Edgar Wallace Der viereckige Smaragd The Square Emerald Kriminalroman Aus dem Englischen übertragen von Ravi Ravendro 1 An einem traurigen Februarnachmittag zog Lady Raytham die langen Samtvorhänge zur Seite und schaute auf Berkeley Square hinunter. Die Turmuhr schlug halb fünf. Es regnete und schneite durcheinander, und ein leichter, gelber Nebel verstärkte noch den düsteren Eindruck des sinkenden Tages. Eine ununterbrochene Reihe von Autos bog nach Berkeley Street ein, die glatten, schwarzen Dächer spiegelten den Schein der Straßenbeleuchtung wider, die eben aufflammte. Lady Raythams geistesabwesende Blicke streiften über die trostlos und verlassen daliegenden Gärten, in denen kahle Bäume ihre Äste traurig gen Himmel reckten und entlaubte Sträucher sich unruhig im Winde hin und her bewegten. Sie starrte hinab, als ob sie fürchtete, der gespenstische Nebel könne bestimmte Gestalt und Form annehmen und gleichsam die Schatten verkörpern, die das Leben bedrohen. Sie war achtundzwanzig Jahre alt, schlank und hochgewachsen und besaß jene klassische Schönheit, die den Alterserscheinungen lange Zeit trotzt. Ihr Gesicht faszinierte durch seine Ruhe und Herbheit, ihre Augen zeigten das kalte Grau, das man so häufig in England findet. Man hätte sie sich im Mittelalter als die Äbtissin eines mächtigen Klosters vorstellen können oder als die Herrin einer großen Besitzung, die während der Abwesenheit ihres Gatten entschlossen die starke Burg gegen jeden Feind verteidigt. Wenn man ihre Züge einzeln betrachtete, sprachen ihre Augenbrauen und ihr Kinn von unbeugsamer Energie. Aber im Augenblick schien sie nicht sehr willensstark zu sein, es war im Gegenteil eine gewisse Unsicherheit und Gereiztheit über sie gekommen – Zustände, die sie am meisten scheute und fürchtete. Sie ließ die Vorhänge wieder zurückfallen, bis sie sich überdeckten, ging zu dem Kamin hinüber und schaute auf die kleine Uhr. Der Salon war nur halb erleuchtet, der Kronleuchter war dunkel, aber die große Tischlampe in der Nähe der Couch glühte hell unter einem roten Schirm. Der luxuriös ausgestattete Raum war mit viel Geschmack eingerichtet. Als sie vor den Kamin trat und in die Flammen schaute, klopfte es leise an die Tür, gleich darauf trat der Hausmeister ein. Er sah groß und stattlich aus, hatte ein Doppelkinn und ein glattes, faltenloses Gesicht. In der Hand hielt er eine kleine Schale, auf der zusammengefaltet ein längliches, braungelbes Papier lag. Lady Raytham riß den Umschlag auf und überflog schnell den Inhalt. Das Telegramm, das sie schon den ganzen Nachmittag erwartet hatte, kam aus Konstantinopel und war von ihrem Gatten. Lord Raytham hatte seine Pläne geändert. Er war auf dem Weg nach Basra und wollte von dort nach Bushire, um Ölquellen, an denen das internationale Kapital interessiert war, zu besichtigen. Wenn er sie nicht selbst genauer inspizieren konnte, wollte er sich doch wenigstens über ihre allgemeine Lage informieren. Er entschuldigte sich außergewöhnlich umständlich für die kurze Nachricht und bat sie, nach Cannes zu gehen – wie sie es für den Fall besprochen hatten, daß er nicht vor April zurückkehren könnte. Es tat ihm ›furchtbar leid‹, diesen Ausdruck wiederholte er mindestens viermal. Sie las die Mitteilung ein zweites Mal durch, faltete sie dann wieder zusammen und legte sie auf den Tisch. Der Hausmeister wartete leicht vornübergeneigt, um auch das leiseste Wort aufzufangen, aber sie würdigte ihn keines Blickes. »Es ist gut.« »Ich danke Ihnen, Mylady.« Er hatte schon die Tür geöffnet, um sich zurückzuziehen, als sie sich plötzlich an ihn wandte. »Druze, ich erwarte die Prinzessin Bellini, vielleicht kommt auch Mrs. Gurden. Servieren Sie den Tee, wenn die Damen hier sind.« »Jawohl, Mylady.« Die Tür schloß sich leise. Jane Raytham schaute auf die kostbare, polierte Holzfläche und hob merkwürdig lauschend den Kopf, als ob sie erwartete, etwas zu hören. Aber der Hausmeister ging langsam die Treppe hinunter. Ein spöttisches Lächeln lag in seinen Augen, während er seine plumpen weißen Hände rieb. Auf dem Treppenabsatz blieb er stehen, um eine kleine Marmorstatue der Circe zu bewundern, die Lord Raytham von einer Reise nach Sizilien mitgebracht hatte. Gewöhnlich hielt er hier an, um diese Circe mit den verschlagenen Augen zu betrachten, die mit dem Finger winkte. Dabei spitzte er den Mund, als ob er pfeifen wollte. Ein scharfes Klopfen an der Tür störte ihn auf. Er erreichte die Diele gerade, als der zweite Diener die Haustür öffnete. Zwei Damen traten ein, und durch die offenstehende Tür konnte er eben noch sehen, wie eine elegante Limousine wegfuhr. »Lady Raytham ist im Empfangszimmer, Hoheit – darf ich Hoheit helfen, den Mantel abzulegen?« »Nein, danke«, entgegnete die erste und größere der beiden Frauen abweisend. »Helfen Sie nur Mrs. Gurden. Ich kann nicht verstehen, daß Sie so schreckliche Capes tragen, Greta.« Mrs. Gurden lächelte. »Meine Liebe, ich muß doch irgend etwas tragen – danke schön, Druze.« Der Hausmeister nahm ihr den dünnen seidenen Umhang ab und übergab ihn dem zweiten Diener, während die Prinzessin bereits die Treppe hinaufstieg. Sie stieß die Tür auf und trat unangemeldet ein. Lady Raytham stand am Kamin, hatte ihren Arm auf die Marmorplatte gestützt und den Kopf daraufgelegt. Als die Prinzessin hereinkam, blickte sie erschrocken auf. »Entschuldige bitte – dreh doch das Licht an, Anita. Der Schalter ist gleich dort an der Tür.« Prinzessin Bellini zog ohne Hilfe ihren schweren Mantel aus und hängte ihn über eine Stuhllehne. Dann legte sie mit einer raschen Bewegung den Hut ab und warf ihn auf den Mantel. Leute, die Anita Bellini zum erstenmal sahen, schauten sie erstaunt und scheu an. Es lag eine gewisse rücksichtslose Strenge in ihren Zügen und in ihrer ganzen Haltung. Sie war etwa fünfzig Jahre alt und von einer achtunggebietenden Größe. Der männliche Ausdruck ihres energischen Gesichts wurde noch mehr durch das graue, kurzgeschnittene Haar betont und durch ein Monokel ohne Einfassung, das sie fast stets ins Auge klemmte. Sie hatte eine lange Bernsteinspitze im Mund, in der eine brennende Zigarette steckte. Ihre Ausdrucksweise und ihre Sprache waren abgerissen, burschikos und manchmal verletzend. »Wo ist Greta?« Die Prinzessin zeigte mit dem Ende ihrer Zigarettenspitze nach der Tür. »Sie macht sich noch mit Druze zu schaffen. Die Frau würde sogar mit einem Müllkutscher poussieren; sie ist im gefährlichen Alter. Es ist schrecklich, wenn man früher einmal hübsch gewesen ist und Eindruck gemacht hat. Die meisten Menschen können sich nicht daran gewöhnen, daß das auch einmal vorbei ist.« Jane Raytham lächelte. »Man sagt, daß du früher einmal ein recht hübsches Mädchen gewesen bist, Nita –«, begann sie. »Das ist einfach gelogen«, erwiderte die Prinzessin ruhig. »Der Fotograf Russels pflegte meine Bilder so lange zu retuschieren, bis nichts mehr übrigblieb als der Hintergrund.« In diesem Augenblick rauschte Greta ins Zimmer. Sie streckte die Arme weit aus, und auf ihrem Gesicht lag ein verzückter Ausdruck. »Mein Liebling«, sagte sie atemlos und nahm Janes Hände. Anita verzog verächtlich das Gesicht. Und doch hätte sie allmählich Mrs. Gurden kennen müssen, deren natürlicher Zustand nun einmal Begeisterung war. Sie mußte immer andere Leute berühren, sie in die Arme schließen, sich über sie neigen und sie aus nächster Nähe mit ihren dunklen Augen ansehen, wobei sie manchmal ein wenig schielte. Greta Gurden war früher einmal schön gewesen, aber jetzt war ihr Gesicht lang und ein wenig eingefallen; es war das Gesicht einer Frau, die in ihrem Vergnügungstaumel fürchtete, etwas zu versäumen, und sich deshalb nicht genügend Zeit zum Schlafen gönnte. Sie hatte ihre Lippen hellrot gefärbt und ihre Augen sorgsam bearbeitet, als ob sie noch eine Theaterstatistin wäre. Anita hatte sie als solche kennengelernt und aus dieser untergeordneten Stellung befreit. »Meine liebe Jane, Sie sehen wieder so vornehm aus... Und dieses prachtvolle Kleid – sicher stammt es von Chenel?« Jane Raytham schaute kaum an sich herab. »Nein, es ist nicht von hier, ich glaube, ich habe es voriges Jahr in New York gekauft.« Greta schüttelte sprachlos vor Erstaunen und Bewunderung den Kopf. Anita Bellini blies einen Rauchring in die Luft und klopfte dann die Asche ihrer Zigarette in den Kamin. »Greta übertreibt immer etwas«, sagte sie und schaute Lady Raytham mit prüfendem Blick an. »Du siehst angegriffen aus, Jane – macht das die Trennung von deinem Mann?« »Ja, ich gräme mich furchtbar.« Die Ironie, die in ihrem Ton lag, entging Anita nicht. »Was macht Raytham? Er hat soviel Geld, und doch läßt er keinen Tag vorbeigehen, ohne neues zu verdienen. Wo ist eigentlich der Hausmeister – ach, da kommt er gerade.« Druze brachte gerade den Servierwagen herein. »Geben Sie mir schnell einen Whisky mit Soda, Druze, ich verdurste.« Anita trank den Inhalt des Glases mit einem Zug aus und reichte ihm das leere Glas zurück. Dann setzte sie das Monokel fester ins Auge und steckte sich eine neue Zigarette an. Der Hausmeister zog sich zurück und verließ den Raum wieder. »Wo hast du Druze eigentlich her? Er bewährt sich, Jane.« Lady Raytham schaute schnell auf. »So? Ich kümmere mich kaum um ihn. Er ist sich gleichgeblieben, solange ich ihn kenne. Früher war er bei Lord Everreed angestellt.« »Das ist nur ein paar Jahre her. Ich kann mich aber auf ihn besinnen, als er noch jung war.« Die Prinzessin hatte die unglückliche Angewohnheit, mit geschlossenen Lippen zu lächeln, was nicht sehr schön aussah. »Es ist merkwürdig, wie alt man wird – die Zeit von dreißig bis fünfzig vergeht wie ein Blitz.« Plötzlich änderte sie das Thema und sprach darüber, was sie an diesem Nachmittag unternommen hatte. »Ich habe mich ein wenig mit Bridge beschäftigt, dann ein Streichquartett gehört, das allerhand spielte, nur nichts Melodiöses.« »Ach, es war doch entzückend«, sagte Greta, wieder ganz hingerissen vor Begeisterung. »Einfach schauderhaft! Und noch schlimmer, weil Peters Mutter dort war. Der enge Gesichtskreis dieser Frau deprimiert mich.« Lady Raytham blickte wieder ins Feuer. »Ich fragte sie, was sie wegen Peter zu tun gedenkt«, fuhr Anita fort. »Gott sei Dank hat sie in dem Punkt einigen Verstand. Für sie ist Peter vollkommen erledigt. Margaret wird nicht einmal mehr über ihn reden. Der einzige, der noch an ihn glaubt, ist Lord Everreed – aber der war ja immer ein einfältiger Mensch. Peter wäre auch niemals angeklagt und verfolgt worden, wenn die Bank nicht darauf gedrungen hätte.« Die letzten Worte sagte sie mit einer gewissen Genugtuung. Anita haßte ihren Neffen, und Peter haßte sie – er haßte ihre spöttischen Bemerkungen über ihn, als er, der Sohn eines reichen Mannes, es vorzog, die Stelle eines Privatsekretärs bei dem großen Parlamentarier, dem Viscount Everreed, anzunehmen, statt in die Bank seines verstorbenen Vaters einzutreten. Und später saß sie mit verächtlichem Lächeln dabei, als der junge Mann vor Gericht verurteilt wurde, weil er den Namen seines Chefs auf einem Scheck über fünftausend Pfund gefälscht hatte. Lady Raytham rührte zerstreut ihren Tee um. »Wann wird er –« »Herauskommen? Ich glaube jetzt. Ich will einmal nachrechnen. Er wurde zu sieben Jahren verurteilt, und ich habe gehört, daß diese Leute für gute Führung einen Straferlaß bekommen – drei Monate jedes Jahr. Weshalb man das macht, mag der liebe Himmel wissen. Wir zahlen zuerst viel Geld, um sie zu fangen, und sobald solche Galgenvögel hinter Schloß und Riegel sind, machen wir uns mit diesem Schloß zu schaffen, um sie wieder herauszulassen.« »Schmachvoll!« murmelte Greta. »Ich möchte nur wissen, was der anfangen will. Für einen Mann wie Peter wird das Leben sehr schwer werden –« »Ach, Unsinn«, fiel ihr Anita ins Wort. »Werden Sie doch bloß nicht sentimental über Peter. Er ist fünf Jahre im Gefängnis gewesen, und in Dartmoor, oder wo sonst er seine Strafe abgesessen hat, werden die Leute auch noch in anderen Dingen als gerade im Scheckfälschen unterrichtet. Wahrscheinlich wird er jetzt ein guter Landarbeiter geworden sein.« Lady Raytham zitterte. »Ach, wie schrecklich!« Die Prinzessin lächelte. »Peter Dawlish ist ein Narr. Er gehört zu den Menschen, die immer der dienenden Klasse angehören werden. Wenn du dich um Peter kümmerst, so mußt du auch um den Tod des Rebhuhns trauern, das auf deinem Tisch serviert wird. Ich möchte nur wissen, wie er jetzt über Druze denkt.« Lady Raytham schaute auf. »Glaubst du, daß er ihn noch haßt?« »Druze war Everreeds Hausmeister und hatte den Scheck kassiert. Am nächsten Tag trat Peter seinen Erholungsurlaub an – das heißt, in Wirklichkeit stürzte er sich in sein großes Abenteuer. Als er dann zurückkam, wurde er festgenommen. Er leistete tausend Eide, daß er nichts von dem Scheck wisse, klagte auch noch den armen Druze der Fälschung an – aber alle diese Ausflüchte haben ihn nicht vor der Verurteilung geschützt.« Jane erwiderte nichts. »Es ist ganz erklärlich, daß Peter aufgebracht ist. Wenn er immer noch davon überzeugt ist, daß Druze an allem schuld ist, dann können wir noch allerhand Unannehmlichkeiten erwarten – wir wollen uns darüber nicht täuschen.« Anitas Zigarette war ausgegangen. Sie öffnete ihre Handtasche mit einer ungeduldigen Bewegung und suchte etwas. »Keine Streichhölzer dabei? Macht auch nichts.« Sie fand einen Brief in der Tasche, riß ein Stück davon ab, beugte sich herunter und steckte es am Feuer an. »Wer mag bloß Leslie Maughan sein?« Anita schaute auf die Unterschrift des Briefes. »Leslie Maughan?« fragte Jane Raytham. »Ich kenne ihn nicht. Warum fragst du?« Anita knitterte den Brief zusammen. »Leslie Maughan will mich in einer persönlichen Angelegenheit sprechen. Wahrscheinlich ist er irgendein Erfinder oder ein Mensch, der in Geldnot ist. Vielleicht will er auch eine Expedition nach den Kokosinseln machen, die ich finanzieren soll. Zum Teufel mit Leslie Maughan!« 2 Druze war geräuschlos in das Zimmer getreten und stand mit zusammengefalteten Händen wartend an der Tür. Sein Gesicht war auffallend bleich, und während er sprach, zuckte seine rechte Backe krampfhaft. »Was gibt es, Druze?« »Mylady, wollen Sie Miss Leslie Maughan empfangen?« »Miss!« rief Anita erstaunt, als sich Lady Raytham erhob. »Jawohl, Miss Leslie Maughan vom Kriminaldienst, Scotland Yard.« Jane griff nach der Stuhllehne. Alles Blut wich aus ihrem Gesicht. Sie öffnete den Mund, um zu sprechen, aber es kam kein Wort über ihre Lippen. Greta starrte die Prinzessin an, die den blassen Hausmeister beobachtete. »Ich will sie empfangen – führen Sie die Dame in den kleinen Salon, Druze ... Bitte entschuldigt mich solange.« Sie verließ das Zimmer schnell, behielt aber den Drücker der Tür in der Hand, bis Druze unten auf dem Treppenpodest verschwunden war. Rechts neben ihr lag die Tür zu ihrem Ankleidezimmer. Rasch und geräuschlos schlüpfte sie hinein und machte Licht. Dann starrte sie in den Spiegel – sie sah geisterhaft bleich aus, ihr weißes, eingefallenes Gesicht war ein Schuldbekenntnis für sich. War sie verraten worden? Hatten sie ihre Drohung wahrgemacht? Sie zog eine Schublade ihres Toilettentisches auf, kramte eilig darin, fand eine Puderdose und zauberte mit geschickter Hand ein täuschendes Rot auf ihre Wangen. Nach einem nochmaligen kurzen Blick in den Spiegel eilte sie die Treppe hinunter. Ein Lächeln spielte um ihre Lippen, obwohl sie fast verzweifelte. Alle Lichter brannten in dem kleinen Salon. Als sie sich ihrer Besucherin gegenübersah, war sie überrascht und erleichtert. Es war ihr vorher nicht bekannt gewesen, daß es weibliche Detektive in Scotland Yard gab, und sie hatte sich eine Frau mit harten Gesichtszügen, mürrischen Mienen und schlechtsitzenden Konfektionskleidern vorgestellt. Die junge Dame aber, die neben dem Tisch stand und in einer illustrierten Zeitung blätterte, schien höchstens zweiundzwanzig Jahre alt zu sein. Sie trug einen Nutriamantel, an dessen Kragen ein großer Veilchenstrauß befestigt war. Sie war ebenso groß wie Jane Raytham und sehr schlank. In den seidenen Strümpfen und eleganten Schuhen kamen ihre schönen Fußgelenke zur Geltung. Haar und Augen waren dunkel. Das Gesicht, das unter dem nach oben gebogenen Rand eines kleinen Filzhutes hervorschaute, war das Erstaunlichste von allem. Jane Raytham sah ein Paar tiefdunkler Augen auf sich gerichtet. Die schöngeschwungenen Lippen waren ebenso rot wie die Gretas, ohne daß künstlich nachgeholfen war. Ein festes, rundes Kinn und der Schimmer eines weißen Halses schauten aus dem Pelzkragen hervor. Lady Raytham war etwas verwirrt, als sie alle diese sichtbaren Vorzüge wahrnahm, die die äußere Erscheinung ihres unerwarteten Besuches bot. »Sie sind doch nicht Miss Maughan?« Leslie Maughan lächelte stets mit Augen und Lippen, und die Grübchen in ihren Wangen ließen sie noch jünger erscheinen als sie wirklich war. »Gewiß, das ist mein Name, Lady Raytham. Es tut mir außerordentlich leid, daß ich Sie störe, aber ich habe einen sehr strengen Vorgesetzten.« »Sind Sie wirklich eine Detektivin? Ich wußte nicht –« »Daß es auch weibliche Beamte in Scotland Yard gibt?« sagte die junge Dame lachend. »Und Sie haben auch ganz recht, denn ich nehme eine außergewöhnliche Stellung ein. Ich bin die Assistentin des Chefinspektors Coldwell. Die anderen höheren Beamten, die eigentlich sehr konservative Herren sind, haben hiergegen keine Einwendungen erhoben. Aber ich glaube, daß ich auch wirklich ein Detektiv bin. Wenigstens stelle ich Nachforschungen an.« Sie stand am Tisch. Eine Hand hatte sie leicht auf die Hüfte gelegt, die andere spielte mit den Blättern einer illustrierten Zeitung. Ihr fester Blick ruhte auf Jane Raytham. »Ich stelle auch jetzt Nachforschungen an, Lady Raytham«, erklärte sie ruhig. »Ich möchte Sie fragen, warum Sie am vorigen Montag zwanzigtausend Pfund von Ihrer Bank abhoben?« Einen Augenblick war Jane bestürzt und verlor die Fassung so weit, daß sie beinahe die Wahrheit verraten hätte. Aber mit äußerster Willensanstrengung zwang sie sich zur Ruhe und schien äußerlich kaum betroffen zu sein. Gleich darauf hatte sie sich wieder in der Gewalt und beherrschte ihre Stimme vollkommen. »Seit wann hat denn die Polizei die Befugnis, die Bankkonten von Privatpersonen zu überwachen?« fragte sie in kühlem und gemessenem Ton. »Sie haben eben eine ungewöhnliche Frage an mich gerichtet. Ist es denn ein Vergehen, wenn ich eine Summe von zwanzigtausend Pfund von meinem eigenen Bankguthaben abhebe? Sagen Sie mir bitte, woher Sie das überhaupt wissen?« »In meiner Stellung erfährt man allerhand, Lady Raytham.« Leslie Maughan war auch kühl, die gespielte oder echte Entrüstung Janes machte keinen Eindruck auf sie. »Lady Raytham, Ihrer Meinung nach sind wir unverschämt, Sie finden unser Verhalten unentschuldbar. Und wenn Sie diese Sache in Scotland Yard anzeigten, würde ich mir auch sicher hierdurch einen Verweis zuziehen. Aber darauf sind wir gefaßt.« Lady Raytham sah Leslie Maughan erstaunt an. »Aber warum kommen Sie dann überhaupt zu mir?« Das junge Mädchen atmete tief. Ein schwaches Lächeln spielte um ihre Mundwinkel und verschwand plötzlich wieder. »Zwanzigtausend Pfund sind eine große Summe Geldes«, sagte sie sanft, und ihre Stimme klang fast bittend. Plötzlich wurde Lady Raytham die Bedeutung dieses Besuches klar. Sie erschrak so sehr, daß sie einen Schrei nicht ganz unterdrücken konnte. Sie wußten es. Die Polizei kannte die Bestimmung des Geldes. Sie atmete schnell und konnte nicht gleich sprechen. Ängstlich schaute sie in Leslies dunkle Augen und versuchte, so gut es ging, ihre Gedanken zu ordnen. Dieses hübsche, schlanke junge Mädchen war eine Detektivin! Und sie war vorzüglich gekleidet – der weibliche Instinkt in Lady Raytham nahm dies fast unbewußt wahr. Ihre Handschuhe mußten von Renaud sein ... »Wollen Sie mir nicht alles sagen? Es würde Sie wahrscheinlich vor vielen Unannehmlichkeiten bewahren. Es ist unsere Hauptaufgabe in Scotland Yard, die Leute vor Unglück zu behüten. Das hätten Sie wohl niemals gedacht? Aber die Polizei hat viel mehr vom Charakter eines hilfreichen Bruders als von dem eines Menschenfressers. Wollen Sie es nicht tun?« Jane schüttelte den Kopf. Es war ein Fehler, daß sie zu sprechen versuchte. »Nein, ich will nicht!« rief sie atemlos. »Ich habe Ihnen nichts zu sagen. Ihr Auftreten hier ist unverantwortlich. Ich werde schreiben – ich werde schreiben –« Sie taumelte, und sofort war Leslie Maughan an ihrer Seite, um sie zu stützen. Die Stärke ihres Griffs war eine neue Überraschung für Lady Raytham. Mit letzter Anstrengung riß sie sich zusammen und machte ihren Arm frei. »Gehen Sie jetzt bitte, und wenn ich Sie nicht anzeige, dann tue ich das nur, weil ich annehme, daß Sie in Unkenntnis und in Übereifer gehandelt haben.« Sie blickte zur Tür, und Leslie nahm langsam ihre Handtasche und ihren Schirm auf. »Wenn Sie mich jemals brauchen sollten – meine Telefonnummer steht auf der Karte.« Lady Raytham hielt die Visitenkarte in der Hand. Sie schaute darauf, ging dann langsam zum Kaminfeuer und warf sie in die Flammen. »Sie können sie auch im Telefonbuch finden«, sagte Leslie, als sie sich entfernte. Druze stand unten in der Diele und rieb sich die Hände, als ob er sie wüsche. Aber man sah seinen Bewegungen an, daß er sehr nervös war. Er eilte zur Haustür und öffnete sie. »Gute Nacht, Miss«, sagte er heiser. Leslie sah ihn an, und es überlief sie ein Schauer. Sie wußte nicht, warum sie zitterte, aber sie hatte plötzlich eine lebhafte, schreckliche Vorstellung – es war ihr, als ob sie in die starren Augen eines Toten schaute. 3 Leslie Maughan ging mit raschen Schritten das Themseufer entlang. Der Abend war bitter kalt, und nicht einmal ihr warmer Nutriamantel konnte sie gegen den eisigen Nordwind schützen, der ihr entgegenwehte. Der Herr, der an ihrer Seite ging, war groß und breitschultrig. Er hatte den Gang eines Offiziers und schwenkte einen Schirm im Takt zu seinen Schritten. »Das ist ein Selbstmörder – dort links«, sagte er ruhig, als ob er ein Fremdenführer wäre, der seine Begleiterin auf die Sehenswürdigkeiten der Stadt aufmerksam machte. Die junge Dame blieb stehen und schaute zurück. »Glauben Sie das wirklich, Mr. Coldwell?« Sie blickte auf die düstere Gestalt, die an dem Steingeländer der Brücke lehnte. Die Arme des Mannes ruhten auf den Granitsteinen, und er hatte den Kopf in die Hände gestützt. Er war hager und unterschied sich in keiner Weise von den Vagabunden, die sich hier nach Mitternacht herumtrieben und versuchten, ein wenig auf den Bänken zu schlafen, wenn die Polizeistreifen vorübergegangen waren. »Es ist sehr wahrscheinlich. Wenn einer von diesen Brüdern so in den Fluß hinabstarrt, denkt er über einen neuen Weg nach, alte Rechnungen zu begleichen. Interessiert er Sie? Sie werden doch nicht etwa sentimental werden?« Sie zögerte. »Doch – ein wenig. Ich weiß nicht, ob es Mitgefühl oder nur weibliche Neugierde ist.« Plötzlich verließ sie ihn und ging zu dem Mann zurück, der sie schon bemerkt und beobachtet haben mochte, denn er richtete sich schnell auf, als sie näher kam. »Ganz herunter und zu Ende?« fragte sie. Er lachte leise vor sich hin. »Ganz herunter, aber noch lange nicht zu Ende.« Sie hörte an seiner Stimme, daß er eine bessere Erziehung genossen hatte. Er sprach in dem leichten, vornehmen Ton, den die Studenten auf der Universität annehmen. »Habe ich etwa Ihr Mitleid erregt? Das täte mir leid. Wenn Sie mir Geld anbieten, bringen Sie mich direkt in Verlegenheit. Sie können hier in dieser Gegend genügend arme Bettler finden, bei denen Ihre – Mildtätigkeit besser angebracht ist. Ich gebrauche dieses Wort in seiner reinsten Bedeutung.« Sie sah ihm ins Gesicht. Ein kleiner Schnurrbart und ein unordentlicher Backenbart täuschten sie nicht darüber, daß er noch jung war. Chefinspektor Coldwell, der nun auch näher gekommen war, betrachtete ihn mit beruflichem Interesse. »Möchten Sie wissen, woran ich im Augenblick wirklich dachte?« Seine Stimme klang fast scherzend. »Ich dachte an Mord. In dieser Stadt lebt ein Mensch, der mir das Leben sehr schwer gemacht hat. Und ich hatte gerade beschlossen, ihn bei der nächsten besten Gelegenheit aufzusuchen und ihm drei Kugeln aus meiner Pistole durchs Herz zu jagen, als Sie meine Mordpläne unterbrachen.« Coldwell lachte vor sich hin. »Ich glaube, ich kenne Sie – Sie sind Peter Dawlish.« Der abgerissene Mann lüftete seinen Hut mit ironischer Höflichkeit. »Da sieht man, wie berühmt man ist«, sagte er sarkastisch. »Sie sind Mr. Coldwell – das Erkennen ist gegenseitig. Und da ich mich nun hoffnungslos selbst belastet habe, nehme ich an, daß Sie den nächsten Polizisten anrufen, um mich zu verhaften und so vor allen Versuchungen zu bewahren.« »Wann sind Sie aus dem Gefängnis gekommen?« fragte Coldwell. Leslie hörte bestürzt zu. Noch vor einer Viertelstunde hatte sie über diesen Mann gesprochen, und sie hatte den ganzen Nachmittag an seinen Fall denken müssen. Ihn nun hier an diesem windigen Platz zu treffen, gerade ihn unter den Millionen Menschen in London, erschien ihr mehr als ein bloßer Zufall. Es war Schicksal. »Mr. Dawlish, Sie werden es nicht glauben, wenn ich Ihnen jetzt sage, daß Sie gerade der Mann in London sind, dem ich gerne begegnen wollte. Ich habe erst heute erfahren, daß Sie entlassen sind. Könnten Sie mich noch heute abend besuchen?« Peter lächelte. »Die Einladungen kommen schneller und zahlreicher als ich dachte«, sagte er halb zu sich selbst. »Vor zehn Minuten erhielt ich erst eine Aufforderung, zu einer Herberge der Heilsarmee mitzukommen. Glauben Sie mir –« »Mr. Dawlish« – Leslie sprach sehr ruhig, aber sehr deutlich –, »Sie bemitleiden sich selbst, nicht wahr?« Sie sah nicht, daß er rot wurde. »Ja, Sie haben recht«, erwiderte er rauh. »Aber ein Mann in meiner Lage ist berechtigt –« »Dazu hat ein Mann unter keinen Umständen ein Recht. Hier ist meine Karte.« Sie hatte ihre Handtasche geöffnet, und er nahm die Karte aus ihrer Hand. Er mußte sie dicht an die Augen halten, um in dem schlechten Licht einer entfernten Straßenlaterne lesen zu können. »Wollen Sie mich um halb elf aufsuchen? Ich werde Ihnen kein Geld anbieten, ich will Ihnen auch keine Arbeit verschaffen wie Holz zerkleinern oder Abfallpapier sortieren – ich möchte aus einem viel wichtigeren Grund mit Ihnen sprechen.« Er las Name und Adresse aufs neue und runzelte die Stirn. »Ja – nun gut – wenn Sie es wünschen.« Er wurde plötzlich merkwürdig verlegen und ungemütlich. Sie erkannte sofort den Umschwung in seinem Verhalten und in seinem Ton. »Es tut mir leid, daß ich wie eine Vogelscheuche aussehe – das macht Ihnen wohl nichts aus?« »Nein«, entgegnete sie und hielt ihm die Hand hin. Er zögerte eine Sekunde, dann schlug er ein. Sie fühlte, wie hart seine Hand war, und es überkam sie ein schmerzliches Gefühl, als sie daran dachte, was diese Schwielen bedeuteten. Im nächsten Augenblick war sie wieder an der Seite Mr. Coldwells, der auf sie gewartet hatte. Peter Dawlish sah ihnen nach, bis sie außer Sicht waren, dann wandte er sich nachdenklich um und ging langsam nach Blackfriars zu. »Ich weiß ja, wie klein die Welt ist«, begann Coldwell, der noch immer seinen zusammengerollten Regenschirm umherwirbelte. »Aber ich wußte noch nicht, daß das auch für London zutrifft. Peter! Es sind Jahre vergangen, seitdem ich ihn das letztemal gesehen habe. Vor fünf Jahren war er ein Nichtsnutz.« »Glauben Sie wirklich, daß er die Fälschung begangen hat?« »Ein Schwurgericht seiner Landsleute hat ihn verurteilt«, erwiderte Mr. Coldwell vorsichtig, »und Schwurgerichte haben im allgemeinen recht. Nach allem, was ich weiß, brauchte er das Geld. Sein Vater war ein alter Geizhals, und man kann nicht auf großem Fuß leben und hübsche junge Damen nach New York begleiten, wenn man nur zweihundertfünfzig Pfund im Jahr verdient. Er hat die Sache auch zu dumm angestellt. Wenn er nicht ausgerechnet damals drei Monate Urlaub genommen hätte, wäre der Betrug nie entdeckt worden.« »Wer war sie denn?« fragte Leslie. »Ich weiß es nicht. Die Polizei hat vergeblich versucht, die Frau ausfindig zu machen. Peter hat ausgesagt, daß sie eine Statistin von der Pariser Oper gewesen sei. Er war gerade nicht sehr stolz darüber.« Leslie seufzte. »Alles Böse kommt von den Frauen«, sagte sie. »Je nachdem«, meinte Mr. Coldwell und drehte an seinem grauen Schnurrbart. In der Nähe des düsteren Eingangs von Scotland Yard blieb er stehen und stellte sich breit vor sie hin. »Vielleicht werden Sie jetzt nicht mehr so geheimnisvoll tun und mir sagen, warum Sie sich so außerordentlich für Peter Dawlish interessieren, daß Sie in den letzten drei Tagen nur von ihm gesprochen haben?« Sie schaute ihm fest in die Augen. »Weil ich weiß, warum Peter Dawlish morden und wen er umbringen will.« »Selbstverständlich Druze, das kann das kleinste Kind vermuten. Und er wird ihn ermorden, weil er davon überzeugt ist, daß Druzes Zeugenaussage ihn ins Gefängnis gebracht hat.« In Leslies Lächeln lag selbstbewußte Überlegenheit. »Sie irren – Druze wird sterben, weil er Kinder nicht liebt!« Mr. Coldwell starrte sie nur verwundert an. 4 »Ich möchte diese Sache richtig verstehen«, sagte er dann langsam. »Wenn Druze getötet wird, so sollte es aus dem Grund sein, weil er keine Kinder liebt?« Leslie Maughan nickte. »Ich weiß, daß Sie Geheimnisse nicht leiden mögen – kein Mensch in Scotland Yard liebt Unklarheiten. Eines Tages werde ich Ihnen erklären, was ich damit sagen will. Können Sie sich daran erinnern, daß Sie mir im vorigen Sommer Urlaub gaben?« Mr. Coldwell besann sich sehr gut darauf. »Ich bin damals nach Cumberland gegangen, um ein wenig umherzustreifen. Um keinen Preis wollte ich daran erinnert werden, daß es eine Stelle in der Welt gibt, die Scotland Yard heißt, aber ich habe nun einmal diese Veranlagung, alles zu durchstöbern und zu erforschen. Eines Tages kam ich durch ein kleines Dorf und fand dort etwas, woraus ich schloß, daß Druze Kinder nicht leiden mag. Und eines Tages wird Peter Dawlish, wenn er es entdecken sollte, ihn deshalb umbringen!« »Die Sache wird immer geheimnisvoller und rätselhafter«, brummte Coldwell. »Ich fürchte, Sie jagen einem Phantom nach. Das ist nun einmal das Mißgeschick aller begeisterten jungen Beamten – womit ich nicht behaupten will, daß Sie schon den Charakter eines Beamten haben.« Leslie Maughan hatte ihre Karriere bei der Polizei als junge Stenotypistin begonnen. Ihr Vater war der bekannte und berühmte Vizepräsident Maughan, durch dessen Tatkraft und Scharfsinn viele dunkle Verbrechen aufgeklärt werden konnten. Bei seinem Tod hinterließ er seiner Tochter ein großes Vermögen, so daß sie sich nicht um ihren Lebensunterhalt zu kümmern brauchte. Aber sie hatte von ihrem Vater die Begabung und den Hang zum Detektivberuf ererbt und war von Stufe zu Stufe emporgestiegen, bis ihre Vorgesetzten, die einer Frau keine leitende Stellung im Polizeipräsidium Londons einräumen wollten, sie zur Assistentin eines der vier höchsten Beamten machten. »Sie ist ganz ausgezeichnet, ich finde keine anderen Worte für sie«, sagte ihr Chef zu dem Polizeipräsidenten. »Und obgleich ich nicht der Ansicht bin, daß dies ein Frauenberuf ist, muß ich doch zugeben, daß ich niemals eine Dame kennengelernt habe, die sich besser für einen hervorragenden Posten in Scotland Yard eignete.« »Welche besondere Fähigkeiten besitzt sie denn?« fragte der Polizeipräsident. »Sie denkt schnell, und sie hat Glück«, war die Antwort. * Als Leslie am Abend zu ihrer Wohnung in Charing Cross Road zurückkehrte, mußte sie auch darüber nachdenken, daß sie eigentlich viel Glück hatte. Schon die Tatsache, daß sie ein so schönes Heim besaß, sprach dafür. Sie hatte einen langjährigen Mietvertrag für eine Wohnung über einem Kino zu einer Zeit abgeschlossen, als die Mietpreise noch sehr niedrig waren. Bei einer Weitervermietung hätte sie die doppelte Summe ihrer Miete als Abstand dafür bekommen können. Da ihre Wohnung aber wegen der zentralen Lage sehr günstig war, widerstand Leslie allen Versuchungen, umzuziehen, um dadurch einen pekuniären Vorteil zu erlangen. Eine Seitentür führte zu ihren Wohnräumen. Kaum hatte sie die Haustür geschlossen, als sie von oben angerufen wurde. »Sind Sie es, Miss Maughan?« »Ja.« Leslie hängte ihren Mantel in dem kleinen Flur unten auf und ging dann nach oben zu dem Mädchen, das sie auf dem Treppenabsatz erwartete. Lucretia Brown, ihr einziger Dienstbote, war groß und breitschulterig und hatte ein glattes, rundes, nicht unangenehmes Gesicht. Sie hatte die Hände in die Hüften gestemmt und betrachtete ihre Herrin vorwurfsvoll. »Ich dachte schon, Sie wären –«, begann sie. »Sie haben natürlich wieder gedacht, ich wäre ermordet und in den Fluß geworfen worden«, erwiderte Leslie in guter Laune. »Das denken Sie ja immer, wenn ich nicht mit dem Glockenschlag heimkomme.« »Ich traue dieser großen Stadt London nicht.« Lucretia war wirklich ihr Name. Ihr Vater, ein Landarbeiter, hatte einmal in der Gemeindehalle einen Vortrag über die Borgias gehört. Er hatte zwar nicht viel davon verstanden, aber doch einen allgemeinen Eindruck bekommen, daß dieser historische Name irgendwie sehr wertvoll und schön sei. »Ich habe London nie getraut, und ich werde es auch nicht tun. Haben Sie schon zu Abend gespeist, gnädiges Fräulein?« »Ja, ich habe schon gegessen.« Leslie schaute rasch auf ihre Uhr. »Ich erwarte einen Besuch – um halb elf wird ein Herr kommen. Wenn Sie ihm die Tür öffnen, sagen Sie also bitte nicht, daß ich fort sei und erst in drei Wochen wiederkäme.« Lucretia schnitt ein Gesicht. »Halb elf des Abends ist ein wenig spät für Herrenbesuch, Miss Maughan. Ist er denn ein Freund von Ihnen?« Leslie hatte ihr die persönliche Teilnahme an ihren Angelegenheiten nicht abgewöhnen können, denn Lucretia nahm immerhin eine Vertrauensstellung bei ihr ein und hatte im Laufe der Zeit gewisse Vorrechte erlangt. Leslie war von ihrer frühesten Kindheit an von ihr betreut worden. »Ist es jemand, den wir kennen? Vielleicht Mr. Coldwell?« »Nein, es ist ein Mann, der eben aus dem Gefängnis entlassen wurde.« Lucretia schloß die Augen und wurde fast ohnmächtig. »Großer Gott!« stieß sie heiser vor. »Ich hätte niemals gedacht, daß ich das erleben würde, daß ein früherer Sträfling Sie nachts um halb elf besuchen darf. Ich glaube, es wäre gut, wenn ich einen Polizisten holte, damit er draußen vor der Tür aufpaßt und zu Hilfe kommt, wenn Ihnen der Kerl etwas tun will.« »Ach, Lucretia, Sie sind viel zu ängstlich und brauchen immer gleich die Polizei«, erwiderte Leslie ernst. Lucretia schwieg, obgleich sie innerlich noch tief entrüstet war. Es schlug halb elf von der Kirche St. Martins-in-the-Fields, als unten die Hausglocke ertönte. Lucretia kam ins Wohnzimmer, ihre Augen leuchteten vor Erregung. »Das ist er«, rief sie aufgebracht. »Nun ja, lassen Sie ihn doch herein!« »Was auch geschehen mag – ich lehne jede Verantwortung dafür ab.« Leslie zeigte nur zur Tür. Der Fremde stieg die Treppe so leise in die Höhe, daß sie seine Schritte nicht hörte. Die Tür öffnete sich, und Lucretia erschien wieder. »Der Herr ist da!« sagte sie laut, sah den Fremden ärgerlich an, ließ ihn hinein und schloß die Tür hinter ihm. Peter Dawlish blieb am Eingang stehen, wo Lucretia ihn verlassen hatte. Er hatte seinen weichen Filzhut in den Händen, sah die junge Dame an und betrachtete dann den gemütlichen Raum. Ein schwaches Lächeln spielte auf seinem Gesicht. Sie sah nun deutlich, wie schlecht er gekleidet war. Er trug keinen Kragen, und seine Schuhe waren grau vor Schmutz. Sein alter, schlechtsitzender Anzug war befleckt und abgetragen. »Ich habe Ihnen ja gesagt, daß ich aussehe wie eine Vogelscheuche«, begann er, als ob er ihre Gedanken gelesen hätte. »Als ich entlassen wurde, gab man mir einen schönen Anzug, der im Gefängnis gemacht war, aber er schien mir nicht geeignet, darin einer kritischen Welt wieder gegenüberzutreten, und ich tauschte ihn gegen diesen ein.« Sie schob einen Stuhl an das Feuer. »Nehmen Sie bitte Platz, Mr. Dawlish.« »Mr. Dawlish – das klingt ja fürchterlich achtungsvoll.« »Sie können rauchen, wenn Sie wollen«, sagte sie, als er sich bedächtig gesetzt hatte. »Ich möchte schon, aber die Zutaten fehlen mir.« Hastig öffnete sie eine Schublade, nahm eine Zigarettenschachtel heraus und reichte sie ihm. »Danke schön.« Er nahm eine Zigarette und runzelte die Stirn. »Es ist doch zu merkwürdig.« »Was finden Sie denn merkwürdig?« »Gerade diese Sorte Zigaretten pflegte ich in früheren Tagen zu rauchen. Ich habe sie mir direkt von Kairo kommen lassen. Hier in London konnte man sie nicht kaufen, wenigstens damals nicht, als ich – mich zurückzog. Aber sehen Sie, ich bemitleide mich schon wieder. Und dabei hasse ich das doch so sehr. Es war mir selbst etwas ganz Neues, als ich entdeckte, daß ich in dieser Beziehung jetzt auch zur großen Masse gehöre.« Er steckte die Zigarette an und rauchte sie mit großem Genuß. »Ah, das ist wundervoll.« »Haben Sie schon gegessen?« Er nickte. »Wie ein Sybarit. In einem kleinen Restaurant in der Blackfriars Road. Das ganze Abendbrot hat nur einen halben Shilling gekostet. Das war sehr verschwenderisch, aber ich fühlte, daß ich eine Stärkung brauchte, bevor ich mich dieser Prüfung hier unterzog.« »Haben Sie keine Wohnung?« »Nein.« Er spielte mit seinen langen, schmalen Fingern, und sie bemerkte mit Genugtuung, daß seine Hände tadellos sauber waren. Wieder schien er ihre Gedanken zu erraten, denn er sah auf seine Hände herunter. »Ich wüßte nicht, was ich Ihnen mitteilen könnte, wenn Sie irgendwelche Informationen von mir wünschen. Wenn Sie ein männlicher Beamter von Scotland Yard wären, hätte ich Ihre Einladung einfach abgelehnt. Aber ein weiblicher Polizeibeamter ist etwas Eigenartiges. Ich habe natürlich schon mehrere im Dienst gesehen – kleine, wohlbeleibte Frauen mit niedrigen Helmen. Aber sie sollen ja ganz brauchbar sein.« Er sah, daß sie selbst nicht rauchte und erwähnte es auch. »Ich rauche nur selten. Würden Sie es mir übelnehmen, wenn ich ganz offen zu Ihnen spräche?« sagte sie dann ernster. »Je offener Sie mit mir sprechen, desto lieber ist es mir.« Er lehnte sich in seinem Sessel zurück und blies eine Rauchwolke zur Decke empor. »Sie haben natürlich kein Geld?« Er schüttelte den Kopf. »Das bedeutet also, daß Sie sich nachts auf der Straße herumtreiben müssen?« »Ich habe mich schon daran gewöhnt. Es wäre auch ganz interessant, wenn man nur nicht so schrecklich müde wäre. Ich bekam etwas Taschengeld, als ich das Gefängnis verließ. Ich kam damit nicht ganz eine Woche aus, ich fürchte, ich bin etwas unvorsichtig damit umgegangen. Man kann tagsüber in verlassenen, versteckten Parkecken ganz gut schlafen, besonders an warmen, sonnigen Tagen. Und für regnerische Nächte kenne ich ein Gerätehaus in einer Gärtnerei. Es kann sich allerdings nicht mit den Luxuswohnungen für Hochzeitsreisende im Ritz-Carlton messen, aber es ist immerhin ganz annehmbar. Ich habe letzte Nacht mit einem früheren Infanterie-Obersten und einem Rechtsanwalt dort geschlafen, der mit mir zusammen in derselben Abteilung in Dartmoor war.« Sie sah ihn fest an. »Diese Nacht werden Sie aber besser schlafen«, sagte sie in ihrem ruhigen, gleichmütigen Ton, »und morgen werden Sie sich einen besseren Anzug kaufen und einen Besuch bei Ihrer Mutter machen.« Er zog die Augenbrauen hoch und betrachtete sie ein wenig belustigt. »Ich wußte allerdings nicht, daß Sie auch in meine Familiengeheimnisse eingedrungen sind. Warum sollte ich das denn tun, Miss Maughan? Es wäre Geldverschwendung, einen neuen Anzug zu kaufen. Auf meine Mutter würde ein luxuriöses Äußere nicht den geringsten Eindruck machen. Sie würde höchstens annehmen, daß ich einen anderen gutmütigen Herrn gefunden hätte. Alle derartigen Dinge würden sehr viel Geld kosten, und ich glaube, es ist ganz gut, daß ich Ihnen, bevor wir uns weiter unterhalten, ausdrücklich sage, daß ich unter keinen Umständen die Absicht habe, Geld von Ihnen anzunehmen – unter gar keinem Vorwand.« Er fühlte sich in ihrer Gegenwart irgendwie bedrückt und verlegen. Später erinnerte er sich stets daran, daß es ihm bei den beiden ersten Begegnungen mit dieser merkwürdigen jungen Dame bald kalt und bald heiß geworden war, wenn sie zu ihm sprach. »Ihr Stolz, der es ablehnt, von einer Dame Geld anzunehmen, ist sicher bewunderungswürdig.« Ihr kühler, sarkastischer Ton demütigte ihn. »Auf diese Art und Weise will ein Mann, wenn auch unbewußt, seine Überlegenheit einer Frau gegenüber zum Ausdruck bringen – das ist gerade nicht sehr schmeichelhaft für eine Dame, aber die Männer müssen sich dabei unglaublich großartig vorkommen! Darf ich noch eine andere Frage an Sie richten, Mr. Peter Dawlish? Wollen Sie denn ganz in dem Schlamm der Großstadt versinken? Wollen Sie Ihr ganzes Leben in gemeinen Herbergen und Obdachlosenhäusern zubringen und später einmal in einem Armengrab beerdigt werden?« »Ich weiß nicht recht, warum Sie mir das alles sagen.« Sie fühlte, daß sie ihn gereizt und aufgebracht hatte, aber heimlich freute sie sich über die Wirkung ihrer Worte. »Ich würde natürlich alles tun, um Arbeit zu bekommen. Ich hatte eventuell die Absicht, außer Landes zu gehen.« »Natürlich. Sie wollten in eine unserer Kolonien gehen. Das ist eine der allerverbreitetsten Täuschungen, daß Leute ohne Entschlossenheit und Ehrgeiz glauben, plötzlich durch ein Wunder diese hervorragenden Eigenschaften zu erhalten, wenn sie in Quebec oder Sydney oder sonstwo an Land gehen.« Er mußte nun trotz alledem lachen. »Sie haben wirklich die beste Anlage, einen Mann zu ärgern.« »Meinen Sie?« fragte sie lächelnd. »Ich werde Ihnen jetzt auch genau sagen, was ich beabsichtige, Mr. Dawlish. Wenn Sie ein Darlehen ablehnen, so bedeutet das, daß Sie sich vollkommen wohl fühlen bei dem Gedanken, niemals wieder so viel Geld zu verdienen, um eine solche Summe zurückzuzahlen. Sie gehören damit zu den Leuten, die sich anstellen, um in den Armenhäusern ihr Essen zu erbetteln, zu den Pennbrüdern, die nachts auf Parkbänken schlafen und öffentlichen Wohlfahrtseinrichtungen zur Last fallen.« Sie sah, daß ihre Worte getroffen hatten, und sprach rasch weiter. »Aber natürlich tun Sie das nicht. Sie sind aus dem Gefängnis herausgekommen mit Groll und Haß im Herzen gegen die Mitwelt, und man kann Sie schwerlich deswegen tadeln. Ich kann mir sehr gut vorstellen, daß Sie einer der wenigen unschuldigen Menschen sind, die ins Gefängnis nach Dartmoor kamen.« Er sah sie merkwürdig an. »Sie glauben also, daß ich unschuldig verurteilt worden bin?« »Dessen bin ich ganz sicher.« Plötzlich fragte sie: »Haben Sie eine Waffe bei sich?« Er lachte laut. »Die Summe, die dazu gehört, eine Browning-Pistole zu kaufen, würde ausreichen, zwei Wochen davon zu leben. Nein, ich trage wirklich nichts Gefährlicheres bei mir als eine Zahnbürste.« Die Schublade, aus der sie die Zigaretten genommen hatte, stand noch offen, und sie holte einen kleinen schwarzen Geldkasten daraus hervor. »Wir werden ganz geschäftsmäßig vorgehen. Dort auf dem Schreibtisch liegen Füllfeder und Papier. Schreiben Sie mir einen Schuldschein über zwanzig Pfund. Nehmen Sie aber keinen Cent von mir, wenn Sie im Innersten davon überzeugt sind, daß Sie mir das Geld niemals zurückzahlen können. Das heißt, wenn Sie annehmen, daß ein junger Mann von acht- oder neunundzwanzig Jahren, oder wie alt Sie auch immer sein mögen, nicht mehr in die Lage kommen sollte, außer seinem Lebensunterhalt noch so viel zu erwerben, daß er das Geld in ein oder zwei Jahren zurückgeben könnte. Und diese kleine Wohltat, wie Sie es nennen –« »Ich habe nichts dergleichen gesagt.« »Aber Sie haben es gedacht«, entgegnete sie ruhig. »Es ist sehr wenig höflich, einer Dame zu widersprechen. Mr. Dawlish, ich stelle Sie jetzt auf die Probe. Wenn Sie denken, daß es für immer mit Ihnen aus ist, dann ist dieser Vorfall jetzt beendet – und es scheint mir so, daß es tatsächlich mit Ihnen aus ist.« Sie sah ihn mit halbgeschlossenen Augen an und nickte langsam. »Sie meinen also, daß ich nicht mehr wert bin, gerettet zu werden?« entgegnete er und stand auf. »Nun gut, ich will Ihre Herausforderung annehmen.« Er nahm den Füllhalter, schrieb einige Worte auf einen Bogen Papier und überreichte ihn Leslie. »Hier ist der Schein, geben Sie mir die zwanzig Pfund.« Er fühlte sich sonderbar belustigt, aber er ärgerte sich auch, am meisten jedoch über sich selbst, daß er überhaupt ärgerlich sein konnte. Wenn ihm jemand beim Betreten dieses Zimmers gesagt hätte, daß er von dieser jungen Dame ein Darlehen annehmen würde, hätte er über eine solche Vermutung laut gelacht. Und nun stand er doch hier in ihrer Wohnung, zählte feierlich die Banknoten, die sie ihm aushändigte, und steckte sie ohne die leisesten Gewissensbisse in die Tasche. Aber er hatte die ganze Zeit an Leslie Maughan denken müssen, seit er sie getroffen hatte. »Ich denke, ich werde mich jetzt selbst besser kennenlernen. Ich war früher ein Schwächling, und durch die lange Gefängnishaft bin ich nicht besser geworden. Nein, nein, ich will damit nicht sagen, daß es eine Schwäche von mir ist, dieses Geld anzunehmen, es wäre vielmehr eine Schwäche gewesen, es zurückzuweisen. Ich bin Ihnen wirklich sehr dankbar.« Sie reichte ihm die Hand. »Wo werden Sie wohnen?« »Ich weiß es noch nicht, aber Sie werden von mir hören. Bitte, machen Sie sich meinetwegen keine weiteren Sorgen. Wenn ich wirklich keine Stelle finden sollte, dann bin ich auch nicht mehr wert, daß man mir hilft. Warum tun Sie eigentlich dies alles für mich? Man lernt Polizeibeamte gewöhnlich nicht von dieser Seite kennen.« »Die Polizei hilft, wo sie nur immer kann – das sollten Sie wissen«, entgegnete sie ruhig. »Aber ich gebe zu, daß dies eine rein persönliche Angelegenheit ist. Sie sind ein Teil eines großen Experimentes, das ich mache. Es ist nicht mein Frauenherz, sondern mein wissenschaftlich geschulter Verstand, der mir diese Handlungsweise vorschreibt.« Plötzlich änderte sie das Thema. »Ich wünschte nur, Mr. Dawlish, Sie würden sich rasieren lassen, Sie sehen zu sehr nach einem musikalischen Genie aus. Es kleidet Sie wirklich nicht.« Er mußte immer noch vor sich hinlachen, als Lucretia die Haustür mit unnötiger Heftigkeit hinter ihm schloß. Er kannte ein kleines Hotel, wo er diese Nacht verbringen konnte. Es lag in Lambeth, ganz in der Nähe des Waterloo-Bahnhofes. Er ging mit schnellen Schritten die Charing Cross Road hinunter und kam dann auf den ›Strand‹, der zu dieser Stunde noch von Autos belebt war, denn die Theater schlössen gerade. Plötzlich glaubte er, seine Mutter in eine Limousine einsteigen zu sehen. Eine zweite Dame folgte ihr. Ja, das war Margaret Dawlish, und die Dame mit den grauen Haaren war Tante Anita. Er konnte jetzt verächtlich über sie lächeln, und die Gewißheit, daß er das konnte, erfüllte ihn mit Genugtuung. Wären sie ihm früher an diesem Abend begegnet, so hätte er sich verhöhnt gefühlt und hätte sich selbst bemitleidet. Und er war doch fest entschlossen, gegen solche Gemütsstimmungen tapfer anzukämpfen. Er wandte sich ab, damit sie ihn beim Vorüberfahren nicht erkennen sollten, und ging die Villiers Street hinunter. Dann stieg er die Stufen zu der Hungerford-Brücke hinauf. Es waren nicht die zwanzig Pfund in seiner Tasche, die ihn fröhlicher stimmten und seine Schritte beflügelten, es war etwas von dem energischen Charakter Leslie Maughans auf ihn übergegangen, etwas von ihrem Lebensmut und ihrem gesunden Selbstgefühl war auch in ihm erwacht. Sie fesselte ihn. Sie war mehr als schön im gewöhnlichen Sinne. Aus ihren Zügen sprach eine natürliche Klugheit, die er noch niemals in dem Gesicht einer anderen Frau entdeckt hatte. Es kam ihm plötzlich zum Bewußtsein, daß ihm kluge Frauen immer mißfallen hatten. Er liebte Frauen, die einen sanften, weiblichen Charakter hatten und nicht zu gescheit waren. Aber dieses begabte und hübsche Mädchen faszinierte ihn. Leslie Maughan besaß genügend Autorität, um ihn stets in der nötigen Distanz zu halten, und doch war sie so außerordentlich freundlich und liebenswürdig gegen ihn, so gütig wie eine vernünftige ältere Schwester, obwohl sie in Wirklichkeit mehrere Jahre jünger als er sein mußte. Manchmal war er sich schon wie ein alter Mann vorgekommen – aber nach dieser Begegnung mit Leslie Maughan fühlte er sich so fröhlich wie ein Kind. Er war jetzt auf der Mitte der Brücke angekommen, und die ganze Schönheit des Ufers breitete sich vor ihm aus. Eine Unzahl von Lichtern spiegelte sich in den schwarzdunklen Wassern der Themse. Auf der Südseite war ein Turm mit prachtvoller Lichtreklame geschmückt. Peter war heiter und zufrieden, als er all diesen Glanz in sich aufnahm. Aber plötzlich überkam ihn ein sonderbar unheimliches Gefühl, das er sich selbst nicht erklären konnte. Instinktiv drehte er sich um. Es gingen viele Menschen über die Brücke; unmittelbar hinter ihm her, kaum zehn Schritte entfernt, kamen drei kleine Leute, die sich Schulter an Schulter nebeneinander bewegten. Sie machten die merkwürdig hohen Schritte, die Peter schon früher an Orientalen bemerkt hatte – es war fast ein gewisses Stolzieren. Sie sprachen nicht miteinander, wie es Freunde gewöhnlich tun, die zusammen nach Hause gehen, und dieses Schweigen war es, das Peter so beunruhigte. Jahrelanger Gefängnisaufenthalt war gerade keine Nervenkur für einen Mann von Peter Dawlishs Temperament. Er eilte die Stufen auf der anderen Seite hinunter und befand sich in einer wenig erleuchteten, düsteren Straße. Von hier führte ein kürzerer Weg zur York Road, in deren Nähe das Hotel lag. Er kam durch eine einsame Straße mit kleinen Häusern, die man nicht gerade als Hintergasse, aber auch kaum als anständig bezeichnen konnte. Als er sich umwandte, sah er, daß die drei Männer ihm noch folgten. Sie bewegten sich geräuschlos wie auf Gummisohlen. Peter ging quer über die Straße, und sie kamen etwas näher an ihn heran. Er überlegte sich, ob es nicht besser sei, zurückzugehen und die Leute an sich vorbeizulassen. Gerade hatte er diesen Entschluß gefaßt, als etwas über seinen Kopf fiel. Er hob schnell die Hand, um die dünne Leine aufzufangen, aber es war schon zu spät. Die Schlinge zog sich um seine Kehle zusammen, zwei gewandte kleine Gestalten sprangen auf ihn zu – im nächsten Augenblick lag er auf dem Boden und kämpfte um sein Leben. Er bekam keine Luft mehr, sein Kopf schmerzte, das Blut staute sich in seinem Gehirn. Mit den Händen versuchte er noch krampfhaft, die Schlinge zu lockern, dann wurde er bewußtlos. Nach einer Ewigkeit fühlte er, daß ihn jemand aufhob und gegen eine Mauer lehnte. Ein helles Licht traf sein Gesicht. Unwillkürlich faßte Peter an seinen Hals. Die Leine war entfernt, aber er konnte noch den tiefen Einschnitt fühlen, den sie hinterlassen hatte. »Was war denn hier los?« fragte eine rauhe Stimme. Peter schaute auf und sah einen Polizisten vor sich stehen. »Wie fühlen Sie sich jetzt? Soll ich einen Krankenwagen bestellen? Ich kann Sie gleich in ein Hospital bringen.« Peter zitterte an allen Gliedern, als er sich aufrichtete. »Es geht ganz gut«, sagte er etwas unsicher. »Wer waren diese Leute?« »Ich weiß es nicht. Sie kamen am Ende der Straße an mir vorbei. Es waren sonderbare, kleine Männer mit flachen Nasen und fast affenartigen Gesichtern. Und dann sah ich, wie sie hinter Ihnen her waren, und folgte ihnen. Ich glaube, ich habe Ihr Leben gerettet, junger Mann.« »Ja, Sie haben mich gerettet.« Peter befühlte seine Kehle. »Gelaufen sind die Kerle! Ich habe noch niemals einen Menschen so schnell rennen sehen. Hatten Sie denn einen Streit mit ihnen?« »Nein, ich habe sie in meinem Leben noch nicht gesehen.« »Hm!« Der Beamte schaute ihn etwas verwundert an. »Ich möchte bloß wissen, wer sie waren. Sie sprachen so ein merkwürdiges Kauderwelsch, das ich nicht verstehen konnte. Ich habe nur ein Wort behalten, vielleicht waren es auch zwei – Orang-Pander oder Bander.« »Orang Blanga?« fragte Peter schnell und pfiff vor sich hin. »Dann kennen Sie die Leute also doch?« »Nein, durchaus nicht, ich vermute nur, welcher Nationalität sie sind – es werden Javaner gewesen sein.« Der Polizeibeamte wollte ihn nicht gern allein lassen. »Wo wollen Sie jetzt hingehen?« »Ich will versuchen, noch eine Unterkunft zu finden.« Er war noch sehr schwach, denn als er den ersten Schritt tat, drehte sich die Straße und der Polizist um ihn, und wenn der Beamte ihn nicht am Arm gepackt hätte, wäre er hingefallen. »Wenn ich Sie so allein lasse, werden Sie noch aufgegriffen, weil man annimmt, daß Sie zuviel getrunken haben«, meinte der Mann gutmütig. »Sie wollen eine Unterkunft haben? Warten Sie einmal, ich habe doch irgendwo hier in der Nähe einen Zettel hängen sehen, daß ein Zimmer frei ist.« Er drehte seine elektrische Taschenlampe an, ging langsam die Straße entlang und leuchtete die Fenster ab. Plötzlich blieb er stehen. »Hier ist ein Zimmer frei, ich wußte es doch.« Peter ging langsam und vorsichtig zu ihm hin. Das Licht der Lampe fiel auf ein kleines Plakat an einem Fenster. ›Zimmer an einen anständigen jungen Mann zu vergeben.‹ »Wollen Sie sich hier einquartieren?« Peter nickte, und der Polizist klopfte leise an die Tür. Es dauerte aber einige Zeit, bis ein schwerer Schritt im Gang hörbar wurde. »Wer ist dort?« fragte dann eine heisere Stimme. »Haben Sie keine Angst«, sagte der Beamte. »Ich bin ein Polizist, und hier ist ein Herr, der ein Zimmer sucht.« Die Tür wurde aufgeschlossen und öffnete sich ein wenig. »Ich habe zwar ein Zimmer zu vermieten, das stimmt – aber es ist doch ein wenig spät, nicht wahr?« Der Beamte stieß einen Ruf des Erstaunens aus. »Sehen Sie einmal an, Sie sind doch Mrs. Inglethorne!« »Ja, das bin ich«, gab die Frau ärgerlich zu. »Sie von der Polizei kennen mich ja, Sie haben mir schon viel zuleide getan. Mein guter Mann, der so unschuldig wie ein ungeborenes Kind ist, und meinen Mieter, den netten, jungen Mann – beide haben Sie verhaftet!« Sie betrachtete Peter in dem Schein der elektrischen Taschenlampe. Sie hatte ein aufgedunsenes, rotes Gesicht, einen großen Mund und kleine, zusammengekniffene Augen, war untersetzt und dick. Gekleidet war sie in einen Schlafrock aus rotem Flanell. »Ich kann Sie nicht aufnehmen, wenn Sie kein Geld haben ich bin früher schon ein paarmal hereingefallen.« Peter griff in die Tasche, zog eine Pfundnote heraus und zeigte sie ihr. »Nun gut, kommen Sie herein«, sagte sie mürrisch. Peter dankte dem Polizisten für seine Hilfe und folgte dann der Frau in den engen, übelriechenden Gang. Das Schicksal spielte Peter Dawlish einen sonderbaren Streich, als es ihn in das unordentliche Heim von Mrs. Inglethorne führte. Sie knipste das Licht an und führte ihn auf einer kurzen Treppe mit hohen Stufen in das obere Stockwerk. »Hier ist das Zimmer.« Er trat hinter ihr in einen Raum, der nach der Straße zu lag und der beste in dem kleinen Hause war. Zu seinem größten Erstaunen war er gut eingerichtet. Ein neues Bett stand darin, die Wände waren erst kürzlich neu tapeziert worden, und die beiden billigen Drucke, die den Schmuck des Zimmers bildeten, waren noch in gutem Zustand. »Hier wohnte mein letzter Mieter, er hat das Zimmer selbst möbliert«, erklärte Mrs. Inglethorne schnell. »Er war wirklich ein netter Mann, der beste und liebenswürdigste, den ich kennengelernt habe.« »Ist er wieder ausgezogen?« Sie schaute ihn argwöhnisch von der Seite an, als ob sie dächte, er sei bereits genau über das Schicksal dieses Mannes informiert. »Man hat ihm fünf Jahre aufgebrummt, weil er in ein Haus in Blackheath eingebrochen hatte. Mein Mann sitzt eine siebenjährige Strafe ab, und es gab wirklich keinen ehrlicheren Menschen als ihn.« Ein merkwürdiges Zusammentreffen, dachte Peter Dawlish, daß er, der erst kürzlich aus dem traurigen Gefängnis in Dartmoor entlassen worden war, das leere Zimmer eines Mannes beziehen sollte, der eben im Gefängnis vielleicht seinen Platz eingenommen hatte. Er saß womöglich in derselben Zelle, im Flügel B, wo er auch untergebracht gewesen war. »Zahlen Sie mir – acht Shilling an. Ich werde Ihnen die Pfundnote wechseln und den Rest morgen früh herausgeben.« Mrs. Inglethorne streckte die Hand aus. In dem hellen Licht der Deckenlampe sah sie noch unvorteilhafter und abstoßender aus. Aus gewissen Anzeichen schloß er, daß sie trank. Sie nahm das Geld, das er ihr reichte, zog eine Kommodenschublade auf und nahm zwei frische Laken heraus, mit denen sie das Bett bezog. Offenbar war der frühere Mieter an verhältnismäßig großen Luxus gewöhnt, denn die Bettücher waren aus feinstem Leinen. Später entdeckte Peter auch, daß die Kissen und das Plumeau mit besten Daunen gefüllt waren. Das Bett selbst war sehr kostbar und gehörte zu den teuersten, die man in der Tottenham Court Road kaufen konnte. »Er hat sich nur das Beste angeschafft«, sagte Mrs. Inglethorne, als sie eine Pause in ihrer Beschäftigung machte, um von ihrem abwesenden Mieter zu erzählen. Gleich darauf ging sie aus dem Zimmer und ließ einen schwachen Geruch nach Schnaps zurück. Peter entkleidete sich langsam und freute sich auf die Nachtruhe, denn seit einer Woche hatte er in keinem Bett gelegen. Das Lager war angenehm und weich – zu weich. Obwohl er verzweifelt müde war, warf er sich von einer Seite auf die andere und versuchte vergeblich, einzuschlafen. Er hatte etwa zwei Stunden so gelegen, bis er ein wenig einschlummerte. Aber plötzlich wachte er wieder auf. Ein schriller Schrei hatte ihn geweckt. Er setzte sich aufrecht im Bett und lauschte. Wieder drang dieser unheimliche Laut von unten herauf. Er hielt ihn für das Geschrei einer Katze, denn keine menschliche Kehle schien solche Töne hervorbringen zu können. Er stand auf, ging zur Tür, öffnete sie und lauschte ins Treppenhaus. Plötzlich erschrak er, denn er hörte das Schluchzen und angstvolle Rufen eines Kindes. »Ich will zu meinem Vater! Ich will zu meinen Vater!« Dann hörte er die heisere Stimme von Mrs. Inglethorne. Sie schien eben aus dem Schlaf aufgefahren zu sein. »Willst du wohl den Mund halten, du verdammtes Ding? Wenn ich erst aufstehen muß, drehe ich dir das Genick um!« Als alles ruhig geworden war, ging Peter wieder zu Bett. Aber erst als draußen die Haustüren von Leuten geöffnet wurden, die früh morgens zur Arbeit gingen, fiel er in einen unruhigen Schlaf. In seinen Träumen hörte er immer noch den Schrei des Kindes: »Ich will zu meinem Vater! Ich will zu meinem Vater!« 5 104 Several Street, Lambeth. Sehr geehrte Miss Maughan, ich habe Unterkunft unter der obigen Adresse gefunden. Die Gegend ist nicht gerade die beste, aber das Zimmer ist ganz gut, obwohl meine Wirtin ein abstoßendes Frauenzimmer ist. Außerdem sind noch sechs Kinder hier im Haus, das jüngste ist erst einige Monate alt, das älteste ist ein Mädchen von acht Jahren. Daraus geht schon hervor, daß Mrs. Inglethorne, welche Fehler sie auch sonst haben mag, ihrem Vaterland durch reichlichen Nachwuchs gedient hat (sie trinkt Schnaps und hat ein feuerrotes Gesicht wie spanischer Pfeffer). Ich kaufe mir einen neuen Anzug und hoffe, daß ich in ein paar Tagen melden kann, daß ich vorwärtskomme ... * Leslie Maughan fand diesen Brief am folgenden Nachmittag, als sie von ihrem Büro nach Hause kam. ›Der Fall Dawlish‹, wie ihn Mr. Coldwell bezeichnete, obwohl sie selbst dieser Angelegenheit einen ganz anderen Namen beilegte, nahm im Schlafen und Wachen alle ihre Gedanken in Anspruch. Es war ihr erster größerer Fall, denn sie hatte sich früher noch niemals selbständig mit der Aufklärung einer Sache befassen können. Sie hatte allerdings schon mehrere aufsehenerregende Ereignisse miterlebt. Sie hatte Coldwell geholfen, den Mord im Kent-Tunnel aufzuklären. Als erste hatte sie damals den Eindruck gehabt, daß der Hauptzeuge, der der Polizei über die Tat berichtete, zuviel von der Tragödie wußte, um nicht selbst an dem Verbrechen beteiligt zu sein. Das führte später zur Klärung des ganzen Falles. Sie war es auch bei einer anderen Gelegenheit gewesen, die beim Durchsuchen der Taschen eines Gefangenen einen Flecken von unauslöschlicher Tinte auf einer Silbermünze fand. Auf diesen kleinen Anhaltspunkt hatte sie eine Theorie aufgebaut, die zu der Verhaftung der Flack-Bande und zur Auffindung der Druckmaschine führte, mit deren Hilfe die Verbrecher ganz Europa mit gefälschten Tausend-Franc-Scheinen überschwemmt hatten. Leslie Maughan besaß eine außerordentliche Begabung für die Aufgaben eines Polizeidetektivs, und ihr feiner Instinkt für die Hintergründe einer Sache hatte ihre Vorgesetzten schon oft in Erstaunen und Bewunderung versetzt. Und nun stellte sie wieder eine Theorie auf, allerdings auf schwachen Fundamenten, darüber war sie sich klar – auf einem kleinen Gedichtband, den sie in einem Landhaus in Cumberland gefunden hatte. Wieder nahm sie ihn aus ihrem Bücherregal. Es war ein dünnes Buch mit Gedichten von Elizabeth Browning. Auf der ersten leeren Seite standen in hübscher Handschrift acht Zeilen in Gedichtform. Es waren ganz freie Verse, die nicht einmal besonders gut waren. Sie las sie wohl schon zum fünfzigsten Male. Dann legte sie das Buch wieder fort und ging zu ihrem Schreibtisch zurück. Dort saß sie eine halbe Stunde lang, stützte ihr Kinn in die Hände und schaute gedankenverloren auf die gegenüberliegende Wand. Sie konnte im Augenblick nichts mehr für Peter Dawlish tun, doch ihre Gedanken kehrten immer wieder zu ihm zurück. Sie nahm aus einer Schublade die Zigarettenschachtel, die sie ihm am vorigen Abend angeboten hatte, und betrachtete sie zerstreut. Sie hatte ganz London abgesucht, um diese besondere Sorte ägyptischer Zigaretten zu bekommen, und hatte sie schließlich an einer Stelle gefunden, wo sie es am wenigsten erwartet hatte – in Scotland Yard. Der Polizeipräsident selbst, früher Offizier in Ägypten, ließ sie für sich von dort kommen. Sie schloß die Schachtel wieder, packte sie ein und adressierte sie an ›Peter Dawlish Esq., 104 Several Street, London‹. Es war fast schon dunkel, als Lucretia ihr den Tee hereinbrachte. »Heute abend gehen Sie doch nicht mehr aus, Miss?« fragte sie. Leslie bejahte. »Aber dann nehmen Sie mich doch wenigstens mit?« Leslie lachte durchaus nicht. »Ich kann mir nur nicht vorstellen, wie Sie sich in einem Nachtklub ausnehmen, Lucretia.« »Ich kann ja draußen warten«, bestand Lucretia energisch. »Ich würde es mir auch nicht im Traum einfallen lassen, in einen Nachtklub zu gehen – nach allem, was ich in den Zeitungen darüber gelesen habe. Ich habe gestern abend eine Gesellschaft aus einem Auto steigen sehen – es waren Damen! Aber, gnädiges Fräulein, ich hätte ihre ganzen Kleider in meiner kleinen Handtasche unterbringen können. Ich kann so etwas nur schamlos nennen!« Leslie lachte. »Sie müssen verstehen, Lucretia, daß keine Dame glaubt, sie sei zu einer Abendgesellschaft richtig angezogen, wenn sie sich nicht entsprechend ausgezogen vorkommt – aber werden Sie nur nicht gleich ohnmächtig!« »Ja, die Frauen sind nicht mehr das, was sie früher waren«, seufzte Lucretia. Leslie war sich noch nicht ganz klar darüber, welche Taktik sie anwenden sollte. Mr. Coldwell hätte sie schon oft wegen ihres Glückes geneckt, aber ihr ›Glück‹ bestand eigentlich in ihrer außergewöhnlichen Begabung, und sie fühlte jetzt wieder, daß etwas Schicksalschweres in der Luft lag. Sollte sie Lady Raytham noch einmal besuchen und ihr diesmal nicht nur Andeutungen machen, sondern in ganz verständlichem, klarem Englisch zu ihr sprechen? Das würde sie keine besondere Anstrengung kosten, denn sie war vollständig frei von irgendwelchen Hintergedanken. Sie hatte sich heute morgen erkundigt, ob Lady Raytham ihre Drohung ausgeführt und sich schriftlich an den Polizeipräsidenten gewandt hatte. Aber anscheinend hatte sie ihre Absicht nicht ausgeführt. Hätte Peter Dawlish ihr von dem Überfall berichtet, der auf ihn gemacht worden war und der ihn auf so überraschende Weise in das Haus von Mrs. Inglethorne führte, so wäre sie schon früher nach Berkeley Square gegangen. Aber Peter hatte sich darüber ausgeschwiegen, und Leslie erfuhr erst am nächsten Tag von seinem Erlebnis. Sie ging in ihr Schlafzimmer und zog sich um. Sie wollte an diesem Abend mit Mr. Coldwell bei Ambassadors speisen, das manchmal von Uneingeweihten als Nachtklub bezeichnet wurde, in Wirklichkeit aber ein Mittelpunkt des vornehmen Londoner Lebens war. Sie wählte ein durchbrochenes Spitzenkleid, das Lucretia nur mit moralischem Abscheu betrachtete, dann nahm sie ihren schweren Pelzmantel um und zog ein paar Überschuhe über ihre leichten, eleganten Abendschuhe. Schließlich schickte sie Lucretia fort, um ein Taxi zu holen. Um Viertel nach sieben klingelte sie am Haus Nr. 377, Berkeley Square. Die Tür wurde sofort von einem Diener geöffnet. »Haben Sie eine Verabredung mit Mylady?« fragte er, als er die Tür hinter ihr schloß. »Nein, sie hat keine Verabredung mit Mylady!« Leslie drehte sich erstaunt um, als sie die laute, rauhe Stimme hinter sich hörte. Es war Druze, der durch eine Tür unter der Treppe in die Eingangshalle getreten war. Sein sonst blasses Gesicht war rot und aufgedunsen, sein Haar ungeordnet, und er hatte einen großen Flecken auf seinem weißen Vorhemd. Mit unsicheren Schritten kam er auf sie zu. Er war betrunken und in diesem Zustand ein ganz anderer als sonst. Der Charakter des Mannes schien völlig verändert zu sein. Früher war er immer achtsam, geräuschlos und rücksichtsvoll gewesen, jetzt aber war er laut, unangenehm und aufdringlich. »Sie können machen, daß Sie fortkommen – packen Sie sich, wir können Sie hier nicht gebrauchen!« Er ging drohend auf Leslie zu, aber sie bewegte sich nicht. Der zweite Diener hatte sich zurückgezogen und beobachtete aus dem Hintergrund mit unterdrückter Schadenfreude das merkwürdige Betragen seines Vorgesetzten. »Können Sie nicht hören, was ich sage? Scheren Sie sich fort, wir dulden hier keine herumspionierenden Polizistinnen!« Es sah so aus, als ob er Gewalt anwenden wollte, um sie hinauszuwerfen, aber er hatte seine Hand kaum erhoben, als sie mit leiser Stimme etwas zu ihm sagte – es war nur ein Wort. Plötzlich senkte sich die große fleischige Hand wieder, das Rot wich aus seinem Gesicht, und er sah sie bestürzt an. Als Leslie Maughan nach oben schaute, bemerkte sie Lady Raytham an der Treppe. »Kommen Sie bitte herauf.« Ihre Stimme klang hart und metallisch, es lag nichts Herzliches und Liebenswürdiges in dieser Begrüßung. Aber Leslie hatte das auch nicht erwartet. Sie stieg hinauf. Bevor sie aber das obere Treppenpodest erreichen konnte, hatte sich Lady Raytham schon umgewandt und ging ihr voraus in den anstoßenden Salon. Leslie trat ein und bemerkte, daß Jane nicht allein war. Vor dem Kaminfeuer stand eine ihr bekannte große, stattliche Dame mit kurzgeschnittenem Haar und Monokel, die sie mit einem durchdringenden, fast feindlichen Blick musterte. Der Unterschied zwischen den beiden Frauen war verblüffend. Lady Raytham hatte niemals schöner, lieblicher und eleganter ausgesehen als in diesem Augenblick. Auch sie war in Gesellschaftskleidung und wollte ausgehen. Sie trug ein prachtvolles Kleid aus altgoldenen Spitzen, und um ihren Hals hing eine Kette von herrlichen Smaragden, die ihren Abschluß in einem Anhänger fand, einem einzigen, viereckigen Stein, der allein ein Vermögen gekostet haben mochte. Anita Bellini trug ein feuerrotes Kleid. Es war von einer flammenden, grellen Farbe, die kaum einer anderen Frau gut gestanden hätte, sonderbarerweise aber sehr gut zu ihr paßte. Dicke Armbänder aus Jade und ein Halsschmuck aus Rubinen umgaben sie mit einer fast barbarischen Pracht. »Es tut mir leid, daß Sie sich hierherbemüht haben, Miss Maughan – es ist in doppelter Weise unangenehm. Hätte sich Druze nicht so empörend gegen Sie benommen, so hätte ich Sie nicht empfangen. Aber unter diesen Umständen fühle ich mich verpflichtet, mich wenigstens bei Ihnen wegen seines ungebührlichen Benehmens zu entschuldigen.« Leslie nickte leicht mit dem Kopf. Was sie zu sagen hatte, konnte sie nicht vor dieser großen Frau mit dem harten Blick erklären, die mit dem Rücken gegen den Kamin gelehnt stand, die unvermeidliche Zigarette zwischen den Lippen hielt und sie aus dem blitzenden Monokel ansah. »Wenn es möglich ist, möchte ich Sie allein sprechen, Lady Raytham.« »Es gibt nichts, das Sie mir nicht auch in Gegenwart der Prinzessin Bellini sagen könnten.« Anita klopfte die Asche ihrer Zigarette in das Kaminfeuer, ohne ihr Gesicht abzuwenden. »Vielleicht möchte Miss Maughan nicht in Gegenwart einer Zeugin sprechen«, sagte sie dann mit ihrer harten Stimme. »Wenn ich an Lady Raythams Stelle wäre, würde ich Sie wegen der gestrigen Vorkommnisse bei Ihrer vorgesetzten Behörde angezeigt haben, so daß Sie Ihre Stelle im Polizeipräsidium verloren hätten.« Leslie lächelte schwach. »Wenn Sie Lady Raytham wären, würden Sie noch viele andere Dinge tun, Prinzessin, so daß dieser Schritt vollständig überflüssig wäre.« Anita sah sie unentwegt an. »Wie meinen Sie das?« Wenn sie erwartet hatte, die junge Dame durch diese Frage zu erschrecken, so wurde sie enttäuscht, denn Leslie lächelte nur. »Wir sind jetzt so weit gekommen«, sagte sie gutgelaunt, »daß ich nicht vor Zeugen sprechen möchte – obwohl ich vielleicht eines Tages vor mehr Zeugen spreche, als Sie in einem doppelt so großen Raum wie diesem unterbringen können. Ich könnte vor so vielen Zeugen auftreten, Prinzessin, wie in dem großen Gerichtssaal von Old Bailey Platz haben.« Sie sagte dies, ohne ihre Stimme besonders zu erheben, und jetzt war Anita Bellinis innere Erregung zu erkennen. Das Monokel fiel aus ihrem Auge, sie fing es geschickt auf und klemmte es umständlich wieder ein. Der große, harte Mund öffnete sich ein wenig, aber sie fing sich gleich wieder. »Das klingt fast so, als ob Sie mir drohen wollten«, erwiderte sie heiser. »Miss Maughan, ich glaube, Sie werden Ihre Stelle doch verlieren.« »Bevor ich meine Stelle verliere, Prinzessin, werden Sie auf eine große Einnahmequelle verzichten müssen«, antwortete Leslie schlagfertig. Sie wartete nicht auf Antwort, sondern wandte sich an Lady Raytham. »Kann ich allein mit Ihnen sprechen?« Janes Stimme zitterte ein wenig, und sie schien sehr verwirrt zu sein, als sie jetzt atemlos erwiderte: »Ich habe Sie empfangen, um mich bei Ihnen wegen Druzes Betragen zu entschuldigen, und Sie haben die Gelegenheit benutzt, um meine Freundin zu beleidigen, eine Dame, die –« Ihre Stimme wurde heiser, und sie hielt inne. Leslie erkannte, daß sie nichts weiter ausrichten konnte, wenn sie ihre Fragen nicht in Gegenwart der Prinzessin Bellini vorbringen wollte. Aber sie hatte ja gerade die Absicht, vor dieser Frau alles geheimzuhalten. Sie hatte ihren Mantel geöffnet, als sie die Treppe hinaufgestiegen war. Lady Raytham sah ihr mauvefarbenes Spitzenkleid. Prinzessin Anita Bellini lächelte, sie hatte eine Schwäche für Pariser Modelle. »Sie scheinen bei der Polizei sehr gut zu verdienen, meine junge Freundin«, sagte sie boshaft. »Wer ist denn der Glückliche, der Ihre Kleiderrechnungen bezahlen darf?« »Mein Rechtsanwalt – bis ich fünfundzwanzig Jahre alt geworden bin«, erwiderte Leslie prompt. »Ein glücklicher Rechtsanwalt – wer ist es denn?« Leslie lächelte. »Sie müßten ihn eigentlich sehr gut kennen, er hat Sie damals bei Ihrem Konkurs vertreten.« Mit diesem letzten Trumpf verließ sie den Raum. Eine halbe Stunde später entfaltete Mr. Coldwell seine Serviette und schüttelte ernst den Kopf. »Das war unvorsichtig von Ihnen. Wann haben Sie denn eigentlich entdeckt, daß die Prinzessin Bankrott gemacht hat? Ich muß gestehen, daß mir das neu ist.« Leslie lachte ein wenig verlegen. »Ich lese eben Amtszeitungen. Ich kann mir nicht helfen, aber ich finde sie interessanter als die besten Liebesnovellen, die irgendein junges Mädchen geschrieben hat. Dieser Bankrott wurde vor zehn Jahren so lautlos und ruhig wie möglich abgewickelt. Die Prinzessin nahm ihren Wohnsitz in einem kleinen Landstädtchen, bevor sie ihre Zahlungsunfähigkeit bei Gericht anmeldete, und es ist doch so leicht, Vorgänge, die sich in der Provinz abspielen, aus den Londoner Zeitungen fernzuhalten. Damals hatte sie auch ihren hochtönenden Titel abgelegt und bezeichnete sich nur als Mrs. Bellini. Es gibt kein Gesetz in diesem Lande, das dazu zwingt, fremde Titel zu gebrauchen.« »Außerordentlich tüchtig«, sagte Mr. Coldwell halb zu sich selbst. »Und sie hat Sie nicht gelyncht, als Sie ihr das sagten?« »Sie war ein wenig betroffen«, erwiderte Leslie. »Aber Druze – der ist aus der Rolle gefallen! Das beunruhigt mich.« »Ich wüßte nicht, warum Sie sich deshalb Sorgen machen sollten.« Mr. Coldwell winkte einem Kellner. Als er ihm seinen Auftrag erteilt hatte, sprach er weiter. »Wissen Sie, daß Sie mich dauernd überzeugen möchten, daß etwas Großes hinter diesem geheimnisvollen Fall Dawlish steckt? Ich meine damit nicht die eventuelle Entdeckung, daß Druze selbst der Fälscher ist. Ich glaube auch nicht, daß wir das jemals beweisen können.« In diesem Augenblick erschien eine große Dame in dem Speisesaal und schaute sich um. Sie trug eine Hornbrille mit verhältnismäßig starken Gläsern. Ihr Gang war aufrecht, ihre Gestalt schlank, und eine Fülle weißen Haares rahmte ihr Gesicht ein. Etwas Strenges und Herbes lag über ihrer Erscheinung. Sie grüßte Mr. Coldwell durch ein kurzes Nicken und ging dann auf den Geschäftsführer zu. »Das ist die Mutter«, sagte der Chefinspektor. »Wessen Mutter?« »Ihres interessanten Sträflings.« »Margaret Dawlish?« Leslie war erstaunt. »Hier hätte ich sie kaum erwartet.« »Sie speist jeden Abend hier, und ich glaube auch den Grund dafür zu kennen.« Leslie betrachtete Peters Mutter. Das eckige, harte Kinn, die dünnen Lippen, die tiefliegenden Augen – alles stimmte so ganz zu dem Bild, das sie sich von ihr gemacht hatte. »Wissen Sie, was ich täte, wenn Sie nicht hier wären?« fragte sie schließlich. »Tun Sie es ja nicht, was es auch sein mag«, sagte Coldwell. Sein Verhältnis zu Leslie war recht merkwürdig. In vergangenen Tagen war er der erste Assistent Mr. Maughans gewesen. Obwohl er damals nur den Rang eines Sergeanten hatte, wurde er von diesem hochbegabten Polizeibeamten doch ganz ins Vertrauen gezogen und brachte das Wochenende fast immer in dem Landhaus seines Vorgesetzten zu. So kam es, daß er der mutterlosen Tochter Mr. Maughans gegenüber allmählich die Stelle eines Erziehers und Schutzengels einnahm. Solange sie sich darauf besinnen konnte, hatte Josiah Coldwell stets eine große Rolle in Leslies Leben gespielt. Er war einer der fähigsten Gehilfen ihres Vaters, sein bester Freund, und es war nur natürlich, daß er ihr Anwalt und Beschützer wurde, als sie sich entschloß, den Detektivberuf zu ergreifen. Es dauerte nicht lange, bis er seine Einwilligung gab. Zuerst freilich hatte er ihr Vorhaben abweisend behandelt. Als sie festblieb, war er sehr ernst und dann traurig geworden, aber sie setzte ihren Willen doch durch. »Wenn Sie mir nicht gestatten, Onkel Josiah, in Scotland Yard Dienst zu tun, so gehe ich zu einem Privatdetektiv.« Mit dieser Drohung hatte sie natürlich sofort gewonnenes Spiel, denn Privatdetektive waren in den Augen dieses guten Beamten ganz verächtliche Leute. Später war er sehr stolz darauf, daß es ihr gelang, in Scotland Yard vorwärtszukommen. Und, um die Wahrheit zu sagen – er wäre sehr niedergeschlagen gewesen, wenn sie jetzt müde geworden wäre und sich in das Privatleben hätte zurückziehen wollen. Er sagte ihr dies nicht – sie hatte es schon längst selbst herausgefühlt; aber er brachte die Unterhaltung auf eine andere Sache, die ihn schon seit langer Zeit beunruhigte. Als die Kapelle mit einem schnellen Fox begann, wozu sie sich aufmunternd erhob, seufzte er und stand auch auf. »Ich wäre sehr froh, Leslie, wenn Sie einen jungen Mann fänden, der nach diesen verteufelt modernen Jazzmelodien mit Ihnen tanzt. Wie können denn die vornehmen Verbrecher Londons noch Respekt vor mir haben, wenn ich öffentlich auf dem Tanzboden mit Ihnen erscheine?« Mr. Coldwell war trotz seiner sechzig Jahre an diesem Abend der beste Tänzer; aber er liebte es, von seiner ›Gebrechlichkeit‹ zu sprechen. »Ich scheine nicht ganz normal veranlagt zu sein«, meinte Leslie, als er sie durch die Reihen der Tische auf ihren Platz zurückführte. »Junge Männer machen auf mich wenig oder gar keinen Eindruck.« Mr. Coldwell schaute auf sie herunter. »Gehören Sie auch zu diesen modernen jungen Damen, die sich nichts aus der Liebe machen?« fragte er ernst. »Ich kann mir das kaum vorstellen.« Leslies Blicke schweiften in dem Raum umher und blieben schließlich wieder auf Mrs. Margaret Dawlish haften, dieser Frau mit den harten, unbeugsamen Gesichtszügen. Wie merkwürdig war doch die Vorstellung eines Durchschnittsmannes von einer Durchschnittsfrau. Die übliche, sanfte, milde Mutter, die immer bereit war, alles zu ertragen und ihren Kindern alles zu verzeihen, gab es auch in Wirklichkeit, sie war kein Phantasiegebilde. Aber die Ausnahmen waren zahllos. Leslie hatte, so unglaublich es auch klingen mochte, eine Mutter gesehen, die in ihrer Wohnung tanzte, während ihr Kind in einem Krankenhaus, ein paar Straßen entfernt, im Sterben lag. Sie kannte Mütter, die von ihren Töchtern nicht sprechen konnten, ohne in Zorn und Wut zu geraten. Und dies war nun der vierte Fall, daß eine Mutter ihren einzigen Sohn einfach aus dem Leben und dem Dasein strich, als ob er überhaupt nicht existierte, weil er sich vergangen hatte – nicht einmal gegen sie, sondern gegen das Gesetz, das die menschliche Gesellschaft aufgestellt hatte. Mrs. Margaret Dawlish saß allein und aufrecht an einem kleinen Tisch. Wenn der Geschäftsführer sich ihr verbindlich lächelnd näherte, fertigte sie ihn mit einigen Worten ab, hob dann ihre Lorgnette und beobachtete die Tänzer. »Diese Frau hat ein Herz aus Granit«, sagte Leslie, als die Kapelle zu spielen aufhörte. »Meinen Sie Mrs. Dawlish? Ja, ich glaube, sie ist hart und unerbittlich. Es bedeutet sehr viel für sie, daß sie sich hier überhaupt sehen läßt. Sie haßt diese Gesellschaft und dieses Lokal, aber seit Jahren, seitdem ihr Sohn ins Gefängnis kam, speist sie hier zu Abend.« Leslie nickte. »Das ist doch nur eine trotzige Geste. Sie will sich eben sehen lassen. Ach, diese Leute der vornehmen Gesellschaft! Sie wagen nicht, ein Zimmer zu verlassen, aus Furcht, daß jemand hinter ihrem Rücken über sie sprechen könnte.« Es war gegen elf Uhr, und Mr. Coldwell hatte eben um die Rechnung gebeten, als er ans Telefon gerufen wurde. »Ich nehme an, der Anruf kommt vom Amt – entschuldigen Sie mich einen Augenblick, Leslie.« Er bahnte sich einen Weg durch die tanzenden Paare und blieb etwa zehn Minuten fort. Als er wieder zurückkam, sah sie, daß er die Stirn runzelte. »Die Kingston-Station glaubt, eine Spur dieser schrecklichen Autobanditen gefunden zu haben.« Er meinte damit eine Bande, die zu jener Zeit die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. Es waren drei Leute, die in gemieteten oder gestohlenen Autos den südlichen Teil Londons unsicher machten, einsam gelegene Villen oder Wohnhäuser überfielen, die überraschten Einwohner mit vorgehaltenen Pistolen in Schach hielten und alles irgendwie transportfähige Gut raubten, das ihnen in die Hände fiel. »Ich werde Sie nach Hause begleiten«, sagte er, als er die Rechnung bezahlt hatte, »und dann will ich selbst nach Kingston fahren. Ich wünschte bei Gott, daß diese eifrigen Beamten ihre Entdeckungen zu einer besseren und angebrachteren Stunde machten.« »Ich möchte mit Ihnen gehen, ich bin nicht im mindesten müde, und es ist eine so schöne Mondnacht!« Er sah sie etwas zweifelnd an. »Ich weiß nicht, ob Ihr Kleid gerade das richtige Kostüm für diesen Anlaß ist. Aber wenn Sie durchaus wollen, können Sie mitkommen. Ich habe einen Wagen von der Polizeidirektion bestellt, er wird in einigen Minuten hier sein.« Sie ging zur Garderobe, um eine wollene Strickjacke überzuziehen, die sie vorsorglich mitgenommen hatte; darüber zog sie dann ihren Mantel an. Sie hatte die Wahrheit gesprochen – sie war vollständig wach. Irgendwie war sie an einem toten Punkt angekommen und freute sich, noch ein wenig dienstliche Arbeit zu tun, bevor sie sich zur Ruhe legte, obgleich sie von vornherein wußte, daß sie nur die Rolle eines Zuschauers spielen würde. Die Fahrt versprach, um so interessanter zu werden, weil sie gerade heute die Personalien von drei vorbestraften Männern durchstudiert hatte, die im Verdacht standen, mit den Autobanditen identisch zu sein. Es waren keine besonderen oder außergewöhnlichen Menschen. Die erstaunlichste Erfahrung, die Leslie in Scotland Yard gemacht hatte, war, daß die Verbrecher meistens mittelmäßige und bedeutungslose Leute waren – arbeitslose Fabrikarbeiter, Chauffeure, Handlungsgehilfen, manchmal auch ein Handwerker. Eigentlich zeichneten sich nur die Frauen durch größere Individualität aus. Fast alle Verbrecherinnen hatten etwas Romantisches an sich. Ihre Schicksale waren sehr verschieden voneinander – und ihr Unternehmungsgeist und ihre Erfindungsgabe waren manchmal faszinierend. Leslie trat durch die Drehtür auf die Straße. Die Nacht war bitter kalt, der Himmel klar und mit Sternen übersät. Der helle Mondschein, den sie erwartet hatte, war allerdings nicht vorhanden, aber sonst waren alle Bedingungen für eine schöne Nachtfahrt gegeben. Ein Sportkabriolett mit vielen Wolldecken auf den Sitzen war vorgefahren. Schnell fuhren sie durch Kensington, über die Hammersmith-Brücke, und in unglaublich kurzer Zeit sausten sie Kingston Vale hinunter. Der Chauffeur hielt vor der Polizeiwache hinter einem großen, leeren Auto, und sie stiegen aus. Im Dienstzimmer fanden sie den Inspektor im Gespräch mit einem Mann von mittleren Jahren, der offenbar der Besitzer des Wagens vor der Tür war. »Es tut mir leid, daß ich Sie hierher bemüht habe, Mr. Coldwell«, sagte der Beamte, »aber die Geschichte, die ich hier soeben höre, klingt ganz so, als ob sie auf das Konto dieser Autobanditen käme.« Der fremde Mann war der Eigentümer eines kleinen Autoverleihs. Am Nachmittag war ein anscheinend anständiger Mann zu ihm gekommen und hatte ihn gebeten, nach London zu fahren, um dort mit ihm wegen einer größeren Fahrt zu verhandeln. Der Besitzer der Garage hatte zufällig in der Stadt zu tun und hatte den anderen später in einem kleinen Restaurant in der Brompton Road getroffen. »Es schien alles in Ordnung zu sein«, fuhr der Mann in seiner Erzählung fort. »Erst als ich nach Hause zurückkehrte, kam mir ein Verdacht. Er bat mich nämlich, ihn am Ende von Barnes Common in der Nähe der Wimbledon Road heute abend gegen genau um ein Viertel nach zehn abzuholen. Von dort sollte ich ihn dann nach Southampton fahren. Er verlangte einen geschlossenen Wagen, aber ich sagte ihm, daß ich über keinen solchen Wagen verfüge, der eine so lange Fahrt machen könne, und daß ich den Auftrag ablehnen müsse. Als er mir dann aber den doppelten Preis anbot, den ich unter gewöhnlichen Umständen verlangt hätte, und mir die Hälfte der Summe im voraus zahlte, willigte ich ein.« »Haben Sie ihn denn gefragt, warum er zu einer so ungewöhnlichen Zeit nach Southampton fahren wollte?« »Das war sogar das erste, was ich in Erfahrung brachte. Er erzählte mir, daß er mit einigen Freunden zu Abend speisen wollte und deshalb den Schnellzug, der in Verbindung mit den Kursdampfern steht, nicht erreichen könnte – die ›Berengaria‹ fährt morgen früh um fünf Uhr ab, und alle Passagiere müssen schon während der Nacht an Bord sein. Es war nicht das erstemal, daß ich eine solche Fahrt gemacht hatte, und deshalb war ich auch nicht erstaunt. Das einzig Merkwürdige an der ganzen Sache war nur, daß ich ihn nicht bei einem bestimmten Haus abholen sollte, sondern ausgerechnet am Barnes Common. Aber er wußte meine Einwände zu beschwichtigen, indem er sagte, seine Freunde sollten nicht erfahren, daß er schon am nächsten Tag abreise. Auf jeden Fall habe ich mich dazu bereit erklärt, aber als ich mir dann die Sache überlegte, wurde ich argwöhnisch und setzte mich mit der Polizei in Verbindung.« »Wie sah denn der Mann aus?« fragte Leslie. »Er war von mittlerem Alter«, entgegnete der Mann, der ein wenig erstaunt schien, daß sich die Dame an der Unterhaltung beteiligte. »Es fiel mir auch auf, daß er ein wenig besoffen – betrunken war, wollte ich sagen. Aber das kann ja schließlich einmal vorkommen. Er war gut gekleidet, glattrasiert, hatte ein feistes Gesicht und trug einen weichen Filzhut.« Coldwell wandte sich zu Leslie. »Paßt diese Beschreibung auf einen der Leute, die wir verfolgen?« fragte er. »Nein«, sagte sie, »aber sie paßt eigentlich gut auf Druze.« »Auf Druze?« meinte er ungläubig. »Sie vermuten doch nicht etwa, daß Druze zu der Bande gehört?« »Ich vermute gar nichts«, erwiderte sie und biß sich nachdenklich auf die Lippen. »Haben Sie seine Hände gesehen?« »Jawohl, meine Dame. Ich sah sie, als er die Handschuhe auszog, um mich zu bezahlen. Sie waren auffallend weiß.« Sie schaute Coldwell bedeutungsvoll an. »Das stimmt wieder.« »Sind Sie denn zu dem verabredeten Platz hingefahren?« »Nein, der Inspektor nahm meinen Wagen und fuhr mit ein paar Polizisten hin.« »Er muß Verdacht geschöpft haben«, meinte der Beamte. »Ich habe um Viertel nach zehn niemand dort gesehen. Und doch hat er darauf bestanden, daß sich der Wagen genau um diese Zeit dort einfinden sollte. Er hat ausdrücklich gesagt: ›Wenn ich fünfundzwanzig Minuten später noch nicht dasein sollte, warten Sie nicht auf mich.‹ Und das klingt doch sehr merkwürdig. Aus diesem Grund glaubte ich, daß die Autobande hinter dieser Sache steckt, Mr. Coldwell. Es ist ein alter Trick von diesen Leuten, ein Auto zu mieten, das sie an irgendeinem ruhigen Platz aufnehmen soll.« Im Nebenzimmer läutete das Telefon, und der Inspektor eilte zu dem Apparat. Er blieb etwa fünf Minuten fort. »Die Autobanditen haben auf der anderen Seite von Guildford um neun Uhr ein Haus geplündert«, berichtete er. »Ihr Wagen wurde in einem Graben zertrümmert und zwei von ihnen wurden von der Surrey-Polizei verhaftet.« Coldwell kräuselte die Lippen. »Das erledigt also Ihre Theorie«, sagte er. Auf der Rückfahrt über Kingston Vale verbreitete sich Coldwell über sein Lieblingsthema, das man etwa überschreiben könnte: ›Keine Mühe ist verschwendet, wenn man sich mit Verbrechern befaßt.‹ »Viele Leute würden recht ungemütlich werden, wenn sie mitten in der Nacht durch eine Falschmeldung aus dem Haus geholt würden. Aber schließlich kann man aus der kleinsten Tatsache etwas lernen, selbst aus einer fortgeworfenen Kondensmilchbüchse, die auf dem Kehrichthaufen gefunden wird. Wenn nun der Mann, der das Auto gemietet hat, tatsächlich unser Freund Druze war –« »Er war es ganz bestimmt.« »Nun gut, dann haben wir doch wenigstens etwas erfahren«, fuhr Coldwell fort. »Wir tragen gewissermaßen seinen Namen auf eine neue Liste ein, er gehört also zu den Leuten, die merkwürdige Dinge tun, und das sondert ihn von der Menge der gesetzliebenden Bürger ab.« Sie fuhren schnell die Roehampton Lane hinunter, die kleine Anhöhe zur Eisenbahnbrücke hinan und erreichten die Mitte des Platzes. Mr. Coldwell war noch eifrig in sein Thema vertieft. Leslie sah in dem Augenblick die Schlußlichter eines großen Wagens, der von der Seite der Straße fortfuhr. »Man soll selbst die kleinsten Fälle nicht verachten«, begann der Chefinspektor wieder, »weil sie –« Plötzlich wurden die Bremsen gezogen, und der Wagen hielt. »Was ist denn los?« fragte Coldwell scharf. Auch er hatte den Wagen gesehen, der vor ihnen fuhr, und sein erster Gedanke war, daß der Chauffeur einen Zusammenstoß hatte vermeiden wollen. Der Chauffeur wandte sich um. »Entschuldigen Sie, ich stutzte plötzlich – haben Sie nicht auch einen Mann auf dem Gehsteig liegen sehen?« »Nein – wo denn?« fragte Coldwell, dessen Interesse sofort erwachte. Der Chauffeur ließ den Wagen langsam nach rückwärts fahren. Sie sahen eine schwarze Gestalt in der Dunkelheit, und als das Auto noch etwas weiter zurückgefahren war, erkannten sie im Scheinwerferlicht, daß es ein Mann war. Coldwell stieg langsam aus. »Er sieht wie ein Betrunkener aus«, sagte er ablehnend. »Sie bleiben besser im Wagen, Leslie.« Aber er hatte kaum die Straße betreten, als sie ihm folgte. Mr. Coldwell wußte sehr wohl, daß es sich um keinen Betrunkenen handelte. Die charakteristische Haltung, die ausgestreckten Arme und die leicht übereinanderliegenden Beine sagten ihm, daß er einen Toten vor sich hatte, schon bevor er die kleine Blutlache auf dem Gehsteig bemerkte. Einen Augenblick lang starrten sie beide auf die bemitleidenswerte Gestalt nieder. »Es ist Druze«, sagte Leslie ruhig. »Irgendwie hatte ich das ja erwartet.« Es war wirklich Druze, und er war tot. Der schwere Mantel war vollständig zugeknöpft, nirgends war ein Hut zu sehen. Seine Hände, die keine Handschuhe trugen, waren verkrampft. Als Leslie genauer hinschaute, sah sie ein sonderbares grünes Glitzern im Licht der Scheinwerfer. »Er hält etwas in seiner linken Hand«, sagte sie leise. Coldwell kniete nieder und brach die Hand auf. Der Gegenstand fiel mit einem leisen Geräusch auf das Pflaster. Coldwell nahm ihn auf und betrachtete ihn neugierig. Es war ein großer, viereckiger Smaragd in Platinfassung. An einer Ecke war etwas von der Fassung abgebrochen, als ob er mit Gewalt von einem größeren Schmuckstück entfernt worden wäre. »Äußerst merkwürdig«, meinte er. Sie nahm den Stein aus seiner Hand und sah ihn näher an. Sie erkannte jetzt, daß sie sich nicht geirrt hatte – es war der Anhänger der Halskette, die Lady Raytham heute abend getragen hatte. 6 Mit ein paar Worten erklärte sie Mr. Coldwell den Tatbestand. Aber er war zu sehr bedrückt durch ihre Gegenwart, als daß er die volle Tragweite ihrer Mitteilungen verstanden hätte. »Es wäre besser, wenn Sie in den Wagen stiegen, Leslie. Chauffeur, bringen Sie Miss Maughan –« »Nein, ich will hierbleiben«, erwiderte sie mit leiser Stimme. »Ich bin wirklich nicht aufgeregt. Bitte rühren Sie diesen Mantel nicht an.« Er hatte sich gerade gebückt, um den Mantel aufzuknöpfen, als sie sprach. »Ich möchte den Toten erst noch einmal so in Augenschein nehmen«, erklärte sie. Mr. Coldwell zögerte einen Augenblick und trat dann zur Seite. Leslie beugte sich über die Gestalt, schaute aber nicht in das bleiche Gesicht des Toten. »Ich dachte es mir – der zweite Knopf ist im dritten Knopfloch. Der Mörder hat ihm den Mantel angezogen und ihn in der Eile falsch zugeknöpft. So, nun können Sie ihn öffnen.« Mr. Coldwell schickte den Chauffeur fort, um Hilfe zu holen, und nahm dann seine Untersuchung wieder auf. Der Mann war aus kurzer Entfernung mitten durchs Herz geschossen worden. An der Weste konnte man noch deutlich die Brandspuren sehen, die von der Stichflamme des Schusses herrührten. Andere Verletzungen waren nicht zu entdecken. Die eine Seite des Mantels war graugelb von Staub und Straßenschmutz, als ob der Tote auf dem Boden entlanggezogen worden sei. »Ich wünschte, Sie würden nicht –« Mr. Coldwell sah sich hilflos um. Er hatte eine elektrische Handlampe aus dem Wagen genommen, bevor er ihn weggeschickt hatte. Sie stand nun auf dem Gehsteig, so daß ihre Strahlen die Gestalt fächerförmig beleuchteten. »Würden Sie nicht lieber dort drüben auf mich warten?« »Bitte, sorgen Sie sich doch nicht um mich, Mr. Coldwell.« Leslies Stimme klang ganz gefaßt, so daß er sich beruhigte. »Fürchten Sie nur ja nicht, daß ich ohnmächtig werde. Sie scheinen zu vergessen, daß fast alle Krankenpfleger Frauen sind. Und der Tod ist für mich nicht so schrecklich wie manche Äußerungen des Lebens. Kann ich Ihnen denn nicht behilflich sein? Ich habe noch eine kleine Taschenlampe in meiner Handtasche.« Coldwell richtete sich auf und antwortete nicht gleich. »Ich weiß nicht recht, ob ich Ihre Hilfe annehmen soll. Aber vielleicht können Sie die Straße einmal absuchen, ob irgendwelche Anhaltspunkte dafür zu finden sind, daß der Tote hierhergeschleift wurde. Auch in der Nähe können Sie sich umschauen.« Leslie zog ihre kleine Lampe heraus, die trotz ihrer geringen Größe sehr helles Licht gab. Dann führte sie seine Instruktionen systematisch durch. Sie brauchte nicht weit zu gehen, bis sie die Spur gefunden hatte, die sie suchte – eine Spur, die von der Mitte des Fahrdamms auf den Gehsteig führte. Sie entdeckte auch kleine, rote Flecken, die noch naß waren, als sie sie mit dem Finger berührte. Es war günstig für ihre Nachforschungen, daß diese Straße kaum vom Verkehr berührt wurde. Auf der anderen Seite fuhr ein Autobus vorbei, gleich darauf kam eine Limousine aus der Stadt, hinter der eine andere herfuhr. Die Chauffeure schienen interessiert zu sein, als sie einen Mann neben einer dunklen Gestalt knien sahen. Aber die Insassen der Wagen kümmerten sich nicht im mindesten darum. Leslie folgte der Spur, deren Länge sie von dem Fundort der Leiche ab auf fünf bis sechs Meter schätzte. Auf der anderen Seite des Fußweges wuchsen Gras und Büsche in unregelmäßigen Zwischenräumen. Sie begann die nähere Umgebung abzusuchen, und hier wurden ihre Bemühungen belohnt, denn als sie um einen dichten, niedrigen Busch herumging, sah sie eine Anzahl von Gegenständen im Gras liegen. Zuerst hob sie eine Brieftasche auf, die geöffnet worden war, denn verschiedene Papiere und Schriftstücke lagen umher. Leslie sammelte sie schnell. Glücklicherweise war es windstill, so daß sie nicht fortgeweht worden waren. Dann fand sie eine braune Hülle und untersuchte sie. Sie entdeckte ein Dampferbillett erster Klasse auf den Namen Anthony Druze von Southampton nach New York. Außerdem steckte noch ein neuer Paß darin. Der dritte Gegenstand war auch eine Brieftasche. Aus dem Geruch des Leders schloß sie, daß sie ganz neu war. Auch diese war geöffnet worden, und zwar in solcher Eile, daß die Gummischnur, die sie zusammenhielt, zerrissen war. Die hintere Klapptasche war mit Tausenddollarnoten vollgepfropft. Leslie nahm die drei Dinge und ihren Inhalt auf und sah sich nach anderen Gegenständen um, konnte aber nichts mehr finden. Dann merkte sie sich den Platz ihres Fundes genau. Ein dichter Busch deckte die Stelle, so daß man sie von der Straße aus nicht sehen konnte. Sie leuchtete den Boden sorgfältig mit ihrer Taschenlampe ab. Es war ein merkwürdiges, geflecktes Stück Rasen. An manchen Stellen waren die Grashalme bereift, an anderen naß und zusammengetreten. Der Boden war zu hart, um Fußspuren finden zu können. Aber auch ohne deren Hilfe konnte sie alles rekonstruieren, was sich hier vor weniger als einer Stunde abgespielt haben mußte. Jemand war hinter den Busch getreten, um den Inhalt der Taschen zu prüfen. Die Papiere waren alle herausgenommen, durchgesehen und fortgeworfen worden. Es lag kein Raubmord vor – die mit Geldscheinen gefüllte Brieftasche bewies das. Keinesfalls hatte ein Dieb, der den Toten liegen sah, diese Durchsuchung angestellt. Und ein normaler Bürger würde die Leiche nicht berührt haben. Es mußte jemand gewesen sein, der nach einem ganz bestimmten Gegenstand suchte. Leslie ging mit ihren Funden zu Coldwell zurück, als gerade das Polizeiauto über die Eisenbahnbrücke heranfuhr. Ein Krankenwagen folgte. Sie berichtete ihm schnell über ihre Entdeckungen, und er war nicht im geringsten überrascht. »Ich habe seine Taschen durchsucht, die meisten sind nach außen gekehrt.« Dann fragte er plötzlich ohne Übergang: »Wo ist Peter Dawlish?« Sie starrte ihn an. »Peter Dawlish? Was hat er denn mit dieser Sache zu tun?« Dann erinnerte sie sich plötzlich an Peters Drohung und erkannte sofort, daß ein schwerer Verdacht auf ihn fallen mußte. »Gestern hatte er noch keine Schußwaffe, und ich bezweifle, daß er inzwischen in den Besitz einer Pistole gelangt ist. Wenn Druze auf der Straße erschossen worden wäre, würde ich ihn vielleicht auch verdächtigen. Aber Peter Dawlish würde schwerlich einen Mann erschießen, ihn in einen Wagen legen und nach Barnes fahren.« Coldwell nickte. »Da haben Sie recht, Leslie. Aber unter allen Umständen müssen wir ihn vorladen und verhören. Druze weist drei Schußwunden auf, das ist doch ein merkwürdiger Umstand – außerdem gingen die Schüsse durchs Herz. Wir werden allerdings erst alles genau erfahren, wenn ihn der Gerichtsarzt untersucht hat. Aber ich glaube nicht, daß ich mich täusche. Haben Sie die Fußspuren gesehen?« Er zeigte auf die glatte Graniteinfassung des Gehsteigs, und Leslie sah zum erstenmal die klaren Abdrücke eines nackten Fußes – deutlich waren die Ballen und die Zehen zu sehen. Mr. Coldwell steckte die drei Päckchen, die Leslie gefunden hatte, in die Tasche seines Mantels. »Fahren Sie sofort zu Lady Raytham und erzählen Sie ihr, was sich zugetragen hat. Nehmen Sie dies mit sich, und verlieren Sie es um Gottes willen nicht!« Er gab ihr den viereckigen Smaragd, und sie ließ ihn in ihre Handtasche gleiten. »Wenn es der Anhänger zu der Kette ist, wie Sie sagen, so versuchen Sie herauszubringen, was aus dem anderen Halsschmuck geworden ist.« Er half ihr in den Wagen, und sie war froh, daß sie nun fortkommen konnte, denn jetzt waren viele Polizisten an der Stelle erschienen. Auch die neugierige Menschenmenge hatte sich angesammelt, die sich ja früher oder später an dem Schauplatz jeder solchen Tragödie einfindet. Die Fenster waren vollkommen dunkel, als sie vor dem Haus in Berkeley Square ankam. Sie benützte nicht die elektrische Klingel, sondern setzte den schweren Türklopfer in Bewegung und nach kurzer Zeit öffnete ihr ein Diener. Er war sehr zuvorkommend, schien aber ein wenig aufgeregt und nervös zu sein. »Wollen Sie Mylady sprechen? Sie ist oben mit Mrs. Gurden. Sehen Sie, dort kommt die Dame gerade.« Greta kam die Treppe herunter. Sie trug ein Gesellschaftskleid von jener besonderen Art, die sie so sehr liebte. Sie schneiderte selbst und nahm sich die neuesten Pariser Modelle zum Vorbild, aber sie wählte gewöhnlich nicht den richtigen Stoff. Man konnte allerdings nicht gleich erkennen, daß sie ihre Kleider selbst machte. Leslie schaute in das geschminkte Gesicht mit den dunklen, starren Augen und konnte auf den ersten Blick erkennen, daß Greta Gurden sehr erregt war. »Ach, meine Liebe, kommen Sie doch hinauf zu Lady Raytham. Sie sind doch Miss Maughan? Ich freue mich, daß Sie gekommen sind. Druze ist ein fürchterlicher Kerl.« Sie streckte ihre Hand pathetisch aus und Leslie sah, daß sie zitterte. »Sie glauben nicht, wie froh ich bin, daß Sie gekommen sind.« Ihre Augenlider hoben und senkten sich mit großer Schnelligkeit. Zu anderer Zeit wäre Leslie sicher darüber belustigt gewesen. »Was hat Druze denn angestellt?« fragte sie. »Wollen Sie nicht hinaufkommen?« bat Greta. »Lady Raytham kann Ihnen alles viel besser berichten als ich, sie weiß alles so vernünftig und anschaulich zu erzählen. Druze war einfach gemein, er hat eine fürchterliche Szene gemacht und ist dann plötzlich weggegangen. Es ist ganz schrecklich, wie sich solche Dienstboten vergessen können. Ich glaube, das kommt nur vom Krieg –« Eine kühle, klare Stimme von oben unterbrach ihren Redeschwall. »Bitten Sie doch Miss Maughan, heraufzukommen. Ich möchte gern – allein mit ihr sprechen.« Leslie stieg die Treppe hinauf, und als sie den ersten Absatz erreicht hatte, sah sie, daß die Tür zum Wohnzimmer offenstand. Die Treppe war nicht beleuchtet, nur das Licht, das durch die offene Tür fiel, verbreitete mäßige Helligkeit. Sie trat in den Raum und schloß die Tür hinter sich. Lady Raytham stand hinter einem Tischchen in der Nähe des Kamins. Sie trug ein einfaches, dunkles Kleid ohne irgendwelche Verzierungen, und Leslies schnelle Augen entdeckten sofort, daß auch die hellen, fleischfarbenen Seidenstrümpfe durch dunkle ersetzt waren, die mehr zu der Farbe ihres Kleides paßten. Leslies Interesse weilte aber nur einen Augenblick bei diesen äußeren Details der Kleidung, denn wie sehr hatte sich Jane Raythams Gesicht in der Zwischenzeit verändert! Sie hatte sich geschminkt, das zarte Rot ihrer Wangen war nicht natürlich. Auch die Lippen hatte sie rot gefärbt. Aber der Blick ihrer Augen strafte all diese künstlichen Hilfsmittel Lügen. Sie schienen eingesunken zu sein und waren von großen, dunklen Ringen umgeben, die selbst die sorgfältigste Behandlung mit Puder nicht ganz verwischen konnte. »Bringen Sie mir irgendwelche Neuigkeiten?« fragte sie in einem gezwungenen Ton. Es war nicht Lady Raythams Art, so zu sprechen. »Ich habe vor ungefähr einer Stunde an Sie telefoniert, aber unglücklicherweise konnte ich Sie nicht zu Hause erreichen. Alles in allem wäre es mir lieb, wenn sich eine Beamtin mit der Aufklärung dieses Falles befassen würde.« »Hat Druze etwas gestohlen?« fragte Leslie geradezu. Zu ihrer größten Verwunderung schüttelte Lady Raytham den Kopf. »Nein, ich vermisse nichts, ich glaube auch nicht, daß er stehlen würde. Er könnte es natürlich getan haben, aber über diesen Punkt werde ich Ihnen morgen mehr erzählen können. Er war sehr beleidigend gegen mich und verließ seinen Dienst plötzlich.« »Sind Sie heute abend ausgefahren?« »Ja, ich habe mit Prinzessin Anita Bellini außerhalb gespeist. Wir hatten die Absicht, später noch ins Theater zu gehen, aber ich hatte Kopfschmerzen und entschloß mich, nach Hause zurückzugehen.« »Um wieviel Uhr kamen Sie heim?« Jane Raytham schaute zur Decke empor. »Es kann halb zehn gewesen sein – wahrscheinlich ein wenig früher. Ich speiste in einem kleinen Restaurant, das die Prinzessin sehr gut kennt –« »Und dann kamen Sie zurück und speisten noch einmal«, sagte Leslie bestimmt. »Der Tisch steht ja noch draußen – mit zwei Gedecken, soweit ich in dem Halbdunkel sehen konnte.« Einen Augenblick lang war Lady Raytham verwirrt und hob ihre Hand zum Mund. »Ach so«, erwiderte sie verlegen. »Meine Freundin, Mrs. Gurden, kam später noch, und – wir haben ihr noch etwas zu essen gegeben.« »Ich wünschte, Sie würden offen mit mir sprechen, Lady Raytham. In Wirklichkeit haben Sie überhaupt nicht auswärts gespeist – oder wollen Sie das doch behaupten?« Zum zweitenmal gab Jane nicht sofort eine Antwort. »Ich weiß nicht mehr recht, was ich getan habe.« Ihre Stimme ließ erkennen, daß Verzweiflung und unterdrückter Zorn in ihr kämpften. »Sein Betragen hat mir jede Erinnerung genommen. Oh, wenn ich das doch schon früher gewußt hätte, wenn ich es nur gewußt hätte!« Sie bedeckte ihre Augen mit den Händen, und Leslie hörte ihr Schluchzen. »Was hat er denn zu Ihnen gesagt, bevor er fortging?« fragte sie unerbittlich. »Das kann ich Ihnen nicht sagen – es war zu schrecklich – zu schrecklich!« Leslie hatte diese günstige Gelegenheit abgewartet, um zum Angriff überzugehen. »Er ist in unseren Händen – sollen wir ihn hierherbringen?« Lady Raytham nahm die Hand von den Augen, trat einen Schritt zurück und stieß einen leisen Schrei aus. »Sie wollen ihn hierherbringen?« fragte sie heiser. »Mein Gott, doch nicht hierher! Er muß doch in eine Leichen...« Sie unterbrach sich selbst, aber es war zu spät. »Woher wußten Sie, daß er tot ist?« fragte Leslie ernst. Unter der Schminke verfärbte sich Lady Raytham. 7 »Woher wußten Sie, daß er tot ist?« fragte Leslie noch einmal. »Wer sagte Ihnen das?« »Ich – ich habe es gehört.« Lady Raytham flüsterte nur noch. »Wer hat es Ihnen gesagt? Niemand weiß darum außer Chefinspektor Coldwell und mir. Und ich bin direkt von dem Fundort der Leiche hierhergekommen. Ich verließ die Stelle erst vor drei Minuten.« »Drei Minuten? Das kann ich nicht verstehen!« Als Jane erkannte, daß sie sich zum zweitenmal verraten hatte, zeigte sich Entsetzen in ihren Zügen. »Ich wundere mich nicht, daß Sie erstaunt sind, Lady Raytham. Sie wissen doch, daß Barnes Common etwas mehr als drei Minuten von hier entfernt liegt?« Jane sah sich um wie ein gehetztes Wild. »Ich weiß, daß er tot ist«, sagte sie dann verzweifelt. Plötzlich faßte sie einen Entschluß, und Leslie bewunderte ihren Mut. »Ich weiß, daß er tot ist, ja, ich weiß es. Gott mag wissen, wer ihn umgebracht hat. Aber ich fand ihn dort. Ich sah ihn, als mein Wagen vorbeifuhr – auf dem Gehsteig liegen. Irgendwie hatte ich eine Ahnung, daß er es sein mußte, und stieg aus. Daher weiß ich auch, daß er tot ist. Ich hätte die Sache gleich der Polizei melden sollen, aber ich erschrak so entsetzlich. Zuerst glaubte ich, daß ich ohnmächtig werden würde.« »Wohin sind Sie denn gegangen, als Sie die Leiche fanden?« Leslies ernste Blicke waren auf die Frau gerichtet. »Zur Prinzessin Bellini – sie hat ein Haus in Wimbledon.« »Aber Sie konnten sich doch noch gar nicht lange von ihr getrennt haben, als Sie sich entschlossen, ihr zu folgen.« Lady Raytham biß sich auf die trockenen Lippen. »Sie hatte etwas zurückgelassen – die Nacht war sehr angenehm – ich mußte Luft haben, so fuhr ich denn –« »Wollen Sie sich nicht setzen?« fragte Leslie freundlich. Lady Raytham sah aus, als ob sie im nächsten Augenblick umfallen würde. Sie nickte schwach und setzte sich dann in einen Lehnsessel. Es war eigentlich mehr ein Zusammensinken. Leslie Maughan hatte Mitleid mit ihr, das war der Grund für ihre Aufforderung, aber es sprach auch noch etwas anderes mit. Sie hatte in Scotland Yard gelernt, niemals einen Gefangenen zu verhören, während er in gleicher Höhe mit einem stand. Sie hatte diesen Rat einmal von einem bedeutenden Staatsanwalt erhalten. »Sorgen Sie dafür, daß der Zeuge immer niedriger steht als Sie, und er wird Ihnen die Wahrheit sagen.« Sie schaute jetzt auf die in sich zusammengesunkene Frau, deren Finger nervös mit der Armlehne spielten, und sie empfand tiefes Mitgefühl für sie. »Sie sind nicht zur Prinzessin Bellini gegangen, Lady Raytham«, sagte sie dann liebenswürdig. »Sie haben sich nach Druze umgesehen – er hat Ihnen etwas genommen.« Lady Raytham starrte sie an, ohne zu sprechen. »Sie dachten, er wäre zur Prinzessin Bellini gegangen. Ist dies der Weg über Barnes Common?« »Es ist – ein Weg – ja.« »Dann haben Sie ihn dort liegen sehen und erkannt? Sie haben ihn im Licht Ihrer Scheinwerfer gesehen wie auch wir! Sie waren überhaupt nicht auf dem Weg nach Wimbledon, sondern Sie kamen von dort zurück. Ich habe die Schlußlichter Ihres Wagens gesehen.« Lady Raytham atmete schnell. »Woher wissen Sie das?« »Sie hätten sonst den Toten nicht sehen können. Er lag auf dem linken Fußsteig, wenn Sie nach London zu fuhren, auf dem entgegengesetzten, wenn Sie von London kamen. Was für einen Wagen haben Sie?« Lady Raytham sagte es ihr. »Sie waren also bei der Prinzessin Bellini. Und was sagte sie Ihnen?« »Sie war nicht zu Hause.« Rein gefühlsmäßig erkannte Leslie Maughan, daß Jane jetzt die Wahrheit sprach. »Dann kamen Sie zurück und fanden den Toten? Haben Sie ihn durchsucht?« Jane nickte. »Wonach haben Sie gesucht?« Wieder biß sich die Frau auf die Lippen. »Das kann ich Ihnen nicht sagen.« Plötzlich schaute sich Leslie um. Geräuschlos ging sie über den Fußboden, drückte die Türklinke nieder und riß die Tür mit einer schnellen Bewegung auf. Mrs. Gurden wäre beinahe in das Zimmer gefallen. »Sind Sie so stark interessiert?« fragte Leslie liebenswürdig. Die bestürzte Horcherin schnitt eine Grimasse und konnte kaum ihre Verlegenheit verbergen. »Ich wollte gerade eintreten ... Wirklich, es ist sehr peinlich für mich. Mein Schnürsenkel löste sich, und ich bückte mich eben ... Ich weiß nicht, was Sie von mir denken, aber Sie müssen mir das wirklich glauben, Miss Maughan. Leute, die überall herumspionieren und horchen, sind doch schrecklich – nicht wahr, mein Liebling?« »Derselben Meinung bin ich auch«, erwiderte Leslie trocken und zeigte die Treppe hinunter. »Es wäre besser, wenn Sie unten warteten, bis ich komme.« Greta ging bestürzt die Treppe hinunter. »Sie hat gelauscht?« fragte Lady Raytham mit plötzlicher Energie. »Ich glaube nicht, daß sie schon lange dort war. Ich habe ein untrügliches Gefühl dafür, wenn mich jemand belauscht. Und gerade in dem Augenblick wurde es mir klar, daß jemand an der Tür ist ... Lady Raytham, wo haben Sie Ihr Smaragdhalsband?« Wenn sie die Frau ins Gesicht geschlagen hätte, würde das keinen größeren Eindruck hervorgerufen haben. Lady Raytham sprang mit einem leisen Schrei auf und streckte die Hände aus, als ob sie irgendeine schreckliche Drohung von sich abwenden wollte, und ihr sonst so schönes Gesicht war eine Sekunde lang von dem Ausdruck heftigster Furcht entstellt. »O Gott – warum fragen Sie das?« »Wo haben Sie Ihre Halskette? Kann ich sie sehen?« Jane überlegte einen Augenblick. Ihr Kinn war auf die Brust herabgesunken. Aber dann richtete sie sich langsam auf und schaute Leslie gerade in die Augen. »Ich kann Ihnen die Kette zeigen, kommen Sie«, sagte sie leise. Leslie folgte ihr in das Schlafzimmer, zu dem eine Tür auf der rechten Seite des Korridors führte. Jane drehte die Lichter an, und dann gingen sie in eine Ecke des Raumes, wo an der Wand ein kleines Gemälde, offensichtlich ein echter Rembrandt, in einem vergoldeten Rahmen hing. Das Bild war eine sehr gute Kopie, weiter nichts. Als Jane Raytham den Rahmen an einer bestimmten Stelle berührte, öffnete er sich wie eine Tür, und dahinter zeigte sich ein kleiner, viereckiger Safe, der in die Wand eingelassen war. Lady Raytham schloß mit zitternder Hand auf, trotz ihrer sonst so großen Selbstbeherrschung konnte sie ihre Erregung nicht bemeistern. Sie nahm einen Schmuckkasten heraus, trug ihn zum Tisch, drückte an eine geheime Feder, und der Deckel sprang auf. Zu Leslies größter Verwunderung lag der ganze Smaragdschmuck vor ihr, es fehlte auch nicht der geringste Stein daran. Auch der viereckige große Anhänger war an seiner Stelle. Leslie nahm das Kleinod auf und betrachtete es verwirrt. Dann öffnete sie ihre Handtasche, holte den Stein hervor, den sie in der Hand des toten Druze gefunden hatte, und hielt ihn daneben. Die beiden Smaragde waren vollkommen gleich. »Gibt es zwei solche Ketten?« »Nein.« »Ist dies das Schmuckstück, das Sie heute abend getragen haben?« Jane nickte. Ihre Augen blitzten, selbst in dieser schrecklichen Situation konnte sie ihre natürliche Neugierde nicht ganz unterdrücken. »Woher haben Sie das?« fragte sie und zeigte auf den Stein, den Leslie aus der Tasche gezogen hatte. »Wir fanden ihn in der Hand des toten Druze.« Lady Raytham war aufs höchste erstaunt. »Haben Sie – sonst nichts gefunden? Keinen anderen –« aber sie unterbrach sich schnell wieder. »Nein, keinen anderen Teil der Halskette. Haben Sie danach gesucht?« Leslie sah, wie sich der Gesichtsausdruck der Frau wieder änderte. Empfand sie Erleichterung? Janes Stimme klang jedenfalls gefaßter und weniger gequält. »Nein, danach habe ich nicht gesucht ... Wer hat Druze eigentlich getötet?« »Wer könnte es Ihrer Meinung nach sein?« Sie standen sich schweigend einen Augenblick gegenüber und sahen sich an. »Warum sollte ich jemand verdächtigen?« Leslie Maughan spielte nun ihren zweiten Trumpf aus. »Soll ich Ihnen einen Namen nennen?« fragte sie. »Peter Dawlish!« Lady Raytham warf den Kopf in den Nacken, als ob sie einen großen Schmerz fühlte. »Peter Dawlish?« rief sie. »Peter Dawlish! Es ist vollkommener Wahnsinn, zu denken, daß Peter Dawlish –« Plötzlich taumelte sie vornüber, und Leslie hatte gerade noch Zeit, sie in ihren Armen aufzufangen, als sie ohnmächtig wurde. Im nächsten Augenblick hatte Leslie die Klingel gedrückt und die Tür aufgemacht. Der Diener kam eilig nach oben. »Öffnen Sie eins der Fenster und bringen Sie dann einen Kognak!« Der Mann schaute auf die blasse Frau, die auf dem weichen Teppich lag. »Ist Mylady krank?« fragte er. »Stellen Sie jetzt keine unnützen Fragen, sondern öffnen Sie schnell das Fenster!« Gleich darauf strömte frische Luft herein. »Nun rasch den Kognak!« Schon bevor der Diener zurückkam, schlug Jane Raytham die Augen wieder auf und schaute fragend in das Gesicht, das sich über sie beugte. »Was ist geschehen – mir ist schwach geworden, ach, ich bin so wenig gefaßt.« Mit Leslies Hilfe erhob sie sich unsicher. »Es wäre besser, wenn ich Ihren Schmuckkasten wieder in den Safe zurückstellte. Oder sind Sie selbst dazu in der Lage?« »Es kommt nicht darauf an«, erwiderte Jane gleichgültig. In diesem Augenblick wurde es Leslie Maughan klar, warum Anthony Druze ermordet worden war. Sie legte ihren Arm um Jane Raytham und geleitete sie zurück in das Wohnzimmer. Dann bestand sie darauf, daß sie sich auf dem Diwan niederlegte, schob ihr ein Kissen unter den Kopf und legte eine schwerseidene Decke, die über einer Stuhllehne hing, über ihre Füße. »Sie sind sehr gut zu mir«, murmelte Lady Raytham, »und ich hasse Sie doch so sehr.« »Das habe ich längst vermutet«, erwiderte Leslie lächelnd. »Und doch sollten Sie das nicht tun, denn ich bin niemals böse gegen Sie gewesen.« Jane schüttelte bestätigend den Kopf. »Ich habe den Verdacht nicht ausgesprochen – diese Tatsache wird Sie sicher beruhigen –, ich habe niemals daran gedacht, daß Sie Druze erschossen haben könnten.« Sie brauchte kein Gedankenleser zu sein, um zu erkennen, daß auch Lady Raytham niemals an diese Möglichkeit gedacht hatte. »Ich?!« sagte sie ungläubig. »Aber das ist doch ganz absurd! Warum sollte ich ihn denn erschießen? Das ist doch ganz unmöglich – es ist unmöglich, daß jemand auf einen derartigen Gedanken kommt!« Und obwohl Leslie sie zurückzuhalten suchte, richtete sie sich auf. »Das denken Sie doch nicht in Wirklichkeit?« Sie erhob sich und schaute Leslie Maughan ins Gesicht. Ihre Hand umspannte krampfhaft das Handgelenk des jungen Mädchens. »Das denken Sie doch nicht? Ich haßte Druze! Ich haßte ihn, so sehr ich nur konnte!« Bei diesen Worten stampfte sie vor Wut mit dem Fuß auf. »Sie wissen nicht, was es für mich bedeutete, jeden Morgen sein Gesicht sehen zu müssen und immer seine Gegenwart um mich zu dulden! Ich mußte mich zusammennehmen, daß ich nicht in seiner Gegenwart zitterte, wenn er mit ironischer Unterwürfigkeit immer sagte: ›Ja, Mylady‹ und ›Nein, Mylady‹. Es kostete all meine Selbstbeherrschung, daß ich bei Tisch meinem Mann ruhig gegenübersaß und so tat, als ob ich diese schreckliche Maskerade nicht sähe.« Sie hielt inne, erschöpft von ihrer eigenen Heftigkeit. Leslie wartete, bis sie sich wieder beruhigt hatte. »In welchem Verhältnis stand Anthony Druze zu Ihnen?« Lady Raytham starrte sie an. »Zu mir? – Sie meinen ... was wollen Sie damit sagen?« Plötzlich brach sie, ganz im Widerspruch zu ihrer Lage, in ein Gelächter aus – es war schrecklich, sie so zu sehen. »Oh, Sie Närrin – Sie kleine Närrin! Können Sie denn das nicht ahnen? Wissen Sie es denn nicht?« Plötzlich eilte sie aus dem Zimmer. Leslie hörte, wie sie die Tür ihres Schlafzimmers zuschlug und den Schlüssel umdrehte, und sie wußte, daß diese Unterredung beendet war. 8 Es war zwei Uhr nachts, als ein Taxi in der Severall Street, Lambeth, hielt, und Leslie Maughan müde ausstieg. Der Detektiv, den sie telefonisch aufgefordert hatte, sie dort zu treffen, wartete an der Straßenecke und eilte auf sie zu. »Sie wollen zu Mrs. Inglethornes Haus? Es liegt gegenüber.« Er ging auf die andere Seite der Straße und klopfte an einer Haustür. Er mußte erst zwei- oder dreimal das Klopfen wiederholen, bevor ein Fenster geöffnet wurde. »Wer ist da?« fragte Peter Dawlish. Er hatte kaum die Frage gestellt, als er Leslie Maughan erkannte. »Ich werde in einem Augenblick unten sein.« Aber bevor er erschien, kam Mrs. Inglethorne selbst. Sie sprach mit zitternder Stimme und war den Tränen nahe, als sie den Detektiv sah. »Was wollen Sie denn nun schon wieder? Es ist niemand hier im Haus außer dem jungen Mann, der bei mir zur Miete wohnt, und der hat nichts auf dem Kerbholz – ein Polizist selbst hat ihn hierher empfohlen.« »Diese Dame ist von Scotland Yard und möchte Ihren Mieter sprechen, Mrs. Inglethorne«, erklärte der Detektiv beruhigend. »Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen.« »Mir keine Sorgen machen. Ich muß mich abschinden und mir die Finger bis auf die Knochen abarbeiten, während mein armer, alter Mann im Gefängnis sitzt – und dabei ist er so unschuldig wie ein ungeborenes Kind –« In diesem Augenblick trat Peter Dawlish zu ihnen. »Möchten Sie mich sprechen?« »Kommen Sie bitte heraus und setzen Sie sich ein paar Minuten in meinen Wagen.« »Gerne.« »Ich möchte Sie noch um einen anderen Gefallen bitten. Würden Sie etwas dagegen haben, wenn ich diesen Polizeibeamten aufforderte, in der Zwischenzeit Ihr Zimmer zu durchsuchen?« Eine Sekunde lang war er bestürzt. »Aber ganz gewiß nicht. Warum denn? Wird irgend etwas vermißt?« »Nein.« Sie wandte sich an den Detektiv und gab ihm mit leiser Stimme Verhaltungsmaßregeln. Der Beamte ging an der erschrockenen Hauswirtin vorbei die Treppe hinauf. »Nun kommen Sie in meinen Wagen, Sie werden sich hoffentlich nicht erkälten?« Er lachte nervös. »Ich bin so erhitzt vor gerechter Entrüstung, daß ich einen Eisberg zum Schmelzen bringen könnte.« Er stieg hinter ihr in den Wagen und schloß die Tür. »Nun, was wollen Sie von mir, Miss Maughan?« Sie sah ihn von der Seite an. Das Licht, das den Taxameter beleuchtete, warf seinen Schein in das Innere des Wagens. »Was haben Sie heute den ganzen Abend gemacht?« »Von welchem Zeitpunkt ab wollen Sie es wissen?« »Von acht Uhr ab.« »Ich war zu Hause. Ich habe heute morgen Arbeit bekommen – Adressenschreiben. Seit sieben Uhr habe ich geschrieben bis wenige Minuten vor Ihrer Ankunft. Zweitausend Adressen sind schon fertig. Daraus können Sie sich wohl ein Bild machen, daß ich für nichts anderes Zeit hatte. Ich habe die Kuverts und die Adressenlisten erst um halb sieben Uhr bekommen. Aber warum fragen Sie denn – was ist geschehen?« »Druze ist tot.« »Tot?« »Ermordet. Seine Leiche wurde am Barnes Common zwischen drei Viertel zwölf und Mitternacht gefunden.« Er pfiff vor sich hin. »Das ist eine böse Sache. Wie wurde er denn getötet?« »Er ist aus kurzer Entfernung erschossen worden.« Er schwieg einige Zeit. »Da Sie meine wilden Drohungen gehört haben, ist es ja natürlich, daß Sie mich verdächtigen. Kommen Sie, bitte, mit nach oben und sehen Sie sich die Kuverts an. Mein Schlafzimmer ist der einzige anständige Raum im ganzen Hause.« Sie zögerte erst, dann öffnete sie den Wagenschlag. Mrs. Inglethorne war betroffen durch all diese Ereignisse. Sie stand am Fuß der Treppe, hatte einen alten Ulster über ihren Schlafrock geworfen und beobachtete die beiden, als sie ohne weitere Erklärung nach oben gingen. »Ich habe nichts in dem Zimmer gefunden, Miss Maughan«, sagte der Detektiv, bevor er Peter zu sehen bekam. »Nichts außer diesen Sachen.« Er wies mit der Hand auf den Tisch, der mit kleinen Kuverts bedeckt war, die sorgfältig in einzelne Pakete zusammengebunden waren. Leslie lächelte. »Sie hätten mir nicht zu sagen brauchen, daß Sie hier gearbeitet haben, Mr. Dawlish. Man glaubt in einen Rauchsalon zu kommen.« Der Zigarettenrauch füllte noch das Zimmer, obwohl die Fenster weit geöffnet waren. Die Schachtel, die sie ihm geschickt hatte, stand auf dem Tisch und war schon halb leer. »Ich bin ein wenig verschwenderisch gewesen«, entschuldigte er sich. »Aber die Versuchung war zu groß.« Der Detektiv zögerte noch an der Tür. Offensichtlich wußte er nicht, ob er Miss Maughan in dieser Umgebung allein lassen durfte. »Ich danke Ihnen, ich werde in ein oder zwei Minuten nach unten kommen«, sagte sie und enthob ihn dadurch der Verantwortung für ihre Sicherheit. Sie setzte sich auf das Fußende des Bettes und legte den Arm über den Bettrand. Dann schaute sie Peter an, der kaum wiederzuerkennen war. Er war nun glattrasiert, was ihm sehr gut stand. In seiner Haltung lag eine gewisse Spannkraft, die Leslie ganz neu war. Und obwohl er beinahe dreißig Jahre alt war und soviel erlebt hatte, sah er noch jung und frisch aus. Die Tatsache, daß sie soviel von seiner Vergangenheit wußte, viel mehr als er jemals ahnen konnte, machte die Nachforschungen für sie so interessant. Eine heisere Stimme rief sie plötzlich von unten an. »Würden Sie eine Tasse Tee trinken, Miss?« Peter Dawlish sah Leslie lächelnd an. »Sie kann wirklich guten Tee kochen«, sagte er leise. »Ich würde gern eine Tasse nehmen«, erwiderte Leslie. Peter ging leise die Treppe hinunter und gab der Wirtin den Auftrag. »Ich möchte Elisabeth nicht gern aufwecken«, erklärte er. Nach einer Weile fügte er hinzu: »Sie sehen aber sehr müde aus.« »Sie wollen sagen, daß ich einen schrecklichen Anblick biete«, meinte sie lächelnd. »Ich bin jetzt gerade nicht in der Stimmung, Komplimente mit Ihnen auszutauschen, sonst würde ich Ihnen zu der Veränderung gratulieren, die der Barbier durch seine Behandlung bei Ihnen hervorgezaubert hat – haben Sie eigentlich Druze gekannt?« »Nicht besonders gut.« »Sagen Sie mir alles, was Sie von ihm wissen.« Er runzelte die Stirn und versuchte, sich an vergangene Dinge zu erinnern, die seinem Gedächtnis schon halb entfallen waren. »Er erhielt die Stellung bei Lord Everreed, kurz nachdem ich meinen Posten dort angetreten hatte. Prinzessin Bellini, meine Tante, hatte ihn empfohlen –« »Die Prinzessin hat ihn empfohlen?« fragte Leslie schnell. »Wie kam das? War er früher in ihren Diensten?« »Ja. Er war jahrelang mit Tante Anita in Java. Ihr Mann nahm dort irgendeine untergeordnete Stellung auf einer Plantage ein. Er war, wie ich glaube, verhältnismäßig unbemittelt. Nach seinem Tod ging sie nach England, und Druze begleitete sie. In Java hatte sie sich den Luxus eines Hausmeisters leisten können – das Leben ist dort billig –, aber in England mußte sie ihn entlassen. Ich kann mich sogar dunkel an den Brief erinnern, den Sie an Lord Everreed schrieb und den ich beantworten mußte. Ich nenne sie ›Tante‹, obwohl sie nur eine Halbschwester meines Vaters ist und in Wirklichkeit keine Verwandtschaft zwischen uns besteht. Wie lange Druze in den Diensten von Lord Everreed stand, kann ich natürlich nicht sagen. Seit meiner Verurteilung ist diese Geschichte für mich beendet. Aber ein paar Jahre, nachdem ich ins Gefängnis gekommen war, hörte ich gerüchtweise – ich glaube durch einen Brief, den ein alter Diener von uns schrieb –, daß er in die Dienste Lady Raythams getreten sei.« Leslie dachte eine Weile schweigend über das nach, was sie eben gehört hatte. »Wann wurden Sie verhaftet?« »Vor siebeneinhalb Jahren.« »So haben Sie also Ihre volle Strafe hinter sich?« »Ja. Ich bin nicht wegen guter Führung entlassen, ich war ein sehr aufsässiger Gefangener, ich glaube, die meisten Gefangenen sind aufsässig, die unschuldig eingesperrt werden. Aber warum stellen Sie diese Fragen?« »Ich habe Grund, anzunehmen, daß die Prinzessin glaubt, Sie wären nur fünf Jahre im Gefängnis gewesen – aber darauf kommt es ja schließlich nicht an. Sie ist wohl in einem Alter, in dem sie ... Aber das gehört alles nicht hierher. Erzählen Sie mir lieber noch etwas mehr.« »Sie sehen aber so müde aus«, sagte er lächelnd. In diesem Augenblick kam eine merkwürdige kleine Gestalt ins Zimmer. Es war schwer zu sagen, wie alt das Mädchen war. Leslie schätzte sie auf ungefähr sechs Jahre, obwohl sie für dieses Alter schon ziemlich groß war. Sie war sehr hager, und ihre kleinen Hände, mit denen sie vorsichtig eine Tasse Tee trug, waren so mager, daß die Knochen unter der Haut hervortraten. Ihr durchsichtiges Gesicht zeigte aber trotzdem eine eigenartige Schönheit, und Leslie betrachtete sie erstaunt. Das Mädchen sah sie aus großen, dunklen Augen an und senkte dann den Blick. »Hier ist der Tee«, sagte sie bescheiden. Leslie nahm behutsam die Tasse aus der Hand des Kindes und stellte sie auf den Tisch. »Wie heißt du denn?« fragte sie. Aber als sie ihre Hand auf den blonden Kopf legen wollte, zuckte die Kleine zurück. »Das ist Belinda«, sagte Peter lächelnd. Das Kind trug einen zerrissenen alten Regenmantel über einem Nachthemd aus rotem Flanell, das aber durch vieles Waschen schon ganz verblaßt aussah. Die kleinen, schmalen Hände waren gefaltet. »Ich bin Mrs. Inglethornes kleines Mädchen«, sagte sie leise. »Ich heiße Elisabeth – nicht Belinda.« Sie sah Peter schnell an und ließ dann ihre Blicke wieder sinken. Der Ernst ihrer Worte und der süße Ton ihrer Stimme setzten Leslie Maughan in Erstaunen, und für einen Augenblick vergaß sie ihre Müdigkeit. »Würdest du nicht zu mir kommen und mir etwas erzählen?« Das Kind schaute nach der Tür.« »Die Mutter wartet auf mich –« »Sprich doch zu der Dame!« Offenbar hatte Mrs. Inglethorne, die unten am Fuß der Treppe lauschte, gute Ohren. Das Kind zuckte zusammen, schaute sich ängstlich um und ging dann schüchtern zu Leslie. »Was machst du denn eigentlich?« fragte Leslie. »Gehst du schon zur Schule?« Elisabeth nickte. »Ich denke fast immer an meinen Vater.« Leslie erinnerte sich daran, daß der Vater im Gefängnis saß. »Ich habe sein Bild in einem Buch – er ist sehr schön – immer sehr schön.« Das Kind nickte ernst. »In einem Buch? Was ist denn das für ein Buch?« Eine Stimme von der Tür her antwortete für Elisabeth. Mrs. Inglethorne mußte die Treppe heraufgekommen sein, um besser hören zu können. »Achten Sie bitte nicht darauf, was sie sagt, mein Fräulein. Sie ist nicht ganz richtig im Kopf. Wenn sie irgendein hübsches Bild in einem Buch sieht, so sagt sie, es sei ihr Vater. Einmal hat sie sogar den König von England dafür gehalten, ein andermal einen Lord. Wenn ich dann an ihren armen Vater denke, der sich die Finger bis auf die Knochen abgearbeitet hat und dann eingesperrt wurde, obwohl er so unschuldig wie ein ungeborenes Kind ist, so ist das sehr hart für mich.« Elisabeth war nun ganz schweigsam geworden. Ihre großen Augen waren ängstlich zusammengekniffen, als sie sich jetzt zur Tür wandte. Leslie sah, daß sie sich sehr vor der Frau fürchtete, und empfand Mitleid mit ihr. Sie streichelte ihr Haar, und diesmal fuhr das Mädchen nicht erschrocken zurück. »Ich werde dir hübsche Bilder schicken, darin kannst du deine Papas und Onkels und alle möglichen Dinge finden.« Leslie beugte sich nieder, küßte das Kind, legte ihren Arm um die erbärmlich dünnen Schultern und führte sie dann zur Tür. Auf dem Flur stand die schlampig aussehende Mrs. Inglethorne, lächelte und machte unterwürfige Verbeugungen, weil sich Miss Maughan so leutselig gegen die Kleine gezeigt hatte. »Ich interessiere mich sehr für Elisabeth«, sagte Leslie und sah die Frau ernst an. »Würden Sie etwas dagegen haben, wenn ich manchmal vorspreche und sehe, wie es ihr geht?« Mrs. Inglethorne schnitt eine schreckliche Grimasse, die ihre Dankbarkeit ausdrücken sollte. »Wieviel Kinder haben Sie?« »Fünf, mein Fräulein.« Die Frau schaute sie neugierig an, denn sie begegnete zum erstenmal in ihrem Leben einem weiblichen Beamten der Polizei, die sie doch so sehr haßte. »Wie, in diesem kleinen Haus beherbergen Sie fünf Kinder?« Leslie runzelte die Stirn. »Wo haben Sie sie denn alle?« Mrs. Inglethorne war nicht wohl zumute. »Die Kleinen schlafen in der Küche. Nur die beiden Mädchen schlafen mit mir im Zimmer.« »Ich würde mir gern einmal Ihre Küche ansehen.« »Es ist ein wenig spät – und Sie würden sie aufwecken«, sagte Mrs. Inglethorne zögernd. Aber Leslie ließ sich nicht abweisen, widerstrebend ging die Frau die Treppe hinunter. Leslie folgte ihr. Die Küche lag auf der Rückseite des Hauses, man kam durch einen engen Gang dorthin. Es war ein ärmlich möblierter Raum, der kaum drei Meter lang und drei Meter breit war. Es war kalt hier, und in dem trüben Licht der Deckenlampe sah Leslie nicht drei, sondern vier kleine, zusammengekauerte Gestalten. Das eine Kind, das noch nicht drei Jahre alt sein konnte, schlief in einer Seifenkiste, die auf dem Boden stand. Ein staubiger, alter Bettvorleger lag darüber, der einfach zurechtgeschnitten war, so daß er die Größe der Kiste hatte. Zwei Kinder lagen unter dem Tisch, in einen alten Soldatenmantel eingehüllt. Das vierte entdeckte Leslie in einer Ecke unter einem Mehlsack. Es schlief so ruhig, daß man hätte annehmen können, es sei tot. Es war ein Mädchen von elf Jahren, blondhaarig, mit hageren, scharfen Gesichtszügen. Als das Licht der Lampe auf sein Gesicht fiel, zitterte es und bewegte sich unruhig. »Eine Frau, die fünf Kinder ernähren muß, hat es nicht leicht«, klagte Mrs. Inglethorne. »Aber ich würde mich nicht um die Welt von ihnen trennen. Und es ist auch sonst ganz warm in der Küche, wenn wir abends den Herd heizen.« Leslie trat aus dem kleinen, traurigen Raum heraus. Sie fühlte sich krank und elend. Sie hatte schon viel Armut gesehen. Diese unglücklichen Kleinen waren vielleicht ebenso gut oder schlecht daran wie tausend andere Kinder in der großen Millionenstadt. Peter wartete draußen auf sie. »Ich werde jetzt nach Hause gehen, ich bin wirklich sehr müde. Wahrscheinlich werden Sie morgen von Mr. Coldwell oder einem anderen Beamten von Scotland Yard verhört werden. Das beste wäre wohl, wenn Sie selbst zur Polizeidirektion gehen und mit ihm sprechen würden. Haben Sie eigentlich Ihre Mutter gesehen, seitdem Sie wieder auf freiem Fuß sind?« fragte sie dann plötzlich. »Meine Mutter hat mir in nicht mißzuverstehender Weise ihren Willen kundgetan. Wir standen uns niemals sehr nahe, wenn ich so sagen darf, und vielleicht ist es jetzt etwas zu spät, zu einer gegenseitigen Verständigung zu kommen.« Leslie schaute auf den Fußboden und zog den Mund zusammen. »Das wundert mich«, sagte sie und gab ihm die Hand. »Gute Nacht, Peter Dawlish.« Er ergriff ihre Hand und hielt sie einen Augenblick. »Sie sind wirklich prachtvoll. Ich sehe das Leben jetzt mit ganz anderen Augen an.« Leslie mußte noch einen Besuch machen. Chefinspektor Coldwell hatte versprochen, in Scotland Yard auf sie zu warten, bis sie mit ihrem Bericht zurückkehrte. Er trank gerade Kaffee im Vorzimmer, als sie ankam, und sie erzählte ihm kurz das Resultat ihrer Unterredung. »Ich habe niemals geglaubt, daß Peter in die Sache verwickelt sei. Was weiß er denn von Druze?« Er hörte aufmerksam zu, bis sie mit ihrem Bericht zu Ende war. »Es ist doch merkwürdig, daß alle Fäden bei dieser Geschichte wieder auf die Prinzessin Bellini zurückführen. Ja, ich werde mit Peter sprechen. Ich schicke ihm morgen früh ein Telegramm«, sagte er gähnend. »Jetzt ist es aber Zeit, daß wir zur Ruhe kommen. Ich werde Sie noch nach Hause bringen.« Ihr Wagen wartete. Obwohl sie keine Begleitung nötig hatte, machte er doch geltend, daß er fast denselben Heimweg wie sie hätte. »Ich weiß nicht, was wir mit Lady Raytham anfangen werden. Sie haben aber sicher noch eine Menge entdeckt, wovon Sie mir nichts erzählten.« »Keine Menge, nur ein wenig«, gab sie zu. Mr. Coldwell strich über sein Haar. »Dieses Wenige ist gewöhnlich kritisch. Aber ich will Sie nicht entmutigen. Behalten Sie Ihr Geheimnis ruhig für sich – ein wenig Romantik bei der Polizeiarbeit hat die wunderbare Eigenschaft, die Spannkraft zu erhöhen.« Der Wagen fuhr über den verlassenen Trafalgar Square und hielt ein paar Sekunden später vor Leslies Wohnung. »Vermutlich wissen Sie alles, was man nur wissen kann, über den Fall«, meinte er mit leichter Ironie, als er ihr aus dem Wagen half. »Und ich armer, alter, grauhaariger Beamter tappe wie ein Blinder im Nebel.« »Ich weiß wahrscheinlich ziemlich viel«, gestand sie mit einem müden Lächeln. Coldwell war belustigt. »Dieser Egoismus der Frauen! Hier steht nun die Detektivin, hat alle Anhaltspunkte gesammelt und wartet nur darauf, sie im gegebenen Moment zu veröffentlichen, damit dann das ganze Polizeipräsidium hilflos dasteht! Sie wissen wohl auch alles über Druze?« »Ich weiß allerhand von ihm.« »Nun, dann ist es ja gut.« Sie hatte ihre Haustür aufgeschlossen, und er wartete nur noch, bis sie in den Gang getreten war, bevor er seinen Trumpf ausspielte. »Wollen Sie mir versprechen, zu Hause zu bleiben, keine weiteren Nachforschungen anzustellen und jetzt sofort zu Bett zu gehen, wenn ich Ihnen etwas erzähle?« »Ich verspreche es feierlich.« Er legte seine Hand auf die Türklinke. »Arthur oder Anthony Druze, wie er genannt wurde, war eine Frau!« Er warf die Tür zu, und bevor sie sich von ihrem Erstaunen erholen konnte, hörte sie schon, daß sein Wagen davonfuhr. 9 Druze – eine Frau! Es war unglaublich – es war unmöglich! Aber dieser kluge, erfahrene Mann erlaubte sich keinen Scherz mit ihr. Müde stieg sie die Treppe hinauf. Ihr Körper bedurfte der Ruhe, obwohl ihr Geist noch wach und rege war. Druze war eine Frau! Plötzlich erinnerte sie sich an Lady Raythams hysterisches Lachen, als sie sie fragte, in welcher Beziehung sie zu Druze stand. Lady Raytham hatte es also gewußt. Leslie war zu vernünftig und zu großzügig, um sich durch diese Mitteilung aus der Fassung bringen zu lassen. Sie blieb oben auf dem Podest stehen und lehnte sich gegen das Geländer. Das bartlose Gesicht und die Gestalt des großen Hausmeisters standen wieder vor ihr. Alle die vielen Theorien, die sie aufgestellt hatte, waren nun wertlos – sie mußte wieder von vorn anfangen. Als sie in ihr Wohnzimmer trat, entdeckte sie Lucretia, die zusammengekauert in einem Stuhl am Kamin saß. Das Feuer war erloschen, und Lucretia schlief seelenruhig und fest. Leslie hatte es ihrem Mädchen nicht abgewöhnen können, daß sie aufblieb und auf ihre Herrin wartete, denn Lucretia hatte die feste Überzeugung, daß nur ihre Sorge Leslie Maughan vor einem entsetzlichen Geschick bewahrte. Sie wachte plötzlich erschrocken auf und erhob sich schnell. »Ach, Fräulein – wie spät ist es denn?« Leslie schaute auf die Uhr am Kamin. »Es ist drei und ein schöner Morgen. Warum sind Sie denn nicht zu Bett gegangen, Sie armes, schläfriges Huhn?« »Ich bin kein Huhn«, protestierte Lucretia. »Drei Uhr – so spät ist es heute wieder geworden.« Sie fröstelte. Dann fragte sie neugierig: »Ist denn etwas passiert?« »Es ist viel passiert.« Leslie ließ sich schwer in einen Stuhl fallen. »Es ist ein Mord geschehen.« »Großer Gott!« rief Lucretia. »Wer ist denn der Täter?« »Wenn ich das wüßte, wäre ich selbst sehr zufrieden.« Leslie unterdrückte ein Gähnen. »Machen Sie mir ein Bad, Lucretia. Ich möchte auch noch etwas warme Milch haben. Und wecken Sie mich nicht vor zehn.« »Wenn ich dann selbst wach bin«, meinte Lucretia. »Ich habe noch keinen Platz wie diesen kennengelernt. Sie machen ja die Nacht zum Tage, wie die Bibel sagt. Dieses London ist ein modernes Babylon. Ist dem armen Menschen denn die Kehle durchgeschnitten worden?« Ihre Phantasie beschäftigte sich anscheinend immer noch mit der Tragödie. »Nein, es tut mir leid, daß ich Sie enttäuschen muß. Aber es war auch so schrecklich genug.« Sie erhob sich, ging an ihren Schreibtisch und sah die Briefe durch, die mit der Abendpost gekommen waren. Der eine interessierte sie, und sie öffnete ihn. Nachdem sie den Inhalt gelesen hatte, schloß sie das Schreiben in einer Schublade ein. Kurze Zeit später schlief Leslie Maughan fest und traumlos in ihrem weichen Bett. Ihr Schlafzimmer grenzte an das Wohnzimmer, und die Tür stand halb offen. Leslie erwachte, als sie zwei Leute miteinander sprechen hörte. Es war Lucretia und noch jemand, dessen Stimme ihr bekannt war. »Ich will warten. Bitte wecken Sie Miss Maughan nicht meinetwegen auf.« Leslie setzte sich aufrecht. Durch die Tür, die Lucretia eifersüchtig bewachte, sah sie die große, vornehme Erscheinung Lady Raythams. Im nächsten Augenblick sprang sie aus dem Bett, zog die Pantoffeln an und schlüpfte schnell in ihren Morgenrock. Nur kurz blieb sie vor dem Spiegel stehen und ordnete flüchtig ihre Haare. Lady Raytham stand in der Mitte des Wohnzimmers. Ein hellflackerndes Kohlenfeuer brannte im Kamin. Dieses Zimmer hatte besonders in der frühen Morgenstunde eine besondere Anziehungskraft für Leslie. Aber Janes Anwesenheit schien dem Raum aus irgendeinem Grund noch einen neuen Vorzug zu verleihen. »Guten Morgen! Es tut mir leid, daß ich schon so früh komme. Ich hoffe, daß ich Sie nicht zu sehr störe.« Jane war höflich und dabei doch in gewisser Weise ablehnend und kühl. Leslie sah sie erstaunt an – alle Zeichen von Bestürzung, Furcht und Schrecken, die sie am Abend vorher an ihr bemerkt hatte, waren verschwunden, nur die dunklen Schatten unter den Augen waren geblieben. »Bitte, nehmen Sie Platz. Haben Sie schon gefrühstückt?« Lady Raytham schüttelte den Kopf. »Sorgen Sie sich nicht um mich, ich habe Zeit und kann warten.« Es lag zurückhaltende Bewunderung in Janes Blick. Sie dachte daran, daß nur wenige Frauen ihrer Bekanntschaft sich zu dieser Zeit und unter solchen Umständen sprechen ließen. Sie hatte Leslie Maughan noch nie am Tage gesehen und stellte jetzt fest, daß sie sich in dieser ungünstigen Morgendämmerung nicht nur sehen lassen konnte, sondern sogar noch hübscher aussah als sonst. Die Selbstverständlichkeit und Natürlichkeit, mit der Leslie ihren Vorschlag annahm und ins Badezimmer ging, gefielen Jane. Die rundliche Lucretia folgte ihrer Herrin mit einem Arm voll Kleider. Als Leslie nach einiger Zeit wieder erschien, hatte Lucretia den Tisch gedeckt, auf dem jetzt blaue Kaffeetassen und Teller mit frischgerösteten heißen Toastschnitten standen. »Danke schön, ich könnte nichts essen«, lehnte Lady Raytham liebenswürdig ab. »Aber ich nehme gern einen Kaffee.« Leslie schaute bedeutungsvoll nach der Tür, und Lucretia verschwand zögernd. »Denken Sie, ich habe doch geschlafen«, sagte Jane unbekümmert. »Ich weiß nicht, wie es kam, aber es ist eine Tatsache. Ich dachte, ich könnte überhaupt nicht mehr schlafen. In den Zeitungen steht noch nichts von dem Mord.« Leslie überlegte schnell. »Das wäre auch nicht gut möglich – aber die Abendzeitungen werden es bringen. Ich weiß alles über Druze.« »Sie wissen alles über – sie?« fragte Jane und sah sie fest an. »Wie war denn ihr wirklicher Name?« »Das kann ich Ihnen leider nicht sagen – für mich war sie nur Druze.« »Wußte Ihr Gatte darum –?« »Sie meinen, daß sie eine Frau war? Nein! Der arme Raytham! Er hätte sicher einen Anfall bekommen. Er bemerkt ja eigentlich nie etwas.« Jane hatte Baron Raytham geheiratet, als er etwas über fünfzig Jahre alt war. Er war ein alter Junggeselle, der an ein freies Leben gewöhnt war. Eines guten Tages hatte er sich verheiratet und wußte selbst nicht, wie es gekommen war. Fast ein ganzes Jahr lang war er ein Musterehemann gewesen und hatte sich vollkommen zurückgezogen. Das häusliche Leben war ihm etwas ganz Neues. Die Gesellschaft und all ihre Bindungen und Verpflichtungen haßte er. Aber bevor noch ein Jahr seiner Ehe vergangen war, interessierte ihn dieses neue Leben nicht mehr, das ihm seine Verheiratung gebracht hatte. Nun widmete er all seine Energie und Tatkraft seinen Konzessionen und den Direktionssitzungen der verschiedenen Gesellschaften, an denen er beteiligt war. Er studierte die Bilanzen und all die Dinge, die für ihn das eigentliche Leben bedeuteten, und Jane Raytham blieb sich selbst überlassen. »Mein Mann ist sehr selten in London – gewöhnlich nur zwei Monate im Jahr. Er hat andere Interessen«, sagte sie. Leslie änderte geschickt das Thema der Unterhaltung. Sie hatte auch schon davon gehört, daß Lord Raytham trotz seiner Verheiratung eine oder mehrere Beziehungen aufrechterhielt, die er nicht fallenlassen wollte oder konnte. Leslie war zu sehr mit den wirklichen Zuständen in der Gesellschaft vertraut und besaß zuviel Lebenserfahrung, um sich hierüber zu wundern. Sie war auch viel zu vernünftig, um sich darüber zu ärgern. Sie amüsierte sich höchstens über den Mann, der es so leicht fand, sich von seiner Frau zu befreien, und so schwer, sich von einer Geliebten zu trennen. »Sie heißen doch Leslie? Würden Sie mir gestatten, daß ich Sie bei Ihrem Vornamen nenne? Sie sind wirklich nicht so furchtbar, wie ich anfänglich glaubte. Ich – ich habe Sie liebgewonnen. Ich heiße Jane – wenn Sie genügend Zuneigung zu mir fühlen, so würde ich Sie bitten, mich Jane zu nennen. Ich bin abscheulich häßlich zu Ihnen gewesen, aber nun bin ich gekommen, um Sie um Verzeihung zu bitten.« Leslie lachte. »Ich selbst muß mich bei Ihnen entschuldigen.« Lady Raytham verstand sehr schnell, was sie damit sagen wollte. »Ach, Sie meinen wegen Druze? Es wäre schrecklich, so etwas anzunehmen. Aber Frauen sind ja leider zu solchen Verrücktheiten fähig. Man kann kaum noch irgendeine Sonntagszeitung in die Hand nehmen, ohne einen Artikel über derartige Dinge zu finden. Natürlich haben die guten Leute niemals wirkliches Beweismaterial über derartige Beziehungen in der Hand. Nein, ich wußte, daß Druze eine Frau war. Das war ja das Entsetzliche. Es erniedrigte mich, ich fühlte mich krank und elend, wenn ich nur daran dachte. Ich weiß nicht, ob Sie mir glauben, daß das beinahe mein schwerstes Kreuz gewesen ist.« »Worunter hatten Sie dann noch mehr zu leiden?« Jane seufzte tief und schaute zum Fenster hinaus. »Es ist so schwierig, solche Dinge gegeneinander abzuschätzen und zu vergleichen. Natürlich weiß ich jetzt, was mich am schwersten bedrückte. Aber das ist so neu und so schrecklich, daß ich gar nicht daran denken darf. Druze schleuderte mir, bevor sie fortging, ein paar fürchterliche Worte ins Gesicht ...« Sie schloß die Augen und zitterte, erholte sich aber gleich wieder. »Das ist auch der Grund, warum ich sie suchen wollte. Sie sagte mir etwas, aber nicht alles, und ich mußte doch die ganze Wahrheit wissen. Mein erster Gedanke war – Sie werden mich für scheinheilig halten –, daß Peter sie tötete. Wenn ich überhaupt nachgedacht hätte! Aber ich wurde nur von dem einen Gedanken beherrscht, das zu erfahren, womit sie sich in ihrer Unverschämtheit gebrüstet hatte.« »Es handelt sich doch nicht etwa um den Smaragdschmuck?« Jane Raytham lächelte verächtlich. »Um den Halsschmuck? Als ob ich mich darum kümmerte! Ich spreche jetzt offen über alles, bis zu einer gewissen Grenze. Die Smaragdkette, die Sie vorigen Abend in meinem Hause sahen –« »War eine Nachahmung – das wußte ich. Eine ganz genaue, aber wertlose Nachbildung des wirklichen Schmuckes. Als Sie so wenig darum besorgt waren, sie wieder in den Safe zurückzulegen, vermutete ich das.« Sie sahen sich in die Augen, und jede versuchte, die Gedanken der anderen zu lesen. »Was haben Sie denn sonst noch vermutet?« fragte Jane Raytham nach einem langen Schweigen. »Nein, nein, sagen Sie es nicht! Ich möchte mir nicht die Überzeugung nehmen lassen, daß es niemand weiß – niemand! Sie werden mir darauf erwidern, daß ich versuche, mich in meine Einbildungen einzuspinnen, und daß ich zu feige bin, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen.« Und dann fragte sie plötzlich sprunghaft: »Haben Sie Peter gesehen?« »Ja, ich habe ihn in der vorigen Nacht gesprochen. Er wußte nichts von dem Mord – nicht soviel wie Sie.« Jane überhörte die Herausforderung, die in diesen Worten lag. »Ich möchte gerne wissen, wieviel Sie selbst wissen, Leslie?« Es fiel ihr schwer, diese Frage zu stellen, denn ebensogut wie sie hatte auch Leslie ihre Vorbehalte. Die volle Wahrheit mußte von Jane Raytham selbst kommen, oder es konnte überhaupt keine Klarheit geschaffen werden. »Ich weiß, daß Sie von Erpressern verfolgt wurden und daß der Halsschmuck, den Sie hergaben, ein Teil von deren Forderungen war. Die Summe von zwanzigtausend Pfund, die Sie von der Bank abhoben, war meiner Meinung nach alles Bargeld, über das Sie verfügten, und sie war der andere Teil, mit dem Sie sich freikaufen wollten. Ich vermute, daß Druze die Erpresserin war. Habe ich recht?« Jane nickte. Es war eine merkliche Entspannung in ihrem Gesicht wahrzunehmen. Sie hatte das Schlimmste befürchtet und war nun erleichtert, als sie erkannte, daß Leslie Maughan nicht alles wußte. »Wie lange haben Sie zahlen müssen?« Jane antwortete nicht sogleich, und Leslie mußte die Frage wiederholen. »Ich kann es im Augenblick nicht sagen, jedenfalls eine lange Zeit.« Wieder folgte ein Schweigen. Die ganze Wahrheit war noch nicht ans Licht gekommen, nur ein Teil. »Wollen Sie mir nicht noch etwas mehr erzählen?« Jane Raytham ließ den Kopf sinken. Sie wollte ja erzählen, aber nur so viel, als dieses freundliche und offene junge Mädchen auch wußte. Sie hoffte, daß das Geheimnis ihr nicht entrissen werden könnte, und wünschte doch beinahe, daß Leslie Maughan ihr plötzlich die grausige Wahrheit vor Augen halten würde. »Ja, ich will! Aber es ist so schrecklich! Ich kann es nicht, ich kann keine Worte dafür finden. Und ich möchte Sie doch so gerne um Ihre Hilfe bitten, deren ich so sehr bedarf. Liebe Leslie, Sie sind doch eine Polizeibeamtin, Sie sind ein Teil der Macht von Scotland Yard. Ich habe Ihnen schon zuviel erzählt – ich werde in Zukunft nur noch in dauernder Furcht leben können –« »Hier bin ich Leslie Maughan«, sagte das junge Mädchen lächelnd. »Aber ich warne Sie. Ich bin fest entschlossen, soweit es in meinen Kräften steht, den Mörder dieser niederträchtigen Frau zu finden. Abgesehen von dieser Information können Sie mir alles anvertrauen.« Jane schüttelte traurig den Kopf. »Ich weiß wirklich nicht, wer Druze getötet hat. Ich will es nicht beschwören, aber ich kann Ihnen mein Wort darauf geben, daß ich es nicht weiß. Ich habe nicht einmal einen Verdacht. Anita wollte es auch wissen. Ich habe sie heute morgen schon besucht. Sie ist vollkommen verstört und bestürzt. Ich hätte nie geahnt, daß sie so tief empfinden kann. Die Polizei war auch bei ihr und stellte Nachforschungen an, ob Druze in ihrem Haus war. Ich vermute, Sie haben den Beamten mitgeteilt, was ich Ihnen gestern abend erzählte. Die arme Anita hatte Druze eigentlich immer sehr gern. Früher stand sie ja einmal in ihren Diensten. Anita behauptete allerdings immer, daß das niemals der Fall gewesen sei, und sprach von Druze, als ob sie ihr ganz unbekannt und fremd sei. Aber das tat sie nur, weil sie so stolz war. Sie wollte den Gedanken nicht aufkommen lassen, daß sie einmal so arm war, jemand aus ihren Diensten entlassen zu müssen.« »Ich möchte noch eine Frage an Sie stellen, Lady – Jane. Es ist doch besser, daß ich Sie bei Ihrem Vornamen nenne, aber es ist schwer, sich an eine neue Form zu gewöhnen. Hat Druze den Namen Lord Everreeds gefälscht? Peter Dawlish ist fest davon überzeugt.« »Das ist unmöglich.« »Aber warum ist es denn unmöglich?« Leslie Maughan erhielt eine niederschmetternde Antwort. »Weil sie weder lesen noch schreiben konnte.« 10 »Druze war eine Analphabetin, aber wie es manchmal im Leben geht, hatte sie sich eine gewisse Bildung angeeignet und konnte dieses Manko stets sehr geschickt verbergen. Sie hatte ungefähr die Kenntnisse eines Kindes, das die Volksschule besucht hat, aber es war ihr unmöglich, lesen und schreiben zu lernen. Es ist merkwürdig, daß es in den Volksschulen zuweilen Mädchen und Knaben gibt, die die unmöglichsten Dinge wissen, ohne diese einfachsten Fähigkeiten zu besitzen.« Leslie überlegte schnell. »Ich habe aber doch ihre Unterschrift auf dem Paß gesehen.« »Die habe ich geschrieben«, erklärte Lady Raytham zu dem größten Erstaunen Leslies. »Sie sagte mir, daß sie zum Wochenende nach Frankreich hinüberfahren wolle, und bat mich, ihren Paß zu signieren. Das ereignete sich erst vor ein paar Wochen, daher kann ich mich noch genau darauf besinnen. Nun sagen Sie mir bitte, was ich tun soll. Die Polizei wird zu mir kommen, und ich bin ja auch bereit, ihr die volle Wahrheit zu sagen, obgleich ich nicht einsehe, was meine Aussagen zur Aufklärung des Falles beitragen könnten.« »Werden Sie auch die volle Wahrheit sagen?« fragte Leslie bedeutungsvoll. Jane Raytham sah sie lange an, bevor sie antwortete. »Soviel ich Ihnen gesagt habe – nicht so viel, wie Sie vermuten.« »Würden Sie nichts dagegen haben, wenn ich den Hauptinhalt dessen, was Sie mir eben sagten, zu Papier bringe, und würden Sie später das Schriftstück mit Ihrer Unterschrift versehen? Das wird Ihnen viel Unruhe und Unannehmlichkeiten ersparen.« Jane zögerte. »Ist das notwendig? Wahrscheinlich wird es so sein. Ja, ich will es tun, wenn Sie so freundlich sein wollen.« Sie beobachtete Leslie, während deren Feder über das Papier eilte, und nahm ihr die Blätter ab, wenn sie vollgeschrieben waren. »Sie haben meinen ganzen Fall viel klarer und geschickter aufgezeichnet, als ich es jemals selbst gekonnt hätte«, sagte sie und lächelte ein wenig. »Ich glaube fast, daß Sie Mitgefühl mit mir haben.« »Sie wissen ja gar nicht, wie sehr ich Ihnen alles nachfühlen kann«, erwiderte Leslie und erhob sich, um Lady Raytham an dem Schreibtisch Platz zu machen. Jane setzte sich nieder, las das letzte Blatt noch einmal durch und tauchte gerade ihre Feder ein, als plötzlich von draußen Stimmen vernehmbar wurden. Man hörte Lucretias lauten Protest und noch eine tiefere Stimme, die Leslie sofort wiedererkannte. Sie eilte zur Tür und öffnete sie. Prinzessin Anita Bellini stand draußen und schaute die mißtrauische Lucretia durch ihr Monokel an. »Sie können nicht hineingehen – Miss Maughan ist beschäftigt«, hatte sie eben gesagt. »Es ist mir ganz gleich, ob Sie eine Prinzessin oder die Königin von Saba sind. Wenn Miss Maughan beschäftigt ist, darf sie niemand stören.« »Es ist gut, Lucretia. Treten Sie näher, Prinzessin.« Anita kam ohne ein Wort des Dankes herein und würdigte auch Lucretia keines Blickes mehr. »Wo ist ...«, begann sie. Aber in diesem Augenblick sah sie Lady Raytham am Schreibtisch sitzen. »Was machst du da, Jane?« fragte sie laut. »Du wirst doch nicht etwa so töricht sein, der Polizei eine schriftliche Aussage zu geben?« »Lady Raytham hat mir nur so viel erzählt, als ich schon selbst wußte«, erklärte Leslie. »Jane, du darfst das nicht unterzeichnen. Ich verbiete es!« Ärger und Wut klangen aus der harten Stimme, und als Leslie Anita Bellini ansah, erkannte sie, wie sehr sie diese Tragödie angegriffen hatte. Sie schien um viele Jahre gealtert zu sein. Ihre Mundwinkel waren herabgezogen, ihre Augen rot und entzündet. Lady Raytham unterzeichnete ruhig das Schriftstück. »Sei doch nicht unvernünftig, Anita. Die Polizei hat doch ein Recht, gewisse Dinge über Druze zu erfahren.« »Was hast du denn Miss Maughan gesagt? Kann ich einmal dieses wertvolle Dokument durchlesen?« Sie streckte die Hand aus, aber Leslie kam ihr zuvor. »Ich werde es Ihnen vorlesen, Prinzessin.« Sie ging auf die andere Seite, so daß der Schreibtisch zwischen ihr und ihrer aufgebrachten Besucherin stand. Prinzessin Bellini zitterte vor Zorn und Entrüstung. Leslie las ohne Unterbrechung bis zu Ende. »Jane, es war sehr dumm und töricht von dir, etwas Derartiges zu unterzeichnen«, sagte Anita schroff. »Sie mögen es doch selbst herausbringen, ohne daß du dich schriftlich kompromittierst. Dieses junge Mädchen hat dir ein Geständnis abgelockt –« »Geständnis?« fragte Leslie lächelnd. »Das ist doch absolut nicht logisch. Lady Raytham war bekannt, daß Druze eine Frau war. Es wäre doch unmöglich, daß sie das nicht gewußt hat. Wie sie ja selbst zugibt, hat sie uns nur das gesagt, was wir selbst wußten – und was auch Sie wußten.« »Ich wußte überhaupt nichts«, entgegnete Anita Bellini böse. Ihre scharfen Blicke durchbohrten Leslie. »Ich weiß nur, daß Sie Lady Raytham eine Falle gestellt haben, so daß sie Ihnen eine schriftliche Aussage gab, von der sie noch eine Menge Unannehmlichkeiten haben wird.« Leslie sah ihr voll ins Gesicht, und zum erstenmal ahnte Anita Bellini dunkel, über welche Kraft und Intelligenz dieses junge Mädchen verfügte. Sie waren einander ja schon begegnet, und die Unterhaltung war damals nicht zugunsten der Prinzessin ausgefallen. Aber sie hatte nur angenommen, daß Leslie mit einer gewissen Schlagfertigkeit und Geistesgegenwart begabt war, sie hatte nicht die Fähigkeiten bei ihr vorausgesetzt, die sie zu einem schlimmen Feinde machten, gegen den sie nur mit ihren schwersten Geschützen ankämpfen konnte. Aber jetzt erkannte sie, daß Leslie, gleichgültig, ob sie nun ›Coldwells hübsche Stenotypistin‹ war, wie sie das Mädchen verächtlich nannte, oder irgendeine Beamtin von Scotland Yard, ein Faktor war, mit dem man rechnen mußte. Und wenn sie noch irgendwelche Zweifel darüber gehabt hätte, so wären sie durch Leslie Maughans nächste Worte zerstreut worden. »Lady Raytham hat eine schriftliche Aussage gemacht – dasselbe werden Sie auch tun, Prinzessin ... Entweder vor oder nach der Leichenschau.« Anita betrachtete sie mit einem merkwürdig verschlagenen Blick, den man sonst nicht an ihr beobachten konnte. »Ich weiß nicht, wie Sie es fertigbringen wollen, mich in diese Sache hineinzuziehen.« Der Ton ihrer Stimme war bedeutend milder als vorher. »Druze stand früher in Ihren Diensten, und offensichtlich war Ihnen auch bekannt, daß sie eine Frau war. Sie werden über ihren früheren Lebenslauf Bescheid wissen«, sagte Leslie ruhig. »Das genügt vollkommen, Sie in eine Untersuchung zu verwickeln, die die Polizei anstellen wird.« Anita Bellini nahm ihr Monokel aus dem Auge, wischte es mit dem Taschentuch ab und klemmte es wieder ein. »Vielleicht habe ich vorhin zu vorschnell meine Meinung geäußert«, sagte sie dann, »aber ich denke, Sie müssen mir zugute halten, was ich auch immer gesagt habe. Ich bin durch Druzes Tod sehr mitgenommen. Würden Sie so liebenswürdig sein, das Schriftstück noch einmal vorzulesen?« Es war eine einfache und schlichte Darstellung der Aussagen Lady Raythams. »Nein, darin kann man nichts finden«, meinte die Prinzessin, als Leslie geendet hatte. »Ich vermute, daß diese Aussage notwendig ist. Bedeutet das nun, daß wir auch zu der Leichenschau vorgeladen werden? Ich kann so etwas nicht ertragen!« Leslie hörte, daß ihre Stimme zitterte. Anita Bellini, die Unnahbare, über alles erhaben, hatte auch eine schwache Seite. Aber sie beherrschte sich und hatte sich bald wieder in der Gewalt. »Wenn jedermann behandelt würde, wie es ihm zukäme, wäre Peter Dawlish jetzt verhaftet.« Ohne auf Janes Protest zu achten, fuhr sie fort: »Der Mann haßte Druze, das weißt du doch auch, Jane. Er hat ihr sogar gedroht, das kann ich beweisen.« Dann sprach sie verbindlicher weiter. »Ich hoffe, wir werden deshalb keine schlechten Freunde werden, Miss Maughan. Wenn ich Ihnen helfen kann, werde ich es tun. Können Sie mir noch mehr erzählen, als in den Abendzeitungen stehen wird?« »Nein«, entgegnete Leslie kurz. Die beiden Damen verließen gleich darauf die Wohnung, aber Leslie fand noch eine Gelegenheit, ein paar Worte mit Jane Raytham allein zu sprechen. »Sie dürfen niemand etwas von dem Halsschmuck sagen«, flüsterte sie ihr zu, als sie sie die Treppe hinunterbegleitete, »besonders nicht über den Smaragd, der in Druzes Hand gefunden wurde. Versprechen Sie mir das – oder haben Sie vielleicht schon etwas darüber gesagt?« »Ich wundere mich schon, daß Sie nichts darüber in das Schriftstück aufgenommen haben«, antwortete sie ebenso leise. »Aber Sie können sich auf mich verlassen. Ich werde nicht darüber sprechen, nicht einmal zu Anita Bellini.« In dem Augenblick hörten sie die Stimme der Prinzessin, die sie vom Fuß der Treppe aus anrief und eine weitere Unterhaltung unmöglich machte. Leslie kam kurz vor zwölf nach Scotland Yard und stieg gerade die Treppe in die Höhe, als Peter Dawlish herunterkam. »Ich habe mich glänzend rechtfertigen können«, sagte er lächelnd, »wenigstens habe ich diesen Eindruck von Coldwell bekommen. Es scheint, daß Ihr Detektiv mein Zimmer sehr eingehend besichtigte. Sie wissen doch, daß er auch mich durchsucht hat? Belinda läßt übrigens schön grüßen.« »Belinda?« Leslie war etwas verwirrt. »Ach, Sie meinen das kleine Mädchen – Elisabeth? Wie schlecht von mir – ich hatte sie beinahe schon wieder vergessen!« »Aber sie hat Sie durchaus nicht vergessen«, erwiderte Peter lachend und entfernte sich mit einem fröhlichen Winken. Leslie fand Mr. Coldwell in seinem großen, schön möblierten Büro. Er hatte einen Zigarrenstummel zwischen den Zähnen, seine buschigen Augenbrauen waren nachdenklich zusammengezogen. »Ich wollte Sie eben antelefonieren«, sagte er brummig. »Ich habe diesen Mann gesehen, den Sie so schätzen, und ich bin vollkommen davon überzeugt, daß er nicht das mindeste mit dem Verbrechen zu tun hat.« »Mit diesem ›Mann, den ich so schätze‹ meinen Sie doch Peter Dawlish?« fragte sie ruhig. »Sie unterschieben mir da gewisse Gedanken und Gefühle.« Sie zog Janes schriftliche Aussage aus der Tasche, legte sie vor ihn auf den Tisch, und er las sie sorgfältig durch. Dann faltete er sie wieder zusammen und legte sie in eine Schublade. »Haben Sie Anita Bellini von dem Smaragd erzählt, den wir in Druzes Hand fanden?« »Nein, das wäre das letzte gewesen, was ich ihr mitgeteilt hätte. Ich habe auch Lady Raytham ausdrücklich gebeten, nicht mit ihr darüber zu sprechen. Warum fragen Sie?« Er lächelte grimmig. »Ich dachte mir schon, daß Sie es nicht getan hätten! Vor fünf Minuten rief Ihre Hoheit hier an und sagte, sie hätte in einer Zeitung gelesen, daß ein Stück von großem Wert bei Druze gefunden worden sei. Ich habe natürlich nicht alle Nachrichten der Zeitungen durchlesen können, aber soweit ich gesehen habe, erwähnen sie nichts von dem Smaragd. Ich wüßte auch gar nicht, wie sie dazu kämen, wenn sie nicht Gedanken lesen können. Die Prinzessin sprach mehr die Vermutung als die Behauptung aus, daß Sie diese merkwürdige Zeitungsnachricht bestätigt hätten.« Leslie schüttelte verwundert den Kopf. »Die Frau arbeitet tatsächlich schnell. Was haben Sie ihr denn geantwortet?« Mr. Coldwell steckte umständlich seine Zigarre wieder an, wie es Leute seines Alters zu tun pflegen. »Ich sagte ihr, daß wir etwas Wertvolles bei Druze gefunden hätten – nämlich ein Paket Banknoten. Sie schien enttäuscht zu sein.« Das Telefon schrillte – er nahm den Hörer ab und horchte schweigend. »Es ist gut, ich werde kommen«, sagte er dann. »Die Lambeth-Polizeistation hat einen, allerdings schwachen, Anhaltspunkt gefunden. Vielleicht ist die Sache vorbereitet worden, aber man muß der Spur nachgehen, da sie mit Ihrem Peter zu tun hat. Würden Sie mich begleiten?« Sie sah ihm fest ins Gesicht. »Wenn Sie ihn noch einmal als ›meinen Peter‹ bezeichnen, dann kann ich recht unangenehm zu Ihnen werden, Mr. Coldwell.« Der Chefinspektor strich mit der Hand über die Stirn. »Ich weiß nicht – irgendwie scheint er doch zu Ihnen zu gehören. Ich kann auch nicht sagen, wie ich zu diesem Eindruck komme.« Ihre Blicke schweiften durch den Raum und blieben in einer Ecke haften, wo sie zwei große, neue Reisekoffer stehen sah, die mit den Etiketten der Cunard Line beklebt waren. »Sie gehören Druze«, sagte er einsilbig. »Wir werden den Inhalt prüfen, wenn wir zurückkommen.« Ein Taxi brachte sie bis zur Ecke der Severall Street, wo der Polizeikommissar, dem das Revier unterstand, mit einem Detektiv auf sie wartete. »Zeigen Sie mir das Schriftstück«, sagte Coldwell zu dem Beamten. Leslie, die das einseitig geführte Telefongespräch nicht gehört hatte, war gespannt, was jetzt kommen würde. Der Inspektor zog ein schmutziges Papier aus seinem Notizbuch und reichte es Coldwell, der seinen Klemmer aufsetzte und es las. Dann gab er das Schreiben Leslie Maughan. Die Nachricht war mit Bleistift geschrieben und mußte von jemand stammen, der im Schreiben wenig geübt war. ›Dawlish verwahrt seinen Revolver unter einem losen Brett in seinem Schlafzimmer, gleich wenn man zur Tür hereinkommt.‹ »Woher kam dieser Zettel?« fragte Coldwell. »Er wurde auf der Polizeistation abgegeben, kurz bevor ich an Sie telefonierte. Ein Straßenjunge brachte ihn herein und sagte, er wäre ihm von einem Mann gegeben worden, der ihm ein paar Kupfermünzen für seinen Botengang zahlte. Ich dachte, es wäre das beste, wenn wir es Ihnen gleich mitteilten.« Sie gingen zusammen die Straße hinunter, bis sie zu Mrs. Inglethornes Haus kamen. Die Tür wurde sofort von der Wirtin geöffnet, die überraschend sauber und gut angezogen war. Sie schien zwar überrascht, aber ganz und gar nicht aufgebracht zu sein, als sie die Polizeibeamten erblickte. »Jawohl, mein Herr, Mr. Dawlish ist eben nach Haus gekommen. Soll ich ihn herunterrufen?« »Nein, danke schön, wir werden nach oben gehen.« Coldwell stieg die Treppe hinauf und klopfte an das Zimmer. Eine Stimme rief »Herein«. Leslie sah über Coldwells Schulter hinweg, daß Peter an einem einfachen Tisch saß und die Feder in der Hand hielt. Eine Menge adressierter Kuverts lag vor ihm. Er wandte seinen Stuhl um und runzelte erstaunt die Stirn. »Hallo!« sagte er und war offensichtlich bestürzt, als er sah, welcher Art der Besuch war. »Wollen Sie mich noch einmal verhören?« Coldwell überschaute das Zimmer mit einem Blick. »Ich habe eine Anzeige erhalten, daß Sie einen Revolver hier unter dem Fußboden verborgen haben. Wenn Sie nichts dagegen haben, werde ich das Zimmer noch einmal durchsuchen.« »Ja, tun Sie das nur«, erwiderte Peter, ohne einen Augenblick zu zögern. Coldwell wandte sich zur Tür, hob die Ecke des Teppichs auf und fand sofort das lose Brett. Im nächsten Augenblick hatte er es hochgehoben, faßte mit der Hand in die Öffnung und zog eine lange, schwarze Browning-Pistole heraus. Peter wurde blaß. In seinen Gesichtszügen verriet sich Bestürzung, die nicht vorgetäuscht sein konnte. »Ist noch mehr hier?« fragte Coldwell. Er kniete nieder und durchsuchte die ganze Öffnung in dem Fußboden. Plötzlich zog er ein kleines Paket hervor, das in ein Tuch eingewickelt war, und packte es langsam auf. »Mein Gott!« stöhnte eine heisere Stimme. Mrs. Inglethorne war die Treppe heraufgekommen und schaute interessiert zu. Und wenn auch ihre Zudringlichkeit unentschuldbar war, gab es doch genügend Grund für ihr Erstaunen, denn als Coldwell alle Lumpen aufgewickelt hatte, fand er drei große Diamantringe, von denen der geringste mindestens einen Wert von hundert Pfund hatte. »Wissen Sie etwas über diese Ringe, Dawlish?« »Nein, ich bin kein Dieb und Einbrecher«, sagte Peter in seinem alten, zuversichtlichen Ton. »Dieser Spezialberuf ist nicht mein Fall, außerdem sieht dieser kleine Fund ganz so aus, als ob er von einem sehr alten Einbruch herrührte.« Coldwell schaute auf die verstaubten Zeugstücke. Als er nur die Ecke eines Lumpens umdrehte, kam eine Staubwolke hervor. »Können Sie etwas darüber aussagen, Mrs. Inglethorne?« Sie schüttelte den Kopf. »Sie wissen auch nichts von der Pistole?« Die Frau war wie gelähmt vor Schrecken. Ihr Gesicht war aschgrau geworden, als sie die ungeheure Bedeutung des Fundes erkannte. Monat für Monat hatten diese Ringe also hier gelegen, die wenigstens fünfhundert Pfund wert waren. Es war der Ertrag einer kleinen Unternehmung ihres letzten Mieters, und sie hatte nichts davon gewußt. »Ich habe sie niemals gesehen«, erklärte Mrs. Inglethorne. »Diese Stelle ist schon früher als Versteck benutzt worden.« Mr. Coldwell legte die Pistole und die Ringe auf den Fichtentisch nieder, dann betrachtete er den Revolver genau und notierte die Fabrikmarke und die Nummer. Nachdem er das Magazin herausgenommen und die Patronen aus der Kammer entfernt hatte, roch er an dem Lauf. »Die Waffe ist erst kürzlich abgefeuert worden – sie riecht noch nach Kordit. Gehört die Waffe Ihnen, Dawlish?« »Nein, ich habe sie noch nie gesehen.« »Hm ...« Der Inspektor setzte sich genau auf dieselbe Stelle des Bettes, wo Leslie am Abend vorher Platz genommen hatte, und schaute sich nach Mrs. Inglethorne um, die aber verschwunden war. »Es hat Ihnen niemand etwas von dem Versteck erzählt?« »Nein.« »Hallo, Elisabeth«, rief Leslie plötzlich. Das schmächtige Kind stand auf dem Gang und lächelte die hübsche Dame, von der es jetzt immer träumte, scheu an. Sie flüsterte etwas, das Leslie nicht verstehen konnte. Sie ging deshalb näher zu ihr hin, nahm ihr dünnes Händchen und küßte ihre blassen Wangen. »Tee?« sagte sie lachend. »Nein, mein Liebling, wir können jetzt keinen Tee trinken. Es war aber sehr nett und lieb von dir, daß du wieder heraufgekommen bist.« Elisabeths Augen waren auf die Tischplatte gerichtet, und Leslie sah, daß sie sich fürchtete. »Was hast du denn?« »Das ist die große Schießwaffe«, flüsterte das Kind. »Die Mutter hatte sie heute morgen, und ich bekam solche Angst.« Coldwell, der sehr gute Ohren hatte, hörte es. »Mein Liebling, deine Mutter hatte diese Waffe heute morgen?« fragte er freundlich. »Wo hatte sie sie denn?« »In der Küche. Ein Herr kam und ließ sie zurück. Es war ein kleiner Herr mit einem gelben Gesicht. Die Mutter brachte sie in die Küche und sagte, daß wir alle umgebracht werden sollten.« Aber plötzlich legte sie die Hand auf den Mund und stieß einen Schreckensruf aus. Denn jetzt erst erinnerte sie sich an das, was ihr die Mutter eingeprägt hatte. Coldwell ging aus dem Zimmer hinaus und rief mit seiner lauten Stimme nach Mrs. Inglethorne. Es dauerte aber sehr lange, bis sie ihm antwortete, und als er dann ihre zitternde Stimme hörte, vermutete er, daß sie einen Teil seiner Unterhaltung mit dem Kind belauscht hatte. »Kommen Sie herauf«, sagte er kurz, und Mrs. Inglethorne gehorchte zögernd. »Diese Pistole ist heute morgen in Ihr Haus gebracht worden. Wer hat sie Ihnen gegeben?« Die Frau war entsetzt und blickte ratlos von einem zum andern. »Ein Herr hat sie hierhergebracht«, erwiderte sie schließlich. »Er sagte, sie gehörte Mr. Dawlish – ich sollte sie unter das Brett in dem Fußboden legen – es ist kein Wort gelogen, mein Herr, selbst wenn ich hier auf der Stelle sterben sollte!« Coldwell betrachtete eingehend ihr aufgedunsenes Gesicht. »Sie haben mir doch vorhin gesagt, daß Sie die Pistole nie vorher gesehen hätten. Wer hat sie geschickt?« »Das weiß ich nicht, mein Herr. Ich habe den Mann noch niemals in meinem Leben gesehen – und wenn ich hier auf der Stelle sterben sollte!« »Reden Sie doch nicht solchen Unsinn!« fuhr Coldwell grimmig auf. »Und wenn Sie jetzt nicht die Wahrheit sagen, werde ich Sie sehr schnell verhaften!« Aber sie blieb bei ihrer Erzählung und schwur hoch und heilig, daß sie nichts von der Pistole wüßte und daß ein fremder Herr sie hergebracht habe. Sie dachte, er sei ein Freund von Peter Dawlish. Zu Leslie Maughans größtem Erstaunen schien Coldwell die Geschichte für wahr zu halten und nichts Unrechtes darin zu finden, daß die Waffe unter dem Fußboden verborgen war. »Sie haben recht töricht gehandelt, Mrs. Inglethorne. Wenn das nächstemal ein fremder Mensch zu Ihnen kommt und Sie darum bittet, Feuerwaffen in dem Zimmer Ihres Untermieters zu verbergen, dann täten Sie besser daran, die Polizei zu benachrichtigen.« Er steckte die Pistole in seine Tasche und schaute sich nach Elisabeth um, aber das Kind war verschwunden. »Durch diese Aussagen sind Sie entlastet, Dawlish«, sagte er, »wenigstens für den Augenblick. An Ihrer Stelle würde ich mir den ganzen Raum genau ansehen und prüfen, ob hier nicht noch mehr Verstecke vorhanden sind, in denen man gestohlenes Gut unterbringen kann.« Er hatte noch eine kurze Unterredung mit dem Polizeikommissar des Reviers und ging dann mit Leslie zu dem Wagen zurück. »Sie haben die Frau sehr glimpflich behandelt, Mr. Coldwell.« Er sah sie schnell von der Seite an. »Ich habe mich niemals damit abgegeben, kleine Fische zu fangen, besonders nicht dann, wenn große Hechte in der Nähe sind. Und es ist der große Hecht, hinter dem ich her bin. Aber es sollte mich wundern, wenn mich diese kleinen Fische nicht auf seine Spur brächten.« »Glauben Sie den Aussagen von Peter Dawlish?« Er nickte, als er ihr behilflich war, in den Wagen zu steigen. Nachdem der Wagenschlag geschlossen war, sagte er ihr seine Meinung. »Der Detektiv, der die Wohnung von Peter Dawlish vorige Nacht durchsuchte, hat das lose Brett und die Öffnung darunter gefunden. Es wäre leicht möglich gewesen, daß ihm die Diamantringe entgangen wären, aber unter keinen Umständen hätte er die Pistole unbeachtet lassen können. Deshalb wußte ich von vornherein, daß die Waffe absichtlich dorthin gelegt worden war. Es blieb die Möglichkeit offen, daß Peter sie selbst dorthin gebracht hatte, aber die Wahrscheinlichkeit sprach gegen diese Theorie. Das Kind hat die Wahrheit erzählt. Der kleine, gelbgesichtige Mann war vielleicht einer der drei Kerle, die Peter Dawlish angegriffen haben.« Leslie hörte nun zum erstenmal von diesem merkwürdigen Vorfall, der sich in der Severall Street ereignet hatte. Mr. Coldwell gab etwas nervös zu, daß der Fall sich so entwickelt hatte, daß er ihn nicht mehr durchschauen konnte. »Wir haben eine Frau, die sich als Mann verkleidet hat, und zwar wenigstens während der letzten fünfzehn Jahre. Man hat sie tot aufgefunden – mit einem kostbaren Smaragd in der Hand, der nach einer rohen Schätzung mindestens tausend Pfund wert ist. Sie wurde aus allernächster Nähe mit einer Pistole erschossen, die ich in meiner Tasche habe –« Leslie war bestürzt. »Das ist doch nicht Ihr Ernst?« »Doch – ich würde sogar ein ganzes Monatsgehalt darauf wetten, daß ich recht habe. Sie glauben, ein Mörder wäre ganz von Sinnen, die Waffe, mit der er die Tat beging, der Polizei in die Hände zu spielen, da er doch wissen muß, daß jede Pistole eine Nummer hat und man feststellen kann, wo und wann sie gekauft wurde – es sei denn, daß der Kauf in Belgien vorgenommen wurde, was ich für das Wahrscheinlichste halte. Sie haben Druze nicht mehr gesehen, nachdem sie aufgefunden wurde? Ich würde Ihnen auch sehr davon abraten. Alle Details, die sie betreffen, sind ja zu Protokoll genommen, und Sie können sie dort einsehen. An dem unteren Teil ihres rechten Daumens, auf der Rückseite der Hand, zeigte sich eine große, schwarze Wunde, die von verbranntem Pulver herrührt. Diese Verletzung fiel mir sofort in die Augen, als ich die Leiche untersuchte.« »Wie mag sie dazu gekommen sein?« »Sie selbst hat eine Pistole abgefeuert – und zwar fünf- oder sechsmal in schneller Aufeinanderfolge. Dabei entstand diese Verbrennung. Ein Schuß hätte die kleine Brandwunde nicht verursachen können, es mußten mindestens fünf gewesen sein. Sehen Sie hierher.« Er zeigte ihr seine eigene Hand, auf der eine entzündete, rote Stelle zu sehen war, die außerdem schwach schwarz gefärbt war. »Ich habe heute morgen eine Pistole abgeschossen, um zu sehen, was die Folgen sein würden, und ich habe genau dieselbe Brandwunde wie Druze bekommen. Es ist eine Vermutung, Leslie, aber ich nehme an, daß Miss oder Mrs. Druze in Selbstverteidigung getötet wurde. Sie hat mit der Schießerei begonnen und ist dabei umgekommen.« Leslie hörte atemlos zu. »Wo ist wohl die andere Leiche?« fragte sie schnell. Er starrte sie an. »Die andere Leiche?« »Sie hat doch sicher jemand getötet«, erwiderte Leslie rasch. »Getötet oder schwer verwundet. Eine Frau wie Druze trug keine Waffe bei sich, ohne sie auch gebrauchen zu können. Und wenn sie mit der Pistole umzugehen verstand und zuerst feuerte, dann ist zum mindesten jemand schwer verletzt.« Mr. Coldwell nahm seinen Hut ab und strich sich über die Stirn. »Das war die nächstliegende und ganz natürliche Schlußfolgerung – und ich habe sie nicht gezogen. Warum ich das nicht tat, weiß ich wirklich nicht. Lassen Sie mich die Lage einmal überdenken.« Sie fuhren schweigend zusammen nach Scotland Yard. »Ich bin mit meiner Überlegung noch nicht zu Ende«, sagte er enttäuscht, als er hinter ihr aus dem Wagen stieg und den Chauffeur bezahlte. In der Eingangshalle stand ein bärtiger Mann, der das Aussehen eines Arztes hatte. Er sprach mit dem wachhabenden Beamten, der ihm Mr. Coldwell zeigte. Der Herr ging auf den Chefinspektor zu, als er eintrat. »Sind Sie Mr. Coldwell? Mein Name ist Simmson – Dr. Simmson. Ich wohne in der Marylebone Road.« »Nun, Herr Doktor?« fragte Coldwell höflich. »Womit kann ich Ihnen dienen?« »Einer meiner Freunde hat mir geraten, nach Scotland Yard zu gehen und einen merkwürdigen Umstand zu berichten«, sagte der Arzt etwas schüchtern. »Ich habe dergleichen früher nie getan und weiß nicht recht, wie ich beginnen soll. Ich habe nämlich eine Patientin mit einer Schußwunde, und ich bin mit ihrer Erklärung, wie sie diese Verletzung erhalten hat, nicht zufrieden. Die Wunde ist zwar nur leicht ...« Coldwell hörte gespannt zu. »Es ist nur eine Fleischwunde. Keine Arterie ist verletzt. Ich glaube fast, daß es eine Indiskretion gegen meine Patientin ist –« »Wie heißt sie denn?« »Mrs. Greta Gurden.« 11 Greta Gurden hatte eine Wohnung im ersten Stockwerk eines Hauses in Portman Crescent. Sie war reichlich phantastisch ausgeschmückt und wies alle möglichen Stilarten auf, nur von ihrem eigenen Geschmack verriet sie nichts. Mrs. Gurden schlief in einer roten Lackbettstelle, die mit goldenen Teufelchen verziert war. Dieses Prunkstück hatte sie vor Jahren auf dem Trödelmarkt in der Nähe der Caledonian Road erstanden und hatte die schadhaften Stellen mit eigener Hand ausgebessert. Für eine alleinstehende Frau ist das Leben meistens eine Tragödie. Im Hintergrunde figurierte bei ihr immer ein sagenhafter Ehemann, aber er hatte sie entweder böswillig verlassen, oder er war in einer Irrenanstalt. Auf keinen Fall waren Gretas Erklärungen zufriedenstellend. Sie gehörte auch zu jenen Menschen, die ein für ihre Verhältnisse viel zu großartiges Auftreten haben. Von Beruf war sie Journalistin – sie gab ein Skandalblatt heraus, das den Titel trug ›Was man sich in Mayfair erzählt‹. Dieses Blatt erschien nur in einer verhältnismäßig geringen Auflage und nahm Gretas Zeit eigentlich sehr wenig in Anspruch. Es war sicherlich nicht im Interesse des Blattes, daß sie vortäuschte, ein Leben von ausgelassener Fröhlichkeit zu führen. Gelegentlich tauchte sie in den exquisitesten Nachtklubs auf, häufiger allerdings in weniger seriösen Lokalen derselben Art. Ihre Besuche richteten sich ganz nach den Mitteln und dem Geschmack des Herrn, der sie ausführte. Sie hatte eine große Anzahl von Bekannten und Freunden, denen sie imponierte, weil sie immer sensationelle Klatschgeschichten wußte. Junge Leute luden sie zum Mittag- oder Abendessen, manchmal auch zum Tanz ein. Herren in mittlerem Alter, Familienväter, denen sie Hoffnungen und Avancen machte, die niemals erfüllt wurden, nahmen sie in weniger teure Vergnügungslokale mit. Auch Damen, die gern Zutritt in die vornehme Gesellschaff von Mayfair gehabt hätten, suchten ihre Bekanntschaft zu machen, da sie fälschlicherweise voraussetzten, daß Greta in den vornehmsten Kreisen verkehrte. Die Zeitung ›Was man sich in Mayfair erzählt‹ gehörte Anita Bellini. Es war ein Unternehmen, das sich nicht bezahlt machte. Diese Tatsache unterstrich die Prinzessin immer gebührend, wenn Mrs. Greta Gurden jeden Freitag bei ihr erschien, um ihr wöchentliches Gehalt abzuholen, das ihr einziges regelmäßiges Einkommen bildete. Anita Bellini war in anderer Weise sehr nett zu ihr, gelegentlich wurde sie von ihr zum Abendessen eingeladen und erhielt abgelegte Kleider. Anita nahm sie auch zu Nachmittagskonzerten mit und beschäftigte sie als eine Art unbezahlte Sekretärin. Manchmal hatte Greta auch unverhofftes Glück, denn sie verdiente zuweilen hier und dort eine Summe von fünfzig Pfund für irgendeine Gefälligkeit oder einen Dienst, den sie erwiesen hatte. Sie hatte auch immer Verwendung für das Geld, einmal mußte sie neuartige Vorhänge und Gardinen kaufen, ein andermal ein ausgefallenes chinesisches Schränkchen oder ein Möbel, das jedenfalls so aussah, dann eine elfenbeingeschnitzte Madonna, die natürlich die Kopie eines berühmten Stückes war. Greta Gurden hatte eine merkwürdige Leidenschaft, nur wertloses Zeug aufzuhäufen. Ihr Speisezimmer war vollgestopft mit imitierten Schnitzereien, japanischen, indischen und persischen Kettenpanzern, die in Birmingham gemacht worden waren, und Benaresbronzen, die aus derselben industriereichen Stadt stammten. An der Wand stand ein altertümliches Spinett, das zugleich als Büfett und als Abstellplatz für imitierte Bristol-Kristalle diente. Sogar ein paar Geweihe hatte sie über der Tür aufgehängt und erzählte ihren ehrfürchtig lauschenden Besuchern, daß sie den Zwölfender selbst geschossen hatte, als sie in dem kleinen Jagdschloß des Herzogs von Blank in Inverneßshire zu Gast war. Sie hatte nur eine Aufwartefrau, die am Vormittag putzte und am Nachmittag Dienstmädchen und Kammerzofe spielte. Und nur dieser Frau gegenüber gab sich Greta so, wie sie wirklich war. Mrs. Gurden lag nun mit einem verbundenen Bein zu Bett und war eine ungeduldige und schwierige Patientin. Die Furcht packte sie immer noch, wenn sie an ihren Unfall dachte, außerdem hatte sie Angst vor Blutvergiftung und anderen Folgeerscheinungen. Sie ärgerte sich über die ihr aufgezwungene Untätigkeit und war mit der ganzen Welt im allgemeinen und im besonderen unzufrieden. Aber ihre täglichen Pflichten gegen sich selbst vernachlässigte sie keineswegs. Ihr Gesicht war fast vollständig unter einer Schlammpackung verborgen, durch die sie die lästigen Altersrunzeln vertreiben wollte. Nur ihre beiden dunklen Augen leuchteten unter der grauen Maske hervor. Sie trug Handschuhe, um ihre mit Creme eingeriebenen Hände zu schützen. Sprechen konnte sie kaum, weil ihre Wangen von dem Schlamm bedeckt waren. Im Augenblick hatte sie obendrein noch einen weiteren Grund, sich aufzuregen. »Sagen Sie ihr, daß ich sie nicht empfangen kann und will – sie soll um zwölf Uhr wiederkommen.« »Sie ist aber von Scotland Yard.« »Das ist mir ganz gleich, ich will sie nicht empfangen.« Die Aufwartefrau verschwand folgsam in den Vorraum. Greta hörte Stimmengemurmel, und nach einer Weile kam die Frau zurück. »Sie sagt, sie will warten, bis Sie fertig sind. Sie möchte erfahren, wie Sie Ihr Bein verletzt haben.« Greta wurde plötzlich von panischem Schrecken erfaßt. »Bringen Sie mir heißes Wasser –« Es dauerte ziemlich lange, bis alle die Packungen und Schönheitsmittel entfernt waren. Dann war wohlriechende Creme notwendig, um die Haut wieder einzureiben, und schließlich mußte sie sich noch pudern. Leslie Maughan hatte gelegentlich durch die Tür blicken können, wenn die Aufwartefrau durchging, und das hatte ihr den Grund der Verspätung enthüllt. Sie wartete geduldig, denn sie hatte Mitleid mit den Frauen, die den vergeblichen Kampf gegen das Altern unentwegt aufnahmen. Als sie schließlich eingelassen wurde, sah Greta wie gewöhnlich blühend und hübsch aus. »Wie liebenswürdig und freundlich von Ihnen, mich zu besuchen – direkt süß! Ich hoffte schon immer, daß ich noch einmal Gelegenheit haben würde, Sie wiederzusehen. Die Prinzessin ist so schwierig, nicht wahr? Ich hätte so gern ein wenig mit Ihnen geplaudert, als ich Sie das letztemal traf. Ich bewundere Sie aufrichtig. Wollen Sie nicht Platz nehmen? Ja, denken Sie, ich hatte einen schrecklichen Unglücksfall, ich reinigte nämlich die Pistole meines Mannes und dabei ging plötzlich ein Schuß los – aber glücklicherweise ist es nur eine Fleischwunde, es ist kein Knochen verletzt.« »Wo hat sich denn der Unfall zugetragen?« Greta wollte schon sagen »Hier«, aber sie besann sich noch eines Besseren. »In einem kleinen Landhaus, in dem ich mein Wochenende zubrachte. Es gibt doch so unachtsame Leute. Wie kann man bloß eine Pistole geladen aufbewahren. Ich wäre beinahe vor Furcht gestorben!« »Was für ein Landhaus war das denn?« Greta runzelte die Stirn. »Wie war doch gleich der Name des Platzes? Ich kenne die Leute nicht sehr gut ... Das Haus liegt irgendwo in Berkshire.« »War Ihr Mann auch dort, Mrs. Gurden?« »Hm – nein, aber er war früher dort, und sein Gepäck stand noch da. Ich kramte darin herum und fand seine Pistole. Sie sah so schrecklich vernachlässigt und schmutzig aus, daß ich sie reinigen wollte.« »Wer ist denn außer Ihnen noch verletzt worden?« fragte Leslie ruhig. Greta sah sie schnell und argwöhnisch von der Seite an. »Niemand – Gott sei Dank!« »Ereignete sich dies vor oder nach Druzes Ermordung?« Greta setzte sich im Bett aufrecht und starrte Leslie an. »Tot?« fragte sie heiser. »Druze ist doch nicht tot? Das kann nicht wahr sein!« »Doch, Druze ist tot. Sie wurde in der vorigen Nacht am Barnes Common aufgefunden – sie ist erschossen worden!« »Sie?« Greta runzelte die Stirn. »Vom wem sprechen Sie denn? Ich sprach doch von Druze.« »Ich auch. Druze war eine Frau. Das wissen Sie doch!« Greta sah sie mit weit aufgerissenen Augen verstört an, und Leslie erkannte, daß Greta Gurden nicht in dieses Geheimnis eingeweiht war. »Eine Frau – großer Gott!« Greta sank erschöpft in die Kissen zurück und schaute zur Decke empor. Hätte Leslie nicht das unruhige Flattern ihrer Augenlider bemerkt, so hätte sie gedacht, sie sei ohnmächtig geworden. Aber plötzlich begann sie wieder zu reden. »Ich kann Ihnen weiter nichts erzählen. Ich habe mich selbst durch einen unglücklichen Zufall ins Bein geschossen. Ich weiß nichts von Druze – wirklich nicht. Wie käme ich auch dazu? Ich war auf dem Land, als das geschah. Mehr kann ich nicht sagen, und mehr will ich auch nicht sagen.« Die letzten Worte stieß sie leidenschaftlich hervor, sie schrie beinahe. Leslie sah ein, daß es unter diesen Umständen zwecklos war, sie weiter auszufragen. Die Frau war so bestürzt, daß Leslie gezögert hätte, weiter in sie zu dringen, auch wenn sie nicht eine Patientin gewesen wäre, der ein zu scharfes Verhör eventuell hätte schaden können. »Ich werde später kommen, wenn es Ihnen bessergeht, Mrs. Gurden.« Greta antwortete nicht. Als Leslie die Straße entlangfuhr, begegnete ihr ein großer Rolls-Royce, und sie sah einen Augenblick lang Prinzessin Bellini. Nun tat es ihr leid, daß sie so bald gegangen war. Es wäre doch besser gewesen, wenn sie unter dem einen oder anderen Vorwand ihren Besuch verlängert und die Begegnung der beiden Frauen beobachtet hätte. * Anita Bellini stieg die Treppe empor und ging in das Krankenzimmer, ohne anzuklopfen. Sie schickte die Aufwartefrau fort, die an ihr hochfahrendes Benehmen schon gewöhnt war und schweigend hinausging. »War Miss Maughan hier?« Anita kniff die Augen zusammen, als sie das eingefallene Gesicht Gretas sah. »Ich sehe, daß sie hier war«, sagte sie böse. »Weshalb ist sie hergekommen?« Greta erhob sich auf die Ellbogen und legte ein Kissen unter, um sich zu stützen. Sie zitterte aber so sehr und war so schwach, daß sie mit einem Seufzer wieder zurücksank. »Sie wollte wissen, wie ich verwundet wurde.« »Was haben Sie ihr darauf gesagt?« fragte die Prinzessin ungeduldig. »Um Himmels willen, nehmen Sie sich doch zusammen! Woher wußte sie denn überhaupt, daß Sie verwundet waren? Haben Sie etwa den Zeitungen eine Nachricht hierüber zugeschickt?« »Ich weiß nicht, wie sie es erfahren hat, aber auf jeden Fall wußte sie es. Ich habe ihr erzählt, daß sich plötzlich ein Schuß löste, als ich die Pistole meines Mannes reinigen wollte. – Anita, ist es wahr?« »Was soll denn wahr sein?« »Ist Druze wirklich tot?« »Ja.« »Und es stimmt, daß sie eine Frau war.« »Ich dachte, das wüßten Sie. Natürlich war sie eine Frau.« »Mein Gott – wie entsetzlich!« Anita sah sie kalt an. »Haben Sie ihr noch mehr gesagt? Man kann sich tatsächlich nicht auf Sie verlassen. Ich hätte allerdings auch nicht erwartet, daß dieser kleine Teufel herausbringen würde, daß Sie verwundet sind. Wahrscheinlich hat der Doktor geplaudert. Ich werde Ihnen etwas Geld geben. Sie sehen entsetzlich aus – das wissen Sie doch? Sie haben sich nicht gut gehalten, Greta. Alle Cremes der Welt werden die Ringe unter Ihren Augen nicht wegbringen. Sie werden eben alt.« Die Röte, die in Greta Gurdens Gesicht kam und ging, war echt. Wut blitzte aus ihren Augen, denn Anita hatte sie an ihrem wundesten Punkt getroffen. »Sie sind natürlich nicht fähig, sich um die Zeitung zu kümmern. Im Frühling gehe ich nach Capri. Die neue Villa ist gekauft – es ist wohl das beste, ich nehme Sie mit. Die Zeitung werde ich einstellen. Sie ist ja sowieso in letzter Zeit vollständig nutzlos. Wenn Sie nur einen Funken Begabung hätten, Greta, so hätten Sie etwas daraus machen können. – Sind Sie auch sicher, daß Sie dieser Detektivin weiter nichts gesagt haben?« »Ich habe ihr weiter nichts mitgeteilt«, entgegnete Greta, die ihre Selbstbeherrschung allmählich wiedererlangte. »Was ist denn das?« Anita war vor einem großen Schreibtisch stehengeblieben, öffnete ihn und betrachtete eine Anzahl Briefe, die sorgfältig in einzelne Bündel zusammengebunden waren. »Sind dies meine Schriftstücke, die Sie ordnen sollten?« »Ja.« Die Prinzessin nahm einen der Briefe aus einem Paket, las etwas darin und steckte ihn zurück. »Das meiste kann verbrannt werden. Haben Sie kein wichtiges Dokument darunter gefunden?« »Nein – nichts.« Gretas Stimme klang sonderbar. »Was ist denn mit Ihnen los?« Nun brach sich plötzlich der lang aufgespeicherte Groll Gretas Bahn. Sie schluchzte vor Wut, und ihre Worte waren kaum zu verstehen. »Sie behandeln mich, als ob ich ein Dienstbote wäre – so von oben herunter! Ich hasse diese gemeine Art, wie Sie mit mir verkehren! Ich bin nicht Ihr Hund. Ich habe Ihnen nun schon seit zwölf Jahren wie eine Sklavin gedient! Ich lasse mich nicht so behandeln – das ertrage ich nicht mehr! Ich will lieber im Rinnstein verhungern! Ich werde jetzt alt – ich weiß es nur zu gut. Aber Sie brauchen mir das nicht ins Gesicht zu schleudern! Sie sprechen immer über mein Aussehen. Wenn Sie mir nichts Angenehmeres sagen können, dann schweigen Sie lieber! Ich habe das satt!« »Benehmen Sie sich doch nicht so einfältig!« herrschte die Prinzessin sie an. »Sie sind nervös und hysterisch! Denken Sie doch gefälligst an Ihre Zukunft. Die wird nicht besser dadurch, daß Sie mir Vorwürfe machen. Gehen Sie doch zurück zur Bühne, wo Sie als Statistin tätig waren!« »Das ist das Gemeinste, was Sie sagen können«, fuhr Greta auf. »Sie sind einfach schrecklich! Ich werde keinen Finger mehr für Sie rühren –« Sie begann zu weinen, aber Anita Bellini tat nichts, um sie zu beruhigen. Sie wußte von früheren Gelegenheiten her, daß sie in ein oder zwei Stunden einen reuevollen Brief von ihr erhalten würde, in dem sie um Verzeihung bat. Greta revoltierte ja nicht zum erstenmal. Aber sie hatte sich noch jedesmal wieder vor ihr gebeugt. Mit dieser Überzeugung verließ die Prinzessin schlechtgelaunt Gretas Wohnung. Als ihr Wagen aus der engen Straße herausgefahren war, dachte sie schon nicht mehr an Greta, denn sie hatte andere, weit wichtigere Dinge zu überlegen. Leslie Maughan konnte ihrem Vorgesetzten nur sehr wenig berichten, aber er schien dadurch nicht enttäuscht zu sein. »Wir werden sie eine Weile in Ruhe lassen. Wenn man diese Leute zu sehr plagt, verschaffen sie sich ein unwiderlegliches Alibi, und das ist das Schlimmste.« Er schaute auf die Koffer, die in der Ecke des Zimmers standen. »Es wäre ganz gut, wenn wir sie einmal durchsuchten. Ich werde meine Sekretärin hereinrufen, damit sie eine Liste von dem Inhalt macht. Sie können ihr ja diktieren.« Er klingelte, und die junge Dame, die Leslie Maughans Stellung nach deren Beförderung eingenommen hatte, trat ein. Coldwell bückte sich zu dem ersten der Koffer und schloß ihn auf. Leslie nahm eine Menge abgenutzter Kleider heraus. Aber erst als sie auf ein Paket neuer Herrenanzüge stieß, wurde ein kleines Geheimnis enthüllt. Sie waren halb fertig, die einzelnen Teile nur geheftet. Einer mußte jedoch passen, denn er war halb genäht, und eine kleine Nährolle in einer Seitentasche des Koffers erklärte, wie Druze die Peinlichkeit einer Anprobe beim Schneider umgangen hatte. Sie konnte offenbar sehr gut nähen, denn das halbfertige Kleidungsstück war sehr ordentlich im Schnitt. Es fand sich jedoch weiter nichts, das irgendwelches Licht auf das Rätsel ihres Todes geworfen hätte. Der zweite Koffer barg jedoch eine Überraschung, denn er enthielt Damenkleider. »Sie wollte in Amerika ihre Verkleidung also aufgeben«, schloß Leslie daraus, und Mr. Coldwell stimmte zu. Schließlich war auch der dritte Koffer ganz leer, ohne daß sich der geringste Anhaltspunkt ergeben hätte. »Es ist auch noch ein Handkoffer da, wir entdeckten ihn erst heute morgen. Er war im Waterloo-Bahnhof zur Gepäckaufbewahrung gegeben«, sagte Coldwell. Er öffnete eine Kommode, nahm einen Reisekoffer aus Krokodilleder heraus und stellte ihn auf den Tisch. Er war verschlossen, aber zu solchen Koffern paßt ja jeder Schlüssel, und bei dem zweiten Versuch konnte er ihn schon öffnen. Hier fand Leslie Gegenstände, die man auf eine Reise mitzunehmen pflegt: ein Reisenecessaire, Seife, einen kleinen Schmuckkasten mit einer goldenen Uhr und Kette, eine brillantenbesetzte Armbanduhr und eine kleine längliche Brillantbrosche. Ein seidener Morgenrock, ein Paar leichte Pantoffeln und einiges andere ergänzte den Inhalt. »Hier ist auch nichts«, meinte Leslie enttäuscht. Sie ließ ihre Hand noch an dem seidenen Innenfutter des Morgenrocks entlanggleiten und hielt plötzlich an, als sie ein dünnes, längliches Päckchen fühlte. Sie holte Coldwells Schere vom Schreibtisch, schnitt die Seide auf und zog einen Umschlag heraus. Er war verschlossen und trug keine Aufschrift. Sie riß ihn auf und zog ein längliches Dokument heraus. Es war ein Heiratsschein, ausgestellt von dem Reverend H. Kermitz in Elfield, Connecticut. »Großer Gott!« rief Coldwell bestürzt, der über Leslies Schulter mitgelesen hatte. Einen Augenblick lang verschwammen die Buchstaben vor Leslies Augen, aber dann standen sie klar vor ihr. Dieses amtliche Schriftstück bezeugte, daß Peter James Dawlish in heiliger Ehe mit Jane Winifred Hood verbunden wurde – und Hood war Lady Raythams Mädchenname! Sie las es noch einmal durch und reichte dann das Blatt Mr. Coldwell. »Dann waren sie also verheiratet«, sagte sie gleichmütig. »Das war der Punkt, über den ich mir noch nicht klar war.« 12 Peter Dawlish fiel es sehr schwer, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren, obwohl sie rein mechanisch war. Von Zeit zu Zeit hielt er inne und hing seinen Gedanken nach, die unvermeidlich zu einem grauen Gebäude am Themseufer wanderten, zu einem Büro, das irgendwo in dem dunklen Innern dieses Hauses lag. Ein junges Mädchen saß dort hinter einem Schreibtisch – deutlich konnte er ihr Gesicht vor sich sehen. Dann nahm er wieder seufzend seine Feder auf und machte sich Vorwürfe wegen dieser unnützen, törichten Träumereien. Weit besser wäre es für ihn, dachte er, seine Gedanken zu den öden Mooren und den schrecklichen Gefängnissen in der Talsenke schweifen zu lassen, wenn er sich nicht auf seine Arbeit konzentrieren konnte. Er sollte an den höhnischen Steinbogen denken, durch den er so oft mit schweren Stiefeln gewandert war, oder an den Gefängniswärter mit dem großen, blonden Vollbart, der an dem eisernen Gittertor stand und die Gefangenen zählte, wenn sie hinaus- und hineingingen; an den langen Flügel, in dem die gewölbeähnlichen Zellen lagen, und an die Bettdecken mit dem karierten Muster. Er sollte sich an das Sumpfland erinnern, von dem die Gefangenen stets bis auf die Haut durchnäßt von der schweren Arbeit zur Mahlzeit zurückkehrten. Das scheunenartige, große Waschhaus, die verlassenen stillen Strafzellen, der von Rissen zerfurchte Asphaltboden, auf dem die Gefangenen am Sonntagmorgen im Kreise umherwanderten, sollten vor seinem Geiste stehen. Es waren häßliche Dinge, aber sie waren doch tatsächliche Vergangenheit. Und es war viel besser, daran zu denken, als Luftschlösser zu bauen und immer die schlanke Gestalt eines hübschen Mädchens, ihre dunklen Augen und ihre roten Lippen vor sich zu sehen. Er war in der Adressenliste bei dem Buchstaben S angekommen. Er schrieb jetzt die Simpsons, Sims und Sinclairs. Seine Beschäftigung wurde nicht gerade sehr glänzend bezahlt, denn sein Arbeitgeber war ein Buchmacher von zweifelhafter Ehrlichkeit, aber Peter hatte immerhin einen Vorschuß bekommen, und man hatte ihm mehr Arbeit versprochen. Energisch hatte er alle Gedanken an seine Mutter unterdrückt, selbst im Gefängnis von Dartmoor hatte er nicht an sie gedacht. Wenn er sich überhaupt an etwas erinnerte, so höchstens an den Brief, den er an dem Tag seiner Verurteilung erhalten hatte. Sein Vater war in jener Woche gestorben, er war seit Monaten kränklich gewesen und hatte niemals die Schande seines Sohnes erfahren. Dieser Gedanke hatte Peter aufrechterhalten, bevor er diesen letzten Brief seiner Mutter erhielt, in dem sie ihm mitteilte, daß der alte Donald Dawlish in einer klaren Stunde, in der er das Bewußtsein wiedererlangt hatte, den Namen seines Sohnes aus seinem Testament gestrichen hatte. So verließ Peter die Anklagebank mit Bitterkeit im Herzen, denn dieser letzten Handlung seines Vaters gegenüber bedeutete die Verurteilung zu sieben Jahren Gefängnis nichts. Um sechs Uhr brachte Elisabeth den Tee. Sie war ungewöhnlich still und schweigsam, und als er eine kleine Unterhaltung mit ihr beginnen wollte, zeigte sie sich so verschüchtert, daß er nicht weiter in sie drang. Er ging eine Stunde aus und schlenderte in den Straßen umher. Als er zurückkehrte, öffnete er die Haustür mit einem Schlüssel, den ihm seine Wirtin gegeben hatte. Er erinnerte sich jetzt, daß er Mrs. Inglethorne seit dem Besuch der Polizei nicht mehr gesehen hatte. Er ging die Treppe hinauf, knipste in seinem Zimmer das Licht an, legte eine Papiertüte mit Keks vor sich auf den Tisch, die er unterwegs gekauft hatte, und setzte sich dann wieder an seine Arbeit. Es schlug acht Uhr, als er hörte, daß ein Auto vor der Tür hielt. Er trat an das Fenster, zog die Vorhänge beiseite und schaute hinunter. Es war zu dunkel, um den Besucher erkennen zu können, aber sein Herz schlug höher bei dem Gedanken, daß es vielleicht Leslie Maughan sein könnte. Er öffnete die Tür seiner Stube und wartete. Nach einigen Sekunden hörte er Mrs. Inglethornes mürrische Stimme. »Eine Dame will Sie sprechen, Mr. Dawlish.« »Wollen Sie sie bitten, nach oben zu kommen?« Er ging in sein Zimmer zurück. Die Schritte auf der Treppe waren langsamer und schwerer als die Leslies. Und dann trat eine Frau ein, die er am wenigsten erwartet hatte – seine Mutter. Ihre kalten Blicke wanderten von ihm zu dem Tisch, der mit Kuverts bedeckt war. »Passende Arbeit für den Sohn eines vornehmen Mannes«, sagte sie mit harter Stimme. »Ich habe schon schlechtere Arbeit gehabt«, erwiderte er kühl. Sie schloß die Tür hinter sich, als ob sie etwas von Mrs. Inglethornes angeborener Neugierde geahnt hätte. »Ich hatte nicht gedacht, daß ich dich noch einmal wiedersehen würde.« Sie lehnte mit einer Handbewegung den Stuhl ab, den er ihr hinschob. »Nachdem ich mir aber die ganze Sache eingehend überlegt habe, bin ich zu dem Entschluß gekommen, etwas für dich zu tun. Ich habe die Absicht, im Westen Kanadas eine kleine Farm für dich zu kaufen und mit allen nötigen Gerätschaften und mit Vieh zu versehen, und ich werde dir eine kleine Jahresrente aussetzen, von der du leben kannst, wenn die Farm nicht gehen sollte, wie ja vorauszusehen ist. Du kannst am Sonnabend nächster Woche nach Quebec abfahren, ich habe schon ein Billett zweiter Klasse für dich gebucht.« Als er sprechen wollte, schnitt sie ihm die Worte kurz ab. »Ich wünsche keinen Dank. Ich werde mich nur wohler fühlen, wenn du außer Landes bist. Du hast den Namen deines Vaters mit ewiger Schande bedeckt, und ich möchte nicht dauernd an diese Tatsache erinnert werden.« Sie machte eine Pause. »Deine Annahme war falsch, wenn du dachtest, ich wollte dir danken«, erwiderte er ruhig. »Denn erstens habe ich überhaupt nicht die Absicht, deine Wohltat anzunehmen, und zweitens fühle ich mich nicht zum Farmer geeignet, weder in Kanada noch in England.« »Ich habe aber deine Passage schon bezahlt«, sagte sie entschieden. »Dann wird also im letzten Augenblick ein leeres Bett in einer Kabine billig abgegeben werden«, meinte Peter halb lächelnd. Sie schaute sich verächtlich in dem Raum um, und wieder schweiften ihre Blicke über den Tisch. »Du verschwendest also deine Kräfte lieber auf diese nutzlose Arbeit?« »Daß es nutzlose Arbeit ist, gebe ich gern zu, aber sie ist trotzdem unendlich viel anregender als Schuhe flicken oder Gefangenenwäsche zu waschen, was doch in der letzten Zeit meine Beschäftigung war. Ich erwarte nichts von dir, Mutter. Aus irgendeinem Grund, den ich niemals ganz verstanden habe, hast du mich von meiner Kindheit an gehaßt. Ich will dir nicht den Vorwurf machen, daß du unnatürlich bist. Du hast ja stets unter dem Druck Anita Bellinis gehandelt, solange ich denken kann.« »Wie darfst du das behaupten?« fuhr sie wütend und ärgerlich auf. »Was willst du damit sagen, daß ich unter dem Druck von Anita Bellini gestanden habe?« »Ich weiß nur, daß Anita Bellini jede gute Regung in allen Frauen erstickt hat, die irgendwie mit ihr in Berührung gekommen sind. Sie ist ein Teufel. Woher es kommt, daß sie Macht über dich hat, mag Gott wissen. Es war wirklich gerade genug, daß sie mich der einzigen Wohltat beraubte, auf die jedermann ein Recht hat – der Mutterliebe. Ich gebe zu, daß das reichlich sentimental klingt, aber es hat doch eine ganz eigenartige Bewandtnis damit.« »Du hast alles so gehabt, wie du es verdient hast«, unterbrach sie ihn hart. »Ich bin nicht hierhergekommen, um mit dir über meine Pflichten zu sprechen. Wenn du lieber nach Australien gehen möchtest statt nach Kanada –« »Ich ziehe es vor, hier in Lambeth zu bleiben«, sagte er. Sie zuckte leicht mit den Schultern. »Du hast dir selbst dein Bett gemacht und mußt damit zufrieden sein. Ich habe alles getan, was menschenmöglich ist, mehr als man erwarten konnte. Wenn man bedenkt, wie du mich erniedrigt und meinen Namen in den Schmutz gezogen hast –« »Meines Vaters Namen«, verbesserte er sie. Diese Bemerkung hatte zu seiner größten Verwunderung eine außergewöhnliche Wirkung auf sie. Ihr Gesicht rötete sich, und die Linien um ihren Mund wurden noch härter. »Deines Vaters Name ist auch der meine.« Ihre Stimme klang rauh. Peter hatte sie noch nie so aufgeregt gesehen. »Ich will dir zwanzigtausend Pfund geben, wenn du das Land verläßt, das ist mein letzter Vorschlag.« »Ich werde niemals Geld von dir annehmen.« Er ging zur Tür, öffnete sie, und sie ging hinaus, ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen. Warum war sie wohl gekommen? Peter verschwendete eine kostbare halbe Stunde damit, sich den Kopf über ihre sonderbare Handlungsweise zu zerbrechen. Er hatte nur die Wahrheit gesprochen, als er vorhin sagte, daß sie seit seiner Kindheit eine direkte Feindschaft gegen ihn an den Tag gelegt hatte. Als er älter geworden war, hatte ihm diese Tatsache mehr zu denken gegeben als irgendeine andere Erfahrung seines Lebens. War sie nur seine Gegnerin? Nein, sie haßte ihn! Und sein Vater wußte das. Obwohl er ihre Feindseligkeit niemals offen erwähnt hatte, war er doch stets bemüht gewesen, ihm all die Liebe zuzuwenden, die ihm die Mutter versagte. Während des Krieges hatte er mit seinem Vater Briefe gewechselt; sein Vater war es, der ihn vom Bahnhof abgeholt hatte, als er auf Urlaub von Frankreich kam. Sein Vater war jeden Tag im Lazarett erschienen und hatte an seinem Bett gesessen, als er verwundet war. Und als Peter dann aus dem Heeresdienst entlassen wurde, war es der alte Donald Dawlish, der den Sekretärposten für ihn gefunden hatte. Donald Dawlish wünschte, daß sein Sohn eine große politische Karriere machen sollte. Peter nahm seinen Federhalter wieder auf und versuchte, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren und die traurige Vergangenheit zu vergessen. Es war Mitternacht, als er Schluß machte und seine verkrampften Finger rieb. Er öffnete das Fenster, um den Zigarettenrauch hinauszulassen, dann aß er ein Stück Keks und dachte nach. Allmählich wurden seine Blicke wieder fröhlicher, und seine Gedanken waren wieder bei Leslie Maughan. Plötzlich hörte er unsichere Schritte auf dem Gehsteig. Sie hielten vor der Haustür an, die gleich darauf geöffnet wurde. Mrs. Inglethorne ging manchmal abends aus und kam dann auch mit ähnlichem Gang nach Hause. Die Tür wurde wieder zugeworfen, und er hörte, wie sie unten mit sich selbst sprach. Gewöhnlich blieb sie abends allerdings daheim und empfing die merkwürdigsten Besuche, die in unregelmäßigen Zwischenräumen kamen. Immer klopften sie einmal mit dem Türklopfer und einmal mit der flachen Hand an die Tür. Sie trugen meistens ein größeres oder kleineres Paket unter dem Arm. Dann folgte eine leise Unterhaltung unten im Gang, es wurde Geld aufgezählt, seltener raschelten Banknoten, und dann entfernten sich die Fremden wieder ohne ihre Pakete. Dies alles sah Peter wohl, aber er wollte es nicht sehen. Im Gefängnis hatte er gelernt, die Augen zuzudrücken, und er hatte Leslie Maughan noch nichts von den heimlichen Besuchen der Frauen und Männer erzählt, die sich die Severall Street entlangschlichen, wenn die Polizeipatrouillen weit weg waren. Leslie Maughan! Er lächelte bei dem Gedanken an sie und noch mehr über seine eigene Träumerei. Welche Schranken trennten sie voneinander! Es waren unüberwindliche Schwierigkeiten und Hindernisse, die viel größer waren als der Gegensatz von Scotland Yard und dem Gefängnis von Dartmoor! Es war schlimmer als Wahnsinn, an sie zu denken – Ein lauter, angstvoller Schrei ließ ihn auffahren. Im nächsten Augenblick war er an der Tür und riß sie auf. Nun hörte er deutlich das Sausen und Klatschen einer Peitsche und die erschütternden Hilferufe. Er stürzte die Treppe im Dunkeln hinunter und klopfte an die Tür von Mrs. Inglethornes Zimmer. Von drinnen kam ein jammervolles, herzzerreißendes Schluchzen. »Wer ist da?« fragte die Frau argwöhnisch. »Machen Sie, daß Sie fortkommen und kümmern Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten!« »öffnen Sie die Tür, oder ich breche sie mit Gewalt auf!« rief Peter zornig. »Ich rufe die Polizei, wenn Sie mich nicht in Ruhe lassen!« Statt einer Antwort warf sich Peter mit der ganzen Wucht seines Körpers gegen die schwache Tür. Das Schloß brach krachend auf, und er stand in dem dumpfen Schlafzimmer. Elisabeth lag zusammengekauert auf einem ärmlichen Feldbett, nur mit ihrem verwaschenen Nachthemd bekleidet. Sie hatte den Kopf in die Arme vergraben, und ein heftiges Schluchzen schüttelte ihren zarten Körper. Mrs. Inglethorne stand mit rotem, zornigem Gesicht am Fußende der eisernen Bettstelle. Mit der einen Hand hielt sie sich an dem Pfosten fest, in der anderen hatte sie eine alte Hundepeitsche. »Ich will ihr schon beibringen, mich anzuschwärzen«, sagte sie mit belegter Stimme. »Nach allem, was ich für sie getan habe!« Es befand sich noch ein anderes Mädchen im Zimmer, das ungefähr in demselben Alter war wie Elisabeth. Sie lag in dem großen Bett, das Mrs. Inglethorne selbst benützte, und schien so an die Wutausbrüche der Frau gewöhnt zu sein, daß sie ruhig blieb. »Wo ist dein Mantel, Elisabeth?« fragte Peter freundlich. Das Kind schaute ihn aus verschwollenen Augen an und blickte dann furchtsam auf die Mutter. »Was wollen Sie tun?« fragte Mrs. Inglethorne unsicher. »Sie wird diese Nacht in meinem Zimmer schlafen«, erwiderte Peter. »Morgen werde ich weiter für sie sorgen. Und wenn Sie irgendwie Schwierigkeiten machen, hole ich die Polizei.« Mrs. Inglethorne lachte laut auf. »Tun Sie das doch!« kreischte sie mit schriller Stimme. »Das gefällt mir! Ein alter Sträfling, der nach der Polizei schickt! Auf Sie wird man ja gerade hören!« »Ich glaube schon, daß man auf mich hören wird. Die Polizei wird schon deshalb herkommen, um einmal zu untersuchen, warum der Raum im oberen Stockwerk, der nach hinten liegt, nicht als Schlafzimmer benutzt wird. Warum ist der denn immer verschlossen? Und warum gehen Sie nur hinein, wenn Sie Ihre heimlichen Besuche empfangen?« Mrs. Inglethorne lachte nicht mehr. »Meinetwegen können Sie soviel gestohlenes Gut kaufen wie Sie nur wollen, aber ich dulde unter keinen Umständen, daß Sie dieses Kind schlagen, solange ich hier wohne. Und wenn ich von hier fortziehe, werde ich dafür sorgen, daß sie anderswo gut untergebracht wird.« Das Gesicht der Frau war von Furcht entstellt. »Ich weiß nicht, was Sie wollen!« rief sie aufgeregt. »Wenn Sie sagen, daß ich Hehlerei treibe, dann lügen Sie!« »Nun, dann will ich die Polizei rufen, damit sie die Sache hier in Ordnung bringt.« Diese Drohung brachte sie zur Vernunft. »Ich brauche keine Polizei im Haus! Das Ding hat mich geärgert, und es ist doch eine Unverschämtheit, wenn man eine Mutter nicht einmal ihr ungezogenes Kind schlagen läßt. Wenn sie oben in dem Zimmer schlafen will, kann sie das tun, aber hier unten ist besser für sie gesorgt, Mr. Dawlish. Sie haben doch oben nicht die mindeste Bequemlichkeit für sie.« »Nun gut, geh wieder zu Bett, Elisabeth.« Er deckte sie mit der dünnen Decke zu und nahm, ohne ein Wort zu verlieren, den dicken Mantel von Mrs. Inglethorne und legte ihn noch darüber. »Schlafe jetzt schön«, sagte er noch, lächelte ihr zu und strich über ihren Kopf und ihre Wangen. Für die Nacht war sie jedenfalls sicher. Was am Morgen geschehen würde, hing ganz davon ab, wie Leslie Maughan den Plan beurteilte, den er eben gefaßt hatte und der immer bestimmtere Formen annahm, je länger er darüber nachdachte. Mrs. Inglethorne war eine Hehlerin, sie kaufte gestohlenes Gut. Er war zu lange mit Verbrechern zusammengewesen, um sich nicht hierüber klar zu sein. Als er eines Tages neugierig durch das Schlüsselloch geschaut hatte, waren auch seine letzten Zweifel in dieser Beziehung zerstreut worden. Er ging zu Bett und war fest entschlossen, Leslie bei der ersten Gelegenheit aufzusuchen und mit ihr zu sprechen. Aber nicht nur um Elisabeths willen freute ihn dieser Gedanke. Als er am nächsten Morgen in ihrer Wohnung in der Charing Cross Road ankam, erkannte ihn Lucretia nicht wieder und schimpfte, als er den Wunsch äußerte, Leslie zu sprechen. Sie betrachtete ihn und schüttelte den Kopf. »Es geht nicht, daß Sie Miss Maughan hier sprechen. Es ist besser, Sie suchen sie in Scotland Yard auf. Sie ist jetzt zu sehr beschäftigt.« »Wer ist denn da, Lucretia?« Leslie beugte sich über das Treppengeländer, sie konnte den Besucher nicht sehen, aber sie hörte den abweisenden Ton in der Stimme des Mädchens. »Ein junger Mann möchte Sie sprechen, Miss. Wie heißen Sie doch wieder? Dawlish.« »Ach, Sie sind es, Peter Dawlish? Kommen Sie bitte herauf.« Peter eilte die Stufen hinauf, die unterdrückten Proteste Lucretias folgten ihm. »Es ist Zeit zum Frühstücken. Wie geht es denn mit Ihren Adressen?« »Sie sind schon stark zusammengeschmolzen, die Arbeit nähert sich dem Ende.« Es kam ihm zum Bewußtsein, daß ihr Ton sich fast unmerklich geändert hatte. Sie war nicht ernster, aber es schien eine sonderbare Lustlosigkeit von ihr Besitz ergriffen zu haben, als ob sie aufs äußerste ermüdet wäre. Es kostete sie eine gewisse Mühe, zu sprechen, und sie sah erschöpft aus. Er sah das sofort, als er eintrat, und er machte auch eine Bemerkung darüber. »Ich bin fast die halbe Nacht aufgeblieben«, gab sie zu. »Ich habe mich in einem kalten Garten aufgehalten und eine ältere Dame beobachtet, die den ganzen Boden mit einer elektrischen Taschenlampe absuchte. Das klingt doch geheimnisvoll?« »Direkt romantisch – wo war denn das?« »In Wimbledon.« Sie sprach aber nicht weiter darüber. »Warum kommen Sie denn heute früh zu einer so ungewöhnlichen Stunde nach West-London?« Ihre ernsten Augen sahen ihn unentwegt an, und es lag etwas wie ein Vorwurf in ihrem Blick als ob er sie irgendwie verletzt hätte. Er war bestürzt und fühlte, daß er in ihrer Achtung gesunken und daß sie in irgendeiner Beziehung über ihn enttäuscht war. Dieser Eindruck war so stark, daß ihr Blick ihm fast unerträglich wurde. Sie schaute plötzlich auf die Tischplatte, als hätte sie das wahrgenommen. »Es ist eigentlich ein nutzloses Unternehmen – eine phantastische und wahrscheinlich unmögliche Hoffnung hat mich hierhergebracht.« Und dann erzählte er, was sich in der Nacht zugetragen und wie herzlos Mrs. Inglethorne die kleine Elisabeth geschlagen hatte. »Die Frau ist eine Hehlerin«, fuhr er fort, »aber nur im Kleinen. Soviel ich beobachtet habe, sind ihre Spezialitäten Pelze und Textilien.« Leslie wußte schon verschiedenes über Hehler und ihr Gewerbe, aber Peter berichtete ihr nun, was er in Dartmoor über Leute erfahren hatte, die vorher die Läden, die beraubt werden sollten, besuchten und die Beute taxierten, in manchen Fällen sogar die Ware bezahlten, bevor sie gestohlen war. Er sprach von gerissenen Männern und Frauen, die an den Schaufenstern der Juweliere standen und mit einem Blick den Wert der zu stehlenden Gegenstände abschätzten, von sogenannten ›toten‹ Läden, die nachts nur verschlossen wurden und deren Besitzer nicht in demselben Gebäude wohnten, und von ›lebendigen‹ Läden, die nachts entweder von einem Wachmann oder von dem Inhaber und seiner Familie beschützt wurden. »Ich möchte die Sache nicht zur Anzeige bringen – ich meine die Hehlerei, aber das Kind ist in schlechten Händen. Die anderen Kleinen bekommen ja auch ab und zu ihre Prügel – aber Elisabeth wird dauernd geschlagen.« »Was wünschen Sie denn, das ich tun soll?« fragte sie und schaute ihn wieder an. »Ich weiß nicht.« Er war etwas verlegen. »Ich hatte die kühne Hoffnung, daß Sie vielleicht imstande wären, etwas für sie zu finden – oder sie unterzubringen.« »Meinen Sie, daß ich sie unter meine Fürsorge nehmen sollte?« Sie lächelte ihn an. »Ja, das meine ich«, sagte er, nachdem er kurze Zeit überlegt hatte. »Es klingt phantastisch und fast unmöglich, aber Elisabeth ist mir ans Herz gewachsen. Vielleicht ist es meine eigene unglückliche Kindheit, die mir ihre traurige Lage besonders drückend erscheinen läßt.« »Ich werde Ihre Sorgen zerstreuen können. Ich hatte nämlich selbst diese Möglichkeit in Betracht gezogen. Tatsächlich habe ich gestern mit Lucretia darüber gesprochen, bevor ich zum Essen ausging, und sie war ganz begeistert von dem Plan. Ich habe noch ein Zimmer hier, das ich nicht benutze, und Elisabeth könnte ja in die Katholische Schule am Leicester Square gehen. Wir müssen nur noch Mrs. Inglethornes Einwilligung haben.« »Sie müßte eigentlich uns bitten«, meinte er grimmig. »Wenn es sich darum handelt, anderen Leuten zu helfen, so können Sie sehr energisch, ja leidenschaftlich werden. Ich wünschte nur, Sie würden ein wenig bestimmter in Ihrem eigenen Falle sein.« »Bin ich denn das nicht?« »Nein, das kann man nicht gerade behaupten. Warum suchen Sie denn Ihre Mutter nicht auf?« »Sie hat mir die Mühe erspart und ist gestern abend selbst zu mir gekommen.« »Ihre Mutter ist in die Severall Street gekommen?« fragte sie erstaunt. »War es denn ein – angenehmes Wiedersehen?« »Es war eine gezwungene Unterhaltung – wie gewöhnlich. Sie versuchte, mir eine Vorliebe für Landwirtschaft, obendrein noch in Kanada, einzureden. Kanada gefällt mir – man braucht ja nur ein paar Tage dort zu sein, um dieses Land liebzugewinnen. Aber die Aussicht, Kühe in Saskatchewan zu melken, sagt mir nicht zu.« »Sie will, daß Sie außer Landes gehen?« Er zuckte die Schultern. »Ihrer Meinung nach ist wohl nicht genug Raum für uns beide in London.« Leslie dachte einen Augenblick nach. »Hat Ihnen denn Ihr Vater nicht etwas Geld hinterlassen?« »Er hat mich enterbt – ich habe nicht einmal den sogenannten Pflichtteil erhalten.« Die Gleichgültigkeit seines Tones schien ihr angenommen zu sein, denn Coldwell hatte ihr erzählt, wie sehr Peter seinen Vater verehrt und geliebt hatte. »Er hat sein Testament in der letzten Stunde geändert – am Tag vor meiner Verurteilung ... Mein lieber, alter Vater! Ich erhebe nicht den geringsten Vorwurf gegen ihn. Wie könnte ich auch? Er war der beste Vater, der jemals lebte.« Leslie rauchte selten, aber jetzt nahm sie eine Zigarette aus ihrer Handtasche und steckte sie an, ohne ihn anzusehen. Und während er in den nächsten Minuten darüber sprach, wie er sich das Adressieren der Kuverts einteilte und wie er sich die Zukunft vorstellte, schien sie sich mehr für den blauen Rauch zu interessieren, der von ihrer Zigarette ausging, als für seine Worte. Sie legte die Zigarette fort. »Sie haben ein böses Schicksal, Peter Dawlish, sowohl als Sohn, wie auch als – Gatte!« Er blieb stumm. »Sie sind wirklich sehr unglücklich!« fuhr sie niedergedrückt fort. »Sie müssen unter einer Unglückskonstellation geboren sein. Ich bitte Sie nicht um Ihr Vertrauen – Sie würden mir gram sein, wenn ich das täte.« »Woher wußten Sie es?« fragte er plötzlich. Sie seufzte tief. »Erst gestern habe ich Gewißheit darüber erhalten. Ich hatte es allerdings schon lange vermutet – seitdem ich meine Ferien einmal in Cumberland verbrachte und dort einen kleinen Band mit Gedichten von Elizabeth Barrett Browning fand, der eine Widmung in freien Versen auf dem Vorsatzblatt trug. Ich entdeckte, daß die Anfangsbuchstaben der Zeilen, von unten nach oben gelesen, die Worte ›Jane Hood‹ ergaben. Aber ich wußte noch nicht sicher, ob Sie tatsächlich mit ihr verheiratet waren. Ich konnte in Somerset House keine Akten darüber finden.« »Wir heirateten in Amerika.« »Das weiß ich jetzt. Aber warum?« »Jane war sehr unglücklich zu Hause, ihre Verwandten waren verkommene Leute. Der Vater unterhielt eine Spielhölle und ihre Mutter –« Er zuckte die Schultern. »Ich verliebte mich in sie. Wenn ich vernünftig gewesen wäre, hätte ich meinen Vater ins Vertrauen gezogen, und aller Wahrscheinlichkeit nach wäre die Sache gut ausgelaufen. Aber ich erfuhr, daß er Janes Verwandte kannte und auch wußte, wie heruntergekommen sie waren. So gingen wir beide nach Amerika und wurden in einer kleinen Stadt im Staate Connecticut getraut. Wahrscheinlich wissen Sie das auch. Ihr Vater war ein geborener Amerikaner. Vom ersten Tag zeigte sich, daß unsere Ehe ein unglückseliger Irrtum war. Jane glaubte, ich sei unendlich reich. Aber ich mußte sogar ihren Schmuck versetzen, um wieder nach Hause zu kommen, und es gab eine schreckliche Szene, als wir in Liverpool landeten. Wir waren beide sehr aufgeregt und kamen überein, uns zu trennen. Ich ging zu Lord Everreeds Haus zurück und wurde dort von den Detektiven in Empfang genommen, die mich schon am Bahnhof erwartet hatten. Seitdem habe ich Jane weder gesehen noch gesprochen.« »Hat sie sich denn von Ihnen scheiden lassen?« »Das weiß ich nicht. Möglich wäre es schon, aber ich habe keine Benachrichtigung erhalten.« Leslie biß sich auf die Lippen. »Wenn sie es nicht getan hat – dann hat sie Bigamie begangen. Wissen Sie das?« »Ja, das ist mir klar«, sagte er kurz. »Das bedeutet so viel, daß ich mich nicht scheiden lassen kann, ohne sie zu verraten – und das bringe ich nicht übers Herz. Ich kann sie unmöglich dem Gefängnis überliefern.« Es folgte eine lange, peinliche Pause. »Ist das alles, was Sie mir zu sagen haben?« fragte sie. »Ich glaube, ich brauche Ihnen nicht mehr zu sagen«, erwiderte er ein wenig bitter. »Nein, das ist allerdings nicht nötig.« Sie steckte sich eine neue Zigarette an. Die Flamme des Streichholzes flackerte unruhig. »Sie sind wirklich sehr unglücklich, Peter Dawlish.« Sie blies das Streichholz sorgfältig aus. »Über Druze wissen Sie nichts – sonst hätten Sie es mir wohl erzählt. Wann hat Sie denn eigentlich Ihr Vater enterbt?« »Einen Tag bevor ich ins Gefängnis kam.« »Sagen Sie mir, Peter – Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich Sie so nenne? Ich fühle mich jetzt gerade wie Ihre Schwester – wie war das Verhältnis zwischen Ihrem Vater und Ihrer Mutter? War es herzlich?« »Nein, sie waren niemals herzlich zueinander, nur höflich.« Sie runzelte die Stirn und schaute ihn geistesabwesend an. »Haben Sie jemals die Prinzessin Bellini im Hause Ihres Vaters gesehen?« »Nur ein einziges Mal. Mein Vater mochte sie nicht –« »War sie nicht eine Art Tante von Ihnen?« unterbrach ihn Leslie. »Ich habe diesen Verwandtschaftsgrad eigentlich nie genau erforscht ... Ich nahm nur immer an, daß Prinzessin Bellinis Bruder die Schwester meiner Mutter heiratete.« Sie erhob sich plötzlich aus keinem ersichtlichen Grund. »Peter Dawlish«, sagte sie, und ihre Stimme zitterte ein wenig, obgleich sie sich den Anschein gab, als ob sie ihn necken oder mit ihm scherzen wollte, »wenn Sie ebenso begierig wären wie ich, alle Unklarheiten aufzudecken, dann wären Sie jetzt viel glücklicher.« »Was soll das heißen?« »Das werde ich Ihnen – eines Tages noch sagen. Nun wollen wir aber zur Gegenwart zurückkehren. Und das Wichtigste, worüber wir vorhin sprachen, war doch die arme kleine Elisabeth. Die einzige Schwierigkeit dabei ist Mrs. Inglethorne. Als eine liebevolle Mutter mag sie ja Einwendungen dagegen erheben, daß man ihr das Kind fortnimmt. Ich kann aber zunächst nicht das Druckmittel gegen sie anwenden, das Sie gebraucht haben. Wenn sie eine Hehlerin und damit eine Gesetzesübertreterin ist, so ist es meine Pflicht, Mr. Coldwell, Anzeige zu erstatten und sie zu verhaften. Wenn sie das Gesetz nicht verletzt hat, müssen wir sie von einer anderen Seite packen. Das klingt zunächst schrecklich geschäftlich. Ich glaube, am besten fahre ich einmal mit Ihnen nach Severall Street und spreche selbst mit Mrs. Inglethorne. Es ist ja möglich, daß sie vernünftig ist.« Sie fuhren mit einem Autobus zum Südende der Westminster-Brücke und gingen zusammen die York Road entlang. Gerade bevor sie Severall Street erreichten, sahen sie ein kleines Lastauto in die Hauptstraße einbiegen, und Leslie wandte sich mechanisch um, damit sie sich die Nummer merken konnte. Sie hatte eine Schwäche für Gedächtnisübungen und war stolz, fünfzig bis sechzig Autonummern im Kopf zu behalten und sie am Ende des Tages aufzuschreiben. Es war eine Übung, die Mr. Coldwell ihr beigebracht hatte. Als sie sich umschaute, hörte sie plötzlich einen schrillen Schrei. »Miss!« »Was war das?« fragte sie, aber Peter hatte nichts gehört. Sie erreichten das Haus, er öffnete die Tür und rief Mrs. Inglethorne. Aber nur eins der Kinder gab Antwort. »Die Mutter ist mit Elisabeth ausgegangen.« »Manchmal nahm die Frau das Kind mit, wenn sie zum Einkaufen ausging«, erklärte Peter. »Ich fürchte, die Sache wird sich etwas in die Länge ziehen, es ist möglich, daß sie stundenlang fortbleibt.« Er ließ sie einen Augenblick in dem Gang unten allein und eilte nach oben in sein Zimmer, um die Fotografie seines verstorbenen Vaters zu holen. Als er oben angekommen war, blieb er erstaunt stehen. Der geheimnisvolle Raum, der dem seinen gegenüberlag, stand weit offen, und er war leer. Mrs. Inglethorne hatte schnelle Arbeit getan und während seiner Abwesenheit alle Beweisstücke ihrer Schuld fortgeschafft. Peter ging in sein eigenes Zimmer und zog die Schublade des Tisches auf, in der er seine wenigen Habseligkeiten aufbewahrte. Er hatte gerade eine kleine Ledertasche herausgenommen, als er sah, daß etwas auf das Löschpapier geschrieben war ein paar Worte waren in einer Kinderhandschrift hingekritzelt. »Sie bringt mich weg. – Elisabeth.« Er riß das Stück der Schreibunterlage ab und ging zu Leslie hinunter. »Ich fürchtete, daß es so kommen würde«, sagte sie leise. »Erinnern Sie sich an den Ruf ›Miss‹, als wir an dem kleinen Lastauto vorbeikamen? Wo ist die nächste Telefonzelle?« »An der Straßenecke ist ein kleiner Laden, von dem aus Sie telefonieren können.« Leslie eilte mit Peter und wählte die Nummer von Mr. Coldwell. »Die Nummer des Wagens ist XY 63 369. Es unterliegt gar keinem Zweifel, daß der Wagen gestohlenes Gut enthält, aber mir liegt hauptsächlich an dem kleinen Mädchen.« »Ich werde den Wagen auftreiben lassen«, antwortete Coldwell. »Es ist möglich, daß wir ihn erst heute abend fassen, aber vielleicht haben wir auch schon eher Glück.« »Wo werden Sie von hier aus hingehen?« fragte Peter, als sie wieder auf der Straße standen. »Wir wollen in das Haus zurückgehen – ich möchte mir doch den Raum dort oben einmal ansehen.« »Sie hat alles mitgenommen.« »Aber Diebe, die es eilig haben, sind ziemlich nachlässig. Und vielleicht ist Mrs. Inglethorne doch nicht so schlau, wie sie sich einbildet.« Das Zimmer war offensichtlich geräumt worden, es standen nur noch ein langer Tisch und zwei Schränke darin, die zu beiden Seiten des verrosteten Kamins aufgestellt waren. Die Türen des einen Schrankes standen offen – er war leer bis auf einen kleinen Haufen Abfall und Gerümpel auf dem Boden; der zweite aber war verschlossen. Mit einem Tischmesser, das sie aus der Küche holte, öffnete Leslie das Schloß. Und hier entdeckte sie drei Stücke Seidenstoff, von denen eins sogar noch das Schild der Firma trug, von der es gestohlen war. »Diebe, die es eilig haben, sind nachlässig«, wiederholte sie, und ihre Augen leuchteten vor Eifer. »Es ist schließlich ganz gleich, ob Mrs. Inglethorne gefaßt wird, weil sie ein Schaf oder ein Lamm gestohlen hat, wenn sie nur richtig hinter Schloß und Riegel kommt!« Sie schickte Peter zur Polizeistation und ging selbst hinunter, um die Kinder auszufragen. Es war eine etwas verwahrloste kleine Gesellschaft, schlecht gekleidet, blaß und unterernährt aussehend. Nur ein Mädchen, das in Mrs. Inglethornes Abwesenheit die Aufsicht über die anderen führte, machte eine Ausnahme. Es war das Mädchen, das in dem Bett der Frau schlafen durfte, wie Leslie später erfuhr. Sie sah auch, ganz im Gegensatz zu den anderen Kindern, ihrer Mutter sehr ähnlich. »Sie haben nichts gefunden, nicht wahr?« sagte das Kind in feindlichem Ton. »Sie sind nicht früh genug gekommen, um meine Alte zu fassen!« Dann wandte es sich plötzlich zu den Kindern, die schweigend im Halbkreis herumstanden, und fuhr sie barsch an. »Macht, daß ihr auf den hinteren Hof kommt, dort könnt ihr spielen!« Leslies Herz empfand großes Mitleid, als sie diese armen, verkümmerten Kleinen sah. Sie hoffte, durch vorsichtiges Fragen zu entdecken, wohin Mrs. Inglethorne Elisabeth gebracht hatte, aber die fast außergewöhnliche Schlauheit dieses Mädchens setzte sie in Erstaunen. Peter kam gleich darauf mit einem Polizeiinspektor in Uniform und einem Detektiv in Zivilkleidern zurück. Sie sahen sich die Seidenrollen an und nahmen sie mit. »Ich muß Ihnen etwas mitteilen, was Sie persönlich ein wenig angeht«, sagte Leslie, als sie allein waren. »Die Kinder werden heute nachmittag noch zum Arbeitshaus abgeholt werden. Mrs. Inglethorne wird gleich nach ihrer Rückkehr verhaftet, so daß Sie dann allein in dem Haus bleiben.« »Das macht mir nichts aus«, erwiderte er lachend. Er begleitete sie noch bis zur Westminster-Brücke, und sie richtete eine merkwürdige Frage an ihn, als sie sich trennten. »Was würden Sie tun, wenn Sie eine halbe Million Pfund hätten?« Er sah sie erstaunt an. »Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Aber ich glaube, ich würde mich zuerst nach Amerika wenden, um festzustellen, ob ich tatsächlich und in aller Form geschieden bin.« »Wirklich?« fragte sie ein wenig kühl. »Ist denn das so notwendig – wenn Sie Jane Raythams Wohnung mit einem Autobus erreichen können?« Mit einem kurzen Kopfnicken verabschiedete sie sich. Peter kehrte in seine Wohnung zurück und fand es sehr schwer, seine Arbeit wieder aufzunehmen und seine Gedanken darauf zu richten. Er hatte kaum wieder zu schreiben begonnen, als Polizeibeamte in einem Omnibus kamen, um die Kinder mitzunehmen. Sie gingen auch fort, ohne sich im mindesten zu sträuben. Nur das Mädchen, das von Leslie ausgefragt worden war, machte eine Ausnahme. Um vier Uhr nachmittags kam Mrs. Inglethorne triumphierend nach Hause, und ohne vorher die Küche zu betreten, stieg sie gleich die Treppe hinauf und stand nun, die Arme in die Hüften gestemmt, vor ihrem Mieter. Ein selbstgefälliges Grinsen ging über ihr rotes Gesicht. »Nun, haben Sie die Polizei hergebracht? Was wollen Sie nun mit Elisabeth anfangen?« Als er nicht antwortete, drohte sie ihm mit der Faust. »Machen Sie, daß Sie von hier fortkommen, Sie Polizeispitzel! Ich werde Ihnen schon beibringen, mich auszuspionieren und anzuzeigen! Sie verlassen dieses Zimmer sofort, oder ich rufe die Polizei!« »Ich glaube, es ist besser, wenn ich hierbleibe«, meinte er in guter Laune. »So, Sie wollen hierbleiben?« Sie ging zur Tür und rief ihre Tochter Emma. Aber es kam keine Antwort. »Ich kann Ihnen viel Mühe ersparen, Mrs. Inglethorne.« Peter legte seine Feder nieder. »Die Polizei hat Ihre Kinder zum Arbeitshaus gebracht.« Sie taumelte gegen die Wand und starrte ihn mit offenem Mund an. »Warum?« stotterte sie. »Gewöhnlich bringt die Polizei die Kinder ins Arbeitshaus, wenn die Eltern verhaftet werden und keine anderen Verwandten da sind, die sich um sie kümmern können.« »Was, verhaftet?« schrie sie. Er zeigte mit dem Kopf zum Fenster. Sie wankte hin, zog den Vorhang zurück und schaute hinaus. Auf der anderen Seite der Straße standen zwei Männer, und der eine nickte ihr zu wie einem alten Freund. Sie erkannte den Detektivsergeanten, der ihren Mann verhaftet hatte. »Sie können mir nichts anhaben!« rief sie. »Sie dürfen mich nicht anfassen! Meine Aussage steht gegen die Ihre!« »Unglücklicherweise haben Sie ein paar Stücke Seide in dem Schrank zurückgelassen!« Mrs. Inglethorne war nahe am Zusammenbrechen, als die Polizeibeamten in das Haus kamen, um sie abzuholen. Das Lastauto hatte man verfolgen können. Der Chauffeur und der Mann, der ihn begleitete, waren zur nächsten Polizeistation gebracht worden, wo alle gestohlenen Waren aufgeschrieben wurden, um die Anklage vorzubereiten. Die beiden konnten oder wollten aber keine Auskunft über das Kind geben, und als Leslie zur Lambeth-Polizeistation kam, um Mrs. Inglethorne in ihrer Zelle zu befragen, hatte sie ebenfalls keinen Erfolg. »Versuchen Sie nur, sie zu finden«, höhnte die Frau. »Sie ist in guten Händen. Aber von mir werden Sie nichts erfahren. Wenn Sie sie haben wollen, so suchen Sie doch nach ihr! Mehr sage ich Ihnen nicht!« Leslie hatte Peter nicht mitgeteilt, daß sie noch in Lambeth zu tun hatte. Als sie nun die Severall Street entlangging, sah sie in dem oberen Fenster Licht und vermutete, daß er an der Arbeit saß. Ein Postbote klopfte unten an der Tür, und sie wartete einen Augenblick, bis geöffnet wurde, vermutlich von Peter. Sie wollte sich schon umwenden, um ein paar Worte mit ihm zu wechseln, und es kostete sie eine große Anstrengung, diese Versuchung zu überwinden. »Leslie Maughan«, sagte sie zu sich selbst, als sie die Stufen der Hungerford-Brücke emporstieg, »weißt du auch, was du tust? Soll ich es dir einmal in ganz nüchternen Worten sagen? Du läufst hinter einem verheirateten Mann her! Leslie, so etwas darf man nicht tun, auch nicht in der besten Gesellschaft!« Sie war ungewöhnlich müde und abgespannt, als sie schließlich in ihrer eigenen Wohnung ankam, und entschloß sich, ihre Absicht aufzugeben, Greta Gurden noch einmal zu besuchen. Am Nachmittag hatte eine Beratung in Scotland Yard stattgefunden, aber die Angelegenheit hatte sich noch nicht genügend entwickelt, um jetzt schon eine Hausdurchsuchung vorzunehmen. Nach einem einfachen Abendessen nahm Leslie den Brief heraus, den sie vor zwei Tagen erhalten hatte. Sie faltete ihn ganz auseinander und prüfte ihn sorgfältig. Die merkwürdige Geschichte, die sie las, war in der geschraubten, hochtrabenden Sprache eines älteren Landgeistlichen verfaßt, der mit Worten wie ›Primogenitur‹ prunkte und es notwendig fand, seinen Bericht mit Zitaten von Horaz und anderen römischen Dichtern zu schmücken. Der Schreiber war der Vikar eines kleinen Dorfes in Devonshire in der Nähe von Budleigh Salterton, und er hatte, wie er in einer phrasenreichen Einleitung schilderte, das Alter erreicht, das der Psalmist David den Menschen gibt. Er benötigte eine ganze Seite zu der Erklärung, wie es kam, daß er so alt geworden war, und verwendete dabei den lateinischen Ausdruck ›mens sana in corpore sano‹ zweimal. Er kannte die Familie Druze sehr gut – sie war schon seit mehreren hundert Jahren in seinem Dorf ansässig. Er selbst hatte Alice Mary Druze getauft, ebenso Annie Emily Druze und verschiedene andere Mitglieder der Familie, die er alle mit vollem Namen anführte. Er hatte lange in alten Kirchenbüchern nachgeforscht. Seit Generationen besaßen die Druzes ein kleines Bauerngut von ungefähr vierzig Morgen nicht allzuguten Bodens, das nach Dartmoor zu lag. Es war eine ›wilde‹ Familie mit einer schlechten Vergangenheit. An dieser Stelle gestattete sich der Geistliche eine Abschweifung und sprach in einer so ausgiebigen und erschöpfenden Weise über Vererbung, daß diese Abhandlung jedem Wissenschaftler Ehre gemacht hätte. Der alte Vater Druze war irrsinnig gewesen und war auch in diesem Geisteszustand gestorben. Sein Großvater hatte Selbstmord verübt (in dem Kirchenbuch war ein Bericht hierüber, ebenfalls eine Bemerkung, daß er an einem Kreuzweg in der Weise beerdigt worden sei, die man bei Leuten anwenden muß, die ihr Leben selbst beenden). Druzes Großmutter hatte auch eine schicksalsreiche Geschichte. Der Geistliche erwähnte sie als eine ›ehrenhafte Frau, die aber sehr zu Frohsinn und Fröhlichkeit neigte‹, und er fand es nötig, eine hundert Jahre alte Skandalgeschichte wieder aufzuwärmen, die sich damals in Widdicombe-Fair zugetragen hatte. Alice Druze war eine Analphabetin. Er hätte diese Tatsache dem Register der Pfarrschule entnommen. Annie dagegen war eine sehr fleißige Schülerin gewesen und zeigte überraschende Veranlagung und Fortschritte beim Studium der sogenannten toten Sprachen, so daß sie schnell eine gute Anstellung bei einem Mr. Watson in Exeter erhielt. Sie war ein frommes junges Mädchen, ging regelmäßig zum Abendmahl und heiratete schließlich einen Landwirt von gutem Charakter, der in der Nähe von Torquay wohnte. Leslie schrieb seinen Namen in ihr Notizbuch. Die dritte Tochter, Martha, war von besonderem Charakter, obwohl sie es in der Schule nicht sehr weit brachte. Der Geistliche berichtete sehr eingehend über sie, denn er hatte ihr eine Stellung besorgt. Zunächst hatte sie die Vorratskammer im Plymouth-Hospital zu betreuen, später wurde sie auf seine Empfehlung hin probeweise als Krankenschwester eingestellt. Sie sollte nach Südafrika gegangen sein und dort einen wohlhabenden Handwerker geheiratet haben. Als Leslie Druzes Spur bis zu diesem Dorf in Devonshire verfolgt hatte und ohne viel Hoffnung auf eine Antwort an den Geistlichen schrieb, hatte sie schwerlich einen so umfangreichen und gewissenhaften Bericht der Familiengeschichte erwartet. Er hatte sogar noch Fotografien von den Grabsteinen früherer Mitglieder der Familie Druze aus dem achtzehnten Jahrhundert mitgeschickt! Wenn sie dies schon früher gelesen hätte, dann wäre sie nicht durch die Entdeckung überrascht gewesen, daß ›Arthur Druze‹ in Wirklichkeit eine Frau war, denn offensichtlich hatte die jüngere Generation dieser Familie keine männlichen Mitglieder mehr mit Ausnahme des halb geisteskranken Vaters und eines entfernten Onkels, der aus irgendeinem Grunde den Namen Druze überhaupt nicht führte. Sie las den Bericht noch einmal sorgsam durch, nahm dann einen Atlas und ein Geographiebuch von dem Bücherregal und schloß schließlich den Brief und ihre Notizen in eine Schublade ein. Aber ihre Arbeit für heute abend war noch nicht beendet, obgleich sie todmüde war, denn sie hatte noch mehrere Briefe zu schreiben. Mr. Coldwell hatte ihr die Namen und Adressen von etwa einem Dutzend Leuten gegeben, bevor sie das Büro verlassen hatte, die ihr bei ihren Nachforschungen behilflich sein konnten. Um elf Uhr telefonierte man von Scotland Yard, daß über Elisabeth keine neuen Nachrichten eingetroffen waren. Mrs. Inglethorne, der eine lange Gefängnis- oder vielleicht Zuchthausstrafe sicher war, machte keine weiteren Angaben über das Kind. Sie sagte nur, daß Elisabeth zu ihren Tanten gegangen sei. Lucretia brachte ihrer Herrin Kaffee. Dieses alte Mädchen hatte sich im Lauf der Jahre angewöhnt, ihr Mißfallen hörbar zum Ausdruck zu bringen, und sie räusperte sich verschiedene Male, als sie eintrat. Schließlich löschte sie alle Lichter in dem Zimmer mit Ausnahme der Tischlampe. »Sie müssen jetzt zu Bett gehen«, sagte sie energisch. »Ich trage die Verantwortung für Sie, deshalb muß ich für Sie sorgen. Und wie ist das nun mit dem kleinen Mädchen, das zu uns kommen soll?« Leslie erhob sich steif von ihrem Schreibtisch, legte die Briefe zusammen und klebte Marken darauf. »Sie kommt heute abend noch nicht. Bringen Sie diese Briefe gleich zum Kasten, Lucretia. Ich warte auf Sie, bis Sie zurückkommen – dann können Sie zu Bett gehen.« Leslie hörte, wie sich die Tür unten öffnete, und erkannte an dem kalten Zug, der die Treppe heraufkam, daß Lucretia wie gewöhnlich die Tür offengelassen hatte, während sie zum Briefkasten ging, der sich etwas entfernt der Haustür befand. Es war meistens Lucretias Aufgabe, abends die Briefe noch fortzubringen. Leslie stand dann in der offenen Tür ihres Wohnzimmers, bis sie sich von der Rückkehr ihres Mädchens überzeugt hatte. Lucretia konnte erst eine halbe Minute fortgegangen sein, als sich die Haustür unten behutsam schloß. Leslie hörte das leise Geräusch. »Sind Sie das, Lucretia?« rief sie in die dunkle Diele hinunter. Sie erhielt keine Antwort. Ein kalter Schauer lief über ihren Rücken. Leslie Maughan war sonst nicht nervös. Ihr Amt und ihre lange Tätigkeit bei Coldwell hatten sie schon in manche unangenehme Lage gebracht. Mit Ausnahme ihrer großen Müdigkeit und Abgespanntheit war kein Grund für Nervosität vorhanden. Aber dieses Gefühl war doch noch etwas anderes als Unbehagen, das selbst Leute mit starken Nerven empfinden, wenn sie allein in einem Haus sind. Es erschien ihr wie eine Vorbedeutung, eine Warnung. Sie wußte, daß jemand unten in der Diele war, der keine Berechtigung dazu hatte. Sie ging in ihr Zimmer zurück, schloß ruhig die Tür und schob den Riegel vor. Dann schaltete sie wieder alle Lampen an, die Lucretia ausgedreht hatte, trat an das Fenster, zog die Vorhänge zurück und die Jalousie hoch. In der Charing Cross Road herrschte ein reger Verkehr. Es war ein klarer Abend, und in einiger Entfernung sah sie ein paar Polizisten die Straße entlangschlendern. Plötzlich erkannte sie auch Lucretia, die eilig zurückkam. Sie lief gleichzeitig mit den Polizisten unter dem Fenster vorbei. Leslie rief sie an, und sie schaute nach oben. »Sagen Sie den Polizisten, sie möchten in das Haus kommen. Hier ist der Schlüssel – fangen Sie ihn!« Einer der Beamten fing ihn geschickt auf. »Ist irgend etwas nicht in Ordnung, Miss Maughan?« fragte er, als er sie erkannte. »Ich glaube, es ist jemand in das Haus eingedrungen, während mein Mädchen zum Briefkasten ging. Sie haben doch die Tür aufgelassen, Lucretia?« »Jawohl, das habe ich getan«, gestand die aufgeregte Lucretia. »Ich vergaß, den Schlüssel mitzunehmen.« »Nun, dann schnell –«, begann sie. In dem Augenblick gingen alle Lichter im Zimmer aus. Leslie saß auf der Fensterbank und hatte die Beine nach draußen geschwungen. Sie beobachtete die Tür genau, die sie in dem Licht einer Straßenlaterne sehen konnte. Dann hörte sie einen leisen, knackenden Laut und sah, daß die Tür sich langsam öffnete. Der Riegel gab unter irgendeinem großen Druck nach. Von der Straße her wurde sie angerufen. »Die Haustür läßt sich nicht öffnen«, hörte sie die Stimme des Polizisten. »Können Sie mich auffangen?« Die beiden Beamten liefen zu dem Fenster und standen jetzt unter ihr. »Springen Sie!« Sie schaute noch einmal zurück. In diesem Augenblick flog die Tür mit einem Krachen auf, und sie hatte den Eindruck, als ob zwei kleine Gestalten in das Zimmer stürzten. Sie kletterte schnell aus dem Fenster, faßte die Fensterbank und sprang ab. Leslie Maughan machte gerade keine gute Figur, als sie unten ankam, aber im Augenblick war sie wenig daran interessiert und froh, daß sie davongekommen war. Das ungewöhnliche Ereignis hatte eine neugierige Menschenmenge angelockt, auch ein Polizeiinspektor erschien plötzlich auf der Bildfläche. Der Beamte wußte sich zu helfen. Kaum hatte er die Geschichte gehört, als er einen Autobus anhielt, die Passagiere aussteigen ließ und dem Chauffeur den Befehl gab, den Wagen dicht an das Haus heranzufahren und an dem Fenster anzuhalten. Einer der Polizisten konnte auf diese Weise die Fensterbank erreichen und kletterte hinein, der Inspektor folgte ihm. Man konnte nichts von einem Kampf vernehmen, den die aufgeregte Menge erwartet hatte. Ein paar Minuten später wurde unten die Tür aufgeriegelt. Leslie und die an allen Gliedern zitternde Lucretia traten in das Haus. Die Fenster auf dem ersten Treppenpodest standen weit offen. Eine Polizeipfeife schrillte in der Straße, und in kürzester Zeit war der ganze Häuserblock umzingelt. »Den Leitungsdraht haben sie nicht durchschnitten, soviel ich sehen kann«, sagte der Inspektor, der die Wand des Korridors mit seiner Taschenlampe ableuchtete. »Wo ist Ihre Schalttafel?« »In der Nähe der Tür.« Als man nachsuchte, fand man, daß sie vom Boden aus leicht erreicht werden konnte. Das Licht war einfach dadurch gelöscht worden, daß man eine Sicherung herausgenommen hatte. Sie wurde auf dem Boden gefunden und wieder eingesetzt. Mit Ausnahme der aufgesprengten Tür war kein Schaden verursacht worden. Wer auch immer die Eindringlinge gewesen sein mochten, sie hatten nicht Zeit genug gehabt, den Raum zu durchsuchen. Die Schubladen des Schreibtisches waren unberührt. »Sie hatten zu wenig Zeit«, erklärte der etwas verwirrte Inspektor. »Ich kann diese ganze Sache überhaupt nicht verstehen. Gewöhnliche Einbrecher hätten sich sofort aus dem Staube gemacht, wenn sie erkannt hätten, daß ihre Anwesenheit bemerkt worden war.« Eine halbe Stunde später, noch bevor die Polizeibeamten gegangen waren, kam Mr. Coldwell. Alle Dächer und Höfe in der Nachbarschaft waren schon abgesucht. Man hatte die Nachtwachleute alarmiert und aus ihrem heimlichen Schlaf aufgeschreckt. Ein kleines Heer von Polizeidetektiven hatte alle Fenster genau untersucht, durch die ein Entkommen möglich gewesen wäre, aber es wurde keine Spur von den Eindringlingen entdeckt. »Diese Unklarheit ist mir sehr unangenehm«, sagte Leslie. »Sie müssen jetzt eine Zeitlang anderswo Wohnung nehmen. Es ist besser, wenn Sie morgen alle Ihre Habseligkeiten samt Lucretia zu meinem Haus nach Hampstead senden«, erwiderte Coldwell. Fünf Minuten lang besprach er mit ihr leise alle Theorien und Vermutungen, die er hatte. »Ich glaube, es ist nicht nötig, einen Polizisten im Haus zu lassen«, meinte er schließlich. Ein kleiner Mann von gelber Gesichtsfarbe, der sich oben auf dem hohen Schrank in Leslies Zimmer geduckt hatte und der allgemeinen Durchsuchung dadurch entgangen war, daß er sich hinter der altmodischen Schnitzerei verbarg, die den Schrank krönte, atmete erleichtert auf. Er hörte, wie Mr. Coldwell die Treppe hinunterging. »Telefonieren Sie mir bitte, wenn Sie nervös werden sollten, Leslie – gute Nacht.« Coldwells Stimme klang aus der Diele herauf, die Tür wurde unten zugeschlagen – und der fremde Eindringling, der sehr gut Englisch verstand, lächelte verschlagen. Leslie ging gähnend in ihr Schlafzimmer, nahm all ihre Sachen, die sie für die Nacht brauchte, und verschwand in dem Baderaum. Der Mann oben auf dem Schrank hörte, wie das Wasser eingelassen wurde und wie sie dem furchtsamen Dienstmädchen gute Nacht wünschte. Dann wurde die Tür zu dem Schlafzimmer wieder geöffnet und geschlossen und das Licht ausgedreht. Die Bettstelle knackte, und nach einer Weile vernahm er regelmäßige, tiefe Atemzüge. Eine Stunde lang lag der kleine gelbe Mann unbeweglich und rührte keinen Muskel. Dann tastete er sich langsam vorwärts und untersuchte das hölzerne Gesimse des Schranks auf seine Stärke – er war zufrieden. Er griff nach einem langen, merkwürdig gekrümmten Messer, das er im Gürtel trug, fuhr mit dem Daumen vorsichtig über die Schneide, bevor er es zwischen die Zähne nahm, und kletterte dann mit der Gelenkigkeit einer Katze von dem Schrank herunter. Er landete geräuschlos auf dem dicken Teppich. Es herrschte tiefe Stille, nur die leisen Tritte seiner nackten Füße und das tiefe Atmen der Schläferin waren zu hören. Jetzt nahm er das Messer in seine rechte Hand – mit der linken fuhr er behutsam über das Kissen, bereit, sich sofort auf Leslie zu stürzen und ihren Schrei zu ersticken, bevor sie ihn ausstoßen konnte. Aber er fand keinen Kopf – das Bett war leer. Er richtete sich schnell wieder auf und wandte sich halb um, als er von hinten ein Geräusch hörte. Aber es war zu spät. Ein stahlharter Arm legte sich um seine Kehle, die Hand mit dem Messer wurde am Gelenk gepackt und so scharf umgedreht, daß die Waffe auf den Boden fiel. »Ich verhafte Sie!« sagte Coldwell. Er hob die kleine Gestalt ohne Schwierigkeit auf und streckte seine Hand aus, um das Licht anzudrehen. In diesem Augenblick erholte sich der Gefangene wieder. Mit erstaunlicher Kraft wandte er sich um, und Coldwell wurde gewahr, daß er einen Menschen in den Händen hatte, der die Geschmeidigkeit und Wildheit einer Katze besaß. Er fauchte, kratzte, stieß, biß ... Das Unerwartete dieses Angriffs brachte Coldwell einen Augenblick aus dem Gleichgewicht. Er holte mit seiner rechten Hand aus, um den Menschen niederzuschlagen, aber als ob er im Dunkeln hätte sehen können, wich der Einbrecher aus. Im nächsten Augenblick hatte er sich frei gemacht und floh durch die offene Tür. Coldwell folgte, aber es war schon zu spät. Mit einem kühnen Sprung brach der Mann durch die Fenstersprossen und -scheiben und kam unverletzt auf der Straße an. Ein Polizist wollte nach ihm greifen, aber der Verbrecher bückte sich, floh über die Straße und verschwand in einem Hof in der Nähe eines Theaters nach St. Martins Lane zu. »Ich habe ihn nicht einmal gesehen«, sagte Coldwell bitter, als er Leslie aus Lucretias Zimmer herbeirief. Sein Gesicht war zerkratzt, sein Kragen zerrissen. »Es war beinahe so, als ob ich einen jungen Tiger hätte einfangen wollen.« Leslie drehte alle Lichter an und betrachtete den Schaden. Der Mann mußte zuerst gegen das untere Fenster gesprungen sein, denn das obere war ganz unberührt. Aber bei dem unteren war auch kein Stückchen Glas in der Fassung geblieben, und die hölzernen Fenstersprossen waren vollständig zersplittert. »Ich habe schon von solchen kühnen Sprüngen gehört«, sagte Coldwell. »Ich habe sie auch schon auf der Bühne gesehen, aber noch niemals im täglichen Leben und bei so starken Fenstersprossen.« Leslie war noch vollkommen angekleidet. Sie hatte in Lucretias Zimmer gewartet; eine geladene Pistole auf dem Schoß, bis der Lärm des Kampfes sie zur Stelle gebracht hatte. Aber auch sie kam zu spät. Mr. Coldwell ging ins Schlafzimmer und kehrte mit dem merkwürdig geformten Messer zurück, das der Mann hatte fallen lassen. »Das ist irgendeine asiatische Waffe.« Er befühlte vorsichtig die Schneide. »Soviel ich sehen kann, ein malaiisches Messer.« Coldwell hatte auf einem Stuhl unmittelbar an der rechten Seite des Schrankes gesessen, aber erst nach einer genauen Untersuchung erkannte er, von welcher Seite aus der Einbrecher gekommen war. »Ich dachte, er würde durch das Fenster zurückkommen«, meinte er lächelnd. »Das ist doch eines der kuriosesten Dinge, die mir je passiert sind. Notieren Sie diesen Vorfall, Leslie. Wir schauen immer unter allen Möbeln nach, ob sich Verbrecher dort verborgen haben, aber wir schauen niemals nach oben. Und doch war der schlaueste Kerl, der jemals der Polizei entkommen ist, ein Kletterer, der sich vierzehn Tage lang oben auf einem hohen Schornstein verbarg. – Tragen Sie eigentlich Strumpfbänder, Leslie?« Sie mußte lachen. »Die Frage klingt etwas indiskret, und ich möchte nicht weiter darauf eingehen. Aber ich trage keine Strumpfbänder.« Coldwell blieb ganz ernst. »Ich wünschte, Sie würden es tun – mir zu Gefallen.« Er zog einen Gegenstand aus der Tasche, über den sie sehr erstaunt war. »Wünschen Sie wirklich, daß ich dieses Ding tragen soll?« Er nickte. »Es ist zwar etwas schwer, aber erfüllen Sie mir bitte diesen Wunsch.« Er bestand darauf, daß er die Nacht in ihrer Wohnung blieb, und um ganz sicherzugehen, stellte er auch einen Schutzmann in der Diele auf Posten. Als Leslie sehr früh am nächsten Morgen aus ihrem Badezimmer kam, fand sie ihn im Wohnzimmer. Er las die Morgenzeitung. »Es ist doch merkwürdig, wieviel man versäumt, wenn man ein paar Stunden von Scotland Yard fort ist«, sagte er gedehnt. Leslie war gespannt, denn wenn er so sprach, hatte er gewöhnlich etwas Sensationelles zu berichten. »Was haben wir denn versäumt?« Es war nicht nur Neugierde, die sie zu dieser Frage veranlaßte. Er schaute wieder in die Zeitung und nahm seine Brille ab. »Peter Dawlish ist in der letzten Nacht verhaftet worden.« Sie starrte ihn entsetzt an. »Verhaftet? Warum denn?« »Weil er gedroht hat, die Prinzessin Anita Bellini zu ermorden«, war die unerwartete Antwort. 13 Mrs. Greta Gurden gestattete sich selten den Luxus über Beleidigungen nachzudenken. Sie war nicht philosophisch veranlagt, und es war reine Notwendigkeit, daß sie alle kleinen und großen Unannehmlichkeiten übersah und sich nur mit vergnüglichen Dingen beschäftigte. Aber mit einem verwundeten Bein war sie hilflos, und die Erinnerung an Anita Bellinis kränkendes Verhalten erbitterte sie ungeheuer. Sie saß im Bett und hatte einen großen Stoß von Papieren und Schriftstücken vor sich. Diese Arbeit drängte nicht, aber sie hatte sie doch begonnen, um ihre Langeweile zu zerstreuen. Sie lebte sich in die Vorstellung ein, daß sie das Opfer einer Auftraggeberin sei, die sich nicht mit den gewöhnlichen bedrückenden Schikanen begnügte, sondern sie obendrein auch noch auf ihrem Krankenlager grausam quälte. Es waren Briefe, alte Rechnungen, eine oder zwei Quittungen, ein paar alte Telegramme ohne besonderen Inhalt, Dutzende von Briefen über vergessene Rechnungen und eine endlose Korrespondenz zwischen Anita und einem Hausagenten. Greta nahm alles einzeln vor und sortierte die wichtigen Schriftstücke von den belanglosen. Plötzlich kam ihr ein altes Papierblatt in die Hände, das mit Maschine beschrieben war. Anita benutzte, wie ihre Angestellte, schon seit Jahren eine kleine Schreibmaschine. Der Brief war unvollendet. Als er halb fertig war, hatte die Prinzessin wohl ihre Absicht geändert oder einen neuen Brief an Stelle des alten begonnen und diesen beiseitegelegt. Sie las ihn durch. Anita mußte sehr nachlässig gewesen sein, als sie dieses Schriftstück aus der Hand gab. Ihr altes Abhängigkeitsgefühl sagte ihr, daß dieser Brief sofort vernichtet werden müsse, und sie ergriff das Stück Papier, um es zu zerreißen. Aber dann besann sie sich eines andern und überlegte gewisse Möglichkeiten. Wenn man sagte, daß sie in diesem Augenblick gegen Anita aufgebracht war, beurteilte man ihre Erregung noch nachsichtig. Sie dachte darüber nach, daß sie wirklich alt wurde. Ihr gutes Aussehen hatte sie verloren; sie würde keine Anstellung mehr als Theaterstatistin erhalten. Anita hatte es für sicher gehalten, daß sie sich für immer mit der niedrigen Position einer Gesellschafterin zufriedengeben würde. Eine Reise nach Capri sollte eine Art außerordentlicher Belohnung für sie sein. Die Prinzessin war eine Frau von ungewöhnlichem Temperament, manchmal fieberhaft erregt, manchmal elend und niedergeschlagen, aber in allen ihren verschiedenen Stimmungen hatte sie ihre Untergebene stets schlecht behandelt. Greta wurde es heiß und kalt bei dem Gedanken an die Beleidigungen dieser Frau. Ihre Hand, die den Brief hielt, zitterte. Dann begann langsam ein Plan in ihr zu reifen, und als sie ihre Aufwartefrau hereinrief, hatte sie sich schon halb und halb entschlossen, ihn auszuführen. »Bringen Sie mir mein Adressenbuch.« Greta war eine systematische Frau und schrieb unweigerlich alle Adressen ein, selbst von zufälligen Bekanntschaften, die vielleicht niemals von Nutzen für sie sein würden. Ihr Daumen glitt über das Verzeichnis, bis er bei dem Buchstaben D anhielt. Die letzte Eintragung auf der vollgeschriebenen Seite war ›Peter Dawlish‹. »Geben Sie mir bitte einen Briefumschlag und meinen Füllfederhalter. Dann bringen Sie diesen Brief zur Post. Nein, holen Sie mir meine kleine Schreibmaschine.« Die gehorsame Aufwartefrau brachte die leichte Maschine und setzte sie vor der Kranken nieder. Greta spannte den Briefumschlag ein, schrieb die Adresse, und während die Frau die Maschine wieder fortbrachte, schob sie den halbzerrissenen Bogen in das Kuvert und schloß es. »Gehen Sie zur Hauptpost – am besten nehmen Sie hin und zurück den Autobus – und geben Sie den Brief auf. Wenn Sie jemand fragen sollte, ob Sie einen Brief für mich zur Post gebracht haben, dann sagen Sie einfach nein.« Es war nicht das erstemal, daß die Aufwartefrau derartige Aufträge erhielt. Die Häuser in Severall Street sind meistens nicht mit Briefkästen versehen, und die Postboten haben durch Erfahrung gelernt, daß es eine schwierige und häufig unausführbare Aufgabe ist, Briefe unter Haustüren durchzuschieben, wenn im Flur Teppiche liegen. Peter hörte ein Klopfen, ging nach unten und öffnete die Tür. »Dawlish?« fragte der Postbote. »Ja, so heiße ich«, erwiderte Peter erstaunt, nahm den Brief in Empfang und schloß die Tür wieder. Hätte er es wie alle Bewohner von Severall Street gemacht, die niemals zur Tür gehen, ohne einen Blick die Straße auf und ab zu werfen, dann wäre ihm nicht entgangen, daß Leslie gerade auf der andern Seite vorüberging. Zuerst dachte er, es sei ein Brief von ihr, aber als er ihn bei Licht näher betrachtete, sah er, daß die Adresse mit der Schreibmaschine geschrieben und der Brief in der City aufgegeben war. Er öffnete den Umschlag und zog ein Stück Papier heraus, das mit Schreibmaschinenschrift bedeckt war. Es war bereits verblaßt, und eine Ecke des Schriftstücks war abgerissen. Das Datum war verwunderlich. ›7. Juli 1916.‹ 1916! Und doch überzeugte er sich davon, daß der Brief diesen Nachmittag erst aufgegeben worden war. Auf dem Blatt standen nur drei oder vier Zeilen, die letzte brach mitten im Satz ab. Nur dunkel ahnte er die Bedeutung dieses Fragmentes. Meine liebe Jane, Druze hat ein sehr gutes Heim für Deinen Sohn in einer Familie gefunden, die dem Mittelstand angehört. Es sind keine anderen Kinder dort. Man wird gut für ihn sorgen und – Darunter waren mit Bleistift die kaum leserlichen Worte gekritzelt: ›Marthas Dienstmädchen.‹ Er mußte den Brief mindestens ein dutzendmal lesen, bevor ihm die Zusammenhänge klar wurden. Janes Sohn – das war ja sein Sohn! Das Bewußtsein und die Erkenntnis, daß er Vater war, überwältigten ihn. Jane hatte ein Kind gehabt! Das hatte er sich niemals träumen lassen ... Irgendwo in der Welt war ein kleiner Junge ohne Vater – und das war sein kleiner Junge! Es wurde ihm heiß bei dem Gedanken. Ungeduldig nahm er seinen Mantel, zog ihn hastig an, vergaß das Licht auszulöschen und eilte aus dem Haus. Der Autobus, der ihn nach Piccadilly brachte, schien ihm viel zu langsam vorwärts zu schleichen. Er stieg an einer Haltestelle in der Bond Street aus und wandte sich mit schnellen Schritten nach Berkeley Street. Endlich stand er vor dem dunklen Portal des Hauses, in dem Lady Raytham wohnte. Es war schon nach zehn, und sie war vielleicht ausgegangen – aber er wollte auf sie warten ... Wenn es nötig wäre, die ganze Nacht hindurch. Er haßte sie in dem Augenblick, und es war Eifersucht, die sich hinter diesem Haß verbarg. Er haßte sie, weil sie es ihm nicht mitgeteilt hatte, weil sie ihn ausgeschlossen hatte von der Freude über dieses Ereignis. Vielleicht wurde der Junge als das Kind Raythams aufgezogen und mußte diesen Mann Vater nennen. Peter wurde maßlos zornig bei dem Gedanken. Dem neuen Hausmeister, der ihm die Tür öffnete, waren alle Besucher gleichmäßig fremd. Peter war ihm nicht unbekannter als alle anderen und wurde deshalb höflich empfangen. »Welchen Namen soll ich Mylady melden?« »Mr. Peter«, sagte er, nachdem er einen Augenblick nachgedacht hatte. Er wurde in einen kleinen Salon geführt und ging darin auf und ab, bis er plötzlich hörte, daß sich die Tür öffnete. Er wandte sich um und sah nun zum erstenmal nach acht Jahren die Frau wieder, mit der er damals das große Abenteuer erleben wollte. Sie war sehr blaß, aber sehr ruhig und selbstsicher, als sie die Tür hinter sich schloß. Eine Weile standen sie sich gegenüber und sahen sich an. Sie war reifer und schöner geworden, ihre graziöse Haltung war noch dieselbe wie früher, die Linien ihrer Gestalt waren jetzt von größerer Vollendung. Er war älter geworden, dachte sie, mehr zum Manne gereift, sein Gesicht war ausdrucksvoller. Entschlossenheit, Kraft und eine Ausgeglichenheit, die sie damals vermißt hatte, drückten sich jetzt in seinen Zügen aus. Aber in seinem Blick las sie etwas, das sie erschauern ließ. »Du wolltest mich sprechen – Peter?« Er nickte. Er zitterte und fürchtete sich zu sprechen, damit ihn nicht seine Stimme verraten könnte. »Weshalb bist du gekommen?« »Ich will mein Kind haben«, sagte er leise. Die Worte schienen ihn zu ersticken, er rang nach Atem und hustete. »Du willst – dein Kind?« Sie schüttelte den Kopf so schwach, daß ihm diese Bewegung entgangen wäre, wenn er Jane nicht so durchdringend beobachtet hätte. »Willst du mir erklären, was du damit meinst?« Sie tat so, als ob sie nicht verstünde, sie brauchte Zeit, um all dieses zu überwinden, denn sein Erscheinen hatte sie schwer erschüttert. »Warum verstellst du dich, Jane? Du weißt doch, was ich will und was ich meine – wo ist unser Kind?« Sie fuhr mit der Hand müde über die Augen. »Ich weiß es nicht.« Sie machte keinen Versuch mehr, seiner Frage auszuweichen. Sie nahm an, daß er es wußte, so merkwürdig das auch war. »Ich weiß es nicht. Lohnt es sich denn, nachzuforschen? Er ist sehr glücklich. Ich tat, was damals das beste war, Peter. Ich habe niemand etwas davon erzählt. Als ich nach Reno ging –« »Hast du dich von mir scheiden lassen?« Sie antwortete nicht. Eine Lüge schwebte auf ihren Lippen, aber sie wies die Versuchung von sich. »Nein. Man wollte mir die Scheidung nicht bewilligen, weil du dir einige Papiere nicht hattest ausstellen lassen oder so etwas Ähnliches. Ich verstehe sehr wenig von dem Gesetz. Es war töricht von mir, daß ich die Scheidung nicht durchgesetzt habe.« Ein langes Schweigen folgte. »Das gibt mich in deine Hand. Aber ich kann mir nicht denken, daß du –« Er unterbrach sie mit einer ungeduldigen Handbewegung. »Ich denke im Augenblick nicht an dich und nicht an mich, ich denke an den Jungen. Jane, du erschreckst mich! Du solltest nicht wissen, wo dein eigenes Kind ... Großer Gott! Ich dachte schon, daß er nicht hier wäre, aber daß du mir so ruhig sagen würdest, du weißt nicht, wo er ist, als ob er ein –« »Ich weiß es wirklich nicht. Glaube mir, Peter, ich habe keine Ahnung. Ich war damals so entsetzt, als ich wußte, daß ich ein Kind bekommen würde. Ich kann mich kaum darauf besinnen, daß ich das kleine Wesen gesehen habe. Und dann nahmen sie es von mir fort – das war vorher ausgemacht worden.« »Mit wem?« »Anita war damals sehr gut zu mir, ebenso Druze. Damals entdeckte ich, daß Druze eine Frau war. Ich habe später dafür zahlen müssen – ich meine, weil Druze ins Vertrauen gezogen wurde. Ich kann mich wirklich nicht auf das Kind besinnen, ich habe nur einen ganz unbestimmten Eindruck, es ist gleichsam wie die Erinnerung an einen Traum. Peter, sei doch ein wenig barmherzig mit mir. Ich war damals in einer schrecklichen Lage – mein Vater schrieb mir, ich sollte mich wegen Raytham entscheiden, du wußtest doch, daß er mich heiraten wollte? Lord Raytham hatte meinem Vater viel Geld geliehen, und ich fürchtete mich so sehr, was geschehen würde, wenn mein Vater es erfahren würde – meine Verheiratung und all das andere. Natürlich wußte er, daß ich in Amerika war. Man nahm damals an, daß ich ein Engagement angenommen hätte, drüben zu singen. Kannst du dich noch darauf besinnen? Aber er wußte nicht, daß ich zurückgekehrt oder was aus mir geworden war. Ich mußte alle meine Briefe an eine Freundin in New York schicken, die sie dort aufgab.« Sie hielt inne. »Wo ist das Kind? Das ist alles, was ich wissen will.« »Druze wußte es. Sie sprach darüber, als sie fortging. Sie war betrunken, Peter, und sagte mir etwas Furchtbares! Ihre Stimme überschlug sich – es war entsetzlich!« Jane legte wieder die Hand über die Augen, und Peter wartete mit schwerem Herzen. »Was hat sie dir denn gesagt?« fragte er schließlich. »Sie sagte« – es bedurfte ihrer ganzen Willensanstrengung und ihres Mutes, um es auszudenken, und es war eine Qual für sie, es auszusprechen – »daß sie selbst nicht wüßte, wo das Kind sei, daß sie den Jungen der ersten besten Person gegeben hätte, die sich anbot, ihn zu adoptieren. Und ich hatte mich immer mit dem Gedanken getröstet, daß – daß wenigstens der Junge glücklich aufwüchse, ein wie schrecklicher Erpresser auch sein Pflegevater war.« »Was willst du damit sagen?« »Ich habe viel Geld gezahlt, große Summen. Ich glaubte, das Geld bekäme der Mann, der das Kind adoptierte. Zu spät entdeckte ich, daß dieser Erpresser überhaupt nicht existierte, sondern daß es in Wirklichkeit Druze war, die mich ausplünderte.« Peter atmete tief und schwer. »Wie schrecklich, wie furchtbar!« sagte er leise. »Das Kind ist verschwunden, und du hast zugegeben, daß es dir genommen wurde. Das kann ich nicht verstehen. Ich dachte, daß Frauen –« Sie unterbrach ihn mit einer müden Geste. »Auch ich verstehe die Frauen nicht mehr. Ich wollte, ich hätte ihn bei mir behalten und wäre allen Schwierigkeiten kühn entgegengetreten, die sich daraus ergeben hätten. Du hast es jetzt erfahren, Peter, und kannst dich auf dein gutes Gewissen berufen. Aber für mich war es ein fürchterlicher Traum – ein acht Jahre langes Elend, und nun ist es ein Schreckgespenst geworden.« Sie preßte die Hände an ihre schmerzenden Schläfen. »Ich kann nicht schlafen, weil ich immer daran denken muß. Dieses kleine, liebe Wesen, mein Junge – und der deinige – vielleicht muß er hungern, oder er ist tot, oder er leidet.« Sie schloß die Augen, als ob sie dadurch den schrecklichen Vorstellungen entgehen könnte. »Weiß die Bellini hiervon?« fragte er eisig. »Anita?« Sie sah ihn erstaunt an. »Nein, warum sollte sie das wissen? Du haßt Anita natürlich und ich – ich mag sie auch nicht besonders leiden ... Sie hat einen merkwürdig schwierigen Charakter. Aber sie hat mir damals so sehr geholfen, Peter.« Er sah sie fest an. »Wer war denn Martha?« Er sah aus ihrem Stirnrunzeln, daß sie ihn nicht verstand. »Kennst du keine Frau mit Namen Martha?« »Ich kann mich an niemand erinnern, der so heißt. Aber warum fragst du?« »Marthas Dienstmädchen hat das Kind. Die Bellini weiß es, und was sie weiß, werde ich erfahren.« Er wandte sich, um das Zimmer zu verlassen, aber sie trat ihm in den Weg. »Peter, kannst du mir vergeben? Ich habe falsch gehandelt – es war sehr töricht von mir. Ich würde gern mit meinem Küchenmädchen tauschen, nur um alles ungeschehen zu machen. Du haßt mich!« »Nein, ich hasse dich nicht«, sagte er ruhig. »Es tut mir nur furchtbar leid um dich; du hast mich sehr enttäuscht, Jane – du warst zu schwach.« »Ach ja, ich bin ein Schwächling.« Sie sah ihn nur verschwommen vor sich, denn ihre Augen waren mit Tränen gefüllt. »Und man zahlt teurer für Schwäche als für Schlechtigkeit. Wohin willst du gehen?« »Ich werde das Kind suchen und finden.« Sie streckte verzweifelt die Arme aus. »Das Kind finden? Ach, wenn du das doch könntest! Peter, wenn du es zu mir brächtest –« »Zu dir?« Er lachte rauh auf. »Das Kind gehört zu mir! Zu mir – hörst du? Du hattest es und verlorst es. Wenn ich den Jungen finde, werde ich ihn immer bei mir behalten.« Er ging an ihr vorbei, öffnete die Tür und ging hinaus in die Nacht. Er besaß noch den größeren Teil der Summe, die Leslie ihm gegeben hatte, und in diesem kritischen Augenblick mußte er Geld ausgeben, er konnte und durfte nicht sparen. Er hielt ein Auto an, aber der Chauffeur nahm nur widerwillig den Auftrag entgegen, ihn nach Wimbledon Common zu bringen. Es war eine lange Fahrt, und Peter hatte währenddessen Zeit, seine verworrenen Gedanken zu ordnen. Anita Bellini wußte alles – davon war er fest überzeugt. Sie wohnte in einem großen Haus, das in einem prächtigen, parkartigen Garten in dem vornehmsten Viertel von Wimbledon lag. Es war ein großes, altmodisches Gebäude, an beiden Seiten von schweren, viereckigen Türmen flankiert, im gotischen Stil aufgeführt und mit vielen kleinen Erkerchen und Türmchen versehen, die die Architekten zur Zeit der Königin Viktoria so gern bauten. Es hatte fast das Aussehen einer mittelalterlichen Burg, und doch erschien es ihm als ein düsteres, hoffnungsloses Verließ, als er den Wagen jetzt draußen warten ließ. Der vorsichtige Chauffeur ließ sich aber Vorschuß zahlen. Peter ging den Zufahrtweg entlang. Kein Fenster war erleuchtet, selbst die kleine Öffnung über der schweren Haustür lag dunkel und leblos da. Er läutete und hörte außen den schwachen Ton der Glocke. Nach einer langen Wartezeit rasselten Ketten, ein schwerer Riegel wurde zurückgezogen, und ein düsteres Licht zeigte sich in der Eingangshalle. Die Haustür öffnete sich ein wenig, und ein alter, grauhaariger Mann, der eine schlechtsitzende Livree trug, schaute heraus. Peter sah, daß die Sicherheitskette noch vorgelegt war und daß man sich durch diese Öffnung nicht hindurchzwängen konnte. Jetzt erkannte er den Mann. »Sie sind doch Sims? Ich möchte die Prinzessin sprechen.« Der Alte grinste, als er sah, daß Peter sich an ihn erinnerte. »Sie können die Prinzessin nicht sehen, sie ist nicht zu Hause«, sagte er mit einer lauten und krächzenden Stimme. »Sagen Sie ihr, daß Peter Dawlish sie zu sprechen wünscht. Wenn sie mich nicht ins Haus lassen will, kann sie ja zur Türe kommen.« Er war nicht darauf gefaßt, daß der Mann ihm die Tür geräuschvoll vor der Nase zuschlagen würde. Er mußte fünf Minuten warten, dann wurde die Tür wieder geöffnet. Diesmal sah er Anita. Sie trug ein grünes Kleid und war wie gewöhnlich mit Perlen geschmückt, die in dem Halbdunkel aufleuchteten. »Was wollen Sie?« »Ich möchte Sie privat sprechen.« »Es muß Ihnen genügen, wenn wir hier an der Tür miteinander reden«, sagte sie kühl. Das Licht der Halle spiegelte sich in ihrem Monokel und rief einen unheimlichen Eindruck hervor. Es war ihm, als ob sie ihn aus einem schrecklichen, goldenen Auge anschaute. »Was wollen Sie?« wiederholte sie. »Wenn Sie Geld verlangen, so können Sie gleich wieder gehen. Dies ist keine Wohltätigkeitsanstalt oder eine Herberge für entlassene Sträflinge.« In der Pause, die jetzt folgte, überlegte er sich, ob die Kette, die die Haustür versperrt hielt, wohl zerreißen würde, wenn er sich gegen die Tür würfe, um sich den Zugang zu erzwingen. Er war so erregt, daß er zu jeder wahnsinnigen Tat fähig war, und er hatte nur den einen Gedanken, sich um jeden Preis Gewißheit zu verschaffen. »Wo ist mein Kind?« Kein Muskel in Anitas Gesicht bewegte sich. »Ich wußte nicht, daß Sie eine Familie gegründet hatten. Außerdem bin ich doch sicher die letzte, die etwas von Ihren Kindern wissen könnte.« »Wo ist Janes Kind? Vielleicht verstehen Sie das besser?« Sie war schon bei der ersten Frage erschrocken, dessen war er sicher. Als sie aber jetzt nicht gleich antwortete, wußte er genug. Sie hatte sich verraten. »Sie wissen es also? Das Kind? Es tut mir leid, daß ich Ihnen nichts darüber sagen kann. Ich habe etwas Besseres zu tun, als mich um die Folgen der Entgleisungen meiner Freundin zu kümmern. Ich befasse mich nicht mit den Bastarden von Fälschern, die im Gefängnis gesessen haben.« »Sie lügen!« erwiderte Peter ruhig. »Sie wußten ganz genau, daß ich mit Jane verheiratet war.« Anita Bellini lachte. »Die Ehe war ungültig! Wußten Sie das nicht? Sie haben gewisse Formalitäten nicht erfüllt –« »Ich habe Jane heute abend aufgesucht – sie hat nicht den geringsten Zweifel an der Gültigkeit unserer Ehe ... Wo ist mein Sohn?« »Da, wo Sie ihn niemals finden werden!« All die aufgespeicherte Bosheit dieser Frau kam plötzlich zum Vorschein. Ihr sonst schon wenig anziehendes Gesicht war jetzt vor Wut verzerrt. »Sie werden Ihr Kind nicht finden! Es ist untergegangen in dem Schlamm und dem Schmutz, in den auch sein Vater gehört – es ist tot, wie ich hoffe!« Ein ungeheurer Zorn übermannte Peter. Er war kaum noch ein Mensch. Er sah nur dieses schreckliche Gesicht der verhaßten Frau durch einen roten Nebel vor sich, dann warf er sich mit aller Gewalt gegen die Tür. Sie gab mit einem Krachen nach und sprang auf, die Kette war zerbrochen. Für Peter war Anita Bellini nicht länger eine Frau, sie war ein scheußliches Geschöpf ... Er wollte sie töten, es zuckte in seinen Fingern, an ihrer Kehle zu würgen und sie umzubringen. Als die Kette brach, wich sie zurück, und als er sich ihr näherte, sah er sich plötzlich der schwarzen Mündung einer Pistole gegenüber. »Rühren Sie sich nicht!« schrie sie. »Bleiben Sie dort stehen, Peter Dawlish! Ich bin berechtigt, Sie in Selbstverteidigung auf der Stelle niederzuschießen!« Sie sah nicht, daß er einen kurzen, schnellen Schlag gegen sie führte. Die Pistole fiel polternd zu Boden. In wahnsinniger Wut hob er die Faust gegen sie, als plötzlich jemand seinen Namen rief. »Peter!« Bei dem Klang dieser Stimme ließ er verwirrt und bestürzt den Arm sinken. Eine Frau war aus einem der Zimmer in die Halle getreten. Sie trug ein schwarzes Seidenkleid, hatte blendendweiße Haare und harte Gesichtszüge – seine Mutter! »Komm hier herein!« Sie zeigte auf die offene Tür, und er folgte ihr, ohne Anita Bellini noch eines Blickes zu würdigen, die mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt stand und zum erstenmal in ihrem Leben von Furcht gepackt war. Peter trat in ein kleines Wohnzimmer, das in orientalischem Stil eingerichtet war. Ein großer, mit Seide überzogener Diwan stand an der Wand, und eine durch bunte Seidenvorhänge abgeschirmte Lampe hing von der Decke herab. Er sah auf einem achteckigen Tischchen auch ein Telefon, das wenig zu dieser Einrichtung paßte. Der Hörer lag neben dem Apparat auf dem Tisch, er hatte sie wohl beim Telefonieren gestört. »Was soll denn das alles bedeuten?« Mrs. Dawlish hatte wieder die alte, würdevolle Haltung angenommen und stand wie eine Hohepriesterin vor ihm. Diese Pose, die ihm so verhaßt war, kannte er noch gut genug. Er zitterte, aber allmählich wurde er ruhiger. »Ich glaube, ich brauche es dir nicht zu sagen – du mußt es ja gehört haben. Ich kam zu deiner Freundin –« »Zur Prinzessin Bellini«, unterbrach sie ihn. »Weshalb?« »Um zu erfahren, wo mein Kind ist.« »So?« Sie zog die Augenbrauen hoch. »Ich wußte noch nicht, daß ich Großmutter geworden bin.« Die alte Wut stieg in ihm wieder auf. »Dann verstellst du dich«, sagte er brutal. »Du weißt es – natürlich weißt du es. Die ganze verfluchte Bande, zu der auch du gehörst, hat es immer gewußt. Du weißt von Jane, von meiner Heirat und von dem Kind. Vielleicht kennst du auch seinen Aufenthalt.« Er sah, daß sie lächelte, und das brachte ihn vollends zur Raserei. »Du hast stets unklug gehandelt, Peter, und ich glaube, du wirst auch dein Leben lang ein Narr bleiben. Es wäre besser, wenn du zu deinen Adressen und Kuverts zurückgingst und nicht daran dächtest, daß es so etwas wie Kinder auf der Welt gibt. Ich habe mir die größte Mühe gegeben, es während der letzten sieben Jahre auch zu vergessen.« Aber sie war eine merkwürdige Frau, denn ohne Übergang kam sie plötzlich auf ihr Angebot zurück, das sie ihm gemacht hatte. »Für dich wäre es wirklich gut, wenn du meinen Rat annähmest und nach Australien oder Kanada gingst oder wohin dich sonst deine Sehnsucht treibt.« Und sie begann nun im Konversationston die Vorteile aufzuzählen, die eine Auswanderung für ihn mit sich bringen würde. Er war verwirrt, aber plötzlich wurde ihm klar, daß sie nur auf ihn einsprach, um Zeit zu gewinnen. Aber wozu? Er hatte den Rücken der Tür zugekehrt und drehte sich nun um, damit er den Eingang zum Zimmer sehen konnte. Aber wenn Anita Bellini irgendwelchen Verrat beabsichtigte, so war doch weder etwas davon zu sehen noch zu hören. Jetzt klingelte es an der Haustür, und er hörte Stimmen im Flur. Dann wurde die Tür geöffnet, und zwei Männer traten ein. Peter erkannte sofort, daß es Detektive waren. Der Redefluß seiner Mutter hörte auf, und ihr weißer, knochiger Finger zeigte auf ihn. »Dieser Mann ist Peter Dawlish – ein früherer Sträfling«, sagte sie. »Ich klage ihn an, daß er gedroht hat, meine Freundin, Prinzessin Anita Bellini, zu ermorden.« Eine Viertelstunde später brachte das Taxi, mit dem Peter nach Wimbledon gekommen war, ihn zu der nächsten Polizeistation, und kurz darauf saß er verstört und zornig hinter Schloß und Riegel in einer Zelle. 14 »Ich kann es nicht glauben.« Leslie starrte Mr. Coldwell an. »Seine eigene Mutter hat ihn angezeigt? Wie entsetzlich!« Mr. Coldwell war so alt geworden, daß er eigentlich über nichts mehr erstaunt war. »Ja, es ist merkwürdig, aber manche Mütter tun die verrücktesten Dinge. Ich habe Fälle gekannt – aber das wissen Sie ja alles selbst auch, Leslie. Peter ist nach Wimbledon gefahren und hat dort aus irgendeinem Grund Streit angefangen. Seine Mutter hat wahrscheinlich den Lärm gehört, den er an der Haustür machte, und hat an die Polizei telefoniert, bevor er in das Haus eindrang. Die Sache könnte schlimme Folgen haben, wenn ihm ein Teil der Strafe auf Bewährung hin erlassen worden wäre. Aber glücklicherweise hat er seine ganze Zeit abgesessen, und er braucht ja nur zu sagen, daß es ein Familienstreit war, um loszukommen. Ich glaube nicht, daß man ihn vor Gericht stellen wird.« »Ich kann es aber tatsächlich nicht glauben, obwohl es natürlich so gewesen sein muß. Was machte denn eigentlich seine Mutter im Haus der Prinzessin Bellini? Und warum hat sich Peter so wahnsinnig benommen?« Coldwell lächelte. »Gehen Sie hin und fragen Sie ihn selbst. Ich werde Ihnen ein paar Zeilen an den Inspektor mitgeben, und Sie können sich dann etwas mit ihm unterhalten, bevor sein Fall verhandelt wird. Es ist sehr unwahrscheinlich, daß sie ihn ins Untersuchungsgefängnis nach Brixton überführen. Wenn die Prinzessin bei Vernunft ist, wird sie dafür sorgen, daß die Sache niedergeschlagen wird. Mrs. Dawlish ist sowieso sehr betrübt und bereut jetzt schon, daß sie sich dazu hinreißen ließ, ihn anzuzeigen. Ich weiß das, weil ich auf die Nachricht hin sofort an die Polizeistation telefonierte. Der Sergeant sagte mir, daß Mrs. Dawlish heute morgen schon um sieben Uhr dort erschien und versuchte, ihren Namen in dem Protokoll zu unterdrücken. Sie hat sich durch ihren Haß zu dieser Unklugheit hinreißen lassen, und sie weiß, daß die Geschichte von einer Mutter, die ihren eigenen Sohn anklagt, in den Zeitungen als Sensation ausgeschlachtet wird, wenn es zu einer Verhandlung kommt. Ich glaube, daß sie schon deswegen ihre Anzeige zurückziehen wird.« Als Leslie auf der Polizeistation ankam, erfuhr sie, daß Peter bereits in einer Zelle des Gerichtshofes untergebracht war. Ihre eigene Karte genügte dort, um eine Unterredung mit ihm zu ermöglichen. Er trat ihr mit einem reuigen Lächeln entgegen. »Sie sehen mich wieder in der Umgebung, in die ich gehöre.« »Aber warum sind Sie denn zu dem Haus der Bellini gegangen?« »Ich wollte etwas erfahren«, entgegnete er. Aber er wollte ihr keine weitere Erklärung geben. Sie erzählte ihm, welche Ansicht Mr. Coldwell von der Sache hätte, aber er schien sich wenig darum zu kümmern, ob die Anklage gegen ihn erhoben werden sollte. »Es war für mich ein Schlag ins Gesicht – ich hatte nicht erwartet, daß meine Mutter das tun würde. Bis dahin hatte ich noch nicht geahnt, wie schrecklich sie mich haßte. Meinetwegen mag man mich vor Gericht stellen. Nachdem ich dies alles erfahren habe, kann ich Ihnen nicht sagen, was mich nach Wimbledon geführt hat.« Sie drängte ihn auch nicht. Die Unterhaltung fand in dem Gang statt, der zu dem Gerichtssaal führte. Polizisten und Gefangene kamen ständig vorbei, und der Ort eignete sich nicht gerade zu vertraulichen Mitteilungen. Sie berichtete ihm noch von ihrem eigenen gefährlichen Erlebnis, und als sie geendet hatte, pfiff er vor sich hin. »Das erklärt alles – daß die Sicherheitskette an der Haustür angebracht war und daß der alte Sims auf der Lauer lag. Ich habe den alten Teufel nicht wieder gesehen, nachdem ich dort eindrang.« Sie verbarg ihr Erstaunen nicht. »Ich kann aber wirklich nicht verstehen, warum eine Sicherheitskette an Anita Bellinis Tür erklärt, daß ein kleiner gelber Kerl in meine Wohnung kommt.« »Verlassen Sie sich darauf – es erklärt wirklich alles«, sagte er mit Nachdruck. In dem Augenblick wurde sein Name durch den Gerichtsdiener aufgerufen, und Leslie folgte ihm in den Gerichtssaal. Peter hatte kaum hinter dem eisernen Gitter Platz genommen, als der Detektivsergeant, der ihn festgenommen hatte, aufstand und den Gerichtshof anredete. »Diese Anklage hat ihre Ursache in einem Besuch, den der Gefangene gestern abend in dem Haus der Prinzessin Anita Bellini machte. Er ist ein entfernter Verwandter der Prinzessin, geriet mit ihr in Streit, und die Auseinandersetzung zwischen beiden wurde so heftig, daß Ihre Hoheit gezwungen war, der Polizei zu telefonieren. Die Prinzessin wünscht nicht, daß der Gefangene unter diesen Umständen weiter verfolgt wird, auch wünscht sie nicht, daß ein Familienstreit vor Gericht gebracht wird. Ich schlage deshalb vor, die Anklage gegen Peter Dawlish niederzuschlagen.« »Aber die Anklage lautet auf versuchten Mord«, erwiderte der Richter. »Diese Anklage wurde nur gestern abend erhoben«, erklärte der Detektiv, »und es war bereits die Absicht der Polizei, Mr. Dawlish ins Untersuchungsgefängnis zu überführen, aber die Prinzessin hat ihre Aussagen abgeändert, und ich bin davon überzeugt, daß Mr. Dawlish auf die jetzigen Aussagen hin nicht verurteilt werden kann. Ich bitte daher den hohen Gerichtshof, Peter Dawlish zu entlassen.« Der Richter nickte, und das war das Ende der Verhandlung. Peter verließ die Anklagebank und den Gerichtssaal und traf draußen vor dem Polizeigericht Leslie Maughan wieder. Zuerst schlug er ihre Einladung ab, mit ihr nach der Stadt zurückzufahren. »Sie werden aber mit mir kommen«, sagte sie bestimmt. »Ich habe Ihnen eine Menge zu erzählen und Ihnen eine lange Reihe von Fragen vorzulegen. Vielleicht werden Sie nicht darauf antworten, aber das gehört im Augenblick nicht hierher.« Er stieg zu ihr in den Wagen. Als sie Putney Common überquerten, lehnte sie sich nach vorn und sprach mit dem Chauffeur, der die Fahrt verlangsamte und den Wagen am Gehsteig zum Halten brachte. »Wir wollen ein wenig zu Fuß gehen«, sagte sie. Als sie außer Hörweite waren, begann sie, ihm ihre Fragen zu stellen. »Warum gingen Sie gestern abend zur Prinzessin Bellini?« »Ich wollte etwas von ihr erfahren.« »Was wollten Sie denn wissen?« Sollte er es ihr sagen? Er konnte sich selbst nicht verstehen. Warum zögerte er, sie in sein Vertrauen zu ziehen, da sie doch schon soviel wußte? Und doch fühlte er eine unüberwindliche Scheu. Es war ihm, als ob sein Geständnis einen Wandel in ihrer eigenartigen Freundschaft hervorrufen könnte. Aber schließlich erzählte er ihr die ganze Wahrheit. »Jane hatte ein Kind«, sagte er. Sie blieb stehen und sah ihn ernst an. »Das ist Ihr Kind – nicht wahr?« Er war erstaunt über die Ruhe und Gelassenheit, mit der sie diese Nachricht aufnahm. »Sie haben es vermutet?« »Ich wußte es. Es wurde auf der kleinen Farm Appledore in der Nähe von Carlisle geboren.« »Sie – wußten – es schon die ganze Zeit?« »Ja. Ich wußte, daß Sie ein Kind hatten, bevor mir bekannt war, daß Sie auch verheiratet waren. Ich habe nämlich in Appledore das Gedichtbuch mit Ihren Versen gefunden. Und deshalb wußte ich nicht genau, ob Sie verheiratet waren.« Sie kamen zu einer Bank im Park und setzten sich. »Ich will Ihnen jetzt alles erzählen. Wollen Sie es hören?« Und als er nickte, begann sie. »Ich brachte meine Ferien in Cumberland zu, und ich glaube, es war eine Schicksalsfügung, daß ich gerade zu diesem Farmhaus kam. Eine alte Dame, Mrs. Still, war die Eigentümerin des Anwesens. Sie war eine Witwe, sehr mitteilsam und gesprächig, aber außerordentlich gütig. Es war nur natürlich, daß sie mir von all den interessanten Leuten erzählte, die früher bei ihr gewohnt hatten. Eine der interessantesten war eine schöne junge Frau, deren Kind in demselben Zimmer geboren wurde, in dem ich wohnte. Sie zog im Februar dorthin, bevor die Saison begann – Sie müssen nämlich wissen, daß es auch in Cumberland eine Saison gibt – und blieb dort bis Anfang April. Sie nannte sich selbst – es kommt ja nicht darauf an, wie sie sich nannte, aber jedenfalls nicht Jane Dawlish. Das Kind wurde am 17. März, am St.-Patricks-Tag, geboren. Die alte Dame, die halb irischer Abstammung war, erinnerte sich an diese Tatsache, weil sie der schönen Dame an dem Morgen, an dem das Kind geboren wurde, einen Blumenstrauß schickte.« »Wer war denn bei ihr?« fragte Peter heiser. »Zwei Frauen, eine Krankenschwester und eine andere Frau, die offenbar mit Anita Bellini identisch ist. Es wurde kein Arzt zugezogen, wahrscheinlich war die Krankenschwester auch Hebamme und es war deshalb nicht nötig, ärztliche Hilfe zu holen. Die gute alte Wirtin von Appledore hat das kleine Kind niemals gesehen. Sie wußte nicht einmal genau, wann es fortgebracht wurde. Aber sie glaubte, daß es an dem zweiten Tag nach der Geburt geschah, weil an diesem Tag ein Mann von London kam. Das war sicherlich Druze. Sie erschien gerade, bevor Mrs. Still nach Carlisle ging, um ihre wöchentlichen Einkäufe zu besorgen. Als sie wieder heimkam, war Druze schon gegangen. Die alte Dame wußte gar nicht, daß das Baby nicht mehr da war, sie erfuhr es erst am Ende der Woche, als sie darum bat, das Kind einmal zu sehen. Man sagte ihr, daß es in ein wärmeres Klima gebracht worden sei. Sie wußte nur, daß es ein Junge war, die Krankenschwester hatte ihr das mitgeteilt. Mrs. Still war darüber enttäuscht, denn wie sie sagte, hatte die schöne junge Dame immer gehofft, ein Mädchen zu bekommen. Warum sie das tat, kann ich nicht sagen, aber ich habe keinen Grund, an der Zuverlässigkeit der Mitteilungen dieser alten Frau zu zweifeln. Sie zeigte mir stolz ein kleines Buch, in dem die schöne junge Dame, wie sie Jane immer nannte, viel gelesen hatte. Es war ein Gedichtbuch, und ich fand darin Ihr merkwürdiges Namengedicht. Zu jener Zeit beschäftigte ich mich gerade mit der Aufklärung gewisser Dinge, die Lady Raytham betrafen – es war Scotland Yard bekanntgeworden, daß sie Erpressern große Summen zahlte. Diese Ereignisse verband ich natürlich miteinander: ihr Auftreten in Cumberland unter einem angenommenen Namen, die Geburt des Kindes, und die Tatsache, daß sie von Zeit zu Zeit große Geldbeträge für unbekannte Dienste ausgab. Als ich dann noch kurz vor meiner Abreise von Mrs. Still erfuhr, daß eine der Frauen von ›Peter‹ gesprochen hatte, war ich ganz sicher, daß ich auf der rechten Spur war.« »Wissen Sie den Namen der Krankenschwester – hieß sie etwa Martha?« »Martha!« Sie sprang auf und sah ihn bedeutungsvoll an. »Martha – wie kommen Sie auf diesen Namen?« Er war etwas verblüfft, daß seine Worte sie so beeindruckten. »Sagen Sie es mir – sagen Sie es mir doch«, drängte sie ungeduldig. Er zog den Brief aus der Tasche, den er vorhin erhalten hatte und der ihn zu Jane Raytham geführt hatte. Sie las die Bleistiftschrift. »Marthas Dienstmädchen – Martha war Druzes Schwester«, sagte sie plötzlich. »Die hatte das Kind. Peter, ich werde dieser neuen Spur folgen, und Sie dürfen mich nicht stören, bis ich die Sache aufgeklärt habe.« »Ich möchte nur wissen, was Sie nun von mir denken?« Sie sah ihn ruhig an. »Was sollte ich denn von Ihnen denken ... Sie sind unglücklich, Peter Dawlish, das habe ich Ihnen doch schon gesagt.« Er lächelte müde. »Sie wissen nicht, wie unglücklich ich bin.« »Kommen Sie jetzt zurück zu dem Wagen, sonst klagen wir uns noch gegenseitig unser Leid.« Peter kam nicht auf den Gedanken, sie zu fragen, was sie damit meinte, aber ihre Worte blieben in seiner Erinnerung haften. Sie setzte ihn im Zentrum Londons ab und fuhr selbst nach Scotland Yard. Sie ging in das Büro von Mr. Coldwell und erhielt einen Tag Urlaub von ihm. Dann telefonierte sie mit dem Chef der Geheimpolizei von Plymouth, der ihr. versprach, sie anzurufen, sobald seine Nachforschungen beendet seien. Obwohl sie nun auf Urlaub war, gab es doch noch manche dienstliche Unterbrechungen. Zuerst kam der Beamte, der Mrs. Inglethorne verhaftet hatte, und berichtete ihr, daß diese verstockte Frau in Untersuchungshaft überführt worden sei, um ihren Fall aufzuklären. Ihr Mädchenname war Zamosser, sie war Holländerin von Geburt, obwohl ihre Eltern viele Jahre in England gelebt hatten. Mit Ausnahme einer kurzen Zeit war sie stets entweder im Gefängnis gewesen oder stand unter Polizeiaufsicht. Sie war eine Hehlerin und noch Schlimmeres; sie war wegen Ladendiebstahls des öfteren verurteilt worden. »Wie steht es denn mit den Kindern?« fragte Leslie. Der Sergeant lächelte. »Nur eins davon ist ihr eigenes, die anderen sind adoptiert, wie sie sagt. Das heißt, daß es unerwünschte Kinder sind, die sie entweder für eine kleine wöchentliche Geldsumme oder gegen eine größere Abfindung in Pflege genommen hat. Der einzige, dessen Herkunft wir verfolgen konnten, war der kleine Junge.« Einen Augenblick lang tauchte eine Hoffnung in Leslie auf, aber sie wurde sofort durch seine folgende Erklärung zerstört. »Sie haben die Herkunft des Jungen feststellen können?« fragte sie. Sie erinnerte sich jetzt an den kleinen, zurückgebliebenen Knaben, der sie mit großen, schläfrigen Augen angesehen hatte, als sie damals in die Küche gegangen war. »Ja, wir haben jedenfalls seine Mutter gefunden. Die anderen Kinder gehören meistens armen jungen Mädchen der Arbeiterklasse.« »Gibt es denn viele Frauen in England, die solche kleinen Kinder aufziehen?« »Hunderte. Sie sollten eigentlich unter polizeilicher Aufsicht stehen, aber in Wirklichkeit ist es schlecht damit bestellt. Es gibt kein Gesetz, das jemand hindern könnte, ein Kind zu adoptieren, obgleich diese Art von Adoptionen vom Gesetz nicht anerkannt wird.« »Es gibt also Hunderte solcher Kinder in England?« fragte sie schweren Herzens. »Tausende!« »Wird denn keine Liste darüber geführt?« »Es ist möglich, daß ein paar hundert in den Akten vermerkt sind, aber das wissen Sie ja selbst besser als ich, Miss Maughan, Sie sind ja im Polizeipräsidium tätig.« Und nun wurde auch der letzte, schwache Schimmer ihrer Hoffnung ausgelöscht. »Mir wurde einmal die Aufgabe gestellt, die Spur eines kleinen Kindes zu verfolgen, das in eine, solche Kinderfarm gebracht wurde. Aber man könnte ebensogut eine Stecknadel in einem Heuhaufen suchen, als ein ›adoptiertes‹ Kind ausfindig machen, nachdem seine Spur einmal verlorengegangen ist. Einige wenige von ihnen kommen in die Schulen der Arbeitshäuser, die meisten sterben elend dahin. Die Frauen, die ihren Lebensunterhalt dadurch erwerben, kommen nicht auf ihre Rechnung und können die Kinder von dem Wenigen gar nicht ordentlich ernähren. Der Staat müßte diese Sache in die Hand nehmen und große Anstalten gründen, in denen solche unerwünschten Kinder aufgenommen und aufgezogen würden, damit sie später einmal ihrem Vaterland nützlich werden.« Er war kaum eine halbe Stunde fort, als sie von Plymouth angerufen wurde. Aber die Nachricht half ihr eigentlich nicht viel weiter. Martha Druze hatte ihre Prüfung als Hebamme abgelegt und das Hospital dann verlassen, um eine Privatstellung als Krankenschwester anzunehmen. Es wurde angenommen, daß sie nach Übersee gegangen war, aber es gab keinen festen Anhaltspunkt hierfür. Die gegenwärtige Vorsteherin des Hospitals, die sich noch auf sie besinnen konnte, hatte nur eine Postkarte von ihr erhalten, die sie ein oder zwei Monate nach ihrem Weggang in Port Said aufgegeben hatte. Es hieß gerüchtweise auch, daß sie sich gut verheiratet hätte. Die einen wollten wissen, daß sie einen Zimmermeister in Kapstadt geheiratet hätte, andere sagten, es wäre ein Farmer in Australien gewesen. Aus dem ganzen Bericht war nur eine Angabe zu entnehmen, die Leslie vielleicht weiterführen konnte. Martha hatte sich nämlich in die Listen eines Londoner Stellennachweises eintragen lassen. Sie notierte die Adresse dieser Agentur. Als sie den Hörer eingehängt hatte, durchsuchte sie sofort das Telefonbuch nach Stellenvermittlungen für Krankenschwestern. Sie fand aber die Firma nicht, die der Beamte in Plymouth genannt hatte; vielleicht war sie eingegangen, wie so viele andere Agenturen. Um sich Klarheit darüber zu verschaffen, rief sie eine bekannte Stellenvermittlerin an und erkundigte sich. »Ashleys Agentur? Das ist jetzt das Zentralvermittlungsbüro für Krankenschwestern – wir selbst sind Ashleys Agentur, obwohl wir schon geraume Zeit nicht mehr diesen Namen tragen.« Leslie erklärte, wer sie war und was sie wissen wollte. »Wenn Sie hierherkommen, werde ich Ihnen unsere alten Bücher zeigen, wir haben sie noch aufbewahrt.« Diese Antwort ermutigte Leslie. Sie setzte ihren Hut auf, zog ihren Mantel an und machte sich sofort auf den Weg. Als sie die Treppe hinunterging, erinnerte sie sich an Mr. Coldwells Geschenk, trat ins Dunkel zurück und legte das ihr sehr unbequeme Strumpfband ab. Die Geschäftsräume der Agentur lagen in der Regent Street. Es war keine große Entfernung, und sie war in fünf Minuten dort. Die Sekretärin, die ihr Telefongespräch beantwortet hatte, suchte bereits die älteren Bücher heraus, um sie ihr vorzulegen. Durch einen großen Glückszufall fand sie gleich in dem ersten Buch, das sie aufschlug, die Notiz, die sie suchte. »Sehen Sie, hier steht sie – Martha Druze. Sie wandte sich an uns, bevor sie ihre Stellung im Plymouth-Hospital aufgab. Ich ersehe es daraus, daß sie es als Adresse angab. Wir besorgten ihr eine Stelle.« Die Sekretärin zeigte mit dem Finger auf die Zeile. Leslie las sie durch – sie mußte sich an der Tischkante festhalten. Die Sekretärin, die sie erstaunt betrachtete, sah ihre Augen aufleuchten und wunderte sich darüber, daß sie sich über eine so einfache Eintragung aufregen konnte. »Es ist die einzige Stelle, die wir ihr besorgt haben«, sagte sie. »Sie brauchte auch keine andere«, erwiderte Leslie. 15 Lady Raytham hatte einen Brief an ihren Mann begonnen, als der Postbote ein Schreiben von Leslie brachte. Lord Raytham war in seiner ruhelosen Art nach Bombay gefahren und hatte dort einen Anfall seines alten Leidens bekommen. Er hatte ihr einen langen Brief geschrieben, in dem er ihr von seiner Krankheit berichtete, und hatte merkwürdigerweise den Wunsch ausgedrückt, daß sie zu ihm nach Indien fahren sollte. Sie las Leslies Brief. Meine liebe Jane, würden Sie nicht zu mir kommen und mich aufsuchen? Ich habe einen ganzen Tag dienstfrei und habe Ihnen so viel zu erzählen. Dies ist keine Entschuldigung für eine Detektivin, sondern in diesem Falle handle ich nur rein menschlich, gewissermaßen als Ihre Schwester, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Hindernisse aus dem Weg zu räumen und Ihnen das Leben leichter zu machen. Lucretia hat den Auftrag, außer Ihnen alle meine Besucher abzuweisen und zu sagen, daß ich fort bin. Darf ich Sie zu einem Mittagessen in meiner Wohnung einladen? Wenn es Ihnen aber lieber ist, können wir auch auswärts speisen, entweder im oder in der Nähe des Carlton. Bitte kommen Sie doch. Jane schrieb schnell eine Antwort und gab sie dem wartenden Boten mit. Dann schloß sie ihren angefangenen Brief in den Schreibtisch ein und ging in ihr Zimmer, um sich umzuziehen. Lucretia hatte sie kaum in Leslies Wohnzimmer geführt, als sie sofort eine Frage stellte. »Haben Sie Peter gesehen? Was ist geschehen? Ich bin sehr in Sorge darüber. Ich hätte Sie beinahe deshalb heute morgen angerufen.« »Ich hätte Ihnen dann auch nichts Genaues mitteilen können. Wenigstens wußte ich nur, daß er verhaftet war.« »Verhaftet?« Das war anscheinend eine Neuigkeit für Jane Raytham, denn sie wurde blaß. Leslie erzählte ihr nun, was vorgefallen war. »Aber wie konnte sie das nur tun? Das ist doch unmenschlich!« rief Jane heftig. »Das war teuflisch! Aber es sieht ihr ganz ähnlich! Der arme Peter – er hat immer mit solch schrecklichen Dingen zu tun.« Plötzlich wurde sie wieder ängstlich. »Hat Anita ihm etwas gesagt?« »Nein, nicht das, was er wissen wollte.« Lady Raytham verstand sofort, was sie damit sagen wollte. »Wissen Sie denn, warum er zu ihr ging?« »Er wollte sein Kind wiederhaben.« Jane Raythams schönes Gesicht überzog sich mit einer dunklen Röte, die aber gleich wieder verschwand. »Mein Kind«, sagte sie leise. »Ich glaube, Sie verachten mich.« »Warum sollte ich das tun? Wenn ich jede Frau verachten würde, die ein Kind bekommt –« »Das meine ich nicht. Aber ich habe eingewilligt, daß man es fortbrachte. Das hätte ich nicht tun sollen, Leslie. Ich wollte es ja bei mir behalten, ich habe hart darum gekämpft. Es war zu schwächlich von mir, auf diesen Kompromiß einzugehen. Aber schließlich brachten sie mich dazu.« »Welcher Art war denn der Kompromiß?« Lady Raytham lächelte müde. »Wenn Sie mich vorher nicht verachtet haben, so werden Sie es jetzt tun.« Sie stand in ihrer gewöhnlichen Haltung am Kamin und hatte die Arme auf die Marmorplatte gelegt. Ihre Stirn ruhte auf ihren Händen, und sie schaute in die Flammen. »Wir kamen überein, daß ich das Kind behalten sollte, wenn es ein Mädchen wäre. Wenn es aber ein Junge wäre, so müßte er fortgebracht werden. Das war eine ganz verrückte, gemeine Abmachung, so entsetzlich herzlos gegen das Kind! Aber ich habe Mädchen so sehr gerne. Ich kann nicht sehen, daß ein kleines Mädchen traurig ist oder leidet, ohne daß es mir ans Herz greift. Wenn Sie wüßten, was ich in meiner Kindheit durchgemacht habe! Wenn mein Kind ein Mädchen gewesen wäre, so hätte ich es bei mir behalten und tapfer gegen alle Widerwärtigkeiten angekämpft – aber es war ein Junge. Ein schönes Kind, sie haben es mir später erzählt. Ich wünschte, ich hätte es wenigstens gesehen und kennengelernt, nur für einen Tag – aber dann hätte ich es wahrscheinlich nicht mehr fortgegeben.« Sie wandte ihr Gesicht ab und schluchzte heftig. Leslie saß an ihrem Schreibtisch und zeichnete phantastische Arabesken auf ihr Löschpapier, bis Lady Raytham ruhiger geworden war. »Ich glaube, es ist nutzlos, wenn ich Sie frage, ob es irgendwelche Anhaltspunkte gibt, um das Kind wieder aufzufinden. Sicher sind Sie schon alle Wege gegangen, die zum Ziele führen könnten. Sie haben nichts entdeckt?« Jane preßte ihr Taschentuch an die Lippen. Sie hatte Leslie den Rücken zugekehrt. Aber dann riß sie sich zusammen und beherrschte sich. »Nein, ich habe keine Spur gefunden. Ich habe alles versucht. Anita habe ich es nicht gesagt, aber seit Monaten habe ich Detektive angestellt, die nach dem Kind forschen. Ich dachte, der Junge wäre in einer glücklichen Umgebung. Ich habe mir niemals träumen lassen, daß er verlassen wäre, daß seine Spur verlorengehen könnte –« Wieder dauerte es lange, bis sie ihrer Erregung Herr wurde. »Druze erzählte es mir an dem Abend – in jener schrecklichen Nacht, als sie fortging. Sie lachte mir ins Gesicht, als ich sie fragte, wo mein Kind sei. Deswegen bin ich ihr ja gefolgt. Ich vermutete, daß sie zu Anita gegangen wäre, und als ich sie tot auf der Straße fand, war ich verzweifelt. Ich dachte, sie müßte irgendwelche geheimen Papiere bei sich tragen, die mir Aufschluß geben könnten. Aber als ich ihre Taschen durchsuchte, fand ich nichts – nichts!« Jane Raytham wandte ihr Gesicht von Leslie ab. »Ich kann mich nicht rechtfertigen – in keiner Weise –, ich war schwach und selbstsüchtig. Selbst wenn es ein uneheliches Kind gewesen wäre, gäbe es keine Entschuldigung für mich.« Sie lächelte bitter. »Gott sei Dank habe ich keine Kinder aus meiner Ehe mit Lord Raytham. Er kann Kinder nicht leiden. Unsere Ehe war eine große Enttäuschung für mich –!« Sie nahm eine Fotografie vom Kamin und betrachtete sie. »Ist dies Mr. Coldwell?« Leslie nickte. »Es würde ein großer Erfolg für ihn sein, wenn er mich wegen Bigamie verhaften ließe.« »Mr. Coldwell ist nicht stolz auf Erfolge dieser Art, Jane«, erwiderte Leslie liebenswürdig. Lady Raytham stellte das Bild wieder an seinen Platz und ließ sich in dem nächsten Lehnsessel nieder. »Ich bin wirklich abscheulich, ich sehe in allen Dingen nur das Schlechte und halte alle Menschen für böse.« Sie lächelte traurig, langte nach ihrer Handtasche, die auf dem Tisch lag, und zog langsam ein diamantenbesetztes Zigarettenetui heraus. »Ich habe früher versucht, Betäubungsmittel zu nehmen, um meinen Kummer zu ersticken. Ein weißes Pulver, das man schnupft ... Ich wurde aber sehr krank danach, so daß ich es sofort wieder aufgab. Aber ich beneide die Leute, die dadurch Erleichterung und Vergessen finden.« »Es gibt noch einen besseren Weg«, entgegnete Leslie brutal. »Sie brauchen nur Ihren Kopf auf die Eisenbahnschienen zu legen, wenn ein schwerer Güterzug kommt. Das Resultat ist dasselbe, und Sie machen der Mitmenschheit genausoviel Mühe. Und wenn dann Ihr Sohn einmal auftaucht, was sicher einmal geschieht, so erfährt er, daß er eine Mutter hatte, die kaum wert war, nach ihr zu suchen.« »Sie sind ein unheimliches Mädchen – wie alt sind Sie?« Leslie sagte es ihr. »Ich wünschte, Peter würde sich in Sie verlieben. Er muß auf irgendeine Art noch glücklich werden.« »Wie käme ich dazu?« fragte Leslie trocken. »Sind nicht vielmehr Peter und Sie die beiden Menschen, auf deren Gefühle es ankommt?« Als Jane ihr widersprechen wollte, unterbrach sie sie. »Ich muß Ihnen etwas gestehen, Jane. Ich habe mich in Peter verliebt – erschreckt Sie das?« »Nein, nicht im mindesten.« Aber Jane wollte mehr wissen. »Sie machen doch nur Spaß mit mir?« »Es wurde mir erst heute morgen klar«, sagte Leslie ruhig. »Ich habe lange darüber nachgedacht, und ich bin zu dem Schluß gekommen, daß es eigentlich nur eine mütterliche Liebe ist. Früher oder später wird Ihr Kind doch gefunden werden, und dann müssen Sie zu Ihrem jetzigen Mann gehen und ihm die Wahrheit sagen.« Sie beobachtete Janes Gesicht scharf, ob sich nicht ein Widerwille in ihren Zügen ausdrückte. Aber Leslie erkannte mit schwerem Herzen, daß sie ihr recht gab. »Und dann muß Lord Raytham sich von Ihnen scheiden lassen, und Peter und Sie müssen eine neue Ehe beginnen.« Aber hier widersprach Jane Raytham und schüttelte energisch den Kopf. »Nein, Peter würde das nicht tun. Er ist anders, das habe ich erkannt, als ich ihn gestern abend wiedersah. Er ist nicht mehr derselbe wie früher, und das ist nicht verwunderlich. Leslie, ich habe ihn niemals geliebt. Sie glauben, daß es schrecklich ist, so etwas von dem Vater meines Kindes zu sagen. Als ich mit ihm nach Amerika ging und ihn heiratete, geschah es mehr aus Neugierde und Abenteuerlust. Ich betrachtete dieses Ereignis als den großen Wendepunkt meines Lebens, aber es wurde vieles umgestürzt und in mir zerstört. Hoffnungen und Ideale starben. Auch er hat mich niemals geliebt. Sicher packte ihn damals eine Leidenschaft für mich, und er hatte mich gern. Er war sehr ritterlich und liebenswürdig zu mir und suchte mir alles Böse aus dem Weg zu räumen. Er weiß, daß er mich nicht liebt, und deshalb fühlt er sich so unglücklich und ist beschämt. Sie glauben, das Kind würde uns zusammenbringen. Ich habe Ihre Gedanken erraten. Aber das wird nicht geschehen. Kinder bedeuten bei solchen Angelegenheiten wirklich nicht viel. Mehr als die Hälfte der Frauen, die sich scheiden lassen, haben Kinder, die sie lieben und von denen sie geliebt werden, aber das hindert sie nicht, daß sie in der Liebe andere Wege gehen. Peter und ich können ganz gute Freunde sein, und der Junge wird uns beide lieben können, selbst wenn wir voneinander getrennt sind. Kinder geben uns alles das zurück, was wir ihnen geben – und ich könnte ihm so viel sein.« Mit einer ungeduldigen Bewegung ihres Kopfes setzte sie sich aufrecht, stand dann auf und ging zum Fenster. »Wollen wir lieber von etwas anderem reden, von Kaninchen oder Schmetterlingen. Wie konnten Sie eigentlich diese Fenstersprossen zerbrechen?« fragte sie unvermittelt. Es waren frische Holzteile eingesetzt worden, und das Fenster war mit neuen Glasscheiben geschlossen. Aber das rohe Holz war noch nicht angestrichen. »Ach, das ist nicht der Rede wert. Ein Mensch, der hier in die Wohnung kam, hat es mit dem Kopf eingestoßen. – Jane, Sie verzweifeln am Leben, nicht wahr?« Lady Raytham zuckte die Schultern. »Meine liebe Leslie, was kann denn passieren? Wenn dies eine Geschichte in einem Buch wäre und sich nicht im wirklichen Leben ereignet hätte, dann müßte ich irgendwie verschwinden, es müßte mich ein böses Fieber dahinraffen, und ich müßte leise und glücklich in die Zeitlosigkeit hinübergleiten. Und wenn ich sterben sollte, wird Peter den Rest seines Lebens in Trauer und Melancholie verbringen – ich kenne die Männer!« Leslie mußte lächeln. Sie stand zu sehr mit beiden Füßen in der Wirklichkeit, um sich solchen Stimmungen hinzugeben. Aber sie wurde sofort wieder ernst. »Ich möchte noch ein paar Fragen an Sie stellen. Haben Sie Druze Ihr Smaragdhalsband gegeben?« Jane nickte. »Ja, sie wollte dreißigtausend Pfund haben. Ich konnte aber nur zwanzigtausend in bar aufbringen, ohne daß Lord Raytham etwas davon erfuhr. Die Halskette war zwölftausend Pfund wert, und ich schlug vor, Druze sollte sie verkaufen. Sie ging sofort darauf ein. Ich dachte, sie hätte sie schon eine Woche vorher mitgenommen.« »Können Sie sich erklären, wie der Anhänger in ihre Hand kam?« Jane schüttelte den Kopf. »Und Sie wissen auch nicht, wo der Rest der Kette geblieben ist?« »Nein, ich weiß gar nichts darüber. Ich kann nicht einmal vermuten, wie sie starb. Ich glaube, daß sie ein Leben mit Freunden führte, von denen ich gar nichts ahnte. Ich nahm an, daß sie zu Anita gehen würde, als sie mein Haus verließ, da sie England nicht verlassen hätte, ohne ihr Lebewohl zu sagen. Sie hielt sehr viel von der Prinzessin.« »Wieviel Zeit verging nach der Geburt Ihres Kindes, bis sie Lord Raytham heirateten?« Jane dachte einen Augenblick nach. »Etwa zehn Monate.« »Sind Sie persönlich in Reno gewesen?« »Ja. Das war ein merkwürdiges Zusammentreffen. Mein Vater hatte eine Farm in der Nähe von Reno. Es war ein wenig Weide und ein paar Äcker, und dies wurde mein Wohnsitz. Ich mußte natürlich lügen und sagen, daß ich die ganze Zeit dort gelebt hätte. Und ich glaubte wirklich, daß die Scheidung ausgesprochen werden würde. Ich bin sogar vor Gericht erschienen und habe meine Aussagen gemacht. Ich dachte, die, Sache sei damit erledigt. Aber Anita suchte mich bei der Verhandlung auf und erzählte mir, daß meine Rechtsanwälte einen bösen Fehler gemacht hätten, so daß die Scheidung nicht ausgesprochen werden könnte, ohne daß noch mehrere Dokumente über Peter beigebracht würden.« »Sie kehrten dann zurück?« »Ja, ich ging von Liverpool aus nach Cumberland. Anita hatte den Platz für mich ausfindig gemacht. Es war kurze Zeit nach Weihnachten – ich erinnere mich, daß ich Weihnachten in New York verlebte.« »Nun muß ich Sie noch um die Beantwortung einer Frage bitten, Jane. Dann werde ich Sie nicht mehr belästigen. Wir wollen dann zum Essen gehen, das heißt, wenn es Ihnen nichts ausmacht, sich in der Öffentlichkeit mit einer Beamtin von Scotland Yard sehen zu lassen.« »Mir ist alles recht.« »War die Ehe mit Lord Raytham schon geplant oder nicht, und hatten Sie mit Anita darüber gesprochen?« Jane nickte. »Wußte sie von Ihrer Absicht, Lord Raytham zu heiraten, ganz gleich, ob die Scheidung ausgesprochen würde oder nicht? Bitte, denken Sie genau nach, bevor Sie mir antworten.« »Das brauche ich nicht, ich weiß es noch ganz genau. Ich sagte Anita, daß ich Lord Raytham heiraten müßte, ganz gleich, ob ich von Peter geschieden werden würde oder nicht. Ich beruhigte damals mein Gewissen dadurch, daß ich an der Rechtsgültigkeit der Eheschließung in Amerika Zweifel äußerte.« Leslie lehnte sich in ihren Stuhl zurück. »Sie sind eine schlechte Schauspielerin, eine schreckliche Mutter, und auch in Ihren ehelichen Abenteuern hatten sie kein Glück.« Sie legte ihren Arm um Jane und küßte sie. »Aber ich habe Sie doch sehr gerne. Wir wollen in einem Restaurant in der Pall Mall essen, und am Nachmittag gehen wir in einen guten Film. Ich liebe Filme – besonders romantische.« Lady Raytham fühlte sich in der Gesellschaft Leslie Maughans sehr wohl und erinnerte sich gegen Ende der Mahlzeit nur mit Schrecken daran, daß sie versprochen hatte, am Nachmittag zu Hause zu bleiben und ein Komitee zu empfangen, dessen Vorsitz sie führte. »Ein Komitee für Kinderwohlfahrt«, sagte sie lakonisch. Sie trennten sich am Haymarket, und Leslie ging zu ihrer Wohnung zurück. Unterwegs sandte sie Peter ein Telegramm. Er kam in der Abenddämmerung, als Lucretia gerade die Vorhänge zuzog. Zwei große Koffer waren schon gepackt und standen auf dem Flur. Am Nachmittag hatte Coldwell Leslie antelefoniert und sie gebeten, alles für ihre Übersiedlung in sein Haus vorzubereiten, bis er käme. »Sie dürfen nicht mehr in Ihrer Wohnung bleiben, bis die ganze Sache erledigt ist.« Lucretia Brown unterstützte diese Ansicht aufs eifrigste. »Ich würde an Ihrer Stelle nicht für eine Million Pfund nach Einbruch der Dunkelheit hier bleiben, Miss«, sagte sie. »Es gibt hier Einbrecher und Leute, die zum Fenster herein- und hinausspringen! Ich weiß nicht, ob ich vor Sorgen und Kummer noch ein Haar auf dem Kopf behalte. Als ich mich heute morgen kämmte, gingen sie büschelweise aus.« »Das beste Heilmittel dagegen ist, sich einen Bubikopf schneiden zu lassen«, schlug Leslie vor. Aber Lucretia sah sie böse an. »Wenn ich wie ein Junge aussehen soll, dann ziehe ich schon besser gleich Hosen an.« In diesem Augenblick läutete es. »Wenn es Mr. Dawlish ist, lassen Sie ihn sofort herauf.« »Diesen Verbrecher«, murmelte Lucretia, aber Leslie hörte es glücklicherweise nicht. Als Peter ihr am Schreibtisch gegenübersaß, sah sie, daß er sehr ernst und entschieden war. Die alte Unentschlossenheit und Planlosigkeit war vollständig von ihm gewichen. Er erzählte ihr, daß er Nachforschungen angestellt hatte. »Es ist eigentlich ein hoffnungsloses Unternehmen, wenn man nicht weiß, wo man beginnen soll. Ich dachte, Jane könnte mich auf die Spur bringen, aber die arme Frau tappt genau wie ich im dunkeln. Es tut mir wirklich leid um sie. Ich fürchte, ich war sehr hart gegen sie.« »Sie hat es nicht so aufgefaßt«, entgegnete Leslie leichthin. »Waren Sie mit ihr zusammen?« fragte er schnell. »Ja, diesen Morgen, ich habe auch mit ihr zu Mittag gespeist. Wir haben die ganze böse Angelegenheit von Anfang bis zu Ende durchgesprochen. Lieben Sie Jane noch so wie früher?« »Nein, ich bin durchaus nicht in sie verliebt. Ich müßte sie eigentlich noch gern haben, aber es ist mir klargeworden, daß sie mir nichts, mehr sein kann. Auch sie liebt mich nicht, das wußte ich schon vor sieben Jahren. Sie hat mir die volle Wahrheit gesagt, als wir über unsere Ehe sprachen, bevor wir uns trennten. Hat sie Ihnen überhaupt etwas von dem Kind erzählt?« »Nichts – sie weiß wirklich nichts von ihm.« Auch er war der Meinung. »Sie hat keine Ahnung, aber die Bellini weiß es – ich möchte sie nicht Prinzessin oder Anita nennen oder ihr sonst einen weiblichen oder menschlichen Namen geben. Sie ist ein schrecklicher Mensch! Sie glauben nicht, wie mein Vater sie gehaßt hat. Er hat sich sicher auch vor ihr gefürchtet. Ich erinnere mich, daß er mich einmal fragte, während wir zusammen in unserem Garten in Herfordshire spazierengingen, ob ich sie gern hätte, und als ich ihm sagte, daß ich mich schon bei ihrem Anblick krank fühlte, steckte er die Hand in die Tasche und gab mir ein Geldstück. Und doch muß er sie früher einmal sehr gern gehabt haben.« »Das kann ich kaum glauben«, sagte Leslie nachdenklich. »Ist das wirklich Ihr Ernst?« »ja, man sagt, daß sie früher sehr interessant gewesen ist nicht schön, aber sehr anziehend –, als sie noch jünger war.« Leslie schob ihren Stuhl zurück. »Heute habe ich viel Neues erfahren. Aber bitte beweisen Sie mir, daß Ihr Vater sich jemals von dieser schrecklichen Frau angezogen fühlte.« Er versuchte, der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben, aber sie ließ nicht locker. »Ich hätte nichts davon erfahren, wenn ich nicht einmal gehört hätte, daß meine Mutter und die Prinzessin miteinander stritten. Ich lag in einem großen Polstersessel in der Bibliothek – ich war damals etwa sieben Jahre alt – und las, als die beiden hereinkamen. Meine Mutter war sehr böse auf die Bellini. Ich verstand damals nicht alles, was sie sagten, aber später wurde es mir klar. Meine Mutter war sehr erzürnt. ›Du hast kein Recht auf ihn, wenn er dich auch früher einmal geliebt hat‹, rief sie. ›Er mag dich nicht mehr, und du darfst nicht im Hause bleiben. Du wirst ihn dir auch nicht zurückerobern!‹ Die beiden sprachen noch viel mehr, aber ich kann mich nicht mehr daran erinnern, ich weiß nur, daß meine Mutter schließlich weinend hinausging. Die Bellini mußte das Haus verlassen, und sie müssen mehrere Jahre miteinander verfeindet gewesen sein.« Leslie sah ihn nachdenklich an. »Dann war Ihr Vater also auch nicht gerade der beste –« »Das möchte ich nicht sagen«, protestierte er. »Er war ein einfacher Mann, der sich leicht durch kluge Frauen angezogen fühlte. Und die Bellini war faszinierend. Ich kann mich noch darauf besinnen. Ihr Mann lebte damals noch, er war ein großer, schlanker, melancholischer Italiener, der nur sehr schlecht Englisch sprach. Mein Vater und er waren nicht die besten Freunde. Ich glaube, Bellini hatte Geld von ihm geliehen und es nicht zurückgezahlt, und mein alter Vater war in solchen Dingen sehr korrekt. Aber ich weiß nicht, warum ich all diese Skandalgeschichten aufwärme, während ich doch alle meine Gedanken auf die Auffindung meines Kindes konzentrieren sollte. Hat Jane Ihnen erzählt, ob sie dem Kind einen Namen gab?« »Es hat weder einen Namen erhalten noch wurde es in das Kirchenbuch eingetragen. Amtlich existiert es also überhaupt nicht. Deshalb ist es ja auch so schwierig, die Spur aufzufinden.« »Ich bin neugierig –«, begann sie. Leslie schaute zum Fenster hinaus. »Worauf?« »Ob die beiden anderen Stücke dieses Zusammensetzspiels sich so leicht einfügen werden, und ich bin auch gespannt auf andere Dinge, Peter Dawlish. Wo ist die Handhabe, die ich gegen Anita Bellini brauche? Geben Sie mir wenigstens den Brief.« Er nahm ihn aus der Tasche und reichte ihn ihr. »Wer hat Ihnen dieses Schreiben gesandt?« »Es war keine Absenderadresse angegeben.« Sie betrachtete das Kuvert und den Poststempel. »Dies wurde von jemand geschickt, der entweder Jane oder der Prinzessin einen bösen Streich spielen wollte«, sagte Leslie. »Wenn ich doch nur den Absender herausbekommen könnte –« Sie hob den Brief auf und roch daran. »Sherlock Holmes würde sofort sagen können, ob dieses Parfüm Chanel Nr. 6 oder Chypre war. Aber ich als ein gewöhnlicher Mensch weiß nur, daß es in Greta Gurdens Schlafzimmer genauso duftet!« 16 In diesem Augenblick roch es aber in Greta Gurdens Schlafzimmer intensiv nach Bratwürsten. Der Duft kam von dem kleinen Gaskocher im Speisezimmer. Wenn Greta für sich allein zu sorgen hatte, dann war sie sehr sparsam, beinahe geizig. Speiste sie allerdings in einem Restaurant, so wählte sie lange unter den teuersten und schmackhaftesten Gerichten. Sie kannte die feinsten und besten Weine, wenn sie einen Begleiter hatte, der die Rechnung bezahlen mußte. Aber in ihrer eigenen Wohnung war sie mit dem frugalsten Essen zufrieden. Der Arzt hatte ihr erlaubt, am Nachmittag aufzustehen, und sie bemerkte, daß sie ohne Schmerzen langsam von einem Raum in den anderen gehen konnte. Ihre Aufwartefrau war nach Hause gegangen, und Greta war froh, daß sie allein war, denn die Tugend, das Gesicht zu wahren, findet man nicht nur in China. Wenn sie ihr kleines Mahl bereitete, war sie immer am liebsten allein, denn sie gehörte zu den Menschen, die wünschten, daß selbst die einfachsten Leute sie für vornehm und wohlhabend hielten. Sie war beinahe vergnügt, als sie ein Würstchen nach dem andern mit der Gabel aus der Pfanne nahm und auf eine heiße Schüssel legte. Dann stellte sie den Teekessel beiseite, deckte den Tisch und freute sich auf ihre Abendmahlzeit. Von Anita hatte sie seit ihrem letzten Besuch nichts mehr gehört. Greta machte sich schon den ganzen Tag über Vorwürfe, daß sie sich in ihrem Ärger dazu hatte hinreißen lassen, dieses Schriftstück an Peter Dawlish zu senden. Glücklicherweise würde es Anita nicht erfahren. Das war ihr einziger Trost. Was würde Anita sagen, wenn sie das entdeckte? Greta schauderte bei dem Gedanken. Sie war boshaft, aber feige. Und es war schließlich auch Feigheit, die den Umschwung in ihren Gefühlen gegen die Prinzessin hervorrief. Sie dachte jetzt anders über Anita, in deren Diensten sie gestanden hatte und die sie doch verraten hatte. In der Reaktion fühlte sie sich versöhnlicher gestimmt gegen ihre Feindin, die sie doch vorher so gehaßt hatte. Aber trotzdem hatte der Fund dieses Briefes Greta auf einen Gedanken gebracht. Vielleicht waren noch andere Schriftstücke in dem Stoß verborgen, die ebenso wertvoll waren. Sie dachte daran, daß ihre einzige Einnahmequelle versiegen würde, wenn die kleine Zeitschrift ihr Erscheinen einstellte. Anita war ja eigentlich im Recht, wenn sie mit der Zeitung unzufrieden war. Zwei ansehnliche Artikel erschienen Woche für Woche auf den Seiten dieses kleinen Blattes. Die erste Serie lief unter dem Titel: ›Geschichten aus dem wirklichen Leben‹. Unter der Überschrift war die Bemerkung gedruckt, daß der Einsender der besten Geschichte eine Belohnung von fünfundzwanzig Pfund erhalten würde. Es wurde besonders darauf Wert gelegt, daß das Material authentisch war, ferner mußte es pikant und eigenartig sein. Außerdem stand eine Annonce in der Zeitung, daß Leute gut bezahlt würden, die interessante gesellschaftliche Ereignisse berichten konnten. Diese beiden Aufforderungen führten zu einer umfangreichen Korrespondenz. In der Hauptsache waren die Mitteilungen wertlos, aber manchmal verriet doch ein beleidigter Dienstbote Dinge, die selbst der Kenntnis seiner Herrschaft entgangen waren. Das Dienstmädchen, das ein Paket alter Liebesbriefe in einer Geheimschublade ihrer Herrin fand, erhielt tatsächlich eine gute Belohnung dafür. Solche Briefe wanderten dann zu Anita, die sie sehr gut zu verwenden wußte. Offiziell wußte Greta nichts von diesen Dingen. Sie schickte diese Briefe nur ein, weil sie ein pikantes Interesse für Anita hatten. Es wurde nichts von ihr verlangt, was nicht jede Dame hätte tun können. Greta machte einen sehr guten Gebrauch von den kleinen und weniger wichtigen Mitteilungen, die ihr auf diesem Weg zugesandt wurden, denn sie war eine perfekte, wenn auch etwas einseitige Journalistin. Wenn sie Briefschaften an Anita sandte, legte sie stets dasselbe Begleitschreiben bei: Meine liebe Anita, die beigefügten Briefe sind, wie ich fürchte, für die Zeitung nicht zu gebrauchen. Wir würden wegen Verleumdung angeklagt werden, wenn wir nur ein Zehntel des Inhalts drucken würden. Aber sie werden Sie wahrscheinlich interessieren. * Die Briefe hatten stets diesen Wortlaut. Greta schrieb außerdem besondere Artikel für das kleine Blättchen, und da sie sich einmal vierzehn Tage lang in den Vereinigten Staaten aufgehalten hatte, war sie eine Autorität über die vornehmste Gesellschaft New Yorks. Sie wußte ihre geringen Kenntnisse über die führenden Leute gewandt und geschickt zu verwerten, und gelegentlich brachte sie auch etwas von dem Ton von Long Island in ihre Schilderungen. Ihr Stil war flüssig, sie hatte einen beißenden Witz, und unter günstigeren Umständen hätte sie in ihrem Fach viel leisten können. Aber sie hatte sich zu einer kriecherischen Schmeichlerin entwickelt und war abhängig von dem Gehalt, das ihr von Anita wie eine Art Almosen gegeben wurde. Als Greta ihre drei gebratenen Würstchen verzehrt hatte, entschied sie sich dafür, an dem Abend das letzte Paket Briefe in Angriff zu nehmen, die noch zu lesen und zu ordnen waren. Und es war ganz gut, daß Anita, die sie besuchte, sie bei dieser Beschäftigung fand. »Geht es mit Ihrem Bein besser? Nun, das ist gut. Ich möchte Sie heute abend nach Wimbledon mitnehmen.« »Aber meine liebe Anita, es ist nicht möglich, daß ich heute abend schon komme«, unterbrach sie Mrs. Gurden, die die Freundlichkeit und Höflichkeit selbst war. »Der Arzt sagt –« »Das ist mir gleich, was der Doktor sagt«, erwiderte Anita barsch. »Ich werde dafür sorgen, daß Sie alle Ärzte bekommen, die Sie notwendig haben. Sie müssen mich unter allen Umständen begleiten.« Greta murmelte etwas und versuchte zu widersprechen. »Aber es könnte schlimm werden«, entgegnete sie heiser. »Der Doktor –« Prinzessin Bellini sagte etwas sehr Unhöfliches über Ärzte im allgemeinen, dann sah sie verächtlich auf die Überbleibsel der einfachen Mahlzeit. »Packen Sie alle ihre Sachen, die Sie für einen langen Aufenthalt brauchen. Ich schicke Ihnen einen meiner Diener, der Ihnen helfen kann, wenn Sie wollen. Aber es wäre besser, wenn Ihre eigene Aufwartefrau, Snobes oder Hobbs oder wie sie sonst heißt, Ihnen behilflich ist.« »Wie lange soll ich denn bei Ihnen bleiben?« fragte Greta verwirrt. Die unglücklichsten Tage ihres Lebens hatte sie als Gast in Anitas Haus verbracht. »Einen Monat – sechs Wochen – das weiß ich nicht genau. Ich werde Sie ganz gut dafür bezahlen. Wegen Ihres Beines habe ich mit Ihrem Arzt telefoniert, und er sagte mir, daß Sie wieder ausfahren könnten, da die Wunde geheilt ist.« »Aber die Zeitung –« »Die wird eingestellt. Ich habe schon an die Druckerei in diesem Sinne geschrieben. Mein Rechtsanwalt hat den Auftrag, dieses Geschäft zu liquidieren – deswegen brauchen Sie sich nicht zu sorgen. Sie müssen sowieso etwas unternehmen, Greta – die Einnahmequelle, die Sie aus dem Blatte hatten, ist jetzt versiegt.« Greta hörte bestürzt zu und bemerkte nur schwach, daß es eigentlich schade um die Zeitung sei. Dann raffte sie sich aber plötzlich zusammen. »Ich kann nicht mitkommen, ich gehe einfach nicht mit Ihnen, Anita, bevor ich nicht den Doktor gesehen habe. Sie sind sehr unbedachtsam, ich bin doch noch Rekonvaleszentin. Es ist nicht nur die Wunde, es ist vor allem die seelische Erschütterung nach Druzes Tod. Es ist ein zu großes Risiko für mich – ich muß vor allen Dingen auch an mich denken. Dem verdammten Gurden mag es ja ganz gleich sein, ob ich lebe oder sterbe.« Anita saß vor ihr. Sie hatte ihre großen Hände um die Knie gelegt, und das Monokel blitzte in ihrem Gesicht. »Sie wollen doch nicht etwa von Mr. Gurden sprechen?« fragte sie höhnisch. »Mir gegenüber brauchen Sie doch nicht derartige blödsinnige Andeutungen zu machen! Dieser gute Mr. Gurden hat doch nie existiert!« »Das ist nicht wahr!« protestierte Greta unter Tränen. »Ich bin mit ihm verheiratet, aber wir leben getrennt.« Aber trotzdem gab sie Anita keine weiteren Beweise für ihre Behauptung. »Es ist ganz gleich, ob Sie mit ihm verheiratet sind oder nicht. Auf alle Fälle kommen Sie mit mir nach Wimbledon. Wenn Sie einen Arzt sehen wollen, lassen Sie ihn doch kommen.« Greta telefonierte an ihren Arzt, aber er war nicht zu Hause, und sie erhielt den Bescheid, daß er erst spät in der Nacht zurückkommen würde. Sie suchte im Telefonbuch nach einem anderen ihr bekannten Doktor, hatte seine Adresse bald gefunden und rief ihn an. Anita, die sich im Schlafzimmer vor dem Spiegel neu puderte und schminkte, hörte, wie Greta mit ihrer süßesten Stimme in das Telefon flötete, und lächelte verächtlich. »Wenn es Ihnen recht ist, Doktor – ich weiß nicht, ob Sie sich meiner noch erinnern – das ist sehr liebenswürdig von Ihnen ... Nein, nur eine kleine Wunde, sie ist eigentlich schon geheilt, aber ich möchte Sie doch gerne konsultieren.« Greta hängte den Hörer wieder an. Anita hatte ihre Lippen frisch geschminkt und kam in das Speisezimmer zurück. »Nun, haben Sie mit Ihrem Arzt gesprochen?« »Jawohl, Anita, er ist ein sehr netter Mensch. Er würde mich nicht fortgehen lassen, wenn er dächte, daß es irgendwelchen Schaden für meine Gesundheit haben könnte. Und wirklich, ich muß auch an mich denken. Ich fühle mich gar nicht wohl. Ich habe schon lange darüber nachgedacht, daß ich eigentlich einmal eine richtige Kur machen müßte –« »Wen haben Sie angerufen?« »Dr. Elford Wesley. Er war der Hausarzt von Mr. Dawlish –« Sie hörte einen wilden Ausruf und starrte entsetzt auf Anita, die die Augen weit aufgerissen hatte und ihre starken, weißen Zähne in einem häßlichen Grinsen zeigte. »Sie dumme Person!« zischte sie wütend. 17 Zornig stand sie vor Greta, die sich duckte und ihre Hände abwehrend hochhielt, als ob sie fürchtete, geschlagen zu werden. »Schnell, telefonieren Sie und sagen Sie, daß er nicht zu kommen braucht. Gebrauchen Sie irgendeine Entschuldigung!« Mit zitternder Hand wählte Greta die Telefonnummer, aber es meldete sich niemand mehr. »Er ist sicher schon fortgegangen.« »Dann hängen Sie an, Sie Einfaltspinsel!« Anita atmete schnell. Ihr Gesicht war plötzlich von Falten durchzogen und sah alt aus. »Schicken Sie jemand unten an die Tür, der ihm sagt, daß er nicht heraufkommen soll.« »Aber Anita«, jammerte Greta, »das kann ich doch nicht ich muß ihn doch sprechen. Wenn Sie ihn nicht sehen wollen, brauchen Sie sich ja nicht zu zeigen. Schicke ich ihm eine solche Botschaft hinunter, so wird er argwöhnisch werden. Sie entsinnen sich doch, daß die Polizei sofort Nachforschungen anstellte, weil mein dummer Arzt jemandem erzählte, daß ich eine Schußwunde am Bein hätte.« Dieser Einwand war nicht von der Hand zu weisen. Obwohl Anita von Furcht und Wut erfüllt war, mußte sie sich doch zufriedengeben, und als zehn Minuten später die Schritte des Arztes auf der Treppe hörbar wurden, verschwand sie im Schlafzimmer. Aber sie blieb an der Tür stehen, um alles hören zu können, was drinnen gesprochen wurde. Dr. Wesley war ein älterer, sehr gesprächiger Mann von untersetzter Gestalt. Sein freundliches, dickes Gesicht wurde von einem weißen Backenbart umrahmt. »Ach, du liebe Zeit – ich kenne Sie ja noch«, sagte er. Er gehörte zu der alten, aussterbenden Generation von Ärzten, die sich gern unterhalten und ihren Patienten gut zureden. »Ich kann mich jetzt ganz genau auf Sie besinnen – Sie waren doch mit den Dawlish befreundet? Der arme, alte Donald, er war ein lieber Kerl ... Nun wollen wir uns mal das Bein besehen.« Er untersuchte die Wunde, die nicht viel mehr als ein kleiner roter Fleck war, und zu Gretas größtem Kummer hatte er nichts gegen die Fahrt nach Wimbledon einzuwenden. »Sie müssen sich noch ein oder zwei Wochen ein wenig in acht nehmen«, sagte er freundlich, dann kehrte er wieder zu seinem alten Thema zurück. »Ja, ich war noch zwei Tage vor seinem Tode von morgens bis abends bei dem alten Donald. Und ich hoffte, allerdings ohne die geringste Aussicht, daß ich noch etwas für ihn tun könnte. Vierundzwanzig Stunden bin ich nicht von seiner Seite gewichen. Er starb sechs Stunden, nachdem ich ihn verlassen hatte. Mein lieber Freund, Sir Paul Grayley, blieb bei ihm. Er ist einer der besten Ärzte, die jemals gelebt haben.« Der alte Doktor Wesley war der Ansicht, daß alle Menschen, die er kannte, die besten waren, die jemals gelebt hatten, und alle, die nicht den Vorzug seiner Bekanntschaft hatten, wurden mit der einfachen Bemerkung ›arme Leute‹ abgetan. »Es ist nur schade um seinen Sohn!« Er schüttelte den Kopf. »Das ist wirklich eine sehr böse Geschichte. Ich habe Peter niemals persönlich kennengelernt, aber als ich von den schrecklichen Dingen hörte, die er angestellt hatte, sagte ich zu mir: ›Wenn diese Nachricht dem alten Donald mitgeteilt werden muß, so bist du der einzige, der das kann.‹« Er war sehr redselig, liebenswürdig und umgänglich, aber Greta war unzufrieden mit ihm und lud ihn nicht zum Verweilen ein. Wenn die Wünsche Anitas, die in dem dunklen Schlafzimmer stand, in Erfüllung gegangen wären, hätte sich Dr. Wesley das Genick gebrochen. Als er gegangen war, kam die Prinzessin aus ihrem Versteck. »Nun können Sie hoffentlich mit mir kommen, ohne sich den Tod zu holen«, sagte sie ironisch. »Ich könnte wohl, wenn ich wollte.« Greta fühlte sich in die Enge getrieben, aber sie war halsstarrig. »Ich will nicht von hier fortgehen. Ich weiß auch gar nicht, warum Sie diesen netten, alten Mann nicht leiden können. Ich gebe ja gern zu, daß er furchtbar schwatzhaft ist, aber das ist doch kein Grund, einen Nervenanfall zu bekommen, wenn man nur seinen Namen erwähnt.« »Wenn ich Ihre Meinung über meine Angelegenheiten hören will, werde ich Sie danach fragen«, fuhr Anita auf. Aber sie hatte sich in Greta verrechnet. Mrs. Gurden zuckte die Schultern. »Wenn Sie in diesem Ton mit mir verkehren wollen«, erwiderte sie, indem sie all ihre Kraft und Kühnheit zusammennahm, »dann ist es besser, daß wir uns so bald als möglich trennen, Anita. Sie haben zwar die Zeitung eingestellt, aber ich glaube, Sie schulden mir Gehalt, wenn Sie mich ohne Kündigung entlassen. Und weil wir nun gerade einmal über Geld sprechen – letzten Monat habe ich überhaupt kein Gehalt bekommen. Und außerdem habe ich nicht das geringste Verlangen, in Ihr schreckliches altes Nest zu gehen!« Die Prinzessin zwang sich zu einem Lächeln. »Meine liebe Greta, Sie werden theatralisch. Aber ich sehe ja, daß Sie nicht ganz bei Verstand sind. Seien Sie doch nicht verrückt! Sie kommen jetzt mit mir und bleiben ein oder zwei Wochen. Ich habe mehrere neue Pläne, über die ich mit Ihnen sprechen möchte. Und dann wollen wir unsere Sachen packen und nach Capri, nach Monte Carlo oder sonstwohin gehen, wo es hübscher ist als in Wimbledon.« »Nein, ich will nicht mitkommen!« Es gehörte für Greta ein ungeheurer Mut dazu, sich zu dieser Absage aufzuraffen. »Ich weigere mich, Ihnen zu folgen. Wenn ich mir meinen Lebensunterhalt verdienen muß, dann will ich ihn auch verdienen. Ich kann eine Stellung in Fleet Street annehmen, es wurde mir schon letzte Woche eine angeboten. Ich lasse mich nicht mehr von Ihnen tyrannisieren! Ich gehe nicht nach Wimbledon – das ist mein letztes Wort!« Anita fand hier einen Widerstand, mit dem sie nicht gerechnet hatte. Sie war wenig diplomatisch, sie hatte sich mit der Stärke ihres Charakters durch die Welt geschlagen. Es war nicht ihre Art, ihre Gegner zu überreden, sie konnte nur kommandieren. »Sie werden mich blamieren, ich habe versprochen –« »Das ist mir ganz gleich. Wenn Sie etwas versprochen haben, was Sie nicht halten können, dann ist das nicht mein Fehler. Wem haben Sie es denn versprochen?« Aber sie wartete gar nicht, bis Anita antworten konnte. »Sie sehen doch, wie sehr ich dieses Haus in Wimbledon und diese schrecklichen, herumschleichenden Javaner hasse, die Sie dort halten.« »Das sind sehr gute Leute! Wenn Sie einmal in Ihrem Konversationslexikon nachsehen, werden Sie entdecken, daß sie sehr friedliebend und häuslich sind.« Aber diese Worte verfingen nicht bei Greta. »Das mag stimmen oder nicht. Ich weiß jedenfalls, daß ich nicht mitkomme.« »Dann bleiben Sie hier – meinetwegen bis übermorgen«, fuhr Anita fort. »Ich will meine Zeit nicht mehr mit Ihnen verschwenden oder gar vor Ihnen auf die Knie fallen! Sie schulden mir sehr viel, Greta –« »Und Sie schulden mir einen Monat Gehalt«, erwiderte Greta Spitz. »Und außerdem noch drei Monate Gehalt, weil Sie mir nicht gekündigt haben.« Anitas Hände zitterten vor Wut. Sie riß ihre Handtasche auf und warf ein Paket Einpfundnoten auf den Tisch. Ohne ein weiteres Wort verließ sie dann das Zimmer und warf die Tür so heftig zu, daß das ganze Haus zitterte. Greta Gurden triumphierte und hatte doch schon Angst vor dem, was ihr der morgige Tag bringen würde. Schnell griff sie nach dem Telefonhörer und wählte die Nummer von Leslie Maughan, die sie aufgeschrieben hatte. »Ja, ich möchte mit Ihnen sprechen.« »Gerne, Mrs. Gurden.« Greta war erstaunt. »Woher wußten Sie denn, daß ich am Apparat bin?« Sie hörte, wie Leslie lachte. »Ich kann mich auf Stimmen sehr gut besinnen, besonders auf sympathische wie die Ihre«, sagte die junge Dame. »Ich möchte Sie gerne sehen – ich muß Sie sogar sehen äußerst dringend.« »Ich werde zu Ihnen kommen.« Es kostete einige Überredung, Lucretia dazu zu veranlassen, auf Mr. Coldwells Ankunft zu warten. »Warten Sie auf der Straße«, schlug Leslie vor, als sie sah, wie furchtsam ihr Mädchen war. »Aber Sie werden sich auf den Tod erkälten – das macht Ihnen aber wohl in Ihrer Angst nicht viel aus. Sie können sich ja auch solange mit einem Polizeibeamten unterhalten. Ich verlasse mich auf Sie.« Sie einigten sich darauf, daß Lucretia sich auf das Gepäck unten in dem Flur setzen sollte. Die Haustür wollte sie ein wenig offenhalten. Leider war es dort noch zugiger als auf der Straße! Greta bereute ihr Vorgehen schon halb, als Leslie auf dem Weg zu ihr war. Sie war nicht sehr beständig und schwebte zwischen Furcht und Reue, als Mrs. Hobbs, die gegen Abend zurückgekehrt war, Leslie in das Speisezimmer führte. »Es ist sehr liebenswürdig von Ihnen, daß Sie gekommen sind.« Greta war wieder die alte, sie ergriff Leslies Hand und schloß sie in ihren beiden Händen ein. Und dann wandte sie wieder ihren alten Trick an und blickte wehmütig und bittend auf ihre Besucherin. »Ich bin so unruhig – ich habe mich nämlich mit Anita überwürfen. Endgültig – es gibt keine Aussöhnung mehr. Sie hat die Zeitung eingestellt, wie Sie vielleicht schon gehört haben – Sie wissen ja alles in Scotland Yard. Das bedeutet, daß ich meine Stellung verloren habe, das heißt, ich könnte morgen schon eine neue haben, wenn ich mich darum bemühte. Anita hat sich schmählich gegen mich benommen, ich hätte mir das nie träumen lassen, nach allem, was ich für sie getan habe! Aber legen Sie doch bitte ab. Darf ich Ihnen eine Tasse Tee anbieten?« Leslie, die sich heimlich über Greta amüsierte, schüttelte den Kopf. Sie vermutete, daß Greta seit ihrem Anruf ihre Meinung schon wieder geändert hatte. Es war wenig wahrscheinlich, daß sie sich wegen eines Zerwürfnisses mit Anita an sie wandte. Wenn Leslies Informationen richtig waren, so kamen Auseinandersetzungen zwischen Greta Gurden und der Prinzessin ziemlich häufig vor. »Ich habe Ihnen natürlich nichts zu sagen, das zuungunsten von Anita Bellini spräche. Aber sie ist so eigenartig – und sie hat soviel Temperament! Ich würde mich nicht wundern, wenn sie in den nächsten Tagen einen Schlaganfall bekäme!« »Welche Sorgen bedrücken Sie denn?« »Sie wollte haben, daß ich mit ihr nach Wimbledon kommen und dort einen Monat bleiben sollte. Aber ich hasse diesen Platz – ich kann ihn nicht ausstehen! Ich bin etwas hitzig wie alle Künstler – ich meine Künstler und Schriftsteller. Anitas Haus flößt mir geradezu Furcht ein. Und sie war so gemein zu mir, obwohl ich mich nicht wohl fühle und solche Schmerzen in dem Bein habe. Anita ist in dieser Beziehung ganz unvernünftig. Sie können sich das gar nicht vorstellen, Miss Maughan. Wir hatten eine Auseinandersetzung, und ich erklärte ihr einfach, daß ich nichts mehr mit ihr zu tun haben wollte. Darauf machte sie mir eine furchtbare Szene, weil ich den alten Doktor Wesley hierher bat. Er sollte mich untersuchen und feststellen, ob ich schon ausgehen könnte. Sie schimpfte mich aus, weil ich ihn anrief – ich dachte wirklich, sie wäre ganz von Sinnen. Und dabei ist er doch ein so lieber, alter Herr, furchtbar gesprächig, aber charaktervoll und durchaus ein Gentleman. Sie wissen doch, daß er während der letzten vierundzwanzig Lebensstunden des verstorbenen Mr. Dawlish bei diesem war? Er ist nicht von seiner Seite gegangen, er glaubte, der Mann würde sein Bewußtsein noch einmal erlangen – das war doch lieb von ihm.« Leslie saß an der anderen Seite des Tisches, hatte die Hände geduldig gefaltet und wartete auf die eigentliche Geschichte Gretas. Jetzt lehnte sie sich vor und sah Greta voll ins Gesicht. »Dr. Wesley war der Hausarzt von Dawlish?« »Ein entzückender, interessanter, liebenswürdiger alter Herr – er hatte Mr. Dawlish sehr gern. Einen ganzen Tag und eine ganze Nacht saß er an seinem Lager. Und sechs Stunden später ist Mr. Dawlish gestorben.« Leslie hörte nicht zu, was Greta ihr in den nächsten fünf Minuten vorerzählte, aber auch als sie wieder verstand, was die andere sagte, war Greta immer noch nicht soweit, ihr den eigentlichen Grund für den telefonischen Anruf mitzuteilen. »... wenn irgend etwas bei der Gerichtsverhandlung herauskommt, so kann ich das immer behaupten. Anita muß für mich eintreten und aussagen, daß ich niemals wußte, daß dieser schreckliche Kerl eigentlich eine Frau war. Das erste, was ich sah, war, daß Anita mit diesem Mann handgemein war. Ich wollte nach der Polizei schicken, aber da kamen diese verfluchten gelben Kerle herein und versuchten, die Pistole Druzes Hand zu entwinden. Und ich lag auf dem Sofa, halb ohnmächtig, meine Liebe, und hatte keine Ahnung, daß ich verwundet war. Es mag Ihnen seltsam vorkommen, aber es ist so. Als ich aufwachte, benahm sich Anita wie ein Mensch, der den Kopf verloren hatte. Es war einfach entsetzlich!« »Haben Sie Druze noch einmal gesehen?« »Nein. Aber die gemeinen Ausdrücke, die sie gebrauchte, bevor die Schießerei begann –« Greta schauderte. »Ich könnte Ihnen nicht die Hälfte der Worte wiedererzählen, die sie sagte. Anita schickte mich aus dem Raum, sie sagte, sie hätte nicht gewußt, daß ich zugegen sei. Aber gerade als ich hinausgehen wollte, fiel ein Schuß – Peng!« Mrs. Gurden wurde dramatisch. »Und dann wurde alles dunkel um mich. Sie wissen, wie das ist.« »Ich kann den ganzen Zusammenhang noch nicht richtig verstehen. Ein paar Stunden nach dieser Schießerei traf ich Sie doch in der Wohnung Lady Raythams.« »Anita hatte mich dorthin geschickt. Sie sagte mir, gehen Sie zu Jane, aber erzählen Sie ihr nichts. Suchen Sie alles über Druze herauszubekommen – wie sie sich trennten und ob er ihr noch gedroht hat. Sie kennen doch Anita, sie ist dann einfach so befehlshaberisch. Der Doktor hat später gesagt, daß die Wunde sofort geheilt wäre, wenn ich nicht nachher herumgelaufen wäre. Als ich nach Hause kam, wäre ich beinahe gestorben!« Sie machte eine Pause, um Atem zu holen. »Ich vermute, sie wird morgen wieder erscheinen und mich bitten, zu ihr zurückzukommen. Und ich bin eine so friedfertige Natur, die immer wieder zum Verzeihen geneigt ist –« »Wenn es irgend etwas im Leben gibt, das Sie schätzen, so bleiben Sie hier, Mrs. Gurden«, sagte Leslie ruhig. »Ich möchte Sie nicht gern erschrecken, aber ich halte es für meine Pflicht, Sie zu warnen. Prinzessin Bellini ist nahe am Ende. Was aber Druze angeht –« Sie hatte niemals gedacht, daß Druze ermordet worden sei. Immer hatte sie an die Möglichkeit eines Kampfes gedacht, in dem unglücklicherweise einige Schüsse fielen. Anita Bellini hatte guten Grund, die höhnische Druze nicht zu erschießen. Als Leslie wieder zu ihrer Wohnung kam, war die Haustür verschlossen. Sie öffnete sie, drehte das Licht in dem Flur an und stellte dann mit Genugtuung fest, daß Lucretia mit dem Gepäck bereits verschwunden war. Im Briefkasten lag ein Telegramm, es war eine Antwort auf eine telegrafische Anfrage, die sie nach dem Mittagessen aufgegeben hatte. Sie las die Botschaft und hätte vor Freude laut aufjubeln mögen. Sie dachte an diese gute Nachricht und an die Unterhaltung, die sie eben mit Greta Gurden geführt hatte, als sie die Treppe hinauf eilte. Greta war aufsässig, das war klar, aber es fragte sich, ob ihre Wut und ihr Haß so weit ausreichen würden, um Anita Bellini vollständig bloßzustellen. Als sie ah dem Fenster in der Diele vorbeikam, sah sie, daß der neue Sicherheitsriegel angebracht war. Es war eigentlich lächerlich, die Wohnung überhaupt zu verlassen. Dem einen vergeblichen Versuch würde doch schwerlich ein zweiter Überfall folgen. Jetzt bedauerte sie, daß sie Mr. Coldwells Drängen nachgegeben hatte. Sie öffnete die Tür ihres Wohnzimmers und streckte die Hand aus, um das Licht anzudrehen, aber der Raum blieb dunkel. Sie wunderte sich und trat in das Zimmer. Sie hörte keinen Laut, keine Warnung, aber plötzlich griff eine große Hand an ihre Kehle, und eine andere schloß ihr den Mund. Dann fühlte sie den Druck eines Knies im Rücken. Sie versuchte, sich zu befreien, aber es gelang ihr nicht. »Sie schreien – Sie tot!« zischte ihr eine Stimme ins Ohr. Sie versuchte zu nicken. Die Tür wurde leise hinter ihr geschlossen. Es waren zwei Leute im Zimmer. Sie fühlte, wie ihre Fußgelenke ergriffen und hochgehoben wurden. Dann wurde sie in das Schlafzimmer getragen und auf das Bett gelegt. »Sie schreien –. Sie tot!« sagte der eine wieder. Der Griff um ihren Hals lockerte sich, aber die übelriechende Hand blieb noch auf ihrem Mund liegen. »Ich werde nicht schreien«, murmelte sie. Jetzt wurde auch die andere Hand fortgezogen. »Sie schreien, ich Kehle durchschneiden. Sie nicht schreien, ich nicht Kehle durchschneiden – nicht stechen.« »Ich werde nicht schreien«, wiederholte sie leise. »Kann ich aufstehen?« Die beiden schienen sich flüsternd in einer Sprache zu beraten, die Leslie nicht verstand. »Sie auf Stuhl sitzen, ganz ruhig sitzen, lange Zeit, lange Zeit«, sagte der Mann zu ihr, der zuerst mit ihr gesprochen hatte. Er ergriff sie am Arm, führte sie in das Wohnzimmer zurück und ließ sie in einem Stuhl Platz nehmen. Eine Straßenlaterne warf genügend Licht durch die Fenster, so daß sie nicht stolperte. Sie sah jetzt die beiden Männer, sie waren klein und reichten nur etwas über ihre Schultern, aber sie waren breit und kräftig gebaut und, wie sie ja schon erfahren hatte, unheimlich stark. Ihre Gesichter waren nicht zu unterscheiden, zufällig oder absichtlich kehrten sie den Rücken zum Fenster. Der anscheinend im Rang Höhere sagte etwas in der unbekannten Sprache, der andere ging hinaus und drehte das Licht im Flur aus. Gleich darauf kam er wieder zurück, und zu ihrem größten Erstaunen wurde er noch von einem dritten Mann begleitet. Sie hörte, wie sie zusammen flüsterten, dann verschwand der dritte wieder. Die beiden anderen setzten sich gleichmütig schweigend auf den Teppich zu ihren Füßen nieder, um sie zu bewachen. So verging etwa eine Viertelstunde. »Ich sprechen Englisch klein wenig«, sagte der erste Mann dann. »Ich höre verstehen Englisch gut. Ich sagen ganz Wahrheit. Letzte Nacht Diga Nagara wollen töten Sie. Diese Nacht er nicht wollen töten.« Er fügte noch etwas hinzu, was sie nicht verstehen konnte. »Was wollen Sie denn mit mir anfangen?« fragte sie. »Gleich, nach und nach«, erwiderte der kleine Mann, nachdem er ihre Worte langsam wiederholte und verstanden hatte. »Sie und ich gehen in Wagen – während gehen, Sie sehen Leute, Sie sprechen zu Leute, ich schneiden Kehle.« Das klang sehr entschieden, aber die Wiederholung seiner Drohung belustigte sie fast ein wenig. »Sie sagen ja immer dasselbe. Was geschieht denn, wenn ich in dem Wagen bin?« Es entstand eine Pause; da er sich die Antwort überlegen mußte. »Nach und nach Sie sehen.« Der dritte Mann kam jetzt zurück und sie sah, daß er in Wirklichkeit der Führer der drei war, denn auf seinen Befehl hin verschwanden die beiden anderen durch die Tür, und er nahm ihren Platz ein. »Sie brauchen nicht zu fürchten, daß Ihnen etwas geschieht, wenn Sie uns keine Schwierigkeiten machen«, sagte er. Zu ihrem Erstaunen sprach er perfekt Englisch. »Meine Herrin braucht Sie.« »Wer ist denn Ihre Herrin?« Es war eine gewisse Beruhigung für sie, daß dieser kleine Mensch alles verstehen konnte, was sie sagte, und daß sie sich mit ihm unterhalten konnte. Er erschien ihr weniger schrecklich und unheimlich als die beiden anderen. »Ich kann Ihre Fragen nicht beantworten, Miss. Aber Sie können versichert sein, daß Sie nichts zu fürchten haben. Vorige Nacht sollten Sie getötet werden. Ich selbst wollte Sie umbringen. Aber heute haben wir einen ganz anderen Befehl. Wenn Sie vernünftig und ruhig sind, passiert Ihnen nichts.« Er stand auf und schaute aus dem Fenster. Weder die Vorhänge noch die Jalousien waren heruntergezogen, und er konnte deutlich die gegenüberliegende Seite der Straße sehen. »Ich muß Ihnen sagen, was nun geschehen wird. Dieses Haus ist von Polizei umstellt und bewacht. Nach einer Weile werden die Leute müde und nachlässig werden, und dann wird mir mein Freund ein Zeichen geben, daß sie fortgegangen sind. In diesem Augenblick werden wir das Haus verlassen.« Leslie vermutete, daß sein ›Freund‹ einer der beiden Männer war, die verschwunden waren. Vorhin hatte sie gesehen, daß alle drei korrekt europäisch gekleidet waren. »Wollen Sie sich etwas näher ans Fenster setzen? Am besten nehmen Sie an Ihrem Schreibtisch Platz. Wenn das Telefon läutet, dann antworten Sie nicht.« So saßen sie nun, er auf der einen Seite des Tisches, sie auf der anderen. Seine Blicke wanderten von der Straße zu seiner Gefangenen und von ihr wieder zur Straße. Sie sah, wie die Autos draußen zu den Theatern fuhren, und sie war neugierig, ob wohl auf irgendeiner Bühne Londons ein Drama gespielt würde, das ebenso unmöglich und unwahrscheinlich war wie das, in dem sie selbst augenblicklich die Hauptrolle spielte. »Sie sind sich doch darüber klar«, sagte sie nach einer langen Pause, »daß Mr. Coldwell entweder telefonieren oder selbst hierherkommen wird, wenn ich nicht in seinem Haus erscheine?« Er nickte. »Wir haben bereits Vorkehrungen für diesen Fall getroffen. Wir haben ihm in Ihrem Namen ein Telegramm gesandt, daß Sie fortgerufen wurden nach« – er zögerte – »ich kann mich nicht auf die Stadt besinnen. Sie liegt im Westen und an der Küste.« »Meinen Sie Plymouth?« fragte sie schnell. »Ja, so heißt der Ort. In dem Telegramm war auch Ihr dortiges Hotel angegeben. Plymouth liegt sehr weit fort – und Sie werden nicht mehr hier sein, wenn er erfährt, daß Sie dort nicht angekommen sind.« »Wo werde ich denn sein?« »In dem Harem von Diga Nagara, dem großen Fürsten, der starb und doch lebendig ist.« Leslie Maughan wurde nicht schwach. Sie starrte nur auf den kleinen Mann, der feierlich nickte. »Diga Nagara, der große Fürst – der starb und doch lebendig ist!« 18 Peter Dawlish ging in seinem engen Zimmer auf und ab, er hatte die Hände in die Hosentaschen gesteckt und eine Zigarette zwischen den Lippen, die noch nicht angesteckt war. Er dachte an Kinder – an die kleine Elisabeth und an seinen Sohn, den er noch nicht gesehen hatte. Es war alles hoffnungslos. Wie und wo konnte er mit seinen Nachforschungen beginnen? Sein Kind erschien ihm so unwirklich wie eine Traumgestalt, Elisabeth dagegen war tatsächlich vorhanden. Er sah ihre großen, furchtsamen Augen und ihr blasses Gesicht vor sich. Er schloß die Augen – und da war sie wieder, zart und schlank, und sie bat um Hilfe, die er ihr doch nicht geben konnte. Er war ganz allein im Haus. Durch die dünnen Trennungswände dieser unsolid gebauten Häuser hörte er, wie ein Mann und eine Frau miteinander stritten. Auf der Straße pfiff ein Junge einen Gassenhauer. Wenn Mrs. Inglethorne hier wäre, würde er die Wahrheit schon erfahren, und wenn er sie halb erwürgen müßte. Wer außer ihr kannte Elisabeths Aufenthalt? Er wohnte erst so kurze Zeit hier, daß er nicht einmal wußte, mit wem sie verkehrte – er kannte keinen dieser heimlich herschleichenden kleinen Diebe, die hier ihre Beute verhandelten. Er wußte nicht mehr von ihr, als daß sie eine gemeine und habgierige Person war. Sie hatte keine Bekannten, die sie abends besuchten. Sie durfte es bei dem Charakter ihres Gewerbes ja auch nicht wagen, andere Leute ins Vertrauen zu ziehen. Die Polizei hatte das Haus von oben bis unten durchsucht, um vor allen Dingen weiteres Beweismaterial gegen sie zu entdecken. Man hatte aber nur nach wertvollen Gegenständen gesucht, die sie gekauft hatte, nach Stoffen und Seidenballen. Um Elisabeth hatte sich außer Leslie und ihm selbst eigentlich niemand gekümmert. Dieser Gedanke kam ihm, als er auf und ab ging und tief nachdachte. Wäre es nicht möglich, daß er etwas finden würde, was sie übersehen hatten, wenn er das Haus noch einmal durchsuchte? Vielleicht einen winzigen Anhaltspunkt, der auf die Spur des Kindes wies? Aber was ging ihn eigentlich die ganze Sache an? Welches gesetzliche und moralische Recht hatte er – denn eigentlich, Mrs. Inglethornes Tochter für sich zu beanspruchen? Aber er setzte sich über diese Frage hinweg, nahm seine Taschenlampe und ging nach unten. Die Tür zu dem Schlafzimmer der Frau stand offen. Das Schloß, das er aufgebrochen hatte, war noch nicht repariert worden. Er ging hinein und schaute sich um. Wenn die Polizei eine Haussuchung vorgenommen hat, bleibt gewöhnlich ein Chaos zurück. Aber in diesem Falle war das Zimmer dadurch höchstens aufgeräumt worden. Eine Anzahl von Kleidern, die offenbar der Frau gehörten, lagen auf dem Bett. Zwei Öldrucke, die einst die Wand geschmückt hatten, waren heruntergenommen. Die sauberen, unverfärbten Stellen auf der Tapete bezeichneten die Plätze, an denen sie früher hingen. Neben den Kleidern stand ein viereckiger, hölzerner Kasten, wie ihn Soldaten zum Transport ihrer Habseligkeiten benutzen. Der Kasten war geöffnet worden und war unverschlossen. Ein Stück Zeug hatte sich zwischen Deckel und Rand geklemmt, so daß er ein wenig offenstand. Wo würde eine Frau wie Mrs. Inglethorne wohl ihre Papiere verwahren? Verwahrte sie überhaupt Schriftstücke? Er versuchte, sich in die Gewohnheiten solcher Leute hineinzudenken und sich alles ins Gedächtnis zurückzurufen, was er zufällig aus zweiter Hand in Dartmoor über Menschen ihres Schlages gehört hatte. Unter dem Bett? Aber die Polizei hatte augenscheinlich die Matratzen aufgerollt und dort alles durchsucht. Dort war nichts. Er öffnete den großen, schwarzen Kasten geringschätzig. Aber plötzlich sah er mit erwachendem Interesse, daß die Innenseite des Deckels mit Zeitungspapier beklebt war. Hier hatte Mrs. Inglethorne Ausschnitte gesammelt, die sie interessierten und die einen Rückschluß auf ihre Einstellung und Denkungsart zuließen. Eine Überschrift fiel ihm ins Auge: ›Die Erbin eines großen Vermögens durch einen Kinderstrumpf entdeckt.‹ Eine andere lautete: ›Die Mutter wiedererkannt durch das Monogramm auf dem Kleid des Kindes!‹ Er las die Zeitungsausschnitte sorgfältig durch. Sie handelten alle nur von dem einen Gegenstand; Identifizierung unbekannter Kinder, wodurch die glücklichen Personen, die die Herkunft der Kleinen nachweisen konnten, große Vermögen erwarben. Einige Zeitungsausschnitte waren schon sehr alt, gelb und kaum noch entzifferbar. Anscheinend sammelte Mrs. Inglethorne sie schon seit langen Jahren. Er vermutete, daß die Polizei den Kasten auch durchsucht hatte. Er war fast ganz mit kleinen, runden Bündelchen gefüllt, die mit einer Kordel zusammengebunden waren. Manche waren aus Leinen, aus rauhem Kalikostoff oder aus Baumwolle, und als er tiefer hineinfaßte, berührte er sogar Seide. Diese Bündel waren früher einmal weiß gewesen, aber vieles Berühren und Staub hatten sie grau und unansehnlich gemacht. Er öffnete eins der Bündel und rollte es auf. Er fand das Nachthemd eines Kindes, ein Paar kleine, wollene Schuhe und einen Schal. An den Schuhen war mit einer Stecknadel ein Stück Papier befestigt, auf dem eine ungeübte Hand die Worte geschrieben hatte: ›Mrs. Larses Junge, zehn Tage alt, Masern, neun Monate.‹ Hier also war die Lebensgeschichte des kleinen Sohnes von Mrs. Larse verzeichnet. ›Masern, neun Monate!‹ war seine Grabschrift. Mrs. Inglethorne war eine Engelmacherin, er hatte das schon längst vermutet. Er öffnete ein anderes Bündel, vielleicht würde er auch etwas über Elisabeth finden. Das zweite Bündel enthielt nur ein rauhes Kalikokleid und auf einem Zettel die Worte: ›Junges Mädchen namens Leavey, fünf Tage Keuchhusten, sechs Wochen.‹ Er öffnete ein Päckchen nach dem anderen, und jedes war eine Tragödie für sich. Nur bei wenigen war die Todesursache in kurzen Worten erwähnt, in manchen fand er zwei gleichlautende Zettel. Es lagen bereits zwölf Bündel vor ihm, die er geprüft hatte; er nahm nun das dreizehnte heraus und war gespannt, was der Inhalt dieser glücklichen oder unglücklichen Nummer sein würde. Er entrollte ein kleines Nachtgewand aus feinstem Leinen, das beste und teuerste, das er unter all den anderen gefunden hatte. Ein Schal aus schwerer Seide und ein winziges kleines Hemd aus weichem Flanell lagen dabei. Zuerst konnte er den dazugehörigen Zettel nicht finden, aber später entdeckte er ihn an der Innenseite des Schals. Er enthielt nur drei Worte, die aber sein Herz schneller schlagen ließen: ›Miss Marthas Mädchen.‹ Das Bündel fiel aus seinen zitternden Händen. Miss Marthas Mädchen! Er dachte an den Brief. ›Druze hat ein sehr gutes Heim für deinen Sohn gefundene Und mit Bleistift war daruntergekritzelt gewesen: ›Marthas Dienstmädchen.‹ Und Marthas Dienstmädchen war – Mrs. Inglethorne! Miss Marthas Mädchen! Diese Frau hatte sich nicht geirrt. Er untersuchte die Kleidungsstücke nacheinander und fand, daß an dem Nachthemd in der Nähe des Kragens ein zweiter Papierstreifen angesteckt war, der dieselbe Handschrift aufwies. Als er ihn las, stieß er einen heiseren Schrei aus: ›Miss Marthas Mädchen Elisabeth.‹ Fieberhaft wickelte er all die anderen kleinen Bündel aus, aber er fand keinen weiteren Anhaltspunkt. Seine Knie zitterten, als er die Treppe hinaufstieg. Die ihm so teuren Kleidungsstücke hatte er an sein Herz gedrückt. Dann kam ihm plötzlich der Gedanke, daß er sofort Leslie sprechen mußte. Er wagte es nicht, die Kleider in der Wohnung zu lassen, faltete sie zusammen und steckte sie in die Tasche. Den seidenen Schal benutzte er als Halstuch unter seinem dünnen Mantel, denn der Abend war bitter kalt. Die Fenster ihrer Wohnung waren dunkel, aber er erinnerte sich daran, daß sie schwere Sammetvorhänge hatte, die vielleicht zugezogen waren. Er klingelte und wartete, aber es kam keine Antwort. Er läutete noch einmal. Aus einem nahegelegenen Hausflur kam ein Mann auf ihn zu. »Wen wünschen Sie denn zu sprechen?« fragte er in einem amtlichen Ton. Peter wußte sofort, daß er einen Detektiv vor sich hatte. »Ich möchte Miss Maughan sprechen – mein Name ist Dawlish.« »Ach so, Sie sind Mr. Dawlish. Miss Maughan ist nicht hier. Sie wohnt zur Zeit bei Chefinspektor Coldwell. Es ist niemand in diesem Haus.« Peter verbarg seine Enttäuschung nicht. Er war so erfüllt von seiner Entdeckung, daß er sich einem Menschen gegenüber aussprechen mußte. Er mußte Leslie sehen. Der Detektiv gab ihm die Adresse Coldwells, und Peter ging quer über die Charing Cross Road, um die Untergrundbahnstation zu erreichen, Als er auf der anderen Seite der Straße angelangt war, hatte er ein ungewisses Gefühl, drehte sich um und sah zu den Fenstern ihrer Wohnung hinauf. Er sah ein kurzes Aufflackern von Licht, als ob jemand eine elektrische Taschenlampe für den Bruchteil einer Sekunde angedreht hätte. Peter blieb stehen. Es mußte also doch jemand in Leslies Wohnung sein. Langsam ging er über die Straße zurück. Der Detektiv war verschwunden, er war zur Rückseite des Häuserblocks gegangen, um seinen Kollegen dort aufzusuchen. Während Peter noch zögerte, öffnete sich plötzlich die Haustür. Er folgte einer momentanen Eingebung, stieß sie weit auf und trat einen Schritt in die Dunkelheit. »Wer ist dort?« fragte er. An die Vorgänge, die sich dann abspielten, konnte er sich nicht erinnern. Etwas Weiches und zugleich Schweres fiel mit einem Schlag auf seinen Kopf. Sein weicher Hut wurde zusammengepreßt, als ob er aus Papier sei. Er taumelte und fiel in die Knie. Ein zweiter Schlag streckte ihn zu Boden. Das Blut rann an seinem Gesicht herunter und färbte den weichen Seidenschal, der früher einmal sein Kind eingehüllt hatte. ' An diesem bitterkalten Abend waren keine Spaziergänger in der Charing Cross Road zu sehen. Ein eisiger Nordostwind blies, und die Leute eilten schneller als sonst nach Hause. Kein Müßiggänger hätte dem Detektiv erzählen können, daß drei kleine Männer schnell über den Gehsteig zu einem Auto geeilt waren, das gerade in dem Augenblick vor der Haustür gehalten hatte, als Peter hineinging. 19 Als der Wagen anfuhr, rannte ein Mann quer über die Straße, sprang behende auf das Trittbrett, zwängte sich durch die Tür und nahm seinen Sitz neben dem Chauffeur ein. Bei dem Hippodrome wurde der Wagen für einige Sekunden angehalten, dann ging es in schneller Fahrt die Coventry Street entlang. Sie fuhren ohne Aufenthalt über Piccadilly Circus, und ein paar Augenblicke später bogen sie in den Hydepark ein. Leslie konnte nun die Gesichter der Männer sehen, die sie gefangengenommen hatten. Sie waren gelbbraun und hatten Schlitzaugen, ähnlich wie sie es von Chinesen und Japanern kannte. Aber das war auch die einzige Ähnlichkeit mit dieser Rasse. Ihre Gesichter sahen lange nicht so intelligent aus. Es waren natürlich Javaner. Wie töricht von ihr, daß sie das nicht gleich von Anfang an erkannt hatte! Anita Bellini hatte doch lange Jahre in Java gelebt. Sie erinnerte sich an Peters Worte. Sie wußte jetzt auch, welchen Zusammenhang die Sicherheitskette mit ihrem Erlebnis hatte. Sie war angebracht worden, weil ein Angriff auf ihre Wohnung geplant war. Anitas Leibwache war anderswo beschäftigt, sie mußte also die Kette anbringen, um in Abwesenheit ihrer Leute ihr Haus zu schützen. Aber wer war Diga Nagara? Der Name kam ihr doch so bekannt vor. Es war eine jener einprägsamen Gestalten der Geschichte, die selbst ein flüchtiger Schüler im Gedächtnis behält. Vielleicht war er irgendein javanischer Gott. »Wer ist Diga Nagara?« fragte sie plötzlich. Sie hörte, daß die Männer den Atem anhielten, als ob sie erschrocken wären. »Der Fürst, der Eine Große«, sagte der Mann an ihrer linken Seite mit leiser, ehrfurchtsvoller Stimme. »Er ist gestorben und lebt doch. Aber die Holländer glauben, daß er wirklich tot ist.« Java ... Leslie wünschte nun, daß sie sich mehr mit den Malaiischen Staaten und den Gewohnheiten ihrer Völker befaßt hätte. Dann würde sie jetzt wissen, was es bedeutete, in den Harem dieses Fürsten aufgenommen zu werden, der zwar gestorben war, aber doch lebte. Der Wagen fuhr über die Hammersmith-Brücke, und wenige Minuten später erkannte sie den Platz wieder, wo sie die Leiche von Druze gefunden hatten. Sie fuhren also nach Wimbledon zu Anitas schrecklichem Haus. Der Wagen hielt vor der Haustür, und sie eilten die Stufen hinauf. Sie waren noch nicht ganz oben angekommen, als die Tür schon geöffnet wurde. Es war kein Licht in der Halle, und Leslie hörte, daß die Tür hinter ihr geschlossen und die Sicherheitskette vorgelegt wurde. Ihr Mut sank. Jemand drehte eine elektrische Handlampe an, und sie sah die breite, mit schweren Teppichen belegte Treppe vor sich. »Gehen Sie hinauf«, sagte der Mann, der sie hergebracht hatte. Er hielt sie noch am Arm fest, und sie gehorchte. Sie gingen die Biegung der Treppe hinauf und kamen in dem großen Flur des oberen Stockwerks an. Jemand klopfte an einer Tür, und Anitas Stimme rief »Herein«. Der Mann, der angeklopft hatte, öffnete die Türflügel weit. Leslie erkannte undeutlich eine hohe Wand, die hinter einem dunklen, goldgestickten Vorhang verborgen war. Der Raum war von einem merkwürdigen, fast grünen Licht erfüllt. Der Mann, der sie bisher geleitet hatte, gab sie jetzt frei. Sie ging allein in den Raum, und die Tür schloß sich hinter ihr. Es war ein längliches Zimmer von seltsamen Ausmaßen. Leslie bemerkte außer einem Diwan, der an dem entgegengesetzten Ende stand, und einem niedrigen Tisch davor, keine Möbel. Der Teppich, der den Boden bedeckte, war entweder dunkelrot oder schwarz. In dem merkwürdigen Licht der beiden grünen Lampen, die an jeder Seite des Diwans brannten, war es unmöglich, seine Farbe zu unterscheiden. Anita Bellini saß mit untergeschlagenen Beinen auf dem Diwan und sah mit ihrem goldenen Schmuck wie ein abstoßendes und groteskes Götzenbild aus. Um ihre dicken Arme lagen vom Handgelenk bis zum Ellbogen blitzende Armbänder. Drei Perlenketten hatte sie um den Hals geschlungen, und wenn sie ihre Hände bewegte, glitzerten unzählige, funkelnde Brillanten. Sie hielt eine lange Zigarettenspitze aus Ebenholz zwischen den Lippen, und das unvermeidliche Monokel leuchtete in grüngoldenem Licht auf. »Kommen Sie her, Miss Maughan, nehmen Sie Platz!« Anita zeigte auf den Boden, und Leslie entdeckte dort mehrere schwarze Kissen, die sie von der Tür aus nicht hatte sehen können. Leslie setzte sich gehorsam nieder und schaute in das harte Gesicht. Sie saßen beide einander gegenüber und sahen sich eine Zeitlang schweigend an. Dann begann Anita zu sprechen, nachdem sie die Asche ihrer Zigarette abgestreift hatte. »Ich nehme an, daß Sie vernünftig sind?« »Ich auch«, erwiderte Leslie kühl. »Sicher haben sie genügend Verstand, um beurteilen zu können, daß ich nicht das Risiko auf mich nähme, Sie hierherzubringen – Sie hierher zu entführen, ist das richtigere Wort –, wenn meine Lage nicht vollständig verzweifelt wäre. Ich hätte Sie beinahe in der letzten Nacht umbringen lassen, aber das wäre ein böser Fehler gewesen. Sie sind für mich weit nützlicher, wenn ich Sie lebendig habe.« Leslie lächelte schwach. »Das klingt ja ganz dramatisch.« Anita schien ihre Worte zu überhören. »Haben Sie schon einmal von Diga Nagara gehört? Er war ein großer Fürst in Java, der vor siebzig Jahren starb. Er ist eine mythische Figur geworden, und die Eingeborenen glauben, daß er unsterblich ist und durch seine Untertanen alles genießt, was die Welt einem lebenden Mann bieten kann. In seinem Namen würden sie jede Tat ausführen.« Sie machte eine Pause, nahm ihr Monokel ab, rieb es mechanisch an ihrem Kleid und klemmte es wieder ein. »Sie wären in der vorigen Nacht ermordet worden, weil Diga Nagara Ihren Tod beschlossen hatte. Wenn ich Sie einem dieser Männer zur Frau gäbe, würden Sie Diga Nagaras Frau sein, wer auch immer Ihre Hand hielte. Haben Sie verstanden, was ich damit sagen will?« Leslie nickte. Sie sah Anita unentwegt an. »Die Javaner sind höfliche und freundliche Leute«, fuhr Anita langsam fort, »aber in mancher Beziehung sind sie auch – nicht freundlich.« »Ich begreife, daß das alles eine Drohung ist, was mir geschieht, wenn ich das nicht tue, was Sie wünschen.« »Sie sind ein verständiges Mädchen.« Anita Bellini beugte sich vor und legte ihre Ellbogen auf die Knie. Ihre Haltung ähnelte sehr der eines gemeinen Fischweibes, sie hatte etwas unaussprechlich Gewöhnliches an sich, trotz ihres Monokels, ihres Pariser Goldkleides und des ganzen Luxus, der sie umgab. »Heute nachmittag hat Mr. Coldwell einen Haftbefehl für mich ausstellen lassen, er will auch mein Haus durchsuchen. Wußten Sie das?« Leslie war ehrlich erstaunt. »Ich habe keine Ahnung davon und glaube nicht, daß das, was Sie sagen, der Wahrheit entspricht. Mr. Coldwell hat mir nichts von einer solchen Absicht verraten.« Anita unterbrach sie. »Es entspricht den Tatsachen, er hat um den Haftbefehl nachgesucht. Ob er ihn erhalten hat, weiß ich nicht. Das ist die eine Sache. Zweitens haben Sie Greta Gurden heute abend besucht, und sie hat Ihnen das einzige erzählt, das Sie nicht erfahren sollten. Ich weiß es, weil ich sah, daß Sie ihre Wohnung betraten und wieder verließen. Und ich habe Greta nachher gesehen«, fügte sie grimmig hinzu. »Es ist nicht notwendig, daß ich Ihnen erzähle, was Sie dort gehört haben.« »Nein, das ist nicht nötig. Aber das hätte ich auch von selbst herausgefunden, wenn ich nur so schlau gewesen wäre, gleich zu Dr. Wesley zu gehen und zu fragen, wie lange Mr. Dawlish vor seinem Tode bewußtlos war. Daß die Änderung des Testaments eine Fälschung war, habe ich schon immer vermutet. Ich habe eine fotografische Kopie davon gesehen und habe die Unterschrift darauf mit echten Unterschriften von Donald Dawlish verglichen. Es wäre nicht schwer, zu beweisen, daß das neue Testament, das Mrs. Dawlish das ganze Vermögen zuspricht und Peter enterbt, von Anfang bis zu Ende eine Fälschung ist. Der Arzt könnte das fraglos bezeugen. An dem Tag, an dem Mr. Dawlish dies neue Testament gemacht haben soll, war er vollständig bewußtlos. Sie bilden sich doch nicht ein, Prinzessin, daß Sie hierin recht behalten werden? Mr. Dawlishs Rechtsanwälte waren immer unzufrieden und zweifelten die Echtheit des Testaments an, das ohne ihre Zuziehung aufgesetzt wurde und nur deshalb Geltung erlangte, weil Peter Dawlish nicht vor Gericht erscheinen konnte, um es anzufechten.« Anita Bellini antwortete hierauf nichts. »Ich kümmere mich jetzt hauptsächlich um mich und meine eigenen Angelegenheiten«, sagte sie schließlich nach einer Pause. »Und Sie sollen mich dabei unterstützen. Martha muß für sich selbst sorgen. Sie müssen mir beistehen, daß ich fortkomme. Ich mache Ihnen ein gutes Angebot – hunderttausend Pfund.« »Selbst wenn Sie mir alles Geld der Welt anböten, Prinzessin, würde das keinen Eindruck auf mich machen. Wie könnte ich Ihnen helfen, das Land zu verlassen? Sie sprechen, als ob ich der Chef der Geheimen Polizei wäre und Macht hätte, die Prozesse bei Gericht niederzuschlagen. Sie müßten Lady Raytham aufsuchen, die Sie seit Jahren erpreßt haben, und selbst wenn diese keine Anklage gegen Sie erhöbe, so erfordert doch das Gesetz, daß Sie vor Gericht eine Erklärung für den Tod von Annie Druze geben.« »Es war ein unglücklicher Zufall.« »Ich weiß es – oder vielmehr ich vermutete es. Aber das muß alles ordnungsgemäß aufgeklärt werden, und das ist unmöglich, ohne daß auch die Erpressungen aufgedeckt werden, die Sie begangen haben. Ich bin bereit, etwas für Sie zu tun. Wenn Sie mich, ohne mir ein Leid zugefügt zu haben, aus Ihrem Hause entlassen, so soll das kleine Abenteuer von heute abend vergessen sein. Ich will Ihre Javaner vergessen und will nicht mehr daran denken, was vorige Nacht passiert ist. Sagen Sie mir nur, wo ich« – sie machte eine Pause – »Elisabeth finden kann.« »Eine derartige Person gibt es nicht«, erwiderte Anita barsch. »Ich meine Elisabeth Dawlish, Peters Tochter.« Anita Bellini hatte ihre Zigarette ausgehen lassen, drehte den Halter von einer Seite zur andern und betrachtete ihn kritisch, als ob sie irgendeine schadhafte Stelle an ihm entdeckt hätte. »Sie müssen dafür sorgen, daß ich aus all diesen Schwierigkeiten herauskomme.« Leslie erhob sich. »Ich dachte, Sie wären klüger.« In ihrer Stimme lag eine gewisse Verachtung. »Sie können nicht mehr gerettet werden nichts kann Ihnen helfen!« »Ach, glauben Sie?« fragte Anita sanft. »Wissen Sie denn auch, meine Liebe, daß Sie mich in diese Lage gebracht haben, aus der ich nicht mehr entkommen kann? – Nur Sie! Sie haben doch die ganze Geschichte der Druzes auf gerollt – oder haben Sie das nicht getan?« Sie lachte heiser. »Ich weiß sehr viel mehr, als Sie sich einbilden. Und alle die einzelnen Nachrichten und Anhaltspunkte haben Sie zusammengesetzt, um Anita zu fangen, die arme, alte Anita, nicht wahr?« Sie zeigte ihre großen, weißen Zähne in einem mitleidlosen Lächeln. Plötzlich glitt sie von dem Diwan und trat nahe an Leslie heran. »Wir wollen eine Hochzeit feiern!« sagte sie und klatschte zweimal in die Hände. Der Raum schien vorher vollständig leer zu sein, aber auf dieses Zeichen hin tauchten plötzlich sechs kleine Männer mit nacktem Oberkörper wie durch Zauber hinter dem langen Vorhang auf. Anita rief mit wutverzerrtem Gesicht etwas in javanischer Sprache, und die untersetzten Gestalten kamen in ihrem sonderbaren Gang langsam auf Leslie zu. Sie rührte sich nicht, sie stand aufrecht da und wandte ihr bleiches Gesicht Anita zu. Selbst als die Javaner sie ergriffen, leistete sie keinen Widerstand. Sie ließ sich von ihnen hinter den Vorhang ziehen und durch eine Tür in einen kleinen, dumpfen Raum schieben. Die Tür wurde hinter ihr zugemacht, und ein Schloß schnappte ein. Von der anderen Seite der Tür hörte sie eine höhnische Stimme. Dann vernahm sie einige Worte in javanischer Sprache und darauf das Lachen der kleinen Männer. Leslie bückte sich, hob ihren Rock hoch und entnahm dem Strumpfband einen harten Gegenstand. Es war eine kleinkalibrige Browning-Pistole – sie legte den Sicherungsflügel herum. Jetzt fühlte sie sich sicherer, und mit der Pistole in der Hand begann sie, sich in dem Raum umzusehen. Die Ausstattung war etwas bunt und flitterhaft. Der Diwan, der ein unentbehrliches Möbel in jedem Zimmer des Hauses zu sein schien, war alt und abgenutzt. Eine mit bunten Tüchern verhängte elektrische Lampe hing von der Decke herunter. Zwei Bronzeschalen standen an der Wand. Anscheinend war dies das Zimmer des obersten Dieners. Diese Vermutung bestätigte sich, als sie die Decke des Diwans aufhob und darunter einige Tücher fand, die offenbar javanische Kleidungsstücke waren. In dem Raum befand sich noch eine zweite Tür, die sie zu öffnen versuchte. Zu ihrer größten Überraschung und Beruhigung steckte der Schlüssel im Schloß. Sie drehte ihn um, die Tür ging auf, und sie befand sich in einem gewöhnlichen Schlafzimmer, wie sie überall in den Häusern von Wimbledon anzutreffen waren. Es brannte kein Licht, und es war auch nicht ratsam, es anzudrehen. Leise schloß sie die Tür des kleinen Raumes, den sie verlassen hatte, und ging auf Zehenspitzen über den Fußboden. Sie tastete sich zurecht, bis sie die Tür des Schlafzimmers fand. Dann drückte sie die Klinke leise herunter und schaute sich um. Glücklicherweise wandten ihr die beiden Leute, die auf dem Treppenpodest standen, den Rücken zu. Behutsam und vorsichtig schloß sie die Tür wieder und war von Furcht erfüllt, daß sie Lärm machen könnte. Schnell durchquerte sie wieder das Schlafzimmer und versuchte, die Fenster zu öffnen. Aber sie waren mit einem Vierkant verschlossen und geschützt. Leslie suchte nach dem Baderaum und tastete an der Wand entlang. Nach einiger Zeit hatte sie einen Türdrücker in der Hand und öffnete erfreut. Jetzt war sie aber doch gezwungen, einen Augenblick Licht zu machen. Der Raum wurde offenbar als Ankleideraum benutzt. Gegenüber lag eine andere Tür. Leslie vermutete, daß diese zu einem zweiten Schlafzimmer führte. Schnell drehte sie das Licht wieder aus. Die Tür war verschlossen, aber auch hier steckte der Schlüssel wieder. Ob es eine Falle war? Sie zögerte. Dann drehte sie kurz entschlossen den Schlüssel um, schrak aber sofort wieder zurück, denn hier war jemand. Sie hörte Atemzüge und ein leises Knacken, als ob sich jemand in einem Bett umwandte. »Wer ist es, bitte?« fragte eine leise Stimme. Leslies Herz schlug zum Zerspringen, denn es war Elisabeth, die hier im Dunkeln sprach. »Sei ganz ruhig«, flüsterte Leslie, zog den Schlüssel aus der Tür und schloß sie von innen ab. Erst dann machte sie Licht. Sie stand in einem kleinen Zimmer, das scheinbar nur die eine Tür hatte, durch die sie eben gekommen war. Das kleine Fenster war ebenfalls verriegelt und mit Netzdraht verschlossen. Sie schaute sich wieder nach Elisabeth um, die in ihrem kleinen Bett saß und erstaunt auf diesen unerwarteten Besuch schaute. Plötzlich sprang das Kind auf und lief zu Leslie hin, die es in ihre Arme schloß. »Holen Sie mich von hier fort? Ich fürchte mich so sehr vor diesen kleinen Leuten. Ich habe Ihnen schon früher von ihnen erzählt. Einer kam und ließ die Pistole bei meiner Mutter. Ach, nehmen Sie mich doch mit, bitte, bitte!« Leslie küßte sie. »Du brauchst dich nicht zu fürchten«, sagte sie, obgleich sie selbst nicht von ihren Worten überzeugt war. »Sage mir schnell, ob es noch einen anderen Weg aus diesem Raum gibt als die Tür.« Zu ihrem Erstaunen zeigte Elisabeth auf einen einfachen Schrank, der an der Wand stand. »Manchmal kommt sie hier herein, die schreckliche Frau mit dem Glasauge. Sie sagte mir, daß einer der braunen Männer mich umbringen würde, wenn ich Lärm machte.« Sie schüttelte sich und zitterte vor Furcht. Leslie schob sie sanft beiseite, ging zu dem Schrank und öffnete ihn. Er war leer und reichte vom Fußboden bis zu ihrem Kopf. Die Rückwand war zweifellos eine Tür, aber es war weder ein Schlüsselloch noch eine Türklinke zu sehen. Sie stemmte sich mit aller Wucht dagegen, und die Tür sprang auf – sie war auf der anderen Seite nur durch einen einfachen Riegel gesichert gewesen. Leslie ging zu Elisabeth zurück und hüllte sie in eine Bettdecke ein. »Du mußt jetzt brav und ruhig sein«, flüsterte sie ihr zu. »Komm mit mir.« »Sie hat mir gesagt, ich dürfte niemals hier durchgehen –« Aber Leslie beruhigte sie, und sie gingen durch den anstoßenden Raum, der ebenfalls ein Schlafzimmer war, das aber offenbar nicht benutzt wurde. Das Bett war nicht bezogen, und einige der Polstermöbel waren mit Überzügen versehen. Leslie öffnete die Haupttür, und diesmal kam sie auf einen anderen Flur. Sie konnte niemand sehen. Eine enge Treppe führte nach unten. Dort brannte ein düsteres Licht. »Sie haben ja auch eine Pistole«, sagte Elisabeth verwundert. Leslie lächelte. »Sprich jetzt nicht«, flüsterte sie dem Kind ins Ohr. Dann führte sie Elisabeth vorsichtig die Treppe hinunter, die auf einen schmalen, fliesenbelegten Gang führte. Als sie unten ankamen, hörte sie Stimmen. Sie sah sich vorsichtig um und entdeckte, daß sich unter der Treppe eine offene Tür befand. An dem anderen Ende des Ganges war eine zweite Tür zu sehen, die anscheinend nach draußen führte, denn sie war mit Ketten und Riegeln versehen. Während Leslie stand und überlegte, was sie tun sollte, entfernten sich die Stimmen, und der Lichtschein auf der Wand, der aus der offenen Tür gekommen war, verschwand. Dies war der gegebene Augenblick. Sie packte das Kind am Arm, zog ihre Schuhe aus und eilte geräuschlos den Gang entlang. Sie erreichte die Tür und löste mit zitternden Fingern zuerst die eine Kette, dann die andere. Sie schob den oberen und den unteren Riegel zurück und hatte die Hand schon am Schlüssel, als von oben plötzlich ein Schrei ertönte. Eine Alarmglocke schlug an, die Tür unter der Treppe flog auf, und drei Männer eilten heraus. Die beiden ersten sahen sie nicht, sondern eilten die Treppe hinauf. Der dritte aber entdeckte Leslie und rief die anderen zurück. Im nächsten Augenblick rannten sie auf sie zu. Zweimal krachte die kleine Pistole. Einer der Männer fiel mit einem Stöhnen zu Boden und griff an sein Knie. Aber dann fielen sie über Leslie her, und sie kämpfte verzweifelt um ihr Leben. Sie hörte den Schrei Elisabeths und rief ihr zu, die Tür zu öffnen und hinauszulaufen. Aber das Kind war, zu erschrocken, um sich rühren zu können. Sie trugen Leslie Maughan gefesselt und gebunden in den roten Salon und legten sie zu Anitas Füßen nieder. Dann hob der Mann, der englisch sprach, seine Hand. »Herrin, hier ist die Frau. Was soll mit ihr geschehen?« Anita zeigte mit ihrem dicken, juwelengeschmückten Finger auf ihn. »Diese Nacht sollst du die Seele und den Körper von Diga Nagara haben«, sagte sie mit schriller Stimme. »Diga Nagara, dies ist deine Braut!« 20 Peter Dawlish glaubte, lange bewußtlos gelegen zu haben, als er sich mit einem Seufzer auf den Rücken drehte und vorsichtig seine Kopfwunde befühlte. Sein Gesicht war feucht und dick mit Blut verklebt. Als er versuchte, sich zu erheben, schien sich das ganze Gebäude um ihn zu drehen. Aber es gelang ihm doch, aufzustehen und sich an der Wand zu stützen. Er faßte den Handgriff der Tür, riß sie auf, wurde aber sofort von starken Händen gepackt. »Hallo, wer sind Sie denn?« fragte eine strenge Stimme. »Dawlish – mir muß etwas gesehen sein – ich sah Licht in dem Haus und wollte hineingehen. Die Tür öffnete sich – auf mehr kann ich mich nicht besinnen.« Der Detektiv erkannte ihn. »Die Tür öffnete sich?« fragte er besorgt. »War denn jemand in der Wohnung?« Peter nickte, aber er stöhnte vor Schmerzen. »Geben Sie mir bitte etwas zu trinken.« Der Detektiv stützte ihn und führte ihn die Treppe hinauf in Leslies Wohnzimmer. Ein Glas eiskaltes Wasser brachte ihn wieder zu sich, und er konnte nun zusammenhängend erzählen, was er erlebt hatte. »Es können nicht mehr als zehn Minuten vergangen sein«, sagte der Detektiv. »Ich bin nur hinter das Haus gegangen, um den anderen Posten auf der hinteren Seite zu sprechen. Ich kann einen Eid darauf leisten, daß ich nicht länger fort war.« Plötzlich bückte er sich und hob etwas auf. Es war ein Eingeborenen-Pantoffel, den einer der Leute in der Eile verloren hatte. Das Licht seiner Lampe, die er schnell noch angedreht hatte, um ihn zu suchen, hatte Peter gesehen. »Ich will sofort Mr. Coldwell anrufen.« Der Chefinspektor war gerade beim Abendbrot. »Ich werde gleich hinkommen. Ich erhielt zwar ein Telegramm von Miss Maughan, daß sie nach Plymouth gefahren wäre, aber das will nicht viel heißen.« Zwanzig Minuten später war er schon in der Wohnung. Peter war inzwischen provisorisch verbunden worden und hatte sich das Blut aus dem Gesicht gewaschen. Die Wunde schmerzte ihn, aber er hatte sich schon bedeutend erholt. »Sie haben Sie mit einem Gummiknüppel geschlagen – das ist eine unfehlbare Methode«, meinte Coldwell abgestumpft. Er schaute sich stirnrunzelnd in dem Zimmer um. »Aber weil diese Kerle hier waren, muß Miss Maughan noch nicht hier gewesen sein. Sie kann noch nicht in Plymouth angekommen sein. Ich werde mich aber sofort vergewissern.« Er fuhr zum Telegrafenamt, von dem das Telegramm abgeschickt war, und er hatte Glück, daß er den Postmeister noch gerade traf, als er das Büro verlassen wollte. »Ich möchte das Originaltelegramm sehen, das ungefähr um fünf Uhr an mich abgesandt wurde.« »Das werden wir bald haben«, war die prompte Antwort. Aber es war doch schwierig, und eine halbe Stunde kostbare Zeit verging, bis das mit Bleistift geschriebene Formular gefunden wurde. Coldwell brauchte nur einen Blick darauf zu werfen, um festzustellen, daß es nicht von Leslie geschrieben war, obwohl es zweifellos eine Frauenhandschrift war. Er kehrte zu Leslies Wohnung zurück und schickte den Detektiv in einem Wagen nach Scotland Yard. Peter benutzte die Zwischenzeit, um ihm alles zu erzählen, was er in Mrs. Inglethornes Kasten gefunden hatte. »Das habe ich vermutet – genau wie Leslie – wie Miss Maughan. Daß sie immer von dem Sohn sprachen, hat nichts zu bedeuten. Die unglückliche Lady Jane hatte die Absicht, das Kind bei sich zu behalten, wenn es ein Mädchen gewesen wäre. Das war aber nicht der Wunsch der Bande, in deren Hände sie gefallen war, sie sagten ihr einfach, es sei ein Junge. Aber ich werde das feststellen, bevor wir weitere Schritte in dieser Sache unternehmen. Um Leslie Maughan mache ich mir eigentlich keine allzu großen Sorgen – sie hat auf jeden Fall eine Pistole bei sich.« Eine Viertelstunde später hielt sein Wagen vor den hinteren Toren des Holloway-Gefängnisses. Nachdem seine Legitimation genau überprüft war, wurde er eingelassen und zu dem Teil des Gebäudes geführt, wo die Untersuchungsgefangenen untergebracht waren. Die Oberwärterin öffnete die Tür und ging hinein. Gleich darauf kam sie wieder heraus und winkte ihn in die Zelle. Mrs. Inglethorne saß mit verzerrtem Gesicht da. Ihre großen, rauhen Hände hatte sie gefaltet. Sie kannte Coldwell und schaute ihn grimmig an. »Es hat keinen Zweck, daß Sie hier hereinkommen«, rief sie mit schriller Stimme. »Ich werde Ihnen doch nichts sagen! Wenn Sie das Kind haben wollen, suchen Sie es doch! Das wird Sie einige Zeit kosten!« »Hören Sie einmal zu.« Coldwell hatte seine eigene Methode, mit Verbrechern umzugehen. »Ob Sie neun Monate Gefängnis oder eine lange Zuchthausstrafe bekommen, das hängt jetzt ganz davon ab, welche Antwort Sie mir geben. Und es ist auch Aussicht vorhanden, daß Sie zu noch schärferer Strafe verurteilt werden.« Sie sah ihn böse an. »Was meinen Sie damit?« Er erzählte ihr einen Teil ihres Lebens, sagte ihr, wo sie gelebt hatte und wie lange sie an den verschiedenen Plätzen gewohnt hatte. Sie machte keine Bemerkungen; verbesserte ihn auch nicht, sondern schaute auf ihre Hände. Erst als er eine Pause machte, blickte sie auf. »Ist das alles?« fragte sie unverschämt. »Noch nicht ganz. Sie haben in den letzten zwanzig Jahren auch Kinder in Pflege genommen. Sie haben von einer Person, die sich den Namen Arthur Druze beilegte, einen kleinen Jungen erhalten, der erst einige Tage alt war. Wo ist dieses Kind?« »Das ist doch Ihre Sache, das herauszufinden.« »Nein, es wäre besser, wenn Sie es herausbrächten.« Seine Stimme hatte jetzt einen harten, metallischen Klang, den sie nur manchmal annahm. »Sie haben mir zu beweisen, daß das Kind noch am Leben ist, oder es wird eine andere Anklage gegen Sie erhoben!« Sie schaute erschrocken auf, ihr großer Mund zitterte. »Sie können mich nicht anklagen –« »Ich werde Sie wegen Mordes anklagen, und ich werde alle Gärten der Häuser aufgraben, in denen sie in den letzten sechs Jahren gewohnt haben – da werden sich die Beweise schon finden.« Mrs. Inglethorne war verstört. Ihre Augen starrten den Inspektor wild an, und er las in ihrem Blick die Todesangst, die sie erfüllte. »Ich habe das nicht getan«, schrie sie. »Sie waren Marthas Dienstmädchen – waren Sie das nicht?« Sie nickte stumm und warf sich dann wie eine Wahnsinnige auf ihr Lager. Aber in diesem Anfall brach sie ihre lebenslangen Gewohnheiten und gestand die Wahrheit. Ein Polizeiwagen stand vor der Tür von Leslies Wohnung, als Coldwell zurückkam, und ein Dutzend Beamte warteten auf dem Gehsteig. Er winkte Peter zu sich. »Es wäre besser, wenn Sie mitgingen!« sagte er. »Wohin fahren Sie?« »Nach Wimbledon – fühlen Sie sich wohl genug? Es ist möglich, daß alles ruhig abgeht, aber ich habe das Gefühl, als ob Ihre erhabene Hoheit kämpfend fallen wird.« »Ist Leslie dort?« Coldwell nickte. Hundert Meter von dem Haus Anita Bellinis entfernt hielt das Polizeiauto an, und die Beamten stiegen aus. Coldwell hatte schon während der Fahrt seine Anordnungen getroffen. Vier der Detektive wurden auf der Rückseite des Hauses postiert, die übrigen sollten den vorderen Eingang angreifen. Coldwell selbst klingelte. In seiner rechten Hand hatte er eine kurze, scharfe Axt, um die Kette zu durchschlagen, wenn sich die Tür öffnete. Hinter ihm stand Peter. Der Chefinspektor neigte sich vor. »Können Sie etwas hören?« flüsterte er. »Nein.« »Ich dachte, ich hörte einen Schrei.« Er wartete noch einige Sekunden, dann wandte er sich an den nächsten Mann: »Geben Sie mir das Brecheisen.« Die lange Stahlstange wurde ihm gereicht. Mit einem geschickten Stoß klemmte er die Spitze zwischen Tür und Pfosten. Ein neuer Ruck stieß das Brecheisen noch tiefer hinein. Dann schwang er mit aller Gewalt die Stange nach rückwärts, und die Tür flog mit einem Krachen auf. Ein Hieb mit der Axt zerbrach die Kette, die Polizisten strömten in die dunkle Halle und eilten die Treppe hinauf. * Der untersetzte, breitschulterige Javaner hob Leslie mühelos auf, und während er das tat, bildeten seine Landsleute einen Kreis um ihn, klatschten im Rhythmus in die Hände und sangen monoton den Heiratsgesang ihres Landes. Leslie hörte es und biß die Zähne aufeinander, als sie sich von den starken Armen dieses Eingeborenen emporgehoben fühlte. Einen Augenblick konnte sie Anita Bellini sehen – ihr haßerfüllter Blick ließ sie im Innersten erschauern. »Leben Sie wohl, meine kleine Maughan«, sagte sie höhnisch. »Am Ende dieser Feier wartet der bittere Tod auf Sie.« Dann stand sie plötzlich still und starrte auf die Tür. »Keiner hat sich zu rühren! Sagen Sie diesen Kerlen, daß sie sich ruhig verhalten, Bellini!« Es war Coldwells Stimme. Leslie fühlte, daß der Javaner sie zu Boden gleiten ließ. Aber plötzlich wurde sie wieder von jemand aufgehoben, und sie sah in Peters hageres Gesicht. »Also – keine Schießerei«, sagte Coldwell höflich, »dann wird es auch keinen Spektakel geben. Ich verhafte Sie, Bellini. Ich vermute, daß Sie darauf vorbereitet sind?« »Ich bin Prinzessin Bellini«, begann sie. »Ob Sie Prinzessin Bellini oder Annie Druze oder Alice Druze sind, macht für mich nicht viel aus«, erwiderte Coldwell, als er sie am Handgelenk packte. »Aber Sie haben den Vorzug, die erste Frau zu sein, der ich in meinem Leben Handschellen anlege.« Die kalten Stahlringe um ihre Handgelenke schnappten ein. »Die meisten Frauen, die ich verhaftet habe, waren liebenswürdige sanfte Geschöpfe, verglichen mit Ihnen.« Anita Bellini antwortete nicht. Sie sah plötzlich sehr alt aus. Aber dann tat sie etwas unerwartet Großzügiges, Ritterliches und Vornehmes. Sie nickte der erstaunten Gruppe von Javanern zu, die von drei bewaffneten Detektiven bewacht wurden. »Diese Leute dort haben nichts Unrechtes getan, sie haben nur meine Befehle ausgeführt, ohne Kenntnis des Gesetzes.« Sie sagte etwas in javanischer Sprache zu dem Mann, der Leslie gehalten hatte, und er lächelte und antwortete in derselben Sprache. »Dies ist mein Erster Boy« – sie zeigte mit dem Kopf auf ihn – »er ist verantwortlich für die anderen.« Dann warf sie den Kopf zurück und sagte mit einem harten Lächeln: »Nun wohl, das ist das Ende der Druzes.« »Nicht ganz«, erwiderte Leslie ruhig. »Auch mit Martha muß noch abgerechnet werden.« Anita Bellini schaute zornig, aber auch furchtsam auf Leslie Maughan. »Was wollen Sie damit sagen – wen meinen Sie mit Martha?« fragte sie scharf. »Ich habe sie seit Jahren nicht gesehen.« Leslie lächelte. »Ich habe sie noch vor zwei Tagen gesehen, ich war also glücklicher als Sie.« Sie warteten nur noch so lange, bis Leslie sich umgezogen und die Gefangene einen Mantel angelegt hatte. Dann verschwand Anita Bellini aus Leslies Leben. Nur noch einmal begegnete sie ihr, als sie auf dem Zeugenstuhl saß und gegen die Angeklagte mit dem Monokel aussagte. Aber Anita sah sie nicht an, sondern starrte geradeaus auf den Richter in seiner blutigroten Robe. Bevor Leslie das Haus verließ, suchte sie noch nach Elisabeth und fand sie weinend in Ihrem Bett in dem kleinen Ankleidezimmer. Anita Bellini war schon aus dem Haus und auf dem Weg zur Wimbledon-Polizeistation. Das Kind war in zerschlissene und zerlumpte Kleider gehüllt. Leslie stand in dem Hausflur und schaute sie an. Die Tränen waren ihr nahe. »Elisabeth, weißt du noch, daß du in den Büchern immer schöne Väter gesehen hast?« Das Kind nickte und lächelte. »Nun, ich werde dich jetzt zu einem wirklichen Vater bringen.« »Zu einem wirklichen Vater?« fragte sie atemlos. »Zu meinem Vater?« »Ja, aber du kannst nicht erraten, wer es ist.« Plötzlich hängte sich das Kind an sie und schloß seine Arme um ihren Hals. Peter fand sie beide weinend. 21 Mrs. Donald Dawlish machte selten am Tage einen Besuch. Wenn ihr großer Rolls-Royce-Wagen am Berkeley Square auftauchte, war es ein besonderes Ereignis. Aber um elf Uhr nachts ... »Wie, Mrs. Dawlish?« fragte Jane verwundert, als der Diener ihr die Nachricht brachte. Sie hatte diese Frau seit zwei Jahren nicht gesehen. Ihr Verhalten war in letzter Zeit sogar direkt feindlich gewesen. »Führen Sie die Dame bitte herauf.« Margaret Dawlish schritt in den Raum und strich sich mit der Hand ihre weißen Haare glatt. Sie trug ein schwarzes Kleid, das ihr besser stand als irgendeine andere Farbe, und auf ihrer Brust prangte ein Diamartstern, der ein wenig zu groß war. »Sie sind sicher erstaunt, daß ich zu dieser Stunde noch komme.« Sie legte ihren Schal auf den Diwan, ging zum Kamin und wärmte ihre Hände am Feuer. »Ja, ich bin erstaunt«, sagte Jane und wartete, was kommen würde. Nur eine Katastrophe konnte Peters Mutter zu einem solchen Schritt veranlassen. »Ich bin Ihnen eine gute Freundin gewesen, Jane – in vergangenen Tagen«, begann sie und wartete auf eine Bestätigung. Aber Jane schwieg. »Es hat Unannehmlichkeiten und Schwierigkeiten wegen des Testaments meines verstorbenen Mannes gegeben«, fuhr sie fort. »Ich habe heute abend einen Brief von seinem Rechtsanwalt bekommen, in dem er mich auffordert, ihm alle möglichen Informationen zu geben, auf die ich nicht vorbereitet bin. Das Testament wurde vor sechs Jahren beglaubigt, sie können jetzt nichts mehr anfangen, aber sie nörgeln dauernd, und ich bin dieser Sache müde. Es ist möglich, daß die Rechtsanwälte in Peters Auftrag handeln, aber ich bezweifle es. Peter kann auf alle Fälle dieses Vorgehen gegen mich unterbinden.« Es war das erstemal, daß Jane Raytham etwas von Schwierigkeiten in Verbindung mit dem Testament des verstorbenen Mr. Dawlish hörte. Aber die Bitte, die an sie gestellt werden sollte, konnte sie nicht ohne Widerspruch hingehen lassen. »Ich weiß nichts von der Sache. Peter muß natürlich handeln, wie er es für gut hält. Ich habe keinen Einfluß auf ihn.« »Sie haben großen Einfluß«, sagte Mrs. Dawlish mit Nachdruck. »Peter hat alles über das Kind herausbekommen, vermutlich wissen Sie das.« Jane nickte. »Er ist begierig, sein Kind zu bekommen und –« Sie schaute in die grauen Augen und hielt plötzlich inne. »Auch ich möchte es finden«, sagte Jane Raytham leise. Mrs. Dawlish war sehr überrascht. »Sie auch? Ich dachte nicht, daß Sie die Veranlagung haben, sich über solche Dinge Sorgen zu machen. Nun, das ist von meinem Standpunkt aus um so besser. Ich kann Ihnen das Kind geben. Sagen Sie Peter nur, daß ich Ihnen das Kind ausliefern und ihm eine große Rente aussetzen werde, wenn es ihm gelingt, die Rechtsanwälte daran zu hindern, weiter gegen mich vorzugehen.« »Wie, Sie können mir das Kind zurückgeben? Sie wissen, wo es ist?« fragte Jane mit zitternder Stimme. »Ja, ich weiß es. Es war kein Junge, Jane.« Jane Raytham schrak zurück, als ob sie ins Gesicht geschlagen worden wäre. »Es war kein Junge – es war ein Mädchen? Und Sie hatten mir doch versprochen –« »Es hat jetzt keinen Sinn, über Versprechen und Ereignisse zu reden, die Jahre zurückliegen«, sagte Margaret Dawlish kühl. »Ich spreche von der Gegenwart. Ja, es war ein Mädchen. Druze brachte sie zu meinem früheren Dienstmädchen – Marthas Dienstmädchen.« Jane starrte sie sprachlos vor Erstaunen an. »Was – Sie sind Martha?« Mrs. Dawlish nickte. »Martha Druze?« »Martha Dawlish. Ich kann auf diesen Namen Anspruch erheben, nicht einmal Peter kann ihn mir nehmen. Ich heiratete den alten Dawlish zwei Wochen, nachdem seine Frau im Kindbett gestorben war. Anita hat ihn dazu gebracht, wenn Sie nun doch einmal die Wahrheit wissen wollen. Sie hätte ihn selbst geheiratet, aber damals war Bellini noch am Leben. Ich war ihre Lieblingsschwester, und es war immer ihre Absicht gewesen, mich gut zu verheiraten. Ich weiß nicht, in welchem Verhältnis sie zu meinem Mann stand, und ich kümmerte mich auch nicht darum. Aber sie war in jenen Tagen eine schöne, faszinierende Frau, bevor sie sich selbst vernachlässigte. Auf jeden Fall hatte sie genug Einfluß, um ihn zu veranlassen, mich zu heiraten.« Jane bedeckte ihre Augen mit den Händen, als ob sie versuchte, den Dunst und Nebel wegzuwischen, der ihren klaren Blick verdunkelte. »Sie sind Martha?« sagte sie dann wieder, »Ich wußte wohl, daß Sie eine Krankenschwester waren. Wie ist es denn dann mit Peter?« »Peter ist nicht mein Sohn – wenn Sie das wissen wollen. Ich bestand darauf, daß es ihm nie gesagt werden sollte. Ich fühlte, daß es meine Stellung und meine Autorität schwächen würde. Mr. Dawlish war leicht zu behandeln und versprach es mir. Hätte Peter nur ein wenig Verstand gehabt, so hätte er das wissen können. Er brauchte ja nur seinen Geburtsschein einzusehen und mit meiner Heiratsurkunde zu vergleichen, um alles zu erfahren. Jane, wollen sie mir helfen, was Peter anbetrifft? Ich will nicht kleinlich sein mit der Summe.« Jane schüttelte hilflos den Kopf. »Ich wüßte nicht, was ich tun könnte, ich kann meine Gedanken im Augenblick nicht sammeln ... Nur eins weiß ich – ich möchte mein Kind haben – meine Tochter!« Über die harten Züge von Mrs. Dawlish flog ein Lächeln. »Sehnt sich denn sonst niemand nach dem Kind?« fragte sie bedeutungsvoll. »Hat Peter keine Rechte an das Mädchen? Daran haben Sie wohl noch gar nicht gedacht?« »Doch«, entgegnete Jane mit leiser Stimme. »Aber ich kenne Peter. Und ob das Kind bei mir ist oder bei ihm – es wird uns beiden gehören. Wir schreiten einen Abhang hinunter, der sich immer tiefer senkt. Gott weiß, wann, wie und wo wir enden werden. Ich war so schlecht, wie nur eine Frau sein kann, ich habe Bigamie begangen – unterbrechen Sie mich nicht –, mein Mann muß es wissen. Ich glaube, es wird ihm nicht so nahegehen wie mir – er wird vielleicht froh sein, mich loszuwerden. Aber das alles kann ich ertragen, wenn ich nur mein Kind habe. Ich will alles tun, was in meinen Kräften steht«, fuhr sie schnell fort, als sie ihre Fassung wiedererlangte. »Wenn es Peter nicht verletzt – ich habe ihn schon zu tief gekränkt. Aber er hat einen zu festen Charakter, als daß ihn das noch verletzen könnte. Ich kann ihn heute abend nicht mehr sehen, aber ich werde ihm noch heute schreiben, daß ich ihn morgen sprechen möchte und dann –« In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und ein Mann mit verbundenem Kopf trat ein. Zuerst erkannte sie ihn nicht. »Peter!« rief sie dann mit zitternder Stimme. Er führte ein kleines Mädchen in einem abgetragenen und verschossenen Mantel an der Hand. Das Kind trug keinen Hut, die goldenen Locken fielen lose herab. Jane Raytham schaute in dieses schöne Gesicht, sah in die klaren Augen, die sie verwundert anschauten. Sie öffnete ihre Lippen, aber sie konnte kein Wort hervorbringen. »Wer ist dies, Peter?« fragte sie endlich mit einer fast fremden Stimme. »Das ist Elisabeth«, sagte Peter freundlich. »Elisabeth« – er beugte sich nieder und blickte in die Augen des Kindes – »Elisabeth, dies ist deine Mutter!« 22 »Es tut mir leid, daß ich Sie hier in meine unfreundliche Wohnung gebracht habe«, sagte Leslie. »Aber – im Ernst, die meisten Dokumente und Beweise, die ich habe, liegen hier in meinem Schreibtisch.« Dann lachte sie herzlich. »Was haben Sie bloß wieder für einen Scherz mit uns vor?« fragte Mr. Coldwell argwöhnisch. »Sie sehen alle so aus wie Chorsänger. Sie sitzen im Kreise umher und haben die Hände auf die Knie gelegt – und dabei ist es zwei Uhr nachts. Es ist alles so merkwürdig – aber ich will jetzt von vorn beginnen. Soll ich? Sie wissen alle, daß ich von Anfang an ein großes Interesse an diesem Fall hatte. Zufällig fand ich ein Gedichtbuch in einem kleinen Farmhaus in Cumberland. Allmählich brachte ich immer mehr und schließlich alle Anhaltspunkte zusammen. In Devonshire lebte eine Familie Druze.« Kurz erzählte sie alles, was ihr der Geistliche berichtet und was sie durch ihre Nachforschungen entdeckt hatte. »Annie Druze war in Wirklichkeit Anita Bellini, Alice lebte unter dem Namen Arthur Druze, und Martha, die jüngste der Schwestern, heiratete später Mr. Dawlish. Die drei Mädchen waren sehr gute Freundinnen, sie hatten schon in ihrer Kindheit eine Art Vertrag geschlossen, sieh gegenseitig durch dick und dünn zu helfen. Dieser Umstand ist wesentlich für ihre späteren Beziehungen. Annie ging als Kammerzofe außer Landes und machte Bekanntschaft mit dem armen Abkömmling einer alt-italienischen Adelsfamilie. Sie heiratete ihn auch. Martha wurde in einem Hospital ausgebildet und legte ihre Prüfung als Hebamme ab. Sie wurde hinzugezogen, um Peters Mutter nach der Geburt zu pflegen. Alice, die mittlere, ging zu ihrer Schwester Annie nach Java, wo Prinz Bellini eine untergeordnete Stellung einnahm. Ich habe eine lange Aussprache mit Martha Druze gehabt. Sie erzählte mir, daß Alice nach einer Kostümierung zu Arthur Druze wurde. Eines Abends ging sie als Mann verkleidet auf einen Maskenball, und niemand vermutete, wer sie in Wirklichkeit war. Die vorteilhaften Möglichkeiten, die sich hieraus ergaben, hat wohl Anita zum erstenmal überschaut, denn es steht außer Frage, daß sie sich auch schon damals Erpressungen zuschulden kommen ließ. Es ist erwiesen, daß sie in Java von einem Regierungsbeamten große Summen erpreßte. Es gibt ein Aktenstück hierüber, eine Klage, die die englische Polizei schon in dem Jahr erhob, als Anita hierher zurückkehrte und die Frau eines ihrer Opfer Anzeige gegen sie erstattete. Aber Anita konnte es nicht lassen. Martha hat alles ausgesagt und verraten, um sieb, selbst zu retten. Sie gibt an, daß Anita auch Banknoten gefälscht hat, soweit sie weiß. Es ist jetzt auch klargestellt, daß Anita die Unterschrift Lord Everreeds auf jenem Scheck fälschte, indem sie sich Peters Abwesenheit zunutze machte. Sie schickte dann Druze hin, um den Scheck einzukassieren. Der Ertrag dieses Verbrechens wurde zwischen den beiden Schwestern geteilt. Ob sie dies nur aus reiner Bosheit tat, um Peter zu ruinieren, oder ob sie selbst in Not war, konnte ich bis jetzt noch nicht feststellen. Martha behauptet, daß das letzte der Fall sei, und schwört, daß sie damals nichts von der Fälschung erfahren habe. Ich habe darüber meine eigene Ansicht. Anita war schon mit Jane bekannt, bevor sie sich mit Peter verlobte. Aber sie interessierte sich erst nach ihrer Heirat und ihrer Rückkehr nach England für sie. Die Verhaftung Peters fiel zeitlich mit der Tatsache zusammen, daß Anita erfuhr, Lord Raytham, ein schwerreicher Mann, wolle Jane heiraten, die merkwürdigerweise verschwunden war. Anita vermutete die wahre Ursache, stellte Nachforschungen an und fand sie tatsächlich auf. Sie hörte von Janes Zustand und blieb bei ihr. Sie hatte die Absicht, sie zu einer Heirat mit Raytham zu überreden, um sie später als Lady Raytham erpressen zu können. Sie versuchte Jane einzureden, daß ihre Ehe nicht rechtmäßig sei, und hoffte, daß sie in ihrer Verzweiflung Bigamie begehen würde, so daß sie für den Rest ihres Lebens in Anitas Gewalt wäre. Aber Jane machte einen verzweifelten Versuch, ihre Ehe zu lösen. Sie zog nach Reno und beantragte die Scheidung – und die Scheidung wurde von dem Gericht tatsächlich ausgesprochen.« »Die Scheidung – wurde wirklich ausgesprochen?« unterbrach Janes erregte Stimme Leslies Erzählung. Ihre Worte klängen fast wie ein Schrei. »Die Scheidung wurde doch nicht ausgesprochen – sie wurde abgelehnt!« »Sie wurde wirklich ausgesprochen, und das Urteil wurde rechtsgültig. Ich habe ein Telegramm von dem Gerichtssekretär erhalten, in dem die Tatsache bestätigt wird. Es kam gestern abend an. Anita tat natürlich alles, uni die Scheidung zu hintertreiben. Denn wenn Jane wirklich geschieden worden wäre, so hätte sie außer dem Kind ja keine Handhabe gegen sie gehabt. Das Kind wurde infolgedessen von ihrer Schwester fortgebracht und Mrs. Inglethorne übergeben, die vier Jahre lang in Marthas Diensten stand. Als Anita herausfand, daß die Scheidung durchgehen würde, überredete sie Jane, den Gerichtssaal zu verlassen, während der Richter das Urteil verlas. Ihr Wagen stand vor der Tür des Gerichtsgebäudes, und hier wartete Jane auf das Urteil. Als Anita zu ihr zurückkehrte und mit ihr fortfuhr, log sie ihr vor, daß die Scheidung abgelehnt sei. Jane heiratete Lord Raytham also in dem Glauben, daß sie sich der Bigamie schuldig machte, obwohl sie sich selbst damit beruhigte, daß ihre erste Ehe in irgendeiner Art durch einen Formfehler ungültig sei. Seit sieben Jahren hat Jane Raytham den Erpressern unerhörte Summen gezahlt. Sie nahm an, daß der Mann, der das Kind in Pflege genommen hatte, dahintersteckte. In Wirklichkeit zahlte sie an Anita Bellini und ihre Schwester. Als Janes Niederkunft in Appledore nahe bevorstand, wurde Martha zugezogen. Erst viel später erfuhr Jane, daß diese Krankenschwester mit Mrs. Dawlish identisch war, die Peter so haßte und fürchtete. Damals begannen die Qualen für Jane, die erst vor einer Woche endeten. Dann wurde Druze, wie ich sie noch nennen will, plötzlich nervös. Ich glaube, daß ich hierfür verantwortlich bin. Meine Nachforschungen über die zwanzigtausend Pfund, die Jane von ihrer Bank abgehoben hatte, und die Anzeigen, die nach Scotland Yard gelangten, setzten sie derartig in Furcht, daß sie sich entschloß, nach Übersee zu gehen. Sie versuchte noch, soviel Geld als möglich zusammenzuraffen, bevor sie das Land verließ. Jane gab ihr die Smaragdkette, und mit dieser ging Druze zu ihrer Schwester. Es gab eine kleine Auseinandersetzung über die Teilung der Beute. Anita, die stärkere von beiden, riß die Kette aus der Hand ihrer Schwester. Sie hatte aber nicht erwartet, daß Druze, die getrunken hatte und sehr erregt war, eine Pistole bei sich trug. In dem Kampf, der folgte, wurde Druze erschossen, aber sie hielt noch im Tod den viereckigen Smaragd in der Hand, den Anhänger des herrlichen Halsschmuckes der Lady Raytham. Ich kann mir nur vorstellen, daß Anita so außer sich vor Schmerz und Trauer war, daß sie keine Nachforschungen danach anstellte. In ihrem ersten Schrecken brachte sie die Leiche in ihrem Wagen fort und fuhr sie zu jener einsamen Straße, wo sie sie liegenließ. Aber neue Verdachtmomente kamen fast jeden Tag ans Licht. Mrs. Inglethorne berichtete die Anwesenheit Peters in ihrem Hause und sein Interesse an dem Kind. Anita bildete sich ein, daß er vermutete, wer Elisabeth sei, und daß seine Einquartierung in der Severall Street von vornherein beabsichtigt worden war. Sie holte deshalb das kleine Mädchen nach Wimbledon und konzentrierte ihre ganze Energie auf meine Ermordung, denn in mir sah sie ihre Hauptfeindin – und ich glaube, sie hatte damit recht. Und nun bin ich am Ende«, schloß sie schlicht. Mr. Coldwell erhob sich steif und streckte sich. »Ich gehe jetzt heim und lege mich schlafen. Die kleinen gelben Javaner werden Sie jetzt nicht mehr beunruhigen, und ich denke, ich kann Sie wieder mit Lucretia hier lassen, ohne daß Ihnen etwas zustößt. Ich weiß zwar nicht, wie vor Gericht alles noch kommen wird oder wer noch in den Fall hineingezogen wird – aber das sind kleine Unannehmlichkeiten, die Sie auch noch überwinden werden.« Jane wußte, daß er sie damit meinte, und lächelte. »Ich werde alles überwinden, und ich fühle mich auch stark genug dazu, wenn ich nur die Gewißheit habe, daß mein Kind ab und zu bei mir sein wird.« Sie ging auf Peter zu und reichte ihm die Hand. »Ich weiß nicht, ob ich froh sein soll – über die Scheidung. Aber ich glaube, ich bin es, und ich hoffe, daß auch du es bist.« Sie sah zu Leslie hinüber, die ihre Papiere auf dem Tisch ordnete, und sprach die nächsten Worte ganz leise. »Glaubst du, daß auch sonst noch jemand froh darüber ist?« »Ich hoffe es.« Zum ersten- und zum letztenmal fühlte Jane Raytham ein kleines Stechen in der Herzgegend, das einige Ähnlichkeit mit Eifersucht hatte – aber es war bald vorüber. »Besuche mich morgen. Wir wollen alles miteinander besprechen – was unsere Familie angeht.« Schließlich waren nur noch Peter und Leslie zurückgeblieben. Außer ihnen war allerdings auch noch Lucretia da, die geräuschvoll das Geschirr in der Küche abwusch. Sie hatte die Tür halb offenstehen lassen, um ihre Herrin ganz genau überwachen zu können. »Nun?« fragte Leslie. »Es ist doch alles noch gut geworden. Habe ich Ihnen erzählt, was Mrs. Dawlish beabsichtigt?« Er nickte. »Sie können sie natürlich anklagen, daß sie eine Fälschung begangen hat, aber ich glaube, es war mehr Anitas Werk. Es ist viel besser, wenn Sie ihr gestatten, daß sie Ihnen das Vermögen Ihres Vaters durch eine Schenkung Übermacht. Dadurch werden Sie ein sehr reicher Mann. Was werden Sie nun mit dem großen Vermögen beginnen? Werden Sie ein schönes Haus in der Park Lane kaufen?« »Würden Sie denn gern ein Haus in der Park Lane haben?« »Mir ist jedes Haus recht, Peter«, erwiderte sie ruhig. Lucretia, die durch die Tür hereinschaute, sah, wie sich der braune Lockenkopf ihrer Herrin an Peters abgetragenen Rock lehnte, und wie sich Peter niederbeugte, um sie zu küssen. Lucretia brummte. »Mein Gott!« sagte sie zu sich selbst. »Diese Frauen!«