Jakob Wassermann Die Geschichte der jungen Renate Fuchs 1903 Erstes Kapitel 1. In der Mitte des September ereignete sich ein ungeheuerlicher Vorfall, von welchem einige Tage lang ganz München sprach. Gegen die Abendstunden herrscht in der Nähe der Akademie und der Universität bewegtes Leben. In einer der Straßen, die sich dort in mathematisch genauen Rechtwinkeln durchschneiden, steht ein altes und ziemlich baufälliges Haus. Um die Zeit, wo die Studenten schon die letzten Collegien durch die Gartenseite zu verlassen pflegen, erschallte aus dem Flur dieses Hauses ein lautes Geschrei. Gleich daraus stürzte ein völlig nacktes Mädchen aus dem Thor auf die Straße. Sie hielt beim Laufen die Arme in die Höhe, und zwar in einer sonderbaren Weise: als ob sie fürchte, ein schwerer Gegenstand könne über sie herabfallen. Sie schrie nicht in abgesetzten Lauten, sondern es war ein einziger langgedehnter Ruf, von der Zeit, die sie brauchte, um aus dem Hofatelier bis in die noch helle belebte Straße zu gelangen. Es ist klar, daß sofort jeder Verkehr auf diesem Teil der Straße stockte. Menschenmassen liefen zusammen, deren plötzliches Auftauchen etwas Rätselhaftes hatte. Die Fenster der Wohnungen öffneten sich für erschreckte Gesichter, die dann allmählich ins Grinsen kamen, – aus naheliegendem Grund. Dem Mädchen zunächst hatte sich ein Kreis von Studenten gebildet. In blöder und komischer Ratlosigkeit starrten sie auf den am Boden liegenden nackten Körper. Das Gesicht der Hingestreckten war in die verschränkten Arme hineingewühlt. Die Haare, die sehr kurz waren, fielen aufgelöst, braungolden nur wenig über den Nacken. Die Haut schimmerte bräunlich und zuckte bisweilen wie bei nervösen Tieren. Jemand fand, ein Arzt müsse beispringen, doch es war kein Mediziner unter den Gaffern. Manche waren blaß, manche lächelten gespreizt, manche thaten außergewöhnlich wichtig wie in einem Thatendrang, manche fanden sich ergötzt wie im Schauspiel, warteten gespannt und phlegmatisch auf den Fortgang der Ereignisse, einige fanden die öffentliche Sittlichkeit bedroht, und währenddem verengerte sich der Kreis, denn von allen Seiten drängten die Hintenstehenden vorwärts. Nur ein Einziger trat schließlich aus den Reihen, indem er sich mit den Elbogen Platz schaffte, kniete nieder und breitete seinen langen, hellgrauen Havelock sorgfältig über die Liegende. Dann versuchte er den Kopf des Mädchens zu heben, begegnete aber einem krampfhaften, unerwarteten Widerstand. Die feststehende Menschenmasse schloß jede Hilfe von außen und jede Aufklärung des Vorfalls zunächst aus. Indes war es sein Entschluß, das Peinliche der Öffentlichkeit abzukürzen, und er winkte einem der jungen Herumsteher. Beide ergriffen den unbeweglichen Mädchenkörper, ein dritter half, die Menge wich mechanisch und träg zurück, eine schmale Gasse öffnete sich, und die drei eilten schnell mit ihrer Last in denselben Hausflur, aus welchem das Mädchen geflohen war. Sie brachten es geschickt zuwege, das Thor zuzuschlagen, ehe noch ein Einziger der Nachdrängenden mit hereinkommen konnte und schoben mit einiger Mühe einen großen verrosteten Riegel vor. Draußen wurde gepocht, geklopft, gehämmert, schließlich kamen Stöße, daß das Thor wankte und das morsche Schloß seufzte, dann pfiffen sie und gröhlten; plötzlich jedoch wurde es ganz still. Aber was nun? Als es still war, hörten die drei das junge Mädchen in einer bekümmerten Weise in sich hineinweinen, immer mit dem zwischen den Armen verwühlten Gesicht. Der Flur war leer, die Stiege leer, die Weinende stand nicht Rede, kein Laut im ganzen Haus war vernehmbar. »Was sollen wir nun anfangen, Herr Wanderer?« fragte einer der jungen Menschen (er hieß Dawill) fast schadenfroh. Oder möglich, daß an dieser »Schadenfreude« sein blasses Gesicht schuld war, welches beständig ein aufdringlich-bescheidenes Lächeln zur Schau trug. Diesmal brach das Lächeln jäh ab, denn durch den Hof kam plötzlich in höchster Eile, was seinem Gang etwas grotesk Abgehacktes verlieh, ein Mensch von vielleicht fünfunddreißig Jahren. Bei dem Mädchen stehend, beugte er sich erst vorsichtig lauschend über dessen Körper, flüsterte mit einem Ausdruck von verzerrter Inbrunst im Gesicht: »Gisa! Gisa!« nahm dann die Liegende auf seine Arme, was bei seinen anscheinend geringen Kräften erstaunlich aussah, trug sie in den Hof und von dort in den Eingang einer erdgeschössigen Wohnung. Dawill öffnete das Thor und wurde von zwei sehr streng aussehenden Polizisten in ein Verhör gezogen, während Hunderte von Menschen in Gruppen beisammenstanden und sich neugierig wiederum gegen das Thor drängten. In demselben Augenblick kamen zwei junge Damen die Treppe herab, eine schlanke, blasse, vornehme und eine plebejisch lachende, schwatzende. Wanderer wurde sehr aufmerksam durch den intensiv abgekehrten, tiefgrüblerischen Ausdruck im Gesicht der Einen, die er von seiner Begleiterin Renate nennen hörte. Es war etwas in dem Gesicht, das in unterirdischer Verbindung mit dem Vorfall zu stehen schien, dem er soeben beigewohnt. Beide Damen stiegen in einen Zweispänner, der jenseits der Straße am Universitätsgarten stand, und fuhren davon. Dawill und der andere Student, ein wollhaariger Jude mit dem einfältigen Gesicht eines angestrengten Tänzers, verabschiedeten sich mit studentischer Umständlichkeit von Wanderer. Sie sahen aus, als hätten sie eine religiöse Feier veranstalten helfen. Noch eine junge Dame kam aus der Malschule von oben, hielt errötend ihr Taschentuch vor das Gesicht und wurde von den Belagerern des Thors, die sich wie um ein Schaustück geprellt erschienen, höhnisch angestarrt. Ein Gendarm kam, sah sich hochmütig um, musterte Wanderer, der that als erwarte er Jemand, und stapfte dann gravitätisch in den Hof. 2. Wanderer wartete auf seinen Mantel, – und im Grunde auf weit mehr. In ihm war eine Saite zum Schwingen gekommen, die nun nicht mehr aufhörte zu vibrieren. Die Menge verlief sich in den leichten und dennoch lastenden Septembernebel der Straßen. Schließlich erschienen noch zwei Journalisten, die mit albernem Gethue den Lokalaugenschein vornahmen, als hätten sie niemals einen Hausflur und einen Hof gesehen. Oben ging eine Thür auf, und Klaviergeklimper gellte durch das Stiegenhaus. Der Gendarm, mit schweren, respekteinflößenden Stiefeln, kam wieder zum Vorschein. Als Niemand sonst sich sehen ließ, ging Wanderer in den Hof, und, kühn gemacht durch seine Erwartungen, öffnete er die Thüre, die ihn lockte. Aber im Begriff einzutreten, wurde er von jenem Mann zurückgeschoben, der das Mädchen fortgetragen, und der nun zugleich mit Wanderer wieder in den Hof trat. Er trug ein überaus kleines, grünes Hütchen; sein dichter rotblonder Schnurrbart bedeckte den Mund und hing, halbkreisförmig, über das Kinn herab. Den Mantel hatte er schon über dem Arm, und als er ihn Wanderer reichte, sagte er langsam; »Sie will allein sein. Sie muß Ruhe haben.« Dann fügte er mit einer rednerischen Betonung der Worte und mit fernhinsehenden Augen hinzu: »Denken Sie sich alle Tragödien aller menschlichen Seelen zusammengepreßt in eine einzige und Sie haben das, was Sie eben erlebten.« – Wanderer machte erst ein gedankenvolles Gesicht, dann nannte er seinen Namen, errötete aber, weil ihm dies knabenhaft erschien. Der Grünhut wandte sich ab, hörte kaum darauf, drückte wie im schmerzlichen Kampf Lippen und Augen zusammen. Nach einer Weile erst drehte er sich um und murmelte gleichgiltig: »Süssenguth. Christian Süssenguth.« Sie gingen hierauf Beide die Straße gegen die Akademie zu, und es war zu hören, daß die Leute sich noch immer nicht beruhigt hatten. Aber das Gerücht lief jetzt wie herrenlos umher, gab Jedem das, was er davon nehmen mochte. Wanderer wollte nicht neugierig thun, nicht um Erklärungen betteln; stumm schritt er an der Seite des Grünhuts, in der Bedrücktheit eines Untergeordneten. Süssenguth schien von vielen Leuten gekannt zu sein, wurde häufig gegrüßt, meist mit jener achtungsvollen Zurückhaltung, die Vertrautheit ausschließt. Endlich befragte er Wanderer um einige Kleinigkeiten, Gleichgiltigkeiten. Zuerst hatte er den Namen vergessen. – Anselm Wanderer. – Wo er her sei. – Aus Wien. Dort hätten seine Eltern lange gewohnt. Geboren jedoch sei er in Franken, in Nürnberg. – Was er treibe, ob er mit Lust studiere. – Nein; »nicht mit einem Hauch meiner Seele.« – Also vielleicht ein Wanderer? – Nein, eigentlich kein Wanderer. Eher ein Phlegmatiker, oder doch ein Stillehalter. – Es sei auch nichts mehr mit dieser Art von Studieren. Die jungen Menschen nützen sich ab, jeder sterbe mit neun Zehntel seiner Eigenart. – Süssenguth wurde rasch leidenschaftlich, als ob Leidenschaft die Atmosphäre sei, darin er einzig leben könne. Seine Gesten wurden weit, übermäßig edel, als ob er auf einem Forum stünde, und er beachtete die Passanten nicht mehr. Wanderer stimmte zu, machte eine richtige Bemerkung, die naheliegend war, und die Freude, mit der Süssenguth ihm zustimmte, war einer Umarmung gleich. Sein Gesicht in der Ruhe war wie ein bewegungsloser Vorhang seines Innern; wenn er sprach, war alles durchglüht. Wanderer hatte manchmal ein Gefühl wie bei einem Theaterstück. Er war gespannt und voll nicht ganz aufrichtiger Zustimmung. »Wo gehen Sie denn hin?« fragte Süssenguth, als ob sie sich schon jahrelang kannten. Wanderer entgegnete, er habe einen Besuch zu machen. Doch Jener hörte ihm nicht mehr zu. Das kleine Töchterchen einer vornehmen Dame, die auch Anselm Wanderer bekannt war, rannte in vollem Galopp auf Süssenguth zu, lachte und jauchzte. Er beugte sich zu dem Kind herab, und sein Gesicht zeigte eine leidende Verzücktheit, eine krankhafte Extase. Es schien wie Liebe und Hingebung, die nach Verwirklichung außerhalb des Menschlichen strebten. Wanderer grüßte und ging. 3. Herbst, wunderbarer Herbst! Zeit der Sammlung und der Entschlüsse, der Reife, der Ruhe! Wo alle Willenlosigkeiten sich verflüchtigen, alle Trübungen sich klären. Mit solchen Gefühlen schritt Anselm Wanderer gegen den englischen Garten hinab, über dem die mattgefärbten Nebel lagen und dessen bräunendes Laub sich scharf vom Himmel hob. Der nahe Abend brachte eine gewisse Festlichkeit über die Straßen und drunten über den verschwimmenden Park. Wanderer blieb stehen, als ob er sich sein Leben ansähe, das Fertige und das Kommende zugleich. Darüber lagen die vielen ziehenden Wünsche gebreitet: Nebel, erst rosenrot gefärbt, dann grau und dunkel werdend, eins mit der Nacht. Eine Viertelstunde später befand er sich schon in der Villa bei seiner Freundin, der alten Baronin Terke. Unterwegs hatte ihn unsichtbar jener Süssenguth begleitet wie ein Stück von ihm selbst, um ihn auszuforschen, und Wanderer war beunruhigt, beschloß, den Schatten nicht aus dem Auge zu lassen. Bei Terkes wurde er herzlich begrüßt. Vor vierzehn Monaten hatte man sich zuletzt in Wien gesehen, denn Wanderer war erst vor einer Woche von dort gekommen. Die Baronin wußte eine Menge von Neuigkeiten und erzählte eine nach der andern, so wenig sie auch zusammenpassen mochten. Ihr Gesicht glich etwa dem einer greisenhaften Puppe, war geschminkt und gepudert, und das Haar bildete oft kunstvolle Ringe. Sie atmete schwer, stöhnte, wenn sie sprach und machte bei alledem die Liebenswürdige und Amüsante. Sie war eine unerschöpfliche Chronik von Neuigkeiten, und mit geistreicher Nachlässigkeit sagte sie Dinge, die Andere in ihr Tagebuch als »Maximen und Aussprüche« notiert hätten. Bisweilen lachte sie lustig auf, hell, klirrend, (ihr Lachen war eine Rakete) um dann plötzlich in den bleiernen Halbschlaf der Morphinisten zu versinken. Dann schreckte sie empor, sagte Ja, schlug sich burschikos auf die Schenkel, und scheinbar harmlos lächelnd setzte sie unbefangen ein Gespräch fort, welches die Andern längst schon vergessen hatten. Diese Andern waren neben Wanderer ihre Schwägerin, die Gräfin Terke, – voll Würde, Gelassenheit, Vornehmheit, – und Adele, – die mühevoll verhaltene Schalkhaftigkeit eines leichtflüssigen Temperamentes. Man saß beim abgedämpften Licht einer großen Lampe, in einem Zimmer, dessen Wände mit purpurfarbenem Stoff bekleidet waren. Vor den Fenstern zog der Abend wie greifbar vorbei, die Straße mit bläulicher Dämmerung füllend. Nichts Wesentliches geschah in diesem Raum; hier stand das Leben vornehm still, und während sich Anselm Wanderer in der geräuschlosen Weise unterhielt, wie sie die Stunde und der Ort gebot, dachte er an ein Leben voll Gefahren gleich einem Knaben, der die Lederstrumpf-Erzählungen liest. Wie eine Ferngerückte saß die Gräfin Terke da, mit ihrem schönen Haar von reinstem Silberweiß und dem gleichmäßig lilafarbenen Kleid. Sie sah wie eine Rokoko-Königin aus, hörte halb mitleidig, halb belustigt auf das wiederbelebte Geplauder der Baronin, die von ihrem Hund erzählte. Ein Thema, das Unendlichkeit in sich trug. »Tiger« war ein Bursche mit langhaarigem Fell, unfähig zu laufen, unfähig zu schnaufen, in seinem Fett vergehend, und von seinen Beinen waren nur drei gebrauchsfähig. Jeder Polster war ihm zu hart, jeder Leckerbissen zu gering, jede Liebkosung molestierte ihn, und wenn er allein sein mußte, bekam er einen Spiegel vor sein Lager gestellt, um sich am Anblick seines teuren Ichs gütlich zu thun. Diese kostbare Sache von Hund blieb lange der Gegenstand des Gesprächs, aber die Geschichte mit dem Spiegel führte auf die Geschichte einer Dame, die so lange vor dem Spiegel stand, bis sie irrsinnig wurde, und damit hing wieder eine neue, höchst interessante Geschichte zusammen, die möglichst schnell und atemlos einzuschalten war, die aber durch eine eintretende junge Dame unterbrochen wurde, bei deren Anblick Wanderer erblaßte. Unvermittelt sah er sich wieder in dem öden, hallenden Hausthor der Amalienstraße, wo dieselbe Schlanke, Blasse die Treppe heruntergekommen war. Die junge Gräfin stellte vor und setzte sich dann gleich zu Fräulein Fuchs auf die Ottomane. Anselm Wanderer wurde plötzlich gesprächig, und, innerlich unsicher, sagte er viele überflüssige Dinge. Er wandte sich zu der Neuangekommenen und sagte mit der Bedeutsamkeit eines Witzigen: »Es ist die Duplizität der Fälle, daß ich Sie hier treffe, Fräulein, und gerade heute.« Die junge Dame wandte ihm das Gesicht zu und blickte verdutzt auf seinen Kragen. Er wurde verwirrt, wollte nicht näher auf die Begegnung und ihre Ursache eingehen, und erzählte schließlich von seiner Bekanntschaft mit Süssenguth, aber nur davon. Nachdem er eine Reihe von Sätzen in feuilletonistischer Weise aneinandergeheftet, bemerkte er, daß er wenig Anklang damit fand. Nur die Augen des Fräulein Fuchs waren unablässig auf ihn gerichtet. Es waren schwarze Augen, in diesem halben Licht wie glänzende Kohlen anzusehen, aber scheinbar ohne Tiefe. »Sie kennen ihn?« fragte Wanderer fast mechanisch. »Diesen Juden? Nein.« »Sie sagen es so verächtlich. Weil er ein Jude ist?« Sie zuckte die Achseln und öffnete den Mund, was ihrem Gesicht etwas Kindlich-Hülfloses gab. »Freundinnen haben mir von ihm erzählt, – das heißt,« fügte sie leiser und den Blick senkend hinzu, »bekannte Mädchen.« Damit endete dieser Teil der Unterhaltung, doch von da ab war jeder Einzelne mit etwas anderem beschäftigt, als mit dem, wovon er gerade sprach. 4. Es fügte sich, daß Anselm Wanderer und Fräulein Fuchs zugleich aufbrachen. Ihr Wagen wartete unten, aber da es so ein schöner Abend war, wollte sie gehen, wenn er es nicht langweilig finde, sie zu begleiten. Während sie die Treppe heruntergingen, bewunderte er ihre Gestalt, ihre Freiheit der Bewegung. Sie hatte nicht das Gepreßte und Beengte der jungen Damen ihres Kreises; ihre Freiheit nach außen gab Andern innere Sicherheit. Der Abend war in Wahrheit schön. Die Laternen hingen wie Lampions in der Luft, die zu dampfen schien, die alles unsichtbar machte, was nicht zu dem Frieden sich eignete. Beide schritten kaum, dachten kaum. Endlich sagte Wanderer, wo er sie vor Stunden gesehen habe, und daß sich so seine Bemerkung, die er vor Terkes nicht begründen wollte, von selbst erkläre. Sie blieb stehen, und ihm war, als sehe er sie größer. Doch sie hatte, in ihrer Weise, den Mund ein wenig geöffnet und suchte nach einer Erwiderung. Wanderer fragte, seltsam berührt, was sie denn eigentlich gegen Süssenguth hätte. »Erstens, – ich hasse die Juden!« antwortete sie, – doch durchaus nicht haßerfüllt, sondern fast flehentlich. »Ernsthaft?« Wanderer lächelte. »Sind Sie denn einer?« fragte Renate Fuchs, jetzt ebenfalls lächelnd. »Nein, das nicht. Aber ich könnte doch ebensogut einer sein; dann wären Sie aufgesessen.« »Aufgesessen? Das versteh ich nicht.« »Na gleichviel. Aber, Sie sagten »erstens«, vorhin.« »Ja, und dann ist es ja stadtbekannt, was der alles treibt. Kindern schreibt er Briefe. In jedes Mädchen ist er verliebt. Dann predigt er Dinge, an die man gar nicht denken darf, sitzt in ...schrecklichen Lokalen bei ...schrecklichen Frauenzimmern. Das alles habe ich gehört.« »Aber er scheint Sie doch zu interessieren?« »Mich? Kaum. Es giebt Frauen, die für ihn schwärmen. Ich weiß nicht warum. Oder doch. Er sagt nämlich, – aber es ist ja ganz gleichgiltig.« Doch als Anselm Wanderer schwieg, fügte sie leiser und etwas nachdenklich hinzu: »Er wirft sich zum Retter der Frauen und Mädchen auf.« »Wieso? Was – ist da zu retten?« »Vor den Männern will er sie retten.« »Wie albern!« »Nicht wahr!« gab sie triumphierend zurück, als ob ihre Zweifel jetzt ein Ende hätten. »Ich verstehe es überhaupt nicht. Was ist da zu retten?« »Ich kann Ihnen das nicht so sagen, wie es mir erzählt wird.« Diese kindlichen Worte rührten ihn. Doch sie, wie es schien, von neuem gequält, sagte sehr langsam, wobei sie auch ihren Schritt verzögerte: »Er meint, daß alle die körperlichen Tugenden, die die Männer von uns verlangen, nichts als Lug und Trug sind. Er meint, daher kommt es, daß so viele, viele Frauen zu Grunde gehen.« Das erschreckte Anselm Wanderer, nicht durch den Inhalt, sondern dadurch, daß sie es sagte, ihm sagte, von dem sie kaum den Namen kannte. Doch Renate Fuchs fühlte wie durch eine Eingebung seine Empfindungen mit und fügte hinzu – (jetzt kam es ganz deutlich zum Vorschein, wie gequält sie durch all das Zeug war) –: »Sie staunen, daß ich Ihnen das so mitteile. Aber dann ist es ja wahr, daß man uns blind machen will. Der Süssenguth da, er ist ja ein Narr, – ist er nicht ein Narr?« »Ich sollte glauben, Fräulein.« »Nun natürlich; aber ich habe ihn einmal sprechen hören. Es war auf einer Bank unter den Arkaden. Ich saß mit Adele Terke auf der Nebenbank und Adele kicherte fortwährend. Einige Freunde waren mit ihm. Er war sonderbar, sehr sonderbar. Er sagte das, – hören Sie nur – er sagte: ein Mann kann fallen, eine Frau kann niemals fallen.« Wanderer schwieg. Er senkte den Kopf und sah in diesem Augenblick Süssenguth mit seiner begeisterten Hingabe an das Wort, das pure Wort. Und sonst? Ein kleiner, blasser Mensch mit einem grünen Hütchen und einem Jägerhemd. »Und dann sagte er weiter«, fügte das junge Mädchen hinzu, gänzlich wiederversunken in jene Situation, »er sagte: die Frau hat eine Asbestseele. Sie bleibt unversehrt im Feuer des Lebens.« »Und das haben Sie so fest behalten? Es sind Extravaganzen. Das Originelle ist selten wahr.« Wanderer wollte kritisch sein, fühlte sich aber ein wenig ärmlich in diesem Augenblick. »Warum darüber reden!« sagte Renate Fuchs. »Ich wollte nur, Sie würden meine Freundinnen kennen. Seele, Seele! An denen ist gar keine Seele. Es sind junge Mädchen mit schönen Kleidern, die sich aufs Heiraten freuen.« Damit hatte das Gespräch ein Ende. Sie waren bei der Brücke über den linken Isararm angelangt. Dort wurde ein Friedensdenkmal gebaut, in der Höhe über den Stufen, die zum Rondell führen. Man sah auf lange Lichterreihen hinunter und die Finsternis dazwischen hatte etwas von einem Tier, einem ungeheuren schlafenden Wurm. Der Strom rauschte, aber die Ruhe brach durch das Rauschen hindurch wie der Stoff durch eine Stickerei. Renate Fuchs blieb vor einem Gartenthor der Maria Theresiastraße stehen, bis der Wagen kam, der durch die Maximilansstraße nachfuhr. Ihr Gesicht war ruhig geworden, und ihre Augen glänzten nicht mehr so sehr. Sie behauchte den Schleier, und Anselm dachte, von dieser Gewohnheit werde es wohl kommen, daß sie den Mund oftmals halb öffnete. Weiße, enge Zähne blitzten dann hervor. »Hören Sie das Gehämmer drinnen?« fragte sie, während schon die Räder des Wagens drüben auf der Straße knirschten. »Bei uns ist großes Fest morgen.« »So? Haben Sie Geburtstag?« Renate lächelte und schaute starr in die Blendlaterne des einbiegenden Wagens. »Ich werde mich verloben. Aber das sag' ich nur Ihnen. Heute darf es noch Niemand wissen.« Immer stärker wurden ihre Züge von der Blendlaterne beleuchtet. Es war ein schönes, kindliches und zugleich frauenhaftes Antlitz. Beständig zuckten die Lippen. Beständig liefen ein paar störrische Haare von den Schläfen herein. Die Augenbrauen waren hohe, dünne, schwarze Halbkreise. Sie hielt den Kopf ein wenig gegen die linke Schulter geneigt und lächelte. Zweites Kapitel 1. Mein lieber Bruder, ich gebe Dir natürlich meine Zustimmung, daß Du mein Kapital auf die angedeutete bessere Art verwendest. Die verlangte Vollmacht werde ich Dir in den nächsten Tagen senden. Ich weiß ja, daß Du in solchen Dingen weit über mein Verständnis hinaus zu sorgen verstehst und bin also mit allein einverstanden, was Du thust, um so mehr, wenn ein Vorteil in Deiner sozialen Stellung damit verbunden ist. Freilich, ich für meinen Teil komme mit den zehntausend Gulden jährlich ganz bequem aus, abgesehen davon, daß eine solche Summe in Deutschland bedeutend mehr vorstellt als in Wien. Doch stimme ich darin mit Dir überein: zwölftausend sind eben noch mehr. Ich lebe hier genau so, wie ich in Wien gelebt habe. Ich kann mich noch immer nicht zur Wahl eines sogenannten Berufes entschließen. Deine ewige Klage! Aber ich kann mich nicht ändern. Sieh, was soll ich beginnen! Ich habe es ja so sehr bequem, lulle mich ein wenig in die Rolle des Flaneurs ein, thue so, als ob ich beobachten würde, und wenn ich auch sentimental bin, wie Du behauptest, so hoffe ich doch, daß mir das Leben bei irgend einer passenden Gelegenheit die überflüssigen Gefühle herausprügelt. Du willst, daß ich mich einmal ordentlich verliebe? »Bis über den Hals«, meinst Du. Ich trachte nicht darnach. Ich glaube nicht, daß mich dann die spätere Ernüchterung dazu drängen wird, was Du eine geordnete Lebensstellung nennst. Meine Beschäftigung ist einförmig. Ich lese alle wissenschaftlichen Bücher, die mich interessieren, besonders in der Chemie. Meine letzte Buchhändler-Rechnung betrug dreihundert Mark. Collegien besuche ich jetzt seltener. Die schöngeistigen Schriften lassen mich kalt, wie Dir ja bekannt ist. Nur an Balzac beginne ich jetzt Gefallen zu finden. Du zürnst mir darüber, daß ich so wenig von einem Poeten in mir habe, und daß mir sogar die Fähigkeit mangelt, mich an Poetisches hinzugeben. Wäre ich ein gewöhnlicher Nichtsthuer, so hättest Du wohl Recht mit Deinen Vorwürfen. Doch ich halte mich für etwas Besseres, glaube mich gut genug zu kennen, um diese Behauptung wagen zu dürfen. In einem feineren Sinn bin ich immer beschäftigt. Ich glaube, das, was wir unmittelbar einen Beruf nennen, ist mittelbar doch nur eine Beschränkung. Die Berufsleute sind eigentlich die Schläfer, die Halb-Bewußten; und diejenigen, die man Träumer nennt, sind vielleicht die wahren Wachenden. Nun kannst Du wieder spotten über den gescheiten Anselm. Aber jeder muß so leben, wie er eben lebt. Ich habe hier eine recht elegante Wohnung in der Königinstraße. Ein Zimmer ist sogar ganz japanisch. Von allen Fenstern aus habe ich freien Ausblick über den englischen Garten. Besonders in der Dämmerung ist der Anblick des herbstlichen Gartens unvergleichlich. Dieser Tage will ich einmal ins Fränkische hinauffahren. Man braucht mit dem Schnellzug nur fünf Stunden; von Nürnberg aus nehme ich den Postwagen in unsere Heimat, die ich, außer mit Säuglings-Augen, noch nicht gesehen habe. Du schmunzelst darüber, Skeptiker. Aber ich kann Dir gestehen: das Bewußtsein, von einem andern Menschenschlag zu stammen, als dieser weichen und verweichlichten Wiener Rasse, beruhigt und ermutigt mich sehr. Laß bald von Dir hören und sei herzlich gegrüßt von Deinem Anselm. 2. Es drängte Anselm Wanderer, zu Süssenguth zu gehen, doch war er um den Vorwand verlegen. Furcht und eine leichte Feindseligkeit trieben ihn an, wie Einen, der Gefahren abwenden will, ehe sie nahen. Andererseits war es wieder das kummervolle Weinen jener Unglücklichen, das ihm noch im Ohre lag. Die Zeitungen hatten ein wahrhaft jämmerliches Geschmäz über den Fall ausgegossen. Einigen wurde er zum sittlichen, anderen zum sozialen Problem. Einige brachten ihn mit der Kunst, andere mit der Liebe in Beziehung. Alle versprachen sich Aufklärung von der gerichtlichen Verhandlung und munkelten unbekümmert darauf los. Er erfuhr Süssenguths Wohnung, und in der Frühe machte er sich auf, um durch den englischen Garten nach Bogenhausen, der Vorstadt, zu pilgern. Es ging durch krumme Gassen, an der Sternwarte vorbei, hinter den Ziegellagern einen lehmigen Pfad entlang, dann über die Felder. Süssenguth wohnte nach seinem eigenen Ausspruch im letzten Haus der Stadt, mitten in der Wiesen-Einsamkeit. Nebel- und taufeucht, erwarteten die Felder die späte September-Sonne und die Stadt lag im Westen wie ein dampfender Kessel. Christian Süssenguth saß im Garten. In seiner Gesellschaft befand sich ein hagerer, vergrämt aussehender Mensch, von dem Wanderer erfuhr, daß er Stieve heiße. Dann war ein junges Mädchen da, bei dessen Anblick Wanderer stehen blieb wie von einer leichten Ohnmacht erfaßt. Er kannte die goldbraunen Haare und den Ansatz des Nackens. »Das ist Gisa Schumann«, sagte Süssenguth in seiner natürlich vornehmen und freien Weise. Er schien übrigens ziemlich erstaunt über Wanderers Besuch, als ob er sich nicht erinnere, seine Bekanntschaft gemacht zu haben. Anselm suchte sich gar nicht zu entschuldigen; zornig über das Unbezwingliche, das ihn hergetrieben, nahm er Platz und hörte stumm der Unterhaltung der beiden Männer zu. Oder stellte sich, als ob er zuhöre. Gisa Schumann sprach nicht, auch schien man nicht zu erwarten, daß sie rede. Sie hatte ein leidenschaftliches Gesicht von orientalischem Schnitt, überquellend von Leben und gleichzeitig auch von Trauer. Immer wenn Süssenguth anfing zu sprechen, hob sie die Augen und sah ihn an, – mit einem unbeschreiblichen Blick. Alles an ihr bebte von Ueberfluß. Die Unterhaltung zwischen Stieve und Süssenguth war monoton. Einmal hörte Wanderer den Namen der Renate Fuchs, und seine Augen wurden starr, horchend. Aber es wurde nichts Wesentliches laut. Er fragte kühn, ob man sie kenne. Gewiß kenne man sie, erwiderte Stieve, um dessen Mund es beständig in scheuer Ironie zuckte. Seine erschreckend mageren, krankhaft unruhigen Hände tasteten beständig umher, zuckten oder trommelten, wie verzehrt vom Gefühl der Haltlosigkeit. »Sie wird jetzt Herzogin«, sagte Stieve, das eine Ende seines Schnurrbarts zernagend. »Herzogin? Wieso?« »Sie hat sich gestern mit dem Herzog Rudolf verlobt.« »Sie, – ist denn das wirklich wahr?« fragte Süssenguth kindlich zweifelnd. »Es steht heute in allen Zeitungen.« »Aber Sie, – wird denn das gestattet?« »Es muß wohl so sein. Uebrigens ...»gestattet« ... »Na Sie, – da könnt ich ja heute ebensogut eine Herzogin heiraten? Na?« »Wenn Sie schön und reich wären wie Renate Fuchs, – gewiß.« »Nun, was sie äußerlich hat, hab ich innerlich. Schließlich bin ich auch mit einer zufrieden, die innerlich eine Herzogin ist. Was, Gisa? Schert mich das Kleid? Wenn ein Weib fähig ist, einen Baum, eine Blume, den Wald, einen Schmerz ebenso zu empfinden wie ich, ist sie mir vollkommen ebenbürtig. Mehr verlang ich mir nicht. Dann will ich sie nicht einmal heiraten. Soll sie einen andern heiraten und mir die Gefühle schenken.« Zornig-zärtlich sagte Süssenguth das, und manchmal war es, als ob er die Sätze erbreche. Das Suchen nach dem Ausdruck durchwühlte seine Züge. Er preßte die Augen zusammen, machte sie dann wieder leuchtend, ballte die Faust oder strich mit der weißen, schönen Hand über die angestrengte Stirn und erweckte immer den deutlichen Eindruck des Ungewöhnlichen. Gisa, blaß geworden, erhob sich, ging langsam dem Ziehbrunnen zu, dessen Eimer durch ein Windrad hoch oben bewegt wurden. Sie stützte sich auf den Mauerrand und sah ins Bodenlose hinunter, vor dem sie die Augen schließen mußte. Sie hörte die Bäume rauschen, von welchen viele vergilbte Blätter herabfielen, und aus dem Haus klang ein verstimmtes Harmonium dazu. Kaum hatte sie sich entfernt, so rief Süssenguth trostlos: »Aber wo bringt man sie denn jetzt hin, um Gotteswillen!« »Es ist höchste Zeit, daß etwas geschieht,« sagte Stieve energisch. Er machte ein finsteres und ungeduldiges Gesicht, als hätte er etwas sehr Entscheidendes gesagt, wobei kein Widerspruch möglich sei. »Sie kann nicht hier draußen bleiben«, grübelte Süssenguth. »Aber kann sie nicht zu Fräulein Xylander? Sie, ist das nicht möglich?« Stieve zuckte die Achseln, wodurch sein Hals völlig verschwand. Er warf einen verlegenen Blick auf Wanderer und antwortete dann mit einem Lächeln, das ebenso sanft, apathisch und scheu war wie der Klang seiner Stimme: »So eine christliche That erlauben unsere Mittel nicht. Uebrigens will Anna herkommen.« »Sie, da haben Sie Recht, – eine christliche That wäre das!« rief Süssenguth aus. »Natürlich, unsereinem bleibt das Himmelreich des Gebens verschlossen. Und wer ist fähig zu geben, von denen, die auf ihren Sammetpolstern sitzen und lächeln.« Dies letzte sagte er haßerfüllt und äffte dabei jemand nach, etwa die gezierte Langeweile einer alten Gräfin. Wanderer glaubte eine Karrikatur seiner Freundin Terke zu erkennen und lachte, ohne jedoch die Beklommenheit über das tiefvergrämte Gesicht Stieves zu verlieren. »Gut, daß die Xylander kommt; mit der kann man sich ausschimpfen.« Süssenguth blickte finster gegen die Stadt. Dann beugte er sich zu Wanderer hinüber, packte heftig dessen Arm und flüsterte: »Sehen Sie sich das Wesen drüben an. Sie können sich keinen Begriff machen, was für ein Wunder von Zartheit und innerlichem Adel das ist. Eine Kapitalistin des Herzens. Und die soll zu Grunde gehen, weil ein –« »P–s–s–t«, warnte Stieve. Süssenguth schwieg keuchend, leichenblaß, mit verbissenen Lippen. Wanderer schaute zu Gisa Schumann hinüber, die noch immer unbeweglich stand, der Brunnentiefe zugeneigt. Stieve war aufgestanden, hatte sich an die Akazie gelehnt und schwieg. Wanderer bemerkte, daß sein Kopf im Verhältnis zum Körper viel zu klein war; seine schlottrige Erscheinung erhielt dadurch etwas Hilfloses. Seine Züge konnten oft fein und verträumt sein, aber sie riefen eine Empfindung hervor wie ein erblindeter Spiegel. »Paria«, murmelte Süssenguth grollend und that, als hätte er einen schlechten Geschmack im Mund. Er setzte den Zwicker zurecht und ging zu Gisa an den Brunnen. Beide wandten sich zu einer Gruppe von Silber-Eschen, in der Tiefe des Gartens. »Warum kann das Fräulein nicht hier bleiben?« fragte Wanderer, Stieve mit festem Blick ansehend. Stieve machte eine bedauernde Bewegung. Es schien, als sei er etwas ungehalten über die Wichtigkeit, die man diesem ihm fremden Unglück beimaß. Seine Stirne war von bitteren Betrachtungen gefurcht. Wanderer verstand ihn sofort. »Es ist schwer durchzukommen«, seufzte er und machte ein schmerzlich-einverstandenes Gesicht, um Stieve Vertrauen einzuflößen. Aber der schwieg, und sein flackerndes Lächeln huschte bisweilen über die Lippen, den braunen Spitzbart förmlich erhellend, über dem der Schnurrbart hing wie ein kleiner Brückenbogen aus einem Baukasten. »Was treiben Sie eigentlich in dieser elenden Stadt?« fragte Wanderer, wie wenn er selbst durch die Stadt zu leiden hätte. Stieve, voll Ingrimm, zischte heraus: »Für ein Schmierblatt muß ich Notizen schreiben. Journalist ...ä!« Er stützte beide Arme auf die Hüften und stelzte aufgeregt zwischen zwei Bäumen hin und her. Wanderer sah ihm sinnend zu, doch nicht mitleidig. Er war nicht mitleidig, noch wünschte er, mit zu leiden. In demselben Augenblick kam Anna Xylander in den Garten. Anselm erriet, daß sie es war, denn Stieves Gesicht veränderte sich. Es erhielt einen Ausdruck liebenswürdiger Nachsicht und freundlicher Ueberlegenheit was dem männlichen und anscheinend sehr energischen Mädchen gegenüber komisch wirkte. Sie küßte ihn nachlässig auf den Bart und fragte: »Wo ist Gisa?« 3. Der Garten in der Fülle seines herbstlichen Schmuckes bot ein Bild der Ruhe und Schönheit. Goldbraune, grüne, kupferige, mattbraune, tief braune Blätter, alle regungslos, – unwillkürlich redete man leiser. An der Hauswand wuchsen Trauben, die indes noch kümmerlich waren, kaum so groß wie Vogelbeeren. Jetzt begann auch wieder das alte Harmonium mit quietschenden Obertönen. Die Gruppe am Brunnen stand nach einem kurzen Wortwechsel zwischen Süssenguth und Anna Xylander schweigend beisammen. Gisa Schumann hatte Annas Hand ergriffen, deren Gesicht nun in leidender Verstimmtheit viel älter aussah. Nur ihre ehrlichen blauen Augen blieben jung, – vielleicht nur durch den unbestimmten Zorn, der in ihnen loderte. Wanderer beobachtete, daß die Unruhe Stieves, der unaufhörlich und wie schuldbewußt die am Boden liegenden Blätter raschelnd zertrat, den Zorn in Anna Xylanders Augen drohender werden ließ, bis sie sich in heftigen, klagenden Worten Luft machte. Das trübe Elend: von den Schulden, die Stieve mache; von seinen großen Plänen und kleinen Erfolgen, seiner Schlaffheit, die immer größer wurde. Doch es war eigentümlich, mitten in ihrem Ausbruch faßte sie Mitleid mit dem Geschmähten. Ihre Augen bekamen etwas innig Forschendes; ihre Klage ging mehr auf sie selbst zurück, auf ihre Unfähigkeit, ihm beizustehen, auf ihre Zukunftssorgen. Schließlich trat sie mit einem burschikosen Schmeichelwort vor Stieve hin, schlang ihm wie einem kranken Kind ihre Arme um den Hals und lachte. Stieve strich liebevoll und beschäftigt über ihre Wange. Wanderer senkte erschüttert den Kopf. Als Stieve bald darauf allein stand, wandte er sich zu ihm, suchte ein Gespräch, das zu persönlichen Dingen führen konnte, zu einer Aussprache, einem Geständnis. Aber Stieve gab nur kurze Erwiderungen. Warum noch arbeiten? Er sehe kein Ziel. Das Bummel-Leben in der Stadt richte ihn zu Grund, die Freunde, die Freundinnen, die Weiber. Wie alle, die abwärts gleiten, wußte er von tausend Hemmnissen zur Arbeit. Es hatte den Anschein, als nehme er seine Worte selbst nicht ernst. Ein ängstliches Horchen lag auch über seinen bestimmtesten Versicherungen. Auf einmal sagte Wanderer rasch: »Fassen Sie es nicht als Unverschämtheit auf, – aber wenn ich Ihnen mit etwas dienen kann, – verfügen Sie über mich.« Ungläubig und verlegen starrte ihn Stieve an. Er murmelte etwas Schwerverständliches, worin er vom Leben sprach. Wanderer sah sich vorsichtig um, zog die Brieftasche heraus und drückte Stieve rasch eine Hundertmarknote in die Hand, der wie entsetzt zurückwich. So viel hatte er offenbar nicht erwartet. Er versuchte zu reden und wurde bleich bei dieser Anstrengung. Er runzelte die Stirn und murmelte: »Sie kommen da her und helfen ...« Seine Augen wurden feucht und die nervösen Finger spielten zitternd mit der Uhrkette. Wanderer begann vom Theater zu sprechen, vom Verfall der Bühne, der dramatischen Kunst ...ein Blick furchtsamer und verlegener Dankbarkeit war alles, was er zur Antwort erhielt. Inzwischen war die Sonne gekommen. Etwas teilnamlos mit blechernem Glanz trat sie aus den Nebeln. Süssenguth blickte verzückt umher, das grüne Hütchen in der Hand. Wie ein Meer von würzigen Düften, die frische Reife des Herbstes selbst, zog es durch den Garten. Anna Xylander machte Glossen über die Verlobung des Fräulein Fuchs. Einer ihrer Freunde hatte Klavierstunden in dem Hause des Fabrikanten gegeben, und was sie von dem Treiben dort gehört hatte, berichtete sie wieder in ihrer derben, das Burschikose und Anzügliche liebenden Manier. »Die Leute leben wie die Eisenbahnzüge, jeder auf seinem Geleise. Das ganze Haus ein Rangier-Bahnhof, wo alles recht bedächtig geschoben wird, daß kein Zusammenstoß passiert.« Jeder Zug sei leer, bis auf Renate. Die sei ein kleiner Schnellzug, besetzt mit sehnsüchtigen Passagieren, die fortzukommen trachteten. Alle lachten laut, selbst Süssenguth grinste. Er klopfte Anna Xylander leicht aufs Knie und sagte: »Ein ganzer Kerl. Eine Person, die vor nichts Respekt hat. Die einzige Lebenskunst, meiner Ansicht nach.« »Eine merkwürdige Ehe wird das geben«, sagte Stieve mit einer Versonnenheit in der Stimme, die Anna Xylander veranlaßte, ihn neckisch besorgt zu fragen, ob er Hunger habe. Doch Stieve wollte blos seine innere Freude verbergen und forcierte daher seine trübe Laune von früher. Süssenguth entgegnete heftig auf Stieves Bemerkung. Gisa näherte sich ihm von rückwärts und legte beruhigend beide Hände auf seine Schultern. Ihr stilles Gesicht mit den gesenkten Augen zeigte eine schmerzliche Ratlosigkeit. »Eine Ehe? Sie, – das nennen Sie eine Ehe? Wo er der schönen Fratze und den Millionen und sie dem schönen Titel nachläuft? Können sich die beiden jemals treffen? Werden sie ineinanderfließen wie zwei Ströme, die sich gesucht haben?« (Hier kräuselte Anna Xylander lasciv die Lippen.) Werden sie je die mystischen Schauer dieses Ineinanderfließens erleben? Nein. Jedes wird seiner Vereinsamung müde werden, frieren, innerlich absterben, elend und verlassen sein. Kein Frühling, keine Mondnacht wird dieser Renate Fuchs mehr etwas sagen, keine Freude wird sie mehr ganz auskosten, erstarren wird alles unter ihren Händen. Ist das nicht ein Frevel? Wenn ein Weib den Weg geht, den ihr die Natur bestimmt hat, wird sie eine Glückbringerin, eine Produzentin von Glück. Jeder Glückliche verhindert zehn Verbrechen. Das ist meine Meinung. Eine solche Ehe ist die Mutter von zehn Verbrechen.« Süssenguths Reden hatten etwas Umnebelndes, zerstörten den Mut zu Einwendungen. »Fräulein Fuchs kommt hier heraus«, sagte Gisa Schumann. Es waren ihre ersten Worte, und alle richteten erstaunt die Blicke auf ihre roten Lippen. Anna Xylander lächelte ihr ermutigend zu. Da ihre Mitteilung die Gesellschaft zu verblüffen schien, wurde Gisa verlegen. »Sie will mich malen«, fuhr sie leise fort. »Sie malt ja. Ich wußte nicht, wo sie mich sonst hätte treffen können, als hier bei Ihnen im Garten, Herr Süssenguth. Erst wollte sie nicht, dann sagte sie Ja. Es war vorgestern. Sie wollte eine Pastell-Skizze im Freien machen. Für die Stunde soll ich zehn Mark bekommen.« »O, fürstlich«, machte Anna Xylander. Gisa wurde fortwährend betretener, schließlich war sie wie mit Blut übergossen. Jedenfalls nur, weil alle sie ansahen und sie allein reden mußte. »Sie malt«, sagte Süssenguth verächtlich. »Die Hochgeborene erweist Dir die Gnade. Vielleicht kommt sie noch einmal zu Dir, Gisa, und bietet Dir ihre Krone gegen Deine traurige Freiheit.« Es fiel Wanderer auf, daß Süssenguth sie dutzte, während Gisa mit ihm sprach wie mit einem hohen Herrn. Die reine Käthchenpoesie. Anselm war bewegt durch alles, was um ihn vorging, und seit Gisas Mitteilung befand er sich in einer erwartungsvollen Unruhe, die er auch an den Andern wahrzunehmen glaubte. »Ich vermute, sie kommt nur Ihretwegen«, sagte Gisa trüb und mißmutig zu Süssenguth. Wanderer nickte unwillkürlich, Süssenguth sah sie groß an. »Sie weiß es, daß ich täglich herauskomme, von der Malschule her.« »Wir werden ihr schon heimleuchten, wenn sie sich wichtig macht« platzte Anna Xylander heraus und lachte. Ihr Lachen war häßlich, auch bei belanglosen Dingen voll Cynismus. Süssenguth bat sie, sie solle hinauf in die Kapelle und etwas auf dem Harmonium spielen. Seine Cousinen seien jetzt in der Küche und würden sie nicht stören. Sie fuhr sich flüchtig über die Stirn, als müsse sie sich noch einmal ihre Sorgen vergegenwärtigen, fragte Stieve in ihrer schelmisch ironischen Gewohnheit, wie es ihm gehe und wandte sich dem Hans zu. Anselm Wanderer fand es erstaunlich, wie die Frauen Süssenguths Wünsche erfüllten. Nicht nur erstaunlich, sondern fast geheimnisvoll. Er sah zu, wie jener eine Heckenrose vom Zaun pflückte, um sie Gisa zu überreichen, – und er empfand, wie wenn eine unsichtbare Leitung der Gefühle vorhanden gewesen wäre, wie Gisa von der Stirn bis zu den Füßen in leichtes Zittern geriet. Alles war dazu geschaffen, ihn aus dem Schlaf aufzustören, seine gesuchte, fruchtlose und ein wenig kokette Einsamkeit zu vernichten. Schon der schwere, zweifelnde, von scheuer Dankbarkeit erfüllte Blick Stieves gab ihm zu denken. Anna Xylander hatte zu spielen begonnen; erst eine Art Choral, und als sie merkte, wie verstimmt das Instrument war, fuhr sie wütend in die Tasten, mit grellen Disharmonieen ihren cholerischen Aerger verscheuchend. Dann tröstete sie sich wieder und spielte ein friedliches Andante. Süssenguth saß auf dem Brunnenrand und hielt Gisas Hand in der seinen. Er summte leise mit, stets mit der deutlichen Inbrunst oder Vergrabenheit, die alles an ihm kennzeichnete. Mitten in der Melodie erhob er sich, drückte die Hand wie einen Schirm an die Stirn und spähte fern gegen die Straße hinaus, auf der sich eine elegante Equipage näherte. Drittes Kapitel 1. Fräulein Fuchs nickte Anselm Wanderer freundlich zu und ging dann zu Gisa und Süssenguth. Bei dem jungen Mädchen entschuldigte sie sich, daß es heute nichts sei mit dem Malen. Später, in einigen Tagen möchte sie es gern probieren. Darauf blieb sie ziemlich lang im Gespräch mit Süssenguth. Erst schien es nichts weiter als eine höfliche Conversation, dann sprach Süssenguth allein, mit Ruhe und Unbefangenheit wie Jemand, der sich von der besten und dezentesten Seite geben will. Renate Fuchs hörte ihm aufmerksam zu, blickte dabei auf die Erde, zog mit dem schlanken Schirm Linien in den Kies. Hin und wieder hob sie den Kopf, um – Wanderer lächelte in einer Erinnerung, – den Schleier anzuhauchen. Die Linien im Sand wurden verwirrter, der Arm, der sie zeichnete, ruhloser. Endlich reichte sie Süssenguth mit einer entschlossenen Geberde die Hand und trat zu Wanderer, der sich von Stieve verabschiedete, als dränge es ihn jetzt zu eiligen Geschäften. »Ah,« sagte sie obenhin, »es ist schon so lange, daß ich Sie getroffen habe.« »Zwei Tage,« entgegnete Wanderer stirnrunzelnd, da ihn diese Anrede wie Koketterie berührte. Er glaubte sie verändert. Ihr Lächeln erschien flüchtiger, fast mechanisch, ihre Bewegung schlaffer, ihre Augen, wenn sie die Lider hob, waren weiter, weitschauender. »Wollen Sie mich wieder ein wenig begleiten? Ich gehe gern über die Felder. Es ist sonnig und frisch.« Und als beide nach den unvermeidlichen Verabschiedungsphrasen vor dem Zaun standen, sagte sie: »Das allein ist schon Freiheit für mich, so ein großes Stück vom Himmel zu sehen und zu wissen: dort drüben liegt weit und breit kein Haus.« »Aber Sie sind jetzt im Begriff, eine viel höhere Art von Freiheit zu gewinnen, gnädiges Fräulein.« Sie sah ihn von der Seite an. »Lachen Sie nicht darüber, was ich jetzt sage. Ich liebe riesig die Pferde und die Jagd und Wälder, die mir gehören müssen und ein Schiff auf dem Meer, das mir gehören muß, – es ist schrecklich, wie ich das alles liebe. Und doch wieder nicht. Und doch ist es vielleicht etwas ganz anderes.« »Und Sie glauben nun, daß Ihre Wünsche Sie bei der Hand halten und dorthin führen, wohin Sie geführt sein wollen –?« »Ja!« rief sie erfreut und mit verborgener Verwunderung. »Ich möchte Ihnen noch vieles sagen,« fügte sie fast sehnsüchtig hinzu. Die Mischung von Kindlichkeit und Vernünftigkeit in ihr ärgerte ihn beinahe. Er beschloß, sie zu verblüffen. »Ich glaube, Sie können keinem Willen widerstehen, der dem Ihrigen überlegen ist. Daher sind Sie so unruhig wie eine Magnetnadel.« Sie blieb stehen und sagte: »Das ist sehr sonderbar.« »Was?« »Dasselbe hat Süssenguth auch gesagt.« Er bemerkte ihren mißtrauischen Blick und zuckte die Achseln. »Es ist ja im Grunde banal.« »Nein, gerade das mit der Magnetnadel.« »Ich habe nie mit Süssenguth über Sie gesprochen.« »Mich beunruhigt das sehr,« flüsterte Renate, treuherzig fragend. So floß das Gespräch weiter. Es ist ja augenscheinlich, wie belanglos alles war. Die Farbe der Wichtigkeit erhielt es nur durch das stumme Spiel des Einander-Suchens, über dem die Worte hin- und herirrten, ohne festen Sinn. Einmal blieb Renate Fuchs stehen und sagte entzückt: »Es ist so schön, daß ich gar nicht weiter mag.« Der Wagen mit den immer noch dampfenden Rappen fuhr im Schritt vorbei, und sie rief dem Kutscher zu, er solle drüben am Wirtshaus warten. »Sehen Sie nur, wie alles glitzert und surrt! Das sind Schwalben, die da droben fliegen, sehen Sie? Die Sonne ist so matt; und drüben der Wald, – violett und dort blau, – und dort nimmt die Ebene gar kein Ende. Als Kind glaubte ich, dort hört die Welt auf, und wenn man hingeht, fällt man hinunter wie von einem Brett.« Anselm, nachdenklich, fragte sie, ob sie denn so völlig ihre Freiheit habe. Sie sah einen Augenblick träumerisch vor sich hin, dann flüsterte sie mit verdüstertem Gesicht: »Ich suche.« »Sie suchen?« Sie wandte sich ihm zu und blickte ihn fest an. Dabei war sie blaß geworden, und wie sie so stand, bekam ihr Blick wieder das Ferne, Verlangend-Erwartungsvolle. »Ich suche einen Menschen, dem ich vertrauen kann.« Erschreckt über diese einfachen, etwas klagenden Worte blickte er sie an. »Sehen Sie,« fuhr sie leise fort, »das dort ist mein Wagen. Er gehört mir ganz allein. Immer wenn ich durch die Straßen fahre, schaue ich alle Gesichter an, von Frauen und von Männern. Von Frauen erwarte ich nichts, schon lange nichts mehr, von Mädchen erst recht nichts. Sie müssen einmal kommen und uns besuchen und meine Schwestern kennen lernen. Ob man da etwas erwarten kann.« Sie hatte den einen Handschuh ausgezogen und hob den Schleier in die Höhe. Er bemerkte eine blasse, magere, schier entkräftete Hand, die ihm in diesem Augenblick wie erfüllt schien von Sanftmut und müder Zärtlichkeit. Anselm Wanderer wagte nicht, etwas zu entgegnen. Er sah gegen das Haus hinüber, wo Süssenguth wohnte. Es lag schon fern, glänzend im Herbstglast der Sonne. Viele tausende von silbernen Fädchen zitterten träg in der Luft, als ob sie ein Gewebe knüpfen wollten, undurchdringlich für häßlichere Tage. Renate Fuchs warf einen Blick auf all das, der voll war von Wünschen. Ihre Augen glänzten verrätherisch. »Sie quälen sich,« sagte Anselm ernst und machte eine Bewegung, wie um ihre Hand zu fassen. »Ja, ich quäle mich,« erwiderte sie, als käme sie erst jetzt zu dieser Ueberzeugung. »Ich will nicht für mich plaidiren, aber wenn Sie wollen, wird es meine Lebensaufgabe sein, Ihr Vertrauen zu erwerben, – oder zu rechtfertigen. Wie Sie wollen.« »Herzogin Renate klingt hübsch, nicht?« fragte sie, und Anselm traute seinen Ohren kaum, als er das jetzt hörte. Doch wie er sie ansah, bemerkte er, daß sie noch mit den Thränen kämpfte und sich bemühte, zu lachen. Ein überströmendes Gefühl der Sympathie ergriff ihn. »Können Sie mir nicht sagen, was Sie drückt?« fragte er mit etwas komischer Weichheit im Ton. »Es ist hauptsächlich wegen Elwine Simon,« stieß sie hervor, und ihr Blick wurde sonderbar unruhig. »Elwine Simon? Wer ist das?« 2. Es waren drei Jahre, daß Renate Elwine Simon kennen gelernt hatte. Bisweilen, in der Sommerzeit kam sie in das Haus des Fabrikanten, und es wurden Mädchenspiele getrieben. Sie hatten sich bei Signora Michelli gefunden, wo sie zusammen italienischen Unterricht nahmen, – Elwine, weil sie in das Geschäft ihres Bruders in Mailand treten sollte, Renate um des Vergnügens willen. Elwine, die bei ihrer armen Mutter lebte, zahlte sehr wenig für den Unterricht. Aber das erfuhr Renate erst viel später. Elwine war sanft und stolz. Ihre Figur war klein und zierlich. Ohne die sorgenvollen Linien wäre ihr Gesicht beinahe schön gewesen. Wenn sie angeredet wurde, lächelte sie mit einem unbeschreiblichen Lächeln: liebevoll, zärtlich, und als ob sie um Nachsicht bitten wollte. Ihre Augen, bei Tag gelblich grau, wurden des Abends herrlich dunkel, tiefblau strahlend, feucht, still, nachdenklich. Renate liebte dieses Mädchen, jedoch mit eigener Zurückhaltung, die im Wesen Elwines selbst ihren Grund hatte. Sie war voll Respekt, sagte nie etwas, das man hätte anders deuten können, klagte nicht, war nicht unzufrieden. Renate erinnerte sich genau des purpurfarbenen Sommerkleides mit schwarzem Sammetbesatz, das Elwine damals immer trug, und durch welches sie noch schlanker und zierlicher erschien. Auf der Straße wurde sie oft groß angesehen, aber in ihrer Unbefangenheit bemerkte sie weder den Blick von Frauen, noch von Männern. Eines Nachmittags im Mai gingen die beiden Freundinnen am Isarufer spazieren. Elwine erzählte, was sie selten that, von ihrer Mutter; sie redete lebhaft und lachte bisweilen und sah Renate an, ob das, worüber sie lachte, auch das Rechte sei. Auf einmal blieb sie stehen, griff mit der Hand an die Brust, und ihre Lippen zitterten. Renate fragte beklommen, was ihr denn sei, aber sie antwortete nicht. Sie kehrten beide um, und als sie in Elwines Wohnung anlangten, waren fremde Leute im Zimmer. Ihre Mutter war vom Schlag getroffen worden, war tot. Elwine sagte nichts, setzte sich hin und starrte geradeaus. Renate bat sie später herzlich, mit ihr zu gehen, aber sie hörte es nicht. Renate blieb bei ihr bis in die Nacht. Am andern Tag erkrankte sie, schrieb an Elwine, bekam keine Antwort, und als sie sich nach einer Woche wieder erhob und hinging, war die Wohnung leer, und es wurde ihr mitgeteilt, daß Elwine mit ihrem Bruder fortgereist sei. Seitdem waren drei Jahre vergangen. Vor einigen Tagen war Renate wieder mit Elwine zusammengetroffen. Sie ging zu Fuß von der Schwindstraße nach Hause, weil die Deichsel am Wagen gebrochen war. Es sind dort ein paar ziemlich verrufene Straßen; Gesichter sind zu sehen, die man sonst in der Stadt nicht bemerkt. Aber Renate ging ohne Furcht, obwohl die Dunkelheit hereingebrochen war. Männer und Weiber, von der Tagesarbeit kommend, huschten an ihr vorüber, und schwere Wagen fuhren lärmend. Da sah Renate ein Gesicht, gerade in dem Augenblick, wo hinter ihr eine Laterne angesteckt wurde. Sie erschrak und besann sich, blieb stehen, und ihr war es, als seien die drei Jahre nichts gewesen. Ein Mädchen stand da, schaute die lange Straße hinunter, die voller Menschen und voller Staub war. Renate dachte, dies könne nicht Elwine sein, aber als sie weitergehen wollte, sah Elwine sie an, und sie schaute erst gleichgiltig, ja fast zornig auf die vornehmen Kleider, und dann wurde sie so fahl wie eine graue Wand. Renate rief sie beim Namen, und jene lächelte steinern, und lächelte noch, als beide zusammen weitergingen. Elwine ging erst schwer und Renate fragte sie, wo sie denn herkomme, wie es ihr gehe, wo sie gewesen sei. Sie gab keine Antwort, lief nur rascher, immer rascher, um plötzlich, als Renate ganz außer Atem war, stehen zu bleiben, – in einer finstern kleinen Gasse hinter der Brauerei. Sie nahm Renates Hand, zog sie in ein dunkles Hausthor und sagte, nun müsse Renate gehen, weiter dürfte sie nicht mit. Dann begann sie trostlos zu weinen, mit dem Gesicht gegen die Mauer gekehrt. Es war kein Aufhören, und Renate, die nicht Worte fand, strich ihr über die Haare, und eine Ahnung erfaßte sie. Gehen Sie fort, Renate, hier dürfen Sie um Gotteswillen nicht sein, flüsterte endlich Elwine. Was thun Sie, Elwine? fragte Renate angstvoll. Männer kommen zu mir, sagte Elwine mit schreckhaft ausgerissenen Augen, die sie gleich wieder schloß. Renate zitterte. Wohl hatte sie davon gehört, daß sich Mädchen verkaufen, aber für ihre Vorstellung war es ein leerer Begriff geblieben. Und die Beste von allen, Elwine? Renate konnte nicht mehr reden, redete auch nicht, sondern schlich davon. 3. Dies alles berichtete sie Wanderer, in kurzer, abgebrochener Weise, bald errötend, bald erblassend, bald ungeduldig, bald leidenschaftlich, bald durch ein kurzes Schweigen sich sammelnd. Warum gerade mir? dachte Wanderer; er fand sich geheimnisvoll, und der leuchtende Tag schien sich zu verdunkeln. Aber das Ergreifendste war, daß diese ganze zerrissene Erzählung, die Renate gab, wie die Beichte einer Schuld klang. Wanderer war verwirrt, und seine Zunge schien gelähmt. Als sie beim Wagen standen, bat er sie nur (thörichterweise), ihr seinen »Eindruck« schreiben zu dürfen, und Renate antwortete darauf mit einem abwesenden Blick. Dann reichte sie ihm die Hand und die Pferde flogen wie der Wind davon. Er ging langsam der Stadt zu, und Renatens Fragen klangen in seinem Innern nach. »Wie ist es, daß Mädchen sich verkaufen? Wie kann es sein? sind es schlechte Mädchen, sind sie mit Recht verachtet? Bleibt nichts mehr von dem, was sie früher waren? Ist es vergebens, sie zu retten, oder soll man sie gar nicht retten? Wer ist Schuld, daß sie so wurden, und ist es ein Verbrechen so zu sein? Mir ist, als ob ich plötzlich sehen könnte. Doch sehe ich lauter unerklärliche Dinge, und ich weiß nicht, ob ich sehen darf, oder ob ich thun muß, als sei ich noch blind.« Viertes Kapitel 1. Renate saß in ihrem Zimmer, das vom sanftesten Licht der verhängten Lampe erfüllt war. Durch die offenen Fenster blickte sie in die durchrauschten Bäume, auf deren gelbgewordenes Laub noch zitternde Lichtreflexe fielen. Im Erdgeschoß war das hastige Auf und Ab der Diener, die unter der Leitung der Frau Fuchs die Tische deckten. Renate schien es rätselhaft, wie der Tag vergangen war. Sie hatte ihn kaum gesehen. Sie hatte stundenlang gelesen. Sie kaufte jetzt viele Bücher, die man ihr als modern pries, und sie verschlang sie, wie Verhungernde das Brot verschlingen. Aber was sie gewann, war fern und ungreifbar, wilder Dunst, leere Befürchtungen. Dann hielt sie wieder Wanderers Brief in Händen, der ihr dankte für ihr Vertrauen, und der ihr schrieb, daß es Dinge gäbe, die sich im flüchtigen Vorbei-Erleben weit ungeheurer darstellten, als sie die Gewohnheit des Daseins schließlich gestatte. Eine feige Auskunft, schnörkelhafte Worte, das empfand sie wohl. Sie bereute, etwas erwartet zu haben. Aber sein sicheres und ruhiges Wesen hatte sie ermutigt. Loni kam herauf, sie zu rufen. Sie warf noch einen Blick auf das bunte Allerlei, das in farbiger Dämmerung vor ihr lag, und verlöschte das Licht. Stärker rauschten die Bäume, die Nacht schien ruhelos zu werden. Die Gräfin und die Baronin Terke, Ernestine Jensen mit ihrer Mutter sollten kommen. Aber wünschte Renate, daß jene kämen? Wünschte sie die lauten Zärtlichkeiten, die nichtssagenden Küsse, den Austausch wohlbekannter Geheimnisse? Nein. Wünschte sie den Herzog mit seiner kalten Ruhe, in dessen Augen es bisweilen von schwüler messender Begierde aufzuckte? Nein. Aber wußte Renate, was sie wünschte? Nein. Auch Wanderer war eingeladen worden. Er hatte vorgestern seine Karte abgegeben. Renate riß den roten Crepeschirm weg, der über der hohen Lampe neben dem Flügel hing; sie konnte das rötliche Licht nicht vertragen. Frau Fuchs dachte sich: nun ja, die jungen Mädchen lieben es, ein wenig Schreckensregiment zu führen. Sie lächelte nachsichtig und stülpte später den roten Stoff wieder über. Solch träge Geduldigkeit war ihre stärkste Waffe. Im übrigen gebärdete sie sich, als ob sie selbst Herzogin werden sollte, sprach so langsam, als wünsche sie kein Wort zu verschwenden, bevor sie bei Hof empfangen worden. Die Damen Terke kamen und gleich darauf auch Jensens. Die kleine Baronin schnaufte und keuchte ihre Liebenswürdigkeiten hervor, und ihr über und über verschminktes Gesicht hatte etwas Gespensterhaftes. Beständig wurde über sie gelacht. Sie sagte Wahrheiten, die gleichsam unter der Haut lagen, so daß es kitzelte, wenn man sie berührte. Die junge Gräfin Adele war in Gesellschaft ganz verändert. Sie liebte es zu schweigen, war auf das Mädchen mit der schönen Figur abgerichtet, machte keine Bewegung, die nicht vornehm war, sprach nichts ohne die eindrucksvolle Schwere einer denkenden Persönlichkeit und lächelte süß. Wenn sie aber lachte, dann leuchtete es in ihrem Wesen von Oberflächlichkeit. Ernestine Jensen dagegen war häßlich. Wenn sie entzückt oder erfreut war, senkte sie den Kopf und drehte die Augen nach oben. Sie verging unter geheimen Wünschen, aber aus Furcht, man könne es ihr anmerken, (weil sie in schwermütigen Stimmungen noch weniger einnehmend aussah) bepanzerte sie sich stets mit dem entzückten Blick von unten nach oben. Man sprach von einem neuen Buch mit dem scheinbaren Vermögen, zu verstehen. Es wurde kritisiert, als ob ein Buch wie ein Kleid sei, das Jedem passen müsse. Die Gräfin Terke saß am Flügel, und ihre Finger huschten über die Tasten, daß die Töne wie auf Sammt zu gleiten schienen. Renate hörte zu, und um es zu verbergen, lächelte sie abwesend bei allem was gesagt wurde, – auch dann, als die Baronin eine sehr tragische Geschichte erzählte, worin Jemand ein junges Mädchen verführt hatte und mit ihr den Hungertod in Brüssel gestorben war. Eine einleuchtende und tief moralische Geschichte. Fräulein Jensen errötete, als das Wort Geliebte fiel, und blickte rasch auf die Spitze ihres Lackschuhs. Die Baronin lachte quietschend, denn selbst in der schauerlichen Katastrophe des Hungertodes hatte sie eine witzige Nuance gefunden, welche nun die beiden jungen Mädchen, Adele und Ernestine, zum Erröten veranlaßte. Renate saß und dachte an ein fremdes Land oder an eine fremde Stadt. Ein Lakai meldete den Herzog, und einige Minuten später erschienen Renates Schwestern zugleich mit Anselm Wanderer. Sie waren sehr laut, und da sie zu glänzen suchten, kehrten sie ihr ganzes Wesen hervor. Der Herzog trat ein, Alle erhoben sich, und der ganze Raum schien von Feierlichkeit erfüllt. Renate ging ihrem Verlobten entgegen, und sie küßten sich, – höflich. Der Herzog war etwa fünfundvierzig Jahre alt. Sein Auftreten war voll Ruhe und Kälte. Er machte den Eindruck eines weitgereisten Fremden, den die Gewohnheit des Vielsehens aller Unmittelbarkeit der Gesichtszüge beraubt hat. Seine Augen hatten etwas Stählernes, kurz und kühl Prüfendes. Er hatte nichts Höfisches an sich, erinnerte vielmehr in seinem Wesen an einen russischen Emigranten von hohem Adel. Sein Händedruck erweckte das Gefühl der Verläßlichkeit. Man rühmte seine unabhängige Haltung, seinen weiten Blick in politischen Dingen, seine Abenteuer mit Frauen, seine Reisen und seine Stallungen. Renate sah zu, wie er sich mit den Damen unterhielt. Sie saß am Flügel, den Kopf zurückgelehnt, und eine tiefe Gleichgiltigkeit gegen ihr Leben erfaßte sie. Die gesellschaftliche Höhe, in die sie emporgetragen werden sollte, erschien ihr wie der eisige Nordpol. Sie dachte an Elwine Simon mit einer Mischung von Freundschaft und Grauen. Die Schwestern und die beiden anderen Mädchen näherten sich kichernd, thaten liebenswürdig vor ihr, und baten sie, zu spielen. Jedenfalls wünschten sie nur, daß man höre, wie hübsch sie bitten konnten. Renate war ihnen zu Willen und spielte einen Walzer, von dem nur ihre Hand etwas wußte. Währenddem klagte die Gräfin Terke dem Herzog vom Ueberhandnehmen des Sozialismus, was dem Herzog natürlich nicht unbekannt war. In der Ecke vor dem Paravent erzählte die Baronin dem jungen Wanderer in ihrer zappeligen und parodistischen Weise, daß in den Lebensanschauungen des Hundes Tiger eine entscheidende Wandlung eingetreten sei, indem er sich jetzt für Musik interessiere. Die jungen Mädchen aber sagten: »Reizend! Ganz entzückend!« als Renate fertig war. Sie blieb mit ihrem wundervollen Spitzenkleid am Fußrad des Flügels hängen, und Wanderer sprang herzu und befreite sie geschickt. 2. In dem Zimmer, das gegen den Garten führte, war ein Balkon, der im Sommer offen und vom Oktober ab mit Glaswänden versehen wurde. Dort saß Wanderer mit Frau Fuchs. Sie erzählte ihm von der letzten Badereise, eine Erzählung, die eigentlich nur aus Stationsnamen bestand. »Wir kamen durch Augsburg, nun, eine schöne Stadt, jawohl, eine sehr schöne Stadt. Stuttgart, auch eine schöne Stadt. Freiburg, nun, (dieses bedächtige Nun spielte eine große Rolle) eine ganz hübsche Stadt. Jaa. Dort bei Professor Schäufflin hatte Renate den Herzog kennen gelernt, jawohl. Man kann wirklich sagen, das war Liebe auf den ersten Blick, jawohl. Bei ihm wenigstens. Nun, mit Renate ist es so schwer. Man weiß nie etwas bei ihr. Nun, dann kamen wir nach Baden-Baden. Ein sehr schöner Ort, fast feenhaft, aber sehr heiß. Eines Tages ritt Renate aus, das Pferd wurde scheu, jawohl, mitten auf der großen Promenade, aus der Menge springt ein Herr, fällt dem Tier in die Zügel ...es war der Herzog. Nun, von da an trafen sie sich öfter, das heißt selbstverständlich in meiner Gegenwart. T – jaa!« »Sehr interessant,« murmelte Wanderer höflich. Die Sprechweise der alten Dame erinnerte ihn an das Auspressen einer welken Citrone. Sie selbst behandelte jedes Wort wie einen seltenen Leckerbissen, ließ es förmlich auf der Zunge zergehn und drückte dann die Augen zusammen, besonders wenn sie »nun« sagte, was ihr sehr großen Genuß zu bereiten schien. Renate kam rasch, um ihre Mutter wegen der Weine zu fragen. Wanderer erhob sich, aber Renate ließ sich müde auf den Stuhl fallen, den ihre Mutter eingenommen. »Ihren Brief habe ich erhalten,« sagte sie stirnrunzelnd. »Uebrigens war ich böse, daß Sie mir geschrieben haben.« Da er schwieg, fuhr sie etwas nervös fort: »Meine Mutter hat Ihnen wohl die Geschichte aus Baden-Baden erzählt? Ja, das thut sie immer. Aber ich muß Ihnen gleich sagen, es war nicht der Herzog, der mein Pferd hielt, sondern sein Begleiter, Major von Stahleck. Meine Mutter findet, es hätte eben so gut der Herzog sein können. Da erzählt sie es eben so. Trotzdem, sie ist eine Herzensgute.« »Sie sind sonderbar unruhig,« sagte Wanderer, indem er sie anschaute. »Ja, ich habe zu wenig geschlafen. Gestern waren wir bei Tristan.« »Hat es Ihnen gefallen?« »Es hat mich sehr ermüdet. Ich versteh auch diese Musik nicht. Das heißt, manchmal hab ich das Gefühl, wenn Du das verstündest, müßtest Du sehr unglücklich sein, dann hör ich eine Zeit lang gar nicht mehr hin. Begreifen Sie das?« »Nicht ganz. Was ich Ihnen sagen wollte, gnädiges Fräulein, – ich habe für Elwine Simon eine Stelle gefunden. Sie ...ist auch schon dort. Sie ...hat auch eine andere Wohnung –« Er hielt inne. Renate wurde blaß, dann rot, dann lächelte sie, dann legte sie flüchtig ihre Hand auf das Handgelenk des jungen Mannes und sagte: »Das will ich Ihnen nie vergessen.« Sie stand auf und ging, mit leichterem Schritt als sie gekommen war. Wanderer hatte nicht den Wunsch, in den großen Salon zurückzukehren, aus welchem deutlich das Raunen der Stimmen drang. Auf einer Staffelei in der Ecke stand das von Renates Hand skizzierte Porträt Gisas. Es erinnerte ihn an ein merkwürdiges und aufregendes Gespräch mit Süssenguth, das sich ungefähr in folgender Weise entwickelt hatte. »Sie, – diese Gisa Schumann ist das Reinste, Vollendetste, Herrlichste, Beneidenswerteste an Körper und Seele!« (Man kennt Süssenguths Jargon). »Ja, sie gefällt mir.« »Gefällt mir! Eine Individualität! Sie hat die Melancholieen des Lebens empfunden, schwere Schicksale durch die Kraft ihrer Jungfräulichkeit besiegt. Da sprechen Sie von ›gefällt mir‹?« Süssenguth war außer sich. Wanderer besänftigte ihn und bekam nun unter dem strengen Versprechen der Verschwiegenheit zu hören, was Süssenguth von Gisa selbst wußte. Gisas Eltern, armen und habgierigen Leuten war durch eine vornehm aussehende Dame mitgeteilt worden, daß sich ein hochgestellter Herr vom Hof lebhaft für Gisa interessiere. Er hatte sie im Atelier eines Malers gesehen. Unterhandlungen wurden gepflogen, von denen das junge Mädchen nichts wußte und nichts erfahren sollte. Eine hohe Geldsumme wurde den Eltern versprochen, falls sich Gisa unter gewissen Bedingungen bereit erkläre. Es war in aller Form ein Kauf. Gisa wurde in ein ehemaliges Atelier bestellt, das in der Amalienstraße lag, und wo die vornehme Dame sie nach langen Ueberredungskünsten bewog, ihr Akt zu stehen. Gisa war sonst nur Kopfmodell und kein Betrag hätte sie zu jener anderen Art des Erwerbs bewegen können; das außerordentlich liebenswürdige und mütterliche Wesen der alten Dame zerstreute endlich ihre Bedenken. Das Atelier lag neben der Wohnung Süssenguths, die ebenfalls früher als Atelier gedient hatte, jetzt aber mehr einer Höhle als der Behausung eines Menschen glich. Wie täglich, schlief Süssenguth bis tief in den Nachmittag hinein, als er durch wiederholte dumpfe und furchtbare Schreie geweckt wurde. Kaum hatte er sich notdürftig angekleidet, als er das junge Mädchen nackt, besinnungslos, einer Wahnsinnigen gleich an seinem Fenster vorbeilaufen sah, die Arme in der Luft, den Kopf zurückgeworfen. Er erkannte sie, erriet es beinahe; seit langem war sie ein Gegenstand seiner Begeisterung gewesen, hatte er Gefahren für sie gewittert. Er rannte auf den Hof, in den Flur, hatte dort die jungen Leute bei ihr getroffen. Das Nachbar-Atelier war indes verlassen worden, – unbemerkt, denn das Hofgebäude hatte auch einen Ausgang nach der Türkenstraße. Gisa wollte lange nichts erzählen, nicht daran erinnert sein; das Ereignis hinterließ in ihrem Innern einen Zustand krankhafter Betrübnis. Gerichtliche Schritte wurden natürlich unterdrückt; es geschah alles, um dem Vorfall und seinem Opfer Vergessenheit zu bringen. So erzählte Süssenguth. Jedes Wort schien an seinem Nebenwort zu leiden; er keuchte die Sätze heraus, sein Körper war von Krämpfen des Mitleids und der Wut erschüttert. Schließlich fügte er hinzu, er wisse wohl, welchen hohen Herrn er mit solcher Anklage treffen könne, aber vieles verschließe ihm den Mund. »Und nun, Verschwiegenheit lieber Freund!« Damit war er um die Ecke des Odeonsplatzes verschwunden. – Wanderer wurde durch ein unterwürfiges Kichern aufgeschreckt und schämte sich der unschicklichen Einsamkeit. Es waren die Schwestern mit dem Herzog, und sie umtrippelten ihn wie zwei scheue Hühner. Vor der Pastellskizze Gisas, – einer lebendigen und charakteristischen Zeichnung – blieben sie stehen. Der Herzog fuhr plötzlich mit beiden Händen in die Taschen, eine seltsame Bewegung, von dem Platz aus gesehen, wo Wanderer saß. Dann wandte er sich heftig nach einem Tisch mit Photographien, warf die Cartons nervös umher und bat um ein Glas Wasser. 3. »Sie gehen da herum wie ein junger Bär,« sagte die Baronin Terke zu Wanderer. Sie saß, wie sie sich ausdrückte, »mollig« in einem Winkel und gab vor, zu beobachten. In Wirklichkeit schlief sie meist. Treffende Vergleiche fand sie stets; Wanderers verdeckte Schüchternheit konnte nicht besser verspottet werden. Er wollte gelangweilt aussehen und erschien ängstlich. Er lächelte verzwickt, wenn ihn jemand ansprach, drehte mit eleganter Bewegung das formvollendete Schnurrbärtchen, machte abwechselnd ein wohlwollendes und resigniertes Gesicht, seufzte, blickte dies und das an, anscheinend zerstreut, in Wirklichkeit lauschend wie ein Dachs in seinem Bau. Komische Mischung von Eitelkeit und Ueber-der-Sache-Stehen. Er glaubte, sich mit den jungen Damen unterhalten zu müssen und nahm lächelnd neben Adele von Terke Platz. »Spielen Sie Klavier, gnädiges Fräulein?« – »Ja.« – »Spielen Sie gern Klavier?« – »O ja.« – »Was spielen Sie am liebsten? Klassische Musik?« – »Ja, auch klassische Musik ...« – »Spielen Sie z. B. den Liebestod?« – »Liebestod? Nein. Den Totentanz spiele ich jetzt. Uchh, das ist unheimlich; aber nicht klassisch.« – »Es muß ja nicht klassisch sein.« – »Nein, müssen thut es nicht. Davon ist keine Rede.« Entmutigt, aber mit demselben Lächeln wandte er sich an Ernestine Jensen. »Lesen Sie viel, gnädiges Fräulein?« – »Ach, eigentlich nicht.« – »Was lesen Sie meistens?« – »Jetzt les' ich Zlatarog von Baumbach. Es ist so schön. So etwas kann doch nur ein Dichter schreiben.« Sie wandte die Augen verzückt nach oben. »Ja, Sie haben Recht, nur ein großer Dichter vermag das.« – Aufmerksam gemacht durch den Ton, streifte ihn das junge Mädchen mit einem schnellen, argwöhnischen Blick und eilte dann mit etwas gewaltsamer Herzlichkeit auf Renates Schwestern zu, die aus dem Kichern gar nicht mehr herauskamen. Die Baronin war inzwischen atemlos und luftschnappend bemüht, eine nicht ganz einwandfreie Geschichte von einem Major zu erzählen, der nach Hause gekommen war, und seine Gemahlin überrascht hatte. Die Gräfin biß sich fortwährend auf die Lippen, wurde blaß und rot, aber die mollige Baronin versenkte sich ganz in die Komik des Vorfalls, und war ihrer Sache gewiß. In der That war es schwer, ihr irgend etwas übel zu nehmen, und sie baute fest, mit heimlicher Ironie, auf ihren Enfantterrible-Ruf. Renate empfand eine herzliche Zuneigung zu dieser Frau. Vielleicht nur, weil sie so natürlich war. Sie hörte ihrem gleichmäßig hinfließenden Geplauder zu, und eine andere Welt glaubte sie darin auftauchen zu sehen. Denn Leben und Erlebnis mußten es sein, auf deren dunklem Grund sich die verschnörkelten Arabesken ihres Humors malten. Der Herzog führte Renate zu Tisch. Während sie mit ihm ging, hörte sie den Sturmwind tosen, und unwillkürlich schob sie ihren Arm tiefer in den des Verlobten. Aber sie hörte nun den Sturm nicht weniger deutlich. Beim Braten wandte sich der Herzog zu ihr. »Was ist das für ein Modell, Renate, das Du für Deine Pastellskizze benutzt hast?« »Schön, nicht?« gab Renate zurück. Doch über ihre Stirn flog ein Schatten. »Ein wenig zu ...orientalisch, finde ich.« Der Herzog lachte gekünstelt. »Aber ich meine, wie Du dazu gekommen bist?« »Kennst Du sie denn? Das heißt natürlich, ob Du sie schon gesehen hast. Es ist neulich etwas Schreckliches mit ihr passiert.« »Hat sie Dir selbst davon erzählt?« »Sie selbst? Nein. Sie ist gar nicht plauderhaft. Ich habe es oben von der Malschule aus gesehen, bei Frau Herz. Ich habe dort jemand besucht.« »Ach so. Das ist allerdings –« Der Herzog schwieg einige Sekunden und fuhr dann fort: »Du würdest mich sehr zu Dank verpflichten, Renate, wenn Du dieses Modell aufgeben würdest. Die Sache ist mir aus einem bestimmten Grund unsympathisch.« Renate blickte befremdet vor sich hin. Das klang deutlich. War das die erste von den Fesseln, welche Süssenguth gemeint, als sie in Bogenhausen gewesen war? Die Worte lagen noch unbeweglich in ihrem Ohr...Ich möchte nicht um eine Kaiserkrone die Augen haben, mit denen Sie die Zukunft sehen müssen. Was für unerhörte Hoffnungen geben Sie auf gegen ein paar triste Gewißheiten! Vis jetzt sind Sie gegangen. Nun werden Sie geschleppt, geschleift, gehetzt. Bis jetzt haben Sie geredet oder geschwiegen, nach Willen. Nun werden Sie schweigen müssen, wenn Sie reden wollen, und an die Stelle Ihrer Worte werden Seufzer treten. Ich kenne die Tragödien der Frau! Märtyrerinnen einer Etikette! Die kühnen Worte hatte sie hingenommen und mit dem Schirm Linien in den Sand gezogen. Sie begann zu ahnen, – und seufzte. »Nun, wir werden im nächsten Sommer nach Ischl gehen«, hörte sie die Mutter sagen. »Ischl, ein sehr schöner Ort, Jawohl.« Eine glückliche Frau bei ihrem Nun nun Jawohl. Renate sagte dem Herzog, sie freue sich über den Entschluß, das Hochzeitsfest im engsten Kreis zu feiern, von jeder Reise vorläufig abzusehen und das einsame Schloß in Gräflfing als Quartier zu wählen. Fern von der Stadt werde sich das neue Leben harmonisch entwickeln. Fremde Hände beschmutzen ein so empfindliches Ding, wie es eine Ehe schließlich ist. Sie brachte das wie die Erzählung eines Traumes vor. Der Herzog schwieg. Diese Sprache gab ihm zu überlegen. Wenn er Renate liebte, geschah es nur bis zu dem Punkt, wo sie zu denken anfing. Er fand in ihrem Wesen etwas Berauschendes. Ihre ungewissen Blicke, das ungewisse Hin und Her ihrer Stimmung, ihre oft so undeutbare Schweigsamkeit, ihre herbe Zurückhaltung, die feine Mischung von frauen- und mädchenhafter Art, alles übte große Macht über ihn aus. Mit einer Zärtlichkeit fast wider Willen hatte er sich ihr zugewandt. Sie, in immer gleicher, leicht verschleierter Angst, mit der flehentlichen Bitte um Geduld in den großen Augen, erschien selbst in den Stunden heiterer Ausgelassenheit wie eine Trostbedürftige. Wanderer, der ihr gegenübersaß, von einem Rosenbouquet halb verborgen, blickte fortwährend auf ihre bleichen Hände. Fräulein Jensen hatte ihm erzählt, in vierzehn Tagen kehre der Fabrikant Fuchs von einer italienischen Reise zurück, dann finde die Vermählung statt. 4. Das Abendessen war zu Ende. Am Kamin des Nebenzimmers war ein lauschiger Platz, halb durch eine Palme, halb durch einen hohen Schirm gebildet. Dort stand Wanderer, als Renate hinzukam. Zweifelnd blickte sie ihn an, denn sie glaubte, der Abend habe ihn verstimmt. Dann lächelte sie zu Boden, – mit gesenkten Augen. Von neuem wurde Wanderer von jenem stürmischen Gefühl der Sympathie überflutet, wie neulich auf den Feldern. Er glaubte, nur dafür gelebt zu haben, daß sie jetzt so vor ihm stehen könne, in ihrer bitteren Unbewußtheit, mit ihrem bitteren Lächeln. »Wie verbringen Sie eigentlich den Tag?« fragte Renate, zerstreut mit dem Fächer spielend. Wanderer machte eine Grimasse: »Ich thue nichts, – jetzt weniger als je. Nie war ich so faul. Meine einzige Beschäftigung ist, jeden Nachmittag in die Pinakothek zu gehen, in die alte.« »Jeden Nachmittag?« »Ja. Bis es dunkel wird. Es ist so still dort. Höchstens ein paar hölzerne englische Damen oder ein Copist, das ist alles.« »Ich möchte Sie um etwas bitten,« sagte Renate hastig, indem sie Platz nahm. »Aber Sie dürfen mir nicht böse sein.« Es war die Geschichte mit Gisa, die sie zu wissen begehrte. Wanderer erblaßte. Er hätte ja sagen können, er wisse nichts. Aber die Lust, sie zu fesseln war stärker. Er machte in umständlicher Weise ein Geheimnis daraus, begann wie ein geschulter Romancier mit Nebensächlichkeiten, um sich dann kraftvoll auf das Thema zu stürzen. Er sagte, was er von Süssenguth erfahren hatte. Renate blieb still sitzen als er fertig war und blickte in die Flammen des Kamins, die hoch aufspritzten wie glühende Gischt. Wahrscheinlich hatte etwas Grauenhaftes und Düsteres von ihr Besitz ergriffen, aber kaum leserlich stand es in ihren Zügen. »Es ist heute ein schrecklicher Sturm,« sagte sie, »er reißt uns noch das Dach fort.« Wanderer empfand etwas von dem Verdruß eines erfolglosen Schauspielers. Doch sogleich wurde er bestürzt darüber und sagte voll Scham und tiefem Ernst: »Ich versteh das nicht. Ich versteh nicht die elende Jagd nur nach dem Körper. Ich weiß ja nicht, ich hab es ja nie empfunden, aber mir könnte ein Weib nichts sein, ohne daß mir ihre leiseste Besorgnis ebenso teuer wäre wie ihr Kuß –« Renate machte eine heftige und erschreckte Bewegung mit der Hand. Wanderer brach ab und sah sich um. Dann sagte das junge Mädchen leise, ohne vom Feuer wegzusehen: »Sie haben das noch nie empfunden, sagen Sie?« Wanderer beugte sich kaum merklich vor und schüttelte den Kopf. »Die Liebe? Nein.« Er blickte jetzt ebenfalls ins Feuer. »Ich muß Ihren eigenen Ausdruck gebrauchen: ich suche.« Wieder hatte er das Gefühl des Unwürdigen, da er so hohe Worte machte, weil ihm das einfache versagte. Renate schüttelte sich wie frierend und kehrte in das Zimmer zurück, das ihr nun wie ein Panorama erschien, fremd und aufdringlich. Wie zart und weiß ist ihre Haut, dachte Wanderer, der ihr nachschaute, wie sie die bloßen Schultern deutlich wiegte. Die Gräfin spielte Chopin opus 37, 2. Aber es war nichts weniger als Chopin. Vielmehr war es der Aerger über die ausschweifende Redseligkeit ihrer Schwägerin, die bei dem ergötzlichen Thema Tiger angelangt war. Dann sang Adele von Terke: Ich hört ein Bächlein rauschen. Ihre Stimme war scharf wie Stahl. Um elf Uhr fand allgemeiner Aufbruch statt. Renate begleitete den Herzog bis zum Thor. Die jungen Mädchen waren sehr laut und stellten sich, als ob sie leise wären. Die Gräfin war verstimmt, die Baronin erzählte noch in aller Eile eine entlegene Geschichte von »ihrem Freund« Dingelstedt, Wanderer kämpfte mit Verachtung und Trauer. Es regnet, hieß es, und er knöpfte den Mantel fest zu und stellte den Kragen in die Höhe. Die Kutscher standen schweigend am Zaun, und ihre gelben Pelerinen flatterten. »Auf Wiedersehen, Renate,« sagte der Herzog. Sie reichte ihm die Hand mit einem Lächeln, das keines war, blickte sich nach Wanderer um, der wartend stand, sich zu verabschieden. Es fror sie in bloßen Schultern und mit scherzhaftem Zähneklappern lief sie ins Zimmer. »Nun, es war ein hübscher Abend, ein sehr hübscher Abend,« sagte Frau Fuchs. »Bist Du zufrieden mit dem Herzog, Renate?« Und da Renate schwieg: »Nun, ich denke, Du kannst zufrieden sein. Als Fuchs mich heiratete, hab ich mir davon nichts träumen lassen. Jawohl. Und Fuchs war doch kein unübler Mann. Nun, Mädchen, ich denke, ihr könnt zu Bette gehen.« Damit waren Loni und Martha gemeint, die so viele Geheimnisse hatten, daß man glauben sollte, sie könnten in einer einzigen Nacht nicht zu Ende kommen. Sie schliefen im oberen Erkerzimmer, jede in einem Bett mit himmelblauen Damastdecken. Doch meist lagen sie beisammen, weil sie trotz der Ampel Furcht hatten, und weil so viel leise zu flüstern war, die Decke über dem Kopf. Frau Fuchs las noch die allgemeine Zeitung und Renate ging rastlos umher. Schließlich trat sie ans Fenster und hörte und sah die rauschenden Bäume. Verlassen lag der Garten, die Sträucher tropften, in zerflossenem Graugelb dehnte sich der Himmel. Dann ging sie zum Klavier, begann zu spielen. Schwere, getragene Ryhthmen entglitten ihren Fingern, eine düstere und monotone Melodie, als ob sie die Regen- und Sturmnacht in Töne bringen wollte. Plötzlich wurde ihr das Herz so schwer, daß sie die Hände fallen ließ und die Augen schloß. »Nun, Du spielst da trauriges Zeug zusammen, wahrhaftig Renate,« sagte Frau Fuchs aus ihrer Zeitung schielend. »Ich denke, gerade Du hast doch keine Ursache dazu.« Fünftes Kapitel 1. Renates Unrast trieb sie, unablässig Besuche zu machen und so zu leben, daß sie nicht gezwungen war, allein zu bleiben. Unter den Freundinnen, die sie aufsuchte, war auch Helene Brosam, die Frau eines Arztes, die sie ein Jahr früher auf einem Maskenball im Odeon kennen gelernt hatte. Zu ihr ging sie heute, an einem hellen, fast freudigen Tag im ersten Drittel des Oktobers. Sie wollte ein paar Stunden plaudern, oder vielmehr, sich von Helene Brosam vorplaudern lassen, – der Schmiegsamen, Scharfsinnigen, Katzenhaften. »Ich habe Sie lange nicht gesehen,« sagte Helene, setzte sich auf einen Lehnstuhl und baumelte mit den Füßen, die nicht bis zur Erde reichten. »Wie geht es Ihnen immer?« fragte Renate, ziemlich eingeschüchtert durch den forschenden Blick der Freundin. »Na ...Sosolala. Aber Sie, Sie müssen doch ungeheuer glücklich sein. Ein Herzog! Das ist, wovon man in der Schule träumt!« Renate verzog kaum merklich den Mund. »Was macht Ihre Kleine?« fragte sie. »Ist sie immer noch so lustig?« »Sie spielt jetzt mit den Buben im Hof. Mein Mann ist leider nach Bruck gefahren. Er hat dort einen Krankenbesuch.« »Sie leben wohl sehr glücklich?« fragte Renate in einem unwiderstehlichen Zwang von Neugierde und Zukunftsfurcht. Frau Helene baumelte stärker mit den Füßen und kniff die Augen zusammen. »Glücklich ...die Wurst im Wurstkessel ist vielleicht glücklich. Und auch das ist zweifelhaft.« »Aber ich meine so in der Ehe –« »In der Ehe?« Helene spitzte boshaft die Lippen und pfiff leise. »Es ist ganz nett manchmal. Besonders anfangs. Später ist es auch oft nett, aber ohne den Herrn Gemahl. Im Ganzen kann ich die Sache nicht empfehlen.« Renates erschreckter Blick haftete an einem Bild über dem Sopha. Es war Doktor Brosam, ein schöner Mann. Stirn und Haartracht waren ähnlich wie bei Anselm Wanderer, so fand sie wenigstens. »Was das Wichtigste ist,« fuhr Helene mit komisch-pretiösem Stirnrunzeln fort, »zwei Schlafzimmer. Bei Ihnen ist das selbstverständlich. Aber bei einem Doktor ...Ein Mann ist etwas Gräßliches, wenn er sich nicht mehr zu genieren braucht.« Renate errötete und mußte lachen. Im Innern war sie verwirrter als je. »Sagen Sie mir,« fing sie wieder an, »haben Sie alles gewußt, was Ihr Mann vor Ihnen erlebt hatte?« Helene Brosam richtete einen flüchtigen Blick des Verstehens auf Renate. Dann lachte sie gezwungen und hölzern. »Man nimmt das nicht so genau. Es ist eine schmutzige Welt. Die Männer sind auch nicht sauberer. Wir sind doch nicht da, um große Wäsche zu halten.« Um ihre Gleichgiltigkeit zu zeigen, riß sie die Augen auf wie ein Clown, leckte an einem Stückchen Zigarettenpapier herum, bis es naß war. Dann klebte sie es an die Nase, daß es wie eine Fahne hing, schielte kokett-feierlich in den Spiegel und lachte. So saß sie, mit den Füßen baumelnd, als ihr Töchterchen zur Thüre hineinschoß und die Mutter zigeunerhaft wild abküßte. Wie einer alten Kameradin gab das Kind Renate die Hand und erzählte wichtig, daß es Herrn Gudstikker begegnet sei, der heraufkommen wolle. »Ist das der berühmte –?« fragte Renate. »Ja. Stefan Gudstikker.« »Ich möchte ihn gern kennen lernen.« »Bitte. Er hat Marianne ein Kinderbuch geschenkt, und ihr etwas hineingeschrieben.« In dem Buche, das Marianne zeigte, stand: Die Seele, die in Dir gelebt, wandert zu fernen Höhen, um dort, was Du gelitten hast, erst deutlich zu verstehen. Renate las es zweimal. Sie hatte bald gehen wollen, denn vieles lastete in diesen Tagen auf ihr. Solche Besuche durften nur heimliche sein, und die Stunden dazu erstahl sie sich. Der Herzog liebte es nicht, daß sie sich so unstät an allerlei Volk wandte, obwohl seine Vornehmheit nicht steifleinen war. Doch wollte er nicht gänzlich mit dem Hofe brechen. Heute Abend sollte große Gesellschaft in seinem Palais sein, und es hieß, die Mutter und einige Verwandten hätten sich bereit erklärt, die Braut kennen zu lernen. Diese Bereitschaftskundgebung hatte etwas aufgeweckt in Renate. Ihre Zurückhaltung war gewichen, und sie hatte gelacht. Frau Fuchs aber hatte gesagt: »Nun Renate, das ist merkwürdig, daß Du lachst. Ich finde das durchaus nicht komisch. Schließlich sind wir die Unterthanen, jawohl.« Die Seele, die in Dir gelebt, wandert zu fernen Höhen, um dort, was Du gelitten hast, erst deutlich zu verstehen. Sie wollte den Mann kennen lernen, der das geschrieben, deshalb blieb Renate. Ihr ganzes Wesen lechzte nach Rat und Aufschluß. Sie verstand es nicht, was sie litt. 2. Es läutete energisch und kurz. »So läutet nur ein berühmter Mann,« erklärte Helene Brosam, und schickte das Kind hinaus. Renates Herz klopfte. Die Thür that sich auf, und Stefan Gudstikker erschien mit der Miene eines aufs äußerste beschäftigten Menschen. Er strich durch das dichte, wellige Haar, knipste ein Stäubchen von der Manschette und eilte auf die Hausfrau zu. Er war ein Mann von vierzig Jahren. Wenn man sagen kann, daß jemand von Wichtigkeit strahle, so that er es. Das schwarze Haar, der schwarze elegante Spitzbart, das zierliche Mündchen, die unruhigen Augen, der graziös sitzende Zwicker, alles war von Wichtigkeit übergossen. Er lächelte selten, und wenn er es that, gewissermaßen offiziell. Er hatte keine Zeit, zu lächeln. »Stefan Gudstikker – Fräulein Renate Fuchs.« Helene Brosam wurde sehr gravitätisch, indem sie vorstellte. Gudstikkers Benehmen erhielt sofort etwas Rücksichtsvolles und Wissendes, als billige er die vielbesprochene Heirat nicht geradezu, könne sie aber nicht völlig verurteilen. »Woran arbeiten Sie jetzt?« fragte Frau Helene. »Welche Abteilung des öffentlichen Lebens werden Sie vernichten?« Gudstikker neigte den Kopf nach links. »Ich arbeite an einem Frauenroman,« sagte er gleichgiltig thuend, mit müder Noblesse. Renate beugte sich horchend vor. »Meiner Ansicht nach sind die Zustände unhaltbar geworden. Die begabten Frauen verlieren sich, die unbegabten gehen zu Grund. Ueberall ist ein Schrei nach Erlösung, aus sozialer Not oder persönlicher Not. Die einen wollen zu Männern werden, mißverstehen ihre Kräfte, – verzeihen Sie, meine Damen, wenn ich mir eine Zigarette anzünde? – die anderen hängen unrettbar am Körperlosen. Die einen verachten den Mann, die andern verlangen Uebermenschliches von ihm. Und doch wird das Buch zu einer vernichtenden Anklage gerade gegen die Männer werden.« »Also doch vernichtend,« sagte Helene. Renate warf ihr einen bittenden Blick zu. »Wie nennen Sie das Buch?« fragte sie, blaß vom Mitfühlen. »Veronikas Ende. Der Titel sagt nicht sehr viel. Es wird kolossales Aufsehen machen.« Gudstikker zog die Brauen zusammen, dachte angestrengt nach und zupfte an seiner Unterlippe. Während des ganzen Gesprächs hatte er das linke Bein nachlässig über das rechte geschlagen und mit weiten Augen ins Ferne geblickt. »Sagen Sie mir nur das eine,« begann Renate und wandte sich mit einer flehentlichen Bewegung der Hände zu ihm, »sagen Sie: ist es denn unabänderlich, daß die da drunten zu Grunde gehen müssen, damit wir anständig bleiben können?« Sie brachte die Worte stockend heraus, und ihre Wangen flammten, noch mehr, als sie die Wirkung sah. Helene schüttelte mißbilligend den Kopf und spielte mit einer künstlichen Rose auf dem Spiegeltisch. Gudstikker starrte auf seine Kniee und zog bald den einen, bald den andern Mundwinkel gegen das Ohr. Nach einer langen Pause strich er rasch und kraftvoll durch sein Haar, lächelte verheißungsvoll, richtete sich auf und zerrte das Gilet glatt, beugte sich wieder vor, stützte das Haupt in die Hand, blies langsam und feierlich einen dünnen Rauchkegel von sich und hub an: »Vor dreizehn oder vierzehn Jahren kannte ich in meiner Heimat, ich bin nämlich aus Franken, einen ganz merkwürdigen jungen Menschen. Er hieß Agathon Geyer. Er war so eine Art Weltverbesserer, müssen Sie wissen. Ich hab mal versucht, die Figur dramatisch zu verwerten, so eine Art Faust, wissen Sie. Aber es gelingt mir nicht. Mein Feld ist der Roman. Kurz, dieser Agathon Geyer, ich will nicht weitschweifig werden, wollte unter anderm auch die Zustände reformieren, die Sie andeuten. Er heiratete eine Gefallene, (um das Beispiel zu geben), aber die Sache ging schief. Das Leben ist immer stärker als irgend ein Prophet. Ein verrückter Bursche, dieser Geyer, kaum zwanzig Jahre alt, aber ich möchte fast sagen genial. Nebenbei bemerkt, ein Jude, so ein wenig mit messianischen Anwandlungen, edelster Typus, verstehen Sie. Später war er auf einmal verschollen. Bei dem Reformieren ist eben nichts zu holen. Man beschränkt sich darauf, die Natur zu belauschen, solange man die Feder führt. Auf das große Uhrwerk haben wir keinen Einfluß. Er schwieg. Es war eigentlich nur eine Effektpause, aber die erwartete Wirkung blieb aus. Seine Erzählung kam ihm ein wenig überflüssig vor. Doch auf Renate hatte es Einfluß geübt. Ihre grüblerische Haltung aufgebend, sagte sie: »Ich denke, man kann erst Frieden finden, wenn man die ganze wilde Komödie gesehen hat, (sie sagte Komödi, im Dialekt). Sonst lebt man ohne Augen und Ohren. Ehe ich immer in der Angst lebe, in ein tiefes Loch zu fallen, eher will ich gar nicht leben. Ich denke mir, wer das Häßliche nicht sieht, kann auch vom Schönen nichts wissen. Ist es nicht so, sagen Sie doch selbst?« Sie sah von einem zum andern, senkte plötzlich die Augen und lächelte schüchtern. Gudstikker blickte sie aufmerksam an, wie etwa eine Vase. Aber auch Helene war das Wesen der Freundin sonderbar. Sie ergriff Renates Hand und drückte sie in einer ihr sonst fremden, gütigen Weise. »Ich weiß nicht, ich bin von robuster Natur,« sagte Gudstikker. »Ich bin ein Bauernsohn, daher mag es kommen. Dieser Wissensdrang nach dem Moralischen hin ist entschieden Degeneration.« Renate, verwirrt und bedrückt, erhob sich, sagte Helene flüchtig Lebewohl, drückte Gudstikker ernst und warm die Hand und ging. Als die Thür geschlossen war, lauschte Gudstikker, schritt auf Helene zu und küßte sie auf den Mund. Helenes Züge blieben unbeweglich. »Sie hat mit mir kokettiert,« sagte Gudstikker ernst. Renate stand aufatmend im Thorweg und überlegte, ob sie den Wagen benutzen sollte. Vor ihr lag der Wunderbau der Akademie, darüber der krauszerzackte Spätnachmittags-Himmel. 3. Sie hatte sich dafür entschieden, zu gehen, obwohl die Zeit gemessen war. Die Toilette für den Gesellschaftsabend mußte zwei Stunden in Anspruch nehmen. Sie befahl dem Kutscher, nach Hause zu fahren, und ein unüberwindliches Trotzgefühl trieb sie nach einer anderen Richtung, durch drei oder vier Straßen, bis sie vor der alten Pinakothek stand. Sie besann sich nicht lange, hineinzugehen. Selbst wenn Bekannte droben waren, konnte niemand etwas falsches glauben. So beruhigte sie sich und stieg die breiten Fließen empor. Im dritten Saal schlenderte in der That Wanderer umher. Sie stellte sich nicht überrascht, sondern ließ ihn ruhig auf sich zukommen. »Ich wollte nur sehen, ob Sie wirklich jeden Nachmittag da sind«, sagte sie lächelnd. »Ich bin gerade vorbeigegangen und habe an Sie gedacht.« Wanderer war bestürzt und suchte es zu verbergen. Er hatte ein Buch in der Hand, das er jetzt zuklappte und sagte, nur um rasch ein Wort zu finden: »Sie kommen spät. Es wird gleich geschlossen.« Sie fühlte, daß sie ihr Kommen begründen müsse. »Ja. Schon lange wollte ich die Saskia von Uhlenburg wieder sehen. Wer weiß, wann ich wieder einmal dazu komme. Ist es denn schon so spät?« »Gleich dreiviertelfünf. Das Licht ist auch schon schlecht. Kein Mensch ist mehr da.« In der That war die ganze Kette der Säle wie ausgestorben. Es war so still, daß man das Klirren der Glöckchen vernahm, mit denen die Tramwaypferde behangen sind. Ein kummervoller Zorn erwachte in Renate über die Nüchternheit des jungen Mannes, den sie in Wahrheit suchen gegangen war. Schweigend ging sie an seiner Seite durch die hallenden Räume, und Bild auf Bild zog ihr ungesehen vorbei: Helden und Kinder, Tiere und Landschaften, Interieurs und Still-Leben, bald in bunten, bald in dunklen Farben. »Können Sie nicht begreifen, daß ich diesen Aufenthalt hier liebe?« fragte endlich Anselm Wanderer. »Hier bin ich in der besten Gesellschaft und unterhalte mich träumend, brauche gar nicht zu reden.« »Reden Sie denn so ungern?« »Sehr. Viel besser ist schweigen.« »Alle jungen Männer sind so eitel«, erwiderte Renate kopfschüttelnd. »Das ist doch auch nur Eitelkeit.« »Nein, manchmal ist es auch amüsant. Es ist amüsant, wenn die Leute anfangen unruhig zu werden, sobald einer schweigt. Sie vermuten sofort etwas Gefährliches in ihm.« »Ja?« Das fröhlich-fragende Ja war entzückend an ihr. Er nickte und fuhr angeregt fort zu reden. »Sobald man aber spricht, hat man alles verloren. Da atmen sie auf und werden innerlich Du und Du mit einem. Als ich ein Kind war, wohnte ein Taubstummer in unserm Haus, ein harmloser, hübscher Mensch. Aber für mich war er beängstigend.« »Das ist wahr«, bekräftigte Renate. Plötzlich ergriff sie beinahe stürmisch seinen Arm und deutete lautlos auf ein Bild in der Ecke. Es war die Saskia, die durch einen wunderlichen Zufall gerade in den feurigen Strahlen der untergehenden Sonne hing. So kam es, daß die Abendröte auf der Leinwand durch die wirkliche Glut wie übermalt schien. Die Mutter und das Kind auf ihrem Schoß schwammen in Sonnengold. Wanderer sagte nichts, und Renate war ihm dankbar dafür. Sie fühlte sich von einem Frieden umarmt, der ihr neu war. Langsam ließ sie die Blicke zu Boden gleiten und sann. Doch bald war es Zeit zu gehen. »Darf ich Sie denn begleiten?« fragte Wanderer etwas unsicher. Sie erschrak wie aus dem Schlaf geweckt und bejahte, nicht ohne geheimen Trotz, wie es ihm schien. Als sie beim Obelisken waren, dämmerte es schon. Zwei junge Männer gingen vorbei, die höflich grüßten. Renate zuckte zusammen. Eine Erregung kam über sie, deren Grund sie nicht begriff. »Wer war es?« fragte sie. Es war Dawill, der bleiche Student mit dem unverschämt-schüchternen Grinsen und irgend ein Zweiter, Unbekannter. Renate ging immer langsamer, je dunkler es wurde, denn ihr Ziel, und das, was sie dort sollte, erschien ihr mehr und mehr abscheulich und entwürdigend. Sie sprach über die Leistungen irgend einer Sängerin, und in ihrem Innern tönte es: sieht niemand, daß ich leide? Als sie hinter dem Hofgarten waren, wo der unterirdische Bach neben der Kasernen-Ruine donnert, blieb Renate stehen und sagte: »Wenn mich jetzt einer nähme und bis nach Australien trüge, ich weiß nicht, wie dankbar ich ihm sein könnte.« Wanderer blickte ihr eine Sekunde lang ernst in die feierlich glänzenden Augen. Die tiefe Unschuld, in der sie dies hingesprochen, ließ keine Phrase zu, vielleicht gar keine Antwort. Er kam sich machtlos und jünglinghaft vor. Doch sagte er: »Sie müssen mir einmal alles erzählen. Wollen Sie?« Sie erwiderte nur mit einem seufzenden Lachen. »Kann man es nicht sagen?« »Nein.« »Aber ich weiß es doch. Seit heute Nachmittag weiß ich alles. Wie komisch übrigens, daß ich Sie hier so begleiten darf, und in ein paar Wochen schon brauchen Sie mich nicht mehr zu kennen.« »Ja, in ein paar Wochen,« wiederholte Renate mechanisch, und sie ging schneller und schneller, denn die Versäumnisse, welche sie wie in einem schmerzlichen Traum beging, erfüllten sie mit Angst. Nach fünf Minuten war sie am Thor der Villa, vor dem ein Diener geschäftig Ausschau hielt. 4. »Nun, Renate, das muß ich sagen, so etwas ist mir noch nicht vorgekommen. Bist Du denn von Sinnen? Wie willst Du denn in einer Stunde fertig werden?« »Ich gehe nicht zu dem Empfang,« erwiderte Renate und fügte auf ein entsetztes und starres Schweigen der Mutter fast aus Mitleid hinzu: »Ich bin krank.« Loni und Martha standen blaß wie zwei Lilien dabei, rissen die Augen auf. »Ja ich bin krank,« wiederholte Renate. Das Gesicht der alten Dame wurde fahl. Renate entledigte sich des Hutes und der Jacke und legte sich auf die Ottomane, ohne sich sonderlich um Mutter und Schwestern zu kümmern, die nun doch besorgt wurden. »Was fehlt Dir, Renate? Bist Du müde? Hast Du Kopfschmerzen? Sollen wir den Arzt holen? Warum denn nicht? Friert Dich?« In das herzogliche Palais fuhr so schnell als möglich ein Diener. Wenn ich nur wüßte, was mir fehlt, dachte Renate. Was sie gesagt, war weder Ausflucht noch Lüge. In ihr war eine Bangigkeit ohne gleichen. Was hinter ihr lag, war finster, was vor ihr lag, bestand darin, daß sie morgen wieder hingehen könne, die Saskia von Uhlenburg zu betrachten. Frau Fuchs tröstete sich. Nun, damals, da sie Fuchs heiratete, hatte es auch unvorhergesehene Zwischenfälle gegeben. Davon ist die Welt voll, schließlich wendet sich alles wieder zum Guten. Jawohl. Unter der Wärme solcher nachgiebigen Weisheit schmolz ihr Groll, und sie lenkte den schweren Schritt zum Schlafzimmer, das feine Seidenkleid mit dem gewöhnlichen Hauskleid zu vertauschen. Wenn Renate erst Herzogin ist, werden diese Aufregungen ein Ende haben, jawohl. Darüber wollte sie heute Abend Patience legen. Renate lag. Rechts kauerte Loni, links Martha. Renate war stumm, aber die Schwestern unterhielten sich trefflich. »Hat Dich der blonde Leutnant bis ans Haus verfolgt?« – »Bis ans Haus nicht, aber bis zur Brücke.« – »Ich habe ihn neulich gesehen. Sein Schnurrbart wird immer länger.« –»Hat er Dich gegrüßt? Mich grüßt er immer.« – »Weißt Du, an wen er mich erinnert? An den Assessor in ›Moderne Frauen‹ –« – »Pst, wenns die Mutter hört.« – »Ich hab ja das Buch so gut versteckt.« – »Es ist furchtbar spannend.« – »Ja, schrecklich interessant. Ob wohl die Komtesse merkt, daß er sie betrügt?« – »So weit bist Du schon? Betrügt er sie wirklich? Er war mir gleich verdächtig.« – »Zum Schluß geht es gut aus. Ich hab den Schluß voraus gelesen.« – »Schrecklich realistisch ist es geschrieben.« Renate wurde es kalt ums Herz bei diesem Gespräch. Sie saugte sich an unbestimmten Vorstellungen fest; von schönen Landschaften des Südens, von dem Gesichtsausdruck des Kindes auf dem Rembrandt-Bild, und schließlich tauchte ein Vers auf: die Seele, die in Dir gelebt, wandert zu fernen Höhen ... Im ersten Stock wurde eine Thür zugeschlagen. Die Magd kam, um Kohlen an den Kamin zu stellen. Ein leiser Pfiff ertönte auf der Straße, setzte sich in kurzen Pausen fort bis in die weite Ferne. Loni erzählte vom ersten Liebhaber des Hoftheaters, einem schönen Mann. Renate beobachtete gequält die tiefe Nüchternheit, die träg und endlos aus allen Ecken stierte. Frau Fuchs kam mit einem Brief, den die Post eben gebracht. »Nun Kinder, hört einmal, was mir Fuchs da schreibt. Euer Vater hat also beschlossen, die hiesige Fabrik in ein Aktien-Unternehmen zu verwandeln. Eine gute Idee. Fuchs hat immer den Moment zu nutzen gewußt. Er will dann im badischen Schwarzwald ein Haus kaufen, eine Villa oder so. Ein guter Gedanke, jawohl. Die erste Versammlung der Aktionäre soll schon kommende Woche sein. Er will in den nächsten Tagen zurück sein.« Die Schwestern waren beglückt. Alles, was mit einer Reise zusammenhing, beglückte sie. Frau Fuchs erzählte weiter, daß Fuchs demnächst geadelt werden solle. Sie gab es feierlich kund, mit gefalteten Händen und halbgeschlossenen Augen. Renate richtete langsam den Oberkörper vom Lager auf und stützte den Kopf in die Hand. Die Rückkunft ihres Vaters berührte sie als ein Umstand, der Entschlüsse herausforderte. Aber welchem Entschluß sollte sich ihr schwaches Herz zuneigen? Fest blickte sie in den Ausschnitt des dunklen Abends, der zwischen den weißen Gardinen lag, und sie dachte an Flucht. Es war wie ein Wahnsinn. Das Zimmer wurde ihr zum Gefängnis. Das Wichtigste war, auf Befreiung zu sinnen. Der Diener kam mit folgendem Billet vom Herzog: Liebe Renate, Du hast ein schweres Versäumnis mit diesem rätselhaften Unwohlsein begangen. Ich weiß kaum, was ich thun soll. Es wird sich nicht wieder gut machen lassen. Ich kann natürlich im Augenblick nicht kommen, werde aber in einer Stunde den Kammerdiener schicken und morgen früh selbst vorsprechen. Eine böse Geschichte. Rudolf. Ein wildes und glückliches Lächeln huschte über Renates Gesicht, als sie mit einem Ruck aufstand. »Ich gehe in mein Zimmer,« sagte sie, »gute Nacht.« – »Jetzt schon?« fragte Frau Fuchs erstaunt. »Nun, Du hast Recht, Renate. Der Schlaf heilt. Gute Nacht, mein Kind.« Sie kleidete sich droben hastig an, warf den Shawl über, schlüpfte die Treppe herab in den Flur, der schon finster war – auf das Sparen mit Licht verstand sich Frau Fuchs –, da aber ein Geräusch im Salon und das Knarren einer Thüre hörbar wurde, eilte sie hurtig wieder hinauf. Sie verschloß ihr Zimmer von außen und nahm den Schlüssel zu sich. Klopfenden Herzens lauschte sie, stieg Stufe um Stufe hinab, öffnete das Thor, lauschte noch einmal zurück, hörte die Mädchen und den Diener in der Küche singen und eilte hinaus. Das Gartenthor war schon verschlossen. Zornig nagte sie an den Lippen. Erregt wie vor einer That, die ihr ganzes Leben entscheiden sollte, ging sie auf und ab. Da fiel ihr das kleine Pförtchen bei der Weinlaube ein. Oft schon hatte sie den Leichtsinn des Dieners gerügt, wenn die kleine Thüre offen geblieben war. Jetzt kam es ihr selbst zu statten: die Klinke gab dem Druck ihrer Hand nach. Der Wind schlug ihr ins Gesicht, faltete den schwarzen Shawl auseinander und ließ ihn flattern. Es war eine verlassene Nacht. Wind und Wolken hatten ein Bündnis gegen den Mond geschlossen, trüb schimmerte der Sandweg zum Neubau des Friedensdenkmals, doch die Stadt in der Tiefe mit dem geordnet-wirren Lichter-Heer war ein guter Wegweiser. Renate ging, so schnell die Füße sie trugen, ohne klares Bewußtsein dessen, was sie wollte. 5. Der Palast des Herzogs war ein ausgedehnter, zweiflügeliger Bau aus rotem Backstein. Es war ein weiter Weg dahin. Renate traf kaum einen Menschen, und die anerzogene Furcht vor der nächtlichen Straße verlor sich allmählich. Alle Fenster waren erleuchtet. Vor dem Portal befanden sich zwei berittene Gendarmen, aber ihre Mienen sahen nicht wachfreudig aus. Die Pferde schnaubten und warfen die Köpfe. Der majestätische Portier stand neben dem Schilderhaus und durchmusterte verächtlich die ganze Breite der Straße. Einige Neugierige vor ihm standen in unmittelbarer Linie seiner Geringschätzung. Kaum hatte sich Renate ihm genähert, so wurde er zusehends größer, und sein Kinn näherte sich dem Dachfirst. Doch nach den ersten Worten kehrte dasselbe Kinn wieder in eine angemessene Lage zurück. Dann senkte sich nicht nur sein Kinn, sondern auch der hoheitgewohnte Nacken und mit ihm die Schultern, die das ganze Gebäude von Ernst, Anstand und Würde zu tragen bestimmt war. Erstaunen und Ratlosigkeit verursachten, daß die Beine ihre respektwidrige Querstellung behielten. Von da an wurde alles Vision eines zerrütteten Herzens. Ein dumpfes, düsteres Eckzimmer des Mezzanins; tiefgeschraubte Gasflammen; Möbelstoffe von moderigem Grün; ein Diener, der kommt und sich entfernt; Renate selbst, die ihre Lage überdenkt, als ob sie aus einem Buche läse; ein fester, (nicht übereilter) Schritt; der Herzog, der an der Thüre stehen bleibt; die Stille des Zimmers, die nun doppelt deutlich fühlbar ist; eine unwillige und staunende Stimme wie aus großer Ferne; Worte wie: Abenteuerlichkeit, Gerüchte, die im Keim erstickt werden müssen, und dann deutlicher – »Warum schützest Du Krankheit vor, Renate? Warum diese Tollheit? Nach diesem Schritt muß ich Dir vorschlagen, einige Wochen zu meiner Mutter auf Schloß Giesingen zu gehen.« Renate: »Ich weiß nicht. Ich wollte mich eine Stunde lang frei fühlen. Etwas aus mir selbst herausthun. Und sehen wollte ich, – hier wurde die Stimme kaum hörbar – ob Du das mitfühlen kannst. Aber Du kannst es nicht.« »Ja Renate, was soll man dazu sagen. Ich bin keiner von den Ceremoniösen. Gewisse Dinge sind aber nötig, damit man friedlich in der Gesellschaft leben kann. Meine Herzogschaft achte ich für wenig. Es ist mein altes Ideal, eine Bürgerliche zu heiraten, das Blut zu erneuen. In Dir wurden meine Hoffnungen übertroffen.« Eine Hand, die über Renates Haar streicht. Renate ist gequält durch das Ueberflüssige, Phantastische ihrer nächtlichen Flucht. Denn es ereignet sich nichts. Es bleibt im Grunde alles wie zuvor. Renate spricht, und es scheint, daß der Raum dunkler wird vor ihren gesenkten Lidern. »Du glaubst vielleicht, ich bin stolz, und fürchte, daß ich nur geduldet werde. Aber ich bin noch viel stolzer. Ich fürchte das gar nicht.« Der Herzog lächelt unruhig, blickt nach der Thüre, lauscht nach oben, murmelt etwas vom Portier und vom Diener, denen man Stillschweigen befehlen müsse. Er kommt sich dem jungen Mädchen gegenüber machtlos vor, das in seinen Augen wächst, weil er aufhört, es zu verstehen. Er will Renate in die Arme schließen. Renate macht eine erschrockene Bewegung. Ihr Blick weist ihn unwiderstehlich zurück. Sie hat die bedrückende Empfindung, als ob alles, was ihre zagen Hände berühren, ekel und widerwärtig würde. »Du bist mir teurer als alle Frauen der Welt,« hört sie wie durch eine Wand. Sie ist erbittert und entgegnet, durstig nach einem lügenlosen Wort: »Ich kann nicht, ich ahne etwas, wovor mir graust.« Sie legt das Gesicht in das Polster und bleibt unbeweglich. Der Herzog, kreidebleich, fragt nicht weiter. Er mißversteht sie. Frage und Antwort scheinen ihm gefährlich, denn er blickt in die Wirrnis der Vergangenheit. Das Unausgesprochene läßt Renate begehrlicher erscheinen. Es ist, als sei sie die Herzogin, und er der erhobene Verlobte. Der Herzog verhüllt sie dicht, bestellt den Wagen an ein Nebenthor und führt sie hin. Er verspricht sich Klärungen von morgen, er küßt ihre Hand, gibt dem Kutscher Befehle, die Pferde stürmen fort. Die Nacht ist doppelt dunkel, die entblätterten Sträucher sind doppelt nah. Zwanzig Schritte vor dem Haus hält der Wagen. Sie gelangt unbemerkt in ihr Zimmer. Sie wirft sich angekleidet, bei brennender Lampe, aufs Bett und wundert sich, daß niemand im Hause sie gehört hat. Das Erlebte kommt ihr unwahrscheinlich vor. Jetzt erst hört sie die Dienstmädchen kichernd und schäkernd in die Mansarden hinaufschlürfen. 6. Verehrtes Fräulein Renate, obwohl ich weiß, was ich mit diesem Brief begehe, muß ich ihn doch schreiben. Es gibt Dinge, die man thut, ohne daß der Wille in Frage kommt. Ich will Sie nicht verletzen mit dem, was ich jetzt schreibe. Nichts wäre mir schrecklicher, als zu wissen, ich hätte Sie verletzt. Sie dürfen mir auch nicht böse sein, daß ich schreibe. Der Inhalt wird Sie überzeugen, daß es nicht noch einmal geschehen wird. Gestern sagten Sie, Sie kämen vielleicht noch einmal zur Saskia, wollten auch andere Bilder mit mir ansehen, und wir wollten darüber sprechen. Aber es ist nicht möglich. So gern ich es wünschte, ich kann nicht mehr kommen. Was in diesem Satz enthalten ist, Kämpfe für mich, das Beleidigende für Sie, – ich darf es nicht näher erklären. Ich will bald abreisen, verehrtes Fräulein, denn ich habe mir die Sache so überlegt oder ausgedeutet, daß es unheilvoll für mich sein könnte, zu bleiben. Doch warum soll ich Sie mit Rätseln belästigen. Es könnte anmaßend erscheinen, und andererseits habe ich nicht in meiner Macht, das, was so plötzlich über mich gekommen ist, plötzlich zu verbergen. Vielleicht stimmt Sie diese Andeutung versöhnlich. Erlauben Sie mir, Sie zu grüßen und Ihr künftiges Leben mit meinen Wünschen zu begleiten. Anselm Wanderer. Leni kam ins Zimmer gehüpft. »Es ist so schön, wir wollen ausreiten, gegen Thalkirchen hinunter. Thust Du mit, Renate? Du darfst Dich heute nicht ausschließen wie sonst.« »Natürlich thu ich mit,« entgegnete Renate mit einem so glücklichen Leuchten im Gesicht, daß die Schwester stutzte. »Was hast Du denn für einen Brief bekommen, Renate? Mama sagt, es schickt sich nicht, daß Du für Dich Briefe erhältst. Also schnell, kleide Dich um, es ist wunderschön.« Eine halbe Stunde später saß Renate auf ihrem Rappen, die Schwestern auf Grauschimmeln hinterdrein, zuletzt der Lakai. Wie ein Kind im ersten Schlaf lag die Landschaft: duftig und frisch. Renates Augen glänzten, sie spornte ungeduldig das Roß, das seine leichte Last windschnell davontrug. Die Schwestern waren in heller Angst. Aber sie konnten kaum reden und sehen. Die Augen brannten vom Sonnenlicht, das blendend auf dem grünen Strom lag. Sechstes Kapitel 1. Da Anselm Wanderer gelogen hatte, indem er Renate an jenem Gesellschafts-Abend erzählt, er habe für Elwine Simon eine Stelle gefunden, trachtete er danach, diese Lüge wenigstens später zur Wahrheit werden zulassen. Nichts konnte charakteristischer für ihn sein, als daß er in diesem Fall eine so unnötige Lüge ersonnen. Aus purem Mitleid konnte er zum Lügner werden, oder um grundlose Intriguen zu spinnen. Um zu gefallen, konnte er sich selbst verhöhnen und konnte mit Erlebnissen prahlen, vor denen ihm innerlich graute. Nicht anzustoßen, um nicht gestoßen zu werden, lieber zu renommieren als zu langweilen und alle Ungeradheiten einem scharfblickenden Beobachter noch erkenntlich zu machen, – das war Wanderer im Verkehr mit Andern. Allein dagegen: – ein galliger Grübler, tändelnd mit spitzen Wahrnehmungen oder ein langsamer Träumer mit einer Neigung, auch die Träume gleich seiner Kleidung mit einem Zug ins Elegante auszustatten. Es verursachte wenig Mühe, Elwine Simons Wohnung zu finden. An der Schwelle empfing ihn ein altes Weib mit kupplerischem Grinsen, und er wurde in eine Stube geführt, in der ein eigentümlich morscher Wäschegeruch herrschte. Das Mädchen kam herein wie geschoben, blickte kaum vom Boden auf und begann mechanisch, die Bänder ihres Rocks aufzuschnüren. »Nicht, nicht,« wehrte Wanderer ab und berührte sacht ihre Hand. Sie blickte ihn fragend an, kalt und gehässig. Etwas Verstoßeneres als ihr hülfloses und ergebenes Gesicht konnte sich Wanderer kaum vorstellen. Er begann nun zu reden und das, was er wollte, in ein paar matte Worte einzukleiden. Elwine stieß ein bleiernes Lachen aus, wie wenn man ihr gesagt hätte, daß sie die Tochter eines Königs sei. Doch als der junge Mann Renates Namen nannte, fing sie an zu zittern, und ihre Augäpfel irrten hin und her. Er sagte Fräulein zu ihr, und sie trat von ihm zurück, als ob sie den Titel durch die größere Entfernung rechtfertigen wolle. Mit ihrer klagenden und ermüdeten Stimme berichtete sie, wie viel sie der Inhaberin schulde und fügte zum Schluß hinzu: »Ich kann es gar nicht fassen.« – »Was können Sie nicht fassen?« – »Daß es anders werden soll.« In ihrem Gesicht wurde es wieder lebendig vom Anteil am Leben. Wanderer hatte vorher ein billiges Zimmerchen in der Nymphenburgerstraße gemietet; drunten stand schon der Dienstmann, um Elwines Habseligkeiten dorthin zu tragen. Wanderer rief die Vermieterin und legte das schuldige Geld auf den Tisch. Das alte Weib wischte die Hände ab und gluckste vergnügt. Doch ein gewisser Ingrimm verschwand nicht aus ihren zerhackten Zügen. Sie fletschte nachdenklich die dicken polsterähnlichen Lippen, und als wollte sie gutmütig sein, krächzte sie eine freche Anspielung auf Elwines Zukunft. Schnellatmend stand das junge Ding dabei, wollte glauben und konnte nicht; Erinnerungen schienen sie festzuketten, und sie begriff das Neue so wenig wie ein jäh erwachter Schläfer den Tag. Wanderer nahm sie bei der Hand, und sie riß sich los. Auf der Straße sagte er ihr, daß er ein Inserat in die Zeitung gegeben habe, um eine Stelle für sie zu finden. Er behandelte sie liebreich, fand es rührend, wie sie neben ihm trippelte, sorgsam auf seine Schritte achtend. In dem neuen Heim wartete eine Ueberraschung auf sie. Ein dunkelbraunes Kleid mit großen, weißen Streifen lag über das Bett gebreitet. Es war durchaus nicht einwandfrei im Geschmack, doch Elwines Hand strich zärtlich darüber hin. Wanderer wartete unten, hatte sie gebeten, das neue Gewand gleich anzulegen, und sie wollten dann noch einige Besorgungen machen. Alles geschah angeblich in Renates Auftrag. »Ich weiß gar nicht, wie ich das verdiene,« sagte Elwine ängstlich. Doch wurde ihr warm im Bewußtsein der Geborgenheit, und sie ward zutraulich. Sie liefen den ganzen Nachmittag herum, mit vielen Kleinigkeiten beschäftigt und Wichtigeres wieder aufschiebend. Elwine wurde müde, was sich bei ihr dadurch äußerte, daß sie mehr sprach als sonst. Ihr mageres Gesichtchen war gerötet, und als die Sonne unterging, stand sie auf der Brücke und staunte, als ob sie nie im Leben die Sonne gesehen hätte. »O das grüne Wasser!« sagte sie, oder »O der wunderbare Himmel!« Wenn Wanderer lachte, schwieg sie sogleich. Er gefiel ihr, bis auf die Augen. Er seinerseits fand, daß sie wie durch Zauberei unverdorben und naiv geblieben war, als ob ihre Seele bis heute in einem feuersicheren Schrank aufgehoben worden wäre. Die gekauften Gegenstände wurden in Elwines Wohnung geschickt. Der Zufall fügte es, daß Wanderer einem Kaufmann begegnete, der ihm und seinem Bruder befreundet war. Er hieß Dawill und war der Vater des bleichen Studenten. Es ergab sich in einem kurzen Gespräch und auf Wanderers Befragen, daß der Fabrikant ein ehrliches Mädchen für eine Art Spezialcassa brauchte. Sie sollte zugleich so gescheit sein, um eine Schreibmaschine neuen Systems handhaben zu lernen, an deren Erfindung er selbst beteiligt war. Anselm brauchte nur wenig Worte, um Dawill für Elwine einzunehmen. Die nahe Vergangenheit blieb Geheimnis, und Elwine sah nicht so aus, als könne sie die Gegenwart Lügen strafen. Das betäubend Neue raubte ihr die Sprache. Auf Dawill übte ihr Wesen einen gewissen Eindruck, den er zwar nicht deuten konnte, der ihn aber veranlaßte, das Mädchen komisch wohlwollend anzuschielen. Im Uebrigen benahm er sich famos. Es war sechs Uhr geworden, – Nacht. Wanderer ging mit Elwine zum Hoftheater und kaufte zwei Logensitze für Fidelio. Elwine gestand, daß sie noch nie in einem Theater gewesen sei und beichtete das wie ein Verbrechen. Während der Vorstellung achtete er weniger auf Spiel und Musik, als auf seine Begleiterin. Bisweilen spiegelte er sich vor, ein Menschenkenner zu sein, ein Beobachter. Zeitvertreib. Bei der Ouverture wurde Elwine blaß, und ihr Interesse für den Raum und die Menschen war verflogen. Lange, unbewegliche Blicke richtete sie in die Tiefe, wo das Orchester brodelte, und bei dem feierlichen Mittelsatz der durch das Trompetensignal eingeleitet wird, hob ein einziger, schwerer Seufzer ihre Brust, und zitternd beugte sie sich vor. Wanderer hatte ihr vorher die Züge der Handlung erklärt, und ihre stürmische Anteilnahme ergriff ihn jetzt. Er glaubte die Schauer zu spüren, die über ihren Rücken huschten, und sinnliche Bilder verknüpften sich damit. Als in der Gefängnis-Szene die Trompete wieder in das totenstille Haus schmetterte, lehnte sie sich abgehärmt in ihren Sitz zurück und hielt beide Hände vor die Brust, als fürchte sie, zu vergehen. »Wir wollen bei mir zu Hause essen,« erklärte Wanderer nach dem Theater. Elwine blickte ihn ergeben an. Müde nahm sie im Wagen Platz, und Wanderer schaute gespannt in ihre erschöpften Züge. Ihre Blicke waren ziellos und wartend; was an ihr selbst geschah, blieb ihr fremd. 2. Zwei Tage später war das Zusammentreffen mit Renate in der Gallerie. Eine kurze Stunde, die es verursachte, daß Wanderer vor seinem eigenen Leben und Denken Halt machte. Als ihn Renate verlassen, erschien ihm die Dämmerung farbiger, das Rund des Himmels weiter und freier. Drei Mal stieß er an Leute, ohne von seiner Versonnenheit abgelenkt zu werden. Schließlich landete er vor dem Kaffeehaus, in welchem Süssenguth verkehrte. Der saß dort bis in die Morgenfrühen, »gerecht nur sich und stumm den lauten Jüngern«, wie der Litterat Herz von ihm sagte. Auch Stieve verkehrte da, Salatsch, ein abgeschaffter Privatdozent von äußerst verkümmertem Aussehen, ein schwarzbärtiger Componist namens Uibeleisen, und der Schauspieler Xylander, der Bruder von Anna Xylander. Bisweilen kam auch Gudstikker, der sonst einen vornehmeren Stammtisch im Luitpold hatte. Wanderer setzte sich an den Tisch zu Herz und bewaffnete sich, mit seiner Beobachtermiene, etwa wie man eine Brille aufsetzt. Herz, ein Mann voll Anmut und Würde, beugte sich so weit herüber, daß sein Bauch auf dem Tisch lag, und fragte: »Pardon Herr von Wanderer, kennen Sie Gisa Schumann?« Es schien, daß Gisa die Geliebte Süssenguths geworden war. Jedermann wollte etwas über die Fabelhafte wissen, obwohl das Verhältnis von Süssenguth selbst wie eine allgemeine Angelegenheit behandelt wurde. Er sprach darüber wie ein betrunkener Professor der Psychologie. Wanderer lauschte seiner hysterischen Begeisterung mit stiller Scham. Der Außenraum war schon leer; in der seitlichen Nische hier hallte jedes Wort. »Sie, – diese Unbefangenheit! Wer das nicht empfunden hat, der hat nie gelebt. Ist denn das nicht viel schöner als eine Naturerscheinung? Als so ein Krater oder feuerspeiender Berg oder das Meer? Was kümmern mich eure Sonnenaufgänge, euer Meer, eure Gletscher! Ich habe Wald und See und Sonne und Mond in einem einzigen Wesen auf sechs Quadratmeter Raum.« Seine Hände griffen ins Leere, als tasteten sie einem entfliehenden Gegenstand nach, dann erstarrten sie in der Geste und sanken herab. Sein Gesicht war verzerrt, jeder Muskel war angespannt, als er fortfuhr: »Diese Mysterien der Mädchenseele! Das tiefe Sich-selbst-Treusein! Das Niemals-aus-der-Rolle-Fallen! Jede ist eine Duse ihrer Mission, die höchste Competenz der Natur. Entdeckt das Weib in seinen tiefsten körperlichen Verrichtungen, und ihr findet es wieder in den geheimnisvollsten Regungen seiner Psyche. Bewahrt sie vor einer Indigestion, und ihr schützt sie vor einem moralischen Fehltritt. Denn nur im Dank gehört sie euch ganz. Lebe ich jetzt nicht das vollkommenste Glück? Wenn sie früh aufwacht und mich anlacht, – das ist mein Morgengebet. Sie, das ist mein Spaziergang, mein Studieren, mein Fortkommen, mein Carrieremachen! Freilich nichts für die Gudstikkers und Marlitts, für Sozialästheten und Sammlergehirne. Das ist für mich und für Sie und für Sie und für Sie!« Er deutete erregt auf die bei ihm Sitzenden, denn wer in seiner Gesellschaft war, gehörte stets zu den großen Ausnahmen, – so lange er anwesend blieb. Sein Gesicht war bleich geworden, fast grau, der Hals war intensiv gerötet. »Großartig,« sagte der Litterat Herz, und nahm seine Zeitung wieder, die fast ebenso groß war wie er selbst. Stieve nickte anerkennend und hustete dann. Er ersparte sich dadurch oft die Unbequemlichkeit einer Replik. Uibeleisen und Xylander saßen mit offenem Mund. Uibeleisen, ein wenig Naturbursche, ein Temperament und Weiberheld, hatte wenig Verständnis für solche Dinge. »Ich bitt Sie, was sind denn das für Männer, die selbst von den besten Frauen gewählt werden? Ausbeuter, Piraten, Börseaner des Lebens, Geschäftchenmacher. So viel Liebe geb ich dir, soviel bist du mir schuldig. Ich verlang mir nicht mehr vom Leben, als ein einziges Wesen so mit Treue zu überschütten, daß sie nicht mehr ein noch aus weiß. Jedes wirkliche Glück ist Sklaverei.« »Das ist wahr, das hab ich mir oft gedacht,« bemerkte Xylander mit ergebenem Grinsen. Er wollte eine Geschichte erzählen, fand aber nicht den Knoten der Handlung. Stieve musterte sorgsam die Sprünge im Plafond. Wanderer fror, indem er Süssenguth ansah. Sinnverdreher, dachte er mit raschem Unwillen. Er stand auf, ging unruhig von Tisch zu Tisch. Die Fensterscheiben waren noch nicht verhängt, und er sah hinaus in die vorbeiströmende dunkle Menge. Jede Frauengestalt, die vorüberging, erschreckte ihn. Je mehr er seine Gedanken abzuwenden suchte, je mehr kehrten sie zu einem Bild zurück, zu demselben Bild. Er verlor alle Macht und Vernunft, wollte die Stadt verlassen, wollte schreiben, um sich mitzuteilen, aber wem sollte er Geständnisse ablegen, und welche Geständnisse? Verwegene Gedanken bestürmten ihn, sammelten sich zu einem verwegenen Entschluß. Mit rauher Stimme bestellte er Tinte und Papier. Was er an Renate schrieb, war von einer trüben Stunde eingegeben, bestand in halben Täuschungen, halbem Trotz. Aus der Nische drang wieder Süssenguths keuchende Stimme. Seine Worte erhielten immer mehr einen prophetischen Charakter. Messias der Frauen hörte er sich gerne nennen. 3. Mühsam schlich die Nacht vorbei, langsam der nächste Vormittag, dann Stunde für Stunde doppelt langsam. Um drei Uhr war Wanderer schon in der leeren Säleflucht der Pinakothek. Er wünschte, nicht geschrieben zu haben; es schien ihm, daß dabei nur ein Versteckenspiel mit ehrlicher Miene geglückt war. Er wußte, daß er nicht die Stadt verlassen würde, aber die edle Entsagung seines Schriftstückes schützte seine Selbstachtung. Er war viel allein gewesen, daher blieb er seinen Handlungen gegenüber empfindlich. Gesellschaft von Männern verdarb ihn sofort; jeder fremde Ton wurde der seine, und er heuchelte sich in eine fette Behaglichkeit hinein. Aehnlich war es mit den Bildern. Ihm gefiel nur die Vorstellung, daß er seine Zeit einsam bei Kunstwerken verbrachte. Gegen vier Uhr kamen Besucher, aber um halb fünf war es schon wieder leer. Das Licht war heute schlecht. Ein Landregen war gekommen. Aus dem hallenden Treppenhaus hörte Wanderer leichte Schritte über die Steinfließen. Erbleichend wandte er sich zu einem Gemälde an der Rückwand und blieb in kindischer Befangenheit unbeweglich stehen. Ein Gruß, mit halber Stimme gesprochen, ließ ihn zusammenfahren. Renate tippte ihn leicht am Aermel und sagte: »Ich wußte ja doch, daß Sie da sind.« Hilflos sah er sie an, und mit leisem Schauer fühlte er, daß sie heftiger atme. »Setzen wir uns ein wenig nieder«, schlug Renate vor, »ich bin müde vom Gehen.« Der Ton, die Stimme, dies: ich bin müde vom Gehen, – Wanderer wußte nicht zu antworten. Gleich feierlichen Schatten floß die werdende Dämmerung durch die Gallerie. Die tiefroten Wände, der rote Stoff der Sessel, die goldnen Rahmen, die Gesichter aus den Bildern, alles eine Welt für sich, schweigend und unberührt. »Ich wollte nur noch ein Mal hierher kommen,« sagte Renate weich, als bäte sie um Verzeihung. »Ihr Brief hat mich erschreckt. Freilich, ich dachte mir, so ein Brief müßte einmal kommen. Damit ich mich erinnere, was ich mir wert bin, – und Andern. Aber es wäre besser gewesen, jemand hätte es mir gesagt, Sie hätten es mir gesagt. Geschrieben macht es einen unsicher.« »Fräulein Renate, ich bin jetzt vor Ihnen schuldig. Sie können Rechenschaft von mir fordern. Aber es war kein Vorsatz, nicht einmal ein Wunsch. Eine blinde Gewalt. Sie selbst vielleicht. Ja, Sie selbst, ohne daß Sie es wußten.« »Das kann ich mir denken. Da brauchen Sie sich nicht zu verteidigen,« sagte Renate, beständig an ihrer Unterlippe nagend und den Schleier bis zur Stirn emporhebend. Plötzlich stand sie auf. »Und wenn ich Ihnen nun folgen würde, wohin Sie wollen, zu allem bereit, was sie wollen?« Es war Wanderer, als befinde er sich plötzlich in einem versengend heißen Raum. Er sah nicht mehr die eigenen Hände, die er unwillkürlich ineinander verkrampfte. Renate stand regungslos vor ihm. Bisweilen lief ein Zittern durch ihre Arme; ihr Gesicht war bleich von Scham, Furcht und Erwartung. »Mir ist nicht ein Mann wie der andere,« fügte sie mechanisch und voll mädchenhafter Trauer hinzu. »Ich werde nie den Herzog heiraten. Um zu verkümmern, dazu brauche ich keinen Palast, keine Krone.« Was trieb sie eigentlich zu alldem? Wahllos griff sie ins Rad der Loose wie ein Kind mit verbundenen Augen. »Wenn Sie das wollen,« sagte Wanderer in einer Erregung, die dem Wahnsinn nahe war, »dann würde ich wissen, was Glück ist.« »Ach Glück,« erwiderte Renate betrübt und unsicher, »damit ist es nicht gethan.« »Es ist zu viel auf einmal,« murmelte Wanderer, den es wie im Fieber fröstelte. Zugleich empfand er einen Schrecken, dessen er nicht Herr wurde. Das fremde Schicksal, das von seinem eigenen Besitz ergriff, lähmte Gedanken und Entschlüsse. Die Zukunft, die er ahnungsvoll voraus zu sehen glaubte, erschien ihm wild und ungangbar. »Ja, ich will fliehen,« wiederholte Renate in der leidenschaftlichen Begierde nach einer Entscheidung. »Mein ganzes Leben hier ist mir verhaßt.« »Die Zukunft, die ich Ihnen bieten kann, ist sorgenlos,« sagte Wanderer hastig. Es war ihm durchaus unklar, wie das werden solle und wie sie sich das vorstellte. »Zukunft,« entgegnete Renate zornig. »Ich denke nicht daran. Ich will nicht jedes Zimmer wissen, wo ich für alle Zeiten wohnen soll. Sie sollen mich auch gar nicht heiraten. Sie sollen nur wissen, was ich will und was ich bin. Denn ich selbst, ich weiß es ja kaum.« »Und vor den Folgen ist Ihnen nicht bange?« fragte Wanderer besorgt und furchtsam. »Haben Sie mir nicht gesagt, daß Sie mich lieben?« flüsterte Renate mit einem verzweifelten Klang der Stimme. »Oder war der Brief nur etwas zum Zeitvertreib? Und ich, ja, ich habe mich geprüft, ich habe mich geprüft. Das ist alles. Wie kann es anders sein. Ich habe gewußt, daß Sie die Leute verachten, die um mich sind, und wenn ich mich beleidigt gefühlt habe, dachte ich an Sie. Das ist kein Leben. Nirgends sich wärmen können und mit schönen Betten die furchtbarsten Träume zudecken. Ich will mich nicht für einen Titel verkaufen, nein, da will ich mich lieber verschenken. Ich stehe da, mit nichts bin ich gekommen, und wenn Sie wollen, will ich arbeiten wie niedere Frauen. Das quält mich auch, ich möchte wissen, wie es da drunten ist, was sie treiben die hunderttausend Weiber, die uns verfluchen. Da soll ich in einem Schloß wohnen? Immer die fernen Stimmen hören? Nein, nein!« Mit aufgerissenen Augen wartete sie auf seine Antwort. Er nannte ihren Namen und beugte sich auf ihre Hand nieder, die er küßte. »Und soll ich nicht zu Ihrer Mutter gehen –?« fragte er. Renate fuhr zusammen und lachte bitter. »Sie denken, ich will Abenteuer, ich will romantische Abenteuer.« »Nur unnütze Gefahren will ich vermeiden.« »Gefahren? Wenn Sie das thun, könnte ich Sie nicht mehr mögen. Schon deshalb nicht, weil Alle Sie beschimpfen würden. Ich will vergessen, was zurückliegt. Kleinliche Händel kann ich nicht ertragen. Meine Mutter denkt nur noch an diese Herzogs-Heirat.« Ihr Wesen wurde zusehends bedrückter. Es war zu viel, was sie sagen wollte und zu wenig, was sich ihr in Worte fügte. »Ich verstehe Sie,« sagte Wanderer, in seiner schwerfälligen Art zu sprechen. »Für Sie ist das keine Flucht, sondern eine Empörung. Flucht ist mutiger für Sie als Kampf.« »Ja, das ist wahr, das ist riesig wahr,« rief Renate plötzlich freudig lächelnd. Sie sagte ›riesik‹ mit einer kindlich-wichtigen Betonung. »Sie wollen nicht beschmutzt werden durch Vorwürfe und Kränkungen. Empörung ist Ihnen das edelste Gefühl. Sie wollen dem Mann, dem Sie sich anvertrauen, keine Verpflichtungen auferlegen dadurch, daß er an Sie geschmiedet ist. Ich verstehe das alles sehr gut, Renate.« »Anselm!« stammelte das junge Mädchen beglückt. »Aber ob Sie nicht bereuen werden, das ist die beständige Furcht. Den Leuten braucht man es ja nicht ins Gesicht zu rufen, doch müssen Sie nicht fürchten, daß Sie geirrt haben? Fällt nicht jeder falsche Ton zehnfach ins Gewicht? Kann nicht jedes Wort zum Feind werden? Man muß genau mit sich rechten. Keine Lüge darf geheim bleiben.« »Ich werde es nicht bereuen,« erwiderte Renate. »Was daraus folgt, kommt auf mich selbst. Nur für mich selbst kann Schuld daraus kommen. Und Lügen? ich lüge nie. Ich wollte nur wählen für mich allein. Ich bin stolz, das glauben Sie gar nicht. Und nicht nur für mich, sondern für alle Frauen bin ich stolz, von meiner Mutter und meinen Schwestern angefangen.« Sie sagte das so herzlich einfach und bescheiden, daß der Grund von Kummer deutlich aus den Worten schimmerte wie Wasser aus einem Schacht. Ein wie seltsames Wesen, dachte Wanderer, der innerlich ratlos war. Alles war jetzt Beschluß geworden, was vorher unerreichbar geschienen hatte. Ueber Abgründe hatte ein handfertiges Geschick schnell Brücken gebaut. Es schlug fünf Uhr: eine halbe Stunde war vorbei, die im Raum der Erlebnisse die Verantwortung wie Jahre trug. Der Landregenhimmel rötete sich, plötzlich wurde er gelb, eine Färbung von gespenstischer Grellheit. Der alte Diener kam, um durch sein Erscheinen anzudeuten, daß man die Gallerie schließe. Renate sah mit strahlendem Gesicht zu Wanderer empor, – er war nur wenig größer als sie, – dann gingen sie im stummen Einvernehmen zum Bild der Saskia. Nur ein Blick im Vorübergehen; ein paar helle Augen blickten aus dem Schatten, der die Leinwand schon verhüllte. Schwärmerische und getäuschte Augen. Galeotto war das Bild ... 4. Mit ihrer sanften Stimme und in der ruhigen Weise, bei der sie nicht die Arme bewegte, erzählte Renate auf dem Weg durch den englischen Garten, daß die Mutter und die Schwestern morgen dem Vater bis Innsbruck entgegenreisen wollten. An diesem Tage war Renate allein. Eines der Dienstmädchen besaß ihr Vertrauen und sollte packen helfen, die andern und den Diener wollte sie auf die Auer-Dult schicken. Wanderer redete nicht sehr viel. Aus Furcht, falsche Gefühlstöne anzuschlagen, fand er oft nicht die wahrhaften. In der Angst allzu aufrichtig zu sein, wurde er grundlos ironisch. Doch fremde Ironie erschreckte ihn und machte ihn empfindlich. Von einer Leidenschaft überrumpelt, wußte er nicht aus noch ein, lebte er nur noch in der Furcht, sich nicht zu blamieren. Renates Entschlossenheit, die etwas Heldenmütiges hatte, erweckte seine Bewunderung; aber in der Tiefe seiner Grübeleien fanden sich Erinnerungen an gewisse Romane, und er suchte sich zu waffnen gegen einen unbestimmten Jemand, der das Alles vielleicht verspotten könnte. So verzwickt war, was er that und dachte. Renate, bei der jeder Vorsatz etwas Unabänderliches hatte, gleich den Absichten der Natur selbst, war heiter und frei. Es war auf einmal ein schöner Abend geworden. Dumpf leuchtete das Grün durch die Halbdunkelheit, und Regentropfen fielen auf die dürren Blätter nieder. Renate hatte bald alles gesagt, was zu sagen war, sachlich und ohne Abschweifung. Jetzt schwieg sie, scheinbar dem Abendläuten zulauschend, das von der nahen Ludwigskirche herüberdröhnte. Die lallenden Klänge hatten etwas Verschlingendes. Die Landschaft schien zu beben. Wanderer hatte als Reiseziel ein kleines Grundstück am Bodensee vorgeschlagen, das seit langem seiner Familie gehörte. Ein alter Soldat, der bei Königgrätz ein Bein verloren, hatte die Wirtschaft inne. Wanderer wollte ihm noch in der Nacht telegraphieren. Renate stimmte bei, und das Zubereitete, Vorsichtige in Wanderers Erklärungen verdroß sie nicht. Ich gehe mit ihm, frei und allein. Ich habe gewählt und bin doch gewählt worden. Das Leben öffnet mir alle seine Thore, – von solchen Gedanken war sie erfüllt. Erst hatte sie Briefe schreiben wollen, an die Mutter, an den Herzog, aber sie scheute die Nüchternheit und das Entweihende, das für sie selbst daraus hervorgehen mußte. Beim Abschiednehmen fragte Anselm, ob sie ihn denn liebe. Sie sah ihn fassungslos an und lächelte bestürzt. Es war eine Frage, deren Sinn sie nicht begriff; daß sie gesprochen war, machte sie bleich vor Scham. Wanderer schaute zu Boden. Ihr bestürztes Lächeln beim Schein einer dürftigen Straßenlaterne blieb ihm unvergeßlich. In diesem Augenblick verwandelte sich seine ratlose Sympathie in Leidenschaft. Nachdenklich ging Renate noch die wenigen Schritte zur Maria-Theresia-Straße. Morgen Nachmittag um vier Uhr wollten sie sich im Central-Bahnhofe treffen. Das war alles, was sie unter dem Wort Zukunft begriff. Grübeln war nicht ihre Sache; sie dachte nur in Bildern, entweder in dunklen oder in frohen. Dabei war das Bewußtsein von der Nähe der großen Wandlung eigentlich berauschend für sie. Jeder Stein, den ihr Fuß betrat, erschien ihr in seltsamer Uebertragung ihrer Gefühle liebenswert. Mit einem Blick nahm sie Abschied von dem sanften Abend, der das große Thor für das Morgen bildete. »Nun Renate,« sagte Frau Fuchs, die auf dem Lehnstuhl saß, ein Kohlenbecken unter den Füßen, »es ist doch gar zu merkwürdig, was Du treibst. Den ganzen Nachmittag bist Du fort, ohne Wagen, ohne Begleitung. Ich versteh das nicht. Du hast doch Pflichten. Ich an Deiner Stelle würde anders handeln, jawohl.« Loni und Martha gaben durch ihr andächtiges Zuhören kund, daß sie an Renates Stelle ebenfalls anders handeln würden, jawohl. Durch den abwesenden Ausdruck in Renates Gesicht stutzig gemacht, schüttelte Frau Fuchs den Kopf und fügte wehmütig hinzu: »Ich bin krank.« Voll Schrecken blickte Renate die Mutter an. »Du bist krank?« Und schnell beugte sie sich zu ihr nieder. »Nun, Du brauchst Dich nicht ängstigen, Renate, ich danke Dir mein Kind. Es ist eben die alte Geschichte.« »Da wirst Du doch morgen nicht reisen, Mutter,« sagte Renate entschieden. Dann preßte sie entsetzt die Unterlippe zwischen die Zähne. Eine Lüge! Es war wie ein Blitz in ihrem Innern. »Nun, ich werde doch wohl reisen, Renate,« erwiderte Frau Fuchs mit unverminderter Wehmut. »Die Kinder freuen sich so, und ich, wer weiß ob ich die Berge da drunten wiedersehen werde. Fuchs will ja bald fortziehen. Ach Gott« Martha wußte eine drollige Geschichte, die sie zwang, fortwährend zu lachen. In der Brienner Bäckerei war ihr »dieser« Süssenguth vorgestellt worden. Nein, und was ihr der alles gesagt hatte! Sie hatte es ganz auswendig gelernt, hihi. »Ihre Schwester Renate, mein Fräulein, ist für mich einfach das Ideal. Mit ihrem Schicksal auf der Stirn geht sie offen durch die Straßen. In herrlicher Unbekümmertheit wandert sie ihren Weg zum Leiden. Une femme douloureuse . – Ist das nicht komisch, hihi?« Heftiger als sonst verwies Frau Fuchs den beiden das »dumme Zeug« da. »Nun ich muß sagen, ihr verirrt euch. Nette Bekanntschaften, das muß ich sagen. Ich will davon nichts mehr hören. Ihr werdet diesen Menschen nicht mehr kennen.« Sie hatte offenbar keine Silbe verstanden, aber eine mütterliche Ahnung mochte einen Widerhall der Wirkung erwecken, die das Gehörte auf Renate ausgeübt, selbst durch das Geschwätz der Schwestern hindurch. Von neuem fielen Süssenguths Worte wie milde Schlaglichter auf ihren Pfad. Heute muß ich noch einmal Klavier spielen, dachte sie; irgend etwas Feuriges und Leidenschaftliches muß ich spielen. Ihre Wangen röteten sich, als sie sich an den Flügel setzte und mit den wuchtigen Anfangstakten der »letzten« Sonate begann. Aber bald ermatteten ihre Hände und sehnten sich nach weicheren Tönen. Im Zimmer war es still geworden, und vor ihren Augen erschien mit rätselhafter Deutlichkeit ein Gesicht, das sie unbesonnen küßte. Siebentes Kapitel 1. Ein Tag von wundervoller Klarheit hatte die Reise der drei Damen begünstigt. Loni und Martha hatten die ganze Nacht hindurch nicht geschlafen; sie fieberten vor Erwartung. Anders Renate. Je näher die erwartete Stunde rückte, je ruhiger wurde sie. Als Mutter und Schwester fort waren und sie sich allein im Hause befand, ging sie voll Besonnenheit an das Packen ihrer beiden großen Koffer. Anette, ein junges Ding, seit Mai im Haus bedienstet und Renaten herzlich ergeben, half ihr dabei. Um halb vier kam ein bestellter Mietswagen; Renate ließ eine Karte mit wenigen Worten, die deutlich und fest klangen, auf ihrem Schreibtisch liegen. Dann überzeugte sie sich durch ein kurzes Nachsinnen, daß sie nichts vergessen hatte und ging mit einem merkwürdig frauenhaften Lächeln zum Wagen. Anselm Wanderer hatte am Bahnhof schon gewartet. Ohne andere Verständigung, als eine stumme Begrüßung, besorgte er die Aufgabe des Gepäcks und nahm dann im Schnellzug Platz, – nicht in Renates Abteilung. Es war eine verabredete Vorsicht, denn sie wollten nicht müßigen Gehirnen früh-schnell zu denken geben. Die Welt ist klein für Leute, die allein sein wollen. Jetzt erst, beim Anblick der roten Plüschstoffe, pochte Renates Herz, und weil sich kein Passagier mehr hier befand, schlug sie die Hände vors Gesicht, da der Zug die Halle verließ, als sei sie geblendet durch das plötzlich hereinströmende Licht. Gleichgiltig war ihr die Landschaft, die völlig eben hinlief bis in die Ferne, gleichgiltig auch das Kommende wie das Vergangene. Nur daß sie hier auf einmal so einsam war, machte sie bestürzt, erschien ihr wie eine üble Vorbedeutung. Eilig, mit rhytmischen Stößen rollten die Räder; Renate begleitete das Stampfen unwillkürlich mit einer Melodie und ebenso unwillkürlich paßten die Versworte auf diese Melodie: die Seele, die in dir gelebt ...um dort, was du gelitten hast. Endlich war die Station da, wo Wanderer zu ihr kommen wollte. Sie bangte nach ihm. Es war schon dunkel geworden, als er mit dem Träger kam, (den er nervös entlohnte) und sich dann mit den Koffern beschäftigte. Warum spricht er nicht? dachte Renate befangen. Als die Fahrt wieder begann, wandte er sich hastig zu ihr, nahm ihre beiden Hände und fragte sie, ob sie nicht bereue. Wieder dieser fassungslose Blick, wieder das bestürzte Lächeln. Und wieder die Scham Anselms und die Unschlüssigkeit, was er ihr sagen sollte. Er seufzte, und es kam ihm einen Augenblick lang vor, als sei er mit leise schmerzenden Wunden wie überdeckt. Ihre Anwesenheit, ihr Anblick, ihre Ruhe, ihr feines blasses Gesicht, ihre großen Augen weckten in ihm ein Gefühl, das der Ehrfurcht glich. Sie lächelte zu ihm auf, und das Kindliche, das dadurch zum Ausdruck kam, ermutigte ihn. Sachte, mit zitternden Fingern hob er den Schleier bis an die Stirn, wo er wie ein dichter schwarzer Vorhang liegen blieb, beugte sich nieder und küßte sie. Daß er es that, erschreckte ihn noch nicht so sehr, als der kühle und feuchte Mund, den er berührte. Ein Mund, der nichts Verlangendes hatte, sich aber dem Druck seiner Lippen nicht verschloß. Staunend und flehend blickte sie ihn an. Er selbst verfiel in ein zielloses Staunen über die Stunde und die Möglichkeiten, die sie herbeigeführt. Sie sprachen wenig: von Büchern, von Malern, vom Ziel der Reise, den Schönheiten des Bodensees. Sie waren sich ja noch so fremd, daß Keines wußte, was dem Andern gefallen mochte. Daher eine halb tändelnde, halb scheue Unsicherheit des Gesprächs und Wanderers etwas täppische Ironie, wenn er von seinem eigenen Leben sprach. Renate blickte ihn dann immer an, als wollte sie den Ernst dahinter suchen, den sie für alle Dinge nötig hatte, und einmal meinte sie naiv: »Ich kenn mich da gar nicht aus.« Im Grund war das eine Klage, und er verstand es nicht. Sie war verwundert, daß sie sich so fest in die Gegenwart gefunden hatte, ohne den Wunsch, zurückzublicken, ohne Bedenken und Erinnerungen. Sie war dankbar gegen sich selbst gestimmt. In Lindau lag schon das Dampfschiff keuchend im Hafen. Kalt und fern stand der Mond zwischen zwei Wolken, die wie lauernde Kauen aussahen, und weit hinaus in den See strömte das Licht wie gelbes Perlengerinsel. Gegen Süden und Osten lagerten schwarz und ungeheuer die Berge und dahinter in Weißlicht schimmernde Schneekappen wie Silberbeschläge. Die Luft roch von Seewasser und Tang, und Möven schrieen heiser. Renate konnte nicht sprechen, wenn sie so gepackt war wie jetzt, und sie stand an der Schiffsbrüstung, während Anselm die kleinen Dinge der Reise besorgte. Während sie so in Schauen versunken war, das Gesicht verschleiert, die Hände fest am Holzgeländer des Verdecks, empfand sie ein Unbehagen, dem sie sich anfangs zu entziehen suchte, das sie aber bald gefangen nahm. Sie wandte sich zur Seite und sah die Blicke eines Mannes auf sich gerichtet, den sie im Leben sicher nie gesehen hatte, der aber in ihrer Phantasie das Bild einer bösen Erinnerung annahm. Es war eine kurze, gedrungene Gestalt von bewußter Haltung, in einem gelben Ueberrock und mit einem Calabreser auf dem Kopf. Das Gesicht war im Schatten des Dampfschlots, doch sah Renate einen schmalen Ziegenbart, der wie aufgeklebt aussah. Auch als das junge Mädchen unwillig den Kopf abwandte, ließen seine Blicke nicht ab, jede Bewegung, jede Kleiderfalte, jedes Augenzucken an Renate förmlich zu verschlingen. Erst als Wanderer kam, that er gleichgiltig und setzte eine Virginia hinter vorgehaltenen Händen in Brand. Beim Aufflackern des Hölzchens gewahrte Renate ein Gesicht voll kalter Ruhe, scharf, entschlossen, durchwühlt vom Leben und wie versteinert, mit einem cynischen und grausamen Mund. In der ganzen Erscheinung war eine so sonderbare Mischung von Gravität und Unbekümmertheit, von Tierischem und Weltmännischem, von Teilnahmlosigkeit und Wildheit, daß selbst Wanderer dem Auf- und Abgehenden kopfschüttelnd nachschaute. Renate konnte sich nicht mehr der Landschaft widmen. Ueberall fühlte sie den Blick jenes Menschen. Wie sie sich auch bewegte, war sie gehemmt und unfrei, als sei ihren Schritten eine Grenze gezogen. Sie stand am Steuerbord und dachte: wohin? 2. Um neun Uhr landete der Dampfer an einer Haltestelle vor Constanz. Der einbeinige Hausverwalter war mit seiner Tochter und einem Burschen da und begrüßte die »junge Frau« mit der formvollendetsten Verbeugung, die vielleicht jemals gemacht worden ist. Die Generalprobe dieses Bücklings lag kaum eine halbe Stunde zurück und hatte unter den untrüglichen Kenneraugen des Nachtwächters Kiesewetter stattgefunden. Kiesewetter, ein Mann von Welt! Er besaß zwei Katzen und vier Hunde, denen er in durchdringender Weise die Formen höfischen Lebens beigebracht hatte. Das tadellose Compliment des Herrn Winiwaak, welches Renate belustigte, verursachte bei dem Herrn mit dem Calabreser einen Heiterkeitsausbruch, der weniger wie Lachen, als wie das Schnauben eines Dampfrohrs klang. Renate zuckte zusammen. »Ein gefährlicher Bursche,« keuchte Winiwaak, und suchte seinen Zorn mit dem Respekt gegen die Herrschaft zu vereinigen. »Wohnt im weißen Hahn. Fährt wöchentlich zwei Mal an die Schweizer Grenze. Verdächtiger Bursche.« »Lassen Sie nur,« beschwichtigte ihn Wanderer. Er war zerstreut und erregt. Erregt auch durch die Landschaft, die mit sammtgrauem Nebel bedeckt sich hinbreitete, durch das leise Rauschen des Sees, durch all das Plötzliche, das seine langsamen Sinne vergebens zu umfassen suchten. Als Renate die Zimmer des einsam an einem Hang gelegenen Landhauses betrat, wurde sie von einer so großen Bewegung ergriffen, daß sie nur verschwommen die Dinge um sich her zu erkennen vermochte. »Ist etwas geschehen?« fragte Wanderer besorgt. Renate schüttelte den Kopf und versuchte zu lächeln. Und dann, mit einer überhastigen Wendung, warf sie sich ihm an die Brust. Ihre halboffenen Lippen ließen die feuchtweißen Zähne durchschimmern, als ihr erwartungsvoller Blick ihn traf. In diesem Blick lag die äußerste, die schmerzlichste Anstrengung, seine Gedanken zu ergründen. Nun wurde vom Dorf drüben, vielleicht aus einer Schenke, eine Tanzmelodie hörbar, vom Baß komisch unterstrichen. Anselm lachte, – ein thörichtes Lachen. Renate ließ den Kopf sinken, trat zurück, ging zum Fenster, lehnte die Stirn an die Scheibe. Mitten in dem Schweigen klopfte Winiwaak ans Zimmer, steckte ehrfurchtsvoll seinen erschreckend dünnen Kopf in die Thürspalte und »vermeldete gehorsamst,« das Essen sei bereit. In einer Befangenheit, die er noch nie gefühlt, trat Wanderer zu Renate, bog ihren Kopf zurück und küßte sie mutlos auf die Augen. Seufzend ließ sie es geschehen. Ihr Gesicht war bleich geworden. In einem seltsamen und quälenden Durst betrachtete Wanderer diese Züge. Sie schienen ihm wie ein Buch, das in einer ihm fremden Sprache geschrieben war, mit deutlichen und klaren Lettern und doch unenträtselbar. »Wo weilen jetzt die Gedanken?« fragte er, schüchtern die vertrautere Anrede vermeidend. »Ich weiß es nicht,« erwiderte Renate sanft. »Wir werden es schön haben hier,« fuhr Wanderer fort und seine Worte klangen ihm hohl und ausgeblasen. »Den ganzen Tag Sonne und den See. Wälder und Berge und alte Schlösser und alte Kirchen. Und einen großen Hund will ich anschaffen; er soll uns auf unsern Spaziergängen begleiten.« Er sagte das, als fürchte er, sie könne sich mit ihm allein langweilen. »Einen Hund? Das wird herrlich. Einen russischen Steppenhund vielleicht?« »Ja, oder einen englischen Hühnerhund. Renate darf nie traurig sein. Darf nie vergeblich wünschen. Darf keine Gedanken haben, als –« »Als –?« »Das will ich nicht sagen.« »Doch, bitte!« »Es ist gefährlich. Worte sind so gefährlich.« »Oft auch, wenn sie nicht gesprochen werden.« »Aber muß ich denn reden, Renate?« Erschreckt sah sie ihn an. Er selbst begann zu zittern. »Es ist hier wie in einem Waldhaus,« sagte Renate etwas bedrückt. Wanderer erwiderte nichts. Er fühlte, daß sie ihm entglitten war und fand sich wunderlich erleichtert dadurch. Sinnend nahm er ihre Hand, die kühl und trocken war und etwas berückend Ruhiges in ihren Formen hatte. Er war ihr dankbar, daß sie so fein war, jede Spannung und Schärfe des Gesprächs unmerklich zu umgehen. Darin bestand sein Sinnen. Und nun sagte er banal, daß ihr das schwarze Kleid gut stehe, überhaupt schwarz. Das gemeinsame Nachtmahl bestärkte in beiden die Empfindung von außerordentlicher Abgeschiedenheit. Aber beide dachten mit verstärkter Kraft ein und denselben Gedanken und suchten sich durch weit abliegende Gespräche zu täuschen. Es schlug zehn Uhr, und Anselm war aufs Höchste erstaunt, daß es noch so frühe war. Alle Stunden, die folgen sollten, lagen nun wie in einem Hinterhalt, aus dem sie sich, höhnisch und forschend, langsam erhoben. Renate war müde geworden und ruhig sagte sie, sie möchte schlafen. Doch als sie aus dem Weinglas getrunken hatte und es auf den Tisch stellte, bebte ihre Hand, das Glas fiel um und der Wein rann wie dickes Blut über das weiße Linnen. Beide lachten, doch wagten sie sich nicht anzuschauen, und Renate zürnte Anselm, daß er kein befreiendes Wort fand. Sie begriff das alles kaum. Sie fühlte sich ihm überlegen und begann etwas Dunkles, Fernes zu fürchten. »Anselm,« sagte sie schmeichelnd, »weshalb so schweigsam?« »Ich kann es ja gar nicht fassen, Renate,« erwiderte Anselm. »So still bist Du eingekehrt in meinem Leben, und jetzt liegt das Unterste zu oberst. Wenn ich Dich ansehe, fürchte ich wahnsinnig zu werden. Ist es möglich, daß man so schnell sich verliert? Oft bin ich Dir so nahe, innerlich, daß ich glaube, Deine Gedanken zu hören. Und wenn eine Zeit kommt, wo Du nicht mehr lächelst, wenn ich etwas Dummes sage, bin ich sicher der unglücklichste Mensch.« Renate sah ihn mit klaren und lachenden Augen an, doch jene Furcht nahm zu. Sie glaubte Schritte in der Allee draußen zu hören, die langsam sich entfernten, wieder näher kamen, aussetzten, wieder fern wurden. Am Fenster stehend sah sie den Calabreser lustwandeln, in seiner ganzen Quartierlatin-Eleganz. Sie zuckte zusammen, trat zu Wanderer, der etwas künstlich bekümmert am Tisch saß, lehnte sich an seine Schulter und strich mit der Hand viele Male über sein dunkles, welliges Haar. Wie in einer Wolke von Glück verharrte. Anselm und wagte nicht zu atmen. 3. Es kamen nun Tage für Renate, in denen eine so beglückende Lebensfülle auf sie einströmte, daß sie sich in der beständigen Illusion befand, als müßten alle Dinge um sie her, die stummen wie die tönenden, an ihr und ihrem Schicksal teilnehmen. In elementarer Kraft trat das Bewußtsein davon aus ihrem Wesen, verschönte ihren Gang, adelte jede einzelne ihrer Thätigkeiten, durchdrang das Gleichgiltige und Triviale ebenso wie das Hohe und Feierliche. Was an ihr selbst geschah, bedachte sie kaum, nicht aber, was unter dem Eindruck davon an friedlichen und hoffnungsvollen Vorstellungen in ihrem Innern zurückblieb. Bisweilen deutete Anselm an, ihren Bund »gesellschaftlich zu sanktionieren,« wie er sich auszudrücken pflegte. Aber er beobachtete, wie dergleichen Worte in ihr einen mißtrauischen Schrecken hervorriefen, den sie zwar nicht äußerte, der aber noch lange in nachdenklich gezogenen Worten unterirdisch nachhallte. Nichts fürchtete sie so sehr, als daß er einer falschen oder nur herkömmlichen Auffassung des Schrittes zuneigen könne, der sie zueinander geführt. In der That war es die seltene Innigkeit einer edlen Ueberzeugung, die das Freieste, Reinste in ihrem gegenwärtigen Glück ausmachte. Jedoch seinem offenen und beharrlichen Willen hätte sie kaum widerstanden, wenn sie auch wußte, daß ein solcher Wille unterblieb, weil er Zartheit genug besaß, diese feinen Instinkte Renates zu würdigen. Ein solches Verhältnis, frei in der Luft schwebend, jedem leisesten Zittern eines Windes ausgesetzt, unberührt von widrigen Umständen, erhielt ja seine tiefste Weihe erst durch den Reiz der Ungewöhnlichkeit. Das Neue, festlich Heitere und Planvolle an diesem Glück machte Beide in einem unerhörten Maß empfindlich für jeden auch nur hingeträumten oder halbgedachten Mißton und gab andererseits jeder Zärtlichkeit einen Wert und eine Bedeutung, die weit hinaus reichte über den Augenblick, in welchem sie gewährt worden war. Renate konnte stundenlang nachdenken über den Ton einer Anrede, den Sinn einer Gebärde; denn bei ihr selbst hatte jede Liebkosung eine so scheue Zurückhaltung, daß schon als leidenschaftlicher Ausbruch wirkte, wozu andere sorglos am hellen Tag vor fremden Augen bereit sind. Alles war lautlos an ihr, vom zagen Kuß bis zur beschwörenden Abwehr; keine Erfüllung konnte das Schwebende, Sehnsüchtige ihres Wesens mildern, kein geräuschvoller Liebesbeweis ihr immerwaches Mißtrauen verringern. Die Leute in dem kleinen Ort waren stolz auf die schlanke, vornehme Dame, als hätte durch sie das Dorf an Schönheit gewonnen. Die jungen Dirnen und Burschen standen regungslos, wenn sie vorbeiging. Renate war dann verlegen und wagte nicht aufzublicken. Der Calabreser hatte sich nicht mehr sehen lassen. Anselm konnte nichts Bestimmtes über die bizarre Erscheinung erfahren. Er hieß Graumann, Peter Graumann. Weiter wußte man nichts. Schöne Tage brachte die Jahreszeit. Morgens war es immer kalt; See und Hügelhänge vergingen unter bleiernen Nebelmassen. Aber an den Mittagen wurde es warm, und Renate sagte, wie sehr sie den Herbst liebe, und daß sie niemals einen so wundervollen Spätherbst erlebt habe. Es war, als hätte sie immer da gelebt, hätte immer die gelbgraue Fläche des Bodensees wogen gesehen, immer die pfauchenden Dampfschiffe still träumend mit den Blicken verfolgt, wäre immer zur Zeit der Dämmerung durch die ruhigen, ja stummen und traurigen Wälder gegangen, wo rote Blätter herabfielen, um einen Teppich für Renates zögernden Fuß zu bilden. Bisweilen ging sie mit Anselm, bisweilen auch allein. Sie ging gern allein, hatte durchaus keine Furcht, auch nicht, wenn es zu dunkeln begann. Dann sah sie auf den See hinunter, dessen Fläche langsam den Glanz verlor, wie eine Spiegelscheibe, die man mit grauen Tüchern verhüllt. Die roten und grünen Dampferlichter schimmerten durchdringend, und an den Hügelwänden echoten die schrillen Schreie der Maschinenpfeifen. Das Schönste waren die Nachmittage im Wald, ob nun die Sonne da war oder nicht. Eine unbändige Lust zu sagen, kam da manchmal über Renate, und sie führte eine innerlich beredte Zwiesprache mit den Dingen der Natur, und Anselm, der ihre plötzliche Lebhaftigkeit nicht verstand, fühlte eine unbestimmte Eifersucht. Sie wollte ihm nicht gestehen, was sie wünschte. Bitten konnte sie nicht und auf Umwegen oder mit halben Andeutungen ein Ziel zu erreichen, verschmähte sie. Auch kam die Angst, Anselm könne gar zu sklavisch gehorchen und bestärkte sie in ihrem Schweigen. Doch wenn sie von der Granegg aus den Weg zur alten Schloßruine wanderte, hörte sie in den Ställen des Grafen Zoest laut ein Füllen wiehern, als sollte es ein Jagdgruß für Renate sein und Erinnerung an vergangene Herbste. Da bekam sie solches Herzklopfen, daß sie kaum weitergehen konnte. Auch nach Constanz gingen sie, der alten Stadt. Aber es gab solches Aufsehen, Fensteraufreißen, Stehenbleiben, Wispern, Mundaufsperren, daß Renate die Lust verlor und es nur am Abend wagte, die Straßen zu betreten. Sie fand es komisch, und vielleicht schmeichelte es ihr ein wenig, auch um Anselms Willen, doch gerade das erweckte ihr zum ersten Mal die Empfindung des Abenteuerlichen, des Sich-auf-der-Flucht-Befindens. Es war ein Stich wie bei der Erinnerung an einen vergessenen Traum: an ihr früheres Leben, jenseits des Wassers, jenseits des Wachens. Zu Hause dann beim Abendthee beugte sich Wanderer herüber, um sie zu küssen, und sie erwiderte seinen Kuß feuriger als sonst. Es lag etwas Schutzsuchendes darin. In der Mitte des November wurde das Wetter trüb. Die Wege blieben beständig nebelnaß, und zum Bootfahren war der See zu erregt. Das Clavierspiel wollte Renate keine rechte Freude mehr machen; mitten im Takt ließ sie oft die Arme sinken und blickte abwesend auf das Notenblatt. Anselm war von der Stadt zurückgekommen und saß im Erkerzimmer gegen den See. Er wollte an seinen Bruder schreiben und machte vergebliche stilistische Versuche, als die plötzliche Stille, das Mittenabbrechen in Renates Spiel ihn stutzig machte. Froh, einen Vorwand zu haben, um aufzustehen, ging er hastig hinüber und fragte sie, weshalb sie aufgehört. Renate fiel eine Veränderung in seinem Gesicht auf, hauptsächlich in den Augen, die etwas übertrieben Beschäftigtes hatten. Unter ihrem aufmerksamen Blick lächelte er und wiederholte seine Frage. »Das Clavier ist verstimmt,« sagte Renate ausweichend. »Ich war in der Stadt,« bemerkte Anselm scheinbar absichtslos. Er ging ruhelos auf und ab. Renate beobachtete jeden seiner Schritte. Sie war gespannt, doch wollte sie nicht mit Fragen zuvorkommen. Sie wußte, wenn es etwas Wichtiges war, würde er es nicht für sich behalten können. Da er aber schwieg und seine Wanderung fortsetzte, ging sie zum Spiegel und löste ihr Haar. Indem sie es mit dem Kamm strahlte, daß es beständig knisterte wie von Funken, beobachtete sie jede Miene Anselms im Spiegel. Sie sah, daß er bei jedem Hin- und jedem Hergehen flüchtig nach ihr hinschielte. Plötzlich gab er sich einen Ruck, griff in die Tasche, nahm eine Zeitung heraus, entfaltete sie mit einer möglichst unbeteiligten Miene und reichte Renate das Blatt, die es mit fragendem Ausdruck ergriff und den Kamm zur Erde fallen ließ. »Daß wir noch nie auf den Gedanken gekommen sind, die Münchener Blätter zu lesen,« sagte Anselm, während er sich nach dem Kamm bückte. Renate runzelte die Stirn und suchte nervös auf den Spalten der Zeitung. Anselm trat neben sie, legte den Arm um ihre Schulter, lehnte seine Wange an die ihre und deutete mit dem Finger auf einen Absatz. Ihre gelösten Haare streiften sein Ohr, und Wärme durchrieselte ihn. Renate las langsam und entzog sich ihm dabei. In üblem Journalistendeutsch hieß es da, daß die vielberedete Skandal-Geschichte nun in ein neues Licht getreten sei. Die betreffende Dame sei nicht allein entflohen, sondern mit einem jungen Manne, der in den Kreisen der Gesellschaft eigentlich ganz unbekannt sei. Eifrige Nachforschungen seien im Zuge. Das hohe Mitglied des Fürstenhauses, das dem unglückseligen Vorfall nah stehe, habe eine tiefe Gemütserschütterung erlitten und weile zur Zeit im Gebirge, um an den Hofjagden teilzunehmen. Renate las zuerst mechanisch weiter über Unglücksfälle, Vereinsnachrichten und Taschendiebstähle, dann ließ sie mit einem bodenlosen Blick das Blatt zur Erde fallen. Unreines kroch an sie heran. Sie wußte, daß Wanderer dastand, und darauf wartete, was sie sagen würde, aber das Wort, das sie sprechen sollte, kam ihr ekel vor. 4. Von da an glaubte Anselm eine Veränderung in Renates Wesen wahrzunehmen. Sie ging öfter nach Constanz hinüber, mit stets wachsendem Abscheu vor dem Aufsehen, das die Leute um sie machten. Doch es war, als wünsche sie sich zu quälen. Sie verschaffte sich alle Nummern der Zeitung, die seit ihrer Flucht erschienen waren und suchte mit verächtlicher Miene, doch gierig jedes kleinste Wort, das im Zusammenhang mit ihrer Person stehen konnte. Sie blickte oft lange auf den See, als erwarte sie, ein Schiff käme, sie zu rauben. Es gab Stunden, wo eine beständige Anstrengung des Laufens ihre Züge doppelt wach erscheinen ließ. Am Abend schrak sie vor ihrem Schatten zusammen, und wenn Wanderer sie mit allgemeinen Worten beruhigen wollte, argwöhnte sie Gefahr, weil er so sprach. Es waren lauter milde Tage in dieser Zeit, aber mit trübem Himmel; kaum daß die Sonne eine halbe Stunde lang ein messing-gelbes Licht auf die Landschaft warf. »Könnt es nicht auch schönes Wetter sein?« sagte Renate, willens, einen Scherz zu machen. »Es ist wahr,« erwiderte Anselm, der im Zimmer herumging und mit den Fingern knipste. In der Zerstreutheit versäumte er es, darauf einzugehen wie auf einen Scherz. Renate folgte ihm lange aufmerksam mit den Augen; endlich sagte sie klagend: »Du machst mich ganz nervös.« Er hörte auf zu gehen, stellte sich neben sie, nahm ihre Hand und streichelte sie. »Hast Du einen Wunsch, Renate?« fragte er leise und beugte sich über die Lehne des Sessels, daß er den Geruch ihres Haares einatmen konnte. Rasch und erstaunt blickte sie auf. Der Unsichere Ausdruck seiner Augen erfüllte sie eine Sekunde lang mit einem ziellosen Groll, und sie antwortete nicht. Sie entwand ihm nur ihre Hand. »Du weißt doch, was ich meine, Renate,« fuhr er fort, widerspenstige Haare aus ihrer Stirn streichend. »Ach geh,« erwiderte Renate. »Du weißt doch, ich kann das nicht leiden. Ich kann Dir ja gar nicht sagen, wie mir ist, wenn Du damit kommst. Es ist so entwürdigend.« »Aber ich habe Sorge. Du wirst so wortkarg, Renate. Du willst mir nichts anvertrauen von dem, was Dich drückt. Früher war nicht ein Schatten auf Deiner Stirn. Jetzt sind Schatten da.« Renate schüttelte den Kopf. »Früher! Du sprichst wie von zehn Jahren. Ich kenn' Dich ja noch gar nicht, und Du kennst mich nicht.« Anselm erschrak und richtete sich auf. Renate nahm begütigend seine Hand. »Heiraten,« sagte sie und blickte auf den Boden, als läse sie dort die Worte, »mir ist, als würde dadurch alles zerstört. Wenn Du meiner so sicher wirst, scheint Dir kein Kuß mehr der Mühe wert und mir vielleicht auch nicht. Dann wird alles, was wir gethan haben, eine kindische Geschichte. Daß Du das nicht verstehst, Anselm. Ich glaube, Du verstehst mich halt nicht.« Sie schwieg mit einem halben Lächeln, das viel beredter war, als ihre Zunge. Anselm blickte durstig auf die weichen Lippen, die sich von ihm wandten, als fühlten sie seine Wünsche. Zornig seufzend nahm er mit beiden Händen ihren Kopf bei den Schläfen, drückte ihn rückwärts und küßte die Widerstandslose auf den Mund. Renate blieb ohne Regung unter seinem Kuß und hatte die Hände im Schoß gefaltet. Er fühlte es, wie der schwere Gang ihrer prüfenden Gedanken stockte und die Besorgnis von ihr wich. Wie erschütterten ihn ihre unerfahrenen Küsse, ihre müd geschlossenen Augen, ihre Lautlosigkeit, ihr bebender Körper! Wenn sie dann die Augen aufschlug, war immer etwas Forschendes, angstvoll Forschendes darin, als fürchte sie, daß er lachen könne. Es klopfte an die Thüre, Winiwaaks schüchternes Pochen. Mit umständlichen Gebärden schob er sich herein und berichtete, heute früh, da er auf dem See draußen gewesen, sei ein Mann gekommen und habe mit seiner Tochter Marianne gesprochen, habe sich erkundigt, wer hier wohne, und wie lang die gnädige Frau schon hier sei. Marianne habe sich aber auf nichts eingelassen, sondern den Fremden an den gnädigen Herrn selbst gewiesen. »Recht so,« sagte Anselm erregt und fing wieder an, auf und ab zu gehen. »Nun, – und? Will er kommen?« »Wer war es denn? Wie sah er aus?« verhörte Renate mit weitgeöffneten Augen. Aber Winiwaak wußte nichts und Marianne war gerade in der Stadt. Sein Benehmen zeigte plump, daß er wohl verstehe, hier gebe es ein Geheimnis zu bewahren. Anselm, um die Sache nicht wichtig erscheinen zu lassen, gab Winiwaak Verhaltungsmaßregeln für den Hund, der gestern von der Züchterei gekommen war. Er fragte, ob es ein verläßliches Tier sei, und nahm den Hut, um nachzuschauen, was Angelus treibe, – so hieß der Hund. »Eigentlich ein dummer Name: Angelus. Findest Du nicht, Renate?« sagte er, als Winiwaak gegangen war. »Ein überflüssiger Name. Ein Hund kann Sixtus heißen oder Theodor oder Schnapp, – aber Angelus...« Er wollte sie zum Lachen bringen, doch sie verzog keine Miene. Sie fand ihn ein wenig abgeschmackt, wenn er Witze machte. Seinen Mißerfolg erkennend, fügte er rasch hinzu: »Wir müssen reisen, Renate, willst Du?« Wir müssen reisen, Renate, willst Du! Das verstand sie nicht. Entweder man mußte oder man wollte etwas. Sie schüttelte den Kopf. Ich habe da was angestellt, dachte Wanderer und wurde unsicher. Schließlich fragte er, ob sie zu Hause bleibe; es werde wahrscheinlich regnen. Ja, sie bleibe zu Hause, sie wolle lesen. Er seinerseits gehe nach Constanz hinüber, um Hundefutter zu kaufen. Eine vortreffliche Quelle sei ihm empfohlen worden. »Geh nur,« sagte Renate, »ich bin gern ein wenig allein. Aber Du mußt mir Zeitungen mitbringen.« »Zeitungen? Wirklich?« Er war froh, daß sie einen Wunsch äußerte. Er zündete sich eine Cigarre an, mit einer Behäbigkeit, der sie Bewegung für Bewegung folgte. »Ich möchte wissen, wer das gewesen ist, der Frager da,« murmelte er schmauchend. »Irgend so ein Müßiggänger jedenfalls.« Bevor er ging, wollte er sie küssen, aber scherzhaft gähnend wehrte sie ab. Er stutzte. »Wenn Du rauchst, mag ich Dich nicht,« sagte sie mit heiter glänzenden Augen. Er lachte und ging, ein italienisches Lied trällernd. Seltsam, dachte Renate, daß ich hier sitze, Tag aus, Tag ein, statt durch die Welt zu fahren und alles Schöne zu bewundern, wovon ich gelesen. Es fing schon an zu dämmern; sie schlug den Regenmantel um und verließ das Haus. Im Garten stand Marianne und knixte, wie es Renate schien, ein wenig vertraulicher als sonst. Deshalb gab sie es auf, das Mädchen anzusprechen und zu fragen, wie sie anfänglich gewollt. »Ich gehe ein wenig in den Wald hinüber,« rief sie freundlich und schlug das Thor zu. Ruhig zogen die Wellen des Sees ans Ufer, ein gleichmäßiges Atmen. Das düstere Rot des Himmels spiegelte sich im Wasser mit zerbrochenen Streifen. Rein schimmerte der Kies des Wegs und klirrte unter Renates Tritten. Als sie den Wald betrat, verstummten viele Geräusche mit einem Mal und beängstigend. Hier dunkelte es schon, aber da sie den selben Weg oft und zu allen Tageszeiten gegangen, wollte sie jetzt nicht feig sein. Die Wege waren ihr bekannt; sie wußte, dorthin ging es zum Gipfel, dorthin an die Seestation, dorthin in den tiefen Wald. Sie wandte sich zum tiefen Wald, wie aus Trotz. Gleich schimmernden Pokalen blitzte das ferne Rot durch die Baumzwischenreihen, und der Forst war finster wie der Mund einer Höhle. Sie hörte neben sich ein Rascheln. Mit einem leisen Schrei blieb sie stehen. Peter Graumann stand vor ihr, sich höflich verneigend und den Calabreser lüpfend. 5. Wie er so dastand, sein Gesicht zu einem devoten Grinsen verziehend, das zugleich ebensogut Schadenfreude und Spott bedeuten konnte, die Stirn ein wenig gerötet im Reflex der Abendfarben und die übrige, hündisch gebückte Gestalt im Dunkel der Walddämmerung vergraben, hatte Renate eine Empfindung, als sei er dem Erdboden entstiegen, und ein Grauen überfiel sie. Schweigend wandte sie sich, zur Villa zurückzukehren. »Gnädige Frau, ich habe Sie erschreckt, ich bitte sehr um Verzeihung. Gestatten Sie, daß ich mich vorstelle.« Und er nannte seinen Namen. Es war eine tiefsonore Stimme, die Renate mit seltsamer Gewalt am Weitergehen hinderte, fast wie ein Befehl. Jedes Wort war deutlich, in sich selbst pointiert wie bei einem Schauspieler; das R war ein Gaumenlaut und langgedehnt, es war der Träger der respektvollen Bestimmtheit, die in der Stimme lag. »Sie verfolgen mich,« erwiderte Renate unwillig und herrisch, herrischer als sie wollte. Sie verbarg ihre Furcht und ihren Schrecken damit. »Ich bin gänzlich unschuldig,« sagte Peter Graumann mit übertriebener Bestürzung. »Es ist wahr, damals als ich Sie zuerst auf dem Schiff sah, wünschte ich, Ihnen folgen zu können wie ein Hund. Denn es ist angenehmer, ein Hund zu sein, als ein Mensch wie ich. Doch ich habe resigniert. Feig genug, aber ich habe resigniert.« »Sie haben heute Vormittag im Garten nachgeforscht,« entgegnete Renate herb, fast erleichtert durch diesen Gedanken. Doch war es unwahrscheinlich, daß Winiwaak den Gegenstand seines besonderen Hasses unerwähnt gelassen hätte. Graumann beteuerte seine Unschuld mit einer pathetischen Uebertreibung, die wie Ironie wirkte, und Renate mußte sich entschuldigen. »Warum sind Sie mißtrauisch, gnädige Frau?« fuhr Graumann fort, als ob er unglücklich wäre über ein solches Mißtrauen. »Sie haben keinen Grund dazu. Es war mein Schicksal, daß ich Sie treffen mußte, und es war das Ihre, das Sie heute Abend in den Wald geführt hat. Und wenn es nur diese Viertelstunde ist, für mich ist sie wie ein Flammenzeichen. Ich bin herumgegangen, habe gewartet, habe gewußt: heute wird es sein.« Er schwieg und trocknete mit dem Taschentuch die Stirn. Renate hatte nie ein so vollendet artikuliertes Deutsch reden hören. Das fiel ihr zunächst auf. Damit aber wuchs eine Unruhe in ihr, deren sie sich nicht erwehren konnte, die ihre Gedanken lähmte und ihre Lippen verschloß. »Und warum mußte es sein?« begann Peter Graumann wieder mit seiner vollen, unerbittlichen Stimme. »Weil es von Anfang meines Daseins der feste und mir unbekannte Entschluß meines ganzen Wesens war, Sie zu finden. Ich bin nicht von Gefühlen blind, wenn ich das sage, glauben Sie das nicht. Aber wenn Sie mir entrinnen wollten, das wäre gerade so wie wenn der Mond der Erde entlaufen wollte, die ihn hält. Glauben Sie mir das.« Renate atmete hastiger, ging schneller, Furcht stieg ihr wie ein Rausch zu Kopf. Bald war der Waldrand erreicht, und sie stockte, wie durch eine Schranke gehalten, vor dem Bild der Landschaft. Ueber dem Südöstlichen Himmel lag der Schimmer des Mondes. Leichte Wolken waren vorn zusammengeweht wie der Staub, der sich über einer fernen Reiterschar erhebt. Dann schienen dunkle Florstreifen sich von der Staubwolke zum Himmel emporzuheben, als ob sie vom Mond kämen. Höher hinauf wurden sie zu glitzerndem Silberflor. Unfern lag die Villa mit dem Dach in leichter Mondglut. Renate schämte sich ihrer Befürchtungen und ging langsamer. Kühn blickte sie zur Seite und sah ihren Begleiter prüfend an. Seine abenteuerliche und zweifelhafte Eleganz reizte ihre Lachlust, und sie fragte spöttisch: »Frieren Sie denn nicht im Sommerrock?« Peter Graumann verzögerte seinen Schritt und sagte dann bedächtig wie zu sich selbst: »Ich habe mich doch elend getäuscht. Ich bitte Sie um Verzeihung, aber ich war in dem Wahn, Sie könnten begreifen. Was ich gethan und gefragt habe, ist wahrscheinlich in Ihren Augen ein Verbrechen. Gut, sei es ein Verbrechen. Mein tausend und erstes. Die andern tausend sind nämlich auch von der Art. Oder noch schlimmer. Die bürgerliche Welt ist undurchdringlich. Ich mache mich zum Wächter, und wachsam bleib' ich vor den verschlossenen Thüren liegen.« »Aber was wollen Sie denn von mir!« rief Renate unruhig. »Ich habe hier ein kleines Notizbuch, gnädige Frau. Da ich seinen Inhalt auswendig kenne, brauche ich kein Licht, um es zu lesen. Elisabeth Körner, zu Grund gegangen, Margret Holmsen, zu Grund gegangen. Anna Malling, zu Grund gegangen. Sabine Hallander, zu Grund gegangen. Edith von Saar, zu Grund gegangen. Elwine Simon ...« »Elwine Simon?« flüsterte Renate nach. »Was soll das alles heißen?« »An einer einzigen Krankheit: unnütz vergeudete Liebe. Nicht unglückliche Liebe, durchaus nicht, davon wird man in den meisten Fällen gesund. Aber wenn ein Dichter alles, was er fühlt und ist und kann mit einem einzigen Gedicht in den Sand schreibt, weil er weder Feder noch Papier hat, und der Wind kommt und verweht die ganze Geschichte, – unwiederbringlich, das ist es, was ich meine. Unwiederbringlich! Einer, der sein ganzes Vermögen einem schlechten Schiff anvertraut. Das ist es. Und alle diese Frauen haben keine Ohren. Schweigend gehen sie dahin und tragen, tragen. Und wenn man sie in der Dunkelheit anspricht, laufen sie davon, rufen den bürgerlichen Anstand zu Hilfe. Kiesewetter, den Nachtwächter. Zu wählen verstehen, das ist alles im Leben.« Beide standen jetzt auf dem niedern Gipfel. Unten lag die Wanderer-Villa, und Winiwaaks rauhe Stimme schallte herauf. Auf dem See pfiff der Bregenzer Dampfer, schrill und dumpf. Bleich sah Renate hinaus. Der Calabreser auf dem Haupt des Ziegenbärtigen erschien ihr nicht mehr komisch, bekam mehr und mehr etwas Grauenhaftes. »Ich verstehe nichts davon,« sagte sie achselzuckend. Graumann zog den Mund breit und grinste faunisch. »Eine Handbewegung sagt mir mehr als eine Lebensgeschichte. Für Männer habe ich eine ganz besondere Stärke. Das ganze Möblement von Männlichkeiten taxiere ich besser als ein Gerichtsvollzieher.« Er verbeugte sich tief, mit grimassenhafter Höflichkeit und stapfte über den Rain davon. Im Garten unten rief Wanderers ängstliche Stimme: »Renate, Renate!« Sie antwortete nicht und stieg nachlässig hinab. Achtes Kapitel 1. Für Renate war das Alles wie ein Fiebertraum gewesen. Als sie vor dem Thorgitter ankam, stand Wanderer da, der in Pausen von halben Minuten nach ihr rief. Er hatte den Hund Angelus an der Seite, der ungeduldig schnupperte, und als Renate sichtbar wurde, vor Freude zu heulen begann. Dabei hatte sie das Tier erst einmal gesehen und ihm Futter gebracht. Jetzt fühlte sie sich sicher, und heiter rief sie Angelus Namen, denn der Hund umkreiste sie unablässig und scharrte die Erde mit den Vorderpfoten. Sie gab Wanderer, der sie stumm und besorgt fragend ansah, die Hand und küßte ihn rasch auf den Mund, als wollte sie ihn bitten, nicht nachzuforschen. Und es war so, daß er alles vergaß über diesem flüchtigen Kuß. Aber als sie beide den matterhellten Corridor entlang gingen, wo verblaßte Landschaftsbilder hingen, stand sie einen Augenblick still und wie verzweifelt dachte sie: eine Lüge. Zum zweiten Mal. Doch sie konnte es Anselm nicht erzählen. Nicht nur, daß eine tiefe Scheu sie daran hinderte, die Bilder und Erinnerungen der vergangenen Stunde wieder zu beschwören, sondern sie fand sich auch in einem Punkte tief schuldig. Deshalb hatte sie Anselm geküßt, und dieser Kuß wollte sagen: ich habe zu wählen verstanden, Peter Graumann. Anselm sprach jetzt, und erschrocken blickte Renate empor, indem sie weiter gingen und das Eßzimmer betraten. Eben jener Name war es, den er ausgesprochen. »Weißt Du, was es mit diesem Graumann auf sich hat? Du erinnerst Dich doch, Renate? Sehr interessant. Er soll ein Anarchist sein, wenigstens theoretisch, den man ausgewiesen hat, und der sich nun, wie ein Raubtier auf der Lauer, an der Schweizergrenze aufhält.« »Woher weißt Du denn das?« fragte Renate tonlos und ging zum Ofen, um sich zu wärmen. Sie öffnete das Eisenthürchen und hielt die Hände vor die Glut. »Ach ...so; man erfährt es eben. Wie kannst Du so lang draußen bleiben, Renate! Du bist ja ganz blau vor Kälte. Ach Du Einzige, was Du nur immer treibst.« Er beugte sich herab und drückte leidenschaftlich ihre Hand an die Lippen. »Hast Du mir die Zeitungen mitgebracht, Anselm?« Komisch bestürzt schlug er die Hände zusammen. Das hatte er nun vergessen. »Ja, wo warst Du denn so lange?« »Im Clubhaus.« »Im –? Giebt es denn das in Constanz? Und was hast Du denn da gemacht?« »Gespielt, Renate.« Er stand am Fenster, ihr abgewandt. Sie schwieg. Sie schloß die Augen und sah ihn am Kartentisch sitzen, in trockener Behaglichkeit, wie ein Mann, der seiner Sache sicher ist. Macht Dir denn das Freude, Anselm? glaubte sie zu fragen. Aber die Worte tönten nur innerlich. Dann saßen sie beim Essen, und Wanderer plauderte. Er hatte eine Art Charmeur in sich entdeckt. »Du hast ja die alte Stadt gar noch nie genau angesehen, Renate. Wir müssen einmal die alten Winkel und Straßen, die alten Häuser aufsuchen. Das Haus z. B., wo Huß gefangen war, den sie verbrannt haben, und die entzückenden stillen Plätze, wo nie ein Mensch geht, wie der Kirchenplatz. Und alte Paläste giebt es, da mußt Du staunen; daß sind Geschichtsbücher.« »Ich mag Geschichtsbücher gar nicht.« »Aber Geschichtenbücher, was?« Auf einmal ertönte im Hausflur ein Hin und Her von Stimmen, die immer lauter wurden. Die eine Stimme war die Winiwaaks, die andre war eine fremde. Renate erhob sich rasch. Sie zitterte und blickte nach der Thüre. Jetzt begann auch Angelus zu bellen, und zwar voll Heftigkeit und Ingrimm, aber es näherten sich rasche Schritte; die Thür ging auf, und ein Mann trat auf die Schwelle, den Wanderer nicht kannte. Er war schlank und hatte etwas unaufdringlich Vornehmes. Sein blonder Bart, im Viereck geschnitten, rahmte ein fein geformtes Gesicht ein, dem die Jahre kein fest erkennbares Merkmal hinterlassen hatten. Er blieb unbeweglich stehen, den sehr erregten Winiwaak hinter sich, und blickte starr auf Renate, nachdem er den Zwicker von der Nase genommen hatte. Renate blieb wie aus Stein, bleich wie ein Hemd. Der Fremde trat ein, schloß die Thür vor Winiwaak, der zu Wanderer hin schnell noch bedauernd die Achsel zuckte, und legte den Hut mit einer kurzen, fast gedrückten Verbeugung auf einen Stuhl. »Du wirst sehr erstaunt sein, mich zu sehen, Renate,« sagte er, sichtlich bemüht, Höflichkeit und Ruhe zu bewahren. »Aber einmal mußte ich noch mit Dir sprechen. Es giebt da Einiges, das gesagt werden muß, so frei und selbständig Du Dich auch wähnst. Ich denke also, Du hörst mich an.« Seine Stirn rötete sich, aber es war deutlich, daß er gewaltsam kämpfte, eine längst vorgefaßte Ueberlegenheit und Klarheit nicht zu verlieren. »Du kannst alles sagen, Vater,« erwiderte Renate mit mühsamen Worten, tiefaufatmend. Sie machte eine ebenso mühselige, aber beredte Geberde, die alles enthielt, was an Erklärungen betreffs Wanderer notwendig erscheinen mochte. »Es ist gar nichts zu sagen,« erklärte der Fabrikant, indem er die Hände glatt zusammenschlug und dann ein Stück Papier aus der Brusttasche zog. Er suchte sich den Anschein eines fast advokatisch kühlen Wesens zu geben, doch sah es Renate, daß seine Hände zitterten, als er das Papier entfaltete. »Nur ein paar Worte hast Du uns hinterlassen,« begann Herr Fuchs wieder. »Wir fanden den Wisch erst viel später; der Wind hatte ihn unter den Schrank geweht, und Deine Mutter fand ihn zufällig, als sie eines Tages in Deinem Zimmer aus einer Ohnmacht erwachte. Du hast es für gut befunden, uns mit einigen Worten ...nun höre selbst: ich folge einem Mann in freier Wahl, durch keinen Zwang gefesselt. Verzeiht und laßt mich ziehn. Laßt mich mein Schicksal finden, und wenn ich unglücklich werden sollte, laßt es mich auf eigene Faust werden. Viele Grüße und behaltet mich im Andenken.« Es war Renate kaum möglich, sich aufrecht zu erhalten. Was sie so ergriff, war die Art, wie ihr Vater die wenigen Zeilen vorlas. Das Blatt dicht vor den Augen, buchstabierte er wie ein des Lesens Ungeübter, und seine geröteten Augenlider schlossen sich angestrengt, wenn ein Satz zu Ende war. Außerdem erinnerte sie sich an viele Stunden, wo sie ihren Vater lustig und ausgelassen gesehen hatte, besonders nach einem guten Diner, wo seine sorglose Aufgeräumtheit immer etwas Hinreißendes besessen hatte. »Ich nehme aber an, Renate, daß es nur eine romantische Schrulle gewesen ist, was da steht von keinem Zwang. Das wollt ich Dich nur fragen, deswegen bin ich hier, hab Tag und Nacht nicht geruht, zu erfahren wo Du bist, wenn es auch leichter ging, als wir einmal wußten, wen Du erwählt hast. Also das hab ich angenommen und frag Dich jetzt, ob Du in Ehren so lebst, wie Du jetzt lebst, und ob ich vor der Welt sagen kann, daß Du meine Tochter bist.« Die richterliche Härte in der Haltung ihres Vaters machte Renate krampfhaft aufmerksam und schärfte schmerzlich ihre Sinne. Ihre Ergebenheit wurde zu Trotz, ihre Weichheit erstarrte, es schien ihr, als wolle man sie in ein Gefängnis zurückschleppen. Ein wildes, ein freies Sicheinsfühlen mit Anselm erwachte plötzlich in ihr und gab ihr die stürmischen Worte: »Es ist wie es ist, Vater. So will ich leben und wollt ich leben. Frei wie Du's nennst, anständig wie ich's. Wachen und leben will ich jeden Tag, und nicht in einer Gewohnheitsliebe innerlich sterben. Keine Sicherheit ist mir dafür gut genug, nur ein Sarg.« Einige Minuten blieb es still im Zimmer, und Renate verharrte in tiefem Staunen über ihre eigenen Worte. Der Fabrikant nahm seinen Hut, schaute mit leeren Augen umher, zog mechanisch die Uhr und sagte, anfangs stotternd: »Es ist gut. Sehr gut, daß ich's weiß. Schlecht für Deine Mutter, schlecht für uns alle. Ich verfluche Dich, Renate, ja, ich verfluche Dich und hoffe, daß Du einst als Bettlerin armselig vor meiner Thür winselst.« Ein schwacher Aufschrei Renates, das Zuschlagen der Thüre, schwere Schritte, die sich entfernten, das Branden des Sees, das leise Rauschen der Gasflamme ... Renate weinte lautlos. Anselm ging auf und ab, knipsend wie gewöhnlich, ziemlich ärgerlich, daß er bei dem ganzen Auftritt so wenig in Frage gekommen war. »Verfluchen, haha,« murmelte er. »Wie in einem Küchenroman.« Er lächelte schief. »Komm sei gut, Liebste, nicht weinen. Wozu denn. Dein alter Herr hätte sich diese effektvolle Szene wahrhaftig sparen können. Du hättest ihm auch solche Sachen nicht gerade ins Gesicht schleudern brauchen. Das hat keinen Zweck. Du hättest ihm ruhig sagen können, es ist so wie er will. Wenn es auch nicht so ist. Früher oder später müssen wir ja doch den Leuten den Willen thun. Sie sind am Ruder. Du denkst eben zu hoch von der Welt. Schau Renate, angenommen, ich wäre ein kalter Spekulant und ließe Dich nun im Stich und liebte Dich nicht so toll –« Er hatte lustig weiter geredet mit dem Bewußtsein der Ueberlegene in einer verwickelten Situation zu sein. Er hatte nicht bemerkt, daß Renate aufgehört hatte, zu weinen und ungläubig entsetzt zuhörte. Erst ihr eisig lebloses Gesicht und die zusammengebissenen Zähne ließen ihn stocken. 2. Als Renate am anderen Morgen erwachte, schlief Anselm noch. Sie erhob sich ein wenig und stützte den Kopf auf den Arm. Nachdenklich betrachtete sie sein gerötetes und von Träumen erregtes Gesicht mit den hereinfallenden, schlaffeuchten Haaren und den dicken Lippen. Dann blickte sie gegen das Fenster, das nicht behangen war, weil nichts hereinschaute als der graue Himmel und ferne, dunstige Waldzüge. Plötzlich wachte Anselm auf, und sein Blick fiel auf Renate. »Was hast Du?« fragte er, sogleich vollkommen klar. Renate lächelte und strich ihm mit der freien Hand die Haare aus der Stirn. Er zog sie an sich, doch da sie seufzte und flüchtig forschend zu ihm emporsah aus den Kissen, wiederholte er seine Frage. Renate schaute in den Himmel hinaus und flüsterte: »Du bist so erfahren.« Errötend ergriff sie seine Hand und preßte sie fest. Das Verlangen, jetzt sein Gesicht zu sehen, brannte in ihr, jedoch sie wagte es nicht. »Aber das konntest Du Dir doch denken,« erwiderte Anselm beschwichtigend. Sie machte eine rasche Bewegung und wandte ihm das Gesicht zu, als habe sie nicht gut verstanden. »Aber Anselm, Du sagtest doch damals erinnerst Du Dich nicht? Erinnerst Du Dich nicht an jenen Abend bei uns, wo wir am Kamin gesessen sind, beide, und Du hast mir gesagt –?« »Ja, Renate. Ich habe Dir gesagt, daß ich von Liebe nichts weiß.« Renate schwieg einige Augenblicke, als wolle sie jedes seiner Worte sorgsam abwägen, dann sagte sie kalt und mit innerem Widerstreben: »Das ist also nicht dasselbe, Anselm?« Sie legte beide Hände schlaff auf die Decke, – eine enttäuschungsreiche Geberde. Jetzt sah sie viel deutlicher als da sie es vor sich gehabt, das von Zorn überwältigte Gesicht ihres Vaters. Anselm vermied es, davon zu sprechen. Den Vormittag über unterhielten sie sich über Reisepläne, denn in der ersten Hälfte des Januar wollten sie nach dem Süden, nach Italien, nach Griechenland, sogar ins Kleinasiatische hinüber. Renate wünschte sehr, das zu sehen, wovon sie märchengläubig in namenlosen Büchern gelesen. Anselm vermied es auch, über das zu reden, was ihm seit dem letzten Abend doppelt nah am Herzen lag. Freiheit war für ihn ein leeres Wort; wer den Zwang nicht kennt, weiß nichts von Freiheit. Und die Freiheit, die Renate meinte, schien ihm gleichbedeutend mit Unsicherheit, so lange er sie, wie jetzt, mit seinem ganzen Leben liebte und noch im Traum ihr Bild erglühen sah. So war es doch mehr die selbstsüchtige Ruhe behaglichen Besitzes, die er herbeisehnte, als der Wunsch, vor Welt und Gesellschaft nicht unterschieden durch eine gebrandmarkte Ungewöhnlichkeit zu sein. Seinen Willen herrisch durchzusetzen, dazu war er zu schwach, fürchtete auch, ihre Illusionen über seine Person zu verwunden. Deshalb suchte er alles mit einem undurchdringlichen Mantel von Zärtlichkeiten zu bedecken, der sie am Sehen hindern sollte, jedoch ihn selbst kurzsichtig machte für das, was in ihrem Innern vorging. Er mietete einen eleganten Kutschierwagen, damit sie ausfahren könne; er abonnierte auf Mode-Journale und bestellte teure Toiletten aus Paris. Er ließ wertvolle Kunstgegenstände kommen, um damit das Haus zu schmücken und gab unbedenklich große Summen hin für Dinge, an denen sie einmal flüchtig ihr Gefallen geäußert hatte. Er bestellte Staffelei, Rahmen, Leinwand und Farben, aber es zeigte sich, daß Renate die Lust am Malen verloren hatte. Als sie zum ersten Mal wieder Pinsel und Palette in der Hand hielt, um vom Fenster aus ein Stück Seewinkel mit dem Waldrand zu skizzieren, überfiel sie ein eigentümlicher Widerwillen dagegen. Auch der neue Flügel, den Anselm aus Wien hatte schicken lassen, hatte keine Töne mehr für sie. Sie liebte es, stundenlang müßig zu sein, las Romane und neigte am meisten zu den Büchern, in denen ein Frauenschicksal geschildert wurde, in welchen Farben, mit welcher Kraft immer: es fesselte sie. Unter andern fiel ihr auch ein Buch mit dem Titel: »Unwiederbringlich« in die Hände. Sie las es gespannt, jedoch am Schluß fand sie sich enttäuscht. Sie sprach mit Anselm darüber, doch er fand, daß es ein gutes Buch sei, von einer guten Hand. Er drückte sich affektiert aus, Gott weiß, weshalb. Dann teilte er Renate mit, daß er heute im Clubhaus Graumann kennen gelernt habe, der von einer seiner geheimnisvollen Reisen zurückgekehrt sei. Renate erschrak, aber sie stellte sich, als höre sie nur achtlos zu. Sie zuckte gleichgültig die Achseln, verließ das Zimmer. In dem kleinen Gemach des ersten Stockwerks, das sie für sich eingerichtet hatte, setzte sie sich an den Schreibtisch, kritzelte mit der Feder, sah in die Landschaft, nahm ein Buch zur Hand, eine illustrierte Zeitschrift, fand aber keine Ruhe. Sie hörte Anselm das Haus verlassen, trat ans Fenster, verbarg sich hinter der roten Gardine und blickte ihm nach, bis der Weg sich vom See abkrümmte. Dann verließ sie das Zimmer wieder, weil sie drunten Klavier spielen wollte. Noch auf der Treppe blieb sie betroffen stehen. Wüstes Durcheinander-Schreien klang herauf: eine weinende Stimme, eine schrille, keifende, eine tiefe wilde, eine beschwichtigende und schließlich das übliche Gebell von Angelus. Rasch eilte Renate hinab und sah, etwas undeutlich durch die Dämmerung, Winiwaak mit einem knorrigen Stock auf seine Tochter schlagen, daß er schwitzte, während die Mutter mit geballten Fäusten alle Schläge billigend unterstützte. Kiesewetter, der Nachtwächter, der offenbar als Besuch anwesend war, trachtete bald den einen, bald die andre zu beruhigen. Als Renate im Flur stand und erschreckt, unwillig und furchtsam keinen Schritt weiter ging, wurde es still. Alle sahen nach ihr hin. Sogar Angelus hörte auf zu bellen, obwohl es ihm viel Vergnügen zu bereiten schien; er tappte freundlich wedelnd um die Herrin herum und knurrte, als Marianne Winiwaak auf den Knieen zu Renate herankroch und wimmernd ihren Kleidsaum nahm. Renate schauerte zusammen und trat zurück. All das ging auf dem Teil des Flurs vor sich, an dem die Winiwaaks wohnten. Die Alte war in ängstlicher Dienstbeflissenheit bemüht, Licht zu machen; Kiesewetter stand barhaupt und andächtig wie in der Kirche, Winiwaak starrte verstört die Wand an. Renate fragte, was es denn sei, obwohl sie ahnte, was man ihr antworten würde. Sie hätte ein Stück ihres Lebens hingegeben, wenn die Antwort jetzt nicht erfolgt wäre. »Das Luder hat sich mit eme' Kerl eingelasse,« grollte Winiwaak düster. Er trat näher, erhob den Stock, und das Mädchen kuschte tierisch zusammen. Kiesewetter mischte sich drein, mit überredender Nachsicht und bedeutender Weltkenntnis. Er wollte die Gelegenheit nicht entschlüpfen lassen, ohne seine wahrhaft humane Gesinnung zu äußern. Angelus begann erbittert zu bellen, so daß des Nachtwächters Trost- und Friedensbotschaft ungehört verhallte. Es erwies sich, daß Kiesewetter für Angelus ein Gegenstand teuflischen Hasses war. Im Innern wie gelähmt von diesen Vorgängen, richtete Renate das junge Mädchen liebreich auf, nahm ihr Taschentuch und trocknete das thränen-nasse Gesicht. Ohne weiteren Anlaß begann die Alte erbärmlich zu heulen, und Winiwaak versuchte sich in einem seiner bewährten Bücklinge. »So lieb, so gut,« stammelte das verprügelte junge Ding mit geschlossenen Augen. Renate verließ den Flur, nachdem sie Winiwaak gebeten, seine Tochter zu schonen. Gedankenvoll ging sie im Zimmer auf und ab, vergaß Licht zu machen oder zu bestellen, setzte sich im Dunkeln ans Clavier und spielte vor sich hin. So saß sie noch, als Anselm kam und erstaunt die Hände zusammenschlug, da er sie im Finstern fand. »Ich bringe einen Gast, Renate!« rief er belebt, zündete rasch die Flammen an, und Renate sah Peter Graumann in devoter Höflichkeit auf sich zukommen. Er küßte die Hand, die sie ihm mechanisch gereicht und gab durch nichts die Möglichkeit einer früheren Begegnung zu erkennen. Infolgedessen kam mühelos ein Gespräch in Fluß, und Renate, mit einer Findigkeit in Worten, die ihr unbegreiflich schien, erzählte den Aufhorchenden, was bei Winiwaaks vorgefallen war. Anselm sagte, das sei schändlich, ohne sich näher zu erklären, Graumann zog nur die Mundwinkel auseinander, strich mehrmals mit der flachen Hand die Haare vom Hinterkopf nach vorn und schnappte wie ein Fisch. Anselm wurde verlegen und bat Renate, sie solle etwas spielen. Sie drehte sich lächelnd um, klappte den Deckel auf und spielte, wie in einer Unterrichtsstunde, Schumanns »erster Verlust.« 3. Das Nachtmahl war vorüber. Peter Graumann nahm eine wissenschaftliche Miene an und sagte mit der scharfen Deutlichkeit seiner Stimme: »In den untern Volksklassen, wo man noch dem nackten Instinkt folgt, herrscht eigentlich ein viel größerer Wille zum Glück.« »Wille zum Glück?« fragte Renate. »Jawohl, Wille zum Glück nenne ich nämlich das Vergessen aller Vorurteile, welche über unser sinnliches Leben so verbreitet sind wie die Phrasen im Buchdeutsch.« »Sie haben Recht,« bemerkte Wanderer. »Diese Menschen wagen noch zu handeln.« »Ja! Ja!« bekräftigte Graumann mit seinem seltsamen, sarkastischen Pathos. »Und es ist klar, daß die Wahrscheinlichkeit so zu handeln geringer werden muß, je höher wir in den Ständen steigen. Eine Aristokratin, die dem Beispiel des Fräulein Winiwaak folgen würde, müßte unfehlbar zu Grunde gehn.« »Warum müßte sie zu Grunde gehn?« fragte Renate erblassend. Graumann schaute mit blitzartigem, cynischem Grinsen zur Seite. Etwas Flackerndes, Ungreifbares lag darin. »Dem entarteten, oder wenn Sie wollen, dem verfeinerten Körper ist es unmöglich, ein sinnlich gesundes Leben zu führen. Und darum handelt es sich. Zunächst um den Bankerott der sogenannten Illusionen. Das ist klar: wer einmal den anämischen Idealen der Gesellschaft den Rücken gekehrt hat, den verstößt sie in ewige Nacht. Selbsterhaltungstrieb. Ich kann mir ein Weib denken, das mit einem richtigen Instinkt begabt, das Opfer ihrer sozialen Stellung brächte, – aus dem dunklen Trieb, sich, wie soll ich sagen, sich auszuleben. Aber sie müßte ersticken und erblinden. Die Welt wäre licht- und luftlos für sie, und da die Thore, die sie verlassen, auf ewig gesperrt sind, müßte sie ihr Instinkt, man kann es auch Sehnsucht nennen, immer tiefer treiben. Und geraubte Illusionen lassen sich bekanntlich nicht durch Lebenskraft ersetzen. Ich kenne viele derartige Beispiele, und es war immer dieselbe Geschichte. Christliche Demut und Selbstvergessenheit ringen da mit der Unbefriedigtheit von Generationen. Das ist wunderbares Material für einen kommenden Religionsstifter: diese Frauen, die müde sind vom Warten auf Begeisterung. Aber ich denke, wir brechen das Thema ab. Gnädige Frau, bitte, spielen Sie doch noch etwas. Kennen Sie französische Chansons?« »Ich glaube, so ...deutlich ist es nicht sichtbar, wie Sie es ausdrücken,« sagte Renate, die letzten Worte ganz überhörend. »Jeder lebt doch für sich, auf eigene Rechnung. Wir sind doch nicht wie Eisenbahnwagen, die von einer einzigen Maschine gezogen werden.« Darauf antwortete Graumann mit seinem pustenden Lachen, das er aus Gründen der Schicklichkeit möglichst abzudämpfen suchte. »So sind wir, gerade so sind wir,« entgegnete er mit nachsichtiger Heiterkeit und etwas verbissenem Wohlwollen. »Deshalb sind die Worte eben überflüssig. Die Maschine arbeitet für uns. Selbst wenn einer mal revolutioniert und das Notsignal zieht, muß er es bitter bezahlen.« »Also Ihre Anschauung ist, daß die Sinnlichkeit im Mittelpunkt des Lebens steht?« fragte Wanderer schüchtern und höflich. »Ja! Ja!« Graumanns Gesicht zeigte eine parodistische Feierlichkeit. »Aber Sie sind doch Anarchist?« »So? So? Woher wissen Sie das, Herr Wanderer? Abgesehen vom Zusammenhang mit unserem Thema, – aber etwas muß man doch sein. Der eine ist Kutscher, der andere Minister. Wenn mir die Regierung einen Hofratsposten anbietet, werde ich Hofrat sein.« Gequält stand Renate auf, sie hatte die Empfindung, als müsse sie unbemerkt entweichen. Es war peinlich, diesem Mann gegenüberzustehen, dessen Blicke sie ungehindert berührten wie Finger, für den Kleider wie Glas zu sein schienen und dessen Worte noch einen ganz anderen Klang, eine viel drohendere Bedeutung hatten, als obenhin zu bemerken war. Sie setzte sich in einen Lehnstuhl, der seitwärts im Schatten stand. Peter Graumann erzählte von seinem Leben. Sein Vater sei im Bürgerkampf gefallen. Er selbst sei wahrscheinlich in Australien geboren, er wisse es jedoch nicht mehr genau. Er sei Koch auf einem atlantischen Dampfer gewesen und Heizer in einem Hochofen. Er habe in den californischen Minen ein Vermögen erworben und es in vierzehn Nächten in Paris verpraßt. Alles das trug durch irgend ein Ungreifbares den Stempel der Wahrheit. Graumann brachte es mit offenbarer Selbstverhöhnung vor, wobei der ganze Rumpf sein Gleichgewicht zu verlieren drohte, vermied Gewagtheiten mit sichtlicher Anstrengung und schloß mit einem frivolen Citat aus Bruants Liedern, das er leise, mit vorgebeugtem Oberkörper trällerte, und wozu er mit den Händen die Guitarre-Begleitung markierte. Irgend etwas befriedigte ihn außerordentlich; das sah Renate an dem halb lüsternen, halb lauernden Lächeln, das nicht von seinem Mund wich. Vielleicht war es die Spannung und Erregtheit Wanderers, dessen Aufmerksamkeit etwas Beängstigendes hatte. Wenn Graumann ihn fixierte, nickte er mechanisch, als wolle er Beifall spenden. Jeder Blick zeugte von einer freiwilligen Unterwerfung. Renate war gereizt, konnte ihn nicht mehr anschauen, fühlte sich bitter verlassen. Sie hatte ihn trotziger geglaubt, unbefangener, unfügsamer, stolzer, fester in seinen Meinungen, skeptischer gegen einen Mann wie diesen, mit Gegengründen bewaffnet, nicht mit jünglinghafter Sympathie sich gefangen gebend. Ja, sie hätte gewünscht, daß seine Aufmerksamkeit nur erheuchelt sein möchte, daß sie sich als Falle für den Andern enthüllen möchte, die deutlich seine Ueberlegenheit zeigte. Du bist so erfahren, hatte sie ihm gesagt. Doch ihre Enttäuschung dabei war vielleicht nur das Kleid eines Geständnisses: ich bin unerfahren, schütze mich, Wissender. Sie hätte gewünscht, daß Anselm all das geringschätze, was Jener geringschätzig als billige Weisheit der Welt oder lachend als Schicksale eines Abenteurers gab. Als Peter Graumann ging, nachdem er sich respektvoll, mit gespreizter Galanterie, von Renate verabschiedet hatte, begleitete ihn Wanderer vor das Thor. In der lauen Nacht, deren wolkiger, flaumiger Himmel zitronengelb schimmerte, standen sie eine Weile schweigend. Graumann, die Hände in den Manteltaschen, blickte mißmutig auf den See hinaus und pfiff durch die geschlossenen Zähne. Plötzlich sagte er: »Ich gratuliere Ihnen.« Und als Wanderer ein verblüfftes Gesicht machte: »Nun, zu diesem Weib. Donnerwetter nochmal!« Er schnalzte mit der Zunge. Unangenehm berührt, senkte Wanderer den Kopf. Dann fragte Graumann gleichgiltig, mit gänzlich veränderter Stimme, doch mit wissenschaftlichem Ernst: »Können Sie mir fünfzig Franken borgen?« Wanderer gab ihm errötend fünf Goldstücke, (es waren Mark). »Ich danke Ihnen,« sagte Graumann pathetisch und nachdrücklich und empfahl sich mit einem freundschaftlichen Händedruck. Seine Hand war dick, feucht und kalt. Wanderer blickte ihm nach, wie er schwankend dahin ging im unsicheren Licht, – der Calabreser eine Kuppel und der untersetzte Körper ein Rechteck. Es sah fantastisch aus. Als Wanderer zurückkam, fand er Renate nicht mehr. Sie war schon ins Schlafzimmer gegangen. Er folgte ihr, trat rasch auf sie zu und wollte sie küssen. Aber sie preßte die Lippen zusammen und schüttete ernst den Kopf. Sie saß im Hemd da, und die weiche Haut ihres Halses und ihrer Schultern leuchtete durch den matt erhellten Raum. Anselm nahm ihre Hand, setzte sich neben sie und drückte die Lippen auf ihren Nacken. Mit fast frauenhafter Zärtlichkeit umfing er sie und fragte: »Sind wir nicht glücklich, Renate? Bist Du nicht glücklich?« Sie runzelte leicht die Stirn und blickte zur Seite. Das alles liebte sie nicht an ihm. Er durfte nicht weich sein. Er durfte nicht wehmütig sein, auch nicht in stillster Nacht, wenn der Mond noch so silbern scheinen mochte. Doch, – sie lehnte ihren Kopf an seine Schulter und schloß die Augen. Sie wollte nicht denken. So blieben sie, bis die Glocke elf schlug. Dann kniete Wanderer auf den Boden, um ihr die Schuhe auszuziehen. Während er damit beschäftigt war, fragte sie: »Glaubst Du an Gott, Anselm?« Er schaute überrascht auf und lachte: »Wie kommst Du denn darauf, Renate?« »Ach, eigentlich habe ich nie ernstlich darüber nachgedacht. Es kommt mir nur alles so verwirrt vor. Irgend etwas muß doch da sein, so ...über den Zufällen, meinst Du nicht?« Anselm wußte nichts zu antworten. Er fing an von Graumann zu sprechen, um Renates Urteil zu hören. Aber sie war schläfrig geworden. Zwei Stunden nachdem alles in tiefster Ruhe lag, läutete es heftig am Hausthor. Wanderer und Winiwaaks Tochter kamen zu gleicher Zeit in den Corridor. Es war ein Eiltelegramm von Anselms Bruder: Sei bis Sonntag in Wien. Anwesenheit dringend notwendig. Dein und mein Vermögen auf dem Spiel. 4. Als Anselm, von Frost geschüttelt, wieder das Zimmer betrat, glaubte er seine Fassung wenigstens so weit gewonnen zu haben, um Renate die Nachricht für die Dauer der Nacht verheimlichen zu können. Doch Renate hatte die Glocke nur im Halbtraum gehört und schlief schon wieder. Der Ausdruck ihres Gesichtes hatte etwas Kindliches, Friedenerfühltes. Die weiße Stirn, von dunklen Haaren umrahmt, sah aus wie ein Schild gegen Gefahren. Anselm lag wachend während der ganzen Nacht, schloß die Augen nicht, dachte nur an Eines, von solcher Herzensangst ergriffen, die sein Bett zu einem qualvollen Aufenthalt machte. Nicht eine Stimme war es, die in ihm tönte, sondern ein Nachklang von vielen Stimmen. Vor den Fenstern dehnte sich lichtlos die Landschaft; er stützte die Arme auf das Kissen, und allmählich vermochte er sein Bild im Spiegel zu sehen, weiß und fern. Auf einmal erblickte er noch ein Bild dort und erschrak, daß er glaubte, sein Herz sei in den Hals gestiegen. Renate war aufgewacht und fragte sanft, warum er nicht schlafe. Und jetzt sagte er offen, ganz aus seinem Schrecken heraus: »Renate, könntest Du ertragen, arm zu sein? Arm wie Winiwaak, ja noch ärmer –?« Renate lachte herzlich, (ein melodisches Lachen) und antwortete: »Du bist komisch. Deshalb wachst Du? Komisch.« »Nein, Renate; sag nicht komisch, sondern denke nach.« »Ja...was soll ich da sagen! Ich weiß nicht. Ich war noch nie arm.« Sie lachte wieder und hauchte einen Kuß auf seine Wange. »Mein Bruder, – hast Du nicht läuten hören, Renate? Mein Bruder telegraphiert, ich soll bis Sonntag in Wien sein. Unser Vermögen steht auf dem Spiel.« Renate schlug die Hände zusammen, wollte etwas sagen, schwieg aber. »Jedenfalls hat er spekuliert,« fuhr Anselm grübelnd fort. »Na Renate, was sagst Du jetzt?« Renate schwieg. Sie fühlte eine seltsame Schwere in ihrem Körper. Nach langem, vielleicht viertelstündigem Stillschweigen zwischen Beiden fragte Renate: »Wann reisest Du?« »Morgen Abend um acht Uhr. Um zehn geht der direkte Zug von Bregenz.« »Und nimmst mich mit?« »Nein, Renate, das geht nicht; denk nur –« »Und willst mich allein hier lassen?« Renate drängte sich angstvoll flehend an ihn an. Wanderer redete lange, um sie zu überzeugen, daß es nötig sei. »Ich will nicht hier bleiben,« flüsterte sie. »Hier ist es schrecklich einsam.« »Für drei Tage, Renate. Vielleicht ist alles nur blinder Lärm, dann reisen wir. Schlaf jetzt wieder ein, Renate, komm mein Mädchen.« Er zog sie ganz in seinen Arm, und sie entschlummerte wieder. Eine gewisse Ruhe war über sie gekommen, da er so fest auf seinem Willen bestand. Das andere, »Armsein«, war für sie zwar ein schreckhaftes, aber leeres Wort. Ihre Gedanken wußten nichts damit anzufangen, spielten nur damit. Endlich dämmerte der Tag für Anselm; er sah zu, wie man das Vorrücken eines Uhrzeigers beobachtet, – erst grau, düstere Farbenflecke im Grauen, dann ein rotes Band, mehr und mehr erglühend, dann strömten prachtvolle Lichtbündel den Himmel hinauf wie sichtbar gewordene Fanfaren-Musik. Ein altes Schauspiel, dachte Anselm, wie um sich zu trösten; denn für ihn lag eine Drohung in der Morgenröte, und er hätte lieber gewünscht, daß es immer Nacht bleiben möge, als diesen Tag zu erblicken. Er erhob sich, kleidete sich an, ging hinaus und wanderte am Ufer entlang, von Angelus begleitet, der fröhlich schnuppernd kreuz und quer sprang. Bald kehrte er wieder zurück, setzte sich an den Schreibtisch und schrieb eine ziemlich ratlose Epistel an den Bruder, worin er die Stunde seiner Ankunft mitteilte, in welcher aber sonst mehr von Liebe als von anderem zu lesen war. Er trug den Brief zur Post, schlenderte dann im Dorf umher, schenkte einem kleinen Burschen ein Markstück, wandte sich wieder zur Villa und erfuhr von Marianne, daß Renate noch immer schlafe. Dann kam die Frühpost, die nur Zeitungen brachte. Anselm ließ seinen Koffer herbeischaffen, packte ein, schließlich aber ward er des Alleinseins müde, schlich an ihr Bett und weckte sie liebkosend auf. Sie lächelte ihn an, etwas beschämt, daß er schon munter war und schlang die Arme um seinen Hals. Ihre Sorglosigkeit vermehrte seine nagende Unruhe. Nicht anders als sonst vergingen der Vormittag und der Nachmittag. Um fünf Uhr, gegen die Dunkelheit war Anselm reisefertig. Er beauftragte Winiwaak, um acht Uhr mit dem Koffer am Bahnhof zu sein. Er war zu ungeduldig, um mit dem Schiff zu fahren. Auch die spätere Post hatte keinerlei Aufklärung aus Wien gebracht. Renate fand es rücksichtslos, Anselm sah üble Vorzeichen darin, – Verwirrung, Hoffnungslosigkeit; er grübelte schweigend nach; als er mit Renate den Weg nach Konstanz wandelte. Es war ein warmer Tag, ohne Herbstkälte, ohne Novemberwind. Septemberliche Lüfte gingen, doch der See hatte starken Wellengang. Am Hafen setzten sie sich auf eine Bank; das schwermütige Schauspiel des vergehenden Tages fesselte sie. Ein wenig elegisch gestimmt, saßen sie Hand in Hand. Das Wasser plätscherte an den Steinwall des Ufers, Boote fuhren über die erregte Fläche, und wenn ein Dampfer kam, klatschte das Wasser hoch hinauf in oft wiederholten Stößen. Da es Renate doch zu kalt wurde, gingen sie in die Stadt, von Straße zu Straße, in spärlicher Unterhaltung, mit dem deutlichen Vorgefühl kommender Ereignisse. Renate hatte sich darein gefunden, allein zu bleiben und suchte einen naiven Trost darin, daß sie täglich Briefe von Anselm empfangen sollte. »Ich liebe es, Briefe zu bekommen,« sagte sie. Anselm wunderte sich, wie viel Herzliches und Harmlos-Kindliches hinter dem scheinbar Spröden und Damenhaften ihres Wesens verborgen war. Aber es erschreckte ihn, daß sie nicht begriff, was sich in den nächsten Tagen entscheiden sollte. Die Stadt kam ihm, beim abendlichen Gange, doppelt freundlich und entzückend vor. Er wurde nicht müde, jedes Gäßchen, jeden Erker, jedes Häuschen schauend zu genießen. Auch Renate entdeckte Manches, was ihr längst vertraut schien. Sie waren weit in Kreuzlingen, als sie von einer Schenke her Musik und eine Singstimme vernahmen. Neugierig näherten sie sich. Die Straße war menschenleer; in einem Garten nebenan stand eine mächtige Ulme. Die niedrigen, schmalen Fenster der Stube waren verhangen, und sie hörten jetzt nur das Instrument, eine Geige, die eine Art Zwischenspiel zirpte. Dann hob eine Frauenstimme im Alt an zu singen. Es war eine volle Stimme, wohllautend und schwer, ganz hingenommen von dem Gegenstand. Renate senkte den Kopf und hörte deutlich die Worte: Rosen, zwei Rosen am Strauch Müssen zu Erde verderben, Starb mir der Liebste auch, Kann doch sein Bild nicht sterben. Rosen, zwei Rosen am Strauch. Lilien, zwei Lilien am Band, Frühling und Sommer vergehen, Glück, daß verrinnet im Sand, Eins nur bleibet bestehen ... Lilien, zwei Lilien am Band. 5. Den ersten Abend verbrachte Renate mit Lektüre und Clavierspiel und schon um elf Uhr schlief sie. Doch der nächste Vormittag brachte schon jene leeren Stunden, die durch nichts ausgefüllt werden können, durch keine Erwartung, keine Arbeit, keine Erinnerung, die träg wie Oel hinfließen und allein schon durch ihre Bedeutungslosigkeit die Stimmung verdüstern. Dazu der graue Einerleihimmel und gegen Mittag Schneefall in großen weißen Flocken, – unaufhörlich. Die Flocken nahm der See in sich auf wie ein hungriger Rachen, und die Berge wurden weiß, das Dorf verschwand in Weiß, nur der Nadelwald blickte finster herab. Renate ging im Zimmer umher. Ich bin eingeschneit, dachte sie fortwährend. Auf der Flurstiege saß Marianne und sang: freut euch des Lebens, immer dieselbe Strophe, mit hellen Tönen und einer gewissen Zuversicht. Renate kamen die Worte wunderlich vor aus solchem Mund. Freilich, Marianne hatte die Rose gepflückt, ehe sie verblüht war, und wie armselig auch das Lämpchen glühen mochte, sie freute sich des Lebens. So verging der erste Tag, und nicht anders der zweite. Kein Brief. In der dritten Nacht konnte Renate nicht mehr schlafen; als sie sich vom Bett erhob, erschrak sie über ihr Bild im Spiegel. Die Morgenpost brachte nichts. Ruhelos ging Renate treppauf, treppab, von Zimmer zu Zimmer, holte den Hund herbei, als suche sie bei der Kreatur Schutz und Trost, und Angelus vollbrachte das Aeußerste an Zuvorkommenheiten. Es sah aus, als suche er sein zu täppisches Wesen absichtlich zu übertreiben, damit die Herrin belustigt werde; umsonst. Renate aß nicht, trank nicht, stand nur am Fenster gegen das Dorf, um die blaue Uniform des Briefboten auftauchen zu sehen; umsonst. Sie wollte telegraphieren, aber ihre Gedanken begannen, sich krankhaft zu verwirren. Um vier Uhr wurde es schon dunkel. Winiwaak stelzte herein, machte umständliche Gesten, meldete Herrn Graumann, fügte gleich hinzu, es sei doch Niemand zu Haus und freute sich im Voraus, den Verhaßten abweisen zu dürfen. Doch Renate dachte nicht daran, klammerte sich an den Besuch, wie an eine letzte Hoffnung. Als Graumann eintrat, schaute sie ihn so erwartungsvoll an, daß jener mit säuerlichem Lächeln den Blick wie eine Intimität quittierte. »Ich hörte, der Herr Gemahl ist verreist,« begann er ernst, als ob er einen Vortrag zu halten im Begriff sei. »Da wollte ich nicht versäumen ...« Er stockte, zog die Handschuhe aus und blickte unsicher auf seine Stiefelspitzen, da Renates Benehmen ihn stutzig machte. Mechanisch, wie ein gewesener Soldat bei einem Kommandoruf zusammenzuckt, wurde sich Renate ihrer gesellschaftlichen Verpflichtungen bewußt. Sie setzte sich hin und versuchte zu plaudern, wie sie früher so oft gethan, doch eine andere, ihr fremde Stimme sprach in ihr. Sie hatte an Graumann eine Frage richten wollen, die ihr vordem wichtig erschienen, aber die fremde Stimme schwemmte alles mit hinweg. Plötzlich wurde sie wach; Graumann hatte mitten in die Unterhaltung einige Worte geworfen, salopp und angeblich in gutmütiger Teilnahme, und die Worte hatten auf Anselm Bezug. Er sagte: »Ich hätte nie für möglich gehalten, daß Sie einen Mann wie Wanderer lieben könnten.« Renate erhob den Kopf und blickte Graumann durchdringend an. Er suchte ihrem Blick zu entschlüpfen, zog den Mund breit, wobei die Unterlippe ganz unter den Zähnen verschwand und fuhr fort, anfangs ein wenig stotternd: »Ich will damit nichts gegen ihn gesagt haben. Im Gegenteil, ich halte ihn für einen vortrefflichen Charakter. Aber, großer Gott, – genügt Ihnen das? Fordern Sie nicht einen Mann? Oder fordern Sie ein schwammiges Etwas von bürgerlichem Durchschnitt? Sie empfinden das selbst, aber Sie sind zu stolz, es sich einzugestehen. Sie kennen ihn genau. Er wird stets aus Schwäche das thun, was er um keinen Preis thun darf. Ein vortrefflicher Typus unserer jungen Leute: farblos, leblos, rückgratlos, ohne Faust, ohne Fähigkeit zu genießen, ohne Talent, Werte zu schätzen. Wenn ihm eine Katze stirbt, wird er sich grämen, nicht aus Liebe zu dem Tier, sondern aus Sentimentalität. Jeder neue Weg wird ihn in Bestürzung versetzen, jeder wirkliche Mensch wird ihn erschrecken. Ich weiß wohl, was ich jetzt thue. Mögen Sie es immerhin einem moralischen Defekt in mir zuschreiben, nennen Sie es getrost gemein. In solchen Dingen bin ich Anarchist, in andern schwerlich. Sie leben ja, ich bin eine zerknitterte Existenz. Verurteilen Sie mich nur.« Renate erhob sich und sagte kalt: »Sie haben sich ja meine Antwort schon selbst gegeben. Ich verstehe auch gar nicht, was Sie wollen. Wenn Sie auch in den Sachen Anarchist sind, hier brauchen Sie keine Bomben werfen.« »Nein! nein! Sie mißverstehen mich!« rief Graumann mit einer Verzweiflung, die komisch war. »Mich entsetzte nur der Gedanke, daß Sie an einen solchen Mann geschmiedet sein sollen, lebenslang!« »Geschmiedet,« machte Renate verächtlich. »Ich bin nicht geschmiedet, und er ist es nicht. Jeder ist frei. Wir waren bei keinem Amt, in keiner Kirche.« Renate! schien eine warnende Stimme zu rufen. Aber trotzig wandte sie sich und lehnte die Stirn an die kühle Fensterscheibe. Sie bemerkte nicht Peter Graumanns maßlose Verblüffung. Sein Wesen verwandelte sich in einem Nu sonderbar, als ob Fesseln von seinen Gliedern genommen würden. Er stand auf und durchschritt, die Hände auf dem Rücken, das Zimmer. Ueber seinen Zügen lag ein professoraler Ernst, der bisweilen durch ein huschendes Grinsen verscheucht wurde. Plötzlich blieb er neben Renate stehen, nahm väterlich ihre Hand und sagte: »Armes Kind!« Er ließ die Hand wieder los und stierte das junge Mädchen mit mühsam beherrschter Lüsternheit an. Renate war es, als ob sie versinken sollte. Die Arme schienen ihr bleiern und die Luft ringsumher schlaff. In den glitzernden braunen Augen ihres Gegenüber las sie alles wie beim Schein eines Blitzes: unverhohlene Freude, eine berauschte Gier, den Triumph: er hat Dich verlassen, und die Sicherheit: Du wirst mir gehören. Sie hatte geglaubt, mit ihrer Antwort könne sie alles, was von Bewunderung und Rücksicht in irgend einem Mann der Welt verborgen sei, wachrufen. Darum traf sie dies jetzt schwer. Intensiver, unabweisbarer, untrüglicher als bisher hatte sie das Gefühl, als ob Unreines herankomme. Da es zu dämmern begann, holte sie (alles mit eingelernten Bewegungen) eine kleine Stehlampe vom Ecktisch, um sie anzuzünden. Sie wagte nicht, die Gasflammen am Luster in Brand zu setzen. Krankhaftes, ja fieberisches Schamgefühl redete ihr ein, die Bewegung mit dem Arm in die Höhe könne sie in den Augen jenes Menschen entkleiden. Als die Lampe brannte, ließ sie an den Fenstern die Roll-Läden herab, und das knatternde Geräusch beruhigte sie ein wenig. Sie schaute in den Garten hinab, ob Winiwaak nicht da sei; sie hätte ihn gerufen. Aber hoch und einsam lag der bläulich schimmernde Schnee vor ihren Augen. Sie suchte sich vorzustellen, daß sie allein sei, doch wie im Rad rollten ihre Gedanken um die Gestalt, die ruhig wie aus Stein am Spiegel stand und jede ihrer Gesten auf das Aufmerksamste verfolgte. Als das Fenster geschlossen war, faßte sie den Vorsatz, das Zimmer zu verlassen, und sie nahm die Lampe, die aus dem Flügel stand. Da fühlte sie mehr, als sie es hörte, daß Graumann sich hinter ihr näherte. Ein Entsetzen, von dem sie glaubte, daß es ihr das Herz zerreißen müßte, überfiel sie. Mit unheimlicher Raschheit drehte sie sich um, und die Lampe in ihrer Hand warf einen flammenden Schein auf Peter Graumanns Gesicht. Er lächelte. Nie vergaß sie das einladende und zuversichtliche Lächeln. Er erhob den Arm nach ihr, und sie ließ die Lampe zu Boden fallen, ohne einen Laut von sich zu geben. In demselben Augenblick stand das Zimmer im Feuer. Trotzdem sie bewußtlos lag, glaubte sie doch scharf zu hören, was vorging: die schreienden Leute, die herbeigestürzt kamen; wie man sie selbst hinaustrug, als die Flammen schon ihrem Körper nahe krochen; ja sogar Graumanns kühle und weltmännische Erklärung des Vorfalls. Dann verdunkelte sich ihr Bewußtsein völlig. Als sie erwachte, saßen Marianne und der Konstanzer Arzt an ihrem Bett. Der Doktor, ein witziger Alter, war sehr bemüht um sie und freute sich seines Erfolgs. Ihre erste Frage war, ob ein Brief gekommen sei, und die Antwort lautete bejahend. Neuntes Kapitel 1. Liebste Renate, die Erlebnisse der letzten Tage haben es wirklich vermocht, daß ich nicht einmal die Kraft fand, Dir zu schreiben. Auch jetzt thue ich es nur halb, denn was ich Dir sagen muß, ist das Schlimmste. Ich kam hier an, fuhr nach dem Rennweg in die Wohnung meines Bruders, traf die allergrößte Verwirrung, ratlose Gesichter, Gerichtsleute, den Arzt. Meine bösen Ahnungen sind bestätigt. Mein Bruder hatte sich in der Nacht erschossen. Wozu soll ich Dir den Eindruck schildern, den das auf mich machte. Ich kann es nicht. Ich weiß auch nicht, was jetzt werden soll. Wir sind arm. Renate, ich bin arm. Ich bin von heute an bettelarm. Mein Bruder hat sein und mein Vermögen in einem höchst zweifelhaften Unternehmen angelegt, und jetzt ist alles hin. Ich glaube nicht, daß ich nach den allgemeinen Abrechnungen mehr als tausend Gulden übrig haben werde. Das Haus in Wien, das Grundstück bei Goisern, die Villa am Bodensee, alles ist hin. Mein Bruder hatte sich noch tiefer verpflichtet, als mit barem Geld. Was soll nun werden? Ich habe keine Verwandten und eigentlich auch keine Freunde, stehe völlig allein, vor bitterer Armut. Du weißt nicht, was das heißt, Renate. Auch ich wußte es nicht, aber die Zukunft wird mir nichts von dem ersparen, was viele Millionen schweigend dulden müssen. Aber Du! Du Renate! Mein Verstand steht mir still. Wirst Du so stark sein, kannst Du so stark sein, es zu ertragen, Vielgeliebte? Jetzt noch viel mehr als sonst Geliebte? Zitterst Du nicht vor Entbehrungen? Wirst Du nicht bedauern? Wirst Du so viel Vertrauen in Dir finden, um an meiner Seite auszuharren, bis ich mir ein neues, festes Haus gebaut habe? Solche Gedanken zermartern mich Tag und Nacht. Ich wäre stolz, Dir zu zeigen, was meine Arme für Dich vermögen, aber wirst Du so standhaft sein, mir zu helfen, dadurch, daß Du an mich glaubst? Was jetzt geschehen muß, ist folgendes. Ich reise heute noch ab, und zwar nach München. Dort habe ich noch die meisten Aussichten, – einige Verbindungen, die mir meine chemischen Kenntnisse und Beschäftigungen gebracht haben. Auch Du sollst abreisen, und wenn Du Furcht hast, allein zu fahren, hole ich Dich. Schreibe sofort an meine Münchener Adresse. Ich kann es mir denken, mit welchen Gefühlen Du diese Stadt wieder betreten wirst, aber gieb Dich nicht dem Ausmalen des Verhaßten hin, Geliebte. Wir bleiben höchstens acht Tage, dann geh ich nach Berlin. Du wirst verborgen bleiben, Niemand wird ahnen, wo Du bist. Deine Eltern sind ja schon fortgezogen. Ich kann Dich nicht länger entbehren. Die wenigen Tage waren ein nagender Hunger nach Dir. Schreibe mir, was Du denkst, verheimliche mir nichts von Deinen leisesten Gedanken, und glaube mir, daß ich durch die weite Ferne jeden Schatten gewahren kann, der über Dein teures Gesicht huscht. Ich hätte nie geglaubt, daß eine Leidenschaft mein ganzes Wesen so unterwühlen könne. Dein Anselm. Lieber Anselm, es hat gebrannt bei uns. Die Politur am Flügel ist teilweise kaput, die blaugestickte Decke und ein Vorhang sind verkohlt, sonst ist nichts geschehen. Sei nicht bös, aber ich war ungeschickt mit der Lampe. Lieber Anselm, ich begreife nicht, daß Du so viele Worte machst. Es ist ja selbstverständlich, daß ich thue, was Du verlangst. Ich fahre nach München, hier ist es ohnehin zu einsam. Hier könnte ich nicht bleiben. Man muß doch auch Menschen sehn. Vor den Leuten hier habe ich Furcht. Wenn wir nur wenige Tage in München bleiben, liegt ja nichts daran. Es liegt auch nichts daran, was die Leute reden. Ach, Anselm, sei doch nicht so zaghaft über Deine Armut. Du wirst schon Geld verdienen, mehr als wir brauchen. Du bist ja geschickt und klug. Es hat mich ergriffen, daß Dein Bruder sich das Leben genommen hat. So was in der Nähe ist immer schauerlich, bei Fremden hört man darüber hin. Ich glaube, ich würde nie dazu fähig sein. Ich habe das Leben viel zu lieb. Wie Dir zu Mut ist, kann ich mir denken. Ach, manchmal ist auch mir vor der Zukunft bang, aber nicht, weil wir jetzt arm sind. Ich kann es Dir nicht so ausdrücken, auf dem Papier schon gar nicht. Morgen reise ich noch nicht, weil ich Zeit haben muß, zu packen, und weil Freitag ist. Also Samstag mit dem Zwei-Uhr-Zug. Wenn wir nur schon beisammen wären. Ich hatte fast Angst, weil so lange kein Brief kam. Herzlich küßt Dich Deine Renate. Angelus nehme ich mit. 2. Mit leichtem Herzen hatte Renate Abschied genommen von See und Wald, von der Villa und von Constanz, der Stadt. Als einzige Erinnerung lag Angelus zu ihren Füßen, blickte sie mit seinen braunen Augen forschend an und gab sich dann dem behaglichen Schlummer hin, der durch das eintönige Räderrollen begünstigt wurde. Doch wuchs in Renate von Stunde zu Stunde die Furcht vor der Stadt. Sie gestand sich, daß ihre Unbefangenheit und Wahrhaftigkeit bei den Erlebnissen der vergangenen Wochen sogleich zur Waffe gegen sie selbst geworden war. Sie begriff nicht, daß sie den Entschluß hatte fassen können, dorthin zu gehen, wo scheelsüchtige Augen jeden ihrer Schritte bewachen, jeden Winkel der Vergangenheit ausspähen würden. Und doch hatte ein edler Trotz und das Gefühl ihres Rechts sie gedrängt, jenen ins Gesicht zu sehen, die sie bisher als ihre Feinde im Dunkeln betrachten mußte. Sie glaubte, ein herzliches, ehrliches Wort müsse jede Feindschaft ersticken, heimliche und offene Feindseligkeiten vernichten. Sie sehnte sich darnach, durch persönliche Mühe jene Sympathien zurückzugewinnen, die sie nur deshalb verloren glaubte, weil die Freunde den Beweggrund ihrer Handlungsweise mißverstanden. Und sie hatte sich nur schwer entschlossen, in eine fremde Stadt zu gehen, als sie anfing, den Verkehr mit der Gesellschaft zu vermissen, die ihr auf einmal in einem schönen, milden Licht erschien. Sie hatte das Gefühl gehabt, als gebe sie Unentbehrliches mutwillig verloren. Sie wußte nichts von Welt und Menschen. Um sieben Uhr abends donnerte der Zug in die Halle des Centralbahnhofs. Anselm wartete, führte Renate zum Wagen und suchte die leidenschaftliche Begrüßung des Hundes Angelus möglichst zu dämpfen. Als Renate, ermüdet und zugleich erregt im Einspänner saß, der holpernd, mit klirrenden Fensterscheiben über das Pflaster fuhr, empfand sie ein zielloses Grauen vor der Wandlung der Verhältnisse, die sie unter dem Wort Armut begriff. Sie blickte Anselm an; er war blaß und abgespannt und beobachtete mit krankhafter Aufmerksamkeit jeden Zug in Renates Gesicht. Weiß von Schnee lagen alle Straßen, taghell beleuchtet durch die Bogenlampen. Beide saßen stumm im engen Wagen. Sie hatten sich nacheinander gesehnt, der eine aus Liebe, die andere aus Verlassenheit und mußten jetzt nichts zu reden. In Anselms Wohnung fanden sie warme Zimmer und den Tisch gedeckt zum Abendbrot. »Ich habe mit der Hausfrau die Vereinbarung getroffen, daß ich zwei von den Zimmern behalte,« sagte Wanderer. »Die Möbel der übrigen Räume kauft sie mir ab und vermietet alles.« Er setzte sich neben Renate auf den Divan, umarmte sie heftig, zog ihren Kopf an seine Schulter. Nach einiger Zeit fühlte sie bang, daß sein Körper wie von Stößen erschüttert wurde, und sie hörte ihn weinen. In lähmendem Entsetzen wagte sie sich nicht zu rühren, wagte nicht aufzuschauen. Sie hatte nie einen Mann weinen sehen. Doch bald überwand sie ihre Scheu, strich mit den Händen zärtlich und mitleidig über seine Wangen. In ihrem tiefsten Jammer grollte sie ihm. Noch spät in der Nacht vor dem Einschlafen dachte sie grübelnd: er hätte doch nicht weinen sollen. Sie hörte ihn lange draußen auf- und niedergehen, und sie fand keinen Schlaf. Obwohl es stille war, glaubte sie einen Strom unterirdischer Geräusche an ihr Ohr fließen zu hören. Das war die Stadt. Das war der Atem der Stadt, das Pochen ihres Blutes, die dumpfen Traumlaute, die sie im Schlaf ausstieß. Anders nahm sich hier der Nachthimmel aus, förmlich sorgenvoller; schneller schienen die Wolken zu fliegen, und das Sausen des Schneewindes hatte etwas Klagendes. Renate war froh, daß es Nacht war, und daß sie warm im Bett lag. Sie stellte sich vor, daß sie auf ödem Feld sei; durch die Kälte über den Schnee müsse sie allein einem Haus zueilen, das noch unermeßlich weit entfernt war. Darüber schlief sie ein, gewahrte nicht mehr, daß Anselm mit dem Licht in der Hand an ihr Bett trat, um sie zu betrachten, als könne er auf ihrer friedlichen Stirn Zukünftiges lesen. Am andern Morgen beim Frühstück fragte Renate »Also wie viel Geld haben wir denn, Anselm?« Er schüttelte den Kopf und antwortete: »Es ist besser, Du fragst nicht. Wir müssen ja nicht hungern, Renate.« Renate lachte, aber das Wort hungern, wie er es aussprach, hatte einen neuen, nie gehörten Klang für sie bekommen. Anselm ging in die Stadt und verabschiedete sich mit einer Miene, als gälte es, große Entschlüsse auszuführen. Als er zurückkam, sagte er finster, daß er einige Bekannte getroffen habe und alle wüßten schon: Renate Fuchs sei wieder hier. »Es ist ganz rätselhaft,« meinte er naiv. »Als ob man in ein Spionen-Nest geraten wäre.« Am Nachmittag ging Renate fort, und er schrieb, –stundenlang. Erst beim Anbruch der Dunkelheit kam sie wieder nach Haus, und sie schien ihm äußerlich verändert. Als er sie aufmerksam ansah, bemerkte er, daß sie eine neue, pelzverbrämte Winter-Jacke trug. »Na, wie gefall ich Dir?« rief sie triumphierend, mit glänzenden Augen. »Es war aber auch dringend notwendig.« »Wie viel kostet die Jacke?« fragte Anselm beklommen. »O riesig billig. Achtzig Mark nur. Es ist ein Gelegenheitskauf.« »Hast Du denn noch Geld gehabt, Renate?« »Mein letztes. Schön ist die Jacke, nicht wahr? Steht mir gut?« Sie war wie ein Kind. Er wagte kein Wort des Vorwurfs, sondern stützte schweigend den Kopf in die Hand. Renate ahnte sofort, was ihn bewegte. Sie wußte nichts mehr zu sagen, blickte nur hilflos vor sich hin. Wir sind ja arm, dachte sie und zog die Brauen zusammen, als suche sie den Sinn dieser Worte zu durchdringen. Sie beugte sich zu Anselm herab, strich sinnend mit der Hand über sein Haar und blätterte in dem Manuskript herum, das vor ihm lag. Es führte den Titel: Ueber die Albuminate oder Eiweißkörper. »Was machst Du denn da, Anselm?« »Ich arbeite.« »Wirst Du viel dafür bekommen?« »Ich weiß nicht, Liebste.« »Mehr als hundert Mark?« »Kaum den vierten Teil, Renate. Kaum die Aermel Deiner Jacke könnte man damit zahlen.« Renate zog die Jacke aus und setzte sich schweigend in einen Winkel. Warum solche Umwege? dachte sie bitter. Bald darauf rüstete sich Anselm zum Ausgehen. Er sagte, er habe eine Zusammenkunft mit Stieve, einem Journalisten. Unruhig gemacht durch ihr Schweigen, trat er dicht vor sie hin. Sie versuchte seinen Blick zu erwidern, aber es war, als fänden seine Augen keinen Halt. In diesen wenigen Sekunden spürte Wanderer, indem sich sein Gesicht leidend verzerrte, die Liebe, als ob ihn eine unsichtbare Riesenhand in einen gluterhitzten Raum gesteckt hätte. Gänzlich betäubt davon, und weil er glaubte, reden zu müssen, fragte er halb scherzhaft, halb in jünglinghafter Thorheit: »Bist Du mir auch treu gewesen, Renate, während ich in Wien war?« Renate zuckte zusammen, als hätte man ihr mit einem Schlag gedroht. Sie hatte eine Vorstellung, wie wenn Jemand in einem hellerleuchteten Raum alle Lichter verlöscht hätte. In der That war es einige Zeit ganz finster um sie. »Das ist ja kindisch,« flüsterte sie, stand auf und wollte in das andre Zimmer gehen. Aber Wanderer ergriff sie mit fast brutaler Heftigkeit, und sie fiel ihm beinah in die Arme. Hilflos, willenlos lag ihr Kopf an seiner Schulter. Sein Hut fiel auf die Erde, und er küßte sie, wie ein Verhungerter sich auf Nahrung stürzt. Renate erwiderte seine Küsse nicht. Sie preßte die Lippen zusammen und glaubte sich selbst von außen zu sehn, wie sie immer blasser wurde. Er hat mich genommen, als ob ich sein Gegenstand sei, dachte sie. 3. Es schneite nicht mehr. Feierlich still, wie mit aufgespanntem Linnen bedeckt, lagen die Straßen, durch die Wanderer mit der Zufriedenheit eines satten Menschen stampfte. Er nahm eine Hand voll Schnee und näßte seine Schläfen, die ihn brannten. Dann summte er ein Lied, nach dessen Rhythmus er seinen Schritt regelte, blickte nach den Sternen, deren Geglitzer den Himmel lebendig machte und prophezeite sich gutes Wetter. Einen der Sterne, er glaubte, daß es Jupiter sei, ernannte er mit einer Art Feldherrngefühl zum Stern seines Schicksals. Grünfunkelnd wie ein Smaragd lohte der zwischen den zwei Türmen der Ludwigskirche, als sei er das Führerlicht über einem Himmelsthor. Also gutgelaunt kam Wanderer, – ein Mensch, der seiner Angelegenheiten sicher ist, – in die kleine Malerkneipe, die ihm Stieve als Stelldichein bestimmt hatte. Uebeldunstig schwälte der Tabaksrauch gleich Nebelfäden oder dünnem Sammt umher, und ein paar junge Akademiker verübten mit Kartenspielen einen Lärm, der sie als Herren dieser etwas verschmierten Oertlichkeit kennzeichnete. Stieve saß in eine Ecke gedrückt, die langen Beine schläfrig ausgestreckt, vergraben in den Rauch seiner Cigarre, aus dem er alsbald seinen dünnen, eiförmigen Kopf herausstreckte, daß im Qualm etwas wie ein Fenster entstand. Mit seiner verschüchterten Höflichkeit und dem resignierten und ängstlichen Lächeln reichte er Wanderer die dürren Finger, die dieser nur vorsichtig drückte, als könnten sie zerbrechen. Stieve sprach zuerst ziemlich einleuchtend über die Notwendigkeit eines Witterungswechsels, über die schlechte Luft im Lokal, schwieg aber bald und begab sich wieder in sein Rauchzelt. Wanderer überreichte ihm sein Manuskript, denn Stieve wollte die populäre Abhandlung in einer Zeitschrift unterbringen, mit der er in Beziehung stand. Stieve nahm es an sich, nickte mehrmals dankend mit dem Kopf und fragte Wanderer scheinbar gleichgiltig, ob er Piquet spiele. Sie spielten und Stieve verlor. Verlor immerzu, wurde nervös, mischte die Karten mit zitternden Fingern, lächelte bisweilen grundlos liebenswürdig, was seinem Gesicht etwas Gramvolles gab. Endlich entschuldigte sich Wanderer, er müsse der vorgerückten Stunde halber aufhören. Stieve nahm die Tafel, rechnete mit vertieftem Eifer an den Ziffern herum, addierte, zog Striche, und ließ schließlich mit einem bestätigenden Hm den Griffel fallen. Dann grub er eine kleine Lederbörse aus der Tasche, die zerrissen war und aussah, wie die schmutzigen Lappen auf einem Harlekinskleid. Er wühlte mit den Fingern in den Fächern, in denen ein paar Nickelmünzen klimperten, blickte sinnend in sein Glas, tastete an seine Rockbrust und entschuldigte sich dann mit bedauerndem Ernst, daß er ›sein‹ Geld vergessen habe. Wanderer beruhigte ihn und fragte, ob er ihm dienen könne. Stieve schlug es nicht aus: er drückte zwei Finger an die Stirn und bejahte. Doch bat er, Wanderer möge ihn morgen erinnern, sonst könne man das leicht vergessen. Er schüttelte in unbestimmten Zweifeln den Kopf und drehte mit den Händen die Schnurrbartspitzen auseinander. In seinen Bewegungen war etwas Verzweifeltes, wie bei einem eingekerkerten Vogel. Sie traten zusammen auf die Straße; es hatte wieder in dünnen Flöckchen zu schneien begonnen. Durch das Siegesthor fuhr ein Milchwagen, und die kleine Laterne unter der Deichsel glühte rot auf dem Schnee. »Also Sie haben sich entschlossen mit journalistischer Thätigkeit Ihr Brod zu verdienen?« fragte Stieve etwas hochtrabend, indem er fröstelnd seinen nicht allzu dichten Mantel schloß. Und ironisch fügte er hinzu: »Papier genug giebt es ja dazu.« Er stelzte mit seinen langen, wankenden Schritten unhörbar über den Schnee, seinem Schatten nach, den Kopf gesenkt, die Hände tief in die Manteltaschen vergraben. »Haben Sie denn so schlechte Erfahrungen dabei gemacht?« fragte Wanderer, der mit seinen Gedanken schon zu Hause war. »Erfahrungen! Mein Leben hab ich verpfuscht damit. Ich kann es ruhig aussprechen: verpfuscht, verpfuscht, die ganze Geschichte. Geist haben, ist ja eine ganz schöne Sache. Aber man soll Geist haben, wie man etwa ein hübsches Gesicht hat. Es thut nichts dazu im Leben. Es fehlt vielleicht, wenn es nicht da ist, aber es thut nichts dazu. Wenn man Geist haben soll, um damit sein Brod zu verdienen, das ist bitter. Wenn man sich jeden Morgen hinsetzen soll um Geist zu fabrizieren, seitenweise, bogenweise, das ist bitter. Ja, ich habe wohl Erfahrungen darin und kann sie Ihnen aus ganzer Seele empfehlen.« »Sie sehen doch vielleicht zu schwarz«, meinte Wanderer befangen. »Erlauben Sie, das ist eine Phrase, ich sehe gar nicht, ich ziehe eine Bilanz, ganz kaufmännisch. Ja, mit der neuen Freude an Dingen und am Leben sich hingeben und sie schildern ist ja ganz nett. Ist schön, wenn man den Drang dazu hat. Aber bei dem Gewerbe vergeht Ihnen das. Ihr innerstes Wesen in einem Feuilleton über den Palmsonntag oder über den Weihnachts-Abend auszuschütten, darum ist Ihnen doch leid. So greift man zu Redensarten, von denen Sie angeekelt werden. Hundertfach angeekelt, wenn dann Ihre guten Bekannten kommen und das »herrliche Stimmungsbild« loben. Zuerst finden Sie es merkwürdig, daß die guten Leute auf den Leim gegangen sind. Dann wird Ihnen klar, daß es allen höchst gleichgiltig ist, oder daß man Sie belogen hat. So werden auch Sie gleichgiltig und verlogen. Die Wahrheit in der Welt ist nur für die, die sie selber fühlen. Sagen läßt sich da nichts. Und vergessen Sie nicht, der Palmsonntag und der Weihnachtsabend kehren wieder, kommen unerbittlich wieder, jedes Jahr. Und jedes Jahr gehts weiter bergab. Sie sitzen im Theater, stumpf und skeptisch, denn Sie sehen alle Rückseiten. Kein Schauspieler kann Sie mehr ergreifen, denn Sie kennen ja diesen intriguanten Liebhaber, der so ehrlich feurig thut, kennen den dummen Raisonneur und den eitlen Laffen von Heldenvater; kennen die Mätzchen der Heroine und die Gefühlstöne der Naiven so genau wie Ihren Kleiderschrank. Und spielt man noch so schändlich, noch so elende Stücke, Sie müssen schweigen; schweigen müssen Sie, wenn Sie auch vor Zorn krepieren, denn der Chefredakteur hat ein Verhältnis mit der Dingsda, oder der Direktor hat ein Stück von ihrem Freund angenommen, oder der Tenor ist der Bräutigam des Fräulein Soundso, deren Vater den Herausgeber des Blattes mit Geldmitteln unterstützt. Die Unbekannten und Mißliebigen darf Ihre Feder zerkratzen, und Mancher ist dabei verblutet. O, ich kenne das. Von Patriotismus und den andern schönen Sachen gar nicht zu reden. Sie kommen in eine Versammlung und der schreiende Schafskopf am Rednerpult muß gepriesen werden. Alle Idioten, die sich dort um Hekuba erhitzen, müssen gepriesen werden. Jeder Commerzienrat muß gepriesen werden. Und der kleine Beamte mit dem Jubiläum und der treue Dienstbote und das Invalidenheim und der Männergesangverein und der Kretinismus in litterarischen Vereinen, alles muß gepriesen werden, oder doch »ernsthaft gewürdigt«. Dabei werden Sie entlohnt wie ein Holzhacker und haben das Vergnügen, durch das ganze Netz von Intriguen, Bosheiten, Eitelkeiten, Impotenz, Brutalität, Willkür und Dummheit zu schauen. Anfangs erstarrt Ihnen das Herz dabei; denn sonst haben Sie keins. Dann aber werden Sie blöde. Sehen zu, wie die Schwindler sich hinaufschwindeln und die Ehrlichen untenbleiben, sich schinden, zehn Pfennig per Zeile und abends mit schmierigen Karten spielen, wie ich. Die ganze Welt erscheint Ihnen nur noch wie ein großes Papierlager, und der Himmel ist Schwarz von Druckerschwärze. Jeden Morgen finden Sie denselben Stoß Zeitungen auf Ihrem Bureautisch, angefüllt mit den hunderttausend Nichtigkeiten, die von allen Philistern mit derselben gierigen Gleichgiltigkeit verschlungen werden wie einen Morgen zuvor. Da sehen Sie auch alles Elend und alle berechnete Gaukelei aufgestapelt wie hinter einem durchsichtigen Schleier. Unmöglich zu begreifen, daß es immer so weiter gehen soll, die eintönige Begeisterung um nichts, die Anpreisungen und wahnsinnigen Reklamen. O anfangs! Anfangs hab' ich auch meine Ideale gehabt, und vielleicht auch meine Talente. Jetzt ist es aus. Der Karren ist im allgemeinen Dreck stecken geblieben. Ekel, Ekel, das allein bleibt übrig, Ekel und Gleichgiltigkeit, glauben Sie mir. Sie waren einmal so gütig mit jener Banknote, darum sag ich's Ihnen. Das Geld damals war wie Wasser auf glühendes Eisen. Mir kann keiner helfen, außer er nimmt mir die fünfzehn Jahre wieder weg, die ich bei dem Mörderberuf zugebracht habe. Nichts bedeutet mir noch was, Kunst, Poesie, Liebe, Freundschaft, nichts. Mir ekelt blos. Und auch das nicht immer. Stieve schwieg. Wanderer antwortete nicht, wußte nichts zu antworten. Kein Mensch war den beiden begegnet, trotzdem es eben erst zwölf Uhr schlug, – von allen Türmen aller Kirchen, fern und nah, in dumpfen und hellen Schlägen, in verweilenden und hastigen, leichtsinnigen. Jeder konnte da wählen, wie er gemahnt werden wollte, der Gedankenvolle wie der Eilfertige. Dazu bellten ein paar Hunde in den Höfen der Veterinärschule, und von jenseits des Parkes war der stumpfsinnige Chorgesang betrunkener Zecher durch die klare Winterluft zu hören. »Eine gemütliche Stadt,« sagte Stieve. »Hier kann einer unter strengster Diskretion zu Grund gehn.« »Ja ja,« machte Wanderer seufzend, der sich diesem verzweifelten Sarkasmus gegenüber wortlos fühlte. Sein Schweigen sollte zartsinnig und teilnahmsvoll erscheinen, doch im Innern waren ihm diese Eröffnungen ein wenig peinlich. Der Unverwundete kann nicht Wunden bluten sehen. Eine fremde Seele, die sich in Krämpfen wand, wie fern! Stieve schüttelte Wanderer freundschaftlich die Hand und verschwand im Dunkel. Er mochte glauben, seine Geständnisse hätten ihm Wanderer nahe gerückt. Und doch, wußte auch er, daß man nur seinen sorglosen Freunden ein wahrer Freund ist. Leise schloß Wanderer die Thüren der Wohnung auf, machte Licht und schlich an Renates Bett. Er beugte sich nieder und hauchte einen Kuß auf ihre Stirn, fast ohne die Haut zu berühren. Er bemerkte nicht, daß sie sich nur Schlafend stellte. 4. Frau Corvinus, die Vermieterin, war zu Renate gekommen, als sie allein war, – eine junge Frau mit einem bereitwillig lächelnden Gesicht, das kokottenhaft hübsch war. Sie hatte einen vorsichtigen Gang, und ihre Art zu reden, war nicht minder vorsichtig. Sie suchte sich stets möglichst liebreich auszudrücken, und Renate faßte daher Mißtrauen gegen sie. Doch hatte sie die Manieren einer Dame und die Klugheit jener Frauen, die mehr listig als leidenschaftlich gekämpft haben. Sie erzählte Renate mit freundlicher Unermüdlichkeit Ehegeschichten und Jungemänner-Geschichten, war sehr boshaft, und verstand es geschickt, sich selbst außerhalb des Erzählten zu setzen. Sie lobte Wanderer mit überschwänglichen Worten, und Renates Mißtrauen wuchs. Ungebeten erzählte Frau Corvinus von seiner früheren Lebensweise, – so viel sie eben davon wußte. Lachend gestand sie, daß ihr manche seiner Briefe kein Geheimnis geblieben waren, denn er sei rührend vertrauensselig. Renate stellte sich heiter und amüsiert. Dann erzählte die gut gelaunte Dame von einem Mädchen, das ihr ausnehmend gefallen habe, und das eine Nacht hier gewesen sei, zwei Tage vor seiner Abreise. »Zwei Tage?« murmelte Renate, die ein Gefühl hatte, als sei die Luft um sie her unsäglich dünn geworden. – »Es können auch drei sein, sogar vier. Sie werden sich doch nichts daraus machen? Dann schweig ich lieber. Sehen Sie, ich habe längst aufgehört, Männer und Männerart ernst zu nehmen. Also, es war eine Blasse, ich sehe sie noch deutlich vor mir. Ich brachte das Frühstück und sie versteckte sich hinter dem Vorhang. Herr Wanderer lachte und führte sie wieder an den Tisch, und ich sah, wie verweinte Augen sie hatte, und er nannte sie immer Elwine und neckte sie und machte sich lustig.« So schwatzte Frau Corvinus weiter mit ihrem norddeutschen Accent, – man soll nur keinem Manne trauen, das Seil straff ziehen, die Zügel nicht aus der Hand geben. Renate dachte nur über den Namen nach, den sie gehört hatte, heftete die Laute einzeln zusammen, sah die Buchstaben an der Decke stehen, über dem Lampenschirm, in der Finsternis vor den Fenstern als leuchtende Würmer, und jeder zeigte ein fratzenhaftes Gesicht und Frauenhaare hingen wie Flammen herab. Auf dem Korridor rief eine gezierte Stimme: »Clotilde!« und Frau Corvinus erhob sich und sagte mit spöttischem Augenzwinkern: »Das ist mein Gatte.« Angelus, der sich sein Lager neben der Thür eingerichtet, knurrte, denn es machte ihm wenig Vergnügen, Pförtner für solch zweifelhafte Persönlichkeiten zu sein. Mit ihm war ein seltener Menschenkenner geboren worden. Renate ging zu Bett, löschte das Licht, und die sechs Lettern begannen einen Fackeltanz zu vollführen. Und doch, Renate freute sich, morgen früh, in der frischen Winterkälte ausgehen zu können, die neue, pelzverbrämte Jacke angezogen, an die sie auf einmal mit einer gewissen Zärtlichkeit dachte. Als Wanderer kam und ihr ins Gesicht leuchtete, flatterten ihre Gedanken wie aufgeschreckte kleine Vögel umher. Aber die Augen wollte sie nicht öffnen. War er es denn? Konnte es nicht ebensowohl ein Fremder sein? Anselm, ein fremder Name; Wanderer, ein fremder Klang. Sie wußte, daß er dastand und lächelte, als ob er sagen wollte: Arme Renate! aber ich muß Dich lieben. Nun würde er sie küssen. Sein Atem, der nach Cigarren roch, würde sie streifen. Dann kleidete er sich aus mit der zufriedenen Gemächlichkeit, die sie kannte, als ob nun die Angelegenheiten der ganzen Erde für jene Stunden schlafen müßten, wo Anselm Wanderer schlief. Er löschte das Licht, klopfte behaglich die Bettdecke, – das erbitterte sie, – seufzte ein wenig, und bald war es wieder still wie zuvor. Der Wind blies leise in dürren Aesten, Schnee flockte an die Scheiben wie das Pochen eines Fingers, irgend etwas kratzte an der Mauer und ein Droschkenpferd trabte faul vorbei, wie auf Filzsohlen im Schnee. Am Morgen bat Herr Corvinus Wanderer um eine »Audienz«. Es gab Meldeschwierigkeiten, Renates wegen. Anselm wußte Peinliches zu umgehen und fand den außerordentlich ergebenen Corvinus, dessen Augen vor Hilfsbereitschaft ganz gläsern wurden, discret und verständnisvoll. Ottmar Corvinus war ein zierlicher und feiner Mann. Er war fähig, mehr als hundertzwanzig Worte in der Minute zu sprechen und that es auch stets. Sein Wesen hielt die goldene Mitte zwischen ängstlicher Zudringlichkeit und impertinenter Freundlichkeit. Er war ein geübter Jasager, spielte immer ein wenig den Winkeladvokat, erspähte das kleinste Profitchen in der größten Entfernung, wo man noch ein Teleskop brauchte, redete beständig mit der Erregtheit eines unschuldig Verurteilten und war immerwährend voll geheimer Missionen, Aufträge, Unternehmungen. Er war ein Ehrenmann. Seine linke Hand wußte genau, was die Rechte that. Angelus hatte jedoch eine ungerechte Meinung von Herrn Corvinus und wurde deshalb von Wanderer mit einem Fußtritt bezahlt. Verdientermaßen. Anselm kam in das Zimmer zurück, wo Renate, die anfing überall Gefahren zu wittern, ängstlich gewartet hatte. Er erklärte ihr, was Corvinus gewollt, fing aber so rasch von anderen Dingen zu sprechen an, daß Renate wußte, hier drohe eine Ungelegenheit. Er versuchte sich wieder als Plauderer, diesmal mit Zukunftsplänen. Dann stand er auf, nahm Renates Hand, die sie ihm verwundert überließ und sagte ernst: »Liebste, Süße, es ist jetzt endlich Zeit, daß ich ganz offen mit Dir bin. Ich weiß ja, wie Du darüber denkst, und Du weißt es bei mir. Im Innern bleiben wir doch, was wir waren, aber äußerlich dürfen wir das Herkommen und die Gesetze der Gesellschaft nicht umstoßen wollen. Ich werde nicht aufhören, Dich auf Händen zu tragen, glaube mir, keine Sorge lass' ich an Dich herankommen. Schließlich brauchen wir nicht den Pastor dazu. Nur vor der Welt will ich, daß wir aufrecht gehen können ...Renate, so bleib doch, was hast Du, ich verstehe Dich nicht.« Renate hatte sich erhoben. Sie blickte die Wand an, und ein festes Nein antwortete ihm. Wer weiß, gestern noch wären ihr seine Worte willkommen gewesen. Gestern noch wäre sie bereit gewesen, die lustigen Träume von ehemals preiszugeben, denn sie war stärker durch sein Vertrauen, als durch ihre Träume, deren Kraft erlahmte. Stutzig gemacht durch ihre herbe Weigerung, drängte Wanderer nur um so mehr in sie. Jener Schritt erschien ihm plötzlich wichtiger als alles andre, (durch ihren bloßen Widerstand) und er führte Gründe an, die er vordem aus Zartgefühl wohl nie berührt hätte. Renate erbat sich Bedenkzeit. Sie war müde durch seinen Ansturm mit Worten. Aber das konnte nicht sein Schweigen erzielen. Er setzte sich neben sie, gefangen genommen durch ihr blasses, ergebenes Gesicht, sagte ihr, wie unaufhörlich er arbeiten wolle, wie er Reichtümer aufzuhäufen beabsichtige, wie das verflossene Unglück nur dienlich war, ihn zu stählen, ihn seine Talente und Kräfte fühlen zu lassen. Renate senkte den Kopf und glaubte ihm. Nicht ohne Zweifel, denn sie hatte keine Vorliebe für Versprechungen, von deren Erfüllung sie ihr Glück gar nicht einmal abhängig machte. Als Anselm sie fragte, ob sie ihn denn noch liebe, war sie nicht mehr bestürzt darüber, sondern lehnte sich seufzend an seinen Arm und bejahte. Sie wollte ihm irgend etwas anvertrauen, vielleicht nur, um sich gegen Gedanken zu wehren, die an ihm zweifelten, und sie erzählte ihm, was mit Peter Graumann in der Villa sich ereignet hatte. Die Art ihres Berichtes hatte etwas Entschuldigendes, als ob sie für Graumann um Verzeihung bäte. Als sie fertig war, ging Anselm lange schweigend im Zimmer auf und ab. Offenbar hatte es tiefen Eindruck auf ihn gemacht, wenigstens im ersten Augenblick. Doch da ja alles gut gegangen war, dachte er darüber nach, welches Gesicht er Renate zeigen solle, die sichtlich eine ganz bestimmte Wirkung von ihrem Geständnis erwartete. So vertauschten seine Züge ihren nachdenklich düsteren Ausdruck mit einem zornigen, verhalten und machtlos zornigen. Renate beobachtete ihn furchtsam, und als er beim Vorübergehen ihr Kleid streifte, ergriff sie bittend seine Hand. Er lächelte, gewissermaßen mitten in der Schlacht seiner Gefühle und küßte sie. Das aber hatte Renate nicht erwartet. Flüchtig sah sie in seine Augen, während sein Gesicht so nahe war, und erblickte Elwines Bild darin. Wanderer, der jede verborgenste Aenderung ihrer Stimmung empfand, besann sich, ob er ihr nichts Erfreuliches sagen könne. Nichts fiel ihm ein. Und er berichtete, der Redakteur jenes Journals, mit dem er in Verbindung stehe, sei gleich mit Stieve gekommen und habe seinen Essay angenommen. Renate zeigte wenig Teilnahme, und er bereute, gelogen zu haben. Wie ein Brennen spürte er Bangnis vor kommenden Lügen. Und während er dies dachte, zwang ihn etwas Teuflisches zu den obenhin gesprochenen Worten: »Ja, Stieve meint selbst, daß im Journalismus ein Mensch von Talent noch am besten seinen Weg machen kann.« 5. Nun begann die Stadt drückend auf Renate zu wirken. Sie hatte eine Empfindlichkeit gegen Lärm, welche ihr bisher fremd geblieben war. Die starrenden Blicke der Männer verletzten sie; wenn Jemand längere Zeit hinter ihr herging, erfüllte sie eine beklemmende Furcht. Bisweilen kam sie nach Hause, schnellatmend, die Hände vor die Brust gepreßt, blaß von Erregung. Nicht wenig hatte dazu ein Vorfall beigetragen, der ihr nicht aus dem Sinn kam. Sie ging beim Hofgartenthor, nachmittags gegen die Dämmerung, und wollte in die Briennerstraße hinüber. Sie war stets allein, wenn sie ausging, das hatte sie mit Anselm verabredet. Es war Tauwetter und der breite Platz voller Kot. Vorsichtig hob sie die Kleider und achtete mehr auf den Weg als auf die vielen Fuhrwerke. Da schoß vom Siegesthor her eine elegante Karosse, und weil einige Wagen, die quer gegen die Residenz fuhren, die Bahn versperrten, ließ der Kutscher die Pferde langsam traben. Mechanisch blickte Renate in das Gesicht des Kutschers und stutzte ...Doch schon konnte sie in daß Innere des Wagens sehen, wo der Herzog saß, unbeweglich in eine Ecke gelehnt. Er sah Renate an wie vorbereitet, und kein Zug veränderte sich in seinem Gesicht. Aber erschreckend war für sie der Blick demütigender und messender Verachtung, den er auf sie heftete. Seine Augen waren in dem unbestimmten Licht wie zwei grünleuchtende Seen; etwas Lachendes, Kaltes, Giftiges lag darin. Das dauerte kaum Sekunden. Sie blieb stehen, unfähig, den Fuß weiter zu setzen und starrte dem Wagen mit kindischer Bestürzung nach. Eine kräftige Hand riß sie zurück, daß sie taumelte, und im selben Augenblick raste ein zweiter Wagen dicht an ihr vorbei, dem des Herzogs nach und voran. Tieferschrocken blickte sie dem Entschlossenen ins Gesicht; es war Gudstikker, der sie mit bleichen Mienen noch immer am Arm festhielt und dann die Wortlose über die Straße geleitete. Sie hatte ihn anfangs nicht erkannt. Er hatte sich ihrer sogleich entsonnen, da er ein ungewöhnliches Unterscheidungsvermögen für Physiognomien habe, wie er leicht plaudernd bemerkte. Renate reichte ihm die Hand, dankte rasch und wirr und eilte davon. Noch schmerzte der Arm vom harten Griff. Gesenkten Blickes verfolgte sie ihren Weg, weiter und weiter, bis es dunkel war, denn sie glaubte sich von gierigen Augen verfolgt, die Zeuge der Scene mit Gudstikker gewesen waren. Wanderers populäre Abhandlung wurde mit einem höflichen Dankschreiben zurückgesandt. Renate erfuhr davon nichts. Zur selben Zeit empfing er die Nachricht, daß die Güter am Bodensee und im Salzkammergut von den Concursverwaltern verkauft seien. Der Erlös hatte kaum hingereicht, die Schuldenlast zu decken. Eine große Enttäuschung für Wanderer, der gehofft hatte, daß seine spärlichen Ueberbleibsel einen Zuschuß erfahren könnten. Auch davon erfuhr Renate zuerst nichts. Im Gegenteil, Anselm täuschte sie geflissentlich über seine Lage, eine Unklugheit, die sich rächte. Denn als Renate einige Tage später zufällig einen der Briefe fand, die darauf Bezug hatten, wurde sie von Befürchtungen erfaßt, die sie schwindeln machten. Die dürren, geschäftlichen Worte hatten etwas Unverwischbares und Folgenschweres in ihren Augen, und es kam ihr vor, als ob sie jetzt Vieles begriffe. Lange mußte sie darüber nachdenken, weshalb Anselm ihr in einer so wichtigen Angelegenheit nicht die Wahrheit gesagt hatte. Aber wie immer vermochte sie auch diesmal nicht zu reden, als er nach Haus kam. Er merkte, daß etwas vorgefallen war, denn sie schien zerstreut, ja verstört. Durch vieles, vielzuvieles Fragen entlockte er schließlich krumenweise, was sie ihm vielleicht doch eröffnet hätte, wenn er zurückhaltender gewesen wäre. Das Bewußtsein seiner Heimlichkeiten machte ihn jedoch unsicher. Als er es wußte, verschwendete er viele, vielzuviele Worte daran, ihr klar zu machen, daß er recht gehandelt, wenn er sie nicht unnütz in Sorgen gestürzt. Er sagte ihr, daß all das gar nichts bedeute bei seiner Jugend und seinen Fähigkeiten, daß es ihn mutig mache, zu sehen, wie viel er erreichen könne, und daß, was Andern gelungen sei, doch wohl ihm nicht minder gelingen dürfte. Müde lauschte sie seinen Erklärungen, und ein wenig mißtrauisch seinen Hoffnungen. Ihr wäre es lieber gewesen, wenn er sich gleichgiltig gezeigt hätte gegen ihre Skrupel. Schließlich umarmte er sie und küßte sie, als wollte er sagen: jetzt ist alles wie vorher. Er kennt mich nicht, dachte Renate bekümmert, während sie schweigend seine Küsse duldete. Doch allmählich vergaß sie dabei selbst, worüber sie hatte grübeln wollen, und nur ein dumpf bittender Blick traf ihn, sein Ungestüm zu mildern. Er teilte ihr aus freien Stücken mit, daß sie beide nichts Schlimmes zu befürchten brauchten, daß er Hilfsquellen genug besitze. Er habe auch ein Klavier bestellt, vielmehr gemietet, damit sie nicht mehr so viel denken könne. Renate lächelte und schaute ihn, froh geworden, aufmerksam an. Angelus gesellte sich jetzt dazu und wedelte freundlich, als ob die entwichene Wolke der Verstimmung auch auf ihm gelastet habe. Er besaß eine ungewöhnliche Liebe zu Renate. In Wahrheit lag es so mit Wanderer, daß ihm von »Hilfsquellen« durchaus nichts bekannt war. Seine Leidenschaft und die Angst, Renate vor Sorgen zu bewahren, ließ ihn Dinge als wirklich sehn, die er nur gewünscht. Vielleicht glaubte er, daß Freunde ihm aushelfen würden, vielleicht glaubte er an seine Freunde, Gott weiß, was er sich vorstellte. Seine lebhafte Fantasie ließ ihn hinter dem nahenden Dunkel noch die hinabgesunkene Sonne sehen. So trog er sich und trog Renate mit. Das Klavier, das am nächsten Tage kam, vermochte Renates Achtung nicht zu erringen. »Ein alter Klapperkasten«, scherzte sie und suchte es zu beweisen, indem sie einen Gassenhauer klimperte. In der That klang es blechern, verletzt. Mit Wehmut gedachte sie ihres Steinways im Elternhause und ließ das Instrument meist unberührt. Auch sonst brachte Wanderer Kleinigkeiten, – Geschenke für Renate. Dieser nervöse Hang, Geschenke machen, war neu an ihm. Meist waren es wertlose Dinge, eine Decke, ein Shawl, feines Briefpapier, – für welches sie gar keine Verwendung hatte – oder Näschereien. Das alles war für Renate peinlich; sie fühlte eine stille Forderung zum Dank dabei heraus, und die Erwartung, daß Geschenke ihre gute Laune erhalten könnten. Wie sehr wäre ihre Abneigung gegen diesen seltsamen Tribut seiner Gefühle gewachsen, wenn sie gewußt hätte, daß er anfing, gewisse Wertgegenstände zu verkaufen, die meist alte Familienerbstücke waren. Einige Trödler waren schon abgerichtet auf seine Art und beuteten ihn herzhaft aus. So kam es, daß er für einige Zeit mit ausreichenden Geldmitteln versehen war, und daß er für den Tisch der Herz, Uibeleisen, Xylander, wo er Nachmittag für Nachmittag Karten spielte, eine willkommene Errungenschaft bedeutete. Er fühlte sich wohl in der Atmosphäre der Scheinfreiheit, der gewaltsamen Ungebundenheit, des rauschartigen Leichtsinns, der witzigen Melancholie. Es betäubte ihn, machte, daß ihm die Ansprüche des Tags geringfügiger erschienen, ließ die Besonnenheit verblassen, die nötig ist, um dem Schicksal gegenüber wenigstens scheinbar Herr zu bleiben. In der Mitte der Leute, die mit ihren ausgetrockneten Hoffnungen Ball spielten, fühlte er sich gefahrlos und unabhängig, ja geradezu gefestigt. Er lernte Gudstikker kennen, war entzückt von dem Wesen des Schriftstellers und pries Renate die Bekanntschaft in überschwänglichen Worten. So geriet er immer mehr in den Strudel jener gewissen Gewohnheiten, die anspruchsvoller und aufreibender sind als wirkliche Arbeit. Daneben lief seine täglich wachsende Liebe zu Renate, die ihn rastlos machte, weil er ahnte, daß sie nicht mit gleicher Glut erwidert werde, die ihn je mehr in die wirren Geselligkeiten drängte, je mehr er sich von Renate still und scheu beobachtet wußte. Wenn sie einige Stunden beisammen waren, fing Renate an, aus irgend einem geheimnisvollen Grund verstimmt zu werden. Sie konnte sich darüber nicht Rechenschaft geben. Manchmal reizte sie eine gewisse Gespreiztheit seiner Anschauungen und Urteile, sodann sein bedrücktes Wesen, hinter dem sie Heimlichkeiten ahnte; kleine Eigentümlichkeiten, die sie früher nie bemerkt; Gewohnheiten, die ihr komisch erschienen, und die sie verspottete. Statt darüber hinwegzugehen wurde er bleich, starrte sie traurig an und war beleidigt. Da lachte sie gutmütig und schüttelte den Kopf über ihn. Und ihr war zu Mut, als erwache sie aus einem Schlaf, der sich nur langsam von ihren Gliedern lösen wollte. 6. Das Leben des Ehepaars Corvinus war ein wenig tragische Posse. Da die Wohnung der Beiden dicht anstieß, hörte Renate, auch mitten in der Nacht, zänkische Reden, wobei Frau Clotildes Stimme leicht den Vorrang behauptete. Sie besaß eine artige Vollendung in der Kunst, einen Mann zu reizen. Gewöhnlich endete das Wortgefecht mit einer Prügelei, worauf Frau Clotilde jämmerlich heulte und die Polizei zu rufen drohte. Bald wurde es aber still, und man war einigermaßen überrascht, mehrere Stunden darauf das Ehepaar zärtlich schnäbelnd am Fenster zu sehen. Herr Corvinus, wenn er Renate begegnete, grüßte und verbeugte sich in wahrhaft zerfließender Ehrfurcht, und sein glührotes Gesicht wurde feierlich vor Andacht. Wenn sie vorbei war, blieb er stehen, kniff die großen leeren Augen zusammen und sah ihr nach wie ein pfiffiger Händler, der den Preis prüft. Einmal bemerkte es Renate, und ein Schauer lief ihr vom Nacken bis zu den Zehen. Das elegante Herrchen war wohl in einige krummlinige Geschäfte verwickelt, das entnahm Renate den freimütigen Erzählungen Frau Clotildes, die zu allem Ueberfluß ihre gesamten Liebesabenteuer beichtete, die ehelichen Conflikte und jede Lächerlichkeit, auch die intimste, die sich Ottmar zu Schulden kommen ließ. Sie schwärmte sogar von Idealen, verschwundenen Idealen, wie ein Kleinbürger, der vom Planetensystem spricht. Ihre einzige Erhebung bilde das Lesen schöner Bücher. Sie brachte Renate einiges ihrer Litteratur, und Renate las mit Langeweile und Ekel süßliche, moralische und schmierige Schriften vom großen Jahrmarkt. Aber einmal bekam sie auf solche Weise Gudstikkers neues Buch in die Hand, »Veronikas Ende«. Veronika, schuldig und doch ohne Schuld, gleitet aus sicheren Verhältnissen in die Tiefe, verliert den Mann ihrer ersten Wahl, greift nach der Hand des zweiten, voll Müdigkeit und Scham nach der des dritten, giebt sich voll Ekel aller Welt preis. Ein wenig weit und breit war das geschildert, doch mit Eindringlichkeit und geriebener Kunst. Davon verstand Renate nicht viel, aber das Stoffliche ging ihr nahe, und Veronikas Schatten verfolgte sie. Nichts wünschte sie inniger, als mit Gudstikker selbst darüber reden zu können, obgleich sie nicht wußte, wozu es führen könne. Anselm begriff dergleichen nicht, begriff nicht das Tiefe ihrer Seele. Sie sah es, wußte es jetzt. Zweifel bestürmten sie, deren sie sich nicht erwehren konnte. Frau Corvinus ihrerseits fand keinen Geschmack an der Geschichte Veronikas. Ich bitte Sie, wie lang, wie poesielos. Es ist ja keine Handlung da, keine spannende Verwicklung, und ich habe das Romantische gern, bin selbst eine romantische Natur. Nein, schade für das Leihgeld. Gern hätte Renate den Verkehr mit der Frau beendet. Aber sie wagte es nicht. Sie hatte Furcht. Auf allen Gassen lief der Klatsch. Alles konnte sie jetzt eher ertragen, als feindselige Blicke und scheele Mienen. So blieb sie liebenswürdig und zuvorkommend, mehr als es nötig war, selbst um den Preis der Aufrichtigkeit und der Ruhe. Ihr Herz war voll Sehnsucht, schwellend wie die Flut. Wenn sie ausging, war sie tief verschleiert, als könne sie so vor dem schillernden Schmutz des Geredes sich auf ihre Weise schützen. Einige Zeit war es recht kalt gewesen, jetzt hatte man wieder milderes Wetter. Der Himmel war dunstig blau, von langgespannten Wolken wie weißen Muskeln durchzogen. Renate liebte es, in der Dämmerstunde spazieren zu gehen. Zuerst wandelte sie die Königinstraße hinunter bis zur Prinzregentenstraße. Dort wohnten Tekes, und instinktiv trieb es sie hin, da Wanderer ihr gesagt hatte, er wolle den Nachmittag bei Terkes verbringen. Die Baronin war ihm begegnet und hatte ihn dringend zum Thee gebeten. Renate wußte bitter, daß Neugierde das Motiv bilde, aber dennoch hatte sie gierig gelauscht, als Wanderer ihr davon erzählt hatte, dennoch hatte sie ihn, der Unlust zeigte und sogar von Taktlosigkeit sprach, gedrängt, die Einladung anzunehmen. Es schien, als sehe sie hoch oben das Thor einer Welt, der auch sie einst angehört und der sie entflohen war. Stolz suchte sie ihr Nachdenken davon zurückzuhalten, aber daß sie sich darum bemühen mußte, machte sie von Neuem nachdenklich. Früher hatte sie das Thor in der Tiefe gesehen, in der Nacht, unbegehrt, gleichgiltig. Nun war Wanderer bei Terke, – glich es nicht einem Brückenbau? Nicht das Eigen-Erlebte war es, das ihr Herz verwirrte, sondern vielmehr das Bild fremder Schicksale, das geschäftig ihren Pfad mit den Pfaden vieler Anderer verband. Sie erinnerte sich, daß sie vor einigen Tagen Elwine mit einem jungen Mann, dem bleichen Dawill, in den Gasteig-Anlagen gesehen. Das Mädchen war auf sie zugeeilt, lächelnd und heiter, in frischer Blüte, schön und verliebt. Renate blickte sie kalt an, wandte sich ab und ging weiter. Sie sah nicht die Thränen in Elwines Augen, nicht, daß jene stehen blieb, bis Renate verschwunden war. Sie hatte nicht mit Ueberlegung gehandelt, nicht aus Feindseligkeit. Daß Anselm die Lippen geküßt, die nun ihr zulächelten, war ihr gleichgiltiger, als sie geahnt hatte; sie hätte es tragen und verhehlen können. Aber ein andres Gefühl war es, herrisch wie der Selbsterhaltungstrieb. Sie wußte sich Elwine näher, als sie wünschte, wollte gewaltsam alles Gemeinschaftliche abstreifen, das durch Worte oder durch Lächeln entstehen konnte. Sie fühlte es, daß ein Unglück erst dann besiegelt ist, wenn man die Gefährten kennt, mit denen man es teilt. Während sie so in Gedanken versunken war, sah sie Gudstikker in geringer Entfernung daherkommen. Er grüßte schon von weitem, und sie dankte freundlich. Er blieb stehen, und sie beantwortete offen und warm die förmlichen Fragen, die er stellte. Seine Miene war wohlwollend, sein Blick forschend, so unablässig forschend, daß Renate errötete. »Ich habe Ihr letztes Buch gelesen«, sagte sie mit fast dankbarem Blick. Er zuckte die Achseln, als lege er wenig Gewicht darauf, daß man seine Bücher lese. »Es ist schön,« fügte Renate verlegen hinzu. Gudstikker sah sie wieder mit dem durchdringenden Blick an und erwiderte: »Es ist typisch. Uebrigens der Schluß ist überhastet. Verfrüht vielleicht. Darüber hätte man nicht das letzte Wort sprechen sollen. Ich bekomme täglich Briefe von Frauen, die wissen wollen, wie ich mir das oder das gedacht. Wie langweilig. Mein Buch ist gar nicht für die Frauen. Es ist für Männer. Wenn eine Frau sich um derlei Dinge zu kümmern anfängt, ist es schon schlimm mit ihr bestellt. Eine Frau an sich ist nichts. So wenig wie ein Musikinstrument an sich. Es giebt natürlich populäre Instrumente, Drehorgeln, Spieldosen, die kann jeder spielen. Aber die persönlichen, da muß sich der rechte Mann dazu finden. Frauenfrage? Unsinn. Man läßt sie fragen, giebt keine Antwort.« Nach solch einsichtsvoller Rede starrte Gudstikker mit zusammengezogenen Brauen auf die gelben, kahlen Wiesen des Parks, dann sagte er noch: »Wir haben eben bei Tekes über dasselbe Thema gesprochen. Das sind müßige Discurse, unheizbare Oefen. Schauen und Schaffen, voila tout.« »Sie waren bei Terkes?« »Ja, Herrn Wanderer traf ich auch dort. Ein stiller, angenehmer junger Mensch. Ein bißchen verdöst kommt er mir vor, aber sehr sympathisch. Er renommiert übrigens gern mit Ihnen.« »Mit mir – ?« »Na, na, das braucht Sie nicht zu erschrecken. Es ist ganz harmlos. Er ist ja schweigsam. Ich liebe die Vielredner nicht und bin immer lieber im Winkel gesessen als auf dem Präsentierstuhl. Freilich, Duckmäuserei hab ich nie betrieben; ich habe manche Kette im Stillen zerrissen. Mein Beruf schließlich.« »Waren viele Leute bei Terkes?« »Ziemlich. Eine ko–mische Tante ist diese Baronin. Oft weiß man nicht, wer die Baronin ist, sie oder der Hund.« »Sagen Sie, Herr Gudstikker –« »Was mein Fräulein –?« »Ich möchte so gern Ihre andern Bücher lesen. Sagen Sie mir die Titel.« »Na, wenn Ihnen daran gelegen ist, ich schicke sie Ihnen. Bitte, keine Umstände, nicht einem Jeden würbe ich's thun. Vielleicht schreiben Sie mir dann ein paar Zeilen über die Eindrücke, die Sie gehabt haben.« »Gern.« »Also adieu, liebes Fräulein, auf Wiedersehn.« »Adieu, Herr Gudstikker.« Da lag schon die dunkelnde Straße zur Universität. Renate verließ schnellen Schrittes den englischen Garten. Zu Hause wartete Anselm mit Ungeduld. 7. Anselm erzählte ohne daß es einer Aufforderung bedurft hätte, von der Gesellschaft bei Terkes. Die Baronin sei sichtlich älter geworden, die Gräfin sichtlich prüder. Aber Adele sei melancholisch und habe ihn oft mit fragendem Ausdruck angesehen. Gudstikker sei dagewesen, ferner ein paar litterarisch angehauchte Damen. Man habe die Rede auf die moderne Frau gebracht, und er, Anselm, habe gesagt, es gebe keine moderne Frau, so wenig wie es eine moderne Wiese gebe. Man könne die Frauen mit den Instrumenten vergleichen. Manche spielten sich von selbst: Drehorgeln, Automaten, manche forderten aber den rechten Mann. Dem hätte man auf das Entschiedenste widersprochen. Renate war erstaunt. Sie lächelte, wollte aber damit nur ihre Verwunderung und eine jäh aufkeimende Verachtung bemänteln. Dieser Hjalmarsche an ihm erregte ihr tiefen Verdruß. Als Anselm sie küssen wollte, entzog sie sich ihm hastig und sagte, daß sie Kopfschmerzen habe. »Weißt Du was, Renate,« meinte Anselm. »Wir müssen verreisen. Wir müssen fort. Du bist auffallend verändert seit einiger Zeit.« »Geh, wie willst Du denn fort,« erwiderte Renate unwillig. »Ich werde es schon erreichen,« sagte Wanderer düster. »Es muß eben sein. Du leidest ja geradezu. Mir ist, als könnt ich Dich irgendwo wieder ganz gewinnen, nur hier nicht. Du sehnst Dich doch selbst fort, nicht wahr?« Renate schwieg. Am nächsten Tage schickte Gudstikker die Bücher, und als Anselm den Hergang erfuhr, war es, als wage er nicht, Vorwürfe zu machen, als wollte er es nicht riskieren, gekränkt zu sein. Er schien überdies mit andren Dingen beschäftigt. Verstört kam er am Abend nach Hause, ging gleich wieder fort, kam nach einer Stunde wieder, war gekünstelt aufgeräumt, dann schweigsam, zerstreut und nervös. Renate war so sehr mit Lektüre beschäftigt, daß sie ihn nur nebenbei beobachtete. Wahrscheinlich hat er beim Kartenspiel verloren, dachte sie und verweigerte sich trutzig jede Frage. Bis spät in die Nacht las sie, und als sie endlich einschlief, hörte sie ihn draußen auf- und abgehen, ruhelos, unermüdlich. Als sie am Morgen aufwachte, war er schon fort. Nachmittags ging Renate ein wenig aus. Zusehends sanken graugelbe Nebel. Die Sonne war am Untergehen; die Luft, der Erdboden, der Himmel, alle Gegenstände trugen eine schmutzig-violette Färbung. Als sie an der Residenz angekommen war, verschwammen schon die Giebel der Häuser im dicken Nebel. Durch die grünen Reflexdächer der Laternen war das feuchte Pflaster die Straße hinunter von einem langen, grasgrünen Lichtstreifen durchzogen, der sich zerflossen abhob von den Nebeldünsten. Als sie um die Ecke gegen das Hoftheater bog, sah sie zehn Schritte vor sich die Terkes auf sich zukommen, die Gräfin, die Baronin und Adele. Sie war so beklommen, daß sie im Weitergehen glaubte, sie könne nicht von der Stelle. Sie sah jede Falte, jedes Zucken, jeden Gedanken auf jedem der drei Gesichter, die sich gleichgiltig von ihr wegwandten, um dem Militärposten am Portal ihre Aufmerksamkeit zu widmen. Traurig ging Renate nach Hause. Ihre Schritte waren von außerordentlicher Langsamkeit, als wisse sie nicht, wohin, als fürchte sie ihr Ziel. Anselm saß am Fenster und starrte auf die Straße. Er regte sich nicht, als Renate die Lampe anzündete und sie auf den zierlichen Tisch beim Ofen stellte. Erst als sie unschlüssig stehen blieb und in das Licht sah, kam er zu ihr her. »Ich bin so schrecklich verstimmt, Anselm,« sagte sie aus freiem Antrieb zu ihm und reichte ihm die Hand. Er fragte nicht nach dem Grund, sondern tröstete sie, so gut er konnte. Obwohl die Stunden vorrückten, dachten sie an kein Abendessen. Renate legte sich ermattet auf die Ottomane, und Anselm saß bei ihr, ihre Hand an seine Lippen gepreßt. Später ging sie zum Clavier und versuchte, die alte Freudigkeit zur Musik wieder zu finden. Nur einem Gedanken, einem einzigen hing Renate nach, und den wollte sie sich auch aus dem Sinn musizieren. Sie war so hingenommen von ihrer Stimmung, daß sie Anselms Verstörtheit, die viel größer war als gestern, kaum bemerkte. Sich mit ein paar Küssen betäuben, darin lag noch etwas, wie flüchtiges Entrinnen. Zehntes Kapitel 1. Lieber Herr Gudstikker, mit dem, was Sie im letzten Brief behauptet haben, bin ich nicht ein verstanden. Nachdenken hat es mich jedoch lassen. Ich will mich nicht lächerlich machen und philosophieren. Aber das Leben ist doch nicht wie ein Markt, wo nur das feilgeboten wird, was man grad haben will. Und wenn Sie behaupten, daß man nur den Schein von freiem Willen hat, widerlegen Sie sich, doch selbst. Lachen Sie mich nur aus, ich bitte Sie, ich verstehe wirklich nichts davon. Sie fragen, ob ich unglücklich bin. Darauf weiß ich keine Antwort. Seh ich doch jeden Tag viele, die viel unglücklicher sind oder sein müssen. Ich sehe viele Frauen, denen auf dem Gesicht geschrieben steht, was auch mich bedrückt. In Ihren Büchern ist mir so sehr aufgefallen, wie Sie die Frauen schildern. Als ob alle warten würden, Schönes und Großes zu erleben, und sie werden gemein und hausbacken, weil statt des Schönen und Großen Gemeines und Hausbackenes kommt. Aber ich schreibe so, und das ist es gar nicht, was ich empfinde. Die Worte sehen aus, als wollte ich imponieren. Das ist nicht der Fall. Ich glaube, es kommt im Leben nur darauf an, daß man sich selber kennt und nicht überrascht wird durch den Weg, den einen sein Temperament führt. Es giebt jetzt viele nachdenkliche Sachen für mich, mehr als früher. Aber ich finde keinen Halt und quäle mich nur. Bald giebt es dies, bald das zu sorgen. Schreiben Sie mir nur bald wieder. Ich freue mich, wenn ein Brief von Ihnen kommt, da giebt es immer Neues. Ich kann nur Ihre Schrift schwer lesen. Sie ist so klein. Die meine ist doch leserlich? Ich gebe mir aber auch Mühe. Bestens grüßt Renate Fuchs. Verehrtes und liebes Fräulein, ich bin gewöhnlich kein Freund vom Briefschreiben, doch bei Ihnen kommen mir neue Sympathieen dafür. Ich kann Ihre Briefe oftmals lesen, denn sie haben einen Duft der Einfachheit an sich, der sich nicht bezeichnen läßt. Fürchten Sie nicht, daß ich schmeichle. Damit muß man vorsichtig gegen Sie sein, denn Sie sehen nicht – aber Sie fühlen scharf. Wenn ich an Sie denke, und das ist oft, klingt in mir nur eine Stimme: das hast Du versäumt. Ja, ich habe Sie versäumt. Darüber kommt selbst mein Fatalismus nicht hinweg. Mein Gott, wie leb ich auch dahin! Was für ein schmutziges Metier, das Litteratengeschäft. Man verkehrt mit einigen Idioten, die gerade den Nahm der Sache verstehn, die davon leben, Tinte zu schwitzen, und mit einigen Hundert, welche die Natur blos als Speisebehälter benutzt. Und der elende Fetzen Ruhm, wie unnütz! Er besteht darin, daß einem ein paar verlorene naive Gemüter zugrinsen, daß einige hysterische Weiber sich verliebt anstellen, daß man vom Kot der öffentlichen Angelegenheiten bespritzt, daß man vergessen wird, wenn man nicht unter die Leute geht, daß einen die Freunde um die Bücher betteln, die man geschrieben hat und die sie sich nicht kaufen mögen, und daß einige Esel vom Fach berechtigt sind, uns lehrerhaft zu behandeln. Freundelos steh ich da, bin jetzt vierzig Jahr alt, habe aufgehört zu suchen und ernstlich angefangen, zu verachten. Ich schicke Ihnen da das kleine Gedicht »Der Schatten« mit, das noch zuguterletzt aus dem spärlichen Born meiner Lyrik geflossen ist. Ueberzeugen Sie sich von der Stimmung meiner Nächte. Ich habe viele Frauen gekannt und manche geliebt, und nicht ein Fingerring ist mir davon geblieben. Als ich vor langer Zeit die Heimat verließ, die schönen, stillen Ebenen Frankens da oben, geschah es mit unvergleichlichen Hoffnungen. Meine Seele war voll unausgeträumter Träume, das Leben war wie ein buntes Kleid für mich, das man nur anzulegen braucht, um sich und Andern zu gefallen. Seitdem! Bittere Zeiten sind über mich hinweggeschritten. Und wie sonderbar, daß ich dastehe und alles betrachten kann und die Hände rühre, während unsichtbare Mächte mich als Stein unter Steinen den Berg hinunter zum Abgrund stoßen. Doch wohin gerate ich! Seien Sie nicht ungehalten über den Tumult von Worten, aber Sie sehen daraus, welchen Einfluß Sie schon auf mich üben. Die ganze Salbaderei wird Sie kaum interessieren, ist vielleicht nur gut, daß Sie Offenheit mit Offenheit vergelten. Was Sie schreiben, ist nur ein Schweigen über das Wichtige. Sie sind eine verschwiegene Natur. Ich begreife, daß Ihre Feder sich sträubt, doch vielleicht zeigt Ihr Mund sich williger. Ich bin eine Art geborener Beichtvater. Es kommt vor, daß gleichgiltige Leute mir bei ganz gleichgiltigen Gelegenheiten ihre Lebensgeschichte erzählen. Sie aber, Sie haben eine fast beunruhigende Teilnahme in mir erweckt. Erwartungsvoll Stefan Gudstikker. Nachschrift. Natürlich hat, was der Klatsch aussprengt, dabei einigen Anteil. Das Geschwätz ist wie Tinte, die, statt zum Schreiben verwandt, einfach über das Papier gegossen wurde. Nun ist alles schwarz und schmierig. Im Uebrigen bin ich nicht der Mann, durch die Geheimnisse des Jourfix-Pöbels lecker zu werden. 2. Lieber Freund Stieve, Du hast aus ehrlicher Teilnahme zu wissen begehrt, welchem Umstand wir die Wandlung im Wesen des jungen Anselm Wanderer zuschreiben sollen. Das Gemunkel in der letzten Zeit ist lästig geworden. Ganz ohne mein Zuthun ist mir Aufklärung gekommen, der ich vertrauen darf. Ich teile Dir alles mit, da Du ein näheres Verhältnis zu Wanderer hast, als ich und ihn selbst um völlige Klarheit bitten sollst. So wie wir sind, werden wir nicht gleich den Moralbesen schwingen. Also höre. Wanderer hat der Gräfin Terke einen gefälschten Brief gezeigt, wonach er noch einen Teil seines Vermögens in einem Jahr von irgend einem Verwandten zu erwarten hätte. Er war in der größten Bedrängnis, bat die Gräfin um ein größeres Darlehn, aber die Vorsichtige wandte sich ohne Wissen Wanderers an den angeblichen Schreiber des Briefes, einen Wiener Rechtsanwalt. Die Geschichte war dumm und jugendlich gemacht, aber die Gräfin war empört und verbot ihm ihr Haus. Trotz des Widerstands der Baronin hat sie es in ihrem Jourfix erzählt. Bitter für den jungen Menschen. Es ruiniert seine Zukunft. Die Gräfin hat nachher bereut, und Jeden, der es wußte, um Verschwiegenheit gebeten. Aber Zungen, die etwas zu verschweigen haben, sind nicht zu halten. Außerdem hat Wanderer viele Feinde wegen der dummen Weibergeschichte. Es fragt sich nur, wie wir uns zu der Affaire stellen. Und das hängt davon ab, wie Wanderer sich Dir gegenüber aussprechen wird. Ueberlege Dir die Sache gut, und geh vorsichtig zu Werk. Dein alter Richard Uibeleisen. Dieser ziemlich flüchtig geschriebene Brief betrübte Stieve sehr; einerseits wegen des Falles selbst, denn er mochte Wanderer gut leiden, dann aber, weil man von ihm verlangte, er solle dabei etwas unternehmen. Er war aufrichtig betrübt, daß die Ruhe und Gleichmäßigkeit seines Elends durch eine so anstrengende Mission gestört werden sollte und fiel in revolutionäre Gedanken über die Unverläßlichkeit der Freunde. Die Angelegenheit wurde wie eine schwierige Parlamentsvorlage im Cafe erörtert. Herz behauptete mit jenem Pathos, das ihm zum Leben nötig war wie die Luft, man richte sich nicht für eine Frau zu Grunde. Süssenguth war elektrisiert. »Für eine Frau? Nein. Für Renate Fuchs? Ja. Sie ist die Beste, Edelste, Reinste. Ich versteh überhaupt diese Beratungen nicht. Wir sollen einfach hingehen und ihm sagen: Du hast recht gethan!« Süssenguth sah in eine Reihe verblüffter Gesichter und fuhr fort: »Der Mann leidet! Trägt die Hölle in sich! Bereut bis in den letzten Schlaf seiner Nächte! Kommt schmal und blaß und demütig daher, dürstet nach Erlösung. Sie, und da soll ich nicht hingehn und ihn erlösen? Gut, er hat unehrenhaft gehandelt. Gut, es war verwerflich. Das ist die eine Seite. Die andre ist: er hat sich weggeworfen, hat sich aufgeopfert. Kann ich die Moral vom Isarthorplatz nicht wie einen alten Mantel wenden? Ist er mir nicht schuldig genug, um mich in meiner Ueberlegenheit zu versöhnen? Muß ich die Arme über die Brust kreuzen? Und was ist denn Schuld? Weiß ich denn von mir und wissen Sie es und Sie es, ob unsere Natur und unser Temperament uns davor geschützt hätten? Wir Alle sind Schuld. An allem. Ich werde zu ihm hingehn und sagen: lieber Freund, was grämst Du Dich, ich habe gestohlen. Nun und hab ich nicht gestohlen? Sitz ich nicht in tausend Zuchthäusern der Erde als Dieb, als Mörder, als Brandstifter, schuldig für Alle und Alles? Und der sich aufgeopfert hat, zerkleinert hat für Renate Fuchs, dem sollt ich etwas zu verzeihen oder zu übersehen haben? Ein Verbrecher wäre ich.« Die Gesellschaft saß stumm und unbehaglich und merkte nicht, daß es Abend wurde. Mit Wanderer war eine solche Veränderung vor sich gegangen, daß sie auch Fernstehenden nicht wohl entgehen konnte. Er war ängstlich in seinen Bewegungen, er lächelte liebenswürdig, auch ohne hinreichenden Grund. Wenn sein Name genannt wurde, zuckte er zusammen und gab sich den Schein übertriebener Aufmerksamkeit, wenn man das Wort an ihn richtete. Er stimmte bei, wo Zustimmung vorteilhaft schien, und sobald er unbefangen sein wollte, lag in seinem Wesen etwas Tiefzerquältes. War er unbeachtet, so versank er in ein brütendes und starres Schweigen, spielte bei falschen Anlässen den Empfindlichen, errötete leicht, hatte auf der Straße ein übermäßig beschäftigtes, oder ein krankhaft gelangweiltes Aussehen, verwickelte sich in grundlose Lügen, von denen er in einer Art Wahnsinn glaubte, daß sie sein Ansehn erhöhen könnten, sprach gern und viel von Renate, als ob ein Abglanz ihrer Vorzüglichkeit auf ihn fallen müsse, horchte unauffällig wie ein Spion auf jede versteckte Andeutung, oder witterte in gleichgiltigen Fragen ein unaufrichtiges Interesse. So sahen ihn seine Bekannten. Er sagte, er hasse Gesellschaft, aber er wurde schwermütig, wenn er allein war. Er glaubte sich umgangen, ausgeschlossen, gemieden, sobald man nur rücksichtsvoll war. Er wollte vertrauensselig sein und erzählte die Leiden seiner Leidenschaft. Erregte er dann Mitleid, so nagte der Groll über seine Schwäche in ihm. Stellte er eine Behauptung auf, so wirkte er nicht überzeugend, denn er war nicht überzeugt. Er sprach von Fortgehen, von der Flucht aufs Land und begann kleine Beträge schuldig zu bleiben. So trieb er sich umher, in Bangnis nach einer friedlichen Stunde. Sah lauter Arme, über die Brust gekreuzt, lauter unnachsichtige Augen. 3. Der Schatten. Im Finstern lieg ich, wartend auf den Schlaf. Der mich aus schlimmen Aengsten endlich rette, Er kommt nicht, kommt nicht, wie ich mich auch bette; Weiß nicht, warum mich solches Unheil traf. Ein grauer Schatten steht an meinem Lager, Spricht Worte und ich kann sie nicht verstehn, Haucht Seufzer, die wie Flüsterton verwehn Und beugt sich immer tiefer auf mein Lager. Ich liege schweigend, und ich wache bang. Das Haus ist leer. Mein Rufen muß verhallen. Kein Stern hängt in den Wolken. Ueber allen Dingen liegt Finsternis. Die Nacht ist lang. Die Nacht ist lang, die keinen Schlummer hat, Der keine Uhr tickt, keine Glocke klirrt. Und deutlich kauert, bis es morgen wird, Der Schatten stumm an meiner Lagerstatt. Stefan Gusstikker.   Die Corvinus waren in Höflichkeit dringend geworden. Freilich hatten sie selbst nicht die Butter zum Brot. Ihre Mägen wurden vom Zufall gespeist. Waren ein paar Groschen im Haus, so vertrieb sich Herr Ottmar die Zeit, indem er Lieder sang, Cigarren rauchte, zum Fenster hinaussah, kaufmännische Berechnungen anstellte, wie aus einem Thaler deren hundert werden könnten, ohne daß mühselige Arbeit einem die Laune verdarb. »Du schwitzest ja ordentlich, Männchen,« sagte dann Frau Clotilde. »Ja, Schätzchen, ich habe da eine anstrengende Sache vor,« erwiderte das Männchen, krebsrot im Gesicht und über die ehernen Gesetze der Arithmetik erstaunt und verzweifelt. Klopfte dann Schmalhans an die Thüre, so verschwanden die Zärtlichkeits-Verkleinerungen aus dem Gespräch, und aus dem Männchen wurde über Nacht ein Faultier und Thunichtgut, ein Schnapphahn und Nichtskönner. Worauf das Schätzchen eilig seinen Rücken in Sicherheit brachte. Herr Ottmar hielt sich durch den schnellen Verbrauch des Geldes für betrogen und behauptete heldenmütig seinen Posten. Wenn aber um zehn Uhr noch kein Heerdfeuer brannte, und um elf Uhr auch nicht und um zwölf Uhr die Reinlichkeit der Küchengeräte durch kein Stäubchen Mehl getrübt wurde, so sah sich der Herr des Hauses genötigt, eigenhändig seine Stiefel zu wichsen, grollte düster in sich hinein, ließ die kaufmännischen Berechnungen im Stich und schob in eleganter Kleidung auf die Suche nach einem Mittagessen. Renate hatte einen Teil ihres Schmuckes dem Leihamt übergeben müssen. Bei dieser Gelegenheit erfuhr sie, daß Wanderer alle Wertgegenstände, die er besaß, längst veräußert hatte. Jetzt gewahrte sie, daß seine Bibliothek zusammenschmolz, erst billigere Werke, dann die kostbaren. Zudem hatte er Glück im Spiel; schaudernd fühlte sie die niedrige Leidenschaft heraus, die ihn zu den Karten trieb. Es gab wenig Tage, an denen sie das Haus verließ. Ihre Einkäufe waren spärlich und konnten wohl in der nächsten Gasse besorgt werden. Wenn sie auch stundenlang fortgeblieben war, sie empfand nichts von der Befriedigung, die ein heimgehender Mensch empfindet. Daß es allmählich Frühling wurde, daß die kahlen Zweige im englischen Garten grüne Knöllchen und Spitzen bekamen, daß eine milde, weiche Luft von den Alpen herüberwehte, – das waren nicht die Dinge, mit denen sie sich beschäftigen konnte. Sie war viel allein. Doch fand sie sich der Ruhe zur Lektüre beraubt. Sie konnte still sitzen und froh sein, wenn die Sonne ins Zimmer schien. Gern sah sie die Leute auf der Straße vorübergehen, beurteilte die Kleidung der Damen, die neuen Frühjahrsmoden. Aber wenn Wanderer kam, wenn er mit halblauter Stimme die Tageszeit wünschte, die Augen langsam von der Erde erhob wie mit dem Vorsatz, Renate anzuschauen, dann jedoch vorzog, verschiedenen Gegenständen im Zimmer seine Betrachtung zu widmen, da empfand sie eine quälende und andauernde Bitterkeit, die keiner Worte fähig war. Bisweilen war er schweigsam, bisweilen redselig. Er redete wie ein Trunkener, erzählte von neuen Bekanntschaften, durch die er »lancieren« werde, von großen Stellungen, die er in Aussicht habe, von einem Oheim in England, –Emphase war ihm zur Natur geworden. Sie wußte, daß er log, blieb aber zu stolz, ihn zu fragen. Einige Male kam er und sagte: ich war heute bei Terke, man hat dies und das gesprochen, auch von Dir, Renate, und ganz nett und versöhnlich. Renate wußte aber von Gudstikker, daß Terkes nach Tirol gereist seien. So kamen ihr seine Worte rätselvoll, ja beinahe grauenhaft vor. So kam es auch, daß nichts, was sein Mund sprach, ihr ein Nicken der Zustimmung entlocken konnte. Sie ertrug es, aber die Hand, die er ihr reichte, drückte sie nicht mehr, die Liebkosungen, die er ihr bot, suchte sie zu verhindern. Seine äußere Erscheinung war im Verfall begriffen, seine Kleidung war vernachlässigt, seine Haltung unaufrecht, seine Manieren klebrig oder gekünstelt schroff, und bang und bänger blickte Renate an jedem Tag einer jeden Nacht entgegen, wo er sie mit wilden, fassungslosen Zärtlichkeiten zu umgarnen suchte. Sie klagte nicht, sie lachte nicht, sie stritt nicht, sie bemängelte nicht. Aber staunen konnte sie über sich selbst und ihren Weg. Er hatte die Bekanntschaft irgend eines Barons gemacht, der mit seiner Frau aus Wien zugereist war und brachte die Beiden zu Besuch herauf. Renate benahm sich nicht anders, als Erziehung und Gewohnheit es sie gelehrt, aber in den Augen der Beiden las sie die Kenntnis des nimmermüden Hörensagens. Man schien sie wie ein Curiosum zu betrachten, fand es belustigend, außerhalb der Gesellschaft den treu nachgeahmten Gepflogenheiten der großen Welt zu begegnen, und Renate fühlte das Blut ihren Wangen entweichen, hörte die Zeit lästig und in schleppenden Schritten vorbeigehen, und ihr war, als führe sie ein Schattenleben, spräche Schattenworte, lächelte ein Schattenlächeln. Sie blickte auf ihre Hände nieder und dachte: was habe ich gethan! Wäre sie das Weib eines Straßenwärters gewesen, die Augen dieser Leute hätten ihren amüsierten Glanz verloren, und die Frau Baronin oder was sie sein mochte, deren Stirn der Hochzeitskranz geschmückt, hätte nicht schelmisch gutmütig gezwinkert und den Mund verzogen. Wohin war Renate geraten, wohin durch Sehnsucht und Vertrauen! Anselm Wanderer war entzückt, ja begeistert von der Liebenswürdigkeit des Ehepaars. Der Baron, sagte er, wie man sagt: seine Majestät. Sie hatte Mitleid mit ihm, denn jetzt ahnte sie die Tiefe, in die er sich verstoßen glaubte, weil sie selbst von der Stunde ab sich als eine Verstoßene fand. Not und Sorgen sah sie mit neuen, furchterfüllten Blicken an. Sie verließ am selben Tag das Haus in einem Zustand qualvoller Verwirrtheit. Ihre Begriffe verfinsterten sich; Angst trieb sie an, rasch zu gehen, in den Straßen glaubte sie die Blicke auf sich gerichtet. Es kam ihr vor, als sei sie ärmlich gekleidet, obwohl ihr Anzug sich durch. nichts von dem früherer Tage unterschied. In der Theatinerstraße war ein großes Damen-Modegeschäft, wo sie seit je hatte arbeiten lassen. Sie öffnete den Laden und ging hinein. Man empfing sie ehrfurchtsvoll, war eilig zu ihren Diensten. Das erleichterte sie. Wie wachsam sie auch jedem Wort lauschte, das der vornehme Besitzer und die angestellten Damen an sie richtete, nichts ließ auf eine Verringerung des Respektes schließen, den sie hier zu finden gewohnt war. Darum wurde sie ruhiger im Innern, ja eine Wandlung ihres Geschicks erschien ihr nicht unwahrscheinlich. Sie war freundlich mit dem blonden Fräulein, das ihr Stoffe brachte, bewegte sich unbefangen in dem hohen, geschmackvollen Raum mit den Ebenholzmöbeln und echten Teppichen. Sie fand Gefallen an einem wertvollen Seidenstoff, sie sagte dem Inhaber, sie würde herschicken und einige Meter holen lassen. Verbeugungen und abwehrende Gesten seitens des höflichen Mannes und ein unglückliches Gesicht bei Renates Weigerung, den Stoff an ihre Adresse senden zu lassen. Aber die undurchdringliche Miene des Kaufmanns hatte sie doch getäuscht. Er wußte und argwöhnte. Sonderbar, daß sie getröstet den Rückweg antrat. Es erschien ihr überaus wünschenswert, jenen Stoff zu besitzen und sie sann hin und her, wie sie es ermöglichen könne. Zuhause fand sie Anselm und erzählte ihm mit kindlicher und harmloser Begehrlichkeit. Sie saß neben ihm und plauderte wie seit langem nicht, während der Tag sich draußen der Dämmerung zuneigte. »Ja, ich muß Dir den Stoff verschaffen und lasse Dir auch das Kleid dazu machen,« sagte Wanderer mit verzerrtem Gesicht und einer Erregung, die seine Hände zittern ließ. Der Ton, die Stimme, das leidenschaftliche Versprechen ernüchterten Renate sofort. »Womit willst Du es denn bezahlen?« fragte sie kalt. »Sogar das Klavier ist ja gestern geholt worden, weil Du es nicht bezahlen kannst.« »Ich werde Angelus verkaufen,« murmelte er hastig. Renate sah ihn befremdet an. »Den Hund hast Du mir doch geschenkt,« erwiderte sie mit bleichen Lippen. »Das ist sehr merkwürdig.« Anselm blieb am Fenster stehen und preßte die Stirn an die Scheiben. »Es ist wahr,« flüsterte er unterwürfig. »Ich weiß nicht, was ich thun soll. Sei nicht mißtrauisch, Renate. Schau mich nicht so an. Du wirst mich um den Verstand bringen.« Renate lachte höhnisch – und erschrak darüber. Sie stand auf und zündete die Lampe an. »Soll ich das Essen bestellen, Renate?« fragte Anselm scheu und noch ergebener als vorher. »Ich will nicht essen.« »Renate!« »Ich kann nicht essen. Was willst Du? Warum schreist Du?« »Ist denn alles vergebens? Siehst Du nicht, wie ich Dir diene, nur für Dich lebe, nur an Dich denke? Ich bin Dein Sklave geworden. O ich ahne, daß wir uns mißverstehen.« »Ja. Ich verstehe Dich nicht mehr.« »Wirst Du heute Nacht wieder so grausam sein, wie gestern, Renate?« »Ja!« »Ja? Sag nein! Du weißt nicht, was Du sprichst. Renate, ich ermorde Dich ja, Du Einzige.« Er umschlang sie mit Armen wie von Eisen; sie stieß einen Schrei aus, wand Sich wie ein Wurm, warf den Kopf tief in den Nacken, preßte, drängte ihn fort, atmete schwer, stammelte, biß die Zähne zusammen und stieß ihn endlich mit übermenschlicher Kraft gegen die Ecke, wo er seltsam grinsend stehen blieb. Schweigend standen sie sich gegenüber, Renate bleich. Endlich sagte sie: »Das ist erbärmlich. Das hätt' ich nie gedacht.« Anselm lachte convulsivisch und trostlos. Er zog seinen Mantel an, setzte überlangsam den Hut auf und sagte: »ich gehe.« Renate schwieg. Er entledigte sich schnell wieder des Mantels, als hätte er etwas vergessen und ging auf und ab. Es wurde Nacht. Die verschwimmenden Laute der Geschäftigkeiten draußen drangen durch die Fenster. Eine Magd schrie sehr erregt. Wanderer begann zu reden, lange Litaneien, worin er seinen Zustand psychologisch zu zergliedern suchte. Tiefe Trauer lag in seinen Worten, aber Renate hörte darüber hinweg und lauschte aufmerksam dem Geschrei der Magd. Schließlich bat er niedrig und knechtisch um Verzeihung, maß sich alle Schuld bei, versprach und bettelte. Renate erhob sich. Von einem stürmischen Ekel erfaßt, ging sie zum Spiegel und betrachtete sich. Aber das dumpfe, rötliche Licht der Lampe genügte nicht, daß sie deutlich ihre Züge sehen konnte. Anselm war still und gedachte in brennendem Schmerz des für immer verlorenen Stolzes. Wer sich einmal wegwirft, kann sich nie mehr finden, dachte er. Sein haßerfüllter Blick folgte Renate, und alle Wichtigkeiten der Welt wurden ihm wertlos gegenüber diesem Wesen, das sich ihm entzog. Er dachte an Gudstikkers Briefe, und es erschien ihm sicher, daß Jener ihm Renate geraubt. Das nie weichende Gefühl einer Schuld, die er verbergen zu müssen glaubte, entwickelte Fähigkeiten des Argwohns in ihm, wie sie nur bei untergeordneten Charakteren zu treffen sind. Er sah sich belauert, verleumdet, verlassen, verraten und durfte nicht einmal den Märtyrer spielen. Offene Bekenntnisse verweigerte seine störrische und eigenliebende Natur. Der Richter in ihm spielte eine zerfleischende Rolle, aber der Vertheidiger war geschickt in Tröstungen und Gründen. Daß er einer gemeinen Handlung fähig gewesen, war das Hemmnis zu jeder fruchtbaren That. Oft bereute er mit einer Glut, die seine Selbstachtung völlig vernichtete, und da er vor aller Welt die Stirne in den Staub legte, wortlos um Verstehen und Verzeihen flehte, entschwand ihm alles Selbstbewußtsein wie die Bretter eines versinkenden Schiffs. Zu versinken schien ihm noch angenehm, wenn es nur von Renates Liebe umfangen geschah. Oft predigte er sich Stolz und Entsagung in einsamen Stunden, doch kaum ihr nahe, schritt er besinnungslos von einer Demütigung zur andern. Was galt es ihm, die Freunde zu verlieren, die Hoffnungen zu verlieren, wenn nur Renate blieb. So entfalteten sich durch das unheilvolle Zusammentreffen der Umstände die verderblichsten Keime seines Wesens, die sonst auf ewig geschlummert hätten, wie sie bei vielen andern unerweckt und ungekannt beiden. 4. In der Kneipe spielte er. Sobald er die Karten hingeworfen hatte, stürzte er nervös davon und nach Hause. »Ich vermute: eine defekte Psyche,« sagte Salatsch, der abgeschaffte Dozent, ziemlich tiefsinnig. »Er hat sieben Mark gewonnen,« bemerkte Stieve seufzend. »Wenn ich Quietist wäre wie Süssenguth,« begann Uibeleisen, »würde ich sagen, (er äffte Süssenguths keuchende Extase nach: das sind alles unerhörte Schwächungen, zu verlieren, zu gewinnen, zu spielen.« Es war Nacht. Von Norden kam der Wind, und der Umhang von Wanderers Mantel flatterte hoch auf. Die Schritte schallten wie in einer Halle, und der Weg wurde lang durch Ungeduld. Es kam ein Mann von der Kirchentreppe herab, sah aus wie der Schellenbube. Der Brunnen vor der Universität stellte unleugbar das Eichelaß dar. Kneipendunst, Kneipenvisionen. Selbst im Dunkel des englischen Gartens saß ein Spielkönig der Trumpf-Farbe mit Krone und eisigem Kartenlächeln. Renate lag im Bett. Sie schlief nicht, erwiderte aber kaum seinen Gruß. Das Licht war im andern Zimmer, und aus dem Halbdunkel leuchteten ihre Augen feucht und klar. Anselm nahm einen Stuhl und setzte sich an ihr Lager, nahm ihre Hand in die seine. Sie sah zur Decke, als ob sie das Spiel eines Schattens in Spannung versetzte und bat ihn so, mit aufwärts gerichteten Blicken, die Lampe hereinzubringen. »Fürchtest Du Dich denn vor mir?« fragte Anselm mit schüchternem Lächeln. Sie aber dachte, daß es ungefähr so sein könne, wenn ein grauer Schatten an ihrem Lager säße. Kein Stern hing in den Wolken, über allen Dingen lag Finsternis, und verhallen würde ihr Ruf. Anselm durfte nicht seine Lippen den ihren nähern, sie litt es nicht. Bis zum Hals herauf hüllte sie sich in die Decke, und ihr Gesicht war voll Erwartung und Mißtrauen. Anselm war bettelarm an Worten. Er versuchte, zärtlich zu sein, sie stieß ihn zurück. Es kam zu einem üblen Wortgefecht, an dem sie mit ruhiger Verachtung, Anselm aber mit der Glut seiner Sinne teilnahm. Er wußte sich nicht mehr zu beherrschen, seinen Kopf erfüllte eine brennende Hitze. Er ergriff Renate, zerrte sie aus dem Lager, und in einem Atem flehte er um Erbarmen und drohte mit dem Aeußersten. Da sprang Angelus aus der Ecke. Mit fletschenden Zähnen wandte er sich gegen den Herrn und Anselm ließ ab, fiel in einen Zustand verzweiflungsvoller Nüchternheit. Renate blieb regungslos auf dem Teppich liegen, winselnd umschritt sie der Hund, beleckte ihre fahlen Wangen, die entblößte Brust, das nackte Bein. Sie rührte sich nicht. Anselm stand am Fenster, und sein Körper zitterte; eine eiskalte Hand preßte sich um seinen Hals. Seine Augen, die in den schwarzen Himmel sahen, hatten einen brünstig-bittenden Ausdruck: Verhängnis, laß mich los. Er wagte nicht, ins Zimmer zurückzuschauen, die Stille darin berührte ihn wie die Stille nach einem Mord. In seinen Gedanken rief er Leute, die er kannte, zu Zeugen auf, daß er nicht Böses gewollt. Süssenguth spielte die Rolle eines Versöhnungs-Apostels. Stieve war mehr klug, als liebreich und meinte: Fallende dürfen nicht lieben; sie reißen alles mit sich, was sie im Falle berühren. Ach, welch ein Opfer könnte er Renate anbieten, daß sie dies vergäße? In den Fensterschweiß der Scheibe schrieb er mit trägern Finger: mein Herz ist zerrissen. Dann wandte er sich um, und ihm schwindelte bei Renates Anblick. Näher kommend, murmelte er verstört in sich hinein, aber Angelus begann heftig zu knurren. Anselm jagte ihn fort und beugte sich nieder, Renate aufzurichten. Sie zuckte so zusammen, daß er erschrak. »Soll ich hinausgehen?« fragte er sanft. Renate nickte. Ein wunderlicher Laut wurde vernehmlich, als ob sie innerlich schluchzte. Er ging, schloß die Thüre, zündete draußen Licht an, nahm am Schreibtisch Platz und schrieb großzügig: Memoiren des Anselm Wanderer; auf dem Wege verunglückt, schuldig aus Liebe, verzweifelt aus Liebe, gewaltthätig aus Schwäche, prahlerisch aus Angst, hat er sich an Renate Fuchs vergriffen. Darunter eine Fratze mit einer kleinen und eine mit einer großen Nase, dann viele Male das Wort Ich. Es war ein Verzweiflungsausbruch, vielsagender als Thränen. Als er wieder ins Schlafzimmer ging, lag Renate im Bett, an dessen Seite Angelus mit aufmerksamem Wächterblick hockte. Es war, als ob sie schliefe. Anselm nahm den Mantel, verlöschte die Lichter und verließ das Haus, streifte durch die Gassen, die still lagen wie in einer toten Stadt. Ein Mann ging vor ihm her, der jede zweite Laterne abschraubte. In der Adalbertstraße begegnete ihm Gudstikker, der jetzt erst, es schlug zwei Uhr, aus einer Gesellschaft kam. Sein Mantel war offen, und das Frackhemd leuchtete wie Milchglas. Er blieb stehen, schimpfte über die Soireen und Gastereien und sagte, daß die Gewohnheit, höflich zu sein, einen zur Memme mache. Er wußte, was mit Wanderer vorgegangen war, aus dessen eigenem Mund, aber auch, tendenziöser gefärbt, aus dem der Gräfin. Er hatte sich ein wenig als Papst gefühlt, damals, da er im Namen aller Gütiggesinnten ihm verziehen. Aber wem man einmal hat verzeihen dürfen, der hört auf, ein Gleichgestellter zu sein. So bewahrte auch Gudstikker gegenüber Wanderer einen onkelhaften Ernst und quittierte dessen scheue Dankbarkeit mit kleinen Grausamkeiten der Dialektik. »Warum sind Sie nicht zu Hause?« fragte er. »Liebeskrank?« Und er schüttelte bedenklich den Kopf. »Anselm werde hart! Verliebtheit nimmt man selber ernst, die Andern finden sie komisch. Für Sie giebt es nur einen Weg: Einsamkeit und Arbeit, Arbeit. Nicht beirren lassen! Nicht herumschleichen und horchen. Ich habe da mal ein Gedicht gemacht, worin die Stelle vorkommt: Wenn es gilt, einen Gefallenen zu lästern, werden alle Menschen zu Brüdern und Schwestern.« »Das ist wahr.« »Na, sehen Sie.« »Wie geht das weiter? Es interessiert mich.« »Weiter? Warten Sie –: Ein Jeder lebt die zeit, die ihm gehört, Ein Jeder lebt sein Leben willenlos. Keiner ist frei. Und wer die Ordnung stört, Trotzig der ehernen Bestimmung wehrt, Ihm wird das sichere Unheil riesengroß.« »Das ist wahr.« Im Stillen empfand Wanderer jedoch den Widerspruch der Verse mit jenen Ratschlägen wohl. »Also, Kopf hoch, gute Nacht.« Mit einem herzlichen Händedruck, der wie voll Zufriedenheit war, für seine Verse einen lebendigen Wahrheitsbeweis gefunden zu haben, entfernte sich Gudstikker. Aber es wollte keine gute Nacht werden für Wanderer. Auf dem einsamen Spaziergang fand er plötzlich einen düsteren Haß gegen seine Freunde in sich. Keiner reichte die Hand. Jeder ging mit dem stillen Versprechen weiter, das nächste Mal bereit zu sein. Und ihr Trost, der in der Tiefe die Befriedigung widerspiegelte, daß man nicht der Getröstete zu sein brauchte! Wer mich tröstet, beschimpft mich, dachte Anselm erbittert. Müde, gleichgiltig gegen alles Erleben, stumpf für Selbstvorwürfe und im dunklen Drang einer Rache, ließ er sich von einem Frauenzimmer anreden, bei dem er die Nacht verbrachte. 5. Renate wußte das, hatte es vorgeahnt. Als er am Mittag, der dieser Nacht folgte, ins Zimmer trat, spürte sie es in der Luft, auch wenn sie sein mattes, reuiges und finsteres Gesicht nicht erblickt hätte. Ihr war kein Zweifel mehr geblieben, daß er die Jahre vor ihr mit Dirnen verschleppt hatte. Deshalb war sein überhungertes Herz in der Liebe verdorben. In leiser, unpersönlicher Klage, etwas kindlich durch stilistische Unbeholfenheit, hatte sie ähnliche Gedanken einmal Gudstikker geschrieben. Er hatte ihr geantwortet: cosi fan tutte. Und wenn es Alle so machten, dann nahte wohl Jeder mit befleckten Händen, um Reines zu empfangen. Die Sonne schien und die Welt sah heute liebenswürdig drein. Aufatmend, mit einem etwas melancholischen Gefühl der Freiheit, verließ Renate das Haus. Von goldigen Schleiern überhaucht, lag die Landschaft des großen Parks ausgebreitet. Renate spannte den weißen Spitzenschirm auf, raffte das Kleid und setzte langsam den Weg fort. Drei junge Burschen vom Gymnasium blieben stehen und starrten ihr mit säuerlichem Lächeln in den kreidigen Gesichtern nach. Auch ein alter Herr drehte sich um, der einen Sonnenschirm trug, so groß wie ein Caroussell-Dach. Die Eleganz und die ruhige Vornehmheit ihrer Erscheinung war doppelt anziehend an diesem hellfrohen, würzigen Vorfrühlingstag. Ihr Gang hatte etwas Wiegendes, rhythmisch Schleppendes, bedächtig Träumerisches. Ihre schlanke, feine und nervöse Gestalt, engumschlossen von dem schwarzen Kleid wollte sich nicht recht dem Allerleibunt des Werktages anpassen. Der weiße Handschuh, der den Rock hielt, sah von Weitem wie eine Riesenperle aus; der Unterrock war von leuchtender gelber Stickerei besetzt, und der einfache Hut trug einen grünen Bandknoten. Es waren nur wenige Schritte zu Helene Brosams Wohnung, und Renate ging hin, in dem dunklen Bedürfnis, mit einer Frau zu plaudern. Als sie die erste Treppe erstiegen hatte, blieb sie stehen und dachte, den bohrenden Blick in die Tiefe richtend, an jenen Tag zurück, der sie zuletzt hier gesehen hatte. Heute war sie voller Erinnerungen. Helene war zu Hause. Mit ihrem Katzengang trippelte sie dem Gast entgegen und schien befangen. Ihre Stimme klang unnatürlich hell, als wollte sie beglückter scheinen, als sie war. »Sind Sie's denn wirklich? Mein Gott, Sie sehen aber schlecht aus, so blaß!« »Auch Sie haben sich verändert,« erwiderte Renate ziemlich fassungslos. »Seh ich denn wirklich so schlecht aus?« fügte sie kindlich erschreckt hinzu und sah nach einem Spiegel umher. Dann redeten sie ein gezwungenes Allerlei von Kleinigkeiten, und Renate fand es mehr und mehr peinlich, hier zu sitzen wie eine Bittstellerin, die nicht zu bitten wagt. Sie begann von Gudstikker zu sprechen, aber Helene lenkte so hastig ab, daß Renate erst jetzt in das schmale und etwas grausame Gesicht der jungen Frau sah. Renate hatte sie vor ihrer Heirat gekannt. Was war aus dem frischen, trotzigen, ahnungsvollen Geschöpf geworden! »Gudstikker ist ein Mensch wie die Zuckerhüte in den Krämerauslagen,« sagte Helene Brosam kalt. »Wenn man näher zusieht, ist es Gips oder gar lackiertes Holz.« Renate wollte Einwände machen, doch beherrschte sie sich. Ein ausgreifender Schritt wurde vernehmbar, und der Doktor erschien. Ein »Erscheinen« war es, denn er tat ein wenig Kothurn, und jede Verbeugung war eine Uebung des guten Tons. Die Luft wurde kälter in seiner Anwesenheit. Er hatte die Schönemänner-Gewohnheit, leere Dinge gewichtig zu nehmen, und jede dürre Bemerkung in Humoristen-Art zuzuspitzen. Auch war er bieder, und weil Taktlosigkeit zum eingestandenen Vorrecht der Biderben gehört, nutzte er es aus. Er begrüßte Renate mit treuem, festem Händedruck, sprach ein wenig über Welt und Leben und meinte schließlich liebreich: »Haben Sie damals nicht übereilt gehandelt, Fräulein Fuchs, als Sie das Haus Ihrer Eltern im Stich ließen? Heute wären Sie Herzogin. Maledetto, was sagst Du Helene!« Als Renate sich verabschiedet hatte, langte sie wirren Kopfes auf der Straße an. Sie dachte: je mehr Männer ich kennen lerne, je mehr begreife ich die unglücklichen Frauen. Von Helene war nur zu sagen, daß sie einer zerbrochenen Vase glich, die einst kostbar gewesen. Und die Andern? Die zu Scherben gehen, ehe eine Hand sie schmückt? Es mußten ihre wühlenden Gedanken Schuld sein, daß sie nun in der Maria-Theresiastraße stand. Ihr Wille war es nicht gewesen. Doch nun war sie da. Das Eltern-Haus stand leer. Den Winter über hatte es wohl niemand mieten wollen. Vom ersten Stock aus konnte man einen Teil der Stadt überblicken. Das Erkereck dort war das Lieblingseck ihrer Mutter gewesen. Im Garten standen noch die Turngeräte. Eine alte Kaue und zwei junge, drollige Kätzchen spielten im Hof vor der Stallthüre; das Abendrot widerglänzte auf ihrem seidigen Fell. Die alte Katze hatte ein Gesicht wie Henriette, die Köchin, die sieben Jahre bei Fuchsens gewesen war und einen Ofensetzer geheiratet hatte. Renate erinnerte sich an einen Stahlstich, den sie einst gesehen. Ein barfüßiger Knabe stand an die Säule eines Palasts gelehnt und starrte sentimental zu den hellen Fenstern empor. Unter dem Bild war gestanden: nächtlich vor des Reichen Thür. Renate war sehr ermüdet und benutzte am Maximilianeum die Pferdebahn. Umgeben von schweigenden Menschen, die wie verschlossene Schränke aussahen, hatte sie die seltsame Empfindung, als ob ihr Leben von heute ab einen andern Weg nehmen würde. Diese Empfindung wuchs, als sie in Wanderers Wohnung angelangt war, die ihr fremd und abstoßend erschien. Anselm saß am Fenster und las. Doch fühlte sie sofort, daß seine Lektüre nur eine vorgeschützte Beschäftigung sein müsse, denn es war beinahe finster. Sie hatte den Eindruck, daß etwas Verborgenes und Schlechtes geschehen war. Erstarrend blieb sie stehen, dachte voll klarer Energie nach. Aber so nahe sie sich auch einem bestimmten Verdacht fühlte, fand sie keine Form dafür. Anselms Blicke waren krankhaft gespannt auf ein Blatt seines Buches geheftet, das er nicht umschlug. Die Nasenflügel und der Mund zitterten. Er stellte sich, als hätte er Renates Kommen nicht bemerkt. Angelus wedelte freudig und berührte mit den Vordertatzen Renates Arm, als wollte er sie auffordern, Hut und Jacke abzulegen. Renate legte ab und zündete die Lampe an. Plötzlich hatte sie den formlos schwirrenden Verdacht wie im Fluge festgehalten. Im zweiten Fach des Schreibtischs, in einer versperrten Schublade hatte sie ihre Briefe aufbewahrt. Als sie auf den Schreibtisch zuging, zuckte Wanderer zusammen, legte das Buch aus der Hand und stand auf. Er schloß das Fenster, um aufs Neue den Vorwand einer Beschäftigung zu haben. Die Schublade war mit Gewalt geöffnet worden; das Schloß war förmlich zerrissen. Der Inhalt von Briefen war durchwühlt, die Briefe aus früherer Zeit waren nach hinten gehäuft und diejenigen Gudstikkers lagen obenauf. Von ihrer musterhaften Ordnung sah Renate nichts mehr. Im ersten Augenblick war sie wie betäubt. Wanderer hantierte an den Zugschnüren der Gardine herum. Dann aber, totenbleich geworden vor Zorn und Abscheu, sagte sie mit heiserer Stimme: »Was hast du da gemacht?« Anselm ließ den Arm sinken und trat aus den Gardinen hervor, die ihm eine Art Schlupfwinkel gewesen waren. Seine Augen hatten einen trunkenen, irrsinnigen Glanz. Er betrachtete scheu die offene Schublade, dann murmelte er entsetzt und vorwurfsvoll: »Ich? Ich soll –? Was fällt Dir ein, Renate! Ist die Schublade erbrochen, wie?« Renate maß ihn vom Kopf bis zu den Füßen und sagte nichts als: »Lügner«. Wanderers Züge wurden flammend rot. Er hielt sich an einer Stuhl-Lehne fest und sagte wild: »So wahr ich lebe, Renate, ich hab' es nicht gethan. Aber das ist wahr, Jemand hat mir gesagt, daß Du mit Gudstikker –« Er stockte, preßte die Hände an die Schläfen. Er wußte offenbar kaum, was er redete. »Das da, – und noch dazu lügen!« flüsterte Renate kopfschüttelnd. »Renate, – ein Freund hat mir's gesagt, ein Freund. Er heißt Neuhaus.« »Das ist ja alles erlogen.« »Renate!« »Wenn Du wüßtest, wie verächtlich Du mir bist, würdest Du meinen Namen nicht mehr nennen.« Sie ging hin, zog ihre Jacke an, setzte langsam den Hut auf, heftete den Schleier vor dem Spiegel fest, streifte die Handschuhe an, nahm den Schirm und wandte sich der Thüre zu. Anselm, der mit qualvoller Erwartung zugesehen, sprang hinzu, schnitt ihr den Weg ab und rief in höchster Angst mit den Lauten eines Tiers: »Nicht fort, Renate! Nicht fort!« Renate sah ihn unwillig an und sagte: »Wenn Du mich nicht hinausläßt, ruf ich die Leute zu Hilfe.« »Warum denn, Renate? Kann Dich denn nichts wieder versöhnen?« »Versöhnen? Ich habe aufgehört, Dich zu achten. Mit einem Mann, der so etwas thut, kann ich nicht in einem Haus wohnen. Mach die Thür frei, bitte.« »Lieber erschieß ich Dich und mich.« Renate lächelte bitter. Sie ging entschlossen zur zweiten Thür dieses Zimmers, pochte heftig; Frau Corvinus öffnete und Renate betrat deren Zimmer. Noch einmal blickte sie zurück in den Raum, den sie verlassen hatte. Wanderer war an der Thür in die Kniee gesunken und hatte die Stirn an den Pfosten gelegt. Sie fühlte Mitleid mit ihm und befahl dem Hund Angelus, der ihr gefolgt war, zurückzubleiben. Das Tier gehorchte widerwillig. »Bitte, Frau Corvinus, lassen Sie mich hinaus,« sagte sie ohne Erklärung zu der erstaunten Dame. Als sie auf der Straße stand, eilte ihr Herr Ottmar nach. Angelus folgte ihm auf den Fersen. »Sie möchten doch den Hund mitnehmen, gnädige Frau, weil es zu spät wird, bis Sie zurückkommen, meint Herr Wanderer.« Er sagte stets »gnädige Frau« zu ihr und glaubte daher, in großer Gunst zu stehen. Mit zwei Kratzfüßen zog er sich zurück. »Soll ich Sie vielleicht ein Stück begleiten? Die Königinstraße ist öde,« rief er noch unter der Hausthür in jenem eleganten Deutsch, welches der Spott aller Mägde der Nachbarschaft war. Er sagte beinahe »begleuten«, statt begleiten, so vornehm war er mitunter. Wohin soll ich nun gehen? dachte Renate. _________ Elftes Kapitel 1. In allen Dingen bewies Anna Xylander eine kluge Umsicht und hausfrauliche Sorgsamkeit. Ihre kleine Wohnung in der Salvatorgasse hatte etwas von der anspruchslosen Einfachheit einer ländlichen Pastorswohnung. Ein schwarzes Stehklavier war noch das kostbarste darin. In der That war sie eine Pastorstochter aus dem Oberfränkischen, besaß aber außer einer taubstummen und lahmen Großtante, die auf dem Land lebte, und ihrem Bruder keinerlei Familien-Anhang. Sie hatte mit ihren dreißig Jahren schon ein achtungswerthes Stück Lebensarbeit geleistet, hatte die Arme zu rühren verstanden und war eine Freundin der graden Wege und der graden Worte. Dabei erwarb sie nicht nur ihr eigenes Stück Brot, sondern half auch bei Stieve tüchtig mit, dessen Lethargie unheilbar schien. Ihre Kapuzinerpredigten genossen eine gewisse Berühmtheit, denn sie scheute nicht die kecksten Anstößigkeiten und entschuldigte sich damit, daß sie nicht so frisiert reden könne. Immer von temperamentvoller Ungerechtigkeit, lebte sie nur von Aufwallung zu Aufwallung, vertrug sich in der Regel schlecht mit Frauen, aber desto mehr mit Männern, »bei denen man sich nicht zu genieren braucht.« Auf alles »Feine« war sie erbost, und sie war im Stand, einen neuen Hut bloß deshalb nicht zu tragen, weil er in Mode war. Freilich war sie trotz allem nichts von dem, was man ein Naturkind nennt. Naturkinder pflegen in allen Lagen obenauf zu sein, haben eine glückliche Hand für Gelegenheiten und eine untrügliche Eingebung für das, was geschmackvoll ist. Sie nehmen es weder schwer mit der Liebe, noch mit dem Geld, und wenn sie irgendwo verspielt haben, zahlen sie den Verlust aus, falls sie können, und haben keinen Platz für Schwermut und wuchtige Nutzanwendung in ihrem Herzen. Was von Poesie in ihnen ist, entfließt einem Temperament, das zwischen Echtem und Erquältem ohne Mühe unterscheidet. So war nun Anna Xylander nicht. Bei ihr ging alles ins Bizarre. In manchem hatte sie den Standpunkt der Kinder, die »nun gerade nicht« wollen, und was die Liebe angeht, so konnte davon nicht die Rede sein, ehe nicht die laufenden Schulden bezahlt waren. Dabei war sie nicht einmal ordnungsvoll, sondern in ihrem Wesen war etwas tief Unordentliches. Es gab Leute, die sie haßte, wenn sie abwesend waren, und denen sie huldigte in ihrer Gegenwart. Nicht aus Falschheit. Das waren meist Menschen, die ihr überlegen waren, oder sie hatte die betreffende Person einmal sehr gern gehabt, oder sie vergaß einfach bei einer Plauderei den Grund ihres Hasses. Am besten war der daran, den sie bemitleidete; dem wurden sofort alle Winkel ihres Wesens hell. Am schlechtesten hinwiederum der, von dem sie sich bemitleidet glaubte. Viele Jahre schon dauerte ihr Verhältnis mit Stieve. Man konnte es kaum mehr Liebe nennen. In vielen Dingen war es etwas durchaus Geschwisterliches, ohne das Muß-Interesse, das oft an Geschwisterlichem hängt. Zuweilen hatte Anna einen mütterlichen, spöttisch-beschützenden Ton, was in Gesellschaften zu komischen Situationen führte. Gesellschaftlich und ökonomisch beherrschte sie ihn völlig; wenn sie ihrerseits nie auf Heirat gedrungen hatte, war das, obwohl sie es leugnete, ein Zug edler Selbstlosigkeit. Sie wollte ihn nirgends hindern. In geistigen Dingen dagegen, in Freundschaftsfragen, in allgemeinen Sympathieen ließ sich Stieve nicht dareinreden, schon um das Aeußerliche der »Manneswürde« zu wahren. Im Uebrigen schützten ihn seine Intelligenz und sein feines Taktgefühl vor Herausforderungen, deren Folgen zu tragen er nicht Willenskraft und Schlagfertigkeit genug besaß. An den Abenden, wenn ihn seine Pflicht nicht ins Theater oder zu Versammlungen rief, kam Stieve immer zu Anna Xylander, um mit ihr zu Abend zu essen. So auch heute. In dem kleinen, schmalen Wohnzimmer saßen sie einander gegenüber und hatten das übliche Bohemien-Gemisch vor sich: Schinken, Eier, Käse, Häring, Thee. Die Hängelampe brannte, die weißen Gardinen waren sorgsam aufeinandergezogen, die gescheuerten Dielen leuchteten vor Reinlichkeit. Schmuckeres war nicht zu denken. »Es ist ein wenig kalt,« bemerkte Stieve kauend. »So? Um die Zeit, weißt Du, heizen selbst die Millionäre nimmer,« war der schnöde Bescheid. »Hast Du Geld, Anna?« »Was? Geld?« »Ich muß heute Abend noch Papier kaufen.« »Vierundsechzig Pfennig hab ich. Das Goldstück wird vor Sonntag nicht gewechselt.« »Du bist entsetzlich kindisch.« »Kann schon sein.« »Wie oft hab ich Dir schon gesagt –!« »Wie oft hast Du mir schon gesagt – ja. Das kenn ich. Predigen ist umsonst, mein Lieber. Wenn man euch Männer nicht am Bändel hält, ist es nicht zum Drauskommen. Wenn Du nur ein anderes Leben anfangen wolltest!« »Ein anderes Leben! Ich weiß gar nicht, was Du damit willst. Ich kann doch nicht Reichskanzler werden.« Stieve zupfte unwillig an seiner Nasenspitze. »Reg Dich nicht auf, Stieve. Laß das Nasenspitzel in Ruh.« Anna Xylander lachte gutmütig. »Ihr Weiber seid doch eine wie die andere.« Nach dieser erbaulichen Wendung trank Stieve seine Schale aus und legte sich das untere Ende eines Härings auf den Teller. »So ein Häring, das ist doch noch was. Da kann man noch von Idealismus reden, so lang man Häring soupiert.« Er neigte liebevoll seinen Kopf auf die Schulter, der selber etwas von einem Häringskopf hatte. »Dein Bruder Martin nährt sich nur noch davon.« »Also will denn das Schwein wirklich heiraten?« fuhr Anna entrüstet heraus und machte eine Bewegung des Abscheus. »Ja ja. Es ist soviel wie sicher. Gisa Schumann ist schon bei der Söderborg draußen, der Freundin von Hedwig Uibeleisen, das Aufgebot ist auch erfolgt. Verliebt ist er ebenfalls. Er ist so verliebt, daß er sich jede Nacht betrinkt und auf dem Heimweg den Hochzeitsmarsch brüllt. Gestern Nacht ist er arretiert worden und hat den Gendarmen ein poesieloses Faultier geheißen. Kostet Geld, so was.« »Aber um Gotteswillen, Stieve, womit will er denn heiraten?« »Womit? Mit nichts. Er hat da einen armen Idioten von einem Grafen gefunden, dem er eine schauspielerische Zukunft prophezeit. Davon lebt er momentan.« »Der Mensch geht zu Grund.« »Zu Grund müssen Viele gehn. Sonst könnten die Kletterer nicht hinaufklettern.« »Und Gisa? Will sie ihn denn?« »Scheint so. Scheint mir ein Verzweiflungsschritt zu sein.« »Das arme Mädel ist von Monat zu Monat tiefer heruntergekommen.« »Ja. So ist eben das Leben.« »Lächerlich, Stieve. So ist das Leben nicht. Was heißt das überhaupt: so ist das Leben?« »Apropos, Anna« – und Stieve richtete sich aus seiner bequemen Lage auf dem Sopha empor – »da hätt ich beinahe das Wichtigste vergessen. Ich wollte Dir erzählen, daß Renate Fuchs seit gestern Abend verschwunden ist.« »Verschwunden? Das ist ja schon Kriminalroman ...« Anna Xylander stützte beide Ellbogen auf den Tisch und sah Stieve durchdringend an. »Ja, denk Dir nur. Wanderer war heute früh schon in meiner Wohnung, ganz verzweifelt. Er hat sie gestern Abend noch fortgehn lassen und dachte, sie käme bald wieder. Nachmittag kam er in einer unbeschreiblichen Verzweiflung ins Cafe. Er wollte auf die Polizei, aber wir haben ihm klar gemacht, daß es sinnlos ist und nur einen Skandal verursacht. Vorläufig wenigstens. Er meinte dann selbst, sie wäre zu einer Bekannten oder Freundin. Aber etwas war da nicht richtig mit ihm. Er war zu verstört.« »Er thut mir leid. Und sie auch. Ein schönes Mädchen. Neulich bin ich ihr im Hofgarten begegnet, und wir haben lang miteinander geplaudert. Sie wollte mich einmal besuchen.« »Aber was das Merkwürdige ist, kommt erst. Um fünf Uhr begleitete ich Wanderer nach Haus. Und an der Veterinärschule steht der Hund, den sie mitgenommen hatte, und springt uns winselnd entgegen. Das ist ganz rätselhaft. Wanderer verlor fast die Besinnung. Ich sagte ihm, er solle mit zu Dir herauf, damit er nicht ganz allein ist. Aber ohne mich zu hören, ist er nach Haus gestürzt.« »Da ist was geschehn, Stieve. Ich weiß nicht, Du bist so unsympathisch ruhig bei solchen Sachen. Da kann was Schreckliches passieren.« »Geh Angstmeier. Wir leben doch in einem Kulturstaat.« »Das machst Du ausgezeichnet. Ich weiß nicht, ihr Männer seid alle wie die Frösch. Drum veracht ich euch doch so. Was haben denn die Andern gesagt?« »Du weißt ja wie sie sind. Gudstikker kam dazu. Auch der wollte gleich zur Polizei.« »Gudstikker! Gräßlich. Ein Tintenfisch!« »Ich bitte Dich! Dein Haß um jeden Preis macht mich nervös.« »Ja ja. Du wirst schon sehn. Mein Gefühl betrügt mich nicht.« So wurde noch ein wenig in Worten geplänkert, und nach einer Viertelstunde verabschiedete sich Stieve, mit Ermahnungen betreffs Frühnachhausegehn reichlich ausgestattet. 2. Anna Xylander zog ihre Hausschuhe an, wobei ihre Bewegungen den Charakter ruhefroher Behaglichkeit annahmen. Eine Weile stand sie am Fenster, sah den spitzen Turm der russischen Kirche und die breiten Kuppeln der Theatinerkirche vom Mondlicht übergossen, und der Mond selbst stand wie ein feuriges Hörnchen am Rand des Turmdaches, bereit, die Mitternacht anzublasen: Mitternacht und Frühlingsnacht, alles voller Weihe. Hierauf setzte sich Anna Xylander in die Sophaecke, nahm ein Zeitungsblatt, in welchem Stieves Kritik über das letzte Gudstikkrsche Buch stand und las. Stieve schrieb da in seiner rücksichtsvollen Weise, die nie verletzen sollte, eine lange Kette von Betrachtungen, nicht ohne geheime Bitterkeit. Zum Schluß wurde es offenbar: ja, der Verfasser schreibe »schön«, gewiß. Aber er sei nun so süß und weich geworden wie ein gebratener Apfel, recht geeignet für den Magen des Bourgeois. Anna mußte lächeln, erst über den Vergleich, und nun schon gar, wenn Stieve mit dem Bourgois anfing. Aber der Vergleich hatte etwas Anheimelndes und Leckeres für sie. Sie ging und legte einen Apfel in die Röhre und mußte laut lachen in der Voraussicht, daß sie ihm das morgen erzählen würde. Süß mußte er sein und weich, ganz im Gegensatz zu dem sauren und harten Stieve, dem Nicht-Bourgois. Ueberhaupt, was so ein Mann alles zu sein glaubt, wenn er einmal die Feder in der Hand hat; Könige ertränkt er in der Tinte. Plötzlich läutete es. Anna Xylander erschrak und vergaß ihre Gebratene-Aepfel-Philosophie. Wer mochte zu dieser Stunde kommen? Stieve? Das wäre sonderbar; auch war es nicht die Hausglocke, sondern die des Korridors. Anna hatte keine Furcht, aber es schien ihr, als solle sie den Rotbackigen in der Röhre heute nicht mehr verzehren. Sie zündete eine Kerze an, ging hinaus, lugte durch's Guckloch, öffnete und hätte beinahe den Leuchter fallen lassen, denn Renate stand vor ihr. Anna Xylander öffnete den Mund zu einer formlosen Begrüßung, dachte in einem Nu an Wanderer, an Stieve, an abenteuerliche Ereignisse, dabei aber trat ihr zunächst die Frage wegen des Hausthors auf die Zunge, als achte sie dies für das Allerwichtigste. Ja, antwortete Renate kleinlaut, ein Herr, der im Hause wohne, habe geöffnet, als sie drunten die Glocke ziehen wollte; habe sie freundlich hereingelassen, als sie gesagt, daß sie zu Fräulein Xylander müsse. »Wollen Sie, daß ich wieder fortgehe?« fügte sie tonlos hinzu. Davon war Anna weit entfernt und sagte es auch in ihrer unbeholfenen Art. Stürmisch forderte sie Renate auf, einzutreten, zog sie an der Hand nach sich, nahm ihr in der Stube Hut, Schirm, Pelzchen und Jacke ab, und sagte, während sie so eifrig beschäftigt war: »Ja mein Gott, Fräulein, wie sehn Sie denn aus? Möchten Sie einen Kaffee oder Thee oder ein Glaserl Schnaps, Kirsch hab ich und Heidelbeer, und wie kalt die Handerln sind und die eisigen Wangen, mein Gott! Natürlich bleiben Sie die Nacht über hier, das versteht sich ja von selber, und die Stiefel ziehn wir auch aus, ich stell derweil die warmen Pantoffeln zum Ofen.« Anna kniete vor Renate, mit dem Aufschnüren der Schuhe beschäftigt. Renate beugte sich vor, legte beide Hände auf Annas Schultern, drückte die Lippen auf deren Haar, und schließlich auch die Stirn. Anna blieb unbeweglich, fühlte das fortlaufende Zittern in Renates Körper und zwei warme Tropfen, die ihr auf das Haar fielen. Dann erhob sie sich sanft und suchte Renate zu beschwichtigen: »Nicht weinen, Arme, nicht weinen.« Nach geraumer Zeit fragte Anna Xylander teilnehmend und so, daß es nicht wie Neugierde aussehen konnte: »Wollen Sie denn nicht mehr zu Herrn Wanderer zurück?« Doch klang aus der Frage mehr Wissen, als Anna hatte verraten wollen, und sie wurde verlegen. Renate bemerkte es kaum. Sie schüttelte den Kopf. »Später erzähl ich Ihnen alles,« flüsterte sie scheu. Aber weil Anna sie immer besorgter betrachtete, fing sie gleich damit an: wie sie ihm erst gefolgt war, ohne Bedenken, ja voller Stolz. Wie sie aber bald gemerkt habe, daß er nicht der Rechte sei. Wie dann das Unglück mit seinem Vermögen gekommen sei und ihn entschleiert habe. Von Tag zu Tag seien sie sich fremder geworden, denn er habe alles unerfüllt gelassen, was sie von einem Mann, von dem Mann, dem sie sich grenzenlos ergeben, erwartet habe. Und schließlich, als sie sich ihm versagt habe, sei es schrecklich gewesen, welche niedrige Seiten seiner Natur zum Vorschein gekommen. »Er hatte etwas Verstecktes angenommen und ich bekam erst Furcht, dann –. Ach, es war eine Hölle zuletzt. Mir war, als sei der Schmutz haushoch um mich her.« Anna Xylander lauschte mit tief verstehenden Blicken. War es nicht ihr eigenes Leben, das sich da vor ihr entrollte, nur gedrängter und jede Schuld verdeutlichter? Sie freilich hatte gewährt, immerzu gewährt, als die Liebe vorbei war aus Mitleid, aus Kameraderie, aus Gleichgiltigkeit, aus Frivolität, aus Furcht vor Szenen, ja vor Unbequemlichkeit. Das sei eben des Lebens Zweck und der Liebe Ziel, hieß es da immer; die Welt bestehe dadurch und nicht durch empfindsame Gelüste. So wurden selbst die Küsse, die täuschenden, zum immer kürzeren Vorspiel, und übrig blieb das Entehrende, weil mit kühler Seele Gewährte. Das ist Frauenschicksal, hatte einmal Katharina Herz zu Anna gemeint. Es mußte wohl wahr sein. Erst ein kurzer Garten, dann eine lange Wüste mit Hunger und Durst. Freilich, Stieve war ein Mann, mit dem sich Freundschaft schließen ließ, und daran war alles Empören gescheitert. So war es nun mit Anna Xylander; in einem Nu konnte sie sich in die bittersten Gefühle hineinreden. Voll Inbrunst drückte sie Renate an sich, daß dieser einen Augenblick bang wurde. Ja, sie wisse wohl, was auf Wanderer laste. Und mit wenigen Worten erzählte es Anna. Renate schwieg lange, als diese Erzählung beendet war. »Er hat es um meinetwillen gethan,« sagte sie endlich nachdenklich. Plötzlich schauderte sie zusammen und ließ den Kopf tief sinken. »Vielleicht können Sie sich doch wieder mit ihm versöhnen,« sagte Anna, die sich nicht vorstellen konnte, was mit Renate werden sollte. »Nie! nie!« brach Renate leidenschaftlich aus und klammerte die Finger um Annas Hand, als fürchte sie, fortgerissen zu werden. Jetzt war Anna den Thränen nahe, denn sie verstand ja das alles gut genug. »Sie sagen ›Nie‹, Renate. Aber man muß nicht nie sagen.« »Nein, nein! Es ist unmöglich.« »Warum? Weil Sie das erfahren haben? Wollen Sie denn so hinleben und –« »Ja, ich will so hinleben und arbeiten.« »Das ist leicht gesagt. Hat schon manche gesagt. Dazu sind die feinen Hände nicht, Renate.« »O ich will schon. Nur nicht mehr zurück.« »Seien Sie vernünftig. Warten wir ein paar Tage, oder ein paar Wochen. Da sieht sich alles anders an. Vielleicht mit Ihren Eltern –?« »Ach Fräulein Xylander –!« »Sagen Sie doch Anna zu mir. Das ist einfacher.« Renate lächelte scheu. »Wenn Sie wüßten, wie unmöglich das jetzt ist. Da könnt ich mich ebensogut in die Isar stürzen.« »Warum sagen Sie jetzt? Auf einmal –? Ach ja, das vergeß ich ganz ...wo waren Sie denn seit gestern?« »Ich hab mich so herumgetrieben, stundenlang,« flüsterte Renate. »Dann ging ich in ein Hotel, – ich weiß gar nicht mehr, wie es heißt.« Plötzlich fing sie so heftig an zu schluchzen, daß es schien, als wollte sie ersticken. Anna Xylander nahm ihren Kopf zwischen beide Hände und suchte sie zu beruhigen. Als Renate ruhig geworden war, geschah etwas Sonderbares. Sie stand auf, und ihr Gesicht war trotz des besorgten Ausdrucks und der gefurchten Stirn beängstigend unbeweglich. Sich leicht zurückbeugend, kramte sie in der Tasche ihres Rockes und zog in der geballten Hand etwas Blaues, zerknittertes hervor. Sie öffnete die Hand und betrachtete ungefähr drei oder vier Hundertmark-Noten, die ineinander verknüllt waren. Sie betrachtete die Scheine mit einer gewissen stumpfsinnigen Aufmerksamkeit, und die erstaunte Anna Xylander erhob sich langsam, mit weit geöffneten Augen von ihrem Stuhl. Renate ging zum Ofen, riß die Eisenthüre auf, und machte eine Bewegung, die Noten in die Glut zu werfen, als Anna auf sie zustürzte und ihre Hand zurückriß. »Sind Sie denn wahnsinnig?« schrie sie auf. Renate ließ die Scheine los und hielt sich am Ofen fest, da sie sonst gefallen wäre. Sie starrte in die Glut des offenen Feuers, und ihr Gesicht rötete sich davon. Mit einem Grauen ohne Gleichen gedachte sie der vergangenen Nacht, in der sie alle Schrecken der Einsamkeit empfunden und mit verwirrtem Sinn durch Straßen und Straßen gewandert war. Die völlige Hilflosigkeit, in der sie sich befand, erzeugte Schreckgesichte. Sie ging auf das Telegraphen-Amt und depeschierte ihren Eltern: thörichte Worte, in denen sie allen Stolz verlor und nur mit fieberischen Lauten der Angst redete. Und wie viel Ueberlegung gehörte trotzdem dazu: eine Adresse anzugeben, zu schreiben, vor dem Beamten zu stehen und zu warten... Man hatte ihr Geld geschickt, – ohne Zeichen, ohne Worte. Diese Stunde empfand sie als eine körperliche Züchtigung, die sie sich selbst zugefügt, und deren demütigende Macht ohne Grenzen war. Sie hätte stolzer bleiben dürfen, hätte man ihren Ruf nicht gehört. Anna Xylander saß am Tisch und entknitterte sorgsam die Noten, strich sie mit den Händen glatt, – in einer liebevollen Weise, die ein Leben der Entbehrungen beleuchtete. »Es sind vier Stück,« sagte sie schließlich schwankend, ob sie es humoristisch nehmen solle. »Warum haben Sie denn das Geld verbrennen wollen?« fragte sie. »Ich will nichts davon sehen,« entgegnete Renate abgewandt, mit verschleierter Stimme. Anna Xylander seufzte. »Es ist alles so, wie man's selber nimmt,« sagte sie betrübt. »Die Hauptsache ist schließlich, daß man noch unglücklich sein kann. Da ist noch nichts verloren. Wer rein ist, bleibt rein, das ist ein altes Wort von mir. Schaun Sie, es ist jetzt so mit uns Frauen, daß wir faktisch nicht mehr wissen, wohinaus, wo das Gute liegt oder das Schlimme. Wir sitzen da, jede sitzt da und wartet, daß Einer kommt und den Weg zeigt. Aber es kommt Keiner. Denn wir verstehen uns nicht selber, mir müssen verstanden werden. Wir fallen so oft auf den Ersten herein, fast immer. Aber das ist nie der Beste. Manchmal geh ich so auf der Straße und denke mir: der ist's oder der hätt' es sein können. Ein Blick ist oft wie ein langes Leben. Na, da geht dann der Betreffende vorbei und ich seh ihn nie wieder. Das ist schlecht eingerichtet, find ich.« »Wenn ich nur wüßte, was ich thun soll,« flüsterte Renate ratlos. Indessen, die schnellgewonnene Freundin tröstete sie auf Morgen. »Das Morgen ist nicht so übel wies die Leute machen. Und gar in der Nacht. In der Nacht kann ich nichts beschließen. Morgen werden wir Stieve alles erzählen. Wenn es Andere betrifft, weiß er immer was zu raten.« Unter solchen Reden half sie Renate beim Entkleiden und verfuhr mit ihr wie mit einer Puppe. Alles fand sie entzückend, jedes Kleidungsstück erweckte ihre Begeisterung. Renate hatte nichts zur Nachttoilette bei sich und schämte sich dessen. Aber sie schämte sich auch sonst vor Anna Xylander, was deren lauten Jubel hervorrief. Als Renate das dunkle Haar auflöste, um es durchzukämmen, fielen die Strähnen auf ihre bloße Schulter und Anna stand vor ihr, schlug die Hände zusammen und meinte, sie habe noch niemals eine so weiße Haut gesehen, so glatt, und anzufühlen wie Sammet. Errötend wandte sich Renate ab, und um etwas zu sagen, bemerkte sie, daß es hier gut röche, nach gebratenen Aepfeln. Anna brachte den Apfel herbei, der schon ganz schwarz war. Renate schälte die verkohlte Rinde ab und biß hungrig in die dampfende Frucht. Aber sie schlug es aus, mehr zu essen als den Apfel. Wie sie da saß, das blasse und ein wenig verhärmte Gesicht im Rahmen der Haare, mit einem halb verstohlenen, halb furchtsamen Lächeln, die eine Hand auf die Brust gepreßt, konnte Anna keinen Blick von ihr wenden. Das Bild blieb ihrem Gedächtnis unverlöschlich eingegraben; unverlöschlich die schmale, reine Stirn, die großen, dunklen, fragenden Augen, der schlanke Hals, die schneeweiße Büste und die magere gelbliche Hand auf dem Spitzenhemd. Langsam trat sie heran, legte ihre Arme um Renate; ihre herben Züge wurden weich und mit einem dumpfen Seufzer küßte sie die junge Freundin auf die Augen und den Mund und flüsterte befangen: »Du bist schön.« Renate fühlte eine nicht zu bezwingende Bangigkeit, konnte nicht reden, auch später nicht, als sie im Bette lag, Anna schweigend, regungslos, mit gefalteten Händen neben ihr. Sie sah den Mond, der schon rot zu werden anfing und nicht mehr auf den Kuppeln, sondern auf dem Rand der Häuserdächer stand. Die Nacht war still, windlos und von weichen Frühlingslüften erfüllt. Es war unmöglich für Renate, zu schlafen. Es war, als stände ein Frager an ihrem Bett, der all ihre eigenen Sorgen in einer Frage widerklingen ließ. 3. Stieves Erstaunen ging so weit, daß sein Gesicht das menschliche Ansehen verlor und dafür etwa den Ausdruck eines erschreckten Papageis annahm. An stillen Huldigungen für Renate ließ er es nicht fehlen, denn für ihn trug sie noch immer den Glanz jener großen Welt, die ihm unerreichbar schien, und die er zu verachten glaubte, so lange sie nicht den Kreis seines Lebens berührte. Wäre er reich gewesen, so hätte ihm seine eigentümliche und geräuschlose Vornehmheit, sein ruhiger Takt den Ruf eines Kavaliers gesichert. Arm jedoch, waren diese Eigenschaften nichts. Für Renates Lage fehlte ihm das Verständnis. Er betrachtete ihr Thun wie einen harmlosen Ausflug in plebejisches Land, und seine Ratschläge hatten demnach etwas Gutmütig-Ironisches, als trüge er auf seine Weise zu dem Gelingen eines Spiels bei. Das fühlte Renate; fühlte, daß von allen Dingen dies am schlimmsten war. Dazu kam ihre Beobachtung, wie unglücklich Anna Xylander war, wie oft ein unbezähmbarer Haß gegen Stieve sie erfüllte, am meisten dann, wenn sie ihr zärtlich beschützendes Wesen gegen ihn annahm. Ihre Geberden und Blicke waren von einer deutlichen Beredsamkeit: er hat mein Leben zertrümmert, ruht behaglich auf den Fetzen meiner Hoffnungen. Ein quälender Neid gegen Jeden, der mit voller Tasche ging, war in ihr, und doch konnte sie den Erinnerungen Renates aus dem Elternhaus mit atemlosen Entzücken lauschen. Zwei Tage war Renate bei Anna, da erschien Wanderer, den Stieve nicht im Ungewissen lassen wollte. Seine Befürchtungen, durch Sehnsucht und Reue entflammt, hatten etwas von Wahnsinn angenommen. Er stürzte erregt und zitternd ins Zimmer ehe Anna, die ihm geöffnet, es verhindern konnte, fiel vor Renate in die Kniee und erhob stumm flehend die Hände. Auch Angelus kam. Und wer freute sich mehr als Angelus! Er schoß von einem Eck ins andre, warf Stühle um, zerbrach eine Tasse und den Blumentopf und schien nicht übel Lust zu haben, vor Vergnügen die Wände hinaufzuklettern. Anna, zartfühlend wie sie sein konnte, hatte sich angekleidet und war verschwunden. »Steh doch auf,« sagte Renate gütig zu Anselm. Er that es in einer Weise, die zeigen sollte, daß er nichts anderes wünsche, als ihr zu gehorchen. »Ich habe nicht geschlafen, nicht gegessen, nicht gelebt,« sagte er dumpf. Renate seufzte, blickte fort von ihm, da er nicht nur sich selbst, sondern auch sie demütigte. »Zurück kann ich nicht,« antwortete sie mit starrem Blick und wiederholte: »kann ich nicht.« Und als er sich vor ihr in den Staub legte, mit beschwörenden Worten ihr Innerstes zu rühren versuchte, als sein Gesicht nach und nach so bleich wurde, daß die Züge alles Leben verloren, als er ihr sagte, was auf dem Spiet stehe (»o Renate, du verbietest mir damit, weiter zu leben«), erhob sie sich und sagte: »Du hast Dich ja der Verachtung der Leute preisgegeben.« Ja, sie sagte ›preisgegeben‹ und hatte sich geradezu bemüht um solch ein Buchwort. Ein sonderbarer Zorn erwachte in ihr, daß er sie an jenem Abend hatte gehen lassen, statt sie mit Stricken an den Pfosten der Thüre zu fesseln. Freilich, was er auch hätte thun mögen, der Liebe konnten dadurch keine Flammen mehr geschürt werden. Als Renate das von der Verachtung der Leute gesagt hatte, fand Anselm keine Worte mehr. Er schloß die Augen, legte den Kopf ein wenig in den Nacken, als wäre soeben eine drückende Bürde von seinen Schultern gefallen. Seltsam genug, jetzt, weil sie es wußte, linderte sich die brennende, fressende Glut seiner Liebe. Jetzt brauchte er nicht mehr sein Gefühl zu überhitzen, um sich selbst zu täuschen in dem Gedanken ihrer Unschuld an seinem Fall; um Renate zu täuschen über seine schwere Verzweiflung. Da sie es wußte, brauchte er nicht mehr hündische Kniffe, um eine Selbstachtung zu heucheln, die er immer mehr entschwinden sah, und er konnte männlicher tragen, was ihm zugefallen. Nie hätte er selbst es ihr gestehen können, aber sein Wunsch, daß sie es wissen möge, hatte oft eine fieberhafte Gewalt erreicht. Vielleicht glaubte er, ihr gerechter Sinn würde dann ein Teilchen Schuld übernehmen und würde eine neue Brücke über den Abgrund bauen, der zwischen ihnen entstanden war. Aus Mitleid und feinem Takt sprach Renate von gleichgiltigen Dingen, bat ihn, daß er ihre Kisten und Koffer hierher in Anna Xylanders Wohnung schicken möge, fragte scherzhaft nach dem Befinden des Ehepaars Corvinus, und Anselm fand sich mit Fassung in diese gar zu blassen Gesprächsstoffe. Er erhob sich schließlich, wie um durch eine Abschiedsbewegung ein letztes Wort der Entscheidung herbeizuführen und sagte: »Den Hund, Renate, bitte ich Dich zu behalten. Er hängt so sehr an Dir, und wenn Du ihn hast, ist es, als wäre ein Stück von mir immer bei Dir.« »Das ist auch so der Fall,« versetzte Renate, halb mit Bitterkeit und halb bewegt. »Und jetzt will ich Dir was sagen, Anselm. Führe Dein Leben von nun an wieder allein. Und wenn es so geworden ist, wie Du's willst, durch Deine eigene Kraft, dann wirst Du mich ja zu finden wissen. Jetzt müssen mir die Zeit vergehen lassen.« Wie sehr fühlte Renate, daß sie unaufrichtig war, daß sie ihn so nicht wiederfinden würde, finden wollte, daß die gegenwärtige Stunde die letzte war, in der sie das vertraute Du getauscht. Anselm aber nickte zustimmend. Sein Wesen war ernster, gelassener, fester und beinahe voll Zukunftsglauben. Eine solche Macht haben Worte. Bevor er ging, trat er nahe und suchend an Renate heran. Sie ergriff seinen Kopf bei den Schläfen und küßte ihn flüchtig auf die Lippen. Ein letzter Blick, und er verließ das Zimmer. Renate blickte noch lange auf die wiedergeschlossene Thür, als sei nun ein Schleier über ein bedeutungsvolles Stück ihres Lebens gefallen, und als ruhe diese Liebe mit all ihren Enttäuschungen schon im Schoß einer Vergangenheit, die ferner lag, als es der Augenblick wollte. Es war auch, als empfinde sie die abenteuerlichen Verstrickungen voraus, die von nun ab ihr Leben ausmachen sollten. Angelus lag still vor ihr, den aufmerksamen und menschlichen Blick unablässig auf ihr Gesicht gerichtet. Draußen flutete eine goldene Sonne, die das erwachende Blütenjahr verkündete. So lange, bis Anna kam, konnte Renate nicht dasitzen und die Zeit vergrübeln. Sie nahm eine Stickerei zur Hand in dem Willen, schon jetzt die Seit der »Arbeit« zu beginnen, von der sie geträumt. Aber es machte ihr wenig Freude. Erstens war es häßlich, daß die Hände farbig wurden von der Wolle. Dann war das »guten Appetit, mein Herr«, das sie in den Stoff sticken sollte, doch gar zu läppisch. So setzte sie sich zuerst an das Fenster, sah den Leuten zu, die wie Marionetten straßauf, straßunter eilten oder trippelten und vertrieb die übrige Zeit mit tändelndem Klavierspiel. Aber allein zu sein in diesem etwas betrüblichen und armseligen Raum, das machte sie traurig. 4. Das kärgliche Leben, welches Anna Xylander führte, schreckte Renate wenig, denn für den Magen hatte sie keine Wünsche. Wohl aber waren es die wunderlich zerrütteten Verhältnisse, die ihre Seele verfinsterten. Wenn Anna aus Stieves Wohnung kam, war sie meist in einem Zustand barster Hoffnungslosigkeit und bitterer Ernüchterung. Dann sollte Renate erzählen, vom Leben da droben in den Sphären, wo die Atlas- und Seidenmusik rauschte und Gold in unvertilgbarer Menge auf die Dielen hüpfte. Das Auf und Ab in Annas Laune war oft erschreckend von zerfließender Schwermut zum brutalen Gelächter cynischer Späße war bei ihr kein Uebergang. Stieve kam seltener. Ihn verstimmte es, daß der Anblick von Renates schlichter Vornehmheit und einfacher Eleganz so drückend und zugleich aufrührerisch auf Anna wirkte. Ihr ganzes Verhalten gegen ihn war eine Anklage: so hätte ich auch sein können, wenn Du nicht gekommen wärst, die Blumen meines Gartens zu zertreten. Doch so sonderbar es klingt, wirkte auf Anna die Vorstellung, daß Stieve überhaupt imstande gewesen war, etwas zu vernichten wenn es auch ihr eigenes Leben war, imponierend und versöhnte sie fast mit seiner apathischen Sanftmut. Es wurde die Frage erwogen, ob Renate nicht ein Zimmer mieten solle. Sie selbst hatte es vorgeschlagen, denn sie fürchtete, lästig zu fallen und die beiden Leute zu stören, sowohl in ihren Kämpfen, als auch in den ruhigen Stunden. Anna aber protestierte lebhaft. Vielleicht mochte sie die Geldsumme nicht missen, die Renate mitgebracht, und von der sie den Unterhalt ihres Gastes bestritt, vielleicht aber hatte sie nur Freundschaft dazu veranlaßt und jene seltsam überhitzte Liebe, die sie für das junge Mädchen empfand. Denn Renate allein, hinausgestoßen in die Zufälle der Gasse, das war nicht gut auszudenken. Renate sehnte sich nach Einsamkeit und auch wieder nicht. Ja, dahinaus, hinauf in die Berge hätte sie mögen, und was sie sah und dachte, beflügelte solche Wünsche. Auch mit ihrem Vorsatz, zu arbeiten, quälte sie sich. Die besinnungslose Fieberhast einer ganzen Stadt verstörte ihre Gedanken. In allen Gegenden des Himmels stieg der Schweiß der Arbeitsamen, Arbeitvollen empor wie Dunst aus einem Meer. Jedes Hirn zermühte sich in tausendfältigen Qualen, die doch nur ein einziges Ziel hatten, jede Stirn war umfangen von dem einen, ehernen Gedanken, und zahllose erschöpfte Hände streckten sich aus nach Mehr. Nur sie allein müßig! Aber was hatte sie gelernt? Ein altersgraues Vorurteil hatte sie daran gehindert, ihre Sinne zu sammeln für eine Thätigkeit, ihre Gedanken zu gewöhnen an ein übersichtliches Maß von Geschäften, ihre Hände zu üben in Stetigkeit und Ausdauer, ihren Ehrgeiz zu entflammen für ein gemeines Vollbringen. Was sollte sie also thun? Denn freiwillig noch tiefer herabsteigen von der Stufe, auf welche sie herabgeglitten war, das hätte sie völlig zerstört in diesen Tagen. Mußte also ein Weib das Edelste ohne Zögern feilbieten, wenn sie sich im grauenhaften Kampf der Existenzen behaupten will? Mußte sie irgend einem bebarteten Hohlkopf den ermatteten Arm reichen, nur weil er ein Mann war, damit sie sich retten könne in ein mehr oder weniger reinliches, gebrechliches Boot? In der Not ihres Sinnens verfiel sie auf ihre Malerei und gab eine Anfrage in die Zeitung. Sie erhielt das Angebot einer großen Wiener Fächerfabrik. Dort wollte man »moderne« Blumen-Ornamente in persönlicher Weise auf Fächer gemalt haben, da, wie der Brief sich ausdrückte, die Industrie unter dem Schlendrian maschineller Köpfe zu Grunde zu gehn drohe. Renate ließ sich die Stoffe senden und malte nun zum Erstaunen Stieves und Anna Xylanders lustig drauf los. Sie hatte Einfälle, gewöhnte sich an das Material, fand Freude an der stillen und poetischen Arbeit. Jetzt war sie auch unter denen, die mit umfangenen Stirnen am Werk waren. Aber leer blieb ihr Herz, und täglich empfand sie das schmerzlicher. Die Fabrik zahlte schlecht, aber Renate fand sich königlich belohnt. Denn wer nicht mit der Seele schafft, findet, sofern er ehrlich ist, jeden Entgelt für seine Arbeit unverdient. »Das ist doch ziemlich überspannt,« meinte Anna eines trüben Tages zu Renate, die eine Lilien. Arabeske auf schwarzen Crepe de Chine malte. Die Blumen sahen aus wie gespenstisch lang gestreckte, gebogene Leiber. »Ach, man schwärmt jetzt so für das Ueberspannte,« erwiderte Renate resigniert. »Die Leute finden es schön. Ich übrigens auch. Sehn Sie Anna, die Lilien sind lauter Frauen, und das Schwarze, der schwarze Stoff ...na, sagen wir, der ist das Leben. Da oben mal ich noch was goldnes her, vielleicht einen Halbmond. Und die Lilien können nie da hinaufreichen, weil ich es nicht will. Ich bin der Lilienherrgott.« Renate lächelte. Anna schüttelte den Kopf und lachte cynisch. »Nein! Gedanken haben Sie wie eine kranke Laus,« platzte sie los. Renate erblaßte und legte den Pinsel weg. »Ja, Anna,« entgegnete sie mit gesenktem Blick. »Krank mögen meine Gedanken schon sein. Da haben Sie recht. Aber ich frage mich nur immer, ob ich im Unrecht bin und wohin das alles führen soll.« Anna bereute herzlich ihre Worte und streichelte Renates Haar. Aber mit dem Malen war es für heute vorbei. Ueberdies sollte Besuch kommen: Gisa Schumann und Katharina Herz. Gisa war noch immer bei Frau Söderborg, und in acht Tagen sollte sie Hochzeit mit Xylander feiern. Sie hatte an Anna geschrieben: ich muß kommen, denn sonst weiß ich nicht, was geschieht. "Ist das wirklich wahr mit Wanderer?« fragte Renate, am Fenster stehend und in den düstern Himmel starrend. »Ja, es muß schon wahr sein.« »Es thut mir leid,« flüsterte Renate nachdenklich, doch ohne tiefere Teilnahme. Sie fand derlei jetzt selbstverständlich, jedenfalls aber der Trauer unwert. Wanderer hatte ein Verhältnis mit einer dunklen Dame, wohnte in einer Art Keller, ging umher wie ein Landstreicher, lebte wie ein Mensch ohne Gehirn, trunken, haltlos, besinnungslos. Sein Untergang schien unvermeidlich. »Denken Sie nur, Anna,« sagte Renate gleich darauf, »ich habe einen komischen Traum gehabt wegen Gisa.« »So? Das ist ja furchtbar, Sie Arme. Selbst im Schlaf lassen sie ihr keine Ruh«, spottete Anna gutmütig. Sie liebte es, von Anwesenden in der dritten Person zu sprechen. »Was ist eigentlich mit der Frau Söderborg?« fragte Renate. "Ich höre so oft den Namen, und Jeder macht ein so merkwürdiges Gesicht dazu.« »Sie ist die beste Freundin der kleinen Uibeleisen«, gab Anna ausweichend zur Antwort. »Und sonst nichts?« Anna Xylander lachte. »Das ist eine komische Geschichte, wissen Sie. Die Söderborg kam aus Rußland angeschneit, und Keiner weiß, warum sie hier in der Stadt blieb. Sie hat ein Kind, ein Mädchen von drei Jahren, und von einem Mann ist nie die Rede. Sie wissen ja, daß sie draußen wohnt bei Süssenguths Cousinen, so lange die in der Schweiz bleiben. Sie waren ja auch einmal draußen.« »Nun, und weiter?« »Weiter? Ja ...die Person führt halt ein unglaubliches Leben. Das Haus ist ihr überlassen, liegt am Ende der Welt, wo die Katzen einander gute Nacht wünschen. Es ist schauderhaft, was sie da treiben soll.« »So? Was denn?« fragte Renate naiv. Aber die Glocke klimperte, und Angelus bellte laut. 5. Die allersonderbarsten Dinge kamen zum Gespräch, die von Renate nur von weitem verstanden und mit beklemmendem Ahnen gehört wurden. Außer Katharina Herz und Gisa war auch Hedwig Uibeleisen gekommen. Frau Herz war Malerin, stand einer Malschule für Damen vor, und Gisa war früher sozusagen das Hausmodell gewesen. Frau Herz hatte sich des jungen Mädchens mit der Leidenschaftlichkeit eines Menschen angenommen, dessen Leben gleichfalls in Verlassenheit hinfließt. Ihr Gatte, der Litterat, führte ein Dasein auf eigene Tasche und eigene Faust, doch die Tasche war leer, und die Faust glich im Lauf der Zeit einer ausgestreckten Hand. Sie malte und hatte mit ihren Bildchen einen gewissen Kurswert erreicht. Es war stets dasselbe: eine junge Frau am geöffneten Kammerfenster, draußen die halbe Dämmerung. Zu Füßen der Gestalt spielten ein Kind und eine Katze. Bisweilen waren Zinnsoldaten dabei, bisweilen eine Spielwaren-Madam oder ein hölzerner Schornsteinfeger. Manchmal kniete die Mutter auf dem Boden und ordnete die Schlachten-Aufstellung, aber sie lächelte nicht, sondern blickte starr und angstvoll aus dem Zwielicht. Frau Herz war eine zimperliche Dame; ihre Rede ging auf den Zehen. Sie war meist höflicher, als notwendig schien und wunderte sich im Stillen über alles, was geschah. Sie war etwa vierzig Jahre alt, hatte aber das Gesicht eines kleinen Mädchens. Während Hedwig Uibeleisen erzählte, schwieg Frau Herz, und in ihrem Schweigen war die Fülle ihrer Entrüstung. Auch Gisa redete nichts. Ihre Augen blickten unstät; sie atmete so hastig, daß sie ein paar Mal mit der Hand an den Hals griff. Oft schauerte sie zusammen; senkte den Kopf, um die zuckenden Lippen zu verbergen. Offenbar hatte sie kein rechtes Verständnis mehr für ihre Leiden, obwohl in ihrem Wesen eine Art traumhaften Grauens lag. Gisa hatte fliehen wollen, war über die Felder bis zur Sternwarte gelaufen. Der Observator fand sie am Morgen ohnmächtig am Zaun liegen. Die Milchfrau lief zu Frau Söderborg, die noch schlief, die meist den ganzen Tag verschlief. Man brachte Gisa hinüber, und bis zum Abend lag sie bewußtlos. Der Apotheker kam, später der Doktor. Vorgegangen war Folgendes. Frau Söderborg hatte Herrengesellschaft geladen: einen Techniker, einen Schauspieler, einen Artisten und den Grafen Reiffenstuel. Gisa war ahnungslos dabei gesessen, beobachtete furchtsam, wie der Genuß des Weins die seltsamen Fünf entflammte. Frau Söderborg verschwand, kam wieder im Gewand der Nymphen, eilte auf Gisa zu, sie in die Arme zu schließen. Das entsetzte Mädchen floh in ihre Kammer, schloß sich ein, saß stundenlang zitternd auf dem Bettrand, verbrachte so die Nacht. Die Kette von Leiden und Demütigungen, die Frau Söderborg um Gisa legte, war um so unzerbrechlicher, als jenes Weib mit dämonischer Erfindergabe jede Erniedrigung und Beleidigung durch einen scheinbar aufopferungsvollen Beweis von Freundschaft vergessen zu machen verstand. Sie haßte Gisa, und wunderliche Hindernisse entstanden für Gisa, dem zu entweichen. Sie liebte den Grafen Reiffenstuel mit aller Glut der Unbeachteten und Verstoßenen. Kaum wußten ihre Sinne davon. Zum ersten Mal wurde ihr ganzes Wesen in seiner Tiefe erschüttert. In ihrer Leidenschaft lag etwas von der hinreißenden, plötzlichen und vernichtenden Gewalt eines Natur-Ereignisses. Frau Söderborg wußte es. Aber Gisa, ihr zuerst bequem, wurde ihr unentbehrlich, da sie ihrer kleinen Tochter Gabriele in wenigen Wochen zur wahren Mutter geworden war. Daher konnte sie unbekümmert ihren Freiheitsgelüsten huldigen, und sie durfte andrerseits einem Geschöpf ihre Ueberlegenheit fühlen lassen, von dem sie sich verachtet wußte. Gisa hatte sich des Kindes förmlich erbarmt, war ihm mehr als die unvollkommenen Träume von Zärtlichkeit, die sein junges Leben schon zu verdüstern begannen. Einer abenteuerlichen Verbindung entsprossen, das Bewußtsein schmerzlicher Verlassenheit in den Zügen tragend, fröstelnd vor jedem unbedachten Wort, an jedes liebreiche sich klammernd, beständig sich duckend wie eine Blume am Weg in der Angst, zertreten zu werden, war das Schöne und eigentümlich kluge Kind dem willigen und verlangenden Erdreich ähnlich, in dem die ungestüm überfließenden Gefühle Gisas zur Blüte kamen. Der Graf nahm plötzlich an Gisa eine Art Lebemanns-Interesse. Er kam täglich und brachte Geschenke für Gisa. Frau Söderborg wurde von wilder Eifersucht gepeinigt. Sie suchte Xylander argwöhnisch zu machen, aber der gutmütige und schwache Mensch vertraute Gisa völlig, deren Versprechen er besaß. Frau Söderborg, in ihren Vermögensverhältnissen am Rande des Abgrunds, konnte den Grasen nicht entbehren, und an jenem Montag, wo Gisa geflohen war, benutzte sie die gleichzeitige Anwesenheit Gisas und Reiffenstuels zu einer teuflischen, niedrigen Verleumdung. Gisa verstand erst nicht, was sie dem Grafen gesagt, dann aber verließ sie das Zimmer, das Haus, wandte sich laufend, sinnlos vor Scham, gegen die Felder ... Niemand hätte von alledem erfahren, wenn nicht eine Dienstmagd von draußen, die um Gisas Beziehungen zu Frau Herz wußte, in deren Atelier gelaufen wäre. Die ratlose und ängstliche Malerin eilte zu Uibeleisens. Richard Uibeleisen war ein Freund der Frau Söderborg, und deshalb war Frau Hedwig bis jetzt gezwungen gewesen, ein Weib Freundin zu nennen, gegen das sie einen wahren Maulwurfshaß hegte. Beide Frauen fuhren in einer Droschke zu Frau Söderborg, fanden sie nicht zu Hause und nahmen Gisa, die noch wie betäubt war, mit sich. Zwei Nächte hatte Gisa bei Uibeleisens verbracht. Doch die Wohnung erwies sich als zu klein, in keinem Eckchen der zwei Zimmer war Platz und, was bizarr wirkte, Frau Hedwig wurde nun ihrerseits eifersüchtig. Die dritte Nacht verbrachte Gisa bei Frau Herz, aber der Litterat kam nach Hause und wollte aus seiner Trunkenheit Nutzen schlagen. Gisa hatte kein Geld, wußte nicht, wohin, ließ sich führen, sagte, sie wolle jenes verruchte Haus am Rande der Stadt nie wieder betreten und fühlte, daß eine magische Gewalt sie hinzog. Man kam zu Anna Xylander: ob Gisa die acht Tage bis zur Hochzeit hier verbringen könne. In dem larmoyanten, halb verzweifelten, halb schüchternen Ton der Frau Hedwig vorgetragen, hatten diese ohnehin romanhaften Ereignisse und Verknüpfungen etwas durchaus Fabelhaftes und Fantastisches, umsomehr, als die Erzählerin nicht aus noch ein wußte mit ihrem Stoff. Kein Motiv irgend einer Handlung war deutbar und vernünftig; die Person der Söderborg wuchs ins Verzerrte, Unglaubhafte, und Gisa selbst glich einer Wahnsinnigen, deren Thun sich jeder Kontrole entzog. Dazu fing Hedwig Uibeleisen an zu schluchzen, Katharina Herz folgte ihrem Beispiel, unentschieden, ob aus Teilnahme oder Ratlosigkeit. Anna Xylander, eindrucksfähig und leicht sentimental, begann ebenfalls zu heulen, stand auf und umarmte Gisa, die still vor sich hinweinte, während Angelus, der sich unbehaglich fühlte in dem Gemisch wunderlicher Geräusche, leise zu bellen sich entschloß. Renate fand zu der grotesken Versammlung keinerlei Beziehungen, starrte bald die eine, bald die andre an, biß sich auf die Lippen und hatte das Gefühl, als wohne sie der Szene eines Schauspiels bei, von der ihr das Vorher und Nachher unbekannt blieb. Endlich sagte Anna Xylander: »Ihr habt Recht, man kann das Mädchen nicht sich selber überlassen. Bei der Söderborg kann man sie auch nicht lassen; die Person ist dem Teufel zu schlecht. Ja ...und bei mir, das geht halt schwer. Ich schlafe mit Renate. Doch für die paar Tage macht es mir nichts aus, auf dem Sofa zu liegen, wenn Renate mit Gisa zusammenschlafen will.« Alle sahen auf Renate, die sich verfärbte und nervös an ihren Lippen nagte. So sympathisch, ihr nach einer gewissen Seite Gisa war, – in Atemnähe Nacht um Nacht mit ihr zu schlafen, die, wenn auch unverschuldet, so viel vom ekelsten Schmutz des Lebens mit ins Lager brachte, das erregte so sehr ihren Abscheu und Widerwillen, daß sie schroff aufstand und »Nein, das mag ich nicht« sagte. Mit einer Betonung, die ihre Empfindungen unverhüllt zu erkennen gab. Eine ganze Weile herrschte Schweigen. Die Ablehnung wirkte gleichartig auf alle vier. Angelus, als spüre er Gefahr für seine Herrin, richtete sich empor, reckte sich, stellte sich ostentativ neben Renate. Schon bereute sie, was sie gethan, nicht die Weigerung sondern nur die Worte, die sie dafür gewählt. Nicht hochmütig hatte sie scheinen wollen, sondern nur in Notwehr handelnd gegen ein unerklärliches, bedrückendes Phantom, das langsam heranrückte mit Fittigen, die von den Seufzern tausender verlorener Frauen geschwellt waren. Sie überhörte eine ebenso salbungsvolle als strafende Bemerkung, zu der Katharina Herz sich verpflichtet glaubte und sagte gütig einlenkend: »So mein ichs nicht. Ich will auf dem Sofa schlafen, Anna wird es gern erlauben, sie ist ja auch müder wie ich und braucht das Bett.« Doch Anna Xylander lächelte finster; sie war plötzlich voll Haß gegen das verwöhnte Schoßkind des Glücks, das Renate in ihren Augen immer noch war. Sie fühlte sich eins mit Gisa Schumann, – gleich ihr das gehetzte, atemlose Wild. Gisa verließ ihren Platz, neigte, wie sie zu thun pflegte, ihren Kopf gegen die Schulter und blickte madonnenhaft vor sich hin. »Ich danke,« sagte sie. "Ich danke schön. Ich gehe wieder hinaus zu – zu Gabriele. Die wenigen Tage gehn schon vorbei. Soll geschehen, was will.« Aufrichtig war das. In solch elegischem Fatalismus war sie ganz Jüdin. Aber ihre Fantasie malte zugleich anziehender, unwiderstehlicher als je das Bild des jungen Husaren-Offiziers, und sie war gewillt, zu leiden, betrachtete sich als verurteilt, zu leiden, ahnte vielleicht dumpf, was kommen mußte, jetzt, wo sie alle Macht über ihre Sinne so sehr verlor, daß sie sogar Renate zu hassen vergaß, von der sie tief beleidigt war. »Das sagt man so: soll geschehen, was will,« antwortete Frau Hedwig giftig, und doch auch mütterlich besorgt. »Aber ich bin nicht schuld, wenn ein Unglück daraus entsteht. Andre sinds, Andre, die sich rein fühlen und nicht wissen, was vor ihrer Thüre steht. Genug.« "Ich werde jeden Tag kommen und Sie besuchen,« sagte Anna Xylander, Gisas Hand tätschelnd. Renate wurde es schwindlig. Ihr war, als sei sie von Feinden eingeschlossen und könne sich nicht rühren. Angstvoll wandte sie sich an Gisa: »Bleiben Sie!« Doch jene schüttelte zerstreut den Kopf. Nach dem geräuschvollen Aufbruch der drei Damen kam Anna Xylander vom Flur zurück und warf anscheinend achtlos die Worte hin: »Was die Weiber doch geschwätzig sind. Da will die Hedwig Uibeleisen wissen, daß Wanderer überall so sehr bedauert wird. Die Baronin Terke habe neulich in einer Gesellschaft Stein und Bein geschworen, daß Sie eigentlich an seinem Ruin schuld sind.« »So?« fragte Renate frostig, während das Schwindelgefühl von vorhin wiederkehrte. »Nein, diese Weiber,« klagte Anna Xylander und schlug die Hände zusammen. Während der ganzen Zeit sah sie Renate gar nicht an, vermied es sogar nach der Richtung zu blicken, wo Renate stand. »Aber Anna,« flüsterte Renate, »Sie wissen doch, wie es zugegangen ist.« »Ja schon, natürlich, regen Sie sich nur nicht auf deshalb.« Renate machte sich langsam zum Ausgehen fertig, und wie ihre Natur in schmerzlichen Lagen überhaupt zu stürmischen Entschlüssen neigte, hatte sie den seltsamen Vorsatz gefaßt, noch in derselben Stunde die Baronin Terke aufzusuchen, um sie zur Rede zu stellen. Ohne an anderes zu denken, als an die große Unbill, die ihr widerfahren war, eilte sie durch die Straßen, beachtete nicht den strahlenden Sonnenschein, der plötzlich alle Wolkentrübnis verscheucht hatte, fühlte nicht die würzige Luft des Frühlings, der hereinbrach an allen Ecken des Landes. Auf der Stiege des gräflichen Hauses begegnete ihr die fantastisch gepuderte und geschminkte Baronin, die ihren Hund in das Grün des Gartens hinabtragen wollte. Renate war froh, jetzt konnte man sich nicht mehr verleugnen lassen. Die Baronin blieb so verdutzt stehen, daß ihre überroten Lippen den Dienst der Worte versagten. Mit den kleinen Aeuglein blickte sie flehend zu Renate empor, die entflammt, in Rechenschaft fordernder Haltung vor ihr stand. Kleinlaut, mit sorgenvoll gefurchter Stirn und mitleiderregendem, seufzendem Stimmchen bat sie endlich Renate, einzutreten. 6. »Das ist aber nett, daß Sie kommen,« keuchte die kleine Baronin in grimassenhafter und verlegener Freundlichkeit. »Geh, Tigerchen, geh, setz' dich nieder, – nicht auf den kalten Boden, – so. Was der Hund alles treibt! Also wie geht es Ihnen, Fräulein Fuchs? Meine Schwägerin ist leider nicht da. Adele ist verlobt, das werden Sie wissen. Komm, Tigerchen, komm.« Aber Tigerchen kam nicht, sondern ließ sich winselnd in der Ofenecke nieder und verfiel in eine Art Starrkrampf, der ihm sein verfehltes Dasein weitaus erträglicher machte. Indessen brachte Renate in mühseligen, doch durchaus nicht mutlosen Worten hervor, was sie hergeführt. Die Baronin rückte unruhig auf ihrem Sessel herum, fletschte die Lippen ein wenig, um sie zu befeuchten, dann platzte sie mit einem Ausruf der Entrüstung heraus. »Ich habe nichts gesagt, niemals. Ich habe nur gesagt, daß ich Sie bedaure, und das ist doch nichts Unrechtes. Und das thu ich auch heute noch, Fräulein Renate, trotzdem Sie mir sagen können, ich hätte keinen Grund. Na, dann will ich Sie nicht ansehen dabei und sagen, daß Sie Recht haben. Ich denke, Sie wissen jetzt, wie die Welt läuft; und so etwas beunruhigt Sie noch? Wir leben ja in der Luft der Verleumdung, unsre Wände sind durchsichtig, und wenn ich meinen Hund in den Hof trage, machen sich die Leute im englischen Garten schon darüber lustig. Daran muß man sich gewöhnen. In unsrer Welt bleibt nichts rein, am wenigsten der reine Wille. Ich für meinen Teil hätte gewollt, daß Sie wegen etwas Andrem gekommen wären. Daß Sie das gethan haben, zeigt, daß Sie schlecht beraten oder ganz ratlos sind. Ich denke gut von Ihnen, wenn auch die Gräfin bei solchen Sachen das Moralvisier, Reichspatent, herunterläßt. Ach, ich könnte Ihnen erzählen, erzählen bis in die Nacht. Komm mein Tigerchen, komm.« "Ich will Sie nicht länger stören«, sagte Renate mit leerem Blick. »Man hat mich getäuscht, ich bitte Sie um Verzeihung. Aber Sie irren, wenn Sie glauben, daß ich unglücklich bin.« »Na, das freut mich. Aber wie gesagt, ich schaue Sie nicht an, dabei. Schade, daß wir nicht mehr so plauschen können wie früher. Das waren noch Zeiten. Sie gefallen mir gar nicht, gar nicht, Renate. Es giebt wenig Mädchen wie Sie. Die Verachtung sozialer Höhen, ja, das begreif ich. Obwohl es eigentlich ein jüdischer Zug ist. Und daß man nicht jeden Gimpel mit Eichenlaub heiraten will, begreif ich auch. Aber da drunten ists fürchterlich. Noch schlimmer, wenn die Verleumdung aufhört und die Vergessenheit anfängt. Ich begreife ja, was Sie gewollt haben. Ein berühmter Mann hat mir einmal gesagt: heutzutage sind die jungen Mädchen dazu verurteilt, den Widersinn aller sozialen Vorurteile durch ihr Schicksal zu beweisen. Na, wie mans nimmt. Sehn Sie, die Adele, meine Nichte, die ist für den Gimpel mit Eichenlaub. Heiratet ihn sogar. Was mich nicht brennt, blas' ich nicht. Freilich, Sie hat es gebrannt. Sie haben einen Schlüssel gefunden und glaubten, er sei golden und öffne goldne Thüren. Es ist nichts damit. Wer ein Haus hat, Renate, schließt es zu in der Nacht, und wer draußen ist, gilt als Landstreicher. Da helfen goldne Schlüssel nichts. Immerhin, Kopf hoch und vergessen Sie Ihre alte Freundin nicht. Mir ist, als sollt ich Ihnen etwas sagen und komme nicht auf das Wort. Erinnern Sie sich an den Herbsttag, wo Sie bei uns waren und der bewußte junge Mann eintrat? Ein verdrehter Tag. Seitdem gehts auch mir schlechter. Kopfschmerzen, Brustschmerzen, Bauchschmerzen, ach ja. Mein Leben ist wie eine Uhr, die nur geht, wenn sie geschüttelt wird. Da hab ich gestern, das muß ich Ihnen noch erzählen, so ein Schwein in Pumphosen getroffen – hihi – die Elsa von Kapperitz, die kennen Sie doch? Hundertachtzig Jahre alt, Astronomin, Geographin, Radlerin und nachts in ihrem Bett macht sie Afrikareisen, – die hat mir also von Ihnen vorgeschwärmt. Sie seien ein ...ein was? ...ja, ein weiblicher Christus. Na ja, wenn ein Weib von den Männern stehen gelassen wurde, wird ihr Geist lasterhaft.« So plauderte die kleine Baronin ihren kunterbunten Mischmasch herunter, sich beständig durch Seufzen und asthmatisches Aechzen unterbrechend. Hastig verabschiedete sich Renate, von einer Schwermut erfüllt, die jeden ihrer Schritte belastete. Fortgegangen war sie, um Rechenschaft zu fordern, zu erkämpfen, doch hatte sie ein Gefühl, als sei sie vor einen Leichnam hingetreten. Ihre Anklagen waren verstummt, denn was nützte es, sich zu rechtfertigen, wenn kein Ohr war, willig zu hören? Sie hatte die Sprache verlernt, in der man sich dort oben unterhielt, Prinzregentenstraße 2. Eingelullt von überweichen, abendlichen Lüften ging Renate durch die Dämmerung. Um eine Ecke biegend, sah sie den Major von Stahleck in Civil und an seinem Arm Elwine Simon, tief verschleiert, elegant, blaß, zierlich. Renate blieb stehen wie versteinert, doch die beiden, die sich gegen die andre Seite der Straße wandten und sich lächelnd zuplauderten, sahen sie nicht. In seltsam verträumter Bitterkeit setzte Renate ihren Weg fort. Das Bild unglaubwürdiger Schicksalsverkettungen bedrückte sie, und sie hörte lange noch, wie die kleinen Mädchen in einem Hof sangen: Eisenhaar, hast gesponnen sieben Jahr, sieben Jahr sind um und um ... Zwölftes Kapitel 1. Anna und Renate waren einander entfremdet. Anna fing an, Renate zu mißtrauen, ohne daß sie die Absicht hatte, es merken zu lassen, ja ohne es sich selbst zu gestehn. Aber wenn sie auf die reichen Leute schimpfte und auf gewisse Gewohnheiten der großen Welt, bezog sie im stillen Renate immer mit ein. Renate ihrerseits wurde verschlossener und zurückhaltender, lernte das verstehen, was sie in der Einsamkeit allenfalls sich selbst sein konnte, doch hatte sie keineswegs abgerechnet, war nicht sässig geworden auf Erfahrungen. Noch zog es sie hinaus, noch winkte Unbestimmtes in der Ferne, noch glaubte sie verstohlen ihren Träumen, noch war der Frühling nicht Sohn des Winters, sondern Vater des Herbstes für sie. Und wovon sie Erlösungen hoffte, das war nach den Schlüssen ihres Verstandes die Arbeit. »Sie sind in letzter Zeit so gedrückt,« meinte Renate zu Anna. »So? Kann schon sein.« »Bin ich Ihnen zuviel? Sie dürfen es offen sagen, ich bin Ihnen wahrhaftig nicht gram deshalb.« »Aber! Sie sind ja die Einzige, die unsereins ein bißchen versteht.« »Unsereins? Ich bin doch nichts Besseres um Gotteswillen. Oder hab ich mich aufgespielt? Ich bin ja obdachlos gekommnen.« »Ach, wissen Sie, das liegt so in der Natur, Renate. Das ist eben die göttliche Weltordnung, daß die Eine seidene und die Andre wollene Unterröcke trägt.« Renate lächelte enttäuscht. In diesem Augenblick läutete der Postbote. Es war ein Brief von Baronin Terke an Renate: Liebes Fräulein, da ich von Bekannten Ihre Adresse erfahren habe, darf ich nicht zögern, Ihnen eine Nachricht mitzuteilen, die Sie tief treffen wird. Ihre Mutter ist am 6. April in Freiburg in Baden gestorben. Ueber ihre letzten Tage ist mir nichts Näheres bekannt. Ihr Vater machte mir nur kurze Mitteilung von dem Unglück, das ihn betroffen, wie auch davon, daß die Beisetzung in Freiburg selbst erfolgt ist. Seine Schrift zeigt deutlich den Einfluß des Ereignisses und vielleicht auch eines andern. Ihr Name kommt in seinen Zeilen vor, doch in einer Verbindung, die ich nicht wiederholen kann. Ihr Vater ist aber der beste Mensch, – ein Wort, ein Brief und Vieles ist wieder gut. Ihre stets zugeneigte Vilma v. Terke. Das stand da, mit blauer Tinte, in einer außerordentlich verhudelten Schrift, denn die Baronin pflegte stehend zu schreiben, um nicht dabei einzuschlafen. Als Renate den Brief gelesen hatte, entfiel er ihrer Hand. »Was ist denn los?« fragte Anna Xylander, offenbar mit dem Vorsatz, gleichgiltig zu bleiben. Renate hob die verschlungenen Hände ein wenig, und ein stechender Schmerz beraubte sie der Worte. Sie deutete auf das Papier. Anna hob es auf und las. Der Trost, den sie zu geben versuchte, fand kein Ohr. Renate setzte sich in den Fensterwinkel und brütete stundenlang vor sich hin. Das Haus, in dem sie sich befand, erschien ihr wie ein Gefängnis, das Zimmer kam einer Zelle gleich. Hier war sie eingesperrt mit Anna Xylander, die froh war, wenn wieder ein Tag vorüber war. Erst hatte sie zur Baronin Terke eilen wollen in dem unbestimmten Drang, Einzelheiten über den Tod zu erfahren, den die Mutter gestorben. Aber welchem Zweck konnte es dienen? Wer war Renate Fuchs noch, die verlorene Tochter? Dann fiel ihr ein, dorthin zu reisen, wo die zufriedene, geduldige Frau abgeschieden war, jedenfalls ein Nun oder Jawohl auf den Lippen. Aber Renate hielt es nicht mehr so sehr mit den fantastischen Entschlüssen, wollte nicht einen Fluch demütig auf ihr Haupt nehmen, den sie durch einen solchen Schritt als erfüllt offenbarte. Lieber fern sein und warten; und leiden. Das waren ihre Gedanken, und sie wunderte sich im stillen über das thränenlose Grübeln, blickte starr ins Licht der Lampe. Die Flamme blakte, und der Rußfang wurde schwarz. Renate mochte nicht aufstehn. Wie gleichgültig war es, wenn auch das Glas zersprang samt dem Oelgefäß und eine Feuersbrunst das Haus verzehrte. Zum Unglück kam auch noch Stieve am Abend. Auch er erfuhr es, schüttelte betroffen den Kopf, stemmte die Arme in die Seite und ging mit Riesenschritten auf und ab, ein sicheres Zeichen, daß ihm eine Sache zu denken gab. Vielleicht aber dachte er gar nicht daran, dachte vielmehr an den Untergang, der ihm selbst drohte, in dessen Zeichen er seinen Arm erlahmen fühlte. Das Feine war bei ihm, daß er auf Tröstungen kein Gewicht legte. Renate sagte bald gute Nacht, mehr um allein zu sein, um zu ruhen; denn zu schlafen konnte sie nicht hoffen. Als sie sich entkleidete, bemerkte sie, wie ihr Gewand leise Spuren des Verfalls zeigte. Das versetzte ihre Gedanken in eine Art Fieber, und mit instinktiver Hast verlöschte sie die Kerze, nur um nicht zu sehen. Dann kauerte sie sich im kalten Bett zusammen. Es wurde ihr nicht warm. Es war, als höre sie die Nacht rauschen, die Stille rauschen, und sie wünschte auf das Sehnlichste, daß sie allein bleiben dürfte, nur die eine Nacht. Sie fürchtete den Augenblick, wo Anna kommen würde, sich an ihre Seite zu legen, mit einem Scherzwort oder einer Bosheit. Doch unabwendbar war es, wie das Vergangene, wie das Kommende. Nichts blieb übrig, als sich schlafend zu stellen, hier wie in jedem Sinn. Der andre Tag verging wie ein Traum. Es war ein Hinübertasten von einer Stunde zur anderen. Morgen sollte Annas Bruder mit Gisa Hochzeit feiern. Bisher hatte es für selbstverständlich gegolten, daß Renate am Feste teilnehmen würde. Nun schien es ausgeschlossen. Umso größer war Annas Erstaunen, als ihr Renate ruhig erklärte, sie wolle mitgehen. Sie wünsche nicht, sich zu unterhalten, sondern nur, unter Menschen zu kommen. Renate ging, eine kleine Bronze-Statue der milesischen Venus als Geschenk zu kaufen. Sie vergaß, daß es keine Grafenhochzeit war. Schon war es Abend, ein hinreißend-süßer, farbenbeglückter Abend, von goldigrot schimmernden Cyrrhus-Wölkchen überdeckt, mit dem silbernen Mondhorn in Nebelflor wie auf Seide gestickt. Was aber aus dem Tag der Hochzeit wurde und aus der kleinen milesischen Dame, das sollte tiefe Schatten auf Renates Weg werfen. 2. In der Frühe, – es regnete in Strömen kam Richard Uibeleisen. Er war fahl im Gesicht; sein Bart war zerzaust, seine Kleider waren durchnäßt, und so warf er sich in einen Stuhl und bedeckte mit den Händen das Gesicht. Anna und Renate waren schon angekleidet, um in das Herz'sche Atelier zu gehen; wo das Hochzeitsfest stattfand. Beide sahen sich verwundert an. Endlich blickte Uibeleisen empor und sagte finster: »Die Söderborg ist fort.« »Fort? Wieso?« »Wahrscheinlich durchgebrannt, – mit dem Grafen.« »Reiffenstuel –?« »Und das Kind ist da. Das Kind ist bei Gisa geblieben. Eine Gewissenlosigkeit ohne Gleichen. Auch Elsa scheint mir nicht recht bei Verstand. Ich sah sie heute morgen vor der Trauung, und ich muß sagen, ich habe schon fröhlichere Gesichter bei einer Hochzeit gesehen. Sie sieht aus, wie eine Wachsmaske. Zwischen ihr und Reiffenstuel ist etwas vorgegangen.« »Woraus schließt Du das?« fragte Anna Xylander kleinlaut. »Weil ich sie gestern noch draußen gesehen habe. Sie glühte vor Glück und ich glaubte, die Hochzeit sei das Elixier. Man hätte sie nicht mehr hinauslassen dürfen, damals. Jetzt ist es zu spät.« Er erhob sich, um zu gehen. Renate blickte ihm mit weitgeöffneten Augen nach. Das ganze Dasein schien ihr wie ein klaffendes Loch, ein grundloser Schlund, und Schicksalsfäden spannten sich hinüber und herüber in verwirrtem Knäuel. »Auch ein Graf auf der Welt,« murmelte Anna. »Sonderbare Exemplare laufen herum.« Sie blieb aber schweigsam, bleich und gedrückt. Sie dachte an die Aufgewühltheit Uibeleisens und an die Art seiner Gefühle für die Söderborg. Mit mehr als freundschaftlicher Neigung hing sie an ihm und sah jetzt besondere Umstände, die sie zur Trauer verurteilten. Es gab einen laut surrenden Ton im Klavier, der lang hallte. »Eine Saite gesprungen,« erklärte Anna gleichgiltig und wie zu sich selbst, denn sie beachtete Renate gar nicht mehr, die ihr plötzlich in der Weise launischer Frauen als die Urheberin alles möglichen Unglücks erschien. Draußen peitschte der Wind den Regen umher wie Strähne. Das Atelier von Katharina Herz war zigeunerhaft mit Blumen, Bändern, Stoffen, Tapetenresten, japanischen Schirmen geziert. Das Oberlichtfenster war von einer grellblauen Draperie guirlandenartig umwunden. Durch das Glas selbst war der Himmel nicht zu sehen, denn der Regen floß darüber hin, daß es aussah, wie mit weißem Fliespapier belegt. Das Nordlichtfenster zeigte weiten, freien Ausblick. In den Ecken des saalartigen Raumes standen Kerzen auf hohen Holzpostamenten, an den Wänden hingen Tierbilder, Studien in Kohle und Oel, fast lauter Skizzen von Schülerinnen. Herr Herz ging in einem Fräcklein herum, mit einer Cognacflasche versehen, zu welcher er die Gläser suchte. Er sah angestrengt aus, als bedeute die sorgsam einstudierte Festrede einen Wendepunkt in seiner Existenz. Da der gefürchtete Gudstikker anwesend war, galt es, mit Gedankenfeuer nicht zu sparen. Gudstikker lehnte faul herum, die tiefe Falte zwischen den Brauen, das mitleidig-müde Lächeln auf den koketten Lippen. Ein paar junge Leute liefen ab und auf, höchst eilfertig, sahen aus wie Mohn im Blühen. Frau Hedwig war schon seit frühem Morgen da, hatte schmücken helfen und wartete jetzt auf ihren Gatten, dessen Ausbleiben sie besorgt machte. Sie sah aus wie eine kleine, bekümmerte, überarbeitete Nähmamsell, lächelte weinerlich und rückte immer wieder an den Lichtern herum, weil sie die Beleuchtung zu düster fand. Salatsch, der hungrige Ex-Dozent, hatte sich mit einem schurkisch und geleckt aussehenden Blondin in ein Gespräch über den Tod der Katharina Sforza vertieft, welche Salatsch mit Pathos als das eigentliche Renaissance-Weib erklärte. Er liebte das Wort Renaissance, führte es zu beständigem Gebrauch mit sich wie ein Taschentuch. Der Blondin widersprach wie Jemand, der durch Widerspruch seine gänzliche Verständnislosigkeit bemäntelt. Im Nebenzimmer war etwas wie ein Büffet angebracht, das durch aneinandergerückte, mit Brettern und Tüchern verdeckte Betten entstanden war. Dort unterhielten sich Dawill, der Blasse, der wie ein Weltmann von Erfahrungen aussah und ein verschrumpfter kleiner Mann, welcher Dichter, Maler, Vorstand des Sittlichkeitsvereins und pensionierter Major zu gleicher Zeit war. Er war nicht viel mehr als ein Leichnam und vermochte doch zu sprechen, sogar mit Fistelstimme, wie alle Vorstände von Sittlichkeitsvereinen. Stieve stand am Büffet und that sich schon seit einer halben Stunde gütlich. Er machte ein leidendes Gesicht, als äße und tränke er nur aus Zerstreutheit. Doch im Grunde war ihm wohl. Zwei Schauspieler und zwei Schauspielerinnen waren da, die laute und gewollt frivole Gespräche führten, auf den Direktor schimpften und auf das »Cliquenwesen.« Einer lernte in Zwischenpausen an einem Gedicht: die Hochzeit des fahrenden Schülers. Gisa und Xylander, schon Vermählte, traten ein. Es hatte keine kirchliche Trauung stattgefunden. Gisas Gesicht war weiß wie ihr Kleid; das einzig Farbige an ihr waren die grünen Blätter im Haarkranz. Wenn sie angesprochen wurde, lächelte sie, und das Lächeln blieb minutenlang auf ihren trockenen Lippen, als hätte sie vergessen, es zurückzunehmen. Ihr Blick war in die Höhe gerichtet, ließ nicht ab von einer gewissen Stelle in der Luft, wo er sich festzusaugen schien. Man fand ihr Wesen nicht sehr hochzeitlich, doch tröstete man sich mit der sonst so belebten Stimmung und mit Xylander, der strahlend jede Hand schüttelte und manche zwei Mal, von Seligkeit förmlich troff und nicht aus seinem glucksenden Lachen kam. Er ging herum und heimste die Glückwünsche ein wie fällige Wechsel, umarmte die Frauen, sprach nicht, sondern stotterte nur und wurde in Anspielungen vor lauter Glück niederträchtig. Er führte die Schauspieler vor die Venusstatuette, die Renate geschickt, legte beschwörend zwei Finger auf die Brüste der Figur und lallte etwas von der großen Peripetie seines Lebens. Er liebte die Fachausdrücke und verdankte ihnen weihevolle Augenblicke der Selbstbewunderung. Dann klopfte er auf den Bronzebauch der Venus, umarmte seinen Collegen und rief mit schwimmenden Augen: »O schmölze doch dies allzufeste Fleisch für Dich mein neidverachtender Freund! Mut, Horatio, Mut.« Die bare Sinnlosigkeit. Unbemerkt waren Anna und Renate gekommen. Renate glaubte sich in eine Versammlung von Tieren versetzt. Dann erblickte sie mitten im Knäuel Gisa. Sie erschien viel größer als sonst, wie wenn sie unter einem Wichtelvölkchen stünde. Der alte Sittlichkeitsdichter stand vor ihr, und seine Frackschöße schwänzten rechts und links. Der Himmel mag wissen, was er ihr vorraunte. Dawill kam hinzu und hob die Augen emphatisch zu ihr auf, die dastand wie ein Bild der Unschuld, von allen Geräuschen angeblichen Jubels umtost. Sie sah sich einen Augenblick ihre Hände an, als wäre etwas darauf geschrieben. Katharina Herz sprach laut zu der älteren Schauspielerin vom Martyrium der Ehe, und ein junger Bartloser, der von der Ferne einem Schwein nicht unähnlich sah, ließ die Frauen hochleben, schrie: hoch die Frauen. Stieve, an Annas Seite, strich graziös mit der flachen Hand sein dürftiges Haar nach vorn; die beiden Schauspieler standen in Intrigantenpose unter der blauen Draperie. Dem einen fiel ein Wassertropfen durch einen Fensterspalt der Decke aufs Ohr, und er verlor nahezu die Haltung darüber. Martin Xylander war in seiner Weltentzücktheit daran, sich selbst zu umarmen, denn für ihn war es heute köstlich, Martin Xylander zu sein. Renate ordnete vor einem Spiegel mit beiden Händen das Haar, und da bemerkte sie, daß der Aermel ihres Kleides einen kleinen Riß in der Naht zeigte. Sie erschrak. Wohin führst du mich, Schicksal? flüsterte eine wache Stimme in ihr. Ihr war abwechselnd kalt und heiß. Jemand grüßte sie über Köpfe hinweg und stieß beim Gruß eine Kerze um, die gleich verlöschte. Der Betreffende sah Wanderer ähnlich; so gravitätisch grüßte Wanderer. Eine längst verflossene Zeit, dachte Renate. Plötzlich stand sie Gisa gegenüber, deren Anblick sie tief erschreckte. Gisa drehte die Augen ganz in den Winkel, sodaß die Augäpfel fast verschwanden und nur das Weiße sichtbar blieb. »Sie brauchen mich nicht zu verachten!« kreischte sie mit durchdringender Stimme, und diese Worte wiederholte sie zweimal mit denselben kreischenden Lauten. Inzwischen war es im Atelier so still geworden, daß der Regen, der aufs Dach fiel, sich wie das Geknatter von Kieselsteinen anhörte. Auf Gisas Gesicht ging plötzlich eine gewaltige Veränderung vor sich. Die starre Ruhe zerschmolz. Die geisterhaft lächelnden Lippen entfernten sich wie im Grauen von einander. Arme und Beine schlotterten, und als erinnere sie sich jetzt erst, als habe sie die Stunden seit der Trauung in Versteinerung hingebracht, zeigten ihre Züge einen Ausdruck des Entsetzens, der etwas durchaus Tierisches an sich hatte. Sie warf sich auf den Boden, schlug mit den Händen die Dielen, schlug die Finger blutig und benetzte mit dem Blut das weiße Kleid, stöhnte, wie wenn sie sterben müßte, und ihr Körper wand sich, als ob er knochenlos sei. Schreckliche Zeichen des Wahnsinns. »Bringt sie fort, sie ist ja krank! bringt sie hinüber in meine Wohnung, dort ist Ruhe, ich laufe nach dem Arzt!« schrie Richard Uibeleisen, der eben gekommen war, in die angstvolle Stille der Gäste, und Frau Hedwig eilte sogleich wie eine obdachlose Taube auf ihn zu, der sie brutal zurückstieß. Martin Xylander hatte den Mund offen, um zu schreien. Sein Hals rötete sich und schwoll so an, daß Leute ihm die weiße Binde abreißen und den Kragen und das Hemd öffnen mußten. Einige Männer hoben Gisa empor. Sie leistete keinen Widerstand mehr. Eine jähe Bewegung entstand unter den Gästen, wie wenn der Sturm ins Wasser fährt. Herz klopfte in die Hände, aus einem Grund, den er selbst nicht begriff. Der Sittlichkeitsmajor schnaubte gleich einer Maschine, alles drängte zur Thüre, gegen den Corridor hinaus, auf dem die Mägde standen, hochzeitlich gestimmt, denn sie dachten, auch für sie könne am Ende was abfallen. Xylander fuchtelte wie ein Tobsüchtiger mit den Armen umher, ließ sich nicht bändigen und drängte dem Haufen nach. Er stieß an das Holzpostament auf dem die kleine Venus stand, die herabstürzte und Hals und Glieder brach. Anna sank kraftlos in einen Stuhl. Salatsch fragte bei allen möglichen Leuten herum, was vorgefallen sei, die Schauspielerinnen, bleich unter der Schminke, suchten ihre Hüte. Die grellblaue Draperie wirkte nicht mehr stechend durch ihre Farbe, denn viele Lichter waren ausgelöscht oder herabgebrannt. Hedwig Uibeleisen hatte auf einmal das Aussehen einer Greisin, und Katharina Herz stand wie eine Bildsäule mitten im Atelier, sah stumpfsinnig auf den Boden nieder, der von verschüttetem Wein und ausgetretenem Straßenschmutz starrte. Renate empfand nur Wirres. Sie wollte denken, kam aber nicht über eine rauschartige Verwunderung hinaus. Sie ging in den Nebenraum, wo das geplünderte Büffet aussah, als sei eine Horde von Freischärlern dagewesen, und dann kam, wie sie wußte, ein weiterer kleiner Schlafraum, dessen Stille sie suchte, um sich zu sammeln. An der Thüre blieb sie stehen, näherte mit einem leisen Schrei die Hände einander, ohne sie zusammenzuschlagen, – aus Furcht, ein Geräusch zu machen. Auf Zehen schlich sie zu dem altväterischen Lehnsessel, der im Winkel zwischen dem hier geneigten Dach und dem Fußboden stand. Dort schlief Gabriele, Frau Söderborgs Kind, den ruhigen, festen, traumlosen Kinderschlaf. Mit feuchten Augen starrte Renate in das unvergleichliche Gesichtchen mit dem geöffneten Mund, den blühenden Backen, doch blassen Lidern, die sich in der klaren, schwarzen Linie der Wimpern schlossen. So lehnte das Kind in dem großen Sessel, »Sonn und Mond auf seinen Wangen.« 3. Das Schlafgemach der Eheleute Herz empfing sein Licht nur durch zwei kleine Dachfenster. Aber selbst dieses Licht genügte, um den Raum unwohnlich, verlottert und trübselig finden zu lassen. Die Betten waren noch nicht in Ordnung, und Renate erschrak über die Kühnheit, mit der sie hieher gedrungen war. Das leidenschaftliche Verlangen, allein zu sein, hatte sie alles andre vergessen machen, und nun lag das Kind vor ihr, ein Bild völliger Verlassenheit. Doch nicht so verlassen wie ich, dachte Renate. Sie wollte sich nicht zum Gegenstand eines vergeblichen Erbarmens machen, aber sie konnte nicht glauben, daß ihr Leben nun in den Sand verlaufen sollte, Wüste rechts und Wüste links, sie, die ausgezogen war mit einem Herzen, angefüllt bis zum Rand mit unverbrauchter Liebe. War es die Bestimmung, daß sie sündenlos den Weg vollenden sollte, dann hatte sie an dem Schrecklichen, das draußen vorging, keinen Teil. Sie zuckte zusammen. Sie hatte Schritte gehört, wandte den Kopf. Gudstikker stand hinter ihr und nickte ihr bedächtig-freundlich zu. »Wenn ich Ihnen beschwerlich falle, so gestehen Sie es offen,« sagte er in seiner väterlichen Weise und legte leicht, wie beschützend seine Hand auf die ihre. »O nein.« Renate schüttelte eifrig den Kopf. Sie flüsterte, der kleinen Schläferin wegen. »Ich sah Sie hereingehen, und etwas zwang mich, Ihnen zu folgen,« erklärte Gudstikker, und die Falte zwischen den Brauen vertiefte sich. »Draußen hab ich Sie nicht gesehen,« antwortete Renate schüchtern. »Nun wissen Sie, das ist ein Hexensabbath. Ganz gut so. Allmählich reift man für die große Einsamkeit. Ja, und was sagen Sie, – das Kind da! Das sind so die Wunder unserer elenden Werktage.« »Es ist Frau Söderborgs Kind – »Ich glaube. Eine Abenteuerin, nicht wahr?« »Leise sprechen! Ist es nicht ganz gespensterhaft, was hier vorgeht? Es kommt mir vor, ich träume und fürchte mich fast noch mehr vor dem Aufwachen als vor dem schrecklichen Traum. Wissen Sie, daß ich Gisa das Lager verweigert habe, wie sie zu mir und Anna Xylander gekommen ist? Darum ist alles geschehen. Ich hab ihr den Arm nicht gereicht und jetzt ist sie ertrunken.« »Draußen spricht man davon.« Renate wurde bleich und spürte Kälte. »Wie? Spricht man davon? Wer denn?« »Anna Xylander. Das Weib haßt Sie. Warum denn?« »Sie haßt mich?« fragte Renate tonlos, schmerzlich und verzweifelt. »Das wußte ich nicht.« »Weshalb haben Sie mir denn nicht mehr geschrieben?« forschte Gudstikker. »Ich glaube doch, ich hätte Ihnen etwas wie ein Freund sein können. Sie sind eine naive Seele. Sie sind in der Meinung, daß das Leben ordnungsmäßig wie eine Gerichtsverhandlung verläuft. Sehen Sie denn nicht, daß die Leute um sie her lauter blind gewordene Fensterscheiben sind? Und Ihr Wesen wird für alle zum Spiegel. Ein Spiegel ist unangenehm für den Buckligen, der Gutgewachsenheit affektiert. Sie gehen unter Leichen umher, und es sollte mich wundern, Renate, wenn Sie nicht innerlich schon ein wenig mit toten Dingen zu thun haben.« Mit verlornem Blick schaute Renate Stefan Gudstikker an. Sie seufzte in unbestimmter Qual, sich mitzuteilen. Aber nur mit dumpfem Sinn hatte sie seine Worte erfaßt. »Glauben Sie wirklich, daß ich Schuld habe?« fragte sie mit vorgebeugtem Kopf, »innere Schuld?« »Schuld ist ein Wort, das nicht in meinem Wörterbuch steht. So wenig wie Tugend. Wäre die Form Ihrer Nase nur um eine Linie anders, so stünden Sie vielleicht nicht hier, sondern in einem herzoglichen Schloß. Verstehen Sie mich recht. Die Bilder und Vorstellungen, die wir uns von Geschehenem machen, sind nichts wie Träume, auf die wir uns zufällig besinnen. Es fehlen aber zur Ergänzung und zum Verständnis die Träume, von denen wir nichts wissen. Hätte Gisa den Willen und den Trieb zu alledem nicht unsichtbar in ihren Augen und in ihrer Stimme gehabt, wer weiß, ob Sie ihr das Bett verweigert hätten. So verstrickt ist, was wir thun.« Schweigend, furchtsam und treuherzig hörte Renate zu. Die Bewunderung und ein fernes Begreifen machten, daß sie sich leichter fühlte. Aber jetzt wachte Gabriele auf. Mit verschleiertem Blick sah das Kind sich um, eine Mischung von Angst und unklarer Erinnerung in den feinen Zügen. Renate kniete nieder, von überquellenden Muttergefühlen bezwungen und herzte das Mädchen, das sich widerstandslos den Zärtlichkeiten fügte. »Was wird nun aus dem süßen Geschöpf,« flüsterte Renate und suchte Gudstikkers Blick. »Soll es hier in der schlampigen Wirtschaft aufwachsen? oder soll es zu anderen fremden Leuten? Ist es denn nicht furchtbar, daß man von irgend einer Hand zu jedem Unheil geschleppt werden kann? Und daß ich jetzt vielleicht die Macht habe, alles zu verhindern, wenn ich es zu mir nehme?« »Oder auch nicht. Wenn Sie es thun würden, wäre es ein Raub an Ihnen selbst. Ein Kind ist ein Räuber und Tyrann. Wollen Sie Ihre Jugend verschenken ohne Gewähr? Nur deshalb, um ein Trugbild davon an Ihrer Seite zu haben? Kennen Sie die Sage von Amor und Psyche, – wie er Psyche entführt, auf einen einsamen Felsen glaub' ich, und wie sie nach dem Anblick des Geliebten forscht, und zur Strafe von ihm verlassen wird? Wissenwollen und Sehenwollen macht uns unglücklich, und es ist gefährlich, wenn wir Herrgott spielen und dem Schicksal ein Schnippchen schlagen wollen. Das ist, wie wenn neben dem Orchester einer stünde, der mit dem Taktschlagen das ganze Musikstück übertönen würde. Vorausgesetzt, daß es ginge, denn wir bleiben ja doch Orchester-Mitglieder. Aber ich rede wieder Bände.« Mühelos flossen Gudstikkers Worte, so wie Wasser eine Rinne entlangfließt. Eine gewisse Müdigkeit der Stimme gab dem Gesagten den Schein von Unwichtigkeit und Selbstverständlichkeit, als ob man daran eigentlich keinen Hauch verschwenden brauchte. »Nun müssen wir hinaus. Es könnte auffallen,« sagte Renate, und in ihrem Ton lag die Furcht vor dem Hinausgehen. Zweifelnd blickte sie Gabriele an, zweifelnd die häßliche Unordnung des Zimmers, als ob sie die Wirklichkeit der Dinge nicht mehr begreifen könne. Noch immer lag sie auf den Knieen, beide Hände des Kindes in den ihren. Jäh wandte sie sich zu Gudstikker und fragte in naiver Traurigkeit: »Glauben Sie, daß es Vielen so geht wie mir?« »Vielen,« antwortete Gudstikker, nachdenklich nickend. »Und glauben Sie, daß die Vielen mir gleichen?« »Behandeln Sie mich doch nicht als Sozialphilosophen. Was wäre Ihnen mein Nein oder Ja? Warum haben Sie denn plötzlich aufgehört, mir zu schreiben?« »Ach! So – halt. Es war, als ob es zu finster würde, an Sie zu schreiben.« »Sonderbare Antwort. Ich mache Ihnen mein Kompliment; Sie sind ein Poet.« »Gisa! Gisa!« rief das Kind, zusammenschauernd. Renate erhob sich und starrte gleich darauf nach der Thüre, die aufgerissen wurde. Martin Xylander wankte herein wie Einer, der bis zur Besinnungslosigkeit vollgetrunken ist, und fing an zu heulen. Es klang, wie wenn in finstern Nächten Hunde über die Wiesen heulen. Renate ging hinaus; Gudstikker, dem diese fortwährende Nervenstörung unbequem war, folgte ihr rasch, und zitternd kam Gabriele nach. Als Renate ins große Atelier trat, sah sie Stieve, Anna Xylander, das Ehepaar Herz und das Ehepaar Uibeleisen schwatzend in einer Gruppe beisammenstehen. Alle andern Leute waren schon fort, und als nun diese Sechs Renate gewahrten, verstummten sie, richteten ihre Blicke gleichgiltig thuend irgend wohin, wobei sie aufhörten, einen Knäuel zu bilden. Jedoch behielten sie ihre geheimnisvollen Mienen bei, außer Stieve, der mißmutig die Achseln zuckte. Seltsam, daß Renate, indem sie stehen blieb, an Angelus dachte, der zu Hause eingesperrt war, und dessen Schutz ihr allein noch geblieben. Seltsam auch, daß sie lächelte, äußerlich lächelte, während ihr Herz sich zusammenkrampfte in einer wahllosen Sehnsucht. »Wollen Sie mir den Schlüssel geben, Anna? Ich will heim, bin abgespannt,« sagte Renate leise. Anna Xylander lachte beinahe frech. Stieve knurrte: »Gieb doch den Schlüssel her.« Anna warf sich herum, ihre Augen glitzerten redebegierig und sie sagte: »Thun Sie doch nicht so zimperlich, Renate. Wir übernachten ja nicht hier. Seit wann sind Sie denn so zimperlich?« »Wahrscheinlich wird sie Dich auch aus dem Bett vertreiben,« sagte Richard Uibeleisen finster. »Man müßte darauf ein Couplet dichten.« Sein Gesicht war noch, immer so unnatürlich blaß wie am Morgen. Alle schmiegen. Renate war es zu Mut, als sei ihr die Zunge aus dem Mund gerissen. Wenn man sie geschlagen hätte, wäre sie nicht fähig gewesen, zu stammeln. Es war zum ersten Mal in ihrem Leben, daß man sie in solcher Art (wie auf Verabredung) beleidigte, erniedrigte, verhöhnte. Sie sah sechs Gesichter in einem undeutlichen Zwielicht vor sich, schaute in keines und sah doch alle sechs. Sie hatte die Empfindung, als müsse etwas geschehen, um die sechs Paar Augen von sich abzuwenden, diese Blicke abzustreifen, und als Gudstikker neben sie trat, und einen leisen, jedoch durchdringenden Pfiff ausstieß, seufzte sie erleichtert auf, den Blick zu Boden gleiten lassend, voller Scham, voll unbestimmter Reue. Wie von ferne klang das Heulen Martin Xylanders an ihr Ohr; auf der Erde lag, nicht unähnlich einer Ermordeten, die Bronze-Venus, und Gabriele stand mit verschlungenen Händchen davor, erstaunt und bedauernd. Renate hörte, wie Gudstikker etwas zu Uibeleisen, dann zu den Andern sagte, was sie nicht begriff, was ihr aber im dumpfen Bewußtsein sehr männlich und eindrucksvoll klang. Gabriele sah mit hilflos geneigtem Kopf furchtsam zu den Erwachsenen hinüber. Renate lächelte ihr mit leerem Ausdruck zu. Kurz darauf ging sie an Gudstikkers Seite die fünf Treppen hinab, ohne zu wissen, wie das gekommen war. 4. Gudstikker bewies ihrem teilnahmlosen Ohr haarklein, daß Gisa durch eine unabänderliche Kette von Vorbestimmungen zu ihrer Leidenschaft für Reiffenstuel getrieben worden war. Als Jüdin sei sie zur Liebe verurteilt worden, »ja, geradezu verurteilt,« denn ein Christ könne nicht ahnen, welch ein Vulkan von Gefühlen sich in der Tiefe so einer jüdischen Seele auszubreiten vermöge. »Bei uns ist das Heroische aus der Mode gekommen. Unsere Seelen sind nicht gut ausgeheizt. Wir sind zu sehr mit der Brotfrage beschäftigt. Aber Sie hören ja gar nicht zu.« »O ich höre schon,« erwiderte Renate sanft. Gudstikker wurde durch den Ton ihrer Stimme zum Schweigen veranlaßt. Renate seufzte und ging weiter des Wegs, als ob sie durch den Willen ihres Begleiters gezogen würde, raffte nicht einmal das Kleid auf dem verregneten Pflaster, bemerkte nicht die Vorübergehenden, nicht den Himmel, der sich rötete, wie er sich gestern gerötet hatte und morgen röten würde. Wer wird jetzt meine Fächer malen? dachte sie beim Anblick der zitternden Farbenklexe, die der Abendhimmel in die Pfützen streute. Gudstikker seinerseits baute einen Plan. Er baute stets an Plänen, wenn er schwieg. Er dachte nach, wie der Heimatlosen zu helfen sei, die sich von den Wassern treiben ließ mit halbgeschlossenen Augen. »Hören Sie einmal, Fräulein Renate,« begann er etwas weniger siegessicher wie sonst, denn der Wunsch, zu helfen, machte ihn zartfühlend, »ich habe eine ausgezeichnete Idee.« Er zündete mit all der Umständlichkeit, die ihm eigen war, eine Cigarette an und fuhr fort: »Da droben in der Schwindstraße wohnt ein junges Mädchen, eine liebe Bekannte von mir. Sie bewohnt ein Atelier, obwohl sie nicht malt und überhaupt nichts mit der Kunst zu thun hat. Ein feines Geschöpf, Sie werden ja sehen. Sie ist Lehrerin, ernährt sich kümmerlich. Stammt aus einer littauischen Baronsfamilie von ganz droben aus dem Norden. Als sie achtzehn Jahre alt war, brannte sie mit einem armen Kapellmeister vom Theater durch, und sie heirateten in Berlin. Später hat sie der Kerl sitzen lassen. Nun denk ich so. Das junge Mädchen geht in zehn Tagen fort. Sie ist auf zwei Probemonate an eine Kinder-Idioten-Anstalt engagiert. Sie können während der Zeit das kleine Atelier nehmen, das sehr billig ist. Da würden Sie zu sich selbst kommen, brauchten nicht Rücksichten zu spielen mit Leuten, die selber am Ende alter Dinge sitzen und hätten während der ersten Tage auch eine feine und verständnisvolle Gesellschaft. Alleinsein scheint mir im Augenblick nicht rätlich für Sie. Was halten Sie davon, Renate? Ich würde Ihnen nichts vorschlagen, was ich nicht auch für meine Schwester, wenn ich eine hätte, gut finden würde. Also was halten Sie davon?« »Wie Sie meinen,« entgegnete Renate, die nur den Wunsch hatte, der Straße zu entfliehen. Dann fügte sie hinzu: »Es ist schrecklich. Ich könnte jetzt ebensogut aus der Welt verschwinden, ohne daß es wochenlang Jemandem einfiel, daß ich fehle. Uebrigens ist mir gar nicht gut.« Besorgt blickte Gudstikker sie an, rief einen Einspänner herbei, dem er die Schwindstraße als Ziel bezeichnete. Als sie beide saßen, nahm er Renates widerstandslose Hand, um ihren Puls zu fühlen. Dann erzählte er, vorgebeugt mit dem rücksichtsvollen Streben, zu zerstreuen, von Irene Puntschuh, der ehemaligen Baronesse, daß man sie immer noch Fräulein nenne, obwohl sie den Namen ihres Mannes trug, erzählte, wie er sie kennen gelernt, als sie einmal in der Carnevals-Nacht von Studenten belästigt worden war und er ihr beigesprungen. »Das klingt abgedroschen, nicht wahr?« fragte er sarkastisch. »Man kann dergleichen gar nicht mehr erfinden, ohne banal zu sein. Ein bedeutsames Zeichen der Zeit.« »Wo fahren wir denn hin?« fragte Renate, sich geängstigt aufrichtend, als ob sie alles vergessen hätte. Gleich darauf errötete sie und lächelte wie um Entschuldigung bittend. »Aber werde ich nicht lästig fallen?« »Lästig? Irene wird glücklich sein. Sie hat sich in einem Atelier verschanzt, weil ihr das möblierte Zimmerwesen verhaßt ist. Sie ist ihr eigener Dienstbote, ihre eigene Köchin. Ein einsames Wesen, aber einsam nicht aus eigenem Wunsch, sondern aus dem Defekt der Andern. Sie wird Ihnen gefallen. Ich habe ihr oft erzählt von Ihnen. Was haben Sie denn, Renate?« Es zeigte sich, daß Renate krank war. Mit Mühe konnte sie sich noch in Irene Puntschuhs Heim hinauf schleppen. Es brauchte nicht viele Worte zwischen Gudstikker und Irene. Eine Viertelstunde später lag Renate im Bett, und Abends noch kam der Arzt, ein ganz junger Mann aus der Nachbarschaft, der sich da draußen niedergelassen hatte, und mit proletarischer Kundschaft kaum die Tinte für Rezepte erwarb. Er war auch ganz melancholisch geworden und träumte von großen Reklameschildern neben dem Eisenbahngeleise, worauf stehen sollte, daß Dr. med. Grünholz, (Volmer Grünholz) an wunderbaren Heilerfolgen keinen Nebenbuhler besitze. Renate empfand die Ruhe als etwas Köstliches. Es wehte und fiel um sie her wie Schatten, wie eine wohlthätige Verdunkelung, entrückte sie weit den eigenen Gedanken, und der Raum, in dem sie sich befand, erschien ihr verschwenderisch ausgestattet mit Dingen, welche man sonst nur in Träumen sieht. Der junge Arzt hatte die Gestalt eines Fürsten, und seine Worte kamen daher wie auf dicken Teppichen. Das Lampenlicht war nicht so intensiv, als daß man nicht den bläulich-grünen Schein des Mondes sehen konnte und einen Himmel wie eine Glasglocke, durch die kein Hall der tosenden Geräusche dringt. Dann wandelte da ein geisterhaftes Wesen herum, die man kaum hörte, wurde Irene genannt. Dann Gudstikker, der mit bekümmerter Wichtigkeit alle Gründe hervorhob, die ihn veranlaßten, das Lampenlicht zu dämpfen. Dann war es wieder Tag; unerklärlich schnell, als hätte die Zeit einen Sprung gethan, und irgendwo rief irgendwer: Anna! Anna! Schließlich war Anna Xylander gemeint, die noch schlief und beim schimpfen über die Unredlichkeit der Welt den Schlaf der Nacht versäumt hatte. Doch es klopfte zweimal an die Thüre, bevor Frau Söderborg hereintrat und gleichzeitig, aber durch eine andre Thüre, Gisa. Irene wies ihnen Stühle an und Renate lachte, weil Gisa aus Angst vor Frau Söderborg nicht zu reden wagte. »Sie ist immer so,« sagte Frau Söderborg unwillig und ziemlich barsch. »Nie spricht sie. Sie besitzt eine unanständige Natur. Ihre Sinne sind erhitzt. Gewiß, sie ist ein junges Mädchen, aber von den gefährlich Prüden.« Gudstikker saß da und war überrascht. Aber plötzlich sagte Stieve, – weiß der Himmel, wo er nur hergekommen war: »Sie sollte für bessere Verdauung sorgen.« Dann lehnte er sich behäbig und gutgelaunt in seinen Sitz zurück. »Das haben Sie von Süssenguth,« erwiderte Gudstikker ironisch und mißbilligend. »Zum Teufel mit Verdauung. Wollen Sie soziale Uebel mit Rhabarber aus der Welt schaffen? Unsre Philosophen verzichten auf die Ehre, logisch zu sein.« Gisa fing zu reden an mit leiser, singender, klingender Stimme, und Regentropfen hingen ihr im Haar. »Als junges Ding durfte ich nicht einmal vom Storch sprechen. Man sollte nur daran glauben. Ja, aber dann habe ich viel gelitten und konnte oft nicht schlafen. Es war schrecklich, an all das zu denken, aber weil es für unanständig galt, war es mein Verderben. Es verbrannte mich, aber ich mußte schweigen.« »Aber,« sagte Frau Söderborg, »ziehen Sie doch Ihre Strümpfe hinauf.« Stieve lachte. Später entschuldigte er sich, und jemand Anderer erzählte mit flüsternder Stimme eine Geschichte von zwei jungen Mädchen, die höchst anständig erzogen waren. Sie gerieten darauf, ein erdichtetes Liebesverhältnis zu spielen, als ob sie Mann und Weib wären. Bald nachher wurde die eine wahnsinnig, weil die andre mit einem neunzehnjährigen Kellner auf und davonging. »Ich habe in meinem vierzehnten Jahr ein Verhältnis mit unserm Stallburschen gehabt,« sagte Frau Söderborg. »Er war brutal und prügelte mich, aber das gerade gefiel mir an ihm. Im selben Jahr stahl er eine Taschenuhr und wurde eingesperrt.« »Nun,« sagte Frau Fuchs wohlwollend, »das sind lauter Faxen, liebe Freundin. Man muß natürlich sein, jawohl. Damals wie wir in Pörtschach waren, – ein schöner Ort, jawohl, – gab es eine Viehmagd, die sich aus Liebesgram in den See stürzte. Nun, damals wunderte ich mich, daß auch Viehmägde daran leiden, aber jetzt finde ich es ganz natürlich. Jawohl, liebe Freundin, ganz natürlich. Die Welt ist eben einmal darauf eingerichtet, auf Liebe mein ich. Nun, und wir sollen es nehmen wie es ist.« »Ausgezeichnet,« sagte Stieve, der sonderbare Bewegungen machte, als schnellte er Kirschkerne in die Luft. Doch es waren nicht Kirschkerne, sondern Steine. Erst hingen sie eine Weile, dann senkten sie sich auf Renatens Brust herab und lagen schwer. Man konnte in das Innere der Steine sehen, wo wunderliche Tiere der Vorzeit erstarrt waren, als ob die Jahrmillionen ihnen nichts weiter als den flüchtigen Funken Leben geraubt hätten. Und irgend eine Stimme sang in weiter Ferne: Rosen, zwei Rosen am Strauch, Lilien, zwei Lilien am Band. Die vergangenen Tage wanderten vorbei, und jeder hatte auf einem kleinen Löffel einen Tropfen Blut. Es waren lauter krüppelhafte Männchen und einer, besonders vorwitzig, hihite und flüsterte höhnisch: Jeder von uns nimmt von Deinem Herzblut. Doktor Grünholz putzte seine Brille und sagte mit einer Miene, als hätte er Citronensäure im Mund: »Neununddreißig, Komma sieben. Sehr günstig.« 5. Irene Puntschuh neigte in ihrer Gestalt ein wenig zur Fülle. Doch ihr Gang war leicht und fast geräuschlos. Ihre Haare waren von glanzlos rötlicher Farbe, ihr Gesicht blaß. Ihr Wesen hatte einen tiefskeptischen Zug, und ihre Schutzlosigkeit verfügte über eine einzige Waffe: den Spott. Ihre Antworten auf gewisse Fragen waren oft so fein, daß man vorsichtig sein mußte, um sich nicht lächerlich zu machen. Den Unglücklichen, der ihr so zum Opfer wurde, musterte sie mit gerieben-mitleidiger Miene. Sie war sehr klug, schon darum, weil es ihr Spaß machte, für dumm genommen zu werden; sie verachtete diejenigen, die ihr Schicksal bejammerten und war scharfsichtig bis ins Krankhafte. Sie hatte nicht versäumt, Renates Besitz aus Anna Xylanders Wohnung holen zu lassen, und als Renate wieder anfing, gesund zu werden, gab ihr dieser Umstand ein wenig von der Sicherheit eines geordneten Lebens. »Hab ich viel dummes Zeug geredet?« fragte sie Irene und beobachtete mit Schüchternheit das junge Mädchen. »Ach und der wunderschöne Tag draußen! Es ist schon Sommer.« »Sommer? Nein. Aber Sie habens gut gehabt. Sie haben von manchem Sturm und Regen nichts bemerkt.« Irene blickte mit naiver Bewunderung Renate ins Gesicht, denn sie erschien ihr schön. Sie beneidete sie fast. Da regte sich etwas im Winkel und das war Angelus, der näher kam und offenbar an tiefem Kummer litt, seit er die Liebkosungen seiner Herrin entbehren mußte. Er hing die Ohren betrübt herab, umschlich das Bett, blinzelte scheu hinauf, legte die Vorderpfoten auf die Kante, sodaß ihm Renate den Kopf krauen konnte. Er war sogleich wie verhext, bellte, daß Irene sich die Ohren hielt, sprang im Zimmer herum, hüpfte über einen Schemel, benahm sich in auffallender und höchst unzukömmlicher Weise. Mehrmals schoß er vom Bett zur Thüre, als wollte er Renate zu einem Spaziergang bewegen. Renate fand, daß sie sich keine bessere Begrüßung hätte wünschen können, und Irene erzählte mit einer Stimme wie Glas, daß der Hund bis zur Stunde ein brummiger Melancholikus gewesen sei. Keine Verlockung der Kochkunst hätte ihn zur Freundlichkeit bewegen können. Renate wurde vor Freude lebhaft, legte den Arm um den Hals des Hundes, der wie ein Kater zu schnurren anfing, fragte nach Gudstikker und erfuhr, daß er zwei Nächte hindurch nicht von ihrem Lager gewichen sei. »Ich bin ihm sonst nicht ganz grün,« meinte Irene, »aber das hat mir gefallen. Daran erkennt man Freundschaft. Ein Mann opfert nicht leicht seinen Schlaf.« Renate sah nachdenklich vor sich hin. »Weshalb sind Sie ihm denn nicht grün?« fragte sie. »Ach! Erstens ist er Schriftsteller, und auf die Leute ist kein Verlaß. Zweitens posiert er den Mann, der nicht posiert. Drittens bildet er sich ein, die Frauen ganz, ganz genau zu kennen. Und überhaupt!« »Aber er hat so schöne Bücher geschrieben.« »Legen Sie daraus Wert? Das beweist nichts für den Menschen. Heutzutag besonders, da fliegt Jedem was zu von Kunst oder Talent oder so. Das liegt auf der Straße. Und das Schreiben verdirbt den Charakter. Aber jetzt hübsch ruhig sein und nichts mehr reden.« Um das zu erreichen, erzählte Irene. Von der Anstalt, wo sie in einigen Tagen erwartet wurde, von dem schweren Amt, das sie freiwillig auf sich genommen, und zu dem eine Geduld nötig war, die alles Denken und Gefühl lähmen mußte. Von ihrer Heimat, von Kinderjahren, von Liebesahnungen, welche die Natur selbst dem jungen Wesen einflößte; wie sie erzogen wurde, völlig in den Fesseln jenes entehrenden Damenkultus, der die Mädchen nur den Rand der Dinge erkennen läßt, der sie blind macht für die unerbittliche Stimme des eigenen Körpers. Unverhohlen berichtete Irene, wie es auf einmal über sie gekommen in einer Sommernacht, daß sie sich einem Mann hingeworfen, von dem sie nicht länger geträumt als etwa von einem neuen Kleid. »Da weiß man nun alles, was man mit Gedankenputz behängt hat und steht da wie ein Narr. Aber wir haben doch das rechte Gefühl, ich und die andern, die dasselbe gethan haben. Meine Ueberzeugung, und die ist wie eine Religion in mir, ist, daß es irgend Einen in der Welt giebt, geben muß, der für mich geboren ist, wie ich für ihn. Ich weiß, daß er da ist und finde ihn nicht, weiß nicht wo ihn suchen. So lebt mans dann zu Ende, erreicht es nie oder zu spät. Viele denken so, gerade bei uns bürgerlich Erzogenen. Manche wissen es, manche nicht, manche probiren es auf viele Arten, das Suchen, manche geben es ganz auf. Ich zum Beispiel. Ja, mit einer überspannten Person sind Sie da zusammengeraten. Das denken Sie doch?« »O nein,« erwiderte Renate, matt lächelnd. »Ich denke nur, es ist unheimlich, alles zusammen.« »Schlafen Sie nur, liebes Fräulein. Vorhin haben Sie so gut geschlafen.« »Sagen Sie doch nicht Fräulein zu mir.« »Nein, ich sag's nicht mehr. Sie sind mir sehr sympathisch. Aber ich muß Ihnen noch was erzählen. Ich bin doch eine gescheite Person, nicht? Leidlich, wenigstens. Jetzt hab ich da ein Buch gelesen über die .... na ...Frauen-Emanzipation. Ganz vernünftig, aber denken Sie nur, dafür kann ich gar nichts empfinden. Ich habe das Gefühl, ein Weib bedeutet nur dann etwas, wenn sie allein ist oder mit dem Mann, den sie liebt. Wenn nur zwei Frauen etwas gemeinsam thun, das muß unweiblich sein.« »Haben Sie Freude daran, Lehrerin zu sein?« »Freude? An den Kindern, ja. Denken Sie, welche Macht man da hat. Wie viel Zukunft an einem hängt. Und dann, für die Kinder ist jedes neue Wort, was für uns ein fremdes Buch. Das find ich so schön, das Aufwachen, das innerliche Aufwachen. Besonders bei den Mädchen. Da giebt es Einige und die sind in mich verliebt. Das ist ganz eigentümlich. Wenn Sie wüßten, welche Glut in so einem jungen Dingchen lebt, so unbefangen, und doch weiß es keine, und wie sie schon vollständig Frauen sind manchmal, stolz und verzweifelt ...Davon kann ich Ihnen viel erzählen. Da sieht man eben: Gefühl ist alles. Was so an Gescheitheit nebenbei ist, das ist wie Salz aufs Brot. Es giebt gar keine dummen Frauen, das haben die Männer erfunden. Es giebt höchstens solche von schlechtem Gefühl.« In dem Maß, wie Renate gesundete, wurde Irene Puntschuhs Wesen zurückhaltender. Einmal erklärte sie ihr, weshalb sie in jene Anstalt trete. Vor etwa vier Wochen hatte sie einen Spaziergang gegen Schleißheim gemacht und war vom Regen überrascht eben in das Anstaltsgebäude geflüchtet. Ein alter Herr führte sie herum, und sie sah auch die Kinder. »Das vergißt man doch nicht mehr, das läßt einen nicht mehr los. Es kann doch keine wahnsinnigen Kinder geben. Die armen Würmer sitzen mit gelben Gesichtern und großen Augen, die einem nichts sagen. Die Händchen legen sie vor sich auf die Bank, als obs fremde Sachen wären, rühren sich nicht. Meist sind es gemütskranke Kinder. Können Sie sich das ausdenken? Mich hat es unerträglich ergriffen. Es ist leicht, dorthin zu kommen. Keine hält es länger als drei Wochen aus. Da will ich doch sehen. Und dann liegt das Haus am Wald, und ich habe, was ich will: Einsamkeit und Arbeit.« Von da ab wurde Irene gegen Renate etwas spitz und quecksilbrig. Was geradezu ihren Haß erregte, war der Hund. Hatte man je einen Hund gesehen, der allem was gesagt wurde, zuhörte wie ein neugieriger Mensch? Der Jeden, der ihm nicht sympathisch schien, in der unpassendsten Weise anheulte? z. B. Gudstikker; der Brot und Fett und Kuchen und überhaupt die feinsten Sachen stehen ließ aus wohlberechneter Bosheit gegen den Geber –? der beim Anblick der armen Suleika in Raserei geriet und der, wenn er von seiner Herrin etwas wünschte, ein so heuchlerisch-kummervolles Gesicht zu machen verstand –? »Das ist kein Hund, das ist eine Mißgeburt,« sagte Irene, die ihr Kätzchen Suleika nach langem Kampf der Hausbesorgerin übergeben hatte. Renate wurde es etwas bange vor solchen Feindseligkeiten, die durch die Hinterthüre sich einschlichen. Doch bald sollte Irene fort. An jedem Sonntag würde sie in die Stadt kommen und Renate besuchen. Renate wollte inzwischen ihre Arbeiten fortsetzen, um Geld zu verdienen, wie sie behauptete. Aber Gudstikker sagte mit müder Stimme: »Liebe Renate, Sie sind keine von den Frauen, die auf der Schanze stehen. Dazu sind Sie wohl zu weltfremd. Ihre Blicke sind oft so fern, daß erst irgend ein Unheil Sie zurückzukehren zwingt.« »Das war wieder eine sogenannte feine Bemerkung,« sagte Irene und zog die Augenbrauen hoch. "Ich weiß nicht, lieber Gudstikker, aber für mich haben Sie etwas von einem Geistprotzen. Die sind noch schlimmer als die Geldprotzen.« Renate blickte in tiefer Nachdenklichkeit vor sich hin. Sie war Gudstikker dankbar, daß er sich um sie bekümmerte. Die zwei Nächte vergaß sie ihm nicht, die er an ihrem Krankenlager zugebracht. Eine Nacht ist lang, Niemand konnte es besser wissen als Renate. 6. Als Renate das Bett verließ, nahm Irene Puntschuh Abschied, und zwar mit einer ironischen Grazie, deren Sinn nicht leicht zu enträtseln war. Auch schien es Renate, die mit Maleraugen sah, als ob ihr Haar um eine Nuance röter sei. Die beiden küßten sich und Irenes Augen leuchteten dabei förmlich hinein in die Renates, immer mit jener seltsamen lachenden Glut, als wolle sie etwas ergründen oder bestätigt wissen. Noch viel später, Monate später, wenn sie an Irene dachte, sah Renate ein bestimmtes Bild: wie sie unter der Thüre stand, lächelnd den Raum musterte, zwei Mal knixte und dann mit der behandschuhten Hand Angelus zuwinkte und sarkastisch rief: »Lebewohl, mein Freund, Du ekles Vieh.« Gudstikker stand dabei und blieb bei Renate zurück. »Finden Sie nicht, daß sie etwas von einer Eidechse hat?« fragte Renate unsicher. »Eine Mischung von Paris und deutscher Provinz. Ich muß überhaupt sagen, ich kenne doch viele Frauen, aber das, was in den Büchern vom sogenannten deutschen Weib zu lesen ist, hab ich noch nicht gefunden.« »Kennen Sie wirklich so viele Frauen?« »Zuviele, um glücklich zu sein, und doch um eine zu wenig.« »Wieso? Das versteh ich nicht. Oder –« Renate stand auf und machte sich mit dem Hunde zu schaffen. »Und Veronika und die Andern, die Sie geschildert haben?« »Das ist Tinte. Im besten Fall erstarrte Träume.« »Aber es muß schön sein, zu schaffen. Vielleicht sogar für die Unsterblichkeit. Dieses Wort ist wie Glockenklang für mich.« »Sagen Sie das nicht. Unsterblich, was heißt das? Die längste Unsterblichkeit dauert fünftausend Jahre, vielleicht sechs. Und die andern tausend Billionen? Aber ich schlage vor, daß wir ein wenig spazieren gehn, Renate. Es ist herrlich draußen.« »Heute? Zum ersten Mal ...« »Ja. Wenn Sie müde werden, nehmen wir einen Wagen.« Renate willigte ein. Sie war voll weicher Gefügigkeit, blieb aber schweigsam und in sich gekehrt. Die Straßen und die helle Sonne überall kamen ihr berückend vor. Die Stadt war im Festtagskleid, wie Gudstikker behauptete, denn es war der erste Tag des Mai. Sie hatten gleich einen Wagen genommen, erst draußen wollten sie ein wenig gehen. Angelus lief nebenher, schielte ungehalten und verstimmt in das Gefährt und bellte jedem begegnenden Köter mit geschäftsmännischer Kürze etwas nach. Sie fuhren erst die Theresienstraße hinunter, an den Pinakotheken vorbei, in deren Anlagen sich hunderte von Kindern spielend umhertrieben. Fast mechanisch blickte Renate hinauf zu den Fenstern der alten Gallerie, und ein flüchtiges Erinnern zog ihr vorüber wie das abgeschnittene Stück eines früher gelebten Lebens. Saskia von Uhlenburg schien an einer der Brüstungen zu stehen und mit den hellen Augen in die Sonne zu blinzeln. Dann fuhr der Kutscher die Arcisstraße hinauf, weil Gudstikker sich für den Nymphenburger Park entschlossen hatte. Er wurde von vielen Leuten gegrüßt und dankte mit einer langsamen Nonchalance. In der Nähe der Basilika verfiel Renate auf den ihr so ungewohnten Einfall, in die Kirche zu gehen. Nicht beten wollte sie; sie wünschte das Gebäude nur zu betreten. Vielleicht entsann sie sich, und heute zum ersten Mal, des Ausspruchs einer alten Hausmagd bei Fuchsens, welche nie unterließ, zu versichern: Wer an einer Kirche vorbei geht, sperrt sein Glück hinein. So ersuchte sie Gudstikker, er möge halten lassen, und von ihm geführt, trat sie unter die Riesenwölbungen des feierlich stillen Raums. Gudstikker machte ein unzufriedenes Gesicht, aber ein Blick in Renates tiefst versonnene Züge reichte hin, daß er schweigend verblieb. Renate dachte nichts Frommes, fühlte sich nicht fremden und unirdischen Mächten genähert. Nur die Bewußtheit des Augenblicks versiechte, und statt dessen kam eine halbschlafähnliche Täuschung von Frieden über sie. Das Bild ihres jetzigen Zuhause stieg dahinter empor. Es war, als hätte sie sich glücklich fühlen können, wenn nur dorthin keine Rückkehr möglich gewesen wäre. Denn es ist sicherlich so, daß das Zimmer, in welchem er schläft, seinem Bewohner nachläuft, wohin er auch gehen mag, und stets wird ihn ein Teil der Empfindungen unbewußt erfüllen, mit denen er jenen Raum erlebt. So fern war also Renate von andächtigen Schauern. Gebete konnten sich ihr nur in der Ferne der Ueberlegung formen, und der Gedanke an eine Gottheit war etwas, der Möglichkeit des Todes verwandt. Gudstikker stand neben ihr in scheinbar verständnisvollem Schweigen, ein wenig in der Haltung des Mannes mit dem interessanten Kopf. Er saugte die Kirchenstimmung in sich ein wie ein Schwamm, glaubte Renate erfüllt von mysteriösen Strömen poetisch-religiöser Gefühle, und als sich beide zum Gehen wandten, suchte er ihren Blick und hielt ihn fest mit begreifendem und gütigem Aufleuchten seiner dunklen Augen. Dabei war doch Renate eher stumpf. Das Blicketauschen machte sie schamrot, denn sie merkte wohl, daß er anderes dachte. Die Sonne stand schon den Baumkronen nahe, als sie im Park des Nymphenburger Schlosses anlangten. Die zierlichen Wege bogen sich einladend hin, auf den stillen Weihern schwammen Schwäne mit ihrer anmaßenden Vornehmheit, und die Fassade des Schlosses leuchtete wie weißer Marmor. Renate nahm den angebotenen Arm Gudstikkers, und sie wanderten eine Weile schweigend weiter, bis Gudstikker aus seinem Nachdenken heraus fragte: »Wie stellen Sie sich eigentlich Ihr künftiges Leben vor?« Renate heftete den Blick wie gebannt in das Buschwerk am Weg. Es war, wie wenn ein Vorhang entzweigerissen wird, der nichts enthüllt, als einen zweiten, jedoch unbeweglichen Vorhang. Wie stellte sie sich ihr Leben vor? Anna Xylander hatte mit den Koffern noch hundertfünfzig Mark geschickt, den Rest von Renates Eigentum. War das nicht Zukunft genug? Da begann sie etwas Verletzendes in Gudstikkers Frage zu wittern, und ihr Gesicht erhielt einen nervösen Zug. Sie schüttelte den Kopf, machte den Arm frei und nagte an der Unterlippe. Gudstikker, der sich über seinen Fehltritt nicht klar werden konnte, begann von der Mühsal des Lebens überhaupt zu reden, von der Unmöglichkeit eines wahrhaften Sichverstehens. Man gleiche dabei einem Baumeister, der von einem Stern zum andern Brücken schlagen wolle. Freilich stelle die Sympathie etwas wie eine ideale Brücke her. Und das könne er wohl sagen, so sympathisch wie Renate sei ihm lange kein menschliches Wesen geworden. Er könne sich darüber nicht näher erklären, sei überhaupt kein Freund der Worte. Aber früher, wenn er des morgens erwacht sei, habe er nichts als den sehnlichen Wunsch. empfunden, sofort wieder in jenen angenehmen Zustand des Nichtseins zurückzukehren, der Schlaf heißt. Die ganze Welt habe ihm bitter geschmeckt. Jetzt sei das anders. Renate schwieg, bewahrte ihre Miene, aber innerlich fühlte sie eine betäubende und einlullende Wärme. Sie standen am Ende des Parks, am Zaun, und jenseits waren die leeren Wiesen. Das reinliche Rokoko des Gartens hatte sich mehr und mehr in englische Wildnis verwandelt. Surrend rann ein Bach über Moosgestein unter dem Zaun hindurch. Oben in einem alten Baum hackte der Specht, pfiff eine Kohlmeise. Die abendliche Sonne, von Dünsten gerötet, gab fernen Häusern eine feurige Contur, und wie aus einem Schacht emporgehoben, lagen graublau die Berge im Süden. Renate lehnte die Stirn an einen der morschgewordenen Zaunpfähle und sah mit erstarrtem Blick auf das Holz, und die Löcher des Bohrwurms erschienen ihr durch die große Nähe wie die Oeffnungen labyrinthischer Höhlen. In ihren Augen sammelte es sich heiß. Ohne daß sie fähig gewesen wäre, sich zu beherrschen, fiel ein Tropfen nach dem andern in Moos und Gras herab. Nicht Bilder noch Gedanken trugen Schuld, vielleicht nur die Stille und Abgeschiedenheit des Ortes, der nichts Erinnerungweckendes an sich hatte. Ihre Kniee zitterten, und mit den Thränen vereinte sich eine wilde Bangnis, die dadurch vermehrt wurde, daß sie sich in der Gegenwart eines fremden Mannes so haltlos und bedürftig zeigte. Angelus hockte mit einer erwartungsvollen und beunruhigten Physiognomie auf einem Maulwurfshaufen, sah aus, als verstehe er wohl, was vorging, schien aufrichtig betrübt. Renate wandte sich schnell ab vom Zaun, lächelte verstört und verlegen und tätschelte den Hund. Gudstikker aber ergriff beide Hände Renates, und sie widerstrebte nicht. Das Lächeln von vorhin wiederholte sich auf ihren Lippen, und schweigend standen sie da, während die Landschaft in immer glühendere Farben getaucht wurde. Dreizehntes Kapitel 1. Von da an wurde der Himmel über Renate dunkel und dunkler. Am Abend, nachdem beide von Nymphenburg zurückgekehrt waren, mußte Gudstikker nach Nürnberg reisen. Sein Aufenthalt dort sollte, einer Erbschaftsangelegenheit halber, acht Tage dauern. Als Renate in die schmutzige, schlecht erleuchtete Straße einfuhr, diese Schwindstraße, die draußen am Westrand der Stadt liegt, kam die Traurigkeit. Da waren die hohen, finstern Häuser, und fast aus jedem Fenster blinzelte eine ärmliche Lampe. Der vorher so azurne Himmel schien grau und weinerlich; vor allen Thoren lungerten schlecht gekleidete Menschen, die in faulem Geschwätz begriffen waren, und hinüber und herüber rannten Kinder und schrieen zum großen Aergernis von Angelus. Auch Damen gingen auf und ab, sich bezahlt zu machen für den abendlichen Gang, und sie wohnten alle in diesen Gebäuden, denen sie erst entkrochen, wenn die Sonne sank, um sie wieder aufzusuchen, wenn der Tag nahte. Als Renate mit schwindender Kraft die vielen Stufen emporstieg, die finster waren und bei jedem Schritt unwillig knarrten, befiel sie eine fast brennende Sehnsucht nach jener eben vergangenen Stunde im sonnigen, erblühenden Park. Angelus eilte voraus, kam zurück, eilte wieder voraus, wartete auf dem Treppenabsatz und begriff nicht, wie seine Herrin so langsam aufwärts steigen mochte in solch unwirtlichem Haus. Nein, dachte Angelus, das ist nichts, hier ziehe ich wieder aus, sobald es angeht. Renate sah, wie ein Gesicht sich aus der Mauer schob, es war das verdächtig und wissend grinsende Gesicht des Kutschers, der Renate gefahren, und es verfolgte sie förmlich, daß er mißtrauisch das Markstück ganz nahe den Augen gemustert, das ihm Renate gegeben. Endlich oben angelangt, öffnete sie zuerst das Fenster, denn die Luft war unerträglich dumpf. Dann entledigte sie sich der Taille, riß das Mieder herunter und fiel lautlos auf die Ottomane, wo sie liegen blieb; ihre Arme hingen schlaff herab. Sie wußte nicht, was sie denken sollte; es bemächtigte sich ihrer eine völlige Ratlosigkeit des Denkens. Die Stiefel drückten an ihren Füßen, doch wieder aufzustehen, um sie loszuwerden, das wollte sie nicht. Wanderer hatte ihr immer diesen Dienst erwiesen, den er als eine Pflicht erachtet hatte. So wie Renate lag, konnte sie die Sterne sehen, die sich unter ihren Augen vermehrten, als ob einer zehn andre ausstreuen würde. Es ist ja Mai, dachte sie unvermittelt, und die feuchtlaue Luft, die hereinströmte, strich kühl um ihre Schläfen gleich einer geisterhaften Hand. Dann schlief sie plötzlich ein, und war sich fast des Moments bewußt, wo sie die Besinnung verlor. Es drängten sich viele Menschen ins Zimmer, aber kein Gesicht war zu unterscheiden. Alle murmelten, schienen verstimmt oder erregt und wagten nicht, dem Ausdruck zu geben. Einer ging hin und drehte Angelus mit Seelenruhe den Hals ab, und der Droschkenkutscher schnitt Renates Haar mit einer Scheere herunter. Darauf kamen die nächtlichen Damen und tanzten auf den Händen, und eine Alte legte Renates Haar wie eine Boa um den Hals. Sie erwachte, und die Traum-Leute waren fortgegangen. Kein surrendes Geräusch kam mehr von unten, die Straße schlief, die ganze Welt schlief schon, ausgenommnen Renate. Sie hatte vergessen, die Thüre des kleinen Flurs zu versperren; das that sie jetzt. Sie machte Licht, zog die Stiefel aus und legte ein Nachtgewand an. Neben dem Fenster hing ein kleiner Spiegel; sie nahm ihn, setzte sich hin und betrachtete mit Ausdauer, halb müde, halb neugierig ihr Gesicht. Ein fremdes Gesicht. Fast hätte sie wie die Kinder hinter das Glas geschaut. Angelus schlich heran, nach Schmeicheleien lüstern; sie willfahrte ihm. Dann schaffte sie Nähzeug herbei, besserte an ihren Kleidern aus, befestigte einen Saum oder eine lose Rüsche und währenddem krochen die trägen Stunden weiter, und mit dem Schlaf war es vorbei. Da sie noch nicht zu Abend gegessen hatte und Hunger empfand, holte sie Aepfel und Brot, beides war im Haus, und aß. Doch fror sie und da kroch sie ins Bett, lag mit wachen Augen, von dürren Phantasieen gequält. Bis weit in den Tag hinein blieb sie liegen, denn die Glieder, die so müde waren, wollten die Ruhe nicht entbehren. Endlich aber, da schon die leere Luft zu sprechen begann in all der Einsamkeit, erhob sie sich, machte sich zum Ausgehen fertig, obwohl sie nicht wußte, wohin. Gerade auf der Treppe begegnete ihr der Bote mit einem Brief von Gudstikker. Es waren wenige Zeilen, die er aus Nürnberg schrieb, ein wenig sentimental, ein wenig überlegen und unterschrieben waren sie mit einem »sehnsüchtigen Gruß«. – »Komm Angelus,« sagte Renate, »wir wollen spazieren gehn, mein braver Hund.« Mit überaus langsamen Schritten wanderte sie gegen die Ludwigstraße hinunter, und unterwegs blieb sie aus Ermattung stehen und sah zu, wie die Soldaten im Kasernenhof exerziert wurden. Der Nachmittag lag vor ihr wie eine lange Landstraße, und so der Abend und so die Nacht. Unerträglich dünkte ihr dies Alleinsein, und ihr Herz begann zu stocken, wenn sie dachte, es könne fortdauern durch Tage und Wochen. Sie verfiel darauf, Helene Brosam zu besuchen und war beglückt, als sie den Vorsatz gefaßt hatte. Es würde gut sein, wenn sie Helene alles erzählte, dachte sie, doch als sie oben war und die kleine, zu kurz geratene Frau ihr gegenüber saß, entstand eine gewisse Verwunderung in ihr darüber, daß sie hier war, und mehr noch, daß sie geglaubt hatte, Worte dafür zu finden, was ihr Sinnen umnachtete. Bürgerstubenluft; die Dinge standen noch wie vor Monaten. Das Bild des schönen Gatten mit dem verantwortungsvollen Gesichtsausdruck hing droben, und es wird hängen bleiben bis über den Tod seines Originals hinaus. Dann lag das Buch mit dem geschriebenen Motto Gudstikkers wie ein kostbarer Hausrat auf dem Tisch. Offenbar sollten Freunde und Fremde sehen, welch' berühmte Leute hier verkehrten. Renate zuckte zusammen. Die Worte schimmerten durch den Deckel wie Feuer: die Seele, die in dir gelebt, wandert auf fernen Höhen, um dort, was du gelitten hast, erst deutlich zu verstehen. Frau Helene war so kühl und gemessen, daß Renate unwillkürlich wie ein furchtsames Kind leiser sprach. »Was macht Herr Gudstikker? Wie gehts ihm denn?« fragte Helene mit verächtlichem Nasenrümpfen und baumelte seltsam ungeduldig mit den Beinen. »Sie verkehren ja viel mit ihm, fahren gemeinschaftlich spazieren.« »So? Weiß man denn das schon?« erwiderte Renate unschuldig und überrascht. »Alles weiß man,« sagte Frau Helene herb, und ihre Stirne rötete sich langsam. »Alles. Und Sie sollten sich in Acht nehmen, Renate, ja, gerade Sie!« »Gerade ich?« Helene sprang auf und griff sich mit beiden Händen ins Haar. »Dies Leben ist mir widerwärtig bis in den Tod,« stieß sie heiser hervor, mit zischenden Lauten. Aber nun wurden die knarrenden Stiefel des Doktors hörbar, und mit Virtuosität gewann Helene ihre Ruhe wieder. Der Doktor trat ein, erblickte Renate, schien betroffen, zog die Brauen hoch und grüßte dann, kurz und hochmütig. Darauf setzte er sich in Bewegung, schritt im Zimmer auf und ab wie die sittliche Weltordnung. Renate blickte unschlüssig in eine Ecke, wollte aufstehen, um sich zu empfehlen, blieb aber wie gekettet sitzen unter dem frostigen Blick des Doktors, der sich ihr näherte und in anscheinend respektvoller Haltung vor ihr stehen blieb: »Mein Fräulein,« sagte er sanft und kreuzte die Arme über der Brust, »ich führe ein Leben, welches scharf von der Gesellschaft kontrolliert wird. Ich habe leider darauf zu achten, daß in meinem Haus keine Personen verkehren, die sich bloßgestellt haben, sei es durch eigene Lebensführung, sei es durch den Verkehr mit Geächteten. Beides muß ich Ihnen –« »Um Gotteswillen, sprechen Sie nicht weiter, ich gehe ja, ich gehe ja schon,« flüsterte Renate kreidebleich. Mit stürmisch atmender Brust floh sie und fand sich gepeitscht bis aufs Blut. Wollte denn diese lästige Sonne immerzu scheinen? Und jetzt erst fingen die Bäume an zu grünen? Man sollte glauben, daß der Winter kam, denn eigentlich war es kalt. Bin ich denn so, daß man mich beschimpft? dachte sie, als sie an einer Ecke stehen blieb und die Hand an den Hals preßte. Es ist wirklich nicht angenehm, zu leben, dachte sie bekümmert. Eine Stunde lang irrte sie herum. Nach Hause gehen wollte sie nicht. Der Aufenthalt in jener Wohnung erschien ihr wie mit Gefahren verknüpft. Als sie am Hoftheater vorbeiging, schaute sie auf den Zettel, ging an die Kasse und kaufte ein Billet, obwohl sie schon wieder vergessen hatte, welches Stück gespielt werden sollte. Doch sie hatte Eile; um sechs Uhr begann die Vorstellung, und es war dreiviertel. Sie hatte Eile, den Hund irgendwo unterzubringen, der so treulich hinter sie hertrabte, in bester Laune, ein Zukunftsfroher. Sie hoffte, wenn sie Musik hörte, würden die Wunden der Peitschenschläge vielleicht zuheilen. Sie gab dem Portier des gegenüber liegenden Hotels Maximilian ein Geldstück und bat, auf das Tier zu achten. Angelus, als verstehe er alles, fügte sich in großmütiger Gelassenheit. Es war eine Vorstellung von Tristan und Isolde. Renate war ein wenig enttäuscht, denn sie erinnerte sich wohl, daß sie sich einst dabei gelangweilt hatte. Aber es geschahen zauberische Dinge mit ihr. Diese Musik wirkte auf sie wie Wein, den man aus einem unsichtbaren Pokal genießt. Ihr bangte vor ihrem eigenen Leben; mit doppelter Deutlichkeit empfand sie ihre Leiden. Und doch verging das alles wieder, um einem glühenden Verlangen nach Selbstentäußerung Raum zu geben und das zu finden, was zu suchen sie ausgezogen war. Es schien so, als ob kein Eckchen ihres Herzens unbeleuchtet bleiben würde; jetzt erst verstand sie die tiefste und charakteristische Sehnsucht ihres Wesens, und sie grüßte den fernen Schöpfergeist im Stillen, der ihr solche Wissenschaft geschenkt. 2. Als Gudstikker nach seiner Rückkunft zu Renate kam, wußte er viel zu erzählen von seiner Heimat, und wie er von Ehren und Auszeichnungen schier belästigt worden war. Es habe ihn unwiderstehlich hinausgelockt in die düstere, aber friedliche Ebene, und eines Nachmittags habe er sich aufgemacht und sei zu Fuß über die alte Veste nach Zirndorf gegangen, obwohl jetzt schon eine Eisenbahn im Betrieb sei. Er habe an den jungen Agathon Geyer gedacht, der die Luft dort förmlich reiner gemacht habe mit seinem schwärmerischen Wesen. »Wer ist das?« fragte Renate. »Habe ich Ihnen nicht erzählt von ihm?« "Ich erinnere mich dunkel. Es war ein junger Fantast oder Prophet oder so?« »Jaja. Gott weiß, wo er jetzt sein mag. Da war alles für einen rechten Mann. Man munkelt, daß er sich in Galizien aufhält, weiß Gott, wozu. Ich sehe ihn noch vor mir wie einen jungen David. Inzwischen wird er wohl auch seine Uriasthat begangen haben, sollte mich nicht wundern. An einem Mann bleibt nichts rein heutzutage.« Renate blickte überrascht auf und erwiderte: »Und an einer Frau gewiß nicht.« »Mag sein, Renate.« »Sie sind so melancholisch, find ich.« »Ja, das find ich auch. Der Frühling liegt mit wie Blei in den Knochen. Sagen Sie, Renate, können Sie mich, ein wenig leiden?« »O ja,« machte Renate mit einem furchtsamen Lächeln. »Wollen wir nicht Freundschaft schließen?« »Aber das haben wir doch ohnehin gethan.« »Natürlich. Aber denken Sie, ich habe so wahnsinnige Lust, Ihnen auch einen Freundschaftskuß zu geben.« "Nein, das nicht,« erwiderte Renate hastig und stand auf, trat zum Fenster, lehnte die Stirn ans Glas. Weit drunten, weit drüben sah sie eine schwarze Gestalt stehen oder kauern. Das ist mein Schicksal, dachte sie; es geht auf der Gasse, schlägt die Augen auf und sieht mich mit festem Blick an. Dann lud Gudstikker etwas kleinlaut Renate ein, mit ihm zu gehen, und sie, die nicht allein bleiben wollte, folgte ihm. Sie gingen zusammen in das Cafehaus an der Amalienstraße, wo sich Gudstikker als der berühmte Stammgast gern ans Fenster setzte, besonders mit diesem schönen Mädchen, welches Aufmerksamkeit erregte. Der Zahlkellner Franz lächelte verschwiegen. Er war ein Gentlemen, tadelloser als der beste seiner Gäste. Er hatte ein schwermütiges Kellnerleben gelebt, und verstand es, die Menschen zu beurteilen. Doch liebte er auch Spiel und Tanz und heitere Weisen. So fing dies Leben an. Nicht bei Spiel und Tanz und ohne Heiterkeit. An den Vormittagen war Renate allein, und wenn es ein Uhr war, brachte ein Mädchen aus einem Gasthaus der Nähe das Essen im gedeckten Korb. Da gab es Nierenbraten, Gratbraten, Brustbraten, immer vom Kalb, gab es Kartoffel und grünen Salat, grünen Salat und Kartoffel. Kaum einige Bissen brachte Renate hinunter, denn alles war schal und schmeckte nach Kneipe. Später kam Gudstikker, und sie ging spazieren mit ihm, wenn es schönes Wetter war: in die Isar-Auen oder gegen Freiman, oder gegen das Forstenrieder Schloß oder gegen Thalkirchen. Da sprach Gudstikker von seinen Schicksalen, und es war bisweilen, als liefen seine Worte auf geölten Schienen glatt und rasch dahin. Er sprach von seiner Mission, oder wenigstens von der, die ihn einstmals erfüllt hatte, sprach von seinen Plänen, seinen Erfahrungen, seiner Weltanschauung, seiner Verstimmung oder frohen Laune, seiner Einsamkeit, seinen Enttäuschungen. Für ihn ging die Natur der Blüte entgegen, für ihn rauschte der Strom, lauschte der Kuckuck in den tiefen Wald, kroch die Ameise, strahlte der Himmel in blausommerlicher Glut. Und Renate hörte und hörte, wußte alles zu nehmen wie er es nahm, erschien sich klein wie ein betrübter Wurm im Sand. Wie, wenn es so vieles gab, wozu ein Mann sich in Beziehung zu setzen hatte, was blieb dann übrig für sie? War es hingegen schlechtes Wetter, dann ging es ins Gasthaus. Dort kamen Leute an Gudstikkers Tisch, aufdringliche und neugierige, die über dies und jenes ein bleiernes Wort fallen ließen und mit vielem Anstand ihren Schnurrbart in die Länge zogen. Renate lernte diese Männer kennen, und sie hatte sich dafür ein Kopfnicken angewöhnt, welches so viel sagen wollte, als: ich habe ja nichts dagegen. Gudstikker sagte ihr, daß es lauter gebildete und in ihrer Art bedeutende Menschen seien. Da war ein Kleiner, Blasser, der sich unglücklich fühlte aus Vornehmheit; ein Schwarzer, Geräuschvoller, der stolz war wie ein polnischer Seiltänzer; ein Maler mit absyntfarbenem Teint, dem Müdigkeit aus allen Poren strömte; ein Andrer, der eine leidenschaftliche Figur machte, so, als könne er bei dem geringsten Anlaß in Dampf aufgehen, und als sei das ein Verdienst und seine Originalität. Sie alle kamen Renate weder komisch, noch traurig vor. Das sind also die Männer, dachte sie, denen wir gefallen wollen, so lange wir sie nicht kennen. Männer, die von den Frauen sprachen, wie man von einem Sonntagsvergnügen spricht, das man auch an Werktagen erlangen kann. Und sie hatten für gewisse Dinge ein Lächeln wie Jemand, der nicht aus der Schule plaudern will. Das Abendessen nahm Renate mit Gudstikker gemeinsam ein, entweder in einem Gasthaus oder im Atelier. Dann kaufte Gudstikker nämlich, was gut und teuer war in den Delikatessen-Handlungen zusammen, und er blieb stundenlang bei ihr und las ihr vor, aus Büchern oder aus einem Manuscript. Anfangs ging er immer schon um zehn Uhr, später wurde es eins, zwei Uhr, drei Uhr nachts. Es kam dabei zu abliegenden Gesprächen, denn der worterfahrene Mann wußte Sehnsucht zu erwecken nach Dingen, die vielleicht weit oben im Firmament ihren Sitz hatten, wenn sie überhaupt von dieser Welt waren. So lief der Mai seinem Ende zu. Für die Leute, das ist klar, war Renate die Geliebte Gudstikkers; Blicke und Mienen, die darauf Bezug hatten, waren unzweideutig genug. Sie wußte es, und es war ihr gleichgiltig. Sie dachte auch, daß es ihm gleichgiltig sei, doch derlei in Worten zu berühren, lag ihr fern. Doch nun war Gudstikker selbst auf das Thema gekommen und Renate saß da, öffnete die Lippen ein wenig und schwieg. »Was soll man da thun,« fuhr Gudstikker fort. "Ich für meinen Teil kann nur sagen, es wäre hübsch, wenn die Leute Recht hätten.« »Das kommt mir vor, wie wenn einer stiehlt, nur weil er im Verdacht steht,« erwiderte Renate herb. »Sonst nichts? Sonst empfinden Sie dabei nichts, Renate?« »Nein.« Gudstikker legte das Buch weg, aus dem er hatte lesen wollen. Renate beobachtete sein verfinstertes Gesicht mit Angst und tiefer Enttäuschung. Daß sie Angst davor empfand, er möchte die Freundschaft mit ihr brechen, das ließ sie zitternd ihre eigene Schmach betrachten und den jäh abschüssigen Pfad, auf dem sie wanderte. Das Abendessen hatte er bezahlt, Gudstikker; die Wohnung zahlte er, wenn auch nur in Irenes Namen; und Renate brauchte bald ein neues Kleid, was sollte dann werden? Indessen war Gudstikker aufgestanden und hatte den Arm um die Schulter der Fassungslosen gelegt. Renate blieb wie erstarrt sitzen. Sie dachte: es wird eine freundschaftliche Liebkosung sein. Aber er bog ihren Kopf zurück, und sie sah seine Augen so nahe, daß sie seine Wimpern hätte zählen können, daß sie Falte für Falte auf seiner erhitzten Stirn und eine bläuliche, dicke Ader auf seiner Schläfe genau sehen konnte. Doch es war nicht ihr Mund, der Küsse empfing und nicht ihr Arm, der die anpressende Brust mit ungestümer Gewalt zurückstieß. 3. Nur wenige Minuten darauf nahm Gudstikker, also zurückgestoßen, seinen Hut, strich die feuchten, verwirrten Haare glatt, stand unter der Thüre und sagte Lebewohl. Renate blickte wie befremdet auf ihre Hände und rieb die Handflächen aneinander, als suche sie etwas wegzuwischen. Plötzlich gewahrte sie, daß sie allein sei, und ein Frösteln lief ihr über die Haut. Sie wünschte, schlafen zu können, doch das Bett erschien ihr wie ein Schneefeld, und sie wagte nicht, sich zu entkleiden. Sie begann eine ruhelose Wanderung, an allen Mauern des Raums entlang, querüber und im Kreis. Der Ofen war kalt, und es regnete draußen; ein kalter Mai-Abend. Und die kleine Eisenbüchse von Ofen, wie sollte sie, selbst im Winter, Wärme spenden können? Das lange Umhergehen ermüdete sehr, und vor dem Spiegel war endlich Station. Noch immer fand sich Renate schön. Das blasse erwartungsvolle Gesicht, das so fremd im Glas entstanden, war noch voller Jugend. Die beiden Furchen an der inneren Wangenkontur gaben einen edlen Ausdruck des Wissens und Erlittenhabens. Immer waren die Lippen ein wenig geöffnet wie vor Durst, besonders wenn die Augäpfel in den Winkeln lagen mit Blicken selbstvergessenen fatalistischen Nachsinnens. Nun war es einsam, drückend einsam, und der Regen pochte aufs Dach. Wenn nur Gudstikker wiederkäme, dachte sie und hatte das Vorgefallene vergessen. Als am andern Tag die Stunde nahte, wo er zu kommen pflegte, lag sie scheinbar teilnahmslos auf der Ottomane. Doch horchte sie angstvoll jedem Tritt und Geräusch förmlich voraus. Und er kam, trat ins Zimmer, – draußen war nicht abgesperrt gewesen, – und Renate war von der Anstrengung des Wartens und Lauschens so erschöpft, daß sie ihn kaum begrüßen konnte. Er kniete neben sie hin und legte den Arm um ihren Hals, um die Schulter. Sie duldete es. Er küßte sie. Sie duldete es. Nichts empfand sie dabei, nicht einmal eine freundschaftliche Regung mehr, während er ihre Lippen berührte, nur Furcht vor Einsamkeit und Verlassenheit, ja sogar vor Not. Denn nun wußte sie um den Begriff Geld, und während sie die Augen schloß und wie leblos liegen blieb, dachte sie mit brennender Deutlichkeit, ob ihr auch Gudstikker ein neues Kleid kaufen würde. So wie sie war, konnte sie in den Sommertagen nicht auf die Straße gehen. Doch wurde es ihr bitter in der Kehle. Ein verspätetes Schluchzen wollte sich melden, dann war wieder alles vorbei. Und nun ging es so weiter. Wenn Gudstikker da war, wurde nichts mehr gelesen und wenig mehr gesprochen. Er beschäftigte sich mit Liebkosungen, und da sich Renate in der leidenschaftlichsten Weise gegen eine Hingabe gesträubt hatte und er alle Hoffnung darauf verlor, wandte er jedes Mittel an, um mit entflammten Sinnen eine That der Bewußtlosigkeit daraus zu machen. Vergebens. Bald erschien es ihm wie eitle Berechnung, bald wie herbe Sprödigkeit. Bald glaubte er sich gehaßt, bald übermäßig geliebt, doch mit Vorliebe das letztere. So gingen Stunden des Nachmittags, des Abends, der Nacht mit fruchtlosen Eroberungen hin, mit fieberhaften Schmeicheleien, mit unerwiderten Küssen, mit tauben Liebkosungen. Und je mehr sich Renate versinken sah in diesen Schlamm, je mehr verlor sie das Urteil darüber, und es war, als ob sie selbst und ihr Körper, der so zum Spiel einer elenden Grimasse der Liebe gemacht wurde, zwei ganz verschiedene Sachen wären. Was sie da mit diesem Mann verbrachte, war kein Leben mehr zu nennen, nur ein dumpfes Nebeneinander-Wanken: der eine blind von erhitzten Wünschen, die andre untergehend aus Angst vor dem Untergang. Viele Leute kamen jetzt oft, eine oder zwei Nachmittagsstunden lang. Gudstikker hatte Renate dazu veranlaßt, eine Art von Empfangstag einzurichten, und da wurde Thee und Backwerk gereicht. Angeblich zur Zerstreuung Renates, doch nicht so sehr, als weil Gudstikker am Benehmen seiner Freunde gegen Renate die Fortschritte messen wollte, die er darin gemacht, sie völlig in seinem Wesen aufzulösen. Und dann aus Prahlerei. Er fragte einen der jungen Männer, den Renate gar nicht einmal kannte: »Finden Sie sie eigentlich schlecht aussehend, lieber Weber?« Nur, um die Wirkung zu beobachten, die der Gedanke an Renate auf irgend einen andern Mann hervorbrachte. Der liebe Weber jedoch und ein glattrasierter Mensch mit einem schmutzigen und hündischen Glanz der Augen, lächelten zuvorkommend und verlegen. Sie waren arme Teufel, die überall eine Tasse Thee nahmen und wenn es gar Brot mit Schinken gab, so war das ein köstlicher Tag gewesen. Es lagen Wunder in der Luft, denn auch Stieve kam herauf und das Neueste war, daß er mit Anna Xylander vollständig gebrochen hatte. Er brachte eine Dame mit, die in Champagner-Laune war und bei jeder Gelegenheit das Kleid bis an die Kniee hob. Zwei Andere hatten auch ihre Geliebten mitgebracht, die nun einen kollegialen Ton gegen Renate anschlugen und deren Leibwäsche zu besichtigen wünschten. Ueber einer kleinen Holzsäule hing Renates neues Kleid, – ein heller, feiner Stoff mit Spitzen aus dem besten Atelier der Stadt. Es blieb ein Gegenstand der Bewunderung. Stieve schien verändert. Er spielte den Frivolen, oder war es. Es nahm sich aus, als demonstriere er: seht, wie köstlich es ist, übermütiger Laune zu sein. Aber der Treffer Gudstikkers kam noch, sein Verleger, ein reicher Kapitalist aus Leipzig, der »das Leben da unten im Süden« kennen lernen wollte. Der Mann war so voll Wohlwollen, daß damit einige Familien hätten versorgt werden können. Er hatte einen Witzblattverstand und trug das neugierig-lüsterne Wesen des bürgerlichen Vergnügungsreisenden zur Schau, der das Wort Abenteuer mit schnalzender Zunge ausspricht. Er traf hier an, was er zu finden erwartet hatte, und sein Bestreben, mitzuthun, war bis zur That gediehen. Ihm auf dem Fuß folgte nämlich ein Dienstmann, welcher einen Korb mit Weinflaschen brachte, und das war das Zeichen, in dem der Ausflügler aus dem Norden alle Sympathien gewann. Schien er vorher unnötig erheitert, so bekam jetzt seine Lustigkeit etwas Froschhaftes, und er begann damit, seines dicken Bauches ungeachtet auf den Tisch zu steigen und eine Rede in Ausrufungen zu halten. Stieve hatte nach kurzer Zeit einen Kopf, rot wie ein Hahnenkamm. Er nahm die ganze Misere seines Lebens und steckte sie in eine Champagnerflasche. Der Glattrasierte warf sich auf die Philosophie und führte Epikur ad absurdum, und der liebe Weber fand es gut, sich seines Rocks zu entledigen, zog einen Kreidestrich durch das Zimmer und sagte, das sei der Aequator. Die drei Damen flammten in einem dumpfen sinnlichen Feuer und führten beißende Worte gegen Renate, die vollkommen regungslos an einem Wandschrank lehnte. Bisher hatte Niemand daran gedacht, Licht zu machen, obwohl es finster wurde. Plötzlich ging die Thür auf und Irene Puntschuh stand im Zimmer, anscheinend völlig erstarrt vor Erstaunen. Bei dem verschwimmenden Glanz, den der West-Himmel noch hereinwarf, sah Renate oder glaubte es zu sehen, Irenes Blick durchdringend auf sich gerichtet. Dann blickte sie in die Augen ihres Angelus, die wie vorwurfsvoll aus dem Dunkel schillerten. Sie stieß einen Schrei aus, machte einige Schritte, ergriff Irene bei den Schultern, biß die Zähne fest zusammen, und die Stirn an das Haar des Mädchens lehnend, begann sie herzzerreißend zu weinen. Das dauerte lange Minuten, während die Helden der lächerlichen Orgie in blöder Bestürzung ringsumher standen. 4. Gudstikker's Notizen. Mai. Nichts Rätselhafteres als mein Verhältnis zu R. F. Wahrscheinlich ist sogar, daß mich das Rätselhafte allein mit Ausdauer erfüllt. Wenn ich neben ihr sitze, fühle ich, daß ich ihr gleichgiltig bin, doch wenn ich ins Zimmer trete, glänzen ihre Augen zu mir auf. Es giebt nicht viele Menschen, denen die Vergangenheit so sehr im Blick liegt. Auch scheint es, als ob sie, unbewußt im Dienst einer Mission, immer nur für den kommenden Tag leben würde. Ich bin ihr offenbar nur ein Etwas, woran sie ihre Empfindungen erprobt. Das Geschwätz von der züchtig waltenden Hausfrau wird bald um Beispiele verlegen sein. Sie fangen an zu leben, diese Frauen und wollen wissen, daß sie es thun. Das hat nichts zu schaffen mit der thörichten Phrase von freier Liebe, welche schon ein Backfischthema geworden ist. Es giebt kein »gefallenes Weib« außer jenem, das sich wissentlich verkauft. Eine Frau kann nicht fallen durch die Liebe. Mit solchem Zugeständnis werden die Fantastereien jenes dritten Geschlechts ein Ende nehmen, das der Natur abtrünnig wurde aus einem Mißverständnis heraus. Ich fange an, mich untergeordnet zu fühlen gegenüber einem Wesen wie R. F. Ich glaube, sie ist ein Genie. In andrer Weise kann ein Weib diese Eigenschaft nicht darstellen. Man sollte sich damit beschäftigen; es ist etwas Neues. Was bin dagegen ich? Man sinkt zur Rolle eines Spions herab. Ich wüßte überhaupt keinen Mann, der einem solchen Geschöpf gleichwertig wäre. Wir treten in ein Zeitalter neuer Maßstäbe für die Beurteilung der Frau. Tiefe innere Revolutionen melden sich an. Es ist unmöglich, Klarheit zu erlangen. Wohin man sich auch wendet, überall unverstandene Frauen, unglückliche Ehen, verhaltene Sehnsucht, unterirdische Flammen. Das bürgerliche Haus schützt sich mit den zersetzten Begriffen von Anstand und Tugend, von hundert Dichtern werden neunundneunzig und ein halber zu Lohnschreibern im Dienst der Familie und der Mode, und was übrig bleibt, ist Verwesung. Der Mann geht herum, stets »seiner Aufgabe eingedenk«, schlägt sich auf die Schenkel und proklamiert nach wie vor seine göttliche Sendung. So ist die Frau, die nicht uns gehört oder nach der wir nicht Jagd machen, jenen Sternen gleich geworden, von denen unser komischer Egoismus nicht annehmen will, daß auch sie bewohnt, belebt seien. Ich muß an den armen Bojesen denken, – längstvergangene Zeit! – der zu sagen pflegte: der Mann hört da zu suchen auf, wo das Weib erst anfängt. Da wo sie aufwacht, schläft er ein. All das ist festzuhalten für meine Arbeit. Ebenderselbe. Eine etwas ungeschickt inscenierte Gesellschaft mit dem Verleger. Der Herr hatte Casanova-Gelüste. Aber ich hoffe damit einen günstigen Kontrakt zu erzielen. Wenn ich nicht Gudstikker wäre, möchte ich ein Schwein sein. Dann wäre der Kot doch nichts Widerwärtiges. R. F. war ganz verwandelt. Sie sagte mir am Abend in finsterm Ton, daß bald eine Veränderung in ihrer Lage eintreten würde und machte geheimnisvolle Andeutungen wegen eines Briefes. Schließlich sagte mir Irene, daß R. F. noch in derselben Nacht einen verzweiflungsvollen Brief an einen früheren Freund der Familie geschrieben habe, er möge ihr helfen, eine Stelle zu erlangen. Selbst der härtesten Arbeit wollte sie sich nicht schämen. Ich hatte ein langes Gespräch mit ihr, das erfolglos blieb. Wir gingen am Abend zu Heck, und die Maler machten ihr den Hof. Einem, der ihr den Antrag machte, sie zu portraitieren, lachte sie ins Gesicht. Dann kam ein Auftritt, der mir unvergeßlich bleiben wird. Schon am Nachmittag hatte sie mir gesagt, daß sie von ihrem Elternhaus geträumt habe. Auf der Straße sprach sie von ihrem Vater, beschrieb dessen Eigenschaften. Personen, die sie schildert, weiß sie mit wenigen Worten plastisch zu machen. Wir sitzen also da und R. F. springt plötzlich auf und ihr Gesicht wird ganz grau. Sie hält die Arme vor sich hin, und an den Händen streckt sie die Finger aus. Der Kreis von schwatzenden Männern um den Tisch wird stumm. Ich bemerke vier Personen, die durch die Arkadenthür eingetreten sind. Den Fabrikanten F. kannte ich vom Sehen. Die zwei jungen Damen in seiner Gesellschaft mußten wohl R. F.'s Schwestern sein. Die ältere, hübschere ging am Arm eines stattlichen jungen Mannes, offenbar ihres Verlobten. Sie sieht aus wie eine matte Kopie von R. F. Der Fabrikant sah, wie diese sich erhoben hatte, verlor alle Farbe, seine blauen Augen schienen schwarz zu werden, er spuckte zwei Mal auf den Boden, und mit einer Geberde des Abscheus befahl er den Andern, ihm zu folgen, worauf er das Lokal verließ. Die jüngere lief gleich hinterher wie ein erschrecktes Hühnchen, die ältere blickte noch eine Weile halb teilnahmslos, halb unschlüssig zu R. F. herüber, wurde rot über das Aufsehen der Leute und entfernte sich mit dem jungen Mann. R. F. setzte sich langsam wieder hin, strich mit der Hand über das Haar, was wie ein sichtbarer Seufzer wirkte, trank rasch hintereinander drei Gläser Wein aus und wurde nun lustig. Ich erschrak. Ich versuchte sie seitab in ein ernstes Gespräch zu ziehen. Dem Maler S. schlug sie jetzt selbst vor, ihm für ein Bild zu sitzen. S. war beglückt. »Wenn Sie wollen, sogar Halbakt,« fügte R. F. hinzu. Ich erhob mich und griff nach, meinem Mantel. Sie sah mich an, als suche sie sich zu erinnern, wer ich sei. Ihre Augen waren naß. Ich fühlte mich erschüttert. Sie ließ sich ihren Umhang von mir um die Schultern legen, eilte hinaus, und als ich gezahlt hatte und auf die Straße trat, war sie verschwunden. Ich konnte sie nicht mehr einholen. Ebenderselbe. Ein Nachtspaziergang im Gasteig mit R. F. Sie sprach kein Wort. Ich erzählte ihr, Jemand hätte mich gefragt, ob ich sie schön fände, und ich hätte es nicht gewußt. Es war heller Mondschein und eine außerordentliche Ruhe. Die ganze Anlage hinauf schimmerte der Strom wie blasses Gold. Ich fragte, was sie denn beginnen wolle, denn sie hat das Kleid zurückgeschickt, das ich ihr gekauft, und will nicht, daß ich irgend etwas bezahle. Aber sie spricht nicht. Sie ist völlig jene Stumme des Himmels, die in entscheidender Stunde nichts zu reden weiß. Den Tag vorher kam sie in der Dämmerungsstunde furchtgeschüttelt zu mir ins Haus. Warum, erfuhr ich nicht. Jetzt suchte ich ihr mit dem Hinweis auf Vergangenes beizukommen. Ich recitierte ein etwas öliges Gedicht von mir. Sie nahm ihren Schirm und schrieb mit langsamen Bewegungen, den einen Arm aufs Knie gestützt, ein paar Worte in den Sand. Ich achtete nicht darauf. Dann gingen wir weiter, und sie fragte mich, ob ich an ein ewiges Leben glaube. Es war rührend und hilflos, mit welchen Gründen sie die Möglichkeit einer Fortdauer bezweifelte. Ich umarmte sie, preßte sie an mich und küßte sie. Es war an einer einsamen Uferstelle. Den ersten Kuß ließ sie sich geben, doch sah ich ihren Mund zucken und dachte erst, es sei der Gram. Aber es war ein Lächeln. Ah, du hast mich zum Narren gemacht, wochenlang, sagte ich. Sie lachte. Ein seltsam gebrochenes, fast schluchzendes Lachen. Das war an einer einsamen Uferstelle, wie gesagt. Am Morgen trieb mich der Teufel wieder allein dorthin und an jener Bank vorbei. Im Sande stand noch unausgelöscht: Ich habe dich durchschaut. So? Nun, man kann mich immerhin durchschauen. Weshalb sollte mir das nahegehen? Ich bin eine einfache Natur. Es ist ein Wort meiner Mutter: Sei wie Glas, doch zerbrich nicht. Juni. R. F. ist fort. Sie hat eine Gesellschafterinnenstelle bei einer Familie Samassa in Bruck. Es sind vermögliche Leute, aber der Alte und seine Gattin sind Figuren im Gartenlaubenstil. Aber was ist mir von alledem verblieben? Es ist vielleicht die letzte derartige Episode meines Lebens. Liebte ich R. F.? Ich liebte ihren sanften Gang, ihr Schweigen, ihr Lächeln, ihren erwartungsvollen Blick und vor allem ihr Schicksal. Das andere für die Andern. Es bewegt mich tief, wenn ich mich frage, wohin ihr Weg geht. Wogegen ich anfange, mich selber wieder zu achten, seit ich nicht mehr mit ihr beisammen bin. Sie hat mich klein gemacht. 5. Herr Samassa und Frau Samassa fanden an der neuen Gesellschafterin vielerlei auszusetzen. »Ich finde, sie ist zu stolz, lieber Gregor,« sagte Frau Samassa, die ihre Nägel putzte. Gregor hieß eigentlich Georg, – ein zu plebejisch klingender Name. Herr Samassa, der gleichfalls seine Nägel putzte, erwiderte dienstwillig: »Ja und ein wenig mager.« »Eine unerhörte Antwort, mein Lieber!« »Aber es ist meine Meinung.« »Oh, c'est le ton qui fait la chanson,« antwortete Frau Samassa mit gebildetem Augenaufschlag. "Ich finde sie nicht nur stolz, sondern auch kopfhängerisch.« »Natürlich. Das Personal ist da, um uns aufzuheitern.« »Sieh mal, Gregor, wie herrlich heute wieder die Sonne aufgeht.« »Gut, was kümmert mich das.« »Du hast keinen Funken Poesie in dir. Ich bin doch neugierig, ob dieses Fräulein Fuchs heute pünktlich zum Frühstück erscheinen wird. Ich sagte ihr: jeden Morgen frühstücken wir punkt sechs Uhr. Wir bitten auch Sie, pünktlich zu sein. Dann sagte ich ihr, morgens und abends wird bei Tisch englisch gesprochen, mittags französisch, d. h. wenn keine Gäste da sind.« »Sehr gut. Du hast mir übrigens etwas erzählen wollen von ihr.« »Ja, denk nur, sie macht Nachtspaziergänge im Garten. Fanny-Elisa hat mirs erzählt. Sie ist ja gewissermaßen eine große Reklame für uns, bei ihrer Vergangenheit. Es wird nicht alles wahr sein, was der Major Stahleck da erzählt. Aber immerhin sehr pikant. Schau mal, da kommt schon Horovitz vom Bahnhof. Früh genug.« »Er ist halt verliebt, der alte Hamster.« »Was war seine letzte Forderung gestern?« »Hundertfünfzig Tausend. Darunter heiratet er nicht, sagte er.« »Hundertfünfzig ist zu viel. Fanny-Elisa bekommt noch immer einen Mann. Sie ist schön.« »Seien wir froh, daß wir den haben. Daß er so viel verlangt, ist er seiner Familie schuldig. Außerdem fragt er nicht, was früher mit dem Mädchen war.« »Sprich nicht so, Gregor. Du verwundest das Herz einer Mutter.« Renate fand sich beim Frühstückstisch, ein. Doch ihre Augen blickten müd in die ungewohnte Stunde. Rechts und links von ihr saßen die beiden Töchter, –Fanny-Elisa bleich, mit dunkel umränderten Augen, von südlichem Typus, mit unruhigen Zügen; Gretchen übertrieben gerötet, übertrieben liebenswürdig, neugierig, mit Augen, die stets auf der Lauer waren, mit lüsternem Mund und prüden Geberden. Fanny-Elisa war eine Lügnerin; ihr schwermütig thuendes Wesen war im Grunde eitel Verdrossenheit. Sie belebte sich nur, wenn sie verleumden konnte. Sie erzählte schwere Träume, die sie nie gehabt, that reizbar und zerstreut, um sich zum Mittelpunkt des Gesprächs zu machen, berichtete von interessanten Büchern, deren Titel ihr gerade bekannt waren, und trug mit großen Worten die Sehnsucht nach einer »großen Liebe« herum, obwohl sie gegenwärtig nichts wünschte, als von dem halbtauben Horovitz geheiratet zu werden. Sie behandelte Renate hochnäsig und ironisch, während Gretchen von der neuen Gesellschafterin nichts wissen wollte, als wie man Kinder bekommt. Damit plagte sie Renate stundenlang unter dem Mantel zuckersüßer Vertraulichkeit. Sie hatte sich elende Bücher zusammengetragen, die ihr den Schlaf vertrieben; doch wenn sie einem jungen Mann auf der Straße begegnete, wurde sie rot und schlug die Augen nieder. Renate hatte unter ihren Sachen die Radierung von einem Adam und Evabild, einem Meisterwerk der italienischen Schule. Gretchen hatte es zufällig entdeckt und so lange zu betteln gewußt, bis Renate es ihr geschenkt. Das war am Tag vorher gewesen. Als das Frühstück vorüber war, verschwand Gretchen. Frau Samassa, die mit ihr einen Morgenspaziergang durch das Dorf machen wollte, suchte sie. Sie schickte in das Zimmer der Mädchen, rief in den Garten, und da sie in der Laube fern etwas Weißes schimmern sah, faßte sie einen unbestimmten Verdacht und watschelte die gewundenen Kieswege entlang. Gretchen lag auf dem Grasboden der Laube, die mit wildem Wein umwachsen war, und stierte, beide Ellbogen auf die Erde gestützt, bestrickt auf das Bild. Frau Samassa entriß es ihr mit einem Entsetzensschrei, kam damit ins Frühstückszimmer zurück, und es begann ein Verhör. »Woher hast du das unanständige Bild, Margarete?« fragte Frau Samassa, bleich vor Zorn. Wenn sie im Zorn war, sagte sie Margarete. »Von Fräulein Fuchs,« erwiderte Gretchen mit verbissenem Aerger. »Was sagst du dazu, Gregor!« Das Bild wanderte von Herrn Samassa zu Herrn Horovitz. Jener schüttelte besorgt den Kopf, doch seine Blicke waren zärtlich auf den üppigen Körper der Eva gerichtet; dieser grinste freundlich vor sich hin. »Das ist ja ein unzüchtiges Bild, Fräulein Fuchs,« sagte Frau Samassa. »Es ist ein unsittliches Bild!« Alle Augen waren auf Renate gerichtet; diejenigen Fanny-Elisas begierig und schadenfroh. »Es ist ein Kunstwerk, ich bitte,« sagte Renate halblaut. Unter den strafenden Richterblicken der vier verstummte sie. Gretchen begann zu schluchzen, als sie fand, daß die Angelegenheit für sie günstig stand. Ihre Mutter streichelte ihr besänftigend die Wangen, – eine feindselige Handlung gegen Renate. Fanny-Elisa zerriß das Bild und sagte: »So, damit ist die Sache aus der Welt geschafft. Kunstwerk oder nicht Kunstwerk, alles, was nackt ist, ist gemein.« »Sie sind ein kluges Mädchen,« girrte Horovitz. Frau Samassa aber fügte hinzu: »Ich bitte dich, Fanny-Elisa, sprich das schreckliche Wort nicht aus. Man sagt nicht nackt, sondern man sagt unbekleidet. Und wenn in der Kunst so etwas gestattet ist, dann ist die Kunst eben unmoralisch und für einen gebildeten Menschen verderblich.« Später saß Fanny-Elisa mit Renate auf einer Bank im Garten. Renate las mit eintöniger, verschleierter und gepreßter Stimme aus einem schlechten französischen Roman vor. Plötzlich aber unterbrach Fanny-Elisa, die, den Kopf zurückgelehnt, in die Baumwipfel geblickt hatte, die Lektüre und sagte wehmütig: »Und in derartig engen Verhältnissen soll ich existieren! Fräulein Renate, ich weiß, daß Sie mit mir fühlen, lassen Sie uns Freundinnen werden.« Renate blickte scheu in das unwahre Gesicht, das in seinem hastigen Mienenspiel kaum für ein Lächeln Platz zu haben schien. »Ich werde Sie schützen,« fuhr Fanny-Elisa fort und ergriff Renates Hand. Dann setzte sie ihr mit elegischer Weitschweifigkeit auseinander, wie der Mann beschaffen sein müsse, dem sie sich fürs Leben verbinden würde. Am Abend fand die Verlobung mit Horovitz statt. Man schickte Renate das Essen auf ihr Zimmer. Doch, um halb zehn Uhr ging schon alles schlafen. Als Renate die Gasflamme anzünden wollte, entdeckte sie, daß die vorsorgliche Hausfrau den Gasometer abgeschraubt hatte. Da sie weder Kerze noch Lampe hatte, mußte sie im Finstern bleiben. Am Fenster saß sie, den Oberkörper hinausgebeugt in die warme Sommerluft, hörte das Wasser der Amper glucksen, fühlte sich den Sternen wunderlich nahe. Die Grillen zirpten und die Frösche quakten, und die schwarze Linie der Hügelketten zeichnete sich sanft ab vom mild erleuchteten Himmel. Dieser Himmel war wie ein leeres, totes Haus für Renate, die in tiefem Grübeln selbst die Glocken der Mitternacht überhörte. Doch es schob sich etwas an ihren Körper an, daß das Kleid raschelte. Das war der treue Angelus. Seinetwegen hatte Renate in der ersten Zeit manchen Kampf ausgefochten, denn nach Frau Samassas Ansicht schickte es sich nicht, daß eine Gesellschafterin einen Hund besaß. Und jetzt noch mußte Angelus sich ducken und die meiste Zeit im Zimmer bleiben. Er nahm es mit Gelassenheit und innerer Ruhe. Nun drängte er sich im Dunkeln an seine Herrin, als wollte er sie bitten, endlich den Schlaf zu suchen. Renate nahm seinen Kopf zwischen beide Hände und flüsterte ihm zu: »Ja mein braver Hund! was wird das noch werden mit uns zwein!« Sie legte die Wange auf Angelus' Kopf, dessen verständig-braune Augen dankbar und dienstbereit aus der Dunkelheit schimmerten. 6. Der Bessemer Bauer auf der Holzhöhe, ein stern- und wetterkundiger Mann, behauptete, es habe nicht seine Richtigkeit mit der unerhörten Hitze, die Tag und Nacht hindurch, wochenlang sich gleich blieb. Nämlich er, der sich mit den geheimnisvollen Wissenschaften befaßte, die an das Gebiet teufelswürdiger Zauberei grenzten, könne nur sagen, daß er keinen beneide, der das Ende des Jahrhunderts miterleben müsse. Er wolle darum seine Sargbretter gern vorher schneiden lassen, auch wenn er sich dieserhalb an den windigsten Tischlergesellen wenden müßte. Auch Renate hörte davon und erzählte es Gretchen, als sie den Abhang herunter gegen Bruck zugingen. Gretchen lachte. »Die alten Bauern machen sich alle so wichtig,« sagte sie, erfreut über ihre unbefangene Auffassung einer immerhin nicht geheuerlichen Sache. Und sie erzählte sofort mit flüsternder Stimme, daß sich beim Bessemer jetzt ein unheimlicher Mensch einlogiert habe, der wie ein Hexenmeister aussähe. Renate blieb nachdenklich. Voll unbestimmter Sehnsucht weilte ihr Blick im Thal, das schon in leiser Dämmerung lag, und auf den bleichen Lichtern, mit denen der Himmel die Hügelkämme säumte. »Wer jetzt fliegen könnte,« sagte sie, und machte mit matten Armen eine halbe Geberde. Gretchen schlug vor, zu baden. Als Renate ängstlich zögerte und die nahende Nacht erwähnte, umschlang sie das Mädchen und küßte sie mit glühenden Lippen. Renate erschrak, denn die Sinnlichkeit dieses Geschöpfes hatte etwas Gefährliches und Beängstigendes. »Der Fluß ist unheimlich abends,« wandte Renate ein. »Aber heute sind wir frei, Fräulein Renate, und mit dem Nachtschnellzug kommen erst die Eltern. Bitte, bitte!« In allem, was dieses Mädchen sagte, atmete eine verderbte Fantasie. Fanny-Elisa kam den Hang herauf; sie hatte bis jetzt Blumen gepflückt. Sie ging mit vorsätzlicher Verträumtheit einher. Sie zögerte nicht, einzuwilligen, da auch sie das Unternehmen romantisch fand. Renate schlug also den Heimweg ein, um die Badekleider zu holen. Doch Gretchen wurde immer wilder. Die heiße Luft hatte ihr Blut berauscht. Nach Hause sei eine halbe Stunde, dann sei es zu spät. »Wir wollen nackt bleiben,« raunte sie erregt. »Und Sie müssen sehen, ob ich auch so schön bin wie die auf Ihrem Bild, Fräulein. Bis wir hinkommen, ist es dunkel, und dort geht nie ein Mensch und hohe Bretter sind auch um die Anstalt. Fanny-Elisa, denk doch, ganz ohne Kleider in der Nacht! Und wie schwül es ist.« Es war wirklich etwas Neues, Ungewöhnliches, und Fanny-Elisa. willigte ein. Schweigend folgte Renate, um es mit den Beiden nicht zu verderben. Es kam ihr vor, als ob sie in Ketten wandelte, und jeder Schritt war schwer dadurch, und schwül und schwer wuchs der Abend vom Thalboden in die Höhe. Fanny-Elisa erzählte mit ihrer vibrierenden Stimme, daß ihr eine Zigeunerin geweissagt habe, sie werde einst bei einem Bad im Meer ertrinken. Es war natürlich eine Lüge, – Reminiszenz aus einer Zauber-Oper. Renate blieb ein wenig zurück. Jeder Stein, an den ihr Fuß stieß, erschien ihr verletzt, und jeder unbewegte Halm lebte auf in Dämmerung und Dunkelheit. Dabei hörte sie fortwährend Stimmen aus den Wiesen, und die Töne eines weitentfernten Kuhhorns flossen gleich einer Farbe mit den verblassenden Flammen des Westens zusammen. Es wurde nicht kühler. Keine Wolke erhob sich. Kein Lüftchen regte sich. Gretchen und Fanny-Elisa waren verstummt. Im Umkreis des Flusses war kein Mensch zu sehen. Nur auf der Landstraße drüben ging ein Bauer mit einem zottigen Hund. Beide gaben eine unsichere Silhouette, sodaß es auch ein rastloser Fremdling hätte sein können mit einem fabelhaften Untier an der Seite. Mit leidenschaftlicher Hast entkleidete sich Gretchen und stand bald nackt im warmen Sand. Fanny-Elisa entfernte sorgfältig jedes einzelne Kleidungsstück. In derselben schwärmerischen Weise konnte sie Butter auf das Brot streichen. Gretchen reckte sich lachend, drehte sich mit erhobenen und verschlungenen Armen wie eine Tänzerin. Auch Fanny-Elisa war jetzt fertig, ging mit jenem Versteckenspiel der Bewegungen, das dem Bewußtsein der Nacktheit entspringt, zum Ufer und legte sich ins Gras. Den schöneren Körper hatte Fanny-Elisa, doch bei Gretchen kam der Reiz des Unfertigen hinzu und eine kindlich runde Fülle. Die Haut leuchtete fast rostbraun in der Dämmerung, während die Fanny-Elisas ganz gelb war. "Ich finde es herrlich,« jauchzte Gretchen. »Sie haben wohl Angst vor dem Wasser, Fräulein Fuchs?« fragte Fanny-Elisa spöttisch und schnappte nach einem Grashalm. Dann bedeckte sie mit den Händen beide Brüste und seufzte. Gretchen lachte; sie fand es stets komisch, wenn die Schwester seufzte, die im Uebrigen ein Gegenstand scheuen Respekts für sie war. Renate wurde vor Scham rot. Sie langte nach einem Zweig, der über die Bretterwand herunterhing und pflückte ein paar Kirschen ab. Die Kerne schnellte sie wie Geschosse in die murmelnde Amper. Eine trübe Erinnerung an einen Fiebertraum erwachte. Sie begann sich auszukleiden. »Wenn uns jetzt ein Mann sähe,« flüsterte Gretchen. »Dein Bräutigam z. B., Fanny-Elisa...!« »Rede nicht solchen Kohl, Kleines,« erwiderte Fanny-Elisa verdrießlich und stieg gravitätisch die Treppe zum Wasserspiegel hinunter. Gretchen folgte ihr. Das Wasser schien nur widerwillig ihren Körpern zu weichen und gurgelte dumpf an der Wand entlang. Gretchen fand es wunderbar »warm und kühl«, doch es ging kaum bis an die Brust. Fanny-Elisa hielt sich drüben am Gitter fest, als käme die rasche Strömung, um sie zu zerfleischen. Renate hatte wirklich das Gefühl, als würde jene von einer Gefahr bedroht und empfand eine rätselhafte Freude darüber. Schon blinkten Sterne am Himmel, und ein flammender Schein war im Osten, wo der Mond aufging. »O Fräulein Renate!« rief plötzlich Gretchen hingerissen aus und starrte zu Renate empor, die abgewandten Gesichts, regungslos dastand. Wie weißer Marmor sah der Körper aus, und alle Linien waren scharf, geheimnisvoll belebt. Fanny-Elisa stand lautlos auf der Treppe, blickte finster auf Renate. Eine nie gekannte, drängende Freiheitslust überfiel Renate. Unruhig wie eine Schwalbe, erfüllte sie ein neuer Durst nach Glanz, Macht, Reichtum, nach Triumphen, nach dem Leben. Es war, als ob sie mit den Kleidern alle Ketten, die sie vorhin noch geschleppt, alle Fesseln der Vergangenheit mühelos von sich abgeworfen hätte. Heftig schlug ihr Herz, und sie schloß die Augen, wie um sich zu schützen vor der Ueberzahl der Gesichte. Einem Traum glich es, so dazustehn in der Schwüle des Juli-Abends und zu warten ... In dem Augenblick, als der Fluß schon Renates Füße benetzte, stieß Gretchen einen furchtbaren Schrei aus, duckte sich bis an das Kinn unters Wasser und schaute mit entsetzten Augen in die Ecke, wo irgend Jemand unhörbar ein loses Brett zur Seite geschoben hatte. Und es wurde ein Gesicht wahrnehmbar, bei dessen Anblick Renate wie von eiskalter Luft berührt, zusammenschauderte. Trotz der Dunkelheit und trotz der starren, fast blöden Verwunderung, welche die Züge nahezu unkenntlich machte, erkannte sie Peter Graumann. Vierzehntes Kapitel 1. Liebe Freundin Irene, ich kann Ihnen gar nicht beschreiben, wie ich mich mit Ihrem Brief gefreut habe, wenn es auch nur ein paar Zeilen waren. Der kleine Koch-Apparat, nach dem Sie fragen, muß im Nebenzimmer sein, vielleicht im obersten Fach des Schranks. Ich habe nämlich in der letzten Zeit gar nicht mehr damit gekocht, weil es so mühselig war. Immer so viel Arbeit wegen fünf Minuten Essen, das lohnt sich nicht. Und wenn man bedenkt, daß Millionen von Frauen nur darauf ihr Leben stellen! Sie fragen, wie es mir geht. Ich habe nicht den Mut, die ganze Wahrheit zu antworten. Ich führe ein Dasein, schrecklich. Das liebste, was ich habe, ist mein Hund. Ich unterhalte mich mit ihm, und er versteht mich. Hier kann ich nicht bleiben, mag kommen was will. Ich habe die Gewohnheit, daß ich mein Zimmer nicht zuschließe in der Nacht. Vorgestern bin ich aufgewacht, es war hell vom Mond, und vor meinem Bett steht Herr Samassa und fängt an, elendes Zeug zu schwatzen. Ich bin halb gestorben vor Angst und Zorn und mußte erst den Hund beruhigen, der zwar nicht bellte (so klug ist er!), aber sehr aufgeregt war. Die Frau ist dumm und gemein; sie legt mir in den Weg, was sie kann, damit ich von selber gehe. Wegen der Empfehlung, die ich habe, wagt sie nicht zu thun, was sie so gerne möchte. Ich glaube, den Leuten bin ich unbequem, weil ich schweigsam bin. Aber das ist meine Art, Sie wissen es ja. Ich kann mich doch nicht ändern, und die hätten gern eine Lustige gehabt. Denken Sie nur, man mutet mir Dinge zu, die ich thun soll, wie einem Dienstmädchen vom Dorf. Ach, ich thu's ja auch, ich thu ja alles, aber darauf ist mir zu Mut, als ob es nicht zum zweiten Mal geschehen könnte. Die Mädchen, denen ich Gesellschafterin sein soll, sind verdorbene Geschöpfe, und sie hassen mich. Ich habe die meisten meiner Schmucksachen verkauft, – ich hatte nur noch wenig – so daß ich ein bißchen Geld besitze, wenn das Aeußerste bevorsteht. Was ich aber dann thun soll, das ist mir ein Rätsel. Kein Mädchen von Ehrgefühl würde lange das aushalten, was ich jetzt aushalte. Und es ist kein Mensch da, daß man ihm nur die Hand reichen könnte, ohne es zu bedauern. Liebe Irene, ich sorge mich sehr. Sie werden natürlich auch das Geschwätz der Leute gehört haben über mich und Gudstikker. Darum wird Ihr Brief so kalt sein. Es ist Verleumdung. Ich habe nichts gefühlt für diesen Mann. Ich meine ja nicht, daß Sie mich verteidigen sollen, nur wissen sollen Sie es und glauben. Ich habe ein paar Sommerstiefel, meine gelben, im Atelier vergessen, um die ich Sie bei Gelegenheit bitte. Vielleicht schicken Sie sie mir im Packet. Ihre treue Renate. Geehrtes Fräulein Fuchs, ich bestätige den Empfang Ihres Briefes und bedauere lebhaft, daß Sie Unglück gehabt haben mit Ihrer Stellung. Den Koch-Apparat habe ich gefunden. Die gewünschten Stiefel sind heute an Ihre Adresse abgesandt worden. Was den letzten Punkt Ihres Schreibens anbelangt, so müssen Sie mir verzeihen, wenn ich mich etwas ungläubig dazu stelle. Von selber hätte ich nie das Thema berührt, aber Sie entschuldigen sich und sind gar nicht angeklagt. Es thut mir leid, Ihnen das sagen zu müssen, ich bin gewiß nicht prüde, aber komisch finde ich es, daß Sie etwas in Abrede stellen, was gar nicht zu leugnen ist. Die Beweise dafür sind doch zu sprechender Natur, auch wenn Gudstikker nicht die halben Nächte bei Ihnen verbracht hätte. Er selbst läßt übrigens das Gerede überall ohne Widerspruch. Entschuldigen Sie meine offene Sprache, aber Sie haben es gewollt. Sie müssen endlich einmal mit festen Händen zugreifen, sonst wird es Ihnen noch schlimm gehen. Alle Leute denken schlecht über Sie. Das darf nicht sein. Erst diese Woche habe ich heftig streiten müssen in einer Gesellschaft, weil ich behauptet habe, Ihr Charakter sei gut. Mit bestem Gruß Ihre ergebene Irene Puntschuh. Irene Puntschuhs Schrift war großzügig; jeder Buchstabe freute sich seines Daseins, besonders die Anfangsbuchstaben der Hauptwörter. Als Renate den Brief gelesen hatte, hielt sie ihn noch lange in der Hand, sodaß Fanny-Elisa, die eben in den Garten trat, spöttisch fragte: »Eine Liebeserklärung?« Renate zog krampfhaft die Unterlippe herab, als hätte sie etwas sehr Bitteres im Mund. Im Weitergehn riß sie eine Rose aus dem Gürtel, die sie am Morgen gepflückt, warf sie achtlos auf den Boden, und als sie denselben Weg wieder zurückkam, zertrat sie die Blüte. »Hollah, ein Gewitter kommt!« rief Gretchen von einem Fenster der Villa herab, und das Dienstmädchen eilte, um einige weiße Tücher, die über dem Zaun hingen, in Sicherheit zu bringen. Ueber dem Wald zuckte violettes Blitzlicht, das Laub rauschte, ein schwer mit Heu beladener Wagen schwankte dicht am Gartenthor vorbei. Oben saß eine dralle Magd und blickte mit begehrlich geöffneten Lippen in die schwüle Landschaft. Als Renate dem Wagen nachschaute, gewahrte sie am Eckpfeiler des Gitters Peter Graumann, der voller Ergebenheit den Calabreser lüpfte. Sie erschrak, mehr als vor dem Blitzstrahl vorhin, denn die verzerrte Fratze an der Bretterwand beim Fluß war ihr als etwas Gespensterhaftes und Unwirkliches erschienen. Als sie sich mit den beiden Mädchen in wortloser Hast angekleidet und den dunklen Weg nach Hause angetreten hatte, war sie im Glauben, eine Erinnerung sei im täuschenden Spiel. Jetzt aber stand er wirklich da, im Ziegenbart, mit ernstem Gesicht. Halb gezogen näherte sich Renate, und mit einem messerscharf betonten: »Es freut mich, Sie begrüßen zu dürfen,« reichte Graumann die Hand durch den Zaun. »Wie kommt es, daß Sie hier sind?« fragte Renate tonlos und war eine Sekunde lang erstaunt, daß sie sich sprechen hörte. "Ich habe einen Bruder, der sich durch Morphium, Absinth und Liebe zu Grunde gerichtet hat, mein gnädiges Fräulein. Ich habe ihn in die Anstalt des Doktor Budherus gebracht, der ein persönlicher Freund von mir ist. Von hier aus können Sie die Giebel und ein paar vergitterte Fenster sehn. Und wie geht es Ihnen, mein gnädiges Fräulein?« »Ach, lassen Sie doch das gnädige. – Es geht mir nicht gut.« »So? So? Ein Zeichen dafür, daß Sie das Kapital nicht zu benützen verstehen, worüber Sie verfügen können.« »Wieso? Was meinen Sie?« fragte Renate mißtrauisch. »Wenn ich es wagen darf, offen zu sein –?« »Das müssen Sie selbst wissen.« »Ich weiß seit einigen Tagen, daß Sie hier sind und wofür Sie sich vergeuden,« sagte Peter Graumann, indem er sein Gesicht dem Eisengitter näherte. Seine Stimme war grollend und heiser, als er fortfuhr: »Was ich mit dem Kapital meine, kann ich Ihnen wohl sagen. Ich meine Ihren herrlichen Körper, den Sie verkommen lassen. Ja, wozu glauben Sie, daß Sie bestimmt sind? Freilich, wie könnten Sie ahnen. Fluch den Unberufenen, die die Würde des Berufes geschädigt haben. Verflucht die Poesie und die Litteraten, die von Frauenwürde faseln, um ihren Besitz und ihre Kundschaft nicht zu verlieren und die schon Bauchschmerzen bekommen und an schmutzige Geldhaufen denken, wenn sie das Wort Hetäre lesen, außer der Reim verlangt es. Mit tausend Zungen müßte man predigen, aber ich habe nur eine und das Gewitter wird auch gleich da sein. Sie sehen mich fassungslos an und begreifen nicht. Hören Sie weder auf die Frommen, noch auf die Freigeister, träumen Sie nicht, denken Sie nicht, daß Sie unglücklich sind. Sie sind die Glücklichste von allen. Das heißt, wenn Sie den Mut zu Ihrem Glück besitzen. Die große Welt gehört Ihnen, wenn Sie wollen, ist Ihr Eigentum, liegt zu Ihren Füßen. Ein Weib von Ihrer Art ist Napoleon, Alexander, eine Herrscherin für sich. Glauben Sie mir, ich bin Ihr wahrer Freund, und was ich Ihnen sage, kommt aus tiefster Seele. Werden Sie eine große Kokotte, werfen Sie das schmierige Stück Elend fort, das Sie in diese Afterwelt einschließt. Es regnet. Wir sprechen uns noch. Leben Sie wohl.« Mit stampfenden Schrittchen eilte Peter Graumann über die Gasse, die im weißen Staub verschwand. Allenthalben lohte der Staub empor wie Gischt, und rötliche, gelbe, bläuliche Blitze zuckten durch die schwarzgescharten Wolken. Das Baumlaub und die Sträucher wurden geschüttelt, und ihr heftiges Rauschen glich einem angstvollen Gesang. Renate raffte sich erst zusammen, als die thalergroßen Tropfen dichter zu fallen begannen. Aber sie verfehlte die Gartenwege und geriet auf den kleinen Wiesenstrich neben der Scheune. Unter deren Thor stand die Magd, die eben mit dem Hineinräumen der Tücher fertig geworden war und tuschelte mit ihrem Liebhaber, der voller Erregung und Dringlichkeit auf sie einsprach. Halb ergeben, wie es schien, und halb verzweifelt hörte das Mädchen zu und griff ein paar Mal beschwörend nach seinen Händen. Das alles sah Renate, obwohl sie die Empfindung hatte, als blute ihr im Innern eine Wunde, unstillbar. Der Donner begann zu rollen oder vielmehr zu schlagen, gleich drei Mal hintereinander. Unsere Käthe ist ordentlich verliebt, dachte Renate, als sie ins Haus ging. Sie klammerte sich hartnäckig an diesem Gedanken fest, während sie mit Daumen und Zeigefinger die Schläfen drückte. Gretchen war ins Bett gekrochen und heulte aus Furcht vor dem Wetter. Fanny-Elisa las mit unglaubwürdiger Ruhe ihrem Bräutigam ein Gedicht aus einem Schmöker vor. 2. Als Herr Samassa mit dem Siebenuhr-Eilzug aus der Stadt kam, war das Unwetter noch in voller Kraft. Er brachte zwei Herren mit, Neffen seines künftigen Schwiegersohnes, einen Assessor und einen Architekten. Sympathische junge Leute, freilich von einer gewissen Verwaschenheit, aber sie redeten nicht viel und ihr Benehmen drückte eine angenehme Art Fremdheit aus. Es nahm sich komisch aus, daß sie kein Auge von Renate wandten und mit scheuer Verehrung zuhörten, wenn sie etwas sagte. Frau Samassa wollte vor Ingrimm vergehen wie Fett auf einer heißen Pfanne. Doch die sparsamen Zeichen des Respekts der jungen Leute, schmale Ueberbleibsel der Vergangenheit, genügten, um Renates Blicke heller zu machen. Frau Samassa befahl ihr schroff, in die Küche zu gehen und der Köchin Anweisungen für das Abendessen zu bringen. Sie erhob sich willig und verließ das Zimmer. Sie mußte durch den engen Corridor gehen und hörte ein Pst durch eine Seitenthüre. Herr Samassa stand dort und winkte ihr heimlich, ins Zimmer zu kommen. Er sah ebenso feierlich, als vielwissend und verheißungsvoll darein, und als Renate ihm folgte, drückte er die Klinke unhörbar ins Schloß und zog eine kleine Sammetschachtel aus der Tasche, die er kichernd öffnete. Er schnaufte laut vor Vergnügen, als Renate staunend die wundervolle Brillantbroche anstarrte, die in einem blauseidenen Lager eingebettet war. Renate liebte leidenschaftlich Diamanten; noch ein Kind, hatte sie danach stets unzähmbares Verlangen getragen, und jetzt schloß sie unwillkürlich die Augen und sagte lächelnd, obwohl sie die ganze Geheimthuerei nicht begriff: »Wohl für Fräulein Fanny-Elisa?« Herr Samassa fuhr fort zu kichern, offenbar nur ein Zeichen von Verlegenheit. Dann fauchte er, seine Lippen Renates Ohr nähernd: »Nein für Sie, Holdeste.« »Für mich –?« »Für Sie, ja. Jawohl, jawohl für Sie, wenn Sie nett sein wollen. Fanny-Elisa bekommt auch eine, aber erst morgen, hihi ...« »Wollen Sie nicht lieber ein Glas Wasser trinken?« fragte Renate kalt. »Aber mein Lämmchen, thu doch nicht, als ob Du nie einen Mann gesehen hättest.« Renate fühlte ein Brausen in den Ohren, und ihr Kopf wurde glühend heiß. »Sie sind ein Lump,« sagte sie. »Ein Glück, daß da kein Messer ist –«. Der Blick, den sie im Zimmer auf- und abirren ließ, war von so zügelloser Wildheit, daß Herr Samassa bestürzt sein Schächtelchen zuklappte und den Kopf duckte, als fürchte er einen Steinwurf. Tiefaufatmend verließ ihn Renate, und als sie zu den Andern zurückkehrte, trat er durch eine zweite Thür fast gleichzeitig ein. Mit einem giftigen und drohenden Blick auf Renate sagte er pathetisch: »Hier meine Tochter, das Verlobungsgeschenk deines Vaters.« Possierlich, wie er beleidigt mit den Lippen schmatzte und zugleich begierig auf die Anerkennung des Geschenks wartete. Fanny-Elisa fiel ihm theatralisch um den Hals. Die beiden Herren konnten sich nicht genug thun mit Augenaufreißen, wobei der Architekt sichtlich alles ironisch nahm. »Für Fräulein Fanny-Elisa ist es sehr hübsch, aber für die Frau meines Onkels paßt es kaum,« sagte er. Fann-Elisa sah ihn groß an und wußte nicht, ob es eine Schmeichelei war. Auch Gretchen kam wieder, denn das Gewitter zog in die Ferne, und sie wurde fast grün, als sie den Schmuck sah. Vor Neid und Eifersucht traten ihr die Thränen in die Augen, und sie sagte mit bebenden Lippen: »Wenn ich so was bekäme, würde ich Papa und Mama einen ganzen Tag lang beständig küssen.« Das wurde belacht. Renate, in wunderlicher Selbstvergessenheit, hatte ein Vorgefühl von Unheil für Gretchen und wußte, daß es unabwendbar war für die Leidenschaftliche, Irrgegangene. Indessen hatte Fanny-Elisa das Kästchen auf die Spiegelkonsole gelegt, und da die jungen Herren inständig baten, sie möchte Klavier spielen, setzte sie sich mit langsamem Augenaufschlag an den Stutzflügel, blätterte müde in einem Heft Chopin und begann zu spielen. Da sie in solchen Dingen tyrannisch war, lauschten die Eltern und Herr Horovitz, der vielleicht an seine Credit-Aktien dachte, sehr aufmerksam, der Architekt heftete den Blick verloren und unaufdringlich auf Renate, nur Gretchen wisperte absichtsvoll mit dem Assessor. Das Spiel Fanny-Elisas war Schülerarbeit, und selbst als solche nicht korrekt. Auch sah sie aus, als könne sie das Stück nicht mehr recht fesseln, obwohl es für die Zuhörer immer noch Feiertagsbrot sein mußte. Als sie fertig war, entstand Beifallgemurmel, aber die Spielerin seufzte, als verstehe sie nicht, wie man an diesen geringsten ihrer Vorzüge einen Laut verschwenden mochte. Dann verließen alle das Zimmer, um in den anstoßenden, mit Glas gedeckten Pavillon zu gehen, wo Palmen und Oleander standen, eine Cypresse und ein verkümmertes Orangenbäumchen. Der düstere Himmel, aus dessen westlicher Tiefe der intensive Brand der untergehenden Sonne brach, erzeugte eine fast theatralische Lichtstimmung. Die flammenden Wolken schienen nur durch eine gewaltsame Anstrengung oben festgehalten zu werden, und die finsteren, blauschwarzen im Zenit hingen unbeweglich; nur graue Fetzen entflatterten ihnen gleich aufgelösten Haaren. Renate war allein zurückgeblieben. Die fragenden Blicke des jungen Architekten hatten sie weicher gemacht als sonst. Ein trübes Zweifeln gärte in ihr, versank wieder. Es war ein Beschließen-Wollen, Fassen-Wollen, ein Ahnen und Hinneigen und dann doch wieder nichts. Sie ging zum Klavier, berührte mechanisch die Tasten, und ohne, daß sie es eigentlich gewollt, fing sie an, dieselbe Ballade zu spielen wie Fanny-Elisa. Und so sehr fand sie sich selbst darin, letztes Erleben und lang vergangenes, daß sie es warm überströmen fühlte von den Tasten in ihre Arme, ihren Körper, und es war, als sei auch in ihrem Innern ein Gewitter vorübergegangen, und jetzt war alles ruhig und erwartungsvoll. Der Architekt und der Assessor waren auf den Zehen hereingeschlichen; auch die Andern kamen. Gretchens Gesicht glänzte vor Triumph, als hätte sie jetzt einen Sieg über die Schwester errungen, Frau Samassa schnappte nach Luft, Gregor sah aus, als hätte er eine Flasche Essig getrunken, Horovitz nahm es gleichgiltig, Fanny-Elisa stand totenblaß unter der Portiere und zupfte an der Zugschnur. Von dem Augenblick an gab es kein Wesen, das sie glühender haßte, als Renate. Der Assessor konnte sich nicht enthalten, begeistert zu applaudieren, als Renate fertig war und wie versteinert sitzen blieb. Der Architekt war so hingerissen, daß er den Mund aufsperrte, und als Renate durch eine matte Kopfbewegung ihn erblickte, fand sie ihn komisch und runzelte die Stirn. Damit verfloß der Fünfminuten-Traum, zu dem er Veranlassung gegeben. Käthe kam mit dem Geschirr, um den Tisch zu decken, und die ganze Gesellschaft verfügte sich wieder in den Pavillon. Die Familie Samassa benahm sich, als ob Renate Luft gewesen wäre. Sie hatte weder Lust zu essen, noch im Kreis der Leute zu verweilen; unbemerkt verließ sie den Raum, begab sich in ihr Zimmer, wo sie den Hut aufsetzte und Angelus, der in letzter Zeit deutliche Merkmale der Melancholie trug, ihr zu folgen befahl. Sie wollte spazieren gehen, da sie die Luft im Hause nicht mehr ertrug. Es war schön. Das satte, glühende Grün der Wiesen leuchtete, und Tropfen fielen rhythmisch vom feuchten Laub. Angelus geberdete sich entfesselt, wälzte sich im Gras, schnappte mit durchdringendem Gebell nach Fliegen in der Luft und sauste den Weg unzählige Male hin und her. Beim Bessemer Bauern oder Bessemer Wirt, wie er auch hieß, saß Peter Graumann auf einer Bank, einen Krug Bier vor sich. Als Renate ihn sah, war sie bestürzt, daß sie den Weg hieher genommen, gerade diesen, wo es doch so viele gab, nach allen Seiten hinaus. »Das trifft sich herrlich, mein Fräulein,« sagte Graumann, indem er auf sie zutrat. »Es ist der reine Zufall,« antwortete Renate erglühend. »Ein Zufall, dem ich verpflichtet bin. Ah, die Bestie Angelus lebt auch noch? Das ist schön. Und Sie, mein Fräulein, Sie machen mich verzweifelt, wenn Sie der Gedanke quält, mich getroffen zu haben.« »›Quält‹ ist zuviel gesagt,« wehrte Renate mit verächtlichem Lächeln ab. »Oder wenn auch, ist es nur die Angst vor Ihren Gesprächen. Ich bin nicht daran gewöhnt, an die großen Worte schon gar nicht.« »Hm. – Sie dürften manches erlebt haben, seit wir uns nicht gesehen haben. Ist es nicht so? Aber ich denke, wir gehen ein wenig weiter.« Unwillkürlich mußte Renate an die Konstanzer Tage denken, als sie diese Stimme von nachdrücklicher Schärfe hörte, in der etwas theatralisch Dämonisches und zugleich Gepreßtes, Atemloses, scheinbar Ergebenes lag. In Peter Graumanns Gesicht war ein beständiges Zucken: bald zuckte der Mund, bald zuckten die Brauen, bald eine gewisse, wiederkehrende Stirnfalte, doch ohne Zweifel war der Mund das Beredteste, auch ohne Worte; beredt durch Verwegenheit, die bis zur Frechheit ging; durch lauernde Ironie; durch einen breiten, selbstgefälligen Hohn; durch affenartige Lüsternheit, durch Zorn und Verbissenheit. Seine Hände gestikulierten mit der Mäßigung eines erfahrenen Schauspielers, – große rote, plumpe Hände mit dicken Fingern. Und das Plumpe, Gedrungene, Tappende, dabei Maßvolle, Routinierte kennzeichnete auch Erscheinung und Auftreten dieses Menschen. 3. »Nehmen Sie an, ich böte Ihnen eine Zukunft um den Preis der falschen Tugend und gewaltsamen Zurückhaltung, die auf mich wie ein vollkommenes Zerrbild wirken, – nehmen Sie an, ich böte Ihnen Reichtum, Macht, Ruhm, Größe, kurz alles was Sie wollen unter sicherer Garantie, – könnten Sie sich da noch einen Augenblick besinnen, was zu thun sei?« »Hören Sie mich,« unterbrach ihn Renate hastig. »Es ist mir ganz unklar, wo Sie da hinaus wollen. Ich will es auch nicht erfahren. Was Sie da sagen und früher gesagt haben, kommt mir lächerlich und hochtrabend vor, Sie müssen schon verzeihen. Ich mag nicht hochtrabende Sachen. Sie kennen mich ja gar nicht. Bloß auf ein hübsches Gesicht hin wollen Sie mich ködern. Warum sagen Sie nicht blank heraus, was Sie wollen? Uebrigens kann ich, nicht mit Ihnen da gehen. Alle Leute sehn mich.« »Nun, ich muß mich rechtfertigen. Ich bitte, folgen Sie mir eine Viertelstunde in die Laube des Bessemer Wirtsgartens.« Renate willigte ein, mehr aus Furcht vor der Rückkehr ins Haus der Samassas, als aus Lust an der seltsamen und für sie unbegreiflichen Unterhaltung, der auszuweichen sie auch ein geheimer Zwang verhinderte. Sie saßen bald in der Dämmerung der Laube einander gegenüber, und Renate hörte zu und streichelte mechanisch den Hund, der seinen Kopf in ihren Schoß gelegt hatte. Graumanns Augen funkelten wie ferne, kleine Glühwürmer. »Sie sagen, ich kenne Sie nicht. Erstens weiß ich jetzt, was hinter Ihnen liegt. Ich hab es mir authentisch erzählen lassen. Zweitens glaube ich, daß meine Auffassung Ihres Charakters richtig ist, denn alles, was Sie bisher gethan haben, war nur Mittel zu einem Zweck, der Ihnen freilich unbekannt war, dem Sie aber willenlos entgegengetrieben sind wie eine Planke in der Strömung. Sie meinen, ich will Sie ködern. Nein. Vielleicht den Steuermann machen, ja. Strömungen führen oft durch Untiefen, machen große Umwege. Und auf Ihr hübsches Gesicht hin, sagen Sie. Hübsch ist ein schlechtes Wort. Sie können annehmen, daß ich Ihnen in diesem Augenblick kein Compliment machen will. Es geht ja nicht um eine Quadrille. Ihr Gesicht ist nämlich für mich eine Inkarnation. Sie sind eine Königin, ja lachen Sie nur, eine geborene noch dazu. Das hat auch jener Herzog gespürt. Aber damit Sie mich nicht für einen Schwätzer halten, muß ich Ihnen meine Anschauung in diesen Dingen auseinandersetzen. Ich teile die Frauen in vier Klassen ein, in Königinnen, Gouvernanten, Köchinnen und Dirnen. Die Königinnen sind berufen, zu herrschen. Die Männer sind ihre Unterthanen. Sie sind unbesiegbar, und ihr Adel ist deutlich und erkenntlich durch alles, was sie thun und unterlassen, was sie reden und schweigen. Die Gouvernanten-Natur, das ist die Erzieherin, die nur für die Kinder lebt, das Mutter-Weib, die Dulderin. Die Köchinnen-Natur, das ist die robuste Seele, die Hausfrau, die Helferin, höherer Dienstbote, Schlüsselverwahrerin, Sorgenbehälter, überhaupt die Repräsentantin des primitiven äußeren Lebens. Die Dirne, da ist nichts zu erklären. Sie ist das charakterlose Wesen, Geschöpf der Sinne, nichts als ein Werkzeug, eine Art Drohne, bestimmungslos, wertlos. Natürlich hat das alles mit den Einteilungen der Gesellschaft gar nichts zu schaffen. Dirnen kann es auf dem Thron geben, Königinnen in den Fabriksälen, Köchinnen von fürstlichem Rang und Gouvernanten unter den Straßen-Mädchen. Was ich will, ist, daß Sie Ihrer Bestimmung wenigstens nicht entgegenwirken. Und von dieser Bestimmung war ich fest überzeugt, von der ersten Sekunde, wo ich Sie sah, bis heute. Ich denke, Sie verstehen doch, was ich mit alledem sagen will?« »Es ist merkwürdig, es verwirrt mich,« erwiderte Renate flüsternd und schüttelte den Kopf. Die Dämmerung lag schon über der Landschaft draußen, und von fernher schallte Mädchengesang, welchem Renate mit einer wachsenden und unerklärlichen Unruhe lauschte. »Denken Sie sich einmal Folgendes,« fuhr Peter Graumann fort, und seine fanatische Stimme klang rauher, dumpfer. »Jemand verläßt eine lustige Gesellschaft abends, weil er früher aufbrechen muß als die Andern. Irgend welche wichtige Dinge veranlassen ihn, eine Reise zu unternehmen. Er kommt zurück und faßt eines Abends den Entschluß, jenes Haus wieder aufzusuchen. Alle Räume sind finster und still, doch zu seinem Erstaunen findet er jede Thür offen, die er zu durchschreiten hat. Schließlich kommt er in den Saal, den er vor Monaten plötzlich verlassen mußte, und der allein noch beleuchtet ist. Alle Leute sitzen noch am Tisch, genau so, wie sie waren, als er fortging. Es sind so und so viel Gesichter in den verschiedenartigsten Ausdrücken von Lustigkeit, Witz, Behaglichkeit, des Lachens, der Ironie. Aber er sieht näher zu und macht die fürchterliche Entdeckung, daß die Mienen erstarrt sind, daß die Lustigkeit, der Witz, die Behaglichkeit, das Lachen unveränderlich, steinern, lautlos in den Gesichtern haften, so lang er auch da stehn mag. Was haben Sie?« Renate machte eine unwillkürliche Bewegung des Grauens. Doch mit unerschütterlichem Ernst fuhr Peter Graumann fort. »Dieser Jemand, den ich meine, sind Sie selbst, Renate Fuchs. Die Gesellschaft, die Sie verlassen haben, – ich brauche darauf nicht einzugehen. Dasselbe würden Sie erleben, falls Sie wieder zurückkehrten. Nichts als Grimassen würden Sie wiederfinden. Und was Sie hier in dem Dorf treiben, was soll das? Wollen Sie alles gewaltsam ersticken, was Sie befähigt, zu herrschen?« »Aber was soll das, was soll denn das?« rief Renate unwillig und beklommen. »Kommen Sie mit mir.« Renate lächelte verächtlich. »Ah, das kenn ich. Da will ich schon lieber Dienstbote sein.« »Eine Antwort, auf die ich gefaßt war. Aber ich muß Ihnen sagen, ich bin weder ein Anselm Wanderer, noch ein Stefan Gudstikker. O, ich weiß alles. Ich winde keinen Jungfernkranz aus veilchenblauer Seide, noch verwandle ich meine Gefühle in Makulatur. Allerdings, man kann sich kaum in mich vergaffen, aber man hat Chancen bei mir. Ich werde nichts sein, als Ihr Impresario, Ihr Regisseur, Ihr Cassier. Mein Bruder hat mir, bevor er in die Anstalt ging, ein viertelhundert brauner Scheine überlassen. Der Junge ist verteufelt borniert und hat vor vier Wochen in Montecarlo achtzigtausend Francs gewonnen. Mit dem brüderlichen Geschenk also will ich in irgend einer Hauptstadt, wahrscheinlich in Wien, ein kleines Variete für Feinschmecker errichten. Eintrittspreis sehr hoch, Publikum hundert Personen. Von den Leistungen wird man reden müssen. Kurz und gut, Sie sollen der Star des Unternehmens werden.« Renate erhob sich blitzschnell und schüttelte sich wie im Fieber. Sie konnte kein Wort reden. »Denken Sie nicht, daß ich phantasiere,« sagte Graumann mit unterdrücktem Lachen. »Es wird nichts von Ihnen verlangt, was Sie nicht in drei Tagen lernen könnten. Die Einfachheit der Geschichte ist mein ganz besonderer Kniff. Mein Freund, der Clown Sonnenfeld aus Paris, hat sich schon für die Idee enthusiasmiert. Ich verspreche Ihnen nichts, hingegen biete ich Ihnen den Schlüssel an, der alle Thore des Glücks aufsperrt. Freilich kein Glück bei Kartoffelsalat und lyrischen Gedichten. Aber ich sehe, Sie nehmen kein Interesse daran –« »Nein, ich will nichts mehr hören,« erwiderte Renate zitternd. »Jetzt wissen Sie, wie mir zu Mut gewesen sein muß, daß ich von Anfang an –« Sie faltete die Hände und wandte das verzerrte Gesicht zur Seite. Peter Graumann seufzte, als bedauerte er, so viel Zeit verschwendet zu haben. "Ich bin noch bis übermorgen hier,« sagte er, begleitete Renate bis zur Straße, grüßte mit vollendeter Höflichkeit und ging, leise vor sich hinpfeifend, in die Bessemer Schenke zurück. 4. Es war Abend geworden. Die Luft im ganzen Thal war von schwüler Feuchtigkeit. Die Blumen, hellere Flecke in den Wiesen, sahen wie Augen aus der Dunkelheit, das Getreide stand schwer, manchmal flach gepeitscht vom Regen. Der Bessemer wohnte nicht in Bruck selbst, sondern eine Strecke amperabwärts. Renate, die nur Halbschuhe an den Füßen trug, fand das Gehen auf den nassen Wegen beschwerlich. Es gerieten ihr auch Steinchen in die Schuhe, und bei einem steinernen Muttergottesbild, das rings mit Rosensträuchen umpflanzt war, blieb sie stehen und klopfte den Schuh aus. Angelus schnoberte. »Was hast du denn, dummer Hund?« fragte Renate. Die Rosen dufteten so stark, als ob sie die ganze Landschaft mit ihrem Geruch erfüllen wollten. Plötzlich gewahrte Renate eine unbeweglich kauernde Gestalt zu Füßen der Steinfigur. Zuerst erschrak sie; als sie aber überlegte, daß es nur eine Andächtige sein könne, trat sie ein wenig näher und sie gewahrte nun im unsicheren Licht das Profil eines jungen Mädchens, offenbar einer Magd oder Bauerstochter. Die Züge waren voll inbrünstiger Andacht, die Linien der Gestalt waren unruhig. Sie schien das Knirschen des Sandes hinter sich gehört zu haben und wandte sich jäh erschaudernd um. Renate war erstaunt, Käthe hier zu finden, die sonst den ganzen Tag verträllerte. »Ei Käthe, was machen Sie denn, warum sind Sie denn fortgegangen?« Dem Gefühl Renatens nach war es nicht das Gebet einer Feierstunde, sondern die Qual einer Schuldbewußten. Käthe faßte sich und stammelte, daß sie ihren Liebhaber hier erwarte. In der That wurde, übergroß gegen den dunklen Himmel gezeichnet, die Gestalt eines Mannes sichtbar, der näher kam. Renate ging. Sie hatte, ganz in Gedanken, eine der Rosen gebrochen, die sie an den Gürtel steckte. Sie träumte vor sich hin; eine gutmütige Illusion ließ ihr die Frömmigkeit der Magd als etwas Unantastbares erscheinen. Vielleicht fiel sie noch in dieser Nacht, wußte es voraus, ängstigte sich, hatte doch nicht Gewalt über das Blut und verlangte von der Muttergottes ein Wunder. Und das Wunder, das man verlangt, ist oft zur Hälfte schon geschehen. Seltsam, daß dieser Satz in Renates Phantasie wie von Peter Graumann gesprochen klang. Sie mußte sich gestehen, daß sie jenem Mann gegenüber die Empfindung der Unentrinnbarkeit hatte. Eine Mischung von Furcht und Respekt machte die Vorstellungen von ihm haltlos und nebelhaft. Sie wußte schon nicht mehr, wie er aussah; in einem und demselben Gedankenkreis verlachte sie ihn und erkannte ihm etwas Ueberlegenes, ja Geniales zu. Seine Neuartigkeit war sicherlich nicht ohne Finesse. Renate nahm sich vor, ihn ironisch zu behandeln, griff sich dann an den Kopf, weil sie so die Möglichkeit fernerer Begegnungen vorausgesetzt hatte. Oft werden Menschen so aneinandergekettet: die bloße Existenz des einen kommt einer Gefahr gleich, die zu vermindern nur durch wachsames Beisammensein möglich scheint. In trübe Stimmung durch all das versetzt, langte Renate bei der Villa an. Im ersten Stock irrten Lichter umher. Als sie in den Pavillon trat, schlug auf einer großen Steh-Uhr mit dumpfen Schlägen die zehnte Stunde. Unter der Palme saßen die beiden jungen Herren, – allein. Sie standen wie auf einen Befehl von den Sitzen auf, als Renate eintrat. Sie sahen aus, als wollten sie mit den Blicken etwas vom Boden aufheben; jedenfalls sahen sie Renate nicht an, stellten sich, als hätte sie ihr Eintreten nicht sonderlich berührt. Sie schüttelte unmerklich den Kopf und sah sich etwas erstaunt in dem Raum um, der noch völlig die Vorgewitterluft aufbewahrt hatte. Das verhungerte Orangenbäumchen hatte es recht schwül, denn es sah aus, als nahte das Ende seiner Treibhaustage. Renate befahl dem Hund, sich in die Ecke zu legen, verließ den Pavillon und bemerkte, daß der Architekt ihr in einer Entfernung von etwa zehn Schritten folgte. Sie eilte in ihr Zimmer hinauf, denn sie erinnerte sich, daß sie vom Garten aus auch darin Licht gesehen hatte. Auf der Treppe stand Fanny-Elisa und schaute Renate unsicher forschend entgegen, ob sie es auch sei. Als Renate an ihr vorübergehen wollte, sagte sie barsch: »Bleiben Sie! Sie können nicht in Ihr Zimmer.« »Wieso?« fragte Renate befremdet und unwillig. »Das werden Sie bald genug erfahren,« erwiderte Fanny-Elisa und verschränkte herrisch die Arme über der Brust. Sie hatte offenbar ein paar Arme und Beine zu wenig, um das Königliche ihrer Pose völlig auszudrücken. »Wollen Sie nicht gefälligst in anderm Ton mit mir sprechen,« flüsterte Renate, der schon die Worte zu versagen begannen. "Ich glaube, wir werden überhaupt nur noch wenig zu reden haben,« sagte Fanny-Elisa schneidend. Denn »schneidend« wollte sie sein, ganz im Sinne der unnahbaren Heldinnen ihrer Lektüre. »Aber ich bitte Sie, was giebt es denn?« hauchte Renate beinahe flehend. »Man durchsucht Ihr Zimmer. Wir haben einen Commissär holen lassen. Die Diamantbrosche ist fort. Sie werden zugeben, daß der Verdacht gegen Sie sehr dringend ist. Es ist besser, Sie gestehen es ein.« Frau Samassa, auf den Treppenplatz tretend, hatte die letzten Worte gehört. Sie war erhitzt, stand da mit geblähten Backen, aufgestreiften Aermeln, hielt eine Ledertasche, die Renate gehörte, in der einen Hand, in der andern eine Kerze. »Wo treiben Sie sich herum?« herrschte sie Renate an. Gregor kam, sah Renate und hüstelte. Renates Gesicht war von einer Sekunde zur andern fahler geworden; jetzt hatte es einen grünlichen Ton. Die Augen waren weit aufgerissen. Es ist jedenfalls nur vorübergehend, das alles, dachte sie, hoffentlich bin ich gleich tot. Dann stürzten ihre Gedanken übereinander, und sie hatte das Gefühl, als ob sie nicht mehr sie selbst sei, sondern neben sich stehe. Diese Nebenstehende ging in das Zimmer, wo ein Mann vor dem erbrochenen Schrank kniete, nahm ihren Revolver, den sie noch aus der Zeit ihrer Jagden besaß, trat damit auf den Flur und erhob ihn zielend gegen die Samassas. Der Hahn knackte nur, aber die Weiber, zu denen sich auch, totenbleich vor Erregung, Gretchen gesellt hatte, kreischten um Hilfe. Dann sank Renate zusammen, und ihr Kopf schlug gegen das Treppengeländer. Der Architekt klatschte in die Hände, und der Assessor, der durch die Schreie heraufgelockt worden war, brüllte ganz grundlos: »Herr Commissär! Herr Commissär!« –»Haben Sie denn auch an das Dienstmädchen gedacht?« murmelte der Architekt finster. Frau Samassa rang die Hände und betrachtete ratlos den daliegenden Körper Renates. Fanny-Elisa blickte verzückt in die silbern flimmernden Sterne und dachte: es ist genau wie im Geheimnis der Lady Darkhome. Die beiden jungen Männer bemühten sich um Renate, trugen sie hinein auf ihr Bett. Im Laufe der Nacht kehrte ihr das Bewußtsein zurück. Gretchen, die im Grunde nicht ohne Gutmütigkeit war, wachte bei ihr. Doch blieb sie verlegen und stotterte am Morgen nur langsam die Mitteilung heraus, daß Käthe dem Commissär eine Beichte abgelegt habe. Ihr Geliebter, im Besitz des Schmuckes, war schon über alle Berge. Renate hörte das teilnahmlos an. Mitten im Zimmer hockte Angelus und betrachtete stumpfsinnig die verblühte Rose, die Renate gepflückt hatte, und die auf dem Teppich vor ihm lag. »Ich möchte aufstehn,« sagte Renate; »lassen Sie mich allein.« Gretchen ging. Unten wurde sie ausgefragt, aber sie machte sich wichtig ein Geheimnis zurecht. Renate war noch halb angekleidet, denn man hatte sie nur der Stiefel, der Taille und des Mieders entledigt. Erst konnte sie kaum gehen, doch als sie Kopf und Hals mit kaltem Wasser gewaschen hatte, fand sie sich frisch. Eilig frisierte sie sich, kleidete sich an, packte ihren Koffer und ihre Taschen, sperrte alles zu, stellte es ordentlich zusammen, wie es ihre Gewohnheit war, rief Angelus und ging mit ihm hinab. Gretchen stand am Hausthor und fragte sie bestürzt, wohin sie ginge. Die drei andern Samassas hatten sie schon die Treppe hinuntergehen gehört; sie waren durch Angelus' Bellen aufmerksam geworden. Hinter der Thüre standen sie und lauschten durch die Spalte wie Schulkinder, die dem Lehrer zu begegnen fürchten. "Ich gehe fort,« sagte Renate, als handle es sich nur um einen Spaziergang. »Mein Gepäck ist fertig droben. In einer Stunde wird der Träger kommen und es zur Bahn bringen. Adieu.« Sie verließ den Garten. Es schien in der Nacht noch geregnet zu haben, denn das Laub war naß, die Erde feucht, der Himmel bleiern. Ohne sich zu besinnen, schlug Renate den Weg zum Bessemer ein, als wäre es der unbesiegliche Entschluß nach längstvergangenen Erwägungen. Doch wußte sie kaum, was sie that, handelte nur im dumpfen Zugreifen. Wenn sie jemand am Arm gepackt hätte, sie zu fragen: wohin willst du? so hätte sie nicht Antwort darauf gefunden. Im Bessemer Garten saß Peter Graumann schon in aller Frühe beim Vier. Renate trat an seinen Tisch und sagte so hastig, als könne ihr ein Dieb die Worte entwenden, bevor sie gesprochen: »Hier bin ich. Ich gehe mit Ihnen. Thun Sie, was Sie wollen.« Peter Graumanns Gesicht nahm einen idiotischen Ausdruck des Erstaunens an. Die Virginia-Cigarre entfiel seinem Mund und sank zischend in das halbgefüllte Glas. Renate setzte sich tiefaufseufzend auf die Bank, rief Angelus und befestigte mechanisch die Leine an seinem Halsring. 5. Alles was in den folgenden Tagen geschah, ließ Traum und Wachen untrennbar durcheinanderfließen. Tag und Nacht malten ihre Farben nicht viel schärfer in die Seele, als der Reflex in der Finsternis, den man zerrinnen sieht, wenn ein Licht rasch verlöscht wurde. Der Lauf der Stunde unterschied sich durch kein vergleichendes Maß von dem der Nachbarstunde. Sie alle huschten schattenhaft vorbei. Erinnerung klärte nichts und trübte nichts, und ein paar übriggebliebene Wünsche flogen auf, unruhige Vögel aus plötzlich geöffneten Käfigen, verschwanden auf Nimmerkehr. Irgendwo im Umkreis stand Peter Graumann; wichtige und eindringliche Reden waren ihm Bedürfnis. Irgendwo war auch Angelus, nicht vergnügt, nicht mißgestimmt, stets hungrig, stets neidisch auf Hunde, die es anscheinend besser hatten. Peter Graumann hatte Gesellschaft in München; er blieb immer sitzen, bis der letzte aufgebrochen war, damit die Zurückbleibenden nicht über ihn reden konnten, wie er über die Frühergehenden redete. Er verachtete alle, und es gab vielleicht im ganzen vier lebende Männer auf der Erde, die vor ihm bestehen konnten. Anders hielt er es mit den Frauen. Aus ihrem Gang schloß er auf ihre sinnlichen Fähigkeiten; im Rhythmus ihrer Schritte vermochte er die feinsten Schattierungen des Charakters zu erkennen. Seine unveränderliche, gepreßte, etwas atemlose und altmodische Höflichkeit verdeckte den teuflischen Hohn einer zuversichtlichen Skepsis; sein übertriebenes Pathos war die Tapete auf einer durchlöcherten Wand. In einer einzigen Stunde war er Weltmann, Moralist, Zigeuner, Blagueur, Artist, Cyniker und Philosoph. Durch Aeußerlichkeiten ließ er sich blenden; Raffinement lag ihm näher als Natur. Den einfachen, geradlinigen Leiden brachte er keinerlei Verständnis entgegen. Die Gefühle, die er äußerte, waren nicht einfache Töne, sondern Oktaven. Renate blieb ihm gegenüber in einem Zustand von Willenlosigkeit, der ihr ganzes Wesen veränderte. Drei Tage waren sie in der Stadt, aber sie hatte nicht einmal das Zimmer des Hotels verlassen. Sie hatte Bücher, um zu lesen, wandte Blatt auf Blatt um, stundenlang, doch wenn sie aufhörte, wußte sie nicht mehr vom Inhalt, als ein paar gleichgiltige Wendungen, die zufällig in ihr Bewußtsein gedrungen waren. Sie stand am Fenster, sah die Straße hinunter. Doch welche Straße es war, welches Haus es war, worin sie sich befand, war nicht des Nachdenkens wert; da liefen Leute, einmal schien die Sonne, einmal regnete es; Hunde bellten, Kutscher schrieen; ein Kellnerbursche stand vorm Thor; seltsam, daß sie das alles sehen konnte. Dann kam wieder eine lange Fahrt im Eisenbahnwagen. Die Räder schmetterten, wenn das Fenster offen, und rollten dumpfer, wenn es geschlossen war. Wälder und Seen, Flüsse und Wiesen huschten vorüber, Rinder trotteten am Rande langer Straßen hin, und in den Feldern standen hochbeladene Wagen. Die Berge wuchsen empor über dem Horizont, und dann war plötzlich der Bodensee da. Renate lachte und schwatzte viel während der Ueberfahrt, nicht mit Graumann, sondern mit einigen Reisenden und ihren Damen, welche aussahen, als kämen sie aus fernen Ländern und allzuviel Bewunderung kundgaben für das, was sie sahen. Der See war gelbgrau, die Wogen waren lebhaft. Die Berge schienen in das Wasser hineinzuschreiten, als es dämmerte, und Renate stand neben dem Steuermannshaus und blickte gegen Westen. Dort lag Constanz, eine Stadt, gefährlich für junge Träumerinnen. Vielleicht hätte man bei Tag eine Turmspitze zu sehen vermocht, aber der Abend verbarg und verdunkelte die Ufer. Peter Graumann lehnte am Mast und zündete eine Virginia an. Das brennende Hölzchen erhellte flammend seine Züge, wie damals, – Renate wandte sich ab, kniff die Unterlippe krampfhaft zwischen die Zähne, sah ins Wasser hinab, in die rauschende Gischt beim Steuerrad. Die Mitreisenden waren sehr lustig. Ein junger Geck mit fahlen Wangen und dem unverschämt-neugierigen Blick des Cocotten Don Juans las aus einer Zeitung den Vergnügungs-Anzeiger von Zürich vor, dessen Magerkeit dem Scherz manche Blöße bot. Der junge Herr sagte mit einem unsicheren Augenzwinkern gegen Renate: »Wir müssen Studentinnen dort kennen lernen. Das soll sehr ulkig sein.« – »Ja!« riefen die drei Damen begeistert. – »Es ist nicht leicht, welche zu bekommen, meine Herrschaften,« mischte sich Peter Graumann ins Gespräch. »Einige kann ich Ihnen aber vorführen. Sie fressen mir aus der Hand und verstehen sich auf possierliche Kunststücke. Eine z. B. kann Eier ausbrüten, wenn sie lange genug sitzt, eine Andere kennt die Geschichte der Renaissance. Curiose Geschöpfe.« – An die Stelle der Munterkeit trat Schweigen in der Gesellschaft. Der fahle Geck trat von einem Bein aufs andre wie ein Storch. Graumann legte seinen Arm in den Renates und ging mit ihr an der Brüstung auf und ab. Dann wieder Eisenbahnfahrt, doch beide waren allein. Zu den Fenstern glotzten allerlei Fratzen herein, schadenfrohe und mitleidige Gesichter, drohende und prophetische. Die Landschaft war schwarz wie der Weltraum. Renate legte sich auf die schmale Sophabank und sah starr in die Höhe, während Graumann ihr zugeneigt saß und sie mit Blicken förmlich einsaugte. »Göttin,« flüsterte er. Als Renate in sein Gesicht schaute, verfärbte sie sich über dessen besitzes-stolzen, rechnenden und zugleich listigen Ausdruck. »Wo hatten Sie denn damals den Revolver bei Samassas her?« fragte Graumann. Erst fand sie keine Antwort, so verblüfft war sie; in derselben Minute hatte sie mit einem bittern Gedanken an jener Waffe gehangen. »Es ist ein Geschenk meiner Schwester,« antwortete sie mit Widerstreben. »Ich habe ihr dafür zwei Märchenbücher von mir geschenkt.« »So? So? Märchenbücher?« »Es waren meine liebsten Bücher.« »Bilderbücher wohl?« »Wenn Sie auch höhnen, das ist mir gleichgiltig.« »Oh! Ich nehme den größten Anteil daran. In diesem Augenblick schenken Sie mir das dritte Märchenbuch, das unsichtbare in Ihrer Brust, und ich gebe Ihnen auch eine Waffe dafür, eine unfehlbare: das Bewußtsein Ihrer Schönheit, Ihrer Macht, Ihres Wertes.« »Danke. – Wann wird einmal die gräßliche Fahrt zu Ende sein? Meinem armen Hund ist schon ganz schlecht.« »Um elf Uhr sind wir in Zürich. Kennen Sie die Stadt?« »Nein.« »Die Menschen darin sind Viehfutter. Die andern Nationen lagern ihren Kehricht dort ab. Wobei bisweilen aus Versehen auch eine Perle mit hineingerät. Morgen beginnen wir zu arbeiten. Ich habe auch meine Angelegenheiten zu ordnen. Woran denken Sie jetzt?« Renate schüttelte den Kopf. »Es ist möglich, daß Gertraud Werkmeister am Bahnhof wartet. Seien Sie freundlich mit ihr.« »Wer ist es?« »Eine von denen, die aus der Hand fressen. Studiert Nationalökonomie, dreißig Jahre alt, sehr verblüht, ziemlich gescheit. Ihr Vater ist ein Bauschwindler gewesen und saß lange im Zuchthaus. Ihre Mutter war eine der bekanntesten Dirnen Europas. Dadurch ist das Gemüt der Tochter finster geworden. Sie leidet an krankhafter Ehrlichkeit und Gottsucherei. Sie hat ein Verhältnis mit einer gewissen Viktoria Schönau –« Erstaunt und furchtsam sah Renate in das Gesicht Peter Graumanns, der ein sarkastisches Grinsen verbarg, indem er die Hand vor den Mund hielt. »Ja, Sie werden da die merkwürdigsten Exemplare sehn, Leute, die anderswo keine Luft zu atmen bekommen. Der Mann der Schönau ist ein ruinierter Spieler, leidet an Monomanie der mathematischen Berechnung von Glückschancen. Lauter Leute, die keinen Zusammenhang mehr mit der Welt haben, Insulaner. Jeder glaubt, er könne noch Revolutionen machen oder die Gesellschaft reformieren. Benehmen Sie sich kalt. Sprechen Sie nichts. Machen Sie sich geheimnisvoll. Zeigen Sie keine Teilnahme. Von heute ab sind Sie Renee Lusignan. Das klingt, als hätten Sie sich eines Adelsprädikats beraubt, erinnert an alte französische Grafengeschlechter. Der neue Name wird viele der alten Eigenschaften vertreiben, die Ihnen hinderlich sind. Dergleichen hat mehr Einfluß, als man glaubt.« Renate hatte die Augen geschlossen und hörte, hörte. Der Hund hatte zu winseln begonnen, als ob das Gespräch, sein Unbehagen erregt hätte. Graumann befahl ihm, ruhig zu sein, aber der Erfolg war gering. »Was fehlt der Bestie?« fragte er Renate, die Angelus mit leichten Liebkosungen zu beruhigen suchte. »Die Fahrt wird ihm zu lange dauern,« erwiderte sie mit entschuldigendem Lächeln. Doch Graumann gab ihm einen Fußtritt in die Weichteile, worauf der Hund entsetzt aufsprang und mit verdrehten Augen ein trauervolles Geheul anstimmte, welches das Stampfen der Räder laut übertönte. Ein allgemeiner Weltschmerz schien ihn erfaßt zu haben oder ein Vorgefühl von Unglück. Aber Peter Graumann nahm seinen Stock, kniff den Mund zusammen und begann aus allen Kräften auf das Tier loszuschlagen. Renate streckte bittend die Hand aus, dann fing sie am ganzen Körper zu zittern an, schaute willenlos zu. Als Graumann fertig war, blieb Angelus auffallend ruhig. Renate streichelte ihn, er ließ es ruhig geschehen, bezeigte durch nichts seine Dankbarkeit oder Freude, blickte die Herrin nicht an. Renate empfand einen Schmerz, den sie heldenhaft verbiß. »Welche Rasse ist es?« fragte Graumann herzutretend, mit vollkommener Ruhe. Sie antwortete erst nicht, fühlte aber seinen Blick, der sie allmählich zwang, ihn anzusehen. Sie entgegnete sanft wie eine Schülerin: »Ein englischer Hühnerhund ist es. Er ist so klug und versteht jedes Wort.« 6. Von Unterstraß aus konnte sie die Stadt überschauen, die blaue Limmat mit ihren Brücken, die Fraumünsterkirche und die Wasserkirche mit ihren Türmen. Drüben lag der grüne Uetliberg und wie Glas dehnte sich der See gegen Süden, – bleiglänzend in der Sonne, silbern in hellen Nächten, blau an den späten Nachmittagen, golden am Abend. Dann die Schwyzeralpen, mit fahlgrauen Schneehauben den Himmel berührend. Alles konnte Renate vom Fenster ihrer Zimmer aus sehen, jedoch empfand sie kein Interesse daran, war mit anderen Dingen beschäftigt, hatte ausgiebige Toilettensorgen, und zwei Pariser Schneiderinnen hatten wochenlang vollauf mit ihr zu thun. Schon deshalb war in den Augen der Studentinnen Renee Lusignan ein Gegenstand der Neugierde, und man suchte ihre Gesellschaft. Das einzige, was ihr naheging, war, daß Angelus unversöhnt an ihrer Seite lief. Er war wohl gehorsam, mehr als früher sogar, aber er gab keine Beweise von Zärtlichkeit mehr, kratzte nicht mehr des Morgens am Bett, und er knurrte nicht mehr, wenn Besuche kamen, von denen er annahm, daß sie seiner Herrin nicht willkommen sein möchten. »Er spricht nichts mehr mit mir,« sagte Renate zu Gertraud Werkmeister, und lächelte mit feuchten Augen. Gertraud Werkmeister war tägliche Besucherin. Ihr Wesen war etwas sauersüß. Ihr Gang war vernachlässigt (absichtlich watschelnd), wie alles an ihr vernachlässigt war. Eine dürftige Kleidung schlotterte an ihrem Körper, und die kurzgeschnittenen Haare gaben dem Gesicht trotz seiner Blässe etwas Pausbäckiges. Schön waren nur die Augen in ruhigen Minuten. Sonst lag ein unveränderliches: »wie schlau bin ich, daß ich euch durchschaue« darin. Sie besuchte fleißig die Kollegien, schrieb, experimentierte, spielte Karten, rauchte, – alles wie mit aufgestreiften Aermeln. Immer war sie bemüht, ein treffendes Wort zu sagen, Menschen oder Dinge mit koketter Kürze zu kennzeichnen. Sie hatte von Graumann über Renates erste Flucht aus dem Elternhause gehört und sagte zu ihr: »Wie unschuldig und phantasievoll müssen Sie gewesen sein, um das zu wagen.« Und mütterlich-freundlich zeigte sie ihre weißen Zähne. Sie gingen am See entlang, denn es war eine Art Wasserfest heute. Renate nickte zu der klugen Phrase und betrachtete prüfend die Kleider einiger Engländerinnen, die eben geschwätzig in ein Boot stiegen. »Es ist ein dunstiger Abend,« sagte sie. »Nun passen Sie auf, wenn das Feuerwerk kommt!« rief eine junge Studentin rückwärts, die den komischen Namen Holzgetan führte, Ella Holzgetan. Sie hatte ein wenig den Edelmuts- und Verlassenheitswahn, geberdete sich unaufhörlich, als wolle sie den Kopf durch den Aermel stecken, war vielleicht zwanzig Jahre alt, sah aber bisweilen greisenhaft aus, wenn ihre Züge erschöpft waren von Lauern, von Verächtlichkeitsgrimassen, von gespielter Aufmerksamkeit, gespielter Müdigkeit. In der Mitte des Sees flammten bereits Raketen auf. Die Herren wollten ein Boot mieten, doch Graumann, der an Wasserscheu litt, verhinderte sie daran. Sie kauften Lampions und suchten einen feierlichen Aufzug zu veranstalten, alles eigentlich um Renates willen, die ein wirkliches Liebesfieber unter die Gesellschaft gebracht hatte. Sie selbst schien es nicht zu wissen, schien die Worte nicht zu hören, die man schmeichlerisch oder dringend, pathetisch oder empfindsam ihr zuflüsterte. Sie ermunterte weder, noch ermutigte sie. Herr von Tyrstey nannte es degouter l'amour, aber sich selbst nannte er den Liebessklaven und wich nicht von Renates Seite. Er war eine Art Student, soweit er nicht Abenteurer war, schien viel Geld zu besitzen; man sagte, sein Vater sei der erste Goldgräber in Alaska gewesen. Einer war da Namens Birnbaum, ein flüchtiger Getreidehändler aus dem Bayrischen, und zwei Leute aus Westfalen, Söhne von Kohlenwerksbesitzern. Sie hatten beide wegen Majestätsbeleidigung die Heimat verlassen müssen. Dann gab es ein paar russische Nihilisten, welche knollige Nasen und zu kurze Lippen hatten. Alle waren Spieler, haßten die Arbeit, gaben der Nacht vor dem Tag den Vorzug, waren elegant bis zur Verdächtigkeit. Der Mann der Schönau wurde frech, wenn er im Spiel verlor, hatte unzählige Herausforderungen, die nicht einmal bis zum Stelldichein gediehen. Drei von den Damen sollten an der Tonhalle erwartet werden, was Jedem willkommen war, denn man fand es zum Gehen zu schwül. Aber es kamen nur Camilla Schunk und »die Eule«. Agnes Heine sei zu Hause geblieben, sei nicht aus ihrem Brüten zu wecken. »Man muß ihr einen Mann schicken,« sagte Graumann energisch und grinsend. Camilla strafte ihn mit finsterem Schweigen. An ihr war nichts mehr weiblich. Ihr professorales Wesen, welches ungefähr die Mitte hielt zwischen einer Hebamme und einem alten Astronomen, war für nichts mehr empfänglich und entflammbar, als für die Frauenbewegung. Sie reiste oft in Deutschland umher und hielt Reden, war durchaus unterrichtet, durchaus ernst und überzeugt, durchaus geschlechtslos. Dagegen war ihre Freundin, die Eule, eine Dame der schönen Künste. Sie hatte ihren Mann zum Selbstmord getrieben, weil er nicht so berühmt werden konnte, als sie es wünschte. Sie hatte eine große Fertigkeit darin, ihre Augen schwärmerisch zu verdrehen, war boshaft, scharfsinnig und wußte sich zu kleiden. Es hieß, daß vom Zürichberg Raketen fallen sollten, und Baron Tyrstey bestätigte es. Er schäkerte mit Renate und sie lachte zu seinen Späßen. Gertraud Werkmeister hatte ein wissenschaftliches Gespräch mit der Eule, die Russen vergnügten sich, indem sie ihre Lampions ins Wasser warfen und neue kauften. Peter Graumann schritt einsam voraus in der Haltung eines Gefangenen-Aufsehers. Renate sah beständig auf seinen Rücken, während sie sprach. Sie sprach viel und schnell, und man sagte ihr, daß sie Geist und Beobachtungsgabe besitze und wer weiß was noch. Sie hatte sich eine sonderbare Manier des Zuhörens angewöhnt, einen Zug hämischer Ironie. Wenn sie an einer Behauptung zweifelte, drückte sie das rechte Auge zu und ließ die Zungenspitze sehen. Als sie gewahrte, daß es häßlich war, freute sie sich. »Jetzt wollen wir ein Boot nehmen!« rief Renate, am Ufer stehend. »Wir brauchen mindestens fünf,« sagte der Getreidehändler wichtig und unternehmend. »Wozu denn? Wir sehen ja alles von hier aus,« entgegnete Schönau verdrießlich, den grauen Cylinder schief setzend. Er war ungeduldig, weil die Stunde des Hazards nahte. Tyrstey nahm für sich, Renate und die Eule eines der kleineren Fahrzeuge. »Fräulein Lusignan erinnert mich an eine Figur von Gontscharow,« sagte einer der Russen schläfrig, als jene schon auf dem See schwammen. »So? So? Wollen Sie nicht Ihre schöngeistigen Kenntnisse für sich behalten?« erwiderte Graumann giftig-liebenswürdig. Gertraud Werkmeister und Viktoria Schönau hielten sich zärtlich umschlungen und sangen den »Leiermann«. Auch die auf dem See drüben hatten Gesang. Die Eule liebte es nämlich, auf dem Wasser melancholisch zu sein. Ueberall blitzten Lichter, ins Wasser tauchend, aus dem Wasser sprühend; aus einem Kahn von fernher klang ein Volkslied, aus einem andern eine Mandoline. Am Hottinger Ufer stiegen Raketen, Hunderte von Booten krochen stumm über den klaren Spiegel, behängt mit kleinen, feurig-roten Ballons. Tyrstey erzählte Komisches von Agnes Heine, die nicht mitgekommen war. Aber er geriet in Verlegenheit, da sich das Thema als zu ernst erwies. Renate wußte, welche Bewandtnis es mit Agnes Heine hatte, kannte sie. Ein stilles, sanftes Mädchen, jeder Eingebung folgend, welche die innere Freiheit ihrer Natur vermehren konnte, war sie von einer Reinheit in Gedanken und Worten, die ohne Wissen und Vorsatz die Geberden und Handlungen eines Jeden beherrschte, in dessen Nähe sie sich befand. Sie war völlig allein, hatte weder Eltern, noch Schwestern und Brüder, nur ein paar sogenannte Freunde und Freundinnen, denen sie durch die immerwache Ahnungskraft ihrer Seele mit Grund mißtraute. Fremd und nicht begreifend stand sie im Leben und wußte doch über Dinge und Menschen Bescheid auf dem Weg eines unmittelbaren und heftigen Gefühls. Dieses Mädchen kannte nur Eine Sehnsucht, Einen Trieb, Ein Vollbringen, Ein Glück: ihr Studium. Das war ihr Wachen, ihr Traum und ihr Halt, und obwohl ohne Fähigkeit wissenschaftlichen Erkennens, ja sogar ohne ordnende Gabe des Verstandes, ersetzte sie solche Mängel doch durch die Leidenschaft, mit der sie sich dem Studium der Naturwissenschaften hingab, um in immer neues Staunen zu geraten über die große Mechanik der Kräfte und der Gesetze, und jede mathematische oder chemische Formel war für sie ein heiliges Wunder. So gewann sie durch Empfindung im Großen und von innen heraus, was der männliche Geist durch Beobachtung und zweckmäßige Anordnung langsam erlernt und ergrübelt. Was die andern Studentinnen durch einen Mangel, durch Laune, durch Fügung der Umstände, durch Selbstbetrug oder durch Koketterie waren, das war sie durch Bestimmung und Beruf. Weder ihre Jugend, noch ihr hübsches Gesicht, noch ihre feine Gestalt hatten je eine Stunde des Zögerns und der Ungewißheit gebracht. Und nun galt es seit einigen Wochen für ausgemacht, daß Agnes Heine erblinden würde. Sie selbst wußte, daß es unabwendbar war und blickte, innerlich wie gelähmt, der Katastrophe entgegen. Noch wie früher brannte ihre Studierlampe bis über Mitternacht hinaus, aber man wußte, daß sie nicht mehr bei den Büchern saß, sondern trübsinnig vor sich hinstarrte. Als Renate mit der fremden Studentin beisammen war, gerieten ihre Gefühle in eine Verwirrung, die durch Nachdenken noch verschlimmert wurde. Jetzt wußte sie. Sie hatte sich selbst erblickt wie in einem Spiegel, der ein Bild aus früherer Zeit aufzubewahren vermag. So mußte sie selbst gewesen sein, so sanft, anscheinend wehrlos, erwartungsvoll und glaubensernst. Und jetzt? Wenn in der Nacht Peter Graumann auf Filzsohlen kam, den Rest einer Virginia im Mundwinkel, eine unsichtbare Peitsche in der Faust –? Und wenn sie bei Tag umherging, sich selber fremd, nur selten und in nebelhaften Umrissen die Frühere gewahrend? Mit immer frischen Lügen ausgestattet, so wie man mit Kleidern und Hüten versehen ist –? 7. Die Herren wurden zu einem der Probestücke von Renee Lusignans geheimnisvoller Kunst geladen. Für die Mitte des September war schon die Abreise geplant. Renate war gegen den See hinausgezogen, eine Viertelstunde von Hirslanden entfernt; die Sittlichkeit der Stadt verbot es, daß sie mit Graumann in einem Haus wohne. Jetzt lag ihr Heim mitten im Grün; wenn sie den Arm aus dem Fenster streckte, konnte sie Büschel von reifen Weichseln pflücken, die an der Mauer emporwuchsen. Die Probe fand statt und verblüffte so, daß von Beifall zunächst nicht die Rede sein konnte. Peter Graumann stand und kicherte in sich hinein, sah aus wie ein Kater, der von einem erfolgreichen Nachtspaziergang zurückkehrt. Renate, totenbleich, an allen Gliedern zitternd, wandte keinen Blick von seinem Gesicht und fühlte sich erleichtert, da er befriedigt schien. »Es ist sehr heiß« sagte sie mit scheuem Lächeln, als Schönau sie ansprach, den es drängte, sich zu überzeugen, ob sie es denn wirklich sei, – wie die jungen Mädchen, die zum Bühnenausgang eilen, um das Straßengesicht des Schauspielers zu sehen. »Aber Sie werden doch heute von der Partie sein,« sagte Schönau. »O ja. Wer geht noch mit?« »Die gewohnte Gesellschaft. Wir haben auch Agnes Heine dazu gebracht, daß sie mitkommt, denken Sie nur.« Pünktlich versammelte man sich am Quai. Die Eule trug einen Rembrandthut mit einer gelben und einer weißen Feder; Camilla Schunk und Gertraud Werkmeister trugen siebenmal gewaschene Kattunkleider, die bei jedem Schritt wie Papier knisterten. Dagegen waren die Männer uniform mit weißen Flanell-Anzügen bekleidet, die jetzt für sehr elegant galten. Agnes Heine ging etwas abseits, dicht am See. Sie trug eine Brille mit schwarzen Gläsern, und man konnte beobachten, daß jeder in der Gesellschaft in bestimmten Pausen nach ihr hinblickte. Sie selbst kümmerte sich um Niemand, antwortete kaum auf Fragen, suchte den Gesprächen auszuweichen. Ihre Gestalt war so biegsam und graziös, daß ihr Gang völlig den Eindruck des Mühelosen machte. »Es kommt ein Wetter,« sagte die Eule mit unnatürlich erweiterten Augen. »Ich beobachte die schwarzen Wolken schon seit Stunden.« »Wir sind auch viel zu spät fortgegangen,« murrte Viktoria Schönau. »Es ist gleich Abend.« »Camilla hatte Colleg, Agnes haben mir aus dem Laboratorium geholt, sogar Aksakow war fleißig heute.« Aksakow, ein Mensch von bemerkenswerter Häßlichkeit, grinste affenhaft. Die Tropfen klatschten schon in den See. Es war eine düstere und vereinsamte Gegend hier. Weit zurück lag die Stadt, der See war in ganzer Breite von schweren Dünsten bedeckt, die Berge verschwanden in Wolken. Die kahlen Felsen, die vom Ufer aufwuchsen, hatten keinen schützenden Ort, doch wußte Graumann ein Haus, das nur hundert Meter weit entfernt vor einem Steinbruch lag. Das Haus erwies sich fast als ausgestorben. Ein uralter Mann kam durch einen langen Flur und bemerkte mit Mißbilligung die Schar der Gäste. Nur mit Mühe war aus ihm herauszubringen, daß das Gebäude, früher ein Wirtshaus, jetzt abgetragen werden sollte. Seine Kinder und Enkel seien schon ausgezogen, er bleibe bis zuletzt. »Mer went uffecho ins Wallis,« fügte er düster hinzu. »Wo darf man sich aufhalten in diesem Schloß?« fragte Tyrstey souverän. »Er markiert den Don Ouichotte,« bemerkte Camilla bissig. »Erhitzen Sie sich nicht, teure Maritornes.« »Wir sollten in unseren Beschimpfungen weniger gebildet sein,« sagte die Eule müd. Indessen war Graumann, dem sich alle schweigend unterordneten, nach dem großen Saal vorangegangen, der als Tanzraum gedient hatte. Die Kohlenwerkssöhne sprangen sogleich auf das Podium und fingen an, schrecklich zu singen. Renate fand es trübselig, dumpf und dunkel; jeder Schritt hallte von den Wänden zurück. Es regnete wolkenbruchartig. Alle lachten, waren laut, witzig, suchten angenehm und liebenswürdig zu sein, doch war es im Grunde nur Bedrücktheit. Dazu kam, daß alle Frauen auf Renate eifersüchtig waren, die von den Männern mit stummer Gier umstanden wurde. Jeder wollte wenigstens ein Wort von ihr für sich allein besitzen. Schönau warf Spielkarten auf den langen Tisch; auch Graumann hatte Karten mitgebracht. Gertraud und Camilla wanderten auf und ab, besprachen die Nachricht von der Ankunft Darja Blum-Neanders. Die Schönau bemerkte, daß Agnes Heine verschwunden sei und erschreckte die Gesellschaft damit. Renate gab Auskunft. Kurz vor dem Regen habe ihr Agnes gesagt, daß sie nach Hause zurückgehen wolle; Renate möchte es später den Andern mitteilen. Renate berichtete es mit bleierner Stimme, den Blick förmlich versteckt. »Aber sie kann doch bei dem Unwetter nicht gegangen sein!« rief Viktoria Schönau, während die Männer schon zu spielen begannen, und zwar polnische Bank, an der sich auch die Damen beteiligen sollten. Doch die hatten sich an die Fenster verteilt und blickten hinaus, obwohl der Regen eine graue Wand bildete. Aksakow brachte Kerzen von unten herauf, deren erbärmliches Licht höchst sonderbare Schatten auf den Fußboden malte. Tyrstey setzte hundert Franken auf zwei Könige und einen Zehner in zwei Farben. Er gewann. »Sie ruinieren mich, lieber Millionär,« sagte Peter Graumann, mit der Zunge schnalzend. Renate saß ziemlich abseits, auf dem Trittbrett des Podiums. Ihr war, als ob aus der Dämmerung langsam ein Vermummter auf sie zukäme, um sie zu fragen, wo sie denn eigentlich sei. Und sie ging an ein mühevolles Zurückbesinnen. Fremde Leute ringsumher. Wie wunderlich, daß sie redeten und sich bewegten wie in Wirklichkeit. Rauschte der See und klatschte der Regen, so erhob sich draußen eine unbestimmte Kunde, die in gemessenem Tempo die Thüre des Tanzsaals überschritt. Die Eule hatte Lust bekommen, ihr Glück zu versuchen und setzte zwanzig Rappen auf zwei Asse. Renate dachte, daß alle diese vielleicht nicht spielen würden, wenn sie Agnes Heine beim Abschied gesehen hätten. Durch die schwarzen Brillengläser hindurch hatte Renate die Augen des Mädchens gewahrt: Wenn der Entschluß etwas körperlich Erkennbares ist, war das seine Gestalt und sein Wesen. Und als das Mädchen fort war, dachte Renate: jetzt geht Renate Fuchs und bleibt Renee Lusignan, eine abenteuerliche Figur, eine Erdichtung, ein Schatten, Dienstbote eines fremden Willens. Sicher war: Agnes würde nicht nach Hause gehn. Und Renate saß und wartete auf Nachricht, wo Agnes denn hingegangen sei. Tyrstey gewann schon das dritte Tausend. Schönau wurde bereits frech, setzte den Hut auf, redete anzüglich, weil er verlor. Die Studentinnen langweilten sich. Die Eule setzte sieben Rappen. In einer Bewegung, von der sie glaubte, daß sie sich dem ganzen Raum mitgeteilt hätte, trat Renate zum Tisch, sagte, sie wolle mitspielen. Tyrstey nahm die Bank, gab Karten. Graumann machte ein saures Gesicht zu seinem Bankrott. Da auf Renates Mienen etwas Besonderes lag, näherten sich Camilla und Gertrud unwillkürlich. Viktoria Schönau blickte ihren Mann haßerfüllt an. Sie hatte auf eine neue Herbsttoilette gerechnet. »Tausend Franken,« sagte Renate leise. Sie hatte zwei Buben und Pique-Acht. »Sie sind wahnsinnik,« flüsterte der Russe. Tyrstey schlug Pique-Sieben und zählte gutmütig lachend das Geld ab. Bei der nächsten Runde setzte Renate das Doppelte. Sie stand unbeweglich; die Damen wagten vor Erregung kaum zu atmen. Sie gewann. Peter Graumann verließ seinen Platz und stellte sich neben sie. Sie setzte von neuem das Doppelte. Sie gewann. Alle Uebrigen verloren. Schönau lümmelte sich mit verkniffenem Mund weit über den Tisch und sang. »Zwanzigtausend in der Bank,« sagte Tyrstey mit vollkommener Ruhe. –»Zwanzigtausend,« sagte Renate mit leerem Lächeln. Tyrstey erblaßte, als sie mit der Dame überstach. Sie schüttelte sich fröstelnd. Man hörte den »Schloßherrn« im Flur Holz hacken. Der Regen war schwächer geworden, die Spitzen der Berge ragten wieder über die Wolken hinaus. Renate zuckte konvulsivisch zusammen, indem sie einen langen Blick in den Saal warf. »Habt ihr seinen Schrei gehört?« »Einen Schrei? Nein.« »Doch. Vom See hat Jemand geschrieen.« »Weiterspielen!« schrie Schönau mit blutunterlaufenen Augen. »Die Seherin von Hirslanden« spöttelte Camilla. Fünfzehntes Kapitel 1. Ella Holzgetan, die Ruhelose, hatte den Ehrgeiz, Renate mit all ihren Freundinnen bekannt zu machen. Es gab da Dicke und Dünne, Blonde und Schwarze, Alte und Junge, und Renate fing an, eine gewisse Kühle und oberflächliche Ironie zu üben, die jede herzliche Annäherung verbot. Aber unter den Blonden war auch Darja Blum-Neander, Doktorin der Medizin, und unter den Schwarzen Miriam Geyer. Beide waren nur auf der Durchreise hier, wollten den Winter in Wien verbringen, die Aeltere, um sich einige Monate der Ruhe zu gönnen, Miriam Geyer, um dort Kollegien zu hören und um mit ihrem Bruder zusammenzutreffen. Darja Blum hatte die erste Jugend hinter sich; sie war vielleicht vierunddreißig Jahre alt, lebte von ihrem Mann getrennt, dessen tiefe Gelehrsamkeit auf dem Gebiet der orientalischen Sprachen mit einem außerordentlichen Mangel an körperlichen und sinnlichen Fähigkeiten verknüpft war. Ihr Großvater war dänischer Etatsrat gewesen, ihr Vater, ein Flüchtling, hatte in zweiter Ehe eine Lübecker Köchin geheiratet und lebte mit ihr in abenteuerlichen Verhältnissen im Land herum. Sie hatte etwas verschwommene Züge, die hübsch sein konnten und liebte es, sich in träumerischen Posen photographieren zu lassen. Sie war eine Dichter-Natur, neigte aber sehr zu philosophisch-lyrischen Abstraktionen, und für keines ihrer Probleme war der Himmel zu hoch. Ihre Gespräche hatten einen wunderlichen Zug ins Romantische und oft waren Dinge, die sie in der Unterhaltung aufwarf, so fein oder so dünn, daß ein zupackender Geist nur nach Schemen griff. Dabei liebte sie Kneippkuren und das Turnen, wie überhaupt alles Sportliche. Miriam Geyer war ein blasses Mädchen von ungewöhnlicher Ruhe und Bestimmtheit. Schon ihr Blick gab zu erkennen, daß sie ein Ziel verfolge, und daß sie nicht gewillt sei, Seitenwege einzuschlagen. Sie konnte scherzen, doch nicht aus einer Laune oder Stimmung, sondern wie man Geschenke macht. Sie vergötterte ihren Bruder, Agathon. Die Beiden saßen in Renates Zimmer noch, als Peter Graumann gegangen war, der Frau Darja nicht leiden konnte. Miriam sagte, wenn die Geschichte mit Agnes Heine nicht passiert wäre, dann wäre sie vielleicht bis zum Januar in Zürich geblieben. »Das könnte bei mir nichts hinzuthun,« bemerkte Darja. "Für mich zerbricht der Tod nichts. Im Gegenteil. Menschen, die mir lieb waren, sind mir dann auf einmal ganz, nahe. Genau wie wenn ich Musik gehört habe. Beim Hören selbst bin ich viel zu beschäftigt. Man muß nur den Tod nicht traurig nehmen, sondern höchstens tragisch. Und das Tragische soll ja auch ein Genuß sein.« »Wer so weit weg stehn kann wie Sie,« sagte Miriam. »Ich stehe gar nicht fern,« erwiderte Darja befremdet. »Ihr steht fern. Verloren hat man erst dann, wenn man beweint. In dem Augenblick, wo ich das Zimmer verlasse, stirbt es für mich, und wenn ich die Stadt verlasse, stirbt sie für mich mit allen Menschen, allen Freunden. Und ich komme eigentlich nie mehr zurück, wenn ich auch wiederkehre, sondern Jemand, der sich mühselig mit Erinnerungen orientieren muß wie ein Reisender mit Landkarten. Kann man das mit Worten auch nur andeuten? Eine große Erfindung, die Worte.« »Nicht wahr? Ich denke es oft,« sagte Renate, unruhig auf- und abgehend. Es dämmerte, und als sie Frau Darja anblickte, glaubte sie deren Schädel zu sehen, fleischlos, hautlos. Sie fühlte sich belustigt und erregt dadurch. Als Ella Holzgetan kam, wurde sie beauftragt, Thee zu machen, und sie that es mit der ihr eigenen eckigen und zugleich schlangenhaften Beweglichkeit. »Nun, meine Liebe,« sagte Miriam lächelnd, »Sie amüsieren sich immer, wenn auch nur mit sich selbst.« Der blaue Reflex der Spiritusflamme fiel auf ihr schönes Gesicht. »Jawohl, ich amüsiere mich mit mir selbst,« erwiderte das Mädchen mit einem forschenden Glanz der Augen. Dann runzelte sie die Stirn und lachte fast schuldbewußt. Ihr Lachen war ungefähr wie der gezogene Schrei eines Nachtvogels. Es war etwas Hartes, stets Beleidigtes darin. »Wer hat denn eigentlich die tote Agnes noch gesehen?« fragte Frau Darja nachdenklich, mit aufgestützten Armen. "Ich habe nie einen ähnlichen Anblick gehabt. Ihr Gesicht hat mich an ein Kinder-Erlebnis erinnert. Ich bin vom Heuboden in die Tiefe gestürzt. Während ich durch die Luft fiel, dachte ich absurde und quälende Sachen, besonders an einen Maikäfer, dem meine Brüder die Beine abgerissen hatten. Die Zeit war endlos, bis ich unten ins Heu fiel. Dann lag ich so erleichtert und beglückt, daß ich bis zum Abend nicht mehr aufstehen mochte. So lag Agnes.« Sie hat eine außergewöhnlich sanfte Stimme, dachte Renate, während Ella übermäßig mit den Löffeln und Tassen klapperte, denn sie war neidisch, daß die Aufmerksamkeit auf Frau Darja gerichtet blieb. »Und dazu kommt, daß sie absolut jungfräulich war,« fügte Darja leise hinzu. »Halb gelebt, ist halb gestorben.« »Was meinen Sie damit?« fragte Miriam errötend. »Ich will Ihnen etwas zeigen, meine Damen,« begann Renate ironisch und brachte eine Handvoll Briefe, die sie bunt auf den Tisch warf. »Liebesbriefe! da wimmelts von gebrochenen Herzen und unvergänglicher Leidenschaft. Unser Tyrstey ist auch darunter.« Ella blickte finster und mißtrauisch auf die Papiere. »Das ist nicht edel,« murmelte sie. »Wann reisen Sie?« fragte Frau Darja. "Ich glaubte, morgen schon. Ich wenigstens kann nicht länger warten.« Renate zuckte die Achseln. »Es ist ja gleich,« antwortete sie und wühlte in den Briefen umher. »Jaja, ich glaube, morgen. Uebrigens kommt es auf Peter Graumann an. Warum schauen Sie so mißtrauisch, Fräulein Miriam?« »Mißtrauisch?« »Oder prüfend – ?« Obwohl der Thee in den Tassen dampfte, wurde die düstere Stimmung immer bedenklicher. »Die Männer sind ja so feig, so feig!« rief Ella Holzgetan plötzlich und fuchtelte mit einem Löffelchen umher, als ob sie eine Fahne schwenkte. Frau Darja blickte spöttisch zu ihr hinüber. »Sprechen Sie doch nicht wie eine Vernachlässigte, liebe Ella,« sagte sie langsam. »Vernachlässigt? Zehn an jeder Hand. Nun, ich weiß ja, ich bin nicht schön.« Sie schwieg erblassend. »Alles hängt an einem Lächeln,« fuhr Darja fort. »Wir können durch ein richtig angewandtes Lächeln glücklich werden oder durch ein falsches ausgestoßen. So wie jedes Schicksal am Zufallshaar einer Begegnung hängt. Die meisten Männer sind ja vag, ihr Gefühl hat keinen Beruf, aber wir müssen so aufmerksam auf sie sein, als hielten wir jeden für einen Apostel. Wir haben keine Freiheit, nicht weil wir ihrer nicht würdig wären, sondern weil wir, falls wir sie benutzen, noch schlimmer leben als in Gefängnißluft. Freilich, manche, die an den Storch glaubte bis in die Hochzeitsnacht, hat später ihr Kind schon im Herzen erdrosselt, eh es noch geboren war. Aber um zu wissen und zu wählen, dazu ist unser Blick noch zu trüb. Die Finsternis der Jahrhunderte geht ja mit uns, und schnell müssen wir laufen, wenn wir entrinnen wollen. Doch wenn man da eine noch so gute Läuferin macht, draußen wird man erst recht einsam bleiben.« »Sie müßten eigentlich meinen Bruder kennen,« flüsterte Miriam mit kindlicher Schwärmerei. »Ja, meine Lieben, wir reden da so, und vielleicht ist die Erlöserin unter uns. Ich für meinen Teil würde gern eine Art Judas abgeben, um ihren Glanz zu erhöhen.« Und Darja lächelte mysteriös vor sich hin. Das war alles wie Stimmen aus der Nacht. Es sind Gequälte, dachte Renate, Vertriebene, diese hier wie auch die Andern. Einige Zeit später kamen Gertraud Werkmeister und Camilla. Jene warf die Frage auf, ob das Sinnliche zugleich ästhetisch sein könne. Sie war etwas verstört, denn die Schönau war seit gestern in einen jungen Menschen verliebt, den blassen Dawill, der gekommen war, um den Montblanc zu besteigen. 2. Eine halbe Stunde später gingen alle fort. Die für das Aesthetische gewesen waren, gingen hinter den Andern, als hätte der Wortstreit sie rascher erschöpft. Man war bis in die Vorgebirge des Hegelianismus gedrungen, und spinozistische Abgründe gähnten von fern. Ella Holzgetan drehte sich wie eine Tänzerin im Zimmer. Sie konnte nicht leben, ohne einiges Aufsehen im Kleinen zu machen. Sie ist abstoßend mit ihrer Lustigkeit, dachte Renate, aber Gertraud erklärte es für »Verve«. Das kleine Stehlämpchen flackerte wild im Flur, als Renate ihre Gäste zur Treppe führte, und sie hatte die Empfindung, als müsse sie sich jetzt für einige Jahre schlafen legen. Miriam allein war verstimmt, die Uebrigen schienen guter Dinge voll. Der Blick, mit dem Miriam Frau Darja ansah, bat um etwas, fand aber keine Beachtung. Nun war es also still. Aber die Luft war noch erfüllt von Worten, die gewissermaßen langsam abtropften, wie nach einem Regen die Bäume abtropfen. Es war deutlich, daß die Gespräche etwas Schattenhaftes gewesen waren, ja, Schatten von Schatten, Täuschungen, Spiele. Jedes Wort war dicht vermummt, schlich in einer falschen Gestalt vorüber, um dann im stummen Lachen zwischen Qual und Hohn die Maskerade zu vergessen. Vor dem Fenster rauschten die Bäume im Wind und unter Regenschauern. Unten war ein weiter Park oder Garten, in dem die Finsternis ruhte. Daran grenzte der See, auf dessen Fläche unbestimmte Lichter fielen, fahl wie Blei. Am Ufer lag das Wirtshaus, und die Fenster waren erleuchtet. Die Zecher hielten laute Reden, worin das Patriotische einen breiten Raum einnahm, und die Stimme des Wirts befahl dem Schenkmädchen, Gläser zu spülen. Dann begann einer zu singen, heiser, als ob ihm Grashalme auf der Zunge lägen. Man konnte nicht zuhören, ohne von Lachlust ergriffen zu werden. Renate schloß rasch das Fenster, denn in dem schmalen Lichtstreifen, der aus der Schenke fiel, hatte sich der Calabreser gezeigt. In der Ecke saß Angelus und schlief. Er surrte leise wie ein Kater, als Renate sich näherte, ihn ins Wohnzimmer zu führen. Er zeigte keine sonderlich frohen Launen mehr, doch auch keine sonderlich traurigen und lebte in einem betrübenden Dunstkreis von Gleichgiltigkeit, Verschlafenheit und skeptischer Beschaulichkeit hin. Mißtrauen und Verschlossenheit erlaubten ihm nur karge Beweise des Wohlwollens seiner Herrin gegenüber. Er schien abwarten zu wollen, wohin das alles führen würde, und wenn Peter Graumann anwesend war, blieb sein Gebahren von einer infamen Demut und hinterhältigen Fügsamkeit. Peter Graumann trat mit einem Gruß ins Zimmer, den er in die leere Luft schickte. Er streifte die schwarzen Lederhandschuhe mit studierter und lauernder Langsamkeit ab, wobei er unaufhörlich einen einzigen Punkt auf der Diele seiner Betrachtung unterzog. Er schnüffelte und sagte, die Brauen rundend: »Das ganze Kabinett angenehmer Weiblichkeiten war schon wieder zugegen. Diese Sorte von Damen ist zum Einschmelzen fertig.« Renate setzte sich mit einer erschöpften Bewegung und schwieg. »Morgen reisen wir, Renee,« fuhr Peter Graumann fort. »Für den ersten Oktober ist alles bereit. Aber zuerst möchte ich Dich ersuchen, jeden Rest Deines traumwandlerischen Wesens zu unterdrücken, ja zu vernichten. Vom Morgen bis zum Abend sei Heiterkeit Deine Losung. Dein Lächeln bei der Produktion ist zu starr. Wir haben heute Abend noch dieses Lächeln zu üben, das einen dämonischen Zug haben muß. Die Bewegung des linken Fußes ist zu akademisch. Es ist eben nötig, daß Du ganz bei der Sache bist und Deine Erinnerungen abschüttelst.« Renate stand auf, flüsterte leidenschaftlich vor sich hin. Graumann blieb neben der Lampe stehen und fuhr mit vollkommener Ruhe und sonorem Pathos fort. »Du meinst, ich suche lediglich Nutzen aus Dir zu ziehen. Du irrst. Wir sind so sehr für einander geschaffen, daß Du mich hassen mußt. Niemals im Leben wirst Du von mir loskommen können. Alle andern waren nur Stufen zu mir. Wie entzückend bist Du jetzt in Deiner Angst, Renee! Wäre ich auch der Niedrigste, es wäre keine Schande, um Deinetwillen niedrig zu sein. Du bist das Vollendetste, was die Natur in einer guten Laune für die armen Männer geschaffen hat. Du hättest die Macht, mich zum Narren und Sklaven zu machen, wenn Du um die Größe Deiner Bestimmung wüßtest.« »Ach, jedes dieser Worte beschmutzt meine Hand, mein Kleid, jeden Bissen Brot,« sagte Renate klagend. »Enden wir das Gespräch. Es wird Zeit, zu gehn.« »Wohin? Wohin denn? – Ich habe großen Durst.« »Gut, gehn wir zu Frau Hürli. Frau Hürli hat den besten Wein hier herum. Aber vorher noch eine Probe.« »Heute noch?« »Wir werden halbdunkel machen und den Tisch beiseite schieben.« »Heute will ich nicht mehr.« »Es wird sich nicht vermeiden lassen.« »Du kannst mich nicht zwingen, wenn ich keine Lust habe,« entgegnete Renate hauchend und wich unwillkürlich gegen das Fenster zurück. »Gewiß will ich Dich zwingen.« Renate lachte. Sie sah sich rasch um, ob wer gelacht hätte. Ich war es selbst, dachte sie bekümmert. Indes kam Graumann auf sie zu, den Blick an ihren Hals geheftet. Er rieb die Hände, und seine Unterlippe war verschwunden unter den Zähnen. Renates aufgerissene Augen starrten ihn mit wachsender Angst an. Wie durch Nebel sah sie seine Gestalt, und die Umrisse wurden übergroß. Sie drehte sich um und floh zum Sopha, weil es dort dunkler war, und ihr bläulich-bleiches Gesicht wandte sich wieder ihm entgegen, wie er ihr folgte, einem Verhängnis gleich. Noch einmal machte sie sich auf, rannte zum Tisch, auf dem die Lampe stand, und um den Tisch herum, als Graumann auch dorthin kam. Das Zimmer war geräumig, auch der runde Tisch hatte einen ansehnlichen Umfang, und sie standen sich einander gegenüber, nur durch den Tisch getrennt. Graumanns Gesicht wurde finster, und seine Blicke wurden gierig, aber auch Renate war weit davon entfernt, zu lächeln, sondern achtete mit verzweiflungsvoller Aufmerksamkeit auf jede noch so unscheinbare Bewegung des Verfolgers. Machte er einen Schritt nach links, dann wandte auch sie sich links, klammerte sich an die Tischplatte, streckte den Hals und beugte den Kopf, weil der Schatten, den der Lampensturz verbreitete, am Ende täuschen konnte. Zur Thür zu gelangen, war nicht mehr möglich. Auch das Fenster war zu fern. Da nahm Graumann ruhig die Lampe, trug sie weg, stellte sie auf den Kleiderschrank, so daß der Raum plötzlich in verändertem, klarem Licht lag. Dann sprang er mit einem Ruck und einer pantherhaften Bewegung des Körpers auf sie zu, und Renate, die sich dessen nicht versehen, blieb wie gelähmt. Als er den Arm ausstreckte, wich sie ein wenig zurück, doch er packte sie bei den Haaren, die sich sofort lösten. »Wirst Du jetzt gehorchen?« murmelte er durch die Zähne und zog ihren Kopf nieder, daß sie fiel. Sie spürte eine kalte, feuchte Hand an ihrem Hals und begann zu zittern, vermochte jedoch nicht, die Augen von ihm abzulassen. Aber als Graumann den Arm nach ihr erhob, konnte er den Blick dieser Augen nicht ertragen, und der aufgehobene Arm fiel langsam wieder herab. Ihre Augäpfel standen in den Winkeln der Augen, glänzten feucht und zeigten eine so eigentümliche Mischung von schmerzlichem Ertragen-wollen, leidenschaftlicher Drohung, von Schwäche und Größe, daß Graumann beschämt und etwas bestürzt abließ, zum Fenster ging und, mit dem Rücken gegen das Zimmer gekehrt, zu summen anfing wie ein schuldbewußter Schüler, der sich anstellt, als wisse er von nichts. Renate erhob sich langsam und fühlte schwere Mattigkeit in den Gliedern. Hastig stürzte sie ein Glas Wasser hinunter und ging auf und ab. Der Raum schien jetzt zu eng, voller Hitze; ein Beisammensein, das noch Stunden währen mochte, mußte qualvoll sein. Erstaunlich genug, während sie in bangem Nachsinnen war und die zirpenden Töne der Geige und die brummenden des Contrabasses herüberklangen aus der Schenke, empfand sie plötzlich Tanzlust. Nie vorher hatte sie besondere Lust zu tanzen gehabt, nur heute, denn es war der ungestüme Wille zu vergessen dabei. So bat sie Graumann mit sanfter Stimme, daß sie hinübergehen möchten. Lustig ging es bei Frau Hürli zu, die selbst mit harmlosem Eifer den Vergnügungen oblag. Ihr Ehegespons labte sich mit Zufriedenheit an politischen Gesprächen, saß bei Graumann und schimpfte über die »chaiwe Dütsch«. Die Nacht war so schwer, daß selbst die Lichter im Tanzraum nur mühsam dem Dunkel gewichen zu sein schienen und wie kleine Stationslaternchen wirkten. Außerdem war es schwül, und alle Fenster mußten geöffnet bleiben, was des gichtigen Herrn Hürli gemütvollen Herzensausbruch ernstlich verkümmerte. Der Contrabaß brummte tierisch, und da sein Eigentümer im Halbschlaf lehnte, gab es keine Pausen. Die Trompete zeichnete sich durch jammervolle Töne aus, die an den Oktoberwind mahnten, wenn er in Kaminlöchern spielt. Bei der ersten Geige, die auch die einzige war, befand sich das A in Quintlage zum G, und recht erquicklich war der Zweiklang eben nicht, sofern er in der Macht des betrunkenen Virtuosen lag. Nichts ist widerwärtiger als ein Walzer, der ebenso gut ein Trauermarsch sein kann, und bei Gott, das war er, der Walzer auf Frau Hürlis Tanzboden; das Glucksen des Sees, dessen Wellen unter den Fenstern ans Ufer schlugen, klang wie ein boshaftes Lachen dazu. Renate dachte nicht ans Aufhören, doch erst beim Ländler fand sie es angenehm und lachte ihrem Tänzer zu, der nicht ohne Verlegenheit einer so eleganten Stadtdame den Arm gereicht hatte. Aber der offene Blick seiner Tänzerin machte ihn freier, und er dachte, das Glück könne ihm wohl auch in anderer Weise hold sein. Einer mußte Wein holen, einer mußte mittrinken, ein Vierter bei den Musikanten eine Mazurka bestellen, was indessen der Trompete sehr ungelegen zu kommen schien, denn sie konnte sich nicht vom Cis trennen und brachte alles in Verwirrung. Die Dirnen wurden grün vor Neid und Wut, verschworen sich, ihre Kammern auf Monate hinaus unzugänglich zu machen und waren froh, als Peter Graumann, der zwei Liter vom Edelsten getrunken, sich zum Aufbruch anschickte. Der Rhythmus des Contrabasses, einer kleinen Brummmaschine gleich, begleitete die Beiden auf dem Heimweg, während schon der fahle Tag über den Bergen emporquoll. »Wie schrecklich, daß es schon Tag wird,« meinte Renate, starr in die Wolken schauend. »Eigentlich sollte es immer Nacht bleiben.« »Wenn Ihr befehlt, Madonna, – ich werde von heute ab Nacht sein lassen.« Graumann pustete vergnügt. 3. Die Abreise wurde um acht Tage verschoben, hauptsächlich der neuen Toiletten wegen, die aus Paris erwartet wurden. Sie waren wie eingerichtet, die Haut des Körpers durchscheinen zu lassen, und bei jeder Bewegung alle Formen aufs Deutlichste zu modellieren. Die Eule fand das unanständig und zog sich in ihre Behausung zurück. Für sie war die Jugend vorbei und was beginnen? Die Wissenschaft, ein ödes Blachfeld; die Liebe, ein verdorrter Traum. Also rauchte man Cigaretten, trank Absynth, las die modernen Philosophen, erfand eine hohle Begeisterung für überraffinierte Kunstwerke, belächelte das Natürliche, als sei es eine Erfindung naiver Betrüger, verachtete das Brot der Worte und buk ein zerbrechliches Confekt spitzer, schattenhafter Dialektik, spinnfadenhafter Gefühle, ironisch-erschöpfter Entsagungen, schwankte mit umnachtetem Herzen am Ufer des Wesenlosen. Daran nahm auch Ella Holzgetan teil und fand so eine Art Frieden auf Kosten alles dessen, was einem Weibe sonst die Natur gewährt. Viele flüchteten in das dämmrige Nest, wo man für klug galt, wenn man an Zweifeln zweifelte, und wo die bittere Gewißheit der klaren Stunden durch eitlen Hochmut und Selbstständigkeitswahn bemäntelt wurde. Und all das war wieder mit einem guten Teil Philisterhaftigkeit vermengt, welche es verursachte, daß sie sich von Renate zurückzogen, als sie hörten, daß diese sich dem Variete gewidmet habe. Nur Darja Blum und Miriam Geyer kamen noch. Jene, weil sie nichts zu fürchten hatte, weil sie Menschen und Ereignisse zunächst auf die Interessantheit hin ansah, diese aus reiner Ahnungslosigkeit. Miriam spürte in Renate etwas Verwandtes, wollte nicht an eine Wandlung glauben, die unter ihren Augen erfolgt sein sollte. Ihr Gemüt war einfach und ruhig. Sie ahnte Tieferes, wenn sie Renate in einem undurchdringlichen Panzer von Frivolität erblickte, und ihre forschenden Augen baten um Aufschluß, auch wenn ihr Gefühl beleidigt war. Sie freute sich sehr, als ihr durch Dawill, der Renate am Quai gesehen hatte, mancher Aufschluß zu teil wurde. Sie war eine jener Frauen, bei denen das Sinnliche im allertiefsten Grunde liegt, schlafend, wo es nur durch das nachhaltige Feuer der Liebe erweckt werden kann. Ihre Sympathie für Renate wuchs, je mehr die Andern sich absprechend verhielten. Renate bemerkte es; ein seltsamer Trotz veranlaßte sie, sich nichtwissend zu stellen. Einmal setzte sie sich aber, weil Miriam sie herzlich um ein Bild bat, vor den Spiegel und porträtierte sich. Es wurde eine eigengeartete, herbe Studie daraus, die mehr Klage und Gram enthielt, als irgend welche Worte. »Plötzlich hab ich Talent bekommen,« sagte sie bitter, als sie Miriam das Blatt überreichte. Renate erhielt um diese Zeit eine Gesellschafterin oder Zofe, ein ältliches Frauenzimmer Namens Eugenie Hadamard, die von Tyrstey empfohlen war. Schlichteres, Unterthänigeres, Gedrückteres als sie ließ sich kaum denken. Ihre stumpfen, schwarzen Augen hatten den klagenden Ausdruck eines geschlagenen Hundes. Ihr häßliches gelbes Gesicht mit dem vorgeschobenen Kinn entbehrte keineswegs der Sanftmut und war mit seiner auffallenden, schwermütigen Ruhe bisweilen anziehend. Jedes Wort, das an sie gerichtet war, schien sie als unverdient zu betrachten, knickte dabei zusammen, und je schlechter sie behandelt wurde, je mehr schien sie es zu billigen. Renate war auch bisweilen hochmütig und grausam, war ärgerlich, daß jene in ein Freundschaftsverhältnis zu Angelus trat. Die eintreffenden Wiener Blätter brachten schon geschickt gesteuerte Vorberichte über das neue »Kunst-Variete«. Besonders die hohen Preise waren Gegenstand erstaunter und neugieriger Phrasen. Und ein neuer Stern, Renee Lusignan? Wer war sie? Renate lebte im Stil der großen Dame. Sie verschlief den Vormittag, während sie doch früher stets die Morgenstunden geliebt hatte. Viel Zeit verging mit dem Ankleiden, und dann kam die Spazierfahrt, allein oder in Graumanns Gesellschaft, der dabei die kühle Ruhe eines Inspektors bewahrte, für prickelnde Gerüchte und ein gut arbeitendes Hörensagen Sorge trug; wie ferne Brandung drang das Gerede zu Renates Ohr. So kam die Abreise. Auch Darja und Miriam hatten ihre Reise verschoben und fuhren mit, worüber Peter Graumann einiges Mißvergnügen äußerte. Frau Darja beobachtete es wohl. »Ach freilich,« meinte sie ironisch zu Miriam, »er ist kein Mann für die dünne Atmosphäre unserer Speisehaus-Ideale. Das hat er mir einmal gesagt. Er, im Gegenteil, ist für das vollsaftige Leben. Er kommt mir vor, wie das komische Männlein im grünen Heinrich, das sich so freut, daß es die Welt entgöttert hat. Dort ist es ein Schulmeister, und eine Schulmeister-Natur ist Graumann auch. Früher war etwas an ihm, jetzt konstruiert er sich die sogenannte Vollsaftigkeit so zurecht. Alles, die Natur selbst, ist bei ihm Theorie geworden. Er spielt mit Bleisoldaten und thut furchtbar gefährlich damit. Alles läuft bei ihm aufs Dämonische hinaus, und Du weißt, wie ich das hasse. Er ist ja so gescheit, wie man nur sein kann, aber das Elementare und das Bacchantische glaub ich ihm nicht. Selbst das Perverse nicht. Es giebt nämlich Leute, die zu jeder ihrer kleinen Schwächen ein großes Naturgesetz erfinden, und so ist Graumann. Immerhin ist es schwer, sich von ihm nicht düpieren zu lassen, wenn man ihn nicht kennt.« »Er ist mir unheimlich,« erwiderte Miriam, die etwas zerstreut zugehört hatte. Das war auf dem Perron. Renate hatte sich etwas verspätet. Ein wunderlicher Kauz war bei ihr gewesen, der eine Weile auf dem Corridor herumgepiepst hatte, und dessen Gesicht an ein höchst baufälliges Haus erinnerte. Er war dünn wie ein Zündholz, und sein Kopf sah aus, als sei er unter der Plätte gelegen. »So ein Tropf und Lumpenhund wie der Graumann ist mir noch nicht vorgekommen,« sagte er, sich ängstlich vor Angelus zurückziehend. »Er hält seine Freunde zum Narren. Eine großmütige Zunge, jawohl, aber ein Schuft. Ich kann das beurteilen, denn ich habe viel mit Spitzbuben verkehrt. Er hat mir Produktionen auf dem glühenden Drahtseil versprochen, ich habe ihm zwei Original-Trucs verraten, und jetzt kennt sie der Clown Sonnenfeld, und ich habe meine Abfuhr. Man braucht ja nicht gleich ehrlich, zu sein, bewahre, aber ein bischen Gesittung ist selbst für einen Gauner von Vorteil. Womit ich mich gehorsamst empfohlen haben will.« Er heftete einen feurigen Blick auf Renate und stürzte fort. Graumann wollte bersten vor Lachen, als ihm Renate den Auftritt berichtete. »Das glühende Drahtseil ist ein rotlackierter Strick, der mit Kienruß von den Füßen des langen James allmählich geschwärzt wird,« ächzte er. »Eine famose Erfindung. Der Bursche ist nämlich in Dich verliebt, Renate, und schläft seit drei Nächten unter Deinem Fenster. Seine Trucs gab er mir gegen das Versprechen, daß ich bei Dir etwas für ihn thun wolle. Eine köstliche Geschichte. Dich oder keine, schrie er; damals waren wir beide betrunken, und ich warf ihn unter den Tisch.« Renate empfing diese Neuigkeiten mit grimassenhaftem Lächeln, und sah sich im Zimmer um, ob auch alles eingepackt sei. »Du kannst ruhig mit diesen Leuten verkehren,« sagte Graumann, der sich in angeregter Stimmung befand, auf der Fahrt zum Bahnhof lehrhaft. »Das sind Naturen, naive Künstler, jeder großen Empfindung fähig, ohne die Verlogenheiten der Litteraten und Musiker. Der lange James war hier in einer Bretterbude, durfte aber sein Handwerk wegen Brandgefährlichkeit nicht ausüben. Er ist nämlich Feuerfresser, Champion aller Feuerfresser. Ich wollte ihn zuerst engagieren, sagte ihm aber: Feuerfresser, das ist zu abgedroschen, das geht nicht. Er weinte wie ein Kind und sagte, er komme aus der Uebung. Nun, sagte ich ihm, mein lieber James, braver Junge, Du kannst ja täglich zum Frühstück, Mittagsmahl und Abendbrot eine beliebige Menge Feuer privatim schlucken. Niemand wird Dich daran hindern.« Graumanns R klang heute vollendeter als je, die klare Büffelstirn war frei von Falten. Eugenie Hadamard saß ihm gegenüber und wagte, ihn gebannt anstarrend, keine Bewegung zu machen. Es war ein verwaschener Regentag, und selbst die Alleen an der Straße trugen schon Zeichen des Herbstes. Oberstraß und Unterstraß lagen im Nebel, und der See lag im Nebel, der wie dünner Holzrauch aus Schlöten unbeweglich lagerte. Am Bahnhof waren die Tyrstey, Birnbaum, Schönau, die beiden Westfalen, die Russen und Andere mit Blumen und übernächtigen Gesichtern. In der That kamen sie, wie auch Graumann, vom Gelage. Einem fehlte sogar der Hut. Darja und Miriam stiegen ins Coupe, Renate folgte ihnen in halbschlafähnlichem Zustand. Verwirrende Dinge gingen vor, denen sie kaum mit den Sinnen folgen konnte. Früher Erlebtes unterschied sich nicht von der Gegenwart. Sie glaubte Wanderer auf der Plattform zu sehen, aber es war die ewig-stumme, immer-ergebene Hadamard. Wer war sie und was wollte sie? Dort reckte eine schreiende Bande von Männern die Hüte in die Luft, und sie waren von einer Lustigkeit beseelt, die absurd und lächerlich war. Wände ringsum, Wände und Schleier. Sie hielt das Taschentuch in der Hand und winkte. Es war erschreckend, als sie es bemerkte. Angelus fing an, zu bellen, wahrscheinlich aus Freude, daß er diese Stadt verlassen durfte, aber sie befahl ihm, stille zu sein. Er blickte sie scheu an, und die Vergangenheit einer Liebe lag in seinen feuchten Augen. Sie lehnte sich über die Brüstung der Plattform und sah in den Raum zwischen den Schienen hinein, der unter ihren Augen mit rätselhafter Geschwindigkeit vorüberfloß, so daß man kaum die Fülle der Gestalten wahrnehmen konnte, die sich da herumtummelte, – ahnungslos unter der donnernden Gefahr. Darja kam aus dem Coupe und stellte sich mit lächelndem Gesicht neben Renate. »Was interessiert Sie denn so?« fragte sie liebenswürdig. "Ich lese,« erwiderte Renate, ohne sich zu rühren. »Sie lesen?« Frau Darja war erstaunt. »Ja. Und sehn Sie, da zwischen den Wägen ist etwas und läuft und läuft, damit ich ja nicht entrinne. Sagen Sie mir, haben Sie schon einmal geliebt?« Darja zuckte die Achseln und lächelte. »Halten Sie das für wichtig?« »Ich halte es für sehr, sehr wichtig,« sagte Renate dumpf, mit gesenkten Augen, während sie Darjas Blick auf sich ruhen fühlte. »Und Miriam? Wie ist es mit Miriam? Ist das echt, ihre Unschuld und Engelhaftigkeit? Ich glaub es nicht, glaube nichts mehr in der Welt.« Renate drückte das Taschentuch an die Stirn. Darja ging schweigend in das Coupe zurück, Renate folgte ihr und schloß beim Eintritt einige Sekunden lang die Augen. Es war ein halbgeteilter Wagen, und die Fünf hatten eine Abteilung für sich. Miriam war vorher Peter Graumann gegenüber gesessen, jetzt war sie an der andern Seite, am andern Fenster, hatte sich in die Ecke geschmiegt. Graumann las mit beschäftigter Miene den »Artist«. Eugenie Hadamard stellte mit lautloser Dienstbeflissenheit das Gepäck zurecht. Plötzlich schien es Renate, als ob sich alles um sie herum zu Finsternis verwandelte, in welcher sie selber schwankte, ohne die Hoffnung, einen Halt zu gewinnen. Das Einzige, was sie gewahren konnte, und was in ihrem Gesichtskreis verblieb, waren die Augen Peter Graumanns, die unabwendbar auf sie gerichtet waren, und sie verhinderten, zu entrinnen. Sie dachte deutlich: ist es denn möglich, daß ich Keinem begegne, der mich erlöst? Aber ihr aufstürmendes Herz hielt die Finsternis gefangen. 4. Unselm Wanderer an die Baronin Terke. Verehrte und liebe gnädige Frau, seit ich wieder in Wien bin, ist es mir erst klar geworden, was ich Ihnen alles an Fürsorge und Verständnis zu danken habe. Der Anteil, den Sie an mir genommen, als ich in Gefahr war, zu versinken und zu verkommen, bedeutet ja freilich mehr als alle Dankbarkeitsversicherungen der Welt, und nur als ein ganz winziges Zeichen meiner Gefühle für Sie mag es gelten, wenn ich Ihnen von Zeit zu Zeit Bericht über mein Leben gebe, Ihnen meine Hoffnungen und Gedanken mitteile, so wie es in den letzten Wochen der unglückseligen Münchener Zeit geschah, wenn ich Ihnen gegenüber saß, und Sie mir in Ihrem halb-ironischen Ton lehrreiche Geschichten aus Ihrem Leben erzählten. Es war schlimm mit mir geworden, das weiß ich selbst am besten, und wer kann sagen, welchen Weg das Unheil noch genommen hätte, wenn es Ihnen nicht eingefallen wäre, mir damals im April jene unvergeßlichen Zeilen zu schreiben, durch die ich Sie von einer ganz andern, bisher ungeahnten Seite kennen lernte. Es war ein wahrer Frühlingsbrief, und mit ihm kam eine neue Art von Glück. Ich war so erfüllt von meiner Schuld gewesen, daß ich an Rettung gar nicht mehr glauben konnte. Die düstersten Schatten der Vergangenheit begleiteten mich, aber ich hatte kein Licht im Innern, sie zu zerstreuen. Irgendwo habe ich einmal das Wort leidensgeglüht gelesen. Etwas dergleichen empfand ich von mir. Aber das Bessere hat mich hingerissen. Wer seine Gegenwart liebt, hat nichts mehr mit der Vergangenheit zu thun, und die Vergangenheit nichts mehr mit ihm. Es ist ein Wort, mit dem sich die Menschen übermäßig quälen. Ist denn der Mund, den die Not zu lügen verdammt hat, schon von der Wahrheit ausgeschlossen? Und kann es nicht Seelen geben, welche durch den Schmutz gehen wie im Traum? Das alles war in meinen Gedanken für Sie bestimmt, teure Frau, denn da ich ein sehr einsames Leben führe, bleibt mir, selbst während der Arbeit, wenig von dem unbekannt, was wachend in mir vorgeht. Und ich habe entdeckt, daß ich eigentlich gar nicht der bin, den vorzustellen ich stets bemüht war, und mein verbrauchter Wille wurde durch die Erkenntnis innerer Kraft erneuert. Ich bin ja nur ein Träumer, und einer von denen, die ihre Traurigkeit mehr lieben, als ihre Freude. Dazu ist hier in Wien viel Grund, denn es giebt so viel unbegründet lustige Leute wie nirgends sonst. Nirgends schwitzen die Leute so sehr, um zu einem kurzen Vergnügen zu kommen, und eine kleine Zeitungsnotiz kann der ganzen Stadt den Kopf verdrehen. Aber es ist eine schöne Stadt, Baronin, die ich liebe, und Sie müßten es einmal erlebt haben, wenn man an einem Herbstabend den Prater hinunter wandert, und die Luft ist lau und still, und die rosigen Wölkchen schimmern durch das schwere Grün der Bäume, und fernhergetragene Melodien, wienerische Lieder, vermischen sich zu einem unsichtbaren Gewebe, und lautlos und hastig rollen Wagen vorbei und rollen weiter in die Nacht. Und dann müßten Sie die kleinen Vorstädte kennen, wenn zur Ruhe gegangene Stürme alle Gassen rein gefegt haben und würzige Düfte aus dem Wiener Wald kommen. Die Häuser scheinen zu schlafen. Sie haben meist nur ein einziges Stockwerk und sind alt. An den Fensterscheiben zittert geisterhaft das Mondlicht und wird weggewischt wie von unsichtbarer Hand, wenn der Mond in eine Wolke schlüpft wie in einen Schlafrock. Da sind Kirchen, vor denen immer ein kleiner Platz ist mit einem Brünnlein, und daraus murmelt unergründlich das Wasser. Ich kann stundenlang da herumgehn. Es giebt nur ein Bild in meinem Leben, welches eine gleiche Macht über mich hat; das aber ist ein Erinnerungsbild. Doch wieder Vergangenheit, werden Sie denken. Aber erinnern Sie sich noch an den Herbstabend, wie ich in Ihrem kleinen Salon saß, und die Gräfin und Adele plauderten, und die Thüre ging auf –. Das meine ich. Ich habe das Gefühl, als hätte in dem Augenblick mein Leben begonnen. Nun grüße ich Sie für heute und bitte Sie, manchmal an mich zu denken. Anselm Wanderer. Liebste Frau, tausend Dank für Ihren Brief. Ich hatte nicht erwartet, daß Sie sich der Mühsal des Schreibens unterziehen würden. Mein Leben geht im gleichen Gleise weiter, doch ein Erlebnis muß ich Ihnen berichten, das mir unruhige Nächte gebracht hat. Nur ein Phantom ist es vielleicht, das mich quält, und Sie thun Recht, mich zu verlachen. Ich habe gekämpft, ob ich es Ihnen mitteilen soll, aber nun thue ich es doch. Da hat ein findiger Kopf, er nennt sich Pierre Griotte, den einige Journalisten sogar genial nennen, ein neues Variete gegründet, welches er »die hohe Schule« betitelt. Man zahlt für den Abend fünfzehn und zwanzig Gulden, und muß überdies zu den Vorstellungen geladen werden, wie zu einem Diner. Die Vorstellungen finden in einem alten, jetzt unbewohnten Palast hinter dem Ballhausplatz statt. Das Gebäude gehört einem alten, reichen Fürsten, dessen Frau sich vor Jahren darin erschoß. Seitdem lebt er auf seinen Gütern in Böhmen. Ich bin Ihnen vielleicht zu ausführlich, aber zum Folgenden erscheint es mir notwendig; meine Gedanken können noch immer nicht davon loskommen. In der Gesellschaft befindet sich eine Frau, Renee Lusignan, über die so sonderbare Gerüchte umliefen, daß ich neugierig war, sie zu sehen. Ich wollte nicht den hohen Eintrittspreis zahlen, jedoch der Zufall war mir günstig. Einer der Kollegen, die mit mir im Laboratorium der Fabrik arbeiten, hatte sich eine Karte verschafft, erlitt aber durch eine kleine Benzinexplosion Verletzungen im Gesicht und gab mir das Billet. Ich wurde in einen zierlichen kleinen Saal gelassen. Hundert oder hundertzwanzig Leute waren da, und der Raum war voll. Dem Anschein nach war es die vornehmste Gesellschaft, Herren und Damen der Aristokratie und hohen Finanz. Wunderlich nahm sich das aus; nicht alle Tage sieht man, daß sich in einem alten, stillen, leeren Palast einige hundert Menschen versammeln, die nur zu murmeln wagen, als könnten sie den Staubfrieden der Korridore und der unbetretenen Stockwerke stören. Der Saal zeigte vier glatte Wände mit purpurroten Tapeten. Kein Podium war zu sehen, kein freier Raum, und es schien rätselhaft, wo die Vorstellung stattfinden solle. In den Zeitungen las man nur mysteriöse Andeutungen. Den Behörden gegenüber war es eine private Veranstaltung, und man sagt, Renee Lusignan habe alles durch ihre Schönheit ermöglicht. Gespannt saß ich da, als sich die Thüren geräuschlos schlossen und der Raum sich verdunkelte. Gleichzeitig öffnete sich unhörbar die eine Wand vor mir, welche demnach in unübertrefflicher Weise nur ein künstliches Gebild gewesen war und den Saal geteilt hatte. Man sah in grünlichviolettem Licht das Podium. Der Manager trat im Frack vor und begrüßte höflich seine Gäste. Als ich aber den Mann genauer ansah und seine Stimme hörte, die so charakteristisch ist, daß es vielleicht keine zweite, ihr ähnliche giebt, war ich aufs höchste erstaunt. Ich habe Ihnen doch einmal von jenem Peter Graumann erzählt, mit dem ich in Konstanz bekannt wurde und habe Ihnen auch erzählt, welchen Abscheu Renate vor ihm hatte. Und Pierre Griotte ist Peter Graumann. Eine unerklärliche Unruhe begann sich meiner zu bemächtigen. Die erste Produktion war eine reizende, außerordentlich geschickte Clown-Pantomime. Der Hintergrund der Szene giebt das Aussehen eines großen Spiegels. Ein Clown als dicker Bürger kommt, und sein Spiegelbild begleitet ihn. Er betrachtet sich befriedigt, hält eine Art stummen Zwiegesprächs mit seinem Konterfei, plötzlich aber, da er gutgelaunt den Hut vor sich selber ziehen will, versagt das Bild im Spiegel und behält ruhig den Hut auf dem Kopf. Das Entsetzen, von dem der Clown nun erfüllt ist, teilt sich unmittelbar auch den Zuschauern mit. Das Bild macht eine Armbewegung, und es ist seltsam, wenn der Clown in seiner Angst diese Bewegung nachahmt. Zwischen den Beiden entwickelt sich nun ein aufregendes Spiel, bis der Clown die Spiegelscheibe zerschlägt und sich verzweifelt in die Finsternis stürzt. Darnach verbreitet sich die Finsternis über die ganze Bühne, und plötzlich brennt ein Feuer, ähnlich einem Scheiterhaufen-Feuer, doch man sieht weder Rauch, noch spürt man Wärme. Es ist eine dicke, rötlichgelbe, düstere Flamme, die den Gegenstand, den sie ergriffen hat, nicht erkennen läßt. Auf einmal aber sieht man ein schwarzverhülltes Haupt mit schwarzen Flügeln, wie sie auf alten Helmen angebracht sind. Dann taucht wie aus einer Flut aus dem abnehmenden Feuer ein weißer, nackter Hals empor. Und mehr noch gleitet das Feuer herunter gleich einem Gewand und entblößt die weiße Haut der Schultern und langsam die ganze Büste, die Hüften und sinkt an den Beinen nieder, und alles verfolgt das Schauspiel in so atemloser Erregung, daß man eine Nadel hätte fallen hören. Der weiße, leuchtende Körper erblühte wie eine fabelhafte Blume aus den Flammen heraus, und ich sehe hin und sehe hin und mir schwindelt vor den Augen, und meine Kehle wird trocken und schnürt sich zusammen, denn ich kannte diesen Körper, Baronin, glaubte ihn zu kennen, ob Sie es auch thöricht und albern finden werden. Ich brauche ja nicht deutlicher zu sein, als ich es bin, aber seit drei Tagen gehe ich herum und bin es selber nicht mehr. Ihnen darf ich ja vertrauen. Sie wissen Menschliches menschlich zu nehmen. Denken Sie doch nicht, daß alte Thorheiten wieder lebendig geworden sind, im Gegenteil. Aber kann man das Liebste, was man besessen hat, kühlen Herzens zerbrochen im Kot liegen sehen? Ist es denn überhaupt möglich? Schmerzlicheres wäre gar nicht auszudenken. Glauben Sie mir, ich wage es nicht mehr, den Namen des Mädchens zu denken, geschweige ihn hierherzusetzen. Und doch, es war so nahe. Ich sah diese keuschen Linien und die Sammethaut und diese jünglinghaften Formen so nah. Liebste Frau, vernichten Sie doch gleich meinen Brief. Und vielleicht ist es Ihnen möglich, in Erfahrung zu bringen, wo Renate Fuchs gegenwärtig ist. Alles war berauscht und aufgewühlt nach der Flammenproduktion, denn die Art der Vorführung hat etwas Behexendes. Ich mußte eilig den Raum und das Haus verlassen, da ich mich krank fühlte. Und doch weiß ich nichts. Sie haben Recht zu schelten, denn es ist weniger als eine Hallucination. Vielleicht hat langes Alleinsein meine Fantasie krankhaft belebt. Ich bin übrigens viel ruhiger, da ich Ihnen alles geschrieben habe und bitte Sie wegen des blinden Lärms herzlich um Verzeihung. Ihr treuer Anselm Wanderer. 5. War es Einsamkeit, war es der Druck und die Last ausartender Geselligkeit? Waren Gesichter da oder war es die unabänderliche Finsternis einer andauernden Nacht, die verzerrte Fratzen ins Leere zauberte? War es Wachen oder Nichtwachen, Thun oder Geschehenlassen? Da war jedenfalls eine Stadt mit vielen Menschen, welche Tag für Tag dieselben Pfade des Vergnügens und der Geschäfte krochen. Da war die Sonne, welche leuchtete, der Herbst-Sturm rauschend und zornig, das Geräusch von Stimmen gleich dem Surren eines Millionenheers von Insekten, das Knattern von Rädern, zahllosen rollenden, von denen man nicht wußte, woher und wohin. Und inmitten all des Wirrwarrs, der zuckenden Anstrengungen, betäubenden Mühen, wieder eine vereinzelte, erschreckte, auffordernde Stimme, welche »Renate!« rief. Renate hörte nicht. Renee Lusignan wurde ein gefeierter Name in gewissen Kreisen der Gesellschaft, welche man neckisch die Lebewelt nennt. Keine Wohnung in der Stadt konnte ihren Blumenschmuck täglich in solcher Fülle erneuern wie diejenige Renates. In ihrer dumpfen Vorstellung malte sich ihr gegenwärtiges Leben als ein beständiges Kommen und Gehen von Menschen. Unaufhörlich lernte sie neue kennen, die sich herandrängten wie zu einem Schauspiel, das nur Ein Mal aufgeführt wird. Wunderlich schien es, wie gleichgeartet all diese Männer waren. In ihrem Gang war meist etwas Hoffnungsloses, in ihrem Blick und Lachen etwas Starres wie der Tod. Hervorragend und einnehmend war der glänzende Cylinder und demnächst die Lackschuhe, die stäubchenlosen. Der Luxus der Cravatten hatte einen Zug von Monumentalität und bildete das endgiltige Merkmal einer hohen Kultur. Es gab ungefähr zwanzig Grafen und fünf Fürsten, von den Baronen und bürgerlichen Millionären ganz zu schweigen. Wertvolle Abende von gesteigerter Lustigkeit kamen, wo der Champagner überfloß und ringgeschmückte Kavalierhände sich ausstreckten, die Müde in das reichste Bett zu führen. Die Spazierfahrten erregten das Aufsehen der Menge, denn Renates Gewänder schienen einer Märchenwelt zu entstammen. Die Straßen waren mit Leichtsinn und leichtem Lebensgenuß erfüllt, und es war nicht möglich, zur Besinnung zu kommen. Gut für Renate, daß jede aufkeimende Erinnerung an eine Stunde des Vergnügens grenzte; daß krankhafte Wünsche sich mühelos erfüllten; daß ein Sich-auf-sich-selbst-Besinnen nur am Rande des Schlafs stand, furchtbares Gespenst. Kein Droben und kein Drunten existierte mehr, alle Markungen waren vermischt, wie wenn Himmel und Erde aus der Vorstellung verschwunden wären und man in freier Luft schwebte vor schemenhaften, bisweilen unterhaltenden Bildern. Peter Graumann war auch im Stande, die Zeit hinwegzueskamotieren und mit einem Grinsen zu versichern, alle Uhren in der Welt seien stehn geblieben. Wenn ein Betrunkener auf einer Ebene geht, glaubt er, den Berg hinabzurollen, also war man vielleicht nur trunken und rollte gar nicht in Wirklichkeit thalab. Es kommt vor, daß Jemand mit der Fackel durch sein finsteres Haus rennt aus Furcht vor einer Feuersbrunst und erst durch solche Thorheit einen unheilvollen Brand verursacht. Vorsicht war geboten ... Groß war die Wirrnis der Gefühle, mit denen Renate den leichten Wagen bestieg. »Es ist unwahrscheinlich, wie schöne Augen Sie haben,« sagte der junge Mann, an dessen Seite sie in mildem Tempo durch die Straßen fuhr. Ein müder, langsamer Blick traf den Blonden, der so vornehm war, daß er seine Augenlider niemals völlig erhob. Worte solcher Art werden mit einer gangbaren, geläufigen Münze bezahlt, deren Abgegriffenheit sie nicht wertloser macht. Der Vornehme gab gern dünne Aphorismen der Lebensweisheit. »Sehen Sie, Gnädigste, wir sind eine Stadt von Müssiggängern. Da faselt man immer vom Volk. Bei uns giebt es gar kein Volk. Massen, ja vielleicht Massen. Gott sei Dank, wir haben kein Volk mehr, und das ist eben der Fortschritt, ich möchte sagen: die Kultur. Ist der Mann da auf dem Bock Volk? Ein Galantuomo. Sind die Leute auf dem Ring und in der Kärntnerstraße Volk? Nur bei Barbaren spielt das Volk eine Rolle.« Renate blickte nachdenklich ins Weite. Unerklärlich, weshalb dieser Mann philosophieren mußte. Sein Anblick war unglaubwürdig, und daß er sprechen konnte, war erstaunlich. In ihren Zügen war etwas Lebloses, das sich beim Sprechen steigerte. Oder war es nur die zurückgebliebene Leblosigkeit aus den toten Nächten? Denn jetzt schon fühlte sie ihre Glieder im Bann jener Starrheit, wie immer, wenn der Abend oder die Schaustellung nahte. Dann sanken ihre Gedanken in Dunkelheit, schien jede Empfindung gelähmt, jeder Entschluß gefesselt, und Schmerzen wirkten nur wie Schläge, die man erhält, aber nicht fühlt. Alles eigentliche Bewußtsein sank zusammen, und Vergangenheit war weniger als ein Blatt Papier, das der Wind auf den Hof treibt. Der Wagen sauste durch die Prater-Allee, und der Kies des Weges spritzte gegen die Wände. »Es ist eigentlich schon zu kalt, um offen zu fahren,« sagte Renate. »Aber die Sonne scheint. Es ist der schönste Tag.« »Es ist keine richtige Sonne.« »Dann laß ich das Dach schließen.« Renate nickte, und der junge Mann gab seinem Kutscher das Signal zu halten. Der Fiaker blieb einer Restauration gegenüber stehen, deren Gartenräume nur noch spärlich besucht waren. Das dürre Laub bedeckte den Boden und lag auf Tischen und Stühlen. Ein kleines Kellnerlein stand mit blaugefrorenem Gesicht an der Pforte, als ob es die Gastscheuche machen wollte. Während die beiden Männer am Wagendach hantierten, dessen eine Feder den Dienst versagte, blickte Renate den langen, geraden Alleeweg hinunter. Vereinsamt streckte sich die Fahrstraße, auf dem Promenade-Weg zeigten sich einige Paare, hie und da ein Mädchen mit einem Kinderwagen, einige Schüler, die aus dem Vivarium kamen und hinter ihnen ein junger Mann mit träumerischen Schritten. Als er näher kam, lehnte sich Renate totenbleich in ihren Sitz zurück, da sie Anselm Wanderer erkannt hatte. Auch er blickte empor, blickte sofort in die Richtung des Wagens. Erst war der Ausdruck seiner Augen der einer flüchtigen Neugierde, dann blieb er stehen, blieb wie versteinert stehen, und die Cigarette, die er geraucht hatte, fiel herunter. Renate nahm sich zusammen. Sie erhob sich, stieg aus und sagte dem jungen Mann, er möge ohne sie weiterfahren. »Wie?« machte der Blonde verdutzt. »Ich bitte Sie darum,« flüsterte Renate hastig und nervös. »Aber –« »Wir treffen uns heute Abend. Heute Abend um acht Uhr. Sie wissen es ja. Adieu. Adieu.« Der vornehme Blonde war überaus verblüfft. Er schüttelte den Kopf und stemmte die Arme in die Hüften, indem er ihr nachsah. Dann richtete er ein paar ärgerliche Worte in die Luft, stieg ein und fuhr weg, fortwährend in melancholischer Weise den Kopf schüttelnd. Als Renate auf Wanderer zuging, glaubte sie über Schlamm zu schreiten, bei jedem Schritt einsinken zu müssen. Endlich stand sie ihm gegenüber, – schweigend. Sie hatte, beim Wagen noch, den schwarzen Schleier herabgestreift und hauchte nun in das dünne Gewebe. Etwas wie endgiltige Verzweiflung lag in diesem Hauch. Die Worte waren in ihrer Brust wie festgefroren. Endlich sagte Wanderer, indem er über den Zaun des Restaurationsgartens blickte: »Ich wußte gar nicht, daß Sie hier in Wien sind.« Renate nickte, ließ das Kinn sinken, nagte fortwährend an der Unterlippe. »Ich bin schon über zwei Monate hier,« erwiderte sie mit kaum verständlicher Stimme. Ihr suchender Blick gelangte wie auf Irrwegen zu Wanderers Augen, der bleich und schweigend vor ihr stand und die Stiefelspitze in den Sand bohrte. »Wollen Sie mich ein wenig begleiten?« fragte Renate ebenso leise wie vorher. Wanderer machte eine halbe Verbeugung und schritt an ihrer Seite die Allee hinab, gegen das Lusthaus zu. Sie schlugen den Seitenweg zur Josephswiese ein, überquerten dann wieder die Hauptallee und gingen durch die Anlagen östlich der Rotunde. Dabei sprachen sie nicht ein einziges Wort, und das Schweigen war so auffallend und peinigend, ja quälend, daß Renate mehrmals stehen blieb und die Hand auf die Brust legte, als könne sie nicht zu Atem kommen. Auf eine Bank zwischen zwei Ahornbäumen ließen sie sich nieder und konnten geradeaus in den Sonnen-Untergang sehen. »Es ist ein unerwartetes Zusammentreffen,« sagte Renate, sich ein wenig freier fühlend. »Ja. Von Ihrer Seite gewiß,« entgegnete Wanderer, das Kinn auf seinen Stock gestützt. »Wieso?« Eine jäh flammende Röte bedeckte Renates Gesicht. »Ach, bei mir war es nicht unerwartet, denn ich bin in den letzten Tagen manchmal an Sie erinnert worden.« »Erinnert worden? Wie ist das möglich?« Wanderer gab keine Antwort. Er schaute abwesend auf ihre Hände, von denen sie die Handschuhe abgestreift hatte, und die noch viel weißer, magerer und entkräfteter schienen als früher. »Wie kommt es, daß Sie jetzt hier sind?« fragte Renate beengt, doch, ohne daß sie es wollte, mit weicher Stimme. »Ich arbeite hier.« »So? Sie arbeiten hier? Wo denn?« »In einer chemischen Fabrik.« »Und es geht Ihnen gut dort?« »Ich kann mich nicht beklagen. Durch Arbeit hab ich das Vertrauen zu mir selbst gelernt. Und das ist das Wichtigste.« »Durch Arbeit –« echote Renate mechanisch. Anselm Wanderer kam sich etwas primitiv vor mit seinen Sprüchen zur Lebensweisheit. »Sie sind sehr elegant,« sagte er, einen Seitenblick auf Renates Toilette werfend. Sie zuckte zusammen. In ihren Augen war etwas wie Furcht. »Ich bin bei Verwandten hier,« sagte sie plötzlich heiser und in einem Tonfall, als wolle sie eine lange Geschichte erzählen. »Ich wußte gar nicht, daß Sie Verwandte hier haben.« »Doch, doch. Eine Cousine meiner Mutter.« »So? Und der Herr, mit dem Sie gefahren sind?« »Es ist ein Freund.« »Von Ihnen?« »Ja, ein Freund.« Aus Angst, sie könne stocken in ihren Antworten, redete sie übermäßig rasch. »Und Sie wollen hier bleiben?« fragte Wanderer weiter, – kühl, mit einem unbeweglichen Gesicht. »Ja, das heißt, so lang es eben geht.« Ein stürmischer Kummer wallte in ihr auf, und nervös ballte sie die Hände. »Wissen Sie auch, daß Peter Graumann hier lebt?« fragte Wanderer und wandte ihr voll das Gesicht zu. »Graumann? Er ist hier? Das wußte ich nicht –« und plötzlich im Gefühl der Unerträglichkeit des Lügenspiels erhob sie sich, rief leidenschaftlich: »Wissen Sie es denn, so quälen Sie mich nicht!« und bedeckte aufschluchzend das Gesicht mit den Händen. Wanderers Gesicht wurde fahl wie Asche. »Ich quäle Sie doch nicht,« murmelte er verstört. Renate saß und weinte lange. Aus der Stadt drang leise grollender Lärm. Ein paar Krähen krächzten in der Luft, flogen mit ihren weitgreifenden Schwingen der nahen Donau zu. Mit abgewandtem Gesicht erhob sich Renate. Sie war wieder vollkommen ruhig geworden, ja, allzuruhig, schien es Wanderer. Die dunkelnde Hauptallee hinauf gingen sie jetzt wieder schweigend. Kurz vor dem kleinen Viadukt blieb Wanderer stehen und fragte: »Aber wie war das nur möglich?« Doch sie schüttelte entschlossen den Kopf und ging weiter. Nach hundert Schritten sagte Wanderer: »Ich wohne dort drüben,« und deutete gegen den Nordbahnhof. Mit schwimmenden Augen blickte ihn Renate an, und ihre Lippen zuckten. Dann reichte sie ihm die Hand, und er setzte schweren Schrittes seinen Weg fort. Renate legte den weiten Weg nach ihrer Wohnung zu Fuß zurück. 6. Sie eilte rasch durch die Zimmer-Reihe, bis sie Eugenie Hadamard fand, die mit einer Handarbeit beschäftigt war. »Warum brennt denn nirgends Licht?« fragte sie und blickte schaudernd in die finstern Räume zurück. Sie setzte sich in einen Sessel und fragte dann: »Sagen Sie, Eugenie, Sie wissen doch, wo Frau Darja Blum wohnt?« »Ja, Florianigasse 26. Es ist allerdings schon Wochen, daß sie mir begegnet ist und es mir sagte.« »Hat sie sich damals nach mir erkundigt?« »O ja.« »Ich finde es so warm hier, schrecklich warm.« »Haben Sie denn heute keine Vorstellung? Ach nein, heut ist ja Montag.« Eugenie ging hin und öffnete das Fenster. »Gut, daß heute Montag ist,« murmelte Renate und drückte den Fuß gegen Angelus' Rücken, der dafür kaum merklich mit dem Schweif wedelte, ohne sich zu rühren. Anscheinend schlief er, doch entging nichts seiner genauen Beobachtung. »War Jemand hier?« fragte Renate. »Nein. Herr Graumann ist um vier Uhr fortgegangen. Er sagte, zum Souper käme er natürlich.« Eine unbestimmte Furcht erwachte in Renate vor Eugenies klangloser, trauriger, monotoner Stimme, mit der sie alles berichtete. Indessen saß sie ihr eine Zeitlang schweigend gegenüber und verfolgte mechanisch das Auf und Nieder der Nadel in der Hand des alten Mädchens. Dann fragte sie teilnahmslos: »Was arbeiten Sie denn da immer?« »Ach, es ist meine ewige Handarbeit,« erwiderte Eugenie mit schwachem Lächeln. »Wieso: ewige?« »Ja. Es hat damit eine eigene Bewandtnis.« »Ein seidenes Tuch und Sie sticken Rosen hinein. Mehr seh ich nicht.« »Lauter Rosen, gewiß. Schon seit sechzehn Jahren. Jedes Jahr wird eine fertig.« Eugenie errötete, was einen merkwürdigen Eindruck auf Renate machte. »Erzählen Sie es doch,« sagte sie, beugte sich vor, stützte den Kopf in die Hand und den Ellbogen aufs Knie. So hatte sie auf einmal etwas Versunkenes und Kindlich-Neugieriges angenommen. Eugenie Hadamard machte eine unsichere und verlegene Bewegung. Dann hob sie ihre dunklen Brombeer-Augen schüchtern zu Renate empor, ließ die Arbeit ruhen und erzählte. »Eigentlich ist es eine harmlose Geschichte, gar nicht interessant. Vor sechzehn Jahren war ich bei einer Familie in der französischen Schweiz. Ich sollte einem jungen Mädchen deutsche Stunden geben. Seit meiner Kindheit war ich eine Waise, hatte Niemanden, und dort war es zum ersten Mal, daß ich mir recht bei Seite geschoben vorkam. Ich war schon fünfundzwanzig Jahre alt und hatte noch nichts vom Leben gehabt. Nun waren zwei hübsche junge Männer im Haus, ein Bruder und ein Vetter meiner Schülerin. Sie scherzten viel mit mir. Vielleicht gefiel ich ihnen wirklich, vielleicht dachten sie nur einen Spaß aus mir zu machen. Trotzdem ich sie ganz gut leiden mochte, denn es waren fröhliche Menschen, wich ich ihnen doch stets aus; es ist ja gefährlich für ein junges Mädchen. Einmal aber stand ich morgens allein im Garten, und der Cousin von Juliette schlich heran und er küßte mich gewaltsam, und Juliette hatte es belauscht, denn sie war immer auf der Lauer. Die alte Dame, die furchtbar sittlich war, jagte mich sogleich aus dem Haus. Ich wanderte den ganzen Tag in der Stadt herum. Halb schämte ich mich, halb hatte ich Mitleid mit mir. Und als so der Abend kam, stand ich auf der Promenade in der Nähe des Sees und schaute ins Leere. Ich konnte mir nicht denken, was ich thun sollte. Da sah ich einen eleganten Wagen, und die beiden jungen Herren saßen drin. Zufällig erkannten sie mich und ließen halten. Sie sprachen lange mit mir und schimpften über die alte Dame. Und der Jüngere, der voller lustiger Einfälle steckte, lud mich ein, in den Wagen zu steigen und mit zu fahren. Der andere stimmte bei, kurz, sie redeten mir so liebenswürdig und eifrig zu, daß ich sie doppelt lieb gewann alle beide. Aber ich wußte auch, wenn ich in den Wagen stieg, war es um mich geschehen. Ich sagte ihnen, es sei unmöglich, ihr Bitten sei umsonst. Und es war auch umsonst, so daß sie schließlich ganz betrübt wieder einstiegen. Jeder reichte mir die Hand, und als der Wagen schon im Fahren war, warf mir der jüngere dieses lilaseidene Tuch zu. Ich war beklommen und niedergeschlagen, suchte das Quartier auf, wo ich meine Sachen hatte hinbringen lassen. Glücklicherweise fand ich bald darauf eine neue Stelle, und so ist mein Dienerinnen-Leben weitergegangen. Wer weiß, ob es nicht doch anders gekommen wäre, wenn ich in den Wagen gestiegen wäre, denn so hab ich gar nichts, hab nie etwas gehabt. Das ist schon die siebzehnte Rose, die ich mache. Es sieht hübsch aus, nicht?« Sie hielt das Tuch vor das Gesicht, um es Renate zu zeigen. Renate nickte. Sie wandte sich ab, als könne sie durch den Stoff hindurchschauen. Auch verließ sie dann wortlos das Zimmer und ging im Nebenraum ruhelos auf und ab. Da das Geräusch von Tritten und Stimmen vernehmbar wurde, beendigte sie ihren Marsch. Peter Graumann öffnete die Thüre und ließ höflich drei Herren den Vortritt. Ein kleiner, wohlwollender, der den Eindruck einer frisierten Maus machte, trat rasch auf Renate zu, die andern beiden hielten sich im Hintergrund, indem sie sich respektvoll räusperten. »Europa ist voll vom Ruhm Renee Lusignans,« sagte der Mausgraue, seine gelb beschuhte Hand ausstreckend. Er lächelte freimütig und leutselig, errötete aber langsam und sah bestürzt aus, als Renate sich nicht rührte, seine ausgestreckte Hand nicht beachtete und seine Verbeugung nur zerstreut mit einem Kopfnicken beantwortete. »Erlaube, daß ich Dir die Herren vorstelle, Renee,« sagte Graumann, die beiden andern in den Vordergrund führend. »Baron Gallus, Gesandtschaftssekretär, Herr von Ullmingen, unser berühmter Rennstallbesitzer.« Eine Minute später kam auch der vornehme Blonde von heute Nachmittag und machte zuerst ein gekränktes Gesicht. Da aber Renate ihn bei Seite zog, und ihn um Stillschweigen über den Vorfall bat, der sie von ihm getrennt, fand er sich mit geheimnisthuerischer Liebenswürdigkeit in seine neue Rolle als Vertrauensperson. »Weshalb bist Du nicht in Empfangstoilette?« herrschte Graumann Renate an, – mit leiser Stimme, die etwas unsicher klang. Sie zuckte die Achseln, wandte sich ab von ihm. Graumann witterte Auflehnung, er wurde unruhig und seine Trinkerlaune verflog. »Es giebt nur eine Kunst und die liegt im Variete,« sagte der Mausgraue und blickte prophetisch auf die Fingernägel seiner Hand, die er vor sich hielt. Der Gesandtschaftssekretär stieß den Rennstallbesitzer in die Hüften. »Ich glaube, er weiß gar nicht, was Variete ist.« Ullmingen lachte wie über einen unübertrefflichen Witz. »Er glaubt vielleicht, Variete ist eine Mehlspeise,« fuhr der Baron geschmeichelt fort und begann, glühende Blicke auf Renate zu heften, die fröstelnd am Ofen stand. Der Mausgraue blickte sich gereizt um und schnappte ein wenig. Das Lachen erschien ihm verdächtig. Inzwischen wurden die Thüren zum Speisezimmer geöffnet. Graumann ging vor dem Ofen hin und her. »Bist Du krank, Renee?« fragte er durch die Zähne. »Nicht? Umso besser.« Und nahe an sie herantretend, fügte er hinzu: »Der Fürst ist hier. Unsere Vorstellungen sind ihm unbequem. Er war gestern anwesend, und sein katholisches Gewissen erkrankte so, daß man ihm zu Hause Eibisch-Thee kochen mußte. Doch er will dich kennen lernen, Renee.« Renate hob jäh den Kopf und erblaßte. »Du mußt Dich nach einem Ersatz für mich umsehn. Ich will nicht mehr. Ich war wahnsinnig; wahnsinnig war ich.« Sie klammerte sich mit den Händen an die Kacheln, als könne man sie losreißen. »Ah, du willst wohl heiraten?« fragte Graumann ironisch und unbesorgt. Er blickte in die Nische und zog die Lippenwinkel weit auseinander. »Ich war ja wahnsinnig,« flüsterte Renate noch einmal, als gäbe es keine andere Verteidigung, als das eine Wort. »Du vergißt unsern Kontrakt,« erwiderte Graumann stutzig werdend, mit finsterer Stirn. »Jetzt sind wir auf dem Weg, uns sicher zu stellen. Tausende fließen uns zu.« Habgierig glänzten seine Augen. Im Geist berechnete er künftige Einnahmen. Der vornehme Blonde saß bei Tisch neben Renate. Er spielte gerne den Unglücklichen, beklagte sein verlorenes Leben, ließ ideale Neigungen durchschimmern und fragte naiv, ob Renate auch unglücklich sei. Sich unglücklich fühlen, erschien ihm als eine Auszeichnung, ja als ein Genuß. Da Renate verneinte, begann er von Litteratur zu sprechen, dem Notnagel aller leeren Zwiegespräche. Er sprach von einem neuen Buch, das er gelesen, aber es sei »kraß und realistisch«. »Was ist es denn für ein Buch?« fragte Renate gleichgiltig. »Die Wiedergeborene. Von ...von ...den Namen habe ich leider vergessen.« »Ein schöner Titel.« Renate blickte gedankenvoll über den Tisch. Graumann trank schon wieder unaufhörlich. Er trank sich gewöhnlich in Pläne, in Entschlüsse, in Vorsätze hinein. Dann war er hart, rücksichtslos, grausam. Oft heuchelte er nur Trunkenheit, um andern nahezukommen oder sie einzuschüchtern. Im Grunde feig, spielte er mit Vorliebe den Temperamentvollen, hatte die Gabe, durch psychologische Spitzfindigkeiten zu imponieren. Wer sein gläubiger Zuhörer war, wurde bald sein Opfer. Der mausgraue Baron brachte einen Toast auf Renate aus. Der Schluß war sogar in Versen gehalten. Begeisterter Zustimmung voll, erhoben alle die Gläser. Renate fühlte die Ironie hindurch, sah das leichte Zucken von Mundwinkeln, die übermütigen Gesten, und es begann in ihren Schläfen zu hämmern. Sie saß und hörte ruhig zu. Graumann wollte der Richtung ihrer Blicke folgen und schaute ebenfalls dorthin, wohin sie schaute, nämlich in Nichts. Es ist ein Abgrund da, hämmerte es weiter, und wohin jetzt, Renate Fuchs, stolze Renate, ehedem unnahbare? Keine Hoffnung. Durch alle Betrachtungen hindurch meldete sich der Schmerz wie ein Bote, der aus der Ferne gelaufen kommt. Wie sonderbar, daß sie nie vorausdenken, voraussehen, vorausfürchten konnte, sondern mit jeder Gefahr an der Seite den Weg weiter ging. Und jetzt; da sie endlich zu ahnen begann, verlor sie vielleicht ihre Seele dabei. »Griotte ist ein lasterhafter Mensch,« bemerkte Ullmingen laut und lachte. »O, er steht nur in einem platonischen Verhältnis zum Laster,« entgegnete der Gesandtschaftssekretär beißend. »Zur Schönheit hoffentlich auch,« sagte der Mausgraue kichernd. Sein Glas fiel um, und der Wein floß über den Tisch. Renate stand auf. Ein Graf und ein Theaterschriftsteller wurden gemeldet, traten ein, bewegten sich wie zu Hause. Ich ertrag es nicht, dachte Renate, als man ihr die Hand drückte. Sie trat ans Fenster; unten ging, im Finstern, ein Mann auf und ab. Vielleicht ist es ein Helfer, dachte sie verzweiflungsvoll und schaute noch gespannter durch das Glas, drückte die Stirn an die Scheibe. Wo liegt meine Schuld? hämmerte es von Neuem. »Ich habe nie einen Hals von so vollendeter Form gesehen, gnädiges Fräulein,« lispelte der Baron neben ihr. Sie zuckte zusammen, und ihr Herz begann angstvoll zu klopfen. Am Tisch brachte man schon wieder einen Trinkspruch auf sie aus. Diesmal war es der Theaterschriftsteller, der einen Imperatorenkopf hatte, aber die blicklosen Augen eines Huhns. Wie widerlich und finster alles ist, dachte Renate. Ullmingen und der Mausgraue, die in einem Streit über weibliche Körperschönheit lagen, wurden lebhaft, ja lärmend. Der Mausgraue schwärmte für das Runde, das Rubenssche, aber Ullmingen erwiderte ihm heftig: »Sie sind ein Barbar. Betrachten Sie die Hüften Renee Lusignans morgen Abend und sagen Sie dann –« Weiter redete er nicht, denn ein dumpfer Schrei und ein heftiges Klirren ertönten vom Fenster her. In einem Zustand besinnungslosen Kummers hatte Renate die Stirn an die Scheibe geschlagen, und das Glas war zerbrochen. Jetzt rann ein feiner Blutstrom über Nase und Mund, und leichenblassen Gesichts starrte sie die bestürzten Herren an, die alsbald einen Kreis um sie bildeten. Graumann rief nach Eugenie, aber er führte Renate selbst hinaus, wischte mit einem nassen Tuch das Blut vom Gesicht und verband den Kopf. »Du hast dich wie ein Backfisch benommen,« sagte er eisig. »Wir haben darüber noch zu reden. Diese Melancholie um jeden Preis ist komisch und dumm. Aschenbrödeleien sind hier nicht am Platz.« Er ging. Eugenie Hadamard wollte Gesellschaft leisten, aber Renate schickte sie fort. Etwas schlich kaum hörbar heran: Angelus. Renate nahm seinen Kopf zwischen beide Hände wie in früherer Zeit und flüsterte: »Braver Hund.« Sie konnte es nicht lange ertragen, zu liegen, setzte sich in ein dunkles Eck, und mit weit vorgebeugtem Oberkörper stützte sie den Kopf in die Hände. Ihr weißes Gesicht mit der weißen Binde über der Stirn leuchtete im matten Ampellicht, mehr noch die Augen, die unbeweglich auf das Antlitz des Hundes gerichtet waren. Woran leidest du? schien Angelus zu fragen. Ich habe keine Ruhe mehr, antwortete Renate. – Und warum? Angelus wieder. – Wer ohne Liebe ist, ist ruhelos, darauf Renate. Erinnerst du dich, Angelus, an jene Nacht in der Königinstraße, wo mich ein gewisser Jemand aus dem Bette zerrte, um mich zu schlagen? – Ich erinnere mich, sagte Angelus. – Und wie du es warst, der mich beschützte? – Ich erinnere mich. – Nun damals begann es, fuhr Renate ohne Worte fort. Damals begann es, daß ich keine Ruhe hatte, außer mir und in mir. –. Es ist wahr, erwiderte Angelus; ohne zu sehen, bist du gegangen, ohne zu wissen, hast du gehandelt, keinem hast du vertrauen dürfen. – Nur dir, Angelus. Aber dich habe ich schlagen lassen. Und jetzt, wohin? – Die Männer haben dich vergiftet mit schlechten Begierden. Werde du nicht begierdelos. – Ich habe noch Sehnsucht und Erwartung. – Dann bist du noch stark. –Liegt Stärke denn im Warten? – Im Warten liegt die Kraft für dich. – Doch zu wählen, war ich nicht fähig. – Keiner wählt für sich. Das, was ihn erwartet, zieht ihn heran. Renate erhob sich, trat zu einem Kleiderschrank, dem sie mehrere kostbare Gewänder entnahm. Sie warf die Kleider über den Arm, verließ das Zimmer und ging in den Raum, den Eugenie bewohnte. Dort legte sie die Kleider auf das Bett Eugenies, die aus dem Schlaf emporfuhr und sagte: »Das schenke ich Ihnen, Eugenie. Was Sie morgen noch finden, und was mir gehört hat, ist ebenfalls Ihr Eigentum.« Damit verließ sie das Zimmer wieder, ohne das erschreckte und verblüffte Fräulein zu beachten. Als sie zurückkam, wartete Graumann. Die Hände auf dem Rücken, ging er herum, pfiff leise vor sich hin, und sein Gesicht hatte einen geschäftsmännischen Ausdruck. Thöricht, ihn zu fürchten, dachte Renate. »Wie viel muß ich Dir zahlen! wenn ich von heute ab hingehn kann, wo ich will?« »Zwanzigtausend Gulden. Es ist der Ausfall eines Monats.« Ein fortwährendes Lächeln spielte um Graumanns Lippen. »So viel besitze ich nicht,« erwiderte Renate. »Ist denn das nach Recht und Gesetz?« »Recht und Gesetz sind nicht für uns.« »Es ist wahr.« »Meine Mittel erlauben mir nicht, großmütig zu sein.« »Ich habe Dir alles gegeben. Gieb mir die Freiheit.« »Nicht unter dem Preis.« »Gieb mir die Freiheit, Peter Graumann. Zehntausend Gulden sind in der Bank, zweitausend sind hier. Ich will für dich arbeiten von heute ab, aber laß mich frei. Was kann es Dir nützen, mich zu halten, wenn es meinen Ekel erregt, zu thun, was ich soll?« »Ich liebte Dich, Renee,« brummte Graumann mit stieren Augen. Renates Gesicht leuchtete in Hoffnung auf. Eilig brachte sie an Schmuck herbei, was sie besaß. »Du hast ja Diamanten und Perlen,« sagte Graumann kaustisch und wühlte mit den Fingern in den Haaren. »Ich liebte Dich, Renee, liebe Dich noch. Was willst Du thun? Frauenjugend hat schnelle Füße. Verfluchtes Metier! Ich werfe Raketen in die Luft und Steine fallen mir dafür auf den Schädel. Ein Weib, ein Weib, meine Seele für ein Weib!« Jetzt erst bemerkte Renate, daß er trunken war. Seine Stimme wurde weinerlich und süßlich, und er unterhielt sich mit einem Niemand in der leeren Luft. Er hatte die Weinflasche mit hereingenommen und trank daraus, ohne erst ein Glas zu benutzen. Etwas gnomenhaft Hilfloses tauchte plötzlich aus seinem Wesen auf. Sein alltägliches Ich, jetzt machtlos, schien darunter zu leiden und kämpfte erbittert um die Herrschaft. Mehr und mehr verlor er jedoch die Kraft über sich selbst, wollte pathetisch den Schein der Nüchternheit wahren und pustete vor sich hin, als ob es immerhin möglich sei, daß sich jemand fand, der ihn für betrunken hielt. Er fing an weitausgreifend und jahrmarkthaft über sich selbst zu reden, schmatzte mit den Lippen, als wären seine Worte Süßigkeiten, blinzelte schlau mit den Augen, sagte Geistreiches und Unverständliches, Frivoles und Bizarres durcheinander, war gerührt und beleidigt, listig und frech, aber durch all das drang wie der Fortissimostoß einer Posaune aus dem Piano eines Orchesters die tiefe Zerworfenheit und Zerrissenheit seiner Natur, die innere Verlassenheit, Haltlosigkeit, und was mehr war, eine Beängstigung, welche der Todesfurcht verwandt war. Es schien, als trinke er, um nicht gesehen zu werden, um sich selbst weder sehen noch hören zu müssen. Renate begann aufmerksam seinen Worten zu lauschen, begriff es nicht mehr, daß sie hier saß. Die Seitenthür war offen, und sie sah in das Speisezimmer, das nun leer war. Das Licht brannte noch hell, die Flaschen und Gläser standen wirr, die Stühle standen wirr wie von plötzlichem Aufbruch. Und allmählich wurde das Lampenlicht dumpfer, denn der Morgen begann zu grauen. Die Blumen auf der Tafel rochen stark, schienen aber dem Verblühen nah. Peter Graumann war im Begriff, eine philosophische Spekulation über den Wechsel von Tag und Nacht anzustellen, aber Renate bat ihn sanft, zu schlafen. Sie bemitleidete ihn tief. Sechzehntes Kapitel 1. So zog Renate arm hinaus. Zog in die Nebel des Novembertages, Angelus an der Seite. Was sie besaß, schob ein Dienstmann auf einem Karren hinter ihr her, und ihre Mittel, um zu leben, bestanden in dem wenigen Baargeld, das sie seit gestern noch in der Tasche trug. Wohin? hatte der Dienstmann gefragt, und sein Gesicht erinnerte Renate an das Gesicht jenes Kutschers, der sie einstmals nach der Schwindstraße gefahren hatte und noch zur Vision im dunkeln Treppenhaus des Ateliers geworden war. Es gab jetzt viele Erinnerungen für Renate. Das Haus in der Florianigasse, zu dem sie eine Art von überirdischem Vertrauen zog, hatte drei Höfe und drei Aufgänge. Zum dritten wies sie der Portier, fügte aber sein Vermuten hinzu, daß die fremde Dame ausgezogen oder verreist sei. Zwei steinerne, enggewundene Treppen mußte Renate steigen, und oben stand im Flur eine ältliche Dame mit bebänderter Haube und sah zu, wie eine schwarze und eine weiße Katze einträchtig aus einer Schüssel mit Milch nippten. Wochenlang sei schon Frau Blum-Neander fort, hieß es, und komme nicht wieder, und Renate hörte versonnen der Nachricht zu, wunderte sich nur, daß sie jetzt viel mehr allein war, als sie geglaubt hatte. Es war da ein Hof mit einem verkrüppelten Bäumchen unten, dessen Zweige im Wind knackten. Der Hof war mit kleinen, gelben, regelmäßigen Granitsteinen bepflastert und machte einen friedlichen Eindruck. Ein einzelner Kinderschuh lag neben der Kellertreppe; er lag umgekehrt, zeigte die zerrissene Sohle und verlieh dem Hofe etwas von Verlassenheit, etwas von einem Ort, dem man in aller Eile entflieht. Renate fragte, ob das Zimmer, in welchem ihre Freundin gewohnt, leer stehe. Die Wirtin, in glückseliger Bereitwilligkeit, öffnete alle Thüren. Es gäbe gar nichts Schöneres, als gerade dieses Zimmer, welches als ein Paradies von Ruhe, Ordnung und Behaglichkeit gelten müsse; ein Fürst könne darin wohnen. In der That hätten ein Sektionschef, ein Kanzleidirektor, ein Arzt, ein Ingenieur, eine italienische Gräfin und eine Opernsängerin schon hier logiert. Es besäße alle Vorzüge, die man sich nur wünschen könne und werde so sehr begehrt, daß nur allerfeinste Personen Berücksichtigung finden könnten. Doch ein wenig gleichgiltig beschaute sich Renate diese Perle aller Wohnstätten und Zufluchtsorte: graublaue Wände, geziert mit dummen Oeldrucken und altersgelben Photographieen, ein Bett im Winkel, ein kleines Sopha, welches aussah, als flehe es um Schonung, und eine ärmliche Lampe mit hochmütig aufgeblähtem Glassturz stand auf einem gar hoch- und dünnbeinigen Tischchen. Renate setzte sich beim Fenster nieder, stützte den Kopf gegen das Kreuz und hörte geduldig an, mit welch außerordentlichen Eigenschaften des Geistes und Herzens die früheren Mieter ausgestattet waren. Ein jeder wurde zur Blüte seines Standes, hatte die vornehmsten Verbindungen und war auf geradem Weg, Minister zu werden oder geheimer Hofrat. Was Frau Bum-Neander betreffe, so sei sie höchst zufrieden gewesen. Allerdings habe sie Briefe vergessen, nach denen sie ein Mal geschrieben und ein andres Mal geschickt, aber es habe sich leider nichts vorgefunden. Es schien, als ob die arme Rednerin durch Schweigen ausgehungert sei und sich nun durch Worte zu sättigen vermöchte. Als Renate endlich den Preis erfahren hatte und ihn gering fand, sagte sie zum Erstaunen der Wirtin, daß sie den Dienstmann mit ihren Sachen gleich heraufschicken werde. »Sind wohl auch eine Doktorin?« fragte die Dame mit ehrfürchtig verdrehten Augen. – »O nein.« –»Jedenfalls aber so was Ungewöhnliches?« – Nein, durchaus nichts Ungewöhnliches. – Haben aber so ein feines Wesen und seien so schön, ja wahrhaftig, sehr schön. Ob wohl incognito reisen wollten? So etwas käme heutzutage oft vor. »Ach und die zarten Hände! Das sind ja Feenhände.« – Allein. Zum Plänemachen wie zu Unternehmungen war der Tag nicht geeignet. Die Stürme hatten sich gelegt, das Schiff war versunken, gefährtenlos war Renate an ein weltentlegnes Stück Inselland verschlagen. Die fremden Menschen hier verstanden ihre Sprache nicht. Aber an ihrer Arbeit teilzunehmen, würden sie der Fremden vielleicht gestatten. Möglich, daß sie Mühevolles und Schweres verlangten, aber heimatberechtigt wird nur, wer ihnen gleich die Arme rührt. Arbeit ist eine Gleichmacherin, Zusammenhalterin. Renate dachte sich, der Wille, den Geringsten gleich zu sein; müsse Gastfreundschaft finden. An die Not dachte sie nicht. Der Hunger hatte durchaus nichts Erschreckendes für sie. Fahle Erinnerungen an Zeitungsberichte und mancherlei Elendsbücher beeinflußten ihre Stimmung nicht. Daß in einer solchen Stadt die Luft zitterte vom unheimlichen Röcheln der tierisch Verkommenden, hatte sie noch nie wahrnehmen können. Als ihre Wäsche und ihre Kleider eingeräumt waren, und die sonstigen Gegenstände ihren Platz gefunden hatten, setzte sie eine Zeitungs-Anfrage auf, deren Schüchternheit und Naivetät bedeutsam genug war. Eine junge Dame, musikalisch gebildet, doch zu jeder Arbeit bereit, suche Stellung. Das trug sie hoffnungsreich in das Inseraten-Amt. Aber als zwei Tage vergangen waren, brachte diese bescheidene Anfrage, – ein wahres Flüstern im Getöse von hunderttausend Stimmen, – nur ein paar alberne Briefe von Männern, welche augenscheinlich nichts zu thun hatten, als wegelagernd banale oder berechnende Anknüpfungen zu suchen. Renate wiederholte ihr zaghaftes Pochen an die Pforten der Arbeit, und glaubte diesmal, daß man sie nicht überhören würde. Als sie mit ihren raschen Schritten, dichtverschleiert und leise zusammenschaudernd im kalten Wind, das Büreau verließ, wurde sie durch einen Wagen aufgehalten, der langsam aus einem Hausflur kam. Sie wartete, und ihr Blick fiel auf eine Buchhändler-Auslage neben dem Thor. Das erste, was sie sah, förmlich hingebreitet für ihre Augen, war ein Buch, dessen Titel sie zwang, zu bleiben; sie erblaßte und schloß die Lider, als sie gelesen hatte: Die Wiedergeborene von Stefan Gudstikker. Zuerst blieb sie regungslos, als besänne sie sich auf einen Traum. Dann erwachte das Verlangen in ihr, das Buch zu lesen; sie ging hinein und kaufte es, trotzdem Sparsamkeit für sie geboten war. Doch hatte sie das dunkle Gefühl, als käme hier etwas zur Sprache, das ihre Angelegenheiten betraf, ja, als bestünde ein Zusammenhang zwischen dem Buch und ihrem Leben. Sie las es in vier Stunden desselben Nachmittags. Als sie fertig war, legte sie sich müde auf ihr Bett, und ihr Mund zeigte einen nie gekannten Zug von Bitterkeit. Ihre Augen waren mit einem leeren Ausdruck unabänderlich auf eine bestimmte Stelle der Zimmerdecke gerichtet, die einen dicken Riß zeigte mit Verästelungen, welche denen eines Baumblatts glichen. Sie lag bis zum Abend und dachte nicht daran, Licht anzuzünden. Es nützte auch nichts, daß Angelus am Pfosten scharrte, vielleicht aus Hunger, vielleicht aus Besorgnis. Ein junges Mädchen kämpft den leidenschaftlichen Kampf um Freiheit innerhalb der Familie, unterliegt, verläßt das Elternhaus und tritt in jenes Reich vermeintlicher Freiheit, wo sie jeder neue Tag mit neuem Schmutz besudelt und tötet sich in dem Augenblick, wo sie einer Stärkeren, Liebefähigeren, Mutigeren, Wachenden begegnet, in welcher symbolisch die Wiedergeburt der Heldin angedeutet wird. Das war der Inhalt des Buches. Aber nicht um dessentwillen war es, weshalb Renate stumm und zerbrochen dalag und mit Trostlosigkeit das Vorbeifließen der Stunden wahrnahm. Diese Heldin hatte ihre Züge, Renates Haltung, Renates Worte, Renates Gewänder, Renates Körper. Alles, was äußerlich war an Renate, hatte die »Heldin« erkennbar an sich, so sehr, daß jeder es beobachten mochte, der von gewissen Dingen Kenntnis hatte, wie ein Kammerdiener um das Leben seines Herrn weiß und aus seinem Verstand ein Bild zu geben sucht. So war diese Pseudo-Renate, mit den Augen des Kammerdieners gesehen, hämisch belauscht, zum Charakteristischen verzerrt. Was Wahrheit daran sein sollte, war bloß Indiskretion, und der sittliche Ernst, der so prahlerische Worte fand, war nichts als Bücherschreiber-Komödie, leicht zu durchschauen, leichter zu verachten. Renate hatte das Gefühl, als wandle sie schimpflich gekleidet, mit den geschminkten Farben der Trauer, dem erheuchelten Ausdruck des Leidens von Hand zu Hand und solle ein Schulbeispiel abgeben für die Verirrungen der Unbefriedigtheit. Tiefer beleidigt ward nie ein Wesen, dachte sie voll Qual und glaubte, die Straße nicht mehr betreten zu sollen. Ueber alles, was sich ereignet hatte, begann sie nachzudenken. Suchte sich selbst zu prüfen und zu beschauen, verwirrt und bestürzt durch die treue Beobachtung und beängstigende Aehnlichkeit ihres äußern Wesens. Zum ersten Mal empfand sie Reue, wußte doch nicht, woran sie sich in aller Raschheit klammern sollte, und ungelenkt irrten ihre Gedanken, ihre Vorwürfe ins Finstere. Den kommenden Tag verbrachte sie im Zimmer. Mit Auf- und Abgehen verfloß die Zeit, mit müdem Liegen. Die Hausfrau kam mit dem Frühstück, wollte ein Thema zu gegenseitiger Erbauung in Gang setzen, doch Renate empfing dergleichen mit stumpfer Unaufmerksamkeit. Ihr Blick suchte Schutz vor Worten, was jene Gemütliche, halb geängstigt und halb verdrossen, endlich fühlte. Renate sagte sich, daß wenig Glück, aber alles Unheil in den Worten liege. Ebenso bangte ihr vor Gesichtern, vor finstern weniger wie vor gleichgiltigen und am meisten vor den lächelnden. Die blassen Photographieen an der Wand, fächerartig und im Bogen gehängt, belästigten sie, gefährdeten ihr Alleinsein. Die starren, matten Augen zeigten allesamt einen leisen Ausdruck von Wahnsinn, der übermäßig freundliche Mund wies trotzdem deutlich auf eine atemlose Flucht hin. Renate nahm die Bilder herab, legte sie beiseite, hing an die nun leere Wand das breite, dunkle Stück eines Stoffes. Gegenüber lag die Rückenseite des zweiten Hinterhauses mit mehr als fünfzig Fenstern. Oft zeigten sich dort Gesichter, wenig verschieden von jenen geisterhaften Photographieen. Jedoch einen Tag weiter und Renate, von der Notwendigkeit getrieben, suchte wieder ihr Inseratenamt auf. Irgendwo sah sie ein Bild ausgestellt: ein Wald und Ackerland und eine umfriedete Hütte, – rasch ging sie vorbei, um ihren Weg nicht hassen zu müssen. Von neuem fand sie unter den Briefen die frechen und sinnlosen Aufforderungen; ja, in einem war eine ganze Lebensgeschichte erzählt. Jemand, der sich »ungeliebt« fühlte und sentimental war, suchte eine »gleichgestimmte Seele«. In dumpfem Zorn knüllte Renate die Epistel zusammen. Doch ein Schreiben las sie, das, nüchtern und geschäftsmäßig, zur Hoffnung Anlaß gab. Wie es darin verlangt wurde, ging sie in die Vorstadt, erstieg die vier Treppen eines ameisenhaft belebten Hauses. Oben konnte sie auf die Hügel von Dornbach blicken. Sie erfuhr von einem würdevollen und lächerlich eleganten Herrn, daß man zu einer Damenkapelle eine Klavierspielerin suche. »Ich heiße Josef Maria Piepenzahn,« sagte der Elegante, dessen Gesicht zinnoberrot war. »Meine Kapelle konzertiert jeden Abend im Restaurant zur grünen Insel. Ich zahle für den Tag einen Gulden und Nachtmahl. Wenn Sie Lust haben, können Sie heute noch eintreten. Gemacht?« Renate zog die Schultern ein wenig in die Höhe, und ihre Lippen zitterten. Hastig strich sie mit der Hand ein paar Haare aus der Stirn und erklärte sich bereit. »Hier ist ein Klavier, zeigen Sie, was Sie können,« erwiderte Piepenzahn, betrachtete Renate neugierig, aber kalt und legte seine dicke, aufgequollene Hand wohlwollend auf Renates Schulter. Sie stand auf, hob diese Hand mit empor, sah in ein Nebenzimmer, wo eine Frau, zum Skelett abgemagert, im Bett lag und ein Cruzifix zwischen den Händen hielt. Am Tisch saßen ein Mann und ein Mädchen, welche sich küßten. »Die Kunst ist etwas Edles,« sagte Herr Piepenzahn mit erhobener Stimme. »Die Kunst ist sozusagen das Manna der Seele. Der echte Künstler ist ein gottbegnadeter Sohn des Himmels. Und ob die Wo–o–olke sie verhüllte ...,« fing er plötzlich an zu brüllen. Er stand am Fenster und riß es auf, als wäre das Zimmer zu eng für seine Begeisterung. Die Stimme des Skeletts wimmerte, man möge das Fenster schließen. »Machs Fenster zu, lieb Schä–ätzelein!« brüllte Herr Piepenzahn mit heiserem Tenor. Das küssende Paar schien von alledem nichts wahrzunehmen. Draußen hatte es aufgehört zu schneien; die Abendröte fiel durchs Fenster. »Was soll ich spielen?« flüsterte Renate, an dem verkümmerten Instrument sitzend, den Blick bohrend auf die Klaviatur gerichtet, die so gelb war, wie die Haut des Skeletts drinnen. Allmählich schlich das Abendrot zu ihr heran, legte sich auf ihre Haare, ihre Hände, die einen Walzer zu spielen begannen. Herr Piepenzahn wiegte sich in den Hüften mit, summte leise dazu, knipste mit den Fingern in der Luft und drehte sich schließlich elegant und geziert mehrmals um seine eigene Achse. 2. Angelus war zu Hause geblieben. Für ihn kam jetzt überhaupt eine lange Zeit des Zuhausebleibens. Abends um sechs Uhr verließ Renate ihre Wohnung und kehrte erst um zwölf Uhr in der Nacht zurück, an Sonntagen um ein Uhr oder noch später. Ohne Klagen, weder laute noch stumme Klagen legte sie den weiten Weg zurück, stets allein, furchtlos und den Blick nicht nach rechts noch links wendend. Meist waren die Straßen voll Schnee, denn es schien ein richtiger Schneewinter zu werden, und es war äußerst mühevoll, ans Ziel zu gelangen. Es kann dabei wohl bemerkt werden, daß die »grüne Insel« wenig angethan war, das Verlockungsvolle ihres Namens zu rechtfertigen. Erklärlicherweise, da eine solche Insel mit Gänsefüßchen weit häufiger ein dürres, düsteres, elendes Nest von Trinkern und Müßiggängern zu sein pflegt. Blaß vom Gehen langte Renate in dem dumpfen Holzverschlag an, wo zehn andre Mädchen schon damit beschäftigt waren, das weiße Kattunkleid mit den roten Schleifen und Bändern anzulegen, was unter Lachen und Geschichten-Erzählen geschah. Renate hatte das Gefühl, als ob jede dieser Stimmen im Lauf der Jahre den ihr angeborenen Klang verloren habe, etwa wie ein Schmuckstück, das lange von Hand zu Hand geht, seine Vergoldung verliert. Und nur in der Stimme lag daher die deutliche Kunde von Verlorenem, während alles andre, Augen, Mund und Worte täuschen sollten und zu täuschen vermochten. Die meisten waren nicht mehr ganz junge Mädchen, und was Renate zuerst an ihnen auffiel, war eine außerordentliche Verachtung der Männer, die in ihrer eisigen Selbstverständlichkeit etwas von einer Naturgewalt besaß. Alle haben in ihrer Weise dasselbe erlebt wie ich, dachte Renate, nur wußten sie es wohl, was ihrer wartete. Sie legten keinen Maßstab mehr an die Größe ihrer Beleidigung, erwarteten resigniert die Not, auch das völlige Ausgestoßensein, hatten sich darein ergeben, alles in der Welt käuflich zu finden. In ihrem Innern war es still und finster. Ihre Gefühle waren die primitivsten. Ihr Hang zu Vergnügungen hatte etwas Krankhaftes, wurde zum Rausche, zur einzigen Fessel, die sie an das Leben knüpfte. Renate sprach mit ihnen in einer merkwürdig verworrenen und furchtsamen Art, als ob sie zu zeigen wünsche, daß sie den Ansprüchen, die jene an ihr Dasein stellten, keineswegs ebenbürtig sei. In allen Gesichtern war die Kenntnis des Lasters, die gar nicht verheimlicht werden sollte, die im Gegenteil sich wie ein Triumph gegen unsichtbare Mächte ausnahm, wie Freude über einen errungenen Vorteil. Renate dachte in ihrem Grübeln, ob nicht Laster und Tugend die verschieden belasteten Schalen Eines Gefühls sein konnten, und ob die Sittlichen der Erde nicht gut thäten, sich damit zu beschäftigen. Wenn dann alle angekleidet waren, und die Zeit des Beginns war überschritten, so klopfte Herr Piepenzahn an die Thür und schrie: »Meine Damen, die Kunst ruft!« Alsbald saß Renate vor dem jahrzehntealten Flügel und spielte, während eine junge, schwarze Geigerin die Dirigentin markierte. Gassenhauer, Tänze, Märsche, Operettenpotpourris wurden spieldosenhaft und blechern heruntergehaspelt, und das Entzücken des sich dichter füllenden Saals nahm in demselben Grade zu, wie der Rauch der Speisen und Cigarren und die Menge des getrunkenen Bieres. Wie von dünnsammtenen Vorhängen umgeben, saß Renate im graublau ziehenden Rauch und spielte, spielte ...Im Gesicht und am Körper spürte sie Hitze, ihr Mund war leicht geöffnet, doch die Zähne waren geschlossen wie ein fester Käfig. Unten horchten die Leute und fanden alles wunderschön, wiegten sich im Takt, genau wie Herr Piepenzahn selbst, waren äußerst gerührt, wenn etwas Weinerliches und Schmachtendes kam. »Erinnerung an Schloß Helfenstein« hieß eine besonders beliebte Nummer, weil da Zither und Triangel angenehme Soli hatten und die Posaunistin eine ungewöhnlich prachtvolle Cadenz blies. Hierauf stellte sich ein putziges Duo zwischen der Baßgeige und der Flöte ein, sowie eine unbeschreiblich traurige Stelle für die Geigen, gegen welche die schwermütigste Serenade der reine Jubelgesang war. Aber das Gute bei dieser Schloß-Erinnerung war, daß das Klavier beschäftigungslos blieb, und so konnte Renate sitzen und den Blick dumpf staunend über das Publikum schweifen lassen. Dicht vor ihr saßen zwei alte Leute, ein Mann und eine Frau von bäurischem Typus, hatten den Arm gegenseitig um die Schultern geschlungen, sahen treuherzig ergriffen auf das Podium. Dann kam eine lange Reihe von dunkelroten, ungesund erhitzten Gesichtern, von fahlen, totenhaft bleichen Wangen, von gierigen und erschöpften Augen, von tückischen, frechen, furchtsamen, verbrecherischen, dummen, pfiffigen, verzweifelten, gleichgiltigen, lügnerischen Stirnen. Die Gerüche von Bier und schlechten Speisen, von Atem, Schweiß und Rauch zogen heran und fern über der Thür stand lapidar in schwarzen Lettern auf weißgetünchtem Grund: Freiheit und Fröhlichkeit macht alle Herzen weit. Aber mit dem Geld, das sie als Mitglied der Piepenzahn'schen Kapelle verdiente, konnte Renate nicht leben. Besonders im Winter nicht, wo das Heizen teuer war. Und ein warmes Zimmer konnte Renate viel weniger entbehren als Speise. Es war angenehmer für sie, zu hungern als zu frieren. Frau Gabesam wußte nicht um die Beschäftigung ihrer Mieterin, war zufrieden, daß sie pünktliche Bezahlung erhielt und sorgte im Uebrigen bei ihren Bekannten für einen Cyklus von Sagen und Legenden, den man um die Gestalt des ewig einsamen Fräuleins spann. Die allgemeine Stimme war, daß man es mit einer Nihilistin zu thun habe. Die besseren Menschenkenner jedoch rieten auf eine Gräfin, die getrennt von ihrem Manne lebe und sicherlich als verschollen gelte. Frau Gabesam las von da ab mit verdoppelter Aufmerksamkeit die Zeitungen. Um nicht Not und Kälte leiden zu müssen, sann also Renate hin und her. Endlich fiel ihr jene Fächerfabrik ein, für welche sie eine Zeitlang im Hause Anna Xylanders gearbeitet hatte. Sie erinnerte sich noch der Adresse und ging eines frühen Tages nach Mariahilf hinaus. Man empfing sie freundlich, ja zuvorkommend, war erfreut, daß sie Arbeit wünsche, hätte es bedauert, daß sie damals in München plötzlich aufgehört. »Heim-Arbeiten« könne man in dieser Saison nicht mehr geben, ob sie nicht im Atelier der Maler arbeiten wolle? Neue Muster seien in dieser Saison nicht mehr willkommen, sie müsse Vorhandenes nach dem Dutzend kopieren. Gewiß, man könne nicht viel dafür zahlen, denn die Industrie sei im Absterben und dergleichen mehr. Renate rechnete sich heraus, daß sie mit dem Verdienst hier und jenem musikalischen gerade werde leben können, ja, bei Uebung und angestrengtem Fleiß konnte sie am Ende vielleicht Ersparnisse machen. So war also von da ab ihr Leben: von acht bis zwölf Uhr und von ein bis sechs Uhr malte sie und von acht bis elf Uhr in der Nacht spielte sie Klavier. Dabei ersparte sie noch sehr viel an Holz und Kohlen; dort in dem riesenhaften Atelier mit dem Oberlicht-Dach herrschte eine angenehme Wärme. Sie saß an einem kleinen Tisch, ihre Farbentöpfe vor sich, und unverdrossen und unermüdet suchte sie Vollkommenheit. Kein weibliches Wesen arbeitete sonst in diesem Raum; sie war die Einzige und die Erste. Die Maler suchten ein Einverständnis mit ihr zu erzielen, probierten es mit höflichen oder neckischen, galanten oder zweideutigen Redensarten, aber da sie stets gleich kühl und gleich förmlich blieb, gaben sie die Strategie des Gewinnen-Wollens auf. Sie beschränkten sich auf einen achtungsvollen Gruß, auf eine sachliche Auskunft, auf bescheidene Zurückhaltung, fanden etwas Ueberlegenes, Unnahbares in Renate, vor dem sie eingeschüchtert und erwartungsvoll Halt machten. Keine Erschöpfung kam über Renate. Das gleichmäßige Tagewerk rollte sich anscheinend von selbst ab. Manchmal konnte sie keinen Schlaf finden, trotzdem ihr beim Auskleiden schon die Lider zugefallen waren. Da begann ein gedankenloses und anstrengendes Schauen in die Finsternis der Stube, und ein Bild rückte empor wie aus fernem Dämmer. Unversehens kam dann der Schlaf, überfiel sie, als habe er auf der Lauer gelegen, und wenn sie erwachte, fühlte sie sich wenig erquickt, sondern hatte eine schmerzliche Empfindung des Angestrengtseins, wie wenn der Zustand der Bewußtlosigkeit voller Qualen gewesen wäre, die nun verwischt und verlöscht blieben. Ein langer Weg war es am Morgen zur Fabrik. Nebel und Schnee, Schnee und Nebel, die ganze Welt ein Winterfeld, die Sonne ein blutgefärbtes Gesicht zwischen Straßen oder Dächern und schimmernder Rauhreif über den Bäumen. Das war die schwerste Stunde für Renate, wenn der Tag noch vor ihr lag, wenn sie so früh am Maltisch eine angstvolle Empfindung hatte, es könne vorm Thor einer stehen, der mit ihr sprechen müsse um jeden Preis, ohne sie finden zu können. An jedem Morgen glaubte sie ihr Herz von einer alten Wunde blutend, die erst mit dem steigenden Tag vernarbte. Wohl trug auch die bunte Betriebsamkeit dazu bei: das Rollen der Räder und Surren der Riemen in den untern Stockwerken, das durchdringende Kreischen der Holzsäge, wenn man Gestelle schnitt, das Kistengehämmer im Hof, der Leim- und Stoffgeruch, die Hin- und Hereilenden, die vielen hundert Mädchen, die ärmlich und bedrückt im großen Arbeitssaal saßen und sehnsüchtig auf die Frühstücksglocke warteten. Keiner schien hier zu wissen, daß er lebe, und nur ein Ideal gab es, den Sonntag. Renate aber hatte Furcht vor dem Sonntag. Zwei Mal war sie in die Kirche gegangen, ein Mal in ein Museum. Dort irrte sie umher, ohne zu sehen, von Saal zu Saal und kam endlich, müder als ob sie durch einen großen Wald gelaufen wäre, nach Haus zurück. Das nächste Mal ging sie in die Fabrik, obwohl sie wußte, daß nur der Buchhalter arbeitete. Ratlos ging sie in verschiedenen Stockwerken umher, wo überall reinlich aufgekehrt war und die Gegenstände wie zu einer langen Reihe von Feiertagen ordnungsvoll aufgeschichtet waren. Im Montiersaal traf Renate ein einziges Mädchen, die mit dem Ausbürsten ihres Sonntagshutes beschäftigt war. Es war die Spitzen-Fanny, die man so nannte, weil sie die Verwaltung aller Spitzen hatte, welche auf die Fächer genäht wurden. »Suchen Sie Jemand, Fräulein?« fragte die Spitzen-Fanny freundlich, ohne Neugier zu zeigen. Renate erschrak, überlegte, fand keine Antwort. »Es ist kein Mensch mehr da und oben ist alles zugesperrt,« fuhr das blasse, magere Mädchen fort. »Nicht wahr, Sie sind bei den Malern oben?« »Ja.« »Wie komisch. Alle wundern sich drüber. Und so still sind Sie. Die jungen Mädeln in der Montierung sind alle ganz närrisch auf Sie.« »So? Wie kommt denn das? Sie sehen mich doch nie.« »Das schwarze Peperl und die Eiseners Marie sind sogar richtig verliebt. Haben Sie denn nicht bemerkt, daß die zwei mehr wie fünfzig Mal im Tag in die Malerei laufen, um Sie zu sehn? Der Saboy lacht dazu und schimpft auch manchmal, aber wenn die Marie ein Mal öfter oben war, ist die andere schon eifersüchtig.« Renate wurde purpurrot. Verlegen und beschämt sah sie vor sich nieder. »Die dummen Mädchen,« sagte sie mit einem seufzenden Lachen. »Wie alt sind Sie denn?« fragte die Spitzen-Fanny; ihre mattblauen Augen wurden ganz dunkel vor liebevollem Interesse. »Dreiundzwanzig,« erwiderte Renate, wider Willen gewonnen durch das natürliche Wesen des Mädchens. »So jung!« meinte die Spitzen-Fanny verwundert. »Was fangen Sie denn mit dem Sonntag-Nachmittag an?« fragte sie unvermittelt weiter. »Ich weiß nichts,« antwortete Renate offen. »Ich sitze daheim und thue nichts.« »Wollen Sie mit mir spazieren gehn?« »Gern, wir nehmen dann meinen Hund mit.« »Einen Hund haben Sie auch? Wissen Sie,« fügte sie mit einem sonderbaren Lächeln hinzu, »es ist eigen, daß ich heute noch Gesellschaft finde, wo es doch vielleicht das letzte Mal ist. Nämlich,« –sie veränderte ein wenig die Farbe und deutete auf ihre Brust. »Ich mache mir gar nichts daraus,« sagte sie scherzend, als sie Renates mitleidigen Blick gewahrte. »Dann giebt's halt eine Spitzen-Marie oder Spitzen-Anna. Unentbehrlich ist keiner.« Renate ging also mit der Spitzen-Fanny spazieren, ließ das lustige Mädchen erzählen, – hundert Schwänke und Alltagsabenteuer, und Angelus trabte wohlgemut nebenher. Er war etwas gesetzter geworden, wie Einer, der Reisen, Erlebnisse und Erfahrungen hinter sich hat. Uebrigens hatte ihn das viele Daheimsitzen faul gemacht, und selbst das anmutigste Hundefräulein konnte seinen düstern Gleichmut nicht zerstreuen. Für Renate war etwas Wunderliches in der Art der Spitzen-Fanny, wie sie ihr Leben nahm, und mit einer lustigen Grimasse nach Jahren der Plage dem Tod ins Gesicht blickte. Sie gingen nach Schönbrunn und wanderten durch den winterlichen Park. Renate hatte nicht das Bewußtsein, daß sie sich in Gesellschaft befinde. Sie erschien sich einsamer als irgendwo und irgendwann sonst. Alles bestaunte die Spitzen-Fanny an ihr: ihren Gang, ihre Hände, ihre Augen, und Renate hatte darüber ein traumhaftes Gefühl von Reichtum und Vollkommenheit. Es ist ein guter Sonntag für mich, dachte sie und sah flüchtig zum grauen Himmel auf. Viele Leute gingen denselben Weg. Der Schnee machte jeden Schritt unhörbar. Die ebenmäßig geschnittenen Alleen erweckten die Vorstellung von einer unermeßlich langen Promenade, und jedes Vorwärtskommen war mit einer Vermehrung jenes Reichtums- und Vollkommenheitsgefühls verbunden. An den Jahreszeiten vorbei, an den Jahren vorbei; zu einem Glück, das erworben und verdient war. Als es dämmerte, hatten sie den Park schon verlassen und gingen durch schmale, ruhige Vorstadtstraßen. »Wo sind wir denn?« fragte Renate und folgte ihrer Begleiterin einen Hügelweg hinan, der mit Gärten und kleinen landhausähnlichen, doch keineswegs prunkvollen Gebäuden besetzt war. »Dort drüben wohnt meine Mutter,« erwiderte die Spitzen-Fanny. »Sie müssen unbedingt ein Schalerl Kaffee bei uns trinken.« Indessen kam ihnen mit hastigen Schritten ein junges Mädchen entgegen, erhitzt vom raschen Gehen. Vor einem der kleinen Häuser blieb sie stehen, erst wie aufatmend, dann den Blick neugierig, erstaunt und freudig auf Renate heftend. Flüchtig schaute sie an den Fenstern empor von denen zwei eben erleuchtet wurden, dann ging sie rasch auf Renate zu und streckte ihr beide Hände hin. Sie konnte nicht sprechen, so atemlos und vielleicht auch so erstaunt war sie. Renate ihrerseits sah völlig stumm in das junge, glühende, anmutvolle Gesicht. Aber eine Stimme im Haus rief im Ton äußerster Ungeduld: »Miriam! Miriam!« Und Miriam schüttelte Renates beide Hände und stammelte: »Kommen Sie! Bitte, kommen Sie bald!« Schon war sie ins Haus geeilt. Als Renate weiterging, glaubte sie geträumt zu haben. In den Augen der Spitzen-Fanny las sie eine Mischung von Mißtrauen und scheuer Ergebenheit. 3. Ferner war das wie eine Fortsetzung der erträumten Vorgänge: man saß um einen runden Tisch; im engen Kreis war das Licht der Petroleumlampe: jenseits war Schatten, und ein paar altväterische Bilder und ein Kachel-Ofen schwammen weit draußen im Meer der Dämmerung. Es saß eine alte Frau da, welche beständig den zahnlosen Mund öffnete, angeblich um zu lachen; dann die Spitzen-Fanny, von welcher sich Renate plötzlich abgestoßen fühlte, weil es wie Prahlerei klang, daß sie so gleichgiltig, ja verächtlich um das Schicksal that, das ihrer wartete. Einmal unterbrach sie sich selbst und lief, überjugendlich thuend, zu einer Kommode hinüber, während die alte Mutter kummervoll und blöde den Kopf schüttelte, als könne sie der Bewegung ihres Hauptes nicht mehr Einhalt thun. Die Spitzen-Fanny brachte eine kleine Schatulle herbei, an welcher ein beweglicher Spiegel festgeschraubt war. Sie zog die Schublade heraus und nahm eine altaussehende Photographie in die Hand. »Das ist mein Vergangener,« sagte sie sentimental. »Er ist schon lang tot. Bei einem Strike ist er von einem Kameraden erstochen worden.« Ruhig nahm Renate den Karton, aber trotz ihrer Abneigung gegen Photographieen ergriff sie etwas in dem Gesicht des Mannes. Ein Zug von Heldenhaftigkeit vielleicht, der besonders dem Mund ein auffallend edles Gepräge gab. An den Arbeiter erinnerte nur die niedere eckige Stirn. »Nicht wahr ein schöner Mann?« fragte die Spitzen-Fanny und legte den Arm vertraulich um Renates Schulter. Renate wurde sehr blaß und erhob sich rasch, indem sie sich sanft aus dem Arm des Mädchens befreite. »Ich muß gehen,« murmelte sie, auf die Uhr sehend, »es ist die höchste Zeit.« –»Höchste Zeit? Wieso denn?« – Renate schwieg betroffen; dann sagte sie trotzig und schroffer als sie wollte: »Ja ich muß gehen.« Die Spitzen-Fanny machte ein boshaftes Gesicht und wurde übermäßig höflich mit ihrem Gast. Alles Blut floß Renate zum Herzen, und sie reichte ihr nicht die Hand, als sie mit einem kargen Gruß Abschied nahm, um den Weg nach Hernals einzuschlagen und den Abend lustig bei Walzern und Märschen hinzubringen. »Sie kommen spät, mein Fräulein,« säuselte Herr Piepenzahn. »Die Kunst kann nicht warten. Die Kunst läuft nach der Uhr ...funiculi, funiculaaa!« brüllte er sodann in den steinernen Korridor. Von dem Tag an begann die Arbeit auf Renate anders zu wirken, als bisher, gleichwie wenn ein unsichtbares Wesen in ihr, welches jedoch seiner Ziele genau bewußt war, auf solchem Weg kein Heil erkannt hätte. Tiefe Erschöpfung stellte sich ein, oft schon in der Mitte des Tages, und die Farben auf dem halbkreisförmigen Stoff, den sie vor sich liegen hatte, begannen zu verschwimmen. In den Ohren war eine leise, quälende Musik, als ob alle Biermelodieen der grünen Insel aus der Ferne heranrückten ähnlich einer ordnungslosen Soldateska. Der Tag hatte keine bestimmten Grenzen mehr, die Gesichter der Leute nahmen sich aus wie verblaßte Zeichnungen an einer grauen Wand. Mit verdüstertem Sinn schleppte sie sich abends zur grünen Insel, und beim Heimweg in der Nacht überfiel sie ein Geist des Widerstands und des Aufruhrs, der durch Müdigkeit und Schlaf nur langsam seine Gewalt verlor. So blieb es die erste Woche. Am Sonntag Morgen, kaum daß es Tag geworden, verließ sie das Bett und setzte sich wie sie war, ans Fenster. Doch fror sie bald, und sie machte ein Feuer an. Angelus folgte jedem ihrer Schritte, als ob er etwas erwartete oder fürchtete. Er schien zu fragen, warum seine Herrin müde sei, warum sie sich nicht zu ihm wende, warum ihre Hände so erschlafft herabhingen, warum der bitter-ergebene Zug den Mund nicht verlasse. Komm, Angelus, sagte Renate, als hätte sie verstanden, finde es aber zu schwer, Auskunft und Antwort zu geben. Der Hund legte seinen Kopf in ihren Schoß und rührte sich nicht mehr. Renates Haar hing über die Lehne des Stuhls herab, reichte fast bis an den Boden. Sie ließ den Kopf zurücksinken, um das Gewicht ihrer Haare zu vermindern. In der Mitte des sonntäglich rein gekehrten Hofs stand noch immer das verkrüppelte Bäumchen wie der traurige Rest ehemaliger Gartenherrlichkeit. Um acht Uhr läutete es draußen, und gleich darauf, als sei Jemand gekommen, der sich nicht zurückhalten ließ, klopfte es an die Thür, die ebenso hastig aufgestoßen wurde. Die Spitzen-Fanny, trat ein, lächelte gewinnend, war rot vor Erregung, grüßte und fragte dann, plötzlich kleinlaut geworden, ob Renate mit in die Kirche gehe. Sie war mit ihren schönsten Sachen aufgeputzt, trug einen Hut mit wallenden Strauß-Federn, welche einmal für Fächer bestimmt gewesen waren, und die sie als Weihnachtsgeschenk in der Fabrik bekommen hatte. Ihre Ohrringe bestanden aus großen, falschen Steinen, die Halsbroche aus vielen kleinen solchen. Ihr Kleid war voller Flitter und blitzendem Tand. Mit unverhohlener Neugierde blickte sie im Zimmer umher, als gebe es Geheimnisse zu ergründen. »Wie kommen Sie denn hieher?« fragte Renate, die gegen das Fenster gekehrt stand und einen wilden Zorn über sich kommen fühlte. – »Man hat mir im Comptoir Ihre Adresse gesagt. Ist es Ihnen nicht recht, daß ich da bin? Dann kann ich ja wieder gehn. Sie brauchen es ja nur zu sagen.« – »Ich gehe nicht in die Kirche,« erwiderte Renate jetzt gleichmütig. – »Sind Sie krank? Soll ich Ihnen Gesellschaft leisten?« – »Ich bin nicht krank,« sagte Renate, ging durch das Zimmer und setzte sich auf den Bettrand, als sei sie auf Schlimmes gefaßt. Feindselig blickte die Spitzen-Fanny sie an. Dann wurde ihr Gesicht plötzlich wieder heiter und in noch deutlicherer Weise geheimnis-lüstern. »Ei, sehen Sie doch!« rief sie aus und schaute überrascht auf den Schrank hinauf, »da haben Sie ja genau einen solchen Toilettekasten wie ich. Und auch ein Spiegel und dieselbe Schnitzerei! Das ist merkwürdig!« Was daran merkwürdig sei, konnte Renate nicht verstehen. Es war ein gewöhnliches Hausmöbel, wie es in vielen Wohnungen zu treffen ist. Renate hatte es nie benutzt, es nie berührt. Seit sie hier wohnte, stand es auf dem Schrank. »Ist vielleicht auch ein Vergangener drin? oder vielleicht ein Zukünftiger?« fuhr daß Mädchen neckend fort, und die unbezähmbare Neugierde in ihr bekam etwas Krankhaftes und Abstoßendes. Unbekümmert ging sie hin, erhob den Arm und zog die Schublade heraus, wobei sie sich auf die Zehen stellen mußte. »Ach, nur Briefe!« sagte sie enttäuscht und hielt ein paar weiße Blätter zögernd in der Hand. Aber etwas in Renates Gesicht schien sie zu beunruhigen. Mit scheuem Lächeln warf sie die Papiere wieder an ihren Platz und schloß den Kasten. »Liebe Fanny,« sagte Renate ruhig, »lassen Sie mich allein. Ich bin heute gar nicht aufgelegt zu reden.« – »O bitte sehr, bitte sehr,« erwiderte das Mädchen schnippisch, schloß gleich darauf die Augen und hielt die Hände vor die Brust. »Es sticht,« sagte sie mit veränderten Mienen. Als sie gegangen war, legte sich Renate, die Arme verschränkt, das Gesicht nach unten, auf das Bett und verharrte so. Aber das Unerwartete, das dem Vormittagsbesuch der Spitzen-Fanny folgte, war eine feindliche und mißtrauische Stimmung, die sich in der Fabrik gegen Renate verbreitete. Ueberall waren beobachtende und lauernde Blicke, und die Spitzen-Fanny wühlte unten und intriguierte oben, redete vor den Herren im Comptoir, bei denen sie sehr beliebt war, hin und her, componierte sich in einen Roman hinein, der ihr unwillkürlich die Pflichten der Steigerung und folgerichtigen Entwicklung auferlegte, so daß ihr selber bald zur Last wurde, was ihr im Anfang Vergnügen gewesen war. Denn die Verleumdung wird immer die Herrin des Verleumders. An alledem lag Renate nur wenig. Es trug dazu bei, ihre Einsamkeit zu vermehren. Sie bemerkte es meist kaum, litt also nicht darunter. Ihre umflorten Blicke waren in die Ferne gerichtet, – immer noch. Was sie that und was sie lebte, hatte Aehnlichkeit mit dem Gang eines Schlafwandlers zu unbekanntem, jedoch längst festgesetztem Ziel. Deshalb erlahmte sie nicht, täglich Dutzendmuster auf Fächer zu tünchen und in der grünen Insel am Klavier zu sitzen, obwohl sie in jeder Nacht glaubte, ja hoffte, morgen das Bett nicht mehr verlassen zu können. Der einzige Halt blieb Angelus. Er durfte jetzt mit zur grünen Insel gehen und beschaute sich dorten mit Muße die Welt. Manchen Bissen bekam er in der Küche, und ein Piccolo, der nicht größer war, als ein gewöhnlicher Spazierstock, wurde sein besonderer Gönner. Oft schlich er traurig in den Gängen herum, kehrte düster auf seine Wolldecke zurück. Man sah ihn oft vor dem Thore stehen und unbeweglich Katzen und Spatzen fixieren. Es schien, daß er einen Gast erwarte, dem er aufopfernde Dienste würde leisten müssen. Nach und nach wirtschaftete der Winter ab. Zu Anfang des März kamen die Vorfrühlingstage mit geradezu sommerlichem Gehaben. Die Luft wurde weich, und die Wolken wie Flaum schienen voll zu sein von warmen Dünsten, die sie ausstreuten. Wie schwer wurde es für Renate, zu gehen! Ihre Augen waren müde, zu schauen, ihre Gedanken müde, sich zu bewegen. Sie lagen im Innern, wie Vögel, die plötzlich durch zu heißen Wind erstickt wurden. In ihrem Zimmer saß sie, – wieder an einem Sonntag und versuchte zu nähen. »Wie lange werden wir noch hier wohnen, Angelus,« flüsterte sie. »Ich glaube, noch lang. Es wird auch immer stiller um uns. Alle unsere Freunde sind tot.« Sie wollte ein wenig spazieren gehen und machte sich daran, sich zu frisieren. Da aber der Handspiegel gestern zerbrochen war, wollte sie es aufgeben, als ihr Blick auf den alten Toilettekasten fiel. Sie erinnerte sich der Spitzen-Fanny, die immer noch so lustig weiterlebte. Auch fielen ihr die Briefe ein, die Jene damals in der Hand gehalten. Nie hatte Renate daran gedacht, und jetzt hatte sie Lust zu sehen, was es damit war. Sie nahm die Papiere aus der Lade und entfaltete sie. Es waren zwei Briefe. Sie waren mit einer klaren, vorsichtigen, doch kühnen Schrift geschrieben. Jeder begann: liebe Freundin Darja, und die Unterschrift lautete Agathon Geyer. Nachdem Renate die Briefe gelesen, hatte sie ein leichtes Schwindelgefühl. Ihr war, als ob sie in die Luft getragen worden wäre, recht weit empor und nun voller Angst sei, herunterzustürzen. Eine Wirrnis und Bangigkeit war in ihr, die nicht zu beschwichtigen war. Lange Zeit wanderte sie auf und ab, flüsterte halbe Worte vor sich hin, stand am Fenster, blickte in das dunkelblaue Stück Himmel, das in den Hof hereinstrahlte und fürchtete aufs Neue die Tiefe eines Falles. Mechanisch trat sie ihren Gang zur grünen Insel an, und als sie draußen war und schon im völlig leeren Saal stand, erinnerte sie sich erst, daß heute nicht gespielt würde, da der Wirt gestorben war. Sie stand auf dem Podium und öffnete das Klavier. Nebenan in der Wand war eine Glasthür, und in einem spelunkenartigen Raum saßen vier verbrecherisch aussehende Gestalten, vollgetrunken, mit Kartenspiel beschäftigt. Der ganze Saal war finster, nahm sich aus wie eine Katakombe. Ueber einen Lichtstreifen zwischen zwei Tischen lief eine Ratte, und eine andere folgte faul. Renate ließ die Finger über die Tasten gleiten, beugte die Stirn bis an das Notenbrett herab und redete etwas vor sich hin, was eine wunderliche Mischung von Gebet und leidenschaftlicher Klage war. 4. Der letzte Gang hieher, dachte Renate auf der Straße, sah sich umgeben von Lachenden, Schwatzenden, Sonntagsfrohen. Hinter den Hügeln flammte noch der getötete Tag, der jetzt schon über fernen Meeren schwebte. Eine Wolke zog ihm nach, ruhig den Himmel durchfurchend; es schien, als werfe sie Streifen wie ein Kahn im Wasser. Aber alles wurde plötzlich sehr fern für Renate, trat aus dem Kreis ihres Interesses, und deutlicher als je vernahm sie den Ruf, der sie einmal schon erreicht hatte, als sie das Haus ihrer Eltern verließ. Am nächsten Morgen ging sie nicht mehr in die Fabrik, um zu malen. Sie setzte sich an ihren Lieblingsplatz beim Fenster und begann zu nähen, nahm ihre Kleider aus dem Schrank, prüfte jedes Stück auf das Sorgfältigste und setzte es wieder in Stand. Ich muß frühlingsfähig werden, dachte sie mit raschem Lächeln, jedoch hatte sie eine Empfindung wie vor einer großen Reise. Und abends nahm sie wieder die Briefe an Darja und las sie von neuem. Diese Schriftstücke folgen hier. Der erste Brief lautete: Liebe Freundin Darja, ich muß Ihnen danken, denn die mütterliche Obhut, die Sie meiner Schwester Miriam in Zürich zuwandten, verpflichtet mich zu Dank. Deshalb nenne ich Sie Freundin, wage es, Ihren Vornamen hinzuzufügen, obwohl ich Sie noch nicht gesehen habe. Dennoch kenne ich Sie: durch Miriam, die Sie liebt, und die es meinem Gefühl leicht werden ließ, eine Gestalt von Ihnen zu schaffen. Sie wissen es, daß Miriam mir teuer ist. Von allen teuren Menschen ist sie mir allein noch geblieben. Es ist drei Jahre, daß ich sie nicht mehr gesehen habe, und ich dachte, sie in diesem Winter zu treffen. Doch es ist unmöglich. Die Städte will ich meiden, muß ich meiden. Seit zwölf Jahren hat mein Fuß keine Stadt betreten. So wird es Sommer werden, bis ich Miriam wiedersehen kann. Schreiben Sie mir, Freundin, welche Zukunft Sie für meine Schwester hoffen. Ob der Weg, auf dem sie geht, zu Zielen führt, oder ob er sie den Mangel eines Gefährten vergessen lassen wird. Für Liebe ist Miriam nicht geschaffen. Vieles an ihr giebt mir Recht, das zu sagen. Sie ist nicht geschaffen dafür, würde zerbrechen, vergehen. Denn es ist mein Glaube, daß es jetzt einige Frauen giebt, die zu fein, zu stolz, zu zart, zu sehr erfüllt von einem Ideal sind, um einer unvollkommenen Leidenschaft zu dienen. Und käme wirklich eines, das sie ganz ergreifen könnte, es wäre ein Wunder, Zufallswunder. Darum schreiben Sie mir, was Miriam hoffen kann und was Sie denken. Not braucht sie ja nicht zu fürchten, denn seit unser Verwandter Löwengard gestorben ist, können wir ohne die erniedrigenden Sorgen leben. Aber das allein genügt noch nicht. Wo der Geist ruht, schläft die Seele. Und wenn die Seele einer Frau schläft, geht sie durch das Leben wie durch einen tiefen Traum, und ihre Hand greift nach andern Händen, welche sie herunterziehen müssen. Ihr Agathon Geyer. Der zweite: Liebe Freundin Darja, von neuem ein Dank, denn Sie haben mich beruhigt. Ich lernte Ihren klaren Blick würdigen, der nur aus einem klaren Herzen kommen kann. Miriam wird nicht in die Lage kommen, den Irrtümern der Träumenden zu verfallen, schreiben Sie. Ich glaube es selbst. Es ist etwas von der Stärke unserer Rasse in ihr. Sie bitten mich, Ihnen von mir zu schreiben, warum ich hier bin, in den Dörfern Galiziens, warum ich wie in der Wildnis lebe, unter Menschen, von denen mir keiner zum Freunde werden kann. Ich antworte Ihnen darauf: ein Mann braucht keinen Freund. Sie wissen es vielleicht, daß meine Jugend seltsam war. Frühe, viel zu frühe brach ich Früchte vom Erkenntnisbaum. Ich entäußerte mich alles Glaubens und sah in der engötterten Welt starke Menschen sich zur Freude wenden. Nichts Ueberkommenes hielt mich auf, und das Ziel der endgiltigen Freiheit beflügelte meine Wünsche. Was ich sah, schien mir alt und brüchig, lastend und verderblich. Die Moral der Religionen und der Gesellschaft hatte mich erbittert und zum Kämpfer gemacht. Durch Andersthun, durch Worte glaubte ich wirken zu können. Heute glaub ich es nicht mehr. Später glaubte ich, die Zeit reifen lassen zu müssen, aber die Zeit reift nur für den Einen, der bereit ist. Ich kann nicht von Enttäuschungen sprechen, denn ich bin mir der selbe geblieben. Kaum zwanzig Jahre alt, nahm ich eine Verführte zum Weib und kümmerte mich nicht um die Rauner und Uebelwoller. Aber sie war schwach und blieb klein, ja, das Kleinliche kam wie eine Krankheit über sie. Sie konnte die Menschen nicht entbehren und litt am Gerede der Welt. Sie sah nicht mehr mich, sondern denselben, den die Leute sahen. So entglitt sie mir, und allmählich siechte sie hin. Damals verließ ich die Heimat und begann erst, zu werden. Ich sah mir alles Leben der Welt an vom Kleinsten bis zum Größten und schwieg. Es wurde mir klar, daß es mein Beruf sei, zu schweigen. Ich bin weder ein .Verneiner noch ein Bejaher, sondern stehe da und lebe. Von allem, was ich früher an Ueberzeugungen und Wünschen erworben hatte, suchte ich mich zu befreien. Ich habe mich befreit. Niemals habe ich zu überreden gesucht oder zu bekehren. Anhänger zu haben, lag nicht in meinem Willen. Gepriesen zu sein oder verdammt zu werden auch nicht. Nicht durch Absonderlichkeiten wollte ich die Blicke auf mich zwingen, damit der oder jener frage, was es sei. Ich ging nicht im »härenen Gewand«, verdrehte nicht die Augen, machte meine Einsamkeit nicht auffällig, eignete mir kein erhabenes Wesen an, wollte äußerlich gleich sein einem Jeden, der meinen Weg kreuzte, und kein Spiel treiben mit falschen Künsten. In aller Welt bin ich gewesen und habe gesehen. Und allmählich kam ich hinter den Urgrund eines jeden Schicksals. Allmählich kam es so, daß der Vorübereilende mir nichts zu verschweigen hatte, denn sein Schweigen, sein Eilen redeten laut. Die Worte, die ich wirklich hörte, wurden mir zu schwanken Zeichen, zu armseligen Behelfen, und ich merkte bald, daß kein wahrhafter Mensch sich ihrer bedienen kann, um von seinem Innern Kunde zu geben. Alle Leidenden sind stumm, sind wie verriegelt. Und nun hören Sie: indem ich ging und überall die stummen Worte hörte, legte ich ihnen gar keinen Wert mehr zu, sondern blickte auf die Dinge, die wie im Grund des Wassers ruhen. Und auf solche Weise begann ich zu leiden. Jede Thorheit, jede Ungerechtigkeit, jede Schwäche, jedes Unheil, jede Bedrückung, – jedes Leiden floß zu mir über und ich fühlte mich bald so voll davon, daß ich vermutete, die Zeit sei nahe. Denn das ist mein Glauben geworden, wer sich selbst erlöst durch Leiden und durch Wissen, der erlöst alte Leidenden, die niemals wissen werden. Nichts geht verloren in der Welt, am wenigsten das stumme Opfer. Wenn es die Luft nicht künden wird, muß es der Staub thun, in den ich zerfalle. Nichts ist umsonst. Wem ich die Hand drücke, der giebt mir seine Angst und seine Sorgen, und ich richte schweigend auf. Gütig sein ist alles, und gütig sein heißt: sehen und ertragen. Ein Jeder ahnt in mir den Mitträger seiner Schuld und seines Elends, nur tausendfach vermehrt. Deshalb wächst seine Stärke und sein Leichtigkeitsgefühl, und er erscheint sich als der allein Verantwortliche über seinem Schicksal. Die Zeit der offenen Martyrien ist vorbei. Wer da vergeht, voll vom Geschick und der Bestimmung, der ist Erlöser. Ich bin noch kein alter Mensch, kaum fünfunddreißig, aber ich stehe am Abend meines Lebens, ich weiß es deutlich. Meine Natur beginnt sich zu widersetzen, aber es ist nicht eigentlich das Leiden des Körpers, das mich zu Fall bringen wird. Hier unter den galizischen Juden geht das Verderben mit geschärftem Schwert umher. Meine Stammesgenossen sind es, die ich verkommen sehe, und es ist, als ob alte Blutschuld sie erdrückte. Ich fühle mich nicht zusammengehörig, nur mitschuldig an einem großen Irrtum, der die Erde verfinstert hat. Sie stehen um die Leiche eines Gottes und thun, als ob er lebe und nicht hören wolle. Das ist ein Unglück von solcher Art, um lange Ketten kommender Generationen zu vergiften. Hier bin ich gelandet. Und da, wo ich bin, kommen die Kinder zu mir. Aus drei Dörfern ziehen sie herbei, hunderte. Ich lehre nicht und bilde nicht. Alles wird wie im Spiel. Sie finden sich in mir. Sie entfernen sich von jener Leiche. Ich gehe mit ihnen durch den Wald, und sie singen. Es kommt der Abend, und sie lagern. Plötzlich werden sie Andere, scheinen geheimnisvolle Versprechungen zu geben, und einer kommt zu mir, ein blasser Knabe mit merkwürdig mutigen Augen und fragt, ob ich ihn liebe. Darin liegt das Ereignis, in dieser Frage der Anfang einer Wandlung. Und nun genug von alledem. Meine Hand, nicht gewohnt zu schreiben, ist müde. Daß ich geschrieben habe, kommt mir fremd und erstaunlich vor. Was Sie lasen, liebe Freundin, sind Worte, zerrissene Empfindungen, kaum ein Hauch von Wirklichkeit. Agathon Geyer. Vieles, was sie nicht sogleich verstand, las Renate zweimal. Und was sie mehr als alles ergriff, war das zitternde Etwas, das hinter den Worten lag und nicht zur Form gelangen konnte. Unmöglich schien es ihr, daß die Briefe für eine Andere als sie selbst bestimmt gewesen waren. Sie glichen einer Nachricht, der sie lange, lange entgegengewartet. Aber war es nicht zu spät? War es nicht um Jahre zu spät? 5. Sie zählte in der Nacht ihre Ersparnisse nach. Es waren sechsunddreißig und ein halber Gulden, – mühevoll, Monat für Monat beiseit gelegte Groschen. Sie hatten in Renates Augen einen viel größeren Wert als den wirklichen. Ausgaben, die davon bestritten werden sollten, mußten idealer Natur sein. Die halbe Nacht saß Renate beim Nähen; schließlich war das Oel in der Lampe gar. Das Licht wurde immer düsterer, und sie blickte versonnen vor sich hin. Die Arbeit ruhte auf ihren Knieen. In der Ecke zwischen Ofen und Wand kauerte Angelus und rührte sich nicht. Draußen wehte ein Sturm; oft drückte er sich gegen die Fenster wie ein Leib und drohte, das Glas zu sprengen. Als Renate schlafen ging, war es schon drei Uhr. Weil sie sehr müde war, schlummerte sie bald ein, aber ihre bebende, erwartungsvolle Erregung ging mit in den Schlaf hinüber, nach einer Stunde schreckte sie empor, im Glauben, man habe ihren Namen gerufen. Sie lauschte, mit einer Hand das wirrgewordene Haar zurückstreichend. Der Sturm hatte wieder aufgehört. Die Welt schien still von einem Ende bis zum andern. Das Atmen des Hundes war leise vernehmbar. Früh am Morgen kam Jemand aus der Fabrik, zu fragen, was es sei. Sie gab zu wissen, daß sie sich unfähig fühle, zu arbeiten. Frau Gabesam, mürrisch und finster, brachte aus dem Boten, was sie wissen wollte heraus. Allmählich sah sie sich genötigt, die Gräfin in Renate Fuchs aufzugeben. Da alles Roman-Ersinnen vergeblich gewesen und es anscheinend keine Geheimnisse mehr zu lösen gab, erwachte ein schweigender Zorn gegen die Mieterin. Aber vor den Nachbarn blieben die Fabeln lebendig, die den guten Ruf ihres Hauses und eine eigene Art Vornehmheit ausmachten. Ist es nicht verbrecherisch? fragte sich Renate bange, als der Abgesandte fort war. Jedoch die sonderbare Zuversicht war stärker als die Furcht. Nähen, nur nähen, alles bereit halten. Am selben Tag kam auch ein Mädchen, welches Herr Piepenzahn schickte. Die Nachricht bestand darin, daß die Kapelle heute im goldenen Apfel spiele. Frau Gabesam, plötzlich ebenso mißtrauisch als verwirrt, verlangte ohne weiteren Grund den laufenden Mietsbetrag, obwohl der Monat nicht zu Ende war. Renate ließ sie nicht warten, zeigte auch keine Verwunderung. Warm und hell schien die Sonne, und es war lockend, spazieren zu gehen. Sie zog das beste Kleid an, das schwarze, das sich noch wie unberührt ausnahm. Auch der Hut war schwarz, mit schwarzen Federn, nur die Handschuhe waren weiß. Als Renate so auf den Korridor trat, stand Frau Gabesam an der Thüre gegenüber und fütterte ihre beiden Katzen. Sie riß die Augen auf, als sie ihre Mieterin sah, die schlanke, ruhige Gestalt und das bleiche, schöne, regungslose Gesicht hinter dem schwarzen Schleier. »Es ist wunderbares Wetter heute,« sagte Renate mit leiser Stimme und verlegenem Lächeln, als hätte sie um Entschuldigung bitten müssen. Die Alte schlug die Hände zusammen; die Gräfin-Legende hatte neuerdings an Wahrscheinlichkeit gewonnen. Renate dachte nach, wann sie das Kleid zuletzt getragen hatte. Es war damals gewesen, als sie von Anna Xylander zur Gräfin Terke gegangen war. Ein Frühlingstag war es gewesen und im englischen Garten erwachten die Blüten. Angelus ging voran. Heimliche Ungeduld schien ihn zu treiben. Er blieb oft stehen, blickte zurück, rannte vorwärts, blieb von Neuem stehen. Er schnüffelte in der Luft, schüttelte sich, war voller Unruhe, mehr noch als seine Herrin. Renate wandte sich zum Rathaus, ging durch die stillen Arkadenhöfe, fühlte sich plötzlich einsam und schutzlos, sah sehnsüchtig in die geöffneten Fenster der Wohnungen, blickte den eilfertigen Fiakern nach. Dann saß sie auf einer Bank im Volksgarten, und es kam ihr vor, als sei die Sonne glanzlos geworden. Schwatzende Mädchen gingen vorbei und freuten sich des jungen Jahrs, das sich so gut anließ. Aber was sie erblickte, schien in weite Ferne zu rücken, und unwillkürlich beugte sie sich vornüber, um den Boden unter ihren Füßen näher zu haben. Sie kämpfte gegen das Erinnern und Sichbesinnen, aber es war unmöglich, gegen Gedanken sich zu wehren, oder gegen Bilder, die wie im Rad sich drehten und beständig wiederkehrten. Ihre ganze Natur strebte zu einem Ziel, doch ringsumher war Ziellosigkeit. Und: wohin führst Du mich? Schien sie fortwährend einen Schattenhaften Gefährten zu fragen, aber keine Antwort fiel. Nach Hause. Doch im engem Raum vergrößern sich die Bilder, und vorher unbestimmte Laute gewinnen Sinn und Gestalt. Sie will schlafen, aber sie fühlt sich bedrängt in ihrer Einsamkeit und glaubt, man müsse die Thür verriegeln. Es geschieht. Doch das ist es nicht, was den Schlaf abhält. Angelus will nicht ruhen, und man muß ihm zureden. Seine Augen haben etwas Drohendes, Falsches, Verwirrtes. Kinder spielen im Hof, denn es ist noch früh. Um das verwitterte Bäumchen haben sie einen Kreidekreis gezogen; innerhalb des Kreises ist Sicherheit vor dem Feind. Renate wähnt sich selbst noch Kind; ein teilnehmendes, doch zugleich leeres Lächeln tritt auf ihre Lippen. Eine schmetternde Tenorstimme gellt durch die Abenddämmerung. Das Spiel ist aus. Wie Funken auf der Asche verbrannten Papiers schleichen die Kinder davon. Nun wird es auffallend stille. Renate horcht und horcht. Es ist, als habe sie auf einmal die Fähigkeit zu hören verloren. Dann ist sie müde und der Schlaf kommt, etwa wie ein Grandseigneur, der um den Umfang seiner Gnade weiß. Schneller als sonst atmet sie im Bette, und die Decke über dem Körper wird schwer. Sie sieht Gebirge im kalten Dunst der Nacht. Berge wachsen auf, wo vorher noch Städte waren, und Eis krönt ihre Gipfel. Oben steht Angelus, zum Ungeheuer geworden, fett und angeschwellt von Leichen. Renate schrickt empor, ihre Stirne brennt, und beklommen schlägt sie die zitternden Hände vor das Gesicht. Aber was sind das für Tage, in weiße Nebel eingehüllt, geräuschlos gehend, zeitlos, ereignislos? Denen keine Sonne scheint, und die sich aneinanderreihen wie die festgefügten Glieder einer Kette? Frau Gabesam bringt Frühstück und Mittagessen und trägt es oft ganz unberührt wieder davon, fragt, ob Renate krank sei. Renate ist nicht krank. Sie leidet an einem andern Hunger als dem, den Frau Gabesam durch ihre Kochkunst befriedigen kann. Angelus soll ein Stück Fleisch bekommen, doch er frißt nicht. Ein verstockter Hund, bösartig und übelwollerisch, meint Frau Gabesam. Doch ist sie nicht im Recht, und Renate sagt es ihr. Es ist heute wieder so schön, sagt die würdige Dame, ein schöner Abend, das Fräulein solle doch ausgehen. Als sei das ein Befehl, kleidet sich Renate an und geht, geht, geht, weiß nicht wo und wohin. Gelber Staub liegt über dem Praterstern, Millionen Geräusche scheinen darin halb zu ersticken. Man schreit, lacht, rennt; Wagen poltern, Glocken tönen, Glöckchen zirpen; Musik vom Prater, Maschinenpfiffe vom Bahnhof; und im Westen loht die Abendröte. Renate zahlt irgendwo Eintrittsgeld, es ist »Venedig in Wien«. Ein Gefängnis scheint es, denn die Bäume, die sie sieht, scheinen keinen Himmel über sich zu haben. Glühlampen hängen zahllos in den Zweigen, und disharmonisch verstrickte Melodieen fließen aus allen Richtungen herbei. Es ist ein atemloses Drängen in den Alleen, und Renate wird mit Coriandolis beworfen, so daß Hut und Kleid nicht mehr schwarz, sondern carnevalsbunt aussehen. Drüben dreht sich ein riesenhaftes Rad mit Lichtern besteckt, wie eine Sonne, die ihr Feuer bis auf ein paar Funken verloren hat. Ueberall Musik, überall Gesang, überall lustige Lacher. Man spricht Renate an, sie antwortet nicht, hört es nicht. Einmal sieht sie ein Gesicht, das sie festhalten möchte, aber es treibt fort wie ein Sandkorn im brodelnden Wasser. Oben in den Lüften ist Nacht, hier noch lange nicht. Oben schweigt die Welt, ruht die Wolke still neben dem Mond, und beide gleiten einsam über das dunkle Firmament. Renate möchte empor, aber wie könnte sie es mit schweren Gliedern. Dort geht Herr Piepenzahn. Tief entzückt vom Gesang der Italiener, legt er das eine Ohr begeistert auf die Schulter, summt lächelnd mit, wippt mit Fuß und Stock den Takt. Und dort ist der mausgraue Baron, wirft einer Geschminkten, albern Grinsenden einen Blumenstrauß zu. Renate verläßt den Ort der Vergnügungen, findet, daß es kühl ist, schauert zusammen. Die Jahreszeit ist noch zu früh, um im blanken Kleid gehen zu können. Aber wo ist Angelus hingekommen? Sie bleibt stehen und sieht sich um. Sie geht zurück bis zum Eingang und ruft. Ein Mann kommt herbei mit einer gelben Mütze, fragt, womit er dienen könne. »Mein Hund ist fort,« erwidert Renate mit stockender Stimme und geht ein Stück die Praterallee hinab, wo es leer und finster wird. Angelus, ruft sie. Die Sträucher rauschen zur Antwort, das ist alles. Wartend bleibt sie stehen, mühsam sammelt sie die Gedanken. Es wird ihr klar, daß der Hund nach Hause gelaufen ist. Rasch eilt sie auf eine Tramway; ihre Ungeduld kann nicht das langsame Vehikel beflügeln. Noch ist das Hausthor geöffnet, doch Frau Gabesam ist gerade im Begriff, sich zur Nachtruhe zu entkleiden. Kein Angelus ist da. Ich hätte nicht fahren dürfen, denkt Renate verzweifelt, sicherlich wäre er mir auf dem Weg begegnet. Sie stellt sich vor den Straßeneingang des Hauses und wartet. Man sperrt das Thor zu, sie wartet immer noch, sie denkt, Angelus ist klug, weiß, wo er zu Hause ist, wird nicht säumen, zu kommen. Aber alles ist vergeblich. Vorübergehende Männer starren Renate frech an, aber sie schaut nur immer die Straße hinunter, ob Angelus nicht auftauchen wird. Ich habe ihn vernachlässigt, grübelt sie schmerzlich, und er hat es gefühlt. Ich habe erlaubt, daß man ihn schlägt, und er hat es mir nie verziehen. Er war treu und geduldig, verstand alles, ein wahrer Kamerad. Er wußte besser Bescheid um seine Herrin, als irgend ein Mensch, aber ich habe es gleichgiltig hingenommen, darum verlor ich ihn. Ich werde ihn nicht mehr sehen. Betrübt geht Renate zum Park hinunter, und ihre Blicke irren suchend umher. Die Einsamkeit, in der sie sich befindet, erscheint ihr plötzlich unerträglich. Ihr Zimmer mit den kahlen, kreidigen Wänden kommt ihr wie das Gebilde einer bösen Vision vor. Lieber will sie durch die Straßen gehen, um Angelus zu suchen, lieber will sie ihr Leben einbüßen in der Nacht, als in jenen Raum zurückkehren. Sie spürt ihre Müdigkeit nicht mehr, sie weiß nicht mehr, wo sie geht. Eine furchtbare, geheimnisvolle, unirdische Traurigkeit kommt über sie, und ihr Mund ist geschlossen und gefährtenlos geht sie hin. Sie friert und weiß es nicht. Es regnet und sie empfindet es nicht. Von ungefähr kommt Irene Puntschuh des Weges und schüttelt den Kopf; ihr rötliches Haar löst sich im Wind. Eugenie Hadamard sitzt auf einer Bank, stickt an einem roten Tuch unablässig bis in den Tag hinein. Aus den Fenstern eines palastähnlichen Hauses blickt Elwine Simon, und vor Glück flammen ihre Wangen. Engumschlungen stehen Gisa Schumann und Ella Holzgetan vor einer Gartenpforte, Peter Graumann geht auf sie zu, ohne in der Dunkelheit den Weg zu finden. Erschreckend bläst ein Horn in der Nacht; es ist der Feuerwagen, der durch Mariahilf stürmt, zwei Fackeln rechts und links vom Bock. Düster glühende Messinghelme auf dem Haupt, sitzen Gudstikker und der Herzog zwischen den Fackeln, und Herr Winiwaak kauert auf dem gerollten Schlauch. Gespenster, flüstert Renate totenbleich, niemals hab ich das erlebt, niemals alle diese gesehen. Und wo bin ich jetzt? Wo geh ich hin? Ich bin in einer fremden Stadt. Wie kam ich hieher? Ich will zu Miriam gehen; sie hat mich gebeten, zu kommen, doch wie sind ich sie jetzt in der Nacht? wie soll ich die ferne Gasse und das kleine Haus finden, die so weit sind? Sie erkennt das Gebäude, vor dem sie sich befindet. Es ist der Vorderbau der Fächerfabrik. Sie lehnt sich an die Mauer, beginnt vor Erschöpfung zu zittern. Das Thor öffnet sich, und zehn bis zwölf Arbeiterinnen kommen, durcheinander plaudernd, auf die Straße. Und Renate sieht, daß die Spitzen-Fanny dabei ist. Sie glaubt, es sei ein Traum. Aber die Mädchen haben sie gewahrt, stellen sich im Halbkreis um sie her, und die Spitzen-Fanny erkennt sie mit einem erstaunten Ruf. Renate bittet, daß jene sie mitgehen lasse, und Fanny beginnt sogleich aus Mitleid zu heulen. Wie es komme, daß sie in der Nacht hier sei, fragt Renate matt. Jetzt, vor Ostern, arbeite eine Anzahl Mädchen jede Nacht bis zwölf Uhr, war der Bescheid. Renate kann nicht gehen, und eines der Mädchen eilt, einen Wagen zu holen. Die Spitzen-Fanny nimmt Renates beide Hände, die sie eiskalt findet und küßt Renate. Ihr unberechenbares Wesen erschöpft sich in Zärtlichkeiten, bis der Wagen kommt. Eiseners Marie, die unter den wartenden Mädchen steht, hat das Gesicht in die Schürze vergraben. Sie liebt Renate, und hat doch nie mit ihr gesprochen. Renate empfindet nichts als den Trieb zu schlafen. Es ist ihr, als ob morgen ein Tag sei, verschieden von allen früheren, – ein Ziel, dem sie unbewußt zugewandert, und vor dem sie jetzt erschöpft zusammenzubrechen droht. 6. »Welch ein Zufall, daß ich Sie gefunden habe,« sagte Renate am Morgen, als sie in einem niederen, nach Moschus und Kampfer riechenden Zimmer erwachte. »Ist Angelus da?« »Wer ob da ist?« fragte die Spitzen-Fanny. »Angelus. Mein Hund. Er ist fort. Ich habe ihn verloren. Ich bin ihm nach durch viele Straßen. Gott weiß, wo ich überall war.« Mit scheuem Lächeln preßte Renate die Hände gegeneinander. »Aus Ihnen werd ich auch nicht klug,« erwiderte die Spitzen-Fanny kopfschüttelnd. Sie fing an zu husten und wurde fahl. »Jetzt hat die Gaudee bald ein End',« sagte sie, die Lippen schief ziehend, »Begräbnis vierter Klasse.« »Es ist ja auch ganz gleich,« entgegnete Renate mit ruhigem Blick. Sie nahm einen schwarzen Pelzmuff vom Tisch und grub ihre Wange hinein. Der Muff lag vom Winter da, in einer offenen Schachtel. »Wenn ich denke, was ich alles erlebt habe,« fuhr sie nachdenklich fort. »Und ich wundre mich. Ich wundre mich nur über alles. Irgend etwas wollt ich doch heute, und jetzt weiß ich's nicht mehr. Angelus werd ich nimmer finden.« »Geben Sie's doch in die Zeitung. Oder gehen Sie zur Polizei.« »Nein, nein. Er hat schon einen Grund gehabt, fortzugehn.« »Einen Grund?« Fanny machte ein Gesicht, als ob sie am Verstand ihres Gastes zweifelte. Renate stand auf, kleidete sich an, öffnete das Fenster weit, sah mit einem inbrünstigen Ausdruck in den blauen Himmel. Die schmale, chausseeartige Straße war leer, und die Häuser sahen aus, als wären sie in der Nacht säuberlich gewaschen worden. »Was wollen Sie denn jetzt thun?« fragte die Spitzen-Fanny, die mit einer Schale Kaffee kam und sie auf den Tisch stellte. »Ich muß nämlich bald in die Arbeit.« Renate stand vor dem Spiegel und hörte bei dieser Frage auf, ihr Haar zu kämmen. Ich bin immer noch ganz hübsch eigentlich, dachte sie flüchtig, ihr Gesicht betrachtend. »Was ich thun will? Ja, ich weiß es nicht. Am liebsten möcht ich jetzt weit fort reisen.« »Wissen Sie, was ich glaub, meine Liebe? Wissen Sie's? Ich glaub nämlich, Sie sind entsetzlich unpraktisch.« Mit einer Miene, als seien ihr jetzt alle Rätsel über Renate gelöst, stand sie da. »Das mag schon sein,« erwiderte Renate. »Aber glauben Sie denn, daß die Praktischen erlöst werden?« »Erlöst? Wieso –?« Renate setzte sich ans Fenster, legte in plötzlicher tiefer Mutlosigkeit die Hände in den Schoß. »Ich möchte nur wissen, warum Angelus fort ist. Irgend eine Bedeutung hat es, muß es haben.« »Aber Fräulein! Was redens' denn da! Was soll's denn sein! Wer grämt sich denn so um ein Vieh.« »Ein Vieh? Er hat alles verstanden, und jetzt versteh ich es selbst erst. Ich bin nutzlos. Oder bin ich nicht nutzlos? Sagen Sie doch selbst. Angelus ist fort, das heißt, entweder bin ich am Ende und meine Bestimmung ist aus, oder morgen schon passiert etwas so Großes, daß man darüber wahnsinnig wird.« Sie war bleich und ihre Augen brannten. Unverwandt blickte sie ins Leere. Die Spitzen-Fanny, voller Aengstlichkeit, trippelte vom Fenster zur Thüre. »Trinken Sie doch Ihren Kaffee,« sagte sie unruhig. »Ich habe geschlafen,« flüsterte Renate. »Es kommt mir vor, als könnt ich jetzt wochenlang nichts thun, als weinen. Dabei klopft mir das Herz ganz unsinnig.« »Sie müssen unbedingt zum Doktor gehn.« »Das ist keine Krankheit für den Doktor, Fanny.« Ein leichter, hastiger Schritt auf dem Sand des gegenüberliegenden Wegs veranlaßte Renate, hinauszublicken. Sie fuhr zusammen, streckte unwillkürlich die Hand aus. Die Eilige von drüben blieb stehen und schaute herüber, den Kopf vorbeugend, mit der Hand die Augen vor der Sonne schirmend. Dann kam sie rasch ans Fenster und streckte Renate den Arm entgegen. Renate ergriff die Hand und lächelte etwas verstört. »Immer so eilig, Miriam,« sagte sie beklommen. »Ach, wie gut, wie gut, daß ich Sie treffe,« sagte Miriam und Renate erschrak, als sie genauer in das verweinte Gesicht des jungen Mädchens sah. »Kommen Sie doch, bitte, oder darf ich hinein?« »Nein, ich komme,« entgegnete Renate hastig, und in einer seltsamen Ahnung begann sie zu zittern. Ihre Stimme kam ihr hohl und unverständlich vor. »Vielen, vielen Dank, Fanny,« stammelte sie, indem sie den Hut aufsetzte und ihren Schirm nahm. »Leben Sie wohl und vielen Dank!« Die Spitzen-Fanny war gerührt, wehrte ab. Miriam wartete am Thor, zerrte nervös an ihren Handschuhen. »Mein Bruder ist krank,« stieß sie hervor. »Ihr Bruder Agathon?« fragte Renate und blieb stehen. Nur eine Sekunde lang schloß sie die Augen: – fahle Erinnerungen an Träume. »Und ich muß zu ihm reisen,« fuhr Miriam mit erstickter Stimme fort. »Wo ist er denn?« »In Mähren. Irgendwo ist er dort zusammengebrochen. Man hat ihn zu einer Bäuerin geschafft, in ein Haus oder altes Schloß. Schloß Helfenstein bei Leipnik. Ich habe vom Arzt dort ein Telegramm bekommen. Agathon wollte mich treffen, ich sollte ihm entgegen, in einer Woche, und unterwegs kam das. Sein Herz ist krank, das steht in dem Telegramm.« »Und Sie gehen natürlich gleich, Miriam?« »Ach, wie hab ich Sie gesucht, Renee!« »Sagen Sie doch nicht Renee zu mir. Ich heiße Renate, Renate Fuchs. Alles war Lüge damals. Renate heiß ich.« Miriam ergriff Renates Hand. »Ich wußte es ja, wußte es damals schon, daß Sie eine Andere sind. Jener Dawill damals sagte es schon. Ich weiß ja alles.« »Miriam!« Ein Blutstropfen quoll aus Renates Unterlippe. »Und warum haben Sie mich denn gesucht? Ich auch, wahrhaftig, ich habe Sie gesucht, ohne es zu wissen.« »Darja ist fort. Darja und ich, wir haben seit Februar zusammengewohnt. Bis vor acht Tagen. Und dann ist Darja fort mit –« Miriam wankte, stützte sich an einen Gartenzaun und sah verzweifelt vor sich nieder. »Aber hier sind wir ja,« sagte sie gefaßter und schritt voran in den Flur des kleinen Häuschens, wo eine junge Magd mit Aufwaschen beschäftigt war. Sie traten in ein Zimmer, das gegen das Gärtchen lag, und Miriam legte sich aufs Bett und schluchzte lautlos. »Agathon, Agathon,« flüsterte sie, als Renate ihr mechanisch besänftigend über die Schulter strich. Im Zimmer lag alles in größter Unordnung umher. Die Schränke mit Kleidern und Wäsche waren ausgeräumt, ein unberührtes Frühstück stand auf dem Tisch. Die Sonnenstrahlen fielen gebrochen durch eine Wasserflasche, und Regenbogenfarben bemalten ein entfaltetes Telegramm. »Reisen Sie mit mir, Renate,« bat Miriam und richtete sich auf. »Wenn Sie mitgehn, ist vieles leichter, denn so allein, wie ich jetzt bin, davon haben Sie keinen Begriff. Erinnern Sie sich noch an das Bild, das Sie mir in Zürich geschenkt haben? Das hab ich im Winter an Agathon geschickt. Und nach einiger Zeit kam es zurück, und er hat darunter geschrieben: Die halte fest, Miriam. Das hat mich merkwürdig berührt damals. Zwei Tage später sah ich Sie dann draußen auf der Straße und konnte Sie nicht einmal sprechen.« Renate erwiderte nichts. Wie eine ferne, doch unvollendete, eigentümlich süße und friedliche Melodie begann es in ihr zu klingen. »Werden Sie mitgehn, Renate?« fuhr Miriam flehentlich fort. »Sehen Sie, wenn ich allein ginge, – ich kann nämlich mit keinem Fremden mehr reden. Alle kommen mit wie Tiere vor. Seit acht Tagen bin ich eingeschlossen, habe nicht gewagt, auf die Straße zu gehen.« »Aber was ist vorgefallen?« »Werden Sie mitgehen?« »Wie kann ich denn das! Sie wissen nicht, wie arm ich bin.« »Renate! Sprechen Sie doch nicht so abscheulich. Warum wollen Sie mich herabsetzen. Heute noch fahren wir, um ein Uhr nachmittags. Um sieben Uhr sind wir dann dort. Ich habe alles schon nachgesehen.« »Dann muß ich aber gleich nach Hause.« »Lassen Sie mich mit. Ich will nicht allein sein. « Miriam schickte die Magd um einen Wagen, und während der Fahrt erzählte sie mit klangloser Stimme, und ihre Hände waren dabei zusammengekrampft. »Darja fuhr im Oktober nach Holland, wo ihr Mann war. Ende Januar kam sie zurück und sagte nun, daß sie jetzt geschieden sei. Ich war froh, daß ich sie hatte, und wir wohnten beisammen. In unserm Häuschen aber wohnte noch Jemand, den ich schon lange kannte. Und nicht nur kannte, sondern auch ...Eines Tages im Herbst begegneten wir uns im Flur. Er sah mich an, ich konnte es nicht mehr vergessen. Er war ein Arzt. Nur Arme behandelte er und nahm kein Geld. Oft gingen wir zusammen spazieren, sprachen viel. Ich wurde gleich sehr eingenommen von ihm und dann ganz verzaubert. Auch in der Woche gingen wir oft spazieren, mocht es noch so kalt sein. Einmal in einer sternklaren Nacht und der Schnee lag, sagte er mir, wie ganz anders sein Leben sein könnte, wenn ich es mit ihm teilen wollte. Ich antwortete darauf, das wollt ich gern. Weiter sprach keins ein Wort. Als wir zu Haus im Flur Abschied nahmen, küßte er mich. Sonst war nie etwas. Immer wenn wir uns gute Nacht sagten, küßten wir uns. Er hatte auf alles Einfluß, was ich dachte und unternahm. Und nun kam Darja. Erst unterhielt sie sich viel mit ihm, dann auf einmal sprachen sie nicht mehr. Ich versuchte sie zu versöhnen, glaubte, daß sie sich zerzankt hätten. Aber einmal wachte ich auf in der Nacht, da war mir elend und ahnungsvoll zu Mut, und ich ging, um Darja zu wecken. Ich hörte leise sprechen, als ich vor der Thür stand. Die Thür wird aufgemacht, und ...Ja was soll ich sagen. Ich bin auf der Stelle hingesunken. Am Morgen waren sie fort. Ich kann Ihnen versichern, mein Herz ist so...!« Sie machte eine Faust, die sie krampfhaft zusammendrückte, um Renate das Gepreßte ihres Herzens zu veranschaulichen. Renate hauchte einen Kuß auf die Schläfe des Mädchens, und Miriam schlang die Arme um Renates Hals. Voller Erfahrungen, wie Renate war, konnte sie sich gleichwohl nicht überlegen geben. Ja, sie erschien sich nicht wie eine Erfahrene, sondern wie eine für Vertrauen Dankbare, für jede Schuld Mitschuldige. »Ist Angelus da?« waren die ersten Worte, die sie, lebhafter als sonst, an Frau Gabesam richtete. Ein mürrisches Kopfschütteln raubte ihre Hoffnung. »Nun müssen wir aber packen,« sagte Miriam, auf- und abgehend, die Augen nicht vom Boden erhebend. Es ist Darjas Zimmer gewesen, dachte sie beständig. Sie hatte gar nicht heraufkommen wollen, als es ihr Renate mitgeteilt hatte. Frau Gabesam kam mit Renate herein und machte wallnußgroße Augen: erstens über die Reisenachricht, dann über das mysteriöse Auftauchen der jungen Dame, die sie so oft bei der früheren Mieterin gesehen hatte. Ihrem simplen Verstand erschien nunmehr die ganze Welt als ein Hexenkessel, worin Menschen und Schicksale in einer verwirrenden Weise durcheinandergerührt werden. Sie fing an, den Kopf zu schütteln, und hätte ihn wohl bis zum nächsten Monatsbeginn weiter geschüttelt, wenn die beiden Katzen sich nicht unter der Thüre gezeigt hätten. »Ich habe Briefe von Ihrem Bruder an Darja gefunden,« sagte Renate und gab Miriam die Papiere mit einem sonderbar verschleierten Blick in die Hand. Während der ganzen Zeit, in der Renate beschäftigt war, las Miriam die Schriftstücke, konnte sich nicht losreißen, und ihr Wesen nahm während der folgenden Stunden unbewußt etwas Getragenes und Feierliches an. Alles ordnete Renate, und die kurz bemessene Zeit vermehrte ihre Ruhe und Umsicht. Dann ging es wieder zu Miriam zurück und dort an ein letztes Packen, und zwei Stunden später saßen sie schon im Zug und sahen sich an, halb ermüdet, halb erstaunt. In einer sonderbaren Aufwallung ergriff Miriam Renates Hand und drückte einen Kuß darauf. Renate fuhr zusammen wie unter einem Schlag. Die schwarzen Augen Miriams glänzten fieberhaft, wandten sich ab vom Fenster, als wollten sie sich dem Anblick der Stadt verschließen und waren doch nicht fähig dazu. Dabei lächelte sie fast verzerrt. Ihrem erregten Gemüt erschien die große Stadt nur als Behälter des einen einzigen Unrechts, das sie selbst darin erlitten. Eine lange Ebene gegen Norden. Später dann leicht geschwellte Hügelketten mit dem samtenen Nachmittagsdunst der Frühlingssonne. Immerzu fahr ich so rätselhaft durch die Welt, dachte Renate; ein unsichtbarer Arm kommt und trägt mich fort: nach Süden und Westen und Osten bin ich gegangen, und heute zum ersten Mal nach Norden. Wer hat die Fäden ineinandergeschlungen? Zum ungefähren Spiel oder zu Sinn und Plan? »Ob wohl alles seine Bedeutung hat, was man erlebt,« fragte sie aus diesen Gedanken heraus. Sie waren allein, konnten ungestört plaudern. »Man muß Agathon fragen, Agathon weiß das alles,« antwortete Miriam naiv. »Ist Agathon groß?« »Groß, ja. Groß und schön. Schön sind besonders die Augen. Es giebt keine solchen Augen mehr in der Welt. Und die Stirn drüber ist wie bei Marmorköpfen.« »Und wie ist er in seinem Wesen?« »Still.« »Immer? Immer still?« »Nein, es ist eine innere Kraft bei ihm, die sich von selbst verkündet. Das ist es. Anders kann man es nicht ausdrücken. Und weil ich das weiß, bin ich ja noch so ruhig. Ihm droht keine Gefahr.« »Ach, Miriam, mir scheint es, auch Sie haben diese Kraft. Auch Ihnen droht keine Gefahr. Wäre ich wie Sie gewesen, ich hätte nicht mein Herz verschleudert. Jetzt ist es mir wie denen, die von der Kirche ausgeschlossen sind.« »Doch kann man überall seine eigene Kirche bauen.« »Wenn man stark ist, ja.« »Sehen Sie doch die Felder, Renate. Es ist wie fränkisches Land. Und das ist schon Mähren, wo wir sind.« »Ist das nicht eine Windmühle, dort drüben?« fragte Renate. »Das glaub ich nicht. Ein Windrad, glaub ich.« »Wie neu mir das alles vorkommt,« sagte Renate mit einem saugenden, fast flehenden Blick auf die Landschaft. »Die Bäume hier am Rain! Wunderbare Pappeln!« Renate seufzte tief auf, hatte ein bittersüßes Gefühl in der Brust und fand keine Worte für etwas, das sie gerne ausgesprochen hätte. Und nun war das Ziel erreicht, eine kleine Station, eine breite, von grauem Staub bedeckte Chaussee zur Stadt. Sie fuhren im Wagen zwischen Reihen liliputanischer Häuser, aus denen ja hie und da ein weißes Matronengesicht oder neugierige Kinderaugen sahen. Dann hinaus gegen Schloß Helfenstein, und während die Sonne fern in die Ebene hineinsank, überließen sie sich willig einem Schweigen, das schon vorher in allen ihren Reden sich angekündigt hatte. Da war ein Strom, zur Hälfte ausgetrocknet, und eine morsche Brücke drüber hin. Dann Sandflächen, dann ein Stück Acker gegen den dämmernden Himmel geschwellt wie ein Bauch. Bauern mit fremdartigen Zügen gingen vorbei; Rinder brüllten sehnsüchtig hinter einem Wäldchen. Gehölze waren bunt verstreut, Baumgruppen am weitgekrümmten Bachufer. Dann kam der Schloßberg und Miriam entlohnte mit zitternder Hand den Kutscher. Schweigend stiegen sie empor. Kühler Wind wehte von der Ebene herauf. Das zerfallene Schloß mit hohlen Fenstern, ohne Dach und ohne Thore, wurde hinter langgestreckten fahlen Baumzügen sichtbar, und es war eine tiefe, tiefe Einsamkeit, ohne Laut. Frühvergilbte Gräser zitterten am Hang und die noch kurzen, grünen Halme im Weizenfeld bogen sich wie ein Tuch. »Wo soll es sein?« flüsterte Miriam befangen und wandte den Blick zum geröteten Himmel. Seitwärts am Berg war ein langgezogener grauer Holzschuppen, über dem der Himmel doppelt hoch erschien, dann ein altertümlicher Bau mit dürftigen Fenstern, die jetzt heiß erglühten in der Abendröte. Renate blickte hinüber, konnte nicht reden, nicht denken, kaum gehen. Sie preßte den Mund zusammen, und in ihrem bleichen Gesicht waren die Augen fest geschlossen und hatten einen angestrengten Zug. Ein Mädchen kam aus einem Seitenweg, der durch das Gebüsch verdeckt war. Miriam nannte den Namen der Bäuerin, und das Kind, das einen kleinen Strauß von Schlüsselblumen, Rittersporn und Wiesen-Vergißmeinnicht trug, nickte überaus ernsthaft, zeigte nach der Höhe und schritt voran. Nach einigen Schritten drehte es sich um, lächelte schelmisch und verlegen und reichte Renate alle seine Blumen hin. Siebzehntes Kapitel Die Bäuerin, die in die Dunkelheit eines Wiesenplans heraustrat, welcher mit einem dürftigen Zaun umschlossen war, sah prüfend und angestrengt den eintretenden Frauen entgegen. Ihr Kopf war mit einem Tuch umwunden, ihr Gesicht war auffallend intelligent und von bewegtem Mienenspiel. »Welche ist die Schwester?« fragte sie mit einer herben, tiefen Stimme, und fügte dann, ausschließlich zu Miriam gewendet hinzu: »Er hat Sie den ganzen Tag erwartet. Er war ungeduldig und hörte nicht auf meine Worte.« »Führen Sie uns zu ihm,« antwortete Miriam, kaum der Sprache mächtig, mit beiden Händen nach dem Arm der Frau greifend. »Er schläft jetzt,« sagte jene mit einem Gesicht, welches aussah, als sei es unfähig, zu lächeln. »So lange er schläft, müssen Sie warten, und wenn es Gott will, müssen Sie die ganze Nacht warten.« »Aber sehen will ich ihn.« »Das geht nicht an,« erwiderte die Bäuerin. »Ein Blick kann unruhige Träume machen. Wenn Sie Hunger haben, es giebt hier Milchsuppe, schwarzes Brot und Butter.« »Wo ist er? Wo ist Agathon?« forschte Miriam, mit furchtsamen Augen die Alte betrachtend. »Die Holzstiege links geht zum Heuboden, unten ist die Kuh. Daneben sehn Sie den Thorweg und ein Stück von der Steintreppe. Die Steintreppe führt in den Turm hinauf und da liegt er. Die Mauern droben sind zwei Meter dick. Kein Wetter kommt da hinzu.« »Ein Turm? Ich sehe keinen Turm.« »Wir nennen es den Turm, wenn's auch keiner ist. Es braucht nicht alles so sein, wie man's nennt. Gott ist auch im Unglück, und wir schreiben's doch dem Teufel zu.« »Wie kommt es denn, daß Agathon hier ist, sagen Sie? Wo ist der Arzt und was meint er? Meint er, daß Agathon bald gesund wird?« »Viel auf einmal. Aufs Fragen bin ich eingerichtet, aufs Antworten nicht immer. Aber sei's drum, da Sie die Schwester sind. Wen haben Sie denn da mitgebracht?« Sie deutete auf Renate, die auf der Bank unter einem alten Birnbaum saß und sich nicht regte. »Es ist eine Freundin,« gab Miriam verschüchtert Auskunft. »Allein hätte ich nicht reisen können. Ich selbst ...habe Unglück gehabt ...hatte das mit Agathon nicht erwartet.« »Ja, was thut Gott nicht alles,« murmelte die Bäuerin. »Das Unerwartete zeigt uns, was wir wert sind. Ich will Ihnen jetzt zu essen bringen, dann können wir ja immerhin reden.« Die Entschiedenheit in allem, was das Weib sprach, machte Miriam bange. Sie sah ihr nach, wie sie mit festem, bedächtigem Gang dem Schuppen zuschritt und setzte sich dann zu Renate, die kein Wort redete, sondern hinüberblickte auf die kaum noch wahrnehmbaren Umrisse der Schloßruine. Die Bäuerin kam mit einem Tisch zurück, den sie mit erhobenen Armen trug, und auf welchem das Notwendige für ein Abendessen vorbereitet war. »Ins Zimmer können Sie nicht herein,« sagte sie, »da ist kein Aufenthalt für Sie. Schlafen müssen Sie oben im Heu, das heißt, immer die eine, die andre kann bei ihm wachen. Es ist ganz gut, daß Sie zu zweien sind. Marika!« schrie sie hinüber, »bring die Laterne heraus!« Das Kind, welches Miriam und Renate hinaufgeführt, brachte eine Art Stall-Laterne, stellte sie auf den Tisch, lächelte kaum merklich und huschte davon wie ein scheuer Vogel. »Es ist noch kühl außen,« sagte die Bäuerin, ohne auf ihr Mädchen zu achten und sah mit verschränkten Armen neben dem Baum stehend zu, wie Miriam und Renate, mehr mechanisch als aus Hunger zu essen begannen. Sie beobachtete die nervöse Ungeduld, zu fragen, zu erfahren, auf Miriams Gesicht, schwieg aber beharrlich, so lange die beiden aßen. »Haben Sie Gepäck mitgebracht?« fragte sie endlich. Miriam nickte, war aber nicht fähig, zu antworten. »Wir haben alles auf dem Bahnhof liegen und lassen es morgen holen,« sagte Renate an ihrer statt. Die Bäuerin heftete den Blick ihrer stahlgrauen, dumpf leuchtenden Augen fest auf Renate. Dann schob sie einen Bottich, der hinter dem Baum stand, näher und setzte sich darauf, vor die Schmalseite des Tischs. »Was ist es also mit Agathon, Frau!« brach endlich Miriam mit flüsternder Stimme aus. Sie zitterte. »Frau Wilmofer können Sie mich nennen,« versetzte die Bäuerin ruhig. »Er,« – Renate bemerkte, daß jene Agathon nie beim Namen nannte, – »er kam vor drei Tagen. Junge Bekannte sind wir nicht mehr. Vor vierzehn Monaten schon war er im Mährischen, und ich kann sagen, daß er Marika das Leben gerettet hat. Marika war krank, es war tief im Dezember, und wir hatten so viel Schnee wie seit zwanzig Jahren nicht mehr. Ich konnte nicht in die Stadt kommen, des Schnees halber und weil ich Marika nicht verlassen konnte. Wir leben da oben gar nicht in der Welt nämlich. Aber in der größten Verzweiflung, da kam er durch den hohen Schnee, als ob ihn Gott hergetragen hätte. Ich lag schon auf der Diele und heulte, denn Marika regte sich nicht mehr. Seit vier Wochen hatte ich schon keinen Menschen gesehen, und der letzte war der Pippesen-Bola, der uns alle drei Tage mit seinem Wagen das Wasser herauffährt, denn hierherum ist kein Brunnen. Und wie er nun kam aus dem Schnee, war's wie eine Erscheinung und nach, acht Tagen hatte Marika die Gesundheit wieder. Und dann ging er weiter ins Galizische hinüber. Ihn hat Gott hergetragen damals. Vor drei Tagen bin ich bei der Kuh, da hör ich Marika rufen, und wie ich herauskomme, seh ich ihn auf der Bank da und glaubte, eine Leiche sei's. Frau Wilmofer, sagte er, ich kann nicht weiter. Und wir legten ihn hinauf, und der Kreisdoktor kam und Marika lief aufs Amt mit dem Telegramm.« »Und was sagt der Doktor?« »Etwas Lateinisches sagt er und den Kopf schüttelt er. Das Herz! Er muß übrigens bald kommen. Früh um neun und abends um neun kommt er. Ein guter Mensch und liebt seine Kranken. Verdrießlich thut er, aber er ist gut und kein Weg wird ihm zu sauer.« »Aber warum ist jetzt Niemand bei Agathon?« »Er hat gebeten, daß wir gehn möchten. Nicht einmal Marika soll wachen.« Ein dumpfer, schwerfälliger Schritt vor dem Zaun ließ alle drei aufhorchen. »Der Kreisdoktor,« sagte die Bäuerin befriedigt, und ihr Gesicht wurde hell. Miriam vermochte sich nicht zu rühren. Sie saß, als ob ein Urteil über sie gefällt werden sollte. Renate legte den Arm um die Schulter des jungen Mädchens. Der Doktor kam, grüßte mit einer komischen Grandezza, indem er seinen verwitterten Hut lüpfte und machte: »Ah, sehr gut, sehr gut,« um zu zeigen, daß er auf alles vorbereitet sei. »Was ist es, was für eine Krankheit ist es, Herr Doktor?« fragte Miriam, dem Aufschluchzen nahe, und erhob sich ungestüm. Der Kreisphysikus machte ein betrübtes Gesicht, holte mit den Armen aus und schlug sie gegen den Rumpf zurück, wobei er überdies noch die Achseln zuckte. »Degeneration des Herzens, mein Fräulein,« sagte er mit einer sonderbaren Mischung von Wohlwollen, Traurigkeit und wissenschaftlicher Würde. »Ist es denn gefährlich, ich bitte Sie um der Barmherzigkeit willen, sagen Sie mir die Wahrheit.« Der Arzt trat völlig in den Lichtkreis der Laterne und stützte das Kinn in die Hand. »Es ist jedenfalls eine recht merkwürdige Krankheit,« sagte er mild und versonnen, und etwas Pfarrerhaftes lag in seinem Wesen. »Also ich will einmal sagen, ein abgenutztes Herz, ein zu sehr verbrauchtes Herz will ich sagen. Und das führt dahin, wohin wir alle müssen, will ich sagen. Also da Sie mich im Namen der Barmherzigkeit anflehen, will ich einmal sagen, daß so ein Herz vergeht wie der Schnee im Mai.« »Ist keine, keine Hilfe möglich?« »Hilfe, mein Fräulein? Da will ich sagen: nein.« »Und wenn ein berühmter Arzt käme?« »Oh, mein Fräulein, ich will einmal sagen, daß ein berühmter Arzt nicht auch ein guter Arzt sein könne. Aber wo nimmt er ein neues Herz her? Ich will sagen, mit welchen Mitteln steht ihm solches zu Gebot?« Miriam bedeckte das Gesicht mit den Händen. »Führen Sie mich zu ihm,« hauchte sie. »Schon eine Stunde bin ich da und man hat mich zurückgehalten. Ich will ihn sehen.« »Gehn Sie hinauf, Wilmoferin,« sagte der Kreisarzt zu der schweigenden Bäuerin. »Sehen Sie, ob er wacht, bereiten Sie ihn langsam vor.« »Wenn er wacht, zündet er die Kerzen an, Herr Kreisphysikus.« Doch in demselben Augenblick wurden die drei Fenster in der Steinmauer hell. Miriam zuckte zusammen. Frau Wilmofer ging zum Thor hinüber, an den Holzstößen vorbei. Der Kreisarzt schaute ihr nach. »Eine Person von Gold,« sagte er in der Absicht, die beiden dumpf schweigenden Frauen abzulenken. »Eine goldene Person. Sie ist nicht, was man eine geborene Bauersfrau nennt. Sie ist von oben, ich will sagen, aus der Gesellschaft. Hat den Wilmofer geheiratet, einen Bauern bemerke ich, der arm war wie Hiob. Ein interessantes Schicksal, ein starkes Gemüt, ein ehernes Herz. Eine Frau, eine erhabene Frau, will ich, einmal sagen.« Weder Miriam noch Renate hörten recht, was er »einmal« sagen wollte. Frau Wilmofer trat unter den Thorweg und winkte mit der Hand. Miriam stieß einen schwachen Schrei aus und lief hinüber. Der Doktor stapfte langsam hinterdrein und seufzte schwer in Pausen von je drei Schritten. Nun saß Renate allein, den großen Himmel über sich, ringsumher das tiefem Atmen gleiche Rauschen der Bäume. Hoch in den Lüften gingen die dunklen Wolken hin und machten huschende Lichtpunkte aus den Sternen. Die Schläge ihres Herzens zählte Renate und erinnerungslos war plötzlich ihr Geist. Je länger sie hinüberschaute auf die welligen Flächen der Baumkronen, je heller schien das Land zu werden, als ob verborgene Lichtquellen selbst die Mitternacht noch zur Dämmerung machen könnten. Sie erstaunte nicht, wie sie hierhergekommen. Sie fand es so, als sei sie immer hier gewesen neben dem Wald und neben dem Acker. Ziemlich lange saß sie, achtete nicht des kühlen Windes, fühlte nicht das Vorbeigehen der Zeit. »Renate, kommen Sie,« flüsterte auf einmal Miriam neben ihr und führte sie über den Rasen zur Steintreppe des »Turms«. Es war eine so enge Treppe, daß kaum zwei nebeneinander zu gehen vermochten. Es roch nach Moder; am Thor führte eine schwarze, thürlose Oeffnung in einen unterirdischen Gang zur Ruine. Aus diesem Loch strichen faule, erdige Dünste empor. Renate glaubte noch nie eine so lange Treppe erstiegen zu haben, und bis sie endlich das Licht sah, schwand alle Kraft aus ihren Gliedern. Miriam schien merkwürdig gefaßt, zeigte eine edle Ruhe. Auf der Schwelle stand Marika mit einem feierlichen Gesichtchen und leicht geröteten Wangen, – voller Anmut. Frau Wilmofer und der Physikus standen zu Füßen des Bettes, und Jene hielt die Kerze hoch, während der Doktor Aufzeichnungen in sein Notizbuch machte. Es war ein großer Raum, der aber durch zwei, tiefe, bauchige Nischen sehr verkleinert schien. Auch die Decke war gewölbt, und zwei massige, tragende Quadersteine ließen auf die Dicke der Mauern schließen. Die Wände waren weiß getüncht. Nichts stand in dem Raum als das Lager, der Tisch, eine flache Kiste und ein Brett mit einigen Büchern. Miriam führte Renate an das Bett und sagte: »Das ist Renate.« Und Renate streckte die Hand aus und fühlte eine andere, weiche, trockene Hand in der ihren. Es wurde ihr dunkel vor den Augen, und nur langsam vermochte sie zu sehen und zu hören. Sie sah in die dunklen Augen eines Mannes, und ihr Blick prallte wie erschrocken davon ab. »Siehst Du, Agathon, ich habe sie festgehalten,« sagte Miriam mit feuchtem Blick und mit einer zärtlichen Stimme. Agathon schüttelte lächelnd den Kopf, während der überraschte Ausdruck in seinen Zügen blieb. »Und doch war das Bild schlecht,« sagte er, und der seltsam belebte Mund preßte sich ein wenig zusammen. Dann strich, er mit der abgemagerten Hand die Haare aus der Stirn und lag so ruhig, als lausche er einem Geräusch. »Sie sind schrecklich bleich,« sagte Miriam zu Renate, die sich mit den Fingern an den Hals griff und eine atemsuchende Bewegung des Kopfes machte. Der Doktor trat zu Agathon, schlug das braune Hemd, das seine Brust bedeckte, zurück und legte die Hand auf das Herz des Kranken. »Wie lang läuft das Uhrwerk noch?« fragte Agathon lächelnd. – »Oh,« erwiderte der Kreisphysikus entrüstet. »Jahrzehnte! Jahrzehnte! Eine eigenartige Frage, muß ich sagen!« »Ich bleibe gleich hier,« sagte Miriam, »und Sie, Renate, gehen zur Ruhe.« Renate schaute sich mechanisch um, kniete dann vor Marika hin und küßte sie auf die Stirn. Frau Wilmofer beobachtete es mit unbeweglichem Gesicht. Nur das Kind sah, wie es wild und fassungslos um Renates Lippen zuckte. Der Weg zum Heuboden war ziemlich beschwerlich. Man mußte auf einer Leiter hinaufsteigen, und oben war es schwül und finster. »Wir haben nur ein einziges Bett,« entschuldigte sich die Bäuerin, »und das hat er, der Kranke. Ich und Marika haben nichts als den Strohsack.« »Es ist ja gleich, wo man schläft,« erwiderte Renate dankbar, doch ein wenig scheu. »Wenn man schläft, ist's gleich, jawohl. Gute Nacht.« »Gute Nacht.« Der Lichtschein verschwand langsam, und Renate lag im Heu, regte sich nicht, hielt die weitgeöffneten Augen an den Himmels-Ausschnitt geheftet, der vor dem Eingang hing wie ein dunkles Glas. Lebendige Gestalten traten im Halbkreis um sie herum, aber ehe man sie deutlich gewahren konnte, waren sie wieder verschwunden. Stallgeruch drang zu Renate, und unten regte sich die Kuh. Es kamen Visionen, die sich deutlich unterschieden von Traumbildern, und es zeigte sich eine Figur von fremdartiger Prägung, voll philosophischen Wesens, die vernehmlich aus einem Buche las, etwa: – der Irrweg, der doch zum Ziele führt, erfüllt dich mit der Einsicht von der Notwendigkeit deines Schicksals. Zu spät, erwiderte Renate, und die Nacht nahm ein dunkleres Gewand um ihre Schulter, blieb unbeweglich und geräuschlos liegen vor den Pforten des Morgens. Als es Tag war, wußte Renate nicht, ob sie geschlafen habe. Sie erhob sich, reinigte ihr Kleid von Halmen und Heustaub, nachdem sie an der Leiter herabgeklettert war, wusch das Gesicht in einem Zinnbecken, trank frische, warme Milch. Miriam kam, übernächtig und müde, blickte geblendet in das Sonnenlicht, wollte aber nicht von Agathons Bett weichen. Renate irrte umher, wußte kaum, worum es sich handelte, als das Gepäck vom Bahnhof kam, wagte nicht, das Krankenzimmer zu betreten. Sie wanderte zur Ruine, irrte ruhlos durch das verfallene Gemäuer, von dem nur noch die rohen Backsteine zu sehen waren, mit vielen Thüren, Thoren, Fenstern, zerstörten Fenstern. Ueberall lag Schutt, als ob hier allnächtlich der Sturm tose, lediglich um der Zerstörung willen; auf den Simsen wuchs das Gras. Renate setzte sich schließlich vor ein Thor, blickte auf die Ebene hinunter, auf ferne, bläuliche Wälder, auf das dumpf schimmernde Band eines Stromes, und etwas jahrzeitloses lag auf diesem Bild: düsterer Herbst und stiller Frühling zugleich. Renate, in einer sphinxhaften Haltung, die Ellbogen auf die Kniee gestemmt, glaubte vergehen zu müssen in einer geheimnisvollen Verzweiflung, die anders war als alles, was sie bisher empfunden. Die Natur selbst begann zu ihr zu reden, der Ausdruck ihres Gesichts hatte etwas Flehentliches, als sei sie bereit, sich selbst zu opfern, wenn nur das nicht geschah, was sie fürchten mußte. So erschien ihr der Reigen der Stunden als etwas Geisterhaftes, und der Abend kam, wie wenn es gar nicht Tag gewesen wäre. Sie hatte mit einem Bauern am Hang geplaudert, einem mageren Burschen mit kleinem, lebhaftem Gesicht, sie war mit Marika bis zur Landstraße gegangen und beide hatten Blumen gepflückt. Der Kreisphysikus war gekommen, und beim Abendbesuch schrieb er wieder in sein Notizbuch und Frau Wilmofer hielt ihm die Kerze hoch. »Man muß, muß einen Arzt aus Wien kommen lassen,« sagte, als er fort war, Miriam mit zusammengepreßten Zähnen leise zu Renate. Agathon hatte es jedoch gehört. Er richtete sich ein wenig auf und schüttelte den Kopf. »Erinnerst Du Dich denn nicht, was ich Dir gesagt habe, Miriam,« sagte er, ohne mit einer Wimper zu zucken. »Vergiß es doch nicht ...« Miriam schwieg, klammerte sich an das Brett des Lagers und wandte das Gesicht langsam gegen die Wand. »Aber ich will wachen, ich will die Nacht über hier bleiben,« murmelte sie dann gequält. »Wenn Du bleibst, Miriam, wird es schlimmer für mich sein, als wenn ich allein wäre,« gab Agathon zurück und atmete tief. »Du mußt ruhen. Ruh Dich doch aus von der Stadt. Die Stadt hat Dich verfinstert und verbittert.« Renate sagte etwas und hörte ihre eigene Stimme nicht. »Ja, nur wenn Renate bleibt, kann ich ruhen,« sagte Miriam, und Renate spürte die Lippen des jungen Mädchens auf ihrem Hals. »Gute Nacht, Agathon,« sagte sie dann und ging mit schleppenden Schritten, ihr Lager aufzusuchen. Renate schob die flache Kiste von der Wand zum Bett und setzte sich darauf. Es war plötzlich so auffallend ruhig geworden, daß die Luft im Raum zu singen anfing. »Wie kommt es nur, daß es so war, als seien Sie mir längst nahgewesen,« sagte Agathon, und sein überaus bleiches Gesicht wandte sich Renate zu. Der dunkle Bart um Mund und Kinn warf einen Schatten bis zur Stirn, die dann weiß und marmorn gegen die feuchten Haare sich bog. »Ich, ich habe längst von Ihnen gehört,« antwortete Renate. »Gudstikker war es, der Ihren Namen nannte.« Agathon Geyer zuckte überrascht zusammen, hob den Kopf empor. »Gudstikker –?« fragte er langsam und erstaunt zurück, und wiederholte, gänzlich in der Macht einer nebelhaften Erinnerung: »Gudstikker! Ein Dichter, nicht wahr? Ja, er kannte mich, und das ist lang her. Ich erinnere mich, ein Hinterpförtchen-Mensch, nicht wahr?« Renate nickte, und ihr Oberkörper sank vornüber. »Es ist fast noch aus der Knabenzeit,« fuhr Agathon fort, und seine Stimme klang, wie immer, förmlich sordiniert. »Er war ein Wahrheitsager, der stets log. Er that wie ein Prophet, und doch ging er nur auf Abenteuer aus.« Wieder nickte Renate, und ihre Hände umklammerten fest ihre Kniee. »Und Sie kannten ihn also?« »Oh, sehr gut, sehr gut.« »Warum so bitter? Freilich, wenn Sie ihn gut gekannt haben, muß es wohl bitter sein. Ich erinnere mich, ich sehe ihn noch. Ich höre noch seine einschmeichelnde Stimme, seine Honigstimme, sehe noch seinen Blick voll Ueberzeugung. Er ist das schlechte Prinzip, aber sympathisch gemacht durch Scharfsinn und Ueberfeinerung. Er ist ein Schriftsteller, weil ihm dadurch seine eigene Seele versteckt wird, weil ihr ein eitles Gewand umgehängt ist. Verstehen Sie?« »Oh, es ist wahr, und ich verstehe es gut,« flüsterte Renate. »Und wie kam es, daß Sie ihn kannten? Es ist nicht Neugierde, Renate. Ich nenne Sie Renate nur als Freundin Miriams, seien Sie nicht böse darüber. Wie kam es? Oder ist es Geheimnis?« »Nein, ein Geheimnis ist es durchaus nicht.« »Also dies,« antwortete Agathon mit einem Blick rätselhaft sicheren Verstehens. »Ja, es giebt viele solche. Sie nehmen eine Frau und saugen ihr das Herz aus. Das ist ihre Kunst so. Im Tiefsten sind sie gleichgiltig, aber dies reine Blut berauscht sie. Keine geht an ihnen vorbei, ohne ihre Unersättlichkeit zu reizen.« Renate zitterte und Agathon bemerkte es, machte eine beruhigende Geste und sagte sanft: »Erschrecken Sie nicht. Ich weiß von einem Mädchen, sie hieß Monika, war rein wie das geläuterte Gold. Und er, Gudstikker, kam und ging und hat sie mit Lebens-Unruhe erfüllt. Sie verging an meiner Seite.« »Und er ist wie alle, wie alle,« stammelte Renate, die das Gefühl hatte, sich unrettbar verirrt zu haben. »Was ist es mit Ihnen, Renate, warum können Sie nicht emporschauen?« »Es ist zu schwer,« hauchte Renate furchtsam gegen die Finsternis der Nischen, gegen die vor den Fenstern blickend. »Sie kommen von weit her, haben einen langen Weg gemacht, wie?« »Ja, einen sehr langen Weg,« antwortete sie wie ein Kind, das voller Scheu Rede steht. »Und allein?« »Allein. Keiner half. Jeder trieb mich aufs neue in eine Wildnis.« »Und wie kamen Sie hieher? Ich meine nicht den Grund, den ich kenne, mit Miriam und das; den unsichtbaren Grund mein ich, den Sie ahnen.« »Ich weiß es nicht. Es war Bestimmung. Auch habe ich Briefe gelesen, die Sie an Darja Blum geschrieben haben. Und da wurde es plötzlich, hell und es trieb mich nach irgend einer Ferne ...Nein, nein, ich kann nicht reden.« »Und hier, was soll es hier, Renate?« »Ich weiß es nicht. Hier will ich sein.« »Hier? Wer soll hier eine Suchende beglücken können?« »Ich suche ja nicht mehr.« »Nur wer vor dem Tod steht, kann das von sich sagen.« »Ach nein! nein!« Wie ein dumpfer Schrei löste sich dies von Renates Lippen. Sie richtete den Kopf empor und legte den Arm über die Augen. »Aber solche Erfüllungen sind selten, begegnen uns nicht auf den Straßen,« sagte Agathon versonnen. »Sie sind blind gewesen, haben eine Wanderung angetreten, haben den Abgrund nicht gesehen, der neben Ihrem Schritt sich beständig öffnete. Sie haben vertraut, weil Sie erfüllt waren vom Weg, vom Weg allein. Sie haben sich aufbewahrt, haben nicht mit eigenen Lippen geredet, nicht mit eigenen Händen gefühlt, nur gelitten mit eigener Seele. Haben sich aufbewahrt für das ferne Ziel allein, ohne zu wissen, ja, ohne zu glauben. Ist es das?« »Ja, ja, ja,« antwortete Renate, bis in das innerste Herz erzitternd, mit einer Mischung von Jubel und Qual. »Jetzt erst verstehe ich mich.« »Es liegt alles in Ihren Augen, in Ihrer Stimme,« sagte Agathon leise nickend. »Beraubt und doch nicht ärmer geworden. Trockenen Fußes über Sumpf und Schlamm. Ach, ich liebe die Frauen,« sagte er plötzlich leiser, mit einer Innigkeit, die wie Musik war. »Ich liebe ihr Schicksal und ihre Leiden, ihr Vertrauen lieb ich und ihre unbefangenen Blicke. Jetzt aber kommt eine neue Zeit für sie, denn jedes Gefühl wird kräftiger in ihnen, und sie fangen an, den sinnlichen Vorurteilen zu mißtrauen und wollen ihr Schicksal, ihr Frauen-Schicksal erleben und wollen nicht mehr leibeigen fein.« Agathon schloß erschöpft die Augen und lag stille da. Sein Puls schien rascher zu laufen, eine blaue Ader an der Schläfe trat deutlich hervor. Renate wagte nicht, sich zu rühren, empfand auch kein Verlangen darnach. Auf fernen Höhen wandelte ihre Seele. Ein Morgenlicht brach ein in alle Poren. Ihre Lippen öffneten sich wie zu einem Gebet, aber sie fühlte dessen Ueberflüssigkeit, fühlte, daß der Gott mit ihr ging, so lange sie sich nicht selbst verlor. Wieder begann die Luft zu schwirren und zu singen und bisweilen klang es wie ein ferner, feierlicher, hymnenartiger Choral. Alles an ihr begann zu vibrieren, begann teilzunehmen an diesem Gesang der Lüfte, dem kühl und mysteriös ein Hauch von Ewigkeit voranzugehen schien. Wohl eine Stunde konnte so verflossen sein, da blickte Renate zum ersten Mal furchtlos in das Gesicht des Schläfers. Dann erhob sie sich, trat in die tiefe Nische, und öffnete ein Fenster. Alles Land schlief, weil Agathon schlief. Dunkel war der Höhenzug vor der Ruine und heller der Himmel. Doch der Berg und seine Umrisse schienen ihre Dichtigkeit verloren zu haben, und ein leichter, goldner Schimmer wie ein Traumhauch lag auf ihm, oder ein Licht in seinem Innern hatte nicht völlige Durchleuchtungskraft. Ein grüner Stern strahlte ganz einsam über der Ebene, die zu atmen schien in ihrer tiefen Ruhe. Renate rührte sich nicht, und die Regungslosigkeit ihres eigenen Schattens, der sich auf dem Rasen drunten malte, gab sie erst der Welt zurück. Als sie sich umwandte und auf das Bett zuschritt, lächelte sie bang, denn Agathons Augen waren unverwandt und fragend auf sie gerichtet. Er bat sie um ein Glas Wasser, und sie brachte es herbei, reichte es ihm, während ihre Lider halb geschlossen waren. »Sie haben ein schönes Gesicht, Renate, wie ich wenige gesehen habe,« sagte Agathon ernst und nachdenklich. »Besonders, wenn man Ihren Mund sieht, weiß man, daß Sie niemals lügen werden.« »Nein, ich lüge nicht,« entgegnete Renate tonlos. »Und jede Regung von innen wird Ihre Stirne verraten. Das ist es, was an der Zeichnung fehlt. Und was viel mehr als alles ist, in Ihrem Blick liegt Unsterblichkeit.« »Wie ist das möglich?« fragte Renate mit einem schüchternen und lautlosen Lachen. Agathon lächelte fein. »Es ist nicht schwer zu erraten.« Dann, nach einem Schweigen: »Es ist schön, wenn Sie langsam die Lider aufschlagen, als könnten Sie nicht glauben, daß all die Dinge noch ebenso da sind, wie vorher, da Sie sie gesenkt haben.« »Ich meine, Sie sollten nicht so viel sprechen,« sagte Renate, Blutröte auf den Wangen. Agathon blickte lange zur Decke empor. »Nun lieg ich da und warte auf den Tod,« sagte er endlich. »Ich bin nicht enttäuscht, kein Schiffbrüchiger, auch kein Sieger. Ich habe gelebt, und das Leben hat mich zerrieben, das ist alles. Es ist wunderbar, so zu sterben, denn viele Leiden trag ich mit hinüber. Auch das Ihre, Renate.« Allmählich kam der Tag, und mit der ersten Dämmerung schon erschien Miriam und setzte sich an das Bett des Bruders, nachdem sie Renates Hand lange in der ihren gehalten hatte. Sie sah verstört aus wie nach unvollkommenem Schlaf, und Heuhalme hingen ihr im dunkeln Haar. »Du bist ja auch krank, Miriam« sagte Agathon und packte ihren Arm. Das junge Mädchen lächelte und schüttelte heftig den Kopf. Renate ging und wollte ruhen, schreckte nach einer Stunde wieder empor, trieb sich auf dem Berg und in den Gehölzen herum, kehrte zurück, ging mit Marika nach Leipnik, kam totmüde wieder heim, konnte doch nicht schlafen, nicht essen, nicht trinken, fand Agathon bleicher als gestern, die Augen durchleuchtender, und Miriam war nicht fähig, sich aufrecht zu erhalten, mußte sich auch gegen Abend auf Frau Wilmofers Strohsack legen, die mit ihrem Kind im Heu schlief. Renate sollte wieder Nachtwache haben, und wurde nun ruhiger, und ein sonderbarer, schwermütiger Triumph erfüllte sie darüber. Und der Physikus war schon fort, und alles lag im Frieden, da setzte sich Renate auf den Bettrand und erzählte Agathon von ihrem Leben. Sie unterbrach sich kaum, erhob kaum ihre Stimme dabei, wurde nicht erregt und nicht durch Erinnerung ergriffen, erzählte wie im Dienst einer Mission, mit einer einfachen Wahrhaftigkeit von Ereignis zu Ereignis gehend. Und als sie damit fertig war, schwieg sie zuerst ein wenig, plötzlich aber kam es ihr vor, als ob das Herz in ihrer Brust sich zu bewegen anfing, als ob die dunklen Fenster dieses Raumes einen lautlos scheuen Tanz ausführten. Etwas kam über sie wie der Druck einer übergewaltigen Ungerechtigkeit, und die heißesten Thränen, die sie je geweint, seit sie denken und empfinden konnte, entquollen ihrem Innern. Wie von einem starken Arm gebrochen, sank sie zusammen und weinte, als ob all ihr Leben sich in diesen bitteren Strom ergießen sollte. Doch ein andrer Arm umfing sie und das Gesicht an Agathons Schulter gepreßt, schluchzte sie weiter mit seufzenden, seltsam flüchtigen Lauten. Und Agathon strich gütig seine Hand über ihr Haar und sagte nichts, sondern hielt sie fest, und seine Augen bekamen einen warmen, inbrünstigen und entzückten Glanz. »Ach mir ist so leicht jetzt, grenzenlos!« flüsterte Renate, ohne sich zu rühren. »Du bist es, Renate, die für mich ist,« sagte Agathon sterbensbleich. »Und Du bist es für mich,« erwiderte Renate dumpf, wie in seinen Körper hinein. Sie schmiegte sich an ihn mit einer leidenschaftlichen Kraft, und ihr Wesen wachte auf wie aus tausendfältigen Hinterhalten, und überall ergoß es sich von Flammen, überirdischen, ungezählten, und die Zeit schien grenzenlos zu sein, die bloße Lebenszeit, bis an das Ende aller Welten. Es war kein menschliches Gesicht mehr für Renate, sondern das eines Gottes, eines Schicksals, einer Erfüllung. Das Glück, das sie empfand, war angesammelt aus Generationen her, um dieser einen, scheinbar so flüchtigen Nacht eine Fort- und Fortdauer zu verschaffen für die Künftigen. Sie lag neben Agathon und ihre Küsse waren voll von jahrelanger Sehnsucht, von geheimnisvoller Glut, und sie wußte nun, daß dies Liebe war und alles andere nichts, und daß sie in Agathon gewesen war von Anfang an und es sein würde bis über das Leben hinaus. »Und wenn Du sterben mußt?« fragte sie, sich aufrichtend, und die Lippen auf seine Hände drückend. »Kann ich denn sterben für Dich, Renate? Ist das für uns dasselbe, was für die Andern der Tod ist? Ich sterbe nie für Dich, Renate. Du darfst nicht trauern.« »Nicht trauern ..., « flüsterte sie verloren. Agathon beugte sich und küßte ihre Brust. Sie klammerte sich an ihn und drückte die Wange auf seine kühle Stirn, die wie von Schauern berührt wurde. Ich bin es nicht mehr selbst, dachte Renate, ich bin eine Andere, eine Neue. Niegekannte, unvertilgbare Ruhe zog in ihre Seele. Und Agathon sagte leise, den Mund an ihrem Ohr: »Renate! Hörst Du, Renate?« »Ja, ich höre Dich,« erwiderte Renate, richtete sich ein wenig auf, als horche sie in die weite Nacht. »Renate, wenn es ein Knabe sein wird, nenn ihn – hörst Du mich, Renate?« »Dich allein hör ich, Agathon.« »Nenn ihn Beatus. Und es wird ein Knabe sein! « »Beatus.«... »Und erzieh ihn rein, Renate. Erzieh ihn wie Parsifal, fern von Allen. Willst Du das?« »Ich will es.« Ein graues Frühlicht kam aus den Tiefen der Ebene, und Renate kleidete sich an. Und als sie Agathons Hand wieder berührte, war es eine kalte und leblose Hand. Und das Gesicht, das sie mit ihrem Hauch streifte, war kalt und leblos. Es war von einem Ausdruck der Schwärmerei und der Zuversicht erfüllt. So starb Agathon Geyer. Renate aber stieß einen langen, klagenden Ruf aus, kniete nieder und legte das Gesicht auf das weiße Linnen und blieb so, bis Miriam kam, die von Unruhe hergetrieben wurde. Als Epilog Agathons Grab liegt hinter der Ruine des Schlosses Helfenstein, das einzelne verfallene Mauerreste wie bedürftige Arme gegen den grauen, mährischen Himmel streckt. Zu Häupten des Grabes stehen zwei junge Tannenbäume, und zu seinen Füßen beginnt schon der Wald. In den ersten Wochen wanderten Renate und Miriam täglich hinüber und ruhten dort und führten flüsternde Gespräche. Dann aber war es Renate allein, welche kam, denn Miriam zog wieder hinaus, eine Ruhlose, Unbeglückte, um jenes Leben zu führen, von welchem Renate gekommen war. Ihr war es bekannt geworden, daß die Todesnacht zur Nacht der Liebe geworden war, und, bald erfuhr sie es, zur Nacht des Lebens. Sie küßte Renate, aber in ihren Kuß war ein wunderlicher Zorn gemischt, der nichts Persönliches, vielmehr etwas Schicksalsvolles in sich trug. Renate aber blieb. Das Zimmer des »Turms« war ihre Behausung, und Agathon lebte und atmete mit ihr, ob sie nun schlief oder wachte. Für sie gab es keine Einsamkeit mehr, auch wenn ihr nicht jeder Baum zum lebenden Wesen geworden wäre. Ihr wurde kein Tag zu lang, und eine jede Nacht brachte den traumlosen Schlaf. Sie stand der Bäuerin Wilmofer zur Seite in den kleinen, leichten Feldarbeiten, und so fühlte sie sich im Dienst der Erde, im Dienst der Fruchtbarkeit. Das Verhältnis zu dieser Bäuerin wurde zur Freundschaft, der ersten und einzigen, die sie im Leben hatte. Gemeinsames war in der Vergangenheit, unzerstörbaren Frieden bot die Gegenwart. Oft kam Marika zu Renate, wollte zuerst Märchen wissen und dann Wahrheiten. Doch eines knüpfte sich ins andere und formte einen schelmischen, graziösen Geist und ein ernstes, lebensvolles, freudebereites Herz. Der Frühling stand in voller stummer Pracht, als Renate ihrem Vater schrieb. Drei Tage lang schrieb sie an diesem Brief, der eine königliche Würde im Ton enthielt, und dessen geheimnisvolle Zärtlichkeit gleichwohl nicht unverborgen blieb. Die Unwissende war nun wissend geworden, das ungekannte Ziel war erreicht, keine Finsternis bestand mehr; so durfte sie sagen, was in ihr lebendig war und einen eilfertigen Fluch als nicht geschehen betrachten. Und die Antwort kam wenige Tage darauf, die rasche Antwort eines Vereinsamten. Es waren tastende Worte voll unsicheren Gefühls, halb trotzig und halb beschämt. Doch einen Monat später, da erschien er selbst und stand bald mit Renate am Grab ihres Gatten. Doch eine Einsamkeit wie diese war nicht für den Frühgealterten, der keines seiner Lebensbedürfnisse zu missen vermochte. Nach acht Tagen reiste er wieder ab und wußte, daß er ein Kind neu gewonnen hatte, dessen tiefes Wesen ihn mit Ueberraschungen erfüllte und ihn Vergangenes betrauern ließ. So vergingen die Monate, und als Renate einem Knaben das Leben gab, nannte sie ihn Beatus. Er hatte Agathons Stirne und Agathons Augen, doch Renates bangen und zugleich entschlossenen Mund. Und nun kamen Wochen und Monate und Jahre der Herrlichkeit für Renate, die Mutter. Sich selbst und den unsichtbaren Geliebten sah sie neu aufleben in einer vollkommeneren und reineren Gestalt. Beatus erschien ihr der Sonne verwandt; sie selbst empfing Wärme und Leben durch ihn, und alle Aeußerungen seines Daseins erschienen ihr wie die unmittelbaren Kräfte der Natur, die seine wahre Lehrerin wurde, fern von den Städten, den Menschen. Und wenn Renate mit Beatus auf dem zerbrochenen Schloßwall stand und aufmerksam über die friedliche Ebene blickte, an deren Rand die Sonne hinabglitt, war es, als stünde sie auf den Trümmern der Vergangenheit und vermöchte im Geist das Kommen eines neuen Geschlechts erschauen, das stark war durch die Bestimmung zur Liebe.   Ende.