Christoph Martin Wieland Musarion oder die Philosophie der Grazien Nach der Ausgabe letzter Hand (1794 – 1802) An Herrn Creyßsteuereinnehmer Weisse in Leipzig. Unser schätzbarer Freund, Herr Reich, schreibt mir, daß er der Versuchung nicht widerstehen könne, etliche Ballen holländisches Papier, die ihm neulich angekommen, zu einer neuen Ausgabe unsrer Musarion anzuwenden. Er sieht sich gewissermaßen als den Pflegevater dieser Schülerinn der Grazien an, und ist parteyisch genug für seine angenommene Tochter, sie so niedlich geputzt sehen zu wollen, als nur immer möglich ist. Ob ihre Liebenswürdigkeit diese kleine Schwärmerey rechtfertige, würde, wenn ich Ihren Beyfall, mein vortrefflicher Freund, für eben so gerecht, als gütig halten dürfte, keine Frage mehr seyn. Und warum sollte ich aus lauter Bescheidenheit gegen das Urtheil eines Weisse so unbillig seyn, ein Mißtrauen in den Werth desjenigen zu setzen, was ihm gefallen, und, wenn ich auch die Hälfte der Energie seiner Ausdrücke auf Rechnung der Freundschaft setze, so vorzüglich gefallen hat? – Nein, es würde nicht Bescheidenheit, Gleißnerey würde es seyn; und von dieser Sünde wenigstens wird mich, wie ich hoffe, Herr Ziegra selbst freysprechen. Ich gestehe es Ihnen also, mein liebenswürdiger Freund, daß ich, seit dem Ihr vollgültiger Beyfall, und das günstige Urtheil so vieler andrer Kenner, welches ich für eine Art von Gewähr für die Stimme aller guten Köpfe ansehen kann, mein eignes Gefühl über diesen Punkt gerechtfertiget hat, daß ich erfreut bin, meine Absicht nicht verfehlt, und nach so vielen allzu unvollkommnen Versuchen endlich etwas hervorgebracht zu haben, dem ich Leben genug zutrauen darf, um alsdann noch zu seyn, wenn wir gekommen seyn werden, quo pius Aeneas, quo Tullus dives et Ancus . Denn weil ich nun einmal im Bekennen bin, so gestehe ich Ihnen auch, daß dasjenige, was man sonst von allen Schriftstellern sagt, »daß sie sich selbst, sogar wider ihren Willen, in ihren Werken abbilden«, in diesem Gedichte eine meiner Absichten war. Ich wollte, daß eine getreue Abbildung der Gestalt meines Geistes (die von einigen, theils aus Blödigkeit ihres eignen, theils aus zufälligen Ursachen, vielleicht auch aus Vorsatz und Absichten, mißkannt worden ist) vorhanden seyn sollte; und ich bemühete mich, Musarion zu einem so vollkommenen Ausdruck desselben zu machen, als es neben meinen übrigen Absichten nur immer möglich war. Ihre Philosophie ist diejenige, nach welcher ich lebe; ihre Denkart, ihre Grundsätze, ihr Geschmack, ihre Laune sind die meinigen. Das milde Licht, worinn sie die menschlichen Dinge ansieht; dieses Gleichgewicht zwischen Enthusiasmus und Kaltsinnigkeit, worein sie ihr Gemüth gesetzt zu haben scheint; dieser leichte Scherz, wodurch sie das Überspannte, Unschickliche, Schimärische, (die Schlacken, womit Vorurtheil, Leidenschaft, Schwärmerey und Betrug, beynahe alle sittlichen Begriffe der Erdbewohner zu allen Zeiten, mehr oder weniger verfälscht haben,) auf eine so sanfte Art, daß sie gewissen harten Köpfen unmerklich ist, vom wahren abzuscheiden weiß; diese sokratische Ironie, welche mehr das allzustrenge Licht einer die Eigenliebe kränkenden oder schwachen Augen unerträglichen Wahrheit zu mildern, als andern die Schärfe ihres Witzes zu fühlen zu geben sucht; diese Nachsicht gegen die Unvollkommenheiten der menschlichen Natur – welche, (lassen Sie es uns ohne Scheu gestehen, mein Freund,) mit allen ihren Mängeln doch immer das liebenswürdigste Ding ist, das wir kennen. – Alle diese Züge, wodurch Musarion einigen modernen Sophisten und Hierophanten, Leuten, welche den Grazien nie geopfert haben, zu ihrem Vortheile so unähnlich wird – diese Züge – ja mein liebster Freund, sind die Lineamenten meines eignen Geistes und Herzens, und ich wage es, um so dreister es zu sagen, da sich unter unsern Zeitgenossen, und in der That unter den Menschen aller Zeiten, keine geringe Anzahl befindet, denen ein moralisches Gesichte, das dem ihrigen so wenig gleicht, nothwendig häßlich vorkommen muß. Von Herzen gern sey ihnen das Recht zugestanden, davon zu urtheilen, wie sie können: genug für mich, wenn Musarion und ihr Verfasser allen denen lieb ist, und es immer bleiben wird, welche in diesen Zügen ihre eignen erkennen. Weiter wird mein stolzester Wunsch niemals gehen; und so wünsche ich, wie Sie sehen, nichts als was ich gewiß bin, zu erhalten, oder Helvetius und die Erfahrung müssen Unrecht haben. Sie wissen, mein Freund, daß ich überhaupt Ursache habe, über die Aufnahme, dieses mehr den Grazien und ihren Günstlingen, als dem Geschmack und Genius unsrer Zeiten gewidmeten Gedichts, vergnügt zu seyn; man sagt mir, daß sogar diejenigen unter den Journalisten, welche mir bisher keine Ursache gegeben haben, mich ihrer Billigkeit oder Bescheidenheit zu rühmen, (einen einzigen ausgenommen, der eher ein Gegenstand des Mitleidens, als der Peitsche würdig scheint, womit er zeither von einem mehr als juvenalischen Satyr gezüchtiget worden ist) sich von den Reizungen unsrer schönen Griechinn haben verführen lassen, günstiger von ihr zu sprechen, als ich erwartet hatte. Bey alle dem deucht mich doch, daß selbst die wenigen unter den öffentlichen Beurtheilern, welche gewohnt sind zu denken, ehe sie schreiben, vielleicht nicht Muße gehabt haben, sich die Philosophie der Grazien genau genug bekannt zu machen, um den wahren Plan, den Zusammenhang der Grundsätze, und die eigentlichen Absichten dieses Gedichts, (außer derjenigen, wovon ich Ihnen vorher sagte) zum Gebrauche der Bedürftigen richtig genug zu entwickeln. Ich rede hier von einer bessern Art von Köpfen, als es die schulgerechten Philosophen vel quasi sind, von denen geschrieben stehet: Die Herren dieser Art blendt oft zu vieles Licht, Sie sehn den Wald vor lauter Bäumen nicht. Es ist unnöthig, mich hierüber deutlicher zu erklären; ich erwähne dessen auch nur, um Ihnen zu sagen, was mich beynahe veranlaßt hätte, eine kleine Verrätherey an der guten Musarion zu begehen, und alles zu entdecken, was diejenigen, denen die Grazien günstig sind, schon lange wissen, und was nur denen verborgen bleibt, die nichts davon wissen sollen, weil Musarion Nicht ihres gleichen zu entzücken gemacht worden ist. Indem ich Ihnen dieses sage, habe ich die Ursache schon angegeben, warum ich den ersten Gedanken, eine so überflüßige Arbeit zu thun, wieder unterdrücke. Und hier werde ich versucht, eine andere Verrätherey zu begehen, und Ihnen eine kleine Stelle aus einer gewissen Psyche , die Ihnen nicht ganz unbekannt ist, abzuschreiben, welche das, was ich itzt in Gedanken habe, besser ausdrückt, als ich es auf andre Weise thun könnte. Mir deucht diese Versuchung so unschuldig, daß ich, um sie los zu werden, am besten thun werde, ihr zu unterliegen. Hier ist die Stelle: Man weiß, daß Pilpai, Trismegist, Und Plato selbst sich oft herabgelassen, Was von der Geisterwelt zu sagen räthlich ist, In eine Art von Mährchen zu verfassen, Wobey, so blau sie auch beym ersten Anblick sind, Der beste Kopf genug zu denken findt. Die Mode war in jenen alten Tagen Die tiefe Weisheit gern in Bildern vorzutragen; Und klüglich wie uns deucht; denn ungebrochnes Licht Taugt ganz gewiß für blöde Augen nicht. Die Wahrheit läßt sich nur Adepten Gewandloß sehn; und manches schwache Haupt, Das ungestraft sie anzugaffen glaubt, Erfährt das Loos der alten Nympholepten, Und läßt, indem es gafft, für einen Augenblick Zweydeut'ger Lust, sein Bißchen Witz zurück. Ein Schleyer, wie der Morgenländer Um seine Dame zieht, nicht eben siebenfach, Doch auch so gläsern nicht wie coische Gewänder Verhütet sehr bequem dergleichen Ungemach. Liebhaber, die mit Witz Geschmack verbinden, Gewinnen noch dabey: Sie finden In einem Putz, der weder schwimmt noch preßt, Viel schönes sehn, doch mehr errathen läßt, Die Wahrheit, so wie andre Schönen, Nur desto reizender. Den andern Erdensöhnen Gefällt doch wenigstens die schöne Stickerey, Der reiche Stoff, der Farben Spiel und Leben, Sie würden um den Putz die Dame selber geben, Und was verlören sie dabey? Und das ist nun alles, was ich, bey Gelegenheit der gegenwärtigen Ausgabe, über Musarion zu sagen habe, und vielleicht schon mehr, als ein Verfasser von sich selbst und seinen Werken sagen sollte. Doch ehe ich mich von Ihnen beurlaube, mein theurester Freund, werde ich versucht, den Schmerz öffentlich sehen zu lassen, den ich über die unglückliche Fehde empfinde, welche ein den Musen gehässiger Dämon zwischen meinem alten verdienstvollen Freunde, dem Herrn Bodmer, und dem vortrefflichen Verfasser der Beyträge zum deutschen Theater angezettelt hat. Ich weiß es nur zu wohl, mein würdiger Freund, daß Sie der leidende Theil sind; mit freundschaftlichem Unmuth habe ich den Angriffen, über welche sich Ihre Muse zu beschweren hat, aus einer Entfernung, die mich außer Stand setzte, sie zu verhindern, zugesehen; aber ich gestehe Ihnen: mit gleich lebhaftem Unmuth sehe ich, mit was für unrühmlichen Waffen Sie von einigen Ungenannten (die für ihren eigenen Ruhm nicht besser sorgen können, als wenn sie unbekannt bleiben) sind gerochen worden. Die Sachen sind zu meinem empfindlichsten Bedauren so weit gekommen, daß mir nicht mehr erlaubt ist, stille zu schweigen, ohne auf der einen oder andern Seite ehrwürdige Pflichten zu verletzen. Für dießmal, und da mir der enge Raum dieses Schreibens keine ausführliche Erklärung gestattet, begnüge ich mich, mit einem Wunsche zu schließen, von dem ich gewiß bin, daß er auch der Ihrige ist. Möchten doch die Männer, die ihr Leben, oder wenigstens, (wenn ihnen nicht mehr erlaubet ist,) die angenehmsten Stunden ihres Lebens den Musen und der Philosophie gewidmet haben, möchten sie die ganze Würde ihrer Bestimmung, und die Größe der Vortheile, die in ihrer Gewalt sind, empfinden! Wie glücklich, wie groß, wie unabhängig würden sie seyn, wie wenig der Gunst der Könige nöthig haben, und wie ehrwürdig selbst in den Augen der Großen der Welt könnten sie sich machen, wenn ihr Herz eben so gut, als ihr Kopf wäre: wenn der Einfluß der Musen und Grazien, auch ihr sittliches Gefühl, wenn ihr Geschmack auch ihre Gesinnungen verfeinert und verschönert hätte; wenn sie durch einen edlen Stolz sich zu groß dünkten, zu den niederträchtigen Leidenschaften des Pöbels und ihren verächtlichen Ausbrüchen herabzusinken, und indem sie einander selbst auf alle mögliche Art verkleinern, bey dem großen Haufen der Unwissenden und Narren, der den Erdboden bedeckt, die Wissenschaften und die liebenswürdigen wohlthätigen Künste der Musen verächtlich zu machen. Wieviel würden sie, wieviel würde die Gesellschaft und in der Folge die menschliche Natur selbst, die von dem höchsten Grade der Verschönerung, deren sie fähig ist, noch so weit entfernt scheint, durch die Erfüllung dieses Wunsches gewinnen, wenn alle Leute von Genie und Talenten, alle Gelehrte, alle Schriftsteller, wenigstens alle guten, ohne Eifersucht und niedrige Privatabsichten in einem tugendhaften und freundschaftlichen Wetteifer auf ihrer gemeinschaftlichen Laufbahn neben einander fortliefen, einander allezeit Gerechtigkeit wiederfahren ließen, jedes neu aufkeimende Talent mit Vergnügen willkommen hießen, und anstatt es zu schrecken und niederzuschlagen, es auf alle mögliche Weise aufzumuntern bedacht wären – Kurz! Wenn sie einander so liebten und ehrten, wie alle Leute, welche selbst Verdienste haben, und daher auch Verdienste sollen schätzen können, zu thun schuldig sind, und wie gewiß alle wahrhaftig schönen Seelen durch eine Art von innerlicher Nothwendigkeit zu thun angetrieben werden. Lassen Sie uns, liebster Freund, fortfahren, die Ungläubigen durch unser Beyspiel zu überzeugen, daß dieser Wunsch keine platonische Grille sey. Ich bin mit aufrichtigstem Herzen Ihr                                                   ergebenster Freund und Verehrer Wieland Warthausen, den 15. März 1769. Erstes Buch.                     In einem Hain, der einer Wildniß glich Und nah' am Meer ein kleines Gut begrenzte, Ging Phanias mit seinem Gram und sich Allein umher; der Abendwind durchstrich Sein fliegend Haar, das keine Ros' umkränzte; Verdrossenheit und Trübsinn mahlte sich In Blick und Gang und Stellung sichtbarlich; Und was ihm noch zum Timon Timon: Eine Anspielung auf den armseligen Aufzug, worin Lucian in einem seiner dramatischen Dialogen den berüchtigten Timon, den Menschenhasser, aufführt. – »Wer ist denn (fragt der auf die Erde herab schauende Jupiter den Merkur) da unten am Fuße des Hymettus der lumpige schmutzige Kerl in dem Ziegenpelze, der ihm kaum bis über die Hüften reicht?« u.s.w. S. Lucians sämmtl. Werke, I. Theil, S. 60 der neuen Deutschen Übersetzung. fehlt', ergänzte Ein Mantel, so entfasert, abgefärbt Und ausgenutzt, daß es Verdacht erweckte, Er hätte den, der einst den Krates deckte, Vom Aldermann der Cyniker geerbt Als hätt' er den ... geerbt: In der Ausgabe von 1769 lautete der letzte Vers so: (Ihr wißt ja wo?) vom Diogen geerbt. Nun wußten aber die meisten Leser nicht wo ? Man hat also für besser gehalten, den Vers abzuändern, und dem Leser, dem die Anekdote, auf welche hier angespielt wird, unbekannt oder entfallen seyn könnte, durch eine kleine Anmerkung zu dienen. Der Sinn dieser Stelle ist also: Der Mantel des aus seinem ehemaligen Wohlstande, gleich dem Timon, herunter gekommenen Phanias, der seine ganze Kleidung ausmachte, habe so abgenutzt ausgesehen, als ob es eben derselbe wäre, welchen Diogenes über seinen Freund und Schüler Krates ausgebreitet haben soll, als dieser (aus einem kleinen Übermaß von Eifer, die Cynische Lehre, »daß nichts natürliches schändlich sey,« durch eine auffallende That zu bekräftigen) sich die Freiheit nahm, sein Beylager mit der schönen Hipparchia in der großen Halle (Stoa) zu Athen öffentlich zu vollziehen. – Daß dem Diogenes die Benennung eines Aldermanns der Cyniker zukomme, bedarf wohl keines Beweises, und man hat sie in dieser Ausgabe der in einigen vorgehenden, wo es, dem Aldermann der Stoiker, d. i. dem Zeno, hieß, vorgezogen, weil von einem Mantel, der vom Diogenes bis auf den Zeno, und sodann weiter von einem philosophischen Bettler zum andern endlich bis auf den Phanias fortgeerbt worden wäre, wahrscheinlich gar nichts mehr als Fetzen übrig geblieben seyn müßten. . Gedankenvoll, mit halb geschloßnen Blicken, Den Kopf gesenkt, die Hände auf den Rücken, Ging er daher. Verwandelt wie er war, Mit langem Bart und ungeschmücktem Haar, Mit finstrer Stirn, in Cynischem Gewand Wer hätt' in ihm den Phanias erkannt, Der kürzlich noch von Grazien und Scherzen Umflattert war, den Sieger aller Herzen, Der an Geschmack und Aufwand keinem wich, Und zu Athen, wo auch Sokraten zechten wo auch Sokraten zechten: Daß Sokrates bey Gelegenheit ein strenger Zecher gewesen sey, erhellet aus verschiedenen Stellen des Platonischen Symposion. So rühmt es ihm z. B. Agathon, der Wirth in diesem berühmten Gastmahl, als keinen geringen Vorzug vor den übrigen Anwesenden nach, daß er den Wein besser ertragen könne als die stärksten Trinker unter ihnen, und der junge Alcibiades, da er, um die Gesellschaft zum Trinken einzuladen, dem Sokrates einen großen Becher voll Wein zubringt, setzt hinzu: »Gegen den Sokrates, meine Herren, wird mir dieser Pfiff nichts helfen; denn der trinkt so viel als man will, und ist doch in seinem Leben nie betrunken gewesen«. – Auch leert Sokrates den voll geschenkten Becher nicht nur rein aus, sondern, nachdem, auf eine ziemlich lange Pause, das Trinken wegen einiger noch von ungefähr hinzu gekommenen Bacchusbrüder von neuem angegangen war, und, unter mehrern andern, die es nicht länger aushalten konnten, auch Aristodemus sich in irgend einen Winkel zurück gezogen hatte und eingeschlafen war, fand dieser, als er um Tagesanbruch wieder erwachte und ins Tafelzimmer zurück kam, daß alle andern weggegangen, und nur Agathon, Aristophanes und Sokrates allein noch auf waren, und aus einem großen Becher tranken. Sokrates dialogierte noch immer mit ihnen fort, und fühlte sich durch allen Wein, den er die ganze Nacht durch zu sich genommen hatte, so wenig verändert, daß er, als es Tag geworden war, mit besagtem Aristodemus ins Lyceon baden ging, und, nachdem er den ganzen Tag nach seiner gewöhnlichen Weise zugebracht, erst gegen Abend sich nach Hause zur Ruhe begab. – Ein Zug seines Temperaments, welcher (däucht uns) bey Schätzung seines sittlichen Karakters, nicht aus der Acht zu lassen ist. Denn mit einem solchen Temperamente kann es, bey einem einmahl fest gefaßten Vorsatz, eben nicht sehr schwer seyn, immer Herr von seinen Leidenschaften zu bleiben. , Beym muntern Fest, in durchgescherzten Nächten, Dem Komus bald, und bald dem Amor glich? Ermüdet wirft er sich auf einen Rasen nieder, Sieht ungerührt die reitzende Natur So schön in ihrer Einfalt! hört die Lieder Der Nachtigall, doch mit den Ohren nur. Ihr zärtlicher Gesang sagt seinem Herzen nichts; Denn ihn beraubt des Grams umschattendes Gefieder Des innern Ohrs, des geistigen Gesichts. Empfindungslos, wie einer der Medusen Erblickt und starrt, erwägt er zweifelsvoll Nicht, wie vordem, wofür er seufzen soll, Für welchen Mund, für welchen schönen Busen? Nein, Phanias spricht jetzt der Thorheit Hohn, Und ruft, seitdem aus seinem hohlen Beutel Die letzte Drachme flog, wie König Salomon: Was unterm Monde liegt, ist eitel! Ja wohl, vergänglich ist und flüchtiger als Wind Der Schönen Gunst, die Brudertreu der Zecher; So bald nicht mehr der goldne Regen rinnt, Ist keine Danae, sobald im trocknen Becher Der Wein versiegt, ist kein Patroklus mehr. Was Fliegen lockt, das lockt auch Freunde her; Gold zieht magnetischer, als Schönheit, Witz und Jugend: Ist eure Hand, ist eure Tafel leer, So flieht der Näscher Schwarm, und Lais spricht von Tugend. Der großen Wahrheit voll, daß alles eitel sey Womit der Mensch in seinen Frühlingsjahren, Berauscht von süßer Raserey, Leichtsinnig, lüstern rasch und unerfahren, In seinem Paradies von Rosen und Schasmin Ein kleiner Gott sich dünkt, setzt Phanias, der Weise, Wie Herkules, sich auf den Scheidweg hin, (Nur schon zu spät) und sinnt der schweren Reise Des Lebens nach. Was soll, was kann er thun? Es ist so süß, auf Flaum und Rosenblättern Im Arm der Wollust sich vergöttern, Und nur vom Übermaß der Freuden auszuruhn! Es ist so unbequem, den Dornenpfad zu klettern! Was thätet ihr? – Hier ist, wie vielen däucht, Das Wählen schwer! dem Phanias war's leicht. Er sieht die schöne Ungetreue, Die Wollust – schön, er fühlt's! – doch nicht mehr schön für ihn – Zu jüngern Günstlingen aus seinen Armen fliehn; Die Scherze mit den Amorinen fliehn Der Göttin nach, verlassen lachend ihn, Und schicken ihm zum Zeitvertreib die Reue: Hingegen winken ihm aus ihrem Heiligthum Die Tugend, und ihr Sohn, der Ruhm, Und zeigen ihm den edlen Weg der Ehren. Der neue Herkules schickt seufzend einen Blick Den schon Entfloh'nen nach, ob sie nicht wiederkehren: Sie kehren, leider! nicht zurück, Und nun entschließt er sich der Helden Zahl zu mehren! Der Helden Zahl? – Hier steht er wieder an; Der kühne Vorsatz bleibt in neuen Zweifeln schweben. Zwar ist es schön, auf lorbervoller Bahn Zum Rang der Göttlichen die in der Nachwelt leben, Zu einem Platz im Sternenplan Und im Plutarch, sich zu erheben; Schön, sich der trägen Ruh entziehn, Gefahren suchen; keine fliehn, Auf edle Abenteuer ziehn, Und die gerochne Welt mit Riesenblute färben; Schön, süß sogar – zum mindsten singet so Ein Dichter, der zwar selbst beym ersten Anlaß floh Ein Dichter ... floh: Horaz, der, ungeachtet seines »Süß ist's und edel sterben fürs Vaterland« in einem andern Gesang offenherzig genug ist zu gestehen, daß er in der Schlacht bei Philippi sogar seinen kleinen runden Schild von sich geworfen habe, um dem schönen Tod fürs Vaterland desto hurtiger entlaufen zu können. – Wiewohl nicht zu verschweigen ist, daß unser Autor selbst an einem andern Orte nicht ganz unerhebliche Gründe, den Dichter gegen sich selbst zu rechtfertigen, vorgebracht zu haben scheint. S. die erste Erläuterung zur zweyten Epistel des Horaz an Julius Florus. , – Süß ist's, und ehrenvoll fürs Vaterland zu sterben, Doch auch die Weisheit kann Unsterblichkeit erwerben! Wie prächtig klingt's, den fesselfreyen Geist Im reinsten Quell des Lichts von seinen Flecken waschen, Die Wahrheit, die sich sonst nie ohne Schleier weist, (Nie, oder Göttern nur) entkleidet überraschen; Der Schöpfung Grundriß übersehn, Der Sphären mystischen verworrnen Tanz verstehn, Vermuthungen auf stolze Schlüsse häufen, Und bis ins Reich der reinen Geister streifen: Wie glorreich! welche Lust! – Nennt immer Den beglückt Und frey und groß, den Mann der nie gezittert, Den der Trompete Ruf zur wilden Schlacht entzückt, Der lächelnd sieht was Menschen sonst erschüttert Und selbst den Tod, der ihn mit Lorbern schmückt, Wie eine Braut an seinen Busen drückt: Viel größer, glücklicher ist Der mit Recht zu nennen, Den, von Minervens Schild bedeckt, Kein nächtliches Phantom, kein Aberglaube schreckt; Den Flammen, die auf Leinwand brennen, Und Styx und Acheron nicht blässer machen können; Der ohne Furcht Kometen brennen sieht, Die hohen Götter nicht mit Taschenspiel bemüht, Und, weil kein Wahn die Augen ihm verbindet, Stets die Natur sich gleich, stets regelmäßig findet.                 War Philipps Sohn ein Held, der sich der Lust entzog In welcher unberühmt die Ninias zerrannen Philipps Sohn: Alexander der Große. Ninias. Sohn des Ninus und der Semiramis, ein Assyrischer König, von welchem die Geschichte nichts zu sagen hat, als daß er die acht und zwanzig Jahre seiner Regierung (wie man bey seines gleichen das divino far niente nennt) in der üppigsten Unthätigkeit in seinem Harem zwischen Weibern und Höflingen verträumt habe. , Und auf zertrümmerten Tyrannen Von Sieg zu Sieg bis an den Indus flog? Sein wälzender Triumph zermalmte tausend Städte, Zertrat die halbe Welt – warum? laßt's ihn gestehn! »Damit der Pöbel von Athen Beym nassen Schmaus von ihm zu reden hätte der Pöbel von Athen ... zu reden hätte: »O ihr Athener, (soll Alexander, als er in einem äußerst mühseligen und gefährlichen Abenteuer am Flusse Hydaspes in Indien begriffen war, ausgerufen haben) werdet ihr jemahls glauben können, was für Gefahren ich laufe, um mir euere gute Meinung zu erwerben?« .« Um wie viel mehr, als solch ein Weltbezwinger, Ist Der ein Held, ein Halbgott, kaum geringer Als Jupiter, der tugendhaft zu seyn Sich kühn entschließt; dem Lust kein Gut, und Pein Kein Übel ist; zu groß, sich zu beklagen, Zu weise, sich zu freu'n; der jede Leidenschaft Als Sieger an der Tugend Wagen Gefesselt hat und im Triumphe führt; Den alles Gold der Inder nicht verführt; Den nur sein eigener, kein fremder Beyfall rührt; Kurz, der in Phalaris durchglühtem Stier verdärbe Eh' er in Phrynens Arm – ein Diadem erwärbe. In solche schimmernde Betrachtungen vertieft Lag Phanias, schon mehr als halb entschlossen; Als Amor unverhofft die neue Denkart prüft, Die Gram, Philosophie und Noth ihm eingegossen. Er sah, und hätte gern den Augen nicht getraut, Die ein Gesicht, wovor ihm billig graut, Zu sehn sich nicht erwehren können. Die Götter werden ihm den Ruhm doch nicht mißgönnen, Ein Xenokrat zu seyn? Was hilft Entschlossenheit? Im Augenblick der uns Minerven weiht Kommt Cytherea selbst zur ungelegnen Zeit. Zwar diese war es nicht: doch hätte Die Schöne, welche kam, vielleicht sich vor der Wette, Die Pallas einst verlor, gleich wenig sich gescheut. Schön, wenn der Schleier bloß ihr schwarzes Aug' entdeckte, Noch schöner, wenn er nichts versteckte; Gefallend, wenn sie schwieg, bezaubernd, wenn sie sprach: Dann hätt' ihr Witz auch Wangen ohne Rosen Beliebt gemacht; ein Witz, dem's nie an Reitz gebrach, Zu stechen oder liebzukosen Gleich aufgelegt, doch lächelnd wenn er stach Und ohne Gift. Nie sahe man die Musen Und Grazien in einem schönern Bund, Nie scherzte die Vernunft aus einem schönern Mund; Und Amor nie um einen schönern Busen. So war, die ihm erschien, so war Musarion. Sagt, Freunde, wenn mit einer solchen Miene Im wildsten Hain ein Mädchen euch erschiene, Die Hand aufs Herz! sagt, liefet ihr davon? »So lief denn Phanias?« – Das konntet ihr errathen! Er that was Wenige in seinem Falle thaten, Allein, was jeder soll, der sicher gehen will. Er sprang vom Boden auf, und – hielt ein wenig still, Um recht gewiß zu sehn was ihm sein Auge sagte; Und da er sah, es sey Musarion, So lief er euch – der weise Mann! – davon Als ob ein Arimasp ihn jagte ein Arimasp ihn jagte: Die Arimaspen sind (wie uns Plinius unter der Gewährleistung der berühmten Geschichtschreiber Herodot und Aristeas meldet) ein Skythisches Volk, das im äußersten Norden, unweit der Höhle des Nordwindes wohnt, nur Ein Auge mitten auf der Stirne hat, und in ewigem Kriege mit den Greifen lebt, um ihnen das Gold zu rauben, welches diese ungeheuren Vögel mit unersättlicher Begierde aus den Adern der Erde hervor scharren, bloß um das Vergnügen zu haben, ihre Goldhaufen Tag und Nacht zu bewachen und gegen die Arimaspen zu vertheidigen. Das, was an diesem Mährchen historisch wahr ist, gehört nicht hierher. . »Du fliehest, Phanias?« ruft sie ihm lachend nach: »Erkennest mich und fliehst? Gut, fliehe nur, du Spröder! Dein Kaltsinn macht Musarion nicht blöder; Du schmeichelst dir doch wohl, sie sey so schwach Dir nachzufliehn?« – Durch ungebahnte Pfade Wand er wie eine Schlange sich: So schlüpft die keusche Oreade Dem Satyr aus der Hand, der sie im Bad erschlich. Die Schöne folgt mit leichten Zephyrfüßen, Doch ohne Hast; denn (dachte sie) am Strand Wohin er flieht, wird er wohl halten müssen. Es war ihr Glück, daß sich kein Nachen fand; Denn, der Versuchung zu entgehen, Was thät' ein Weiser nicht? Doch da er keinen fand, Wohin entfliehn? – Es ist um ihn geschehen Wenn ihn sein Kopf verläßt! – Seyd unbesorgt! er blieb Am Ufer ganz gelassen stehen, Sah vor sich hin, schwang seinen Stab, beschrieb Figuren in den Sand, als ob er überdächte Wie viele Körner wohl der Erdball fassen möchte; Kurz, that als säh' er nichts, und wandte sich nicht um. »Vortrefflich!« rief sie aus, »das nenn' ich Heldenthum Und etwas mehr! Die alte Ordnung wollte, Daß Daphne jüngferlich mit kurzen Schritten fliehn, Apollo keuchend folgen sollte; Du kehrst es um. – Fliehst du, mich nachzuziehn? Den kleinen Stolz will ich dir gerne gönnen!« »Du irrest dich«, antwortet unser Held Mit Mienen, welche nicht, wie sehr sie ihm misfällt, Verbergen wollen oder können: »Ein rascher meilenbreiter Spalt, Der plötzlich zwischen uns den Boden gähnen machte, Ist alles, glaube mir, wornach ich sehnlich schmachte, Seitdem ich dich erblickt.« – »Der Gruß ist etwas kalt«, Erwiedert sie: du denkest, wie ich sehe, Die Reihe sey nunmehr an dir, Und weichst zurück so wie ich vorwärts gehe. Doch spiele nicht den Grausamen mit mir! Was willst du mehr, als daß ich dir gestehe Du zürnst mit Recht? Ja, ich mißkannte dich: Doch, war ich damahls mein? Jetzt bin ich, was du mich, Zu seyn, so oft zu meinen Füßen batest.« »Wie, (unterbrach er sie) du, die mit kaltem Blut Mein zärtlich Herz mit Füßen tratest, Mich lächelnd leiden sahst – du hast den Übermuth Und suchst mich auf, mich noch durch Spott zu quälen? Zwey Jahre liebt' ich dich, Undankbare, so schön, Wie keine Sterbliche sich je geliebt gesehn. Dein Blick, dein Athem schien allein mich zu beseelen, Thor, der ich war! von einem Blick entzückt Der sich an mir für Nebenbuhler übte; Durch falsche Hoffnungen berückt, Womit mein krankes Herz getäuscht zu werden liebte! Du botst verführerisch das süße Gift mir dar, Und machtest dann mit einem andern wahr Was dein Sirenenmund mir zugelächelt hatte. Und, o! mit wem? – Dieß brachte mich zur Wuth! (Nur der Gedank' empört noch itzt mein Blut) Ein Knabe war's, – erröthe nicht, gestatte Daß ich ihn mahlen darf, – gelblockig, zephyrlich, Ein bunter Schmetterling, so glatt wie eine Schlange, Mit Gänseflaum ums Kinn, mit rothgeschminkter Wange, Ein Ding, das einer Puppe glich, Wie kleine Töchterchen mit sich zu Bette nehmen: Dem gabst du, ohne dich zu schämen, Den Busen preis, um den der Hirt von Ilion Helenen untreu worden wäre; Dieß Äffchen machte den Adon Der Nebenbuhlerin der Göttin von Cythere. Und Phanias, indeß so ein Insekt Auf deinen Rosen kriecht, liegt Nächte durch gestreckt, Mit Thränen, die den May von seinen Wangen ätzen, Die Schwelle deiner Thür, Undankbare, zu netzen! Nein! Der versöhnt sich nie, der so beleidigt ward! Hinweg! die Luft, in der du Athem ziehest, Ist Pest für mich – Verlaß mich! du bemühest Dich fruchtlos! unsre Denkungsart Stimmt minder überein als ehmahls unsre Herzen.« »Mich däucht (erwiedert sie) du rächest dich zu hart Für selbst gemachte Liebesschmerzen. Sey wahr, und sprich, ist's stets in unserer Gewalt Zu lieben wie und wen wir sollen? Oft fragt der Liebesgott uns nur nicht ob wir wollen? Wir finden ohne Grund uns zärtlich oder kalt. Itzt dem Apollo spröd, itzt schwach für einen Faunen. Was weiß ich's selbst? wer zählet Amors Launen? Ihr, die ihr über uns so bitter euch beschwert, Laßt euer eignes Herz für unsers Antwort geben! Ihr bleibt oft an der Stange kleben, Und was euch angelockt war kaum der Mühe werth. Ein Halstuch öffnet sich, ein Ärmel fällt zurücke, Und weg ist euer Herz! Oft braucht es nicht so viel; Ein Lächeln fängt euch schon, ihr fallt von einem Blicke. Ein flüchtiger Geschmack, ein Nichts, ein eitles Spiel Der Phantasie, regiert uns oft im Wählen; Das Schöne selbst verliert auf kurze Zeit Den Reitz für uns; wir wissen daß wir fehlen, Und finden Grazien bis in der Häßlichkeit. Hat die Erfahrung, wie ich glaube, Von dieser Wahrheit dich belehrt; So ist mein Irrthum auch vielleicht verzeihenswerth. Wer suchet unter einer Haube So viel Vernunft als Zenons Bart verheißt? Und wie? mein Freund, wenn ich sogar zu sagen Mich untersteh', daß wirklich mein Betragen Für meine Klugheit mehr als wider sie beweist? Ich schätzt' an dir, wofür dich jeder preist, Ein edles Herz und einen schönen Geist: Was ich für dich empfand war auf Verdienst gegründet; Du warst mein Freund, und fordertest nicht mehr; Vergnügt mit einem Band das nur die Seelen bindet, Sahst du mich Tage lang, und fandest gar nicht schwer Mich, wenn der Abendstern dir winkte, zu verlassen, Um an Glycerens Thür die halbe Nacht zu passen. So ging es gut, bis dich ein Ungefähr An einem Sommertag in eine Laube führte, Worin die Freundin schlief, die wachend dich bisher So ruhig ließ. Ich weiß nicht was dich rührte; Der Schlaf nach einem Bad, wenn man allein sich meint, Muß was verschönerndes in euern Augen haben: Genug, du fandst an ihr sonst unerkannte Gaben Und sie verlor den angenehmen Freund. Nichts ahnend wacht' ich auf; da lag zu meinen Füßen Ein Mittelding von Faun und Liebesgott! In dithyrambische Begeist'rung hingerissen Was sagtest du mir nicht! was hätt'st du wagen müssen, Hätt' ich, der Schwärmerey die Lippen zu verschließen, Das Mittel nicht gekannt! Ein Strom von kaltem Spott Nahm deinem Brand die Luft. Mit triefendem Gefieder Flog Amor zürnend fort: doch freut' ich mich zu früh; Denn eh' ich mir's versah', so kam er seufzend wieder. Mit Seufzen, ich gesteh's, erobert man mich nie; Der feierliche Schwung erhitzter Phantasie Schlägt mir die Lebensgeister nieder. Ich machte den Versuch, durch Fröhlichkeit und Scherz Den Dämon, der dich plagte, zu verjagen: Doch diese Geisterart kann keinen Scherz ertragen. Ich änderte die Kur. Allein mein eignes Herz Kam in Gefahr dabey; es wurde mir verdächtig; Denn Schwärmerey steckt wie der Schnuppen an: Man fühlt ich weiß nicht was, und eh' man wehren kann Ist unser Kopf des Herzens nicht mehr mächtig. Auf meine Sicherheit bedacht Fand ich zuletzt ich müsse mich zerstreuen. Mir schien ein Geck dazu ganz eigentlich gemacht. Für Schönen, die den Zwang der ernsten Liebe scheuen, Taugt eine Puppe nur, die trillert, hüpft und lacht; Ein bunter Thor, der tändelnd uns umflattert, Die Zähne weißt, nie denkt, und ewig schnattert; Der, schwülstiger je weniger er fühlt, Von Flammen schwatzt die unser Fächer kühlt, Und, unterdeß er sich im Spiegel selbst belächelt, Studierte Seufzerchen mit schaler Anmuth fächelt.«                       »Das alles, was du sagst, (fiel unser Timon ein) Soll, wie es scheint, ein kleines Beyspiel seyn, Kein Handel sey so schlimm, den nicht der Witz vertheidigt. Nur Schade, daß die Ausflucht mehr beleidigt Als was dadurch verbessert werden soll. Doch, laß es seyn! mein Thorheitsmaß ist voll, Wir wollen uns mit Zanken nicht ermüden. Ich liebte dich; vergieb! ich war ein wenig toll: Dir selbst gefiel ein Geck, und ich – ich bin zufrieden; Erfreut sogar. Denn ständ' es itzt bey mir, Durch einen Wunsch an seinen Platz zu fliegen, Bathyl zu seyn – um dir im Arm zu liegen; Bey deiner Augen Macht! – ich bliebe hier. Du hörst, ich schmeichle nicht. Genießt Ihr das Vergnügen Durch falsche Zärtlichkeit einander zu betrügen: Mich fängt kein Lächeln mehr! – Ich seh' ein Blumenfeld Mit mehr Empfindung an als eure schöne Welt: Und wenn zum zweyten Mahl ein Weib von mir erhält, Durch einen strengen Blick, durch ein gefällig Lachen Mich bald zum Gott und bald zum Wurm zu machen, Wenn ich, so klein zu seyn, noch einmal fähig bin: Dann, holde Venus, dann verwirre meinen Sinn, Verdamme mich zur lächerlichsten Flamme, Und mache mich – verliebt in meine Amme.« »Wie lange denkst du so?« versetzt Musarion; »Der Abstich ist zu stark, den dieser neue Ton Mit deinem ersten macht! Doch, lieber Freund, erlaube, Ich fordre mehr Beweis, eh' ich ein Wunder glaube. Du, welcher ohne Lieb' und Scherz Vor kurzem noch kein glücklich Leben kannte; Du, dessen leicht gerührtes Herz Von jedem schönen Blick entbrannte, Und der, (erröthe nicht, der Irrthum war nicht groß) Wenn ihm Musarion die spröde Thür verschloß, Zu Lind'rung seiner Qual – nach Tänzerinnen sandte; Du, sprichst von kaltem Blut? du bietest Amorn Trutz? Vermuthlich hast du dich, noch glücklicher zu leben, In einer andern Gottheit Schutz Und in die Brüderschaft der Fröhlichen begeben, Die sich von Leidenschaft und Phantasie befrey'n, Um desto ruhiger der Freude sich zu weih'n? Du fliehst den Zwang von ernsten Liebeshändeln, Und findest sicherer, mit Amorn nur zu tändeln; Vermählst die Mäßigung der Lust, Geschmack mit Unbestand, den Kuß mit Nektarzügen, Studierst die Kunst dich immer zu vergnügen, Genießest wenn du kannst, und leidest wenn du mußt? Ich finde wenigstens in einem solchen Leben Unendlichmahl mehr Wahrheit und Vernunft, Als von der freudescheuen Zunft Geschwollner Stoiker ein Mitglied abzugeben. Und denkst du so, dann lächle sorgenlos Zum Tadel von Athen, das deiner Änd'rung spottet. Nicht, wo die schöne Welt, aus langer Weile bloß, Zu Freuden sich zusammen rottet An denen nur der Nahme fröhlich tönt, Die, stets gehofft, doch niemahls kommen wollen, Wobey man künstlich lacht und ungezwungen gähnt, Und mitten im Genuß sich schon nach andern sehnt Die da und dort uns gähnen machen sollen: Nicht im Getümmel, nein, im Schooße der Natur, Am stillen Bach, in unbelauschten Schatten, Besuchet uns die holde Freude nur, Und überrascht uns oft auf einer Spur, Wo wir sie nicht vermuthet hatten. Doch, Phanias, ist's diese Denkungsart, Die dich der Stadt entzog, wozu die Außenseite Von einem Diogen? wozu ein wilder Bart? Mich däucht, ein weiser Mann trägt sich wie andre Leute?« »Mein Ansehn, schöne Spötterin, Ist wie es sich zu meinem Glücke schicket. Wie? ist dir unbekannt in welcher Lag' ich bin? Daß jenes Dach, von faulem Moos gedrücket, Und so viel Land als jener Zaun umschließt, Der ganze Rest von meinem Erbgut ist? Was jeder weiß, kann dir allein unmöglich Verborgen seyn: dein Scherz ist unerträglich, Musarion, wie deine Gegenwart. Mit wem sprichst du von einer Denkungsart, Die von den Günstlingen des lachenden Geschickes Das Vorrecht ist?« – »Freund, du vergissest dich: Ein Sklave trägt die Farbe seines Glückes, Kein edles Herz. Im Schauspiel stimmen sich Die Flöten nach dem Ton des Stückes: Allein ein weiser Mann denkt niemals weinerlich. Wie, Phanias? Die Farbe deiner Seelen Ist nur der Wiederschein der Dinge um dich her? Und dir die Fröhlichkeit, des Lebens Reitz, zu stehlen, Bedarf es nur ein widrig Ungefähr? Ich weiß, mein Freund, wohin uns mißverstandne Güte, Ein Herz, das Freude liebt, die Klugheit leicht vergißt, Und niemand, als sich selbst, zu schaden fähig ist, Ich weiß wohin sie bringen können. Doch, alles recht geschätzt, gewinnst du mehr dabey Als du verlierst. Was Thoren uns mißgönnen Beweist nicht stets wie sehr man glücklich sey. Das wahre Glück, das Eigenthum der Weisen, Steht fest, indeß Fortunens Kugel rollt. Dem Reichen muß die Pracht, die ihm der Indus zollt, Erst, daß er glücklich sey, beweisen: Der Weise fühlt er ist's. Ihm schmecken schlechte Speisen Aus Thon so gut als aus getriebnem Gold. Wenn um ihn her die muntern Lämmer springen, Indem er sorgenfrey in eignem Schatten sitzt, Und Zephyrn, untermischt mit bunten Schmetterlingen, Gemähter Wiesen Duft ihm frisch entgegen bringen, Die Vögel um ihn her aus tausend Zweigen singen, Und alles, was er sieht, zugleich ergetzt und nützt: Wie leicht vergißt er da, er, der so viel besitzt, Daß sich sein Landhaus nicht auf Marmorsäulen stützt, Nicht Sklaven ohne Zahl in seinem Vorhof lärmen, Und Fliegen nur, wenn er zu Tische sitzt, Die Parasiten sind, die seinen Kohl umschwärmen! Kein Schmeichler-Heer belagert seine Thür, Kein Hof umschimmert ihn! – Er freue sich! dafür Besitzt er was das jedem Midas fehlet, Was der Monarch mit Gold zu kaufen fälschlich meint, Was, wer es kennt, vor einer Krone wählet, Das höchste Gut des Lebens, einen Freund.« »Du schwärmst, Musarion! – Er, dem das Glück den Rücken Gewiesen, einen Freund?« – »Ein Beyspiel siehst du hier«, Erwiedert sie: mich, die von freyen Stücken Athen verließ, dich sucht', und da du mir Entflohest, dir (der mütterlichen Lehren Uneingedenk) so eifrig nachgejagt, Wie andre meiner Art vor dir geflohen wären. Ich dächte, das beweist, wenn einem Mann zu Ehren Ein Mädchen – sich – und seinen Kopfputz wagt!' »Ich weiß die Zeit – ich trug noch deine Kette – (Hier seufzte Phanias) da, mich entzückt zu sehn, Dich weniger gekostet hätte. Du durftest, statt mir nachzugehn, Dich damals nur nach Art der Nymphen sträuben, Die gern an einem Busch im Fliehen hangen bleiben, Mit leiser Stimme dräun und lächelnd widerstehn: Allein, wer kann dafür, daß ungeneigte Winde Von unsern Wünschen stets den besten Theil verwehn? Dies ist vorbey! Jetzt, wenn es bey mir stünde, Wünscht' ich mir nichts als ein gelaßnes Blut. Man nennt mich zu Athen unglücklich – doch, ich finde, Zu etwas, wie man sagt, ist stets das Unglück gut; Durch ein bezaubertes Gewinde Von süßem Irrthum hat zuletzt Die Thorheit selbst mich auf den Weg gesetzt, Zu werden was ich schien als man mich glücklich nannte. Gesegnet seyst du mir, Geburtstag meines Glücks! Tag, der mich aus Athen in diese Wildniß sandte! Nicht Phanias, der Günstling des Geschicks, Nein, Phanias, der Nackte, der Verbannte, Ist neidenswerth! Da war er wirklich arm, Unglücklicher als Irus, glich dem Kranken Der sich zu Tode tanzt, als Schmeichler, Schwarm an Schwarm, Sein Herzensblut aus goldnen Bechern tranken: Beym nächtlichen Gelag, an feiler Phrynen Brust, Da war er elend, da! ein Sklave, fest gebunden Von jeder Leidenschaft! ein Opferthier der Lust! Wie? Der, der siebenfach von einer Schlang' umwunden Auf Blumen schläft und träumt er sitz' auf einem Thron, Der sollte glücklich seyn? – Und wenn Endymion, (Dem Luna, daß sie ihn bequemer küssen möge, So schöne Träume gab) durch eine Million Von Sonnenaltern stets in süßen Träumen läge, Und träumt' er schmaus' am Göttertisch Mit Jupitern und buhle mit Göttinnen, Ein süß betäubendes Gemisch Von allem was ergetzt berausche seine Sinnen, Mit Einem Wort, er schwimme wie ein Fisch In einem Ocean von Wonne – Sprich, wer geständ' uns, unerröthend, ein, Er wünsche sich Endymion zu seyn? Diogenes, der Hund, in seiner Tonne War glücklicher! – In unsrer eignen Brust, Da, oder nirgends fließt die Quelle wahrer Lust, Der Freuden, welche nie versiegen, Des Zustands dauernder Vergnügen, Den nichts von außen stört! Wie elend hätte mich Ein Wechsel, der mir alles raubte Wodurch ich mich vor diesem glücklich glaubte, Fortunens ganzen Kram, – wie elend hätt' er mich Gemacht, wenn mir aus ihrer lichten Sphäre Die Weisheit nicht zu Hülf' erschienen wäre, Die aus den Wolken mir die Arme reicht, zu sich Hinauf mich zieht, und mich dahin versetzet, Wo ihre Lieblinge, frey von Begier und Wahn, Von keiner Lust gereitzt, von keinem Schmerz verletzet, Sich den Olympiern und ihrer Wonne nahn.«                          Hier ward der hohe Schwung, den Phanias zu nehmen Begriffen war, gehemmt. Schon schwanden Raum und Zeit Aus seinem Blick, schon fühlt er sich entkleidt Vom niederziehenden Gewand der Sterblichkeit, Schon war er halb ein Gott; – als eine Kleinigkeit Die wir uns fast zu sagen schämen Ihn plötzlich in die Unterwelt Zurücke zog. – Ihr mächtigen Besieger Der Menschlichkeit, die ihr dem Sternenfeld Euch nahe glaubt – das Herz ist ein Betrüger! Erkennet euer Bild in Phanias und bebt! Der Weise, der so kühn sich zum Olymp erhebt, Der schon so hoch empor gestiegen, Daß er (wie Sancho dort auf Magellonens Pferd) Die purpurnen und himmelblauen Ziegen Des Himmels grasen sieht wie Sancho dort..: Unter andern Wunderdingen, welche Sancho Pansa auf dieser eingebildeten Luftreise gesehen haben wollte, waren auch die sieben himmlischen Ziegen, (das Siebengestirn) mit denen er sehr gute Bekanntschaft gemacht zu haben vorgab, und von welchen, wie er getrost versicherte, zwey grün, zwey fleischfarben, zwey himmelblau und eine von gemischter Farbe sind. , die Sphären singen hört', Und aus der Gluth, die sein Gehirn verzehrt, Des Feuerhimmels Nähe schließet, Ihn, der nichts Sterblich's mehr mit seinem Blick beehrt, Den stolzen Gast des Äthers, schießet Musarion mit einem – Blick herab. Doch freylich war's ein Blick, nur jenem zu vergleichen Den Koypel seinem Amor gab; Der, euer Herz gewisser zu beschleichen, Euch schalkhaft warnt, als spräch' er: Seht ihr mich? Ihr denkt, ich sey ein Kind voll süßer Unschuld, ich? Verlaßt euch drauf! Seht ihr an meiner Seite Den Köcher hier? Wenn euch zu rathen ist, So flieht! – Und doch, was hilft die kleine Frist? Es sey nun morgen oder heute, Ihr habt ein Herz, und das ist meine Beute! So, oder doch in diesem Ton, So etwas sprach der Blick, womit Musarion Den weisen Phanias aus seiner Fassung brachte. Er sah, er stockt', er schwieg; die alte Flamm' erwachte, Und seine Augen füllt ein unfreiwillig Naß. Die Schöne stellte sich sie sehe nichts, und lachte Nur innerlich. Drauf sprach sie: Phanias, Es dämmert schon. Ich habe mich zu lange Bey dir verweilt. Athen ist weit von hier; In dieser Gegend kenn' ich niemand außer dir, Und hier im Hain, gesteh' ich, wäre mir Die Nacht hindurch vor Ziegenfüßlern bange. Was ist zu thun? – Ich denk' ich folge dir?« »Mir? stottert Phanias: gewiß sehr viele Ehre! Allein mein Haus ist klein« – »Und wenn es kleiner wäre, Für eine Freundin hat die kleinste Hütte Raum.« – Du wirst an allem Mangel haben, Ein wenig Milch, ein Ey, und dieses kaum« – »Mich hungert nicht.« – »Nur einen Hirtenknaben, Dich zu bedienen« – »Nur? Es ist an Dem zu viel. Wir wollen gehn, mein Freund! die Luft wird kühl« »Vergieb, Musarion; ich muß dir alles sagen: Mein Häuschen ist besetzt; ich habe seit acht Tagen Zwey Freunde, die bey mir« – »Zwey Freunde?« – »Ja, und zwar Die, däucht mir, nicht zu deinem Umgang taugen.« – »Was sagst du? – Philosophen gar? Sie haben doch noch ihre Augen? Gut, Phanias, ich will sie kennen, ich« – »Du scherzest.« – »Nein, mein Herr; ich hatte, wie Ihr mich Hier seht, von ihrer Art wohl eher Um meinen Nachttisch stehn.« – »Vergieb, ich zweifle sehr: Der stoische Kleanth« – »O Ceres! und wer mehr?« »Theophron, der Pythagoräer, Sind schwerlich von so blödem Geist« – »O Phanias, ist alles Gold was gleißt? Allein, gesetzt, sie wären lauter Geist, Was hindert dieß? Nur desto mehr Vergnügen!« – »Kurz, wir sind drey, Madam, und auf den Mann Ein kleines Ruhebett« – »Man hilft sich wie man kann; Und können wir den Schlaf durch Schwatzen nicht betrügen? Wir gehn, mein Lieber – deinen Arm! Nun, Phanias? macht dir mein Antrag warm? Man dächt' es wäre hier wer weiß wie viel zu wagen. Drey Weise werden mir doch wohl gewachsen seyn? Ich fürchte nichts bey euch, und bin allein.« Was soll er thun? – Wo Widerstreben Vorm Untergang das Schiff nicht retten kann, Da wird ein weiser Steuermann Mit guter Art sich in den Wind ergeben. Mein Phanias, der nur aus blöder Scheu Vor seinen Mentorn sich so lange widersetzte, Schwor, daß er seine Einsiedley Dem Musentempel ähnlich schätzte, Weil ihr das Glück beschieden sey, Die liebenswürdigste der Musen zu beschatten. Schon zeigte sich, daß ihre Reitze noch Nicht alle Macht auf ihn verloren hatten. Der ausgetriebne Amor kroch, So leise, wie auf Blumenspitzen, Aus ihren Augen in sein Herz. Des Gottes Ankunft kündt ein fliegendes Erhitzen Der blassen Wang', ein wollustvoller Schmerz Mit Thränen an, die wider seinen Willen In runden Tropfen ihm die Augenwinkel füllen. Er meint er athme nur, und seufzt; starrt unverwandt (Indeß sie schwatzt und scherzt) sie an, als ob er höre, Und hört doch nichts; drückt ihr die runde Hand, Und denkt, indem durchs steigende Gewand Die schöne Brust sich bläht, ob diese halbe Sphäre Der Pythagorischen nicht vorzuziehen wäre? Die Schöne wurde die Gefahr Worin der Ruhm der Stoa schwebte, Den Kampf in seiner Brust und ihren Sieg gewahr, Und wie vergebens er der Macht entgegen strebte Wovon (so lispelt ihr der Liebesgott ins Ohr) Die Philosophen selbst, sie wollten Nun oder wollten nicht, bald Zeugen werden sollten. Sie sah, wie nach und nach sein Trübsinn sich verlor, Und wie beredt, wie stark sein Auge sagte, Was er sich selbst kaum zu gestehen wagte; Allein sie fand für gut, (und that sehr klug daran) Ihm, was sie sah, und ihrer beiden Seelen Geheime Sympathie zur Zeit noch zu verhehlen. Nur sah sie ihn mit solchen Blicken an, Die er berechtigt war so günstig auszulegen Als ihm gefiel. Allein, macht die Begier verwegen, So macht die Liebe blöd. Er sah in ihrem Blick Sonst jeden Reitz, nur nicht sein nahes Glück. So langten sie, da schon die letzten Strahlen schwanden, Bey seinem Landgut an, wo sie das weise Paar, Von Linden die im Vorhof standen Umduftet, unverhofft in einer Stellung fanden, Die der Philosophie nicht allzu rühmlich war. Zweytes Buch                     Was, beym Anubis! konnte das Für eine Stellung seyn, in welcher Phanias Die beiden Weisen angetroffen? »Sie lagen doch – wir wollen bessers hoffen! – Nicht süßen Weines voll im Gras?« Dieß nicht. – »So ritten sie vielleicht auf Steckenpferden?« Das könnte noch entschuldigt werden; Plutarchus rühmt sogar es an Agesilas Agesilas: Der Reim muß die kleine Freyheit entschuldigen, daß der Nahme Agesilaus hier in Französischer Gestalt erscheint. Dieser berühmte Spartanische König war ein so gefälliger Vater, daß er einsmahls von einem seiner Freunde überrascht wurde, da er mit seinen Kindern auf dem Steckenpferde herum trabte. Sage ja niemanden nichts davon, sagte Agesilaus zu ihm, bis du selbst Vater bist. , Doch von so fei'rlichen Gesichtern, als sie waren, Vermuthet sich nichts weniger als das. Ihr Zeitvertreib war in der That kein Spaß; Denn, kurz, sie hatten sich einander bey den Haaren. Der nervige Kleanth war im Begriff, ein Knie Dem Gegner auf die Brust zu setzen, Der, unter ihm gekrümmt, für die Philosophie, Die keine Bohnen ißt die keine Bohnen ißt: die Pythagorische. Das Verbot ihres Meisters, sich der Bohnen zu enthalten, (über dessen wahren Grund schon viel vergebliches geschrieben worden ist) wurde von den ersten Pythagoriern so heilig beobachtet, und so weit getrieben, daß einige von ihnen, da sie sich von ihren nachsetzenden Feinden nicht anders als durch ein Bohnenfeld retten konnten, lieber den Feinden in die Hände liefen – si fabula vera est . , die Haare ließ; als sie In ihrem Skythischen Ergetzen Des Hausherrn Ankunft stört. Beschämt, als hätte ihn Sein Feind bei einer That, die keine fremde Leute Zu Zeugen nimmt, ertappt, zum Stehn wie zum Entfliehn Unschlüssig, wünscht er nur dem Gast an seiner Seite Ein Schauspiel zu entziehn, das sie weit mehr erfreute Als von Menandern selbst (dem Attischen Goldon) Das beste Stück. Allein sie waren schon Zu nah, sie sah zu gut, der Schauplatz war zu offen, Er konnte nicht sie zu bereden hoffen Sie habe nichts gesehn. Die Kämpfer raffen sich Indessen auf; sie ziehen sittsamlich Die Mäntel um sich her, und stehen da und sinnen (Weil Phanias, damit sie Zeit gewinnen, Die Nymph' am Arm, nur schleichend näher kam) Der Schmach sich selbst bewußter Scham Durch dialektische Mäander zu entrinnen. Vergebens, wenn Musarion Großmüthig ihnen nicht zuvor gekommen wäre. »Die Herren üben sich«, spricht mit gelaßnem Ton Die Spötterin, »vermuthlich nach der Lehre, Daß Leibesübung auch des Geistes Stärke nähre. Ein männlich Spiel fürwahr! wovon Mit bestem Recht zu wünschen wäre Daß unsrer Sitten Weichlichkeit Nicht allgemach es aus der Mode brächte.« Man sieht, sie gab dem wilden Stiergefechte Ein Kolorit von Wohlanständigkeit; (Nicht ohne Absicht zwar) – Wer war dabey so freudig Als Phanias! – Allein der stoische Kleanth (Zu hitzig oder ungeschmeidig Zu fühlen, daß es bloß in seiner Willkühr stand Das Kompliment in vollem Ernst zu nehmen) Zwang seinen Schüler sich noch mehr für ihn zu schämen. Der Augenblick, worin Musarion Ihn überfiel, ihr Blick, der schalkhaft sanfte Ton Der Ironie, und (was noch zehnmal schlimmer Als alles andre war) ihr ungewohnter Schimmer, Die Majestät der Liebeskönigin, Das Wollustathmende, das eine Atmosphäre Von Reitz und Lust um sie zu machen schien, Bestürmt auf einmahl, für die Ehre Der Apathie Apathie: So nannten die Stoiker die vollkommene Gleichgültigkeit ihres Weisen gegen alle sinnlichen Eindrücke von Schmerz und Vergnügen, die ihn natürlicher Weise allen Leidenschaften unzugänglich machen mußte. zu stark, den überraschten Sinn. Er stottert ihr Entschuldigungen, Zupft sich am Bart, zieht stets den Mantel enger an, Und unterdeß entwischt dem weisen Mann Was niemand wissen will, – er hab' im Ernst gerungen. Der Streit, versichert er, ging eine Wahrheit an, Die er so sonnenklar, so scharf beweisen kann, Nur ein Arkadisch Thier, ein Strauß, ein Auerhahn – Hier röthet sich sein Kamm, es schwellen Brust und Lungen, Er schreyt – Mich jammert nur der arme Phanias! Bald lauter Gluth, bald leichenmäßig blaß, Steht er beyseits und wünscht vom Boden sich verschlungen Worauf er steht. – Die Schöne sieht's, und eilt Ihn von der Marter zu erretten. Mit einem Blick voll junger Amoretten Und Grazien, der stracks an unsichtbare Ketten Kleanthens Tollheit legt, Theophrons Rippen heilt, Spricht sie: »Wenn's euch beliebt, so machen wir die Fragen, Wovon die Rede war, zu unserm Tischkonfekt; Ich zög' ein solch Gespräch, sogar bey leerem Magen, Der Tafel vor, die Ganymedes deckt. Wie freu' ich mich, daß ich den Weg verloren, Da mir das Glück so viel Vergnügen zugedacht! Glücksel'ger Phanias, der Freunde sich erkohren, Von denen schon der Anblick weiser macht! Jetzt wundert mich nicht mehr, wenn er zum Spott der Thoren Mitleidig lächeln kann, und, glücklich, wie er ist, Athen und uns und alle Welt vergißt!« So sprach sie; und mit Ohren und mit Augen Verschlingt das weise Paar was diese Muse spricht: Begier'ger kann die welke Rose nicht Den Abendthau aus Zephyrs Lippen saugen. Zusehens schwellen sie von selbst-bewußtem Werth; Nicht, daß ein fremdes Lob sie dessen erst belehrt: Nur hört man stets mit Wohlgefallen Aus andrer Mund das Urtheil wiederhallen, Womit uns innerlich die Eitelkeit beehrt. Ein Philosoph bleibt doch uns andern allen Im Grunde gleich: wär' er so stoisch als ein Stein, Und hätte nichts die Ehr' ihm zu gefallen, Er selbst gefällt sich doch! Schmaucht ihn mit Weihrauch ein, Und seyd gewiß, er wird erkenntlich seyn. Es stieg demnach von Grad zu Grade Der Schönen Gunst bey unserm Weisenpaar; Ihr lachend Auge fand selbst vor der Stoa Gnade, Und man vergab es ihr, daß sie so reitzend war. Ein kleiner Sahl, der von des Hauswirths Schätzen Kein allzu günstig Zeugniß gab, Nahm die Gesellschaft auf. Ein ungekämmter Knab' Erschien, die Tafel aufzusetzen, Lief keuchend hin und her, und hatte viel zu thun Bis er ein Mahl zu Stande brachte, Wovon ein wohlbetagtes Huhn (Doch nicht, der Regel nach, die Kazius erdachte die Kazius erdachte: Kommt (sagt dieser durch seine von Horaz aufbehaltenen Aphorismen aus der Küchenphilosophie berühmt gewordene Epikuräer) Kommt unvermuthet dir des Abends spät Ein Gast noch auf den Hals, so laß dir rathen, Das alte zähe Huhn, (womit die Noth Dich ihn bewirthen heißt) damit es ihm Nicht in den Zähnen stecken bleibe, in Falerner Moste zu ersticken –« Horaz. Satiren, 2. B. 4. S. , In Cypernwein erstickt) die beste Schüssel machte. Ob die Philosophie des guten Phanias Der schönen Nymphe gegen über Bey einem solchen Schmaus so gar gemächlich saß, Läßt man dem Leser selbst zu untersuchen über. Ein wenig falsche Scham, von der er noch nicht ganz Sich los gemacht, schien ihn vor einem Zeugen Von seines vor'gen Wohlstands Glanz Ein wenig mehr als nöthig war zu beugen. Allein der Dame Witz, die freye Munterkeit, Die was sie spricht und thut mit Grazie bestreut, Und dann und wann ein Blick voll Zärtlichkeit, Den sie, als ob sie sich vergäß', erst auf ihn heftet Dann seitwärts glitschen läßt, entkräftet Den Unmuth bald, der seine Stirne kräust; Stets schwächer widersteht sein Herz dem süßen Triebe, Und, eh' er sich's versieht, beweist Sein ganzes Wesen schon den stillen Sieg der Liebe.                        Indessen wird, so sichtbar als es war, Den beiden Weisen doch davon nichts offenbar, Ob sie die Schöne gleich mit großen Augen messen. Die Herren dieser Art blendt oft zu vieles Licht; Sie sehn den Wald vor lauter Bäumen nicht. Doch sind die unsrigen entschuldigt; denn indessen Daß Phanias ein liebliches Vergessen Von allem, was sein steifer Pädagog Ihm jemahls vorgeprahlt, aus schönen Augen sog, War auf Musarions Verlangen Das akademische Gefecht schon angegangen, Womit sie etwas sich zu gut zu thun beschloß. Kleanth bewies bereits: »Der Weise nur sey groß Und frey, geringer kaum ein wenig Als Jupiter, ein Krösus, ein Adon, Ein Herkules, und zehnmahl mehr ein König Auf mürbem Stroh als Xerxes auf dem Thron; Des Weisen Eigenthum, die Tugend, ganz alleine Sey wahres Gut, und nichts von allem dem Was unsern Sinnen reitzend scheine Sey wünschenswürdig« – Kurz, die Wuth für sein System Ging weit genug, ganz trotzig, ohne Röthe, Zu prahlen: Wenn in »Cypriens Figur Die Wollust selbst leibhaftig vor ihn träte, Schön, wie die Göttin sich dem Sohn der Myrrha Sohn der Myrrha: dem Adonis, dem geliebtesten unter ihren sterblichen Günstlingen. nur Bey Mondschein sehen ließ, – und diese Venus böte Auf seinem Stroh ihm ihre schöne Brust Zum Polster an – ein Mann wie Er verschmähte Den süßen Tausch.« – Hier war es, wo die Lust Des Widerspruchs Theophron sich nicht länger Versagen kann – ein Mann von krausem schwarzem Bart Und Augen voller Gluth, kein übler Sänger Und Citarist, dabey ein Grillenfänger So gut als jener, nur von einer andern Art. »Das geht zu weit, (fiel er Kleanthen in die Rede) Zum mindsten führet es gar leicht zu Mißverstand. Nicht daß ich hier das Wort der Wollust rede Im gröbern Sinn! Die ist unleugbar eitel Tand Und Schaum und Dunst, ein Kinderspiel für blöde Unreife Seelen, die mit ihren Flügeln noch Im Schlamm des trüben Stoffes stecken Im Schlamm des Stoffes stecken: Anspielung auf eine von den Pythagoriern und von Plato aus einer uralten morgenländischen Vorstellungsart angenommene Lehre von der dämonischen Natur der menschlichen Seele, ihrer Präexistenz in der Geisterwelt und ihrem Sturz in die Materie, wovon der göttliche Plato in seinem Phädrus, im 10ten Buche von den Gesetzen, im Timäus u.a.O. uns mancherley schwer zu begreifende Dinge offenbart. . Doch sollt' uns nicht die Nektartraube schmecken, Weil ein Insekt auf ihrem Purpur kroch? Der Mißbrauch darf nicht unser Urtheil leiten: Alt ist der Spruch, zu selten sein Gebrauch! Saugt nicht auf gleichem Rosenstrauch Die Raupe Gift, die Biene Süßigkeiten?« Begeistert wie ein Korybant, Und von Musarion die Augen unverwandt, Fing jetzt Theophron an, in dichterischen Tönen, Vom Ersten Wesentlichen Schönen Zu schwärmen: »Wie das alles, was wir sehn Und durch der Sinne Dienst mit unsrer Seele gatten, Von dem, was übersinnlich schön Und göttlich ist, nur wesenlose Schatten, Nur Bilder sind, wie wenn in stiller Flut, Von Büschen eingefaßt, sich Sommerwolken mahlen.« Von da erhob er sich, bey immer wärmerm Blut, »Zu den geheimnisvollen Zahlen, Zur sphärischen Musik, zum unsichtbaren Licht, Zuletzt zum Quell des Lichts.« – Ekstatischer hat nicht, Wie aus der alten Nacht die schöne Welt entsprungen, Und vom Deukalion, und von der goldnen Zeit, Virgils Silen den Knaben vorgesungen Die ihn im Schlaf erhascht und zum Gesang gezwungen. Dann fuhr er fort, und sprach »vom Tod der Sinnlichkeit, Und wie durch magische geheime Reinigungen Die Seele nach und nach vom Stoffe sich befreyt, Und wie sie, durch Enthaltsamkeit Von Erdetöchtern und – von Bohnen, Zum Umgang tüchtig wird mit Göttern und Dämonen. Bis sie (dem Wurme gleich, der in die Sommerluft Auf neuen Flügeln sich erhebet) Dem Stoff sich ganz entreißt und ihres Körpers Gruft, Zur Göttin wird und unter Göttern lebet.« Belustigt an dem hohen Schwung, Den unser Doktor nahm, stellt sich die schlaue Schöne, Als ob vor Hörenslust und vor Bewunderung Ihr Busen sich in seinen Fesseln dehne. Zum Unglück für den Mann, der lauter Wunder spricht, Entsteht dadurch (und sie bemerkt es nicht) Ich weiß nicht welche kleine Lücke, Die seinen Flug auf einmahl unterbricht; Und wie zuletzt die Richtung seiner Blicke Ihr sichtbar macht was ihn zerstreut, Und sie beschäftigt scheint den Zufall zu verbessern, Hat sie die Ungeschicklichkeit, (Wofern's nicht Bosheit war) das Übel zu vergrößern. Der Umstand ist an sich nur eine Kleinigkeit; Doch wird vielleicht die Folge zeigen Daß er entscheidend war. Es folgt ein tiefes Schweigen, Wobey Kleanth sogar das volle Glas, Und, was kaum glaublich ist, die Lust zum Zank vergaß; Indeß, vertieft in Sinus und Tangenten, Der Jünger des Pythagoras Den wallenden Kontur Kontur: Das Wort Kontur ( Contour , Conturno ,) scheint uns unter diejenigen ausländischen Kunstwörter zu gehören, welche man sonst, aus Ermanglung eines gleichbedeutenden Deutschen Wortes, immer nur durch Umschreibung zu geben genöthigt wäre. Denn Kontur und Umriß sind keinesweges gleichbedeutend. Umriß heißt bloß das, was von der Form eines Körpers durch den Sinn des Gesichts erkannt wird: Kontur hingegen bezeichnet eigentlich die Vorstellung, die wir von einer körperlichen Form vermittelst des Gefühls und Betastens erhalten. Es ist eine bloße Täuschung – nicht unsrer Sinne, sondern unsers voreiligen Urtheils, wenn wir den Kontur eines Körpers (z. B. der Sphären, wovon hier die Rede ist) zu sehen glauben. Bevor wir ihn durch das Gefühl ausgetastet, haben wir von seiner Form nur eine sehr mangelhafte Vorstellung, weil uns das Auge nicht mit der Dichtheit, Rundung, Eckigkeit, Glätte, Rauheit, u.s.w. sondern bloß mit der heller oder dunkler gefärbten Oberfläche der Körper bekannt macht. gewisser Sphären maß, Woran die Lambert selbst sich übermessen könnten; Vor Amorn unbesorgt, der hier zu lauern pflegt, Und schon den schärfsten Pfeil auf seinen Bogen legt. Mit lächelnder Verachtung sieht die Dame Das weise Paar, mit seinem Flitterkrame Von falschen Tugenden und großen Wörtern, an; Und eh' die Herren sich's versahn, Weiß sie mit guter Art den unbescheidnen Blicken, Was ihres gleichen zu entzücken Die Charitinnen nicht mit eigner Hand So schön gedreht, auf einmahl zu entrücken; Und alles sinkt sogleich in seinen alten Stand. Drauf sprach sie: »In der That, man kann nichts schöners hören, Als was Theophron uns vom unsichtbaren Licht, Von Eins und Zwey, von musikal'schen Sphären, Vom Tod der Sinnlichkeit und von Vergött'rung spricht. Wie Schade, wär' es nur ein schönes Luftgesicht Wornach er uns die Lippen wässern machte! Und doch, der Weg zu diesem stolzen Glück Ist, däucht mir, das, woran er nicht gedachte?« Theophron, noch ganz warm von dem was seinem Blick Entzogen war, und voll von wollustreichen Bildern, Beginnt den Weg, den Prodikus so schmal Und rauh und dornig mahlt den Prodikus so rauh und dornig mahlt: den Weg der Tugend, in der Erzählung von Herkules auf dem Scheidewege, auf welche im ersten Buche schon angespielt wird. , so angenehm zu schildern, So lachend wie ein Rosenthal Zu Amathunt, dem Aufenthalt der Freuden. Ein Sybarit, der einen Weg aus beiden Zu wählen hätt', erwählte sonder Müh Den blumigen, den die Philosophie Theophrons ging, – durch zauberische Schatten, Wo Geist und Körper sich, bey ungewissem Licht, In schöne Ungeheuer gatten, Und Amor, nicht der kleine Bösewicht Den Koypel mahlt, ein andrer von Ideen, Wie der zu Gnid von Grazien umschwebt, Ein Amor, der vom Haupt bis zu den Zehen Voll Augen ist und nur vom Anschaun lebt, Der Seele Führer wird, sie in die Wolken hebt, Und, wenn er sie zuvor – in einem kleinen Bade Von Flammen – wohl gereinigt und gefegt, Sie stufenweis durch die gestirnten Pfade Bis in den Schooß des höchsten Schönen trägt.                 Doch eh' zu so erhabner Liebe Die Seele leicht genug sich fühlt, Befreyt Theophron sie vorher von jedem Triebe, Der thierisch im Morast des groben Stoffes wühlt. »Und hier ist's«, fährt er fort, »wo unsre Afterweisen Ein falsches Licht verführt. Die guten Leute preisen Uns ihre Apathie als ein Geheimniß an, Das uns zu mehr als Göttern machen kann zu mehr als Göttern machen kann: Denn, da die Götter keine Bedürfnisse und also auch keine Leidenschaften haben, so würde ein Sterblicher, der es in der Apathie so weit als ein Gott bringen könnte, eben darum weil sie nicht eine nothwendige Eigenschaft seiner Natur, sondern ein Werk seines freyen Willens und eines nicht immer leichten Sieges über seine Sinnlichkeit wäre, mehr als ein Gott seyn. Daher sagt Seneka : »Est aliquid quo Sapiens antecedat Deum; ille naturae beneficio non timet, suo Sapiens« (Epist. 53). Und an einem andern Orte: «Sapiens tam aequo animo omnia apud alios videt contemnitque quam Jupiter; et hoc se magis suspicit, quo Jupiter illis uti non potest, Sapiens non vult« (Ep. 73). . Nach ihnen soll der Weise alles meiden Was Aug' und Ohr ersetzt; so kleine Kinderfreuden Sind ihm zu tändelhaft; stets in sich selbst gekehrt Beweist er sich allein durch das was er entbehrt Die Größe seines Glücks, fühlt nichts, um nichts zu leiden, Und – irret sehr. Das Schöne kann allein Der Gegenstand von unsrer Liebe seyn; Die große Kunst ist nur, vom Stoff es abzuscheiden. Der Weise fühlt. Dieß bleibt ihm stets gemein Mit allen andern Erdensöhnen: Doch diese stürzen sich, vom körperlichen Schönen Geblendet, in den Schlamm der Sinnlichkeit hinein, Indessen wir daran, als einem Wiederschein, Ins Urbild selbst zu schauen uns gewöhnen. Dieß ist's, was ein Adept in allem Schönen sieht, Was in der Sonn' ihm strahlt und in der Rose blüht. Der Sinnensklave klebt, wie Vögel an der Stange, An einem Lilienhals, an einer Rosenwange; Der Weise sieht und liebt im Schönen der Natur Vom Unvergänglichen die abgedruckte Spur. Der Seele Fittich wächst in diesen geist'gen Strahlen, Die, aus dem Ursprungsquell des Lichts Ergossen, die Natur bis an den Rand des Nichts Mit fern nachahmenden nicht eignen Farben mahlen. Sie wächst, entfaltet sich, wagt immer höhern Flug, Und trinkt aus reinern Wollustbächen; Ihr thut nichts Sterbliches genug, Ja, Götterlust kann einen Durst nicht schwächen Den nur die Quelle stillt. So, meine Freunde, wird, Was andre Sterbliche, aus Mangel Der höhern Scheidekunst, gleich einer Flieg' am Angel, Zu süßem Untergange kirrt, So wird es für den ächten Weisen Ein Flügelpferd zu überird'schen Reisen. Auch die Musik, so roh und mangelhaft Sie unterm Monde bleibt – denn, ihrer Zauberkraft Sich recht vollkommen zu belehren, Muß man, wie Scipio, die Sphären (Zum wenigsten im Traume) singen hören wie Scipio, die Sphären ... singen hören: Anspielung auf eine Stelle in dem bekannten Traumgesichte des Scipio, dem schönsten Fragmente, das sich von dem verloren gegangenen Werke des Cicero, de Republica , erhalten hat, worin die Harmonie, die aus den verschiedenen Intervallen der Bewegung der Planetenkreise und des Sternhimmels entstehen soll, nach Pythagorischen Begriffen, wiewohl nicht sehr verständlich, beschrieben wird. Cicero läßt den jungen Scipio diese himmlische Harmonie in seinem Traumgesichte hören: Pythagoras hatte, nach der Versicherung seines Legendenschreibers Jamblichus, das Vorrecht sie sogar wachend zu vernehmen; und die Ursache, warum sie nicht von jedermann gehört wird, ist bloß, weil dieses Getön so stark ist, daß es unser Ohr gänzlich übertäubt. Hoc sonitu oppletae aures hominum obsurduerunt, nec est ullus hebetior sensus in vobis . Somn. Scip. c. 5. – Auch die Musik bezähmt die wilde Leidenschaft, Verfeinert das Gefühl, und schwellt die Seelenflügel; Sie stillt den Kummer, heilt die Milzsucht aus dem Grund, Und wirkt (zumahl aus einem schönen Mund) Mehr Wunderding' als Salomonis Siegel.« Hier kann Kleanth nicht länger ruhn, Er muß, vom Wahrheitsdrang gezwungen, Der Schwärmerey des Mannes Einhalt thun; Denn alles was Theophron uns gesungen, War, seinem Urtheil nach, vollkommnen Aberwitz. Schon richtet er auf seinem Polstersitz, Den rechten Arm entblößt, die Stirn in stolzen Falten, Sich drohend auf, und hat, noch eh' er spricht, Den leichten Sieg bereits erhalten; Als ihn ein Auftritt unterbricht, Auf den das weise Paar sich nicht gefaßt gehalten. Der Sahl eröffnet sich und eine Nymphe tritt Herein, das Haupt mit einem Korb beladen, Den Busen leicht verhüllt, und gleich den Oreaden So hoch geschürzt, daß jeder schnelle Schritt Den schlanken Fuß bis an die feinsten Waden Und oft sogar ein Knie von Wachs entdeckt, Das eilend wieder sich im dünnen Flor versteckt. Nicht schöner mahlt die Heben und Auroren Alban, der, wie ihr wißt, so gerne Nymphen mahlt. Mit einem Wort, sie war so auserkohren, Daß unser Theosoph (beym ersten Blick verloren Im Wiederschein, der ihm entgegen strahlt) Die Düfte nicht empfindt, die aus dem Korbe steigen, Und die Kleanth mit Mund und Nase in sich schlürft. Musarion, die sich den Ausgang schon entwirft, Winkt ihrem Freund ein Pythagor'sches Schweigen, Indeß den Korb die schöne Sklavin leert, Und mit sechs großen Nektarkrügen, (Genug von einem Faun den Weindurst zu besiegen) Mit Früchten und Konfekt den runden Tisch beschwert. »Die Herren (spricht hierauf die Schöne) haben beide Mich wechselsweise, so wie jeder sprach, bekehrt: Wie sehr ich auch das Glück der Apathie beneide, So däucht mich doch die geist'ge Augenweide, Die uns Theophron zeigt, nicht minder wünschenswerth. Erlaubet, daß ich mich ein andermahl entscheide. Es sey der Rest der Nacht, die mich so viel gelehrt, Den Musen heilig und der Freude! Nimm, Phanias, die Schal', und gieß sie aus Der himmlisch lächelnden Cytheren; Und du, Theophron, gieb uns einen Ohrenschmaus, Und laß zum Saitenspiel uns deine Stimme hören.« Das leichte philosoph'sche Mahl Verwandelt nun (Dank sey der Oreade, Die Hebens Dienste thut) durch unbemerkte Grade Sich in ein kleines Bacchanal. Zwar läßt zum Lob des unsichtbaren Schönen Der bärtige Apoll das ganze Haus ertönen; Allein sein Blick, der nie von Chloens Busen weicht, Beweist, wie wenig was er fühlet Dem was er singt, und einer Rolle gleicht, Die auch der künstlichste Komödiant so leicht Und ungezwungen nie, wie seine eigne, spielet. Die lose Sklavin hilft des Weisen Lüsternheit Durch listige Geschäftigkeit Mit jedem Augenblick lebhafter anzufachen; Stets ist sie um ihn her, und macht sich tausend Sachen Mit ihm zu thun, in immer hellerm Glanz Die Reitzungen ihm vorzuspiegeln, Die nur zu sehr die Seel' in ihm beflügeln Die unterm Zwerchfell thront Seel'. . . die unterm Zwerchfell thront: Plato giebt in seinem Timäus dem Menschen drey Seelen, wovon die erste göttlicher und unsterblicher Natur ist und ihren Sitz im Haupte hat, von den beiden andern sterblichen aber die eine die Brusthöhle, und die andere (deren Begierden bloß auf Befriedigung der körperlichen Bedürfnisse gehen) die Gegend zwischen dem Zwerchfell und Nabel zu ihrer Wohnung angewiesen bekommen hat, »wo sie (sagt der hochweise Timäus) gleich einem Thiere, das nichts zu thun hat als zu fressen, an die Krippe angebunden, so weit als möglich von dem denkenden und regierenden Princip entfernt worden ist, um dasselbe desto weniger durch ihr Geräusch und Geschrey nach Futter in der Ruhe zu stören, deren es, zu der ihm obliegenden Besorgung dessen was Allen zuträglich ist, vonnöthen hat.« . Ein großer Blumenkranz Womit sie seine Stirne schmücket, Vollendet was ihm fehlt, damit wer ihn erblicket, Wie er den Zärtlichen und Angenehmen macht, Fast überlaut ihm an die Nase lacht. Wie traurig, Phanias, siehst du die schönste Nacht, Dir ungenutzt, bey diesem Spiel verstreichen! Er gähnt die Freundin kläglich an, Er winkt, er seufzt: umsonst, sie folget ihrem Plan, Und denkt vielleicht nicht weniger daran Ihn mit dem seinen zu vergleichen. Zu ihrer Freude bringt der schlauen Chloe Kunst Den schlüpfrigen Pythagoräer Dem abgeredten Ziel zusehends immer näher. Er buhlt durch Blicke schon um ihre Gegengunst So feyerlich, antwortet ihren Blicken Mit so fanatischem, so komischem Entzücken, Daß Hogarths Laune selbst kaum weiter gehen kann. Wozu, Verführerin, bietst du den Nektarbecher Dem Lechzenden so zaubrisch lächelnd an? Sein Brand bedarf kein Öhl! Nimm lieber einen Fächer, Und kühle seinen Mund und seiner Wangen Gluth! Wohnt so viel Grausamkeit in sanften Mädchenseelen? Glaubt ihr, ein weiser Mann sey nicht von Fleisch und Blut? Doch Chloe weiß vermuthlich was sie thut; Sie hat die Miene nicht, ihn unbelohnt zu quälen. Nicht wenig stolz auf sein gefrornes Blut, Beweist indeß mit hoch empor geworfner Nase Kleanth, der Stoiker, bey oft gefülltem Glase, Daß Schmerz kein Übel sey, und Sinnenlust kein Gut. Ihm hängt, wie dort Horaz, dem trägen Lastbaren Thiere gleich, sein Lehrling, weil er muß Verzweiflungsvoll ein schläfrig Ohr entgegen ein schläfrig Ohr entgegen: Anspielung auf die Stelle in der 9ten Satire des ersten Buchs der Horazischen Satiren: Demitto auriculas ut iniquae mentis asellus Dum gravius dorso subiit onus. , Und widerspricht zuletzt aus Langweil und Verdruß. Natürlich reitzet dieß noch mehr des Weisen Galle: Im Eifer schenkt er sich nur desto öfter ein, Glaubt, daß er Wasser trinkt, nicht Wein, Und demonstriert den Aristipp, und alle Die seiner Gattung sind, in Circens Stall hinein. Sein Eifer für den Lieblingssatz der Halle den Lieblingssatz der Halle: der stoischen Philosophie, die von der vornehmsten der Hallen (oder bedeckten Säulengänge) in Athen, welche gewöhnlich, wegen der Gemählde womit sie geziert war, die Poikile (die bunte) genannt wurde, ihren Beynahmen erhielt, und, so wie diese Halle selbst, auch die Stoa schlechtweg hieß, weil Zeno und seine Nachfolger in derselben öffentlich zu lehren pflegten. , Durch jeden Widerspruch und jedes Glas vermehrt, Hat von sechs Flaschen schon die dritte ausgeleert; Als der Planetentanz als der Planetentanz: Vermuthlich ein Pythagorischer Tanz, der die Bewegungen der Planeten nachahmt. Es scheint hier auf eine Stelle in Lucians Dialog über die Tanzkunst gedeutet zu werden, wo Lycinus sagt: »Die Tanzkunst habe mit dem ganzen Weltall einerley Ursprung, und sey mit jenem uralten Amor des Orpheus und Hesiodus zugleich zum Vorschein gekommen. Denn (setzt er hinzu) was ist jener Reigen der Gestirne und jene regelmäßige Verflechtung der Planeten mit den Fixsternen und die gemeinschaftliche Mensur und schöne Harmonie ihrer Bewegungen anders als Proben jenes uranfänglichen Tanzes?« , womit der Geisterseher Die Dame zum Beschluß ersetzt, Ihn vollends ganz in Flammen setzt. Nun wird nichts mehr verschont: Ägypter und Chaldäer Ägypter und Chaldäer | Erfahren seine Wuth: will vermuthlich so viel sagen, Kleanth habe seinen Eifer gegen die Pythagorisch seynsollenden Thorheiten des Theophron bis zu einem Ausfall gegen die alten Chaldäischen und Ägyptischen Weisen getrieben, von welchen Pythagoras, nach der gemeinen Sage, die vornehmsten Lehren und den Geist seiner Philosophie geborgt haben sollte. Erfahren seine Wuth, wie er des Weingotts Macht; Und eh' der Tänzer noch uns von den Antipoden Den Gott des Lichts zurück gebracht, Fällt taumelnd sein Rival und liegt besiegt zu Boden. Der dritte Akt des Lustspiels schließt sich nun, Und alles sehnet sich, den Rest der Nacht zu ruhn. Kleanth, der, wie er lag, Virgils Silenen Nicht übel glich, (nur daß er nicht erwacht, So sehr ihn Chloe zwickt, so laut man um ihn lacht) Wird standsgemäß, umtanzt von beiden Schönen, Mit Bacchischem Triumph in – einen Stall gebracht, Und lachend wünschet man einander gute Nacht. Drittes Buch.                               Die Schöne lag auf ihrem Ruhebette, Und hatte (fern, vermuthlich, vom Verdacht Daß sie bey Phanias sich vorzusehen hätte,) Ihr Mädchen fortgeschickt. Es war nach Mitternacht; Ein leicht Gewölke brach des Mondes Silberschimmer, Und alles schlief: als plötzlich, wie ihr däucht, Den Gang herauf zu ihrem kleinen Zimmer Mit leisem Tritt – ich weiß nicht was sich schleicht. Sie stutzt. Was kann es seyn? Ein Geist? nach seinen Tritten – Besuch von einem Geist! den wollt' ich sehr verbitten, Denkt sie. Indem eröffnet sich die Thür, Und eh' sie's ausgedacht, steht – Phanias vor ihr. »Vergieb, Musarion, vergieb, (so fing der Blöde Zu stottern an) die Zeit ist unbequem – Allein« – »Wozu«, fiel ihm die Freundin in die Rede, »Wozu ein Vorbericht? Wenn war ich eine Spröde? Ein Freund ist auch zur Unzeit angenehm: Er hat uns immer was, das uns gefällt, zu sagen.« »Dein Ton (erwiedert er) beweist, Wie wenig dieser Schein von Güte meinen Klagen Mitleidiges Gefühl verheißt. Du siehst mein Innerstes, und kannst mich lächelnd plagen? Siehst, daß ein Augenblick mir hundert Jahre scheint, Und findest noch ein grausames Behagen An meiner Qual? Du treibst mich zum Verzagen, Kaltsinnige, und nennst mich deinen Freund? Wie grausam rächst du dich!« – »Ich?« – fällt sie ein, »mich rächen? Träumt Phanias? – Er liebte mich vordem; Er hörte wieder auf! War dieses ein Verbrechen? War's jenes? Mir, mein Freund, war beides angenehm. Wir Mädchen sehn doch immer mit Vergnügen Die Weisheit eines Manns zu unsern Füßen liegen. Allein, als Freundin säh' ich dich Noch lieber kalt für mich – als lächerlich.» »Wie du mich martern kannst, Musarion! Viel lieber Stoß einen Dolch in dieses Herz, das du Nicht glücklich machen willst!« – »Nichts tragisches, mein Lieber! Komm, setze dich gelassen gegen über, Und sag' uns im Vertraun, wie viel gehört dazu, Damit ich dich so glücklich mache Als du verlangst?« – »Mich lieben, wie ich dich!« – »So liebt mich Phanias, der noch so kürzlich mich Mit Abscheu von sich warf?« – »Ist (ruft er) dieß nicht Rache? Du weißt zu wohl, ich war nicht Ich In jener unglücksel'gen Stunde; Gram und Verzweiflung sprach aus meinem irren Munde; Ich lästerte die Lieb', und fühlte nie Mein Herz so voll von ihr. Ich war zu sehr betroffen, Zu wissen was ich sprach, und hielt für Ironie Was du mir sagtest. Konnt' ich hoffen, Daß was Athen von mir, mich von Athen verbannt, Dein Herz allein mir plötzlich zugewandt? Erwäge dieß, und kannst du nicht vergeben Was ich mir selbst zwar nicht vergeben kann, So blicke mich noch einmahl an, Und nimm mit diesem Blick mir ein verhaßtes Leben. Ob ich dich liebe? ach!« – »Nun, bey Dianen! Freund, Die Liebe macht bey dir sehr klägliche Geberden: Sie spricht so weinerlich, daß mir's unmöglich scheint In diesen Ton jemahls gestimmt zu werden. Die hohe Schwärmerey taugt meiner Seele nicht, So wenig als Theophrons Augenweide: Mein Element ist heitre sanfte Freude, Und alles zeigt sich mir in rosenfarbnem Licht. Ich liebe dich mit diesem sanften Triebe, Der, Zephyrn gleich, das Herz in leichte Wellen setzt, Nie Stürm' erregt, nie peinigt, stets ergetzt: Wie ich die Grazien, wie ich die Musen liebe, So lieb' ich dich. Wenn dieß dich glücklich machen kann, So fängt dein Glück mit diesem Morgen an, Und wird sich nur mit meinem Leben enden.« Welch einen Strahl von unverhofftem Licht Läßt dieses Wort in seine Seele fallen! Er glaubte seinem Ohr den süßen Wechsel nicht; Allein, er sieht das Glück, das ihm ihr Mund verspricht, In ihren schönen Augen wallen. Vor Wonne sprachlos sinkt sein Mund auf ihre Hand; Wie küßt er sie! Sein inniges Entzücken Entwaffnet ihren Widerstand; Sie gönnet ihm und sich die Lust ihn zu beglücken, Die Lust die so viel Reitz für schöne Seelen hat; Selbst da er sich vergißt bestraft sie ihn so matt, Daß er es wagt, den Mund an ihre Brust zu drücken. Die Nacht, die Einsamkeit, der Mondschein, die Magie Verliebter Schwärmerey, ihr eignes Herz, dem sie Nur lässig widersteht, wie vieles kommt zusammen, Das leichte Blut der Schönen zu entflammen! Allein Musarion war ihrer selbst gewiß: Und als er sich durch das was sie erlaubte, Nach Art der Liebenden, zu mehr berechtigt glaubte, Wie stutzt' er, da sie sich aus seinen Armen riß! Daß eine Phyllis sich erkläret Sie wolle nicht, daß sie mit – leiser Stimme schreyt, Und wenn nichts helfen will, euch – lächelnd dräut, Und sich, so lang' es hilft, mit stumpfen Nägeln wehret mit stumpfen Nägeln wehret: Anspielung auf das Horazische – praelia virginum sectis in juvenes ungibus acrium , in der sechsten Ode des ersten Buchs. , Ist nichts befremdliches. Ein Satyr kaum verzeiht Den Nymphen, die er hascht, zu viele Willigkeit. Sie sträuben sich: gut, dieß ist in der Regel; Und so verstand es auch der schlaue Phanias. Er irrte sich, es war nicht das! Sie scherzte nicht, und wies ihm keine Nägel. Nach mehr als Einem fehl geschlagenen Versuch Fängt unser Held sehr kläglich an zu krähen. Und in der That, wer hätte sich's versehen? Man treibt in einem Ritterbuch Die Tugend kaum so weit! – Doch will er nicht gestehen, Daß dieß Betragen Tugend sey: Er nennt es Eigensinn und Grillenfängerey; Er schilt sie spröd, unzärtlich, unempfindlich. Die Schöne, die gesteht daß sie uns günstig sey, Macht, seiner Meinung nach, sich zum Beweis verbindlich. »Und ich mein Herr, (versetzt sie) die so viel Beweisen soll, bin ich, nach eurer Sittenlehre, Nicht auch befugt daß ich Beweis begehre? Und wie, wenn eure Gluth ein bloßes Sinnenspiel, Ein flüchtiger Geschmack, ein kleines Fieber wäre? Wenn Phanias mich liebt, so räumt er, hoff' ich, ein, Daß ich, eh' ich mich selbst verschenke, Auf meine Sicherheit vorher ein wenig denke. Bey Leuten von so warmem Blut Ist diese Vorsicht wohl nicht allzu weit getrieben. Verzeihe, wenn sie dir ein wenig Unrecht thut; Allein du selber willst daß wir im Ernst uns lieben? Sonst tändelt' ich mit Amors Pfeilen nur: Jetzt, da er mich erhascht, ist's nicht mehr Zeit zum Lachen; Es ist darum zu thun daß wir uns glücklich machen, Und nur vereinigt kann dieß Weisheit und Natur.« Unwiderstehlich, sagt man, sey Der Weisheit Reitz aus einem schönen Munde. Wir geben's zu, so fern euch nicht dabey Aus einem Nachtgewand mit nelkenfarbnem Grunde Ein Busen reitzt, der, jugendlich gebläht, Die Augen blendt und niemahls stille steht; Ein Busen, den die Göttin von Cythere, Wenn eine Göttin nicht zum Neid zu vornehm wäre, Beneiden könnt'. In diesem Falle fand Sich, leider! unser Held, von zwey verschiednen Kräften Gezogen. Mußt' er auch so starr und unverwandt Auf die Gefahr ein lüstern Auge heften? Natürlich muß der stärkre Sinn Des schwächern Eindruck bald verdringen; Und was die Freundin spricht, ihn zu sich selbst zu bringen, Schwebt ungefühlt an seinen Ohren hin. Was Amor nur vermag um Spröde zu bezwingen, Was, wie man sagt, schon Drachen zahm gemacht, Die Künste, die Ovid in ein System gebracht, Die feinsten Wendungen, die unsichtbarsten Schlingen Versucht er gegen sie, und keine will gelingen. »Ergieb dich (spricht zuletzt die schöne Siegerin) Mit guter Art! Du siehst, wie nachsichtsvoll ich bin So vielen Übermuth zu tragen: Mehr Eigensinn, erlaube mir's zu sagen, Beleidigt meine Zärtlichkeit, Und dient zu nichts, als deine Prüfungszeit Mehr, als ich selbst vielleicht es wünsche, zu verlängern. Genug von diesem! Schwatzen wir, Wenn dir's gefällt, von unsern Grillenfängern. Ich weiß nicht wie der Einfall mir Zu Kopfe steigt – allein, ich wollte schwören, Daß diesen Augenblick – was meinst du, Phanias? – Mein Mädchen – rathe doch! – und dein Pythagoras« – »Wie? etwa gar die Sphären singen hören? (Versetzt mit Lachen Phanias) Das hieße mir ein Abenteuer! Und doch, wer weiß? Ich merkte selbst so was: Es wallte, däuchte mich, ein ziemlich irdisch Feuer In seinem Aug', als Chloens lose Hand Den Blumenkranz um seine Stirne wand. Wie viel, Musarion, hab' ich dir nicht zu danken! Was für ein Thor ich war, Gesellen dieser Art, An denen nichts als Mantel, Stab und Bart Sokratisch ist, (wie haß' ich den Gedanken!) Ein Paar, das nur in einem Possenspiel Bey rohen Satyrn und Bacchanten Zu glänzen würdig ist, für Weise, für Verwandten Der Götter anzusehn!« – »Du thust dir selbst zu viel, (Fällt ihm die Freundin ein) und, wie mich däucht, auch ihnen. Kein Übermaß, mein Freund, ich bitte sehr! Du schätztest sie vordem vermuthlich mehr, Jetzt weniger, als sie vielleicht verdienen.« »Was hör' ich (ruft er) spricht Musarion für sie? Du scherzest! Hätt'st du auch (was du gewißlich nie Gethan hast) dieß Gezücht so hoch als ich gehalten, So müßte dir, nach dem was wir gesehn, Der günst'ge Wahn so gut als mir vergehn. Wie? dieser Stoiker, der nur die Tugend schön Und gut erkennt, entlarvt in einen alten Bezechten Faun! – Theophron, der vom Glück Der Geister singt, indeß sein unbescheidner Blick In Chloens Busen wühlt – Was braucht es mehr Beweise?« – »Daß sie sehr menschlich sind, (fällt ihm die Freundin ein) Und in der That nicht ganz so weise Als ihr System, das zeigt der Augenschein. – Und dennoch ist nichts mächtiger, um Seelen Zu starken Tugenden zu bilden, unsern Muth Zu dieser Festigkeit zu stählen, Die großen Übeln trotzt und große Thaten thut, Als eben dieser Satz, für welchen dein Kleanth Zum Märtyrer sich trank. Die alten Herakliden, Die Männer, die ihr Vaterland Mehr als sich selbst geliebt, die Aristiden, Die Phocion und die Leonidas, Ruhmvolle Nahmen!« – »Gut! (ruft unser Mann) und waren Sie etwann Stoiker?« – »Sie waren, Phanias, Noch etwas mehr! Sie haben das erfahren Was Zeno spekuliert; sie haben es gethan! Warum hat Herkules Altäre? Den Weg, den Prodikus nicht gehn, nur mahlen kann, Den ging der Held« – »Und wem gebührt davon die Ehre, Als der Natur, die ihn, und wer ihm gleicht, gebar Und auferzog, eh' eine Stoa war? Ein Held wird nicht geformt, er wird geboren.«                       »Indessen hat, weil ihr der erste Preis gebührt, Doch Plato nicht sein Recht an Phocion verlorenen Plato nicht sein Recht an Phocion verloren: Daß dieser unter den Feldherren und Staatsmännern so seltene Mann in seiner ersten Jugend noch den Plato und dessen ersten Nachfolger den Xenokrates gehört, und in ihrer Schule die Maximen eingezogen habe, deren Ausübung ihn sein ganzes Leben durch und bis zu seinem Sokratischen Tode zum tugendhaftesten Manne seiner Zeit machte, bezeugt Plutarch in seiner Lebensbeschreibung. . Was die Natur entwirft, wird von der Kunst vollführt. Die Blume, die im Feld sich unbemerkt verliert, Erzieht des Gärtners Fleiß zum schönsten Kind der Floren.« »Gesetzt«, spricht Phanias, »daß dieses richtig sey, So ist doch was von Zahlen und Ideen Und Dingen, die kein Aug' gehört, kein Ohr gesehen, Theophron schwatzt, handgreiflich Träumerey?« »Und mit den nehmlichen Ideen War doch Archytas einst ein wirklich großer Mann! Auch Seelen dieser Art erzeuget dann und wann (Zwar sparsam) die Natur. Man wird zum Geisterseher Geboren, wie zum Feldherrn Xenophon wie zum Feldherrn Xenophon: In den vorigen Ausgaben lautete diese Stelle so: – Man wird zum Geisterseher Geboren wie zum Held, wie zum Anakreon. Da das Wort Held kein Indeclinabile ist, und in allen seinen Biegefällen Helden lautet, so mußte es, nicht zum Held, sondern zum Helden, heißen. Da dieß aber nicht in den Vers passen wollte, so mußte der Held hier ein Opfer der Sprachrichtigkeit werden, und auch Anakreon, wiewohl unschuldig, konnte seinen Platz nicht behalten. Die neue Lesart, wodurch dem Sprachfehler abgeholfen worden ist, hat außerdem, daß der Gedanke an Wahrheit nichts dadurch verliert, noch den Vorzug, sich mit dem folgenden Verse richtiger zu verbinden. – Daß man von Xenophon vorzüglich sagen könne, er sey zum Feldherrn geboren gewesen, scheint sich hinlänglich dadurch erwiesen zu haben, daß er, als er nach dem Tode des jüngern Cyrus aus einem bloßen Freywilligen, der die Dienste eines gemeinen Soldaten verrichtete, auf einmahl zum Rang eines Feldherren stieg, auch die Talente eines Feldherren in einem Grade zeigte, der ihm bis auf diesen Tag einen Platz unter den Meistern der Kriegskunst erhalten hat. , Wie Zeuxis zum Palett, und Philipps Sohn zum Thron. Und in der That, was hebt die Seele höher, Was nährt die Tugend mehr? erweitert und verfeint Des Herzens Triebe so, als glänzende Gedanken Von unsers Daseyns Zweck? – das Weltall ohne Schranken, Unendlich Raum und Zeit, die Sonne die uns scheint Ein Funke nur von einer höhern Sonne, Unsterblich unser Geist, Unsterblichen befreundt, Und, ahmt er Göttern nach, bestimmt zu Götterwonne!« »Bey allen Grazien! (ruft lachend Phanias) Du wirst noch mit der Zeit die Sphären singen hören! Vor wenig Stunden gab dieß Galimathias Dir Stoff zum Spott« – »Der Mann, nicht seine Lehren; Das Wahre nicht, obgleich (nach aller Schwärmer Art) Sein glühendes Gehirn es mit Schimären paart, Nur diese trifft der Spott. – Doch stille! wir versteigen Uns allzu hoch. Ich wollte dir nur zeigen, Daß dich dein Vorurtheil für dieses weise Paar Nicht schamroth machen soll. Nichts war Natürlicher in deiner schlimmen Lage. Der Knospe gleich am kalten Märzentage Schrumpft, wenn des Glückes Sonnenschein Sich ihr entzieht, die Seel' in sich hinein. Entfiedert, nackt, von allem ausgeleeret Was sie für wesentlich zu ihrem Wohlseyn hielt, Was Wunder, wenn sich ihr ein Lehrbegriff empfiehlt, Der sie die Kunst es zu entbehren lehret? Der ihr beweist, was nicht zu ihr gehöret, Was sie verlieren kann, sey keinen Seufzer werth; Ja, ihren Unmuth zu betrügen, Aus der Entbehrung selbst ein künstliches Vergnügen Ihr, statt des wahren, schafft? – Was ist so angenehm Für den gekränkten Stolz, als ein System, Das uns gewöhnt für Puppenwerk zu achten Was aufgehört für uns ein Gut zu seyn? Was, meinst du, bildete der Mann im Faß sich ein, Der, groß genug Monarchen zu verachten, Von Philipps Sohn nichts bat, als freyen Sonnenschein? Noch mehr willkommen muß, im Falle den wir setzen, Die Schwärmerey des Platonisten seyn, Der das Geheimniß hat, die Freuden zu ersetzen Die Zeno nur entbehren lehrt; Der statt des thierischen verächtlichen Ergetzen Der Sinne, uns mit Götterspeise nährt. Wir sehn mit ihm aus leicht erstiegnen Höhen Auf diesen Erdenball als einen Punkt herab; Ein Schlag mit seinem Zauberstab Heißt Welten um uns her bey Tausenden entstehen; Sind's gleich nur Welten aus Ideen, So baut man sie so herrlich als man will; Und steht einmahl das Rad der äußern Sinne still, Wer sagt uns, daß wir nicht im Traume wirklich sehen? Ein Traum, der uns zum Gast der Götter macht –« »Hat seinen Werth – zumahl in einer Winternacht«, Ruft Phanias: »allein auch aus den schönsten Träumen Ist doch zuletzt Endymion erwacht! Wozu, Musarion, aus Eigensinn versäumen Was wachend uns zu Göttern macht?« An Antworts Statt reicht sie, zum stillen Pfand Der Sympathie, ihm ihre schöne Hand. Er drückt mit schüchternem Entzücken Sie an sein schwellend Herz, und sucht in ihren Blicken Ob sie sein Klopfen fühlt. Ein sanftes Wiederdrücken Beweist es ihm. Mit manchem süßen Ach, Das ihr im Busen zu ersticken Unmöglich ist, bekämpft sie allzu schwach Die Macht des süßesten der Triebe, Und kämpfend noch bekennt ihr Herz den Sieg der Liebe. Der schönste Tag folgt dieser schönen Nacht. Mit jedem neuen fühlt sich unser Paar beglückter, Indem sich jedes selbst im andern glücklich macht. Durch überstandne Noth geschickter Zum weiseren Gebrauch, zum reitzendern Genuß Des Glückes, das sich ihm so unverhofft versöhnte, Gleich fern von Dürftigkeit und stolzem Überfluß, Glückselig, weil er's war, nicht weil die Welt es wähnte, Bringt Phanias in neidenswerther Ruh Ein unbeneidet Leben zu; In Freuden, die der unverfälschte Stempel Der Unschuld und Natur zu ächten Freuden prägt. Der bürgerliche Sturm, der stets Athen bewegt, Trifft seine Hütte nicht – den Tempel Der Grazien, seitdem Musarion sie ziert. Bescheidne Kunst, durch ihren Witz geleitet, Giebt der Natur, so weit sein Landgut sich verbreitet, Den stillen Reitz, der ohne Schimmer rührt. Ein Garten, den mit Zephyrn und mit Floren Pomona sich zum Aufenthalt erkohren; Ein Hain, worin sich Amor gern verliert, Wo ernstes Denken oft mit leichtem Scherz sich gattet; Ein kleiner Bach von Ulmen überschattet, An dem der Mittagsschlaf ihn ungesucht beschleicht; Im Garten eine Sommerlaube, Wo, zu der Freundin Kuß, der Saft der Purpurtraube, Den Thasos schickt, ihm wahrer Nektar däucht; Ein Nachbar, der Horazens Nachbarn gleicht Horazens Nachbarn gleicht: Vermuthlich hatte der Dichter die Stelle im 6ten der Horazischen Sermonen (des 2ten Buchs) im Sinne: Cervius haec inter vicinus garrit aniles Ex re fabellas, u.s.w. wo Horaz den alten Nachbar Cervius die berühmte Fabel von der Feldmaus und Stadtmaus in einem so unnachahmlich gutlaunigen und verständigen Ton erzählen läßt, daß man nicht umhin kann, den Dichter eben so sehr wegen seines Nachbars Cervius als wegen seines Sabinums, und des frohen Lebensgenusses, den es ihm gewärte, glücklich zu preisen. , Gesundes Blut, ein unbewölkt Gehirne, Ein ruhig Herz und eine heitre Stirne, Wie vieles macht ihn reich! Denkt noch Musarion Hinzu, und sagt, was kann zum frohen Leben Der Götter Gunst ihm mehr und bessers geben? Die Weisheit nur, den ganzen Werth davon Zu fühlen, immer ihn zu fühlen, Und, seines Glückes froh, kein andres zu erzielen! Auch diese gab sie ihm. Sein Mentor war Kein Cyniker mit ungekämmtem Haar, Kein runzligter Kleanth, der, wenn die Flasche blinkt, Wie Zeno spricht und wie Silenus trinkt: Die Liebe war's. – Wer lehrt so gut wie sie? Auch lernt' er gern, und schnell, und sonder Müh, Die reitzende Philosophie, Die, was Natur und Schicksal uns gewährt, Vergnügt genießt, und gern den Rest entbehrt; Die Dinge dieser Welt gern von der schönen Seite Betrachtet; dem Geschick sich unterwürfig macht, Nicht wissen will was alles das bedeute, Was Zeus aus Huld in räthselhafte Nacht Vor uns verbarg, und auf die guten Leute Der Unterwelt, so sehr sie Thoren sind, Nie böse wird, nur lächerlich sie findt Und sich dazu, sie drum nicht minder liebet, Den Irrenden bedau'rt, und nur den Gleißner flieht; Nicht stets von Tugend spricht, noch, von ihr sprechend, glüht, Doch, ohne Sold und aus Geschmack, sie übet; Und, glücklich oder nicht, die Welt Für kein Elysium, für keine Hölle hält, Nie so verderbt, als sie der Sittenrichter Von seinem Thron – im sechsten Stockwerk sieht, So lustig nie als jugendliche Dichter Sie mahlen, wenn ihr Hirn von Wein und Phyllis glüht. So war, so dacht' und lebte Phanias, Und weil er war – wornach wir andern streben, So that er wohl, zu seyn, zu denken und zu leben, So wie er that. – Das mag er denn! – Und was Ward aus dem Manne, der so gerne – Sphären maß? Gut, daß ihr fragt, den hätt' ich rein vergessen – Er ward in einer einz'gen Nacht Zum γνωθι σεαυτον in Chloens Arm gebracht Zum γνωθι σεαυτον, d. i. zur Selbsterkenntniß, welche diese zwey über die Pforte des Tempels zu Delphi geschriebenen Worte empfahlen, als den besten Rath, den der Delphische Gott allen Sterblichen, die sich bey ihm Rathes erhohlten, ertheilen konnte. ; Er fand er sey nicht klug, und lernte Bohnen essen. »Und Herr Kleanth?« – Der kroch, so bald die Mittagssonne Ihn aufgeweckt, ganz leise auf den Zehn Aus seinem Stall – vielleicht in eine Tonne; Kurz, er verschwand, und ward nicht mehr gesehn.