sie mir tröstend zusprach . . . Verwundern Sie sich nicht, ich habe die zwölf Shillinge noch, ich gebe sie um tausend Guineen nicht. Ich werde Ihnen vielleicht bald alles mündlich erklären. Ich bin, seit ich atme, nie glücklicher und nie unglücklicher gewesen, als jetzt. Empfehlen Sie mich Ihren holdseligen Töchtern, wenn sich dieselben meiner noch erinnern mögen.« Aus diesen Zeilen zu schließen, gedenkt er wieder nach Crekelade zu kommen. Es wäre mir lieb; ich könnte ihm meinen Dank bezeigen. Der junge Mensch hat mir vielleicht mit unmäßiger Erkenntlichkeit sein alles gegeben, weil ich ihm damals die Hälfte meiner Barschaft lieh. Das wäre mir leid. Leichten Sinnes scheint er zu sein, doch hat er ein redliches Gemüt. Dem kleinen Alfred gefällt es bei uns. Das Kind hat heute schon Polly angelächelt, als Jenny es wie eine junge Mutter im Arm trug. Die Mädchen werden mit dem kleinen Weltbürger besser fertig, als ich vermuten konnte. Aber es ist auch ein schönes Kind. Wir haben ihm eine zierliche Wiege gekauft und alle kleinen Bedürfnisse in Fülle angeschafft. Die Wiege steht neben Jennys Bette. Sie wacht Tag und Nacht wie ein Schutzgeist über ihrem zarten Pflegesohn. Am 3. Januar. Heute stieg der Herr Vikar Bleching mit seiner jungen Frau Gemahlin im Wirtshause ab und ließ mich rufen. Ich begab mich sogleich zu ihm. Er ist ein angenehmer Mann, der viel Höflichkeit hat. Er eröffnete mir, daß er mein erwählter Nachfolger im Amte sei; daß er wünsche, seine Stelle, wenn ich nichts dagegen habe, sogleich einzunehmen; daß ich inzwischen das Pfrundgebäude bis Ostern bewohnen könne; er werde einstweilen im Hause des Herrn Alderman Fieldson einige für ihn bereitete Zimmer beziehen. Ich erwiderte, wenn es ihm Vergnügen mache, wolle ich ihm alle Amtsgeschäfte sogleich übergeben, um desto mehr Freiheit zu haben, mich nach einem andern Dienste umzusehen. Nur wünsche ich, in den Kirchen, in denen ich so lange Jahre das Wort des Herrn verkündigt habe, meinen bisherigen Zuhörern eine Abschiedspredigt halten zu können. Darauf versprach er, nachmittags zu mir zu kommen, um den Zustand des Pfrundhauses zu besichtigen. Er ist wirklich mit seiner Gemahlin und dem Herrn Alderman am Nachmittag gekommen. Die junge Frau ist hochschwanger, sie scheint etwas stolz und von vornehmer Abkunft zu sein, denn es war ihr im ganzen Hause nichts recht und meine Töchter würdigte sie kaum eines Blickes. Als sie den kleinen Alfred in der Wiege sah, wandte sie sich zu Jenny und fragte: »Sind Sie schon verheiratet?« Die gute Jenny ward blutrot im Gesicht und schüttelte verneinend das Köpfchen, indem sie etwas leise dazu stammelte. Ich mußte dem armen Mädchen aus der Verlegenheit helfen. Frau Bleching hörte meine Erzählung mit großer Neugier an, verzog den Mund und drehte mir den Rücken zu. Ich fand das sehr unanständig, sagte aber nichts. Als ich zu einer Tasse Thee einlud, ward mir's abgeschlagen. Der Herr Vikar scheint den Winken seiner jungen Gemahlin unbedingt gehorchen zu müssen. Wir waren recht froh, den Besuch los zu werden. Herr Withiel ist ein trefflicher Mann, seinem Briefe nach zu urteilen. Er bedauert mich wegen meiner unglücklichen Bürgschaft und spricht mir mit der Erklärung Trost zu, daß ich der Zahlung wegen in keine Unruhe geraten solle und wenn ich ihm auch erst in zehn Jahren oder nie zahlen könne. Er scheint mit meinen häuslichen Umständen bekannt zu sein, denn er spielt darauf sehr schonend an. Er hält mich für einen ehrlichen Mann; das freut mich am meisten; auch soll er sich nicht geirrt haben. Ich werde nun selbst, sobald ich kann, nach Trowbridge reisen, und ihm Fleetmann's zwölf Pfund Sterling auf Abschlag meiner ungeheuren Schuld bringen. Am 8. Januar. Meine Abschiedspredigt war von den Thränen der meisten Zuhörer begleitet. Nun sehe ich erst, daß ich doch den Gemeinden lieb war. Man hat mir von allen Seiten viel Verbindliches gesagt und mich mit Geschenken überhäuft. Nie habe ich so viele Lebensmittel und Leckerbissen aller Art und so viel Wein im Hause gehabt, als jetzt. Hätte ich ehemals, an manchem Nottage, nur den hundertsten Teil davon besessen, ich würde mich für überglücklich gehalten haben. Jetzt schwimmen wir wirklich im Überflusse, aber ein guter Teil davon ist auch schon wieder ausgewandert. Ich kenne einige arme Familien in Crekelade, und Jenny kennt deren noch mehr als ich. Die lieben Leute freuen sich nun mit uns. Ich fühlte mein Innerstes von jener Predigt tief ergriffen; unter Thränen hatte ich sie geschrieben. Es war ja ein Scheiden von meiner ganzen bisherigen Welt, von meinem Berufe, von meiner Bestimmung. Ich bin hinweggestoßen aus dem Weinberge, wie ein unnützer Knecht, und habe doch gearbeitet, nicht wie ein Mietling, und habe manche edle Rebe gepflanzt, manches verderbliche Reis hinweggeschnitten. Aber Gottes Wille geschehe! Am 13. Januar. Meine Reise nach Trowbridge ist über alle Erwartung gut ausgefallen. Ich kam spät nachts mit müden Füßen in dem alten, freundlichen Städtchen an und konnte mich des Morgens erst spät vom Schlaf ermuntern. Nachdem ich mich sauber gekleidet hatte – seit meinem Hochzeitstage ging ich nicht so zierlich; die gute Jenny hatte für ihren Vater töchterlich gesorgt – verließ ich das Wirtshaus und ging zum Herrn Withiel. Er wohnt in einem prächtigen, großen Hause. Anfangs empfing er mich etwas kalt, als ich aber meinen Namen nannte, führte er mich in sein kleines, aber schönes Arbeitsgemach. Hier dankte ich ihm nun für seine große Güte und Nachsicht, erzählte, wie ich zu der Bürgschaft gekommen und welche harte Schicksale ich bisher getragen; dann wollte ich ihm meine zwölf Pfund Sterling auf den Tisch legen. Herr Withiel sah mich lächelnd und mit einer Art Rührung lange schweigend an, reichte mir dann seine Hand, schüttelte die meinige und sagte: »Ich kenne Sie schon. Ich habe mich genau nach Ihnen erkundigt. Sie sind ein Biedermann. Nehmen Sie Ihre zwölf Pfund wieder zu sich; ich kann es nicht über mein Herz bringen, Sie in Ihren Umständen des Neujahrsgeschenks zu berauben. Lieber füge ich eins bei, das Sie wohl so gütig sind, von mir zum Andenken zu nehmen.« Er stand auf, holte aus einem andern Zimmer eine Schrift, schlug sie auf und sagte: »Sie kennen doch diese Bürgschaft und Ihre Unterschrift noch? Ich gebe sie Ihnen und Ihren Kindern.« Er riß das Papier in der Mitte durch und legte es in meine Hand. Ich konnte keine Worte finden, so bestürzt war ich. Meine Augen wurden naß. Er sah wohl, daß ich ihm danken wollte und nicht konnte. Er sagte: »Still, still! Keine Silbe mehr, ich bitte Sie! Das ist der einzige Dank, den ich von Ihnen verlange. Ich hätte dem unglücklichen Brook gern die Schuld geschenkt, würde er sich nur offen an mich gewendet haben.« Darauf stellte er mich seiner Gemahlin und seinem Herrn Sohne vor und ließ aus dem Wirtshause mein Bündel holen, worin ich die alten Kleider hatte, und behielt mich in seinem Hause. Es war eine fürstliche Bewirtung. Das Zimmer. in welchem ich die Nacht schlief, die Teppiche, die Betten waren so prachtvoll und köstlich, daß ich mich beinahe fürchtete, davon Gebrauch zu machen. Am folgenden Tage ließ mich Herr Withiel in seiner schönen Kutsche nach Crekelade zurückfahren. Ich schied mit tief bewegtem Herzen von meinem Wohlthäter. Am 16. Januar. Gestern war der denkwürdigste Tag meines Lebens. Als wir Vormittags im Zimmer beisammen saßen und ich den kleinen Alfred wiegte, Polly aus einem Buche vorlas und Jenny am Fenster saß und nähte, sprang Jenny plötzlich vom Stuhl auf und sank totenbleich zurück. Wir waren alle erschrocken und fragten, was ihr geschehen sei. Sie erzwang ein Lächeln und sagte: »Er kommt!« Indem ging die Thür auf und in zierlichen Reisekleidern trat Herr Fleetmann herein. Wir begrüßten ihn alle recht herzlich und freuten uns, ihn so unerwartet bald und, wie es scheine, in besseren Umständen wieder zu sehen als das erste Mal. Er umarmte mich, er küßte Polly; er verneigte sich gegen Jenny, die sich noch nicht vom Schrecken erholen konnte. Ihre Blässe entging ihm nicht und er fragte sehr bekümmert um ihr Befinden. Polly erklärte ihm alles. Dann küßte er Jennys Hand, als wolle er ihr abbitten, ihr den Schrecken verursacht zu haben. Ich befahl Wein und Kuchen zu bringen, meinen Gast und teuern Wohlthäter stattlicher als das erste Mal zu bewirten, aber er lehnte es ab; er könne nicht lange bei uns verweilen; er habe Gesellschaft bei sich im Wirtshause. Doch auf Jennys Bitten gehorchte er und setzte sich, den Wein mit uns zu teilen. Ich goß für alle Wein ein und wir tranken auf das Wohl unseres Wohlthäters. Fleetmann ging zur Wiege, betrachtete das Kind darin, und als ihm Polly und ich die Begebenheit erzählt hatten, sagte er lächelnd zu Polly: »Sie haben mich also nicht erkannt, als ich Ihnen das Neujahrsgeschenk überreichte?« Wir alle riefen mit unglaublichem Erstaunen: »Wer! Sie?« Nun erzählte er ungefähr folgendermaßen: »Ich heiße nicht Fleetmann, sondern ich bin der Baronet Cecil Fairford. In einem unseligen, vielfältigen Prozesse hielt meines Vaters Bruder, gestützt auf ältere, zweideutige Verträge, mir und meiner Schwester das gesamte Vermögen unseres verstorbenen Vaters zurück. Wir lebten bis dahin nur kümmerlich von dem, was unsere früher verstorbene Mutter von ihrem wenigen Vermögen hinterlassen hatte. Meine Schwester litt dabei am meisten von der Tyrannei des Oheims, der ihr Vormund war. Derselbe hatte sie schon dem Sohne eines seiner vertrautesten und mächtigsten Freunde zur Gemahlin bestimmt, meine Schwester hingegen sich heimlich dem jungen Lord Sandom zugesagt, dessen Vater aber damals noch lebte, welcher wider dieser Vermählung war. Ohne Vorwissen des Oheims und des alten Lords fand die Vermählung dennoch in geheimnisvoller Stille statt; die Frucht dieser Ehe war der kleine Alfred. Es gelang, meine Schwester auf ein Vierteljahr unter dem Vorwande, ihre Gesundheit herzustellen und Seebäder zu gebrauchen, unter meiner Aufsicht und Verantwortlichkeit aus dem Hause des Vormundes zu entfernen. Nach ihrer Niederkunft war uns sehr darum zu thun, das Kind in gute und unerforschbare Hand und Pflege zu geben. Ich hörte zufällig einen rührenden Zug von der Armut und Menschenliebe des Pfarr-Vikars von Crekelade und begab mich selbst hierher, mich zu überzeugen. Die Art, wie Sie mich aufnahmen, entschied. Ich habe vergessen zu sagen, daß meine Schwester nicht mehr in das Haus des Oheims zurückgekehrt ist, denn schon vor vier Monaten gewann ich gegen ihn den Prozeß und trat in den Besitz meiner, mir rechtmäßig gehörenden väterlichen Güter. Während der Vormund einen neuen Prozeß gegen mich wegen Auslieferung meiner Schwester angestrengt hat, ist vor wenigen Tagen der alte Lord, vom Schlage gerührt, gestorben und mein Schwager erklärt nun seine Vermählung öffentlich. Damit ist der Prozeß zu Ende, auch die Ursache gehoben, das Geheimnis des Kindes länger zu verbergen. Die Eltern sind mit mir gekommen, ihr Kind abzuholen, so wie ich gekommen bin, Sie selbst mit Ihrer Familie abzuholen, wenn Sie meinen Antrag nicht verschmähen. Während des Prozesses, den ich führte, blieb nämlich die Pfarrei unbesetzt, wovon meiner Familie das Patronat zusteht. Es ist an mir, die Pfründe, welche mit den großen und kleinen Zehnten über zweihundert Pfund Sterling einträgt, zu vergeben. Sie, Herr Vikar, haben Ihre Stelle verloren. Ich kann nur glücklich sein, wenn Sie in meiner Nähe wohnen und die Pfarrei annehmen.« Gott allein weiß, wie mir bei diesen Worten zu Mute ward. Meine Augen verdunkelten sich unter Freudenthränen. Ich streckte meine Hände nach dem Manne aus, der mir ein Bote des Himmels ward; ich fiel an seine Brust. Dann umschlang ihn Polly mit Freudengeschrei und Jenny küßte dankbar die Hand des Baronets. Er aber riß sich mit sichtbarer Rührung los und verließ uns. Noch hielten mich meine entzückten Kinder umarmt, noch vermischten sich unsere Thränen und Glückwünsche, als der Baronet wieder hereintrat, mit ihm sein Schwager Lord Sandom und Dessen Gemahlin. Diese, eine ungemein schöne junge Dame, ging, ohne uns zu begrüßen, zur Wiege des Kindes, kniete vor dem kleinen Alfred nieder, küßte seine Wange und weinte mit ausgelassenem Schmerze und Entzücken. Nachdem sie sich erholt und sich bei uns allen wegen ihres Betragens entschuldigt hatte, dankte sie in den rührendsten Ausdrücken erst mir, dann Polly. Diese lehnte allen Dank von sich ab, zeigte auf Jenny, die sich ans Fenster zurückgezogen hatte, und sagte: »Meine Schwester dort ist die Mutter!« Lady Sandom ging zu Jenny und betrachtete sie lange stumm und angenehm überrascht, sah dann auf ihren Bruder zurück mit einem lächelnden Blicke und schloß Jenny in ihre Arme. Die gute Jenny in ihrer Demut wagte kaum aufzusehen. »Ich bin Ihre Schuldnerin!« sagte Mylady. »Was Sie meinem Mutterherzen wohlgethan, kann ich unmöglich vergelten. Machen Sie mich zu Ihrer Schwester, liebenswürdige Jenny, denn Schwestern sollen und dürfen nicht gegen einander rechnen!« Wie sich beide umarmten, trat der Baronet hinzu. »Da steht mein armer Bruder,« sagte Mylady. »Sind Sie nun meine Schwester, so darf auch er Ihrem Herzen näher stehen, liebe Jenny! . . . Darf er?« Jenny errötete und sagte: »Er ist meines Vaters Wohlthäter.« Die Lady erwiderte: »Wollen Sie nicht die Wohlthäterin meines armen Bruders sein? Blicken Sie ihn freundlich an! Wenn Sie wüßten, wie er Sie liebt!« Der Baronet nahm Jennys Hand, küßte sie und sagte, als Jenny sie sträubend zurückziehen wollte: »Miß, wollen Sie mich unglücklich sehen? Ich bin es ohne diese Hand!« Jenny, in Verwirrung, ließ ihm die Hand. Da führte der Baronet meine Tochter zu mir und bat, ich solle ihn als meinen Sohn segnen. »Jenny,« sagte ich, »es geht Dir wie mir! Träumen wir? . . . Wirst Du ihn lieben können? Entscheide Du!« Sie schlug die Augen zum Baronet auf, der in banger Unruhe vor ihr stand, und warf einen großen, durchdringenden Blick auf ihn; dann nahm sie seine Hand in ihre beiden Hände, drückte dieselbe an ihre Brust, blickte gen Himmel und sagte leise: »Gott hat entschieden!« Ich segnete meinen Sohn und meine Tochter. Beide umarmten sich. Es war eine feierliche Stille. Aller Augen waren naß. Plötzlich sprang Polly, mit thränenvollen Augen, lachend vor und hing sich an meinen Hals, indem sie rief: »Da haben wirs! Alles Neujahrsgeschenk! Siehst Du, Bischofsmützen über Bischofsmützen!« Es ist umsonst . . . ich beschreibe diesen Tag nicht. Mein glückliches Herz ist zu voll. Und immer werde ich gestört!