Heinrich Zschokke Addrich im Moos 1. An Herrn Doktor Heinrich Schmutziger, Stabsarzt und Mitglied des Sanitätsrats zu Aarau. Du wünschest Dir, mein geliebter Hyppokrates, keinen besseren noch schlimmeren Kranken, als mich; und ich mir keinen schlimmeren und besseren Leser, als Dich. Darum wähle ich Dich, kraft der Machtvollkommenheit und des monarchischen Prinzips, welches Dichtern, wie Staatsmännern, über alles geht, zum alleinigen Stellvertreter der gesamten lesenden Welt und übergebe Dir dies unschuldige Märchen als Neujahrsgabe. Was ich Dir übergebe, ist nur ein Versuch, der sich durchaus nichts anderes vorgesetzt hat, als den löblichen Zweck der schönen Schwätzerin Scheherezade am Bett des Sultans in tausend und einer Nacht. Da ich mit Wahrheit versichern kann, beim Träumen von »Addrich im Moos« selbst mehreremal eingeschlafen zu sein, so darfst Du das Märchen Deinen Kranken als Somniferum oder Einschläferungsmittel getrost verordnen. Daß ich dabei auf Dich, als meinen Hauptleser, besondere Rücksicht genommen habe, bedarf keiner Beteuerung, denn wem mehr als Dir, Du menschenfreundlicher Heiland so vieler Schmerzenleidenden, Du treuer Vater der Armen, Du, der Du immer in den Vorderreihen derer zu finden bist, die das Gute und Gemeinnützige befördern, wem mehr als Dir wäre oft ein erquickendes Schlummerstündchen zu gönnen, in welchem Dir Dein Engel erscheint und Dich stärkt? Bloß Dir zu größerer Bequemlichkeit wählte ich den Schauplatz der Erzählungen aus Deinen Umgebungen. Wer kennt besser als Du Stadt und Vorstadt unseres lieben Aarau? Die einsame hochgelegene Hütte auf der Bampf habe ich Dir schon mit dem Finger gezeigt. Das Schloß Rued – alles im Umkreise weniger Stunden – sahst Du selbst. Zum Überflusse will ich Dir beides näher beschreiben, denn nichts schläfert mehr ein, als wenn jemand das recht breit erzählt, was man schon weiß. Gleichviel, wo ich beginne; ich fange mit dem Schlosse Rued an, welches in unserm Aargau, drei Stunden vom Aarstrome, rechts demselben, im Schoße des niedern Gebirges gelegen ist. Es erhebt sich dort, leicht zugänglich, auf einer milden Anhöhe, die unmittelbar an eine der Bergreihen lehnt, welche, aus Sandfelsen bestehend, die sogenannte ebene Schweiz durchziehen, und ihre Thäler gegen den zackigen Jura ausmünden. Vor alten Zeiten war dieses Schloß der Stammsitz eines ritterlichen Geschlechtes, welches von ihm den Namen trug; es kam dann an die im Aargau vielbegütert gewesenen Herren von Büttikon, bis das Land mit Eroberung der Grafschaft Lenzburg, zu der es gezählt wurde, an Bern kam. Bei jener Eroberung, im Jahre 1415, soll die alte Burg Rued verödet gewesen sein. Darauf ging sie als Eigentum an die edeln Meyen von Bern über, deren Enkel sie noch heute, wiewohl in veränderter Gestalt, bewohnen. Das Schloß gleicht heute mehr einem großen, bescheidenen Landhause, als einer mittelalterlichen Burg. Ebenso stand es auch schon in der Mitte des siebenzehnten Jahrhunderts, doch damals besaß der einzige Eigentümer noch größere Rechte über die umliegenden Ortschaften, als zu unserer Zeit. Aus den Fenstern der hochgelegenen Wohnung übersah er einen Teil seiner herrschaftlichen Besitzungen, Höfe und Ortschaften, die an den Hügeln und in den stillen Gründen des Ruederthales anmutig umherlagen. Wie seine Nachfolger, und vermutlich auch wie seine Vorfahren, verlebte er den größten Teil des Jahres in diesem freundlichen Erdenwinkel, der zwar nicht, wie andere Schweizerlandschaften, durch überwältigende Naturwunder die Seele mit Erstaunen, Entzücken oder Entsetzen fesselt, aber dennoch das Gemüt durch einfache, ich möchte sagen, gemütliche Lieblichkeit und durch das Trauliche, Heimatliche seiner Thalkrümmungen und seiner dicht bewaldeten Berge und hinter Fruchtbäumen verschämt versteckten Wohnungen gewinnt. Gewöhnlich erschien der Oberherr schon vor Beginn der schönen Jahreszeit in seinem Schlosse, um sowohl erforderliche Anordnungen für die landwirtschaftlichen Arbeiten zu treffen, als auch sich nebenbei noch an der Schnepfenjagd zu erfreuen. So war es auch im Jahre 1653, aber über alles Erwarten früh, schon im rauhen Februar, geschehen. Die Landleute, denen bei der winterlichen Einsamkeit in ihren noch verschneiten Hütten das Unbedeutendste zum unerschöpflichen Stoff der Unterhaltung wurde, wunderten sich allerdings, ihren Oberherrn früher als die Störche, mit Petri Stuhlfeier Einzug halten zu sehen. Die Gescheiteren schüttelten bedenklich den Kopf und gaben zu verstehen, daß ihn bloßer Schnepfendreck, wie sie sagten, nicht so vorzeitig von den Spieltischen der Vettern und Basen zu Bern weggelockt haben möge; dahinter liege eine Katze versteckt. Man hatte schon manche sonderbare Gerüchte vernommen, und das Betragen des Oberherrn schien gewisse Mutmaßungen eher zu bekräftigen, als zu widerlegen. Er zeigte sich nämlich gegen die Bauern, wiewohl er immer ein wohlwollender und gerechter Herr gewesen war, weit leutseliger und freundlicher als in früheren Jahren; nannte jeden beim Namen; fragte den einen um sein Wohlbefinden, den andern nach Weib und Kindern; lobte ihr gehorsames Betragen gegen die Obrigkeit und pries daneben die Vortrefflichkeit der väterlichen Regierung von Bern. Im Schlosse selbst war er einsilbiger, nachdenklicher, verschlossener als sonst; schrieb viele Briefe, oft in der Nacht; und man sah Boten zu ihm kommen, die niemand kannte, und andere, die er eiligst abschickte. Man wußte, freilich durch unzusammenhängende Gerüchte, daß es in einigen Gegenden der Schweiz unruhig, daß Entlebuch im Aufstand, die Stadt Luzern sogar von den wilden Bauern berannt sei. Hiermit setzte man die geheimnisvolle Thätigkeit des Oberherrn in Verbindung. Man hätte gern mehr erfahren. Er jedoch äußerte gegen seine ihm unterthänigen Leute und selbst gegen die vertrautesten Diener nichts von allem, was er vernehmen mochte. Als Staatsmann wußte er wohl, der Blinde sei zum eigenen Belieben besser zu führen, als der Sehende. 2. Der Meistersänger. Zu der Zeit, welche man heutigen Tages die gute, alte Zeit nennt, las man in den Dörfern weder Zeitungen, noch erleichterten zahllose Kunststraßen und wohlunterhaltene Verbindungswege den Verkehr zwischen Städten, Dörfern und abgelegenen Thälern. Die Leute im Ruederthal mußten sich also an verworrenen Gerüchten, wie sie ihnen der Zufall brachte, und welche mehr Neugier weckten, als stillten, über das genügen lassen, was im Schweizerlande vorging. An einem Märztage stand, weil der Oberherr abwesend war, des Abends das Gesinde des Schlosses, selbst der Verwalter, müßig auf dem Platz vor der Pforte und besprach die altgewordenen Neuigkeiten von Aufruhr, Schlachten und Hinrichtungen. Man war darin ziemlich einig, daß die Regierungen durch das Verbot der fremden Scheidemünze und durch Herabsetzung der einheimischen Batzen auf die Hälfte des bisherigen Wertes den Unfrieden selber gestiftet hätten. Das Gespräch wurde durch das plötzliche Erscheinen eines Mannes beendet, der mit hastigen Schritten daher eilte und ohne Zweifel wichtige Geschäfte beim Oberherrn auszurichten hatte. Da man von ihm etwas zu erfahren hoffen konnte, so bewegte sich jeder vom Platze ihm unwillkürlich, doch langsamen Schrittes entgegen, um die Neugier nicht zu sehr bloß zu stellen. Der kleine, runde, freundliche Mann, der jährlich einige male ins Schloß zu kommen pflegte und bei der Herrschaft nicht übel angeschrieben stand, war ihnen allen gar wohl bekannt. Es war nämlich der Meistersänger und Spielmann Heinrich Wirri von Aarau. Er zog den breitkrempigen, hochgespitzten Rundhut gar höflich vom Krauskopf, grüßte den Verwalter, nickte den Knechten links und rechts und erkundigte sich nach dem Oberherrn. »Er ist hinaus, um sich ein wenig zu ergehen, nachdem er den ganzen Tag geschrieben,« sagte der Verwalter; »doch lange bleibt er selten aus. Beliebt's, Meister Wirri, so tretet indessen ins Schloß; Ihr werdet nicht verschmähen, Euch mit einem Abendtrünklein zu erfrischen, zieht Ihr's aber hier am Tischchen unterm blauen Himmel vor, so soll auch hier für Euch gesorgt werden.« Der Meistersinger verbeugte sich mit dankbarer Freundlichkeit, warf den kurzen, schwarzen Mantel über die Schulter zurück und ließ sich auf der hölzernen Bank im Hofe nieder, wodurch er zu verstehen gab, der Trunk im Freien werde ihm besser zusagen. Bei der ansehnlichen Fülle seiner Leibesglieder hatte ihn das Ersteigen des Schloßberges und der lauwarme Hauch des Föhnwindes im Übermaß in Schweiß gebracht. Während er, Stirn und Wangen trocknend, die Rückkehr des gastfreien Verwalters erwartete, reihten sich Knechte und Bauernknaben in einem Halbkreise um ihn, und betrachteten das gelbe Wamms, die grauen Hosen und roten Strümpfe stumm, doch mit einer Aufmerksamkeit, als könnten sie schon daraus den gegenwärtigen Stand der Welthändel erraten. Der Verwalter kam endlich; ihm folgte ein Knecht mit gefüllter Weinflasche nebst Brot und Emmenthaler Käse auf glänzenden Zinntellern. Der Meistersänger verneigte sich abermals und nahm von dem Brote, während der Verwalter das dunkelgrüne Trinkglas füllte. Den Emmenthaler jedoch schob der Meister höflich zurück und sagte zum Verwalter: »Käse ist am Morgen Gold, am Mittag Silber, am Abend Blei. Ich kenne die Regel und erstatte unterthänigen Dank. Nun aber vor allen Dingen beliebet mir von Euerm werten Wohlbefinden Nachricht zu geben, Herr Freund, und wie es bei Euch hier zu Lande steht und geht.« »Die Frage sollte ich vielmehr an Euch richten,« antwortete der Verwalter mit sauersüßem, einem Lächeln ähnlichen Verziehen seiner derben Gesichtszüge, indem er sich neben den Gast auf die Bank setzte, die langen Beine ausstreckte und mit vorgebogenem Leibe die Hände auf die Kniee stemmte; »denn wir – Gott sei Dank – leben hierorts gar wohl und friedlich. Aber es will verlauten, es sei nicht gleichermaßen überall, Meister Wirri, man spricht von Lärmen in Entlebuch und dergleichen.« »Allerdings, allerdings!« erwiderte der Meister. »Ich möchte kein Hemd in dieser Wäsche haben. Der Teufel hat sein Ei mitten im Winter ausgebrütet, und nun ist das ganze Luzernergebiet in hellem Aufruhr gegen die Obrigkeit; das Emmenthal steckt auch das Banner der Rebellion auf und hier im Aargau stinkt's nicht minder nach Brand. Ich traue den Bauern nicht mehr über den Weg. Sobald sie sich tief bücken, haben sie den Teufel im Rücken. Wenn man hier fegen wollte, würde man auch finden, was hinterm Ofen liegt!« »Ei, ei,« rief der Verwalter, »wir leben hierorts, glaubt mir, wie die unwissenden Heiden; kein Wort ist uns von allen Vorfällen bekannt. Hat's wirklich blutige Köpfe gegeben?« »Mehr als zum Heilwerden gut sind, Herr Freund,« antwortete der Spielmann von Aarau. »Ich wollte Euch nicht geraten haben, dort auf dem Roß des Landvogts zu reiten, oder in den Schuhen des Schuldenboten zu wandern, wenn Ihr nicht Lust hättet, früher an der Himmelspforte zu stehen, als man sonst mit Roß und Schuhen dahin gelangt. Alle Dörfer sind befestigt, Wege und Stege besetzt, alle Reisenden festgehalten, alle Briefe erbrochen. Niemand weiß mehr, wer Koch oder Kellner ist. Seit die Emmenthaler den Gehorsam aufgekündigt haben, wette ich für unser gesamtes Bernergebiet keine hohle Nuß mehr.« »Also auch die Emmenthaler? Wer hätte das von Leuten gedacht, die sonst so gehorsam waren!« seufzte der Verwalter. »Es ist keine Katze so glatt, sie hat ihre Krallen,« versetzte der Erzähler. »Der Rat von Bern z. B. schickte den Herrn Venner Frisching von Trachselwald, das Volk zu Treu und Frieden zu ermahnen. Die Bauern stellen sich ihm gegenüber gar unterwürfig und freundlich. Aber der Fuchs grüßt nur den Zaun, wenn er in den Garten will. Indessen die Emmenthaler dem Herrn Venner Bücklinge machten mit der Nase bis auf die Erde, beschwören sie in derselben Stunde zu Hutwyl einen Bund gegen meine gnädigen Herren von Bern, Leib und Leben daran zu setzen, um ihre alten Freiheiten, wie sie es nennen, wieder zu bekommen. Da habt Ihr's. Das Luzerner Volk hat den Handel angefangen, aus alten verfaulen Kisten und Gemeindsladen Freiheitsbriefe zusammengelesen. Die Emmenthaler ahmen ihnen nach und wollen es auch besser haben. Ungleiche Schüsseln machen scheele Augen. Nun gehet alles durcheinander.« »Mir steht der Verstand still,« rief der Verwalter. »Wie konnte der böse Geist so plötzlich in die Gergesenersäue fahren?« »Ei nun, Ihr wißts ja, Herr Freund,« entgegnete der Spielmann, »im Winter hat der Bauer allzeit blauen Montag, und müßige Köpfe haben seltsame Gedanken. Da wird in Wirtshäusern viel ausgeheckt, was fliegen kann, sobald es den Schnabel aufsperrt.« »Was sagen aber meine gnädigen Herren von Bern und Luzern?« fragte der Verwalter. »Schaun doch nicht müßig zu, bis ihnen der Bauer über den Kopf wächst? Wäre ich Meister, das wäre mir anders. Warum nicht Truppen versammelt und drein geschlagen mit der Schärfe des Schwertes? Nur rechten Ernst gezeigt: der Bauer trotzt allweg, wenn man ihm höflich begegnet; aber ihm übers Maul gefahren, sagt er: Gehorsamer Diener! und macht die Faust im Sack.« »Ja, ja, Herr Freund, Ihr möget nicht ganz Unrecht haben,« antwortete Wirri lachend, »es verdirbt mancher gute Rat, den der Schultheiß nicht hat, im Sack des gemeinen Mannes. Aber, Herr Freund, der stärkste ist Zwingherr, und mit böswilligen Hunden ist schlecht jagen. Meine gnädigen Herren haben im Lande Kriegsvolk aufbieten wollen. Was geschieht? Der Bauer ist wohl da, der Soldat aber nicht zu Hause. Da heißts: Wir ziehen nicht gegen unsere eigenen Landsleute! Andere sagen, Zahlt uns zuvor die Reisegelder aus. So schallts überall zurück, und deshalb haben die Herren von Luzern vierhundert Mann aus den kleinen Kantonen in die Stadt ziehen müssen, um des eigenen Lebens sicher zu sein. Es ist vorbei und ist böse, Füchse mit Füchsen zu fangen. Die Bauern wollen nicht gegen die Emmenthaler ins Feld. Was sagt ihr nun, Herr Freund?« Der Verwalter verzog bedenklich die Miene und räusperte sich. Die Knechte, welche bisher stumm und still zugehört hatten, schienen bei den letzten Worten des Aarauers um einen Zoll gewachsen zu sein, sahen sich links und rechts mit bedeutsamen Blicken an, und nickten einander zu. »Man muß der Rädelsführer der Rebellen habhaft werden!« schrie der Verwalter, indem er dazu sein strengstes Amtsgesicht machte. »Richtig!« erwiderte der Meistersänger. »Will man die Treppe reinigen, fängt man von oben, nicht von unten an. Aber den Stier, wenn er wütet, kann man nicht beim Horn packen.« Die Umstehenden lachten, Der Verwalter warf einen finstern Blick auf das Gesinde und rief: »Was habt Ihr Maulaffen feil! Packt Euch; es ist für Euch da nichts zu horchen!« »Hm!« sagte ein struppiger Kerl, hämisch-lächelnd. »Ich meine, der Platz ist breit genug für Euch und uns.« Die andern schwiegen und bewegten sich nicht von der Stelle. Meister Wirri fuhr indessen fort: »Man kennt die Rädelsführer alle aufs Haar; das sind aber Bursche wie Esaus Hand und Jakobs Stimme. Ich selbst kenne den Rebellen Christen Schybi aus dem Entlebuch, der macht Euch den besten General zu Schanden; ich glaube, er hat beim Schwedenkönig gedient. Die Luzerner Gesandten hat er beim Kragen genommen und eingetürmt, die Hauptpässe an der Emme und Gislikon stark besetzt, und die Hauptstadt mit bewaffnetem Volk belagert.« »Bewahre uns Gott!« sagte der Verwalter erschrocken. »Ists schon dahin gekommen? Nun, Ihr guten Leute, was steht Ihr doch? Ich mags nicht leiden, setzt Euch aufs Bauholz hierneben. Stehen macht müde Beine.« Die Schloßknechte, an die er die Worte richtete, schienen ihnen nicht zu hören, sondern hielten die Blicke mit großer Aufmerksamkeit auf den Mund des Berichterstatters geheftet, den der Wein, welchen er von Zeit zu Zeit behaglich hinunterschlürfte, immer redseliger machte »Der Schybi,« fuhr er fort, »macht alles zittern, aber er hat auch einen Kopf so groß wie der aufgehende Vollmond. Als ihn Herr Schultheiß Dulliker von Luzern beim Lärmen in Wollhausen etwas rauh anfuhr, sagte er, daß es alle hörten: Ihre Gnaden, Herr Schultheiß! Das Rathaus von Luzern, wo uns Hauptmann Krebsinger anschnaufen durfte, liegt fünfthalb Stunden von Wollhausen. Vergesset das nicht; wir verlangen, was Recht ist, und wollt Ihr das Rechte nicht, so macht Euch aufs Linke gefaßt . . . Und wie er das sagte, schlug er an seinen Degengriff.« »Schlimm, schlimm, sehr schlimm!« sagte der Verwalter und zog die breiten, eckigen Schultern in die Höhe. »Was nützt des Schultheißen Zorn? Was meines hochgeachteten Herrn Venners Güte?« »Ihr habt allerdings recht, Herr Freund,« erwiderte der gesprächige Meister. »Da sind Hopfen und Malz verloren; Emmenthal trägt Nesseln, wie Entlebuch. Wißt Ihr, wer die Emmenthaler kommandiert? Das ist Klaus Leuenberg, der reiche Bauer von Schönholz; ein grimmiger und frecher Gesell. Habt acht! Dies Jahr wird Blut säen und Köpfe mähen: man spricht schon von Nasen- und Ohren-Abschneiden. – Was obrigkeitlich ist, das ist geflohen: kein Schaffner mehr im Kornhaus; kein Weibel mehr im Amthaus. Ist die Katze nicht zu Haus, tanzen die Mäuse über Tisch und Bank, wie Ihr wohl denken könnt.« Hier wurde das Gespräch unterbrochen, als einer der Knechte zu den andern sagte: »Dort kommt der Junker vom Berg herab.« Alle zerstreuten sich langsam und nach verschiedenen Seiten. Der Verwalter verließ die Bank und wandelte nachdenkend auf dem Platz umher, indem er von Zeit zu Zeit den Kopf schüttelte. Meister Wirri leerte eilfertig sein letztes Glas, und ging dem Oberherrn entgegen. 3. Die Botschaft. Es war ein stattlicher, wohlgewachsener Mann in den Vierzigen, mit dem Ausdruck edelmütigen Wohlwollens in dem angenehmen Gesichtszügen; schlicht, doch nicht ohne Sorgfalt im Äußern. Etwas Schweres, fast Steifes in Haltung und Bewegung verlieh ihm eine gewisse Würde, und die stete Ruhe des Gesichtes, welche dem Mangel innerer Reizbarkeit ihre Entstehung zu verdanken schien, konnte ebenso gut für Wirkung der Herrschaft gelten, welche er über seine Gefühle erlangt hatte. Während er nachlässig die Hand an sein rotes Barett legte, des Spielmanns Gruße zu erwidern, sagte er zu demselben: »Willkommen, Meister Heini, was bringst Du mir gutes von Aarau?« »Ich verhoffe, Junker Oberherr, wenigstens keine Hiobspost, wiewohl heutzutage das Gute so selten wird, wie fettes Gras um Weihnachten. Vor allen Dingen läßt sich mein Herr Schultheiß Hagenbuch allergehorsamst empfehlen und übersendet dies Briefchen – das zweite hier hat mir der wohlehrwürdige Dekan Rüsperli für Euch anvertraut, als er von meiner Reise nach Rued vernahm.« Der Junker öffnete lässig das Schreiben des Schultheißen und durchlief es mit den Augen. Nach einer Weile murmelte er für sich wiederholend die Worte: »Durchpaß, aber keine Besatzung? Hm! . . .« sann dann eine Weile nach, indem er die Hände, worin er die empfangenen Papiere hielt, auf den Rücken legte, ging gemächlich ein paar Schritte vor, ein paar zurück, und sagte darauf: »Ich verstehe nicht, was Aarau will? Der Schultheiß Hagenbuch, der in der Feder nicht stark ist, verweist mich an Deine Zunge. Begleite mich also ein wenig; der Abend ist ruhig und warm. Erzähle mir!« Er ging, bei diesen Worten sich vom Schloßplatz entfernend, langsam wieder den Weg. welchen er gekommen war, und dessen sandiges Geleise sich bald in der Dämmerung schwarzer Tannen verlor, nach dem Berge zurück. Wirri wandelte ihm schweigend zur Seite, die Befehle des Junkers erwartend. »Erzähle mir also ausführlich den heutigen Beschluß der Aarauer, denn des Schultheißen Hagenbuch Worte sind ebenso kurz als unverständlich. Es ist Dir bekannt, Heini, daß der um sich greifende Aufruhr des Landes den Rat von Bern zu strengen und kriegerischen Maßregeln gezwungen hat. Zwar ist der Aargau noch ruhig. aber seine Gesinnung ist unzuverlässig. Darum wird dieser Tage das Kriegsvolk von Mühlhausen, Basel und Schaffhausen einrücken, Die Züricher stehen mit achttausend Mann zum Aufbruch bereit.« »Hilf Himmel!« rief der Meistersänger. »So sei Gott dem armen Lande gnädig. Ein Krieg ist schneller angefacht als abgemacht. Es war unserem Volke nur zu wohl, darum schlägt's gegen seinen Herrn nach hinten aus, wie ein mutwilliges Füllen. Aber freilich, es müssen starke Beine sein, die gute Tage tragen sollen . . . Der Überreiter von Bern kam schon gestern in Aarau an. Diesen Morgen nun wurde die ganze ehrsame Bürgerschaft aufs Rathaus entboten. Da hat der Herr Schultheiß Hagenbuch angezeigt, daß ein Schreiben von unseren gnädigen Herren angekommen sei, worin ihrer Gnaden Wille und Meinung wäre, fünfhundert Mann von Basel und Mühlhausen in unsere Stadt zu legen, mit dem Befehle, man solle ihnen Speise und Trank um den rechten Preis zukommen lassen. Die sollten bei uns in der Stadt verbleiben, bis die Bauern bezwungen sein würden.« »Die Sache ist einfach,« unterbrach ihn der Junker, »die Schaffhausener werden ebenso die Stadt Brugg besetzen, um aller Pässe über die Aar Meister zu bleiben und die Grafschaft Lenzburg von den Ämtern Biberstein und Schenkenberg zu trennen. Wurde die Bürgerschaft bald einig?« »Ja, Junker Oberherr, wenn wir alle nur einen Kopf hätten, so brauchten wir nur einen Hut. Die Bürger begehrten Bedenkzeit, gingen in die Kirche und berieten mit einander. Hieronymus Kasthofer beantragte: man müsse unseren gnädigen Herren zu Bern willfahren. Eine Kriegsbesatzung gereiche der Stadt selber zum Schutz gegen die Anfechtungen des Landvolks. Dem widersprach aber Antoni Hunziker aus aller Kraft. Er meinte, Soldaten bringen nicht immer Sieg, aber immer Krieg. Der Kriegsknecht im Haus, mache dem Frieden Garaus. Die Bürger könnten ihre Thore besser hüten, als Fremdlinge. Wolle Bern mit dem Landvolk streiten, so solle Aarau nicht die Haare dazu geben. Man müsse keine Partei nehmen, denn die Bauern grenzen an den Stadtbann, Bern aber läge vierzehn Stunden davon. So ungefähr redete Anton Hunziker, und nun gab's Lärmen für und wider, bis Samuel Schmutziger aus der Vorstadt aufstand. Ihr kennt vermutlich den Biedermann, Junker Oberherr, er ist der guten Sache Freund und niemandes Feind. Die ganze Bürgerschaft hält ihn in Ehren, denn er ist aller Welt Helfer, und verlangt dafür erst die Zahlung im Himmel.« »Gut, gut!« rief der Junker. »Nenne mir seinen Rat, so kann ich ihn auch loben.« »Ei nun, er meinte: Rechtthun gehe über Klugthun. Freien Durchzug müsse man den Hilfsvölkern von Bern gegen jeden Feind gestatten: ob aber die Stadt verpflichtet sei, Besatzung aufzunehmen, darüber müsse man sich die Freiheiten von Aarau vorlesen lassen. Diese Meinung wurde durch Handaufheben angenommen und ein Ausschuß von fünfzehn Mann trug dieselbe den Räten und Bürgern vor. Dabei ist's einstweilen verblieben.« »Das ist etwas und nichts,« sagte Junker Mey. »Es muß anderswo durch. Wenn sich Bern gegen rebellische Unterthanen zur Wehr setzen will, sollen die Aarauer ihren Herren und Oberen keineswegs die Hände binden. Ich werde selbst zur Stadt gehen, und hilft Güte nicht, wird's Ernst gelten.« »Junker Oberherr, haltet zu Gnaden! Das Sprüchlein sagt: Allzuscharf schneidet nicht. Geht gemach! Schultheiß Dulliker von Luzern sagte auch: Man kommt mit einer Hand voll Gewalt weiter, als mit einem Sack voll Recht. Aber ich dachte, als ich ihn vor sechs Wochen in bleichem Schrecken aus Wollhausen wegreiten sah: wenn man die Weidenrute zu stark dreht, bricht der Knebel.« »Warst Du beim Auftritt im Entlebuch, wo die Rebellion ihren Anfang nahm?« »Allerdings, Junker Oberherr, ich kam dazu ohne Wissen, ohne Sünde, wie der Blinde zu der schönen Braut. Euch ist besser als mir bekannt, wie gar ungesalzen und ungeschmalzen die Abgeordneten der Entlebucher abgespeist worden sind, da sie wegen der herabgesetzten Batzen mit flehentlicher Vorstellung nach Luzern gekommen waren und gebeten hatten, man solle entweder den Wert des Geldes wieder erhöhen, oder Landeserzeugnisse, wie sie dem Bauer im Felde wachsen, als Bezahlung annehmen. Auch wißt Ihr gar wohl, wie der bittere Bescheid, den die Abgeordneten ins Entlebuch heimbrachten, böses Blut machte, und wie die Leute bei ihrem Verlust in Verzweiflung gerieten. Der Bauer verliert lieber seine rote Nase, als seinen roten Kreuzer. Ihr wißt, wie darauf die hochobrigkeitlichen Schuldenboten mit Schimpf und Schanden, die Hände auf den Rücken gebunden, die Ohren mit Holzklammern, das Maul mit Weidenkörben geklemmt, aus den Dörfern gejagt wurden, wo sie Geld eintreiben wollten. Ihr wisset ferner . . .« »Alles, Heini, alles!« unterbrach ihn der Oberherr. »Beschreibe mir nur, was Du mit eigenen Augen sahest.« »Ei nun, da ich, bei rauhem Winterwetter mit zwei müden Beinen von Willisau kommend, den stillen Weg hinabschlich in den Thalgrund, worin Wollhausen liegt, war's im Dorfe noch totenstill. In der Herberge allein ging's lebendig Trepp' auf und ab und wurde gesotten und gebraten, denn der Herr Schultheiß von Luzern, der Herr Plebanus, welcher vordem Pfarrer im Entlebuch gewesen, und andere Herren wohnten in derselben Herberge. Ich freute mich auf ein gutes Abendessen: da wurde mir aber bald durch keine kleine Angst die Eßlust vertrieben. Es sammelten sich nach und nach Menschen von allerlei Gestalt vor dem Wirtshause; sie kamen wie herbeigeschneit und führten unter gewaltigem Lärmen ruchlose Reden gegen die hochobrigkeitliche Gesandtschaft. Der Herr Schultheiß, ein freundlicher und sonst wohlbedächtiger Herr, auch recht ehrwürdig im Thun und Lassen, hatte den Mut, vor die Hausthür zu treten, und wollte reden, aber das hieß Holz ins Feuer legen. Wenns hagelt, zieht die Schnecke die Hörner ein. Er machte sich wieder zurück, und man hörte darauf Steine gegen die Thür werfen. Ich wünschte mich weg ins Pfefferland, denn es heißt: mitgefangen, mitgehangen, und es kann in einem Augenblicke so viel reißen, was ein Jahr nicht aufflickt.« »Wie nun weiter, Heini? Drang der Pöbel ins Haus?« »Nein, ein dichter, kalter Regenschauer drang plötzlich den Bauern durch die braunen Wämmser und löschte glücklich das Feuer, als es schon bei ihnen oben zum Dache hinaus wollte. Sie stoben mit Geschrei aus einander, wie Gänse, wenn der junge Hund mit ihnen spielen möchte. Dann bliebs ruhig.« »Und das war alles?« »Mit nichten, Junker Oberherr! Nach dem Vorspiel kommt das Nachspiel. Andern Morgens war bei der Herberge eine große weiße Fahne aufgepflanzt. Weiß ist die Farbe der Unschuld, aber der Kaminfeger trägt Sonntags auch wohl ein Hemd, so weiß wie Schnee. Die Leute sammelten sich wieder zu Tausenden; sie strömten aus allen Dörfern zusammen, zwischen den Köpfen konnte kein Apfel zu Boden fallen. Um zehn Uhr wurde die Fahne abgenommen; damit zog alles hinaus ins freie Feld. Ich sang in meinem Herzen te Deum laudamus , hatte aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Plötzlich ertönte eine Musik wunderbarer Art. Wir laufen an's Fenster, und siehe da, ein langer, unübersehbarer Zug von Menschen kommt daher, alle mit Kolben, Musketen, Spießen und Morgensternen bewaffnet. Voran gingen drei Junggesellen in alter Tracht, welcher die drei Eidgenossen vorstellten. Darauf folgten siebenhundert Bewaffnete, je drei und drei. Dann erschienen drei Fahnen neben einander, und abermals schritten diesen bei tausend bewaffnete Bauern nach, je drei Mann hoch, in bester Ordnung.« »Wohin zog das Volk?« »Ich vermute, nach einer Kirche, denn nach Verlauf einer Stunde erschienen drei Abgeordnete der Landleute und beriefen die hochobrigkeitliche Gesandtschaft dahin. Da ich dort nicht predigen hören mochte, blieb ich daheim, und vernahm, die Bauern hätten den Herren eine lange Schrift vorgelesen, voller Ach und Weh, über zu schweres Ohmgeld, über den hohen Geldzins, über die Bußgelder der Landvögte, über den Wollhauser Zoll, über Unkosten wegen der Schuldenboten, über den Salzhandel der Obrigkeit und dergleichen mehr.« »Nun, ich hoffe, das wird jetzt abgethan sein,« sagte Junker Mey, »denn die Stadt Luzern hat starke Besatzung, die Kantone rüsten, die Rebellen sind erschrocken und unterhandeln von neuem; die Luzerner Regierung ist geneigt, den Landleuten in allen gerechten und billigen Forderungen nachzugeben.« »Wahrhaftig, Junker Oberherr! Haben die Bauern Forderungen gethan, die zum Teil billig waren, so wundert's mich fast, warum die Obrigkeit von Luzern nicht anfangs die demütigen Klagen aufnahm und erst billig zu werden anfing, als der Hund die Zähne wies. Man soll nicht warten, bis der Brei beim Kochen überläuft, das Fett läuft mit.« »Es ist dort im Anfange allerdings etwas gefehlt worden,« sagte der Junker. »Die Herren von Luzern leugnen es selbst nicht ganz. Sie haben uns damit im Lande böses Spiel gemacht.« »Das haben sie. Unsere Bauern sehen's den Entlebuchern ab, und wer durch einen Fluß gewatet ist, hat den anderen den Weg gezeigt.« »Die Rebellen haben es in blinder Tollheit leider zu weit getrieben,« sagte der Junker kopfschüttelnd. »Es giebt Zeiten und Umstände, in deren widerwärtigem Zusammengreifen die Ehre des Regenten höher stehen muß, als das heiligste Recht, denn die Ehre des Regenten ist sein Leben und höchstes Recht selbst, dem Alles weichen muß. Luzern darf der Ehre willen nicht mehr, was es vielleicht aus Friedensliebe thun möchte. Es ist vom Unterthan zu schwer beleidigt, fürchte ich.« »Junker Oberherr, es heißt, man muß nicht alle Prügel auflesen, die einem nachgeworfen sind. Wer Vorsicht vergaß, muß Nachsicht gebrauchen; die Obrigkeit geht einen festen Schritt und kann doch stolpern.« Hier ertönte plötzlich eine starke Mannsstimme: »Wahrhaft und zierlich geredet, mein Herr!« 4. Der Schwede. Der Spielmann von Aarau fuhr erschrocken zusammen; der Junker wandte sich gelassen, um den unbekannten Redner zu sehen. Wo auf der Berghöhe der Wald am dichtesten geworden, erschien mit großen Schritten hinter ihnen ein Reisender, der Wirris letzte Worte vernommen haben mochte, die seinen Beifall erworben zu haben schienen. Es war ein schöner, blühender Mann von etwa dreißig Jahren, mit schlankem, kräftigen Gliederbau. Die Kriegstracht nach Art der Schweden, der weite, sammetverbrämte Rock mit kurzen Schößen, Kragen und Ärmel mit schwarzer Stickerei verziert; das scharlachrote Leibchen, mit Goldtressen geschmückt, die kurzen, weiten Hosen, auf den Nähten mit seidenen Schnüren besetzt; der Hut mit breitem Rande, von welchem ein niederhängender weißer Federbusch wehte, einfach aufgekrämpt; Knebel und Zwickelbart an Kinn und Oberlippe – Alles das gab ihm ein heidenartiges und doch gefälliges Ansehen. Er trug den Säbel, der am breiten Riemen von der Schulter hing, im Arm und hielt spielend in der Hand einige Schneeglöckchen und blaßgelbe Primeln, die ersten Kinder des Lenzes, welche er unterwegs gefunden oder von einer Schönen zum Geschenk erhalten hatte. Als er neben den beiden Spaziergängern stand, verbeugte er sich leicht und sagte: »Günstige Herren! Es ist meines Geschäftes nicht, Euch im Gespräch zu stören, obgleich Euer Wort meinem Ohre wohlthat, und ich vor eitel Lust nicht umhin konnte, Euch meine Bewunderung zu zollen.« Der Oberherr und der Meistersänger staunten eine Weile den höflichen Fremdling an, der sie mit schwarzen, blitzenden Augen freundlich betrachtete und bei seinem Lächeln die Reihe von Perlen gleichen Zähnen sehen ließ. »Ihr seid gütig, Herr!« sagte der Oberherr. »Wohin des Weges?« »Gen Kulm hinab, wohin, allem Anschein nach, auch Eure Schritte zielen,« antwortete der Fremde. »Wenn Ihr's mir vergönnt, werde ich die Ehre haben, eine Weile Euer Begleiter zu sein. Ihr sprachet, wie mich dünkt, von des gemeinsamen Vaterlandes Freiheit und Wohlstand; gestattet, daß ich Euer Zuhörer sein dürfe, und glaubet, daß auch ich einer von denen sei, welche für das edle Kleinod Alles wagen und dransetzen.« Der Junker, dem die letzte Äußerung verdächtig klingen mochte, musterte den Mann von der Seite, während er den Weg langsam mit ihm fortsetzte. »Herr,« sagte der Spielmann von Aarau zu dem Fremden, »Ihr habt läuten hören, wißt aber gewiß nicht, in welchem Dorfe? Doch das ist gleichviel! Ihr seid also ein Schweizer? Eure seinen Redensarten scheinen aus einem andern Lande gebürtig.« »Ihr habt einen scharfen Blick,« erwiderte der Fremde mit verbindlichem Lächeln. »In der That habe ich fast länger im Auslande gelebt, als zwischen den Bergen meiner Heimat. Nachdem ich die Hochschule besucht hatte, ging ich in die Lehre des Kriegsgottes, und mußte mich in vieler Herren Länder herumtummeln.« »Nun ja,« sagte Wirri, »viel Land, viel Bräuch'! Jetzt aber wird's Euch beim schlechten Habermuß, den man zu Hause kocht, nicht sonderlich gefallen. Jedoch vom geringen Tisch ist am sichersten essen; bei Soldatenbrot sitzt allezeit der Tod.« »Und ohne Zweifel habt Ihr im Kriege reiche Beute erworben?« fügte Junker Mey hinzu. »Die bringt nirgends so viel Lust und Ehre, als in der Heimat.« »Mit Eurer Gunst, meine Herren!« versetzte der Kriegsmann, »Ich kann nicht gleicher Meinung sein. Zwar hat der furchtbare Schlachtengott Mars für treu geleistete Dienste sich mir nicht undankbar erwiesen, jedennoch würde ich heute aufsatteln und hinziehen, wo man die Trommel statt der Betglocke rührt, und lieber auf dem Wahlplatze alles mit Ehren verlieren, als hier auf der Bärenhaut mit Leib und Seele verdorren.« »Das ist die Sprache des Soldaten!« entgegnete der Oberherr. »Doch sollte Euch, falls Ihr ein Schweizer seid, das teure Vaterland über alles gelten.« Der Fremde verzog den Mund ein wenig und sagte: »Des Herrn Bemerkung würde allerdings gegründet sein, so ich die Ehre hätte, Edelherr in einer regierenden Stadt zu heißen. Die übrigen armen Städtchen, wie Euch zweifelsohne nicht unbekannt ist, müssen sich mit den magern Brosamen ihrer Freiheiten und Rechte begnügen lassen, und das Landvolk wird gefüttert, gleich der Schafherde, seiner Milch und Wolle wegen.« Der Oberherr warf abermals einen argwöhnischen Seitenblick auf den Mann, doch schien es ihm nicht unzweckmäßig, ihn weiter auszuforschen und dessen Namen, Stand und Wohnort zu erfahren. Er verbarg also eine rege werdende Empfindlichkeit und sagte mit gewohnter Unbefangenheit: »Mich dünkt, Ihr urteilet fast zu hart, denn wenn Ihr den Wohlstand in unsern Dörfern sähet, und den Ackerbau des ganzes Landes, würdet Ihr, hoffe ich, der väterlichen Gesinnung unserer Regierungen mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen.« »Der gedeihliche Wohlstand des Landes,« erwiderte der Unbekannte, »ist wohl schwerlich den Regierungen zu danken, sondern dem Fleiß und Schweiß des Volkes. Mir ist nicht bekannt, was die Obrigkeit hinzuthut, wohl aber, was sie davon nimmt. Alles mit einem Male zu nehmen, wäre thöricht, denn so nichts mehr verbliebe, hieße es nicht unbillig, den Bach verlangen, und doch die Brunnquellen abgraben. Lasset Euch nicht befremden, daß ich in dieser Materie etwas hartnäckig bin, denn ich habe das Lehrgeld bezahlt. Oder saget an, was gilt hier ein Ehrenmann, wenn er nicht das Ratsherrn-Barettlein ansprechen darf? Ohne Ruhm zu melden, hat mich, wie Ihr mich hier sehet, der große Kriegsheld, der unvergeßliche Feldmarschall Torstenson, wie sein eigenes Kind gehalten; der Fürst von Siebenbürgen, der berühmte Ragoczi, behandelte mich wie seines Gleichen, und oftmals habe ich mit Prinzen zu Tafel gesessen. Hier meint sich jedes Jünkerlein mehr, und schaut von oben auf unsereins herab, als auf seinen angebornen Knecht, und erwartet, man solle ihm den Hof machen. Ich habe andere Majestäten gesehen. Ha! Ha!« »Vermutlich hat man Eure Dienste nicht gekannt,« sagte der Oberherr mit feinem, kaum merklichem Lächeln. »Ihr habt sie allzu bescheiden verschwiegen.« »Mit Eurer Gunst, Herr!« versetzte der Kriegsmann. »Es stände mir nicht zu, mit Verdiensten zu prahlen. wenn ich sie mir erworben hätte; aber es steht auch keinem Stadtjunker zu, mich hochmütig anzublasen, wenn ich ihm die Schuhe nicht putze. Würde man aber nicht außerdem noch gesetzmäßiger Weise ausgeplündert, könnte man allenfalls über den Spaß lachen.« »Wie versteht Ihr das Ausplündern?« fragte der Oberherr etwas ernster. »Wie jedermann,« antwortete der Fremde. »Denn ob Ihr durch Umhertreiber und Räuber oder durch ein Münzmandat die Hälfte Eurer wohlerworbenen Barschaft davonfliegen sehet, Ihr werdet eins wie das andere nicht zu den ehrlichen Gebräuchen rechnen. Ich habe allein bei zweitausend Gulden durch den landesväterlichen Streich eingebüßt. Zuerst überschwemmte man das Land, wie Ihr wisset, mit dem schäbigen Kupfergelde, und nachdem die Herren in den Städten ihre Beutel von Unflat gesäubert und das Silber einkassiert hatten, verfügten sie, der Batzen sei um einen halben Teil minder wert, als wofür sie ihn ausgegeben hatten. Das Volk war geprellt, und die Städter lachten dazu in's Fäustchen. Der Großtürk macht's gnädiger als die christliche Obrigkeit.« Bei diesen Worten stand der Oberherr still, maß mit scharfem Blick den Sprecher und sagte: »Wer Ihr auch sein möget, Euch gebühret nicht, in solchem Tone von der landesherrlichen Gewalt zu reden. Wie heißet Ihr? Woher seid Ihr?« Der Fremde, durch die rauhe Anrede des Oberherrn mehr in Verwunderung gesetzt, als überrascht, erwiderte: »Mit Eurer Gunst, welcher Floh sticht Euch? Ich sollte jene Frage vielmehr an Euch richten. daß ich wisse, ob ich zur Antwort verpflichtet sei.« »Ich bin der Junker Mey, Oberherr von Rued.« »Also um Eure eigene Hoheit handelt es sich! Nun denn, ich habe andere Majestäten gesehen, und nie gehört, daß Ihr mein Oberherr seid. Ziehet's Euch nicht zu Gemüt. Je nachdem der Mann, danach brät't man die Wurst, gilt hier, und damit genug. Gehabt Euch wohl!« »Bleibt stehen!« donnerte ihm der Oberherr zu. Der Fremde kehrte wieder um, trat hart vor den Junker hin, betrachtete ihn eine Weile, indem Blitze aus seinen großen, schwarzen Augen schossen und sagte: »Trüget Ihr eine Klinge, so würde es mich gelüsten, Euch zu lehren, wie Ihr mit Ehrenleuten umzugehen habt, die nur auf dem Schlachtfelde ihr Avancement gemacht haben. Ich und mein Degen wiegen so schwer als Ihr mit Eurer ganzen Oberherrlichkeit; daß Ihr's wisset! Ich gebe Euch mein Ehrenwort, daß Ihr Gelegenheit finden sollt, mich kennen zu lernen, wenn's Euch daran gelegen ist.« Der Oberherr behielt bei diesen hochfahrenden Reden unverändert die angenommene gebieterische Haltung und rief: »Ich befehle, Ihr bleibet, oder . . .« »Sagt an, was liegt hinter oder?« entgegnete der Kriegsmann mit stolzem Lächeln. »Ich habe die Oder mit dem Feldmarschall Torstenson zweimal passiert und bei Euch geschieht's zum dritten Male. Obwohl Ihr Eurer Zwei seid, wäre es Euch übel geraten, mich zu belästigen. Das kleine, dicke Männlein an Eurer Seite da bisse beim ersten Nasenstüber ins Gras.« »Nichts für ungut,« sagte Meister Wirri, indem er etwas bestürzt einige Schritte rückwärts machte, »wer keine Hand hat, kann keine Faust machen. Ich will keine Erbsen mit Euch lesen; also laßt mich in Frieden, jedoch vergeßt nicht, daß kleine Leute auch große Schatten werfen können.« »Wißt Ihr nichts besseres, so sage ich Euch Lebewohl!« sprach der kecke Tischgenoß des Fürsten Ragoczi, wandte sich, ging mit raschem Schritte davon und verschwand bald hinter den Tannen. Der Oberherr stand eine Weile unschlüssig da, als wollte er ihm nacheilen. Endlich aber nahm er mit dem Meistersänger den Rückzug zum Schlosse, indem er sagte: »Der freche Bursch wird in der Welt zu finden sein. Verdoppele Deinen Schritt, Meister Heini, daß wir das Schloß erreichen. Ich werde ihm meinen Jäger nachschicken und ihn im ersten Dorfe verhaften lassen. Der Prahler soll es büßen.« »Das denke ich eben auch,« erwiderte der Spielmann von Aarau, »dann wird er anders pfeifen. Es sind schon manche krumme Hölzchen gerade geworden. Fürwahr, mich freut's schon, diesen stolzen Fant noch heute in Handschellen eingebracht zu sehen. Vier Wochen krumm geschlossen, bei Wasser und Brot im Turm zu sitzen, verdient er der unverschämten Worte willen, die er gegen die hohe Landesobrigkeit und gegen Euch ausgestoßen hat.« Der Meistersänger, welcher während dieses Redens kurzatmig geworden war, schwieg endlich ganz, um dem Oberherrn nachzukommen, der scharfen Schrittes den Bergweg hinanstieg. Als sie auf dem Platze angekommen waren, ließ der Oberherr einige Leute zusammenrufen, die er auf der Stelle entsandte; empfahl seinem Verwalter den Meister Wirri zur guten Bewirtung und entfernte sich darauf nach seinem Zimmer. 5. Eine neue Sendung. Die auf dem Berge gehabte Erscheinung beschäftigte ohne Zweifel den Gedankenlauf des Junkers Mey nicht weniger, als den des Meistersängers. Letzterer wenigstens konnte den ganzen Abend nicht fertig werden, dem Verwalter beim Weinglase das kurze Abenteuer im Walde zu beschreiben »Ich dachte sogleich,« sagte er beim Abendessen, wo er der vollen Schüssel ebenso tapfer, als der Weinflasche zusprach, zu dem Verwalter, »ich dachte sogleich, hier ist's nicht richtig. Der Junker Oberherr hätte mit dem Schweden gar nicht anbinden sollen, denn man muß nicht anfangen, was man nicht zu Ende bringen kann. Der Oberherr wurde hitzig und ging zu weit, er mußte nicht befehlen, wo er das Gehorchen nicht gebieten konnte.« »Bei dem allen, Meister Wirri,« bemerkte der Verwalter und schüttelte ungläubig den Kopf, »werde ich aus Euren Berichten nicht klug.« »Meint Ihr, Herr Verwalter, ich gebe Euch Mäusedreck für Pfeffer?« fiel ihm der Spielmann beleidigt ins Wort. »Es wird sich zeigen, wer recht hat. Was meine Augen gesehen haben, das habe ich gesehen. Ein blos natürlicher Mensch hätte sich nicht unterfangen, eins gegen zwei zu stehen, und dem Junker Oberherrn so frech zu antworten . . . oder seid ihr ein Freigeist?« »Wenn Ihr mir geneigtes Gehör schenket,« erwiderte der Verwalter, »so gebe ich Euch mein mutmaßliches Gutachten über den Vorfall. Entweder, oder! Ist es nicht – wofür Gott sei! – der Teufel selbst gewesen, der den Oberherrn und Euch necken wollte, so war's vielleicht einer der Rebellen, die, dem Himmel sei's geklagt! den Untergang aller, von Gott eingesetzten Obrigkeit bezwecken. Was mir den Kerl am meisten verdächtig macht, ist der nicht außer acht zu lassende, merkwürdige Umstand, daß ihn niemand von uns bei seinem Vorbeireisen auf dem Platze bemerkt hat.« »Das sage ich ja,« rief Wirri, »eben da liegt der Hase im Pfeffer.« »Folglich und also,« fuhr der Verwalter fort, »hat der lose Bursch einen Schleichweg durch den Wald eingeschlagen, um dem Schlosse auszuweichen« »Was?« fiel ihm der Spielmann noch verdrießlicher in's Wort. »Bildet Ihr Euch ein, daß wir zwei, der Junker und ich, vor einem gewöhnlichen Menschen zurückgetreten wären, trotz der blanken Plempe, die er im Arme trug? Nein, Herr, glaubt es, unser Herrgott hat wunderliche Kostgänger zwischen Himmel und Erde, und es ist nicht alles ein Bauernhaus, was ein Dach hat. Bildet Ihr Euch ein, der Junker Oberherr sei im Kote hangen geblieben, als er der Gestalt nachsetzen wollte und nicht von der Stelle konnte; oder ich sei von Eurem halben Maß Elsaßer geköpft gewesen, daß ich zehn Schritte zurücktaumelte, als mich die Feueraugen anglotzten?« Es war schon spät, als ein Diener des Oberherrn erschien und den Meister von Aarau noch einlud, sich in dessen Zimmer zu begeben. Obwohl Wein und Müdigkeit die Macht seiner Sinne so sehr geschwächt hatten, daß das holzschnittartige Gesicht des Verwalters nur unkenntlich, wie ein grauer Schatten, vor den halbgeschlossenen Augen des Spielmanns schwamm, machte diesen die unerwartete Botschaft plötzlich nüchtern. Er folgte dem Diener, der ihm die steinerne Treppe hinaufleuchtete und eine Seitenthür öffnete. Der Oberherr saß in einem kleinen dunkeln Zimmer vor dem Kamin, dessen fast erloschenes Kohlenfeuer kaum die Sohlen der übereinandergeschlagenen Füße beleuchtete. Seitwärts glimmte eine Lampe, deren sterbender Schein das Tischchen kaum gewahr werden ließ, auf welchem Papiere umherlagen und auf welches der Junker den Arm lehnte, dessen Hand ihm die Stirn stützte. Wirris Eintritt erweckte ihn aus der träumerischen Selbstvergessenheit. Er erhob sich schweigend vom Sessel, nahm vom Gesims einen schweren silbernen Armleuchter, dessen Wachskerzen sich noch eben am letzten Aufzucken des Lampenlichts entzündeten; dann warf er einige Scheite dürren Holzes zu dem Feuer. Bald stand das ganze Gemach in freundlich-heller Beleuchtung, so daß die Vergoldung der Ränder in den Feldern des Getäfels an der Wand und Zimmerdecke im angenehmen Wiederglanz schimmerte. »Meister,« sagte nach einigem Besinnen der Oberherr, »ich hatte den Brief ganz vergessen, den Du mir vom Dekan Nüsperli von Aarau mitgebracht hast. Eben fand ich und las denselben. Er ist mir verschiedener Umstände wegen wichtig. Ich habe alles Vertrauen zu Dir; Du kannst mir Dienste leisten und Du wirst mit meiner Erkenntlichkeit zufrieden sein. Du bist ein Mann von Kopf, der seine Aufgaben zu lösen weiß, und wo es gilt auch verschwiegen zu sein versteht.« »Wie der Spiegel, dems Glas fehlt, denn mit Schweigen verredet sich niemand, und man hat sich eher verredet, als verthan, wie ich gar wohl weiß, Junker Oberherr!« »Bist Du in der Gegend des Schlosses Trostburg, in den Dörfern Teufenthal oder Dürrenäsch bekannt?« »Die Trümmer der Trostburg habe ich wohl gesehen, wenn ich am Schlosse Liebegg vorüber ins Thal nach Kulm ging. Sie ist mit den breiten Mauern, links auf dem Felsenhügel, am Eingange eines unbekannten Nebenthales recht malerisch gelegen. Die verfallenen Gemäuer scheinen nur von den Ranken des Epheus zusammengehalten zu werden.« »Gut! Am Fuße des Schloßberges, unten, liegt Teufenthal, und zwischen die Berge hinein, im hintersten Winkel, fast auf der Höhe, das Dorf Dürrenäsch.« »Es mag wohl sein, denn der Mensch hat oft sein Nest, wo es der Bär nicht mochte.« »Hörtest Du nie von einem gewissen Addrich im Moos reden, der in jener Gegend wohnt? Er ist der reichste Bauer dort umher.« »Ich erinnere mich des Menschen nicht. Vielleicht hörte ichs, vielleicht nicht. Kein Kornhaus ist groß genug, um alles zu behalten was durch die Ohren geht.« »Man sagt wunderliche Dinge von ihm. Er soll sein Vermögen nicht auf rechten Wegen gewonnen haben; mit bösen Geistern Umgang pflegen; bildschöne Weibsbilder bei sich haben, und dergleichen. Das heißt, so geht von ihm die Rede im Volke.« »Behüte uns, meint Ihr den? Es wohnt in dortiger Gegend einer, von dem allerlei Sage umlief, als vor mehreren Jahren die Landstraße nach Luzern unsicher war. Man will überall lieber seine Fersen sehen, als seine Klauen. Er soll vordem ein armer Lump gewesen, in einer Nacht aber steinreich geworden sein. Es heißt, der Schatz in der Trostburg sei von ihm gehoben; aber es habe das Herzblut und Leben von einem unschuldigen Christenkinde gekostet. Seitdem sei es auf der Trostburg still und gehe nicht mehr darin um. Wenn mir der Kerl im Walde begegnete, ich schlüge ein Kreuz und machte einen Umweg bis über Konstantinopel.« »Du wirst doch das Alteweibergewäsch nicht glauben, Heini?« »Ich glaubs zwar nicht ganz, aber, Junker Oberherr, gemein Geplärr, ist selten leer, sagt man. Auch von den schönen Weibsleuten habe ich vernommen, mit denen es nicht ganz richtig ist. Es heißt, die eine wisse alle Dinge der Zukunft, und die andere alle Dinge, die unter der Erde sind. Ja, schön sollen sie sein, aber es giebt Leute, welche behaupten, sie wären keine natürlichen Menschen.« »Und was wären sie denn?« »Luftbilder, Erdgeister, des Teufels Konkubinen, was weiß ich, wer?« »Nun so siehe denn die Albernheit des Pöbels! Das eine der Mädchen ist des Addrichs wirkliche Tochter, die eine unheilbare Krankheit und sonderbare Zufälle hat. Das andere kenne ich selbst: es ist die Tochter von des Addrichs verstorbenem Stiefbruder. Sie heißt Epiphania, oder, wie man sie kurzweg nennt, Fanely und Fania. Der Dekan zu Aarau ist ihr Taufpate; ihr Vater war Amtschreiber und des Dekans Schulkamerad gewesen. Der ist vor einigen Jahren an der Lenk, im Obersimmenthal, wohin er sich in seinem Schwermut zu einem Freunde zurückgezogen hatte, nachdem er durch allerlei widrige Verhältnisse seiner Stelle verlustig geworden war, gestorben. Nun siehst Du, Meister, was vom Volksgeschwätz zu halten ist.« »Richtig! Ein Jüngling kann viel lügen, aber zwei Zeugen lügen tausendmal mehr. Die Leute reden viel in den Tag hinein; das ist richtig. Die Fanely mag ein frommes Kind sein, wenn auch niemand den Mann lobt, unter dessen Dach es wohnt. Veilchen wachsen ja auch im Unkraut.« »Höre mich an. Der Dekan von Aarau meldet mir mit großer Besorgnis und Unruhe, daß es mit Addrich im Moos unsicher stehen soll.« »Was schnell aufgeht, fällt schnell wieder ab.« »So ists nicht gemeint, Meister! Der Dekan will Nachricht haben, daß Addrich im Moos zu den Rebellen gehöre, oder sie unterstütze. Es sei der Aufruhr im Aargau nahe am Ausbruch, und Addrich sei der Haupträdelsführer, wie man sage. Mir kommts nicht unwahrscheinlich vor, denn der Kerl ist ein Meuterer von Haus aus. Dem ehrwürdigen Dekan ist in dieser Verwirrung, zumal wenn Kriegsvölker einziehen sollten, um das Schicksal der jungen Epiphanie bange und er beschwört mich, kein Mittel unversucht zu lassen, die verwaiste Tochter seines Freundes aus des Addrichs Klauen zu retten und sie zu ihm nach Aarau in Sicherheit zu bringen. Du begreifst aber, Meister Heini, das Kind ist in Aarau nicht geborgen. Wer kann wissen, wie weit im ersten Augenblicke die Verwegenheit der Rebellen, oder wie weit ihr Glück geht? Gesetzt sie brächen in die Stadt ein und gäben sie ihrer Wut preis – oder Addrich selbst wäre mit ihnen – Epiphania würde abermals unglücklich, und den geistlichen Herrn würde weder die Heiligkeit seines Amtes, noch das weiße Haar seines Hauptes vor der Rache des wilden Addrich schützen.« »Das wäre zu fürchten, denn Zorn und Rache gehen nicht lange zu Rat.« »Wie es kommen möge, wir müssen Epiphania retten. Das Kind soll zu meiner Familie nach Bern, in mein Haus, bis das Land wieder ruhig ist. Es ist ein reiner Engel an Seele und Gestalt. Willst Du mir helfen, solls Dich nicht gereuen. Erkläre Dich; es muß hier gehandelt werden, und sollte es hundert Gulden kosten.« »Junker Oberherr, ich bin von jeher Euer gehorsamer Diener gewesen, und laufe für Euch durchs Feuer; aber in diesem Punkte helfen, da sehe ich das Wie nicht. Und wer das Wie nicht weiß, der findet des Juchhei nicht.« »Ich gebe Dir morgen einen Brief an Epiphania. Du bist Spielmann, wanderst aller Orten wohlgemut umher; niemand achtet auf Dich. Von meinen Leuten aber kann ich keinen senden, denn jeder kennt diese, und einem Bauer vertraue ich nicht . . . Du wärest von allen Boten der beste. Also Du nimmst einen Vorwand, gehst ins Haus, suchst eine Gelegenheit und steckst dem Mädchen heimlich einen Brief zu, ohne daß Addrich oder sonst jemand davon Ahnung bekommt. Ihr beredet mit einander die Flucht über den Bergrücken durch den Wald nach dem Schlosse Liebegg; da haltet Ihr Euch verborgen, bis ich Epiphania abholen lasse. Ein Brief an den Junker Graviset aus Liebegg soll Dir gute Aufnahme sichern.« »Ich wollte, ich säße schon dort! . . . Aber wenn die schöne Jungfrau Epiphania Laune hätte, mir einen Korb zu geben und nicht mit mir auf und davon wollte, was dann?« »Dafür laß den Brief sorgen, den Du ihr von mir einhändigen wirst.« Meister Wirri schien nicht besondern Hang und Beruf zu der neuen Sendung in sich zu fühlen, die ihm übertragen werden sollte. Indessen siegte zuletzt doch die Beredsamkeit des Oberherrn, und vielleicht mehr noch dessen Freigebigkeit, die ihm, als Vorschuß zu allfälligen Ausgaben für sich und Epiphania, einige Thaler in die hohle Hand fallen ließ, und versprach, nach gelungener Ausrichtung des Auftrags, den Meistersänger von Kopf bis zu Fuß neu zu kleiden. Doch muß die ganze Wahrheit gesagt werden. Es saß noch ein heimlicher Schalk in dem Herzen des Meistersängers, welcher ebenfalls ein Wörtchen für das Wagestück des Abenteurers hinzulegte. So oft nämlich der Oberherr von Epiphania sprach – und er mußte wohl, damit Heinrich Wirri sie genau kenne und mit keiner andern verwechsele – empfing die Beschreibung unvermerkt jenen lebhaften Farbenglanz, mit welchem zartfühlende und gute Menschen gern das Edle und Schöne schmücken, besonders wenn es fern ist, und die Gegenwart sich nur gemein zeigt. Es fehlte nicht, Wirris dichterische Einbildungskraft mußte in Flammen geraten. Er sah das Schönste des Schönen in Epiphanias jungfräulichen Reizen lebendig vor seinen inneren Sinnen schweben, und die lieblichsten Möglichkeiten und mancherlei daraus hervorsprossende Entwürfe benebelten ihn fast mehr als der Wein des Verwalters. Wirri war ein alter Junggesell, und man weiß was das zu sagen hat; dazu Dichter und mithin geborener Anbeter des Erhabenen und Schönen. Gleichwie der Oberherr zuweilen, wenn er von Epiphanias ganz eigentümlicher, wunderbarer Gemütsart redete, seines Zuhörers zu vergessen schien, so vergaß dieser hinwieder eben so oft des Redenden, sah nur das Liebliche im Schimmer der Anmut, sah den Seufzer und die Thräne der verlassenen und verlorenen Waise; fühlte sich dann als ihren Erlöser aus des Hexenmeisters Gewalt, und von ihrem Freudenblick belohnt. Seine Phantasie rechnete noch weiter. Die Dankbarkeit der Geretteten, ihre Anmut näherten sie den geheimen Wünschen des entzückten Befreiers. Konnte es zuletzt fehlen, daß der edelmütige Oberherr von Rued, der Pate zu Aarau und mancher andere Gönner eine reiche Aussteuer zusammenlegen und die stattlichste aller Hochzeiten anstellen würden? »Ja, ja, Heini,« sagte der Oberherr, als ihn der Meistersänger wieder anhörte, lächelnd mit dem Finger drohend, »nimm Dein Herz in Obacht und blicke der Fanely nicht zu tief in die hellen Augen, sonst ists um Meister Wirris Ruhe gethan.« »Ei, behüte uns!« rief stotternd der Meistersänger. »Euch beliebt mit mir zu scherzen. Nicht doch! Jungferngunst und Harfenklang Dünkt wohl gut, doch währts nicht lang. Darüber bin ich längst hinaus; ich denke an solchen Firlefanz der jungen Welt nicht mehr. Nein, nein, in der Liebe ist wahrlich nicht alles Zucker, Frauenlieb' ist fahrende Hab'. Röslein heut und morgen Schabab. Drum, will ich im Paradiese bleiben, darf ich keine Eva haben.« Unter diesen Gesprächen war die Mitternachtsstunde herangekommen. Der Oberherr verhieß ihm auf den folgenden Morgen die Briefe. 6. Gute Gesellschaft. Obwohl der Meistersänger bis tief in das Licht des Tages hinein schlief, und erst spät erschien, fand er die Schreiben doch nicht ausgefertigt. Er zürnte nicht, seine Abreise verzögert zu sehen, teils weil er, obwohl vergebens, Zeuge des Schauspiels zu werden wünschte, welches ihm der schwedische Schweizer geben sollte, wenn derselbe gefangen eingebracht werben würde, teils auch, weil die Zeit der Morgenmahlzeit herannahte, was man in unsern Tagen Mittagsmahl zu nennen pflegt. Die gestern ausgesandten Boten kamen endlich zurück; aber von der Person, welche sie hatten aufsuchen sollen, war weithin nirgends eine Spur gefunden worden. Dagegen dampften um halb elf Uhr die Schüsseln auf dem Tische des Verwalters und Wirri nahm bereitwillig den ihm angewiesenen Ehrenplatz beim Mahle ein. Die Unterhaltung drehte sich vorzüglich um den verschwundenen Zögling des Helden Torstenson. Wirri, der, was er gestern durch das Feuer des Weines als Wunder erkannt, jetzt nüchtern allen Ernstes glaubte, verbarg dem Verwalter seinen Triumph darüber nicht, in dem auf der Berghöhe erschienenen Krieger ein übermenschliches Wesen vermutet zu haben. Auch der Verwalter war nicht mehr weit davon, diesem Urteile des Spielmannes beizustimmen, der vermöge seines Berufs Gelegenheit gehabt hatte, mancherlei in der Welt kennen zu lernen, was das Ruederthal nicht kannte. Indessen, die Morgenmahlzeit war beendet. Der Oberherr übergab dem Meistersänger die verheißenen Briefe, erteilte ihm unter vier Augen einige Belehrungen, und entließ ihn mit Glückwünschen für das Wohlgelingen der Sendung. Langsamen Schrittes bestieg dieser den Berg, und ging nicht ohne heimliches Grauen an der Stelle im Walde vorüber, auf welcher er und sein Absender den gestrigen Auftritt erlebt hatten. Er fürchtete, jeden Augenblick das furchtbar-schöne Antlitz des Schweden aus den dichten Gesträuchen hervorblicken zu sehen, doch ohne Abenteuer zog er durch den Wald, und dann auf der andern Seite zwischen Wiesen und Äckern hinab, ins heitere Kulmerthal. zum Dorfe. Hier erquickte er im Wirtshause sein müdes Gebein billigerweise noch einmal durch Speise und Trank, und nebenbei auch nicht ohne Nutzen für den Zweck seiner Reise. Er erfuhr nämlich von dem übrigens wortkargen Wirte den Aufenthalt des Addrich bestimmter. Die Wohnung dieses Mannes, über dessen Wesen sich aber der Wirt durchaus nicht, weder im Guten noch Bösen äußern wollte, mußte, den Angaben zufolge, oberhalb Teufenthal, unweit Äsch, in einer Bergschlucht, die man »im Moos« nannte, und welche sich ostwärts zwischen Tannenwäldern ausbreiten sollte, gelegen sein. Ehe sich Addrich dort angesiedelt habe, sei, wie der Kulmer Wirt berichtete, jenes schmale Thal ein ungeheurer Sumpf gewesen, daher vom gegenwärtigen Besitzer um Spottgeld erworben, und seitdem in das schönste Wiesenthal verwandelt worden. Dann habe er an der Berghalde, ganz versteckt im Walde, ein Haus gebaut, so schön als irgend eins im Dorfe. Als hier nichts mehr zu erforschen blieb, setzte der Wanderer, welchen der Wirt immerdar nur von der Seite und, wie es schien, nicht ohne Argwohn, angehört und beobachtet hatte, und sogar später als er gewollt, den Weg durchs Thal fort. Es dunkelte der Abend schon, als er an den Trümmern des Schlosses Trostburg vorüberging und in das Seitenthal ausbog, wohin ihn seine Sendung rief. Ein frostiger Nebel strich an den Bergen hin und machte die unbekannte Gegend noch unheimlicher. Der Meistersänger, dem eine gute Herberge keine gleichgültige Sache war, und der nicht ganz ohne Grund bezweifelte, in diesem abgeschiedenen Winkel der Welt ein schmackhaftes Abendessen zu finden, überlegte schon, ob es nicht geratener sei, umzukehren und die Entführung der schönen Epiphania auf den folgenden Morgen zu verschieben, denn wie dringlich ihm auch der Oberherr das Geschäft gemacht hatte, sah er doch mit jedem Schritte vorwärts die Zahl der Bedenklichkeiten zunehmen, und weitaus nicht so große Gefahr im Verzuge als in der Übereilung. Er schwenkte wirklich wieder links, um den Rückweg zu ergreifen, blieb aber, als er hinter sich sah, wie Loths Weib versteinert stehen. Ein riesige Männergestalt, die um anderthalb Kopflängen über ihn wegsah, wie ein Bauer in einem grauen Zwillichwamms, mit weiten, faltigen, bis auf Knie reichenden Pluderhosen, stand unmittelbar vor ihm. Die nächtliche Dämmerung erlaubte ihm, das Gesicht des gewaltigen Kopfes, der zwischen den breiten Schultern emporragte, deutlich zu erkennen. Es lag in dem Gesichte allerdings etwas, was einige Besorgnis erregen konnte; ein Ausdruck von Finsternis, Härte und Wildheit, der durch die hervorstehenden Backenknochen, durch den zottigen Knebelbart unter der weit vorspringenden Nase, durch die breiten, so recht zum Zermalmen geschaffenen Kinnladen nicht wenig gehoben wurde. Am abschreckendsten blieben aber die unter buschigen Augenbrauen hervorstierenden Augen, welche aus einem scharlachroten Ringe wirklich durchbohrende Blicke sandten. »Wohin des Weges, Landsmann?« fragte mit kräftiger, doch etwas heiserer Stimme der Mann, dessen Alter den Sechzigen nahe zu kommen schien. »Ich gedachte nach Äsch zu gehen, wo ich Geschäfte habe,« antwortete der Spielmann, »doch ist's vielleicht noch weit dorthin; ich bin des Weges unkundig und in der hiesigen Gegend unbekannt; auch wird's schon dunkel, und die Nacht ist keines Menschen Freund.« »Der Ort ist nicht so weit von uns; ich gehe auch dahin und begleite Dich. Komm nur mit mir!« Der Meister gehorchte unwillkürlich. Er trabte an der Seite des bäuerischen Herkules, wie er ihn in Gedanken nannte, wieder thalaufwärts. »Nach der Arbeit will man ruhen,« sagte Wirri. »Das Thal macht eben keinen gastfreundlichen Eindruck und es entsteht die Frage: ist hier zu Lande die Kochkunst schon entdeckt und das Wirtshaus schon erfunden?« »Ich will Dir eine gute Herberge nachweisen, in der kein Junker Einkehr zu halten Bedenken tragen wird.« »Das läßt sich hören! Ich möchte die Wurst nicht im Hundestalle suchen. Der Mensch und die Uhr, wenn sie gehen sollen, müssen aufgezogen sein. Ich habe meinen Teil Weges heute schon gemacht.« »Kommst also weit her?« »Wie man's ansieht und nimmt, guter Freund! Eigentlich, siehst Du, komme ich von Aarau; ich bin der Meistersänger und Spielmann Wirri. Vielleicht haben Dir schon Ehrenleute von mir erzählt, denn ich bin aller Welt bekannt. Nun wirst Du behaupten, von Aarau bis hierher seien keine hundert Stunden. Aber, guter Freund, kurze Beine machen den Weg lang.« »Das ist gewiß, und der Ruederberg, von dem Du sprichst, ist keine Ebene. »Habe ich vom Ruederberg gesprochen? Da ist mir's wie Jenem ergangen, der sich im Dunkeln versprach und bei hellem Tage des Teufels Großmutter heiraten mußte.« »Der Junker Oberherr ist doch wohlauf? Ich kenne ihn sehr gut. Das ist mir ein kreuzbraver Herr, wie wenige im Lande sind. Für den liefe ich der Hölle durch den Rachen. Er ist doch wohlauf, der gute Herr? Oder kennst Du ihn nicht?« »Oho, ich ihn nicht kennen! Ich bin bei ihm zu Hause wie sein eigenes Kind. Zu seiner Hochzeit machte ich einen Spruch, der wert war auf Seide gedruckt zu werden. Komme ich aber auch nach Rued, so heißt's: aufgeschüsselt, daß die Tische krachen! Und Du weißt wohl. guter Freund, nachdem der Gast ist, richtet man an.« »Ich wäre an Deiner Stelle über Nacht bei ihm geblieben. denn Bauernküche ist keine Schloßküche.« »Richtig, guter Freund, aber alles in der Welt hat seinen Haken und Ehr' hat Beschwer. Unsereins hat noch andere Geschäfte, als mit Gabel und Löffel.« »Ich denke es auch; vielleicht Aufträge vom Schlosse Rued. Ich merke wohl, Du bist ein Gelehrter, und der ist großen Herren immer willkommen.« »Nun ja, guter Freund, es geben freilich nicht alle Lumpen Papier. Es ist wahr, der Junker schenkt mir Vertrauen, aber er weiß auch, wen er an mir hat. Und wäre er mir nicht so lieb. ginge ich wohl anderswo spazieren, als auf diesem holprigen Wege, der übrigens zum Beinbrechen ganz bequem eingerichtet ist.« »Ich werde ihm morgen Deine Freundschaft zu rühmen wissen, denn in der Frühe bin ich zu Rued. Die Bauern hier umher sind nicht drei Kreuzer wert; er muß das wissen. Alle wollen es mit den Luzerner Rebellen halten, und es ist nicht recht, daß man die hohe Obrigkeit im Stiche läßt. Es sind sogar schon . . . . aber, nun, es bleibt dabei. Ich kenne Dich nicht, doch hoffe ich, Du wirst reinen Mund halten und nicht verraten, was Du jetzt gehört hast, sonst wäre ich meines armen Lebens nicht sicher.« »Fürchte Dich nicht, guter Freund! Ich bin ein ehrlicher, verschwiegener Mann. Zwar haben wir noch keinen Scheffel Salz mit einander verzehrt, aber wer nicht traut, dem ist nicht zu trauen. Rede nur! Ich merke schon, wir gehen einerlei Weg, und was Du mir sagst, das sagst Du dem Junker Mey. Also wag's und laß Gott walten!« »Laß es nur gelten, Spielmann, ich bin ein einfältiger Bauersmann und könnte mich leicht um den Hals reden. Dir aber rate ich, vertraue Dich hier im Thale keiner Seele, und wenn die Leute auch die gute Zeit und die hohe Obrigkeit in den Himmel erheben.« »Höre Nachbar, ich wäre ein böser Brunnen, wenn Du noch Wasser hineintragen müßtest. Ich traue keinem weiter, als ich ihn sehe, und weiß wohl, viele loben die alte Welt, thun aber, was der neuen gefällt. Ich kenne Deine Bauern hier zu Lande von innen und außen besser, als Du glaubst; in wenigen Tagen sollen sie aber anders pfeifen lernen.« »Das wolle der Himmel geben, und lieber heute als morgen. Ich sehe nun wohl, Du meinst es ehrlich. Die Herren von Aarau sind mir jederzeit lieb gewesen, und wenn ich Dir und dem Junker Mey worin dienen kann mit Rat und That, so . . . aber verraten darfst Du mich nie!« »Sollte ich zum Verräter werden, möchte ich mich lieber vorher hängen als nachher. Dein Anerbieten ist ehrenwert, guter Freund, und es ließe sich Gebrauch davon machen. Siehst Du, wer eine Geiß eingenommen hat, der muß sie hüten, und so geht's mir. Du kannst dem Junker und mir einen großen Dienst leisten; es würde Dein Schaden nicht sein.« »Ich verlange nichts, und thue, als treuer Unterthan, nur meine Schuldigkeit gegen die hohe Obrigkeit. Das weiß Gott!« »Nichts da, ein Dienst ist des andern wert. Doch sage mir das Eine erst: kennst Du hier in der Nachbarschaft den reichen Addrich?« »Rede nicht so laut!« »Warum?« »Er ist allenthalben, sagt man.« »Wahrhaftig . . . wie der böse Pfennig! Man sagt, er kann mehr, als Brot essen, und das ist mir nicht lieb. Glaubst Du auch, der Teufel habe ihn den Krallen?« »Ich glaube vielmehr, er hat den Teufel in seinen Krallen.« »Noch ärger! Was denkst Du dazu, guter Freund, ich möchte zu ihm gehen. Er hat gewisse schöne Weibspersonen im Hause, sagt man, und mit dem einen hätte ich ein Geschäft abzuthun; im Grunde nicht für mich, verstehst Du, denn ich kenne sie nicht. Nun aber scheint's mir, es sei da schwer ankommen; der Addrich bewacht sie, wie der Drache den Schatz.« »Nicht so sehr, wie Du glaubst. Der Alte ist fast nie zu Hause; die Mägdlein thun was sie wollen und führen ihn an der Nase herum.« »Ei, so heißt's da mit Recht: ein Weiberhaar zieht mehr, denn sieben Rosse. Das will mir wohlgefallen. Wie aber ins Haus kommen?« »Nur zur Thür hinein. Welches aber von den Mädchen möchtest Du?« »Es heißt . . . ich würde es wohl kennen, wenn ich's sähe, der Junker Oberherr hat mir's auf ein Haar beschrieben. Es heißt . . . Zephanja, glaube ich. Hätten wir eine Laterne, so könnte ich Dir's sagen. Der Name steht leserlich auf dem Briefe, den ich überbringen soll.« »Ist's sonst nichts, als dem Mädchen einen Brief zuzustecken, so gieb ihn nur her; nichts ist leichter als das.« »Nein, guter Freund, ich muß den Sack selber zur Mühle tragen, weil ich das Mehl heimnehmen möchte. Willst Du mir helfen, so dienst Du dem Junker Oberherrn. Zwar auf den Kopf gefallen bin ich nicht, aber ich scheue den wilden Addrich, und der besten Katze kann eine Maus entrinnen. Das Mägdlein muß in Sicherheit, ehe fremdes Kriegsvolk ins Land rückt.« »Ist das Volk schon in Aarau?« »In drei, vier Tagen, und dann wird mit den Rebellen nicht mehr Federlesens gemacht werden; die Galgen sind gezimmert. Ich wollte, Addrich hinge schon daran, dann hätte ich die halbe Not. Willst Du mir beistehen?« »Dem Addrich spielte ich gern einen Streich. Ich könnte unter gutem Vorwande zu ihm gehen, Dich mitnehmen, als hätte ich Dich im Berge verirrt angetroffen. Das Übrige ließe sich dann schon machen. Aber gelt, Du wirst mich nicht verraten?« »Du mußt keine Sorge haben, daß der Schnee brennt. Stelle Deine Sache klug an; ich folge Dir.« »Jetzt schweige, damit uns niemand hört. Du siehst dort das Feuer hinter den Bäumen; es ist eine Hammerschmiede. Dort habe ich etwas abzugeben; dann gehen wir hinauf ins Moos.« Herr Wirri freute sich seines guten Glückes, den Meinungsgenossen, Wegweiser und freundlichen Gesellschafter in einer und derselben Person angetroffen zu haben. »Zwar,« sagte er bei sich selbst, »der Kerl sah, bei Licht betrachtet, dem Teufel nicht ganz unähnlich; man soll jedoch kein Buch nach dem Titelblatt beurteilen.« In einer unbestimmten Entfernung flogen von Zeit zu Zeit einzelne dunkelrote Funken durch die Finsternis und ein helles Leuchten zwischen den Zweigen, das bald sichtbar wurde, bald erlosch, bezeichnete die Gegend der Cyklopenwerkstätte. Wirri's Begleiter verließ die Landstraße und schlug einen Seitenweg durch die Gebüsche ein. Der Spielmann folgte ihm geduldig bergan, wie unheimlich es auch im Walde wurde, wo ihm die Gesträuche das Gesicht jeden Augenblick wie mit Ruten peitschten, als wollten sie ihn warnend zurücktreiben. Von Zeit zu Zeit ermunterte ihn die heisere Stimme des Führers zur mutigen Nachfolge. »Hier heißt's,« erwiderte der Meistersänger, »wer A gesagt hat, muß auch B sagen. Ich folge Dir, doch will ich keineswegs verhehlen, daß Du mich aus dem Regen in die Traufe gebracht hast. Der Fahrweg war Goldes wert, aber diesen Pfad haben die Geißen nicht für ehrliche Leute gebaut.« Bald darauf betraten sie einen freien, von Gehölz umgebenen Köhlerplatz. Man hörte im Hintergrunde hämmern und sah die Schmiede, welche aus einer baufälligen Hütte bestand, durch deren Risse und Öffnungen der Schein des Feuers überall hindurchleuchtete. Ein paar große Hunde sprangen bellend durch die Nacht heran, schwiegen aber auf den Ruf einer unsichtbaren Person. Dann traten mehrere Menschengestalten aus der Dunkelheit hervor, die den Wegweiser vollständig umringten, vom Meistersänger entfernten und zu befragen schienen. Darauf kamen dieselben zum Meistersänger, führten ihn zur Schmiede hin und geboten ihm, auf einer Bank vor derselben niederzusitzen. Sie begleiteten die Einladung mit einer thätlichen Handleitung, die ihn sogleich zum Sitzen brachte. 7. Die Schmiede. Einer dieser Höflichen sagte darauf: »Meister Wirri, wir wissen bestimmt, daß Du nicht in guter Absicht hier herumschleichst. Mache also keine Umstände, und gieb die Briefe des Junker Mey von Rued heraus, die Du bei Dir trägst. Wenn die Herren Krieg verlangen, sollen sie ihn vollauf haben. Also heraus den Brief!« »Was, Brief?« sagte der Meister ganz bestürzt. »Wer sagt Dir, daß ich Briefe bei mir trage? Ich glaube wohl, Du bist ein Fuchs, aber kein Luchs.« »Der kleine Finger sagt mir, was Du für ein Kamerad bist und was an Dir ist.« »Nun so laß Dir auch von ihm sagen, an wen ich einen Brief zu bringen hätte.« »An Jungfrau Fania.« »Wirklich? Nun denn, so ist er an die, und nicht an Dich gerichtet. Packe Dich also zum Geier mit Deiner Neugierde und lasse einen rechtlichen Mann in Frieden.« »So ist's nicht gemeint, Meister! Die Zeit ist vorbei, in der die Stadtleute allein das Maul groß aufthun konnten. Gieb den Brief gutwillig heraus, oder ich reiße ihn Dir mit Deinem Wams vom Leibe und die Ohren vom Kopfe dazu.« Die Drohung schien auf der Stelle in Vollziehung gesetzt werden zu sollen. Zwei Kerle packten den Spielmann und hoben ihn auf, zwei andere machten sich bereit, ihn zu durchsuchen, indem sie erklärten, beim ersten Schrei, welchen er thun würde, sollte ihm die Gurgel zugezogen werden »Halt!« rief Wirri, und versuchte seine Arme zu befreien. »Gewalt geht über Recht; das weiß ich. Aber wo ist denn der brave Mann geblieben, der mich hierher geführt hat? Er wird nicht gestatten, daß Ihr mich so behandelt. Er wird für mich Zeugnis ablegen. Drei oder vier über einen Mann herzufallen, ist unchristlich. Viele Hunde sind des Hasen Tod, und der Stärkste schiebt freilich den Schwachen in den Sack. Ich glaubte jedoch nicht zu Räubern, sondern zu ehrlichen Christenleuten zu kommen.« »Du Lästerzunge, schweig!« erwiderte einer der Umstehenden. »Wir sind christlicher gesinnt, als Du und Deines Gleichen. Als Spion und Briefträger verdientest Du, nach Kriegsrecht, am nächsten Baumast zu zappeln. Aus menschenfreundlichem Erbarmen gönnen wir Dir das Leben. Du bleibst aber, bis auf weitere Ordre, Kriegsgefangener, leistest Gehorsam in allem, was Dir abverlangt wird, händigst die bei Dir befindlichen Depeschen ohne weitere Umstände aus, und lässest es nicht zum Äußersten gelangen.« »Höre, guter Freund,« sagte der Spielmann, »ich würde keinen Pfifferling für Deinen Kanzleistil geben, wenn nicht, statt der Siegel, ein halbes Dutzend grober Fäuste daran hingen. Lasset mir also die Hand los, damit ich den Brief suchen kann. Aber vergesset nicht, das Jahr hat zweiundfünfzig Wochen, und oft kommt über Nacht, woran der Klügste nicht gedacht.« »Wohlgesprochen!« erwiderte man dem Meistersänger, »Solches erfährst Du heute an Dir, und die Städte werden es mit Dir erfahren. Also nur den Brief heraus.« Wirri suchte den Brief, indem er einige unverständliche Worte murmelte. Sobald er das verlangte Papier abgegeben hatte, entfernten sich alle, bis auf einen Mann, der, als Wachthabender vermutlich, vor der Schmiede auf- und abging. Wirri murmelte, sich wieder auf die Bank setzend, zur eigenen Gemütsbesänftigung einige ihm sonst ungewohnte Flüche; vergaß jedoch dabei nicht, den Himmel jedesmal gebührend um Verzeihung zu bitten. Aus langer Weile beobachtete er lange Zeit im Finstern das stumme Hin- und Herwandeln des Wärters; die seitwärts zu seinen Füßen liegenden Hunde; oder die Sterne, welche zwischen den fliegenden Wolken bald sichtbar wurden, bald verschwanden. Es herrschte weit umher eine tiefe Stille; selbst das Hämmern in der Schmiede wurde aufgegeben, und man vernahm nur die Stimmen derer, welche im Gebäude sprachen. Meister Wirri glaubte unter diesen Stimmen auch den heisern Ton seines Führers zu erkennen, und drehte sich um, sich von dessen Anwesenheit zu überzeugen. Unmittelbar hinter seinem Rücken, durch einen breiten Riß zwischen Mauer und Holzwerk, drang ein Lichtstrahl hervor, groß genug, um alles im Innern gemächlich beobachten zu können. In einer finstern Ecke knirschte der Blasebalg, der die blendende Glut der Esse anblies. Eisenstäbe in großer Menge lagen halb vergraben im Feuer. Einzelne Teile der schwarzen, rußigen Werkstätte, Balken, Sparren, Ketten und Zangen, die neben anderem Geschirre an den Wänden hingen, schienen sich, wie lebendig, bald heller an's Licht hervorzubewegen, bald in die Dunkelheit zurückzuziehen. Als ein wahrhafter Fürst der Finsternis saß Wirri's Begleiter breit und riesenhaft auf dem Amboß, wie auf einem eisernen Throne. Weil er den Rücken der Feueresse zugewendet hatte, glich er einem lebendigen schwarzen Schatten, und das struppige Haar seines Hauptes, vom Widerschein des Feuers beleuchtet, glich einer glühenden Krone. In der halbemporgehobenen Rechten trug er, statt des Szepters, ein zugespitztes Eisen, wie man es in jener Zeit auf Spieße oder Piken zu setzen pflegte. Den Meister Heinrich überlief bei diesem Anblicke ein abergläubiges Grausen; noch mehr aber entsetzte er sich, als er unter den drei Bauern, die vor dem gewaltigen Inhaber des Ambosses standen, leibhaftig die Gestalt des Schweden wahrnahm, welche ihm und dem Junker Mey auf dem Ruederberge begegnet war; nur war an die Stelle der schwedischen Kriegstracht die gewöhnliche Bauernkleidung von rohem Zwillich getreten. »Woran liegt's?« sagte die heisere Stimme mit einem Ausdrucke von Verdruß. »Nicht dreihundert, sondern dreitausend Stück sollten fertig sein. Wißt Ihr auch, daß die Baseler, Mühlhausener, Berner und Züricher uns schon in einigen Tagen über den Hals kommen?« Einer der Umstehenden antwortete: »Fünfzehnhundert Stück werden, wie Du weißt, jetzt schon geschäftet und verteilt. Wir können die Spieße wahrlich nicht im Ofen backen, wie der Bäcker die Waffeln und Semmeln, Eisen will gehämmert sein.« »Genug, rühret die Fäuste!« rief der Mann auf dem Amboß. »Schaffet Tag und Nacht; es ist hohe Zeit; oder alles geht zum Teufel. Was meinst Du, Gideon? Diese Spitzen scheinen mir etwas kurz. Sie sollten einen halben Fuß länger und keine Zahnstocher sein.« Derselbe, welcher vorher geantwortet hatte, erwiderte auch jetzt: »Sie haben genau das Maß, welches der Hauptmann Gideon hier vor drei Wochen selbst angegeben und befohlen hat. Wurde gefehlt, so ist's seine Schuld; das kümmert mich wenig. Aber bedenke, daß, wenn die Spitze um einen halben Fuß länger wird, sich die Arbeit um die Hälfte verlängert, und Dir, als Zahlmeister, das Geld im Sacke um die Hälfte kürzer macht. Was mich anbetrifft, ich thue, wie Ihr's verlangt.« Jetzt nahm der Schwede die Eisenspitze aus der Hand des Alten, betrachtete die Arbeit und sagte: »Nein, dabei bleibt. Was dem Eisen abgeht, ersetzt die Länge des Spießschaftes; und wem dieser Zahnstocher durch den Magen fährt, der hört auf zu kauen.« Der Alte auf dem Amboß entgegnete: »Gideon, nimm die Sache nicht allzu leicht. Der Rat zu Bern hat die Welschen aufgeboten, und rühmt sie gar sehr, als eifrig ergebene, tapfere und wohlgeübte Leute.« »Mag sein!« versetzte der Hauptmann im Zwillichwams. »Wo der Wein gut ist, da dürfte man keinen Kranz aufstecken. Die Welschen sind am Ende doch nur eilfertig zusammengeraffte neugebackene Soldaten, die nur wenig eingeübt sind, und wir können ihnen ohne Furcht die Spitze bieten. Ich gebe mein Ehrenwort, binnen vierzehn Tagen aus unsern Leuten Soldaten zu machen, die ihr Handwerk verstehen und die welschen Hasenfüße über all Berge treiben.« »Wer seinen Feind verachtet,« sagte der Alte, »hat's Spiel schon halb verloren . . .« »Gleichermaßen,« unterbrach ihn Gideon, »wer seinen Feind fürchtet. Lasset uns nur sorgfältig wachen, daß von unsern Mitteln und Vorhaben nicht allzu viel in der Welt bekannt werde, und wir dem Feinde, der uns zu überrumpeln gedenkt, das Prävenire spielen können.« »Ganz richtig!« entgegnete der Alte. »Bis jetzt ist die Sache unter wenigen und wohlverwahrt.« »Darum muß eine Kriegsordnung bestehen,« fuhr der Hauptmann fort. »Dem ersten, der sich auf fahlem Pferde erblicken läßt, ohne Pardon den Kopf ab! Wer Briefe trägt, spioniert, ohne Pardon den Kopf ab!« Bei diesen Worten des Hauptmanns, die derselbe, so oft er »Kopf ab!« rief, mit einer ausgreifenden Bewegung des Armes durch die Lust begleitete, als stände er an Scharfrichters Stelle da, verschwanden dem Spielmanne fast die Sinne, denn er erinnerte sich des ihm gewaltsam genommenen Briefes und bezog die Rede auf seine Person, die hier von aller Welt verlassen saß. Er drehte sich hastig von der Mauerspalte fort und sah sich nach einem Wege zur Flucht um. Der Wachthabende ging in der Dunkelheit noch immer langsamen Schrittes auf und ab. In diesem Augenblicke war er gerade am entferntesten; der Wald, wohin die erste Zuflucht genommen werden konnte, ringsum nahe; auch ließ sich hoffen, die Straße durch das Thal ohne Mühe zu finden, sobald die Füße nur dem natürlichen Zuge bergab folgten. Dies bedachte Meister Wirri mit Blitzesschnelle und rasch lief er auf und davon. Er hatte aber noch nicht drei Schritte gethan, als er sich im Nacken festgehalten fühlte und ihm vorn auf die Brust eine zottige Bestie sprang, welche grimmig bellend vor ihm stehen blieb. Er stieß einen lauten Schrei aus. Es waren die beiden wohlabgerichteten Hunde, welche sich seiner bemächtigt hatten, und die in der Eile von ihm gar nicht mehr beachtet worden waren. Der größte von ihnen hatte ihm die Vorderpfoten, wie zur Umarmung, von hinten auf beide Achsen gelegt, und mit dem Rachen das zufällig durch Mantelkragen und Hutkrämpe wohlgeschützte Genick gefaßt. Schnell lief der Wächter herbei und rief den Hunden zu: »Laß ab! Laß ab!« Der Spielmann schüttelte sich am ganzen Leibe, als wollte er seiner Befreiung von den reißenden Tieren oder der Unverletztheit seiner Gliedmaßen gewiß werden, und sagte: »Wenn Fluchen keine Sünde wäre, möchte ich dies Mörderloch mit Menschen und Vieh in den tiefsten Abgrund der Hölle hinunter wünschen Es wäre meiner Treu! dort besser am Platze, als in meiner gnädigen Herren und Obern Gebiet.« »Du Narr, Du!« sagte lachend der Bauer, der ihn beim Arme festhielt und zurückführen wollte. »Warum saßest Du nicht still? Wer hieß Dich davon zu laufen? Kannst von Glück erzählen, daß Dir mein Beißer die Gurgel zum Schreien offen ließ.« »Kann ich nicht gehen, wohin mir's beliebt?« entgegnete Meister Wirri. »Bin ich Euer Gefangener? Wer darf einen Ehrenmann festhalten? Packe Dich zum Henker, der auf Dich wartet.« »Halte Dich ruhig,« erwiderte der Bauer, »es wird Dir kein Leides widerfahren. Wir sind keine Gurgelabschneider, sondern so ehrlich, wie Du. Da hast Du mein Wort und dabei bleibt's.« »Ja,« sagte Wirri, »Du und Deines Gleichen bleiben beim Wort, wie der Hase bei der Trommel.« Während dieses Gezänkes trat ein dunkler Schatten aus der Schmiede. Der Spielmann erkannte am Umriß desselben sogleich seinen breitschultrigen Geleitsmann. »Was hast Du mit diesem braven Mann? Er ist mir auf der Straße begegnet und hat mich nur aus Gefälligkeit begleiten wollen,« sagte der Alte zornig zum Bauer. »Jockli, ich warne Dich! Deine Lust, Fremde zu necken, könnte Dir einmal einen Bruch in die Rippen machen und Deinen Hunden das Fell kosten. Komm, Meister,« fuhr er fort und wandte sich in sanfterem Tone, indem er dessen Arm ergriff, zum Spielmann, »wir gehen mit einander. Es ist ungeschlachtes Volk in den Bergen, das keine Lebensart kennt. Komm! Gute Nacht! Jockli!« Der Spielmann, zwar froh, so glücklich davon zu kommen, blieb jedoch nach den ersten zehn Schritten wieder stehen und sagte: »Ich weiß wohl, Schmiedskinder sind der Funken gewohnt und Kohlenbrenner färben nicht weiß; mag ihnen auch nichts übel nehmen, allein das ist Schelmengesindel hier. Sie haben mir, als Du fortgegangen warest, den Brief des Oberherrn mit Gewalt entrissen. Ich muß den Brief wieder erhalten, oder ich erhebe Klage beim Landvogt zu Lenzburg, und dann gnade Gott diesen Kerlen!« »Still!« flüsterte ihm der Geleitsmann ins Ohr und zog ihn mit sich bergab, ins Gebüsch. »Laß Dich nicht hören! Weißt Du denn nicht, wo wir sind? Willst Du Dich und mich mutwillig ins Verderben reißen? Meuterer, Aufrührer, Rebellen sind's. Wenn die unsere Absicht merken, nehmen sie uns den Schädel unter den Hammer und es kräht kein Hahn danach.« »Wahrlich, Du sagst mir nichts neues,« antwortete Wirri, der nun erschrocken und geduldig mittrabte und sich im Finstern an seines Führers Arm hielt. »Ich habe die Zeisige am Gesange erkannt, den sie in der Schmiede anstimmten. Aber warum gingst Du auch zu ihnen? Warum verleitetest Du mich, hierher zu gehen, mich armen Mann, der vor dem Junker von Rued mit Schimpf und Schande bestehen muß?« »Du thust mir leid, aber morgen in der Frühe mache ich's beim Oberherrn wieder gut, Meister.« »Willst Du wirklich morgen nach dem Schlosse?« fragte Wirri mit einem ungewissen Tone, der seinen stillen Zweifel an der Redlichkeit des Alten verraten konnte. »Hast Du vergessen, was ich Dir sagte, Meister, als wir hierher gingen? Mußte ich nicht hierher, um dem Junker das Gewisse melden zu können? Mit leeren Vermutungen ist solchen Herren nicht gedient.« »Wenn ich aber die Ohren recht hielt, hat's mir geschienen, als stimmtest Du in das Lied der gottlosen Rebellen ein wenig ein. Ich will eben nicht gesagt haben, daß ich Dich für einen ihres Gelichters halte, aber wer doch zu einem Dinge schweigt, giebt sich schuldig.« »Soll ich denn wie das Schaf blöken, wenn ich unter den Wölfen sitze? Was hättest Du gethan, um sie auszuforschen? Würdest Du ihnen die Wahrheit gesagt und den Text gelesen haben? Meister, ich glaube nicht, daß Du von Aarau bist, denn die Herren dort stellen es pfiffiger an.« »Nun allerdings, guter Freund, wer die Wahrheit geiget, bekommt den Fidelbogen auf den Kopf. Es war ganz gut von Dir gethan; denn beim Spiel lernt man die Leute kennen. Jetzt kenne ich auch den saubern Herrn Gideon! Es ist kein Hinten ohne Vorn, und kein Nachteil ohne Vorteil. Der Junker Oberherr wird sich verwundern, wenn ich's ihm erzähle.« »Also Du kanntest den Erzschelm Gideon schon früher?« »Gestern begegnete er mir und dem Junker, als wir beim Schlosse frische Luft schöpften, und er streckte schon da die Klauen vor. Wir gerieten mit Worten hart aneinander; doch Geduld, was versehrt, das lehrt! Dem werfe ich gewiß auch noch einen Stein in den Garten.« »Nun wundert's mich nicht, woher die Leute sogleich wußten, daß Du in Geschäften des Junkers reisest und Briefe tragest. Der Gideon hat seine Sohlen in Deine Fußtapfen geschoben, Meister, denn er hatte zehnmal mehr von Dir zu sagen, als ich. Du solltest nicht vor jedem sogleich mit Deinen Heimlichkeiten auskramen.« Unter Fortsetzung dieses Gesprächs waren sie glücklich aus dem Gebüsch wieder ins Freie gekommen. Der Wind strich scharf und kalt das Thal herauf und streifte die Nebel von den Bergen. Wirri unterließ nicht, während des Redens zuweilen die Augen nach allen Seiten herumzuwenden, um zu wissen, wo er sich eigentlich befinde. In der Dunkelheit sah er aber nichts, als seitwärts die Berge, welche schwarzen Wolken gleich ihre Ränder am Himmel abzeichneten. Nirgends verkündete ein Licht das Dasein einer menschlichen Wohnung. Der Alte schien sich um betretene Wege nicht viel zu kümmern. Er wanderte rüstig fort, bald über Steinschutt, bald über Wiesen, bald durch das Bett eines Baches, bald durch ein Stück Wald; dabei sorgte er unaufhörlich für unterhaltendes Geplauder. Als dem Meister nach geraumer Zeit das Wandern endlich beschwerlich wurde und es ihm vorkam, wie wenn sich die Höhen von beiden Seiten enger zusammendrückten und es immer steiler aufwärts ging, blieb er plötzlich stehen und sagte zu seinem Reisegefährten: »Guter Freund, wenn Du nicht böse Absicht hegst, so mußt Du irre gegangen sein, denn mich dünkt, wir kommen diese Nacht aus der Wildnis nicht heraus. Man hört weder Glocke noch Hund, nichts als den Wind, wenn er durch die dürren Bäume fährt. Ich dächte, wir kehrten um und nähmen mit dem ersten Hause oder Heustalle vorlieb, denn die Kälte setzt mir zu und die Nacht ist keines Menschen Freund.« »Begehrst Du denn nicht zu Addrich im Moos?« fragte der heisere Alte. »Bewahre mich der Herrgott!« rief der Meistersänger. »Wo denkst Du hin? Du weißt, doch mein Brief ist geraubt; ich glaubte also, Du würdest von selbst einsehen, daß ich nicht hin könne und wolle, wo ich nichts mehr zu verrichten habe. Warum führst Du mich nicht ins Dorf oder in Dein Haus?« »Meister, Deine Schuld ist's und nicht meine, wenn Du nicht zum Addrich verlangtest und doch schwiegst.« »Aber der Brief ist ja in den Klauen der Schmiede.« »Nun ja, was thut's? Das Maul haben sie Dir gelassen, und wer weiß denn, ob das Fanely Geschriebenes lesen kann? Mache ihr Deine Anträge mündlich; vielleicht sieht sie Deine runden Backen lieber, als das magere Papier.« »Thue mir den Gefallen, guter Freund, und kehre um. Ich lade den Teufel nicht zu mir ins Haus, noch weniger kehre ich ohne Not bei ihm ein.« »Wenn Dir der böse Feind einst so gutes Nachtquartier giebt, als wir beim Addrich finden, so wirst Du nicht zürnen. Ich meinesteils ich kehre nicht mehr zurück, denn noch zehn Schritte jenseits des Busches und wir sind am Orte.« »Halt, guter Freund! Es geht jemand im Dunkeln hinter uns. Hörst Du nichts?« rief Heinrich Wirri mit Entsetzen, und fühlte in dem Augenblicke lebendige Tiere, die um ihn streiften. »Es sind nur Addrichs Hunde.« »Die verdammten Bestien bellen nicht einmal; thun ganz bekannt mit mir.« »Du siehst daraus, Meister, wie der Eigentümer derselben menschenfreundlich denkt. Nur vorwärts, umkehren müßte Verdacht erregen.« Langsam und schüchtern folgte Wirri, denn die Hunde umschnoberten und umwedelten ihn, ohne daß er sie erblicken konnte. Nach wenigen Schritten schon schimmerten Lichtstrahlen durch die Tannenzweige. Als die Wanderer jedoch ins offene Land hinaustraten, leuchteten ihnen die Fenster eines großen Bauernhauses entgegen. 8. Das Haus des Fluches. Der Alte hatte beim Eintritt in die Wohnung mehr das Ansehen eines hier wohlbekannten Hausfreundes oder des Herrn, als eines seltenen Gastes. Zwei Knechte, die am Kochherde plauderten, gingen ihm sogleich grüßend entgegen. Er unterhielt sich leise mit ihnen, während der Spielmann ihren Platz am Feuer einnahm, über welchem am eisernen Haken der Kessel hing, der ihm einen nicht unbehaglichen Speiseduft zuhauchte. »Begleite mich,« sagte einer der Knechte, welcher mit einer angezündeten Lampe zu Wirri kam. »Du bist bei uns wohl aufgehoben. Addrich wird Dich heute kaum sprechen; er hat eine kranke Tochter.« Wirri sah sich in der Küche mit dem Knechte allein, und hatte, während er sich an der auflodernden Flamme des Herdes wärmte, nicht bemerkt, daß sein bisheriger rotäugiger Begleiter verschwunden war. Durch mehrere kleine Stuben wurde er nun vom Knechte in einen schmalen Gang geleitet, welcher zum hinteren Teile des Hauses, nach einer verschlossenen Thür führte. Durch diese kam er in ein kleines Gemach, welches von einem großen gemauerten Ofen, einem hohen Bett, das fast an die Stubendecke reichte, einem alten Tisch von Tannenholz und einigen hölzernen Sesseln fast gänzlich angefüllt war. Der Knecht Addrichs setzte die Lampe nieder und sagte: »Man wird Dir Abendessen bringen, und dort ist Dein Lager, wenn Du den Schlaf suchst.« Damit entfernte er sich. Wirri, solcher Aufnahme in dem vielgefürchteten Hause nicht gewärtig, ließ sich's im warmen und saubern Stübchen ganz wohl sein. Das Gebäude war zwar, wie damals jede Wohnung des Landmanns, nur von Holz gebaut, mit einem Strohdache, zeigte sich aber innen durchweg mit Tafelwerk versehen und ungemein reinlich gehalten. Jedes Gerät, obgleich äußerst einfach, sprach für des Eigentümers Ordnungsliebe und Wohlstand. Mit besonderem Wohlgefallen betrachtete der Meister sein hochgetürmtes Bett, dessen Bezug vollkommen sauber, wenngleich nur von ungebleichtem, grobem Stoff gewebt war. Ihn befremdete nur das starke Eisengitter vor dem Fenster und daß die Thür nur von außen, aber nicht von innen mit Riegeln versehen war. Das gab seinem Aufenthalte für die Nacht ein fast gefängnisartiges Ansehen. Unter diesen Betrachtungen erschien das versprochene Abendessen. Ein Knecht, dem ein sehr schönes Mädchen folgte, trug Habermus, Schinkenschnitte, Brot, weiß und locker wie Wolle, Emmenthaler Käse, in dessen Poren Tautropfen glänzten, und Wein in einer schwarzgrünen Glasflasche auf. Mit bewundernswürdiger Gewandtheit breitete die ländliche Hebe das frische, doch ungebleichte Tuch über den Tisch auseinander, daß der zwei Zoll breite, rotdurchwirkte Streifen der Tuchmitte über der Mitte des Tisches hinlief. Im Augenblicke waren die Speisen im besten Ebenmaß darauf zusammengestellt. Sie verrichtete ihr Geschäft, ohne ein Wort zu reden, mit freundlich-schüchterner Miene, niedergesenkten Augen, aber vieler natürlicher Anmut. Die stets wechselnden, anmutigen Wendungen ihres Körpers, selbst wenn sie den Fuß nicht bewegte, sowie ihr leichter, tanzartiger Gang konnten dem Meister nicht unbemerkt bleiben, doch das Habermus und die zarten Fleischscheiben, welche sie für ihn aufgetragen und die in ihrem glänzenden Weiß und Rot wie Lilien und Rosen lachten, nahmen seine Blicke nicht minder in Anspruch, nachdem sich die junge Dienerin mit einem leisen: »Daß es Dir wohlbekomme!« schnell durch die Thür entfernt hatte. Da erst, als er das Ungestüm seiner irdischen Bedürfnisse angesichts der leeren Schüsseln hinlänglich befriedigt fühlte, kam er mit seinen Gedanken auf die kleine Hebe zurück, deren gefälliges Äußere mit der ungelenken Art einer rohen Bauernmagd durchaus nichts gemein hatte. Je länger er sich das Bild der schlanken, beweglichen Gestalt vergegenwärtigte, desto deutlicher wurde es ihm, daß dies die unglückliche Pate des Dekans Nüsperli gewesen sein müsse, die zu entführen er hierher gekommen war. Er machte sich gerechte Vorwürfe, nicht schon die Einleitung dazu getroffen zu haben. Nach einem Stündchen öffnete sich abermals die Thür und dasselbe Mädchen erschien, um den Tisch abzuräumen. Er säumte nicht, mit der anfangs Schüchternen ein Gespräch anzuknüpfen und sie genauer zu betrachten. »Warum denn,« sagte er zu ihr, »warum denn bist Du hier, und weshalb bleibst Du? Gewiß wohnt hier der Addrich selbst? An Deiner Stelle wäre ich längst über alle Berge. Man ist ja in diesem unheimlichen Walde wie von Gott und den Menschen verlassen. Giebt Addrich guten Lohn?« »Nichts!« »Nun denn, nichts ist sehr gut für die Augen, aber nicht für den Magen. Ich begreife nicht. warum Du Dich halten lässest?« »Ich bin eine arme Waise, die Addrich aus Mitleid aufgenommen hat. Wohin soll ich gehen? Gern wäre ich, wenn auch bloß ums liebe Brot, irgend anderswo.« »Wohin? Ei nun, nach der Stadt zum Beispiel; nach Aarau, wo ich wohne. Ich bin Spielmann, und verdiene mein blankes Stück Geld; bin in allen guten Häusern angesehen. Bei Kindtaufen, Namenstagen, Hochzeitsfesten wird mein Sinnspruch reich belohnt und noch vieles nebenbei gewonnen. Hätte ich eine brave Hausfrau, ich säße wie die Perle im Golde. Du weißt wohl und ich muß es bezeugen, Junggesellenwirtschaft macht nicht reich; und regnete das Gold zum Dache herein. Wenn wir beide, zum Beispiel, mit einander hausen würden, ließ ich mir den Kummer nicht über das Knie wachsen. Wir hätten vollauf und noch für das dritte genug.« »Du redest mir gar wunderlich und ich verstehe Dich wahrlich nicht,« sagte das Mädchen, und sah ihn mit lächelnder Neugier und Augen voller Unschuld an. »Ich verstehe mich doch sonst aufs Reden, und Husten und Liebe lassen sich eben nicht gut verbergen. Also, kurz und rund herausgesagt: ich bin entschlossen, wenn Du mit mir gehen willst. Wollte ich in der Stadt meine Hand zum Fenster hinausstrecken, so hinge an jedem Finger ein Mädchen, das meine Braut sein möchte. Aber siehst Du, Deinetwegen bin ich hergekommen in dies abgelegene Nest. Ich hatte sogar einen Brief für Dich vom Junker Mey von Rued, aber das Diebs- und Rebellenpack in der Hammerschmiede hat ihn mir weggenommen. Wir sollten beide mit einander nach Liebegg flüchten.« »Gehe mir doch mit Deinem Geschwätze,« sagte das Mädchen und hüpfte lachend am Tisch umher. »Was weiß Junker Oberherr vom armen Änneli hier?« »Änneli?« murmelte der Meister Wirri sehr betroffen. »Da klopfte ich an die unrechte Thür. Alter Esel! Laß Dir die Ohren stutzen, wenn Du wie ein Füllen aussehen willst.« »Dachte ichs doch gleich, als ich Dich mit Addrich ins Haus treten sah, Du kämest von Aarau; die Herren von Aarau machen sich gern lustig.« »Ich mit Addrich?« rief der Meister erschrocken. »Was sagst Du, Änneli? Der Alte, der mit den Augen wie durch rote Frieslappen sieht, ist Addrich?« Das Mädchen tanzte und lachte wie närrisch und sagte: »Du mußt Dich besser verstellen. Thue nur, als wenn Du ihn nicht kenntest; mir machst Du nichts weiß.« »Da bin ich wieder garstig angerannt!« murmelte der Spielmann. »Versehen heißt auch verspielt; es ist heute ein Unglückstag. Der Teufel hat mich in die Falle gelockt und ich bin gefangen. Sage mir, herziges Änneli, man lebt übrigens doch im Hause hier, denke ich, mit Gottesfurcht, in Frieden und Einigkeit beisammen?« Sie zuckte die Achseln und machte seitwärts ein furchtsames Gesicht, indem sie halblaut flüsterte: »Weiß ich denn, was hier vorgeht? Ich bin seit Weihnachten im Hause und kenne es nicht. Es kehrte mancher ein, den ich nicht wieder gehen sah; und mancher ging, der nie wieder kam. Es wird mir oft bange ums Herz, denn hier ists ganz anders, wie bei anderen. Man darf nicht alles hören, nicht alles sagen. Könnte ich in christlicher Leute Dienst kommen, zehn Stunden weit lief ich barfuß über den Schnee dahin.« »Hältst Du denn die Leute hier im Thale nicht für christliches Volk, herziges Änneli? Sprich doch offenherzig und unverblümt. Komme ich je wieder nach Aarau, mußt Du im besten Hause dort Kindsmagd werden. Dienst um Dienst! Also nicht christlich wären sie, meinst Du?« »Ach, weiß ichs? Erstlich hat Addrich die Kirche nicht gesehen, glaube ich, seit er getauft ist. Er denkt alle Tage anders und thut alle Tage anders. Die Leute sagen ihm gar zu böse Dinge nach. Wäre Addrich nicht so reich, so schlösse man jede Thür vor ihm, und er würde mit seiner Klugheit keine Katze vom Ofen locken.« »Allerdings, aber ein silberner Hammer zerbricht eiserne Pforten und goldene Schlüssel öffnen jedes Schloß. Meinethalben, Änneli, so wars in allen Zeiten; doch hunderttausend Jahre dauerndes Unrecht ist darum während keiner Minute Recht. Sage mir doch, sind sämtliche Bewohner dieses Hauses von gleichem Schlage? Es versteht sich, Dich ausgenommen. Es giebt hier eine Jungfrau, genannt Epiphania?« »Eine seelengute Tochter ist sie, so gut! . . . aber . . . doch ist's mit ihr nicht ganz richtig. Ich habe sie im Sommer auf den Wiesen den Hexenringen nachgehen sehen. Sie hält's mit Kobolden, Geistern und Schrättelein. Wenn sie zuweilen von ihren geheimen Dingen redet, macht sie mir Seelenangst, denn sie ist gut, spricht wie ein Buch und könnte mich doch wohl einmal zum Bösen verführen.« »Daß Dich Gott bewahre, Änneli! Ich habe genug gehört, um davon zu laufen.« »Und, Herr, Du solltest erst Addrichs Tochter, das kranke Loreli, sehen! Gewiß und wahrhaftig, es würden sich die Haare Deines Kopfes sträuben. Es kann nicht leben, es kann nicht sterben. Lebt es, so mag es kaum reden. Liegt es bleich und starr wie eine Tote da, dann singt es mit leiser Stimme wunderbare Lieder und Prophezeiungen.« Meister Wirri schüttelte sich unwillkürlich frostig, als er diese seltsamen Berichte vernahm, und sagte: »Man sollte hier auf alle Dielen Kreuze machen, denn es ruht auf dem Hause ein böser Fluch. Mache Dich auf sobald Du kannst und schüttle den Staub von Deinen Füßen. Frage nur in Aarau nach mir. Jedes Kind zeigt Dir dort die Wohnung des Meisters Wirri am Ziegelrain. Ein guter Dienst soll Dir nicht fehlen, und vielleicht sage ich Dir noch etwas Besseres, denn Du bist gar nett und freundlich, wie sich dergleichen wohl zu einem Spielmann paßt.« Das Mädchen hatte während des Gespräches das Tischgerät abgenommen und hielt alles im Arm. Es lächelte den Meistersänger zutraulich an und sagte: »Wärest Du doch gekommen, als meine Mutter gestorben und ich von aller Welt verlassen war! Die Bauern im Dorfe haben ein gar hartes Herz und sind arm dazu. Um Gottes willen wollte mich keiner aufnehmen, darum mußte ich zu Addrich; doch wußte ich von ihm alles das, was das ganze Dorf wußte, und ging mit Thränen und Schrecken hierher. Ach, dem Reichen geht alles hin, aber ein armes Waisenkind ist ein niedriger Zaun, über den alles hinwegspringt.« »Herziges Änneli, führe nicht so traurige Reden!« sagte er, und streichelte leise mit der Hand ihre errötende Wange. »Warum betrachtest Du mich denn mit Zweifel und ziehst das Köpfchen zurück? Ich meine es ehrlich und Du bist reich. Ein schönes Mädchen zahlt mit freundlichen Augen besser als mit harten Thalern. Wenn wir uns beide einmal verstehen, sind wir, denke ich, des Handels bald einig.« Sie zog sich verschämt zurück und sagte: »Du bist und bleibst der Aarauer Herr. Gute Nacht!« Mit diesen Worten schlüpfte sie zur Thür hinaus, doch nicht, ohne ihm noch einmal freundlich zugenickt zu haben. Herr Wirri blieb lange auf einer Stelle stehen, die Augen zur geschlossenen Thür hingewandt. Die niedliche Gestalt, ihre leichten Bewegungen, die große Rührigkeit ihres Körpers, ihres Köpfchens, die raschen Übergänge ihres Mienenspiels vom Ernst zur kindlichen Fröhlichkeit, ihre Gewandtheit beim Auf- und Abtragen der Speisen, . . . alles das schwebte anhaltend vor seinen Augen und er mußte sich bekennen, Änneli könnte wohl das artigste Bräutchen für einen Spielmann werden. 9. Störungen. Aus solchen hochwichtigen Betrachtungen zog ihn das plötzliche Aufspringen der Stubenthür. Es war jedoch nicht Ännelis zartes Köpfchen, welches mit dem taubenartig beweglichen Halse durch die halboffene Pforte sah, sondern ein Riesenhaupt mit grobgeschnittenen Zügen, dessen Nase, Kinn und Backenknochen gewaltig hervorstanden; Bart und Augenbrauen waren buschig, die Augen in Blutringe eingefaßt . . . kurz, Addrichs Kopf. Sein Mund öffnete sich und er stieß mit heiserer Stimme die Worte aus: »Gute Nacht, Meister Wirri! Morgen sprechen wir zusammen.« Das Holoferneshaupt verschwand und die Thür fiel zu. Von außen wurde ein Riegel vorgeschoben und man konnte aus dem Geräusche deutlich erkennen, daß noch ein Hängeschloß vorgelegt wurde. Die Schritte entfernten sich darauf durch den Gang hin. Wirris Schrecken war so gewaltig, daß er weder den empfangenen Wunsch erwidert, noch die Fähigkeit behalten hatte, der Ursache seiner Einsperrung nachzufragen. Das Zufahren der Thür, das Pfeifen des rostigen Riegels, das Klappern des Vorhängschlosses dröhnte ihm in allen Nerven, und verscheuchte die ganze Menge der süßen, wenngleich voreiligen Ehestandsbilder. Er stieß einen tiefen Seufzer aus: »Muß ich also Einer von Denen sein, die man hereinkommen, aber nicht wieder weggehen sieht? Hilf, heiliger Himmel! Gegen diese versteckte Mördergrube war doch Danielas Löwenzwinger eine sehr freundliche Herberge!« Er warf sich, in den Kleidern bleibend, angstvoll auf's Bett, nahm seine Zuflucht bald zum Beten, bald zum Fluchen, ohne weder im einen, noch im andern Beruhigung zu finden. Diese kehrte von sich selbst erst dann, und wenn auch nicht als feste Zuversicht, doch im Wesen tröstender Hoffnung zurück, sobald das erste gewaltige Herzpochen infolge des Schreckens sich gelegt und der ungestüm aufgeregte Blutlauf sich beruhigt hatte. Er glaubte, keine Gefahr für sein Leben befürchten zu müssen, denn wäre dem Addrich an diesem gelegen, so würde er es ihm in der Hammerschmiede, im Walde, oder auf der nächtlichen Wanderschaft ohne Gefahr haben rauben können. So dachte er, und indem er alle Umstände mit wachsender Besonnenheit zusammenstellte, entdeckte er auch bald den wahrscheinlichen Grund, warum man seine werte Person für diese Nacht hinter Schloß und Riegel gelegt habe. Er erinnerte sich, daß Addrichs heuchlerische Arglist ihm das Geständnis vom Briefe des Junkers entlockt hatte, daß Addrich selbst den Inhalt des Briefes und das Vorhaben des kühnen Spielmanns kannte, Epiphania nach Liebegg zu entführen. Was war natürlicher, als den Plan durch nächtliche Verwahrung des Entführers zu vereiteln? »Morgen schickt er mich mit langer Nase wieder heim,« sprach Wirri zu sich selbst, »und giebt mir einen Sack voll Schimpfreden mit auf den Weg.« Er war in der Betrachtung seines Zustandes bis zu diesem Punkte gekommen, als ihm ein mattes Aufflammen der Lampe das Verlöschen ihres Mondscheinlichtes verkündete; er eilte zu spät zum Tische, und befand sich beim ersten Berühren des Dochtes in tiefer Finsternis. Ein neues Grauen befiel ihn, er tappte ängstlich zum Bette zurück, kletterte wie an einem Turme mühsam hinauf, legte sich unentkleidet nieder und schloß die Augen; unstreitig das beste Mittel, die Finsternis nicht mehr zu bemerken. Es mochte schon gegen Morgen sein, als er endlich in einen unruhigen Halbschlaf versank; aus diesem aber wurde er wieder ebenfalls aufgeschreckt, und zwar, wie es ihm vorgekommen war, durch Hundegebell, welches von außerhalb des Hauses hörbar wurde. Er spitzte mit schlagendem Herzen lange das Ohr. Da es jedoch still blieb, legte er das müde Haupt wieder zum Schlummer. Bald aber vernahm er ein sonderbares Geräusch, wie von Menschentritten herrührend, und so nahe, daß er glaubte, man komme zu seinem Bette. Er fuhr mit halbem Leibe in die Höhe; das Herz schlug ihm, als wollte es die Brust sprengen, und er fühlte, wie sich die Haare seines Krauskopfes aufrichteten. Mit Entsetzen bemerkte er eine finstere Gestalt in schwebender Bewegung vor dem Gitterfenster seines Gemaches. Je länger er hinhorchte, desto deutlicher unterschied er die Umrisse eines Mannes, der am Fenster hinaufstieg, mit den Füßen in das Gegitter trat, und endlich in der Höhe verschwand. Wie unangenehm dem vielgequälten Manne die neue Störung auch sein mochte, so gewährte sie ihm doch eine Art Beruhigung, weil er darin keine Gefahr für seine Person sah. »Ist's ein Dieb, dem nach Addrichs Schätzen gelüstet,« dachte er, »so bin ich wohlgeborgen und verwahrt. Es könnte aber auch ein verliebter Nachtvogel sein, der beim herzigen Änneli zur Chilt geht; dann sucht er mich nicht. Ich wäre viel lieber an seiner Stelle. Das junge Blut weiß also auch schon, daß im Dunkeln gut munkeln ist. Wer hätte den ehrlichen, frommen Augen das glauben sollen?« Während dieses kurzen Selbstgesprächs zeigten sich die Beine schon wieder auf den Eisenstäben des Gitters. Die Gestalt stieg nieder und verschwand. Doch gleich nach dem erhob sich ein neues Geräusch. Eine Männerstimme rief: »Stehe, Bösewicht!« Meister Wirri horchte mit gespannter Aufmerksamkeit; er vernahm deutlich das Geklirr aneinander fahrender Degenklingen, dazwischen eine Stimme: »Packan, faß, faß!« rufend, worauf Totenstille folgte. Später vernahm er ein dumpfes, gebrochenes Winseln, welches in einem matten Stöhnen erlosch. Nach diesem blieb alles ruhig. Den Meistersänger überfiel Todesschrecken. Diejenigen, welche draußen handgemein geworden waren, konnten keine Chiltbuben oder Bauernburschen gewesen sein, das verrieten ihre Waffen. Es war bei Addrichs Hause offenbar ein Mord vollbracht worden und von jetzt an kam kein Schlaf mehr in Wirri's Augen. Die Nacht zog sich für ihn in eine unendliche Länge. Seliges Gefühl durchströmte ihn, als endlich die Dämmerung durch's Fenster hereintrat und es im Hause nach und nach lebendig wurde. Nun erst, als wäre er jetzt sicherer, schloß er die Augenlider, um zu versuchen, ob er noch etwas schlafen könne, denn er hatte die ganze schreckliche Nacht den Schlaf entbehrt, aber bald störten ihn wieder Stimmen mehrerer Männer. Aufgeregt und neugierig sprang er vom hohen Bett zum Fenster hinunter. Auf einem freien, schmalen Platze zwischen Haus und Wald zeigten sich drei Männer in lebhaftem Gespräch begriffen, doch redeten sie geheimnisvoll und nur halblaut. Ein vierter war damit beschäftigt, einen Besen auf dem Grase hin- und herzuschwingen, wo man Blut am Boden sah. Zwischen den Bäumen des nahen Waldes erschien noch ein fünfter mit einer Schaufel damit beschäftigt, Erde in eine Gruft zu werfen. Wirri gedachte der Ereignisse, deren Ohrenzeuge er gewesen, und das Bild von draußen erklärte sich ihm von selbst. Wiewohl die eingetretene Morgendämmerung nicht ganz deutlich zu sehen gestattete, erkannte Meister Wirri unter den drei Redenden doch ohne Mühe die riesige Gestalt Addrichs. Der andere war der zum Bauer verwandelte Schwede, genannt Hauptmann Gideon. Er trug die rechte Hand verbunden in einem Tuche, das für den Beobachter am Fenster unter den gegenwärtigen Umständen von Bedeutung werden mußte. Der dritte, ein untersetzter, vierschrötiger, bäuerisch gekleideter Mann, obgleich dem Fenster zunächst, ließ sich am schwersten erkennen, weil er dem Fenster den breiten Rücken zuwandte. Dieser dritte aber erregte Wirri's Neugier am meisten, weil Addrich und selbst der stolze Schwede demselben mit einer gewissen Auszeichnung zu begegnen schienen. Doch weder aus dem runden Filzhute, von dem ein kurzer Federbusch herniederhing, noch aus dem braunen, halbtuchenen, weiten Wamms ohne Ärmel, das bis zur Hüfte reichte, und ein kurzes grauwollenes Ärmel- oder Unterwamms bedeckte, noch aus den weiten, faltenreichen Hosen, die sich beim Knie zuspitzten und dann über den lederfarbenen Wollenstrumpf bis zur Mitte der kurzen, dicken Wade reichten, ließ sich etwas Bestimmtes erraten Erst als Addrich mit der Hand eine zum Fortgehen einladende Bewegung machte und der Fremde sich umwandte, konnte ihn Wirri besser beobachten. Er glaubte dies kräftige, ernsthafte Gesicht mit dem kurzen Spitzbart am Kinn, mit dem steif nach beiden Seiten zugespitzten, katzenartigen Knebelbart über den zusammengebissenen Lippen, die breite, hohe Stirn, die bei den Augenbrauen wulstig über die Nasenwurzel niederhing, schon irgendwo gesehen zu haben. Als der Hinweggehende einen trotzig drohenden Blick gegen das Fenster zu werfen schien, da erkannte Wirri den Mann und prallte einen Schritt zurück. Es war kein anderer als der Feldhauptmann der luzernischen Aufrührer, Christen Schybi von Eschlismatt, den er in Wollhausen gesehen hatte. »Nun weiß ich, was die Glocke geschlagen hat,« brummte der erschrockene Spielmann. »Daß sich Gott erbarme! Wohin der kommt, giebt's ein Unglück! Wenn Junker Mey von Rued es wüßte! Hier wäre ein Vogel auf dem Neste gefangen, woran sich die ganze Eidgenossenschaft erfreuen könnte. Mir gilt's gleich, ich will keinen Spieß für den Krieg kaufen, und gern nichts gesehen haben, wenn sie mich nur lebendig aus ihren Teufelskrallen lassen.« Nach einer guten Viertelstunde klapperte das Schloß, pfiff der Riegel, ging die Thür auf und Addrich trat herein. Hinter demselben standen zwei Bauern, eisenbeschlagene Dornstöcke in den Händen. »Hast Du gut geschlafen, Meister?« fragte Addrich, und ein zweideutiges, schadenfrohes Lächeln zog über die harten Gesichtszüge hin. »Ich kann es nicht rühmen, Addrich,« antwortete Wirri, »denn nun kenne ich Dich. Was habe ich Dir je Leides gethan, daß Du mich gestern getäuscht und diese Nacht gefangen gehalten hast?« »Narr!« antwortete der Alte. »Es ist Dir doch nicht übel ergangen. Trage künftig keine Uriasbriefe und stecke die Nase nicht in fremden Handel. Ich würde Dich laufen lassen, wenn Dein Maul hier im Moos bleiben würde.« »Laß mich in Frieden ziehen, Addrich. Mein eigenes Hemd soll es nicht erfahren, daß ich bei Dir gewesen bin. Durch Schaden wird man klug.« »Wenn Du drei Tage geschwiegen hast, Meister, will ich Dir am vierten glauben und den Weiher über die Eier setzen. Mache Dich jetzt auf, Du hast so weit nicht zur Morgensuppe, meine Leute hier begleiten Dich.« »Wohin?« »Über die Bampf hinab, längs den Seen, gen Hochdorf,« antwortete Addrich, indem er den Spielmann aus dem Gemach und durch mehrere Zimmer wieder zur Hausthür führte. »Im Aargau bist Du keine Stunde sicher. Wer Dich findet und kennt, schlägt Dich wie einen Kain tot. Alles ist wider Bern im Aufstande, der um sich greift wie ein Waldfeuer und wie ein angeschwollener Strom über die alten Ufer bricht. Behüte Dich Gott! Über den bereiften Boden ist frisch wandern. Denke nicht an's Entweichen, oder Schreien: Du rufst Dir auf der Stelle zwei Messer zwischen die Rippen. Fort, Ihr Leute!« Mit diesen Worten schob der Alte den Spielmann aus dem Hause; die Bauern nahmen denselben rechts und links in ihre Mitte und nötigten ihn, das kleine Wiesenthal aufwärts gegen den Bergrücken zu steigen. Addrich sah ihnen nach, bis die Wanderer auf der Höhe seinem Blicke verschwanden. Dann kehrte er ins Haus zurück, blieb eine Zeit lang unschlüssig an der hölzernen Treppe stehen, stieg dann hinauf, und öffnete oben leise die Thür eines Zimmers. 10. Die Gäste. Auf den Zehen, kaum hörbar, flog ihm Änneli entgegen, den Zeigefinger der linken Hand auf den Mund gelegt, die rechte warnend emporgehoben »Leise, leise! Deine Tochter schlummert!« flüsterte sie ihm ins Ohr, und schwebte dabei auf den Fußspitze zur Seite. »Auch Fania, welche die ganze Nacht an Loreli's Bett gewacht hat, ruht seit zwei Stunden erst.« Sie deutete bei den letzten Worten mit den Fingern auf eine Nebenthür des Zimmers. Addrich aber gab dem Mädchen einen flüchtigen Wink. Es verstand ihn wohl und entfernte sich. Dann trat er langsam vor das Bett seines kranken Kindes, so vorsichtig, daß dabei kein Sandkorn unter seinen Sohlen knirschte. Schweigend betrachtete er die Jungfrau. Sie lag mit ihrem blassen Antlitz da, in dessen Marmorzügen noch die Spuren ehemaliger Holdseligkeit zu sehen waren, und mit den über das Bettuch lang ausgestreckten Armen, wie zum Einsargen bereit. Ein paar unter der Haube hervortretende flachgedrückte Haarlocken, schwarzglänzend wie Ebenholz, einst kein geringer Schmuck dieses jungfräulichen Hauptes, vermehrten nur den traurigen Eindruck des Ganzen. Sie ringelten sich an der wachsbleichen Stirn und Wange hin, gleichsam um anzudeuten, daß das Leben des Leichnams erloschen sei. Die Gruft war ohne Bewegung, über die entfärbten Lippen ging kein wahrnehmbarer Atem; die tief eingesunkenen Augen schienen dem Lichte der Welt auf ewig verschlossen zu sein. Addrich starrte mit gefalteten Händen und gebeugtem Haupte lange die schöne Leiche an: dann erhob er leise seufzend die Augen, senkte sie wieder auf die gefühllose Schläferin und sagte kaum hörbar: »O mein Kind, o mein armes Kind! O mein einziges Leben! Warum kann Dich niemand aus der unbarmherzigen Gewalt des Schicksals erretten?« Ein unendlich tiefer Schmerz durchdrang sein Innerstes, daß ihm Brust und Atem zitterten. Er richtete das Antlitz himmelwärts, mit jammernder, stummflehender Geberde, und die krampfhaft zusammengeschlossenen Hände inbrünstig an sein Herz drückend. Thränen an Thränen entströmten seinen Augen. Ein leises, schnelles Schluchzen blieb die einzige Sprache seiner Seele. Als sich die Heftigkeit des Schmerzes gelöst oder erschöpft zu haben schien, bebten noch seine Lippen im Gespräche mit dem unerforschlichen Lenker der Verhängnisse. Die kräftige, hohe Greisengestalt Addrichs glich, wie sie gebeugt dastand, einer ehemals stolzen und unempfindlichen Eiche, die, vom Wetter gebrochen, nun ihr welkes Laub bei jedem Lüftchen erzittern läßt, und die Röte seiner entzündeten Augen schien eine finstere Glut zu sein, aus welcher der Brand hervorzubrechen droht, das Innere zu verzehren. Von Zeit zu Zeit stieß er kurze, unzusammenhängende Worte aus, die den Selbstgesprächen des Wahnsinns ähnlich klangen, im Grunde aber nur hervortretende Punkte waren, an welchen man die Verbindung seiner Gedanken und seines Schmerzes erkannte, wie man den Zug weit entfernter Gebirge aus einzelnen Gipfeln erkennt. »O Du süßer Raub des Todes,« sagte er, »mußtest Du dazu von Deiner Mutter geboren werden? . . . Ich erkenne Dich wohl, mit Entsetzen, Du herzloses Ungeheuer, das seine eigenen Eingeweide verschlingt und wieder erzeugt, um neuen Fraß zu haben. . . . Es kann aber nicht sein. Ist das ein totes Uhrwerk, das von sich nichts begreift und weiß, so ist die wildeste Bestie mehr wert als die Welt, und der Mensch ist der Gott . . . Ach, Du arme, schöne Alpenrose, die ungekannt und ungeliebt in der großen Einöde vergeht, warum mußtest Du blühen? . . . Gütig, sagt man, gerecht auch! Ich möchte es ja gern glauben, aber diese blasse Leiche sagt: Nein! . . . Es ist nichts Entsetzlicheres vorhanden, als das Gefühl neben einem bewußtlosen Felsen, als das Leben bei der stummen Vernichtung. Die Liebe ist das, was im Reiche der Dinge einzig ohne Zusammenhang mit der Welt steht. Sonst paßt das alles zusammen . . . O Du frommes, heiliges Kind, warum wurde Dir das süße Dasein zu kosten gegeben, wenn es Dir mit Schmerzen wieder entrissen sein muß? Was hast Du verbrochen, daß sich die Natur das Verbrechen erlauben darf, Dich zu zerstören? . . . Frevel, Frevel! Weiche von mir, Satan! . . . Es kann nicht aufhören. Es kann nicht! Die Welt hat das Bewußtsein ihrer Ewigkeit in sich . . . Scheidest Du von mir, so eile ich Dir nach, Engel! Wir trennen uns nicht!« Hier verstummte er im abermaligen Schluchzen, kniete mit leisem Wimmern so lange nieder, bis ihm die Thränen versiegten. Dann stand er auf, warf noch einen kläglichen Blick gen Himmel und sagte: »Dein Wille geschehe!« Er trocknete seine Augen, legte eine Flaumfeder auf die Oberlippe der Schlummernden, sah mit schmerzlichem Vergnügen die Spuren des Lebens noch im Wehen des Flaumes, beugte sich über das Bett, küßte sanft das Gewand der Tochter, und ging mit leisem Schritte aus dem Gemache hinweg. »Bis Fania erwacht, verlaß Leonoren nicht!« sagte er zum Änneli, welches ihm auf der Treppe entgegenschwebte. »Ich begebe mich zu den Gästen, und werde meine Tochter heute wenig sehen. Bringe ihr meinen Morgengruß.« Nach diesem eilte er mit großen Schritten am Herde vorüber, durch zwei aneinanderhängende Stuben, hinab in ein letztes, inneres Zimmer. Hier saßen die Leute, welche Meister Wirri vorher gesehen hatte. Gideon und Schybi von Eschlismatt neben einem alten, doch rüstigen Manne, dem das silberweiße Haar des Bartes und Hauptes ein recht ehrwürdiges Ansehen verlieh. Sie waren in lebhaftem Gespräche. »Auf Ehre!« rief Gideon. »Nicht zwanzig Dublonen wären mir zu viel, wenn ich erfahren könnte, was seine Absicht gewesen wäre. Er führte die Klinge meisterlich, und trieb mich gleich beim ersten Angriff zur Verteidigung; doch indem er dabei langsam hinter sich zurückschritt, um seinen wohlberechneten Rückzug ins Gebüsch zu nehmen.« Christian Schybi schüttelte bedenklich den Kopf und sprach: »Ich sage es noch einmal, wie abgelegen Addrichs Haus und wie geheim unsere Zusammenkunft gehalten ist, Eure Herren von Bern spüren Unrat. Er ist einer ihrer Laurer gewesen. Hättest Du ihm den Schädel gespalten! Du warst ihm zu spät auf den Fersen.« »Es währte kein Vaterunser lang,« antwortete Gideon, »sobald Addrichs Hund anschlug, war ich aus dem Bette, auf den Beinen, in den Kleidern und mit blankem Degen zum Zimmer hinaus. Die arme Bestie thut mir leid; sie wurde in dem Augenblicke geopfert, als ich sie anhetzte und der verdächtige Bursch in Wald und Nebel entsprang.« »Und Du setztest ihm nicht nach, Gideon Renold?« fragte der Alte im weißen Haar. »Es herrschte eine solche Dunkelheit,« antwortete Gideon, »daß ich die Gestalt des Menschen nur gleichsam wie einen Schatten im Nebel sah. Ich verfolgte allerdings lange Zeit das Geräusch, welches durch die Zweige entstand, die sich dem Flüchtlinge entgegenstellten, doch mochte ich ohne die Unterstützung des erstochenen Hundes beim Nachsehen durchaus nichts unternehmen.« »Lasset es dabei bewenden, liebe Nachbarn und Freunde,« fiel Addrich den Redenden ins Wort. »Wir haben heute noch größere Sachen zu überlegen, als umher zu raten, wer die tapfere Faust des Gideon gezeichnet und meinen alten Packan getötet habe? Heute oder morgen rücken die Städte mit ihrer Macht in den Aargau ein; dann gilts Entschlossenheit, wenn Ihr nicht übermorgen gefangen und gehangen sein wollt. Ulli Schad, Du hast den Aufbruch der Mannschaft von Basel selbst, mit eigenen Augen gesehen?« Der Alte im weißen Haar antwortete: »Würde ichs sagen, wenn es anders wäre? Ich machte mich auf den Weg von Waldenburg nach Basel. Vorgestern sind vierhundert Mann in der Stadt angeworbenes Volk und die Ausschüsse von der Landschaft mit klingendem Spiele aus den Thoren gezogen. Hauptmann Ludwig Krug und Hauptmann Paul Bekel ritten gar stolz vor dem Zuge her, mit ellenhohen Federbüschen auf ihren Helmdeckeln, so daß sie sich – wahrhaftig! – unter der St. Albanpforte bücken mußten. Voran marschiertem hundert Mann von Mühlhausen, die auch nicht danach aussahen, als wollten sie Euch die Krautstöcke zerhacken. Man erzählte, daß zu gleicher Zeit, von Zürich her, fünfzehnhundert Mann ins Berner Gebiet einrücken würden.« »Mich dünkt, Gideon, der Leuenberg läßt uns im Stich,« sagte Addrich darauf zu dem schwedischen Hauptmann, »oder es hat ihn unterwegs ein Unfall betroffen. Nach Deiner Angabe wollte er schon gestern Nacht bei uns sein.« Gideon Renold erwiderte: »Leuenberg hält Wort, obwohl er durch wichtige Beschäftigungen zurückgehalten worden sein kann. Allstündlich langen Abgesandte aus den Gemeinden und Ämtern des gesamten Kantons bei ihm an, so daß er links und rechts Bescheid erteilen muß. Es ist bei ihm wie im Hauptquartier des obersten Befehlshabers vor der Schlacht, wenn derselbe nach allen Punkten Befehle verschickt. Lasset uns mittlerweile unsere Beratung eröffnen; er wird sich Euren Beschlüssen gewiß nicht widersetzen,« »Hole ihn der Henker!« rief Schybi. »Ich hatte daheim, bei meinen Leuten, alle Hände voll zu schaffen, und rannte dennoch hierher. Nun läßt er uns stecken, Wir Entlebucher und übrigen vom Luzerner Gebiet mögen den Anfang Eures Lärmens ruhig erwarten. Wir haben unser Schäflein vor der Hand ins Trockene gebracht, wenn ihm das Fell auch noch tropfet, haben den Vergleich und Schieds- oder Schandspruch angenommen; entrichten durchs ganze Land vom Saum nur zehn Luzerner Schilling Ohmgeld, und erfreuen uns noch vieler anderer Vorteile. Keinen Kreuzer zollen wir zu den Unkosten, welche die Stadt gehabt hat. Im Notfall können wir uns zufrieden erklären; wollet Ihr andern aber zum Teufel fahren, meinethalben; wir Luzerner sind dabei nicht verpflichtet, für Euch den Fuhrlohn zu bezahlen.« »Ich will hoffen, Du sprichst nicht im Ernst,« fiel ihm Renold in die Rede, »Schybi, Du magst wissen, daß Niklaus Leuenberg ein Eidgenoß ist, so ehrbar, wie irgend einer. Bei allen Unternehmungen leuchtet er mit Wahrheit, Treue und Glauben allen andern vor und ist von mannhafter Gesinnung und standhafter Seele. Hätte er nicht das weite Oberland bis an die Walliser Schneeberge zu Eurem Vorteil in Harnisch gebracht, so wäre zweifelsohne Euer Ruin schon längst vollendet gewesen; und statt des Schiedsspruches der katholischen Orte, der Euch Pardon gewährt, hätte der Scharfrichter von Luzern Eure und anderer Patrioten Köpfe vom Rumpfe getrennt.« »Überhebe Dich nicht, Hauptmann Renold, Du wirst davon kreuzlahm,« antwortete der Entlebucher. »Unsere zehn Ämter hatten die Fahnen erhoben und den Bund zu Wollhausen beschworen, ohne vom Leuenberg und den Bernern zu wissen, und ohne sie haben wir mit der Regierung Frieden geschlossen. Der Leuenberg ist mir übrigens ganz recht, wenn er nicht links sein will, und er wird vollauf Gelegenheit haben, zu zeigen, ob er mehr versteht, als den Karren bergab zu schieben.« Hier fiel ihm Addrich ins Wort, als er sah, daß sich Gideon die Stirn rieb und heftig zu werden schien. »Ihr Männer,« sagte er, »wenn ich nicht irre, seid Ihr alle in dies sonst unbesuchte Thal gekommen, nicht um Euch zu entzweien, sondern um Euch für die gemeine Wohlfahrt des unterdrückten Landes zu vereinigen. Meines Erachtens aber fanget Ihr mit dem Wörteln und Zanken am unrechten Orte an, und zäumet das Roß beim Schwanze auf. Seid Ihr aber nicht Willens, alles einträchtig mit einander zu heben und zu legen, so stehet von Eurem Vorhaben lieber sogleich ab, denn es soll nicht um taube Nüsse, sondern um Köpfe gespielt werden, unter denen auch die Eurigen sind. Steht nicht das Landvolk aus den gesamten Kantonen Mann für Mann zusammen wider die Gewalt der Städte, so geht alles verloren.« »Gut gesprochen, Addrich!« sagte Gideon. »Ein Schlag aller Orten zugleich geführt, bricht das Joch und entwaffnet die Städte! Wir müssen uns darauf gefaßt halten, daß es rauhe Stöße absetze, denn eher wird der Bär sein Fell, als das Patriziat seine Ehr- und Herrschsucht fahren lassen. Aber siehe da . . . ich glaube, der Leuenberg kommt in Begleitung eines andern.« Addrich ging den Neuankommenden vor das Haus entgegen und führte sie hinein. Alle Anwesenden standen grüßend von ihren Sitzen auf, boten den Fremden die Hand und betrachteten besonders den Leuenberg, der, schon damals ein vielbesprochener Mann, mit Gideon sogleich ein Gespräch anknüpfte. Es lag in seiner kräftigen Gestalt und Haltung etwas Gebieterisches und ein Ausdruck von Ernst, Festigkeit und Klugheit in seinem Gesichte, das sich durch ein Paar große, helle Augen unter schöngewölbten Augenbrauen, und eine starke, römisch-gebogene Nase auszeichnete. Er schien ein Mann in den Fünfzigen zu sein und einigen Wert auf sein Äußeres zu legen. Das schwarze Haupthaar und den Knebelbart trug er kurz geschoren, am Kinn nur ein Zwicklein. Ein schmaler, schneeweißer Halskragen lag über das feintuchene, schwarze Oberwamms, dessen Öffnungen an den Achseln, wo die Ärmel des Leibröckchens begannen, mit Samtstreifen und Fransen besetzt waren. Eine dichte Reihe gesponnener Knöpfe verzierte den Vorderteil des Wammses. »Liebwerte Herren und Freunde,« sagte Leuenberg, »erlaubet, daß ich Euch meinen Reisegefährten vorstelle. Es ist Herr Adam Zeltner, Untervogt von Buchsiten, ein treuer und eifriger Bundesgenosse, der uns das ganze Solothurner Gebiet zuführt. Ich hoffe, Ihr werdet ihm Euer Vertrauen nicht versagen.« Die Anwesenden boten dem Untervogt, der vielen Anstand in seinem Wesen zeigte, noch einmal und freundlicher die Hand zum Willkommen. »Nun aber,« fuhr Leuenburg fort, »stellt uns auch die Eurigen vor. Den tapfern Schybi von Eschlismatt und meinen Landsmann Gideon Renold kenne ich gar wohl, aber nennet mir den Namen dieses wackern Schweizermannes, den sein weißes Haar zum Oberälteren unter uns macht.« »Das ist Ulli Schad von Waldenburg im Baseler Gebiet,« sagte Gideon, »ein wegen seiner Klugheit und Erfahrung in dortiger Gegend wohl bekannter Mann.« »Ei, ei!« rief Leuenberg und schüttelte dabei des Greises Hand. »Vater Ulli, so lasset uns hören, wie die Dinge bei Euch stehen? Ich vernehme mit Leidwesen, daß Oberst Zörnli von Basel im Anzuge gegen Aargau sei und viel von Eurem Landvolke mit sich führe.« »Das mag sein,« antwortete Ulli, »aber verlasse Dich darauf, Herr Leuenberg, unsere Leute schießen im Berner Gebiete keinen Spatz tot. Keiner der Unsrigen will gegen seine Landsleute fechten, welche die gleiche Not von dem Drucke ihrer Obrigkeit leiden, wie wir. Bratteln, Muttenz und wenige andere Ortschaften der Vogtei Münchenstein, ganz in der Nähe der Stadt, halten mit ihr. Die übrigen Ämter aber sind drauf und dran, das Rauhe auswärts zu kehren und den Stadtbügern den Meister zu zeigen. Bürgermeister Rudolf Wettstein und Zunftmeister Jakob Hummel kamen zwar den Tag vor meiner Abreise nach Liestal, um die Sache auszugleichen, mußten aber unverrichteter Dinge wieder abziehen.« »Das heiße ich eine goldene Botschaft!« rief Leuenberg. »Ich wollte, Addrich, Du könntest mir vom Aargau nicht Geringeres melden, denn der Feind ist auf allen Seiten im Anzuge.« »Sorge nicht, Klaus,« entgegnete ihm Addrich. »Der Landsturm der ganzen Grafschaft rüstet sich, ebenso jenseits der Aar in den Ämtern Biberstein und Schenkenberg. Noch ist zwar alles so still in den Dörfern, wie unter der Predigt; die Waffen sind jedoch geschliffen. Die erste Trommel, die im Lande gerührt wird, bringt die Sturmglocke vom gesamten Aargau zum Heulen, wie ein übeltönendes Horn die Hunde.« »Wohlan, liebwerte Bundesgenossen,« sagte Leuenberg, »so lasset uns ungesäumt zur Besprechung schreiten, um deretwillen wir hier zusammengetroffen sind, und mit Hand und Mund beteuern, das zu halten, worüber wir einig werden, denn nicht umsonst wird in bildlichen Darstellungen die Zeit mit geschwungenen Flügeln dargestellt, und schwerlich sehen wir uns so bald wieder, wenn wir einmal nach allen Weltgegenden voneinander geschieden sind. Du, Addrich, hast Du für unsere Sicherheit bei Dir Sorgfalt getragen?« »Leuenberg,« rief Gideon, »solche Frage geziemt Dir nicht, wo Du weißt, daß ein Soldat hier wohnt. Ich selbst habe ringsum treue Wachen ausgestellt, die alles Verdächtige genau beobachten: denn der Landvogt von Lenzburg würde nicht faul sein, wenn er wüßte, welches Nest hier auszunehmen wäre. »Habet keinen Kummer,« sagte Addrich. »Sogar Junker Mey von Rued besorgt von hier aus nichts Arges. Er schickte gestern einen Boten, jedoch nicht um zu horchen, sondern um meine Nichte wegzulocken.« Gideon konnte bei diesen Worten eine große Bestürzung nicht verbergen. Er sah mit einem fragenden, flammenden Blicke auf Addrich. Dieser aber fuhr gelassen fort: »Also nur Weibergeschichten! Es war eine gute Haut, ein Aarauer Spielmann, der mir Beichte saß, weil er mich nicht kannte. Wir haben ihn aus Vorsicht in's Luzerner Gebiet geschickt, da mag er von uns erzählen.« Schybi lachte und sagte: »Auch glaube ich, die Weibel und Knechte des Landvogts wagen sich nicht in dies Thal herauf, denn sie fürchten die Nachbarschaft des Addrich, wie des Satans Zwillingsbruder.« »Das ist wahr,« rief der Untervogt von Buchsiten, »hätte mir Leuenberg nicht berichtet, welch ein Biedermann Du wärest, Addrich, ich hätte mich nicht zu Dir getraut, so Arges reden die Leute. Woher das Geschwätz? Vielleicht, weil Du so furchtbar drein schauest?« Addrich erwiderte etwas verdrossen: »Hast Du bei Dir zu Hause keine Esel? Als ich noch ein mäßiges Vermögen besaß, hieß ich Strolch und Straßenräuber. Als ich einige Thaler erworben hatte, hieß ich Schatzgräber. Weil ich meinem Verstande folge und nicht mit Narren in das gleiche Horn stoße, bin ich im Bunde mit der Hölle, und weil ich des Pfarrers Deutschlatein auf der Kanzel nicht anhören will, macht er mich zum Gottesläugner und alle Sonntage zu etwas anderem. Wen Neid und Bosheit einmal mit Ruß geschwärzt haben, den waschen alle Tugenden nicht wieder weiß. Vieltausendmal habe ich den Tag verwünscht, an dem ich das Simmenthal verließ und mich hier, bei dem dummen und dummtückischen Geschmeiß, ansässig machte.« »Bei dem allen, Addrich, gehorchen sie Dir, als wärst Du ihr Vogt,« sagte Schybi. »Weil sie keinen Gott, sondern nur den Teufel fürchten,« versetzte Addrich. »Die Heiden sind nicht heidnischer gewesen, als dies menschliche Vieh. Schon mehr als einer ist in großer Heimlichkeit zu mir geschlichen, und hat mich um Gottes willen gebeten, ihn in Verbindung mit dem Teufel zu bringen. Sie wollen ihm Leib und Leben eigenhändig mit Blut verschreiben, wenn er ihnen hinlängliches Wohlleben, oder auch nur einen Heckthaler in den Sack schafft. Wenn sie schon während der Sonntagspredigt schlafen, weil sie sich an den Psalmen müde schrieen, preist der Pfarrer doch ihre Christlichkeit: denn so oft sie ihre Säue schlachten, füllen sie ihm die Rauchkammer mit Würsten und Schinken . . . Aber, Ihr Herren, Euch erwartet hier zunächst im Zimmer die Morgensuppe. Noch seid Ihr nüchtern. Erweiset mir die Ehre und setzt Euch hinzu. Nachher schreiten wir frischer zu Rat und That.« Damit unterbrach er das Gespräch. Nach einigen höflichen Weigerungen und Entschuldigungen folgten ihm die Gäste und nahmen ihre Plätze um die dampfende Schüssel ein. 11. Die Brautwerbung. Das ländliche Frühmahl, bei welchem, neben geräucherten Rinderzungen und Wildpretschnitten, die begeisternde Flüssigkeit nicht fehlte, die der Schweizer Bauer schon damals aus den schwarzen Bergkirschen zu ziehen wußte, verbreitete die beste Laune über die Gäste. Ihre Scherze und Blicke verfolgten dabei Änneli's flüchtige Gestalt, die zur Bedienung erschienen war. Nur Gideon Renold blieb, wider seine Gewohnheit, einsilbig und ohne Eßlust, und ehe noch das Mahl zur Hälfte beendet war, zog er den düstern Addrich auf die Seite und verließ darauf mit ihm die Stube. Als beide vor das Haus uns in den Wald getreten waren, fragte Addrich: »Warum führst Du mich hierher? Was hast Du Geheimes?« »Geheimes? Nichts! Du weißt alles, was in und an mir ist, sonst könntest Du mich nicht, wie den Tanzbären, an der Kette schleppen,« antwortete Gideon und heftete die schwarzen, flammenden Augen auf das Gesicht des Alten. »Du aber, Addrich, behältst beständig Deine Maske vor und handelst ohne Aufrichtigkeit. Warum verschwiegst Du mir die wahre Absicht des Junkers Mey auf Deine Nichte? Zu sich locken wollte er sie also? Und das sagst Du erst, nachdem Du seinen Kundschafter fortgeschickt hast? Addrich, ohne Arglist und Betrug, rede! Wie stehen wir mit einander? Unter gegenwärtigen Umständen verlange ich klaren Wein von Dir. Sagst Du mir nicht die Hand der unvergleichlichen Epiphania zu, so . . .« »Fahre fort!« rief Addrich. »So . . . Ich habe dann andere Majestäten gesehen!« »Deine Zunge schlägt falsche Münze. Rein heraus mit der Sprache!« »So fahre alles in den höllischen Abgrund!« »Das also war's, Gideon? Schäme Dich! Du bist und bleibst doch ein gemeiner Lohnsoldat, der nur um blanken Sold dient, aber Vaterland, Ehre und alles bessere nebenbei mit in den Kauf nimmt, um daraus eine Schabracke für das schmutzige Roß seiner Selbstsucht zu machen. Also für des Mädchens Hand nur willst Du der guten Sache Deinen Arm vermieten?« »Der guten Sache! Beurteile selbst, Addrich, daß Dein Ehrgeiz und der Deiner Genossen nicht meine gute Sache sein kann. Epiphania ist für mich Leben, Welt, Himmel, alles, und allein für alles setze ich alles aufs Spiel. Ich glaube auch, ein Beweggrund, wie der meinige, sei in den Augen urteilfähiger Personen mehr wert, als Deine und Deiner Kumpane Sucht, Euch bäuerische Gnaden, Ratsherren und Schultheißen titulieren zu lassen.« »O Du elender Jungfernknecht, meinst Du, mich steche der Haber des ehrgeizigen Übermuts? Meinst Du, Leuenberg und Schybi, ich, oder ein anderer habe eine ganze Nation aus den hundertjährigen Wurzeln der Gewohnheit reißen können, um sie zum Schemel unseres eigenen Hochmuts zu machen? Ja, der Aufstand ist da; weißt Du, wer ihn angestiftet hat? Die Urheber und ersten Rädelsführer desselben sitzen in den Ratsstuben der Städte. Ihre blinde und hartherzige Ungerechtigkeit hat die Trommel des Aufruhrs gerührt und das zahme Roß scheu und wild gemacht. Wilhelm Tell ist erst durch den Landvogt Geßler zum Tell geworden. Weißt Du das nicht? Der faulende Mist treibt die schönsten Blumen und die süßesten Früchte aus der Erde und nur die stolze Tyrannei treibt die edle Freiheit aus ihrem Grabe heraus ins Leben.« »Redensarten! Redensarten! Die kenne ich und weiß sie gehörigen Ortes anzuwenden. Du und Deine Genossen haben das Roß scheu gemacht; nun aber wollet Ihr es auffangen und Euch, statt der alten Herren, in den Sattel schwingen. Ganz recht, Addrich. Ich will Dir in den Steigbügel helfen, wenn Du meine Bedingungen annimmst.« »Gehe, Lohnknecht, ich begehre nichts von Dir und nichts von der ganzen Welt. Ich wollte lieber, die Welt wäre nie dagewesen, so ständen wir nicht hier und Du quältest mich nicht mit Deiner Narrheit.« »Addrich, Du, ein Mann von Erfahrung und Einsicht, der in Ost- und West-Indien umhergefahren ist, solltest nicht so verkehrte Dinge reden. Ich will Dein Glück begründen, und fordere für mich dagegen Epiphania. Was liegt darin Thörichtes und Unanständiges? Gieb mir das schönste auf Erden, und ich kehre Bern dafür um, daß es die Türme seines Großmünsters in die Aar und dessen Fundament gen Himmel strecken muß.« »O Du Auerhahn, den die Balzzeit blind macht! Hier zu Lande wagt der schlechteste Tölpel Ehre, Leben und Gut für etwas besseres als Du.« »Das wäre wunderbar genug! Aber wenn ich Dir glauben soll, so nenne mir, was schöner, besser, köstlicher sein könnte als der Besitz der göttlichen Epiphania?« »Es ist das, was der Mensch wie seinen Erbfeind verfolgt und was ein Gott im Himmel nicht reif werden läßt. Es ist die Tugend, die mit Spott und Schanden betteln muß; die Freiheit, welcher man Kerker baut; die Wahrheit, der man Scheiterhaufen anzündet, und das wehrlose Recht, das man mit Tortur, Rad und Galgen stumm macht. Gideon, ich weiß wahrhaftig nicht, wozu die Welt da ist, wenn in ihr nichts besseres vorhanden ist, als sie selbst; oder wenn mein Wille das heiligste darin wäre. Aber möge jenseits des Lebens etwas anderes zu erwarten, oder mit dem letzten Pulsschlag alles zu Ende sein: ich will hochstehen, höher als Schöpfung und blindes Schicksal. So bin ich, wo nichts höheres ist, der Gott, und heiliger als alles Dasein.« »Mit Gunst!« rief Renold, und starrte dem Alten erschrocken und forschend ins finstre Gesicht. »Ich verstehe Dein Kauderwelsch nicht. Spricht der Kirschgeist oder noch ein böserer aus Dir? Das klang mir halb wie Tollheit, halb wie Gotteslästerung. Bist Du verdrießlich, Vater Addrich, so fluche lieber ein paar Millionen Teufel zusammen. Das ist Deiner Seele gesunder, als solche Lästerung. Zwei Kannen Branntwein lassen sich eher ohne Nachteil nehmen, als ein einziges Tröpfchen Gift. Die Krankheit Deiner Tochter macht Dir freilich schweres Herzeleid, doch verzweifle nicht.« »O nein, was sagst Du? Das alte Herz ist bald verblutet. Ich habe die Welt aufgegeben, darum will ich frei handeln. Ich bin nur noch ein Gespenst; Gespenster freuen sich nicht mehr an vergoldeten Nußschalen und fürchten nicht mehr die Weibel, Henker, Scharfrichter und übrigen Vogelscheuchen der Obrigkeit,« »Mit Gunst, Addrich, Du hast Deine schwarze Stunde. Ich vermag nicht länger mit Dir allein zu reden. Laß uns ins Haus zurückgehen. Befiehl Epiphania, die Laute zu schlagen, damit sie den bösen Geist Sauls vertreibe, wie weiland David mit der Harfe.« »Wie Du es versteht, armer Tropf! . . . Nie war der Geist heiliger in mir, als in diesem Augenblicke. Doch genug davon. Ich irrte mich und mag keine Perlen vor die Säue werfen. Was wolltest Du von mir?« »Hast Du es vergessen? Die Hand Deiner schönen Nichte. Sie ist die Bedingung, unter welcher ich Dir das Hazardspiel ausspielen helfe. Du wirst mich in diesen Wirren gebrauchen können. Es sind unter den aufständischen Landleuten wenig gediente Soldaten und Männer von Fach. Die Herren Berner hatten jederzeit die Vorsicht, bei den Milizen ihre Offizierstellen nur Söhnen der Stadtpatrizier zu übertragen, damit die Mannschaft ohne Führer niemals etwas für sich selbst leisten könne. Also, Addrich, laß mich Deinen Entschluß vernehmen. Jetzt ist der Zeitpunkt, in welchem Du über mich entscheidest. Widersetzest Du Dich meiner Leidenschaft, so fahre wohl. Wenn es Schlappen setzt, so bin ich nicht verpflichtet, die Scharten auszuwetzen.« »Gideon, thue was Du willst. Es ist Dir bekannt, daß ich nicht wider Dich bin. Nimm meinethalben Epiphania zum Weibe, wenn sie Dir nicht einen Korb giebt. Sie ist Herrin über ihren Leib, und du wirst nicht begehren, daß ich sie Dir bei den Haaren zuschleppe.« »Die Hand darauf, Vater Addrich! Ich verlange in diesem Geschäft nichts als Deine Neutralität; nicht einmal Deine Mitwirkung ist zum Abschluß nötig. Ich halte die schöne Festung schon lange eng eingeschlossen, und sie ist zur Übergabe nicht abgeneigt. Doch forderte sie bisher immer Deine Zustimmung, als zum Abschluß unseres Vorhabens unentbehrlich.« »Bist Du des Mädchenherzens schon so sicher, Gideon? Hüte Dich! Du solltest die Weiber kennen.« »Nun ich im Besitze Deines Wortes bin, guter Addrich, nun Du mein Oheim sein willst, soll Deine Nichte mein Weib werden. Sie leistet keinen Widerstand. Ich weiß es, Epiphania liebt mich; ich habe ihr das Geständnis schon siegreich von den errötenden Wangen geküßt.« »Bist Du wirklich soweit mit ihr gekommen? Sie schien Dich immer zu meiden und flieht, wo sie Dich erblickt.« »Ein fliehender Feind ist nicht gefährlich, Addrich. Ich kenne die Frauen.« »Jetzt aber ist's für Dich nicht an der Zeit zu Liebeshändeln. Du scheinst zu vergessen, daß vielleicht heute noch der Landsturm aufbricht. Stelle das Getändel auf die Seite, Schwert und Speer her! Epiphanias Brautgemach wird sich Dir nicht eher öffnen, als bis unsere Fahnen siegreich den Stalden von Bern hinabziehen und durchs gesprengte Thor dort hinein flattern.« »Vater Addrich, das ist des Soldaten Freude und ein lustiges Vorspiel zur Hochzeit. Ich denke, Bern soll uns preisgegeben werden, und ich will mir so viele Schlägel und Fässer mit köstlichem Rheinfall und Malvasier aus der Champagne heimschleppen. daß ich noch zur silbernen und goldenen Hochzeit meine Gäste damit erfreuen kann.« »Ich wollte, Du brächest dort einen Keller auf, der einen viel edleren Schatz verwahrt, als Rheinfall und Malvasier. Wenn schon der brave Fabian von den Almen Dein Nebenbuhler war, verdient er doch unser Mitleid. Den ganzen Winter durch im Kerker zu sitzen und aus welchem Grunde? Weil er einem stolzen Grobian von Landvogt nicht zum Schand- und Sündendeckel dienen wollte und ihm ein paar Maulschellen versetzte.« »Du hältst den Fabian noch immer für einen heiligen Engel, wiewohl er ein loser Geselle ist, der allen Schürzen nachlief. Ich rede nicht gegen ihn, weil er seine Netze nach meiner schönen Braut ausgeworfen hatte. Solch einen Stocknarren von Rival fürchtet unsereiner nicht, Ich habe andere Majestäten gesehen. Dieser Prahlhans hat sein Schicksal wohl verdient. Es hieß, man werde ihn auf die Galeeren schicken. Das Weib hatte in den Wehen den Ärzten ausgesagt, er sei der Mann, der ihr den Jungfernkranz vor der Zeit abgenommen habe; vergiß das nicht, Addrich, vergiß das nicht! Und der unverschämte Bursche wollte darauf das Kind dem Landvogte aufhängen« »Sprich, wie Du willst, Gideon! Ich verbürge mit meinem grauen Kopfe, Fabian von den Almen ist unschuldig. Er war allezeit ein gutes, ehrliches Kind, aufrichtig, wahrheitliebend, mäßig und züchtig, jedoch auffahrend, wie Schießpulver, wenn ihm ein Naseweis mit der Lunte zu nahe kam . . . Hast Du mir nichts weiter zu sagen, Gideon?« »Unser Vertrag ist abgeschlossen; ich bin vollständig zufrieden und weigere mich nicht, nun zu allen Deinen Unternehmungen die Hand zu bieten.« »So laß uns zu den Gästen zurückkehren; wir müssen mit den Minuten haushalten,« sagte Addrich, wandte sich rasch und ging mit großen Schritten aus dem Walde zum Hause zurück, während Renold langsamer zu folgen schien. 12. Das Angebinde. »Addrich, sieh! Sieh, Addrich!« rief dem Alten ein junges Mädchen zu, welches ihm, wie die Göttin der Freude, über die Schwelle der Hausthür entgegenflog, die edeln Mienen im Entzücken verklärt, die Arme halb erhoben und ausgebreitet, in der Rechten ein krystallhelles blitzendes Trinkglas, in der Linken einen Blumenstrauß haltend. »Guten Morgen, Faneli!« erwiderte der Alte freundlich. »O Dein Wunsch kommt zu spät, Addrich!« rief die Vergnügte. »Der Morgen ist schon gut und schön, mehr als einer, und der allerschönste, seit ich atme. Habe ich's nicht vorhergesagt? Es ist der achtzehnte März, eine wunderheilige Zahl; denke, in der 18 liegen sechsmal 3! Und heute ist mein Geburtstag, Addrich, ich trete in mein achtzehntes, und dreimal drei ist doppelt in diese 18 gelegt, ja doppelt! Ach, für ihn auch eine heilige Neun! Siehst Du, was ich trage?« »Ein Angebinde,« sagte Addrich lächelnd. »Aber jauchze nicht zu laut, er ist in der Nähe; die Jungfrau soll nicht verraten . . .« »In der Nähe!« rief Epiphania, sprang zum Brunnen, legte Glas und Blumen daneben, kehrte ebenso schnell zum Alten zurück und sagte mit zitternder, leiser Stimme: »Wo denn, Addrich, wo ist er? Warum darf er sich nicht zeigen? Ist er dem ungerechten Gefängnis entronnen, ein Flüchtling? Rede doch!« »Ich meine den Hauptmann Renold. Er ist nicht weit von uns im Walde,« erwiderte Addrich. »Nein, nein, nein!« sagte Epiphania mit Heftigkeit und Zuversichtlichkeit, doch leise, indem sie beide Hände auf Addrichs Arm drückte. »Mein armer Bruder lebt in der Nähe. Er ist frei! Er und kein anderer hat diese Blumen des Nachts vor mein Fenster gestellt. Kein anderer als er kannte diesen Tag. Weißt Du, Addrich, einst schickte er mir sogar von der Wittenberger Hochschule aus Deutschland schöne gedörrte Blüten und Blätter auf Papier gezogen,« »Glaubst Du im Ernst, Fania, Fabian sei es gewesen, der diese Nacht . . .« Addrich, sichtbar betroffen, unterbrach sich bei diesen Worten selbst. Er dachte an Gideons Abenteuer und Verwundung durch den Unbekannten und an den Tod des wachsamen Hundes. »Warum zweifelst Du? Der gute Faby war es; es sagen Dir das alle seine treuen, unschuldigen Zeugen hier, die mich beim Erwachen vom Fenster aus grüßten.« Sie sprang wieder zum Brunnen, nahm die Blumen und hielt sie dem Alten, der wenig auf ihr begeistertes Plaudern zu achten schien, zum Anschauen hin. »Und wo ist er?« fragte der Alte. »Er käme mir heute gerade sehr gelegen. Doch Dich haben wahrscheinlich wieder lebhafte Träume geneckt, und den Verstand für einen Tag aus den Fugen gebracht. Der Bursche würde nicht scheu mein Haus umgehen, wenn er dem Gefängnisse entsprungen wäre, denn hier, weiß er, hat das Gebiet von Bern aufhört; hier weiß er Zuflucht und mich und Dich zu finden. Und hätten ihn seine Ritter, der Unschuld wegen, auf freien Fuß gestellt, warum würde er nachts mit den Wölfen und Dieben wandern und den Blick des Tages scheuen? Oder hast Du seine Gestalt gesehen, seine Stimme gehört?« Sie schüttelte den Kopf und hielt die Blumen empor, indem sie sagte: »Er ist dennoch frei, die kleinen Wonneboten beteuern es mir.« »Kind,« sprach der Alte mit einer gewissen Dringlichkeit, »wäre er's, mich würde es mehr freuen als Dich selbst. Wenn Du seinen Aufenthalt weißt, wenn Du ihn heute oder morgen irgendwo erblickst, sage ihm, er solle zu mir eilen; ich trüge für ihn das Schwert der Rache. Sage ihm, hörst Du, er solle nicht säumen. Es gehen wichtige Dinge vor.« »Oheim,« seufzte Epiphania leise, und die Heiterkeit ihres Antlitzes wich einem plötzlichen Ernste, »Oheim, laß Dich warnen, Du gehst auf bösen Wegen. Leonore sang, als sie in der Nacht erwachte.« »Und was sang sie?« »Wunderbares und Schauderhaftes, ich kann's nicht wieder sagen, Addrich . . . von Blut und Thränen viel, von Angstschweiß und von Flammen. Addrich, ich sah im Vorbeigehen unten die fremden Gesichter. Du bist in übler Gesellschaft. Es sind Gesichter, in denen jeder Zug einen Mord oder Betrug andeutet. Sie machten mir Furcht, als ich sie sah, als sie bei meinem Erscheinen plötzlich stumm wurden und sich untereinander verlegen anschauten. Auf ihren Lippen schien noch der Schluß eines Todesurteils zu liegen, das sie nicht vollendet hatten.« Addrich verzog das Gesicht zu einem widerlichen, finstern Lächeln und sagte: »Weiberpossen! Ich habe jetzt keine Zeit, sie anzuhören. Wenn die Gäste fort sind, werde ich mit Dir reden. Vermutlich entferne ich mich auf einige Tage mit Renold. Es könnte sich im Lande allerlei ereignen. In dem Falle sollst Du noch Aufträge für Leonoren und das Haus erhalten. Ihr habt hier nichts zu befürchten.« »O ich weiß!« sagte Epiphania. »Man spricht vom Kriege, man spricht vom Landsturm gegen Bern. Addrich, bedenke wohl, was Du thust! Als im letzten Christmonate der Komet seine blasse Zornrute am Himmel hinstreckte, warnte er die Welt. Späte Gewitter und ein Erdbeben gingen ihm voran. Glaube es doch, Addrich, die Natur ist Gotteswerk, und ein heiliges Wesen ist in ihr lebendig. Die Erde schaudert und der Himmel entsetzt sich, wenn das Maß menschlicher Bosheit voll wird und sie die ewige Gerechtigkeit herausfordert.« »Gehe, Kind, gehe zu Leonoren!« erwiderte Addrich freundlich. »Gehe, laß Dir bei der Kranken kein Wort von jenen Dingen entschlüpfen, die Du nicht begreifst und kennst. Vertraue mir. Es steht mit uns nicht übel und Du nährst eitle Besorgnisse. Fürchte nichts. Vertraue mir, ich sah die Welt länger als Du und habe große Erfahrungen.« »Nein, Addrich, Deiner Erfahrung vertraue ich nicht. Vertraue Du selbst der Stärke solchen Schilfrohrs nicht, wenn Du über den Sumpf böser Anschläge schleichst. Du sinkst unter, Addrich! Es wohnt im Menschen ein Sinn verborgen, der mehr sieht, als die einäugige Erfahrung, und höher steht, als die Klugheit aller Greise.« »Gehe zu Leonoren!« antwortete Addrich mit Sanftmut, und verließ sie, ins Haus zurückeilend. Epiphania seufzte; mit diesem Seufzer aber schien sie auch allen Kummer um Gegenwart und Zukunft weggehaucht zu haben. Ihre Augen wandten sich wieder zu den Blumen in ihrer Hand, und schienen denselben zärtliche Dinge zu sagen. Sie trat abermals zum Brunnen, schwenkte hier in der herabsprudelnden Flut das Glas, bewegte es hin und her, bis kein Tropfen mehr daran hängen blieb, füllte es dann mit hellem Wasser, und setzte, sie sinnig ordnend, eine Blume nach der andern in den flüssigen Krystall. Bei dieser Beschäftigung erblickte sie Renold, als er aus den Gebüsche hervorschritt, und er blieb stehen, um seine Augen an der Schönheit dieser Gestalt zu weiden. Ein sanftes Rot überfloß Epiphanias Gesicht, als sie den Hauptmann erblickte. Sie schlug die Augen nieder und wandte den Kopf zur andern Seite. Er aber näherte sich ihr mit zierlichen Worten und Grüßen, die sie mit kaum hörbarem Dank erwiderte. »Fania,« sagte er, »ich habe mit Addrich gesprochen. Gönne mir einen Augenblick Gehör im Zimmer, Ich habe Dir vieles zu sagen. Wisse, Du holdselige Madonna, meine Seligkeit liegt von nun an in Deiner schönen Hand allein; alle anderen Hindernisse sind beseitigt.« »Ich verstehe Dich nicht, Renold,« antwortete sie halblaut. »Auch habe ich nicht Zeit, Deine Erklärungen anzuhören.« »Erlaube, daß ich Dir in Dein Gemach folge. Mein Anliegen ist dringender als Du glauben magst, Du spröde, dornenreiche Rose. Lächle mich an, höre mich!« »Ich will, ich soll nicht hören. Gehe zu den Fremden!« »Deine Hand zittert, Fania. Laß mich das Blumenglas tragen.« Mit diesen Worten nahm er ihr keck das Glas ab und wanderte dem Hause zu, am Herde vorüber, die Stiege hinauf. Bebend, mit zur Erde gesenktem Blicke und schweigend folgte ihm Addrichs Nichte, als würde sie durch den Zauber des Kleinodes, das er hoch vor sich her in seiner Rechte trug, unwillkürlich nachgezogen. Ohne links oder rechts zu blicken, leisen Trittes, mit ängstlichem Ausdruck in den Geberden, wie wenn sie fürchtete, von fremden Augen auf dem Gange zur Sünde gesehen zu werden, folgte sie ihm. 13. Der Zauber. »Nun leihe mir Deine Aufmerksamkeit nur auf wenige Minuten, göttliche Epiphania,« sagte er, sobald er in das helle, einfache Gemach der Jungfrau eingetreten war und das Glas auf ein Tischchen gestellt hatte, welches von einem aufgeschlagenem großen Buche, einer Hauspostille, fast ganz bedeckt wurde. »Mäßige Deine Stimme und störe den Schlummer der Kranken im Nebenzimmer nicht,« sagte sie. Dann trat sie ihm mit zürnendem, stolzem Blicke einen Schritt näher und sprach: »Gideon, was giebt Dir die Berechtigung, eine freundliche Nachsicht in solchem Grade zu mißbrauchen? Wer hat Dir Recht und Gewalt über mich verliehen?« »Beging ich ein Verbrechen, holdselige Epiphania, daß ich Dich zwang, mich wider Deinen Willen anzuhören, so klage Dich selbst und die Allmacht Deiner Schönheit an. Was ich bin und sein werde, bin ich durch Dich allein; der größten Tugenden und der größten Verbrechen bin ich fähig, nur durch Dich. Wozu mich die Göttin Suadela kaum selbst bereden könnte, dazu verführt mich der leiseste Wink Deiner Augen.« »Wenn Du Wahrheit redest, Gideon, würdest Du meinen Unwillen verstehen und dieses Zimmer und mich verlassen.« »Ich werde Dir Gehorsam leisten, aber wisse, Epiphania, Du sendest Deinen getreuesten Freund in den Tod. Solche grausame Behandlung habe ich keineswegs verdient. Der Ausbruch des Krieges ist vor der Thür; ich verlasse heute schon wieder dieses Haus, das durch Dich mein Tempel, mein Allerheiligstes geworden ist; morgen vielleicht stehe oder falle ich schon auf dem Schlachtfelde. Gieb mir nur den Trost eines Deiner holdseligen Blicke. Ehemals bist Du gütiger gegen mich verfahren. Du selbst hast den Funken, der in mir brannte, zur Flamme der Hoffnung gemacht, daß ich Dich als Gemahlin heimführen würde.« »Du sprichst Unwahrheit, Gideon,« sagte Epiphania, aber mit weicherem Tone und einem Blicke, der ihm nicht mehr zürnte. »Noch vor drei Wochen, Fania, beim Abschiede, kanntest Du keine andere Schwierigkeit, als daß Addrich, Dein Oheim, sich weigern werde. Nun hat er mir noch vor wenigen Augenblicken feierlich seine Einwilligung gegeben. Hast Du mich nie lieb gehabt? Hast Du mich nur anlocken wollen, um mich zu verstoßen? Hätte ich mich so arg in Dir betrogen? Was sagst Du?« Er sprach die letzten Worte fast zitternd und mit einem Tone seiner schönen Stimme, der sich, flehend, wie er klang, in ihr Herz einschmeicheln zu wollen schien. Sogar eine Thräne funkelte ihm in den Augen, deren Blick an ihren Mienen hing, als suche er darin Leben oder Tod. Epiphania schwieg niederschauend, aber in einer innern Bewegung, die sie nicht verhehlen konnte. »Was sagst Du?« wiederholte er seine Frage, ergriff ihre Hand und führte sie mit Ehrerbietung sind Inbrunst an seine Lippen. Die Jungfrau errötete tief, schlug furchtsam die Augen zu ihm auf, aber, als könne sie den durchdringenden, flammenden Blick der seinigen nicht ertragen, wandte sie plötzlich das Gesicht von ihm ab und rief: »Gideon, laß mich gehen! Gideon, es kann nicht sein!« Er hielt jedoch die genommene Hand fest in der seinigen und sagte. »Solch einer abschlägigen Antwort von Dir war ich nicht gewärtig. Was denn, Fania, was hat denn diese Veränderung zuwege gebracht? Genoß ich nicht immer Dein ganzes Zutrauen? Warum entziehst Du mir eine Gunst, die mich zum glückseligsten aller Sterblichen machte? . . . Fania?« rief er flehend und zog sie mit sanfter Macht an sich. Sie widerstrebte und betrachtete ihn eine Weile mit einer wunderbaren Unruhe, in der sie noch liebenswürdiger erschien. Die seltsamste Mischung einander widersprechender Gefühle drückte sich in ihrem Angesichte aus. Zärtlichkeit und mißtrauische Scheu, Glauben und Bangigkeit, Hingebung und Widerwillen sprachen zugleich aus ihren blauen Augen. Ihre hochgehende Brust, ihr fliegender Atem, ihre erglühenden Wangen offenbarten verräterisch einen Kampf, den sie im Innersten kämpfte, und welchen er, wie vielleicht mancher andere in seiner Stelle ebenfalls gethan haben würde, zu seinem Vorteile deutete. »Willst Du mich in den Tod jagen, Fania?« sagte er. »Siehe, Fania, Himmel und Erde umfassen nichts, was ich mit solcher Liebe und Hingebung anbete, wie Dich. Stoße mich nicht von Dir, denn Du stoßest mich aus der Welt und aus dem Leben. Willst Du meine Mörderin sein?« »Gideon, könnte ich das wollen!« stammelte sie. »Du jedoch wirst mein Mörder, wenn Du mich nicht von Dir lässest. Ich wollte, Du hättest mich nie gesehen, denn Du willst mich in den höllischen Abgrund reißen.« »Fania,« rief er, »womit habe ich diesen schrecklichen Vorwurf verschuldet? Sieh mich an, Fania, ich bin Gideon, der jeden Augenblick zehntausend Tode für Dein Wohl sterben würde. Du sollst meine Gemahlin, Königin meines Lebens sein; ich will Dein Leibeigener bleiben für und für. Sprich, Abgott meiner Gedanken, welcher Verleumder hat mich verlästert? – Durch meine Rechtfertigung werde ich alsdann reiner vor Dir erscheinen, als das Licht des Himmels.« »Es hat Dich niemand verleumdet,« antwortete sie sanft, und ihr Blick überflog schüchtern die Gestalt des schönen Mannes, der in Trauer demütig vor ihr stand. »Und was hast Du gegen mich?« fuhr er fort. »Fania, von dieser Stunde hängt mein und Dein Schicksal ab. Ich erwarte, auf Leben und Tod gefaßt, Deinen Bescheid. Es gab eine Zeit. da glaubte ich Dir nicht gleichartig zu sein. Ich empfing von Dir freundliche Winke der Augen, Fania, ich hätte sie nicht gegen die Ewigkeit eines Seraphs vertauscht. Läugne nicht, Du hast mich geliebt; läugne nicht, ich bin Dir noch wert. Warum quälst Du Dich und mich?« Indem er dies sagte, legte er seinen Arm um sie und zog sie an seine Brust. Sie zitterte, sträubte sich und sagte: »Gideon, lässest Du nicht ab von mir, so kann ich zur Selbstmörderin werden. Ich hasse Dich, weil ich weiß, daß ich in Deiner Macht bin. Dein Atem vergiftet und berauscht mich; Dein Berühren betäubt meine Sinne und jagt alles Blut in den Adern stürmisch durcheinander. – Du Bösewicht, glaube nicht, daß diese Verwirrung meiner Sinne Liebe sei; mein Herz verabscheut Dich, und meine Lippen würden Dich im Kuß verfluchen, wenn Du sie je zwängest, Dich zu küssen. Du bist die Schlange des Paradieses, schön und verführerisch; selbst das Gebet kann Dich nicht bannen. Ich weiß nicht mehr, was ich rede; aber ich beschwöre Dich, glaube meiner Zunge nicht, wenn sie zärtliche Worte spricht. Sie ist ein treuloses Werkzeug, das mir nicht gehorcht, sondern Deiner Gewalt. Ich gebiete ihr, Schmähungen auszustoßen, und sie will Dir mit süßen Namen schmeicheln.« »Du liebst mich, Fania?« rief der Hauptmann entzückt. »Gideon, wie die Taube den Drachen liebt, dem sie mit ängstlichem Flügelschlage entgegenflattern muß, weil sein tötlicher Blick sie bannt und hinzieht. Mit Schaudern bekenne ich Deinen Sieg. – Gideon, schöner, lieber Gideon, gieb mich mir wieder. Fliehe! Meine Vernunft, meine Ruhe verlange ich wieder. Darum gehe, Lieber, nun gehe, nur einen Augenblick gehe von mir, daß ich mich sammle,« Sie hatte ihr Haupt an seine Brust gelehnt und sprach, was sie sagte, leise, in gewaltsamer Anstrengung, mit weichem Schmeichelton. Gideon drückte seine Lippen auf ihr gescheiteltes Goldhaar und sagte. »Dich verlassen? Lieber möchte ich von den himmlischen Pforte scheiden und den Schwefelpfuhl der Verdammten aufsuchen. Wie kannst Du mich hassen und lieben zugleich, Du überfrommer Engel? Sage es mir noch einmal, Du seiest in meiner Gewalt; löse alle Widersprüche; bekenne, was Dein jungfräulicher Eigensinn läugnen will: daß Du die Meine sein wollest.« »O sage nichts, nichts! O was würde ich sagen müssen,« seufzte sie. »Ich bin wahnsinnig; ich weiß nicht, wie mir ist; ich verwünsche Dich und Deine Höllenmacht. Fliehe!« Sie machte einen schwachen Versuch, sich von ihm loszuwinden, und lehnte sich doch wieder sanft und zitternd an ihn. »Willst Du Dich befreien, so gieb zum Lösegelde Herz und Hand,« flüsterte er ihr zu. »Gieb, gieb!« »Gideon,« antwortete sie bebend, »mißbrauche meine Verwirrung nicht, Unmensch, denn ich würde jeden Eid brechen, den ich Dir schwöre, und darum doch nicht meineidig sein. Ich sterbe, ich vergehe in einem bösen Feuer an Deiner Brust. Ich verabscheue mich, und kann mich nicht ermannen. Ich fühle die Hölle des Entzückens, und mag ihr doch nicht entkommen. O Du bist nicht ehrlich mit mir zu Werke gegangen; Du bist liebenswürdig genug, warum denn hast Du mirs noch angethan durch verbotene Künste?« »Fania, Du redest lästerlich und gottlos,« sagte Gideon. »Ich bin ein ehrlicher Mann und in reinster Zuneigung Dir zugethan. Ich rufe den Himmel zum Zeugen!« »Ja, Du hast mich mit einem Liebestranke vergiftet, Gideon . . . verzeihe Dirs Gott! Und wenn Dich meine Arme fester umschlängen als Ketten, mein Herz stieße Dich Dennoch zurück. Du bist ein anderer als andere Menschen. Ich fühle mich an Dich gebannt; sobald ich in Deine Nähe trete, wird mein Inneres dunkel, wie verschlungen von einem Nebel, wie verzehrt von einer Glut, von einer . . . o ich muß schweigen, ich vergesse Pflicht und Würde. Selbst das Gebet rettet mich nicht.« »Verkenne Dein Herz nicht, holdselige Fania. Du liebst mich, das ist die süße, die allgewaltige Macht einer Leidenschaft und keine nekromantische Kunst.« »Rede nicht, Gideon, o nichts mehr! Du könntest mich auch zum Altar schleppen: aber ich würde Dich doppelt verabscheuen. Du würdest Dein Opfer nur vollenden: ich würde zur Leiche. Meine Schmach bringt Dir keinen Ruhm; nicht Deine Tugend oder Deine äußere Schönheit, nein, Dein Liebestrank hat mich bis zum Wahnsinn vergiftet.« »Nun, beim Himmel!« rief Gideon. »Hier erlischt das Licht meines eigenen Verstandes. Was redest Du von einem Tranke? Ich will eher glauben, ein neidischer Belialsbruder habe sympathetische Mittel an Dir versucht, um mir einen schlechten Dienst zu erweisen und Dein liebes Herz von mir abwendig zu machen; denn so feindlich bist Du doch sonst nicht gesinnt gewesen. Wenn Du mich auch zuweilen mit Deiner spröden Laune zurückwiesest, dennoch kam es nie zum völligen Bruche. Du liebst mich. Beruhige Dich, mein einziges und schönstes Leben.« »So entlaß mich aus Deinem Arme, so fliehe dies Haus, dies Thal; so meide mein Angesicht ewig; so erscheine mir auch sündlicherweise nicht mehr in Träumen, die Du durch gottlose Kunst hervorbringst. Du willst mich zum Kinde der Verdammnis machen, ich weiß es wohl. Gott wird es verhüten. Mein guter Engel hat mich nur auf eine kleine Weile verlassen . . . Du bist mein böser!« Indem sie dies sagte, riß sie sich mit dem Aufwande aller ihrer Kräfte los und trat von ihm zurück. Ihr Busen war in stürmischer Bewegung, ihre Wangen glühten hochrot; ihre Blicke aber hingen mit dem Ausdruck der zärtlichsten Leidenschaft und zugleich des tiefsten Mißtrauens unverwandt an ihm. »Ich Dein böser Engel?« sagte er lächelnd. »Ei, Du abergläubisches, närrisches Kind, und wer ist Dein guter, wenn ich's nicht bin?« »O, Du nicht, Gideon, Du nicht! Du bist der Versucher, und jeder Gedanke an Dich wird eine Sünde. Verstelle Dich ja nicht; Du weißt es wohl, Dein Blick, Deine Stimme, Dein Atem, Dein Berühren verwandelt mich, macht mich zur Leibeigenen Deiner Gedanken. Weiche von mir, dann gehöre ich mir und Gott wieder an.« »Fast möchtest Du mich überreden, Fania, es sei Zauber zwischen uns, Du liebst und hassest im gleichen Augenblicke. Wie ist dies möglich? Du liebst und quälst Dich vergebens mit leeren Einbildungen. Meine Abwesenheit verändert nichts, denn Deine Gedanken werden mich doch nicht verlassen.« »Nein, Gideon, glaube mir, so oft Du noch von mir geschieden bist, ist auch das Fieber gewichen, Du warst vergessen, als hätte Dich Gott noch nicht erschaffen gehabt. Wenn ich Deinen Namen dann hörte, war es nichts mehr, als ob man in fremder Sprache redete. Nur Scham oder Reue hätte mich noch martern können, wenn ich nicht gewußt, Du habest mir's durch gottlose Kunst angethan.« »Ich beteure beim Himmel und bei allem, was darin Heiliges ist, meine Unschuld,« rief Gideon tief gekränkt, und schloß Epiphanien wieder in seinen Arm. »Ich lasse aber mein Leben eher fahren als Dich, o höchstes und köstlichstes Juwel! Wundersames Kind, warum erschrickst Du vor Cupidos Pfeil und dem Erwachen Deines eigenen Herzens? Ich vermute, Du erschrickst jeden Morgen auch bescheiden vor dem Spiegel, wenn Du Dich darin allezeit reizender und bewunderungswürdiger erblickst. Fürchte Dich doch nicht vor Dir selbst. Du gestehst auf eine gar erfreuliche Weise, daß Dir noch kein Mann teuer gewesen ist.« »O, Du Bösewicht, freilich!« seufzte sie, verbarg ihr Gesicht an seiner Brust und legte ihren Arm um seinen Nacken. »Mein Bruder Fabian allein ist meine Seligkeit, Du bist meine Hölle.« »Fabian!« rief er und drängte Epiphanien von sich. »Nenne den Namen des Berner Verurteilten nicht wieder. Er muß Dich ja blutrot machen, Dir ist sein wüstes Leben, das ihn auf die Galeere brachte, nicht unbekannt. Wie mag ein ehrbares Mädchen den Vagabunden noch Bruder nennen, der keinen Ehe- und Ehrenstand respektiert! Nenne den Namen nicht, ich könnte Dich seinetwegen hassen,« »Hasse mich, hasse mich!« rief sie hastig. »Wie? Wäre das endlich der Name, das heiligste Wort, wodurch ich Deine Zauberwerke und meine Schande lösen könnte? Nun, so will ich Dir nichts mehr als Diesen Namen in's Ohr schreien. Fabian ist frei! Höre es, er ist unschuldig! Fabian blieb der frömmste Jüngling. Wenn Fabian vor mir steht, lächelt ein Engel, und mein Gemüt lebt in unaussprechlicher Himmelsruhe. Nur wenn Fabian fehlt, leide ich Pein und Sehnsucht.« »So muß ich Mitleid mit Dir haben, Du wirst an solcher Sehnsucht sterben, dieweil er Dir sobald nicht wieder erscheint. Man sagte, er sei aus Gnade zu den Galeeren verurteilt; er hatte den Strick verdient.« »Fabian ist frei, Gideon. Fabian ist nicht fern von uns, glaube es! Siehe diese Blumen, Fabian brachte sie in vergangener Nacht.« Gideon erschrak und starrte Epiphanien schweigend an. Dann strich er mit der einen Hand langsam die schwarzen Locken von seiner Stirn, während sich die andere Hand krampfhaft ballte. Seine Stirn zog sich in dicken, finstern Falten über die Augen nieder, aus denen Blitze schossen, Unnatürliche Röte brannte auf seinen Wangen. Mit Wohlgefallen und Schaudern betrachtete Epiphania die vom Zorn verwandelte schöne Gestalt des jungen Mannes. »Wenn Du nicht lügst, Epiphania,« sagte er mit gedämpfter Stimme, »so retten alle Heerscharen und Mächte der Erde und des Himmels den Höllischen nicht aus dem Rachen des Verderbens. Tod und Hölle! Bei Dir gewesen diese Nacht? Bei Dir? Du rühmst Dich dessen?« »Sieh, Gideon, sieh Fabians Wahrzeichen, wie schön sie noch im Glase blühen, rein und anmutsvoll, wie seine lautere Seele. So brachte er sie mir immer, schon da wir noch als Kinder im Thale an der Lenk spielten. Er nahm nicht die Blume, die zunächst blühte; immer stahl er sie unter Lebensgefahr für mich irgend einem unzugänglichen Orte ab, wo die Natur sie nur für sich und die Geister des Gebirges gepflanzt hatte. Wenn wir hoch bis zum Himmel in die Alpen des Rawyl hinaufstiegen, kletterte er noch bis zu den blaugrünen Schrunden des Rätzligletschers. Am Oswaldtage, wenn sich das Volk auf den Berghöhen freute, stieg er, gewandter als das Gemstier, an schwindlicht hohen Felswänden zu den grünen Vorsprüngen der Grindeln, um mir Alpennelken, braune Muttern, süße Reifern, Grasengel, Goldkraut, oder auch nur die kleinen Enzianen mit dem brennenden Blau zu holen, die doch weit näher und gefahrloser zu finden waren.« »Höre auf!« sagte Gideon mit verbissenem Grimm. »Vermutlich brachte er Dir auch diese Nacht den Strauß nicht ohne Leibes- und Lebensgefahr. Also dem übelberüchtigten Gesellen opferst Du Gideons Liebe und Treue? Nun denn, willkommen Rebellion und Bürgerkrieg! Lasset alle Furien los und machet die Manneskraft frei, daß jeder im rechten Werte erscheine. Ich habe andere Majestäten gesehen! Er ist verloren. Du bleibst die Meine; Dich hat mir Addrich gegeben; Du bist der Preis, um den ich ins Feld gehe. Ich mache Dich allen Teufeln streitig.« »Sage: allen Engeln des Himmels,« lispelte halblaut Epiphania, die aber doch in einer Anwandlung von Furcht gegen die Thür zurückwich. Er ging ihr nach und sprach mit bitterstolzem Lächeln: »Engeln? O ja, gefallenen! Du bist das mir zugefallene ewige Eigentum. Wehe dem, der Dich anrührt! Er wahre sich! Ich habe mich selbst durch Dein thörichtes Geschwätz wiedergefunden, und der Fund ist etwas wert. Ade, mein Schatz! Bereite Dir Deinen Brautschmuck. Lacht mir das Glück, erbeute ich mir ein Schloß zu Bern. Ade!« Er schlug seinen Arm um sie und drückte einen Kuß auf ihre Wangen, während sie erschrocken das Antlitz abwandte. »Weiche von mir,« rief sie, »oder mein Geschrei ruft Addrich und das ganze Haus zum Schutz gegen Deine Frechheit herbei.« »Närrin, meinst Du, Dein Geschrei und Toben schrecke mich? Ich glaube, Du zitterst? Pfui, das ziemt dem Soldatenweibe schlecht, Fania, Du mußt mir im Pulverdampf und Kugelregen gegenüber stehen und dabei Scherz treiben.« Sie riß sich mit Unwillen von ihm und sagte: »Frecher Gesell, wie darfst Du mich mit That und Wort mißhandeln?« Gideon erwiderte lachend: »Schönstes Kind, ein Kuß ist für Jungfrauen kein schlechter Lohn, aber anbeten kann ich Dich nicht mehr, noch galante Bücklinge vor Dir machen, wie Du dessen von mir gewöhnt warest; denn jener Galeeren-Kandidat hat Deinen Glanz verwischt. Du bist von der Höhe zu mir niedergestiegen, jedoch noch ein schönes Mädchen geblieben; wohl beachtet! . . . nichts mehr, als ein Mädchen, wie alle. Indessen hoffe ich, daß, wenn Du mein Weib geworden, ich nicht Dein Kukuk oder Hans mit dem spitzigen Hut sein und heißen soll.« Epiphania wendete sich schaudernd von ihm ab und sagte: »Nun sehe ich deutlich, wie der böse Geist die Krallen aus Dir vorstreckt und hinter Deiner Larve grinset. Das Blendwerk ist zerflossen. Schmähe nur den guten Jüngling Fabian; Du kannst ihn so wenig, als die Hölle den Himmel rühmen. Ich bin nicht seine Braut, noch minder die Deine; eher werde ich die des Todes sein!« »Hm!« versetzte er hämisch. »Alle Bräute sprechen diese Sprache. Man tadelt die Ware, die man zu haben wünscht. Du wirst ein anderes Liedchen singen, wenn Du Frau Hauptmännin heißest und mit mir in eine Residenz von Deutschland oder in ein Schloß ziehest. Da wird gespielt, getändelt, getanzt und fein gespeist; da giebt es lustige Treib- und Hetzjagden für uns Edelleute, Prachtzimmer mit Uhren, Gemälden und gestickten Polstern; Lustgärten, Feuerwerke, allerlei Kurzweil, Saus und Braus alle Tage vollauf.« »O,« rief Epiphania, »welcher höllische Dunst konnte mir so grausam Vernunft und Augen trüben! Du bist nicht nur ein ganz gemeiner, roher Landsknecht, übermütig, verschwenderisch, unbarmherzig, gottlos . . . Du bist noch höchst ekelhaft dazu.« »Mit Gunst, Fania,« entgegnete Gideon, »keife mit mir, wie's Dir gefällt; aber sprich mit Ehrerbietung vom Soldatenstand. Wer für Vaterland und Kirche, für Haus und Hof anderer sein Blut hinzugeben allezeit bereit ist, steht so hoch über dem Schellenwerker als der Adler über dem stinkenden Mistkäfer, und ist von Mit- und Nachwelt geachtet, wenn er gleich nicht unseres Herrgotts Gaukelsack sein mag. Im übrigen, Kind, unsere Sache ist ein für allemal abgethan. Basta! Ich werde mein Recht an Dir schon handhaben. Ade, mein Schatz, auf Wiedersehen!« »Nimm meinen Abscheu mit Dir,« rief sie ihm nach, als er die Thür öffnete. Er wandte sich zurück und versetzte: »Komplimente mache ich Dir nicht mehr, Du hast Dich derselben unwert gezeigt; hast mit meiner Abgötterei Hohn und Verrat getrieben und sie einem entsprungenen Schellenwerker zum Spott aufgetischt. Daß er aber zur Hölle fahre, dafür lasse mich sorgen. Kann ich ihn lebendig fangen, so will ich ihm mit allerlei Qualen auf gut Schwedisch zusprechen; er soll braunschweigische Stiefel anlegen, dänische Kappe, spanischen Mantel tragen, bis er Kyrie eleison anstimmt. Ade, Schatz, gedenke mein! Auf Wiedersehen!« Damit schloß er die Thür und ging in heftiger Bewegung, die er kaum zu bewältigen vermochte, hinab. Als er in das Gemach trat, wo Addrich und seine Gäste saßen, stellte er sich zum wärmenden Ofen, und hörte dem Gespräch der Redenden, anfangs mit geringer Aufmerksamkeit, zu. 14. Der Rat der Verschworenen. »Keineswegs, Ihr Herren,« fuhr der Untervogt von Buchsiten fort, der eben das Wort führte und sich durch die Ankunft des Hauptmanns nicht unterbrechen ließ, »Kapitulationen und Verträge mit den Städten sind eitel Tinte auf Papier. Wir auf dem Lande bleiben nur so lange furchtbar, als wir einträchtig zusammen in Waffen stehen. Sie werden freilich im ersten Schrecken alles bewilligen, hier Ohmgeld und Zölle herabsetzen, dort das Land dem freien Handel offen lassen, anderswo den Lohn der Schuldenboten, die Hoffart der Landvögte beschränken, oder die abgeschafften Gerechtsame des Volkes und der Landschaften herstellen. Aber auf wie lange? Ist die Gefahr vorbei, ist die Achtung für uns dahin. Dann hat ihre Arglist leichtes Spiel, uns zu trennen: dort mit Verheißungen, hier mit Drohworten. Sie geben dem einen ein Geldstück, dem andern ein Ämtchen, stellen diesen in Schatten, streicheln den andern mit dem Fuchsschwanze. Wir haben leider der Leute genug, die den Mantel nach dem Winde hängen. Dann wird binnen wenigen Jahren wieder alles auf dem vorigen Fuße stehen; niemand mehr von Kapitulationen und Vertrag etwas wissen wollen. Wer dann noch rechtschaffen denken und daran erinnern will, wird Rebell heißen und ihm legt man, zur Belehrung der Übrigen, den Kopf vor die Füße. Vater Ulli Schad von Waldenburg hätte wohl recht, wenn alle so ehrlich dächten, wie er. Aber die Städter haben ein weites Gewissen und halten treulich Wort, so lange man sie am Seil hält. Bei ihnen ist Eidbruch nur ein Kniebruch. Wir haben das Wort für uns und Brief und Spiegel, die Städte aber die Gewalt und die starken Festungsmauern. Ohne genügende Gewährleistung ist eine Kapitulation mit den Städten nicht so viel wert.« Er blies über seine leere Handfläche hin. Alle bejahten und stimmten ihm beifallgebend zu. »Beim Sanniklaus!« rief Schybi. »Was habe ich denn vorhin anderes begehrt? Warum widersprach mir Ulli Schad? Die beste Gewährleistung, wenn der Hund nicht beißen soll, bleibt: daß man ihm die Zähne ausbricht. Schleift die Wälle und Ringmauern, stürzt die Basteien in die Gräben, daß der Bauer bei Tag und Nacht frei wie die Luft durch die Straßen der Hauptstadt ziehe: so stirbt die Aristokratie darin von selbst. Wer Geßler sein will, gebraucht Zwing-Uri. Keine Burg, kein Tyrann; und wo kein Harnisch, da ist kein Ritter!« »Nicht so hitzig!« unterbrach ihn der Untervogt. »Vater Ulli hatte vorhin nicht ganz ohne gute Gründe gesprochen. Den Städten die Festungswerke schleifen, heißt ihnen die Städte nehmen. Sie würden hundert Jahre lang Krieg führen; es würde Seen Blutes kosten. Zudem, woher beziehen wir Belagerungsgeschütz? Und wenn wir die Mauern der Städte gebrochen hätten, würde es wohl von uns gethan sein? Schybi, Deine Vergleichung ist richtiger, als Du selber willst. Der Hund, dem die Zähne ausgebrochen sind, beißt zwar nicht; es scheuen ihn dann aber auch die Diebe nicht. Wir müssen Festungen behalten, damit ein auswärtiger Feind nicht beim ersten Stoße das ganze Land überschwemme.« Schybi schielte ihn höhnisch von der Seite an und sagte: »Du willst die Pracht des Schweizerlandes mit geschornen Bäumen vermehren und unsere unüberwindlichen Engpässe, Gebirge und Seen mit Maulwurfshaufen befestigen.« »Wir sollten uns,« fuhr Adam Zöllner fort, »unblutige und stärkere Garantie suchen. Die finden wir nirgends sicherer, als in der Gewalt des großmächtigen Königs von Frankreich, unseres Nachbarn. Nimmt er die Vermittlung an, so wird er Gewährleister unserer Rechte und Freiheiten den Städten gegenüber. Was schüttelt Ihr die Köpfe? Ihr Herren, erlaubt mir, hinzuzufügen, der Weg ist schon angebahnt, und zweifelt nicht, daß der König bereit sein werde. Was saget Ihr dazu? So höret denn! Ich habe zum französischen Gesandten, Herrn Jean de la Barde, welcher für den feinsten Politiker der ganzen Christenheit gilt, freien Zutritt. Er ist nicht abgeneigt, sich bei seinem Herrn, dem Könige, sobald wir ihn ansuchen, für uns zu verwenden. Ein Wort, nur ein Wink von Paris, und unsere Patrizier bücken sich bis auf die Erde und werden geschmeidig gegen die Fremden, wie steif sie auch sonst gegen uns andere den Rücken tragen, Da hofft ein jeder, für sich goldene Ketten, Gnadengelder und Ordensbändchen zu erhaschen. Das macht sie kirre!« »Daß doch den Schluckern die Bänder und Ketten zu hänfenen Halsschlingen werden möchten!« unterbrach ihn Christen Schybi ärgerlich. »Wir Landleute sollen und wollen ehrlicher handeln, und nicht, wie Du uns raten willst, fremden Buhlen nachlaufen. Wenn Edelleute einer schönen Bauerntochter, und große Fürsten einer freien Republik den Hof machen, hegen sie beide gleich schlechte Absichten. Meinst Du, man schenke Ketten und Bändchen umsonst? Sie wollen daran unsere Ratsherren schleppen. Alle Gnadengelder, die sie ausgeteilt haben, sind ebenso viele der schweizerischen Unabhängigkeit gegebene Gnadenstöße gewesen. Beim Sannitlaus! Untervogt, wir Eidgenossen wären wert, Disteln zu fressen, wenn wir unser Lamm vom Wolf, wenn wir unsere Freiheit von ausländischen Potentaten bewahren ließen.« Ohne Ausnahme und überlaut äußerten alle ihre Zustimmung zu Schybis Worten. »Mit Gunst, Ihr Herren!« rief nun Gideon Renold. »Ich glaube beinahe, daß es Hans de la Barde, Marquis de Marolles, gelüstet, uns zu schmeicheln; denn seines Königs Ehrgeiz ist es, die Pässe über das Alpengebirge zu besetzen, festen Fuß über dem Rheine zu fassen, und damit Deutschland und Wälschland im Zaume zu halten. Trauet listigen Versprechen nicht! Unsere Thäler würden alsobald von Franzosen wimmeln; ihre angeborene Leichtfertigkeit würde uns ihre Gebräuche, Sitten und Laster einflößen. Wir sollten vielmehr unsere Schanzen wahren und mit den tapferen Deutschen zusammenhalten, auf daß durch französische Einmischung unserem Lande kein Schaden erwachse.« Da fuhr der Untervogt heftig auf und rief: »Gelt, Hauptmann Renold, zuletzt riefest Du die Schweden auch noch. Hole Beelzebub samt seinen Heerscharen herbei. Behüte Gott mit seinen Heiligen die Schweiz vor jenen Beschützern der Freiheit! Wie haben sie es in Deutschland getrieben? Gotteslästerer, Schnapphähne, Straßenräuber, Buschklepper, Strauchdiebe, welche sozusagen im Mutterleibe zu stehlen anfangen . . . das waren sie, aber keine Soldaten! Gottlose Kirchenräuber haben sich unter ihnen gefunden, welche die Monstranzen, Kelche und andere silberne und goldene Gefäße stahlen, um Saufgeschirr daraus zu schmieden. Chorröcke, Kaselen, Meßgewänder, geweihte und Altartücher mußten ihnen Kleider abgeben. Ja, die Heiligen samt dem Wachs ließen sie in Tiegel senken. Die Nonnen haben sie in den Klöstern geschändet und hernach spöttisch vorgegeben, sie hätten sich nur mit unseres Herrgotts Schwestern befreundet. Viele haben die Toten ausgegraben, die Sterbekittel gestohlen und mit den Totenköpfen auf den Kirchhöfen um Geld gekegelt und Ball geschlagen.« Dem Hauptmann Renold fuhr bei dieser Rede das Feuer des Zornes über Wangen und Augen. »Untervogt,« schrie er, »warum siehst Du mich dabei an?« Leuenberg, der bisher immer geschwiegen hatte, unterbrach ihn rasch und rief mit starker Stimme: »Denket ans Sprichwort: Eingenoß baut, Zweigenoß zerstört. Vergönnet, Ihr Herren, daß ich, ohne Euch vorzugreifen, meine Meinung mitteilte, denn die Zeit siegt mit der Schnelligkeit des Blitzes. Gleichwie vor Alters in den Urländern die Telle mit ihrem Blute und mannhaften Sitten gehandelt und keine andere Gewähr ihrer Sache begehren wollten, als Gott, ihr Schwert und ihr Recht, also sollen wir mit Wahrheit, Treue und Glauben bei allen unseren Handlungen sein, und keinem vertrauen als uns selbst, unserm Schwert, unserm Recht und dem Gott unserer Väter. Ein jeglicher Staat, welcher durch fremde Gewährleistung aufrecht erhalten wird, ist nur ein Sterbender, der noch von unsicheren Arzneien lebt. Dieweil wir noch festes, gesundes Gebein haben, warum sollen wir an der Franzosen oder Deutschen hölzernen Krücken hinken? Was Fürsten geben, ist nur auf wucherisches Unterpfand dargeliehen. Wer das Kränzchen der edlen Freiheit nicht aus eigener Kraft im Siege erlangen und sich aufsetzen kann, dem ist sein Besitz vom Himmel nicht bestimmt. Er würde die Kette der Tyrannen küssen, sobald ihm der Tod schmählicher dünkt.« »Das heißt gesprochen wie ein Ehrenmann!« fiel ihm Addrich ins Wort. »Verstehen wir uns jedoch recht,« fuhr Leuenberg fort. »Was begehren wir von den Städten? Neue Freiheiten? Nein! Nur das Recht, was unsern Altvordern zugehörte, was ihnen besiegelt und verbrieft war, und ihnen im Laufe der Zeiten allmählich aus der Hand gespielt worden war. Erkennen wir unsere Obrigkeiten und Regierungen nicht mehr an? Mit nichten! Wir ehren zur Stunde das hochobrigkeitliche Ansehen derselben mit aller Treue in allen ehrlichen Dingen. Warum nennen sie uns Rebellen? Wir sollen, sagen sie, unsere Beschwerden auf gesetzlichem Wege vorbringen. Haben wir denn nicht unterwürfig über die Schmälerung unserer Freiheiten, über die neuen Lasten und Abgaben, über die Hartherzigkeit und Hoffart der Landvögte geklagt? Warum trieben sie unsere Boten mit Schimpf, Schande und harten Drohungen fort? . . . Was bleibt uns also übrig? Das Recht des Landes ist so Recht, wie das Recht der gebietenden Stadt, und der Bauer ist fürwahr in seiner Haut ein Mensch, so gut und so gewiß als der Patrizier in der seinigen. Sind wir Rebellen, treulose, meineidige, verdorbene Leute, wie uns das Manifest von Baden schilt, so sind es die alten Helden für Erhaltung ihres Rechtes in den drei Ländern auch gewesen.« Der Untervogt von Buchsiten unterbrach ihn hier ungeduldig und sagte: »Wozu wiederholst Du das Weltbekannte? Zur Sache, zur Sache geschritten!« »Nun denn, zur Sache!« versetzte gelassen Niklaus Leuenberg. »Der ungerechte Übermut der Städte in der Eidgenossenschaft, welcher sich alles zu wagen erlaubt, hat mit dem Stanzer Ereignis Anno 1481 begonnen. Damals gaben sie sich Hand und Wort, einander wider das Volk in allen Dingen Beistand zu leisten. Von dieser Zeit an konnten die Stadtkälber jedes Recht, das ihrem Eigennutz beliebig war, wie Gras fressen, und sie haben auch den Bund wider eigene Untertanen allezeit treuer, als den Bund gegen auswärtige Feinde gehalten. Damals sprang der Demokrat dem Aristokraten und der Protestant dem Katholiken bei, wenn es der Niedertretung Recht begehrender Landleute galt. Gelt, Schybi, das freie Unterwaldnervolk zeigt jetzt über die Stadtmauern der Herren von Luzern den Entlebuchern schön die Zähne?« Schybi verzog das Gesicht verdrießlich und sagte: »Die von Ury, Schwyz und Unterwalden sind in ihren Ländern nicht demokratischer, als es Zürich, Bern und die anderen Städte hinter ihren Ringmauern sind; aber alle Vettern und Gevattern sind untereinander gegen die Unterthanen.« »Wohlan denn!« rief Leuenberg. »Die Herren schlossen ihren Bund. Wir haben dasselbe Recht zum Bunde für unsere Freiheiten. Lasset uns neben der Eidgenossenschaft der Herren eine Eidgenossenschaft des Volkes gründen. Jede Landschaft der Schweiz soll eingeladen werden, unserm Bunde beizutreten; einer jeden soll dieser Bund die Freiheiten und Gerechtsame gewährleisten, die sie nachweist; keine darf mehr fordern, als von ihrer Herrschaft verbrieft gewesen und gebührlich ist. Keine Landschaft darf fernerhin eigenmächtig mit den Städten unterhandeln. Entlebuch und Emmenthal, Luzerner Volk und Oberland nebst Aargau, Solothurner und Baseler Gebiet treten zuerst in das Volksbündnis ein und beschwören es. Dies muß in Manifesten durch alle Kantone und Vogteien öffentlich bekannt gemacht und den Regierungen in Städten und Ländern ihre unverletzten Rechte vorbehalten werden. Das ist mein Sinn. Was saget Ihr? Addrich, Du hast noch nichts gesprochen,« »Was soll ich über die Thorheiten sprechen?« erwiderte Addrich mit einem Lächeln, worin die Bitterkeit des Mißmuts über seine getäuschten Erwartungen zu sehen war. »Ihr Leute taugt weder zum Kriege, noch zum Frieden, weder zum Gehorchen, noch zum Befehlen. Darum sehe ich den Anfang der Dinge klar voraus und Euch alle der Reihe nach in Armensündergestalt mit verbundenen Augen auf dem Sandhaufen, und Eure Köpfe unter dem Schwerte des Scharfrichters tanzen. Ihr habt den Stein aufgehoben und geschleudert, jetzt, wo er aus der Faust ist, beratet Ihr, wohin er fliegen, wohin er treffen müsse? Geht, geht, Ihr habt das Spiel bei der ersten Karte verloren und ich mit Euch. Ich vermutete bei Eurem Verstande eine richtigere Ansicht.« Hier brach der mürrische Alte barsch ab, stand vom Stuhl auf und warf diesen zur Seite. Die übrigen, in nicht geringer Bestürzung, sprangen zu ihm und beschworen ihn, zu reden. »Eitle Mühe!« rief Addrich. »Wen die Not nicht beten lehrt, der lernte vom Pfarrer nicht. Es ist um unsere Hälse zu thun, um Erhaltung des Leibes, Lebens und Vermögens; Ihr aber kannegießert wie neue Ratsherren im Schöppli-Leist. Das Volk ist im Aufstande, der Felsen rollt bergunter, der Strom schwillt über die Ufer: nun fährt alles aus, soweit es kann und muß. Denkt nicht, daß Ihr wehren und leiten könntet, Ihr müßt vorwärts, so weit Ihr könnt und müßt, nicht so weit Euch's gefällt. Die erschrockenen und ergrimmten Städte machen keinen Friesen. Ihre Hoheit muß obsiegen oder zu Grabe gehen. Es giebt zwischen Tod und Leben keinen Weg. Ihr werdet als neue Telle glänzen oder als elende Rebellen bluten; das bezwungene Volk zahlt dann die Kriegskosten und bekommt einen strafferen Maulkorb.« »Nun denn, Addrich,« riefen alle, »Dein Rat, Dein Rat!« »Mein Rat?« fragte der Alte entgegen. »Lasset die Trommeln rühren, die Fahnen tanzen, gehet, schlaget, sieget oder fallet. Bietet die Angehörigen und Leibeigenen aller Kantone auf. es gilt die Freiheit oder Knechtschaft aller. Sendet Verwirrung aus von einem Ende des Landes zum andern. Je größer der Schrecken und die Lähmung der Städte, desto leichter ihre Niederlage. Nichts bleibe auf der alten Stelle. Pflüget den zum Rasen gewordenen Acker tüchtig, aber erst wenn die Schollen umgekehrt liegen, egget frische Saat ein. Was dann werden kann, wird werden!« »Teufel! Der will unsere Eisberge in den Abgrund der Seeen werfen, und die Alpen mit dem Nagel seines Daumens wie verschrumpftes Papier glätten,« rief Schybi lachend. »Das giebt – beim Sanniklaus – einen Jüngsten Tag.« »Schybi,« sagte Addrich mit düsterm Gesichte, »Du wirst dieser Stunde gedenken, wenn Du das Armensünderglöckchen läuten hörst und sie Dich, Psalmen singend, hinaus zum Hochgericht geleiten.« Der Leuenberg rieb sich die Stirn und sagte: »Addrich, bei meinem Leben, Du hast nicht übel gesprochen. Wie aber soll es enden, wenn wir über alles Recht hinausgehen?« »Das Recht geht mit dem Sieger, das Unrecht mit dem Besiegten,« antwortete der Alte. »Ihr Emmenthaler seid Berns erkaufte Leute und Leibeigene; freie Schweizer waret Ihr nie; für Euch schoß kein Wilhelm Tell den Pfeil. Wähnet Ihr, ich trage meinen Kopf für Eure Lumpereien von Ohmgeld und verrufenen Batzen zum Schaffot? Es gilt Freiheit des Volkes vom Lemanersee bis zum Rhein: frei von Leibeigenschaft, frei von der Willkür des Stadtstolzes soll der Landmann sein; von Geburt nicht geringer als der Schultheiß, und nicht ärmer an Recht. Wir treten durch dasselbe Thor in die Welt hinein und hinaus. Mensch ist Mensch im Zwillich oder Samtkittel. Gott hat das Recht der Erstgeburt nicht erfunden, und Brüder können Brüder nicht leibeigen kaufen und besitzen. Unnatur und Unrecht vertilgen, das ist Natur und das ist Recht. Dafür gehe ich mit Euch zum Siege oder zum Schaffot, dafür ist beides gleich ehrenvoll vor der Welt und vor Gott.« Sie schwiegen bei diesen Worten sämtlich; nur Ulli Schad stammelte erschrocken: »Wie meinst Du's? Alle Obrigkeit, sagt die heilige Schrift, ist von Gott. Es muß Obrigkeit sein, die Gewalt hat.« »Obrigkeit und Unterthan muß sein, aber das Gesetz gehet über beide und Gott über alle!« antwortete Addrich, Da wurde von außen ans Fenster gepocht, wo einer der Moosknechte, wie Addrichs Leute genannt wurden, Wache hielt. Der Alte begab sich hinaus. Seine Gäste standen schweigend im Nachdenken umher. »Mit Eurer Gunst,« sprach nun Gideon, »Ihr gaffet verblüfft ins Blaue hinein, und es geht Euch, wie dem Knecht Rupprecht. Da er wollte ein Reiter werden, hatte er keinen Gaul; da er einen Gaul bekam, hatte er keinen Sattel; da er einen Sattel fand, mangelten ihm Stiefel und Sporn; und endlich, als er alles hatte, fehlte ihm der Mut und er saß da, wie Matthes von Dresden. Mich dünkt, Addrich hat wahr gesprochen. Vor der Hand habt Ihr nichts zu beraten, als woher Geld und tapfere Mannschaft nehmen, um dem Feinde zu jeder Stunde die Degenspitze zu zeigen. Liegen die Städte zu Euren Füßen, dann ists an der Zeit, Beratung zu halten, wie die Eroberung zu behaupten sei. Aber wo sind Eure Kriegsmittel? Es sollte alles bereit und längst schon fertig sein, Geld, Munition, Proviant, Geschütz Bewaffnung und Mannschaften,« »Das wäre mein geringster Kummer,« antwortete Leuenberg, »Volkskrieg ist kein Herrenkrieg. Arsenal, Kriegsschatz, Provianthaus und Werbeplatz eines Volkes ist in allen seinen Dörfern, Höfen und Hütten versteckt.« »Dabei ists bei weitem nicht abgethan,« rief Gideon. »Du sollst nicht glauben, daß, wenn man einen Bauer an einen Degen bindet, er davon alsbald Soldat werde. Wo bleibt die Disziplin? Wo sind Eure sachverständigen Hauptleute und Feldobersten? Wer hat die Leute schon in Rotten und Fähnlein geteilt, daß jeder seine Stelle und seine Pflicht kenne? Was wollt Ihr mit einem Haufen unerfahrener, toller, halsstarriger, aufrührerischer Bauern ausführen?« »Mit Deinen deutschen und schwedischen Bauern freilich nichts,« antwortete Schybi ärgerlich. »Anders ists mit dem Schweizer. Er ist ein geborener Soldat, und weiß sich binnen wenigen Tagen des Spießes, Degens, der Musketen und brennenden Lunten zu bedienen, den Trab recht zu halten und in voller Rüstung einen guten Weg zu laufen. Alle Kriegskunst und Disziplin des Herzogs Leopold und Karls von Burgund sind bei Morgarten und Murten erfolglos geblieben.« »Holla, Schybi, die Welt steht nicht mehr auf dem Flecke, wo Du sie in Deiner Chronik gesehen hast,« rief Gideon lachend. »Der große König Gustav Adolf und der unüberwindliche Held Torstenson haben die Kriegskunst auf den Gipfel ihrer Vollkommenheit gehoben, wovon Ihr Euch hier zu Lande nicht träumen lasset. Heutzutage gehören zu den zehn Ausgaben eines guten Kriegsmannes erstlich, daß er – –« 15. Mancherlei Nachricht. Hier unterbrach ihn Addrich's Rückkehr. »Nun, Ihr Männer,« sagte dieser, »jetzt rührt Arme und Beine, statt der Zungen. Stärkt Euch noch zur Reise. Der Tisch ist rasch zum Morgenessen gedeckt, bald dann ist's Mittagszeit. An Tafelmusik fehlt's nicht, denn man läutet durch's Kulmerthal die Sturmglocken.« »Ist der Feind in den Aargau eingedrungen?« rief Leuenberg mit ernstem, etwas entfärbtem Gesichte. »So eile jeder an seinen Platz. Vorher lasset uns aber einen Beschluß über die Zukunft fassen, damit wir einträchtig verfahren; denn um deswillen sind wir an diesem abgelegenen Orte, im Moos, zusammengetreten.« »He, Leuenberg,« sagte Gideon spöttisch, »wie nimmst Du doch die Botschaft so kalt auf, daß Dir die Worte davon wie blasse Schneeflocken auf's Gesicht fallen.« »Mir? Was Du nicht alles siehst!« erwiderte Leuenberg mit gezwungenem Lächeln. »Fliegen Dir etwa Funken um die Augen? . . . Ihr Herren, zur Sache! Die Zeit ist für Kindereien zu kostbar. Eile, Vater Ulli, wecke Dein Volk, und dann auf damit zum Rhein, nach Eurer Stadt. Die reichen Baseler begehren keinen Krieg, wenn sie mit silbernen und goldenen Kugeln nichts ausrichten. Sie bringen dem Ersten, der kommt, Freund, oder Feind, die Thorschlüssel entgegen, sobald man ihnen die Schlüssel ihrer eisernen Geldkästen nicht abfordert. Du, Hauptmann Renold, bleibst au Addrich's Seite, und richtest nebst den andern Hauptleuten den Aargauer Landsturm ein . . . Und Du, tapferer Christen Schybi, dessen Namen schon in den Thälern und Alpen unsers Oberlandes Weiber und Kinder preisen . . .« »Beim Sanniklaus! Du sollst bald von mir hören!« rief Schybi. »Ich halte Dir Wort.« »Du hältst den Bund der zehn Ämter also fest und aufrecht?« fuhr Leuenberg fort. »Und alles muß rückgängig, null und nichtig werden, was indessen zwischen Eurem Landvolk und der Stadt Luzern durch die Gesandtschaften von den sechs katholischen Orten verhandelt, vermittelt und abgeschlossen sein mag.« »Wäret Ihr im Oberlande und Aargau,« erwiderte Schybi, »früher auf den Beinen gewesen, hätten wir niemals Unterhandlungen und Friedensvorschlägen das Ohr geliehen. Ich stände heute mit meinen braunen Entlebuchern innerhalb der Mauern von Luzern und rechnete mit Schultheiß, Rat und Hundert ab.« »Sieh da,« sagte Addrich und schob die kleinen Fenster und Vorfenster zurück, »Felix fährt von der Höhe der Bampf herab, wie ein Pfeil. Knabe, was bringst Du neues? Trete herein!« Nach einer kurzen Weile ging die Thür auf. Felix, ein junger Bursche, trat atemlos in's Zimmer. Man umringte ihn. »Heda, lustig, Bürschchen!« schrie Gideon. »Hat Dir der Schrecken die Pluderhosen zu weit und die Gurgel zu enge gemacht? Warte nur, bis uns die blauen Bohnen um's Ohr pfeifen, da soll's spanische Bäuche geben und mehr Dysenterie, als im nassen Schlackerwetter der Herbsttage.« »Es scheint, Hauptmann,« versetzte Addrich's Knecht, »Du hast die Probe schon an Dir gemacht, und bist bei den gelben Webern gewesen. Wir in den Bergen hier sind noch lange nicht Klupfi's Söhne. Steige den Berg hinauf zur Bampf, da siehst Du den Aargau und wie dort das Volk lebendig ist.« »Welche Berichte bringst Du, Felix?« sagte Addrich. »Meister, es wird gestürmt,« antwortete der Knecht. »Zuerst hörte ich's aus der Ferne rechts von Brugg her, dann gegen Lenzburg hin. Bald aber erschollen, links aus der Tiefe, die Glocken von Kulm und Gränichen her, oder rechts in der Nähe von Seon und Birrwyl; bald schweigen alle, bald nur einzelne, oder alle heulen durcheinander. Es ist ein Fest, das! Das Schnurren und Rollen und Trommeln läßt sich deutlich dazwischen vernehmen, wie auch einzelnes Rufen und Geschrei, als wäre aller Orten und Enden Feuer ausgebrochen.« »Sieht man Bewegungen in den Thälern?« fragte Leuenberg. »Nichts,« antwortete Felix. »Leute, die auf dem Felde sind, laufen quer über die Äcker den nächsten Weg zum Dorfe. Auf den Landstraßen rennt, wie eine verirrte Ameise, hier und dort ein Reiter; vermutlich sind's Müllerknechte, die Staffeten bringen.« »Es ist Zeit für uns. Fort; fort!« rief der Untervogt von Buchsiten. »Daß wir mit heiler Haut zu den Unsern gelangen, und nicht dem Feinde in die Hände fallen.« »Bevor Ihr den Weg antretet, Ihr Herren,« sagte Addrich, »setzet Euch mit mir zum Morgenessen. Ihr seid hier so sicher, wie in der Kirche. Die Wege sind weit, auch empfanget Ihr indessen wohl nähere Kunde über das, was vorgeht.« »Nichts übereilt, Freunde, Addrich hat wahr gesprochen,« setzte Leuenberg hinzu. »Wir haben vielerlei Beratungen und Abrede vonnöten, und müssen ja heute nicht ins Zurzacher Schiff. Also folgen wir unserm freigebigen Wirte, wohin er uns führen will.« Sie gingen. Die Mägde richteten das Mahl an, welches sich im Gespräche über die Dinge, die da kommen sollten, und beim Weine, der alle begeisterte, weit über die Zeit hinausdehnte, die selbst der vorsichtige Leuenberg dazu bestimmt hatte. Noch saßen sie da, lärmend durch einander scherzend, nur allein Addrich nicht, der nach seiner Gewohnheit düster blieb und schwieg, als eine der Mägde ihm sagte, daß Epiphania draußen stehe und ihn zu sprechen verlange. Wie die Gäste es hörten, rief der Untervogt von Buchsiten: »Laß Deine Nichte zu uns eintreten, Addrich. Warum verheimlichst Du sie vor unsern Augen? Wir haben die Sache wahr gefunden, die im Volke von Deinem Hause geht; Dich bedienen die zierlichsten Dirnen des Aargaues. Deine Tochter und Nichte jedoch sollen die Schönsten des Landes sein.« »Auch läßt sich's denken,« stimmte ihm Leuenberg bei. »Dein Hauptmann Gideon Renold hat lange umhergekostet im deutschen, ungarischen und schwedischen Lande, und zuletzt hat ihn doch ein Schweizermädchen gefangen, den tapfern Helden. Mache ihn keiner eifersüchtig, rate ich Euch!« Auf Addrichs Gebot trat Epiphania herein. Errötend und mit jungfräulicher Schüchternheit verneigte sie sich grüßend gegen die Männer, doch mit einer Art Hoheit, die man von ländlichen Schönen nicht zu erwarten pflegt. Die Fremden verstummten und erhoben sich mit unwillkürlicher Ehrerbietung von den Strohsesseln. Gideon bemerkte die Überraschung seiner Freunde in heimlichem Triumphe und grüßte Epiphania mit vertraulichem Lächeln über den Tisch hin. Sie aber, seiner nicht achtend, ging vorüber. Ihre Seele schien eines andern Gegenstandes voll. Ein Geheimnis, welches der erzwungene Ernst ihrer Mienen verbergen wollte, verkündete sich aus dem Entzücken, welches von ihren Augen widerglänzte und diesen Ernst milderte. Sie beugte sich zu Addrichs Ohr und flüsterte leise: »Nur ein Wörtchen laß Dir allein sagen, Oheim. Deinem Hause ist an meinem Geburtstage Heil widerfahren!« Addrich begab sich mit ihr auf die Seite. »Berichte zuvor, wer wartet meine Kranke ab? Wie ist Leonorens Befinden?« fragte er. »Freue Dich Addrich!« antwortete sie. »Deine Tochter lenkt zum Wege der Genesung ein. Sie wird wieder aufblühen. O geh und sieh' sie! Vom langen Schlafe findest Du sie erwacht, heiterer, stärker, als ich sie je gesehen. Ihre blassen Wangen haben wieder erröten, ihre Lippen wieder lächeln gelernt. Sie selber hat für die ausgetrocknete Lampe frisches Öl gefordert und Speise und Trank begehrt.« »Eile zu ihr zurück,« erwiderte Addrich, ohne die Düsterkeit aus Gemüt und Antlitz zu verlieren, die da einheimisch geworden war. »Sobald die Fremden das Haus verlassen haben, komme ich zu ihr. Der Engel, welcher schon so lange über den Wolken war, senkt sich noch einmal zur Erde, um mir altem, verwaistem Manne Lebewohl zu sagen. Er will nicht bei uns verweilen, glaube mir. Meine Hoffnungen sind zerrissen und das Spinngewebe Deines Trostes stellt die Zerstörung nicht wieder her.« »Fasse Mut, Oheim! Ich könnte Dir mehr sagen. Ich selbst würde vielleicht ungläubiger sein, als Du, wenn nicht ganz ungewöhnliche Dinge zu gleicher Zeit geschähen, die einander zu Hilfe kommen wollen, um ihre Glaubwürdigkeit gegenseitig zu beteuern.« »Zum Beispiel, Faneli?« »Du wirst nach Deiner Gewohnheit spotten, doch frage Änneli, frage Ruedi, den Jägerknecht. Es ist eine fremde Stimme in Deinem Hause; sie ist an meinem Kämmerlein ertönt; wir haben sie alle gehört.« »Eine Stimme, wunderliches Mädchen? Wessen Stimme?« »Wer kanns sagen? Wir haben sie aber alle vernommen. Die Wände plaudern nicht und die Luft ist stumm. Es war die Stimme eines Menschen, die wir hörten. Sie klang zart, wie der Ton eines sehr jungen Kindes, und doch mit einer Stärke, die uns erschreckte. Ich meine, aber spotte ja nicht, es sei der Laut eines Waldgeistes gewesen.« Sie sagte die letzten Worte fast unhörbar leise und schüchtern, indem sie dabei ernst und furchtsam zu Addrich aufsah. Dieser schien das Gespräch abbrechen zu wollen; sein faltenreiches Gesicht zog sich dann gewöhnlich zu einem Lächeln, welches aber, vielleicht wider seinen Willen, bei ihm jedesmal eine hämische Natur annahm. »O, dachte ich es doch, Addrich!« rief sie hastig. »Du verhöhnst mich . . . aber verhöhne die Überirdischen nicht, fürchte ihren Zorn! Weißt Du noch, wie ich sie in der Aschermittwoch-Nacht erblickt habe, als ich bei Leonoren wachte und der frischen Luft wegen das Fenster öffnen mußte? Ich sah sie damals im Mondscheine deutlich am Waldsaume auf der Wiese beim Ahorn wandeln. Doch tanzten sie nicht wie Zwerglein sonst wohl pflegen, sondern sie gingen in ihren langen Mänteln, wie wenn sie etwas suchten, still umher und dann einzeln und traurig in den Wald zurück. Das bedeutet ein Jahr des Unheils, sagte ich Dir damals. Ist es nun mit Krieg und Unruhen nicht schon eingetroffen?« »Gut, gut, Faneli! Und was erzählte Dir die Stimme Deines Schräteli?« »Wir verstanden insgesamt deutlich die Worte: Je höher die Not, desto näher ist Gott! . . . Nun denke, als ich darauf in Leonorens Gemach trat, sah ich sie erwacht, zum ersten Male mich anlächeln, mir ihre Hand entgegenstrecken und von ihren Wangen das erste blasse Rot der Genesung schimmern, wie das Frühlicht des wiederkehrenden Morgens. Sie sagte: Wie ist mir doch so himmlisch wohl. Da rief ich: Die Verkündigung des Unsichtbaren galt also Dir! Und ich erzählte ihr darauf alles.« Addrich schüttelte traurig lächelnd den grauen Kopf, jedoch, als wollte er Epiphania mit seinem Unglauben nicht kränken, strich er ihr mit den Fingerspitzen schmeichelnd die Wangen und sagte: »Gehe, pflege Leonore! Sobald mich die Fremden verlassen haben, bin ich bei Euch. Deine Botschaft kann mich nicht erquicken, wie herrlich sie auch aus Deinem Munde klingt. Gehe, Kind! Wenn eine Lampe erlöschen will, flammt sie noch einmal auf: auch die Schneeberge, wenn sie nach Sonnenuntergang leichenblaß dastehen, erglühen zuweilen unvermutet wieder, ehe sie in finstere Nacht fallen. Verstehst Du mich? Gehe, gehe!« Epiphania gehorchte schweigend und kopfschüttelnd. 16. Die Botin von Seon. Alle Anwesenden blickten der schönen Gestalt, als sie das Zimmer verließ, mit Wohlgefallen nach und konnten, während sie sich zur Abreise rüsteten, kein Ende finden, sowohl dem Oheim, als dem Hauptmann Renold, die schmeichelhaftesten Dinge über die Jungfrau zu sagen. Über die große Zukunft indessen, welche vor den Verschwornen lag, wurde von ihnen bald das Anmutigere vergessen. Die letzten Abreden mußten genommen, die letzten Versicherungen unter herzhaftem Handschlag gegenseitig gegeben werden. Hätte nicht der sinkende Tag zu stark an die Abreise gemahnt, der Abschied wäre unter neuen Beratungen und Wortwechseln vergessen worden. Als sie schon vor Addrichs Hause standen und ihrem gastfreundlichen Wirte beim Lebewohl noch einmal dankbar die Hand schüttelten, wurden sie durch eine neue Erscheinung aufgehalten. Längs dem Walde, von der Höhe der Bampf herab, kam, an der Seite eines der Moosknechte, ein junges Bauernweib. Beide waren schon ziemlich nahe, als man ihrer gewahr wurde. »Woher das Weib, Baschi?« frug Addrich den Knecht. »Droben auf der Bampf fing ich es auf,« antwortete dieser. »Es ist mit ihm gewiß nicht richtig. Als ich es anhielt, weil ich bemerkte, es wolle zum Moos schleichen, fragte es nach dem Faneli.« »Ei, Du falscher Gesell, Du Duckmäuser,« schrie die junge Frau zornig. »Wer ist geschlichen? Ich darf mich am Tageslicht auf offenem Wege zeigen eher als Du, dem die sieben Todsünden ins Schelmengesicht gemalt sind. Sehe doch einer! Mich aufgefangen! Wer hat Dich zum Weibel gemacht? Verdächtiges Gesindel, Deinesgleichen fängt man auf, aber nicht ehrlicher Leute Kind.« »Eh! Warum wolltest Du mir denn droben ausweichen und Dich linksum kehren, als ich Dir in den Weg trat?« erwiderte Baschi, etwas überrascht durch die unerwarteten Ehrentitel, mit denen ihn die geläufige Zunge der Bäuerin schmückte. »Ich kenne den Hafen am Klang,« erwiderte sie, »und sehe solchen Strick lieber am Galgen, als neben mir. Aber ich ging meiner Wege in Gottes Namen, Ihr guten Leute, und bekümmerte mich um den Tölpel nicht, der mir wie ein verlaufener Hund nachstrich.« »Glaubet doch der Lästerzunge nicht,« unterbrach sie Baschi. »Sie ist ausgeschickt, um zu kundschaften. Das böse Gewissen schaut ihr aus den Augen.« »Ei, behüte uns Gott!« rief das Weib. »Ich müßte schier zum Krüglein werden und zum Gläschen herausschauen. Seht doch, kundschaften! Wer in der Welt verlangt von solchem schäbigen Kerl etwas zu wissen? Ich habe an den Galgenvogel keine Frage gethan, weil ich wohl wußte, Aas sei kein Fraß. Ihm aber ging das kläffige Maul wie Müllers Rad, und er konnte des Fragens und Forschens nicht satt werden. Er weiß darum doch weder Gix noch Gax.« »Ich habe keine Lust, mit Dir zu zanken, Weib,« schrie Baschi ärgerlich. »Man müßte vielen Brei haben, Dir den Mund zu stopfen. Heirate einen harthörigen Mann, wenn er vierzehn Tage am Leben bleiben soll. Ich will hängen, Ihr Herren, wenn die mit ihrer Dohlenzunge und ihren Sperberaugen nicht ins Moos auf Kundschaft geschickt ist. Was sie sieht, geht mit Geschrei ebenso geschwind wieder aus dem Munde, wie Wasser durchs Sieb. Ich erfuhr unterwegs auch von ihr . . .« Das junge Weib, das jede Bewegung seiner Lippen mit den Augen verfolgte, war ihm schon zehnmal ins Wort gefallen, und unterbrach ihn auch diesmal. Addrich aber und seine Gäste beruhigten sie jedesmal mit Drohung, Bitte und dem Versprechen, sie anzuhören, sobald der Knecht zu Ende gesprochen haben würde. »Unterwegs also vernahm ich von ihr auch,« fuhr der Knecht fort, »daß hinter Brugg vom Schaffhausener Kriegsvolk alles schwarz sei, daß die Züricher mit vielen tausend Mann über Wettingen und den Heitersberg folgen würden; daß die Mühlhausener und Baseler schon vor Aarau ständen; daß die Welschberner über Morgenthal heranzögen und geschworen hätten, die Dörfer zu verbrennen, Mann und Maus niederzumachen und des Kindes im Mutterleib nicht zu schonen. Es sei alles verloren.« »Bist Du nun fertig?« unterbrach ihn die Frau heftig. »Jetzt soll die Reihe an Dich kommen, Fräulein,« sagte Addrich mit dem Tone der Zutraulichkeit. »Rede Du jetzt. Ist es wahr, was er erzählt hat?« »Wahr und nicht wahr,« antwortete sie. »Wie kann der faule Brunnenstock das reine Wasser wieder geben? Alles verloren? Ja, wenn unsere Männer feige Memmen wären, wie Du, zweibeiniger Hase. Gehe, laufe, die Furcht wird Dir vier Füße machen. Glaubt ihm kein Wort, Ihr Männer. Morgen zieht unser Volk mit dem Landsturm gegen Aarau, wir Weiber folgen mit Fuhrwerk und Säcken. Das Städtchen wird geplündert, denn es hält zu den Bernern. Die fremden Soldaten werden wie Engerlinge verfolgt und ausgerottet, daß von ihnen kein halbes Gebein über die Berge zurückkommt.« »Glaubst Du,« sagte Leuenberg lächelnd, »das werde so rasch gehen?« »O, dafür laß ich mir den Kummer nicht über das Knie wachsen,« erwiderte sie. »Es ist endlich Zeit, daß wir Rechnung machen mit den Herren und sie einmal für allemal abschaffen. Denn so können's die armen Leute nicht länger aushalten, wenn sie nicht von den Schuldenboten aufgefressen sein wollen. Ich möchte auch den Brief sehen, den unser Herrgott den Herren gegeben, daß sie Land und Leute ungestraft verschlucken, alles für sich behalten, und uns kaum Luft und Grab umsonst gönnen. Das kann nicht länger gehen und gelten. Bei meiner Treu, keine Sechswöchnerin darf ihre Schale Milch trinken, daß nicht Vögte und Weibel zuvor die Nideln davon abschlürfen. Ich hoffe aber zu Gott, man wird morgen Feierabend mit ihnen machen. Denkt an mich. Ich heiße Käthi.« »Heiße, wie Du willst,« rief Baschi, »aber man soll Dir Hosen geben, und Kragen und Jänke Die Amts- und Kanzeltracht der reformierten Geistlichen in der Schweiz. dazu, denn Du mußt beim Landsturm gegen Bern unser Feldprediger werden.« »Bist ein rechtschaffenes Weib. Laß ihm Ruhe, Baschi,« sagte Addrich »Wo bist Du daheim, Frau?« »Zu Seon. Ihr kennt gewiß alle meinen Mann, den Karl Marti Gloor, Anken-Jogglis. Wir sind arme Leute und müssen es den Menschen sauer bezahlen, daß uns der liebe Herrgott geschaffen hat. Mein Mann tagelohnt in allen drei Städtchen umher, oder trägt Ware. Ich spinne Wolle und Flachs. Seit dem Tode meiner Muhme, der alten Tschöpli-Liesi, wie man sie nannte, sie war des Alt-Untervogts Schwester, halten wir zu unseren drei Geißen noch eine Kuh, die wir auf dem letzten Lenzburger Markt kauften. Das kleine Erbe von der Muhme, Gott habe sie selig! hat uns gar wohlgethan! Wußten wir doch zuzeiten kaum, wie uns mit unsern drei Kindern von einem Tag zum andern das Leben fristen.« »Schon gut, Frauli, schon gut!« unterbrach Adam Zeltner den Strom ihrer Rede. »Wir kennen nun Deine ganze Hof- und Haushaltung, aber wissen noch nicht, wer Dir von den Schaffhausenern und Baselern bei Brugg und Aarau erzählt hat?« »Ei, jedes Kind zu Seon wußte das schon vor anderthalb Stunden,« antwortete die Bäuerin. »Das ganze Dorf lief ja bei der Brücke zusammen, als die Glocke gezogen wurde und des Trompeters Fridi von Hunzenschwyl zu Roß daher gesprengt kam.« Nachdem die Gäste Addrichs von dem gesprächigen Weibe alles, was sie wollten, erfahren hatten, mußte Baschi die Erzählerin unter dem Vorwande ins Haus führen, sie mit einem Abendtrunk zu erquicken. Indessen wurde draußen beraten, wie jeder mit Sicherheit wieder aus dem Moos in seine Heimat gelangen könne, denn es dünkte, bei den eingekommenen Nachrichten, keinem mehr ganz geheuer in der Gegend. Leuenberg wählte den Weg über die Bampf, in Schybis Gesellschaft, gegen Willisau und Hutwyl. Der Untervogt von Buchsiten und der alte Ulli Schad wollten versuchen, über Schöftland und Ürkheim nach Olten zu entkommen. Gideon Renold hingegen blieb, unter Einstimmung aller, zurück, damit er helfen könne, den Aargauer Landsturm zu ordnen und gegen Aarau zu führen. 17. Das kostbare Geschenk. Sobald Addrich seine Gäste entlassen hatte, kehrten auch er und Gideon ins Haus zurück, wo ihnen Baschis und Käthis Gezänk aus der Stube schon wieder entgegenscholl. Der Alte stiftete, nicht ohne Mühe, zwischen beiden einen Zungenstillstand, der lange genug dauerte, um der Frau die Frage vorlegen zu können, welches Geschäft sie ins Moos geführt habe? »Meister,« rief Baschi, »ist der Teufel der Vater der Lügen, glaubt mirs, so ist hier die Mutter dazu, denn sie kann den Mund nicht öffnen. ohne daß eine Unwahrheit zur Welt kommt, so lang und breit, als das Weib selbst. Unterwegs behauptete es, mit Jungfrau Epiphania reden zu müssen, jetzt leugnet es alles.« »Was habe ich mit Deinem Spionengesicht zu schaffen, Du aberwitziger Gesell?« entgegnete das unerschrockene Weib. »Was Dich nicht beißt, hast Du nicht zu kratzen; komme zu mir am St. Nimmertag, wenn die Schnecken bellen, dann sollst Du alles erfahren. Jetzt habe ich keine Aufträge für Dich, sondern ich suche des Moosers Bruderstochter.« »Ruf' Epiphania herbei!« sagte Addrich zu Baschi. »Mit Erlaubnis!« fiel Käthi Gloor ein. »Ich muß ihr den Auftrag unter vier Augen ausrichten; das hat mir der Herr ausdrückt befohlen, der mich schickt, und wenn mir . . . .« »Was für ein Herr?« unterbrach sie Gideon, der jetzt aufmerksam wurde. »Wen ich nicht kenne, den ich nicht nenne,« antwortete sie. »Allein das dürfet Ihr mir zutrauen, daß ich nicht schlechter Leute Briefe trage. Der Herr ist wenigstens so gut wie Ihr alle und hat vielleicht ehrlicher Weise so viel Geld als der reiche Addrich . . .« Hier unterbrach sie sich selbst und fragte: »Ist einer von Euch der Mooser?« »Der bin ich,« sagte Addrich. Die junge Frau erschrak, betrachtete den Alten und wurde von nun an einsilbiger in ihren Antworten, die sie auf Addrichs und Gideons dringendes und wiederholtes Fragen erteilte. Ihre Zurückhaltung erregte Gideons und Addrichs argwöhnische Neugier. Beide besprachen sich leise und führten sie dann hinauf in Epiphanias Gemach, wo Addrich seiner Nichte erzählte, daß ihr die Frau von einem Herrn geheime Mitteilungen zu machen habe. Epiphania fragte die Bäuerin mit flüchtigem Erröten: »Nicht so, Dich schicket Fabian von der Almen?« »Mag er heißen, wie er will,« antwortete die Frau. »Er hat mir seinen Namen nicht genannt, aber fünf Gulden für den Gang zu Dir gegeben, und wenn Du mir etwas giebst, irgend eine Schrift oder ein anderes Wahrzeichen, daß ich meinen Auftrag ausgerichtet habe, wird er unser Haus noch besser beschenken. Er ist ein reicher, freigebiger Herr und hält gewiß Wort. Sein Gesicht ist die Ehrlichkeit selbst. Wir sind blutarme Leute und können's wohl brauchen. Meine Kinder hat er geliebkost, eins nach dem andern, als wären es seine eigenen.« »Das ist er!« rief Epiphania, in stiller Freude aufglühend »Seinen Namen weißt Du nicht? Sprach er von meinem Geburtstage und ob ich die Blumen gefunden? Warum kommt er nicht selbst? Was hält ihn zurück? Beschreibe ihn doch! Nicht so, er ist blaß und etwas abgezehrt? Das glänzende Feuer seiner Augen ist erloschen? Trägt er das blaue Sammetbarettchen, das ihm zu seinem lichtbraunen Haar so gut stand? Ach, der arme, junge Mensch, er hat viel gelitten!« Gideon warf einen finstern Blick auf Epiphania und sagte: »Es wäre passender für Dich, Deine unschickliche Zuneigung zu unterdrücken, wenigstens in meiner und Deines Oheims Gegenwart. So redet keine verlobte Jungfrau, welcher an dem Rest ihres guten Rufes etwas gelegen ist.« . . . Dann wandte er sich zu der Bäuerin aus Seon und sprach: »Gehe nur heim, Du möchtest Dir einen schlechten Kuppelpelz verdienen, denn Du hast mit einem ausgebrochenen Schellenwerker zu schaffen gehabt, den zweifelsohne schon Steckbriefe verfolgen, Vermutlich hat er Dir, als Handgeld auf die Belohnung, fünf falsche Gulden gegeben.« »Nein, Ihr irret Euch beide,« erwiderte das Weib. »Wenn auch der alte Herr jemals im Schellenwerk gewesen ist, so gefiele mir – bei meiner Treu! – der Vogel besser als sein Nest; bei Dir aber, Du Rohrsperling, ist mir's umgekehrt zu Mute. Sehet doch den schamlosen Gesellen! Kuppelpelz! Schaue Dich zuerst im Spiegel. Was Kuppelpelz? Ich bin guter Leute Kind und treibe vielleicht ehrlicheres Gewerb als Du. Lieber recht Nichts, als schlecht Etwas . . . . Und Du, Jüngferchen,« fuhr sie zu Epiphania gewendet mit freundlicherem Tone, indem sie geheimthuend den Kopf schüttelte, fort, »siehe Dich vor! Man muß nicht sogleich jedem zeigen, was man im Herzen oder im Sack hat. Ich darf Dir aber wohl sagen, den Du meinst, der ist's nicht, aber doch Dein Freund, trotz seiner grauen Haare, und trotz seiner dicken Schramme über die linke Backe. Er sieht auch nicht danach aus, falsche Gulden zu geben, denn er war in einem schönen Wagen nach Seon gefahren; trug ein Barettchen von schwarzem Sammet mit Goldschnüren und einen schwarzen, kostbaren Leibpelz, mit Seidenschnüren auf der Brust. Man kann nichts Vornehmeres sehen; man sollte ihn für einen Prinzen oder Schultheißen halten« Alle horchten bei dieser Rede mit Verwunderung auf; nur Epiphania schüttelte unzufrieden das Köpfchen und sagte: »Den kenne ich nicht; der hat Dich wohl nicht zu mir gesandt.« »Bist Du nicht,« sagte die Frau, »des Moosers Bruderskind?« »Dieser ist mein Oheim,« antwortete Epiphania und sah den Alten an. »So bin ich recht bei Dir. Komme, daß ich Dich allein spreche,« sagte die Botin, »Nein,« versetzte Epiphania, »rede offen vor allen. Ich habe mit keinem Mann in der Welt ein Geheimnis, und will es mit keinem haben.« Die Frau, in Verlegenheit gebracht, schien mit sich selber Rat zu halten; sie drängte sich dicht an Epiphania, der sie in's Ohr flüsterte: »Sei kein Närrchen, nimm und verbirg eilig, was ich Dir von ihm bringe. Begieb Dich nach Aarau, zum Dekan Nüsperli; dort lebst Du sicher. Dort wirst Du von dem steinreichen Herrn, von Deinem unbekannten Freunde, mehr erfahren.« Mit diesen Worten hatte sie ihr ein kleines versiegeltes Kästchen in die Hand geschoben. Epiphania legte aber dasselbe unwillig auf den Tisch. Es war von schwarzem Ebenholz, auf dem Deckel und an den Rändern künstlich mit Gold und Perlmutter ausgelegt. »Das ist chinesische Arbeit,« sagte Addrich, indem er die Truhe, ohne sie anzurühren, betrachtete. »Ich habe dergleichen zu Tranquebar und Batavia, doch nur in den reichsten Häusern, als kostbares Schaustück gesehen.« Hauptmann Renold nahm das Kästchen in die Hand und betrachtete es mit einer Miene, in welcher sich Erstaunen und eifersüchtiges Mißvergnügen nicht verbergen konnten. Besonders zog das Siegel seine Aufmerksamkeit auf sich. Es war darin ein Muttergottesbild vorgestellt, die Brust von sieben Schwertern durchbohrt. Er schüttelte den Kopf und sagte zu Epiphania: »Hier ist ein böses Zeichen. Wenn Du nicht schon besser um die Sache Bescheid weißt als Du Dich anstellst, so sage ich Dir voraus: Dir läuft ein papistischer Hasenfuß nach, der Dich bekehren oder verkehren möchte; oder das Geschenk wird Dir von einem Prälaten geschickt, der eine junge Haushälterin braucht. Sei dem wie ihm wolle, ich rate dazu, die Truhe zu öffnen. Vielleicht giebt der Inhalt nähere Auskunft.« »Thut, was Euch beliebt und Ihr verantworten könnet,« erwiderte die Jungfrau. Addrich nickte zustimmend. Gideon erbrach das Siegel und öffnete das Kästchen. Das Innere desselben war mit einem Päckchen angefüllt; dieses wiederum in Papier gewickelt, ließ beim Entfalten in zierlicher Handschrift die Worte lesen: »Mein Kind, geliebte Epiphania, ziehe nach Aarau zu Deinem Taufpaten, dem wohlehrwürdigen Herrn Dechanten Nüsperli, und verweile bei ihm, bis ich komme. Erfülle mein Wort und Dein Glück. Ich bin in dieser Welt Dein wahrhafter und getroster Freund.« Epiphania, obwohl sie nicht zu lesen verstand, betrachtete doch mit unruhiger Neugier alle einzelnen Züge der Buchstaben und sagte: »Stehet das auch wirklich so? Wer ist er denn? Lies seinen Namen!« »Er heißt Herr Ohnenamen, weil er weder Namen noch Namenszug zugefügt hat,« versetzte Gideon lachend »Ich beteuere,« rief Addrichs Nichte, »daß ich niemals mit einem Manne dieses Namens Bekanntschaft gemacht habe,« Inzwischen rollte Gideon ein zartes Gewebe vom feinsten Gespinnst aus, welches für den geringen Raum, den es einnahm, eine beträchtliche Größe hatte, und schließlich ein mit seltsam gestalteten Blumen durchzeichneter Schleier war. War die Überraschung aller groß, so wurde sie es noch mehr, als zuletzt eine Schnur helldurchsichtiger, großer, orientalischer Perlen von gelblichem Wasser sichtbar wurde, dabei in ein Papier eingeschlagen zehn venetianische Dukaten. Gideon klimperte mit diesen auf dem Tische und rief: »Zum Henker! Insgesamt echte Schildfranken! Schaut her!« Addrich, der mit wachsendem Befremden abwechselnd den Schleier und die Zahlperlen musterte, sagte: »Bettelei, das Gold da! Aber den Wert dieses Gewebes aus Indien, dieser Perlenschnur kann im ganzen Schweizerlande keiner beurteilen; es ist unschätzbar. Das ist ein Königsgeschenk. Faneli, Du bist an Deinem Geburtstage aus einer armen Waise ein reiches Mädchen geworden.« Epiphania, die eine Zeit lang mit kindischer Verwunderung bald das indische Gespinnst, bald die schimmernde Schnur beschaut und betastet hatte, schob beides zurück und sagte: »Was soll mir das? Weib, ich nehme es nicht von Dir und Deinem Unbekannten, und könnte ich ein Königreich dafür kaufen.« Die Frau weigerte sich, das Geschenk zurückzutragen. Man besprach die Sache, die allen mehr als rätselhaft erschien, lange. Addrich richtete eine Menge Fragen an die Überbringerin der Kostbarkeiten, ohne wegen des Absenders mehr Aufklärung zu erhalten, als er schon hatte. »Gelt,« sagte Gideon zu Epiphania mit Bitterkeit in Blick und Wort, »wenn man Dir sattsam Gewähr und Bürgschaft leisten könnte, daß Fabian der freigesprochene Spender solcher Kostbarkeiten wäre, Du würdest sie keineswegs verschmähen. Aber – so wahr Gott lebt – ich würde das Spinnenweblein alsbald in Fetzen reißen und diese blaßgelben Kirschen von Muschelglas in meiner Faust zu Staub zermalmen.« Er hatte diese Worte noch nicht vollendet, als man eine Stimme vernahm, die dazwischen: »Fabian! Fabian!« rief. Jeder sah bestürzt umher, dann blickte einer dem andern fragend in die Augen. Es war eine zarte, klare Stimme gewesen, gleich der eines kaum einjährigen Kindes, aber Durchdringender. Es ließ sich nicht bestimmen, von welcher Seite des kleinen Gemaches sie erschollen war. Gideon ging musternd und horchend längs den Wänden hin und schob die niedrigen Doppelfenster in ihre Falze zurück, um über die Blumengeschirre hinauszuschauen, ob sich jemand eine Neckerei erlaubt habe. Er traute sie dem kecken Fabian selbst oder dem kindisch-unbesonnenen Änneli wohl zu. Frau Käthli Gloor von Seon war blaß geworden, schüttelte sich und sagte halblaut: »Alle guten Geister loben den Herrn! Man weiß wohl, in welcher Gesellschaft man ist, wenn Ratten und Mäuse deutsch reden.« Indessen hatte Addrich weder Stellung noch Miene geändert, sondern mit der ihm eigenen widerlich freundlichen Geberde, aus welcher eine Tücke zu lachen schien, sagte er zu Epiphania: »Wozu bedarf's des Kopfbrechens, wer Dir den Schatz da sendet? Dein Schrätteli meldet sich selbst an.« Mit begeisterungsvollem Lächeln erwiderte die Jungfrau: »Spotte und läugne den Himmel mit seinen Sternen hinweg, er wölbt sich dennoch über Dir. Ich weiß, an wen ich glaube, und daß das Heer Gottes größer ist, als all die Menschenzahl aus Staub geschaffen. Das ist die Stimme, die schon zu mir geredet hat. Sage jetzt, meine Ohren hätten geträumt, Addrich.« Gideon, von seiner fruchtlosen Untersuchung zurückkehrend, schüttelte den Kopf und sagte: »Der Teufel will uns hier einen Schabernack spielen und lacht heimlich in die Faust dazu. Fania, ich mag von Dir nicht gotteslästerliche Sachen glauben. Doch sind mir traurige Beispiele von ehrbaren und schönen Jungfrauen bekannt, die nachmals als Hexen auf dem Scheiterhaufen brannten, welche aber damit angefangen, sich zu St. Andreasnacht in Beelzebubs Namen einzusegnen, oder sich in dessen Namen um Mitternacht auf einem Kreuzwege der Länge nach niederzulegen und die Arme kreuzweis auszustrecken, oder am St. Johannisabend Farrnsamen und Alraunen zu graben, oder andere Teufelswerke zu treiben, alles, um Geld vollauf und einen Mann zu bekommen, nach dem ihr verbuhltes Herz gelüstete.« Während der Hauptmann fortfuhr, in dergleichen sonderbaren Redensarten einigen abergläubigen Besorgnissen Luft zu machen, würdigte ihn Epiphania keines Blickes, sondern legte schweigend Schleier und Perlenschnur zusammen, auch die goldenen Schildfranken dazu, alles ins Kästchen, und steckte dasselbe, nachdem sie es wieder geschlossen hatte, in das Lederbeutelchen, welches ihr an der Seite vom Gürtel an einer dicken Seidenschnur herniederhing. »Nun will ich,« sagte sie zu der Bäuerin, »was Du gebracht hast, als mein Eigentum empfangen und verwahren, und gegen die Unsichtbaren nicht durch Mißtrauen sündigen. Gehe heim und sage dem Geber: Du habest Dein Geschäft verrichtet; sein Geschenk aber solle unberührt bei mir liegen, bis ich wüßte wer er sei und in welchen Absichten er Dich gesandt habe.« »Welches Zeichen soll ich ihm aber von Dir bringen, um zu beweisen, daß ich seinen Auftrag ehrlich vollzogen habe?« fragte die Bäuerin. »Er begehrte von Deiner Hand eine geschriebene Zeile oder von Deinem Haupte eine Haarlocke.« »Hüte Dich, Fania,« rief der Hauptmann, »ihm den geringsten Teil Deines Körpers zu behändigen, und wäre es auch nur ein abgeschnittenes Stückchen von den Nägeln Deiner Hände. Du läufst Gefahr, daß damit durch die vermaledeite Nekromante oder schwarze Kunst ein gräulicher Mißbrauch getrieben werde, zum Nachteil Deines eigenen Leibes und Lebens.« Epiphania schauderte. »Wüßte ich nur, wer es empfangen soll,« sagte sie halblaut. Da plötzlich erklang wieder die wunderbare Stimme: »Fabian! Fabian!« Während alle, selbst Addrich, bei diesem Rufe umherblickten, jeder nach einer andern Gegend des Gemaches, nahm Epiphania eine Scheere vom Fenster, schnitt einen kleinen Teil ihres Haares ab, das sich am Halse hinter ihrem Ohre zu einer natürlichen Locke gebogen hatte, und gab es dem Weibe mit den Worten: »Den Namen führt der böse Geist nicht im Munde. Nimm hin!« »Ich untersage es Dir, kraft meines Rechtes über Dich!« schrie der Hauptmann. »Ich will meine Braut lieber im Sarge, als in des Satans Klauen sehen.« »Unsinniger!« rief Epiphania. »Sie haben so wenig Recht über mich, als Deine eigenen Klauen. Mit dem Namen des dreieinigen Gottes banne ich die Hölle, und mit den Namen Fabians die höllische Kunst, die Du an mir bewiesen hast. Gehe, gehe, Deine Fallstricke sind zerrissen, in denen Du mich zur Sünde hinabzustürzen dachtest. Du wirst meine Sinne nicht mehr mit Deinem Hauch betäuben, meine Gedanken nicht mehr mit Deinem Zauber besudeln.« »Bist Du wieder irrsinnig?« rief Gideon. »So wahr ich lebe, es ist Dir schon von irgend einem Unholde angethan, daß Du mich so schändlicher Dinge beschuldigst. Auf rechtem Wege geschieht es nicht, daß Deine frühere Zuneigung in so unsinnigen Haß verwandelt worden ist. Ich fürchte, die vorwitzigen Händel, in die Du Dich mit unsichtbaren Geschöpfen eingelassen, haben Dich in eine böse Stellung gebracht . . . Addrich, Du stehst an Vaters Statt; gebiete ihr, die verdächtige Truhe zurückzugeben, und fordere von diesem Weibe die Haare zurück.« Stolz entgegnete Epiphania: »Ich bin die Tochter von Addrichs Bruder, nicht Addrichs leibeigene Magd.« »Addrich,« rief Gideon, »Du hast mir Epiphanias Hand zugesagt. Es ist für mich und Dich durchaus notwendig, daß Du in ihrer Gegenwart Dich offen aussprichst und von ihr kindlichen Gehorsam forderst.« »Hilf, gerechter Himmel!« schrie Epiphania. »Wohin bin ich geraten, daß man mich verschenken oder verkaufen darf? Ihr irret jedoch beide. Ihr könnet mich mit Gewalt zum Kirchhof tragen, aber nicht in die Kirche bis zum Altar.« Da erscholl die Stimme des Unsichtbaren wieder: »Je höher die Not, desto näher ist Gott!« Alle wandten ihre Augen gegen das offen gebliebene Innere der Doppelfenster, wo ein buntgefleckter, niedlicher Vogel auf einem der Blumengeschirre saß, den gelben Schnabel wetzte, die purpur- und dunkelgrünschillernden Federn schüttelte und noch einmal sprach: »Je höher die Not, desto näher ist Gott! Die Bäuerin Käthi Gloor bekreuzte und segnete sich bei diesem Anblick; des Hauptmanns Zunge schien vom Erstaunen gelähmt; Epiphania breitete mit freudeleuchtenden Augen ihre Arme, in der Stellung bittender Liebe, gegen das Fenster aus, und Addrich verzog lächelnd das Gesicht, indem er sagte: »Seht da den Staar! Wie kam der Tausendkünstler ins Zimmer?« Er näherte sich langsam dem Fenster und lockte den Vogel mit den Worten: »Matz! Matz!« Das zierliche Geschöpf jedoch drehte das Köpfchen behend nach allen Seiten und entflatterte in die Freiheit. »Behüte mich Gott in Gnaden!« sagte die Bäuerin, verbeugte sich zum Abschiede grüßend gegen Epiphania und entfernte sich eiligst aus dem Zimmer mit der üblichen Redensart der Landleute: »So lebet wohl und zürnet nicht!« »Folge dem Weibe, begleite es nach Seon,« redete Addrich hastig den Hauptmann an. »Seon liegt den Geschäften, die Dich erwarten, nicht auf dem Wege. Mir aber ist es so wichtig als Dir, zu wissen, wer das Mädchen hier so fürstlich beschenkt hat. Lasse dem Weibe die Haarlocke; Du wirst den Mann sehen, dem sie gebracht wird. Sage, Du selbst wollest Zeugnis für die richtige Bestellung ablegen. Mache das Weib unterwegs zutraulich und offenherzig: gieb Geschäfte in Seon oder Hallwyl vor. Tummle Dich! Morgen treffen wir uns vor Aarau.« »Du hast Recht, bei Gott!« rief Gideon. »Der Umweg ist eine Kleinigkeit gegen den Gewinn der da zu machen ist. Verlasse Dich darauf, ich fange das Wild, und wäre es schlauer als der Fuchs bei der Falle.« Er gab dem Alten die Hand zum Abschiede; als er sie aber auch Epiphania bot, trat diese schaudernd zurück und sagte: »Taste mich nicht an. Ich wollte, es lägen schon zehntausend Meilen zwischen Dir und mir.« Er blieb eine Weile traurig und schweigend vor ihr stehen, Blicke voll Unmut und Zärtlichkeit auf sie heftend. Dann sagte er mit sichtbarer Bewegung seines ganzen Wesens: »Fania, Du hast mich blutig gekränkt. Ich habe allezeit mit hoher Achtung gegen Dich gehandelt, habe mir nie die mindeste Freiheit erlaubt. Deine Neigungen waren in Übereinstimmung mit den meinigen. Ich weiß nicht, welcher böse Geist zwischen Dich und mich getreten ist.« »Fabian, Fabian!« rief Epiphania mit schadenfroher Miene, als könne sie damit einen Zauber bannen, der sie zu umgarnen drohe, »Dieser schlimme und unnütze Bursche soll mich weniger als ein körperloser Schatten hindern, Dich festzuhalten. Ich habe andere Majestäten gesehen! Schweige von dem Lotterbuben; Dich hat eine bösere Macht gebunden. Wahre Dich! Und obschon Du mich in den Tod beleidigt hast, wisse es, ich liebe Dich noch, und fürwahr, ich halte Dich höher als mein Leben und meiner armen Seele Seligkeit. Lebe wohl! Gern oder ungern, Du bist die Meine. Dich laß ich nicht fahren, und müßte ich Dir in die höllische Verdammnis folgen. Mache Deine Vorbereitung zur Hochzeit und gedenke mein. Haben wir den Tyrannen den Garaus gespielt, sollen sich Geigen und Trompeten zum Brauttanz hören lassen. Gieb mir die Hand zum Abschied!« »Gieb ihm die Hand, Thörin,« sagte Addrich, als er Epiphania Gideon den Rücken zuwenden und zum Fenster treten sah, von welchem der wunderbare Vogel verschwunden war. »Gieb ihm die Hand, damit er endlich gehe und die Spur des Weibes von Seon nicht verliere.« »Möge er von jetzt und bis in Ewigkeit die meinige dazu verlieren,« sagte Epiphania. »Ei, Gideon, so laß die Grillenfängerin!« rief der Alte ärgerlich. »Es steht einem Kriegsmanne übel, beim Mädchen zu faseln, während er alle Stunde in der Lage ist, dem Feinde ins Auge schauen zu müssen. Fort mit Dir! Das Vöglein will ich Dir wohl bewahren, sorge nur für den goldenen Käfig, wohinein Du es setzest. Erbeute Dir ein Schloß in Bern, und es soll Dir nicht fehlen. Fort! Deine schädliche Säumigkeit bringt Dich um die Bekanntschaft eines Nebenbuhlers in Seon.« Er führte ihn während dieser Rede aus dem Zimmer der Jungfrau hinweg, die Stiege hinunter; ließ ihm kaum Zeit, den Degengurt über die Achsel zu werfen und den breiten Schwedenhut mit dem weißen Federbusch in die Stirn zu drücken. Er begleitete ihn eine Strecke aufwärts zum Berge hin, wo das Weib ging, und kehrte dann mit dem Zuruf: »Glückliche Verrichtung! Morgen auf Wiedersehn im Suhrfelde vor Aarau!« nach seinem Hause um. 18. Gespräch um Mitternacht. Der Alte verschloß sich alsbald in sein Zimmer und blieb dort lange allein, obwohl es indessen finstere Nacht geworden war. Als er wieder zum Vorschein kam, warf er eine Menge zerschnittener Papiere in die Flamme des Herdfeuers, zündete die Lampe an und befahl, daß einer nach dem andern jeder von seinen Hausleuten, wie er sie der Reihe nach rufen ließe, vor ihm erscheinen solle. Er pflegte dies jedesmal zu thun, wenn er eine Reise von mehreren Tagen oder Wochen vor hatte. Es war schon gegen Mitternacht, als er Epiphania noch herbeiholen ließ. Änneli mußte sie als Wächterin beim Krankenbett der Tochter ablösen. Er verriegelte die Thür des Zimmers von innen und sagte: »Faneli, es dünkt mich sonderbar, daß seit gestern und heute so vielerlei Frage nach Dir gethan wird. Es scheint, man stelle Dir von mehreren Seiten nach und wolle Dich aus meinem Hause locken. Warum beweist Dir Junker Mey von Rued plötzlich so ungewohnte Teilnahme, schickt den Spielmann Wirri mit Briefen, um Dich ohne mein Vorwissen in's Liebegger Schloß führen zu lassen? Wer ist der schlimme Geselle, der nächtlicherweile zu Deinem Kammerfenster stieg, Dir das Blumenglas hinstellte, und vermutlich auch den abgerichteten Vogel hineinschob? Fabian selbst? Es ist nicht wahrscheinlich. Der ehrliche Junge wird nicht vergessen haben, daß ihm das Haus im Moos Tag und Nacht offen stehe. Wer könnte es aber gewesen sein? Und wer ist der alte Mann im schwarzen Samtbarett und köstlichen Leibpelz, mit der dicken Schramme über der Wange, welcher von Seon einem Landmädchen Kleinode schickt, die einer Königin anständig sein würden, und deren Wert weit über alle Vorstellung geht, die Du Dir davon machen kannst? Warum will man Dich von mir weg, zu Deinem Taufpaten nach Aarau locken? Hast Du keine Vermutung, Faneli?« »In der That,« antwortete Epiphania, »ich könnte leichter erraten, was über den Sternen oder unter der Erde vorgeht, als warum man sich von so verschiedenen Seiten mit mir zu schaffen macht. Aber vergiß nicht, es war mein Geburtstag, und der gerade mit der geheimnisvollen Zahl. Kein anderer, als Fabian, kann es gewesen sein, welcher die Blumen gebracht, und wäre er's nicht gewesen, so war's . . . Du weißt es: Du hast es gesehen; Du hast es gehört.« »Wer war's? Doch nicht Dein Schrätteli, leichtgläubiges Kind? Etwa der Staar? . . . Thorheit!« »Rede nicht so laut; die Zwerglein haben ein feines Ohr, und Du weißt es ja, Addrich, sie hören nicht gern, wenn von ihnen gesagt wird, daß sie einem Vogel in etwas gleichen.« »Mit den breiten Gänsefüßen, die sie haben sollen?« »O, daß Du doch das aussprechen mußt!« rief Epiphania heftig zugleich und schüchtern. »Erzürne sie nicht; sie sind gute Geschöpfe Gottes. Brechen wir ab davon!« »Wirklich, Du sprichst Wahrheit, Faneli, es sind gute Geschöpfe. Ich fürchte sie auch gar nicht; die Menschen hingegen desto mehr. Das ist klar, es wird Übles gegen mich beabsichtigt. Dir wird nachgefragt und nachgestellt; aber auf mich ist's gemünzt. Vor Zeiten waren die Menschen nicht des Paradieses wert; heutigen Tages sind sie so schlecht, daß sie nicht einmal den Aufwand einer Sündflut verdienen, um vertilgt zu werden. Der Schöpfer läßt sie mit den übrigen Bestien gehen und sich einander zerreißen.« »Pfui, Addrich! Machst mir immer unnötige Angst, Dir nutzlose Plage, und später giebt es unter den Menschen doch so viele schöne Ausnahmen.« »Nun ja, Narren oder Kinder, die das Himmelreich hinter der Hecke finden, wo sie mit den heiligen Engeln spielen, und wären es Zaunpfähle.« »Addrich, glaube es, wer den Engeln gern begegnen will, dem begegnen sie gern. Deine fromme Tochter stelle ohne Furcht zu den Engeln, und ich will werden, wie Leonore.« »Dann stirb! Selig sind die Toten!« Hier schwing der Alte und neigte sein verfinstertes Antlitz auf die Brust. Bald aber richtete er sich wieder auf und sagte mit fester Stimme: »Hast Du das arme Loreli lieb?« »Vom Herzen, wie eine Schwester lieb.« »So gieb mir Dein Versprechen, die Sterbende nicht zu verlassen. Ich habe eine Reise vor, wo sich Anlaß zu einer mächtigen Zerstreuung bietet. Ich muß mich zerstreuen oder wahnsinnig werden. Auf wie lange oder wie weit ich mich von hier entferne, läßt sich nicht voraussagen. Meine Tochter ist mir schon gestorben, wenn sie auch noch atmet. Bleibe ihr treu, Epiphania. Es kann ihr keine weichere, als Deine schwesterliche Hand die müden Augen, die sich nach dem ewigen Schlafe sehnen, zudrücken.« »Ich werde Leonoren gewiß nicht verlassen, Oheim.« »Man will Dich aus diesem Hause und vom Bette Deiner Schwester reißen. Beruhige mich, Epiphania. Lege Deine Hand in meine Hand zum Gelübde vor Gott und seinen Engeln allen, daß Du unter keiner Bedingung, und aller List oder Gewalt zum Trotz, dies Haus nicht verlässest, bis Leonore Deiner Pflege nicht mehr bedarf.« »Hier ist die Hand Addrich!« »Gieb die Hand nicht, ohne freie, feste Zustimmung Deines innersten Willens. Dein Gelübde wird zum Eide, und Dein Wort dringt durch die Wolken. Das gebrochene Wort würde Dir zur gebrochenen Seligkeit werden.« »Hier die Hand, Addrich!« » Erinnere Dich, Epiphania, Du bist meine Erbin, wenn es Leonore nicht mehr sein kann. Ich habe alles für diesen Fall angeordnet. Du kannst der Zukunft ohne Kummer entgegensehen.« »Ich habe sie noch nicht gefürchtet, Addrich. Ich weiß wohl, die Zukunft steht in treuem Bunde mit der Vergangenheit, wem die Vergangenheit im Rücken nachschilt, dem droht die Zukunft ins Gesicht.« »Hauptmann Renold wird Dein Beschützer werden, wenn ich's nicht mehr sein soll. Er ist ein schöner Mann, Du wirst's gestehen; er ist beherzt und brav dazu und nicht ohne Vermögen. Etwas eitel, eingebildet, prahlerisch, geziert, auch wol auffahrend und soldatisch frech . . . nun, Du kennst ihn, Faneli. Aber er brennt in Liebe für Dich; und das härteste Eisen, wenn es glühend ist, wird weich, daß es sich biegen und zu Stecknadeln für Weiberputz machen läßt. Ich habe ihm vorläufig Deine Hand versprochen.« »Meine Hand, sein Weib zu werden? Du hast übel gethan. Ich verabscheue ihn und kann Dir nicht gehorchen. Denn . . .« »Hoffst Du auf Fabian von der Almen?« unterbrach sie mißmutig der Alte. »Er denkt nicht daran; er hat Dich nie von mir begehrt.« »Zum Weibe? Wie sprichst Du, Addrich! Der Bruder seine Schwester!« »Er ist Dir nicht verwandter, als der große Mogul.« »Bin ich darum minder seine Schwester? Wir sind, glaube es mir, Geschwister von der Zeit der ersten Kinderspiele an, deren ich mich erinnere. Wir haben nur einerlei Gedanken, nur einerlei Willen, nur einerlei Erinnerung, nur einerlei Hoffnung und können nicht anders, Er ist ich, ich bin er. Wir sind wahrlich eine einzige Seele in zwei Körpern. Gott hat uns in zwei Hälften getrennt; er aber ist offenbar die bessere,« Addrich strich lächelnd mit seiner Hand über ihre Augen, die ihn zur treuherzigen und lebhaften Versicherung ebenso lebhaft und treuherzig anblickten. »Bist noch ein vollständiges Kind, Faneli,« sagte er. »Man sollte Euch wirklich für Bruder und Schwester halten, wenn Ihr beisammen seid: so wenig macht Ihr Euch dann mit einander zu schaffen.« »Was sollen sich die verbundenen Hälften um einander kümmern? So sind sie ruhig, sind sie eins. Aber wenn sie getrennt leben müssen, vergehen sie in Schmerz und Sehnsucht nach einander, weil sie nur ein halbes Leben haben. Ihre Gedanken suchen sich beständig auf, und ihre Wünsche fliegen einander nach.« »Indessen, Faneli, schien Dir der Hauptmann Renold doch nicht so verhaßt zu sein wie Du Dir jetzt das Ansehen geben möchtest. Sei offen gegen mich. Ich weiß mehr, als Du vielleicht vermutest. Deine jedesmalige Verlegenheit, Dein Erröten, Dein zerstreutes, vergeßliches Wesen, wenn er bei Dir ist . . . Nichts ist mir entgangen. Ich könnte noch mehr sagen. Liebe plaudert aus den Augen und dringt durch den Handschuh.« »Du hast Dich betrogen. Vor Gideon flöhe ich ins Grab.« »Nun ja doch, Ihr hattet, merk' ich, Händel mit einander. Liebe will Streit gehabt haben.« »Liebe!« rief Epiphania mit Empörung ihres ganzen Wesens und unverstelltem Grausen, »Nenne das ja nicht Liebe, Addrich, es wäre eine wahre Lästerung des Heiligen. O, wenn das Liebe ist, so habe ich nie meinen Vater, habe den guten Fabian nie, habe keinen Menschen noch lieb gehabt. Es ist das nicht Liebe, es ist Sinnverblendung, Seelenbrand, fieberhaftes Betrübtwerden, böse Glut, die Mark und Bein durchzieht. Hüte Dich vor Gideon, er treibt verbotene Künste! Er kann, wie sehr ich mich auch sträube, mich an sich ziehen; er kann meinen Willen nach seinem Gefallen bannen und mich zu seinem Eigentum machen, wie er will. Dann aber schreiet durch die Verwirrung meines Gemütes die Stimme meines Schutzgeistes: Es ist Sünde, es ist Sünde!« »Rede deutlicher, Mädchen! Ich verstehe Dich nicht.« »Hast Du noch nie gehört, wie boshafte Gesellen durch Liebestränke, durch einen Bissen Brotes, den sie unterm Arm getragen, oder andere gottlose Zaubermittel eine Jungfrau um den Verstand bringen und wie einen Hund von sich abhängig machen können, daß die Behexte im Schlaf und Wachen keine Ruhe findet und an einem innern Brand sterben muß?« »Aus wieviel hundert Altweiberstuben hast Du doch Deine närrische Wissenschaft zusammengeschleppt! Entschlage Dich des Unsinnes. Ein schönes Haus muß kein Lumpen-Magazin sein, und ein gesunder, frommer Sinn, wie der Deine, nicht vor dem Gerümpel des Aberglaubens Schildwacht stehen.« Indem er dies mit Unwillen und Lachen sagte, ließ sich an der Thür leises Pochen hören und er ging, nachzusehen. Änneli stand draußen und sprach: »Mir graut, mit Leonoren allein zu sein. Sie redet aus dem Schlafe wunderliche Dinge. Darf Fania nicht neben mir wachen?« Addrichs Miene zog sich plötzlich wieder finster zusammen. Er winkte Epiphania und sie gingen insgesamt zur Kranken. 19. Schwanengesänge. Die beiden Mädchen schwebten so leise wie ein Schatten in Leonorens Gemach hinein. Der Alte ließ die dickbesohlten Nagelschuhe vor der Thür stehen. Von dem Tischchen am Bett ergoß die brennende Lampe bleiche Strahlen durch das Zimmer. Die Mädchen setzten sich in einen Winkel enge zusammen, als wollten sie durch größere Nähe einander stärkeren Mut machen. Addrich trat zum Bette. Das Erbeben seiner breiten Brust und seiner Achseln verriet die Tiefe des Seufzers, der sich ihm entwand, während er den großblumigen Bettvorhang, der das Antlitz seiner Tochter verschattete, sanft zurückstreifte. Sie lag da mit geschlossenen Augen, wie ein Gebilde von Alabaster, auf welches ein mattrötliches Licht fällt. Sie atmete sichtbar; jedoch die starre Ruhe ihrer schönen Züge verkündete den Bruch des Geistes mit einem Leben, in welchem sie nichts mehr ansprach und berührte. Als wäre die Welt für diese Augen von jeher licht- und luftlos und für diese Ohren von jeher stumm gewesen, so kalt und abgeschlossen war jede der eingesunkenen, unbeweglichen Mienen. Addrich zog sich nach dem Fenster zurück, stützte die Arme auf das Gesims und legte sein Gesicht in die flachen Hände. Es herrschte eine lange, schauerliche Stille, als wäre mit Leonoren alles Leben auf Erden vergangen. Die beiden Mädchen saßen, mit auf die Brust gesenkten Häuptern und gefalteten Händen, in betender Stellung da. Dieser peinliche Zustand mochte fast eine Viertelstunde gewährt haben, als Änneli und Epiphania zugleich horchend die Köpfe emporhoben. Sie vernahmen vom Bett her die Lippen der Kranken flüstern. Epiphania eilte dahin und legte ihr Ohr an die Lippen, wandte sich aber gelassen und ernst wieder nach ihrem Platze und sagte leise zu der Gesellschafterin: »Sie beginnt gewiß wieder mit ihrem Gesange.« Es scheint, daß Addrichs Tochter das Opfer einer jener Krankheiten wurde, welche noch heutigen Tages durch ihre wunderbaren Erscheinungen den Verstand der Zuschauer in Erstaunen setzen und die Kunst der Ärzte zur Verzweiflung bringen. Das alte Griechenland dankte denselben Aussprüche der Götter durch den Mund der Priesterinnen Apollons und Jupiters; aber die an den Wasserflüssen Babylons entarteten Kinder Israels erkannten in denselben nur Schelmenstreiche des Satans. Weil die Christen den jüdischen Sauerteig für unerläßlichen Zusatz zum reinen Brote des Lebens hielten, mußte sich auch Addrichs Tochter gefallen lassen, im Volk als eine vom bösen Geist Besessene zu gelten. Die Sagen, welche über Addrich umgingen, schienen dies noch mehr zu bestätigen, als die mutlosen Verzichtleistungen der Ärzte, die der Vater weit umher vergebens angerufen hatte, auf Rettung seiner Tochter. Würde Addrich, nachdem er sich von den Priestern Äskulaps verlassen sah, die ehrwürdigen Väter Kapuziner eines benachbarten Klosters zu Hilfe gerufen haben, um den Teufel zu beschwören, so wäre er in Stadt und Land vielleicht wieder zu dem guten Ruf gekommen, Religion zu haben. Er hatte jedoch dieses Mittel verschmäht, nicht eben, weil er zur Kirche Zwinglis gehörte, denn solchen Glauben bewahren viele evangelische Bauern im Gebirge auch heute noch, wie damals, als einen geheimen Glaubensartikel. Doch Addrich schien von Grund aus ein arger Freigeist zu sein. So blieb denn die unglückliche Eleonore in der Meinung des großen Haufens als eine Besessene verschrien, während sie im väterlichen Hause für einen Engel gehalten wurde, der zuweilen Überirdisches ausplaudere, oder doch nichts Geringeres zu sein schien, als einst Priams weissagende Tochter Kassandra dem Altertum. Ihr anfänglich leises Geflüster hatte, wie es bei dieser Krankheit zu den gewöhnlichen Erscheinungen gehört, nach und nach hörbaren Ton angenommen; er erklang jedoch so leise, daß man ihn kaum deutlich wahrnahm. Gleich den sanftberührten Glocken einer Harmonika, deren anfangs kaum vernehmbarer Laut unter dem steigenden Druck des Fingers unmerklich bis zur Erschütterung der Nerven anschwillt, so wurde die Stimme der Schläferin allmälig zu einem milden, zwischen den Lippen summenden Gesange, eine Weile unverständlich, zuletzt heller und deutlicher, mit bestimmt gegliederten Tönen und Worten. Die Todesstille der mitternächtlichen Stunde und die matte Beleuchtung aller Geräte und Verzierungen des Zimmers von dem Scheine der kleinem Lampe vermehrten das Grauenhafte eines Gesanges, der unwillkürlich aus der Brust der Schlummernden hervorzukommen schien. Die Stimme war unaussprechlich weich und süß, wie ein zartgehauchter Flötenton, aber die Sangesweise schwermütig und einförmig. Man verstand zuletzt folgende Worte: Am Himmel schweben Fahnen, Am Himmel, blau und weiß, Sie schweben lange Bahnen Herab zur grünen Reuß. Aar schüttelt breite Schwingen Vom Felsenhorst, der Aar, Er kreist in großen Ringen; Aar sucht die Leichenschar. Wo soll ich alle finden, Die mich so reu'n und freu'n? Sie gehn in Schattengründen, Die feuerroten Reih'n. Sie zieh'n den roten Bogen, Ihn bricht das böse Glück, Vor geh'n nun Feuerwogen, Ein Blutstrom geht zurück. Die letzten Silben verhallten fast, ehe sie den Weg zu den Ohren der Horchenden zurücklegten; die folgenden blieben ganz unverständlich; die Töne selbst wurden immer matter, bis sie sich endlich wieder in das unhörbare Gelispel der Lippen auflösten, mit dem sie begonnen hatten. Änneli fragte ihre Nachbarin flüsternd: »Hast Du alles verstanden? Sie redete von Krieg und Blutvergießen. Wenn die Toten singen, steht der Welt großer Jammer bevor; und ist Loreli nicht eine wahre Tote?« »Sei still!« erwiderte Epiphania. »Vielleicht vernehmen wir mehr.« Wirklich, es ließ sich abermals das leise Gelispel von Eleonorens Lippen hören, das nach mehren Minuten hörbar, zu Gesang und Worten wurde. Derselbe stilldurchdringende süße Klang der Kehle, wie vorhin; dieselbe wehmütig einförmige Sangesweise. Man vernahm folgende Worte: Vom rosafarbenen Munde Erlischt die Lebensglut, Die Jünglings-Purpurwunde Betaut das Gras mit Blut. Zu spät eilt Deine Hilfe, Er fühlt nun keine Pein, Er schläft auf dürrem Schilfe, Sein Kissen ist der Stein. Aus ist Dein Licht geblasen, Mit aller Hoffnung aus. Dein Kind deckt Dir der Rasen, Die Asche Dir das Haus. Auf ewig zog von hinnen, Was je Dein Herz gesucht. Mußt finden und gewinnen, Was Deiner Liebe flucht. Ruft Dich der Freudenbote Zum freudenreichen Rhein, Grüßt Dich der fromme Tote; Du kehrst bei keinem ein. Was ringest Du die Hände Hoch auf des Berges Rand? Schwarz ist des Abgrunds Ende, Schroff ist die Felsenwand. Nach dem letzten Worte stieß die Singende einen kurzen, aber gellenden Schrei aus, so daß alle mit Entsetzen zusammenfuhren und aufsprangen. Selbst Addrich erbleichte vom Schrecken. Sie nahten der Kranken insgesamt mit ängstlicher Hastigkeit. Eleonore lag, wie vorher, schlafend da, aber über ihr Gesicht war ein warmes glänzendes Rot milde verbreitet, Es entschwand ihr ein langer tiefer Seufzer, und ihre Mienen verklärten sich darauf zu einem unaussprechlich angenehmen Lächeln. Es war das Lächeln des Entzückens, dem Siegeslächeln einer vom Irdischen gelösten Seele ähnlich, welches im Augenblick des Todes auf Wangen und Lippen des Leichnams geprägt zurückbleibt. Ihr schwaches, aber regelmäßiges Atmen verkündete indessen bald, daß sie aus dem ungewöhnlichen Zustande in einen natürlichen Schlaf übergegangen sei. Dieser Anblick beruhigte die Erschrockenen, da man die wechselnden Krankheitserscheinungen kannte. Mitternacht war vorüber. Epiphania erbot sich, bis zum Morgen zu wachen; Addrich und Änneli entfernten sich getrösteter. 20. Das Wirtshaus in Gränichen. Das graue Licht des anbrechenden Tages fiel durch die kleinen runden Scheiben des Doppelfensters, und erhellte einigermaßen das Krankenzimmer, in welchem das rote Lampenflämmchen unscheinbar fortbrannte, als Ephiphania zitternd zusammenfuhr. Sie fühlte eine fremde Hand über ihr Gesicht gehen, als sie eben, bei ihrer nächtlichen Arbeit am Spinnrade, vom Schlummer überrascht worden war. Ihr Oheim stand reisefertig vor ihr: an der Seite ein Schwert, im breiten Ledergürtel über den weiten Pluderhosen zwei glänzende Radpistolen, vom grauen, gesteppten Wams halb verdeckt. Nachdem er vernommen, daß Eleonore mehrere Stunden gewacht und einige Erquickungen zu sich genommen habe, küßte er Epiphanias Stirn, erinnerte sie ihres gestrigen Gelübdes, und versprach, käme er nicht selbst zurück, zeitweise Nachrichten zu senden. »Addrich,« sagte seine Nichte, »Du gehst böse Wege, Wege des Blutes.« »Kind, der Weg des Rechts in dieser verwilderten Welt ist ein Waldweg und kein Gartenpfad. Es müssen von Zeit zu Zeit rechtschaffene Männer zusammenstehen, um durch Dickicht und Gedörne eine Straße zu bahnen.« »Addrich, hast Du die Weissagungen dieser Nacht vergessen? Es waren Schwanengesänge von tiefer Bedeutung.« »Wohl Schwanengesänge,« seufzte der Alte, »vielleicht die letzten Töne dieses schönen, sterbenden Schwanes, die ich hörte. Willst Du mein Joseph sein und mir die Träume deuten, aus denen Loreli sang?« »Auf eine Zeit der Freude und Lust deutete der Trauersang gewiß nicht.« »Du hast recht. Ich erwarte keine Freude mehr unterm Himmel; aber ich möchte sie noch andern bereiten helfen. Lebe wohl, laß Dir nicht grauen. Du bist wohlbewacht. Versüße meinem Kinde die letzten Tropfen im Leidenskelche mit dem Honig Deiner Liebe.« Er reichte ihr die Hand zum Abschiede, beugte sich dann über seine schlummernde Tochter, küßte leise ihre bleiche, eingesunkene Wange und ging eilig davon. Drunten gab er den versammelten Knechten und Mägden noch einzelne Anweisungen. Die Hunde bellten fröhlich und sprangen an ihm empor, Er stieß sie jedoch zurück und ging einsam, längs dem Waldgebüsch, thalabwärts. Es war ein Sonntagmorgen. Hin und wieder erscholl von entfernten Kirchen das Geläute der Glocken; sie riefen jedoch nicht zur Andacht, sondern zum Landsturm. Zuweilen vernahm das Ohr dumpfen Trommelschlag und den schrillenden Ton der Querpfeifen. Addrich schritt gedankenvoll und eilend über die Ebene hinweg bis Gränichen, am Ausgang des Kulmerthales. Schon von weitem war ihm ein wildes Geschrei, Getummel, Jauchzen, Rufen und Lärmen entgegengedrungen. Das Dorf wimmelte von bewaffneten Bauern. Hier schwang einer die Fahne seiner Schützenschaft, dort wurden verworrene Haufen in Reihen geordnet; einige säuberten ihre Handbüchsen, andere wetzten verrostete Säbel. Diese beratschlagten ernst; jene tranken einander aus Feldflaschen zu, oder fochten scherzweise zusammen. Das dichteste und bunteste Gedränge aber war vor dem Wirtshause, es war einem Bienenkorbe zu vergleichen, dessen Schwarm ausziehen will. Addrich, der in diesem Hause die Anführer der Haufen oder die Vorsteher der Gemeinden vermutete, gelangte nicht ohne Mühe, durch das Gewühl der Kommenden und Gehenden, in eine der überfüllten Wirtsstuben. »Wo sind die Hauptleute?« fragte er die Nächsten von den Umstehenden, aber keiner derselben achtete seines Wortes. Addrich drängte sich nach dem Innern des Zimmers durch, er wurde jedoch bald wieder von einem Haufen zurückgedrängt, der einen der Tische umringte und seine Aufmerksamkeit einem fremden jungen Menschen zuwandte Dieser verzehrte hier ganz gemächlich und mit nicht geringem Appetit seine Morgensuppe, und versuchte dazwischen den vor ihm stehenden Wein, ohne sich um die Zuschauer zu bekümmern. Der Jüngling mochte in der Mitte der Zwanzig stehen. Sein feines, fast mädchenhaftes Gesicht, welches noch keine Spur vom Anflug einer Leidenschaft zeigte, mußte Wohlgefallen erregen, und die unerschütterliche Ruhe darin ließ es ungewiß, ob das Unschuld oder die furchtlose Sicherheit sei, die dem Bewußtsein der innern Kraft entstammt. Sein braungoldenes Haar fiel ihm in langen Locken auf die Schultern nieder, daß er fast einem jugendlichen Johannes glich, wie ihn die Maler darzustellen pflegen. Als könne dies alles zu diesem Kopfe nicht gehören, so sonderbar und doch so gefällig stand dazu der gewaltige Gliederbau des Leibes, die Breite der Schultern, die gewölbte Brust und die Stärke der Hände. Vermutlich hatte aber weniger die Gestalt als die städtische Kleidung des Jünglings die argwöhnische Neugier der Umstehenden erregt. Auf dem Tische lag ein braunes Sammetbarett. Über den blauen, zurückgeworfenen, kurzen Mantel und das gelbe, reich gestickte Wamms breitete sich ein feiner, ausgezackter Halskragen vom zartesten Linnen. An den faltenreichen Beinkleidern, da wo sie sich enge um's Knie schlossen, fehlten nicht die seidenen Schleifen; auch ein handbreiter, kragenartiger Ansatz ging, nach damaliger, vermutlich den Niederländern nachgeahmter Sitte, unter dem Knie her, und eine engere Fortsetzung der Beinkleider bis über die Waden schloß sich daran an. »Benz, ist er nicht taubstumm, so soll er das Maul aufthun. Man muß dem Hafen den Deckel abnehmen!« sagte einer in Addrichs Nachbarschaft. »He, Bursch,« schrie einer, der zunächst am Tische stand, dem jungen Menschen zu, »gieb Rede und Antwort. Wir begehren zu wissen, von wannen und wohin? Wie, wo und wann? Rede!« Der junge Mann sah ruhig auf und antwortete, »Gut, ich rede wie, wo und wann's mir beliebt.« »Du Milchbart meinst, der erste April sei vor der Thür?« erwiderte der Frager. »Ich mag des Narren Narr nicht sein, und kann dieser Zunge wohl Beine machen.« »Frage klüger, so antworte ich gescheiter« entgegnete der junge Mensch und goß sich den letzten Wein ins Glas. »Gelt, Du möchtest erfahren, ob ich von Aarau komme? Ob ich Aufträge habe? Ob ich thalaufwärts will? Hast alles erraten.« »Zeige, ob Du Schriften bei Dir hast, denn Sehen geht über Hören,« versetzte der Wortführer. »He, Ihr Leute, wer unter Euch kann Schriften lesen? Zieht ihn über den Tisch hervor; untersucht den Burschen!« »Legt keine Hand an mich, Ihr könntet Euch in die Finger stechen,« sagte der Jüngling, setzte das Barett auf, und erhob sich von der Bank. Erst jetzt konnte ihn auch Addrich erblicken. »Halt, Ihr Männer!« rief dieser und drängte sich zum Tische. »Keine Uebereilung! Es ist Fabian von der Almen, einer von den unsrigen, darauf verlaßt Euch, der uns bald unentbehrlich sein wird. Er soll Arzt und Wundarzt bei unserem Heere sein. Es wird nicht an Arbeit fehlen, zerschossene Beine und zerbrochene Köpfe wieder zusammenzuflicken.« »Laß ihn in Frieden, laß ihn!« riefen jetzt mehrere. »Der Mooser kennt ihn; das ist genug. Wir müssen einen Doktor haben.« Der Jüngling reichte dem Addrich freundlich die Hand zum Gruß über den Tisch hin und sagte zu den Bauern: »Ihr Leute, wüßte ich's nicht voraus, es sei einerlei, ob ich zu Euch spreche, oder zum tauben Ohr eines Waldbaches, der über die Felder hinausbricht, so würde ich raten, auf meine Kunst am wenigsten zu rechnen, sondern lieber auf der Stelle gegen die künftigen Hieb-, Schuß und Stichwunden das einzige und wahre Schutzmittel zu suchen.« Addrich, der Fabians Hand noch in der seinigen hielt, zog ihn an derselben zu sich über den Tisch herüber, unzufrieden mit der Rede des Jünglings, die neuen Lärm erregen konnte. »Sappermost!« schrie ein langer Kerl, dem ein gewaltiger Schnauzbart und ein paar breite Narben ein fürchterliches Ansehen gaben. »Mich soll der Moloch vor Euren Augen in zehntausend Stücke zerfetzen, wenn der Kamerad nicht recht hat. So lange ich meine Gemskugel im französischen Regiment bei mir trug, konnte keine Batterie mir etwas anhaben. Wir haben aber jetzt den rechten Mann unter uns. Mooser, versorge uns alle gut. Wir wissen, Du bist der Rechte; Du kannst es.« Sämtliche Anwesende richteten ihre Blicke mit Neugier und zum Teil mit heimlichem Grausen auf Addrich, der allen, wenn nicht von Person, doch dem Namen nach durch das Gerücht bekannt war. Mit finster zusammengerunzeltem Gesicht erwiderte Addrich dem neuen Redner: »Ich verstehe Dein Gedolmetsch nicht.« »Alle hunderttausend Teufel, Mooser, verstelle Dich nicht,« schrie der abgedankte Soldat. »Wir kennen Dich wohl. Du kannst, wenn's sein muß, aus dem Mantel fahren, wie in einem Segelschiff; weißt die Passauer Kunst meisterlich auszuüben, daß man in Scharmützeln oder Treffen gefroren und ganz eisenfest gegen den Hieb steht, selbst wenn der Degen vorher in warmes Brot gesteckt worden, oder vom Stichblatt bis zur Spitze ganz vergoldet gewesen wäre. Oder lehre uns nur – das kannst Du gar wohl – vierundzwanzig Stunden vor'm tötlichen Gewehr gesichert zu bleiben. Das ist ein Kapitalstück in Schlachten, täglich drei freie Schüsse zu haben, daß, ohne zu zielen, die Kugel läuft, wohin man denkt, wäre auch nicht zu verschmähen.« Addrich unterbrach den Schwätzer, indem er rasch, wie im Zorn, zu ihm hintrat, die Hand erhob und mit bedeutungsvollem Tone rief. »Schweige! Davon zu anderer Zeit, Du alter Stocknarr! Solche Dinge werden nicht in offener Landsgemeinde abgethan.« Der Soldat verbeugte sich, ohne ein Wort zu sagen, mit halbem Leibe sehr ernsthaft gegen Addrich, aber seine Geberde verriet Pfiffigkeit, und daß er den Wink wohl begriffen habe. Indessen wandte sich Addrich wieder zu Fabian mit der Frage: »Wohin eigentlich willst Du?« »Mein Weg ging zu Dir in's Moos,« sagte der Jüngling. »So habe ich ihn Dir um die Hälfte verkürzt,« versetzte Addrich. »Begleite mich nach Aarau. Wir wollen dahin voraus, ehe der ganze Zug geht.« Mit diesen Worten begaben sich beide durch das Menschengedränge aus dem Zimmer. Die Leute wichen, geräumige Gassen bildend, scheu zurück, und sahen dem alten, finstern Schwarzkünstler aufmerksam nach, indem einige dabei den Kopf schüttelten, andere sich mit dem Finger verlegen hinter'm Ohr kratzten, wieder andere sich gegenseitig bedenklich zunickten. 21. Die Unterredung im Gönhard. Während im Wirtshause von Gränichen das Gespräch über die beiden Abgegangenen fortgesetzt wurde, wanderten diese zum Dorfe hinaus durch die feuchten Wiesen nach Suhr. Man bemerkte überall waffentragende Bauern, einzeln und truppweise, in Bewegung. Jedoch achteten die beiden wenig darauf, denn sie waren mit Gesprächen und ihren Gedanken allzusehr beschäftigt. Addrich, durch Erfahrung und Alter besser berechnend, als der Jüngling, verschob seine wichtigen Fragen und Angelegenheiten bis zuletzt, während hingegen dieser das zuerst vorbrachte, was zu erfahren es ihn am heftigsten drängte. Sobald man über Eleonorens Krankheit gesprochen hatte, sagte Fabian: »Also hat Deine Nichte gestern keinen fröhlichen Geburtstag gefeiert?« »Allerdings! Es fehlte nicht an Geschenken, überbracht vom Morgen bis zum Abend; schöne Blumen zum Beispiel, und ein plaudernder Staar, der aber wieder davon flog . . .« »Und nicht wieder gefangen wurde?« unterbrach ihn schnell Fabian. »Alles Deine Schuld! Du kamst zu meinem Hause, wie ein Dieb in der Nacht, nur mit dem Unterschiede, daß Du nicht nahmst, sondern brachtest. Aber meinen treuen Hund hättest Du nicht töten müssen.« »Also wurde ich von Renold erkannt? Er hetzte die Bestie; ich mußte mich meines Leibes und Lebens wehren.« »Auch Deine Schuld! Wenn Du das Sonnenlicht scheuest, poche an in der Nacht, Dir wird im Moos aufgethan.« »Ich konnte mich nicht verweilen. Gestern sollte ich schon vor Tagesanbruch in Aarau sein; dafür hatte ich das Ehrenwort zum Pfande eingesetzt. Der Sprung über ein paar Berge war ein geringer Umweg für Epiphanias Geburtsfest. Und dazu der verlobte Bräutigam im Hause, der noch nie mein Freund gewesen. Also in der That, Addrich, sie ist Renold's Braut?« »Ihm erst halb und halb anverlobt.« »Möge er ihr wenigstens den halben Himmel zutragen, den sie ihm ganz giebt. Ich kenne ihn nicht, diesen Renold, doch Epiphania liebt ihn. Sie ist mit ihm in die Einsamkeit der Berge gewandelt, wie ehemals mit mir, ohne an seiner Seite den schneidenden Wind der Höhen zu empfinden; in die Verborgenheit der winterlichen Gebüsche, die seine Gegenwart ihr zum Frühlingsgarten verwandelte; er hielt die Heilige an seiner Brust . . . O ich weiß alles, alles habe ich erfahren, alles. Ihre Liebe entsündigt und adelt jeden vor Erde und Himmel; und wäre er ein Bösewicht gewesen, durch sie wird er rein wie ein Engel. Ich kenne ihn nicht genau genug, diesen Renold. Vielleicht lag in seiner Natur nichts Feindseliges, als nur gegen mich, oder ich sah sein Thun mit den Augen der sich selbst nicht bewußten Abneigung an. Vielleicht würde ich ihn lieben, wenn ich ein Weib wäre, denn wahrhaftig! er ist schön. Einem gefälligeren Manne bin ich noch nicht begegnet. Nur schien er zuweilen allzu geckenhaft-zierlich und fremd, sowohl im Ausputzen seines Leibes, wie in den Einkleidungen seiner Gedanken, in gesuchten, geschwülstigen Worten. Das aber sind Kleinigkeiten.« »Sprich ehrlich, Fabian. Liebtest Du vielleicht Epiphania ernsthaft?« »Ob ich? . . . Welche Frage! So lange ich atme . . . doch deute meine Worte nicht falsch.« »Du hattest also keine Absicht auf sie?« »Keine, als die der Bruder haben kann. Bei ihr ist für mich alles anders, als bei andern Weibern, aber keine ist ihr zu vergleichen, wenn sie auch alle schöner wären. Ihr gegenüber verstummt die Neigung und Geschlechtsbegierde. Ich hätte mich der Sünde geschämt, ihre Hand zu begehren. Sie war und ist für mich nicht ein weibliches Wesen, sondern sie ist und war mein Leib, mein Blut. Hast Du je gehört, daß ein Mensch sich selber begehre, obgleich er nicht aufhört, sich zu lieben?« Dies Gespräch spann sich so lange fort, als der Weg nach Suhr dauerte. Nahe vor dem Dorfe aber wandte sich Addrich mit seinem Begleiter links durch die Wiesen gegen die langen, finstern Waldhügel des Gönhard, um nicht in das Getümmel der Landstürmer zu geraten, die sich im Dorfe versammelten. Fabian hatte indessen, was er zu wissen wünschen konnte, erfahren: die Sendung des Junkers Mey von Rued, Epiphania zu entführen; die Sendung des Weibes von Seon mit den köstlichen Geschenken des Unbekannten, und dem Auftrage desselben, Epiphania zu bewegen, nach Aarau zu ihrem Paten zu gehen. »Nun denn,« sagte Addrich, als sie einen sandigen Fußweg zwischen den Tannen am Berge hinanstiegen, »die Zeit wird's offenbaren, warum man aller Orten geschäftig ist, mir das Kind zu entreißen.« »Damit Du die Schuldlose nicht in Dein trauriges Schicksal verwickelst, Addrich, denn Du wirst für den Rädelsführer dieses Aufstandes im Aargau gehalten. Darum war ich auf dem Wege ins Moos. Ich konnte es nicht, wollte es nicht glauben. Deine Anwesenheit in der Mitte der Rebellen von Gränichen, Deine kriegerische Rüstung, Dein Ansehen unter den wilden Menschen dort haben mich unglücklicherweise eines anderen belehrt.« »Unglücklicherweise?« rief Addrich erstaunt und betrachtete den Jüngling, ob er scherze. »Woher kommst Du? Aus den Kerkern in Bern? Haben die den letzten Funken des Mannesmutes in Dir ausgelöscht, daß Du sogar der Fürsprecher der schweizerischen Knechtschaft werden willst? Oder haben sie Dir so wohlgefallen, daß Du Deinen gnädigen Herren und Obern dafür dankbar werden willst? Fabian, warst Du im Kerker?« »Ich wars.« »Schuldig oder unschuldig?« »Schuldig oder unschuldig, wie mans auslegt. Ich sehe darüber weg. Ich lebte in der Gefangenschaft glücklich mit dem Staar, den ich für Epiphania abrichtete. Dem Thoren kann das Weltall enge, frommem Mut das Gefängnis zum Weltall werden.« »Ganz gut. Aber die Schande, aber die Schmach?« »Addrich, das solltest Du doch wissen, daß der Marmelstein des Palastes so wenig Ehre, als die salpeterzerfressene Mauer des Kerkers Schande abfärbt.« »Brav, Barsche, Du bist wieder der Alte in meinem Geiste. Warum wurdest Du eingesteckt? Wir hörten viele sich widersprechende Geschichten.« »Jetzt ists ein Jahr. Als ich einige Wochen in der Heimat war, berief man mich zur kranken Kammermagd des Landvogts, ihr Heilmittel anzuordnen. Als ich vergangenen Herbst abermals in die Heimat kam, wurde ich vor das Chorgericht gefordert. Das lügnerische Weibsbild hatte mich als Verführer angegeben; sagte es mir frech und weinerlich sogar ins Gesicht; wiederholte es selbst in den Wehen. Der Landvogt, ein hochfahrender, heftiger Mann, der mich meines Widerspruchs wegen aufs Schloß rufen ließ, wurde im Wortwechsel so ungestüm, daß er mir ins Gesicht schlug. Da zog ich ihm zur Vergeltung, in Gegenwart aller Schreiber, Weibel und Amtsboten, eine Maulschelle so derber Art um die Ohren, daß er fünf Schritte zurücktaumelte. Allerdings hatte ich gegen eine obrigkeitliche Person gefehlt.« »Das ist Berner Art. Darauf mußtest Du ins Loch wandern, bis Dir die Zeit lang wurde und Du aufbrachst?« »Nein, Addrich! Das Weibsbild starb an den Folgen seiner Entbindung und erklärte im Tode meine Unschuld. Der Sohn des Landvogts war ihres Kindes Vater. Die Berner sind gerecht. Der Landvogt selbst wurde von Stunde an mein Fürsprecher; ich wurde von aller Strafe und Schuld losgesagt. Der Urheber meiner Gefangenschaft dachte edel genug, selbst zu mir ins Gefängnis zu kommen und mir Versöhnung und Freundschaft anzubieten.« »Und diese heuchlerische Milde und Gerechtigkeit, dies schwächliche Kind der Angst vor dem wachgewordenen Grimm und Stolz des Volkes hat Dich bethört, geblendet, bestochen, geworben für Bern? Weil sich ein armseliger Junker gnädigst herabließ, einem Ehrenmanne, den er mißhandelte, das Unrecht einzugestehen, findest Du die Tatzen des Bären weich, die gefühllos ein ganzes Volk in den Staub drücken?« »So wenig, Addrich, daß ich vielmehr mein am Thurnersee neuerkauftes Heimwesen wieder veräußern, der Willkür entrinnen und ins Land des Markgrafen von Baden ziehen will.« »Warum nicht lieber Deinen Arm in diesen Tagen dem Volke gegen den Städterhochmut leihen?« »Ich leihe ihn – wahrlich! – der Niederträchtigkeit so wenig, als dem Hochmut.« »Bursch, achte Dein Volk, das für sein Recht in Waffen steht! Auch die Verzweiflung kann ehrwürdig sein.« »Wie die Raserei.« »Also leuchtet es Deinem Verstand wohl ein, daß es sich mit der Gerechtigkeit vertrage, wenn selbstsüchtige Hinterlist die uralten Gerechtsame der Dorfschaften nach und nach in Zweifel zieht, in den Kehricht wirft, weil Fäulnis, Moder und Mäuse die Pergamentbriefe zerfressen haben? Ists Recht, daß die Habgier der Stadt vom Regierergewerbe lebt, Münzwucherei treibt, Amtleute ins Land schickt, die sich wie Blutegel am Wohlstande des Volkes satt saugen; ists gerecht, wenn man den Junker für dasselbe Verbrechen mit einem sauren Seitenblick abstraft, wohl gar entschuldigt, für welches den Bauer Turm, Ketten, Folter und Galgen erwarten?« »Nein, Addrich, aber von der andern Seite ists wohl ebenso ungerecht, wenn man das hündische Volk ebenso gegen Unschuldige wie gegen die Schuldigen hetzt; wenn man, um seine Wäsche zu trocknen, ein Dorf in Brand steckt, und wegen einiger irrigen Schritte der Obrigkeit tausendmal fälschere macht, welche Land und Leute auf ein Jahrhundert zu Grunde richten. Hütet Euch! Ihr wollt den Kreuzer gewinnen, und werft mit dem Thaler danach. Später dann bereut Ihr den verlorenen Thaler und setzet dafür die Dublone ins Spiel. Ihr kommt nie zu Ende, und setzet zuletzt alles gegen alles auf die trügerische Karte.« »Nicht zuletzt, guter Freund, da stehen wir heute schon,« sagte Addrich hämisch lächelnd. »Wir wissen so gut als Du, daß das Blut und Geld, welches der Krieg kosten mag, mehr wert sind als der Widerruf eines bloßen Münzmandats. Aber nun wir einmal am Abrechnen mit der Stadtoberherrlichkeit sind, soll noch anderes gerechnet werden. Ein Rechtsstand, wie er vor Gott und aller Vernunft gilt, muß wieder hergestellt und das Schweizervolk frei werden, wie der Herr in der Stadt. Die Söhne der Telle in den kleinen Kantonen und im Land der Graubündner, ja, die sind frei. Wird Dein Herz nicht weit bei dem bloßen Namen der edlen Freiheit?« »Allerdings, Addrich, aber es zieht sich wieder enge in sich zusammen beim Anblick Eurer Mittel. Die kleinen Kantone und Graubündner kaufen ehrlich, um bares Geld, fremde Rechte an sich; Ihr aber kaufet, wie Straßenräuber beim Krämer im Walde, mit dem Messer in der Faust, und wollet den Teufel zum Fürsprecher machen, daß Ihr in die Himmelspforte eingehen könnet. Dazu biete ich nun und nimmer meinen ehrlichen Arm.« »Nach Deiner Meinung sollen wir also höflich danken, Fabian, wenn die Berner uns das Fell über die Ohren ziehen, weil sie es gebrauchen? Nein, und abermals nein! Bursche, alles hat sein Maß. Es giebt ein Recht unterm Himmel, das ist nicht mit dem Stammbaum gepflanzt. Es gehört den Menschenkindern von Ewigkeit und ist von keinem Menschenkinde weder zu geben, noch nehmen.« »Täusche Dich nicht, Alter, schaue Deinen Leuten ins Gesicht. Kennst Du das Volk, das jetzt am rührigsten bei der Hand ist? Ich habe es gesehen. Die Ehrenleute, die stillen, fleißigen Eigentümer, schütteln zu Eurem Unternehmen den Kopf, oder lassen ihn betrübt hängen. Aber die Lumpe, welche von der Hand in den Mund leben, die aus ihren Häusern Gesetzten und Bankerotten, die guten Wirtshauskunden, die mehr Kupfer auf der Nase als im Sack haben, abgedankte Soldaten, die aus fremdem Kriegsdienst liederlicher heimkommen, als sie gegangen waren; die Würfel- und Kartenmänner mit zerrissenen Hosen, alle, die wohlfeil gewinnen möchten, heben das Haupt steif und trotzig empor; und Kerle, denen man sonst in guter Gesellschaft das ungewaschene Maul verbot, führen jetzt das große Wort. Und was wollen sie gewinnen? Meinst Du, die öffentliche Wohlfahrt? Nein, wahrhaftig nicht! Ihre leeren Säcke und Körbe sind schon hervorgeholt, um Geld und Waren der geplünderten Stadtleute darin heimzutragen. Sie bereiten Schwefelfäden für die Häuser ihrer Gläubiger, damit Kaufbriefe und Zinsverschreibungen in Rauch aufgehen. Leute wie Du und Deinesgleichen müssen lediglich die Deckel ihrer Räuberei sein.« »Und wenn Du recht hättest,« erwiderte Addrich ärgerlich, »dennoch muß es gethan sein. Doch Du hast nur zu einem Fünftel recht. Der reinste Strom führt Schlamm mit sich, und jede Arznei hat ihr Widerliches. Gehe, Fabian, unsere Bahnen laufen nach entgegengesetzten Richtungen.« Nachdem beide die Gründe ihres Verstandes erschöpft hatten, verschmähten sie sogar das Mittel nicht, sich durch Drohung und Verheißung zu gewinnen, denn Fabian, seit seinem Knabenalter an den finstern Addrich und dessen Haus gewöhnt, konnte den Oheim und Pfleger Epiphanias nicht mit Gleichgiltigkeit in das gewisseste Unrecht oder in das wahrscheinlichste Verderben rennen sehen. Er schilderte ihm dieses, sowie Eleonorens und Epiphanias Los. Er gestand, daß er sich aufgemacht habe, ihn entweder für gerechtere Gesinnungen umzustimmen, oder Epiphania zu bereden, unter dem Obdach ihres Taufpaten Zuflucht zu suchen. Addrich aber begegnete dem allen und bewies ihm das Vergebliche der gehegten Hoffnungen. Er scheue keine Gefahr, die ihm persönlich drohe, und Epiphania werde sich nicht von der sterbenskranken Freundin entfernen, da sie das Gelübde gethan, sie nicht zu verlassen. Schließlich versuchte er selbst das letzte Bestechungsmittel gegen den Jüngling. Er zeigte ihm Epiphanias Hand als Preis. »Die hast nicht Du, Addrich, sondern sie selbst anzubieten,« rief Fabian mit Unwillen. »Sie selbst aber, die so fromm und rein ist, kann sich nicht zum Lohne der Schlechtigkeit hingeben. Wenn sie es aber könnte, wenn sie es könnte . . . o nein, warum sollte ich das Unmögliche ins Reich der Möglichkeit stellen? Ich aber würde lieber die Hand einer Aussätzigen, als eine solche Hand berühren. Warum bietest Du sie mir? Kannst Du einem Bruder das Herz der Schwester schenken oder entfremden? Sie ist Renolds Verlobte; sie liebt ihn . . . . Nun ja doch; sie liebt ihn. Ich verliere sie darum nicht. Geschwister lieben sich anders als Gatten.« »So lebe wohl!« sagte Addrich. »Doch will ich Dir den Schmerz nicht verbergen, meinen Weg ohne Dich gehen zu müssen. Das ist aber mein Los: was ich liebe, muß von mir abfallen, und alles, was ich hasse, wird zur Klette, an meinem Leben saugend. Ich bin von Natur gut; aber die besseren unter den Menschen fliehen scheu vor mir zurück, und als wäre ich ein Magnet für alles Schlechte, so hängt sich mir dieses ewig an.« 22. Der neue Hiob. »Höre, Addrich,« sagte Fabian, indem er stehen blieb und den Alten zurückhielt, »Du guter und kluger Mann, sollte Dir der Schlüssel zu diesem Rätsel unsichtbar geblieben sein? Ja, Du bist gut und bist klug. Du willst aber oft klüger als gut sein; darum wird selbst Deine Tugend nur für Klugheit gehalten und darum verkennen Dich Gute und Schlechte.« »Was willst Du mit Deinem Gerede? Wann wollte ich klüger sein als gut?« »Wenn Dir der krumme Weg kürzer schien, als der gerade. Warum mußtest Du, zum Beispiel noch im Wirtshause von Gränichen, die albernen Bauern in der abergläubigen Erwartung von Deiner Hexenmeisterei bestärken? Warum wolltest Du selbst Epiphanias Hand mir zum Köder hinhalten, für den ich meinen Überzeugungen untreu werden sollte? Mußte sie auch das vielleicht nur dem Hauptmann Renold sein? Addrich, arbeite dem Volksaufstande entgegen, der sich jetzt wie wirbelnder Sturm um uns bewegt. Sei besser als klug!« »O Du hochweises Kind von sechsundzwanzig Sommern mit dem Doktorhut auf dem unbärtigen Haupte, wenn Du einst, gleich mir, zwei Drittel eines Jahrhunderts am Gewebe Deines Lebens und vor tausend zerrissenen Fäden gesessen hast, dann setze Dich auf Addrichs Grab und überlege das Wort, das Du sagtest. Es wird Dir leichter sein, die Grenzen ineinanderfließender Schatten zu finden, welche von zwei Lichtern geworfen werden, als das zu unterscheiden, was in den Thaten der Menschen dem Rechte oder der Klugheit angehört. Nein, Fabian, der Mensch ist nicht des Schöpfers Meisterstück.« »Addrich, lästere den Himmel nicht!« »Ist der Gedanke Lästerung? Warum wuchs er in meinem Gehirne? Bin ich sein Schöpfer, oder ist's die Natur des Bodens, aus dem er von selbst hervorwuchs? Fabian, glaube es mir altem Manne, der Mensch hat eine Kleinigkeit zu viel, um jemals glücklich zu werden, nämlich seine Vernunft. Ohne Vernunft wäre er noch ein ganz behagliches, leidliche Tier; jetzt ist er ein widerliches Zwitterding, das mit verwachsenen und verstümmelten Gliedern nirgends hinreicht. Tier will er, kann er nicht sein; und wie er ist, sieht er mit der Vernunftlaterne nur die Finsternis, und erkennt weder von wannen er kommt, noch wohin er geht, oder wozu er ißt und trinkt. Nichts sieht er, als daß alles um ihn, er sich selbst Nacht ist, und daß eben im Widerspruch seines Daseins das ewige Elend desselben liegt. Gehe, Fabian, gehe! Ich habe diese Welt von allen Seiten betrachtet, und am Ende gefunden, sie sei nicht des ersten Blickes wert. Gehe, ich bin müde. Ich will ein wenig ruhen. Meine Nacht war ohne Schlaf. Laß mich hier allein.« Addrich setzte sich während dieser Rede unter eine der ältesten Gönhardstannen in hochgewachsenes Moos und wandte das Gesicht zur Erde. Fabian aber ließ sich neben ihn nieder und sagte: »Deine alte Schwermut, in der Du, wie Hiob, an Gott und Menschen verzagest und Deinen Tag verfluchst, will Dich überfallen und quälen. Laß mich bleiben und Dir ein neuer Elihu, Baracheels Sohn, werden.« Der Alte schwieg und richtete lange Zeit das Haupt nicht auf. Endlich that er einen schweren Seufzer und sprach: »Ich bin schlecht und recht wie Hiob gewesen, und habe Unglück, wie ein Ungerechter, und bin verstoßen, wie ein Übelthäter. Du kannst kein Elihu sein, denn ich bin kein Hiob. Dieser Mann vom Lande Uz hatte seine Wohltage genossen, und, wenn auch verloren, doch nach den Wehetagen wieder empfangen. Ich aber habe die meinigen nie gesehen, und werde sie nicht sehen. Zu ihm sprach ein Gott; mir aber bleibt der Gott stumm, den ich rief. Wem soll ich ein Leben danken, das ich verwünsche?« »Schweige, Addrich, Gott könnte seinen Blitz zur Erde senden und Dein wahnsinniges Freveln strafen,« rief Fabian, den Alten beruhigend und ihm schmeichelnd die Achseln klopfend. »Daß er's thäte! Wenigstens wüßte ich dann, daß er wäre.« »Alter, willst Du an Gottes Sein verzweifeln?« »Bin ich nicht meines Lebens Stimme? Mein Leben ists, das an ihm zweifelt, Es war kein Gott darin. Meine Mutter starb in den Wehen, damit ich nicht von ihr geliebt würde. Mein Vater stieß mich von seiner Brust, weil ich der Häßlichere war, und gab mir eine Stiefmutter. Ihr Sohn, mein Bruder, war schön. Er sollte der Abel, ich der Kain sein. Meine Knabenzeit ging dahin unter Thränen und Fluchen. Ich kannte keine Gespielen, wie andere Kinder haben, und schloß aus Herzensbedürfnis mit den Kettenhunden Freundschaft.« »Laß gut sein, Addrich, ich weiß das. Wozu schärfest Du Deinen Schmerz immer an diesen Erinnerungen?« »Höre mich an, ich will ausreden!« schrie Addrich mit Heftigkeit. »Siehe hinein in meine Wunden, und suche den Gott darin, und dann verurteile mich. Als ich ein Jüngling war, ging mir eine Sonne auf. Ich liebte und vergaß, daß ich häßlich geboren war. Doch Diethelm, mein Stiefbruder, war schöner, und die ich liebte, wurde meines Bruders Weib. Ich sah eine Sonne wieder. Mein Vater zwang mich zu einer anderen Ehe, des Geldes wegen. Vielleicht hätte ich mich noch mit meinem Lose versöhnen können, doch ich las täglich den Unmut in meines Weibes Blicken. Ihr Herz gehörte schon lange einem andern. Sie gebar Eleonoren und verstarb im verzehrenden Gram. Die Welt sprach, ich hätte sie vergiftet. Das Gerücht und der Abscheu der Menschen gegen mich war allgemein.« »Manches Ehrenmannes guter Ruf, nicht der Deine allein, wurde vom stinkenden Nebel der Verleumdung dunkel. Aber die Sonne der Wahrheit, wenn sie auch untergeht, tritt schließlich immer an ihre himmlische Stelle zurück,« »Für mich halten Wahrheit und Sonne ewigen Feierabend. Die Verleumdung lebt im Munde des Pöbels, ohne alle Nahrung, wie die Kröte im Stein. Ich konnte diese Scheu der Menschen vor mir nicht ertragen, übergab mein Kind, nebst Haus und Hof, dem alten Vater, fuhr den Rhein hinab und mit den Holländern über das Meer nach Ostindien. Ich irrte Jahre lang umher. Ich sah die Schätze vieler Länder, das Treiben, die Tracht und Sitten vieler Völker; aber unter allen Himmelsstrichen begegnete ich der selbstsüchtigen Bestialität wieder, die ich in den Bergen des Oberlandes verlassen hatte: nur hatte sie andere Hautfarbe, Sprache und Kleidung. Durch Mühe und Not manchen Jahres hatte ich ein Vermögen erworben, das für mich beträchtlich heißen konnte. Ich eilte nach Europa zu meinem Kinde und fiel auf dem Heimwege in die Hände afrikanischer Seeräuber. Zwei Jahre arbeitete ich als Sklave, bis mich ein italienischer Mönch loskaufte, um mich katholisch zu machen und für sich beim Himmelspförtner einen Stein im Brett zu haben. Als Bettler zog ich in meine Heimat ein, fand den Vater tot, mein Kind schwächlich geworden, mein geringes Erbteil treulos verwaltet und halb vergeudet.« »Es ist wahr, Addrich, das Glück war Dir nicht hold, doch mich würde es stolz machen, wenn ich, wie Du, zurückschauen und sagen könnte: ich habe mit dem Schicksal gerungen und gesiegt.« »Ja, wenn ich's sagen könnte! Aber von Sorgen verzehrt, von der scheuen Verachtung der Pöbels erdrückt, hielt ich mich nur allein noch an der Liebe meines Kindes, an den Krücken der Hoffnung aufrecht. Ich wollte die, welche mein Erbteil veruntreut hatten, anklagen; sie standen stolz und sicher im Schutze mächtiger Gönner zu Bern. Mir wies man die Thür. Ich reiste, guten Rat zu holen, zu meinem Stiefbruder Diethelm. Er lebte als Witwer mit seinem Kinde in Dürftigkeit, an der Lenk. Er hatte mehr durch die Schlechtigkeit des Landvogts, unter dem er gedient, als durch eigene Schuld Ehre, Amt und Vermögen eingebüßt. Statt mir zu raten, sprach er nur von sich, von seinen Hoffnungen, angestellt zu werden, wenn er den Rest einer Schuld tilgen könne, die ungefähr den Wert dessen betrug, was ich noch besaß. Er machte es mir wahrscheinlich, daß, wenn ich den Mut hätte, ihn zu retten, uns beiden geholfen werden könne. Ich schlug es ab, für ihn mit meinem Kinde zum Bettler zu werden. Er schwor, mich nicht zu täuschen; er schwor, mein Beistand bleibe die letzte seiner Hoffnungen. Er fiel, in Verzweiflung, mir zu Füßen. Ich dachte an mein armes Kind und verweigerte die Bürgschaft standhaft. Doch in der Nacht darauf, nach langem Kampfe mit mir selbst, entschloß ich mich dennoch, alles für den Bruder hinzugeben. Ich ging morgens zu ihm, um ihm meine Einwilligung zu verkünden. Ich fand ihn nicht mehr, sondern nur einen hinterlassenen Zettel mit den Worten: Suchet meinen Leichnam nicht; erbarmet Euch meines Kindes!« »Ich kenne die gräßliche Begebenheit; ich war, glaube ich, damals ein fünfzehnjähriger Knabe. Der Pfarrer nahm sich der kleinen Epiphania an. Erzähle nicht weiter.« »Man suchte ihn lange. Ich durchlief halb wahnsinnig die ganze Gegend und das ganze Gebirge. Ich klagte meine eigene Härte an. Erst sieben Wochen nachher erblickte ein Simmenthaler Gemsjäger Diethelms Hut in einem der Abgründe am Rawylgletscher, in dessen Nacht und Tiefe sich keiner hinunterwagen konnte. So war ich der Kain geworden, war es, ohne meine Schuld, und mein Schmerz war größer, als meine Schuld. Man legte mir aber mehr zur Last, als ich gesündigt hatte. Ich floh die feindselige Heimat zum zweitenmal, verkaufte all das meinige und siedelte mich im Moos an. Ich arbeitete Jahre lang, wie einst an der Sklavenkette des Afrikaners; aber es war für mein Kind. Ich rodete Wald auf, trocknete Sümpfe, machte Einöden urbar. Ich gewann durch Handel in Sempach, Willisau und Luzern. Ich kam zu Wohlstand, aber auch zum Ruf des Schatzgräbers, Straßenräubers und Bundesgenossen des Teufels. Für mein Kind, für die letzte und einzige meiner Freuden, hätte ich das mühseligste gethan, das härteste ertragen. Eleonore aber lebte nur Tage der Krankheit; jetzt lebt sie schon manche Woche nicht mehr, obgleich sie atmet. Meine Kräfte schwinden, Soll ich nicht das Ende meines Bruders Diethelm nehmen, so muß ich mich in großen Zerstreuungen berauschen und betäuben.« »Der Rausch der Empörung, Addrich, war der unseligste von allen, die Dir zur Auswahl frei standen.« »Meine Wege sind nicht Deine Wege, Bursche. Hättest Du, wie ich, in den Grund des Verderbens und Elends hinabgesehen, in welchem das Volk durch Regieren und Treiben derer niedergehalten wird, die von seiner Arbeit und Unkunde leben wollen: Du würdest keinen heiligen Rausch kennen, als den für Erlösung der Menschheit aus den Banden der Nacht und der Bestialität. Gehe, Du verstehst mich nicht; keiner versteht mich. Meine Sprache ist auf Erden nicht verstanden worden. Meine beste Tugend sieht aus, wie das Verbrechen. Als hinge ein verpestender Fluch an meinen Fingern, verdirbt und stirbt, was sie berühren, und der Atem meines Mundes zerfrißt selbst das sonst nie rostende Gold. Aber ich kann nun kein anderer sein, als der ich bin. Und wird die Welt durch nichts Göttliches von oben bewegt, will ich allein das Göttliche wider die Welt sein und das Licht über dem Wüsten und Leeren. Komme, Bursche, Du verstehst mich nicht; komme zu den Leuten; ich will wider Deine und ihre Sprache reden, damit Ihr alle nicht meinet, ich sei wahnsinnig, und auf daß Ihr mir keinen Vogt setzet, oder mich an die Kette schließet. Komm'!« Addrich sprang von der Erde auf und verfolgte mit großen Schritten den Fußweg über den Bergrücken. Fabian ergriff ihn im Gehen bei der Hand und sprach mit Herzlichkeit: »Addrich, Du eilst Deinem und Deines Landes Verderben entgegen.« Indem er dies sagte, schloß sich das Dickicht vor ihnen auf und eine weite, prächtige Landschaft entfaltete sich vor ihnen im Glanz der Sonne, mit Wiesen, Wäldern, Burgen, Dörfern und Flecken, umfangen vom Halbmonde des stolzen Juragebirges und durchwebt von den Wellen des vielgewundenen Aarflusses. »Schaue hinab, Addrich!« rief Fabian von der Almen. »Ist es göttlich, Mordfackel und Verwüstung in dies ruhige Eden zu werfen?« »Thor!« erwiderte der Alte. »Was nennst Du göttlich? Das Leben um uns her, oder den Staub daran und darum? Mögen doch Hütten und Kerker zu Asche werden, wenn nur die erlösten Sklaven zur Freiheit eingehen. Siehe die Wiesen, wie sie dem Frühlinge entgegengrünen; die Bergspitzen, wie sie den Schneemantel abstreifen, und die dürren Wälder, wie sie ihres Schmuckes gewärtig sind; soll nun das Menschengeschlecht allein den Winterschlaf, ohne einen Frühlingsmorgen, schlafen?« »Addrich, laß mich zum letzten Male . . .« »Ja, denn zum letzten Male. Ich will untergehen, oder das Edlere muß auferstehen!« Mit diesen Worten ging der Alte hastig in gerader Richtung bergab, einer mit Spießen und Morgensternen bewaffneten Schar Bauern entgegen, die sich am Suhrbache in langen Reihen gegen die Stadt fortbewegte. 23. Der Landsturm. Fabian ließ den lärmenden Haufen vorübergehen. Er betrachtete nicht ohne Unruhe die bedrohte Stadt, welche ihre finstern Giebel und Türme mit furchtsamer Neugier über die Ringmauern hervorzustrecken schien, während die Ebene des Suhrfeldes, zwischen dem Gönhardhügel und dem Aarufer, von den aufrührerischen Banden wimmelte. Einige tausend Mann lagerten oder standen auf Äckern und Wiesen, in ungeordneten Rotten, oder liefen verworren durcheinander. Man hörte das Geräusch ihrer lauten Beratungen, welches dann und wann von Musketenschüssen und Trommelwirbel derer begleitet wurde, welche ihre kriegerischen Werkzeuge versuchen wollten. Als wenn sich die Bäume der dichten Tannenwälder in Menschen verwandeln könnten, so sah man aus deren Schatten sich immer neue Schlachthaufen ergießen, die mit ihren Fahnen die Zahl der Anwesenden vermehrten. Behutsam stieg der Jüngling von der Höhe hernieder und ließ sich von dem Bache, welcher seit Alters die Straßen und den Gewerbebetrieb Aaraus belebt, zur obern Vorstadt führen. Auch hier begegneten ihm schon in allen Gassen die trotzigen, kecken Gesichter des Landsturms. Auf dem Platze vor dem großen Löwen stand die Fahne von Rynach aufgepflanzt. Dort sah er das Gewühl der Bauern am dichtesten um einige Menschen, in deren Mitte einzelne derbe Stimmen vernommen wurden, wie sie bei Beratungen oder im Streite in der Regel laut werden. Als er das Gedränge bis zum innern Kreise durchbrochen hatte, erblickte er, unter vielen unbekannten, wilden Gesichtern, den über seine Nachbarn riesenhaft hervorragenden Addrich, und ihm gegenüber, neben einigen Ratsherrn der Stadt, den Junker Mey von Rued. »Somit haben wir Euch unsere Willensmeinung kund gethan,« sagte ein stattlich gekleideter Landmann, dessen Worten alle aufmerksam zuhörten. »Und für diese Meinung sind zehntausend Schwerter bereit, ihre Scheiden zu verlassen. Wir sind nicht wider Euch ausgezogen, Ihr Herren von Aarau, also sollet Ihr auch nicht wider uns stehen. Gestattet Ihr aber fremdem Volk den Zug durch Eure Stadt, so sollet Ihr ihn billig auch Euren Landsleuten nicht versagen. Feindliche Besatzung bei Euch dulden wir nicht. Wenn die Baseler und Mühlhausener nicht bis Mittag abziehen, werden wir dieselben angreifen und herausstäupen. Dann aber, Aarauer, kann niemand Bürgschaft leisten, daß die Wut des Volkes nicht über die Schnur haue. – Ihr wisset gar wohl, daß das Unglück breite Füße hat, und sich, wo es einmal steht, nicht leicht fortstoßen läßt. Also nehmet Eure Schanze wahr!« »Ihr Männer,« rief der Oberherr von Rued, »leihet mir noch einmal Euer Gehör, denn mein Innerstes erzittert, Euch in dieser beispiellosen Verblendung dem Abgrunde des Verderbens entgegentaumeln zu sehen. Wenn Euer guter Engel Euch plötzlich aus dem Rausche, in welchem Ihr jetzt ohne Überlegung umhertobet, zur nüchternen Besonnenheit wecken wollte, Ihr müßtet erschrecken, Euch vor Aarau zu erblicken, statt in der gewohnten Hütte bei Weib und Kindern; mitten im Frieden mit den Waffen in der Hand, statt in ländlichen Arbeiten geschäftig. Würdet Ihr nicht einander mit erstaunten Mienen fragen: warum oder durch welches Zauberspiel Ihr hier ständet, wie von einem Sturm zusammengewehet? Kommt nicht jedem von Euch, was Ihr höret und sehet, unglaublich vor, wie ein Traum?« »Ich glaub's,« rief einer aus dem Haufen, »es dünkt dem Junker ein Traum zu sein; uns aber nicht, denn wir sind eben wach geworden.« »Wenn Ihr denn wach seid,« fuhr der Oberherr fort, »so überlegt, wie Wachende; klettert nicht gleich Nachtwandlern beim Vollmond mit geschlossenen Augen und von Einbildungen verführt über die Firste der Dächer, statt auf gebahnter Straße zu bleiben. Was wollt Ihr? Ihr seid unzufrieden darüber, durch die Münzverordnung einige Batzen einbüßen zu müssen. Aber daß Ihr statt dessen durch die angerichtete Verwirrung und den Einzug fremder Soldaten Eure Felder brach liegen lasset, Eure Vorräte dem Raube, Eure Dörfer den Flammen, Eure Weiber und Kinder dem Elend und der Schande und Eure Leiber den tödlichen Kugeln preisgebt, damit seid Ihr zufrieden? – Was wollt Ihr? frage ich. Gesetzt, unsere hohe Regierung hätte in einigen Dingen gefehlt, so wäre es ein Irrtum gewesen, dem der Weiseste nicht entgeht. Und diesen Irrtum denket Ihr mit dem Verbrechen des Aufruhrs und Hochverrats zu verbessern? Habt Ihr gerechte Beschwerde, warum tretet Ihr nicht mit geziemender Ehrfurcht vor die von Gott eingesetzte Obrigkeit, vor Eure Landesväter? Oder wollet Ihr Eure eigenen Kinder lehren, daß sie Euch sogleich das Brotmesser aufs Herz setzen müssen, wo sie bitten sollen? – Wohin wollt Ihr? Die starke Stadt und Veste Bern erobern, die Euren ungeordneten, schlechtbewaffneten Haufen ihre geübten, mit allen Schlachtbedürfnissen wohl versehenen Scharen und kriegskundigen Feldobersten entgegenschickt? Glaubt Ihr, daß vor Eurem Geschrei und Fluchen die Wälle und Mauern Berns erschrocken zusammenfallen werden, sie, die Euch aus hundert ehernen Feuerschlünden donnernde Antwort erteilen können?« Obgleich er diese Worte mit Würde und Ruhe, mit jenem traulichen Ausdruck des Wohlwollens und anspruchlosen Wesens geredet hatte, den die Völkerschaften der Schweiz an ihren Obrigkeiten lieben, so schien doch die versammelte Menge diesmal wenig darauf zu achten. Das Geschwätz, das Lachen und laute Zwischenrufen wurde während der Rede des Junkers immer lauter, bis Addrich die heisere Stimme erhob und sprach: »Mit Erlaubnis, Junker Oberherr, wenn schon sich bei Euch zu Bern das Recht drehen und biegen läßt wie Wachs, ist es in der Hand des Gerechten doch Stein und Eisen. Bei Sempach standen die Schweizer nur in dünnen Hirtenhemden und die Ritter alle jeder in seine eiserne Mauer eingepanzert; und dennoch wurden die Harnische dort mürber als Leinwand, und die Hemden fester als Erz. Wenn Ihr an eine göttliche Gerechtigkeit glaubt, der wenig daran liegen mag, ob sie es mit bernischen Ratsherren verderbe, so glaubt, sie wird vor unsern Fahnen herziehen, gegen Eure Zwingherrnwälle und mit dem Schwerte der Vergeltung Eure stolzen Häupter zu treffen wissen.« Während der Alte sprach, hatte alles, Kopf an Kopf, ringsumher geschwiegen und mit geöffneten Mäulern und unbewegten Augen zugehorcht, daß ihnen keine Silbe entgehe. Der Oberherr von Rued, fest und mit hoheitlichem Ernst den Blick auf ihn geheftet, hörte ihn mit scheinbarer Kälte an, doch bemerkte man an der wechselnden Farbe seines Gesichtes, daß ihm der Zorn in der Brust koche. »Schweig, Mooser,« rief er, ohne seine angenommene Gelassenheit zu verlieren, »denn Du, von allen diesen irregeleiteten Biedermännern, hast am wenigsten das Recht, mit jenen Strafgerichten zu drohen, welche die Langmut des Himmels bisher von Dir zurückhielt. Gerade Menschen Deines Gelichters müssen es sein, Menschen ohne Ehre und Glauben, Menschen ohne Gottes- und Menschenfurcht, die, wenn sie Eheweib und Bruder kaltherzig in den Tod gejagt und mit verdammten Mitteln ungerechten Mammon zusammengescharrt haben, endlich noch das arme Volk in den Abgrund stürzen, um auf den Stühlen der rechtmäßigen Obrigkeit sitzen zu können. Gehe, Dich hat Gott gezeichnet und man sieht Dir in der Beelzebubsfigur von oben bis unten das Handwerk an, mit dem Du für Rechnung des Teufels arbeitest. Aber Deine häßliche Haut ist noch ehrlicher, als Dein Herz und hat Dir den grauen Schädel schon vergebens mit der Asche der Reue bestreut, von der Deine verkaufte Seele noch nichts weiß.« »Junker Oberherr von Rued,« entgegnete Addrich mit Gleichgiltigkeit, »mag es Euch immerhin belieben, mich zu schelten: ich verzeihe Euch. – Aber von diesen Leuten hier urteilet ehrlicher. Eure Selbstsucht, Ihr Herren, Eure Herrschgier hat dies Volk in den Abgrund der Rechtslosigkeit gestürzt und aus Schweizern dumme Sklaven gemacht. Nicht ich, keiner kann es tiefer stürzen, als Ihr es selbst schon gethan habt. Diese Menschen hier, erlaubt es, Ihr Herren und Götter der Erde, alle möchten gern wieder Menschen sein, und zwar einen Gott im Himmel haben, aber nicht zweihundert auf dem Berner Rathause.« Diese Worte schlugen bei der Volksmenge durch. Die Bauern jauchzten dem greisen Redner Beifall zu und riefen: »Recht so, das ist's! Der Mooser macht dem Junker den Knoten auf. So muß es kommen!« Der Oberherr wurde im Gesichte glühend rot und sprach mit funkelndem Blicke zu Addrich: »Schweig, Du bist schlüpfrig, listig, ich weiß es, kalt und giftig, wie eine Schlange, aber Du kriechst doch nur dem Rabenstein entgegen . . . Ihr Leute, es ist wahr, Ihr begeht schwere Fehler, aber Ihr seid verführt. Ich verkündige Euch Verzeihung. Gehorchet der hohen Obrigkeit, der Ihr mit Euren Eiden Huldigung geleistet habt; ergreifet diesen grauen Schelm, diesen Addrich, bindet ihn und führet ihn gefangen in die Stadt. Gehorcht!« Das Gebieterische in der Stimme des Oberherrn, die furchtlose Hoheit in seinem Äußern schienen den Volkshaufen einen Augenblick lang zu erschüttern. Mehrere unter den Bauern zogen die Kappen und Hüte ab. Addrich's Gesicht faltete sich zu einem bitteren Lächeln. Plötzlich schrie eine kräftige Stimme aus dem Gedränge: »Lasset mich hindurch, daß ich dem Falschwerber Mores lehre, der also gegen den Kriegsgebrauch verstößt!« Ein schöner junger Mann mit flammenden Blicken trat in den Kreis. Es war Hauptmann Gideon, welcher sich dicht vor den Oberherrn hinstellte, den linken Arm in die Seite gestemmt, die rechte Hand mit drohendem Zeigefinger in die Höhe gehoben. »Ihr möget es Eurer Stellung danken. Junker,« sagte er, »und daß Ihr als Abgesandter der löblichen Stadt Aarau erschienen seid, sonst solltet Ihr wegen schlecht beobachteter Ehrfurcht gegen Hauptleute und Kriegsvolk ungesegnet von hinnen kommen. Versteht Ihr die Ausführung Eures Auftrags nicht besser, und wollt Ihr unsere Mannschaft verführen, so machet Euch auf und davon, widrigenfalls wir Eure unerhörten Begehren mit harter Münze bezahlen werden.« »Wer bist Du?« versetzte der Oberherr und maß den neuen Redner vom Wirbel bis zur Sohle mit den Augen. »Wisse, Rebell, wen Du von Dir hast!« »Mit Eurer Gunst, Herr, ich bin Hauptmann Gideon Renold, und, ohne Eitelkeit zu melden, habe ich andere Majestäten gesehen, als Eure Magnifizenzen von Bern. Der große General Torstenson, und selbst der berühmte Fürst Ragoczi haben mich nach der Schlacht bei Jankow . . .« »Schweig, Bursch!« unterbrach ihn der Oberherr, der sich setzt seiner wieder erinnerte, mit Heftigkeit. »Hätten Dich meine Leute vor wenigen Tagen erwischt, so könntest Du heute die hungrigen Turmratten mit Deinen Prahlereien dick füttern. Gehe mir aus den Augen, Schwätzer; ich habe nur mit jenen ehrlichen Leuten zu reden.« Höhnischen Grimmes versetzte Renold: »Wollte ich meiner Würde und Eurer Eigenschaft als Abgesandter vergessen, so läget Ihr schon zu meinen Füßen niedergestreckt. Aber ich getröste mich, Euch bald im Treffen mit Degen oder Pistol zu begegnen, und, auf Kavaliers-Parole! Wo ich Euch das erste Mal ertappe, müßt Ihr Kugel und Klinge im Leibe fühlen, der Dampf soll Euch aus dem Halse fahren!« Der Hauptmann begleitete diese Worte mit einem so lebhaften und drohenden Geberdenspiel, daß seine geballte Faust ziemlich nahe vor dem Gesichte des Oberherrn umhertanzte. Dieser, voll Unwillens, stieß mit dem Ausruf: »Frecher Kerl!« Gideon's Arm zurück. Der Hauptmann griff nach seinem Degen, ließ denselben aber wieder fahren, und entriß einem der Umstehenden den Spieß. »Ich will diesen Junker wie einen Hund, nicht wie einen Soldaten hinausjagen,« brüllte er, kehrte den Spieß, und schlug mit dem Schaft über des Junkers Kopf, daß der Speer entzwei brach. Addrich zog den Wütenden, der zu schlagen fortfahren wollte, rücklings an sich. Die Ratsherrn von Aarau umringten erschrocken den Oberherrn und rissen ihn in eilfertiger Flucht mit sich zum Thore der Stadt; auch Fabian von der Almen gesellte sich zu ihnen. Wildes Gelächter, lautes Gebrüll, mit einigen Musketenschüssen vermischt, scholl den Fliehenden nach, durch die Vorstadt hin. Man öffnete der zurückkehrenden Gesandtschaft die kleinere Thorpforte, wo die Baseler Wache hielten, und ließ sie ein. Ein Haufen neugierigen Volkes folgte den Abgeordneten auf dem Zuge nach dem Rathause. Dieses erhob sich mit großer Geräumigkeit auf dem Platze der alten Burg und Veste Rore, an deren beinahe tausendjähriges Turmgemäuer sich Flügel und Dach des Gebäudes anlehnten, Ringmauer und Gräben waren längst verschüttet und zur offenen Straße geebnet. Die Außenseite des Hauses prangte in der Zierlichkeit, wie sie in damaliger Zeit in fast allen Städte angetroffen wurde, mit großen, bunten Mauergemälden, welche die Haupttugenden einer christlichen Obrigkeit sinnbildlich darstellten. Auf der steinernen Wendeltreppe eines der runden Vortürme gelangte der Zug zum Ratssaal, wo Schultheiß, Räte und Bürger beisammensaßen, mit ihnen die Obersten und Hauptleute des fremden Kriegsvolks. Groß- und Kleinweibel, in die Stadtfarben gekleidet, das Zeichen ihrer Würde, den langen, schwarzen Stab mit Silberknäufen, in der Hand, standen dem Schultheiß gegenüber, der, von seinem Thronsessel unter dem Wappen der Stadt, die Beratungen der Versammelten mit ernster Gewichtigkeit leitete. Fabian, des Ausgangs der Dinge begierig, blieb nebst den übrigen Zuschauern an der offenen Thür zurück. 24. Die ersten Kriegsthaten. Sobald die Abgeordneten, nach ausführlicher Betitelung und Begrüßung, über den Erfolg ihrer Verrichtungen Rechenschaft abgelegt hatten, fragte der Schultheiß die Hauptleute von Mühlhausen und Basel, ob sie dem Begehren der rebellischen Bauern willfahren und die Stadt räumen oder Widerstand leisten wollten. »Fürwahr,« rief Oberst Zörnli von Basel, »es bedarf der Frage nicht. Ich stehe mit meinen tapfern Soldaten auf höchsten Befehl in dieser Stadt, und bekümmere mich wenig um die Frechheit jenes verfluchten Gesindels draußen. Wenn ihrer zehntausend wären, würden wir uns zu verteidigen wissen, so lange noch ein Haus steht. Lebendig soll mich niemand hinausbringen, nein, sondern stückweis muß ich von meinem Posten gerissen werden.« »Wohlgesprochen, Herr Oberst, ganz schön,« sagte der Schultheiß von Aarau. »Auch könnet Ihr darauf zählen, die Bürgerschaft werde dabei die Hände nicht müßig in den Schoß legen, wenn es gilt, einen Feind, wer er sei, von ihren Mauern abzuweisen. Allein mich bedünkt dennoch, Ihr sollet die Schnur nicht zu weit ausdehnen und vorher schauen, ob Eure tapfern Soldaten das Herz haben, wo Ihr den Willen. Denn es ist kein Geheimnis, und von ihnen rund heraus gesagt worden: sie mögen gegen die Bauern nicht streiten, viel eher gegen die Bürger. Somit hätten wir Aarauer Feinde in der Stadt und außerhalb der Stadt.« »Herr Oberst,« sprach der Junker Mey von Rued, »die Besorgnisse des Herrn Schultheißen scheinen gegründet; Mut und Treue Eurer Leute sind verdächtig. Ein großer Teil derselben ist der Sache der Rebellen zugethan. Wollet Ihr gutem Rate folgen, so schließet Euch an mich an, und führet Euer Volk auf das Schloß Lenzburg. Ich begleite Euch und übernehme alle Verantwortung. Aarau ist kein Platz, der sich halten kann. Ihr würdet Euch und die brave Stadt unnützerweise in Not stürzen. In das Lenzburger Schloß wagt sich das rebellische Geschmeiß nicht. Dort steht Ihr sicherer und mit den Schaffhausenern im benachbarten Brugg zu gegenseitiger Hilfe in Verbindung.« Der Oberst schüttelte den Kopf und rief: »Hier ist mein Platz. Hier sitze ich fest wie ein eingerosteter Nagel. Meine tapfern Leute denken alle nicht minder entschlossen als ich. Gelt, Herr Hauptmann Paul Bekel?« Mit einer Geberde, die genugsam andeutete, welcher Meinung er sei, indem er die Unterlippe, wie zum Hohn, aufwärts, die Augenbraunen tief und verdrießlich bis an die Nasenwurzel zog, antwortete der Hauptmann: »Ohne Zweifel, unsere Mannschaft ist so heldenmütig, wie irgend eine. Es ist nicht leicht ein Kerl darunter zu finden, der nicht seine Narbe trüge, die er als Chiltbube oder hinterm Wirtstisch durch ein Bankbein, oder durch ein Hagscheit, oder durch eine Weinflasche erhielt, die ihm am Schädel zersprang. Die Burschen aber sind von der Schule her schlechte Rechenmeister, halten 10 für 100, wollen nicht aus der Stadt, weil ihrer eine Million Bauern auf dem Felde wartet, und machen es wie einfältige Richter, welche die Gründe nicht nach dem Wert, sondern nach der Anzahl schätzen.« »Was?« rief der Oberst ärgerlich. »Wollen nicht aus der Stadt? Herr Hauptmann Paul Bekel, Ihr habt wider Eure . . .« Hier wurde er durch die plötzliche Ankunft eines Offiziers unterbrochen, der mit lauter Stimme meldete, daß die Soldaten samt und sonders zum Gewehre griffen; daß alles in größter Unordnung sei; daß die rebellischen Bauern draußen neue Verstärkung empfangen hätten und in großen Haufen gegen die Stadt andrängten. »Die sollen mit blutigen Köpfen linksum machen,« sagte der Oberst, »Seht Ihr, Herr Hauptmann Paul Bekel, wie es unsere Mannschaft von Basel und Mühlhausen meint? Auf, Ihr Herren, laßt uns den ungezügelten Mut der Besatzung auf die rechten Punkte leiten. Vorwärts! Wo ist der Sammelplatz unserer Soldaten, Herr Leutnant?« Der Offizier, der die Botschaft gebracht hatte, erwiderte: »Herr Oberst, nirgends und überall, wo sich jeder am sichersten glaubt; die einen unterm Stroh, die andern in Ställen und Kellern; viele laufen durcheinander, über die Aarbrücke hinaus. Keiner glaubt, daß er mit dem Leben davonkomme, und die meisten haben wirklich schon Hören und Sehen verloren. Ich bin in manchem Krieg und Streit gewesen, Herr Oberst, aber ich will zum Reitbesen der häßlichsten Hexe werden, wenn ich je solch Krethi und Plethi gesehen habe.« Der Oberst stand bei dieser Nachricht lange verblüfft da, während Hauptmann Bekel neben ihm drollige Gesichter schnitt. »Meine Herren, hier ist Verräterei im Spiele. Folgt mir!« sagte der Oberst und verließ den Saal. Mehrere Ratsherren folgten ihm. In der That sah es in den Gassen aus, als wäre der Feind schon durch alle Thore hereingebrochen. Die Soldaten liefen mit Sack und Pack vorüber, ohne ihres Obersten und seines Fluchens zu achten; die bewaffneten Bürger schrieen einander zu, nach welchem Thore man zur Verteidigung der Stadt eilen müsse. Weiber, rannten erbleicht und schreiend umher, ihre Kinder zu suchen, die vor den Häusern spielten. Indessen erfuhr man eben so bald, daß alles blinder Lärm gewesen, und die Bauern draußen keinen Schritt zum Angriff gethan hätten. Als Oberst Zörnli, begleitet vom Junker Mey und einigen Ratsherren, ebenfalls zur Aar eilte, um die Soldaten zur Rückkehr zu bewegen, fanden sie diese schon geschäftig, die Brücke abzubrechen oder in Brand zu stecken. Einen andern Haufen sahen sie mit Spießen und Gewehren um einen jungen Menschen versammelt, der, mit dem Rücken gegen eine der Wände, den Degen in der Faust, sich gegen alle verteidigen zu wollen schien. Es war der junge Fabian von der Almen. »Leistet mir Hilfe, Ihr Herren!« rief er den kommenden Offizieren zu. »Eure Leute wollen mich ermorden, weil ich mich ihnen widersetzte, die Brücke der Stadt unnützerweise zu zerstören.« »Nichts, nichts!« schrieen die, welche ihn umzingelt hielten. »Er ist ein Erzschelm, ein Spion, ein Rebellenbefehlshaber. Er muß hangen.« Der Oberst sprang dazwischen und rief: »Junger Mensch, wer Du auch bist, den Degen her, gieb Dich gefangen! Vier Mann und ein Feldwebel vor! Führt ihn fort zur Hauptwache! Wehe dem, der ihn antastet! Er steht unter meinem Schutze, bis ich ihn schuldig oder unschuldig weiß. Junger Mansch, auf mein Ehrenwort, gieb mir den Degen. Hast Du ein gutes Gewissen, behältst Du eine heile Haut. Ich bin der Oberst Zörnli von Basel.« »Herr Oberst,« sagte Fabian, indem er ihm den Degen überreichte, »ich vertraue Eurem Ehrenwort. Jetzt rettet die Brücke!« Einige Bewaffnete umringten den Jüngling, führten ihn aber, trotz aller Befehle und Drohungen des Obersten, statt zur Hauptwache der Stadt, über die Brücke hinaus in das Schützenhaus, indem sie schrieen: »Wir setzen keinen Fuß in die Stadt; da sind wir verraten, Die Bürger halten mit den Rebellen zusammen.« Der Oberst ließ geschehen, was nicht zu hindern war, und mußte froh sein, daß er, mit Beistand des Oberherrn von Rued und einiger Ratsherren, die Soldaten bewegen konnte, die Brücke unabgebrochen zu lassen. »Ihr Herren von Basel und Mühlhausen,« sagte Junker Mey nach gestilltem Lärmen, »wie viele Offiziere habt Ihr im Ganzen?« »Wir sind unserer siebenundzwanzig auf fünfhundert Gemeine,« antwortete einer der Hauptleute. »In dem Falle lebt wohl, Ihr Herren! Ich begebe mich nach Königsfelden in Sicherheit. Ich begreife, Ihr seid zu schwach, weil nur siebenundzwanzig Mann gehorchen, wo fünfhundert Befehlshaber sind.« Mit diesen Worten wandte sich der Oberherr von Rued gegen die Stadt hin. Der Oberst aber, indem er die bittere Pille verschluckte, murmelte einige Verwünschungen zwischen den Zähnen, suchte sein neues Hauptquartier zwischen den beiden Aarbrücken auf, ordnete vor dem Schützenhause die dort umhergelagerte Mannschaft, und erfreute sie mit der Nachricht, daß man Speise aus der Stadt herbeischaffen werde. Das Kriegsvolk, vom Schrecken genesen, überließ sich nun ungebunden seiner Fröhlichkeit. Man tanzte, würfelte, trank, spielte und pries die Bürger von Aarau, welche ihre Thore gegen die Rebellen selbst bewachten und dennoch den abgezogenen Beschützern Nahrungsmittel zuführten, Aber die Lust verstummte plötzlich, als gegen Abend, von Westen, aus der Ferne der Donner der Lärmkanone des Schlosses Gösgen erscholl, und das Gerücht ging, es wären bei zwölfhundert Rebellen des Solothurner Gebietes auf dieser Seite des Flusses im Anzuge. Hastig wurde aufgepackt, Kriegsrat gehalten und der Rückzug in die Dorfschaften der Ämter Schenkenberg und Biberstein angeordnet, Umsonst verlangte Fabian Untersuchung oder seine Freilassung; der Oberst nahm den Jüngling als Kriegsgefangenen mit sich und versprach ihm die Erfüllung seines Wunsches auf den folgenden Tag. Ehe aber der andere Morgen noch angebrochen war, heulten auch die Sturmglocken schon längs dem Gebirge des Amtes Schenkenberg auf dieser Seite des Flusses. Wenige Stunden später erblickte man auf den Höhen zahlreiche bewaffnete Scharen in Bewegung und zum Angriff bereit. Der Oberst von Basel versammelte alsbald seine Schlachthaufen und pflog Rats mit den Offizieren, als die Ankunft einer Gesandtschaft der feindlichen Rotten gemeldet wurde. Die Verlegenheit sämtlicher Hauptleute sprach aus ihren Worten und Geberden. Sie hatten in den Mut und die Treue ihrer Soldaten so wenig Vertrauen, als auf die Großmut des empörten Landvolkes. Der Zahl nach zu schwach gegen die Schwärme des allgemeinen Aufstandes und an Kriegszucht und Waffenübungen denselben nicht überlegen, sahen sie ihren unvermeidlichen Untergang voraus. »Bei meiner armen Seele!« rief Hauptmann Bekel endlich, indem er die bestürzten Geberden seiner Waffengefährten betrachtete, und darüber in ein Gelächter ausbrach, das ihm Thränen erpreßte. »Solch verfluchter Krieg ist in der Welt nicht erhört, Ihr Herren. Machen wir zuletzt Spaß aus der Sache, wie Hanswurst in der Komödie, wenn der Teufel mit den sieben Todsünden gegen ihn ins Feld rückt. Stellen wir uns auf die Zehen; machen wir uns zu Riesen; füllen wir den Mund mit Armeen, Kartaunen und Granaten; verwandeln wir unsere armselige Mannschaft in eine Vorhut von 20 000 Mann, die uns auf dem Fuße nachkommt; schildern wir unsere Leute, als wären sie wütige Eisenfresser. Das kann uns retten, oder nichts. Wir müssen den Bauern Angst einjagen, und mit ihnen von oben herab, gebietend, wie Berner Landvögte reden. Ich wette, sie bücken sich unterthänigst und ziehen den Filz vom Kopf!« Während er so, stets vom eigenen Lachen unterbrochen, sprach, ergriff die Lachlust auch alle Übrigen in solchem Maße, daß sie kaum ein Wort hervorbringen konnten. In großer Verlegenheit sind lustige Leichtfertigkeit und traurige Verzweiflung oft neben einander laufende Auswege, und nichts grenzt so nahe an das Ernsthafteste, als das Lächerliche. Inzwischen wirkte der Anblick der fröhlichen Hauptleute wohlthätig auf die Gemüter des Baseler und Mühlhausener Heerbannes, die in Schlachtordnung auf dem sogenannten Leuenfelde, an der Straße von Aarau nach den Bergdörfern hin, aufgestellt waren, und des Ausgangs der Dinge mit Bangigkeit harrten. Sie schlossen aus dem Gelächter, die Gefahr müsse wenigstens nicht groß sein. Ganz entgegengesetzten Eindruck schien dies närrische laute Lachen auf die herankommende Bauern-Gesandtschaft zu machen, welche, aus mehr als zwanzig Männern zusammengesetzt, dreimal still stand und, darüber beratend, sich in einen dichten Knäuel zusammenrollte. Oberst Zörnli, von den Hauptleuten begleitet, nahm, als die Bauern herantraten, eine ernste Miene an, warf sich in die Brust und rief: »Nun Ihr Leute, wie stehts? Wollt Ihr Euch unterwerfen?« Ein stattlicher Landmann, im Sonntagsrock, mit zwei Fuß hohem, schwarzem Federbusch auf dem runden Hute, trat aus dem Haufen hervor, bückte sich mit halbem Leibe und sagte: »Glückseligen, guten Morgen, Ihr Herren! Wenn Ihr da der Oberst Zörnli von Basel seid, thuts mich wohl erfreuen. Ihr sollt wissen und ich thue Euch hiermit anzeigen, daß Ihr nicht vermeinet, ich sei bloß der Schmied von Veltheim, sondern ich bin der General von unserer Armee.« »Du bist ein guter Kerl, Schmied,« antwortete der Oberst, »und verstehst Dein Handwerk, wie ich von allen Seiten höre. Sage mir, wie viele Schmiedeknechte hältst Du? Denn wenn Du billige Preise machst, sollst Du Arbeit vollauf bekommen. Viertausend Reiter und vierzig Kanonen des Fußvolks sind heute über die Schafmatt und den Hauenstein im Anzuge; da geht auf den schändlichen Straßen mancher Radnagel, manches Hufeisen verloren.« Der Oberst sprach dies mit solcher Zuversicht und vornehmer Miene, daß der Schmied von Veltheim fast die Fassung verlor, den Hut hinterwärts abzog und mit der Hand sich verlegen hinterm Ohr krauete. »Was das anbelangt,« sagte er, »so wäre es von Euch keine üble Meinung, Herr Oberst, und der Verdienst wäre wohl mitzunehmen, denn die Zeiten sind heutigen Tages schlecht. Jedennoch muß ich Euch hiermit berichten thun, daß ich eigentlich komme . . .« »Wir bezahlen übrigens bar,« unterbrach ihn der Oberst, »das ist der Befehl unserer gnädigen Herren und Obern. Ich bin mit meiner Vorhut vorangeschickt, alles einzurichten. Bei Veltheim und Schinznach kommt das Gepäck und Fuhrwerk von zehntausend Mann zu stehen. Ich weiß zwar, Meister, Du hast Feinde. Man hat mir behauptet, Du wärest ungeschickt, könntest keinen Pflug herstellen und Dein Eisen hätte den roten und kalten Bruch . . .« »Herr Oberst,« schrie der Schmied von Veltheim aufgebracht, »das ist erstunken und erlogen, und rührt von dem versoffen Schmied von Thalheim her, seit ich die Arbeit im Schlosse Kastelen habe. Aber besser Neider als Mitleider, pflege ich zu sagen, Herr Oberst.« »Das sage ich eben auch, Meister,« unterbrach ihn der Oberst. »Aber wer sind die guten Leute da bei Dir? Giebts nicht Müller, Bäcker, Schuster und andere Handwerker darunter? Hat einer von ihnen Getreidevorrat, Mastvieh? Ich kaufe alles für die Armee auf.« Hier drängte sich der größte von den Landleuten aus dem Haufen hervor und rief mit heiserer Kehle und grimmigem Blicke: »Wir sind insgesamt Schmiedeknechte, Herr, und im Begriff, Euren frechen Hochmut unter den Hammer zu nehmen.« »Donner!« schrie der Schmied von Veltheim. »Lasse mich doch reden. Ich bin ja der General und Du gehörst nicht ins Amt Schenkenberg. Rede Du drüben, jenseits der Aar, für Deine Kulmer, hier hast Du kein Recht.« »Nichts, Schmied, schweig! Der Mooser soll das Wort führen,« schrie lärmend der Haufen der Abgeordneten. »Er versteht's; Addrich, rede!« »Nun, was giebt's?« rief der Oberst mit gerunzelter Stirn. »Wer bist Du, guter Alter?« Addrich trat ihm entgegen und sagte mit festem, kräftigem Ton: »Ihr seid umzingelt von den Fahnen des Schenkenberger Amtes. Euer Rückweg zur Schafmatt ist von zweitausend Solothurnern, welche bis Erlisbach hin stehen, abgeschnitten. Aarau ist diese Nacht von unseren Leuten besetzt worden und die Schaffhausener haben von Brugg schon ihren Rückzug angetreten. Eure Armee mit viertausend Reitern und vierzig Kanonen ist noch beim Baseler Pastetenbäcker im Ofen. Streckt das Gewehr, Ihr seid gefangen! Wo nicht, so hauen wir alle in die Pfanne, bis auf einen, den wir ohne Ohren und Nase heimschicken, damit er melde, wo Ihr andern ins Gras gebissen habt.« Der Oberst, überrascht durch diese Anrede, sammelte sich schnell wieder, fluchte, drohte vorzudringen, alle Dörfer in Brand zu stecken und des Kindes im Mutterleibe nicht zu schonen. Addrich erwiderte kalt: »Komme, versuch's! Willst Du Deine tapfern Leute zuvor aber kennen lernen, Oberst, so laß mich nur drei Worte zu ihnen sagen. Wenn sie Dich und Deine Hauptleute dann nicht selbst gefangen nehmen oder niederschießen, so will ich Dein Gefangener sein und am Galgen zu Basel gehenkt werden.« »Ist der wüste Kerl nicht der Satan selbst,« flüsterte Hauptmann Bekel dem Obersten ins Ohr, »so ist er sein Zwillingsbruder. Er kennt unsere Zeisige. Nehmt die Wette nicht an.« Oberst Zörnli strich sich nachdenkend den Bart, trat mit den Offizieren auf die Seite und beredete sich mit ihnen. Einige Schüsse, die auf den Höhen, von den näher gekommenen Haufen des Landvolks, abgefeuert wurden, sowie das weit umher vernehmbare Schlagen ihrer Trommeln, kürzten die Beratung ab. »Guter Freund,« sagte der Oberst zu Addrich, »es ist allem Kriegsgebrauch entgegen, daß Eure Leute vorrücken, während wir hier unterhandeln. Wollet Ihr den Frieden, so beginnt keine Feindseligkeiten.« »Wir wollen keinen Frieden,« entgegnete Addrich, »sondern Krieg. Wir gestatten Euch eine Galgenfrist, die so lange währt, bis die Spieße unsere Leute Eure Rippen erreichen können. Wählt also. Das Landvolk von Basel steht in diesem Augenblick unter Waffen, wie wir, und hält jetzt schon Abrechnung mit Eurem Bürgermeister und Rat.« »Ist's wahr, daß die Schaffhausener sich von Brugg zurückgezogen haben?« fragte der Oberst nach einigem Besinnen. »So gewiß als Euer nahes Ende. Sie haben auf Ankunft des Züricher Volkes gewartet, wie die Kuh um Weihnachten auf grünes Futter,« »Verdammt!« rief der Oberst, zu seinen Hauptleuten gewendet. »Man hat uns auch verheißen, es sollten in Aarau fünfzehnhundert Züricher zu unsern Fahnen stoßen. Jetzt ist's am besten, wir ziehen in das Gebiet von Basel zurück, Ihr Leute, sparen wir Blutvergießen. Gestattet Ihr uns ruhigen Abzug, so scheiden wir als Freunde von Euch.« Dieser Vorschlag veranlaßte einen langen Wortwechsel unter den Abgeordneten des Landvolks. Endlich stimmten, ausgenommen Addrich, alle dazu. Sie gaben dem Obersten das Wort und zerstreuten sich nach verschiedenen Richtungen, ihren Mannschaften dies Abkommen bekannt zu machen. Gleichzeitig traten die Fahnen von Basel und Mühlhausen den Rückweg an, Aarau vorüber, längs den Weinbergen von Erlisbach. In langem Zuge folgten die bewaffneten Scharen der Landleute. Seitwärts, droben am Waldsaum des Hungerberges, wimmelte es von solchen, die schnellfüßig voraneilten. Vor dem Dorfe, welches im Hintergrunde lag, blitzten die Waffen des Sotothurner Landsturms. Schweigend wanderte Zörnlis Heerhaufen den Grenzen zu. Derselbe mußte so lange im Dorfe warten, bis sich die Aargauer und Solothurner jenseits desselben in langen Reihen, mit fliegenden Fahnen und klingendem Spiel, kriegerisch aufgestellt hatten. Inzwischen belustigten sich die Kinder und Weiber des Dorfs an der Furcht oder Niedergeschlagenheit der heimwandernden Krieger, denen sie höhnend mancherlei Grüße mit auf den Weg gaben. »Hätten wir uns doch,« sagte der Oberst zu den Hauptleuten, »vom Ersten bis zum Letzten in Stücke zerhacken lassen, es wäre besser gewesen als diese Schmach zu erleben. Wir wären mit Ehren gestorben.« »Dazu kannst Du auf der Stelle gelangen,« sagte ihm die wohlbekannte heisere Stimme Addrichs, welcher dicht neben ihm stand, »Du schleppst einen Gefangenen mit Dir, das steht dem Besiegten nicht zu. Keinen Strohwisch sollt Ihr als Siegeszeichen aus dem Aargau tragen. Augenblicklich lasse den gefangenen Jüngling frei!« »Fein glimpflich, Herr Bauernkommandant!« fuhr ihn der Oberst an. »Und wenn Du wie ein Dachmarder schriest, würde ich Dich und Deine blutroten Augen nicht fürchten. Ich ziehe freiwillig zurück, nicht geschlagen, daß Du's weißt, und ich bin meiner Haut noch sicher.« »Wie das Insekt zwischen zwei Fingern,« versetzte Addrich mit hämischen Grinsen, ging dann die Rotten des Kriegsvolks mit gezogenem Degen entlang, bis wo er den jungen Fabian von der Almen zwischen doppelten Reihen der Soldaten erblickte. Er stieß diese zurück, riß den Jüngling hervor und sagte zu ihm: »Du bist frei, Fabian! Siehe, Bursche, das sind Deine Freunde, die Städter und ihre erbärmlichen Lohnknechte, für die Du, Narr, Partei ergreifst. Das ist ihr Dank! Gehe, Du bist frei; gehe mit mir, oder laufe zu den Bernern, es gilt mir gleich. Die gerechte Sache wird ohne Dich obsiegen. Hier hast Du einstweilen ein Stück zur Probe gehabt.« »Ich danke Dir, Addrich,« entgegnete Fabian. »Vielleicht erweise ich Dir über kurz oder lang den gleichen Liebesdienst. Mich aber bewegt nichts, weder Euch, noch den Städten anzugehören. Du kennst meine Gesinnung, verlieren wir kein Wort darüber.« Indem sie noch sprachen, setzte sich der Zug der Soldaten in Bewegung. Oberst Zörnli hatte wohl bemerkt, daß Addrich den Gefangenen ohne Widerstand befreite, doch die Klugheit riet ihm, zu schweigen, und das neue Schauspiel, welches sich zu gleicher Zeit eröffnete, worin ihm und den Seinigen die übelste Rolle zugeteilt war, nahm sein ganzes Gemüt bald zu sehr in Anspruch. Links von ihm stand in endloser Reihe der Solothurner Landsturm, rechts der des Aargau's; buntscheckig, mit mancherlei Waffen und wehenden Fahnen, alles wohlgeordnet. Die Trommeln wurden gerührt. Das Kriegsvolk von Mühlhausen und Basel mußte zwischen beiden Reihen, wie durch eine Gasse, den Höhen der Schafmatt entgegen ziehen, gleich Gefangenen auf dem ganzen Wege bis zur Grenze begleitet. Eine Menge Volkes, Kinder und Greise, folgte lachend dem seltsamen Schauspiele. Auch Fabian, vom allgemeinen Sturme oder von seiner Neugierde mitgerissen, oder um durch allzufrühe Entfernung keinen Argwohn auf sich zu ziehen, wanderte bis zu den einzelnen Häusern des Weilers Roor, in einem kleinen Thalgrunde am Fuße des steiler werdenden Berges, gemächlich nebenher. Hier wandte er sich, von keinem bemerkt, zwischen den Hütten auf dem Wege zum Bergdorf Stüßlingen, plötzlich ab, in der Hoffnung, Aarau vor Nacht wieder zu erreichen. Je weiter er kam, um so mehr verengte sich das schmale Thal vor ihm. Es wurde zuletzt einer höhlenartigen Kluft ähnlich, über welche von beiden Seiten die Tannen ihre dunklen Zweige wie ein Dach zusammenbogen. In dieser Schlucht sah er Gestalten sich bewegen. Als er sie deutlich erkannte, waren es drei Männer, die bewaffnet, in ungewöhnlicher, doch reicher Tracht, im Gespräch neben ihren Pferden standen. Einer derselben war ein Mohr, in feines Pelzwerk gekleidet; der andere trug einen kleinen Hut mit drei aufgeschlagenen, niedrigen Krämpen, eine lange Feder darüber; ein grünes Jägerwamms mit bis auf die Kniee reichenden Schößen, an welchem, vom Halse bis zum Knie, vergoldete Knöpfe und goldumfaßte Knopflöcher glänzten; an den Beinen über die Kniee aufgestülpte Reiterstiefeln. Der Dritte, welcher der Angesehenere von ihnen zu sein schien, trug eine Mütze von schwarzem Sammet, desgleichen ein langes, schwarzes, mantelartiges Oberkleid, so daß man ihn für einen römischen Priester gehalten haben würde, wenn nicht in seinem Gürtel der mit Silber und Perlmutter ausgelegte Griff eines Dolches geblitzt hätte. 25. Die Nacht in der Berghütte. Obwohl unbewaffnet, schritt Fabian von der Almen doch herzhaft vorwärts in dem Halbdunkel des verdächtigen Hohlweges, den die Rosse und der daneben stehende Mohr, Priester und Jäger beinahe versperrten. Indem er grüßend vorbeizugehen gedachte, und mit einem Seitenblick die ungewöhnlichen Trachten der Anwesenden anschaute, redete ihn der Herr in der schwarzen Sammet-Sutane mit folgenden Worten an: »Heda, rüstiger Junggesell, wenn's Eure Eile gestattet, so gebet verirrten Reisenden einen ehrlichen Rat. Es wird Euer Schade nicht sein.« »Habt Ihr den rechten Weg verfehlt? Wohin wollet Ihr in den Bergen hier?« fragte der Jüngling und blieb stehen. »Wenn's ohne Flügel möglich wäre,« erwiderte Jener, »über diese Berge hinaus und über den Rhein. Ich bin ein Fremdling in diesem Lande und vorgestern von Basel in dasselbe hereingekommen. Thaleinwärts und bergaufwärts vor uns ziehen bewaffnete Haufen. Ihr aus der Ferne vernehmbares Gebrüll weissagt friedlichen Wanderern so viel Heil, als das Gebrüll hungriger Löwen . . . Oder haltet Ihr es für geraten, Junggesell, wir sollten es wagen, uns als Fremdlinge des Landes uns der Gastfreundlichkeit dieser Leute anvertrauen, die wir doch nicht beleidigt haben?« »Herr,« versetzte Fabian, »ich möchte Euer Blut durch ein falsches Wort nicht auf mein Gewissen laden. Thut, wie Ihr wollt, doch sprecht lieber die Dachse und Füchse in diesen Löchern um Gastfreundschaft an, als jene Bauern und ihre dummblinde Wut.« »Wer ist Führer und Oberhaupt?« fragte der Fremde weiter. »Ich könnte mich vielleicht an ihn wenden.« »Ein Volk ohne Obrigkeit und Gesetz hat so viele Häupter als Gliedmaßen,« versetzte der Befragte. »Einer darunter, den ich kenne, wäre freilich, wenn er wollte, vielleicht im stande, Euch durchzuhelfen, allein . . .« »Es liegt mir nicht an einem Stück Geld. Wo finde ich ihn? Wie heißt er?« »Man nennt ihn den Addrich im Moos.« Fabian glaubte, indem er dies sagte, zu bemerken, daß der Fremde, welcher nachdenkend vor sich hinsah, bei dem Namen rasch mit dem Kopfe auffuhr. Er fragte daher: »Kennt Ihr ihn schon?« »Durch Hörensagen, wenn es derselbe ist, welcher sein Wesen in einem der abgelegenen Bergwinkel jenseits der Aar treibt,« erwiderte der Fremde gelassen, und zeigte mit der Hand nach jener Gegend hin. »Gestern erst hörte ich seinen Namen in den Wirtshäusern des Landes beim Würfelspiel, Weinbecher und Wortwechsel oftmals nennen. Doch bei allen Heiligen des Himmels! Ich glaube, dieser Mann hätte mehr Ruhm davon, wenn er weniger berühmt wäre. Ich möchte mein Pferd nicht seinem Stalle, geschweige mein Leben seinen Händen vertrauen.« »Mag sein, Herr,« versetzte Addrich's Freund. »Ich kenne ihn sehr gut. Er ist einer der Unglücklichen, von welchen kein Mensch Gutes redet, sondern nur Gott. Thut, wie Ihr wollt. Ich möchte Euch jedoch selbst nicht anraten, den Addrich in diesen Augenblicken zum Schutzpatron zu wählen.« »Was soll aber aus mir und meinen Leuten diese Nacht über werden, Junggesell, da ich weder rückwärts noch vorwärts kann?« »Herr, meines Erachtens thut Ihr wohl, das erste beste Obdach zu wählen, falls Ihr nicht lieber dort durch die tiefe Aar schwimmen, oder über jene hohen Felsen klettern wollt. Jeder Volksauflauf ist, wie ein wildes Bergwasser nach dem Gewitterregen, schnell geschwollen, schnell getrocknet. Wartet ein wenig am Ufer; morgen gehet Ihr vielleicht hindurch, ohne Euch die Sohlen zu netzen.« »Euer Rat, Junggeselle, scheint mir unter diesen Umständen nicht übel; nur vergesst Ihr, daß ich fremd und unkundig bin, wo Wirtshaus und Dorf zu suchen sei. Ohnehin rückt die Nacht mit starken Schritten heran.« »Ich bin, Herr, der Örtlichkeit dieses Landes so unkundig wie Ihr, und begehre ebenfalls ein Obdach. Die Märznächte sind in dieser Höhe unter freiem Himmel kühl, doch denke ich, wir sollen bei der jetzigen frechen Ausgelassenheit der Bauern lieber die Wirtshäuser und Dörfer meiden als suchen, und mit irgend einem abgelegenen Heustalle im Berge, wo wir ihn finden, vorlieb nehmen. Wenn Euch damit geholfen ist, so folget mir.« Die Reiter bestiegen sofort ihre Pferde. Fabian ging behenden Fußes durch den Hohlweg voran; ihm nach ritt der Fremde, welchem der Mohr folgte; den Schluß machte der Jäger, welcher ein beladenes Maultier vor sich hertrieb. Der Hohlweg öffnete sich in einer wilden, einsamen Berggegend, die, als man eine gute Weile hinaufgestiegen war, zu einer kahlen, abhängigen Fläche wurde, über welche das Gebirge zur Rechten seine kalten Schatten warf. Ein einzelner Fels, im Hintergrunde hoch emporragend, trug auf seiner Spitze das Schloß Wartenfels über die graue Ebene empor. Am Saume des Himmels leuchteten in unabsehbarer Reihe noch die Firnen der Gletscher im Rosenlichte der untergegangenen Sonne, welches jedoch bald zur frostigen Perlfarbe erlosch. Hier verließ Fabian die Geleise des Fahrweges und nahm seinen Weg rechts über die Halde dem nahen Gebirge zu; dann zog er längs einem ungangbaren Walde, wo er von ferne, in einer tief gelegenen Stelle desselben, etwas einer Hütte ähnliches entdeckten haben glaubte. Die Reiter folgten ihm langsamen Schrittes durch die Einöde, in lautem Gespräche unter sich, wovon Fabian jedoch nichts verstand, da sie in einer fremden Sprache redeten. Endlich erblickten sie hinter einem Gebüsche, zwischen großen Haufen von Bergschutt liegend, ein halb zerfallenes Strohdach, darunter ein Hütte aus Baumstämmen, die zum Schutze des Viehes aufgerichtet schien. Während die Reisenden abstiegen, musterte Fabian, indem er die Runde machte, das Gebäude, und brachte die frohe Botschaft, hier sei auch eine menschliche Wohnung. Man führte die Pferde in einen leeren Stall, und ging dann dem jungen Führer in die Behausung nach, welche unmittelbar an den Stall grenzte. Es erscholl jedoch kein gastfreundliches Willkommen. Durch die niedrige Thür traten sie gebückt in eine enge, schwarzgeräucherte Stube, wo ein schmutziges Bauernweib und einige halb erwachsene Buben und Mädchen neben einem dicken, städtisch gekleideten Herrn in seltsamer Leblosigkeit unbeweglich, starr und stumm, wie ausgestopfte, mit Lumpen behangene Gestalten, dasaßen. Es wendete sich kein Kopf, es zuckte keine Miene; keine Lippe erwiderte Fabian's Gruß. Die Augen dieser Leute hatten insgesamt ihre Richtung nach den weißen Augen und Zähnen des Mohren genommen, Plötzlich endete dies Todesschweigen in den allgemeinen Schrei: »Jesus Maria, Joseph und St. Urs!« und zugleich fuhren Weib und Kinder von ihren Sitzen, und mit der Schnelligkeit des Blitzes aus Stube und Haus, über die Wiesen davon, der städtische Herr aber ebenso schnell hinter sich durch's schmale Fenster. Obgleich der mürbe Rahmen dieses Fensters beim ersten Stoß mit allen Scheiben gewichen und herausgefallen war, so versagte dessenungeachtet der enge Raum einem so beträchtlichen Leibesumfange, wie dem des Flüchtigen, den völligen Durchgang, Fabian lief inzwischen den Entkommenden vergebens über die Halde nach. Keiner achtete seines Rufes. Die Leute waren ihm bald aus dem Gesichte und man mußte sich also zu dem Einzigen wenden, den das Fensterloch als gute Beute festhielt. Dieser hatte es nicht an Mühe fehlen lassen, sich frei zu machen; auch mangelte es dazu nicht an baldiger guter Nachhilfe der Umstehenden. Als aber zuletzt alle Anstrengungen den Kriegsgefangenen um keinen Zoll weder vorwärts noch rückwärts gebracht hatten, stöhnte er: »Ihr guten Herren, ich danke Euch; aber hier hat der Zaun kein Loch. Ich sitze fest, wie der gebrochene Stöpsel im Flaschenhalse. Falls Ihr nicht die ganze Wand einstoßet, muß ich bis zum Jüngsten Tage in dieser Mausefalle hängen. Ich spüre sogar empfindlich, daß sich das Hexenloch jeden Augenblick enger zusammenzieht.« Die Umstehenden konnten, trotz des Mitleidens, sich des Lachens nicht erwehren. Nur der Priester oder Kaufmann, welcher, ohne Hand anzulegen, Zuschauer geblieben war, verzog keine Miene und fragte: »Wie habt Ihr's angefangen, Euren Kopf, geschweige die ellenbreiten Schultern, hindurch zu zwängen?« »Ja, wer sich an alles erinnern könnte, wäre ein gelehrter Mann,« ächzte der Gefangene. »Ihr andern habt gut lachen, Wer den Schaden hat, darf für den Spott nicht sorgen. Doch so wahr ich noch lebe, meine Mutter hat mich nicht zum Fensterladen geboren. Noch einmal frisch an's Werk, Ihr Herren, man muß den Flegel nicht aufhängen, ehe man gedroschen hat.« »Ich bin sonst von Natur kein Hase,« sagte der endlich mit großer Not aus der Einklemmung im Fenster Erlöste, indem er tief aufatmete und sein emporgeschobenes Wams über die Fülle seines Leibes niederzog. »Wären die einfältigen Bauern nicht beim Anblicke jenes schwarzen, übrigens hübschen Gesichtes, wie die Gergesener Säue auseinander gefahren, ich hätte keinen Finger zum Fenster hinausgestreckt. Vor acht Tagen würde man mir noch leichter die Haut über die Ohren, als mein Wams über die Halskrause aufgestreift haben. Ich werde offenbar zum Gerippe, ehe ich Aarau wiedersehe. Ja, Angst und Not, Ihr Herren, fressen mehr Speck, als hundert Mäuse. Man wird mich daheim nicht wieder erkennen.« »Von Aarau? Und seit wann habt Ihr die Stadt verlassen?« fragte der Herr des Mohren, weniger aus Neugierde als, wie es schien, um nach etwas zu fragen. »Wäret Ihr jemals in Aarau gewesen, Herr Freund,« versetzte jener, »Ihr würdet von mir zu reden wissen. Ich bin der Spielmann und Meistersänger Heinrich Wirri, oder vielmehr jetzt nur noch dessen armer Schemen und Schatten. Es mögen vier, sechs, elf Tage sein – fürwahr, es kommt kein Unglück allein, auch mein Gedächtnis magert ab – da übernahm ich einen kleinen Liebesdienst für meinen wohlehrwürdigen Herrn Dechanten Nüsperli beim Junker Oberherrn von Rued. Seitdem also . . .« Hier unterbrach ihn der Frager mit dem Ersuchen, die Antwort einen Augenblick zu verschieben, denn es beginne finster zu werden; das Haus sei unwirtlich; er wolle also des Wirtes Stelle vertreten, da hier jeder der Anwesenden fremd zu sein scheine. Nach diesem redete er eine Weile mit dem Jäger und Mohren in einer unbekannten Sprache, welche sich darauf entfernten. Auch Fabian ging hinaus, während der Fremde und der Meistersänger, allein im Zimmer, ihr Gespräch fortsetzten. Weil es von außen kalt in die Stube zog, schob er das gebrochene Fenster, so gut es ging, wieder in das Loch und den äußern Laden davor. Dann half er den Leuten im Stalle die Pferde absatteln, warf Heu von der Bühne herab in die Krippe, während der Jäger die Reiselaterne anzündete und der Mohr die Ladung des Maultiers, nach wiederholten Gängen, in die Stube versetzte. In der Stube wurde eine große Lampe entdeckt, angezündet und auf den Tisch gestellt, über welchen der Mohr einen zierlichen Teppich breitete, um mancherlei kalte Speisen, Fleisch und Backwerk darauf zu legen; sogar ein sauberes sechs Maß haltendes Weinfäßchen mit vergoldeten Reifen und zwei silberne Trinkbecher wurden aufgestellt. Von allen Anwesenden beobachtete niemand diese erfreulichem Anstalten mit größerer Zufriedenheit, als der Meistersänger von Aarau, obwohl er seine Freude hinter gleichgültigen Geberden und allerlei Fragen zu verstecken suchte. Während er nach der gastfreien Einladung des vornehmen Wirtes nur noch das Angriffszeichen erwartete, überraschte es ihn sehr unangenehm, als ringsum eine befremdliche Stille entstand. Er wendete seinen Kopf und sah den Geber des Mahles und dessen Gefolge, entblößten Hauptes, leise das Tischgebet verrichten. Auch Fabian war dem Beispiele gefolgt. So wollte auch Wirri nicht zurückbleiben, begann jedoch damit zu spät, als die übrigen sich schon wieder bedeckten und, außer Fabian, mit den Händen das Zeichen des Kreuzes auf Stirn, Mund und Brust machten, wodurch sie ihre Anhänglichkeit an die römisch-katholische Kirche zu erkennen gaben. Das Essen begann, Mohr und Jäger jedoch standen zur Aufwartung ihres Gebieters hinter dessen Platze, und bereit, von Zeit zu Zeit den einzigen Silberbecher, dessen sich Fabian und der Spielmann abwechselnd bedienen mußten, im reinen Wasser zu schwenken und, wenn ihn einer geleert hatte, wieder mit Wein zu füllen. »Noch eins, Meister Wirri,« hob der fremde Wirt an, indem er die Lobeserhebungen des Meistersängers unterbrach, mit welchen dieser die Erfindung wandernder Küchen und tragbarer Keller überhäufte, »saget – denn Ihr ließet Euch vorhin, als wir allein im Dunkel plauderten, darüber nicht aus – gesetzt, es wäre Euch im Hause des Addrich gelungen, die Epiphania nach dem Schlosse Liebegg zu entführen, würdet Ihr sie im Schlosse gelassen, oder aber dem Dechanten von Aarau, der Euch zu diesem Zweck ausgeschickt hat, übergeben haben?« »Hm!« antwortete der Spielmann. »So oder so, wie's halt gekommen wäre. Ich habe Euch ja schon gesagt, und wäre es nicht stockfinster gewesen, Ihr müßet es gehört haben, daß mich der Hexenmeister eingesteckt und keins meiner Augen das Mädchen erblickt hat.« »Ich setze aber den Fall,« fuhr jener fort, »Ihr hättet die Jungfrau glücklich entführt, wohin dann mit ihr?« »Ein Fall, Herr, ist nicht aller Welt Fall. Wenn ich die arme Waise gesehen, und, zum Beispiel, sie mir und ich ihr gefallen haben würde, glaubet Ihr nicht, es wären doch wunderliche Fälle möglich gewesen? Ich hätte auch denken können, wer den Wurf hat, muß ihn nicht aus der Hand lassen, und Haben ist besser denn Hoffen. Ihr sollt wissen, ich bin noch ledigen Standes, der Junker aber hat seinen Teil und der Dechant hat's gehabt. Nun, Ihr versteht mich; Gelehrten ist gut predigen, ehrwürdiger Herr Pater. Ja, Eure kalten Braten und Pasteten sind vortrefflicher Art. Stoßen wir mit den Bechern an, Herr Pater; Silber klappt zwar; klinget doch feiner als Glas. Michaeliwein! Herrenwein!« »Ihr irret, Meister, ich bin kein Geistlicher, sondern nur ein Laie.« »Eins oder das andere, Hammer oder Amboß. Also stoßen wir an, Herr . . . ungenannt, unbekannt . . . Eure Paten wohnten doch auch in der Christenheit?« »Nennt mich, wie Ihr wollt. Ich heiße Don Nardo oder nach meinem Gute Groenkerkenbusch in den Niederlanden.« »Wer läugnen wollte, daß Eure Namen schön wären, Herr, der hörte lieber Frösche singen, als Amseln. Allein um meiner einfältigen Zunge einen Hals oder Beinbruch zu ersparen, darf ich Euch wenigstens beim Essen in beliebter Kürze den ersten Namen, . . . . wie hieß er schon? . . . . Bom-Bardo? . . . . Bombardement . . . .« »Don Nardo!« »Richtig, Herr Freund . . . also angestoßen! Ihr müßt doch leben . . . Wovon war denn eigentlich die Rede?« »Wem Ihr das Mädchen auf Addrichs Hause zugeführt haben würdet, wenn Ihr es . . .« »Richtig! Nun, das versteht sich; in gerader Linie, wie schon gesagt, nach Aarau, in das Haus des Poeten, der bisher in allen Ehren und Züchten mit neun himmlischen Frauenspersonen Verkehr getrieben, aber gesamte neun Musen gegen eine mit Fleisch von seinem Fleisch, und Bein von seinem Bein vertauschen würde. Vorausgesetzt jedoch, sie hätte mir auch nur halb so wohl gefallen, als das herzige Ännel, welches mir in Addrichs Mördergrube guten Schinken auftischte, so wäre die Sache richtig gewesen.« »Und ihre Einwilligung? . . .« »Hm, wertester Herr Donner . . . oder Donnerpaar . . . dem Fisch ein Würmlein, dem Mädchen ein Mann, beide beißen die Angel an. Ich kenne das! Heiraten ist keine Drescherarbeit für die Jugend.« »Ich möchte Euch ermuntern, Meister, den mißlungenen Versuch zu wiederholen, wenn Ihr den Mut hättet. Ich nehme Anteil an Euch. Nach Aussage des Junggesellen hier ist Addrich gerade jetzt von seiner Wohnung entfernt. Nun oder nie gelingts, das unglückliche Mädchen zu erlösen. Waget es! Bedarf es des Geldes dazu, es soll sich finden. Was meinet Ihr? Hättet Ihr Lust?« »Glaubt's oder glaubt's nicht, ich bin zu jeder Zeit und Stunde der Mann, wertester Herr Donnerbart, der den Teufel auf der Haide fangen und, wenn's sein müßte, ihm den Schwanz abtreten würde. Allein verzeiht . . .« »Nicht allzu vorlaut, Meister!« unterbrach ihn Fabian scherzend. »Es zweifelt niemand an Eurem Heldenmut, aber Belial könnte Euch boshafter Weise beim Wort fassen. Er spitzt das Ohr, wenn man an ihn denkt.« Der Spielmann stutzte, warf die Augen umher und sagte halblaut: »Nun, nun! Ihr habt nicht unrecht, man soll den Gottseibeiuns nicht ans Haus malen, er kommt von selbst herein. Doch ist auch nicht alles ein Evangelium, was man bei gutem Weine spricht. Ich wollte nur andeuten daß ich keiner Tonne Goldes willen mit dem Addrich anbinden möchte, zumal in dieser gottlosen Zeit, wo er und die Bauernschelmen im Lande den Meister spielen, ehrlichen Leuten Nasen und Ohren abschneiden und die Bäuche aufschlitzen. Aber sie haben noch nicht alles im Sack, wie im Kopf.« »Wie wird Euch der Dechant von Aarau empfangen,« fragte der Gutsherr von Groenkerkenbusch, »wenn Ihr mit leerer Hand und unverrichteter Sache zurückkommt? Ein Ehrenmann, wie Ihr zu sein scheint, soll Wort halten.« »Richtig, Herr Freund, doch Ehrlichkeit geht bei mir zu Lande noch weit über die Ehre. Und ich werde ihm rund heraus sagen: »Man muß machen, wie man's kann, und nicht ungewachsenes Gras mähen wollen. Über Vermögen kann auch der Kaiser nicht.« – Aber Ihr da, hinter mir, macht mir doch den Becher naß; er ist trocken, wie Käfers Loch.« »Meister,« fuhr der Herr von Groenkerkenbosch fort, »an Eurer Stelle würde ich nicht den weiten Weg vergebens gethan haben.« »Mag sein . . . doch der beste Jäger und Hund thun manchen vergeblichen Sprung.« »Junker Mey hätte Euch dafür reich gemacht.« »Oho, reich! Eine fette Kirchenmaus, eine weiße Schwalbe und einen reichen Spielmann, die drei muß man im Paradiese suchen. Und wenn der ganze Schwarzwald stürbe, glaubt's, Herr Freund, ich würde keinen Tannenzapfen erben. Nein, nein, ich habe kein Glückshäubchen auf die Welt gebracht; und steckte man mir des Moguls Schatz in den Sack, ich brächte Spreu heim.« »Lasset mit Euch reden, Meister! Erinnert Euch, Addrich ist abwesend und der Paß jetzt für Euch offen. Kehret zum Dechanten nicht ohne das Mädchen zurück. Wagt's noch einmal. Was fürchtet Ihr von Addrich? Er steht, höre ich, an der Spitze der Rottierer und kommt schwerlich mit heiler Haut davon.« »Herr, der hat's, wie die Katze. Wie man ihn auch werfe, fällt er allezeit auf die Füße. Und wenn er das ganze Land unter und über sich kehrt, er erstickt darunter so wenig, als die Maus unter'm Heu. Nein, nein, ich kenne ihn jetzt und will meinen Balg nicht selbst zum Kürschner tragen.« »Es könnte aber Leute geben, Meister, die Euch im schlimmsten Fall nicht im Stich lassen würden.« »O ja doch, wenn der Wagen aufrecht geht, sitzt jeder gern darauf; wenn er umfällt, läuft alles davon. Ich kenne die Welt, Herr, und habe Merk's gegessen.« Während dieses Gespräches, welches auf gleiche Weise noch lange fortgesetzt wurde, war Fabian stumm und voller Erstaunen, hier zwei unbekannte Personen von Epiphanias Entführung reden zu hören. Beide schienen ihm die Personen zu sein, deren er sich aus Addrichs Erzählungen erinnerte, als er mit demselben von Gränichen nach Suhr und zum Gönhard gegangen war. Wirri, der Bote des Junkers von Rued und dieser Don Nardo, ohne Zweifel jener Unbekannte selbst, welcher das Weib von Seon mit den köstlichen Geschenken ins Moos herübergesandt hatte. Was aber kann den Katholiken und Niederländer bewegen, gemeine Sache mit dem alten Dechanten zu machen? dachte der Jüngling bei sich. Warum beschenkte er Epiphania so fürstlich? Hat er Absichten auf das verlassene Mädchen? Hätte er vielleicht mit seinem Golde den Dechanten geblendet und mit seiner frommen Miene diesen guten Greis überlistet? . . . Fabian, dem das Herz um so gewaltiger pochte, je länger das Gespräch fortgesponnen wurde, verwandte kein Auge von dem rätselhaften Don Nardo. Es war dies ein Mann, der hoch in den Vierzigen zu sein schien, aber auf dem blassen, feinen Gesichte noch alle Züge seines Knabenalters trug. Fein gegliedert, von mäßiger Größe, schlank und gewandt, hätte derselbe trotz seines ergrauenden dünnen Haares und der Glatze auf dem Scheitel unter Umständen noch für einen Jüngling gehalten werden können. Selbst eine etwas wulstige Narbe, die ihm von einer alten Wunde auf der linken Wange geblieben war, entstellte ihn nicht. Noch weniger aber, als das wahre Alter, verriet sein Gesicht die Gemütsart. Es war eines der regelmäßigsten und ausdruckslosesten; diese Mienen schienen niemals vom Sturm der Begierden bewegt worden zu sein. Man hätte schwören sollen, der Mann habe in seinem Leben weder gelacht noch geweint. Man sah ihn beim Reden weder heiterer noch finsterer werden, sondern stets in der gleichgiltigsten Gelassenheit. Nichts regte ihn auf, nichts machte ihn lebhafter. Sogar sein Blick hatte etwas Unteilnehmendes, Erloschenes; seine Stimme etwas Eintöniges und seine Sprache etwas Gedehntes, wie bei einem, dem das Reden Mühe macht. Nachdem Epiphanias Liebling lange Zeit alle Kunst vergebens angestrengt hatte, den Mann und dessen Absichten zu enträtseln, verfiel er auf die List, sich schläfrig zu stellen, um die Plauderer bei ihren Bechern sicher zu machen. Er erhob sich daher gähnend vom Platze, warf umherliegende Bauernkleider, die ihm zum Kopfkissen dienen konnten, in einen Winkel des Zimmers zusammen und legte sich auf den Erdboden nieder, indem er den übrigen gute Nacht wünschte. Damit verfehlte er aber seinen Zweck gänzlich; denn Don Nardo ließ alsbald den Rest der Speisen abtragen und entfernte sich im stillen mit Meister Wirri und den Dienern, um ein Lager auf dem Heuboden zu suchen. 26. Neue Rätsel. Der junge Mensch empfing für den Verdruß getäuschter Hoffnung bald volle Entschädigung aus der weichen Hand des Schlafes; die süßeste am Morgen, als ihn die Wünschelrute des Traumgottes in die Feenwelt führte, worin auch der Bettler einen eigenen Palast findet; verwaiste Mütter fröhlich mit verstorbenen Kindern spielen; wo jedem Seufzer der Sehnsucht voll Erbarmens die Erhörung entgegentritt. Es läßt sich leicht erraten, welchem Engel der Jüngling in diesem immergrünen Eden, zwischen den Hochgebirgen, den umrankten Felsenwänden, und den sträubenden Wasserfällen seiner Kindheitsfrühlinge begegnete. Der Traumgott aber schien diesmal gegen den ehrlichen Fabian boshafter oder gefälliger wie jemals zu werden. Denn wie er den Jüngling mit Epiphania zum ehemaligen Lieblingsplätzchen des Mädchens führte, in das Schweigen jenes heimlichen Thales am Ursprung des Simmenflusses, wo unter der nackten, himmelhohen Pyramide des Seehorns, aus schroffer Felswand, sieben krystallhelle Quellen sprudeln, erschrak Fabian zum ersten Male über etwas, das er an seiner schwesterlichen Gespielin noch nie beachtet hatte. Es war der Schrecken des Entzückens, der ihn durchbebte, denn er nahm wahr, sie sei von allen Sterblichen vielleicht die Schönste. Ihre zarte Gestalt schien aus Licht gebaut, so klar, man möchte sagen, durchsichtig, war die irdische Hülle des in ihr wohnenden Überirdischen. Daß Fabian mit Hilfe eines Morgentraumes erst jetzt zu diesen Erinnerungen gelangen mußte, mag allerdings etwas märchenhaft klingen, doch wohl nur dem, der das geheimnisvolle Treiben der Seele nicht kennt. Der junge Mann hatte in Epiphania immer nur noch eine liebe, treue Schwester gesehen; aber welchem Bruder fällt es ein, von der Schönheit seiner Schwester entzückt zu werden? Fabian zitterte im Traum vor dem Glanze so vielen Liebreizes und sagte: »Faneli, o Faneli, wie ist mir? Wo hatte ich denn sonst die Augen? Wie schön, wie unaussprechlich lieblich bist Du!« Sie aber wandte ihm verdrießlich-lächelnd den Rücken und sagte: »Willst Du mich wieder plagen, Fabi? Können wir nicht ohne Zanken leben? So, wie Du, spricht beständig Renold, und er weiß doch, ich höre es ungern . . .« Und indem sie dieses sagte, siehe, da trat der schöne Schwede, den sie eben genannt hatte, hinter den Gesträuchen am Felsen hervor. Fabian fühlte beim Anblicke dieser Erscheinung in der Brust einen zuckenden Schmerz. Es war der Schmerz der Eifersucht, den er noch nie empfunden hatte. Er erwachte davon. Der Schmerz blieb; aber nicht weniger das Bild von Epiphanias Schönheit. Er richtete sich auf und rieb sich die Augen. Das Licht des Tages drang in blassen Strahlen durch die Spalten des Fensterladens in die ärmliche Bauernstube. Fabian that einen tiefen Seufzer und ging, noch zur Hälfte im Traume befangen, aus der Hütte ins Freie. Da rief ihm der Anblick des Meistersängers, welcher am Brunnen draußen die Finger kammartig durchs krause Haar strich, die Unterhaltung des vorigen Abends ins Gedächtnis zurück. Fabian trat raschen Schrittes mit dem Morgengruße zu ihm und sagte: »Habt Ihr viel geschlafen, gut geträumt, Meister?« »Viel und Gut ist nie beisammen,« antwortete Wirri. »Ihr sehts ja wohl, meine Bettfedern waren auf der Wiese gewachsen, und will ich sicher vor hungrigen Kühen wandern, muß ich die Eiderdaunen vom Kopfe schütteln. Unser Herr Donnrian schläft mit seinem schwarzen Teufel, der mich gestern in einen Lumpen verwandelt, womit arme Leute bei gebrochenen Fenstern den Glaserlohn sparen, noch um die Wette. Grüßet alle von mir; ich nehme den Weg unter die Füße.« »Nur auf ein Wort noch, Meister! Ihr waret unlängst im Moos bei Addrich, Meister: wie nahm Epiphania Euren Auftrag vom Junker zu Rued auf? War er ihr willkommen?« »Wie dem Blinden der Regenbogen. Ich habe sie nie gesehen, und sie hat mich nie gehört. Hole der Henker den rotnasigen Addrich, der mit ehrlichen Leuten umspringt, wie der Savoyarde mit dem Tanzbären. Wer mit dem was rechts anfangen will, muß ihn tot schlagen.« »Wollts also nicht noch einmal versuchen, und den Wunsch des Herrn Groenkerkenbusch ausführen?« »Keineswegs, Herr Freund, ich habe meine Haut nicht gestohlen; trage er die seine zu Markte, wenn sie ihm feil ist. Ich wandere nach Aarau und sage meinem wohlehrwürdigen Herrn Dechanten: für diesmal müssen wir das Plänchen aufgeben. Es gehen viele Wünsche in einen Sack, aber noch mehr ohne Glockenklang ins Grab. Hat die Mauer kein Loch, passiert niemand durch; und kann man den Karren nicht aufhalten, läßt man ihn fahren.« »Meister, Ihr sprecht wie ein gescheiter Mann. Was aber mag diesem Fremdlinge daran liegen, das Mädchen aus des Moosers Gewalt zu ziehen? Ließ er Euch merken, warum er an Eurer Geschichte so lebhaften Anteil nimmt?« »Er that freilich, als geschehe es mir zu lieb, und als wolle er mir nur die Leiter ans Ehebett stellen, und es ist wahr, des Dechanten Pate soll schön und tugendhaft sein. Aber es dünkte mir dabei immer, als hörte ich den Fuchs husten, und dachte: man hält manchen für einen Esel, der einen Sack trägt.« »Weise gesprochen, Meister Wirri! Der Mann wird mir verdächtig und ich vermute fast, er habe das Mädchen irgendwo gesehen und der alte mürbe Zunder habe Feuer gefangen, ohne ans faule Holz seiner Jahre zu denken. Meint Ihr nicht?« »Wohl möglich. Es will wohl jeder gern alt werden, aber nie alt sein. Doch, Eine harte Nuß, ein stumpfer Zahn, Ein junges Weib, ein alter Mann! Kurz, ich wies ihn zurück und brach das Geschwätz überm Knie ab. Er machte ein Gesicht, als hätte er Sauerampfer gegessen, ließ mich aber in Frieden und wünschte mir »gute Nacht« ins Heu. Gebt ihm dafür einen »guten Morgen« zurück, denn ich habe Eile und trabe nach Aarau, so gut Schusters Rappen laufen mögen. Adjes, Herr Freund, gehabt Euch wohl!« Bei diesen Worten machte der Spielmann linksum und ging über das Feld davon, ohne sich um Fabians Nachrufen weiter zu bekümmern. Fast zu gleicher Zeit kam auch Herr von Groenkerkenbosch, begleitet von seiner Dienerschaft, zum Vorschein. Er sah den Meistersänger noch in einiger Entfernung laufen und rief ihm ebenfalls nach, aber Herr Wirri schritt unaufhaltsam, ohne umzusehen, fürbaß von dannen. Fabian dagegen, welcher den Niederländer nicht verlassen wollte, ohne vorher ein wichtiges Rätsel gelöst zu sehen, das für seine Ruhe und Epiphanias Sicherheit allzu wichtig schien, trat alsbald grüßend zu ihm und führte ihn, während unbedeutender Reden und höflicher Dankesbezeigungen für die gestrige Gastfreiheit, von der Dienerschaft hinweg, auf die Seite. Dann blieb er stehen und hob ohne Umschweife folgendermaßen an: »Ehe wir uns trennen, Don Nardo, gönnt mir die Antwort auf eine Frage. In welcher Absicht stellet Ihr der Nichte Addrichs nach? Eure mit dem Aarauer Spielmann geführten Gespräche lassen vermuten, es liege Euch viel daran, sie aus den Händen des Oheims in die des Dechanten von Aarau zu bringen.« »Hm, in der That, ja! Es liegt mir etwas daran,« erwiderte der Herr von Groenkerkenbosch mit gewohnter Gelassenheit, während er jedoch seinen forschenden Blick fest auf Fabians Gesicht heftete. »Ihr selbst habt gestern nicht das schönste Lied zum Lobe jenes Addrich gesungen. Das arme, unschuldige Mädchen erregte meine Teilnahme, ich möchte es frei wissen.« »Verzeiht, Herr, es scheint, Ihr wünschet mehr, denn Ihr trachtet dieser Jungfrau auf allen Wegen nach und nicht erst seit dem gestrigen Abend. Ihr habt ja der Nichte Addrichs einen köstlichen Schleier, orientalische Perlen und zehn venetianische Dukaten durch ein Weib von Seon geschickt. Fürstliche Geschenke solcher Gattung spendet fürwahr auch kein geborener Verschwender ohne Zweck. Hegt Ihr indessen ehrliche Absicht, so dürfet Ihr sie mir vertrauen, und meine Dienste sollen Euch zu Gebote stehen.« »Junggeselle,« antwortete der Niederländer, ohne seine Miene im leisesten zu ändern, »daß ich ehrliche Absichten habe, kann ich allerdings beteuern und im Notfalle beweisen; daß ich Euch aber vertrauen soll, dazu bedarf es wohl näherer Bekanntschaft unter uns beiden. Übrigens ist Euer offenes, redliches Gesicht ein guter Kreditbrief. Wenn Ihr mir dienen wollt, werdet Ihr mich dankbar finden.« »Und was begehrt Ihr, Herr?« »Nichts als die Befreiung jenes unglücklichen Mädchens aus der Gewalt seines verrufenen Oheims; Befreiung, je eher, desto besser. Noch das eine sage ich Euch: mir gilt bei allem gleich, ob die Verlassene zum Dekan von Aarau, oder anders wohin, oder auch unmittelbar zu mir gebracht werde.« »Zu Euch, Don Nardo? Kennt Ihr diese Epiphania?« Der Niederländer betrachtete den Jüngling eine Weile schweigend, und antwortete dann mit fester Stimme: »Ich kenne sie, und sogar sehr genau.« »Ihr, Don Nardo? Da ertappe ich Euch auf fahlem Pferde. Wenn Ihr sie kennt, wie dürft Ihr Euch einbilden, sie werde den Oheim verlassen, um sich einem unbekannten Fremden auszuliefern? Sie weiß nichts von Euch.« »Glaubet meinen Worten, Junggesell, sie kennt auch mich.« Der Herr von Groenkerkenbosch sprach diese Worte mit so zuversichtlichem, ernstem Tone, daß Fabian, dem noch viel anderes auf der Zunge lag, voller Bestürzung verstummte und einen Schritt zurücktrat. Bald aber ging sein Befremden in sichtbaren Unwillen über, mit dem er sich von dem Niederländer abwandte, als wollte er ihn verlassen. Er warf ihm noch von der Seite einen Blick der tiefster Verachtung zu und sagte: »Nun ja, kennen möget Ihr sie; ja . . . der Geier kennt auch die Taube, über der er lüstern in den Lüften kreiset, bis sie sich aus der Sicherheit des Obdachs entfernt; aber die Taube kennt Euch nicht. Nie ist Euer Name zu ihren Ohren gekommen, nie von ihren frommen Lippen gefallen. Wisset, ich bin Epiphanias Bruder!« Fabians Heftigkeit brachte den kalten Niederländer nicht aus der Fassung. Dieser erwiderte mit einer Gleichgültigkeit, als wäre von Wind und Wetter die Rede: »Junggesell, zahlt meine Aufrichtigkeit nicht mit Unwahrheit; ich kenne, wenn schon ein Fremder, Eure falsche Münze. Epiphania hat keinen Bruder.« »Wenn auch keinen leiblichen,« erwiderte Fabian, und fühlte sich vor dem, der ihm mit Recht einer Lüge zieh, etwas verlegen, »aber,« fuhr er noch ungestümer fort, um sein Unrecht zu verdecken, oder weil sich neuer Verdruß zum vorigen Unwillen gesellte, »was habe ich mit Euch zu schaffen, oder welche Pflicht, Euch mein Verhältnis zu dem Mädchen zu offenbaren?« »Gemach, gemach, Junggesell, ich begehre durchaus Euer Vertrauen nicht. Wer Ihr seid, läßt sich erraten; Ihr möget ohne Zweifel der verlobte Bräutigam sein. Die Schilderung, die man von Euch entworfen hat, war nicht ganz ungetreu. Mit einer kecken Gestalt und einem Gesichtchen, wie das Eure, läßt sich das Herz einer Jungfrau zur Not schon anfechten.« »Ich hoffe,« sagte Fabian drohend und trat rasch ein paar Schritte näher, »ich hoffe, es wird Euch nicht belieben, Spott zu treiben?« »Im Gegenteil, junger Mann,« entgegnete der Niederländer mit unveränderlichem Gleichmut, »ich weiß dem Glücke Dank, das uns beide unverhofft zusammenbrachte. Wir wollen einander näher rücken. Wenn Ihr mir zum Ziele helfet, vielleicht . . . . helfe ich Euch zu dem Eurigen. Erlöset Epiphania, dann wollen wir weiter sehen.« »Ihr haltet uns hier zu Lande, scheints, insgesamt für sehr alberne Teufel. Gestern sprachet Ihr ungefähr auch auf diese Weise mit dem Spielmanne. Wer hat Euch Macht über die Hand Epiphanias eingeräumt?« »Das könnt Ihr künftig erfahren, und, zählet darauf, am wenigsten wird mir Eure einstweilige Braut selbst diese Macht versagen.« »Nun ists genug, Herr von Groenkerkenbosch, nun genug, kein Wort mehr, daß ich mich an Euch nicht versündige,« fuhr Fabian auf und seine Augen flammten von stolzem Zorn. »Wer seid Ihr, daß Ihr es waget, Eure Kurzweil mit mir zu versuchen?« »Gemach, Junggeselle, gemach. Es ist hier um nichts weniger als um Kurzweil zu thun. Ihr solltet es meinem Ernste ansehen, daß mich der Mutwille nicht sticht. Wer Ihr seid, weiß ich, aber wer ich bin . . .« »Weiß ich! Ein spanischer Niederländer, der mit seinem Geldsack meint, im Schweizerlande den Meister spielen zu können; ein Katholik, vielleicht ein verkappter Pfaff, der eine hübsche Nichte in seinen Haushalt braucht. Packt Euch, ehe Euch dieser Arm den Nacken bricht, und sucht für das Keuschheitsgelübde ein Wundpflaster unter Euren eigenen Heiligen!« »Junger Mensch,« rief Don Nardo, indem die Unbeweglichkeit seiner Gesichtszüge plötzlich endete und in finstern Mißmut überging, »junger Mensch, ich gestatte Eurer unbesonnen Hitze, mich zu lästern, aber lästert nicht Brauch und Glauben einer Kirche, der anzugehören Ihr würdig seid. Ihr verkennet mich, aber ich verkenne Euch nicht. Ich will Epiphanias Glück . . . bei Gott und allen seinen Heiligen . . . ihr zeitliches und ewiges Wohl, und könnte es geschehen, mit dem ihrigen das Eurige.« »Was?« rief Fabian, ärgerlich lachend. »Mein ewiges, ihr ewiges Wohl? Am Ende also treibt Ihr nur theologisches Kuppelgewerbe; abenteuert umher, Proselyten und Konvertiten zu machen? Ich rate Euch wohlmeinend, wahret Eure Haut im Lande Bern, und lasset den Dechanten von Aarau nicht wittern, welch ein Seelenjäger Ihr seid: Eure Heiligen würden Euch nicht vor Schandpfahl und Pranger erretten.« »Brechen wir ab!« sagte Don Nardo mit völlig wiedergewonnener Kaltblütigkeit. »Ihr führet im Nebel vergebliche Streiche. Bleibet ohne Kummer um Euren Glauben; ich will ihn nicht in Versuchung führen. Ist es der Wille des barmherzigen Gottes, die Verirrten zur Wahrheit des ewigen Lebens in den Mutterschoß der Kirche zurückzuführen, so bedarf es meiner nicht. Ich wäre das allerunwürdigste Werkzeug seiner Hand. Ebenso bin ich ohne Kummer für Addrichs Nichte, Eure Braut. Was ich von ihr weiß, verkündet, sie ist dem Glauben, der allein selig machen kann, wohl nicht so fernstehend, als Ihr Euch einbildet. Ein frommes, helles, nach innerer Seligkeit dürstendes Gemüt, wie das ihrige, kann und wird der rufenden Mutter, wenn sie deren Stimme hört, nicht lange widerstehen. Doch das beiseite, Junggesell; besänftigt Euren unnützen Argwohn und vergeblichen Zorn. Ihr verkennet mich. Leistet mir diesen Tag noch Gesellschaft, und ich zweifle nicht, wir können Freunde werden. Dann helfe ich Euch an Eurem Glücke bauen. Wir wollen noch manches Wort von Eurer Verlobten reden; es warten wichtige Dinge auf sie, wovon Ihr selbst sie unterrichten könnt. Ihr selbst vielleicht führet sie mir zu, wenn Ihr das wahre Wohl dieser armen Waise so wünschet wie ich.« »Da sei Gott für!« rief Fabian. »Was habt Ihr und das Mädchen miteinander gemein? Das fühle ich wohl, was es auch mit Euch sei, ganz richtig steht's bei Euch nicht, trotz Eures achtbaren Ansehens. Wo aber auch der Schalk bei Euch wohne, im Kopf oder im Herzen, Ihr sollet gewarnt sein. Hütet Euch, einer Jungfrau nachzuschleichen, mit der Ihr rechtlicher Weise nicht zu verkehren habt. Bei meiner Seele Seligkeit gelobe ich's, begegne ich Euch auf verbotener Straße, treffe ich Euch je in der Nachbarschaft vom Moos oder von Aarau, so habt Ihr Euer letztes Ave gebetet. Ihr wisset nun; ich bin ein Mann von Wort, und damit gehabt Euch wohl!« Fabian wollte davoneilen, doch Don Nardo ergriff ihn hastig beim Arm und rief: »Es ist ein Mißverständnis zwischen uns. Ihr stoßet Euer Glück von Euch!« Der Jüngling schleuderte den Niederländer von sich und sagte: »Fort! Mir grauet vor Euch, wie vor Satan, dem Versucher in der Wüste!« »Vor mir?« sagte Don Nardo mit einem Zuge des Unwillens im Gesichte, welcher durch eine Art spöttischen Lächelns gemildert wurde. »Ihr müsset fürwahr ein schlechter Soldat gewesen sein und in Euren schwedischen Diensten wenig von Welt und Menschen gesehen haben. So lebt wohl, Herr Hauptmann, und vergesset die Nichte Addrichs! Sie ist für Leute Eures Schlages von Gott nicht geschaffen.« Fabian betrachtete ihn von der Seite und sagte: »Ihr irret Euch, wie es scheint, gar sehr in meiner Person,« »Jetzt nicht mehr; nur einen Augenblick vorhin, Junggesell, als ich die Trommel für eine Kartaune ansah, da betrog sich mein kurzes Gesicht. Genug davon! Ziehet mit Gott!« 27. Kriegsgefangenschaft. Der Niederländer wandte bei diesen Worten dem Jüngling den Rücken, um sich zur Hütte und zu seinen Leuten zu begeben. Er sah aber, mit nicht geringem Erstaunen, diese und seine Pferde von bewaffneten Bauern umringt. Bald war er selbst, wie auch Fabian, von einer seitwärts herangekommenen Rotte umzingelt. Das durchdringende Geschrei eines Weibes unweit der Hütte, und ihr Hindeuten auf das gebrochene Fenster derselben verkündete den Zorn der heimgekehrten Eigentümerin. Die Bauern bemächtigten sich, unter lautem Geschrei, der Personen. »Was soll's hier geben, Ihr Männer?« schrie Fabian von der Almen entrüstet. »Ist das ehrlicher Kriegsbrauch, Reisende auf der Straße anzufallen und wehrlose Männer gefangen zu nehmen? Oder haben wir die Gestalt der Landstreicher und Zigeuner, daß Ihr uns festhaltet? Ich bin Schweizer, wie Ihr alle, vom Berner Oberlande. Scheine ich Euch verdächtig, so bin ich allezeit bereit, Rede und Antwort zu geben. Jener Herr aber ist ein Ausländer, der mit unsern Händeln nichts zu schaffen hat; darum lasset ihn mit seinen Leuten unangetastet und in Frieden seines Weges ziehen. Ich hoffe, Ihr werdet ihn nicht ausplündern und ihn nicht zwingen, daß er in fremden Ländern über uns Schweizer klage, als wären wir ungastlich und nichts als Räuber und Gauner.« »Was welschet der Milchbart!« rief einer der nächsten Bauern, während die einen um ihn her jauchzten, andere zankten oder sangen. »Gebt's ihm auf den gelben Schnabel. Seht Ihr's ihm nicht am Schwanze an, wie das Vöglein heißt? Ein Stadtspion ist es, der Kundschafterei treibt.« »Werft den Schelm zu Boden!« brüllte ein anderer. »Wir . . . wir haben den größten Sieg erlebt, und die Baseler und Mühlhausener zum Lande hinausgejagt; nun soll uns der Strolch da nicht Gauner und Räuber heißen.« »Nichts!« schrie ein dritter dazwischen. »Hier ist ein gutes Vogelnest ausgehoben. Daheim wollen wir die Alten und Jungen ordentlich rupfen, ehe wir sie braten Fort! Wir bringen sie alle nach Olten, da muß sie der Untervogt von Buchsiten beichten lassen.« Während des Tobens der Menge und Fabians Widerstand, von welchem ein großer Teil der Bauern gar nichts hörte, verhielt sich der Herr von Groenkerkenbosch, welchem man den prächtigen Dolch aus dem Leibgürtel gerissen hatte, mit unbefangener Miene, wie ein gleichgültiger Zuschauer. Er drehte sich endlich gegen Fabian und sagte: »Wie es scheint, müssen wir also wider Willen einander doch noch Gesellschaft leisten. Wehret indessen diesen guten Leuten nicht, zu thun, was sie für Pflicht halten, und erbittert sie nicht mit vergeblichen und trotzigen Worten. Daß Ihr Euch meiner, als eines Fremden, annehmen wollt, macht Eurem Schweizergemüt alle Ehre. Sorget aber lieber für Euch selbst, denn es ist keine Gefahr für mich vorhanden.« Fabian erwiderte ihm nichts, sondern haderte mit den Bauern fort, die nun auch Don Nardos Jäger und Mohren, beide ihrer Waffen beraubt, und auch die Pferde herbeiführten. Ihr Lärmen vermehrte sich mit ihrer Anzahl, denn es kamen immer neue Haufen herzu. Es bestanden diese Leute meistens aus jenen Solothurnern, die am vorigen Tage bei Erlisbach und unter der Schafmatt den Rückzug des Obersten Zörnli bewacht hatten. Alle glühten noch wein- und siegestrunken, und umstanden nun neugierig die Reisenden, deren ausländische Trachten ihre Aufmerksamkeit in hohem Grade beschäftigten, so wie die schwarze Haut des Mohren noch mehr ihr Erstaunen erregte. »He!« schrien einige plötzlich, indem sie auseinandertraten, um Neuankommenden Platz zu machen. »Da bringen sie abermals einen Gefangenen. Laßt uns nur noch mehr suchen, Ihr Männer; der Berg hier wimmelt von Schelmen und Stadtleuten.« »Den fettesten Bissen haben wir gefangen,« rief mit stolzer Lustigkeit einer der Ankommenden. »Er hat gewiß in seinem ganzen Leben heute zum ersten Male über seinen schönen Wanst geflucht, als er uns mit ihm entwischen wollte.« Es war von keinem andern als vom würdigen Meister Heinrich Wirri die Rede, der sich eben den Schweiß vom Gesicht trocknete und aus der Tiefe seiner Brust Atem schöpfte. »Wie geht's, Meister?« redete ihn Don Nardo an. »Ihr brachet ohne Nutzen heute so früh auf.« »Es geht, wie es kann,« erwiderte seufzend der Spielmann und zuckte die Achseln, indem er die Versammlung ringsum mit den Augen musterte. »Es geht, wie es mag, und geht doch nie recht. Ich merke nun wohl, mit Allgemach kommt man auch weit. Meinethalben, der Teufel ist im Lande los, daß niemand weiß, wo aus noch ein; mein Lebtage habe ich solche verkehrte Wirtschaft nicht gesehen. Sind die Menschen nicht närrisch geworden, so muß der Jüngste Tag unterwegs sein.« »Schweig, Du spritzende Blutwurst!« fuhr ihn einer der Bauern an. »Oder wir warten Dir anders auf. Wovon wärest Du so feist, wenn Du nicht aus des Landvogts Schüssel unsere Hühner und Eier gegessen hättest? Nun sind wir endlich Meister, und Ihr Stadtleute sollt schweigen und Respekt vor Unsereinem haben, sage ich Euch.« »Ihr Herren reitet jetzt auf gar hohen Gäulen,« antwortete der Meistersänger, »aber sorget, daß Ihr nicht vom Pferde auf den Esel kommet. Was meine Wenigkeit betrifft, so habt Ihr für Euren Beutel einen Fang gethan, der Euch gereuen wird. Ich bin kein Ratsherr, sondern von Profession ein Spielmann; und wer mir etwas nehmen will, muß mir's erst bringen. Schlachtet also keine Katze für einen Hasen. Aber, Ihr Herren, ich rate Euch, machte überhaupt glimpflich und spannet den Bogen nicht zu straff. Laßt mich gehen, denn ich habe Euch nichts zu leide gethan.« »Du Fettklumpen, wir wollen Dich zum braten, nicht zum raten,« rief der vorige Bauer. »Heute spielen wir den Städtern Trumpf aus und sie müssen daran glauben. Das Recht ist auf unserer Seite und wir sind unserer Hunderttausend. Drum schweige!« »Ich glaube, ich darf den Schnabel gebrauchen, wozu er mir gewachsen ist, so gut, wie Ihr,« antwortete der Spielmann. »Still, Ihr Leute, Frieden! Keinen dieser Gefangenen mißhandelt! Führt sie ab nach Olten!« rief ein wohlgekleidetes, munteres, hageres Männchen, dem alle Anwesenden Platz machten. Es war der Untervogt von Buchsiten. »Und Ihr, guter Freund,« sagte er, zum Meister Wirri gewandt, »behaltet Eure Sprüche im Sack; sie werden darin nicht fauler, als sie schon sind, und Ihr könnet keinen von uns damit weder belehren noch bethören.« »Freilich nicht,« entgegnete Wirri. »Wenn zwei Esel einander unterrichten, wird keiner ein Doktor dabei. Ich verlange aber nichts, als was gerecht und billig ist. Ich bin ein Ehrenmann. Warum schleppt man mich mit Gewalt fort? Wenn Ihr, Herr Freund, hier etwas mehr zu befehlen habt, als ich, so gewähret Gerechtigkeit. Ich gehe nicht nach Olten; nicht von der Stelle.« »Aber auch nicht nach Aarau,« entgegnete der Untervogt mit strenger Geberde. »Hängen wir ihn also unterdessen zwischen beiden Städten an einen Baum auf,« rief der vorige Bauer. »Es ist leider kein Ast stark genug, die Last zu tragen,« versetzte der Untervogt. Die Versammlung lachte aus vollem Halse und schrie: »Doch, doch!« . . . Der Meistersänger erblaßte, schielte nach einer hohen Eiche in der Nähe und trat seinen übrigen Unglücksgefährten näher, als hoffe er von ihnen auf Schutz. »Meister, seid klug,« sprach der Niederländer zu ihm. »Suchet lieber Eure Gnade, als Euer Recht.« »Ja, ja!« versetzte der erschrockene Spielmann. »Ein Quentchen Gunst gilt allezeit mehr, als der schwerste Zentner Gerechtigkeit.« »Marsch!« rief der Untervogt von Buchsiten, und der ganze Zug setzte sich, unter Trommelschlag, Jauchzen und Johlen, in Bewegung. Die Bauern hielten einen triumphierenden Einzug in das Städtchen Olten. Hier wurden die Gefangenen an verschiedene Orte verteilt. Fabian bekam ein kleines, dunkles Gemach mit vergitterten Fenstern; vor der Thür eine Wache und einen Laubsack zum Nachtlager. Das Schicksal seiner Gefährten blieb ihm unbekannt. Am folgenden Morgen, als er durch's Fenster niederschaute, sah er mit nicht geringer Verwunderung den Herrn von Groenkerkenbosch, begleitet von seinem Mohren und Jäger, frei zur Stadt hinaus reiten. »Glückliche Reise!« rief Fabian ärgerlich. Don Nardo sah aufwärts, nickte, ohne eine Miene zu verziehen, grüßend, und machte mit der ausgestreckten Hand eine Bewegung, wie zum Abschiede. Er verschwand. Der Jüngling zweifelte keinen Augenblick daran, daß auch seine Freilassung schnell erfolgen würde. Er irrte aber sehr; man bewachte ihn vielmehr von Tag zu Tag strenger. Sein Wächter sprach von aufgefangenen Kundschaftern der Städte, auch wie einige dieser Leute aufgehangen worden wären, und ließ, als guter Katholik, dem Fabian merken, er thue wohl, sich von der lutherischen Ketzerei zum wahren Glauben zu bekehren, um wenigstens ein seliges Ende zu nehmen. 28. Die Erlösung. In der langen Weile seiner mehrwöchentlichen Verhaftung wechselte Fabian, wie Gefangene zu thun pflegen, vom Morgen bis zum Abend mit Singen und Fluchen, Ergebungen in das Verhängnis und Entwürfen zur Flucht, Vorsätzen der Rache und dichterischem Ausmalen seiner Zukunft, wenn er jemals wieder der goldenen Freiheit genösse. Es versteht sich, daß Epiphania die Bilder der Zukunft ihm im reinsten Lichtglanze verherrlichte. Doch das schwesterliche Verhältnis nahm während der Betrachtungen in der gefänglichen Einsamkeit zu Olten eine ganz andere Färbung an. Es schien, als hätten ihn Addrichs und Don Nardos Reden auf einen Gedanken geleitet, der ihm vorher, wie der Gedanke an Blutschande, abscheulich erschienen war. Er sah nun erst ein, daß ihm Epiphania, die ihm auch nicht aufs Entfernteste verwandt sei, unmöglich in ein fremdes Land und Haus folgen könne, ohne ihren guten Ruf in der Welt zu verlieren. Er dachte sie nun auch unter dem Bilde einer jungen Gattin, und konnte anfangs den keuschen Widerwillen, die innere Scham kaum überwinden, die bei diesem Worte laut wurden, welches einem Frevel an der reinen Engelsnatur der Jungfrau gleich schien. Je vertrauter ihm aber nach und nach die reizende Möglichkeit wurde, daß er Epiphania als Weib aus der Schweiz führen und sie sich durch die heiligste Weihe anschließen könne, desto mächtiger wuchs zugleich seine Furcht vor des katholischen Niederländers bedenklichen Äußerungen, und in seiner Brust der schmerzende Brand der Eifersucht gegen den schönen Gideon. Seine Ungeduld nach Freiheit ging daher zuweilen fast in Verzweiflung über. Er sprach viel mit sich selbst und überlaut; er schlug die Wände mit geballten Fäusten und rüttelte die dicken Eisenstäbe des Fenstergitters, daß die steinernen Gesimse erbebten. Die Stunden wurden ihm zu Tagen, die Tage glichen Wochen; die Wochen dehnten sich zu Jahren aus. Den Wächtern wurde bange, er werde den Verstand verlieren. In der That hätte es geschehen können, wäre ihm nicht endlich, nach beinahe vier Wochen, der Kerker aufgeschlossen worden. Bewaffnete Bauern führten ihn in ein anderes Zimmer, wo mehrere wohlgekleidete Landleute, obwohl es noch früh war, bei Wein und Brot um einen großen runden Tisch saßen, Unter den Männern erkannte Fabian sogleich die breite Gestalt des Addrich, und neben demselben jene Person, welche sich auf dem Zuge nach Olten als der Untervogt von Buchsiten bemerkbar gemacht hatte. Die Versammlung brach, als Fabian hereintrat, ihr bisheriges lautes Gespräch plötzlich ab, nahm ein ernsthaftes Wesen an, und suchte sich in die möglichste Würde zu setzen. Dieser hier stellte das aufgehobene Weinglas nieder, jener dort legte Brot und Messer aus der Hand und schlug die Arme untereinander, oder faltete die Finger zusammen, oder rückte den Stuhl zurück, um Knie auf Knie zu legen. »Fabian von der Almen,« sagte Herr Adam Zeltner, der Untervogt, »obwohl wir wissen, daß Du in Deinem törichten Herzen erzbernerisch gesinnt bist, und als Sohn eines wackern Landmanns schändlicher Weise zu den Städtern hältst, wollen wir doch Gnade für Recht über Dich ergehen lassen. Du magst daraus erkennen, daß wir freien Landleute gnädiger sein können als die Herren zu Solothurn und Bern, die sich »gnädig« schelten lassen, und Verbrechen an uns suchen, um uns an Geld und Blut zu strafen. Deine wider uns und das teure Vaterland verübten Umtriebe und Helfershelferdienste hätten billig den Strang verdient, der Verrätern zukommt, aber . . .« »Ich bin niemals ein Verräter gewesen,« unterbrach ihn Fabian. »Schweig, wir wissen alles,« fuhr Herr Zeltner mit fester Stimme fort. »Bist Du nicht von Bern nach Aarau mit Briefen zum Schultheißen Hagenbuch gelaufen?« »Allerdings,« versetzte Fabian, »doch ich wußte nichts vom Inhalt dieser Briefe, und noch weniger davon, daß ich Männern, die meine Herren und Oberen sind, keinen Dienst leisten dürfe.« »Schweige! Jetzt sind wir aber Deine Herren und Oberen; darum begnadigen wir Dich, und erwarten dagegen von Dir Ehrerbietung und dankbare Ergebenheit. Die wirst Du uns also angeloben?« »In jeder erlaubten und gerechten Sache.« »Es ist nichts erlaubt als das Gerechte, und wir werden nichts von Dir begehren als das Gerechte. Jedennoch möchte auf Dein Wort und Angeloben wenig zu bauen sein, wenn unsere und des werten Vaterlandes Sache nicht schon über alle Gefahr obgesiegt hätte. Darum können wir Dich ohne Furcht der Haft entlassen, selbst wenn Du in gerader Richtung von hier nach Bern zurück liefest. Zudem hat auch dieser unser lieber Nachbar und ehrenwerter Eid- und Bundesgenosse – der Untervogt deutete mit der Hand auf Addrich – gut für Dich gesagt, was Du ihm zeitlebens danken magst.« »Ich danke meinem Freund Addrich gern, und vor Euch allen, denn ich weiß, er meint es gut mit mir und kennt mich. Hättet Ihr Euch aber, anstatt mich vier Wochen lang ohne Verhör und Untersuchung rechtswidrig festzuhalten, von meiner Unschuld früher überzeugt; hättet Ihr meine frechen Ankläger mir unter die Augen gestellt, daß sie durch meine Rechtfertigung zu Schanden gemacht worden wären: so würde ich noch lieber Eurer Gerechtigkeitsliebe als dem Addrich schuldigen Dank gesagt haben.« »Du sträubest Dich zwar mit Deiner Unschuld, wie sieben Eier in einem Krättlein, aber glaube mir, Du keckes Bürschchen, wir haben Dich nicht um eines Gastpfennigs willen in unserem Gewahrsam gehalten. Der Erste, welcher wider Dich zeugte und uns warnte, Dich nicht aus unserer Gewalt zu lassen, war ein sehr glaubwürdiger, vornehmer Herr, der Dich nur kurze Zeit gesehen, aber dennoch genug von Dir vernommen hatte. Du wirst Dich des Edelherrn von Groenkerkenbosch erinnern, der mit Dir gefangen worden ist? Er hatte durchaus kein Interesse gegen Dich . . .« »Der Niederträchtige! Er also? Der?« rief Fabian auffahrend. »Ihr vielklugen, gerechten Männer glaubt in Eurer Weisheit der tückischen Zunge eines wildfremden Abenteurers und kerkert darauf hin, ohne allen Beweis der Wahrheit, einen Schweizer, einen Mitlandsmann ein wie einen Verbrecher?« »Höre, Grünschnabelchen,« rief bei diesen Worten Fabians ein alter Bauer hinterm Tisch, »habe Respekt, denke, vor wem Du stehst, und schlucke Deine unverschämten Redensarten hinunter; es wird Dir kein Kropf davon wachsen, wenn Du sie in der Kehle behältst.« Der Untervogt winkte mit der Hand dem Alten zum Schweigen und fuhr gegen Fabian also fort: »Wenn der erste Zeuge wider Dich nicht genügt hätte, würde ein zweiter wohl hundert andere aufgewogen haben. Das ist ein erprobter Vaterlandsmann, dem die Wohlfahrt gemeinen Wesens über alle Rücksicht und Freundschaft geht, die er leider! für Dich gehegt haben mag. Er ist's, von welchem wir schon umständlich vernommen haben, wie viel die Berner Dir zahlten und aus welchen Ursachen Du ins Aargau gekommen bist. Da ist der mannhafte und tapfere Hauptmann Gideon Renold. Den wirst Du gelten lassen, hoffe ich.« »Den lasse ich gelten als einen Schelm vom Wirbel bis auf die Sohle. Dieser Judas und ich sind von jeher Freunde gewesen wie Katze und Hund. Warum stellet Ihr mir den schwedischen Lohnknecht, der schon im Mutterleibe so giftiger Natur war, daß die im Kindsbett sterben mußte, die ihn zur Welt brachte, nicht Angesicht gegen Angesicht?« »Wenn Du alle Ehrenmänner so schamlos lästern kannst,« fuhr der Untervogt mit Bitterkeit fort, »so lästere, wenn Du kannst, noch einen Dritten, dessen Zeugnis mit allen anderen zusammenstimmte. Die Wahrheit hat nur eine Farbe, die Liebe mancherlei. Und dieser Dritte ist der, welcher für Dein Wohlverhalten bei uns gutgesagt hat und Dein Bürge geworden ist.« »Wie? Addrich, Du?« sagte Fabian und warf einen Blick unwilligen Erstaunens auf den Alten. Addrich hatte schon während der letzten Reden des Untervogts die dicken Augenbraunen finster zusammengezogen und einen stechenden Blick auf den Sprecher der Versammlung geworfen. Jetzt brummte er: »Viel und erbaulich schwatzen ist selten beisammen.« Dann wandte er sich zum Jünglinge und sagte: »Nein, Fabian, ich habe keineswegs wider Dich gezeugt; denn ich wußte aus Deinem Munde, wie Du weder kalt noch warm seiest, und so wenig mit dem Volke wie mit den Städten halten magst. Du bist ein unerfahrenes Kind und hast Deine Rute wohl verdient. Erst hatten Dich die Baseler in die Klemme genommen; ich befreite Dich. Nun fielest Du in die Hand des Volkes. Wenn sich Wolf und Hund beißen, sollst Du nicht zwischen beiden hindurchspazieren wollen und sagen: ›Was geht's mich an?‹ Wer in bürgerlichen Händeln nicht zu einer der Parteien tritt, bekommt die Fäuste beider in die Haare. Hüte Dich vor dem Gideon; Du hast viel bei ihm im Salze. Ganz zufällig vernahm ich vor einigen Wochen, man halte Dich hier gefangen. Das war mir recht, und zwar Deiner eigenen Haut wegen; denn hier hast Du am sichersten gewohnt; draußen hätten Dich indessen schon Bauer oder Städter kalt gemacht. Jetzt bist Du frei. Komm zu mir ins Moos, dort bist Du geborgen; Gideon hat anderswo vollauf zu schaffen.« Mit diesen Worten hielt Addrich die Sache für abgethan. Er stand vom Sessel auf und schloß die Sitzung der ansehnlichen Versammlung, aus welcher ihm keiner zu widersprechen wagte. Nachdem er von einem zum andern gegangen war, und mit allen noch besondere Abrede genommen hatte, nahm er Fabian zu sich und beide verließen das Haus. 29. Der Heimweg. Unangefochten schritten sie durch die enge, finstere Straße zum Thore hinab und über die hölzerne Brücke, welche dort die Ufer der Aar verbindet. Als aber der Jüngling die im Goldlicht spiegelnden Wellen des Flusses, die im Morgenrot leuchtenden schroffen, mit Gebüschen bekränzen Felswände, die aufbrechenden Blüten der Kirschbäume und die malerisch verteilten Gesträuche, die grünen Matten, von himmelblauen, goldenen und purpurnen Blumen durchwirkt, erblickte und den Gesang der Lerchen hörte, hoch am Himmel, und der Amseln und Finken fröhlichen Schlag in den grünenden Zweigen der Gebüsche . . . da wurde er weich. Er seufzte ein lautes Ach! breitete seine Arme in die Luft, als könne er Erde und Himmel an das schlagende Herz ziehen: riß vom Schlehenstrauch einen der blühenden Zweige und drückte die kühlen Silberblüten desselben an den Mund, während ihm ein paar Thränen über die Wangen perlten. »Du geberdest Dich wie ein Mädchen,« sagte Addrich, »oder ärger noch wie ein Kind, Fabian.« »Es wäre Dir besser, Addrich, Du könntest Kind sein und meine Wonne verstehen,« antwortete Fabian. »O wie leicht ist der Atem der Freiheit und wie süß der Brautkuß der Natur! Du jammerst mich, Addrich. Du taugst nichts in diesem Gottesreich voller Herrlichkeit. Du hörst die Stimmen dieses Lebens nicht, die mich entzücken.« »Hast recht, Fabian,« erwiderte Addrich. »Ich habe das Leben nie und das Leben hat mich nie verstanden. Meine Geburt ist ein blinder Mißgriff des Schicksals gewesen.« »Rede nicht so, Addrich. Du mußt nicht lästern. Heute nicht!« »Nun, so sage mir denn, Fabian, welche Weisheit hat die Blindgebornen in eine schöne Landschaft, die Taubstummen, die blödsinnigen Kretinen, in die Gesellschaft vernünftiger Geschöpfe gestellt? Und warum mußte ich, mit Wohlwollen in der Brust, und gesundem Verstande im Gehirn, unter dies Gezücht von Tigern und Eseln in Menschengestalt geworfen werden? Wer kennt mich? Wer will mich? Wer giebt mir Ersatz für den Schmerz, in dieser Welt wohnen zu müssen, an sie wider Willen gebunden zu sein, und das Los Leonorens zu tragen, nicht leben, nicht sterben zu können? . . . Fabian, ich hasse das Leben, aber in mir sträubt sich's, es zu verlassen, und ich kanns nicht enden. Der Mensch ist im wüsten Bagno der Welt Sklave eines Unbekannten; der Mensch verflucht seine Kette, kann sie aber doch nicht zerreißen und muß ohne Schutz, ohne Widerstand die zerfleischenden Streiche seines herzlosen Hüters, des Schicksals, tragen.« »Höre, Addrich!« rief Fabian stillstehend und den Alten hastig mit beiden Armen haltend, indem seine Augen dabei freundlich leuchteten. »Höre, Addrich, ich will Dich heilen. Folge mir nach Deutschland, ich verlasse die Schweiz. Epiphania und ich wollen Deine Kinder sein und Dich, wenn Du keine Leonore mehr hast, pflegen wie einen Vater. Du wirst in einer freundlichen Einsamkeit Dich mit der Welt wieder versöhnen, wenn Du nur einmal aus den gegenwärtigen, finstern Verhältnissen herausgerissen bist. Glaube es, Addrich, Du wirst versöhnt werden und wir wollen Dein Alter weich betten.« »O, ich bin von außen und innen eine einzige Wunde. Wohin und wie Ihr mich betten möget, auf Seide und Eiderdaunen oder auf Rosenblätter, ich muß aufschreien im Schmerz . . . Fort, fort, Fabian, in's Moos!« rief Addrich nach einem augenblicklichen Schweigen, indem er den Jüngling zurückdrängte und mit großen Schritten auf der Landstraße weiter ging. »Brechen wir davon ab! Ich kann Dir besseres sagen. Die Unternehmungen des Volkes gehen gut von statten; die Städte müssen zu Boden fallen. Ich scheide nicht von hinnen, ohne in der Welt ein löblich Werk zurück zu lassen, damit ich ihr mehr gebe, als sie mir gab.« »Addrich, verblende Dich nicht. Du rennst dem gewissen Verderben in den Rachen und ziehst Tausende mit Dir. Ich wette, die Städte haben den Bauern noch keinen Halm breit nachgegeben.« »Du weißt nichts. Der Handel läuft, wie er soll, stündlich, von seiner eigenen Wucht, immer stärker gedrängt. Die Städte halten das losgerissene Felsstück nicht mehr auf, das vom Berge herabrollt und, in Sätzen und Sprüngen, bald zerschmettert gesehen werden wird. Solothurn und Bern, Basel und Luzern, Aargau und die Freiämter sind in voller Bewegung. Es soll ein neuer Himmel und eine neue Erde werden.« »Addrich, traue nicht, die Herren haben den bessern Kopf und das bessere Geld.« »Und wir, Fabian, die bessere Faust und das bessere Recht. Die vornehmste Miene beim Spiel will jetzt Zürich annehmen. Es zog vor einigen Wochen sogar fünf Kompanien, jede zweihundert Mann stark, in die Stadt, um uns Blendwerk und Spiegelfechterei vorzumachen. Zürich wußte aber wohl, daß am See herum faule Apfel wachsen, und ließ die Mannschaft wieder auseinander gehen, obgleich die Wädenwyler und Knonauer durch gesandte Ausschüsse Treue und Glauben anboten. Es schickte auch den Bürgermeister Waser und Statthalter Hirzel nach Bern, um dort nebst den Ehrengesandten von Glarus und Schaffhausen zu vermitteln. Die setzten aber, wie der blinde Schneider, den Flicken neben das Loch.« »Wieso? Wurde nichts ausgerichtet?« »Nun ja, es wurde um des Leuenbergers Lumpen gehandelt, um Trattengeld und Innungszwang, Salzkauf und Gerichtsbotenlohn und dergleichen. Man schlug die Abgeordneten der Landschaft mit Ratsherrenzungen breit, gab den Bauern den Strohsack heraus und behielt die Betten. Kurz, man brachte es soweit, daß die Ausschüsse der Gemeinden vor dem großen Rate alles in die Hand gelobten, für erteilte, überschwängliche Gnade in gebührender Untertänigkeit dankten und wegen der Unordnungen vor gesessenem Rat einen Kniefall thaten. Darauf entließen die Berner sogleich ihr in die Stadt genommenes Kriegsvolk und meinten schon, es lägen alle neun Kegel zu Boden. Sie hatten sich verrechnet; wir andern waren noch da. Die Gemeinden verwarfen den Plunder allzumal, wie ihn die albernen Ausschüsse vom Markt zu Bern mitgebracht hatten. Am meisten erbitterte uns deren niederträchtiger Fußfall. Das stieß dem Fasse den Boden aus. Die Huldigung ist abgeschlagen und das Volk ärger im Harnisch, denn je. Damit machten wir dem Christen Schybi gutes Spiel, daß er wieder mit den Entlebuchern in's Feuerhorn stoßen konnte.« Fabian schüttelte den Kopf und versetzte: »Wollt Ihr, um Recht zu erhalten, allem Recht, der Treu' und dem Glauben absagen? Hat die Luzerner Landschaft nicht mit der Stadt ihren Vertrag geschlossen und besiegelt?« »Nicht die Landschaft, sondern nur ihr ausgesandter Ausschuß. Das Volk von Entlebuch, Willisau, Rotenburg und Rußwyl dagegen erklärt, im Vertrage müsse das Wort ›Fehler‹ ausgekratzt sein. Denn dieweil Räte und Hundert von Luzern doch selbst das Recht des Landes jetzt anerkannt haben, so war's kein Fehler des Landes, das Recht begehrt zu haben. Desgleichen sollen die ehrenrührigen Titel, welche das Badener Manifest gegen die Landschaft ausgespien hat, im offenen Druck widerrufen werden; und alle Landleute sind einmütig darin, der Wollhausener Bund müsse aufrecht erhalten bleiben und die freie Landsgemeinde gelten. Darauf haben die Herren nun ihre Tagsatzung nach Bern ausgeschrieben, oder sitzen vielleicht dort schon, über den Basilisken-Eiern brütend, beisammen.« »Addrich, lasse Dir weissagen, jener Tag zu Baden wird nicht beschlossen, bis Köpfe gefallen sind.« »Meinst Du? Die unsrigen, oder die ihrigen? . . . Siehe Bursch, ein Fingerhut voll Mutterwitz reicht weiter, als ein Malter Schulwitz. Wir Andern haben auch schon unsere große Tagsatzung zu Sumiswald an der Grünen abgehalten mit den Volksausschüssen zu Bern, Luzern, Aargau, Basel und Solothurn. Ich komme eben daher zurück. Es fand sich auch eine obrigkeitliche Gesandtschaft ein, die wollte nach ihrer Art versöhnen, schwänzeln, vermitteln; heucheln, streicheln, in die Ohren blasen und entzweien. Sie zog aber unverrichteter Sache ab. Klaus Leuenberg hielt sich diesmal wacker; wir wählten ihn daher einhellig zu der Bundesgenossen Obmann.« »Und was ist beschlossen? Was habt Ihr vor?« »Nichts, als zu handhaben, was dem einen recht und dem andern billig ist; das Volk soll das Ansehen der Obrigkeit, die Obrigkeit dagegen die Freiheiten des Volkes in Ehren halten. Keine Landschaft soll wider Wissen und Willen der übrigen Bundesgenossen gegen die Obrigkeit Waffen tragen; aber auch keine Obrigkeit einheimisches oder fremdes Kriegsvolk gegen Unterthanen ins Feld führen.« »Und wenn der Rat von Bern, Luzern oder einem anderen Orte sich Euren Sumiswalder Gesetzen nicht unterwirft? Wenn die übrige Eidgenossenschaft Euch Truppen ins Land schickt?« »So vertreiben wir Gewalt mit Gewalt. Das ist zu Sumiswald unter freiem Himmel mit aufgehobenen Händen beschworen und wird am großen Landtage zu Hutwyl in acht Tagen bestätigt werden. Die Unterthanen der ganzen Eidgenossenschaft sind dahin eingeladen. Sie kommen.« »Addrich, Du gescheiter Mann, kannst Du Dich so gröblich selbst betrügen und das Scheermesser bei der scharfen Klinge fassen? Ist Euer Sumiswalder Bund nicht klarer Aufruhr gegen die Landesherrschaft? Glaubst Du, die Regierung werde anders als mit dem Degen in der Faust antworten? O, traue Deinen Bauern nicht, Du kennst sie ja. Sie sind tapfer, so lange Du das Glas füllst; treu, so lange Du Geld giebst; einig, so lange Du allein sprichst, und gehorsam, so lange der Stier nicht weiß, daß er Hörner hat.« »Und wenn ich sage, Fabian, Du habest mehr als Recht, so sage mir: Wer hat das Volk also gezogen, daß es zur vernunftlosen Bestie geworden? Wer hat im Ebenbilde Gottes die Menschenseele erdrosselt, wenn nicht die verruchte Politik dieser Gewaltherren? Sie wollen nicht den Völkern dienen, sondern für sich Heerden mästen, um Schlachtvieh, Wolle und Milch zu gewinnen. Aus Kirchen und Schulen haben sie Werkzeuge gemacht, um den Unterthanen den Verstand, wie einen Tollwurm, auszuschneiden. Siehe, die Gewalt treibt's, wie die Prasserei, die mit eigenen Zähnen ihr Grab gräbt; sie zimmert ihren Totenbaum mit Henkersbeilen . . . Fabian, schwatze mir Dein Alltagsgeschwätz nicht mehr. Die Sache der Menschheit ist die Sache Gottes. Ich will die Sache der Menschheit rächen und mit dem Volksbunde von Sumiswald den Stanserbund der Herren zertrümmern.« »Wahre Dich, Addrich, Du reißest, wie der blinde Simson, die Säulen des Hauses nieder, daß Du selbst mit den Fürsten und dem Volke darunter erschlagen wirst.« »Was hat das elende Leben für einen Wert, wenn es sich nicht einmal durch einen heiligen Tod adeln läßt?« So sprachen und stritten beide Wanderer, bis sie in die Nähe der Felder von Denikon gelangten. Hier wollte Addrich einen Fußpfad durch die Äcker einschlagen, um über die Ägerten und Waldhügel in gerader Richtung nach dem Moose zu eilen. Fabian aber versprach nachzukommen, weil er zuvor den Dechanten von Aarau über dessen und Epiphanias Verhältnisse zu dem verdächtigen Don Nardo befragen wollte. Addrich lächelte höhnisch zu Fabians Erzählung von dem Niederländer und sagte: »Dieser vornehme Landstreicher hatte Langeweile auf der Stußlinger Haide und sah, daß Du einen Milchbart trugest.« Mit diesen Worten eilte Addrich über die Äcker, ohne das Lebewohl des Jünglings zu erwidern. 30. Die Entlebucher. Fabian sah dem Alten in böser Ahnung eine Zeit lang nach, schüttelte den Kopf und setzte bei der Kühlung des Frühlingsmorgens den Weg nach Aarau längs den Waldhügeln mit leichten Füßen fort. Er verzichtete von nun an darauf, eine Sinnesänderung des finstern, störrischen Alten zu bewirken, und beschloß, zufrieden zu sein, wenn er aus dem ungeheuren Schiffbruch, welcher der öffentlichen Ruhe der Schweiz bevorstand, Epiphania retten könne. Nach kaum anderthalb Stunden lag das Städtchen Aarau mit allen Türmen, seinen Ringmauern und Thoren, sobald er aus dem wilden, schattigen Grunde der Wöschnau am Saum eines Tannenwaldes die Höhe erstiegen hatte, vor ihm. Es herrschte dort ringsum wieder das alte, friedliche Leben. Weiber und Mägde gruben, hackten und jäteten unter fröhlichem Geschwätz in Feldern und Gärten und schienen des Landsturms, der sie vor etlichen Wochen bedroht hatte, wie eines vorübergestrichenen Sommergewitters, vergessen zu haben. Niemand wehrte ihm am offenen Thore den Eintritt, von wo er sogleich durch ein enges Seitengäßchen die Richtung zur Stadtkirche und dem wohlbekannten Pfarrhause nahm. Als ihn die Dunkelheit des kalten Hausflures umfing, wandelte ihn ein leiser, doch angenehmer Schauer an, als träte er in die stille Wohnstätte eines Wesens, das, in frommem Umgang mit göttlichen Dingen, das Dichten und Trachten irdisch-fühlender Herzen nicht mehr kennt. Er blieb einen Augenblick schüchtern, überlegend stehen, um auf die erste Anrede und Einleitung Bedacht zu nehmen; ein Geräusch langsamer Schritte, welche seitwärts von einer Stiege herabkamen, störte ihn jedoch und er erblickte den greisen Dekan Heinrich Nüsperli selbst, der in vollem Ornat, wie er die Kanzel zu betreten pflegte, niederstieg. Fabian entblößte das Haupt mit ehrerbietiger Verbeugung, entschuldigte seinen Eintritt und bat, da er wahrscheinlich zu ungelegener Stunde komme, einen gelegeneren Augenblick zu bestimmen. Der geistliche Herr aber reichte ihm freundlich und herzlich die Hand, sobald er den Jüngling erkannte, und ersuchte ihn, zu bleiben. »Du kommst wie von Gott gesandt, mein Sohn,« sagte der Greis lebhaft. »Ich habe mancherlei mit Dir abzuthun und nicht ohne Kummer an Dich gedacht. Jetzt aber begleite mich in dies Zimmer. Es wartet meiner da eine Gesandtschaft der rebellischen Bauern aus dem Entlebuch, welcher ich Bescheid geben soll. Du wirst vielleicht dort auch am rechten Platze stehen und Gutes hören und zu Herzen nehmen können.« »Entlebucher? Katholiken?« sagte Fabian verwundert, indem ihm das Verhältnis des katholischen Niederländers zum Dekan der reformierten Geistlichkeit schnell ins Gedächtnis trat. »In diesen unsern Tagen und den letzten Zeiten soll uns keinerlei Ding mehr befremden,« sagte der Greis. »Unter Kriegsstürmen und Drangsalen der Völker bereitet sich der Weg des Herrn. Da müssen nun dieselben, welche in ihrer papistischen Blindheit die Kirche Jesu so streng verfolgt haben, in allzugroßer Herzensangst Zuflucht zu einem unwürdigen Diener des heiligen Evangeliums nehmen, um Trost und Rat zu suchen. Sie haben sich in einem bitterlichen Klageschreiben, schon vor Wochen, an Dekan und übrige Kirchen- und Schulvorgesetzte der Stadt Bern gewendet gehabt. Doch hat das vortreffliche Antwortschreiben des gelahrten Herrn Professors Leuthard ihren Erwartungen nicht entsprochen. Nun wolle mich Gott stärken! . . . Folge mir, mein Sohn!« Der Dekan ging voran. Er trat, von Fabian begleitet, in ein geräumiges Zimmer, wo sechs bis sieben Bauern von ihren Sitzen längs der Wand aufstanden und die steifen Rücken tief verbeugten. Es waren kräftige, gewandte, untersetzte Leute, aus deren groben Gesichtszügen Trotz und Schlauheit zugleich redeten. Sie schienen in ihrer gleichförmigen Landestracht, mit den runden, kleinköpfigen Hüten, kurzen, braunen Wämsern von ungefärbter Wolle und kurzen Faltenhosen, Genossen eines und desselben Hauswesens zu sein. Der geistliche Herr reichte allen schweigend die Hand, und sprach dann mit einer Würde, die ihm, im langen Leben auf der Kanzel, eigentümlich geworden war: »Meinen freundlichen Gruß und geneigtwilligsten Dienst samt Wünschung zeitlicher und ewiger Wohlfahrt zuvor. Fromme, ehrsame und weise, vielgeliebte Herren Nachbarn aus dem Entlebuch, da Ihr das Begehren gestellt habet, mich in Euren Angelegenheiten zu befragen, so lasset mich Euer Vorbringen vernehmen.« Der Älteste unter den Entlebuchern verneigte sich abermals mit der ganzen Hälfte des Leibes, und indem die Entfärbung seines ernsten Gesichtes einige Verlegenheit verriet, sagte er: »Wohlehrwürdiger Herr Dechant, unser Herz ist voller Betrübnis wegen des von sämtlichen Orten löblicher Eidgenossenschaft wider uns gefaßten Zornes. Wir sind aber keineswegs aus Übermut, sondern notgedrungen aufgestanden, um von unserer Obrigkeit Recht zu begehren. Ihre Amtleute haben die Geldsaugerei zur Hauptsache gemacht; sie haben die armen Landleute, ja sogar die Toten, nach deren Abschied aus diesem Leben, mit unerschwinglichen Geldbußen belegt, und uns in vielen Stücken um unsere Freiheiten gebracht, die wir doch in alten Briefen und Siegeln bewahren, wie wir sie von unsern Vätern geerbt haben. Nun aber verschreit man uns im ganzen Schweizerlande als ruchlose Rebellen, droht uns mit Krieg zu überziehen, und will uns vielleicht wieder nehmen, was wir von Gotteswegen erhalten haben. Da nun alle weltliche Obrigkeit Hand in Hand gehen will, uns zu erdrücken, wenden wir uns flehentlich an die geistliche Obrigkeit, daß sie in ihren Predigten unsere Sache beschützen und die gnädigen Herren und Oberen in gemeinsamer Eidgenossenschaft zu Frieden und Gerechtigkeit ermahnen wolle.« Der Dekan erwiderte: »Gleichwie das Volk Gottes im Alten Testament, in wichtigen und gefährlichen Stücken, den Mund des Herrn durch die heiligen Propheten befragt hat, also kommet Ihr zu uns. Es ist wahr, die Richter und Könige in Israel haben wohl auch oft gefehlt und sind deswegen von Gott durch die Propheten gescholten worden. So spricht Jesaias: der Herr wird in's Gericht gehen mit den Ältesten seines Volkes und mit desselben Fürsten und wird sprechen: Ihr aber habet den Weingarten abgeätzet und den Raub der Armen in Euren Häusern. Was ist Euch, daß Ihr mein Volk zermalmet, spricht der Herr der Heerscharen! . . . Gleichwohl finde ich nicht, daß sich das Volk Israels damals, wie Ihr thuet, wider seine Obrigkeit empört hat. David sprach, als sein Diener Abisai den König Saul umbringen wollte: Wer will die Hand legen an den Gesalbten des Herrn? – Wohl aber finde ich, daß Gott der Herr die tyrannischen Regenten durch Überziehung von fremden Völkern und Wegführung in das babylonische Gefängnis bedroht und gestraft hat.« Diese Worte des wohlehrwürdigen Dekans verursachten dem Sprecher aus dem Entlebuch ein leises Kopfschütteln, und indem durch den steifen Ernst seiner Mienen ein schelmisches Lächeln zuckte, versetzte er: »Das mag dem Volk Gottes ganz recht gewesen sein, aber uns Leuten im Neuen Testament und im Schweizerlande käme dergleichen ungelegen. Denn wenn fremde Volker in's Land dringen würden, gingen die Herren in den Perücken frei aus, und wir gemeinen Leute sollten für sie Haare lassen. Und wenn Schultheiß, Räte und Hundert in's babylonische Gefängnis wanderten, sollten wir für sie die Ätzungskosten zahlen, denn an der Armut will jedermann den Schuh wischen. Aber, wohlehrwürdiger Herr Dechant, nichts für ungut, der Gulden vom Bauer ist auch sechzig Kreuzer wert.« Der geistliche Herr schien von der unerwarteten Antwort zwar betroffen, doch lenkte er sogleich wieder ein und sagte: »Liebe Nachbarn, um Gotteswillen gehet in Euch und denket, wie Gott in seinem heiligen geschriebenen Worte von den Obrigkeiten redet, indem er sie Götter nennt, das ist: Gottes Statthalter, wie der Apostel Paulus sie tituliert. Deswegen soll ihnen Achtung und Gehorsam bezeigt werden, ja sogar, wie der Apostel Petrus schreibt, nicht allein den gütigen, sondern auch den störrigen.« »Ihr habt vollkommen recht und die Apostel auch,« entgegnete der Entlebucher. »Als Gottes Statthalter jedoch machen sie ihre Sache gar zu schlecht. Sie sind nicht nur störrig, sondern auch stößig. Sie werden nicht einmal rot vor Scham, wenn man sie ›gnädige Herren und Obere‹ nennt, da sie doch wohl wissen, wie unbarmherzig und rechtswidrig sie mit ihren armen Untertanen verfahren.« »He, wohlehrwürdiger Herr,« rief ein kleiner, lebhafter Mann dazwischen, »ich erinnere mich doch auch, daß, als König Salomo gestorben war, das ganze Volk zu seinem Sohne Rehabeam kam und sprach: Mache das schwere Joch leichter, das Dein Vater uns auferlegt hat. Und als er ihnen einen harten Bescheid gegeben und gesagt hatte: Mein Vater hat Euch mit Geißeln gezüchtigt, ich aber will Euch mit Skorpionen züchtigen – sind von diesem Statthalter Gottes zehn Stämme abgefallen.« »Ihr könnt Euch dieses Beispieles gar nicht bedienen,« antwortete der Dechant, »denn nachdem Ihr Eurer christlichen Obrigkeit mancherlei Beschwerden vorgebracht, hat sie, außer wenigem, alles bewilligt, was doch, wie Ihr selbst bekennt, Rehabeam niemals hat thun wollen.« »Nun ja, weil ›Muß‹ ein bitteres Kraut ist,« sagte der erste Redner. »Als die Mittelsherren der sechs alten Orte einsahen, daß wir nichts als Billigkeit gesucht, haben sie uns in allen Punkten gewillfahrt. Warum erhebt man nun ein Geschrei und verklagt uns vor den Herren Eidgenossen zu Baden so heftig und lästert uns durch einen gedruckten Erlaß unbilligerweise vor der ganzen Welt als Rebellen? Darum begehren wir, daß unsere Obrigkeit durch einen anderen öffentlichen gedruckten Erlaß uns von diesen Vorwürfen befreie, und solches widerrufe. Es gehet wahrlich, unter einer Bauernkappe, ebensoviel Ehre auf zwei Füßen, als unter einem Ratsherrenhut.« »Liebe Nachbarn,« sagte der Dekan mit sanftem, beschwichtigendem Tone, »lasset einen Unterschied gelten. Was meint Ihr, wie würde es vor der ganzen ehrbaren Welt aussehen, wenn Eure rechtmäßige Obrigkeit solchen Widerruf thun sollte? Zudem hat sie nicht Euch alle, sondern nur etliche angeklagt. Es wäre daher mein Rat, als der ich Euch, Gott weiß es! alles Gutes gönne, daß Ihr mit gebührender Unterthänigkeit bei Euren gnädigen Herren, oder bei sämtlichen Obrigkeiten der allgemeinen Eidgenossenschaft einkämet, die Bekanntmachung des Erlasses zu unterdrücken. Das badische Mandat ist ohnedies nur zu einer Zeit gemacht worden, als Ihr mit Luzern in Zwist und Spannung waret. Da nun aber der Vergleich erfolgt ist, wird sich alles andere ohne Mühe beilegen lassen.« »Daß Ihr und die wohlehrwürdigste Geistlichkeit durch die Herren von Bern und deren Fürsprache uns dazu verhelfen wollet, ist allein unser untertäniges Gesuch bei Euch. Wir richten bei jenen in Ordnung nichts mehr aus. Sie verstehen das Befehlen aus dem Grunde, aber nicht das Überzeugen. Haben sie nun den Flegel stets im Munde, so haben wir ihn stracks bei der Hand. Gegenwehr ist nicht verboten, heißts im Entlebuch.« »Nicht das, Ihr Herren Nachbarn, nicht das ist die Sprache christlicher Unterthanen gegen die von Gott eingesetzte Obrigkeit,« rief der alte Dekan mit Unwillen. »So haben auch die aufrührerischen Truppen des Korah, Dathan und Abiram gesprochen, und die Erde riß unter ihnen und that ihren Mund auf und verschlang sie, mit ihren Häusern und mit aller ihrer Habe. Sie fuhren lebendig in die Hölle hinunter, mit allem, was sie hatten, und die Erde deckte sie zu. Christliche, liebe Nachbarn, sehet Euch vor, und fahret nicht der Rotte Korahs nach. Der schwarze Abgrund liegt unter Euren Füßen. Wisset, und wenigstens darin sind wir allesamt einig, Ihr Herren, Katholische und Evangelisch-Reformierte, es ist ein Gott, und dieser ist die höchste Obrigkeit, König und Herr aller Dinge; und er hat sich Ebenbilder und Statthalter gesetzt, im Bereich des Toten und Lebendigen, daß eins dem andern unterthan sei der Ordnung wegen. Also muß die Sonne und der Mond mit allen Sternen des Firmaments unserm Erdball dienen, der da ist der Mittelpunkt alles Erschaffenen. Und auf Erden haben die Völker ihren Mittelpunkt am Throne und Stuhl ihrer Obrigkeit, die da sitzet an Gottes Statt. Wollet Ihr nun gegen diese Aufruhr beginnen und mit ihnen zu Gericht gehen: so wollet Ihr Könige sein und die Obrigkeit zum Schemel Eurer Füße machen; verkehrt Ihr die Ordnung und das Gesetz des Schöpfers, so lehnet Ihr Euch auf gegen Gottes Weisheit und Macht, und rufet die Schrecken des jüngsten Tages herbei, wo auch die Gestirne des Himmels ihre Stellen verlassen und im allgemeinen Aufruhr zermalmend gegen die Erde fahren. Sehet Euch vor, ihr Verirrten. Auch die Engel und Erzengel, Satan an ihrer Spitze, haben sich auflehnen wollen und Gott, der Herr, hat sie mit Ketten der Finsternis zur Hölle verstoßen. Wenn nun Gott der Engel nicht geschont, da sie gegen ihn gesündigt hatten, meinet Ihr ihm in frevelvollem Mutwillen Trotz zu bieten? Zittert, Ihr Unglücklichen! Ich sehe ein flammendes Schwert, gleich einer glühenden Rute, über Euren Scheiteln. Es ist das Schwert des grimmigen Zornes des allmächtigen Gottes!« Hier schwieg der Greis, als wollte er eine Antwort hören, doch alle blieben stumm. Der Donner seiner Stimme schien in ihren Ohren noch fortzuhallen. Er stand da, vor den Rebellen, mit der Majestät eines Boten Gottes, und ein Sonnenstrahl, welcher während dieser Worte vom Fenster aus blendend über die ehrwürdige Gestalt sich ergoß, schien die Versinnlichung der himmlischen Erleuchtung eines frommen Innern zu sein. »Kehrt denn heim! Legt die Waffen ab! Haltet Frieden!« fuhr er nach geraumem Schweigen mit sanftem Tone fort. »Was mich anbelangt, will ich ohne Unterlaß zu Gott rufen, daß er beiden, den Unterthanen und den Obrigkeiten, seinen heiligen Geist verleihe, auf daß ihre Gedanken, ihr Sinnen und ihre Ratschläge auf unseres geliebten, allgemeinen Vaterlandes Frieden und Ruhe gerichtet werden mögen.« Der Sprecher der Landleute erwiderte: »Euer Wohlehrwürden wohlgemeinte und fromme Vermahnung ist allerdings des Dankes wert. Wir wollen jedoch nichts gegen die hohe Obrigkeit, sondern allein gegen ihre schnöden Amtsleute, welche die Regierung belügen und das arme Volk betrügen. Wir wissen, ohne daß es noch gesagt sein muß, daß Obrigkeit sein soll; unser wohlvererbtes Recht aber soll auch sein. Gestohlene Ware darf man wieder zurücknehmen, und hätte man sie auch der Obrigkeit in den Sack gesteckt. Der Wurm, den man tritt, darf sich krümmen. Der Herrgott gab der Biene den Stachel, daß sie sich rächen könne, uns armen Leuten aber Kopf und Faust.« »Mein ist die Rache, spricht der Herr, nicht dein!« rief der Dekan mit seiner Donnerstimme. »Gehet nicht den Weg Kains und fallet, eitlen Genusses wegen, nicht in den Irrtum Balaams. Selbst Michael der Erzengel durfte, als er mit dem Teufel über den Leichnahm Mosis zankte, das Urteil dieser Lästerung nicht fällen, sondern sprach: Der Herr strafe Dich! So gehet hin und lasset ihm das Richteramt, ihm, der da richtet die Toten.« Der kleine spitzköpfige Entlebucher, der schon einmal geredet hatte, verzog schelmisch das Gesicht und sagte: »Das ist für uns wahrlich zu spät; denn nach dem Tode gilt das Geld nicht mehr. Wir merken leider wohl, es pfeifen, schüttelt der Bauer am Joch, Pfaffen und Junker aus gleichem Loch. Nichts für ungut!« »Du unverschämtes Lästermaul!« rief Fabian. »Rede, solange Du hier stehest, mit geziemender Ehrerbietung, oder Du möchtest ungesegnet aus dem Tempel kommen!« Der Entlebucher maß den Jüngling mit den Augen vom Wirbel bis zur Sohle und erwiderte: »Wir sind zum wohlehrwürdigen Herrn Dechanten geschickt, aber nicht zu seinem Siegrist. Ich mags wohl leiden, wenn auch Du gern auf dem obrigkeitlichen Schimmel reitest. Aber mir solltest Du nicht trutzen; ich kann rutzen Das Rutzen ist im Entlebuch eine Art zur Regel gemachter Rauferei der jungen Burschen, wenn sie nachts beim Chiltgehen, den Kopf mit einem Tuche verhüllt, und mit gekrümmtem Körper, zum Stoß aufeinander losgehen. .« »Still!« unterbrach ihn der Dechant mit gebietendem Anstande und wandte sich zum Hauptsprecher des abgeordneten Ausschusses. »Ihr aber, liebe Nachbarn, traget Sorge für Euer zeitliches und ewiges Wohl! Schreitet nicht selbst zur Rache mit Übergehung der Euch von Gott gesetzten Herrschaft! Ermahnet Euer Volk zum Frieden und denket: Güte giebt Gut, Gewalt aber Blut. Darum haltet fest an Recht und Eid, wie es christlichen Unterthanen geziemet.« »Dessen sind wir gewillt,« antwortete der alte Entlebucher mit stärkerer Stimme, als vorhin. »Jedoch, wohlehrwürdiger Herr, wir sind gekommen, Euch zu bitten, nicht uns allein, sondern auch den christlichen Obrigkeiten zu predigen, was ihnen geziemt. Aber Ihr gebet uns wohl zu verstehen, daß bei Euch hier zu Lande die Herren Prediger in denselben Schuhen laufen, wie die Pfaffen bei uns; sie hüten lieber die Schafe, als den Wolf. Nun denn, zürnet nicht, Herr Dechant, so ist unser Geschäft bei Euch hiermit schnell abgethan. Wir haben nicht wegen der Kinderlehre den weiten Weg gemacht. Wir wagens, und lassen Gott walten! Wer mit dem Kaiser Prozeß führt, merke ich, muß nicht bei seinem Vetter, dem Papst, klagen. Das ist in der Ordnung und der Welt Lauf. Gelobt sei Jesus Christ!« Damit wandte sich der Redner vom Dekan hinweg und der Thür zu. Die andern folgten ihm, ohne ein Wort zu sagen, zum Hause hinaus. »So gehts einem immer mit Leuten dieser Art,« rief der Dekan, der bestürzt und stumm dastand und den Weggehenden, bis sie das Haus verlassen hatten, unentschlossen nachsah. »Es sind Kranke, die den Arzt anrufen, aber sich klüger dünken als er, sobald die Arznei bitter schmeckt. Inzwischen ist es mir angenehm, daß Du Zeuge dieser flüchtigen und vergeblichen Unterredung gewesen bist. Gern hätte ich einen von meinen Herren Amtsbrüdern dabei gesehen; allein die Leute überstürmten mich zu hastig. Ich habe jedoch nach der Stimme meines Gewissens gesprochen und kann mich damit trösten.« Obwohl der geistliche Herr das letztere noch verschiedene Male wiederholte, konnte er doch seine Unzufriedenheit mit dem schnellen Abbrechen eines Gespräches nicht verbergen, von dem er glänzendere Erfolge erwartet zu haben schien. Und wenn auch Fabian das Wort auf andere Dinge leitete, kam jener immer ärgerlicher auf diese vom Teufel verdorbene und abgebrochene Unterredung, wie er es nannte, zurück. Als der Jüngling endlich, doch mit aller Bescheidenheit, dringender wurde, die Flüchtigkeit der Zeit, die nicht länger zu verschiebende Fortsetzung seines Weges in Addrichs Moos, die Notwendigkeit, mit Epiphania Erklärungen und Abreden zu nehmen, und den Zweck seines gegenwärtigen Erscheinens zur Sprache brachte, überwand der Greis schnell seinen Mißmut und sagte: »Wohlgethan, mein Sohn, daß Du mich daran erinnerst. Epiphania steht in böser Hand und in schwerer Gefahr des Leibes und der Seele. Du zwar hast, durch die Gewalt der Ruchlosen, alles verloren, und weißt nun kaum, wohin Dein Haupt legen. Doch ich fürchte für meine Pate noch schwereres Unglück. Folge mir!« Der Dekan führte den jungen Mann hinaus, und begab sich mit ihm, um ungestörter reden zu können, eine Treppe höher, in das obere Stockwerk des Hauses, nach seinem Studierzimmer. 31. Der Brief. Es war ein kleines, freundliches Stübchen; die Wände waren ringsum mit vielen in ihren Gestellen zierlich eingereihten Büchern bekleidet und ein paar Tische mit aufgeschlagenen Folianten und beschriebenen Papieren belegt. Durch die hellen Fenster erschien die weite Landschaft im Halbkreise der Gebirge, mit der Aussicht auf die Schlösser Gösgen und Wartenfels und die beiden Wartburgen, wie ein Bild in einem Rahmen. Fabian, den die letzten Äußerungen des Dekans nachdenklich gemacht hatten, wollte reden. Dieser aber mahnte durch einen sanften Wink, sich zu gedulden und niederzusetzen, und nachdem er aus einer verschlossenen Schieblade einen Brief und eine kleine Rolle Geld genommen hatte, legte er beides neben sich auf ein Tischchen, und nahm gemächlich seinen Platz nahe demselben, im gepolsterten Lehnstuhl. Dann befragte er den Jüngling, von wo er komme und was er in diesen traurigen Zeiten zu thun gedenke. Als Fabian von seinen Abenteuern im Landsturm, von seiner langen Gefangenschaft in Olten zu reden begann, unterbrach ihn der Dekan plötzlich mit einer Art von Schrecken und sagte: »Wie? Bist Du vielleicht Deines eigenen Unglücks nicht kundig? Bei den Unordnungen im Oberlande ist Dein Heimwesen am Thuner See ein Raub der Flammen und alles, was Du gehabt hast, zu Asche geworden.« Fabian erschrak und vernahm ausführlich, wie ihm Haus und Hof eingeäschert sei, daß keiner von den Nachbarn zu Hülfe geeilt wäre, ja, daß man sogar nächtlicher Weile und boshafter Weise seinen Baumgarten zerstört, die alten Obstbäume eingesägt, die jungen abgebrochen und ausgerissen habe; daß man auch vermute oder sage, dies Unheil sei durch einen Haufen rebellischer Bauern auf Anstiften eines Kerls geschehen, der aus schwedischen Kriegsdiensten zurückgekommen wäre. »Den Schweden kenne ich,« sagte Fabian mit Fassung und Ruhe. »Es ist der Gideon Renold, welcher um Epiphania wirbt. Also ein Mordbrenner! Ich will es noch nicht glauben, daß er es sie. . . . Nun denn, so habe ich tausend und mehr Gulden weniger als nichts, und Rock und Hemd auf meinem Leib gehören den Gäubigern, denn ich ließ eine verzinsbare Schuld auf dem Gute stehen. So bindet mich nichts mehr an mein Vaterland als die Schuld. Ich schüttle den Staub von meinen Füßen und verlasse die Schweiz, sobald ich weiß, woran ich mit Epiphania bin.« Der Dekan senkte einen Blick des herzlichsten Mitleides auf den Jüngling und sagte: »Mein Sohn, leider kann ich Dir auch das sagen. Epiphania ist unrettbar und unentreißbar in den Klauen des Satans. Ich hoffte sie durch die mächtige Verwendung des Junker Oberherrn von Rued und vielleicht durch einen vom Junker Landvogt ausgewirkten Befehl zu befreien, doch das ist zu spät. Die Bauern in den Bergen dort gehorchen dem rebellischen Addrich mehr, als der regelmäßigen Obrigkeit. Auf seinen Befehl wurde selbst ein ehrlicher Bürger dieser Stadt, den der Junker Oberherr, Epiphanias wegen, in's Kulmerthal schickte, gefangen fortgeschleppt, und er wäre ohne Zweifel umgebracht worden, hätte er nicht seinem betrunkenen Wächter zeitig bei Nacht entwischen können.« »Das ist der Meister Wirri,« sprach Fabian. »Richtig. Du wirst von ihm gehört haben, mein Sohn, denn er saß, gleich Dir, einige Tage im Kerker zu Olten. Er hat viel Ungemach erdulden müssen. Während dessen erhielt ich eines Abends von unbekannter Hand dieses Sendschreiben hier und dieses Geld; es sind zweihundert Gulden in lauterem Golde. Das Sendschreiben ist zwar im reinsten Latein abgefaßt, allein es sind Fälschungen vom Anfang bis zum Ende; vergoldete Fallstricke des Teufels, der gegen meine arme Pate mit bösen Absichten umgeht und mich selber zu seinem Werkzeuge gebrauchen möchte. Leider liegt Epiphania schon in seinen Schlingen verwickelt und gefangen. Es ist mir gelungen, in Addrichs Abwesenheit ein Teufenthaler Bauernweib, welches bei mir ein- und ausgeht, zu Epiphania zu senden. Allein das bethörte Mädchen weigert sich, ihre Zuflucht in mein Haus zu nehmen, und hat erklärt, sie habe ein heiliges Gelübde gethan, und besitze augenblicklich keine Freiheit mehr. Ja, als die Teufenthalerin, auf meinen Befehl, von meinem lateinischen Briefe und dem Golde zu ihr geredet, und daß der unbekannte Verfasser des Schreibens ein verdächtiger Papist sein müsse, der sein Heil ihrer armen Seele nachstelle, hat sie geantwortet: Eben nach dem stehe ihr Verlangen.« »Was ist das?« rief der Jüngling voll unaussprechlicher Bestürzung und sprang vom Sessel auf. »Nach diesem hochmütigen, bleichen Schleicher steht ihr Verlangen? Ich kenne ihn; seinetwegen bin ich zu Euch gekommen, wohlehrwürdiger Herr. Er hat auch Meister Wirri und mich zu seiner verruchten Absicht erkaufen wollen. Fast überfällt mich ein Grauen, denn so wahr ich lebe, mit ihm ist's nicht, wie es sein soll. . . . Nach ihm ihr Verlangen? Er muß eine verbotene Kunst treiben und Bündnis mit dem bösen Geiste haben, daß er das Gemüt der unglücklichen Epiphania umstricken und ihren Willen verzaubern und binden kann.« Der Dekan schüttelte bedenklich den Kopf und ließ sich durch Fabian die geringsten Umstände berichten, die dieser von dem Herrn von Groenkerkenbosch wußte; auch Gestalt, Miene, Kleidung, Alter, Sprache beschreiben, und sagte endlich: »Je mehr Du von ihm meldest, desto weniger begreife ich von ihm. Nein, ich kenne den Menschen nicht und will ihn nicht kennen. Deiner Beschreibung nach mag er ein Rosenkreuzbruder sein, denn es sind unter den Katholiken noch viele dergleichen; und er mag mit der höllischen Magie und Theurgie umgehen, wie man davon ältere und neuere Exempel kennt. Hier, mein Sohn, lies dieses sein Schreiben!« Mit Neugierde und heimlichem Grausen schlug Fabian das Papier auseinander und las laut die Zuschrift, in lateinischer Sprache; in deutscher Sprache war der Inhalt ungefähr folgender: »Die Hand, welche diese Buchstaben zeichnet, o mein geliebtester Heinrich, ist, so hoffe und glaube ich, Dir noch immer teuer. Sie gehorcht einem Herzen, das von jeher für Dich schlug und noch stets für Dich betet. Darum vertraue diesen Zeilen, wenn schon ihr Urheber sich vor Dir verhüllt; er betet für Dich und für die Erleuchtung Deines Gemütes durch das göttliche Licht. Was uns für Leben und Ewigkeit vereinen sollte, das hat uns geschieden: der Glaube und die Kirche. Ich weiß, daß Du mich im beklagenswürdigen Irrtum verdammst, aber wisse, daß meine Seele nur im stillen Mitleid über Dich weint, wie der Sohn Mariens, als er das Kreuz zur Schädelstätte trug. O, daß Du lieber der blindgeborenen Heiden einer wärest, statt einer der Verblendeten durch Menschenlehre zu sein, so dürfte ich leichter auf Deine Wiederkehr zur ewigen Gemeinschaft der Heiligen hoffen.« Hier fuhr der Dekan mit glühendem Gesichte vom Lehnstuhl auf und rief: »Weiche Satanas! Das ist der Römischen Art und Weise. Ihm wäre es lieber, daß ich ein Heide, als ein evangelischer Christ sei. Welche wahnsinnige Verstocktheit in der babylonischen Abgötterei. Und sagt's nur im schönsten ciceronianischen Styl. Fürwahr, nie verbarg Beelzebub den verräterischen Schwanz unter einem schöneren Engelsflügel!« Der Vorleser ließ sich jedoch durch diese Aufwallung des evangelischen Eifers nicht stören, sondern fuhr fort: »Inzwischen, geliebtester Heinrich, wende ich mich in großer Angst des Gemütes zu Dir, daß Du Dich einer verlassenen Waise erbarmen, und Epiphania, die Tochter eines Deiner verstorbenen Freunde, ohne Verweilen in Deinen Schutz und in Dein Haus aufnehmen wollest, damit ihr Leben und ihre Seele gerettet werde. Denn sie lebt in der Wohnung eines Mannes, genannt Addrich im Moos, dessen hartes Gemüt durch den kläglichen Untergang des Weibes und Bruders weit berüchtigt, dessen Unglaube und Abfall von Gott selbst Deiner Kirche ein Gräuel geworden, und dessen Aufruhr gegen die Majestät der Gesetze das Ziel der öffentlichen Rache geworden ist. Errette sie aus der Hand des unrettbaren Sünders, bevor sie mit ihm und durch ihn in den Abgrund seiner Verbrechen hinabgerissen wird. Ich füge als Beihilfe zu diesen Zeilen mein weniges Gold hinzu. Ich beschwöre Dich bei Deinem und meinem Gotte, säume nicht. Erinnere Dich, daß Du im heiligen Sakrament der Taufe dem Himmel gegenüber Bürge für sie geworden bist. Gedenke Deines Wortes am Sterbelager ihrer Mutter. Vor dem Richterstuhl dessen, der die Toten richtet, werden dereinst ihre Eltern die Seele ihres Kindes von Dir fordern. Säumest Du, werde ich droben wider Dich zeugen. Lebe wohl. Die unruhigen Blicke meines Kummers beobachten und begleiten Dich auf allen Deinen Wegen. Lebe wohl!« Fabian legte das Schreiben stumm und den Kopf voller Zweifel schüttelnd auf den Tisch nieder. »Längst schon hätte ich,« sagte der ehrwürdige Dekan, »meiner armen Pate geholfen, aber wer gebietet oder gehorcht in diesen verwirrten Zeitläufen des Aufruhrs und der Meuterei? Ich weiß gar wohl, daß es mitten im pharaonischen Diensthause nicht pharaonischer zugegangen ist, als in dem Hause des Addrich. Darum, mein Sohn, kommst Du wie von Gott gesandt. Eile denn dahin und führe sie meinem Hause zu. Mein Gebet und Gott ist mit Dir.« »Aber nach ihm steht ihr Verlangen,« sprach Fabian in seinen Gedanken vor sich hin. Dann aber wandte er sich mit Lebhaftigkeit zu dem Greise und fragte: »Wer ist dieser Don Nardo? Denn er hat diesen Brief verfaßt und kein anderer. Welchen Anteil darf er an Epiphania haben? Ihr, wohlehrwürdiger Herr, Ihr müsset ihn kennen, denn er kennt Euch. Habt Ihr diese Handschrift nie gesehen? Rufen Euch die Züge derselben nicht irgend einen Katholiken ins Gedächtnis, dessen Umgang Ihr irgend einmal genossen habt?« Der Dekan verneinte nachdenkend mit Schütteln seines Kopfes und erwiderte endlich: »Außer dem gegenwärtigen Herrn Abt von St. Urban, mit dem ich in jüngern Jahren vielmals auf der Jagd im Bowald . . . nun ja, wir waren damals leichte Bursche und paßten wohl für einander . . . allein seit jener Zeit, ich war noch auf den Schulen zu Bern . . . doch es ist wahr, er sprach das Latein damals fertiger als ich, obwohl er jünger war . . . was konnte ihn jedoch jetzt bewegen . . . auch entspricht Deine Beschreibung nicht seiner Gestalt . . . freilich schmächtiger, zarter Wuchs; ja wohl, und die Jahre . . . Wozu indessen zieht er in seltsamer, weltlicher Tracht . . . allerdings, die Prälaten gingen vordem auch geharnischt ins Feld, und thun wohl noch heute gern mitunter etwas weltlich . . . nein, mein Sohn, alles überlegt und erwogen, der Prälat von St. Urban ist's nicht. Und mit andern seiner Konfession habe ich nie vertrauten Umgang gepflogen.« Das etwas verworrene Selbstgespräch des alten Geistlichen wurde von Fabian mit großer Aufmerksamkeit angehört. Wenn gleich der Schluß zuletzt auf Lossprechung des Prälaten ging, blieb doch in der Brust des jungen Mannes ein Argwohn gegen denselben, weil der Dekan wiederholt beteuerte, er habe in seinem Leben mit keinem andern unter den Katholiken nähere Gemeinschaft gehabt. Fabian beschloß, von Addrichs Hause hinweg nach St. Urban zu gehen und die Umgegend des Klosters nicht eher zu verlassen, als bis er die Person des Abtes mit der vielleicht nur verkappten des Herrn von Groenkerkenbosch verglichen haben würde, denn im fortgesetzten Gespräch mit dem Dekan traten mancherlei Umstände hervor, die den Verdacht einigermaßen rechtfertigen konnten, wie viel Unwahrscheinlichkeiten mit ihm auch verknüpft waren. Sobald der Jüngling nach längerer Unterredung einsah, daß er über Epiphanias rätselhaften und in jedem Fall zweideutigen Freund keine weitern Aufklärungen gewinnen könne, und auch über den Verlust seines mäßigen Vermögens am Thuner See nichts anderes, als was durch Briefe von Bern mit Zuverlässigkeit berichtet worden war, zu erforschen blieb, beurlaubte er sich vom Dekan. Dieser hielt ihn vergebens mit gastfreundlicher Hand zurück, um nur einen Tag bei ihm zu ruhen, und hatte selbst Mühe, den Ungeduldigen zu bewegen, seinen Weg wenigstens nicht ganz nüchtern fortzusetzen. Erst nachdem Fabian halbgezwungen Speise und Trank zu sich genommen hatte, entließ ihn der gutmütige Greis unter frommem Segenswunsch und wiederholtem Ermahnen, alles was Klugheit und Mut gebieten oder erlauben, für die Befreiung Epiphanias daran zu setzen. 32. Der Gang zur Bampf. Der junge Mann verließ die Stadt mit einem jener widerwärtigen Gefühle, für die es noch keinen Namen giebt. Seine gesamten Hoffnungen hatten den Todesstreich empfangen. Für ihn gab es keine Zukunft mehr, nach der es der Mühe lohnte, aufzuschauen. Sein ganzes Dasein war verkümmert, denn nur das Tier ist mit dem Genuß einer Gegenwart abgefunden, ohne von Vergangenheit und Zukunft zu wissen. Der geistige Mensch wohnt im Unendlichen, lebt daher im Gewesenen und Werdenden und hat keine wahre Gegenwart des Augenblicks. Der Verlust seines mäßigen Eigentums durch mordbrennerische Hände verwandelte ihn, dessen Stolz bisher seine Unabhängigkeit gewesen war, in einen Knecht, der um Lohn für das gemeinste Lebensbedürfnis zu arbeiten gezwungen wird. Der mehr als wahrscheinliche Verlust seiner schönen Jugendgespielin machte für ihn die Welt zu einer inhaltlosen Schale, die für sich selbst ohne Wert ist. Und auch, wenn ihm Epiphania geblieben wäre, wie konnte er ihr ein erträgliches Loos anbieten? Er ging raschen Schrittes, doch mit dumpfem Sinnen und gedankenlos, durch die obere Vorstadt, längs dem stillfließenden Bach nach Suhr hin; sah, grüßte und dankte niemandem, bis ihn ein kräftiger Schlag auf die Achsel weckte. »Heda! Man geht nicht so stolz an alten Bekannten vorüber, Herr Freund,« rief der Erwecker. »Woher? Wohin? Gott sei Dank, daß ich Euch noch zwischen Himmel und Erde wieder finde. Seid willkommen. Wir sind Glückskinder, wir Beide! Wie seid Ihr den Oltenern entwischt?« Fabian erkannte in dem Frager zwar den Meistersänger von Aarau, er ließ ihn aber noch lange fragen, ohne zu antworten, und starrte ihn an. »Die Oltener Kost, scheint es, hat Euch nicht wohlgethan,« fuhr Meister Wirri fort. »Wasser und Schwarzbrot. Es läßt sich zwar zur Not mit den Gänsen trinken, aber nicht essen. Indessen nach dem Regen kommt Sonnenschein, Herr Freund. Man verschläft viel Ungemach und unsereins muß unterm Kreuz still halten. Ihr schneidet noch ein saures Gesicht.« »Daß ich nicht wüßte, Meister,« antwortete Fabian, der sich noch nicht ganz ermannen konnte. »Ein rechtes Muster wäre es auf einem Essigkrug. Wo fehlt's denn, Herr Freund? Ist Euch eine Ratte über den Weg gelaufen?« »Kleinigkeiten, Kleinigkeiten! Nichts sonst.« »Kleinigkeiten? Ei, die sollen einen Mann von Kraft und Mark, wie Euch, nicht verdrießlich machen. Der Adler jagt keine Mücken. Sagt mir das nicht. Meinethalben, Ihr möget am besten wissen, wo Euch der Schuh drückt. Aber sagt mir, sitzt unser Unglückskamerad, der, wie heißt er nur, der Dom-Narr oder so etwas, denn ein Pfaff ist er einmal . . . sitzt er noch im Oltener Loch?« »Er wurde schon anderen Tages frei. Aber sagt mir, Meister, für wen haltet Ihr diesen Menschen? Er stößt mir auf, wohin ich komme; überall hat er die Hand im Spiele.« »Der schwimmt also, wie die Petersilie, auf allen Suppen. Das sieht ihm ähnlich, denn ich halte ihn, trotz seines Läugnens, für einen katholischen Priester und nichts anderes, der aus der Welt ein Puppenspiel macht, das er regieren muß. Glaubt's, Herr Freund, kein Pfäfflein ist so klein, es steckt ein Päpstlein drein. Ich mag von ihm nichts wissen. Er gehört zu den Leuten, von denen man das Beste weiß, wenn man nichts weiß. Nun aber saget mir, wohin geht die Reise?« »Ins Moos, zum Addrich, wenn Ihr mit wollet.« »Puh! Acht gehabt! Laßt Euch nicht tiefer in das Wasser, als Ihr den Grund fühlt. Womit man umgeht, damit wird man auch gestraft. Bleibt bei uns in Aarau. Einen Zoll weit über den Stadtbann hinaus ist heutzutage kein Leben mehr sicher. Ihr tragt ja nicht einmal einen Fliegenwedel in der Hand.« »Wozu, Meister?« »Das werdet Ihr erfahren, sobald die Schmeißfliegen stechen. Denkt an mich! Den Rebellen fehlt's nicht an Säbeln, Hellebarden, Pistolen und Flinten, und was ihnen fehlt, stehlen sie dazu . . . Aber wartet doch, warum eilet Ihr? Unglück kommt einem auf halbem Wege entgegen, es ist nicht nötig, danach zu rennen.« Meister Wirri rief ihm vergebens nach; Fabian hörte nicht, sondern machte mit der Hand nur noch eine Bewegung. wie zum Abschiede, und schritt hastig den Weg am Bache hin. – Die kurze Unterredung mit dem würdigen Meistersänger hatte für ihn die wohlthätige Wirkung gehabt, daß eine Art Besonnenheit in ihn zurückgekehrt war. Wie gleichgiltig ihm auch bei der Stimmung seines Gemütes jede Gefahr sein mochte, wollte er doch die einzige vermeiden und nicht zum dritten Male Gefangener werden. Er ließ sich daher keine Umwege durch Busch und Berg verdrießen, um den Dörfern auszuweichen. Als er die Spitze des altertümlichen Burgstalls und die unmittelbar daran grenzenden dichten Tannen erreicht hatte, stieg er unverdrossen in deren feuchtem Schatten das Gebirge hinauf, über das traurige Loos seiner Tage brütend. Er hatte seine unverschuldete Verlassenheit und Verwaisung noch nie im Leben so tief empfunden, wie in diesem Augenblicke; selbst nicht in der Einsamkeit seiner Kerker zu Bern und Olten. Ohne Eltern, ohne Verwandte, ohne Freunde hatte er mit brüderlichem Herzen an Epiphania gehangen; hatte er in ihrer schwesterlichen Zärtlichkeit allein Ersatz für alle andern Entbehrungen gefunden und sah nun auch diese sich entfremdet. Zu gebildet, um sich unter den rohen, abergläubigen Bergbewohnern glücklich zu fühlen, zu stolz, um bei der reichsstädtischen Hoffart seiner Herren und Oberen zur Frohn zu gehen, war ihm die Schweiz nicht mehr Vaterland als jeder andere Fleck des Erdbodens. Jetzt dachte er an Addrich und jetzt erst glaubte er ihn zu verstehen, den Unglücklichen, den mit sich und seinem Dasein zerfallenen Mann, als derselbe unter den Fichten des Gönhards aus der Fülle seines Elendes gerufen hatte: »Ich habe die Welt von allen Seiten betrachtet und am Ende gefunden, sie sei nicht des ersten Blickes wert gewesen.« Diese Erinnerungen lagerten sich wie schwarze Schatten über sein Gemüt. Ihm ahnten die heimlichen Leiden aller Wesen, das allgemeine Unglück aller Geschöpfe, dem, vom Wurm bis zum Weisesten, keiner entrinnen könne. Er selbst begann mit seinem Dasein zu grollen und rief: »Das Beste im Leben ist die Freiheit des Sterbens!« Er trat aus der Dämmerung des Waldes auf die kahle, von magerem Grase gebildete Bergkuppe der Bampf, die sich mit breitem Rücken auf einem Kranz von Gebüschen erhob. Die riesenhaften Formen der Alpen standen vor ihm, veilchenfarben, mit dem Goldrot des Abendlichtes und dem noch tiefhangenden Silberkleide des Winters bekleidet. Rechts, wo ein Pfad über die Höhe zum Thaldorfe Dürrenäsch und etwas näher noch seitwärts in Addrichs verborgene Einsamkeit führte, streckte das nahe Gebirge seine schwarzen Felswände und Zacken hervor, während links aus der Tiefe die Wellen des Sees von Hallwyl blitzten, wie ein über den grünen Sammet der Matten ausgespanntes Silberband. Fabian stand still. Die Majestät des großen Schauspiels rührte mit überraschender Macht seine Seele. Der reine Atem des Himmels, welcher ihn in diesen Höhen umwehte, der allgemeine Glanz, das allgemeine Schweigen durchdrangen ihn. Die Natur übte ihr Hoheitsrecht, dem kein reines Gemüt widersteht. Er fühlte sich wunderbar über sich selbst und über die schweren Träume und Zweifel erhaben, welche ihm allein von der dumpfigen Waldtiefe angeblasen zu sein schienen, der er eben entstiegen war. Und als er das Antlitz zurückwandte, umspannte seinen Gesichtskreis der ungeheure Bogen des Jura, der seine blauen Gipfel, Firste und wellenförmigen Grate zu den Wolken hinaufstreckte, als würde die Erde in den Himmel hinaufgezogen. Links in der Entfernung einiger Wegstunden leuchteten im frischen Frühlingsgrün die Gefilde von Aarau; rechts vor ihm in der Tiefe traten die Zinnen, Türme und alten Mauern der großen Lenzburg, weiterhin, am Felsen hangend, die weißen Schloßmauern von Brunegg hervor. Er warf mit dem leichten und wandelbaren Sinne seines Alters die Sorge von sich und faßte neue Entschlüsse. »Bin ich arm,« dachte er, »nun so gehört mir die weite Welt. Was habe ich verloren, wenn ich mich selbst noch habe? Bin ich verlassen, nun so steht Gott mir bei. Wer hat's besser als ich? Niemand ist reicher, als wer der Welt nicht bedarf; niemand mächtiger, als wer sich selbst bändigt. Ich bin noch nicht arm genug; ich bin noch nicht stark genug. Ich will die Bande brechen, die mich binden. Lebe wohl, Vaterland! Lebe wohl, Epiphania! Ich werfe der Freude, wie dem Schmerz, den Scheidebrief hin, und will dem Schicksal meinen Trotz zeigen. Der Feige schmiegt sich unter die Hand desselben. Ich bin noch nicht arm genug, ich will nichts mehr besitzen, auch die Hoffnung will ich nicht mehr, die mich noch an diese Gegenden knüpfte. Hinaus in die Welt, in die Ferne; da will ich mir eine neue Welt aus eigener Kraft erbauen.« So dachte er und that stolz einige rasche Schritte. Er glich in seiner Haltung einem Könige, in seinem Selbstgefühl dünkte er sich, es zu sein, der Staub aller Weltherrlichkeit unter seinen Füßen, die Stirn im Himmel. Während sein Blick noch in die Ferne, über die Gebirgskette des Jura hinschweifte, und seine Seele noch in der Wollust freiwilliger Verzichtung auf die bisherigen Freuden seines Daseins schwelgte, drangen menschliche Stimmen an sein Ohr. Er wandte das Antlitz nach der Gegend, von wo die Töne kamen; sie erschollen aus dem Gebüsche, welches, nahe bei ihm, die Vertiefung verbarg, in der man zum Moose gelangte, wo Addrichs Waldhaus gelegen war. Es war weibliches Geplauder, das bald verstummte. Fabian fühlte ein plötzliches Erglühen seiner Wangen und ein lautes Pochen seines Herzens. Es schien ihm eine Stimme, wie Epiphanias Stimme gewesen zu sein. Er eilte in das Dickicht nach, welches sich noch kaum mit jungem Laube bekleidet hatte. Da stand sie, nur wenige Schritte entfernt, bei seinem Anblick in Bestürzung versetzt, vor ihm. 33. Das Geschwister. »Fabi, Fabi! Du selbst?« rief Epiphania erglühend, den in Freude leuchtenden Blick zu ihm gewendet. Sie erhob schon aus der Ferne die Arme, ihn zu empfangen, ließ sie aber wieder sinken, als er zu ihr trat. Sie reichte ihm stumm die Hand dar, legte stumm ihr Haupt an seine Brust. Er berührte mit seinen Lippen das dicke, goldfarbige Geflecht ihres Scheitels und ein Paar Thränen entfielen seinen Augen, auf dem schönen Haare gleich Tauperlen glänzend. »Fabi,« sagte sie still weinend, »Fabi!« »Weine nicht, Fania,« antwortete er mit zitternder, halblauter Stimme. »Du hast mich sehr erschreckt,« lispelte sie leise, sah zu ihm auf und legte ihren Arm um seinen Nacken. Beide schwiegen; beide betrachteten sich mit zärtlicher Innigkeit, lautlos und anhaltend, als wenn sie nicht an das Glück glaubten, sich wiedergewonnen zu haben, oder, als könne das längste Anschauen keinen Ersatz gewähren für so langes Entbehren. Die Augen beider schwammen in stillen Thränen, die Lippen beider waren halb geöffnet, wie um leichter das Entzücken auszuhauchen, in welchem die Herzen brechen zu wollen schienen. »Und konntest Du, Fabi, konntest Du Dich so lange überwinden und nicht kommen,« seufzte Epiphania leise, ohne ihren Blick von seinen Augen abzuwenden. »War ich denn nicht immer bei Dir, Fania? Sie hatten nur meinen Leib gefangen; meine Seele atmete bei Dir.« »Ja Oheim Addrich sagte mir's. Du hast recht, guter Fabi; Du bist schuldlos. Er sagte mir's; er verkündete mir Deine nahe Ankunft. Ja, Du warest immer bei mir, Du tratest selbst des Nachts in meine Träume. Das war Deine Seele; das warest Du. Sahest Du mich nie?« »Immer, immer, Fania! Wo könnte ich denn sein, daß ich Dich nicht sähe? Ja, Fania, auch in den Träumen kamest Du zu mir. O wie schön, wie unaussprechlich schön standest Du darin an der Flue des Röthliberges, bei den Wasserfällen, welche der Hauch des Windes, wie einen weißen Brautschleier über Dein Haupt und über das Thal flattern ließ. Weißt Du noch? Fania, o Fania, aber da erschien . . .« Hier unterbrach er sich plötzlich und ließ die Stimme sinken, während er unwillkürlich, durch die Erzählung seines Traumes, an Renold erinnert wurde. Epiphania bemerkte bei den letzten Worten die Verwandlung in seinem Gesichte. Er wandte verlegen den Blick von ihr und ließ ihn hierhin und dorthin irren, als möchte er sich von einem Gedanken loswinden, oder ihn nicht blicken lassen. Währenddessen neigten sich seine Augenbrauen zusammen und verrieten den innersten Verdruß. »Nun, Fabi, nun? Was erschien?« sagte sie und beobachtete mit aufmerksamer Ängstlichkeit seine Geberde. »Dein Verlobter, Hauptmann Renold, Dein Bräutigam erschien,« erwiderte er halblaut. Der Name und das Beiwort warfen in das zarte, bewegliche Spiel ihrer Mienen plötzlich den Ausdruck des lebendigsten Abscheus. Sie zog die Hände von seinen Achseln zurück und sagte, indem sie sich um ein paar kleine Schritte von ihm entfernte. »Warum betrübst Du mich so, Fabi? Wer hat Dir das gesagt?« »Addrich that es.« »Und Du, Fabi, und Du? Was dachtest Du, als er das gesagt?« Fabian, der noch immer vor sich niedersah, zauderte stockend mit der Antwort und erwiderte endlich: »Gideon ist ein schöner Mann.« »Ja,« versetzte sie und trat mit ihrem kleinen Fuße auf die vor ihr am Boden blühende Daphne, »ja, wie dieser giftige, trügliche Zyland mit der Pfirsichblüte und dem Gewürzduft. Das ist die Sinnblume der Sünde, das ist Gideons Ebenbild.« Der Jüngling richtete den Blick vom Spiel ihrer Fußspitze forschend nach ihrem Antlitze. Da stand sie mit heiligem Zorn in unnennbarer Anmut reizender da, als der Traum sie ihm gezeigt hatte. »Wirklich, Fania, Du bist seine Braut nicht? Warum sagte es Addrich? Warum rühmt sich Gideon Deiner? Bist Du nicht gern an seiner Seite durch diese wilde Einsamkeit gewandelt? Doch, vielleicht habe ich kein Recht zu solchen Fragen.« »Du kein Recht? O Fabi, Fabi, wer denn sonst? Bin ich nicht mehr Deine Schwester? Fabi, willst Du schon wieder der Zänker unter uns sein, wo wir kaum zusammengetroffen sind? Nein, thue das nicht! Lasse uns friedlich zusammenbleiben. Ich will ja in meinem Leben nicht mehr mit Dir streiten, denn wenn Du fern bist, habe ich nichts davon, als die bittere Reue, die mir bleibt. Höre weder auf Addrich noch auf Gideon. Sie sagen Dir nur, was sie wünschen, nicht, was ich fühle. Ich möchte tausendmal lieber die Braut des Grabes sein. Glaube an mich, wie ich nur an Dich glaube. Ich schalt ja auch den Gideon einen Lästerer, als er mir sagte, die Obrigkeit habe Dich eines Verbrechens wegen eingekerkert. Warum schaltest Du ihn nicht und den Addrich. als sie Böses von mir redeten.« Fabian nahm Epiphanias Hand und sagte: »Ich habe keine andere Zuversicht unterm Himmel, als zu Gott und zu Dir. Aber Gideon ist ein schöner Mann . . .« Epiphania betrachtete ihn mit dem ihr eigentümlichen, schelmischen Lächeln, während sein Blick voll ruhigen Wohlgefallens an ihr hing. Endlich sagte sie etwas stammelnd, aber lebhaft: »Und bist Du denn nicht . . . viel schöner als er? Und bist Du . . . denn nicht unendlich besser als er? O Du ehrliche Seele, muß ich Dir das erst sagen, und Du hast das nicht gewußt? Es schickt sich freilich nicht für mich, Dich aus der Unwissenheit zu ziehen, die Dir so wohl steht. Aber Fabi, Du bist noch ein wirkliches Kind und bleibst ein Kind, bei aller Deiner Gelehrsamkeit. Das muß ich Dir sagen.« Fabian wurde feuerrot, sah hinweg, dann wieder zu Epiphania und versetzte: »Hofmeistere mich nur und mache Dich lustig. Ich mag jetzt keinen Streit mit Dir anfangen, denn ich werde wohl nur kurze Zeit bei Dir sein, und habe vieles mit Dir zu besprechen und um vieles Dich zu fragen.« »Nur kurze Zeit?« rief Epiphania, schnell ernster werdend. »Wer treibt Dich von uns? Nein, Fabi, Du mußt bleiben. Du mußt! Wer soll mich gegen die erschreckliche Wildheit des Gideon in Schutz nehmen, wenn er wiederkehrt?« Jetzt erzählte sie ihm alles, was sie von Renolds Art und Weise und seinen Ansprüchen zu sagen wußte, und was sie von den bösen Künsten zu wissen glaubte, die er gegen sie in Anwendung gebracht haben sollte, um ihr Herz zu betrügen. Ihre Erzählung war so schlicht und aufrichtig, wie eine Schwester sich nur dem Bruder anvertrauen kann. Sein Inneres empörte sich gegen Gideons rohe Anmaßungen. Er schwor, zwischen den Zähnen murmelnd, dem hochfahrenden, gewalttätigen Kriegsknecht blutige Strafe und rief endlich: »Fania, nein, Du bist gegen die List und Wut des wüsten Bösewichts hier nicht geborgen, hier nicht! Addrich selbst schirmt Dich nicht; Addrich verkauft Dich jedem, der ihm in den unseligen Händeln wider die Landesobrigkeit hilft. Ach, Faneli, warum kann ich Dich nicht einatmen, wie diese reine Luft, daß Dich niemand sähe, Dich niemand hätte; daß man mich töten müßte, um Dich zu rauben! Eben dieser Renold, eben er, und kein anderer, ist der Mordbrenner, der mein Heimwesen zerstören ließ, damit ich ein armer Bettler und ganz ohnmächtig würde, Dich zu schützen. Alle Mittel hat er mir in dieser Zeit entrissen, wo Gesetz und Richter bei dem Aufruhr des Landes verstummt sind. Denke nach, Faneli, rate, wie wir uns beide aus dieser Not erretten? Was hilfts, wenn ich ihn erschlage und die Schweiz verlasse und Dich? Warum traf doch mein gutes Schwert den Frechen, in der Nacht vor Deinem Geburtstage, so schlecht!« Hier wandte sich die Unterredung durch Epiphanias neugierige Zwischenfragen auf die Begebenheit jener Nacht. Epiphania wollte alles wissen. Nun that es zwar ihrem Herzen wohl, zu hören, daß der kleine niedliche Vogel, dem Fabians Namen und einen Denkspruch zu rufen gelehrt worden, im Gefängnis zu Bern von der treuen Bruderliebe Unterricht empfangen habe, doch war es ihr beinahe unangenehm, daß das Wundergeschöpf ein ganz natürliches Wesen, kein Berggeist, kein Höhlenfürst oder Schrätteli gewesen sei. Als sie aber, bei Fortsetzung des Gespräches, in Fabians Augen die Thränen des frommen Zornes, der Liebe und des Schmerzes um seine Verarmung sah, lösten sich alle ihre Gefühle in Mitleid aus. Mit ihrer ganzen Beredsamkeit suchte sie ihn zu beruhigen, zu trösten und zu neuen Hoffnungen aufzurichten. »Nein, Du liebe Seele,« sagte sie, indem sie traulich und sanft mit ihrer linken Hand seine Schulter berührte, und, während sie selbst sich kaum der Zähren erwehrte, mit der rechten ein Tuch an seine nassen Augen drückte, »nein, traure Du nicht. Wir stehen beide in Gottes gutem Schutz. Ihn halten wir, er hält uns fest. Ich bin überreich, wenn Du bei mir bist, Fabi. Bist Du denn nicht auch reich bei mir, Fabi?« Sie sagte und fragte dies mit so rührender, harmloser Zuversicht, und die ganze Zärtlichkeit ihrer Seele sprach so klar aus Blick und Stimme, daß Fabian sie mit beiden Armen an seine bewegte Brust zog und sagte: »Ich würde, wie Addrich, am Himmel verzweifeln, wenn er Dich verlassen könnte, Faneli.« Er drückte seine Lippen zum herzlichen Bruderkuß auf ihren Mund. Die Lippen blieben unbedacht an ihren Lippen und es durchschauderte ihn etwas, was er nie empfunden hatte. »O mein Leben!« seufzte er, sie heftiger an sich reißend. »O Fabi!« lispelte sie. »Wie ist mir! Willst Du mich denn töten?« »Könnte ich doch, Fani, könnte ich Dich in mich aufnehmen!« »Sterben wir beide, Fabi! Könnten wir's jetzt, o Du mein Licht, meine Seele, und dann zu Gott, Du und ich.« Es dauerte lange, bis sich diese Seligen von ihrem Rausch ermannten. Selten erblickte der Schutzengel der Unschuld auf Erden die Liebe auf dem Gipfelpunkte des Zaubers und der Lust so heilig gehalten als hier. Endlich ließen beide von einander; nur ihre Hände blieben in einander verflochten. Mit trunkenem Blick starrte er schweigend in ihre glänzenden Augen. »Was ist aus Dir geworden, Fabi?« sagte sie mit seelenvollem Lächeln. »So bist Du ja sonst nicht gewesen. Alle Sinne stürmen in mir . . . ich weiß selbst nicht, wie? Oder habe ich nie gewußt, wie lieb Du mir bist, daß ich nun glauben muß, ich habe Dich nie so geliebt, als jetzt? Sage mir nur, ob auch Du mich mehr liebst, als sonst?« »Wer kann Dich mir nehmen? Wer? Wer?« antwortete er. »Es giebt ja wohl irgend eine Höhle, wo ich Dich vor den Währwölfen verbergen könnte. Ich würde allein umhergehen unter den Menschen, um für Dich im Taglohn zu arbeiten, Holz zu spalten, zu betteln. Gewiß, ich ließe Dich nicht leiden.« »Fabi, wahrlich, Du bist nicht mehr Fabi,« erwiderte sie. »Stehst Du nicht da wie eine Feuerflamme vor meinen Augen? Von Deinen Händen durchfährt mich ein wunderbarer Schmerz. Nein doch, Schmerz ist es nicht, doch Dein Atem war Glut, und in dieser Glut möchte ich gestorben sein.« Diese sonderbare, wenig Zusammenhang zeigende Unterhaltung, welche von den Lesern, als Unsinn, mit Recht getadelt werden könnte, wollen wir nicht so weit mitteilen, als es den jungen Leuten gefiel, sie fortzusetzen; wir bemerken nur, daß beide endlich dabei nüchtern wurden, und zuletzt die Sprache vernünftiger Menschen annahmen. Die Nüchternheit wurde noch vollständiger, als Fabian die Frage an seine zärtliche Schwester richtete: »Wie hast Du wissen können, daß ich den Weg ins Moos über die Bampf wählen würde? Oder erwartetest Du mich später?« . . . und Epiphania dann, in sich selbst erschreckend, ihm die Hände entzog und durch ihre Mienen verriet, sie erinnere sich an etwas, was sie beinahe vergessen habe. Sie ergriff seinen Arm und drängte ihn mit sanfter Gewalt auf dem Fußwege zum Moose fort, indem sie schmeichelnd sagte: »Nun gehe hinab, liebes Kind, gehe zu Addrichs Hütte! Der Alte erwartet Dich. Gehe, ich folge Dir bald nach.« »Und Du, Fania?« »Ich bleibe noch. Ich muß. Gehe doch, ich erwarte hier eine Person, die mir wichtige Nachrichten bringen will. Doch muß ich sie ganz allein sprechen. O, wenn Du wüßtest, Fabi! Gehe nur! Ich habe Verschwiegenheit gelobt, heilig und teuer gelobt. Darum erstieg ich den Berg.« »Hast Du ein Geheimnis vor mir? Nein, Faneli, in Dir sollte kein Dunkel sein, und wäre es von der Größe eines Sonnenstäubchens. Ich lasse mich von Dir durchblicken, wie vom Auge des Allwissenden.« »Was soll ich Dir sagen, Du Neugieriger? Ich weiß etwas und nichts, und will erst selbst das Geheimnis erfahren. Nun forsche nicht weiter. Ich habe gelobt. einstweilen reinen Mund zu halten. Das ist alles, was ich sagen kann. Ich bitte Dich, gehe hinab, ins Thal.« »Aber, Mädchen, bist Du auch sicher? Man könnte ja Böses im Schilde führen. Warum auf diesem abgelegenen Berge, wo so selten Menschen verkehren, allein bleiben? Du solltest niemals allein gehen, nie!« »Allein zu erscheinen, Fabi, das gerade habe ich versprochen. Darum schickte ich die Großmagd zurück, die mich herauf begleitete. Fürchte meinetwegen nichts. Ich habe mit einer mir wohlbekannten, grundehrlichen Person zu thun. Aber,« setzte sie hinzu und legte die Fingerspitzen an seinen Mund, »daß Du Dich nicht unterstehst, drunten aller Welt zu sagen, warum ich auf der Bampf zurückblieb. Ich kenne Dich Plaudermäulchen. Hörst Du? Keine Silbe davon, daß Du mich hier gesehen hast!« Als der Streit über Gehen und Bleiben eben beginnen wollte, sahen beide zu gleicher Zeit eine Bäuerin über den öden Bergrücken daher wandern, die, aus einem Gehölz gekommen, zuweilen stehen blieb, und zu horchen und mit den Augen zu suchen schien. Jetzt drängte sich Epiphania, schmeichelnder bittend, an Fabian, und trieb ihn, den Berg zu verlassen. »Gelt, Fabi, Du gehorchst? Fort! Ich bin bei Dir und Leonoren, ehe ein Viertelstündchen vergeht, Fort!« sagte sie, gab ihm zum Abschiede mit schalkhaftem Lächeln einen leisen Schlag auf die Wange und eilte aus dem Gebüsch ins Freie auf die Höhe des Berges. 34. Stummes Schauspiel. Fabian blickte ihr nach, wie festgebannt auf der heiligen Stätte, wo er für alle vergangenen Schmerzen seines Lebens den süßesten Ersatz gefunden hatte. Er wollte hier die Rückkehr der schönen Schwester erwarten. Seine Augen schwelgten in dem Genusse, sie auch nur aus der Ferne zu sehen, wie sie neben der Bäuerin plaudernd auf der Höhe stand, wo sich der Umriß ihrer edeln Gestalt und die Anmut ihrer Bewegungen gegen den blauen Hintergrund des Himmels so herrlich abzeichnete. Das Gespräch schien lebhaft geführt zu werden; die Bäuerin besonders drückte in ihren Geberden große Erregung aus. Bald zeigte sie wiederholt auf einen jungen Föhrenhorst, am Abhange des Berges gegen den Hollwyler See hin, von wo sie selbst gekommen war; bald legte sie die flachen Hände beteuernd auf ihre Brust; bald streckte sie, wie etwas Vertrauliches flüsternd, den Kopf näher zum Ohr der Jungfrau. Diese hingegen schien unentschlossen, richtete zuweilen das Gesicht nach den Gesträuchen, in denen Fabian verborgen stand, und senkte das Köpfchen einigemal auf die Brust nieder, als sänne sie über wichtige Dinge nach. Dann that die Bäuerin einige Schritte gegen das Föhrenwäldchen hin, kehrte wieder zu Epiphanien zurück; ging abermals und kam abermals mit auffordernder Bewegung der Hände. Endlich sah die Jungfrau aus dem Moose schnell zurück nach den Gebüschen, in denen sie Fabian verlassen hatte, wandte sich um und nahm, begleitet von der Bäuerin, mit schnellen Schritten die Richtung zu der blaugrünen Gruppe der Föhren. Der Jüngling schwankte eine Zeit lang, als er sie hinter dem vorstehenden Hügel verschwunden sah, unentschlossen, ob er folgen solle? Das Geschäft des Lauschers schien ihm nicht ehrenvoll; auch fürchtete er, seine junge Freundin durch den Schein vorwitziger Neugierde oder des Mißtrauens zu kränken. Freilich erschien das geheimnisvolle Treiben Epiphanias etwas unfreundlich gegen ihn selbst und Mangel eines unbedingten, schwesterlichen Zutrauens zu sein, welches er ansprechen zu können glaubte. Und doch . . . welches Geheimnis konnte hier zuletzt walten? Indessen konnte das arglose Mädchen leicht in den Hinterhalt irgend eines Frevlers, der ihr nachstellte, gelockt werden. Was wäre da nicht alles möglich gewesen. Er dachte an den wilden Fremden Renold, er dachte an den zweideutigen Niederländer Don Nardo. Bei diesem Gedanken drängte sich das Blut aus allen Adern nach seinem Herzen. Es brauste um seine Ohren, wie Sturm in den Tannen. Mit pochender Brust verließ er den Platz, entschlossen, Epiphania mit den Augen aus der Ferne zu bewachen, ohne von ihr entdeckt zu werden. Er umging durch Busch und Wald die nackte Bergfläche, damit er sich der Gegend des Föhrenhorstes nähere, und nahm von einem aufgeklafterten Holzhaufen einen Scheit zur willkommenen Waffe in der Not. Seine Bangigkeit stieg mit jedem Schritte des weiten Umweges, den er zu machen hatte, und als er bald undurchdringlich verwachsenem Gestrüpp ausweichen mußte, bald im stachligen Netze der Ranken der über den Waldboden gesponnenen Brombeeren und Himbeeren seine Füße hangen blieben; noch mehr aber, als er auf dem öden Rücken der Bampf die bekannte Bäuerin allein stehen und Epiphania nicht mehr bei derselben sah. Endlich erreichte er die andere Seite des Berges, doch zugleich blieb sein Fuß, wie in die Erde gewurzelt, stehen und sein Blut starrte in den Adern. Zwischen den gelbrötlichen Säulen hundertjähriger Kienföhren, durch welche die Abendsonne grelle Lichter warf, stand Epiphania mit vor sich hingefalteten Händen in demutsvoller Stellung, und vor ihr ein Mann in edler Haltung, welcher die Hand feierlich gen Himmel erhob. Obgleich Fabian noch einige hundert Schritte entfernt war, verriet ihm dennoch das schwarze Barett, dessen Goldschnüre im Sonnenstrahl schimmerten, der lange, schwarze Leibrock, und die ganze Gestalt in ihrer ruhigen Bewegung, daß dieser Mann kein anderer, als der Fremdling sei, der ihm schon in der Berghütte über Stüßlingen gerechten Argwohn eingeflößt hatte. Umsonst hielt der erschrockene Jüngling den Atem an, die Worte des Herrn von Groenkerkenbosch oder Epiphanias zu erlauschen. Er stand zu fern; es war aber auch unmöglich, ohne entdeckt zu werden, näher zu schleichen, weil zwischen dem Dickicht, das ihn verbarg, und dem Hain der Föhren, offenes Wiesenland lag. Er suchte sein Gehör in die Augen zu legen und glaubte zu erhorchen, daß Epiphania weine. Dann sah er mit unbeschreiblichem Erstaunen, wie sie plötzlich vor dem Menschen auf die Kniee fiel; wie sie dann jammernd ihre Hände zu ihm aufstreckte, dann mit ihren Armen seine Kniee umfaßte, und ihre Stirn an dieselben lehnte. Er aber breitete erst seine Arme, mit vorgebogenem Leibe, gegen die Knieende nieder, schlug dann mit den Fingern der rechten Hand, nach priesterlicher Weise, ein dreifaches Kreuz in der Luft über die Knieende und beugte sich, sie emporzuheben. Lange währte der Kampf zwischen ihr und ihm, denn sie schien ihre ehrerbietige Stellung nicht verlassen zu wollen. Endlich sah sie Fabian den anhaltenden Bitten gehorchen. Sie richtete sich auf und faltete, indem sie ihm wieder gegenüber stand, wie in unaussprechlich tiefer und heftiger Bewegung des Gemütes, die Hände auf ihrer Brust mit Inbrunst zusammen, und hob sie dann, wie betend, zum Himmel. Don Nardo aber trat jetzt mit offenen Armen gegen die Jungfrau hin, umfaßte sie und drückte sie küssend an seine Brust. Epiphania ließ es ruhig geschehen. Keine Bewegung verriet ihren Widerstand. Ein heller Sonnenstrahl fiel blendend zwischen den Baumstämmen hindurch, deren blaßgrüne Zweige sich hoch wölbten, auf das wunderbare Paar. Dem guten Fabian hing bald alles Dieses dämmernd und dunkel vor den Augen. »Sie ist verloren!« rief es wie eine Ahnung in ihm. »Der Pfaff hat sich ihrer schwärmerischen Träumereien und Neigungen zu bemeistern gewußt; Epiphania hat ihren Glauben abgeschworen, sie ist zum Papsttum übergetreten, sie ist verloren; die verschmitzte Scheinheiligkeit des lüsternen Priesters hat gesiegt. Das verhehlte sie mir!« Er umklammerte mit der Hand krampfhaft die Keule und war im Begriff, aus seinem Hinterhalt hervorzustürzen, doch er taumelte, wie ein Trunkener, und mußte sich an einer jungen Buche aufrecht halten. Er blieb stehen. Seine Besonnenheit kehrte schnell zurück und er faßte den Entschluß, sich selbst zu überwinden und das Ende des herzzerreißenden Schauspiels zu erwarten, in welchem ein gutmütiges, schwärmerisches Kind das Opfer der blindesten Leichtgläubigkeit und der gleisnerischsten Priesterlist wurde. Er blickte hin. Die Umarmung dauerte fort, doch so, daß, während Epiphania an der Brust des Fremden lag, dieser von Zeit zu Zeit die rechte Hand mäßig und mit vorgestrecktem Zeigefinger, wie ein Lehrender, erhob. Dann und wann nur richtete die Jungfrau das Angesicht wie fragend zu ihm hin, und dann wurde Fabian wieder vom Krampf befallen, wenn er Augenzeuge davon sein mußte, wie sich die Lippen des Lehrenden wieder zum Kusse auf des Mädchens Stirn senkten. Eine lange halbe Stunde hatte diese Unterhaltung gedauert. Dem heimlichen Beobachter schien die Sonne am Himmel still zu stehen, denn nach seinem Dafürhalten hätte sie in dieser Frist nicht nur hinter den Alpen unter-, sondern auch im Osten wieder aufgehen können. Epiphania schien zuerst an die notwendige Trennung zu denken. Sie trat einen kleinen Schritt von ihrem geistlichen Lehrer zurück, in dessen beide vorgestreckten Hände sie jedoch die ihrigen legte. Jetzt schien, der Bewegung ihres Köpfchens nach, die Reihe des Redens an sie gekommen zu sein. Einigemal wandte sie das Gesicht hinter sich, als suche sie die Bäuerin, welche auf der Höhe wahrscheinlich Wache hielt. Dann wurde das Gespräch wieder fortgesetzt, und in der Lebendigkeit desselben sah Fabian sogar, daß Epiphania mit allzu zärtlicher Ehrerbietung die Hand des Niederländers an ihren Mund drückte, während dieser seinerseits die andere auf ihr Haupt legte, wie zur Erteilung des geistlichen Segens. Fabian murmelte im Übermaß seiner Ungeduld unchristliche Verwünschungen zwischen den Zähnen, bis er Epiphania's Stimme deutlich durch den Wald tönen hörte. Sie rief der Bäuerin zu, und trennte sich dann alsbald von ihrem bisherigen Gesellschafter bis auf eine ziemliche Entfernung. Als der Lauscher das zurückgebliebne Weib nun wirklich vom Berge herschreiten sah, machte er sich auf, um Addrich's Hütte im Moos vor Epiphania, doch unbemerkt von ihr, zu erreichen. Daher mußte er den gemachten Umweg durch die Gebüsche wiederholen. Er hatte bei sich fest beschlossen, Epiphania nicht ahnen zu lassen, daß er Zeuge dieser heimlichen Zusammenkunft gewesen sei. Beobachten, allmählich ausforschen wollte er sie, und nicht ruhen, bis er das traurige Geheimnis enthüllt, oder gesehen hätte, wie weit es ein Mädchen, mit Geberden voll Unschuld, in der Verstellungskunst treiben könne. 35. Die Fragen. Fliegenden Fußes eilte er durch Dorn und Dickicht. Einigemal hielt er im Laufe an, legte die Hand an seine Stirn, und schien unentschlossen nachzudenken, was er in diesen Augenblicken zu wählen habe, um es nicht bereuen zu müssen. Dann wandelte er langsamer vorwärts, bis der wiederkehrende Schmerz ihn von neuem zum Laufen anspornte. In diesem Augenblick, wo er bleich und atemlos, die braunen Locken verwildert um das Haupt hängend, aus dem Gebüsche auf den Fußweg trat, der zum kleinen Moosthale Addrichs führte, flog von der andern Seite Epiphania mit nicht geringerer Eile daher; die Wangen glühend, die Augen Entzücken strahlend; der Busen stürmisch sich hebend und senkend. Beide, durch das unerwartete Zusammentreten überrascht, blieben stumm auf ihren Stellen stehen. Ihm entging nicht die Seligkeit, in der Epiphanias Antlitz strahlte, ihr nicht seine totenartig blasse Farbe und seine Verwilderung. Beide erschraken vor einander. »Du noch hier, Fabi?« sagte sie endlich. »Ich glaubte Dich längst bei Addrich. Fabi, wie bist Du so schrecklich verstört? Was ist Dir geschehen? Rede doch!« »Ein großes Unglück,« seufzte Fabian. »Ein Unglück?« wiederholte Epiphania zitternd, und trat mit langsamen Schritten zu ihm hin, und legte ihre Hand auf seinen Arm, während ihre Augen seine weggewandten Blicke suchten. Er aber, ohne zu ihr aufzuschauen, drängte sie sanft von sich zurück und sagte: »Ich habe meinen ganzen Himmel verloren, denn Du bist nun, ohne Wiederkehr, aus ihm verschwunden.« »Rede, Fabi, rede!« sagte sie voll gutherzigen Mitleids und trat wieder zu ihm hin. »Dein Himmel verloren und ich daraus entschwunden? Sprich, was ist Dir geschehen? Dränge mich nicht zurück; bin ich nicht Deine Schwester? Vertraue mir!« »O, Dir vertrauen, Dir!« rief er voll innigen Schmerzes. »Du hast alle meine Zuversicht gebrochen; nicht Vertrauen mit Vertrauen vergolten. Wozu noch Erklärungen unter uns? Komme hinab ins Thal zu Addrich. Gott hat's gefügt, daß ich heute die Hinfälligkeit alles Irdischen, die Eitelkeit aller Hoffnungen erfahren sollte. Ich bin jetzt unendlich ärmer als bei meinem Eintritt ins Leben; ich habe Dich verloren. Morgen verlasse ich die Schweiz und gehe in die weite Welt hinaus, soweit mich der Boden trägt. Komm' hinab ins Thal!« Epiphania wurde blaß und erstarrte fast. Stumm ergriff sie seine Hand, die er aber zurückzog. Sie betrachtete ihn mit forschendem, bangem Blicke und stammele: »Fabi, weißt Du, was Dein Mund spricht? Fabi, erkennen mich Deine Augen? Fabi, willst Du mein Herz brechen?« »Was weiß ich's? Das meine ist gebrochen. Du solltest mein Todesengel werden; Du bist es geworden. Ach, hätte die leidende Seele schon den letzten Faden gesprengt, mit dem sie noch ans Leben gebunden ist! . . . Komm', komm', mir ist nicht wohl!« »Fabi!« rief sie mit unbeschreiblicher Angst, denn sie sah ihn bleicher werden und mit den Armen um sich fassen, als wolle er sich an etwas aufrecht halten, dann sich beugen und auf den Boden niedersetzen, wie jemand, dem die Kräfte entwichen sind. Sie kniete zitternd neben ihn und hielt mit den Händen sein Haupt, das an ihre Brust sank. Sie wagte kaum, Atem zu schöpfen, bis er, nach langem Schweigen, endlich tief aufseufzte und sagte: »Es ist alles gut; gehe hinab; ich komme nach. Ich schäme mich meiner Schwäche. Gehe, Dir zürne ich nicht . . .« »Blicke doch auf, Fabi, blicke auf zu mir!« sagte sie, neben ihm knieend, indem die Thränen des Kummers über ihre Wangen rollten, und sie ihm die langen, braunen Haarlocken von der Stirn zurückstrich. »Ich bin Epiphania; sieh Deine Schwester an!« »Wie? Bildest Du Dir ein, der Wahnsinn habe meine treuen Sinne bestochen und verwirrt?« rief er aus, und rückte von ihr weg. »Ich erkenne Dich wohl. Fürchte nichts. Meine Sinne und mein Gedächtnis sind jung geblieben, indessen mich eine einzige Stunde zum Greise gemacht hat, getäuscht und lebensmüde, als trüge ich hundert Jahre.« »Du bist sehr krank, sehr, o teurer Fabi! Du thust und redest nicht so, wie gewöhnlich.« »Kein Wunder, da ich das Unglaubliche sah!« rief er, indem er sich vom Boden aufraffte. »Täusche Dich und mich nicht! Die Wassertropfen auf Deiner Wange werden die Stellen nicht rein waschen, die des Pfaffen Kuß entweihte, als Du Dich von ihm geduldig herzen ließest.« »Gott im Himmel!« schrie Epiphania, und sprang mit Entsetzen auf. »Du sahst uns? Fabi, ich mag es nicht glauben, Du wärest uns nachgeschlichen? Mich hättest Du heimlich belauscht?« . . . Sie ging bei diesen Worten rasch von ihm, dann kehrte sie sich wieder zu ihm und sagte mit stolzem Unwillen: »Das war deiner unwürdig. Ich hatte Dich gebeten, mich und den Berg zu verlassen. Du hast mein Zutrauen betrogen, und Deine sträfliche Neugierde zu sättigen war Dir lieber, als meine Bitte zu erfüllen . . .« »Du irrest! Nicht Neugierde zog mich, sondern die Besorgnis, Deine leichtgläubige Gutmütigkeit könne Dich in Gefahr bringen. Ich wußte freilich nicht, daß Du eben diese Gefahr suchen wolltest.« »Gefahr? Nirgends, Fabi! Du hast also . . . o Fabi, sage mir ehrlich, wie Dein Gewissen es dem Allwissenden sagt: hast Du alles gehört? Kennst Du ihn?« »Und wenn auch schon mein Gehör aus der Ferne nicht zu Euch reichte, las ich doch Eure Gespräche, Wort für Wort, in Euren Geberden. Alles, alles! Ja, ich kenne ihn, diesen Abenteurer, diesen Schleicher, den tückischen Papisten. Er ist glatt und still und kalt und heimtückisch, wie die Eisrinde des gefrornen Sees, die den Knaben im Winter anlockt, um dann unter seinen Sohlen zu brechen und ihn zu verschlingen.« »Fabi, bei Deinem und meinem Herzen, lästere diesen Heiligen nicht, oder ich entferne mich, denn ich darf und will die Zunge, mit der Du mich Schwester nennst, nicht ruchlos an dem freveln hören, was mir teurer als das eigene Leben gilt.« »Unglückliche, Dir teurer! Er, der uns für die Ewigkeit scheidet!« »Fabi!« . . . rief sie, und wollte fortfahren. Er aber unterbrach sie, und fragte mit zitternder Stimme: »Sage mir, in Gegenwart des lebendigen Gottes, sage mir . . . Epiphania, in Deiner Antwort liegt die ganze Wendung meines Schicksals . . . Epiphania, warum tritt dieser zwischen Dich und mich? Was ist sein Zweck? Er will Dich dem heiligen, evangelischen Glauben Deiner Väter abtrünnig machen; er will Dich zum Übertritt ins Papsttum bewegen. Epiphania, will er? Und wenn es der Jesuit will, warum das? Epiphania, weiche mir nicht aus, antworte: Will er Dich zur römischen Kirche hinüberziehen? Will er?« Epiphania erblaßte, senkte die Augen, und ohne diese zu erheben streckte sie die Hände in flehentlicher Stellung gegen Fabian aus. Da verstummte auch der Jüngling, und sein Antlitz wurde bleicher als das Antlitz eines Toten. Er that schwankend einige Schritte umher. Dann bedeckte er sein Gesicht mit beiden Händen, lehnte das Haupt an den Stamm eines vom Sturm gebrochenen Ahorns und weinte laut und bitterlich. Sie hörte sein Schluchzen, bewegte sich aber nicht von der Stelle. Die Hände gefaltet und mit Innigkeit an die Brust gedrückt, stand sie da, ein rührendes Bild des unendlichen Schmerzes, der sie beklemmte. Obgleich die Thränen ihre Augenlider röteten und über die blassen Wangen niederperlten, verzog sich doch keine Miene ihres schönen Gesichtes, gab sie doch keinen Klagelaut von sich, als wäre sie in ein weinendes Marmorbild verwandelt. Kaum hörbar zitterten ihre Seufzer über ihre Lippen, Durch die Wohlthat der geweinten Thränen erleichtert, ermannte sich der Jüngling endlich. Er trocknete seine Augen. Sein Entschluß war gefaßt. Er wandte sich fest und mit der Ruhe verzweiflungsvollen Verzichtens zu Epiphania, die in ihrem Innern erstarrt blieb. »Lebe wohl, Schwesterherz, mein Leben!« rief er. »Es ist um mich geschehen, möge Gott mir weiter helfen! Ich will diese Nacht ein anderes Obdach suchen; ich kann Dich nicht zum Moose begleiten, Lebe wohl! Weine nicht . . . Ich liebe Dich noch. Ich bin allzu betrübt; ich kann Dir nichts mehr sagen. Lebe wohl! Gott erbarme sich Deiner Seele!« Sie antwortete nicht und starrte ihn mit unbeschreiblicher Wehmut, ohne eine Bewegung zu machen, durch ihre Thränen an. Er wandte sich mit tiefem Seufzer von ihr und ging mit schweren, langsamen Schritten auf dem Fußwege im Gebüsch vor sich hin bis zur Bergfläche. Dort blieb er wieder stehen und machte seinem unbesiegbaren Gram abermals in Thränen Luft. Dann schwankte er weiter, kehrte aber wieder um, Epiphania noch einmal zu sehen und zu befragen. Und als er zurück kam, stand sie noch mit auf der Brust gefalteten Händen und mit dem erblaßten Gesichte da, wie vorhin. »Ich komme zurück, um eine Antwort aus Deinem Munde zu hören, warum weigerst Du sie mir?« sagte er mit Fassung. »Warum willst Du schweigen, da ich Dich vielleicht von einem Abgrunde zurückführen könnte, an dessen Rand Dich, unerfahrnes Kind, arglose Güte und blinder Glaube an das Menschenherz geleitet haben?« Epiphania senkte ihren Blick vom Himmel auf ihn nieder; während sie jedoch den Jüngling mit klagendem Blicke betrachtete, blieb ihr Mund versiegelt. »So hat er Dich schon gänzlich von mir fortgerissen?« rief Fabian. »Warum frage ich denn noch? Über das, was meine Augen sahen, kann ja kein Wort und kein Eid von Dir eine Decke werfen. Ich habe Dich in den Armen der Hölle erblickt.« »Fabi!« sagte Epiphania mit einer Stimme, die sein Innerstes durchschnitt, mit einer Stimme, in welcher ihn Schmerz und Zärtlichkeit, Vorwürfe und flehentliches Bitten anriefen. »Nur ein Wort, Faneli, nur ein einziges!« rief er. »Du hast ja zu seinen Füßen, Du hast ja in seinen Armen gelegen. Du bist . . . o Mädchen, o Fani, soll ich mir denn das Gräuelvollste mit eigenem Munde vorsagen? Sprich doch, Du liebst ihn?« Sie ließ die Hände auseinander fallen und sagte mit dem Ausdruck der reinsten Gutherzigkeit: »Aber mit einer heiligen Liebe!« »Habe ich denn jemals zweifeln können, daß aus Deinem Herzen anderes als heiliges hervorgehe? Im römischen Babel, ja im Höllenreich selbst wirst Du ein Engel bleiben. Aber, Epiphania, die scheinheilige Schlauheit des . . . des . . . o, er sei, wer er wolle, er hat Dich in Deinen frommen Einbildungen gefangen und gebunden. Du bist betrogen . . . ich kenne ihn.« »Du kennst ihn also, Fabi!« sagte sie langsam, gespannt und forschend. Dann schwieg sie, als wollte sie mehr von ihm hören. Fabian erzählte nun, wie er mit dem Niederländer und dessen Begleiter im Hohlwege bei Erlisbach zusammengetroffen sei; wie derselbe in der Berghütte mit Geld und Versprechung erst in den Spielmann, dann in ihn selbst gedrungen sei, Epiphania zu entführen. Alle Gespräche, die er mit ihm gepflogen, widerholte er aus seinem treuen Gedächtnis, und dann fügte er die Frage hinzu: »Glaubst Du nun, daß ich ihn kenne?« Während der ziemlich langen Erzählung war auf Epiphanias Wangen die natürliche Farbe allmählig zurückgekehrt. Sie hörte mit seltsamer Neugierde alle Berichte, und that noch viele Zwischenfragen, um auch das Kleinste und Bedeutungsloseste zu vernehmen. »Glaubst Du nun, daß ich ihn kenne?« frug er noch einmal. Sie schüttelte das Köpfchen mit trübem Lächeln und erwiderte: »Nein, lieber Fabi, Du kennst ihn also wahrlich nicht.« »Doch ist's derselbe, der droben bei Dir war?« »Ja, liebe Seele, der ist's gewesen.« »Und dem Spielmann und mir machte er Anträge Deinetwegen.« »Ich weiß es. Ja er hat's gethan. Zürne ihm darum nicht.« »So sage mir, Epiphania, wer er ist?« »Mein Heiliger.« »O, ich verstehe Dich. Aus welchem Kloster kommt er? Ist er ein Prälat? Wer hat ihn gesandt oder Dir zugeführt?« »Gott!« »Armes, entsetzlich verblendetes Kind! Nicht Gott, nicht Gott! Er scheidet Dich von Gott und Deiner Seele Seligkeit und von mir Unglücklichem. Laß ab von ihm. Fliehe, fliehe!« »Das darf, das kann, das will ich nicht!« sagte sie mit einer Festigkeit, die den Jüngling erschütterte. »Darfst, kannst, willst nicht?« wiederholte er mit erlöschender Stimme. »Also . . . zu spät! Ist dies Dein letztes Wort, Epiphania?« »Wodurch habe ich Dein Vertrauen eingebüßt, Fabi?« »Durch Dein Geheimnishaben vor dem Bruder, Fania.« »Ich habe Verschwiegenheit gelobt und werde Treue halten. Fabi, vertraue mir. Einst, wenn Leonore genesen oder im Grabe ist, wirst Du alles erfahren. Vertraue mir bis dahin!« »Nein, Unglückliche, ist's jetzt zu spät, Dich zu retten, wie dann? Epiphania, laß ihn fahren, den gefährlichen Verführer, um Deiner Seligkeit willen, lasse von ihm!« »Ich kann nicht.« Fabian verstummte, that einen schweren Seufzer, und wie an Kraft erschöpft, sagte er endlich: »Es will Abend werden. Gute Nacht, ewige gute Nacht! Grüße Addrich und Leonoren; ich kann sie nicht mehr sehen. Gott sei Deiner Seele gnädig! Gehabe Dich wohl!« Als er bei diesen Worten von ihr gehen wollte, stieß sie einen lauten Schrei aus, schlang ihre Arme um seinen Hals und rief in Verzweiflung: »Fabi, verlaß mich nicht!« »Hast Du mich nicht schon verlassen?« fragte er traurig. »Hast Du mich nicht verstoßen?« »Ich Dich verstoßen? Kann ich denn meine einzige Seele aus mir verstoßen? Verlaß mich nicht, Fabi; meine Seele zieht Dir nach und es bleibt nur meine Leiche zurück, wenn Du gehest. Verlaß mich nicht; ich will ja alles thun, was Du willst und gebietest; aber bleibe bei mir, daß ich nicht sterbe!« Sie rief diese Worte mit so durchdringender, schmerzlicher Stimme, sie hielt ihn so fest umklammert, daß er keinen Versuch wagen konnte, sich loszuwinden. »Und wenn ich fordere, daß Du . . .« sagte er mit neuer Hoffnung. Doch sie unterbrach ihn und rief. »Alles, alles, Fabi, nur das eine nicht, bis Leonore genesen oder im Grabe ist. Dann, dann . . .« »O meine Schwester, dann ists zu spät.« »Nicht doch, grausamer Fabi, nicht doch! Vertraue mir mit Zuversicht. Hat Dich mein Herz denn je belügen können? Nur das Eine begehre nicht; alles sonst . . . aber verlasse mich nicht!« Fabian schwieg nachdenkend. Er wurde bei Epiphanias Hartnäckigkeit und dem unwidersprechlichen Ausdruck ihrer Liebe zu ihm an sich selbst irre. Dann versuchte er einen andern Weg, diesen Widerspruch auf eine entscheidende Weise zu lösen. »Faneli,« sagte er und legte seinen Arm um sie, »ich will zwei Fragen an Dich thun. Deine Antwort kann mir die ganze Ruhe wiedergeben, nach der ich mich sehne.« »Fabi, frage alles, nur nicht um das, was ihn angeht.« »Kannst Du mir versprechen, Epiphania, nie, unter keinen Verhältnissen, welche es auch sein mögen, Deinen evangelisch-christlichen Glauben zu verläugnen, niemals Dich zum Übertritt in die Gemeinschaft der Papisten bewegen zu lassen?« Epiphania fragte stockend dagegen: »In die Gemeinschaft? Wie meinst Du das?« »Daß Du niemals römisch-katholischer Religion werden willst . . . daß Du es auch jetzt noch nicht bist?« Sie schien über die Frage nachzusinnen. Fabian fühlte einen Schauder in seinen Gliedern, als sie einige Augenblicke zu antworten anstand. Endlich sagte sie: »Könnte es Dich also ganz und über alles beruhigen, wenn ich Dir antworten würde: ich bin noch nicht katholisch und will evangelisch bleiben, wie Du, und so lange wie Du selbst?« »Ja, es gäbe mir meine Zufriedenheit zurück.« »Nun denn, verscheuche Deine Sorge. Ich bin ja nicht katholisch und will keinen andern Glauben annehmen, als Deinen Glauben. Könnte ich denn anders, Fabi? . . . Ist das nun alles?« Fabian drückte sie fest an sein Herz und sagte stammelnd: »Ich hätte noch die zweite Frage. Aber . . . ich frage nicht. Ich sah ja . . .« Hier fielen seine Arme, mit denen er sie umschloß, wie gelähmt von ihr ab. Er zog den Kopf von ihr zurück, als wollte er sich von ihrer Umschlingung frei wissen. »Nun, was sahst Du, Fabi?« fragte sie etwas ängstlich und wollte die Antwort aus seinen Augen lesen. Er seufzte, und hinwegblickend sagte er: »Ich sah seine Lippen auf Deinen Wangen.« »Schon wieder von ihm? Du brichst Dein Wort. Berühre ihn nicht, Fabi, vertrau! Bin ich nicht Deine Schwester?« »Meine Schwester, ja, aber seine . . . laß mich, Epiphania!« »Thue Deine zweite Frage, aber berühre ihn nicht.« »Nun denn, Epiphania, soll ich die Frage thun?« »Warum quälst Du Dich und mich, Fabi? Rede!« »Du hast mich noch lieb, Fani?« »Ist das die Frage?« »Nein, aber . . . o Fani, rede frei vor Gott und mir: kannst Du geloben, keines anderen Geliebte, keines andern Braut jemals zu werden . . . Fani, keines andern Weib je zu werden . . . Fani, Gott hört uns! . . . als das meinige?« Mit aller Anstrengung brachte Fabian doch die letzten Worte nur sehr leise hervor. Es trat eine lange Ruhe ein. Ihr errötendes Antlitz sank auf die Brust nieder, deren Bewegung den inneren Kampf oder eine Furcht verriet, die sie verhehlen wollte. Er bemerkte diese nicht unerwartete Verlegenheit und trat einige Schritte von ihr zurück. Sie hielt ihn diesmal nicht fest. Je länger sie sprachlos blieb, desto mehr stieg seine Angst. Einigemal bat er mit laut schlagendem Herzen um Antwort. Endlich legte er beide Hände vor sein Gesicht und sagte in der tiefsten Betrübnis seiner Seele: »Nein, antworte nicht!« Jetzt wandte sie furchtsam und verschämt das Angesicht zu ihm hin und sagte: »Warum bist Du heute mit mir, wie Du es nie gewesen? Du hast Renolds Rede, Renolds Ungestüm und, der Himmel verzeihe mir oder Dir, Renolds verdammliches Wesen. Bin ich nicht Deine Schwester?« Er nickte schweigend mit dem Haupte. »Bist Du nicht mein alles? Oder könnte ich Dir mehr werden?« »Nein, Du darfst nicht. Ich kam zu spät,« versetzte er, ließ die Hände vom Gesichte und sagte mit einer erzwungenen Ruhe des Tones, indem er ihre Hand nahm: »Ade! Es muß geschieden sein. Lebe wohl, Schwesterherz! Es war nicht Deine Schuld, ich kam zu spät.« »Fabi!« schrie das geängstigte Mädchen. »Es peinigt und verwirrt Dich ein böser Geist. Verlasse mich nicht; um Gotteswillen nicht!« »Antworte auf meine Frage deutlich: keines andern Verlobte, Braut, Weib?« rief er und seine Hand zitterte dabei in der ihrigen. »Deine Braut? Fabi, besinne Dich doch! Du sprichst wie ein Trunkener mit der Schwester.« »Antworte! Gieb mir das Recht des Bräutigams, Fani!« Sie blickte wieder zu ihm auf und senkte schamvoll die Augen nieder, als sie den seinigen begegnete. Dann sagte sie mit kaum verständlicher Stimme: »Es ist etwas Sündiges an Dir.« Nach einigem Bedenken hob sie von neuem an: »Gedulde Dich, o einige Tage nur, dann . . . Ja, dann bringe ich Dir die Antwort.« »Also Du hast keine Freiheit mehr? Bist Du schon eines andern Verlobte, eines andern Braut?« »Nein,« erwiderte sie schnell. »Nun sei ruhig!« »Und willst Du, wenn nicht meine Braut, mein Weib, nie das Weib eines andern werden?« Nach einigem Sinnen sagte sie mit erneutem Erröten, aber fester Stimme: »Das darf ich Dir und Gott geloben. Nein, ich will nie eines andern sein, so lange Du es selbst mir nicht gebietest.« Überrascht und als hätte er Argwohn gegen sein Gehör, verlangte er die Wiederholung der Worte. Sie gehorchte und sagte darauf wieder mit aller schwesterlichen Traulichkeit: »Nicht wahr, Fabi, nun bist Du ruhig? Nun weichst Du nicht von mir?« Er drückte sie mit seinem Arm fest an seine Brust, und seine Lippen brennend an die ihrigen. So standen sie lange. Die Sonne sank herab, die Gletscher traten erblassend in den blauen Duft zurück, und die Thäler zerflossen in ungewissen Dämmerungen. »Hinab ins Moos!« rief Fabian. »Ach,« seufzte Epiphania, »Geduld! Ich muß mich sammeln. Fabi, Du bist nicht mehr, der Du gewesen bist. Gewiß nicht; es wohnt ein anderes Wesen in Dir. Oder habe ich Dich noch nie gekannt, als heute? Oder habe ich Dich nicht immer über alles geliebt, daß ich Dich nun noch unaussprechlicher liebe? Oder ist meine Freundschaft sündig geworden, daß sie mir fremd und neu erscheint? Sonst ist's nicht so gewesen. Was wird er sagen?« »Wer, Fani?« »Hinab ins Moos!« rief sie, ergriff seine Hand und führte ihn durch die Gebüsche ins Thal hinab, zur Hütte. 36. Unerwartete Hoffnung. Todesstille herrschte in Addrichs Hause. Das einfache Abendessen stand bereit. Brot, Milch und Käse, nebst einer irdenen Schüssel gekochten, trocknen Obstes. Für Fabian setzte das geschäftige Änneli freundlich eine Flasche Wein dazu. Knechte und Mägde standen versammelt umher; Addrich jedoch erschien nicht, auch als Epiphania ihm die Ankunft Fabians gemeldet hatte. Er verweilte im Krankenzimmer seiner Tochter Leonore, und verlangte mit ihr und seinem Grame allein zu bleiben. Nach dem Tischgebete, welches abwechselnd von den Mägden und Knechten halblaut und eintönig hergemurmelt wurde, nahm man auf den Bänken platz. Niemand versuchte, das Mahl mit Gespräch und Scherz zu würzen, und wenn einer der Speisenden das Schweigen unterbrach, so geschah es mit kurzen Worten und gedämpfter Stimme. Das war die Ordnung dieses traurigen Hauses. Nach beendetem Mahle, als der Tisch von Ännelis gewandter Hand abgeräumt und das Zimmer von allen verlassen war, blieben Epiphania und Fabian, beim gelben Schein der Lampe, auf ihren Plätzen am Tische im leisen Geplauder mit einander zurück. So fand sie Addrich, als er hereintrat und sie, über den Tisch die Hände einander vertraulich haltend, sein Kommen nicht bemerkten, bis er neben ihnen stand und den jungen Freund begrüßte. Fabian, ohne die Schwesterhand fahren zu lassen, reichte ihm von seinem Sitze die Linke entgegen, und sagte: »So möchte ich Euch beide mein Lebenlang an mir halten!« »Wir sind Schatten,« erwiderte der Alte, »die Du nicht fesseln kannst. Schatten ist was war, was ist und sein wird! Doch Du hast recht. Ergötze Dich am Gaukelspiel Deiner Wünsche. Vor Zeiten war ich ebenfalls ein Kind, wie Du.« Er sagte dieses mit einer innern, tiefen Bewegung, mit bebender Stimme, wie es jedesmal zu sein pflegte, wenn er vom Siechenbette der heißgeliebten Tochter kam. Seine Augen waren geröteter als sonst. Als hätte der Schmerz seiner Seele alle Kraft seiner riesigen Gestalt verzehrt, so hing er matt und schlaff über den Tisch indem er den vorgebogenen Leib mit aufgestemmten Händen und Armen unterstützte. Fabian versuchte auch jetzt und wie immer vergebens, ihn durch Vorstellungen und Gründe, die ihm Vernunft, Religion, oder der Stolz des Mannes darboten, zu ermutigen und zu erheben. Addrich antwortete seiner Gewohnheit nach entweder mit einem Lächeln, welches seine ganze Verachtung gegen solche Arznei aussprach, von der kein wahrhaft krankes Gemüt gesunden könne; oder mit Bemerkungen über Schicksal und Leben, die noch schrecklicher waren, als sein Lächeln. Endlich brach er die Unterredung ab und sagte zu Epiphania: »Gehe hinauf, Kind, zum armen Loreli. Es hat heute wieder einen seiner mildern Leidenstage, und hängt an nichts mehr auf Erden, als an seinem Vater und an Dir. So gehe denn. Entziehe Deiner Schwester keinen Augenblick, wo Deine Gegenwart, Dein freundliches Geplauder ihr die kurze Zeit ihres Daseins noch versüßen kann. Gehe. Es ist noch nicht spät und ich habe mit Fabian zu reden. Vielleicht mache ich noch einen weiten Gang an diesem Abend. Gehe!« Sie gehorchte und stand auf; Fabian mit ihr. »Vielleicht, Fabi, sehe ich Dich heute nicht wieder,« sagte sie. »Gute Nacht, Fabi!« Sie reichten sich die Hände und schieden. Addrich setzte sich jetzt zu Fabian auf die Bank, den Rücken an den Tisch gelehnt, und begann, als wolle er sich gewaltsam zerstreuen, allerlei Fragen, die anfangs ohne Zusammenhang schienen. Fabian mußte ihm über mancherlei berichten; auch über die Unterredung mit dem Dekan von Aarau. Als er von der Feuersbrunst am Thuner See, der dabei bewiesenen Thätigkeit des Schweden und von Fabians gänzlicher Dürftigkeit hörte, rief er, einen schweren Fluch über Gideon Renold murmelnd: »Hätte ich diese Bestie gegen die Wälle von Bern und Solothurn nicht nötig, wollte ich sie den nächsten Tag am Galgen zappeln lassen. Er ist schon so verrufen, wie ein Churer Batzen. Man muß jedoch hier zu Lande manchen zu Gast bitten, der längst vom Henkersmahl hätte satt sein sollen. Habe Geduld und wahre Dich einstweilen, da er Dir nachstellt, bis wir ihm das Bohnenlied singen.« Fabian bewies durch seine Gleichgültigkeit gegen Addrichs Warnung, wie wenig er den Schweden fürchtete, und setzte seine Erzählung von dem fort, was er im Pfrundhause zu Aarau durch den Dekan vernommen. Addrich hörte ihm mit wachsender Teilnahme zu, besonders, als die Rede auf den lateinischen Brief und auf die Vermutung des ehrwürdigen Geistlichen von Aarau kam, ob nicht der Prälat von St. Urban vielleicht mit dem Briefsteller, der so geheim thue, ein und dieselbe Person sein möge? »Blitz!« rief Addrich und sprang auf. »Es wird helle! Hast Du mir nicht von einem Mohren erzählt, den er bei Olten bei sich gehabt? Es ist dies Negergesicht vor einigen Wochen schon in dem alten Cisterzienstift bemerkt worden; nein, nicht da, doch nur wenige Büchsenschüsse davon, im Wirtshause vor Roggwyl. Die Pfaffen hassen wohl die Ketzer, aber nicht die Ketzerinnen, und heiraten nicht, so lange die Bauern Weiber haben. Ich will dem Abte nächstens über den Zaun schauen!« Fabian drängte es, von dem Schauspiel zu reden, welches er vor wenigen Stunden noch auf der Bampf gehabt, doch Ehrfurcht und Liebe für Epiphania geboten ihm zu schweigen. Indessen unterließ er nicht, den Alten zu warnen, daß er auf der Hut sein möge, denn man müsse vor der Mönche List und Gewalt ebenso sehr, als vor Epiphanias gutmütiger Leichtgläubigkeit zittern. Addrich beruhigte den Jüngling. »Dies Haus ist wohl bewacht,« fügte er hinzu, »meine Knechte sind auserwählte Burschen, alle bewaffnet, wie zu einer Belagerung. Wer hier Gewalt versucht, wird kalt gemacht, und Faneli verläßt mein armes Kind nicht so lange es atmet. Aber, Fabian, hätte ich das alles nicht erfahren, was ich nun weiß, ich müßte dennoch mit Dir ein Wort im Ernste reden, und der Bitte meines armen Loreli Genüge thun. Sie will Epiphania geborgen und glücklich sehen; sie zittert vor dem Lose derselben, wenn der Schwede . . . sie hat mirs gesagt, ich selbst wußte, daß meine Nichte nur für Dich lebe. Fabian, ohne Umstände, lege Deine Kinderschuhe ab; es ist Zeit, Faneli ist Deine Schwester nicht, Du bist nicht ihr Bruder. Es ist die letzte Freude, die Du meiner armen Tochter ins sterbende Herz träufeln kannst, wenn Du die unschuldige, kindliche, treue Fani nicht verlässest; wenn Du sie, ehe Leonorens Augen brechen, zu Deinem Weibe machst. Frage nicht, nun Du um Habe und Gut gekommen bist, wovon eine Frau zu ernähren! – Was ich besitze, teile ich mit Dir, Epiphania erbt ja alles von mir, da ich keine Tochter hinterlassen werde.« Er sagte diese letzten Worte mit leiser Stimme, die zuletzt ganz tonlos zum Seufzer wurde. Der Jüngling, anfangs durch den Antrag überrascht, flammte plötzlich in allen Strahlen der Freude auf, und rief: »Addrich, das ist's, was ich selbst Dir sagen wollte. Heute oder morgen wollte ich ihre Hand von Dir fordern.« »Du kennst die kleine Thörin. Sie wird sich sträuben . . .« fuhr Addrich ruhig fort. »Nein, glaube es nicht,« rief Fabian. »Sie hat gelobt, keines andern Weib zu werden, wenn nicht das meinige.« »Desto besser!« sagte der Alte. »Diese Tage freilich haben das Ansehen, mehr Witwen als Bräute zu machen, doch Leonoren muß die letzte Freude werden. Also bleibts dabei! Aber Fabian, unter uns beiden muß zuvörderst noch etwas abgethan sein. Reiche mir die Hand, und versprich zu erfüllen, was ich von Dir verlange.« »Rede erst, Addrich! Ich gebe meine Hand nicht, ohne zu sehen, wohin?« »Wie, Bursche, Du möchtest gewinnen, aber nichts auf die Karte setzen? Wie hoch gilt Dir meine Nichte?« »Mehr als das Leben, Addrich!« »So hoch ist der Preis nicht, den ich für sie fordere. Hand her! Schlag ein!« »Nein, thue den Sack vorher auf und laß mich hineinschauen, ehe ich die Ware kaufe!« »Nun denn! Du versprichst mir, Epiphania nicht zu zwingen oder zu beschwatzen, mein Haus zu verlassen, so lange Leonore am Leben ist.« »Hier, Addrich, die Hand! Ein Mann ein Mann, ein Wort ein Wort!« Fabian legte die seinige in Addrichs Hand. »Gut!« sagte Addrich. »Ich halte sie fest für ein zweites Wort!« »Sie hilft Dir nicht, ehe ich das zweite Wort gegeben; laß hören!« Fabian zog die Hand zurück. »Du mußt mir in den gegenwärtigen Zeiten treu zur Seite bleiben, Fabian; ich bedarf Deiner vielleicht. Du hast Wissenschaft und kannst die Feder besser führen als mancher Pfarrer und Landschreiber; auch bist Du Arzt und Wundarzt. Es wird nächstens manchem der Magen verdorben werden, wenn sich Herren und Bauern gegenseitig mit blauen Bohnen beschenken. Du weichst nicht von mir, bis die Sache des Volkes entschieden ist.« »Nein, Addrich, ich helfe der Obrigkeit nicht, das Volk zu unterdrücken, aber ich helfe Deinen wilden Bauern ebenso wenig, gegen die Obrigkeit anbellen.« »Bursche, vergiß nicht, Du bist ehrlicher Bauern Kind, und hier heißts: Wer nicht für uns ist, der ist wider uns. Bursche, vergiß nicht, es steht eine Braut und stattliche Aussteuer auf dem Spiele. Der Tanz mit den Städten wird bald abgethan sein, und vor Pfingsten noch, hoffe ich, machen wir ihnen den Kehraus. Jakob diente vierzehn Jahre um Rahel; ich verlange von Dir keine vierzehn Wochen.« »Nicht der Lohn macht den Unterschied, sondern die Arbeit.« »Was begehre ich, Bursche? Es gilt die gerechteste Sache. Man soll den armen Leuten in diesen Bergen nur gnädigst erlauben, Menschen sein zu dürfen; mehr nicht.« »Die Menschwerdung macht bei Euch einen unmenschlichen Anfang. Nein, Addrich, nein, dazu biete ich nicht die Fingerspitze.« »Und wenn es Faneli von Dir fordert?« »Nein, Addrich!« »Bursche, und Du wolltest vorhin das Leben für das arme Mädchen daran setzen?« »Ja, mein Leben wohl, aber nicht mein Gewissen . . .« »Tropf, ich merke woran ich mit Dir bin. Du kommst vom Pfarrer und Dorfschulmeister, hast aber die Hochschule des Schicksals noch nicht besucht. Du sprichst Bernerdeutsch, ich Schweizerdeutsch, wir verstehen einander nicht.« Addrich ging mit hastigen Schritten einigemal schweigend das Zimmer auf und ab, und kehrte endlich langsam zu Fabian mit den Worten zurück: »Du thust mir leid, Fabian. Es hilft Dir alles nichts. Freund oder Feind, hart oder linde mußt Du sein. Was nicht zu den Scheerenklingen gehört, wird zwischen beiden zerschnitten. Ich schlage Dir etwas anderes vor, Deines eigenen Heils wegen. Ich gebe Dir meine Nichte; Du aber begleitest mich morgen nach Hutwyl zur Landsgemeinde aller Bundesgenossen. Da sollst Du hören, was das gesamte Volk begehrt, und ob es Recht oder Unrecht will. Nachher entscheide Dich! . . . Von da begleitest Du mich, und weichst bis zum Austrag des Handels nicht von meiner Seite.« Fabian blieb eine Weile nachdenkend und sagte: »Warum das?« »Wie Du willst, Deiner oder meiner Sicherheit wegen.« »Der Deinigen wegen, Addrich, möchte ichs wohl.« »Auch als Arzt kannst Du gute Dienste leisten, und ohne Dein Katechismusgewissen in Gefahr zu stürzen, denn Du kannst mit Deinen Pflastern Juden und Samaritern beispringen.« »Auch das kann ich.« »Mehr verlange ich nicht, als Dein Wund- und Scheermesser. Der Degen und Spieße haben wir genug, auch ohne Dich. Deine Feder allenfalls nimm mit Dir; es giebt zu schreiben.« »Nein, Addrich, für diesen tollen Aufruhr verspritze ich weder Blut noch Tinte. Schwert und Feder haben ungleiches Gewicht; wisse jedoch: ein Schwertstreich kann wohl Fleisch und Knochen spalten, ein Federstrich aber scheidet Länder und Völker. Ich gehe, Addrich, als Dein Schutzengel, wohin Du willst, allein die Feder bleibt daheim.« »Mag's gelten. Hand her! Du weichst nicht von mir. Das andere wird sich finden.« »Hier die Hand, Addrich! Das andere aber suche nicht, denn Du wirsts nie finden.« Fabian gab ihm die Hand, welche der Alte kräftig, doch nicht ohne ein Lächeln schüttelte, in welchem etwas Schalkheit verborgen lag. Addrich führte ihn darauf mit der Lampe in eine anstoßende Kammer und sagte: »Du wirst ermüdet sein, Fabian. Hier steht Dein Bette; morgen sprechen wir weiter. Gute Nacht!« Damit entfernte sich der Alte rasch. Fabian trat zum Fenster. Es war noch nicht spät am Abend. Die Thalschlucht lag im bleichen Mondlicht. Wie das Rauschen eines nahen Stromes scholl das Getöse der Tannen im Winde. Da wankte eine menschliche Gestalt unter Fabians Fenster vorüber. Es war Addrich, der in seinen Mantel gewickelt, mit Hut und Degen noch eine geheimnisvolle Nachtreise antrat. Er verschwand bald im Schatten des nahen Waldes. 37. Unerwartete Erfüllung. Fabian überließ sich in aller Harmlosigkeit seinem gesunden Schlafe und er kam, da es schon eine Stunde Tag war, als der letzte, zur Morgensuppe. Auch Addrich, schon ganz reisefertig, leistete Gesellschaft, sprach viel und lebhaft und mit großen Erwartungen von der nahen Volksversammlung in Hutwyl, der feierlichen Beschwörung des Landbundes und der daraus notwendig hervorgehenden Entscheidung über das Schicksal der gesamten Eidgenossenschaft. »Die Töchter wissen,« fuhr er fort, »daß Du mir das Wort gegeben, mein Begleiter zu sein; und beide kennen auch den Preis dafür. Geh, nimm Abschied von der armen Leonore und weide Dich an der letzten Freude, die aus ihrem sterbenden Auge lächelt.« Der Jüngling gehorchte; der Alte folgte ihm. Beide traten leise in das Gemach der Leidenden, in welches die vorgezogenen Umhänge des Fensters nur einem dämmernden Licht einzudringen gestatteten. Epiphania stand am Bett der Freundin und reichte dem schüchtern herantretenden Liebling schweigend die Hand zum Morgengruß. Er wagte kein Wort zu reden. Leonore aber, an erhöhte Kopfkissen in halbsitzender Lage angelehnt, streckte ihm mit himmlischem Lächeln den Arm entgegen, und indem der Widerglanz innerer Freude die blassen Wangen der verschämten Kranken, wie der letzte Abendstrahl der Mai-Sonne den reinen Schnee der Alpenfirnen, rötete, sagte sie mit matter Stimme: »O Fabi, lieber Fabi, Du findest mich noch. Gott Lob, daß Dich mein Auge noch einmal sehen darf, ehe es bricht! Gieb mir Deine Hand, Faneli!« Epiphania reichte ihre Hand hin. Leonore legte sie in die des Jünglings, sah mit neuem Erröten und lächelnd zu beiden empor und sagte. »Meine Seele segnet Euch. Vor Gott betet sie für Euer Heil. Ich werde oft bei Euch sein.« Fabian und Epiphania standen stumm und mit thränenvollen Augen da. Eleonore bemerkte es, lächelte das Paar zärtlich an und sagte: »Ich weine nicht mehr; Ihr habt noch Thränen. Die Freude weint auch; die Seligkeit nicht. Das Leben ist schön, doch nur ein Schatten . . . Schatten des Überirdischen!« Sie sprach mit leiser aber fester Stimme Es war die Stimme eines Engels über seinem Leichnam. Ihr Haupt schien von Heiligenglanz umflossen. Addrichs Herz brach bei diesem Anblick. Er floh stilljammernd aus dem Gemache an einen einsamen Ort. Es herrschte ein langes Schweigen. Die Knieenden wagten nicht einmal, laut zu seufzen. Endlich sagte Eleonore: »Nimm mir die harten Ringe wieder von den Fingern, Faneli . : . Dir den einen, Dir, Fabi, den andern. Traget sie zu meinem Gedächtnis!« . . . Und nachdem der rührende Befehl erfüllt war, lächelte die Selige und sagte: »Geh', es ist Zeit, es ist Zeit! Ich bete für Euch.« Epiphania und Fabian standen auf. Beide küßten die blassen Lippen der Jungfrau, die nur mit einem still lächelnden Blicke antwortete. Dann verließen beide leise das Zimmer, in welches, zur Pflege der Dulderin, eine der Mägde eintrat. Epiphania aber führte ihren Freund in ihr Gemach und sagte: »Fabi, also mußt Du schon wieder von hinnen, mit dem Oheim? Er hat mir alles gesagt und mir erlaubt, Dich und ihn bis Kulm hinab zu begleiten. Fabi, Du gehst ohne Gewehr, und es ist eine böse Zeit und unsichere Straßen. Wache über Dein Leben, denn es ist ja auch mein Leben, und kehre bald und glücklich wieder!« Nach diesen Worten eilte sie zu einer beinahe fünf Fuß langen, mit rotem Tuch und schwarzem Leder zierlich beschlagenen Kiste, wie dergleichen damals in reichen Bürgerhäusern zur Benutzung und zum Schmuck der Gemächer standen. Epiphania öffnete den Kasten mit dem Schlüssel und nahm ein breites Schwert daraus, dessen Handgriff mit Silber ausgelegt und dessen Gehenk mit Silber gestickt war. »Sieh', Fabi,« sagte sie, indem sie ihm das Degengehenk über die Achsel warf, »ich will Dich ausrüsten. Ich gebe Dir das einzige, was mir von meinem unglücklichen Vater, dessen ewiger Grabstein der hohe Rawyl geworden, geblieben ist.« Sie drückte bei diesen Worten den Griff des Schwertes an ihre Lippen und fuhr fort: »Diese Stelle ist durch Berührung von seiner Hand mir heilig.« »Und mir durch die Deiner Lippen,« sagte Fabian. »Ich werde es für keine ungerechte Sache entblößen.« »Wehe Dir, Fabi, wenn Du das thätest! Ich weiß vom Oheim, daß mein Vater, der heftigen Gemütes gewesen sein soll, einst im Irrtum fehlte, und einen Mann mit Unrecht erbitterte. Da riß ihm dieser das Schwert aus der Scheide, um ihn damit zu durchbohren. Fabi, ich erzähle Dir's nicht vergebens. Seitdem ich diese Geschichte gehört habe, blieb mir der Glaube, dieses Schwert habe irgend eine geheime Bestimmung.« »Und welche?« »Daß es seinem eigenen Besitzer gefährlich sei, wenn er sündigt. Ich selbst bin schon einmal von der Schärfe der Klinge verwundet worden; es schien zwar damals ein bloßer Zufall zu sein . . . aber, Fabi, ich wußte wohl, wie ich mich vorher schwer an Gott und den Menschen vergangen hatte. Fabi, verachte meine Ahnung nicht! Es giebt keinen Zufall, weil ein Gott ist, und glaube es, Fabi, in der Menschenbrust klingt und weissagt dem, der darauf horcht, zuweilen eine Stimme, die nicht die der Menschen ist.« Sie plauderte dieses und mehreres so ernst und gläubig, und sah dabei mit ihren Himmelsaugen so flehentlich und zärtlich zu dem Jünglinge auf, daß dieser gegen die Ahnungen und Stimmen aus Epiphanias Brust nicht das mindeste erwidern konnte und wollte. Er reichte ihr die Hand und sagte, an die Waffe schlagend: »Dem Unrecht Trutz, dem Rechte Schutz!« Sie wurden in dieser Unterredung durch Ännelis Eintritt gestört, welches ihnen ankündete, daß Addrich mit Ungeduld vor der Hausthür warte. Änneli selbst deutete durch ihr festtägliches Kleid schweigend an, daß sie der Gesellschaft folgen werde, um Epiphania wieder ins Moos zurück zu begleiten. Man ging hinab und schlug den Weg niederwärts durchs Thal ein. Addrich schritt mit weiten Schritten stumm voran. Hand in Hand, in ununterbrochenem Gespräch, folgten ihm Fabian und Epiphania durch Gebüsche und Wiesen. Änneli blieb bescheiden eine Strecke zurück und vertrieb sich die Langeweile mit Sammeln bunter Feldblumen, die sie am Wege pflückte und in kleine Sträuße band. Nur zu schnell für die Plaudernden war man am Fuße des Steinbergs von Kulm angekommen. Bei den ersten Häusern stand Addrich, die Nachkommenden erwartend, still. Epiphania hatte Halme gepflückt, die Fabian halten mußte, während sie die Enden derselben zum wahrsagenden Ringe verknüpfen wollte. »Aber, Fabi,« rief sie, während beide stillstanden und sie die prophetische Arbeit begann, »denke indessen an nichts anderes, als an unser baldiges Wiedersehen. Hörst Du? Bilden alle Halme zuletzt einen ganzen Ring, so werden wir bald wieder vereinigt sein; hängt aber im größeren Ringe, wie zwei Kettenglieder, ein kleiner: so sehen wir uns lange, lange nicht. Ach, Fabi, es quält mich ein banges Gefühl, es wird wohl so sein, da Du Addrich bei gefahrvollen Unternehmungen begleiten mußt. Man spricht ja noch immer vom Kriege. Wenn es aber gar zwei getrennte Ringe geben wird . . . dann steht uns Schweres bevor.« Sie knüpfte die Halmenden mit ihren kleinen Fingern zusammen; beide schwiegen. Änneli trippelte um beide herum, den Ausgang ängstlich erwartend. Endlich ließ Epiphania das Verknüpfte auseinanderrollen, und es entwickelte sich ein großer Halmenring. »Ach!« schrie Änneli laut. Es war ein kleinerer, einzelner zur Erde gefallen . . . . »Was?« stammelte Epiphania erschrocken. »Trennung für immer? Du wirst nicht wieder heimkehren zu mir? . . . O Fabi, was bedeutet es? Soll ich Dich nicht wiedersehen?« Wenngleich das Niederfallen des kleinen Halmenringes dem Jünglinge einen unangenehmen Eindruck verursacht hatte, wollte er doch alles kindischen Aberglauben nennen. Er lachte und spottete; sie aber schüttelte mit trüben Augen, ohne ein Wort zu erwidern, den Kopf und seufzte endlich: »Du wirst's erfahren, Fabi! Es wartet unserer beider großes Unglück. Fabi, gehe nicht mit Addrich. Fabi, gehe nicht! Er zieht Dich ins Verderben hinab.« In diesem Augenblicke erklangen vom Dorfturme die Glocken zum Beginn des freitägigen Gottesdienstes. Addrich, schon weit voraus, kehrte hastig zu den Zögernden zurück und ermahnte zur Eile. Während sie den Weg fortsetzten, schalt Addrich, als er vom Halmen-Orakel vernahm, die Thorheit seiner Nichte. »Possen!« rief der Alte unwillig. »Sollen verständige Männer ihren Rat vom blinden Finger eines Mädchens entnehmen? Kommt ins Dorf!« Als sie unter dem lauthallenden Geläute in die Nähe der Kirche gekommen waren, wendete sich Addrich mit einem eigentümlichen, boshaften Lächeln zu ihnen und sagte: »Dieweil wir doch, wie Faneli meint, einen gefährlichen Gang machen, so laßt uns ein Vaterunser lang in die Kirche treten!« »Spotte nicht, Addrich, spotte nicht,« sagte die Jungfrau ernst und mit dem Zeigefinger warnend. »Du machst das Wirtshaus zu Deinem Gotteshause; laß Gottes Haus einmal Dein Wirtshaus sein. Ja, kommet, kommet hinein! Lasset uns, ehe wir scheiden, zusammen beten! Uns ist Gottes Segen vonnöten.« »Ja, Dir und Fabian,« erwiderte Addrich. »Der Pfarrer ist bereit, Eure Trauung zu vollziehen; ich habe es gestern, noch spät abends, mit ihm verabredet. Zu anderer Zeit hätte er mir die Thür gewiesen wie ein Landvogt; jetzt ist er geschmeidig wie ein Ohrwurm. Tretet hinein!« Epiphania erblaßte. Sie wollte reden, doch die Worte erstarben auf ihren Lippen. Fabian betrachtete verlegen bald den Alten, der ein Kränzchen von künstlichen Myrten aus einer kleinen Truhe hervorzog und es dem bestürzten Änneli mit dem Bcfehle reichte, dasselbe auf Epiphanias Haupt zu heften. »Nein!« rief Epiphania. »Welches Spiel treibst Du mit uns?« Addrich suchte sie mit Ernst und Güte zu beruhigen. »Willst Du Fabian verschmähen, den Du lieb hast und den ich Dir für immer gebe, weil es der letzte Willen Leonorens ist? Dieser Kranz – Du kennst ihn wohl – ist der Brautkranz ihrer Mutter. Loreli gab ihn mir gestern mit den Worten: Erst soll er auf Epiphanias Scheitel, dann auf meinem Sarge liegen. Gehorche der sterbenden Schwester. Sie reichte Euch ihre Silberringe nicht unnützer Weise.« Epiphania stand bleich, bebend und wortlos da. Der Kranz befand sich schon auf ihrem Haupte. Sie warf einen klagenden Blick zum Himmel und faltete die Hände stumm zusammen. »Du hast uns in Deiner Art überraschen wollen, Addrich,« sagte der Jüngling, »aber Du hast uns betäubt. Nein, Faneli, zittere nicht. Nimm den Kranz aus den Haaren und gehe frei ins Moos zurück. Ich will Dich von Dir allein, nicht durch den Willen eines Lebenden oder Sterbenden, nicht durch List oder Gewalt. Gehe frei zurück! Addrichs roher Streich gegen unsere Herzen hat mich erschüttert, wie Dich. Aber in meinem Schrecken erwachte eine Freude, in Deinem nur Verzweiflung. Ich entbinde Dich von dem Gelübde, das Du mir auf der Bampf gegeben. Sei jedes andern Weib, wenn Du schaudern mußt, ewig allein mir anzugehören.« Sie betrachtete ihn mit traurigem Blicke, in welchem der Vorwurf lag, als wollte sie sagen: »Wie kannst Du also reden, Fabi?« »Kehre heim, Faneli!« fuhr er fort. »Du bist frei. Ohne Deinen Freiden habe ich keine Seligkeit. Ich werde Dich niemals anklagen. Du wurdest durch Addrichs Einfall auf grausame Weise überstürmt. Wir kennen den Oheim. Er scherzt mit dem Heiligsten in roher Weise und sieht dort nur Mauer und Turm, wo wir die Kirche und Ewigkeit vor uns sehen. Du kannst mir Deine Hand nicht geben; Dein Zittern und Erblassen haben Dich losgesprochen.« Er sagte dies mit bebendem Tone und bei erbleichendem Antlitz. Epiphania warf einen stummen Blick voll Schmerz auf ihn, ergriff aber seine Hand und ging langsam, das Haupt auf die Brust gesenkt, die Augen zur Erde gerichtet, zwischen frischen Gräbern hin, mit ihm voran zum Kirchhofe und dann in die kleine, schmucklose Kirche. »Epiphania!« sagte Fabian leise, indem er unter der Kirchenpforte stehen blieb und seine Führerin mit einem zweifelhaften Blick voll Bangigkeit und Freude ansah. »Fabi,« sagte sie gefaßt, »tritt mit mir vor Gottes Angesicht!« Sie schritten durch den mittleren Gang, zwischen den schmucklosen, grob aus Holz gezimmerten, vom Alter und Gebrauch glänzend gebräunten Bänken hindurch, zum Taufstein. Addrich und Änneli folgten; jener trat mit Fabian zur Rechten, diese mit Epiphania zur Linken. In den Sitzen der Kirche hatte die Andacht nur wenige alte Leute versammelt, die jetzt Zeugen einer unerwarteten Feierlichkeit wurden. Der Pfarrer erschien; die Glocken verstummten. Die Trauungsgebete begannen, die Ringe und das Jawort wurden gewechselt. Man ging zu den Sitzen der Zuhörer zurück, um noch das Gebet des Geistlichen auf der Kanzel anzuhören, mit dem die heilige Handlung geschlossen wurde. Epiphania, auf den Knieen, in sich selbst zusammengesunken, verloren in der Inbrunst des Redens zu Gott, vernahm weder das heilige Wort, noch das Schweigen des Mannes auf der Kanzel. Das Geräusch derer, welche die Kirche verließen, störte sie nicht. Lange harrten ihre Begleiter schweigend oder flüsternd neben dem Geistlichen, der sich zu ihnen begeben hatte. Endlich erhob sie sich und trat zu den Wartenden mit einer Miene, welche verriet, daß sich ihr Geist noch nicht ganz in die Gegenwart zurückgefunden habe. 38. Trennung. Nachdem die Neuvermählten noch die Glückwünsche des frommen Geistlichen empfangen hatten, gingen sie schweigend nebeneinander durch's Dorf und den Fußweg, den sie gekommen waren, über die Wiesen rechts zum Steinberg zurück. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Addrich schritt finster voran; minder mit der Gegenwart, als mit der Zukunft rechnend, murmelte er zuweilen einzelne, unverständliche Worte vor sich hin. Fabian blickte von Zeit zu Zeit still beobachtend auf Epiphania. Was seit einer Viertelstunde vor dem Taufstein der Dorfkirche verhandelt worden war, hatte seinen Gemütszustand unverändert gelassen und schien an den alten Verhältnissen zu der Jugendgespielin nichts geändert zu haben. Der Abend auf der Bampf war für ihn mit weit höherer Feierlichkeit geschmückt gewesen; die kirchliche Trauung hatte für ihn nur die Gestalt einer trockenen Förmlichkeit oder einer bürgerlichen Anerkennung dessen gehabt, was schon von selbst zwischen beiden Herzen abgeschlossen war. Ganz anders aber stand das Geschehene vor Epiphanias Seele. Zu ihr hatte nicht der Pfarrer, sondern der ewige Gott gesprochen, für die Ewigkeit; das Jawort war kein öffentliches Geständnis, sondern ein furchtbarer Eid gewesen, den sie vor dem Throne des Allerhöchsten abgelegt; das Wechseln der Ringe, das Auswechseln der Seelen, das Ende des Sichselbstgehörens. Sie hatte Fabian geliebt. Die Liebe war geblieben, aber, vom Irdischen ins Überirdische gehoben, nun Gottessache geworden. Sie selbst begriff nicht, woher sie die Kraft empfangen, die Majestät und Gewalt eines Augenblickes zu ertragen, der, ihr ganzes Schicksal wendend, erhabener als ihr gesamtes Leben dastand. Sie mußte die Einzelheiten der ganzen Begebenheit in ihrem Gedächtnis wiederholen, um an deren Wirklichkeit zu glauben. Während dessen trippelte Änneli dem jungen Ehepaare, mit sehr weltlichen Gedanken beschäftigt, nach. Diese Vermählung, so Knall und Fall, ohne alle Vorbereitung, ohne Nachgeschmack, ohne Kranz und Tanz, diese Hochzeit ohne Hochzeit, diese Brautleute in Haus- und Reisekleidern . . . dies alles hatte anfangs nur ihre Verwunderung, nachher ihre völlige Mißbilligung, zuletzt die Überzeugung hervorgerufen, es sei dieses eine Winkelheirat und vor Gott und Menschen ohne Gültigkeit. Als man zur Spitze des Waldes am Fuße des Steinberges gekommen war, wo der schmale Fußpfad in den Matten sich mit dem Fahrwege nach Dürrenäsch vereinigt, hielt Addrich still und mahnte zur Trennung. »Ich hoffe,« sagte er, »Ihr werdet mit mir zufrieden sein. Alles ist abgethan nach Wunsch; kurz und gut!« Fabian entgegnete: »Ich weiß nicht, ob gut, aber kurz gewiß. Gethan ist's, wie es der Platzregen auf durstigem Felde bewirkt, der, was nicht verdorrt ist, zu Boden schlägt. Dich verfolgt ein eigenes Geschick. Selbst das Almosen, welches Du giebst, überschimmelt zwischen Deinen Fingern sogleich mit Gift, und die Freude, die Du bringst, kommt mit keinem Lächeln, sondern mit Entsetzen und Schrecken daher, wie das Unglück.« »Mag sein, Bursche,« sagte der Alte finster, »doch das wünschte ich wenigstens: Du verständest, mir besser zu danken.« »Zürne nicht!« rief der Jüngling gerührt und reuig, indem er die Hand des Alten ergriff und an seine Brust drückte. »Ich danke Dir dennoch. Du hast mich zu Deinem Neffen gemacht, ich aber will Dich zu meinem Vater machen. Ich werde Dir folgen, wohin Du winkest. Lebe wohl, Faneli! Gedenke seiner und meiner in Liebe und Gebet. Ich gehe mit dem Oheim!« Epiphania, als hätte sie sich aus den Ereignissen dieser Stunde noch nicht ganz wiedergefunden, betrachtete den Oheim und den ihr vermählten Jüngling mit träumerischem Nachdenken und sagte: »Was treibet Ihr beide mit mir? Wohin wollt Ihr ohne mich? Was beginnet Ihr?« Addrich erwiderte sanft: »Wir wandern nach Hutwyl. Gehe heim, Kind, bewache das Haus und pflege Deine kranke Schwester, wie Du mir's angelobt hast.« »Was denn? Wie redest Du, Addrich?« rief Epiphania. »Bin ich nicht das Weib dieses Jünglings, dessen Schwester ich noch am Morgen war? Wie willst Du scheiden, was Gott verbunden hat? Ich habe vor dem Himmel einen Schwur gethan, der alle Eide löst, und ein Gelübde, neben dem kein anderes mehr gilt. Und hätte ich Vater und Mutter auf Erden, ich müßte Vater und Mutter verlassen, dieses Mannes wegen.« Der Alte schüttelte heftig den Kopf und sagte: »Schweige, Thörin, und halte uns nicht auf mit Deinen Grillen. Wir gehen einen Gang, den kein Weib gehen darf.« »Das sei Gott geklagt!« schrie Epiphania mit schmerzvoll zum Himmel gerichtetem Blick und auf die Brust gedrückten Händen. »Ich kenne Deinen Gang, es ist der Gang in den Abgrund. Du schleppst den Schuldlosen mit Dir hinunter und führst ihn aus der Hölle nicht wieder zurück. Ich bin einem Toten vermählt worden, keinem lebendigen Manne; Braut, Eheweib und Witwe bin ich in der nämlichen Unglücksstunde geworden. Du hast ihn und mich betrogen, Addrich; wie wirst Du Dein frevelhaftes Spiel vor dem Angesicht dessen verantworten, vor dem Du mich in dieser Stunde ihm geweiht hast?« Fabian schloß die Hand der Wehklagenden mitleidig in die seinigen und suchte sie durch einige Trostworte zu beruhigen. Addrich schien die Geduld zu verlieren, er lief einige Schritte voran und wieder zurück und sagte ärgerlich: »Mit weichherzigen Weibern und hartmäuligen Pferden bringt's keiner zum Ziel. Fort, Fabian, stecke Dir Wolle in die Ohren! Sie wird sich trösten, wenn wir hundert Schritte von ihr sind. Ich kenne die Weiber; sie lachen die nämlichen Thränen, die sie weinen, und drehen, wie den Rücken, ihren Sinn.« Unwillig erwiderte Fabian: »Du bist ein feiner Maler, Addrich; wenn Dir die Engel nicht geraten, machst Du Teufel daraus . . . Faneli, fasse Dich; wir kehren bald zurück. Ich beschwöre Dich, brich mir, durch Deinen Jammerblick, nicht das Herz. Nur noch ein einziges Lächeln gieb mir zum Abschiede!« »Wie soll ich neben Deiner Leiche lächeln, Fabian?« seufzte sie. »Du kehrst nicht wieder, glaube mir, nimmer kehrst Du wieder. Denkst Du nicht mehr an die verhängnisvollen Kränze, die auseinander fielen, ehe wir zur Trauung gingen? O Loreli's weissagender Gesang!« »Kindereien!« fiel ihr Addrich in die Rede. »Schäme Dich! Eine junge Frau muß nicht allen Weibertrödel feil haben. Es geht im Leben nicht alles nach Wunsch, auch wenn's zum Besten geht. Du mußt Dich an's Unglück gewöhnen, denn es gewöhnt sich an Dich. Du weißt wohl, man rutscht nicht auf Sammetkissen in's Himmelreich hinein. Also, gehabe Dich wohl! Grüße meine kranke Heilige. Ich führe Dir Dein Männchen über ein Kleines wieder zu.« Epiphania verneinte, ohne zu antworten, mit einer Bewegung ihres Hauptes. »Was gilt die Wette,« rief der Alte: »ich bringe ihn Dir, wenn Du uns am wenigsten erwartest, und ich richte Euch eine Hochzeit aus, wie sie noch kein Berner Landvogt prächtiger gehabt hat.« »Du bringst ihn nie wieder, Addrich . . . Du nicht!« seufzte die Neuvermählte. »Sein Loos ist gefallen, und das meinige mit dem seinen. O rede nicht vom alten Weibertrödel! Hast Du den Gesang vergessen, den unsere Seherin an meinem Geburtstage sang?« . . . Mit warnender Stimme fuhr sie fort: »Vom rosenfarb'nem Munde Erlischt die Lebensglut. Des Jünglings Purpurwunde Betaut das Grab mit Blut. Zu spät eilt deine Hilfe, Er fühlt nun keine Pein; Er schläft auf dürrem Schilfe; Sein Kissen ist der Stein.« Addrich's Gesicht verfinsterte sich bei diesen Worten auf schreckliche Weise, während er den Kopf auf die Brust niederhängen ließ. Endlich fuhr er rasch in die Höhe und rief: »Hat's der Satan auf's Quälen angelegt, muß ihm selbst der Engel die Pechpfanne füllen. Fort, fort, ich brauche meinen Verstand noch ein paar Tage oder Wochen, dann will ich wahnsinnig werden . . . Ade, Faneli, ade!« Bei diesen Worten küßte er die Jungfrau, drückte ihre Hand, ging davon und rief: »Mir nach, Fabian!« Der Jüngling wollte seiner Freundin Lebewohl sagen, er konnte jedoch nicht reden. Beider Hände lagen fest in einander und er lehnte seine Stirn an die ihrige. So standen sie lange schweigend da, zitternd, thränenlos. Änneli warf sich unter einer alten Eiche nieder, verbarg ihr Gesicht auf dem Erdboden im Grase und weinte laut. Beide hörten sie nichts vom mitleidigen Jammer des Mädchens. »Laß Gott walten und die Welt unter uns vergehen!« sagte Fabian. »Wenn Dich auch mein Auge nicht sieht, bin ich doch allzeit mit Dir zusammen. Uns kann nichts mehr von einander scheiden, nicht Welt, nicht Grab, weder die Gewalt der Hölle, noch die Ewigkeit. Der Allmächtige ist unser Vater und seine Liebe hält uns mit dem gleichen Arm umfangen. Sei standhaft, Du Tochter Gottes, Dein Schmerz ist ein Zweifel an seiner Weisheit!« »Nein, o nein, kein Zweifel, Fabi, sondern der Widerklang seiner unendlichen Liebe, mit der ich lieben muß, in meiner Brust! Nur das irdische in mir will verzagen, aber hat Er uns nicht das Herz gegeben, daß es blute, und das Auge, daß es weine? Laß mich bluten und weinen, denn ich stehe an Deinem Sterbebette: ich bin nicht Deine Schwester, Deine Braut, Dein Weib, sondern Deine Wittwe. Fabi, ich bin betrübt bis in den Tod. O, wie reich muß der göttliche Freudenhimmel sein, wenn er die Bitterkeit dieses Augenblickes vergelten will!« »Lebe wohl, Fani!« rief er vom Schmerz übermannt. »Foltern wir uns nicht länger! Bleibe Gott und mir getreu! Lebe wohl!« »O Fabi, sage lieber: stirb! Im Sarge ist mein Wohlleben, nicht über der Erde. Fahre wohl, Du teures Licht meiner Seele! Nun wird es ewige Nacht. Ich bin noch nicht gestorben, und doch ist alles schon ein Grab, und der Himmel nur Schutt über mir . . . . Wie Gott will, Fabi! Wer kann widerstreben? Seine Liebe ist unendlich, aber wie kann sein Vaterherz mir so unaussprechliches Wehe zufügen? Ach, ich könnte es nicht, auch dem größten Sünder der Welt könnte ich es nicht!« Nach einiger Zeit fuhr sie leise fort mit dem Tone und der Geberde frommer Ergebung und Verzichtung, »Fahre wohl, Engel, bis zu den Engeln des Himmels! Du siehst mich bald unter ihnen. Fliege Du, als der erste, mir droben entgegen an den Schwellen des Paradieses!« Er küßte sie stumm. Sie wandte sich von ihm, und er ging oder taumelte ihr einige Schritte nach, Dann wandte auch er sich wieder zurück, um den entfernten Addrich zu suchen. Abermals jedoch rief ihre Stimme und er blieb auf den ersten Laut wie festgebannt. Sie kam und schlang ihren Arm um seinen Nacken, umklammerte ihn fest und sagte: »Soll ich Dich sterben lassen ohne den Abschiedskuß? Gieb mir Deine Augen, daß ich sie mit meinen Lippen zudrücke, ehe denn sie brechen. Und ich will noch einmal meinen tiefsten Seufzer auf diese Deine roten Wangen hauchen, ehe sie im Tode erbleichen. Sollte ich undankbar dieses Mundes vergessen, aus dem der Brudergeist atmete? . . . Armer Fabi, lieber Fabi, weine nicht! Und wenn Dich Dein Himmel vergißt, Epiphania vergißt Dein nicht!« Jede Stelle seines Gesichtes wurde küssend von ihr berührt. Dann betrachtete sie ihn noch einmal voll Zärtlichkeit, und nun erst ergoß sich ihr Jammer in einen Strom von Thränen. Lange. lag sie schluchzend an seiner Brust, dann drängte sie ihn mit sanfter Gewalt von sich, wendete sich, ohne ihn anzusehen, von ihm hinweg, und ging, ohne einen Rückblick, in die Gebüsche zum Thalgrunde nieder. Fabian, in gedankenloser Betäubung, wankte nach der entgegengesetzten Richtung. 39. Der Landtag zu Hutwyl. Addrich stand wartend in der Ferne. Als der Jüngling zu ihm heran kam, erschrak er fast über dessen blasse und verstörte Miene, doch empfing er ihn ohne Anrede und ging schweigend mit ihm durch's Dorf, das heitere Kulmerthal hinauf. Als sie, nach einigen Stunden, jenseits der zerstreuten Hütten von Reinach und Menzikon, die felsige Anhöhe erstiegen hatten, da wo sich im Vordergrunde eine anmutige Landschaft von sanft abfallenden Thälern und umbüschten Hügeln entfaltete und das Riesenbild der Alpenkette im Hintergrunde sich vor ihnen aufthat, hielt Fabian im Laufe an und sagte: »Ich fühle mich in meinen Gebeinen zermalmt und meine Zunge ist wie ein trockener Scherben.« Addrich antwortete: »Hinter den Baumwipfeln, drunten vor uns, siehst Du die Türme des Stiftes Beromünster. Dort soll Dich ein gutes Mittagsmal erquicken.« »Das ists nicht, was mich erquickt,« erwiderte Fabian und setzte sich auf die Steinbank an der Pforte einer einfachen Bergkapelle, neben der sie standen, nieder. »Warum Beromünster, Addrich? Wollten wir nicht über St. Urban, den Abt zu sehen?« »Ich behalte mir das für den Rückweg vor,« versetzte Addrich. »Jetzt will ich horchen, welches Lied hier zu Lande im Luzernergebiet die Vögel pfeifen . . . Bist Du ermüdet, so ruhe aus und folge mir bald. Ich gehe indessen in den Flecken voran und bestelle das Mittagbrot.« Da Fabian nichts erwiderte, ging der Alte den Berg hinab. Fabian blieb auf der Bank sitzen. Er überließ sich ohne Rückhalt, bis zur Erschöpfung, dem Ausbruch seines ganzen Jammers, und fand erst in dieser Ruhe Stärke und die alte Entschlossenheit wieder. Doch es glich seine Ruhe der der Wüste, welche der Wanderer mit Verzicht auf sein Leben durchschreitet. Der wehende Südwind kühlte und heilte seine brennenden Augenlider. So ging er zum Flecken Münster hinab, dessen bescheidene Gebäude sich vor dem altertümlichen, reichen Stift hinlagerten, wie Knechte vor ihrem Herrn, dem sie zu Frohndiensten verpflichtet sind. Addrich stand auf der sonst menschenleeren Gasse, von einem Haufen zuhörender Bauern umringt, denen er mit heiserer Stimme die Nähe großer Ereignisse verkündete und Mut zu den äußersten Wagstücken predigte, damit die Schweizerfreiheit in allen Gauen zwischen den Alpen und dem Jura siegreich werde. Sobald er aber seines Reisegefährten ansichtig wurde, brach er ab, und führte diesen ins Wirtshaus, zur Mahlzeit. Das dunkle Zimmer füllte sich bald mit Gästen, die anfangs nur schweigend oder flüsternd die beiden Fremden beobachteten, bald aber lauter wurden und durch einzelne über das fette Kollegiatstift ausgestoßene Flüche Addrichs Aufmerksamkeit auf sich zu locken suchten. Fabian beobachtete die Schreier wenig; er stürzte einen Becher Wein nach dem andern hinunter, in der Absicht, sich zu betäuben. Addrich beobachtete ihn um so schärfer, da er nur Wasser trank. Auch bei Fortsetzung der Reise kümmerte sich Fabian wenig um das, was geschah, Addrich hingegen war von sechs bis acht rüstigen Männern begleitet, mit denen er sich abwechselnd unterredete. Ihre verschiedenen, seltsamen Trachten verrieten, daß sie aus sehr verschiedenen Gegenden des Landes hierher gekommen waren. Und wie die Trachten, bezeichneten auch die Mundarten ihr Herstammen aus verschiedenen Thälern. Der Weg ging über den Berg nach Sursee hinab und ohne Rast, bis in die Nacht, am kleinen schilfigen Mauensee entlang, von Thal zu Thal über die Berge, bis zum Städtchen Willisau. Von Zeit zu Zeit schickte Addrich bald diesen, bald jenen seiner Begleiter mit geheimen Aufträgen nach verschiedenen Richtungen; aber mehr noch, als er absandte, stießen von verschiedenen Seiten unterwegs wieder zu ihm. »Gelobt sei Jesus Christ!« und »Grüß Euch Gott, Ihr Männer!« schollen die Grüße katholisch und reformiert durch einander. Der laute Handschlag erfolgte darauf von Mann zu Mann, und die Losung aller wurde Hutwyl und die Bundesversammlung. Addrich und Fabian fanden im engen Städtchen Willisau kaum Nachtlager und Herberge; so groß war das Gedränge der Leute, die aus allen Gegenden zum ausgeschriebenen Landtage herbeiströmten. Des folgenden Morgens war Addrich beim ersten Hahnenschrei schon wach und rüttelte Fabian aus dem Schlafe. Den Alten hatte die Herankunft des verhängnisvollen Tages, die Nähe entscheidender Ereignisse um einige Jahrzehnte verjüngt; der Jüngling dagegen war durch die Erfahrungen, die in den letzten Tagen sein Gemüt erschüttert, um einige Jahrzehnte ernster geworden. So schritten sie, in entgegengesetzten Gemütsstimmungen, durch die nächtlich ruhigen Gassen der Stadt zu dem getürmten Thor hinaus. Sie traten in einen Kranz von Bergen und Hügeln, deren Fuß die Wellen der eilenden Wigger benetzten. Nach einigen Stunden endlich traten die Wanderer aus dem Walde in eine weite sonnige Ebene, in die Almend des Städtchens Hutwyl, welches im Hintergrunde wie ein grauer, verwitterter Schutthaufen emporstieg; links und rechts erhob sich das Thal, welches vielleicht in der Urzeit das Bette eines kleinen Landsees gewesen war, zu anmutigen Hügeln. Einzelne Schwärme von Bauern standen zerstreut in den Wiesen umher; andere kamen aus Hutwyl herbei, noch andere zogen erst aus verschiedenen Richtungen dahin. Wenn man aber aus der Tiefe, wo sich der wilde Langetenbach in die Sandfelsen eingegraben hat, zu den engen Gassen und hölzernen Häusern des kleinen Städtchens hinanstieg, fehlte es der Menschenmenge fast an Raum, sich zu bewegen. Addrich wurde von einem Bekannten, dem er zufällig begegnete, in ein Gebäude, welches sich als Gemeindehaus nur durch seine Größe von den übrigen unterschied, geführt. Vor dem Hause hielten sechs Hellebardirer Wache. Nach besonderer Meldung, auf welche ein wohlgekleideter Landmann aus dem Hause erschien, wurde erst der Eintritt für Addrich gestattet, Fabian jedoch zurückgewiesen. In einem langen, niedrigen Saale, in dessen Mitte ein hölzerner Pfeiler die Decke unterstützte, sah Addrich mehrere bekannte und fremde Gesichter um einen wohlgekleideten Herrn versammelt, der in gebrochenem Deutsch zu ihnen sprach. Addrichs Ankunft unterbrach das Gespräch einige Augenblicke, denn Klaus Leuenberg, Adam Zeltner, der Untervogt, der greise Ulli Galli, auch Christen Schybi von Escholzmatt und sein Gefährte Stürmli aus dem Entlebuch traten dem Kommenden mit Gruß und Handschlag entgegen und deuteten mit einer wichtigen Miene an, daß man eben mit dem Geheimschreiber des französischen Botschafters, Herrn de la Barde, Marquis de Marolles, in Verhandlung begriffen sei. Sobald die Ruhe hergestellt war, nahm der Franzose, der sich indessen die breite, mit den feinsten Spitzen umsäumte Halskrause über die Achseln gezogen hatte, den Faden der Rede wieder auf und sagte: »Meine Herren, ich habe Eure Entschließung vernommen. Sie scheint mir sehr redlich, aber mit Eurer Erlaubnis, nicht politisch zu sein. Ihr begreift leicht, daß bei allem Wohlwollen des Herrn Gesandten für Euch er in seiner amtlichen Note der Tagsatzung der dreizehn Orte ein Dementi geben konnte. Ihr werdet nicht zweifeln, ich kenne den Inhalt des Schreibens, welches ich überbringe. Der Herr Marquis rät darin, wie ersichtlich ist, von aller Gewaltthätigkeit und Widersetzlichkeit ab und ermahnt, wie es seine Stellung erheischt, zu einem billigen Vergleich mit Euren Herren und Oberen. Wollet Ihr nun den Brief vor den tausend Leuten bekannt machen, die ich hier im Städtchen zusammenlaufen sehe, so wird die Vorlesung den übelsten Eindruck machen. Man wird am guten Willen des Herrn de la Barde zweifeln und Ihr macht Euch, wie ihm, den Weg zur Dazwischenkunft und Vermittlung Seiner Majestät des Königs, meines Herrn, unmöglich.« Leuenberg erwiderte nach einer höflichen, doch leichten Verbeugung: »Die großmütigen Absichten und Gesinnungen des Herrn Gesandten, wie Ihr sie uns eröffnet, sind der höchsten Ehren wert. Jedoch sind wir für diesen Augenblick nur die Sprecher des Volkes, nicht dessen Häupter. Wir dürfen und sollen vor demselben keinerlei Geheimnis haben, können ohne dessen Willen nichts verrichten, noch ohne dessen Vollmacht etwas verfügen.« »Dessenungeachtet, meine Herren,« fiel ihm der Gesandtschaftsschreiber in die Rede, »seid Ihr hier zu Lande wunderliche Leute. Seid Ihr die Sprecher, so seid Ihr die Häupter, denn in aller Welt ist der Mund immer am Kopfe. Kurz meine Herren, denkt über die Sache nach. Es ist Eure Angelegenheit und nicht die des Gesandten.« Hier nahm Schybi das Wort und sagte: »Es ist auch nicht unsere, sondern des Volkes Sache, darum muß die Gemeinde entscheiden. Im Übrigen aber scheint der Herr Gesandte doch, wenn ich Euch ganz verstanden habe, einzugestehen, daß das Recht auf unserer Seite sei?« »Und gesetzt nun, es wäre?« entgegnete der Gesandtschaftsschreiber etwas verdrießlich. »Das ist alles schon besprochen. Ihr wiederholt beständig das alte Lied und die Beratung nimmt kein Ende. Wenn das Recht immerdar siegte, wären keine Armeen, keine Flotten, keine Festungen auf Erden nötig.« »Ihr wollt sagen,« fiel Leuenberg ein, »das Recht muß Speer und Schild führen und an seiner Seite die Stärke sehen. Wohlan, zweifelt nicht, der Arm unseres Volkes ist gewaltig genug, sein Recht zu behaupten.« »Nur immer langsam!« rief der Unterhändler. »Wenn Recht und Stärke alles wären, würde kein Stier mehr zur Schlachtbank geführt werden. Der Stier hat auch ein heiliges Recht zum Leben und größere Stärke als der Mensch. Klugheit aber wirft ihm das Seil um die Hörner. Versteht Ihr mich?« Der Untervogt von Buchsiten erhob nun seine Stimme und sagte: »Ihr Herren, der Fall ist einfach und klar. Wir müssen uns den Rücken sichern, es lauf ab, wie es wolle. An der Gerechtigkeit unserer Beschwerden zweifelt der Herr Gesandte nicht; aber, als königlichem Botschafter bei der Eidgenossenschaft, steht es ihm nicht zu, dieses offiziell zu erklären. Dürfen wir auf seine und seines Königs mächtige Verwendung für uns rechnen, ich frage Euch, warum sollen wir sie mutwillig oder stolz zurückstoßen? Warum nicht morgen vor dem versammelten Volke darauf antragen, daß man Ausschüsse nach Solothurn zum Herrn de la Barde schicke, seine Dazwischenkunft zu erbitten? Meinst Du nicht, Mooser?« Bisher hatte Addrich den französischen Gesandtschaftsschreiber mit unverwandten Blicken beobachtet, welcher in seiner glänzenden, zierlichen Hofkleidung gegen die Schweizerbauern ebenso sehr als von ihrem ehrbarsteifen Wesen durch seine Beweglichkeit abstach. Bald schnellte er mit den Fingern ein Stäubchen vom knappen, schwarzseidenen Wamms, auf dessen glänzendem Grunde man große Blumen, Ranken und verschiedene Gestalten eingewebt sah; bald fuhr er mit der Hand spielend über die dichte Reihe der kleinen, goldenen Knöpfe seines Gewandes; bald drehte er an den Brillantringen der Finger, bald am silbernen Degengriff von durchbrochener und getriebener Arbeit; bald schlug er die über die Finger gefallenen köstlichen Spitzen seiner Handkrausen über den Unterteil des Ärmels zurück. Ebenso beweglich war sein lauernder Fuchsblick und das Geberdenspiel seines falben, zusammengeschrumpften Gesichtes, über welches so viele Leidenschaften in einer Reihe von Jahren ihren Weg genommen zu haben schienen, daß man in den zurückgelassenen Fußtapfen derselben keine einzige mehr mit Bestimmtheit unterschied. »Fragst Du mich?« sagte Addrich zu Adam Zeltner gewandt. »Dir ist schon um den Kopf bange, daß Du ihn in Sicherheit bringen und unter den Mantel des Gesandten verstecken willst. Wer im häuslichen Streite einen Fremden zum Vermittler anruft, macht den Fremden zum Herrn im Hause und verkündet seine Furcht und Schwäche. Die alten Eidgenossen, wenn es der Freiheit galt, hatten bei Morgarten und Sempach keine Vermittler, als ihren Gott und ihr Schwert. Thor, meinest Du, daß wenn Völker mit ihren Obrigkeiten rechten, die Könige ihres Handwerks vergessen und den eigenen Unterthanen und Sklaven mit den Laternen voranleuchten werden, wo sie die Freiheit suchen sollen? Oder glaubst Du, der König und sein Botschafter hätten nicht schon den Herren zu Bern und Luzern, Solothurn und Basel ebenso höflich, als uns, die Hand zur Vermittlung angeboten? Fürwahr, niemand verkauft schlechte Waare teurer, als ein Fürst. Der König von Frankreich will zwischen Herren und Bauern vermitteln, um über beide die Hand zu legen. Den Herren legt er goldene Ketten und Ordensbänder um den Hals, uns ein hanfenes Seil; dann hat er vermittelt und singt ein Te Deum über das verratene und betrogene Schweizerland!« Der Geheimschreiber des französischen Botschafters horchte kopfnickend und Beifall lächelnd der Rede des heisern Alten und sagte: »Wahrlich, meine Herren, dieser alte, gute Mann hat nicht übel gesprochen und meint es redlich. Nur in einem Teile dessen, was er vorausschickte, ging er irre. Die wahre Politik der Herren Schweizer . . .« »Mit Erlaubnis,« unterbrach ihn Addrich höflich, »die Politik der Schweizer besteht allein im schlichten Mute, Recht zu thun und dann niemanden zu scheuen. Wir haben zu grobe Fäuste für die feinen Spinnengewebe der politischen Arglist. Hier ist unser Vaterland, da wollen wir uns frei betten, so gut wirs vermögen, und niemand hat dazwischen zu reden, er trage eine Kappe oder eine Krone. Wer anders thut und fremde Macht zur Hilfe ruft, begehet Hochverrat.« »Richtig! Bei Gott! Was sage ich anderes?« antwortete der Geheimschreiber. »Nur beliebt eines Umstandes nicht zu vergessen. Frankreich ist der erste Bundesgenosse der hochlöblichen Eidgenossenschaft, und diese hat, im Falle der Not, das Recht, den Beistand des Königs, meines Herrn, anzurufen. Gesetzt, der Beistand würde gefordert; der König ließe seine Truppen in die Schweiz einrücken; Ihr aber hättet versäumt, Euch mit dem Marquis de Marolles in Einverständnis zu setzen, um von dieser Seite Eure Rechte zu sichern; gesetzt . . .« »Alles gesetzt,« rief Addrich, »so ist Hochverrat gesetzt, und dessen sind die Städte noch heute so fähig, wie vor zweihundert Jahren, als Zürich die Österreicher und Franzosen ins Land rief.« Der Franzose lächelte und nickte ihm wieder Beifall zu, zog dann aber bedenklich die Augenbrauen weit in die Höhe, und sagte: »Man muß jede Möglichkeit in Rechnung bringen. Wie nun aber, wenn . . . zum Exempel . . . wenn Frankreich sechzigtausend Mann an Eure Grenzen schickt . . . was wird dann das Ende sein?« Addrich sagte mit seinem hämischen Grinsen: »Frage der Herr doch in St. Jakob nach! Oder vielleicht wird er selbst am besten wissen, wo seine Landsleute dort begraben liegen!« Der Abgeordnete des Herrn de la Barde machte mit komischem Anstande eine Verbeugung nach allen Seiten, erhob sich dann plötzlich, warf sich stolz in die Brust und sagte mit warnender Hoheit: »Ihr Herren, ich gebe Euch Bedenkzeit bis morgen. Bleibt Ihr bei Eurer Ansicht, so wird das Schreiben des königlichen Gesandten vor dem ganzen Volke verlesen. Ich aber wasche meine Hände in Unschuld!« Dann schritt er durch die Versammlung und verließ, nach kurzem, gemessenem Umhergrüßen, den Saal. Adam Zeltner und einige andere sprangen ihm nach, um ihm mit Höflichkeit das Geleit bis zum Wirtshause zu geben. Der ganze Morgen verstrich unter lärmenden und fruchtlosen Beratungen über die Anträge der französischen Gesandtschaft. Nachmittags wurden Gesandte der Stadt und Republik Bern angemeldet und vor dem Ausschuß des Landvolks angehört, doch erlangten sie ebenso wenig einen Erfolg von ihrer Beredtsamkeit als der Bote des Marquis de Marolles. Diejenigen der wortführenden Landleute, welche, aus Klugheit oder Furcht vielleicht, am aufrichtigsten und von Herzen eine Versöhnung mit den Regierungen wollten, schwiegen, um nicht vor dem Volke als feige Männer oder selbstsüchtige Verräter der großen Sache zu erscheinen. Das eine, wie das andere hätte ihnen lebensgefährlich werden können. Die Übrigen sprachen desto lauter gegen alle Vorschläge der Aussöhnung. Die abgeordneten Patrizier des Bernischen Senats hingegen konnten sich um so weniger überwinden, auch nur im Äußerlichen das mindeste von der Rolle geborner gnädiger Herren und Obern fahren zu lassen, als man ihnen gerade das Recht dazu streitig machen wollte. Ihr vornehmes Sichherablassen beleidigte nun aber das stolze Selbstgefühl der Landleute weit empfindlicher als die sonst übliche väterliche Sprache der Herren, und die Drohworte eines Senats, der innerhalb seiner Stadtmauern nur zur eigenen Verteidigung rüstete, mußte wenig Eindruck auf Leute machen, die sich vom Arme und dem Mute vieler Tausende ihres Gleichen geschützt sahen. So geschah es sehr natürlich, daß die Unterhandlung, welche den Bruch zwischen Obrigkeit und Unterthanen ausgleichen sollte, ihn nur erweiterte. Niklaus Leuenberg führte das Wort mit größerer Gewandtheit und Würde als die bernischen Abgeordneten von einem Manne seines Standes erwartet hatten. Mit höflichem Achselzucken und im Tone des Bedauerns erklärte ihnen Leuenberg zuletzt, einen Antrag, wie diesen, müßten die Herren des Rats und der wohlehrwürdigen Geistlichkeit den versammelten Ausschüssen des ganzen Volkes selbst machen. Der Aufstand sei nicht Sache und Werk einiger Personen, sondern eines großen Teils der Nation. Weder er, als Obmann, noch einer der im Saale Anwesenden, hätten das Recht, im Namen der Tauende Begnadigung zu verlangen oder anzunehmen, noch die Macht, das Volk zu einer Sinnesänderung zu zwingen. Man müsse das öffentlich, im freien Felde verhandeln. Bei dieser Erwiderung konnte sich einer der bernischen Ratsherren des aufwallenden Zornes nicht erwehren, drückte das Barett tiefer über die Stirn und sagte: »Nun denn, in Gottes Namen! So muß die Sache im freien Felde abgethan werden . . . aber nicht, wie Ihr meint, mit dem Worte, sondern mit dem Schwerte. Warum habt Ihr uns frecherweise hierher gelockt, wenn Ihr keine Vollmacht hattet, namens Eurer rebellischen Spießgesellen mit uns zu verhandeln? Warum stellet Ihr Euch vor unser Angesicht, wenn Ihr ohne Auftrag seid? Was haben wir mit einem aus allen Winkeln zusammengelaufenen Volke zu schaffen, darunter auch die Angehörigen Solothurns, Basels und Luzerns sind, denen wir nichts anzubieten und die nichts von uns zu begehren haben? Stadt und Republik Bern will und kann großmütig nur ihren eigenen meuterischen Untertanen, nicht jenen fremden, Gnade für Recht widerfahren lassen. Ja, Gnade für Recht! Euer Aufruhr besudelt den Schweizernamen mit ewiger Schmach. Und wenden wir Euch den Rücken, so wendet ihn die Barmherzigkeit selbst auf immer!« Die Landleute und selbst Leuenberg waren nach dieser donnernden Anrede still und etwas verlegen. Nur Addrich lächelte bitter und sagte: »Wohlgethan! Wendet den Rücken! Wir verlangen diese Barmherzigkeit nicht, die uns zur Verzweiflung getrieben hat. Wir begehren – versteht es wohl und berichtet es Euren Herren! – wir begehren keine Gnade. Ihr aber wollet lieber gnädige Herren sein, als gerechte Herren, weil Ihr bei der Gerechtigkeit den Kürzern zöget, aber bei der Gnade willkürlich verfahren könnet. Gott sei dem Volke gnädig, das ein paar hundert gnädige Herren füttern muß!« »Schamloser Gesell, wer bist denn Du?« schnob ihn der Ratsherr mit zornrotem Gesicht an. Addrich erwiderte ganz kalt: »Ein Schweizer, wenn auch nicht von der Berner Falschmünzerei, dennoch vom alten Schrot und Korn.« »Packe Dich, eisgrauer Lügner!« schrie der Ratsherr. »Du Strolch hast nie ein Vaterland gehabt!« »Wer trägt die Schuld,« entgegnete Addrich, »wenn außer in den Urkantonen und Hauptstädten die übrigen Schweizer alle ohne Vaterland sind? Ihr gnädigen Herren, Ihr habt sie heimtückisch darum betrogen, und ihnen in Eurer Gnade nichts als Obdach, Äcker und Gerät gelassen, um für Euch frohnen zu können. Soviel mußtet Ihr natürlich auch dem Viehe im Stalle lassen, von dem Ihr Milch verlanget. Die Schweizer fordern ihr Vaterland wieder, das Ihr in Euren Stadtbann zusammengeschnürt habt. Ihr ließet uns nur ein Geburtsland, das auch der Sklave hat, der unter der Geißel des Aufsehers ohne Recht, ohne Willen seinem gnädigen Herrn mit Zittern das Feld baut. Wir verlangen Vaterland und Recht, nicht Eure Barmherzigkeit und Eure Gnade!« »Wills Gott,« rief der Ratsherr, »sehe ich Dich noch auf den Knieen nach dieser Gnade wimmern!« Addrich drehte ihm stolz den Rücken und sagte über die Achseln zurückblickend mit lauter Stimme: »Es wünscht wohl mancher Herrgott zu werden, ehe er in's Irrenhaus kommt.« Nicht minder durch diese blutige Beleidigung als durch das halbverbissene Lachen der anwesenden Bauern empört, brach die Gesandtschaft schleunig auf und entfernte sich, ohne ein Wort zu erwidern, und ohne Gruß. Leuenberg sprang den Davoneilenden bis zur Thür nach, um sie zu besänftigen. »Lasset Euch,« sagte er, »durch das lose Maul dieses Alten nicht vom heilsamen Friedenswerk abwendig machen. Er ist ein Igel und sticht, wo man ihn anrührt.« »Wir haben mit Euch nicht länger zu verkehren,« wurde ihm zur Antwort. »Setzen wir den Fuß in den Steigbügel, kommt Eure Unterwerfungen spät.« Kaum hatten die Berner Gesandten Hutwyl verlassen, so wurde dem Ausschusse des Landvolks im Rathause die Ankunft eines Boten der eidgenössischen Tagsatzung verkündet, welche zu Baden im Aargau wegen der obwaltenden Unruhen versammelt saß. Es war der Untervogt von Baden. Er trat mit sichtbarer Ängstlichkeit und kleinstädtischer Höflichkeit in den Saal. wo Leuenberg ihn mit noch etwas stolzerer Haltung als zuvor die Herren von Bern empfing. Der Untervogt überreichte unter tiefer Verbeugung das Patent der eidgenössischen Tagherren. »Morgen mag das Schreiben am versammelten Landtage verlesen werden,« sprach Leuenberg, »und Ihr werdet alsdann Antwort empfangen. Unterdessen, Herr Untervogt, soll Euch geziemende Nachtherberge und Verpflegung angewiesen werden. Ich hoffe, Ihr sollet nicht zu klagen haben.« Mit diesem kurzen Bescheide wurde der Untervogt entlassen; welcher, unter Rebellen, wohl kaum eines so milden Empfangs gewärtig gewesen sein mochte. 40. Des Landtags Ende. Addrich beschloß mit rastloser Thätigkeit sein Tagewerk erst nach Mitternacht. Schon vor Sonnenaufgang weckte ihn die Ungeduld und das Getöse der im Städtchen umherwogenden Volksmenge. Fabian neben ihm erhob sich schwer vom Lager und verwunderte sich über die seltsame Heiterkeit des Alten und das Fröhliche, Leichte in dessen Bewegungen. »Du sollst mich noch andere sehen,« erwiderte Addrich. »Ich bin wie die Seemöve, welche verbannt zwischen den Klippen des Meerufers hausen muß; ihr Element ist der Sturm. Laß mich im Aufruhr der Dinge meine Flügel ungestört zwischen Wolken und Wogen schlagen.« »Nur allzu gut gesagt,« entgegnete Fabian. »Vergiß nicht, daß die beweglichen Wogen das Volk sind, heute wütend, morgen lachend, und daß die Obrigkeit wie die Wolke Blitze trägt.« »Und wenn das!« sagte der Alte, indem er das nach der Straße gelegene Fenster öffnete und mit Lust in das Getümmel der Leute hinab sah. »Was steht zu fürchten? Der Mensch kennt das Ziel seiner Tage nicht, aber das Ziel seines Willens. Ich möchte die Ketten brechen; ich möchte den Unsinn entthronen: ich möchte das Recht und die gesunde Vernunft in die zum Tier gewordenen Ebenbilder Gottes hineinbringen. Ist das nicht etwas, des Sterbens wert?« »Brechen wir ab davon!« sagte der Jüngling. »Wir werden uns nie verstehen. Auch bin ich ohne Willen hier, weil ich dem Laban um Rahel diene. Für mich bleibt alles ein bloßes Schaugericht.« »Und Du wirfst mir damit kein Katzenhaar in die Suppe,« entgegnete ihm Addrich. »Möge mir die Karte zuletzt einschlagen oder nicht, Bursche, das Spielen selbst macht die wahre Lust. Wenn ich mir die Seligkeit des Schöpfers denke, so sehe ich sie blos in der allwirkenden Gewalt, die eine neue Welt erbaut. Ich will eine Welt bauen; darum muß die Zerstörung des alten Wracks vorangehen. Mich belästigt die ungeheure Klugheit des Leuenbergers und seiner vielweisen Ratgeber, welche an den Schleusen des breiten Stroms vorsichtig rütteln, um ihre kleinen, dürren Matten ein wenig zu bewässern. Durchs Maulwurfsloch jedoch bricht die Überschwemmung herein; jetzt ist das Dämmen zu spät . . . Komm, Fabian, erst zum Imbiß, dann zum Acker! Heute soll die Saat eingeeggt werden. Verliere mich nicht aus den Augen, denn mir stehen viele Geschäfte bevor; ich kann mich nicht um Dich bekümmern.« Sie gingen, und nach flüchtig genommenem Frühstück eilten beide hinaus und verloren sich im Gewühle. Es war früh um fünf Uhr. Alles strömte, sobald die Sonne hinter den buschigen Höhen hervorblitzte, in die weite Almend. Eine unzählige Volksmenge war aus den Thälern der benachbarten Kantone gekommen, um Zeuge des Schauspiels zu werden. Sie lagerte im weiten Halbkreise am Hügelrain. Etwas tiefer im Wiesengrunde sammelten sich die Volksausschüsse der Landschaften, die längs der Aar von deren Ursprung bis zur Ausmündung in den Rhein, längs den Ufern der Emme und Reuß gelegen sind, oder die in den Hochgebirgen des bernischen Oberlandes in der Nähe der Eisberge wohnen. Es waren dieser Abgeordneten zur großen Landsgemeinde nicht weniger als dreitausend Männer, abweichend in Mundart, Sprache, Sitte, Landestracht und religiösem Glauben; aber insgesamt von starkem, kräftigem Schlage und trotzigem Aussehen. Der Anblick dieser zahlreichen Haufen erregte in der Brust jedes Einzelnen Mut und Stolz. Sie grüßten sich ohne einander zu kennen mit Ruf und Handschlag brüderlich, fragten um die Lage ihrer gegenseitigen Heimat und deren besondere Beschwerden und Lasten. Verschiedenartiger Druck ihrer Vögte und Regierungen, und eine gleiche Begierde nach Freiheit durch gemeinsamen Beistand hatte alle zusammengeführt. Man sah vom Städtchen her einen neuen Zug langsam gegen die Almend vorrücken. Es war Niklaus Leuenberg, welchen man seit dem Tage von Sumiswald den »Bundesobmann«, sowie die Ausschüsse der Landschaften »Bundesgenossen« nannte. Er erschien in einem roten Kleide, stattlich und mit höherer Sorgfalt angekleidet. Vor ihm her schritten sechs Trabanten mit Hellebarden; ihm nach zog ein Gefolge ausgewählter Sprecher der Kantone. Leuenberg bestieg eine Erhöhung von Erde, die oben abgeplattet und für ihn und sein Gefolge mit Stühlen und mit einem schwarz behangenen Tische besetzt war. Er selbst nahm den obersten Platz ein; ihm zur Rechten und Linken saßen vier Schreiber. Die Hellebardenträger umringten seinen Stuhl. Nachdem es still geworden, erhob sich der Obmann von seinem breiten, altertümlichen Lehnsessel, begrüßte in feierlicher Anrede die Versammlung der »edeln, mannhaften, treuen, lieben Bundesgenossen«, und schilderte die Wichtigkeit dieses Tages, der für des gesamten Vaterlandes »Freiheit, Ehre und Wohlfahrt« den spätesten Enkeln heilig bleiben würde. Dann sprach er, mit Anführung vieler biblischer Stellen, vom Widerstand und Hochmut der Städte und von der Arglist ihrer Versprechungen, womit er den Übergang zu den Geschäften des Tages machte. Diese begann er damit, daß er durch seinen Schreiber Brömer eine beträchtliche Anzahl aufgefangener Briefe laut und öffentlich vorlesen ließ. Man entnahm daraus einerseits die furchtsame Verlegenheit der regierenden Städte, andererseits ihre unwiderstehliche Lust, eine schwere Rache an den rebellischen Bauern zu üben. Hier wurde den Landvögten, besonders in gemeinen Herrschaften und freien Ämtern, befohlen, glimpflich und freundlich mit den Landleuten zu verfahren; dort, sich aller Verdächtigen auf jede Weise, durch List und Gewalt, mit Recht und Unrecht, zur Überlieferung in die obrigkeitlichen Hände zu bemächtigen. Hier wurde von kriegerischen Rüstungen zur Unterjochung des Volkes, dort von Mitteln zur Versöhnung desselben gesprochen. Man erfuhr sogar etwas Näheres von den Entwürfen der Tagsatzung in Baden, den großen Aufstand durch die Gewalt der Waffen aller Eidgenossen zu dämpfen, und von allen Richtungen zugleich in die empörten Gegenden einzudringen. General Zweyer von Uri sollte mit Urnern, Unterwaldnern und den Kriegsvölkern des Abts von St. Gallen die Stadt Luzern, die Bergpässe zwischen Entlebuch und Unterwalden, ferner mit Schwyzern und Zugern die Stadt Sursee und die Pässe des obern Frei-Amtes besetzen; General Wertmüller von Zürich das untere Frei-Amt mit Glarnern und Appenzellern decken, an der Spitze der Schlachthaufen von Zürich, Schaffhausen und St. Gallen aber in den untern Aargau eindringen; die Mühlhausener und Baseler sollten über den Jura hinziehen, während von Abend her General Erlach von Bern mit den Waadtländern, Wallisern, Freiburgern und Solothurnern gegen den obern Aargau vorrücken sollte. In diesen vorgelesenen Briefen wurde schon, neben dem alten reichsstädtischen Stolz, die Unbehilflichkeit der schweizerischen Herren und Oberen, das Unzusammenhängende ihrer Maßregeln, die gegenseitige Scheelsucht und Gehässigkeit sichtbar, wie auch bei allen das Bestreben im Hintergrunde sichtbar wurde, sich selbst mit den eigenen Unterthanen, so gut es gehe, abzufinden und für andere Orte und Städte so wenig als möglich zu thun. Deshalb brachten auch die Briefe, als sie das Volk hörte, vollkommen die Wirkung bei demselben hervor, welche Leuenberg vermutlich beabsichtigt hatte. Man spottete, lachte und hielt das große Spiel durch die Zwietracht und Schwäche der Gegner schon für halb gewonnen. Um die Wirkung zu verstärken, erzählte Leuenberg mit lauter Stimme, wie die Tagherren zu Baden ihre Rechnung ohne den Wirt gemacht hätten; wie das freie Volk in den Bergen Graubündens schon erklärt habe, man werde wohl zur Befreiung, nie aber zur Unterjochung des Landmanns die Hand bieten; wie die Stadt Basel in ihrem eigenen Gebiete nicht mehr Meisterin sei; wie dem Rat von Solothurn die Lust, Krieg zu führen, vergangen wäre, als er rings um die Stadt und in allen Ämtern die ihm drohenden Volkshaufen erblickt hätte; wie die Herren zu Freiburg zweitausend Mann aufgeboten und wieder entlassen hätten, vielleicht weil es ihnen recht wäre, den Stolz der Herren zu Bern ein wenig gedemütigt zu wissen; wie Schaffhausen und St. Gallen zwar alles versprächen, aber nicht geneigt wären, etwas mehr als eidgenössische Redensarten auf's Papier zu bringen. Nach dieser Vorbereitung wurden die Satzungen des Sumiswaldener Landesbund's dem versammelten Volke vorgelesen. Es herrschte die tiefste Stille. Die Urkunde begann unter Anrufung der heiligen Dreieinigkeit, und gab dann zu erkennen: Es solle der alte Bund der ersten Eidgenossen verjüngt werden, zur Entfernung aller Ungerechtigkeit, also daß zwar den Herren und Obrigkeiten, aber auch den Bauern und Unterthanen verbleiben sollte, was jedem gebühre. Der Bundesleute Recht sei zu schirmen mit Leib, Hab, Gut und Blut, doch ohne Nachteil der Religion. Die Angehörigen jedes eidgenössischen Standes hätten für sich selbst mit ihren Obrigkeiten zu verhandeln; entstände aber Streit mit diesen, sollten die Untertanen sich nicht durch Eigenmacht ihr Recht verschaffen, sondern der Volksbund müsse entscheiden. Würden die Obrigkeiten hingegen fremdes oder einheimisches Kriegsvolk zur Unterdrückung des Bundes herbeiführen, so solle man einander mit aller Macht tröstlich gegen die Unterjocher beispringen; desgleichen auch, sobald nur ein einzelner Angehöriger des Bundes, und zwar des Bundes wegen, an Leib, Gut und Leben beschädigt werden würde. Kein Teil der Bundesgenossen könne sich, ohne Einstimmung aller, mit seiner Regierung aussöhnen und Frieden schließen. Würde aber ein Bundesgenoß vermessen genug sein, wider den Bundesschwur zu reden oder zu handeln, so solle man den Frevler als meineidigen, ehrlosen Verräter abstrafen. Alle zehn Jahre solle der Bund durch einen Schwur erneuert werden. Darauf wurden in einem langen Verzeichnis diejenigen Ämter und Herrschaften der verschiedenen Kantone namhaft gemacht, welche dem festen Bunde schon beigetreten waren. Während dessen lächelte Addrich, der hinter des Obmanns Stuhle stand, etwas tückisch vor sich hin. Er hatte, wie schon bei der Beratung im Moos, auch bei der Beratung in Sumiswald gegen die abenteuerliche Gestaltung des Bundes, welche vorzüglich aus Leuenbergs Gehirn hervorgegangen war, gearbeitet. Er hatte mit scharfem und richtigem Blicke die Unhaltbarkeit eines Vertrages durchschaut, der die Unterthanen zu Aufsehern und Richten ihrer Obrigkeit erheben wollte, beide Teile in ewigen Widerspruch und Krieg stürzte, und notwendig entweder mit der Unterwerfung des Volks und der Auflösung des Bundes oder mit dem Umsturz und der Verbannung der Regierungen enden mußte. Doch was er nicht hatte hindern können, ließ er, voll Spott über die Kurzsichtigkeit der Volksführer, geschehen, überzeugt, nichts werde bleiben von allem, was beschlossen sei, sondern früh oder spät auf dem Schlachtfelde mit dem Schwerte das Wahre zwischen Stadt und Land bestimmt werden. Erst dann werde der Sieger so weit schreiten, wie seine Gewalt es gestatte. Darauf gefaßt, war sein ganzes Trachten nur die allgemeine Bewaffnung und kriegerische Besetzung der vornehmsten Pässe gegen Bern und Zürich. Die große Feierlichkeit auf der Almend von Hutwyl blieb in seinen Augen ein, wenn auch nicht überflüssiges, doch lächerliches Kinderspiel. Indessen war er bald selbst, wider seinen Willen, von der Größe des Schauspiels ergriffen, als der Obmann des festen Bundes das versammelte Volk zur Leistung des Schwures aufforderte, und als die Tausende unter freiem Himmel mit entblößten Häuptern zur Erde niederknieten und die Hände zum Eide emporstreckten. Der Geheimschreiber des Bundes las mit lauter Stimme die Formel: »Allen diesen Worten, wie die Schrift ausweiset, will ich nachgehen und dieselben vollbringen und halten in guten Treuen. Wenn ich das halte, daß mir Gott wolle gnädig sein an meinem End. Wenn ich aber das nicht halte, daß mir Gott nicht wolle gnädig sein. So wahr mir Gott helfe. Alle Gefährde vermieden! Gott gebe Gnade und behüte uns vor Falsch und Untreu!« Satzweise las der Schreiber die Worte vor und satzweise sauseten sie dumpf vom Munde der Landesgemeinde zurück, wie das Rollen fernen Donners. Die religiöse Handlung erschütterte die Gemüter. Leuenberg sah mit nassen Augen auf den Kreis der knieenden Menge nieder und sprach: »Im Grütli haben einst drei Männer geschworen; heute schwören dreitausend. Es gilt die Freiheit und Gerechtigkeit. Bundesgenossen, es gilt das Heil unserer Kinder. Blut und Leben soll geringe werden für das edle Kleinod, welches wir den Nachkommenden erwerben wollen!« Er war zu bewegt, um mehr zu sagen oder, beim Zittern seiner Stimme, von vielen verstanden werden zu können. Dennoch jauchzte das Volk laut auf, welches, sobald er sein Haupt bedeckte, sich wieder von der Erde erhob. Eine geraume Zeit mußte vergehen, bis die Wellen dieses aufgeregten Menschenmeeres ruhiger, das Tosen der Stimmen leiser wurde, bis die bald auseinander fließenden, bald sich zusammendrängenden Haufen zum Stillstand gelangten und die Tagesgeschäfte fortgesetzt werden konnten. Dann wurde die Zuschrift des französischen Botschafters de la Barde vorgelesen, welcher zur Eintracht und Versöhnung mit den Regierungen ermahnte; an das Verderben erinnerte, welches durch innerliche Unruhen und Bürgerkriege über das königliche Frankreich gekommen sei; vor Österreich, dem Erbfeinde der Eidgenossenschaft, warnte, weil Erzherzog Leopold wirklich schon in der Nähe der Schweizergrenzen befindlich wäre, um die allgemeine Verwirrung durch seine Ausgesandten zu vermehren, und einen Vorwand zu bekommen, ein Kriegsheer in das Innere des Landes führen zu können. Dieses Schreiben endete mit dem dringenden Wunsch und Rat des allerchristlichsten Königs, man solle den Obrigkeiten zu billigem Vergleich die Hand bieten. Den schriftlichen Ermahnungen fügte der Schreiber der französischen Gesandtschaft noch einiges mündlich hinzu. Obgleich er seinen Vortrag, um ihm mehr Wirksamkeit zu verschaffen, im Geschmack damaliger Zeit mit den besten Blumen geistlicher Beredsamkeit verzierte, verfehlte er nichts desto weniger das Ziel. Nachdem über den Antrag der französischen Gesandtschaft einzelne Volksredner ihre Stimme erhoben und immer auf den eben beschworenen Bund hingewiesen hatten, erklärte die Landgemeinde durch Handmehr ihren Willen. Der Obmann des Bundes sprach denselben ungefähr in folgenden Worten gegen den Boten des königlichen Ministers aus: »Wir sind keine Rebellen, denn wir wollen unsern Herren und Obern unterthänig bleiben und denselben gehorchen, wie unsere Vorfahren es gethan haben. Doch widerstreben wir billig ungerechter Eigenmacht und Willkür, und verlangen, daß man uns bei alten Freiheiten und Herkommen lasse, gleichwie wir Freiheiten, Rechte und Herkommen der Städte ehren. Nichts anderes will der von uns vor Gott geschworene Bundeseid, den Ihr vernommen habet. Wir mußten zusammentreten, weil wir keine Bürgschaft für unser Recht gegen die Städte finden, als in unserer Eintracht. Doch zweifeln wir keineswegs, daß zwischen uns und den Obrigkeiten ein billiger Vergleich zu Stande kommen werde. Also bitten wir den französischen Herrn Gesandten, er wolle durch Schrift und Mund mithelfen, und die Völkerschaften des Schweizerlandes und deren Schritte bei der königlichen Majestät zu Frankreich und bei den Herren seines Hofes rechtfertigen, sintemal uns nicht unbewußt ist, daß man unser Beginnen in aller Welt fälschlich verschreit und mit Unwahrheit verlästert.« Diese Antwort, welche in solchen Verhältnissen selbst gewandten Staatsmännern zur Ehre gereicht haben würde, empfing der Bote des Gesandten auch schriftlich zur Erwiderung von de la Barde's Sendschreiben. Dann wurde das Patent der eidgenössischen Tagherren zu Baden vorgetragen, welches der Untervogt von Baden überbracht hatte. Die Antwort darauf war eine Abschrift des beschworenen Bundesbriefes, mit den lakonischen Worten: »Dabei wollen wir bleiben.« Auch ließ man noch für das Volk der Kantone Bern, Luzern, Solothurn und Basel den Bundesbrief in vier gleichlautenden Urkunden ausfertigen und mit dem Landessiegel vom Entlebuch bekräftigen. So endete die Versammlung, nachdem sie von morgens fünf Uhr bis abends fünf Uhr gedauert hatte. 41. Der Gang des Aufruhrs. »Nun haben wir ihnen den Knoten stark genug geknüpft,« sagte Addrich triumphierend zu Fabian, als er mit diesem, den er den ganzen Tag nicht gesehen, des Nachts in der engen Schlafkammer zusammentraf. »Ich sah das Gegenteil,« erwiderte Fabian. »Ihr habt den morschen Knoten zerrissen; alles fällt auseinander und Ihr insgesamt werdet's nicht wieder binden können.« »Nicht wahr, Fabian,« sagte Addrich lächelnd, »Du denkst an Deine Haut, und weit davon, ist gut für den Schuß? Fürchte nichts, das Spiel ist unverlierbar, weit wir nicht rückwärts können. Jeder weiß, es geht an Kopf und Kragen; also muß es durchgehauen sein. Der Stärkste aber wird Meister; und der Stärkste ist der Verzweiflungsvolle, dem gesagt wird: Vogel friß oder stirb. Ich gebe für des Leuenbergs Verstand keinen Angster; er weiß zur Stunde nicht, wohin er rennt Aber man muß ihn vorwärts schieben, wohin er soll. Ihm bleibt keine Wahl. Das soll meine Sache sein. Morgen ziehen wir ins Berner Oberland. Bern muß fallen, so oder so!« »Davon ist aber in Euren Bundesartikeln keine Rede,« entgegnete Fabian. »Ihr wollet die Obrigkeit ehren und ihr gehorchen.« »Allerdings,« versetzte Addrich, »wenn sie den Hutwyler Landesbund anerkennt. Du Narr, sie wird sich aber lieber beschneiden lassen und türkisch werden, als unsern Glauben annehmen. Folglich . . . das Übrige zähle Dir an den Fingern ab! Wir eilen morgen Beide ins Oberland. Das Volk ist in diesem Augenblick zu allem aufgelegt. Man muß das Eisen schmieden, so lange es warm ist. Die Städte sind unter sich uneinig. Ehe sie einander verstehen, haben wir sie im Sack. Wenn sich die Hirten zanken, hat der Wolf leichten Einkauf bei der Herde.« Wirklich reiste Addrich, von Fabian begleitet, des folgenden Morgens ins Oberland. Er war unermüdlich. Wo Beratung gehalten, wo die Treue einer Gegend verdächtig wurde, wo man von einem Auflauf hörte . . . überall sah man ihn. Mit unglaublicher Gewandtheit schmiegte er sich den entgegengesetzten Denkungsarten und den einander widersprechenden Entwürfen an, um sie in sich selbst zu zerstören, wenn sie ihm mißfielen, oder um sie seinem Hauptplan dienstbar zu machen. Er wollte die Einmütigkeit aller, zur Freiheit aller; daher die gänzliche Vernichtung aller städtischen Vorrechte; Vereitelung jedes Antrages der Regierungen zu freundlicher Ausgleichung, Er fürchtete die rasch zu täuschende Leichtgläubigkeit der Bauern, ihre durch lange Gewohnheit erblich gewordene Ehrfurcht vor den Städten: und daneben auch die tiefeingewurzelte Neigung des Schweizervolkes, sobald es unabhängig handeln konnte, sich nicht nur von Kanton zu Kanton, sondern von Landschaft zu Landschaft, von Thal zu Thal, von Dorf zu Dorf gegen einander, als besondere unabhängige Republiken, mit eigenen Verfassungen, Gesetzen und Vorstehern zu vereinzeln, ja selbst jedem Dorfe nur das Ansehen eines kleinen Bundesstaates von Haushaltungen zu geben. Wie bewundernswürdig aber auch die Geschäftigkeit des Alten aus dem Dürrenäscher Moose war, so hörte man doch nie, daß er einer der Hauptmänner des Aufstandes sei. Nirgends erschien er selbst an der Spitze. Er glich vielmehr bloß einem der vielen ganz untergeordneten Umherläufer, Schreier und Zwischenträger. Was er im Grunde für das gewagte Unternehmen leistete, wurde erst dem deutlich, der, wie z. B. Fabian, wissen konnte, wie er an hundert verschiedenen Orten, überall gleichförmig und seinem Zweck entsprechend, wirkte. Auf jedem einzelnen Punkt erschien sein Thun ganz unerheblich. Der Tag bei Hutwyl war entscheidend gewesen. Diejenigen, welche an demselben ihre Teilnahme am Bunde beschworen hatten, trugen die Flammen ihrer Begeisterung den entferntsten Thälern zu und verbreiteten die Neigung zum Aufstande. Wehe dem, der ohne Teilnahme bleiben wollte! Er wurde als Vaterlandsverräter von der Partei der Harten bis aufs Leben verfolgt. Der zerrissene Zaum des Gehorsams und der herkömmlichen Sitte ließ jeder Leidenschaft freies Feld. Manche Hütte ging in Rauch auf; mancher Unglückliche fiel verstümmelt durch die Wut des Pöbels. Wie immer bei solcher Entfesselung von allem Gesetz, trieb auch hier bald nur der rohe Eigennutz, der kalte Ehrgeiz, der tückische Parteihaß sein trauriges Spiel durch eine Schreckensherrschaft. Die Hefen schwammen oben: verlumptes Bettelvolk verlangte die Plünderung der Reichen, bestraftes Gesindel suchte Rache an seinen ehemaligen Vorgesetzten zu nehmen. Die Bauern besetzten alle Pässe mit starken Wachen; hielten die gewöhnlichen Briefposten an, erbrachen die Briefe, besonders die der Obrigkeiten, verschonten selbst die der französischen Gesandtschaft nicht; sie schleppten Reisende in Verhaft und entließen sie selten ganz ungerupft. Es war in den ersten Wochen des Mai. Aller Orten wurden jegliche Art Waffen gesammelt, neue geschmiedet, obrigkeitliche Gebäude, die nicht ganz fest waren, erbrochen und ausgeleert. Man scharte sich tausendweise zusammen und lebte auf Unkosten der Gegenden, die man durchzog. Die Landleute von Basel versammelten sich mit Ober- und Untergewehr bei Liestal und bedrohten ihre Hauptstadt. Christen Schybi mit den Entlebuchern und dem Volke der übrigen Ämter rückte gegen die Stadt Luzern, schnitt ihr von der Landseite her die Zufuhr ab und drohte mit ihrer Einäscherung Die Landesfahnen von Schwyz, Uri, Unterwalden und Zug rückten noch zeitig genug zum Schutze der Stadt heran; doch die Schwyzer, Zuger und Unterwaldner hatten es kein Hehl: sie wollten die Stadt wohl schirmen, jedoch nicht zur Unterdrückung des Landmanns kämpfen. Oberst Zweyer trieb zwar durch einen mutigen Ausfall, den er mit zweihundert Urnern machte, die Empörten zurück und entriß ihnen den Paß an der Emme. Er verlor dabei einige Gefangene und Tote; wie auch den Aufständischen acht Mann erschossen wurden. Die Zwietracht jedoch innerhalb der Mauern der Stadt Luzern selbst lähmte eine Zeit lang ihre Unternehmungen. Die Bürgerschaft haderte mit dem Patriziat um die ihr durch List und Stärke nach und nach entwundenen Vorrechte bei der Wahl der Obrigkeit, bei Besetzung des großen Rates, der Ämter und Vogteien. Sie benutzte jetzt den günstigen Augenblick, das Verlorne zurückzuerzwingen. Kraftloser noch als Luzern, zitterte die Stadt Solothurn bei ihren verschlossenen Thoren. Ihr gesamtes Volk stand in Waffen, und war, weil es von der Stadt selbst nichts zu fürchten hatte, in ungebundenen Schwärmen teils den Stadtmauern nahe geblieben, teils in starken Banden zu den Bundesgenossen anderer Gegenden gezogen. Gleiche Gährungen und Verwirrungen herrschten im Aargau. Hier hatten sich die Empörten der Fähre von Windisch, über die Reuß, bemächtigt; vierhundert Mann der Ihrigen standen als Vorposten gegen Brugg, in Königsfelden. Die Bauern aus den Freiämtern hielten die Stadt Mellingen besetzt, während die Reußbrücken von Sins, Gisikon und Bremgarten durch die Zuger bewacht wurden. Die übrigen Städte des Aargau's behaupteten indessen in diesem allgemeinen Sturm noch ihre Selbständigkeit. Aarburg und Lenzburg, am Fuße ihrer hohen Felsenschlösser, waren durch diese gegen die umherstreifenden Banden gesichert; Baden schlug es Freunden und Feinden ab, eine Besatzung einzunehmen; Brugg, innerhalb dessen Ringmauer Berns flüchtige Amtleute Schutz fanden, rüstete zu starkem Widerstande; dasselbe that Zofingen, von dessen Bürgerschaft Niklaus Leuenberg vergebens schweres Geschütz begehrt hatte. Am heftigsten wurde Aarau bedrängt und von unzähligem Volk viele Tage berannt, um den Durchmarsch zu erzwingen; der Mühlenbach, welcher den städtischen Gemeinden mannichfach diente, wurde abgeleitet und alles, was draußen lag, verödet. Als aber, nach vielen gütlichen Versuchen der Aarauer, selbst die Beredsamkeit des greisen Dekans Nüsperli, der an der Spitze einiger Ratsmitglieder in das Lager der Landstürmer hinausgesandt worden und die Gefahr, mißhandelt zu werden und selbst das Leben zu verlieren, bestanden hatte, vergeblich geblieben war, schwor die bewaffnete Bürgerschaft der Stadt, ihre morschen Ringmauern mit ihren Leibern zu decken und bis auf den letzten Mann Gegenwehr zu leisten. Zum Glück wurde das Blutvergießen durch die nach einigen Tagen eintreffende Botschaft verhindert, daß Bern (am 17. Mai) auf dem Murifelde mit dem Obmann des Bundes endlich einen Vergleich getroffen und Frieden geschlossen habe. Der Rat zu Bern hatte auch nach dem Landtage zu Hutwyl die Unterhaltungen mit Leuenberg fortgesetzt, der zuletzt an der Spitze von 6000 Oberländern und einigem schweren Geschütz gegen die Hauptstadt vorgerückt war. Er lagerte nur noch einige Stunden von ihr entfernt, bei Ostermundingen, während das wenige Kriegsvolk der Stadt bei der Schloßhalde in guten Verschanzungen stand. Bern wollte Zeit gewinnen, die ihm zugesagten Hilfsvölker aus Welschland, Freiburg und dem Fürstentum Neuenburg an sich zu ziehen. Um diesen Preis sah es der Verwüstung der, der Stadt gehörigen Güter, der Plünderung der ringsumher gelegenen Landhäuser gelassen zu. Endlich bemerkte der Obmann des Bundes, daß er von den Bernern mit Absicht hingehalten und überlistet worden sei. Boten brachten die Nachricht, es rücke ein beträchtlicher Heerhaufen von Muten gegen den Paß von Gumminen und den Saanefluß hin der Stadt zu Hilfe und neuenburgische Schlachthaufen zögen gegen Aarberg. Nun beschleunigte Leuenberg, mit der Drohung plötzlichen Angriffs, den Ausgang der Unterhandlungen. Er wollte sich mit allem begnügen, wenn nur die Hauptsätze des zu Hutwyl geschwornen Bundes unangefochten blieben, und die Stadt an sein Volk 50 000 Pfund Goldes, als Entschädigung für die Kriegskosten, zahlen würde. Bern, nicht ohne Furcht, gegen die Übermacht und Verzweiflung empörter Unterthanen einen ungleichen Kampf bestehen zu müssen, und, weil alle Boten durch Wachsamkeit der Bauern aufgefangen wurden, ohne Kunde von den Hilfsvölkern, die es erwartete, entschloß sich, einen Vertrag zu unterzeichnen, der bei günstiger Wendung der Umstände vielleicht doch ohne Erfüllung bleiben konnte. Es war allein darauf bedacht, in dieser Lage zu retten, was für den Augenblick zu retten war . . . seine hoheitliche Ehre. Es bewilligte also die geforderten 50 000 Pfund, nicht aber für Kriegskosten, oder als Ersatz für den herabgesetzten Wert der Münze, sondern »aus väterlicher Huld wegen der Klagen des Volks über Armut«. Die Summe sollte auch erst nach dem gänzlichen Rückzuge der Landleute in ihre Heimat, nach Auslieferung des Bundesbriefes und nach geschehener neuen Huldigung, welche die Unterthanen zu leisten hätten, entrichtet werden. Leuenberg willigte plötzlich in alles, ohne es damit ernstlich zu meinen, und nur um von dieser Seite frei und sicher zu werden, denn er hatte die Nachricht bekommen, Secklermeister Konrad Wertmüller von Zürich rücke mit mehr denn 6000 Mann zu Fuß und Pferde und zahlreichem Geschütze gegen den Heitersberg und die Reuß heran; von der andern Seite, von Luzern her, komme der Urner Feldherr Zweyer mit 5000 Mann gegen das Amt Lenzburg gezogen. Wertmüller hatte außer den Zürichern auch Schaffhausener, Thurgauer und Appenzeller unter seinen Fahnen. Die Tage der Entscheidung traten herein. Leuenberg, sobald er Bern zufrieden gestellt zu haben glaubte, ließ den Ruf zum allgemeinen kriegerischen Aufbruch durch alle Thäler und Gebirge ergehen und alles die Richtung nach dem Aargau und gegen die Reuß nehmen. Er selbst eilte mit schlagendem Herzen dahin, sich Glück wünschend, einstweilen in seinem Rücken wenigstens Bern unschädlich gemacht zu haben. Dem Obmann war bei allen den bösen Nachrichten, welche ihm unterwegs über die Rüstungen der Eidgenossen zugetragen wurden, Stolz und Mut bedeutend gesunken. Wenn seine Eitelkeit ihm auch nicht erlaubte, öffentlich seine Verlegenheit zu zeigen, so konnte er doch selbst nicht leugnen, daß er dem ins Ungeheure hinausgewachsenen Unternehmen auf keine Art gewachsen sei. Die Menge der Fragen, welche er den Kommenden und Gehenden stündlich zu beantworten, die Menge der Befehle und Weisungen, welche er nach allen Seiten hin zu erteilen hatte, brachte ihn in solche Verwirrung, daß sein Geist im Chaos von tausend Dingen unterging und die Übersicht des Ganzen verlor. Ebenso deutlich verspürte er den Mangel des Feldherrntalentes in sich, wie Geistesgegenwart, treffenden Blick, Würdigung des Augenblickes und Festigkeit des Willens. Und doch trieb ihn die Macht der Verhältnisse, das blinde Vertrauen des Volks und der Ruf, der ihm voranging, die Rolle des Feldobersten unter seinen Bundesgenossen zu übernehmen. Erst da, als er, in der Nähe des aargauischen Schlosses Wildegg vorübergekommen, mit seiner zahlreichen Begleitung in die Ebene eintrat, welche das Lager und der Sammelplatz des aufständischen Heeres war, richtete sich sein schwererschüttertes Selbstvertrauen wieder auf. Er erblickte hier schon an 10 000 Mann zusammengelagert, deren Zahl sich durch frisch anrückende Haufen beständig verstärkte. Alle erschienen dabei wohlbewaffnet, und nach ihren Waffenarten in Schlachthaufen geteilt; meistens unter dem Befehle von Hauptleuten, welche schon als gemeine Soldaten in ausländischen oder einheimischen Kriegen gedient hatten. Auch waren alle gewissermaßen gleichförmig gekleidet, um sich im Gefechte oder schon auf dem Marsche in der Ferne zu erkennen. Ihr Kriegsgewand bestand in einem roten wollenen Hemde, welches jeder über seine Kleider trug. Der rechte Flügel dieses Heeres lehnte sich an das Dorf Magenwyl und an die schroffen Felswände neben demselben; der linke an die waldige Halde des Berges, von welchem die Mauer und der Turm des alten halbverfallenen Schlosses Brunegg durch die benachbarten Landschaften weit umher schaute. Das Ganze unterschied sich in vier Abteilungen, mit ebensovielen fliegenden Fahnen nach den Kantonen Bern, Luzern, Basel und Solothurn, von wo die streitbaren Rotten stammten. Alles das hatte Christen Schybi, der vielleicht unter allen Befehlenden der kriegserfahrenste Mann sein mochte, vorbereitet und geordnet. Er hatte für Vorwacht und Nachhut und für reichliche Zufuhr von Lebensmitteln gesorgt, welche die umliegenden Dorfschaften freiwillig, doch gewöhnlich auf Unkosten derer herbeischafften, die im Verdacht standen, Anhänger der Herren zu sein. Halbe Dörfer wurden unter diesem Vorwand ihrer Herden und aufgespeicherten Vorräte gewaltsam beraubt. 42. Im Feldlager. An demselben Tage, an welchem Leuenberg den Oberbefehl des Bundesheeres übernahm, waren auch Addrich und Fabian im Lager angekommen. Aus dem Haslilande, am Fuße der Schneeberge, hatte sich der Mooser über den Brünig in die wildschönen Thäler oberhalb des Kernwald begeben, hier die Stimmung der freien Unterwaldner behorcht und überall tröstliche Versicherungen von ihnen mitgenommen, dann durch den Kanton Luzern gegen die freien Ämter hinab zum Ufer der Reuß sich gewendet, und überall die waffenfähige Mannschaft zum Aufbruch bereit oder scharenweise schon auf den Landstraßen im Anzuge gefunden. Er sammelte, ordnete und begeisterte durch ein Wort die verworrenen, einzelnen Banden und führte sie, ihrer fast 2000 Mann, in einem langen Zuge durch die sumpfigen Gefilde von Othmarsingen dem allgemeinen Lagerplatze zu. Hier begrüßte der wilde Freudenruf der schon gelagerten Tausende die frischen Ankömmlinge. Leuenberg, Schybi, Zeltner und die übrigen Befehlshaber, welche den heranziehenden Haufen entgegengeritten waren, um sie zu mustern und in das Gesamtheer einzureihen, erkannten nicht so bald den Addrich an der Spitze dieser Scharen, als sie ihm entgegensprengten und ihm ein fröhliches Willkommen zujauchzten. »Zum Teufel, von welchen Thälern und Bergen hast Du das Volk noch zusammengewischt, Du alter Kriegsbesen?« rief Christian Schybi und schüttelte des Moosers Hand. »Das ist eine wackere Nachhut!« »Nachhut?« erwiderte Addrich lachend. »Ich meine, es sei die Vorhut einer neuen Armee, die sich mit uns vereinigen wird, sobald Ihr sie ruft. Die Völker von Obwalden und Nidwalden, sage ich Euch, von Zug, Uri und Schwyz und den Bündnerbergen sind sämtlich schlagfertig. Sie erwarten nur das Zeichen zum Aufbruch.« »He, wann, wie, wo sollen wir's geben?« schrie Leuenberg entzückt. »Morgen, heute, diesen Augenblick!« »Auf dem Schlachtfelde, auf dem Siegesfelde müßt Ihr's geben, wenn sie es hören sollen,« antwortete Addrich, »Kein Blitz leuchtet schneller und weiter, als nach gewonnener Schlacht der Kanonenblitz des Siegers im Nacken des flüchtigen Feindes. Ich sage Euch, führen wir den ersten großen Schwertstreich glücklich, dann ist alles entschieden; so stürzen die Ratsherrenstühle um; so erhebt sich alles Volk des Schweizerlandes in Berg und Thal für unsere Freiheitssache. Also nicht gezaudert, auch nichts übereilt. Wo steht der Feind?« »Auf der Schlierer Almend, an der Züricher Grenze, wie wir von den Kundschaftern genau wissen,« sagte Adam Zeltner. »Dem General Wertmüller ist nicht gar wohl zu Mute; er traut seinen Leuten nicht, die ihre Spieße lieber gegen die Stadt kehren mögen, zumal den Leuten vom See. Er will sich daher noch mit zwei Appenzeller Fähnchen von Außer-Rhoden, die unterwegs sind, verstärken.« »Vorwärts!« rief Addrich. »Ihm entgegen! Warum lagern wir wie Tagdiebe hinter der Reuß? Warum nicht zur Limmat und hinüber vor Zürich?« »Addrich, lasse die Hand von meinem Plane,« versetzte Schybi. »Ich habe mehr Pulver gerochen als Du. Hier haben wir eine feste Stellung, die Reuß vor uns, Mellingen und Bremgarten besetzt. Erst muß uns Wertmüller den Übergang über die Reuß teuer bezahlen, dann stehen wir vor ihm auf den Höhen, und er steht drunten, mit dem Strome im Rücken. Gehts nach Wunsch, so sprengen wir sie alle ins Wasser und lehren sie schwimmen. Es muß eine Hauptniederlage werden, und wer nicht ins Gras beißt, muß sich zu Tode saufen.« »Ihr Herren, davon mehr heute Nacht im Hauptquartier!« sagte der Bundesobmann. »Die tapfere Mannschaft, welche uns der Mooser herbeigeführt hat, wird der Ruhe bedürfen. Herr Kommandant Schybi, weist ihr in der Lagerordnung den Platz an. Herr Untervogt, sorget, als Oberproviantmeister, für ihre Verpflegung, daß den braven Vaterlandsmännern nichts abgehe. Nach vollzogenem Geschäft verfüget Ihr Euch zu mir ins Hauptquartier. Ich gehe mit dem Mooser und seinem Adjutanten – er deutete dabei auf Fabian – voraus. Es ist noch vieles abzumachen.« Ohne Widerrede gehorchten alle dem gebieterisch ausgesprochenen Befehle des Kriegsobersten. Der dichte Haufen der Bauern, welcher sich neugierig um die hier versammelten Anführer zusammengedrängt hatte, trennte sich, um den Weggehenden Platz zu machen. Addrich und Fabian empfingen ihre Herberge für diese Nacht in einem einzelnen großen Landhause, wo sich auch das Hauptlager des Obmanns und seiner Unter-Befehlshaber befand. Links und rechts war das Haus durch daneben gelagerte Truppen gedeckt, die ihre Gewehre und Spieße in Bündel zusammengestellt hatten und bei vielen einzelnen Feuern ihr Abendessen bereiteten. Vor dem Eingange des Gebäudes wanderten Schildwachen hin und her. Fabian fand in dem wilden, kriegerischen Treiben die beste Zerstreuung seines Trübsinnes. Das ungewohnte Schauspiel einer begeisterten und für Freiheit bewaffneten Volksmenge hatte selbst für ihn etwas Erhebendes. Die allgemeine Entschlossenheit zu jedem Opfer, die Ausdauer und Freudigkeit jedes einzelnen in Mühseligkeiten und Entbehrungen, der blinde Gehorsam, mit welchem Leuenbergs Befehle vollstreckt wurden, konnten allerdings einen glücklichen Ausgang des großen Unternehmens weissagen. Fabian bezweifelte denselben um so weniger, da bis spät in die Nacht Boten über Boten die Nachricht von den neu anrückenden Hilfsvölkern des Bundes brachten, währenddessen Wertmüller auf der Almend von Schlieren kaum 7000 Mann, die er gegen Leuenberg ins Feld führen wollte, zusammen hatte. Dennoch blieb Fabian seinen Grundsätzen getreu, sich nicht in das Geschäft zu mischen, sondern als Addrichs Wächter die Rolle des Zuschauers zu spielen. Auch Addrich hielt Wort, und mutete dem Jüngling nichts zu als, wenn es Not thun würde, die Ausübung seiner wohlthätigen Kunst als Wundarzt. Folgenden Morgens war es wiederum Addrich, welcher, wie gewöhnlich, zuerst vom Bette sprang, und den schlummernden Jüngling aus seinem Traume von Epiphania weckte. »Auf, auf!« rief er. »Der Mann des Krieges soll wachen und garnicht, oder nur mit halbgeschlossenen Augen, schlafen. Es ist noch viel an Schiff und Geschirr zu flicken, ehe wir hinaus zum Ernten kommen können. Komm', Bursche, laß uns das Feldlager durchgehen, und nachsehen, wie es um uns stände, wenn der Feind schon binnen vierundzwanzig Stunden seinen Besuch abstatten würde. Zwar ist der Kommandant Christen Schybi ein ganzer Mann, allezeit auf den Beinen und mit dem Maul voran; doch enthält er mehr Kupfer als Silber; lebt und treibts, wie der Schuldenbote; kann laufen und nicht müde werden, saufen und nicht voll werden, lügen und nicht rot werden.« »Hättest Du mich lieber noch schlafen lassen,« sagte Fabian, indem er sich ankleidete, etwas mürrisch. »Es ist unrecht von Dir daß Du mir nimmst, was Du mir nie geben kannst.« »Hm, Kamerad,« brummte Addrich, »bist Du so ernstlich Deines jungen Lebens satt? Geduld, Dein Weib im Moose soll Dich bald entschädigen. Doch es kann Dir nichts schaden; denn was man erfahren hat, das hat man gelernt. Siehe, das eben ist das Elend des Lebens, daß es eitel Bruchstück bleibt; ein täglich Hin- und Herfallen zwischen Dasein und Nichtsein. Ein ganzes wäre mir auch lieber; entweder nie gelebt, oder nie gestorben!« »Wie kommst Du nun wieder darauf?« entgegnete der Jüngling. »Was willst Du mit Deiner wunderlichen Rede?« »Entweder nie gelebt oder nie gestorben,« wiederholte sich der Alte, »das wäre auf jeden Fall eine Unsterblichkeit, denn wer nie gelebt hat, kann so wenig sterben, als einer, der nie zu leben aufgehört. Schlaf ist Tod, Erwachen Geburt. Es giebt Tage, Wochen, Monate, wo ich ohne Erwachen schlafen möchte, und ich verwünsche die Grausamkeit der Natur, welche mir nicht einmal das Almosen der Bewußtlosigkeit gönnt; jetzt würde ich ewiges Wachen vorziehen, und muß nun jede Nacht wider Willen den Faden der Arbeit abreißen, den ich lieber ohne Unterbrechung fortspänne . . .« Fabian betrachtete ihn lächelnd und mit einiger Verwunderung, indem er sagte: »Zum ersten Mal sehe ich Dich lebenslustig, Addrich, aber ich weiß nicht, ob ich mich darüber freuen soll.« »Freue Dich nur,« erwiderte der Alte, »denn im stürmischen Meere von Geschichten und Geschäften dieser Art gehe ich wieder zu wahrer Selbstvergessenheit über. Mehr begehre ich nicht. Ich allein fühle mich stark genug, die alte Eisenpforte des Weltkerkers aus den verrosteten Angeln zu heben, und ein ganzes Volk aus der stinkenden Gruft in den Sonnenschein der Freiheit vorwärts zu drängen. Zeltner, Leuenberg, Brömer, Schybi, alle erkennen und fühlen sie das, und gestern in der Nacht schworen sie mir zu, ohne meinen Rat keinen Schritt mehr thun zu wollen. Sie nennen mich den Meister. Darum, Fabian, laß uns aufbrechen und das Kriegsvolk und die Stellungen mustern. Ich will die Karten nicht nur mischen und geben, ich muß auch allen ins Spiel sehen, damit nicht einer seinen Trumpf wegwerfe.« Fabian, der sich das Degengehenk über die Achsel warf, versetzte mit fortdauernder Verwunderung: »Ich bin fertig, Addrich, Du aber bist wahrhaftig Deinem Ende nahe, oder auf dem Wege der Genesung von der schweren Krankheit, die Dich plagt, denn es ist eine große Veränderung bei Dir vorgegangen. Du fühlst Dich selbst wieder im Fleisch und Blut, wo Du bisher durch und durch tot und starr warest. Eigenliebe kann Dich kitzeln und Dir Lust zum Leben machen, da Dich bisher nichts mehr schmerzte, nichts mehr kitzelte. Komm, widersprich mir nicht. Du bist auf guten Wegen; ich hoffe, das bessere soll folgen.« Addrich, wie von der Wahrheit der Rede des jungen Menschen überrascht, lächelte über sich selbst und wollte Einspruch thun. Fabian aber mochte nichts hören, lachte und zog ihn fort, Der Anblick des Lagers, als sie ins Freie hinaustraten, gab ihrem Gespräche bald eine andere Wendung. 43. Böse Zusammenkunft. Sie gingen durch die langen Reihen des Lagers bis zum Adlersberge, auf dessen östlichem Flügel die alte Burg von Brunegg lag. Es war ein trüber Morgen. Ein schwermütiges, einförmiges Grau des Himmels hing über der duftenden Frühlingslandschaft. Hier und dort stiegen Rauchsäulen von frisch angezündeten Feuern auf, bei denen die in Krieger verwandelten Landleute ihr Frühstück kochten. Man erblickte nur wenige Zelte. Die Nacht war von den meisten ohne Obdach, auf einem Bündel Heu oder Stroh zugebracht worden, doch hin und wieder sah man statt der Gezelte wohl aneinander gelehnte Bretter und Thüren, die man den Häusern, Scheuern oder Ställen benachbarter Ortschaften entnommen hatte: oder leinene Laken, große Tücher von Frachtwagen und zerschnittene Säcke über aufgesteckte Stangen ausgespannt. Addrich und sein Begleiter gefielen sich in dem bunten Getümmel. Sie teilten mit einem der munteren Haufen das kräftige Frühstück und die kräftigen Späße. Dann begaben sie sich weiter, um auch die Vorposten des Lagers zu besuchen, welche längs der Reuß und vor der Stadt Mellingen aufgestellt sein sollten. Nach einer starken Viertelstunde Weges über die Wiesen gelangten sie zum Gebüsche, welches die Halden der Höhe bekleidete, die sich längs dem schmalen und ebenen Reußthale hinzieht. In geringer Entfernung von ihnen lag das Städtchen Mellingen, am dunkeln Strome der Reuß, nach alter Art und Weise mit Ringmauern und Graben umgeben. Dahinter erhob sich, allmählich emporschwellend, steil und waldig das Gebirge mit dem Heitersberge, über welchen ein unebener Weg nach Zürich führt. »Laß uns hinab ins Städtchen gehen, die Freiämtler halten es besetzt,« sagte Addrich, »denn wir sind auf den Wiesen zuweit links gegangen. Die Vorhut steht auf der Höhe, in der Nähe von Wohlenschwyl, an der Straße von Lenzburg. Verfolgen wir diesen Fußpfad! Er führt rechts und ohne Zweifel ins Dorf.« Als sie eine Strecke fortgewandert waren, hörten sie schon aus geringer Ferne durchs Gebüsch das Rufen, Lachen und Lärmen der ländlichen Krieger ertönen. Bald führte sie ihr Pfad zu einer einsam gelegenen Hütte, welche auf einem freien Platze, am Abhang der Höhe, eine ungehemmte Aussicht über Thal, Strom und Gebirge darbot. Eine uralte Eiche, die ihre schwarzen Arme über das Strohdach streckte, schien der Unzulänglichkeit desselben gegen die Unbill der Witterung mitleidig abhelfen zu wollen, und der Hinterteil des Baues schien seine Haltbarkeit weniger der eigenen Stärke, als der Stütze eines jener ungeheuren Granitblöcke danken zu müssen, welche, durch die Fluten der Urwelt aus den Alpen hierher gewälzt. noch zur Hälfte aus dem Erdboden hervorragen. »Ich wette,« sagte Addrich, indem er auf ein kleines hölzernes Kreuz zeigte, das den Oberteil des Giebels schmückte, »hier ist das Nest eines heiligen Tagediebes. Wir wollen dem Waldbruder einen Besuch abstatten. Man kann von solchen Leuten etwas erfahren.« Sie traten durch die offen stehende Thür in den engen Raum, wo sich auf dem Tischchen zur Seite ein paar große, halbleere Weinflaschen, Brotstücke und geräuchertes Fleisch, die Überbleibsel des Frühstücks, oder des gestrigen Abendessens, zeigten. Rechts am Boden erblickten sie auf einem Laubsacke, statt des Waldbruders, einen jungen, schlanken Kriegsmann in tiefem Schlafe. Addrich, der vorausgegangen war, fuhr bei diesem Anblick zurück, sah sich finster nach Fabian um und sagte: »Sehe ich recht, so ist's ein Schurke, der ein Lot Blei durch den Schädel zu bekommen nur zu sehr verdient hat. Ich gebe dem Aase einen Fußtritt, und damit gehen wir!« Fabian erkannte im Schlafenden jetzt den Hauptmann Gideon Renold. Sein Herz zog sich krampfhaft zusammen. Er wandte sich rasch ab und rief: »Fort von der Pestilenz! Was habe ich mit diesem Bösewicht?« Die Heftigkeit, mit welcher er die Worte ausstieß, weckte den Schläfer. Er fuhr mit halbem Leibe plötzlich vom Lager auf und starrte, ungewissen, ratenden Blickes, die vor ihm stehenden Gestalten an. Je deutlicher diese wurden, desto starrer wurden seine Mienen und Augen, wie die eines Menschen der, voller Entsetzen, Gespenster wahrnimmt. Sein erblaßtes Antlitz wurde durch das totenartige Veilchenblau, welches sich um seine Augen und Lippen legte, schauerlich. Addrich, der ihn jetzt in der That für krank hielt, fühlte bei dem Anblick eine Art Anwandlung von Mitleid und sprach mit sanfter Stimme und erzwungenem Scherz: »Du hier, Gideon? Was treibst Du, Faulpelz? Zum Müßiggang gehören entweder große Zinsen oder hohe Galgen.« »Was? Galgen?« sagte halblaut und unverständlich, wie aus trockener Kehle die Töne drängend und ohne seine Stellung zu ändern, der Hauptmann. Dann aber schrie er nach einigem Besinnen plötzlich laut und wiederholt: »Mörder! Wache! Schildwache! Hilfe!« »Menschenkind, rasest Du?« sprach Addrich. »Kennst Du mich nicht?« »Warum überfallet Ihr mich im Schlafe?« entgegnete Gideon, indem er aufsprang, beide mißtrauisch beobachtete und links und rechts mit den Augen umherfuhr. »Wehe dem, der Hand an mich legt! Wisset, ich bin der Vorpostenkommandant und jedes Haar meines Hauptes ist bewacht, wenn ich schon im Augenblicke wehrlos bin.« Er bewegte sich während dieser und ähnlicher Reden, ohne die Beiden aus den Augen zu lassen, rückwärts, und allmählich, wie wenn jene es nicht merken sollten, nach einem Hüttenwinkel im Hintergrunde, bückte sich dort rasch seitwärts, raffte ein am Boden liegendes Schwert auf, warf dessen Gehenk über die Schulter, bedeckte das Haupt mit seinem daneben gelegenen Hut und drückte denselben tief in die Stirn nieder. »Jetzt, Ihr Herren,« sprach er mit jener stolzen Haltung und Festigkeit der Stimme, worin sich das Gefühl seiner Sicherheit verkündete, »jetzt will ich Euch wohlgemeint raten, auf der Stelle das Feld zu räumen und mich nicht länger zu belästigen, widrigenfalls einem wie dem andern, wegen des schnöden Überfalles, üble Belohnung bevorsteht.« »Höre an,« sagte Addrich, »Du arger Geselle, ich vermute, Du hast Dein Quentchen Verstand beim Mordbrande am Thuner See verloren . .  und wahrhaftig! . . . das allein würde Dir noch zur größten Ehre gereichen, denn sonst wäre keine ehrliche Faser an Dir. Man müßte Dich dann nicht aufhängen, sondern nur bedauern. Auf jeden Fall hat der das Roß hinter den Wagen gespannt, der Dich als Kommandant der Vorposten hierher stellte. Ein Narr muß bewacht werden, aber nicht Wache halten, und ein Bösewicht gehört nicht unter ehrliche Leute.« »Schweig mit Deinen schändlichen Reden, Du meineidiger Betrüger,« versetzte Gideon, »oder ich operiere Dir die Zunge im Halse, daß sie nie wieder falsch schwören soll. Ich darf allezeit mit gutem Gewissen vor ehrlichen Leuten stehen, aber Du . . .« »O ja!« unterbrach ihn der Alte mit bitterm Lächeln, »Du darfst Dich sehen lassen, wenns finster ist, und darfst mit Deinem Gewissen prahlen, denn es ist groß genug, daß man mit einem Fuder Heu hindurchfahren könnte. Aber die Leute riechen den Brand an Dir.« »Den Brand!« schrie der Hauptmann auffahrend. »Daß Dich hunderttausend Teufel zerreißen, denen Du Deine arme Sünderseele längst verpfändet hast! Was Brand? Und wenn man Dir einen roten Hahn über die Baracke im Moos schickt, hast Du Besseres verdient? Meinst Du, ich lasse mir von des Satans Gaukelsack, wie Du einer bist, Nasen drehen und mir pochen? Hast Du mir nicht Epiphania verheißen, und das Weibsbild dem Schnapphahn dort angehängt? Gottes Marter, Wunden und Blut! Mache Dich fort, oder ich jage Dir die Klinge durch die Gedärme!« Addrich schüttelte den Kopf und erwiderte gelassen: »Vor Deinen schwedischen Flüchen ergreift unser einer das Hasenpanier nicht. Doch Antwort will ich Dir geben. Meine Nichte ist dieses Ehrenmannes Weib geworden, weil es der letzte Wunsch meiner sterbenden Tochter und der eigne Wille Epiphanias war. Ich hatte Dir nichts wider Epiphanias Willen zugesagt; sie aber haßte Dich von ganzem Herzen. Und wäre alles das nicht gewesen, ich hätte meines Bruders Kind eher einem Steckenknecht und Sauhirten an den Hals geworfen, als um Tonnen Goldes einem Mordbrenner gegeben; und der bist Du!« »Gut, gut,« erwiderte Gideon höhnisch, »triumphiert nur! Ihr sollt Euren Hochzeitsschmaus mit Teufelsdreck geschmalzen finden, Nesseln im Bette und vielfüßige Lanzknechtstierchen auf der Weide haben. Du sollst wissen, was es heißt, einem tapfern Offizier nicht Wort halten. Ich habe andere Majestäten gesehen!« »Ich deren auch,« versetzte Addrich. »Ich bin weit in der Welt herumgekommen, aber diesseits und jenseits des Meeres sah ich – auf Ehre! – keinen verdorbeneren Buschklepper und Taugenichts als Dich!« »Mit Gunst, lasse die Ehre aus dem Spiele!« schrie Gideon bitter lachend. »Es führt heutzutage manche Ehre über das Meer und ersäuft nicht, weil sie gehängt sein will. Und jetzt macht Euch aus dem Staube . . . oder ich – hier zog er den Degen – auf Kavalierswort! Ich schicke Euch in des Teufels Rachen hinab!« Er hatte die Worte noch nicht vollendet, als Fabian, der bisher unter der Thür schweigend dem Wortwechsel zugehört hatte, mit gezückter Klinge hervorsprang, den Alten hinter sich zurückdrängte und ausrief: »Du Molch! So stelle Dich zur Wehr!« »O mit nichten!« erwiderte Gideon verächtlich. »Dich schone ich, denn Du bist zum Hahnrei geboren und sollst sehen, wie ich Deine Dirne meiner ganzen tapfern Mannschaft preisgebe.« Addrich riß den Jüngling zurück und hielt ihm den Arm, indem er rief: »Fabian, beflecke Dein Schwert nicht an diesem räudigen Hunde!« Während sie noch unter einander stritten, hörte man draußen nach dem Hauptmann schreien. Ein Haufen bewaffneter Bauern eilte herbei und drängte zur Thür mit dem Rufe: »Kommet, Hauptmann, heraus! Der Feind ist im Anzuge, der Feind!« 44. Das Gefecht bei Mellingen. Diese unerwartete Dazwischenkunft veränderte plötzlich die Gestalt der Dinge zwischen den drei Männern in der Waldbruderhütte. Obschon der Hauptmann noch gegen Addrich und Fabian, denen man die Degen entreißen und beide als Gefangene fortführen sollte, und zwar mit allen Flüchen wütete, die er in den deutschen Kriegen gesammelt hatte, wie nicht minder über die schlechte Disziplin seiner Soldaten, über die strafbare Entweichung seiner Schildwache, die man vierundzwanzig Stunden lang bei Wasser und Brot krumm schließen müsse . . . so hörte doch niemand auf ihn. Einer überschrie den andern mit der Botschaft, der Feind ziehe gegen Mellingen, die Stadt sei überrumpelt; man müsse ihr zu Hülfe eilen . . . Die Menge und das Gedränge vor der Hütte mehrten sich. Es kamen neue Bauernhaufen mit dem erneuten Geschrei: »Hauptmann, heraus! Mellingen ist über: wir sind verraten! Hört nur, hört, in der Stadt wird geschossen! Alles ist an die Züricher verraten und verkauft!« Botschaften dieser Art waren allerdings ganz geeignet, den Zorn des Hauptmanns schnell abzukühlen und seinen Gedanken eine andere Richtung zu geben, zumal einige Stimmen aus dem Getümmel Drohungen gegen den saumseligen Kommandanten ausstießen: »Will er nicht heraus, so machen wir einen andern Hauptmann. Nun es heißt: Vogel friß oder stirb! verbirgt er sich hinter dem Zaune. Hat er vielleicht auch schon Hand und Haftgeld von den Zürichern genommen? Er soll heraus! Heraus!« Gideon stieß den Trupp der in die Hütte Gedrungenen hastig zurück, und auch Addrich und Fabian gelangten mit dem Strome, der zur Thür hinausging, ins Freie. Gideon stellte sich dem Haufen entgegen und befahl wiederholt, zu schweigen. »Was ist das für eine Mannszucht?« schrie er. »Wisset Ihr nicht einmal, wie Ihr das Amt des Befehlshabers zu respektieren habt, daß Ihr ohne Geheiß des Offiziers alle aus dem Lager und von dem Posten laufet? Bei solcher liederlichen Wirtschaft und unziemlichen Frechheit hat der Feind beim ersten Begegnen und Scharmützel die Oberhand. Euch Gesellen muß man noch besser zu Gehorsam, Mut und Kriegsmanier gewöhnen.« »Aber, Kommandant,« rief einer aus dem Haufen, »mache den Mund zu und sperre die Augen auf, dann siehst Du selbst von hier den Feind schon hinter der Mellinger Reußbrücke.« »Schweige, Lotterbube, mit Deiner Anmaßung!« schrie Gideon, über den neuen Mangel an Achtung ergrimmt. »Wer sich noch einmal muckset, den sollen zehntausend Millionen Schock Donnerwetter . . .« »Gott sei bei uns!« unterbrach ihn ein Kerl, der vorne stand. »Wir haben einen frommen Kriegshelden zum Hauptmann verlangt, aber keinen gotteslästerlichen Flucher Deines Gleichen. Ich rate Dir wohlmeinend, mache uns Deine Höllenkomplimente nicht wieder. Wir wollen gottesfürchtige Christen sein und bleiben. Der Himmel soll uns Deinetwillen nicht strafen. Vor Dir muß man bald ein Kreuz in die Diele machen.« Diese Worte schienen die Stimmung des gesamten kriegerischen Haufens ziemlich treu auszusprechen, denn viele von ihnen murmelten halblaut und mißvergnügt unter sich und schüttelten die Köpfe, andere gingen verdrossen auseinander. Gideon spürte Übles im Anzuge. Er änderte deswegen sogleich den Ton und sagte: »He, was hier, was da? Soldaten sind gemeiniglich schlechte Pfaffen; das wißt Ihr wohl. Ihr bauet auch gern die Kirche mitten ins Dorf, hört aber lieber mit den Bechern zusammenläuten, als mit Glocken. Vorwärts, Ihr tapfern Landsleute, laßt uns dem Feind zeigen, was wir vermögen, Vorwärts, marsch!« Der Haufe setzte sich sogleich nach der Richtung in Bewegung, von wo er gekommen war. Als Gideon ihm nacheilte, warf er zuvor noch einen mörderischen Blick auf Fabian und Addrich zurück, indem er rief: »Eure Bestrafung und Züchtigung behalte ich mir für nächste Gelegenheit vor!« Damit entfernte er sich nebst den übrigen nach dem Buschwerk, welches den Weg zum nahen Dorf bedeckte. Fabian steckte den Degen ein, dem Hauptmanne blos mit einem verächtlichen Achselzucken antwortend. »Fürwahr,« sagte er, »ich weiß Dir Dank, Addrich, daß ich diese heilige Klinge nicht mit dem Blute des schändlichen Gauchs befleckte.« Addrich, der auf einem bemoosten Stein am Abhang des Berges Platz genommen hatte, und dort, mit Hand und Kinn auf den Knopf seines Degens gestützt, unverwandt nach Mellingen hinübersah, erwiderte kurz: »Lasse ihn fahren! Gedanken sind wohlfeile Ware, aber für den da ist mir der kleinste zu kostbar. Laß ihn.« »Es wunderte mich längst, Addrich, daß Du ihn in Deinem Umgange, unter Deinem Dache duldetest.« »Man duldet vieles, was die Natur duldet, und man gebraucht's, wie sie. Sie hat Adler und Aasmaden. Hätte ich manches früher gewußt! Mochte ihn doch auch Epiphania lange Zeit wohl leiden.« »Den Gleisner? Ihr Innerstes verabscheute ihn.« »Leonore; die arme Leonore, ebenso. Sie hatte Neigung zu ihm, bis sie den höllischen Gast erkannte. Da brach es ihr das Herz. Sie gestand es erst unlängst Epiphania, und nun erkläre ich mir manches.« »Das fromme, stille, heilige Loreli? Das ist ganz unnatürlich!« »Und eben deshalb in Ordnung. Die Einfälle der Natur sind nicht immer die natürlichsten Sie verbindet am liebsten, was sich am tödlichsten widerstrebt. Das Licht schleppt den Schatten nach sich, der Sommer bringt das Hagelwetter; der Weizenacker ernährt das Unkraut . . . Pestilenz, das sind die Züricher! Die Freiämtlerische Besatzung hat sich ohne Flintenschuß ergeben. Was schlagen unsere Tölpel links und rechts ihre Kalbfelle, anstatt vorzueilen und die Hand voll Züricher zurückzuklopfen?« Während in den Ortschaften Büblikon und Wohlenschwyl auf beiden Seiten die Trommeln der Aufständischen gerührt wurden, sah man aus dem offenen Thore des Städtchens Mellingen einige Kompanien der Eidgenossen, denen auch schweres Geschütz und Reiterei folgte, in die Ebene hervormarschieren. Bald entwickelten sich dort, in ziemlicher Ordnung, einige Schlachthaufen. Als Addrich, der die feindlichen Bewegungen im Thale mit keinem Auge verließ, von ungefähr aufwärts sah, erblickte er links, auf der Straße von Baden, hinter der Stadt den langen Zug des eidgenössischen Kriegsheeres, und selbst rechts, von den Höhen des Heiterbergs hernieder, auf einzelnen lichten Stellen zwischen den Wäldern, Waffen blitzen und Fahnen flattern. Beide betrachteten, von der Waldbruderhütte aus, ruhig das ernste Schauspiel. Aus dem Mellinger Thore rückten immer neue Scharen in die Ebene, die sich dann, unweit einer alten Kapelle, in langen Reihen auseinander rollten. »Was denkst Du jetzt zu dem Handel?« fragte Fabian endlich. »Er geht wie er gehen soll,« erwiderte Addrich, ohne hinwegzusehen. »Was liegt an Mellingen? Die Herrenknechte müssen herüber, damit wir sie fassen, erdrücken und hinterrücks ins Wasser stürzen können. Wertmüller meint, daß wir schwach wären; er wird bald stutzig werden.« »Sieh hinauf, Addrich!« rief Fabian. »Siehe, die Züricher bringen den Geier mit; so sicher scheinen sie zu sein, ihm einen guten Schmaus zu bereiten.« Wirklich schwebte in diesem Augenblicke ein großer Raubvogel hoch in der Luft über dem Städtchen und dem Heere. »Dergleichen Tiere sollen feine Witterung haben,« erwiderte Addrich. »Die Züricher dünsten ohne Zweifel in ihrer Angst schon Leichengeruch aus.« Als er dieses mit tückischem Lächeln sprach, richtete er die Augen in die Höhe und erblickte den Raubvogel hoch über den eidgenössischen Bannern. Da fielen die heiteren Falten seines Gesichtes plötzlich finster und starr zusammen, denn es kam ihm unwillkürlich einer von den Versen in den Sinn, den die kranke Eleonore, im Wahnsinn ihrer Träume, einst um Mitternacht gesungen hatte: Am Himmel schweben Fahnen, Am Himmel, blau und weiß; Sie schweben lange Bahnen Herab zur grünen Reuß. Aar schüttelt breite Schwingen Vom Felsenhorst, der Aar. Er kreist in großen Ringen. Aar sucht die Leichenschar. »Deine Geberde, Addrich, verrät keine so freudige Zuversicht als Deine Zunge,« sagte Fabian, der die plötzliche Verfinsterung des Alten wahrnahm. »Hm!« brummte jener ärgerlich, und fuhr mit der Hand über die Augen hin. »Arge Gespensterseherei, wenn der Menschenverstand auf dem Gipfel seiner Höhe gerade den Aberglauben zum ersten Nachbar hat, oder wenn der alberne Zufall ein Gesicht macht, wie die Vorsehung auf dem Stuhle des Schicksals . . . Still! . . . Etwas anderes! . . . Schaue rechts unsere Mannschaft auf dem Mellinger Felde längs dem Waldhügel! Erkennst Du den Gideon, wie er immer zwanzig Schritte vor dem Haufen einhergeht? Herz hat der Teufel. Er ist Soldat mit Haut und Haar. Laß sehen, Kerl, was Du ausrichtest!« Addrich's und Fabian's Aufmerksamkeit wurde auf's Höchste gespannt, als sie einige kleine Rotten, in allem kaum über hundert Mann, keck gegen die Züricher vor der Kapelle heranrücken sahen. Gideon Renold, in seinem eigentümlichen, stolzen Gang und seiner schwedischen Tracht, war unverkennbar. Er ließ Halt machen und richtete seine Leute. Diese schrieen den Zürichern Spottwörter zu, oder winkten ihnen mit geschwungenen Hüten, oder drückten ihren Trotz durch andere, minder ehrbare Geberden aus, wie sie der Pöbel am liebsten anwendet und am leichtesten versteht. Inzwischen löste sich aus den Schlachtreihen der Eidgenossen eine mäßige Schar, die unter Trommelschlag den Aufständischen entgegenzog. Ehe man sich noch gegenseitig mit den Kugeln erreichen konnte, wurden schon Schüsse gewechselt. Renolds Schützen standen in den vorderen Reihen; hinter denselben die Speerträger mit niedergehaltenen Spießen. Sie schienen den Feind festen Fußes erwarten zu wollen. Als die Züricher auf halber Schußweite Halt machten, wirbelten die Trommeln der Aufständischen; man hörte Gideons Befehle. Mit lautem Gebrüll, ihr Feuer verdoppelnd, stürmten die Bauern auf die Gegner; die langen Spieße der Hinterreihe streckten sich, gleich den Zähnen eines Kammes, zwischen die Glieder der Vorderreihe, weit hinaus gegen die feindliche Linie. Diese schwankte, zerriß, floh und stob aus einander. »Viktoria!« schrie Addrich, vom Sitze aufspringend. Sein Gesicht leuchtete glühend in der Freude; seine Gestalt schien größer geworden zu sein, so sehr streckten sich alle Glieder seines Leibes. Doch bald sanken sie wieder zusammen und sein Viktoria verlor sich in einen dumpfen Fluch, als die ihnen nachjagenden Sieger plötzlich umwandten und in zügelloser Verwirrung zurück, nach den Waldhöhen, eilten, Die Züricher hatten mehrere ihrer Feldstücke vorführen lassen und mit dem mörderischen Donner derselben die wilden Banden ihrer Feinde begrüßt. Als diese zurückprallten und flohen, zog ihnen, wie ein dunkler Schatten, die Reiterei, in geteilten Haufen sie verfolgend, über die Wiesen nach. Viele der Flüchtlinge wurden gefangen, viele verwundet und getötet. Ein Schlachthaufen der Eidgenossen nach dem andern löste sich von der Heerlinie vor Mellingen, und bewegte sich auf der Straße von Lenzburg vorwärts. Von Zeit zu Zeit drang, von ihren abgeschossenen Flinten herrührend, ein weißgrauer Nebelstreif wolkenartig aus ihren Reihen und der Blitz der Feuerschlünde verkündete den nachfolgenden Donner. Addrich schüttelte den Kopf und sprach: »Fabian, es ist Zeit für uns, den Rückweg ins Lager anzutreten. Hier heißt's: wohlgeflohen, wohlgefochten! Den Gideon sollte man in eine Kartaune laden und in die Luft schießen. Wenn er nicht starken Rückhalt hatte, mußte er nicht mit einer Hand voll Menschen die ganze feindliche Kriegsmacht necken wollen, der Großprahler. Wir wollen dem Leuenberg treuen Bericht erstatten.« »Höre mich, Addrich!« erwiderte Fabian. »Laß uns den Rückweg ins Moos nehmen und, was uns daheim lieb ist, retten. Der schlimme Anfang deutet auf einen schlimmen Ausgang.« »Oho! Das heißt zu früh verzagen!« rief Addrich. »Das Ende liegt nicht im Anfange; sonst gäb's elende Musik, wenn's beim Geigenstimmen bliebe. Wir werden in wenigen Tagen anderes erleben; der Letzte hat noch nicht geschossen. Du mußt den Schybi nicht mit dem Gideon, diesem dummdreisten Beller, in Reihe und Glied stellen, oder diesen Vorposten mit unserer Armee vergleichen. Die Kugel wirft nicht nur einmal, es wird wohl noch Kegel geben.« Unter Fortsetzung dieses Gesprächs begaben sich beide eilfertiger, als sie gekommen waren, zum Lager. 45. Das Treffen bei Wohlenschwyl. Bei ihrer Ankunft waren die bösen Botschaften vom Übergange Mellingens an Wertmüllers Kriegsvolk und von der Vertreibung der Vorposten aus Bädlikon und Wohlenschwyl schon ruchbar. Die Bauern standen in großen Haufen zusammen beratend auf den Feldern. Auf allen Gesichtern las man Bestürzung und Sorge. Selbst im Hauptquartier herrschte Verlegenheit; Leuenberg sprach kleinlaut, obwohl fort und fort Nachrichten vom Anwachsen seines Heeres durch frische Zuzüge einliefen. Nur Christen Schybi, lebhaft von Addrich unterstützt, hielt im Kriegsrat den erschütterten Mut der übrigen aufrecht, und man beschloß, auf die Verzweiflung und Übermacht des Volkes vertrauend, den Kampf zu bestehen. Man fürchtete, den Feind schon in der Nacht vor dem Lager erscheinen zu sehen. Alles blieb wach und unter den Waffen. Als die Nacht aber ruhig verstrich und auch der folgende Tag – es war ein Sonntag – vorüber ging, ohne daß ein Schuß fiel, genas alles vom ersten Schrecken, und der gesunkene Mut schwoll von neuem auf. Einer wollte es dem andern an Entschlossenheit zuvorthun. Die bewaffneten zahlreichen Haufen sandten Ausschüsse an Leuenberg, mit dem Verlangen, er solle sie gegen den Feind führen. Christen Schybi bestimmte den Dienstag zum allgemeinen Angriff, und machte dem Kriegsrate seine Entwürfe bekannt. Er selbst hatte Augenschein vom Lager der Eidgenossen genommen, und es zum Teil hinter aufgeworfnen Gräben, zum Teil mit Verhauen von gefällten Bäumen und durch zwölf Stücke groben Geschützes, zehn Feldstücke, zwei Feldschlangen und zwei halbe Kartaunen gedeckt gefunden. Nun ließ er die Höhen von Häglingen mit zahlreichem Volk besetzen, welches bestimmt war, am Dienstag über die Niegelweid und Tegerig das Lager des Feindes zu umgehen, während andere Haufen Bremgarten beobachten und berennen, der Hauptangriff aber gegen Wohlenschwyl gerichtet werden sollte. Noch war man am Montag zur Ausführung des Plans in vollster Thätigkeit, als von den Vorposten die Meldung einlief, der Feind sei im Anzuge. Plötzlich stand alles unter Waffen. Die verworrenen Haufen scharten sich zusammen und Leuenberg zählte eine Heeresmacht von sechszehn- bis zwanzigtausend Mann. Mit Trommelschlag und fliegenden Bannern zogen die Schlachthaufen vorwärts. Beim Anblick dieser Übermacht hielten die feindlichen Haufen still. Es waren ihrer kaum dreitausend Mann, welche unter Anführung des Obersten Wertmüller, eines Verwandten vom Oberfeldherrn der Züricher, vorgeschickt waren, die Stellung und Stärke der Empörten zu erkennen. Ein einzelner Trompeter als Herold des Züricher Befehlshabers sprengte, indem er die Trompete blies, auf der Landstraße allein gegen die vorrückenden Banden und begehrte eine Unterredung mit dem Kommandanten. Leuenberg, umringt von seinen vornehmsten Hauptleuten, gebot den Truppen, auf der ganzen Schlachtlinie Halt zu machen und vernahm das Vorbringen des Herolds. Im Namen seines Obersten lud dieser, um Blutvergießen zu vermeiden, ehe die Feindseligkeiten begännen, zu Unterhandlungen ein. »Nichts! Kein längeres Federlesen!« rief Addrich im Kriegsrat, den Leuenberg alsbald in einiger Entfernung hinter den Truppen hielt. »Vorwärts! Umzingelt diese wenigen tausend Mann, erdrückt sie und reibt sie auf! Das schwächt den Feind fast um die Hälfte seiner Streitkräfte, bringt Bestürzung und Schrecken in die andern, die im Lager vor Mellingen zurückblieben, und giebt unsern Leuten Siegesmut.« »Nein,« rief Schybi, dem das unerwartete Erscheinen des Feindes alle Pläne zu vereiteln drohte, »nein, nur Geduld! Nur vierundzwanzig Stunden gebt mir Frist, und morgen liefere ich Wertmüller mit seinem ganzen Lager in Eure Gewalt, denn ich habe ihn schon so gut wie im Garne. Seid Ihr zu voreilig, entschlüpft der Vogel und sieht sich besser vor. Macht ihn sicher, unterhandelt, versprecht ihm goldene Berge, Frieden, Unterwerfung, alles, was Ihr wollt; nur schaffet, daß ich Frist habe bis morgen acht Uhr.« Addrich verschwendete seine Beredsamkeit für ungesäumten Angriff vergebens. Schybi, welcher als Kriegskundiger allgemeines Vertrauen genoß, drang durch, und Addrich selbst, nebst einem anderen aus dem Kriegsrat, empfing den Auftrag, mit dem feindlichen Anführer über einen Waffenstillstand bis zum folgenden Tage zu unterhandeln. Die Abgeordneten hatten leichtes Spiel, diesen Waffenstillstand bewilligt zu erhalten. Oberst Wertmüller von Zürich und der Schaffhausener Oberst Rühums, die ihnen schon von weitem entgegengeritten waren, bewilligten, was sie forderten, mit großer Freundlichkeit; ermahnten eifrig zum Frieden und zur Niederlegung der Waffen, und versprachen dagegen unbedingte Verzeihung für alles schon angerichtete Unglück. Sie zogen darauf ihre Gruppen wirklich zurück, und auch das Bundesheer des Landvolkes kehrte wieder zum verlassenen Lager heim. Hier aber herrschte jetzt die größte Thätigkeit, um Schybis Entwürfe auszuführen: Wertmüllers linken Flügel zu umgehen, dessen Mitte in der Stirnseite über Büblikon und Wohlenschwyl anzugreifen und das ganze gegen die reißenden Fluten der Reuß zu werfen. Gleichzeitig sollten die weiter aufwärts bei Villmergen versammelten Schaaren des Aufstandes das Städtchen Bremgarten überfallen, und dort die Reußbrücke, wie die Stadt selbst erstürmen. Lange vor Tagesanbruch wurde zum Aufbruch gerüstet, aber die Sonne strahlte schon hell und warm durch die aufgestiegenen Nebel der Thäler, ehe die verworrenen Banden dieses ungelenken Kriegsvolkes auseinanderzogen und einzeln über ihre Richtungslinien, Angriffspunkte und diejenigen ihrer gegenseitigen Unterstützung belehrt worden waren. Bei solcher Langsamkeit der Bewegungen hatten die eidgenössischen Feldherren im Lager von Mellingen bequeme Zeit, sich vor Überraschung zu bewahren, auch wenn nicht schon am Abend zuvor die Botschaft eingetroffen wäre, daß der Paß von Bremgarten durch anrückende Massen der Aufständischen bedroht sei. Indessen hatten auch sie nicht geringe Arbeit, ihre in Waffen und Wendungen ungeübten Streiter gehörig zu ordnen, um die gesamte Reiterei, die fünfhundert Mann stark sein mochte, dreitausend Fußgänger und acht Feldstücke, dem bedrängten Bremgarten zum Beistande aus dem Lager zu ziehen. Gerade diese Schwerfälligkeit kam dem Oberbefehlshaber hier wohl zu statten, denn sein Verwandter, der Oberst Wertmüller, war kaum mit der Entsendung ausgerückt und seit einer Viertelstunde am linken Ufer des Reußstromes hinauf in Bewegung, als er auf die roten Schaaren des Aufstandes stieß, welche in der selben Zeit nach Schybis Anleitung daher zogen, das Lager von Mellingen von der Seite zu nehmen. Beide Heere schienen, als sie sich ganz unerwartet erblickten, gleich sehr vor einander zu erstaunen und machten Halt, ohne daß es erst geboten werden mußte. Christen Schybi, in dessen Begleitung auch Addrich mit Fabian war, weil auf dieser Seite besonders das Schicksal des Tages entschieden werden sollte, faßte sich schneller, als sein bestürzter Gegner. Er ließ die beiden Flügel seiner Schlachtreihen ihre Spitzen vorstrecken, während die Mitte ruhig blieb, um so den feindlichen Haufen wie zwischen eine Zange zu fassen, oder ganz zu umklammern und zu erdrücken. Das Wirbeln der Trommeln, das Knattern des Gewehrfeuers, der Donner der Feuerschlünde begann, ehe man sich erreichen und schaden konnte. Es schien, als lege man es darauf an, einander durch das Getöse in Furcht zu setzen, welches der Widerhall der Berge und Wälder ringsum hervorrief. Bald hörte man auch seitwärts, hinter den Hügeln, vom Dorfe Wohlenschwyl her, das Knattern der Flintenschüsse. Der Zeiger an der Uhr bewegte sich schneller, als das Vorschieben der Spitzen der Schlachtordnung geschah, die der befehligende Entlebucher an beiden Seiten seines Heeres sich bilden ließ. Auf der anderen Seite machte die Reiterei der Züricher seltsame Sprünge, als sie einigemal abgeschickt wurde, in die langsam nahenden Flügel des Feindes einzuhauen. Vom Flattern der Fahnen, dem Gebrülle der Schlachthaufen und dem Knattern der Schüsse auf allen Seiten wurden die Pferde scheu, welche, dem friedfertigen Gewerbe der Müller, Wirte, Ackerbürger und Fuhrleute entzogen, des Lärmens ungewohnter als die Reiter waren. Die letzteren hatten mit der Widerspenstigkeit ihrer Tiere weit mehr, als mit der Tapferkeit ihres Feindes zu schaffen. Daher sah man die Geschwader gewöhnlich schon auf halbem Wege auseinanderprallen und, einer erschrockenen Herde gleich, zurückrennen. Indessen schien sich mit der Dauer des Treffens in beiden Heeren der Mut zu vergrößern; besonders, da jeder Teil auf seiner Seite weder Tote noch Verwundete erblickte, aber deren desto mehr in den gegenüber stehenden Schlachtreihen vermutete. Schybis Banden, die durch ihre Kriegstracht, in roten wollenen Hemden, auf dem Grün der Wiesen einen weiten, blutfarbenen Halbzirkel bildeten, rückten jetzt beherzter heran. »Siehe Schybis glühende Zange!« rief Addrich, der mit Fabian seitwärts auf einer Höhe stand, von der er die Bewegung beider Heere überschaute. »Jetzt legt er sie an und wird die Stadtjunker garstig zusammenklemmen.« Das Gefecht wurde wilder; die Schüsse fielen schneller. Eine weite Dampfwolke, vom Blitze der Feuerrohre und Feldstücke beständig durchzuckt, breitete sich über beide Heere aus und erfüllte den Raum zwischen ihnen. Während dessen stieg auch in nicht großer Entfernung. seitwärts, ein ungeheurer, braungrauer Rauchschwall zum Himmel. Das Dorf Wohenschwyl stand in Flammen, Thäler und Berge hallten wieder von den Donnerschlägen des Geschützes. Addrich stand in tiefer Erwartung, ohne Bewegung, den Blick starr auf die weißlichen Nebel des Pulverdampfes und die Rotten der Kämpfenden gerichtet, welche von Zeit zu Zeit, auf Augenblicke, dazwischen sichtbar wurden und wieder verschwanden. Er empfand in dem gellenden Getöse ein Klingen in den Ohren, dessen Ton ihn an Leonorens Stimme mahnte, wie sie im kranken Traume sang, und unwillkürlich und mit heimlichem Grausen erinnerte er sich der Worte: Sie ziehn den roten Bogen, Ihn bricht das böse Glück. Vor geh'n nun Feuerwogen, Ein Blutstrom geht zurück. In der That, der Bogen oder die glühende Zange des Entlebuchers war gebrochen, und zwar durch Wertmüllers Kartaunen und Feuerschlünde. Schybis Heerbanden waren durch ihre eigenen Bewegungen in einander verwickelt worden, während dessen Wertmüllers Schlachtlinie stillstehend ihre unveränderte Ordnung behalten hatte. Die Stückschüsse der Züricher und Schaffhausener schlugen daher verheerend in die dichten, zusammengedrängten Haufen der Bauern ein, und diese, beim Anblick der Verwüstung und des Todes, flohen mit panischem Schrecken auseinander. Als die übrigen Schlachthaufen des Aufstandes links und rechts hinter sich Äcker und Wiesen mit unzähligen Flüchtlingen überstreut sahen, wandten auch sie den Rücken, doch mit geringerer Gefahr als die Zerstreuten, denn diese wurden von den feindlichen Reitergeschwadern verfolgt, niedergehauen und gefangen. An zusammengebliebene Heerbanden wagten sich die einzelnen umherjagenden Reiter nicht, und von der unbehülflichen Masse des Fußvolkes ihrer Überwinder hatten die Eilfertigen wenig zu fürchten. Auch verfolgte Wertmüller seinen Sieg nicht weit, indem er sich entweder vor der Schwerfälligkeit seiner Scharen oder vor einem Hinterhalte des Feindes scheute. Das Treffen hatte beinahe drei Stunden gedauert. Wohlenschwyl und einzelne Höfe und Wohnungen, wo man sich geschlagen hatte, standen in Flammen. Sieger und Besiegte kehrten in ihre vorigen Lagerstätten zurück. Während Fabian mit wenig Gehilfen seinen menschenfreundlichen Beruf an den Verwundeten übte, durchstrich Addrich finster die ganze Strecke des Feldlagers und fand die Bauern überall in Verzagtheit und Schrecken. Sie beratschlagten in großen Haufen, was zu thun sei? Viele verzweifelten am Gedeihen des Unternehmens, an der Möglichkeit des Widerstandes. Andere meinten, man müsse die Hände noch nicht in den Schoß legen; der Riß wäre klein und ginge noch nicht bis an den Hals, doch keiner der Hauptleute wagte mehr zu befehlen; nirgends wurde Gehorsam gefordert oder geleistet. Addrich schalt die Feigherzigen, aber seine heisere Stimme wurde kaum verstanden. Jeder dachte nur, wie er sich selbst helfen könne. Spät abends kam Addrich zu Leuenberg ins Hauptlager, wo die Häupter des Aufstandes um den Obmann versammelt standen. Alle begrüßten ihn kleinlaut und fragten ihn um seine Meinung. »Guter Rat ist beinahe teuer,« sagte Leuenberg. »Rede, Mooser, Du triffst immer den Nagel aus den Kopf.« »Und gerade jetzt,« erwiderte Addrich ärgerlich, »kann der Hammer nicht fehl treffen. Entweder vorwärts zum Sieg, oder rückwärts zum Galgen; das bleibt Eure Wahl. Wir haben das Spiel nicht eher verloren, als bis wir's aufgeben. Die Memmen bekommen nur darum Schläge, weil sie dem Feinde den Rücken selbst darbieten.« »Beim Sanniklaus, Mooser,« rief Schybi, »Du bist der einzige Mann von Herz. Ich sage, wir wollen das Junkerlager vor Mellingen noch diese Nacht mit dem Degen in der Faust erstürmen und niedermetzeln, was drin lebt.« Addrich stimmte ihm bei und bewies die Wahrscheinlichkeit des guten Erfolges. Man haderte darüber, ohne einig zu werden, bis tief in die Nacht, und beschloß, den folgenden Morgen zu erwarten, da alsdann auch das Kriegsvolk geruht und frischere Zuversicht gewonnen haben werde. Am folgenden Tage indessen folgte eine böse Nachricht der andern. Man erfuhr, daß während der Nacht viele Bauern einzeln das Lager verlassen und den Weg in ihre Heimat angetreten hätten. Dann, daß nach langen Beratungen ein Ausschuß von vierzig Männern im Namen der Berner, Luzerner, Solothurner und Baseler Landleute früh schon den Pfarrer Hemman auf dem Dorfe Ammerswyl herbeigeholt und von ihm begleitet sich ins Lager der Eidgenossen begeben hätte, wohin auch der Bürgermeister Waser von Zürich gekommen sei. Der Ausschuß sollte reuige Unterwerfung versprechen, wenn man billige Bedingungen gestatten und künftig mit dem geplagten Landvolke so umgehen würde, daß es zu ertragen wäre. »Da haben wir den Unglückstopf voll!« rief Addrich erbost, als er zum Obmann und den übrigen Anführern in den Saal trat. »Es ist alles aufgelöst, und daran ist Dein Hasenherz schuld, Leuenberg. Warum ließest Du den Schybi nicht in der Nacht das feindliche Lager überfallen? Jetzt säßen wir zu Mellingen oder im Paradiese beim Frühstück. Nun aber kriechen die feigen Hunde mit gesenktem Schwanz zu Kreuz.« Leuenberg antwortete nicht, sondern ging nachdenkend und ernst im Zimmer auf und nieder. »So fahret insgesamt zur Hölle!« rief Christen Schybi. »Glückliche Reise! Ich gehe zu meinen Entlebuchern und Luzernern; die bringe ich mit drei Worten herum. Wir kapitulieren nicht und ziehen heim.« Damit entfernte er sich. Leuenberg erblaßte; Addrichs Augen funkelten von innerem Grimme und sein Gesicht glühte im Zorne dunkelrot. Er drückte sich mit geballter Faust den Hut über die Stirn und rief: »He, Obmann des festen Bundes, hast Du noch einen Entschluß im Sack, wie er dem Manne geziemt, oder nur breite Worte nach Deiner Art im Munde?« »Wenn einer verderben soll, so muß alles dazu helfen,« sagte Leuenberg mit schwacher Stimme. »So verdirb und stirb!« schrie Addrich mit Verachtung und Unwillen. »Ich gehe zu meinen Oberländern; sie werden keine Lust haben, sich vor den Thoren von Mellingen aufknüpfen zu lassen. Die Männer aus Saanenland haben Mark in den Knochen.« Damit ging er und schmetterte die Thür hinter sich zu, daß das Haus bebte. Mittags kamen die Abgeordneten aus Wertmüllers Lager zurück. Sie sagten, man müsse die Waffen niederlegen, auseinander gehen und die Bundesbriefe ausliefern. Alle Beschwerde solle gütlich abgethan oder zu rechtlichem Urteil gestellt werden. Wer Gehorsam leiste, komme ohne Strafe davon. Die bewaffneten Haufen, je nach den verschiedenen Gegenden und Kantonen geordnet, traten beratend zusammen. Nach langem Geschrei erklärte sich eine Rotte nach der andern zur Unterwerfung geneigt. Nur die aus dem Kanton Luzern verschmähten die angebotene Gnade und stellten sich mit ihrem Gepäck in Reihe und Glied, wie zum kriegerischen Abzuge, auf. Ebenso sah man die Oberländer auf einer andern Seite, weit entfernt von Unterwerfung, sich zum bewaffneten Zuge nach ihren heimatlichen Gebirgen rüsten. Noch pflog Leuenberg mit den übrigen Häuptern Rat, als die Bauern schon vor seinem Quartier die weiße Fahne aufsteckten und durch einige Kanonenschüsse den Eidgenossen verkündeten, daß die Bedingungen angekommen wären. 46. Die Nacht auf der Bampf. »Brich auf! Auf!« rief Addrich seinem jungen Freunde zu, als er diesen, nach langem Suchen, in einer großen Scheune hilfeleistend zwischen den Reihen auf Stroh gelagerter Verwundeten fand. »Quäle diese armen Sünder nicht länger mit Deiner Kunst. Selig sind die Toten!« Fabian erwiderte, ohne aufzusehen: »Dein Feierabend, Addrich, ist vorhanden: nun beginnt meine Arbeit. Ich verlasse diese Unglücklichen nicht, bevor ich nicht den letzten Verband angelegt habe,« »Gieb Dir nicht die Mühe, Bursche,« sagte Addrich, »Gottes Ebenbilder ausflicken zu wollen. Du hast im Himmel und auf Erden keinen Dank dafür. Komm, lasse ihren armen Seelen die Thore offen, durch die sie zur ewigen Freiheit entrinnen können. Komm, alle unsere Helden laufen davon und denken: weit vom Geschütz giebt alte Kriegsleute. In wenigen Stunden wirst Du mit Raben und Geiern noch allein bei Toten und Sterbenden sein. Morgen feiert der Henker seinen Ehrentag. Gehe ihm aus dem Wege!« Der Alte fuhr noch lange fort, den jungen Arzt in diesem Ton zu mahnen, in welchem die Verzweiflung über sich selbst sich belustigen zu wollen schien. Fabian antwortete zuletzt nicht mehr, sondern von mehreren Gehilfen umringt, setzte er sein menschenfreundliches Geschäft fort, bis der letzte Mann versorgt und die Dämmerung schon eingebrochen war. Dann wandte er sich zum Alten und sagte: »Nun folge ich Dir. Sprich, wohin? Das Schweizerland hat keine Freistätte für Dich, flüchte über den Rhein.« »Tropf!« rief Addrich, ergriff ihn beim Arme und riß ihn mit sich fort, zum Dorfe hinaus, auf die Straße nach Lenzburg. »Ein freier Mann hat überall seine Freistätte. Ich und der Tod fürchten weder Kerker noch Henker; wir sind aller Orten Meister. Ich gehe nicht über den Rhein. Komme mit mir hinaus ins Moos, daß ich meine sterbende Tochter noch einmal sehe. Du bleibst mit Deinem Weibe an Lorelis Lager und pflegst die Leidende, bis sie ausgerungen hat. Dann gebe ich Dir und Epiphania das Recht, über Haus und Hof nach Gefallen zu schalten. Ich werde nie dahin zurückkehren. Ich scheide von Euch, möge niemand mehr nach mir fragen.« »Das ist ein böser Ausgang,« seufzte Fabian und verdoppelte seinen Schritt, denn der Alte ging rasch. »Ich hatte ihn geweissagt. Warum mußtest Du meine Warnung in den Wind schlagen? Es ist alles verloren! Die Städte werden Rache nehmen und auf ihren Richtplätzen so viel Hemden mit Blut tränken, als sie auf dem Schlachtfelde bei Mellingen Scharlachhemden sahen.« »Es ist manchmal eine Sau im Kartenspiel,« versetzte Addrich, »und diesmal war's der Leuenberger, an dem selbst der Name unehrlich ist, weil er lügt. Der Hase kann Männchen machen, und bleibt doch ein Hase. Er hat uns alles verdorben. Fresse er nun, was er sich einbrockte. Gieb Acht, der wird ganz gottesfürchtig zwischen Pfaffen und Scharfrichtern sterben. Ganz recht so. Auf dem Schlachtfelde eine Kugel durch den Kopf, hätte nur eine neue Lüge in die Welt gesetzt und das alte Weib in Hosen zum Freiheitsmärtyrer gestempelt.« »Wenn Du ihn kanntest, Addrich, warum hieltest Du's mit ihm?« »Weil man auch mit Koth mauern kann, wo der Kalk teurer ist. Aber vorwärts, wir Beide haben Eile. Ich muß mein Wort lösen und Dich Deinem jungen Weibe wieder einhändigen. Magst von Glück reden, daß Du nicht schon an einem Mägenwyler Apfelbaum hängst; Bolzen und Scheibe waren nicht mehr weit voneinander. Es verlautete unter den Bauern allgemein, ein Doktor habe dem Wertmüller Schybis Plan verraten und den Anschlag auf Mellingen vereitelt. Schybi nannte geradezu Dich, bis ich ihm bewies, daß Du mich nie verlassen habest. Ich denke, Gideon, der niederträchtige Prahlhans, hat das ausgestreut.« Unter diesen Gesprächen eilten beide an dem Felsen vorüber, auf welchem die Mauern des Schlosses Lenzburg ruhen, über Äcker und Wiesen nach Seon. Die Sonne war längst untergegangen, aber noch glühte vom Abendrot der Saum einiger Wolken hinter den Solothurner Juragipfeln. Der Himmel war schwarz behangen. Im Westen sah man Wetterleuchten, in welchem die Umrisse der schwarzen Zacken und Zinken des Gebirges plötzlich heller hervortraten und verschwanden, Einzelne Windstöße verkündeten den Anstoß des Gewitters und durchtobten die Wälder umher, daß sie wie fallende Bergströme brausten. Das Gespräch der nächtlichen Wanderer verstummte endlich, als sie hinter Seon den steilen Weg zur Bampf hinabstiegen, Addrich murmelte im düstern Selbstgespräch zuweilen unverständliche Worte; Fabian war im Geist bei Epiphania. Es schienen ihm sechs Jahre, nicht sechs Wochen, seit er sie nicht gesehen. So oft er der Trauung in der Kirche von Kulm gedachte, durchdrang ihn ein wunderbarer Schauer. Er konnte sich nicht au den Gedanken gewöhnen, daß Epiphania sein ihm anvermähltes Weib geworden. Aber je näher er der Höhe des Berges und der Gegend kam, wo er die schönsten und schrecklichsten Augenblicke seines Lebens gefunden hatte, desto ungestümer und ängstlicher wurde die Sehnsucht des Jünglings. Er vergaß die traurigen Geschichten des Tages; er fühlte die Wildheit des Wetters nicht; seine Seele war bei Epiphania. Es herrschte schon eine so große Finsternis, daß Addrich selbst den wohlbekannten Weg einigemale verlor und seinem Begleiter von Zeit zu Zeit zurufen mußte, damit sie nicht von einander getrennt wurden. Blendende Blitzstrahlen, in deren falbem Scheine unter ihren Füßen das weite Thal mit Dörfern, Seeen und Wäldern plötzlich aus der Tiefe der Nacht wie ein Traum auftauchte, vermehrten anscheinend die Dunkelheit. Sturm und Schlagregen fuhren ihnen immer heftiger ins Gesicht, je höher sie zur Bampf gelangten. »Ists doch, als wollten die Elemente uns den Weg ins Moos verwehren oder uns zurückjagen,« sagte Addrich. Fabian erwiderte: »Mir wird banger um Herz, je näher wir der Heimat kommen. Ich bin nicht abergläubisch, aber was kann nicht alles in so vielen Wochen geschehen sein, während welcher wir in der Ferne umhergezogen sind? Addrich, ich fühle mich schwer beklommen, Himmel und Erde sind wider uns, als wollten sie wehren oder warnen.« »Vielleicht ist sie schon zur ewigen Ruhe,« seufzte Addrich. »Wie?« schrie Fabian erschrocken und blieb stehen. »Warum sagst Du mir das? Weil der Halmenkranz vor der Kirche zu Kulm auseinanderfiel? Weil Epiphania daraus Böses deutete? Epiphania gestorben? Warum redest Du so abscheuliche Dinge, wenn sie Dir nicht ernst sind?« »Komm!« rief Addrichs Stimme in einiger Entfernung. »Ich habe Dich verloren, wo gehst Du?« fragte Fabian. »Überall den Weg zum Tode!« war die Antwort. In diesem Augenblick fuhr ein Blitzstrahl knatternd, sprühend und betäubend vom Himmel in die Tiefe. Alles war ein Feuer, dann plötzlich schwarze Nacht. Die Erde erbebte im Donner, als wäre die ewige Feste des Himmels zusammengebrochen. »Hollah!« rief Fabian, »Das traf fast zu nahe.« Er wollte seinen Weg verfolgen, als er seitwärts mit Entsetzen ein ängstliches Stöhnen vernahm. Im ersten Augenblicke glaubte er, Addrich sei erschlagen. Er fühlte, die Haare seines Hauptes sträubten sich im Entsetzen aufwärts. Dies Entsetzen wuchs, als er in dem Stöhnen und Wimmern eine weibliche Stimme zu erkennen glaubte, die ihm wie Epiphanias Stimme klang. Er ging, durch die Gebüsche der Bampf tappend, dem Tone nach. Beim neuen Wetterlicht sah er unter einem alten Ahorn, mit gefalteten Händen betend und weinend, ein Weib sitzen, welches vor der Erscheinung des bewaffneten Jünglings, erschrockener noch als vor dem Blitze selbst, zurückprallte und einen Schrei ausstieß, »Ist Dir ein Unglück widerfahren?« fragte Fabian bekümmert. »Unglück?« seufzte das Weib. »O, meine Kinder, die armen Würmer! Des Herrgotts Gerichte sind erschrecklich. Nun habe ich den Tag seines Zornes erlebt. Ich will ja Buße thun mein Leben lang, wenn dies Stündlein nicht das letzte der Welt und seine Gnadenpforte nicht ewiglich verschlossen ist.« »Fürchte nichts, Weib, das Wetter zieht vorüber,« tröstete sie Fabian. »Ja, es zieht vorüber, verheerend, zerstörend, wie der Würgengel, der die Erstgeburt Ägyptens schlug. O meine Kinder, die armen Würmer! Unsere Männer sind bei Mellingen erschlagen; wir haben von den Bergen den Rauch und die Flammen der Dörfer gesehen. Morgen kommen die Feinde. Die Züricher schonen des Kindes im Mutterleibe nicht. Herr, mein Gott, vertilge uns nicht in Deinem Zorn! . . . Die armen Würmer sind unschuldig. Die Alten haben sich gegen die gnädige Obrigkeit empört, und wußten doch, daß alle Obrigkeit ist an Gottes Statt. Die armen Würmer sind unschuldig.« So sprach das Weib und weinte laut. Fabian fühlte Mitleiden mit ihr. Er fürchtete nicht ohne Grund, daß die Furcht den Verstand des Weibes zerrüttet habe und sagte: »Weib, komm' mit mir unter ein Obdach!« Sie aber fuhr fort: »Wir brauchen eine Obrigkeit, wie das liebe Brot. Wir begehrten ja nur, daß man mit uns armen Leuten umgehe, daß es zu ertragen sei. Aber der Herr Pfarrer drohte mit den Strafgerichten Gottes, und die Männer hätten es besser verstehen sollen, als wir einfältigen Weiber. Nun ist das Unglück da; wer kann der Rache Gottes entfliehen? Er geißelt die sündliche Welt mit den Flammen des Himmels. Er sendet seine Heerscharen mit Schwert und Feuer über uns; Hunger und Pestilenz über unsere Dörfer. Jesus, die Welt geht unter!« Es fuhr in diesem Augenblick ein gewaltiger Blitzstrahl über die Höhen der Bampf; der Himmel schien als eine einzige, ungeheure Flamme zur Erde zu sinken. Vom Donner erdröhnte der Berg und wie ein Wolkenbruch fluteten, mit wiederkehrender Finsternis, die Regengüsse nieder. Das Weib heulte laut durch den Sturm. Fabian stand da, wie betäubt. »Fabian, was verweilest Du?« sagte der zurückkehrende Addrich, dem das Geheul des Weibes den Weg gezeigt hatte. »Mit wem redest Du hier?« »Es ist eine Verlassene,« antwortete der Jüngling, »die wahrscheinlich den Weg verloren hat.« »Richte Dich auf, Weib,« rief Addrich, »wir begleiten Dich in eine nahegelegene Hütte.« »Wohin, um Gottes Barmherzigkeit willen?« fragte die Frau. »Zur Hütte Addrichs im Moos,« erwiderte der Alte. »Bewahre mich Gott!« schrie das Weib, »Das Haus des Gottlosen, von der Erde vertilgt, muß eine Stätte des Fluches und des Jammers werden. Meine Augen haben den Gräuel gesehen. Da wird kein Kind mehr geboren; kein Wassertropfen wurde zur Flamme getragen, nicht einmal eine Thräne fiel auf eine der glühenden Kohlen.« »Sie redet im Wahnsinn,« sagte der Alte. Wir können die Unglückliche in dieser Nacht der Schrecken nicht allein auf dem Berge lassen. Hilf mir, Fabian, wir führen sie mit uns hinab.« »Sprich, Weib, wer bist Du? Wo ist Dein Heimwesen?« »Ach, Gott sei's geklagt!« heulte das Weib. »Wer bin ich, wer kann jetzt wissen, wer er ist? Ich bin vielleicht schon eine elende Wittfrau mit drei armen Waisen. Kommt Ihr aus der Mellinger Schlacht? Ich bin die Käthi Gloor von Seon. Habt Ihr nicht den Karli Marti Gloor, Anken-Jogglis, gesehen? Der war mein Mann. Als ich von Aarau heimkehrte, spät abends, sah ich viele Flüchtende. Da habe ich gefragt Mann für Mann, und ich fragte bis in die Nacht. Gott erbarme sich meiner, niemand wußte von ihm. Er war ein guter Mann, und wir lebten zufrieden, wenn auch in Not und Armut. Aber ein gutes Gewissen ist das beste Leben.« Ein Widerschein des Blitzes verbreitete plötzlich eine Tageshelle um den Ahorn. Das Weib fuhr mit Entsetzen vom Erdboden auf und schrie entfliehend: »Jesus, mein Heiland, das ist der Addrich selbst! Hebe Dich weg, Du Mensch des Fluches, Du Kind des Verderbens, Du bist gezeichnet, wie Kain. Kehre um, flüchte in die Berge und Wüsten; Dich wird töten, wer Dich findet. Ich sah Dein Haus um Mittag, am Abend die Kohlen. Gott sei Deiner armen Seele gnädig!« Sie entfernte sich mit diesen Worten weiter in die Finsternis. Aber durch Wind und Regen hörte man noch lange ihre Stimme unverständlich erschallen, bis sie in größerer Ferne erlosch. Addrich stand schweigend und bewegungslos unter dem Dache aus Ahornzweigen, erschüttert von den verworrenen Reden des Weibes, die er mit Bangigkeit erwog. Fabian lehnte Arm und Kopf nachdenkend an den Stamm und fragte endlich halblaut: »Hast Du dies Weib verstanden?« Addrich blieb stumm. Die Wetterwolken blitzten am fernen Himmel. Die schwarze Himmelshülle zerriß und ließ den Mondschein durchschimmern. Er gab gerade Licht genug, um die Einöde auf dem Berge noch grauenhafter zu machen. »Hast Du dies Weib verstanden?« fragte Fabian. Der Alte stand da, in sich gekehrt und stumm. Fabian richtete die Augen auf ihn, der wie ein schwarzer Schatten in der Luft vor ihm herging, und keine Bewegung zeigte, als das Flattern des Gewandes im Sturmwinde. »Ich fühle die unaussprechlichste Seelenangst, Addrich,« sagte der Jüngling mit gepreßter Stimme, ging dann hastig zu dem Alten, ergriff ihn und schrie: »Komm', komm' hinab! Es hat sich ein Unglück ereignet!« »Laß die Wahnsinnige! Wir würden sie vergebens suchen,« antwortete Addrich mit tonloser Stimme. »Gehen wir in's Moos zu den Unsrigen. Fabian, es muß um Mitternacht sein.« Beide wandelten schweigend über den Berg, der entgegengesetzten Seite zu. Sie gelangten zu Gestrüpp und Gebüsch, und irrten lange umher, bevor sie in der Dunkelheit den Fußweg dahin entdeckten. Dann schritten sie, jenseits des Dickichts, über unsichtbare Pfade, die Wiesen hinab zum Moos. 47. Die letzte Nacht im Moos. »Alter, wohin rennst Du?« rief Fabian und blieb stehen. »Erblickst Du nicht rechts, ganz nahe in der Tiefe, den Steinhaufen, den man des Selbstmörders Grab nennt, und links am Himmel den Berg und Waldeinschnitt? Wir müssen bei dem Hause schon vorüber sein.« »Die Nacht ist finster,« erwiderte Addrich, und kehrte um. »Finster ist die Nacht und mein Auge dunkel. Ich bin müde und in Verwirrung, und schaue nach dem Fensterlicht. Doch sie schlafen alle, selbst Leonorens Lämpchen ist erloschen.« Addrich blieb stehen, als mangle ihm der Atem, und setzte hinzu: »Fabian, ihr Lämpchen erloschen.« Diese Worte sprach er langsam, er hauchte sie nur leise vor sich hin. Der Jüngling ergriff ihn mit Heftigkeit und riß ihn ungestüm mit sich fort. »Laß uns höher steigen, höher, Addrich! In der Höhe am Waldsaum verfehlen wir das Gebäude nicht.« »Geduld, Fabian, die Nacht ist dunkel; das Wetterleuchten blendet. Die Hütte wird uns nicht entrinnen, aber Hast und Eile verfehlen auch beim hellen Sonnenschein den Kirchturm.« »Addrich, witterst Du nichts? Es weht mich an wie der Geruch von Kohlenmeilern.« »Das weht herüber von den qualmenden Düngerhaufen, Fabian, vom frischen Landausbruch, wo Baschis Dornen und Graswurzeln brennen.« »Alter, ich denke immer an des Weibes Reden. Hast Du sie verstanden?« »Was willst Du, Fabian? Sei still und sieh hinunter. Ich erblicke Licht.« »Wir wandern zu hoch, Addrich. Das ist kein Fensterschein. Wie Irrlichter sehe ich's hüpfen.« »Fabian, Du hast eine helle Stimme. Rufe! Es mag meiner Knechte einer sein mit der Hornleuchte, wie er durch den Wald sucht.« »Halt, halt, Addrich!« schrie Fabian mit Entsetzen und hielt den Alten. »Schlage Deine Augen auf. Hier ist der Waldweg, hier der Garten, hier der Brunnen. Hier war Deine Hütte.« »Ich gewahre nichts,« erwiderte Addrich eintönig. »Bin ich erblindet? Sind das nicht Funken am Boden? Dampft da nicht Rauch?« Fabian senkte schaudernd das Haupt zwischen beide Hände nieder und stammelte: »Unglückseliger Mann!« Es entstand ein langes Schweigen. Beide starrten in einer Art Bewußtlosigkeit auf den finstern Raum hin, von welchem zuweilen dunkelrote Funken im Windzuge aufsprühten und unter den fallenden Regentropfen zischend wieder verschwanden. Durch die geteilten Wolken zog bisweilen ein Dämmerschein des verhüllten Mondes über die Brandstätte, und zeigte einige übereinander gestürzte halbverkohlte Balken. Dann und wann trat der Gräuel der Verwüstung vom Widerschein fernen Wetterleuchtens aus dem Abgrunde der Nacht in die volle Klarheit des Tages, um wieder zu verschwinden, Addrich sah zum Himmel auf, zur glimmenden Stätte nieder und streifte mit den Augen längs den dunkeln Rändern der Berghöhen am Himmel hin, als wollte er an ihren bekannten Umrissen erkennen, ob er nicht in ein fremdes Thal geraten sei? Dann ließ er sein widerliches innerliches Lachen hören. »Glaubst Du es nun, Bursche?« sagte er, »oder denkst Du noch immer, es sei schwermütige Einbildung, daß das Schuldloseste und Edelste dem unentrinnbaren Verderben geweiht sei, wenn ich es berühre? Hier stand meine arme Hütte. Das Schicksal hat sein Halsgericht gehalten, und mir den Stab gebrochen und die Stücke zu meinen Füßen geworfen. Was mir angehört, soll von der Erde vertilgt werden. Ich bin auf dieser Brandstätte wieder so arm, als da ich aus Indien kam und mich der Mann aus Algier in Ketten geschlagen hatte. Meinst Du, Bursche, es schmerze mich? Du irrest; ich lache und verachte den Kot des Reichtums, der mich nicht ergötzt hat, als er noch prangen konnte. Fahre hin!« Er spie, indem er es sprach, in die Asche, und die Funken knisterten. »Aber warum mir das?« fuhr er, nach einiger Ruhe, mit schrecklicher Stimme und aufgehobenen Armen fort. »Aus dem Schutt meiner Habe und meines elenden Lebens bleibt mir das Recht zur Frage: Warum verfolgst Du mich, finstere Faust des Verhängnisses, mich, von der Wiege rastlos bis zur Gruft? Was habe ich verbrochen? Ist's Verbrechen, daß ich bin, so ist's das Deine. Warum schlägst Du mich? Ich trage ein Zeugnis in meiner Brust, in allen meinem Tagen habe ich nachgejagt dem Heiligen und Wahren, dem Gerechten und Guten. Mein Bewußtsein spricht mich von Verdammung los, warum schlägst Du mich? Ich habe, was göttlich heißt, höher gestellt als das Leben, und bin dem Teufel gleichgestellt. Ich habe Segen gestreut, und mir erwuchs Fluch; ich habe Freuden gesäet, und mir erwuchs Schmerz daraus; ich habe, was Recht ist, geschirmt, und verruchte Willkür zog daraus den Triumph; ich half zur Freiheit des niedergetretenen Volkes, und die Sklaverei ist fester und blutiger geworden. Wie? Bin ich wahnsinnig, so haben die reißenden Bestien Vernunft. Und dieser Wahnsinn ist nicht mein, sondern Dein Verbrechen! Warum verfolgst Du mich? Du hast mir den Sinn der Wahrheit und Gerechtigkeit, wie das Licht des Auges, gegeben, warum wütest Du wieder mich? Du gabst mir das Herz voll Liebe, warum zerreißest Du es? O mein armes Kind! O Du Engel inmitten dieser Hölle! Loreli! Loreli!« Hier verflossen die Worte des Greises in schmerzliches Wimmern. In schwerer Betäubung, unbeweglich, stand unweit der Jüngling. Es rauschte wie Stromesbrausen durch seine Ohren, und zwischen dem Brausen erschollen die Klagen und der Hader des Alten mit seinem Schicksal. Das erschütternde, nächtliche Schauspiel des großen Verderbens hatte einen wahren Stillstand alles eigenen Denkens und Empfindens in ihm bewirkt. Aber Addrichs wiederholtes, leises Rufen von Eleonorens Namen schreckte ihn plötzlich auf. »Und Epiphania,« rief er, »wohin ist sie geraten? Entflohen? Erschlagen? Verbrannt?« Er schwieg, über eine schauerliche Reihe von Möglichkeiten Musterung haltend; stieß einen heftigen Schrei aus und rannte dann mitten durch die Brandstätte, daß Glut und Funken unter seinen Fersen hoch aufstoben, gegen die Berghalde aufwärts. Er schrie durch Wald und Nacht Epiphanias Namen. Er würde am Tage einem Rasenden geglichen haben. Er irrte durch die Wildnis umher, bis der Morgenhimmel dämmerte, bis er atemlos und entkräftet eine Hütte an den Dürrenäscher Bergen erblickte, wohin er, um Menschen zu finden, die Richtung nahm. Noch lag in der Hütte, wenn etwas darin lebte, alles vom Schlaf umfangen. Er wollte die Glücklichen nicht stören, und lieber unter dem vorhangenden Strohdach, auf einer Bank, den Tag erwarten, bis wohin er besonnener mit sich zu Rate gehen konnte, was er beginnen müsse? Und er sank bei seiner großen Ermüdung bald in Bewußtlosigkeit zusammen. Der Schlummer, mit seiner weichen Hand, raubte ihm Erinnerung und Schmerz. Die Sonne durchdrang schon, als er erwachte, seine feuchten Kleider mit wohlthätiger Wärme, und seinen Augen erschien das stille Thal von Aesch, mit dem Wiesengrunde zwischen den waldigen Halden, wie ein blendendes grünes Luftgebilde. In diesem Bilde bewegte sich, um einen Holzpfeiler der Hütte, zwischen wilden Rosen ein Mädchen, neugierig nach dem Schläfer schauend. Er erkannte augenblicklich das regsame Änneli aus dem Moose, und sprang, den Schmerz der halberstarrten Glieder vergessend, zu ihr hin. Änneli trippelte ihm langsam entgegen und weinte laut, indem sie ihm zum traulichen Gruße die Hand reichte. »Und Epiphania?« fragte Fabian sogleich und auf eine Art, als hätte er die Antwort schon vor der Frage erwartet. »Sieben Tage nach dem Begräbnis von Addrichs Tochter war sie ja – wißt Ihr's denn nicht? – verschwunden,« schluchzte die Kleine. »Aber noch gestern erschien das Volk, von der verlorenen Schlacht zuückkehrend, und plünderte und zerstörte im Moos alles, was da war; schlug Addrichs Knechte blutrünstig und zündete Haus, Stall und Scheuer an. Ich rettete mein Leben in den Wald. Zwei Stunden nur, und alles lag grausam zur Erde gebrannt. Keine helfende Hand der Nachbarn streckte sich aus, kein Eimer Wasser wurde gereicht. Die Flammen flackerten himmelhoch; aber keine Glocke stürmte. Das hat ein Ende mit Schrecken genommen. Bewahre uns Gott vor bösen Nachbarn! Nichts habe ich gerettet, ich armes Kind, als das Leben und die Lumpen, die ich am Leibe trage. Keine Hütte in Aesch wollte mich barmherzig aufnehmen. Hätte nicht die alte Mutter Walti ein Christenherz gehabt, ich wäre im Unwetter unter freiem Himmel gestorben.« »Und Epiphania?« rief der leichenblasse Jüngling, der am ganzen Leibe zitterte und das Mädchen mit seinen starren Augen zu durchforschen suchte. »Alle Tage war sie nach Kulm hinab zu Lorelis Grab gegangen; am siebenten kam sie nicht wieder,« antwortete Änneli. »Wißt Ihr noch, wie der Halmkranz vor der Trauung auseinanderfiel, und Fanelis Worte beim Abschiede? O mein Lebtage vergesse ich die thränenvolle Hochzeit nicht. Begräbnisse sind fröhlicher. Wäre ich nicht so traurig, ich müßte über den Bettelschmuck der Brautjungfer noch heute lachen. Aber auch der ist verbrannt, oder vom Volke geplündert. Mag es ihnen Gott verzeihen!« »Und Epiphania!« rief der junge Mann heftiger. »Wo ist sie? Rede doch!« »Das fraget den allwissenden Himmel,« erwiderte das Mädchen. »Wir haben sie gesucht, ihren Namen von Höhen und Wäldern gerufen den ganzen Tag, die ganze Nacht, dann wochenlang, und kein Stäubchen von ihr gefunden. Wir haben alle Thäler, alle Höfe durchfragt, die Dörfer bis Aarau, die Stadt selbst. Sie war von niemandem gesehen worden. Niemand hat sie am siebenten Tage wie sonst auf dem Wege nach Kulm, niemand im Dorfe, oder wie sonst auf dem Kirchhofe bemerkt. Die Leute sprechen üble Dinge. Faneli war ein heiliger Engel, o gewiß, ein ganz heiliger Engel. Es sind nicht alle Heilige, die in der Kirche beten und singen, und unter Addrichs Dach sind wir nicht allesamt Kinder der Finsternis gewesen. Als ich gestern aus der Feuersbrunst vor dem Kriegsvolke zu den Äschern floh, stießen sie mich von ihren Thüren hinweg und riefen: Poch' an das Höllenpförtchen, da wird Dir aufgethan, da wartet man Deiner. Es ist der Wirtschaft des Teufels im Moose der Garaus gemacht. Erst holte er die Besessene ab, dann sieben Tage darauf die Kräutersucherin; nach sieben Tagen nimmt er Dich beim Genick. Und wie sie mich aus ihrem Dorfe trieben, schrieen Buben und Mädchen: Satansbuhle! Belialsmagd! Hexen-Änni!« Der ungeduldige Jüngling wiederholte seine Fragen nach Epiphania vergebens. Er erfuhr nicht mehr als er schon wußte, wie geläufig ihm auch das junge Mädchen alle übrigen Begebenheiten mit den unwichtigsten Nebenumständen, um sich das Herz zu erleichtern, erzählte. Während dieser traurigen Unterhaltung vor der Hütte war auch Mutter Walti, die Eigentümerin derselben, hervorgetreten. Die alte Frau weinte laut über das Los ihrer beiden Söhne, welche in die Mellinger Schlacht gezogen und noch nicht zurückgekehrt waren. Indessen vergaß sie über ihr Leid die Sorge der Gastfreundlichkeit nicht, und lud den Jüngling, sowie Addrichs gewesene Magd, zur Teilnahme am bereiten Frühstück ins Stübchen ein. Hier vernahm er bei der warmen Milchsuppe und dem groben Brote durch Ännelis Geplauder wenn auch nicht das, was ihm das wichtigste blieb, doch vieles, was ihm von nicht geringer Bedeutung war. Er hörte, daß Addrichs Tochter schon seit Jahr und Tag den Hauptmann Renold heimlich geliebt habe; auch da noch, als sie sein verdorbenes Gemüt erkannt und ihn nie mehr vor sich gelassen hatte. Er hörte, daß sie ihrem Vater, der für das geliebte Kind alles gern that, bei seinem Abschiede zur Pflicht gemacht habe, Fabian nicht mit sich zu nehmen, ohne ihn zuvor mit Epiphania in der Kirche zu Kulm trauen zu lassen. Sie hatte die Neuvermählte bei deren Heimkehr von Kulm mit wahrer Seligkeit empfangen und ihr bekannt, daß die Überraschung und Trauung ihr Werk, ihr letzter Wunsch vor dem Tode gewesen sei. Ohne die Überraschung, hatte sie gesagt, würdet Ihr beide, ich kenne Euch, noch lange nicht, vielleicht nimmer vor Gott verbunden worden sein, und Gideons Ruchlosigkeit hätte Macht über Euch beide behalten, Euch vielleicht ewig zu trennen. Ferner berichtete Änneli, wie Epiphania seitdem nie wieder frohen Sinnes geworden, oft heimlich geweint und bis zum Tode Leonorens nie das Haus verladen hätte. Dieser wäre am zwölften Tage nach der Abreise Addrichs erfolgt und ein ruhiges Entschlummern gewesen. Niemand wäre aber, außer den Bewohnern des Mooses, dem Sarge der Verstorbenen zur ewigen Ruhestätte gefolgt. Selbst als der Leichenzug durchs Dorf gekommen, hätte sich, außer Pfarrer und Sigrist, niemand angeschlossen. Jeden Morgen nachher wäre Epiphania, in tiefer Trauer, mit frischen Blumen zum Grabe der Schwester gewallfahrtet, bis sie nicht mehr zurückgekehrt sei. Fabian, um sich das Verschwinden seiner jungen Gattin zu enträtseln, hatte auf Raub und Entführung geargwöhnt, und abwechselnd seinen Verdacht bald auf den Mann gerichtet, dem Epiphania einst auf der Bampf so viele Liebe und Vertrauen gewähren wollte, bald auf den Hauptmann Renold, dessen Leidenschaft für Epiphania und dessen Gewalttätigkeit er kannte, dessen ausgestoßene Drohungen ihm in frischer Erinnerung waren, die durch das Entsetzen des bösen Gewissens, welches Gideon in der Waldbruderhütte nicht verhehlt hatte, eine schreckliche Glaubwürdigkeit erhielten. Da erinnerte er sich der damaligen Worte des Schweden. »Du sollst noch sehen, wie ich Deine Dirne meiner ganzen Mannschaft preisgebe!« »Das hat der Schurke nicht aus der Luft gegriffen,« dachte Fabian, in sich schaudernd. »Damit konnte der Schurke nicht drohen, wenn er sie nicht schon in seinen Klauen hatte.« Mit hundert Fragen an Änneli forschte er nun, ob sich der Hauptmann nach Addrichs Abreise nie im Hause gezeigt, ob man nicht dort, oder im Moose, oder ringsum in der Gegend, unbekannte, verdächtige Leute gesehen habe. »Nein,« erwiderte das Mädchen, »nie, erst am gestrigen Unglückstage, wo das Volk aus der Schlacht kam, in's Haus drang und alles raubte. Mich aber machte der Schrecken flink, als ich die brüllenden Haufen hörte, und ich war in den Wald entsprungen, ehe die wilden Bauern einbrachen. Wie alles brannte und Baschi mit blutigem Gesicht in den Wald floh und mir begegnete, – ich erkannte ihn kaum an den Kleidern, – sagte er: allesamt wären es Fremde, doch er glaube, sogar den Schweden bei ihnen gesehen zu haben. Doch thut er dem freundlichen. hübschen Hauptmann, der uns so lieb war, den wir ja auf den Händen getragen haben, offenbar Unrecht. O, wäre er nur erschienen in der gräßlichen Stunde, wäre er nur gekommen. Ach, alles würde noch ungeschehen sein. Nun . . . o, wie wird Addrich sein graues Haar über Lorelis Grab, über dem Schutt seines Hauses zerreißen, wenn er lebt, wenn er das Erschreckliche mit seinen wunden Augen schauen muß!« Lange noch klagte und jammerte Änneli erzählend weiter. Fabian achtete nicht mehr auf ihre Worte, er hatte genug gehört. Denn daß Baschi den Schweden im Gewühl der mordbrennerischen Bande erkannt zu haben glaubte, war ihm ein unverwerfliches Zeugnis, daß Gideon Renold der Anstifter des Gräuels gewesen sei. Er sprang auf und wollte den verlassenen greisen Addrich suchen; er wollte weitum nach Epiphanias Spuren spähen, er wollte dem Hauptmann Renold nachsetzen, bis er ihn gefunden habe. Hundert Vorsätze drängten sich in ihm durcheinander, und jeder schien dringender zur Ausführung aufzufordern, als die andern. »Aber ich,« schrie das junge Mädchen kläglich, und warf sich, ihn mit Angst umklammernd, an seine Brust, als er, dankend und Lebewohl rufend, davon wollte, »aber ich – um der himmlischen Barmherzigkeit willen! – muß ich arme Waise im Elende verderben und sterben? Ich stehe allein unter'm Himmel, mich kennt und mich will ja niemand mehr!« Fabian, voller Mitleiden, nahm einige Silberstücke, gab sie ihr und sprach: »Wähle Deinen Weg nach Aarau; bringe dem frommen Dekan Nüsperli meinen Gruß, die Botschaft unseres ungeheuren Unglücks und die Bitte, sich Deiner anzunehmen. Er wird Dein Helfer sein. Gehe, Kind, gehe mit Gott!« Er riß sich los, eilte zur Hütte hinaus und die Höhe hinauf, von der er vergangene Nacht in Verzweiflung und Verwirrung seines Gemütes herabgekommen war. 48. Das Gefecht bei Herzogenbuchsee. Sein Gang war in's Moos; ihn rief das Mitleiden für Addrich dahin. Doch Addrich war nirgends zu erblicken. Als Fabian die Umgegend durchstreifte, und den schmalen Pfad vom Moos nach Teufenthal im Tannenhain verfolgte, fand er am Wege Addrich's runden hochgespitzten Hut, daneben das dünne Gras des Rasens eingedrückt, wie von einem Menschen, der dort gelegen hatte. Mit heimlichem Schauder hob der Jüngling den noch vom Regen schweren Hut auf, der ihm anzudeuten schien, daß diese Stätte wohl eine der Stationen des Greises am Kalvarienberge des Leidens gewesen sein möge. Er ließ sich durch eine dunkle Ahnung auf dem Fußwege bis zum Dorfe führen. Und wirklich vernahm er schon bei der ersten Teufenthaler Hütte, wie Addrich, bei Tagesanbruch, die schlafenden Bewohner derselben mit Pochen und Rufen erschreckt und um das Unglück seines Hauses befragt habe. Schweigend, ja, ohne daß er einen Seufzer ausgestoßen hätte, sei von ihm angehört worden, was man vom Tode seines Kindes, vom Verschwinden seiner Nichte, vom Untergange seines ganzen Hauses zu erzählen wußte. Dann habe er sich schweigend entfernt und, soviel sich in der Dämmerung des Morgens erkennen ließ, die Richtung nach Kulm genommen. Auch dahin eilte ihm der Jüngling mit großen Schritten nach. Einige Kinder und Weiber, welche still lauschend am Eingange des Kirchhofes standen und das Antlitz gegen die Gräber gerichtet hatten, verhießen schon durch ihre furchtsame Neugierde in den Gesichtern die Nähe des Gesuchten. Fabian erblickte ihn wirklich, sobald er auf den Kirchhof trat. Der Unglückliche lag mit zur Erde gekehrtem Gesichte unbeweglich über den jüngsten der Totenhügel hingestreckt. Fabian, zitternd für das gebrechliche Leben des Greises, umfaßte ihn leise und richtete ihn auf. Addrich öffnete die Augen, einem Schlaftrunkenen gleich, nahm, an das Grab gelehnt, eine sitzende Stellung, sah halb träumend auf den jungen Mann, auf die ganze Umgebung, auf den Erdhügel, der ihn stützte; er beantwortete aber keine von Fabians mit kummervoller Zärtlichkeit wiederholten Fragen. »Es schläft sich bei den Toten süß,« sagte er endlich wie für sich. Fabian redete ihn von neuem an. Addrich ließ ihn aber, wie vorhin, vergebens Antwort erwarten, während dessen der Jüngling einige der verblichenen Blumen, die Epiphanias Hand berührt und zu Totenopfern geweiht hatte, sammelte und bewahrte. Endlich führte Fabian den halb erstarrten und entkräfteten Alten mit einiger Gewalt zum Wirtshause, wo er ihn mit einer kräftigen Weinsuppe erquickte, dann entkleiden half und in ein Bett brachte. Addrich hielt einen totenähnlichen Schlaf von beinahe vierundzwanzig Stunden und erwachte erst am folgenden Morgen, gestärkt und mit voller Besonnenheit. Fabian, der ihn voll kindlichen Mitleidens bewachte, hatte indessen die traurige Muße mit Säuberung des verdorbenen Reisegewandes und mit Nachforschungen über die Ereignisse im Moose so gut er konnte verkürzt. Alle Nachrichten bestätigten den schrecklichen Verdacht, daß Hauptmann Gideon Renold Epiphanias Entführung und den Mordbrand veranstaltet habe. »Ich bin reisefertig,« sagte Addrich. »Für mich ist alles in der Welt abgethan. Ich lebe noch und lebe doch nicht mehr. Es widert mich an, im Grabe Bewußtsein zu behalten. Doch fürchte nichts von mir, Fabian, fürchte nichts. Du bist treu geblieben, darum erfülle ich meine Verheißung und scheide nicht, bis ich Dir Dein Weib gegeben habe. Komm! Gideon ist mit seinem Haufen der Oberländer gezogen. Ich setze ihm die Degenspitze aufs Herz; er soll mir Epiphanias Aufenthalt nennen. Komm, früher ruhen wir nicht; dann soll Feierabend sein. Komm'!« Sie gingen. Weil man erzählte, daß sich der Schlachthaufen der Oberländer, etwa zweitausend Mann stark, nach der Gegend von Langenthal zurückziehe, an ihrer Spitze Leuenberg mit den anderen Häuptern des Aufstandes, schlugen Addrich und Fabian ebenfalls den Weg dahin ein. Doch machten sie nur eine kleine Tagereise, denn Addrichs Kraft, in dem riesigen, nun unter eigener Last zusammensinkenden Körper, schien gebrochen; selbst sein Geist verändert. Nichts erregte seine Teilnahme mehr. Selbst die Botschaft, daß am Tage vorher Schybi mit den Entlebuchern bei Roor am Reußpaß Gisikon siegreich gegen die Luzerner gefochten, deren Hauptmann Krebsinger gefangen und deren Pulvermagazin, das in einer Scheune war, in die Luft gesprengt habe; daß sich dort Schwyzer, Unterwaldner und Zuger geweigert hätten, gegen die tapferen Landleute die Waffen zu kehren; daß Leuenberg und die Oberländer entschlossen wären, aufs neue den Kampf gegen die Städte aufzunehmen . . . nichts erweckte Addrichs Teilnahme und alte Hoffnung. Er glich einer am Tage wandelnden Leiche. Lust und Schrecken hatten ihre Gewalt über ihn verloren. Er sprach nichts, selbst Fabians freundliche Worte fanden keine Erwiderung. Den schrecklichsten Beweis seiner Abgestorbenheit aber gab er folgenden Tages. Beide waren durch das Flachland von Langenthal, wo man nur im Hintergrunde niedrige Hügel erblickte, zwischen den lebendigen Hagen der Matten, schweigend an dem Dorfe Herzogenbuchsee vorübergegangen, um nach Wangen zu wandern, denn dahin sollte sich Leuenberg gewendet haben. Als sie aber vor Herzogenbuchsee auf das Feld kamen, erblickten sie dort schon einzelne Schildwachen der Oberländer mit Hellebarden bewaffnet, und in geringer Entfernung vor sich die Scharen des bernischen Heeres mit wehenden Fahnen aufgestellt. Fabian erschrak; Addrich warf einen gleichgültigen Blick auf das Schauspiel und setzte seinen Weg gelassen gegen die feindlichen Schlachthaufen fort. Da riß ihn der Jüngling zurück nach dem Dorfe, wohin gerade eben auch der bernische Feldherr Erlach mit seinem Gefolge vorsprengte, weil ihm die Schildwachen gesagt hatten, es sei dort frei von Rebellen. Aber schon bei den ersten Häusern empfing ein so mörderisches Feuer den General und seine Begleiter, daß sie in stürmischer Eile zu den Ihrigen zurückjagten. Während Fabian seitwärts sprang, schritt Addrich gelassen mitten durch den Kugelregen in das Dorf hinein. Fabian suchte ihn sogleich wieder zu finden, allein das Dorf, in welchem noch kurz vorher die tiefste Stille geherrscht hatte, war so plötzlich mit einigen Tausenden von bewaffneten Oberländern angefüllt, als wären sie durch ein Wunder hierher gezaubert. In geschlossenen Haufen drangen sie hervor, dem Feinde entgegen. Mit Ungestüm warfen sie sich auf die Vorhut der Berner und trieben sie zurück, während Erlach seine Streitmassen langsam entfaltete. Nach einer Stunde sahen die Oberländer nicht nur vor sich, sondern auch links und rechts über die Wiesen hin, lange blaßgraue Streifen von Pulverdampf, in denen sich Erlachs Schlachtreihen näherten. Da bemächtigten sich die Überflügelten eines nahen Gehölzes und setzten das Gefecht mit Wut fort. Endlich auch hier fast von allen Seiten umzingelt und zusammengedrängt, eilten sie wieder hervor, den Rückzug ins Dorf nehmend. Schritt für Schritt machten sie dem Sieger streitig. Von Hag zu Hag wurde gekämpft, bis das Dorf erreicht war. Verteilt in den Häusern, zerstreut hinter den Hütten und in den Gärten, unterhielten sie verzweiflungsvoll den Kampf, bis Haus für Haus in Rauch und Flammen aufging. Nun getrennt, behauptete sich ein Teil von ihnen noch lange auf dem hoch gelegenen Kirchhofe, hinter der Mauer, die als Brustwehr diente. Ein Teil wandte sich langsam, in voller Ordnung. stets kämpfend, gegen den Wald; andere liefen zerstreut, doch fechtend, abwärts durch die Baumgärten nach den Gebüschen und Wiesen von Oenz. Dahin hatte der Ausgang des Treffens und die Gewalt der Umstände auch den Liebling Epiphanias geführt, der anfangs lange Zeit den verlorenen Alten vergebens gesucht, nachher aber den Tag über seinen menschenfreundlichen Beruf als Wundarzt ohne Unterschied an Freund und Feind geübt hatte, wenn sie verwundet seiner bedurften. Er wandelte, unentschlossen, ob er in der Nähe des Dorfes bleiben oder sich entfernen solle, durch eine üppige Matte. Man sah und hörte hier nichts mehr, weder von Verfolgern, noch von Verfolgten, aber seitwärts, hinter niedrigem Weidengebüsch, ließ sich das Stöhnen einer menschlichen Stimme vernehmen. Er drang durch das Buschwerk dem Klagetone nach, und erblickte jenseits desselben, am schilfigen Ufer eines klaren Weihers, längs welchem ein Fußpfad hinlief, einen Kriegsmann am Boden liegend, der sich vergebens aufzurichten suchte. Das stark mit Blut benetzte Gewand desselben ließ an der Traurigkeit seiner Lage nicht zweifeln. Fabian griff, indem er sich näherte, zu seinem Besteck, welches er stets bei sich führte, und rief, indem er neben den Verwundeten niederkniete: »Mut, Kamerad! Wo fehlts?« »Zum mindesten nicht an Courage,« erwiderte der Kriegsmann und wandte den Kopf, um den Frager zu sehen. Fabian erschrak, als er in das bleiche Gesicht blickte und den Hauptmann Renold erkannte. »Du hier?« rief er voller Bestürzung und Zorn, setzte aber, indem er auf die blutige Brust des schönen Mannes die Augen warf, mitleidig hinzu: »Es scheint, um Dich stehts übel.« Gideon aber verzog den Mund mit höhnischem Stolz und sagte: »Nicht wahr, ein gefundenes Fressen für Deines Gleichen! Kannst Rache üben, ohne Widerstand zu fürchten. Jetzt sind wir quitt. Machs ohne lange Umstände mit mir ab.« »Zeige mir Deine Wunden,« versetzte Fabian, ohne auf ihn zu hören, netzte einen Schwamm im Wasser des Weihers, kniete wieder bei ihm nieder und rollte das wundärztliche Besteck aus einander. »Kommst zu spät, Herr Medikus,« rief Gideon. »Habe die Pillen schon aus Büchsenschmieds Apotheke empfangen, und sie purgieren mir die Seele richtig zum Leibe hinaus. So will ich als tapferer Soldat auf dem Felde der Ehren dieser Welt Ade sagen; krepieret Ihr unterdessen am Schnellgalgen!« »Ich hoffe, Renold, Du bist noch zu retten,« sagte Fabian. »Lasse Dich untersuchen!« »Mit Gunst, bleibe mir vom Halse,« erwiderte der Verwundete. »Ich begehre keine Untersuchung: zwei Kugeln fuhren mir in den Leib, und zweifelsohne hinten wieder heraus. denn ich stand den welschen Teufeln nahe genug vor der Mündung. Unsere Sache ist fehlgeschlagen; sie hätte einen glorreicheren Ausgang verdient. Aber der Feind hatte uns mit listigen Händeln und Anschlägen schon bei Mellingen ruiniert. Heute, während der Bataille, schlug sich unsere Mannschaft heldenmütig. Der Feind, welcher eine wohl ausgerüstete Reiterei, Fußvolk und Artillerie gegen uns ins Feld stellte, hätte noch lange nicht Viktoria schießen können, doch uns fehlte die Grundlage aller sicheren Kriegsoperationen: verständige Kriegsräte und streng aufrecht gehaltene Disziplin.« Fabian, der unterdessen Gideons Wams geöffnet und mit dem Schwamm das Blut von dessen Brust gewaschen hatte, sagte: »Spare Deine Worte für nötigere Dinge, denn Du hast nicht viele Atemzüge mehr zu verschwenden.« »Danke der Glücksgöttin dafür, Du schelmischer Abenteurer,« sagte Gideon mit matter Stimme, während ihm Fabian zwei Schußwunden in der Brust mit Leinwand und Pflaster bedeckte, um das hervorquellende Blut zurückzuhalten. Der Soldat schien nichts davon zu empfinden, denn ohne auf Fabians Beschäftigung zu achten, fuhr er fort: »Beim ersten Begegnen hätte ich Dich niedergesäbelt und in Gegenwart Deiner Dirne umgebracht.« »Schweige mit Deinen Prahlereien, Renold,« rief Fabian. »Dein letztes Stündlein hat geschlagen. Der Tod steht vor Dir. Fürchte die Ewigkeit!« »Was fürchten, was?« entgegnete Gideon. »Ich habe andere Majestäten gesehen. Ich sterbe ehrenvoll, wie ich es jederzeit gewünscht habe. Unterfange Dich nicht, die Verleumdung auszustreuen, daß ich nicht bis an mein Ende ein herzhafter Kriegsmann geblieben sei.« »Renold, Du stehst bald vor dem Richterstuhl des Allwissenden, bekenne die Wahrheit, erfülle meine letzte Bitte. sage mir noch . . .« Gideon unterbrach ihn und sagte: »Belästige mich nicht. So schwindet der Ruhm . . . Alles vorbei.« »Bekenne, Du hast Epiphania aus dem Moose entführt; bekenne, wohin Du die Unglückliche geschleppt hast . . .« »Wäre das Vöglein nicht ausgeflogen gewesen, ich hätte es, Dir zum Possen und Ärger, in den Sack gesteckt. Aber das Nest war leer.« »Epiphania ist verschwunden,« rief Fabian mit wachsender Angst, denn er bemerkte Renolds zunehmende Schwäche und fürchtete dessen ewiges Verstummen, ehe das Geheimnis von Epiphanias Lose enthüllt wäre. »Ich beschwöre Dich, rede! Läugne nicht! Versöhne Dich mit Gott und den Menschen durch das Geständnis der Wahrheit. Welches ist der Aufenthalt des unglücklichen Wesens?« Renold schloß die Augen und versetzte mit leiser Stimme. »Das Weibsbild ist . . . ich weiß es nicht . . .« »Nenne, Gideon Renold, nenne mir den Ort, um Gottes willen, nenne ihn!« »Ich weiß es nicht,« antwortete Jener leise stöhnend, während sich die Züge seines bleichen Gesichtes plötzlich entstellten und nach einigen Zuckungen in die kalte Ruhe des Todes zusammensanken. Fabian wiederholte sein verzweifeltes Rufen; Gideon antwortete nicht mehr. Da trat der Frager schauernd vor der schweigenden Leiche zurück. Er betrachtete sie lange mit den Empfindungen des Entsetzens, des Unwillens und Mitleids. Wie er in düsterer Überlegung dastand mit gefalteten, vor sich hingestreckten Händen, auf die Brust gesenkten Hauptes, die Blicke unter finster zusammengezogenen Augenbrauen auf das noch im Tode schöne Antlitz des Soldaten geheftet, rauschten Schritte hinter ihm durchs Buschwerk. Fabian wandte das Gesicht zurück und erblickte mit froher Verwunderung den lange vermißten Addrich. Er ging ihm entgegen. »Ich hörte Deine Stimme schon in der Ferne, Fabian,« sagte der Alte. »Mit wem sprachest Du?« »Gott Lob!« rief der Jüngling, »daß uns der Himmel wieder zusammenführt. Ich suchte Dich lange mit vergeblicher Mühe und hielt Dich für gefangen oder getötet.« »Leere Sorge!« versetzte Addrich. »Der Tod verlangt mich nicht, und das Leben will mich nicht. So muß ich wie der ewige Jude über die Erde wandern. Mir sind die Kugeln ausgewichen; ich wich nur den Klauen der Berner und ihrer Henkersknechte aus. Gut, daß Du lebst; mit wem sprachst Du?« Addrich trat langsam hinzu, blieb in stummer Beschauung stehen, und kein Zug seines Gesichtes veränderte sich. Zuweilen brummte er ein: Hm! Hm! in sich hinein, wie wenn ihm etwas Unerwartetes eine letzte Verwunderung verursache. Nach einiger Zeit murmelte er, halblaut singend: Vom rosenfarb'nen Munde Erlischt die Lebensglut; Die Jünglings-Purpurwunde Betaut das Gras mit Blut. Zu spät eilt deine Hülfe, Er fühlt nun keine Pein; Er schläft auf dürrem Schilfe; Sein Kissen ist der Stein. Fabian erschrak und fürchtete für den Verstand des Alten. »Auf, auf! Laß uns von hinnen eilen, Addrich,« rief er, »denn für uns ist keine Sicherheit in der Nähe des Schlachtfeldes!« 49. Rettung. Er ergriff ihn am Arme und führte ihn eilend, ohne Rast, mit sich hinweg, durch Wald und Feld, Weg und Steg weder meidend noch suchend. aber in gerader Richtung nordwärts, um den Aarfluß zu erreichen. Unterwegs erzählte er mit vielen Hinzufügungen von dem letzten und kurzen Gespräche, das er mit Gideon Renold gehalten; dann entwarf er Pläne, wie sie durchs Münsterthal oder die österreichischen Waldstädte am Rhein nach Frankreich oder Deutschland entkommen könnten, und wie er, sobald für Addrich eine geborgene Stätte gefunden sein würde, in das Schweizerland heimkehren und Epiphanias Spur aufsuchen wolle. Addrich schien das alles kaum zu hören und ließ nur zuweilen ein trockenes »Ja« oder »Nein« oder »Wohl möglich« vernehmen, mehr aus Gefälligkeit, oder um den Frager zufrieden zu stellen, als aus Lust an der Unterhaltung. Als beide nach einer Stunde durch ein stilles Wiesenthal hervortraten, erblickten sie das Ufer der Aar und einzelne Fischerhütten; vor einer derselben flickte ein junger Mann aufgespannte Netze. Fabian redete ihn wegen der Überfahrt zum jenseitigen Ufer an und versprach ihm ein gutes Trinkgeld. Der Fischer betrachtete abwechselnd beide mit besonderer Aufmerksamkeit und sagte: »Nicht wahr, Ihr kommt von Herzogenbuchsee, und der Boden hier brennt Euch unter den Füßen? – Jesus, Maria und Josef! Das ist übel ausgegangen. Folget mir nach!« Er warf eilig das Garn zur Erde, sprang zur Aar, rüstete einen Kahn und ließ die Wanderer einsteigen. Als er vom Lande gestoßen war, sagte er: »Ihr Herren, ist Euch zu raten, so fahret stromabwärts, je weiter, desto besser, bis die Nacht auf dem Lande liegt. Das Tageslicht ist Euer Freund nicht.« »Du bist ein Ehrenmann,« sagte Fabian. »Fahre uns so weit Du magst; um den Fährlohn wollen wir nicht hadern. Du wirst mit uns zufrieden sein.« »Danket der Mutter Gottes hunderttausendmal, daß Ihr mich am Staad gefunden,« erwiderte der Schiffer. »Ich setze meinen Kopf daran. Du heißest Fabian von der Almen, und der Alte dort Addrich der Mooser. Jesus Maria! Nun gehts Manchem an den Hals.« Fabian erblaßte vor Schrecken, sich von einem Unbekannten und in unbekannter Gegend gekannt zu wissen. »Was weißt Du von uns?« fragte er den Schiffer. »Daß man nach Euch beiden aller Orten das Netz ausgeworfen hat,« antwortete dieser; »daß man des Leuenberg kaum so sehr als Eurer habhaft zu werden trachtet, daß ich armer Geselle mit geringer Mühe ein paar Dublonen gewinnen könnte, wenn ich zu Olten, im Leuen, Nachricht von Euch brächte. Das wäre jedoch Blutgeld. Behüte uns Gott! Ich erkannte Euch beide augenblicklich an Kleid und Geberde, als Ihr vorhin am Staad zu mir tratet, denn der Steckbriefträger hat Euch aufs Haar genau beschrieben.« Obwohl sich Fabian unschuldig fühlte, pochte ihm doch das Herz gewaltig bei dieser unerwarteten Botschaft, nicht minder aus Besorgnis für Addrich als um sich selbst, da man ihn überall als dessen unzertrennlichen Gefährten im Aufruhr gesehen hatte. Der Fischer bemerkte Fabians Unruhe und sagte: »Sei Du ohne Furcht; hast nicht allein im verbotenen Wasser gefischt; ich war auch dabei, als wir Landleute den Zug nach Solothurn machten und die Stadthechte fangen wollten. Seitdem hielt ich mich aber mäuschenstill am Staad und ging nicht einmal wie die anderen auf die Höhe, die Schlacht von Herzogenbuchsee zu schauen. Ich habe meine guten Gründe. Als diesen Morgen der Kerl von Bipp mit dem verdächtigen Gesichte kam und Euch beschrieb und bekannt machte, wie viel für Euch geboten wäre, wußte ich, was die Glocke geschlagen hatte. Mich soll niemand dumm machen.« Unter diesen und ähnlichen Gesprächen des Schiffers mit dem geängstigten Fabian brach die Abenddämmerung herein. Der Kahn glitt rasch über den Fluß dahin. »Es soll Dich nicht gereuen,« sagte Fabian. »Ich zahle Dir eine Dublone in blankem Golde, wenn Du die ganze Nacht durch mit uns fährst; bis morgen sind wir da, wo die Aar in den Rhein fällt.« »Nimmermehr!« entgegnete der Fischer. »Ich kenne das Wasser nicht weiter als bis Brugg, und nächtlicher Zeit ist mit dem Strome übel spaßen. Soll's aber gelten, so begleite ich Euch um das halbe Angebot über den Berg zu meiner Base ins Iffenthal. Dort seid Ihr geborgen, besser als in Abrahams Schoße. Und ehe der Tag kommt, bin ich wieder am Staad.« Fabian willigte in alles, um für sich und seinen Unglücksgefährten einen Schlupfwinkel zu finden. Der Schiffer steuerte endlich dem linken Ufer und einem Erlengebüsche zu, wo er die Wanderer ans Land gehen ließ, während er den Kahn befestigte; dann schritt er als Wegweiser voran über Wiesen und Äcker, bis in die Nähe eines Dorfes an der Landstraße nach Olten. Hier wurde eine Stunde unter freiem Himmel gerastet, um sich mit Speise und Trank zu stärken, und dann der Weg ins Gebirge genommen. Es ging durch Thäler und über Hügel, durch Tannenwälder und Schluchten, in allerlei Krümmungen bei dunkler Nacht. Nach zwei langen Stunden erreichen die Wanderer um Mitternacht eine einsame Hütte. »Hier sind wir zur Stelle!« rief der Schiffer. »Drinnen liegt alles im Schlafe, wartet deshalb, ich will das Seppli wecken.« Er schwang sich auf eine am Hause befindliche Holzbeige und verschwand in einer fensterartigen Öffnung des Estrichs. Nach geraumer Zeit wurde es im Innern der Hütte lebendig; man sah Licht, die Thür wurde geöffnet, und mit einem brennenden Kienspan in der Hand leuchtete der Schiffer seinen Freunden in eine Stube hinein. Ein junges, halbbekleidetes Weib, und bald darauf auch ein altes Mütterchen, traten herein, hießen die Fremdlinge willkommen und bedauerten, ihnen für die Nacht kein besseres Lager, als auf Ofen und Bank, anweisen zu können. Dankbar entrichtete Fabian dem braven Schiffer seinen verheißenen Lohn. »Nun denn,« rief dieser, nachdem noch vieles über einen geheimen Aufenthalt und über die nach allen Seiten nötige Vorsicht verhandelt worden war, »›dem Hungrigen ist bald gekocht, dem Müden leicht gebettet.‹ Ihr seid ins Trockene gebracht. Wartet geduldig, bis der Sturm ausgetobt hat. Gelobt sei Jesus Christ!« Fabian, froh, sich und den Oheim Epiphanias in Sicherheit zu wissen, bequemte sich ohne Mühe in die ärmlichen Verhältnisse der Berghütte und fand, wie in dieser Nacht das Lager auf der Holzbank, so in den folgenden die Ruhestätte auf dem Heu, wie auch die Bewirtung mit den einfachsten Erzeugnissen des Herdes unendlich besser als den Aufenthalt in einer Felshöhle, an den er in der ersten Angst schon gedacht hatte. Die Flüchtlinge hätten kaum ein angenehmeres Asyl wählen können als diese hochgelegene, grüne Einöde, in welcher monatelang kein fremdes Gesicht gesehen wurde, und wo die beiden gutmütigen Weiber mit einem alten Knechte in Gastfreundschaft gegen die Unglücklichen wetteiferten. Das Thal, zwischen den beiden Jurapässen des Hauensteins gelegen, hatte seine eigentümliche Anmut. Zu beiden Seiten erhoben sich die alpenartigen Wiesen zu den nahen Felsenkämmen des Gebirges. Im Hintergrunde hing ein armseliges Kirchlein malerisch am Berge, hoch über einem furchtbaren Abgrunde. Die wenigen beisammen liegenden elenden Hütten und einzelne im Gebirge umher zerstreute kleine Berghöfe bildeten die Gemeinde. Während Addrich in dieser Einsamkeit die einsamsten Stellen aufsuchte, dort tagelang auf einem verwitterten Felsblock des öden Bergrückens unbeweglich saß, selten sprach, und in diesem Falle, still grollend mit der Weltordnung, schreckenerregende Dinge ahnen ließ, schweifte Fabian ungeduldig durch das Gebirge. Gequält durch den schmerzlichen Gedanken an Epiphanias Schicksal, wurde ihm der Müßiggang und die einfache Lebensweise bald unerträglich. Er würde schon nach den ersten Wochen das Iffenthal verlassen haben, um seine verlorne Gattin, selbst mit Lebensgefahr, aufzusuchen, hätte ihn nicht eine geheime Bangigkeit um Addrich oder die Menge der Schreckensbotschaften zurückgehalten, welche der treue Schiffer jedesmal brachte, so oft er im Thale erschien. In jeder Woche gab dieser neue Berichte von der Strenge und Grausamkeit, mit welcher die Obrigkeit gegen die besiegten Rebellen verfuhr: wie täglich Verhaftungen erfolgten und jeder Verdächtige angehalten würde. Die Häupter und Rädelsführer der Empörung lagen fast sämtlich schon in Ketten und Banden. Leuenberg war zu Trachselwald, von einem seiner eigenen Helfershelfer und Nachbarn, Hans Bierri, verraten, nächtlicher Weile aufgehoben und nach Bern geschleppt worden. In Zofingen wurde ein Blutgericht von fünfzehn Personen niedergesetzt, die Eingefangenen abzuurteilen und die Schuldigen zu bestrafen. Christen Schybi, im Entlebuch ergriffen, wurde nach Zofingen gebracht, verurteilt und mit drei anderen Spießgesellen in Sursee enthauptet. Adam Zeltner, der kluge Untervogt von Buchsiten, empfing in Zofingen den Todesstreich vom Schwerte des Nachrichters, ungeachtet sich der französische Botschafter, Herr de la Barde, auf's dringendste für das Leben desselben verwendet hatte. Ulli Schad wurde vor dem Steinenthor bei Basel mit dem Strange vom Leben zum Tode gebracht, während sechs andere seiner Genossen beim Aufstande, sämtlich sonst achtbare Greise, alle mit grauen Köpfen und weißen Bärten, dort mit dem Schwerte hingerichtet wurden. Ein gleich trauriges Schicksal erlebte Leuenberg, von dem unter der Folter Geständnisse erpreßt werden konnten; ebenso sein ehemaliger Geheimschreiber Brömmer, und mancher andere zu Bern. Ein Schmied von Hochstätten wurde, weil er zur Volksbewaffnung Piken geschmiedet hatte, nach geschehener Enthauptung noch gevierteilt, und mit den vier Stücken seines Leibes an den Galgen genagelt. Als am Sonntage darauf (3. Juli) ein erschreckliches Ungewitter, von Sturmwind und Wolkenbrüchen begleitet, über Bern zog, die Stadt schwer beschädigte, das Hochgericht mit den angehefteten Köpfen der Rebellen niederwarf und zertrümmerte, erkannte der Aberglaube eines Volkes, welches unter dem obrigkeitlichen Zorne zitterte, wenigstens darin zu seinem Troste die Mißbilligung des Himmels gegenüber solchem blutdürstigen Wüten der gnädigen Herren und Obern. Die Zahl der Hingerichteten war groß; noch größer die Zahl derer, denen vom Henker ein Ohr abgeschnitten oder die Zunge aufgeschlitzt wurde, die man mit Ruten strich, aus dem Vaterlande verbannte, auf die venezianischen Galeeren verschickte, um ihren Tod in den Seeschlachten gegen die Ungläubigen zu finden, oder die man ehr- und wehrlos machte und durch schwere Geldbußen ungroßmütig an den Bettelstab brachte. 50. Die letzten Erscheinungen. »Ich will lieber unter Menschenfressern und reißenden Tieren wohnen, die ihr Gebiß nur da einschlagen, wo Hunger und Notwehr Blut begehren,« schrie Fabian, »als unter diesen christlichen Obrigkeiten, die nun ihre Feigheit und überstandene Angst durch Grausamkeit verdecken; ihre Rache gleisnerisch hinter dem Schilde gesetzlicher Gerechtigkeit verbergen, das arme Volk erst durch Blutsaugerei und mit Frechheit zu Boden treten, dann die Verzweiflung desselben an Schuldigen und Unschuldigen in blinder Wut bestrafen, sich dabei gottesfürchtige, gnädige Obrigkeit und die armen, rechtlosen Unterthanen freie, glückselige Unterthanen nennen. Verruchte Unnatur!« »Warum tobst Du, Bursche, wider die Natur?« entgegnete Addrich gelassen oder vielmehr kalt. »Sie geht ihren bleiernen Schritt. Wir Ebenbilder Gottes haben kaum das Menschengesicht aus dem alten Felle der Bestialität hervorgestreckt. Wenn sich eine Nation mit der Kinderrute züchtigen, mit der Peitsche geißeln läßt, verdient sie nichts besseres als Rute und Peitsche.« »O Addrich, fesselte mich nichts mehr an diesen blutgetränkten Boden,« rief Fabian bewegt, mit der Thräne heiligen Grimmes im Auge, »ich möchte in eine Wüste ziehen, und mich mit den Tigern verbrüdern. Hast Du von unserm Fischer die Geschichte des alten Weibes von Olten gehört, welches nach Zofingen lief und vor den unbarmherzigen Richtern für das Leben des Ehemannes und Sohnes, endlich nur für das Leben eines einzigen von beiden den Fußfall wiederholte? Und als man ihr nun die schauerliche Wahl gestattete, als nach langem entsetzlichem Kampf des Mutterherzens und der Gattenliebe die eheliche Zärtlichkeit überwog . . . da hohnlächelte gefühlloser Witz über die Betrogene. Das scheint mir die höllische Krone auf das Haupt alles Frevels zu setzen . . .« »Still, Bursche!« erwiderte Addrich. »Trage Sorge für Deine junge Haut. Wo Tyrannen wohnen, haben die Steine Ohren.« Er hatte nicht unrecht, denn der Pfarrer des Iffenthales hatte den Aufenthalt der Flüchtlinge entdeckt, das Weib des Schiffers zu sich berufen und ausgeforscht, und demselben darauf geboten, reinen Mund zu halten über alles, was er gefragt und gesagt. Die junge Frau aber gehorchte mehr der Stimme ihres Mitleids als der des Beichtigers und warnte voller Angst die Fremdlinge. Da blieb die abgelegene Einöde kein Asyl mehr für sie. »Fort denn,« sagte Fabian, »um das Leben zu retten, muß das Leben gewagt sein. Versuchen wir's, durch das unwegsame Gebirge, an den bewohnten Höfen und Bergdörfern vorüber, das kaiserliche Gebiet am Rhein zu erreichen!« »Mir gilt's gleich,« entgegnen Addrich gleichgültig. »Mein Leben kannst Du nicht retten. Hätte ich mein Wort nicht gegeben, es wäre längst weggeworfen. Ich folge Dir. Die grüne Schale des Deinigen enthält noch einen Kern; der meinige ist vermodert.« Mit Dank und gerührtem Herzen schied Fabian, Addrich aber stumm, in der Frühe des folgenden Morgens, ehe der Tag graute, von der gastfreundlichen Berghütte. Dicker Nebel lag auf dem Thale und verbarg ihre Flucht, zugleich aber auch den Weg und die Gegend so sehr, daß sie erst mit Sonnenaufgang aus der Bergschlucht hervortraten, durch welche ihnen ein wilder Bach den Ausgang über den untern Hauenstein zur Heerstraße gezeigt hatte. Als sie den jähen Felsenweg zum Hauenstein emporgestiegen, dessen letzte Höhe längs den Klippen eine blaugraue Wolke bedeckte, wurden sie eines Wanderers gewahr, der in städtischer Tracht vor ihnen gemächlich bergauf schritt. Fabian drückte das braune Sammetbarett tiefer in die Augen, und das Gesicht abgewendet, eilte er an dem Manne vorbei, indem er trocken grüßte. »Heda! Halt!« rief der Wanderer. »Sonntag und Montag kommen alle Woche zusammen, aber nicht die Menschen. Es freut mich, Herr Freund, Euch hier zu treffen und mit Euch den gleichen Weg zu machen, wenn Ihr nicht wie ein Bürstenbinder lauft.« »Schon früh auf den Beinen?« antwortete Fabian, der den wohlgemuten Meistersinger von Aarau erkannte und sich nun von Herzen des alten Bekannten erfreute. »Was giebt's neues? Jetzt ist wieder Ruhe und Sicherheit im Lande und das Regiment frisch und wohl bestellt.« »Ja, ja, Herr Freund, es wird aufgeräumt, wie sich's gebührt. Nur sage ich, neue Besen kehren gut, doch gehen sie nicht in die Winkel. Den Haupträdelsführer Addrich haben sie noch nicht gefunden; wer weiß, wo er steckt? Hat aber der Teufel den Sattel, so holt er auch den Zaum. Ich wette, der trägt sein Kupfergeld nicht lange mehr auf der Nase herum. Heute oder morgen hängt er in Scharfrichters Dohnenstieg oder läuft wenigstens mit nacktem Rücken durch den Besenmarkt. Er hat's um mich allein schon verdient. Und säße er in einem Dachsloche, ich kröche hinein und holte ihn heraus.« »Kannst ihn wohlfeiler haben,« sagte Addrich, der jetzt von hinten herankam. »Hier bin ich. Wie viel hat man für mich geboten?« Meister Wirri stand still und starrte den Alten verblüfft an, faßte sich aber bald und sagte halb ängstlich, halb freundlich zu ihm: »Nun, nun, ich hoffe, Ihr werdet Spaß verstehen, Herr Freund. Ich hatte Euch wohl gesehen und nur so gesagt, um Euch Furcht zu machen. Ich soll Euch auch höfliche Grüße bringen von meinem Änneli, das ehemals in Eurem Dienste stand und Euch noch immer lobt.« »Ist's Dein Änneli geworden?« entgegnete Addrich mit gleichgültiger Miene. »Nicht wahr, das nimmt Dich Wunder,« rief Wirri, der sein Vergnügen nicht verbergen konnte, den furchtbaren Alten schnell auf ein anderes Gespräch zu bringen. »Nun, was nicht ist, kann noch werden. Es lebt beim hochwürdigen Herrn Dechanten Herrentage, und das Züngelein geht ihm noch immer wie der Schwanz der Bachstelze.« »Wie viel also hat man für mich geboten?« fragte Addrich wieder. Den Spielmann machte die Frage abermals ganz ernst, doch erzwang er ein Lächeln in die ersteiften Gesichtsmuskeln und versetzte: »Ei was? Macht doch aus der Pille keine Bombe. Jedermann begriff, es ging auf den alten Socken nicht länger, und die Bauern hatten recht. Niemand verdenkt's Euch. Hättet Ihr nur Euer Eisen geschmiedet, als Ihr vor der Esse waret, aber da wollte jeder von den Bauern sein eigenes Kraut schmalzen. Und wenn zwei Hunde an einem Knochen nagen, kommen sie selten überein. Das war das Unglück. Ein Mann wie Ihr, Herr Freund, hätte das Ruder führen müssen, aber kein hochmütiger Tölpel wie der Leuenberg, der sich einbildete, er höre die Flöhe husten und Gras wachsen, und der im Gehen den Kopf streckte, als ob er einen Degen verschluckt hätte.« »Schweig', Mops!« entgegnete der Alte. »Lasse die Toten ungelästert. Er starb wenigstens für etwas besseres, als wofür Du lebst.« »Nun ja,« stimmte Wirri verlegen ein, »es giebt mancher mehr für Karrenschmiere aus, als er mit der Karre verdient.« »Ich rede von der Freiheit des Landes,« sagte Addrich. »Richtig, ach die liebe Freiheit. Man kauft sie allezeit teuer ein, aber verkauft sie um einen Pfifferling wieder. Glaubt mir's, der Welsche versingt sie, der Deutsche vertrinkt sie, der Franzose vertanzt sie, der Holländer verschachert, der Spanier verbetet, der Schweizer verschläft sie. Kann der Bauer nicht Landvogt werden, muß er seinen Käse selbst von der Alp tragen.« »Ich merke,« sagte Addrich, »Du bist Einer, der mit allen Winden segeln will.« Fabian, der die Unterhaltung auf andere Dinge zu lenken wünschte, fiel hier mit der Frage ein: »Wohin geht die Reise so früh, Meister?« »Ich komme von Olten und ziehe nach Basel. Man muß viel für den lieben Gott und für's liebe Brot thun. Der wohlehrwürdige Herr Dechant hat einmal sein Vertrauen zu mir, drum muß ich und kein anderer seinen Brief nach Basel tragen, an den . . . an den Dan . . . Din . . . Don . . . Dar . . . Ihr kennet ihn ja. Ich bringe leichter zehn Ketten in den Hals als den verwünschten Namen heraus.« Er griff in's Wamms und zog einen Brief hervor, um die Aufschrift zu lesen. Fabian, der auch den Herrn von Groenkerkenbosch wegen Epiphania in Verdacht hatte, stutzte, als er vom Briefwechsel des Dekans mit jenem Manne hörte, und der Gedanke stieg in ihm auf, er könnte hier Licht für seine Finsternis finden. »An Don Nardo?« rief der Jüngling auffahrend und riß den Brief ungestüm aus der Hand des Spielmannes. »Richtig!« antwortete der Meister Wirri und setzte hinzu, indem er mit schalkhaft drohender Miene auf Addrich deutete: »Gebt das Schreiben nicht weiter. Da steht ein Männchen, das mir schon einmal den Botenlohn verdarb und einen Brief öffnete, der nicht für ihn geschrieben war.« »Das kann ich selbst, und werde es beim Dekan Nüsperli verantworten,« sagte Fabian, riß das Siegel auf und durchflog, mit glühenden Augen, hastig die Zeilen. Meister Wirri stand verduzt mit offenem Munde da, und als er die Sprache wieder gewonnen hatte, stammelte er halb scheu, halb zornig: »Plagt Euch denn . . . Gott sei mir gnädig . . . da muß Einem der Topf ohne Feuer überlaufen; anderer Orten nennt man das Straßenraub. Spornstreichs kehre ich um und klage es dem Herrn Dechanten. Er wird Euch Späne unter den Speck hacken. Geduld!« »Schweig!« rief Addrich und hob die geballte Faust drohend empor. Meister Wirri duckte sich und nahm hastig den Rückzug nach Olten, indem er rief: »Zwischen Fuchs und Wolf ist böse spazieren gehen. Behüte Euch Gott. Es giebt noch Obrigkeit, die Gewalt über Euch hat. Den Streich schreibe ich Euch nicht mit Kohlen in den Kamin.« Während er sich brummend entfernte, doch immer zurückkehrte, und ebenso oft den Rückzug antrat, als er Addrichs Bewegung gegen sich erneuern sah, las Fabian den Brief. Er war in lateinischer Sprache geschrieben und dem Jüngling der Inhalt dunkel. Folgendes ungefähr sagten die Worte des Dekans an Don Nardo: »Ach, daß wir Wasser genug hätten in unserm Haupt, und unsere Augen Thränenquellen wären, daß wir Tag und Nacht weinen möchten! (Jer. 9) Dir wäre besser gewesen, Du wärest von der Höhe des Felsens gestürzt, oder mit einem Mühlstein am Hals in die Tiefe des Meeres gefallen, daß Du nur das zeitliche, nicht das ewige Leben verloren hättest. Addrich hat, wie Dathan und Abiram, schwer gesündigt, als er von der durch Gott eingesetzten Obrigkeit abfiel. Aber seine Schuld ist federleicht, neben Deinem Hochverrat an Jesu Christo, denn Du hast in Deiner Apostasie eine Sünde gegen den heiligen Geist gethan, die nie vergeben wird. Ich darf nicht mehr der Freund dessen sein, der Gottes Feind geworden ist; mein Haus hat für Dich nur verschlossene Pforten. Darum, bist Du in Basel: so bleibe; trifft Dich dies Blatt schon auf der Straße nach Aarau: so kehre um und sei gewarnt! Denn den Jüngling, den Du suchst, findest Du nicht. Wir wissen nichts von ihm. Wehe, daß Dich der böse Geist blendete und Du in die Fallstricke der spanischen Katholiken fielest! Hätten die Wilden der philippinischen Inseln Dir den Todesstreich versetzt, statt Dein Antlitz mit einer Narbe zu entstellen, Du würdest minder zu beklagen sein, denn Deine arme Seele wäre gerettet worden, aber alle Tonnen Goldes, die Du von Deinem reichen Weibe dort ererbt hast, weil Du dessen Leben von den Barbaren befreitest, sind kein Lösegeld aus der Verdammnis. Und hättest Du ganz Ostindien, ja die ganze Welt gewonnen, was hülfe es Dir, nun Du Schaden an Deiner Seele genommen? Ich unwürdiger Diener des göttlichen Wortes beschwöre Dich bei den blutigen Wunden meines lieben Herrn und Heilandes, kehre zurück zur wahren, evangelischen Kirche, in der Du geboren und erzogen worden bist, und verführe nicht das Mägdlein zur verfluchten Abtrünnigkeit. Ich werde dieses Kindes Seele vor dem Thron Gottes einst wieder von Dir fordern. Noch einmal, kehre zum wahren Glauben an Jesum zurück; dann darf ich Dich wieder sehen, sonst nie! Ich werde zu Gott Tag und Nacht schreien, daß er Dein Herz bewege und Dich auf den Weg des Heils zurückführen wolle.« Im Erforschen des Sinnes dieser Zeilen versunken und in unruhigen Ahnungen über das vom Dekan bezeichnete Kind oder Mägdlein, war Fabian mit scharfen Schritten, lesend und wieder lesend, zu der unwirtbaren Höhe des Weges hinaufkommen, unbekümmert um Addrich und Wirri, die hadernd zurückgeblieben waren. Als er die Augen aufschlug, sah er sich schon von jener Wolke umfangen, die er vorher auf dem Rücken des Gebirges über sich erblickt hatte. Ein frostiger Luftzug kam ihm zwischen den schroffen, kahlen Felsen entgegen, aus deren Klüften die Gebüsche durch den Nebel wie seltsame lebendige Gestalten nickten und gaukelten, aber eine andere Gestalt löste sich vor ihm aus dem Innern der Wolke zu immer bestimmteren Umrissen. Er erkannte einen Reisigen, der sein Roß am Zügel führte. Don Nardo stand plötzlich neben dem Pferde, im Begriff, zum Dechanten nach Aarau zu reisen. »Halt!« schrie Fabian und zog den Degen. »Dich sendet Gott selbst in meine Gewalt. Stehe mir Rede. Stehe!« Don Nardo, des Überfalls nicht gewärtig, stand anfangs betroffen da, als er aber den Jüngling erkannte, sagte er gelassen: »Ich ließ mir's keine kleine Summe kosten, wochenlang Leute auf allen Wegen nach Dir auszusenden und Dich zu suchen, aber daß Du in diesen Wildnissen das Räuberhandwerk treibst, ließ ich mir nicht träumen. Kennst Du mich nicht, Unglücklicher?« »Stehe mir Rede!« rief Fabian und setzte ihm die Degenspitze auf die Brust. »Du, Du hast Epiphania entführt, die Nichte Addrichs, mein Weib!« Während er sprach, ertönte das Geräusch vieler Pferdehufe und neue Gestalten schwebten wie dunkle Schatten im Nebel heran. Ein lauter Schrei erscholl: »Morde meinen Vater nicht!« und mit dem Schrei schlug ein weiblicher Arm den Degen Fabians auf die Seite. Der Ton klang betäubend in des Jünglings Ohr und erschütterte ihn so, daß ihm das Schwert aus der gelähmten Faust zu Boden fiel, doch die Retterin bebte, als sie des Jünglings besser ansichtig wurde, erst mit Erschrecken zurück, dann erhob sie laut weinend die Arme und rief: »Fabi, ach, Fabi, Du selbst!« und sank an seine Brust. Er starrte unbeweglich auf sie nieder und stammelte totenblaß und mit zitternden Lippen: »Faneli, meine Seele, o mein Leben!« Indessen beide im Sturm der ersten Seligkeit, sich wiedergefunden zu haben und umfaßt zu halten, alles vergaßen, was um sie her geschah, kam Addrich atemlos den steilen Bergweg daher geeilt. Er hatte das Geschrei auf der Höhe vernommen und seine Schritte alsbald verdoppelt, weil er befürchtete, Fabian sei von aufgestellten Wachen im Nebel überfallen und gefangen genommen worden. Entschlossen, ihn zu befreien, und beim Anblick der Pferde und Menschen in der wolkigen Umdämmerung die Wahrheit seines Argwohns nicht mehr bezweifelnd, zückte er das Schwert und schwang es gegen den Ersten, der ihm aus dem Haufen entgegentrat, doch wie vom Schlage getroffen sank der erhobene Arm erschlafft zurück. Sein Gesicht war vom Entsetzen schrecklich entstellt. Die finsteren Augen starrten, als wollten sie ihre Höhlen verlassen, aus der roten Umfassung der Augenlider grausig hervor, wie eine Kohle aus der Glut. Er lallte mit bebender Zunge, unbewußt, halblaut: »Das ist mein toter Bruder Diethelm!« Auch der Herr von Groenkerkenbosch, den sonst nichts aus seinem stillen Gleichmut brachte, verlor hier die Fassung, fuhr bestürzt zurück und rief: »Addrich!« Doch der vielerfahrene Mann sammelte sich schnell zur Besonnenheit und sagte: »Unglücklicher, Du bist der Greuel des Landes geworden, weil Du keinen anderen Gott hattest als Dein schreckliches Ich. Dich allein wollte ich vermeiden, aber Du hast mich zu Deinem Schuldner gemacht durch das, was Du meinem Kinde gethan. Mir steht nicht zu, mit Dir zu rechten. Fliehe dieses Land, das Dich verflucht; mein Schloß am Rhein hat Raum und Freude für uns alle. Hier nimm die Hand! Wir sind versöhnt!« Addrich wich schaudernd vor der ausgestreckten Hand zurück und sagte mit leiser, heiserer Stimme: »Bist Du nicht unter dem Eise des Rawylgletschers begraben?« Don Nardo schüttelte mit traurigem Lächeln das Haupt und sagte:»Still davon, mein Bruder! Oder, wenn Du es denn willst, so höre alles in vier Worten. Gottes Barmherzigkeit und Vorsehung haben gewaltet. Deine wohl etwas unbrüderliche Härte wies mir nur den Weg über den Rawyl zu meinem Glücke hinüber nach Ostindien. Eine fromme, reiche Pflanzerin der Philippinen wurde meine Gemahlin und ich nach ihrem Tode der Erbe ihres Reichtums. Wir kehren auf der Stelle nach Basel um. Mein Ziel ist unerwartet erreicht . . . Die Hand her!« »Mensch, was habe ich mit Dir zu schaffen?« sagte Addrich und blieb unbeweglich in seiner Stellung. »Bist Du nicht der auserkorne Quälgeist meines Daseins? Hast Du dem verstoßenen Knaben nicht schon das Herz des Vaters geraubt, nicht dem Jüngling die Liebe der erwählten Braut? . . . Du und kein anderer hat mir Epiphania entwendet, mir und dem Gatten.« »Laß den alten Hader fahren!« rief der Stiefbruder mit besänftigendem Tone. »Das Herz der andern ist in keines andern, als in Gottes Gewalt; ihre Liebe war ja nicht meine Schuld, nicht mein Verdienst. Und dort steht Epiphania! Ich mußte sie entwenden, weil ich sie nicht fordern durfte. Du bist wegen Deines Unglaubens, ich wegen des alleinseligmachenden Glaubens geächtet. Ich darf nicht mehr ohne Gefahr in der Heimat meiner Väter wandeln, weil ich zur römisch-katholischen Kirche heimgekehrt bin. Ich stehe rechtlos vor Euren Richtern, und meine Tochter würde mir vom Glaubenshaß Eurer Obrigkeit verweigert worden sein. Selbst jener Landvogt, für den ich, Du weißt es, Vermögen, Würde und alles verlor . . . er, dem ich mich zuerst und einzig offenbarte, hatte nur so viel Dankbarkeit erübrigt, um mich, als wäre ich ein Aussätziger, zu warnen, nicht Berner Grund und Boden zu betreten.« Addrich schien der Worte seines Bruders nicht zu achten, sondern in anderen Gedanken vertieft, stand er mit zur Erde gewandtem Blicke da. »Nun, Alter,« fuhr Diethelm nach einigem Schweigen, in welchem er den finstern Greis mitleidsvoll beobachtete, fort: »Hand her! In den Wolken des Himmels, hoch über der Erde, führt uns die Hand Gottes auf der vaterländischen Höhe zusammen. Hand her. Das Vergangene sei vergangen. Ich will alle Deine Sorgen von Dir nehmen.« Hier richtete Addrich das Haupt empor und sprach: »Ich habe Deine Tochter, die Du verlassen hattest, jenem Jüngling Fabian von der Almen zum Weibe gegeben, daß sie nicht schirmlos bleibe.« Mit sanftem, billigendem Kopfneigen erwiderte Don Nardo: »Er will mein Sohn sein.« Addrich warf den Blick suchend durch den Nebel, schritt an seinem Bruder vorüber zu Fabian und Epiphania hin, die noch einander fest umschlungen hielten und bei seinem Erscheinen mit Seligkeit in Stimme und Blick riefen: »Addrich, o Addrich! Aller Schmerz und alles Weh hat nun sein Ende!« »Alles,« murmelte Addrich. Als sein Bruder herankam, wich er seitwärts langsam zurück in den Nebel, wo er wie ein düsterer Schatten zwischen den Felsen hinirrte. »O mein Fabi,« rief Epiphania, indem sie den zärtlichen, von Freudenthränen schweren Blick zu dem Geliebten erhob, »nimm meinen Vater an Deine Brust.« Fabian hielt mit einer Hand die schöne Gattin fest, als fürchte er, sie könne ihm noch einmal entrissen werden: mit der andern Hand entblößte er vor Don Nardo das Haupt und sagte: »Epiphania, Eure Tochter, ist mein mir anvermähltes Weib. Ich flehe um Euren Vatersegen.« »Du sollst mein Sohn sein,« antwortete mit gütigem Blick Don Nardo, indem er seine Hand wie zum Segen auf Fabians Scheitel legte. »Des Himmels Wille waltet hier unverkennbar. Dich, den ich nebst Addrich seit sieben Wochen von so viel ausgesandten Leuten vergebens suchen ließ; Dich, von dem nie eine Spur entdeckt wurde, Dich führt Gottes Hand mir selbst so wunderbar entgegen. Wir waren im Begriff, Deinetwegen nach Aarau zum Dekan Nüsperli . . .« »O wie viele Angst habe ich um Dich getragen, Fabi!« seufzte Epiphania und küßte ihres Lieblings Hand. »Verzeihet mir,« sagte Fabian zum Herrn von Groenkerkenbosch, »wenn ich Euch verkannt und im Irrtum beleidigt habe. Warum verhehltet Ihr mir auch, daß Ihr der Vater meiner Faneli wäret? Warum verbarget Ihr Euch, den ich wohl als Herrn Diethelm kannte, hinter falschem Namen?« »Mein Name ist echt aus der Taufe,« erwiderte jener. »Ich heiße Leonhard Diethelm. Unter fremden Himmel streifte ich alles ab, was mich an meine Unglückstage mahnte, selbst den Namen. Ich wurde als Leonardo glücklicher, wie ich als Diethelm je gewesen war; Dir aber, junger Freund, wie konnte ich Dir vertrauen, den ich nicht kannte. Ich wußte nur durch Sagen von einem leichtfertigen Gesellen, der bei Addrich um meine Tochter würbe, einem lockeren Kriegsknecht. Lange hielt ich Dich für ihn.« Fabian umarmte den Vater Epiphanias und sagte mit Herzlichkeit in Geberde und Ton: »Seid mein Vater, ich will euer gehorsamer Sohn sein. Gehet nicht nach Aarau! Euer harret kein freundlicher Empfang.« Don Nardo küßte des Jünglings Stirn mit sichtbarer Rührung und legte Epiphania an des Jünglings Herz: »Hier ist Dein Weib!« In diesem Augenblick zerriß der graue Nebel, der sie wie ein Vorhang des Himmels umgab, und schlang sich goldbesäumt um die Scheitel der Berge. Die Sonne überstrahlte mit blendender Pracht die schroffen Felsen und grünen Gebüsche der hoch gelegenen Einöde, und von jedem Halme blitzte, in wechselnden Farben, ein flüssiger Diamant im reinsten Morgenlicht. Wie liebende Seelen, die sich nach dem Tode des Leibes im Elysium begegnen, standen Fabian und Epiphania, einander umfangend, da, sich still bewundernd, mit stummer Zärtlichkeit um Liebe fragend. Des Vaters Blick ruhte lange Zeit mit Wohlgefallen auf dem schönen Paare, das dem Überirdischen glich. Endlich wandte er sich zu seinen Dienern, welche in einiger Entfernung bei den Pferden warteten, und rief: Wendet um, wir kehren nach Basel zurück. Wo aber ist mein Bruder?« Addrich war im Nebel verschwunden; keiner von den Dienern hatte ihn gesehen. Von allen Seiten wurde er gerufen, doch es erfolgte keine Antwort. Er wurde von allen gesucht; nach zwei Stunden hatte ihn niemand gefunden. »Lasset ab!« sagte Fabian. »Den Unglücklichen drückt die Seligkeit der Glücklichen. Er ist allein hinüber, wohin wir heute Beide wollten, durchs Gebirge in des Kaisers Gebiet.« Also stieg der ganze Zug auf der anderen Seite des Hauensteins hinab, wo sich der Weg minder steil zum einsamen Bergdorf Läufelfingen niederzog. Auch hier bot Don Nardo Geld aus, und sandte Leute aus, den Verlorenen im Gebirge zu suchen oder ihm durch die Wildnisse in das Frickthal zu folgen, wohin er sich wahrscheinlich gewendet hatte. Man versprach, ihn in der Stadt Basel zu erwarten, wohin der Zug sich wandte. Nach drei Tagen kam zu Don Nardo die Botschaft, man habe den Leichnam eines Greises in einem Abgrunde gefunden, in welchen derselbe von einer schroffen Felswand, vielleicht in den Nebeln verirrt, herabgestürzt sei. Don Nardo verschwieg, was er wußte, um den Himmel seiner Kinder nicht zu trüben. Erst lange nachher offenbarte er ihnen auf seinem Schlosse am Rhein das Ende Addrichs.