Ernst Weiß Mensch gegen Mensch Die Erstausgabe erschien 1919 bei Georg Müller, München O guter Mensch! Magnet der Welt! Mole im Sturz der Verzweiflung, O guter Mensch: Begnadeter Begnader! (Aus Ernst Weiß, »Das Versöhnungsfest«, 1918) Erster Teil I Alfred Dawidowitsch, ein neunzehnjähriger Gymnasiast, Sohn eines kleinen Getreidehändlers (die Mutter war schon vor fünf Jahren gestorben), hatte am 15. Juli 1910 das Abiturientenexamen mit allgemeiner Auszeichnung bestanden. Er ging am Nachmittag dieses Tages in ein Tabakgeschäft, um sich zur Belohnung eine Schachtel besonders guter Zigaretten zu kaufen. Vor der Tür des Tabakladens kam ein junges Mädchen vorbei, eine weiße gestrickte Jacke, weiße kleine Hände schimmerten vorüber, der weiße Widerschein einer sanft gewölbten Brust verwehte im Raum. Als Alfred auf die Straße kam, schien ihm die Welt verdunkelt. Aber das junge Mädchen stand noch da, es stand an der Ecke und zögerte, ging den Weg zurück, ihn streifend mit großem Blick. Alfred war tief erregt, aber sein Mund lächelte, seine Augen blickten klug und skeptisch, er wandte sich zu ihr, nahm sie mit sich. Die Straße lag halb im Schatten einer großen Kirche. An der Ecke stand ein bloßfüßiges Kind, das Akazienzweige verkaufte. Sie waren müde, halb verwelkt, aber ihr Duft jubelte immer noch. Alfred kaufte ein paar Blüten, aber während er sie bezahlte, hatte er Angst, das schöne Mädchen könnte fortgegangen sein, verschwunden wie ein Stein in einer der zahllosen engen Straßen der Stadt. Plötzlich hatte er Angst... Aber das Mädchen wartete, lächelte zu ihm empor und zog langsam seine weißen Zwirnhandschuhe aus, um die etwas feuchten Blumen in die Hand zu nehmen. Rührung zuckte durch sein Herz. Er sprach zu ihr, nicht mehr gewollt skeptisch und unbedingt erobernd wie vorher, sondern menschlich warm. Sie antwortete schüchtern, mit leiser Stimme, indem sie zu ihm hinaufsah. Ihr Lächeln war zart, ihre Stimme klang so beschwingt, selbst wenn sie nur von Alltäglichkeiten sprach. Wenn er neben ihr ging, fühlte er, daß sie glücklich war. Aber er beneidete sie nicht. Sie war der erste Mensch, den er nicht beneidete. Nach glücklichen Menschen hatte er sich gesehnt, nach solchen, die er anbeten durfte. Es graute ihm vor unglücklichen Menschen, ein fürchterliches Gefühl war es ihm, wenn er auf der Straße einem weinenden Fabrikmädchen begegnete, das sein tränenüberströmtes Gesicht in einer roten, kattunenen Schürze verbarg und die schluchzende Brust gegen die dunkle Rinde eines Baumes gedrückt hielt. Nur eine Stunde lang ging er neben diesem immer noch fremden Menschen. Aber während aller anderen Stunden dachte er an sie, hob sie, die Willenlose, in das Strahlende seiner Phantasie empor, betete sie an, riß sie an sein Herz und sehnte sich nach ihr, wie man sich nach Gott, aber nicht nach Menschen sehnt. Aber sie wich langsam vor ihm zurück. Am ersten Tag war sie ihm näher gewesen als jetzt. Nun antwortete sie kaum auf seine Fragen und nahm nichts von ihm an. Das Ananasgefrorene, das er ihr bringen ließ, berührte sie nicht. Ein Ausdruck von Ekel jagte über ihr Gesicht und stieß ihn ab, wie mit Fäusten. Sie merkte es nicht. Auf dem Heimweg überließ sie ihm ihren Arm. Sie sprach leise; er beugte sich zu ihr herab, sanft, wie von ferne streifte ihr Haar seine knabenhafte Stirn. Er bat sie, ihm du zu sagen. Aber sie schwieg. Er bezwang sich, er bezwang sie, legte ihr das Du an, so wie er einem Hund einen Maulkorb angelegt hätte. Sie ließ sich das sanfte Wort gefallen, das plötzlich wie eine gemeinsame Straße unter ihren Füßen dahinlief. Aber sie sagte immer wieder »Sie«, immer wieder benahm sie sich demütig, dienstmädchenhaft, und er schämte sich für sie. Niemals hatte sie viel Zeit. Einmal wartete die Mutter, einmal die Schneiderin mit einer Anprobe. Es waren immer nur halbe Stunden, die sie übrig hatte. Und doch waren Augenblicke darunter, die rätselhaft schön waren, weil ihre Schönheit ihn, den Willenlosen, überwältigte wie eine starke Musik, wie eine Narkose. Dann wollte er nur fort, nur wegrücken von ihr, wie von einem allzustark geheizten Ofen. Er erinnerte sich ihrer mehr als bescheidenen Herkunft, ihres Namens, der zwar anmutig, aber doch von Grund aus ärmlich war, ihrer banalen Arbeit, die sie für Menschen leistete, die nicht einmal ihren Namen kannten. Alles warf er ihr in versteckten Worten vor. Leise begann er sie zu verachten; aber schon bereute er das Unausgesprochene, schon stieg Mitleid mit ihr in ihm auf, er wollte ihr seine Neigung durch tausend kleine, zarte Züge beweisen. Aber sie verstand ihn nicht. Sie verkroch sich vor ihm, und er wußte nicht, welchen Namen das hatte, was er erlebte. An einem dieser Abende mußte sie um neun in der Landwehrkaserne sein, wo ihre Freundin, die Tochter eines Feldwebels, auf sie wartete. Sie hatte versprochen, einen alten Strohhut neu zu garnieren; es machte ihr als Putzmacherin Freude, einmal die Bänder und Blumen nach ihrem eigenen Geschmack aufzustecken. Lange gingen sie vor dem Portal der Kaserne hin und her. Der Abend war mild. Es wartete die Dämmerung. Die Retraite klang. Beim dritten Ruf überschlug sich die Trompete. Dann wurde wieder alles still. »Könnte ich dich doch nur einmal küssen«, dachte er. »Aber ich liebe dich doch nicht. Warum kann ich dich nicht lieben?« »Wollen Sie morgen wieder auf mich warten?« fragte sie. Ihre Stimme war sonderbar warm. Immer war das letzte Wort das wärmste. Sie verschwand im Dunkel der Kasernengänge. Es schien Alfred, als hätte sie jemand dort erwartet. Er ging langsam fort. Die Frauen der Unteroffiziere kamen ihm entgegen. Einem kleinen Mädchen brannten Mohnblumen in der Hand. Aus der kellerartigen Kantine wehte Gesang und Lachen empor. Eine Geige zog ein Lied in endlose Töne, so daß man die Melodie nicht mehr erkannte. Die Dämmerung spielte draußen, unendlich weit war die Welt. Ganz leise war das Leben, zögernd kam die Freude, von rückwärts kam sie zu ihm, holte ihn ein, sanft atmend. Es konnte ja nicht anders werden als gut! Er sehnte sich dem kommenden Tag entgegen, diesem ersten freudevollen Wiedersehen, diesem Augenblick des Ausruhens nach der Prüfung, die seine langen Sorgenjahre abschloß. Wie unendlich war die Welt belebt! Strahlten nicht alle Menschenaugen ihm entgegen? Leuchtete nicht ihm, ihm vor allem, jedes gute Menschenlicht, heute noch fremd, morgen schon vertraut. Er dachte an sie. Zum erstenmal dachte er an einen Menschen, der einen Namen hatte, von dessen Gesicht er träumen konnte, um dann zu erwachen, und zu wissen, sie hat in meinem Traum gelebt! Er sah stille Tage vor sich, ganz in Glück zu Ende gelebt, weite Reisen nach überseeischen Ländern als Schiffsarzt, als Entdecker unbekannter, fürchterlicher Bakterien –, und plötzlich sah er sich selbst verwandelt: nun war sein Blick der eisige, unüberwindlich starke Blick des Aeroplanfliegers, seine Hand die dunkle, straßenbestaubte Hand des Automobilfahrers, die er beneidete. Er ging als Arzt zwischen den Menschen umher, über die Menschen dahin, als kalter, ganz zusammengekrampfter Mensch, im weißen Mantel, ein kleines, blutiges Messer in der rettenden Hand. Er, der sonst die matten Morgenstunden so gern verträumte unter leisen Gewissensbissen, welche die heimatliche Ruhe und Wärme des Bettes nur noch ruhiger und wärmer machten –, er zwang sich dazu, am nächsten Tage noch vor Sonnenaufgang aufzustehen, nun wanderte er durch die leeren, blassen, widerhallenden Straßen der Stadt bis zu dem weißen Hospital, das weit draußen in einem Vorort lag. Vor dem Portal hielten Leiterwagen, die bis zum Rand mit fahlem Stroh gefüllt waren. An der Deichsel schaukelte eine drahtbezogene Laterne, die rauchte. Braune bärtige Männer knüpften die Leitseile struppiger Bauernpferde an den Kutschbock und hoben dann wimmernde kleine Kleiderbündel aus dem Stroh des Wagens hervor. Oder es stürzten junge Ärzte in der Hast plötzlichen Erwachens aus dem toten Haus, untersuchten mit unsicheren Griffen alte vertrocknete Frauen, die, auf der Wagenbank lang ausgestreckt, stöhnten, sich kaum rühren konnten, und aus deren knorrig verschlungenen, halb erstarrten Händen doch eine wilde Abwehr gegen Krankheit und Tod herausschrie. Man beachtete Alfred nicht. Aber er beachtete alles. Alles war Leben, alles war Bewegung, alles, Dinge und Ereignisse, drang auf ihn ein, und hob ihn empor. Ein eigentümlich schwerer Duft, der ihm süßer schien als der Duft frühlingsdurchsonnter Blumenbeete, schlich über die matterhellte Schwelle des Krankenhauses. Matt schimmerten die Fliesen des Fußbodens, von Lysol übergossen. Drei blanke, allzubreite Fenster eines Saales leuchteten; in den erwachenden Morgen brannten warme, goldige Kreise von elektrischen Lampen hinaus. Alfred ahnte Grauenhaftes, das ihm doch herrlich war. Leben und Sterben kämpften, es floß Blut, hier, hier vor ihm, Stille atmete, an des kleinen Messers Schneide hing die Unendlichkeit der Welt. Ruhig, unerschütterlich standen die Silhouetten dunkler Köpfe in dem grauen Licht der Morgendämmerung, in dem goldenen Licht der elektrischen Flammen. Schweigen war, kaum Kleiderrauschen, nur Fall von Tropfen weither und Scharren von Hufen irgendwo, durch Stroh gedämpft. Er ging langsam fort, berauscht, überwältigt. Eine kleine, unscheinbare Tür öffnete sich hinter ihm, ein niedriger Wagen schlüpfte hervor wie eine Eidechse aus einem Erdloch. Es war ein schwarzes eisenbeschlagenes Wägelchen von der Art, wie sie zum Transport des Eises in die Brauereien verwendet wurden. Der Kutscher knallte mit der Peitsche. Hurtig rollte der Wagen über die sandige Straße, dem unfernen Kirchhofsportal zu; klirrend sprang er über Steine, der Kutscher fluchte, während er auf seinem Sitz schwankte. Nun wußte Alfred alles, alles. Es zuckte sein Herz. Aber davon wissen, das hieß, sich nicht mehr davor fürchten. Jetzt glaubte er, ihm selbst könnte sein künftiger Tod nicht mehr das grauenhaft Schreckliche, krallenhaft Zupackende sein, das es den anderen war. Er hatte den Tod in der Hand, wenn auch nur von fern. An diesem Abend reiste der Vater ab. Es war eigentlich keine Reise, sondern etwas, das man »die Tour« nannte. Ein ziemlich kreisförmiger Weg, mit einem kleinen Getreidegeschäft als Mittelpunkt. Die Reise hatte kein Ziel, aber man konnte doch glücklich oder unglücklich zurückkehren. Leben war in jedem Geschäft, Leben war in jedem Tag und Tod drohte überall. Auch an diesem Abend konnte man Abschied nehmen. Er ging zur Bahn. Der Vater erkannte nicht den Sohn. Seine kurzsichtigen Augen drangen nicht durch die staubige Dämmerung. Gebückt und arbeitsmüde schritt er neben einem dicken, berlockenklingenden Menschen einher, beide redeten laut, häufig zu gleicher Zeit, und es berührte den Sohn eigentümlich, daß der fremde Herr seinem Vater »Man kann so – und man kann auch so ... Nu, nicht, mein lieber Dawidowitsch?« sagte. Unbemerkt verschwand er. Eine dunkelblaue Nacht lag über der Stadt. Über einen schwarzen Viadukt rollte ein Zug, verdröhnte in der Ferne. In den Gärten vor den Kaffeehäusern saßen Männer sommerlich im Rauche ihrer Zigarren, Frauenkleider rauschten über den Sand. Vor dem Theater wiegten die leeren Wagen auf eleganten Federn, alles wartete auf morgen, morgen erwachte die Welt! Nun war das »Morgen« vorbei, vorbei auch die Stunde des Wiedersehens mit Poldi. Erst auf der Treppe wurde es ihm klar, erst auf der Straße bereute er sein ruhiges Warten, stieß wie mit Fäusten die dumpfe Atmosphäre zurück, machte sie von den Mauern der Häuslichkeit frei. Jetzt, jetzt noch wartete sie auf ihn. Oder war sie doch fortgegangen? Aber dann kam sie zum zweitenmal zurück, unruhig in der unerfüllten Sehnsucht nach einer stillen Stunde unter dunklen Bäumen. Ihm war sie entgegengegangen, seinen ungeküßten Küssen entgegen, den gewohnten Weg entlang. Und doch ahnte er, daß er sie heute nicht mehr wiedersehen würde. Aber er tröstete sich damit, daß sie mehr verloren habe als er selbst, daß sie sich mehr nach ihm gesehnt hatte, als er sich nach ihr. Schon war der Park von der sinkenden Nacht umfangen. Überall schimmerte Weiß: Mädchen lehnten matt in den Ecken der Bänke, glimmernd fielen die lichten Falten der Röcke herab; die dunkle Kleidung der Männer aber war eins mit der Nacht. Weiß, kleine Mädchen mit gesenkten Köpfen, standen die Jasminbüsche am Rande von schweratmenden Wiesen, die noch von dem Wasser der abendlichen Gartenspritze getränkt waren. Auf einem kleinen Kanal schwammen lautlose Schwäne, in weichen Furchen zog das Kielwasser dahin, und, wie eine Wange in eine gehöhlte Hand, ganz zart, schmiegte sich das safrangelbe Licht der Brückenlaternen in das Dunkel ihrer niedrigen Wellen. Er hörte Schritte hinter sich. Arm in Arm gingen Menschen vorbei, die Köpfe sanft gegeneinander gelehnt. Von überall her wehte Flüstern heran. In der Ferne schrie ein Kind, hinter einer Hecke jagte erschreckend ein großer Hund. Alfred kehrte zur Brücke zurück. Der Klang der eisernen Zwinge eines Spazierstockes hallte ihm von der Brücke entgegen. Ein schlankes Mädchen trug den Stock in der Hand, während ihr Begleiter, ein dicker, kleiner Mann, ihren weißen, spitzenbesetzten Sonnenschirm am Arm schaukelte. Alfred suchte Poldi überall, im Schatten der Bäume, am lichten Ausgang des Parkes, zwischen den Tischen des Sommerrestaurants, wo Familien und Liebespaare an lampenumleuchteten Tischen saßen. Ja, sie war eben erst an ihm vorbeigegangen, als er sich nach einer anderen umwandte. Warum war er zur Brücke zurückgekehrt? Sicherlich hätte er sie sonst am Rondell getroffen, denn dort hatte sie ihn stets erwartet. Nein, jetzt wußte er gewiß, daß sie unten an seinem Haustor stand, sehnsüchtig nach seinen Fenstern emporblickte, ob sie noch erleuchtet waren. Nein, alles war vergebens. Dieser Tag, der erste seines neuen Lebens, war der gequälteste seit langer Zeit. Ein Wagen der elektrischen Bahn sauste vorbei. Alfred sprang auf, fuhr fort, ganz gleich, wohin. Dorthin, wo das Gefühl des vergeblichen Wartens verschwand. Er konnte dieses »Vielleicht« nicht ertragen. Draußen auf den nächtlichen Feldern erwartete ihn das Nein. Wie tat ihm das wohl! Das Mädchen wurde kleiner, je größer die Ebene in der Nacht wurde, je tiefer der sternenlodernde Himmel, je rauschender der Wald, je fremder die ganze Welt, aus Finsternis, wildem Kiefernduft, hartem Wurzelgestrüpp zusammengeballt. Er wollte erst am nächsten Morgen nach Hause zurück. Er fürchtete die verlassene Wohnung und die einsame Nacht. Aber nach Mitternacht hellte sich der Wald auf, es verblaßte der Himmel, nach und nach erkannte er die Landschaft wieder. Nun kehrte er durch die Kühle des Morgens zurück. Die Wasserleitung tropfte immer noch. Eine ungeheure Müdigkeit schlug ihm in die Knie. Er fiel in seinen Kleidern in das Bett, schlief traumlos bis an den Morgen, aber selbst in den Schlaf schlich ihm ein schweres Gefühl nach, das Gefühl eines durch eigene Schuld vergeudeten Glückes. Der nächste Tag erwachte klar, unsäglich leer. Immer hatte er die Schule für eine Nebensache gehalten, nun konnte er nicht ohne sie sein. Die Stunden des Tages schleppten sich farblos dahin, als ziehe er immer wieder eine Uhr aus der Tasche, die nicht mehr ging. Am Spätnachmittag sehnte er sich, wieder zu dem Gymnasium zu gehen und auf seine Kameraden zu warten, die er beneidete. Sie waren von dem Ergebnis der Prüfung beglückt oder niedergeschmettert, auf jeden Fall aber waren sie von der Wichtigkeit des Augenblicks ganz durchdrungen, es war überschwengliche Jugend in ihnen, wie sie die steile Stiege herabrasten, mitten hinein in die wartenden Händedrücke der Mitschüler. Abends traf er Poldi wieder. »Warum haben Sie mich gestern so lange warten lassen?« »Ich bin zu spät gekommen, Poldi, du darfst mir deshalb nicht böse sein. Glaube mir, ich konnte nicht. Aber was hast du dir gedacht, als ich nicht kam?« »Ich? ... Ich glaubte, Sie hätten keine Zeit.« Jetzt war es ein anderer Mensch, der neben ihm ging, ein ganz fremdes, unbelebtes Wesen, ein Material, eine Art Spazierstock, der zufällig reden und antworten konnte. Plötzlich fühlte er es unerträglich, so neben ihr weiterzugehen. »Poldi ... du ... Warum liebst du mich nicht?« »Ach ... Liebe, wer spricht denn mit Ihnen von Liebe?« »Weshalb kommst du dann, wenn du mich nicht liebst?« »Haben Sie keine Zeit mehr für mich? Ich dachte schon gestern, es wäre Ihnen zu langweilig.« Nein, jetzt liebte er sie. Er wollte, er mußte sich ihr ganz geben, mit allen Gedanken, mit allen Wünschen, mit allem, was er hatte. Aber sie schwieg. Oder sie redete Gerede und ihre Antworten waren ärger als Schweigen. Da begann er nach ihrer Seele zu angeln. Jedes seiner Worte ging in die Tiefe und wollte etwas Von ihr. Nun konnte sie nicht an ihm vorbei. Und er, mit klugen, skeptisch blickenden Augen, bohrte sich mit jedem Ja oder Nein tiefer in ihr Inneres hinein, nun war er fest entschlossen, wenn es sein mußte, gewaltsam die Türe zu öffnen, die zu ihrer Seele führte. Er ahnte hinter ihrem unsagbar schönen, unsagbar kalten Gesicht ein anderes, das nackt war und zitterte. Allmählich gab sie sich mit Worten hin. Sie beklagte sich über fremde Menschen, deren Namen er zum erstenmal hörte. Noch nie hatte jemand so mit ihr gesprochen. Sie war überrascht, schien gerührt. Und einmal faßte sie ihn bei der Hand und nannte ihn »einen besseren Menschen«. Sie berichtete von Krankheits- und Todesfällen in ihrer Familie, von einer Schwester Anny, die an einer Operation gestorben sei, dann tadelte sie bewundernd eine reiche Großtante, die ihr ganzes Vermögen den weißen Schwestern vom Heiligen Herz vermacht hatte, während die eigene Familie im hungrigen Elend lag. Er bedauerte sie, nahm ihre kleinen Worte entgegen, streichelte ihre kleinen Hände, sie sah zu ihm empor, zum erstenmal gab sie ihm das »Du« zurück. Zum erstenmal stellte sie selbst eine Frage an ihn: »Weshalb habe ich dich nie früher gesehen?« »Warum willst du es wissen? Glaubst du vielleicht, es wäre besser gewesen, wir hätten uns schon früher getroffen?« Sie sah an ihm vorbei. Nie waren ihm die vorübergehenden Männer schöner, die Uniformen der Offiziere glänzender erschienen, nie hatte er stärker gefühlt, wie häßlich er war. Und sein eigener Neid tat ihm weh, ekelte ihn an. »Hast du inzwischen ... Poldi, was hast du eigentlich erlebt?« Sie schüttelte den Kopf. »Hast du jemanden geliebt? Einen Studenten? Einen Offizier? Warum hast du niemanden geliebt? Aber vielleicht hast du doch für jemanden geschwärmt? Sag doch, nur geschwärmt. In aller Unschuld ... Einige Tage lang. Hast du einmal einen lieb gehabt? Du hast doch sicher schon einmal jemand geküßt? ... Oder nein, er hat dich geküßt ... Nicht einmal geküßt? Sprich doch! Antworte mir doch! Mir kannst du alles sagen.« »Es ist spät, ich muß nach Hause. Begleitest du mich noch ein Stück? Bitte! Aber du darfst nur bis zum Kapuzinerplatz mitkommen, meine Mutter wartet. Sie sieht oft abends aus dem Fenster. Sie darf nicht von dir wissen.« Als er sie bis zum Kapuzinerplatz begleitet hatte, sagte sie ihm adieu. Aber nach einer Weile kam sie ihm nach, wortlos, schüchtern ging sie ein paar Schritte neben ihm und gab ihm nochmals die Hand, bevor sie ihn verließ. Ihre kleine, weiche, leichte Hand war wie ein Kuß. II Schon lächelte Alfred skeptisch dem nächsten Wiedersehen entgegen. Schon hatte er sich eine Strickleiter gebaut, aus lauter kleinen, unmerkbar ansteigenden Liebkosungen zusammengeknotet, die nichts voneinander wußten; plötzlich aber sah er Poldi nackt, das Weib in ihr, ganz fremd, eingekleidet in starken Geruch vom Kopf bis zu den Füßen; fast namenlos, aber eng in die Fessel seiner Liebe verflochten, zitternd vor Scham, jäh übergossen von der wilden Glut einer unüberwindlichen Leidenschaft, sah sie eben noch sanft und lächelnd in seine Arme geschmiegt, sich sanft und wortlos ihnen entwinden; nun stand sie mit plötzlich erblaßtem Gesicht vor dem Spiegel des Hotelzimmers, strich über die großen, müden Augen, die noch in ihrer Müdigkeit strahlten und glücklich waren. Poldi kam nicht. Der Platz blieb leer, leer die Bank, auf der sie ihn sonst zu erwarten pflegte, leer die ganze Stadt. Er wartete. Längst war sein heißes Verlangen gealtert, nun wollte er sie nur sehen ... nur still neben ihr gehen, sie atmen hören und wissen, sie war da ... und lebte. Weshalb war er gestern blind neben ihr dahingegangen? Weshalb hatte er sie nicht gewollt? Statt mit Worten nach Worten zu angeln, weshalb nicht heran an sie mit Küssen, mit seinen tausendfach lebendigen Küssen tief an ihre Seele, bis hinein in lächelnd sich widerspiegelndes Glück? Weshalb hatte er sie nicht mit Gewalt an sich gerissen? Gestern wäre das schlimmste Wort ein böses »Nein« gewesen, der schlimmste Augenblick ein stummer Schlag in sein Gesicht. Nun aber war böse Leere da, es war die Rache, die sie sich eigens ausgedacht hatte, die Rache für Beleidigungen, mit denen vielleicht ein anderer sie beleidigt hatte. Jetzt war sie ihm für immer fort und entglitten, jetzt höhnte sie ihn durch ihr Fernsein, jetzt haßte er sie. Und doch liebte er sie. Wie ferne Musik lockte edler Schwung der Hüften, zarte Brüste, schweres, dunkel goldenes Haar, das sich um ihre weiße Mädchenstirne ganz sanft faltete. Das alles konnte er vergessen, er wollte achtlos an ihr vorübergehen, während sie nach ihm suchte, aber ihr Mund, der blieb unvergeßlich; er konnte nicht sagen, warum er ihn liebte, er fand alles an ihr unsagbar schön, bis auf ihre Hände, die nicht die Hände eines kleinen Putzmachermädchens waren, sondern die beseelten nackten Hände einer nackten beseelten Statue. Grauenhaft quälte ihn dieser Mensch, der verloren war, wie ein Stein auf einem Schotterhaufen, zerstückt, zerstäubt unter tausend anderen, wie quälte ihn diese vergeudete Liebe in sein ganzes zukünftiges Dasein hinaus. Noch wartete er. Aber schon war es ein anderer, niederer Mensch, ein tief gedemütigter, der angetan mit dem kalten Schweiß seines Neides, sinnlos wartend saß in der hilflosen Schwäche des Alleinseins. Ein stolzerer, reicherer Mensch war es, der erwartet wurde, der aber alle Plätze der Stadt leer ließ und sich fern von ihm, in seiner verstockten Zufriedenheit sonnte. Es lauerte der gestrige Tag noch immer daheim, schlafend in der Atmosphäre, versteckt in den Falten der staubigen Vorhänge, verborgen, eingehüllt in die farblos fallenden Tropfen der Wasserleitung. Nie war die Stadt so leer gewesen. Nie war er selbst so hilflos, so lächerlich, im tiefsten Grunde angefressen von eigener Verachtung, er, mit seiner nutzlosen Strickleiter in der Hand, erdrückt von dieser menschenlosen Einöde, die keine Grenzen hatte. Er wußte, er würde alle Tage hier warten. Aber am nächsten Tage blieb er nur eine Stunde an dem verabredeten Ort. Dann rannte er zu dem Kapuzinerplatz, las die Firmenschilder der kleinen Geschäfte, beobachtete die Glastafeln und Spiegelfenster der Putzmacherateliers, in der Hoffnung, ihr Gesicht, ihren Namen, ihre Spur wiederzufinden. Er klammerte sich mit seinen großen Augen an jedes geöffnete Fenster, fahndete nach den Zügen jeder alten Frau, die nach ihrer Tochter ausblickte. Schöne Mädchen streiften an ihm vorüber. Sie lächelten und in ihrem Lächeln lag zarter Spott, ironische Forderung. Nur Zorn und Neid fraßen sich in seine eigenen leeren Augen, in seinen nie geküßten, kalten, ganz erkalteten Mund. Seine Gedanken warf en sich über jedes Mädchen, zogen sie von rückwärts her an den Haaren zu sich heran. Er fühlte: jede andere hätte mich allein geliebt, jede andere hätte sich meiner Umarmung lächelnd entgegengedrängt, hätte mir im Dunkeln ihren heißen Mund, ihre dunklen Augen gegeben, matt widerglänzend aus dem Spiegel... aber jede glitt fort, auch jede andere wurde unerreichbar, unerreichbar wie dieses unendlich ersehnte Glück der letzten zwei Tage. Überwältigend wären diese Tage gewesen. Er war ja frei, nichts störte ihn, nichts anderes besaß ihn als die kalte Geliebte, die herzlose. Er liebte, unendlich hatte er sich selbst überwunden, sein allzu schmerzliches, allzu feiges Herz einem anderen gegeben ... Er konnte nicht weiter warten. Morgen würde ihm alles gleichgültig sein. Nur noch heute, heute trug er Glut tausendfach in sich. Aber Poldi erstickte alles durch ihr Schweigen, sie verachtete ihn so, daß er sich selbst verachten mußte. Noch ging er nicht heim, er rannte zur Kaserne. Aber er glaubte nicht mehr daran, sie zu treffen. Ihm war, als hätte sie alle Schwüre gebrochen, längst sich ihm hingegeben, längst sich ihm wieder entzogen. Es war schwül; es begann zu regnen; immer schien es, als ob es in der Ferne gewitterhaft regne, während dort, wo er ging, nur trübe Feuchtigkeit schlaff herabglitt. Vor der Kaserne marschierte der Schnarrposten hin und her; stampfend mit den Füßen, die in plumpem Schuhwerk staken, wetzte er an dem Halse hin und her, an dem der feuchte Uniformkragen klebte. Ein kleiner, schellenbehängter Hund rannte kläffend vorbei, ein Briefträger, in einen Wettermantel gehüllt, kam mit dem Rade herangefahren, um den Briefkasten zu leeren, der an der Kasernenwand hing. Plötzlich trat sie ihm licht und schlank aus dem breiten Dunkel des Kasernentores entgegen. »Guten Tag, Herr Alfred, das ist ein Zufall, daß ich Sie hier treffe. Gerade heute wollte ich Ihnen schreiben. Nun adieu. Warum wollen Sie mich begleiten? Ich dachte, Sie erwarten jemanden hier. Sie sind doch nicht böse auf mich? Bitte, machen Sie doch nicht so böse Augen.« »Böse? Was fällt dir ein? Ich habe gar keinen Grund dazu.« »Nein, Sie haben auch wirklich keinen Grund dazu.« Er ging neben ihr; er sah sie an: ihr Gesicht war verzerrt; allzubreit, allzurot ihr Mund. Die Züge ihres Gesichtes, sonst so zart, waren heute gewaltsam zerrissen und schlecht wieder zusammengestückt. Ich muß einen Köder finden, dachte Alfred. Etwas muß ich ihr hinwerfen, muß sie endlich an mich locken, unzertrennlich, fest und für immer ... wenn ich sie heute nicht so weit bringe, daß ich sie küssen darf, dann werde ich sie nie besitzen. Und dann ...? »Wie siehst du heute aus, du armes Kind?« sagte er endlich mit weicher Stimme. »Du hast dich geärgert? Wer hat dich gequält? Mir kannst du doch alles sagen. Fühlst du nicht, daß du mir jetzt alles sagen kannst? Sprich doch, antworte mir ... ja oder nein?« »– – –« »Weshalb schweigst du? Vielleicht kann ich dir helfen?« »Du mir?« »Wer sonst? Sag, wer sonst? Ich würde glücklich sein, wenn ... Hast du deinen Posten verloren? Brauchst du Geld? ... Mein armer Liebling, was hast du nur heute?« »Nur meine Ruhe hätte ich gern.« Er wandte sich ab, ging eisig, ganz und gar abweisend, neben ihr einher; aber sie tat, sie sprach nichts, das er hätte abweisen können. Er begann zum zweitenmal, wieder mit ganz gleichgültiger Stimme: »Wo warst du gestern? Ich habe dich erwartet. Du warst doch nicht krank?« Sie zuckte die Achseln, schwieg. »Warst du bei deiner Freundin? Du hast mir einmal von ihr erzählt.« »Weiß nicht.« »Ich will dir ja keine Vorwürfe machen. Du kennst sie länger als mich. Ist sie krank?« »Krank? Keine Ahnung.« »Du weißt nicht, was ihr fehlt? Sag mir nur die Zeichen. Fiebert sie hoch? Ich verstehe noch nicht viel von der Medizin, ich komme erst in zwei Monaten in die Klinik. Aber ...« »Was phantasierst du von Krankheiten? Vielleicht ist sie guter Hoffnung. Das wird's sein! Denkst nicht? Dann gibt's statt einem feschen Kinde zwei fesche Kinder ... Das ist die ganze Geschichte. Bist nun zufrieden?« »In der Hoffnung? ... Ein junges Mädchen? Und niemand ... keiner von ihren Leuten weiß davon? Nur du allein?« »Gott sei Dank. Das ist ja noch ein Wunder. Ihre alten Schuhe wird die Mutter auf tausend Schritt erkennen ... aber das ... nein, an so etwas denkt doch eine anständige Mutter nicht, wo käme die Frau Mutter sonst hin?« »Du bist also die einzige, die davon weiß? Ja, jetzt verstehe ich, weshalb du gestern nicht kamst. Ich hab' dir Unrecht getan ...« »Oh, mir nicht«, sagte sie. »Und er? ...« fragte Alfred. »Was sagt er dazu?« »Ach ... er! Er findet gar nichts daran.« »Das ist gemein.« »Geh, Bubi, das ist noch lange nicht gemein. ›Ich hab's ja nicht gewollt, hab' ich's denn gewollt?‹ sagt er zu dem Mädel, und soweit mit Recht. ›Schau, mußt doch nicht so vor Angst scheppern! Es wird ja noch alles gut werden. Du bist ja mein süßes Fratzerl ...‹« »Gibt es noch Leute, die solche Worte in den Mund nehmen, die ein Mädchen ein süßes Fratzerl nennen?« »Und warum nicht? Wenn er sie gern mag?« »Ach so, er hat sie noch lieb.« »Jetzt schau, was hast denn du jetzt gedacht? Du willst doch immer von Liebe hören? Deshalb erzähl ich's ja.« »Ja, vielleicht meint er es nicht so schlecht«, sagte Alfred. »Ist es ein Offizier? Schließlich egal, nein, glaube mir, es wird noch alles gut, Poldi ... du mußt dir das nicht so zu Herzen nehmen.« »Mich läßt das ganz kalt. Um mich mußt keine Angst haben.« »Und was wird aus ihr?« fragte er. »Was halt immer aus so einem dummen Fratz wird!« »Wie heißt sie?« »Wie sie heißt? Such dir's aus: Katzi, Schatzi, Fanny oder Anny.« »Ja, Anny? Ich erinnere mich, du hast schon einmal ihren Namen genannt. Erzähl doch noch von ihr. Ich sehe es dir an, jetzt kannst du sprechen, jetzt kannst du lachen. Du kennst den Offizier? Und sie hat ihn wohl sehr lieb? Immer noch? Und er mag gar nichts mehr von ihr wissen?« »Wer sagt denn das? Aber sie kommt etwas zu oft zu ihm und er kann es nicht vertragen, wenn ein Mädchen raunzt oder gar heult. ›Alles, was willst, aber nur kein Theater, nur keine Tränen‹, sagt er. ›Alles?‹ fragt sie in ihrer Herzenseinfalt. ›Na ja, was man eben darunter versteht. Ans Heiraten hast wohl selbst nicht gedacht. Aber magst jetzt etwas zum Essen haben, ja?‹ Und richtig, er stellt was vor sie hin, was ihm der Bursch vorher aus der Menage geholt hat, und jetzt schaut er ihr zu, wie sie ißt ... und sie ißt, sie reißt sich zusammen ... Aber eine Weile nachher ... auf der Treppe ... da schaut's schön aus ... Nein, man muß nicht daran denken.« »Grauenhaft ... Grauenhaft ...« »Bist wie ein kleines Kind. Das kommt nur dir so grauenhaft vor.« »Kann ihr niemand helfen? Kann ihr niemand helfen? Ich? ...« »Du? Wie kämst du dazu?« »Dir zuliebe.« »Ach, Liebe, Liebe und immer wieder Liebe ...« »Denk nicht daran, mein Liebling«, sagte er. »Nicht mehr an sie! Du kannst ihr ja mit allen Gedanken nicht helfen.« »Und an was soll ich denken?« »Sag, liebst du mich gar nicht? Ist es dir ganz gleichgültig, daß ich dich liebe? Fühlst du nichts, wenn ich bei dir bin?« Sie standen unter den dunklen Bäumen des Parkes. Längst hatte der Regen aufgehört, aber noch waren die Kronen der Eschen und Eichen ganz getränkt vom Regen, und das letzte Licht der abendlichen Sonne floß durch die Blätter, wie lichtes Wasser durch ein enges, schwarzes Netz. Über niedrige Hecken herüber schimmerte der weiße Sand der Tennisplätze. Die Tennisbuben, die bis jetzt vergeblich auf die Spieler gewartet hatten, spielten nun miteinander mit alten, halbgebrochenen Schlägern, die sie mit Bindfaden zusammengebunden hatten. Ein kleiner, bloßfüßiger Junge hockte zwischen den vier Tennisplätzen, auf einer Art Jagdsitz, der bei den Turnieren für den Preisrichter bestimmt war, und pfiff mit vollkommener Ruhe die letzten Takte eines Gassenhauers. »Fühlst du das nicht? Poldi! Du! Liebst du mich nicht?« Plötzlich wurde ihr ganzes Gesicht so müde, ihr Mund ganz klein und blaß, gerunzelt, wie eine Blume, die sich schließt. Aber ihre Augen weiteten sich, und hinter der ungeheuren Pupille schien ein zweites, angstvolles Auge hervorzustarren. »Poldi, was ist dir? Sag, was hast du?« Aber schon hatte sie sich wieder aufgerafft, alles an ihr war wie sonst. Nur an den zusammengekrampften Fingern bebten feuchte Grashalme. »Bitte, Alfred«, sagte sie leise, »du darfst mich heute nicht fragen, kann ich dich morgen sehen? Morgen weißt du schon alles.« Sie gingen gemeinsam heim. Wie schmiegte sich die sanfte Wärme ihres Armes an ihm! Immer noch schwebte in ihrem Haar etwas vom Duft des regenfeuchten Grases. Noch brannte tief in ihren Augen das Unbekannte einer großen Flamme. Aber er erschrak nicht, er fürchtete sich nicht vor ihr; er fühlte den Menschen, der ihm von Urbeginn an verwandt war; zum erstenmal sagte seine Seele »du«; er ließ die Strickleiter seiner Verführung aus den Händen gleiten; Güte lag in seinem Schweigen, in seiner ungeschickten Hand, mit der er ihr Haar streichelte. Sie blickte ihn groß an: »Du bist gut, wenigstens du.« Dies Wort war Beglückung. Er gab ihren Arm frei, sah ihr in die plötzlich geweiteten, strahlenden, völlig entkleideten Augen. Hell loderte der Augenblick. Er riß sie an sich; wie warf sich ihr heißer Mund auf ihn! Schwer dunkelten Bäume in der Nähe. In der Ferne aber hüllte eine Platane ihre breiten Blätter in das grüne Gold einer Laterne. Eine Amsel schlug, nun schon weit über der bedrückten Welt, wie an einem Tag jenseits aller Tage. »Du kommst zu mir, Poldi?« »Heute nicht ... morgen ... einmal ... wann du willst.« Irgendeine Hand schien ihr ungesehen die Augen zu schließen, ganz eng ihre Lippen zusammenzudrücken. Plötzlich fühlte er, wie sie zitterte, wie irgendein Schmerz sie ergriff. Oder war es nicht Schmerz? Langsam hob sie den verkrampften Mund, griff nach Alfreds willenlosen Händen, ihr weißer Hals atmete überraschend wild. Auch er schloß die Augen, überwältigt, berauscht von einer fremden Luft. Er fühlte nicht Küsse. Er fühlte eine ungeheure Glut auf seinem Mund: erschreckt, schaudernd, weithin überrauscht von Glück fühlte er seinen Mund umschlungen von ihren zuckenden Lippen. Irgendwo schlug eine Uhr. Poldi löste sich von ihm, leise sank sie in die Knie, dann riß sie sich ganz los, lief mitten durch die Wiesen, winkte ihm, ihr nicht zu folgen. – Aus der Ferne schimmerte ihr verzweifeltes Lächeln, zurückgebäumt, zerrissen von Gefühl. III Am Morgen des nächsten Tages ging er am Theater vorbei. In allen seinen Gedanken lag das Warten, hinter jedem Augenblick schimmerte, alles überstrahlend, die Hoffnung, die Beglückung der kommenden Nacht. Zwei Fenster des Theaters waren geöffnet! Die Koloratursängerin probte, vom Kapellmeister begleitet. In reinem Silber sprangen die Triller auf die graue Straße. Rosine jubelte in der ganzen Kindlichkeit ihrer süßen Stimme, die jetzt schöner klang als auf der Bühne. Der Barbier von Sevilla aber schmunzelte vergnügt in den braungoldenen Akkorden der Begleitung. Über allem aber war frühsommerliches Licht, alle Straßen waren von blühenden Bäumen durchduftet, die irgendwo, von der Straße aus unsichtbar, in kleinen Hausgärten standen. Endlich fühlte er sich frei. Dies war der erste Tag seiner Freiheit. Alles lag vor ihm, zog ihn zu sich. Er stieg die teppichbelegte Treppe des Kaffeehauses empor, auf der noch Zigarrenasche von der gestrigen Nacht lag. Die Kassiererin saß blaß am Büfett und stickte. In ihren kleinen, weißen, allzuweichen Händen lag etwas, das um Mitleid bat. Ein kleiner Kellnerjunge, grünlich-blaß, streckte sich über das kreidebestaubte Tuch des Billards, das er mit einer Bürste zu reinigen hatte. Aber die freie Welt begann schon auf dem Balkon des Kaffeehauses. Wie leuchtete die Sonne! Die Korbsessel, mitten im Licht, knisterten leise. Alles funkelte, und die Tassen und Gläser, die er bekam, schienen zum erstenmal gebraucht. Grenzenlos weit war die Welt, leicht, flügelbeschwingt alles –, Rossinis Musik, die von Zeit zu Zeit herüberflatterte, die Menschen, die unten vorbeigingen, selbst die Schatten, die in energischem Schwung dastanden, mitten im harten Licht der selbstbewußten Sonne. Er hatte niemals so das Gefühl einer starken, unerschütterlichen Gesundheit gehabt wie an diesem Tage. Er überwand alles. Er sagte sich, schwache Menschen seien dazu da, elend unterzugehen, und die anderen Menschen in ihrem Glück zurückzulassen. Der Tod wartete auf sie und sie auf den Tod. Er begriff den Offizier, der nicht das Mädchen, wohl aber dessen lastendes Geschick mit starker Hand fortgeschoben hatte. War dem Glücklichen nicht alles erlaubt? Aber Poldi fühlte mit der Gefallenen, jetzt immer noch tiefer Fallenden, Fürchterliches ahnte sie voraus. Vielleicht ist Anny heute schon tot, dachte er, und etwas in ihm freute sich wortlos über den glatten, messerscharfen Untergang eines anderen Wesens, an dem er »unschuldig« war und von dem er nichts kannte als den Namen. Und wenn es Poldi selber wäre? Plötzlich stand er auf, erblassend, an Sorgen angekettet, mit beiden Händen in ein fremdes Schicksal verschlungen, das unbeugsam war. Nun leuchtete nicht mehr Sonne um ihn, sondern es lastete Hitze, nicht frühsommerlich heitere Luft wehte, sondern warme Atmosphäre, der häuslichen verwandt. Fremde Menschen sah er drohend in den übelriechenden Gängen der Kaserne stehen und über ihn und jenes Mädchen lachen; in einem schlecht verschlossenen Zimmer jammerte eine elende Kreatur, die sich ganz, mit allem, bis in die letzten Fasern ihrer Seele und ihres Körpers hingeben wollte, und doch in ihrer Gänze, mit allem, was sie hatte, weniger war als nichts. Aber noch fühlte er Poldis Kuß. Ich komme zu dir, immer, wann du willst! Wie deutete dieses Wort beglückend in die Welt! Nur ein unschuldiger Mensch konnte so zu ihm sprechen, wie Poldi gesprochen hatte. Er stellte »Unschuld« zwischen Poldi und Anny. Und nun verschwanden alle anderen Worte: Dieses »Morgen weißt du alles«, dessen heimlich schwere Drohung ihn gestern noch lange in die Nacht bedrückt hatte, dichtete er um. Böses leugnete er. Nun hieß es: »Morgen, du –, in meinen Armen – wirst du wissen, daß ich dich liebe –« Ihr Kuß von gestern war nicht mehr die Verzweiflung einer grauenhaft aufgewühlten Seele, er leugnete: es war einfach Liebe. Und Poldis Gesicht, ihr herrliches Haar, ihr beschwingter Gang, ihr zuckend berauschender Mund, alles war ebenso schön wie zur ersten Stunde, da er ihr die blühenden Akazienzweige gekauft hatte, zitternd vor Furcht, noch jetzt das Mädchen zu verlieren, für immer gekettet zu sein an etwas, das unerreichbar war. Schon sah er sie ganz in seine Hand gegeben, umschlossen von dem heißen Zittern seiner Hände – schon träumte er sich hinein in die Beglückung von Küssen, die schwerer und süßer waren als die von gestern, schon verglich er sie, die Ersehnte, mit den gleichgültigen Menschen, den häßlichen, den überflüssigen; und immer wieder mit immer wieder neuer Gewalt berauschte ihn die Erinnerung. Er wollte sie zum Äußersten bringen; er wollte sie besitzen, wie nie ein Mensch einen anderen besessen hatte. Leeren Herzens, unerschütterlich, unmenschlich war er: wie leere Luft wurde er erhitzt zu flimmernder Glut, wie leere Luft wehte er zu höchster Hitze empor. Seine Hoffnungen, seine Wünsche seiner Sinne hatten kein Gesicht. Er hatte bis jetzt nie daran geglaubt, daß ein Mensch ihn so lieben könnte. Mit Angst, mit Grauen, mit der ganzen Kraft der Schwachen hatte er alles abgeleugnet, das er für unerreichbar hielt. Jetzt aber wollte er Unbegrenztes, in seinen Träumen standen Küsse, hold wie Musik, endlos wie der Tod. Er wollte erobern, gewaltig sein, rücksichtslos bis zum Exzeß, nur leben, jubeln, gut sein, schlecht sein, alles war einerlei: nur in seinem Zimmer mußte sie sein, erst mußte sie mit ihren kleinen Mädchenlippen aus seinem Glase trinken, erst mußte sie auf seinen Kissen liegen, tiefatmend, mit geschlossenen Augen –, dann wollte er ihre Seele mit seinen Liebkosungen aufrühren, aus der Jungfrau die Frau herausreißen durch den weißglühenden Augenblick, empor zu sich, zu seinen blinden Wünschen, empor über alles, das er zitternd ahnte. Er wollte sie an sich reißen, ihre Lippen endlich, endlich ganz begraben unter schweren unersättlichen Küssen, so lange, bis sie erstickte, bis sie bleich, wortlos mit weitaufgerissenen Augen zurücksank und plötzlich, mitten aus heißem Schweigen, nun selbst Glut, Glut emporatmete, zurückschleudernd mit ihren berauschten Augen, ihren wundgeküßten Lippen neue Glut in seine Augen, seine Lippen: leeres, wortleeres, blickleeres, seelenloses Phantom, wollustzüngiges! Und nun liebte er nur noch das Dunkel der vier Wände um sich, stille Einsamkeit, hoch geschlossen rings um sie, bezwingend beide; die Geliebte konnte ihm nicht mehr, nie mehr entrinnen, und auch er war ganz in sie hingegeben, drohend wuchs zwischen ihnen aus der Finsternis eine unbekannte Blume empor; und wie einst träumte er davon, erstickt zu werden, tief in der tiefsten Entzückung, Phantom durchglüht vom Phantom, weltenweit vom Menschen geschieden. IV Am Abend, gegen acht Uhr, kam Poldi zu Alfred. Blaß war ihr Gesicht, dunkel, fast schwarz die Augenlider. Im Druck ihrer Hand, im leeren Lächeln ihrer weißen Lippen, im kalten Ton ihrer Worte lag Gleichgültigkeit, stumpfes, glanzloses Metall. »Es geht dir nicht gut, Poldi? Was ist dir? Du bist heute noch blasser als gestern!« Mit bösem Lächeln reichte sie ihm die Hand, leicht mit der Innenfläche nach oben gewendet, wie man einem Arzt die Hand reicht, wenn er den Puls fühlen will. Er starrte sie an: was wollte sie von ihm? Dieser blasse Mensch mit den schwarzen Augenlidern? Was wollte er von ihm, jetzt in dem unendlich ersehnten Augenblick? »Auf meinem Gesichtl wirst es nicht finden. Und auch mit deinen Fragen nicht! Weshalb sekierst du mich ewig mit deiner dalketen Fragerei? Du willst ja nichts wissen, mir zu Fleiß machst du die Augen zu ... Bist du so dumm oder bist du so schlecht? Ja oder nein? Schau, jetzt fang ich an, dich zu fragen.« »Du bist ja ganz verstört, Poldi. Sei doch ruhig, denk doch, jetzt bist du bei mir ... Was hast du nur? Macht deine Freundin dir Sorgen? ... Du schweigst? Ich muß dir raten: laß sie doch ... endlich ... wie kannst du ihr denn helfen? Der ist doch nicht mehr zu helfen.« »Glaubst?« »Ja, das denk ich, Poldi. Es ist freilich schade ... Aber sie ... die Anny ... schau, schließlich ist es doch ihre Schuld.« »Anny?« »Ja, natürlich, die Anny! Hast du vergessen, daß du mir gestern alles erzählt hast?« Poldi lachte. Sie lief im Zimmer umher mit verworrenen, irrenden, kleinen Füßen, die in weißen Leinwandschuhen auf dem dunklen Teppich umherzüngelten, ihr Lachen klang bald vom Fenster her, über dessen Geländer sie sich weit hinausbeugte, bald von der Tür, mit deren Klinke sie spielte. »Ich weiß nicht, weshalb du lachst.« »Ach, die Anny! Die Anny!« sagte Poldi und wiegte den blonden Kopf hin und her. »Jetzt hilf sie mir doch suchen, die Anny!« Sie rannte im Zimmer umher, warf die Stühle um, wie aus Ungeschicklichkeit, sah unter den Tisch, spürte in die Ecke hinter den Ofen ... unbeherrscht trieb sie umher, wie es kleine Kinder tun, die von ihrem Spiel, von ihrem Lachen, ihrem Weinen, ihrem Schreien bis zur Bewußtlosigkeit berauscht sind. »Nein, die Anny ist nicht hier. Und hier? Und da? Schau mal her, such' sie unterm Bett.« »Du hast also gestern gelogen?« fragte er drohend. »Ach nein, Herr Doktor«, sagte sie mit wütendem Spott auf den noch vom Lachen zerrissenen Lippen: »Hältst du mich wirklich für so schlecht?« »Keine Scherze«, sagte er. »Hast du von dir selbst erzählt? Bist du es, die der Leutnant...« »Nur weiter, Alfred... Was hast du noch auf dem Herzen? Nichts? Nein? Dann dank ich schön, dank dir für alles Schöne und Gute... Aber jetzt bist du so lieb und läßt mich wieder fort?« »Wohin?« »Nein, im Ernst, jetzt lach ich! Jetzt hat der Alfred noch immer nicht genug von seiner Fragerei! Stellt sich hin, der Judenbub und glotzt an mir herunter... und wohin? Und woher? Und was noch? Darf ich bei einem Herrn Juden in die Beicht' gehen? Und noch ein Wunsch?« »Weshalb schreist du so?« »Und darf ich nicht schreien? Wer darf dann schreien? Ja, wer bist du denn? Was hab' ich mit dir gehabt? Ja, da schau her, jetzt kommandierst du auch schon mit mir herum.« »Ich kommandiere nicht, Poldi. Ich wollte der Anny helfen, oder... dir.« »Danke schön. Aber du mußt dir keine Mühe geben. Aus is. Schluß.« Und ihr Lachen rollte fort, neben ihren bösen Worten rollte es her, wie ein Eisenbahnzug, dessen Bremsen gebrochen sind, und der, der Lokomotive zum Trotz, Weichen und Signale überfährt. »Poldi!« »Poldi! Wie du das sagst! Wo hast du das Singen gelernt?« Als er ihre Hand ergreifen wollte: »Auslassen! Hörst nicht? Ja, bitte, bitte schön! Du mußt mich nicht mehr anrühren.« »Was wirst du tun, Poldi?« »Was wird sie tun, die Poldi? Draufgehen wird sie. Wann bitte?« – sie ahmte Alfreds Stimme nach –, »heute, morgen, bitte um drei Uhr früh, wenn die Hähne krähen, bitte, und die Mädchen auf den Nachttopf gehen. Ja, schau mich nur an! Glaubst es nicht? Nein, er glaubt es nicht, er lacht, und mir ist, als wäre ich schon lang verfault!« »Poldi!« Er ließ die Hand los. »Ach, gib mir die Ruh' mit deiner Poldi. Ich hab' nicht gern, daß du mich so rufst.« »Was soll ich tun? Was kann ich tun?« »Ich möcht Ruhe haben«, sagte sie, »Ruhe, Ruhe!« »Ihr Wunsch kann erfüllt werden«, sagte er und nahm Hut und Spazierstock, die in der Ecke auf ihn gewartet zu haben schienen. Aber Poldi rührte sich nicht. »Nun?« fragte er. Und als sie schwieg: »Ich gehe fort. Wenn Sie es wünschen, lasse ich Sie allein.« »Sie? Weshalb sagst du auf einmal ›Sie‹ zu mir? Ich bin dir wohl zu schlecht zum ›Du‹? Und vorgestern hast noch so schön darum gebettelt!« »Willst du hier bleiben oder nicht?« »Ist das dein Ernst? Ja, ich möchte hier bleiben; hier bleiben möcht' ich gerne, ich werde nicht mehr schreien, jetzt sollst du sehen, wie still ich sein kann. Ein süßes Fratzerl ganz und gar. Hat mich vorhin jemand gehört?« »Ach, was liegt denn daran?« »Ja«, sagte Poldi, »und was liegt dir denn schließlich an mir? Aber diese Nacht hätt' ich gern bei dir verbracht... nein... diese Nacht hätt' ich gern geschlafen. Nur schlafen, bitte, sonst nichts.« Sonst nichts? dachte Alfred in Wut. Sie weiß alles, ich nichts. Sie ist durch alle Pfützen durch, bevor sie zu mir gekommen ist. Zu mir? Ist sie bei mir? »Schlafen?« fragte er. »Aber kannst du denn nicht besser zu Hause schlafen?« »Nein, kann ich nicht. Schade, nicht wahr? Tut mir leid.« »Und gestern? Wo warst du gestern?« »Wo ich war? Ja, wo war ich nicht? Da schau her, das errät der Herr Doktor nicht... Wie kommt denn der in unser Kutscherbeisel in der Schlossergasse? Dort haben sie mir zwei Stamperln Rum um acht Kreuzer geben... Aber couragiert bin ich nicht worden... schlecht war mir davon und müde bin ich worden... das will auch gewohnt sein...« »Deine Mutter hat dann am Geruch gemerkt, daß du dich..., daß du etwas getrunken hast?« »Oh, keine Spur, so weit ist es zum Glück gar nicht gekommen. Weißt, wir haben einen Gang, dann kommt die Tür in die Küche. Die Gangtür war offen, aber die Küchentür war versperrt... Ja, einmal in der Zeit kann man auch auf den alten Kohlensäcken im Gang schlafen... aber so jeden Tag...« »Jeden Tag? Das glaubst du doch selbst nicht. Sie muß ja mit dir reden. Und im schlimmsten Fall... was kann sie dir sagen?« »Das weiß ich nicht. Aber nein, natürlich weiß ich es: ›Geh dorthin, woher du kommst, mein Herzensschatz‹, sagt sie zu mir.« »So streng?« fragte Alfred. »Streng? Wahrscheinlich war sie zur Anny zu gut.« »Anny?« Sein Blick leuchtete auf. »Es hat also doch eine Anny gegeben! Ich wußte ja, Poldi, daß... daß du gestern die Wahrheit gesagt hast... du bist ganz verwirrt...« »Was phantasierst du von der Anny? Weißt du nicht, wer das ist? Habe ich dir nicht die ganze Zeit von meiner Schwester, dem armen Narrn, erzählt? Ihr ist schon lange wohl. Hin is worden, gerad' zur rechten Zeit.« »Das kann ich nicht verstehen. Ist sie dabei... im Wochenbett gestorben?« »Ja, was willst du noch wissen? Wenn du mir alle Geheimnisse herauskitzeln willst, da denk ich, du bist ein Spitzel.« »Seh ich aus wie ein Spitzel?« »Ich kenn mich da nicht aus, ich hab' nur den einen gesehen. Kaum war der Hascher tot, da kriecht schon so ein Geheimer, ein kleines, schwarzes Schlieferl bei der Tür herein. ›Sagen Sie, Frau Linsbauer‹, sagt er zur Mutter, ›wissen Sie nicht, mit wem Ihr Fräulein Tochter in letzter Zeit gegangen ist?‹ Die Mutter sagt nichts und fängt zu weinen an. ›Man spricht so allerhand‹, sagt der Detektiv, ›und Sie, die Mutter, wissen von nichts. Komisch, nicht?‹ Jetzt ist es aber Zeit, daß Sie weiterkommen, sag ich und spring ihm an den Kragen, was wollen Sie hier, schämen Sie sich nicht? – ›Schämen soll sich der feine Verehrer Ihrer Schwester, der sie unter die Erde gebracht hat mit seinen Künsten‹, sagt der Spitzel. ›Ich habe mich nicht zu schämen, ich bin ein Herr von der Polizei.‹ – ›Nein‹, sagt die Mutter gestern zu mir, ›die Schand! Jetzt bist auch du so ein Schlampen? Soll ich wegen deiner ins Kriminal kommen? Das darfst von deiner Mutter nicht verlangen. Mach mir das Herz nicht schwer.‹ – Und damit ich ihr das Herz nicht schwer mach', sperrt sie abends um acht die Gangtür ab.« »Aber du mußt doch jemanden haben, der sich um dich kümmert«, sagte Alfred. »Weißt wen?« »Ja, Poldi, ich denke, du solltest noch einmal zu dem Leutnant gehen. Gestern... vielleicht war er gestern nervös...« »Nervös? Ach so...« und sie nickte, als begreife sie jetzt alles. »Ja, Poldi, wenn du es noch einmal versuchen willst, begleite ich dich zur Kaserne.« »Danke schön, Alfred, aber ich war schon so frei.« »Du warst heute schon bei ihm? Und...« »Und immer das gleiche. Die erste Viertelstunde ist er sehr nett, das Puppchen kann so reizend sein, nicht wahr, Fredy? Aber dann, wenn er sieht, daß er mich nicht fortschmeicheln kann, dann gibt er mir's ordentlich: ›Siehst du nicht, daß du nichts bei mir ausrichtest?‹ sagt er. Vielleicht schwindelst du mich an? Abwarten, sag ich. Schließlich, wenn es so weit ist, ich lauf dir nicht davon. Aber jetzt kommst du Tag für Tag in die Kaserne, gleich wie ein Stammgast ins Café.‹« »Gemein!« sagte Alfred. »Ach, das ist noch nicht alles. Er spricht und spricht, aber ich geh nicht. Was soll ich denn auch in dem Zustand anfangen, wenn mich die Mutter nicht in die Wohnung einläßt...? Jetzt droht er mir: ›Jetzt wirst sehen, in fünf Minuten ist die Ordonnanz mit dem Kaffee bei mir, und jedesmal, wenn sie kommt, bist du hier.‹ – ›Ich lieg da‹, sag ich, ›bin am Krepieren, und du denkst an deinen Jausenkaffee?‹ – ›Und was soll sein?‹ fragt er. ›Gleich wirst sehen, was sein soll‹, sag ich, nehm den Salonrevolver, der auf seinem Tischerl liegt. Aber da hättest du ihn sehen sollen! Jetzt war Leben in ihm! Und wie! ›Herstellt!‹ schreit er. ›Auslassen! Hörst nicht, überspanntes Luder?‹« – »Ich weiß nicht, weshalb du dich unaufhörlich selbst beschimpfst«, sagte Alfred. »Hast du keine Achtung vor dir?« »Wirst du jetzt auch noch rebellisch? Ja, vielleicht denkst auch du, daß das alles nur Spasseteln sind. Aber da schau her, wie er meine Hand zugerichtet hat.« Sie zeigte ihm ihre Hand, die am Goldfinger eine feine blutige Schramme hatte. Aber immer noch war es die schöne beseelte Hand einer schönen beseelten Statue: in ihren zarten Falten und Gliedern lag nichts von Verzweiflung, nichts von Gemeinheit, gar nichts von dem Menschen, der schrie. Aber ihr Gesicht! Das war ihr wahres Gesicht! »Mit der Faust hat er mir die Hand vom Revolver fortgeschlagen und mein armes Ringerl hat er mir auseinander gebrochen. Massiv war es ja nie ... willst es sehen?« Sie zog ein Goldringlein hervor, an dem an ganz dünnem Faden ein winziges Herz hing. Alfred nahm den zerbrochenen Ring in die Hand und führte ihn an die Augen. »Man kann den Ring noch löten lassen«, sagte er. »Kann man das? Ja, was solch ein Gescheiterl nicht alles weiß ...« »Ich begreife nicht, daß du jetzt noch lachen kannst, Poldi. Erzähl doch weiter, ich muß alles wissen, wenn ich dir ... wenn ich dich unterstützen soll.« »Ach, es kommt nichts mehr ... Wenn er anders zu mir gewesen wäre, wär ich denn dann hier bei dir? Er ist noch eine Weile hin und her gegangen und immer springt etwas um sein hübsches Goscherl ... und dabei dreht er ein Zigaretterl nach dem anderen ... legt eins über das andere hin, bis es ein ganzer Scheiterhaufen war. Aber geraucht hat er nicht ... Und kein Wort ... Warum spricht er denn jetzt nicht mehr auf mich? Was hab' ich ihm getan? – ›Ich geh jetzt‹, sag ich ihm und denk mir was aus. ›Morgen fahr ich fort ... ich geh in Dienst, die letzten drei Monate ins Findelhaus ... dort darf ich bleiben, muß nur fleißig die Fußböden reiben ...‹ – Er rührt sich nicht. – ›Rudi‹, sag ich, ›nicht einmal die Hand?‹ – Und wie er so dasteht, mit den Händen die blöden Zigaretten zusammenwirft ... und lacht so höhnisch ... da hätt' ich ihn erwürgen mögen! ›Hast du mich nicht gehört?‹ frag ich. ›Stell dich doch nicht so störrisch! Ich brauch ein Geld von dir. Ich kann doch nicht zu Fuß fort von hier!‹ – ›Aha‹, sagt er, ›wozu brauchst denn du jetzt auf einmal Geld? Wozu herumkutschieren in der Welt mit meinem Geld ... Geld, das hör ich schon gern ... natürlich, Geld, das will ein jeder ... heut oder morgen wieder? Nein, sonst nichts? ... Mach dir nichts draus, es wird dir's schon ein anderer geben.› – ›Ein anderer?‹ frag ich. ›Nein, ich bitt dich zum letztenmal.‹ – ›Druck di!‹ sagt er. Mir war, als spuckte er mich an. – ›Rudi‹, sag ich noch einmal. ›Jetzt schaust, daß du weiterkommst ... Polderl!‹ – Die Ordonnanz ist schon an der Tür gestanden. Kaffee und Semmel hat sie gebracht in einem kleinen Körberl ... der Rudi muß ja seine Ordnung haben. – ›Du gemeiner Fallot!‹ sag ich und werf ihm alle seine Zigaretteln auf einmal mitten ins Gesicht, damit er zu seiner Jause etwas zu rauchen hat ...« Schweigend bebte Alfred vor Poldi zurück. Wortlos, mit weit aufgerissenen Augen lag sie zwischen den Kissen des Sofas. Ihre in die Finsternis des Zimmers ausgestreckten Hände aber suchten nach ihm. »Du läßt mich doch hier?« Er nahm ihre Hand, besah die kleine Schramme am Ringfinger... ganz nahe vor seinen Augen zitterten die kühlen, nackten Glieder dieser Hand, als breite sich ihr Körper ganz nackt vor ihm aus, strahlend auf dunklem Grunde... aber in der Tiefe seiner Seele graute ihm vor ihr. »Da, die kleine Wunde«, sagte er, »muß deshalb doch vor Infektion geschützt werden.« Still schlüpfte er in die Küche, holte aus dem Ausgußbecken der Wasserleitung ein feuchtes Tuch hervor, drückte es aus, ließ immer wieder frisches Wasser hindurchströmen und brachte es Poldi hin. »Wo warst denn so lange?« fragte sie. Sie lag im Bett, ihre weißen Leinwandschuhe kauerten auf dem Teppich. Das leichte Musselinkleid knisterte fein, als er es streifte. »Du bist doch nicht bös, daß ich mich schon jetzt niedergelegt habe?... Morgen muß ich bald aufstehen... was bringst du denn da? Was hast du denn mit deinem Leinwandstreiferl vor? Laß nur sein, morgen ist alles wieder gut.« »Morgen?« »Morgen tut mir keine Wunde mehr weh.« »Du mußt nicht mit dem Sterben kokettieren, Poldi! Schlaf jetzt! Du kannst sicher sein, daß... ja, morgen sieht dann alles viel tröstlicher aus.« Er hatte noch viele Trostesworte vor, aber sie schlief schon: schon war ihr ganzer Körper regungslos, tief und seufzend ihre Atemzüge, wie die Atemzüge eines Menschen, der zu viel geschrien und geweint hat. Alfred ging zum Fenster, zog die Rolläden in die Höhe. An der Fensterbrüstung war noch das eiserne Gitter angebracht, das früher in Kinderzeiten die Mutter hatte einbauen lassen, ewig von der Furcht gedrückt, das Kind könne aus dem Fenster stürzen oder aus Übermut schwere Gegenstände aus dem Fenster werfen und Vorübergehende verletzen. Mit beiden Händen hielt sich Alfred an den verrosteten Stäben des Gitters fest; wie sehnte er sich aus diesem Zimmer heraus! Er wollte fort, leise fort, leise das Zimmer verlassen, mit einem weiten Umweg um Poldis Bett... Er sah sich um: sah die weißen Kissen, das blasse Gesicht, die dunklen Augen, die ihn vielleicht anstarrten, ohne daß er es wußte... Draußen regnete es sanft. Die Akazienbäume standen schimmernd da, einzelne Blätter glitten mit den schweren Regentropfen zu Boden und blickten nun aus kleinen, schwarzglänzenden Lachen nach oben. Kühle wehte herüber, von fern, von einem anderen Ufer her... hinter ihm aber in dunkler Schwüle, fremd aus fremden Kissen, wie auf einem Katafalk, atmete ein Mensch im Schlaf. Sie war allein. Er selbst, hart am Fenster, glaubte draußen, schon weit draußen, im Duft der Akazien, im Streicheln des sanften Regens dahinzugehen, gesund, frei, umhüllt vom weiten Mantel einer Sommernacht. Sie aber lag in ihrem Bett, allein, eingemauert von vier Wänden. Und doch schien jemand bei ihr zu stehen... Matt leuchtete ihr Arm, aber er war nicht mehr weiß, nicht mehr mädchenhaft unberührt. Plötzlich sah ihn Alfred bedeckt mit einer Art grauen Aussatzes, angefressen vom Schimmel der Leichen, angefressen von der kleinen blutigen Wunde her, angesteckt mit dem grauenhaften Unbekannten, das man den Tod nannte. Nun begriff er sie: alle Erinnerungen lebten auf. Aber er stieß die Erinnerungen von sich, nur eins war da, nur eines sprach, schrie mit Soldatenstimme: daß diese Kreatur morgen sterben sollte. Sie war ihm entgegengekommen, auf ihn zugeflogen, ihm zuliebe von der Höhe ihrer Schönheit zu ihm herabgeglitten, so hatte er es gefühlt, so hatte er sie geliebt. Aber es war gar nicht Liebe, ihr Flug war nicht die beschwingte Leichtigkeit eines ganz Glücklichen, Verachtung saß ihr fest im Genick, der Haß aller stieß sie ihm von rückwärts entgegen, warf sie schwer wie ein Stück altes Eisen an seine Brust. Er stand wehrlos vor ihr im dunklen Park, unter süß duftenden Bäumen, über die eine Drossel herüberflötete, fern von der bedrückten Welt, an einem Tag jenseits aller Tage. Sie saß zusammengekauert in der kleinen Kutscherkneipe, ein Kellner in Hemdsärmeln stellte dröhnend ein Glas Rum auf die bloße Tischplatte. Dann wartete er, mit kleinen Äuglein spähend, einen Augenblick und nahm das kopfüber geleerte Glas fort, brachte ein neues und lachte. Der Schluß war Tod. Auch ihm mußte sie sich zudringlich anbieten, selbst der Tod stieß sie, die Verachtete, von sich. Sie selbst hatte sich zum Tode verurteilt. Keiner der Beteiligten hatte Grund, die Unterschrift zu versagen. Alle Instanzen waren abgelaufen, jene Küsse unter den dunklen Bäumen waren die letzte Zärtlichkeit, die drei Gläser Rum waren der letzte Rausch, die Hand voll Zigaretten, dem fremden Offizier ins Gesicht geschleudert, war die letzte Rache. Aber all das hatte noch einen Morgen vor sich, immer war noch Zeit für eine Galgenfrist, dies aber war die allerletzte Nacht. V Er starrte sie an und sah sie, die Schlafende, grauenhaft sterben. Sie mußte sich aus den weißen, unlängst frisch überzogenen Kissen mit aller Macht emporbäumen, ganz blaß, die schönen, goldenen Haare flüchtig mit Blut bespritzt, Blut nicht mehr allein am kleinen Finger, sondern in dunklen Klumpen in der ganzen Hand, welcher der Revolver längst entglitten war. Nun aber sank sie wieder in den Kissen unter, tauchte auf, schlaff mit den Armen rudernd. Das zarte Oval ihres Gesichtes war zu einer bläulichen Kugel gedunsen, tief unter den gequollenen Augenlidern war das Leuchten ihrer Augen versteckt. Grüne, schleimige Algen zerrten an den langen, seidigen Wimpern, über allem lag Schlamm, aus den Nasenlöchern quoll immer noch emporgeatmetes Wasser hervor, mit Luftblasen vermischt. Plötzlich aber sah er sie hingeschleudert. Und wie sie dalag, die kleine Hand unter den blonden Kopf gebreitet, war sie immer noch zart und rührend. Es war still, aber noch bebte das Stiegengeländer unter der Wucht ihres Sturzes. Einer, der kam, um sie retten, raffte ihre zerstörten Glieder zusammen, ihr zerschmettertes Köpfchen, in dem keine Stimme, kein Stöhnen mehr wohnte. Längst war alles verstummt. Stumm war sie, aber noch schrie aus allem, aus allem schrie wild ihr schmutziges, schlecht gehütetes Geheimnis. Die Maske »Anny« war von ihr fortgerissen, kein Mantel verdeckte mehr ihre Blöße. Ein Spitzel tauchte auf, schwarz gekleidet und klein, mit zudringlich tückischen Gebärden. Ein Leutnant beugte sich über sie, streichelte sie mit dem Worte »süßes Fratzerl« wie mit der Spitze seines Schnurrbartes. Zum Schluß scheuchte er sie aber doch fort, nicht wie einen ungezogenen Hund, sondern wie eine Katze, die nirgends eine Wohnung hat und in Gängen auf alten Kohlensäcken nächtigt. Glückliche Menschen liebte er, solche, die er anbeten konnte. Nur glücklichen Menschen billigte er Leben zu, Schönheit, Übermut. Wo war der überwältigend schöne Mensch, der in seinem Glück so mutige, nach dem er sich so unsagbar gesehnt hatte? Ein elendes, überallher verjagtes Geschöpf lag da, ein von allen getretenes Wesen war zu ihm hingekrochen und demütigte ihn, weil es von allen gedemütigt war. Sie aber durchschaute alle sofort, köderte alle durch ihre Schönheit. Ihr Schweigen war raffinierte Berechnung, ihre Gleichgültigkeit hatte sein Innerstes, Heimlichstes aus ihm hervorgelockt. Sie drückte ihm die Hand, erwiderte ohne viel Zögern sein »Du«, küßte ihn, umarmte seine Knabenlippen mit ihren verlangenden Küssen, versprach ihm alles ... Und plötzlich warf sie sich nackt in sein Bett, ihre nackte Seele, ihren nackten Körper schleuderte sie in sein Leben, riß ihn an sich, um mit ihm zu sterben oder für immer ihm zu gehören, wenn er sie rettete. Aber er wollte sie nicht retten. Dieses sein Zimmer, seines Vaters Zimmer war kein Sanatorium, in das jeder eintreten konnte, um zu sterben. Es war eine Zumutung von Poldi, jetzt zu ihm zu kommen, nachdem sie schon der Kutscherkneipen überdrüssig war, müde des knorrigen Nachtlagers auf schlechten, roh zusammengeknüllten Kohlensäcken. Wie hatte sie ihn mit dem Schmutz ihrer Vergangenheit beworfen! Wo war ihre Unschuld, wo ihr Stolz, wo die Jungfräulichkeit der ersten Stunde? Unschuld stellte er zwischen sich und sie. Nun war sie vergraben in Unglück und Verzweiflung. Er aber war gesund und frei. Aber wie konnte er frei sein, wenn er sie immer noch in ihrem Winkel atmen hörte, ein fremdes Tier? Die Berge jenseits der Stadt, die niedrige Mauer am dunkelgrünen Horizont schimmerten in bewaldeten Kämmen. Längst regnete es nicht mehr, und ganz weiß erhob sich der Mond über zusammengeballten Wolken. Die Schlote der Fabriken standen lautlos, schlank, in kleinen Zirkeln. Über alles hin duftete die Luft, noch schwer vom Regen, der nicht mehr fiel, alles leuchtete in beseeltem Licht. Alfred legte die Hände vor die schmale Stirn. Die Eisenstäbe des Gitters drückten ihn. Und doch träumte er; bevor er noch schlief, war er in Träumen von der Schule versunken. Alle Kameraden hatten ihn auf immer verlassen. Er selbst war ganz klein und mitleidsbedürftig, an seiner Statt ging der Vater in die Schule, schwer mit dem Musterkoffer beladen, der mit lateinischen Büchern angefüllt war. Er selbst war verschwunden, niemand fragte nach ihm. Der Tisch daheim war nicht mehr gedeckt, denn Andulka, das Dienstmädchen, mochte nicht für den Vater allein kochen. Mit Tränen in den Augen nahm sie sein Bett auseinander, um es auf den Dachboden zu tragen, um es vier Treppen hoch zu bestatten, während er selbst vier Treppen tiefer begraben war. Er weinte, als er aber erwachte, waren seine Augen trocken. Alles um ihn schlief, atmete unbewußte, flüsternd bewegte Ruhe, Wellenschläge schlugen rings im Kreise um ein Nichts. Wohin er sich wiegend neigte, wie tief er seinen Kopf senkte, überall nahm ihn die Dunkelheit auf, allzu schwere Augen schloß die Welt. Er erwachte, dröhnend erbebten die Eisenstangen des Gitters. Er blickte um sich, wußte nicht, wo er war. Plump und feucht hingen seine Kleider an ihm, die Füße standen in allzufest eingeschnürten Schuhen gebettet wie in Schlamm. Er schwankte. Es zog ihn zu seinem Bett, und er dachte über die kühlen, weißen Tücher hinzufallen, wie ein leichtes Kleid auf die Erde fällt, aufgelöst in allen seinen Falten. Aber ein fremder Mensch starrte ihm entgegen. Ein großes Auge glänzte, spiegelte gläsern, ohne zu sehen und zarte Augenlider, zerknittert wie dünnes Zigarettenpapier, dunkel, getränkt von vielen Tränen, senkten sich langsam, zögerten wie der Vorhang im Theater nach einem letzten Atemholen. Eine Haarnadel hatte sich gelöst. Nun lag sie, gekrümmt wie ein dürrer Blattstiel im Herbst, auf den weißen Kissen. Es war noch das Kissen, das die Mutter mit Roßhaar gefüllt hatte. Wie hatte er damals geweint, denn es war hart wie Stein. Aber ein weiches Kissen hätte als ungesund gegolten, hätte böse Träume und englische Krankheit verschuldet. Dem fremden Gast war es zu hart. Poldi hatte den rechten Arm unter den Kopf gelegt, ihren feinen, elfenbeinmatten Arm, der zu bitten, rührend in der Stille zu flehen schien. Mütterlich war dieser Arm. Leise regte sich das Mädchen im Schlaf, tiefer neigte sie den Kopf zurück, die schönen Wimpern schienen länger als früher, schmerzlicher schienen sie ihm, menschlicher, menschlicher dieser Mund, der bis jetzt nur schön gewesen war. Alfred wandte sich ab, trotz allem wandte er sich ab. Im Traume atmete das Mädchen tiefer, eine Welle hob ihren Arm empor, zog ihn näher an ihren Kopf, der vom Schlaf geblendet war. Aus der dunklen Achsel wehte ein feiner goldiger Flaum, durchsichtig, zart wie eine winzige Flamme ... die lodert ... vom Winde bewegt ... Alfred sah sie an ... sah sie nicht mehr. Unendlich stürmte ihm unendliches Verlangen entgegen. Er lag auf den Knien, den Kopf über die dünne Decke gebeugt, tief atmete er den Duft, der von ihr, überraschend, überwältigend ausstrahlte, wie von einer nachterblühten Blume. Weinen hätte er mögen, stille liegen, Ungeahntes tun, alles in ihm drängte sich zu ihr... Nur neben ihr sein, seine Wange hinlegen an die duftende Küste ihres Haares, zitternd die Zitternde umfassen, ihre mädchenhafte Brust, ihre schlanken Hüften, nein, alles in einem überflutenden Augenblick erleben, sie besitzen bis in die letzten Fibern ihres Seins... und sollte er ertrinken in der Unendlichkeit seines Verlangens... Er stand auf. Seine Knie schmerzten... Er stand da, plötzlich wieder auf der Erde. Unerträglich war der Augenblick... Wo war der Mensch, der vorhin am Fenster gelehnt hatte –, halb Kind, halb Greis, wo war der ironisch lächelnde Mund, das allzukluge Herz? Zum ersten Male fühlte er sich als Mann. Er zitterte. Schlafende Stille, Schweigen, wollustdurchtränkt, flimmernde Sekunden, süß zerrend an seinem Herzen, Lockung der flatternden Phantasie. Aber ein Mensch war da, lag da vor ihm, ein blasser Mensch, getreten, mit schwarzen Augenlidern, angetreten und abgetreten von einem anderen brutalen Menschen. Noch war es Zeit. Überlegen, warten. Überlegen, bedenken. Sie konnte ja doch nicht ohne ihn fort, verriegelt war die Tür, versperrt das Tor des Hauses, alle Tore der Welt waren ihr versperrt ohne ihn, der sie rettete, obwohl sie ihn nicht liebte. Warum hatte sie es ihm nicht leichter gemacht, weshalb nicht ein einziges liebes Wort gesprochen... Nein, sie war nicht sentimental wie alle jungen Mädchen. Nur ein brutales Schicksal hatte sie, die Brutale, an seine Brust geworfen, hatte sie, die jetzt erst hilflos, gut und demütig Gewordene, in seine Hand gegeben... Und doch und immer noch schrie sein Herz nach ihr, alles, alles wollte ihre Umarmung. Kein Mensch konnte ihm gehören, so ganz bis in die letzten Fasern seiner Seele, wie dieses Mädchen, sie war nicht mehr die Mamsell, das kleine Putzmachermädel, das ihr Zufallskind mit ihrer eigenen Leiche erstickte, weil es eben nicht anders ging, nein, es war die ganze Welt, Sonne, Mond und Sterne, aller künftigen Jahreszeiten Glanz, Furcht und Hoffnung des ganzen Geschlechtes... Alles sollte mit ihr untergehen: der Jubel des ersten Kusses, auf sommerlicher Wiese, fern von Musik gestreift, die rührend hingegebene Unschuld, zugleich mit dem verzichtenden Schmerz der alternden... starb nicht mit ihr die ganze Welt? Nein, noch lebte sie, lebte, sehnte sich bis in den Schlaf hinein nach Leben, Atmenkönnen, Atmen, wo immer, selbst über den groben, kotbestampften Fußboden hinatmen, gebeugt über die Fliesen eines Hospitals, eine grobe Bürste in der Hand. Noch lebte sie, und vielleicht wartete ein leichtes Lächeln, von allen Sorgen befreit, auf ihren Lippen – und er ahnte, wie glückselig sie sein würde, wenn er sich ihrer erbarmte... Der Sturm der Leidenschaft wurde sanfter. Er fühlte, er wußte es, er hatte sich ihr hingegeben, den Menschen gewählt, den halb zertretenen, morgen würde sie mit ihm erwachen, morgen würde sie, die immer noch Geliebte, bei ihm sein, morgen reiste sie mit ihm fort. Übermorgen konnte der Vater zurückgekehrt sein, und Andulka mit ihm... Beide würden seine Briefe lesen, in denen er um Verzeihung bat, um Geld bettelte, um Güte, um Geduld... Dann wartete er in irgendeiner Spelunke unter falschem Namen auf Antwort, sie aber, das arme, kleine, liebe Mädel... wo war sie... war es nicht unerträglich, daß sie immer auf die sonderbarsten Glücksfälle rechnete... jetzt, da sie sich für immer gerettet glaubte... Sie beide warteten, abends um sieben Uhr kam die letzte Post, aber nie kam sie zu ihm... er kletterte die vier Treppen herab, holte Speise für sie, die sich in ihrem gesegneten Zustand gut nähren mußte... Er selbst trieb sich noch eine Weile auf der Straße umher, um dann sagen zu können, er hätte in einer Kutscherkneipe etwas gegessen, denn für zwei reichte es nie. Er, der die Reifeprüfung am Gymnasium mit Auszeichnung bestanden hatte, mußte nach Arbeit laufen, einen Erwerb suchen, Adressen zu Tausenden schreiben, was blieb sonst übrig? Aber selbst die letzte Möglichkeit einer Existenz (so hätte es die selige Mutter genannt) versagte, denn es war Sommer, die tote Saison... Sie, Poldi, trug alles mit ihm, sie war ja auch Besseres eigentlich nicht gewohnt... sie blieb zu Hause, war ihm treu, vielleicht liebte sie ihn jetzt... Endlich kam der Brief des Vaters, mit Geschäftsschrift geschrieben, ein Stück der Korrespondenz... und nun drohte der Vater dem Minderjährigen mit der Polizei, verfolgte ihn mit Steckbriefen, vielleicht aus Liebe, weil er das böse Ende voraussah... Die arme Kleine hielt fest zu ihm, flüsternd besprachen sie Wanderpläne, es gab ja keine Mauern und die Welt war weit. Aber sie hatten keine guten Ziele, keine kühne Zuflucht, beide erstickten sie im Staub. Und schon sah Alfred sich mit seiner Geliebten an tiefem schwarzen Wasser vorbeigehen, sich langsam wie ein Turner an einer Stange in die Tiefe herablassen, sich einen Augenblick, den letzten, noch und noch eratmeten Augenblick, an silbernen, ganz dünnen Weidenzweigen festhalten, gurgelnd endlich sich dem Dunkel geben. Von hier aus konnte er sich noch retten, frei ausgehen durfte er von hier, aber dort mußte er sich selbst in das Grauen hineintun, angsterstickt versinken, während Weidenzweige silberdünn seine Augenlider peitschten, die vom Verlangen ganz ausgeweitet waren. Vor dem Spiegel des unbezahlten, unbezahlbaren Hotelzimmers stehen, starr in das Glas blicken, das von tausend glücklicheren Liebespaaren abgemattet war, sie, die hinter ihm stand, an sich drücken, alle Liebe dieser Welt in diesem Druck, ihr sanft und doch bewußt die Hand über die Augen legen, damit sie den schwarzen Lauf nicht sähe, der ihre weiße, immer noch mädchenhafte Schläfe bedrohte, warten, nichts tun, noch nichts tun... und sie doch mit einem Schlage niederstürzen sehen... Krallend fühlte er ihre armen Hände an seinem Gewand... und nun wartete er, wie ein Pferd auf den Peitschenknall wartet... hoch empor bäumte sich sein Herz, in der letzten Sekunde noch konnte, mußte sich Poldi ihm entgegenwerfen, um in der Verzweiflung ihrer jähen Liebe wenigstens ihn, den armen Schuldlosen, Unschuldigen zu retten... Aber wenn sie starb, dann starb sie ja vor ihm... Er mußte neben ihrer Leiche liegen, mußte immer noch atmen, immer noch hören wollen und nichts mehr hören können als den Herzschlag, den weichen Herzschlag des Ungeborenen, des fremden Kindes, das allein von ihnen der einzigen Herrlichkeit künftiger Minuten entgegenlebte... das sich vielleicht immer noch emportasten wollte, nach der Erde, die es noch nicht kannte. Dies riß ihn los. Mit Grauen, mit wütender Wucht schleuderte es ihn fort. Er konnte sie nicht retten, ohne zuerst dieses von allen gehaßte, von allen verachtete Kind zu retten, ohne zu retten einen kleinen Klumpen Schmutz, von einem schmutzigen Menschen in einen anderen schmutzigen Menschen geschleudert. Dort bei dem Leutnant war Poldi wirklich gewesen, unzählige Nächte, bis zur Gewohnheit, bis zum letzten Widerwillen. Jetzt erst war sie zu ihm gekommen, halb zertreten, jetzt wollte er sie nicht mehr. Er beugte sich über Poldi, zog ihr die kleine Hand, die schlafesfeuchte, unter dem Kopfe fort... riß ihr die sanften Augenlider in die Höhe, die schwarzen Augenlider, die halb zertretenen... um die Schlafende prompt zu erwecken... und er weckte sie. VI »Wach auf, Poldi!« sagte er, »wir müssen gehen.« Sie hatte geträumt, wie hatte sie geträumt! Beim Einschlafen hatte sie vor dem Erwachen gezittert. Mit fremden Augen sah sie sich im Zimmer um, wie ein Wahnsinniger, der aus dem Wahnsinn erwacht oder aus lichten Momenten wieder in Wahnsinn verfällt. Mit weiter Gebärde winkte sie ihm vorauszugehen. Er wartete in der Küche. Ängstlich hielt er sich in dem winzigen Lichtkreis der kleinen Petroleumlampe, die ein wellig ausgestanztes Blech hinter sich hatte. Lange starrte er das verzinnte Eisen an, bis er müde wurde. Er hoffte, daß Poldi ihn allein in der Wohnung zurücklassen würde, seine Müdigkeit tat ihm wohl. Die Lampe flackerte unruhig, Angst war in der bläulich zuckenden Flamme. An der Wand des Zylinders klebte eine dicke Kruste von Ruß, noch von der Zeit her, da die Lampe stärker gebrannt hatte. Durch die dumpfe Küche schritt ernst das fremde Mädchen. In den weißen Falten ihres wehenden Kleides lag etwas von dem Duft der Nacht, der durch die geöffneten Fenster zu ihr gestrebt war. Der Fußboden zitterte leise; leise erzitterte die kleine Lampe, ein Stückchen Ruß löste sich, einer Schneeflocke gleich glitt es herab und erstickte die Flamme. Endlos war die Treppe; dumpfe Luft stieg aus der Waschküche und dem Keller empor, aber durch das geöffnete Haustor flutete eine wundervolle Nacht entgegen. Sterne, lodernd, wiegten sich strahlend in seliger Unendlichkeit. Alfred fühlte nur, daß er Poldi nicht allein lassen konnte. Irgend etwas wartete noch auf ihn, etwas mußte getan werden. Er hatte vor, ihr schnell die Hand zu geben, zehn oder zwanzig Schritte von seinem Haus entfernt. Er wollte sie um den Abschied bitten, sagen, daß er müde sei, abgespannt, krank. Morgen sollte der Kommers zur Feier des Examens stattfinden, morgen konnte der Vater erwartet werden, und er mußte doch das Zimmer in Ordnung bringen, damit niemand etwas merkte. Er streckte seine Hand aus und blickte Poldi an. Aber sie sah ihn nicht. Stumm, unberührt, wie ein Blinder in der Sonne, ging sie dahin. Er sagte sich, sie sei durch diesen fürchterlichen Tag wahnsinnig geworden. Es blieb nichts übrig, als sie ruhig weitergehen zu lassen, aber er rechnete damit, einem Sicherheitswachmann zu begegnen, dem ihr verstörtes Wesen auffallen mußte, aber er fürchtete, sie sei dazu doch nicht verstört genug. Die Straßen blieben leer, niemand zeigte sich, niemand wußte von dem Grauen eines zum Tode verurteilten Menschen. Alle Häuser waren grau und ruhig, gemütlich leuchtete der Kassaraum einer Bank, in dem zum Schutze gegen lichtscheues Gesindel die ganze Nacht hindurch grüne Bürolampen brannten. Poldi ging einen Weg, aber sie schien diesen Weg selbst nicht zu kennen, schien wie ein Übermüdeter besonders großen Pflastersteinen zu folgen oder den Spuren einer Droschke nachzurennen, die sich auf dem vom Regen benetzten Asphalt abzeichneten. Plötzlich jagte sie eine abschüssige Straße herab, neben der ein übelriechender Fluß vorbeizog, in Perlmutterfarben schillernd. Und mit ihm zog der Geruch von Maschinenöl und der Geruch zusammengepreßter Menschenleiber. Sie zögerte, ging von einer Seite der Straße zur anderen, endlich trat sie durch ein Ladentor in einen Hof ein. Schief gewachsene Häuser standen da, irgendwo schlief ein Holzwagen, ganz verlassen, die hölzerne Deichsel zu Boden gesenkt. Rings um den Hof liefen eisenvergitterte Galerien, Blumenstöcke hingen verwelkt am Fenster, ganz ermattet von längst verflossenem Licht. Alfred atmete auf. Was Poldi suchte, das war ihr Haus, jener Korridor, wo man auf Kohlensäcken schlafen konnte. Schließlich konnte man überall schlafen, wenn man so müde war, und sie war müde. Sie schwankte umher, hielt sich an der Mauer fest. Mit gebeugtem Kopf suchte sie nach Schwellen von Türen, die nicht da waren. Aber endlich mußte sie heimfinden, irgendwo mußte sie zu Hause sein wie jeder andere Mensch. Es gab keine Hilfe, sie mußte zurückkehren in ihr alltägliches Schicksal, das schon tausend Menschen mit Selbstverständlichkeit erlebt hatten. Nur er war der Phantast, er allein träumte von Liebe, Tod und Selbstmord. Er fragte sie, ob sie müde sei. Sie starrte ihn an, kratzte sich in den Haaren mit kleinen unruhigen Händen, die einem fieberkranken Kinde zu gehören schienen. Dann lief sie schnell aus dem Hof, sprang mit ihrer schlanken Gestalt über Balken, und in ihrer Hast stieß sie an alles an. War dies das Erwachen? Oder träumte sie noch? Sie mußte geweckt werden, er mußte sie wecken, mußte sie mit Worten, mit Liebkosungen aufrühren, überall lief ja das tausendfach gezahnte Rad des alltäglichen Daseins. Er durfte lügen, durfte ihr alles versprechen, damit sie erwache, vernünftig werde. Ihr Erwachen hieß: sich fügen, sich einordnen in die Wirklichkeit der Welt. – Die Wirklichkeit meinte es jetzt eher gut mit ihm, eher schlecht mit ihr. Aber alles ging vorüber, nichts war unüberwindlich. Man lebte ja in der Welt, in der morgen ein Studentenkommers abgehalten wurde, übermorgen wurde der Barbier von Sevilla gespielt, kein Mensch konnte Poldi zwingen , sich das Leben zu nehmen. In einigen Tagen kam Andulka zurück, vielleicht wußte sie Rat. Ihre Schwester war vor drei Jahren in die Hoffnung gekommen. Auch sie hatte geweint, aber sie hatte sich schnell getröstet, war als Amme verdingt worden, sie hatte Geld gespart und später einen Ofensetzer geheiratet. Ja, überall war Wirklichkeit, aber Poldi ging ja blind an allem vorüber, vielleicht war alles Wahnsinn, der Leutnant, das Kind, alles was sie erzählt hatte. Er sah ihre Augen wetterleuchten, ihre Zähne knirschten und manchmal schlug sie die Hände zusammen, wie ein Kind im Schlaf. Sie schien auf Marschmusik hinzuhorchen, die sonst niemand hörte. Er wurde müde. Seine Augen brannten, schwere Gewichte hingen an seinen Wimpern. Die Stadt lag fern. Getreidefelder knisterten leise in der Morgendämmerung. Ein ganz sanftes, mildes Licht schwebte einher. Eine Akazie schimmerte mit weißen Blüten in der Dunkelheit ihres Laubes. Poldi blieb stehen. Ihre Augen waren ohnmächtig, geweitet, häßlich, unnatürlich groß, dunkel wie die Rinde eines Baumes. Der Körper bebte, verkrümmt, wie der eines kranken Menschen. Ihre geöffneten Lippen waren stumm, angefüllt mit Dunkel. Poldi wandte sich ab von ihm, hinschleudernd die Brust gegen die Rinde eines Baumes. Alfred schwieg, sah ihr zu, erstaunt, angeekelt. Als sie aber ihm ihr weißes Gesicht zuwandte, sah er, daß sie geweint hatte, daß es aus ihr geweint hatte. Langsam stieg der Weg bergan. In der Ferne rauschte der kleine Fluß an das Wehr der Tuchfabrik. In dem niedrigen Gehölz gab es Dornen und spitzige Zweige, Wurzelwerk legte sich ihnen boshaft in den Weg. Aber der Weg war gefährlich, ein Steinbruch mußte in der Nähe sein. Plötzlich fiel Poldi hin, mit einemmal ganz unbehilflich, dann raffte sie sich auf, erstaunt sah sie sich um, und an ihrer Bluse, ihrem Rock strich sie sorgfältig herunter, als verlasse sie eben ein Haus. Ihre Lippen bewegten sich, murmelten und es schien, als hätte sie schon die ganze Zeit hindurch gesprochen. Der Steinbruch warf sich steil herab. Bröckliche Granitplatten wälzten sich plump durch den wogenden Nebel der Dämmerung. Brombeerranken, halb verfaultes Laub dunkelten auf lichtem Gestein, duftend schwankten die Dolden der Akazien. Irgendwo glitzerte eine Bierflasche, die ein Arbeiter vergessen hatte. Lautlos ging unten ein Fluß vorbei, schwarz, glänzend, und nun im Nebel erschien er breit, gewaltig, uferlos. Immer noch bewegten sich Poldis Lippen. Wie zum Munde einer Todkranken legte Alfred sein Ohr an ihren Mund. Aber er verstand kein Wort. Sie blieb stehen; ihr Blick ging durch ihn hindurch, der dunklen Tiefe zu. Er erschrak. Nun begriff er den Augenblick, den letzten, entscheidenden Augenblick, die lodernde Sekunde, die letzte Gewalt, Mensch, den Menschen zu retten! »Was tust du, Poldi? Du! Bleib! Ich liebe dich, ich will alles für dich tun!« Sie schleuderte ihn von sich. Abscheu, Ekel, Entsetzen waren in ihrem Gesicht. Jetzt war sie erwacht. Lange sah sie ihn an, den Zitternden; er wich zurück. Sie sagte ihm etwas, wollte ihm etwas sagen, aber ihre Stimme war leer und ausgedörrt. Sie hauchte ihm lautlos entgegen, mit Steinen schien ihre Brust angefüllt, wie eine niedrige Stelle in einem Morast. Vor der Wahnsinnigen wich er zurück. Sie schloß die Augen, sie lächelte spitzbübisch, so daß man ihre weißen kleinen Zähne schimmern sah, dann aber warf sie sich vor, einer Tänzerin gleich, die bis zur Rampe des Theaters rast, warf sich vor, warf sich mit ausgebreiteten Armen über die Steine, in ihrem weißen Kleid durch die weißen Steine der Tiefe zu. Kichernd rollte die Bierflasche mit. Und dann, ganz sanft, weithin ausgebreitet, ertrank ihr lichtes Kleid im schwarzen Fluß. Zweiter Teil VII Alfred rettete sich. Jetzt nur Sand erraffen unter seinen Füßen, sich müde keuchen, den Abhang herauf, fort vom heiser ziehenden Fluß; knorrige, kleingedornte Zweige von Akazien gerade noch mit der Hand an sich reißen, Stütze bei der Flucht bergauf; weiß erstrahlte jetzt das Laub, mit Blendung übergössen von der Sonne, herübergespiegelt übers Wasser, weit hinter ihm: kühl rauschte Gebüsch. Weinberge schimmerten matt, lagen weich olivenfarbig dahin, zeitenlos, durchhaucht von Frühsommerhitze: alles war nun endlich wiedererwacht, tatsächlich, vom bösen Gefühl entblößt, für ihn, den Geretteten, den Gesunden bestimmt. Menschenleer weit die Gegend, an der guten, gesunden Menschenleere atmete er auf, endlich fortgerissen von Poldi: zufrieden, allein mit sich, den er gut kannte. Poldi, Zähne knirschend in Wut, endlich hatte er sie nicht neben sich; niemand mehr drohte ihm. Die entmenschte Mutter, die ihm die Gangtür versperrte, ihm vorenthielt das Nachtlager auf zusammengeknüllten Kohlensäcken; der Detektiv, der ihn verfolgte, Gewinn und befriedigtes Leben ziehend aus der schmutzigen Spionage, polizeilich hinterherschnüffelnd nach »feinen Verehrern«, die ihre Liebste unter die Erde gebracht hatten, in sein Leben hatten sich gestern alle zudringlich hineingepreßt, selbst das ungeborene Kind, das lästige! Östlich war der Himmel mit Staub angeraucht, die Landstraße war in Bewegung, Welle im Wandern, Menschen kamen! Soldaten, taktfest marschierend, klopften das harte Weiß der Straße zu Staub, sicherlich waren es Pioniere! Warum nicht Pioniere, schwimmgeübte Soldaten? Zum Herausschreien, zum Jubeln lockte ihn der Augenblick. Alle waren zu retten! Auf Poldis Rettung hatte Gott es abgesehen, er duldete nicht ihren Tod gerade jetzt, gerade heute, am hellichten Tag, zweihundert Schritte hinter ihm. Wie hätte er ruhig weiterleben können ohne diesen Augenblick? Laute Trompeten der anrückenden Soldaten, gesunde Menschen kamen in der Überzahl, ihm zur Unterstützung, sie alle zusammen heran gegen Poldi, um sie in die Wirklichkeit zurückzubringen, auch gegen ihren Willen sie zu retten mit guter Gewalt. Er aber wagte sich noch nicht näher, schützte sich gegen einen zweiten Tag wie gestern, er machte sich klein, trocknete das feuchte Gewand, ordnete herum an sich. Nicht ihn, sondern Poldi mußten sie sehen, ihr weißes Kleid sollten sie sehen, es mußte jetzt, zwei Minuten nach dem »Unglücksfall«, doch noch deutlich sichtbar sein, wie Schnee weithin leuchten. Soldaten kamen gerade in letzter Minute, hielten stramm die Richtung ein zum Wasser, leise verstummte ihr brutaler Schritt, lautlos liefen sie über den feuchten Sand, in aufgelöster Linie, aber die Fußspuren sahen sie doch, wenn schon nicht das weiße Kleid, Poldis Fußspuren führten doch nur ins Wasser und nicht wieder zurück, nun verteilten sich die Soldaten in weiten Abständen, nun mußten sie doch bei der Unglücksstelle sein, und Poldi unter ihnen. Sicherlich war auch ein Arzt da, künstliche Atmung konnten sie im schlimmsten Falle sofort vornehmen, er schrie innerlich um Rettung, er flehte Gott an, er hatte doch nur mit größter Mühe sich selbst retten können, zum Beweis kniete er schärfer in die Erde, um sich zu versichern, daß er noch da war, unverletzt, fern von Unglücksfall und Unglücksstelle, gerettet für immer. Mitleid hatte er gefühlt mit ihr, nur durch Mitleid war er hierher gekommen, er hatte ihr ja die Wunde verbunden, er hatte ihr im letzten Augenblick noch Liebe versprochen, aber er liebte sie schon lange nicht, nur Mitleid hatte er mit ihr, die der Leutnant Rudi beschimpft und herausgeworfen hatte mit tödlichem Herauswurf! Nie hätte er ihr das angetan, er hätte sie geschont, aber wer schonte ihn? War nicht auch er schonungsbedürftig, sein Herz war überempfindlich, Exzessen nicht gewachsen und zu Exzessen, zu Ausschweifungen mit Poldi konnte ihn niemand zwingen. Einen unberührten Menschen wollte er an sich reißen, er liebte die Liebe zu einem holden weichen Mädchen, sie aber spie aus ihrer Seele aus: »Draufgehen um drei Uhr früh, bitte, wenn die Hähne krähen, wenn die Mädchen auf den Nachttopf gehen«. Um drei Uhr früh hatte er sie pünktlich geweckt, weil sie um drei Uhr geweckt sein wollte. War aber dieses »um drei Uhr morgens« auch nur Komödie, wer konnte ihn dann zwingen, immer das Richtige zu erraten, sein ganzes Leben nur auf diese Poldi zu beschränken? Er mußte nicht, auch hier knien mußte er nicht, er brauchte Abscheuliches, grauenhaft Triefendes auch aus der Ferne nicht mit anzusehen. Er konnte und sollte und mußte Schluß machen, Poldi lassen, wo sie war, das Kind lassen, wo es war, selbst sein: junger Mensch in den guten Jahren um zwanzig. Herrlicher Tag, sein Hochsommertag, seine Ferien, seine Belohnung! Er stand auf, wischte mit dem Taschentuch die Weinbergerde von den Knien. Weg mit den fremden Sorgen in die schmutzige Wäsche, abbürsten die dreckige Schlossergasse, weg mit den betrunkenen Rumgläsern, endlich fort von der extravaganten Poldi, dem »überspannten Luder« und ihrem Herzensfreund, dem »Fallot«. Der gute Mann rauchte, ließ sich nichts abgehen, verlor die Ruhe nie. Aber zu ihm, Alfred, kam Poldi, um sich ein bißchen auszuweinen, um sich ein wenig auszuschlafen, nur schlafen wollte sie, vielleicht bis zum Vormittag; gut, er gab ihr das bißchen Schlaf, er gönnte ihr das bißchen Ruhe, er brachte auch Speisen für das einemal, aber doch nur für einmal und was dann? Elend über Elend, sie liebte ihn zwar nicht, aber nein konnte er deshalb doch nicht mehr sagen, er mußte auch das Kind als eigen anerkennen, er mußte das Kind als eigen lieben, aber trotzdem mit aller Liebe das Kind und die Mutter in Elend verdorren lassen und sich selbst. Denn wie sollte er drei Personen ernähren, er mit seinen neunzehn Jahren, ein absolvierter Gymnasiast? Absichtlich atmete er schwer, keuchte, eilig den Weg nach Hause verfolgend, und schlief lange daheim. Hervor aus traumlosem Schlummer kreischte ihn die Glocke im Korridor. Sie kehrte doch zurück? Wieder zu ihm? Von überallher, selbst vom Flußabhang und den Pionieren? Er mußte den Retter spielen? Und sie konnte es nicht erwarten? Riß wie wahnsinnig an der Glocke? Wahnsinnig? Kalt fühlte er jetzt die schwere, gute, dreimal gesteppte Decke. Verzweiflung hatte Poldi aus sich herausgekeucht. Sie war wahnsinnig, wahnsinnig hatte sie nach Rettung geschrien, er aber hatte sie allein gelassen, ohne die geringste Menschlichkeit! Alfred, nicht versorgt hast du sie, nicht betreut, die Unzurechnungsfähige hast du Rechnung machen lassen mit Tod und Vernichtung. Die Glocke schrillte, viele Herzschläge lang. Tod und Vernichtung? Mit kerngesunder Energie, unverdrossen und geduldig läutete Poldi. Poldi kannte die Adresse, nun nützte sie die Adresse aus. Die arme Hand mit der Blutschramme vom zerbrochenen Ring war schnell geheilt, denn wie hätte sie sonst so unverschämt an der Glocke reißen können? Der lange verrostete Draht, durch enge Mauerritzen gespannt, erforderte eine Männerfaust. Poldi, die Unverwüstliche, hatte eine Männerfaust. Mit Recht, ganz logisch und vernünftig hatte der Leutnant sie auf kurzem Wege expediert! Das war besser als ewig zu leiden an den Folgen einer kleinen Verirrung. Der Leutnant war vielleicht gemein, rücksichtslos, teuflisch, aber er hatte dafür Ruhe bei der Jause, und zu ihm, Alfred, kam Poldi, einlaßfordernd mit Gewalt. Zufällig fand Alfreds Blick auf der Erde Poldis Haarnadel, einen Draht grob und stark, verbogen von ungeduldigen Händen. Nun warf er die Nadel gegen das Fenster in Wut, denn das Läuten der Glocke, bellend wie Hundegeschrei, verbitterte ihn heiß. Aber die Nadel prallte ab von dem eisernen Gitter, schwirrte zurück, frech zielend nach Alfreds Augen! Nun aber war er fest entschlossen, Ordnung zu machen mit ihr, jetzt fühlte er, er hatte so sein müssen, nachts die Zudringliche herausexpedieren müssen, jetzt freute er sich, daß er nichts von ihr genommen hatte als ein paar armselige Küsse, reichlich bezahlt durch das Nachher. Sie kam ja doch zurück, sie war schon wieder da. Kam sie zum zweitenmal her, stellte sie ihn zum zweitenmal auf die Probe, so gab er ihr zum zweitenmal den Laufpaß, stieß sie zum zweitenmal dahin, mit rücksichtslosem Abschied. Breites Lachen um den starren Mund, riß er die Tür im öffnen an sich: erblassend wich er ab, kalt erschlaffend. Überall fühlte er Schwäche, Tod: Andulka stand massig da, nur Andulka, fremder Koloß, zwei große Körbe wiegend in den schweren Armen. Lachend trat Andulka ein, trampelte durch die Küche, mit breiten Nüstern witterte sie Zugluft, sie schloß das Küchenfenster, bald war der Raum wieder gefüllt mit gutem Dunst, der Zylinder der Lampe, geschwärzt vom unheimlichen Ruß der letzten Nacht, fiel ihr auf. Sogleich holte sie aus dem Ofenloch einen schmutzigen Lappen hervor, wand ihn um den Stiel eines Kochlöffels, stieß den Ruß flink vor sich her. Ein weißes Prachthuhn wurde in aller Eile ausgeweidet, Alfred, der arme Junge, wurde mit Mitleid besprengt: »O du mein armer Alfred, schaust ganz ausgezehrt aus, wie das böse Jahr.« Wie gut war es jetzt, sich die Schuhe und Strümpfe ausziehen zu lassen, die ganze Nacht war er wie in Stein gestanden, auch vormittags hatte er nicht gewagt, sich ganz auszuziehen, blaue Striemen hatte seine arme Haut, müde ließ er sich hinab in Schlaf, geschaukelt von den Rolläden, die wehten im braunen Nachmittagswind. Noch lag schwer die Oberlippe schlafgetränkt über der Unterlippe: die Ahnung lau erwärmter Küsse, von oben her an ihm geküßt, umdämmerte ihn lange; lange saß er fremd beim Studentenkommers, fiebernd unter Gesunden, endlich war die solenne Kneiperei beendet, ein freches Lokal wurde aufgesucht. Am Eingang rollte eine etwas ausgelebte Person, verkleidet als braunwulstiger Liftboy, die ganze Nacht hindurch die Drehtür. Violett im Bogenlampenlicht, aus eng verschnürtem Kragen grinste gemein ihr aufgepudertes Gesicht. Ihr Händchen, klirrend beringt, funkelte unermüdlich hin nach Zigaretten und kleinem Geld: »Gebt's was her, für die Armen, die Armen!« Viele Damen, prall von harter Gesundheit, prächtige Glieder unter starren Kleidern fegten durch den Saal. Ordinäre, kerngesunde Witze warfen sie von den tiefroten Lippen: wie gut, wie herrlich war ihre bodenlose Gemeinheit, ihre starke Ausdünstung, ihr endloser Wirbel, ihre robuste Existenz, jetzt, um zwölf Uhr nachts, zwölf Stunden nach der letzten Probe, der letzten Tücke der tückischen Geliebten! War sie noch immer da? Wollte Poldi lebenslänglich sein, nachkommen und sich nachdrängen überallhin? Gut, komm her, setz dich neben mich, da hast du Sekt, da hast du Musik, noch nicht genug, was noch? Die ganze Welt ihr Schatten? Auch der Taschenspieler hier, der, Kellner und Zauberkünstler in einer Person, seinen weißlichen Arm entblößte und auf kränklicher Haut, in blauen und roten Tätowierungen wilde Schweinereien vorzeigte. Er schlug gelb brennendes Werg in seinen Mund, endlose Streifen dünnen Papieres entleerten sich zum Staunen der Gymnasiasten aus seinen Kiefern, feuchte Wolken bunter Konfetti sprühte er aus über die »allerwertesten Damen und Herren«, auseinander kreischten die Weiber, Alfred lachte, ein herrliches, grenzenlos gesundes Lachen, zwischen den Tischen tanzten die Damen dahin, Staub aufwirbelnd, weithin die Röcke werfend, mandarinengelb, saphirblau, schwarz und weiß, faltig gewellter Taft. Zigeuner zertrommelten die schwere Luft, Alfred ging, Alfred brauchte dies nicht mehr, jetzt glaubte er, die Geliebte Poldi sei endgültig abgefallen von ihm. Zur Probe ging er den Weg von gestern, die abschüssigen Straßen, den übelriechenden Fluß entlang, der seit kurzem halb versiegt schien, zu »ihrem« Haus, wo man jetzt Katzen laut schreien hörte, auch eine Mundharmonika spielte ohne Takt endlosen Atems, die Nachthitze brütete schwer, und eine Frauensperson in langem Hemd, die der Hitze wegen auf der eisenvergitterten Holzgalerie geschlafen hatte, stand nun auf und beugte sich herüber, dunkle Blumen bäumten sich an ihrem weißen Hemd... Nun blieb noch der Fluß, draußen unter dem Steinbruch rauschend, war er geheimnisvoll, auch jetzt. Vorsichtig tastete sich Alfred herab, vorsichtig wich er den Scherben der zersplitterten Flasche aus, langsam watete er gegen die Flußmitte vor. Von Menschen war keine Spur. Niedriges Wasser rauschte hohl an seine Knie, jenseitige Bäume zischten im Winde. Nun hatte er Poldi auf die Probe gestellt, herausgefordert war die Unglücksstelle, alles war geordnet, er kehrte zurück. Mut, Glück, Gesundheit erfüllten ihn, er sang, feuchte Füße trockneten im raschen Gang, bald war er daheim, gekühlt zum kühlen Schlafe. Am nächsten Tage kehrte der Vater zurück; er hatte »glänzend abgeschnitten« und direkt »Berge von Aufträgen gesammelt«, allerdings hatte er sich dabei die Kehle bei den obstinaten Kunden heiser gesprochen, zischend rangen sich die Worte vor, und nachts störte er Alfred durch stöhnendes Husten und endloses Räuspern, aber das waren nur Kleinigkeiten, da das Geschäft nicht mehr darunter litt, seine schöne Hand verdeckte den vertrockneten Mund, »dieses ewige Reisen steigt mir schon herauf bis hierher«, die Hand zeigte an die Kehle, die mühselig würgte, »siehst du, mein Herzenssohn, für einen Kommis-Voyageur bin ich doch nicht mehr jung genug, dazu fehlen mir die Nerven, dazu muß man ordinär sein, zudringlich, bis die Konkurrenz zerspringt. Wozu habe ich das nötig, wir werden uns selbständig machen, man muß es auf der Börse versuchen, glaub mir, man riskiert nichts dabei, tausend andere, die nie Geld auf Schuhe gehabt haben, Schnorrer, Hausarme, direkt Hausierer, wie ein gewisser Baumöhl, die sind groß geworden auf der Börse, ein Bauernklachel, der mit einer einzigen Ernte, was er damit verdient hat, spekuliert hat mit Montanaktien, durch ein einziges Telephongespräch im Kaffeehaus hat der Mann soviel verdient wie ich in meinem ganzen Leben, was heißt soviel? Soviel und noch viel mehr!« Aus den ersten Gewinsten kaufte der Alte dem Sohn eine goldene Repetieruhr: »Das ist für dich, an dich hab' ich gedacht. Trag sie bei dir und immer gute Stunden soll sie dir schlagen. Wenn du einmal deinen Patienten den Puls zählst, dann denk an deinen alten Papa, und im Guten!« Er sah ihn schon als berühmten Arzt, als verständnisvollen Menschenfreund, als großen Tröster in aller Not. »Geld spielt keine Rolle. Genug, ich habe mich gerackert. Du sollst leben und wirken für die arme leidende Menschheit.« Wenn Alfred den Alten ins Kaffeehaus begleitete, sah er im Spielzimmer die Agenten krummen Rückens um den grünen Spieltisch sitzen und die Karten vor sich niederklatschen mit dumpfem Geschrei. Einer von ihnen, der bekannte Wucherer Benedikt Baumöhl, erhob sich und sagte: »Nu, Dawidowitsch, was is, man sitzt, man wartet, schwarz kann man werden und Sie kommen nicht? Ah, das ist der Herr Sohn? Aiblhuber rennt herum und fragt nach Ihnen. Der Kellner da, was hat er herumzustehen, marsch, deck auf das Billard, und zwar gleich!« Noch vor der ersten Partie nahm der Alte seine Freunde beiseite und erzählte ihnen, vom Rauch der eigenen Zigarre oft zum Husten gereizt, von Alfreds glänzender Prüfung. Und das Schlußwort, heiser erstickt im schweren Dunst des Kaffeehauses, Alfred allein hörbar: »Nur seine selige Mutter hätte das noch erleben sollen.« Am nächsten Tage forderte Alfred den Vater auf, mit ihm zum Grabe der Mutter zu gehen. Blumen in zwei schweren, goldfadenumschnürten Sträußen nahm er mit, Poldi zum Trotz. Lebte sie? War sie unter der Erde? Sie knieten beide lange an dem Gitter des Grabes, sie beteten zu Gott, an den keiner von ihnen glaubte. VIII Alfred war Mediziner. Seine Kameraden labten sich vor dem ersten Eintritt in den Seziersaal im Kaffeehaus mit Kognak, nahmen starke Zigarren mit, um die bösen Düfte zu vertreiben; sie stützten sich mit Spazierstöcken auf den rauhen Asphalt, der, leicht sich senkend, um das schwarze Ablaufloch kreiste. Alfred verachtete Kognak, Zigarren, Spazierstock. Er hatte ja Poldi, er dachte an seine Poldi, sah sie wieder, mit Gewalt rief er die grausigen Erinnerungen auf gegen die Totenkammergegenwart, gegen diesen Nachmittag, den dunstigen Herbstnachmittag des 23. November. Er erinnerte sich, er sah Poldi voll von Blut. Der böse Traum in böser Nacht, war nicht das die stärkste Abhärtung? Poldi, in empörter Verwirrung stolpernd auf dem steinigen Hang am Fluß, Poldi, schwanger, angesteckt mit dem verachteten Kind, Poldi, herabsausend die Treppe in der Kaserne, von Leutnant Rudi ins Elend gefeuert, das sollte dienen als Panzerung! Damals war das Lebende elendiglich krepiert (allzu starke Worte schrie der Erblassende sich zu), was war hier? Höchstens eine alte Leiche, ein längst »regelrecht klinisch« gestorbenes Individuum, tadellos konserviert! Er zwang seine hohle Stimme. Er zeigte den Kameraden die Wunde am Oberschenkel, von wo der Toten Karbolsäure eingespritzt war; noch hing ein kleines Endchen schmutzigen Fadens aus dieser letzten Wunde hervor. Nicht mehr menschlich war das Wesen, das starr, glattrasierten Hauptes hingestreckt war auf braunem Marmortisch, bloß ein Etwas, Lehrzwecken Dienendes, Prüfungsgegenstand beim Rigorosum, ein Dauerkadaver! Ein sechsflammiger Luster überstrahlte hell den abgezehrten Leib; über die kantigen Schienbeine flirrte elegant das Licht; im Schatten lag das Haupt, eingebettet war das Haupt in einen ausgehöhlten Block, niederhing zerschlafft das Haupt, auf schwarzes, schweres Holz, hartes; härter noch als das Kissen daheim, das Roßhaarkissen, für ihn gewohnt und weich, für Poldi ungewohnt und hart; aber er schlief schon Tausende von Nächten darauf, Poldi erst eine. »Alles Gewohnheit«, ein böser Witz wurde ihm plötzlich Würgen, Grauen, Entsetzen: Erbarmungsloses schlug den Erbarmungslosen. Alfred sank nieder. Er verschluckte seinen krächzenden Schrei mit bitterem Speichel; mit Gewalt richtete er sich auf, befahl sich Ruhe, Charakter, anständige Haltung! Aus tiefster Zerknirschung kommandierte er sich empor, Lächeln kommandierte er sich, Abhärtung, Angewöhnung; hingehen, nochmals zu dem Kadaver zurückgehen, nicht zucken, sich niederbeugen, und jetzt den Menschen, den Kameraden, der Welt beweisen, daß er Angst und kindische Regungen nicht kannte. »Sie heißt Maria Katharina Nepomuk, sie ist achtundfünfzig Jahre alt«, sagte er; ganz hatte er sich wieder, deutlich las er die Buchstaben ab von dem kleinen Papptäfelchen, das, blauen Nagel verdeckend, an der Zehe der Leiche hing, deutlich las er die Buchstaben, wie eine Zeitung am gedeckten Tisch daheim. Zu den Kranken durfte er noch nicht, aber den Toten ließ man ihn morgens die Nieren ausschneiden, das blasse, schlaffe Organ in die gehöhlte Hand nehmen, es sorgfältig abspülen, in »Kayserling« konservieren, in klarer, scharf härtender Flüssigkeit; dann wurde das fremde Stück Mensch eingebettet in öligem Paraffin, zerschnitten mit breitem Rasiermesser nachmittags, mit seinem Haarpinsel fortgeschoben in kleine Schälchen, in denen rote Farblauge siedend kochte; andere Schälchen, mit Zedernöl, hart glitzernd warteten: durchsichtig wurde da das Schnittchen Mensch, die ein hundertstel Millimeter dünne Schicht Mensch, wie bunter Kristall leuchtete sie im Licht der Laboratoriumslampe, abendlich im Gegenlicht des Mikroskopspiegels, unter tausendfacher Linse; Zellen zeigten sich, der Kern war blau, noch im Tode hatte er nach blauer Farbe allein gehungert, die Zellwand war rot, hatte noch die Sehnsucht nach Rot bewahrt, lange über das eigene Leben hinaus, unsterblich, unzerreißbares Leben! Jetzt erlebte er, unerschüttert, unmenschlich, Kollegienhefte schreibend, um die Prüfung mit Glanz zu bestehen und um Freude am Leben zu haben im künftigen Beruf: Hunde waren bloß mit Kuraregift gelähmt, nicht betäubt; stumm, künstlich auseinandergeatmet mit exakt schnurrendem Motorapparat, lagen sie auf dem blutschlüpfrigen Brett, und die Augen schimmerten klug, das Tier lebte, wußte, die Augen wanden sich vor Schmerzen. Der Nerv wurde gereizt, der Muskel zuckte prompt; das Tier lag ruhig. Nichts störte den Unterricht. Das Brustbein, steiler Kiel, senkte sich, taktfest sich wiegend, friedlich! Der Nerv wurde gereizt mit Hitze, mit aufzischendem Eisendraht, etwa 220 Grad heiß, da der Nerv gleich verkohlte, der Muskel zuckte. Der Nerv wurde gereizt mit Salzsäure, der Muskel zuckte. Der Nerv wurde gereizt mit einer scharfen Zwickzange, der Muskel zuckte: aber friedlich wiegte sich der Kiel, zusammengedrängt von den rippenscharrenden Brustwänden. Der Professor sprach weiter, das Hundebrett wurde wieder abgetragen, der Kopfteil, das Kopfgestell, das Köpfchen, die schwarze Schnauze hinter weißem Nikkei nach unten gehängt. Das Tier lebte. Nach der Stunde wagte Alfred sich hinein in den Vorbereitungssaal. Ein alter Diener, rotnasig, mit alkoholisch bunkernden Äuglein, stand beim Hundebrett und befreite das Tier von Stricken, Riemen, Kopfgestell und weiß umspeichelten Kinnketten. »Dös Kurare, sehen's, läßt schon nach! Schaun's, wie's wieder zuckt und nach Luft schnappt, dös Hundsviech?« Das Brustbein, steil umhaarter Kiel, reckte sich wild, es fielen zusammen die vier auseinander gekreuzten Pfoten in ein zappelndes Gewühl. »Dauert das noch lange? Wie lange muß es noch leben?« »No, wie's is, so is es, drei Stunden kann's dauern, oft an halben Tag. Eitrigen Pleuritis kriegt der Hund, sollt' man nicht glauben, daran stirbt er so meist.« »Und können Sie nicht? ...« In drei Stunden, dachte Alfred, bin ich beim Mittagstisch, Reissuppe mit Champignons, Huhn mit Reis, Kompott, süße Mehlspeise, Zigaretten in warmer Stube, das habe ich vor mir. Was hat dieser Hund, diese Kreatur vor sich? »Was denn? Wozu denn? Was fällt Ihnen ein? Das Objekt liegt ja bis zum Sterben soweit ruhig, Arbeit habe ich genug ... jetzt heißt es dreihundertfünfzig Meerschweindeln abmarkieren und die Hunde und die Affen... denken's nur, die Affen: ein Aff, der gibt Ihnen direkt aus für dreißig Hund'! ... Alles an einem Vormittag!« Alfred steckte ihm fünf Kronen zu. »Dank schön, Herr Doktor, gleich werden wir's haben!« Er nahm eine Spritze, füllte sie mit Sublimat, rosenrotem Gift. »Jetzt, Sie lieber Herr, werden's sehen, wie wir ihn bumsen, den Hund!« »Schnell, so doch schnell!« sagte Alfred. »Da hast!« sagte der Diener zum Hund. Er stach die Spritze ins Herz, in einem Zuckkrampf verendete sekundenschnell das Tier. »Aus is«, sagte der Diener zu Alfred. Endlich ließ man den Mediziner in die Klinik. Man transportierte die innerlich Kranken schonungsvoll im Lift, rollte sie herein auf Wägelchen, ohne Hemd lagen sie weiß auf weißen Tüchern. Armselige Krankheiten gab es, die üblichen Leiden des Proletariats, Durchschnittstuberkulose, Schusterkrampf, Bleivergiftung der Wasserleitungsmonteure. Andere Krankheiten konnten aber auch die Reichen treffen, niemand war gefeit, hier, endlich hier, waren alle gleich, und der einzige, der über der Sache stand, war der Sachverständige, Oberstkommandierende, der Chef. Statistiken, namenlose Zahlen wurden am klinischen Material gesammelt, Sprechen, Denken, Schreien wurde den Kranken verboten. Alle menschliche Kreatur war gleich auf dem Seziertisch, auf dem klinischen Qualenbett: Ein Napoleon konnte am Magengeschwür verbluten, daliegen weiß auf weißer Decke, Angesicht zu Angesicht eines Mediziners, der von der Höhe der vierten Bankreihe aus infernalischer Leere herabsah auf ihn und sein Gesicht, sein Schicksal, seine Hände, blutentleert. Die Klinik der gebärenden Frauen: waren das nicht die Mädchen des Parks, der Abendwiesen am Sonntag, der schützenden Gebüsche? In frecher Lustigkeit die Spazierstöcke der Herren schlenkernd, in widerlich berauschter Sinnlichkeit sich auf Bänken unter nächtlichen Bäumen, im nächtlichen Parke sich an »fesche Mannspersonen drängend? Nie hatte Alfred eine »intime« Bekanntschaft gehabt, nie war er in Gefahr, eine von ihm verlassene Geliebte auf dem Kreißzimmer wiederzufinden, er liebte keinen Menschen, nie hatte er um seine Frau zu zittern; zittern mochten die anderen, rabiate Arbeiter, drohend herantretend an nervöse Ärzte; aber auch mit diesen wurde man rund fertig, hauchte sie an, verwies sie auf das Reglement, auf die offiziellen Besuchsstunden, das Prinzip. Stundenlang machten sie nachts die Runde um die Frauenpavillons, die Frau aber, eine Stunde vor ihrem Ende, septisch bis in die letzte Ader, lag da: im Mikroskop war bereits eingestellt in tausendfacher Vergrößerung ihr »Stamm«, die blaue Kette giftigster Bazillen; der Oberarzt zeigte sie den Studenten, sprach vom sichern Exitus letalis , entsprechend der Statistik, einer Mortalität von neunzig Prozent, »und das ist praktisch soviel wie hundert.« Die Frau aber, ein Schulfall der Schule, der junge sterbende Mensch, sang, umflossen von blonden Haaren, trillerte, mit trügerischer Freude gefüllt bis in die letzter Ader, lustige Gestanzeln oder: »Wien, du Stadt meiner Träume«. Der Arzt sprach von septischer Euphorie, am nächsten Tage fehlte die Frau in der Reihe der Kranken. Es gab kleine und große Chirurgie: Pülcher, Vorstadtapachen starrten wütend, zeigten unter schwarzbrauner Wäsche schmutzige, harte Leiber, kreuz und quer zerstochen vom Messer des Kameraden; nie nannten sie Namen, murmelten etwas von: »Lumpiges Pech, halt a klan's Malheur, durch an Zufall, halt beim Spaziergeh'n!« Böse zuckten sie, wenn die Wunde genäht wurde: »Den Faden sollt's endlich kürzer nehmen, Dreiteufelgesellschaft, schäbige, umeinand, immer wieder tut ihr an vivisekieren mit eure ellenlange Violinsaiten ...« Große Chirurgie war: Nachtrunde in endlosen Zimmern, mit Gummiläufern gepflastert; die Nonnen, flügelrauschend mit breiter, zart gezackter Haube, mildes Gesicht, überstrahlt von kleiner Lampe, mildes Gesicht, im Dunkel leuchtend wie Phosphor; das Nachtlicht war abgeblendet durch ein Gebetbuch, das wie eine schwarze Hand, breit entgegengefaltet dem Licht, auf der Kante stand in der Stille, und leise raschelten die Blätter, der Hitze der Flamme zugewendet im Schlafe der Nacht. Im Wasserbett lagen Maurer, mit gebrochenem Rückgrat, schlaflos plätscherten sie matt, schweren Dunst verscheuchend durch Zigaretten, die nur langsam schwelten in der Feuchtigkeit: die gebrochene Wirbelsäule heilte nie, unrettbar waren sie und blieben sie nach dem Staubsturz vom Gerüst. Doch konnten sie noch sehr lange leben, sich lange wohl fühlen im lauen Wasserbett, rauchend feuchte Zigaretten, plätschernd im Wasser die lange Nacht, haschend nach Zeitvertreib. Alfred war ein guter Mediziner. Tatsache war: Hier bestand keine Möglichkeit menschlicher Hilfe. Doch ging man täglich als sorgsamer Arzt vorbei, betrachtete die Temperaturkurve, auch wurde die Hand des Falles angefaßt, zur Untersuchung und auch zum Trost: denn energisch drückte der »Fall« seine aufgeweichte, schwammig zerfließende Hand in die Rechte des Mediziners, lachte und freute sich, daß die Lähmung nicht bis zur Hand reichte. Die Schwester stand dabei. Die Beaufsichtigung, die Pflege war stets sachgemäß. Alfred lächelte ein ruhiges, beruhigendes Ärztelächeln, als er den graudunstigen Raum, das ewige Rasseln von Wasser, den feuchten Fußboden, den grau rasselnden Menschen verließ. Er wurde nur kurz vor dem Tode herübergebettet aufs Land, aufs trockene Bett: und schon sah Alfred über Leiden und Tod hinweg, hinweg über jeden Menschen das »Präparat« vor sich, das spitzgeknickte Rückgrat des lebenden Maurers in der anatomischen Sammlung des Professors. IX Absichtlich blind machte sich Alfred; im Patienten sah er alles, die feinste Anatomie der Zellen, den Harnstoffgehalt, die Rest-Stickstoffmenge in zehntel Prozenten berechnet; er durchleuchtete ihn geschickt mit dem Augenspiegel; er sah rot, und von den gebogenen, zarten Adern durchzogen das geheimnisvolle Schwarz der Pupille; doch war er blind, absichtlich blind, den Menschen erkannte er im Menschen nicht mehr. Der Vater war ein wirklicher Mensch, für Alfred blieb er der einzige Mensch, der seelensgute, der stille Wohltäter. Er erlebte an seinem Vater: Stolz, Freude, inniges Gefühl, erfüllte Sehnsucht nach Liebe. Eine unantastbare, gesetzlich gesicherte Existenz breitete sich aus, die geachtete Zukunft unter den Bürgern, die felsenfeste Versicherung des Vaters: »Für wen arbeite ich? Nur für dich , mein Herzenskind. Und du sollst arbeiten und etwas werden, damit deine Kinder, so Gott will, es noch besser haben als du. Das soll mich der Allmächtige noch erleben lassen!« Der Vater, der abends die fremden Börsenberichte erwartete, hatte einen Hof von Geschäftsleuten um sich versammelt. Er selbst sprach nur wenig, da ihn die ewige Heiserkeit immer noch belästigte; schmutziges Geschmeiß von Agenten und Zwischenmenschen umgab ihn, unzertrennbar waren zwei Geschäftsfeinde, schmutzige Geschäfte warf einer dem anderen vor. Aiblhuber Raimund, ein unrasierter, schwarzbrauner, bescheidener Ökonom, stets die Biedermannspfeife mit Dreikönigstabak im knorpligen Mund, mußte hören, er hätte verfaulte Kartoffeln geliefert, die Waisen ausgeraubt als Vormund, die Felder den unmündigen Kindern für einen Pappenstiel abgeluchst, trotz seiner Million seine alte Mutter im Armenhaus verrecken lassen und auf Gemeindeunkosten begraben, nicht umsonst sei er der beste Klient des besten Advokaten, von Rechts wegen aber gehöre er ins Kriminal, ins Zuchthaus, auf den Galgen. Aus Menschenliebe, antwortete Aiblhuber mit Phlegma, hätte Benedikt Baumöhl an Husarenoffiziere Ballettmädchen verkuppelt, aus Menschenliebe ihnen dann verrostete, aber »auf neu lackierte« Automobile als »was ganz Besonderes« angehängt, aus Menschenliebe sich selbst von den Alimenten der armen »Gspaßmadeln« Prozente ausbedungen? Dann schwiegen beide, speichelten stillen Zorn, warteten einer auf des anderen Weggehen, spien vor Ungeduld im Zimmer umher. Der Vater sagte nichts, er horchte still, regte sich nicht; und als er schlafen ging, endlich befreit von dem menschlichen Ungeziefer Aiblhuber-Baumöhl, sagte Alfred hinter ihm her: »Armer Mensch!« Aber der zigarettenrauchende Maurer im Wasserbett war nur Fraktur des vierten Dorsalwirbels mit Blasenlähmung. Ein siebzehnjähriges, blondes Mädchen wurde in die Klinik »eingebracht«, stumm ließ sie sich alles gefallen, weiß lag der weiße Körper auf dem blanken Tisch, dunkelblaue Augen durchrollten ängstlich den Saal, gelbe Lippen verbissen den Schmerz, vergeblich verbiß sie den Schmerz, vergeblich wollte sie »ja ganz pumperlgesund sein, nur an Kirschkern geschluckt haben ...« Der Professor, der Chefchirurg Georg Landstätter, tippte schon nach zwei Sekunden auf die richtige Diagnose: Blinddarmentzündung. Die Mutter war anwesend; sie wurde hereingerufen, die Kleine bettelte sie an um Milde; aber der Chirurg, den die Studenten nach einem Bericht im Tageblatt den General des Skalpells nannten, sagte, volkstümlichen Dialekt heuchelnd, zur Mutter: »Wie's wollen, liebes Frauerl; Ihre Klane is minderjährig, wenn's nicht für Operation sind, zwingen kann Ihnen niemand, holen's das Maderl in Gottes Namen übermorgen ab.« Die Alte lächelte beglückt, die Kleine strahlte. »Beim Leichentor«, fügte der General hinzu. Die Alte, erblassend, sagte nun nichts mehr, unterschrieb einen Revers und ging wieder auf den Korridor hinaus. Der General befahl: »Narkose!« Die Kleine wurde angeschnallt, über die Knie, leicht gewellt, kam ein breiter, schwarzer Riemen, an die Hände Handschellen, über den Mund ein kleines Stück Gaze, bläulich-weiß, in Nickelrahmen gefaßt, und im Licht der blendenden Luster tropfte der Äther aus brauner Flasche nieder als glitzernd spitzer, weißer Funke. Das Mädchen geriet in Aufregung, in kindliche Wut, sie spannte sich mit allen Fibern, wurde rot, zitternd erbebte der Tisch. Alfred wandte sich ab von ihrem Gesicht: aber schon stand der Professor, aufrecht, mächtig, groß, neben der flachliegenden Patientin, schon blinkte das Messerchen in seiner Hand, gehalten wie eine Feder, zart zwischen zwei Fingern. Die Kleine schrie, jammerte: »Jessas, die Schand! Na, servas, ich! ... A anständigs Madel! Gehst weg? Na, nicht schneiden, ich bin noch ganz wach, erbarmt sich niemand? Die Geistesgegenwart verläßt mi nöt, die Gegenwart ...« Dunkel verrollte das Jammern, in Lächeln löste sich ihr verzerrtes Gesicht, in ein Lächeln löste sich Alfreds verzerrtes Gesicht, aufatmete er tief, kirschrot blinkten irgendwo, im Nebel der wasserdunsterfüllten Tiefe: Fetzen, Fleisch und Blut, nur das Auge der Kleinen sah Alfred, ein großes Auge, immer noch geöffnet, das glänzte blau, ohne zu sehen, Minuten vergingen, Hunderte von Pulsschlägen, die er nicht hörte, nur fühlte, eingezwungen, herab, zu einem neuen Menschen, endlich fühlte er sich in ihm! Eine Woche später übergab der Professor die Genesende der glücküberstrahlten Mutter, einfach, ohne dramatische Gebärden; seit dieser Zeit glaubte Alfred unbedingt, felsenfest an die Chirurgie als an die einzige Wissenschaft von Mensch zu Mensch. Die Narkose, die Stunde Schmerz, die der herrlich starke Arzt dem Kranken, der Welt ersparte, war ihm das Höchste, das ein Mensch dem anderen geben konnte: konzentrierte Güte, schlagende Waffe gegen das Böse. Alfred sah das Höchste in dem künstlichen Schlaf, dem künstlichen Glück, dem künstlichen Tod, Gott zu sein im Kleinen. Er war glücklich: Tat zu handeln, positiv zu leben. Er lernte narkotisieren, fand eine neue Methode, endlich brauchte man ihn. Hier in der chirurgischen Klinik rief man ihn mit Namen, endlich war er nützlich, notwendig, geliebt als Arzt. Absolut zuverlässig, hinhorchend nach dem hauchenden Atem, in erzitternder Hand hielt er den Unterkiefer des Kranken, leise hinrollen fühlte er den Puls unter seinen Fingern, empor in Wellen sich bäumen in Angst, zur Ruhe sich dann senken im Schlaf. Die anderen schütteten nach der Vorschrift Dr. Eggenberges dünnen Äther, schweres Chloroform in Strömen, prahlten damit, auch den stärksten Mordskerl in fünf Minuten niedernarkotisieren zu können, aber schon mit fünf Gramm Äther, mit zwei Gramm Chloroform betäubte Alfred den Kranken, Säufer, die nicht niederzunarkotisieren waren, an denen Chloroform literweise abprallte, als tausendunderster Mordrausch (Mordrausch reizte sie nur zu Mord und Totschlag, die wunden Glieder mit böser Gewalt umherwirbelnd im zerwühlten Lager), Alfred nahm zart-energisch ihren Kopf zwischen seine Hände, versprach ihnen starken, sibirischen Branntwein: neugierig streckten sie die Nüstern hin nach dem betäubenden Gift, nach Alkohol, Äther und Chloroform in genauer Mischung; mit Lachen ahnten sie Schmerzlosigkeit und tiefe Betäubung voraus, aber zart-energisch hielt Alfred sie an der Grenze zwischen Bewußtsein und Tod-sein; den Einschlafenden, Niederstürzenden in die Dunkelheit flößte er wieder ein: Helle, Gegenwart, Gegengift! Die Augenlider zog er in die Höhe, schaukelte die tief erregte Seele in Schmerzlosigkeit, er wollte sie schmerzlos, seine Liebe zum Menschen, seine Angst vor Grauenhaftem, hier hauchte er alles aus, endlich war er am ersehnten Ort: endlich nickte er dem weißen Messerchen zu, das sich lautlos senkte, im dichten Wasserdunst des überhitzten Saales, rote Strahlen gingen auf und nieder, Tod und Leben kämpften miteinander, Alfred stand beim Kranken, die Narkosenmaske in der Hand. Er wurde angeatmet von vielem Menschendunst, von Greisen mit eisgrauem Antlitz, von Mädchen, deren Haare schwer niederstreiften an seine Hand. Zu dem schrecklichsten Dienst hatte sich Alfred gemeldet. Bauchmuskeln, hart wie Eisen, schmerzhaft zum Entsetzen, allzu schwer war ihnen die leichteste Decke, allzu jammervoll war der Schrei der Menschen, den sie nicht schrien, fürchtend die Erschütterung des entzündeten Körpers beim ausgepreßten Schrei! Wie glichen sie den Hunden, bloß gelähmt, nicht betäubt, noch immer nicht betäubt! Aber schon hatte er den Kopf, die straff eingehöhlten Wangen zwischen seinen Händen, schon regnete er ihnen Müdigkeit, vertieftes Atmen, außergewöhnliches, goß über sie eine besondere Ruhe für diesen besonderen Schmerz. Andere, im Starrkrampf eingespannt, gespannt aufs höchste, wie Eisen hoch knirschend im Schraubstock, suchten die letzte Rettung in der Amputation: selbst der General, ein alter Chirurg, blutgewöhnt, war erschüttert und sprach von schwer verstümmelnder Operation. Alfred durfte nicht erschüttert sein: emporgepreßt zu äußerst klarer Bewußtheit war der Geist der Tetanuskranken, schwer war es, sie zu betäuben, sie niederzuschaukeln in die schwarze Entspannung einer einzigen Stunde. An den Betten der Tetanuskranken saß Alfred oft, im dunklen Zimmer waren sie aufgestellt, entrückt dem quälenden Licht, auf schwarzen Filzteppichen standen sie da, horchte Alfred hin nach dem Atem der Unglücklichen, noch ahnte er nicht Wirklichkeit in ihnen, nicht wirklicher erschienen ihm ihre kalten Stirnen als die braune, kalte Ätherflasche, die er in der Hand hielt, um Krämpfe zu stillen, zu ersticken, und die hell funkelte, selbst hier, in der matten Dunkelheit; Stunden durchwachte er: manche retteten sich, hohläugig durchwankten sie dann als glücklich Geheilte nach Wochen den Garten des Spitals, saßen auf Bänken, neben kranken Dirnen, den Ärmel, den unnützen, in einen Knoten verschlungen. Die Erschütterung dieser Nächte trieb Alfred heraus aus seiner Deckung, zerstörte wie Säure die Sicherung: an Menschen prallte er an, durchwanderte, ermüdet vom Tag (immer noch nicht müde genug), nächtliche Straßen, aber blind blieb er mit Absicht, blind wollte er sein. Noch war er auf Rettung des schonungsbedürftigen Alfred bedacht, sehnte sich nach Distanz, nach anonymem Leben, sehnte sich, sagen zu können: »Man lebt so, so, es geht, ich bin zufrieden, natürlich, jeder hat sein Kreuz, aber es könnte schlechter sein.« Entgegengebäumt war sein Leben jeder bürgerlichen Ordnung, jedem anspruchslosen Vergnügen, jedem beglückenden Familienfrieden. Schauerlich war alles »Mensch«. Schmerzen, schreckliches Schicksal, durch Krankheit zu Tode gemarterte Menschen gab es! Mit diesen Schmerzen betäubte er sich, mit diesen gemarterten Menschen verfinsterte er sich! Narkose übte er an Kranken meisterhaft, an weißen Betten in der Privatklinik saß er fleißige Nachmittage, am Schreibtisch schrieb er ihre Geschichte in medizinischen Ausdrücken.   Narkose übte er an Ludwig Lessing, dem Künstler seiner Zeit. Zerfressen sah er seine Eingeweide von unheilbaren Geschwüren; der General brach die Operation ab: »Hoffnungslos, schrecklich«, sagte der Assistent. »Gehn ma z' Haus, sagen wir, 's war nix«, sagte der Chefchirurg, ein altes Scherzwort ausbreitend über sein Gefühl. Mehrfacher Millionär, Schönheit, Parforcereiter, Mann des Lebens, erste Größe seiner Zeit war Lessing: Sänger in weißer Don-Juan-Seide, Gesang, Wolke, vor ihm herschwebend, Genie und eisernes Glück, edel im reinen Gesicht, keusch in der schwarzen Spitzenkrause um den knabenhaften Hals, leuchtend in der Verwandlung der Bühnen aller großen Städte, leuchtend in aufatmenden Palästen, die, angetastet von seinem Ton, widerstrahlten von seiner Herrlichkeit: nun wurde ihm als Notoperation, als Witz, als humane Marter, auf dem Bauch ein künstlicher After angelegt, die Haut mit Vaseline eingerieben, die Verbände oft gewechselt, Eau de Cologne flaschenweise im Zimmer versprüht. Alfred war bei ihm, breitblättrige Zeitungen hielt er ihm über die Augen, die zitternd flatterten, Nachtschmetterlinge, gegen das dunkle Papier. Sehen durfte Lessing sich selbst noch nicht; aber man beruhigte ihn flink, Anbeterinnen brachten Rosen; schlanke Damen mit wundervollen Hüften, zarten Wellen, geheimer Wollust unter Seide, Duft und Wärme, drängten sich an Lessings Bett, streichelten die Hände des Kranken mit Orchideen, mit tropisch duftendem Gewächs. Alfred war bloß Luft, spanische Wand. Er wurde im Nebenzimmer gehalten, hatte parat zu sein bei Tag und Nacht. Nichts durfte Lessing sagen, daß er unheilbar sei; man ließ ihn im Vertrauen wissen, die Krankheit sei akut, aber heilbar und am nächsten Tage entschieden. Der nächste Tag ging »tadellos« vorüber, alles schien er zu glauben; eine Dame, flüsternd Zärtlichkeiten ohne Zahl, wünschte ihm Glück, aber er schüttelte sie ab mit sonderbarem Wort: »Gehn ma z' Haus, sagen wir, 's war nix.« Am nächsten Tag zerbitterte er sich in Ekel, als Kotballen mit dem Verband entfernt wurden, er bäumte sich zurück vor bösen Dünsten, vor grauenhaftem Geruch. Doch blieb er still, steil hügelte der Kiel der Brust in schnellem Atem. – Nachts holte das Telephon Alfred aus dem Schlaf, heraus aus letzter, dunkelnder Decke. Lessing verlangte nach ihm, grellweiß im weiß lackierten Zimmer: wild zerfleischtes Gesicht, hervorgezerrte Zähne. Die kreischende Stimme riß durch die Luft Furchen, das Organ, früher Zauber der Welt, klang wie Ketten, über Steine gezogen. »Wo bleiben Sie? Wozu sind Sie da? Nur her, nur her zu mir! Ich brauche Medizin!« »Medizin? Der Chef hat nichts verordnet.« »Ach, schweigen Sie! Ich habe Sie gerufen, nicht den Chef! Medizin!« »Was heißt das: Medizin?« »Tod! Morphium, lebenslängliche Narkose, Zyankali, was Sie wollen! Ich nehme die Konsequenzen auf mich, alles ist schriftlich niedergelegt. Es ist mein Wille. Ich bin volljährig, vollkommen bei Besinnung. Ich bitte Sie, ich flehe Sie an! Für alle Unannehmlichkeiten werden Sie entschädigt, nennen Sie einen Betrag!« »Unmöglich!« »Unmöglich? Das sagen Sie mir ?« »Ihnen wie jedem anderen unserer Kranken.« »Mir? Bin ich denn einer unserer Kranken? Mensch? So hören Sie doch, gehen Sie nicht fort, schlafen dürfen Sie doch nicht, schlafen lasse ich Sie nicht! Doktor, Herzenskind, Mensch! Nein, Sie hören nicht?« Im Katzensprung verließ er das Bett, eine weiße Figur, mit Bandagen den Leib umgürtet, an den Knien griff sie ein in Alfreds Gelenke, schleppte ihn gegen sich. Lessings Hände nahmen Alfreds Hände, führten sie zu seinem Verband, drückten sie an die Gegend der Wunde. Sein Blick war aufgerissen, staunender Hundeblick im Erwachen, seine Stimme, so hold im Ansatz: »So greifen Sie hin, rühren Sie mich doch an! Begreifen Sie mich! Begreifen Sie mich?« »Nein.« »Nein?« – – – Er erhob sich, schwankte fort; Pulver und gute Worte nahm er nicht. Tröstende Mühe ignorierte er. Lessing aß nichts. Drei Tage verweigerte er die Nahrung. Am vierten Tag aber verlangte er ein ausgesuchtes Menü, bot Alfred mit zynischem Lächeln von einer mit Erdbeereis gefüllten Melone an: »Nein? Nein! Aber doch das?« Er legte ein Kuvert vor Alfred hin: »Ein kleiner Dank, dem Meister der Narkose!« Es waren vier Banknoten. Acht Tage später reiste er ab, reiste, auf Monate prolongiertes Leben, nach der Riviera. X Ausgleich gegen Lessing, Beruhigung, Aufheiterung suchte Alfred bei Kameraden, bei Menschen »ohne krankhafte Erscheinungen«. Die Gegenwelt mußte bestehen. Die bürgerlichen Menschen, die ordentlich fundierten Existenzen, waren doch weit in der Überzahl; künftige »Steuerkonzeptspraktikanten«, Herren aus der zehnten Rangklasse, kaltblütige Juristen gab es zu Tausenden, viele von ihnen kamen in die Vorlesungen über gerichtliche Medizin. Zu offen kameradschaftlichem Verkehr waren sie »allezeit mit Wonne bereit«, ihre Nachmittagssitzungen im Kaffeehaus erforderten ohnedies einen Partner beim Tarock und Königsrufer. Sie stellten Bedingungen, sie verbreiteten Ruhe um sich und Sicherheit; sie rollten ruhig: Nebenmenschen in der gleichen sozialen Sphäre. »Kiebitzen ist nicht erlaubt, aber das Spiel beginnen wir mit Ihnen speziell niedrig, direkt eine Volksschule im Tarock, übrigens durch Schaden wird man klug, wird schon schiefgehen«, man wies ihm das Blatt, beschimpfte ihn gutmütig wegen seines »idiotisch naiven Spieles«. Alle waren gesund, alle wirkten ihr geordnetes Leben, trugen sich mit ausgeglichenem Benehmen, lebten gemütlich als gute Kameraden bei Tag und waren einer kleinen »Draherei« bei Nacht nicht abgeneigt. Auch die nächtlichen Straßen wurden honett unter ihren Schritten. Sie gingen auf die Schnepfenjagd, »aber nicht so, wie Sie's meinen, nein, nur quasi zur Hetz', Geduld, werden schon sehen«, sie luden »Dämchen zweiter Güte« auf einen schwarzen Kaffee ein, schleppten sie mit. Die Mädchen trugen plissierte weiße Kleider, die nicht mehr knisterten, sondern, wie einer der Studenten schäkernd bemerkte, »abgetatscht« waren vom ewigen An- und Ausziehen, und unpraktisch: ein »Berufsgewand, so was wie eine praktische Uniform, speziell zum An- und Abknöpfein, gleich und auch schon, das muß man noch erfinden«. – Plötzlich ließen die Herren die Damen abfallen. »Müssen leider verzichten, Pardon! Vielleicht morgen, meine Dämchen, wieder um diese Zeit?« Die »Dämchen« schimpften laut krächzend hinter ihnen her, die Studenten standen still, kräftige Mannesgestalten, korrekte Hüte in der Hand, lauschten: »Das ist endlich ein saftiges Wort, direkt vom Busen der Natur. Aber jetzt weiter, ein Schutzmann taucht auf im Hintergrund.« – Im Kaffeehaus verteilten sie sich schnell an die Billardtische; zu Alfred, vor dem Beginn der Serie: »Na, war's nicht doch lustig? Immer eine kleine Hetz', kostet gar nichts. Aber jetzt an die Arbeit!« Kunstvolle Stöße begannen, für die vorgerückte Zeit war auch noch etwas geplant. Am nächsten Morgen standen sie stramm zur Mensur, alte Beleidigungen auszutragen, gegen Feinde ausgereckt (Feinde zu haben, schien Alfred beneidenswert), in korridorartigen Kellerlokalen klirrten sie los. Unverwundbar, mit bürgerlicher Stirn gedeckt, umgeben von Freunden, Sekundanten, zuckten sie nicht unter dröhnenden Schlägen, nicht unter herabschmetternden Quarten, ruhig hielten sie nachher die Schädel hin, damit Alfred, der sehr liebenswürdige Herr Paukarzt, ihnen die Nähte setzte, die Schramme verkleisterte; Alkohol verbrüderte sie dann alle zu dunstigen Gesängen; alter Herr, Bundesbruder, Bierjunge und sehr geschätzter Herr Konkneipant, das war anerkanntes, behördlich gestattetes Dasein, von Krankheiten frei. Alfred war ihnen nicht unsympathisch, war eine nicht üble Akquisition für die Couleur. Ältere Semester boten ihm »Du« an (»endlich Du«, dachte Alfred, watend in den ersten Nebeln der Berauschung), das kameradschaftliche Zusammenleben war herrlich, Geheimnisse gab es nicht, einer zeigte die Bilder der Geliebten, Photos, im Hotel garni bei Blitzlicht gewonnen. »Sehen Sie, ich bin nur für was Besseres, die käufliche Venus vulgivaga stößt mich moralisch ab«; das Bild, ein scheußlicher Akt, ein dunkel gespreizter Körper, wurde zur Ansicht herumgereicht, man sprach: »Wundernetter, kleiner Kerl! Ganz reizende Blondine! Stramme Liebesfee!« Einer schlug vor, das Weibtier in die Couleur mitzubringen: »O Pardon, entschuldige, ebensogut könnte ich sie ja heiraten!« – »Einer muß sie doch schließlich und endlich heiraten.« »Menschenskind, sag mal: Hand aufs Herz, wirst du einen Möbelwagen heiraten?« »Möbelwagen?« – »Silentium! Prost Blume dem lieben Gaste! Setzt an! Stoßt an! Ex! Cantus steigt: Ich bin ein fahrender Geselle!« Gesang schwelte unisono , Verständigung war unmöglich. Ablenkung, Zerstreuung, Gegenwelt suchte Alfred in Tanzstunden, auf kleinen Bällen, bei gesunder Geselligkeit. Er fand Ansammlungen von Couleurbrüdern, ihren Schwestern und Verwandten. Die Töchter Benedikt Baumöhls, Raimund Aiblhubers fehlten nicht. Blendend war eine weiße Hand, ein schmal gefesseltes Knochenspiel, eine weiche Schulter, hold vorgebaut aus mädchenhaftem Musselin, ein herrlich wildes, fugenloses Gesicht, wie Landschaft nur schön, nicht »für das gemeine Leben bestimmt«, scheinbar grauem Alter, zerfetzender Krankheit, wühlendem Kummer nicht unterworfen. Alfreds Sehnsucht nach glücklichen Menschen, beneidenswerten, erstarkte gut im rollenden Saal. Tanzschleifen, Seide und Musik, unberührbare Schönheit rissen ihn auf zu Hunger, zu Gedanken der Verführung, zu der Strickleiter der tastenden Liebkosungen. Die erste Berührung, der erste Tanz, Glieder an Gelenke, knisternde Stoffe in dem Anschmiegen Mensch an Mensch, anatmen ihres Atems an seinen Nacken, Druck an ihre mädchenharte Brust. Doch das Ersehnte war angekuppelt an verblödetes Gehirn, an wunschlosen Körper, an ewig schlafende Natur: sinnlos plätscherte sie viel Worte ab, blöd, unfähig menschlicher Sprache.   Betäubung, Zerteilung seines vom Grauen zusammengepeitschten Menschen suchte Alfred in der Schlossergasse, Poldis letztem Asyl; vor Alkohol scheute er nicht zurück. Doch Alkohol, bitterer Schnaps, war nur durchsichtige Verzweiflung und regte ihn auf zum Schreien: er erkannte die Narkose, die passive Betrunkenheit. Von lebenslänglicher Narkose hatte Lessing eben gesprochen, hier war Allasch, Kontuszowka, Alkohol fünfundzwanziggrädig, mit Farben und aromatischen Kräutern, das Glas kostete etwa vierzig Heller, die ganze Narkose zwei bis drei Kronen. Er ging in den Anstandsort, zusammengerafft durch sehr starken Willen zum sicheren Schritt, an Tischen, Kellnern, Damen, der Gastwirtschaft vorbei. In einem Spiegel dort sah er sich selbst, lange still: Ein bartloses, großes Gesicht, abgehagert in springenden Jochbeinen – gute Augen, nicht wahr, doch gute Augen, ohne Bosheit und Laster! – Ein zuckender Mund, entgegenzuckend jeder Leidenschaft! Aber nicht einmal zum Zorn meldete sich Gegenwelt. – Schöne Zähne, ein männliches Lächeln mit dunklen Lippen, aber scharfe Furchen von Nase zum Mund. Jetzt schon alterte er ein, er, der nichts genossen hatte, niemand hatte ihn genossen, nur von vieler Arbeit war seine Stirn geweitet unter schwarz schattenden Haaren: nutzlos war der ganze Mensch, bloß die Hände waren wertvoll noch an ihm, gute, sehr geschickte Werkzeuge beim ärztlichen Dienst, er selbst war nur ein blauer, feiner Anzug mit einem Mediziner im vierten Jahrgang darin, weiß gespiegelt im Spiegel des Pissoirs, menschenleer. Hunger nach menschlichster Berührung belebte ihn neu. Entschlossen, ohne Ansehen der Person sich einzukrallen an Menschen, fand er sofort ein schwarzhaariges Fräulein mit »hochanständigem Beruf und in intelligenter Tagesbeschäftigung«. Das Fräulein lachte und nahm Geschenke sehr gern, besonders Kinokarten. Sie hatte die Abende der Wochentage frei, nur sonntags war sie gebunden, »an einen armen Teufel, wie man so sagt, meine alte Liebe«. Entschlossen, sich ein Stück Liebe von ihr abzubrechen, kam ihr Alfred nahe, den Ekel unterdrückend, die Augen im Krampf gepreßt, doch sie schnellte zurück, schamlos erklärend, er könnte ihr die falschen Zähne mit seinem Kuß eindrücken: »Reden 's nicht, eh schon wissen! Wer zahlt's nachher?« Vor anderen, kindhaft Erblühten, bezaubernd in singendem Lachen, gewichtlosem Gang, braun getönter Haut, warnte ihn ein »geheimer Polizist« in Zivil, den er im Wirtshaus »Schlossergasse« kennengelernt hatte. »Sehen's, das sind Diebinnen. Nichts ist an ihnen. Wir führen's lang schon evident bei der Polizei. So was ist verdorben, meist vom Bruder oder so ... Aber für Sie wäre das nichts. Auf so was sagt man ›Abschaum der Menschheit‹. Die Abschäumlinge nennen wir's unter der Hand bei der Polizei. Alle Tage können Sie so ein grünes Skelettl bei uns sehen im Bureau. Auch Lockenspitzeln werden sie zur Hetz gerufen. Allerhand wissen sie von den Dieben, und wenn was passiert, was denken Sie, ein Zuckerl gibt man so einer und der Bruder oder was er zu ihr ist, sitzt auch schon im Kriminal. Allerdings, so fängt man Maus' mit Speck. Übrigens, ich sag's offen, ich bin ein Geheimer. Aber ich hab' studiert am Gymnasium, jetzt bin ich bei der Behörde, ich bin, wie Sie mich da sehen, nicht der erste Beste, fünf Jahre diene ich im Ressort mit wiederholter Belobigung und Dienstprämie.« Er wußte alles, war angefüllt mit abschreckenden Erzählungen, schien übrigens geneigt, dem Herrn Doktor auf Wunsch auch etwas Besseres zu vermitteln, »eine, die sich die Finger ablecken würde oder so ...« Er wartete auf eine Frage. Alfred war bereit, selbst zu Poldi zurückzukehren, mit Frage nach Leben oder Tod, zu neuem Beginn des mühsam Verscharrten. Der Detektiv stieß ihn an: »Vorher eine Kleinigkeit, Herr Doktor, einen ganz bescheidenen Liebesdienst.« Er führte ihn in einen Winkel, entblößte da den rostroten Hals und wies ein kleines Furunkel vor: Alfred in Ekel, Wut, Rache, endlich gegen Menschen! »Das? Nur Operation!« »Aber, mein lieber Herr, Operation? Wegen so einem Schmarrn? Ist ja nur ein entzundenes Wimmerl, wie man so sagt!« »Schnitt bis auf den Knochen!« »Was Sie nicht sagen? Oh, du mein lieber Gott!« »Alles infiltrieren, ausschneiden bis an die Bänder der Wirbelsäule, ja!« »Na, so was, na, so was!« Er hinkte zurück in den Saal, entfernte sich schnell. Alfred war gewillt, in die Schlossergasse nach diesem Tag nicht zurückzukehren. – Der Heimweg führte ihn durch Aufatmen in menschenleere Nebel, Fabrikstraßen unabsehbar, Glasdächer, parallel gerippt, von grünem Quecksilberlicht zersträhnt in viele dünne Haare, ferne rasselte Kohle wie Wasserfall, rauschend auf meterhohe Haufen, matt glitzernd, Licht wie Schleier auf Schwärze. Die Nachtarbeit hielt die Zelle des Fabrikpförtners offen, die Zentraluhr, gestochen vom inspizierenden Werkmeister, der herankam, eine weißgelbe Laterne quer zwischen den Kohlen. Branntweinläden zum Narkoseverkauf waren rot erhellt, ein Orchestrion klingelte grell, Nachtarbeiterinnen traten aus der Tür mit öligem Blick, reizvoll mit schräg gesenktem Kopf, schwankend von Tag und Nacht. Das Wiedererwachen eingescharrter Träume fürchtete Alfred: fürchtete sich vor Mädchen, rosenfarbig, doppelt nackt mit spitzenumstreichelten Gliedern; wie fürchterlich, in der Nacht gewaltsam gegen das Unerreichbare gezerrt zu sein; wonach er sich sehnte, war unerreichbar. Erreichbar war nichts als das Kissen, die Decken, das Wasserglas, die schönen Kleider glatt über dem Stuhl, der liebe Vater in der Nähe, Andulka in der Küche, Alfred umgeben von allem, was ihm zugeteilt war, und überall Atmosphäre, Dunst des Zimmers. Rausch, Entweichen in die Wonne nirgends. Das Krankenhaus, die Ärzte, die alterfahrene Schwester, Medizin in frischen Füllungen, Instrumente, fünfzehn Schränke voll, blitzend geschliffen, das alles war sachgemäß geordnet für die Kranken. Das Freudenhaus hatte vielleicht auch hinter Schloß und Riegel, aber doch zugänglich, endliche Freude, Ein-Menschlichung des im Spiegel des Pissoirs isolierten Alfred, die Wonnewelt, Spitzen-Rosa-Glieder, viel Licht und leichtes Blut, auf Kissen nonchalant gewiegte Freuden-Menschen, die Gegenwelt in Vorrat. Ein solches Haus schlich Alfred an. Doch das Klopfen der wachehaltenden Dirne, ihre weißkalkige Hand, klappernd gegen schwarzglanzloses Glas: das war wieder »schauerlicher Mensch«, eine gesperrte Straße, ein weit ausgespienes Haus. Er rettete sich heim, verzweifelnd redete er sich zu, er hätte seinen Beruf, ihn halte aufrecht seine humane Betätigung, er arbeite wie ein Wilder, scheue vor nichts zurück, Belohnung komme später, eine Liebesehe, ein schönes, kluges, reines Mädchen, eine arme Adelige vielleicht, auch Reisen gab es dann, Teneriffa, Insel im Meer, kirschrot, Felsen grau, Wasser wie Smaragd, endlose Flitterwochen, Flucht aus der Welt. XI Die weißlackierte, eisenbeschlagene Tür, die vom Hörsaal in die Klinik für Nerven- und Geisteskranke führte, wurde geöffnet. Viele Kranke standen still, zerrenkten Marionetten ähnlich, andere tobten durch sie hindurch, wehend in weitem Krankenflaus, lange Haare schüttelnd, schlotternd mit entnervten Gliedern. Zwei Wärter schoben ein schlankes Mädchen vor sich her, das sich wehrte: wie auf Schlittschuhen glitt es über den glatten Boden; unerkennbar war das Gesicht, tief auf die Brust gebeugt: der Nacken, eine zarte Perlenkette, blinkte im Licht, weich gesenkt. Wie rührte der fremde Mensch den Studenten! An sich fühlte Alfred die altersharte Hand des Professors, der ihm das Gesicht in die Höhe bohrte, sachlich einen Menschen anpackend an der Handhabe, am Kinn. In Alfreds Gesicht hineingeblendet war eine elektrische Taschenlaterne: im dämmerigen Saal leuchteten große Augen, schön, goldig im Glanz der Laterne. Offen wehte der Augenblick an Alfreds offenes Herz, schwer fühlte er seine Glieder. Was er nie gefühlt hatte, nun fühlte er es: Dieses unbekannte Mädchen, geliebt beim ersten Blick, anerkannt als wirklich, nicht abgeleugnet: er tauschte mit ihr, ließ sich treiben mit ihr, verdoppelt war die Natur, sein Menschlichstes wurde angerührt von der namenlosen Person! Dieses Mädchen auf der Bank für Geisteskranke war geisteskrank, ausgeschlossen von jeder menschlichen Möglichkeit, entmündigt, stumm gemacht, gedemütigt bis ins letzte, passiv bis ins letzte, sich selber herumhauend in zischendem Zorn – die zarte, blonde, glanzäugige Geliebte – schäumend, ein tobender Krampf – ein gutes Du, »Du-Sprache« verstehend –, und doch aufschlagend mit harten Fäusten an weißlackierte Eisenwände, eingezellt wie ein wildes Tier in hermetisch geschlossenen Kotter: demütig nach dem Anfall wieder hockend in seinem Schmutz wie die gefangenen Hunde beim Tierhändler, nicht Mensch mehr, nur ein lebender Dauerkadaver. Doch wählte er sie: er nahm auf sich ihre Galgenfrist, trug mit ihr den schrecklichen Termin. Sie in seine besten Augenblicke, in stilles Grün im Walde, unter weißgeballte Wolken hinzuführen, zu singenden Hummeln, beruhigte Nachtträume zu teilen mit ihr, gesichert im bürgerlichen Winkel, sie wieder aufzufüttern mit guten und vielen Speisen, wie sie Andulka kochte, das war sein Wunsch: aber noch hockte sie unten, gespreizt im Widerwillen gegen objektive Betrachtung. Ihn kannte sie ja noch nicht, Alfred, in dem es liebte, hin zu ihr!   Der Professor schien erregt: »Ich verstehe Sie nicht! Benehmen Sie sich, wie es sich gehört! Glauben Sie, daß uns dieses Auftreten imponiert? Sie befinden sich auf akademischem Boden!« Der »lebende Dauerkadaver, Objekt von Prüfung und Untersuchung« blickte mit großen Augen (entgoldet waren sie im Schatten) im Saale umher: Alfreds Augen wurden eins mit ihrem Blick. »Also, nun vorwärts. Erzählen Sie uns, wie und warum Sie hergekommen sind!« Sie schwieg. »Selbst Ihre Vorgängerin, eine einfache Köchin, hat uns ihre Angaben selbst machen können, Sie aber, eine sogenannte gebildete Person ... Meine Herren, ich will angesichts des renitenten Benehmens der Patientin auf ihre Krankengeschichte nur kurz eingehen: es handelt sich da um eine vorübergehende Psychose, einen durch Morphium hervorgerufenen manischen Aufregungszustand, der viele Ähnlichkeiten mit einem Alkoholdelirium hat. Inwieweit tiefere Störungen des Geisteslebens vorliegen, ließ sich bisher nicht feststellen, da die Patientin sowohl jede Auskunft als auch die Nahrung verweigert. Sie muß also mit dem Magenschlauch ernährt werden... Sie hat eine größere Menge Morphium genommen, die Folge war, wie so häufig, nicht Beruhigung oder Tod, sondern Aufregung und Tobsucht. Die Polizei fand sie, halb entkleidet, in der leeren Remise der elektrischen Straßenbahn, gegen drei Uhr morgens, wo sie zusammenhangloses Zeug deklamierte. Wir sehen noch jetzt in der Pupille hochgradige Verengerung. Fräulein Milada, wollen Sie sich zu den Studenten begeben; meine Herren, ich lenke Ihre Aufmerksamkeit auf die länglichen, stark verengerten Pupillen. Eine Wirkung des Alkoloids!« Das Mädchen stieg ohne Widerstreben die Bankreihen empor. Zu Alfred strebte sie hin, vor Alfred blieb sie stehen, lange blickten sich die zwei Menschen an. Sie fühlte vor mit ihrer Hand, einer kleinen, armselig mageren Hand, schmutzig vom widerstrebenden Streifen Krankenhauswände, Zellwände entlang, sie nahm Alfreds Federhalter, der vor ihm lag. Verwehren konnte das Alfred nicht, er wollte sie nicht bändigen mit ärztlicher Fürsorge. Ihre Vergiftung war im Schwinden, Besserung war auf dem Weg: bloß für Hoffnung hatte Alfred Gedanken. Schon rief der Professor die Kranke wieder herab; nun mußte man sie nicht mehr auf dem Boden dahinschleifen: Mensch! Nicht mehr Patient! Sie ging edle Schritte, die weiche Rundung ihrer Hüften, zart unter dem groben Krankenflaus, weckte in Alfred den Mann zum Schmerz. Immer noch wehte sie in ihrer Schönheit weich hin gegen sein Herz, das menschlich gewordene. »Nicht ohne Absicht, meine Herren«, sagte nachher der Professor, »habe ich die Kranke etwas energisch angepackt. Ungeduld oder Zorn kennt der Psychiater nicht. Aber wir haben sie im Verdacht des chronischen Morphinismus, und dieses Laster nimmt leider sehr überhand. Die Menschen sind degeneriert, wollen Schmerz und Kummer nicht mehr ertragen. Alkohol bei den Männern, Morphium bei den Damen, schmerzstillende Tropfen. Es handelt sich hier um eine Schauspielerin. Vielleicht wirkt dieses ihr Erlebnis erzieherisch, wenigstens hoffen wir, daß die Furcht vor der Vorführung in die Vorlesung, die begreiflicherweise bei einer gebildeten und intelligenten Person sehr heftig ist, die Patientin vor weiteren Selbstmordideen abhalten wird, so daß wir für unsere Heilungstendenzen einen günstigen Boden finden.« Noch war Alfred nicht zum Menschen verwandelt: er ließ das Hündchen im Käfig des Händlers ersticken im eignen Kot, bloß hoffnungsloses Mitleid, kostenloses, warf er Poldi über den schmerzzerfetzten Kopf, mit guter, ärztlicher Fürsorge, mit ärztlichem, gutbezahltem Gewissen versagte er Ludwig Lessing den anständigen Tod, das »Mindestmaß an Leiden«: Mensch wurde er, erschütterbar ! Aber er war es noch nicht. Hineingeweht war Milada wie durch ein offenes Fenster ganz nahe an ihn, er trug sie in sich, und doch hoffte er, sie nie wieder zu sehen. XII Das Anschlußkolleg war große Chirurgie. Der Professor schwelgte in chirurgischem Optimismus. Seine Dauererfolge wies er vor, Patienten, vor drei, vor fünf, vor acht Jahren an bösartigsten Krebsen operiert, nun geheilt, dauernd gesund, durch Expreßbrief unter Zusicherung der Reiseentschädigung in die Vorlesung beschieden; nun hockten sie im Korridor, zwei Männer, ein Weib. Ihre Hemden hoben sie ab vom verhärmten Leib und verglichen die Narben nach Länge und Lage, lachten graues Lachen, prahlten. Der Professor berichtete: »Alle analogen Fälle, die sich nicht so schnell zur Operation entschlossen hätten, seien längst abspue gegangen, wogegen ... ich bitte, meine Herren, hier ...« und er zog mit väterlicher Gebärde den ersten Dauererfolg in den Saal. Die Methode der Operation, Lebens- und Todeschancen an der Hand der Statistik entfaltete er mit Kunst und Genuß in klinischem Vortrag, da stürzte Doktor Eggenberge, der Oberarzt, herein, flüsterte aufgeregt, aufgeregt wurde der General, lenkte die »Dauererfolge« vor sich wieder in den Korridor hinaus, ließ die Wasserleitung laufen, drehte die Sanduhr herum, brauner Sand rieselte unbeirrbare zehn Minuten, Dauer der Händedesinfektion nach Vorschrift. Eine große grellgelbe Billrothbatistschürze, mit einer Messingkette um den nackten Hals, hohe Galoschen, schwarz, fast bis zu den Knien reichend: in einer Sekunde war der Professor ein anderer Mensch, anders seine Augen, anders sein Gang, anders seine Stimme. Mit harter Bürste rieb er Hände und Arme, heißes Wasser spritzte aus weißblinkenden Hähnen. Des Professors Stimme übertönte die Nebengeräusche des fließenden Wassers, der hereingerollten Patientin, der vorbereiteten Operation. »Ein glücklicher, leider seltener Zufall, meine Herren. Voraussichtlich eine Herznaht. Selbstmordversuch in der psychiatrischen Klinik. Die Methode, die Sie nun sehen werden, ist neu und bleibt größtes Verdienst des Frankfurter Chirurgen Rehn. – Erste Assistenz Dr. Eggenberge, zweite Assistenz Salfner, Instrumente Schillerling, Narkose einer von Ihren Kollegen, der sehr schön narkotisiert, Herr Mediziner Dawidowitsch. Seit drei Jahren sind wir nicht mehr wehrlos gegen Verletzungen des Herzens, wir können alles angehen, vorausgesetzt, daß der Patient lebend auf den Tisch gebracht wird. Von fünf operierten Fällen drei geheilt. Zweifellos wäre auch unser tiefbetrauerter Erzherzog-Thronfolger von den Folgen des infamen Meuchelmordes in Sarajevo operativ zu heilen gewesen. Kochsalzapparat anheizen! Adrenalin eins pro mille vorbereiten! ... Es gibt Methoden gegen jede Art der Verletzung, nur gibt es keine gegen die Mörder ... Pulskontrolle der Narkotiseur. Vergessen Sie nicht den Rippendilatator ... Auch hier ist die erste Hilfe entscheidend, sie kann gar nicht schnell genug einsetzen, trotzdem müssen wir gerade hier exakt an die Regeln der Asepsis uns halten, denn wir stehen im Begriff, die Brusthöhle, ja sogar den Herzbeutel zu öffnen.« Alfred sah Milada wieder. Waschküchendunst durchwölkte den Raum, Heimatatmosphäre. »Licht!« befahl der Professor. Elektrische Zeißlampen, nahe der Decke, zischten; harte Wände, mit Ölfarbe emailliert, schleuderten Schneeblendung von allen Seiten; der Spiegel über dem Tisch schleuderte schräges Licht gegen die Studenten, als weiß brennende Blendung. Im Spiegel zeigte sich Milada: ihr vergilbtes, plötzlich zerfaltetes Gesicht war eingealtert, schief gezerrt durch Schmerz, stumm gewaltig blickten ihre aufgerissenen Augen, ähnlich den Augen gemarterter Hunde. Spitz wurde der Krankenflaus abgehoben, mit scharfen Scheren schnitt man ihn herunter, hohe Brüste, rot übersprenkelt, standen still im siedenden Licht (Abendstunde schien, tiefe Nacht, Stille, sausend in den Lampen); unter den Brüsten vibrierte Alfreds Federhalter, wippte mit jedem Herzschlag, erschütternd alle mit seinem Schlag, lautlos. Umgestürzt war die Welt im Spiegel; verschleiert die Welt im Wasserdunst, von der Hitze betäubt. »Das Bewußtsein ist, wie Sie sehen, erhalten. Die Blutung nach außen hat aufgehört«, sagte der General, er winkte Alfred hart heran an Milada mit seinem Arm, der im Kalklicht glänzte wie vernickeltes Metall: »Vorwärts, Narkose!« Tief seufzte die Kranke, allein, inmitten zahlloser Menschen, übergrellt von Spiegeln und Lampen, niedergeschrien von der Gewalt aller. Silbern klirrten Instrumente, brodelnd über elektrischem Ofen. Weiße Röcke, weiße Hauben, weiße Tücher, an den Fingerspitzen gehalten, weithin ausgebreitet, senkten sich, als weißes Feld, glatter Boden der Operation. Langsam vibrierte Alfreds Federstiel. Neun Minuten waren abgelaufen an der Sanduhr, brauner Sand war hoch gehäuft am Grunde. Abgeklungen war allmählich Lärm, Bewegung, erster Aufruhr der Seele, unsagbarer. Aus siedendem Wasser knisterten hervor ungeheuere Siebe, Dampf dunstete auf und nieder, auf kleinen Tischchen sonderte man schnell weißes Gerät in weißen Reihen, Scheren, tückisch gekrümmt, Haken, vierfingrige, mit eingebogenen Klauen, Nadeln, Knochenzangen mit zwei Spitz-Zinken. Die Sanduhr lief ab. Das Wasserplätschern verstummte jäh. »Jod!« sagte der General. Jetzt erst, in letzter Minute, rollte heran der große Narkoseapparat für die Operationen der Brust, die stumpfeiserne Sauerstoffbombe, das blitzende Manometer, Hähne, blau und rot markiert. Alfred hielt dem Mädchen die Maske vor das Gesicht. Leise sauste Sauerstoff aus der Bombe; jetzt erst, im letzten Augenblick (der Professor und der Oberarzt standen weiß, brutal starke Menschen, messerentschlossen, rechts und links von der Kranken), jetzt erst begriff Milada. Das Messer schaute sie an, wild stieß sie die Maske fort, hackte hoch empor das Kinn, dem Hunde ähnlich, der gegen das Nickelgebiß sich wehrt, abgebändigt auf der Bank der Vivisektoren. Schreien wollte sie, reden flüsternd, aber nur in schlaffem Kampf ballten sich die Lippen, ermüdet vom Leben, ermüdet von allem: lautloses Grinsen wurde das ersehnte Wort. »Herr Professor«, sagte Alfred, Zeit erbittend, Aufschub, Linderung, plötzliches Abwälzen der Verantwortung, neue Pioniere, schwimmgeübte Soldaten, zur Errettung ! Grauenwelt dröhnte überall, nirgends schimmerte heitere Gegenwelt! »Jod, bitte!« sagte der Professor. Jod, metallisches Braun, schlug nieder das Bogenlampenweiß der hohen Brüste, immer noch wippte, aber schlaffer schon, der Federstiel, gejagt vom träge wankenden Herz! Weich ballte sich um den Menschen Alfred Verzweiflung. Stumm war Milada, aber böses, aus dem letzten Grund zusammengerissenes Nein! sammelte sich in ihrem Gesicht. Ekel, Entsetzen, hilflose Wut: aber die Hände waren längst sicher versorgt, in praktische Handfesseln gesperrt, die Beine angeschnallt mit unzerreißbarem Riemen. Schlafen wollte sie nicht. Weg spie sie das betäubende Gift, hart schlugen die Augenlider gegeneinander, niederzwinkernd die zuckende Erregung, losheulen mußte Schmerz, losheulen Schmerz in ihm, in Alfred selbst schreiend, alles Grauenhafte, immer, von jeher geahnt: nun konnte er es nicht fortstoßen, niemanden prompt erwecken, sich nicht losreißen von der Wirklichkeit! »Na? Der Puls?« fragte der Chirurg. Es war das erstemal, seit die Studenten ihn kannten, daß er nach seinem berühmten »Jod« noch etwas sagte. Alfred tastete hin, mit weicher Berührung an Miladas Hals. »Ich fühle den Puls an der Carotis noch nicht, ich kann die Carotis nicht finden.« Sie fühlte seine Berührung! Entgegen hob sie ihm das Haupt, auseinander breitend die Lippen, geweißt vom Schmerz. Tropfen auf Tropfen funkte nieder Äther. »Immer noch nicht?« fragte der Professor. »Nein!« »Den Kopf tiefer lagern«, sagte der Professor; »das Blut drückt das Herz von außen zusammen; Herztamponade nannte das Ernst Bergmann.« Der Tisch senkte sich, getrieben durch hydraulische Maschinen; süß fühlte Alfred niederzusinken in seinen Schoß ein menschliches Haupt, betäubt, schwer, willenlos, gewärmt durch einströmendes Blut, überschwebt vom ersten Schlaf!   Das Gesicht Miladas erstarrte wie Zement im Regenguß des Äthers. »Skalpell!« Aus dem harten Kristall einer alkoholgefüllten Schale schnellte ein weichgebauchtes Messer wie ein spitzer Fisch. Ein breiter Schnitt zerklaffte das Fleisch. »Es blutet nicht. Leider blutet es nicht. Der Blutdruck ist minimal. Vorsicht bei der Narkose. Luft dringt hervor. Dreckige Geschichte. Hier: das Instrument des Selbstmordes. Vorwärts: Rippenschere!« Leise zerkrachte die Rippe im blitzenden Gebiß der Rippenschere. Alfred hielt seine Hand auf die Lippen Miladas, die erhärtet waren im Regenguß des Äthers. » Sie schläft, du schläfst! « »Der Herzbeutel ... hier. Vorwärts, Péan! Kropfsonde!« Ein Finger aus Nickel bohrte sich leicht in die enge Öffnung, eine Schere klappte auf in dunkelrotem Gerinsel, ein abgefangenes Tier, aufzuckend im Takt, lag frei das Herz. »Der Puls?« »Nichts!« »Vorwärts, Kochsalz!« Aus elektrisch geheiztem Bassin stürzte Kochsalz, auf 37 Grad erwärmt, nieder auf die Wunde, Blut versprühend in einer Sekunde. »Los! Fixation des Herzens!« Ein silberglänzender Seidenfaden schlängelte sich ab von rosaroter Porzellanspule, eine krumme Nadel biß scharf hinein in die Spitze des Herzens, am Fadenzügel zog man das Herz heraus aus seiner Höhle. »Schneller! Vorwärts! Höher! Noch etwas ... gut! Hier blutet es. Finger in die Wunde! ... Erste Naht! Troikartnadel! Seide, nicht Catgut! Einser-Seide! Gut. Weg mit der Hand! Die zweite Naht! Schere! Gut. Gaze! Die dritte Naht! Gut. Puls?« »Nichts!« »Den Herzzügel fort!« Nieder senkte sich das Herz in seine Höhle. »Nun?« »Nichts!« »Vorwärts! Adrenalin! Einserspitze, dünnste Kanüle!« Farbloses Gift zischte ein in das Herz. »Der Puls!« sagte Alfred. »Der Puls: eins ... eins ... zwei ... drei ...« »Schluß der Wunde! Ein Glasdrain, Hautnaht, Schere, Gaze! Narkose: Schluß! Jede Stunde eine Spritze Kampfer! Verband. Jemand bleibt dauernd bei ihr. Adieu, meine Herren!« XIII Um zwei Uhr fünfzehn kam die vierte Kampferspritze. Zu schwach war Milada, sich zu wehren: in dem Elend ihres Lebens fürchtete sie nun jeden Schmerz, sie überwand ihre Wut, ihren gedemütigten Stolz, sie bat, sie bettelte, aufreißend die Augen, die unzerstörbar strahlten. Alfred legte die Spritze fort. Drohend rauschte die Oberschwester, Schwester Oribunda, heran, versprach das Versäumnis dem Oberarzt, Dr. Eggenberge, sofort durchs Telephon anzuzeigen. Hilflos bot Milada ihren abgemergelten Arm. Alfred ließ die Injektion. »Unter all den Schweinen sind Sie der einzige Mensch!« sagte Milada. Um drei Uhr wurde Alfred abgelöst.   Um einen Menschen war jetzt die Welt bereichert! Ein Mensch erholte sich, schwankte langsam die weiß lackierten Wände entlang, lachte über seine Unbehilflichkeit wie ein Kind, lachte! Griff mit freudeglänzenden Augen nach Zigaretten, schluckte den süßen Rauch, atmete ihn ins Freie hinaus, in den Sommer, blau oder gold; ein Mensch, nicht mehr ein namenloser Patient, Fall VI der Statistik. Beim Wechsel des Verbandes, der sich weiß löste von der zart getönten Wunde, überbreitete Alfred sein Gesicht der emporatmenden Kranken: in ihrem Haar, schwer gewellt, lag Äthergeruch, aber ihr Mund war gesundet, zu starkem Lächeln, zu ersehntem Kuß! Ihn nahm ein Mensch in die süße Atmosphäre seiner Nähe. Miladas Wimpern, so lang und schwer, schlugen an seine Wange! Holder Grund zur Freude, Grund zu sanftem Wort für Andulka, zu sanfterer Berührung der narkotisierten Kranken. Liebe war für ihn: mit Freuden warten auf den Abend, auf das Sirenenkrachen beruhigter Fabriken, auf das Anströmen von tausend Menschen auf dem Weg zu Milada, mit Wonne einatmen den sonderbaren Duft der Asphaltstraßen, wenn der Sprengwagen kühle Nässe über sie streichelte, rieselnd in den glimmernden Abendstaub ... Sich freuen von einem Tag auf den anderen, mit Wonne die Messingknöpfe an dem Treppengeländer ertasten, wenn er morgens in die Klinik ging, abends, wenn er heimkehrte. Freude haben an sich selbst, an seinem Haar, an seinen Augen, an seinem Mund. Jetzt liebte ihn ein Mensch, jetzt liebte er sich und wurde gut. Geld war schön zum Kaufen der Geschenke: jetzt begriff er Luxusgeschäfte, Juwelierläden, Auslagen mit schillernden Pelzen, mit Seal und Blaufuchs, mit Seiden, die krachten in der Härte der Farben. Sommer, grundlose Beglückung der Zeit. Jünger fühlte er sich jetzt als mit siebzehn Jahren, näher atmete er heran an Menschen, Straßen, Stadt: stumm saß er neben Milada, denn Sprechen, Flüstern, selbst Atmen tat ihr weh; müde wurde er von allzu tiefer Ruhe, aber glücklich müde. Wonne im Atmen, Wonne im Gang durchschritt er den malvenfarbenen Staub langer Vorstadtstraßen; in der Ferne, über einer Fabrik, standen in der Runde Bogenlampen, wie Sternbilder nächtlich geschart, niederschneidend weißes Licht auf leere Höfe; andere Luft, gesundmachende, wehte um ihn, nie hatte er solche Tageszeiten erlebt. Versunken waren mit Poldi auch die Schlossergasse, der Detektiv und die Hutmacherin, böse Erinnerungen wurden abgetreten, der Irrenhausvormittag, das fürchterlich zuckende Herz, die qualvoll stöhnende Geliebte, alles war ausgebürstet mit dem Staub der Kleider am Abend, endlich, vor der ersehnten Nacht, der herrlichen Heilung. Er führte Milada in ihr Zimmer, in die lange nicht aufgeräumte Räuberhöhle. Die Betten, noch zerrauft von der unglücklichen, im Delirium tobenden Milada, wälzten sich breit im Staub, ein hoher Spiegel durchblinkte grau das dumpfdunkle Zimmer. Weit öffnete Alfred das Fenster dem Julitag, aufzitternd scheu vor der schweren Glut der ersten Berührung, aber ihr Atem, ihre Wärme hauchte in seinen Nacken, beseligend, wie der Hauch warmer Asphaltstraßen, flimmernd im Abendstaub. Sie umfing ihn an den Hüften, zog ihn zu sich; zu schwach war Milada zum Sprechen, zu schwach für die fanatische Liebe, für die fanatische Sehnsucht, jetzt, jetzt endlich zu leben, alles zu leben , sich jetzt ganz in Feuer und Flamme zu zerleben, nichts mehr aufzuheben; zu viel hatte sie erlebt, zu viel hatten andere an sie heran gelebt. Auch Milada hungerte nach Güte, nach Vergütung der bösen Zeit; warten, weitere Geduld ertrug sie nicht, sinnlos war jetzt »nachher« ... In den Phosphorlichtnächten des Krankensaales war sie entschlossen, entschlossen war sie jetzt, nieder sank sie an Alfred, an den Knien beugte sie ihn sanft zu sich auf die Erde, weiß wie die Kissen, auf denen sie lag. Hilflos waren sie beide, stumm. Von kaltem Schweiß war bedeckt seine Stirn, wilde Ströme ergossen sich von seinem Nacken unter dem Tasten ihrer Hand. An ihrem Schweigen, an endloser Stille, erstarkte er; zusammenkrampfend seine Gewalt, ließ er sich nieder in sie, in Ungeheures ohne Grund und Boden. Ein fremder Körper streichelte seinen Körper wild heraus, beide tranken ein das erste Glück des Gelittenen, aber dann wurde in ihm groß Trotz, Stärke, Wucht, Nähe, immer mehr, wie ein heißer Stein, gegen ihn geschleudert. Langsam rötete sich ihr Gesicht, sie nahm ihn auf, entfaltend Namenloses ... Schmerzen rissen ihr die Augen auseinander, sie stammelte, raffte sich auf, Böses sammelte sich in ihr, Tücke war unzerstörbar, selbst jetzt: gesinnt war sie, sich Gutes zu tun, nicht ihm! Schmerzen, wieder Schmerzen! Wälzte seine Brust gegen ihre Brust, gegen die kaum vernarbte Wunde! Blind atmete er nie erlebte Wonne aus, sah ihr Weinen nicht, das Zucken ihrer Lippen schien ihm Leidenschaft. Er lächelte, und in seinem Lächeln fühlte sie ihren Schmerz nicht mehr, jetzt spiegelte sie ihren Neid in seiner Lust! Stumm verlebten sie die Nacht, verloren die Woche, die Zeit. Stille suchten sie auf, den schwarzen Wald, die schwarze Nacht, Kiefernbäume, die Julihitze aushauchten in der Finsternis. Übervölkert war der Wald mit niedrigen Bäumen, an den Rändern des Weges starrten sie dicht, Korridorwände, gut, sich an ihnen fortzutasten. In der Ferne schwankten vorüber schaukelnde Laternen, knirschte träge vorbei ein Bauernwagen, aber Stille wurde wieder, Angst, Sausen der Hitze im Geäst, tiefe Saite, wegzitternd beide aus der Wirklichkeit: Einzige Menschen in der nächtlichen Hitze; letzter Augenblick vor dem ersten Kuß, stummes Voneinanderweichen, Anstoßen an die schwarzen Wände des Korridors, an dichtgepreßte, harzhauchende Stämme, an rissige Rinde ... Auf harten Boden zog eines den anderen; von Räderspuren war die Erde tief gefurcht, mit spitzen Steinen tückisch gepflastert und dreieckigen Kieferzapfen. Das Sausen der Zweige sauste in beider Atem, süß verschwimmend in der namenlosen Dunkelheit ... Erwachen war die Landstraße, von Häusern zu Häusern führend, freier Himmel, freier Luftzug, Worte, Lachen, Heiter-Sein, Essen im Bauernwirtshaus, Zigarettenrauchen auf der Heimkehrstraße, einander Wiedererkennen. XIV Im Walde, in heißer, menschenverlassener Nacht blieben sie nicht. In die Klinik kehrte Alfred zurück, Milada in ihr wüst zerrauftes Zimmer, in das tägliche Elend, in den Hungerturm, vier Treppen hoch! Alfred brachte Geschenke, Ringe, Ketten, Blumen, Obst, Zigaretten. Eßbares aß Milada, mit Zigaretten vertrieb sie den Hunger, den Schmuck versetzte sie eilig im Pfandhaus. Demütigung fühlte sie nicht. Viele Rollen studierte sie von neuem, gieriger als je nach krachendem Applaus, nach durchschlagendem Erfolg. Das Sprechen tat ihr weh in der Narbe, aber deklamieren war Wonne, Wonne waren die großen Gesten, die hinter dem Rücken wild verschränkten Arme, die brutal vorgestoßenen Brüste, unfühlbar war der Schmerz der Narbe, wenn sie in ihrem Zimmer vor ihrem Spiegel Probe hielt. Agenten näherten sich ihr, gratulierten zur glücklichen Operation, zu den guten Reklamenotizen in der Zeitung, sie versprachen Probeengagements, guten Beginn in der Provinz, wollten sie nur erst sehen in luxuriösen, tadellosen Kostümen, sie hielten viel von ihrem Talent, ihrer noch etwas exaltierten Begabung, mehr noch von ihrer dekorativen Erscheinung, »so ein schönes Kind, eine Figur, prima, prima, die jedes moderne Kostüm zur vollsten Geltung kommen ließ«. »Ach, gehen Sie mit dem historischen Glump. Das zieht nimmer. Lady Macbeth ist eine Rolle für Tourneen, aber nicht für den Anfang.« – Aber Lulu? Fräulein Julie? Die Zarin? Franziska? Penthesilea? Judith? – Alte Fetzen wallten im Schrank, aber Geld und Kostüme fehlten. Mit bitterbösem Gesicht, in ewigem Hunger, in kaum unterdrückter Wut sah sie Alfred wieder. Alfred war gut, stark, nichts als Liebe. Sie wollte Liebe, sie brauchte Liebe, jetzt mehr als früher, aber sie wollte auch Geld, sie wollte Kostüme, »wie sie die Welt noch nicht gesehen hatte«, Schmuck, Parfüms, den Wagen zum Theater, den Neid der anderen. Alfred brachte abends einen schönen Ring, einen ovalen Saphir, in Platin gefaßt. Die Nacht war so herrlich, Bewußtlosigkeit war ausgeschüttet von Alfreds wilder Liebe, stummen Küssen in der Dunkelheit, seine Hand an ihrem Nacken, aufhebend das Haar, eisenstarke Wellen fluteten sie fort; von Hunger, von Angst, von allem riß Alfred sie frei. Worte wurden nicht gewechselt, und nichts blieb am nächsten Tag als das wüst zerraufte Zimmer; die Kleider mußte sie selbst bürsten, hatte die Blusen im Waschbecken zu putzen, fort die Gedanken von Alfred, fort von den Rollen: nur Sorge gab es um den täglichen Bissen Brot. Sie zwang sich auf die Straße, die boshaft lärmende, unter die gemeinen Blicke der Damen, unter die Stimmen von eleganten Pärchen, die zischelten über ihren abgetretenen Rock, über ihre grauen Schuhe. So griff sie nach dem schönen, edlen Ring, sicherlich war er eine Monatsgage wert. Am nächsten Tag war er versetzt; dem Agenten Baumöhl, einem Allerweltsagenten mit guten Beziehungen zur Presse, mußte sie einen Vorschuß geben, damit er etwas tue, endlich die Welt für sie in Bewegung setze. Böse wurde die Zeit, man sprach vom Krieg, niemand, kein Theaterdirektor mochte sich binden. Stunden durchwartete Milada in Theaterbibliotheken, um den Regisseur endlich zu sprechen; spät am Mittag kam er, staubbedeckt, von der Probe ermüdet, in der er »Blut geschwitzt hatte«, um anderen Schauspielerinnen Miladas ersehnte Rollen, Miladas fanatisch ersehnte Rollen einzubläuen. Nun hatte er keine Zeit, kein Animo mehr, höfliches Bedauern schleimte er ihr entgegen, seine letzte Ausflucht war: »An der Toilettenfrage würde die Sache ja doch wieder schief gehen, wie schon früher. Traurig, aber wahr!« Der Spiegel daheim war gut. Hier gab es immer Theater. In altes Gold gerahmt, stand er hoch im Zimmer, dem vom Elend ausgeräumten. Am Boden zündete Milada Lichter an, Rampenlicht kopierend. Weich fühlte sie Kerzenlicht emporhauchen, duftend nach Theatergarderobe, duftend nach früher Jugend, nach Nachttischkerzen neben ihrem Kinderbett. Gut bekannt war sie im Kaffeehaus, freundlich plauderte sie (ein nie gesättigter Dämon) mit der Kassiererin, schluckte säuerliches Mitleid, aß »etwas ältere Kuchen«, die man ihr schenkte, lungernd durchstrich sie, in abgetragene Fetzen gehüllt, amerikanische Modeblätter, mußte herrlichste Toiletten sehen, berauschende Eleganz, von der talentlosen Kollegin mit einem Kreuzchen bezeichnet und bestellt beim teuersten Schneider. Der Kellner, den sie nie bezahlte, schlüpfte vorüber, flott balancierend mit Tellern, Tassen, schwerem Beefsteak, vielen Gängen, gehäuftem Sattwerden, gehäuftem Neid. Alfred kam. Liebling, wirklich geliebter, endlich, endlich geliebter Mensch. Jetzt war er Mann, straff in Gesundheit, braun von Sonne, stark, sich freuend seiner Stärke, entkettet war sein Gesicht, mitatmend mit den anderen sein Blick. Er liebte Milada; Freude zu zeugen, aufzurühren wonnevollste Nerven in ihr, sie zu erschüttern bis ins Flattern gesenkter, endlich gesenkter Augenlider durch neue Küsse, ihren Mund, erschlafft von süßer Müdigkeit, zusammenzuringeln in neuer Lust, unerwartet, eisern, männlich, unbegreiflich dem Mädchen – in neue Tiefen das erwachende Bewußtsein niederzudrücken; dieses ungeahnte Glück war nur die Hälfte der Menschlichkeit: Erschütterbar sein, ihren Schmerz nehmen als den seinen, ihre bitterste Not fühlen an seiner eigenen Zunge, dazu hatte er nicht den Mut, nicht die Kraft. Wirklichkeit war sie noch nicht. Nur ein Nebenleben war die Klinik, angehäuft mit Grauen, mit letzten Augenblicken, mit schauerlicher Betäubung. Gottgewollt waren für ihn die anatomisch nachweisbaren Martern, besänftigt wurden sie durch kunstgerechte Meister-Narkose. Dumpfe Sorge erweckte Milada, immer noch bleich, wild zerrissenen Gesichts, krank trotz der geheilten Wunde; sie versteckte sich oft hinter verstocktem Benehmen, in tückischem Lachen, unter unbegreiflichen Launen: wenn er ein Kästchen mit ägyptischen Zigaretten, zu hundert Stück verpackt, brachte und das Siegel aufreißen wollte, schlug sie gehässig seine Hand weg, räumte das Kästchen eilig beiseite. Abends ließ sie ihn nicht in ihr Zimmer, lange ließ sie ihn klopfen, tückisch blinkend durch das Glas in der Tür, endlich öffnete sie, bat flüsternd, er solle unten beim Tor warten, da Verwandte bei ihr zu Besuch wären, fremde Kinder, ein Student aus der Provinz. Unheimlich war die Zeit, unsicher alles, da selbst der Thronfolger und seine Gattin, goldstrahlende Fürsten, durch Revolverschüsse in drei Minuten vernichtet waren, das Gerede vom Krieg, von Verschwörung nicht mehr verstummte, und des Vaters Börsenpapiere unaufhörlich sanken. Aber sicher war doch Miladas, des Vaters Liebe, die ihm in unzähligen kleinen Zügen Liebes taten. Sicher war seine Arbeit, die zarte Narkose, unfehlbar schmerzlösend: kleine Kinder wurden narkotisiert, schnell und selig schnauften sie aus winzigen Nüstern, schliefen wie Metall so tief, während mit scharfem Messer der von Geburt durchlöcherte Gaumen aufgeschnitten und nachher mit Bronzedraht oder starker Seide wieder genäht wurde. Abend kam, der Abend des Ultimatums an Serbien, die endlich gelöste Sorge. Von weißem Staub war der Himmel erfüllt, Himmel selbst hier auf dem Fensterplatz des Theatercafés, die Sonne war im Untergehen, purpurne Wolken, Vorberge, Stufen gewaltiger Himmel, unbeweglich, erstarrt in der Hitze des Tages. Stumm saßen Alfred und Milada. Der Vater hockte krummen Rückens im Spielzimmer, dämpfte die schreckliche Aufregung durch Hasardspiel, Bockydomino klappernd, rechts hatte er Baumöhl, links Aiblhuber, zu seinen Füßen seinen eleganten Hund. Der Theaterregisseur ging vorbei, suchte irgend jemand; an Milada strich er glatt vorüber, stierte sie frech an, grüßte nicht. »Alfred!« »Milada?« »Bitte, bei deinem Papa sitzt Baumöhl; geh zu ihm, sag ihm, ich will mit ihm sprechen.« »Baumöhl?« »Ja ja, bitte schnell!« Er ging an den Spieltisch, die Dominopartie war im Zug, der Vater im Gewinnen, ungeduldig winkte er Alfred ab. Alfred sprach mit Baumöhl. »Ja, gewiß, den Damen stets zu Diensten, aber die Partie?« »Ich spiele für Sie!« sagte Alfred. »Nun, Herr Baumöhl, was bringen Sie?« »Nichts!« »Immer noch nichts!« »Leider.« »Was soll ich tun? So geht's nicht weiter!« »Wem sagen Sie das? Übrigens, in welchem Aufzug kommen Sie auch ins Café, liebes Kind«, sagte Baumöhl, »da ... Schatz!« Und er stieß mit seinem spitzen Lackschuh nach Miladas rechtem Schuh, der eine zerrissene Sohle nach aufwärts kehrte. »Wenn Sie ein solches Plakat heraushängen ... ich werde offen mit Ihnen reden; Geschäft ist Geschäft und Tachles ist kein Kinderspiel ... ein hoher Herr interessiert sich für Sie; sie sind beide keine Kinder, Sie wissen und er weiß; er sitzt sehr hoch oben und hat alles in der Hand: ein Engagement, sogar einen standesgemäßen Vorschuß ... Presse, Zukunft, Sicherheit!« »Und die Bedingungen?« »Nu, Sie fragen noch? Soll ich Ihnen Komplimente machen, mein Kind? Aber wenn Sie sich entscheiden, entscheiden Sie sich schnell! Sie kennen ihn, er kennt Sie auch ... Geld spielt bei ihm keine Rolle, das sage ich Ihnen im Vertrauen ... er interessiert sich wirklich für Sie ... mit einem Wort, ein Kavalier!« »Und bis wann muß ich mich entscheiden?« »Aufs Datum kommt's ja nicht an. Sie sehen, er ist Ihnen wirklich von Herzen treu. Ihre Gefühle können noch werden, seine Gefühle bleiben. Am besten lieber heute als morgen. Ich werde Ihnen die Sache erleichtern, ich schicke ihn heute abend zu Ihnen. Und als Revanche geben Sie mir eine bessere Provision von Ihrer Gage!« »Wieviel?« »Wieviel? Sagen wir fünfunddreißig Prozent!« »Das ist Erpressung!« »Man könnte wirklich glauben, Sie sagen das im Ernst. Was wollen Sie? So sitzen Sie da und verdienen nicht einmal Geld auf Sohlen ... Ach nein, o nein. Müssen Sie? Sie müssen ja nicht ... Werden Sie Sitzkassiererin im Pariser Café. Bei Ihrer Figur! Oder aber ... mein Kind, das gehört zum Geschäft, und Sie haben wirklich genug mitgemacht ... es wäre zu schade um Ihr Talent ... Ich bin durchdrungen von Ihrem Talent! Ich garantiere Ihnen eine glänzende Presse! Treten Sie nur erst auf! Ich werde für Sie sorgen! Sie sollen sehen, im Feuilleton! ... Ich werde Ihnen noch etwas sagen, die Schwabinger hat die Rolle noch nicht ... wenn ...« »Ich habe aber ...« »Sie hat die bewußte Riesenrolle noch nicht. Wenn ich Ihnen sag, ich weiß, können Sie einem Ehrenmann glauben, daß er wirklich weiß. Aber: für Sie, wenn, ist jetzt die höchste Eisenbahn, und was den Dawidowitsch junior betrifft ...« »Kusch!« sagte Milada. »Kusch!« hörte Alfred, zurückkehrend zur Geliebten, einen bösen Schlag, einen scharfen Riemen, gellend durch die Luft des Kaffeehauses. »Ich sehe, Sie sind entschlossen«, sagte Baumöhl, »empfehle mich den Herrschaften, küß die Hand, gnädiges Fräulein!« – Alfred schwieg, kehrte zurück zum Vater (Baumöhl in seinem Rücken, zischelnd bei Milada), um dem Vater Adieu zu sagen. Der Vater, im Verlieren, heiser hinflüsternd zu Alfred: »Du mußt dich ... mit einem stadtbekannten Laster ... nicht ausgerechnet im Kaffeehaus zeigen ... Alfred!« Alfred schwieg, Baumöhl kam, Alfred ging. »Milada, wir wollen gehen.« »Ja.« »Wohin?« »Zu dir.« »Ja.« »Ich will erst zahlen.« »Nicht für mich!« »Kellner, wieviel?« »Für die Dame auch? Siebzehn Kronen, dreiundfünfzig Heller.« »Siebzehn Kronen?« »Siebzehn Kronen, dreiundfünfzig Heller. Achtzehn Kaffee, einundzwanzig Brot, achtundsechzig Bäckerei, davon die Zigaretten abgezogen ...« »Welche Zigaretten?« »Nun, die hundert Ägyptischen, welche die Dame hergebracht hat zum eventuellen Wiederverkauf, nicht? Pardon!« Lange schwieg Milada, entschlossen zum plötzlichen Bruch, zum abgekürzten Verfahren. Die Wut schlafloser Nächte, arme, überwältigte Existenz sammelte sich im Dunkel des Zimmers in gelb glitzerndem Blick. »Wie sieht es da aus?« sagte Alfred. »Was geht da vor? Wo sind die Betten? Das ganze Zimmer ist ja ausgeräumt. Waren Diebe bei dir?« »Ja, Diebe?« Milada lachte zitternde Wut. »Schämst du dich gar nicht?« »Vor dir? Vor meinem Alfred? Da ... da ... da ...!« Krachend riß sie ihre Kleider herab, entschlossen, fertig zu werden mit ihm, sich loszureißen auf immer; schmutzige Wäsche, verwelkt im Schmutzstaub der Straßen, umzottelte gelbgefleckt ihre schlanke Gestalt. »Hast du nicht einmal Geld für Wäsche? Du verkommst im Schmutz? So weit mußte es nicht kommen.« »Wie weit?« »So weit!« »Hast du jetzt genug? Oder ...?« »Weshalb bist du so heruntergekommen?« »Weil ich nichts zum Fressen habe, sehr einfach.« »Nichts zum Essen?« »Nichts zum Fressen. Im Spital seligen Angedenkens habe ich zum letztenmal diniert ...« »Und sagst nichts?« »Wem?« »Mir!« »Soll ich dir aus der Hand fressen? Könnte ich dir nur deine lumpigen fünfzehn Kronen ins Gesicht schlagen.« »Wozu die Theaterszenen? Wozu das Geweine? Wenn du mich wirklich liebst, erspare mir die ewigen Aufregungen ... Aufregungen habe ich wirklich genug in der Klinik, das solltest du wissen. Ich habe schwere Arbeit. Was hast du? Arbeite! Jeder ordentliche Mensch findet sein Brot ... kannst du denn nicht arbeiten, dir selbst dein bißchen Brot verdienen? Für mich bist du Milada, mir liegt nichts an deiner Schauspielerei. Ich liebe dich. Ich würde dich ebenso lieben, wenn du ins Geschäft gingest oder in die Fabrik, mit einem Wort: in die Arbeit, wie jeder anständige Mensch!« »In die Fabrik? Mit der Narbe, mit diesen Armen?« Blasse, blaugeäderte Arme streckten sich vor, über spitze Knochen flirrte elegant das Licht. »Und meine Geschenke? Der Ring?« »Da ... der Ring, da ... das Kollier, da ... alles hier ... alles da! Willst du es zurück? Also breit die Hände aus! Fang's, Alfred, da zum Abschied!« Ihrer dicken Handtasche entflatterten unzählige Pfandscheine. »Was soll ich noch verkaufen, was noch? Das Bettgewand trag ich im Binkel ins Versatz, es ist ja Sommer, und ich bin noch jung ... ich hab' ja noch etwas, das vielleicht?« Sie hob eine alte Federboa vom Stuhl, eine weiß gekräuselte Schlange, braun getigert durch Zigarettenbrand ... »Das vielleicht?« Der verbrauchte Schminkfetzen, blau und gelb und schwarz starrend in talkigem Fett, rührte sie zu tiefster Bitterkeit, Theater, selig Versunkenes, machte sie weinen, aber noch hielt sie starr ihr Gesicht in der geballten Seele! »Genug? Gehen wir?« fragte sie. »Ja, gehen wir; du willst ja nur nicht. Du fühlst dich wohl in dem ärgsten Schmutz, du bist nicht zu retten ... Bohème ... Wenn du nur ernstlich wolltest... es gibt noch genug Sachen, der Spiegel da, alte Arbeit, ist hundert Kronen wert. Hundert Kronen sind hundert Kronen!« Unendliche Wut überrannte Milada. Mit springendem Schlag und eisernen Gelenken riß sie an dem Gold des Spiegels herum, gewaltig schwankten Licht, Straßenbäume, blinkende Fensterreihen Alfred entgegen, niederwuchtete das Weib in besinnungslosem Zorn das schwere Glas, dem Geliebten stürzte sie selbst entgegen: »Jetzt! Fort! Geh!« »Milada!« »Keine Milada mehr! Ich bin nicht mehr zu retten, ich lasse mich nicht retten. Jetzt habt ihr mich nicht zusammengeschnallt, jetzt hast du kein Narkoseflaschel bei dir! Mit Menschenliebe wollt ihr einen retten, aber nicht einmal Pferdefleisch kaufe ich mir für eure Menschenliebe! Du liebst mich, und so schau ich aus bei deiner Liebe! Behalt dir deine Liebe! Was brauch ich dein Erbarmen? Aus fremder Haut Erbarmen schneiden! Mit den Banknoten in der Tasche den falschen Heiland spielen, da, ich zahl dir alles zurück: Tausender, Tausender, meine Tausender!« Aus ihrer prall gefüllten Geldbörse sprühte hervor struppiger Tabak, weißes Zigarettenpapier. »Krepieren laßt ihr einen nicht ... Komm wieder! Um zehn oder elf ist alles vorbei ... Aber jetzt geh, ich muß aufräumen, mich fesch herrichten, ich erwarte einen Herrn ... Worauf wartest du noch, du ? Mein Galan, der bessere Herr in reiferen Jahren, zehn Kronen Trinkgeld dem Portier, das ist meine Fabrik! Eine Stunde jeden Tag, und dafür gibt es alles, Kostüme von Poiret und die größten Rollen und ein Feuilleton! Wart nur, morgen! Morgen komm, morgen! Morgen bin ich sauber und pikant ... wie ein Mädel vom Ballett ... Spitzenhoserln und seidene Strumpfbänder und vollgefressen bis oben hinauf, so wollt ihr's ja von einem, schmutzige Schweine alle ... vollgefressene!« Die Sonne, sich spiegelnd in den spitzen Trümmern des Spiegels, überspritzte Miladas Gesicht von unten her mit weißem Glanz. In zuckenden Tränengrimassen endete Miladas gemeine Wut. XV Alfred ging: aber nicht, um sich geschickt loszureißen von der im Schmutz kriechenden Milada, sondern um ihr Geld, Hilfe, Rettung zu bringen, zu ihr zurückzukehren; Er verachtete sie nicht, Wirklichkeit fühlte er in ihr, sie war »Mensch von seinem Menschen«. Daheim wanderte er mit Ungeduld durch schattendunkle Heimatzimmer, erwartete den Vater, rüttelte vergebens an der eisernen Kasse, in der Hoffnung, der Vater hätte sie offen gelassen. Endlich kam der Alte; aber es war schlechte Gelegenheit. Der Vater sperrte sich in seinem Zimmer ein, Wasser plätscherte um ihn, Duft von Heliotrop vergiftete süß-schleimig die Atmosphäre. Lange ließ der Alte den Jungen klopfen, endlich öffnete er, sah den Sohn teilnahmslos an, verwirbelt das Gesicht durch nervöse Aufregung, auswulstend die schmalen Lippen im Spekulantenfieber. Nur den Hund »Cäsarus« rief er an sich heran, kniete nieder zu dem Tier, strähnte es lange mit weißem Elfenbeinkamm. Behaglich knurrte der Hund. »Ich komme mit einer Bitte, ich brauche Geld.« »Was? Schon wieder Geld? In wessen Tasche geht das Taschengeld?« »Papa!« »Also wieviel?« »Viel ... zweitausend Kronen mindestens!« »Kleinigkeit! Zweitausend Kronen!« »Was bedeuten zweitausend Kronen für dich!« »Es tut mir leid, ich kann nicht.« »Weniger auch nicht?« »Nein, nichts. Augenblicklich nichts.« »Und mein Geld? Ich habe dir doch mein Honorar aus der Klinik gegeben? Davon müssen noch siebenhundert Kronen da sein.« »Hast du mit deinem Vater über nichts zu sprechen als über Geldgeschäfte?« »Ich brauche aber das Geld!« »Zweitausend Kronen? Alles für eine? Alles für das stadtbekannte Laster?« »Willst du mir mein Geld geben oder nicht?« »Nein. Ich habe alles für dich ausgegeben. Glaubst du, deine Existenz kostet nichts? Deine Anzüge, du gehst einher wie ein Prinz, dies Essen ... alles zahle ich! Auch die Wohnung ... weshalb sollst ausgerechnet du gratis leben, was wäre das für eine Mode? Du verdienst ganz schön...« »Hättest du mir das wenigstens doch vorher gesagt...« »Das ist doch selbstverständlich. Jede ordinäre Tippmamsell zahlt ihren Leuten für Kost und Quartier.« »Und wo ist mein mütterliches Erbteil? Hast du das auch ausgegeben für meine Verpflegung, Quartier und Kost?« »Geh zum Vormundschaftsgericht, dort werde ich Rechenschaft geben, aber nicht hier... jetzt kommt Baumöhl, zieh dich zurück. Und kein Wort mehr von Geld!« Baumöhl erschien. Ein grau-fettiges Vorhemd bauschte sich ihm über die Brust, hastig zeratmete er siegreiche Botschaft, wühlte in dick pomadisiertem, grauem Haar. »Dawidowitsch, hej, was sagen Sie jetzt?« »Nu?... Was is?« (Ordinär zerschleimte der Alte die Worte.) »Sie nehmen an! Was hab' ich gesagt? Wer hat recht?« »Sie nehmen an? Wer?« »Sie nehmen an, die Serben! Sie machen in die Hosen, alles nehmen sie an.« »Sicher?« »Offiziell!« Der Vater erblassend, mit erblassender Stimme: »Nicht möglich!« »Nicht möglich? Hier, die Extraausgabe! Nicht möglich! Schwarz auf weiß, und er sagt, nicht möglich! Die Skupschtina nimmt alle Bedingungen des Ultimatums vorbehaltlos an, quand même ... Unmöglich? Tatsache!« »Vor einer halben Stunde hab' ich telegraphisch Ordre gegeben!« »Telegraphisch? Waffenaktien?« »Dreißigtausend Waffen, zehntausend für dich, fünfzehntausend für den Aiblhuber, zwanzigtausend für mich!« »Alles? Zehntausend? Auch mein Geld? Das ist ja alles! Auch mein alles Geld?« »Wenn ich dir schon sag!« Baumöhl, wütend, verzweifelt im Zimmer umher: »Wir sind erschossen! ... Mein Geld, mein alles Geld ... was meine guten Kinder mitbekommen sollen, die ...« »Was soll ich sagen! Ich habe eine Million ...« »Dein Geld ... liegt mir stark auf ... aber ich hab's doch gewußt ... die Dawidowitsch, eine feine Mischpoche ... Auf exotische Windhunde, da hat er Gedanken« (wütend stieß er nach dem freundlich wedelnden Hund), »der Sohn, mit feinen Chonten treibt er sich herum ... mit meinem Geld ... dafür habe ich fünfundvierzig Jahre geschuftet ... Verbrecher! Beide! Schieber!« »Schweigen Sie!« zischte Alfred. » Sie haben zu zischen! Was haben Sie verloren? Ihre Kinder ... haben Sie Ihre Kinder ruiniert? Mein Geld hat der da verloren, was heißt verloren«, (ganz nahe bei Alfred, ausdünstend gemeinen Dunst) »defraudiert! Schuft! Defraudiert!« »Kommen Sie mir nicht zu nahe!« sagte Alfred. » Sie kommen mir nicht zu nahe! Sie haben zu reden! Ihr Papa, vielleicht ist er nicht bekannt! ... Vier Stückel Zucker hat er nie gestohlen im Kaffeehaus, Tag für Tag? Wenn er geht Birnen kaufen, naa, nie nimmt er etwas mit? Und Sie? Und Ihre Milada? Alles mein Geld!« »Sie! Ich warne Sie!« sagte Alfred; letzte Ermannung, letzte Verzweiflung, krachender Untergang der ganzen Welt, Milada, Vater, Million, alles ballte sich zu leiser Stimme, knochig zugespannter Hand. Der Alte erhob sich aus schlaffer Vernichtung. »Alfred, geh, mein Sohn, schweig! Deiner seligen Mutter zuliebe, geh ins Freie, laß mich allein!« (Höchstes versprechend:) »Du sollst bekommen dein Geld, alles! Jetzt aber geh nur, geh!« »Du bekommst dein Geld! – Nicht einen blechernen Knopf wird er sehen, so wahr ich lebe, Benedikt Baumöhl! Parch! Der braucht Geld?« Zum Vater: »Den ehrlichen Aiblhuber haben Sie ruiniert, ehrlich ist er dreißig Jahre und mehr hinter dem Pflug gegangen, Sie aber haben damals schon gewuchert und gekauft die grüne Frucht am Halm! Mit meinem Geld haben Sie spekuliert auf der Börse, Sie Hasardeur ... Fletschen Sie nur die Zähne! Aiblhuber wird Sie lehren, die Zähne zu fletschen. Erschlagen wird er Sie!« »Mich? Wer bin ich, wer ist Aiblhuber?« »Ich werde Ihnen gleich sagen, wer Sie sind!« »Sie werden mir sagen, Baumöhl! Sie stadtbekannter Halsabschneider! Kein Offizier darf mit Ihnen Geschäfte machen, ausgeschlossen sind Sie von der Börse! So sind Sie bekannt!« »Aber jetzt wird man Sie ausschließen, ich bring Sie vor den Börsenrat! Enden werden Sie im Kriminal! Ich werde Ihnen zeigen, mein Geld defraudieren! Wer hat Ihnen gesagt, Abschlüsse machen in Waffenaktien, wer hat Sie gewarnt? Aiblhuber ist Zeuge, darüber sprechen wir noch beim Gericht! Wer hat Ihnen zugeredet wie einem kranken Pferd?« Der Vater, versinkend in sein weites, elegantes Gewand: »Sie haben recht, auf was wart ich noch ... Sie haben recht, ich war gewarnt, ich war verblendet! Soll ich wieder anfangen in Getreide hausieren mit achtundfünfzig Jahren ... Gott der Güte, ich hab' genug ... nur einen Revolver brauch ich ...« Baumöhl, ungesättigt noch in seiner Wut, ausspritzend gemeines Wort aus schaumigem Mund, ein blinkendes Nickelstück ausspritzend aus speckiger Geldbörse: »Was? Revolver? Da, zehn Heller, von mir aus, kauf dir e Strick!« Alfred, den Vater haltend an seiner schönen, zarten Greisenhand: »Lieber Papa!« »Papa? Aufgewachsen bei ›lieber Papa‹? Zerspring, frecher Bocher! Häng dich auf, auf meinen Strick, Nebuchant!« Der Vater, emporschlotternd aus weitem, blau-elegantem Anzug, wankte Baumöhl entgegen, Alfred aber, mit gekrümmter Hand, schmetterte Ohrfeigen nieder auf Baumöhls zorngeblähtes Gesicht! Dann, im Triumph, sang der Vater heiseren Gesang: »Wenigstens ein Fraß hat er ihm gegeben ... Alles ist jetzt gut! Gott soll ich danken, wenigstens e Fraß!« »Und jetzt hinaus!« sagte Alfred. »Lassen Sie mich, Alfred, lassen Sie mich, ich bin gestraft genug ... O Gott, es kann nicht sein ... Ich kann es nicht glauben ... Herr, telegraphieren Sie, Herr, stornieren Sie das Geschäft ... Alfred, gehen Sie weg ... Ihre Hände ... Sie haben mir weh getan! ... Alfred, ich bitt Sie, lassen Sie mich aus ... Dawidowitsch, reden Sie, helfen Sie mir, Sie helfen auch sich! Verzeihen Sie mir, ich bin doch ein Mensch, ich hab' Kinder, fünf lebende Kinder! Denken Sie an sich! Aiblhuber tut Ihnen was an! Er kennt sich nicht in seiner Wut! Man kann noch stornieren! Wo haben Sie abgeschlossen ... in Wien ... in Berlin ... ? ... In ...« Der Vater würgte stumm. Seine Finger spreizten sich, ängstliche Augen starrten groß aus spitzem Knochengerüst. »Um Gott ... um Gott ... der Mensch erstickt ... Sagen Sie doch, sprechen Sie doch ... in Wien? ... In ... Nicken Sie nur etwie mit dem Kopf! Nichts? Wo? In ...? Nichts? Der Mensch erstickt? Getroffen hat ihn der Schlag! Wo bleibt Gott? Alfred, was stehen Sie, fort, holen Sie einen Arzt! Wo bleibt Gott? Wo bleibt Gott?« – Laut schreiend stieß er Alfred die Küche hindurch, die Treppe herab.   »Was sagt der Professor? Werde ich sterben?« »Nein, Papa, beruhige dich!« »Wie kann ich mich beruhigen? Ich werde sterben. Ich habe es gehört! Von Mohnkörnern war die Rede ... Mohnkörner sind Opium.« »Nein, der Professor meint nur, du hättest Stimmbandpolypen, so groß wie Mohnkörner. Du kannst hundert Jahre alt werden!« »Hundert Jahre? Das ist ein Fluch! Ich will sterben, laß mich sterben! Gestern hatte ich eine Million!« »Was liegt am Geld?« »Am Geld liegt nichts, aber eine Million! Dein Geld, Herzenskind, dein mühsam erspartes und was deine Mutter selig dir hinterlassen hat, alles hat dein Vater verloren. Gott hat mich gestraft!« »Versündige dich nicht!« »Versündige dich nicht? Ja, du hast recht, Alfred, nimm einen Stock, eine eiserne Hacke nimm, schlag deinen alten Vater tot! Wozu brauchst du einen Vater, der betrügerische Krida macht? Was erwartet mich? Das jüdische Altersasyl ... die Volksküche ... oder das Kriminal!« Alfred konnte das Jammern des Vaters nicht mehr ertragen. Er ging zum Fenster, preßte die Stirn gegen das Kindergitter, das die sorgengierige Mutter eingebaut hatte zum Schutz gegen »Unfälle, Kümmernis und Sorge«. Weinen hörte er hinter sich, langgezogenes, heiseres Gewinsel, ähnlich dem Klagen des Hundes Cäsarus, der im Zimmer, in der Finsternis eingeschlossen, oft Stunden durchwinselte mit langgestreckter, eingepreßter Stimme. Der Vater lag am Sofa, zitterndes Weinen durchschüttelte ihn ganz. Locker faßte Alfred des Vaters Stirn, die kalte Greisenstirn, durchzogen von holzigen Adern. »Fürchte dich nicht!« sagte der Sohn. Der Alte schüttelte den Kopf, riß Alfreds Hand herum. Warme Feuchtigkeit rann ihm aus den Augen, lau bestrich sie die kalte Stirn. Kraftloses Verzweifeln rann aus dem kraftlosen Kopf. Einzige Hilfe blieb: Licht. Alfred zündete drei Flammen an; knallend schlug vom flackernden Zündholz die weiße Flamme in die Dauerbrenner, brutal niederblendend alles. Der Alte verkroch sich, löschte die Tränen an dem Sofakissen, niederzwingend seinen Kummer, schon reckte er sich, schon richtete er sich auf. Scham ergriff Alfred, den Alten, den zärtlich umstreichelten, jetzt zu sehen in seiner Zerknitterung. Durch Gitterstäbe starrte er in die Nacht, lange sah er nichts, durch Auerbrenner geblendet, endlich wurde sichtbar wie Meeresgrund die dunkle Straße, viele Menschen, geballt aneinander, umringend Laternenpfähle, lichte Hüte im dunkelgelben Sommernebel, weiße Extraausgaben waren wie Tücher in den Händen. Milada erwachte in Alfred, erwachte im ersten freien Augenblick, anreißend zuckenden Schmerz und böse blendendes Bild: weiße Tücher, weiße Kissen waren am Boden hingewälzt, die bösen Spiegelsplitter zu verbergen, vor Glassplittern zu schützen die nackte Geliebte. Zur Arbeit in der Fabrik war sie zu schwach, aber »Liebesarbeit« mußte sie nun leisten. Wie gemein war der Augenblick, sehen mußte er die Geliebte in zärtlicher Umschlingung, in ungewollter Wollust, beim schnöden Gelderwerb. Alfred, am Vater vorbei, getrieben vom Hunger zur Tat, nur heraus aus passivem Leiden, aus niederstürzender Bestürzung: aber der Vater haschte mit kraftloser Hand nach ihm, den Kopf hart hingepreßt gegen das Kissen. Alfred gab ihm die Hand, hielt lange des Vaters Hand, entglitt dem endlich Schlafenden, schloß das Fenster, fürchtend den Heliotropgeruch des Alten, fürchtend die Atmosphäre, die aus der Küche, aus Andulkas Kajüte, vom Lager des Hundes, dem alten Pelz unter dem Herd, übel hereinschwelte: mehr noch fürchtend den tiefen Hauch der Nacht, Gift für die arme Kehle des Vaters, die ausgeweinte! Er löschte das Licht, legte sich hin. Milada erstand in der Dunkelheit: schwarze Hitze prallte herab von der Decke des Zimmers, flimmernde, noch wallende Erhitzung durch drei Auerlampen. Böse Falten im Teppich, dreieckig gefaltete, stachen ihn aus dem Schlaf, wilde Wollust, halb erst erträumt, ließ ihn böse Augen aufreißen, böse verschlucken leere Dunkelheit ... Schweiß sickerte leer über das Auge herab. Milada, im schwarzen Wald, unter Kieferbäumen, aushauchend harzigen Geruch wie die heißen Bäume ringsum, Milada, ihn überwälzend mit Zärtlichkeit, Angst; Sausen der Stille in der leeren Hitze, harter Boden, harte Hände, anfassend an den Hüften, geöffneter Mund, eröffneter Schoß, wilde Wut, niederstürzend aus dem innersten Körper in die letzte Erfüllung! Wehrlos war er gegen das Dunkel, gegen gewaltsam aufraffende Träume; wehrlos gegen den Neid, der ihn tiefer noch aufrührte, wehrlos gegen Eifersucht, die ihm die Zähne zusammenbiß, bittere Galle aufpumpte gegen die Zunge. Er war still, solid, ein guter Sohn, wachend am Lager des guten, vom Unglück getroffenen Vaters. Aber dort, im schwarzen Wald, im Hotelzimmer, auf den Bänken des Parks, weiß glimmernd in plissiertem Kleid, im ausgeräumten Zimmer, die Spiegeltrümmer mit Decken verbergend, überall wälzte sich Milada mit ihrem Galan, streckte schamlos die Hand von der letzten Blöße fort nach Banknoten, nach gewaltigem Geld. Aber etwas Gutes hatte alles: der Krieg war abgewendet, abgewendet das schauerlich klirrende Wort, von Alfred nur als sinnlos getürmtes Grauen geahnt; lange hatte er früher gezittert beim Anblick einer Photographie aus dem Balkankriege: ein Türke zerrauften Haares, dunklen Turban mit drei queren Streifen auf dem Kopf. Im rechten Auge aber, zwischen den Augenlidern starrte ein braunes Stück Fleisch, grauenhaft verdorrt, heraus: ein Stück Zunge, dem Verwundeten von bestialischen Serben aus dem Mund geschnitten, an Stelle des ausgestochenen Auges in die leere Augenhöhle gepreßt! Es war eine Photographie, von Pierre Loti aufgenommen, auf die Titelseite eines Buches über den Türkenkrieg gegen die Serben gedruckt. Schrecklich war Miladas schmutzbeschmiertes Hemd, schrecklich der Vater, zerknittert durch Selbstverachtung, durch schlaff verzweifeltes Gewinsel, schrecklich er selbst, »e Fraß« niederschmetternd auf Baumöhl, aber vor unendlichen Serbengreueln war die Welt bewahrt. Halt war im Menschen . Überall war »Mensch von seinem Menschen«, Güte von seinem guten Willen, begütigende Abgeordnete in der Skupschtina. Nichts war ganz verloren. Lange hatte Alfred überlegt, ob dem Türken durch ärztliche Kunst, durch plastische Operation zu helfen sei, von Narkose träumte er, von dem weißen Skalpell des Professors, hervorblitzend aus der Alkoholschale, vom Sekundenfall funkelnder Äthertropfen, von unendlicher Betäubung und letztem Trost in der Verzweiflung. Aus schwerem Schlaf kreischte ihn empor das Schrillen der Glocke im Korridor. Stumpfbrutal glänzte das Gesicht Baumöhls im harten Morgenlicht, von strahlender Spekulantenfreude bedeckt. Schwarz in langem Leibrock, klug verkniffenen Gesichts bohrte sich Aiblhuber vor. »Herr Dawidowitsch! Was schlafen Sie jetzt! Wachen Sie auf! Herr, was sind Sie für ein Mann! Recht haben Sie gehabt, Ihre Nase möcht' ich haben! Ihren Verstand! Keine Spur, daß die Serben annehmen, Krieg is, zerschmettern wird man sie von jetzt in vierzehn Tagen!« Aiblhuber: »Jetzt wirst schauen, Brüderl, wie Leben kommt in unsere Papiere! Die Serben, die müßte man nicht erschießen, erwürgen möcht' ich sie alle mit einer Hand!« Knochige Faust, schwarzer Würgring wurde seine Hand. Entgeistert hob sich der Vater: »Nicht möglich!« Wut des gestörten Schlafes, Abscheu vor Baumöhls fettiger Gestalt riß Alfred empor. Ganz nahe an seinem Vater, riechend den üblen Heliotropgeruch, sah er Baumöhls elendes Wort, Aiblhubers schwarz gekrümmte Faust in seines Vaters Gesicht gespiegelt. Alfred verließ das Zimmer, um in die Klinik zu gehen. XVI Das menschliche Ungeziefer, menschliche Gezücht zu lieben, hatte Alfred erst begonnen: Noch erschreckten ihn die bekannten Menschen, unmenschlich fühlte er ihre Liebe, Fabrikarbeit, für Lohn und Brot geleistet. Aber zu anonymen Menschen, zu namenlosen Patienten, die vorzimmerfüllend, in der Nähe des Operationssaales, auf ihre »Tour« warteten, wurde er hingezogen. Noch war Freude in ihm. Mit Freude tastete er sich an den Messingknöpfen des Treppengeländers herab, mit Freude ging er über die Asphaltstraßen, einatmend den Geruch des vom Sprengwagen versprengten Wassers, das klar niederrieselte in den glimmenden Morgenstaub. Die lange Liste der zu Operierenden, mit Kreide auf eine Tafel geschrieben, »Speisekarte«, auch »Fahrplan« genannt von den Studenten, stand im Vorraum. Der Professor war telegraphisch berufen, ein großes Kriegslazarett mit dreitausend Betten in Südungarn zu organisieren. Morgen wollte er fort, heute mußte alles »aufoperiert« werden, in einer Serie das ganze operative Material erledigt werden. Auch zwei Assistenten waren eben telegraphisch einberufen, sie verließen sofort die Klinik, begeistert, gerührt, einzig darauf bedacht, zurechtzukommen: denn jeder rechnete mit einem vierzehntägigen Krieg, »dem rächenden Blitz einer Strafexpedition«. Glänzend begann die Serie. Militärmusik hörte man schmissig hereinschmettern, straßenher, in die Stille des Operationssaales. Unter Alfreds Händen wanderte Gesicht um Gesicht, unter seinen Fingern fühlte er süß hinrollen beruhigt wellenschlagendes Leben, entgegenhauchte ihm aus gestilltem Mund Schlaf um Schlaf. Hier war humane Gegenwelt: infernalisches Dasein war gelindert durch Schmerzverminderung und ruhiges Atmen. Es stieg der Tag, Hitze schwelte aus, Wasserdunst, Waschküchenatmosphäre schmierte sich schwer durch die Räume, zischend brannte das Zeißlicht, warf brennende Blendung in blutig geöffneten Mensch. Müdigkeit riß an Alfreds Knien. Teilnahmslos stand er da, wie in Schlamm eingebettet in der feuchten Glut des Vormittags. Erlösung: »Narkose, Schluß«, kommandierte der General. In Phantasien schwankte Alfred, gewaltsam hieb er nieder die entfesselte Phantasie, durch Müdigkeit entkettet, weiß strahlende Körper, Wunden, blutigrot, wie geheimer Schoß. Schon wurde ein anderes Gesicht ihm unter die Hände geschoben, ein blaurotes Säufergesicht, weiß gewimpert, häßlich anzufassen, schweißüberströmt, Alkoholdunst ausatmend, schwarzen Kaffee mit Rum gemischt, als Vorbereitung zur Narkose heimlich im Branntweinladen zur »Couragierung« geschluckt. Alle waren müde, der General nervös. Alfred begann die Narkose, riß sich zusammen, kühl funkte nieder Äther in weißen Tropfen, vereisend zu flaumigem Schnee die Maske. Der General wartete nicht, mit der stumpfen Seite des Messers zeichnete er den Hautschnitt vor. Gewaltig brüllte der Kranke, aufrüttelnd den Tisch, aufhämmernd mit dem schweren Schädel das harte Kopfgestell. »Er schläft noch nicht«, sagte Alfred. »Man merkt es«, sagte höhnisch der Oberarzt. »Vorwärts, vorwärts, wir haben Eile«, der General. Alfred tropfte Äther. Der Kranke schlief nicht, tobte, hieb mit dem Kopf Alfred in das gebeugte Gesicht. Blut vergoß Alfred aus der Nase, alle lachten. »Nehmen Sie Chloroform«, sagte der Oberarzt. Der Kranke schlief nicht. »Weiter, weiter, weiter! Schütten, schütten!« der General. Alfred, halb; gebrochen, passiv geworden durch den prasselnden Niedersturz Miladas ... des Vaters ... seiner Menschen ... seiner Welt, gab nach. Zu öligem Strahl rann das schwere Gift. Der Kranke schlief endlich. »Weiter, weiter, der Patient preßt«, hetzte der Oberarzt. Alfred goß Gift. Er blickte den Kranken nicht an, fühlte nicht hin nach den tödlich erschlafften Muskeln, blickte fort vom lividen, veilchenblauen Gesicht, absichtlich blind, ausweichend der Wirklichkeit. »Nur mehr, Courage, Dawidowitsch, endlich gibt das alte ... Ruhe!« »Das Blut ist dunkel«, sagte der Professor, der beinahe fertig war, »zählen Sie einmal den Puls.« »Aber dem Patienten geht es ansonsten tadellos«, sagte der Oberarzt, »der reißt uns ja den Operationstisch um, der Mordskerl, wenn man ihn herausläßt aus der Narkose.« »Nun, der Puls?« fragte der General. Keinen Puls fühlte Alfred. Aber erbleichend, ganz Lehm, aufsteigende Verzweiflung, aufsteigende, schwere Sumpferde ... wollte er den Puls fühlen, das Zittern der eigenen Adern zählte er, rechnete falsch vor: »Eins ... eins ... eins ...« »So, dann habe ich mich geirrt«, sagte der General. Als der Professor mit der Hautnaht fertig war, setzte die Atmung aus. Die Maske, noch schwer triefend von Chloroform, lag weiß neben dem blau gedunkelten Kopf. Eine Sekunde Schweigen. Fall von Tropfen, Rascheln von Kleidern, lichtzischende Bogenlampe; alles durchgrellend. »Den Kiefer aufsperren! Zunge heraus!« sagte der General. Mit zweiblättriger Zange wurden die Zähne auseinander gezwängt, die dicke Säuferzunge wurde eingeklemmt in eine stramme Klemme. Man zog im Rhythmus an der Zunge, leises Röcheln raschelte, dann wieder nichts, Leere, tödliches Schweigen. »Künstliche Atmung!« Alfred und der Oberarzt schnallten den Patienten eiligst los, schlaff fielen die Glieder und der Kopf, nun schon weiß wie Teig, herab, schlenkerten, wie bei dein gelähmten Hund, befreit aus dem Gestell der Vivisektoren. An den Armen hob man ihn auf, weitete die Brust, schlug die Arme wieder an die Rippen, um künstlichen Atem zu erzeugen. Nichts rührte sich. »Schade! Schluß!« sagte der General. »Wahrscheinlich Herzverfettung, Herzlähmung, na, du mein lieber Gott, ein alter Potator«, sagte der Oberarzt. »Ich will noch eine Stunde künstliche Atmung versuchen«, sagte Alfred, »ich will ...« »Hätten Sie lieber nicht soviel Chloroform hingegossen ...!« »Herr Professor!« »Ja, selbstverständlich, nehmen Sie sich den Swoboda ... jetzt aber weiter, die Patienten warten, noch sechs Fälle sind für heute bestimmt! Schillerling, übernehmen Sie die Narkose, weg mit dem Chloroform, wir haben genug an dem einen Akzident.« In eine dumpfe Kammer rollte man den Patienten. Swoboda, das alte Faktotum der Klinik, war nicht geneigt, sich abzuplagen an dem »versoffenen Kadaver«: »Entschuldigen's mich, bitt' Ihnen schön, nur a Zigarettel lang! Na, is das heut a Hitz, jaja, der Sommer!« – Alfred blieb allein mit dem Betäubten. Lange arbeitete er dumpf, ohne Gedanken, geblendet von dem Schlag der Wirklichkeit. Dann begann er tiefsten Kummer zu fühlen; vergebens schützte er sich selbst, sagte, es wäre ein Geschick, ein Zufall, ein drittel Prozent der Statistik ... ein schöner Tod, ganz anders als der Tod des Türken, die ausgestückelten Augen, die Zunge, zwischen die Augenlider gezwängt ... Miladas erinnerte er sich, des Vaters, Poldis, von Rudi, der Mutter und dem Detektiv verfolgt, aber alles rann ab von ihm, nichts schützte ihn vor sich selbst, nichts deckte ihn vor tiefster Verzweiflung. Tausende würden sterben, Österreicher und Serben am Schlachtfeld unrettbar verwundet liegen, was bedeutete ein einzelner, ein fetter Philister, eine alkoholvergiftete, alkoholverfettete Seele, potator strenuus ? Aber Alfred fühlte nur den blassen, leblosen Körper vor ihm, die weißen Wimpern, Feuchtigkeit austriefend über den gewaltig großen, gewaltig schwarzen Pupillen, die harte Stricknadelader des Kiefers, nicht mehr rollend in Pulsschlägen, die arme Zunge, sprachlos längst, schlaff hängend an unbewegtem, starr blinkendem Haken. Müde war Alfred zum Erbrechen. Verwirrt hinkte der eigene Herzschlag, Überanstrengung war das ewige Stehen in dumpfdunklem Raum, Verbrechen an sich selbst war die überlange künstliche Atmung des Betäubten. Kampfer stand da, gelbölig in breiter Flasche, eine Spritze stach er sich selbst in den Arm, wilde Ströme brannten hervor, seine wilde Energie riß die Hände des Betäubten nach hinten, oben, preßte die Ellenbogen in die Brust. Alfred keuchte heiß. Müdigkeit kam, die zweite Spritze schlug sie nieder. Überarbeit wirkte herrliche Stärke! Flimmernd zuckten Sekunden! Das Instrument, an dem die Zunge hing, züngelte Licht, wandte sich, wandte sich in weicher Drehung nach oben: Alfred schrie, zitterte vor Glück, Alfred schrie dem Kranken ins Ohr, rief ihn an mit »Herr ... Sie ... Sie ... potator!«, da er den eigentlichen Namen nicht kannte, wollte ihn ganz erwachen sehen, ganz umgewandelt in Leben, herrlichstes, wundervollstes! Er hielt sich zitternd fest am Rand des Operationstisches, der noch schlüpfrig war von frischem Blut: der Kranke atmete weiter; lebte! Der Oberarzt staunte, der Professor wurde jetzt erst ernst: »Sie sind gewarnt,« sagte er, »aber wir andern auch. Übernehmen Sie die nächste Narkose, nur Äther. Und dann müssen wir ins Sanatorium, Herr Lessing wartet.« Der Chirurg spät abends im Auto zu Alfred: »Eine scheußliche Sache haben wir noch vor uns. Schon die erste Operation war kein Vergnügen ... aber jetzt ... es bleibt nur eine hohe Darmfistel übrig und für die nächste Zeit das Wasserbett. Ludwig Lessing im Wasserbett ... sonderbare Einfälle hat der liebe Gott. Aber Sie werden sehen, wie leicht Lessing das alles nimmt. Ich habe ihm eingeredet, es käme jetzt die Krisis, die Heilung mit vermehrten Schmerzen. Der Mensch ist zum Idioten geworden und freut sich über seine Krämpfe.« »Und wie lange kann der Zustand noch dauern?« »Jahre. Er hat eine eiserne Natur. Sie werden staunen.« Alfred staunte: Lessing ging im Steirerkostüm im Garten des Sanatoriums umher, hatte grüne Schatten unter dem grünen Hut, aber auch ohne Hut, im weißen Zimmer! Wie war er klein geworden, geschrumpft sein Gesicht! Einen fünfzigjährigen Mann hatte das Leiden verjüngt zu blasser, hautgespannter Larve eines zwanzigjährigen Grüngesichts. Der Professor: »Geben Sie Herrn Lessing die übliche Injektion, dann können wir die Operation angehen. Vorher natürlich die erste Desinfektion.« »Nicht zu viel«, bat Lessing, »Sie wissen, ich schlafe leicht. Und dann: Ihre Narkose! Ich habe oft daran gedacht. Vor drei Monaten, erinnern Sie sich? konnte ich nicht genug davon bekommen. Nachts, um zwei Uhr morgens, habe ich Sie aus dem Schlaf geklingelt, direkt den Revolver auf die Brust: Geben Sie mir den Tod, oder ... Natürlich, das Theater verleugnet sich nicht.« Alfred öffnete den Verband. Rein von Kot war die Haut, aber breit klaffte die Wunde auf dem edlen Leib. »Sie sehen«, sagte Lessing, »ich bin zimmerrein. Mit einer gewissen Selbstzucht und Charakterstärke gewöhnt man sich selbst das an. Alles wird erträglich. Sie haben mir das Leben gerettet. Wo wäre ich, wenn Sie mir damals auf meinen Wunsch die lebenslängliche Narkose verabreicht hätten? Bei den Würmern. So aber habe ich drei schöne Monate hinter mir, ich habe mit Freuden gearbeitet, gesungen, nicht auf der Bühne natürlich, sondern fürs Grammophon. Zahlen übrigens wahrhaft fürstlich, diese Leute, ganz abgesehen von der Reklame für mich.« Die Umgebung der Wunde benetzte Alfred behutsam mit weicher Watte, mit lauem Wasser, rosarotem Sublimat. Das war ein schmerzhaftes, zerrissenes, von Furchen durchschnittenes Stück Mensch, in Sehweite ausgebreitet vor ihm, dem gesunden Mediziner, dem blühenden Menschen von dreiundzwanzig Jahren. »Schön ist es schließlich nicht, aber praktisch. Ich sehe die Notwendigkeit ein. Nun wird mir Ihr Chef das richtige Türl wieder aufmachen, hoffe ich. Ich freue mich, offen gesagt, darauf. Der Weg zur Heilung geht über das Wasserbett, das kann nicht so schlimm sein?« »Nein, es läßt sich ertragen.« »Alles egal, wenn ich nur wieder gesund werde!« Jahrelang hatte dieser Mensch zu leben, zu wechseln zwischen Dauerwanne, Wasserbett, feuchtem, grauen Dasein und kotgefüllten Verbänden. Hilflos blieb er, verpestete die Welt und sich mit dem grauenhaftesten Jammer, nackt vor Hoffnungslosigkeit. »Nun, die Injektion? In den letzten Tagen war ich etwas unruhig. Nun, bei Ihnen fühle ich mich daheim. Ich habe in den diversen Hotels nicht besonders geschlafen. Hier werde ich schlafen. Wo wollen Sie die Injektion machen, am Arm? Am ...« Schauerlich war alles Mensch. Erwirklicht wurde Lessing in Alfred, wurde Mensch von seinen Menschen. Mit konzentrierter Güte schüttete Alfred Schmerzvernichtung in seinen Bruder Lessing. Er hatte die Injektionsspritze mit Sublimat gefüllt, stach sie schmerzlos schnell zwischen die sparren Rippen durch, entgegen dem hochzuckenden Herz. »Nicht hier!« sagte Lessing, »o Gott!« In einem Zuckkrampf endete sekundenschnell ein Mensch. Am nächsten Tage ging Alfred, erlöst von dem Schmerze eines Menschen, in die Kaserne, um sich beim Landwehrregiment als Mediziner zu melden. Im Balkankriege hatte man viel Ärzte und Mediziner gebraucht. Es war der 29. Juli, hochsommerlicher Tag und Krieg. Dritter Teil XVII Alfred verbrachte die Nacht vom zweiten zum dritten November 1914 in einer Scheune eines russischen Dorfes. Das Regiment stand in Reserve. Er hatte sich eine Räderbahre verschafft, die sich unter ihm schaukelnd bewegte. Gegen drei Uhr morgens erwachte er, dumpf umdonnert von den ersten Geschützen fern und nahe. Über ihm zuckten hoch in der Luft zischende Granaten, dumpf aufschlagend in dem Sumpf hinter dem Dorf. Von allem Brausenden, von dem Dröhnen der heiß klopfenden Adern erwachte er. Zu tun gab es nichts. Er wollte sich nur bergen bei einem Stück sicher gespannter Leinwand, wollte sich einhüllen in den Schlafsack, unterkriechen in tiefen Schlaf bei sich selbst. Wo aber waren Steine oder ein Klotz Holz, geeignet, die Bahre zum Stillstand zu bringen? Überall, im Hofe, wo er über liegende Soldaten unsicher herüberschritt, im Feld, wo Pferde, wie Radspeichen um einen Pfahl gesternt, dastanden, gab es nur Lehm. Holz sammelten die Soldaten aus ausgerissenen Zaunpfählen zusammen, um sich am Feuer zu wärmen. Er kehrte zurück, nahm sich vor, nur leise zu schlafen, sich abzusperren gegen das böse Geschehen. Doch er war übermüdet von achtundvierzig schlaflosen Stunden, Eisenbahnwagen, langsam sausend, durch Ebenen im Regen geschleppt, und bergauf durch wandstarrende Karpathenpässe, Fußmarsch von der letzten Station, das Pferd neben sich, die Trense an der Hand, Ritt am guten Vormittag, im tröstlichen Nebel und augenlosen Licht, der tausendste unter zehntausend. Herrlich war die Erinnerung an einen Augenblick: sein Pferd Stephan war in schlechtem Zustand, da es krumm ging und sich oft traurig umwandte. Es wurde während der zweiten Rast am Vormittag beschlagen: er nahm den Huf des braunen Tieres in die Hand, atmete wie im ersten Erwachen den Geruch des geschnittenen, schwarz gebrannten Hornes, hielt das weiche, zart von Sehnen durchzogene Gelenk auf der Fläche seiner Hand, stützte die Knochen des Pferdes durch die seinen. Stephan wandte sich zu ihm, die weichen Nüstern reibend an seinen Achselstücken, während der Hufschmied Stollen einschraubte und acht vierkantige Nägel schmerzlos sanft in den Huf hineintrieb. Jeder Schlag des Hammers schlug Alfred ans Herz, beseligend. Plötzliche Erinnerung an ihn selbst durchströmte ihn mit Wonne: viel zu helfen, helfende Nägel einzuschlagen und heilbare Glieder von unten her zu umfassen, das war der erste Trost für ihn. Die Räderbahre schaukelte ohne Aufhören, die kleinste Bewegung, selbst Atmen erschütterte sie. Auf der Erde zu schlafen wäre besser gewesen, aber unheimliche Klumpen von Menschenkot lagen überall in der Dunkelheit umher, man konnte sie nicht von der feuchten Erde unterscheiden. Als die Leinwand der Bahre feucht wurde von Morgennebel, schlief er. Im Traume bat er Gott, dessen er sich mit Gewalt erinnerte, ihm Hufeisen anzunageln an sein Innerstes, ihn roh zu machen und steinern. Den ersten Toten sah er am nächsten Morgen, als sein Bataillon den siegreichen Sturm auf die Kote 337 unternahm. Vorne klirrten schon zwischen Flintenschüssen Spaten in die Erde, klirrten, so war also hier doch auch Stein, nicht überall Lehm, die kommende Nacht mußte also besser sein als die vorige. Während er sich noch Vorwürfe machte, nicht genug den Ernst des Augenblickes und die Gefahr zu empfinden, während er sich umsah nach seiner Sanitätspatrouille, die ihm nachkam, knarrend mit den schweren Tornistern, voll von Hilfe und Verband, da traf sein Fuß im Abendnebel eine Hand zwischen Dickicht und verwelktem Grün. Er beugte sich zu dem Liegenden schnell herab, seine Soldaten standen plötzlich rings um ihn, wie die Speichen eines Rades. Er entkleidete schnell dem Liegenden die Brust, bündelte los die Pelzweste und das schwarze Hemd von der schwarzbehaarten Brust, sah sie atmen frei von Wunden, auch der Hals war frei, bloß gesprenkelt mit roten Fleckchen. Den Bauch zu entblößen, zögerte er, doch taten dies die Soldaten mit den Bewegungen, die sie im Kurse daheim an ihresgleichen oft geprobt hatten, der Bauch bewegte sich wild, fast zum Erbrechen. Alfred trat aus Angst vor dem Erbrechen fort vom Kopfe des Infanteristen, nahm ihn dann doch in die Hände, fühlte sonderbar wie Sand die etwas feuchten Barthaare, der Mann war jetzt schon beruhigt, Alfred befahl, ihn auf die Feldtrage zu lagern, merkte dann an den eigenen Händen Blut. Während Alfred das Aufheben der Bahre und den Transport auf den Hilfsplatz kommandierte, erblich der Infanterist (daß er stumm war, war noch keinem aufgefallen), atmete nicht mehr. Alle erkannten, daß ein Mann tot war, gleichzeitig ertönten Schreie von allen Seiten, bis jetzt war Schweigen gewesen, selbst völlige Leere des gewohnten Flintenknalls, überall sah man jetzt im Nebel graue Uniformen sich wälzen, Liegende das Aufsitzen versuchen, Sitzende das Stehen, Stehende das Laufen, aber alles erstarrte immer mehr, angeschleudert und geschwellt von einem schwarzen Baum sich bäumenden Rauches, der dumpf einbrüllend sich aus der Erde riß, Erde versprühend ringsum und Steine. Disteln verbrannten mit sengrigem Geruch. Lichtgelbe Flammen prasselten vorn, in der Höhe wie eine Bogenlampe zischend, verbrennend, abhagelnd viele Kugeln, die fauchten. Einer riß den Umlegkragen der Uniform herauf, um aus dem Halse das verströmende Blut zu stillen, ganz in der Nähe, unter den letzten Zweigen des Erdbaumes der schweren Granaten. Der liegende Tote wurde aus der Tragbahre schnell herausgestürzt, klatschte in den Lehm, Gesicht und schwankenden Bart nach vorn. Alfred rannte, mit beiden Händen sich klammernd an Erdschollen und Disteln, zu dem Halsschuß, kleine Eidechsen schienen vor ihm her zu laufen mit Zirpen oder Pfeifen, winzige Klümpchen Kot verspritzend ringsum. Doch bevor noch der zweite Verwundete erreicht war, fiel einer von der Patrouille, ein alter Zugführer, mit dem Alfred im Eisenbahnwagen gefahren war, oft nachts mit seinem Rücken sich stützend auf den Rücken des Mannes und sich wärmend an der Wärme des Menschen. Nun hieben mit fünf Sekundenschlägen fünf Rauchhaufen mit hohem Geheul und wüstem Gestank sich aus der Erde, ein gelbes kleines Feuer auf eigener Bahn zog sich spiralig neben Alfred in den Boden, der sich kräuselte. Auch an anderen Orten waren sechs solcher Explosionen zu sehen, schwarze Reihe, donnernde Regelmäßigkeit, Maschine im tobenden Gewitter. Mit aller Schnelligkeit wichen Retter und Gerettete zurück zum Hilfsplatz, der in der Scheune, Alfreds Nachtlager, eingebaut war. Die Tragbahren waren alle belegt. Schluchzen, Weinen, Schweigen und Ausatmen und Entbluten. Alfred wurde durch Befehl nach vorne gerissen, wartete mit zwei Gehilfen auf das Wiederkommen der erledigten Tragbahren, hielt sich eingekrümmt in einem Trichter, dem Wasser aus dem Sumpfe zuströmte. Er war ganz seelenlos und empfand nichts. Keine Bahre kam. Die Plänkellinie lief zehn Schritte vor Alfred durch den Sumpf. Männer lagen da auf dem Bauch, niedergedrückt durch schwere Tornister, das Messinggelb der ausgewechselten Magazine schimmerte licht. Plötzlich stand ein Mann auf, erhob sich ganz ungedeckt aus der kleinen Erdgrube, nahm das Gewehr um, hielt es gepreßt an Brust und Bauch, schritt rüstig aus, vom Feinde weg, als ginge er nach Hause. Plötzlich fiel er nieder. Auf den Händen kroch Alfred zu ihm hin, legte ihm schnell eine Verbandkrawatte um den Nacken, der weiße Verbandstoff füllte sich im gleichen Moment mit Blut. Alfred preßte dann die Wunde von obenher mit der Hand, doch die Hand wurde weggerissen vom hervorkochenden Blut. Als letzte Hilfe legte Alfred ein schweres Fünfkronenstück auf die Wunde, endlich stand die Blutung, der Verwundete klagte nicht, spitzte die Lippen wie zum Pfeifen, griff nach der Feldflasche, die ihm immer entging. Da niemand kam, niemand in dem heftigen Feuer sich nähern konnte, ließ Alfred den Verwundeten von zwei Leuten zurücktragen. Plötzlich erkannte er, daß es da keine Eidechsen gab, sondern die Streukugeln eines Maschinengewehres, das unermüdlich und hart rollte, dann waren es zwei, die im Takt nebeneinander gingen, im Echo widerhallten in dem niederen Hügelland. Die zwei Leute sollten mit verschlungenen Armen einen Tragsessel bilden, doch kaum saß der Verwundete im Sattel aus Menschenarmen, umarmend die zwei Träger, als alle zusammen in die Erde kollerten. Der rechts stehende Träger war tot und grauenhaft verstümmelt. Alfred und der linke Träger packten den Verwundeten, schleiften ihn an den nach rückwärts ausgerenkten Armen über Schollen zurück, Gelenke krachten, unter der Achsel sah Alfred etwas Schwarzes fließen. Alfred brachte den Mann zum Hilfsplatz. Er erfuhr nichts von seinem Schicksal. Bei der Scheune traf er die Regiments-Reserve, bereit zum Ausschwärmen. Abends war alles schon weit voran. Die Feldküche kam nach und kochte. Menschen waren nirgends zu sehen. In der Nähe der »Eidechsenlöcher« verbrachte Alfred mit dem Rest seiner Patrouille und drei zugeteilten Leuten von der Regimentsmusik die zweite Nacht im tiefen Schlaf. XVIII Am nächsten Morgen wurde das Bataillon zurückgenommen, alle erholten sich schnell, drängten sich in Bauernstuben, aßen, tranken, schliefen. Soldaten saßen gebückt und reinigten Stiefel mit dem Taschenmesser, da der zähe Kot das Gehen erschwerte. Besonders lästig waren ihnen die Strupfen, Tuchstreifen zwischen Schuhe und Hose eingeknöpft, wo sich der Lehm fing. Fußmarode und Leichtkranke kamen sehr zahlreich zu Alfred, klagten über Schmerzen und zeigten Löcher von Handtellergröße, rotes, nacktes Fleisch, in das Furchen von Schuhbändchen eingegraben waren, doch hatten sie bis jetzt nichts von Schmerzen gefühlt, hatten bloß geschossen und geladen, waren marschiert hinter der riesigen Trainkolonne, manchmal über freies Feld, hatten Patronen gefaßt, Menage gegessen, gebückt über kaltem Geschirr, schlafend in Eile. Nun lag Alfred, glücklich, mit Menschen beisammen zu leben Tag und Nacht, in einem Schulzimmer, gedeckt durch Wälder und Hügel, das Schießen war schon lange verstummt. Das Stroh wich unter ihm auseinander beim Schlafen, er mußte es binden durch Tücher oder den Mantel, dessen Ärmel man bauchwärts zusammenknotete. Und doch war die Nachtruhe unruhig, Alfred mußte erwachen, süßlich umwittert von Zigarettengeruch, einer der jüngeren Herren rauchte und flüsterte, er müsse schnell die Ratten vertreiben, die über die Wurst und den Speck gekommen seien. Doch außer dem Zischen der Zigarette, anziehend im tief schlürfenden Atmen, hörte man auch leises Weinen, herabgewürgt im halben Traum. Morgens war gut die Fahrküche, schwarzer Kaffee in Zinntassen, und bitteren Zinngeruch hatte man den ganzen Tag auf der Zunge. Viele Offiziere schliefen, andere redeten unaufhörlich, doch nie von Kote 337, nie vom Gefecht, nie von Geschützen, die laut tobten von Mittag an, schießend bei besserer Sicht. Ein Hauptmann erzählte: »Die Lebensmittelmagazine haben wir daraufhin sofort niedergebrannt, vierzig Kisten Streichhölzel, eine halbe Million Konserven oder so, und wie's schon raucht, kommt in aller Eile der Proviantleutnant zu mir, Tränen in den Augen: Um nichts ist mir leid, aber für eine Million Havannazigarren, da, Herr Hauptmann, schau die große Kiste, um die ist's doch ewig schade. Ich sag drauf: Nun, was gibst du mir, wenn ich sie dir abnehm? – Na, nimm sie doch nur, ohne Quittung, es wäre doch zu schade drum. – Na ja, sag ich, eine Million, das ist schon etwas, das könnt unsereins in seinem ganzen Leben nicht aufrauchen. Na, ich requiriere schnell einen Wagen, laß die Kisten hineinschupfen, dem Offiziersdiener stopf ich gleich den ganzen Rucksack voll, tatsächlich, es waren Havanna. Und jetzt dahin. Wie wir so gehen, kommt ein Honved daher, verwundet, beide Arme angeschossen, Gewehr futsch, natürlich, Rucksack futsch, nichts zum Essen, nichts zum Rauchen. Er schaut mich so an. Zum Essen hab' ich selber nichts gehabt, die Rüben haben wir aus der Erde gezerrt, roh, wie sie waren, mit der Erde und dem ganzen Schmutz, wo die Leute drüber herüber gestrampelt sind, und daher auch die Ruhr, versteht sich. Also zum Essen, tut mir leid, mein Bürscherl. Aber zum Rauchen, da, mein Honved, da eine und da noch eine und noch zwei in die Tasche. Das Gesicht! Daraufhin sagt er was ungarisch, aber ebensogut hätte er es chinesisch sagen können. Am nächsten Tag sehe ich wieder einen, der wickelt in ein altes, dreckiges Kuvert von seiner Braut Pfeifentabak hinein, das soll auch eine Zigarette werden. Ich auf ihn zu, hau es ihm nur so aus der Hand, und das liebliche Rauchzeug fällt auf die Erde. Der Kerl schaut mich an, du ganz gemeiner Knochen, denkt er sich. Ich aber, die Zigarren waren ja dazu da. Aber, wie gesagt, diesen Kaiserbirnschnaps hat mir meine Frau noch so ans Herz gelegt, also setz dich her, Oberleutnant, und du, Doktor, wie heißt du eigentlich, wir spielen jetzt Quodlibet!« Nach einer Stunde, als zwei Flaschen Schnaps geleert waren und das Geschützfeuer immer stärker geworden war, eins mit dem Dröhnen des betrunkenen Gehirns, hörte Alfred: »Sag mal, Dawidowitsch, bist du auch musikalisch? Ich bin sehr musikalisch. Aber jetzt spielen wir ordentlich. Übrigens, unser Feldkurat, der Kommischristus, hat vorgestern sehr rührend gepredigt.« Jetzt erschien die Ordonnanz vom Regimentskommando und brachte einen Befehl. Der Hauptmann mußte unterschreiben: »Nirgends hat man Ruh. Aufpacken und fort und dahin. Vorn bei dem Jägerhaus, zwischen der ungarischen Division und der Kavalleriebrigade, ist ein Loch. Überall ein Loch. Und wo ein Loch ist, müssen meine Leute hin. Also gut, da ist ein Loch. Aber dahier ist auch ein Loch.« Und ein großes Glas Schnaps zielte nach seinem großen, gutmütigen Mund. Während des Marsches nachts freute sich Alfred an dem Knarren des Reitzeuges, wenn sein Sattelgurt den des Hauptmanns berührte. Der Hauptmann schlief beinahe. Die Steigbügel, mit Stroh umschnürt, knisterten leise. Elektrische Laternen wurden trotz des Verbotes auf kurze Zeit aufgeknipst. Das Licht schimmerte auf den Ringen des Saumzeuges, und einmal auch auf den Augen des Hauptmanns. Da trafen sich Augen, menschlich, verwandt, klingend in eine Musik. Es regnete jetzt. Der Schritt des Bataillons, das trotz der Rast marschmüde war, klang hinter ihnen und neben ihnen wie das Sausen eines Treibriemens, getrieben in der Fabrik, ohne Gesicht und endlos. Alfred blieb Tag und Nacht beim Bataillonskommandanten, der sich tollkühn in den dünnen Schnee kniete. Beim Kommando: »Auf und Sprung vorwärts«, riß er den geschliffenen Säbel heraus, da spiegelte sich Schnee, fernes Wolkenlicht und Schatten von Alfreds Gestalt, denn er ließ Alfred nicht aus seiner Nähe, vorausahnend Böses. Am dritten Tage (der sechste Sturm in drei Tagen war geplant) traf eine Kugel des Hauptmanns linkes Auge. Schwärzend den Backenknochen, hatte ein Streifschuß die gläserne Vorderwand des Auges fortgerissen. Böser Wille? Niemand kannte den Hauptmann, der niedergesunken war, niemand kannte Alfred, der bei ihm stand und weinte. Er hielt die Hand auf die Brust des Offiziers, auf der eine dicke Ledertasche mit den Kompagniegeldern lag, sah die starre Brust eingekrümmt von Schmerz. Der Notverband sollte sofort angelegt werden, die Sanitätspatrouille war zugegen, die eigenen Leute, die den Hauptmann sehr liebten, kamen mit großer Lebensgefahr während des Feuerüberfalls zu ihm. Der Hauptmann war wieder ganz wach, aber wie von Sinnen, fuhr mit der Hand zwischen die Bindenzügel, hinderte die Helfenden am Werk; auf dem Verband war schwarzer Schleim, auch Erde. Es war mehr als Verlust des Auges, das war Gefahr des Lebens, drohte Alfred, aber der Hauptmann flüsterte nur: »Laßt mich doch endlich in Ruh, weg mit dem blöden Verbandzeug, wo steht jetzt die Infanterie, was ist mit dem Telephon, her mit dem Telephonkorporal, der Maschinengewehrkommandant zu mir.« Das Auge sank kraterförmig ein, hoch gerötet wie eine Kirsche. Der Hauptmann blieb auf seinem Posten, der Feuerüberfall wurde überstanden, der Angriff wurde abgewehrt, der Gegenangriff brachte Geländegewinn, das Bataillonskommando wurde übergeben an den rangältesten Subalternoffizier, der bei ihm blieb bis Abend, während rings das Gelände verödete, Karren vorbeizogen mit Rollen Stacheldraht für die neue Stellung, und Wolken lagen schwarz am Horizont. Während der Feuerpause sank der Hauptmann zusammen, am schlaff ohnmächtigen Haupte wurde nachts der Verband angelegt, der Hauptmann beiseite geschafft, wiegend über höckrige Schollen und geneigten Boden trug Alfred selbst den menschlichen Freund dahin. Als er spät nachts zurückkehrte, war schon für ihn eine kleine Höhle hergerichtet, in der gebückt er kaltgewordene Speisen aß. Die Pferde waren vorgenommen, standen in einer kleinen Mulde hinter ihm, wieherten ihn aus dem Schlafe, stampften ohne Ruhe in der Kälte, sie hatten bloß Zeltblätter auf dem Rücken, da die Wärter sich in die Pferdedecken gehüllt hatten. Die Zeltblätter froren im Novemberwind und glitten immer wieder von ihren Rücken herab. In mondheller Nacht schlich sich Alfred zu den Tieren, die gegürtet bereit standen, den Tränkeimer an der Schulter, die leere Säbelscheide des Hauptmanns funkelte an der Flanke seines Pferdes. Die Augen des Pferdes glimmerten matt, über den Augen senkten sich im Takt tiefe Gruben beim Kauen und Mahlen, die Nüstern waren in einen Hafersack gesenkt, der dunkler wurde unter der wühlenden Feuchtigkeit des Maules. In dieses Stück Tuch sich zu verwandeln, träumte Alfred, erwärmt um etwas Lebendes sich zu schmiegen, er selbst leblos, besinnungslos. XIX Alfred war so erschöpft vom Gefecht, daß er am nächsten Morgen von seinem treuen Diener nicht zu erwecken war. Der Chefarzt des Regimentes bezeichnete ihn als »vollständig ausgepumpt und vorderhand erholungsbedürftig«, deshalb brachte man ihn auf den Hilfsplatz, dann in ein Dorf, wo am Bahnhof lange Krankenzüge warteten, zum größten Teil noch leer, und gierig nach vielem Leben oder Tod. Er wurde hin und her getragen, im zerschossenen Wartesaal von Soldaten mit Tee und Rum getränkt. Da er ganz ausgedörrt war, und plötzlich wie ein Kind Kot unter sich gelassen hatte, und kaum aus der Betäubung erwachte, wurde er vorsichtshalber in den Seuchenzug einrangiert, sah alles mit vollem Bewußtsein, konnte sich nicht rühren, auch nicht rufen, da ungarische Wärter ihn hoben und warfen. Während der ganzen Nacht mußte man die Wagen verschieben, am Morgen sah er noch die gleichen, schwach bereiften Telegraphenstangen wie am Abend vorher. Wahrscheinlich hatte der Hauptmann alle Stationen vor ihm passiert: den Hilfsplatz in der Scheune, das Feldspital im Dorf, die Menschensammelstelle am Bahnhof. Diesen Menschen hoffte Alfred zu treffen, er wollte sich zu dem winzigen Stück Mensch herunterretten, das ihm blieb. Viele Personen trug man an ihm vorbei, manche schienen nicht mehr zu leben, andere verloren Blut auf dem Wege, und die Hände hielten sie gekrümmt in Kälte und Schmerz an die Stangen der Bahre. Im Frachtwagen, in hohem, eisernem Raum, wo Luftlöcher an den Wänden bei Dezemberkälte offen waren, hockten sie dann, hatten Decken und Plachen über sich geschlagen, die Manschetten der Mäntel nach außen gestülpt, als Muff für die vereisten Hände, die sie anhauchten mit trostlosem Munde, schweigend. Über den Nachtgeschirren brüteten sie, in ewiger Bedrängnis, Offiziere wie Mannschaftspersonen, man konnte sie nicht unterscheiden, denn beide hatten erdgrauen Mist auf Gesicht und in den Ohren, kotige Schwärze um den nach vorne gespannten Nacken, wo in den Haaren unten wie an Bergesabhang alles in Unrat verdunkelte. Alfred erholte sich bald. Die Sanitätssoldaten bekümmerten sich wenig, er selbst mußte sich Speisen und Tee auf den Stationen holen, nur machte ihn der weite Weg müde, denn der Seuchenzug durfte in die Stationen nicht ganz einfahren. Trotz des vielen hingeschleuderten Kalkes war am Tage Blut sichtbar und schleimiger Kot zwischen den bösen Geleisen. Sein Wagen rangierte gleich hinter der Maschine, war gut geheizt und der Schlaf war herrlich. Plötzlich öffnete sich die Tür und ein zerlumpter Soldat, der offenbar befallen war von der schrecklichen Seuche, schnupperte mit spitzer Nase und vorgebleckten Zähnen nach der Wärme und dem besseren Lager bei ihm. Hier aber waren vom guten Regimentsarzt bloß die glücklich Unverseuchten, bloß die schwer Erschöpften eingeteilt. Die Nachbarn schliefen eisern. Der Fremde war durch Bitten und Drohen nicht zu bewegen, zu weichen. Sein unverständliches Sprechen, in dünnem Strom ausgeworfen aus dem fleischlosen Gesicht, war schrecklich, und plötzlich fühlte Alfred fremde Gewalt gegen sich, kalte Hände kratzten schwächlich an seinem Hals. Die offene Tür ließ Rauch herein, Rasseln und endloses Pfeifen. Alfred stieß den Fremden von sich. Der Mann stürzte, verwickelte sich in die halbgelösten Beinkleider, kollerte den Bahndamm herab. Der Zug fuhr langsam, der Mann klammerte sich mit Mühe an die Erde beim Heraufkriechen, doch konnte er dem Zuge noch nachlaufen und plötzlich verschwinden zwischen den schwarzen Stangen der letzten Wagen. Wie ein Stein erlebte Alfred dies. Lichter richteten sich auf, das Pfeifen verstummte. Auf der ganzen Reise ging Alfred als freiwilliger Arzt umher, verteilte Opium und Tannin unter den Kranken, die Papierhüllen der Medikamente bauschten sich in seiner Tasche, er warf das Papier in die kleinen Öfchen, die in den Käfigen der Kranken rauchig brannten, er rettete viele. Deckte sie zu über und über mit ihren Tüchern, wenn sie im Schlafe auf dem Topfe sitzend, von Schwäche entnervt, die gute Hülle verloren hatten. Er rettete viele. Doch in Oberungarn, wo Alfred nach vier Tagen anlangte, waren schon sehr viele gestorben, man hatte sie in einige kalte Waggons wie tote Fische in Reihen zusammengetragen am Ende des Zuges, doch viele waren auch genesen, verließen zu Fuß die Waggons, auf der Rampe noch im frischen Schnee die Spur der roten Ruhrseuche siegelnd. XX Das Fürchterlichste war für Alfred der Wirbel der Namenlosen, die waggonweise anrollten. Sie erschienen dann, in Ambulanz-Autos zu je vier verpackt: wie in Schubladen eingeordnet, atmeten lautlos, feucht das Haar wie nach einem Bade, und ihre Beine in hohen Stiefeln waren machtlos, schwer und wie Stücke Erde bloß. Alfred schrieb sich ihre Namen auf, nahm ab von ihrem Halse kleine Zettelchen, die sie trugen mit Angabe des Regiments, des Assentjahrgangs, der Truppe, des Alters und des Namens. Auch Häufchen mit Heimaterde hatten viele umgebunden in Säckchen, zinnerne Muttergottesbilder, Kruzifixe neben Beutelchen mit Geld. Namen, Menschen waren: Janusek, Johann – Bleschke, Karl Ferdinand – Zarzel, Leopold – Schmidt, Franz – Zaboynok, Johann – Gerrö, Ferencz – Sarmann, Imosan – Cohn, Salomon – Meyer, Georg – Panek, Josef – Kreß, Karl – Kosziban, Georg – Navel, Michael. – Nach zwei Tagen hatte er ein ganzes Buch voll. Er hatte Namen bei sich, und so träumte er auch Menschen bei sich zu haben, unverrückbar, mit Namen gefangen, wie eine Mutter Namen nennt für ihre Kinder. Den ganzen Tag blieb er in ihren Zimmern, er schmiedete sich wie für ein ganzes Leben eine Heimat aus Baracken. In diesen Baracken gab es Wärter, die die bewußtlosen Kranken bestahlen, Unteroffiziere, denen in jeder Tasche eine gestohlene Uhr tickte, denen war Alfred zur Last und sie wollten ihn vertreiben. Sie ließen die Kranken ungeputzt, warfen ihnen bloß frische Wäsche um, reine Hemden glitzerten starr unter schwarzen Gesichtern und über kotbedeckten Bäuchen. Nie kämmten sie die Kranken, sondern schoren rund an den Köpfen mit der Maschine, in der die spröden Haare mit Erde vermengt krachten. Vor Alfreds Füßen kehrten sie mit brutalen Besen Staub auf und nieder, sammelten lachend Haare in Büscheln vom Boden auf, Tabakreste, Reste des Lebens überhaupt. Die ordnungsgemäß eingestellten Ärzte kamen und besahen Alfred mit ironischen Blicken: »Das ist ja prächtig, daß Sie sich nützlich machen bei unseren ›rührigen‹ Kämpfern«. In weißer Reihe gingen sie zwischen den Betten der Ruhrkranken durch. Kurz vor dem Ausgang blieben sie stehen, einer erzählte: »Auf der Kärntnerstraße in der Nacht um zwölf seh ich einmal ein junges Fräulein gehen, mit Lackschuhen, eine große Notentasche trägt sie unterm Arm. Was sind das für Noten, denk ich mir. In der Kärntnerstraße um zwölf? Ich gehe also hinter dem Musikfräulein hin und her und schau sie immer an, dann sag ich ihr: ›Gnädiges Fräulein, ist es Ihnen denn nicht unangenehm, daß Sie hier mitten in der Nacht so allein gehen?‹ – Sie dreht sich um, ganz verschämt: ›Küß die Hand, ich bin a Hur'!‹« – Alle lachten. Ein älterer Arzt nahm Alfred mit sich: »Was machen Sie eigentlich hier? Sie könnten längst auf Erholungsurlaub sein. Und dann machen Sie eine kleine Mastkur. So werden Sie alles tadellos überstehen. Im Grunde ist es gar nicht so schrecklich, die Hauptsache ist eine gute Gesundheit, stramme Nerven vor allem. Es gibt Erfreuliches, überall, erfreuliche Arbeit meine ich natürlich, vor allem nicht zu viel Arbeit, das bin ich meiner Familie schuldig und somit auch dem Vaterland!« Nachts wurde dieser Arzt gerufen, ohrfeigte jedoch den Wärter von seinem Bette aus und wurde grob gegen Alfred. Seit einigen Tagen gab es nämlich Hochfiebernde, die nachts die Wände ansprangen, die Nachtgeschirre an den Lampen zerhieben, so daß das ganze Zimmer beschmutzt wurde, tagsüber aber lagen diese Menschen ganz flach da, wurden als gemeine Wald- und Wiesenbronchitis geführt, während Alfred Seuchen fürchtete. Die Ärzte waren nicht aus der Ruhe zu bringen. Ein älterer Herr meinte: »Es gibt nur ein Heilmittel gegen Typhus, und wissen Sie, was das ist? Die Aufbringung neuer Soldaten. Die Notwendigkeit frischen, ordentlichen Menschenmaterials ergibt sich auch aus medizinischen Gründen.« Ein bosnischer Hirte wanderte allnächtlich aus. Gegen drei Uhr morgens war alles, Alfred, Wärter und Wache, zusammengesunken in Schlaf, der bosnische Hirte allein schlich sich durch, wankte dahin, um sich dann im Hofe neben den Misthaufen zu legen, auf dem Stroh sich zu wälzen, das aus Ungezieferbetten ausgeschüttet war und des Verbrennens harrte. Hunger nach dem Geruch der heimatlichen Ställe, nach dem Hauch der heimatlichen Himmel hatte ihn dahingeführt. Im Freien wurde er am 7. Dezember tot gefunden. Schwarz starrte sein armes Gesicht, sein hängender Bart unter dem Stroh. Er hieß: Viso Yovis. Von jetzt an konnte Alfred die Namen schwer behalten, er konnte die Menschen vom Material nicht mehr gut unterscheiden. Gebrauchte Verbandrollen erkannte er wieder am nächsten Tage, ein schwarzes Lederbänklein, das den schweren Patienten unter das Kreuz geschoben wurde, merkte er sich. Aber die Menschen selbst nicht mehr. Ein Klumpen Ruhr, eine Asbestbaracke Typhus, eine Scheune Verwundete, ein ständiger Belag, mit Kreide in der Kanzlei auf einer Schultafel notiert, das gab es. Seele gab es nirgends, Mensch gab es nirgends in diesem hohen Haufen getürmter Soldaten! Er hörte ihr Schreien, stillte ihr Blut, flößte ihnen Tropfen ein, ließ ihnen zuteil werden Hilfe in Operation und Tat. Leben konnte er nicht mit ihnen, er war auch ihnen nur ein Tropfen Medizin, eine Art Verband, eine Gestalt trinkbaren Wassers und kühler Erfrischung. Während der vielen Wochen im Lazarett hörte er seinen Namen nur bei der Auszahlung seiner Gage und beim Empfang der Gebühren. Plötzlich verschwanden die Kranken, fortgeschafft über Nacht. Züge rollten ab, Reihen von Betten standen leer. Auch jetzt arbeitete Alfred weiter, schichtete Matratzen und Keilpolster, zählte Stöße von Nachthemden und Krankenhosen, lange Nachmittage hindurch, der menschlichste Mensch wurde eine bloße Maschine der Energie, im letzten Willen weiterschwirrend und sausend dahin unter Maschinen! XXI Sein zu Stein erstarrtes Inneres wurde aufgerüttelt durch Empörung: Die Russen hatten tückisch das schuldlose Reich überfallen, retten mußte man die unbewachte Heimat. Empörend waren die Russen, welche die Rotekreuzfahne mit Absicht durch Bombenwürfe und Zerstörungsfeuer angriffen. Teuflisch waren die Millionen Russen, die absichtlich Seuchen einschleppten, die Brunnen vergifteten, und die vernichtet werden mußten, wenn etwas leben sollte und gut sein auf der geliebten Erde. So predigte man ihm. Alfred kehrte Anfang Februar zu seinem Regiment: zurück. Ziemlich weit hinter der Stellung hatten die Einwohner eines Dorfes in einem Birkenwäldchen ihre Familien und ihr Vieh gesammelt, die Kinder schrien vor Kälte, denn sie konnten sich nur notdürftig nähren von den mitgeführten Vorräten, da die Bauern das Vieh durchaus nicht schlachten wollten. Die Tiere hörte man nachts brüllen und winseln, die Menschen lungerten elend dahin mit schwarzem Brot, nagten in der letzten Zeit an Rinden und schleimigen Flechten, erbettelten Brot und Konserven von den gutmütigen Soldaten. Doch wenn sie auch genährt waren, so konnten sie doch in diesem Zustande solche Kälte nicht mehr lange ertragen, der Haufen, der sich in der Nähe des Regiments herumtrieb, wurde rasch kleiner in der letzten Zeit. Ein hübsches Mädchen, die siebenjährige Parascha, kam zu Alfred, hielt sich schwankend fest, um ihren linken Fuß aus Bastbündeln, Fetzen und Stricken hervorzuschälen. Alfred fand den Fuß schwarz, wohl von der den Bastschuh durchdringenden Erde getränkt. Schon wollte Alfred das Kind abschütteln, abrollend in seinem Gehirn: Patient leicht fußmarod, Kommodschuhe erforderlich, so wie er es bei seinen Soldaten verordnete. Doch zur Vorsicht griff er den Fuß an, eiskaltes Fleisch blieb in seiner Hand. Ein verwestes Stückchen Mensch fiel ab vom leise knirschenden Knochen und der Schrei des Kindes heulte sehr stark. Alfred verband schnell den abgefrorenen Fuß, er wollte das Kind nach rückwärts bringen lassen, auf einem landesüblichen Wagen es in Stroh verpacken lassen, sogar gegen die Vorschrift militärische Kotzen dazu verwenden. Doch widersetzten sich die Eltern und Geschwister, selbst der zottelige Hund, alles drängte sich zu Alfred herein. Nach dem Verband zogen alle wieder ab. Alfred ging durch den Wald zur Stellung. Die Flüchtlinge sammelten sich in einer Waldblöße, unter Zweigen erschien groß der Kopf eines Rindes und durch das Unterholz kam ein fast nackter Knabe, der zwei nackte weiße Schweine herschleppte hinter sich. Die herrlichste Beruhigung fand Alfred in dem Gedanken: das Ende ist gut. Das Ende ist zum Greifen nahe. Menschen werden den Krieg überleben. Allen Überlebenden wird man helfen nach dem Krieg. Die Menschen werden mit vielen Milliarden rüsten für die Menschlichkeit, man wird Kasernen bauen, Exerzierplätze mitten in Städten freimachen, um den Menschen zu drillen zum Mitleid zu sich selbst. Die Flüchtlinge hinter ihm zündeten Feuer an in sternheller Nacht, sie sammelten Zweige, sangen im leisen Chor, in schwebender Musik. Hell krachten niedere Bäume, gefrorenes Holz wurde mit der Axt gespalten. Zwei Minuten nachher sauste Heulen vor, Trommeltriller, klirrend geschlagen, ein Explosionspunkt erschien rot leuchtend über dem Feuer, Schrapnellkugeln knackten in den Zweigen. Gleich darauf erfolgte der erste Granatentreffer, fünf Herzschläge, nachher der zweite, in gleicher Distanz weitere vier, der fünfte war ein Volltreffer. Die russischen Geschütze schossen. Namenlosen Laut, nie gehörten, mußte Alfred hören. Das arme Kind, das eben verbunden, gleich wieder gelächelt hatte nach seinem Schmerzensschrei, den Unterleib durch die Kleider hindurch aufgerissen, das buntgewirkte Röckchen versengt, der Körper in Muskeln und Adern aufgeschnitten, die Därme bewegten sich noch und sprangen vor, unrettbar, unrettbar! Einer sehr alten Frau war der Hinterkopf abgeschnitten, viele schrien und schlugen um sich und traten die Helfer mit Füßen. Andere lagen betäubt in dichtem Rauch, umwölkt von der Explosion, und Feuer entspann sich allmählich im bösen Wald. Alfred und seine Leute waren allein bei Besinnung, man riß die Lebenden schnell fort, bettete sie in eine Schneemulde, bis endlich nach verstummtem Feuer der Mond hoch aufging in der menschlosen Nacht. Durch den Laufgraben brachte man die Verwundeten auf den Hilfsplatz. Von siebenundvierzig Zivilpersonen waren neun tot, darunter zwei Kinder, vierzehn Personen waren schwer oder leicht verwundet, das Vieh war unbeschädigt geblieben bis auf einen Stier, der sich ein Hörn bei der Flucht oder durch Verwundung abgebrochen hatte. Er fraß nicht. Am nächsten Morgen wurde ihm eine Kappe aufgesetzt, die einen eisernen Stachel enthielt. Mit der Rückseite eines Beiles wurde er wie eine Glocke angeschlagen und fiel sofort um. Man band ihm dann um die linke Vorderklaue einen Strick, ein Gehilfe stellte sich auf die Brust des auf dem Rücken liegenden Tieres, die Halsader wurde mit einem scharfen Bajonett angespießt, der Gehilfe trat auf der Brust und dem Leib hin und her, zog im Rhythmus an dem Vorderfuß und pumpte so dem Tiere das Blut heraus, das im hart wehenden Wintermorgen in Klumpen gefror. So maschinenhaft das Tier auch da lag, schien doch noch süßes Leben in ihm. Wasser rann aus dem Auge, vielleicht war es Schnee von der Tanne, die über ihm stand und Schnee herabließ, durch das Schaukeln erschüttert. Der Mund öffnete sich dem Tier, es bleckte die breite Zunge vor. Das sanfte Rot schmeichelte sich wie ein Lächeln um den schmerzlosen Tod. XXII Der Mensch, den Alfred zu lieben sich sehnte, stand da vor ihm, als Tscherkesse in hellbrauner Uniform und hoher Mütze aus Astrachan, in ganzen Haufen brach er auf nach der Wirkung des gutsitzenden Wirkungsfeuers aus kleinen und mittleren Kalibern, das die Österreicher gegen den Stützpunkt der Russen geschmettert hatten. Mit Hurra kamen die eigenen Leute vor, zerschnitten selbst mit Scheren ihre Drahtverhaue, demontierten die am Boden liegenden Flatterminen, rannten eifrig heran, um die gefangenen Russen in Empfang zu nehmen, die aus weißen Zähnen Freundlichkeit grinsten. Die Russen ließen alle heran an sich, bis man das Weiße ihrer Augen sah, dann rissen sie aus den weiten Taschen ihrer Mäntel kurze Stöcke mit schwarzen Köpfen, zogen an einem Schnürchen, wie man eine Spieluhr aufzieht, schwangen die Stäbe dann rollend und heulend um die hohen Mützen, in schwarzen Spiralen rund um die Soldaten und nieder auf sie, die in einem Augenblick aufgingen in Feuer und Tod, durch heuchlerische Liebe restlos vernichtet. Viele sah Alfred nach dem Gefecht fast nackt daliegen, in kleine Gräberchen gebettet, die Glieder sprangen ihnen verrenkt vor aus den zerrissenen Gelenken. Der Mensch sollte geliebt werden, aber von Spionen war man überall umgeben. Ein alter Ruthene, der abends die Drahtverhaue durchklettern wollte, wurde eingefangen von der Feldwache, die in der eiskalten Nacht besonders wachsam war. In der eiskalten Nacht war er, nur in Hemd und Hosen gekleidet, fast unerkennbar im Schnee und starr vereisten Sumpf, wo sollte er seinen Verrat versteckt haben? Nachdem man ihn sorgfältig untersucht hatte und nichts gefunden, zauste ihn ein junger Unteroffizier an seinen langgelockten Haaren. Zu Hilfe wollte Alfred eilen, doch zwischen den dichtgefilzten Haaren hatte sich ein Zettel gefunden mit genauen Plänen und Geheimnissen, die selbst das Bataillonskommando nicht kannte. Der Ruthene schien stumm und sogar blind zu sein, er hörte nicht, gab nie Antwort. Er sollte sofort gehängt werden. Niemand wollte das Amt übernehmen. Erst am nächsten Tage meldeten sich von einem Nachbarregiment zwei rumänische Zigeuner, mit denen man sich zwar nicht verständigen konnte, doch bot man ihnen zehn Kronen, und sie lachten voller Vergnügen. Sie kletterten auf einen Baum, dem Spion wurde der Hut vom Kopfe geworfen, der sehr lange Hals in eine Schlinge eingelegt, er sollte auf einen kleinen Schemel steigen, das wollte er nicht, so hob man ihn hinauf. Ein Zigeuner kletterte wieder hinab. Ein guter Mensch gab dem Verurteilten den Hut wieder auf den Kopf, da scharfer Wind wehte und Schnee von überallher staubte. Jetzt zog der Gehilfe den Schemel weg unter dem Verurteilten, der Verurteilte schaukelte lautlos, schlug an den Stamm des Baumes mit hohlem Kratzen hin. Unter ihm hob man sofort eine Grube aus. Nach einer Stunde konstatierte der Arzt den Tod des Ruthenen. Über Nacht hatte ihn Alfred mit ärarischen Kleidungssorten und einer alter Pferdekotze versehen, diese Dinge wurden ihm vor der Beerdigung wieder abgenommen; ein alter Feldwebel regte sich sehr darüber auf: »Das ist eine rechte Schlamperei, jetzt weiß man wenigstens, wo unsere Sachen hinkommen. Herzlose Viechskerle.« Trotz des abschreckenden Beispiels traf man in der nächsten Nacht wieder einen Überläufer. Es war ein Bauer von ungefähr fünfzig Jahren, ein stämmiger Mensch, schwarzrot von Gesundheit im Gesicht. Man fand nichts bei ihm, doch seine Flucht schien deutlichster Beweis. Er betete unaufhörlich und murmelte, verlangte nach einem griechisch-orthodoxen Priester, der erst vom nächsten Divisionskommando durch mühsame Telephongespräche und Ordonnanzritte herbeigeholt werden mußte. Man war von Wut gegen den Mann erfüllt, dem man die schweren Verluste des Regiments in letzter Zeit zur Last legte und zwang ihn, sein Grab selbst Zu graben: »Unsere Leute haben Besseres zu tun, das wär' gerade die schönste Ordnung, sich zu schinden und zu plagen für so einen feigen Hund.« Die Erde war hart. Der Priester stand bei dem Manne, zitternd vor Kälte hatte er seinen Pelzkragen hoch hinaufgestülpt, er betete leise, sparte mit dem Atem in der ungeheuren Kälte, während der Verurteilte Erde aufhackte, sich mit seinem schweren Gewicht auf den Spaten wälzte und die Erde sehr ordentlich nach einer Seite aufschaufelte, als hätte er sein ganzes Leben nur diese eine Arbeit gemacht. Dieser Mann starb schwer. Der Strick war irgendwie mit Fett beschmutzt worden, der Mann entglitt der Schlinge, fiel dem Priester fast in die Hände, doch beteten beide ohne Unterbrechung. Es war Abend und die Geschütze donnerten über das Gebet ungeheuer her. Ein russophiler junger Mann hatte auf den kommandierenden General ein Attentat vorbereitet. Der General, sein Personal-Adjutant, ein Pferdewärter, einige Juden und Jüdinnen verschiedenen Alters waren tot. Der Ruthene Peter Petrowitsch wurde lange verhört, man dachte an ein Netz der Verschwörung, an eine planvolle Organisation von Verrat und systematischer Spionage. Hier war ein Mensch nicht mehr einfach Material, es blieb mehr von ihm als die Daten aus der Präsenzstandesliste, die Alfred vor vier Wochen den Ruhrkranken von Täfelchen am Halse abgenommen hatte. Der Oberleutnant-Auditor frug genau nach Vorleben, Studiengang und Vermögen, politischen Anschauungen, früheren Reisen und Bekanntschaften. Der Student bunkerte durch schwere Brillen seinen großen grauen Blick, grau war auch seine Haut und sein Mantel, der rückwärts noch Knollen zeigte und Brüche vom Wälzen in der schlechtgeheizten Zelle nachts. »Wann sind Sie verhaftet worden?« »Ich wurde gleich nach dem Attentat aus dem Flusse ausgefischt, hatte mich an Steinen verletzt und war ohnmächtig. Ein guter Arzt hat mich verbunden, hat mir Einspritzungen gemacht und hat auch zu mir gesprochen, als ich erwacht bin. Dann hat man mich beim Etappenstationskommando eingeliefert, wo man mich hat drei Tage lang liegen lassen, wie ich war, in den nassen Kleidern.« »Das ist nebensächlich. Wohin kamen Sie dann?« »Zum Divisionsgericht.« »Haben Sie mit Bewußtsein gehandelt?« »Ja.« »Und warum?« »Ich hatte gehört und glaubte es auch, daß der Verstorbene ein besonders böser Mensch sei, der auch viele Menschen nutzlos geopfert hat.« »Wollen Sie sagen, daß Sie aus Menschenliebe gehandelt haben?« »Ja.« »Aber wissen Sie, mein Lieber, Geld haben Sie doch auch genommen.« »Geld?« »Den rollenden Rubel. Oder nicht? ... Und wozu?« »Meine arme Familie, die am Verhungern war, mußte ich unterstützen.« »So so. Und wie das?« »Ja, ich hatte etwas verdient, ich gab meiner Großmutter zwanzig Kronen, sie hat mich ihrerseits auch früher unterstützt.« »Wieviel haben Sie erhalten?« »Zwanzig bis dreißig Kronen.« »Ja, aber sagen Sie doch auch, daß es jede Woche zwanzig bis dreißig Kronen waren. Von wem kam dieses Geld? Bekamen Sie es direkt von dem russischen Kommissär? Wollen Sie unbedingt nicht den Namen sagen? Und durch wessen Vermittlung seit der Okkupation? Nun ja, Sie sind ein edler Mann und ein Charakterheld. Aber das können Sie uns anvertrauen, wo Sie gewohnt haben?« »In der Teresinskaja 53.« »Haben Sie auch andere Unterstützungen gehabt?« »Ab und zu etwas von einem Freund, bisweilen auch Lebensmittel und Kleider.« »Auch Briefe?« »Ich schrieb meiner Familie und erhielt auch Antwort von ihr.« »Ihre Mutter wußte von Ihren Plänen?« »Meine Mutter ist tot seit 1910, meine Stiefmutter jedoch wußte von nichts. Meine Großmutter litt sehr an Not und Nierenentzündung, doch wollte sie nur zehn Kronen nehmen, ich konnte sie kaum bewegen, alle zwanzig Kronen zu nehmen.« »Sie waren zwei Tage vor dem Attentat noch einmal bei Ihrer Familie?« »Ja, ich nahm Abschied. Auch von meiner Schwester nahm ich Abschied. Um den Vater tat es mir leid. Wenn er mit mir auch ungerecht verfuhr, so hatte er mich doch lieb.« »Wie ging es weiter?« »Dann ging ich gegen die Fedorsbrücke zu. Um nicht aufzufallen, ging ich auf und ab. Ich trat auch in eine Teestube ein, trank Tee und aß eine Mohnkolatsche. Ich war sehr in Sorgen, ich wollte recht acht geben, niemand anderen zu töten.« »Also nur den General? Und warum wollten Sie nur den General töten?« »...« »Sprechen Sie doch!« »Ich weiß es nicht.« »Jetzt sprechen Sie nicht die Wahrheit.« »Doch, hören Sie mich zuerst. Ich hätte am liebsten jeden getötet, der tötet, aber nicht in Gefahr steht, selbst getötet zu werden.« »Hätten Sie auch einen russischen General getötet, oder den Großfürsten Nikolajewitsch?« »Ja.« »Nun, dazu werden Sie hoffentlich keine Gelegenheit mehr haben. Also, die bewußte Bombe war plombiert, und Sie haben schon in der Teestube die Plombe abgeschraubt?« »Sie war nicht zugeschraubt. Als das erste Auto herankam, war ich aufgeregt. Als es vor mir war, sah ich nichts als die graue Kappe des Verstorbenen, da dachte ich, ich müsse es tun, machte die Sache zurecht und warf die Bombe.« »Als Sie die Bombe gegen den Laternenpfahl schlugen, hörte man das zahlreich angesammelte Publikum schreien. Haben Sie das nicht gehört?« »Ja. Ich warf die Bombe und sah, wie der Verstorbene mich mit kaltem Blick anschaute. Ich nahm das Gift, konnte es aber in der Eile nicht herunterwürgen, spie es aus und wollte mich ins Wasser stürzen.« »Würden Sie Ihre Tat, die unschuldigen Menschen das Leben gekostet hat, wiederholen?« »Ich weiß es nicht.« »Hatten aber Ihre Anverwandten für den Fall, daß Ihr Attentat gelang, eine besondere Geldzuweisung zu erwarten gehabt?« »Nein, ich wußte, daß man sie dann erschießen oder doch aufhängen würde, da der Verstorbene bei der Armee sehr beliebt war. Er war auch nicht zu ersetzen.« »Wußten Sie, daß Sie auf jeden Fall bestraft sein würden?« »Ich wußte es. Auf dem ersten Vormarsch wurde hier ein Jude gefangen, der ebenfalls als Russophile verleumdet wurde, jedoch nur ein Wucherer war, man verhörte ihn drei Tage lang und zwar stundenlang nacheinander, dann gab man ihm hundert Kronen und ließ ihn laufen. Doch als er lief, wurde er dennoch von hinten erschossen, und auch das Geld wurde ihm dann noch abgenommen.« »So? Weshalb diese Komödie?« »Um ihm vielleicht die Todesangst zu ersparen.« XXIII Gütige Gesinnung der Menschlichkeit, ihre Liebe selbst zur toten, unbeseelten Scholle bewiesen die Menschen, geballt rechts und links von doppelten Stacheldrahthecken, durch Schuß. Recht und Gesetz, das über den Völkern saß, mußte bewiesen werden durch vollständige Erblindung von Arbeiteraugen, durch fürchterliche Knochenbrüche, wie man sie im Frieden nie gekannt hatte. Menschen verhungerten, Schleichpatrouillen wurden vom Kommando ausgeschickt, wurden leicht verwundet, konnten nur gerade nicht marschieren, hatten sich verfangen in verlorenen Stacheldrahtnetzen, winselten sich müde hinter unpassierbaren Sümpfen, hatten die geschwächten Arme so verwickelt in dem Drahtgeflecht, daß sie sich nicht einmal erwürgen konnten nach drei Tagen Hunger, nach drei Nächten Angst im Abrasen der stärksten Verzweiflung. Liebe zum Bruder aus dem Vaterlande bewies sich die Welt oder Gott, oder doch Gott? durch Erfrieren auf dem Leiterwagen, viele Kilometer weit war der Weg von der vorgeschobenen Feldwache zum ärztlichen Hilfsplatz. Der Hilfsplatz mußte in Ruhe, in relativ sicherer Deckung arbeiten, unschuldig waren die Ärzte dort an dem weiten Wege, den die armen Verwundeten auf den fürchterlichen Straßen, auf den ungefederten Fuhrwerken zurücklegen mußten. Wohl bettete man sie meterhoch auf Stroh, doch wenn sie ankamen, lagen sie fast auf den harten Brettern, gepeinigt von vorstehenden Nägeln, Lebende im Sarg. Menschen wollten doch nur das Beste für sich, selten war ein böser zu finden, ein Fanatiker des mörderischen Willens, ein entmenschter. So wollte Alfred den Menschen lieben, so wollte Alfred die Menschen lieben gegen alle ihre Tat! Der Maschinengewehrkommandant erzählte ihm abends bei der Menage strahlend von wütenden Nahkämpfen, von blutdürstigen Bosniaken, die mit langen Messern zwischen den Zähnen prachtvoll vorstürmten und sich von Zigeunern dabei Märsche vorspielen ließen. »So ein Material arbeitet wundervoll, da ist es ein Vergnügen, Kompagniekommandant zu sein. Jetzt hat man mich zum Maschinengewehr eingeteilt, aber das ist auch sehr interessant, da kann man mindestens ebensoviel leisten. Wenn du dir's mal anschauen willst, bitte schön, morgen kannst du kommen, wird mich sehr freuen, ich habe auch einen Wein.« Er stand am Maschinengewehr, visierte mit langem Scherenfernrohr Haufen von Russen, auf sechzehnhundert Meter Entfernung, die er nicht schreien und nicht leben hörte, in die er aber hineinschoß mit mathematischer Ruhe und mit der letzten Präzision. Als er aber nach vier Tagen fiel und ihm zuletzt noch die Bluse geöffnet wurde, sah Alfred ein Kinderhäubchen an einer seidenen Schnur hängen und ein Bild eines zweijährigen Kindes, das aus guten Augen strahlte. Gutes wollte doch dieser Mensch in seiner letzten Minute. Er ballte beide Fäuste in dem gebräunten Batist des Häubchens. Durch Spitzen schimmerte die dunkle Hand des Offiziers durch, sie war geschwärzt vom Schmutz und Öl des Maschinengewehres, das sie bis zuletzt bedient hatte. Wohl rühmten sich alternde Soldaten, geschlechtslose Männer mit kleinen Goldringlein in den Ohren (nachts belauschte sie Alfred im Unterstand), »ich habe eine eigene Kunst, mit dem Gewehrkolben die Russen beim Sturm in das Eierzeug zu treffen. Den, was ich so kitzel, der fallt augenblicklich um, weißt, du hältst ihm dann die Hand, und ich tu ihm die Kehle durchschneiden, mit einem Ruck bis an den Knochen, wie ein gelernter Fleischhauer, verlaß dich drauf, geht wie geschmiert, schnell, der kommt nicht einmal zu einem Muckser.« – Doch sangen sie rührende Gesänge, und wenn sie schliefen, Kopf und Schultern und Schoß und Gehirn und Seele in einer Nacht, in einem Stroh, in einem Dunst, so war in ihrem knochigen Nebeneinander Güte und Männlichkeit. Nicht im Menschen lag das konzentrierte Böse. An Gott dachte Alfred oft, und Liebe stürmte gegen Haß. XXIV Alfreds Kommandant, ein alter Oberst, wollte auf eigene Faust, um einen Beweis zu liefern von seiner persönlichen Tapferkeit und von dem prachtvollen Geiste seines Regiments, den berüchtigten Brückenkopf an der Bsura stürmen. »Acht Reihen Stacheldraht? Drei Maschinengewehr-Abteilungen auf dem Raum einer Kompagnie? Betonierte Stellungen mit Traversen? Das ist sicher übertrieben, der Überläufer hat sich groß machen wollen, oder gar, meine Herren, das ist ein Trick von den Russen, sie wollen uns nur Angst machen. Aber da kennen die Leute mich nicht. Die haben keine Ahnung von unserem Regiment. Auch das Divisionskommando unterschätzt uns sehr, bedauerlicherweise. Übrigens: wozu sind wir da?« Man hatte alles sehr geheim gehalten aus Furcht vor Spionage. Man hatte sich vorsichtshalber im Unterstand des Obersten versammelt. Hurra und Tusch der Regimentsmusik brachen aus. Alfred drängte sich gegen den Obersten vor, schrie ihm Nein! ins Gesicht, doch der Oberst verstand »Heil« und trank ihm zu. Alfred zog ab, richtete in seinem Schupfen alles her, spannte Billrothbattist um einen Bauerntisch, disponierte, ließ alle Patrouillen in voller Adjustierung antreten, um zwei Uhr fünfzehn nachts war der Feuerüberfall mit nachfolgendem Infanterieangriff geplant. Jetzt, um zwei Uhr fünf Minuten, als noch die Maschinengewehre schwiegen, legte Alfred Holzwolle in die Schienen und feuchtete Stärkebinden an, um die Glieder gebrochen transportieren zu können, die jetzt noch gesund waren und keinen Schatten fühlten von Schmerzen und Vernichtung. Die ersten Leuchtraketen wurden losgelassen bei den Russen im aufsausenden Infanteriefeuer, als Alfred die Pferde einspannen ließ und die Fuhrwerke auffahren ließ vor seiner Hütte zum Transport der nicht gehfähigen Verwundeten. Dann kam er selbst vor, neben dem Obersten, der aufrecht und mutig, einen Spazierstock in der Hand, eine Zigarette im Munde, durch die Stacheldrähte schritt, die erste Stacheldrahtzone der Russen passierte, um seinen Leuten auf dem Fuße zu folgen. Aber rechts und links glänzten Kokarden von hohen Russenmützen; Ordonnanzen kamen und gingen in höchster Eile, die Reserve mußte heran, von überall tackten Maschinengewehre, die linke Flanke war gefaßt; plötzlicher Schwindel warf Alfred rasend hin, der Luftdruck einer explodierenden Granate nahm ihn auf, schleuderte ihn zusammen, wie wenn er sich von oben her in gewaltig aufspritzendes Wasser geworfen hätte. An der Stirn war Alfred leicht verwundet, erhob sich aber sofort. Das ruhig gezielte Feuer der Russen stellte einen Feuervorhang auf hinter den stürmenden Truppen, die Reserven kamen nicht, keine Patrouille wurde wieder gesehen, der Adjutant fiel durch Kopfschuß. Plötzlich erkannte Alfred neben sich die zwei geschlechtslosen Männer mit den Ringen im Ohr, die, wie er wußte, zum Reservebataillon gehörten, sie waren also schon eingesetzt. »Meine herrlichen Leute haben sich durch das Sperrfeuer durchgefressen, aber wir können die Stellung nicht halten.« Schon schwankte alles zurück, schon warf sich Verwirrung in die Gräben, die eben erst verlassen waren, das beharrliche Sperrfeuer, das auf die bekannte Distanz eingestellt war, verwirrte, tötete, vernichtete alles. Man hatte im ersten Ansturm zweihundertfünfzig Gefangene und drei Maschinengewehre erkämpft. Aber am Morgen fünf Uhr früh war alles zu Ende. Das ganze Regiment, zweitausendsechshundert Mann, davon achtzehnhundert Feuergewehre Stand, war zugrunde gerichtet, alle Leiterwagen waren bis oben gefüllt mit Verwundeten, die Blut durchtropfen ließen von oben nach unten, und ihr Gejammer ließ den alten Obersten erbleichen. Gegen Morgengrauen kam endlich die Divisionsreserve. Der Oberst wurde sofort vor den Divisionär geführt, der sich mit ihm und dem Generalstabshauptmann einschloß. Nach zwei Stunden wurde Alfred gerufen. Er machte sich vom Operationstisch frei; der Divisionär sagte zu ihm: »Wie Sie sehen, ist der Herr Oberst von einer Nervenzerrüttung befallen. Der Sanitätschef wird Ihnen ein Zeugnis mitgeben, Sie werden mit dem Kranken sich ins Garnisonsspital Krakau begeben, und Herr Hauptmann, übernehmen Sie zur Vorsicht alle Waffen vom Herrn Oberst.« Der Oberst sagte auf der Reise: »Das ist schön, daß ich jetzt so mit Ihnen beisammen sein kann, das tut wohl. Ich lehne jede Verantwortung ab. Wir hätten ebensogut durchkommen können, das hätte dann den Herren beim Divisionskommando gepaßt, die Division wäre im Tagesbericht genannt worden, der Divisionär hätte einen Orden erster Klasse bekommen, ich zweiter Klasse, und die anderen Herren und die Mannschaften wären natürlich auch sehr schön dekoriert worden. Jetzt, weil es auf den ersten Hieb nicht geht, ist man ganz außer sich. Mein lieber Herr, Krieg kostet Blut. Aber mich will man in eine Anstalt stecken, will mich mit Gewalt pensionieren. Natürlich. In zwei oder drei Monaten ist Frieden, alle anderen in meinem Alter werden als Generäle nach Hause kommen, natürlich«, er versuchte Tränen und Brechen der heiseren Stimme, aber es gelang ihm nicht. Auf der Station hielt er sich lange am Büfett auf, trank zwei Flaschen Wein und mehrere Schnäpse und ließ den Zug abfahren, in dem sein und Alfreds Gepäck mitging. Im Rausch wurde er lustig, er wollte Karten spielen und spielte. Der Wartesaal wurde gefüllt von ankommenden durchreisenden Soldaten und leerte sich wieder. Der Oberst spielte mit Alfred um die Zeche Quodlibet, doch bestellte er unaufhörlich neue Getränke und bezahlte selbst. Spät nachts begann er zu zittern: »Es ist mir eigens, jetzt fühle ich meine Nerven. Mein Säbel ist fort, meine Pistole ist fort. Glauben Sie wirklich, daß ich wahnsinnig bin? Für meine Familie wäre das entschieden besser. Mein Sohn ist in der Kadettenschule, es ist besser, sein Vater ist im Garnisonsspital als im Garnisonsgericht. Der Divisionär war außer sich, ›Kriegsgericht, Sie kommen vors Kriegsgericht, ein Offizier wie Sie gehört vors Kriegsgericht‹. Beinahe hätte er mich geschlagen. Dabei werde ich Ihnen ein Geheimnis anvertrauen, dieses Husarenstück hätte gelingen müssen, wissen Sie, ich kenne den Alten und weiß, was für Geserres er macht, wenn im Gefechtsbericht ein bisserl größere Verluste sind als gewöhnlich. Aber ich hab' mir gedacht, du hast doch immer Glück gehabt, weshalb wirst du das Glück nicht riskieren, wo etwas Großes herausschaut fürs Vaterland? Und hab' ich nicht Glück gehabt? Meine Leute sind alle Helden. Zweihundertfünfzig Gefangene, ist das nichts? Und davon hat mich der Alte gar nichts erzählen lassen. Die Artillerie war es, mein lieber Herr Doktor, Sie waren ja dabei, Sie können es bezeugen, sie hat zu kurz geschossen, und vor allem viel zu wenig, die haben ja direkt geschlafen auf ihren Geschützen, sagen Sie, war es so? Es war doch so? Warum sprechen Sie nicht? Glauben Sie, ich habe Ihnen nichts mehr zu befehlen? Nun, war es so? Können Sie das protokollarisch bezeugen, wenn ich es von Ihnen verlangen sollte? Also, ja oder nein? Stehen Sie auf, nehmen Sie Habtachtstellung ein! Sie stehen nicht Habtacht, sofort werde ich Sie, nein, nichts werde ich Sie, o seien Sie mir nicht böse, ich bin Soldat, bin Soldat gewesen, dreißig Jahre trage ich Kaisers Rock, noch ein Jahr und dann Generalmajor, erblicher Adel, und jetzt. Vielleicht bin ich wirklich wahnsinnig, steh auf und geh und erwürge mich selbst in der Nacht im Klosett, da man mir alle Waffen abgenommen hat. Der alte Oberst ist ein Ehrenmann, dem Krieg und den Strapazen leider nicht gewachsen, und mein armer, armer Sohn bleibt in der Kadettenschule.« Endlich kamen ihm Tränen, die im dunklen Wartesaal niemand bemerkte. »Geben Sie mir Feuer!« Und als Alfred sein Gesicht hinbeugte zu dem seinen und Alfreds abgemagerter Hals im Flackerlicht der Gaslaterne schimnierte: »Oder wissen Sie, ich könnte ebensogut Sie erwürgen. Dann gelte ich als zweifellos nervenzerrüttet, während jetzt alle mich für einen Lügner und Feigling halten. Ich bin nicht betrunken, weiß, was ich rede, was hab' ich getan? Wie komme ich dazu? Ist das ein Benehmen, so mit einem hohen Offizier umzugehen? Man hat mich geliebt, sehen Sie diesen Ring, den hat der Hufschmied aus einem russischen Zünder gemacht. Fünfzig solcher Ringe habe ich bekommen, so lieben mich meine Leute, und neunundvierzig habe ich wieder an tapfere schneidige Leute weitergegeben, so liebe ich sie. Für jeden Russen, der umgebracht wird, kommt einer von meinen braven Leuten nach Hause, lebend und gesund. Sie glauben, ich habe noch keinen Moskalen abgeschossen? Oh, da täuschen Sie sich sehr. Wissen Sie, wann war denn das nur, ja, wie wir beim sechsten Marschbataillon gehalten haben, und entschuldigen Sie das schon einem alten Offizier, nach Marschbataillonen zählen, das ist meine Zeitrechnung und Kalender. Sie, mein Sohn, sind mit dem achten gekommen, na, stimmt's? Also vor Ihrer Zeit bin ich beim Sturm immer lustig mitgegangen, ich habe gelauert auf die Herrn Russen, einem ganzen Haufen habe ich den Rest gegeben.« »Sie?« »Obwohl ich das als Oberst natürlich nicht nötig hätte.« Der Oberst trank ein Glas nach dem anderen, sehnte sich nach einem Rausch, der nicht kam: »Jetzt erheben wir uns. Sprung auf und vorwärts ins Nachtcafé.« Dort war das Büfett reich besetzt mit Fischen, Schinken, Wein und Torten. Der Oberst nahm das Schinkenmesser in die Hand. »Ob das schneidet? Na, aber auf Schinken habe ich eigentlich keinen Appetit.« Damen drängten sich heran: »Auf Sie? Auch nicht sehr.« Zu Alfred: »Eine kleine Frage, die mich oft sehr bedrückt. Passen Sie auf, hören Sie zu: Ich habe ein kleines Kind gehabt, eineinhalb Jahre alt, ein wunderbarer Kerl von einem Kind. Dieses Kind fiel am 21. Juli in heißes Wasser. Ich war gerade aus, die Garnisonsarreste inspizieren, die Frau war am Tennisplatz, kurzum, das Unglück ist geschehen. Wie ich heimkomme, schreit das Kind, daß die Scheiben klirren, zum Entsetzen, fürchterlich. Die ganze Brust verbrannt und die Arme. Nach zehn Minuten hört es auf, liegt vollständig still, redet nur nichts, ist etwas kalt, trinkt Milch. Das war um fünf Uhr nachmittags. Um elf Uhr spricht es noch etwas und schaut auf mich. »Addi, addi«, sagt es, und ist schon recht kalt. Um zwei Uhr morgens ist es tot. Was, glauben Sie, hat dieses Kind gelitten diese neun Stunden? Hat das Kind viel ausstehen müssen? Das bedrückt mich oft!« »Schmerzen hat Ihr Kind nicht gelitten, es war im Choc. Gott hat es schließlich doch noch gut gemeint.« »So, Choc, das ist sehr interessant. So, jetzt entschuldigen Sie mich, ich erscheine gleich wieder.« Nach fünf Minuten kam eine Kellnerin: »Herr Doktor sollen sofort zum Herrn Obersten kommen, ihm ist schlecht.« Der Oberst hatte sich das linke Handgelenk mit dem Schinkenmesser aufgeschnitten. Alfred legte einen Verband an. Der Oberst schlief. Alfred wachte. Totschläger erschlugen in Massen Totschläger, doch Mensch war überall, den Menschen zu retten. Versöhnung der ganzen bösen Zeit: war es, Aufatmen und Beseligung, diesen Menschen lieben zu können, selbst diesen Menschen, der sechzehnhundert Menschen vernichtet hatte in einer Stunde. Auch dieser hier war menschlich, erschütterbar von anderer Leiden. Am nächsten Morgen, auf der Reise: »Sehen Sie«, sagte der Oberst, »wie die Leute mich jetzt ganz anders ehren, wie sie strammstehen, alles denkt, ich bin verwundet.« »Sie sind verwundet, Herr Oberst.« »Ja, alles recht gut und schön, aber wenn nur dieses infame Zeugnis vom Sanitätschef nicht wäre. Können Sie es nicht verlieren?« »Nein.« »Aber wenn es gestern unter Ihren Sachen gewesen wäre, die im Zug geblieben sind, so etwas kann einem Soldaten passieren.« »Das ist mir als Soldaten unmöglich.« »Aber als Menschen, Sie tun mir Gutes damit. Ich werde Ihnen dankbar sein. Ich werde selbst ...« »Kein Wort«, sagte Alfred. »Ich zerreiße das Zeugnis.« Nachher nahm der Oberst seine Hand mit eiliger Rührung, als wolle er sie küssen. Dann steckte er seinen eigenen Soldatenring an Alfreds Mittelfinger: »Bitte, nehmen Sie es, tun Sie es mir zuliebe, zum Zeichen, daß Sie mich nicht verachten!« In Krakau wurde der Oberst auf Grund seiner Verletzung auf die chirurgische Abteilung gebracht, wo jetzt Doktor Eggenberge Dienst tat. »Sie hatten doch ein Zeugnis von dem Sanitätschef mit, Herr Doktor, wo ist dieses Zeugnis?« fragte der Oberst. Alfred schwieg. Menschen lieben! Menschen erwirklichen. Gut sein zu Menschen. Güte war Freude am Menschen. Wo aber waren Menschen, unschuldige Opfer, von Güte geschwellt? »Sie, Herr Fähnrich, Sie sollten sich eine strammere Haltung angewöhnen! So machen Sie unserem Regiment keine Ehre, wenn ich auch nicht über Sie klagen kann. Wir brauchen Sie hier nicht mehr. Ihre Verwundung ist ja auch kaum der Rede wert. Denken Sie sich, der Friseur hätte Sie beim Haarschneiden mit der Maschine gezwickt. Sie gehen also wieder zum Standort des Regiments zurück, die Marschordre erhalten Sie in der Kanzlei.« Als Alfred schon ging: »Pardon! Ihr Ring? Hm, sonderbar, sieht meinem ähnlich, den ich gleich nach der Verwundung am Hilfsplatz verloren habe. Übrigens wertloses Andenken, spielt gar keine Rolle. Adieu, adieu, lassen Sie nur!« Doktor Eggenberge hinter Alfred her: »Ich kenne ihn ja, den Herren, den Schmeichler, ein Speichellecker, nehmen Sie mir das Wort nicht übel, Herr Oberst, das ist ein geübter, raffinierter Mastdarmtourist.« XXV Alfred hatte vor Jahren, in einer anderen Welt, Zusammenstürze des Lebens gesehen. Arbeiter, von Eisenbahnpuffern gegen die Bauchwand gestoßen, entatmeten weiß ohne Blut, und über die hellen, wachsam blinkenden Augen wälzte sich von verkrampfter Stirn langsamer Tod herab. Schwarzer Kaffee, Kognak, Einspritzungen halfen oft, anderen band man mit elastischen Binden die Beine und Arme ab, um das in den Körper verblutete Leben zurückzudrängen ins Gehirn und an das arme Herz. So keuchte Alfred jetzt. Der gemeine Nebenmensch, der böse, der grausame, der unnütz brutale, der sinnlos marternde und der gemarterte, übermenschlich stießen sie vor gegen Alfreds Menschlichkeit. Erschütterbar war er jetzt. Er liebte die Menschen, Ungeheuer war es, wie dieser Mensch widerspiegelte in sich den Schmerz aller! Er fühlte: Anderes muß es geben, Gutes, Herrliches im Menschen, Freude mußte man empfinden können, Hoffnung war doch aufgespeichert bei Gott, zu dem alle kamen, von dem alle kamen, er allein nicht, er allein noch nicht? Jeder andere war glücklich. Jeder andere sorgte in blinder Gemeinheit nur für sich, um dann feist zu lächeln in eigener Zufriedenheit. Er aber, liebte er sich selbst nicht genug? Tausendmal Liebe mehr und er hätte doch auch nur wenig besser sorgen können für seine Nahrung, hätte sich nur Kleider kaufen können, Pelzweste und seidene Hemden, einen besseren Schlafsack, eine wärmere Decke! Er hätte sich nur schützen können vor den Menschen, Sandsäcke wie eine hohe Mauer aufstellen vor sich selbst, Horchposten marschieren lassen, die ihn weckten bei der leisesten Gefahr. Und Flucht. Er hätte sich drücken und verstecken können vor dem Kriege, sich unentbehrlich machen als Narkotiseur an der Klinik im Hinterlande, sich anschmiegen und sein Leben genießen bei der schönen Milada, dem guten alten Vater. Aber der Krieg blieb. Erwirklicht war der mordende Mensch, unzerstörbar hatte Gemeinheit sich eingelagert und schwieg im Verbrechen, mit Glück angehaucht von Gott! Alfred wanderte blind durch die Straßen der winkligen und verkoteten Stadt, sah Ambulanzautomobile rasen, die Wände aus Zeltleinwand mit vergitterten Fenstern, beweglich und haltlos wie alles, jagten im Wind. Vor der Stadt war es finster, und gut war das Gehen in der aufgeweichten Erde, die ihn stützte. Ein kleiner Platz, etwas höher gelegen zwischen den Bastionen der Festung, war überweht von weichem Frühlingswinde. Er fühlte trockenen Boden unter den Füßen, kleine Höhlungen, die Ausgänge der Kasematten aus dem starrenden Gemäuer waren wie Gefängniswand. Der Himmel hellte sich auf, Sterne strahlten. Plötzlich trat Alfred in etwas Hartes, das sich regte. Zu seinen Füßen, unter seinen Füßen schimmerte ein weißes Gesicht, weiße Zähne, einem Schlafenden war er in die Zähne getreten, doch der Erwachte fluchte nicht, sondern lachte! Eine Schanzdirne zog ihn an den schwankenden Gliedern zu sich, auf eine hochgebaute Brust, Weib umfing ihn mit tierischem Geruch, erfüllte ihn mit unverständlichem Gespräch, streichelte ihn mit fürchterlicher Liebkosung und spannte über seine schlanke Gestalt ein Gewölbe von Fleisch und blinkender Haut. Alfred küßte den Mund dieses Menschen, drückte ihm alles Geld in die Hand, nahm die um das Geld geballte Hand in die seine. Die Liegende richtete er auf. Bald verschwand die Gestalt in den Winkeln der Nacht. XXVI Der neue Regimentskommandeur wünschte Alfred, den jetzt viele liebten, neben sich zu behalten als ärztlichen Adjutanten. Alfred wollte nur eines: Frei und ungedeckt dastehen im ersten Graben, ungedeckt gegen den Menschen, Mord von seinem Mord, Atem der Gemeinsamkeit im Bösen und im Guten. »Lieber Dawidowitsch, du wirst es da bei mir viel besser haben, schon' dich nur, ein bißchen struppiert bist du doch, weshalb wüsten mit der Gesundheit? Hier bist du relativ geschützt, beim Vormarsch kannst du eines von meinen Pferden reiten, und du kannst sagen, was du willst, die Menage beim Regimentsstab ist doch besser. Du willst nicht? Im Infanteriedienst bist du doch ausgebildet? Direkt als Arzt dürfen wir dich nicht einteilen, das würde dem Sanitätschef gar nicht gefallen, denn die Prüfungen hast du noch nicht, oder ...« Nach einem langen Blick auf Alfred, der eisern dastand: »Meldest du dich vielleicht krank? Du siehst nicht gerade extra aus, und von meiner Seite hast du keine Schwierigkeiten.« »Ich bin gesund, Herr Oberstleutnant!« »Na, gesund bist du doch nicht.« »Herr Oberstleutnant, ich bitte um meine Einteilung in die Front.« »Sie sind doch in der Front.« »Um meine Einteilung in der Feuerlinie.« »Nach der Vorschrift muß ich Ihnen Ihren Willen erfüllen. So gehen Sie nur, melden Sie sich beim Maschinengewehr, dort haben Sie es doch leichter, die Pioniere arbeiten immer zuerst die Deckung für die Maschinengewehre. Sie werden sich schon halten. Alles Gute und viel Glück.« Nun stand Alfred vorne, wartete auf den ersten scharfen Prasselknall des Maschinengewehrs, dessen Mechanismus er schnell lernte. Es war Regenzeit, die Sicht war schlecht, es wurde nicht geschossen. Nachts lag Alfred schlaflos; in der Einsamkeit wuchs Menschlichkeit zum Wahnsinn. Oft saß er und grub die Hand in eine Knochenrinne, die er zwischen dem Ansatz der Zähne und dem unteren Rand des Unterkiefers fühlte, liebkoste sein liebes Leben, fühlte die Narkoseader ruhig schlagen bei sich selbst. Die Feldwachen schossen nachts blind herum, um den Russen zu zeigen, daß sie da waren, vielleicht auch nur, um sich zu beschäftigen in den langen Stunden und um die Patronen loszuwerden, die im schweren Tornister am Rücken hingen. Zehn Tage blieb Alfred da. Die Sicht besserte sich, im Tauwind hellte sich die Gegend auf, die Russen standen vierhundert Schritt entfernt, dazwischen war doppeltes Drahtverhau mit spanischen Reitern sowie ein Minenfeld, dessen Plan Alfred und die anderen Offiziere besaßen, doch trampelten die Feldwachen nachts darüber weg, Überläufer schlichen sich über die Zündvorrichtung, da durch das Sumpfwasser die Leitung sehr verdorben war. Am Morgen des vierten März sollte Alfred zum erstenmal schießen. Russen in erdfarbenen Uniformen stiegen aus ihrer Deckung, mit lichteren Händen sich über die Brustwehr hebend, um zu schanzen, vielleicht auch, um als Vorbereitung für den Sturm die eigenen Hindernisse fortzuräumen und Platz zu machen. Im Scherenfernrohr sah man alles. Unter Alfreds Hand drehte sich der schwere Lauf des Maschinengewehres von rechts nach links, senkte sich in weicher Welle, stand dann wieder schnurgenau in der alten Einstellung. Der Lärm war ungeheuer. Als ein langer Patronengurt abgerollt war, wurde »Feuer einstellen« kommandiert. Leise brodelte das erhitzte Wasser der Kühlung. Die Russen waren verschwunden, bald aber krachten zum Dank die Abschußdetonationen der Grabengeschütze, sechs Schüsse nacheinander klangen, wie eine schwere Kiste gewälzt wird, von einer Kante auf die andere gedonnert. Doch der Hang, auf dem Alfred sich befand und der Unterstand des Regimentskommandos lag, war ein wunderbarer »toter Raum«, wie es alle nannten, denn die Bahn der Geschosse lief völlig parallel mit der Neigung der Böschung, ein Aufschlag der Granaten war nicht möglich. In schlafloser Nacht wanderte Alfred auf reiner Verzückung. Geliebte Menschen und Tiere traten bei ihm ein, selbst Stücke Erde, wie das, das er auf dem Festungswalle in Krakau gesehen hatte, trocken und duftend nach Frühling und anderer Zeit. Gegen Morgen riß ihn das Telephon vor. Schußziel und Tempo wurden ihm befohlen. Alfred gab nach einigen Pausen im ganzen achthundert Schuß ab. Alfred sah die namenlosen Schüsse, die mordende Maschine erfüllt: erkannte, daß er, der gute, der liebende Mensch, nun Bauchschüsse, Durchtrennung der zarten Herzmuskeln, verkrampftes Liegen stundenlang am unbarmherzig kalten Boden ausstieß mit Gewalt! Während der längeren Pause kam Lian, der Wolfshund des Kommandanten, zu ihm. Alfred, der seit drei Tagen bloß Brot gegessen hatte, teilte seine Menage zwischen dem Diener und dem Hund. Das Tier kauerte sich bei ihm, und seine Zunge zitterte glückselig über große Fleischbrocken, die es beleckte, ehe es sie verschlang. In dem Betrachten des seligen Tieres verlor sich Alfred einen Moment, dann zirpte das Telephon, ein neuer Befehl kam. Plötzliche Erleuchtung erwachte in dem jungen Menschen, entflammend sein Innerstes: Wenn er nicht Liebe, Glück, Güte ausfeuern konnte im Drehkreis der sich drehenden Maschine, so wollte er Tod ausgeben im gleichen Chaos an die zerrüttete Welt. Die einzige Gemeinschaft, die letzte Gemeinsamkeit zwischen Menschen war töten jetzt und getötet werden. Vor ihm erschienen die ersten schwarzen Wolkenbäume sich aufbäumender Explosionen, Schreien der Russen hörte er wie ein Echo, doppelt geschwungen, jetzt drehte er den Handgriff der Maschine gegen den »toten Raum«, wo Infanterie gestaffelt stand als Reserve; plötzlich sich deckend, verschwand sie in der Mulde; dann stellte er den Hebel der Maschine fest, stürzte sich vor, raste in die eigene Garbe des todspeienden Gewehres, der arme Hund heulte ihm entgegen, Blut aus dem durchschossenen Maule tropfend. Die Erde hob sich weg vor ihm, er stürzte krachend über den Hund, dessen knorplige Klauen seinen aufgerissenen Mund berührten. Schwärze erfüllte ihn bis zur höchsten Verzückung. Befreit war der Mensch vom Schmerze aller Menschen! Die Russen, die durchgebrochen waren, führten ihn mit sich zurück, als sie von den Österreichern durch einen starken Gegenstoß nachmittags vertrieben wurden. Größenwahn der Güte, sein gegen alle Menschen unterschiedlos gezielter Mord hatte nur den Tod des Hundes verursacht. Alfreds Name wurde im Regimentsbefehl vom 22. März 1915 lobend erwähnt, er wurde, als auf dem Feld der Ehre gefallen, ausgezeichnet mit der großen Tapferkeitsmedaille. Man hörte nichts mehr von ihm.