Emile Zola Mutter Erde Die Rougon-Macquart. Band XV Die Geschichte einer Familie unter dem zweiten Kaiserreich 1924   Vollständige Übersetzung von Armin Schwarz   Benjamin Harz Verlag Berlin Wien Satz und Druck von G. Kreysing in Leipzig Erster Teil. Erstes Kapitel. Das Sätuch aus blauer Leinwand um den Leib gebunden, hielt Hans mit der Linken den Schlitz geöffnet; die Rechte schöpfte daraus alle drei Schritt eine Handvoll Getreide und schleuderte es in einem Bogen übers Feld. Die schweren Stiefel des Burschen stampften den Abdruck ihrer Sohlen in den Boden und schleppten das fette Erdreich mit sich fort; bei jedem Wurf aber schimmerten durch die regnende blonde Saat die roten Borten eines alten Soldatenrockes, den der Sämann trug. So schritt er mit wiegenden Körperbewegungen über den Acker; hinter ihm zog die doppeltbespannte Egge einher und verscharrte das Saatkorn. Mit regelmäßig wiederholtem Schwung knallte die Peitsche des Fuhrknechtes um die Köpfe der Rosse. Das kaum an fünfzig Ar messende Stück Feld hatte Herrn Hourdequin, dem Besitzer der Borderie, nicht die Herführung seiner andernorts arbeitenden Sämaschine verlohnt. Hans, der jetzt von Süden nach Norden zu das Feld durchschritt, befand sich so den zwei Kilometer entfernten Gebäuden den Gutes gegenüber; an dem Grenzrain des Feldes rastete er einen Augenblick und warf einen Blick dort hinaus. Es war ein bräunlicher Streifen schiefergedeckter Häuschen, der sich am Ausgang des Bezirkes Beauce in die nach Chartres sich erstreckende Ebene verlor. Zehn Meilen weit dehnte sich dort das Land unter dem weiten, bewölkten Oktoberhimmel; gelbe Stoppelfelder und frisch bestellte Äcker wechselten mit dem grünen Teppich des Klees; ohne Hügelung, ohne einen Baum dehnte sich die glatte Flur dahin und floß mit sanft abdachender Rundung bis hinter die Linie des Horizonts wie ein Meer. Nur gegen Westen grenzte ein rotbrauner Waldrand das Firmament ab. In der Mitte zog sich kreideweiß die von Chauteaudun nach Orleans führende Straße dahin, eine vier Meilen lange gerade Linie, eingesäumt von den in regelmäßigen Abständen errichteten Telegraphenstangen. Sonst nichts als drei, vier Windmühlen mit unbeweglichen Flügeln auf dem Gebälk. Einzelne Dörfer bildeten gleichsam steinerne Inseln. Weit hinten guckte wie aus einer Versenkung die Spitze eines Kirchturmes über die welligen Schollen. Hans wandte sich um und lenkte seinen wiegenden Schritt wieder nach Süden; die Linke straffte das Sätuch, die säende Rechte teilte mit sausendem Hieb die Luft. Jetzt buchtete sich unmittelbar vor ihm gleich einer Grube das schmale Aigretal; dahinter wieder weitete sich die Beauce unabsehbar bis Orleans. Wie niedriges Buschwerk blickten die Wipfel einer Pappelallee gelbgrün über die Rundung des tieferen Gebietes; das am Hang lagernde Dörfchen Rognes schaute nur mit wenigen Giebeln hervor, und daneben ragte der altersgraue Kirchturm, den ein Volk Krähen umschwärmte. Im Osten jenseits des Loiretales, in dem zwei Meilen entfernt, sich Cloyes barg, der Hauptort des Bezirks, wölbten sich die bläulichen Hügelungen der Perche unter dem grauen Himmel. Man befand sich im ehemaligen Dunois, dem heutigen Kreise Chateaudun zwischen dem Perchelande und dem Beaucelande, ja am Saume des letzteren, an jener Stelle, wo die Gegend wegen der weniger fruchtbaren Felder die »lausige Beauce« genannt wird. Als Hans am Ende des Feldes angelangt war, hielt er abermals inne und warf einen Blick auf das Aigreflüßchen hinab, das hell und hurtig sich durch die Wiesen und Felder schlängelte neben der nach Cloyes führenden Straße, die jetzt mit Bauernkarren bedeckt war, welche zu Markte fuhren. Dann schritt er wieder das Feld hinan. Immer mit den nämlichen Schritten und den nämlichen Bewegungen ging er von Norden nach Süden und von Süden nach Norden, in den lebenden Staub der Saat eingehüllt; während hinter ihm die Egge unter dem Peitschenknallen des Kutschers das Korn langsam, fast bedächtig in den Boden versenkte. Lange Regengüsse hatten den Herbstanbau verzögert; im August hatte man noch gedüngt, und die Felder standen seit langem bereit, tief aufgeackert, von allem Unkraut gesäubert, geeignet zum Getreidebau, nachdem sie im dreijährigen Wechsel Klee und Hafer gebracht hatten. Die Furcht vor den nahen Frösten, die nach den langen Regengüssen drohten, feuerte die Landwirte zu großer Eile an. Es war plötzlich ein kaltes, trübes, windstilles Wetter eingetreten von einem gleichmäßigen, düsteren Lichte über diesem unbeweglichen Feldermeer. Auf allen Seiten wurde gesät; links war noch ein Sämann in einer Entfernung von etwa dreihundert Metern und rechts ebenfalls einer noch etwas weiter entfernt; und noch andere und wieder andere verloren sich in der Ebene. Es waren kleine Schattenbilder, einfache, immer dünner werdende Striche in meilenweiter Entfernung. Alle machten dieselben Bewegungen, mit denen die Saat ausgestreut wurde, und die sich ausnahmen, wie eine Lebenswoge ringsumher. Die Ebene erbebte gleichsam bis in die verschwimmenden Fernen, wo die Sämänner nicht mehr zu unterscheiden waren. Hans schritt zum letztenmal südwärts das Feld ab; da erblickte er eine große rotweiße Kuh, die von einem ganz jungen Mädchen am Strick geführt, von Rognes daherkam. Das Kind leitete sein Tier den Pfad entlang, der auf der Höhe am Rande des Tales dahinlief. Der Bursch aber drehte sich um; wie er jetzt an der Nordseite des Feldes seine Arbeit beendet hatte und im Begriff stand, das Sätuch abzubinden, um sich auf den Heimweg zu machen, hallte ein ängstlicher Schrei über den Saatacker. Hans hob den Blick und sah, wie die Kuh in wildem Galopp in ein Kleefeld stürmte, während die Kleine vergeblich bemüht war, sie zu halten. Er befürchtete ein Unglück und rief: »Laß sie doch los!« Sie tat es nicht; keuchend trabte sie hinter der Kuh her und schrie mit einer Stimme, in die Zorn und Entsetzen sich mischten: »Coliche! Steh, Coliche! ... Verwünschtes Vieh, willst du Ruh geben!« Bisher hatte sie mit dem aufgeregten Tiere Schritt halten können; nun aber strauchelte sie, fiel, sprang noch einmal auf, stürzte wieder; jetzt schleifte das wütende Vieh sie hinter sich her. Das Kind kreischte laut auf. »Laß sie doch los, mein Gott! Laß sie los!« Hans wiederholte mechanisch diesen Ruf, während er ebenfalls über den Acker setzte; denn er hatte endlich begriffen: die Leine mußte sich am Handgelenk des Mädchen verschlungen haben. Flink rannte er quer übers Feld und stand so plötzlich vor der fliehenden Kuh, daß diese erschrocken ihren Lauf hemmte. Im Umsehen war der verhedderte Strick gelöst: der Bursch half dem Mädchen auf. »Hast du dir nichts gebrochen?« Aber sie hatte nicht einmal die Besinnung verloren. Sie erhob sich und befühlte ihre Glieder, hob ruhig ihre Röcke bis zu den Schenkeln empor, um ihre Knie zu betrachten, die ihr schmerzten, und sagte noch ganz atemlos: »Sehen Sie, dort am Knie schmerzt es mich ... aber es macht nichts, ich kann das Bein bewegen ... Mir ist angst und bange geworden! ... Hätt' sie mich bis auf die Straße gezogen, ich wäre verloren gewesen!« Die große Aufregung, die sie überstanden, ließ sie nicht recht zu Atem kommen; sie sprach in abgerissenen Sätzen. Jetzt untersuchte sie ihr rotumrandetes Handgelenk und benetzte es mit Speichel; dann fuhr sie nach einem tiefen Seufzer beruhigter fort: »Die Coliche ist nicht bös, wissen Sie. Aber seit gestern macht sie uns viel zu schaffen. Sie will zum Stier, und darum bringe ich sie nach der Borderie.« »Zur Borderie?« wiederholte Hans. »Das trifft sich gut: ich kehre grad heim, da kann ich dich begleiten.« Er duzte sie: die schmächtige Dirne erschien ihm ein Kind trotz ihrer vierzehn Jahre. Sie blickte ernst zu ihm auf. Der kräftige Bursch mit dem kurz geschorenen, kastanienbraunen Haupthaar, mit dem vollen, regelmäßigen Gesicht war, ob er auch erst neunundzwanzig zählte, ein alter Mann ihr gegenüber. »Ich kenne Sie, Sie sind Korporal, der Tischler, der sich bei Herrn Hourdequin als Knecht verdungen hat.« Dieser ihm von den Bauern gegebene Beiname rief ein Lächeln bei ihm hervor. Er betrachtete jetzt seinerseits das junge Mädchen aufmerksam und war überrascht, sie entwickelter zu finden, als er vermutet hatte. Mit dem festen, kleinen Busen, dem länglichen Oval ihres Gesichtes, darin zwei schwarze, ungemein tiefe Augen glänzten, mit den frischen, rosigen Wangen sah sie durchaus keinem Kinde gleich. Sie trug einen grauen Rock und ein schwarzwollenes Leibchen; ihren Kopf schmückte eine runde Haube; Arme und Nacken waren goldbraun von der Sonne angehaucht. »Aber bist du nicht die Jüngste von Papa Mouche?« fragte er plötzlich. »Richtig! ich habe dich nicht gleich erkannt! ... Nicht wahr, die Geliebte von Buteau, der im letzten Frühling mit mir in der Borderie arbeitete, ist deine Schwester?« Sie erwiderte: »Ja, ich bin Franziska ... Meine Schwester, die mit dem Vetter Buteau das Verhältnis gehabt, heißt Lise. Jetzt, nachdem er sie ins Unglück gestürzt und sie im sechsten Monat schwanger ist, ist er auf und davon; er dient in der Chamade nach Orgères zu.« »Ja, ja,« bestätigte Hans. »Ich habe sie beisammen gesehen.« Sie verstummten einen Augenblick. Er erinnerte sie lachend, wie er einst die Lise mit ihrem Schatz hinter einem Heuschober überrascht. Sie feuchtete immer noch ihr schmerzendes Handgelenk. Die Kuh graste im Klee; der Roßknecht fuhr seine Egge zur Landstraße hinaus; zwei Raben umschwebten mit krächzendem Rundflug den Kirchturm. Die drei Glockenschläge des Angelus hallten durch die ruhige Luft. »Wie? schon Mittag?« rief Hans. »Da haben wir keine Zeit zu verlieren.« Mit einem Blick nach Coliche fügte er hinzu: »Und deine Kuh! Es könnte dir übel bekommen, wenn man sie sähe ... Wart', ich werd' dich naschen lehren!« »Nein, laßt sie!« fiel sie ihm ins Wort. Dies Feld gehört uns! Das böse Ding hat mich auf eigenem Grund und Boden geschleift! ... Unsere Familie besitzt den ganzen Strich bis nach Rognes: wir haben das Stück hier, das daneben gehört Onkel Fouan, dann kommt meine Tante, die Große ...« Sie wies ihm die einzelnen Parzellen mit der Hand; dabei führte sie die Kuh wieder auf den Steig hinaus. Erst jetzt, als sie das Tier von neuem furchtlos bei der Leine hielt, fiel es ihr ein, sich bei dem jungen Manne zu bedanken: »Ohne Ihre Hilfe wär's mir übel ergangen vorhin. Ich dank' Ihnen, wissen Sie, ich dank' Ihnen von ganzem Herzen!« Sie machten sich auf den Weg den schmalen Pfad entlang, der sich erst am Rande des Tales hinzieht und dann seitwärts zwischen den Feldern verläuft. Das Geläute der Gebetglocke war verstummt; nur die Raben krächzten immerfort. Mit der Kuh an dem straff gezerrten Seile voran schritten jetzt beide in dem wortlosen Schweigen dahin, in welchem die Landleute oft auf meilenweiter Wanderung nebeneinander verharren. Zur Rechten warfen sie einen Blick auf eine Sämaschine, deren Pferde dicht am Wege ihren Rundgang machten. Der fremde Knecht rief ihnen ein »Guten Tag« zu; sie gaben ein ernstes »Guten Tag!« zurück. Links auf der Landstraße zogen noch immer die Wagen der Bauern nach Cloyes, wo erst um ein Uhr der Markt beginnt. Auf ihren beiden Rädern holperten die Karren die Chaussee entlang, in der großen Entfernung einer Karawane hüpfender Insekten vergleichbar, und nur die weißen Hauben der Bäuerinnen blinkten herüber. »Da ist mein Onkel Fouan mit Tante Rose!« rief Franziska plötzlich und deutete auf einen der Karren, der wie eine Nußschale groß in einer Entfernung von einem Kilometer die Straße dahinschaukelte. Sie fahren zum Notar.« Sie besaß den scharfen Blick der Matrosen, dies den Bewohnern flacher Landstriche eigene, ungemein weitschauende Auge, das in dem kleinsten Punkte, der sich am Horizont bewegt, einen Menschen oder ein Tier zu erkennen vermag. »Ach, richtig! ich hab' davon gehört,« versetzte Hans. »Also ist es entschieden? der Alte verteilt seine Habe zwischen der Tochter und den beiden Söhnen?« »Ja, es ist bestimmt, heute kommen sie alle bei Herrn Baillehache zusammen.« Sie blickte dem schwanken Fuhrwerk nach und setzte hinzu: »Uns ist's egal, wir werden nicht fetter, nicht magerer davon ... Doch meiner Schwester wegen mag's gut sein; sie meint, Buteau heiratet sie vielleicht, wenn er seinen Anteil erhält ... Er hat immer gesagt, mit nichts kann man nicht Hochzeit machen.« Hans lachte: »Dieser verflixte Kerl, der Buteau! ... Wir waren Kameraden ... Der redet gar bald den Mädeln was vor! Er muß immer seine Bandeleien haben; er ist imstande und nimmt die Dirnen mit Gewalt, wenn er sie nicht anders bekommen kann.« »Gewiß, er ist ein schlechter Kerl,« gab Franziska überzeugt zurück. »Man läßt nicht seine Base sitzen, nachdem man ihr den Bauch angefüllt hat.« Sie brach ab und riß mit kräftigem Ruck die seitwärts zerrende Kuh auf den Weg zurück: »Vorwärts, Coliche! ... Sie fängt schon wieder an; es ist nicht auszuhalten mit dem Vieh, wenn es mal wild wird.« Jetzt lenkte der Steig seitwärts ein; sie verloren die Marktwagen aus dem Auge. Die flachen Gefilde weiteten sich nach rechts und links. Zwischen den frisch bestellten Äckern, den grünenden Kleewiesen strich der Pfad ohne eine Steigung, ohne Strauch und Baum dahin bis zum Gutshof, den man mit der Hand meinte berühren zu können, und der sich doch immer weiter in den aschgrauen Himmel zurückschob. Die beiden waren wieder verstummt; ohne ein einziges Wort zu wechseln, schritten sie fürbaß, als habe die ernste Landschaft der Beauce ihr Sinnen verdüstert. Der Hof der Borderie war leer. Doch kaum hatte das Paar das große Viereck zwischen den Ställen, Scheunen und der Schäferei betreten, so erschien auf der Schwelle der Küche eine kleine, junge Frau mit keckem, hübschem Gesicht: »Nun Hans, kommst du heute nicht zum Essen?« »Gleich, Frau Jacqueline!« Seit die Tochter Cognets, des Chausseearbeiters von Rognes, auf dem Bauerngut, wo die zwölfjährige »Cognette« einst als Geschirrwäscherin gedient, zum Range der Haushälterin und Geliebten des Herrn aufgestiegen war, verlangte sie, als Dame behandelt zu werden. »Ah, du bist's, Franziska,« fing sie wieder an. »Du kommst wegen des Stieres. Da wart nur! Der Hirt ist mit Herrn Hourdequin in Cloyes, muß aber bald zurück sein.« Hans wollte an ihr vorüber in die Küche treten; sie griff ihn lachend um den Leib, unbekümmert um die Kleine, die wohl wissen mochte, daß Frau Jacqueline sich nicht mit der Liebe des Bauern begnügte. Dann verschwanden die beiden im Hause. Eine halbe Stunde später kam Hans wieder zum Vorschein und gesellte sich zu dem Mädchen. Er aß den Rest eines Butterbrotes und sagte, als er die Kuh unruhig mit dem Schweife um sich schlagen sah: »Es ist verdrießlich, daß der Kuhhirt noch nicht zurückkommt.« Franziska zuckte die Achseln. »Es hat keine Eile,« meinte sie. Dann fragte sie nach einem neuerlichen Schweigen: »Also, Korporal, Sie heißen Hans schlechtweg?« »Aber nein, Mans Macquart.« »Sie sind nicht aus unserer Gegend?« »Nein, ich bin Provençale aus Plassans, einem Städtchen dort unten.« Erstaunt, daß man so weit her sein könne, hob sie das Köpfchen und blickte ihn an. »Nach Solferino bin ich aus Italien zurückgekehrt; ein Kamerad nahm mich hierher mit, –das war vor achtzehn Monaten. Mein altes Gewerbe, die Tischlerei, gefiel mir nicht mehr, und dann hat es sich so gemacht, daß ich hier geblieben bin.« »Ach!« versetzte sie und schaute ihn immer noch mit ihren großen Augen an. »Sonderbar!« Doch die Coliche hörte mit ihrem brünstigen Gebrüll nicht auf, und man vernahm jetzt aus dem verschlossenen Stalle ein heiseres, rauhes Schnaufen. »Aha, der vertrackte Stier Cäsar hat sie gehört ... Hörst du, er fängt drin schon zu reden an ... Der kennt sein Geschäft; kaum führt man eine Kuh in den Hof, wittert er schon die Sache und weiß, was man von ihm will.« Nach kurzer Weile fuhr er fort: »Es scheint, der Kuhhirt hat bei Herrn Hourdequin bleiben müssen. Wenn du willst, führe ich dir den Stier heraus, damit du nicht zweimal kommen mußt ... Wir beide werden mit der Sache auch fertig.« »Ja, das ist ein guter Einfall,« sprach Franziska und erhob sich. Er öffnete die Stalltüre und fragte das Mädchen noch: »Sollen wir die Kuh anbinden?« »Anbinden? Nein ... sie ist bereit und wird sich nicht rühren.« Durch die offene Tür des Stalles, wo die Kühe langsam ihr Futter fraßen, sah man in einer Ecke einen schwarzen, weißgefleckten Stier holländischer Rasse. Seines Dienstes gewärtig, streckte das Tier den Hals. Als Cäsar losgebunden war, verließ er den Stall. Vor der Türe blieb er unter dem Eindrucke der freien Luft und des hellen Tageslichtes einen Augenblick stramm auf den Beinen stehen und peitschte ungeduldig mit dem Schwänze seine Flanken; sein Hals blähte sich auf und seine vorgestreckten Nüstern witterten. Die Coliche stand unbeweglich und wandte ihre großen, starren Augen nach ihm, wobei sie ein leiseres Brüllen vernehmen ließ. Da näherte sich der Stier, preßte sich an die Kuh und legte den Kopf auf ihre Croupe; seine Zunge hing heraus; er schob den Schwanz der Kuh beiseite und leckte sie ab bis zu den Schenkeln hinab. Die Kuh rührte sich nicht und ließ ihn gewähren; nur ihre Haut wurde von einem leichten Zittern gefaltet. Hans und Franziska standen mit ernsten Mienen und herabhängenden Händen da und warteten. Als der Stier fertig war, bestieg er die Coliche mit einem plötzlichen Sprunge und mit einer mächtigen Wucht, daß der Erdboden erzitterte. Die Kuh hatte unter dem Anlauf sich nicht gerührt; der Stier hielt sie zwischen seinen beiden Beinen fest. Allein er war von kleinerer Rasse, und darum die Kuh zu hoch und zu breit für ihn, so daß er nicht ans Ziel gelangte. Als er dies sah, machte er eine vergebliche Anstrengung, höher zu steigen und näher heranzukommen. »Er ist zu klein,« bemerkte Franziska. »Ja, ein wenig,« erwiderte Hans; »aber das tut nichts; er wird doch hineingelangen.« Sie schüttelte den Kopf; als der Stier weitere nutzlose Anstrengungen machte, faßte sie einen Entschluß. »Wir müssen ihm helfen,« sprach sie. »Wenn er schlecht eindringt, wird sie es nicht behalten.« Mit ruhiger und aufmerksamer Miene wie bei einem ernsten Geschäfte trat sie näher, erhob den Arm, ergriff mit voller Hand das Glied des Stieres, richtete es auf, stützte es und brachte es dem Ziele näher. Als der Stier spürte, daß er am Rande sei, sammelte er seine Kräfte und drang mit einer einzigen Anstrengung seiner Lenden voll hinein. Dann sprang er ab, daß der Boden erzitterte. Es war geschehen: die Kuh hatte, ohne sich zu rühren, die Befruchtung durch das Männchen empfangen. Franziska ließ jetzt den Arm sinken und sprach: »Das sitzt.« »Ja und fest dazu,« bemerkte Hans zufrieden. Er dachte nicht daran, einen jener saftigen Spaße zu machen, wie sie die Knechte des Hofes anzubringen pflegten zur Erheiterung der Mägde, die Kühe zum Belegen auf den Hof brachten. Die Kleine schien die Sache so einfach zu finden, daß nichts zu lachen war. Es war eben die Natur. Seit einer Weile stand Jacqueline wieder auf der Türschwelle. Mit einem ihr eigentümlichen girrenden Tone rief sie der Gruppe die scherzenden Worte zu: »Ei, überall die Hand dabei! Dein Liebhaber scheint an jenem Ende kein Auge zu haben!« Hans brach in ein Gelächter aus, Franziska aber errötete tief. Während der Stier allein nach dem Stalle zurückkehrte und die Kuh am Rande der Düngergrube nach verlorenen Haferstrohhalmen suchte, kramte das Mädchen, um seine Verlegenheit zu verbergen, in seiner Tasche herum, zog ein Schnupftuch hervor, knüpfte die verknotete Ecke auf und nahm daraus vierzig Sous. »Hier ist das Geld!« rief sie und reichte es der Frau. »Lebt wohl!« Damit verließ sie samt ihrer Kuh den Hof. Hans ergriff sein Sätuch, erklärte Jacqueline, daß er den am Morgen von Herrn Hourdequin gegebenen Befehlen gemäß zum Poteau, einem benachbarten Ackerstrich hinübergehe und folgte dem Mädchen in dem schmalen Steige. »Verliert euch nicht zusammen!« rief ihnen die kleine Frau scherzend nach. »Übrigens kennt die Kleine den richtigen Weg.« Keines der beiden lachte; stillschweigend entfernten sie sich, man vernahm nur das Klappern ihrer Schuhe auf den Steinen des Weges. Sie schritt vor ihm dahin; er blickte auf ihren kindlich geformten Nacken und die kleinen schwarzen Löckchen, die unter ihrer Haube hervorschauten. Nach vielleicht fünfzig Schritt sprach Franziska ruhig: »Sie hat Unrecht, sich über andere aufzuhalten. Ich hätte ihr antworten können ...« Mit einem schelmischen Lächeln wandte sie sich zu dem jungen Mann herum: »Ist es nicht wahr, daß sie Herrn Hourdequin Hörner aufsetzt, als wenn sie bereits seine Frau wäre? ... Sie wissen es vielleicht am allerbesten!« Er ward verlegen und versuchte, harmlos zu tun: »Sie macht, was ihr beliebt; es ist ihre Sache.« Franziska setzte ihren Weg fort: »Das ist richtig ... Ich scherze nur, denn ... unter uns beiden ... Sie könnten ja mein Vater sein ... Aber sehen Sie, seit Buteau sich so schlecht mit meiner Schwester aufgeführt hat, habe ich mir geschworen, daß ich mich lieber in Stücke zerschneiden lasse, ehe ich einen Liebhaber nehme.« Er nickte. Schweigend gelangten sie zum Poteau. Das kleine Feld lag unterhalb des Fußpfades auf der Hälfte des Weges nach Rognes. Die Egge stand bereit, ein Sack Saatkorn lag daneben. »Also, leb wohl!« rief Hans dem Mädel nach und begann, sein Sätuch zu füllen. »Leben Sie wohl!« gab sie zurück. »Und noch mal, schönen Dank!« Aber ihm fiel etwas ein. »Hör, wenn Coliche vielleicht wieder anfängt? ... Soll ich dich nicht lieber heimgeleiten?« Sie war schon weit, drehte sich um und rief mit ihrer klaren Stimme über den stillen Acker: »Nicht nötig, sie hat jetzt genug und gibt schon Ruh.« Hans begann mit dem Sätuch um den Leib wieder, beim Fall der regnenden Körner sein Feld abzuschreiten. Dabei schaute er dem Mädchen nach, das hinter dem wiegenden Körper der rotweißen Kuh zwischen den Äckern dahinstrich. Als er Kehrt machte, verlor er sie aus dem Auge; doch wie er wieder das Feld herabkam, gewahrte er sie von neuem; sie erschien jetzt ganz winzig in der großen Entfernung mit ihrem schlanken Wuchs und dem weißen Häubchen einer Löwenzahnblume vergleichbar. Dreimal fand er sie so wieder, dann suchte er vergeblich: sie mochte bei der Kirche seitwärts abgebogen sein. Es schlug zwei Uhr. Der Himmel blieb grau, dumpf, kalt; Häuflein feiner Asche schienen die Sonne auf Monate hinaus bis zum Frühjahr vergraben zu haben. In dieser Düsterheit war ein hellerer Fleck nach Orleans zu, als ob dort irgendwo, in meilenweiter Entfernung die Sonne wieder ihren Glanz gezeigt habe. Von diesem fahlen Ausschnitt am Horizont hob sich der Kirchturm von Rognes ab, während das Dorf selbst in der unsichtbaren Erdfalte des Aigretales lag. Im Norden nach Chartres zu hatte die flache Linie des Horizontes die Deutlichkeit eines durch eine Tuschzeichnung gehenden Tintenstriches bewahrt zwischen der grauen Einförmigkeit des weiten Himmels und der endlos sich dahinziehenden Ebene der Beauce. Seit Mittag schien die Zahl der Säleute sich vermehrt zu haben; jetzt hatte jedes noch so kleine Fleckchen Ackerland den seinen. Gleich tätigen schwarzen Ameisen entwuchsen sie der Flur, alle dem neben ihren winzigen Gestalten übergroß scheinenden Werk sich widmend, alle mit derselben eigensinnig wiederholten Bewegung des Armes; ein Heer von Insekten im siegreichen Kampfe gegen die Mutter Erde. Bis Abend säte Hans. Nach dem Felde von Poteau begann er das von Rigoles und vom Vierweg. Er kam, er ging mit seinem gleichmäßigen Schritt; das Korn verschwand aus dem Sätuch; hinter ihm befruchtete die Saat die Erde. Zweites Kapitel. Die Wohnung des Herrn Baillehache, Notars in Cloyes, lag in der Grouaisestraße links, wenn man nach Chateaudun zu geht. Es war ein einstöckiges, weißes Häuschen, an dessen Ecke die Blechscheide eingemauert war, durch welche das Seil der einzigen, diese Gasse überspannenden Laterne lief. Der breite, gepflasterte Weg war öde in der Woche; nur Sonnabends belebte ihn das Volk der zu Markte kommenden Bauern. Schon aus weiter Entfernung blickten aus der kreidehellen Reihe der niedrigen Gebäude die beiden ovalen Amtsschilder hervor. Hinter dem Hause zog sich ein schmaler Garten bis zum Loir hinab. An jenem Samstag saß der jüngste Schreiber, ein fünfzehnjähriger, blasser Mensch, am Fenster des rechts von der Treppe gelegenen Büros und blickte hinter dem Musselinvorhang den Leuten in der Gasse nach. Die beiden andern Schreiber, ein wohlbeleibter älterer Mann von schmierigem Aussehen und ein gelbsüchtiges, hageres Wesen arbeiteten an einem doppelten, schwarzgestrichenen Pult, das nebst sieben oder acht Stühlen das ganze Mobiliar des unfreundlichen Raumes ausmachte. Es war noch ein gußeiserner Ofen da, der aber nur im Dezember geheizt wurde. Die Schriftenfächer an den Wänden und die in den Ecken angebrachten grünen Fächer, aus denen vergilbte Akten hervorschauten, atmeten einen Geruch von alter Tinte und von staubmoderndem Papier. Zwei Bauersleute, Mann und Weib, saßen unbeweglich, respektvoll wartend, nebeneinander. Die vielen Schriftstücke, die sie hier sahen und vor allem die so eilfertig über das Papier kratzenden Federn der Beamten verschüchterten sie und regten allerhand Vorstellungen von Prozessen und von Geld in ihnen an. Die Frau war vierunddreißig Jahre alt; eine große Nase entstellte ihre sonst angenehmen Züge. Sie hielt die knochigen Arbeitshände über der samtverbrämten Tuchjacke gekreuzt; ihre lebhaften Augen durchforschten jeden Winkel des Gemachs; sie grübelte über die zahllosen Besitzurkunden nach, die hier beieinander lagen. Der fünf Jahre ältere Mann in schwarzen Beinkleidern und einer ganz neuen Bluse hielt seinen runden Filz auf den Knien. In dem braunroten, frischrasierten Gesicht spiegelte sich kein Gedanke; die großen blauen Puppenaugen schauten starr und leer gleich dem Blick wiederkäuender Rinder. Eine Tür öffnete sich. Herr Baillehache, der eben mit seinem Schwager, dem Farmer Hourdequin, gefrühstückt, erschien auf der Schwelle. Das eingenommene Mahl hatte sein Gesicht gerötet, was dem Fünfundfünfzigjährigen ein frisches Aussehen gab. Er hatte fleischige Lippen; die in kleine Fältchen gekräuselten Lider verliehen ihm einen ewig lächelnden Blick. Er trug einen Kneifer; seine Hand streichelte unaufhörlich den langen, ergrauten Backenbart. »Ach, ihr seid's, Delhomme,« rief er. »Papa Fouan hat sich also zur Teilung entschlossen?« Die Frau antwortete ihm: »So ist es, Herr Baillehache ... Wir kommen alle zusammen, um einig zu werden über die Bedingungen, und damit Sie uns sagen, was wir tun sollen.« »Gut, gut, Fanny, wir werden schon sehen ... Es ist kaum ein Uhr; wir müssen die anderen erwarten.« Der Notar plauderte noch einen Augenblick, Delhomme mit der freundschaftlichen Wertschätzung behandelnd, auf die ein Bauer, der an zwanzig Hektar Land besaß, der einen Knecht und drei Kühe hielt, Anspruch hatte. Er fragte ihn nach den Preisen des Getreides, die seit zwei Monaten gesunken waren. Dann zog er sich in sein Arbeitszimmer zurück. Die Schreiber hatten, ohne den Blick zu erheben, noch lauter und hastiger die Feder übers Papier gejagt. Die Delhommes warteten von neuem unbeweglich und stumm. Es war ein Glück für Fanny gewesen, daß sie ein ehrenhafter und reicher Liebhaber, von dem sie nicht einmal vorher ein Kind gehabt, zur Frau genommen, trotzdem sie von ihrem Vater, dem alten Fouan, nicht mehr als ungefähr drei Hektar zu erhoffen hatte. Übrigens bereute ihr Gatte seine Wahl nicht, denn er hätte keine gescheitere und rührigere Hausfrau finden können. Darum auch ließ sich der etwas beschränkte, aber ruhige und rechtliche Mann, der in Rognes bei manchem Bauernstreit zum Schiedsrichter gewählt wurde, in allem und jedem von seinem Weibe leiten. Der jüngste Schreiber, der immer noch hinter den Vorhängen auf die Gasse hinablugte, kicherte plötzlich in die Faust und raunte seinem Nachbar, dem schmutzigen Alten zu: »Jesus kommt!« Hastig bog sich Fanny zu Delhomme hinüber und flüsterte ihm ins Ohr: »Weißt du, laß mich nur machen ... Ich hab' Vater und Mutter sehr gern, aber ich will nicht, daß sie uns übervorteilen; auch vor Buteau und vor dieser Kanaille Hyacinth müssen wir auf der Hut sein.« Sie meinte ihre Brüder. Durchs Fenster hatte sie den Ältesten kommen sehen. Es war Hyacinth, im ganzen Lande unter dem Beinamen Jesus bekannt: ein Tagedieb und Säufer, der nach seiner Rückkunft aus den afrikanischen Feldzügen jede Arbeit floh und von Wilddieberei und Brandschatzung lebte nicht anders, als beute er noch heute ein Volk zitternder Beduinen aus. Es trat ein stark gebauter, muskulöser Vierziger ein mit ungepflegtem, in eine Spitze zulaufendem, langem Barte und gelocktem Haar. Er hatte einen Christuskopf; doch seine Züge waren verroht und mahnten gleichzeitig an einen Wegelagerer, an einen Strolch der schlimmsten Art. Seit früh morgens trieb er sich in dem Städtchen herum; er war volltrunken, hatte beschmutzte Beinkleider, eine mit Flecken bedeckte Bluse; seine zerrissene Mütze war bis ins Genick zurückgeschoben. Er rauchte eine feuchte schwarze Sou-Zigarre, welche die Luft verpestete. In seinen verschleierten schönen Augen blitzte ein derber Humor; ein Blick, der verriet, daß der heruntergekommene Patron ein im Grunde nicht böses und nicht jeder bessern Regung verschlossenes Herz besaß. »Der Vater und die Mutter sind noch nicht da?« ließ er sich vernehmen. Nachdem der gelbsüchtige Schreiber ihm mit unwirschem Kopfschütteln geantwortet, sah er einen Augenblick stumm auf die Wand, während die Zigarre in seiner Hand qualmte. Mit keiner Silbe begrüßte er Schwager und Schwester, die ihrerseits nicht die geringste Notiz von ihm genommen. Ohne ein Wort hinzuzusetzen, verließ er endlich das Zimmer, um vor dem Hause die Ankunft der anderen Familienmitglieder abzuwarten. »Dieser Jesus! Dieser Jesus!« brummte der Kleine, bei dem dieser Name die Erinnerung an allerhand Streiche zu wecken schien. Doch kaum fünf Minuten waren verstrichen, als die Fouans erschienen, zwei alte Leute mit langsamem, bedächtigem Gebaren. Der Vater, einst ein kräftiger Mann, war heute in seinem siebzigsten Jahre so eingetrocknet und zusammengeschrumpft durch ein Leben überharter Arbeit und maßloser Gier nach dem Erwerb von Grund und Boden, daß er vollständig gebückt einherging, als sei er bereits im Begriff, zu der Erde zurückzukehren, nach deren Besitz er so gegeizt hatte. Übrigens war es mit Ausnahme seiner siechen Beine noch ziemlich gesund, auch hatte er ein achtenswertes Aussehen mit seinem weißen, kurzgestutzten Backenbart und der großen Nase, die das magere, wie in Leder gefurchte Antlitz spitzte. Wie sein Schatten, gleichsam an seine Sohle geheftet, stand die Alte neben ihm. Sie war kleiner, rund und fett; ein Ansatz von Wassersucht schwellte ihren Leib; aus dem hafergelben Gesicht blickten zwei runde Augen, und eine Unzahl von Falten und Fältchen umzog den runden Mund gleich der Börse eines Geizhalses. Ihr stumpfer Sinn hatte sie in der Ehe zu einem gefügigen Arbeitstier verurteilt, das gewohnt war, vor der harten Faust des Gatten zu zittern. »Ah, da seid ihr!« rief Fanny und erhob sich. Delhomme war ebenfalls aufgestanden; hinter den Alten trat jetzt Jesus wieder in das Büro. Schweigend wiegte er sich in den Hüften, zerdrückte das Feuer seiner Zigarre und schob den übel riechenden Stummel in eine Tasche der Bluse. »Da sind wir ja beisammen,« sagte Fouan. »Es fehlt nur Buteau ... Niemals pünktlich, immer anders als alle anderen, dieser Mensch!« »Ich hab' ihn auf dem Markte gesehen,« erklärte Jesus mit rauher Branntweinstimme. »Er wird kommen.« Buteau, der Jüngste, verdankte diesen Beinamen seinem eigensinnigen Schädel, der mit niemandem gemeinsame Sache machen, stets seine besonderen Wege gehen wollte. Schon als Knabe hatte er sich nicht mit den Eltern vertragen können; nachdem er sich vom Militär freigelost, verließ er das elterliche Gehöft und verdingte sich zuerst in der Borderie, danach in der Chamade. Während der Vater noch schalt, trat er munter und guter Dinge in die Amtsstube. Die große Nase der Fouans hatte sich bei dem siebenundzwanzigjährigen Burschen platt gedrückt; dafür wuchsen mächtige Kinnladen aus seinem Gesicht hervor, während wieder die Schläfe und der ganze obere Teil des Kopfes zurücktraten. Aus seinen grauen lachenden Augen blickten List und Heftigkeit; er hatte mit seinem Vater die Habgier gemein und das zähe Festklammern an erworbenem Besitz, das durch den von der Mutter ererbten Geiz noch verschärft wurde. Stellten ihn die alten Leute wegen seines Wesens zur Rede, so pflegte er zu antworten: Warum habt ihr mich so gemacht? »Hört mal,« warf er in das Murren der andern ein, »es, sind fünf Meilen von Chamade nach Cloyes. Und dann, was wollt ihr eigentlich? Ich komme ja fast mit euch zugleich ... Soll die Hetzerei schon wieder angehen?« Jetzt fielen alle aufeinander los, schrien sich an mit ihren an die freie Luft gewöhnten, durchdringenden Stimmen, stritten und schimpften, als seien sie bei sich zu Hause. Der Lärm hinderte die Schreiber bei der Arbeit, und sie warfen ärgerliche Blicke zu ihnen herüber. Doch der Notar öffnete, durch den Wortwechsel angelockt, die Seitentür. »Seid ihr alle beisammen? So kommt herein!« Das Arbeitszimmer schaute auf den schmalen Gartenstreif, der bis zu den blätterlosen Pappeln am Rande des Loire hinabstieg. Auf dem Kamin stand zwischen Aktenbündeln eine Stockuhr in schwarzem Marmor; ein Mahagonipult, ein Schriftenfach, mehrere Stühle bildeten die Ausstattung des Raumes. Herr Baillehache hatte sich ohne weiteres wie der Präsident eines Gerichtshofes auf dem Polsterstuhl an seinem Schreibtisch niedergelassen. Die Bauern schoben sich hintereinander in das Zimmer; dann schielten sie zögernd zur Seite, weil sie nicht wußten, wo und wie sie sich setzen sollten. »Nehmt Platz!« Von den anderen vorgedrängt, gelangten Fouan und Rose zu den beiden vordersten Sesseln; Fanny und Delhomme nahmen ebenfalls eines neben dem andern die nächsten Sitze ein, während Buteau sich abseits stellte und Hyacinth aufrecht am Fenster lehnte, so daß seine breiten Schultern den Raum verdunkelten. »Setzt euch doch, Jesus!« ermunterte ihn der Notar ungeduldig. Dann ging er auf den Gegenstand der Zusammenkunft über: »Also, Papa Fouan, Ihr habt Euch entschieden, Eure Habe bei Lebzeiten unter Eure beiden Söhne und Eure Tochter zu verteilen?« Der Alte antwortete nicht. Die anderen blieben unbeweglich, wie in Stein gehauen. Es herrschte tiefes Schweigen. Der Notar, an die Schwerfälligkeit seiner Klienten gewöhnt, drängte nicht. Seit zweihundertfünfzig Jahren vererbte sich die Notariatskanzlei in seiner Familie von Vater auf Sohn; die überlegende Denkschwere der bäuerlichen Kundschaft, dieses versteckte Vonhinterherumkommen, das die geringste Erörterung in lange Pausen und in einen überflüssigen Wortschwall ertränkt, war den Baillehaches in Fleisch und Blut übergegangen. Er nahm ein Messer und schnitt seine Nägel. »Nicht wahr, es scheint, Ihr seid entschlossen?« wiederholte er endlich und blickte den Alten fest an. Der Angeredete sah sich um, schaute die Mitglieder der Familie an, dann versetzte er, mühsam die Worte suchend: »Ja, es ist wohl möglich, Herr Baillehache ... Ich hatte Ihnen zur Erntezeit davon gesprochen ... Sie sagten mir, ich solle mir's noch überlegen ... ich hab' überlegt und seh', daß wir's doch wohl so machen müssen.« In abgerissener, fortwährend unterbrochener Rede erklärte er, warum. Doch was er nicht aussprach, was man nur aus der großen Bewegung heraushörte, die er gewaltsam in sich zurückdrängte, das war die unendliche Bekümmernis, das waren der verbissene Groll, der sein Herz zerfleischende Schmerz, sich von diesem Gute trennen zu müssen, das er vor dem Tode seines Vaters so heiß ersehnt, das er später mit so hartnäckiger Mühe bebaut, mit einem sich selbst abtötenden Geize Stück um Stück vermehrt hatte. Jeder Strich Acker war mit monatelangem Darben bei Käse und Brot erkauft, mit frostigen Wintertagen in ungeheizter Wohnung, mit übermenschlicher Fronarbeit in brennender Sonnenglut, ohne Rast, ohne andere Labung als einen Trunk Wasser. Er hatte die Mutter Erde geliebt wie ein Weib, das uns das Herzblut aussaugt und für das man zu töten imstande ist. Ihm hatten nicht Frau und Kind gegolten, kein Freund, kein menschliches Wesen: nur die Erde! Jetzt war er alt geworden und mußte im rasenden Schmerze über sein Unvermögen diesen Schatz seinen Kindern abtreten, wie er ihn einst von seinem Vater übernommen. »Sehen Sie, Herr Baillehache, man muß sich fügen ... die Beine wollen nicht mehr vorwärts, die Arme sind nicht viel besser, und das Land leidet darunter ... Es wär' noch eine Weile gegangen, wenn man sich mit den Kindern verständigt hätte. Er warf einen Blick zu Buteau und Jesus hinüber, die ins Leere starrten, als vernähmen sie kein Wort von dem, was der Vater sprach. »Aber, was soll ich tun? Soll ich Knechte aufnehmen, Fremde, die mich bestehlen? Nein, das frißt einem den Verdienst vom Munde weg, wie heut die Verhältnisse sind ... Ich kann nicht mehr! Denken Sie, von den neunzehn Sester, die ich besitze, hab ich heuer knapp den vierten Teil zu bestellen vermocht, gerade genug, um Brot zu schaffen für uns und Heu für die beiden Kühe ... Es geht nicht mehr ... Es bricht mir das Herz, das gute Land so verderben zu sehen; lieber will ich alles hergeben als zuschauen, wie es zugrunde geht.« Seine Stimme versiegte; ein tiefer Seufzer voll Schmerz und Entsagung hob ihm die Brust. Die durch ein halbes Jahrhundert in Gehorsam und Arbeit verschüchterte Frau horchte wortlos seiner Rede. »Letzthin,« fuhr er fort, »ist Rose beim Käsemachen ohnmächtig zusammengestürzt. Wenn ich nur zum Markte fahre, tun mir alle Glieder weh ... Man kann die Erde nicht mitnehmen, wenn man stirbt ... Man muß sie hergeben, es hilft nichts ... Wir haben genug gearbeitet und wollen in Frieden unsere Tage beschließen ... Nicht wahr, Rose?« »Gewiß, das ist der Grund, so wahr der liebe Gott uns hier sitzen sieht,« bestätigte die Alte. Eine neue Pause trat ein. Der Notar putzte noch an seinen Nägeln herum; dann legte er das Messer auf den Schreibtisch und sagte: »Ja, das sind Gründe, die eine Schenkung erklären ... Ich füge hinzu, daß sie für die Familie eine Ersparnis bedeutet; denn die Abgaben an den Staat sind beträchtlicher bei einer Erbschaft, als bei einer Teilung zu Lebzeiten.« »Ist das wahr, Herr Baillehache?« fragte Buteau, seine angenommene Gleichgültigkeit vergessend. »Zweifelsohne. Ihr gewinnt ein paar hundert Franken dabei.« Auch die anderen wurden bei diesen Worten lebhaft; selbst Delhommes Züge erhellten sich, und die beiden Alten teilten ebenfalls die allgemeine Genugtuung. Sobald es weniger kostete, mußte die Sache gut sein, das unterlag keinem Zweifel. »Es bleibt nur noch übrig,« nahm der Notar wieder das Wort, »euch die Erwägungen vorzutragen, die solch ein Fall geboten erscheinen läßt. Viele tüchtige Männer tadeln die Übertragung des Vermögens an die Familie zu Lebzeiten der Eltern; sie nennen sie ein Vergehen gegen die allgemeine Moral, weil, wie sie behaupten, dadurch die Bande der Familie gelockert werden ... Man kann in der Tat beklagenswerte Beispiele anführen, könnte von Kindern sprechen, die sich sehr ungebührlich benehmen gegen die Eltern, die sich zu jener Vorteil alles Besitzes entäußern.« Die beiden Söhne und die Tochter horchten offenen Mundes mit unwillkürlichem Zucken ihrer Lider. »Papa soll alles behalten, wenn er kein Vertrauen hat,« warf Fanny empfindlich drein. »Wir sind immer auf dem Wege der Pflicht geblieben,« rief Buteau. »Und scheuen uns nicht vor der Arbeit,« schloß Jesus. Mit einer Armbewegung erbat Herr Baillehache Schweigen. »Laßt mich doch ausreden! Ich weiß, daß ihr gute Kinder und tüchtige Arbeiter seid; bei euch kann, des bin ich gewiß, der Befürchtung kein Raum gegeben werden, daß eure Eltern eines Tages bereuen sollten, was sie heute zu tun im Begriffe stehen.« Er sprach es ohne die mindeste Anzüglichkeit, wiederholte einfach die liebenswürdige Redensart, die eine fünfundzwanzigjährige Tätigkeit auf seiner Zunge abgerundet. Doch die Mutter ließ, obwohl es geschienen, als fasse sie kaum die gesprochenen Worte, ihre umrunzelten kleinen Augen über die Tochter und die beiden Söhne gleiten. Ohne ein Gefühl der Zärtlichkeit hatte sie die drei aufgezogen, hatte keine Stunde zu berechnen vergessen, wieviel sie verzehrten von dem, was sie ersparte. Gegen den Jüngsten hegte sie einen nie verwundenen Groll, weil er das Elternhaus verlassen, sobald er für den Verdienst arbeiten konnte. Mit ihrer Tochter hatte sie sich niemals verstanden: sie war in dieser ihrem eigenen Fleisch und Blut begegnet, sah ein rühriges Geschöpf sich entwickeln, das der vom Vater überkommene Verstand stolz und herrschsüchtig machte. Der Blick der alten Frau entwölkte sich erst, wie er jetzt auf ihrem Ältesten ruhte, diesem Taugenichts, der weder mit ihr, noch mit dem Vater etwas gemein hatte, der wie wildes Unkraut zwischen ihnen aufgewachsen war und den sie vielleicht deshalb entschuldigte und vorzog. Auch Fouan betrachtete seine Kinder eines nach dem andern mit dem grübelnden Gedanken in seinem forschenden Auge, was sie wohl mit seiner Habe anfangen würden. Die Faulheit des Ältesten beunruhigte ihn weniger als die habsüchtige Begehrlichkeit der beiden andern. Doch er schüttelte sein wackelndes Haupt: wozu sich sorgen? er konnte sich doch nicht anders helfen! »Nachdem also die Teilung beschlossen ist,« griff der Notar wieder zum Wort, »handelt es sich darum, die Bedingungen festzusetzen. Seid ihr eins über die Höhe der Lebensrente?« Mit einem Schlage verstummten alle und verharrten von neuem in unbeweglicher Ruhe. Ihre gerbharten Gesichter bekamen einen starren Ausdruck, etwas von dem undurchdringlichen Ernst von Diplomaten, die ein Königreich abschätzen. Dann schielten sie mit lauernden Seitenblicken eines zum andern hinüber; immer hatte noch niemand geantwortet. Endlich stand der Vater dem Notar Rede: »Nein, Herr Baillehache, wir haben noch nichts darüber gesprochen; wir wollten es lassen, bis wir alle hier bei Ihnen zusammen wären ... Aber, nicht wahr, es ist sehr einfach? Ich habe neunzehn Sester oder neunundeinhalbes Hektar, wie man heute sagt. Würde ich es verpachten, so machte es, das Hektar zu hundert Franken gerechnet, neunhundertfünfzig Franken ...« Buteau, der leidenschaftlichste von allen sprang auf: »Wie? hundert Franken das Hektar! Hast du uns zum besten, Vater?« Es entwickelte sich eine ernste Auseinandersetzung. Da war zunächst ein Sester Weingarten; das, ja, das könnte man mit fünfzig Franken verpachten. Doch würde man jemals diesen Preis für die zwölf Sester Feld bekommen oder gar für die Sester Naturwiese am Aigreufer, deren Heu nichts wert ist? Ist doch selbst der Ackerboden nicht von besonderer Güte, zumal der Streif am Rand der Anhöhe; denn je näher man dem Tal kommt, um so schwächer wird die Ackerkrume. »Höre, Vater,« meinte Fanny vorwurfsvoll, »du mußt uns nicht übervorteilen wollen. »Mein Grund ist hundert Franken wert,« wiederholte der Greis hartnäckig und schlug sich mit der Hand auf den Schenkel. »Ich kann ihn morgen für hundert Franken verpachten, wenn ich will ... Was meint denn ihr, welchen Preis er gilt? Laßt mal hören, was ist er wert nach eurer Ansicht?« »Sechzig Franken,« erklärte Buteau. Fouan geriet in Zorn. Heftig verteidigte er seine Schätzung, lobte in übertriebenen Worten den Boden: ein Land, auf dem das Korn ganz von selbst wächst ... Plötzlich schnitt Delhomme, der bisher geschwiegen, die wortreiche Rede ab: »Das ist achtzig Franken wert,« versicherte er mit seiner ehrlich tönenden Rede, »nicht einen Sou mehr noch weniger.« Sofort beruhigte sich der Alte: »Gut, sagen wir achtzig; ich will gern für meine Kinder ein Opfer bringen.« Doch Rose zupfte ihn an der Bluse; ihr knausernder Geiz verlangte das Wort. »Nein, nein!« stieß sie hervor. Jesus hatte sich nicht an der Auseinandersetzung beteiligt. Seit seinem fünfjährigen Aufenthalt in Afrika lag ihm nichts mehr am Besitz von Grund und Boden. Ihm kams nur einzig und allein darauf an, so rasch wie möglich seinen Anteil zu erhalten, gleichgültig, wie er ausfiel, um daraus Geld schlagen zu können. Mit spöttisch überlegenem Blick wiegte er sich hin und her. »Ich habe gesagt, achtzig!« schrie Fouan, »es bleibt bei achtzig! Ich habe nie in meinem Leben mein Wort widerrufen, so wahr mir Gott helfen soll! ... Neunundeinhalb Hektar, haltet mal ... das macht ... siebenhundertsechzig Franken, in runder Zahl achthundert. Gut, die Rente soll achthundert Franken betragen: so ist es gerecht.« Buteau schlug ein schallendes Gelächter auf, während Fanny mit verdutztem Blick den Kopf schüttelte. Herr Baillehache aber, der während des Wortwechsels leeren Auges zum Fenster hinausgeschaut hatte, wandte sich wieder zu den Anwesenden. Mit einer mechanischen Bewegung streichelte er den Bart und streckte sich in der müden Schlaffheit der Verdauung auf dem Sofa. Zwar war es klar, der Alte hatte diesmal Recht. Doch hingerissen von dem leidenschaftlichen Verlangen, den Handel zu ihrem größtmöglichsten Vorteil zu schließen, ereiferten sich seine Kinder, fluchten, schworen, logen, feilschten wie Bauern, die ein Schwein kaufen. »Achthundert Franken!« spöttelte Buteau. »Sie möchten wohl wie Bürgersleut' leben? ... Achthundert Franken! das ist für vier genug! Sagen Sie doch lieber gleich, daß Sie sich auf unsere Kosten zuschanden fressen wollen!« Fouan wurde nicht böse. Er fand dieses Feilschen natürlich, war darauf vorbereitet gewesen und begnügte sich, ruhig standzuhalten; gleichzeitig aber reizte dieser Wortstreit auch seine Kampflust auf, und er rückte mit den übrigen Forderungen ins Feld: »Das ist nicht alles; halt! ... Wir werden selbstredend bis zu unserem Tode das Haus und den Garten bewohnen ... Ferner: da wir nichts mehr ernten und die beiden Kühe nicht mehr halten, verlangen wir jährlich ein Stückfaß Wein, hundert Bund Holz, dann wöchentlich zehn Liter Milch, ein Dutzend Eier und drei Käse.« »O, Papa! o Papa!« seufzte Fanny ganz niedergeschmettert. Buteau sprach nicht mehr; mit einem Satze sprang er von seinem Stuhle empor und durchmaß heftig fuchtelnd das Zimmer, während er gleichzeitig seine Mütze aufsetzte, als wolle er fortgehen. Jesus war ebenfalls aufgestanden; ihn beunruhigte der Gedanke, daß diese Streitereien die Schenkung rückgängig machen könnten. Nur Delhomme allein blieb ruhig; einen Finger an die Nase gelegt, saß er da, ein Bild tiefer Überlegung und großen Verdrusses. Jetzt meinte Herr Baillehache die Sache etwas beschleunigen zu sollen. Er schüttelte seine Trägheit ab und strich den Bart. »Wißt ihr, Freunde, das Altenteil, bestehend aus Wein, Holz, Käse und Eiern ist üblich ...« Doch heftig fielen die andern ein: »Eier mit jungen Hühnern darin vielleicht!« »Trinken wir etwa unsern Wein! Wir verkaufen ihn!« »Nichts arbeiten und sich gütlich tun, das ist bequem; wir können uns schinden derweil.« Der Notar, der schon schlimmeres gehört hatte, fuhr ruhig fort: »Das alles sind unnütze Redereien ... Saperlot! Jesus, setzt Euch doch, Ihr verdunkelt das Zimmer, das ist ja lästig! ... Also es bleibt dabei, nicht wahr, ihr alle? Ihr gebt das Altenteil, denn sonst würde man mit Fingern auf euch zeigen ... Wir haben nur noch die Höhe der Rente zu bestimmen.« Endlich gab jetzt Delhomme ein Zeichen, daß er zu sprechen verlange. Jeder nahm wieder seinen Platz ein; alle verstummten, und inmitten der allgemeinen Aufmerksamkeit begann der Schwiegersohn langsam: »Entschuldigt! was der Vater verlangt, scheint gerecht; man könnte ihm achthundert Franken zahlen, weil er für seinen Grund achthundert Franken Pacht bekommen würde ... Aber wir beurteilen es anders. Er verpachtet uns das Land nicht, er tritt es uns ab, gibt es uns zum Eigentum; wir müssen also überschlagen, wieviel brauchen Vater und Mutter zum Leben ... Das werden wir ihnen zahlen; nicht mehr, als sie zu ihrem Unterhalt bedürfen.« »In der Tat,« bekräftigte der Notar, »es ist dies gemeinhin die Grundlage, auf welcher die Rente berechnet wird.« Ein neuer Streit setzte ein. Das Leben der beiden Alten wurde in seine Bestandteile zerlegt; ihre Bedürfnisse wurden einzeln in Erwägung gezogen. Man wog das Brot, das Gemüse und Fleisch ab, schätzte die Ausgabe für Bekleidung, wobei Linnen- und Wollstoff in zähem Hin- und Herfeilschen auf das niedrigste Maß heruntergesetzt wurden. Selbst die kleinen Nebenausgaben mußten erörtert werden: die zwei Sous Tabak für den alten Mann wurden nach endlosem Wortgefecht auf einen Sou verringert. Wenn man nicht arbeitet, muß man sich einzuschränken wissen. Kann die Mutter nicht ihren schwarzen Kaffee aufgeben? Ist es nötig, daß der Hund noch gefüttert wird, ein alter zwölfjähriger Köter, der ohne den geringsten Nutzen eine Menge Nahrung verschlingt? Schon längst hätte man ihm eine Gnadenkugel geben sollen. Nachdem alles durchgerechnet worden, fingen sie wieder von vorne an, suchten heraus, was man noch weglassen könne: zwei Hemden, sechs Taschentücher fürs Jahr weniger. Die für den Gebrauch an Zucker ausgesetzte Summe verringerte man um täglich einen Centime. So zog man aufs sorgfältigste alle Ersparnisse in Betracht, beschnitt jede Ziffer wieder und wieder; endlich gelangten sie zu der Gesamtsumme von fünfhundertundfünfzig Franken, einem Ergebnis, das die Kinder unbefriedigt ließ, denn sie wollten um keinen Preis mehr bewilligen als rund fünfhundert. Doch Fanny wurde des Haderns müde. Sie war im Grunde kein schlechtes Kind; die rauhe Feldluft hatte ihr Haut und Herz noch nicht so hart ausgedorrt wie den Männern; sie wollte einlenken. Jesus seinerseits zuckte die Achseln; er war nicht kleinlich in Geldsachen; es rührte sich in der Brust des Trunkenboldes sogar etwas wie Mitleid, und er war drauf und dran, den Eltern aus Eigenem eine Extravergütung anzubieten, die er allerdings vermutlich niemals bezahlt haben würde. »Also hört!« bat die Tochter, »sagen wir fünfhundertfünfzig, ists euch recht?« »Aber ja, ja!« versetzte Hyazinth, »die Alten müssen sich doch auch hie und da was gönnen.« Die Mutter warf ihrem Ältesten einen zärtlichen Blick zu, während der Vater mit Buteau den Kampf fortsetzte. Er hatte nur Schritt für Schritt nachgegeben, hatte sich gegen jede Verringerung der Summe gewehrt und sich mit hartnäckiger Zähigkeit an gewisse Ziffern geklammert. Unter der kalten Starre seines Widerstandes begann in ihm ein mächtiger Zorn aufzulodern über seine Kinder, dies Fleisch von seinem Fleische, das ihm das Blut aussaugen wollte. Er vergaß, daß er ebenso mit seinem eigenen Vater verfahren. Seine Hände begannen zu zittern, er fluchte: »Verwünschte Brut! Das hat man aufgezogen, und das nimmt einem jetzt das Brot von dem Munde weg ... Es ist gemein! Man möchte lieber schon faulen in der Erde als solch einem Frevel zuschauen ... Also ihr wollt so schlecht sein, wollt nicht mehr hergeben als fünfhundertfünfzig?« Er war im Begriff, diese Summe anzunehmen, aber seine Frau zog ihn von neuem an der Bluse und keuchte: »Nein! Nein!« »Wir sind noch nicht zu Ende,« nahm Buteau wieder das Wort, nachdem er einen Augenblick gezögert. Was ist mit dem, was du beiseite gelegt hast? ... Wenn du Ersparnisse besitzt, brauchst du unser Geld nicht, scheint mir.« Er hatte diesen Trumpf bis zum Schluß aufgehoben; fest blickte er seinen Vater an. Der alte Mann war sehr blaß geworden. »Welches Geld?« fragte er. »Nun, das Geld, das du angelegt hast, und wovon du die Scheine bei dir zu Hause verwahrst.« Buteau mutmaßte diesen Schatz nur; er hätte sich gern Gewißheit verschafft. Eines Abends war es ihm so vorgekommen, als habe sein Vater hinter einem Spiegel eine Rolle hervorgezogen; die folgenden Tage paßte er auf; doch es war umsonst, das Papier kehrte nicht wieder ins Versteck zurück. Fouans eben noch bleiches Gesicht aber überzog jetzt eine dunkle Röte. Sein verhaltener Unwille brach hervor; er sprang auf und schrie: »Zum Teufel! Jetzt sucht ihr schon in meinen Taschen! Ich habe nicht einen Sou gespart, nicht einen Liard, daß ihrs wißt! Ihr Bande habt mich zu viel gekostet ...Aber geht's euch denn überhaupt etwas an? Bin ich nicht der Herr, der Vater?« Er schien förmlich zu wachsen in diesem Erwachen seiner Autorität. All die Jahre hatten seine Frau, seine Kinder, die ganze Sippe vor dem eisernen Willen des Familienoberhauptes gezittert; sie irrten, wenn sie meinten, es sei bereits zu Ende mit ihm. »Papa!« wollte Buteau spötteln. »Schweig! Himmel, Kreuz ...« donnerte der Alte mit drohender Faust ... »Schweig! oder ich schlag drein!« Der Sohn verlor die Sprache und schrumpfte auf seinem Stuhle zusammen. Er hatte die Ohrfeige des Alten in der Luft gefühlt; die Knabenfurcht seiner Kinderjahre dämmerte wieder in ihm auf, unwillkürlich hob er den Arm, um den Schlag des Vaters zu parieren. »Und du, Hyazinth, tu nicht so, als wenn's hier was zum Lachen gibt! ... Schau mich nicht so keck an, Fanny! ... So wahr uns die Sonne bescheint, ich werd' euch kirre machen!« Hochaufgerichtet stand er mitten unter ihnen; keines der Kinder muckste sich, bezwungen ließen sie die Köpfe hängen, während die Mutter wie ein Espenlaub zitterte, als fürchte sie, einer der angedrohten Fausthiebe könne sich bis zu ihr verirren. »Jetzt hört: ich verlange, daß meine Pension sechshundert Franken betragen soll, oder ich verkaufe mein Land und stifte mir damit eine Leibrente. Jawohl, eine Leibrente, damit ich alles bis zum letzten Liard verzehren kann und euch nicht ein Pfifferling bleibt ... Gebt ihr die sechshundert Franken?« »Aber Papa,« murmelte Fanny, »wir geben, was du verlangst.« »Gut, sechshundert Franken,« bestätigte Delhomme. »Ich,« erklärte Jesus, »ich will, was die anderen wollen.« Buteau hielt den Mund grollend geschlossen, schien aber durch Schweigen seine Zustimmung auszudrücken. Fouan schaute sie alle noch einmal mit herrischem Blicke an, dann setzte er sich: »Also, wir sind einverstanden,« sagte er. Herr Baillehache hatte schläfrigen Auges und unbeweglich die Schlichtung des Streites abgewartet. Jetzt hob er die Wimper und sagte ruhig: »Seid ihr eins? Gut! ... Ich kenne jetzt die Bedingungen und werde den Schenkungsakt aufsetzen ... Ihr laßt den Feldmesser kommen; er soll die drei Anteile ausmessen und mir eine Beschreibung bringen. Sobald ihr dann die Parzellen ausgelost habt, setze ich hinter jeden Namen die gezogene Nummer, und wir unterschreiben. Er hatte sich erhoben zum Zeichen, daß die Zusammenkunft beendet sei. Doch keiner bewegte sich vom Flecke; sie zögerten, überlegten. War es wirklich zu Ende? war nichts vergessen? Hatten sie nicht einen schlechten Handel geschlossen, den es noch Zeit war, rückgängig zu machen? Es schlug vier Uhr; seit drei Stunden waren sie hier versammelt. »Also geht! Andere warten!« Sie mußten sich zum Aufbruch entschließen; der Notar drängte sie ins Nebenzimmer, wo in der Tat einige Bauern unbeweglich und steif auf ihren Stühlen warteten, während der kleine Schreiber durchs Fenster ein paar Hunden zuschaute, die sich auf der Gasse rauften, und die beiden anderen Beamten immer noch mit hastenden Federn das gestempelte Papier bekritzelten. Vor dem Hause blieb die Familie einen Augenblick regungslos mitten auf der Straße. »Wenn ihr wollt,« schlug der Vater vor, »nehmen wir die Ausmessung übermorgen vor, Montag.« Sie nickten zustimmend, dann gingen sie, ein paar Schritte voneinander getrennt, die Grouaise-Straße hinab. Der alte Fouan und Rose bogen in die Temple-Straße ein; dann entfernten sich Fanny und Delhomme durch die Große Gasse. Buteau hemmte auf dem Sankt-Lubin-Platz seinen Schritt und grübelte darüber nach, ob der Vater eigentlich Geld besitze oder nicht. Jesus war jetzt allein; er zündete seinen Zigarrenstummel an; dann trat er in das Cafe »Zum wackeren Landmann«. Drittes Kapitel. Das Haus der Fouans lag am Eingang des Dorfes Rognes unmittelbar an der von Cloyes nach Bazoches-le-Doyen führenden Straße. Als der Alte am Montag früh morgens um sieben Uhr in die Türe trat, um sich zum Treffpunkt bei der Kirche zu begeben, stand seine Schwester, »die Große«, trotz ihrer achtzig Jahre, bereits auf der Schwelle ihres nebenanliegenden Häuschens. Die Fouans lebten seit Jahrhunderten in dem Orte. Ehemals Hörige der Rognes-Bouqueval, eines Adelsstammes, von dessen einstigem Ansehen nur noch spärliche Reste eines zerstörten Schlosses zeugten, mochten sie unter Philipp dem Schönen freigegeben sein. Danach wurden sie Grundbesitzer, indem sie einen oder vielleicht zwei Morgen Land, die sie zehnmal schon mit Schweiß und Blut bezahlt, ihrem Herrn abkauften, als er sich gerade in Geldverlegenheit befand. Dann begann der lange Kampf, um diesen Besitz zu festigen und zu mehren; ein vierhundertjähriges leidenschaftliches Ringen, das sich von den Vätern auf die Sohne fortgesetzt. Flecken Acker wurden verloren und wieder erworben; der ganze Grund stand unzähligemal in Frage; gewaltige Steuern drohten die Hinterlassenschaft der Eltern in den Händen der Kinder zu zerschmelzen. Dennoch gelang es dem hartnäckigen Besitzhunger der Leute, nach und nach die Äcker und Wiesen zu vergrößern. Geschlecht auf Geschlecht verblutete in diesem Kampf, ihr Schweiß düngte die Erde. Als die Revolution von 1789 heranbrach, besaß der damalige Fouan, Namens Joseph-Casimir, einundzwanzig Morgen Land, welche die Familie durch vierhundertjährige Anstrengung dem ehemaligen Herrengut abgerungen. Im Jahre 1793 war dieser Joseph-Casimir siebenundzwanzig Jahre alt. Als die von der Grafschaft übriggebliebenen Ländereien zum Volkseigentum erklärt und auf dem Wege öffentlicher Versteigerung verkauft wurden, war es sein heißester Wunsch, ein paar Hektar dieser Gründe zu erwerben. Die Rognes-Bouqueval waren verschuldet und ruiniert, ihr Schloß war zerfallen, und seit langer Zeit schon befand sich die Farm Borderie in den Händen der Gläubiger, die drei Viertel des Grund und Bodens brachliegen ließen. Neben einem von Casimirs Äckern lag ein großes Stück Feld, nach dem der Bauer ein besonders heftiges Verlangen trug. Aber die Ernten waren schlecht gewesen; er besaß kaum hundert Taler Ersparnisse, die er in einem Topf hinter dem Herde verwahrt hielt; und wenn ihm auch einen Augenblick der Gedanke gekommen war, bei einem Geldleiher von Cloyes ein Anlehen zu machen, hielt ihn doch seine besorgte Vorsicht davon zurück. Dies adelige Gut flößte ihm überdies eine geheime Scheu ein; wer weiß, ob die Edelleute es nicht eines Tages zurückforderten? So zwischen Sehnen und Furcht hin und her schwankend, erlebte er den großen Schmerz, daß die Borderie bei der Versteigerung, Parzelle nach Parzelle, um den fünften Teil ihres Wertes von einem Bürger von Chateaudun, Isidor Hourdequin, einem früheren Beamten des Salzsteueramtes, erstanden wurde. An seinem Lebensabende verteilte Joseph-Casimir die einundzwanzig Morgen zu gleichen Teilen an drei Kinder: Marianne und die Söhne Ludwig und Michel, während seine zweite Tochter Laura, welche die Näherei erlernt hatte und in Ghateaudun in einem Geschäfte arbeitete, mit Geld entschädigt wurde. Spätere Heiraten hoben die Besitzgleichheit zwischen den drei beteiligten Geschwistern wieder auf. Während Marianne Fouan, die »Große« genannt, einen Nachbar Anton Pechard ehelichte, der ungefähr achtzehn Morgen besaß, heiratete Michel Fouan, »Mouche« mit Beinamen, ein Mädchen, dem sein Vater nur zwei Äcker Weingarten hinterließ. Ludwig Fouan hinwiederum nahm Rose Maliverne zum Weib und bekam mit ihr zwölf Morgen mit, so daß er also die neunundeinenhalben Hektar Land vereinigte, die er jetzt seinerseits unter seine Kinder zu teilen im Begriff stand. Die Große wurde in der Familie nicht nur wegen ihres höheren Alters, sondern besonders ihres Vermögens halber von allen geachtet. Grad und hoch gewachsen, mager und knochig, trug sie, einem Raubvogel vergleichbar, einen fleischlosen Schädel auf einem langen, welken und blutroten Halse. Die große Familiennase war bei ihr zu einer Art schnabelförmigem Haken gebogen; sie hatte runde, stiere Augen und besaß kein einziges Haar mehr unter dem gelben Kopftuch, das sie niemals ablegte; hatte aber dafür noch alle ihre Zähne, ein furchtbares Gebiß, das befähigt schien, von Kieselsteinen zu leben. Sie hielt stets in der erhobenen Rechten einen Stecken, womit sie auf Vieh und Menschen losschlug. Frühzeitig Witwe geworden, verstieß sie das einzige, ihrer Ehe entsprossene Kind, eine Tochter, weil diese gegen ihren Willen einen armen Burschen, Vinzenz Bouteroue, geheiratet. Selbst jetzt, nachdem die beiden im Elend gestorben waren, vermochte sie nicht zu verzeihen und ließ ihre Enkelkinder, die zweiunddreißigjährige Palmyre und den vierundzwanzigjährigen Hilarion in Not verkommen, ohne nur zu erlauben, daß man ihrer in ihrer Gegenwart Erwähnung tat. Seit dem Tode ihres Gatten leitete sie in Person die Bestellung ihrer Liegenschaften; hielt drei Kühe, ein Schwein und einen Knecht, die sie am gemeinsamen Spülichtfaß nährte, und die ihr alle mit zitternder Furcht gehorchten. Als Fouan die Schwester unter ihrer Türe erblickte, trat er grüßend hinzu. Sie war zehn Jahre älter als er; ihre Härte, ihr Geiz, ihr halsstarriges Festhalten am Besitz und am Leben zwangen ihm dieselbe Achtung und Bewunderung ab, welche das ganze Dorf der Alten zollte. »Soeben wollte ich zu dir, Große, um dir die Sache mitzuteilen: Ich hab' mich entschlossen, ich geh' hinauf wegen der Schenkung.« Sie fuchtelte mit ihrem Stocke durch die Luft, ohne zu antworten. »Letzthin wollte ich dich noch mal um Rat fragen; aber ich habe angeklopft, und niemand antwortete.« Jetzt brach sie mit ihrer keifenden Stimme los: »Dummkopf! ... Ich hab' dir Rat genug gegeben! Man muß gar feig sein und viehdumm, um auf sein Eigentum Verzicht zu leisten, solange man lebt! Ich würde, und wenn man mich umbrächte, nein sagen bis zum letzten Atemzuge ... In anderen Händen sehen, was einem selbst gehört, sich vor die Tür setzen, den Bankerten zulieb! o nein! o nein!« »Aber,« versetzte Fouan, »wenn man nicht mehr arbeiten kann, und wenn das Land darunter leidet ...« »Soll's leiden!... Eh' ich ein Ar davon hergäbe, ginge ich jeden Morgen hinaus und schaute zu, wie die Disteln darauf wachsen!« Sie richtete sich noch höher vor ihm auf und reckte den Hals wie ein alter Geier, der die Federn verloren; und mit dem Stock auf seine Schultern tappend, wie um ihm recht gründlich ihre Worte einzuprägen, rief sie: »Hör' es und merk's dir: Wenn du gar nichts mehr hast und deine Kinder alles, so werden sie dir selbst einen Bissen Brot verweigern, und du kannst mit einem Bettelsack herumziehen wie ein Lump ... Aber laß dir nicht einfallen, dann etwa an meine Tür zu klopfen; ich hab' dich gewarnt, dir geschieht recht ... Weißt du, was ich täte, wenn du zu mir kämst, he? Willst du's wissen?« Ruhig und unterwürfig wartete er. Sie aber trat ins Haus, warf die Türe dröhnend hinter sich ins Schloß, indem sie kreischte: »Das würde ich tun! Krepier' auf der Straße!« Fouan blieb einen Augenblick unbeweglich vor dieser geschlossenen Türe; dann zuckte er ergeben die Achseln und begann den Fußweg zur Kirche emporzusteigen. Gerade dort stand das alte Stammhaus der Fouans, das sein Bruder Michel, genannt »Mouche«, als Erbteil erhalten, während das Haus, das er selbst unten an der Straße bewohnte, ihm von seiner Frau überkommen war. Mouche war seit Jahren verwitwet und lebte allein mit seinen beiden Töchtern, Lise und Franziska. Verbittert gegen das Geschick, mit fortwährender Reue seiner armen Heirat gedenkend, warf er noch heute nach vierzig Jahren Bruder und Schwester vor, daß sie ihn bei der Verteilung des väterlichen Gutes übers Ohr gehauen. Jedem, der es hören wollte, erzählte er ausführlich, wie ihm die Geschwister bei der Verlosung das schlechteste Los übriggelassen; eine Behauptung, die schließlich wahr geworden schien, denn Mouche war sein Lebtag ein so arbeitsunlustiger Stänkerer gewesen, daß sein Anteil im Laufe der Jahre die Hälfte des Wertes eingebüßt hatte. Der Mann macht die Erde, sagt man in der Beauce. An jenem Morgen befand sich Mouche ebenfalls vor seiner Türe. Er lauerte dem Bruder auf; denn die Vermögensabtretung erweckte seinen alten Groll und interessierte ihn aufs höchste, obwohl er für sich selbst nicht das Geringste zu erwarten hatte. Als aber jetzt Fouan den Weg emporklomm, wollte er ihm zeigen, wie wenig ihn das alles berühre, und schlug ihm wie die Schwester die Türe vor der Nase zu. Bei der Kirche warteten Delhomme und Jesus, zwanzig Meter einer vom andern entfernt. Der Alte näherte sich dem ersteren: der Sohn trat ebenfalls herzu, und alle drei spähten, ohne sich mit einer Silbe begrüßt zu haben, schweigend den Pfad entlang, der am Rande der Anhöhe hinlief. »Da kommt er,« ließ sich endlich Hyazinth vernehmen. Er meinte Grosbois, den beeideten Feldmesser, einen Bauer aus Magnolles nahe Cloyes. Die Kenntnis des Lesens und Schreibens hatte diesen Mann verdorben. Von Orgères bis Beaugency zur Erledigung der vorkommenden Feldmessungen berufen, überließ er die Bewirtschaftung seines Grundstücks seinem Weibe und gewöhnte sich auf den immerwährenden Fahrten über Land dermaßen das Trinken an, daß er überhaupt nie mehr nüchtern anzutreffen war. Er war sehr beleibt, schaute mit seinen sechzig Jahren höchst stattlich aus und hatte ein hochrotes, über und über mit violetten Pickeln besätes Gesicht. Auch heute war er trotz der frühen Morgenstunde total betrunken infolge eines Gelages, das die Weinbauern von Montigny bei Gelegenheit einer Erbschaftsteilung am Vorabend veranstaltet. Doch das hinderte ihn keineswegs in seiner Tätigkeit; im Gegenteil, je mehr er trank, um so heller ward sein Blick; nie passierte ihm ein Irrtum in der Vermessung oder ein Rechenfehler. Er stand im Geruche großer Schlauheit und wurde deshalb allgemein geachtet, und seine Meinung pflegte den Ausschlag zu geben. »Nun? Sind wir beisammen?« rief er. »Also ans Werk.« Ein zerlumpter, schmutziger Bursch von vielleicht zwölf Jahren erschien in seinem Gefolge. Unter dem Arme trug der Junge die Kette, auf der Schulter hingen ihm Meßstange und Fuß; während er in der freien Hand ein in zerrissener Kartonschachtel steckendes Winkelmaß schlenkerte. In der Ferne sah man Buteau unbeweglich neben dem größten Ackerfeld Fouans warten; dorthin machten sich die Männer auf den Weg. Es war ein vielleicht zwei Hektar messender Acker, der unmittelbar neben der Kleewiese lag, auf der Franziska vor einigen Tagen von der Kuh geschleift worden. Grübelnd stand dort der junge Bauer; als die anderen herantraten, bückte er sich, ergriff eine Handvoll Erde und ließ sie langsam durch die Finger rollen, wie um riechend und wägend die Beschaffenheit des Bodens abzuschätzen. »Hier!« nahm Grosbois wieder das Wort und zog aus seiner Tasche ein fettgegriffenes Büchlein hervor, »ich habe bereits einen genauen Plan jedes einzelnen Feldes aufgenommen, wie ihr's verlangt habt, Papa Fouan. Jetzt gilt's das Ganze in drei Teile sondern; und das, Kinder, wollen wir zusammen tun ... Also laßt hören, wie ihr euch die Sache denkt.« Ein kalter Wind jagte große Wolken über den Himmel. Die Gefilde von Beauce dehnten sich unter diesem trüben Grau aus. Keiner der fünf Männer, schien es, spürte den harten Luftzug, der ihnen die Blusen aufblähte und ihre Kopfbedeckung fortzutragen drohte. Festtäglich für den ernsten Akt herausgeputzt, standen sie wortlos inmitten der unabsehbaren Flur mit den starrsinnenden Gesichtern von Matrosen, die auf der grenzenlosen Fläche des Meeres einsam leben. Die Beauce mit ihrem flachen, fruchtbaren Boden, der sich leicht bebaut und doch der unausgesetzt schaffenden Arbeitshand des Bauern nicht entraten kann, hat den Beauceronen kühl und überlegt gemacht und keine andere Leidenschaft in ihm genährt wie die Liebe zur Mutter Erde. »Es muß jedes Stück in drei Teile geteilt werden,« brach endlich Buteau das Schweigen. Grosbois schüttelte den Kopf. Im Verkehr mit den reichen Großgrundbesitzern waren fortschrittliche Anschauungen in ihm erwacht, so daß er sich seinen minder begüterten Kunden gegenüber gar oft im Widerspruch befand; vornehmlich pflegte er sich gegen die übertriebene Zerstückelung des Bodens zu erklären. »Sind die Fleckchen Land so groß wie Taschentücher nicht ein zeitraubender Verderb für den Landmann?« meinte er. »Kann in solchen Gärtchen überhaupt von einer gesunden Wirtschaft die Rede sein? ist es möglich, darin mit Maschinen zu arbeiten? darf an eine regelrechte Anwendung des Koppelsystems dabei gedacht werden? Nein, das einzig Wahre ist, sich verständigen: der eine nimmt Wiesen, der andere Äcker; man sucht, die Teile gleichwertig zu machen, aber zerschneidet nicht das Feld wie einen Eierkuchen.« Buteau, der gern scherzte, rief: »Wenn mir nur Wiese zufällt, was soll ich dann essen? Gras, nicht wahr? ... Nein, nein, ich will von allem, ich brauche Heu für Pferd und Kuh, Getreide und Wein für mich.« Fouan nickte beistimmend. In dieser Weise war vom Vater auf den Sohn von jeher geteilt worden, die neuen Erwerbungen und der durch die Heiraten überkommene Grund hatten dann die Besitzanteile mit der Zeit wieder abgerundet. Delhomme als Eigentümer von fünfundzwanzig Hektaren fast wohlhabend dachte weniger kleinlich; doch zeigte er sich versöhnlich, denn er war in Vertretung seiner Frau hauptsächlich nur deshalb erschienen, damit er nicht bei der Vermessung übervorteilt werden könne. Jesus hinwieder hatte sich bereits abseits getrollt. Die Taschen mit Kieselsteinen gefüllt, stellte er den Lerchen nach. Hielt einer dieser kleinen Vögel, durch den Wind belästigt, in seinem trillernden Flug inne und schwebte nur zwei Sekunden lang mit zitterndem Flügelschlag unbeweglich in der Luft, so traf ihn Hyazinths fabelhaft sicherer Wurf. Bald stürzten drei Lerchen blutend aufs Feld, er schob sie ruhig in die Tasche. »Also weiter, genug gestritten!« schnitt Buteau die Verhandlung ab; den Feldmesser duzend, setzte er aufgeräumt hinzu: »Zerschneid' uns das hier in drei Stücke; aber nicht in sechs, denn mir scheint, du siehst heut morgen Chartres und Orleans auf einmal!« Grosbois maß ihn verdrießlich: »Mein Junge, sei mit so hellen Augen so betrunken wie ich, wenn du's fertig bringst!... Wer von euch nimmt's mit mir auf beim Messen?« Niemand nahm die Herausforderung an. Triumphierend rief er seinen Burschen, der verdutzt der geschickten Vogeljagd zugeschaut. Schon war das Winkelmaß gerichtet, die Meßstangen wurden in den Boden getrieben... da unterbrach ein neuer Streit die eben begonnene Arbeit. Es fragte sich, in welcher Richtung der Acker zu teilen sei. Der Feldmesser, sowie Fouan und Delhomme wollten den Grund in drei mit der Aigre parallel gehende Streifen zerlegen. Buteau hingegen verlangte, daß diese Streifen im rechten Winkel gegen das Tal hinliefen; da die Ackerkrume seiner Behauptung nach immer schwächer wurde, je mehr man sich dem Talrand näherte. Bei dieser Teilung erklärte er, erhalte jeder ein Stück von dem weniger guten Boden; bei der andern Teilungsart dagegen müsse notwendigerweise einem von ihnen ein durchwegs minderwertiger Grund zufallen. Aber Fouan wurde böse; er versicherte, das Erdreich sei überall dasselbe, und erinnerte daran, daß bei der einstigen Teilung zwischen ihm, Mouche und der Großen ganz in derselben Weise vorgegangen sei; Beweis, daß die zwei Hektar seines Bruders sich parallel mit dem Tal hinter seinem Acker dahinstreckten. Delhomme seinerseits machte eine entscheidende Bemerkung: Angenommen selbst, meinte er, der untere Feldstrich sei etwas weniger fruchtbar, so werde sein Besitzer für diesen Ausfall schadlos gehalten durch die Anlage der Landstraße, welche die Gemeinde demnächst am Rande der Anhöhe entlang zu bauen gedachte. »Jawohl!« schrie Buteau. »Die famose Chaussee von Rognes über die Borderie nach Chateaudun! Da könnt ihr alt werden, eh's dahin kommt!« Als man ungeachtet seines Einspruchs in jenem Sinne entschied; fuhr er fort, zähneknirschend dagegen zu protestieren. Jesus war jetzt ebenfalls hinzugetreten; und alle beobachteten unverwandten Blickes, wie Grosbois die Grenzlinien zog; mißtrauisch bewachten sie jede seiner Hantierungen, als hätten sie ihn im Verdacht, er wolle einen der Teile um einen Zentimeter begünstigen. Dreimal legte Delhomme sein Auge an die Lugritze des Winkelmaßes, um sich zu vergewissern, daß die Schnur regelrecht gezogen war. Jesus schalt fluchend den Burschen, der nach seiner Meinung die Kette nicht gerade spanne. Besonders Buteau verfolgte Schritt um Schritt das Tun, zählte die Meter, überrechnete nach seiner Art jede Aufstellung mit bebenden Lippen. In der immer mehr angestachelten Begier nach Besitz, in der Freude, daß er bald ein Stück Land sein nennen werde, grollte, mehr und mehr wachsend, der bittere Schmerz empor, daß er nicht alles bekomme. Es wäre so schön gewesen, diese zwei Hektar! Er hatte für die Teilung gestimmt, damit kein anderer den ganzen Acker bekomme, weil er ihn nicht bekommen konnte; jetzt blutete ihm das Herz bei der Vermessung, und er grübelte verzweifelt, ob es kein Mittel gebe, die Sache zu umgehen. Fouan stand mit hängenden Armen und sah stumm zu, wie sein Eigentum zerstückt wurde. »Fertig!« rief Grosbois. »Der Strich, oder der, oder der da, ich steh' dafür gut, daß in keinem auch nur ein Pfund Erde mehr ist als in dem andern.« Auf derselben Anhöhe gehörten Fouan noch vier Hektar Ackerland, die jedoch in vielleicht zehn kleine Felder zerfielen, von denen keines einen ganzen Hektar maß. Eines dieser Stücke war nicht größer als zwölf Ar, und als der Feldmesser spottend fragte, ob man es ebenfalls in drei Teile zerlegen wolle, begann der Streit von neuem. Buteau hatte sich wieder gebückt und ergriff eine Handvoll Erde, die er seinem Gesicht näherte, als wolle er sie kosten. Ein Zucken seiner Nasenflügel schien zu verraten, daß er diesen Grund für den besten halte. Langsam ließ er die Erde durch die Finger gleiten und erklärte: wolle man ihm dies Feld überlassen, sei es ihm recht, wenn es ungeteilt bleibe, andernfalls aber bestehe er auf der Zerstückelung. Delhomme und Jesus protestierten laut und verlangten ihre vier Ar. Das Feld wurde vermessen: so war jeder der drei wenigstens sicher, daß keiner etwas besitze, was den beiden anderen vorenthalten blieb. »Auf zum Weingarten!« mahnte Fouan. Doch als man sich der Kirche näherte, warf der alte Mann über die weite Ebene einen letzten Blick, der bis zu dem fernen Gehöft der Borderie schweifte. Er dachte an die einst versäumte Versteigerung der vom Staate eingezogenen Ländereien, und ein Ausruf untröstlichen Bedauerns entrang sich seiner Brust: »Wenn der Vater klug gewesen wäre, hättet Ihr heut dies alles zu vermessen, Grosbois.« Die beiden Söhne und der Schwiegersohn wandten sich um bei diesen Worten. Alle machten halt, und ihre Augen wanderten langsam über die dreihundert zur Farm gehörenden Hektar. »Bah!« brummte Buteau und setzte seinen Weg fort. »Da haben wir was davon! Immer sind es die Bürger, die uns alles vorwegnehmen.« Es schlug zehn Uhr, die Hauptarbeit war beendet. Doch sie beeilten ihre Schritte; der Wind hatte nachgelassen, und aus einer großen Wolke fielen die ersten Tropfen zur Erde. Die wenigen Weingärten von Rognes lagen jenseits der Kirche auf dem bis zur Aigre hinabsteigenden Hang. Ehemals befand sich das Schloß mit seinem Park auf diesem Fleck. Erst seit etwa einem halben Jahrhundert hatten die Bauern, durch die Erfolge des Weinbaues in Motigny bei Cloyes ermutigt, sich entschlossen, auf diesem Gelände Reben zu pflanzen, eine Anpflanzung, zu der das Gebiet mit seiner südlichen Lage und dem abschüssigen Boden geradezu bestimmt schien. Der Wein selbst war nicht gehaltreich, aber von einer angenehmen Herbheit, welche an die leichten Weine aus der Umgegend von Orleans erinnerte. Übrigens erntete jeder Einwohner kaum ein paar Stückfaß; der reichste, Delhomme, besaß sechs Morgen Weingarten. Der Getreidebau und die Wiesenkultur waren und blieben die Hauptbeschäftigung der Bauern. Sie umgingen die Kirche und schritten längst des verfallenen Pfarrhofes hin, In dem die Gemeinde den Feldhüter einquartiert hatte; dann stiegen sie zwischen den gleich Dambrettfeldern geschnittenen, kleinen Parzellen hinab. Als sie über ein steiniges, mit Zwergholz bestandenes Feld kamen, rief ihnen aus einem Loch hervor eine gellende Stimme entgegen: »Vater, es wird regnen, ich treib' meine Gänse aus.« Es war »Dreckbatzen«, die Tochter von Jesus, ein zwölfjähriges Kind mit blondem, struppigem Haar und mager wie ein Besenstiel. Ihr großer Mund war an der linken Seite zu einer Grimasse verwachsen; sie hatte grüne Augen, die so keck dreinblickten, daß man sie in der mit einem Strick umwundenen Bluse ihres Vaters, die sie an Stelle eines Kleides trug, eher für einen Knaben als für ein Mädchen gehalten hatte. Wenn sie trotz ihres schönen Namens Olympia von aller Welt Dreckbatzen genannt wurde, so hatte das seinen Ursprung darin, daß Jesus, der den ganzen Tag auf das Kind brummte und schalt, nicht imstande war, mit ihm zu reden, ohne dieses Schimpfwort zu gebrauchen. Er besaß dies verwahrloste Geschöpf von einer Landstreicherin, die er einst auf einem Jahrmarkt von der Straße aufgelesen und zum Ärgernis des Dorfes in seine Höhle einquartiert hatte. Drei Jahre lang traktierte sich das saubere Paar mit groben Worten und Püffen; dann war eines Tages zur Erntezeit die Dirne verschwunden, wie sie gekommen, vermutlich von einem andern Manne entführt. Das noch nicht zweijährige Kind ließ sie zurück; wie Unkraut wuchs es auf, machte seinem Vater die Suppe, seit es gehen konnte, und liebte ihn mit zitternder Verehrung. Die Leidenschaft der Kleinen waren ihre Gänse. Zuerst hatte sie nur zwei, ein Männchen und ein Weibchen, die sie als ganz junge Tierchen hinter der Hecke einer Farm gestohlen; aber dank ihrer zärtlichen Fürsorge war nach und nach ein ganzer Trupp herangewachsen, und gegenwärtig besaß sie zwanzig Stück, die sie mit allerhand zusammengeraubtem Futter ernährte. Als die Kleine jetzt mit ihrem kecken Geißgesicht erschien und ihre Gänse mit einem Stecken vor sich hertrieb, schrie Jesus sie an: »Daß du mir die Suppe nicht vergißt, oder ich treib dich heim, du Dreckbatzen! ... Und willst du sofort die Tür zuschließen, daß nicht die Diebe ins Haus kommen!« Buteau spöttelte, und auch Delhomme und die anderen mußten lächeln, so komisch erschien ihnen der Gedanke, daß Jesus von Dieben heimgesucht werden könne. Man mußte dies »Haus« sehen. Es waren die letzten Reste des Schlosses, drei Wände eines ehemaligen Kellers, der wie ein Fuchsbau unter Geröll und altem Lindengebüsch versteckt lag. Als der Wilddieb sich infolge eines Streites mit seinem Vater hierher verkrochen, errichtete er eine vierte Steinwand, in der er zwei Öffnungen, eine Tür und ein Fenster gelassen. Himbeersträucher überwucherten dies Gelaß, und wilde Rosen schlossen die Fenster. Im Ort nannte man es das Schloß . Ein neuer Regenguß überschüttete das Tal. Doch glücklicherweise hatten sie jetzt den Morgen Weinland erreicht, und die Vermessung in drei Teile wurde schnell und ohne Streit zu Ende geführt. Es blieben nur noch drei Hektar Wiese zu erledigen, die unten am Ufer der Aigre lagen. In diesem Augenblick jedoch rauschte der Regen so dicht und so heftig hernieder, daß der Feldmesser den Vorschlag machte, in einem Gebäude, vor dem man sich gerade befand, Einlaß zu begehren: »Nicht? suchen wir einen Augenblick Schutz bei Herrn Karl?« Fouan zögerte aus Achtung gegen seinen Schwager und seine Schwester, die ihr Schäfchen ins Trockene gebracht und jetzt in diesem bürgerlichen Wohnhaus von ihren Renten lebten. »Nein, nein,« murmelte er, »sie essen um zwölf Uhr, wir würden sie stören.« Doch Herr Karl erschien unter dem Vordache des Hauses, um nach dem Wetter auszuschauen; als er seine Verwandten erkannte, rief er: »Aber tretet doch ein!« Da sie alle von Wasser trieften, hieß er sie auf einem Umweg in die Küche gehen, wohin er ihnen nachkommen werde. Er war ein schöner Mann von fünfundsechzig Jahren mit schweren Lidern, erloschenen Augen und dem glattrasierten würdigen Gesicht eines pensionierten Beamten. Er trug einen blauen Anzug von dickem Wollstoff, pelzverbrämte Schuhe und ein Priesterkäppchen, das ihm das ehrbare Aussehen eines Mannes verlieh, der sein Leben in angesehenem, verantwortungsreichem Amte verbracht. Als Laura Fouan, damals Näherin in einem Geschäft von Chateaudun, in ihrem fünfundzwanzigsten Jahre Karl Badeuil heiratete, hielt dieser in der Angoulême-Straße ein kleines Kaffeehaus. Von dort wanderte das Ehepaar nach Chartres aus, um ein Gewerbe zu suchen, das mehr Aussicht bot, ihr Gelüsten nach Reichtum in nicht gar zu langer Frist zu befriedigen. Doch nichts wollte ihnen im Anfang glücken; sie versuchten es mit einem andern Café., mit einem Restaurant, unternahmen selbst einen Handel mit Seefischen. Alles mißlang, und schon verzweifelten sie, jemals ein Vermögen zu besitzen, als Herr Karl, ein sehr kaufmännischer Kopf, auf die Idee verfiel, eines der öffentlichen Häuser der Judengasse, das infolge schlechter Bewirtschaftung heruntergekommen war, zu erwerben. Mit einem Blick überschaute er die Lage, begriff, daß Chartres ein solches Haus fehle, das sowohl durch seine Einrichtung wie durch eine den Besuchern gewährte vollkommene Sicherheit auf der Höhe der Zeit stehe. Schon im zweiten Jahre war das Haus durchaus erneuert; Spiegel und neue Vorhänge schmückten die Räume, und ein mit Geschmack und Strenge gewähltes Personal erwarb ihm die Kundschaft der Herren Offiziere, der Herren Beamten, kurz: der besten Kreise. Dieser Erfolg befestigte sich mit den Jahren dank dem väterlich strengen Regiment, das Herr Karl zu führen verstand; während Frau Karl ihrerseits ihn durch eine ordentlich rührige Tätigkeit unterstützte, indem sie überall nach dem Rechten schaute, kein Geschäft ausließ und es in ihrem liebenswürdigen Entgegenkommen den Gästen gegenüber selbst verstand, vorkommendenfalls kleine Diebstähle zu übersehen. In weniger als fünfundzwanzig Jahren ersparten die Badeuils dreimalhunderttausend Franken; jetzt dachten sie daran, den Traum ihres Lebens zu verwirklichen: eine anheimelnde Altersruhe im Schoße der Natur mitten unter Bäumen, Blumen und Vögeln. Doch die Erfüllung dieses Wunsches schob noch zwei Jahre der Umstand hinaus, daß sie keinen Käufer fanden, der ihr Haus zu dem von ihnen geforderten, ziemlich hohen Preis erwerben wollte. War es nicht herzzerreißend, dies Unternehmen, das sie mit dem Besten ihrer Kräfte, mit soviel Liebe und Fleiß geschaffen, Unbekannten zu überlassen, in deren Händen es vielleicht wieder herabkam? Bald nach seiner Ankunft in Chartres war dem Ehepaar eine Tochter, Estelle, geboren, die sie zur Zeit ihres Aufenthaltes in der Judengasse den frommen Schwestern der Heimsuchung Mariä in Chateaudun zur Erziehung übergaben. Es war eine höchst sittenstrenge Anstalt. Damit sich das Kind recht christliche und sittliche Grundsätze aneigne, mußte es dort bis zu seinem zwanzigsten Jahre verbleiben und wurde in den Ferien zu entfernt wohnenden Bekannten geschickt, damit es keinen vorzeitigen Einblick in das Geschäft gewinne, das seine Eltern bereicherte. Estelle verließ das Kloster erst am Tage ihrer Verheiratung mit einem Steuerbeamten namens Hector Vaucogne, einem sehr hübschen jungen Manne, der leider seine vortrefflichen Eigenschaften durch eine ungewöhnliche Trägheit verdarb. Frau Vaucogne hatte bereits ihr dreißigstes Jahr erreicht und besaß eine siebenjährige Tochter, Elodia, als sie, inzwischen über alles unterrichtet, erfuhr, daß die Eltern ihr Geschäft abtreten wollten. Sie kam und bat, man möge ihr den Vorzug geben. Warum ein Unternehmen, das sich als so sicher und einkömmlich erwies, aus der Familie gehen lassen? Man einigte sich. Die Vaucogne setzten das Geschäft fort, und die Badeuils konnten schon im ersten Monat mit froher Genugtuung feststellen, daß ihre zwar in anderen Anschauungen erzogene Tochter sich als eine ganz außerordentliche Geschäftsführerin entpuppte, was glücklicherweise die Schlaffheit des jeder dienstlichen Fähigkeit baren Schwiegersohnes aufwog. Seit fünf Jahren schon hatte sich das bejahrte Paar nach Rognes zurückgezogen und überwachte die Erziehung der kleinen Elodia, die man jetzt wie einst ihre Mutter ins Kloster zur Heimsuchung Maria geschickt, damit sie dort in den Grundsätzen unverfälschter Sitte erzogen werde. Als Herr Karl in die Küche trat, in der ein Mädchen mit dem Anrühren einer Eierspeise und dem Braten einer Schüssel Lerchen beschäftigt war, schlugen alle, selbst der alte Fouan und Delhomme, ungemein geschmeichelt und achtungsvoll den Hut ziehend, in die ihnen dargebotene Rechte. »Ach du meine Güte!« rief Grosbois, um dem Hausherrn etwas Angenehmes zu sagen. »Welch ein reizendes Heim besitzen Sie hier, Herr Karl! ... Wenn man bedenkt, wie wenig Sie dafür bezahlt haben! Ja, ja, Sie sind ein kluger Mann, ein echter Geschäftsmann!« Der Angeredete warf sich in die Brust: »Ein Gelegenheitskauf. Es gefiel uns, und Frau Karl wünschte um jeden Preis, ihre Tage in ihrer Heimat zu beschließen. Die Stimme des Herzens ist mir stets maßgebend.« Roseblanche, wie man das Anwesen nannte, verdankte sein Entstehen der Laune eines Bürgers von Cloyes, der darin bereits an fünfzigtausend Franken stecken hatte, als ihn ein Schlaganfall dahinraffte, noch ehe die Wandmalereien getrocknet waren. Das sehr freundliche Häuschen lag am Abhang der Talwand und war von einem drei Hektar messenden Garten umgeben, der bis zur Aigre hinabreichte. Für das am Saum der reizlosen Beauce einsam gelegene Grundstück fand sich kein Käufer, und Herr Karl erstand es infolgedessen für zwanzigtausend Franken. Er lebte hier in beschaulicher Ruhe seinen Liebhabereien: fing die prächtigsten Forellen und Aale im Fluß, zog Rosen und Nelken und besaß ein mit allen Singvögeln unserer Wälder bevölkertes Vogelhaus, dessen Pflege er ganz allein versah. So verzehrte das greise Paar seine zwölftausend Franken Rente in einem ungetrübten und vollkommenen Glück, das ihm als die wohlverdiente Belohnung dreißigjähriger Arbeit erschien. »Nicht wahr?« setzte Herr Karl hinzu. »Man weiß wenigstens hier überall, wer wir sind?« »Zweifelsohne kennt man Sie«, antwortete der Feldmesser. »Ihr Vermögen spricht für Sie.« »Natürlich! Natürlich!« bestätigten die anderen. Herr Karl befahl der Dienerin, Gläser zu bringen; dann ging er selbst in den Keller, um zwei Flaschen Wein zu holen. Alle schlürften langsam den gebotenen Trunk, wobei sie nach dem Herde hinüberrochen, wo die köstlich duftenden Lerchen in ihrer Soße schmorten. »Ah Blitz! Der ist nicht von hier! Famos!« »Noch ein Gläschen ... Auf Ihre Gesundheit!« »Prosit!« Wie sie ihre Gläser niedersetzten, erschien Frau Karl, eine zweiundsechzig jährige Matrone von ungemein achtbarem Aussehen. Sie trug das schneeweiße Haar glatt gescheitelt und hatte das breite Gesicht und die große Nase der Fouans; doch ihre Züge überhauchte eine rosige Blässe, eine klösterliche Milde und Ruhe lag darauf. Das Antlitz glich dem einer alten Nonne, die unberührt gelebt von den Stürmen der Welt. An ihr Kleid drückte sich linkisch und scheu die für zwei Tage beurlaubte Elodia, ein bleiches, zu schnell aufgeschossenes, zwölfjähriges Mädchen mit farblosem, dünnem Haar und so verschüchtert durch die überaus moralische Erziehung der Großeltern, daß sie fast den Eindruck eines Trottels machte. »Ihr seid es?« rief Frau Karl und reichte ihrem Bruder und ihrem Neffen die Hand mit einer bedachten und würdigen Bewegung, die den Rangunterschied kennzeichnete. Ohne weiter von ihnen Notiz zu nehmen, wandte sie sich um: »Kommen Sie nur herein, Herr Patoir ... Das Tier ist hier.« Es war der Tierarzt von Cloyes, mit dem sie sprach; ein rundliches Männchen mit einem violettroten Soldatenkopf und starkem Schnurrbart. Er war während des Regens angekommen, sein schmutzbespritzter Wagen hielt vor der Tür. »Diese arme, liebe Mimi«, fuhr die Frau fort und zog unter dem warmen Herde einen Korb hervor, in dem eine alte Katze in den letzten Zügen lag. »Gestern fing das arme Tier plötzlich zu zittern an, und darum schrieb ich Ihnen, Sie möchten können. Sie ist nicht mehr jung, bald fünfzehn Jahre alt ... Ja, wir haben sie zehn Jahre lang in Chartres bei uns gehabt; meine Tochter brachte sie hierher, weil sie alle Winkel des Ladens beschmutzte.« Der »Laden« war für Elodia, der man erzählte, ihre Eltern hielten einen Konditorladen, wo es soviel zu tun gebe, daß es ihnen sogar an Zeit fehle, das Kind bei sich zu empfangen, etwas Neues. Übrigens, die Bauern lächelten nicht einmal bei dem Wort; man pflegte in Rognes das Haus so zu nennen; die Leute sagten zuweilen: »Selbst der Bauernhof Hourdequins ist weniger wert als der Laden des Herrn Karl.« –Alle blickten mit runden Augen auf die alte, gelbe Katze, elend, mager, räudig, die alte Katze, die in sämtlichen Betten der Judengasse geschlafen und von sechs Geschlechtern von Frauen geliebkost worden war. Im Salon, in den Kammern, überall war sie heimisch gewesen, verzärtelt, verhätschelt von jedermann; hatte aus dem Pomadetöpfchen genascht, aus den Toilettegefäßen getrunken, hatte mit ihren goldumkreisten Augen stumm träumend mitangesehen, was um sie herum vorging. »Herr Patoir, ich beschwöre Sie, helfen Sie meinem armen Mimchen!« schloß Frau Karl. Der Tierarzt riß die Augen auf, seine Nase kräuselte sich und sein grober, gutmütiger Bulldoggenmund zuckte: »Was, für so etwas habt Ihr mich um meine Zeit gebracht? ... Ich werd' sie Euch gesund machen: bindet ihr einen Stein um den Hals und werft sie ins Wasser!« Frau Karl verlor die Sprache vor Entrüstung. Elodia brach in Tränen aus. »Aber das Vieh stinkt ja schon! Hält man so etwas im Hause, daß die Leute die Cholera bekommen? In die Aigre damit!« Der Zorn der alten Dame brachte ihn zum Schweigen, und er setzte sich schließlich an den Tisch und schrieb brummend ein Rezept. »Na, wenn Euch der Gestank Vergnügen macht ... Wenn man mich zahlt, ist mir alles recht... Schaut her, das hier gießt Ihr dem Vieh ins Maul, alle zwei Stunden einen Eßlöffel voll; und das ist ein Pulver für zwei Klistiere, eins heute abend, das andere morgen.« Aber Herr Karl gewahrte voll Ungeduld, daß die Lerchen zu lang am Feuer blieben, auch war das Mädchen mit der Eierspeise fertig und wartete. Schnell gab er Patoir sechs Franken für den Besuch und trieb die anderen an, ihre Gläser zu leeren. »Wir müssen speisen, nicht wahr? ... Also auf Wiedersehen! Es regnet nicht mehr.« Zögernd verließen sie die Küche und traten vors Haus. Der Tierarzt kletterte in seinen alten schmutzigen Wagen, indem er nochmals wiederholte: »Eine Katz', die nicht den Strick wert ist, um sie zu ersäufen! ... Ja, wenn man reich ist!« »Das Hurengeld gibt sich so leicht aus, wie's verdient worden«, spottete Jesus. Doch die anderen, selbst Buteau, der vor Neid blaß geworden, schüttelte protestierend das Haupt, und Delhomme, der verständige Mann, erklärte: »Eins ist klar, wer sich zwölftausend Franken Rente erspart hat, ist weder ein Faulenzer noch ein Dummkopf gewesen.« Der Tierarzt peitschte sein Pferd, die anderen stiegen durch die in Gießbäche verwandelten Wege zur Aigre hinab. Sie langten gerade bei den drei Hektaren Wiese an, als der Regen, heftig wie ein Wolkenbruch, von neuem begann. Doch diesmal wollten sie sich nicht in die Flucht jagen lassen; sie vergingen vor Hunger, aber sie bestanden darauf, die Arbeit zu Ende zu führen. Es ging geschwind; nur ein einziger Streitfall hielt sie auf betreffs der dritten Wiese, die keine Bäume hatte, während sich zwischen die beiden anderen ein kleines Gehölz verteilte. Endlich war alles geschlichtet und angenommen. Der Feldmesser versprach, dem Notar die erforderlichen Notizen zu übergeben, damit dieser die Urkunde aufsetzen könne. Man kam überein, das Verlosen der drei Anteile am nächsten Sonntagvormittag um zehn Uhr bei Papa Fouan vorzunehmen. Sie kehrten nach Rognes zurück; plötzlich schrie Jesus: »Wart, Dreckbatzen, ich werde dir Beine machen!« Am Rande des grasbewachsenen Weges schritt die Kleine im strömenden Regen gemächlich hinter ihren Gänsen dahin. An der Spitze des Zuges stelzte der Gänserich; wenn er den gelben Schnabel drehte, bewegten sich all die gelben Schnäbel nach derselben Seite. Doch Dreckbatzen erschrak bei der Stimme des Vaters und rannte eilenden Laufes zum »Schloß« hinauf, um die Suppe zu bereiten. Hinter ihr drein watschelte der Gänserich mit gestrecktem Halse, und die Gänse, all die dünnen Hälse ebenso lang gereckt, wackelten ihm nach. Viertes Kapitel. Am nächsten Sonntag war der erste November, der Tag »Aller Heiligen«. Es schlug neun Uhr, als der Abbé Godard, der Pfarrer von Bazoches-le-Doyen, der den Gottesdienst in Rognes versah, oberhalb der Aigre-Brücke das Tal her abschritt. Piognes, das ehemals bedeutender gewesen, zählte heute kaum mehr dreihundert Einwohner und besaß infolgedessen schon seit Jahren keinen eigenen Geistlichen. Die Gemeinde schien sich nicht sonderlich viel daraus zu machen, und der Ortsvorstand hatte denn auch die halb verfallene Pfarrei dem Feldhüter zur Wohnung angewiesen. Jeden Sonntag legte also der Abbé Godard zu Fuß den drei Kilometer langen Weg zurück, der Bazoches-le-Doyen und Rognes verband. Dick, kurzbeinig, mit rotem Nacken und einem Hals, dessen fette Wülste das Haupt zurückdrängten, zwang er sich aus Gesundheitsrücksichten zu dieser Marschübung. Doch an jenem Sonntag hatte er sich verspätet. Keuchend kam er offenen Mundes daher; sein feistes Gesicht, in dem die stumpfe, runde Nase und die grauen Äuglein im Fett verschwammen, war blutrot erhitzt; trotz des Frostes, der den Regengüssen der vergangenen Woche gefolgt war, schwenkte er seinen Priesterhut in der Hand, und der Wind spielte ihm durch das grau und rot gestreifte Haupthaar. Der Weg fiel steil bergab. Das linke Ufer der Aigre war nur von wenigen Häusern bestanden, die der steinernen Brücke gegenüber eine Art Vorort bildeten. Stürmenden Schrittes eilte der Priester heran; er hatte weder stromauf noch abwärts einen Blick für das durchsichtige Gewässer, das sich zwischen Weiden und Pappelgebüsch langsam durch den Wiesengrund schlängelte. Am rechten Ufer begann das Dorf; eine doppelte Reihe von Gebäuden faßte die Straße ein; andere stiegen seitwärts zerstreut die Anhöhe empor. Dicht bei der Brücke stand das Gemeindehaus und daneben die Schule, eine weißbekalkte ehemalige Scheune, der man ein zweites Stockwerk aufgesetzt hatte. Einen Augenblick zögerte der Pfarrer und warf einen Blick in den offenen Hausflur; dann schaute er spähend zu den beiden gegenüberliegenden Läden. Der eine hatte ein sauber mit Flaschen und Gläsern besetztes Fenster, über dem auf einem gelben Holzschild in grünen Buchstaben » Macqueron , Gemischtwarenhändler « zu lesen stand. Die Tür des anderen kennzeichnete nur ein Stechpalmenzweig, und auf die Wand waren in schmuckloser Schrift die Worte » Tabak bei Lengaigne « geworfen. Zwischen beiden Häusern führte ein steilauf kletternder Pfad zur Kirche. Der Geistliche wollte ihn einschlagen, als ein alter Bauer seinen Weg kreuzte. »Ihr seid's, Papa Fouan! ... Ich habe es eilig und wollte Euch nachher besuchen ... Wie geht's, sagt? Es ist unmöglich, hört mal, daß Euer Sohn Buteau die Lise in den Umständen läßt. Der Bauch wächst, daß es schon ein Ärgernis ist ... Sie gehört zu den Mutter-Gottes-Jungfrauen, das ist ja eine Schande, eine große Schande!« Der Alte hörte ihm mit höflicher Achtung zu. »Ja, Herr Pfarrer, was soll ich dabei tun, wenn Buteau nicht will? ... Schließlich hat der Bursch recht, man verheiratet sich nicht in seinem Alter, wenn man nichts hat.« »Aber das Kind!« »Ganz gewiß, allein noch ist es nicht da, und man kann ja niemals wissen, wie so etwas ausgeht ... Und dann, gerad so ein Kind ist nicht sehr ermutigend, wenn man selbst kein heiles Hemd am Leib trägt.« Er sprach bedacht wie ein Mann, der das Leben kennt. Mit derselben maßvollen Sprache fuhr er fort: »Übrigens, die Sache kann sich vielleicht ausgleichen lassen ... Ich verteile nämlich meinen Besitz; nach der Messe sollen die Parzellen ausgelost werden ... Wenn dann Buteau seinen Anteil hat, heiratet er am Ende seine Base.« »Gut!« versetzte der Priester. »Ich rechne auf Euch, Papa Fouan.« Ein klirrendes Glockengeläut schnitt ihm das Wort ab. »Das ist das zweite Läuten, nicht wahr?« rief er erschreckt. »Nein, das dritte, geistlicher Herr!« »Ach, guter Gott! Dieser Mensch, der Bécu, kann schon wieder nicht auf mich warten!« Fluchend klomm er den Berg hinauf; seine Brust keuchte wie ein Blasebalg; außer Atem langte er vor der Kirchtür an. Die Glocke bimmelte immer noch. Aufgescheuchte Raben umschwirrten krächzend den Turm, einen Turm aus dem fünfzehnten Jahrhundert, der von der einstigen Bedeutung von Rognes Zeugnis gab. Vor der Tür wartete eine Gruppe Bauern; der Freidenker Lengaigne stand mitten unter ihnen und rauchte seine Pfeife. Abseits an der Mauer des Friedhofes harrte der Schulze, der Besitzer Hourdequin, ein stattlicher Mann mit energischen Gesichtszügen im Gespräch mit seinem Schreiber, dem Krämer Macqueron. Grüßend ging der Pfarrer vorüber, alle betraten in seinem Gefolge das Gotteshaus, nur Lengaigne wandte sich qualmend abseits. In der Vorhalle zerrte dicht bei der Pforte ein Mann noch immer am Glockenstrang. »Genug, Bécu!« rief Abbe Godard außer sich. »Ich hab' Euch hundertmal befohlen, mit dem dritten Zeichen bis zu meiner Ankunft zu warten!« Der Feldwächter, der gleichzeitig das Amt des Glöckners versah, hielt in seiner Arbeit inne; er war erschrocken, daß ihn der Geistliche beim Ungehorsam ertappt. Er war ein kleiner, fünfzigjähriger Mann mit viereckigem Schädel, grauem Schnurr- und Kinnbart, mit dem lederharten Gesicht eines altgedienten Soldaten über einem steifen, in engem Kragen eingeschnürten Hals. Er war vollgetrunken; ohne eine Entschuldigung vorzubringen, blieb er mit militärischem Gruß vor seinem Vorgesetzten stehen. Der Pfarrer eilte an ihm vorüber und durchschritt das Kirchenschiff, indem er sein Auge über die Bänke schweifen ließ. Die Kirche war ziemlich leer. Links gewahrte er nur Delhomme, der seinem Amt als Gemeinderat zu Liebe erschienen war. Rechts, auf der Seite der Weiber, saß vielleicht ein Dutzend; er erkannte Celine Macqueron, dürr, nervig, mit herausforderndem Blick; Flora Lengaigne, ein rundes, sanft und gleichgültig dreinschauendes Mütterchen; die Bécu, eine bräunliche, lang aufgeschossene, schmutzige Person. Doch was den Abbé aufbrachte, war das Benehmen der Mutter-Gottes-Jungfrauen auf der ersten Bank. Dort saß Franziska zwischen ihren beiden Freundinnen Berta Macqueron, einer niedlichen Brünette, die in Cloyes wie ein Fräulein erzogen worden, und Susanne Lengaigne, einer häßlichen, kecken Blondine, die ihre Eltern bei einer Näherin von Chateaudun in die Lehre geben wollten. Alle drei kicherten in ungeziemender Art miteinander. Neben ihnen breitete gerade vor dem Hauptaltar die rundwangige muntere Lise den Skandal ihrer vorgerückten Schwangerschaft aus. Der Priester trat in die Sakristei. Dort überraschte er die Chorknaben Delphin und Ernst, die sich bei der Füllung der Meßgefäße die Zeit mit mutwillig lärmendem Spiele vertrieben. Der erstere, der Sohn Bécus, war ein zwölfjähriger strammer Bursche, der bereits die Schule verlassen hatte und bei der Feldarbeit half, während Ernst, der älteste Sohn Delhommes, ein schmächtiger blonder Junge im selben Alter, der stets einen kleinen Handspiegel in der Tasche trug, seine Stunden mit Nichtstun ausfüllte. »Ihr Taugenichtse!« donnerte der Geistliche. »Meint ihr hier in einem Stalle zu sein?« Dann wandte er sich an einen hochgewachsenen, magern jungen Menschen mit blassem Gesicht und spärlichen gelben Bartstoppeln, der im Begriff stand, Bücher auf einem Regal zu ordnen: »Wirklich, Herr Lequeu, Sie könnten wohl etwas fester auftreten, wenn ich nicht da bin.« Lequeu war der Schulmeister, ein Bauernsohn, der mit der genossenen Bildung einen Haß gegen die Klasse, der er entsprungen, eingesogen hatte. Er war roh und grausam mit seinen Schülern und verbarg im Verkehr mit dem Pfarrer und dem Schulzen fortschrittliche Gedanken hinter einer gebührlichen steifen Haltung. Er sang im Chor und verwaltete die Kirchenbibliothek; doch hatte er unter allen Umständen verweigert, die Glocken zu läuten, trotzdem dies Amt gemeiniglich dem Schullehrer oblag. Er erklärte solch eine Beschäftigung für unwürdig eines freien Mannes. »Ich habe hier nicht das Amt eines Aufpassers übernommen«, warf er hin. »In der Schule würde ich wissen, sie zur Ruhe zu bringen.« Während der Geistliche, ohne zu antworten, hastig Chorhemd und Stola anlegte, setzte er hinzu: »Eine stille Messe, nicht wahr?« »Zweifelsohne und schnell! Ich muß vor halb elf zum Hochamt in Bazoches sein.« Herr Lequeu nahm ein altes Meßbuch aus dem Schrank und verließ die Sakristei, um es auf den Altar zu tragen. »Vorwärts! Vorwärts!« trieb der Abbé die Knaben an. Noch ganz atemlos und in Schweiß gebadet, begab er sich mit dem Kelch in der Hand in die Kirche und begann seine Messe zu lesen. Die beiden Knaben ministrierten, während sie sich versteckt mutwillige und scherzende Blicke zuwarfen. Es war eine Kirche mit einem einzigen rundgewölbten, in Holz getäfelten Schiff, das infolge der hartnäckigen Weigerung des Gemeinderats, irgendwelche Ausbesserungen zu bewilligen, nach und nach verdarb. Das Wasser sickerte durch das schadhafte Schieferdach; große Flecke zeigten in der Holzbekleidung den Fortschritt der Verwitterung an; in dem mit einem Gitter verschlossenen Chor beschmutzte ein grünlicher Schimmel die Bilder der Apsis, und schnitt mitten durch das Gesicht des von Engeln umschwärmten Gott Vaters eine Linie. Als der Priester das Gesicht seiner Gemeinde zuwandte, beruhigte sich der aufgeregte Mann, denn die Kirche hatte sich einigermaßen gefüllt. Der Schulze war erschienen, sein Schreiber, sowie zwei Gemeinderäte; Papa Fouan und Clou, der Hufschmied, der in den Musikmessen die Posaune blies. Lequeu saß würdevoll in der ersten Bank. Bécu, der zum Umfallen betrunken war, lehnte steif wie ein Pfahl im Hintergrund. Besonders auf der Frauenseite waren die Bänke besetzt; Fanny, Rose, die Große und noch andere kamen, so daß selbst die Mutter-Gottes-Jungfrauen, die sich jetzt mit musterhafter Andacht in ihre Meßbücher vertieften, zusammenrücken mußten. Dem Geistlichen schmeichelte besonders das Erscheinen von Herrn und Frau Karl nebst ihrer Enkelin Elodia; er in schwarzem Tuchrock, sie in grüner Seide, gingen sie durch ihre würdige Haltung der Gemeinde mit gutem Beispiel voran. Der Abbé beeilte sich ... Er verschluckte sein Latein und überhastete die gewohnten Formeln. Die Predigt hielt er, ohne die Kanzel zu besteigen, auf einem Stuhle inmitten des Chores; er stotterte bisweilen, verlor den Faden, ohne ihn wiederzufinden. Die Beredsamkeit war seine schwächste Seite; er mußte die Worte suchen, machte hem! hem! und gelangte niemals bis ans Ende seiner Sätze. Dies war der Grund, warum ihn der Bischof seit fünfundzwanzig Jahren in der kleinen Pfarrei Bazoches-le-Doyen vergaß. Hurtig erledigte er sein Pensum; wie tolle Signale einer elektrischen Leitung klingelten die Glöckchen beim Erheben der Hostie; mit einem »Ite missa est« verabschiedete der Priester die andächtige Schar. Kaum hatte sich die Kirche geleert, so erschien der Abbé Godard wieder mit dem dreieckigen Priesterhut in der Überstürzung schief auf dem Kopfe. Vor der Kirchentür hatten sich Celine, Flora, die Bécu und andere Weiber versammelt, die sich aufgebracht darüber aussprachen, daß der Pfarrer den Gottesdienst so im Galopp abgemacht. Wofür hielt er sie denn, daß er ihnen selbst an einem Festtage nicht mehr gab? »Sagt, geistlicher Herr!« redete Celine ihn mit ihrer schneidenden Stimme an. »Was haben wir Ihnen getan, daß Sie uns wie ein Bündel Hadern expedieren?« »Ja! die Meinen warten auf mich ... Ich kann nicht in Bazoches und in Rognes zu gleicher Zeit sein ... Haltet euch einen eigenen Pfarrer, wenn ihr ein Hochamt haben wollt.« Das war ein alter Streit zwischen der Gemeinde Rognes und dem Abbé. Die Kirchkinder verlangten mehr Rücksicht; der Priester hielt sich an die knappe Erfüllung seiner Pflicht einer Gemeinde gegenüber, die sich nicht bloß weigerte, ihre Kirche ausbessern zu lassen, sondern die ihn außerdem durch fortwährende, unerhörte Ärgernisse entmutigte. Auf die Mutter-Gottes-Jungfrauen deutend, die zusammen dahinschritten, schloß er: »Ist es nicht schmählich, die heilige Handlung mit einer Jugend vorzunehmen, die keinerlei Achtung vor den Geboten Gottes hat?« »Ich hoffe, Sie sagen es nicht für meine Tochter?« fragte Celine gereizt. »Auch nicht für die meine?« setzte Flora hinzu. Jetzt wurde er böse. »Ich sag' es für die, die es angeht ... Das ist ja ein Skandal, man schaue nur hin! Ich vermag nicht eine Prozession vorzunehmen, ohne daß wenigstens eins von den Mädchen guter Hoffnung ist ... Nein, ihr könnt den lieben Gott selbst um die Geduld bringen.« Er ließ sie stehen. Die Bécu, die stumm geblieben, versuchte Frieden zu schaffen zwischen den beiden Müttern, die sich jetzt ihre Töchter gegenseitig an den Kopf warfen; doch sie tat soviel boshaft gemeinte Anspielungen in ihre Rede, daß der Streit nur noch ärger ward. Was die Berta angehe, nun, man werde ja sehen, wohin sie es bringe mit ihrem Sammetleibchen und ihrem Piano. Und die Susanne erst! Ein netter Gedanke, sie nach Chateaudun in die Lehre zu geben, damit sie dort verführt werde! Abbé Godard wollte inzwischen über den Platz und begegnete plötzlich dem Ehepaar Karl. Sein breites Gesicht verzog sich zu einem liebenswürdigen Lächeln; der Dreimaster beschrieb einen tiefen Bogen. Herr Karl dankte mit Selbstwürde; seine Frau machte eine reizende Verbeugung. Doch der Pfarrer sollte anscheinend heute nicht zu Ende kommen mit den Begrüßungen; er hatte noch nicht den Fußweg erreicht, als ihn eine neue Begegnung aufhielt. Es war eine große, vielleicht dreißigjährige Frau, die ausschaute, als zähle sie fünfzig. Mit spärlichem Haupthaar, mit gelbem, verwelktem Gesicht, gebrochen durch ein Leben über harter Arbeit, kam sie taumelnd daher; eine schwere Last Reisig schwankte auf ihrem gebeugten Rücken. »Palmyre,« rief er sie an, »warum seid Ihr am Aller-Heiligen-Tag nicht zur Messe gekommen? Das ist schlecht von Euch.« Sie seufzte. »Gewiß, hochwürdiger Herr; aber wie soll ich's anfangen? Es ist kalt bei uns zu Hause; mein Bruder friert, darum bin ich gegangen und hab dieses Reisig an den Hecken zusammengesucht. »Ist die Große immer noch so hart mit euch?« »O Gott! die stürbe, ehe sie uns ein Stück Brot oder ein Scheit Holz hinwürfe.« Mit ihrer müden Sprache wiederholte sie ihre ganze Geschichte: wie die Großmutter sie verstoßen, wie sie mit ihrem Bruder in einem verlassenen Stall Zuflucht gesucht. Dieser arme Hilarion mit seinem lahmen Bein und seiner Hasenscharte auf der Lippe war ein harmloser Bursch, doch so geistesstumpf trotz seiner zwanzig Jahre, daß er nirgends Verdienst fand. So arbeitete sie denn für ihn; denn sie hatte zu dem armen Trottel die zärtliche Liebe einer Mutter. Wie der Abbé der bedauernswerten Frau zuhörte, verklärte sich sein schweißiges Gesicht in großer Güte; seine zornblitzenden Augen widerstrahlten Nächstenliebe und Mitleid; den großen Mund verschönte ein schmerzensreich wehmütiger Zug. Dieser wütige Brummbär hatte ein Herz, das in leidenschaftlicher Liebe an den Unglücklichen hing; sein Geld, seine Wäsche und Kleider verteilte er unter sie, so daß es in der ganzen Beauce keinen Geistlichen gab, der eine armseligere Sutane getragen hätte, als er. Er blickte sich um, ob ihn niemand beobachte, dann suchte er in seinen Taschen und reichte der Frau ein Hundertsousstück: »Da, versteckt es, denn ich hab' nichts mehr für die anderen ... Aber ich will der Großen noch einmal ins Gewissen reden, da sie gar so grausam mit euch ist.« Schnell machte er sich aus dem Staube. Als er pustend die Talwand am jenseitigen Ufer der Aigre emporeilte, holte ihn der nach Bazoches-le-Doyen heimkehrende Fleischer ein, nahm ihn auf seinen Wagen, und im schüttelnden Trabe ging's über die Ebene dahin; hüpfend verschwand der Dreimaster des Priesters in der Ferne. Inzwischen hatten die Bauern den Kirchplatz verlassen; auch Fouan und Rose kehrten in ihre Wohnung zurück, wo Grosbois bereits ihrer harrte. Kurz vor zehn Uhr erschienen Delhomme und Jesus. Doch vergeblich warteten sie auf Buteau. Diesem Menschen war es unmöglich, einmal pünktlich zu erscheinen; er mochte unterwegs zum Frühstück eingekehrt sein und hatte sich dort verplaudert. Man wollte ohne ihn die Verlosung vornehmen; die Bange vor seinem jähzornigen Temperament jedoch bestimmte sie, die Sache bis nach dem Essen aufzuschieben. Grosbois nahm von den Fouans ein Stück Speck und ein Glas Wein an. Bald trank er die ganze Flasche aus, dann eine zweite, bis er sich in seinem gewöhnlichen betrunkenen Zustande befand. Es schlug zwei Uhr, und immer sah man noch keinen Buteau. Jetzt hielt es Hyazinth nicht länger im Hause des Vaters aus. Die Luft war an diesem Feiertage mit Zecherei und Gelage geschwängert; Jesus machte sich aus dem Staube, schlenderte zu Macqueron hinüber und lugte hinein. Das genügte: die Tür der Schänke wurde aufgerissen, Bécu steckte den Kopf hervor und rief: »Komm herein, ich zahl ein Glas!« Eine brüderliche Anhänglichkeit zog den alten Soldaten, der nie nüchtern gewesen, zu dem trinklustigen Wildschützen hin. Wenn Bécu, mit seinem Feldhüterschild am Arm, seinem Amte nachging und hundertmal drauf und dran war, den Sohn Fouans auf der Tat zu ertappen, siegte sein Herz über sein Pflichtgefühl: er ging vorüber, als kenne und sehe er den Wilderer nicht; doch in der Kneipe, sobald er trunken war, behandelte er ihn als Bruder. »Eine Partie Pikett, willst du? ... Blitz und Kanonen! Wenn die Beduinen uns stören, schneiden wir ihnen die Ohren ab!« Beide nahmen an einem Tischchen Platz und begannen, Karten zu spielen. Sie lärmten und schrien dabei und gossen einen Liter Wein um den andern in ihre Kehlen. Macqueron lehnte schläfrig in einem Winkel und drehte die Daumen. Seit der Wirt in der Spekulation mit den Weinen von Montigny ein Vermögen verdient hatte, war er träge geworden, jagte, fischte und spielte den Bürger. Dabei war er ungemein schmutzig und trug zerrissene Kleider, während seine Tochter Berta in seidenen Röcken einherging. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätten sie längst den Kramladen und die Schänke zugesperrt; denn er war ehrgeizig und trug sich mit dunklen Hoffnungen einstiger Größe. Doch sein Weib hing mit zäher Gier am Gewinn; und während er im Nichtstun die Stunden verträumte, fuhr sie fort, den Gästen die Gläser zu füllen. Er ließ es geschehen, um dem Nachbar Lengaigne, der den Tabaksladen hielt und ebenfalls Wein und Schnaps schänkte, einen Possen zu spielen; denn zwischen beiden bestand eine alte, nie erloschene Nebenbuhlerschaft, die bei jeder Gelegenheit wieder aufloderte. Übrigens vergingen Wochen, während welcher die beiden Nachbarn in Frieden lebten. So trat auch heute Lengaigne bei ihm ein mit seinem Sohne Viktor, einem langen, linkischen Gesellen, der im nächsten Jahre zur Militärauslosung mußte. Lengaigne selbst, ein großgewachsener Mann, mit einem eulenartigen Köpfchen auf breiten, knochigen Schultern, war Bauer geblieben und bestellte sein Feld, während seine Frau den Tabak abwog und im Keller Wein zapfte. Ihm verlieh ein gewisses Ansehen im Orte der Umstand, daß er die Bauern rasierte und ihnen das Haar schnitt, ein Gewerbe, das er von seiner Militärzeit mitgebracht und teils zu Hause inmitten der zechenden Gäste, teils in den Wohnungen seiner Kunden ausübte. »Nachbar, rasieren wir den Bart heute?« rief er unter der Tür. »Richtig! Ich hab' dir gesagt, daß du kommen sollst,« gab Macqueron zurück. »Na, meinetwegen jetzt gleich, wenn's dir recht ist.« Er langte ein Rasierbecken von der Wand und holte laues Wasser und Seife, während der andere ein riesengroßes Messer aus der Tasche hervorzog, das er an dem Leder zu wetzen begann. Aber eine kläffende Stimme keifte aus dem Kramladen herüber: »Halt! Ihr wollt mir doch nicht wieder eure Schmutzerei auf den Tischen machen, wo getrunken wird? Nichts da! ... Bei mir soll man nicht Haare in den Gläsern finden!« Celine spielte auf die unsaubere Wirtschaft beim Nachbar an, wo die Kunden, wie sie zu sagen pflegte, mehr Haare als unverfälschten Wein vorgesetzt bekamen. »Verkauf dein Salz und deinen Pfeffer und laß uns in Ruh',« antwortete ihr Mann, ärgerlich über diese eheliche Einmischung in Gegenwart seiner Gäste. Jesus und Bécu lachten: »Da hat sie eins!« Sie verlangten einen neuen Liter, den die Frau wutschnaubend und wortlos brachte. Die beiden Kumpane spielten immerfort; heftig schleuderten sie die Karten auf den Tisch, als wenn sie sich Hiebe versetzten: »Atout, Atout und Atout!« Lengaigne hatte bereits seinen Kunden eingeseift und hielt die Nasenspitze zwischen Mittelfinger und Daumen, als die Tür sich wieder öffnete und Lequeu, der Schulmeister eintrat. »Guten Abend allerseits!« grüßte er. Er lehnte sich an den warmen Ofen, während der junge Viktor dem Kartenspiel zuschaute. »Was ich sagen wollte,« benutzte Macqueron jetzt einen Augenblick, wo Lengaigne ihm den Seifenschaum auf die Schulter strich, »Herr Hourdequin hat heute vor der Messe wieder von der Straße gesprochen... Es muß doch ein Entschluß gefaßt werden ...« Es handelt sich um den geraden Weg von Rognes nach Chateuadun, der die Entfernung zwischen beiden Orten um fast zwei Meilen abkürzen sollte; denn bisher mußten die Fuhrwerke über Cloyes fahren. Natürlich hatte der Gutshof ein erhebliches Interesse an der Anlage dieser neuen Verbindung, und der Schulze rechnete, um den Gemeinderat für die Sache zu gewinnen, wesentlich auf die Unterstützung seines Schreibers. Diesem aber mußte eine rasche Lösung der Frage ebenfalls von Vorteil sein. Es war nämlich geplant, die oberhalb des Tales anzulegende Chaussee gleichzeitig mit dem durch den Aigregrund führenden Weg zu verbinden, um so auch Fahrzeugen den Zugang zur Kirche zu ermöglichen, die man jetzt nur auf schmalen Stegen erreichen konnte. Diese Vereinigung beider Landstraßen wäre am zweckdienlichsten zwischen den Schänken hindurch über die jetzige enge Gasse geführt worden. Es genügte, diesen Aufstieg zu erweitern, die Steigung zu regeln und zu mindern. Das Grundstück des Krämers aber war dann von einem breiten Wege begrenzt, was seinen Wert nicht unwesentlich erhöhen mußte. »Da,« begann er wieder, »es scheint, die Regierung ist bereit, uns bei diesem Unternehmen zu unterstützen, und wartet nur darauf, daß wir uns endgültig für die Sache erklären ... Nicht wahr, du bist dabei?« Lengaigne, der wohl Gemeinderat war, jedoch nicht einmal das kleinste Stück Garten neben seinem Hause besaß, versetzte: »Ich? Mir ist es gleich! Was geht mich dein Weg an?« Indem er jetzt die zweite Backe in Arbeit nahm, deren harte Haut er wie mit einem Reibeisen zu raspeln begann, zog er über die Farm los. »Ja, die heutigen Bürger sind noch gefährlicher als die einstigen Grundherren. Bei der Teilung haben sie alles an sich gerafft, machen nur Gesetze zu ihrem eigenen Nutz und Frommen, und mästen sich mit dem Elend der armen Leute!« Die anderen hörten verlegen diesem Ausfall zu, im Innern vergnügt, daß er den Mut besaß, dem hundertjährigen Haß des Bauers gegen die Großgrundbesitzer Worte zu leihen. »Es trifft sich gut, daß wir unter uns sind,« brummte Macqueron und schielte mißtrauisch zum Schulmeister hinüber. »Ich bin für die Regierung ... So hat unser Abgeordneter, Herr von Chédeville, der, wie man sagte, ein Freund des Kaisers ist ...« Wütend schwenkte Lengaigne sein Messer: »Auch ein famoser Halunke! ... Kann ein solcher Erzmillionär, der mehr als tausend Hektar bei Orgères besitzt, euch nicht die Straße umsonst bauen, statt daß er dafür der Gemeinde Geld aus den Taschen ziehen will?... Ein Schuft das!« Diese Kühnheit verblüffte den Krämer; er protestierte: »Nein, nein, er ist sehr rechtschaffen und nicht stolz ... Ohne ihn hättest du nicht deinen Tabaksladen bekommen. Was würdest du sagen, wenn er es dir wieder wegnähme?« Lengaigne ward sofort beruhigt. Schweigend begann er dem andern das Kinn zu rasieren. Er war zu weit gegangen, er kannte keine Grenze, wenn er in Zorn geriet; seine Frau hatte Recht, wenn sie meinte, seine Ansichten könnten ihm noch einmal einen bösen Streich spielen. Jetzt aber brach zwischen Bécu und Jesus ein Streit aus. Der erstere war roh und rauflustig im Rausch, während sein Spielpartner, ein so gefährlicher Bursch er im nüchternen Zustand sein konnte, mit jedem Glase Wein weicher wurde und volltrunken die Menschenfreundlichkeit und Milde eines Apostels entwickelte. Hierzu kam der krasse Gegensatz ihrer politischen Meinungen: Der Wilderer war Republikaner, ein »Roter«, der sich rühmte, 1848 in Cloyes den Bürgerinnen »eingeheizt« zu haben. Der Feldhüter hingegen war eifriger Bonapartist und vergötterte den Kaiser, den er persönlich zu kennen vorgab: »Ich schwöre es! Wir hatten zusammen einen Heringssalat gegessen; darnach sagte er mir: Nicht ein Wort darüber; ich bin der Kaiser! ... Ich hab ihn wohl erkannt nach seinem Bild auf den Hundertsousstücken.« »Möglich! ... Eine Kanaille nichtsdestoweniger; er prügelte seine Frau und hat niemals ein Herz für seine Mutter gehabt.« »Schweig, zum Donnerwetter! oder ich zerschlag' dir das Maul!« Man mußte Bécu die Flasche entreißen, die er in der Faust schwang, während Jesus sanften Blickes dreinschaute und mit lächelnder Ergebung den Hieb erwartet hatte. Brüderlich setzten sie das Spiel fort. »Atout, Atout und Atout!« Macqueron, dem die stumme Gleichgültigkeit des Schulmeisters verdächtig vorkam, entschloß sich, ihn geradezu um seine Meinung zu befragen: »Herr Lequeu, was sagen sie?« Lequeu, der seine langen, bleichen Hände an der Ofenröhre wärmte, lächelte überlegen wie jemand, dem seine Stellung Schweigen aufnötigt. »Ich sage nichts; es geht mich nichts an.« Jetzt steckte Macqueron das Gesicht in eine Waschschüssel, spülte pustend die Seife ab und sprach dabei: »Also hört mich, ich will etwas tun ... Ja, hol' mich der Henker! wenn der neue Weg bewilligt wird, gebe ich mein Land dazu gratis her.« Die Erklärung verblüffte die anderen. Selbst Bécu und Jesus hoben das Haupt. Es entstand eine Stille; alle blickten ihn an, als wenn er plötzlich den Verstand verloren habe. Aber hingerissen durch den Eindruck, den seine Worte gemacht, fuhr er, obwohl mit zitternden Händen, fort: »Es wird einen halben Morgen ausmachen ... Ein Hundsfott, wer sein Wort bricht, es bleibt dabei!« Krank vor Ärger über die Freigebigkeit des Nachbars, entfernte sich Lengaigne mit seinem Sohne Viktor und brummte dabei: »Dem kostet der Grund und Boden nicht viel, er hat die Leute genug betrogen!« Macqueron nahm trotz der Kälte seine Flinte von der Wand und ging schauen, ob er einen Hasen, den er gestern bei seinem Weingarten gesehen, erwischen könne. Es blieben nur Lequeu, der, ohne etwas zu verzehren, dort seine Sonntage verbrachte, und die beiden in ihre Karten vertieften Spieler. Stunden vergingen; andere Bauern kamen und entfernten sich wieder. Gegen fünf Uhr riß eine ungeschlachte Hand die Tür auf: Buteau erschien mit Hans. Sobald er Jesus gewahr wurde, schrie er ihn an: »Ich hätte hundert Sous gewettet ... Hast du alle Welt zum besten? Wir warten!« Der Trunkenbold versetzte geifernd: »Das ist stark! ... Ich wart' auf dich ... seit heut früh muß ich hier wie ein Angemalter sitzen ... Das ist stark!« Buteau hatte sich in der Borderie aufgehalten, wo Jacqueline, die seit ihrem fünfzehnten Jahr seine Freundin war, ihn eingeladen, in Gesellschaft mit Hans einen Braten zu verzehren, da der Besitzer nach der Messe nach Cloyes frühstücken gegangen war. Die beiden hatten lange getafelt und sich nicht mehr verlassen. Bécu rief laut, »er zahle die fünf Liter, doch es müsse nachher weiter gespielt werden.« Jesus erhob sich schwerfällig und folgte seinem Bruder, indem er mit einem gutmütigen Blick in seinen verschleierten Augen vor sich hinlachte. »Wart auf mich,« bedeutete Buteau seinem Freund Hans, und komm mir in einer halben Stunde nach ... Du weißt, daß ich dich zum Mittagessen bei meinem Vater einlade!« Nachdem die Brüder bei den Fouans eingetreten, waren alle versammelt. Der Alte stand, den Blick am Boden, in der Mitte des Raumes; die Mutter saß am Tische und strickte mechanisch. Grosbois ihr gegenüber hatte soviel gegessen und getrunken, daß er mit halb geschlossenen Augen in seinem Stuhle zusammengesunken war, während Delhomme und Fanny auf zwei niedrigen Schemeln am Fenster geduldig warteten. Was man in diesem verräucherten Räume mit seinen ärmlichen alten Möbeln und seinem verbrauchten Geräte wohl noch nie gesehen: auf dem Tische lagen ein weißer Bogen Papier und eine Feder, und ein Tintenfaß stand neben dem Hute des. Feldmessers, einem riesigen rotschimmernden Zylinder, den er seit zehn Jahren in Regen und Sonnenschein getragen. Es wurde Abend. Durch das schmale Fenster drang ein grau schimmerndes Dämmern herein, in welchem der Hut mit seiner flachen Krempe und seinem urnenförmigen Bauche noch mächtiger und umfangreicher erschien. Doch Grosbois, der selbst in der Trunkenheit niemals die Geschäfte vergaß, ermunterte sich. »Wir sind vollzählig ... Ich hab' euch schon gesagt, daß der Akt fertig ist ... Ich war gestern bei Herrn Baillehache; er hat ihn mir gezeigt ... Hinter jedem Namen ist ein leerer Raum gelassen für die Nummern, und die wollen wir jetzt auslosen; der Notar schreibt sie dazu, und Sonnabend könnt ihr bei ihm unterzeichnen.« Er schüttelte den letzten Rest von Schläfrigkeit ab und hob die Stimme: »Also ich will die Lose herrichten.« Mit einer hastigen Bewegung traten die Kinder an den Tisch, ohne nur den Versuch zu machen, ihr Mißtrauen zu verbergen. Sie überwachten den Mann und spähten wie einem Taschenspieler jeder seiner Bewegungen nach, als könne er ihnen eines der drei Teile beiseiteschaffen. Der Feldmesser zerschnitt jetzt mit seinen schweren, vom Alkohol zitternden Händen das Blatt Papier in drei gleiche Stücke, dann schrieb er auf jedes eine Zahl, 1, 2, 3, mit dick aufgetragenen großen Ziffern. Alle sahen über seine Schultern hinweg der Arbeit zu. Selbst die beiden Alten stellten mit zufriedenem Kopfnicken fest, daß kein Betrug möglich sei. Die Lose wurden gefaltet und in den Hut geworfen. Ein feierliches Schweigen zog durchs Gemach. Nach zwei langen Minuten ließ sich Grosbois hören: »Ihr müßt euch entscheiden ... Wer will anfangen?« Niemand rührte sich. Es wurde finsterer; der Hut schien in dem Dunkel zu wachsen. »Nach der Altersstufe; wollt ihr?« schlug der Feldmesser vor. »Du, Jesus als der Älteste beginnst. Der Saufbold trat gutwillig hinzu; doch er verlor das Gleichgewicht und wäre fast zu Boden gefallen. Dann fuhr er mit der Faust in den Hut, als wolle er ein Felsstück hervorziehen. Er packte eines der Papiere und trat damit ans Fenster. »Zwei!« lallte er und kicherte, als komme ihm die Nummer besonders komisch vor. »Du, Fanny!« rief Grosbois. Fanny steckte ihre Hand in den Zylinder; doch sie beeilte sich nicht, sie hervorzuziehen; sie suchte, griff die Lose und schien sie eines nach dem andern abzuwägen. »Das Aussuchen ist verboten!« schrie Buteau wütend. Die Leidenschaft schnürte ihm die Kehle, er war blaß vor Aufregung, seit sein Bruder die Zwei gezogen. »So? Warum denn?« gab sie zurück. »Man darf doch fühlen; ich schau ja nicht hin.« »Mach' zu!« murmelte der Vater, »es ist ein Teil so groß wie der andere.« Endlich entschied sie sich und lief mit ihrem Los zum Fenster. »Eins!« »Also Buteau hat drei,« hob Fouan wieder an. »Zieh' sie, mein Junge!« In dem wachsenden Dunkel sah niemand, wie das Gesicht des jungen Mannes sich verzerrte. In maßlosem Zorne brach er los: »Nie und nimmermehr!« »Wieso?« »Ah! Ihr meint, ich bin damit zufrieden? um keinen Preis! ... Das letzte und schlechteste Los habt ihr für mich aufgehoben? Das paßt mir nicht! Ich hab's euch oft genug gesagt, daß ich die Teilung anders haben will. Nein! Nein! Das war' ja zum Lachen! ... Meint ihr, ich durchschaue eure Mogeleien nicht? Hätte nicht der Jüngste zuerst losen müssen? Nein, ihr betrügt, ich ziehe nicht!« Der Vater und die Mutter sahen ihm zu, wie er mit Händen und Füßen um sich hieb. »Mein armes Kind, du verlierst den Verstand,« sagte Rose. »Mama, ich weiß wohl, du hast mich nie geliebt. Du würdest mir die Haut abziehen, um sie meinem Bruder zu geben... Ihr alle wollt mein Verderben.« Fouan unterbrach ihn rauh: »Genug der Dummheiten!... Willst du losen?« »Ich besteh' darauf, daß man noch einmal von vorne anfängt.« Aber alle widersprachen. Jesus und Fanny hielten krampfhaft ihre Nummern, als fürchteten sie, man könne sie ihnen wieder entreißen. Delhomme erklärte, die Verlosung sei unparteiisch und gerecht vorgenommen, und Grosbois drohte verletzt, er verlasse das Haus, wenn man seine Ehrlichkeit in Frage stelle. »Dann verlang' ich, daß mir der Vater zu meinem Anteil tausend Franken dreingibt von dem Gelde, das er versteckt hat.« Der Alte war einen Augenblick wie betäubt; er stotterte. Dann richtete er sich auf und trat mit furchtbarer Drohgebärde dicht vor seinen Sohn hin: »Was sagst du, Schuft? Soll man mich ermorden? Und wenn man das ganze Haus niederreißt, wird nicht ein Heller gefunden... Nimm das Los, zum Kreuz Donnerwetter! oder du bekommst nichts!« Buteau wich keinen Schritt vor der geballten Faust des alten Mannes zurück. »Nein!« sagte er hartnäckig. Alle schwiegen verlegen. Der enorme Hut mit dem einen Lose, an das niemand rühren wollte, stand wie ein Gegenstand der Verlegenheit inmitten des Tisches. Um der Sache ein Ende zu machen, riet der Feldmesser dem Alten, er solle selbst die letzte Nummer ziehen. Fouan tat es mit ernster Miene; dann ging er ans Fenster, um die Ziffer zu lesen, als sei sie ihm nicht schon bekannt gewesen. »Drei! ... Du hast den dritten Anteil, verstehst du? ... Die Urkunde ist fertig. Herr Baillehache wird sicher nichts mehr daran ändern, denn was abgemacht ist, ist abgemacht ... Du schläfst hier, ich gebe dir also diese Nacht zur Überlegung ... So, wir sind fertig und damit basta!« Das Dunkel verbarg Buteaus Gesicht; er schwieg, während die anderen mit lauter Rede ihre Zustimmung ausdrückten. Die Mutter aber entschloß sich endlich, ein Licht anzuzünden, um den Tisch zu decken. In diesem Augenblick erschien Hans vor dem Hause, seinen Kameraden aufzusuchen. Im Schatten des Weges bemerkte er zwei aneinandergeschmiegte weibliche Gestalten, die sich bemühten, durchs Fenster zu erspähen, was bei den Fouans vorgehe. Die ersten Schneeflocken flatterten von dem schiefergrauen Himmel herab. »O, Herr Hans!« flüsterte eine weiche Stimme. »Sie haben uns erschreckt!« Er erkannte Franziska, die das hübsche Oval ihres frischen Gesichtes mit einem großen Tuch umhüllt hatte. Sie hielt einen Arm um die Taille ihrer Schwester Lise geschlungen und neigte das Haupt an deren Schulter. Die Geschwister liebten sich; man pflegte ihnen stets in dieser zärtlichen Gemeinschaft zu begegnen. Lise war größer als ihre Schwester, mit angenehmen, wenn auch weniger zarten Zügen; sie trug ihr Unglück mit still lächelnder Ergebung. »Ihr spioniert?« fragte er munter. »Natürlich,« versetzte Lise frei, »es interessiert mich zu erfahren, was sie drinnen brauen... Wollen sehen, ob es den Buteau zur Entscheidung bringt.« »Wenn er das Land hat, der schlechte Kerl,« meinte Franziska, »ist er imstande, sich eine reiche Frau zu suchen.« Doch Hans gab ihnen gute Hoffnung: die Verteilung müsse bereits beendet sein; das übrige werde sich finden. Er erzählte ihnen, daß er bei den Alten zum Essen geladen sei; darauf rief ihm Franziska zum Abschied zu: »Nun, dann sehen wir uns ja nachher; wir kommen zur Abendunterhaltung. Er schaute ihnen nach, wie sie sich im Dunkel verloren. Der Schnee fiel jetzt dichter; ein flockiger Flaum verbrämte die Kleider der eng nebeneinander dahinwandelnden Mädchen. Fünftes Kapitel. Um sieben Uhr, nachdem man das Essen eingenommen, begaben sich die Fouans, Buteau und Hans in den Stall, wo die beiden Kühe standen, die Rose nunmehr genötigt war zu verkaufen. Die Tiere waren an ihren Krippen angekettet; die warme Ausdünstung ihrer Körper und die dampfende Streu durchwärmten die Scheuer, während in der Küche die paar Holzscheite vom Abendessen schon verkohlt waren und die Wohnung in dem vorzeitigen Novemberfrost erstarrte. Im Winter pflegte man sich gern in diesen warmen Raum zur Abendunterhaltung zurückzuziehen; es wurde ein runder Tisch auf den Lehmboden gestellt, und ein Dutzend alter Stühle lud die Gäste ein. Jeder Nachbar brachte, sobald ihn die Reihe traf, ein Talglicht mit, das stellte man auf den Tisch; die großen Schatten der Versammelten tanzten an den staubschwarzen Wänden bis zu den Spinngeweben des Dachstuhls empor; im Rücken hauchte sie der warme Atem der wiederkäuenden Kühe an. Zuerst erschien die Große mit ihrem Strickstrumpf. Sie steuerte niemals ihre Kerze bei, und aus Achtung vor ihrem hohen Alter wagte der Bruder nicht, sie hieran zu mahnen. Sofort besetzte sie den besten Sessel, schob den Leuchter dicht vor sich hin, nahm ihn fast für sich allein in Anspruch wegen ihrer schlechten Augen. An ihrem Stuhl lehnte der Stock, der sie stets begleitete. Einzelne Schneeflocken zerschmolzen in den paar Haarstümpfen, die unter ihrem Kopftuch hervorguckten. »Schneit es?« fragte Rose. »Es schneit«, versetzte sie in ihrer kurz angebundenen Art. Sofort schloß sich ihr wortkarger Mund; sie warf einen stechenden Blick auf Hans und Buteau und begann zu stricken. Bald kamen die anderen: zuerst Fanny mit ihrem Sohne Ernst, denn Delhomme erschien nie zu den Unterhaltungen; dann Lise und Franziska, die lachend den Schnee von ihren Kleidern schüttelten. Bei Buteaus Anblick errötete die erstere, während er, ihr unbewegt ins Gesicht blickend, rief: »Ist's gut gegangen, Lise, seit wir uns nicht gesehen haben?« »Ganz gut. Danke!« »Desto besser!« Inzwischen war Palmyre zur halboffenen Tür hereingeschlüpft, drückte sich an der Wand entlang und setzte sich möglichst weit entfernt von ihrer Großmutter, der schrecklichen Großen. Doch kaum hatte sie Platz genommen, als ein von der Straße hereinlärmendes Getöse sie wieder aufschreckte. Es war ein Lachen und ein Spottgeschrei, ein Greinen und wutknirschendes Lallen. »Die verwünschten Bälge lassen ihn schon wieder nicht in Ruhe!« rief das Mädchen. Mit einem Satze war sie an der Tür, stieß sie auf und entriß mit einem zornigen Knurren wie eine Löwin ihren Bruder Hilarion den Händen von Delphin, Dreckbatzen und anderen Kindern, welche den Narren mit ihrem Gespött verfolgten. Außer Atem und starr vor Furcht humpelte der Arme herein. Aus seinem verunstalteten Munde floß ihm der Speichel, er stammelte unverständliche Worte: ein Bild tierischer Häßlichkeit und Verkommenheit. Er war wütend, daß es ihm nicht gelungen, die Kinder zu fangen und zu ohrfeigen, die ihn mit ihren Schneeballen getroffen hatten. »Er lügt!« verteidigte sich Dreckbatzen mit unschuldigem Gesicht. »Seht, er hat mich in den Daumen gebissen!« Hilarion stieß ein unverständliches Durcheinander zorniger Worte hervor, während Palmyre ihn zärtlich zu beruhigen suchte und ihm das Gesicht trocknete. »Nun ist's genug!« befahl Fouan. »Du solltest ihn daheim lassen; setz' ihn jetzt wenigstens dorthin und sorg', daß er still bleibt!... Und ihr, Bankerte, haltet's Maul, oder ich bring' euch bei den Ohren nach Haus.« Doch der Narr wollte sich nicht zufrieden geben und fuhr fort, in stammelnder Rede sein Recht zu verteidigen. Da ergriff die Große flammenden Auges ihren Stock und ließ einen so gewaltigen Hieb auf den Tisch sausen, daß alles emporschrak. Palmyre und Hilarion duckten sich furchtsam zusammen und mucksten nicht mehr. Die Abendunterhaltung begann. Die Frauen strickten und spannen beim Scheine der einzigen Kerze, machten allerlei Handarbeit, bei der die Finger sich fast ohne Beihilfe der Augen bewegten; die Männer hinter ihnen rauchten langsam ihre Pfeifen, nur hier und da ließ einer ein paar Worte fallen; in einem Winkel hockten die Kinder, neckten sich und kicherten halblaut. Zuweilen wurden an diesen Abenden Märchen zum besten gegeben. So das von dem schwarzen Schwein, das mit einem roten Schlüssel im Maule einen Schatz hütete; oder das von dem Wundertier von Orleans, das ein Menschengesicht hatte, Flügel wie eine Fledermaus, bis zur Erde hängendes Haar, zwei Hörner und zwei Schwänze, den einen zum Fangen, den andern zum Töten. Das Ungeheuer verschlang einst einen Reisenden aus Rouen, so daß von ihm nichts übrig blieb als Hut und Stiefel. Ein andermal wieder wurden endlose Geschichten von den Wölfen erzählt, reißenden Bestien, die jahrhundertelang das Land verwüstet. Früher nämlich, als der heute ganz freien Beauce von ihren einstigen Urwäldern noch einiges Buschwerk übrig geblieben, kamen im Winter zahllose Banden vom Hunger getriebener Wölfe daraus hervor und stürzten sich auf die Herden. Frauen und Kinder wurden von ihnen zerrissen; die alten Leute erinnerten sich, wie zur Zeit der großen Schneefälle die Wölfe sich selbst in die Städte schlichen; man hörte ihr Geheul nachts auf dem Sankt-Georgs-Platze in Cloyes, und in Rognes steckten sie die Schnauzen durch die Spalten der Stalltüren. Unermüdlich wiederholten sich die wunderbaren Abenteuer mit diesen gierigen Raubtieren: Ein Müller wurde von fünf Wölfen angefallen und verjagte sie, indem er ein Streichholz anzündete; ein kleines Mädchen wurde zehn Meilen weit von einer galoppierenden Wölfin verfolgt und erst, als das Kind vor ihrer Haustür zusammenstürzte, fiel die Bestie darüber her und zerfleischte es. Und viele andere Geschichten. Dann auch die Legende vom Wehrwolf, einem in ein Tier verwandelten Menschen, der den verspäteten Wanderern ins Genick sprang und so auf seinen angstgepeitschten Opfern durch die Nacht ritt, bis sie tot zusammenbrachen. Doch was den Mädchen beim matten Schein des Talglichtes das Blut erstarren ließ, und was sie auf dem Heimweg wie ein Gespenst verfolgte, so daß sie mit furchtsamem Blick in das Dunkel starrten und laufenden Schrittes ihr Stübchen aufsuchten, das waren die Berichte von den Greueltaten der Räuber, jener furchtbaren Bande von Orgères, bei deren Erinnerung die Leute noch nach sechzig Jahren die Gänsehaut überlief. Es waren mehrere Hunderte gewesen, Bettler, fahnenflüchtige Soldaten, allerhand Gesindel, Männer, Frauen und Kinder, die sich zusammengetan, um von Raub und Brandschatzung zu leben. In bewaffneten, wohlgeordneten Trupps wie die alten Räuber aus früheren Jahrhunderten kamen sie daher, belagerten einsam liegende Gehöfte und drangen in die Häuser, indem sie die verschlossenen Türen mit Sturmböcken einrannten. Besonders beuteten sie die Unruhen der Revolution zu den furchtbarsten Gewalttaten aus. Bei Nachtanbruch schlichen sie wie die Raubtiere aus dem Gehölz von Dourdan, aus dem Dickicht von Conie, aus allerhand waldvergrabenen Schlupfwinkeln und verbreiteten Schrecken und Furcht in den Bauernhöfen der Beauce, von Etampes bis nach Chateaudun, von Chartres bis Orleans. Unter den Schandtaten, welche diese Horden verübt, erzählten sich die Leute in Rognes am liebsten die Plünderung des Bauernhofes Millouard, das nur einige Meilen entfernt im Kanton Orgères lag. Der schöne Franz, der berüchtigte Räuberhauptmann, der Nachfolger von Dornblüte, war in jener Nacht begleitet von seinem Leutnant Rouge-d'Aneau, dann von Breton-le-cul-sec, Grand-Dragon, Lonjumeau, Sans-Pouce und fünfzig anderen, sämtlich mit geschwärzten Gesichtern. Zuerst sperrten sie die Leute des Hofes, die Mägde, Knechte und den Schäfer in den Keller. Dann »heizten« sie dem Bauern ein, dem alten Fousset, den sie allein in ihrer Mitte behielten. Sie brieten seine Füße über der Kohlenglut des Kamins, steckten ihm Bart, und Haupthaar in Brand und zerschlitzten ihm danach die Fußsohlen mit ihren Messern, damit die Flammen noch wirksamer ins Fleisch drangen. Endlich verstand sich der Greis dazu, den Versteck seines Geldes zu verraten; sie raubten alles und gaben den Alten frei, der noch die Kraft besaß, sich zu einem Nachbar zu schleppen und dort verschied. Jedesmal schloß diese Darstellung mit dem Prozeß und der Hinrichtung der Banditen, die einer der ihren, Borgne-de-Jouy verraten hatte. Es war ein Riesenprozeß; die Untersuchung allein erforderte einen Zeitraum von achtzehn Monaten, während dessen vierundsechzig der Gefangenen in den schmutzigen Gefängnissen der Pest erlagen; hundertfünfzehn Angeklagte erschienen vor den Richtern, dreiunddreißig wurden in Abwesenheit verurteilt; siebentausendachthundert Fragen wurden den Geschworenen vorgelegt, und über dreiundzwanzig der Verhafteten ward das Todesurteil verhängt. In der Nacht der Hinrichtung schlugen sich die Scharfrichter von Chartres und von Dreux unter dem blutüberschwemmten Schafott um die Gewänder der Gerichteten. In Anknüpfung an einen in der Gegend von Joinville stattgehabten Mord erzählte Fouan heute wieder einmal die Schrecknisse von Millouard. Er begann eben das Klagelied vorzutragen, das Rouge-d'Auneau in seinem Kerker verfaßt, als von der Straße ein seltsamer Lärm ertönte. Man vernahm schwere Schritte, Flüche; die Frauen fuhren entsetzt empor und lauschten erbleichend, als erwarteten sie, die schwarze Bande werde zur Tür hereinbrechen. Tapfer öffnete Buteau. »Wer ist da?« Sie bemerkten Bécu und Jesus, die infolge eines Wortwechsels mit Macqueron die Schenke verlassen hatten und mit den mitgebrachten Karten und einem brennenden Lichtstumpf daher taumelten, um hier ihre Partie zu beenden. Die beiden waren so betrunken und hatten den Weibern solch einen Schreck eingejagt, daß man sie mit lautem Gelächter empfing. »Kommt nur herein!« rief Rose lächelnd ihrem großen Taugenichts von Sohn zu. »Aber führt euch brav auf. Eure Kinder sind auch da, ihr könnt sie dann mit nach Hause nehmen.« Jesus und Bécu setzten sich neben den Kühen auf den Fußboden, stellten ihr Licht zwischen sich und fuhren fort: Atout, Atout und Atout! Doch die Unterhaltung hatte gewechselt; man sprach jetzt von den Burschen im Ort, die im Februar zur Militärauslosung mußten, Viktor Lengaigne und zwei andere. Die Frauen wurden ernst, ein trübes Sinnen verlangsamte ihre Rede. »Ja, das ist ein Unglück,« murmelte Rose, »ein Unglück für jeden, den's trifft.« »Der Krieg!« gab Fouan drein, »der Krieg, das ist das Verderben der Landwirtschaft ... Wenn die Burschen fortziehen, fehlen die kräftigsten Arme; man spürt's bei der Arbeit. Und wenn sie wiederkommen, sind sie nicht mehr dieselben; die Feldarbeit schmeckt ihnen nicht mehr ... Lieber Cholera als Krieg!« Fanny ließ ihren Strickstrumpf ruhen. »Ich«, erklärte sie, »will nicht, daß Ernst einrückt ... Herr Baillehache hat uns ein Auskunftsmittel erklärt, eine Art Lotterie: Mehrere tun sich zusammen, zahlen an ihn eine bestimmte Summe, dann losen sie untereinander, und wer die gute Nummer zieht, wird mit dem Gelde freigekauft.« »Dazu muß man reich sein!« warf die Große hin. Doch Bécu hatte zwischen zwei Partien ein Wort von diesem Gespräch aufgefangen: »Der Krieg! Blitz und Kanonen! der Krieg macht uns erst zu Männern!... Wer nicht dabei gewesen ist, weiß nichts ... Gelt, wenn sie alle so aufeinander dreinschlagen? Da unten bei den Braunen, denkst du noch daran?« Und er zwinkerte mit den Augen, während Jesus zustimmend nickte. Sie hatten beide den afrikanischen Krieg mitgemacht; der Feldhüter schon von den ersten Eroberungen an, der andere später zur Zeit der letzten Aufstände der Araber. Trotz dieser verschiedenen Zeiten waren ihre Erinnerungen dieselben: Beduinen, denen sie die Ohren abgeschnitten und sich daraus Kränze machten; Beduinenweiber mit ölbeschmierten Leibern, die man hinter den Hecken abfing und in allen Löchern »pfropfte«. Jesus pflegte besonders eine Geschichte gern zu erzählen, bei welcher die Bauern lachten, daß ihnen der Bauch wackelte: ein kugelrundes quabbliges Araberweib, gelb wie eine Zitrone, das sie splitternackt mit einer Tabakspfeife im Hintern durchs Dorf getrieben hatten. »Zum Henker auch!« rief Bécu zu Fanny hinüber. »Ihr wollt doch nicht aus Ernst ein Mädchen machen?... Mein Delphin muß Soldat werden; und was für einer!« Die Kinder hatten aufgehört zu spielen, Delphin hob den runden, kräftigen Kopf eines Burschen, der schon nach Erde roch. »Nein!« machte er eigensinnig. »Was sagst du? Ich werde dir Mut einbläuen, du schlechter Franzose du!« »Ich will nicht fort, ich will zu Hause bleiben!« Der Feldhüter hob die Hand, um seine Drohung wahr zu machen; doch Buteau hielt ihn zurück: »Laß doch das Kind in Ruh!... Er hat recht. Man wird auch ohne ihn fertig, es sind andere genug da ... Kommen wir etwa auf die Welt, um das Heim im Stich zu lassen und unsere Haut zu Markte zu tragen für allerhand Geschichten, die uns nichts angehen? Ich bin daheim geblieben, und es geht mir darum nicht schlechter.« In der Tat hatte er sich seinerzeit freigelost, war zu Haus geblieben, wie er sagte, kannte nichts als den flachen Horizont von Beauce bis nach Orleans und Chartres. Er bildete sich was darauf ein, gleichsam wie ein Baum auf seinem Heimatsboden aufgewachsen zu sein. Er hatte sich erhoben; die Frauen schauten ihn an. »Wenn sie vom Dienste heimkommen, sind sie alle so mager«, wagte Lise zu äußern. »Und Ihr, Korporal,« fragte Mutter Rose, »Ihr seid wohl weit herumgekommen?« Hans hatte schweigend zugehört. Langsam nahm er seine Pfeife aus dem Munde. »Ja, ziemlich weit ... Doch nicht bis zur Krim; ich sollte dort hinziehen, da wurde gerade Sebastopol eingenommen ... Aber später, in Italien ...« »Und wie ist Italien?« Die Frage schien ihn zu verblüffen; er zögerte, suchte in seinen Erinnerungen. »Na, Italien ist so wie hier bei uns. Es gibt Äcker, gibt Wälder und Flüsse ... Das ist überall dasselbe.« »Und seid Ihr im Feuer gewesen?« »Na ob!« Er sog wieder an seiner Pfeife, ohne sich zu beeilen, während Franziska in der Erwartung seiner Erzählung offenen Mundes zu ihm aufblickte. Alle waren neugierig: selbst die Große schien sich für die Geschichte zu interessieren; sie hieb von neuem mit ihrem Stecken auf den Tisch, um den greinenden Hilarion zur Ruhe zu bringen, den Dreckbatzen verstohlen mit einer Nadel in den Arm stach. »Bei Solferino ging's hitzig zu trotz des Regens; denn es regnete! Es goß wie mit Kannen ... Ich hatte nicht einen trockenen Faden am Leibe; das Wasser drang mir beim Nacken herein und floß bis in die Stiefel hinunter ... Ja, das können wir ohne Lug sagen, wir sind naß geworden.« Man wartete, doch er setzte nichts mehr hinzu: er hatte nichts anderes gesehen von der Schlacht als den Regen. Nach einem minutenlangen Schweigen begann er wieder in seiner bedächtigen Art: »Mein Gott, der Krieg ist nicht so schwer, wie man denkt ... Man zieht eine schlechte Nummer und rückt ein; jeder Mensch muß seine Pflicht tun. Ich bin nicht beim Militär geblieben, weil mir was anderes lieber ist; doch es hat wieder sein Gutes für den, welchen sein Gewerb' nicht freut und dem es keine Ruh' läßt, wenn der Feind ins Land kommt.« »Eine häßliche Einrichtung bei alledem«, meinte Fouan. »Jeder sollte sein eigen Hab und Gut verteidigen und nicht mehr.« Von neuem schwiegen alle. Es war sehr heiß geworden; eine feuchte, lebende Wärme, von dem starken Geruch der Streu durchsetzt, erfüllte den Raum. Eine der beiden Kühe entleerte sich, und man hörte das weiche gleichmäßige Klatschen der breiten Mistfladen. Aus dem finstern Gewirr der Dachbalken schrillte das melancholische Kri-Kri eines Heimchens herab; die fleißigen Hände der strickenden Frauen warfen seltsame Schattenbilder auf die Wand, wie wenn riesengroße Spinnen über das schwarze Gemäuer kletterte. Palmyre ergriff die Schere und putzte das Licht; doch sie schnitt den Docht so tief ab, daß er erlosch. Die Mädchen lachten; die Kinder trieben Hilarion eine Nadel in den Schenkel; zeternd kreischte der Narr auf. Glücklicherweise konnte an dem einem glühenden Pilze gleichenden Kerzendochte der Spieler die Kerze wieder angezündet werden; der Lärm verstummte. Palmyre verkroch sich zitternd wie ein Kind, das fürchtet, gezüchtigt zu werden. »Wer will uns etwas vorlesen?« fragte Fouan. »Korporal, Ihr müßt doch Gedrucktes sehr gut lesen können?« Er hatte ein kleines fettgegriffenes Buch hervorgezogen, eine jener bonopartistischen Parteischriften, mit denen die Regierung das Land überschwemmte. Es war ein heftiger Angriff gegen die alte Regierung, die Geschichte eines Bauern vor und nach der Revolution unter dem Titel: » Die Leiden und der Triumph des Hans Gutmann. « Hans nahm das Buch und begann, ohne sich bitten zu lassen, seinen Vortrag mit einer schülerhaft buchstabierenden Sprache ohne Interpunktion und Ton Wechsel. Andächtig hörten die anderen ihm zu. Zuerst berichtete die Geschichte von den freien Galliern, die von den Römern unterjocht und zu Sklaven gemacht wurden; danach kamen die Franken, eroberten das Land, und aus den Sklaven wurden Hörige. Und die lange Leidenszeit des Hans Gutmann brach an, die Leidenszeit des Landmannes, der von Jahrhundert zu Jahrhundert ausgebeutet, gequält, zu Tode gehetzt worden. Das Volk der Städte lehnte sich auf, bildete Gemeinden, erwarb das Bürgerrecht; der Bauer in seiner Vereinsamung, dem nichts zu eigen war, der sich selbst nicht einmal gehörte, gelangte erst später dazu, sich mit seinem Geld die Freiheit zu erkaufen. Welch eine Freiheit war das! Durch unmenschliche Lasten und Steuern wurde der Landmann ausgebeutet. So ungeheuerlich waren die Abgaben, so unerschwinglich, daß der Bauer, wenn seine schwieligen Hände das bißchen Grund und Boden festhalten wollten, fast verdammt war, von Kieselsteinen zu leben. Wie die Pilze wuchsen die an ihn gestellten Forderungen aus dem Boden; niemand wußte recht, woher sie kamen, und an wen alles gezahlt werden mußte; denn jeder nahm dem Landmann etwas: der König, der Bischof, der Grundherr hängten sich wie Blutegel an sein Fleisch und sogen ihn aus. Der König verlangte den Grundzins und die Steuer; der Bischof bekam den Zehnten; der Grundherr besteuerte alles, schlug Geld aus allem. Dem Bauer gehörte nichts zu eigen, weder das Land, noch das Wasser, noch das Feuer, noch selbst die Luft, die er atmete. Er mußte zahlen, zahlen, immer zahlen: für sein Leben, für seinen Tod, für seine Kontrakte, seine Herden, seinen Handel, sein Vergnügen. Er zahlte, um das Regenwasser aus den Gräben auf seinen Grund leiten zu dürfen; er zahlte den Staub, den seine Schafe im trockenen Sommer auf den Chausseen aufwirbelten. Wer nicht mit Geld zu zahlen vermochte, gab seinen Körper und seine Zeit her; leistete einen von dem Herrn und Gebieter willkürlich bemessenen Robotdienst; mußte für ihn pflügen, mähen, ernten, bestellte ihm die Weingärten, grub seine Schloßgräben, pflasterte die Straßen. Dann die Pflichtleistungen in Naturabgaben; dann die Zwangsgerechtigkeiten; der Mühlenzwang, der Backhauszwang, der Kelterzwang, bei deren jedem ein Viertel abgegeben werden mußte. Dann das Wachtrecht, das selbst zur Zeit, als es keine Warttürme mehr gab, noch immer in Geld erlegt wurde. Dann das Quartierrecht, das bei einer Durchreise des Königs oder des Grundherrn die Scheuern plünderte, die Matratzen und Decken aus den Betten riß, den Bewohner aus seinem eigenen Heim jagte, ihm vielleicht Fenster und Türen zertrümmerte, wenn er nicht flink genug das Feld räumte. Doch die am meisten gehaßte Besteuerung, deren Erinnerung noch heute in den Hütten nachgrollte, das war die infame Salzsteuer, jener nichtswürdige Erpressungsakt: jede Familie wurde zu einem bestimmten Salzverbrauch abgeschätzt und gezwungen, diese Menge den königlichen Speichern abzukaufen. »Mein Vater«, unterbrach Fouan das Lesen, »hat das Salz zu achtzehn Sous das Pfund gesehen. Das waren schwere Zeiten!« Jesus lachte in seinen Bart; er hätte gern jenes andere Herrenrecht zur Sprache gebracht, dessen das Buch nur mit einer verschämten Andeutung Erwähnung tat. »He!« rief er. »Und ... Ihr wißt schon ... wenn Hochzeit auf dem Lande war, kam der gnädige Herr und kroch in das Bett der jungen Frau ...« Man gebot ihm Schweigen. Die Mädchen, selbst die hochschwangere Lise waren rot geworden, während Dreckbatzen und die beiden Buben das Gesicht zur Erde bückten und die Faust vor die Lippen preßten, um nicht loszuplatzen. Hilarion starrte offenen Mundes drein, als habe er jede Silbe verstanden. Hans fuhr fort zu lesen. Jetzt kam er zur Gerichtsbarkeit, dieser dreifachen Rechtsgebarung des Königs, Bischofs und Grundherrn, welche den auf seiner Scholle schwitzenden Mann dreifach brandschatzte. Es gab das Gewohnheitsrecht, das geschriebene Recht und vor allem das Recht des Stärkeren, das Belieben der hohen Herren. Der Bauer besaß dem gegenüber keinen Schutz, hatte kein Einspruchsrecht gegen die Allmacht des Schwertes. Selbst in den späteren Jahrhunderten, als diesem Schalten Einhalt geboten, wurden die Justizämter an den Meistbietenden verschachert, und die Gerechtigkeit war käuflich. Besonders grausam äußerte sich der auf den Bauer geübte Druck bei den Rekrutierungen, dieser Blutsteuer, die lange Zeit hindurch ausschließlich von den kleinen Leuten auf dem Lande geleistet wurde. Sie entflohen in die Wälder; mit Kolbenstößen holte man sie heraus, führte sie in Ketten ab, als sollten sie auf die Galeere gebracht werden. Das Aufrücken in der Armee war ihnen vorenthalten. Irgendein Sohn aus »Familie« stand an der Spitze jedes Regiments und handelte damit wie mit einer Ware; er verkaufte die niederen Grade an die Meistzahlenden; den Rest seiner Menschenherde jagte er ins Feuer mit einer Sorglosigkeit und einer Nichtachtung des Lebens, als seien es Hammel. Endlich kam jenes Jagdrecht, das, obwohl in unseren Tagen abgeschafft, noch einen nachgärenden Haß in den Herzen der Landleute zurückgelassen hat. Die Jagd war die erbangestammte Leidenschaft, war das alte feudale Vorrecht, das dem Grundherrn erlaubte, überall zu jagen, und dagegen mit dem Tode den armen Teufel bestrafte, der sich die Keckheit unterfing, auf seinen Feldern einen Hasen zu töten. Die Vögel, die Tiere des Waldes wurden zum Vergnügen eines einzigen hohen Herrchens unter freiem Himmel gleichsam in Käfige gesteckt; das Land war in Jagdreviere geteilt, in denen das Wild Felder und Wälder schädigen durfte, ohne daß der Landmann auch nur die Erlaubnis hatte, einen Spatzen zu schießen. »Recht war's!« murmelte Bécu, der die Ansicht vertrat, man solle die Wilderer niederfeuern wie die Hasen. Doch Jesus, der bei der Rede von der Jagd aufgehorcht hatte, brummte spöttisch in seinen Bart, das Wild gehöre dem, der es zu erlegen wisse. »Mein Gott!« seufzte Rose bei diesen Worten. Allen ward das Herz schwer bei dieser Vorlesung. Sie verstanden nicht alles, und das vermehrte ihr Unbehagen. Wie Spuk- und Gespenstergeschichten drückten die traurigen Erinnerungen auf ihr Gemüt: wenn das früher so gewesen, konnte es vielleicht wiederkehren?« »Geduld, armer Hans Gutmann,« buchstabierte Hans weiter, »gib deinen Schweiß, gib dein Blut her; du hast noch lange nicht ausgelitten ...« Jetzt begann der Bericht von dem eigentlichen Golgatha des Bauers, die Aufzählung all seiner Leiden. In der Feudalherrschaft, wenn die Edelleute auf Beute auszogen, wurde er verfolgt, gehetzt und als Gefangener mit fortgeschleppt. Unter jeder Privatfehde zwischen zwei Herren mußte der Bauer leiden; kam er nicht ums Leben, so brannten sie ihm wenigstens die Hütte nieder und verheerten seinen Acker. Später kamen die großen Kriegerrotten, die gefährlichste Geißel des Landbesitzers: Banden von Abenteurern, die bald für, bald gegen Frankreich angeworben, mit Feuer und Schwert durchs Land zogen und nichts als die nackten Felder übrig ließen. Wenn die Städte sich dank ihrer Mauern gegen diese Mordbrenner schützen konnten, das flache Land war ihnen preisgegeben; durch ganze Jahrhunderte, deren Andenken in der Geschichte mit Blutflecken gezeichnet ist, wimmerte der Klageschrei des mißhandelten Bauernvolkes: Weiber wurden geschändet, Kinder erwürgt, Männer an den Wegen aufgeknüpft. Verstummte der Waffenlärm, so erschienen die Einnehmer des Königs und schröpften die Armen. Die Lasten der regelrechten Steuern galten wie nichts gegenüber den phantastischen, willkürlich verlangten Abgaben, welche diese offiziellen Räuber gleich Kriegssteuern mit der Waffe in der Faust erpreßten. Nur ein Teil von diesem Gelde gelangte bis in den Staatssäckel; jeder dieser Plünderer behielt davon, und es wurde immer weniger, durch je mehr Hände es wanderte. Dann die Jahre der Teuerung. Die kurzsichtige drückende Herrschaft der Gesetze lähmte den Handel und verhinderte den freien Verkauf des Getreides, so daß fast alle zehn Jahre infolge zu großer Dürre oder zu langer Regenzeit gleich einem Gottesgericht eine furchtbare Hungersnot hereinbrach. Ein Wolkenbruch, der die Fluren überschwemmte, ein trockenes Frühjahr, jede Regenwolke, jeder Sonnenstrahl, der eine Ernte verdarb, nahm ganzen Landstrichen das tägliche Brot, zwang das hungernde Volk, das Kraut in den Gräben zu verschlingen gleich den Tieren, raffte Tausende von Menschenleben dahin. Nach den Kriegen, nach den Hungerjahren kamen in natürlichem Gefolge die Krankheiten und töteten alle, die das Schwert und der Hunger verschont hatten. Aus der Unreinlichkeit und Dummheit des Volkes stand das Gespenst der Blattern und der Pestseuche auf und riß mit seiner furchtbaren Sense das verkommene, bleiche Geschlecht der Landleute hinweg. Wenn das Leid zu schrecklich ward, empörte sich Hans Gutmann. Jahrhunderte voll Furcht und Ergebung lagen hinter ihm; seine Schultern waren so hart von all den Schlägen des Schicksals, sein Herz war so mürbe geworden, daß er seine Erniedrigung nicht mehr fühlte. Man konnte lange nach ihm schlagen, konnte ihn aushungern, ihm Habe und Gut rauben, ohne daß ihn seine ruhige Ergebenheit verließ, diese tierstumpfe Gleichgültigkeit, die über allerhand unverstandene Dinge nachzugrübeln schien. Bis endlich eine letzte Ungerechtigkeit, ein letzter übermäßiger Schmerz ihn emporriß: er sprang seinem Herrn an die Kehle wie ein zu lang gequältes Haustier, das plötzlich wütend geworden. Immer wieder von Jahrhundert zu Jahrhundert macht sich so die Verzweiflung in einer Gewalttat Luft: wenn Hans Gutmann sich kein Heil mehr weiß wie den Tod, greift er zu Heugabel und Sense und zieht in den Bauernkrieg. So entstanden die christlichen Bagauden in Gallien, die »Hirten« zur Zeit der Kreuzzüge, später die »Hungrigen« und die »Barfüßigen«, die alle gegen die Edlen und gegen die Soldaten des Königs ins Feld zogen. Wird ihr Schmerzens- und Rachegebrüll nach vierhundert Jahren noch einmal über die wüsten Fluren donnern? Wird es noch einmal den Herren in ihren Schlössern das Mark in den Gebeinen erstarren? Wie, wenn sie, die in der Mehrheit sind, wieder aufständen und ihren Anteil an den Genüssen des Lebens forderten? Wenn wieder wie einst die halbnackten Burschen in ihren Lumpen daherstürmten, wild, toll in unbezähmbarem Verlangen, sengend, mordend, Weiber schändend, wie man es ihnen getan? »Dämpfe deinen Zorn, Mann des Feldes,« las Hans weiter, »denn bald rückt heran die Stunde deines Triumphes auf dem Zifferblatt der Geschichte ...« Buteau zuckte verächtlich die Achseln: ein schöner Unsinn, sich empören! Ja, ja, damit die Gendarmen einen einstecken! Auch die anderen horchten, seit das kleine Buch ihnen die Aufstände ihrer Vorfahren erzählte, mit niedergeschlagenen Blicken, unbeweglich und voll Mißtrauen, obgleich kein Fremder zugegen war. Das waren Dinge, über die es nicht klug schien zu reden; niemand brauchte zu wissen, was sie darüber dachten. Nur Jeses rief plötzlich, er werde, wenn's wieder losgehe, verschiedenen den Kragen umdrehen; doch Bécu fiel ihm heftig ins Wort, indem er erklärte, alle Republikaner seien Schweinehunde. Feierlich aber, mit dem düstern Ernst eines alten Mannes, der gar viel erlebt hat und mehr weiß, als er sagen will, gebot Fouan ihnen Schweigen. Die Frauen schienen emsiger mit ihren Strickereien beschäftigt; nur die Große äußerte, ohne daß man recht den Zusammenhang begriff: »Was man hat, hält man fest!« Franziska aber hatte ihre Handarbeit aufs Knie gleiten lassen und blickte unverwandt den Korporal an, erstaunt, daß er so lange fehlerlos lesen konnte. »Oh, mein Gott! Oh, mein Gott!« wiederholte Rose mit einem noch bangeren Seufzer. Aber der Ton des Buches veränderte sich jetzt; es begann in wortreichen Redensarten die Revolution zu feiern. Dort, in den Ereignissen von 1789 triumphierte Hans Gutmann. Nach der Erstürmung der Bastille, während die Bauern die Schlösser einäscherten, bekräftigte die Nacht des 4. August die Errungenschaften der Jahrhunderte, indem sie die Freiheit des Menschen und die bürgerliche Gleichheit festsetzte. »In einer Nacht ward der Bauer ebenbürtig gemacht dem Grundherrn, der kraft seiner Pergamente sich mit dem Schweiße des Landmannes gemästet und ihm den Lohn seiner Arbeit geraubt hatte.« Abschaffung der Hörigkeit, Vernichtung aller Vorrechte des Adelstandes, Aufhören der geistlichen und herrschaftlichen Gerichtsbarkeit, Steuergleichheit, Zugänglichkeit zu allen Zivil- und Militärämtern für jeden Bürger ... so fuhr die Aufzählung fort. Alles Erdenleid schien verschwunden; ein neues goldenes Zeitalter brach an für den Landmann, dem eine ganze Seite des Büchleins Weihrauch streute, ihn den König, den Ernährer der Menschheit nennend. »Er ist die wichtigste Säule der Gesellschaft, die vor seinem heiligen Pflug niederknien sollte« ... Danach wurden die Schrecken von 1793 in flammenden Worten gebrandmarkt, und das Heft schloß mit einer überschwenglichen Lobschrift auf Napoleon, »den Sohn der Revolution«, der es verstanden, sie zu retten »aus den Irrwegen toller Leidenschaften, um das Glück des Landmannes zu gründen.« »Das ist wahr!« rief Bécu, während Hans das letzte Blatt umschlug. »Ja, das ist wahr«, bestätigte Papa Fouan. »Wir haben gute Tage erlebt zur Zeit, als ich noch jung war... Ich, wie ihr mich da seht, hab' einmal Napoleon gesehen. Es war in Chartres, ich zählte zwanzig Jahre ... Man war frei, man besaß Grund und Boden; es schien alles so schön! Ich erinnere mich, wie mein Vater einmal sagte: er säe Sous und ernte Taler ... Dann kam Ludwig XVIII., Karl X., Ludwig-Philipp. Es ging immer noch an; man hatte zu essen, man konnte sich nicht beklagen ... Jetzt haben wir Napoleon den Dritten; es war noch nicht zu schlecht das letzte Jahr ... Allein ...« Er wollte den Schluß bei sich behalten; doch die Worte entschlüpften ihm wider Willen. »Allein was hat all ihre Freiheit und Gleichheit uns genützt, der Rose und mir? ... Sind wir nach fünfzigjähriger Schinderei dadurch fetter geworden?« In wenigen, stockend und mühsam hervorgebrachten Worten gab er unbewußt seine ganze Geschichte: Er sprach von der Erde, die sie so lange für den Grundherrn bearbeitet gleichsam unter der Knute und in der nackten Besitzlosigkeit des Sklaven, der nichts sein nennt, nicht einmal seine Haut; von der Erde, die er mit seinem Fleiße befruchtet und so leidenschaftlich geliebt und ersehnt während dieser ununterbrochenen Gemeinschaft, gleichwie man liebt und begehrt das Weib eines andern, das man wohl pflegt, hütet und doch nicht besitzen darf; von der Erde, die er nach dieser Jahrhunderte alten Qual unbefriedigter Begier endlich erobert, endlich sein genannt, sein Ding, sein eigen, die einzige Freude, den Zweck seines Daseins. Dieses hundertjährige, nach so langem Harren gestillte Verlangen erklärte seine Liebe zu dem Stück Feld, das er sein nannte; erklärte diesen Besitzhunger, der ihn so viel wie möglich erwerben hieß, diese Sammlerleidenschaft für den feuchten Erdenkloß, den man vom Boden aufliest und in der hohlen Hand wägt. Und doch, wie gefühllos und wie undankbar ist die Erde! Mochte man sie noch so heiß lieben: sie fühlte nichts, erwärmte sich nicht, brachte darum kein Korn mehr hervor. Zu lange Regen verdarben die Saat, Hagelwetter vernichtete das jung sprossende Getreide, der Sturm knickte die Halme, zwei trockene Monate genügten, um die Ähren auszudörren. Dann die schädlichen Insekten, welche die Pflanzen benagen; die Fröste, die den treibenden Keim abtöten; die Viehseuchen, wucherndes Unkraut, alles trug zum Verderben bei, es war ein nie ruhender Kampf um die Daseinsfrage. Gewiß hatte der Alte seine Kräfte nicht geschont; mit beiden Fäusten arbeitete er darauflos, verzweifelt und wütend, daß seine Arbeit nicht genügen wollte. Die Muskel seines Körpers waren vertrocknet, er hatte all seine Kraft der Erde gewidmet, die ihn kaum ernährt und ihn jetzt elend, unbefriedigt, als einen ohnmächtigen Greis beiseite schob und in die Hände eines andern Mannes überging ohne Erbarmen für seine alten Knochen, auf die sie wartet. »Das ist das Leben!« fuhr der Alte fort. »In der Jugend schindet man sich die Haut von den Knochen, und wenn man endlich mit elender Mühe so weit gelangt, daß man allenfalls bestehen kann, ist man alt und muß heimgehen ... Nicht wahr, Rose?« Die Mutter nickte mit ihrem wackelnden Kopf. 0, du großer Gott, ja! sie hatte gearbeitet; gewiß mehr noch gearbeitet als ein Mann! Frühmorgens war sie die erste auf, kochte die Suppe, kehrte, scheuerte, rackerte sich ab mit der Kuh, mit dem Schwein, am Backtrog; und erst, wenn alle schon schliefen, kam auch sie zur Ruhe. Sie mußte gut gebaut sein, um es zu überstehen. Und ihr einziger Lohn war, daß sie das Leben gehabt. Man wird runzlig und muß sich glücklich schätzen, wenn, nachdem man jeden Liard in vier Stücke geschnitten, nachdem man sich ohne Licht schlafen gelegt, mit Wasser und Brot ernährt hat, soviel zusammengescharrt ist, daß man in seinen alten Tagen wenigstens nicht Hungers sterben braucht. »Und doch,« hub Fouan wieder an, »wir dürfen uns nicht beklagen. Ich hab' von Gegenden gehört, wo der Boden eine Viehsmühe macht. So haben sie in der Perche nichts als Steine ... In der Beauce ist der Boden wenigstens weich, er verlangt nur ordentliche und fortgesetzte Bearbeitung ... Aber so wie früher ist er heute nicht mehr; Äcker, auf denen man einst zwanzig Hektoliter erntete, geben nur noch fünfzehn ... Und der Preis des Hektoliters ist seit einem Jahre heruntergegangen; man erzählt, daß aus dem Land der Wilden Getreide eingeführt wird; es liegt etwas Übles in der Luft, sie nennen's eine Krise ... Das Unglück stirbt nicht aus, und ihr allgemeines Stimmrecht tut uns kein Fleisch in den Suppentopf. Die Grundsteuer drückt, unsere Söhne müssen zum Militär und in den Krieg ... Und wenn sie noch soviel Revolutionen machen, es ist immer Jacke wie Hose, der Bauer bleibt der Bauer.« Hans wartete ruhig, bis der Alte ausgeredet; als alles schwieg, las er ruhig weiter: »Glücklicher Landmann, bleib bei deinen Feldern! Geh nicht in die Stadt, wo du alles kaufen mußt, Milch, Fleisch, Gemüse; wo dich allerhand Gelegenheiten verführen, mehr auszugeben, als not tut. Hast du in deinem Dorfe nicht Luft und Sonne, eine gesunde Arbeit und ehrbare Vergnügungen? Das Landleben kennt nicht seinesgleichen; du besitzest das wahre, echte Glück, fern von dem goldenen Flitter der Städte; ein Glück, um das dich der Arbeiter in der Stadt beneidet, denn er kommt heraus und feiert seine Festtage in deinen Fluren. Selbst der Bürger hat nur ein Sehnen, sich einmal aufs Land zurückzuziehen; dort, wo du weilst, träumt er glücklich zu sein, Blumen zu pflücken, die Früchte frisch von den Bäumen zu verzehren und sich im Grünen zu tummeln. Glaub' eines, Hans Gutmann: das Geld ist nur Schaum! Wenn du den Frieden in deinem Herzen besitzest, bist du ein reicher Mann.« Seine Stimme wurde weich; diese Bilder ländlichen Glückes rührten den in der Stadt aufgewachsenen jungen Menschen; er hatte Mühe, seine Bewegung zu unterdrücken. Die anderen blieben finster. Die Frauen hielten den Kopf auf ihre Arbeit gebeugt; die Männer schauten mürrisch drein. Wollte das Buch sie zum besten halten? Das Geld allein hat einen Wert, und sie besaßen keines! Es entstand ein düsteres Schweigen, in welchem das Leid und der Groll dieser Menschen sich barg. Hans unterbrach das Unbehagen dieser Pause: »Bei alledem würde es vielleicht besser gehen, wenn man sich unterrichtete ... Wenn die Alten früher so unglücklich waren, kam es von ihrer Unwissenheit. Heute weiß man schon manches, und es geht unbedingt etwas weniger schlecht. Also man müßte trachten, recht ordentlich zu lernen; müßte Schulen haben, in denen gelehrt würde, das Land zu bebauen mit den Fortschritten, die es gibt ...« Aber Fouan fiel ihm heftig in die Rede; der in altem Brauch und Herkommen eingewöhnte Sinn des Greises verlangte zum Wort. »Laßt uns doch in Ruh' mit eurer Wissenschaft! Je mehr man weiß, um so schlechter geht's. Ich sag' euch ja, daß die Erde vor fünfzig Jahren mehr trug als heute. Es ärgert sie, wenn man sie quält; sie bringt nicht mehr hervor, als sie eben will. Schaut doch hin, ob Herr Hourdequin nicht Geld verloren hat, soviel er schwer ist, mit all den neuen Erfindungen ... Nein! nein! Es ist nun mal nicht anders: der Bauer bleibt der Bauer!« Es schlug zehn Uhr, als der Alte mit diesem Wort wie mit einem wuchtigen Hieb die Unterhaltung abschloß. Rose erhob sich, um den üblichen Imbiß zu Allerheiligen zu holen: einen Topf Kastanien, die sie in der Asche des Küchenherdes warm gestellt hatte. Sie brachte auch zwei Liter weißen Wein, damit das Fest vollständig sei. Die Geschichten wurden vergessen, man ward guten Mutes; Zähne und Nägel arbeiteten, um die noch rauchenden Kastanien aus ihrer Schale zu lösen. Die Große hatte sofort ihren Anteil in die Tasche gesteckt, weil sie langsamer aß als die anderen. Bécu und ebenso Jesus warfen sich die mehlige Frucht, wie sie war, in den Rachen und verschlangen sie mit der holzigen Hülse. Palmyre hingegen schälte sie mit besonderer Sorgfalt ab und steckte sie dem Hilarion eine nach der anderen in den Mund, wie man eine Gans stopft. Die Kinder wieder »machten Wurst«: Dreckbatzen biß ein kleines Loch in die Schale der Kastanien und preßte dann die Frucht in einem dünnen Strahl hervor, den Ernst und Delphin ableckten. Das war sehr schön; Lise und Franziska entschlossen sich, es ebenso zu machen. Noch einmal wurde das Licht geputzt; dann stießen alle auf gute Freundschaft miteinander an. Es war sehr heiß geworden; ein rötlicher Dampf stieg aus der Mist jauche auf; das Heimchen schrillte noch lauter in dem von den Schatten der Versammelten belebten Sparrenwerk des Daches. Damit auch die Kühe an dem Feste teilnahmen, warf man ihnen die Schalen hin, die sie mit einem regelmäßigen, leisen Geräusch zermalmten. Endlich begann um halb elf Uhr der Aufbruch. Zuerst führte Fanny ihren Sohn Ernst nach Hause. Dann taumelten Jesus und Bécu hinaus und begannen, wie die Kälte der Nacht wieder ihren Rausch aufweckte, sich von neuem zu streiten, während die Kinder der Trunkenbolde, Dreckbatzen und Delphin, jedes seinen Vater unterstützte und vorwärts schob, ihn gleich einem widerspenstigen Tiere, das nicht in seinen Stall will, heimsteuerte. Jedesmal wenn die Tür sich öffnete, drang ein eisiger Hauch von den beschneiten Feldern herein. Die Große beeilte sich nicht. Langsam knüpfte sie ihr Tuch um den Hals; ohne einen Blick auf Palmyre und Hilarion zu werfen, die, in ihren Lumpen vor Frost zitternd, das Weite suchten, zog die Alte ihre Halbhandschuhe an. Endlich ging sie; man hörte, wie sie in ihrem Hause nebenan mit heftigem Schlag die Fensterläden schloß. Auch Franziska und Lise rüsteten sich zum Heimgang. »Sagt, Korporal,« bat Fouan, Ihr begleitet die beiden wohl? Es ist ja auf Eurem Weg.« Hans nickte zustimmend, während die Mädchen sich in ihre Tücher hüllten. Buteau erhob sich; mit einem starren, grübelnden Gesichtsausdruck durchmaß er den Stall von einem Ende zum andern. Seit der Vorlesung hatte er nicht mehr den Mund geöffnet; diese Geschichte von dem in so schweren Kämpfen errungenen Landbesitz nahm sein Sinnen gefangen. Warum konnte er nicht alles sein nennen? Der Gedanke an eine Teilung schien ihm unerträglich. Noch andere, verworrene und unklare Gedanken arbeiteten hinter seiner finstern Stirn; es war Zorn, Stolz, der Eigensinn, der nicht das einmal Gesagte widerrufen wollte; es war die heftige Begier nach dem väterlichen Gute, eine Begier, die nach Befriedigung dürstete und doch wieder zurückgedämmt wurde von der Furcht, übervorteilt zu werden. Plötzlich schien er einen Entschluß gefaßt zu haben. »Ich leg 'mich schlafen. Lebt wohl!« »Was heißt ›Lebt wohl!‹?« »Ja, ich geh' vor Tagesanbruch nach der Chamade zurück ... Lebt wohl! Wir werden uns vorher nicht mehr wiedersehen.« Vater und Mutter pflanzten sich nebeneinander vor ihm auf: »Und dein Anteil?« fragte Fouan. »Nimmst du ihn?« »Nein!« Die ganze Gestalt des greisen Bauers begann zu zittern; seine alte Autorität fand noch einmal einen laut tönenden Ausdruck: »Es ist gut, du bist ein schlechter Sohn ... Ich werde deinem Bruder und deiner Schwester ihr Teil geben; das deinige verpachte ich ihnen und richte es so ein, daß sie es nach meinem Tode behalten. Du bekommst nichts ... Geh!« Buteaus starrköpfiger Sinn beugte sich nicht. Jetzt versuchte Rose ihm zu Herzen zu sprechen: »Aber wir lieben dich gerade so wie unsere anderen Kinder, du Tor! ... Du trotzest gegen deinen eigenen Vorteil. Nimm doch, was man dir gibt!« »Nein!« Er verschwand. Draußen schritten Lise und Franziska unter dem Eindrucke dieser Szene stillschweigend dahin. Sie hielten sich wieder bei der Taille umschlungen; so wandelten sie in die bläulich schimmernde Winternacht. Hans, der ihnen folgte, hörte sie weinen. Er versuchte, ihnen Mut zuzusprechen. »Laßt! Er wird sich's überlegen, morgen willigt er ein.« »Ihr kennt ihn nicht«, rief Liese. »Er läßt sich lieber in Stücke zerschneiden, ehe er nachgibt ... Nein, nein, es ist alles aus!« Mit gebrochener Stimme setzte sie hinzu: »Was werde ich nun mit seinem Kinde anfangen?« »Das Kind muß heraus«, sagte Franziska. Darüber lachten sie. Aber sie waren zu traurig, und von neuem brachen die Geschwister in Tränen aus. Hans geleitete sie bis zu ihrer Tür, dann setzte er querfeldein seinen Weg fort. Es schneite nicht mehr, der Himmel war klar und hell; ein Meer von Sternen leuchtete am Himmel; ein bläulicher kristallheller Schein verklärte die Nacht. Die Beauce weitete sich bis zum Horizont; ein schattenloser, grellweißer Plan wie ein Eismeer. Nicht ein Windhauch zog über die Ebene; kein Geräusch als der hämmernde Schritt des Wanderers auf dem harten Boden. Eine tiefe Ruhe umgab ihn, ein hehrer Friede durchatmete den starren Frost. Die traurigen Dinge, die er gelesen, durchwühlten ihm das Hirn; er nahm seine Mütze ab, um sich zu erfrischen. Ein drückender Schmerz beschwerte sein Haupt; er empfand das Bedürfnis, an nichts mehr zu denken. Doch die Erinnerung an das schwangere Mädchen und ihre Schwester lastete immerfort wie eine Bürde auf seinem Sinn. Seine groben Schuhe hallten Schritt um Schritt. Eine Sternschnuppe löste sich aus dem flimmernden Deckengewölbe der Flur, ein gleitender Lichtstreif, der lautlos erlosch. Dort drüben lag die Borderie, eine leichte Hügelung, die kaum die weiße Matte überragte. Als Hans in den Seitensteg einbog, erinnerte er sich, wie er hier vor wenigen Tagen den Roggen gesät; er blickte nach links: dort schlummerte die Saat unter dem schneeigen Bahrtuch. Wie Hermelin so duftig leicht deckte es den Boden; jede Furche des Ackers zeichnete sich darunter ab: die erstarrten Gliedmaßen der toten Erde. Wie schön mochte das Saatkorn dort schlummern! Welch kühle Ruhe in diesem schneeumhüllten Bette bis zu dem lauen Morgen, wenn die Sonne des Frühlings es wieder zum Leben erweckt. Zweiter Teil. Erstes Kapitel. Es war vier Uhr, kaum dämmerte der Tag; der erste rosige Maimorgen brach an. Die Gebäude der Borderie schlummerten noch schattenumhüllt unter dem lichter sich tönenden Firmament. Rechts begrenzten den großen viereckigen Hof die Scheunen; in der Mitte streckte sich die Schäferei; links lagen der Kuh- und Pferdestall und das Wohnhaus; die vierte Seite schloß das verriegelte Tor. Auf dem Misthaufen stand ganz allein ein großer, gelbgefiederter Hahn und schmetterte sein hell tönendes »Wach auf!« Ein zweiter Hahn antwortete, dann ein dritter. Von Hof zu Hof lockte das Echo; von einem Ende der Beauce zum anderen krähte der Weckruf. Diese Nacht hatte Hourdequin wie fast allnächtlich Jacqueline in ihrer Kammer aufgesucht, einem kleinen Dienstbotenstübchen, das sie mit einer blumengemusterten Tapete, Kattunvorhängen und Mahagonimöbeln ausstaffierte. Trotz ihrer wachsenden Macht war sie nämlich jedesmal auf energischen Widerstand gestoßen, wenn sie verlangte, mit ihrem Herrn das Ehezimmer, das Gemach seiner verstorbenen Frau, zu teilen, das er mit einer letzten Achtung verteidigte. Seine Weigerung verletzte sie aufs höchste; sie begriff, daß sie nicht die wirkliche Herrin sei, bevor sie in dem alten, rotverhangenen eichenen Bett schlafe. Bei Tagesanbruch erwachte Jacqueline und starrte, auf dem Rücken liegend, zur Decke empor; während der Besitzer an ihrer Seite fortfuhr zu schnarchen. Die Wärme des Bettes erregte die Sinne der kleinen Frau; ein Frösteln schwellte die nackten Glieder einer zarten, hübschen Frau. Sie zögerte einen Augenblick; dann plötzlich kletterte sie über ihren Gebieter hinweg aus der Bettstatt und warf mit fieberhafter Hast einen Rock über ihr Hemd. Aber sie stieß an einen Stuhl; Hourdequin erwachte. »Du kleidest dich schon an ... Wohin gehst du?« »Ich bin besorgt um das Brot; ich will in der Backstube nachschauen.« Halb wieder entschlummert, lallte er ein paar Worte. Dieser Vorwand verblüffte ihn; was hatte sie jetzt nach dem Brote zu sehen? Sonderbarer Gedanke! Der Schlaf wollte seiner Herr werden; doch ein Verdacht riß den Mann jählings von seinem Lager empor. Sie war verschwunden. Sein schlaftrunkener Blick irrte durch diese Mägdekammer, in der seine Pantoffel, seine Pfeife, sein Rasiermesser lagen. Hatte ein plötzliches Gelüst dieses Weib wieder zu einem der Knechte entführt? Er brauchte zwei volle Minuten, um seine Gedanken zu sammeln. Sein ganzes Leben flog an seinem Geiste vorüber. Sein Vater, Isidor Hourdequin, war der Nachkomme einer alten Bauernfamilie von Cloyes, die sich im sechzehnten Jahrhundert zum Bürgerstand erhoben hatte. Seit jener Zeit waren allerhand Ämter des Salzsteueramtes in den Händen der Hourdequins gewesen; der eine war Speichermeister in Chartres, ein anderer Kontrolleur in Chateaudun. Isidor, der früh verwaist war, besaß an sechzigtausend Franken Vermögen, als die Revolution ihn um sein Amt brachte; er faßte den Entschluß, sich zu bereichern an dem Raub dieser »diebischen« Republikaner, welche das Nationalgut versteigerten. Er kannte die Gegend um Rognes sehr genau, sah, daß die Gelegenheit günstig war, und erstand um dreißigtausend Franken, das heißt, um den fünften Teil ihres Wertes, die von der einstigen Besitzung Rognes-Bouqueval übrig gebliebenen hundertfünfzig Hektar Land. Nicht ein einziger Bauer hatte damals sein Geld wagen wollen, nur Bürger, Finanzleute und findige Beamten zogen aus der revolutionären Maßnahme Vorteil. Übrigens war der Kauf Isidors eine einfache Spekulation gewesen. Er beabsichtigte keineswegs, sich ein Gut aufzubürden, sondern dachte vielmehr, die erworbenen Ländereien, sobald die politischen Unruhen beendet seien, wieder zu veräußern und so sein Geld zu verfünffachen. Doch es kam das Direktorium; die Minderbewertung des Grund und Bodens hielt an, und es ward ihm unmöglich, mit dem erhofften Gewinst zu verkaufen. Er wurde der Gefangene seines Grundstücks, und da er sich nicht dazu verstehen konnte, den Plan aufzugeben, mit ihm ein Vermögen zu machen, so blieb ihm nichts übrig als zu versuchen, dieses Ziel durch Bewirtschaftung seines Gutes zu erreichen. Er heiratete damals die Tochter eines benachbarten Gutsbesitzers, die ihm fünfzig Hektar mitbrachte. So besaß er zweihundert, und der Bürger, dessen Familie seit drei Jahrhunderten dem Bauernstande entwachsen, ward der Bodenbebauung zurückgegeben; der großen Bebauung diesmal, der Aristokratie des Grundbesitzes, die an die Stelle der einst gewaltigen Feudalmacht getreten war. Alexander Hourdequin –Isidors einziger Sohn –wurde im Jahre 1804 geboren. Er machte höchst mittelmäßige Fortschritte auf der Schule zu Chateaudun. Die Landwirtschaft interessierte ihn mehr, er zog es vor, seinem Vater zu helfen, und durchkreuzte so die Pläne des Alten, der, als die Verwirklichung seiner Träume vom großen Geldgewinne auf sich warten ließ, seinen Besitz am liebsten veräußert und den Sohn in eine gelehrte Laufbahn hätte eintreten sehen. Alexander zählte zwanzig Jahre, als sein Vater starb und er der Herr der Borderie wurde. Er war Anhänger der modernen Bodenbebauung. Als er ein Weib wählte, suchte er nicht durch ihre Morgengabe seinen Grundbesitz zu erweitern, sondern war vielmehr darauf bedacht, Geld zu erheiraten; denn er lebte der Überzeugung, nur der Mangel ausreichender Kapitalien sei schuld, daß die Borderie nicht genügend einbringe. Er fand die erwünschte Mitgift bei der Schwester des Notars Baillehache, einem fünf Jahre älteren, häßlichen, doch sanften Mädchen, das ihm fünfzigtausend Franken mitbrachte. Jetzt begann zwischen ihm und seinen zweihundert Hektaren eine jede Jahreszeit, jeden Tag erneuertes Ringen, das mit Vorsicht in Szene gesetzt wurde, ihn dann in der leidenschaftlichen Aufregung seiner Mißerfolge immer weiter hineinriß und ihm dabei, ohne ihn zu bereichern, wenigstens gestattete, das üppige Leben zu führen, das diesem lebensfrohen Mann, der sich keinen Genuß versagen mochte, Bedürfnis war. Seit einigen Jahren ging es ihm weniger gut. Seine Frau hatte ihm zwei Kinder geschenkt, einen Sohn, der nichts vom Landleben wissen wollte, Soldat wurde und nach Solferino zum Hauptmann ernannt ward; und eine Tochter, ein reizendes, zartes Kind, das er leidenschaftlich liebte, und dem einst die Borderie als Erbteil zufallen sollte. Im Zeitraume von zwei Monaten verlor er Frau und Tochter. Das war ein furchtbarer Schlag für ihn. Der Sohn ließ sich nur alljährlich einmal bei ihm sehen; sein Leben war plötzlich vereinsamt; das tröstende Bewußtsein, für seine Nachkommen zu schaffen, ward ihm genommen. Doch wenn auch der Schmerz darüber an ihm zehrte, ließ er sich nichts merken. Während die Bauern über seine Maschinen spotteten und den Untergang des Bürgers herbeisehnten, der sich unterfing, in ihr Handwerk zu pfuschen, arbeitete er unentwegt weiter. Es blieb ihm auch nichts anderes übrig. Er war mehr und mehr an seine Scholle gefesselt; die jahrelange Arbeit, das vollkommen von seinem Besitztum verschlungene Barvermögen zogen die Grenzraine der Borderie wie Gefängnismauern um ihn zusammen; nur eine Katastrophe hätte noch vermocht, ihn daraus zu befreien. Hourdequin mit seinen breiten Schultern, mit dem hochgeröteten Gesicht, mit dieser mächtigen Gestalt, an der nur die kleinen Hände an das bürgerliche Leben seiner Vorfahren erinnerten, war schon bei Lebzeiten seiner Frau seinen Dienerinnen gegenüber ein harter Herr gewesen. Alle waren ihm tributpflichtig und dies ohne weitere Folgen wie eine natürliche, selbstverständliche Sache. Die Töchter armer Bauern, welche die Eltern in die benachbarten Städte schicken, um die Näherei zu erlernen, mögen bisweilen rein bleiben; die anderen, die auf den Pachthöfen arbeiten, verfallen ausnahmslos den Knechten oder dem Herrn. Frau Hourdequin lebte noch, als Jacqueline aus Mitleid in der Borderie Aufnahme fand; denn der alte Cognet, ein ausgepichter Saufbold, prügelte das Kind so umbarmherzig und gab ihm so schmale Kost, daß es buchstäblich verkam, und die Knochen des zum Gerippe abgemagerten Geschöpfes durch seine Lumpen blickten. Dabei schien sie so häßlich, daß die Knaben sie verhöhnten. Mit achtzehn Jahren sah sie noch einem zwölfjährigen Kinde gleich. Sie mußte damals der Magd zur Hand gehen, wurde zum Geschirrwaschen, beim Stallreinigen, auf dem Hof, kurz bei allerhand niedriger Arbeit verwendet, wobei sie noch unansehnlicher und schmieriger ward, als sie gewesen. Erst nach dem Tode der Hausfrau fing sie an, sich etwas herauszumustern. Damals schon gehörte sie allen Knechten der Borderie; ja selbst jedem Fremden, der auf das Gut kam, fiel sie in die Hände. Als sie eines Tages den Herrn in den Keller begleiten mußte, wandelte auch diesen die Laune an, einmal das bisher verschmähte, unansehnliche Ding besitzen zu wollen. Sie aber verteidigte sich heftig gegen diesen Angriff, kratzte und biß; Herr Hourdequin war genötigt, das Feld zu räumen; mit jenem Tage war das Glück der Kleinen besiegelt. Sechs Monate lang leistete sie ihrem Gebieter Widerstand und ließ sich dann nach und nach jeden Fleck ihres Körpers von ihm abbetteln. Inzwischen gelangte sie vom Hof in die Küche als wirkliche Magd, nahm dann ein Kind, das ihr die groben Arbeiten abnehmen mußte, und endlich eine Untermagd zu ihrer persönlichen Bedienung. Jetzt entwickelte sich aus dem unscheinbaren Mädchen eine schlanke Brünette mit feinen, hübschen Gesichtszügen, einer drallen Brust und elastischen, wohlgeformten Gliedmaßen. Sie war kokett und liebte besonders, für wohlriechende Wasser viel Geld zu verschwenden, ohne daß sie darum ihre einstige Unsauberkeit vollkommen abgelegt hätte. Die Leute von Rognes und die Grundbesitzer der Umgegend verwunderten sich über dies Abenteuer, wollten nicht begreifen, wie ein so reicher Mann sich in solch eine winzige Person, die nicht einmal rund und schön war, vergaffen konnte; in die Cognette, die Tochter Cognets, des alten Säufers, den man seit zwanzig Jahren auf den Chausseen die Steine klopfen sah. Ein prächtiger Schwiegervater das und eine famose Dirne! Die Bauern begriffen nicht einmal, daß diese »Dirne« ihre Rache war, die Vergeltung des Dorfes dem Gute gegenüber, des armen Ackermannes gegenüber dem reichen Bürger, der sich zum Großgrundbesitzer gemacht. In dem kritischen Alter des Fünfzigers gewöhnte sich Hourdequin dermaßen an den Umgang mit Jacqueline, daß sie ihm schließlich ein leibliches Bedürfnis ward, ein Bedürfnis wie das Brot und das Wasser. Wenn sie es wollte, verstand sie, seine Sinne mit schamlosen Liebkosungen zu bestricken, und für solch eine Stunde demütigte er sich; solch einer Stunde zuliebe kroch er zu Kreuze, wenn er mit ihr gestritten, und bat sie zu bleiben, wenn er in aufloderndem Zorn gedroht hatte, sie hinauszuwerfen. Noch am vorhergehenden Tage hatte er sich fast so weit vergessen, sie zu schlagen; es war infolge eines Auftrittes, den sie ihm gemacht, um in dem Bett zu schlafen, in dem seine Frau gestorben. Die ganze Nacht hatte sie ihn hartnäckig von sich gestoßen; denn wenn sie sich auch mit den Knechten des Gutes abgab, sooft es ihr einfiel, ihn hielt sie kurz, um ihre Macht zu vergrößern. Als er sich jetzt in dem warmen Bett, in dem sie eben an seiner Seite gelegen, allein fand, packte ihn Zorn und Verlangen. Seit geraumer Zeit argwöhnte er ihren Verrat. Mit einem Satz sprang er auf und rief: »Kanaille, wenn ich dich erwische!« Rasch kleidete er sich an und stieg die Treppe hinab. Jacqueline hatte sich leise durch das stumme, kaum vom Morgendämmern erhellte Haus gestohlen. Auf dem Hofe prallte sie zurück, als sie den Schäfer, den alten Soulas, schon auf fand. Doch ihre Begier beherrschte sie dermaßen, daß ihr keine Umkehr mehr möglich war: mochte er's wissen! Sie vermied es, den Pferdestall zu passieren, wo vier Knechte bei den fünfzehn Rossen schliefen, und wandte sich zu dem Hängeboden ganz im Hintergrunde des Hofes, wo sich das Nachtlager von Hans befand: loses Stroh und eine Decke ohne Leintuch und Polster. Sie umarmte den Schläfer, schloß ihm den Mund mit einem Kusse, um seinen Ruf der Überraschung zu ersticken, und flüsterte erregt mit ganz leiser Stimme: »Ich bin's, Dummkopf, erschrick nicht! Spute dich, machen wir's rasch!« Doch er mochte sich nicht dazu verstehen, sie hier in seiner Schlafstatt zu behalten. Dicht daneben befand sich der Aufstieg zum Heuboden; sie kletterten empor, ließen die Falltür offen und legten sich ins Heu. »0 du herziger Schatz!« rief Jacqueline und warf sich an seine Brust, wobei ein girrendes Turteltaubenlachen aus ihrer Kehle perlte. Hans Macquart befand sich fast schon zwei Jahre auf dem Gute. Als er vom Militär ging, kam er mit einem Kameraden, der wie er Tischler war, nach Bazoches-le-Doyen und fand Beschäftigung bei dem Vater seines Freundes, einem kleinen Meister, der zwei oder drei Gesellen beschäftigte. Doch die Arbeit behagte ihm nicht mehr; der siebenjährige Dienst hatte ihn verdorben; Hobel und Säge waren ihm zuwider. Es war, als sei er nicht mehr derselbe; früher in Plassans hatte er wacker auf das Holz losgeschlagen. Er hatte schwer gelernt und brachte es notdürftig zum Lesen, Schreiben und Rechnen; doch als Mann ward er fleißig, verläßlich und überlegt und betätigte den festen Willen, sich eine von seiner schrecklichen Familie unabhängige Stellung zu schaffen. Der alte Macquart hielt ihn in einer Abhängigkeit, als sei er ein Mädchen, ging jeden Sonnabend in die Werkstatt, wo er arbeitete, und zog seinen Lohn ein, nahm ihm sogar seine Geliebte vor der Nase weg. Als Schläge und übermäßige Arbeit die Mutter hingerafft hatten, machte deshalb Hans es wie seine Schwester Gervaise, die mit ihrem Liebsten nach Paris durchgegangen war: auch er suchte das Weite, um nicht seinen Faulenzer von Vater ernähren zu müssen. Nach Beendigung seines Dienstes erkannte er sich selbst nicht wieder: nicht etwa, daß er nun ebenfalls träge geworden wäre wie sein Vater, nein. Aber der Aufenthalt im Regiment hatte seinen Gedankenkreis erweitert; die Politik, die ihn einst gelangweilt, beschäftigte ihn heute, ließ ihn über Gleichheit und Brüderlichkeit sprechen. Auch die Gewohnheit des zeitweisen Nichtstuns war ihm ins Blut übergegangen; der harte und doch untätige Schildwachdienst, das schläfrige Kasernenleben, das freie, wilde Treiben in der Kriegszeit steckten ihm noch in den Gliedern. Es gab Stunden, wo ihm das Handwerkzeug aus den Händen fiel; er dachte an seinen italienischen Feldzug: ein unbezwingliches Bedürfnis zu ruhen, sich ins Gras hinzustrecken und zu träumen, überkam ihn. Eines Tages schickte ihn sein Meister zur Borderie, um einige Ausbesserungen zu machen. Es gab für einen guten Monat Arbeit; Zimmer waren neu zu dielen, Fenster, Türen mußten hier und da ausgebessert werden. Ihm gefiel es dort; er zog die Arbeit sechs Wochen hinaus. Inzwischen starb plötzlich der Tischlermeister, und sein Sohn, der sich verheiratet hatte, zog in die Heimat seiner Frau. Hans arbeitete noch einige Tage für eigene Rechnung in der Borderie, wo sich immer noch ein paar morsche Bretter und Pfosten vorfanden; als dann gerade die Erntezeit anbrach, griff er mit zu, blieb weitere sechs Wochen, bis ihn endlich der Besitzer, weil er so willig war und sich so gut anließ zur Feldarbeit, ganz behielt. In weniger als einem Jahre ward der einstige Gesell ein tüchtiger Bauernknecht; pflügte, säte, mähte. Er ließ sich's wohl sein in diesem Frieden des Landes, der sein Verlangen nach Ruhe zu stillen schien. So war's denn vorüber mit dem Sägen und Hobeln; er interessierte sich für etwas Neues und schien für dieses Leben geschaffen; seine vorsichtige Langsamkeit, seine Vorliebe für eine regelmäßige Beschäftigung, dieses Wesen eines Arbeitsochsen, das ihm von seiner Mutter überkommen, schienen ihn für seine neue Tätigkeit vorbestimmt zu haben. Hans war im Anfang glücklich über sein Los. Er genoß die Reize des Landes, von denen der Bauer nichts gewahrt; genoß sie, indem er sich an Stellen aus allerhand rührseligen Schriften erinnerte, in denen von patriarchalisch einfachen Sitten und vollkommener Glückseligkeit die Rede gewesen, wie man es in kleinen moralischen Geschichten für Kinder findet. In Wirklichkeit war es ein anderer Grund, der ihn in der Borderie festgehalten und ihm den Aufenthalt daselbst so angenehm machte. Als er noch die Türschwellen und Gesimse ausbesserte, hatte sich die Cognette ihm an den Hals geworfen, verführt von seinem kräftigen Gliederbau, seinem regelmäßigen, gesunden Gesicht. Sie tat in Wirklichkeit den ersten Schritt des Entgegenkommens; er gab nach und setzte das Verhältnis fort, um nicht als Tropf zu gelten. Dieses Weib, das so trefflich des Mannes Sinne anzuregen verstand, gefiel ihm. Doch machte seine angeborene Gewissenhaftigkeit ihm Vorwürfe; er sagte sich, daß er Unrecht tue, ein Verhältnis mit der Freundin Hourdequins zu unterhalten, dem er zu Dank verpflichtet war. Er wußte diese Bedenken zum Schweigen zu bringen durch die Erwägung, daß Jacqueline ja nicht die Frau seines Herrn sei, daß sie sich bloß seiner Laune füge und ihn übrigens mit all und jedem hintergehe; so daß es wahrlich gescheiter sei, ebenfalls zu ihren Freunden zu zählen, statt nur Zuschauer zu bleiben. Aber trotz dieser Milderungsgründe vermochte Hans nicht, sich eines gewissen Unbehagens zu erwehren, das in dem Maße wuchs, wie er die Leidenschaft des Besitzers für seine Geliebte zunehmen sah. Die Sache mußte ein böses Ende nehmen. Hans und Jacqueline lagen noch in dem weichen Heu des Bodens, als er plötzlich die Leiter knacken hörte. Mit einem Satz war er auf den Beinen und ließ sich auf die Gefahr hin, das Genick zu brechen, durch die Öffnung hinabgleiten, die zur Beförderung des Viehfutters diente. Im selben Augenblick tauchte Hourdequins Kopf drüben oberhalb der Falltür empor. Der Bauer sah den Schatten des fliehenden Mannes und den Bauch des Weibes, das noch mit gespreizten Beinen dalag. Ihn übermannte eine solche Wut, daß er vergaß wieder hinabzusteigen, um den Liebhaber zu erkennen. Mit einem furchtbaren Schlag streckte er das Mädchen, das sich halb erhoben hatte, nieder. »Dirne!« Sie schrie auf und rief dann mit zornerstickter Stimme: »Es ist nicht wahr!« Er hielt an sich, um nicht diesen Bauch zu zertreten, diese hingelagerte Nacktheit eines brünstigen Tieres. »Ich hab's gesehen! ... Gestehe –oder ich bring' dich um! »Nein, nein, nein, nicht wahr!« Nachdem sie sich wieder aufgerichtet und ihren Rock in Ordnung gebracht hatte, ward sie keck und rief im Bewußtsein der Herrschaft, die sie über ihn ausübte, herausfordernd: »Und wenn's wäre, was geht's dich an? Bin ich deine Frau? ... Wenn du nicht erlaubst, daß ich in deinem Bette schlafen darf, kann ich wohl schlafen, wo es mir beliebt, scheint mir?« Wieder girrte wie ein frecher Hohn das eigentümliche Lachen durch ihre Kehle. »Also mach' Platz, ich will hinunter ... Heute abend geh' ich.« »Du gehst sofort!« »Nein, heute abend! Überlege dir's inzwischen.« Er war außer sich und wußte nicht, an wem er seinem Groll Luft machen sollte; schon fehlte ihm der Mut, sie auf der Stelle aus dem Hause zu jagen; doch mit welcher Lust hätte er den Liebhaber hinausgeworfen! Aber wo ihn jetzt finden? Er war vorher, durch die offen gebliebenen Türen geführt, geradeswegs zum Heuboden gekommen, ohne einen Blick auf die Lagerstätten der Knechte zu werfen, und wie er jetzt wieder hinabstieg, waren bereits Hans und die vier Stallburschen im Begriff, sich in dem Verlaß unter dem Hängeboden anzukleiden. Wer war es von den fünfen? Der eine oder der andere konnte es sein; vielleicht betrog sie ihn mit allen fünfen? Er hoffte, daß der Schuldige sich verraten werde; er erteilte seine Befehle für den Morgen, schickte niemand aufs Feld hinaus, setzte selbst keinen Fuß vor die Tür, sondern durchirrte mit geballten Fäusten den Gutshof und spähte wutschielenden Blickes nach einem Opfer. Nach dem Frühstück um sieben Uhr zitterte bereits das ganze Haus infolge der Zornesausbrüche des Herrn. Es waren in der Borderie fünf Pflugknechte, drei Drescher, zwei Kuhjungen, ein Schäfer und ein kleiner Schweinehirt, im ganzen zwölf Diener, ungerechnet die Dienstmagd. Hourdequin stellte zuerst diese zur Rede, weil sie die Backschaufeln nicht an Ort und Stelle gehängt hatte. Danach streifte er durch die beiden Scheunen, die Haferscheuer und die riesengroße Roggenscheuer, einen kirchenhohen Raum, mit fünf Meter messenden Torflügeln; dort stritt er mit den Dreschern, denen er vorwarf, daß sie das Stroh zerhieben. Von da stürmte er in den Kuhstall. Die dreißig Kühe waren wohlgehalten, die Fliesen des Mittelweges gewaschen, die Krippen sauber. Grimmig suchte er, an wem er sein Mütchen kühlen könne; da fiel sein Blick auf die Wasserbehälter am Hofe, deren Instandhaltung ebenfalls den Kuhjungen oblag, und er bemerkte, wie eines der Rohre, die in der Beauce das Regenwasser von den Dächern in eigene Gruben leiten, von Sperlingsnestern verstopft war. Polternd rief er, ob man den Spatzen zuliebe verdursten wolle? Doch erst auf die Pferdeknechte entlud sich all sein Groll. Obwohl die fünfzehn Pferde reine Streu hatten, schrie er, es sei ein Frevel, die Tiere so zu vernachlässigen. Danach schämte er sich selbst über seine Ungerechtigkeit, regte sich dabei noch mehr auf und war froh, als er in den Winkeln, wo das Gerät lag, einen Pflug entdeckte, dessen Handhabe zerbrochen war. Jetzt brach er los: »Ihr verdammten Lümmel verderbt mir also meine Sachen? Ich werf' euch alle miteinander hinaus; jawohl, alle fünf, wie ihr da seid, damit keinem Unrecht geschieht, ihr Lumpe!« Während er so wütete, musterte sein flammender Blick die fünf Knechte und suchte an einem Zittern oder Erbleichen den Verräter zu erkennen. Keiner rührte sich; mit verzweifelter Miene verließ der Herr den Stall. In der Schäferei beschloß Hourdequin seinen Rundgang; hier kam ihm der Gedanke, den Schäfer Soulas auszufragen. Der fünfundsechzigjährige Alte diente seit einem halben Jahrhundert auf dem Hof und hatte sich doch keinen Sou ersparen können, weil seine Frau, ein liederliches, dem Trunk ergebenes Weibsbild, alles vergeudet hatte. Letzthin war es ihm endlich vergönnt gewesen, die Person zu Grabe zu tragen, und jetzt sparte er mit ängstlicher Hast für seinen Lebensabend; denn ihm war bange, man möge ihm wegen seines hohen Alters bald den Abschied geben. Vielleicht, tröstete er sich zuweilen, zahle ihm Herr Hourdequin eine Pension? Doch war er sicher, ob dieser nicht vor ihm das Zeitliche segne? Würde man ihm dann so viel geben, daß für seinen Tabak und seinen Schnaps etwas abfiel? Dazu kam noch, daß er sich Jacqueline zur Feindin gemacht, deren großes Glück ihn, den älteren Diener, mit Neid und Haß erfüllt hatte; daß sie, die er einst in Lumpen gesehen, ihm befahl, hatte er nicht verwinden können; nur die Furcht, sie könne ihn aus dem Brot jagen, sobald sie Gewalt genug besitze, machte ihn vorsichtig ihr gegenüber. Er wollte um jeden Preis seinen Platz behalten; darum vermied er ängstlich allen Zwist, so sehr er sich auch von seinem Herrn beschützt wußte. Die Schäferei im Hintergrunde des Hofes war ein Bau von achtzig Meter Länge, in der die achthundert Schafe des Gutes durch Hürden getrennt waren. In mehreren Gruppen lagen die Mutterschafe beieinander; dann kamen die Lämmer, und noch weiter drüben die Widder. Im zweiten Monat beschnitt man die zum Verkauf bestimmten jungen Böcke, während die Weibchen das Heer der Mutterschafe verjüngen mußten, von denen alljährlich die ältesten auf den Markt kamen. Es war eine prächtige Rasse, die Hourdequin züchtete, eine Kreuzung von Dishleys und Merinos, herrliche Tiere, mit dicken Köpfen und großer, runder Nase. Ein scharfer, ammoniakhaltiger Geruch entströmte dem Mist, über den drei Monate hindurch immerwährend frisches Stroh geschüttet wurde, so daß die Sohle des Stalles emporschwoll und die Krippen nach und nach erhöht werden mußten. Breite Fenster lüfteten den Stall; der Fußboden des darüber gelegenen Futterraumes bestand aus beweglichen Brettern, die in dem Maße, wie die Vorräte abnahmen, ausgehoben wurden. Die lebende Wärme, die Gärung der heißen Mistschicht war dem Gedeihen der Lämmer unentbehrlich. Wie Hourdequin die Tür öffnete, bemerkte er Jacqueline, die durch eine andere entschlüpfte. Auch sie hatte an Soulas gedacht; denn sie war überzeugt, daß er um ihre Zusammenkunft mit Hans wisse. Doch der Alte hatte sich nichts merken lassen; kein Wort verriet, daß ihm bekannt war, warum sie heute gegen ihre Gewohnheit so liebenswürdig mit ihm tat. Die Anwesenheit seiner Geliebten im Schafstall aber bestärkte des Bauern Verdacht. »Nun, Papa Soulas,« fragte er, »nichts Neues diesen Morgen?« Der Schäfer, ein hochgewachsener, magerer Mann mit einem langen, faltigen Gesicht, das aussah, als sei es mit stumpfem Messer in knorriges Eichenholz geschnitzt, versetzte langsam: »Nein, Herr Hourdequin, nicht das geringste; ausgenommen, daß die Scherer gekommen sind und gleich anfangen werden.« Der Bauer plauderte noch einen Augenblick, damit es nicht aussehe, als habe er seinen Diener nur ausfragen wollen. Die Schafe, die man seit dem ersten Froste zu Allerheiligen hier im Stall fütterte, sollten gegen Mitte Mai ins Freie geführt werden, sobald der Klee sich genügend entwickelt habe. Die Kühe pflegte man erst nach der Ernte auf die Weide zu treiben; denn wenn auch die Kleewiesen gutes Rindfleisch gebracht hätten, war in der Beauce nach altem Herkommen die Rindviehzucht vernachlässigt. Selbst Schweine wurden nur für den Hausbedarf gehalten. Mit seiner fiebernden Hand streichelte Hourdequin die Schafe, die zu ihm herankamen und ihn mit ihren sanften, hellen Augen anblickten, während die weiter abseits eingesperrten Lämmer blökend an die Hürden drängten. »Also, Vater Soulas, Ihr habt nichts gesehen heut morgen?« wiederholte er und blickte den Alten fest an. Der Greis hatte sehr wohl bemerkt, was vorgegangen; seine Selige, dies ewig trunkene, liederliche Frauenzimmer, hatte ihn vertraut gemacht mit den Streichen schlechter Weiber. Doch warum reden? Vielleicht blieb die Cognette, selbst wenn er sie verriet, die Stärkere, und dann würde man ihn, den unbequemen Zeugen, aus dem Wege räumen. »Nichts gesehen, gar nichts gesehen!« antwortete er mit unbeweglichem Gesicht und leerem Blick. Als der Bauer wieder auf den Hof hinaustrat, gewahrte er Jacqueline, die sich lauernd beim Stall aufhielt, um zu horchen, was darin geredet werde. Sie tat, als beschäftige sie sich mit den sechshundert Hühnern, Enten, Tauben, die schnatternd und gackernd im Mist scharrten; um ihrer nervösen Überreizung etwas Luft zu machen, schlug sie den Schweinejungen, der einen Eimer weißlichen Wassers,, das er seinen Tieren hintrug, verschüttet hatte. Mit einem Blick erkannte die kleine Frau, daß ihr Herr nichts wisse: der Schäfer hatte reinen Mund gehalten. Ihre Keckheit wuchs. Beim Frühstück um zwölf Uhr entwickelte sie eine herausfordernde Munterkeit. In jener Jahreszeit, wo die schweren Feldarbeiten noch nicht begonnen hatten, wurden täglich nur vier Mahlzeiten gehalten: um sieben Uhr früh gab's Milch und Brot; dann kam das »Weinbrot« auf Mittag; um vier Uhr aß man Käse und Brot, und um acht Uhr abends eine Suppe und Speckschnitten. Gespeist wurde in der Küche, einem großen Räume mit einem Tisch in der Mitte und zwei Bänken daneben. Den Fortschritt vertrat ein eiserner Herd in einem Winkel der geräumigen Esse. Im Hintergrund öffnete sich der schwarze Schlund des Backofens. Die Magd, ein häßliches, dickes Mädchen, hatte heute früh gebacken; ein guter Geruch frischen Brotes füllte die Luft. Blanke Schüsseln, ein altes Familiengeschirr, hingen wohlgeordnet an den verräucherten Wänden. »Mir scheint, Ihr habt heute keinen Appetit?« rief Jacqueline dreist dem zuletzt eintretenden Bauer entgegen. Um nicht allein zu speisen, setzte sich Hourdequin seit dem Tode seiner Frau und Tochter mit den Dienern zu Tisch, wie es in früheren Zeiten Brauch gewesen. Er nahm auf einem Stuhle am Ende der Tafel Platz; die Obermagd und Geliebte tat dasselbe ihm gegenüber. Es waren vierzehn Personen; die Magd wartete auf. Ohne zu antworten, ließ der Bauer sich nieder. Cognette befahl, man solle das Weinbrot recht sorgfältig machen. Es waren geröstete Brotschnitten, die man in eine Schüssel brockte, mit Wein übergoß und mit Sirup süßte. Sie verlangte zweimal davon, witzelte und scherzte dabei, so daß die Männer in lautes Lachen ausbrachen. Jedes ihrer Worte hatte eine doppelte Bedeutung; alles, was sie sagte, spielte darauf an, daß sie den Abend den Hof verlasse: »Man nimmt sich, man verläßt sich wieder, das ist der Lauf der Welten ... Die Gegenwart genießen, ist die Weisheit des Lebens; weil man nie weiß, ob man morgen wieder am selben Tische sitzt, langt man nochmal zu.« Der Schäfer mit seinem stumpfblickenden Gesicht aß ruhig vor sich hin; der Bauer saß so unbeweglich da, als vernehme er nichts. Um sich nicht zu verraten, war Hans genötigt, mit den anderen zu lachen; und doch berührten ihn Jacquelines Reden höchst peinlich, und seine Rolle kam ihm unwürdig vor. Nach dem Frühstück erteilte Hourdequin seine Befehle für die Arbeit des Nachmittags. Im Felde gab's wenig zu tun: der Hafer mußte gewendet werden, und die Bestellung der Brachfelder war zu beenden, bevor das Mähen des Klees beginnen sollte. Darum behielt er zwei Knechte, Hans und einen andern, daheim und trug ihnen auf, den Heuboden zu säubern. Ihm brummte der Schädel infolge der gehabten Aufregung; höchst unglücklich irrte er umher; er wußte nicht, mit welcher Beschäftigung er seinen Kummer töten solle. Die Schafscherer hatten sich unter einem der Schuppen im Winkel des Hofes niedergelassen; der Bauer pflanzte sich da auf und schaute ihnen zu. Ihrer fünf saßen die schmächtigen, gelbhäutigen Burschen am Boden mit der glänzenden Stahlschere in der Hand. Der Schäfer band den Schafen die Füße, so daß sie nur noch blökend den Kopf bewegen konnten, und legte sie wie Weinschläuche eins nach dem andern auf den Boden. Sobald er eines der Tiere dem Scherer reichte, verstummte es, überließ sich willenlos in seinem schweren Pelz, den Fett und Staub mit einer Kruste überzogen. Dann ging das Schaf unter der flink blitzenden Schere aus seiner Umhüllung hervor wie eine Hand aus einem dunklen Handschuh; rosig lag's in dem goldgetönten Schnee der frisch geschnittenen Wolle. Zwischen den Knien eines hagern Burschen ruhte auf dem Rücken ein Mutterschaf; mit ausgespreizten Beinen, gerade emporgerichtetem Haupte bot es seinen Leib den Blicken dar: eine weißschimmernde, leise zitternde Haut, wie der Körper eines Weibes, das man entkleidet. Die Scherer bekamen drei Sous für ein Tier; ein guter Arbeiter konnte zwanzig an einem Tage scheren. Hourdequin dachte an den Preis der Wolle, der auf acht Sous das Pfund herabgesunken war, und erwog mit Sorge, daß er sich beeilen müsse, seine Schur zu verkaufen, damit sie nicht an Gewicht verliere. Im vorigen Jahre hatte der Milzbrand die Herden in der Beauce stark vermindert. Alles ging schlecht und schlechter; seit der Preis des Getreides von Monat zu Monat fiel, drohte der Ruin, der Bankerott des Grundbesitzes. Dem Bauern ward die Brust so schwer bei diesen Gedanken, daß es ihm zu eng wurde im Hofe. Er machte sich auf den Weg, um nach seinen Äckern zu schauen. Das war der Ausgang all seiner Zwiste mit der Cognette; erst fluchte er und ballte die Fäuste, und danach räumte er das Feld, von Sorgen übermannt, die nichts zu bannen vermochte wie der Anblick seiner Roggen- und Haferfelder, die, soweit das Auge reichte, ihr helles Grün vor ihm ausbreiteten. Wie er die Mutter Erde lieben gelernt hatte! Aber nicht lieben mit dem hungrigen Geiz des Bauers; nein, mit einer rührenden, fast verständnisvollen Leidenschaft liebte er die Erde, in der er die Urmutter erkannte, die ihm das Leben gegeben, seine Substanz, zu der er einst wieder zurückkehre. In seiner Kindheit war er auf dem Lande erzogen; sein Haß gegen die Schule, seine Sehnsucht, die Bücher zu verbrennen und auf dem Lande zu bleiben, hatten ihren Ursprung in den in freier Luft verlebten ersten Jahren, in den herrlichen tollen Jagden über die weiten Gefilde. Als er später nach dem Tode seines Vaters das Gut übernommen, reifte seine Liebe zur Erde; er begann, sie wie eine Braut zu verehren, die er heimgeführt, der er sich in rechtmäßiger Ehe verbunden, aus deren fruchtbarem Schoße er Glück erhoffte. Diese zärtliche Neigung wuchs, je mehr er der geliebten Erde seine Zeit, sein Geld, sein ganzes Leben hingab; er liebte sie wie ein tüchtiges Weib, deren Launen und selbst deren Verrat man verzeiht. Zuweilen zwar brachte es ihn auf, wenn sie sich zu widerhaarig zeigte; wenn sie zu feucht war oder zu dürr und die Saat in sich aufnahm, ohne ihm dafür eine Ernte zu geben. Dann wieder verzweifelte er an sich selbst, klagte sich der Unfähigkeit und Schwäche an, meinte, diese Unfruchtbarkeit sei sein eigen Verschulden. In jener Zeit fing er an, sich auf die neuen Methoden zu werfen, und bereute bitter, daß er auf der Schule kein besserer Schüler gewesen, daß er keine der landwirtschaftlichen Akademien besucht habe, über die sein Vater und er selbst einst so gespottet. Wieviel nutzlose Versuche mußte er jetzt machen, wieviel Versuche mißlangen! Die Knechte verdarben ihm die teuren Maschinen, und eine Menge Geld ward nutzlos vom Kunstdünger verschlungen, mit dem er sich betrog. Sein ganzes Vermögen mußte in der Borderie festgelegt werden; und doch reichte ihr Erträgnis kaum hin, ihn zu ernähren, und er lebte in immerwährender Bange, daß eine Ackerbaukrise ihn zugrunde richte. Immerhin! Er war entschlossen, der Gefangene seines Besitztums zu bleiben, er wollte ausharren bis zum Ende; bis sie einst in der Erde, die er liebend hegte und pflegte, seine Gebeine verscharrten. Als er an jenem Nachmittag auf die Felder hinauskam, erinnerte er sich seines Sohnes, des Hauptmanns. Wie prächtig hätte er im Verein mit diesem arbeiten können! Doch er verscheuchte sofort den Gedanken an diesen Tropf, der es vorzog, einen Säbel zu schleppen; nein, er hatte kein Kind mehr, er war verurteilt, allein seine Tage zu beschließen! Und jetzt gedachte er seiner Nachbarn, zumal der Coquarts, einer Grundbesitzerfamilie, die Vater, Mutter, drei Söhne und zwei Töchter, ihr Gut, Sankt-Justin, selbst bewirtschafteten, und denen es nicht viel besser ging als ihm. In der Chamade hinwiederum lief der Kontrakt des Pächters zu Ende; er düngte die Äcker nicht mehr und ließ alles verkommen. Gewiß, überall blieb zu wünschen übrig; es hieß arbeiten und zufrieden sein. Hourdequin wandelte die grünenden Felder entlang. Leichte Regen im April hatten das Futterkraut zu schöner Entwicklung gebracht; der Teppich roter Kleeblüten bereitete, ihm eine große Freude; er überschaute zufriedenen Sinnes die sprossende Aussaat des Roggens und vergaß die trüben Gedanken. Er bog in die frisch gepflügten Äcker, um nach der Arbeit der beiden Pflugknechte zu schauen; die fruchtbare, fette Erde heftete sich an seine Sohlen, als wolle sie sich an ihn klammern; und sie nahm wieder all sein Sinnen gefangen, machte ihn sich ganz zu eigen. Er fühlte von neuem, daß er nur sie allein liebe, nur ihr gehöre, und dies Bewußtsein verjüngte ihn förmlich; Freude und Tatlust schwellten ihm die Brust. Mutter Erde war ihm alles; was bedeutete daneben das andere? Wie nichtig waren seine Liebeleien: was galten ihm die Cognette oder diese oder jene? So eine Magd ist wie ein Teller, aus dem alle essen, –wenn nur der Teller rein ist. Dieser tröstende Schluß seiner Gedanken gab ihm seine gute Laune zurück. Er marschierte drei Stunden in der frischen Luft und ward bald so guter Dinge, daß er mit der Magd Coquarts, die auf einem Esel reitend des Weges daherkam, über ihre nackten Beine scherzte. Als der Gutsherr wieder den Hof betrat, begegnete er Jacqueline. Sie nahm von den Katzen Abschied, deren es immer zwölf, fünfzehn oder zwanzig im Gehöft gab; niemand wußte genau wieviel. Die Katzen warfen ihre Jungen in versteckten Winkeln im Stroh und kamen dann eines Tages plötzlich mit fünf oder sechs Kleinen zum Vorschein. Danach ging die kleine Frau zu den Hütten von Empereur und Massacre, den beiden Schäferhunden, um ihnen ebenfalls Lebewohl zu sagen; doch die Köter knurrten sie an, denn sie mochten sie nicht leiden. Das Abendessen verlief trotz dieser Abschiedsszenen genau wie alle Tage. Der Herr aß und plauderte wie immer. Nachdem der Tag zur Neige gegangen, war von niemandes Fortgehen mehr die Rede. Alle legten sich schlafen, die Schatten des Abends umhüllten den stillen Hof. In jener Nacht schlief Jacqueline im Zimmer der verstorbenen Frau Hourdequin. Es war dies das beste Gemach des Hauses: dort standen ein schöner Schrank, ein Spiegeltischchen, ein Lehnsessel; über einem Mahagoni-Schreibtisch blinkten unter Glas die Medaillen, die der Gutsherr auf den landwirtschaftlichen Ausstellungen erhalten; und im Hintergrunde stand in einem rot verhangenen Alkoven das breite Ehebett. Als die Cognette im Hemde in die Bettstatt gestiegen war, dehnte sie sich, streckte Arme und Beine auseinander, um das weite Lager ganz allein zu füllen; und dabei girrte ihr Taubenlachen zwischen den Kissen hervor. Als sie Hans am nächsten Tage wieder um den Hals fallen wollte, wies er sie zurück. Sobald die Sache mit Herrn Hourdequin ernst wurde, erschien ihm eine Fortsetzung seines Verhältnisses zu Jacqueline als etwas Unanständiges. Zweites Kapitel. Ein paar Tage später kam Hans eines Abends zu Fuß von Cloyes heim, als zwei Kilometer von Rognes ein vor ihm herfahrender Bauernwagen seine Aufmerksamkeit erregte. Das Gefährt schien leer, es saß niemand auf dem Kutscherbrett, und das sich selbst überlassene Pferd schlenderte gemächlich dahin wie ein Tier, das mit dem Wege vertraut in seinen Stall zurückkehrt. Bald hatte der junge Mann den Karren eingeholt. Er hielt das Roß an, hob sich auf die Fußspitzen, um in den Wagen zu schauen, und erblickte am Boden einen vielleicht sechzigjährigen Greis, dessen kurzer, beleibter Körper rücklings hingestreckt lag. Das Gesicht des Alten war dunkelrot, so daß es fast schwarz schien. Die Überraschung des Burschen war groß. »He, Alter!... Schläft er?... Hat er getrunken?... Aber Teufel! Das ist ja Mouche, der Vater der beiden Mädel!... Ich glaub' gar, es ist aus mit ihm! Schöne Geschichte!« Doch Mouche, der augenscheinlich einen Schlaganfall gehabt, atmete noch leise. Hans richtete dem Alten den Kopf auf; dann setzte er sich auf die Bank und brachte das Pferd in scharfen Trab; denn er fürchtete, der Sterbende könne den Geist aufgeben, ehe sie sein Haus erreicht hätten. Wie er in den Kirchplatz einbog, stand gerade Franziska vor der Tür ihrer Wohnung. Daß der Bursch ihren Coco lenkte, verblüffte sie. »Was gibt's denn?« fragte sie. »Deinem Vater ist nicht gut.« »Wo ist er?« »Da, schau hin!« Sie kletterte auf das Rad und blickte in den Karren. Einen Augenblick blieb sie starr vor diesem blauroten Antlitz stehen, dessen eine Hälfte verzerrt war, als habe man sie heftig von oben nach unten gerissen. Es wurde Nacht; eine große gelbschimmernde Wolke, die das Firmament erleuchtete, übergoß den Kranken wie mit einem Feuerschein. Plötzlich brach das Mädchen in Tränen aus, sprang herab und rannte ins Haus. »Lise! Lise!... Ach, mein Gott!« Hans, der allein geblieben, überlegte. Man konnte den Alten nicht im Wagen lassen; doch der Flur des Hauses lag drei Stufen tiefer als der Platz, und es schien untunlich, den Kranken in das finstere Loch hinabzutragen. Da fiel ihm ein, daß auf der Straßenseite das Gelände die gleiche Höhe hatte wie das Innere des Hauses und eine zweite Tür nach dem Hof hinausführte. Dieser ziemlich geräumige Hof war von einer grünen Hecke umschlossen; ein rotbrauner Wassertümpel nahm zwei Drittel ein, ein halber Morgen Gemüse- und Obstgarten bildete den Rest. Korporal ließ Coco die Zügel; das Tier zog den Karren in den Hof und machte neben dem Verlaß, wo die beiden Kühe standen, vor dem Pferdestall Halt. Franziska und Lise stürzten jammernd herbei. Die letztere, die vor vier Monaten Mutter geworden, hatte eben ihr Kind gesäugt, sie hielt es noch im Arm; das Kleine schrie mit den andern. Franziska stieg wieder auf das eine Rad, ihre Schwester auf das andere, und beide wehklagten, während der alte Mouche unten im Wagen immer noch mit einem kaum vernehmbaren Pfeifen atmete. »Papa, antwort', red'!... Was hast du, sprich!... Mein Gott, sag' doch, wo es dir fehlt!... 0 Gott! o Gott, er hat es gewiß im Kopf, da er nicht einmal den Mund aufmacht... Papa, Papa! so zeig' uns doch, wo es dir weh tut!« »Komm herunter,« rief Hans, »es ist besser, wir bringen ihn ins Haus.« Ohne ihm zu helfen, brachen jedoch die Mädchen von neuem in Weinen aus. Glücklicherweise rief dies Geschrei endlich eine Nachbarin, die Frimat, herbei. Es war eine knochige Alte, die seit zwanzig Jahren ihren vom Schlage gelähmten Mann pflegte, den sie ernährte, indem sie mit übermenschlicher Mühe und Ausdauer den einzigen Morgen Land, den sie besaßen, selbst bestellte. Sie behielt ihre Fassung beim Anblick des Kranken, solche Schicksalsschläge waren ihr nichts Neues. Wie ein Mann griff sie zu; Hans nahm den Alten bei den Schultern und zog ihn aus dem Fuhrwerk hervor, bis die Frimat ihn bei den Füßen ergreifen konnte. So trugen sie ihn in die Wohnung. »Wo legen wir ihn hin?« fragte die Frau. Die Geschwister, die ihnen gefolgt waren, hatten den Kopf verloren; sie wußten nicht zu antworten. Ihr Vater bewohnte oben eine vom Boden abgeteilte Kammer; dort hinauf konnte man ihn nicht leicht schaffen. Unten befanden sich die Küche und das große, mit zwei Betten bestandene Zimmer, das der alte Mann seinen Töchtern überlassen hatte. In der Küche war es stockfinster; dort standen Hans und die Frimat mit ihrer schweren Last und wagten nicht weiter zu gehen, aus Furcht, irgendwo anzurennen. »Es muß doch ein Entschluß gefaßt werden!« Franziska zündete endlich Licht an. In diesem Augenblick erschien die Bécu, die Frau des Feldhüters, augenscheinlich durch ihren Spürsinn hergelockt, durch jenes geheimnisvolle Etwas, das eine Neuigkeit in einer Minute von einem Ende des Dorfes zum andern verbreitet. »Was fehlt dem lieben Alten?... Ich sehe schon, das Blut ist ihm stehen geblieben... Setzt ihn schnell auf einen Stuhl.« Doch die Frimat war anderer Meinung: »Wie kann man einen Mann hinsetzen, der sich nicht aufrecht zu halten vermag? Das Beste ist, ihn auf eines der beiden Betten zu legen.« Sie stritten hin und wider; da trat Fanny mit ihrem Sohne Ernst ein. Sie hatte die Sache bei Macqueron erfahren, wo sie Nudeln gekauft, und kam, um zu schauen; ihrer Basen wegen interessierte sie's doch. »Vielleicht,« meinte sie, »ist es doch gut, ihn auf einen Stuhl zu setzen, damit das Blut wieder in Bewegung kommt.« Sie hoben den Alten auf einen Sessel neben dem Tisch, wo das Licht brannte. Sein Kinn fiel auf die Brust, die Arme und Beine hingen herab. Die Verzerrung der einen Gesichtshälfte hatte das linke Auge aufgerissen; aus dem verdrehten Munde pfiff stärker als vorher der Atem. Alle schwiegen; der Tod hielt seinen Einzug in den feuchten Raum mit dem Tonboden, mit den fleckigen Wänden und dem großen, schwarzen Herd. Die beiden Töchter und drei Frauen betrachteten stumm den Kranken; Hans stand daneben. »Ich möchte wohl den Arzt holen,« schlug er zögernd vor. Die Bécu schüttelte den Kopf; niemand antwortete. Wenn der Anfall vielleicht keine Bedeutung hatte, warum Geld ausgeben? Und wenn's vielleicht das Ende ist, was soll da der Doktor helfen? »Am besten sind die Wundmittel,« versicherte die Frimat. »Ich habe Kampferspiritus zu Hause,« flüsterte Fanny. »Das ist auch sehr gut,« erklärte die Bécu. Lise und Franziska standen unschlüssig. Die eine wiegte ihren Sohn Julius im Arm; die andere hielt eine Tasse voll Wasser, wovon sie vergeblich versucht hatte, dem Vater zu trinken zu geben. Fanny packte Ernst, der die Grimasse des Sterbenden betrachtete, und schob ihn zur Türe. »Lauf nach Hause und sag', sie sollen dir die kleine Flasche Kampferspiritus geben, die links im Schrank steht ... verstehst du, links!... Spring auch bei Großvater Fouan hinan und auch bei deiner Tante der Großen, und sag' ihnen, das Onkel Mouche sehr krank ist... Lauf, mach' schnell!« Nachdem der Knabe verschwunden, fuhren die Frauen fort, den Fall zu erörtern. Die Bécu kannte einen Mann, der dadurch gerettet worden, daß man ihm drei Stunden lang die Fußsohlen gekitzelt hatte. Der Frimat fiel ein, daß ihr von zwei Sous Fliedertee, den sie im vorletzten Winter für ihren Mann gekauft, noch etwas übrig geblieben; sie lief ihn holen. Bald kam sie mit dem Päckchen; Lise machte Feuer, nachdem sie ihr Kind Franziska gegeben. Da kehrte auch Ernst zurück. »Großvater Fouan schläft schon... Die Große hat gesagt, wenn Onkel Mouche nicht so viel getrunken hätte, wäre ihm nicht schlecht.« Fanny untersuchte die Flasche, die er ihr gereicht. »Dummkopf,« schalt sie, »ich hatte dir gesagt, links! Du bringst mir Kölnischwasser.« »Das ist auch gut,« beteuerte die Bécu. Man flößte dem Patienten Fliedertee ein, indem man den Löffel zwischen die zusammengepreßten Zähne zwängte. Danach rieben sie ihm den Kopf mit Kölnischwasser. Aber es ging nicht besser; es war zum Verzweifeln. Sein Gesicht war noch dunkler geworden; man mußte ihn auf dem Stuhle zurechtsetzen, denn er drohte hinunterzugleiten. »O,« rief Ernst, der wieder unter die Türe getreten war, »ich weiß nicht, was es heute regnen wird; der Himmel sieht merkwürdig aus.« »Ja,« bestätigte Hans, »ich hab' eine häßliche Wolke heraufkommen sehen.« Er kam auf seinen früheren Vorschlag zurück: »Macht nichts, ich ginge schon den Arzt holen, wenn Ihr wollt.« Bestürzt blickten die Geschwister einander an. Endlich entschied die Freigebigkeit der jungen Jahre Franziskas; sie entgegnete: »Ja, ja, Korporal, fahrt nach Cloyes und holt Herrn Finet ... Man soll uns nicht nachsagen, daß wir nicht getan haben, was unsere Schuldigkeit war. Coco war inmitten der Aufregung noch nicht ausgespannt worden; Hans sprang in den Wagen; man hörte ein Rasseln und Klirren und das holperige Rollen der Räder. Jetzt sprach die Frimat davon, ob man nach dem Geistlichen schicken wolle; aber die anderen hoben protestierend die Arme, als wollten sie sagen, man tue ja ohnehin genug. Ernst meinte, er laufe wohl die drei Kilometer bis zur Pfarrei in Bazoches-le-Doyen; doch seine Mutter wurde böse. Um keinen Preis lasse sie ihn bei einem so drohenden, rotschwarzen Himmel in die Nacht hinaus. Da übrigens der Alte weder verstehe noch antworte, sei es nicht viel anders, als wenn man den Priester zu einem Eckstein rufe. Die bemalte Wanduhr schlug zehn. Alle waren überrascht, daß schon zwei Stunden vergangen, und doch hatte man eigentlich nichts getan. Aber nicht eine dachte daran heimzugehen; sie wollten sich das Schauspiel nicht entgehen lassen, sondern bis zum Ende dableiben. Auf dem Brotschrank lag ein sechs Pfund schweres Brot und daneben ein Messer. Zuerst schnitten sich die Geschwister, die trotz ihrer Besorgnis vom Hunger geplagt wurden, mechanisch ein paar Stücke ab und verzehrten sie trocken, ohne sich dessen recht bewußt zu werden. Dann machten die drei Frauen es ihnen nach; fortwährend stand eine beim Schrank, schnitt und aß. Es war keine zweite Kerze angezündet worden; man versäumte fast, die brennende zu putzen. Diese arme, düstere Bauernküche mit dem Todesröcheln des zusammengesunkenen Körpers auf dem Stuhle dort beim Tische hatte etwas unsäglich Trostloses. Plötzlich stürzte, eine halbe Stunde nachdem sich Hans entfernt hatte, Mouche vornüber zur Erde. Sein Atem verstummte; er war tot. »Was hab' ich gesagt?« rief die Bécu bitteren Tones. »Ihr habt absolut einen Arzt haben wollen.« Franziska und Lise schauten einen Augenblick starr auf den Leichnam; dann fingen sie von neuem zu weinen an; und plötzlich warfen sie sich einander an die Brust. »0 mein Gott, jetzt sind wir beide allein übrig... 0 Gott, Gott, was soll aus uns werden?« Doch man konnte den Toten nicht auf dem Fußboden lassen. Im Umsehen besorgten die Frimat und Bécu das Nötige. Da sie die Leiche nicht bis ins Zimmer tragen mochten, zogen sie aus einem Bette die Matratze, brachten sie herbei, legten Mouche darauf, und deckten ihn bis ans Kinn mit einem Leintuch zu. Fanny entzündete inzwischen zwei andere Lichter und stellte sie rechts und links vom Haupte des Verschiedenen auf die Erde. So war alles vor der Hand; wie es sein mußte. Nur das dreimal mit dem Daumen zugedrückte linke Auge des Toten hatte sich immer wieder geöffnet und blickte aus dem verzerrten blauschwarzen Gesicht, das grell von dem weißen Laken abstach. Lise hatte sich entschlossen, Julius zu Bett zu bringen; die Leichenwache begann. Dreimal wiederholten Fanny und die Bécu, sie wollten heimgehen, da die Frimat sich erboten, den Töchtern des Verstorbenen Gesellschaft zu leisten; doch sie brachen nicht auf. Die Weiber fuhren fort, leise miteinander zu plaudern, wobei sie immerwährend zu dem Toten hinüberschielten. Ernst hatte sich der Flasche Kölnischwasser bemächtigt und goß sie sich bis zum letzten Tropfen auf Kopf und Hände. Es schlug Mitternacht; die Bécu hob die Stimme: »Und Herr Finet! Ich bitt' Euch, da hat einer Zeit zu sterben, eh' der kommt ... Mehr als zwei Stunden, um ihn von Cloyes zu holen!« In diesem Augenblick drang durch die offengebliebene Hoftüre ein heftiger Windstoß herein und löschte die beiden Talglichter zu Häupten des Verblichenen. Die Weiber erschraken. Doch während sie die Lichter wieder in Brand steckten, blies der Sturmwind von neuem noch heftiger als vorher, und ein heulendes Brausen kam über die schwarze Finsternis der Felder daher. Es war, als wenn ein verwüstendes Heer herangestürmt komme: die Zweige knackten, ein Stöhnen und Ächzen drang durch die Nacht. Die Frauen liefen bis zur Schwelle; sie sahen, wie eine kupferrote Wolke sich an dem blassen Himmel windend ballte. Mit einemmal brach es wie eine Musketensalve über ihren Häuptern los; ein Regen von Kugeln sauste herab und prallte hochaufspringend auf den Boden zu ihren Füßen. Allen entfuhr ein Schrei des Jammers: »Der Hagel! Der Hagel!« Entsetzen packte die erbleichenden Weiber; stumm blickten sie in das wüste Treiben des Elementes. Es währte kaum zehn Minuten. Kein Donner ertönte; doch unaufhörlich fuhren bläulich schimmernde Blitze vorüber. Dies gräßliche Leuchten schien knapp über die Erde zu fegen und mit phosphorheller Pflugschar den Boden zu furchen. Die Nacht war nicht mehr so schwarz: die Schloßen durchschimmerten sie mit unzähligen blassen Lichtstreifen, als führen gläserne Fäden vom Himmel herab. Betäubend ward der Lärm; wie eine gewaltige Kartätschensalve, wie ein über eine eiserne Brücke rollender Eisenbahnzug, so prasselte und knatterte es immerfort. Wie toll heulte der Wind dazwischen; die schräg herabsausenden Eiskugeln säbelten alles nieder, häuften sich und deckten den Boden mit einer weißen Schicht. »Der Hagel, mein Gott!... 0, das Elend! das Elend! ... Seht, er ist groß wie Hühnereier.« Die Fensterscheiben zersplitterten; ein Hagelkorn zerbrach selbst einen Krug; andere rollten bis an die Matratze des Toten heran. »Es gehen nicht fünf auf ein Pfund,« rief die Bécu und wog die Stücke in der Hand. Fanny und Frimat rangen die Hände. »Alles ist verloren!« Es war zu Ende. Man hörte das Gepolter des Wetters in der Ferne verhallen; es ward grabesstill. Der Himmel war wieder tiefschwarz. Geräuschlos rieselte ein feiner Regen herab. Man unterschied nichts mehr da draußen als die dichtgeschichtete Saat der Schloßen: eine weiße Decke, die inmitten der dichten Finsternis mit einem eigentümlichen Flimmern leuchtete, als seien Millionen Nachtlämpchen über die Gefilde zerstreut. Ernst war ins Freie geschlüpft und mit einem riesigen Eisball zurück, einem faustgroßen, unregelmäßigen Klumpen. Doch die Frimat vermochte nicht länger zu verweilen; sie mußte Nachschau halten. »Ich will meine Laterne holen, um zu sehen, wie groß das Unglück ist.« Fanny beherrschte sich noch einige Minuten; dann fuhr sie fort zu wehklagen: »Welch ein Jammer! Wie muß das in den Gemüsen und in den Obstbäumen gewütet haben! Das Korn und der Hafer sind noch nicht hoch genug, sie haben wohl weniger gelitten. Aber die Weingärten! die Weingärten!« Unter der Tür stehend, forschte sie in die undurchdringliche Nacht hinaus. Die Ungewißheit regte sie fieberhaft auf, sie versuchte den Schaden abzuschätzen, übertrieb, meinte, das ganze Land sei niedergeschossen und blute aus tausend Wunden. »Gelt, Kinder,« rief sie endlich, »Ihr leiht mir eine von euren Laternen; ich will nach meinem Weingarten sehen.« Sie entzündete die eine Laterne und verschwand mit Ernst. Die Bécu besaß kein Land; im Grunde berührte sie die Katastrophe nicht. Doch sie seufzte, beschwor den Himmel und weinte; es lag in ihrer Natur, bei jedem Anlaß in Tränen auszubrechen. Dabei zog die Neugier sie immer wieder zur Türe hin, und jetzt blieb sie angewurzelt auf der Schwelle stehen. Zwischen dem Stall und einem Schuppen hindurch fiel ihr Blick auf das Dorf; dort tauchte eine Unzahl Lämpchen aus dem Dunkel auf. Der Hagelschlag hatte die Bauern geweckt; ganz Rognes war auf den Beinen; niemand wollte den nächsten Morgen abwarten; Jeder mußte sich noch heute nacht vergewissern, welchen Schaden das Wetter auf seinen Feldern angerichtet. Mehr und mehr Lichter kamen zum Vorschein; hüpfend irrten sie durch die Nacht, die so undurchdringlich schwarz die Fluren umhüllte, daß man nicht einmal die Arme wahrnahm, welche die Laternen trugen. Aber die Bécu kannte die Lage jeder Hütte; jedem Lichte, das aus der Finsternis hervorbrach, gab sie einen Namen. »Seht! Jetzt wird's hell bei der Großen; jetzt bei den Fouans. Dort drüben kommt Macqueron heraus, daneben Lengaigne ... Großer Gott! die armen Leute; das Herz möcht' einem brechen ... Es hilft nichts, ich muß 'mal schauen gehen!« Sie verschwand. Lise und Franziska blieben allein bei der Leiche ihres Vaters. Noch immer regnete es; ein feuchter Wind blies über den Erdboden und flackerte in den Totenlichtern, so daß der Talg seitwärts hinabfloß. Sie hätten die Türe schließen müssen; doch weder die eine, noch die andere dachte daran. Das furchtbare Ereignis draußen nahm trotz der Trauer im Hause all ihr Sinnen gefangen. Nicht genug, daß der Tod in ihr Heim eingezogen, der liebe Gott hatte ihnen alles zerbrechen, zerstören müssen; wer weiß, ob ihnen morgen soviel übrig bleibt, daß sie nicht Hungers sterben müssen. »Der arme Vater!« murmelte Franziska, »hätt' ihm das Kummer bereitet! ... Es ist besser für ihn, daß er's nicht zu sehen braucht.« Ihre Schwester ergriff die zweite Laterne. »Wohin gehst du?« fragte sie. »Ich hab' Sorge um die Erbsen und Bohnen ... Ich komme gleich zurück.« Lise eilte im Sturzregen über den Hof in den Gemüsegarten. Die Kleine blieb bei dem Alten. Doch sie trat unter die Türe und verfolgte mit ängstlicher Spannung die im Regen hin und wieder irrende Laterne ihrer Schwester. Sie meinte, Weinen zu vernehmen; ihr brach das Herz. »Was gibt's? Wie sieht's aus?« rief sie. Niemand gab Antwort; hastiger hüpfte das Licht durch den Garten; bald war's hier, bald dort, wie vom Schreck herumgejagt. »Die Erbsen sind hin, sag'? ... Und die Bohnen, wie steht's mit den Bohnen? ... Mein Gott, mein Gott! ... Und der Salat und das Obst?« Doch ein deutlich zu ihr herüberhallender Ruf des Schmerzes brachte sie zum Entschluß. Sie raffte ihre Kleider zusammen, rannte durch den strömenden Regen ihrer Schwester nach. Der Tote blieb allein in der öden Küche. Steif und starr lag er unter dem weißen Linnen zwischen den traurig qualmenden Lichtern. Das linke Auge starrte auf das alte Gebälk der Decke. Welch eine furchtbare Verwüstung hatte das Land heimgesucht! Hundertstimmiger Jammer durchschluchzte die Nacht! Lise und Franziska schritten zwischen den Beeten hindurch; der Regen überschwemmte die Gläser der Laterne. Ein trüber Lichtschimmer fiel auf die Gewächse; nur undeutlich sahen sie, wie die Erbsen und Bohnen über der Wurzel geknickt waren; der Salat schien wie zerstampft, kein Blatt war mehr zu verwerten. Am meisten hatten die Bäume gelitten: die kleinen Zweige waren samt ihren Blüten und jungen Früchten wie mit einem Messer abgeschnitten; die Stämme selbst hatten Schaden genommen, der Pflanzensaft quoll aus den Wunden der zerrissenen Rinde. Aber weiter drüben, in den Weingärten am Abhang des Tales war das Unheil noch größer. Zahllose Laternen bewegten sich dort, kreuzten einander, hasteten verzweifelt hin und her; Wehrufe und Flüche stiegen zum Himmel. Die Reben schienen mit einer Sense hinweggemäht; die Blütendolden, die Ranken und das Stützholz deckten den Boden. Es war nicht nur die diesjährige Ernte vernichtet; die Stöcke selbst waren bloßgelegt und verletzt und mußten verderben. Niemand fühlte den Regen. Ein Hund erhob ein wehklagendes Sterbegeheul. Die Weiber brachen in Tränen aus wie an einem offenen Grabe. Macqueron und Lengaigne halfen trotz ihrer Gegnerschaft, einander ihr Eigentum beleuchten, gingen von dem Grund des einen zu dem des andern und stießen verzweifelte Flüche hervor bei jedem neuen Unglück, das ihre wandelnden Laternen wie eine kurze Schreckerscheinung vor ihren Blicken wachriefen, und das hinter ihnen wieder in Nacht und Dunkel versank. Auch der alte Fouan war gekommen und tobte gegen die Unbill des Himmels, ob er auch keinen Weingarten mehr sein nannte. Nach und nach regte die Verzweiflung all diese Leute auf: War es möglich, daß ihnen eine Viertelstunde die Frucht der Arbeit eines ganzen Jahres zerstörte? Was hatten sie verbrochen, daß sie so gestraft wurden? Keine Sicherheit gibt's, keine Gerechtigkeit; grundlos und unwillkürlich dürfen diese schrecklichsten Landplagen den Menschen zugrunde richten. Aber die Große ergriff sinnlos vor Schmerz plötzlich Kiesel, schleuderte sie gegen den unsichtbaren Himmel und brüllte: »Kannst du uns nicht in Frieden lassen?!« Auf seiner Matratze in der Küche stierte Mouche noch immer mit dem offenen Auge zur Decke empor, als zwei Wagen vor der Tür hielten. Hans brachte endlich Herrn Finet, nachdem er ihn fast drei Stunden lang in seiner Wohnung erwartet hatte. Der Bursch kam in dem Karren des Bauers, während der Arzt seinen Kutschierwagen genommen. Finet war groß und mager; unbefriedigter Ehrgeiz hatte sein Gesicht mit einem wächsernen Gelb überzogen. Mit schroffer Eile riß er die Türe auf. Er haßte im Grunde die bäuerliche Kundschaft, die er für seine Mittelmäßigkeit verantwortlich machte. »Wie, niemand da?« rief er ... »Es geht also besser?« Dann bemerkte er die Leiche. »Zu spät! ... Ich sagte es Euch vorher und wollte nicht kommen. Es ist immer dieselbe Geschichte: sie rufen mich, wenn sie gestorben sind.« Diese nutzlose Störung inmitten der Nacht reizte ihn auf; als gerade Lise und Franziska eintraten, und er erfuhr, daß sie zwei Stunden gezögert hatten, ihn zu holen, machte er seinem Zorne Luft. »Ihr habt ihn umgebracht, zum Teufel auch! ... Dieser Blödsinn, Kölnischwasser und Lindentee bei einem Schlaganfall!... Und kein Mensch bei einem Toten. Allerdings, weglaufen wird er euch nicht ...« »Aber, Herr Doktor,« stotterte Lise in Tränen, »es war nur wegen des Hagels.« Finet beruhigte sich sofort; die Sache interessierte ihn. So! es hatte hier gehagelt? Sein Verkehr mit den Bauern machte ihn empfänglich für alles, was diese berührte. Auch Hans war hinzugetreten; beide verwunderten sich laut, denn sie hatten auf dem Wege von Cloyes hierher nicht ein Hagelkorn abbekommen. In einer Entfernung von einem Kilometer voneinander waren die einen verschont, den anderen hatte es die Fluren verwüstet; welch ein Pech, sich auf der Unglücksseite zu befinden! Fanny brachte die Laterne zurück, die Bécu und die Frimat folgten ihr. Alle drei weinten und fanden nicht Worte, das Elend zu schildern, das sie gesehen. Ernst bemerkte der Arzt: »Das ist ein Unglück, ein großes Unglück!... Es gibt kein größeres Unglück fürs Land.« Ein dumpfes Geräusch, ein kollernder Ton unterbrach ihn. Es kam von dem zwischen seinen beiden Talglichtern vergessenen Toten. Alle verstummten; die Frauen bekreuzten sich. Drittes Kapitel. Ein Monat verstrich. Der für die ins fünfzehnte Jahr gehende Franziska zum Vormund ernannte Papa Fouan bestimmte sie und Lise, ihr Land bis auf ein Stückchen Wiese an Delhomme zu verpachten, damit es ordentlich bewirtschaftet werde. Jetzt, wo die Geschwister ohne Vater und Bruder allein ihr Häuschen bewohnten, hätten sie zur Feldarbeit einen Knecht annehmen müssen, was bei dem erhöhten Preise des Taglohnes verderblich gewesen wäre. Delhomme leistete ihnen einfach einen Dienst und hatte sich übrigens verpflichtet, seinen Kontrakt zu lösen, sobald eine der Schwestern sich verheiraten werde und sie sich also in die Hinterlassenschaft ihres Vaters teilen müßten. Lise und Franziska traten dem Vetter das ihnen jetzt entbehrlich gewordene Pferd ebenfalls ab und behielten nur die beiden Kühe, »Coliche« und die »Braune«, sowie den Esel Gideon. Selbstverständlich behielten sie auch den halben Morgen Gemüsegarten, den die Älteste bestellen wollte, während Franziska sich die Pflege der Tiere vorbehielt. Es blieb ihnen Arbeit genug; doch sie waren, Gott sei Dank, gesund und fühlten sich stark genug, ihre Aufgabe zu lösen. Die ersten Wochen waren sehr bitter; es galt, die Schäden des Hagelwetters wieder gutzumachen, den Boden von neuem umzubrechen und anderes Gemüse zu pflanzen. Diese Arbeitsüberbürdung bestimmte Hans, den Geschwistern zu helfen. Seit er ihren sterbenden Vater heimgefahren, hatte sich ganz naturgemäß zwischen ihm und den beiden Mädchen ein Verkehr angebahnt. Er besuchte sie am Tage nach dem Begräbnis; sprach wieder einmal bei ihnen vor; war stets gefällig und dienstbereit; bis er endlich eines Nachmittags der Lise den Spaten aus der Hand nahm und an ihrer Statt das Beet umzugraben begann, an dem sie arbeitete. Seit jenem Tage widmete er ihnen als Freund die Stunden, die ihm sein Tagewerk auf dem Hofe übrigließ. Bald war er wie zu Hause bei ihnen in diesem alten Stammhause der Fouans, das, von einem der Vorfahren vor dreihundert Jahren erbaut, von der Familie mit einer Art Andacht hochgeschätzt wurde. Wenn Mouche sich bei Lebzeiten immer beklagte, daß seine Schwester und sein Bruder ihn übervorteilt, pflegten diese zu antworten: »Und das Haus? hast du nicht das Haus bekommen?« Welch ein armseliges, baufälliges Haus war es! An allen Ecken geflickt mit Brettern und Kalkwerk; die Wände zerborsten, zusammengesickert, als wollten sie stürzen. Es mußte ursprünglich in Sandstein und Lehm errichtet worden sein; später ergänzte man zwei Mauern in Kalk; endlich zu Anfang dieses Jahrhunderts wurde das Dachstroh durch eine heute verwitterte Schieferdeckung ersetzt. Mit all diesen Ausbesserungen hatte die Hütte die Zeit überdauert und steckte noch heute einen Meter tief im Erdboden, wie man, wohl um es wärmer zu haben, in früherer Zeit die Dorfhäuser gebaut. Diese tiefe Lage brachte es mit sich, daß bei großen Regengüssen das Wasser in die kellerartige Wohnung drang; dann mochte man noch so sorgfältig den Tonboden säubern, es blieb immer etwas Schmutz in den Winkeln. Besonders unglücklich war das Gebäude Wind und Wetter preisgegeben, indem es mit seiner Rückwand gerade nach Norden blickte, in die weite Ebene der Beauce, über welche im Winter die Stürme fegten. Auf dieser Seite lag die Küche mit ihrer durch einen Laden verbarrikadierten schmalen Fensteröffnung, die bis auf die Straßenhöhe hinabreichte, während sich an der Südseite die Tür und die Fenster des Wohnzimmers befanden. Das Haus glich jenen elenden Fischerhütten am Strande des Ozeans, die an der dem Meere zugekehrten Wand nicht durch die kleinste Ritze einen Blick auf die See gestatteten. Die Winde, welche durch Jahrhunderte an das Gebäude gestürmt, hatten es schließlich gebogen; es neigte sich vornüber wie die ganz alten Frauen, deren Lenden mürbe geworden. Hans lernte bald jeden Winkel des alten Hauses kennen. Er half die Kammer des Vaters, reinigen, ein nur durch eine Bretterwand abgeteiltes Verlies am Boden, wo sich ein alter mit Stroh gefüllter Koffer befand, der dem Verstorbenen als Bett gedient hatte, sowie ein Tisch und ein Stuhl. Unten jedoch kam er nicht über die Küche hinaus. Er vermied es, den Geschwistern in ihr Schlafzimmer zu folgen, durch dessen stets offene Tür man den Alkoven sah mit den beiden Betten, dann den großen Nußholzschrank und einen runden, geschnitzten Tisch, ein prächtiges Möbel, das sich zweifelsohne einst vom Schlosse hierher verirrt hatte. Hinter diesem Schlafzimmer befand sich noch ein kleiner Raum, der jedoch so feucht war, daß der Alte es vorgezogen hatte auf dem Heuboden zu schlafen; selbst die Kartoffeln brachte man nicht gern hier unter, weil sie sofort keimten. Aber in der Küche lebte man, in diesem weiten verräucherten Raume, darin seit drei Jahrhunderten die Geschlechter der Fouans einander abgelöst. Diese Küche verriet den langen Daseinskampf der Familie, gab gleichsam Zeugnis von der mageren Nahrung, von dem unterbrochenen Ringen und Streben dieser Leute, die es mit all ihrer überschweren Mühe knapp erreicht hatten, nicht Hungers zu sterben; die niemals am Ende des Jahres einen Sou mehr besessen als am Anfang. Eine Tür, die in den gleichhochgelegenen Stall führte, vereinte das Leben der Kühe mit dem der Menschen; selbst wenn diese Pforte geschlossen war, vermochte man die Tiere durch ein in der Mauer angebrachtes Guckfenster zu überwachen. Dahinter lag der Pferdestall, in dem jetzt nur noch der Esel Gideon stand, dann der Schuppen und das Holzverlies. Alle diese Räume waren untereinander verbunden, und man konnte, ohne ins Freie zu gehen, in sie gelangen. Auf dem Hofe füllte der Regen den großen Tümpel, der das Wasser für die Tiere und zum Begießen der Pflanzen lieferte, während das Wasser für die Küche und den Tisch jeden Morgen aus dem Brunnen unten im Dorfe heraufgeholt wurde. Hans fühlte sich wohl im Hause der Geschwister, ohne sich zu fragen, was ihn eigentlich dorthin locke. Die runde, muntere Lise kam ihm freundlich entgegen, und doch begann sie schon mit fünfundzwanzig Jahren zu altern und hörte auf zumal seit ihrer Entbindung, hübsch zu sein. Aber sie hatte muskelstarke Arme, arbeitete mit soviel Herzenslust, lachte und schwatzte dabei, daß es eine Freude war, ihr zuzuschauen. Hans betrachtete sie wie eine Frau und duzte sie nicht, während er immer noch fortfuhr, die fünfzehnjährige Franziska du zu nennen. Dieser hatten die rauhe Luft und schwere Arbeit noch nicht ihre frische Jugendschöne genommen; sie blickte immer noch mit den stummen schwarzen Augen aus dem niedlichen Oval ihres Gesichtes mit seiner eigensinnigen niedrigen Stirn und dem Flaum über den fleischigen Lippen. Obgleich man sie noch für ein Kind hielt, war sie doch schon reif, und man hätte ihr –wie Lise sagte –ohne große Mühe ein Kind machen können. Lise war's, die sie nach dem frühen Ableben der Mutter aufgezogen hatte; daher kam die große Zärtlichkeit, die sich bei der Älteren laut betätigte, während die Jüngere sie meist stumm in ihrem glühenden Herzen verschloß. Franziska hatte ihren eigenen Schädel, wie die Leute sagten. Eine Ungerechtigkeit brachte sie außer sich. Wenn sie einmal erklärt hatte: »Das ist mein, das ist dein«, so war sie imstande, ihr Recht mit dem Leben zu verteidigen. Ihr Rechtsgefühl spielte auch in ihrer Liebe zur Schwester eine Rolle: sie war überzeugt, daß diese die Liebe um sie verdient habe. Im übrigen war sie ein vernünftiges, braves Mädchen, hatte keine losen Streiche im Kopfe, und nur ihre frühreife Entwicklung machte sie zeitweise etwas lecker und träge. Eines Tages begann sie ebenfalls Hans zu duzen. Er war für sie ein älterer, lieber Freund des Hauses geworden, der mit ihr spielte und sie oft neckte; der zuweilen absichtlich die Unwahrheit sprach oder eine ungerechte Sache verteidigte, um sich an dem Auflodern ihres Zornes zu ergötzen. Eines Sonntag nachmittags arbeitete Lise in ihrem Gemüsegarten; sie hatte Julius unter einen Pflaumenbaum gelegt, das Kind schlief. Die Junisonne brannte fast scheitelrecht; die Frau kniete am Boden mit dem Gesicht vornüber und jätete das Unkraut zwischen den Erbsen aus. Da rief es über die Hecke: »Ruht man selbst nicht am Sonntag?« Sie erkannte die Stimme; sie richtete das Haupt empor; ihre Arme waren hochgerötet, auch in das Gesicht war ihr bei der Arbeit das Blut gestiegen. Sie lächelte. »Ja, die Arbeit macht sich so wenig Sonntag wie Alltag allein.« Hans ging die Hecke entlang und kam über den Hof in den Garten. »Laßt,« bat er, »ich werd' Euch das flink zu Ende bringen!« Doch sie dankte: »Ich besorg's schon, es ist ohnehin nicht mehr viel. Und dann, das oder was anderes! Man kann doch nicht die Hände in den Schoß legen; selbst wenn man früh um vier Uhr aufsteht und abends noch bei Licht näht, wird man nicht fertig.« Um sie nicht zu ärgern, gab er nach, setzte sich unweit des Kindes unter einen zweiten Pflaumenbaum und schaute ihr zu. Sie beugte sich wieder über ihre Erbsen. Ihr Kleid spannte sich über dem gehobenen Gesäß und entblößte ein kräftiges Bein, während der Kopf dicht am Boden hing, so daß das Blut die Adern am Halse schwellte. »Ein Glück, daß Ihr solid gebaut seid,« meinte er. Sie lachte, während sie in ihrer Beschäftigung fortfuhr; sie war stolz auf ihre Kraft. Auch er lächelte, wie er sie bewundernd betrachtete. Aber kein unlauterer Wunsch wurde beim Anblick dieser Lenden und dieser nackten Waden in ihm rege; er dachte nur, wie wacker ein Weib mit diesem prächtigen Gliederbau arbeiten könne. In einem Haushalte war solch eine Frau Gold wert. Diese Bemerkung mußte einen eigenen Gedankengang in ihm wachrufen; denn unwillkürlich platzte er mit einer Neuigkeit heraus, die er beabsichtigt hatte, für sich zu behalten. »Ich habe Buteau vorgestern gesehen.« Langsam erhob sich Lise. Doch sie hatte nicht Zeit zu antworten, denn im selben Augenblick kam Franziska, welche des Freundes Stimme vernommen, mit nackten, milchbespritzten Armen aus ihrer Milchwirtschaft im Hintergründe des Stalles herbei und rief zornig: »So, du hast ihn gesehen, den Lump?« Es war eine stets wachsende Abneigung. Sie konnte nicht mehr den Vetter nennen hören, ohne daß ihr verletztes Rechtlichkeitsgefühl sich gegen ihn auflehnte, als habe sie eine persönliche Schädigung an ihm zu rächen. »Gewiß ist er ein Lump,« bestätigte Lise mit Ruhe; »doch was nützt es uns jetzt, dies zu sagen?« Sie stützte die Hände in beide Hüften und fragte ernst: »Was hat Buteau gesagt?« »Nichts,« versetzte Hans verlegen, ungehalten über seine Geschwätzigkeit. »Wir haben von seinen Angelegenheiten gesprochen, weil sein Vater überall sagt, daß er ihn enterben will. Er meint, er habe Zeit zu warten, der Alte besitze eine zähe Haut, und schließlich sei ihm alles eins.« »Weiß er, daß Fanny und Jesus den Akt nichtsdestoweniger unterzeichnet und ihren Besitz angetreten haben?« »Ja, er weiß es, und er weiß auch, daß Papa Fouan seinem Schwiegersohne Delhomme den Teil, den er, Buteau, nicht gewollt, verpachtet hat, und weiß auch, daß Herr Baillehache wütend gewesen ist und geschworen hat, nie mehr Schenkungs- oder Erbteile auslosen zu lassen, ehe alles unterzeichnet ist ... Ja, er weiß das alles.« »So! Und er sagt nichts?« »Nein, er sagt nichts.« Stumm neigte sich Lise wieder über ihre Arbeit. Man sah nichts mehr von ihr als die breite Rundung ihrer Sitzteile; so kroch sie jätend auf dem Boden dahin. Dann wandte sie das hinabgebeugte Haupt ein wenig zur Seite und sprach: »Soll ich Euch etwas sagen, Korporal? ... Es ist aus; ich kann den kleinen Julius für eigene Rechnung behalten.« Hans, der ihr bisher immer Mut und Hoffnung zugesprochen, hob das Kinn. »Ihr könnt am Ende Recht haben.« Er warf einen Blick auf Julius, den er vergessen hatte. Der in seinem Wickelzeuge steckende Säugling schlief noch immer, das unbewegliche kleine Gesichtchen war vom Tageslicht beschienen. Ja, dies Kind war fatal! Warum hätte er sonst nicht Lise heiraten können? Sie war ja frei. Der Gedanke kam ihm plötzlich, wie er sie so arbeiten sah. Vielleicht war's das Vergnügen, sie zu sehen, das ihn immer in dies Haus zog? Und doch verwunderte ihn dieser Gedanke, denn er hatte niemals ein Verlangen nach dem Mädchen getragen, hatte nie mit ihr gescherzt, wie er es beispielsweise mit ihrer Schwester tat. Er hob das Haupt. Da stand gerade Franziska ihm gegenüber im hellen Sonnenlicht, in ihrem Blicke prägte sich ein Ausdruck grimmigen Zornes über Buteau aus, der so drollig anzuschauen war, daß Hans lachen mußte trotz der Aufregung, in die ihn seine Gedanken versetzt. Doch ein Hornsignal, ein seltsames Turlututu ließ sich hören. Lise sprang auf. »Lambourdieu! ... Ich muß eine Haube bei ihm bestellen.« Jenseits der Hecke kam ein untersetztes Männchen trompetend auf der Chaussee daher, und hinter ihm drein fuhr ein länglicher, mit einem grauen Schimmel bespannter Wagen. Es war Lambourdieu, ein Handelsmann aus Cloyes, der nach und nach mit seinem Modegeschäft einen Handel mit Wirkwaren, Zwirn und Knöpfen, Schuhwerk und selbst Kurzwaren verbunden hatte: einen ganzen Bazar, mit dem er in einem Umkreise von fünf oder sechs Meilen von Dorf zu Dorf zog. Die Bauern gewöhnten sich daran, alles bei ihm zu kaufen, vom Küchengerät bis zu den Hochzeitskleidern. Sein Wagen öffnete sich an der Längsseite, hatte allerhand Läden und Fächer, die sich herauszogen und aufklappten: ein vollständiges Magazin. Nachdem Lambourdieu die Bestellung der Haube entgegengenommen, sagte er: »Wollen Sie nicht inzwischen ein schönes Kopftuch kaufen?« Er zog ein Fach auf, holte rote, goldgestickte Tücher daraus hervor und ließ die schreienden Farben in der Sonne spielen. »Drei Franken! Es ist geschenkt! ... Hundert Sous das Paar!« Über die Hagedornhecke, auf der die Windeln des Kleinen trockneten, ergriffen Lise und Franziska die Tücher; aber sie waren vernünftig; sie brauchten die Tücher nicht; wozu die Ausgabe? Und sie gaben sie zurück. Hans aber entschloß sich plötzlich, die Lise trotz des Kindes zu heiraten; um die Sache zu beschleunigen, rief er ihr zu: »Nein, nein, behaltet es, ich schenke es Euch! ... Gewiß, Ihr würdet mir weh tun, es geschieht aus guter Freundschaft.« Er hatte sich nicht an Franziska gewandt; jetzt bemerkte er, wie diese immer noch dem Kaufmann ihr Tuch hinhielt. Sie tat ihm leid; er meinte zu sehen, daß sie erbleichte, daß ein schmerzliches Zucken ihre Lippen umspielte. »Aber du auch, Kind, sollst es behalten ... Ich will, hörst du! Du wirst doch nicht wieder eigensinnig sein!« Die Geschwister ließen sich bitten. Aber schon hielt Lambourdieu die leere Hand über die Hecke, um die hundert Sous in Empfang zu nehmen. Dann klappte er seinen Wagen zu, trollte sich weiter mit seiner heiseren Musik, und der Schimmel zog hinter ihm drein. Hans dachte sofort seine Werbung anzubringen; ein Zwischenfall jedoch vereitelte dieses Vorhaben. Der Stall mochte schlecht geschlossen gewesen sein; plötzlich bemerkte man Gideon mitten im Gemüsegarten, wo er mit hastiger Gefräßigkeit über die Rüben herfiel. Übrigens war dieser Esel, ein starkes Tier mit rötlichem Felle und einem großen, schwarzen Kreuz am Rücken, ein listiger Patron; er verstand es sehr gut, mit der Schnauze die Türklinken aufzuheben, kam selbst bis in die Küche und nahm sich Brot; wenn man ihm diese Streiche verwies, konnte man an der stummen Sprache seiner zuckenden Ohren merken, daß er verstand, was ihm vorgeworfen wurde. Sobald er sich entdeckt sah, stellte er sich ganz unschuldig. Franziska rief ihn an und hob drohend die Hand; da machte er sich aus dem Staube. Doch statt in den Stall zurückzukehren, trabte er durch die Gänge bis ans Ende des Gartens. Es folgte eine förmliche Jagd; endlich hatte das junge Mädchen den Esel erwischt; jetzt aber zog er den Hals ein, stemmte sich mit allen Vieren und wollte nicht vom Fleck. Kein Zureden, keine Schläge halfen. Hans mußte sich ins Mittel legen, mußte den Widerspenstigen von hinten mit starken Armen vorwärts schieben: seit Gideon nur von Frauen Befehle erhielt, war er störrischer denn je. Der kleine Julius erwachte bei dem Lärm und begann zu schreien. Die Gelegenheit war verpaßt; der junge Mann mußte sich entfernen, ohne seinen Antrag vorgebracht zu haben. Acht Tage gingen vorüber. Eine große Schüchternheit hatte sich Hansens bemächtigt: er getraute sich nicht mehr. Doch war ihm keineswegs die Sache in einem ungünstigen Lichte erschienen; im Gegenteil, je mehr er darüber nachdachte, um so praktischer dünkte sie ihm. Beide Teile konnten nur gewinnen bei dieser Heirat. Wenn er nichts besaß, so hatte sie ihrerseits den erschwerenden Umstand: das Kind; es glich den Vermögensunterschied aus. In diese seine Erwägungen mischte sich durchaus keine selbstsüchtige Berechnung, er hatte das Interesse des Mädchens ebensowohl im Auge wie das seine. Auch erwog er noch, daß ihn seine Verheiratung vom Bauernhof entfernen und von Jacqueline befreien werde, die ihn ewig verfolgte und der er aus Schwäche nachgab. So war er fest entschlossen, wartete nur auf die günstige Gelegenheit und legte sich vorher zurecht, was er sagen wolle; denn ungeachtet seines Aufenthaltes im Regiment war er den Frauen gegenüber ein Hasenfuß geblieben. Eines Tages endlich machte sich Hans nachmittags gegen vier Uhr heimlich vom Hofe fort und kam, entschlossen sich auszusprechen, nach Rognes. Es war dies die Stunde, wo Franziska ihre Kühe auf die Abendweide trieb; so hoffte er, mit Lise allein zu sein. Aber zu seinem Schreck fand er die Frimat im Hause, die sich bei der Nachbarin in der Küche festgesetzt hatte, um ihr bei der Wäsche zu helfen. Am vorhergehenden Tage hatten die Geschwister das Linnen eingeweicht, heute mußte es ausgekocht werden. Seit dem frühen Morgen brodelte in einem Kessel das mit Iriswurzeln versetzte Laugenwasser über einem hellen Holzfeuer. Mit nackten Armen und aufgerafftem Kleide schöpfte Lise mit einem gelben Steinguttopf die kochende Lauge und bewässerte damit die im Trog sich häufende Wäsche: zu unterst die Bettücher, dann die Wischlappen, die Hemden und darüber noch einmal Bettleinen. Die Frimat half eigentlich so gut wie nichts bei dieser Verrichtung; sie saß da und plauderte, indem sie sich begnügte, von Zeit zu Zeit den Eimer, in dem das Wasser aus dem Waschtrog ablief, in den Kessel am Herde zu entleeren. Hans wartete geduldig, daß die Frau sich entfernen möge; doch sie tat nichts dergleichen. Sie sprach von ihrem armen Manne, dem Gelähmten, der nur noch eine einzige Hand bewegen konnte. Es war ein Elend. Die beiden waren nie reich gewesen; aber als der Ehemann noch arbeiten konnte, pachtete er Äcker und Wiesen, und sie ernährten sich mit deren Ausnutzung; jetzt aber hatte sie die größte Mühe, den einzigen Morgen Land, der ihnen gehörte, zu bebauen. Sie quälte sich rechtschaffen: sie las den Pferdemist auf den Straßen zusammen und düngte damit, denn sie besaß keine Kuh; sie pflegte ihren Salat, ihre Erbsen und Bohnen, vergaß keine Pflanze; begoß selbst ihre drei Pflaumen- und zwei Aprikosenbäume. So gelang es ihr, einen ganz bedeutenden Nutzen aus ihrem Stückchen Grund zu ziehen. Jeden Sonnabend ging sie zu Fuß, mit zwei enormen Körben beladen, zum Markte in Cloyes, wohin ein Nachbar ihr auf seinem Wagen noch das größere Gemüse fuhr. Selten kam sie, zumal in der Obstzeit, mit weniger als zehn oder fünfzehn Franken heim. Eine Schwierigkeit war der Mangel an Dünger: weder der Pferdemist noch das, was sie von ihren paar Kaninchen und Hühnern zusammenfegte, wollte genügen. So hatte sie sich schließlich geholfen, indem sie auf ihrem Acker jene Ausleerungen verwandte, die selbst bei dem Landmann Ekel hervorrufen. Es sprach sich indes herum; man nannte die Frau »Mutter Caca« und machte sich über sie lustig. Dieser Beiname schadete ihr auf dem Markte; gar oft kam es vor, daß die Bürgerinnen mit einer Miene des Abscheues an ihrem Stand vorübergingen. Die sonst so ruhige Person geriet außer sich darüber. »Sagt, Korporal, ist das vernünftig? ... Soll es uns nicht vergönnt sein, alles zu verwerten, was uns der liebe Gott beschert? Und dann, ist etwa der Mist von den Tieren reiner? ... Nein, es ist alles nur Neid; sie sind in Rognes eifersüchtig auf mich, weil mein Gemüse schöner wächst als bei den anderen ... Laßt hören, Korporal, ekelt Euch das auch?« Verlegen erwiderte er: »Nun, ich kann just nicht sagen, daß es mir den Appetit sonderlich auffrischt ... Es mag vielleicht nur ein Vorurteil sein, aber man ist eben nicht daran gewöhnt ...« Diese Freimütigkeit brachte die Alte zur Verzweiflung. Sie war gemeinhin keine Klatschschwester; die Erbitterung jedoch löste ihr die Zunge. »Gut, gut, sie haben auch Euch schon gegen mich aufgehetzt ... Wenn Ihr wüßtet, was für böse Mäuler das sind! Wenn Ihr ahntet, was sie von Euch alles reden!« Sie kramte aus, was in Rognes über den jungen Mann geschwatzt wurde. Zunächst hatte es ihn unbeliebt gemacht, daß er Handwerker war, daß er Holz sägte und hobelte, statt das Land zu bestellen. Als er dann zum Pfluge griff, warf man ihm vor, daß er ins Land gekommen sei, um das Brot der anderen zu essen. Wußte man überhaupt, woher er kam? Konnte er nicht in seiner Heimat sich irgend etwas haben zuschulden kommen lassen und getraute sich nicht, dorthin zurückzukehren? Dann sein Techtelmechtel mit der Cognette: jeder war überzeugt, daß die beiden eines Tages dem alten Hourdequin etwas eingeben würden, um ihn zu ermorden und zu berauben. »Oh, die Hundsfötter!« murmelte Hans bleich vor Wut. Lise, die gerade einen Topf kochender Lauge aus dem Kessel schöpfte, lachte beim Namen der Cognette; sie pflegte zuweilen den Burschen mit seiner Geliebten zu necken. »Wenn ich einmal angefangen habe,« fuhr die Frimat fort, »ist's besser, ich sag' gleich alles heraus. Also, daß Ihr's wißt, seit Ihr in dies Haus hier kommt, wird das Schändlichste von Euch erzählt ... Habt Ihr nicht in der letzten Woche der Lise und Franziska Tücher geschenkt, mit denen sie am Sonntag zur Messe gegangen sind? Nun, es heißt, Ihr schliefet mit allen beiden.« Bebend, aber entschlossen sprang Hans auf und versetzte: »Hört, Mutter, ich will darauf antworten, und zwar hier vor Euch, es geniert mich nicht ... Ja, ich will die Lise fragen, ob sie mich heiraten mag? ... Ihr versteht, Lise? Ich halt' um Euch an, und wenn Ihr ja sagt, so wird es mich sehr glücklich machen.« Sie begoß gerade ihr Leinenzeug. Sie beeilte sich nicht; sorgsam netzte sie die einzelnen Stücke, dann drehte sie sich mit ihren nackten, dampffeuchten Armen zu ihm herum, blickte ihn gerade an und sprach: »Also, es ist ernst?« »Vollkommen ernst.« Sie schien nicht überrascht. Die Sache kam ihr eigentlich ganz natürlich vor. Doch ein Gedanke mochte sie beschäftigen: sie sagte weder ja noch nein. »Ihr müßt mich nicht ausschlagen wegen der Cognette,« nahm er wieder das Wort; »denn die Cognette ...« Sie schüttelte das Haupt; sie wußte recht wohl, daß diese Liebelei auf dem Bauernhof nicht ernst zu nehmen sei. »Dann ist noch der Umstand, daß ich absolut nichts weiter als meine Haut habe, während Ihr das Haus besitzt und Grund und Boden...« Abwehrend hob sie die Hand; sie dachte wie er, daß in ihrer Lage mit dem Kinde die Sache sich ausgleiche. »Nein, nein, alles das ist es nicht«, erklärte sie endlich. »Allein der Buteau.« »Wenn er aber nicht will?« »Schon recht, und Zuneigung hat man auch nicht mehr, weil er sich zu schlecht benommen... Aber dennoch müßte man Buteau fragen.« Hans überlegte lange; dann sprach er bedächtig die Worte: »Wie Ihr wollt. Man muß es tun des Kindes wegen.« Die Frimat, die ebenfalls ernst geworden, meinte, den Abfluß in den Kessel zurückgießend, das sei in der Ordnung. Danach lobte sie Hans als einen braven Burschen, der das Herz auf dem rechten Flecke habe, der nicht roh und nicht eigensinnig sei. In diesem Augenblicke hörte man Franziska mit den beiden Kühen zurückkommen. »Schau mal, Lise,« rief sie, »Coliche hat sich den Fuß verwundet.« Alle begaben sich in den Hof. Aber als Lise das hinkende Tier erblickte, dessen linker Vorderfuß blutete, fuhr sie die Schwester mit jener rauhen Sprache an, in der sie ihr, als Franziska noch ein Kind gewesen, ihre Fehler vorgehalten. »Eine neue Nachlässigkeit, gelt? ... Hast wieder im Grase geschlafen wie letzthin.« »Aber nein, ich versichere dich ... Ich weiß nicht, was sie angerichtet. Sie war am Pflock angebunden und muß sich den Fuß in dem Strick verwickelt haben.« »Schweig, Lügnerin! Du Taugenichts wirst mir noch eines Tages meine Kuh ums Leben bringen!« Die schwarzen Augen des jungen Mädchens blitzten auf. Sie ward sehr bleich; erregt stammelte sie: »Deine Kuh, deine Kuh ... Du könntest wohl sagen: unsere Kuh.« »Wie, unsere Kuh? Hast du eine Kuh, du Göre?« »Ja, die Halbscheid von allem, was hier liegt und steht, ist mein; ich hab' das Recht, davon zu nehmen und zu verderben, wenn's mir Spaß macht.« Beide maßen sich mit feindlichem Blick. Die Frage von Mein und Dein hatte den ersten schmerzlichen Streit zwischen ihnen wachgerufen. Die eine war erbittert über die Auflehnung der jüngeren Schwester; die andere ward durch die Ungerechtigkeit aufgereizt. Die Ältere gab nach und ging in die Küche zurück, um sich nicht hinreißen zu lassen, die Kleine zu ohrfeigen. Als Franziska die Kühe im Stall untergebracht hatte und zum Schrank trat, um sich ein Stück Brot abzuschneiden, entstand ein peinliches Schweigen. Lise aber hatte sich inzwischen beruhigt. Der Anblick ihrer starr und trotzig blickenden Schwester ward ihr jetzt lästig. Um der Sache ein Ende zu machen, nahm sie zuerst wieder das Wort. »Weißt du, Hans will, daß ich ihn heiraten soll, er hält um mich an«, rief sie, in der Hoffnung, die unvermutete Neuigkeit werde die Mißlaune der Kleinen verscheuchen. Franziska stand kauend am Fenster. Sie wandte sich nicht einmal um. »Was schert das mich?« »Das schert dich insofern, als er dann dein Schwager wird und ich wissen möchte, ob er dir gefällt.« »Mir gefallen, wozu? Er oder Buteau, das ist mir verflucht gleichgültig; ich habe mit keinem von beiden zu schlafen. Aber wenn ich's Euch sagen soll, sehr anständig ist all das nicht.« Damit ging sie hinaus, um ihr Brot auf dem Hofe zu verzehren. Hans, dem nach diesem Auftritt sehr unbehaglich zumute war, versuchte zu scherzen wie über die Laune eines verzogenen Kindes. Die Frimat versicherte, in ihrer Jugend hätte man solch ein schnippisches Ding bis aufs Blut geprügelt. Lise beschäftigte sich von neuem ernst und stumm mit ihrer Wäsche; dann schloß sie: »Also, Korporal, es bleibt einstweilen alles beim alten... Ich sag' nicht nein, ich sag' nicht ja... Jetzt rückt die Heuernte heran; ich komm' mit unseren Leuten zusammen, ich werde mich erkundigen und erfahren, woran ich mich zu halten habe. Darnach fassen wir einen Entschluß... Seid Ihr einverstanden?« »Einverstanden!« Er reichte ihr die Hand und schüttelte die Rechte, die sie ihm bot. Ihre ganze, mit warmem Wasserdampf getränkte Person atmete einen Geruch, der an eine tüchtige Hausfrau gemahnte, einen Geruch von Lauge und Iriswurzel. Viertes Kapitel. Hans leitete seit zwei Tagen die Mähmaschine in den wenigen Morgen Wiese, die Herrn Hourdequin am Ufer der Aigre gehörten. Vom Morgengrauen bis zum Sonnenuntergang vernahm man das regelmäßige Klappen der Schneiden. Heute aber nahte die Arbeit ihrem Ende; die letzten Schwaden reihten sich hinter den Rädern der Maschine in einer Schicht dünner Hälmchen von einem zarten, wie ausgeblaßten Grün. Da es in dem Gute keine Wendemaschine gab, so hatte man dem Burschen erlaubt, zwei Mädchen anzunehmen, Palmyre, die sich quälte, in der Arbeit noch mehr als ein Mann zu leisten, und Franziska, die sich aus Laune zu dieser Verrichtung gemeldet hatte. Alle beide waren früh fünf Uhr mit Korporal auf der Wiese erschienen und hatten mit ihren langen Heugabeln die Häufchen halbtrockenen Grases auseinandergebreitet, die man am Vorabend aufgeschichtet, um sie vor dem Nachttau zu schützen. Die Sonne erhob sich an dem klarblauen Himmel; ein frischer Windzug strich über das Land. Ein treffliches Wetter zum Heuen. Als Hans nach dem Frühstück mit den beiden Dirnen zur Arbeit zurückkehrte, war das Heu der zuerst gemähten Wiese bereits fertig. Er befühlte es, fand es trocken und knusperig. »Hört,« rief er den Mädeln zu, »wir wollen es nochmal umlegen, und heut abend bringen wir es in die Schober.« Franziska trug ein graues Leinenkleid und hatte um den Kopf ein blaues Tuch geknüpft, dessen einer Zipfel ihren Nacken bedeckte, während zwei andere ihr frei um das Gesicht flatterten und so ihre Backen gegen die Strahlen der Sonne schützten. Mit einer Schwenkung der Gabel ergriff sie das Heu und schleuderte es in den Wind. Die Halme flogen; ein durchdringender würziger Geruch stieg daraus empor: der warme Geruch geschnittenen Grases und welkender Blumen. Auch dem Mädchen ward warm, wie es inmitten der lustig tanzenden Gräser dahinschritt. »Kleine,« bemerkte Palmyre mit ihrer wehmütigen Stimme, »man sieht wohl, daß du jung bist ... Aber wart', heut abend wirst du deine Arme fühlen!« Sie waren nicht allein hier am Fluß; ganz Rognes war in den Wiesen rings um sie her mit dem Heumachen beschäftigt. Schon vor Sonnenaufgang hatte sich Delhomme eingefunden; in dieser Nachmittagsstunde vernahm man deutlich, wie die widerspenstigen Halme mit hart sausendem Schnitt von dem schaukelnden Hin und Wieder der Sense Delhommes abgemäht wurden. Ganz nahe unmittelbar neben dem zum Gute gehörenden Grund lagen zwei Parzellen, deren eine Macqueron gehörte, die andere Lengaigne. Auf der ersteren befand sich Berta, die zu ihrer Zerstreuung die Mägde hierher begleitet hatte; sie war wie ein Fräulein angezogen, trug ein mit Spitzen besetztes Kleid und einen Strohhut. Die Arbeit gefiel ihr bereits nicht mehr, und sie lehnte im Schatten einer Weide müde an ihrer Heugabel. In dem zweiten Felde mähte Viktor für seinen Vater. Er hatte sich gerade auf einen Stein gesetzt, hielt das Dängeleisen zwischen den Knien und schärfte seine Sense. Seit zehn Minuten vernahm man in dem tiefen Schweigen der schwingenden Luft nichts wie dieses eigensinnig wiederholte Hämmern, diesen hurtigen Schlag auf das Eisen. Franziska kam in die Nähe von Bertas Weidenbaum. »Na? Du hast genug?« »Beinah' ... Wenn man's nicht gewöhnt ist!« Sie plauderten, sprachen von Susanna, der Schwester Viktors, welche die Lengaignes in eine Damenschneiderei nach Chateaudun gegeben hatten und die sechs Monate später nach Chartres durchgegangen war, um ein lustiges Leben zu führen. Es hieß, sie sei von dem Gehilfen eines Notars entführt worden; alle Mädchen von Rognes flüsterten davon und malten sich die Sache aus. Unter »sich amüsieren« stellten sie sich Orgien mit Johannisbeersaft und Selterswasser vor unter einer Schar von Männern, die in den Hinterstübchen der Weinhändler zehn, zwölf hintereinander über das Mädchen herfallen. »Ja, meine Liebe, so ist es!... Die hat Liebhaber!« Franziska riß die Augen auf. »Ist das ein eigenes Vergnügen!« versetzte sie endlich. »Wenn sie nicht wiederkommt, bleiben die Lengaignes allein; Viktor muß doch zum Militär?« Berta, die ihres Vaters Haß gegen die Nachbarn teilte, zuckte die Achseln: Lengaigne sei es gleichgültig, was aus seiner Tochter werde, meinte sie; ihm tue es nur leid, daß sie ihr liederliches Leben nicht bei ihm zu Hause führe, was wenigstens seinem Geschäft zugutekommen würde. Von der Susanne übrigens dürfe nichts wundernehmen, sie sei bereits daheim von ihrem Onkel, einem vierzigjährigen Alten, verführt worden. Sie dämpfte die Stimme und sagte Franziska, wie die Sache sich zugetragen. Diese lachte. »Ist es möglich, daß man solche Torheiten treibt!« Einige Minuten später befand sich Franziska in der Nähe des klopfenden Viktor. »Also du gehst zum Militär?« »Im Oktober, das hat noch gute Weile.« Sie empfand ein lebhaftes Verlangen, ihn nach seiner Schwester zu fragen. Zwar versuchte sie ihre Neugier zu bekämpfen; doch wider ihren Willen platzte sie heraus: »Ist es wahr, was man erzählt, daß Susanne gegenwärtig in Chartres lebt?« Er antwortete gleichmütig: »Es scheint! ... Wenn's ihr Freude macht!« Im selben Augenblick tauchte der Schulmeister Lequeu in der Ferne auf und kam, wie zufällig spazierend, näher heran. »Sieh,« hub Viktor wieder an, »der kommt wegen der Tochter Macquerons ... Da, habe ich's nicht gesagt, er geht hin und schnüffelt an ihr herum ... alter Hanswurst!« Jetzt zog er auf beide los. An dem Schulmeister sei nichts dran; ein Wüterich, der die Kinder schlage, ein Duckmäuser, der imstande sei, der Tochter einen Pudel abzugeben, um den Vater für sich zu gewinnen. Berta sei auch nicht katholisch trotz ihrer zimperlichen Manieren. »Ja, die kann zehnmal Röcke mit Spitzen tragen und samtene Leibchen und kann sich das Hinterteil mit Servietten ausstopfen, was darunter steckt, ist darum nicht besser, im Gegenteil; denn in der Pension in Chateaudun lernen die Mädchen mehr Schlechtigkeiten, als wenn sie daheim bleiben bei den Kühen. Bei der ist keine Gefahr, daß sie sich ein Kind werde machen lassen. Die zieht es vor, sich selber die Gesundheit zugrundezurichten.« »Wieso denn?« fragte Franziska. Er machte eine Gebärde; daraufhin wurde nie nachdenklich und sagte ohne Scheu: »Darum also hört man aus ihrem Munde immer Schweinereien.« Viktor hatte wieder begonnen, seine Sense zu schärfen; zwischendrein fuhr er mit seinen Späßen fort: »Du mußt auch wissen: sie hat keine ... »Wie?« »Ei freilich!... Berta hat keine... Die Burschen heißen sie auch ›Ohnedas‹, weil ihr keine gewachsen sind.« »Was denn?« »Nun, Haare überall; ihr Leib ist so kahl wie meine Hand.« »Geh, Lügner!« »Aber ich sage dir's!« »Hast du es denn gesehen?« »Ich will nicht, aber andere.« »Wer?« »Burschen, die darauf schwören.« »Wo und wie hätten sie sie gesehen?« »Es kommt ja vor, daß Frauenzimmer sich die Röcke aufheben, nicht?« »Freilich; da müssen sie ihr aufgepaßt haben.« »Gleichviel; es muß sehr häßlich sein, wie ein nackter Spatz... Zum Drauf speien...« Franziska lachte von neuem; der nackte Spatz schien ihr zu drollig. Sie bemerkte auf der Chaussee ihre Schwester, die zur Wiese herankam. Lise näherte sich Hans und teilte ihm mit, sie sei im Begriff, sich zu ihrem Onkel zu begeben, um mit ihm über Buteau zu sprechen, ein Schritt, den sie beide seit drei Tagen beschlossen; sie werde auf dem Heimwege vorüberkommen und ihm das Ergebnis der Unterredung mitteilen. Und sie entfernte sich. Viktor schlug noch immer auf seine Sense los; Franziska, Palmyre und die anderen Weiber machten sich wieder an ihre Arbeit, das Heu zu wenden, während der Schulmeister Lequeu mit der Heugabel in der Hand Berta zeigte, wie es zu machen sei. Die Heumäher in der Ferne gingen unaufhörlich vor immer mit der nämlichen gleichmäßigen Bewegung, wobei der Rumpf auf den Lenden sich wiegte und die Sense beständig hin und her geführt wurde. Delhomme hielt einen Augenblick inne, um mit raschem Griffe seine Sense zu schärfen. Er schien sehr groß unter den übrigen; dann sah man ihn wieder den Rücken krümmen und hörte den scharf sausenden Schnitt seiner Sense. Als Lise zu den Fouans kam, glaubte sie zuerst, es sei niemand zu Hause; so ausgestorben erschien das Gehöft. Rose hatte ihre beiden Kühe verkauft, der Alte sein Pferd zu Markte geführt; kein Tier, keine Arbeit, nichts bewegte sich in den Gebäuden oder im Hof. Doch die Tür des Eßzimmers öffnete sich, und in dem Räume, der trotz des hellen, munteren Sonnenlichtes stumm und schwarz ausschaute, gewahrte Lise Papa Fouan, der stehend ein Stück Brot und Käse verzehrte, während sein Weib danebensaß und ihm zusah. »Guten Tag, Tante ... Geht's dir gut?« »Aber ja«, versetzte die Alte, deren Gesicht bei dem willkommenen Besuch aufleuchtete. »Jetzt, wo wir Bürgersleute sind, haben wir ja nichts zu tun, als es uns gut sein zu lassen von früh bis spät.« Lise wollte auch dem Onkel etwas Angenehmes sagen. »Du bist auch bei gesundem Appetit, wie ich sehe?« »0,« erwiderte er, »nicht, daß ich gerade Hunger hätt' ... Aber hier und da etwas essen, beschäftigt einen und hilft über die Zeit hinweg.« Der alte Mann blickte so trübe drein, daß Rose sich veranlaßt sah, das Glück zu preisen, nicht mehr arbeiten zu müssen. Wahrhaftig, sie hatten es ehrlich verdient, und es kam nicht zu früh, daß sie zuschauen durften, wie die anderen schafften, während sie von ihren Renten lebten. Spät aufstehen, die Hände in den Schoß legen, sich nicht um warm noch kalt scheren, keine Sorge haben ... wie herrlich! Ein wahres Paradies! Auch ihr Mann, durch diese Worte ermuntert, schilderte wie sie in übertriebenen Ausdrücken ihr beneidenswertes Los. Doch fühlte man unter dieser gemachten Freude in der Überschwenglichkeit und dem Fieber ihrer Rede die furchtbare Langeweile heraus, ahnte man, wie diese gezwungene Beschäftigungslosigkeit den beiden alten Leuten zur entsetzlichsten Qual ward; wie ihre plötzlich zum Nichtstun verurteilten Arme abstarben und sich verdarben gleich ausgemusterten Maschinen, die man ins alte Eisen geworfen. Endlich berührte Lise den Gegenstand ihres Besuches. »Onkel, ich höre, daß du letzthin mit Buteau gesprochen hast.« »Buteau ist ein Schuft«, fiel ihr der Greis ins Wort, und geriet plötzlich in Zorn. »Hätt' ich diesen Ärger mit der Fanny, wenn er nicht störrig wäre wie ein Esel?« Es war das Geständnis einer ersten Mißhelligkeit zwischen ihm und seiner Tochter, das ihm unbewußt entschlüpft. Als er den Anteil Buteaus nämlich an Delhomme verpachtet, hatte er für den Hektar einen Schilling von achtzig Franken beansprucht, während ihm sein Schwiegersohn nur eine doppelte Pension zahlen wollte, zweihundert Franken für seinen Teil und zweihundert für den anderen. Delhomme war im Rechte, und das vermochte der Alte nicht zu verwinden. »Welchen Ärger?« fragte Lise. »Zahlen die Delhommes nicht?« »O, gewiß!« entgegnete Rose. »Alle drei Monat, Schlag zwölf Uhr ist das Geld auf dem Tische ... Allein es gibt verschiedene Arten zu zahlen, nicht wahr? Der Vater, der empfindlich ist, wünscht, daß man wenigstens liebenswürdig mit ihm ist. Aber seit dem Streite wegen des Anteils von Buteau, kommt Fanny jedesmal mit einem Gesicht hierher, als wenn man ihr was gestohlen hätte.« »Ja,« bestätigte der Mann, »sie zahlen, und das ist alles. Ich finde, daß es nicht genug ist. Man sollte Rücksicht haben ... Tragen sie mit ihrem Gelde die Schuld der Dankbarkeit ab? Wir sind nichts anderes als ihre Gläubiger ... Man kann sich nicht einmal beklagen ... Wenn wenigstens alle zahlten!« Er brach ab, ein verlegenes Schweigen herrschte. Seine letzten Worte waren eine Anspielung auf Jesus gewesen, der seinen Anteil mit einer Hypothek nach der anderen belastete, alles vertrank und ihnen noch nicht einen Sou gezahlt hatte. Die Mutter, die ihr Herzenskind immer so gern in Schutz nahm, war tief bekümmert über sein Benehmen; weil ihr bange ward, die Sache könne wieder einmal zur Sprache kommen, fiel sie hastig ein: »Ärgere dich doch nicht, du bist glücklich; was geht dich alles andere an? Wenn man genug hat, hat man genug.« Niemals hatte sie ihm so energisch die Stirn geboten. Er blickte sie scharf an. »Du sprichst zuviel, Alte ... Gern will ich glücklich sein, aber man darf mich nicht reizen!« Sie wurde ganz klein auf ihrem Stuhle, schrumpfte förmlich in sich zusammen. Er verzehrte sein Brot, langmöglichst an dem letzten Bissen kauend, um den Zeitvertreib des Essens in die Länge zu ziehen. Das trübe Gemach schien einzuschlummern. »Also,« nahm Lise wieder das Wort, »ich hätte gerne gewußt, was Buteau betreffs meiner Person und des Kindes zu tun gedenkt. Ich hab' ihn nicht viel beunruhigt seither; aber es ist Zeit, daß die Sache sich entscheidet.« Die beiden Alten antworteten keine Silbe. Sie wandte sich direkt an Fouan: »Du hast mit ihm gesprochen, es muß doch die Red' auf mich gekommen sein ... Was sagt er?« »Nichts, mit keinem Worte hat er deiner Erwähnung getan ... Ich mein', da gibt's auch nichts zu reden. Der Pfarrer quält mich, ich soll es schlichten; als wenn es sich schlichten ließe, solange der Bursche sich weigert, sein Teil anzunehmen!« Das Mädchen überlegte. »Glaubst du, daß er es eines Tages nehmen wird?« »Das ist immer möglich.« »Und du meinst, daß er mich dann heiratet?« »Kann sein.« »Also rätst du mir zu warten?« »Ja, das hängt von dir ab ... Jeder tut, wie er denkt.« Lise schwieg. Sie mochte nicht den Antrag des Hans zur Sprache bringen und wußte doch nicht, wie eine endgültige Antwort zu erlangen. Endlich machte sie den letzten Versuch: »Du begreifst, mich macht es krank, daß ich nicht weiß, woran ich bin. Ich will ein Ja oder Nein ... Wenn du, Onkel, den Buteau fragen wolltest! ... Ich möcht' dich sehr darum bitten!« Fouan zuckte die Achseln. »Zunächst sprech' ich nicht mehr mit diesem Lumpenkerl ... Und dann, mein Kind, ist nicht einmal schlau von dir, was du vorhast. Willst du dem Starrkopf Gelegenheit geben, nein zu sagen, damit er nachher aus reinem Trotz bei seinem Nein bleibt? Laß ihm doch die Möglichkeit, einst ja zu sagen, wenn es dein Interesse ist!« »Gewiß«, bestätigte Rose, die wieder das Echo ihres Mannes geworden. Lise vermochte nichts anderes aus ihnen herauszubringen. Sie verließ sie, schloß die Tür des wieder in seine schlummernde Starre versunkenen Zimmers; und von neuem schien das Haus verödet. Auf der Wiese am Ufer der Aigre hatten Korporal und die beiden Mädchen den ersten Heuschober zu errichten begonnen. Franziska baute ihn. Im Mittelpunkt auf einem Bündel stehend, empfing sie die Ballen Heu, die Hans und Palmyre ihr auf den Gabeln reichten, und verteilte sie rings um sich her im Kreise. Nach und nach wuchs dieser Kreis, schwoll empor; das Mädchen füllte, sobald die steigende Mauer ihr bis ans Knie ging, den hohlen Raum in der Mitte ebenfalls mit Heu aus und erhöhte so ihren Standpunkt. Allmählich gewann der Schober Form. Schon maß er zwei Meter in der Höhe. Palmyre und Hans mußten ihre Gabeln emporstrecken, um Franziska zu erreichen. Lautes Lachen begleitete die Arbeit; denn die frische, freie Luft weckte den Frohsinn, und all die gepfefferten Scherze, die man durch das würzige Heu einander zuwarf, entfachten die Laune der drei. Zumal Franziska, deren Kopftuch hinabgeglitten, schwelgte, das Haupt in der Sonne, das flatternde Haar mit Gräsern und trockenen Blumen bestreut, wie eine Überglückliche in dieser duftenden, schwankenden Mulde, in der sie sich badete bis an die Hüften. Ihre nackten Arme vergruben sich; jedes Bündel, das man ihr von unten heraufwarf, berieselte sie mit einem Regen von Halmen und Hälmchen; zeitweise verschwand sie ganz und tat scherzend, als wenn sie in dem Strudel ertrinke. »O! la, la, es piekt mich!« »Wo?« »Unter meinem Rock, da oben.« »Das ist eine Spinne, halt' sie fest, kneif die Beine zusammen!« Heller erscholl das Lachen, kecker wurden die Spaße. Delhomme blickte einen Augenblick nach diesem Lärm herum, ohne den schaukelnden Gang seiner Sense zu hemmen. Die lose Kleine mag was Rechtes arbeiten bei dem Schäkern! Ja, heute sind die Mädchen nichts mehr wert, haben nur Dummheiten im Kopfe! ... Weiter streckte er mit hurtigem Arm die Schwaden auf das geschorene Feld; hinter ihm zeichnete die Furche hellgrüner Stoppeln seinen Weg durch das Meer der Halme. Am Horizont sank die Sonne; immer breiter wurde der frische Schnitt der Mäher in den Wiesen. Viktor hatte aufgehört den Stahl zu klopfen; doch er beeilte sich nicht, seine Arbeit fortzusetzen; er hatte Dreckbatzen mit ihren Gänsen bemerkt und schlich ihr nach; beide verschwanden hinter einer Weidengruppe am Rande des Flusses. »Aha, er geht wieder wetzen!« rief Hans. »Die Schleiferin erwartet ihn schon.« Bei dieser Anspielung brach Franziska von neuem in ein Lachen aus. »Er ist zu alt für sie.« »Zu alt? Horch nur, ob sie nicht zusammen wetzen?« »Mit einem Pfeifen seiner Lippen ahmte er das Geräusch der über den Stein laufenden Klinge nach, so daß selbst Palmyre sich vor Lachen den Bauch hielt und ausrief: »Was Korporal heut nur hat! Er steckt voller Dummheiten.« Das Heu wurde immer höher hinaufgeworfen, und der Schober ward immer größer. Man scherzte jetzt über den Schullehrer Lequeu und Berta, die sich schließlich ins Gras gesetzt hatten. Er konnte »Ohnedas« von der Ferne mit einem Strohhalm kitzeln, hieß es; und er konnte ihr getrost »einschießen«, der Fladen werde nicht für ihn gebacken. »Ist das eine Schweinerei!« sagte Palmyre, die nicht mehr lachen konnte und schier erstickte. »Tut nicht so, Palmyre, wer glaubt Euch denn, daß Ihr zweiunddreißig Jahre alt geworden seid und nichts von der Liebe wißt?« »Nichts.« »Wie, Ihr habt nie einen Geliebten gehabt?« »Niemals.« Sie war blaß geworden. Ernst blickte ihr verhärmtes, welkes Gesicht, das die Arbeit stumpf und müde gemacht, und darin sich nichts erhalten wie zwei Augen voll grenzenloser, aufopfernder Hingabe und Treue, wie man sie bei guten Hunden sieht. Vielleicht flog in diesem Augenblick ihr trauriges Leben an ihrem Geiste vorüber, ein Leben ohne Freundschaft, ohne Liebeslust, das Sklavendasein eines Lasttieres, das nie der Peitsche entwöhnt worden, das sich Abend für Abend todmüde in seinen Stall geschleppt. Sie ließ die schlaffen Arme über ihre Heugabel hängen und stierte hinaus in die weiten Gefilde, in die sie nie den Fuß gesetzt. Es entstand eine Pause. Franziska wartete unbeweglich hoch oben auf ihrem Heuschober. Auch Hans verpustete sich lächelnd, als habe er noch einen Scherz auf den Lippen. Er zögerte; dann plötzlich legte er los: »Also ist's eine Lüge, was die Leute sagen, daß Ihr die Frau Eures Bruders seid?« Palmyres bleiches Gesicht übergoß sich mit einem purpurnen Rot, das ihm den Schimmer der Jugend zurückgab. Sie ward verblüfft, erbittert, stotterte und fand nicht den Widerspruch, den sie suchte. »O, die schlechten Menschen ... ist es möglich ...« Franziska und Hans gewannen ihre übermütige Laune wieder. Neckend fielen sie über die Arme her, bestürmten sie mit Fragen, mit zotigen Scherzen ... Es wäre kein Wunder, wenn sie in dem engen, verfallenen Stalle, wo sich zwei Menschen nicht rühren konnten, aufeinanderfielen. Ihre Strohsäcke lägen auf der Erde dicht nebeneinander; wie leicht irrt man sich da in der Dunkelheit! ... »Aber ja, es ist wahr, gesteht's ein ... Alle sagen es.« Ein scheuer Schreck, ein unsäglicher Schmerz malte sich in den Zügen des verkommenen Wesens; starr aufgerichtet stand sie da; mit gebrochener Stimme rang sich das furchtbare Geständnis von ihren Lippen: »Und wenn es wahr wäre ... was geht's die anderen an? ... Er hat nichts auf der Welt, gar nichts; er ist unglücklich und elend! ... Ich bin seine Schwester, warum könnte ich nicht auch seine Frau sein, wenn keine andere ihn mag?« Zwei Tränen rannen über ihre hageren Wangen, wie man ihr so bitterweh an ihre mütterliche Liebe zu dem armen Krüppel rührte, diese Liebe, die bis zur Blutschande ging. Sie verdiente ihm sein täglich Brot, arbeitete sich zu Tode für ihn; warum sollte sie ihm nicht auch noch das geben, was dem armen Narren keine andere gab? Und erinnerte sie sich denn, wie es gekommen? Hatten diese Parias überhaupt ein klares Bewußtsein dessen, was sie taten? Den geistesumnachteten Trottel mochte einst ein dunkler Trieb mit bestialischem Verlangen erfüllt haben; sie in ihrer großen Güte tat ihm den Willen, und schließlich überließen sich beide dem Glücke, bei dieser engen Gemeinschaft wenigstens weniger zu frieren in dem erbärmlichen Unterschlupf, in dem sie hausten. »Sie hat recht«, versetzte Hans, von ihrer Zerknirschung gerührt, mit ernster Stimme. »Was kümmert es uns? Das ist ihre Sache, und es schadet niemandem.« Übrigens lenkte etwas anderes ihre Aufmerksamkeit von dem armen Weibe ab. Jesus kam vom »Schloß« herunter, von dem Kellerloch, das er unter dem Gestrüpp am Abhang bewohnte, und rief mit weit schallender Stimme nach seiner Tochter, die seit zwei Stunden verschwunden war, ohne sich um die Suppe zum Abendessen zu bekümmern. »Dreckbatzen schaut mit Viktor dort unter den Weiden nach dem Mond aus«, berichtete ihm Korporal. Jesus hob drohend die Fäuste. »Die Elende entehrt meinen Namen! ... Wart', ich hol' die Peitsche.« Er meinte die lange Fuhrmannspeitsche, die für derlei Gelegenheiten hinter der Tür seiner Behausung hing. Flugs rannte er den Berg hinauf, sie zu holen. Doch Dreckbatzen mußte den Vater gehört haben; die Zweige der Weiden bewegten sich; einen Augenblick darauf kam Viktor zum Vorschein, prüfte seine Sense und machte sich wieder an die Arbeit. »Hast du Kolik?« fragte ihn Korporal. »Getroffen!« Der Bau des Heuschobers nahte seinem Ende. Er war vier Meter hoch, fest geschichtet und rund gleich einem Bienenkorbe. Palmyre schleuderte mit ihren dürren Armen die letzten Bündel hinauf. Franziska schien hoch oben auf der Spitze unter dem bleichen Himmel in dem rosigen Lichte der Abendröte zu wachsen. Sie rang nach Atem; alles bebte an ihr infolge der großen Anstrengung; sie war in Schweiß gebadet, das Haar klebte ihr am Nacken; ihr Leibchen öffnete sich halb über dem harten, kleinen Busen; der Rock hing an den teilweise zerrissenen Schnürbändern über die Hüfte hinab. »Ist das hoch, mich schwindelt!« Sie lachte erschaudernd, zögerte, wagte nicht hinunter zu steigen, schob einen Fuß vor und zog ihn furchtsam wieder zurück. »Nein, das ist zu hoch. Hol' eine Leiter.« »Aber Kind, setz' dich doch nieder und laß dich hinabgleiten«, ermunterte Hans. »Nein, nein, ich habe angst, ich kann nicht!« Es wurde hin und her geschrien, man ermunterte sie und machte allerlei grobe Späße. Sie solle nur herunterrutschen; aber nicht auf dem Bauche, der könne davon anschwellen; lieber auf dem Hintern, wenn sie keine Frostbeulen daran habe. Während aber der Bursche zu dem halbentblößten Mädchen emporblickte, empfand er mit einmal eine heftige Sehnsucht, das schöne Kind an seine Brust zu reißen. »Wenn ich dir sag', dir geschieht nichts! ... Rutsch' zu, ich fang' dich auf.« »Nein, nein.« Er hatte sich vor den Heuschober gestellt und breitete die Arme auseinander. Als sie sich aber mit plötzlichem Entschluß von der glatten Wand hinabließ und rittlings an seinen Leib prallte, war der Stoß ein so heftiger, daß er den starken Mann umriß. Jetzt lachte sie laut auf und versicherte, sie habe sich nichts getan. Aber wie er das halbentblößte, glühende Mädchen an seiner Brust fühlte, umfing er es mit beiden Armen. Der starke Geruch, der diesem Leib entströmte und die heudurchwürzte kräftige Luft spannten alle seine Muskel in unzähmbaren Verlangen. Und noch etwas anderes war es, das den Burschen so unvermutet hinriß: es war das Aufbrechen einer ungeahnten Liebe zu diesem Kinde, einer zärtlichen Leidenschaft des Herzens und der Sinne, deren dunkler Ursprung weit in der Vergangenheit lag, die sich großgesogen an ihren Spielen und Scherzen und in diesem Augenblick mit herrischer Gewalt Sättigung begehrte. »O, Hans, genug! Du zerdrückst mich!« Sie lachte immer noch in der Meinung, er scherze. Sein Blick aber begegnete den runden Augen Palmyrens; erschreckt ließ er das Mädchen fahren und erhob sich zitternd und mit dem verdutzten Gesicht eines Trunkenboldes, den der Anblick eines gähnenden Abgrundes ernüchtert. Wie?! Nicht Lise wollte er, sondern diese Kleine. Niemals hatte ihm bei dem Gedanken, mit der andern Leib an Leib zu liegen, auch nur das Herz geklopft, und gegenwärtig brachte die Vorstellung eines Kusses von Franziska all sein Blut in Wallung. Aber sie war so jung! Er war verzweifelt und beschämt. In diesem Augenblick kam Lise von den Fouans zurück. Unterwegs hatte sie überlegt. Ihr wäre doch Buteau lieber gewesen, denn immerhin war er der Vater ihres Kindes. Die Alten hatten recht, warum sich überstürzen? An dem Tage, wo Buteau nein sage, war ja immer noch Hans da, der ja sagte. Sie trat an den Burschen heran und begann ohne Umschweife: »Keine Antwort! Der Onkel weiß nichts. Warten wir.« Noch bebend vor Aufregung, blickte Hans sie verblüfft an, ohne zu verstehen. Dann erinnerte er sich: die Heirat, das Kind, die Einwilligung Buteaus, diese ganze Angelegenheit, die ihm zwei Stunden früher für Lise und für ihn selbst vorteilhaft erschienen. Rasch antwortete er: »Ja, ja, warten wir, es ist besser.« Es wurde Abend; schon glänzte ein Stern an dem veilchenblauen Himmel. Aus dem wachsenden Dämmern, welches die Erde umschleierte, ragten in weichen Umrissen die rundlichen Hügel der Heuschober über den flachen Strich der Wiese empor. In der bewegungslosen Ruhe der Luft entströmten kräftiger die Gerüche dem warmen Erdboden; die Geräusche hallten weiter, klangen mit musikalischer Reinheit über das Gelände; es waren Männer- und Weiberstimmen, ersterbendes Lachen, das Wiehern eines Pferdes, das Klappern eines Werkzeuges an einen Stein. In einem Winkel arbeiteten noch ein paar Schnitter; unaufhörlich pfiff, regelmäßig und stetig, das sausende Zischen der Arbeit, die man nicht mehr sah. Fünftes Kapitel. Zwei Jahre gingen dahin; im Wechsel der Jahreszeiten, im ewigen Einerlei der Dinge zogen sie vorüber mit der nämlichen Arbeit, dem gleichen Schlummer. Es befand sich in Rognes auf der Straße unten an der Ecke des Schulgebäudes ein stets fließender Brunnen, wo die Frauen ihr Trinkwasser schöpften; denn in den Gehöften gab's nur trübe Lachen für das Vieh und die Gärten. Um sechs Uhr abends war hier die Klatschstunde der Weiber. Die geringsten Ereignisse wurden besprochen; daß man in dem einen Hause eine Hammelkeule gegessen, daß in dem anderen die Tochter seit Maria Lichtmeß guter Hoffnung war, gab unerschöpflichen Gesprächsstoff. Während dieser zwei Jahre hatten dieselben Gegenstände mit den Jahreszeiten gewechselt, sich erschöpfend und ewig wiederholend: Kinder, die zu früh auf die Welt gekommen, betrunkene Männer, geprügelte Frauen, große Plage und mancherlei Elend. Soviel hatte sich zugetragen, und doch eigentlich nichts. Die Fouans, deren Besitzabtretung eine Zeitlang die Gemüter bewegt, lebten so still vor sich hin, daß man sie vergaß. Es war beim alten geblieben: Buteau verweigerte hartnäckig die Annahme seines Teiles und heiratete noch immer nicht die Lise. Hans hatte man einst nachgeredet, er halte es mit der Mutter des kleinen Julius; vielleicht hielt er es nicht mit ihr; doch warum besuchte er noch immer das Haus der Geschwister? Die Sache schien verdächtig. Zuweilen hätte es fast der Plauderstunde am Brunnen an Unterhaltungsstoff gefehlt, wenn nicht die Gegnerschaft von Celine Macqueron und Flora Lengaigne gewesen wäre, welche die Bécu unter dem Vorwande, sie zu versöhnen, aufeinander hetzte. In der ruhigsten Zeit traten dann zwei große Ereignisse ein: die nächsten Wahlen und die Lösung der Frage des oft beredeten Weges von Rognes nach Chateaudun. Das gab Anlaß zu heftigen Auseinandersetzungen; stundenlang verharrten die streitenden Weiber neben den angefüllten Wasserkrügen; eines Samstags Abends wären sie fast handgemein geworden. Gerade am nächsten Tage frühstückte der Abgeordnete Herr von Chédeville in der Borderie. Er befand sich auf einer Rundreise in seinem Wahlbezirk behufs der bevorstehenden Neuwahlen; er behandelte Herrn Hourdequin wegen des Ansehens, das dieser seitens der Bauern im Kreise genoß, mit besonderer Auszeichnung, trotzdem er dank seines Titels eines offiziellen Kandidaten der Wiederwahl ziemlich sicher war. Er war nämlich einmal in Compiègne zu Gaste gewesen; das ganze Land nannte ihn »den Freund des Kaisers«, und das genügte; man wählte ihn, als habe er seinen Wohnsitz in den Tuilerien. Dieser Herr von Ghedeville war ein einstiger »Löwe«, eine hervorragende Salongröße vom Hofe Ludwig-Philipps, für dessen Familie er im Verborgenen seines Herzens noch heute eine gewisse Anhänglichkeit bewahrte. Er hatte sich mit den Weibern zugrunde gerichtet und besaß nichts mehr als das Gut Chamade unweit Orgères, wohin er nur in der Wahlzeit den Fuß setzte. Der Ertrag dieses Gutes verringerte sich mit jedem Pachtvertrage; ihr Besitzer aber hatte sich in seinen alten Tagen auf die Politik geworfen und nährte allerhand unklare Pläne von Unternehmungen, in denen er sein verlorenes Vermögen zurückgewinnen könne. Er war hoch und schlank gewachsen, trug einen Schnürleib, färbte sich das Haar, sah noch sehr elegant aus und starrte mit seinem glühenden Blick jede Schürze an, die ihm über den Weg lief. Er sagte, daß er sehr bedeutende Reden über die Ackerbaufrage vorbereite. Am vorhergehenden Tage hatte Herr Hourdequin einen heftigen Streit mit Jacqueline gehabt, die darauf bestanden, dem Frühstück beizuwohnen. »Dein Abgeordneter, dein Abgeordneter! Meinst du, daß ich ihn auffresse? Also du schämst dich meiner?« Doch er blieb standhaft, es wurden nur zwei Gedecke aufgelegt. Sie schmollte trotz des liebenswürdigen Benehmens des Herrn von Chédeville, der die Sache durchschaut hatte und unausgesetzt nach der Küche hinüberschielte, wohin sie sich in ihrer gekränkten Würde zurückgezogen hatte. Das Frühstück ging zu Ende; nach der Eierspeise gab es eine Aigreforelle und gebratene Tauben. »Uns bricht das Genick«, sagte der Abgeordnete, »diese Handelsfreiheit, für welche der Kaiser eine solche Vorliebe gefaßt hat. Zweifelsohne schien nach den Verträgen von 1861 alles aufs beste geordnet; man versprach sich Wunder. Heute aber machen sich die Folgen fühlbar; sehen Sie, wie alle Preise zurückgehen. Ich bin für das Protektorat; man muß uns gegen das Ausland schützen.« Hourdequin lehnte leeren Blickes in seinem Stuhle und sprach langsam: »Das Korn, das zu achtzehn Franken der Hektoliter verkauft wird, kommt dem Landmann auf sechzehn zu stehen. Eine weitere Preissenkung bedeutet den Untergang ... Und jedes Jahr, sagt man, vermehrt Amerika seine Getreideausfuhr. Man bedroht uns mit einer vollkommenen Überschwemmung des Marktes. Was soll dann aus uns werden? ... Sehen Sie, ich bin stets für den Fortschritt gewesen, für Wissenschaft und Freiheit. Aber ich beginne, schwankend zu werden, mein Ehrenwort! Nein, nein, wir können nicht verhungern, man soll uns schützen!« Er machte sich wieder an seinen Taubenflügel, dabei setzte er hinzu: »Sie wissen, daß Ihr Gegner, Herr Rochefontaine, der Besitzer der Baugewerke von Chateaudun, ein leidenschaftlicher Anhänger des Freihandels ist?« Sie plauderten einen Augenblick von diesem Industriellen, einem gescheiten und tätigen Manne, der ein großes Vermögen besaß und zwölfhundert Arbeiter beschäftigte. Er war ursprünglich durchaus geneigt gewesen, im Sinne der Regierung zu wirken; doch als der Präfekt sich nicht dazu verstehen wollte, seine persönlichen Bestrebungen zu unterstützen, trat er als unabhängiger Kandidat auf. Aber er hatte keinerlei Aussichten; die Wähler erklärten ihn für einen Volksfeind, weil er nicht auf der Seite des Stärkeren stand. »Weiß der Himmel!« rief Herr von Chédeville. »Er verlangt nur eines, nämlich, daß das Brot billig ist, damit er seinen Arbeitern keine hohen Löhne zu zahlen hat.« Der Gutsbesitzer setzte die Bordeauxflasche, aus der er im Begriff gewesen sein Glas zu füllen, wieder auf den Tisch. »Das ist das Furchtbare!« entgegnete er lebhaft. »Auf der einen Seite wir, die Bauern, die unser Getreide zu einem lohnenden Preis verkaufen müssen; und auf der andern die Industrie, welche die Preissenkung anstrebt, um die Arbeitslöhne zu vermindern. Das ist ein erbitterter Krieg; wie wird er enden, sagen Sie es mir?« Das war in der Tat die wichtigste Frage der Gegenwart, der Widerstand, der den sozialen Körper erschüttert. Die Frage ging um ein Bedeutendes über die Fassungskraft des einstigen Löwen hinaus; er begnügte sich, mit einer ausweichenden Miene das Haupt zu schütteln. Hourdequin füllte sein Glas und leerte es mit einem Zuge. »Da gibt's keinen Ausweg ... Wenn der Bauer an seinem Korn verdient, hungert der Arbeiter; hat der Arbeiter zu leben, geht der Bauer zugrunde ... Also was? Ich weiß nichts; vernichten wir uns gegenseitig!« Beide Ellbogen auf den Tisch gestützt, begann er in erregten Worten seinen Gedanken Ausdruck zu leihen. Seine geheime Verachtung dieses Grundbesitzers, der nicht selbst wirtschaftete, der gar nichts verstand und nichts wußte von dem Boden, der ihn nährte, verriet sich in einem gewissen spöttischen Klang seiner Sprache. »Sie wollen Tatsachen für Ihre Reden in der Kammer ... Wohlan, zunächst ist es Ihre Schuld, wenn die Chamade verkommt. Der Pächter, den Sie da haben, läßt sich gehen, weil der Kontrakt abläuft und er Ihre Absicht, ihn zu steigern, vermutet. Man sieht Sie niemals, man macht sich einen guten Tag aus Ihnen und bestiehlt Sie; nichts ist natürlicher als das ... Und dann besteht noch ein einfacher Grund für Ihren Ruin: wir ruinieren uns alle, die Beauce erschöpft sich, jawohl, die fruchtbare Beauce, die Amme, die Mutter krankt!« Und er fuhr fort. In seiner Jugend, erzählte er, war die Perche jenseits des Loir ein armes Land mit geringem Erträgnis, fast ohne Getreideanbau; und die Bewohner verdingten sich zur Erntezeit in Cloyes, in Chateaudun, in Bonneval. Heute gedeiht die Perche dank des fortwährenden Steigens der Löhne für die Feldarbeit und wird bald die Beauce überflügeln. Dazu kommt, daß sich dieser Bezirk durch die Viehzucht bereichert hat; denn er hat die Pferde, Ochsen und Schweine für die Märkte von Mondoubleau, Saint-Calais und Courtalain geliefert. Die Beauce hingegen lebt von ihren Schafen; als vor zwei Jahren der Milzbrand die Herden dezimierte, machte sie eine furchtbare Krise durch, und sie wäre vernichtet worden, hätte die Seuche angehalten. Jetzt ging er auf seine persönlichen Verhältnisse über, berichtete von seinem dreißigjährigen Kampfe mit der Erde, aus dem er ärmer hervorgegangen, als er gewesen. Immer hatte es ihm an den erforderlichen Kapitalien gefehlt; er war außerstande gewesen, gewisse Felder so ausgiebig zu düngen, wie er es gewünscht hätte; nur die Anwendung von Mergel, den übrigens niemand außer ihm benützte, gestaltete sich billiger. Der in jeder Wirtschaft geschaffte Mist erwies sich als unzureichend an Dungkraft; und doch beschränkten sich alle Nachbarn auf seine Verwertung und spotteten des Besitzers der Borderie, wenn er Versuche mit chemischem Dünger machte, Versuche, die allerdings infolge der schlechten Beschaffenheit nur zu oft den Lachern Recht gaben. Als Koppelwirtschaft hatte er, seit die Kultur der Kunstwiesen um sich gegriffen, das im Lande gebräuchliche Dreijahrsystem ohne Brache annehmen müssen. Von den Maschinen errang sich eine einzige, die Dreschmaschine, allgemeine Geltung. Die Gewohnheit ist zu mächtig; und wenn selbst er als verständiger Mann und Fortschrittsfreund den Mut verloren, wie erst steht's mit den Bauern, diesen harten, jeder Neuerung feindlich gesinnten Köpfen? Ein Bauer verhungert lieber, ehe es ihm einfällt, eine Handvoll Erde seines Ackers zu einem Chemiker zu tragen, damit dieser sie zerlege, ihm sage, wovon sie zuviel habe, wovon zu wenig, welchen Dung sie verlange und welche Kultur ihr ersprießlich sei. Nein, der Bauer nimmt nur immerfort den Boden, ohne daran zu denken, ihm auch zurückzugeben; er kennt nichts als den Mist seiner zwei Kühe und seines Pferdes, mit dem er geizt; alles andere überläßt er dem Zufall, streut seine Saat in das erste beste Feld und wütet gegen den Himmel, wenn sie nicht gedeiht. Wenn er endlich einmal etwas lernt und sich zu einer wissenschaftlichen und vernünftigen Wirtschaft aufrafft, kann der Ertrag sich verdoppeln. Bis dahin wird er in seiner Unwissenheit und seiner Starrköpfigkeit und in der Ermangelung jedes Betriebskapitals die Erde abtöten. So kommt es, daß die Beauce, der einstige Kornspeicher Frankreichs, dieses flache, trockene Land, das nichts hat als sein Getreide, sich nach und nach erschöpft, müde, sich ewig schröpfen zu lassen und ein dummes Volk zu ernähren. »Ja, alles geht zum Teufel!« schrie Hourdequin auf. »Unsere Söhne werden sicher den Bankerott des Grundbesitzers erleben ... Wissen Sie denn, daß unsere Bauern, die früher Sou auf Sou gelegt, um ein Stück Feld zu erwerben, nach dem sie jahrelang Verlangen getragen, daß diese selben Bauern heut Staatspapiere kaufen, spanische, portugiesische Anleihen und selbst Mexikaner? Sie würden nicht hundert Franken riskieren, um Dung für ihren Acker zu beschaffen! Sie haben kein Vertrauen mehr, die Väter drehen sich wie müde Pferde in einem Göpel in dem engen Kreis des Althergebrachten; die Söhne und Töchter haben nur einen Traum: ihren Kühen Ade zu sagen, die Landarbeit abzuschütteln, um in die Städte zu ziehen ... Und das Böseste ist, daß der Unterricht, jene famose Bildung, wissen Sie, die alles retten sollte, zu dieser Auswanderung, dieser Verödung des Landes beiträgt, indem sie in den Kindern einen verkehrten Ehrgeiz, einen Durst nach bequemem Wohlleben weckt ... Da haben Sie Rognes! Dort unterrichtet ein gewisser Lequeu, ein Mensch, der sich vom Pflug geflüchtet hat und der einen verzehrenden Haß nährt gegen den Acker, den er von Haus aus zu bearbeiten bestimmt war. Wie kann dieser Jugendbildner seinen Schülern Liebe zu ihrem Berufe einflößen, wenn er sie täglich Wilde schilt, dumme Tölpel, die daheim bleiben sollten beim Misthaufen ... Und Abhilfe, mein Gott? Man müßte andere Schulen gründen, einen praktischen Unterricht einführen, landwirtschaftliche Lehrstühle errichten ... Dies, Herr Abgeordneter, ist eine Forderung, die ich stelle. Vertreten Sie die Sache; wenn's noch Zeit ist, sind vielleicht diese Fachschulen die einzige Rettung.« Herr von Chedeville ward höchst unbehaglich zumute bei dieser auf ihn einstimmenden Masse von Tatsachen. »Zweifelsohne, zweifelsohne«, warf er zerstreut hin. Da gerade die Magd den Nachtisch brachte, wobei sie die Tür der Küche offen gelassen, bemerkte er das hübsche Gesicht von Jacqueline; er bog den Kopf hinüber, machte sich der liebenswürdigen Person bemerkbar und zwinkerte mit den Augen. Dann sprach er mit der flötenden Stimme jener Zeit, als er noch der unwiderstehliche Löwe gewesen: »Aber der Kleinbesitz, Sie sprechen nicht vom Kleinbesitz, mein Herr?!« Er brachte die allbekannten Dinge vor, erwähnte, daß im Jahre 1789 der Kleinbesitz geschaffen wurde, jene Maßnahme, die jeden Landbauer zum Grundbesitzer machte, ihm Gelegenheit gab, seinen Verstand und seine Kraft zur Bewirtschaftung der ihm gehörenden Parzelle zu verwenden. Das Gesetz begünstigte diese Einrichtung in der Hoffnung, dadurch den Ackerbau zu heben ... »Lassen Sie mich in Ruh' damit!« unterbrach ihn Hourdequin. »Zunächst bestand der Kleinbesitz fast in derselben Ausdehnung von 1789. Dann aber läßt sich über die Zerstückelung des Grund und Bodens sehr viel sagen, Gutes und Schlechtes.« Wieder stützte er die Ellbogen auf den Tisch und erging sich beim Essen der Kirschen, deren Kerne er auf den Fußboden spie, in Einzelheiten. In der Beauce machte der Kleinbesitz, der Besitz von weniger als zwanzig Hektar, achtzig Prozent des gesamten Grundbesitzes aus. Seit einiger Zeit erwarben fast alle Taglöhner, die auf den Höfen arbeiteten, kleine Stücke Land, Anteile der parzellierten Güter, die sie in ihren Mußestunden bebauten. Es war gewiß sehr heilsam, denn es band den Arbeiter an seine Scholle. Auch konnte man für diese Wirtschaft anführen, daß sie dem Mann des Feldes Würde und Selbstbewußtsein verlieh und ihn bildete. Endlich mußte zugegeben werden, daß der Boden sich ergiebiger erwies und seine Erträge an Güte gewannen, da der kleine Eigentümer mit äußerstem Kraftaufwand und größter Sorgfalt arbeitete. Doch wieviel Übelstände waren diesen Vorteilen gegenüberzustellen! Zunächst wurde das Mehrerträgnis nur erzielt dank einer übermäßigen Arbeitsleistung der ganzen Familie: Vater, Mutter, Kinder quälten sich bis zur Erschöpfung, um ihrem Stückchen Felde das tägliche Brot abzuringen; diese harte, undankbare Arbeit trug selbst Schuld an der Entvölkerung des Landes. Dann erheischte diese Zerstückelung des Bodens einen vermehrten Lastenverkehr auf den Straßen, worunter die Wege zu leiden hatten; die Kosten der Produktion wurden erhöht, und sehr viel Zeit ging verloren. Die Anwendung der Maschinen war untunlich auf diesen winzigen Parzellen; und schließlich waren sie auf das Dreijahrsystem angewiesen, eine Bewirtschaftung, die unbedingt verwerflich genannt werden muß, da es unlogisch ist, dem Boden zwei Getreidestände, Hafer und Korn, hintereinander zuzumuten. Kurz, der Kleinbesitz, dem man nach der Revolution das Wort geredet, um der Neubildung umfangreicher Güter zu begegnen, barg so ernste Gefahren, daß man bereits angefangen, die Wiedervereinigung der kleinen Parzellen zu begünstigen. »Glauben Sie mir,« fuhr Hourdequin fort, »der Kampf zwischen Klein- und Großgrundbesitz beginnt von neuem und heftiger als je ... Die einen, wie ich, sind für den großen, weil er Hand in Hand geht mit der Wissenschaft und dem Fortschritt; weil er die immer allgemeinere Anwendung der Maschinen zur Tat macht und das Rollen großer Kapitalien ermöglicht ... Die anderen hingegen vertrauen nur der einzelnen Arbeitsleistung, sprechen dem Kleinbesitz das Wort, träumen von ich weiß nicht welcher Kleinkultur, wo jeder seinen Dünger selbst schafft, seinen Viertelmorgen selbst pflügt, seine Saaten mit eigener Hand, eine nach der andern, dem selbst gewählten Boden anvertraut und jede Pflanze einzeln unter einer Glasglocke, zieht! ... Welche von den beiden Parteien wird den Sieg davontragen? Hol' mich der Kuckuck, wenn ich eine Ahnung davon habe! Ich weiß eins, wie ich Ihnen schon sagte, daß die großen Besitzungen um mich herum zugrunde gehen und eine nach der andern in den Händen der Gerichtsvollstrecker zerkrümelt werden, daß also der Kleinbesitz unwiderlegbar Boden gewinnt. Ich kenne ferner in Rognes ein sehr merkwürdiges Beispiel: eine alte Frau, die aus weniger als einem Morgen soviel Gewinn herausschlägt, daß sie und ihr Mann ganz trefflich leben und sich sogar einige Genüsse verschaffen können. Ja, es ist Mutter Caca, wie man sie nennt, weil sie ihren Acker mit demselben Mist düngt, den die Chinesen benutzen sollen. Aber die Frau treibt eigentlich nur Gartenbau; ich kann mir Getreide nicht vorstellen auf kleinen Beeten wie die gelben Rüben. Wenn aber der Bauer, um zu leben, von allem bauen soll, was wird dann aus unseren Beauceronen, die nur Getreide bauen? ... Wir werden es ja erleben, wer recht behält, die Kleinen oder die Großen ...« Der Gutsbesitzer unterbrach sich und rief: »Wo bleibt der Kaffee? Bekommen wir den noch heute?« Er zündete seine Pfeife an und sprach weiter: »Vorausgesetzt, daß man nicht beiden vor der Zeit den Garaus macht, was man zu tun im Begriff scheint. Lassen Sie sich das eine gesagt sein, Herr Abgeordneter, der Ackerbau siecht dahin und geht zugrunde, wenn man ihm nicht zu Hilfe kommt. Alles drückt auf ihn: die Steuer, der Wettbewerb des Auslandes, die fortgesetzte Steigerung der Arbeitslöhne, die Schwankung auf dem Geldmarkt, der seine Kapitalien der Industrie und den Finanzwerten zuwendet. O gewiß, man geizt nicht mit Versprechungen; jeder wirft damit herum, die Präfekten, die Minister, der Kaiser; doch es wächst Gras darüber, und nichts verwirklicht sich ... Wollen Sie die dürre Wahrheit hören? Ein Landmann, der sich heute behaupten will, setzt sein Geld zu oder das der anderen. Ich habe einige Sous hinter der Hand, da geht's noch an. Doch ich kenne Leute, die Geld zu fünf Prozent aufnehmen, während ihre Ländereien nur drei tragen; der Bankerott ist die unausbleibliche Folge dieses Tuns. Ein Bauer, der sich Geld borgt, ist verloren, er muß alles bis auf sein Hemd einbüßen. Noch in der letzten Woche hat man einen meiner Nachbarn, Vater, Mutter und vier Kinder auf die Straße gesetzt, nachdem die Männer des Gesetzes Vieh, Land und Wohnhaus aufgezehrt ... Und doch verspricht man uns seit Jahren die Errichtung einer landwirtschaftlichen Kreditanstalt, die einen annehmbaren Zinsfuß bieten soll. Ja, warten wir nur darauf! Unsere gegenwärtigen Zustände entmutigen selbst die tüchtigsten Arbeiter; sie überlegen sich's, ob sie ihre Familie vergrößern dürfen. Dank schön! Ein Esser mehr, ein Hungerleider, dem's mal leid tut, daß er geboren worden! Wenn das Brot fehlt, werden keine Kinder in die Welt gesetzt und das Land entvölkert!« Herr von Chédeville langweilte sich herzlich; er lächelte gezwungen und murmelte: »Sie sehen entschieden etwas schwarz.« »Das ist wahr! Es gibt Tage, wo ich alles in die Luft sprengen möchte. Seit dreißig Jahren dauert diese Quälerei an ... Ich weiß nicht, warum ich mich eigentlich darauf versteift habe; ich hätte alles in Geld umsetzen und etwas anderes unternehmen sollen. Die Gewohnheit hält einen wohl; die Hoffnung, daß es besser werden müsse, und dann die Leidenschaft, warum es nicht eingestehen? Mutter Erde, wenn sie einen mal festhält, läßt nicht wieder los. Da, sehen Sie das da auf der Kommode! Es mag töricht scheinen, aber dies ist noch mein einziger Trost.« Er deutete auf eine silberne Schale, die zum Schutz gegen die Fliegen mit einem Musselinnetz verhängt war. Es war ein Ehrenpreis, den er auf einer landwirtschaftlichen Ausstellung davongetragen; solche Anerkennungen schmeichelten seiner Eitelkeit und stählten seinen Mut. Trotz der augenfälligen Ermüdung seines Gastes trank Hourdequin gemächlich den Kaffee. Bereits zum drittenmal hatte er sich Kognak in die Tasse geschüttet; da zog er seine Uhr und sprang empor: »Teufel, zwei Uhr! Und ich habe eine Gemeinderatssitzung! ... Ja, es handelt sich um einen Straßenbau. Wir sind gern bereit, die Hälfte der Kosten zu bestreiten, doch wir möchten, daß der Staat den Rest decke.« Froh, erlöst zu sein, erhob sich Herr von Chédeville rasch. »Aber hören Sie, ich könnte Ihnen vielleicht nützlich sein; ich werde Ihnen die Unterstützung beschaffen ... Soll ich Sie in meinem Wagen nach Rognes führen, da Sie Eile haben?« »Sehr gern!« Der Gutsbesitzer ging hinaus, um den Wagen, der mitten im Hof geblieben, anspannen zu lassen. Als er zurückkam, war der Herr Abgeordnete verschwunden. Er fand ihn in der Küche. Der Löwe mußte die Tür geöffnet haben und stand jetzt lächelnd vor der überglücklichen Jacqueline, der er in so vertraulicher Weise Schmeicheleien sagte, daß ihre Gesichter sich fast berührten. Die beiden hatten einander verstanden und sagten es sich mit Blicken. Während Herr von Chédeville seinen Wagen bestieg, hielt die Cognette ihren Herrn einen Augenblick zurück und flüsterte: »Der ist liebenswürdiger als du; er findet nicht, daß man mich verstecken muß.« Während das Gefährt zwischen den Getreidefeldern dahinrollte, kam Hourdequin wieder auf sein Sorgenkind, die Erde, zurück. Er stellte jetzt seinem Begleiter geschriebene Aufzeichnungen und Zahlen zur Verfügung, denn seit einigen Jahren führte er Buch. In der Beauce gab es nicht drei Gutsbesitzer, die ein gleiches taten; die Bauern zuckten sogar die Achseln, denn sie verstanden nicht, wozu das Geschreibsel dienen könne. Und doch gab allein die Buchführung ein Bild der Lage: sie zeigte an, bei welchen Erzeugnissen gewonnen, bei welchen verloren wurde; sie ergab ferner den Selbstkostenpreis und bestimmte infolgedessen den Verkaufspreis. Bei ihm hatte jeder Knecht, jedes Tier, jeder Acker, selbst jedes Werkzeug seine Seite mit den beiden Kolonnen Soll und Haben, so daß er sich jederzeit über das gute oder ungünstige Ergebnis seiner Arbeiten Rechenschaft ablegen konnte. »Wenigstens«, rief der Gutsbesitzer mit seinem derben Lachen, »weiß ich, wie ich mich zugrunde richte.« Aber er brach ab und fluchte zwischen den Zähnen. Seit einer Minute versuchte er zu unterscheiden, was eine Szene bedeute, die sich am Rande des Weges abspielte. Trotzdem es Sonntag war, hatte er in ein danebenliegendes Kleefeld eine neugebaute Wendemaschine beordert, die er kürzlich gekauft, und hatte den Auftrag gegeben, einen frischen Schnitt Klee umzulegen, den er raschmöglichst zu bergen wünschte. Der die Maschine bedienende Bursche aber, der in dem fremden Kutschierwagen nicht seinen Herrn vermutete, war im Begriffe, sich mit drei des Weges gekommenen Bauern über das Ding lustig zu machen. »Ist das ein Gestell!« rief er ... »Das quietscht wie ein alter Flaschenzug! Der Bettel bricht das Gras entzwei und verstänkert es. Mein Wort, schon drei Schafe sind daran hingeworden.« Die Bauern lachten und betrachteten die Maschine wie ein seltsames, böses Tier. Einer meinte: »Das sind alles Erfindungen des Teufels gegen die armen Leut' ... Was sollen unsere Frauen anfangen, wenn man sie nicht mehr zum Heuen braucht?« »Das ist den Herren verflucht egal«, hub der Knecht wieder an. Dann versetzte er der Maschine einen Fußtritt: »Hü, Geripp', quietsch doch!« Hourdequin hatte kein Wort verloren. Rasch bog er den Kopf aus dem Wagen. »Geh zum Hof heim, Zephyrin, und laß dir deinen Lohn auszahlen!« befahl er. Der Bursche blieb verdutzt. Die drei Bauern lachten frech und gingen mit lauten Spottreden von dannen. »Da haben Sie's gesehen«, wandte sich der Besitzer an Herrn von Chédeville ... »So weit sind die Menschen noch zurück; man sollte glauben, sie verbrennen sich die Finger an unseren verbesserten Werkzeugen. Dabei schimpfen sie mich Bürger, leisten mir weniger Arbeit als anderen, weil sie sagen, ich hätte Geld genug, um teurer zu zahlen. Meine Nachbarn unterstützen sie darin und behaupten, ich lehre die Leute im Lande schlecht arbeiten, und wenn's viele solche gäbe wie ich, könnten die Gutsbesitzer bald nicht mehr bestehen.« Am Fuße des Abhanges fuhr die Kutsche auf der Chaussee Bazoches-le-Doyen in Rognes ein. Zur selben Zeit trat der Abbé Godard aus dem Laden Macquerons, wo er nach der Messe gefrühstückt hatte. Bei seinem Anblick wurde Herr von Chédeville an seine Wiederwahl erinnert. »Wie ist es denn mit dem religiösen Sinn in dieser Gegend?« fragte er den Besitzer. »In die Kirche rennen sie, aber es steckt nichts dahinter«, versetzte Hourdequin. Er ließ vor der Schenke halten, wo der Wirt noch mit dem Geistlichen auf der Schwelle plauderte, und stellte seinen Schreiber vor, der in einem fettglänzenden Wams steckte. Doch Celine eilte in sehr sauberem Kattunkleide herbei und schob ihre Tochter Berta, den Stolz der Familie, vor sich her. Das junge Mädchen war einem Fräulein gleich in grau gestreifte Seide gekleidet. Das Dorf aber, das, von dem schönen Sonntagnachmittag eingeschläfert, eben noch tot geschienen, erwachte jetzt plötzlich, aufgeschreckt durch diesen außerordentlichen Besuch. Die Bauern traten unter ihre Türen; Kinder guckten hinter den Röcken der Mütter hervor. Besonders bei Lengaigne konnte man durch die Fenster eine große Bewegung wahrnehmen. Er streckte den Kopf hervor mit dem Rasiermesser in der Hand; Flora, die gerade für vier Sous Tabak abgewogen, ließ alles liegen und trat dicht an die Scheiben. Beide waren außer sich vor Erbitterung, daß der Herr Abgeordnete bei ihrem Gegner vorsprach. Nach und nach kamen die Leute näher; Gruppen bildeten sich auf der Straße; ganz Rognes von einem Ende zum andern kannte bereits das Ereignis. »Herr Abgeordneter,« stotterte Macqueron sehr rot und verlegen, »die Ehre, die Sie mir erweisen ...« Aber Herr von Chédeville vernahm nichts von dieser Anrede; er war damit beschäftigt, Berta zu mustern, deren blauumrandete Augen ihn keck anblickten. Die Mutter nannte das Alter der Kleinen, erzählte, wo sie ihre Studien gemacht, während das Fräulein selbst lächelnd den Herrn aufforderte, bei ihnen einzutreten, »wenn er die Gnade haben wolle«. »Aber ohne Frage, mein schönes Kind!« rief er. Während dieser Zeit hatte der Abbe sich Hourdequins bemächtigt und beschwor ihn, er möge doch den Gemeinderat bewegen, die nötigen Gelder zu bewilligen, damit Rognes sich endlich seinen eigenen Pfarrer halten könne. Alle sechs Monate pflegte er hierauf zurückzukommen. Beredt führte er die Gründe an: seine Arbeitsüberbürdung in Bazoches-le-Doyen, sein ewiger Hader mit dem Dorfe, dann das Interesse des Kultus. »Sagen Sie nicht nein!« bat er lebhaft, als Hourdequin die Achsel zuckte. »Bringen Sie es wenigstens zur Sprache, ich werde auf die Antwort warten.« In dem Augenblick, als Herr von Chédeville im Begriff stand, der Berta ins Haus zu folgen, stürzte er zu ihm hin. »Verzeihung, Herr Abgeordneter! ... Die arme Kirche hier ist in einem solchen Zustand! ... Ich will sie Ihnen zeigen, Sie müssen mir Ausbesserungen erwirken; mich will man nicht anhören ... Kommen Sie, kommen Sie, bitte!« So bestürmte er den Löwen mit seiner gutmütigen Hartnäckigkeit. Sehr gelangweilt, suchte der Abgeordnete Ausflüchte zu machen; doch Hourdequin, der von Macqueron erfahren, daß mehrere der Gemeinderäte ihn auf dem Schulzenamt erwarteten, rief ungeniert: »So ist's recht, besichtigen Sie die Kirche ... Sie schlagen die Zeit tot, bis meine Sitzung beendet ist, und können mich dann wieder nach Hause fahren.« Herr von Chédeville mußte dem Abbé folgen. Noch mehr Bauern sammelten sich in der Straße an; viele zogen hinter den beiden den Berg hinauf; alle hatten im Sinne, den Herrn Abgeordneten um etwas zu bitten. Hourdequin und Macqueron trafen im Sitzungssaale des gegenüberliegenden Gemeindehauses drei Räte, Delhomme und zwei andere. Der ziemlich große Raum war weiß getüncht und enthielt klein anderes Mobiliar als einen langen Tisch aus weichem Holze und zwölf strohgeflochtene Sessel. Zwischen den beiden auf die Straße blickenden Fenstern befand sich ein in die Mauer eingelassener Schrank, in dem die Archive und allerhand Verwaltungsschriftstücke aufbewahrt wurden. An den Wänden stand auf hölzernen Regalen eine Anzahl leinener Löscheimer, das Geschenk eines Einwohners, mit denen man nicht wußte wohin, und die hier nutzlos herumlagen, da Rognes keine Feuerspritze besaß. »Meine Herren,« begann; Hourdequin höflich, »verzeihen Sie, bitte, mein verspätetes Erscheinen, ich hatte Herrn von Chédeville zum Frühstück.« Niemand antwortete; es war nicht zu entnehmen, ob sie diese Entschuldigung gelten ließen. Sie hatten durch die Fenster die Ankunft des Abgeordneten wahrgenommen und waren ihrerseits ebenfalls durch die bevorstehenden Wahlen aufgeregt. Aber es schien ihnen nicht zweckdienlich, zu früh eine Meinung zu äußern. »Potz Blitz!« begann der Gutsbesitzer wieder. »Wenn wir nur fünf sind, können wir keinen Beschluß fassen.« Glücklicherweise kam Lengaigne. Er hatte anfänglich die Absicht gehabt, der Sitzung nicht beizuwohnen; denn die Wegefrage interessierte ihn nicht, und er wünschte, durch sein Fernbleiben die Abstimmung zu vereiteln. Das Erscheinen des Abgeordneten jedoch bestimmte ihn: er ward neugierig, was es gebe. »Gut, jetzt sind wir sechs und also beschlußfähig«, rief Hourdequin. Mit finsterem, hochmütigem Blicke trat Lequeu ein, der das Amt des Sekretärs versah; er brachte die Tagesordnung: die Sitzung konnte eröffnet werden. Aber Delhomme plauderte mit seinem Nachbar, dem Hufschmiede Clou, einem dürren, schwarzen Menschen von hoher Gestalt. Sie schwiegen, als man auf sie aufmerksam wurde. Doch die anderen fingen den Namen des unabhängigen Kandidaten Rochefontaine aus ihrer Unterhaltung auf; sie wechselten einen kurzen Blick des Einverständnisses untereinander; dann fielen sie alle wie auf Kommando mit Spottreden, Achselzuckeln, Kopfschütteln über diesen Kandidaten her, der ihnen vollkommen unbekannt war. Sie waren für die Ordnung und Ruhe, für den Gehorsam gegen die Obrigkeit; das fördere das Geschäft. Glaube dieser Herr sich vielleicht stärker als die Regierung? Werde er das Korn wieder auf dreißig Franken den Hektoliter hinauftreiben? Es sei sehr keck, Programme zu versenden, mehr Butter als Brot zu versprechen, wenn man Land und Leuten so fern stehe! Sie gingen so weit, den Kandidaten einen Abenteurer, einen zweideutigen Patron zu nennen, der die Dörfer heimsuche, um sich ihre Stimmen anzueignen, wie er vielleicht ihr Geld nehmen werde, wenn's gehe. Hourdequin hätte ihnen erklären können, daß Herr Rochefontaine ein Anhänger des Freihandels sei, der im Grunde die Ansichten des Kaisers teile. Aber er ließ es schweigend geschehen, wie Macqueron seinen bonapartistischen Feuereifer zum besten gab und Delhomme in seinem beschränkten, aber geraden Sinn dreinsprach; während Lengaigne, dem seine Stellung als Inhaber eines Tabakladens den Mund schloß, seine unbestimmten republikanischen Ansichten brummend in sich hinunterwürgte. Der Name des Herrn von Chédeville ward nicht ein einzigesmal genannt; doch alles, was gesprochen wurde, bezog sich auf ihn, huldigte seinem Titel eines offiziellen Kandidaten. »Wie wär's, wenn wir anfingen?« mahnte der Vorsitzende. Er hatte sich auf seinen Präsidentensitz niedergelassen, auf einen Stuhl mit etwas breiterem Rücken und mit Armlehnen. Nur der Schreiber nahm neben ihm Platz. Die vier Räte blieben stehen; zwei traten ans Fenster. Lequeu überreichte Herrn Hourdequin ein Blatt Papier, flüsterte ihm etwas zu und verließ würdevoll das Gemach. »Meine Herren,« begann der Präsident wieder, »hier ist ein Brief, den mir der Schulmeister soeben gegeben hat.« Das Schreiben wurde verlesen. Es war ein sich auf Lequeus Leistungen berufendes Gesuch um eine Gehaltserhöhung von dreißig Franken jährlich. Die Gesichter der Versammelten verdüsterten sich; diese Leute waren so geizig mit dem Gelde der Gemeinde besonders zu Schulzwecken, als habe jeder von ihnen es aus seiner eigenen Tasche hervorziehen müssen. Es wurde nicht einmal besprochen; das Ansuchen ward ohne weiteres abgelehnt. »Gut, gut, wir werden ihm sagen, er solle sich gedulden. Der junge Mann ist ungeduldig ... Gehen wir an unsere Wegfrage!« »Entschuldigen Sie,« unterbrach ihn Macqueron, »ich möchte ein paar Worte betreffs der kirchlichen Angelegenheiten reden.« Hourdequin war überrascht. Jetzt begriff er, warum der Abbé bei dem Schankwirte gefrühstückt hatte. Welcher Ehrgeiz trieb den Schreiber, sich so in den Vordergrund zu stellen? Macquerons Vorschlag teilte übrigens das Schicksal von des Schulmeisters Bitte um Zulage. Vergeblich machte er geltend, man sei reich genug, um sich einen eigenen Geistlichen zu halten, es sei schmählich, sich mit den Resten von Bazoches-le-Doyen zu begnügen: alle schüttelten den Kopf, fragten, ob die Messe vielleicht besser werde? Nein, nein! Sie wollten nichts davon hören. Man müsse das Pfarrhaus aufbessern, ein eigener Pfarrer komme zu teuer; jeden Sonntag eine halbe Stunde von dem andern, das genüge. Verletzt von dem Vorgehen seines Schreibers, schloß der Vorsitzende die Besprechung: »Wird nicht bewilligt, der Rat lehnt einstimmig ab. Und nun zu unserer Chaussee! ... Die Sache muß endlich erledigt werden ... Delhomme, seien Sie so gut, Herrn Lequeu zu rufen. Glaubt der Mensch, daß wir bis zum Abend über seinen Brief beraten?« Lequeu, der im Treppenflur gewartet, trat mit ernstem Gesichte ein. Niemand gab ihm das Schicksal seines Gesuches bekannt; er blieb zugeknöpft und förmlich und verbiß stumm seinen Grimm: Diese Bauern, welch ein Gesindel! Er mußte aus dem Schranke den Plan der Straße holen und auf dem Tische ausbreiten. Dem Gemeinderate war dieser Plan sehr wohl bekannt; denn seit Jahren trieb er sich im Saale herum. Doch traten nichtsdestoweniger alle Herren heran, lehnten die Ellbogen auf den Tisch und dachten wieder einmal über die Sache nach. Der Vorstand zählte die Vorteile auf, die Rognes aus der Anlage dieser Straße erwüchsen: ein mäßig ansteigender Fahrweg bis zur Kirche, zwei Meilen Wegkürzung gegenüber der alten Chaussee über Cloyes, und schließlich würde die Gemeinde nur drei Kilometer zu bestreiten haben, da ihre Nachbarn von Blanchy bereits die andere Hälfte der Strecke bis zur Verzweigung mit der Chaussee Chateaudun-Orleans bewilligt hatten. Man hörte dem Sprecher zu; die Augen blieben auf das Papier geheftet; niemand öffnete den Mund. Bisher hatte die Landenteignung die Ausführung dieses Planes vereitelt. Jeder sah darin eine Gelegenheit, ein Vermögen zu erwerben, war besorgt, ob die neue Straße seinen Acker streife, ob er der Gemeinde ein Stück Feld für hundert Franken die Quadratrute verkaufen könne. Wenn der Weg nicht über seinen Besitz lief, warum ihn dann bewilligen? Damit andere sich etwa daran bereichern? Was kümmert es ihn, daß die Entfernung nach Chateaudun verringert wird? Sein Pferd muß einfach mehr arbeiten. Diese persönlichen Interessen waren so allein maßgebend und waren so bekannt, daß Hourdequin nicht nötig hatte., seine Kollegen zum Sprechen zu bewegen, um ihre Meinungen kennen zu lernen. Er selbst wünschte sehnlich die neue Verbindung, weil sie an seinem Hof vorüberführte und mehrere seiner Felder berührte. Ebenso waren Delhomme und Macqueron für die Sache eingenommen; denn ein Teil ihres Besitzes streckte sich längs der zu erbauenden Linie hin. Das machte drei. Doch weder Clou noch der andere Rat waren bei der Lösung der Frage interessiert; und Lengaigne gar war dem Plane durchaus feindlich gesinnt, weil er selbst zunächst nichts daran gewinnen konnte, und weil es ihn andererseits im höchsten Grade verdroß, daß sein Gegner, der Schreiber, daraus einen Vorteil ziehen solle. Wenn Clou und der andere dagegen stimmten, war man drei gegen drei. Hourdequin wurde besorgt. Endlich begann die Besprechung. »Wozu dient es? Wozu dient es?« wiederholte Lengaigne. »Wir haben ja einen Weg! Es ist rein, um das Vergnügen zu haben, Geld auszugeben, es aus der Tasche von Hans zu nehmen und in die Tasche von Peter zu tun. Übrigens hast du ja versprochen, dein Land umsonst herzugeben ...« Das war auf Macqueron gemünzt. Diesem aber tat schon lange sein einstiger Anfall von Freigebigkeit leid; er leugnete keck: »Ich? Ich hab' nichts versprochen ... Wer hat dir das gesagt?« »Wer? Aber du, mein Gott! ... Und vor Zeugen! Richtig, Herr Lequeu war dabei, er kann's bestätigen. Nicht wahr, Herr Lequeu?« Der Schulmeister barst vor Zorn, daß man ihm die Beantwortung seiner Eingabe solange vorenthielt. Er machte eine wütende Gebärde der Verachtung: was gingen ihre erbärmlichen Streitereien ihn an? »Wahrhaftig,« fuhr Lengaigne fort, »wenn es keine Ehrlichkeit mehr auf der Welt gibt, da ist's schon gescheiter, in Urwäldern zu leben ... Nein, und noch einmal nein! Ich will nichts von eurer Chaussee wissen!« Als er gewahrte, daß die Sache sich zum Üblen zu wenden drohte, beeilte sich der Präsident einzugreifen: »Das sind Redereien. Wir haben hier nicht auf persönliche Zwistigkeiten einzugehen ... Das Gemeinwohl allein muß unsere Entschließungen leiten.« »Ganz sicher«, erklärte Delhomme mit Ernst. »Der neue Weg wird der ganzen Gemeinde große Dienste leisten ... Allein wir müssen wissen, woran wir sind. Der Präfekt sagt, immer: ›Bewilligt eine Summe, dann werden wir sehen, was die Regierung für euch tun kann.‹ Wenn sie nichts tut, wozu sollen wir dann unsere Zeit mit der Beratung verlieren?« Jetzt meinte Hourdequin mit der großen Neuigkeit herausrücken zu sollen, die er zurückgehalten hatte. »Was das betrifft, meine Herren, so erkläre ich Ihnen., daß Herr von Chedeville sich verpflichtet, von der Regierung eine Unterstützung zu erlangen, welche die Hälfte der Kosten deckt ... Sie wissen, er ist der Freund des Kaisers. Er hat nur nötig, beim Nachtisch die Sache zur Sprache zu bringen ...« Auf allen Gesichtern malte sich eine fromme Glückseligkeit, als sei das Allerheiligste vorübergezogen; selbst Lengaigne schien wankend zu werden. Die Wiederwahl des Abgeordneten war auf alle Fälle gesichert: der Freund des Kaisers, der Mann, der an der Quelle der Ämter und Gelder saß, dieser gekannte, ehrenwerte, mächtige Herr, das war der Rechte!« Sie nickten stumm mit den Köpfen: die Sache ergab sich von selbst, das Reden war überflüssig. Aber Hourdequin beunruhigte die stumme Haltung von Clou. Er erhob sich, warf einen Blick aus dem Fenster, gewahrte den Feldhüter, befahl ihm, zum alten Loiseau zu eilen und ihn tot oder lebend zur Stelle zu schaffen. Dieser Loiseau war ein tauber Bauer, den man aus Spaß zum Mitgliede des Gemeinderates ernannt hatte, wo er sich übrigens nie blicken ließ, da ihm das den Kopf verwirrte, wie er sich ausdrückte. Sein Sohn arbeitete in der Borderie; darum war der Alte dem Vorsitzenden vollkommen ergeben. Als er erschienen, begnügte sich Hourdequin denn auch, ihm ins Ohr zu schreien, es handle sich darum, den neuen Weg zu bewilligen. Schon schrieb jeder seinen Stimmzettel, das Gesicht bis aufs Papier herabgebückt, die Ellbogen gespreizt, damit der Nachbar nichts lesen könne. Hierauf wurden die Stimmzettel in eine hölzerne Büchse getan, die einem Opferstock ähnlich sah. Es stellte sich eine prächtige Mehrheit heraus; sechs Ja und nur ein einziges Nein, die Stimme Lengaignes. Clou hatte also mit Ja gestimmt. Die Sitzung ward aufgehoben, nachdem ein jeder seinen Namen unter das vom Schulmeister vorher abgefaßte Protokoll gesetzt, in dem das Ergebnis der Abstimmung ausgefüllt worden. Schweren Schrittes, ohne Gruß, ohne Händedruck entfernten sich die Gemeinderäte. »Ach, ich vergaß,« rief Hourdequin, auf der Treppe umkehrend, dem immer noch auf Antwort wartenden Lequeu zu, »Ihr Gesuch ist zurückgewiesen ... Der Rat findet, daß schon genug Geld für die Schule verausgabt wird.« »Blöde Bestien!« schrie der junge Mann auf, als er sich allein befand. »In den Schweinestall gehört diese Bande!« Die Sitzung hatte zwei Stunden gewährt. Hourdequin fand vor dem Gemeindehaus Herrn von Chedeville, der eben erst von einem Rundgang durchs Dorf zurückkehrte. Zunächst hatte ihm der Pfarrer die Besichtigung aller Schäden seiner Kirche aufgenötigt: das verwitterte Dach, die zerbrochenen Fensterscheiben, die fleckigen Wandmalereien. Nachdem der Löwe sich endlich in der Sakristei losgerissen, wo ihm der Abbé die Unentbehrlichkeit eines neuen Farbanstrichs vorgeführt, machten sich die Dorfbewohner an den einflußreichen Mann heran, nahmen ihn einer nach dem andern in Beschlag, um eine Beschwerde vorzutragen oder eine Gunst zu erbitten. Ein Bauer führte ihn zum Gemeindeteich und klagte, daß dieses nützliche Gewässer infolge Geldmangels vernachlässigt werde; ein zweiter verlangte ein bedecktes Waschhaus an der Aigre an einer von ihm bezeichneten Stelle; ein dritter erbat die Erweiterung des Fahrweges vor seinem Hause, damit er sein Fuhrwerk besser wenden könne, und eine alte Frau zog den Herrn Abgeordneten in ihre Wohnung, um ihm dort ihre geschwollenen Beine zu zeigen, und fragte, ob es in Paris kein Mittel dafür gebe. Vollständig betäubt und erschöpft, lächelte er zu allem, spielte den Mann, der niemandem etwas abschlagen kann, und versprach alles, was man verlangte. Ein braver Herr, der nicht stolz tat mit dem armen Volke. »Nun, fahren wir?« fragte Hourdequin. »Man erwartet mich auf dem Hof.« Aber Celine und ihre Tochter Berta erschienen in diesem Augenblick auf der Schwelle des Hauses und baten Herrn von Chédeville, doch wenigstens einen Augenblick bei ihnen einzutreten. Er atmete auf, wie er wieder in die hellen, blauumrandeten Augen des jungen Mädchens sah; mit Vergnügen hätte er ihre Einladung angenommen. Doch der Gutsbesitzer wollte es anders. »Nein, nein!« versicherte er. »Wir haben keine Zeit; ein andermal. Damit nötigte er den verdutzt dreinschauenden Löwen in das Wägelchen, rief dem Abbé zu, die Kirchenfrage sei vertagt; der Kutscher schwang die Peitsche, und der Wagen rollte an den beglückten Gesichtern der gesamten Bevölkerung vorüber zum Dorfe hinaus. Ganz allein schlecht gelaunt unter all den zufriedenen Menschen, begann der Pfarrer die drei Kilometer nach Bazoches-le-Doyen heimzugehen. Vierzehn Tage später wurde Herr von Chédeville mit einer großen Mehrheit wiedergewählt; gegen Ende August hatte er sein Versprechen eingelöst: die Unterstützung für den neuen Weg war der Gemeinde bewilligt. Die Arbeiten begannen ohne Verzug. Am Abend des ersten Spatenstiches stand die hagere Celine am Brunnen und hörte der Bécu zu, die mit den Händen unter der Schürze unaufhörlich auf sie einredete. Seit einer Woche regte das Ereignis die wasserschöpfenden Frauen auf, man sprach von nichts anderem mehr wie von dem Gelde, das die einen bekommen, oder von der Gift und Galle speienden Wut der anderen. Die Bécu hinterbrachte der Macqueron jeden Tag, was die Lengaigne über sie geredet hatte; sie tat's nicht, um die beiden gegeneinander aufzuhetzen, im Gegenteil, damit sie sich aussprächen, das einzige Mittel, sich zu verständigen. Mit leeren Händen standen die Frauen daneben, die Krüge an ihrer Seite. »Hernach hat sie gesagt, es sei zwischen dem Schreiber und dem Schulzen eine abgekartete Sache, um Geld zu schneiden; und euer Mann hat sein Wort gebrochen, hat sie gesagt.« Während die Bécu so sprach, trat die feiste Flora mit dem Krug in der Hand aus ihrer Haustür und schlürfte heran. Sofort fiel Celine mit den Händen an den Hüften in ihrer bissigen Art über sie her, übergoß sie mit einem Strom von Schmähreden, warf ihr das liederliche Weibsbild, ihre Tochter, ins Gesicht, und beschuldigte sie sogar, es mit den Gästen in ihrer Schenke zu halten. Die andere antwortete in ihrer weinerlichen Art: »Ist das ein Schlampen! Ist das ein Fetzen!« Die Frau des Feldhüters warf sich zwischen die beiden und wollte sie zwingen, sich zu küssen; da erhitzten sie sich noch mehr, so daß sie einander beinahe in die Haare gerieten. Dann rief die Bécu: »Was ich sagen wollte, wißt ihr, daß die Schwestern Mouche fünfhundert Franken bekommen?« »Nicht möglich!« Auf der Stelle war der Streit vergessen. Alle Weiber drängten sich zwischen den Wasserkrügen heran und erörterten den Fall. Der neue Weg streifte das Gebiet der Mädchen und schnitt fünfhundert Meter von ihm ab: zu zwanzig Sous den Meter, das machte in der Tat fünfhundert Franken; außerdem wurde der übrigbleibende Acker durch die Nähe der Chaussee wertvoller. War das ein Glück! »Da ist also die Lise mit ihrem Kinde noch eine gute Partie geworden«, meinte Flora. »Dieser Tölpel, der Korporal, hat eine gute Nase gehabt.« »Falls nicht Buteau in den Platz einrückt«, versetzte Celine boshaft ... »Sein Anteil gewinnt auch ein nettes Sümmchen durch die neue Straße.« »Pst! ... still!« machte die Bécu und stieß sie mit dem Ellbogen an. Lise kam frohen Sinnes mit ihrem Krug daher. Das Geschwätz verstummte. Sechstes Kapitel. Lise und Franziska hatte ihre rote Kuh losgeschlagen, weil sie zu fett geworden war und nicht mehr kalbte; und sie beschlossen eines Sonnabends, sich auf den Markt nach Cloyes zu begeben, um dort eine andere zukaufen. Hans bot ihnen an, sie in einem Wagen der Farm dorthin zu fahren. Er machte sich für den Nachmittag frei, und Herr Hourdequin gestattete ihm wegen des Gerüchtes vom Eheversprechen zwischen Lise und Hans, daß er ein verfügbares Gefährt nehmen durfte. Die Heirat war in der Tat beschlossen, oder vielmehr hatte Korporal versprochen, nächste Woche Buteau aufzusuchen, um die Angelegenheit zum Austrag zu bringen. Einer oder der andere, es mußte ein Ende gemacht werden. Um zwei Uhr brach man auf, Hans und Lise saßen vorn, Franziska auf der zweiten Bank. Von Zeit zu Zeit drehte der Bursch sich um und lächelte der Kleinen zu, deren Knie ihm das Kreuz wärmten. Es war recht schade, daß sie fünfzehn Jahre weniger zählte als er. Wenn er sich nach vielem Zögern und langem Aufschub entschlossen hatte, die Ältere zu nehmen, so geschah es vielleicht mit dem geheimen Gedanken, daß er dann als Verwandter neben ihrer Schwester leben werde. Man tut so manches im Leben ohne zwingenden Grund, ohne großes Verlangen, bloß weil man einmal gesagt hat, daß man es tun wolle. Bei der Einfahrt in Cloyes mußte Hans bremsen; dann ging es den steilen Weg neben dem Ortskirchhof hinab. Als der Wagen bei der Kreuzung der Großen Gasse und der Grouaisestraße anlangte, um in der Herberge »Zum wackeren Landmann« einzukehren, sah man einen Bauer längs der Häuser dahinstreichen. »Mir scheint, das ist Buteau«, meinte Korporal. »Gewiß, er ist's«, versicherte Lise. »Vermutlich geht er zu Herrn Baillehache ... Sollte er seinen Teil endlich annehmen?« Hans knallte lachend mit der Peitsche. »Wer weiß? Das ist ein Schlaumeier!« Buteau, der die Insassen des Wagens sehr wohl erkannt hatte, tat, als bemerke er sie nicht. Vorgebeugten Hauptes schritt er dahin. Die drei sahen ihn in der Ferne verschwinden; jedes erwog, daß man die Gelegenheit zu einer Auseinandersetzung benützen könne; doch sprach keines diesen Gedanken aus. Franziska, die sehr einsilbig geblieben, war die erste, die vom Wagen sprang, als man im Herbergshofe hielt, wo eine Menge Bauernkarren vornüber auf ihren Deichseln lehnten. Aus den weitläufigen Räumen des Gasthofes lärmte dumpfes Menschengewirr. »Gehen wir?« fragte der Bursche, nachdem er sein Pferd im Stalle untergebracht. »Ja, sofort!« Doch statt sich direkt durch die Tempelgasse zum Viehmarkte zu begeben, der auf dem Sankt-Georgs-Platze abgehalten wurde, schlenderten sie zwischen den Gemüse- und Obsthändlerinnen dahin, welche die beiden Fußsteige der Großen Gasse belagerten. Hans trug eine seidene Mütze und eine lange blaue Bluse über schwarzen Tuchbeinkleidern. Auch die vollkommen gleich gekleideten Schwestern waren sonntäglich herausgeputzt, in runden Hauben, in dunklen, wollenen Leibchen und eisengrauen Röcken, über denen große baumwollene Schürzen mit schmalen rosa Streifen hingen. Sie gaben einander nicht den Arm; mit freien Händen gingen sie eine hinter der anderen durch das Gedränge die Straße hinab und wandten sich durch die Hunderte von Mägden und Bürgersfrauen, die an den am Boden neben ihren Körben hockenden Bäuerinnen vorbeizogen. Sie erkannten die Frimat, deren Hände noch blau angelaufen waren von der schweren Last, welche die Frau zu Markte geschleppt hatte. In ihren beiden übervollen Körben gab es alles mögliche: Salat, Bohnen, Pflaumen, sogar drei lebende Kaninchen. Ein Alter neben ihr hatte einen Wagen Kartoffeln abgeladen, die er scheffelweise feilbot. Eine Frau und deren Tochter, ein berüchtigtes Weibsbild namens Norine, hatten einen Tisch mit Stockfisch, gesalzenem Hering, saurem Hering: schlechte Warenreste, deren starker Salzgeruch einem den Atem benahm. So öde die Große Gasse in der Woche war trotz ihrer schönen Läden, der Apotheke, der Kurzwarenhandlung und zumal dem Pariser Neuigkeitengeschäft Lambourdieus, sie schien zu eng an diesen Sonnabend-Märkten. Die Läden waren mit Käufern vollgestopft; die Händlerinnen belagerten das Pflaster; kein Wagen konnte passieren. Lise und Franziska kamen mit Hans bis zu dem Geflügelmarkt, der in der Beaudonnieregasse abgehalten wurde. Dorthin sandten die Bauern die riesigen Gitterkörbe, in denen die Hähne krähten, und durch deren Geflecht die Enten ihre hungrigen Hälse hervorstreckten. Geschlachtete, abgerupfte Hühner lagen in flachen Kästen beieinander. Daneben hockten wieder Bauersfrauen mit ihren vier oder fünf Kilo Butter, ihren zwei Dutzend Eiern, ihrem trockenen und weichen, weißen, gelben, grauen Käse. Andere hatten nur zwei Paar an den Füßen zusammengebundene Hennen vor sich liegen. Kaufende Damen feilschten mit den Weibern; vor dem Gasthause »Zur Zusammenkunft der Geflügelhändler« drängte sich eine Menge Menschen um eine soeben angekommene große Fracht Eier. Zwischen den Männern, welche die Eierkörbe abluden, arbeitete auch Palmyre; denn an den Markttagen, wo es in Rognes wenig zu tun gab, verdingte sie sich in Cloyes und schleppte Lasten, unter denen sie fast zusammenbrach. »Die verdient sich ihr Brot sauer!« bemerkte Hans. Die Menge wuchs noch immer an; neue Wagen kamen die Straße von Mondouble heran und zogen in langer Reihe schrittweise über die Brücke. Rechts und links schob der Loir in sanften Windungen seine Wasser durch den Wiesengrund; die Gärten der Stadt begrenzten das linke Flußufer; Flieder- und Eibengesträuch ließ seine Gezweige in die Wellen hinabhängen. Stromaufwärts klapperte eine Lohmühle mit hellem Tick-Tack; eine große Getreidemühle lag daneben, ein riesiger Bau, den die Windlöcher am Dache mit einem feinen Mehlstaube bepuderten. »Nun?« wiederholte Hans seine Erinnerung. »Wollen wir hingehen?« »Ja, ja!« Sie kehrten durch die Große Gasse zurück. Beim Sankt-Lubin-Platze machten sie vor dem Rathause halt, wo sich der Getreidemarkt befand. Lengaigne, der vier Sack Korn zu Markte gebracht hatte, stand mit den Händen in den Taschen neben seiner Ware. Hourdequin sprach mit zorniger Miene inmitten einer Schar Bauern, die ihm mit hängenden Köpfen schweigend zuhörten. Man hatte eine Preissteigerung erwartet; doch selbst der Preis von achtzehn Franken schien sich nicht halten zu wollen, und die Männer waren darauf gefaßt, daß er zum Schluß um fünfundzwanzig Centimes hinuntergedrückt werde. Macqueron ging in einem schmierigen Rocke vorüber und führte seine Tochter Berta in einem Musselinkleide mit frischen Rosen am Hut am Arme. Lise und Franziska bogen in die Tempelgasse und zogen an der Sankt-Georgs-Kirche vorüber, wo fahrende Händler ihre Bänder, Kurzwaren und Stoffe zum Kaufe boten. »O, Tante Rose«, rief Lise. In der Tat, es war die alte Fouan. Fanny, die an Delhommes statt mit Hafer hereingefahren war, hatte ihre Mutter mitgenommen, um sie zu zerstreuen. Die beiden standen wartend neben dem Handkarren eines Messerschleifers, dem die Greisin ihre Schere zum Schärfen gegeben. Seit dreißig Jahren schliff er ihr diese Schere. »Ach, ihr seid da!« Fanny wandte sich um. Als sie Hans bemerkte, sagte sie: »Ihr geht wohl spazieren?« Doch als Mutter und Tochter erfuhren, daß die Basen eine Kuh kaufen wollten, schlossen sie sich ihnen an; denn Fannys Hafer war abgeliefert. Der Bursche schritt hinter den vier Frauen drein, so kam man auf den Sankt-Georgs-Platz. Es war ein an hundert Meter messendes Viereck, das die im Hintergrund liegende Kirche mit ihrem hohen Glockenturme in altem roten Backstein beherrschte. Alleen dicht belaubter Linden umschlossen den Platz, den an zwei Seiten eiserne, in Prellsteinen eingelassene Ketten absperrten, während die beiden anderen Seiten mit hölzernen Stangen versehen waren, vor denen das Marktvieh stand. Hier begrenzten Gärten den weiten Plan, am Boden wuchs Gras: man hätte sich im freien Felde wähnen können; drüben aber vor den Schenken »Zum heiligen Georg«, »Zur Wurzel«, »Zum braven Schnitter« war der Boden hart getreten und mit weißem Staube bedeckt, den einzelne Windstöße in Wolken emporbliesen. Sie mußten sich durch das Gewühl in der Mitte des Platzes drängen; dort hielt sich das Volk auf. Man sah ein wirres Durcheinander blauer Blusen; alle Abstufungen von Blau waren vertreten, von dem harten Blau der neuen Leinwand bis zum ausgeblaßten Blau hundertmal gewaschenen Stoffes. Dazwischen blinkten runde weiße Flecke: die Hauben der Weiber. Ein paar Damen gingen mit bunt schillernden Seidenschirmen herum. Man vernahm Lachen, hörte plötzliche Rufe, die in dem surrenden Gewoge verhallten: dann das Wiehern eines Pferdes, ein Blöken von dem Stand des Rindviehs her. Ein Esel hob mit einmal laut zu schreien an. »Hierher!« sagte Lise, den Kopf wendend. Die Pferde waren im Hintergrunde an die Stangen gebunden, ungeschirrt einen Strick um den Hals und einen zweiten um den Schwanz geschlungen. Die Kühe seitwärts standen fast frei; sie wurden nur mit der Hand gehalten von ihren Verkäufern, die sie hin und wieder den Standort wechseln ließen, um sie besser zu zeigen. Gruppen von Männern und Weibern blieben stehen und musterten die Tiere. Hier wurde nicht gelacht, die Leute sprachen kaum, ließen nur selten ein paar kurze Worte fallen. Sofort versanken die vier Frauen in die Betrachtung einer weißschwarzen Kuh, die von einem Ehepaare feilgeboten wurde. Das Weib mit gebräuntem Gesicht und einem starrköpfigen Ausdruck in den Zügen hielt das Tier; ihr Gatte stand unbeweglich und stumm im Hintergrunde. Es begann eine eingehende Musterung, die an zehn Minuten währte; doch die Verwandten wechselten kein Wort dabei, keinen Blick. Dann gingen sie weiter und pflanzten sich in einer Entfernung von zwanzig Schritten vor einer zweiten Kuh auf. Diese war sehr groß, ganz schwarz und von einem jungen Mädchen begleitet, fast einem Kinde, das sehr niedlich aussah mit seinen munteren Augen und der kleinen Haselgerte in der Rechten. Hernach machte die Gesellschaft an der Reihe der Marktkühe vielleicht noch sieben- oder achtmal halt, einmal so stumm und so lange wie das anderemal. Endlich kehrten die Frauen zu der ersten Kuh zurück und begannen sie von neuem mit den Blicken zu prüfen. Allein jetzt war die Sache ernster. Die vier standen in einer Linie nebeneinander und bohrten ihre Augen in die Haut des Tieres. Noch hatte keiner ein Wort gesprochen. Auch die Verkäuferin schwieg, blickte zur Seite und tat, als habe sie nicht bemerkt, wie jene zurückgekommen und stehengeblieben. Endlich neigte sich Franziska zu Lise und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Ebenso leise teilten sich die alte Fouan und Fanny ihre Eindrücke mit. Dann verfielen alle wieder in ihr vorheriges Schweigen. Die stille Prüfung wurde fortgesetzt. »Wieviel?« fragte Lise plötzlich. »Vierzig Pistolen!« versetzte die Bäuerin. Mit lautem Ah! und Oh! machten sich die vier Frauenzimmer aus dem Staube, als habe diese Forderung sie in die Flucht gejagt. Sie suchten Hans und waren überrascht, ihn unweit in Gesellschaft von Buteau zu finden; die beiden plauderten wie alte Freunde. Buteau war im Begriff, für die Ghamade ein Ferkel zu erhandeln. Die in einem großen Wagen zu Markte gebrachten Tiere drängten sich mit ohrenzerreißendem Geschrei in einer hinter dem Wagen angebrachten Umzäunung. »Willst du zwanzig Franken?« fragte Buteau. »Nein, dreißig!« »Kerl, so mäst' es selbst!« Sehr aufgeräumt trat er auf die Frauen zu, begrüßte seine Mutter, seine Schwester und die beiden Basen nicht anders, als habe er sich gestern in bestem Einvernehmen von ihnen getrennt. Auch sie machten harmlos freundliche Gesichter, wie wenn sie den Familienzwist und den Bruch vor zwei Jahren lang vergessen. Nur die Mutter, der die anderen mitgeteilt, daß sie Buteau vorher in der Grouaisestraße gesehen, sah ihn an mit ihren umfalteten Augen, wie um herauszubekommen, warum er wohl zum Notar gegangen sei. Sie brachte nichts heraus, und niemand tat der Sache Erwähnung. »Also, Base,« redete Buteau Lise an, »du kaufst eine Kuh, wie mir Korporal erzählt? ... Da drüben steht eine, das beste Tier vom ganzen Markt.« Er deutete ??? weißen hinüber. »Vierzig Pistolen? Danke!« entgegnete Franziska. »Vierzig Pistolen für dich, Kleine«, gab er zurück und versetzte ihr scherzend einen Klaps auf die Schulter. Aber sie wurde böse und gab ihm den Schlag zurück. »Laß mich zufrieden, verstehst? Ich scherz' nicht mit den Männern.« Ihm machte ihr Zorn Spaß; noch munterer wandte er sich an Lise, die ernst daneben stand. »Und du? Soll ich mich dreinmischen! Ich wette, daß ich sie für dreißig Pistolen bekomme ... Willst du hundert Sous wetten?« »Mir ist's schon recht ... Wenn du den Versuch machen willst ...« Rose und Fanny nickten. Sie kannten seine Geschicklichkeit auf den Märkten, wußten, daß er zu feilschen, zu lügen und zu betrügen verstand wie keiner. Es gelang ihm, eine Sache dreimal über ihren Wert zu verkaufen, während er selbst alles halb umsonst bekam. Die Frauen ließen ihn also mit Hans zur Bäuerin hinübergehen, während sie abseits blieben, damit man nicht merke, daß er zu ihnen gehöre. Die Menge wurde jetzt dichter bei den Viehständen; die Leute verließen die sonnenbeschienene Mitte des Platzes und suchten den Schatten der Alleen auf. Dort war ein unaufhörliches Hin und Her unter den Bäumen; das Blau der Blusen dunkelte im Schatten der Linden; der blinkende Widerschein der spielenden Blätter warf einen grünlichen Schimmer auf die gebräunten Gesichter. Doch obwohl der Markt bereits seit einer Stunde eröffnet, war noch nicht ein einziges Geschäft abgeschlossen. Man ging mit sich zu Rate; Käufer und Verkäufer suchten mit heimlichen Seitenblicken einander die Gedanken aus den Augen abzulesen. Das langsame Hin- und Hergehen, das stumm blickende Stehenbleiben vor den Tieren nahm kein Ende. Doch ein Tumult erhob sich; der sanfte Wind trug einen verworrenen Lärm über den Platz. Zwei zusammengekoppelte Pferde bäumten sich, bissen einander mit zornigem Gewieher; ihre polternden Hufe hieben das Pflaster. Schreiend sprangen die Weiber zur Seite, laute Flüche ertönten; mächtiger Peitschenknall, gleich Flintenschüssen, hallte durch die Luft und beruhigte die aufgeregten Rosse. Auf den leeren Fleck aber, den eben die Flüchtenden verlassen, schwebte ein Volk Tauben hernieder, trippelte hastig umher und pickte mit den Schnäbeln nach Haferkörnern in dem Mist der Gäule. »Na, Mutter, wie teuer verkauft Ihr denn Eure Kuh?« fragte Buteau die Bäuerin. Diese hatte sehr wohl bemerkt, was zwischen dem Knecht und den Frauen vorgegangen. Ruhig versetzte sie: »Vierzig Pistolen.« Er nahm die Sache zunächst scherzend auf und rief lachend zu dem Bauer hinüber, der immer noch stumm abseits stand: »Sag, Freund, gibst du deine Alte drein zu dem Preis?« Doch während er seine Witze riß, prüfte er sorgfältig das schöne Tier und fand, daß es alle Bedingungen einer guten Milchkuh erfüllte: einen nicht zu fleischigen Kopf, feines Hörn, große Augen, einen etwas starken, mit Adern durchzogenen Leib, ziemlich schlanke Beine, einen dünnen, sehr hoch sitzenden Schweif. Buteau bückte sich, untersuchte die Euter, die Länge und Elastizität der Zitzen. Dann fing er, mit einer Hand auf das Tier gestützt, zu feilschen an, wobei er mechanisch die Wirbelknochen abfühlte. »Vierzig Pistolen? Das ist zum Lachen ... Wollt Ihr dreißig?« Er versicherte sich des kräftigen und guten Gefüges des Rückgrats; dann glitt seine Hand zwischen die Schenkel hinab, wo die safranfarbene Tönung der Haut reichen Milchertrag verspricht. »Dreißig Pistolen, ist's recht?« »Nein, vierzig«, antwortete die Bäuerin. Buteau ließ die Frau stehen, entfernte sich ein paar Schritte und kam zurück. Jetzt entschloß sie sich zusprechen. »Es ist ein gutes Tier, wahrhaftig ein herrliches Tier. Zur Dreifaltigkeit wird es zwei Jahre alt, und in vierzehn Tagen kalbt es ... Sie werden zufrieden sein mit ihm.« »Dreißig Pistolen«, wiederholte er. Als er wieder Miene machte zu gehen, wechselte die Frau einen Blick mit ihrem Manne und rief: »Wißt Ihr ... damit ich heimfahren kann ... Wollt Ihr sie für fünfunddreißig? Aber es muß gleich sein.« Er blieb noch einmal stehen und fing an, die Kuh schlecht zu machen. Sie sei dürftig gebaut, habe keine Lenden; man sehe ihr an, daß sie nicht gut gehalten worden, sie müsse sich erst zwei Jahre ausfressen, ehe sie einen Profit abwerfe. Schließlich behauptete er, der eine Fuß sei krank. Es war nicht wahr: Buteau log, um zu lügen, um die Verkäuferin zu ärgern und aufzuregen. Sie aber zuckte die Achseln. »Dreißig Pistolen.« »Nein, fünfunddreißig.« Diesmal ließ sie ihn gehen. Er kam zu den Frauen zurück, meinte, die Bäuerin beiße bereits an, man müsse jetzt um eine andere Kuh feilschen. Die beiden Männer begaben sich zu der großen Schwarzen, die das junge Mädchen am Strick hielt. Sie sollte gerade nur dreihundert Franken kosten. Buteau tat, als finde er sie nicht zu teuer und lobte sie laut; dann wandte er sich plötzlich noch einmal zu der Schwarzweißen. »Ich soll also mein Geld anderwärts hintragen? Ihr wollt nicht?« »Ja, wenn ich könnt', aber ich kann nicht.« Die Bäuerin bückte sich, ergriff mit beiden Händen das Euter. »Seht Euch das doch an, das ist ja eine Pracht!« Er war nicht ihrer Meinung, sondern wiederholte: »Dreißig Pistolen.« »Nein, fünfunddreißig.« Jetzt schien alles vorbei. Buteau hatte Korporals Arm ergriffen, um deutlich auszudrücken, daß er auf das Geschäft verzichte. Die Frauen kamen sehr aufgeregt herbei: sie meinten, die Kuh sei die verlangten dreihundertfünfzig Franken wert. Zumal riet Franziska, der das Vieh sehr gefiel, man solle den Handel abschließen. Doch Buteau rief ärgerlich, ob sie glaube, daß er sich so übers Ohr hauen lasse? Eine Stunde lang blieb er standhaft, während die Basen jedesmal zitterten, wenn ein Käufer sich der Schwarzweißen näherte. Übrigens ließ auch er das Tier nicht aus den Augen, aber er blieb ruhig dabei: man muß hart gesotten sein beim Handel. Sie haben ja Zeit; niemand zieht so schnell sein Geld aus der Tasche; es wird sich schon zeigen, ob jemand so dumm ist, für das Vieh mehr als dreihundert Franken zu bezahlen. In der Tat kam noch immer kein Geld zum Vorschein, trotzdem der Markt zu Ende ging. Auf der Straße wurden jetzt die Pferde versucht. Ein ganz weißer Schimmel trabte daher, von dem gurgelnden Rufe eines Mannes angefeuert, der neben ihm herlief, während Patoir, der Tierarzt, rot und aufgedunsen, mit den Händen in den Taschen neben dem Käufer an der Ecke des Platzes stand und mit lauter Stimme seine Meinung abgab. In den Kneipen herrschte ein reges Treiben. Ohne Unterlaß drängte sich das Volk in die Türen, kam wieder heraus, ging noch einmal hinein, fortwährend handelnd und feilschend in endlosen Reden. Jetzt waren der Lärm und die Bewegung auf ihrem Höhepunkt angelangt; man vermochte kaum sein eigenes Wort zu vernehmen. Ein von seiner Mutter getrenntes Kalb blökte unaufhörlich. Hunde trieben sich bellend umher; ein gelber Pudel, dem man die Pfote überfahren, heulte vor Schmerz. Dann war zuweilen plötzlich alles einen Augenblick still, und man vernahm nichts wie das Krächzen der Raben, die, durch den Lärm aufgeschreckt, den Kirchturm umkreisten. Durch den warmen Dunst des Marktviehes drang ein scharfer Gestank verbrannten Hornes empor und verbreitete sich über den ganzen Platz; wie eine Pest kam dieser Geruch aus einer benachbarten Hufschmiede daher, wo die Bauern ihre Pferde beschlagen ließen. »Dreißig«, wiederholte Buteau, ohne müde zu werden, indem er wieder an die Verkäuferin herantrat. »Nein, fünfunddreißig.« Während noch ein zweiter Käufer um die Kuh handelte, riß der Bursch dem Tier das Maul auf, um seine Zähne zu sehen. Er schnitt ein Gesicht und ließ den Kopf der Kuh wieder los. Jetzt platzte rückwärts der weiche Kuhmist zur Erde; prüfend blickte Buteau hin; seine Grimasse wurde noch unzufriedener. Der Fremde, ein bleicher, langer Mensch, verlor bei diesem Mienenspiel die Lust zum Kaufen und verschwand. »Ich will sie nicht mehr«, rief Buteau. »Sie hat verdorbenes Blut.« Jetzt beging die Bäuerin den Fehler, zornig zu werden. Das war's gerade, was er beabsichtigte. Sie schalt ihn; er antwortete mit einem Strom von Schimpfreden. Leute kamen und horchten lachend zu. Der Ehemann im Hintergrund stand immer noch steif und stumm da; jetzt tippte er seine Frau am Ellbogen, und plötzlich schrie sie: »Nehmt Ihr sie um zweiunddreißig Pistolen?« »Nein, dreißig.« Von neuem ging er seiner Wege; mit wuterstickter Stimme rief sie ihn zurück: »Also, verfluchter Kerl, so nimm sie dir! ... Aber, soll mich der Teufel holen; eh' ich nochmal mit dir einen Handel anfang', kratz' ich dir lieber die Augen aus.« Die Frau zitterte vor Zorn und Aufregung. Er lachte aus vollem Halse, tat sehr galant mit ihr und bot ihr für das abgehandelte Geld an, bei ihr zu schlafen. Sofort kam Lise heran, zog die Bäuerin auf die Seite und gab ihr hinter einem Baum ihre dreihundert Franken. Schon hielt Franziska das Tier am Halfter; doch Hans mußte die Schwarzweiße von hinten stoßen, denn sie wollte nicht vom Fleck. Der Handel hatte zwei Stunden gedauert; aber selbst Rose und Fanny hatten, ohne der Sache überdrüssig zu werden, stumm das Ende abgewartet. Wie man aufbrechen wollte, war Buteau verschwunden. Sie fanden ihn bei dem Schweinehändler, dem er kameradschaftlich auf den Schmerbauch klopfte. Er hatte sein Ferkel für zwanzig Franken erstanden. Als er die Schuld begleichen wollte, zählte er zuvor das Geld in der Tasche, zog nicht mehr heraus als gerade die zwanzig Franken und zählte noch einmal nach in der halb geöffneten Hand. Sehr lang dauerte es, bis das Schweinchen in dem Sack untergebracht war, den Buteau zu diesem Zweck unter seiner Bluse bereithielt. Die mürbe Leinwand bekam Löcher; die Pfoten und der Rüssel des Tieres schauten hervor. So lud der Bursche es auf seine Schulter und trug es fort; das Ferkel quiekte und schrie zum Gotterbarmen. »Hör' mal, Lise, meine hundert Sous?« bemerkte Buteau. »Ich hab' gewonnen.« Sie reichte ihm scherzend ein Fünffrankenstück in der Meinung, er werde es nicht nehmen. Doch er nahm es sehr wohl und ließ es verschwinden. Langsam machten sich alle auf den Weg zum »Wackern Landmann«. Der Markt war vorüber. Das Geld blinkte in der Sonne und klapperte auf den Schanktischen. In der letzten Minute wurden alle Geschäfte abgeschlossen. In einem Winkel des Platzes standen die wenigen nicht verkauften Tiere. Nach und nach verlief sich die Menge gegen die Große Gasse zu, wo die Obst- und Gemüsehändlerinnen bereits im Begriff standen, mit ihren leeren Körben das Feld zu räumen. Ebenso sah man auf dem Platz des Geflügelmarktes nichts mehr wie am Boden zerstreutes Stroh und Federn. Schon rüsteten sich die Bauern zur Heimfahrt, bespannten die in den Herbergen untergebrachten Marktkarren, oder lösten einfach die an den Eisenringen des Fußweges angebundenen Pferde. Auf allen Straßen rollten nach allen vier Himmelsrichtungen die Fuhrwerke dahin: die blauen Blusen blähten sich im Winde; die Räder polterten über das Pflaster. Lengaigne fuhr mit seinem kleinen Rappen vorüber, nachdem er die Gelegenheit benützt hatte, eine Sense zu kaufen. Macqueron und seine Tochter Berta besuchten noch einige Kaufläden. Die Frimat kehrte zu Fuß heim, schwer bepackt, wie sie gekommen war, denn sie hatte ihre Gemüsekörbe mit am Wege zusammengelesenem Pferdemist gefüllt. In der Apotheke der Großen Gasse wartete die todmüde Palmyre stehend seit; einer halben Stunde, daß man ihr eine Arzenei für den s«it einer Woche kranken Bruder bereite: irgendein schauderhaftes Gebräu, für das sie zwanzig Sous zahlen mußte von den vierzig, die sie mit so übergroßer Mühe verdient hatte. Doch was die Geschwister Mouche und ihre Begleiter den Schritt beschleunigen hieß, war der Anblick von Jesus, der vollständig betrunken die ganze Breite der Straße mit seinem schwankenden Gang einnahm. Man wollte wissen, daß er heute Geld aufgenommen, indem er sein letztes Stück Feld mit einer Hypothek belastete. Er lachte still vor sich hin; das Silber klapperte in seinen weiten Taschen. Als man endlich beim »Wackern Landmann« anlangte, sagte Buteau munter: »Ihr wollt heim? ... Was meinst, Lise, wenn du mit deiner Schwester noch bliebest, damit wir zusammen irgendwas essen?« Sie war überrascht. Unwillkürlich wandte sie sich zu Hans herum; da setzte Buteau hinzu: »Hans kann auch bleiben, es wird mir Vergnügen machen.« Rose und Fanny wechselten einen Blick. Sicher hatte der Bursch irgendeinen Gedanken im Kopf: sollte er sich zur Heirat entschließen, nachdem er sein Teil beim Notar angenommen? In seinem Gesicht war nichts zu lesen. Doch es empfahl sich, den Lauf der Dinge nicht zu hindern; darum beeilte sich Fanny zu entgegnen: »Recht so, bleibt ... Ich will mit der Mutter nach Hause fahren, man erwartet uns.« Franziska, die noch immer die Kuh hielt, sagte kurz: »Ich geh' auch.« Sie war nicht zum Bleiben zu bewegen: sie langweile sich im Wirtshaus, meinte sie, und wolle lieber sofort die Kuh heimgeleiten. Sie ward so unfreundlich, daß die anderen nachgeben mußten. Man spannte das Pferd ein, band die Schwarzweiße hinten an, und die drei Frauen bestiegen den Karren. In diesem letzten Augenblick endlich getraute sich Rose, die vergeblich auf eine Äußerung Buteaus gewartet, ihn zu fragen: »Hast du keine Botschaft für deinen Vater?« »Nein, keine.« Sie blickte ihn fest an. »Also es gibt nichts Neues?« »Wenn's was Neues gibt, wirst du's erfahren, sobald es Zeit ist.« Fanny hob die Peitsche; das Pferd zog im Schritt an, die Kuh ließ sich mit gestrecktem Halse nachzerren. Lise blieb allein zwischen Buteau und Hans. Um sechs Uhr nahmen die drei in einem Speisezimmer der Herberge Platz unmittelbar neben dem Kaffee- und Spielsaale. Buteau hatte nicht gesagt, daß er das Essen bezahlen wolle; doch er ging in die Küche und bestellte eine Eierspeise und ein Kaninchen. Inzwischen bat Lise den Hans, er möge ihre Angelegenheit zur Sprache bringen, daß ein Ende damit werde und er sich einen Weg erspare. Aber man verzehrte den Eierkuchen und machte sich an das Fleisch, ohne daß der Bursch in seiner Verlegenheit noch ein Wort geäußert hätte. Der andere schien übrigens ebensowenig an diese Sache zu denken. Er aß tüchtig, lachte mit breitem Munde und stieß Lise und Hans unter dem Tische freundschaftlich mit den Knien. Sodann begann ein ernstes Gespräch. Es war die Rede von der neuen Chaussee nach Rognes, und wenn auch kein Wort fiel über die Entschädigung von fünfhundert Franken und die Werterhöhung von Lises Grundstück, so lagen doch diese unausgesprochenen Dinge der ganzen Unterhaltung zugrunde. Buteau witzelte und brachte Gesundheiten aus; dabei spiegelten seine grauen Augen deutlich den Gedanken, daß der dritte Anteil jetzt sehr vorteilhaft sei, daß seine einstige Geliebte, deren neben seinem Grunde gelegenes Land seinen Wert erhöhte, eine gute Partie geworden. »Kinder,« rief er, »trinken wir keinen Kaffee?« »Drei Kaffee!« bestellte Korporal. Noch eine Stunde verging beim Trinken des Kaffees und beim Leeren der Branntweinflasche, ohne daß Buteau sich erklärte. Bald schien er nahe daran; dann kam er wieder davon ab, zog die Sache in die Länge nicht anders, als feilsche er noch um die Kuh. Die Angelegenheit war im Grunde entschieden; aber es konnte nicht schaden, noch ein Weilchen darüber nachzudenken. Plötzlich wandte er sich an Lise und sagte: »Warum hast du das Kind nicht mitgebracht?« Sie lächelte; denn sie verstand, daß er sich entschlossen. Freundschaftlich puffte sie ihn in die Seite; sie war glücklich, verzieh ihm alles. »Ist das ein Mensch, dieser Buteau!« versetzte sie. Das war alles. Auch er lachte. Die Heirat war eine abgemachte Sache. Hans, der bisher verlegen neben beiden gesessen, ward mit ihnen guter Dinge. Ihm fiel ein Stein vom Herzen, und er war der erste, der das Ding bei seinem Namen nannte. »Du tust wohl daran, zur Lise zurückzukehren: ich wollte deinen Platz einnehmen.« »Ja, man hat mir erzählt ... Aber mir war nicht bange; denn Ihr hättet mir doch vorher davon gesprochen.« »Natürlich ... Um so mehr, als es wegen des Kindes eigentlich besser ist, daß du die Lise nimmst. Wir haben es immer gesagt, nicht so, Lise?« »Immer, das ist die reine Wahrheit.« Alle drei blickten mit einer gewissen Rührung drein. Sie waren brüderlich untereinander. Hans empfand nicht die mindeste Eifersucht und wunderte sich über sich selbst, wie warm er dieser Verbindung das Wort reden konnte. Als Buteau meinte, man müsse doch noch etwas trinken, bestellte er Bier. Lise saß zwischen den beiden; sie lehnten die Ellbogen auf die Tischkante und plauderten von dem letzten Regen, der das Getreide niedergeworfen. Aber in dem nebenliegenden Spielzimmer machte Jesus, der dort mit einem ebenfalls betrunkenen Alten Karten spielte, einen Heidenlärm. Auch die anderen, die dort im roten Qualm der Lampen tranken, rauchten und spien und vermochten nicht zu sprechen, ohne zu schreien; doch seine schmetternde Stimme übertönte alles. Ein Streit hatte sich zwischen ihm und seinem Partner erhoben. Jeder wollte gewonnen haben; der Zank wurde immer erbitterter; der andere behauptete mit unerschütterlicher Hartnäckigkeit sein Recht, obwohl er Unrecht zu haben schien; Jesus aber brüllte so laut, daß der Wirt einschreiten mußte. Da erhob sich der Trunkenbold, ging mit seinen Karten von Tisch zu Tisch und langweilte alle mit der umständlichen Erklärung des Falles. Hierauf kam er wieder zu seinem Kumpan zurück, der im Bewußtsein seines Unrechtes gleichmütig die Zornesausbrüche des Aufgeregten über sich ergehen ließ. »Elender Feigling! Komm heraus, daß ich dir die Rippen einschlage!« tobte Jesus. Dann ließ er sich plötzlich wieder beruhigt auf seinen Sessel nieder. »Ich kenne ein Spiel, eine Art Wettkampf, willst du?« Er hatte eine Handvoll Fünffrankenstücke aus der Tasche gezogen, vielleicht fünfzehn oder zwanzig, und stapelte sie in einer einzigen Säule aufeinander auf. »So; mache du einen ebenso großen Haufen.« Der Alte zog, ohne ein Wort zu sprechen, seine Börse und baute eine gleiche Rolle Silber. »Recht! Also jetzt nehme ich ein Stück von deinem Haufen, und ... schau her!« Er ergriff die Münze, legte sie sich feierlich wie eine Hostie auf die Zunge und verschlang sie. »Jetzt nimm du von meinem Gelde. Wer die meisten Stücke vom andern verschluckt, behält sie. Das ist das Spiel.« Der Alte tat, wie ihm geheißen; mit auf gerissenen Augen würgte er mühsam das erste Stück hinab. Jesus rief ihm zu, er solle sich Zeit lassen, und dabei verschluckte der Strolch die Silbermünzen wie Pflaumen. Beim fünften machte die Sache Aufsehen im Kaffeehause; alle kamen heran, umstanden im Kreise den Tisch und blickten starr vor Bewunderung auf die unheimliche Schaustellung. Welch ein Rachen, der so das Geld verschlingen kann! Der Alte war bei seinem vierten Stück, da sank er plötzlich blau im Gesicht, atemringend, röchelnd vom Stuhl. Einen Augenblick schien es, als wolle er den Geist aufgeben. Jesus hingegen erhob sich wohlgemut; er hatte zehn Stück im Magen: das machte dreißig Franken Gewinn. Buteau scheute sich, mit seinem saubern Bruder sich sehen zu lassen, falls der alte Mann dem Erstickungsanfall erliegen sollte. Darum verließ er seinen Platz und befahl, daß angespannt werde. Weil er keine Miene machte zu zahlen, obwohl die Einladung von ihm ausgegangen, beglich Hans die Rechnung. Das vermehrte noch die gute Laune von Lises Bräutigam. Im Hof, wo die beiden Wagen warteten, faßte er den Kameraden freundschaftlichst bei den Schultern und rief: »Weißt du, du sollst auch auf meine Hochzeit kommen. Wir heiraten in drei Wochen ... Ich bin beim Notar gewesen, habe den Akt unterzeichnet ... Alle Papiere sind bereit ...« Dann hob er Lise in seinen Wagen und sagte: »Vorwärts, hup! Ich fahre dich heim! ... Über Rognes ist kein großer Umweg für mich.« Hans kehrte allein in seinem Fuhrwerk in die Borderie zurück. Er fand es natürlich und ließ seinen Wagen dem andern folgen. Cloyes schlummerte bereits in seinem starren Alltagsfrieden, beleuchtet von den gelben Lampen der Straßenlaternen. Von dem Lärm des Marktes war nichts übriggeblieben; man hörte kein anderes Geräusch als den taumelnden Schritt eines Betrunkenen. Vor der Stadt aber streckte sich die finstere Landstraße. Der Wagen mit dem Brautpaare rollte in die Ferne voraus. Es war besser, daß es so gekommen, weit besser! Hans ward frei und leicht zumut; er pfiff eine lustige Weise in das frische Dunkel der Nacht hinaus. Siebentes Kapitel. Es war wieder die Zeit der Heuernte. Ein leichter Wind wehte erfrischend unter dem blauen, heißglühenden Himmel. Die Hochzeit war auf den Johannistag festgesetzt worden, der auf einen Sonnabend fiel. Die Fouans hatten Buteau eindringlich anempfohlen, die Einladungen bei der Großen, dem ältesten Mitgliede der Familie zu beginnen; der reichen und gefürchteten Frau war man diese Auszeichnung schuldig. So also machten Lise und ihr Zukünftiger sich eines Abends sonntäglich geputzt auf den Weg, um die Alte zu bitten, sie möge der Trauung beiwohnen sowie dem Hochzeitsmahle, das im Hause der Braut stattfinden sollte. Die Große strickte in der Küche. Ohne ihre Arbeit zu unterbrechen, sah sie die beiden scharf an und ließ sie ihr Anliegen vorbringen, zweimal dieselben Redewendungen wiederholen; endlich versetzte sie mit ihrer scharfen Stimme: »Zur Hochzeit? Nein! Nein! ... Was soll ich auf einer Hochzeit machen? Das ist etwas für das junge Volk.« Sie hatten gesehen, wie sich ihr Gesicht gerötet bei dem Gedanken an den Schmaus, der sie nichts koste. Buteau und Lise waren sicher, daß sie die Einladung annehmen werde; doch der Brauch wollte, daß man lange bitten mußte. »Tante, welch Gedanke! Ohne Euch wäre ja das Fest gar nicht möglich!« »Nein, nein! Es ist nichts für mich. Hab' ich was zum Anziehen? So was kostet immer Geld. Nein, man kann ganz gut leben ohne solche Sachen.« Sie mußten zehnmal ihre Bitte wiederholen. Endlich bequemte sich die Alte, mißmutigen Tones zu entgegnen: »Gut; wenn man mich zwingt, muß ich am Ende gehen. Aber wäret ihr es nicht, wahrhaftig, ich ließ mich nicht aus meiner Ruhe stören.« Die Große sah, daß das Paar sich nach diesen Worten noch nicht zum Aufbruche entschloß. Sie kämpfte mit sich selbst; denn der Brauch verlangte, daß man bei solcher Gelegenheit ein Glas Wein anbiete. Endlich entschloß sich die alte Frau und ging in ihren Keller hinab, obwohl eine angegossene Flasche im Küchenschranke stand. Sie hatte nämlich für derlei Fälle einen Rest verdorbenen Weines, den sie selbst nicht zu trinken vermochte, denn er war essigsauer; sie nannte ihn Familienwein. Die Große füllte zwei Gläser, und als die Brautleute sie an die Lippen gesetzt, begann sie die beiden so starr anzublicken, daß sie, ohne mit den Wimpern zu zucken, austranken, um das Familienhaupt nicht zu verletzen. Mit brennenden Kehlen verließen Lise und Buteau das Haus. Am selben Abend begab sich das Paar nach der Villa Roseblanche zu Herrn Karl. Dort aber fielen sie mitten in ein tragisches Ereignis. Herr Karl stand ungemein erregt in seinem Garten. Es mußte ihm etwas Außergewöhnliches zugestoßen sein, als er gerade im Begriffe gewesen, an seinen Kletterrosen zu arbeiten, denn er hielt noch die Gartenschere in der Hand, und die Leiter lehnte an der Mauer. Er beherrschte sich beim Anblicke der Verwandten und nötigte sie, in den Salon zu treten, wo Elodia fleißig und sittsam am Stickrahmen saß. »Ihr verheiratet euch in acht Tagen? Das ist sehr hübsch, Kinder. Aber wir können nicht teilnehmen, Frau Karl ist in Chartres und wird dort zwei Wochen zubringen.« Er hob seine schweren Lider, warf einen Blick zu seiner Enkelin hinüber und fuhr fort: »Ja, wenn viel zu tun ist zur Zeit der großen Märkte, pflegt Frau Karl ihrer Tochter etwas zur Hand zu gehen ... Ihr wißt, das Geschäft stellt seine gebieterischen Anforderungen; da muß man sich rühren, besonders an Tagen, wo der Laden gesteckt voll ist. Estelle mag sich noch so gut eingearbeitet haben, ihre Mutter ist ihr doch unendlich viel nützlich um so mehr, als unser Schwiegersohn Vaucogne wirklich nicht viel leistet. Und dann sieht Frau Karl gerne von Zeit zu Zeit ihr Haus wieder. Ich bitte euch, wir haben dort dreißig Jahre unseres Lebens gelassen, das ist doch etwas!« Er wurde gerührt; seine Augen feuchteten sich, blickten verschleiert ins Leere und schauten in die Vergangenheit zurück. Es verhielt sich, wie er gesagt. In ihrem weichen und warmen Rentnersitz, inmitten der Blumen und Vögel empfand seine Frau zuweilen ein unbezwingliches Heimweh nach dem kleinen Häuschen der Judengasse. Wenn sie die Augen schloß, sah sie das alte Chartres wieder mit seinem sanft abdachenden Häusermeere von dem Platze der Kathedrale bis hinab ans Ufer der Eure. Sie schlüpfte im Geiste durch die Elstergasse, dann durch die Straße Porte-Cendreuse und die Stallmeistergasse, stieg die Treppe des Pied-Plat-Hügels hinab und erblickte auf der letzten Stufe ihr einstiges Heim. An der Ecke der Juden- und Karpfengasse lag es heimlich und traut mit seiner weißen Vorderseite und den stets geschlossenen grünen Rolläden. Es waren zwei elende Straßen, die das Häuschen begrenzten; dreißig Jahre lang hatten die erbärmlichsten Hütten ihre Nachbarschaft gebildet, von verkommenem, schmutzigem Volke bewohnt, und die große Gosse inmitten des Pflasters wälzte ein schwarzes Wasser an ihrer Tür vorüber. Doch wochen-, monatelang überschritt sie nicht ihre Schwelle, sondern lebte glücklich in ihrem schattigen Winkel. Noch heute gedachte sie mit Genugtuung der Sofas und Spiegel des Salons, der schönen Betten und Mahagonimöbel, all dieses strengen und doch wohligen Luxus, der ihr Werk war und dem sie ihr Vermögen verdankte. Gewisse lauschige Plätze weckten wehmütige Erinnerungen in ihrer Seele; der Geruch der Toilettewasser, dieser eigene Geruch des ganzen Hauses, der noch heute ihrer Person anhaftete, zog sie mächtig an. Wenn die Zeit heranrückte, wo das Geschäft am stärksten ging, litt es sie deshalb nicht länger in ihrem Landhause; frohen Mutes und förmlich verjüngt machte sie sich auf den Weg, nachdem ihre Enkelin ihr zwei herzliche Küsse gegeben, die sie der Mama im Konditorladen zu überbringen versprach. »Das ist ärgerlich, das ist ärgerlich!« rief Buteau, sehr verstimmt bei dem Gedanken, daß er das Ehepaar Karl nicht auf seiner Hochzeit haben werde. »Wenn vielleicht die Base unserer Tante schriebe, daß sie zurückkommt?« Elodia, die in das fünfzehnte Jahr ging, hob ihr schwammiges, bleiches Gesicht mit dem spärlichen Haar, mit dem kranken, armen Blute in den Wangen, das die scharfe Landluft nicht zu vertragen schien. »Nein,« murmelte sie, »Großmama hat mir ausdrücklich gesagt, daß sie zwei Wochen mit den Bonbons zu tun hat. Sie hat versprochen, mir eine Tüte mitzubringen, wenn ich artig bin.« Es war dies eine fromme Lüge; man brachte ihr von jeder Reise Zuckersachen heim, die sie von den Eltern hergestellt glaubte. »So kommen wenigstens Sie, lieber Onkel,« bat Lise. »kommen Sie mit der Kleinen.« Aber Herr Karl schenkte ihr keine Aufmerksamkeit. Die vorige Erregung war wieder seiner Herr geworden; er trat ans Fenster und schien jemand aufzulauern; dabei drängte er gewaltsam eine zornige Aufwallung in sich zurück, die sich Luft machen wollte. Schließlich vermochte er es nicht über sich zu gewinnen zu schweigen; er schickte die Kleine aus dem Zimmer. »Geh spielen, liebes Kind!« Elodia war gewohnt entfernt zu werden, wenn die großen Leute plauderten; sie ging. Er aber pflanzte sich mitten im Salon auf, warf sich in die Brust und kreuzte die Arme; und sein würdiges, feistes und gelbes Gesicht, das an einen pensionierten Staatsbeamten erinnerte, zitterte vor Entrüstung, als er anhub: »Wollt ihr es glauben? Hat man jemals so etwas Empörendes erlebt?! ... Ich beschnitt meine Rosen ... Ich steige auf die Leiter, klettere bis zur letzten Sprosse, blicke mechanisch, nichts Böses ahnend, über die Mauer, und was muß ich sehen? Was muß ich sehen? ... Honorine, denkt Euch, unsere Magd Honorine, liegt da mit einem Manne im hellen Tageslicht, und ... oh, dieser Frevel, dieser schamlose Frevel, dicht bei meiner Gartenmauer!« Ihm versagte die Sprache; er durchmaß das Zimmer und breitete die Arme aus. »Ich erwarte sie, um sie hinauszuwerfen, diese verkommene Dirne! ... Nicht eine können wir behalten; man verführt sie uns alle ... Nach sechs Monaten gehen sie mit ihren Bäuchen herum, daß es eine Schande ist ... In einem ehrenwerten Hause, ich bitte euch! ... Und diese muß ich mit meinen eigenen Augen überraschen! Nein, das ist der Untergang der Welt; die Ausschweifung kennt keine Grenzen mehr!« Buteau und Lise stimmten ihm achtungsvoll bei. »Allerdings, das ist nicht anständig. Gewiß, das ist nicht anständig.« Er blieb von neuem vor ihnen stehen. »Stellt euch nur vor, daß Elodia auf die Leiter gestiegen wäre und diese Entdeckung gemacht hätte, stellt euch das vor! Sie, dieses unschuldige Geschöpf, die nicht das geringste weiß, deren Gedanken selbst wir peinlich überwachen! Ach, das bringt mich außer mir, mein Ehrenwort! ... Wie hätte sich Frau Karl aufgeregt, wäre sie hier gewesen! ...« Gerade in diesem Moment bemerkte er durch das Fenster, wie das Kind neugierig auf die Leiter zu klettern begann. Er stürzte zur Tür, riß den Flügel auf und schrie mit angsterstickter Stimme, als stehe die Kleine am Rande eines Abgrundes: »Elodia! Elodia! Steig herunter! Um alles in der Welt, mein Kind, geh fort von der Mauer!« Erschöpft sank er in einen Sessel und fuhr fort, über die Entartung der Dienstmädchen zu klagen. Hatte er nicht sogar einmal eine überrascht, als sie in der Küche der Kleinen gezeigt, wie der Steiß der Hühner beschaffen sei! Als ob er nicht genug zu wachen habe, damit dem Auge der Kleinen das anstößige Benehmen der Bauern und die Schamlosigkeit der Haustiere verborgen bleibe! Nein, wahrhaftig, ihm sinke der Mut, wenn sein eigenes Heim eine Wohnstätte der Unsittlichkeit werde. »Da kommt sie«, unterbrach er sich plötzlich. »Jetzt sollt ihr mal sehen!« Er empfing Honorine sitzend mit strenger Miene, aber voll Würde und sich gewaltsam beherrschend. »Packen Sie Ihre Sachen und verlassen Sie auf der Stelle mein Haus. Ihre acht Tage werde ich Ihnen bezahlen.« Die Magd, ein mageres, unansehnliches Ding, stand armselig und verschämt vor dem harten Manne und versuchte stotternd sich zu entschuldigen. »Umsonst! Alles, was ich tun kann, ist, daß ich Sie nicht wegen Sitten vergebens der Polizei überliefere.« Bei diesen Worten aber empörte sich das Mädchen und entgegnete keck: »Ach so! Wohl weil ich vergessen hab', die Halbscheid zu zahlen?!« Er erhob sich, stand hoch aufgerichtet vor ihr da und deutete mit majestätischer Gebärde stumm nach der Tür. Als sie verschwunden war, machte er sich Luft. »Diese Dirne! Diese Dirne, die mein Haus besudelt!« »Ja, das ist eine! Eine wirkliche!« bestätigten Lise und Buteau gefällig. Der letztere setzte hinzu: »Nicht wahr, es bleibt dabei, Onkel, Sie kommen mit der Kleinen?« Herr Karl war noch sehr aufgeregt. Er trat vor den Spiegel; nachdem ihn ein flüchtiger Blick darüber beruhigt, daß ihm die Erregung nicht geschadet, antwortete er: »Wohin? Ach ja, zu eurer Trauung ... Ihr tut wohl daran, euch zu verheiraten ... Zählt auf mich, ich werde erscheinen; aber ich verspreche euch nicht, Elodia mitzubringen, weil ... Ihr wißt, auf einer Hochzeit werden oft Sachen gesprochen ... Gelt, hab' ich die liederliche Person vor die Tür gesetzt! Oh, ich laß mir nicht von dem Weibervolk auf der Nase spielen! ... Auf Wiedersehen; rechnet auf mich.« Das Ehepaar Delhomme, zu dem sich Buteau und Lise zunächst begaben, nahm nach dem gebräuchlichen Ausschlagen und wiederholten Bitten die Einladung an. Es blieb von den Verwandten nur noch Jesus übrig. Dieser aber machte sich wirklich unmöglich; er verfeindete sich mit allen und warf durch seinen Lebenswandel ein höchst ungünstiges Licht auf die ganze Familie. Darum kamen die Brautleute überein, ihn auszuschließen, obwohl sie sich nicht der Furcht erwehren konnten, er möchte ihnen dies durch irgendeine Bosheit entgelten. Diese so lange aufgeschobene Hochzeit war ein Ereignis für Rognes. Selbst Hourdequin, der Schulze, sicherte sein Erscheinen in der Kirche zu. Doch als man ihn bat, auch dem Hochzeitsmahle beizuwohnen, mußte er ablehnen, denn er war genötigt, eines Prozesses wegen in Chartres zu übernachten; hingegen versprach er, daß Frau Jacqueline, die ebenfalls gebeten worden, erscheinen werde. Einen Augenblick dachte das Paar daran, zur Verherrlichung des Festschmauses auch den Abbé Godard einzuladen. Kaum aber vernahm der heißblütige Pfarrer, daß man die Trauung auf den Johannistag angesetzt habe, so wurde er grob. Er hatte ein Hochamt in Bazoches-le-Doyen; wie sollte er am Vormittag in Rognes trauen? Lise, Rose und Franziska bestanden auf dem von ihnen gewählten Tag, ohne indessen von dem Festmahle zu sprechen. Er gab endlich nach und fand sich zur Mittagstunde ein; aber er werkelte die Zeremonie in so zorngepeitschter Hast ab, daß alle Beteiligten sich aufs tiefste verletzt fühlten. Übrigens kam man in Ansehung der Lage der Braut mit ihrem bald dreijährigen Kinde nach manchem Hin- und Widerreden schließlich überein, das Mahl nur auf den engen Familienkreis zu beschränken. Nur um zu zeigen, daß man verstehe, bei Gelegenheit etwas draufgehen zu lassen, wurden beim Zuckerbäcker in Cloyes eine Fleischpastete und der Nachtisch bestellt. In letzterem besonders leistete man sich etwas: wie bei der Hochzeit der ältesten Tochter Bordiers, des reichen Besitzers von Mailleville, gab es eine riesenhafte Torte, zwei Cremekuchen, vier Schalen mit Zuckersachen und eine Menge kleines Backwerk. Hierzu bereiteten Lise und Franziska eine Bouillon, Schlackwurst, vier gesottene Hühner, vier Kaninchen als Ragout, Rinder- und Kalbsbraten. Dies alles war für fünfzehn bis zwanzig Personen bestimmt; die genaue Zahl der Gäste mußte sich erst später ergeben. Sollte etwas übrigbleiben, so konnte man es am nächsten Tage verzehren. Der am Morgen bedeckte Himmel klärte sich nachmittags auf; eine laue Helle erfüllte die Luft. Die Tafel war in der Küche gedeckt gegenüber dem Kamin und dem Herde, wo die Braten sich am Spieße drehten, wo die Schmortöpfe über mächtigem Feuer brodelten. Die Flammen überheizten den Raum dermaßen, daß man die beiden Fenster und die Türe offen lassen mußte, durch welche der kräftige Geruch des frisch geschnittenen Heues hereindrang. Rose und Fanny waren den Geschwistern seit dem vorherigen Tage bei der Bereitung der Speisen zur Hand gegangen. Um drei Uhr hielt der Wagen des Zuckerbäckers seinen Einzug ins Dorf; das rief eine große Bewegung hervor: alle stürzten vor die Haustüren. Sofort wurde der Nachtisch auf der Tafel aufgepflanzt, damit er ins Auge falle. Im selben Augenblick erschien etwas verfrüht die Große. Sie nahm sofort Platz, zwängte ihren Stock zwischen die Knie und heftete ihren durchdringenden Blick auf die teuren Sachen. Ist es erlaubt, soviel Geld auszugeben? Sie hatte den ganzen Tag nichts zu sich genommen, um dem Mahle so recht Ehre erweisen zu können. Die Männer: Buteau, Hans, der ihm als Zeuge gedient, der alte Fouan, Delhomme und dessen Sohn Ernst, alle in schwarzen Röcken und Beinkleidern und mit Zylinderhüten, die sie auf den Köpfen behielten, vergnügten sich auf dem Hofe mit dem Korkspiel. Herr Karl erschien allein, denn er hatte Elodia den Tag vorher nach Chateaudun ins Pensionat zurückgebracht; ohne selbst am Spiele teilzunehmen, interessierte er sich dafür, schaute zu und gab seine Meinung ab. Um sechs Uhr war alles fertig; doch man mußte noch auf Jacqueline warten. Die Frauen lösten ihre Kleider wieder, die sie hinaufgesteckt hatten, um sie vor dem Herde nicht zu beflecken. Lise war in Blau, Franziska in Rosa; Seidenkleider von grellen und unmodernen Farben, die Lambourdieu ihnen um das Doppelte des Wertes als letzte Pariser Neuheiten verkaufte. Frau Fouan hatte ihr Kleid aus violetter Halbseide hervorgezogen, das sie seit vierzig Jahren auf allen Hochzeiten im Lande trug. Fanny, in Grün, war mit all ihrem Geschmeide behangen, Uhr und Kette, Brosche, Ringe und Ohrgehänge. Jeden Augenblick ging eine der Frauen auf die Straße hinaus und lief bis zur Kirche, um zu schauen, ob die Dame vom Gute noch nicht komme. Die Soßen verbrannten, die Suppe, die man unklugerweise schon aufgetragen hatte, wurde kalt. Endlich hörte man einen Schrei: »Sie kommt! Sie kommt!« Der Kutschwagen hielt. Leichten Fußes sprang Jacqueline herab. Sie sah reizend aus; die hübsche Person hatte den Geschmack besessen, sich in einfaches Leinen, weiß mit roten Tupfen zu kleiden, ohne irgendeinen anderen Schmuck als zwei kleine Brillantohrringe, ein Geschenk Hourdequins, das alle Gutshöfe der Umgegend in Aufruhr gebracht hatte. Man war erstaunt, als sie den Knecht, der sie gefahren, nicht heimschickte, nachdem er den Wagen im Schuppen untergebracht. Es war ein gewisser Tron, ein Koloß mit weißer Haut, rötlichem Barte und einem Kindergesichte; er kam aus der Perche und war seit zwei Wochen Stallknecht in der Borderie. »Tron bleibt, wißt Ihr«, rief sie munter. »Er fährt mich wieder nach Hause.« In der Beauce waren die Percheronen nicht sehr beliebt; man warf ihnen Hinterlist und Falschheit vor. Alle blickten einander an. Dieser große Kerl war also ein neuer Liebhaber der Cognette. Buteau, der seit dem Morgen besonders gut aufgelegt war, versetzte liebenswürdig: »Natürlich kann er bleiben. Er kommt mit Ihnen, das genügt.« Lise erklärte, man könne anfangen. Alle nahmen schwatzend und lärmend Platz. Es fehlte an Stühlen; darum wurden zwei etwas ungleiche Schemel herbeigebracht, auf die man ein Brett legte. Schon begannen die Löffel in den Suppentellern zu klappern. Die Bouillon war kalt und mit gestockten Fettaugen bedeckt, doch das machte nichts; der alte Fouan bemerkte sehr treffend, sie werde sich im Magen erwärmen; seine Worte riefen eine stürmische Heiterkeit hervor. Jetzt hub ein Schlingen und Fressen ohnegleichen an. Die Hühner, die Kaninchen, die Braten verschwanden unter dem fabelhaften Geräusch der Kinnbacken. So mäßig diese Leute zu Hause leben, so furchtbare Massen von Speise und Trank vertilgen sie bei anderen. Die Große sprach kein Wort, um mehr essen zu können; ohne Pause zermalmte ihr ungewöhnliches Gebiß ein Gericht nach dem andern. Es war erschreckend zu sehen, was alles dieser hagere, achtzigjährige Leib in sich aufnehmen konnte, ohne nur anzuschwellen. Man war übereingekommen, daß Franziska und Fanny bei Tisch bedienen sollten, damit die Braut nicht nötig habe, sich zu erheben; doch Lise vermochte nicht auf ihrem Platze zu bleiben; jeden Augenblick stand sie auf, half mit emporgestreiften Ärmeln eine Soße in den Kochtopf gießen oder einen Braten vom Spieße lösen. Bald empfanden übrigens alle das Bedürfnis, mit zuzugreifen; immerwährend war einer auf den Beinen, sei es, um sich Brot abzuschneiden, sei es, um einer vorübergegangenen Schüssel noch einmal habhaft zu werden. Buteau, der es übernommen, seine Gäste mit Wein zu versorgen, vermochte nicht den an ihn gestellten Anforderungen zu genügen. Zwar hatte er, um das Öffnen der Flaschen zu ersparen, ein Faß aufgelegt; doch man ließ ihm nicht Zeit zum Essen; Hans mußte ihn ablösen und seinerseits die Krüge füllen. Delhomme, der breit und behaglich dasaß, erklärte in seiner bedächtigen Art, man müsse Flüssiges haben, wenn man nicht ersticken wolle. Als man die Pastete brachte, die groß wie ein Wagenrad war, lief ein Beifallsgemurmel um den Tisch; das mit Kalbfleischragout gefüllte Ungetüm erregte allgemeine Bewunderung; Herr Karl trieb die Höflichkeit so weit zu versichern, daß er selbst in Chartres niemals eine bessere Pastete gegessen. Der alte Fouan aber ließ in vortrefflicher Laune seinen zweiten Witz los: »Wenn man sich da hineinsetzte, gelt, das würde einem das Gesäß verkleistern?!« Man wälzte sich vor Lachen. Jacquelinen kamen die Tränen in die Augen dabei, und sie setzte sich schüttelnd etwas hinzu, das man nicht verstand. Die Neuvermählten saßen einander gegenüber: Buteau zwischen seiner Mutter und der Großen, Lise zwischen Papa Fouan und Herrn Karl. Die anderen hatten nach ihrem Belieben Platz genommen; Jacqueline an der Seite Trons, der sie mit seinen sanften, dummen Augen anstarrte; Hans unweit Franziskas, nur das Kind, der kleine Julius, den sie beide zu überwachen versprochen, saß zwischen ihnen. Doch nach der Fleischpastete stellte sich heraus, daß der Kleine zuviel gegessen: ihm wurde unwohl, und er mußte von seiner Mutter ins Bett gebracht werden; jetzt befanden sich Hans und Franziska nebeneinander. Sie war hochgerötet vom Feuer des Herdes und ganz erschöpft; nichtsdestoweniger blieb sie frisch und war unausgesetzt auf den Beinen. Er wollte sich galant statt ihrer erheben; aber sie entschlüpfte ihm regelmäßig. Buteau, der eine Vorliebe für Neckereien hatte, wenn er gut gelaunt war, kniff sie in die Hüften, sobald sie an ihm vorüber mußte; sie versetzte ihm dann einen zornigen Schlag; aber nach kurzer Pause fand sie einen neuen Vorwand, um in seine Nähe zu kommen, ließ sich von neuem kneipen und hieb wieder nach ihm. Sie habe überall blaue Flecke, klagte sie. »Bleib doch sitzen!« meinte Hans. »Nein! Er soll nicht glauben, er sei auch mein Mann, weil er die Lise geheiratet hat.« Als es vollkommen finster geworden, wurden sechs Lichter angezündet. Man war bereits seit drei Stunden bei Tische, als endlich gegen zehn Uhr der Nachtisch in Angriff genommen wurde. Hierauf kam der Kaffee, und zwar nahm die Gesellschaft nicht eine Tasse oder zwei, sondern man trank ganze Kannen voll. Dabei wurden immer kräftigere Scherze zum besten gegeben. Der Kaffee, hieß es, verleihe Spannkraft, sei höchst empfehlenswert für die Eheherren, die an zuviel Schlaf leiden. Jedesmal, wenn einer der verheirateten Männer seine Schale an den Mund setzte, hielt man sich die Seiten. »Dir kann er gewiß nicht schaden!« rief Fanny, die heute ungewöhnlich ausgelassen war, lachend ihrem Gatten zu. Er wurde rot, entschuldigte sich weitläufig, er müsse so schwer arbeiten. Die Tafelrunde stimmte einen lauten Jubel an bei diesen ehelichen Enthüllungen; man schlug sich auf die Schenkel und lachte unbändig. Delhommes Sohn Ernst grinste offenen Mundes zu diesem Ausbruch lärmender Lustigkeit; der Junge hatte soviel zu sich genommen, daß er zu platzen drohte, bald verschwand er; beim Aufbruch fand man ihn im Stalle neben den Kühen schlafen. Am längsten hielt die Große stand. Um Mitternacht machte sie sich über das Backwerk her, wobei sich in ihrem Gesicht ein tiefes Bedauern ausdrückte, daß sie sich außerstande fühlte, es bis aufs letzte Stück zu vertilgen. Die Schüsseln mit Schaumkuchen wurden sorgsam ausgekratzt, die Krümel der Torte zusammengelesen. Ein linder Rausch teilte sich den Tafelnden mit; die Frauen lösten die Mieder, die Männer öffneten die Schnallen ihrer Beinkleider; man wechselte die Plätze, plauderte in kleinen Gruppen um den mit Soße befetteten, mit Wein begossenen Tisch. Jemand schlug vor, man wolle singen; doch die Sache fand keinen Anklang. Nur die alte Rose trällerte mit dünner Stimme ein pikantes Lied des vorigen Jahrhunderts, eine Erinnerung aus ihrer Jugend, wozu ihr wackelnder Kopf den Takt angab. Man war in zu geringer Anzahl, um Lust zum Tanze zu empfinden; die Männer zogen es vor, einige Liter Branntwein zu trinken und zu rauchen, wobei sie ihre Pfeifen am Tischrande ausklopften. In einem Winkel rechneten Fanny und Delhomme den beiden Burschen Hans und Tron bis auf einen Sou die Geldmittel der Neuvermählten vor. Es war ein endloses Rechnen; jeder Quadratmeter Land wurde nach seinem Werte taxiert; die beiden kannten den Vermögensstand sämtlicher Bewohner von Rognes bis zum Besitz an Wäsche. Am anderen Ende der Küche hatte sich Jacqueline des Herrn Karl bemächtigt, den sie mit einem unbezwingbaren Lächeln betrachtete, während in ihren sündhaften hübschen Augen eine heftige Neugierde zutage trat. Sie fragte ihn aus. »Also Chartres ist amüsant? Man kann sich dort vergnügen?« Er antwortete mit einer Lobpreisung des Ringes, einer schattigen Promenade um die ganze Stadt. Besonders unten am Ufer der Eure sei dieser Baumgang im Sommer von einer köstlichen Frische. Dann war da die Kathedrale; er erging sich mit Kennerschaft und mit frommer Achtung vor der Religion über die Kathedrale. Ja, eines der schönsten Baudenkmäler, das leider für unser Zeitalter schlechter Christen zu groß geworden, und das fast immer leer bleibe inmitten des öden Platzes, den an Wochentagen nur die wenigen Gottesfürchtigen überschreiten. Als er eines Sonntags zur Vesper die Kirche betreten, hatte sie in ihm den Eindruck einer mächtigen Ruine geweckt: man fröstelte darin, und die farbigen Fenster verbreiteten ein trübes Dunkel, in dem er erst nach längerem Verweilen einem Völkchen Ameisen vergleichbar Kinder aus einem Mädchenpensionat entdeckte, die mit durchdringenden Stimmchen wie Pfeifengequirl unter den weiten Hallen sangen. Wahrhaftig es blute einem das Herz, wenn man so sehe, wie heute die Kirchen dem Wirtshause zuliebe vernachlässigt würden! Erstaunt fuhr Jacqueline fort, ihn mit ihrem lächelnden Blick zu fixieren. Endlich flüsterte sie: »Aber sagen Sie mal, die Frauen in Chartres ...?« Er verstand und wurde sehr ernst. Doch in dem auch ihn ergreifenden Dusel des allgemeinen Rausches bekannte er schließlich Farbe und machte Enthüllungen. Sie mit ihren rosigen Wangen setzte sich sehr angeregt dichter zu ihm, damit ihr kein Wort entgehe. Doch sie erlebte eine Enttäuschung: statt der lustigen Unterhaltungen, die sie zu hören erwartet, berichtete er von der schweren Arbeit, welche die vielen Besucher solch einem Hause machen; denn Herr Karl neigte zu einer Art väterlicher Trübseligkeit, wenn er zuviel getrunken hatte. Er wurde erst lebhaft, als sie ihm erzählte, wie sie eines Tages aus Neugierde vor dem öffentlichen Hause in Chateaudun vorübergegangen: einen armseligen, halbverfallenen Häuschen mit geschlossenen, verrotteten Rolläden an der Ecke der Davignon- und Loiseaustraße. Hinten in einem schlecht gepflegten Garten warf eine große, weiße Glaskugel ihren Widerschein auf die Rückwand, während um den in einen Taubenschlag verwandelten Giebel girrende Tauben in der Sonne flatterten. An jenem Tage spielten ein paar Kinder unter der Haustür, und über die Mauer der benachbarten Kavalleriekaserne tönten Kommandorufe. Heftig unterbrach Herr Karl ihre Erzählung. Ja, ja, er kannte das Haus sehr wohl: zwei ekelhafte, ausgemergelte Weibsbilder, nicht einmal Spiegel im Empfangssalon. Solche Spelunken entehren das Gewerbe. »Aber was wollen Sie machen in einer Unterpräfektur?« schloß er endlich beruhigt, mit der duldsamen Philosophie eines überlegenen Mannes. Es war ein Uhr früh. Man meinte, es sei Zeit zum Aufbruch. Die herkömmlichen Hochzeitsscherze, das Auseinanderreißen des Brautbettes, die kleinen Spielsachen, die einen weinerlichen Ton geben, wenn man sie drückt, das alles hatte keinen Sinn bei diesem Ehepaare, das schon ein dreijähriges Kind sein nannte; dergleichen Ulk hieße Senf zum Nachtisch aufwarten. Darum war das Gescheiteste, noch eins trinken und sich gute Nacht sagen. Plötzlich stießen Lise und Fanny einen Schrei aus. Durch das offene Fenster war eine Handvoll Kuhmist hereingeflogen und hatte die beiden Frauen von oben bis unten besudelt; die Kleider waren verdorben. Welche Bestie hat das getan? Man lief hinaus, suchte in der Straße, auf dem Platze, hinter der Hecke. Sie fanden niemand. Übrigens waren alle darüber eins, daß es Jesus gewesen, der sich gerächt hatte, weil man ihn nicht eingeladen. Die Ehepaare Fouan und Delhomme brachen auf, ebenso Herr Karl. Die Große ging um die Tafel herum und suchte, ob nichts übriggeblieben. Endlich machte auch sie sich auf den Weg, nachdem sie Hans versichert, die Buteaus würden einst auf der Streu enden. Während die anderen in ihrer Trunkenheit an den Steinen am Wege stolperten, hörte man ihren sicheren und harten Schritt, begleitet von dem regelmäßigen Tippen des Stockes, sich durch die Nacht entfernen. Tron bespannte den kleinen Wagen für Frau Jacqueline. Sie stieg ein, während sie sich zu Hans umwandte: »Fahrt Ihr mit uns, Korporal? ... Nein, nicht wahr?« Er war im Begriff gewesen, ihr in das Gefährt zu folgen; doch er besann sich: er war froh, sie Tron zu überlassen, wie sie es zu wünschen schien. Lächelnd sah er, wie sie sich eng an den großen Körper ihres neuen Galans herandrückte; der Wagen verschwand im Dunkel. Er werde zu Fuß heimgehen, dachte er und nahm noch einen Augenblick auf der Steinbank im Hofe neben Franziska Platz, die, erhitzt und ermüdet, dort wartete, bis die Gäste sich entfernt hatten. Das neuvermählte Paar hatte sich schon in seine Kammer zurückgezogen, während die Kleine versprochen, Tür und Tor zu schließen, bevor sie selbst sich schlafen lege. »Ach, hier ist es angenehm«, seufzte sie, nachdem beide fünf Minuten lang geschwiegen. Von neuem blieben sie stumm. Der Himmel war mit Sternen besät; die Nacht war köstlich frisch. Der Geruch des Heues drang so kräftig von den Wiesen an der Aigre herauf, daß er die Luft mit Blumenduft erfüllte. »Gewiß, hier ist es angenehm,« bestätigte Hans endlich; »hier erholt man sich wieder.« Sie antwortete nicht; er gewahrte, daß sie schlief. Sie glitt zur Seite und lehnte an seine Schulter. So blieb er eine Stunde neben ihr sitzen. Allerhand Gedanken und Wünsche wurden in ihm wach und zerstreuten sich wieder. Sie war zu jung; es schien ihm, wenn er noch warte, werde sich dieser Unterschied mit der Zeit ausgleichen. »Hör', Franziska, du mußt zu Bette gehen, du kannst dich erkälten.« Sie erwachte und fuhr empor. »Ja, du hast recht, man ruht besser in seinem Bette ... Auf Wiedersehen, Hans.« »Auf Wiedersehen, Franziska.« Dritter Teil. Erstes Kapitel. Endlich hielt also Buteau seinen Anteil fest, diesen Grundbesitz, nach dem ihn so heftig verlangt, und dessen Annahme er länger als zwei Jahre mit einer aus Habsucht,. Groll und Eigensinn gemischten Starrköpfigkeit verweigert hatte. Er selbst hätte heute nicht zu sagen gewußt, warum er sich so auf seiner Weigerung versteift. Im Grunde hatte ihn keinen Augenblick die Begier verlassen, die Urkunde zu unterzeichnen, während die Angst übervorteilt zu werden ihn unablässig gemartert und er sich nicht hatte trösten können über den Schmerz, nicht die ganze Hinterlassenschaft, diese heute zerstückten neunzehn Morgen, sein nennen zu können. Nachdem er angenommen, war seine große Leidenschaft befriedigt, der Besitzhunger gestillt. Seine Genugtuung und Freude aber ward dadurch erhöht, daß der Bruder und die Schwester den kürzeren gezogen, daß sein Anteil jetzt, wo die neue Straße daran vorüberführte, mehr galt als die ihren. Sobald er den beiden begegnete, bespöttelte er sie und sagte mit schlauem Augenblinzeln: »Hab' euch doch drangekriegt!« Das war nicht alles. Auch die so lange hinausgeschobene Heirat wurde ein Triumph: die beiden Hektare, die ihm Lise brachte, und die an seinen Grund stießen. Denn der Gedanke an die notwendige Teilung zwischen den beiden Schwestern kam ihm nicht, oder vielmehr verlegte er sie in eine so ferne Zeit, daß er meinte, bis dahin Mittel und Wege finden zu können, sie zu umgehen. Er besaß, das Erbteil Franziskas mitgerechnet, acht Morgen Acker, vier Morgen Wiese und zwei und einen halben Morgen Weingarten. Das wolle er festhalten; eher werde er sich die Haut abziehen lassen, bevor er ein Ar davon hergebe; vor allem aber nahm er sich vor, um keinen Preis den mit dem Erbe der Geschwister fast drei Hektar messenden Acker am Rande der neuen Chaussee jemals aus der Hand zu geben. Weder sein Bruder noch seine Schwester besaßen ein gleichwertiges Feld. Er brüstete sich stolz, und seine Backen bliesen sich auf, wenn er von diesem Besitze sprach. Ein Jahr ging ins Land, und dieses erste Jahr junger Besitzfreude ward für Buteau ein Quell nicht versiegbaren Glückes. Niemals hatte er, als er sich noch bei anderen verdungen, die Erde mit so tief schneidender Pflugschar durchgearbeitet: Jetzt war sie sein; bis ins Herz hinein wollte er sie befruchten. Abends kam er erschöpft heim mit seinem Pfluge, dessen Eisen wie Silber glänzte. Im März eggte er seine Kornsaat, im April den Hafer; unaufhörlich und unermüdlich widmete er all seine Manneskraft der Pflege seines Bodens. Gab's nichts mehr zu tun, so wandelte er nichtsdestoweniger hinaus zu seinen Äckern und weidete sich an ihrem Anblick. Er ging von einem Felde zum andern; bückte sich, griff mit seiner gewohnten Bewegung eine Handvoll Erde, zerdrückte sie und ließ sie durch die Finger rollen; er freute sich, wenn sie nicht zu trocken, nicht zu feucht war, wenn sie gesund und kräftig duftete, ein Geruch, der das emporwachsende Brot zu verraten schien ... Die Beauce rollte ihre grünen Auen vor ihm auf vom November bis zum Juli, von dem Augenblick, wo die ersten Halme sprossen, bis zur Zeit, wo die hohen Ährenstengel ins Gelbe tönen. Er wollte das Schauspiel immer genießen, es verlangte ihn, sich daran zu ergötzen, selbst ohne das Haus verlassen zu müssen; darum öffnete er das verschlossene Fenster der Küche, das rückwärts hinaus auf die Ebene schaute. Dort stellte er sich hin, überblickte das zehn Meilen weite Gefilde, einen riesengroßen flachen Plan, der sich unter der runden Wölbung des Himmels bis ins Unendliche verlor. Nicht ein Baum war sichtbar, nichts als die Telegraphenstangen der Chaussee Chateaudun-Orleans, die gradaus dahinlief, soweit das Auge reichte. Im Anfang war's wie ein grüner Hauch, der sich über die braunen Erdvierecke legte. Darauf dichtete sich dieser grüne Flaum; fast ganz gleichförmig getönte sammetene Matten überzogen die Flur. Dann trieben die Hälmchen empor, und jede Pflanzengattung gewann ihre Farbe. Buteau unterschied aus der Entfernung das gelbliche Grün des Weizens, das Blaugrün des Hafers, das grauschimmernde Grün des Roggens; ohne Zahl lagen all diese Felder kreuz und quer durcheinander, und die Rauten des Klees schachtelten sich dazwischen. Dies ist die Jahreszeit, in der die Beauce in ihrem jugendschönen Frühlingskleide bei all ihrer Eintönigkeit prächtig schmuck aussieht und das Auge erfrischt. Aber die Saat wuchs noch mehr heran, und aus den weichen Matten ward ein Meer, ein grenzenloses Meer von Halmen. Des Morgens dunstete an schönen Tagen ein rosiger Nebel darüber empor; eine Brise fuhr in langgezogenen, regelmäßigen Stößen heran und wallte die grüne Flut auf: ein schaukelndes Gewoge, das am entgegengesetzten Ende der Ebene wieder verrann. Ein schwankendes Flimmern entfärbte die Spitzen der Halme; mit goldigem Schmelz umspann es die Weizenfelder, blaute den Hafer, übergoß mit violettem Geschimmer die zitternden Sprossen des Roggens. Unaufhörlich rollten neue Wellen daher; wie das Meer in der Flut, trieb es gärend heran. Abends blinkten die von dem sinkenden Gestirn grell beleuchteten Häuser gleich weißen Segeln aus der Ferne herüber; wie Schiffsmasten ragten halb versteckte Kirchtürme über die grüne See. Die Luft ward frisch; feuchte Nebel dämmerten hernieder; ein murmelndes Rauschen zog über den Ozean der Saaten, und wie eine ferne Küste hob sich ganz hinten der verschwommene Umriß eines Waldes ab. Buteau betrachtete auch die zu seinen Füßen sich weitende Beauce bei schlechtem Wetter; gleichwie der Fischer von der Düne auf das bewegte Meer hinausblickt, wenn ihm der Orkan sein Brot raubt. Er beobachtete ein heftiges Gewitter, das die Lande mit einem fahlen Grau übergoß, während im knatternden Tosen des Donners brennend rote Blitze die triefenden Ähren durchglühten. Ein andermal sah er aus einer Entfernung von sechs Meilen eine Wasserhose sich nahen; erst war es eine falbe Wolke, die wie ein langgedrehter Strick daherwirbelte; dann plötzlich raste in tollem Galopp ein heulendes, tosendes Ungetüm vorüber; Verwüstung zeichnete seinen Weg: eine drei Kilometer breite Wahlstatt, auf der jeder Halm geknickt, entwurzelt, zerstampft war. Seine eigenen Äcker hatten nicht gelitten; mit versteckter Schadenfreude beklagte er das Unglück der anderen. Je höher das Getreide emporwuchs, um so größere Freude bereitete Buteau der Anblick. Bald verschwand hinter der brandenden Flut ein Dorf, das wie ein graues Felseneiland am Horizont emporgeschaut. Von der Borderie waren nur noch die Dächer sichtbar, und auch diese versanken. Es blieb nichts wie eine Windmühle; gleich dem letzten Wahrzeichen einer Überschwemmung starrten ihre Flügel aus dem grünen Gewoge empor. Ringsherum nichts als Getreide, ein riesiges, wallendes Meer von Getreide deckte die Erde. »Falls der Sommer nicht zu trocken wird, kann es uns nicht an Brot fehlen«, sagte Buteau, wenn er sich abends zu Tische setzte. Man hatte sich in dem kleinen Hause, so gut es ging, eingerichtet. Das Ehepaar bewohnte unter das große Zimmer; Franziska begnügte sich mit dem darüber gelegenen Kämmerchen, das einst der alte Mouche innegehabt. Es war gesäubert worden; man hatte ein Feldbett herbeigeschafft, eine alte Kommode, einen Tisch und zwei Stühle. Das junge Mädchen versah wie früher ihre Kühe, lebte, wie sie bisher gelebt. Doch in dem Frieden des Hauses schlummerte ein Vorwand zu Mißverstehen und Zerwürfnis: die noch unerledigte Frage der Erbschaftsteilung zwischen den beiden Geschwistern. Am Tage nach Lises Verheiratung hatte der alte Fouan, der Franziskas Vormund war, darauf gedrungen, daß diese Teilung vorzunehmen sei, um späteren Mißhelligkeiten vorzubeugen. Aber Buteau erhob Einspruch. Wozu teilen? hatte er gemeint. Die Schwägerin sei noch zu jung und könne mit ihrem Grund und Boden nichts anfangen; es sei ja alles beim alten geblieben: sie lebe bei ihrer Schwester wie bisher, werde ernährt und gekleidet und habe gewiß keinen Grund, sich zu beklagen. Zu alledem schüttelte Papa Fouan den Kopf: man wisse nicht, wie es später komme, es sei am besten, alles zu ordnen. Auch die Kleine bestand auf ihrem Rechte und verlangte ihr Erbteil zu kennen, selbst wenn sie es auch einstweilen noch in den Händen ihres Schwagers belasse. Dieser jedoch schwatzte mit seiner bieder klingenden und scherzenden Rede den Willen der beiden tot. Man sprach nicht mehr davon, und Buteau erzählte jedem, der es hören wollte, wie einträglich und glücklich sie miteinander lebten. »Verstehen muß man sich, das ist alles.« Die ersten zehn Monate fand denn auch keinerlei Zwist zwischen den dreien statt; danach aber schien man sich eben nicht immer zu verstehen. Es fing mit kleinen Zänkereien an; man schmollte, sagte einander grobe Worte, und darunter gärte immerfort die ungelöste Frage von Mein und Dein. Es war unleugbar, Lise und Franziska liebten sich nicht mehr mit ihrer einstigen großen Zärtlichkeit. Niemand sah sie jetzt abends, die Arme um den Leib geschlungen und in dasselbe Tuch gehüllt, spazieren gehen. Es war, als trenne sie etwas; eine gegenseitige Kälte nahm mehr und mehr überhand. Seit ein Mann im Hause war, schien es Franziska, als habe man ihr die Schwester genommen. Sie, die einst alles mit ihrer Lise geteilt, teilte diesen Mann nicht mit ihr, und so wurde er jenes fremde Etwas, jenes Hindernis, das ihr das Herz verschlossen, worin sie bisher allein gelebt. Wenn sie ausging, küßte sie jetzt die Schwester nicht mehr, sobald Buteau sie vorher geküßt; sie schien dann verletzt, als habe jemand aus ihrem Glase getrunken. In der Besitzfrage wurde sie eigensinnig und leidenschaftlich wie ein Kind: das ist mein, das ist dein. Ihre Schwester gehörte jetzt einem anderen, sie konnte nichts dabei tun; doch sie verlangte, was ihr eigen war: die Hälfte des Landes und des Hauses. Das Unbehagen und die schlechte Laune Franziskas hatten noch einen anderen Grund, den sie selbst kaum hätte nennen kennen. Als ihr Vater nach dem frühen Tode der Mutter dies Haus mit ihnen bewohnte, hatte in dem alten Gemäuer nichts den schlummernden Frieden von Franziskas Sinnen gestört. Jetzt aber lebte ein Mann dort dicht neben ihr, ein brutaler Mann, der gewohnt gewesen, in allen Straßengräben, hinter allen Hecken die Dirnen hinzuwerfen, dem es nicht beikam, den Verkehr mit seiner Frau mit dem Schleier des Ungewußten vor Aug und Ohr der Jungfrau zu verstecken. Das freie Leben der Tiere hatte sie in alles eingeweiht und hatte sie mit Widerwillen gegen den Verkehr der Geschlechter erfüllt. Tagsüber zog sie es vor, ins Freie zu gehen und ließ das Ehepaar allein. Doch am Abend, wenn Buteau unmittelbar nach dem Speisen mit seinem Weibe zu scherzen begann, ergriff sie heftiger Zorn; sie rief, man solle doch wenigstens warten, bis sie das Geschirr abgewaschen; außer sich stürzte sie in ihr Zimmer hinauf, warf die Türen polternd hinter sich zu und barg den glühenden Kopf in ihren Kissen. Sie sah und hörte Wahngebilde und litt durch den Ansturm ihrer Mannbarkeit. Das Schlimmste bei der Sache war, daß Buteau, als er sie sich so sehr um diese Dinge kümmern sah, sie neckte und hänselte. Was sei dabei? Was werde sie denn erst sagen, wenn sie sich einmal verheirate? Auch Lise sah darin nichts Arges. Er aber entwickelte seine Ansichten über diesen Punkt: da einem der liebe Gott das Vergnügen beschert habe, das einem nichts koste, so habe man das Recht, es nach Herzenslust zu genießen. Aber keine Kinder! O nein! Dergleichen Torheiten stelle man genug an, wenn man ledig sei; ihr Julius sei eine schöne Bescherung gewesen! Wenn man verheiratet sei, dann sei man vernünftig; ein Kind, ein Esser mehr! Danke schön; man brauche ohnehin schon genug Brot im Hause. Darum überwachte er sich selbst und seine Frau, die »das« auf ein Ja und Nein weg habe, wie er sagte. Er wolle Brot säen, aber keine Kinder. Bei diesen Reden, bei den Küssen und Liebkosungen des Ehepaares, deren Zeuge sie war, oder die sie ahnte, wuchs die Verwirrung Franziskas. Man warf ihr vor, daß ihr Charakter sich geändert habe; in der Tat hatte sie ganz unerklärliche Launen, und ihre Stimmung sprang von einem Gegensatz in den anderen; bald war sie ausgelassen, bald traurig, mürrisch, böse. Wenn des Morgens Buteau in seiner ungenierten Art halbnackt durch die Küche ging, warfen ihre Augen ihm einen schwarzlodernden Blick nach. Lappalien riefen zwischen ihr und ihrer Schwester Streitereien hervor; selbst eine Tasse, die sie eines Tages zerbrochen, genügte, die beiden zu entzweien. Gehörte ihr diese Tasse nicht ebensogut, erwiderte Franziska erbittert, oder war nicht mindestens die Hälfte davon ihr Eigentum? Hatte sie nicht das Recht, die Hälfte von allem zu zerbrechen, wenn es ihr Spaß machte? Diese Frage von Mein und Dein spitzte sich immer mehr zu, und solche Wortgefechte ließen eine tagelang anhaltende Mißstimmung zurück. Dazu kam, daß auch Buteau sehr schlechter Laune war. Die Erde litt unter einer entsetzlichen Dürre; sechs Wochen lang war nicht ein Tropfen Regen gefallen. Mit geballten Fäusten kehrte er abends in die Wohnung heim, verzweifelt über die trostlosen Aussichten: Die ganze Ernte schien in Frage gestellt; der Roggen verkümmerte, der Hafer blieb mager, die Ähren verdorrten, bevor noch die Frucht ansetzte. Buteau litt mit seinem Getreide; er verlor den Appetit, kränkelte, magerte ab, schrumpfte sichtlich zusammen vor Mißbehagen und Unmut. Eines Morgens rannte der aufgeregte Mann zum erstenmal mit Franziska zusammen. Es war sehr heiß; er hatte sich am Brunnen im Hofe gewaschen und setzte sich in offenem Hemd und herabgleitenden Beinkleidern an den Frühstückstisch, um seine Suppe zu verzehren. Franziska, die den halbentblößten Mann bediente, ging erst stumm um ihn herum; dann aber rief sie feuerrot: »Knöpf dich doch zu, das ist ja ekelhaft.« Er war schlecht gelaunt; grob gab er zurück: »Donnerwetter! hören die Nörgeleien bald auf? ... Schau nicht hin, wenn's dir mißfällt. Du scheinst Lust danach zu haben, Rotznase, weil du immer danach schielst!« Ihre Röte wurde Purpur, sie stammelte etwas. Lise aber setzte unklugerweise hinzu: »Er hat recht, du langweilst uns schließlich. Geh fort, wenn man nicht mehr sein eigener Herr im Hause sein kann.« »Gut, ich werde gehen«, platzte Franziska wütend heraus und verließ die Küche, indem sie die Tür dröhnend ins Schloß warf. Doch am nächsten Tag war der Schwager wieder liebenswürdig, versöhnlich und gut aufgelegt. In der Nacht hatte sich der Himmel überzogen; seit zwölf Stunden rieselte ein lauer, feiner Regen auf die Äcker, einer jener Sommerregen, die dem Lande neues Leben geben. Buteau hatte das auf die Ebene blickende Fenster geöffnet, stand seit dem frühen Morgen freudestrahlend dort und beobachtete mit den Händen in den Taschen, wie dies wohltätige Wasser herabfloß. »Jetzt sind wir Rentner, der liebe Gott arbeitet für uns ... Ah! Potz Blitz! Solch ein Faulenzen ist mehr wert, als wenn man sich den ganzen Tag ohne Profit schindet, daß einem die Rippen knacken.« Langsam und stetig regnete es immerfort, und die durstige Beauce, die keinen Fluß und keinen Quell besitzt, trank das erquickende Naß. Ein eigenes Geräusch zog wie ein behagliches Schlürfen und Schlucken über die Lande; jede Scholle labte sich, jeder Halm frischte auf und reckte verjüngt seine Ähre empor, die bald fruchtstrotzend anschwellen sollte. Er aber trank gleich der Erde, gleich dem Getreide mit all seinen Poren. Neubelebt und geheilt trat er immer wieder ans Fenster und rief: »Nur zu, immer zu! ... Das sind Fünffrankenstücke, die herunterfallen.« Plötzlich hörte er jemand die Tür öffnen, wandte sich um und war nicht wenig überrascht, den alten Fouan zu erblicken. »Ah! Papa! ... Du kommst wohl von der Froschjagd?« Der Alte arbeitete eine Weile an seinem großen blauen Regenschirm, der nicht schließen wollte; dann trat er näher, indem er seine Holzschuhe auf der Schwelle ließ. »Ein tüchtiger Guß!« versetzte er einfach. »War nötig.« Seit die Teilung im letzten Jahre endgültig geworden, unterschrieben und registriert war, hatte der Alte keine andere Beschäftigung mehr, als die Äcker, die einst ihm gehört, zu besuchen. Täglich sah man ihn dort herumstreichen; jedes seiner Felder interessierte ihn noch, stimmte ihn traurig oder froh, je nach dem Stande der Saat, oder ließ ihn auf seine Kinder schelten, es sei nicht mehr das, es liege an ihnen, wenn es so schlecht gehe. Dieser Regen hellte auch dem alten Manne die Laune auf. »Du willst uns im Vorübergehen guten Tag sagen?« begann Buteau wieder. Franziska, die bisher stumm geblieben, trat heran und sprach mit bestimmtem Tone: »Nein, ich habe den Onkel gebeten zu kommen.« Lise, die neben dem Tische stand und Erbsen aushülste, ließ ihre Arbeit aus der Hand gleiten; ihr Gesicht verhärtete sich plötzlich, sie wartete schweigend. Buteau hatte unwillkürlich die Fäuste geballt; doch er lächelte gleich wieder, entschlossen, mit dem jungen Mädchen in gutem Einvernehmen zu bleiben. »Ja,« erklärte der Greis bedächtig, »die Kleine hat gestern mit mir Rücksprache genommen ... Ihr seht, daß ich recht hatte, als ich alles vorher regeln wollte. Jedem das Seine, das bringt keinen Streit, im Gegenteil, das kommt den Streitereien zuvor ... Jetzt müssen wir es zu Ende bringen. Es ist ihr Recht, nicht wahr, daß sie wissen will, was ihr gehört? Ich wäre strafbar... So wollen wir also einen Tag bestimmen, wo wir alle zusammen zu Herrn Baillehache gehen.« Doch Lise konnte nicht länger an sich halten. »Warum schickt sie uns nicht die Gendarmen? Das sieht ja meiner Treu aus, als wenn wir sie betrügen!... Mach' ich solch Gerede? Erzähl' ich im Dorfe, was für ein dreckiges Ding sie ist, daß man nicht weiß, bei welchem Ende sie anfassen?« Franziska wollte im selben Tone antworten; doch Buteau packte sie scherzend von rückwärts und lachte: »Sind das Dummheiten!... Man zankt sich wohl 'mal, aber man liebt sich darum nicht weniger; ist's nicht so? Na, das wäre was, wenn zwei Schwestern sich nicht vertragen wollten!« Das Mädchen hatte sich hastig von ihm losgerissen, und der Streit schien noch heftiger entbrennen zu wollen, als Buteau plötzlich mit fröhlichem Ruf einen neuen Ankömmling begrüßte. »Korporal!... Ist das ein Wetter, gelt? Du bist naß wie ein Pudel, mein Junge.« Hans war, wie er zuweilen tat, von dem Gut auf einen Sprung herübergekommen. Er hatte sich nur einen Leinensack um die Schultern geworfen und war durch und durch naß geworden; er dampfte ordentlich, und das Wasser rann von seinen Kleidern. Während er sich lachend die Tropfen abschüttelte, war Buteau wieder ans Fenster getreten und geriet von neuem in Begeisterung über den Regen, der immer noch ohne Unterlaß die Felder berieselte. »Das gießt! Das gießt! Der reine Segen!... Nein, wahrhaftig, es ist einzig, wie das gießt!« Dann wandte er sich wieder ins Zimmer und fuhr fort: »Du kommst zu gelegener Stund'. Die beiden da liegen sich in den Haaren... Franziska verlangt die Teilung, sie will uns verlassen.« »Wie, das Kind will...?« versetzte Hans stockend. Sein Verlangen nach diesem Mädchen war eine heimliche, heftige Leidenschaft geworden, für die er keine andere Befriedigung wußte als seine Besuche in diesem Hause, wo man ihn wie einen Freund aufnahm. Schon lange hätte er um ihre Hand angehalten, wenn er im Vergleich zu ihr nicht so alt gewesen. Er mochte warten, solange er wollte, die fünfzehn Jahre Altersunterschied verschwanden nicht: sie waren und blieben ein auf dem Lande so enorm scheinendes Hindernis, daß es niemandem, weder ihrem Schwager, noch ihrer Schwester, noch ihr selbst beikam, er könne jemals den Gedanken fassen, sie zur Frau zu begehren. Dies war auch der Grund, warum Buteau den Freund so herzlich aufnahm und keine Bange vor den Folgen hatte. »Ein Kind! Ja, das ist das richtige Wort«, bestätigte der Hausherr, väterlich die Achseln zuckend. Doch Franziska blieb starr und steif und wiederholte, die Augen zu Boden geheftet: »Ich will mein Erbteil.« »Das wäre das Klügste«, meinte Papa Fouan. Da ergriff Hans ihre beiden Hände und zog sie zu sich heran. Er zitterte, wie sie ihm so nahe gegenüberstand, und seine Stimme ward mehr und mehr bewegt, als er in seiner treuherzigen Art auf sie einsprach und sie bat zu bleiben. Wohin wolle sie gehen? Zu Fremden? In Dienst nach Cloyes oder nach Chateaudun? Sei sie nicht besser aufgehoben in diesem Hause, wo sie aufgewachsen unter den Ihren, die sie liebten? Sie hörte ihm zu und ward auch ihrerseits gerührt; denn wenn sie auch nicht daran dachte, in ihm einen Liebhaber zu sehen, pflegte sie doch gern seinen Worten Gehör zu schenken, teils aus großer Freundschaft zu ihm, teils auch ein wenig aus Furcht; weil er ihr so ernst vorkam. »Ich verlange mein Erbteil,« wiederholte sie weniger fest als vorher; »doch sag' ich nicht, daß ich fortgehen will.« »Aber, kleiner Trotzkopf,« bemerkte Buteau, »was willst du denn mit deinem Erbe anfangen, wenn du hier bleibst! Du hast alles wie deine Schwester und wie ich; warum willst du also die Hälfte? ... Nein, das ist zum Totlachen! ... Hör' mich an: Am Tage, wo du dich verheiratest, teilen wir.« Hans blickte immer noch das geliebte Mädchen an; in seinen Augen flirrte es bei den letzten Worten, als verlasse ihn die Selbstbeherrschung. »Du verstehst? Am Tage deiner Verheiratung«, stotterte er. Sie schwieg beklommen. »Und jetzt, Franziska, gib deiner Schwester einen Kuß, das ist gescheiter«, schloß der Bursch. Die feiste, gemütliche Hausmutter Lise war noch nicht schlecht; sie weinte, als ihr jetzt die Kleine an die Brust sank. Wohlgelaunt, daß die Sache aufgeschoben, rief Buteau: »Zum Teufel auch, jetzt müsse man eins trinken.« Er brachte fünf Gläser, entkorkte eine Flasche und ging dann nochmals in den Keller, um eine zweite zu holen. Das lederharte Gesicht des alten Fouan war leicht gerötet, als er erklärte, er für seine Person sei für gute Ordnung und Pflicht. Alle tranken; die Männer wie die Frauen stießen auf die Gesundheit jedes einzelnen an, und auf das Wohl der ganzen Gesellschaft. »Ein gutes Ding der Wein«, erklärte Buteau, indem er sein Glas lärmend auf den Tisch setzte. »Aber sagt, was ihr wollt, er ist nicht das Wasser wert, das da herunterfällt ... Schaut nur hin! Noch immer mehr, immer mehr! Herrlich, meiner Treu!« Alle drängten sich an das Fenster und sahen mit einer Art Verzückung dem lauen, unaufhörlich herniederströmenden Regen zu, als gewahre ihr Auge, wie unter dem wohltätigen Bade die grünen Halme wuchsen. Zweites Kapitel. Mutter Rose, deren Beine nicht mehr vorwärts wollten, und die außerdem wieder ihre Ohnmachtsanfälle gehabt, ließ in diesem Sommer eines Tages ihre Großnichte Palmyre kommen, damit diese die Wohnung auf wasche. Fouan war seiner Gewohnheit gemäß auf die Felder hinausgegangen, um nach dem Stande des Getreides zu schauen; während das Mädchen, im Wasser hockend, den Fußboden scheuerte, stand die Alte neben ihr, folgte ihr Schritt um Schritt, und die beiden verarbeiteten in endlosem Geplauder dieselben Geschichten. Zuerst war die Rede von dem Unglück Palmyres, die jetzt von ihrem Bruder geschlagen wurde. Ja, dieser unzurechnungsfähige Krüppel war böse geworden, und da er kein Bewußtsein hatte von der Stärke seiner Faust, die imstande gewesen wäre, Steine zu zermalmen, besorgte die Ärmste jedesmal, wenn er Hand an sie legte, er könne sie umbringen. Aber sie gab nicht zu, daß andere sich hineinmischten; sie schickte die Leute fort, die den Narren beruhigen wollten; ihrer übergroßen Zärtlichkeit allein gelang es, ihn zu besänftigen. In der letzten Woche hatte der Trottel so getobt, daß alle Nachbarn herzustürzten; noch heute sprach das ganze Dorf davon, wie jämmerlich er sie mißhandelt. »Sag', mein Kind,« fragte Rose sie aus, »er hat dich wohl mit Gewalt mißbrauchen wollen?« Palmyre hielt einen Augenblick in ihrer Arbeit inne und stieß, ohne geradeaus zu antworten, zornig hervor: »Geht's die anderen etwas an? Haben sie nötig, bei uns zu spionieren? ... Wir bestehlen niemanden!« »Aber wenn es wahr ist, was die Leute erzählen, daß ihr beisammen schlaft: das ist eine Sünde.« Einen Augenblick verstummte das bedauernswerte Geschöpf; ihr verhärmtes, müdes Gesicht stierte ins Leere. Dann bückte sie sich wieder auf ihre Arbeit hinab und stammelte, während der magere Arm mit dem Scheuerlappen hin und her fuhr: »Eine Sünde, wer weiß ... Der Pfarrer hat mich holen lassen und hat mir gesagt, daß wir in die Hölle kämen. 0, der liebe, arme Junge gewiß nicht ... ›Ein Unschuldiger, geistlicher Herr,‹ hab' ich geantwortet, ›ein Kind, das nicht mehr Bewußtsein besitzt als ein Kleines von drei Jahren, und das verhungert, wenn ich es nicht füttere? Ein Unglücklicher, der keine Freude am Leben hat ... Ich? mag sein! Das ist meine Sache. Wenn er mich eines Tages in einem Anfalle von Tobsucht, wie er sie jetzt zuweilen bekommt, erwürgt, dann werd' ich sehen, ob der liebe Gott mir wird verzeihen wollen.« Rose kannte seit langer Zeit die Wahrheit; sie sah, daß sie keine neuen Einzelheiten erfahren werde, darum schloß sie: »Natürlich, wenn etwas 'mal so ist ... Immerhin, es ist kein Leben, das du führst, mein Kind.« Sie begann zu klagen, jeder trage sein Kreuz. So auch sie und ihr Alter: was mußten sie alles ausstehen, seit sie das gute Herz gehabt, den Kindern ihre Habe abzutreten! Kaum war sie auf diesem Felde, so hörte sie nicht mehr auf zu jammern. »Mein Gott! Rücksichten! Man verzichtet schließlich darauf; wenn die Kinder herzlos sind, sind sie's eben ... Wenn sie wenigstens die Rente zahlten.« Sie erklärte der Großnichte zum hundertstenmal, daß nur Delhomme allein jedes Vierteljahr seine fünfzig Franken bringe. Auf die Minute! Buteau war immer im Rückstand und versuchte stets, ihnen etwas abzudrücken. So war diesmal der Termin schon zehn Tage verstrichen, und er ließ sich nicht sehen; er hatte versprochen, heute abend zu zahlen. Bei Jesus war die Sache noch einfacher: er gab nichts, man sah nicht einmal die Farbe von seinem Gelde. Heute früh hatte er sogar die Unverschämtheit gehabt, Dreckbatzen zu schicken, um fünf Franken zu borgen, damit sie ihrem Vater, der krank sei, eine Fleischbrühe machen könne. Man kenne diese Krankheit, ein gewisses Loch unter der Nase! Na, sie habe die Landstreicherin schön empfangen; habe ihr aufgetragen, dem Vater zu sagen, wenn er am Abend nicht die fünfzig Franken bringe, werde man ihm den Gerichtsvollzieher schicken. »Nur, um ihm angst zu machen, denn der arme Junge ist ja im Grunde nicht schlecht«, fügte Rose hinzu, schwach werdend bei der Erinnerung an ihr Lieblingskind. Abends kam Fouan heim und setzte sich in der Küche zu Tisch. Während er stumm auf seinen Teller gebückt aß, fing sie von neuem an zu jammern. War es möglich, daß sie von ihren sechshundert Franken nichts bekamen als die zweihundert von Delhomme, vielleicht hundert von Buteau, keinen Sou von den anderen: alles in allem gerade die Hälfte der Rente! Und die Taugenichtse hatten vor dem Notar unterzeichnet; die Sache stand schwarz auf weiß, war bei Gericht niedergelegt! Die kehren sich viel ans Gericht! Palmyre, die in einem dunklen Winkel ein letztes Stück der Fliesen wusch, antwortete auf all dieses Gejammer gleich dem Kehrreim eines Klageliedes mit ihrem eintönigen: »Ja, gewiß, jeder hat seine Last zu schleppen, bis er hin wird!« Rose entschloß sich endlich, Licht zu machen. Da kam die Große mit ihrem Strickstrumpf. An jenen langen Sommertagen gab es keine Abendunterhaltung; damit aber die geizige Person nicht genötigt sei, auch nur den kleinsten Lichtstumpf zu verbrennen, pflegte sie bei ihrem Bruder eine Stunde zuzubringen, bevor sie sich im Finstern zur Ruhe begab. Sie nahm Platz. Palmyre aber, die noch die Töpfe und Schüsseln zu scheuern hatte, verstummte erschreckt durch die Gegenwart ihrer Großmutter. »Wenn du warmes Wasser brauchst, mein Kind,« rief ihr Rose zu, »brich einen Reisigbund an.« Sie schwieg einen Augenblick und versuchte, von etwas anderem zu sprechen; denn die Fouans vermieden im Beisein der Großen zu klagen, weil sie wußten, daß es ihr Freude mache. Doch Rose vermochte nicht sich zu beherrschen. »Geh,« setzte sie hinzu, »nimm nur gleich den ganzen Bund, wenn man das einen Bund nennen kann. Totes Zweigwerk, allerhand Abfall! ... Wahrhaftig, Fanny muß den Mist in ihrem Holzstall zusammenkehren, um uns den Quark zu senden.« Fouan, der vor seinem Glase saß, fiel ihr ins Wort: »Halt's Maul mit deinen Bündeln! Es ist eine Schweinerei, wir wissen's ja ... Was soll erst ich zu diesem erbärmlichen Krätzer sagen, den Delhomme mir für Wein schickt?« Er hob sein Glas und ließ das Licht durchscheinen. »Was er zum Teufel nur da hineingegeben hat? Das Spülwasser der Fässer ist noch mehr wert ... Und der Mann ist rechtschaffen! Die beiden anderen könnten uns vor Durst krepieren sehen und würden uns nicht einmal eine Flasche Wasser vom Fluß heraufholen.« Endlich entschloß er sich und stürzte mit einem Zuge sein Glas hinunter. Doch er spie heftig aus. »Verwünschtes Gift, das! Sie haben's vielleicht darauf abgesehen, daß ich sogleich ins Gras beißen soll.« Jetzt ließen Fouan und Rose ohne Rückhalt ihrem Groll die Zügel schießen. Ihre verbitterten Herzen machten sich Luft; bald der eine, bald die andere, ergingen sie sich abwechselnd in herben Anklagen gegen ihre Kinder. Zunächst die zehn Liter Milch für die Woche: erstens bekamen sie nicht sechs, und dann, wenn die Milch auch nicht der Herr Pfarrer getauft hatte, gut christlich war sie, das stand fest. Dann die Eier; wahrlich, die mußten extra für sie von den Hühnern so klein bestellt werden, denn auf dem ganzen Markte von Cloyes gab es solche Eier nicht; eine Seltenheit zum Anschauen, und dabei mit solchem Mißvergnügen hergegeben, daß sie unterwegs Zeit hatten zu verderben. Und die Käse, die Käse! Rose bekam Leibschmerzen, sooft sie davon aß. Sie eilte, einen aus der Vorratskammer zu holen; Palmyre sollte durchaus davon kosten. »Ist das nicht ein Fraß? Schreit das nicht um Rache? Sie müssen Mehl hineintun, oder gar vielleicht Gips.« Aber Fouan unterbrach seine Frau mit der Klage, daß er jetzt nur noch für einen Sou Tabak täglich rauchen könne. Sofort fiel sie ein und sprach von ihrem schwarzen Kaffee, den sie hatte aufgeben müssen. Dann fingen beide an, von ihrem kranken, alten Hunde zu erzählen, den sie am vorigen Tage hatten ertränken müssen, weil sie sein Futter nicht mehr erschwingen konnten. »Ich hab' ihnen alles gegeben,« schrie der Alte auf, »und die Elenden lassen mich Not leiden! ... Ihr werdet schon sehen, der Schmerz, so darben zu müssen, bringt uns um.« Sie schwiegen endlich. Die Große aber, die nicht den Mund aufgetan, blickte einen nach dem anderen mit ihren runden, bösen Vogelaugen an und rief: »Recht geschieht euch!« Im selben Augenblick trat Buteau ein. Palmyre, die ihre Arbeit vollendet hatte, benutzte die Gelegenheit, zur Tür hinauszuschlüpfen, nachdem ihr Rose fünfzehn Sous gezahlt. Buteau blieb in der Mitte des Zimmers stehen unbeweglich und stumm; denn der Bauer liebt nicht, das erste Wort zu reden. Zwei Minuten verstrichen. Der Vater ward genötigt, das Gespräch zu eröffnen. »Also endlich kommst du, na, das ist ein Glück ... Seit zehn Tagen läßt du uns warten.« Der Sohn schlenkerte hin und her, endlich antwortete er: »Wenn man nicht kann, kann man nicht. Jeder weiß, wo ihn der Schuh drückt.« »Möglich, doch wenn es so fortgeht, können wir schließlich verhungern ... Du hast unterschrieben; es ist deine Pflicht, pünktlich auf Tag und Stunde zu zahlen.« Als Buteau seinen Vater böse werden sah, lachte er auf: »Weißt du, wenn ich zu spät komme, geh ich wieder ... Ich finde es schon sehr anständig, wenn man überhaupt zahlt; es gibt Leute, die es nicht tun.« Diese Anspielung auf Jesus beunruhigte Rose. Sie wagte zwar keinen Einspruch, doch erlaubte sie sich, ihren Mann am Wams zu zupfen. Er war im Begriff gewesen aufzufahren, besann sich aber. »Es ist gut, gib deine fünfzig Franken her, ich habe die Quittung bereit.« Langsam suchte Buteau in seinen Taschen, indem er die Große, deren Gegenwart ihm ungelegen schien, mit einem Seitenblick streifte. Sie ließ den Strickstrumpf ruhen, schaute in ihrer durchbohrenden Art zu ihm hinüber, als verlange es sie, das Geld zu sehen, das er hervorziehen werde. Auch die Eltern, die hereingetreten waren, ließen keine seiner Bewegungen aus den Augen. Unter diesen drei Paar starr auf ihn gerichteten Augen langte er ein erstes Fünffrankenstück aus der Tasche. »Eins«, sagte er, es auf den Tisch legend. In immer größeren Pausen folgten die anderen, die er mit einer sichtlich schwächer werdenden Stimme zu zählen fortfuhr. Nach dem fünften Stück hielt er inne, suchte sehr lange, um noch eines zu finden; dann rief er mit einer kräftig und laut werdenden Sprache: »Und sechs!« Das Ehepaar Fouan wartete noch immer; doch nichts folgte. »Wie? Sechs?« ließ sich endlich der Alte hören. »Es sollen zehn sein ... Hältst du uns zum besten? Das letzte Quartal waren es vierzig Franken und jetzt dreißig?« Sofort verfiel Buteau in einen kläglichen Ton. Es gehe ihm herzlich schlecht, beteuerte er. Der Preis des Getreides sei noch weiter gefallen, der Hafer gedeihe nicht. Zu alledem sei sein Pferd krank; er habe bereits zweimal zu Herrn Patoir schicken müssen. Was solle werden? Er habe die größte Mühe, auszukommen. »Das geht mich nichts an!« schrie Fouan außer sich. »Gib fünfzig Franken her, oder ich verklage dich.« Aber der Alte beruhigte sich bei dem Gedanken, er könne die dreißig Franken als Abschlagszahlung annehmen. »Gut, so gibst du mir die fehlenden zwanzig Franken in der nächsten Woche ... Ich werde es auf dem Papier vermerken.« Doch schon hatte Buteau mit flinker Hand das Geld wieder ergriffen. »Nein, nein, das gilt nicht! ... Ich will quitt sein. Lassen Sie die Bescheinigung, wie sie ist, oder ich geh' ... Ah, weiter fehlte nichts! Ich schröpfe mich, um Sie zu bezahlen und sollte nachher noch schuldig sein? Das geht nicht!« Es entstand ein ernster Wortstreit. Vater und Sohn wiederholten unermüdlich dieselben Reden; der eine verzweifelt, daß er nicht das Geld sofort eingesteckt; der andere, das Silber in der Faust haltend, entschlossen, es nicht ohne Quittung herauszugeben. Ein zweitesmal mußte die Alte ihren Gatten am Rock ziehen, und wieder gab er nach. »Da, verwünschter Dieb, da ist das Papier! Ich sollte es dir mit einer Ohrfeige auf dein Lügenmaul heften ... Gib das Geld her!« Von Hand zu Hand fand der Austausch statt. Buteau aber war wie umgewechselt, nachdem es vorüber; er empfahl sich mit der größten Liebenswürdigkeit, indem er allen ein frohes Lebewohl zurief. Fouan sank erschöpft auf einen Stuhl. Die Große aber ergriff von neuem ihre Strickerei, zuckte die Achseln und schleuderte ihm die beiden Worte ins Gesicht: »Du Viechskerl!« Es entstand eine stumme Pause. Da öffnete sich wiederum die Tür, und Jesus trat ein. Durch Dreckbatzen unterrichtet, daß sein Bruder heute zahle, hatte er sein Fortgehen abgelauert, um seinerseits zu erscheinen. Sein Gesicht war mild; er war nüchtern, und nur der Rausch der letzten Nacht lag wie ein Nebel über seinen Zügen. Schon von der Schwelle schoß sein Blick geradewegs zu den sechs Silberstücken, die Fouan die Unklugheit gehabt, wieder auf den Tisch zu legen. »Hyacinth«, rief Rose in der Freude, ihn wiederzusehen. »Ja, ich bin's. Schönen guten Tag.« Er trat näher heran und ließ keinen Augenblick die weißen Münzen aus dem Auge, die wie Monde im Scheine des Talglichtes leuchteten. Der Vater wandte sich um, erhaschte den Blick des Strolches und gewahrte das vergessene Geld. Rasch stellte er einen Teller darauf, um es zu verstecken. Zu spät. Ich Viechskerl! dachte er bei sich. Die Große hat recht. Dann sagte er laut mit rauher Stimme: »Du tust wohl, daß du zahlen kommst, denn so wahr uns das Licht da bescheint, ich wollte dir morgen den Gerichtsvollzieher schicken.« »Ja, Dreckbatzen hat mir's gesagt,« seufzte Jesus demütig, »und darum komm' ich her; denn, nicht wahr, du kannst doch nicht wollen, daß ich mir etwas antun soll? Bezahlen, guter Gott, womit zahlen, wenn man nicht einmal genug Brot hat, um seinen Hunger zu stillen ... Wir haben alles verkauft; ich schneide nicht auf, komme schauen, ob ich nicht die Wahrheit sage. Kein Bettuch mehr, keine Möbel, nichts ... Und zu alledem bin ich krank.« Ein spöttelndes Murmeln begrüßte die letzten Worte; ohne darauf achtzugeben, fuhr er fort: »Vielleicht sieht man mir nicht viel an; aber es ist etwas nicht in Ordnung in meinem Leib: ich huste, ich fühle, es geht mit mir zu Ende ... Wenn man wenigstens eine warme Suppe hat, geht's noch an; kann man sich die aber nicht verschaffen, muß man abfahren; hab' ich nicht recht?... Sicher würde ich zahlen, wenn ich Geld hätte. Sage mir, wo ich welches finde, damit ich's hole, dir zahle, was ich schuldig bin und mir eine Kraftbrühe mache. Seit vierzehn Tagen hab' ich keinen Bissen Fleisch im Munde gehabt, mein Ehrenwort.« Rose wurde weich, während Fouan noch böser wurde: »Du hast alles versoffen, du Tagedieb! So schöne Äcker, die seit Jahren und Jahren in der Familie waren; du hast sie verpfändet! Ich weiß, seit Monaten lebst du in Saus und Braus und die Landstreicherin, deine Tochter, auch; wenn's jetzt zu Ende ist, krepiere in Teufels Namen!« Jesus zögerte nicht länger, er fing an zu weinen. »So kann kein Vater reden, nein, das ist nicht möglich, das wäre gegen die Natur ... Ich hab' ein weiches Herz, und das ist der Grund von meinem Unglück. Wenn man kein Geld hat, mag sein. Doch wenn man Geld hat, seinem Sohne ein Almosen zu verweigern? ... Ich werd' zu fremden Leuten betteln gehen müssen; die Schande, mein Gott, die Schande!« Zwischen jedem Satze, der sich durch Tränen hervorwürgte, warf er auf den Teller am Tische einen Seitenblick, der den Alten erzittern ließ. Darauf tat er als überwältige ihn sein Schmerz; er verlor die Sprache und stieß nur noch ein gurgelndes Schreien hervor wie jemand, den man erwürgt. Rose war vollständig gewonnen durch dieses Weinen; flehend streckte sie ihre gefalteten Hände zu Fouan hinüber. »Ich bitt' dich, Mann!« Doch dieser wehrte sich noch und fiel ihr ins Wort: »Nein, nein, er hält uns zum besten ... Willst du zu heulen auf hören, Mensch, die Nachbarn kommen; du machst uns krank mit dem Geflenn.« Aber das verdoppelte nur das Gegröhle des Trunkenboldes. »Ich hab' euch nicht erzählt ... morgen kommt der Gerichtsvollzieher zu mir. Ja, wegen eines Wechsels, den ich dem Lambourdieu unterschrieben habe ... Ach, ich bin ein elender Kerl, ich entehre euch, ich muß ein Ende machen. Ich bin ein Lump, ein Lump, für mich gibt's nur noch eins: ins Wasser, wo es am tiefsten ist ... Wenn ich wenigstens dreißig Franken hätte.« Auch Fouans Widerstand war besiegt. Er bebte, als er die Summe nennen hörte; er nahm den Teller fort: was half's, wenn der schlechte Kerl das Geld durch den Weißen Ton hindurch sah und zählte. »Du willst alles! Ist das recht und billig, mein Gott? Da, wir können's nicht mehr mit anhören, nimm die Hälfte, geh zum Kuckuck und laß dich nicht wieder sehen.« Jesus war plötzlich geheilt. Er schien nachzudenken. »Fünfzehn Franken,« sagte er dann, »nein, das reicht nicht, das kann mich nicht herausreißen ... Sagen wir zwanzig, und ich geb euch Ruh'.« Kaum hatte er die zwanzig Franken in der Tasche, so belustigte er alle mit der Erzählung eines Schabernacks, den er dem Bécu gespielt: Er hatte in dem verbotenen Teil der Aigre falsche Grundangelschnüre gelegt; Bécu wollte sie herausziehen, sie gaben nicht nach, und der Feldhüter plumpste ins Wasser. Jesus ließ sich noch ein Glas von dem schlechten Weine Delhommes einschenken, erklärte, der Schwager sei ein Spitzbube, daß er es wage, seinem Vater solch ein Gesöff zu schicken, und ging dann. »Er ist doch ein lieber Junge«, meinte Rose, nachdem sich die Tür geschlossen. Die Große erhob sich, legte ihre Handarbeit zusammen und blickte ihre Schwägerin und darauf ihren Bruder scharf an. Als sie sich zur Tür wandte, machte sie ihrem langverhaltenen Ingrimm mit den Worten Luft: »Nicht einen Sou, ihr Narrenvolk! Nicht einen Sou bekommt ihr je von mir! Auf der Straße begegnete sie Buteau, der von Macqueron kam. Er hatte eben Jesus dort eintreten sehen, der in bester Laune gewesen und in dessen Taschen Silber geklimpert. »Ja, ja,« bestätigte die Große Buteaus Verdacht, »diese Kanaille hat dein Geld fortgetragen. Wird sich der Schuft damit ein Gutes tun und sich über dich lustig machen!« Buteau geriet in eine unmäßige Wut. Mit beiden Fäusten donnerte er an die Tür seines Vaters; er hätte sie eingeschlagen, wenn man ihm nicht geöffnet hätte. Die Alten waren schon im Begriff, sich zur Ruhe zu begeben. Rose hatte ihr Kleid ausgezogen und ihre Haube abgenommen; im Unterrock stand sie da, und ihr graues Haar fiel über die Schläfe herab. Der Sohn stürzte ins Zimmer. »Mein Geld, mein Geld!« brüllte er. Die Eltern wichen erschrocken zurück, sie verstanden nicht gleich, Er tobte: »Glaubt ihr, ich schinde mich für meinen sauberen Bruder? Er tut nichts, und ich soll ihm mein Geld in den Hals stecken? Nein! Nein!« Fouan wollte leugnen; doch Buteau schnitt ihm heftig das Wort ab. »Jetzt lügst du gar! ... Ich sag' dir, er hat mein Geld. Ich hab' es gefühlt, hab' es in der Tasche dieses Erzlumpen klingen hören! Mein Geld, das ich im Schweiß verdient, mein Geld, das er jetzt versäuft! Wenn's nicht wahr ist, zeige mir's doch! ... Zeige es her, ich kenne es genau! Zeige mir mein Geld!« Zwanzigmal wiederholte er diese Worte, an denen sein Jähzorn immer hitziger aufflammte. Er schlug mit den Fäusten auf den Tisch, verlangte das Geld zu sehen, gleich auf der Stelle; er werde es nicht nehmen, er wolle es nur sehen. Als die beiden Alten stotterten und nicht wußten, was ihm entgegnen, kannte seine Wut keine Grenzen mehr. »Er hat mein Geld, das ist klar! ... Aber soll mich der Teufel granweis holen, wenn ich euch noch einen Sou bringe! Für euch hätte ich mir's noch abgedarbt; aber für diesen Galgenstrick möchte ich mir lieber die Arme abschneiden!« Doch auch der Alte wurde schließlich böse. »Genug! Gehen dich unsere Angelegenheiten etwas an? Mir gehört dein Geld, ich kann damit machen, was mir beliebt.« »Was faselst du?« versetzte Buteau und trat mit geballten Fäusten vor den alten Mann hin. Ich soll dir wohl alles sagen ... Gut, ich finde es gemein, jawohl, gemein, den Kindern das Geld aus der Tasche zu ziehen, während du sicher genug zum Leben hast. Du magst hundertmal nein sagen! Dein Geld ist hier, ich weiß es.« Der Greis wußte sich nicht zu helfen, schlotternd stand er da, ohnmächtig, sich des Unholds zu erwehren. »Nein, nein,« stammelte er, »ich hab' keinen Liard ... Laß uns in Ruh!« »Und wenn ich suchte, wenn ich suchte!« gab Buteau zurück; und schon riß er die Schubladen auf und klopfte an die Wände. Rose packte der entsetzliche Gedanke, Vater und Sohn möchten handgemein werden; sie klammerte sich an den Burschen und rief: »Unglücklicher, willst du uns denn umbringen?« Er riß sich los, ergriff die Mutter an beiden Armen, rüttelte sie, daß der graue, welke Kopf hin und her taumelte, und schrie ihr ins Gesicht: »Du bist an allem schuld! Du hast Hyacinth das Geld gegeben ... Mich hast du nie geliebt, alte Vettel!« Damit schleuderte er sie rücklings an die Wand. Mit einem dumpfen Schrei brach sie zusammen. Noch einen Blick warf er auf die wie ein Paket Lumpen am Boden liegende Greisin, dann stürzte er mit wahnsinnig wilden Augen aus dem Zimmer und warf dröhnend die Tür zu, indem er fluchte: »Donnerwetter! Donnerwetter!« Am nächsten Tage war Rose nicht imstande, das Bett zu verlassen. Man rief den Doktor Finet; dreimal kam er, ohne ihr helfen zu können. Als er sie bei seinem dritten Besuch im Sterben traf, nahm er Fouan beiseite und bat ihn zu gestatten, daß er schon heute den Totenschein und die Erlaubnis zur Beerdigung schreiben und zurücklassen dürfe. Das erspare dem Arzte einen vierten Weg; er pflegte bei großen Entfernungen sich in dieser Weise zu helfen. Doch die Alte lebte noch sechsunddreißig Stunden. Doktor Finet antwortete, wenn man ihn fragte, Altersschwäche und Erschöpfung hätten die alte Frau hingerafft; wenn der Körper keine Kraft mehr besitze, müsse man eben heimgehen. Doch in Rognes, wo die Sache ruchbar geworden, sagten alle, sie sei an Bluterstarrung gestorben. Sehr viele Leute folgten dem Leichenzuge, Buteau und die anderen Familienglieder benahmen sich sehr würdig dabei. Nachdem man das Loch auf dem Friedhof zugeworfen, kehrte der alte Fouan allein in das Haus heim, in dem sie fünfzig Jahre lang zusammen gelebt und gelitten. Stehend verzehrte er ein Stück Käse und Brot; dann irrte er durch das Gebäude, durch den öden Garten und suchte, womit er seinen Kummer töten könne ... Er wußte nichts anzufangen und ging schließlich zur Anhöhe hinauf zu seinen alten Feldern, um zu schauen, ob das Getreide wachse. Drittes Kapitel. Ein ganzes Jahr lebte Fouan in dieser Weise stumm und einsam in dem leeren Hause. Man fand ihn dort unausgesetzt auf den Beinen; er kam und ging, seine Hände zitterten, er tat nichts. Stundenlang stand er vor den verschimmelten Trögen im Stall; dann wieder kehrte er zur Tür der leeren Scheune zurück und pflanzte sich dort auf wie in tiefes Sinnen verloren. Der Garten gab ihm noch etwas Beschäftigung; doch diese Arbeit begann ihm schwer zu werden; sein Körper neigte sich immer mehr vornüber der Erde zu, die ihn zu rufen schien. Zweimal mußten ihm Nachbarn zu Hilfe eilen: er war bewußtlos zwischen seinen Salatstauden liegen geblieben. Seit Jesus die zwanzig Franken bekommen, zahlte nur Delhomme die Rente. Buteau gab keinen Sou her; er erklärte, lieber lasse er sich verklagen, ehe er zuschaue, wie sein Geld in die Taschen seines liederlichen Bruders fließe. In der Tat wußte Hyacinth seinem Vater noch von Zeit zu Zeit ein Almosen abzunötigen; denn der Alte vermochte nicht anders sich seiner Tränen zu erwehren. Angesichts dieser traurigen Lage des Papa Fouan, dessen Schwäche täglich zunahm, der von seinem Ältesten ausgebeutet wurde und vor lauter Einsamkeit krank ward, faßte Delhomme den Plan, den Greis zu sich zu nehmen. Warum sollte er nicht sein Haus verkaufen und bei seiner Tochter wohnen? Er werde alles bekommen, was er brauche, und man sei nicht mehr genötigt, ihm die zweihundert Franken zu zahlen. Kaum hatte Buteau von diesem Angebot erfahren, so lief er zum Vater, sprach von seinen heiligen Pflichten als Sohn, und bot ihm dasselbe an. Geld zum Verschleudern, nein! Doch sobald es sich nur um den Vater allein handle, diesem stehe sein Haus offen, er möge kommen, er solle in Frieden bei ihm essen und schlafen. Der Hintergedanke des Burschen war, daß vermutlich seine Schwester den Alten zu sich ziehen wolle, um den ersparten Schatz zu bekommen. Allerdings begann selbst Buteau an dem Dasein dieses Schatzes zu zweifeln. Wenn er trotzdem Papa Fouan sein Haus öffnete, lag vor allem eine gewisse Prahlerei in diesem Gehaben; er hoffte heimlich, jener werde seinen Vorschlag ablehnen; und fürchtete gleichzeitig, er möge die Gastfreundschaft Delhommes annehmen. Übrigens brachte der Greis diesen Eröffnungen eine Abneigung entgegen, die fast wie Furcht aussah. Nein! nein! Besser sein trocken Brot daheim wie Braten bei anderen, es sei weniger bitter. Er habe in seinen vier Wänden gelebt, dort wolle er sterben. So blieb alles beim alten, und es rückte Mitte Juli, der Tag des »heiligen Heinrich« heran, des Schutzpatrons von Rognes, den das Dorf mit einem Feste zu feiern gewohnt war. In den Wiesen an der Aigre pflegte um diese Zeit ein mit Leinwand gedeckter Tanzplatz errichtet zu werden; auf der Straße gegenüber dem Gemeindeamt baute man drei Zelte, einen Schießstand, eine Verkaufsbude, in der alles, selbst Bänder für die Mädchen feilgeboten wurden, und eine Roulette, wo man Gerstenzucker gewann. Baillehache, der an jenem Tage in der Borderie frühstückte, stieg im Vorüberfahren bei Delhomme ab, um mit ihm zu plaudern, und dieser bat den Notar, er möge ihn doch zu Fouan begleiten und ihm zureden. Seit Roses Tode riet auch Baillehache dem Alten, er solle sich zu seiner Tochter zurückziehen und das Haus, das viel zu groß für ihn geworden, verkaufen. Es war gewiß seine dreitausend Franken wert; der Notar bot dem Greise sogar an, er wolle das Geld für ihn verwahren und ihm die Zinsen, wie er es zu seinen kleinen Bedürfnissen gerade brauche, ausfolgen. Sie fanden Fouan in seiner gewohnten Hilflosigkeit; ohne Plan trippelte er durch das Gehöft, mit stumpfem Blick stellte er sich vor einem Holzstoß auf, den er sägen wollte, ohne die Kraft dazu zu finden. An jenem Morgen zitterten seine armen Hände noch mehr als gewöhnlich; denn er hatte am vorhergehenden Tage einen Angriff von Jesus bestehen müssen, der, um sich für das Fest zwanzig Franken zu verschaffen, dem Vater eine furchtbare Szene vorgespielt. Der Strolch hatte geheult, daß dem alten Manne grün und gelb vor den Augen geworden; hatte sich auf die Erde geworfen und gedroht, er werde sich umbringen; um diese Drohung recht wirksam zu machen, zog er ein langes Küchenmesser hervor, das er eigens zu dem Zwecke in seinem Ärmel verborgen gehabt. Der Vater hatte die zwanzig Franken hergegeben; ohne Umschweife gestand er es dem Notar. »Würden Sie es nicht auch tun?« fragte er mit hilfloser Beklommenheit. »Ich kann mir nicht mehr helfen, ich kann nicht.« Herr Baillehache benützte die Gelegenheit. »Gerade wollte ich mit Euch darüber plaudern. Das kann nicht so weiter fortgehen, Papa Fouan, Ihr laßt Eure Haut dabei. In Eurem Alter ist es unklug, allein zu leben; wenn Ihr nicht bis aufs Hemd ausgeplündert werden wollt, hört auf den Rat Eurer Tochter; verkauft und zieht zu ihr.« »Sie raten mir das auch?« versetzte der Alte. Er warf einen scheuen Blick auf Delhomme, der sich absichtlich ferngehalten. Als der Schwiegersohn diesen mißtrauenden Augenblitz auffing, brach er sein Schweigen. »Wissen Sie, Vater, ich sage nichts, weil Sie vielleicht glauben könnten, ich hab' ein Interesse daran, Sie zu mir zu nehmen ... Teufel, nein! es wird eine Störung geben ... Allein, es schmerzt mich zu sehen, wie es Ihnen so schlecht geht, während Sie es doch so bequem haben könnten.« »Gut, gut,« gab der Alte zurück, »will's noch überlegen ... Wenn ich entschlossen bin, werd' ich's schon sagen.« Weder Delhomme noch der Notar vermochten ihn zu einer andern Antwort zu bewegen. Er verbat sich, daß man ihn so dränge; seine nach und nach erloschene Autorität suchte Zuflucht in diesem greisenhaften Eigensinn, der selbst dem eigenen Wohlleben zuwiderhandelte. Dazu kam ein gewisser Schreck, den ihm der Gedanke, kein Haus zu besitzen, einflößte, nachdem er den Verlust seiner Felder noch nicht einmal verschmerzt. Kurz und gut, er sagte nein, weil alle wollten, er solle ja. sagen. Was hatten denn diese Halunken dabei zu gewinnen? Er wird ja sagen, wenn er will. Jesus hatte am Vorabend in seiner Freude die Schwäche gehabt, Dreckbatzen seine vier Fünffrankenstücke zu zeigen. Doch als er sich schlafen legte, behielt er sie in der geschlossenen Faust; denn das letztemal hatte das freche Mädel ihm ein Stück unter seinem Kopfkissen hervor weggestiebitzt und ihm weiszumachen versucht, er habe es im Rausche verloren. Bei seinem Erwachen erschrak er nicht wenig: die Hand war leer. Doch er fand sein Geld ganz warm im Bette liegen; dies machte ihn ungemein vergnügt, er lachte laut auf: »Ein Hundsfott, wer heut nur einen Sou heimbringt!« Vergeblich bestürmte Dreckbatzen den Vater den ganzen Vormittag, er möge ihr doch eines von seinen Fünffrankenstücken geben, »ein ganz kleines«, meinte sie schalkhaft. Er wies sie schroff ab; er war nicht einmal erkenntlich für die Eier, die sie gestohlen und ihm zum Frühstück als Rührei auftischte. Nein, nein, erklärte er ihr, es sei ganz schön, den Papa lieb zu haben, aber das Geld sei für die Männer gemacht. Wütend wandte sie ihm den Rücken, zog ihr blaues Halbseidenkleid an, ein Geschenk ihres Vaters aus der Zeit, als er sein Erbteil verputzt, und rief davoneilend, sie werde sich ebenfalls amüsieren. Kaum war sie zwanzig Schritt vom Hause entfernt, so drehte sie sich um: »Schau her, Vater!« Ihre magern Finger hielten in der erhobenen Rechten ein glänzendes Fünffrankenstück. Er glaubte sich doch bestohlen, erbleichte, suchte in seinen Taschen. Aber die zwanzig Franken waren vollzählig vorhanden: Die Kleine mußte mit ihren Gänsen das Geld erschachert haben. Die Sache erschien Hyacinth sehr gelungen; er lächelte väterlich und ließ das Mädel laufen. Jesus war nur in einem Punkte empfindlich: im Punkte der Moral. Darum geriet er eine halbe Stunde später in großen Zorn. Er war nämlich ebenfalls im Begriff, seinen Unterschlupf zu verlassen, als ihn ein sonntäglich herausgeputzter Bauer unten vom Wege herauf anrief: »Jesus, holla, Jesus!« »Was gibt's?« »Deine Tochter liegt bei Wilhelms Feld im Graben.« »Im Graben?« »Ja, und ein Mann liegt auf ihr.« Wütend hob er beide Fäuste zum Himmel: »Gut! Dank schön! Ich hol' meine Peitsche! ... Ah, potz Blitz und Kanonen, die Dirne entehrt meinen Namen!« Er sperrte die Tür wieder auf und langte von der Wand die große Fuhrmannspeitsche herab, deren er sich zur Züchtigung seiner Tochter zu bedienen pflegte. Damit machte er sich auf den Weg, schlich duckend die Hecken entlang, um die Liebenden zu überraschen. Doch als er bei der Biegung der Straße über die Chaussee schlüpfte, bemerkte ihn Ernst, der den Wächter machte, während sein Freund Delphin bei Dreckbatzen war. Die beiden Burschen pflegten abwechselnd mit dem Mädchen zu liebeln und Wache zu halten. »Aufgepaßt, Jesus kommt!« schrie der Junge. Er hatte die Peitsche gesehen; wie ein Hase setzte er übers Feld. Dreckbatzen warf Delphin ab und sprang empor. Der Vater! Sie hatte noch die Geistesgegenwart, ihrem Liebhaber das Fünffrankenstück zuzustecken.« »Da, verwahr' mir das und mach', daß du fortkommst!« Wie ein Ungewitter stürmte Jesus heran, die Riesenpeitsche knallte gleich Büchsenschüssen in seiner Hand. »Dirne! Wart', ich werd' dich Anstand lehren.« Er erkannte den Sohn des Feldhüters, doch der flinke Junge entwischte ihm. Nicht so glücklich war das Mädchen. Sausend traf sie der erste Hieb auf die nackten Schenkel, und die Jagd begann. Stumm floh das an solche Szenen gewöhnte Kind vor dem wütenden Manne. Gewöhnlich pflegte er sie auf dem kürzesten Wege nach Hause zu jagen und dort einzusperren; dem wollte sie entgehen und versuchte die Ebene zu gewinnen. Fast schien es, als solle ihr dies gelingen. In der Mitte der Straße nämlich stand Herr Karl, der Elodia zum Volksfest führte. Er hatte alles mit angesehen; rot vor sittlicher Entrüstung, hielt er sich an der Seite seiner Enkelin, die mit weit aufgerissenen Augen unschuldig und verblüfft dreinschaute. Dreckbatzen erkannte die beiden und wollte sich in ihren Schutz stellen. Herr Karl stieß sie zurück. Jesus stürzte herzu; die Peitsche knallte, und die gehetzte Sünderin begann jetzt um den Onkel und die Cousine herumzurennen, während ihr Vater hinterdreinlief, die Peitsche schwingend, dem Kinde fluchend und ihm in der Kasernensprache seine lasterhafte Aufführung vorwerfend. Herr Karl versteckte entsetzt den Kopf Elodias an seiner Brust, damit sie nicht sehe und höre; doch diese fabelhafte Begebenheit brachte auch ihn um seine Besinnung; er vermochte sich nicht zu beherrschen und rief aus: »Verwünschte Gassendirne, willst du gehen! Wer, zum Henker, hat mir solch Gesindel in dieses Bordell von einem Land hergebracht!« Ihrer Deckung beraubt, fühlte sich Dreckbatzen verloren. Ein Peitschenhieb, der ihr wie ein Lasso die Brust unter den Achseln umschnürte, drehte sie gleich einem Kreisel; ein zweiter warf sie zu Boden; ihr blieb nur noch die eine Rettung, so schnell wie möglich ihre Wohnung zu gewinnen. Sie setzte über die Hecken, sprang über Gräben, stürzte quer durch die Weingärten, auf die Gefahr, sich an den Stützhölzern aufzuspießen. Aber ihre dünnen Beinchen trugen sie nicht schnell genug; immerfort pfiffen die sausenden Hiebe um ihre Schultern, ihre Hüften. Ihr machte es schließlich Spaß, diese züngelnden Hiebe schienen ihr eine Art pikanter Reizung; mit einem nervösen Lachen schlüpfte sie endlich in das verlassene Kellerloch am Berge und verkroch sich in einem Winkel, wo ihr die Peitsche nichts mehr anhaben konnte. »Gib deine fünf Franken heraus«, befahl der Vater. »Das soll deine Strafe sein.« Sie versicherte, daß sie das Geld unterwegs verloren. Er spottete ungläubig, durchsuchte ihre Taschen; als er nichts fand, geriet er von neuem in Wut. »Du hast sie deinem Liebhaber gegeben? ... Herr du meines Lebens! Ist das ein viechsdummes Mensch! Sie steckt ihm noch obendrein Geld zu!« Polternd und fluchend trollte er sich von dannen, nachdem er die Tür geschlossen und seiner Tochter erklärt hatte, sie werde dort bis zum nächsten Morgen bleiben, denn er komme diese Nacht nicht heim. Dreckbatzen untersuchte, sobald sie allein war, ihren Körper, der glücklicherweise nur einige blaue Striemen aufwies, kämmte sich und kleidete sich wieder an. Hierauf schraubte sie mit erprobter Geschicklichkeit das Türschloß ab und machte sich aus dem Staube, ohne nur die Pforte zu schließen. Mögen die Diebe kommen! Sie werden schon sehen, ob es hier was zu stehlen gibt. Sie wußte, daß sie Ernst und Delphin in einem Gehölz am Ufer der Aigre wiederfinden werde; dorthin lenkte sie ihre Schritte. Die beiden Jungen waren richtig an Ort und Stelle; diesmal war Ernst an der Reihe und Delphin machte den Aufpasser. Darauf zog er das aufbewahrte Silberstück hervor, und die beiden Burschen zählten ihre eigene Barschaft: Ernst hatte drei Franken, Delphin sechs Sous. Das Mädchen entschied, man solle alles gemeinschaftlich verjubeln. Sie eilten zum Festplatz, Dreckbatzen kaufte sich eine rote Atlasschleife und steckte sie ins Haar; dann führte sie ihre Freunde an einen Tisch, wo Zuckerplätzchen ausgewürfelt wurden, und ließ sie spielen. Als Jesus bei Lengaigne ankam, fand er Bécu dort, der sein Feldhüterschildchen auf einer neuen Bluse trug. Zornig ging er auf ihn zu. »Sag' 'mal, versiehst du so dein Amt? ... Weißt du, wo ich deinen Tagedieb von Sohn gefunden habe?« »Wo?« »Im Straßengraben auf meiner Tochter ... Ich werde an den Präfekten schreiben, daß er dich absetzt, Lumpenvater, selbst ein Lump.« Bécu wurde böse. »Deine Tochter? Glaub's, die treibt sich ja überall herum ... Aha, sie hat Delphin verführt? Wart, ich werd' sie von den Gendarmen packen lassen!« »Versuch's, Bandit!« Aug in Aug standen die beiden Männer einander gegenüber. Doch plötzlich verflog ihr Zorn. »Man muß sich auseinandersetzen«, meinte Jesus. »Trinken wir eins.« »Keinen Sou!« antwortete Bécu. Der andere zog aber sein erstes Fünffrankenstück hervor, warf es in die Luft, kniff es wie ein Monokel in den Augenwinkel, und rief lustig: »Machen wir es klein, Alterchen! ... Komm hinein, Kamerad! Die Reih' ist an mir, du zahlst oft genug.« Sie schritten in bester Laune und Eintracht über die Schwelle der Kneipe. Lengaigne hatte einen vortrefflichen Gedanken gehabt. Der Besitzer des Tanzzeltes, das alljährlich auf der Wiese aufgeschlagen worden, war nämlich diesmal ausgeblieben, weil ihm der Ertrag des letzten Festes nicht seine Kosten gedeckt. Dies hatte Lengaigne bestimmt, in der Scheuer, die hinter seiner Schankstube lag und deren Tor auf die Straße hinausführte, einen Ball abzuhalten. Er ließ sogar die Wand des Trinkzimmers durchbrechen, so daß beide Räume verbunden waren. Dieser glückliche Einfall zog das ganze Dorf zu ihm hin, während sein Gegner Macqueron in seinen leeren Wänden vor Wut barst. »Sofort zwei Liter, jedem einen!« bestellte Jesus überlaut. Aber während Flora in glücklichster Stimmung über den reichen Besuch ihres Hauses die Neuankommenden bediente, bemerkte Jesus, daß ihr Mann sich im Lesen eines Briefes unterbrochen hatte, den er einer Gruppe Bauern vortrug. Auf die Frage des Gastes erwiderte der Wirt bedeutungsvoll, es sei ein Schreiben seines Sohnes Viktor aus der Garnison. »Ah! Ah! Ah!« rief Becu. »Na, was erzählt denn der Bursch? Mußt noch 'mal von vorn anfangen.« Lengaigne begann von neuem. »Meine lieben Eltern, ich lasse Euch wissen, daß wir jetzt in Lille in Flandern liegen seit einem Monat weniger sieben Tagen. Das Land ist nicht übel, wenn nicht der Wein so teuer wäre, denn man muß ihn bis sechzehn Sous den Liter zahlen ...« Die ganzen vier Seiten schülerhaften Geschreibsels enthielten fast nichts anderes; derselbe Satz kehrte immer wieder in den langgezogenen Sätzen. Die Zuhörer aber besprachen jedesmal diese interessante Sache: »Ist es möglich, daß es so teure Städte gibt? Verdammte Garnison!« In den letzten Zeilen guckte etwas wie ein Aderlaß durch: der Briefschreiber erbat zwölf Franken, um ein Paar Stiefel ersetzen zu können, die er verloren habe. »Ah! Ah!« schrie Bécu. »Ein ganzer Kerl, der Bursch!« Nachdem die zwei Liter geleert worden, verlangte Jesus zwei Flaschen versiegelten Weines zu zwanzig Sous. Er zahlte stets sofort, um die Aufmerksamkeit der anderen Gäste zu erregen; er klopfte mit seinem Gelde auf den Tisch und lärmte über Gebühr. Sobald das erste Silberstück vertrunken war, zog er ein zweites hervor, klemmte es sich wieder ins Auge und schrie, es sei nicht das letzte: wenn sie alle verjubelt seien, gebe es noch mehr. In dieser Weise verging der Nachmittag. Trinker drängten herein, hinaus, ein allgemeiner Rausch erhitzte die Köpfe. Alle diese Leute, die so schweigsam, so überlegt blickten an den Wochentagen, schrien, hieben mit Fäusten auf die Tische und spien unaufhörlich. Ein großer, magerer Mensch bekam Lust, sich rasieren zu lassen, und sofort setzte ihn Lengaigne mitten unter die anderen Bauern und begann ihm das Leder zu kratzen, daß es sich anhörte, als scheure man ein Schwein ab. Kaum war er fertig, so nahm ein zweiter den Platz ein, dann ein dritter; es machte ihnen Vergnügen. Dabei schwatzte man hin und her und zog über Macqueron her, der sich nicht vor der Tür seiner leeren Schenke sehen ließ. War's nicht die Schuld dieses sauberen Amtsgehilfen, wenn der Tanzmeister nicht hatte kommen wollen? Man half sich, wie man konnte. Natürlich ziehe er es vor, Chausseen zu bewilligen, damit man ihm das Land, das er umsonst hergebe, dreimal über den Wert bezahle. Diese Anspielung rief eine lärmende Heiterkeit hervor. Die dicke Flora aber, für welche dieser Tag den schönsten Triumph bedeutete, lief, trotzdem sie alle Hände voll zu tun hatte, jedesmal unter die Tür und lachte höhnisch, sobald sie Celines neidentfärbtes Gesicht drüben hinter den Scheiben gewahrte. »Zigarren, Frau Lengaigne!« befahl Jesus mit schallender Stimme. »Von den teuren, zu zehn Centimes!« Als es dunkel geworden und man die Petroleumlampen angezündet hatte, kam die Becu, um ihren Mann heimzuholen. Doch die beiden Kumpane waren in eine Kartenpartie verwickelt. »Kommst du? Es ist schon acht Uhr vorüber. Wir müssen doch essen.« Er maß sie mit dem starren Blick Betrunkener. »Geh zum Henker!« Jesus aber rief hoch vergnügt: »Frau Bécu, ich lade Sie ein ... Gelt, wir wollen uns 'mal alle drei was Gutes tun ... Geben Sie acht, Wirtin! Bringen Sie uns vom Besten, Schinken, Kaninchen, Nachtisch ... Und haben Sie keine Angst. Schauen Sie her ... Aufgepaßt!« Er tat, als suche er überall an sich herum. Dann plötzlich zog er ein drittes Silberstück hervor und hielt es in die Luft. »Kuckuck! Da ist es!« Alles lachte; einem Dicken rannen die Tränen über die Wangen. Dieser Jesus war doch eine gelungene Haut! Ein paar Bauern traten heran und befühlten zum Scherz seinen Körper, als meinten sie, er müsse die Fünffrankenstücke unter der Haut versteckt haben. Beim Essen aber wiederholte der Strolch zehnmal: »Wissen Sie, Frau Bécu, wenn's Ihrem Manne recht ist, nehme ich Sie heut zu mir nach Haus mit. Wir wollen's einmal miteinander probieren! ... Einverstanden?« Das alte Weib war fabelhaft schmutzig, denn, entschuldigte sie sich, sie habe nicht beabsichtigt, beim Feste zu bleiben. Sie war schwarz, mager, zusammengetrocknet gleich einer verrosteten Stricknadel. Das hinderte Hyacinth nicht, ihr an die nackten Schenkel zu greifen. Sowohl sie selbst, wie ihr vollständig betrunkener Mann lachten zu dem Scherze. »Der wären zwei nicht zuviel!« meinte Becu geifernd. Es war zehn Uhr, der Ball begann. Durch die Verbindungstür leuchteten die vier Lampen, die an Drähten vom Gebälk herabhingen. Clou, der Hufschmied, war da mit seiner Posaune, und der Neffe eines Seilers aus Bazoches-le-Doyen, der die Geige spielte. Der Eintritt war frei, jeder Tanz kostete zehn Centimes. Der Lehmboden war mit Wasser bespritzt worden, damit es nicht staube. Wenn die Musik schwieg, vernahm man vom Schießstande her das kurze, regelmäßige Knallen der Büchsen. Die sonst so finstere Straße aber war hell beschienen von den Scheinwerfern der beiden Buden, dem in Gold glitzernden Zelte des Kramhändlers und dem Roulettespiel, das gleich einer Kapelle mit roten Vorhängen geschmückt war und mit Spiegeln an den Wänden. »Seht, da ist die Kleine!« rief Jesus trüben Blickes. Dreckbatzen, von Delphin und Ernst begleitet, trat in den Tanzsaal, und ihr Vater schien keineswegs erstaunt, sie dort zu sehen, obwohl er sie eingeschlossen hatte. Außer der roten Schleife, die in ihrem Haar steckte, trug sie ein Halsband aus falschen Korallen, Perlen in Siegellack, die sich blutrot von ihrer braunen Haut abhoben. Die drei waren müde von ihren Streifereien durch den Festplatz und hatten sich mit allerhand Zuckerwerk den Magen verdorben. Delphin war in Bluse und trug seinen runden, struppigen Kopf ohne Bedeckung, ein kleiner Wilder, der sich im freien Felde, in Schlupfwinkeln und Höhlen wohl fühlte. Ernst hingegen liebte bereits städtische Eleganz; er trug einen bei Lambourdieu gekauften Anzug, einen jener in der niederen Konfektion von Paris grosweise verfertigten Anzüge, und einen melonenförmigen Hut, um seine Verachtung gegen das Heimatsdorf zu zeigen. »Kleine!« rief Jesus. »Komm her, kost' 'mal das hier ... He? Ist das ein famoser Saft?« Er ließ sie aus seinem Glase trinken, während die Bécu ihren Sohn strengen Tones fragte: »Was hast du mit deiner Mütze gemacht?« »Verloren.« »Verloren? Komm her, daß ich dir eine herunterhau'!« Doch Bécu, geschmeichelt durch die vorzeitigen Galanterien seines Sohnes, legte sich ins Mittel. »Laß ihn doch, er wird jetzt ein Mann ... Also ihr Taugenichtse bändelt schon mit Mädels an? ... Ein Hauptkerl, hol mich der Fuchs!« »Geht, amüsiert euch«, schloß Jesus väterlichen Tones. »Und führt euch anständig auf.« »Sie sind besoffen wie die Schweine«, sagte Ernst verächtlich, während das Kleeblatt in den Ballsaal zurückging. Dreckbatzen lachte. »Ich glaub's! Ich rechnete darauf ... Darum sind sie ja so zahm.« Der Ball wurde lebhafter, man vernahm nichts mehr als die Posaune von Clou, die das dünne Gefiedel der Violine erstickte und verschlang. Die starken Sohlen der Tanzenden kneteten den reichlich begossenen Fußboden. Aus all den fliegenden Weiberröcken aber, aus den Wämsern und Miedern, die sich unter den Achseln mit großen Schweiß flecken näßten, stieg ein durchdringender Geruch empor und mengte sich mit dem ätzenden Qualm der Lampen. Aber zwischen zwei Quadrillen erregte das Erscheinen Bertas Aufsehen. Die Tochter Macquerons hatte ein seidenes Kleid, das genau nach dem Muster einer Toilette gemacht war, welche die Tochter des Steuereinnehmers von Cloyes am Sankt-Lubin-Tage getragen. Sollten ihre Eltern ihr erlaubt haben zu kommen? Oder war sie ihnen heimlich entschlüpft? Es wurde sehr bemerkt, daß das Fräulein ausschließlich mit dem Sohne eines Stellmachers tanzte, mit dem zu gehen ihr Macqueron verboten, weil die beiden Familien in Feindschaft waren. Jeder machte seine Glossen; es scheint, daß die Kleine es nicht mehr für gut befindet, sich allein die Gesundheit zu ruinieren. Trotz seiner Trunkenheit bemerkte Jesus am Eingang des Tanzbodens den häßlichen Kopf des Schulmeisters, dessen Blick den Tanz Bertas und ihres Galans verfolgte. Er vermochte nicht, an sich zu halten. »He! Herr Lequeu,« rief er, »tanzen Sie nicht mit Ihrer Geliebten?« »Wer ist das, meine Geliebte?« gab der Schulmeister grüngelb vor Ärger zurück. »Nun, die Seidene da drüben!« Wütend, daß man ihn durchschaut, wandte sich Lequeu ab und verharrte unbeweglich in dem überlegenen Schweigen, mit dem sein Stolz sich zu umgeben pflegte. Jesus aber rief den vorbeistreifenden Wirt heran. »Na? Hab' ich's dem Tintenkleckser gegeben? ... So ein Männchen glaubt, die reichen Mädchen sind für ihn da! Wart ein wenig! ... Übrigens ist an der Berta nicht mal was dran; die hat ja nur auf dem Kopfe Haare.« Sehr aufgeräumt bekräftigte er die Sache, als ob er sie gesehen habe. Man sprach davon von Cloyes bis Ghateaudun; alle Burschen trieben ihren Spaß damit. Nicht ein Härchen, auf Ehrenwort! Die Stelle ist so glatt wie das Kinn eines Pfarrers. Erstaunt über dieses Naturwunder erhoben sich alle, um Berta nachzublicken, wie sie mit fliegenden Röcken im Tanze vorüberkam. Lengaigne duzend, setzte Jesus hinzu: »Da ist deine Tochter aus anderem Stoff gemacht; die hat welche, wie?« Geschmeichelt versetzte jener: »Na ob!« Susanne war jetzt in Paris, »in der höheren Mädchenschule«, wie man sich erzählte. Ihr Vater behandelte die Sache diskret, redete von einem guten Platz, den sie habe. Während er noch sprach, fragte ihn ein eben eintretender Bauer, wie es seinem Sohne Viktor gehe? Er zog wieder den Brief hervor: »Meine lieben Eltern, ich lasse Euch wissen, daß wir jetzt in Lille in Flandern liegen ...« Alles horchte auf. Leute, die das Schreiben schon fünf- oder sechsmal vernommen, traten herzu. »Sagt er wirklich sechzehn Sous?« »Ja, sechzehn Sous! Da steht's.« »Verflixtes Land!« meinte Bécu. In diesem Augenblick kam Hans und schritt geradewegs zum Tanzboden, als suche er dort jemanden. Enttäuscht und betrübt kehrte er in die Schankstube zurück. Seit zwei Monaten wagte er nicht mehr so häufig Besuche bei Buteau zu machen, denn dieser begegnete ihm kühl, fast feindlich. Zweifelsohne hatte er seine Gefühle für Franziska schlecht verborgen; der Kamerad mochte die tiefe Freundschaft, die ihn ganz erfüllte, gewahr geworden sein. Das mißfiel ihm vermutlich, durchkreuzte es doch seine Pläne. »Guten Abend«, rief Hans und näherte sich dem Tische, wo Fouan und Delhomme eine Flasche Bier tranken. »Wollen Sie mithalten, Korporal?« bot ihm Delhomme höflich an. Hans nahm an und sagte, nachdem er mit beiden angestoßen: »Merkwürdig, daß Buteau nicht da ist.« »Da kommt er grad!« versetzte Fouan. Buteau war allein, was Hansens Stirne noch mehr umdüsterte. Der andere machte die Runde durch das Lokal und schüttelte diesem und jenem die Hand; endlich blieb er vor dem Tische seines Vaters und seines Schwagers stehen und erklärte, er trinke nichts und wolle sich nicht setzen. »Lise und Franziska tanzen nicht?« fragte Hans nach einer Weile, und seine Stimme zitterte. Buteau blickte ihn scharf an mit seinen kleinen, grauen Augen. »Franziska schläft, das ist gesünder für die Jugend.« Eine Szene an einem anderen Tische brach die Unterhaltung ab. Jesus lag sich mit Flora in den Haaren: er hatte eine Flasche Rum verlangt, um einen gebrannten Punsch zu machen; sie weigerte sich, sie ihm zu geben. »Nichts mehr! Sie sind betrunken genug.« »Wa ... Was piepst du da? Glaubst du, Hexe, ich werde dich nicht bezahlen? Ich kauf dir deine ganze Baracke ab, willst du? Ich brauch' mich nur zu schneuzen, schau her!« Er hielt in der Faust sein letztes Fünffrankenstück versteckt, faßte seine Nase mit zwei Fingern, prustete laut, tat als schnaube er das Geld heraus, und zeigte es dann wie eine Hostie herum. »Das schneuze ich aus, wenn ich verschnupft bin!« Donnernder Beifall erschütterte die Wände. Floras Widerstand war gebrochen, sie brachte den Liter Rum, Zucker und eine Schüssel. Jesus aber lenkte jetzt die Aufmerksamkeit des ganzen Saales auf seine Person, wie er mit erhobenen Ellbogen den brennenden Grog umrührte, während die Flammen sein kupfernes Gesicht durchglühten und den dichten Nebel des Tabak- und Lampenqualmes in roten Rauch verwandelten. Doch der Anblick des Geldes hatte Buteau aufgeregt. »Du Lump,« brach er los, »schämst du dich nicht, so das Geld zu vertrinken, das du unserm Vater stiehlst?« Der andere nahm die Sache scherzend. »Der Kleine spricht! Hast heut wohl noch nichts gegessen, mein Junge, daß du so albernes Zeug daherschwatzest?« »Ich sag', daß du ein Schurke bist, der im Zuchthaus enden wird. Um deinetwegen ist unsere Mutter aus Gram gestorben.« Der Trunkenbold hieb mit seinem Löffel in die brennende Schüssel, daß die Flammen lodernd emporzüngelten; dabei kicherte er in sich hinein: »Gut, gut! nur weiter! ... Natürlich bin ich's, wenn du es nicht bist.« »Und ich sag' ferner, daß Faulenzer von deinem Gelichter nicht verdienen, daß das Getreide wächst ... Wenn man bedenkt, daß du unser Eigen, diesen ganzen schönen Grund, den unsere Alten mit soviel Mühe für uns zusammengehalten, daß du das verpfändet, Fremden hingeworfen hast ... Elende Kanaille, was hast du mit unserm Land gemacht, mit unserer Erde?« Jetzt wurde Jesus lebhaft. Sein Punsch erlosch, er aber richtete das Haupt empor, lehnte die Hünengestalt in seinem Stuhl zurück und begann, während alles seiner Antwort lauschte: »Die Erde?! Aber sie hat dich ja zum besten, deine Erde! Du bist ihr Sklave, sie nimmt dir dein Vergnügen, deine Kraft, dein Leben, Dummkopf! Und sie bereichert dich nicht einmal! ... Ich hingegen, der ich die Hand in den Schoß lege und sie verachte, der ich nichts für sie habe als Fußtritte, ich, siehst du, bin Rentier und trink' nach meinem Durst! ... Du Hansnarr du!« Die Bauern lachten noch, während Buteau, durch diesen plötzlichen Ausfall überrascht, nur zu stottern wußte: »Nichtsnutz! Faulpelz, der nichts arbeitet und sich noch dessen rühmt.« »Die Erde, welch ein Ammenmärchen!« fing Jesus lauter als vorher an. Du bist einfältig, mein Junge, wenn du immer noch an diese Fabel glaubst ... Die Erde, der Grundbesitz? Gibt's denn das überhaupt? Es gehört mir, es gehört dir, es gehört niemandem. War's nicht des Alten Eigentum? Hat er's nicht zerstückeln müssen, um es uns zu geben? Und wirst du's nicht wieder zerschneiden für deine Kinder? ... Also was? Das kommt, das geht, das vermehrt sich, verringert sich ... Es verringert sich ganz besonders; denn schau, heut kommst du dir wie ein großer Herr vor mit deinen sechs Morgen, und unser Vater hatte neunzehn ... Mich hat es angewidert, es war mir zu klein, ich hab's verjuckst. Und dann, mein Junge, ich liebe die soliden Anlagen, und der Grundbesitz, weißt du, der geht aus der Naht! Ich würd' nicht einen Liard darauf wagen; schlechtes Geschäft das; mir schwant etwas von einer Katastrophe, einem Riesenbankerott, wo ihr die Gimpel seid.« Eine Totenstille herrschte in der Schenke. Niemand lachte mehr; besorgt blickte alles nach dem unheimlichen Recken, der in seinem Rausche seine Gedanken hervorsprudelte, die im Feldzug in Afrika, in allen Städten, die er durchstreift, in allen Weinstuben, die er besucht, sich in ihm abgelagert hatten; ein wirres Durcheinander von Vorstellungen, aus denen sich deutlich abhob: der Achtundvierziger, der Kommunist, dem 1789 als das Höchste galt. »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit! Jawohl, aber nicht ohne eine neue Revolution. Man hat uns betrogen bei der Teilung, die Bürger haben alles genommen, aber, potz Blitz und Kanonen! man wird sie zwingen, es wieder herauszugeben ... Ist ein Mensch nicht soviel wert wie der andere? Ist es zum Beispiel Gerechtigkeit, daß dieser Tropf in der Borderie alles hat und ich nichts? Ich verlange meine Rechte, verlange mein Teil, jedermann soll sein Teilhaben.« Bécu war zu betrunken, um die Obrigkeit zu verteidigen; er nickte, ohne zu verstehen. Nur einen Augenblick schien er etwas klarer zu sehen, er lallte: »Ja! Ja! ... Aber der König ist der König. Was mein ist, gehört nicht dir.« Ein Beifallsgemurmel lief durch die Menge, und Buteau vergalt ihm, indem er rief: »Hört ihn nicht an; er verdient, das man ihn abtut.« Das Lachen setzte wieder ein; Jesus aber verlor alles Maß, er sprang auf, fuchtelte mit den Fäusten durch die Luft und donnerte los: »Wart, wenn's wieder losgeht, wollen wir uns sprechen ... Jawohl, ich hab' ein Wort mit dir zu reden, verwünschte Memme! Du spielst den Helden heut, weil du mit dem Schulzen, mit seinem Schreiber, mit deinem Viersousabgeordneten bist! Nicht wahr? dem Herrn Abgeordneten machst du Katzenbuckel, bist vernagelt genug, dir einzubilden, er sei der Stärkere, er könne dir dein Getreide verkaufen helfen? Ich hab' nichts zu verkaufen, aber mit dir, mit dem Schulzen, seinem Schreiber, dem Abgeordneten, mit den Gendarmen –schau her, was ich mit euch allen mache! Morgen kommt an uns die Reihe, da werden wir die mächtigen sein; nicht ich allein, all' die armen Teufel, die genug haben, in Hunger und Elend zu verkommen, und dann die anderen, ihr nämlich, gewiß ihr, sobald ihr mal werdet müde sein, den Bürger zu füttern und euch selbst nicht einmal satt zu essen! ... Dann gibt's keine Grundbesitzer mehr, das Land gehört dem, der es nimmt. Hörst du, Junge, das Land, ich nehm's mir und scheiße drauf.« »Ja, komm' nur, daß ich dich niederschieß' wie einen Hund!« rief Buteau so außer sich, daß er, die Tür hinter sich ins Schloß werfend, ins Freie stürzte. Lequeu hatte sich schon vor einer Weile protestierend zurückgezogen; er durfte sich als Beamter nicht durch das Anhören solcher Dinge bloßstellen. Fouan und Delhomme schwiegen beschämt und bückten sich auf ihr Glas nieder; sie wußten, daß der Säufer noch lauter schreien würde, wenn sie versuchen wollten, ihn zu beschwichtigen. Die Bauern an den benachbarten Tischen aber begannen zu grollen: Wie, ihr Gut sei nicht ihr Eigen, man wolle es ihnen nehmen? Sie wurden unruhig und machten Miene, sich auf den Empörer zu werfen und ihn mit Fausthieben hinauszuwerfen. Da aber erhob sich Hans. Er hatte den Schreier nicht aus den Augen gelassen, hatte keines seiner Worte verloren und blickte ernst drein, als suche er, was wohl Wahres sei an diesen Worten, die ihn ebenfalls mächtig bewegten. »Jesus,« sprach er gemessen, »Ihr tätet besser, zu schweigen. All' diese Dinge spricht man nicht aus; wenn Ihr zufällig recht habt, seid Ihr sehr töricht, denn Ihr bringt Euch selbst um dieses Recht.« Dieses bedachte und weise Wort beruhigte Jesus sofort. Er fiel wieder auf seinen Stuhl und erklärte, ihm sei schließlich alles egal. Er begann wieder seine Dummheiten, küßte die Bécu, deren Mann mit dem Kopf auf dem Tisch eingeschlafen war; er nahm die Schüssel in die Hand und trank seinen Punsch aus. Die muntere Laune kehrte zurück; dichter qualmte der Tabakrauch, alle erklärten, Jesus sei trotz alledem eine gesunde Frucht. Im Hintergrunde der Scheuer drehten sich noch immer die Paare. Clou ließ kräftig den begleitenden Baß der Posaune schwellen, deren dröhnende Stimme das dünne Gezirp der Geige überbrummte. Tänzer und Tänzerinnen trieften von Schweiß, der den rußigen Dampf der Lampen durchdunstete. Die rote Kleidung von Dreckbatzen schimmerte durch den Nebel; bald war's Ernst, mit dem sie walzte, bald lag sie in den Armen Delphins. Auch Berta war noch da und wirbelte immer nur mit ihrem treuen Galan durch das kreisende Gewoge, während in einem Winkel die Burschen, denen sie einen Korb gegeben, im Chor ihrer spotteten. Wenn es diesem Tölpel gleichgültig war, ob sie hatte oder nicht, dann tat sie recht, bei ihm zu bleiben; andere hätten trotz ihres Geldes lieber gewartet, bis ihr welche wüchsen. »Gehen wir schlafen«, sagte Fouan zu Hans und Delhomme. Nachdem auf der Straße Hans den beiden Lebewohl gesagt, schritt der Alte schweigend dahin und schien die Reden, die er heute gehört, in seinem Hirn zu verarbeiten. Als hätten ihn diese Dinge entschieden, wandte er sich plötzlich an seinen Schwiegersohn: »Ich werde das Haus verkaufen und zieh' zu Euch. Es ist abgemacht ... Gute Nacht!« Langsamen Schrittes wandelte er einsam seinem Heim zu. Aber sein Gang war beklommen, seine Füße strauchelten auf dem finstern Wege; eine unsägliche Traurigkeit hing bleischwer an seiner Ferse, er taumelte wie ein Trunkener. Er hatte kein Land mehr und bald auch kein Haus mehr. Ihm war's, als zersäge man ihm die alten Dachbalken, als hebe man die graue Schieferbedachung hinweg, die ihn so lange beschirmt; ihm kam's vor, als sei er plötzlich ohne Heim, ohne Obdach, müsse wie ein Bettler Tag und Nacht die Wege entlang irren, und wenn es regne, triefe das kalte, endlos rieselnde Wasser auf sein Haupt. Viertes Kapitel. Helleuchtend hob sich seit fünf Uhr früh der brennende Ball der Augustsonne am Horizont, die reifen Kornfelder glühten in diesem flammenden Licht. Seit den letzten Regengüssen hatte sich die wachsende grüne Flut der Saaten gelber und gelber getönt; jetzt war's eine blonde, brennende See, in der das Flimmern der Luft sich zu spiegeln schien, ein Ozean, der sich beim leisesten Windhauch in loderndem Gischt entzündete. Man sah nichts wie Getreide, sah kein Haus, keinen Baum, allüberall Kornfelder. Zuweilen schläferte in der Hitze eine bleischwere Ruhe die zitternden Ähren ein; ein Geruch fruchtbarer Reife entströmte dem Boden und quoll hervor. Die Niederkunft der Mutter Erde nahte heran; die warme, schwere Frucht drängte ans Licht. Dieser weiten Ebene aber, dieser riesengroßen Ernte gegenüber erwachte eine Bange, die Besorgnis nämlich, daß der Mensch mit seinem neben dieser Unendlichkeit so winzig kleinen Leib nimmermehr all die Arbeit werde bewältigen können. Seit einer Woche war der Roggen eingebracht; jetzt begann Hourdequin mit dem Weizen. Im vergangenen Jahre hatte man ihm seine Mähmaschine verdorben: Der schlechte Wille seiner Leute nahm ihm die Geduld, sein Vertrauen in die Ersprießlichkeit der Maschinenarbeit begann zu wanken; darum hatte er seit dem Himmelfahrtstag einen Trupp Ernteleute angeworben. Dem Herkommen gemäß nahm er sie aus Mondoubleau in der Perche; es waren ein Vormäher, ein langer, dürrer Mensch, fünf andere Mäher, sechs Binderinnen, darunter vier Frauen und zwei Mädchen. Ein Wagen brachte die Leute nach Cloyes, woselbst sie das Fuhrwerk der Borderie abholte. Sie schliefen im Schafstall, Männer, Frauen und Mädchen durcheinander und fast unbekleidet, wegen der großen Hitze. In dieser Zeit war's, wo Jacqueline am meisten zu tun hatte. Frühmorgens um drei Uhr erhoben sich die Leute, um abends gegen zehn Uhr wieder ihre Streu aufzusuchen. Sie aber mußte die erste auf den Beinen sein, um die Suppe anzurichten, die um vier Uhr eingenommen wurde; ebenso war sie die letzte, die zur Ruhe ging, nachdem sie das aus Speck, Rindfleisch und Kohl bestehende große Abendessen um neun Uhr besorgt. Zwischen diesen beiden Mahlzeiten gab es drei andere, um die achte Stunde früh Brot und Käse, zu Mittag eine zweite Suppe, Milch und Brot des Nachmittags: alles in allem fünf reiche Mahlzeiten, die mit Most und Wein angefeuchtet wurden, denn die hart arbeitenden Ernteleute verlangen eine nahrhafte Kost. Ihr aber war dies alles ein Spaß, dieser geschmeidige Körper barg stählerne Muskel. Ihre nie müde Elastizität aber war um so erstaunlicher, als sie nämlich in jener Zeit den großen Tölpel Tron bis zur Erschöpfung mit ihrer Liebe aufrieb; die rosige Haut dieses Kolosses reizte ihre Sinne. Der ungeschlachte Kuhjunge ward ihr Pudel; überall mußte er ihr zu Willen sein, in den Scheuern, am Heuboden, auch im Schafstall, denn der Schäfer, dessen Spionieren sie fürchtete, war jetzt Tag und Nacht mit seinen Schafen im Freien. Besonders nachts feierte sie ihre Orgien, aus denen sie hübscher und frischer hervorging, als je und voll prickelnder Arbeitslust. Hourdequin sah und ahnte nichts. Er war im Fieber der Ernte, jener jährlich wiederkehrenden Krisis seiner Leidenschaft zum Landbau, einem Fieber, das ihn bis ins Mark durchschüttelte, ihn den Kopf erglühen und das Herz rascher schlagen ließ. Die Nächte waren so heiß, daß Hans es oft in seinem Hängeboden neben dem Pferdestall nicht aushielt; dann ging er ins Freie und legte sich angekleidet auf die Fliesen im Hof. Es waren nicht bloß die unerträglich dunstende Wärme der Pferde und die gärende Ausdünstung der Streu, die ihm den Schlaf raubten und ihn von seinem Lager emporrissen; es war sein fortwährendes Denken an Franziska, die immer wieder vor seinen Augen wach werdende Vorstellung, wie sie zu ihm komme, wie er sie an seine Brust schließe und mit seinen Küssen verzehre. Jetzt, wo Jacqueline ihm Ruhe gab, verwandelte sich seine herzliche Zuneigung zu dem geliebten Mädchen in ein rasendes Verlangen. Hundertmal nahm er sich in diesem marternden Halbschlummer vor, er wolle am nächsten Tage hingehen und nicht ruhen, bis sie sein geworden; doch sobald die Sonne aufgegangen und er sich das Haupt in einem Eimer kalten Wassers erfrischt hatte, schämte er sich dieses Gedankens, fand, daß er zu alt für sie sei, und in der nächsten Nacht begann die Qual von neuem. Als die Ernteleute in die Borderie kamen, erkannte Hans unter den Weibern die Frau eines Mähers, die er zwei Jahre früher, als sie noch Mädchen war, besessen hatte. Eines Nachts war er von dem Gedanken an Franziska wieder einmal übermäßig erregt; plötzlich sprang er auf, schlich sich in den Schafstall zu der Frau hin, die dort zwischen ihrem Mann und Bruder schlief, und zog sie am Fuß. Das Weib ergab sich ihm ohne Sträuben. Sie wechselten kein Wort: in der grabesstillen schwülen Finsternis der langgestreckten Schäferei, deren ausgekratzter Fußboden vom Mist des Winters einen beißenden Ammoniakgeruch ausströmte, versuchte Hans sein kochendes Blut zu dämpfen, und während der zwanzig Tage, welche die Arbeiter bereits auf dem Hof verweilten, fand er sich allnächtlich dort ein. In der zweiten Woche des Monats August war schon ein gut Stück Feldarbeit geschafft. Die Mäher hatten in den nördlichen Äckern begonnen und kamen allmählich zum Rand des Aigretales heran. Garbe um Garbe fiel der riesige Wald der Ähren; jeder Sensenhieb streckte mit rundem Ausschnitt ein Büschel Halme zu Boden: die winzigen Insekten wurden ihres Riesenwerkes Herr. Hinter dem stetigen Schritt der Männer strich die gerade Flucht des geschorenen Feldes dahin, starrten die harten Stoppel empor, auf denen gebückten Ganges, die Hinterbacken hoch, die Binderinnen sich bewegten. Es war dies die Zeit, in welcher die leere und traurige Öde der Felder sich am meisten belebte, wo ein Volk von Arbeitern, wo Wagen und Pferde sich dort tummelten. Soweit das Auge blickte, sah man Gruppen von Mähern; seitwärts geneigt, schoren sie beim wiegenden Hinundwieder der Arme den Acker. Die einen waren so nah, daß man das zischende Sausen des Stahles vernahm. Andere bewegten sich weit hinten in Reihen nebeneinander gleich einem Zug Ameisen. Auf allen Seiten entstanden Einschnitte in dem Getreidefeld, wie ein alter Stoff Löcher und Risse bekommt. Stück um Stück verlor die Beauce ihr Staatsgewand mit goldiger Schleppe, ihren einzigen Sommerschmuck, bis sie vollständig entkleidet, armselig und nackt wurde. Die Hitze nahm immer mehr zu. Besonders an jenem Tage war sie unerträglich, als Hans mit einem zweispännigen Wagen frischgemähter Garben nach einem Felde fuhr, das neben Buteaus Acker lag, wo das Getreide in Schober gebracht werden sollte. Es galt einen acht Meter hohen Schober zu errichten, der dreitausend Bund faßte. Die Sonnenglut spaltete die dürren Stoppel, und auf den noch ungemähten Flächen rösteten die feurigen Strahlen die unbeweglichen Ähren. Ein heißes Flimmern zitterte über den Halmen, als brannten sie. Kein Baum spendete Frische, keinen anderen Schatten gab's wie den kurzen Streif neben den Männern. Seit dem frühen Morgen arbeitete Hans unter dem flammenden Himmel; in Schweiß gebadet belud er seinen Wagen, leerte ihn wieder, und bei jeder Fahrt warf er einen Blick zum Nachbarfelde hinüber, wo Franziska in gebückter Stellung die Ähren aufraffte, die der vor ihr dahinschreitende Buteau abgemäht. Buteau hatte Palmyre zur Aushilfe nehmen müssen, denn Franziska vermochte die Arbeit nicht zu bewältigen, und auf Lise, die seit acht Monaten schwanger war, durfte er nicht rechnen. Dieser Familienzuwachs war ihm im höchsten Grade unwillkommen. Er war so sorgsam bemüht gewesen, solch einen Vorfall zu vereiteln! Wo nur kam der Bankert her? Er war grob zu seiner Frau, warf ihr vor, sie habe es absichtlich getan; jammerte stundenlang, als habe ein Bettler oder ein verlaufenes Tier sich in sein Haus gestohlen, um alles zu verzehren. Noch heute nach acht Monaten war er nicht imstande, einen Blick auf sein Weib zu werfen, ohne sie zu beschimpfen: verwünschter Bauch! Dumme Gans! Da muß man natürlich zugrunde gehen! Am Morgen hatte sie versucht, beim Binden zu helfen, doch er ward aufgebracht über ihre unbeholfene Schwere und schickte sie nach Hause. Um vier Uhr sollte sie wieder herauskommen, um den Nachmittagimbiß zu bringen. »Teufel!« fluchte Buteau, der sich abquälte, um ein angefangenes Stück Feld fertig zu bringen. »Mein Rücken brät, und meine Zunge ist dürr wie ein Stück Holz.« Er trug nur einen offenen Leinenkittel über seinem Hemd, durch dessen Schlitz die schweißbeperlte haarige Brust bis zum Nabel hervorsah. »Ich muß noch eins trinken!« setzte er, sich reckend, hinzu. Am Fußboden hatte er unter seinem Rock einen Liter Apfelwein versteckt. Er trank einen Schluck. »Du hast keinen Durst?« wandte er sich an Franziska. »Doch!« Sie nahm die Flasche und tat einen langen Zug. Während sie so mit eingebogenem Kreuz und straffer Brust das laue Getränk schlürfte, schielte er seitwärts zu ihr hinüber. Auch sie troff von Schweiß. Ihr Kattunkleid war nur halb geschlossen, aus dem oben geöffneten Leibchen schaute ihre weiße Haut hervor. Unter dem blauen Tuch, mit dem sie Haupt und Nacken umschlungen hatte, blickten ihre Augen merkwürdig groß und schön aus dem überhitzten stummen Gesicht hervor. Ohne ein Wort hinzuzusetzen, machte er sich wieder an seine Arbeit und streckte wiegenden Leibes die Schwaden aufs Feld; das Gezisch der Sense begleitete den ausgreifenden Schwung seines Armes. Sie schritt gebückt, die Hinterbacken hoch, hinter ihm drein, faßte mit der Sichel in der Rechten die Ähren zwischen den Disteln hervor, legte sie von drei zu drei Schritt in kleine Häufchen zusammen. Als er einen Augenblick innehielt, um mit dem Rücken der Hand die Stirne zu trocknen, und sie so gebeugt dastehen sah, das Haupt zur Erde, das Gesäß emporgestreckt wie ein brünstiges Tier, schien ihm seine Zunge noch trockener zu werden. »Vorwärts! vorwärts!« rief er dem Mädchen zu. »Du wirst doch keine Perlen fassen.« Palmyre war in dem nebenliegenden Acker beschäftigt, die seil drei Tagen in der Sonne getrockneten Schwaden zu binden. Buteau überwachte sie nicht, denn sie mußte auf Akkord arbeiten und wurde, obwohl es nicht Brauch war, nach der Zahl der von ihr gebundenen Garben bezahlt. Buteau hatte gemeint, sie sei schon zu alt und abgearbeitet, er finde nicht seine Rechnung, wenn er ihr wie jungen Mädchen dreißig Sous Tagelohn gebe. Selbst zu diesen harten Bedingungen hatte er sie nur nach langem Bitten aufgenommen: mit der Miene eines Mannes, der ein gutes Werk tut, beutete er die bedrängte Lage der Unglücklichen zu einem Extraprofit aus. Das arme Weib griff drei, vier Ährenhäufchen, soviel ihre dürren Arme fassen konnten, dann umschlang sie das Bündel mit einem bereitgehaltenen Strohband. Diese meist den Männern vorbehaltene, harte Arbeit erschöpfte das elende Weib; die schweren Bunde drückten ihr die Brust zusammen; das Ringen und Winden des Schnürstrohes brach ihr die Arme. Am Morgen hatte sie eine Flasche mitgebracht; von Zeit zu Zeit füllte sie diese in einer fauligen, stinkigen Pfütze und trank gierig diese ungesunde Flüssigkeit trotz des Durchfalles, der seit Beginn der Hitze im Verein mit der übermäßigen Arbeit ihre Kräfte aufrieb. Das Blau des Himmels war erloschen, eine weißglühende Decke spannte sich über die Flur; feurige Strahlen schossen aus dem glutentbrannten Sonnenball auf die Felder. Es war die erstickende, müde Ruhestunde nach dem Imbiß zu Mittag. Delhomme und seine Leute richteten unweit die Garben in »Körbe«: vier wurden aufrecht nebeneinander gestellt, und eine fünfte als Dach darüber gelegt; die Leute ließen ihre Arbeit ruhen und verkrochen sich in den Schatten einer Vertiefung. Einen Augenblick lang sah man auch den alten Fouan, der, seit er vor zwei Wochen sein Haus verkauft, bei dem Schwiegersohne lebte und mit seiner unversiegenden Leidenschaft die Erntearbeit verfolgte; hernach fühlte er ebenfalls das Bedürfnis, sich niederzustrecken, und verschwand. Jetzt hob sich in dem leeren Horizont aus dem wie Kohlenglut flimmernden Grunde der Stoppel nur noch in der Ferne der hagere Schattenriß der Großen, die prüfend einen Schober betrachtete, den ihre Leute inmitten der halbzerrissenen »Körbe« zu bauen begonnen hatten. Sie glich einem vom Alter ausgedörrten Baumstamm, dem die Sonnenstrahlen nichts mehr anhaben können; gerade aufgerichtet stand sie da; kein Schweißtropfen perlte an ihrer Haut; sie schaute streng und finster drein, aufgebracht darüber, daß ihre Mannschaft ausruhte. »Alle Wetter!« stöhnte Buteau. »Es geht nicht mehr.« Er drehte sich nach Franziska um: »Legen wir uns schlafen, komm!« Sein Auge spähte nach einem schattigen Fleck aus und fand keinen. Scheitelrecht prallte die Sonne aufs Erdreich; kein Strauch bot Schutz. Endlich gewahrte er, daß das am Ende des Feldes noch stehende Getreide einen schmalen, braunen Streif warf. Dorthin lenkten beide ihre Schritte. »He, Palmyre, ruhst du auch aus?« rief Buteau. Sie war auf fünfzig Schritte entfernt. Mit einer erloschenen Stimme, die wie ein schwacher Hauch über den Acker tönte, gab sie zurück: »Nein, nein, keine Zeit!« In der brennend heißen Ebene arbeitete nur sie allein noch. Wenn sie abends Hilarion nicht die dreißig Sous heimbrachte, schlug er sie; er hatte sich in letzter Zeit das Trinken angewöhnt und verlangte herrisch, daß sie ihm Geld schaffe, dieser Leidenschaft zu frönen. Doch ihre Kräfte verließen sie. Dieser knochendürre Leib ohne Brust, ohne Schenkel, den die Arbeit abgeschliffen hatte wie ein altes Brett, knackte, als wolle er brechen bei jeder Garbe, welche die Ärmste ergriff und band. Mit ihrem aschfahlen Gesicht, dessen Züge verwischt waren wie die Prägung eines alten Sou, und das aussah wie sechzig Jahre alt trotz ihrer fünfunddreißig, ließ sie die brennende Sonne ihre letzte Lebenskraft aufsaugen und verzehren, quälte sich, mit tödlicher Erschöpfung ringend, gleich einem Lasttier, das während der Arbeit zusammenbricht und stirbt. Buteau und Franziska hatten sich nebeneinander hingestreckt. Sie dampften vor Schweiß, seit sie sich nicht mehr bewegten. Die Wimpern fielen ihnen zu, ein bleischwerer Schlaf umfing sie; immerfort quollen in der unbeweglichen Schwere der heißen Luft die kochenden Tropfen aus ihren Körpern. Als Franziska eine Stunde später erwachte, überraschte sie Buteau, wie er, auf der Seite liegend, sie mit dem gelb funkelnden Blick anstarrte, der ihr seit einiger Zeit Furcht einflößte. Sie schloß von neuem die Lider und tat, als schlafe sie noch. Ohne daß er es ihr gesagt, fühlte sie, daß dieser Mann, unter dessen Augen sie aufgewachsen und ein Weib geworden, nach ihr verlangte. Wird er es wagen? Wird er, der Gatte ihrer Schwester, mit der er sich jede Nacht gütlich tat, den Mut haben, sich ihr zu nähern? Sie wartete, wünschte es unbewußt, entschlossen, ihn zu erwürgen, wenn er sie berühre. Plötzlich fühlte sie sich von ihm ergriffen. »Verwünschtes Schwein!« schrie sie auf und stieß ihn zurück. »Dummes Ding, laß doch!« flüsterte er wilden Blickes. »Alle schlafen, es sieht uns niemand.« In diesem Augenblick blickte das todmüde Gesicht Palmyres über das Getreide. Doch sie zählte nicht, bedeutete nicht viel mehr, als wenn eine Kuh herübergeschaut hätte. In der Tat machte sie sich unbekümmert wieder an ihre Arbeit; man vernahm von neuem das Knacken ihrer Lenden bei jeder Bewegung. »Kind, sei nicht so dumm! Versuch' es doch! Lise erfährt nichts.« Doch beim Namen ihrer Schwester raffte sich Franziska, die fast ihrem aufgeregten Lustgefühl erlegen wäre, empor und verteidigte sich hartnäckiger als vorher. Mit beiden Fäusten hieb sie auf den Verführer ein, stieß mit den nackten Füßen nach ihm, die er schon bis zu den Hüften aufgedeckt hatte, schrie, er sei ein elender Hund, sie wolle ihn nicht, sei zu gut für die Reste einer anderen. Er möge seine Frau zu Paaren treiben und ihr jeden Abend ein Kind machen. Er meinte immer nur, sie habe Bange vor den Folgen; er beschwichtigte diese Angst und versprach ihr hoch und teuer, er werde ihr kein Kind machen. Aber plötzlich wußte sie ihm einen derben Tritt in den Bauch zu versetzen; mit roher Kraft stieß er sie von sich, so daß sie vor Schmerz aufschrie. Es war Zeit. Als Buteau sich erhob, gewahrte er Lise, die das Vesperbrot brachte. Er ging ihr entgegen und hielt sie zurück, um Franziska Zeit zu lassen, ihre Röcke in Ordnung zu bringen. Ihm fiel jetzt ein, das Mädchen könne ihn verraten, und bedauerte, sie nicht mit einem Fußtritt unschädlich gemacht zu haben. Doch sie schwieg. Trotzig und herausfordernd ließ sie sich zwischen den Schwaden nieder und blieb auch, nachdem er wieder zu mähen begonnen, mit den Händen im Schoß dort sitzen. »Wie?« fragte Lise, die ebenfalls Platz nahm. »Du arbeitest nicht?« »Nein, mich langweilt's«, versetzte sie ungestüm. Buteau, der nicht wagte, sie zurechtzuweisen, fiel über seine Frau her. »Was brätst du denn da wie eine Zuchtsau deinen Bauch in der Sonne? Ein netter Kürbis!« Das rundliche, feiste Weib, das immer noch wohlgemut und guter Laune war wie früher, lachte bei diesen Worten. Vielleicht sei es nicht einmal so dumm, meinte sie, sich hier den Leib zu sonnen; es mochte dem Kleinen zugute kommen. Sie streckte sich behaglich einem riesigen, geschwollenen Saatkorn vergleichbar, das aus dem fruchtbaren Schoß der Mutter Erde hervordrängt. Ihr Mann aber scherzte nicht. Mit roher Stimme gebot er ihr, ihm zu helfen. Schwerfällig stand sie auf und versuchte die Schwaden zu sammeln; die mächtige Fülle ihres Leibes zwang sie, dies kniend zu verrichten; zur Seite gebogen, raffte sie mit unbeholfener Schwere pustend die Ähren auf. »Wenn du nichts tust,« rief sie der Schwester zu, »geh wenigstens nach Haus' ... Du kannst die Abendsuppe kochen.« Wortlos entfernte sich Franziska. In der immer noch drückenden Schwüle war die Beauce wiederum lebendig geworden. Die kleinen schwarzen Punkte der arbeitenden Menschen bewegten sich von neuem auf der endlosen Fläche. Delhomme mähte mit seinen beiden Knechten, während die Große das Wachsen ihres Schobers bewachte, auf ihren Stock gelehnt, den sie zu schwingen bereit schien, falls sie einen Säumigen ertappte. Auch Fouan tauchte wieder auf, schaute der Arbeit seines Schwiegersohnes zu und irrte mit seinem müden Schritt durch die Felder, in stillem Weh über Vergangenes grübelnd. Franziska aber schritt, noch betäubt von der aufregenden Szene, träumend die neue Chaussee dahin. »Pst! Franziska!« rief es plötzlich. Es war Hans, halb hinter den Garben versteckt, die er seit dem Morgen hierher fuhr. Er hatte eben wieder seinen Wagen entladen; wartend standen die Rosse unbeweglich in der Sonne. Erst am nächsten Tage sollte der Schober errichtet werden, der Bursche hatte einstweilen die Bunde in drei Reihen aufgestellt, zwischen denen im Stroh versteckt wie eine Kammer sich ein lauschiges Plätzchen buchtete. »Komm herüber! Ich bin's!« Mechanisch folgte sie der Aufforderung, ohne zu ahnen, wie Buteau ihr nachspähte, der überrascht war, daß sie die Straße verließ. »Wie kann man so stolz vorübergehen, ohne seinen Freunden guten Tag zu sagen?« scherzte Hans. »Du verbirgst dich ja so, daß man dich nicht sieht.« Er begann über den unfreundlichen Empfang zu klagen, der ihm jetzt bei den Buteaus zuteil wurde. Doch ihre Gedanken schienen abwesend, sie antwortete einsilbig oder überhörte gar seine Rede. Ohne Aufforderung war sie wie übermüde in dem Versteck im Stroh niedergesunken. Ihr ganzes Wesen erfüllte eins: der Angriff jenes andern dort drüben am Rain des Feldes; ihr war's, als fühle sie noch den kecken Griff seiner heißen Hand, als verfolge sie immerfort die Ausdünstung des Mannes, der sie umarmen wollte. Mit geschlossenen Wimpern und wogender Brust lag sie da, und ihr gewaltsam zurückgedämmtes Lustgefühl schien noch immerfort dieser Umarmung zu harren. Als Hans sie so hingebend dort liegen sah, erstaunte er: sein Blut geriet in Wallung und hämmerte ungestüm in seinen Schläfen. Er hatte diese Lage nicht absichtlich herbeigeführt und versuchte sich zu beherrschen; es schien ihm unwürdig, diese wehrlose Lage des Kindes zu mißbrauchen. Doch das Klopfen seines Herzens betäubte ihn. Er hatte sie so lange, so heiß begehrt! Die Vorstellung, sie zu besitzen, berückte seine Sinne wie in jenen schlaflosen Nächten auf dem Hofe. Er streckte sich an ihrer Seite ins Stroh, ergriff erst ihre eine Hand, dann beide Hände, die er drückte, als wolle er sie zerquetschen. Sie zog die Hand nicht zurück: ihre schweren Lider öffneten sich und blickten leer wie abwesend auf ihn hin ohne ein Lächeln, ohne Verlegenheit; eine nervöse Spannung verlängerte das Oval ihres Gesichtes. Dieser stumme, fast schmerzhafte Blick machte ihn plötzlich brutal, er fuhr ihr unter die Röcke und packte sie mit nerviger Faust an den Schenkeln, wie es Buteau getan. »Nein, nein,« stammelte sie; »ich beschwöre dich ... das ist gemein ...« Aber sie verteidigte sich nicht. Ein jäher Schrei –dann war's ihr, als wanke und schwanke der Boden unter ihr; wie ein Schwindel erfaßte sie's, sie wußte nicht mehr: war's der andere, der zurückgekehrt? Es war derselbe eiserne Arm, der sie umklammerte, derselbe starke Geruch, der den in der heißen Sonne arbeitenden Männern entströmt. Ihre Verwirrung, ihre Betäubung in der schwindelnden Nacht der fest geschlossenen Augen ward so groß, daß ihr stammelnd, unfreiwillig und ohne Bewußtsein, die Worte entschlüpften: »Kein Kind! Ich will kein Kind!« Hans riß sich aus ihren Armen. Franziska öffnete die Augen. Wie? War's schon vorüber, und hatte sie so wenig Vergnügen dabei? Ihr war nur ein Schmerz zurückgeblieben, und sie dachte unwillkürlich an Buteau. Daß Hans an ihrer Seite saß, ärgerte sie; warum nur hatte sie ihm nachgegeben? Sie liebte ihn doch nicht, diesen Alten! Er blieb unbeweglich und erstarrt wie sie, suchte, was er ihr sagen könne, und fand kein Wort; seine Verlegenheit wuchs, er entschloß sich, sie zu küssen. Sie aber wandte das Gesicht ab und wollte nicht erlauben, daß er sich ihr nähere. »Ich muß fortgehen«, murmelte er. »Du bleib' noch hier.« Sie antwortete nicht, ihre Augen schauten gedankenlos in den Himmel. »Nicht wahr? Warte fünf Minuten, damit man dich nicht mit mir zusammen fortgehen sieht.« Sie öffnete endlich die Lippen: »Gut, geh!« Das war alles. Er knallte mit der Peitsche, schalt seine Pferde, das Fuhrwerk setzte sich in Bewegung; er ging daneben schweren Schrittes und mit gesenktem Haupt. Buteau lugte noch immer aus der Ferne herüber. Als er Hans neben den Garben hervorkommen sah, hinter denen Franziska verschwunden, schöpfte er Verdacht. Ohne sich seiner Frau anzuvertrauen, schlich er hinzu und stand plötzlich vor dem Versteck im Stroh, darin das Mädchen in seiner immer noch anhaltenden Betäubung mit entblößten Beinen dalag und in die Wolken stierte. Ein Leugnen war unmöglich; sie versuchte es nicht. »Du schmutzige Dirne! Du hältst es mit dem da und willst mich mit Fußtritten traktieren? ... Zum Teufel, das wollen wir mal sehen!« Von neuem warf er sich auf sie; deutlich las sie in seinen verzerrten Zügen, daß er die Gelegenheit benutzen wollte. Kaum fühlte sie sich wieder von ihm ergriffen, so lehnte sich wie vorher ihr ganzes Ich dagegen auf. Sie mochte ihn nicht mehr; ohne sich Rechenschaft zu geben über die Launen ihres Willens, stieß sie ihn, dessen sie eben noch mit Reue gedacht, von sich und wehrte sich mit Händen und Füßen. »Schwein, willst du gehn? ... Ich beiße!« Ein zweitesmal mußte er sie fahren lassen; doch seine Wut, daß sie ihm einen andern vorzog, war grenzenlos. »Ich ahnte, daß du es mit dem Lümmel hieltest. Lange hätte ich ihn hinauswerfen sollen ... Verdammte Dirne, mit solch einem hergelaufenen alten Schuft gibt sie sich ab!« Der Schandreden ward kein Ende. In schamlosester Sprache warf er ihr die Sache vor; kein Ausdruck schien ihm kräftig genug, sie zu beschämen und zu vernichten. Sie aber geriet ebenfalls in Zorn, stand bleich und starr vor ihm und versetzte in keckem, kurzem Tone: »Geht's dich was an? Ich tu's, mit wem ich will!« ... Bin ich nicht frei, kann ich nicht tun, was mir beliebt?« »Gut, aber ich werd' dich hinauswerfen! Jawohl und sofort! Ich werde der Lise erzählen, wie ich dich getroffen habe. »Erzähl' ihr's, was macht mir das? ... Wenn's mir gefällt, geh ich meiner Wege.« »Wenn's dir gefällt? ... Das wollen wir mal sehen ... Hinausgeworfen wirst du, Metze; mit Fußtritten in den Hintern davongejagt!« Um den Weg abzukürzen, trieb er sie über das den Geschwistern gehörende Feld, jenen Acker, dessen Teilung er bisher immer noch aufgeschoben. Ein plötzlicher Gedanke durchzuckte sein Gehirn: er erblickte wie in einem Bilde dieses Land in zwei Stücke zerschnitten, deren eines sie nahm und es vielleicht ihrem Geliebten gab. Diese Vorstellung besänftigte auf der Stelle seinen Jähzorn. Nein, es wäre zu dumm gewesen, alles aufzugeben, weil ihm dies Mädchen eine Nase gedreht. Dergleichen Gelegenheiten finden sich wieder: ein Stück Land aber, das man einmal hat, muß man festhalten. Buteau sprach kein Wort mehr; zögernd ward sein Schritt; mit sich selbst unzufrieden, überlegte er, wie er seine Drohungen widerrufen könne. Endlich sagte er einlenkend: »Ich hab' kein boshaftes Herz; daß du mich nicht magst, bringt mich so auf ... Sonst erspar' ich gern der Lise in ihren jetzigen Umständen einen Kummer. Sie meinte, er fürchte, seinerseits verraten zu werden. »Sei überzeugt, wenn du sprichst, red' ich auch.« »Mir ist nicht bang davor,« versetzte er mit sicherer Keckheit, »ich sag' einfach, du lügst aus Rache, weil ich dich überrascht habe.« Während sie sich Lise näherten, schloß er hastig: »Also die Sache bleibt unter uns ... Wir reden ein andermal davon.« Lise war verwundert, die Schwester mit Buteau zurückkommen zu sehen. Er erzählte ihr, die Faulenzerin habe dort drüben hinter einem Schober geschmollt. Aber ein heiserer Schrei unterbrach ihr Gespräch. »Was gibt's? Wer schreit?« riefen sie, den Vorfall vergessend. Es war ein furchtbarer Ton gewesen; ein langgezogenes, heulendes Stöhnen, gleich dem Todesröcheln eines Schlachttieres drang es empor und versiegte in der flammenden Glut der Sonne. »Was ist das? ... Ein verendendes Pferd vermutlich!« Sie wandten sich nach der anderen Seite und gewahrten Palmyre in dem benachbarten Stoppelfelde, wie sie noch aufrecht stand inmitten der Schwaden. Ihre versagenden Arme preßten eine letzte Garbe an die Brust und versuchten sie zu schnüren; doch ein zweiter Todesschrei brach aus ihrer Kehle; sie ließ den Bund zur Erde fallen und stürzte kopfüber ins Getreide. Ein Sonnenstich hatte sie zu Boden gestreckt. Lise und Franziska rannten hinüber; lässig folgte Buteau; von den nächsten Feldern kamen andere herbei, die Delhommes, dann Fouan, der dort herumgestrichen und die Große, die mit ihrem Stock die Steine von ihrem Acker geschleudert. »Was gibt's?« »Palmyre ist gestürzt.« »Ja, ja, ich hab' sie fallen sehen.« »Großer Gott!« Von dem geheimnisvollen Schrecken gepackt, den jede Krankheit den Landleuten einflößt, standen sie im Kreise herum und wagten sich nicht hinzu. Ausgestreckt lag Palmyre da, das Gesicht zum Himmel gewandt, die Arme auf der Brust verschränkt, gleichsam gekreuzigt auf der Erde, die sie mit saurer Arbeit so früh erschöpft, die sie getötet hatte. Ein Blutgefäß mochte ihr geborsten sein; ein dünner roter Faden floß aus ihrem Munde. Doch noch mehr war es die Entkräftung, die sie hinraffte; elend, mager, fleisch- und geschlechtslos, so in nichts zusammengetrocknet lag sie dort inmitten der Stoppel wie ein mit Hadern behangenes Skelett. Endlich näherte sich die Großmutter, die das arme Weib verstoßen und niemals ein Wort für sie gehabt. »Mir scheint, sie ist tot.« Sie tippte mit ihrem Stock an die Verunglückte. Der Körper mit den ins brennende Sonnenlicht starrenden leeren Augen, mit dem breit verzerrten, offenen Munde bewegte sich nicht. Der Blutstreif auf dem Kinn gerann. »Natürlich ist sie tot«, fuhr die Große fort. »Besser das, als anderen zur Last fallen.« Ergriffen standen die Männer und Frauen da, ohne eine Bewegung zu machen. Durften sie die Leiche berühren, bevor man den Schulzen benachrichtigte? Sie begannen flüsternd ihre Meinungen auszutauschen, sprachen lauter und lauter und schrien endlich, um sich zu verständigen. »Ich werd' meine Leiter holen, die dort beim Schober steht,« meinte Delhomme, »wir können sie als Tragbahre brauchen. Einen Toten darf man niemals auf der Erde liegen lassen, das geziemt sich nicht.« Doch als er mit der Leiter kam und man eine Garbe Stroh darüber breiten wollte, um den Leichnam darauf zu legen, brummte Buteau. »Wir geben dir dein Korn schon wieder!« »Das will ich meinen!« Lise, die sich dieses gefühllosen Geizes schämte, fügte noch einige Handvoll Ähren hinzu, um den Kopf darauf zu betten; dann hob man die Entseelte auf dies Lager. Franziska vermochte nicht den Blick von der Leiche zu wenden. Eine seltsame Bestürzung und Traurigkeit überkam sie bei dem Gedanken, daß dies Unglück gerade in der Stunde geschehen, wo sie zum erstenmal einen Mann an ihrer Brust gefühlt. Sie und der alte Fouan blieben bei der Toten, während die anderen an ihre Arbeit zurückkehrten. Keines von den beiden sprach ein Wort: das junge Mädchen fragte sich, wie es möglich sei, daß dieser armselige Klumpen jemals ein Weib gewesen; der Greis dachte darüber nach, daß die, welche heimgegangen, am glücklichsten sind. Als gegen Sonnenuntergang die Feldarbeiter sich zum Heimgang rüsteten, kamen zwei Männer, um die Bahre ins Dorf zu tragen. Die Last war nicht schwer, sie hatten kaum nötig, sich ablösen zu lassen; doch andere schlossen sich ihnen an, es bildete sich ein ganzer Zug. Man schritt quer übers Feld, um die Biegung der Chaussee abzuschneiden. Die Tote lag steif und starr auf ihrem Strohbett; hinter dem Kopfe hingen ein paar Ähren herab und schaukelten wiegend hin und her. Jetzt hatte sich der heiße Dunst des Tages in einer rotgelben Wolke unterm Himmel gelagert. Die jenseits des Loirtales wie in Dampf verschleierte Sonne warf nur noch eine dünne Schicht gelber Strahlen knapp über den Boden und überspann alles mit diesem Gelb, mit dieser zarten Vergoldung. Die noch aufrecht stehenden Ährenhalme trugen rötlich schimmernde Flammenbüschel; an den Stoppeln blinkten zinnoberfarbene Kristalle. Auf allen Seiten aber bis zum Horizont hoben sich, übergroß erscheinend, die Schober aus diesem goldig durchglühten Meere; die einen noch leuchtend im Abendrot, die anderen vom Dämmern verschleiert, warfen weithin, bis ans andere Ende der Flur ihre Schatten. Ein hehrer Friede senkte sich über die Felder; in lichter Höhe trillerte einsam eine letzte Lerche. Demütig, mit hängenden Köpfen, gleich einer Herde, folgten die müden Arbeiter der Leiche. Niemand sprach ein Wort; man vernahm nichts als das Knacken der Leiter unter der Last der Toten, die sie heimtrugen, gebettet auf reifen Ähren. An jenem Abend zahlte Hourdequin die Ernteleute aus; die vereinbarte Arbeit war beendet. Die Männer bekamen hundertzwanzig Franken für die vier Wochen, die Weiber sechzig. Es war eine glückliche Ernte gewesen: gering war die Zahl der vom Sturm umgelegten Ährenfelder, an denen die Sense sich schartig reißt; kein Gewitter näßte das geschnittene Getreide. Deshalb erhob sich auch, wie der Vormäher, von seinen Leuten gefolgt, Jacqueline, als der Herrin des Hauses, die in ein Kreuz geflochtene Ehrengarbe darbrachte, ein vielstimmiger Jubelruf, und das herkömmliche Abschiedsmahl der Ernteleute ward in frohester Stimmung eingenommen: Man aß drei Hammelkeulen und fünf Kaninchen; man trank soviel und so lange, daß alle vollständig berauscht ihr Lager aufsuchten. Jacqueline war so angeheitert, daß sie sich auf ein Haar von Hourdequin hätte am Halse Trons überraschen lassen. Betäubt warf sich Hans auf die Streu im Hängeboden. Trotz seiner Ermüdung fand er keinen Schlummer; Franziskas Bild erwachte quälend vor seinen Sinnen. Ihn überraschte und verdroß es. Nach so zahllosen in Sehnsucht durchträumten Nächten hatte er so wenig Glück in ihren Armen genossen und sich darauf so leer gefühlt und losgelöst, daß er gemeint, es sei für immer zu Ende. Kaum ruhte er auf seinem Lager, so erschien sie ihm wieder, verlangte es ihn heißer denn je nach ihrer Umarmung. Die Szene am Nachmittag, die ihn so unbefriedigt gelassen, ward wieder lebendig, entflammte mit hundert Einzelheiten seine Sinne. Wie es anfangen, um sie wieder an die Brust zu schließen, morgen, übermorgen, und Tag für Tag? Ein Geräusch schreckte ihn auf; ein weiblicher Körper schmiegte sich an seine Seite: es war die Frau des Mähers aus der Perche, die ihn aufsuchte, erstaunt, daß er sie in dieser letzten Nacht vergesse. Zuerst wehrte er sie ab; dann plötzlich riß er das Weib an seine Brust, glühend, leidenschaftlich; ihm war's, als halte er die Geliebte umfangen, und er berauschte sich überselig und unersättlich in ihrer Umarmung. Zur selben Stunde erwachte Franziska jählings aus dem Schlummer, erhob sich und öffnete die Dachluke ihrer Kammer. Sie hatte geträumt, daß man sich unten raufe, daß heulende Hunde das Haus umschwärmten. Sobald die Luft sie ein wenig erfrischt, dachte sie an die beiden Männer: an den einen, der sie mit ungestümem Verlangen verfolgt, und an den andern, der sie besessen. Sie erwog die Sache, die Erinnerung zog einfach an ihrem Geiste vorüber, ohne daß sie irgendwelche Gedanken daran knüpfte oder einen Entschluß faßte. Plötzlich fuhr sie auf. Es war kein Traum: ein Hund heulte unten am Ufer der Aigre. Jetzt erst erinnerte sie sich: es war Hilarion, der seit Sonnenuntergang wehklagend neben der Leiche seiner Schwester Palmare kauerte. Man hatte versucht, ihn zu verjagen; er klammerte sich an die Leiche, biß um sich und wollte nicht lassen von ihr, die ihm Schwester, Weib, alles gewesen. Immer wieder und unaufhörlich tönte sein bellendes Heulen durch die Nacht. Lange Zeit saß Franziska schauernd und horchte. Fünftes Kapitel. Wenn's nur mit der Coliche nicht am selben Tage losgeht wie mit mir!« wiederholte Lise jeden Morgen. Mit ihrem enormen Leib blieb sie vor der Kuh stehen, deren Bauch ebenfalls von einer übermäßigen Fülle war. Niemals hatte man eine trächtige Kuh von diesem Umfang gesehen; sie war wie eine Tonne anzuschauen, und ihre Beine schienen ganz dünn daneben. Die neun Monate fielen gerade auf den Tag des Sankt Fiacre, denn Franziska hatte das Datum verzeichnet, an dem sie Coliche zum Stier geführt. Lise war ihrer Sache weniger sicher, denn dies Kind kam, ohne daß man recht wußte wie; doch um den Sankt-Fiacre-Tag herum erwartete auch sie es, vielleicht einen Tag früher oder später. Sie wußte es eben nicht genau und wiederholte besorgt: »Wenn's nur mit der Coliche nicht am selben Tage losgeht wie mit mir! ... Das wäre eine schöne Geschichte, du lieber Gott! Die Coliche war seit zehn Jahren Eigentum der Geschwister, darum hing man sehr an ihr. Sie war gleichsam ein Mitglied der Familie geworden; zur Winterszeit brachte man die Abende in ihrem Stalle zu, ihre warme Ausdünstung ersetzte die Heizung im Hause. Die Kuh zeigte sich ihnen ebenfalls sehr zugetan; sie liebte besonders Franziska; aus ihren großen Augen schaute ein zärtlicher Blick, sobald sie das Mädchen gewahr wurde. Sie leckte sie mit ihrer scharfen Zunge, bis fast das Blut hervorquoll, sie ergriff mit ihren scharfen Zähnen die Schürze der Kleinen, um sie zu sich heranzuziehen und festzuhalten. Als darum die Zeit des Kalbens herannahte, ließ man ihr die sorgsamste Pflege angedeihen; sie bekam Suppen, wurde zur schönsten Tageszeit ins Freie geführt und unausgesetzt gehütet und überwacht. Es war nicht bloß die Liebe zu dem Tiere, welche diese Behandlung hervorrief, man vergaß auch nicht die fünfzig Pistolen, welche die Kuh darstellte, die Milch, die Butter, den Käse, ein ganzes Vermögen, das mit ihrem Leben auf dem Spiele stand. Seit der Ernte waren vierzehn Tage vergangen; Franziska lebte wie früher, als sei nichts zwischen ihr und Buteau vorgegangen. Er schien sie vergessen zu haben; sie selbst vermied den Gedanken an solche Dinge, die ihre Sinne erregten. Hans, den sie getroffen und vor Buteau gewarnt, hatte sich nicht wieder bei ihnen blicken lassen. Er lauerte ihr hinter den Hecken auf und bat sie, sich abends aus dem Hause zu stehlen, um mit ihm zusammenzutreffen. Sie erschreckten solche Reden, sie schlug es ihm ab, indem sie ihre Kälte hinter einer ängstlichen Vorsicht versteckte. Später, wenn man daheim ihrer weniger bedürfe! Als er eines Abends ihrer habhaft geworden, wie sie zu Macqueron Zucker kaufen ging, verweigerte sie es hartnäckig, ihn hinter die Kirche zu begleiten, und sprach von nichts anderem als von der Coliche, nannte gewisse Anzeichen, –das Knacken der Knochen, das Öffnen des Hintern –die, wie der Bursch bestätigte, verriet, daß der Tag des Kalbens heranrücke. Gerade am Vorabend des Sankt Fiacre wurde Lise von heftigen Schmerzen befallen, wie sie im Stall mit ihrer Schwester die Kuh beobachtete, die mit gespreizten Hinterfüßen stehend, Klagetöne hervorstieß, als leide sie ebenfalls. »Was habe ich gesagt!« rief die Frau aufgebracht. »Na, das wird was werden!« Vornübergebeugt preßte sie zornig mit beiden Händen ihren Leib, als wolle sie ihn strafen, und rief, er solle warten, sie habe Zeit. Wie Fliegen prickelte es ihr in den Seiten; von den Lenden zog ein unerträglicher Schmerz bis in die Knie hinunter. Sie war nicht zu bewegen, sich ins Bett zu begeben; sie ging hin und her und erklärte, sie wolle heute nicht entbinden. Als sich bis zehn Uhr noch immer nichts ereignete, legte sich Buteau schlafen, während die Geschwister, nachdem man Julius zu Bett gebracht, im Stall bei Coliche blieben, deren Leiden zuzunehmen schienen. Sie wurden besorgt, denn die Sache ging nicht vom Fleck, trotzdem die Beckenerweiterung stattgefunden. Warum kam das Kalb nicht zum Vorschein? Sie schmeichelten der Kuh, Sprachen ihr Mut zu und brachten Zucker und andere Leckerbissen herbei. Das Tier nahm nichts, sondern stand hängenden Kopfes da, ein zitternder Krampf lief ihm das Kreuz hinab. Gegen Mitternacht fühlte Lise, die sich stöhnend vor Schmerz gekrümmt, plötzlich eine große Erleichterung; ihre Stunde war noch nicht gekommen, sie aber bildete sich ein, sie habe sie hinausgeschoben, indem sie sich so heftig dagegen gesträubt, wie man ein Bedürfnis zurückdrängen kann. Die ganze Nacht wachten die Geschwister bei Coliche, legten ihr heiße Tücher auf den Leib und pflegten sie unermüdlich. Rougette, die vor zwei Jahren gekaufte Kuh, blickte schläfrigen Auges erstaunt auf das brennende Talglicht im Stall. Als bei Tagesgrauen noch immer kein Fortschritt festgestellt werden konnte, entschloß sich Franziska, ihre Nachbarin, die Frimat zu holen. Die letztere besaß Erfahrung in der Sache, sie hatte schon so mancher Kuh geholfen, und man pflegte sie in schwierigen Fällen gern zu Rate zu ziehen, um den Besuch des Tierarztes zu ersparen. Sobald sie Coliche gewahr geworden, machte sie ein bedenkliches Gesicht. »Sie sieht nicht gut aus«, murmelte die Frau. »Seit wann ist sie so?« »Seit zwölf Stunden!« Sie schnüffelte kopfschüttelnd an dem Tier herum und blickte so finster dabei, daß die beiden Schwestern noch mehr Angst bekamen. »Ach, da kommt die Blase«, schloß die Frimat ihre Untersuchung. »Warten wir ab.« Den ganzen Morgen verfolgten die Frauen, wie die vom Fruchtwasser geschwellte und hervorgedrängte Blase sich bildete und wuchs. Man prüfte sie, sprach über den Umfang und die Form; die Weiber entdeckten nichts Außergewöhnliches, sie schien ihnen vielleicht etwas bedeutend. Doch um neun Uhr hielt die Geburtsarbeit von neuem inne, die Wasserblase hing schlaff herab und schaukelte kläglich hin und her bei dem krampfhaften Erzittern der Kuh, deren Zustand sich von Minute zu Minute verschlimmerte. Als Buteau zum Frühstück vom Felde heimkam, ergriff ihn ebenfalls Besorgnis. Er sprach davon, Patoir zu holen, obwohl der Gedanke an die Geldausgabe ihn erschreckte. »Ein Tierarzt?« versetzte die Frimat bitter. »Damit er sie umbringt, gelt? Die vom alten Saucisse ist ihm vor der Nase krepiert ... Nein, weißt du, ich werd' die Blase öffnen und dir dein Kalb herausholen!« »Aber,« wandte Franziska ein, »Herr Patoir verbietet das Öffnen; er sagt, das Wasser hilft bei der Geburtsarbeit.« Die Frimat zuckte ärgerlich die Achseln. »Papperlapapp! Was weiß der?« Und ehe man sich's versah, hatte sie mit einer Schere die Blase aufgeschnitten. Wie aus einer Schleuse platzte das Fruchtwasser hervor und bespritzte alle, da niemand Zeit gehabt, auf die Seite zu treten. Einen Augenblick schien Coliche eine große Erleichterung zu verspüren, und die alte Frau triumphierte. Sie schmierte sich die rechte Hand mit Butter ein und drang damit in den Leib der Kuh, um die Lage des Kalbes festzustellen. Angstvoll sahen Lise und Franziska zu, wie die Nachbarin bedächtig in der Kuh herumsuchte. Auch Buteau, der nicht wieder aufs Feld zurückgekehrt war, stand unbeweglich und mit angehaltenem Atem daneben. »Ich habe die Füße,« murmelte die Frimat; »aber den Kopf finde ich nicht ... Es ist nichts wert, wenn man den Kopf nicht fühlen kann.« Sie mußte ihre Hand hervorziehen. Die Goliche begann plötzlich schmerzhaft zu brüllen, drängte mit aller Kraft, und die Füße des Kalbes kamen zum Vorschein. Das war doch etwas! Den Buteaus fiel ein Stein vom Herzen; ihnen war, als hätten sie schon ein Stück von ihrem Kalbe, wie sie die Füße dort hervorgucken sahen. Als fürchteten sie, dieselben könnten wieder verschwinden, hatten sie nur noch den einen Gedanken, schnell das Kalb herauszuziehen. »Es ist vielleicht klüger, die Sache ihren Gang gehen zu lassen«, wandte die Alte vorsichtig ein. Franziska teilte diese Ansicht. Doch Buteau war sehr aufgeregt. Jeden Augenblick trat er hinzu, betastete die Füße des Kalbes, konnte nicht erwarten, daß sie länger wurden. Plötzlich ergriff er einen alten Strick, befestigte ihn an den hervorschauenden Gliedmaßen; Lise, ebenfalls fieberhaft erregt, half ihm; da gerade die Bécu, von ihrem Spürsinn geführt, in den Stall trat, faßten sie allesamt die Leine: voran Buteau, dahinter die Frimat, die Bécu, Franziska, und das Ende faßte Lise mit ihrem mächtigen Leib. »Aufgepaßt! Ohe ho!« kommandierte Buteau ... »Verflixt! Das Kamel hat sich nicht einen Zoll breit gerührt, es ist angewachsen, meiner Treu!« »Ohe ho!« wiederholten die Frauen keuchend und zogen ein zweites Mal. Aber plötzlich zerriß der Strick; fluchend fiel die ganze Gesellschaft in die Streu. Lise war bis an die Wand gerollt; erschreckt hoben die Weiber sie auf. »Macht nichts, es hat mir nichts geschadet,« beteuerte sie. Doch kaum stand sie auf den Beinen, so flirrte es ihr vor den Augen, sie mußte sich setzen. Eine Viertelstunde später krümmte sie sich wieder; die Wehen hatten von neuem begonnen und bearbeiteten in regelmäßigen Zwischenräumen ihren Leib. Sie hatte gemeint, es sei ihr gelungen, die Sache aufzuschieben. Welch ein Pech, daß die Kuh sich nicht mehr beeilte, sie ist imstande und holt das Tier ein. Man entwischt seinem Schicksal nicht: es stand geschrieben, daß Kuh und Weib zusammen niederkommen sollten. Sie stöhnte laut; Buteau fuhr sie zornig an: »Warum, zum Teufel, hast du mitziehen müssen! Geht dich der Bauch der anderen etwas an? Entleere den eigenen zuerst!« Sie litt solche Schmerzen, daß sie sich nicht enthalten konnte, ihm grob zu antworten. Wenn der Saukerl ihr den Bauch nicht gefüllt hätte, würde sie die schwere Last nicht haben. »Das alles sind Redereien, die zu nichts führen«, bemerkte die Frimat. »Es erleichtert immerhin«, meinte die Becu. Der kleine Julius wurde zu den Delhommes geschickt, damit er nicht im Wege stehe. Man wartete in der größten Aufregung bis sieben Uhr abends, ohne daß die Lage der Dinge sich wesentlich veränderte. Lise wand sich wehklagend auf einem alten Stuhle; Coliche stöhnte ohne Unterlaß, den Leib in Schweiß gebadet und von Krämpfen geschüttelt. Rougette, die zweite Kuh, blökte, von Furcht ergriffen. Franziska verlor den Kopf. Buteau fluchte und meinte schließlich, man müsse noch einmal versuchen. Er holte zwei Nachbarn, und jetzt begannen sechs Personen mit Hilfe eines neuen Strickes zu ziehen, als gelte es, eine Eiche zu entwurzeln. Diesmal zerriß das Seil nicht, aber Coliche stürzte auf die Seite und blieb keuchend im Stroh liegen. »Wir bekommen es nicht,«, rief Buteau, »und das Vieh geht uns mit drauf.« Franziska faltete bittend die Hände: »Hole Herrn Patoir! ... Mag's kosten, was es wolle, hole Herrn Patoir!« Noch kämpfte er mit seinem Entschluß; dann verließ er wortlos den Stall und zog den Wagen aus dem Schuppen. Seit wieder vom Tierarzt die Rede war, wandte sich die Frimat protestierend von der Kuh ab und machte sich um Lise zu schaffen. Sie besaß auch in den Entbindungen der Frauen eine gewisse Praxis, hatte mancher Wöchnerin geholfen. Sie schien allerhand Besorgnis zu haben, teilte der Bécu ihre Befürchtungen mit, und diese begab sich zu Buteau, der im Begriff stand, sein Pferd einzuspannen. »Hört, mit Eurer Frau geht's nicht gut. Wie wär's, wenn Ihr auch gleich den Doktor mitbrächtet?« Verdutzt blickte er drein. Wie? Noch eine, die sich verhätscheln lassen will? Er kann doch nicht für alle Welt zahlen? »Aber nein, nein!« rief Lise hinaus. »Es wird schon gehen! Man hat doch das Geld nicht zum Hinauswerfen.« Flugs trieb ihr Mann den Gaul an, und das Gefährt verschwand im Abenddunkel auf der Landstraße von Cloyes. Als endlich zwei Stunden später Patoir anlangte, fand er alles noch in derselben Verfassung. Coliche lag röchelnd auf der Seite, Lise krümmte sich wie ein Wurm auf ihrem Sessel. Seit vierundzwanzig Stunden dauerte die Sache. »Welche von den zweien?« fragte der Tierarzt, der den Scherz liebte. Lise duzend, fuhr er fort: »Dicke, sei so gut und geh' zu Bett, du hast es nötig.« Sie antwortete nicht und ging nicht. Er aber fing an die Kuh zu untersuchen. »Teufel, euer Vieh ist in einem schönen Zustand. Ihr holt mich immer erst, wenn es schon zu spät ist ... Und ihr habt gezogen, ich seh' das. Unglaublich! Ihr Tölpel reißt lieber das ganze Tier auseinander, statt zu warten. Den Blick zu Boden gerichtet, hörten sie ihn achtungsvoll an, nur die Frimat spitzte verächtlich die Lippen. Patoir zog seinen Rock aus, streifte die Hemdärmel empor, schob die Füße des Kalbes wieder in den Leib zurück, nachdem er vorher einen Faden daran geknüpft, um sie wieder hervorziehen zu können; hierauf tauchte er seine rechte Hand in das Innere des Tieres. »Natürlich,« rief er nach einigen Augenblicken, »es ist, wie ich dachte: der Kopf ist nach links umgebogen. Ihr hättet bis morgen früh ziehen können und hättet es nie herausgebracht. Und wißt ihr, meine Kinder, euer Kalb ist geliefert. Ich hab' keine Lust, mir beim Umwenden von seinen Beißern die Finger zwicken zu lassen. Übrigens würde ich's doch nicht retten und könnte höchstens der Mutter Schaden tun.« Franziska brach in Tränen aus. »Herr Patoir, ich beschwöre Sie, retten Sie unsere Kuh! Die arme Coliche liebt mich so sehr.« Lise, die gelbgrün geworden bei ihren immer noch zunehmenden Wehen, bat mit ihrer Schwester, und selbst Buteau, den fremdes Leid so wenig zu rühren pflegte, stimmte jammernd ein: »Retten Sie unsere Kuh, unsere alte Kuh, die uns seit Jahren und Jahren so gute Milch gibt ... Retten Sie ihr das Leben, Herr Patoir ...« »Ja, verstehen wir uns recht, ich werde genötigt sein, das Kalb zu zerschneiden.« »Ach, das Kalb! Was liegt uns am Kalbe! ... Retten Sie nur die Kuh, Herr Patoir.« Jetzt ließ sich der Tierarzt, der eine blaue Schürze mitgebracht hatte, eine leinene Hose geben, trat hinter die Rougette, entkleidete sich vollständig, zog schnell das Beinkleid an und band sich die Schürze um den Leib. Als der feiste, kurzbeinige Herr, mit seinem gutmütigen Doggengesicht in diesem leichten Kostüm wieder zum Vorschein kam, hob die Coliche das Haupt, hörte zu brüllen auf und blickte augenscheinlich verwundert den Mann an. Keines der Anwesenden aber lächelte über die seltsame Erscheinung; bange Erwartung nahm aller Herzen gefangen. »Steckt Lichter an!« Er ließ vier Lichter auf den Boden stellen, dann streckte er sich auf dem Bauche hinter der Kuh, die sich nicht mehr erheben konnte, ins Stroh. Einen Augenblick blieb er so beobachtend dicht vor dem Hinterteil des Tieres liegen; dann zog er an dem Bindfaden von neuem die beiden Füße hervor und untersuchte sie aufmerksam. Zu seiner Rechten hatte er ein längliches, kleines Etui auf die Erde gelegt; auf einen Ellbogen gestützt, zog er daraus ein Messer hervor, als ihn plötzlich ein dumpfes Stöhnen auf fahren ließ ... Kniend erhob er sich. »Wie, dicke Mama, du bist noch da? ... Hab's mir gedacht, das könnte nicht die Kuh sein.« Lise quälte sich in den furchtbarsten Schmerzen. »Aber, mein Gott, mach doch deine Geschichte anderwärts ab und laß mich hier ruhig meine Geschäfte verrichten! Das stört mich, wahrhaftig, das macht mich nervös, wenn du hinter mir winselst ... Hat man so etwas schon gesehen? Führt sie hinaus, Leute!« Die Frimat und die Bécu nahmen Lise je unter einem Arm und führten sie ins Zimmer. Sie ließ sie gewähren; ihr fehlte die Kraft, Widerstand zu leisten. Doch als man durch die Küche kam, wo ein einziges Talglicht einsam brannte, bestand sie darauf, daß man wenigstens alle Türen offen lasse, damit sie höre, was vorgehe. Die Frimat bereitete schnell das auf dem Lande übliche Schmerzenslager der Wöchnerinnen: drei am Fußboden umgestürzte Stühle, ein Bund Stroh und ein Laken darüber. Angekleidet, wie sie war, streckte sich Lise darauf hin, den Kopf an einen Stuhl gelehnt, jeden Fuß an einen der beiden anderen gestemmt. Ihr Rock war auf die Brust zurückgeschlagen und enthüllte den ungeheueren Bauch und die auseinandergespreizten, dicken, weißen Schenkel, daß man ihr bis ins Herz hineinschauen konnte. Im Stalle leuchteten inzwischen Franziska und Buteau, am Boden hockend, dem Arzte bei seiner Arbeit. Patoir hatte sich wieder auf dem Bauch ausgestreckt. Er schälte mit seinem Messer die Haut vom Gelenk des linken Beines, zog an, und der Schenkel des Kalbes löste sich aus. Aber Franziska wurde plötzlich blaß, ließ den Leuchter fallen und rief davoneilend: »Die arme Coliche ... Ich will es nicht mit ansehen! Ich will nicht! Ich will nicht!« Patoir wurde böse, denn er mußte wieder aufspringen, um das Feuer zu ersticken, welches das Licht im Stroh entzündet. »Verwünschtes Mädel! Das hat Nerven wie eine Prinzessin! ... Sie ist imstande und räuchert uns wie die Schinken.« Franziska lief schnurstracks in das Zimmer, wo Lise niederkam. Der Anblick ihrer Schwester mit den auseinandergespreizten Schenkeln rührte sie nicht im geringsten, erschien ihr eine natürliche und gewöhnliche Sache nach dem, was sie soeben gesehen. Mit einer Handbewegung verscheuchte sie das Bild der lebend zerschnittenen Gliedmaßen von ihren Sinnen, und erzählte in abgerissenen Worten, was der Arzt mit der Kuh mache. »Das geht nicht, ich muß mal nachschauen!« unterbrach sie Lise, und versuchte trotz ihrer Leiden sich zu erheben. Doch die Frimat und Bécu hielten sie gewaltsam zurück. »Wollt Ihr liegen bleiben! Was habt Ihr denn nur im Leibe?« Die Frimat setzte hinzu: »Nun habt Ihr auch die Blase zum Platzen gebracht!« In der Tat war das Wasser in einem plötzlichen Strahl hervorgeschossen, den das Stroh unter dem Laken sogleich einsog; und es begannen die letzten Ausstoßungswehen. Der nackte Bauch drängte unwillkürlich, schwoll an zum Bersten, während die mit blauen Strümpfen bekleideten Beine sich einbogen und wieder öffneten mit der unbewußten Bewegung eines untertauchenden Frosches. Die Bécu sagte: »Zu Eurer Beruhigung will ich hingehen und werde Euch Nachricht bringen.« Von dem Augenblick an lief die Frau des Feldhüters hin und zurück vom Stall ins Zimmer, ja, um sich den Weg abzukürzen, begnügte sie sich bald, aus der Küche ihre Botschaft der Entbindenden zuzurufen. Patoir setzte inzwischen die Zerstückelung des Kalbes fort, immer in der mit Blut und Schleim getränkten Streu am Boden liegend; es war ein schmutziges Geschäft, bei dem er sich vom Kopf bis zu den Füßen besudelte. »Es geht alles gut, Lise«, verkündete die Stimme der Bécu. »Jetzt haben wir die zweite Schulter ... Jetzt macht er den Kopf los ... Er hat den Kopf; was für ein Kopf! ... Jetzt ist's vorbei, der Körper ist wie ein Paket herausgefallen.« Die Wöchnerin begleitete jeden Teil der Operation mit einem schmerzwimmernden Seufzer, aus dem nicht zu entnehmen war, ob er dem Kalbe oder ihrem eigenen Leiden gelte. Doch plötzlich erschien Buteau mit dem Kopfe des Kalbes, um ihn ihr zu zeigen. »Das schöne Kalb!« riefen alle wie aus einem Munde. Inmitten ihrer Geburtsarbeit stöhnte Lise mit dem Ausdruck unsäglichen Bedauerns: »Gott! ist das ein Unglück! ... Das schöne Kalb, mein Gott! ... Nein, solch schönes Kalb, ist das jammerschade! ... Mein Lebtag hab ich nicht ein so schönes Kalb gesehn!« Auch Franziska stimmte in diese Wehklage ein; bald erhoben alle ein Wehklagen über das verlorene Kalb, und ihre Reden wurden so anzüglich und verletzend, daß Patoir beleidigt herankam. An der Tür blieb er verschämt stehen, dann hob er die Stimme: »Wißt ihr, ich hab euch darauf vorbereitet, weil ich euch kenne ... Ihr habt verlangt, ich soll euch eure Kuh retten; ich bitt' mir aus, daß ihr jetzt nicht überall erzählt, ich habe euch das Kalb ums Leben gebracht! Verstanden?« »Natürlich, natürlich«, murmelte Buteau, mit ihm in den Stall zurückkehrend. »Immerhin haben Sie das Kalb zerschnitten.« Lise, die zwischen ihren drei Sesseln auf der Erde saß, ward jetzt von einer Wehe durchrüttelt, die aus den Lenden kommend, unter der Haut bis in die Tiefe der Schenkel drang und eine immer größere Erweiterung des Leibes herbeiführte. Franziska, die in ihrer Verzweiflung wegen der Kuh bisher nicht hingeschaut hatte, blieb plötzlich ganz betroffen vor ihrer Schwester stehen, deren Blöße ihr gleichsam verkürzt erschien: nichts als die emporgehobenen Ecken der Knie rechts und links von der Kugel des Bauches, in welchem eine runde Höhlung war. Dies war so unerwartet, so formlos, so ungeheuerlich, daß sie davon nicht verletzt schien. Niemals hätte sie sich so etwas vorgestellt: das klaffende Loch einer eingestoßenen Tonne, die weit offene Luke eines Heubodens, durch welche das Heu hinausgeworfen wird, und die von dichtem, schwarzem Efeu starrt. Als sie sah, wie eine zweite, kleinere Kugel –der Kopf des Kindes –bei jeder Wehe zum Vorschein kam und wieder verschwand –gleichsam ein fortwährendes Blindekuhspiel –da wurde sie von einem so heftigen Lachreiz gepackt, daß sie husten mußte, damit man sie nicht der Herzlosigkeit zeihe. »Nur noch ein wenig Geduld«, erklärte die Frimat. »Es ist sogleich geschehen.« Sie kniete zwischen den Beinen der Gebärenden und spähte so nach dem Kinde, um es zu empfangen. Aber es machte Umstände, wie die Bécu bemerkte: einen Augenblick verschwand es sogar, als habe es sich ganz zurückgezogen. Jetzt erst schüttelte Franziska den Bann ab, den dieses sie anstarrende Ofenloch über sie gebracht hatte; sie ward verlegen, ergriff die Hand ihrer Schwester und sagte, mit abgewandtem Gesicht: »Arme Lise, wie leidest du!« »Ja, ja; und niemand beklagt mich... Wenn man mich beklagte ... Ach, ach! es fängt schon wieder an! Will es denn nicht endlich heraus?« Es dauerte so lange. Plötzlich hörten die Weiber laute Rufe aus dem Stalle. Patoir, überrascht, daß Coliche immer noch zu stöhnen fortfuhr, hatte die Anwesenheit eines zweiten Kalbes vermutet. In der Tat, kaum untersuchte er nochmals den Leib der Kuh, so holte er daraus ohne Mühe, als wenn er ein Schnupftuch aus der Tasche ziehe, ein zweites Junges hervor. Die Freude des gemütlichen Tierarztes war so groß, daß er diesmal Anstand und Schicklichkeit vergaß, und von Buteau gefolgt, mit seinem Kalb ins Zimmer der Wöchnerin stürzte. »Na, Mütterchen, Ihr wolltet ein Kalb, da habt Ihr eines!« Der halbnackte Mann sah unendlich komisch aus; Brust, Arme, Gesicht waren über und über mit Schmutz besudelt, und in seiner Schürze hielt er das noch nasse Tier, das wie betrunken den wackelnden großen Kopf emporstreckte. Alles jubelte. Doch als Lise das Kalb erblickte, ward sie plötzlich von einem unbezwinglichen Lachreiz ergriffen. »Wie drollig! Gott, ist das verrückt, mich so zum Lachen zu bringen... Oh la la, das tut weh!... Nein, nein, hört auf, ich darf nicht lachen, ich geh' zugrunde.« Aber unaufhörlich kicherte das gewaltsam unterdrückte Lachen gleich einem Schnarchen in ihrer feisten Brust, kollerte bis in den Leib hinab, wo es einen Sturm entfesselte. Sie schwoll davon an, und der Kopf des Kindes hatte seine Pendelbewegung wieder angenommen wie ein abfliegender Ball. Es wurde noch ärger, als Patoir sich mit dem Handrücken das Gesicht trocknen wollte, wobei er die ganze Stirn mit Kuhmist beschmierte. Alle hielten sich die Seite, die Wöchnerin aber schrie, sich windend, mit den schrillen Lauten einer eierlegenden Henne: »Hört auf, ich komm' um! Es geht los!« Das klaffende Loch erweiterte sich noch mehr, daß man glauben mochte, die Frimat, die immer noch vor ihr kniete, werde darin verschwinden; plötzlich brach wie eine Kugel aus einer Kanone das Kind daraus hervor, ganz rot, mit seinen weichen, blassen Gliedmaßen; man hörte nur ein glucksendes Geräusch wie aus dem Halse einer sich leerenden Riesenflasche. Dann begann das Kleine zu winseln, während die Mutter, geschüttelt wie ein schlaff werdendes Euter, noch immer lachte. An dem einen Ende winselte es, am andern Ende lachte es. Buteau schlug sich auf die Schenkel, die Bécu hielt sich die Seiten, Patoir lachte hell auf; selbst Franziska, deren Hand die Schwester in der äußersten Anstrengung schier zerdrückt hatte, ließ nunmehr ihrer Lachlust freien Lauf; sie sah noch immer die Öffnung, so groß wie ein Tor, daß der ganze Gatte hinein konnte. »Es ist ein Mädchen«, erklärte die Frimat. »Nein, nein,« sagte Lise; »ich will kein Mädchen, ich will einen Knaben.« »Dann, meine Liebe, stecke ich sie wieder zurück, und du kannst dir morgen einen Jungen machen lassen.« Das Gelächter brach von neuem los; man wird schier krank davon. Die Kindbetterin beruhigte sich allmählich und sagte, als sie das Kalb erblickte, mit Bedauern: »Das andere war so schön! ... Wie schade, es wären zwei Kälber gewesen.« Patoir machte sich auf den Heimweg, nachdem man der Coliche zwei Liter gezuckerten Weines gegeben. Die Frimat entkleidete inzwischen Lise und brachte sie ins Bett, während die Bécu und Franziska das Stroh forträumten und das Zimmer auskehrten. Zehn Minuten später war alles in Ordnung; nur das unaufhörliche Winseln des Kindes, das man in warmem Wasser wusch, erinnerte daran, daß hier eben eine Entbindung stattgehabt. Die Frauen banden das Kleine in seine Wickeltücher und legten es in die Wiege; nach und nach wurde es still. Die Mutter übermannte ein bleischwerer Schlaf; mit blutgefülltem, fast schwarzem Gesicht lag sie unbeweglich in dem graubraunen Linnen des Bettes. Als gegen Mitternacht die beiden Nachbarinnen heimgegangen, sagte Franziska zu Buteau, er tue wohl, im Futterboden Ruhe zu suchen. Sie selbst hatte sich neben die Bettstelle eine Matratze auf den Fußboden gelegt, auf der sie zu schlafen gedachte, um die Schwester nicht verlassen zu müssen. Er antwortete nicht, schweigend rauchte er seine Pfeife zu Ende. Es war sehr still geworden, man vernahm nichts als das regelmäßige Atmen der Schlafenden. Franziska streckte sich auf ihre Lagerstätte im Schatten der Bettstelle und versuchte ebenfalls zu schlummern. Plötzlich fühlte sie sich ergriffen. Es war Buteau, der seinen Gedanken, das Mädchen besitzen zu wollen, nicht aufgegeben; das Verlangen nach ihr mußte ihn in diesem Augenblick unwiderstehlich gepackt haben, daß er sich nicht scheute, sie hier dicht neben dem Bette seiner Frau zu überfallen nach Vorgängen, die keineswegs einladend waren. Sie stieß ihn zurück, beide rangen miteinander. »Was liegt daran? Ich bin für zwei gut genug«, grinste er. Er kannte sie wohl; er wußte, sie werde nicht schreien. In der Tat zu stolz, ihre Schwester anzurufen, leistete sie ihm Widerstand, ohne einen Laut von sich zu geben. Er aber hielt sie mit kräftiger Faust; fast nahm's ihr den Atem, schon schien sie verloren. »Sei doch gescheit,« flüsterte er, »es geht so gut ... Man bleibt immer beieinander in diesem Haus.« Einen Schrei des Schmerzes unterdrückend, brach er ab: sie; hatte ihm ihre Fingernägel in den Nacken getrieben. Wütend zischelte er: »Wenn du glaubst, du kannst deinen sauberen Galan heiraten ... Niemals, solang du minderjährig bist ...« Er fuhr ihr mit roher Hand unter die Röcke, doch ein kräftiger Fußtritt traf ihn zwischen den Beinen; er schrie laut auf. Mit einem Satze war er auf den Füßen und sah nach dem Bette. Seine Frau schlief so fest, daß sie nichts gehört hatte. Mit drohender Gebärde ließ er das Mädchen allein. Franziska legte sich auf ihrer Matratze zurecht; tiefer Friede herrschte im Gemach; starren Auges blickte sie ins Dunkel. Sie wollte nicht, niemals werde sie ihm zu Willen sein, nicht einmal, wenn ihr selbst darnach verlangen sollte. Während dieser Vorsatz in ihr reifte, wunderte sie sich gleichzeitig über ihn; denn ihr war doch noch nie der Gedanke gekommen, daß sie Hans heiraten könne. Sechstes Kapitel. Seit zwei Tagen arbeitete Hans auf den bei Rognes gelegenen Feldern des Herrn Hourdequin. Der Farmer hatte von einem Maschinenbauer von Chateaudun eine Dampfdreschmaschine entliehen, die ihr Besitzer auf den großen Gutshöfen zwischen Bonneval und Cloyes zu vermieten pflegte. Korporal fuhr mit einem zweispännigen Wagen die Garben der nächstliegenden Schober heran und beförderte dann ebenso das Getreide zur Borderie. Um die von morgens bis abends geheizte Maschine tanzte ein gelber Staub im Lichte der Sonne, ein schnaubendes Keuchen tönte unaufhörlich über die Felder. Hans war krank vor Herzeleid, denn immer noch war sein Mühen, von Franziska ein zweites Stelldichein zu erlangen, vergeblich gewesen. Schon ein Monat war vergangen, seit er sie gerade hier in dem Getreide, das man heute drosch, umarmt, und seitdem wich sie ihm mit scheuer Furchtsamkeit beharrlich aus; er begann zu verzweifeln, daß es ihm jemals gelingen werde, sie wieder an die Brust zu schließen. Sein Verlangen wuchs und ward zu einer Leidenschaft, die sein ganzes Sinnen gefangen hielt. Während er seine Pferde über den Acker leitete, fragte er sich, warum er nicht einfach zu den Buteaus gehen und um ihre Hand anhalte? Es hatte doch zwischen ihm und seinem einstigen Kameraden kein offener und endgültiger Bruch stattgefunden, man begrüßte sich, wo man einander begegnete; nichts anderes als eine Art verlegenen Schuldbewußtseins war's, das ihn abgehalten, die Schwelle des alten Hauses zu betreten. Kaum glaubte Hans, in einer Verheiratung mit Franziska das einzige Mittel zu erkennen, die Geliebte wieder zu besitzen, so wurde in ihm die Überzeugung wach, es sei seine Pflicht, diese Verbindung zu schließen, er handle unehrenhaft, wenn er es nicht tue. Doch als er am nächsten Tage wieder zu der Dreschmaschine hinauskam, packte ihn Furcht, und er hätte gewiß nicht den Mut gefunden, sein Vorhaben auszuführen, wenn er nicht in der Ferne Buteau und Franziska gesehen, die gemeinschaftlich ihren Äckern zuschritten. Lise mußte allein zu Hause sein; sie war ihm stets freundlich begegnet, ihr wollte er sich anvertrauen. Er übergab seine Rosse eine Weile einem Kameraden und eilte in ihre Wohnung. »Ihr seid's, Korporal?« rief Lise, die ihr Wochenbett in bestem Wohlbefinden verlassen. »Man sieht Euch nicht mehr. Was gibt's?« Er entschuldigte sich. Dann brachte er mit der hastigen Überstürzung, die schüchternen Leuten eigen ist, sein Anliegen vor. Er tat's so ungeschickt, daß sie im ersten Augenblick vermuten mußte, er mache ihr selbst eine Liebeserklärung, denn er sprach davon, daß er sie einst geliebt und sie gern zur Frau genommen haben würde. Doch rasch setzte er hinzu: »Darum möchte ich gerne Franziska heiraten, wenn man sie mir geben wollte.« Sie blickte ihn so erstaunt an, daß er stotternd fortfuhr: »Ach, ich weiß wohl, daß es nicht so geht ... Ich dacht' nur mit Euch darüber zu reden.« »Mein Gott!« entgegnete sie endlich. »Das überrascht mich nur, weil ich des Altersunterschiedes wegen so etwas nicht erwartet hätt' ... Vor allen Dingen müßte man hören, wie Franziska darüber denkt.« Er war mit dem festen Vorsatze gekommen, alles zu sagen, in der Hoffnung, solch ein unumwundenes Geständnis werde die Heirat als notwendig erscheinen lassen. Doch im letzten Augenblick schloß ihm ein Bedenken den Mund: Wenn Franziska sich ihrer Schwester nicht anvertraut hatte, wenn niemand um die Sache wußte, hatte er dann ein Recht, zuerst davon zu reden? Diese Erwägung gab ihm seine Schüchternheit zurück, ihm fielen seine dreiunddreißig Jahre ein, und er kam sich lächerlich vor. »Selbstverständlich,« murmelte er, »man muß mit ihr darüber sprechen, man wird sie nicht zwingen.« Nachdem übrigens Lise ihr erstes Befremden verwunden, schien ihr die Sache durchaus nicht zu mißfallen. Munter blickte sie den Brautwerber an und erwiderte freundlich: »Es soll nach meiner Schwester Willen geschehen, Hans. Ich teile nicht Buteaus Meinung, der Franziska für zu jung hält; sie geht in ihr achtzehntes Jahr und ist so gesund und kräftig, daß sie ebensogut zwei Männer heiraten könnte, wie einen ... Und dann, wenn man unter Geschwistern sich noch so lieb hat, wissen Sie, jetzt, wo sie herangewachsen ist, möchte ich schon lieber an ihrer Stelle eine Magd nehmen, der ich befehlen kann ... Wenn sie ja sagt, nehmt sie; Ihr seid ein ordentlicher Mensch; die ältesten Hähne sind oft die besten.« Die Worte, die ihr eben entschlüpft, waren das unfreiwillige Bekenntnis einer langsamen, aber stetig zunehmenden Mißstimmung zwischen den Geschwistern, einer Mißstimmung, die, aus den geringfügigsten Reibungen des täglichen Verkehres entstammend, von Neid und Eifersucht genährt ward, seit ein Mann mit seinem Willen und seinem Begehren im Hause war. »Wir haben heut gerade Kindstaufe,« fing Lise wieder an, »und die Familie speist bei uns ... Ich lade Euch ein; Ihr könnt Papa Fouan, der Franziskas Vormund ist, Euer Anliegen vortragen, wenn das Mädel einverstanden ist.« »Abgemacht!« sagte er. »Auf Wiedersehen heute abend.« In seiner Freude umarmte er sie und drückte ihr auf jede Wange einen Kuß. Danach kehrte Hans eilenden Schrittes wieder zu seinen Pferden zurück und arbeitete froh und guter Dinge bis zum Sonnenuntergang, wobei er lustig seine Peitsche schwang, daß es knallte wie die Büchsenschüsse bei Eröffnung einer Kirchmeß. Die Taufe von Lises Jüngstem hatte sich etwas verzögert. Zunächst hatte die Mutter darauf bestanden, daß man ihre vollkommene Wiederherstellung abwarte, denn sie wollte an dem Festmahl teilnehmen. Dann aber hatte es Lise aus Eitelkeit durchsetzen wollen, daß Herr und Frau Karl bei ihrem Kinde Pate stehen sollten. Die beiden ließen sich auch herbei zuzusagen; doch war man genötigt, auf Frau Karl zu warten, die nach Chartres gefahren war, um ihrer Tochter ein wenig zu helfen; denn dort fand gerade die Septembermesse statt, und das Haus in der Judengasse war überfüllt mit Besuchern. Im übrigen blieb man ganz in der Familie, wie Lise Hans gesagt, außer dem Paten und der Patin waren nur Fouan, die Große und das Ehepaar Delhomme geladen. Doch im letzten Augenblick hätte des Abbé Godard gereizte Stimmung den Bewohnern von Rognes gegenüber fast die Taufe noch weiter hinausgeschoben. Der Geistliche hatte sich geduldig darein ergeben, für jede in dem Dorfe zu lesende Messe sechs Kilometer zu marschieren, hatte selbst die nörgelnden Zumutungen dieser nichts weniger als frommen Gemeinde über sich ergehen lassen, solange er gehofft, der Gemeinderat werde sich endlich dazu verstehen, sich den Luxus einer eigenen Pfarrei zu gönnen. Doch ihm riß die Geduld; jedes Jahr verweigerte der Ortsrat von neuem die Ausbesserung des Pfarrhauses, der Schulze Hourdequin erklärte, das Budget sei schon zu sehr belastet, und nur der Schreiber Macqueron nahm, von einem dunklen Ehrgeiz getrieben, die Partei der Geistlichkeit. Der Abbé sah ein, daß er von diesen Leuten nichts zu hoffen habe, darum fing er an, Rognes mit schroffer Härte zu behandeln, und ließ den Bauern nur noch den unumgänglich notwendigen Gottesdienst zuteil werden, jedes Extra an Gebeten, an Kerzen und Weihrauch unterblieb fortan. Die Folge war ein unablässiger Krieg mit den Weibern, ein Krieg, der im Juni bei Gelegenheit der ersten Kommunion den Höhepunkt der Erbitterung erreichte. Fünf Kinder, zwei kleine Mädchen und drei Knaben, waren in den jeden Sonntag nach der Messe stattfindenden Religionsstunden zur Firmung vorbereitet worden. Um sich einen Weg zu ersparen, verlangte der Abbé, daß die Kinder nach Bazoches-le-Doyen zur Beichte kommen sollten. Das gab das Zeichen zur Eröffnung der Feindseligkeiten. Die Frauen erklärten aufgebracht, das werde nicht stattfinden, man dürfe die Kinder nicht einen so weiten Weg sich selbst überlassen, man wisse nicht, was geschehen könne. Furchtbar brach der Sturm los, als der Pfarrer rund heraus verweigerte, in Rognes das Hochamt und was sonst zur Feier der Firmung gehört, zu begehen. Er firme in seinem Sprengel, die Kinder möchten sich dorthin begeben, wenn es ihnen beliebe. Vierzehn Tage lang fanden die Frauen am Brunnen keine Worte, um ihren Zorn auszudrücken: Wie! er taufte, er verheiratete und beerdigte sie hier und weigerte sich, sie ordentlich zu firmen? Der Abbé aber blieb bei seiner Weigerung; er las nur eine stille Messe, machte die ganze Sache in ein paar Minuten ab, keine Blume schmückte den Altar, kein »Oremus« beschloß die Feier. Außer sich über diese weihelose Feier, beschworen ihn die erregten Frauenzimmer mit Tränen in den Augen, er möge wenigstens am Nachmittag die Vesper singen. Er aber versetzte zornig, nicht das geringste bekämen sie, er gebe ihnen, was er ihnen schuldig sei, nicht mehr; sie hätten in Bazoches Hochamt, Vesper, alles mit einem Worte haben können, wenn sie nicht eigensinnig gewesen wären. Seit diesem Vorkommnis schien ein Bruch zwischen dem Priester und der Gemeinde Rognes unvermeidlich, der geringste Anlaß mußte die Katastrophe herbeiführen. Als Lise den Geistlichen aufsuchte, um die Taufe ihrer Kleinen zu verabreden, wollte er diese auf den Sonntag unmittelbar nach Beendigung der Messe verlegen. Sie aber bat, er möge doch am Dienstagnachmittag um zwei Uhr herüberkommen, denn die Patin werde erst an diesem Tage von Chartres zurückerwartet. Endlich gab er nach, empfahl aber, daß man pünktlich sei, denn er werde nicht eine Sekunde warten. Pünktlich um zwei Uhr erschien Abbé Godard in der Kirche; er war erschöpft von seinem Marsche, ein plötzlicher Regen hatte ihn durchnäßt. Noch war niemand zugegen. Nur Hilarion räumte beim Eingang der Taufkapelle einen Haufen verwitterter Fliesen fort, die seit undenklicher Zeit dort gelegen. Seit dem Tode seiner Schwester lebte der Trottel auf Kosten der öffentlichen Mildtätigkeit, und der Pfarrer, der ihm zuweilen ein Zwanzigsousstück zusteckte, hatte den Einfall gehabt, ihn diese hundertmal beschlossene und wieder unterlassene Arbeit ausführen zu lassen. Einige Minuten lang schaute er dem Burschen zu. Plötzlich fuhr er auf: »Ja, wo bleiben sie denn? Es ist schon zehn Minuten über zwei.« Er schaute zu dem Hause der Buteau hinüber, das stumm wie schlummernd jenseits des Platzes lag; dabei bemerkte er den Feldhüter, der unter der Kirchentür seine Pfeife rauchte. »Läute 'mal, Bécu,« rief er, »damit die schläfrige Gesellschaft endlich kommt.« Bécu, betrunken wie immer, hängte sich an den Glockenstrang. Inzwischen zog der Pfarrer sein Chorhemd an. Er hatte schon am Sonntag den Taufakt ins Kirchenbuch eingetragen und gedachte, die Feier allein vorzunehmen ohne Beihilfe seiner Ministranten, denn die gottlosen Burschen entweihten nur die heilige Handlung. Als alles bereit war, riß dem Abbé von neuem die Geduld: wieder waren zehn Minuten verstrichen; verzweifelt bimmelte die Glocke über dem toten Schweigen des ausgestorbenen Dorfes. »Was treibt denn das Volk? Soll man sie bei den Ohren herbeizerren?« Endlich sah er die Große aus Buteaus Hause treten; majestätisch wie eine böse, alte Königin, dürr und kerzengrad wie eine Distel, trotz ihrer fünfundachtzig Jahre, kam sie daher. In der Familie hatte eine große Bestürzung Platz gegriffen: alle Eingeladenen waren erschienen, nur die Patin fehlte; seit dem Vormittag erwartete man vergeblich ihre Rückkehr aus Chartres. Verlegen wiederholte Herr Karl unaufhörlich, die Sache befremde ihn aufs höchste, noch am vorigen Abend habe er aus Chartres einen Brief erhalten, vermutlich sei Frau Karl in Cloyes aufgehalten worden; sie müsse jeden Augenblick eintreffen. Lise war sehr besorgt, denn sie wußte, daß der Priester nicht zu warten liebte; darum kam ihr der Gedanke, ihm die Große zu schicken, damit er sich einstweilen gedulde. »Was gibt's?« rief er ihr entgegen. »Soll heut oder morgen getauft werden?... Bildet ihr euch etwa ein, der liebe Gott habe Zeit auf euch zu warten?« »Es kommt schon, geistlicher Herr, es kommt schon«, antwortete die alte Frau mit ihrer unerschütterlichen Ruhe. Hilarion schleppte gerade die letzten Steintrümmer aus der Kirche. Mit den Händen eine mächtige Fliese haltend, ging er vorüber; sein Leib schaukelte auf den krummen Beinen, und doch schien er fest und unerschütterlich, denn er hatte eiserne Muskel. Aus seinem verwachsenen Munde floß ihm der Speichel übers Kinn; kein Tropfen Schweiß feuchtete seine harte Haut. Den Abbé Godard reizte die Ruhe der Großen noch mehr. »Sagt mal, Große,« fuhr er sie an, »ist das christlich von Euch, die Ihr so reich seid: Ihr habt nur ein Enkelkind und laßt es betteln gehen?« Rauh versetzte sie: »Die Mutter war mir ungehorsam, das Kind ist nicht da für mich.« »Gut! Ich hab's Euch oft genug gesagt, und ich wiederhole es, Ihr kommt in die Hölle, wenn Ihr ein schlechtes Herz habt ... Neulich wär' der Bursch verhungert, wenn ich ihm nicht geholfen hätte, und heute hab' ich Arbeit erfinden müssen, damit er was erwirbt.« Beim Worte Hölle hatte die Große gelächelt. Sie wußte es genau, wie sie oftmals sagte, die Hölle ist auf der Erde für die armen Leute. Doch der Anblick des eine so große Last schleppenden Hilarion machte nachdenklich. Sie war überrascht; niemals hatte sie in dem hinkenden Burschen solche Kraft vermutet. »Wenn er Arbeit sucht,« versetzte sie nach einer Pause, »die kann man für ihn vielleicht finden.« »Sein Platz ist bei Euch, nehmt ihn, Große!« »Woll'n seh'n, er soll morgen kommen.« Hilarion, der verstanden hatte, begann dermaßen zu zittern, daß ihm der Stein aus den Händen glitt. Er hob ihn wieder auf und drückte sich scheu damit auf die Seite, einen erschreckten Blick auf die Großmutter werfend wie ein gezüchtigtes, überwundenes Tier. Noch eine Weile verstrich. Bécu, der müde geworden zu läuten, hatte seine Pfeife wieder in Brand gesteckt und rauchte in der Sonne. Stumm, mit unerschütterlicher Ruhe stand die Große in der Kirche, als sei mit ihrer Gegenwart allein der dem Geistlichen schuldige Tribut der Höflichkeit geleistet. Der Abbé aber, dessen Verzweiflung immer mehr wuchs, lief jeden Augenblick unter die Kirchentür und warf über den leeren Platz einen flammenden Blick nach Buteaus Haus hinüber. »So läutet doch, Bécu!« schrie er plötzlich. »Wenn sie in drei Minuten nicht zur Stelle sind, geh' ich!« Während jetzt die Glocke ein ungestümes Lärmen erhob, so daß die hundertjährigen Raben des Turmes krächzend emporschraken, sah man die Buteaus und ihre Eingeladenen einen nach dem andern aus dem Hause treten und über den Platz schreiten. Lise war ganz fassungslos, denn die Patin ließ sich noch immer nicht blicken. Sie hatte sich entschlossen, sachte die hundert Meter zur Kirche hinüberzugehen, vielleicht kam Frau Karl inzwischen. »Wollt Ihr mich zum besten haben?« schrie der Abbé sie an. »Seit einer Stunde warte ich ... Vorwärts, beeilt Euch!« Er schob sie der Taufkapelle zu, die Mutter mit dem Neugeborenen voran, Vater, Großvater Fouan, Onkel Delhomme, Tante Fanny hinterher. Ganz zuletzt schritt Herr Karl, der als Pate in seinem schwarzen Tuchrock ungemein würdig aussah. »Hochwürdiger Herr,« bat Buteau mit einer übertriebenen Unterwürfigkeit, aus der ein klein wenig Spott klang, »würden Sie die große Güte haben, noch einen Augenblick zu warten?« »Worauf warten?« »Auf die Patin, geistlicher Herr.« Die Zornesröte stieg dem Pfarrer so plötzlich ins Gesicht, als rühre ihn der Schlag. Seiner selbst kaum mächtig, stieß er hervor: »Nehmt eine andere!« Alle blickten einander an: Delhomme und Fanny schüttelten das Haupt; Fouan antwortete: »Das geht nicht an.« Herr Karl als Mann von guter Erziehung wollte die Sache in höflicher Form erklären: »Bitte tausendmal um Vergebung, Herr Pfarrer, die Verantwortung dieses Vorfalles trifft mich, ich muß hinzusetzen: ohne mein Verschulden ... Meine Frau hatte mir ausdrücklich geschrieben, daß sie diesen Morgen kommen wolle. Sie ist nämlich in Chartres ...« Dieses Wort nahm dem Geistlichen den letzten Rest der Selbstbeherrschung. »In Chartres ... in Chartres ... Ich bedauere es Ihretwegen, Herr Karl, daß Sie so etwas treiben. Aber das kann nicht so weiter fortgehen, nein! Ich dulde es nicht länger ... Und jetzt brach er los. »Man weiß nicht mehr, welchen Schimpf man in meiner Person dem lieben Gott antun soll; jedesmal wenn ich nach Rognes komme, ist mir's, als bekäme ich einen Schlag ins Gesicht ... Ich hab' euch oft genug gewarnt; heut geh' ich und komme nicht wieder. Sagt das eurem Schulzen. Wenn ihr einen Pfarrer haben wollt, sucht euch einen und bezahlt ihn ... Ich werde dem Bischof Bericht erstatten, werd' ihm erzählen, wer ihr seid, ich bin gewiß, er wird mein Vorgehen billigen ... Wir wollen schon sehen, wen die Strafe trifft. Man wird euch ohne Priester lassen wie das Vieh ...« Sie hörten ihm verwundert zu, im Grunde sehr wenig berührt von seinen Worten; sie waren praktische Leute, denen die Furcht vor seinem Gott des Zornes und der Strafe lang verlorengegangen. Warum sich ducken und Verzeihen erbitten? Die Vorstellung des Teufels brachte sie ja nur zum Lachen, und daß Wind, Donner und Hagel in der Hand eines Herrn der Rache lagen, war ein Ammenmärchen, an das sie aufgehört hatten zu glauben. Gescheiter war es, seinen Respekt für die Gendarmen der Regierung aufsparen, das sind die wirklich Stärkeren. Der Abbé Godard sah, wie Buteau spöttisch dreinblickte, sah das verächtliche Lächeln der Großen und die gleichgültige Kälte, welche die Delhommes und selbst Fouan hinter scheinbarer Unterwürfigkeit verbargen; diese Haltung seiner Gläubigen vollendete den Bruch. »Ich weiß, eure Kühe haben mehr Religion als ihr ... Lebt wohl! Steckt den Heidenbankert in eine Pfütze, um ihn zu taufen.« Er lief in die Sakristei, riß sein Chorhemd vom Leibe, stürzte wieder heraus, und rannte so spornstreichs zur Kirche hinaus, daß die verblüffte Taufgemeinde nicht Zeit fand, ein Wort zu erwidern. Das Ärgste war, daß während der Abbé die neue Straße nach Macquerons Haus zu hinabeilte, auf der Chaussee ein Wagen herankam, in dem Frau Karl und Elodia saßen. Die erstere erzählte, sie habe sich in Chateaudun aufgehalten, von dem Wunsche getrieben, die liebe Kleine zu sehen, die man ihr für zwei Tage mitzunehmen erlaubt. Sie war untröstlich, so spät gekommen zu sein, hatte sie doch nicht einmal den Umweg nach Roseblanche gemacht, um sich ihres Koffers zu entledigen. »Du mußt dem Pfarrer nachlaufen,« rief Lise ihrem Manne zu, »nur die Hunde tauft man nicht.« Buteau stürmte jetzt seinerseits den Weg hinab. Doch der Geistliche hatte einen Vorsprung; der Bauer lief über die Brücke, eilte durch den Vorort hinauf; erst oben am Berge bei der Biegung der Landstraße gewahrte er den Abbé. »Herr Pfarrer! Herr Pfarrer!« Dieser blieb endlich stehen und wandte sich um. »Was gibt's?« »Die Patin ist da ... Sie werden doch nicht die Taufe verweigern?« Einen Augenblick blieb Godard stehen. Dann begann er mit demselben hastigen Schritte die Talwand wieder hinabzusteigen. Buteau ging voran. So kamen sie wieder zur Kirche zurück, ohne ein Wort weiter gewechselt zu haben. Die heilige Handlung wurde schnellstens erledigt. Das Credo, die Einsegnung, die Taufe, alles ging Hals über Kopf. Schon unterzeichneten die Zeugen im Kirchenbuch. »Herr Pfarrer,« sagte Frau Karl, »ich habe eine Schachtel Bonbons mitgebracht, doch sie ist im Koffer.« Er winkte dankend mit der Hand, wiederholte noch einmal: »Und jetzt lebt wohl!« Dann verschwand er. Die Buteau und ihre Gäste, noch ganz verdutzt von der abgehaspelten Feier, blickten ihm nach, bis seine flatternde Sutane am Ende des Platzes verschwand. Das ganze Dorf war auf den Feldern; nur drei Knaben warteten bei der Kirche auf das übliche Taufbackwerk. In der großen Stille vernahm man aus der Ferne das unaufhörliche Keuchen der Dreschmaschine. Sobald die Gesellschaft in Buteaus Haus getreten war, vor dessen Tür der Wagen der Frau Karl mit dem Koffer wartete, kam man überein, sich zu trennen um dann abends zum Essen wieder zusammenzukommen. Was hätten sie alle miteinander bis sieben Uhr machen sollen? Bevor man sich trennte, wollte der Hausherr noch ein Glas Wein anbieten. Als die beiden Liter und Gläser auf dem Tisch der Küche standen, wollte Frau Karl unbedingt, daß man den Koffer ablade, damit sie ihre Geschenke machen könne. Man brachte ihn herein. Sie zog das etwas spät erscheinende Taufkleid und Häubchen daraus hervor und dann sechs Schachteln Bonbons, die sie der Mutter gab. »Kommen die Bonbons aus der Konditorei der Mama?« fragte Elodia. Nur eine Sekunde ward Frau Karl verlegen. Dann versetzte sie ruhig: »Nein, mein Herz, diese Sorte hat deine Mama nicht.« Und sich an Lise wendend: »Weißt du, ich habe auch an dich gedacht, ich hab' dir Wäsche mitgebracht ... Es ist nichts so wertvoll in einem Hausstand wie altes Leinenzeug. Meine Tochter hat alle ihre Schränke für mich ausgeräumt ...« Beim Worte Wäsche waren alle herzugetreten. Franziska, die Große, die Delhommes, selbst Fouan umstanden im Kreise den Koffer und schauten zu, wie jetzt die Patin einen ganzen Ballen alter Fetzen auskramte, ausgebleichtes Hadernwerk, das, trotzdem es gewaschen war, ein durchdringenden Moschusgeruch ausströmte. Da waren zunächst zerrissene Bettücher aus feiner Leinwand; dann eine Menge zerfetzter Frauenhemden, von denen augenscheinlich die Spitzen abgetrennt waren. Frau Karl entfaltete alles, breitete es aus und erklärte: »Mein Gott, die Bettücher sind nicht neu, die dienen bald fünf Jahre, und auf die Länge der Zeit macht das Reiben des Körpers das Leinen mürbe. Ihr seht, sie haben alle ein großes Loch in der Mitte, aber die Ränder sind noch recht gut, man kann eine Menge Sachen daraus zuschneiden. Sie nickten zustimmend bei den Erläuterungen der Frau Karl; besonders die Frauen, die Große und Fanny, deren gespitzte Lippen ihren Neid verrieten, waren ganz bei der Sache. Buteau lächelte mit einer Miene, die verriet, daß sich ihm allerhand zotige Bemerkungen auf die Lippen drängten, die er aus Schicklichkeitsrücksichten verschwieg. Fouan und Delhomme blieben sehr ernst, waren ganz erfüllt von der Achtung, die der Bauer vor dem Linnen hat, dem schätzbarsten Gute nächst Grund und Boden. »Die Hemden«, fuhr Frau Karl fort, indem sie jetzt diese einzeln vorzeigte, »seht, sind noch gar nicht verbraucht ... Natürlich, Löcher haben sie die Menge; man kann es nicht immer stopfen und ausbessern, es macht dicke Stellen und sieht nicht fein aus; deshalb wirft meine Tochter sie lieber unter das alte Leinenzeug ... Aber du, Lise, kannst sie noch zu allem Möglichen verwenden.« »Ich werde sie tragen,« rief Lise, »mir macht es nichts, wenn meine Hemden geflickt sind.« »Und mir,« äußerte Buteau und blinzelte pfiffigen Gesichtes mit den Augen, »mir wär's nicht zuwider, wenn du mir Sacktücher daraus machtest.« Alle lachten verständnisvoll; die kleine Elodia aber, die jedes Leintuch, jedes Hemd mit den Augen verfolgte, rief: »O, dieser merkwürdige Geruch! wie stark es duftet ... Ist das alles Mamas Wäsche, Großmutter?« Ohne Zaudern antwortete Frau Karl: »Selbstverständlich, mein Herz ... Das heißt, es ist das Linnen ihrer Ladenjungfern. Man braucht viel Weißwäsche im Geschäft!« Lise brachte mit Franziskas Hilfe alles in ihren Schränken unter; alsdann stieß man miteinander auf das Wohl des Täuflings an, dem die Patin ihren eigenen Namen Laura gegeben. Während die anderen noch ein Weilchen miteinander plauderten, fragte Herr Karl, der sich auf den Koffer gesetzt hatte, seine Frau, wie die Geschäfte in Chartres gingen. Seine Neugier ließ ihn nicht warten, bis sie allein waren; er interessierte sich immer noch lebhaft für dieses einst mit so viel Tatenlust von ihm erneuerte Haus, dessen er sich nie anders wie mit heimlichem Bedauern erinnern konnte. Die Nachrichten waren nicht günstig. Zwar erwies sich ihre Töchter Estelle als umsichtig und führte eine kräftige Faust, doch Vaucogne, der Schwiegersohn, dieser schlaffe Patron unterstützte sie in keiner Weise. Er rauchte den ganzen Tag seine Pfeife und ließ alles verschmutzen und verderben: so zum Beispiel hatten die Vorhänge von Nummer 3 Flecke, der Spiegel des kleinen, runden Salons war gesprungen; überall war an den Wasserkannen und Waschbecken ein Stück ausgebrochen; er bekümmerte sich nicht darum, und doch war der Arm eines Mannes so unentbehrlich, um einer Beschädigung der Einrichtungsgegenstände vorzubeugen! Bei jedem Schaden, den ihm seine Frau aufzählte, seufzte Herr Karl, seine Arme sanken mutlos herab, er ward blaß und gebrochen. Doch ein Letztes, das sie ihm mit leiser Stimme zugeflüstert, brachte ihn vollends aus seiner Fassung: »Und denk' dir, er geht mit der Dicken aus Nummer 5 aufs Zimmer!« »Was sagst du da?« »Ich kann's verbürgen, ich hab's gesehen.« Herr Karl erbebte, ballte die Fäuste und rief in fabelhafter Entrüstung: »Der Elende, sein eigenes Personal abnützen, sein Haus systematisch zugrunde richten! ... Das ist stark!« Mit einem Pst! gebot ihm Frau Karl Schweigen, denn Elodia kam vom Hofe herein, wo sie sich die Hühner angeschaut. Man trank noch einen Liter; der Koffer wurde auf den Wagen geladen und nach Roseblanche gefahren; das Ehepaar Karl schritt hinterdrein. Auch die anderen gingen, eine Weile daheim Nachschau halten, bis die Essenszeit heranrücken werde. Sobald Buteau allein war, zog er, unzufrieden mit diesem verlorenen Nachmittag, sein Wams aus und begann, in dem gepflasterten Winkel des Hofes zu dreschen, denn er brauchte für den nächsten Tag einen Sack Getreide. Doch es langweilte ihn bald, allein zu dreschen; es fehlte ihm der ermunternde Einfall von zwei im Takt schlagenden Flegeln bei der Arbeit. Er rief Franziska, die ihm oft hierbei half; denn ihre Lenden waren stark, und die Muskel ihrer Arme konnten es mit einem Manne aufnehmen. Trotz der Langwierigkeit dieser einfachen Dreschart und ungeachtet der Mühe, welche sie verursachte, hatte Buteau sich nie entschließen können, ein Göpelwerk zu kaufen; wie alle kleinen Grundeigentümer zog er vor, sein Korn von einem Tag zum andern nach Bedarf zu dreschen. »He! Franziska, kommst du?« Lise, die gerade ein Kalbsragout mit gelben Rüben bereitete, wollte Franziska, die auf einen am Spieß röstenden Schweinebraten achtgab, verhindern, dem Rufe Folge zu leisten; aber Buteau schrie schlecht gelaunt: »Verwünschtes Weibervolk, ich schlag' euch eure Schüsseln um den Schädel, wenn ihr nicht folgt ... Das hat nichts wie's Essen im Kopf!« Franziska, die, um sich nicht zu beflecken, bereits ihr Kleid ausgezogen hatte und in einem Unterrock, dessen sie sich zur Hausarbeit bediente, am Herde stand, mußte ihm gehorchen. Sie kam in den Hof heraus und nahm den Flegel mit einem langen, glatten Griff, der von einem Bindfaden umschnürt war, damit er nicht aus der Hand gleite, und daran an ledernem Riemen der wuchtige Schläger aus Kornelholz hing. Mit beiden Händen schwang sie den ihren über ihrem Kopfe; dann sauste der Schläger herab und fiel mit kurzem Prall in seiner ganzen Länge auf die Roggengarbe. Sie aber schwenkte von neuem den Flegel hoch in die Luft, drehte ihn wie in einem Gewinde und ließ ihn fallen mit mechanischem, gleichmäßigem Auf und Nieder; gleich einem Schmiede. Buteau ihr gegenüber tat dasselbe im Gegenschlag. Bald darauf wurden sie warm, der Schlag ward lebendiger; man sah nichts mehr als diese fliegenden Holzarme, die vom Boden abprallten, sich hinter den Köpfen der beiden um sich selbst drehten, dem Aufflattern an den Füßen gebundener Vögel vergleichbar. Nach zehn Minuten ließ Buteau einen kurzen Ruf hören, die Dreschflegel hielten in ihrem Fluge inne, er wandte die Garbe. Von neuem kreisten die polternden Hölzer. Nach wiederum zehn Minuten kommandierte er eine zweite Pause, jetzt öffnete er die Garbe. Sechsmal mußte dies wiederholt werden, bis alle Körner sich aus den Ähren gelöst hatten und das Stroh gebunden werden konnte. Eine Garbe nach der andern ward vorgenommen. Zwei Stunden lang vernahm man im Hause nichts wie das regelmäßige Tok-Tok der Dreschflegel, und das langgezogene Schnaufen der Dampfmaschine draußen auf dem Felde tönte dazwischen. Die Backen Franziskas waren jetzt blutrot, die Handgelenke schwollen, ihr ganzer Leib glühte und umgab ihre Person mit einem heißen Flimmern. Ihr offener Mund stieß ein keuchendes Atmen hervor. Strohhalme hingen an den fliegenden Zöpfen ihres Haares. Jedesmal, wenn sie den Flegel hob, zeichnete sich ihr rechtes Knie in dem Röckchen ab, Hüfte und Brust strafften sich unter dem dünnen Gewand, die junge, kräftige Gestalt malte sich wie unbekleidet in diesem Umriß. Ein Knopf des Leibchens sprang ab; Buteau erblickte unter dem sonnenverbrannten Halse ein Stück weiße Brust, das die schwingenden Arme, die spannenden Muskel der Schulter wogend schwellten. Ihn erhitzte dieser Anblick noch mehr als die Nachhilfe eines guten Weibchens, das kräftig am Werke ist; hastig sausten die Schläger, hüpfend sprangen die Körner empor und regneten wie Hagel unter dem keuchenden Tok-Tok des dreschenden Paares. Um dreiviertel auf Sieben, als es zu dämmern begann, kamen Fouan und das Ehepaar Delhomme. »Wir müssen es fertig machen«, schrie ihnen Buteau zu, ohne sich zu unterbrechen ... Drauf los, Franziska!« Auch sie ließ nicht nach, klopfte immer heftiger, hingerissen von dem hurtigen Lärm der Arbeit. So fand sie Hans, der die Erlaubnis erhalten, auswärts zu essen, und der jetzt in den Hof trat. Ihn überkam eine plötzliche Eifersucht, er stierte sie an, als habe er sie bei einer Umarmung überrascht. In der Tat war es, wie die beiden so hingebend bei dieser heißen Arbeit schwitzten, halb entblößt, im Takte klopfend, als seien sie im Zuge, miteinander ein Kind zu machen. Franziska, die so ganz bei der Sache gewesen, mochte eine ähnliche Empfindung haben, denn sie hielt plötzlich verlegen inne. Buteau blickte sich starr vor Überraschung und Zorn um. »Was willst du hier?« Doch Lise, die gerade Fouan und die Delhommes begrüßt, trat mit ihnen gemeinschaftlich auf den Hof und rief mit ihrer muntern Stimme: »Ach, das ist wahr, ich hab' es dir nicht erzählt: ich traf ihn heute morgen und hab' ihn zum Essen eingeladen.« Das erhitzte Gesicht ihres Gatten bekam einen so wilden Ausdruck, daß sie, wie sich entschuldigend, fortfuhr: »Ich glaub', Papa Fouan, er will Ihnen eine Bitte vortragen. »Welche Bitte?« fragte der Alte. Hans ward ungemein verlegen, daß die Sache so plötzlich hier vor allen zur Sprache gekommen, er errötete und fing an zu stottern. Übrigens fiel ihm Buteau, den ein lächelnder Blick, welchen seine Frau auf Franziska geworfen, hinreichend aufgeklärt, ins Wort: »Bist du nicht bei Trost! Die ist nicht für dich, du Dummkopf!« Dieser unhöfliche Empfang gab Hans seinen Mut zurück, er drehte sich zum Alten herum: »Die Sache ist die, Papa Fouan ... Da Sie der Vormund der Franziska sind, muß ich mich an Sie wenden, nicht wahr, wenn ich sie haben will? ... Wenn sie mich möchte, wollt' ich sie nämlich heiraten.« Franziska ließ vor Schreck den Dreschflegel, den sie immer noch in der Hand gehalten, auf die Erde gleiten. Zwar hätte sie wohl auf die Sache gefaßt sein müssen, doch war es ihr nicht in den Sinn gekommen, daß Hans so bald und so ohne weiteres um ihre Hand anhalten könne. Warum hatte er nicht zuerst mit ihr gesprochen? Es brach so unvermutet über sie herein, sie erbebte und vermochte sich keine Rechenschaft abzulegen, ob es Hoffnung oder Furcht war, die sie durchschauerte. Noch fiebernd von der Arbeit, stand sie mit halboffenem Mieder, mit wogendem Busen zwischen den beiden Männern, welche die Gluthitze ihres Leibes bis zu sich hinandampfen fühlten. Buteau ließ dem Familienhaupte keine Zeit zu antworten. Mit wachsendem Jähzorn rief er: »Deine Frechheit ist einzig ... Ein Alter von dreiunddreißig Jahren, der ein Mädel von achtzehn zur Frau will! Nur die Kleinigkeit von fünfzehn Jahren Unterschied! Das ist ekelhaft, meiner Seele! Troll' dich weiter, alter Esel!« Jetzt verlor auch Hans seine Ruhe. »Was schert's dich, wenn ich sie mag und sie mich?« Er wandte sich zu Franziska herum, damit sie ihre Meinung ausspreche. Sie aber war noch ganz verstört; steif und starr stand sie da, als verstehe sie nicht, was man von ihr wolle. Sie konnte nicht nein sagen, und doch sagte sie nicht ja. Buteau aber schaute sie mit einem so furchtbaren Blick an, als wolle er ihr das Ja gewaltsam in der Kehle festhalten. Wenn sie sich verheiratete, verlor er sie und verlor gleichzeitig den Acker. Der plötzliche Gedanke an diese Folge brachte seine Wut aufs äußerste. »Ich bitte dich, Vater, ich bitt' Euch, Delhomme, empört Euch nicht der Gedanke, das Kind diesem alten Lumpen zu geben, der nicht 'mal aus unserer Gegend ist, der, weiß Gott woher kommt, und sich in der halben Welt herumgetrieben? ... Ein abgedankter Tischler, der Bauer geworden, weil er sicher irgendeine unsaubere Geschichte verheimlichen will. All sein Haß gegen den Arbeiter in den Städten machte sich in diesen Worten Luft. »Was liegt an allem, wenn ich sie mag und sie mich?« wiederholte Hans, sich bemeisternd. Er hatte sich vorgenommen, ihr rücksichtsvoll zu überlassen, daß sie zuerst von ihrem beiderseitigen Verhältnis rede ... Also, Franziska, sprich!« »Aber es ist wahr!« fiel Lise ein, von dem Wunsche beseelt, ihre Schwester zu verheiraten, um sich ihrer zu entledigen. »Was hast du einzuwenden, wenn sie einander recht sind? Sie braucht deine Zustimmung nicht; sie könnte dir merkwürdig übers Maul fahren ... Geh, langweil uns nicht!« Buteau sah ein, daß die Sache nicht mehr zu hintertreiben sei, sobald Franziska sich ausgesprochen. Was er vor allem befürchtete, war, daß durch das Bekanntgeben des zwischen beiden bestehenden Verhältnisses die Heirat als geboten erscheine. Er sah die Große in den Hof treten und dicht dahinter Herrn und Frau Karl mit Elodia. Er winkte sie heran, ohne noch zu wissen, was er sagen wolle. Plötzlich hatte er's gefunden; mit aufgedunsenem Gesicht, mit geballten Fäusten maß er seine Frau und Schwägerin und schrie: »Verwünschte Vetteln! ... Jawohl, Vetteln, eine wie die andere! ... Wollt ihr's wissen? ich schlafe mit allen beiden, darum sind sie so keck! ... Mit beiden, sag' ich euch! Und wenn die eine genug hat, kommt die andere dran bis zum Überdruß!« Das Ehepaar Karl war wie versteinert, als ihm diese Worte so jählings ins Gesicht geworfen wurden. Dann aber stürzte sich Frau Karl auf Elodia, als wolle sie diese mit ihrem Körper decken; das Mädchen nach dem Gemüsegarten schiebend, erhob sie ebenfalls sehr laut die Stimme und rief: »Komm, den Salat anschauen und den Kohl ... Oh, sieh! dieser schöne Kohl!« Buteau aber fuhr fort, erdichtete allerhand Einzelheiten und gab die haarsträubendsten Dinge in den gemeinsten Ausdrücken zum besten. Lise verstand nicht recht seinen Zorn; sie zuckte die Achseln und sagte: »Er ist verrückt, so was ist ja unmöglich! Er ist verrückt!« »Sag ihm doch, daß er lügt«, rief Hans der Geliebten zu. »Natürlich lügt er«, versetzte das junge Mädchen gelassen. »So, ich lüge, ich lüge?« gab Buteau zurück. »Ist es vielleicht auch nicht wahr, daß du bei der Ernte im Schober mir keine Ruh' gegeben? Ist das auch eine Lüge? ... Wir wollen 'mal sehen, ob ich euch nichtsnutziges Weibsvolk kirre machen werd'?« Diese fabelhafte Keckheit lähmte und betäubte Hans. Konnte er jetzt sagen, daß er Franziska besessen? Es schien schändlich, zumal wenn sie selbst ihm nicht zu Hilfe kam. Die anderen, Delhomme, Fouan, die Große hielten sich zurück. Sie taten keineswegs erstaunt und schienen zu denken, daß, wenn Buteau beide Schwestern besaß, er wohl über sie nach Gutdünken bestimmen dürfe. Wenn man ein Recht hat, macht man es geltend. Buteau aber triumphierte und fühlte sich als siegreicher Herr des Platzes. Er wandte sich an Korporal: »Und du, Schuft, laß dir nicht einfallen, noch 'mal den Fuß über meine Schwelle zu setzen ... Pack dich fort! Auf der Stelle hinaus mit dir! ... Du willst nicht? ... Wart!« Er ergriff seinen Dreschflegel und schwang ihn über seinem Haupte. Hans hatte kaum Zeit, Franziskas Flegel zu ergreifen, um sich damit zu verteidigen. Die anderen schrien und wollten sich zwischen sie werfen; doch die beiden waren so furchtbar anzuschauen, daß alles zurückwich. Die ein paar Meter weit greifenden Schläger fegten im Umsehen den Hof rein, es blieben nur die beiden Kämpfenden auf dem leeren Platze. Niemand gab mehr einen Ton von sich, aller Augen blickten auf die Feinde. Man vernahm nichts wie das kurze Knacken des Holzes bei jedem Schlage. Buteau hatte den ersten Schlag geführt, und Hans, der noch im Begriff gewesen, seine Waffe vom Boden aufzunehmen, hätte es den Schädel zerschmettert, wäre er nicht hurtig zurückgesprungen. Sofort hob auch er das wuchtige Holz mit jäh sich spannenden Muskeln und ließ es hinabsausen. Doch schon hieb der andere zum zweitenmal; die beiden Schläger begegneten sich, prallten aneinander ab und schlenkerten wild hin und her, dem erschreckten Flattern verwundeter Vögel vergleichbar. Dreimal wiederholte sich dieses Manöver; man sah nur noch die an ihren Lederriemen sich schwingenden Keulen sausend die Luft teilen; jeden Augenblick schien es, mußte ein tödlicher Streich dem Kampfe ein Ende machen. Delhomme und Fouan stürzten hinzu, um ein Unglück zu verhüten. Da plötzlich stießen die Frauen einen Schrei aus. Hans war ins Stroh gestürzt, verräterisch von Buteau mit einem am Boden hinschleifenden Hiebe am Beine getroffen. Ohne seinen Flegel aus der Hand zu lassen, sprang er empor und schwang ihn, von Schmerz zu namenloser Wut aufgerüttelt. Der Schläger beschrieb einen großen Kreis und fiel nach rechts, während ihn Buteau links erwartete. Eine Linie weiter und der Kopf wäre gespalten gewesen; er traf nur das Ohr, glitt ab und prallte auf den Arm. Man vernahm ein Geräusch, wie wenn Glas zersplittert; der Knochen war gebrochen. Die Hand fiel hinab und ließ den Flegel, welchen sie hielt, entgleiten. »Der Mörder!« heulte Buteau, »er hat mich getötet!« Hans stand mit wildem, blutgetränktem Blick da und schaute sie alle der Reihe nach an, verblüfft von dem, was sich hier so blitzschnell zugetragen. Er warf seinen Dreschflegel fort und verließ, in namenloser Verzweiflung hinkend, den Hof ... Als er bei der Ecke des Hauses auf die Ebene hinaustrat, begegnete er Dreckbatzen, die über die Hecke hinüber dem Zweikampf zugeschaut hatte. Sie war hier herumgestrichen aus Anlaß der Kindtaufe, zu der weder ihr Vater noch sie geladen worden. Was wird Jesus für eine Freude haben, wenn sie ihm von dem kleinen Familienfest erzählt und von der zerbrochenen Pfote seines Bruders. Sie wand sich vor Lachen, solch einen riesigen Spaß machte ihr die Sache. »O, Korporal, was für eine famose Balgerei war das! Krack hat's gemacht, und der Knochen war hin! Zum Totlachen!« Er antwortete nicht; zögernden Schrittes schleppte er sich bekümmert übers Feld. Das Mädchen pfiff ihre Gänse heran, die sie dort gehütet hatte, um einen Vorwand zu haben, sich hinter den Mauern herumzutreiben und zu spionieren. Hans kehrte mechanisch zu der Dampfmaschine zurück, die im dunkelnden Abend immer noch arbeitete. Er dachte darüber nach, daß alles vorüber sei, daß er niemals zu den Buteau zurückkehren könne, daß man ihm nimmermehr Franziska geben werde. Welch ein Unglück! Kaum zehn Minuten hatte es gedauert; ein Streit, den er nicht gesucht, ein so unseliger Zufall, gerade im Augenblick, wo er seinem Ziele so nah geschienen! Nie, nie wieder! Das Keuchen der Maschine stöhnte wie Wehklagen durch die Dämmerung. Am Kreuzpunkt zweier Wege hatte er eine Begegnung. Die Gänse von Dreckbatzen stießen dort auf die Gänse des Papa Saucisse, die allein ins Dorf zurückkehrten. Die beiden an der Spitze ihrer Herde stelzenden Gänseriche blieben stehen, stellten sich auf ein Bein und kehrten ihre gelben Schnäbel einander zu; und die Gänse jeder Bande streckten alle dasselbe Bein wie er. Einen Moment blieb alles unbeweglich gleich zwei Patrouillen, die das Losungswort wechseln. Jetzt warfen die runden Augen der Gänseriche einen zufriedenen Blick; dann setzte der eine seinen Weg geradeaus fort; der andere bog nach links, und jeder Trupp folgte mit gleichmäßig watschelndem Gang seinem Häuptling. Vierter Teil. Erstes Kapitel. Nach der Schur und dem Verkauf der Hammel hatte der Schäfer Soulas seine Schafe im Mai aus der Borderie ins Freie geführt. Es war eine fast vierhundertköpfige Herde, welche der Alte regierte mit Hilfe des kleinen Schweinehirten Firmin und der Hunde Empereur und Massacre, zwei furchtbaren Kötern. Bis August weideten die Schafe auf den Brachfeldern und in den Kleewiesen; vor drei Wochen hatte Soulas sie unmittelbar nach der Ernte gegen Ende September in den Stoppelfeldern eingehegt. Um diese Zeit des Jahres sah die Beauce am traurigsten aus. Nicht ein grünes Fleckchen hob sich aus den kahlen Feldern ab; die Hitze des Sommers hatte den dürren Boden aufgerissen, durch den nicht ein Bächlein rieselte; aller Pflanzenwuchs war erstorben, man sah nur schmutzigwelke Gräser und die trostlose Öde der harten Stoppel bis zum Horizont. Es schien, als habe eine riesige Feuersbrunst das ganze Land verwüstet, von der ein am Boden flimmerndes gelbliches Leuchten Zeugnis gab, eine häßliche, fahle Färbung wie beim Gewitter. Alles hatte diesen kläglichen, gelben Ton, die ausgetrocknete Erde, die Stümpfe der abgemähten Ährenhalme, die vom Spurgeleise der Wagenräder durchfurchten Landwege. Beim geringsten Windstoße flogen große Staubwolken empor und überschütteten die Böschungen und Hecken mit grauem Mehl. Der reine Himmel aber, die helle Sonne hoben dies trübselige Bild noch deutlicher hervor. Gerade an jenem Tage fegte der Wind in jähen, heißen Stößen über die Flur und jagte wirbelnde Staubballen vor sich her. Wenn die Sonne wieder durchbrach, schien sie blutrot und stach brennend die Haut. Seit dem Vormittag wartete Soulas, daß man ihm für sich und seine Tiere Wasser aus der Farm bringe; denn das nördlich von Rognes gelegene Stoppelfeld, auf dem er sich befand, war weit entfernt von den nächsten Pfützen. Auf dem Weideplatze, von den an Pferchhölzern befestigten Hürden umschlossen, lagen die Schafe und atmeten kurz und schwer. Die beiden Hunde hatten sich außerhalb der Umhegung niedergestreckt und keuchten ebenfalls mit hängender Zunge. Der Schäfer saß, um sich gegen Wind und Sonne zu schützen, mit dem Rücken an die zweirädrige Hütte gelehnt, die er bei jeder Verlegung des Weideplatzes mit sich führte; denn sie diente ihm als Schlafstätte und Speisekammer. Um Mittag brannte die Sonne scheitelrecht. Soulas erhob sich und spähte übers Feld nach Firmin aus, den er zur Borderie fragen geschickt, warum das Wasser nicht komme. Endlich tauchte der kleine Hirt in der Ferne auf. »Man kommt gleich,« rief er hinübereilend; »sie haben heute früh keine Pferde gehabt.« »Und du Schafskopf hast nicht 'mal einen Liter Wasser mitgebracht?« »Nein, daran hab' ich nicht gedacht. Ich selbst habe getrunken.« Soulas schlug mit geschlossener Faust nach dem Burschen; doch dieser sprang zur Seite und wich dem Schlage aus. Der Alte fluchte ingrimmig und entschloß sich endlich trotz des Durstes, der ihm die Kehle dörrte, ohne Trunk zu essen. Auf sein Geheiß holte Firmin, mißtrauisch nach dem brummenden Alten schielend, aus dem Wagen ein acht Tage altes Brot, alte Nüsse und trockenen Käse; die zwei begannen zu essen. Die Hunde setzten sich vor ihnen auf die Hinterfüße; von Zeit zu Zeit fiel eine Rinde für sie ab, die so hart war, daß sie wie ein Knochen zwischen ihren Zähnen knackte. Der siebzigjährige Alte aß, trotzdem er keine Zähne mehr hatte, so schnell wie sein junger Gefährte. Er war immer noch gerade, zäh und nervig wie eine Dornengerte; nur das unter dem wüsten, entfärbten Haar hervorblickende erdfahle Gesicht war tief gefurcht. Der Anblick dieses Kopfes hatte viel Verwandtes mit jenen Bäumen, die über einem gestützten Rumpf dicht wucherndes Zweigwerk treiben. Der Bursche entging der ihm zugedachten Züchtigung nicht; im Augenblick, wo er ohne Arg den Rest der Speisen an ihren Platz legte, ereilte sie ihn, der meinte, die Sache sei vergessen; er erhielt eine so wuchtige Ohrfeige, daß er in den Karren purzelte. »Da! verwünschter Strohkopf, trink das auch noch!« Bis zwei Uhr kam immer noch nichts. Die Hitze hatte zugenommen und war in der plötzlich eingetretenen Windstille schier unerträglich geworden. Zeitweise hob ein kleines Lüftchen die zu mehligem Staub vertrocknete Erde und wirbelte einen sandigen Rauch empor, der den quälenden Durst zu einer entsetzlichen Folter steigerte. Endlich ließ Soulas, der mit stoischer Langmut stumm gewartet, ein zufriedenes Brummen hören. »Meiner Seel', es ist Zeit!« Fast nur faustgroß erscheinend, zeigten sich zwei Wagen am Horizont. In dem ersteren, den Hans führte, hatte der Schäfer deutlich die Wassertonne erkannt; auf dem zweiten fuhr Tron Säcke Getreide zu einer Mühle, deren hölzernes Gestell man in einer Entfernung von fünfhundert Metern gewahrte. Der Hürde gegenüber hielt Tron an, ließ seinen Wagen auf der Chaussee und begleitete unter dem Vorwande, ihm zu helfen, Hans bis zu dem Schäfer, um eine Viertelstunde zu verplaudern. »Will man uns denn umkommen lassen?« rief ihnen der Alte entgegen. Auch die Schafe hatten das Wasserfaß gewittert; sie sprangen auf und drängten mit kläglichem Blöken ungestüm an die Umhegung. »Geduld,« versetzte Hans, »hier ist genug für euch alle.« Sofort wurde ein Trog aufgestellt, und mittelst einer hölzernen Rinne leitete man das Wasser hinein. Die Leitung war schlecht gefügt; das Wasser tropfte daraus hervor; die Hunde fingen es im Fallen mit der Zunge auf. Der Schäfer und der kleine Hirt aber tranken gierig aus der Rinne, ohne sich Zeit zu lassen, ihre Flaschen zu füllen. Jetzt zog die ganze Herde an dem Trog vorüber; man vernahm nichts wie das Rieseln dieses lebenden Wassers und das glucksende Schlucken von Menschen und Tieren. »Weil Ihr gerade da seid,« rief Soulas, nachdem er sich erquickt, »könnt Ihr mir ein wenig zur Hand gehen; ich will den Pferch weiter vorrücken.« Hans und Tron halfen ihm. In den großen Stoppelfeldern pflegte der Weideplatz selten länger als zwei oder drei Tage an demselben Orte belassen zu werden; sobald die Schafe die wilden Kräuter abgegrast hatten, verlegte man den Weideplatz; so wurde der ganze Acker gleichzeitig nach und nach von den Schafen gedüngt. Während der Alte mit Hilfe seiner Hunde die Schafe zusammenhielt, rissen der Junge und die beiden Knechte die Pferchhölzer aus dem Boden, trugen die Hürden fünfzig Meter weiter und bauten sie dort von neuem zu einem großen Viereck auf, in das sich die Schafe, ehe es vollkommen geschlossen war, von selbst zurückzogen. Soulas schob trotz seines hohen Alters die Hütte mit eigener Hand bis an die Hürden. Dann fragte er, auf Hans deutend: »Was fehlt denn dem da? Er macht ja ein gottsjämmerliches Leichenbittergesicht.« Korporal, dem der Schmerz das Herz abfraß, seit er meinte, Franziska sei für ihn verloren, nickte traurig. »Aha!« fuhr der Greis fort, »da steckt ein Frauenzimmer dahinter! ... Diese verflixten Weibsbilder! Man sollte ihnen allesamt den Hals umdrehen!« Mit seinem massigen Wuchs und seinen kindlich dreinschauenden runden Augen versetzte Tron lächelnd: »So red't man, wenn man ausgemustert ist.« »Ausgemustert?« erwiderte der Schäfer hitzig. »Weißt du das so genau? ... Übrigens, mein Junge, ich kenne eine, mit der du wohl tätest, nicht so gut befreundet zu sein; das könnt' ein schlechtes Ende nehmen.« Diese Anspielung auf sein Verhältnis zu Jacqueline ließ den Koloß bis zu den Ohren erröten. Eines Morgens hatte Soulas die beiden hinter den Hafersäcken in der Scheune überrascht und in seinem Hasse gegen die einstige Geschirrwäscherin, die heute so hart mit ihrem früheren Kameraden war, endlich den Entschluß gefaßt, seinem Herrn die Augen zu öffnen. Doch beim ersten Worte, das er hervorgebracht, schaute ihn Hourdequin so wild an, daß der alte Schäfer das Geheimnis, das er schon auf den Lippen gehabt, verschwieg mit dem Vorsatz, nicht zu sprechen, wenn ihn nicht Cognette vielleicht durch seinen Abschied zum äußersten treibe. Beide lebten seither auf dem Kriegsfuße: er, jeden Tag gewärtig, wie ein altes, gebrechliches Tier hinausgeworfen zu werden; sie, den Zeitpunkt abwartend, wo sie sich mächtig genug fühlen werde, um von dem Besitzer die Entlassung des alten Schäfers zu verlangen, der seinem Herrn ans Herz gewachsen war. In der ganzen Beauce gab's nicht einen Hirten, der wie Soulas verstand, seine Herde zu weiden, der sie ein Feld abgrasen ließ von einem Ende zum andern, ohne daß nur ein Hälmchen verloren ging. Den Alten überkam jenes Bedürfnis zu sprechen, das bisweilen das Herz einsam lebender Menschen ausschüttet; er fuhr fort: »Wenn meine Frau, das Luder, nicht bevor sie hin geworden, mir meine paar Groschen, wie ich sie verdiente, versoffen hätt', ich hätt' mich getummelt, aus der Farm auszurücken, um nicht all das Schandgetriebe mit anzusehen ... Diese Cognette, die kann was leisten! Die arbeitet mehr mit den Hinterbacken als mit den Händen. Gott, o Gott, ist das ein Frauenzimmer! Die Stellung, die sich die Person mit ihrer Haut errungen hat! Wenn man bedenkt, daß Herr Hourdequin sie im Bett seiner Seligen schlafen läßt, daß sie ihn dahin gebracht hat, mit ihr allein zu essen, als wenn sie seine wirkliche Frau wäre! Wir müssen uns gefaßt machen, daß sie uns alle eines Tages zum Teufel jagt und ihn selbst auch zu guter Letzt natürlich! ... Solch ein Fetzen, der es mit dem letzten Schweinkerl gehalten hat!« Trons Fäuste ballten sich krampfhafter bei jedem Wort, das der Alte vorbrachte; der Bursch konnte in plötzliche Wutanfälle ausbrechen, die seine Riesenkraft entsetzlich machten. »Jetzt ist's genug!« schrie er. »Wenn du noch ein Mann wärst, hätt' ich dich schon zu Boden geschlagen! ... Sie ist in ihrem kleinen Finger mehr wert als du, so groß und lang du bist!« Soulas zuckte die Achseln bei diesem Drohwort. Er, der niemals lächelte, stieß plötzlich ein heiseres, ersticktes Lachen hervor gleich dem Knirschen eines unbenutzten Flaschenzuges. »Großer Gott! ... Viechskerl! Du bist so einfältig, mein Junge, wie sie durchtrieben ist ... Wenn ich dir sage, daß sie's mit aller Welt gehalten hat! Ich geh herum, nicht wahr, ich brauch nur hinzuschauen und seh, ob ich will oder nicht, wie's die Mädel mit den Männern treiben! Aber was ich von der gesehen hab', wie oft ich die überrascht hab', nein, da hört die Gemütlichkeit auf! ... Sie war kaum vierzehn Jahre alt, da fing sie im Pferdestall mit dem alten Mathias an, einem Buckligen, der jetzt tot ist. Hernach nahm sie eines Tages, als sie am Backtrog stand, ein junger Bursch her, der kleine Saujunge Wilhelm, der jetzt Soldat ist. Darauf kamen alle Knechte an die Reihe, alle, die jemals hier gedient haben; auf dem Stroh, auf den Säcken, auf der Erde, wie sich's traf ... Übrigens wir brauchen nicht so weit zu suchen. Wenn du was Genaues wissen willst, da ist einer, den ich eines Morgens auf dem Heuboden mit ihr gesehen hab'.« Er lachte von neuem und sah seitwärts zu Hans hinüber, der, seit von Jacqueline gesprochen wurde, verlegen zu Boden blickte. »Soll heut einer versuchen, ihr zu nahe zu kommen,« knurrte Tron wütend wie ein Hund, dem man seinen Knochen nehmen will, ich zerbrech' ihm die Rippen, daß er's Aufstehen vergißt!« Verwundert über diesen Anfall von Eifersucht schaute Soulas ihn einen Augenblick an, dann verfiel der alte Mann wieder in seine alltäglich stumpfe Gleichgültigkeit. »Das ist deine Sache, mein Sohn«, schloß er kurz. Tron ging zu dem Wagen zurück, den er zur Mühle fahren wollte. Hans blieb noch einige Augenblicke und half dem Schäfer die Pferchhölzer mit dem Schläger in den Boden treiben. Soulas aber, dem die Niedergeschlagenheit des Burschen auffiel, begann von neuem: »Hoffentlich ist's nicht die Cognette, die dir das Herz so schwer macht?« Er antwortete mit energischem Kopfschütteln. »Also eine andere? ... Aber welche andere nur? Ich hab' dich nie mit einem Mädel gesehen.« Dem Burschen fiel ein, daß die Alten oft einen guten Rat wissen; und da auch ihm das Bedürfnis überkam, sich auszusprechen, so erzählte er, was zwischen ihm und Franziska vorgegangen, und wie er nach der Schlägerei mit Buteau verzweifle, sie jemals zu besitzen. Hatte er doch einen Augenblick sogar gefürchtet, sein Gegner werde ihn verklagen wegen des zerbrochenen Armes, der ihm, obwohl schon halb geheilt, immer noch jede Arbeit unmöglich mache. Doch Buteau war vermutlich der Meinung gewesen, es sei nie gut, die Behörde ihre Nase in Privatangelegenheiten stecken zu lassen. »Also hast du die Franziska gehabt?« »Einmal, ja!« Der Greis überlegte mit ernster Miene; endlich gab er seine Meinung kund: »Mußt zum Papa Fouan gehen und ihm's erzählen. Vielleicht gibt er sie dir.« Hans ward verdutzt; dieser einfache Schritt war ihm nicht eingefallen. Der Weidepferch war nunmehr hergestellt, der Bursche machte sich wieder auf den Weg und sagte, er wolle am selben Abend den alten Fouan aufsuchen. Während er sich entfernte, nahm Soulas seinen Wachtposten hinter der leeren Schäferhütte ein; aufrecht stand er da; seine hagere Gestalt hob sich wie ein grauer, dünner Streifen von der flachen Ebene ab. Der kleine Schweinehirt streckte sich im Schatten des Wägelchens zwischen den beiden Hunden hin. Der Wind hatte vollkommen aufgehört, das in der Luft schwebende Gewitter war ostwärts gezogen; aber es blieb immer noch so heiß; die Sonne glühte am reinblauen Himmel. Abends machte sich Hans eine Stunde früher von seiner Arbeit frei und ging vor dem Nachtmahl den Papa Fouan bei Delhommes aufsuchen. Wie er das Tal hinabschritt, erblickte er das Ehepaar in seinem Weinberge beschäftigt, die Trauben von den wuchernden Blättern zu befreien; es war letzthin viel Regen gefallen, die Trauben reiften schlecht, es galt die paar sonnigen Tage auszunützen. Der Alte war nicht bei seinen Kindern; Hans beeilte sich, unter vier Augen mit ihm zu reden, was ihm bei weitem angenehmer war. Delhommes Anwesen befand sich am andern Ende von Rognes hinter der Brücke; es war ein kleines Anwesen, zu dem man in letzter Zeit noch einige Scheuern und Schuppen hinzugebaut hatte; drei unregelmäßige Gebäudekomplexe umschlossen den ziemlich geräumigen Hof, der jeden Morgen gefegt werden mußte, auf dem die Misthaufen mit der Meßschnur abgesteckt schienen. »Grüß Gott, Papa Fouan!« rief Hans vom Wege aus mit etwas unsicherer Stimme. Der Alte saß auf dem Hofe, einen Stock zwischen den Knien, das Haupt gebeugt und so vertieft, daß er nichts vernahm. Erst bei einem zweiten Zuruf hob er den Blick und erkannte den Besuch. »Ihr seid's, Korporal! Kommt Ihr hier herüber?« Er begrüßte ihn so natürlich und ohne den mindesten Groll, daß der Bursche eintrat. Doch er wagte nicht sofort, ihm von seiner Angelegenheit zu sprechen; der Mut verließ ihn bei dem Gedanken, daß er dem Alten so ohne weiteres sein Abenteuer mit Franziska enthüllen solle. Sie plauderten vom schönen Wetter, und wie gut es den Weinstöcken tue. Noch acht Tage Sonnenschein, und der Wein ist reif! Hans wollte dem Alten etwas Angenehmes sagen. »Sie sind wie ein Bürger,« rief er; »im ganzen Lande ist nicht ein Mann so glücklich wie Sie.« »Ja, gewiß.« »Wenn man Kinder wie die Ihren hat! Denn man kann weit gehen, um bessere zu finden!« »Ja, ja ... Allein Ihr wißt, jeder hat seinen Charakter.« Fouans Stirn umwölkte sich. Seit er bei Delhomme lebte, zahlte ihm Buteau nicht mehr die Rente; es passe ihm nicht, hatte der Sohn erklärt, daß sein Geld der Schwester zugute komme. Jesus hatte niemals einen Sou hergegeben; und Delhomme stellte seine Zahlungen von dem Tage an, wo seine Schwiegermutter bei ihm Kost und Wohnung nahm, ein. Doch es war nicht der Mangel an Taschengeld, der den alten Mann bekümmerte; denn er bezog von Baillehache die hundertfünfzig Franken Zinsen von dem Erlös seines Hauses, was jeden Monat zwölf Franken fünfzig Centimes ausmachte. Damit konnte er seine kleinen Nebenausgaben bestreiten, die zwei Sous Tabak jeden Morgen, seinen Schnaps bei Lengaigne und seine Tasse Kaffee bei Macqueron; denn Fanny holte Branntwein und Kaffee nur in Krankheitsfällen aus ihrem Schrank hervor. Trotzdem Fouan also die Mittel hatte, sich außerhalb des Hauses zu vergnügen, und obwohl seine Tochter es ihm sonst an nichts fehlen ließ, fühlte er sich unglücklich und härmte sich ohne Unterlaß. »Ja, ja,« fing Hans wieder an, ohne zu ahnen, daß er einen wunden Punkt berühre, »bei den anderen und bei sich daheim ist zweierlei.« »Das ist es, sicher! das ist wahr!« entgegnete der Greis mit grollendem Weh in seiner Stimme. Er erhob sich, als überkomme ihn plötzlich das Bedürfnis sich aufzulehnen: »Wir wollen eins trinken ... Ich werd' hoffentlich das Recht haben, einem Freunde ein Glas Wein anzutragen.« Doch auf der Schwelle überkam ihn schon wieder eine Furcht. »Putzt Eure Füße, Korporal; denn, wißt Ihr, sie machen allerhand Geschichten mit der Reinlichkeit.« Linkisch trat Hans ein, entschlossen, vor der Rückkunft der Hausleute sein Herz auszuschütten. Er war überrascht von der Ordnung und Sauberkeit in der Küche: das Geschirr glänzte, nicht ein Staubkorn lag auf den Schränken, die Fliesen des Fußbodens waren abgenützt vom vielen Scheuern. Der Raum sah rein und kalt aus wie unbewohnt. Bei einem mit Asche bedeckten Kohlenfeuer stand ein Topf Kohlsuppe vom vorigen Tage. »Auf Eure Gesundheit«, rief der Alte, der aus dem Speiseschranke zwei Gläser und eine angebrochene Flasche genommen. Seine Hand zitterte ein wenig, während er trank. Das Bewußtsein, sich etwas herausgenommen zu haben, regte ihn auf. Wie ein Mann, der alles aufs Spiel gesetzt hat, stellte er das leere Glas auf den Tisch und sagte plötzlich: »Denkt Euch, seit vorgestern spricht meine Tochter nicht mit mir, weil ich gespien hab'! ... Ha? Speien? Spuckt nicht jeder Mensch? Ich spuck' aus, zum Kuckuck, wenn ich gerade mag ... Nein, nein, lieber bis ans Ende der Welt gehen, als sich so nörgeln lassen!« Indem er sich noch ein Glas einschenkte, machte er seinem Herzen Luft. Glücklich, jemanden gefunden zu haben, dem er sein Leid anvertrauen konnte, brachte er alles vor, was ihn bedrückte, ohne dem andern Zeit zu lassen, den Mund zu öffnen. Es waren nur Kleinigkeiten, waren die grollenden Klagen eines Greises, dessen Fehler man nicht verzieh, den man mit so unnachsichtiger Strenge an eine ihm ungewohnte Lebensart binden wollte. Doch die schlechteste und roheste Behandlung hätte ihn nicht empfindlicher berühren können. Eine mit strenger Stimme gemachte Bewegung tat ihm weh wie ein Schlag ins Gesicht. Dazu kam, daß seine Tochter ungemein empfindlich war; sie besaß jenes ehrbaren Bäuerinnen eigene, leicht verletzte Selbstbewußtsein, das sich durch jedes falsch verstandene Wort beleidigt fühlt; so wurde der Verkehr zwischen ihr und ihrem Vater von Tag zu Tag schwieriger. Sie, die bei Gelegenheit der Teilung gewiß von allen Kindern am meisten Herz an den Tag gelegt, verbitterte sich, verfiel in eine förmliche Verfolgung des alten Mannes; war immerfort hinter ihm, wischte, fegte, wo er ging und stand; stellte ihn zur Rede für alles, was er tat, oder was er nicht tat. Mit einem Wort: es lag nichts Ernstes vor, nichts als eine moralische Folter, die den armen Alten aber so unglücklich machte, daß er sich oft in irgendeinen Winkel verkroch und weinte. »Man muß nachgeben«, antwortete Hans auf jede neue Klage. »Mit etwas Geduld verständigt man sich schließlich.« Doch Fouan ereiferte sich. »Nein, nein!« versetzte er und zündete ein Licht an. »Nein, ich habe es satt! ... Wenn ich geahnt hätte, was mich hier erwartet! Ich hätte besser getan zu krepieren am Tage, wo ich mein Haus verkaufte ... Aber sie täuschen sich, wenn sie meinen, mich festzuhalten. Lieber will ich die Steine auf den Landstraßen klopfen.« Ihm versagte die Sprache vor Aufregung; er ließ sich nieder, und der Bursche benützte die Gelegenheit, um endlich seine Sache vorzutragen. »Hören Sie, Papa Fouan, ich wollte mit Ihnen reden von wegen der Geschichte neulich. Es hat mir sehr leid getan; aber ich mußte mich doch verteidigen, da der andere mich angriff ... Mit der Franziska bin ich einig. Wie die Sachen heute aber stehen, können nur Sie ein gutes Ende herbeiführen ... Sie müßten zu Buteau gehen, ihm alles auseinandersetzen.« Der Alte ward ernst. Er bewegte das Kinn und suchte verlegen nach einer Antwort. Die Dazwischenkunft der Delhomme enthob ihn dieser Mühe. Sie schienen nicht überrascht, Hans hier zu finden, und ließen ihm den gewohnten freundlichen Empfang zuteil werden. Doch mit dem ersten Blick hatte Fanny die Flasche und die zwei Gläser auf dem Tische bemerkt. Sie nahm sie fort und holte ein Wischtuch; dann wandte sie sich zu dem Greise, an den sie seit achtundvierzig Stunden kein Wort gerichtet, und sagte schroff: »Vater, du weißt, ich will das nicht.« Fouan stand auf. Er bebte vor Zorn, daß man ihn vor dem Fremden zurechtwies. »Was gibt's schon wieder? Hab' ich, zum Henker auch, nicht einmal das Recht, einem Freunde ein Glas anzutragen? ... Schließ deinen Wein ein, ich werde Wasser trinken.« Jetzt war es Fanny, die ihrerseits aufs äußerste aufgebracht war, daß man sie des Geizes anklage. Erbleichend gab sie zurück: »Du kannst den ganzen Keller austrinken und davon hin werden, wenn es dich freut ... Ich will nicht, daß du den Tisch beschmutzest mit deinen Gläsern, die übergehen und Ringe machen wie in einem Wirtshaus.« Die Tränen traten dem alten Manne in die Augen. Er sagte bitter: »Etwas weniger Reinlichkeit und etwas mehr Herz, das wäre besser, meine Tochter.« Während sie geräuschvoll den Tisch säuberte, stellte er sich ans Fenster und schaute in die jetzt ganz schwarze Nacht hinaus, bis ins Mark hinein erschüttert von der großen Verzweiflung, die ihm das Herz brach. Delhomme hatte vermieden, an dem Wortwechsel teilzunehmen, doch sein Stillschweigen schien das feste und verständige Auftreten seines Weibes zu billigen. Er wollte Hans nicht aufbrechen lassen, ohne vorerst mit ihm die Flasche zu leeren, zu welchem Zweck Fanny zwei Gläser auf Unterschalen herbeibrachte. Während die beiden Männer tranken, entschuldigte sie sich mit halblauter, bedächtiger Rede. »Man hat keine Ahnung von der Schererei, die einem die alten Leute machen! Das hat allerhand Schrullen und Angewohnheiten und würde lieber umkommen, als sie sich abgewöhnen ... Der da ist nicht bösartig, dazu fehlt ihm schon die Kraft. Aber trotzdem möcht' ich lieber vier Kühe hüten als einen Alten.« Hans und Delhomme nickten zustimmend. Sie aber ward durch das lärmende Eintreten ihres Sohnes Ernst unterbrochen. Er war wie ein Bursch aus der Stadt angetan mit Jackett und Beinkleidern von seltsamem Schnitt, beides fertig bei Lambourdieu gekauft, und einem kleinen Hut aus hartem Filz. Der Nacken über dem langen Halse war ausrasiert, der Junge hatte blaue Augen, ein ausdrucksloses, hübsches Gesicht und gezierte Manieren wie ein junges Mädchen. Ihm war von jeher das Land zuwider gewesen; am nächsten Tage sollte er nach Chartres ziehen, um bei einem Restaurateur, der ein öffentliches Tanzlokal hielt, in Dienst zu treten. Lange Zeit hatten die Eltern sich dieser Berufswahl widersetzt; endlich gab die Mutter nach, geschmeichelt durch den Gedanken, daß ihr Sohn mehr als ein Bauer werden wolle; sie überredete auch ihren Mann, seine Zustimmung zu geben. Heute feierte der junge Mensch seit dem frühen Morgen in Gesellschaft der Kameraden seinen Abschied aus dem Dorfe. Einen Moment schien er verblüfft, hier einen Fremden zu finden; dann sagte er mit plötzlichem Entschluß: »Weißt, Mutter, ich will ihnen bei Macqueron ein Essen zahlen. Ich brauche Kleingeld.« Fanny schaute ihn starr an und öffnete die Lippen, um das Ansuchen abzulehnen. Doch sie war so eitel, daß die Gegenwart von Hans sie bestimmte, dem Wunsche ihres Sohnes zu willfahren. Natürlich richtete es sie nicht zugrunde, wenn der Junge zwanzig Franken ausgab. Steif und stumm verließ sie das Zimmer. »Du bist in Gesellschaft?« fragte der Vater. Er hatte jemand vor der Tür herumstreichen gesehen. Er ging hin, erkannte den Kameraden von Ernst und rief: »So, so! es ist Delphin ... Komm doch herein, mein Freund.« Delphin trat herzu, grüßte und entschuldigte sich. Er war in Leinenwams und blauer Bluse, ohne Halstuch; er trug schwere Arbeitsstiefel, seine Haut war bereits gebräunt von der Sonne. »Gehst du«, fragte Delhomme, der den Knaben gut leiden konnte, »nächstens auch nach Chartres?« »Bei Gott, nein! ich ging in der Stadt zugrunde.« Der Vater warf einen Seitenblick auf seinen Sohn, während Delphin, ihm zu Hilfe kommend, fortfuhr: »Für Ernst ist es gut, dorthin zu gehen, er trägt sich städtisch und spielt das Piston.« Delhomme lächelte; das Pistonspiel seines Sohnes war sein Stolz. Fanny kam jetzt mit einer Menge Vierzigsousstücken zurück. Ernst öffnete seine Hand; bedächtig zählte sie ihm zehn Stücke hinein, die alle weiß bestaubt waren, denn sie hatten unter einem Sack Mehl gelegen. Die Frau hielt ihr Geld in den Schränken für nicht sicher genug geborgen und pflegte es deshalb in kleinen Summen in allen möglichen Winkeln des Hauses zu verstecken, unterm Getreide, in den Kohlen, im Sande, so daß, wenn sie etwas bezahlte, ihr Geld bald die eine, bald die andere Farbe hatte, weiß, schwarz oder gelb. »Es wird reichen«, rief Ernst an Stelle eines Dankes. »Kommst du, Delphin?« Die beiden Knaben trollten sich davon, man hörte ihr Lachen in der Ferne verhallen. Hans sah, wie Fouan, der während der ganzen Szene sich nicht umgeblickt, das Fenster verließ und ins Freie hinaustrat. Er leerte sein Glas, nahm Abschied und folgte dem Alten, den er mitten im Hof in dem nächtlichen Dunkel stehend fand. »Nun, Papa Fouan, wollten Sie zu Buteau gehen, damit ich die Franziska bekomme? ... Sie sind der Herr, Sie haben nur nötig zu reden.« Mit gebrochener Stimme entgegnete der Greis: »Ich kann nicht ... Ich kann nicht ...« Dann gestand er seinen Entschluß: Es sei aus mit den Delhommes, am nächsten Tage werde er zu Buteau ziehen, der ihm Obdach angeboten. Wenn sein Sohn ihn schlage, werde er weniger leiden, als wenn ihn die Tochter mit Nadelstichen zu Tode quäle. Verzweifelt über dies neue Hindernis, konnte Hans nicht länger an sich halten. »Ich muß Ihnen sagen, Papa Fouan, die Franziska und ich –wir haben miteinander geschlafen.« Der alte Bauer ließ ein einfaches »So?« hören. Er überlegte eine Weile, dann fragte er: »Ist sie guter Hoffnung?« »Das ist immerhin möglich«, gab Hans zurück, obwohl er vom Gegenteil überzeugt war. »Dann muß man abwarten ... Ist sie guter Hoffnung, wird man weiter sehen.« In diesem Augenblick zeigte sich Fanny unter der Tür und rief ihrem Vater zu, er solle zum Abendessen kommen. Er wandte sich um und schrie: »Friß allein, ich leg' mich schlafen.« In seinem heftigen Zorn ging er mit leerem Magen in seine Kammer. Hans begab sich langsam auf den Heimweg. Sein Herz war so beklommen, daß er des Weges nicht achtete; plötzlich befand er sich wieder auf der Höhe. Der Himmel war dunkelblau und mit Sternen besät; die Nacht war drückend schwül. In der von keinem Hauche bewegten Luft fühlte man die Nähe eines vorüberziehenden Gewitters, ein jähes Leuchten durchblitzte den Himmel im Osten. Zur Linken aber gewahrte Hans, wie er den Blick hob, Hunderte von phosphorhell blinkenden Pünktchen, die wie Lämpchen glühten und sich beim Hall seiner Schritte ihm zuwandten. Es waren die Schafe, längs deren Weidepferch er dahinwandelte. Die müde Stimme des alten Soulas erhob sich. »Nun, Hans?« Die am Boden ausgestreckten Hunde hatten sich nicht gerührt, sie witterten einen Mann vom Gute. Der Saujunge, den die Hitze aus der fahrenden Hütte vertrieben, schlief in einer Furche im Grase. Nur der Schäfer allein stand aufrecht inmitten der flachen, nachtverschleierten Flur. »Nun, Hans, ist's abgemacht?« Ohne nur seinen Schritt zu hemmen, gab der Bursche zurück: »Er hat gesagt, wenn sie guter Hoffnung sei, werde man weiter sehen.« Schon hatte er den Pferch passiert, als die Antwort des Alten ernst durch das nächtliche Schweigen zu ihm herüberhallte: »Das ist richtig. Man muß warten.« Hans setzte seinen Weg fort. Die Beauce lag wie erschlagen in bleischwerem Schlummer. Man ahnte die stumme Öde der versengten Stoppel, der ausgedörrten Erde an einem brandigen Geruch, an den Stimmchen der Grillen, deren wisperndes Zirpen leise knisterte wie Kohlenglut unter der Asche. Nur die Schattenkegel der Schober tauchten aus dem düstern, nackten Gelände auf. Von Zeit zu Zeit zog ein Blitz am Horizont eine hellviolette, rasch verlöschende Linie, die hart am Boden dahinglitt. Zweites Kapitel. Am nächsten Morgen quartierte sich Fouan bei Buteau ein. Seine Übersiedelung störte niemanden: er besaß nur zwei Bündel Kleidungsstücke, die er selbst tragen wollte und in zwei Gängen an Ort und Stelle schaffte. Vergeblich hatte das Ehepaar Delhomme eine Auseinandersetzung herbeiführen wollen. Er verließ ihr Haus, ohne nur ein Wort zu erwidern. Bei seinem Sohne gab man ihm den großen Raum hinter der Küche, wo bisher die Kartoffeln und die Weißrüben für die Kühe aufbewahrt worden. Eine zwei Meter über den Fußboden befindliche Luke warf ein kellerartiges Licht hinein; der Lehmboden, die Gemüsehaufen, die in den Winkeln angehäuften Abfälle verbreiteten eine Feuchtigkeit, die in gelben Tropfen von dem nackten Gipsanwurf der Mauern herabtropfte. Man ließ alles, wie es war; nur ein Winkel wurde freigemacht für ein eisernes Bett, einen Tisch und einen Stuhl. Der Alte war sehr zufrieden. Buteau aber triumphierte. Seit Fouan bei Delhomme gewohnt, hatte ihn die Eifersucht gequält, denn ihm war sehr wohl bekannt, wie man in Rognes darüber dachte: natürlich den Delhomme machte es nichts, ihren Vater zu ernähren, hingegen die Buteau hatten nicht die Mittel dazu. Darum nötigte er in der ersten Zeit den Alten zu essen, damit er recht wohlgenährt ausschaue und man im Dorfe sehe, daß es keineswegs so knapp bei ihnen hergehe. Darauf erwog er, daß sein Vater vermutlich die hundertfünfzig Franken Rente, die er aus dem Verkauf seines Anwesens geschlagen, dem seiner Kinder überlassen werde, bei dem er wohne. Endlich stand zu erwarten, daß Delhomme, sobald er den Greis nicht mehr erhalte, die zweihundert Franken jährliche Rente wieder zahlen werde, was der Schwiegersohn auch tat. Buteau rechnete auf diese zweihundert Franken. Er hatte alles bedacht und sich gesagt, daß er, ohne daß es ihn etwas koste, für einen guten Sohn gelten werde und außerdem noch die Hoffnung habe, einst durch Erbschaft belohnt zu werden; dabei rechnete er noch gar nicht den geheimen Schatz des Alten, den er immer noch mutmaßte, trotzdem er keine neuen Anhaltspunkte für sein Vorhandensein gefunden. Für Fouan war diese erste Zeit ein reiner Honigmond. Man hätschelte ihn, zeigte ihn den Nachbarn: gelt, wie der Vater gesund aussieht? Die Kinder Laura und Julius waren immerfort um ihn herum, beschäftigten ihn und erfreuten sein Herz. Besonders war er glücklich, daß er in dem weniger strengen Regiment des Hauses sich frei ergehen und seinen alten Gewohnheiten ohne Beschränkung nachhängen konnte. Trotzdem Lise eine gute Wirtin war und alles sauber hielt, war sie doch keineswegs so peinlich und kleinlich wie Fanny. Der Schwiegerpapa konnte ausspucken, wann und wo er wollte, durfte gehen und kommen, wie es ihm beliebte, und niemand sagte ihm ein Wort, wenn er sich, sobald es ihm einfiel, ein Stück Brot abschnitt, wie die Bauern tun, wenn sie in einer Arbeitspause just beim Brotschrank vorbeigehen. Drei Monate gingen so ins Land. Man war im Dezember, das Wasser im Kruge neben des Alten Bett gefror zu einem Block, aber er beklagte sich nicht. Selbst als beim Tauwetter die Wände seines Zimmers rieselten und der Fußboden naß ward, als habe es geregnet, fand er nichts dagegen einzuwenden, denn er war vertraut mit der rauhen Unbill des Lebens. Wenn er täglich seinen Kaffee habe und man ihn nicht ärgere, sei er zufrieden, erklärte Fouan, und tausche nicht mit dem König. Die Sache bekam zum ersten Male eine Wendung, als der Alte eines Tages bei hellem Sonnenschein unvermutet in seine Kammer trat und dort Buteau überraschte, wie er Franziska auf einen Haufen Kartoffel hinwerfen und ihr Gewalt antun wollte. Sie verteidigte sich wortlos und ergriff, als der alte Mann erschien, die Runkelrüben, welche sie ihrer Kuh bringen wollte, und verschwand. Vater und Sohn blieben allein einander gegenüber. »Nichtsnutziges Schwein, willst das Kind verführen, und deine Frau ist nebenan?« Doch Buteau, der noch erregt war und dessen Wangen brannten, wollte keineswegs die väterliche Zurechtweisung hinnehmen. »Hast du deine Nase hineinzustecken? Geht es dich was an? Rate dir, den Schnabel zu halten, oder ich werd' unbequem.« Seit dem Zweikampfe mit Hans am Tauftage seiner Jüngsten hatte Buteau mit verdoppelter Leidenschaft darnach gestrebt, Franziska sich gefügig zu machen. Kaum war sein Arm einigermaßen geheilt, so fiel er in allen Winkeln des Hauses, wo er ihrer habhaft werden konnte, über sie her. Gab sie ihm nur ein erstes Mal nach, so war er sicher, sie für immer in seiner Hand zu haben; dann konnte er die Heirat hintertreiben, besaß das Mädchen und behielt das Land, das ihr gehörte. Diese beiden Leidenschaften wirkten gemeinschaftlich auf ihn; der feste Vorsatz, um jeden Preis den Grund und Boden, den er einmal besaß, festzuhalten, und das durch Franziskas Widerstand immer mehr aufgestachelte Verlangen nach ihrer Umarmung arbeiteten einander in die Hände. Seine Frau wurde immer beleibter, ein schwer beweglicher Fleischkoloß, dem zum Überfluß noch immer die kleine Laura an der Brust hing! Die andere hingegen, die kleine Schwägerin, war jung und frisch mit kernigen Muskeln und elastischer Brust wie eine Färse. Übrigens waren ihm beide recht, jede in ihrer Art, er werde eben zwei Frauen haben, eine fette und eine schlanke; und er malte sich ein Paschaleben aus, von zweien gepflegt, gehätschelt und geliebkost. Welch ein enges Band wäre das, welch ein sicheres Mittel, der Teilung des Landbesitzes vorzubeugen, die ihn schreckte, als wolle man ihm einen Arm abschneiden. So wiederholten sich im Stall, in der Küche, überall, sobald die beiden allein waren, immer dieselben heftigen Szenen: auf der einen Seite Buteaus ungestümer, roher Angriff, auf der andern Franziskas entschlossene Verteidigung. Er fuhr ihr unter die Röcke, faßte sie am nackten Leibe, Fleisch und Haare miteinander wie eine Stute, die man besteigen will. Kein Wort wurde gesprochen, es war ein kurzes Ringen, das ein wohlgezielter Fußtritt des tapfern Mädchens abschloß. Dann ging er seiner Wege, einen Schmerzensschrei unterdrückend; sie aber schlug ihren Kittel herab und hinkte von dannen mit dem schmerzenden Griff seiner fünf Finger am Leibe. Oft befand sich Lise im Nebenraume; zuweilen selbst wandte sie dem Paare nur den Rücken, vielleicht um die Wäsche in einem Schranke zu ordnen; Buteau fühlte sich sicher des stolzen, hartnäckigen Schweigens der Kleinen, und die Nähe seiner Frau schien sein Gelüst noch mehr aufzureizen. Seit der alte Fouan seinen Sohn überrascht hatte, gab es Unfrieden im Hause. Er war ohne weiteres zu seiner Schwiegertochter gegangen und hatte ihr die Sache hinterbracht, damit sie ihren Mann verhindern möge, einen neuen Angriff auf Franziska zu machen. Lise rief ihn barsch an, er solle sich um seine Angelegenheiten scheren. Darauf fiel sie über die Schwester her, warf ihr vor, es sei ihre Schuld, wenn sie die Männer aufreize; die Männer, das wisse die Welt, seien einmal so: Schweinkerle samt und sonders. Abends jedoch fand zwischen den Eheleuten eine heftige Auseinandersetzung statt, aus der die Frau mit einem braun und blau geschlagenen Auge hervorging. Seit jenem Moment lagen immer zwei einander in den Haaren, sei es Mann und Frau oder die Geschwister untereinander. Bisweilen zankten und rauften sie alle drei zu gleicher Zeit. Jetzt entstand zwischen den Schwestern ein unbewußt wachsender Haß. Ihre einstige große Zärtlichkeit hatte einem Groll Platz gemacht, der sie ohne augenfälligen Anlaß von früh bis spät aneinander rieb. Im Grunde war die einzige Ursache dieses Mißtones der Mann, dieser Buteau, der wie ein zersetzender Gärstoff sich im Hause eingenistet. Franziska wäre in der Sinnenaufregung, in die seine Angriffe sie versetzten, lange unterlegen, wenn ihr eiserner Wille sie nicht gegen die Versuchung gestählt hätte. Wenn er mit aufgerissenen Kleidern auf sie losstürzte, spie sie seine Blöße an und sandte ihn zu seinem Weibe. Ihr Rechtlichkeitsgefühl verbot ihr, der Schwester den Mann zu nehmen, und sie gehorchte diesem Gefühl, indem sie sich selbst Enthaltsamkeit auferlegte. Ihr Zorn aber war, daß sie eine Eifersucht in sich aufleben fühlte, einen Haß gegen die Schwester, der dieser Mann gehörte, neben dem sie lieber umgekommen wäre vor ungestillter Begier, als ihn mit der andern zu teilen. Lise war ihrerseits nicht eifersüchtig, sie wußte, daß Buteau gelogen, wenn er sich an jenem Tage gerühmt, die Schwestern seien alle beide sein; wenn sie ihn auch keineswegs eines solches Verrates für unfähig hielt, war sie doch überzeugt, daß die Kleine mit ihrem Stolze nimmer nachgeben werde. Aber sie verzieh ihrer Schwester nicht, daß diese durch ihre Weigerungen Buteau gegenüber das Haus in eine Hölle verwandelte. Je mehr Lise an Umfang zunahm, desto mehr machte sie sich mit selbstsüchtiger Freude breit in ihrem Fett, ließ sich's wohl sein, verlangte nichts, als daß Zufriedenheit unter ihrem Dache herrsche, damit sie sich ungestört ihres Lebens freuen könne. War es möglich, daß man sich so streiten konnte, daß man sich das Dasein verbitterte, während man doch alles hatte, um glücklich zu sein! Dieser dickköpfige Schädel der Kleinen war die einzige Ursache allen Ärgers. Abends beim Schlafengehen sagte sie zu Buteau: »Sie ist meine Schwester, doch sie soll aufhören, mir das Leben zu verbittern, oder ich werfe sie hinaus.« Er war anderer Meinung. »Das würd' ein nettes Gered' im Dorfe geben! ... Verwünschte Weibsbilder, ich werd' euch beiden mal den Kopf im Mistpfuhl waschen, damit ihr einig werdet.« Zwei Monate gingen so vorüber. Lise geriet außer sich; sie hätte, wie sie zu sagen pflegte, ihren Kaffee doppelt zuckern können, und es wäre ihr nicht gut bekommen. An den Tagen, wo ihre Schwester einen neuen Angriff ihres Mannes abgewehrt hatte, ahnte sie das Vorgefallene an der schlechten Laune Buteaus. Wenn sie ihn der Kleinen nachschleichen sah, zitterte sie, denn sie wußte, er werde zehn Minuten später toben und fluchen, daß das Haus erbebe. Es wurde ihr schier unerträglich, und sie verzieh es der trotzköpfigen Schwester nicht, daß diese keinen Ausweg fand, um Ruhe zu schaffen. Eines Tages ward es besonders schrecklich. Buteau war mit Franziska in den Keller gegangen, um Apfelwein abzuziehen und kam nach kurzer Zeit mit zerrissenem Wams und einer so tollen Wut wieder herauf, daß er wegen einer Kleinigkeit, weil seine Suppe zu heiß war, die Schüssel an die Wand schleuderte; darauf stürmte er aus dem Hause, nachdem er seiner Frau einen Schlag versetzt hatte, daß sie zur Erde stürzte. Weinend erhob sie sich; ihre Wange blutete und schwoll auf. Sie fiel über die Schwester her und schrie: »Fetzen! so tu ihm endlich den Gefallen ... Ich hab's satt; ich geh' auf und davon, wenn ich noch länger gemartert werde deinetwegen.« Erstarrt horchte Franziska, bis in die Lippen erbleichend. Die Schwester fuhr fort: »So wahr Gott mich hört, mir wär's lieber so ... Vielleicht wird dann endlich Ruh' im Haus.« Lise sank auf einen Stuhl und weinte mit kurzem, stoßweisem Schluchzen; aus ihrer ganz in Fett verschwimmenden Person sprach eine widerstandslose Gleichgültigkeit, die nur den einen Wunsch hatte, glücklich zu sein, und sei es selbst um den Preis einer Teilung. Sobald ihr Teil ihr blieb, was lag ihr dann an allem übrigen? Man machte sich allerhand verkehrte Gedanken darüber; nur das Brot werde weniger, wenn man davon abbeißt. Wie schön sei es, wenn sie alle drei verträglich beieinander lebten? »Sag, warum willst du nicht?« Es schnürte dem Mädchen die Kehle vor Entrüstung; sie fand keine andere Erwiderung wie die zornigen Worte: »Du bist noch gemeiner als er!« Dann ging sie in den Stall und weinte ebenfalls, während Coliche sie mit den großen, trüben Augen anstarrte. Sie empörte nicht die Sache an sich, sondern die schmähliche Rolle einer gefälligen Buhlerin, die man ihr zumutete dem Hausfrieden zuliebe. Wenn sie einen Gatten besitze, nicht das kleinste Stück von ihm dürfe einer andern gehören! Ihr Groll gegen die Schwester verwandelte sich in Verachtung, sie schwor sich, jetzt werde sie sich lieber umbringen lassen, eh' sie nachgebe. Von diesem Tage an aber ward das Zusammenleben der drei noch peinlicher. Franziska wurde der Sündenbock, auf den man losschlug. Sie sank zur Rolle einer Magd herab, ward mit den schwersten Arbeiten überhäuft, ward ohne Unterlaß gescholten und herumgestoßen. Lise gönnte ihr keine Stunde Erholung, sie mußte sich vor Tagesanbruch erheben und kam nachts so spät zur Ruhe, daß sie oft einschlief, ohne die Kraft zu besitzen, sich zu entkleiden. Heimtückisch marterte Buteau sie mit Püffen, kniff sie in die Schenkel, quälte sie mit allerhand grausamen Liebkosungen, von denen sie blaue Flecke davontrug. Sie schwieg beharrlich, wenn ihr auch der Schmerz oft die Tränen in die Augen drängte. Besonders in Gegenwart ihrer Schwester setzte sie etwas darein, nicht einmal mit den Wimpern zu zucken, ihr Stolz wollte nicht verraten, daß er sie berührt habe. Doch zuweilen blieb sie nicht Herr ihrer selbst und antwortete dem Frechen mit einer schallenden Ohrfeige; dann entstand ein Handgemenge; Buteau gab ihr den Schlag mit Zinsen zurück; Lise aber hieb, wie um sie zu trennen, mit ihren Holzpantoffeln auf beide los; dann begannen die kleine Laura und ihr Bruder Julius zu schreien: alle Hunde der nächsten Höfe stimmten heulend ein. Die Nachbarn wurden alarmiert und beklagten das arme Mädchen, das so standhaft in diesem Kerker aushielt. Ganz Rognes wunderte sich über Franziskas Verbleiben. Warum ging sie nicht auf und davon? Allerdings war sie nicht großjährig, ihr fehlten noch achtzehn Monate; verließ sie heute das Haus, so forderte sie das Recht gegen sich heraus und durfte nicht einmal ihren Erbanteil beanspruchen; dies mußte sie sich zweimal überlegen. Anders wäre es gewesen, wenn ihr Vormund Papa Fouan sie unterstützt hätte; doch der Alte war selbst nicht auf Rosen gebettet bei seinem Sohne. Er mußte seine eigene Ruhe verteidigen; die Furcht, in die Familienstreitigkeiten verwickelt zu werden, bewog ihn, sich abseits zu halten. Auch verbat sich die Kleine energisch seine Einmischung, das tapfere und stolze Mädchen wollte sich selbst genügen. Alle Szenen endeten jetzt mit demselben Worte: »Aber geh doch zum Teufel! geh doch zum Teufel!« »Ja, das wollt ihr ... Früher war ich so dumm und wollte gehen ... Jetzt könnt ihr mich umbringen, ich bleibe. Ich warte auf mein Erbteil, will die Hälfte vom Land und vom Haus, und ich werde beides bekommen, jawohl, ich werde es haben!« Buteaus Furcht in den ersten Monaten war, daß Franziskas Abenteuer mit Hans Folgen nach sich ziehen könne. Seitdem er die beiden im Heuschober überrascht, zählte er die Tage und beobachtete ängstlich mit scheelen Blicken ihren Bauch. Sie war ruhig, denn sie wußte, daß sie nicht schwanger sein könne. Doch als sie bemerkt hatte, daß er ihren Leib beobachtete, fand sie ihren Spaß daran, den Bauch hervorzustrecken, damit Buteau glaube, der Bauch schwelle an. Wenn er sie jetzt betastete, fühlte sie, daß er dies zu erforschen suchte, daß er mit seinen plumpen Fingern sie gleichsam abmaß; und schließlich sagte sie ihm mit trotziger Miene: »Ich habe eins erwischt, und es wächst!« Eines Morgens band sie sich sogar einige Wischlappen um den Leib. Am Abend gab es wieder eine große Prügelei, und sie ward von Entsetzen ergriffen bei den mörderischen Blicken, die Buteau ihr zuwarf; hätte sie wirklich ein Kleines unter der Haut gehabt, der böse Mensch würde ihr gewiß einen tödlichen Streich versetzt haben. Sie hörte denn mit ihren Spaßen wieder auf und zog den Bauch ein. Sie überraschte ihn übrigens dabei, wie er in ihrer Kammer die Nase in ihre schmutzige Leibwäsche steckte, um sich von der Sache zu vergewissern. »So mache doch eins,« sagte er spöttisch. »Ich mache keins, weil ich nicht will,« antwortete sie wütend. So war es auch; sie weigerte sich hartnäckig, Hans zu Willen zu sein. Buteau gefiel sich dennoch in geräuschvoller Schadenfreude. Ein sauberer Mann, dieser Liebhaber! Ist er denn völlig vermorscht, daß er kein Kind machen kann? In heimtückischer Weise einem andern den Arm zerschlagen, das versteht er; aber einer Dirne den Bauch zu füllen, dazu hat er nicht Kraft genug. Fortan verfolgte er Franziska mit Anspielungen und anzüglichen Spaßen. Als Hans erfuhr, wie Buteau von ihm redete, drohte er, ihm eins über das Maul zu hauen. Er lauerte noch immer Franziska auf und bat sie, ihm nachzugeben. Man werde ja sehen, ob er ihr nicht ein Kind machen könne, noch dazu ein großes! Sein Verlangen nach ihr ward jetzt noch durch den Zorn verschärft. Allein sie fand jedesmal eine andere Ausrede; es widerstrebte ihr, mit diesem Burschen wieder anzufangen. Sie hatte keine Abneigung gegen ihn, aber auch kein Verlangen nach ihm. So kam es, daß sie sich ihm nicht hingab, als sie eines Tages noch ganz wütend und rot wegen eines Angriffes Buteaus dem Hans hinter einer Hecke in die Arme sank. Ha, dieses Schwein! Sie sprach nur von diesem Schwein leidenschaftlich erregt, aber sogleich wieder abgekühlt, sobald der andere die Gelegenheit nützen und von ihr Besitz ergreifen wollte. Nein, nein! sie schämte sich! Als er sie eines Tages zu arg bedrängte, vertröstete sie ihn auf später, auf ihren Hochzeitsabend. Es war das erstemal, daß sie ein Versprechen gab; denn sie hatte es bisher vermieden, sich deutlich auszusprechen, wenn er sie zur Frau verlangte. Seither war es zwischen ihnen sozusagen abgemacht: er werde sie heiraten, aber nach ihrer Mündigkeit, sobald sie Herrin ihres Besitzes sein und Rechenschaft werde fordern können. Dieser vernünftige Grund leuchtete ihm ein; er predigte ihr Geduld, hörte auf, sie zu quälen, ausgenommen in den Augenblicken, wenn es ihn gar zu sehr drängte, sich einen Spaß zu machen. Beruhigt durch die nebelhafte Ferne, in der sie ihr Versprechen zu erfüllen hatte, begnügte sie sich, seine beiden Hände zu ergreifen, um seine Angriffe abzuwehren, wobei sie ihn mit ihren schönen Augen flehend anblickte mit der Miene einer ängstlichen Frau, die nur von ihrem Manne ein Kind haben möchte. Als Buteau sicher war, daß Franziska nicht schwanger sei, ward ihm bange, sie könne das Verhältnis mit Hans fortsetzen und schwanger werden. Man hatte ihm hinterbracht, Hans habe geschworen, er werde das Mädchen anfüllen bis zu den Augen. Buteau fing an, sie vom Morgen bis zum Abend zu überwachen, verlangte, daß sie ihm über jede Minute des Tages Rechenschaft ablege. Dies ward eine neue Marter für das arme Mädchen, sie fühlte fortwährend Schwager und Schwester an ihren Sohlen; sie konnte nicht einmal mehr in die kleine Hütte beim Misthaufen gehen, um ihre Notdurft zu verrichten, ohne daß ihr eines der beiden nachspähte. Des Nachts schloß man sie in ihrer Kammer ein; eines Abends fand sie nach einem Streite sogar ihr Fenster von außen verriegelt. Wenn es ihr dennoch gelang zu entkommen, gab es bei ihrer Rückkehr abscheuliche Szenen, Verhöre, manchmal Leibesuntersuchungen, wobei der Mann sie bei den Schultern hielt, während die Frau sie entkleidete, um nachzusehen. Dieser Zwang aber näherte sie Hans; um ihren Verwandten zu trotzen, traf sie mit ihm zusammen. Vielleicht hätte sie selbst seinem stürmischen Drängen nachgegeben, wenn sie es hätte vor den Augen der anderen tun können, nur um ihnen zuwiderzuhandeln. Wenigstens aber wurde aus ihrem jedesmal wiederholten »Wenn wir Mann und Frau sein werden« ein förmliches Eheversprechen. Sie versicherte ihm bei allem, was ihr heilig war, daß Buteau schmählich gelogen, als er in der Absicht, ihre Verbindung zu hintertreiben, sich gerühmt, sie halte es mit ihm. Hans, den bisher noch immer Zweifel gequält hatten, ward überzeugt. Sie küßten sich jetzt beim Abschied jedesmal wie gute Freunde, er wurde ihr Vertrauter, den sie bei jedem Anlaß um Rat fragte, und ohne dessen Zustimmung sie nichts unternahm. Er versuchte nicht mehr, sie zu einem verfrühten Nachgeben zu überreden; er behandelte sie wie einen Kameraden, dessen Interessen die seinen waren. Jedesmal wenn Franziska jetzt Hans hinter einer Hecke aufsuchte, war ihr Gespräch dasselbe. Sie knüpfte heftig ihr Mieder auf, entblößte ihre Beine und rief: »Schau, da hat mich der Schweinehund wieder gekneipt!« Er betrachtete den blauen Fleck und versetzte zuversichtlich: »Das wird ihm alles heimgezahlt! Zeig' es den Nachbarinnen... Und vor allem, laß dich nicht hinreißen. Das Recht wird auf unserer Seite sein, sobald die Zeit gekommen ist.« »Meine Schwester würde ihm das Licht halten, weißt du! Ist sie nicht gestern, als er mich wieder packte, aus dem Zimmer gegangen, statt ihm einen Eimer kalten Wassers über den Kopf zu schütten!« »Deine Schwester wird ein böses Ende mit dem Schurken nehmen ... Es ist gut. Wenn du nicht willst, kann er dir nichts anhaben. Geduld, Franziska! ... Halten wir zusammen, dann sind wir die Stärkeren.« Papa Fouan wurde wider seinen Willen gezwungen, an den Familienstreitigkeiten teilzunehmen. Schwieg er, so veranlaßte man ihn, seine Meinung abzugeben; entfernte er sich, so fand er bei seiner Rückkunft das Haus in Aufruhr, und seine Gegenwart genügte, um den Streit von neuem anzufachen. Bisher hatte er wenigstens körperlich nicht gelitten; jetzt aber begann man ihm mit Entbehrungen das Leben zu verbittern. Die Nahrung wurde ihm zugemessen, der Nachtisch, die ihm so angenehmen kleinen Extragaben fielen weg. Während man ihm früher so reichlich zu essen und zu trinken gegeben, zog ihm jetzt jedes zu dick geschnittene Stück Brot eine Bemerkung zu: Welch ein Magen! je weniger man arbeitet, um so mehr frißt man! Jedes Quartal, wenn es nach Cloyes ging, um bei Herrn Baillehache seine Zinsen zu belieben, wurde er bei seiner Heimkunft abgelauert und geplündert. Franziska stahl ihrer Schwester Geld, um ihm Tabak zu kaufen, denn auch ihr ließ man keinen Sou in den Händen. In der feuchten Kammer, wo er schlief, hatte der Alte eine Scheibe der kleinen Luke zerbrochen; man verstopfte das Loch der Ersparnis wegen mit Stroh; so ward der finstere Raum noch unwohnlicher. Diese Kinder! diese Kinder! seufzte der Greis von früh bis spät. Er bedauerte schmerzlich, das Haus Delhommes verlassen zu haben; er war vom Regen in die Traufe geraten. Doch dieses Bedauern verschloß er fest in seine Brust; denn er wußte, daß Fanny gesagt: »Papa wird uns fußfällig bitten, ihn wieder aufzunehmen!« Dieses Wort schnürte ihm das Herz in der Erinnerung zusammen. Er wäre lieber vor Hunger und Zorn gestorben bei Buteau, eh' er sich gedemütigt hätte, um zu seiner Tochter zurückzukehren. Als Fouan eines Tages zu Fuß von Cloyes heimkam, nachdem er beim Notar sein Geld einkassiert, ließ er sich unterwegs in einem Straßengraben nieder. Jesus, der dort herumstrich, um die Höhlen der wilden Kaninchen abzusuchen, bemerkte plötzlich den Vater, der ganz vertieft damit beschäftigt war, Fünffrankenstücke in sein Taschentuch zu zählen. Der Bursche bückte sich, schlich lautlos heran, bis er sich oberhalb des tief unten hockenden Alten befand, und gewahrte jetzt zu seiner Verwunderung, wie dieser eine große Summe, vielleicht achtzig Franken, sorgfältig in sein Tuch knüpfte. Die Augen des Strolches funkelten, ein lüsternes Lächeln entblößte seine Wolfszähne. Sofort fiel ihm der geheime Schatz ein, von dem früher die Rede gewesen. Unbedingt mußte der Vater Staatspapiere besitzen, deren Kupons er bei Gelegenheit seiner vierteljährlichen Besuche bei Baillehache einlöste. Jesus' erster Gedanke war, dem Alten etwas vorzuweinen, um ihm zwanzig Franken herauszulocken. Doch das erschien ihm kleinlich; ein anderer Plan wurde in ihm wach. Ebenso leise wie er gekommen, stahl er sich wieder von dannen, so daß Fouan keinen Argwohn schöpfte, als er hundert Schritt weiter dem Sohn mit einem harmlosen Gesicht begegnete, wie wenn er nach Rognes heimbummle. Sie gingen zusammen und plauderten; der Greis kam bald auf die Buteaus zu sprechen, die er ein herzloses Volk schalt, das ihn Hunger leiden lasse. Jesus hörte ihm zu, tat sehr gerührt, und bot endlich dem Vater an, er wolle ihn aus den Händen dieser Kanaillen erlösen und zu sich nehmen. Warum nicht? Er solle sich gewiß nicht langweilen bei ihm, man werde lustig und guter Dinge sein von früh bis spät. Dreckbatzen koche jetzt für zwei, sie werde einfach für drei kochen. Eine famose Küche, wenn Geld im Haus sei! Fouan war überrascht über diesen Vorschlag; mit einer unbestimmten Bange schüttelte er den Kopf. Nein, nein, in seinem Alter könne man nicht so von einem zum andern ziehen und jedes Jahr seine Gewohnheiten ändern. »Nun, Papa, es kommt von gutem Herzen; denke darüber nach ... Du weißt, daß du immer bei mir eine Zuflucht findest. Komm, sobald du es satt hast bei diesem Gesindel. Jesus verabschiedete sich dann von ihm, indem er sich den Kopf zerbrach, was nur der Alte mit seinen Renten anfange, denn es lag auf der Hand, daß er welche besaß. Viermal jährlich solch ein Haufen Geld, das mußte mindestens dreihundert Franken jährlich machen. Wenn er es nicht ausgab, verwahrte er es also? Blitz! ein prächtiger Notpfennig! Als Fouan an diesem milden, feuchten Oktobertage heimkam, wollte ihm Buteau die siebenunddreißig Franken fünfzig abnehmen, die er seit dem Verkauf des Hauses jedes Vierteljahr einkassierte, und die er dem Abkommen gemäß nebst den zweihundert Franken Jahresrente von Delhomme seinem Sohne überließ. Doch es fand sich, daß der Alte zwei Fünffrankenstücke unversehens mit dem andern Gelde in sein Schnupftuch geknüpft hatte; als er alle Taschen umkehrte und nicht mehr wie siebenundzwanzig Franken fünfzig herausbrachte, geriet Buteau in Zorn, schalt ihn einen Betrüger, rief, er habe die zehn Franken vertrunken oder, weiß der Himmel wie, durchgebracht. Bestürzt stand der alte Mann da; er hielt die Hand auf sein Sacktuch und zitterte vor Angst, man möge es untersuchen; er schwur Stein und Bein, er müsse das Geld beim Schneuzen verloren haben. Wieder einmal war das Haus bis zum Abend in Aufruhr. Buteau war so aufgebracht, weil er, als er seine Egge vom Feld heimgefahren, Hans und Franziska hinter einer Mauer hatte verschwinden sehen. Die Kleine, die sich unter dem Vorwand, Kraut für ihre Kühe zu schneiden, vom Hause entfernt hatte, kam jetzt nicht wieder zurück, denn sie ahnte die Szene, die sie erwartete. Schon dunkelte es; Buteau lief jeden Augenblick auf den Hof hinaus, ging bis zur Straße, ob sie immer noch nicht von ihrem Stelldichein heimkehre. Er fluchte laut und erging sich in den gemeinsten Reden, ohne den alten Fouan zu bemerken, der sich nach dem Streit ins Freie begeben hatte, um auf der im Finstern versteckten Steinbank an der milden Luft sich zu erquicken, die aus diesem sonnigen Oktober einen Frühlingsmonat machte. Ein Klappern von Pantoffeln kam den Weg herauf; Franziska erschien, vornübergebeugt, ein in alte Leinwand geknüpftes enormes Bund Gras auf den Schultern, darunter sie fast verschwand. »Zum Henker auch! verdammte Straßendirne,« schrie Buteau das keuchende, schwitzende Mädchen an, »willst du mich zum besten haben? Drückst dich seit zwei Stunden mit deinem Galan herum, wenn hier Arbeit ist! Sie warf das Gras zur Erde, und eh' sie sich's versah, hatte er sie auf das Bündel geworfen und versuchte wieder einmal, mit Gewalt ihrer Herr zu werden, während im selben Augenblick Lise aus der Haustür trat, um ebenfalls auf die Kleine loszufahren. »He! Landstreicherin, komm heran, daß ich dir einen Denkzettel gebe.« Buteau aber war ihr schon unter die Röcke gefahren. Der Gedanke, daß sie eben gutwillig mit dem gehaßten Feinde verkehrte, nahm ihm die Besinnung; alles Blut drang ihm zum Kopfe, färbte Wangen und Stirn blutrot; er war seiner nicht mächtig; ohne seines Weibes zu achten, rang er mit dem Mädchen und knirschte: »Verfluchte Metze, ich will sehen, ob ich dich nicht haben kann, wie der andere.« Wütend rief er Lise: »Was stehst du da wie angemalt? Hilf mir doch lieber! Halte sie fest, damit sie endlich einmal dran kommt und sich nicht länger über uns lustig macht!« Jetzt entstand ein wütender Kampf zwischen den dreien. Der alte Fouan sah im nächtlichen Dunkel nur undeutlich; aber so viel sah er dennoch, daß Lise ihre beiden Arme um die Schultern ihrer Schwester schlang und sie mit voller Kraft niederhielt, während ihr Mann, von dem Mädchen jeden Augenblick beiseitegeworfen, sich in vergeblichen Anstrengungen erschöpfte. Als alles vorüber war, machte Franziska mit einem letzten Ruck sich frei und rief: »Schwein! Schwein! Schwein! Du hast doch nicht können ... Das zählt nichts! Nie sollst du ans Ziel kommen!« Sie nahm eine Handvoll Gras, wischte sich damit die Beine ab und warf das Ganze ihrer Schwester mit den Worten hin: »Da, das ist dein!« Lise schloß ihr mit einer Maulschelle den Mund; da trat der Vater, seinen Stock schwingend, hinzu. »Wollt ihr Bande dem Mädel endlich Ruhe geben!« Lichter tauchten in den nächsten Höfen auf, die Nachbarn kamen schauen, was der Lärm bedeute. Schnell schob Buteau seinen Vater und Franziska in die Küche, wo die beiden Kinder, Laura und Julius, beim Schein eines Talglichtes erschreckt in einem Winkel kauerten. Lise kam zuletzt. Der alte Mann fuhr fort: »Du, wahrlich, das ist zu gemein ... zu dumm ... Du hast sie gehalten ... ich hab' es gesehen.« »Ruhe jetzt! es ist aus ... Ich schlag' drein, wenn noch einer ein Wort redet.« »Wenn ich noch ein Wort zu reden hab',« fragte Fouan mit bebender Stimme, »schlägst du dann auch drein?« »Ohne Unterschied!« Franziska warf sich mutig zwischen die beiden Männer. »Ich beschwör' dich, Onkel, mische dich nicht hinein. Du hast gesehen, ich bin groß genug, um mich zu verteidigen.« Aber der Alte schob sie zur Seite. »Laß! das geht dich nichts mehr an ... Das ist meine Sache.« Er schwang seinen Stock: »Du willst dreinschlagen, Bandit ... Wollen sehen, ob nicht ich dich züchtigen werde.« Mit flinkem Griff entriß ihm Buteau den Stock und schleuderte ihn unter den Schrank; danach pflanzte er sich mit bösem Blick keck vor seinem Vater auf und schrie ihm ins Gesicht: »Willst du mir Ruhe geben, he? Glaubst du, ich dulde hier dein Gehab und Getu? Nein, alle Wetter! Schau mich an, damit du weißt, wie ich heiß'.« Beide maßen sich einen Augenblick schweigend, als wollten sie sich mit Blicken einschüchtern. Der Sohn hatte seit der Besitzteilung an Körperfülle zugenommen und stand breit und stark da mit den noch mehr hervortretenden Kinnbacken und dem nach rückwärts schwindenden Schädel. Der durch sechzig Jahre Feldarbeit abgenutzte Alte war noch mehr eingetrocknet und neigte sich täglich tiefer nach vorn über, das Rückgrat wie gebrochen, den Leib mehr und mehr zur Erde gebückt; von dem zusammengeschrumpften Gesicht hatte sich fast nichts erhalten als die übergroße Nase. »Wie du heißt?« versetzte Fouan, »ich weiß es nur zu wohl, ich hab' dich gemacht.« »Hättest es dir überlegen sollen,« höhnte Buteau. »Ja, das ist nicht anders, jetzt ist an mir die Reihe. Ich hab' dein Blut in den Adern, ich mag nicht, daß man mich reizt ... Noch einmal, Ruh' geben! oder es nimmt ein schlechtes End'.« »Für dich, gewiß! ... Niemals hab' ich so mit meinem Vater geredet.« »Oh! la, la! der Unsinn! Dein Vater? umgebracht hättest du ihn, wenn er nicht gestorben wäre.« »Schuft! Du lügst! ... Bei Gott! bei Gott! Du nimmst auf der Stelle das Wort zurück!« Zum zweiten Male versuchte Franziska, sich ins Mittel zu legen. Selbst Lise, erschrocken und verzweifelt über diesen neuen Lärm, versuchte einen begütigenden Einspruch. Doch die beiden Männer schoben sie beiseite, traten näher aneinander hinan; in ihren blitzenden Augen, in ihrem heißen Atem zitterte die schroffe Autorität, die der Vater dem Sohne vermacht hatte, und die dieser behaupten wollte. Fouan versuchte sich aufzurichten, wie um seine frühere Allgewalt als Familienoberhaupt noch geltend zu machen. Ein halbes Jahrhundert lang hatte alles, hatten sein Weib, die Kinder, die Tiere vor ihm gezittert, solange er mit dem Vermögen die Macht in der Hand gehalten. »Sag', daß du gelogen hast, Schurke, sag', daß du gelogen hast, oder, so wahr uns das Licht da bescheint, ich mach' dich mürbe.« Er hatte die Faust erhoben und stand mit derselben Drohgebärde da, mit der er sie einst alle zu kirren gewußt. »Sag', daß du gelogen hast ... Buteau, der einst bei dem Zornesausbruch des Vaters stets unwillkürlich den Arm gehoben und mit knirschenden Zähnen den Schlag pariert hatte, zuckte mit herausforderndem Hohne die Schultern. »Wenn du glaubst, ich fürchte mich! ... So was war gut, als du noch der Herr warst.« »Ich bin der Herr, der Vater!« »Geh' doch, alter Narr, du bist nichts ... Du willst nicht aufhören?« Wie die Hand des Alten hinabfahren wollte, ergriff er sie und preßte sie in seiner harten Faust. »Vermaledeiter Holzkopf, muß man grob werden, um's dir begreiflich zu machen, daß man sich einen Quark mehr aus dir macht! ... Bist du noch zu was gut! Du kostest Geld, das ist das ganze ... Wenn man seine Zeit hinter sich und sein Land den anderen übergeben hat, fährt man ab und langweilt die Leute nicht länger.« Er rüttelte seinen Vater bei jedem Satz, wie um ihm seine Worte recht begreiflich zu machen; dann schleuderte er mit einem letzten Stoß den zitternden, taumelnden Greis von sich, so daß er rückwärts stolpernd auf dem Stuhl am Fenster zusammenbrach. Der Alte blieb dort sitzen, schwer atmend, besiegt, gedemütigt. Es war zu Ende, er zählte nicht mehr, seit er nichts mehr besaß. Ein tiefes Schweigen zog ins Gemach, niemand rührte sich. Die Kinder hatten furchterstarrt der Szene zugeschaut. Darnach trat die Arbeit wieder in ihre Rechte und wurde aufgenommen, als sei nichts vorgefallen. »Und das Futterkraut?« fragte Lise, »soll es im Hofe liegenbleiben?« »Ich werd' es bergen,« versetzte Franziska. Als sie wieder in die Küche gekommen war und man das Abendbrot verzehrt hatte, begann der unverbesserliche Buteau wieder seine Neckereien, griff in ihr offenes Mieder, um einen Floh zu fangen, der sie gestochen, wie sie sagte. Sie ärgerte es jetzt nicht einmal, sie lachte. –»Du findest ihn nicht; er ist an einem Platz, wo er dich beißen würde.« Fouan war steif und stumm in seinem finstern Winkel sitzengeblieben. Zwei dicke Tränen rannen über seine Backen. Er erinnerte sich des Abends, wo er mit den Delhommes gebrochen; heute kostete er zum zweitenmal die Schmach, nicht mehr als Herr zu gelten, ließ ihn derselbe ohnmächtige Zorn das Mahl ausschlagen, das man ihm bot. Dreimal rief man ihn zu Tisch, er ging nicht. Plötzlich stand er auf und verschwand in seiner Kammer. Am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang verließ er die Buteau, um sich bei Jesus einzuquartieren. Drittes Kapitel. Jesus war sehr »windreich«; fortwährende Winde wehten durch das Haus und erhielten ihn in einer frohen Stimmung. Bei dem Kerl langweilte man sich nicht; denn er ließ nicht einen fahren, ohne einen Spaß hinzuzufügen. Die schüchternen Schleicher verschmähte er; bei ihm gab es nur freie Entladungen, fest und hell wie Kanonenschläge; und jedesmal, wenn er mit erhobenem Beine dastand, rief er im Kommandotone seine Tochter herbei: »Dreckbatzen, komm schnell!« Dann lief sie herbei, und es ging los, daß die Luft erzitterte. »Lauf nach! schau, ob Knoten dran sind!« befahl er dann. Ein andermal reichte er ihr die Hand und sagte: »Zieh' an! zieh' an! es muß krachen!« Wenn dann die Explosion vorüber war, sagte er: »Ha, es ging schwer! Ich danke.« Oder auch legte er die Hände an die Backen wie eine Flinte, und wenn der Knall vorüber war, befahl er: »Such', such', Tagediebin!« Dreckbatzen wälzte sich vor Lachen auf der Erde. Obgleich ihr das Spiel schon bekannt war, mußte sie doch immer wieder lachen. Wie spaßig ist doch dieser Vater! Bald sprach er von einem Mieter, der seinen Zins nicht bezahlte und darum hinaus mußte; bald wandte er sich überrascht um, grüßte ernst, als ob der Tisch ihm guten Tag gewünscht hätte; bald hatte er ein Sträußchen für den Herrn Bürgermeister, bald für die geehrten Damen. Man war versucht zu glauben, daß er aus seinem Bauche soviel herausziehen konnte, wie er wollte; es war eine rechte Musikbüchse. Im Wirtshaus »zum guten Arbeiter« in Cloyes pflegte man ihm Wetten anzubieten: »Ich zahle dir ein Glas Wein, wenn du sechs machst.« Er machte sechs und gewann immer. Der Einzug des alten Fouan in das alte »Schloß«, wie man das Kellerloch nannte, das Jesus bewohnte, wurde mit einem festlichen Mahle begangen. Der Greis hatte fünf Franken hergegeben, Dreckbatzen bereitete ein Kalbsragout mit Zwiebeln und roten Bohnen und tischte die trefflich gelungenen Speisen ihrem Vater und Großvater auf; sie selbst stand gleich einer Dienerin respektvoll hinter ihren Stühlen. Jesus war in bester Laune; bevor man sich zu Tische setzte, ließ er drei Schläge in regelmäßigen Zwischenräumen ertönen und sagte: »Das ist die Festsalve! Es kann angehen.« Dann noch einen einzelnen mächtigen; schimpflichen. »Dieser ist für die Buteau! Sie sollen sich das Maul damit stopfen.« Der alte Fouan, bisher sehr herabgestimmt, ward bald aufgeheitert. Auch er galt seinerzeit für einen rechten Spaßvogel, und seine Kinder waren unter dem väterlichen Bombardement ruhig aufgewachsen. Er stützte die Ellbogen auf den Tisch und überließ sich dem Behagen diesem langen Burschen Jesus gegenüber, der ihn mit seinen gutmütigen feuchten Augen anblickte und ausrief: »Mein Gott, Papa, wollen wir ein herrliches Leben führen! Du sollst sehen, wie ich's versteh'! Ich werde dir die Grillen austreiben, verlaß dich darauf! ... Sei gescheit. Wenn du mal mit den Maulwürfen Erde frißt, was hast du dann davon, daß du bei Lebzeiten dir einen guten Bissen versagt hast?« Der alte Mann vergaß die nüchterne Enthaltsamkeit seines ganzen Lebens; er fühlte das Bedürfnis, sich zu betäuben, und rief überzeugt: »Hast recht, besser alles verpuffen, als es den anderen lassen ... Sollst leben, mein Junge!« Dreckbatzen machte das Kalbsragout mit Zwiebeln. Ein kurzes Schweigen trat ein. Um das Gespräch nicht fallen zu lassen, ließ Jesus einen längeren fahren, der mit dem singenden Tonklang einer menschlichen Stimme durch das Strohgeflecht des Stuhles drang. Sogleich wandte er sich zu seiner Tochter und fragte mit ernster Miene: »Was sagst du?« Sie hatte nichts gesagt, sondern mußte sich setzen, um nicht vor Lachen umzusinken. Vollends vernichtet war sie, als nach beendeter Mahlzeit Vater und Sohn sich um die Wette gehen ließen, wobei sie rauchend vor einem Liter Branntwein einander gegenübersaßen. Sie sprachen jetzt gar nichts mehr, denn sie waren sehr betrunken. Jesus hob langsam ein Bein, knallte los und wandte sich zur Tür: »Herein!« Fouan fand die Leistungsfähigkeit seiner Jugend wieder, ließ seinerseits einen knallen und erwiderte: »Da bin ich!« Und sie klatschten in die Hände und grinsten einander vergnügt an. Das war zuviel für Dreckbatzen; von einem tollen Lachen geschüttelt, fiel sie zu Boden, und inmitten ihrer Zuckungen entfuhr auch ihr einer, doch das war leicht, fein und melodisch wie der Ton einer Schalmei neben Orgelpfeifen. Entrüstet erhob sich Jesus, wies nach der Tür und schrie: »Hinaus, Sau! Hinaus, Gestank! Ich werde dich Respekt vor Vater und Großvater lehren!« Niemals hatte er eine solche Vertraulichkeit bei ihr dulden wollen. Er fächelte mit der Hand die Luft weg und meinte, die seinigen röchen nur nach Schießpulver. Als die Schuldige sehr rot über ihre Vergeßlichkeit leugnete, um nicht die Stube verlassen zu müssen, warf er sie hinaus. »Schüttle dir die Röcke aus!« schrie er. »Vor einer Stunde darfst du nicht zurückkommen.« Mit jenem Tage begann ein sorgenloses, lustiges Leben. Man gab dem Alten das Zimmer der Kleinen, die eine Hälfte des durch eine Bretterwand geteilten Kellerraumes. Dreckbatzen zog sich in eine Art Höhle zurück, die sich im Hintergrunde des Gewölbes befand und die, wie die Sage erzählte, der Rest eines verschütteten unterirdischen Ganges war. Von Jahr zu Jahr vergrub das vom Regen den Berg hinabgespülte Geröll mehr und mehr diesen Fuchsbau, in dem Jesus hauste; lange wären auch die alten Mauern und die von Jesus errichtete und unermüdlich geflickte Wand hinweggewaschen worden, wenn nicht die Wurzeln hundertjähriger Linden, die das »Schloß« beschatteten, der Zerstörung Einhalt getan hätten. Aber sobald das Frühjahr ins Land zog, war dies Gemäuer ein Schlupfwinkel von köstlicher Frische, eine unter Himbeersträuchern und Hagedorn versteckte heimliche Grotte. An dem Haiderosengebüsch, welches das Fenster überwucherte, knospeten blaßrote Blüten; die Tür verhing ein dichtes Gezweige von Jelängerjelieber, das man beim Eintritt wie einen Vorhang beiseiteschieben mußte. Allerdings konnte Dreckbatzen nicht alle Tage Kalbsragout und rote Bohnen auf den Tisch bringen; dergleichen ereignete sich nur, wenn der Alte ein Silberstück herausrückte. Jesus geizte nicht mit seinen Erpressungsversuchen, doch ging er dabei nicht gewaltsam vor; vielmehr wußte er den Alten beim Herzen zu packen und benutzte dessen plötzlich erwachte Leidenschaft für gutes Essen und Trinken, um ihm die Taschen zu leeren. Man tafelte ausgiebig die ersten Tage jedes Monats, wenn Delhomme die sechzehn Franken Rente hergegeben, und besonders bei jedem Quartalsbeginn, wenn der Notar die siebenunddreißig Franken fünfzig auszahlte, wurde in Saus und Braus gelebt. Im Anfang rückte Fouan nur immer Zehnsousstücke von seinem Gelde heraus; sein alter Geiz hatte noch die Oberhand, er wollte, es solle möglichst lange anhalten. Nach und nach überließ er sich den Händen des großen Schlingels Hyacinth, der ihm zu schmeicheln wußte, ihm die abenteuerlichsten Dinge vorschwatzte, oder ihn zu Tränen rührte. Er gab zwei, drei Franken auf einmal, fand Gefallen an dem Wohlleben und der Schlemmerei, sagte sich, es sei besser, alles ohne Bedenken und frohen Mutes zu verzehren, weil es früher oder später doch draufgehe. Jesus teilte, man muß es ihm nachrühmen, übrigens redlich mit seinem Vater; wenn er ihm das Geld aus der Tasche lockte, verpraßte er es dafür wenigstens in Gemeinschaft mit ihm. Bei all seiner nichtsnutzigen Faulheit hatte er ein besseres Herz als der Schurke Buteau. Solang' man aß und trank, vergaß er selbst großmütig den geheimen Schatz des Alten; der Vater mochte immerhin seine Freude daran haben; sobald er willig das Geld für die Schmausereien hergab, konnte man nicht mehr verlangen. Erst in den zweiten Monatshälften, wenn die Taschen Fouans leer waren, begann sein Sohn über das an jenem Tage erblickte und irgendwo verborgene Geld nachzudenken. Nicht ein Liard kam davon zum Vorschein. Er brummte über Dreckbatzen, die nichts als Kartoffelbrei ohne Butter auf den Tisch brachte; er ärgerte sich, daß man darbe, um irgendwo das Geld zu verstecken, und es ward ihm klar, eines Tages müsse dieser Schatz ans Licht und verputzt werden. Fouan langweilte sich übrigens auch in diesen mageren Monatsenden nicht; denn Vater und Tochter zogen dann auf Raub aus, um den Tisch zu versorgen, und der Alte ließ sich schließlich dazu verführen, an diesen Fahrten teilzunehmen. Als Dreckbatzen zum erstenmal ein Huhn heimbrachte, das sie hinter einer Mauer versteckt mit der Angel gefangen, murrte der Großvater. Doch er konnte sich nicht enthalten, herzlich zu lachen, als sie ihm tags darauf ein zweites Stücklein erzählte: Das findige Ding hatte sich in den Zweigen eines Baumes versteckt und von dort mitten in ein vorüberschnatterndes Entenvolk eine Schnur hinabgeworfen, an der ein Stück Fleisch an einem Haken hing. Gierig stürzte sich ein Enterich auf die Lockspeise, verschlang alles, Fleisch, Haken, Bindfaden, und ward plötzlich mit jähem Ruck zum Baum emporgerissen und erwürgt, eh' er nur einen Laut von sich gegeben. Das war vielleicht nicht ganz ehrlich gehandelt; doch gehören die Tiere, die im Freien leben, nicht dem, der sie zu fangen weiß? Solange man kein Geld stiehlt, mein Gott, ist man ehrlich, erklärte Jesus. Von jetzt an interessierte sich Fouan für die Räubereien des Mädchens. Es kamen die unglaublichsten Dinge vor: sie stahl einen Sack Kartoffeln und besaß die Keckheit, den ihr begegnenden Eigentümer zu bitten, ihr denselben ein Stück Weges tragen zu helfen; sie melkte in eine Flasche die Kühe auf der Weide; sie entwendete den Wäscherinnen an der Aigre Leinenzeug, versenkte es, mit Steinen beschwert, in den Fluß und holte es nachts daraus hervor. Man sah sie überall, auf allen Wegen; ihre Gänse gaben ihr einen immerwährenden Vorwand ab, sich auf den Straßen herumzutreiben; stundenlang paßte sie mit dem harmlosen Gesicht einer Gänsehirtin in den Straßengräben die Gelegenheit zu irgendeinem Diebstahl ab; ja, die Gänse dienten ihr dabei gleich Hunden als Wächter: beim Nahen irgendeines Verdächtigen ließ der Gänserich einen warnenden Ruf hören. Dreckbatzen war damals achtzehn Jahre alt und kaum größer, als sie im zwölften Jahre gewesen; sie war geschmeidig und schlank wie eine Haselstrauchgerte, hatte einen Kopf wie eine Ziege, grüne, seitwärts geschlitzte Augen, einen breiten, links verwachsnen Mund. In der alten Bluse ihres Vaters glich sie mit ihrem winzigen Busen einem Knaben; sie liebte nur ihre Herde, machte sich nichts aus den Männern, und wenn ihre Spiele mit den gleich alten Burschen regelmäßig auf dem Rücken endeten, geschah es nur, weil das Ding nun mal dazu gehört und ihr schließlich daraus kein Schaden erwuchs. Übrigens beschränkte sie sich auf den Verkehr mit Taugenichtsen und Landstreichern ihrer Gattung; wirkliche Männer fanden sie zu kümmerlich entwickelt und gingen ohne Verlangen an ihr vorüber. Der Großvater gewann ihr munteres Wesen lieb und erklärte, abgesehen davon, daß sie zuviel Diebereien verübe und sich ein wenig zu liederlich aufführe, sei sie ein drolliges Ding, sei weniger dumm, als es den Anschein habe. Aber ganz besonders gefiel es Fouan, Jesus auf seinen Raubzügen durch die Fluren zu begleiten. In jedem Bauer, selbst dem anständigsten, steckt etwas von einem Wilddiebe; darum interessierten den Alten die Dohnen, die sein Sohn aufstellte, die Grundangeln im Flusse, all die listigen Erfindungen, dieser ewige, ununterbrochene Krieg gegen Feldhüter und Gendarmen. Sobald ein Dreimaster oder eine Säbelquaste auf der Straße oder über dem Getreide auftauchte, warfen sich Vater und Sohn ins Gras und schienen zu schlafen; war der Mann des Gesetzes vorüber, so schlich Jesus durch die Straßengräben auf allen Vieren zu seinen Fallen und Netzen, während der Vater mit dem harmlosen Gesicht eines braven, alten Mannes Dreimaster und Säbel mit den Blicken verfolgte. In der Aigre gab es köstliche Forellen, die man für vierzig bis fünfzig Sous an einen Fischhändler in Chateaudun verkaufte; doch sie waren nicht leicht zu fangen; es galt, stundenlang auf dem Bauche liegend, den scheuen Tieren nachzustellen. Zuweilen auch gingen Vater und Sohn bis zum Loire-Flusse, in dessen schlammigem Grund prächtige Aale gediehen. Lieferten Jesus' Angeln keine Beute, so plünderte er nachts die Fischkästen der Bürger. Doch all dies war nur ein nebensächliches Vergnügen; Hyacinths wahre Leidenschaft war die Jagd. Mehrere Meilen weit suchte er die Felder ab; er verschmähte kein Wild: gab's keine Rebhühner, so stellte er den Wachteln nach oder den Lerchen oder selbst den Staren. Selten bediente er sich der Flinte, deren Schuß auf dem flachen Lande weithin hallte. Wo nur irgendein junges Rebhuhnvolk in den Kleefeldern heranwuchs, er machte es ausfindig und paßte Ort und Zeit ab, wenn die Küchlein, schlaftrunken und feucht vom Tau der Nacht, sich mit der Hand fangen ließen. Er besaß ausgezeichnete Leimruten für die Lerchen und Wachteln; mit Steinwürfen erlegte er die Stare, die zur Zeit der großen Herbststürme in Scharen ins Land kamen. Da er in dieser Weise seit zwanzig Jahren dem Wild im Lande nachstellte, waren zum Leidwesen der Jäger in dem Buschwerk längs der Talwände die Kaninchen fast ausgestorben; nur die allerdings selten vorkommenden Hasen entschlüpften dem Wilderer, indem sie sich in die Ebene flüchteten, wo es bedenklich war, sie zu verfolgen. Welch ein Herzeleid ihm die paar Hasen machten, wie heftig ihn darnach verlangte; er riskierte, sich ins Gefängnis stecken zu lassen, um von Zeit zu Zeit einem eine Kugel auf das Fell zu brennen. Wenn Fouan ihn seine Flinte von der Wand nehmen sah, begleitete er ihn nicht: das sei zu dreist, meinte der Alte; Jesus werde sich sicher eines Tages ertappen lassen. Es kam so, wie es kommen mußte. Aufgebracht wegen der Ausrottung des Wildes, hatte Hourdequin dem Feldhüter die schärfsten Befehle erteilt, und Becu, den es ärgerte, niemals jemanden zu erwischen, hatte sich entschlossen, in einem Schober zu übernachten, um die Wilddiebe zu überraschen. Eines Morgens kurz nach Tagesanbruch weckte ihn ein Flintenschuß, der dicht an seinem Gesicht vorüberstreifte; es war Jesus, der hinter dem Schober verborgen, einen Hasen ins Gras gestreckt hatte. »Blitz und Kanonen! Du bist es!« schrie Bécu auf und bemächtigte sich der Schußwaffe, die jener an den Schober gelehnt hatte, um den Hasen zu holen. Kanaille! ich hätt' es ahnen können!« Im Gasthause waren die beiden Freunde und Brüder; doch auf den Feldern war ihre Begegnung stets bedenklich; der eine mußte immerfort gefaßt sein, den Kameraden auf der Tat zu ertappen, während dieser wiederum in solchem Falle entschlossen war, ihm den Schädel einzuschlagen. »Gut, ich bin's, was ist da weiter? Ich pfeife auf dich! ... Gib mir mein Gewehr zurück!« versetzte der andere grob. Dem Bécu war sein Fang nichts weniger als willkommen. Meist bog er geflissentlich nach rechts ab, wenn er Jesus zu seiner Linken gewahrte; warum den Freund in eine unangenehme Geschichte verwickeln? Doch diesmal gebot die Pflicht; es war unmöglich, ein Auge zuzudrücken. Und dann ist man wenigstens höflich, wenn man sich etwas hat zuschulden kommen lassen. »Dein Gewehr, Schuft! das behalte ich und werde es auf dem Amt abgegeben ... Und kusch, oder ich schicke dir die zweite Ladung in den Bauch.« Jesus war wütend; schon machte er Miene, den Feldhüter an der Gurgel zu packen. Doch als er sah, wie jener sich auf den Weg zum Dorfe machte, schloß er sich ihm an, indem er den Hasen in seiner Rechten schlenkerte. Wortlos legten sie einen Kilometer mitsammen zurück und maßen sich immerfort mit drohenden Seitenblicken; es schien, als solle es jeden Augenblick zu einem Zweikampfe kommen. Dabei waren beide gleich verdrossen über das Abenteuer; welch ein fatales Zusammentreffen! Als sie hinter der Kirche in die Nähe des Schlosses kamen, machte der Wilderer einen letzten Versuch. »Mach' keine Dummheiten, Alter ... Komm herein zu mir und laß uns eins trinken!« »Nein, ich muß meinen Bericht schreiben,« versetzte der Feldhüter. Steif wie ein alter Soldat, der nichts wie seine Vorschrift kennt, wiederholte er diese Worte. Dabei aber war er stehengeblieben, und als der andere ihn jetzt am Arm faßte und ihn zu seinem Wohnsitz ziehen wollte, setzte er hinzu: »Wenn du Tinte und Feder hast, meinetwegen ... Bei dir oder anderswo, mir ist's gleich, wenn nur der Bericht geschrieben wird.« Als Bécu bei Jesus anlangte, stand die Sonne bereits am Himmel. Papa Fouan, der schon vor der Tür seine Pfeife rauchte, sah, was vorgegangen; der Alte ward um so besorgter, als die Dinge sich sehr ernst anließen. Man suchte Tinte hervor, sowie eine alte, verrostete Feder, und der Feldhüter begann mit einer fabelhaften Amtsmiene und gespreizten Ellbogen sein Schriftstück aufzusetzen. Doch gleichzeitig hatte Dreckbatzen auf einen Wink ihres Vaters einen Liter und drei Gläser her beigebracht; bei der fünften Zeile verstand sich Bécu dazu, die Erfrischung anzunehmen, denn er war gerade genötigt, eine Pause zu machen, um den in der verwickelten Darstellung der Tatsachen verlorenen Faden wiederzufinden. Nach und nach gewann die Lage ein freundliches Gepräge. Ein zweiter Liter erschien, dann ein dritter. Zwei Stunden später schrien die beiden Kumpane freundschaftlich aufeinander los: sie waren sehr betrunken und hatten das Vorkommnis des Morgens ganz vergessen. »Verwünschter Hahnrei,« rief Jesus, »du weißt, daß ich's mit deiner Frau halte.« Er sprach die Wahrheit. Seit dem Kirchweihfeste gab er sich in allen Winkeln mit der Bécu ab, trotzdem er sie ungeniert eine trockene, alte Schachtel nannte. Bécu jedoch, der im Rausch unbequem werden konnte, wurde böse. Wenn er auch in nüchternem Zustand über dies Verhältnis ein Auge zudrückte, sobald er volltrunken war, verletzte ihn die Sache. Er packte eine leere Flasche, schwenkte sie und brüllte: »Verdammter Schweinehund!« Die Flasche flog an die Wand an Jesus vorüber, der mit geifernden Lippen lächelnd dreinschaute. Um den Hahnrei zu besänftigen, ward beschlossen, daß man zusammenbleiben und sofort den Hasen verspeisen wolle. Wenn Dreckbatzen ein Hasenragout bereitete, duftete der gute Geruch bis ans andere Ende von Rognes. Es ward ein prächtiges Mahl, das den ganzen Tag ausfüllte. Sie waren noch bei Tisch und knabberten von neuem an den schon abgenagten Knochen, als die Nacht hereinbrach. Es wurden zwei Lichter angezündet, und das Fest nahm seinen Fortgang. Fouan fand zwei Vierzigsousstücke, wofür Dreckbatzen einen Liter Kognak holte. Alles schlief bereits im Dorfe, als die drei immer noch schnapsten. Jesus, dessen tastende Hand etwas suchte, um seine Pfeife wieder in Brand zu stecken, faßte unversehens den angefangenen Bericht, der, mit Wein und Soße befleckt, auf der Tischecke lag. »Richtig, das muß fertiggemacht werden,« lallte er, wobei er übermäßig lachte. Er blickte das Papier an und suchte etwas, womit er recht deutlich seine Verachtung gegen dieses amtliche Schriftstück ausdrücken könnte; dann hob er einen Fuß, ließ einen Ausgiebigen fahren und rief: »Jetzt ist's unterzeichnet!« Bécu lachte mit den andern. Man war diese Nacht sehr guter Dinge im Schloß. Um diese Zeit gewann Jesus einen Freund. Als er eines Tages in einen Graben geschlüpft war, um die Gendarmen vorüber passieren zu lassen, fand er darin einen Mann versteckt, der ebenfalls kein Verlangen trug, gesehen zu werden. Die beiden begannen zu plaudern. Der Fremde war eine gute Haut, ein gewisser Leroi, genannt Canon, ein Zimmermann, der vor zwei Jahren infolge mißlicher Abenteuer Paris verlassen hatte und sich seitdem auf den Dörfern herumtrieb. Er ging von Hof zu Hof, suchte Beschäftigung, war bald hier, bald dort eine Woche lang, und als er keine Arbeit mehr fand, als man ihn überall hinausgewiesen, bettelte er auf den Straßen, lebte von gestohlenen Gemüsen und Früchten und war froh, wenn er in einem Heuschober übernachten durfte. Seine Erscheinung flößte nichts weniger als Vertrauen ein: er steckte in Lumpen, war sehr schmutzig und abstoßend häßlich; Elend und Laster hatten seine Züge verroht; sein Gesicht war so mager und fahl und blickte so unheimlich aus dem wilden, dünn gesäten Barthaar, daß die Frauen Fenster und Türen schlössen, wenn sie ihn kommen sahen. Dazu kam, daß er allerhand wüste Reden führte; er sagte, er werde den Reichen den Hals abschneiden, werde sich an ihren Weinen und ihren Weibern berauschen. Dabei ballte er die Fäuste und rollte fürchterlich die Augen, wenn er diese in den Vorstädten von Paris erhaschten revolutionären Drohungen hervorstieß, so daß die Bauern vor ihm zurückwichen. Seit zwei Jahren sah man ihn plötzlich abends auf den Höfen auftauchen; er bat um ein Bund Stroh zum Nachtlager, setzte sich zu den Leuten ans Herdfeuer und erstarrte ihnen das Blut mit seinen wilden Reden. Am nächsten Morgen war er verschwunden, um acht Tage später zu derselben trüben Dämmerstunde sich wieder einzustellen, und alle von neuem mit seinen Mord- und Brandprophezeiungen zu erschrecken. Deshalb wollte man ihn nirgends mehr aufnehmen; alle Türen schlossen sich vor dem unheimlichen Gaste. Jesus und Canon verstanden sich sofort. »Donnerwetter!« rief der erstere, »ich hätt' sie im Jahre 1848 alle niedermachen sollen in Cloyes! ... Komm, Alter, wir müssen eins trinken zusammen.« Er nahm ihn zu sich und ließ ihn im Schloß übernachten. Je mehr und je toller der andere sprach, um so höher stieg er in der Achtung seines Wirtes; Jesus fühlte ihn sich überlegen, bewunderte, was er alles wisse, meinte, er kenne das Geheimnis, mit einem Schlage die Dinge umzustürzen. Achtundvierzig Stunden später zog Canon wieder von dannen. Zwei Wochen darauf erschien er von neuem und machte sich bei Tagesanbruch wieder davon. Seither tauchte er von Zeit zu Zeit im Schloß auf, aß, trank, schnarchte, als liege er in seinem Bette, und schwor jedesmal, daß den Bürgern vor Ablauf von sechs Wochen der Garaus gemacht werde. Als eines Nachts der Vater auf die Jagd gegangen war, wollte der Gast sich die Tochter zu Willen machen; aber Dreckbatzen war empört, wehrte sich und biß; er mußte von seinem Vorhaben abstehen. Wofür hielt sie der alte Lump? Er schalt sie ein dummes Ding. Auch Fouan mochte den unsauberen Patron nicht leiden, er sei ein Faulenzer, erklärte der Alte, und wolle Dinge, die zum Schafott führen. Wenn der Bandit im Hause war, war der Greis so trübe gestimmt, daß er vorzog, seine Pfeife im Freien zu rauchen. Dem alten Manne fing übrigens das Leben im Schloß an weniger zu behagen als im Anfang, denn es hatte sich zwischen Vater und Sohn etwas Mißliches ereignet. Bisher hatte Jesus die verpfändeten Äcker nur an Buteau und Delhomme verkauft, und Fouan, dessen Unterschrift bei diesen Verkäufen erforderlich war, hatte sie stets ohne Widerrede gegeben; er war zufrieden, daß das Land in der Familie bleibe. Jetzt aber handelte es sich um ein letztes Stück Feld, auf das der Wilderer ebenfalls Geld aufgenommen, und das der Darleiher unter den Hammer bringen wollte, weil er nicht einen Sou der vereinbarten Zinsen erhielt. Herr Baillehache, den man um Rat gefragt, riet, den Acker sofort zu verkaufen, wenn man nicht wolle, daß die Gerichtskosten überhandnehmen. Buteau sowohl wie Delhomme aber waren erbost, daß der Vater den Taugenichts Hyacinth aushalte, und verweigerten diesmal den Ankauf, sie waren entschlossen, sich um nichts mehr zu bekümmern, so lange der Alte bei dem Bruder bleibe. So stand also der gerichtliche Verkauf des Feldes bevor, das Stempelpapier regnete ins Haus; es war das erste Stück Land, das aus der Familie gehen sollte. Dem Alten raubte der Gram den Schlaf. Dies Land, das sein Vater, sein Großvater mit so saurer Mühe erworben! Dies Land, das er selbst gepflegt und eifersüchtig gehütet wie ein Weib! jetzt mußte er zusehen, wie es sich in Prozessen verkrümelte, wie es um die Hälfte seines Wertes einem Fremden, einem Nachbar zugeschlagen wurde. Er fieberte vor namenlosem Zorn, der Schmerz zerfleischte ihm dermaßen die Brust, daß er seufzte wie ein Kind. Dieser Schurke! dieser Lump! Es fanden furchtbare Szenen zwischen Vater und Sohn statt. Der letztere übrigens antwortete nicht und ließ den andern sich in Vorwürfen und Wehklagen erschöpfen. Mit verzweifelter Gebärde, ein Bild übermächtigen Schmerzes, stand der alte Mann vor dem liederlichen Menschen und tobte: »Du bist ein Mörder! Es ist nicht anders, als schnittest du mir mit einem Messer ein Stück Fleisch aus der Brust ... Ein gutes Feld! Es gibt weit und breit kein besseres! Ein Feld, auf dem alles von selbst gedeiht; man hat nur nötig, darüber zu blasen ... Mußt du erbärmlich und feig sein, daß du dir nicht lieber eine Kugel in den Kopf jagst, statt diesen Acker einem andern zu überlassen ... Heiland der Welt! Einem andern! Der Gedanke stockt mir das Blut! Du mußt gar kein Herzblut haben, du verwünschter Saufbold! ... Und das alles, weil du das Land versoffen hast, du Schuft, du Schlemmer, Strolch, Schwein, elendes!« Wenn's ihm den Atem nahm und er erschöpft auf einen Stuhl sank, versetzte der andere ruhig: »Bist du dumm, Alter, dich so zu grämen! Schlage auf mich los, wenn es dich erleichtert: wahrhaftig, du hast verflucht wenig Philosophie! ... Was ist denn weiter dabei! Man kann doch das Land nicht essen; du würdest ein schnurriges Gesicht machen, wenn man es dir vorsetzen wollte. Ich hab' mir darauf Geld gepumpt; das ist meine Art, Fünffrankenstücke daraus zu ernten. Jetzt verkauft man es; hat man nicht auch meinen Schutzpatron Jesus Christus verkauft? Wenn noch ein paar Taler dabei herauskommen, vertrinkt man sie halt, das ist das einzig Wahre! ... Hol' mich der Fuchs, man wird zeitig genug sein eigen Stück Land bekommen, wenn sie einen dahinein verscharren.« Doch Vater und Sohn begegneten einander in ihrem Hasse gegen den Gerichtsvollzieher Vimeux. Es war ein unsauberer Patron, dem man die Amtshandlungen übertrug, mit denen sein Kollege in Cloyes sich nicht befassen mochte. Eines Tages mußte er im Schloß eine Urteilskundmachung des Gerichtshofes niederlegen. Vimeux war ein schmieriges, kleines Männchen, die ganze Person schien ein einziger struppiger, gelber Bart, aus dem nichts hervorschaute wie eine rote Nase und triefende Augen. Er trug stets einen schwarzen Hut, Rock und Beinkleider von derselben Farbe. Alles war unglaublich schäbig und fleckig. Im ganzen Lande erzählte man sich, wie jämmerlich diesem Kerl von den Bauern mitgespielt wurde, sooft er allein und vollkommen wehrlos in einem Gehöfte erschien, um irgendein unliebsames Amtspapier zu übergeben. Bald bläuten sie ihm den Rücken durch, bald stießen sie ihn in die Mistjauche, jagten ihn mit Heugabeln übers Feld, oder die Weiber fielen über ihn her, zogen ihm die Hosen herab und hieben auf ihn ein. Im Augenblick, wo der Gerichtsvollzieher im Schloß vorsprach, kam gerade Jesus mit der Flinte auf der Schulter vom Felde heim. Fouan, der vor der Tür seine Pfeife rauchte, rief ihm grollend entgegen: »Da schau, die Schande, die du Lump uns ins Haus bringst!« »Warte mal!« murmelte der Wilderer zähneknirschend. Doch als Vimeux das Gewehr erblickte, blieb er dreißig Schritt vor dem Mauerloch stehen, und seine ganze elende Gestalt schlotterte vor Furcht in dem schwarzen, schmutzigen Gewand. »Herr Jesus,« hub er mit seiner dünnen Stimme an, »ich komme in Ihrer Angelegenheit, Sie wissen schon ... Ich leg' es hierher. Schön' guten Abend!« Er hatte das Stempelpapier auf einen Stein gelegt und begann bereits rückwärts schreitend das Weite zu suchen, als der andere ihn anschrie: »Donnerwetter, vermaledeiter Tintenkleckser, soll ich dich Mores lehren? ... Willst du mir sofort das Papier hierher bringen!« Als der arme Kerl vor Angst starr und steif blieb und nicht einen Schritt vor- oder rückwärts wagte, legte Jesus auf ihn an. »Ich jag' dir das Blei in den Leib, wenn du dich nicht tummelst ... Vorwärts, nimm dein Papier und komm' heran ... Näher, näher, aber zum Henker näher, verwünschter Hasenfuß, oder ich drück' los!« Der Gerichtsvollzieher zitterte wie Espenlaub. Flehend blickte er zu Fouan hinüber; doch dieser rauchte ruhig seine Pfeife und schielte mit kaltem Haß nach dem Manne des Gesetzes, den der Bauer für alle Maßnahmen der Obrigkeit verantwortlich macht. »Heran, oder ich schieß' los! ... Endlich! Es war Zeit. Gib mir deinen Wisch. Nein, nicht so halb, als wenn du's nicht gern tätest. Höflich, zum Teufel auch! gib mir ihn ordentlich in die Hand! ... So, jetzt bist du brav.« Vimeux stand wie gelähmt von den Quälereien des unheimlich langen Strolches, mit zuckenden Wimpern des Fausthiebes oder der Ohrfeige gewärtig, die er kommen fühlte. »Jetzt, kehrt!« Er verstand; er rührte sich nicht, sondern kniff ängstlich die hagern Schenkel zusammen. »Kehrt! oder ich dreh' dich um!« Er sah wohl, daß er gehorchen mußte. Mit kläglicher Duldermiene bot er sein armseliges Hinterteil dar. Jesus aber trat einen Schritt zurück, dann versetzte er ihm einen so wohlgezielten und kräftigen Fußtritt, daß sein Opfer zu Boden stürzte. Mühsam raffte er sich auf und rannte, so schnell ihn seine kurzen Beine tragen wollten, davon. Hinter sich hörte er den Ruf: »Aufgepaßt! ich schieße!« Jesus hatte angelegt; doch er begnügte sich ein Bein zu heben und paff! ließ er einen fahren, so hell und stark, daß Vimeux, durch den Knall zu Tode erschreckt, neuerdings hinfiel. Diesesmal rollte sein schwarzer Hut unter die Kiesel; er lief ihm nach, erhaschte ihn und rannte dann noch schneller weiter. Hinter ihm tönten die Schüsse unaufhörlich fort, piff! paff! puff! ein wahres Kleinfeuer, begleitet von einem tollen Gelächter, das dem Unglücklichen vollends die Besinnung raubte. Dreckbatzen wälzte sich am Boden, und Fouan hatte die Pfeife aus dem Munde genommen, um besser lachen zu können. Ein drolliger Nichtsnutz, dieser Hyacinth!« In der nächsten Woche mußte sich der Alte entschließen, seine Unterschrift zum Verkauf des Ackers herzugeben. Herr Baillehache hatte einen Käufer; das Klügste war, den Rat des Notars zu befolgen. Man kam also überein, daß Vater und Sohn sich nach Cloyes begeben sollten; und zwar ward hierzu der dritte Sonnabend des Monats September bestimmt, der Tag vor dem Sankt-Lubin, einem der beiden Volksfeste der Stadt. Fouan, der bei dem Steuereinnehmer den Juliabschnitt der Staatspapiere, die er heimlich versteckte, einzukassieren hatte, gedachte diese Gelegenheit hierzu zu benutzen, indem er sich vornahm, seinem Sohne inmitten des Marktgetümmels zu entwischen. Den Hin- und Rückweg wollte man zu Fuß machen. Als Fouan und Jesus beim Tor von Cloyes vor der geschlossenen Schranke die Vorüberfahrt eines Eisenbahnzuges abwarten mußten, wurden sie von Buteau und Lise eingeholt, die in ihrem Wagen zur Stadt kamen. Sofort brach zwischen den Brüdern ein Streit aus: sie überhäuften sich mit Schimpfreden bis zum Augenblick, wo der Übergang freigegeben ward; und selbst während Buteau mit vom Wind geblähter Bluse schon talwärts fuhr, drehte er sich noch einmal um und rief dem Jesus ein unflätiges Schimpfwort zu. »Geh, Schuft! ich ernähre deinen Vater!« schrie dieser aus Leibeskräften, indem er die beiden Hände wie ein Sprachrohr vor den Mund hielt. In der Grouaise-Straße bei Herrn Baillehache verbrachte Fouan eine recht traurige Stunde in der übervollen Amtsstube, wo eine Menge zu Markt fahrender Bauern die Gelegenheit benutzte, ihre Geschäfte mit dem Notar abzuwickeln. Er erinnerte sich jenes Sonnabends, an dem er hierher gekommen, um die Besitzabtretung vollkommen zu machen: sicher hätte er an dem Tage besser getan, sich aufzuhängen. Endlich empfing sie der Notar. Der Alte mußte unterschreiben. Er suchte in allen Taschen seine Brille, wischte sie ab; doch die mit Tränen gefüllten Augen trübten von neuem die Gläser, und seine Finger zitterten: man mußte ihm die Hand auf den richtigen Fleck im Aktenstück legen; dort malte er in einen großen Tintenklecks hinein seinen Namen. Es hatte ihm soviel Schmerz und Überwindung gekostet, daß ihm brühheiß ward; er zitterte am ganzen Leibe und blickte verstört um sich wie jemand, dem man ein Bein abgenommen, und der sich umschaut, wo es geblieben. Herr Baillehache redete strengen Tones Jesu ins Gewissen; dann verabschiedete er sie, indem er erklärte: die Vermögensabtretung bei Lebzeiten sei der guten Sitte zuwider, man werde unbedingt dahin gelangen, sie gesetzlich zu untersagen und einzig nur die Übertragung des Vermögens durch Erbschaft gelten zu lassen. Draußen in der Großen Gasse vor der Tür des »Wackern Landmannes« verschwand Fouan inmitten des Markttrubels. Jesus war des Alten Absicht, sich loszumachen, sehr wohl gewahr geworden; er lachte in sich hinein, denn er ahnte, was der Vater vorhabe. Dieser drückte sich eiligst in die Beaudonnièregasse, wo Herr Hardy, der Steuereinnehmer, ein freundliches, zwischen Hof und Garten gelegenes Haus bewohnte. Hardy war ein gemütlicher Herr mit frischer Gesichtsfarbe und wohlgepflegtem, schwarzem Bart; die Bauern fürchteten ihn, da er, wie sie behaupteten, ihnen mit allerhand Reden den Kopf verdrehe. Seine Amtsstube war ein schmales, durch eine Schranke geteiltes Büro; auf der einen Seite saß er, die andere war für die Leute bestimmt. In diesem Augenblick befand sich niemand dort wie der eben angekommene Buteau. Niemals konnte sich Buteau dazu verstehen, seine Steuer auf einmal zu bezahlen. Wenn er im Monat März den Steuerzettel erhielt, so war er acht Tage lang schlechter Laune. Wütend ging er das Papier in seinen Einzelheiten durch: die Grundsteuer, die Kopfsteuer, die Mobiliarsteuer, die Tür- und Fensterabgabe; doch jedesmal entflammte seinen Zorn hell der Steuerzuschlag, der, wie er behauptete, von Jahr zu Jahr zunehme. Hierauf wartete er die erste kostenfreie Aufforderung zur Zahlung ab, wodurch er immerhin eine Woche gewann, und zahlte sodann in monatlichen Raten bei Gelegenheit seiner Marktfahrten. Jeden Monat ward ihm dies gleich schwer; schon am Vorabend war er förmlich krank vor Gram; er trug sein Geld nicht anders zur Stadt, wie jemand seinen Kopf gebracht hätte, den man ihm abschneiden wollte. »Aha, Ihr seid's!« begrüßte ihn Herr Hardy munter. Ihr tut recht zu kommen, ich wollt' Euch gerade Unkosten machen.« »Das fehlte noch,« versetzte Buteau grollend. »Wissen Sie, ich zahle die sechs Franken nicht, um die Sie meine Grundsteuer gesteigert haben ... Nein, nein, das ist nicht, gerecht.« Der Einnehmer lachte. »Ist's möglich, Ihr fangt schon wieder an? Soll denn das alle Monat so fortgehen? Ich hab' Euch schon erklärt, daß Eure Einnahmen sich infolge Eurer Anpflanzungen an der Aigre gehoben haben müssen. Darauf gründen wir ganz einfach unsere Berechnungen.« Buteau widersprach heftig. Seine Einnahmen sich heben! Schöne Hebung das! Das war dieselbe Ungerechtigkeit wie mit seiner Wiese: Früher besaß er siebzig Ar; seit der Fluß sein Bett verschoben und ihm zwei Ar abgeschnitten, hatte er nur achtundsechzig und mußte nichtsdestoweniger immer noch für siebzig zahlen. War das Gerechtigkeit? Herr Hardy antwortete ihm ruhig, daß die Grundsteuerabschätzung nicht seine Sache sei, man müsse die nächste Schätzung abwarten. Wie um ihm alles eingehend zu erklären, übergoß er ihn mit einer Flut von Ziffern und technischen Ausdrücken, von denen jener gar nichts verstand. Dann schloß er in seiner halb scherzenden Art: »Übrigens, zahlt nicht, mir ist's gleich. Ich werde Euch den Gerichtsvollzieher schicken.« Betroffen würgte Buteau seinen Unmut hinunter. Wenn man nicht der Stärkere ist, muß man wohl nachgeben. Diese dunkle und verzweigte Macht aber, die er über sich fühlte, die Verwaltungsbehörde, der Gerichtshof, all dieses hündische Bürgerpack, wie er sich ausdrückte, flößte ihm eine Furcht ein, die den hundertjährigen Haß der Bauern gegen die Städter schürte. Langsam zog er seine Börse hervor. Seine dicken Finger zitterten; er hatte viel Kupfergeld auf dem Markte bekommen, und jeden Sou, den er hergab, befühlte er vorher. Dreimal rechnete er die Summe, die er aufzählte, durch, es waren lauter Sous; daß er einen solchen Haufen Geld hergeben mußte, erhöhte seinen Schmerz. Mit verschleiertem Blick sah er zu, wie der Einnehmer das Geld in Empfang nahm. Da erschien Papa Fouan. Der Alte hatte den Rücken seines Sohnes nicht erkannt; er war wie versteinert, als dieser sich umwandte. »Geht's Ihnen gut, Herr Hardy?« stotterte er. »Ich ging hier gerade vorüber, und da kam mir der Gedanke, Ihnen guten Tag zu sagen. Man sieht sie ja, sozusagen, nicht mehr.« Buteau ward keineswegs durch diese Worte getäuscht. Hastig empfahl er sich, als wenn er es sehr eilig habe; und fünf Minuten später trat er unter dem Vorwand, den Einnehmer noch etwas fragen zu wollen, von neuem ins Büro, in dem Augenblick, wo Herr Hardy gerade dem Alten ein Quartal, fünfundsiebzig Franken, in Fünffrankenstücken aufzählte. Das Auge des Burschen blitzte auf. Doch er beherrschte sich, vermied, den Vater anzublicken und tat, als habe er nicht gesehen, wie dieser sein Taschentuch über das Geld schleuderte und dann die Silberstücke wie in einem Wurfnetz zusammenraffte und in die Tasche schob. Diesmal verließen sie zusammen die Amtsstube. Fouan musterte seinen Sohn mit mißtrauischen Seitenblicken; Buteau war in bester Laune und legte plötzlich ein besonderes Wohlwollen für den alten Mann an den Tag. Er wich nicht von seiner Seite, bot ihm an, er wolle ihn in seinem Wagen heimfahren und begleitete ihn bis zum »Wackern Landmann«, wo Jesus mit einem Freunde, einem Weinbauer aus Brinqueville, namens Sabot, beim Weine saß. Dieser Sabot war ebenfalls ein so windreicher Kerl, daß er Mühlen in Bewegung setzen konnte, wie er sich rühmte. Wenn die beiden einander trafen, wetteten sie um die Zeche, wer von beiden mit seinen Winden mehr Kerzen auslösche. Neugierig und belustigt wurden sie von den Freunden und Bekannten in die große Trinkstube begleitet, wo man einen Kreis um sie bildete. Der eine arbeitete rechts, der andere links, mit herabgelassener Hose und hervorgestrecktem Hintern, mit jedem Schlage die Kerze auslöschend. Sabot war bei zehn angelangt, während Hyacinth nur neun zählte, weil einer zu kurzatmig geraten war. Er war darüber sehr verdrossen, sein guter Ruf stand auf dem Spiele. Los drauf! Wird Rognes sich von Brinqueville schlagen lassen? Und er blies wie noch nie ein Schmiedebalg geblasen: neun! zehn! elf! zwölf! Der Tambour von Cloyes, der die Kerze wieder anzündete, wäre von den Winden fast mit weggefegt worden. Sabot war bei dem zehnten völlig ausgepumpt, während Hyacinth triumphierend noch zwei zugab, wobei er dem Tambour zurief, sie anzuzünden wegen des Duftes. Der Tambour zündete sie an, und sie brannten mit schöner, goldgelber Flamme. »Ei, hat der Kerl einen Darm! Er verdient eine Ehrenmedaille!« So hieß es in der Runde, und die Leute vergingen schier vor Lachen. In diesem Rufe lag Bewunderung und Neid zugleich, denn es mußte einer fest gebaut sein, um soviel zusammenzuhalten, um nach seinem Belieben fahren zu lassen. Man trank die zehn Liter; das währte zwei Stunden, und es war von nichts anderem die Rede. Während Jesus die Hose wieder heraufzog, versetzte ihm Buteau einen freundschaftlichen Klaps auf den Hintern, und der Friede schien hergestellt. Die Familie fühlte sich durch den Sieg geschmeichelt. Vater Fouan war wie verjüngt und erzählte eine Geschichte aus seiner Kindheit aus der Zeit, wo die Kosaken in Beauce lagen. Ein Kosak war am Ufer der Aigre eingeschlafen und er –Fouan –habe dem schlafenden Kosaken einen ausgiebigen in das offene Maul gesandt. Der Markt war zu Ende; alle waren stark angeheitert; man brach zur Heimkehr auf; Fouan und Jesus fuhren auf Buteaus Wagen nach Rognes zurück. Auch Lise, die mit ihrem Manne eine heimliche Unterredung gehabt, war ungemein leutselig mit ihrem Schwiegervater, kein herbes Wort fiel, der alte Mann war noch nie so herzlich behandelt worden. Jesus aber, den die Fahrt ernüchterte, machte sich seine Gedanken: wenn Buteau plötzlich so freundlich mit dem Alten tat, so mußte er bei dem Einnehmer den Schatz des Vaters entdeckt haben. Aufgepaßt! Er, Jesus, war so anständig gewesen, diesen Schatz zu achten, und sollte jetzt vielleicht zuschauen, wie der Alte wieder zu dem Bruder zurückkehre? So dumm war er nicht. Ganz in Milde und Güte werde er die Sache schlichten, da die Familie jetzt in versöhnlicher Stimmung war. Als man in Rognes anlangte und der Greis abstieg, waren beide Söhne eifrig um ihn bemüht. »Papa, stütze dich auf mich!« »Papa, gib mir die Hand!« Sie fingen ihn in ihren Armen auf und hoben ihn auf den Boden. Wie er jetzt zwischen den beiden stand, sah er plötzlich klar. »Was habt ihr denn, daß ihr mich gar so sehr liebt?« Ihre Blicke erschreckten ihn, ihm wäre lieber gewesen, sie brutal zu sehen und achtungslos wie früher. Verwünschtes Los; was werde er jetzt von ihnen auszustehen haben, wo sie wissen, daß er Geld besitzt. Ganz gebrochen kehrte der alte Mann ins Schloß zurück. Canon, den man seit zwei Monaten nicht gesehen, war eben da; auf einem Stein sitzend, erwartete er die Rückkehr seines Freundes. Sobald er ihn erblickte, rief er ihm zu: »Hör' mal! Deine Tochter ist im Lausewald, und ein Mann liegt auf ihr!« Der Vater barst schier vor Entrüstung. Die Zornesröte färbte ihm das Gesicht. »Schanddirne, die mich entehrt!« rief er. Er langte die große Peitsche herab, die hinter der Tür an der Wand hing, und lief den steinigen Abhang hinunter nach dem kleinen Walde. Allein die Gänse behüteten Dreckbatzen wie treue Hunde, wenn sie auf dem Rücken lag. Der Gänserich witterte sogleich den Vater und rückte vor, gefolgt von seiner Truppe. Mit erhobenen Flügeln und gestrecktem Halse ließ er ein andauerndes, schrilles Pfeifen vernehmen, während die Gänse, in Schlachtordnung entwickelt, ebenfalls die Hälse streckten und die großen, gelben Schnäbel aufrissen, bereit zum Beißen. Dreckbatzen war gewarnt und hatte die Flucht ergriffen. Als Jesus die Peitsche wieder an ihren Platz hängte, schien er von einer tiefen, philosophischen Traurigkeit ergriffen. Die unverbesserliche Ausgelassenheit seiner Tochter stimmte ihn vielleicht mitleidig mit den menschlichen Leidenschaften. Vielleicht auch war ihm der in Cloyes geholte Triumphrausch verflogen. Er schüttelte den ungepflegten weinseligen Christuskopf und sagte zu Canon: »Weißt du? All das ist nicht einen Furz wert!« Er hob den Schenkel über die schlafende Landschaft und ließ einen mächtigen, verachtungsvollen fahren, wie um die Erde niederzupracken. Viertes Kapitel. Man war in den ersten Tagen des Monats Oktober, die Weinlese begann, jene schöne Zeit, wo die entzweiten Familien sich bei den Krügen heurigen Weines zu versöhnen pflegten. Rognes war von einem Ende zum anderen vom Dufte der Reben durchschwängert, alle Welt aß Weintrauben vom Morgen bis zum Abend. Das Ende vom Liede war immer, daß die Männer betrunken und die Dirnen schwanger wurden. Am Tage nach ihrer Heimfahrt aus Cloyes hatte Jesus begonnen, den Schatz des Vaters zu suchen, denn es kam ihm unwahrscheinlich vor, daß der Alte seine Papiere und sein Bargeld mit sich herumtrage, er mußte beides irgendwo versteckt haben. Doch ob auch Dreckbatzen ihrem Vater beim Suchen half, ob sie auch das ganze Quartier durchstöberten, trotz ihrer feinen Diebesnasen vergingen acht Tage, ohne daß sie das geringste entdeckten. Erst als in der zweiten Woche der Wilderer zufällig von einem Brett einen zersprungenen Kochtopf herunterholte, dessen man sich nicht mehr bediente, fand er in ihm, unter Linsen versteckt, ein sorgsam in das wachsleinene Futter eines Hutes gewickeltes Paket. Es waren ausschließlich Papiere, nicht ein Silber- oder Goldstück lag dabei. Zweifelsohne befand sich das Geld an einem anderen Ort, es mußte ein famoser Haufen sein, da der Vater seit fünf Jahren nichts ausgab. Jesus zählte die Papiere, es waren für dreihundert Franken Rente; doch während er die Scheine einzeln in die Hand nahm, fiel ein einzelnes Blatt zur Erde. Er hob es auf, es war ein mit grober Schrift bedeckter Bogen Stempelpapier, dessen Lektüre ihn verblüffte. Heiliges Kreuz! das also war's! Dorthin floß das Geld des Alten! Die Sache schien geradezu unglaublich. Einen Monat, nachdem Fouan sein Eigentum unter seine Kinder verteilt hatte, war er aus Schmerz darüber, nichts mehr sein zu nennen, krank geworden. Er fühlte, so könne er nicht leben, es hätte ihm das Herz gebrochen. Er beging eine Dummheit. Gleichwie verliebte Greise wohl ihr Letztes einer Dirne geben, die es hinter ihrem Rücken mit den Jungen hält, hatte ihn seine Leidenschaft zu dem dümmsten aller Streiche verführt. Er, der einst ein so schlauer Patron gewesen, hatte sich von einem findigen Spitzbuben, dem alten Saucisse, überlisten lassen. Wie mußte ihn jener unstillbare Besitzhunger gequält haben, der all den alten Bauern, die sich bei der Bearbeitung des Bodens abgenützt, in den Knochen steckt! Wie mußte es in ihm gearbeitet, ihn Tag und Nacht gewurmt haben, daß er sich dazu verstanden, dem Papa Saucisse ein Papier zu unterzeichnen, laut dem jener ihm nach seinem Tode einen Morgen Acker hinterließ unter der Bedingung, daß ihm Fouan jeden Tag, solange er, Saucisse, lebe, fünfzehn Sous gebe. Saucisse war zehn Jahre jünger als Fouan! Allerdings hatte der erstere damals die Gemeinheit besessen, sich zu Bette zu legen, hatte gehustet und sich gebärdet, als gehe es mit ihm zu Ende, bis Fouan, durch sein heftiges Verlangen verblendet, sich beeilte, den ihm so vorteilhaft dünkenden Handel abzuschließen. Eine Sache, die deutlich darlegt, daß jeder, den, sei es für ein Mädchen, sei es für den Besitz eines Stück Landes, der Hafer sticht, wohl tut, die Sache zu verschlafen, und sich hüten soll, etwas zu unterschreiben. Diese fünfzehn Sous wurden seit fünf Jahren täglich erlegt, und je mehr Fouan zahlte, um so heftiger ward sein Verlangen nach diesem Acker. Derselbe müde Greis, der vordem all die Sorge und Plackerei seines mit Arbeit ausgefüllten Lebens abgeschüttelt, der jetzt in Frieden seine Tage beschließen und zuschauen konnte, wie andere der undankbaren Erde ihren Schweiß und ihr Blut hingaben, er wollte sich von neuem ihr zu eigen machen, wollte sich von ihr vollends aufbrauchen lassen. Die Menschen sind nicht gescheit! die Alten nicht klüger als die Jungen! Einen Augenblick hatte Jesus den Gedanken, alles, die Staatspapiere, sowie diesen Schein, zu sich zu stecken. Doch ihm fehlte der Mut zu dieser Tat. Nach solch einem Raube hätte er müssen das Weite suchen, es war das etwas anderes als das Geld, das er dem Alten herauslockte, und worauf er jedesmal nur nötig hatte, wieder zu warten, bis sich eine zweite Gelegenheit biete. Wütend legte er die Papiere wieder an ihren Platz. Sein Zorn aber war so groß, daß er nicht vermochte reinen Mund zu halten. Am andern Morgen wußte ganz Rognes, daß Fouan seit fünf Jahren bereits nahe an vierzehnhundert Franken für ein Grundstück hergab, das höchstens dreitausend wert war; wenn der alte Gauner Saucisse noch fünf Jahre lebte, hatte er sein Feld bezahlt erhalten und konnte es nichtsdestoweniger bis zu seinem Tode behalten. Man spottete über den alten Fouan. Gleichzeitig aber gelangte er, den man nicht mehr beachtet hatte, wenn man ihm irgendwo begegnete, plötzlich wieder zu Ansehen; er wurde von neuem gegrüßt, wo er sich zeigte, seit man wußte, daß er noch Vermögen besaß, Geld und Ackerland zugleich. Besonders die Familie schien wie ausgewechselt. Fanny hatte auf sehr gespanntem Fuße mit ihrem Vater gestanden, seit er sich zu seinem ältesten Sohne zurückgezogen, statt zu ihr zurückzukehren; jetzt brachte sie ihm Wäsche, ein ganzes Paket alter Hemden von Delhomme. Sie handelte dabei nicht sowohl aus Interesse wie vielmehr aus unbewußter Achtung vor dem Familienoberhaupte, das von neuem zählte, weil es noch etwas besaß. Der Vater aber war sehr hart, er gedachte ihrer Worte: »Papa wird uns auf den Knien bitten, ihn wiederzunehmen«, und er empfing sie mit der Frage: »Also kommst du, mich auf den Knien zu bitten, daß ich wieder zu euch gehen soll?« Diese Rede kränkte sie furchtbar; die empfindliche Bäuerin, deren Stolz ein Blick zu verletzen vermochte, weinte vor Scham und Zorn. Rechtschaffen, fleißig und reich, wie sie war, lebte sie mit aller Welt in Feindschaft. Delhomme mußte ihr versprechen, daß er hinfort dem Vater die Rente hintragen werde, denn sie schwur heilig und teuer, sie selbst werde mit ihm nie ein Wort wechseln. Buteau aber setzte alle in Erstaunen, indem er eines Tages im Schloß vorsprach, um, wie er sagte, dem Alten einen kleinen Besuch zu machen. Jesus brachte lachend die Schnapsflasche, und man stieß miteinander an. Vollkommen sprachlos vor Verblüffung aber ward der Wilderer, als er seinen Bruder zehn Hundertsousstücke hervorziehen sah, die jener auf den Tisch legte mit den Worten: »Vater, wir müssen doch unsere Rechnung ausgleichen ... Hier für das letzte Quartal Ihrer Rente.« Wie dieser Lump, der seit Jahren keinen Sou mehr hergab, den Alten elektrisierte, als er ihm die Silbermünzen zeigte! Papa Fouan wollte das Geld seines Sohnes einstecken; der aber schob seinen Arm zurück. »Halt! halt! Es geschah, um Ihnen zu zeigen, daß ich es hab' ... Ich verwahre Ihnen die fünfzig Franken, Sie wissen, wo diese Sie erwarten.« Jesus horchte auf; er wurde böse. »Weißt du, wenn du Papa vielleicht von mir fortlocken willst. Doch Buteau nahm die Sache leicht. »Wie, du bist eifersüchtig? Und wenn ich den Vater eine Woche hätte und du eine Woche, wäre das nicht recht und billig? He! wenn Sie sich in zwei Hälften zerschneiden könnten, Vater? ... Auf Eure Gesundheit inzwischen!« Beim Abschied lud er beide ein, am nächsten Tage zu ihm zur Weinlese zu kommen. Man werde sich mit Trauben stopfen, soviel der Bauch nur halten wolle. Mit einem Worte, er war so liebenswürdig, daß Vater und Bruder ihn trotz alledem für eine famose Haut erklärten, für einen Burschen, mit dem zu leben sei, sobald man sich von ihm nicht übers Ohr hauen lasse. Sie gaben ihm ein Stück Weges das Geleit. Am Fuße des Gehänges begegneten ihnen Herr und Frau Karl, die nach einem Spaziergang an der Aigre mit ihrer Enkelin Elodia zur Villa Roseblanche zurückkehrten. Alle drei waren in Schwarz gekleidet, sie betrauerten den Tod von Frau Estelle, wie man die Mutter Elodias zu nennen pflegte. Die Frau war im Juli gestorben. Frau Karl hatte die Katastrophe geahnt; jedesmal wenn sie aus Chartres zurückkehrte, wiederholte sie, ihr armes Kind reibe sich auf. Bei ihrer schwächlichen Gesundheit vermochte Estelle sich nicht zu behaupten inmitten der großen Mühe und Arbeit, die sie aufwandte, um dem Hause in der Judengasse seinen wohlverdienten Ruf zu erhalten; sie mußte um so sicherer unterliegen, als ihr bequemer und untätiger Gatte sich immer weniger um das Haus kümmerte. Welch ein schmerzlicher Tag war für Herrn Karl das Begräbnis gewesen! Man hatte nicht gewagt, Elodia daran teilnehmen zu lassen, dem Kinde wurde das Ereignis erst mitgeteilt, als seine Mutter bereits drei Tage in der Erde ruhte. Herrn Karl schnürte es förmlich das Herz zusammen, wie er nach so vielen Jahren das Häuschen an der Ecke der Karpfengasse wieder erblickte. Dieses teure Haus mit dem gelben Anstrich, den stets geschlossenen grünen Rolladen, das Werk seines Lebens. Heute war es mit schwarzem Tuch behangen, die Tür stand offen und im Flur der Sarg zwischen vier Wachskerzen. Ihn rührte der Anteil, den das Stadtviertel an seinem Schmerze nahm. Die Feier ging wirklich in würdigster Weise vonstatten. Als man den Sarg auf die Straße hinausbrachte, bekreuzten sich alle Nachbarinnen, dann setzte sich der Zug in andächtigem Schweigen in Bewegung. Die fünf Mädchen des Hauses trugen dunkle Kleider, das Schickliche ihrer Erscheinung und ihres Auftretens in der Kirche wurde allgemein bemerkt und bildete abends den Gesprächsstoff der Stadt. Eine von ihnen weinte sogar auf dem Friedhof. Auf dieser Seite also wurde Herr Karl durchaus zufriedengestellt. Doch wie mußte er leiden, als er am nächsten Tage mit seinem Schwiegersohne Hektor Vaucogne Rücksprache pflegte und das Haus in Augenschein nahm. Es hatte schon ein Erhebliches von seinem einstigen Glänze eingebüßt; allerhand Ungehörigkeiten, die er seinerzeit nimmermehr geduldet haben würde, verrieten, daß der Arm eines energischen Mannes fehlte. Doch stellte Herr Karl mit Vergnügen fest, daß die vortreffliche Haltung der fünf Mädchen während der Trauerfeier sie in so vorteilhafter Weise in der Stadt bekannt gemacht hatte, daß das Haus sich eine Woche lang eines überaus reichen Besuches zu erfreuen hatte. Als er das Haus verließ, konnte er nicht umhin, seinem Schwiegersohne die Bedenken mitzuteilen, die ihn mit Sorge in die Zukunft blicken ließen; jetzt, wo die arme Estelle nicht mehr das Ruder in der Hand hielt, mußte Hektor ein anderer werden, mußte energisch mit zugreifen, wenn er nicht das Vermögen seiner Tochter aufs Spiel setzen wollte. Sofort lud Buteau sie zur Weinlese ein. Doch sie lehnten dankend ab aus Rücksicht auf die Trauer, in der sie sich befanden. Sie schauten höchst trübselig drein, hatten langsame, müde Bewegungen und wackelten verzagt mit dem Kopfe. Alles, was sie annahmen, war die Aufforderung, den jungen Wein zu kosten. »Wir kommen nur,« erklärte Frau Karl, »um diesen armen Schatz zu zerstreuen. Sie hat so wenig Unterhaltung hier bei uns, seit wir sie aus dem Kloster genommen. Was sollten wir tun? Sie ist siebzehn Jahre alt und kann nicht immerfort im Pensionat bleiben.« Elodia stand mit gesenktem Blicke daneben und errötete ohne Ursache. Sie war sehr groß geworden, war schmächtig und hatte die Farbe einer im Schatten wachsenden Lilie. »Was werden Sie mit dem jungen Fräulein machen?« fragte Buteau. Sie errötete noch tiefer, während ihre Großmutter antwortete: »Ja, wir haben uns noch keinerlei Plan gemacht ... Sie mag mit sich zu Rate gehen, wir werden ihren Wünschen nichts in den Weg legen.« Aber Fouan hatte Herrn Karl auf die Seite genommen und fragte ihn mit Interesse: »Geht das Geschäft?« Mit verzweifelter Gebärde zuckte der Angeredete die Achseln und versetzte: »Ach! fragen Sie mich nicht! Ich habe gerade heute morgen jemand aus Chartres gesprochen, und darum sind wir so mißgestimmt ... Ein verlorenes Haus! Man rauft sich auf den Fluren, man zahlt auch nicht mehr, so mangelhaft die Aufsicht.« Er kreuzte die Arme und atmete tief auf. Er hatte noch etwas auf dem Herzen, ein neues Vergehen seines Schwiegersohnes, dessen Ungeheuerlichkeit er nicht verwinden konnte. »Denken Sie sich nur, der Elende geht jetzt ins Café! ... Ins Café! ins Café, wenn man selbst eines im Hause hat.« »Er ist geliefert,« versicherte Jesus, der diese Worte gehört. Sie verstummten, denn eben traten Frau Karl und Elodia mit Buteau näher. Die drei sprachen von der Verstorbenen. Das junge Mädchen sagte, wie traurig es für sie sei, daß es ihr nicht vergönnt gewesen, die Mutter noch ein letztes Mal zu umarmen. In ihrer einfachen Art schloß sie: »Doch es scheint, das Unglück ist so plötzlich eingetreten, und das Geschäft war gerade so lebhaft in der Konditorei ...« »Ja, aus Anlaß der vielen Taufen,« beeilte sich Frau Karl hinzuzusetzen, indem sie den anderen mit den Augen zuzwinkerte. Alle blieben ernst und drückten mit stummem Nicken ihr Beileid aus. Elodia, deren Blick auf einen Ring gefallen, den sie am Finger trug, lehnte weinend ihre Lippen darauf. »Das ist alles, was man mir von der Mutter gegeben hat ... Großmama hat ihn ihr vom Finger gezogen und mir gebracht ... Sie trug ihn seit zwanzig Jahren, ich werde ihn bewahren, solange ich lebe.« Es war ein alter Trauring, den die Zeit so abgenützt hatte, daß die Verzierungen fast verschwunden waren. Man ahnte, daß die Hand, die ihn getragen, keine Arbeit gescheut, daß sie immer rührig gewesen; sie hatte die Geschirre gereinigt, die Betten gemacht, gescheuert, gewischt, gesäubert überall und ohne Unterlaß. Dieser Ring erzählte soviel, er hatte in so verborgenen Winkeln, bei so geheimnisvollen Hantierungen sein Gold abgeschliffen; die Männer blickten wortlos und mit zuckenden Nasenflügeln auf das Kleinod. »Wenn du ihn so lange abgenützt hast, wie deine Mutter,« sagte Herr Karl, von einer plötzlichen Rührung gepackt, »kannst du dich ausruhen ... Wenn er reden könnte, würde er dir erzählen, wie man mit Fleiß und Ordnung Geld verdient.« Elodia küßte unter Tränen von neuem den goldenen Reifen. »Ich wünsche,« nahm die Großmutter wieder das Wort, »daß du ihn an deiner Hochzeit trügest.« Bei diesen Worten wurde das junge Mädchen so jäh aus seiner Rührung gerissen und von einem solchen Übermaß von Verwirrung erfaßt, daß es sich ganz bestürzt der Großmutter in die Arme warf und sein Gesicht an ihrem Busen barg. Die alte Dame beschwichtigte sie lächelnd. »Du brauchst dich nicht zu schämen, mein Herz ... Du mußt dich mit dem Gedanken vertraut machen, liebes Kind. Es ist ja nichts Anstößiges dabei. Ich würde doch in deiner Gegenwart nichts Anstößiges reden, mein Engel ... Dein Vetter Buteau fragte soeben, was wir mit dir zu machen gedächten? Nun, siehst du, zuerst werden wir dir einen braven Mann suchen ... Aber, aber, schau uns doch an, reib' dich nicht an meinem Schal; du wirst dir das Gesicht ganz rot machen.« Den anderen sagte sie ganz leise und mit dem Ausdruck froher Genugtuung: »Was meint ihr? Ist das Kind erzogen? Die reine Unschuld!« »Wenn uns nicht der Besitz dieses Engels tröstete,« fügte Herr Karl hinzu, »wir vermöchten den Kummer über das, was ich Euch vorher erzählt, nicht zu ertragen ... Dazu kommt noch, daß meine Rosen und Nelken dieses Jahr sehr gelitten haben; und ich weiß nicht, was in meinem Vogelhaus vorgeht, alle meine Vögel sind krank. Nur das Angeln entschädigt mich ein wenig; ich habe gestern eine drei Pfund schwere Forelle gefangen ... Nicht wahr, wenn man auf dem Lande lebt, will man doch glücklich sein?« Sie trennten sich, nachdem das Ehepaar Karl sein Versprechen wiederholt, Buteau am Kosttage des neuen Weines zu besuchen. Fouan, Buteau und Jesus machten stillschweigend einige Schritte, dann faßte der Alte ihrer aller Gedanken in Worte zusammen: »Ein Glückskind, der mal das Haus in Chartres mit dem Mädel erheiratet!« Bécu, der mit seiner Stellung als Feldhüter auch das Amt eines Ausrufers verband, hatte die Eröffnung der Weinlese ausgetrommelt. Montagmorgen war das ganze Land auf den Beinen; jeder Bewohner besaß sein Stück Weingarten, und nicht eine Familie hätte versäumt, an diesem Tage zur Lese die Talwand der Aigre hinaufzuziehen. Das Dorf versetzte außerdem in Aufregung die am Vorabend erfolgte Ankunft des neuen Geistlichen, denn der Rat hatte sich endlich dazu verstanden, sich den Luxus einer eigenen Pfarrei zu gönnen. Bei seinem Einzug war es bereits so dunkel gewesen, daß niemand ihn recht deutlich gesehen hatte. Darum gab es kein Ende des Geschwätzes über den geistlichen Herrn; die Sache war interessant genug. Nach seinem Bruche mit Rognes hatte sich der Abbe Godard monatelang nicht in dem Dorfe sehen lassen. Er taufte und verheiratete alle, die zu ihm nach Bazoches-le-Doyen kamen, hörte auch die Beichte, wenn man sich zu ihm bemühte; die Toten hätte er vermutlich uneingesegnet begraben lassen, eine Frage, die nicht aufgeklärt würde, weil in jener Zeit niemand gestorben. Er hatte dem Bischof erklärt, daß er sich lieber entheben lasse, ehe er den Gottesdienst versehe in diesem verruchten Lande von Säufern und sittenlosen Strolchen, die allesamt unrettbar verdammt seien, denn sie glaubten nicht einmal mehr an den Teufel. Der Bischof stand augenscheinlich auf Seite des Priesters; er ließ den Dingen ihren Lauf und wartete, daß die rebellische Herde sich bekehren möge. So lebte Rognes also ohne Geistlichen, ohne jede Messe im Zustande vollkommener Wildheit. Zuerst machte die Sache den Bewohnern einen etwas befremdenden Eindruck, doch im Grunde, lieber Gott, ging alles, wie es früher gegangen. Man gewöhnte sich; es regnete nicht mehr, nicht weniger, der Wind blies nicht stärker als bisher, und bei alledem ersparte die Gemeinde ein hübsches Sümmchen. Da es sich herausstellte, daß der Pfarrer keineswegs unentbehrlich sei, daß die Ernten nicht schlechter wurden, niemand schneller vom Leben zum Tode ging, warum sollte man nicht für immer auf einen Geistlichen Verzicht leisten? Viele vertraten diese Ansicht, und zwar nicht bloß die ungläubigen Stürmer wie Lengaigne, sondern auch manche vernünftige Männer, die gut zu rechnen verstanden, wie Delhomme zum Beispiel. Andere hinwiederum verdroß es, keinen Pfarrer zu haben; nicht daß sie mehr religiösen Sinn besessen als jene: der Gott, der keine Furcht mehr einflößte, war ihnen gleichgültig! Doch keinen Pfarrer, das sah so aus, als sei man zu unbemittelt oder geizig, um einen zu bezahlen; man erschien so armselig allen anderen Dörfern gegenüber, so erbärmlich, wie Leute, die nicht einmal zehn Sous für etwas Unnützes hinauswerfen können. Die Leute von Magnolles, die nur zweihundertdreiundachtzig Köpfe waren, zehn weniger als in Rognes, erhielten einen Pfarrer, den sie ihren Nachbarn mit so herausforderndem Hohne ins Gesicht warfen, daß die Sache noch mit Schlägereien enden konnte. Dann hatten die Frauen ihre Gewohnheiten; gewiß würde nicht eine darein gewilligt haben, ohne Priester verheiratet oder beerdigt zu werden. Selbst die Männer gingen zuweilen zur Kirche, weil alle dorthin gingen. Kurz, es hatte immer Geistliche gegeben, darum mußte man einen haben, selbst wenn sich niemand etwas aus ihm machte. Natürlich wurde die Sache im Gemeinderate besprochen. Wenn der Schulze Hourdequin auch selbst nicht religiös war, hielt er doch die Religion zur Aufrechterhaltung von Tugend und Sitte für erforderlich. Trotzdem beging er den Fehler, in dieser Frage keine Stellung zu nehmen; er war von dem Wunsche beseelt, die Entschließungen der Gemeinde in keiner Weise zu beeinflussen. Das Dorf war arm: warum ihm die immerhin bedeutende Ausgabe aufnötigen, welche die Wiederherstellung des Pfarrhofes verursachen würde? Dazu kam, daß der Schulze die Hoffnung nicht aufgegeben, den Abbé Godard zu versöhnen. Aber sein Stellvertreter Macqueron, der ehemals den Geistlichen nicht gewogen gewesen, stellte sich an die Spitze der Unzufriedenen, welche die Demütigung, keinen Pfarrer zu haben, nicht ertragen konnten. Dieser Macqueron mußte damals den Plan nähren, den Schulzen zu stürzen, um seinen Platz einzunehmen; es hieß auch, er sei der geheime Agent des Herrn Rochefontaine geworden, des Fabrikbesitzers von Chateaudun, der bei den nächsten Wahlen von neuem gegen Herrn von Chédeville kandidieren wolle. Herr Hourdequin hatte damals auf seinem Gute mancherlei Sorgen, die sein Interesse von den Sitzungen des Gemeinderates abzogen. Er ließ seinen Vertreter schalten und walten; bald stimmte der ganze Rat mit ihm für die Erhebung des Dorfes in ein Kirchspiel. Seit Macqueron sich bei Errichtung der neuen Straße sein Land hatte zahlen lassen, nachdem er vorher ausdrücklich versprochen, es umsonst zu geben, seit dieser Zeit erklärten ihn die Räte für einen Gauner, bezeugten ihm aber gleichzeitig eine besondere Hochachtung. Nur Lengaigne sprach gegen die Abstimmung, durch die das Land den Jesuiten überantwortet werde. Der Feldhüter Bécu brummte, denn man vertrieb ihn aus dem Pfarrhause und dem dazu gehörenden Garten und quartierte ihn in einem baufälligen Gemäuer ein. Einen Monat lang tünchten Arbeiter die Wände, ergänzten zerbrochene Fensterscheiben und verwitterte Dachschieferplatten; endlich am Vorabend hatte der neue Pfarrer seinen Einzug in das ausgebesserte Haus halten können. Seit Tagesanbruch fuhren die Wagen zu den Weinbergen hinaus, jeder mit vier oder fünf großen Tonnen beladen, denen ein Boden herausgeschlagen war. Frauen und Mädchen mit ihren Körben saßen ebenfalls auf diesen Fuhrwerken, während die Männer, die Pferde peitschend, daneben gingen. In langer Reihe zogen die Gefährte hintereinander, man plauderte, scherzte, lachte von Wagen zu Wagen. Das Gefährt Lengaignes fuhr unmittelbar hinter Macqueron; Flora und Celine, die seit sechs Monaten kein Wort miteinander gewechselt, versöhnten sich dem festlichen Tage zuliebe. Die erstere hatte die Bécu bei sich, die andere war von ihrer Tochter Bertha begleitet. Sofort kam die Unterhaltung auf den Pfarrer. Der Hufschlag der Pferde begleitete die Rede der Weiber, die durch die frische Morgenluft hallte. »Ich hab' ihn gesehen, wie er seinen Koffer ablud.« »Ah! ... Wie sieht er denn aus?« »Mein Gott, es war so finster ... Er kam mir sehr groß vor, sehr mager, mit einem langen, fahlen Gesicht, das gar nicht aufhört und nicht sonderlich stark... Vielleicht dreißig Jahre alt. Sehr sanft schaut er aus.« »Ich höre, er kommt von den Auvergnaten aus den Bergen, wo zwei Dritteil des Jahres alles unter Schnee liegt.« »Ein Elend so was! Da wird's ihm gefallen hier bei uns.« »Sicher! ... Und, weißt du, er heißt Madeleine.« »Nein, Madeline.« »Madeline, Madeleine, das ist doch kein Name für einen Mann.« »Ich glaub', er wird uns in den Weingärten besuchen. Macqueron hat versprochen, ihn herzubringen.« »Da muß man aufpassen.« Die Wagen hielten am Fuße der Weinberge auf dem Wege, der die Aigre entlang läuft. In jedem der kleinen Weingärten bewegten sich die Weiber gebückten Ganges, die Hinterbacken hoch, zwischen den Spalieren, schnitten mit ihren Messern die Trauben ab und warfen sie in die Körbe. Die Männer wiederum leerten diese Körbe in Butten, trugen diese zu den Wagen unten am Wege hinab und schütteten ihren Inhalt in die großen Tonnen. Waren alle Tonnen gefüllt, so fuhr man damit heim, tat alles in den Maischbottich und machte sich wieder auf den Weg, um eine neue Ladung zu holen. Der Nachttau hing noch so dicht an allem Grün, daß die Röcke der Frauen bald durchnäßt waren. Glücklicherweise war das Wetter herrlich schön, und die Sonne trocknete die Kleider bald. Seit drei Wochen hatte es nicht geregnet; nachdem der feuchte Sommer Besorgnisse geweckt um das Gedeihen der Trauben, hatten diese letzten, trockenen, warmen Tage genügt, den Wein zu süßer Reife zu bringen. Darum freute sich alles dieses schönen Sonnenlichtes, das für die Jahreszeit so überaus warm war. Die Burschen und die Mädel waren wohlgemut, lachten, riefen, schrien und machten die tollsten und frechsten Späße. »Diese Geline!« sagte Flora zu Bécu, indem sie sich aufrichtete und zu der unweit arbeitenden Macqueron hinüberdeutete. Die Person hat sich immer so viel eingebildet auf das feine Gesicht ihrer Bertha! ... Jetzt wird die Kleine gelb wie eine Zitrone und trocknet täglich mehr zusammen.« »Ja,« meinte Bécu, »wenn man die Mädel nicht verheiratet! Sie tun Unrecht, sie nicht dem Sohne des Stellmachers zu geben. Man sagt, sie töte sich mit ihren schlimmen Gewohnheiten.« Sie fuhr fort, ihre Trauben zu schneiden. Mit erhobenem Gesäß wackelnd, setzte sie hinzu: »Und der Schulmeister scherwenzelt immerfort um das Ding herum.« »Na, ob!« rief Flora. »Dieser Lequeu würde mit seiner Nase Geld aus dem Pferdemist hervorstochern ... Seht, da kommt er schon, der Schafskopf.« Sie verstummten. Der seit kaum zwei Wochen vom Militär zurückgekehrte Viktor nahm ihre Körbe und entleerte sie in die Butte Delphins, den Lengaigne zur Lese gedungen hatte, da er selbst in seiner Schenke unentbehrlich sei, wie er sagte. Delphin, der niemals das Dorf verlassen, der wie eine junge Eiche auf dem angestammten Boden emporwuchs, starrte verwundert den Rekruten an. Viktor war nicht wiederzuerkennen mit seinem Schnurrbart und kleinem Kinnbärtchen, mit seinem kecken Gesicht unter der mitgebrachten Soldatenmütze; es machte ihm Spaß, dem Burschen so gewaltig zu imponieren; er spreizte sich und tat, als schere er sich keinen Pfifferling um die ganze Welt. Doch er täuschte sich, wenn er meinte, bei dem andern Neid zu erwecken. Mochte er noch so fabelhafte Garnisonsgeschichten erzählen, allerhand Lügen erfinden von Zechgelagen und Liebeleien; der Bauer hörte ihm wohl verblüfft zu, aber keinerlei Verlangen nach ähnlichen Genüssen wurden in ihm rege. Delphin schüttelte den Kopf: nein, nein! es kostet alles zuviel Geld, wenn man seinen Winkel verlassen muß! Schon zweimal hatte er es ausgeschlagen, Ernst nach Chartres zu folgen, um dort in einem Restaurant sein Glück zu machen. »Aber, du Maulwurf, wenn du Soldat werden mußt?« »Soldat! ... Man lost sich einfach frei!« Viktor lachte ihn aus; doch jener blieb bei seiner Ansicht. Welch ein Hasenfuß, und der Mensch war gebaut wie ein Kosak! Plaudernd fuhr der Rekrut fort, die Körbe in die Butte zu entleeren, die Delphin, ohne sich nur zu bücken unter der Last, auf dem Rücken trug. Um sich einen Spaß zu machen, fragte Viktor und zeigte auf Bertha: »Ist der was gewachsen, seit ich fort bin?« Delphin lachte laut auf; denn die wunderliche Erscheinung bei Macquerons Tochter war der ewige Gegenstand des Spaßes unter den jungen Leuten des Ortes. »Ei, ich habe die Nase nicht hingesteckt; möglich, daß im Frühjahr auch ihr etwas gewachsen ist.« Im Weingarten Macquerons arbeitete Bertha mit den zimperlichen Manieren eines Stadtfräuleins. Statt des Messers bediente sie sich einer kleinen Schere; die Dornen und Mücken machten ihr viel zu schaffen, und sie war untröstlich, daß ihre vom Tau befeuchteten feinen Schuhe nicht trocknen wollten. Trotzdem ihr Lequeu zuwider war, duldete sie seine zudringliche Zuvorkommenheit; es schmeichelte sie, daß der einzige gebildete Mann in dem Orte ihr den Hof machte. Er zog schließlich sein Schnupftuch hervor und wischte damit auf ihren Stiefelchen herum. Doch etwas anderes zog plötzlich die Aufmerksamkeit des Paares auf sich. »Ja,« murmelte Bertha, »hat die ein Kleid! ... Ich hab' schon gestern gehört, daß sie gleichzeitig mit dem neuen Pfarrer angekommen.« Es war Suzanne Lengaigne, die sich in ihrem Heimatsdorfe sehen ließ, nachdem sie sich drei Jahre in Paris herumgetrieben. Sie war am Vorabend eingetroffen, hatte heute früh die anderen zur Lese aufbrechen lassen, während sie im Bette geblieben war mit dem Vorsatz, wenn das ganze Dorf in den Weingärten versammelt sei, dort zu erscheinen und alle mit ihrer Toilette zu verblüffen. Das Aufsehen, das sie hervorrief, war außerordentlich. Sie trug ein Seidenkleid, dessen reiches Blau das Blau des Himmels in den Schatten stellte. In dem hellen Sonnenlicht hob sich ihre Gestalt glänzend ab aus dem dunklen Grün der Reben; es war ein großer Triumph. Sie sprach und lachte sehr laut, ergriff Trauben, hob sie empor und ließ sich so die Beeren in den Mund gleiten; sie scherzte mit Delphin und ihrem Bruder Viktor, der ungemein stolz auf sie war. Ihre Mutter und die Bécu waren hingerissen vor Bewunderung, hielten in ihrer Arbeit inne und blickten feuchten Auges zu ihr auf. Diese Bewunderung der Ihren ward von allen Nachbarn geteilt; überall ruhten die Hände; alles betrachtete sie, erkannte sie kaum wieder, so sehr hatte sie sich zu ihrem Vorteil verändert. Früher war sie eher häßlich gewesen: heute war sie ein prächtiges Mädchen; vermutlich machten die kleinen blonden Locken, die sie ins Gesicht gekämmt trug, sie so hübsch. Dabei war sie reich gekleidet, wohl genährt, und ihr Gesicht strahlte; sie errang mit einem Schlage die Hochachtung aller, die sie so bewundernd anstarrten. Selbst Celine, die gelb vor Neid mit gespitzten Lippen zwischen ihrer Tochter Bertha und Lequeu stand, vergaß sich. »Hat die Schick! ... Flora erzählt jedem, der es hören wollte, daß ihre Tochter Dienerschaft und Pferde und Wagen habe. Es kann schon wahr sein; denn man muß viel Geld verdienen, um sich so teure Sachen aufzuhängen.« »Diese Frauenzimmer!« wandte der Schulmeister ein, um sich liebenswürdig zu machen; »man weiß, wie sie ihr Geld verdienen.« »Was macht's, wie sie's verdienen?« versetzte Celine bitter. »Sie haben es aber.« Doch in diesem Augenblick trat Suzanne zu Bertha heran, die einst mit ihr zu den Mutter-Gottes-Jungfrauen gehört hatte. »Guten Tag, wie geht's?« begrüßte sie die Kameradin. Sie musterte Bertha, bemerkte ihr welkes Gesicht, und ihren frischen, üppigen Leib emporreckend, entgegnete sie lachend: »Es geht dir gut, nicht wahr?« »Sehr gut, danke,« antwortete Bertha verlegen und besiegt. An jenem Tage triumphierten die Lengaignes über die Macquerons; die Erscheinung Suzannes war ein niederschmetternder Schlag für den letzteren und seine Frau. Außer sich verglich Flora die gelbhäutige Magerkeit, die frühen Falten und Runzeln ihrer Bertha mit der rosigen, vollbusigen Frische der Tochter der andern. War das gerecht? Ein Mädchen, das in Paris ein liederliches Leben führte, das von früh bis spät mit Männern zu tun hatte, war stark und blühend, und ihr sittsames Kind sah verlebt und alt aus wie eine Frau, die drei Kinder gehabt. Nein, die Tugend wird nicht belohnt. Das ganze Volk der Weinleser machte Suzanne den Hof. Sie küßte die inzwischen herangewachsenen Kinder und rührte die Alten, indem sie Erinnerungen aus vergangener Zeit wachrief. Man sei, wer man will, wenn's einem geglückt ist, braucht man niemanden. Diese aber hatte noch außerdem ein gutes Herz, schämte sich ihrer Familie nicht und besuchte die alten Bekannten, trotzdem sie reich war. Sobald der erste Schlag der Mittagsstunde ertönte, setzte sich alles ins Grüne, und man aß Brot und Käse. In den Gängen guckten die mit blauen Tüchern umwundenen Köpfe der Weiber über das Gehänge der Reben. Eigentlich hatte niemand Hunger, denn seit Tagesanbruch stopften sie sich mit Trauben voll. Der Mund pappte von dem zuckerigen Saft, die Bäuche waren aufgebläht wie die Tonnen, und es gärte darin gleich gewissen Hausmitteln; schon verschwand jeden Augenblick eines der Mädchen hinter einer Hecke. Dann lachten die Männer natürlich und riefen: »Oh! Oh!« Kurz, man war in frühester Laune und genierte sich nicht im geringsten. Das Frühstück war gerade beendet, als unten am Wege Macqueron mit dem Abbé Madeline sichtbar ward. Sofort war Suzanne vergessen; alles hatte nur noch Augen für den Pfarrer. Wahrlich, der Eindruck, den der Geistliche machte, war kein guter: er war dürr wie eine Stange und blickte traurig drein wie auf einem Begräbnis. Aber er grüßte bei allen Weingärten und sagte jedermann ein freundliches Wort, man fand ihn sehr höflich und freundlich. Ein großes Kirchenlicht mag er nicht sein; er wird zu gängeln sein, man wird leichter mit ihm fertig werden als mit dem Hitzkopf, dem Abbé Godard. Einige machten sich hinter seinem Rücken über ihn lustig. Er stieg bis zum Rande der Anhöhe hinauf und blickte unbeweglich auf die riesige, flache, graue Flur der Beauce. Eine Art Furcht beklemmte ihm die Brust, eine verzweifelte Schwermut drängte Tränen in die klaren Augen des Hochländers, der an den engen Horizont der Bergschluchten der Auvergne gewohnt war. Dort oben befand sich der Weingarten Buteaus, wo Lise und Franziska die Trauben schnitten. Jesus war bereits berauscht von dem unmäßigen Genuß der Beeren und stopfte immer mehr in sich hinein, während er scheinbar die Körbe in die Butten entleerte. Es gärte in ihm und füllte seinen Bauch dermaßen mit Gasen, daß sie ihm durch alle Löcher entschlüpften. Buteau war darüber verdrossen, weil der Pfarrer da war, allein Jesus erwiderte: »Es geschieht doch nicht, um ihn zu ärgern, es geschieht zu meinem Vergnügen.« Papa Fouan saß auf einem Steine, blickte frohen Mutes drein und freute sich des schönen Wetters und der reichen Ernte. Er lächelte verstohlen, als die Große, deren Grundstück daneben lag, herüberkam, ihm guten Tag zu bieten; wie alle anderen, hatte auch sie wieder angefangen, ihm Achtung zu bezeigen, seit sie erfahren, daß er noch Geld besaß. Plötzlich aber lief sie davon, sie hatte bemerkt, wie Hilarion ihre Abwesenheit benützte, um sich an den Trauben gütlich zu tun. Sie schwang ihren Stock: »Verwünschtes Schwein, das mehr frißt, als es arbeitet!« »Das wird ein Vergnügen sein, wenn die Tante mal heimfährt«, sagte Buteau, sich einen Augenblick neben den Vater setzend, um ihm zu schmeicheln. »Ist das herzlos, den armen Trottel auszubeuten, weil er stark und dumm ist wie ein Esel.« Darauf fiel er über die Delhommes her, deren Besitz gerade gegenüber unten am Wege lag. Sie besaßen den schönsten Weinberg im Lande, fast drei Hektar in einem ganzen Stück; wohl zehn Personen waren darin mit der Lese beschäftigt. Ihre Stöcke waren besonders gut gepflegt und gaben Trauben, wie kein Nachbar ähnliche erzielte; dies machte sie stolz, sie hielten sich abgesondert und lachten nicht einmal, wenn plötzlich ein Mädchen an ihnen vorüberrannte und hinter den Hecken verschwand. Zweifelsohne hätten sie sich die Beine gebrochen, wenn sie heraufgekommen wären, dem Vater guten Tag zu wünschen, meinte Buteau; denn sie taten, als ahnten sie nicht, daß er dort oben war. Dieser ausgestopfte Biedermann, der Delhomme, mit seinem protzigen Getue von Fleiß und Rechtlichkeit! und die zänkische Person, die Fanny, die bei jedem Worte beleidigt ist, als wenn man sie auf die Hühneraugen getreten habe; dabei rücksichtslos gegen den eigenen Vater! »Ich habe dich wirklich lieb, Vater,« fuhr Buteau fort, »während meine Schwester und mein Bruder ... Es tut mir noch heute das Herz weh, daß man sich wegen Läppereien getrennt hat.« Er schob die Schuld auf Franziska, der Hans den Kopf verdrehe. Aber jetzt mucke sie nicht, versicherte er, denn wenn nur das Geringste vorkomme, werde er ihr im Mistpfuhl den Kopf waschen. »Weißt du, Vater, überlege es dir ... Möchtest du nicht wieder zu uns zurückkehren? ...« Fouan schwieg vorsichtig. Er war auf dieses Anerbieten seines Sohnes gefaßt gewesen; doch wollte er weder ja noch nein antworten; man kann nicht wissen ... Buteau versicherte sich, daß sein Bruder am andren Ende des Weingartens arbeitete; dann sprach er weiter: »Nicht wahr? Dein Platz ist nicht bei diesem Lumpen, dem Hyacinth. Wer weiß, eines Tages ermordet man dich dort vielleicht ... Und dann: ich nähre dich, ich gebe dir ein anständiges Bett, und außerdem zahle ich dir noch deine Pension ...« Verdutzt blickte der Vater ihn an. Da der alte Mann immer noch nichts entgegnete, ward jener dringender: »Und alle Annehmlichkeiten, deinen Kaffee, deinen Schnaps, vier Sous Tabak, mit einem Wort, was du nur wünschest.« Das war zuviel; Fouan bekam Furcht. Gewiß fühlte er sich nicht mehr wohl bei Jesus. Doch wenn das Elend bei Buteau wieder beginnen sollte wie vordem? »Wollen sehen,« begnügte er sich zu erwidern, indem er aufstand, um die Unterredung abzubrechen. Die Weinlese währte bis zum Abend. Ohne Unterlaß fuhren die Wagen mit den gefüllten Tonnen zum Dorfe und brachten sie entleert wieder zurück. Bertha widerfuhr ein Unfall: sie wurde von einer solchen Kolik ergriffen, daß sie nicht einmal laufen konnte. Ihre Mutter und Lequeu mußten einen Wall vor ihr bilden, während sie sich zwischen den Gängen erleichterte. Im benachbarten Weingarten bemerkte man sie. Viktor und Delphin wollten ihr Papier bringen; doch Flora und die Bécu hinderten sie daran; es gebe gewisse Grenzen der Schicklichkeit, die ein wohlerzogener Mensch nicht überschreiten dürfe. Endlich gab der Aufbruch der Delhommes das Zeichen zum Feiern; alles machte sich auf den Heimweg. Die Große zwang Hilarion, sich neben dem Pferde vor den Wagen zu spannen. Die Lengaignes und die Macquerons einigten sich in dem Halbrausche, der sie ihre Gegnerschaft vergessen ließ. Der Abbé Madeline und Suzanne gingen nebeneinander. Er hielt sie augenscheinlich für eine Dame, weil sie so reich gekleidet war, und erschöpfte sich in achtungsvollen Artigkeiten; sie tat sehr süß und fragte, um welche Stunde er am Sonntag die Messe lese. Hinter ihnen ging Jesus, der wütend über die Kutte seine ekelhaften Späße trieb. Alle fünf Minuten hob er ein Bein und ließ einen fahren. Suzanne biß sich in die Lippen, um nicht aufzulachen. Der Priester tat, als höre er nichts; von dieser Musik begleitet, tauschten sie sehr ernst ihre frommen Gedanken aus. In der nächsten Woche wurde bei den Buteaus der junge Wein gekostet. Das Ehepaar, Fouan, Jesus, vier oder fünf andere wurden um sieben Uhr abends erwartet; es gab eine Hammelkeule, Nüsse, Käse, ein vollständiges Mahl. Im Laufe des Tages hatte Buteau seinen Wein in Fässer abgezogen; sechs Stückfaß wurden aus dem am Maischbottich angebrachten Sperrhahn gefüllt. Die Nachbarn waren noch nicht so weit; der eine war noch mit der Lese beschäftigt und trat seit früh morgens vollkommen nackt die Trauben; ein zweiter überwachte mit einer Stange bewaffnet die Gärung, zerhieb die Tresterdecke und mengte sie wieder mit dem Most; ein dritter, der eine Weinpresse besaß, preßte die gemostelten Trauben und warf dann den übrigbleibenden Stock auf seinen Hof, wo er sich in einen rauchenden Berg häufte. So ging's in allen Häusern; aus den heißen Bottichen aber, aus den triefenden Pressen, aus den übervollen Fässern quoll ein starker Weindunst empor, der sich durch ganz Rognes verbreitete. Als Fouan an jenem Abend das Schloß verließ, hatte er eine Vorahnung, die ihn bewog, seine Wertpapiere aus dem Linsentopf zu nehmen und zu sich zu stecken. Er hatte einige seltsame Blicke von Jesus und Dreckbatzen aufgefangen; immerhin war das Geld an seinem Leibe am sichersten. Alle drei brachen gemeinschaftlich auf und kamen bei Buteau gleichzeitig mit dem Ehepaar Karl und Elodia an. Der volle Mond war so groß und schien so hell, daß er den Abend wie ein Sonnenlicht beglänzte. Als Fouan in den Hof trat, wo man jedes Sandkorn unterschied, bemerkte er unter dem Schuppen den Esel Gideon, der mit dem Kopfe in einem kleinen Kübel steckte. Es wunderte den Alten nicht, das Tier so frei außerhalb seines Stalles zu finden, denn der schlaue Patron öffnete gar oft die Türklinken mit der Schnauze. Aber dieser Kübel machte Fouan neugierig; er trat hinzu und entdeckte, daß es ein Gefäß aus dem Keller war, das Fouan mit Wein angefüllt hatte. Gideon soff diesen Wein in vollen Zügen. »He! Buteau, komm!« Buteau erschien in der Tür der Küche. »Was gibt's?« »Der hat dir deinen Wein ausgetrunken.« Während die Männer so hin und wieder schrien, schlürfte der Esel mit Gemütsruhe den letzten Rest auf: Möglichenfalls lag er schon eine Viertelstunde lang dieser Beschäftigung ob, denn der kleine Kübel enthielt gewiß seine zwanzig Liter. Alles war verschwunden. Gideons Bauch war gespannt wie ein Luftballon; und wie er jetzt endlich den Kopf hob, troff ihm der Wein aus der Säufernase, über der dicht unter den Augen ein roter Streif anzeigte, wie tief er den Schädel hineingesteckt. »Der verfluchte Kerl!« rief Buteau herbeistürzend. »Das sieht ihm ähnlich!« Wenn man dem Esel seine Unarten vorwarf, pflegte er gewöhnlich mit den abstehend sich öffnenden Ohren eine Fratze zu machen, als gehe ihm die Sache nicht sonderlich nahe. Diesmal aber verlor er in seiner Betäubung alle Achtung: er wiegte den Kopf, wie um das riesige Vergnügen auszudrücken, das er genossen; er lachte seinen Herrn förmlich aus. Buteau puffte den Unhold; doch da stolperte er; Fouan mußte ihn stützen, sonst wäre er gestürzt. »Das verfluchte Luder ist besoffen wie ein Schwein!« »Besoffen wie eine Kanone!« bestätigte Jesus herzutretend, indem er mit brüderlicher Rührung das betrunkene Vieh betrachtete. Ein Kübel in einem Zug, dazu gehört eine gute Kehle!« Buteau lachte nicht, ebensowenig wie die herbeieilenden Lise und Franziska. Zunächst war der Wein verloren; doch noch schlimmer war, daß die Sache im Beisein von Herrn und Frau Karl passiert. Beide kniffen die Lippen zusammen und blickten sehr verletzt drein, denn auch Elodia war Zeuge von des Esels ungebührlichem Betragen gewesen. Um das Unglück voll zu machen, wollte der Zufall, daß Suzanne und Bertha, die des Weges daherkamen, gerade vor der Tür dem Abbé Madeline begegneten. Die drei bleiben vor dem Hofe stehen. Das war eine schöne Bescherung, wo all die feinen Leute zuschauten. »Vater, schieb ihn,« sagte Buteau leise. »Wir müssen ihn schnell in den Stall bringen.« Fouan schob. Doch Gideon fühlte sich sehr wohl dort, wo er sich befand, und wollte nicht vom Fleck. Er war nicht bösartig dabei; wie ein gutmütiger Säufer stand er da verschleierten und schelmischen Auges, das geifernde Maul zu einer lachenden Grimasse verzogen. Er spreizte seine vier Beine und stemmte sich mit aller Kraft; rückte man ihn auch nur eine Spanne weit vorwärts, so nahm er im nächsten Augenblick den früheren Standpunkt wieder ein, als mache ihm die Sache ein ungemeines Vergnügen. Als auch Buteau sich drein legte und ebenfalls zu stoßen begann, dauerte der Spaß nicht lange: der Esel stürzte, reckte alle vier Füße empor und wälzte sich auf dem Rücken, wobei er so laut zu schreien begann, als sage er all den Leuten, die ihn betrachteten, seine Meinung. »Vermaledeite Bestie, ich werde dich lehren dich besaufen!« schrie Buteau und hieb mit den Füßen nach dem Vieh. Nachsichtsvoll legte sich Jesus ins Mittel. »Aber! aber! ... Wenn er doch nun mal betrunken ist, darf man keine Vernunft von ihm erwarten. Er hört dich ja nicht mal; es ist gescheiter, daß er wieder in seinen Stall zurückkommt.« Das Ehepaar Karl trat beiseite, ganz empört über das Benehmen des Tieres, während Elodia errötend das Gesicht abwandte, als habe sie einem unanständigen Schauspiele beigewohnt. Vor der Tür protestierten der Geistliche, Suzanne und Bertha durch ihr finsteres Schweigen. Nachbarn kamen herbei, einige machten sich laut über den Vorfall lustig. Lise und Franziska hätten weinen mögen vor Scham. Buteau verbiß seinen Ingrimm und bemühte sich, mit Hilfe Fouans und Jesus' den Esel wieder auf die Füße zu bringen. Es war nicht leicht, denn der Strick war schwer wie hunderttausend Teufel mit dem Kübel Wein, der ihm im Bauche herumplumpste. Sobald man ihn auf der einen Seite erhoben hatte, kollerte er nach der anderen wieder zu Boden. Die drei Männer stemmten und stützten ihn mit Knien und Ellbogen; endlich stand er aufrecht, man brachte ihn sogar ein paar Schritte vorwärts. Doch plötzlich duckte er sich rückwärts und lag im Augenblick von neuem im Sande. Man mußte über den ganzen Hof, um den Stall zu erreichen. Wie das anfangen?« Die drei fluchten, schauten das Tier von allen Seiten an und wußten nicht, an welchem Ende es packen. Jesus hatte den Gedanken, den Esel an die Wand des Schuppens zu lehnen und ihn so das Haus entlang bis zum Stall zu schieben. Dies gelang anfangs, obwohl er sich an dem Maueranwurf das Fell zerschund. Die Reibung mochte ihm unerträglich werden. Mit einemmal befreite er sich aus den Händen, die ihn an dem Hause stützten, schlug aus und machte ein paar Sätze mitten in den Hof. Der Vater wäre auf ein Haar zu Boden gestürzt; die beiden Brüder riefen: »Aufhalten! aufhalten!« Jetzt sah man in dem grellen Mondlicht, wie Gideon in wahnsinnigem Zickzack herumstolperte, die beiden großen Ohren wackelten am Kopfe. Man hatte ihm den Leib zuviel hin und her geschaukelt, es wurde ihm übel. Jetzt stand er still, schluckste, im nächsten Augenblick lag er, die vier Beine gerade von sich gestreckt, auf dem Bauche. Sein Hals dehnte sich würgend, ein mächtiges Wogen durchwühlte seinen Leib; er spie wie ein Mensch und streckte bei jedem Guß den Kopf vor; wie ein roter Strom, wie eine Schleuse stürzte es über den Hof und floß bis zum Misthaufen hinüber. Die Bauern an der Pforte schlugen ein schallendes Gelächter an, während der schwächliche Abbé plötzlich blaß wurde; mit Worten der Entrüstung entführten ihn Suzanne und Bertha. Doch am meisten drückte die beleidigte Haltung des Ehepaares Karl aus, wie grob diese Schaustellung eines betrunkenen Esels gegen Sitte und Anstand verstoße. Elodia warf sich an die Brust der Großmutter und fragte weinend, ob das Tier sterben müsse. Herr Karl rief mit jener Stimme, vor der einst das ganze Haus der Judengasse gezittert: »Genug! genug!« Der Esel kehrte sich nicht an diesen gebieterischen Ton: er spie und spie, der ganze Hof war überschwemmt. Dann glitt er auf die Seite und wälzte sich mit gespreizten Hinterfüßen in dem roten Schlamm; niemals noch hat ein Saufbold in diesem Maße Ekel und Abscheu erweckt. Man hätte meinen sollen, der Elende tue es absichtlich, um seine Herren mit Schande zu bedecken. Es war zuviel. Lise und Franziska liefen mit den Händen vor den Augen ins Haus. »Genug, tragt ihn fort!« Es blieb nichts anderes übrig; denn Gideon, der weich und kraftlos geworden war wie ein Lappen, schloß die Augen und schlief ein. Buteau holte eine Tragbahre; sechs Männer halfen den Esel hinaufladen, dann trug man ihn zum Stall; die Beine hingen schlaff herab, der Kopf schlenkerte; dabei schnarchte der Patron so laut, daß es sich anhörte, als mache er sich wieder mit seinem Geschrei über alle Welt lustig. Selbstredend verdarb dieses Abenteuer zum Teil den Festabend. Doch später schlug die Stimmung in die beste Laune um, und man sprach dem neuen Weine so reichlich zu, daß gegen elf Uhr alle so volltrunken waren wie Gideon. Alle fünf Minuten verschwand jemand in den Hof hinaus. Papa Fouan war sehr gut aufgelegt. Vielleicht tue er doch nicht übel, wieder zu seinem Jüngsten zu ziehen; der Wein versprach dies Jahr sehr gut zu werden. Er mußte ebenfalls einen Augenblick ins Freie gehen; er dachte über diese Sache nach, während er draußen in dem jetzt finstern Hofe Luft schöpfte. Plötzlich hörte er Lise und Buteau. Sie waren auch hinausgetreten, jetzt saßen sie nebeneinander an der Wand des Hauses und stritten: der Mann warf seiner Frau vor, daß sie nicht freundlich genug mit dem Vater tue. »Verdammte Gans! man muß ihm schön tun, damit er herkommt und wir ihm seine Sparpfennige herausziehn können.« Der Alte ward mit einemmal nüchtern, er betastete sich, wie um sich zu versichern, ob man ihm nicht seine Papiere schon genommen. Als sich alle Lebewohl gesagt, als der Alte wieder oben im Schlosse war, nahm er sich fest vor, niemals dort auszuziehen. Doch in derselben Nacht sah er etwas, das ihm das Blut erstarren machte. Dreckbatzen schlich zu seinem Bett heran, kramte in seinen Hosen, seiner Bluse und suchte selbst unter dem Nachtgeschirr. Vermutlich hatte Jesus den Schatz vergeblich in dem Linsentopf gesucht und schickte jetzt seine Tochter, darnach zu fahnden. Fouan vermochte nicht im Bette zu bleiben, die Gedanken arbeiteten zu heftig in seinem Schädel. Er erhob sich und öffnete das Fenster. Die Nacht war schwarz, der Dunst des Weines kam von Rognes herauf, durchtränkt von dem Gestank des frischen Unrats hinter den Hecken. Was sollte aus ihm werden? Wohin sollte er sich flüchten? Sein armes Geld sollte ihn nicht mehr verlassen, er wollte sich's an dem Leibe annähen. Wie ihm der Wind jenen Geruch, welcher der Woche der Weinlese eigen ist, ins Gesicht blies, dachte er unwillkürlich an Gideon: solch ein Vieh ist verteufelt fest gebaut, das genießt zehnmal soviel Vergnügen wie ein Mensch und geht nicht daran zugrunde! ... Beraubt bei seinem Jüngsten, beraubt bei dem Ältesten, ihm blieb keine Wahl. Das Beste war, im Schloß bleiben und die Augen offen behalten. Seine alten Knochen erschauerten. Fünftes Kapitel. Monate verflossen, der Winter verstrich, dann das Frühjahr. In Rognes ging alles seinen gewohnten Gang; es gehören Jahre dazu, um in dem stumpfen Einerlei dieses sich wiederholenden Arbeitslebens neue Ereignisse hervorzubringen. Doch im Juli zur Zeit der großen Hitze verursachten die wiederum bevorstehenden Wahlen einige Bewegung im Dorfe. Diesmal war damit eine große Angelegenheit von lokalem Interesse verknüpft. Man sprach davon, alles war gespannt auf die Wahlreisen der Kandidaten. Gerade an dem Sonntage, als das Eintreffen des Herrn Rochefontaine, des Fabrikbesitzers von Chateaudun, erwartet wurde, entstand zwischen Lise und Franziska eine furchtbare Szene. Wenn das Neue auch noch so lange auf sich warten läßt, es bereitet sich langsam vor: das letzte Band, welches die Geschwister vereinte, war so oft im Begriff gewesen, sich zu lösen, war so oft wieder geknüpft worden, ein einziger Zufall, eine Dummheit, die ohne Belang war, sollte genügen, es für immer zu zerreißen. Als Franziska vormittags die Kühe von der Weide heimtrieb, traf sie vor der Kirche Hans und blieb in der einzigen Absicht, Schwester und Schwager zu reizen, mit ihm dem Hause gegenüber einen Augenblick plaudernd stehen. Als sie in den Hof trat, rief Lise: »Weißt du, wenn du deine Kerle sehen willst, tu's wenigstens nicht vor unserem Fenster.« Buteau, der ein Messer schliff, hob aufhorchend den Kopf. »Meine Kerle?« versetzte Franziska laut. »Meine Kerle sehe ich ja hier genug; ich kenn' einen: wenn ich gewollt hätte, das Schwein würde mich nicht unter dem Fenster, sondern in deinem Bette gehabt haben.« Diese Anspielung auf ihren Mann brachte Lise außer sich. Seit lange war es ihr einziger Wunsch, die Schwester hinauszuwerfen; selbst um den Preis, mit Franziska einen Prozeß zu führen, ihn zu verlieren und ihr die Hälfte des Erbes abzutreten, selbst um diesen Preis wäre die Ruhe ihres Hauses ihr nicht zu teuer erkauft erschienen. Gerade in diesem Punkte war sie uneins mit Buteau. Er wollte bis zum letzten Augenblick List anwenden, und verzweifelte außerdem nicht, sich eines Tages die Kleine gefügig zu machen. Die Frau aber wurde, wie sie ihn so hartnäckig der Schwester nachstellen sah, von einer seltsamen Eifersucht gepackt. Sie hätte nichts dagegen gehabt, daß er sie nehme, damit endlich Frieden im Hause sei; gleichzeitig aber neidete sie ihr die Jugend, den frischen, elastischen Körper. Der Gedanke, mit ihr zu teilen, schreckte sie nicht; ihr Schmerz gipfelte in dem Bewußtsein, von beiden die älteste, die weniger schöne zu sein. »Miststecken!« schrie sie auf, »du selbst reizest ihn! ... Wenn du nicht immer hinter ihm her wärest, er würde dir dreckigem Ding gewiß nicht nachrennen.« Franziska wurde leichenblaß, so griff ihr diese Lüge ans Herz. Schneidend kalt gab sie zurück: »Gut, jetzt ist's genug ... Wart' zwei Wochen, und ich werde euch nicht mehr im Wege stehen; das willst du doch. Ja, in vierzehn Tagen bin ich einundzwanzig Jahre alt, dann geh' ich meiner Wege.« »Aha, du erwartest deine Großjährigkeit, um uns dann Schwierigkeiten zu machen? ... Nein, Elende, nicht in zwei Wochen, auf der Stelle wirst du gehen! ... Marsch, pack' dich!« »Ist recht ... Macqueron braucht gerad' jemand, er wird mich schon nehmen ... Lebt wohl!« Nicht ein Wort mehr wurde zwischen ihnen gewechselt. Franziska verließ das Haus. Zwar warf Buteau Messer und Schleifstein beiseite und stürzte hinzu, um wieder einmal mit ein paar Hieben den Hader zwischen den Geschwistern zu schlichten; doch er kam zu spät, er konnte nur noch seiner Frau einen Schlag versetzen, daß dieser das Blut aus der Nase spritzte; aber Franziska war verschwunden. »Verdammtes Weibervolk!« schrie er auf. Was er so lange gefürchtet, so sorgsam verhütet, es war eingetreten. Er ahnte eine Reihe ärgerlicher Verwickelungen über sich hereinbrechen. Das Mädchen und das Land, beide entschlüpften ihm. »Ich werd' nachher zu Macqueron gehen,« rief er zornig. »Sie muß wieder zurück, und sollte ich sie mit Fußtritten in den Hintern heimjagen.« Bei Macqueron war man an jenem Sonntage in großer Aufregung, denn der eine der Kandidaten, Herr Rochefontaine aus Chateaudun, hatte sein Eintreffen für den Nachmittag zugesagt. Während der letzten Sitzungsperiode war Herr von Chédeville bei Hofe in Ungnade gefallen; die einen meinten infolge seiner zu deutlich geoffenbarten Zuneigung zu der Familie Orleans, die anderen glaubten infolge eines Skandals mit der jungen Frau eines Aufsehers der Kammer, die sich trotz seines Alters in den Löwen verliebt hatte. Wie dem auch sei, die Gönnerschaft des Präfekten hatte sich nach Schluß der Kammer von ihm abgewendet und war dem früheren unabhängigen Kandidaten, Herrn Rochefontaine, zuteil geworden. Ein Minister besichtigte die Fabrik in Chateaudun, und der Kaiser sprach sich anerkennend über eine Arbeit des Fabrikherrn aus, welche den Freihandel zum Gegenstande hatte. Nichtsdestoweniger hielt Herr von Chédeville seine Kandidatur aufrecht; denn sein Gut Chamade war inzwischen über und über belastet, und er bedurfte mehr denn je des Abgeordnetensitzes zur Durchführung von allerhand Geschäften, mit denen er bemüht war, sich über Wasser zu halten. So waren durch die Verkettung der Umstände die Rollen vertauscht: Herr von Chédeville war unabhängiger Kandidat, Herr Rochefontaine Kandidat der Regierung. Hourdequin, obwohl Schulze von Rognes, blieb Herrn von Chédeville treu. Er war entschlossen, den Wünschen der Regierung keinerlei Rechnung zu tragen und selbst offen für seinen Kandidaten einzutreten. Zunächst mochte er sich nicht wie eine Wetterfahne nach jedem von der Präfektur wehenden Winde drehen, dann aber meinte er, bei der drohenden Ackerbaukrise dränge ihn sein persönliches Interesse auf die Seite des Schutzzöllners und nicht auf die des Freihändlers. Seit einiger Zeit zog ihn der Ärger, den Jacqueline ihm machte, im Verein mit den Sorgen, die ihm sein Gut bereitete, von seinen Obliegenheiten als Gemeindevorstand ab. Ewig damit beschäftigt, dem Treiben der Cognette nachzuspähen, die mit dem Betrügern eigenen Glück fortfuhr, sich ungestraft an dem strammen Kuhhirten Tron zu ergötzen, überließ der Schulze seinem Vertreter Macqueron die Erledigung der laufenden Geschäfte. Als darum der Anteil, den er an dem Ausgang der Wahlen nahm, ihn bewog, wieder dem Gemeinderate vorzustehen, mußte er zu seiner Überraschung feststellen, daß ihm dieser abtrünnig geworden. Diese kalte, fast feindliche Haltung der Räte dem Vorsteher gegenüber war das Werk Macquerons, dessen listiges Wühlen endlich zum Ziele geführt. Diesem reich gewordenen Bauer, der stets so schmierig und lodderig einherging, trotzdem er den vermögenden Herrn hervorkehren wollte, der nicht zu arbeiten braucht, war in seiner beschäftigungslosen Langeweile ein ehrgeiziger Wunsch aufgestiegen, der bald sein ganzes Dasein ausfüllte. Warum sollte er nicht Schulze werden können? Seit jenem Augenblick hatte er sich bemüht, Hourdequins Stellung zu unterwühlen, indem er den Haß schürte, der unbewußt in jedem Einwohner von Rognes schlummerte gegen die einstigen Grundherren und gegen den Stellvertreter, den Bürgerssohn, der heute die großen Grundkomplexe besaß. Natürlich hatte dieser seine Ländereien fast umsonst an sich gebracht, hatte einen Diebstahl begangen zur Zeit der Revolution. Die armen Teufel dürfen nie solche günstige Gelegenheiten ausnützen, dergleichen fällt immer den Kanaillen zu, die ihr Leben lang nichts getan, als sich die Taschen vollzustopfen. Was alles auf der Borderie vorging! Welch eine Schmach, diese Cognette, die ihr Herr mit allen seinen Knechten teilte! All dies wurde jetzt zur Sprache gebracht, wurde in unverschleierten Ausdrücken von Mund zu Mund weitergetragen und selbst von denen mit Behagen wiederholt, die vielleicht ihre eigene Tochter verkauft haben würden, wenn es sich gelohnt hätte. Ein Bürger, hieß es schließlich, solle in der Stadt bleiben und mit den Bürgern stehlen und Unzucht treiben, doch eine Bauerngemeinde brauche einen Bauer zum Schulzen. Sobald die Frage der Wahlen zur Sprache kam, fühlte Hourdequin den ersten Widerstand von seiten seiner Räte. Kaum hatte er den Namen des Herrn von Chédeville genannt, so verhärteten sich plötzlich alle Gesichter und sahen aus, als seien sie aus Holz geschnitzt. Seit Macqueron in Erfahrung gebracht, daß der Besitzer dem alten Kandidaten treu bleibe, war es ihm klar, daß dies das Feld sei, auf dem er den unbequemen Schulzen schlagen und aus dem Sattel heben könne; deshalb hatte er es sich angelegen sein lassen, den Präfekten seiner Anhänglichkeit zu versichern und ihm die förmliche Zusage seiner Verwendung für die Wahl des Herrn Rochefontaine zu machen. Jedem, der es hören wollte, sagte er, sein Amt als Schulze schreibe ihm den Weg vor, den er zu gehen habe, alle anständigen Leute müßten die Regierung unterstützen. Dieses letztere Wort übrigens genügte; er hatte keineswegs nötig, die Mitglieder des Gemeinderates noch eines weiteren zu belehren, die von dem Wunsche beseelt waren, daß alles beim alten und in Ruhe und Ordnung bleibe und daß das Getreide sich gut verkaufe. Delhomme, der als ehrenwert und rechtlich gekannte Mann, erklärte, man müsse den Kandidaten des Kaisers wählen; denn der Kaiser wisse sicher, was er zum Wohle des Landes zu tun habe. Clou und die anderen schlössen sich ohne weiteres dieser Meinung an. Nur allein Lengaigne blieb auf Seite des Schulzen, weil es ihn verdroß, daß sein Nebenbuhler Macqueron solches Ansehen gewann. Auch die Verleumdung tat das ihre, um die Stellung des Gutsbesitzers zu untergraben. Es hieß, er sei ein »Roter« geworden und teile die Meinung jener Spitzbuben, welche die Revolution anstrebten in der Absicht, die Bauern auszurotten. Selbst der zaghafte, scheue Abbé Madeline trat auf die Seite des Vertreters, dem er seine Stelle zu verdanken meinte, und arbeitete für Herrn Rochefontaine, trotzdem der Bischof noch Herrn von Chédeville geneigt schien. Ein letztes Gerücht aber vernichtete das Ansehen des Schulzen vollends; es wurde erzählt, er habe bei Gelegenheit der Errichtung des Weges Rognes-Chateaudun die Hälfte der staatlichen Gelder in seine Tasche gesteckt. Niemand vermochte zu erklären, wie Hourdequin es sollte angestellt haben; das Geheimnisvolle aber verlieh der Sache noch unheimlichere Ausdehnung. Wenn man Macqueron darnach fragte, so machte er das erschreckte, bekümmerte und zurückhaltende Gesicht eines Mannes, dem gewisse Rücksichten den Mund schlossen. Und doch war er es gewesen, der diese Lüge erfunden, damit der gegen ihn selbst erhobene Vorwurf endlich verstumme, er habe sein Land erst um sonst versprochen und es sich nachher dreimal über den Wert bezahlen lassen. So also war die Gemeinde in gärender Erregung, der Rat in zwei Lager gespalten, auf der einen Seite der Vertreter und sämtliche Räte mit alleinigem Ausschluß Lengaignes, auf der andern der Schulze, der erst jetzt den Ernst der Lage erfaßte. Schon zwei Wochen vorher war Macqueron eigens nach Chateaudun gefahren, hatte sich in unterwürfigstem Tone Herrn Rochefontaine zur Verfügung gestellt und ihn gebeten, er möge bei ihm absteigen, falls er geruhen solle, nach Rognes zu kommen. Darum ließ der Schankwirt an jenem Sonntagnachmittag keinen Augenblick die Landstraße aus den Augen, trat jeden Augenblick vor seinen Laden und spähte nach dem Kandidaten aus. Er hatte Delhomme, Clou und andere Räte verständigt, diese tranken in der Schenke ein Glas Wein, der Ankunft des Fabrikherrn gewärtig. Auch Papa Fouan saß dort und spielte mit Bécu Karten, während der Schulmeister Lequeu, der niemals etwas verzehrte, sich abseits in eine Zeitung vertieft hatte. Sehr unangenehm war dem Wirt die Anwesenheit zweier anderer Gäste, Jesus und sein Freund Canon, die einander gegenüber vor einer Flasche Branntwein saßen. Macqueron schielte zu den beiden hinüber, doch fand er keinen Vorwand, sie hinauszuweisen; denn die Strolche verhielten sich gegen ihre Gewohnheit ruhig und blickten nur spöttelnd drein. Es schlug drei Uhr, Herr Rochefontaine, der für zwei Uhr sein Eintreffen angezeigt, war noch nicht erschienen. »Celine,« rief der Schenkwirt plötzlich seiner Frau zu, »hast du den Bordeaux heraufgeholt, um dem Herrn ein Glas vorzusetzen?« Celine, die gerade ihre Gäste bediente, machte eine verzweifelte Gebärde, sie hatte es vergessen! Hurtig lief ihr Mann in den Keller. In dem Nebenraum, wo sich der Kramladen befand, sah man durch die offene Tür Bertha drei Bäuerinnen rosa Bänder verkaufen, während die bereits in Dienst getretene Franziska trotz des Sonntages die Fächer abstäubte. Der Vertreter hatte, um sich ein Ansehen als Teilhaber der Dorfobrigkeit zu geben, sofort das junge Mädchen aufgenommen; er fühlte sich geschmeichelt, daß es sich unter seinen Schutz gestellt. Seine Frau brauchte gerade eine Stütze, man gab der Kleinen Kost und Wohnung, bis sie sich wieder mit den Buteau ausgesöhnt habe; denn sie schwor, sie werde sich umbringen, wenn man sie mit Gewalt dorthin zurückführe. Plötzlich hielt ein mit zwei prächtigen Pferden bespannter Landauer vor der Tür, und Herr Rochefontaine stieg ab, erstaunt und verletzt, daß niemand zu seinem Empfange herbeieilte. Zögernd näherte er sich der Pforte; da kam Macqueron in jeder Hand eine Flasche aus dem Keller. Der Wirt geriet in eine grenzenlose Verlegenheit, wußte nicht, wohin mit beiden Flaschen, und stotterte: »O mein Herr, wie unangenehm! Seit zwei Stunden warte ich, ohne mich vom Fleck zu rühren, und jetzt gerade bin ich einen Augenblick in den Keller hinabgegangen ... Ja, für Sie nämlich ... Wollen Sie ein Gläschen trinken, Herr Abgeordneter?« Rochefontaine, der nur erst Kandidat war und den die Verwirrung des armen Mannes hätte rühren sollen, schien im Gegenteil noch unzufriedener zu werden. Er war ein hochgewachsener, noch nicht achtunddreißigjähriger Mann, mit kurzgeschnittenem Haar und gestutztem Bart in feiner, aber einfacher Kleidung. Er war von fast schroffer Kälte, sprach kurz und in einem Tone, der immerfort daran erinnerte, daß er gewohnt war zu befehlen und verstand, seine zwölfhundert Arbeiter in Respekt zu halten. Er schien entschlossen, mit diesen Bauern nicht viel Umstände zu machen. Celine und Bertha stürzten ebenfalls herzu, die letztere blickte den Fremden aus ihren blauumrandeten Augen dreist an und sagte dann: »Treten Sie gütigst ein, mein Herr! Erweisen Sie uns die Ehre!« Doch der Herr streifte sie mit einem einzigen prüfenden Blick und beachtete sie nicht weiter. Aber er verstand sich endlich dazu, über die Schwelle zu schreiten; im Schenkzimmer jedoch verweigerte er, sich zu setzen. »Hier sind unsere Freunde vom Gemeinderat,« begann Macqueron, der sich gesammelt. »Sie sind sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen; nicht wahr, meine Herren, sehr erfreut!« Delhomme, Clou und die anderen Räte hatten sich erhoben, ziemlich bestürzt durch das steife Auftreten des Herrn Rochefontaine. Ihre Ergebenheit verwandelte sich in unterwürfigen Respekt; jede feste Willensäußerung, jedes feste Auftreten flößte diesem Volke eine sklavische Furcht ein. In tiefem Schweigen hörten sie an, was er ihnen zu sagen gekommen war: Er sprach von der Übereinstimmung seiner Grundsätze mit den Ansichten des Kaisers; von seinen fortschrittlichen Gedanken vor allem, denen er es verdanke, daß die Regierung ihn dem früheren Kandidaten, jenem Vertreter unheilsamer Grundsätze vorgezogen; hierauf versprach er Wege, Eisenbahnen, Kanäle; jawohl einen Kanal, der die Beauce durchschneiden solle, um diesem seit Jahrhunderten verschmachtenden Landstrich Wasser zuzuführen. Verblüfft hörten ihm die Bauern zu. Was sagte er? Sie sollten gar eine Wasserstraße bekommen? Er fuhr fort: Jetzt drohte er, die, welche gegen ihn stimmen sollten, würde die Trockenheit der Jahreszeiten und der Unwille der Regierung ihren Starrsinn entgelten lassen. Alle blickten einander an. Der verstand, sie zu rütteln, mit dem durfte man es sich nicht verderben. »Zweifelsohne, zweifelsohne!« wiederholte Macqueron bei jedem Satze seines Kandidaten, trotzdem ihm dessen Schroffheit unbehaglich zu werden begann. Aber Bécu billigte mit eifrigem Kopfnicken diesen militärischen Schneid, während der alte Fouan mit seinen weit aufgerissenen Augen zu sagen schien, der Kandidat sei ein ganzer Mann. Selbst der sonst so unberührte Lequeu war ganz rot geworden, ohne daß man zu unterscheiden vermochte, ob ihm Freude oder Zorn das Blut in die Wangen trieb. Nur die beiden Kanaillen Jesus und Canon trugen eine unverhüllte Verachtung zur Schau; sie hielten es unter ihrer Würde, sich laut zu äußern; sie zuckten die Achseln und lächelten. Kaum hatte Herr Rochefontaine seinen Vortrag beendet, so wandte er sich zur Tür. Der Vertreter geriet in Verzweiflung: »Wie, mein Herr! Sie wollen uns nicht die Ehre erweisen, ein Glas Wein anzunehmen?« »Nein, ich danke; ich habe mich bereits verspätet ... Man erwartet mich in Magnolles, in Bazoches, in zwanzig Orten. Leben Sie wohl!« Bertha gab dem ungalanten Herrn nicht einmal das Geleite. In den Kramladen zurückkehrend, sagte sie zu Franziska: »Ist das ein unhöflicher Mensch! Wenn ich zu wählen hätte, ich würde für den anderen, für den Alten stimmen.« Herr Rochefontaine hatte wieder seinen Wagen bestiegen, als ihn das Knallen einer Peitsche das Haupt wenden hieß. Es war Hourdequin, der in seinem bescheidenen Wagen ankam, den Hans lenkte. Der Besitzer hatte nur durch Zufall von einem seiner Ackerknechte, welcher dem Landauer begegnet war, die Ankunft des Kandidaten erfahren. Er eilte herbei, um der Gefahr ins Gesicht zu sehen; denn er war um so mehr besorgt, als er seit acht Tagen Herrn von Chédeville vergeblich bat, sich im Orte zu zeigen; den Löwen hielt irgendeine Dame seines Herzens zurück, vielleicht die schöne Frau des Aufsehers der Kammer, und er hatte seinem Drängen immer noch nicht nachgegeben. »Sie sind es!« rief er Herrn Rochefontaine zu. »Ich wußte Sie noch nicht im Lande.« Die Wagen hielten nebeneinander; die beiden Insassen hatten sich die Hände gereicht; dann plauderten sie, jeder in seinem Gefährte sitzend. Sie kannten einander; hatten sie doch manchesmal bei dem Schulzen von Chateaudun miteinander gefrühstückt. »Also Sie sind gegen mich?« fragte plötzlich der Kandidat in seiner schroffen Art. Hourdequin, der in Ansehung seiner Stellung als Schulze vorgezogen hätte, nicht zu offen zu handeln, ward einen Augenblick durch diese Anrede aus der Fassung gebracht. Wie gut jener unterrichtet war! Doch auch ihm fehlte es nicht an Schulterbreite; er antwortete höflich, um der Auseinandersetzung kein unfreundliches Gepräge zu verleihen: »Ich bin gegen niemand, ich bin für mich ... Mein Mann ist, wer meine Interessen vertritt. Wenn man bedenkt, daß das Getreide auf sechzehn Franken gefallen ist, genau was mich seine Erzeugung kostet! Da ist's ebensogut, keinen Pflug mehr anrühren, sich hinlegen und krepieren!« Sofort wurde der andere leidenschaftlich. »Der Schutzzoll, nicht wahr, damit das heimische Getreide seinen Preis verdoppele? Damit ein Vierpfundbrot zwanzig Sous koste und die Armen verhungern? ... Wie können Sie, ein Mann des Fortschritts, auf diese Ungeheuerlichkeiten zurückkommen?« »Ein Mann des Fortschritts, ein Mann des Fortschritts,« wiederholte Hourdequin lachend; »natürlich bin ich ein solcher; aber das kommt mir so teuer zu stehen, daß ich mir bald diesen Luxus nicht mehr werde gestatten können. Die Maschinen, der chemische Dünger, all diese neuen Methoden, wissen Sie, sind vortrefflich erdacht, haben aber den einen Übelstand, daß sie uns nach allen Regeln der Vernunft zugrunde richten.« »Weil es Ihnen an Ausdauer fehlt, weil Sie verlangen, daß Ihnen die Wissenschaft sofort vollkommen günstige Ergebnisse liefere, weil die unvermeidlichen Proben und Versuche Sie dermaßen entmutigen, daß Sie selbst für die errungenen Vorteile blind werden und alles leugnen.« »Vielleicht. Ich hätte nur Proben und Versuche gemacht? ... Gut denn, soll man mich dafür auszeichnen, und mögen andere, gutwilligere Fortschrittsfreunde die Sache fortsetzen.« Hourdequin lachte laut über den Scherz, den er für überzeugend hielt. Doch lebhaft fiel Herr Rochefontaine ein: »Also Sie wollen, daß der Arbeiter verhungere?« »Verzeihung! Ich will, daß der Bauer zu leben habe.« »Aber ich beschäftige zwölfhundert Arbeiter und kann doch die Löhne nicht erhöhen, ohne Bankerott zu machen ... Wenn das Getreide dreißig Franken kostete, würden meine Leute wie die Fliegen hinsterben.« »Und hab' ich keine Arbeiter? Wenn das Getreide sechzehn Franken gilt, hungern wir; es gibt arme Teufel auf dem Lande, die buchstäblich vor Entbehrung umkommen.« Wieder lachend, setzte er hinzu: »Mein Gott, jeder predigt für seinen Heiligen ... Wenn ich Ihnen das Korn billig verkaufe, macht der Grundbesitz in Frankreich Bankerott; wenn ich es Ihnen nicht billig verkaufe, begreife ich wohl, daß die Handarbeit im Preise steigt, daß ihre Erzeugnisse sich verteuern, meine Werkzeuge, meine Kleider, die hundert Dinge, die ich gebrauche ... Ein toller Wirrwarr, in dem wir alle unsere Haut lassen werden.« Beide, der Landmann und der Fabrikherr, der Schutzzöllner und Freihändler blickten einander an, der eine mit dem Lächeln seiner so viel Ernst bergenden Liebenswürdigkeit, der andere rückhaltslos herausfordernd. Die zwei Männer stellten den Kampf ums Dasein in der wirtschaftlichen Frage dar. »Man wird den Bauer schon zu zwingen wissen, daß er dem Arbeiter Brot schafft,« sagte Rochefontaine. »Sorgen Sie dafür, daß zunächst der Bauer zu essen hat,« versetzte Hourdequin. Er sprang aus dem Wägelchen, während der andere seinem Kutscher den Namen eines Dorfes zuwarf. Macqueron war es höchst unangenehm, daß seine Kollegen vom Gemeinderate von der Schwelle des Hauses alles mitangehört; er meinte, man wolle doch noch, alle miteinander, ein Gläschen trinken. Doch wiederum lehnte der Kandidat ab: ohne jemandem die Hand zu reichen, drückte er sich in die Ecke seines Landauers, der beim hallenden Trab der starken Pferde zum Dorf hinausrollte. Lengaigne, der unter seinem Laden der Szene beigewohnt hatte, rief laut lachend zum Nachbar hinüber: »Küß mir den Hintern und sag' schön' Dank!« Hourdequin trat bei Macqueron ein und nahm den angebotenen Trunk an. Hans band sein Pferd an den Fensterladen, dann folgte er seinem Herrn. Franziska winkte ihrem Bräutigam aus dem Kramladen zu; er ging zu ihr, und sie erzählte ihm, was zwischen ihr und ihrer Schwester vorgefallen, und daß sie das Haus verlassen. Er ward so beklommen und hatte solche Bange, sie vor den Gästen bloßzustellen, daß er ihr nur hastig zuflüsterte, sie wollten sich abends sehen und alles besprechen; nachher kam er wieder in die Schenke hinaus und ließ sich auf eine Bank nieder. »Teufel auch!« schrie Hourdequin seinen Kollegen zu. »Ihr schämt euch nicht, für den Menschen zu stimmen?!« Seine Unterredung mit Herrn Rochefontaine hatte in ihm den Entschluß zum offenen Kampfe zur Reife gebracht, mochte er auch dabei zu Falle kommen. Darum schonte er den Kandidaten nicht mehr; er verglich ihn mit Herrn von Chédeville, diesem vortrefflichen Manne, der nicht stolz tat mit den Landleuten, der immer entgegenkommend war, immer froh, ihnen einen Dienst leisten zu können, ein echter Edelmann des alten Frankreich. Daneben dieser trockene, steife Zehn-Schritt-vom-Leib', dieser moderne Millionär! Wie der Mann von oben herab zu sprechen verstand! Wie er nicht einmal ein Glas Wein annahm, als fürchte er, sich zu vergiften!« »Nein, nein, das ist unmöglich, man tauscht nicht ein gutes Pferd gegen eine einäugige Mähre aus. Was werft ihr Herrn von Chédeville vor? Jahrelang ist er euer Abgeordneter, hat stets seine Schuldigkeit getan, und jetzt wollt ihr ihn für einen Mann im Stich lassen, auf dessen Namen ihr bei den letzten Wahlen, als er der Regierung gegenüberstand, nicht kommen konntet? Erinnert euch doch zum Kuckuck!« Macqueron mochte sich nicht geradezu aussprechen, darum machte er sich mit der Bedienung seiner Gäste zu tun. Die Bauern hatten ihrem Schulzen zugehört, ohne daß eine Falte in ihren Gesichtern ihre Gedanken verraten. Endlich nahm Delhomme das Wort: »Wenn man die Leute nicht kennt!« »Aber jetzt habt ihr diesen Vogel kennengelernt! Ihr habt gehört, er will das Getreide zu einem billigen Preise: er wird in der Kammer dafür stimmen, daß das fremde Korn das unsere verdrängt. Ich hab' euch schon auseinandergesetzt, das ist unser Untergang ... Und ihr seid am Ende so kurzsichtig und glaubt ihm, wenn er euch allerhand Versprechungen macht. Ja, ja, wählt ihn nur! Er wird euch eine Nase drehen nachher.« Ein leeres Lächeln erschien auf den gerbharten Zügen Delhommes. Die in diesem geraden, aber beschränkten Verstände schlummernde Schlauheit trat in den bedächtig gesprochenen Worten hervor: »Er sagt, was er sagt, man glaubt davon, was man davon glaubt ... Er oder ein anderer, mein Gott! ... Man hat nur einen Gedanken, sehen Sie, den nämlich, daß die Regierung stark sei, damit Handel und Wandel gedeihen; damit man keinen Bock schießt, ist es das Beste, der Regierung den Abgeordneten zu schicken, den sie verlangt ... Uns genügt, daß dieser Herr aus Chateaudun der Freund des Kaisers ist.« Dies Wort brachte Hourdequin um seinen Gleichmut. Früher war Herr von Chédeville der Freund des Kaisers gewesen! Dieses Geschlecht von Knechten liegt immer dem Herrn zu Füßen, der sie peitscht und sie füttert; sklavische Unterwürfigkeit und Selbstsucht sind ihr Erbteil, es sieht nichts, kennt nichts, wie die Sorge ums tägliche Brot. »Wohlan, zum Teufel auch, ich schwöre euch: am Tage, wo dieser Rochefontaine gewählt wird, gebe ich meine Entlassung! Glaubt ihr, ich bin ein Hanswurst, der jetzt weiß, dann schwarz sagt ... Wenn diese Banditen, die Republikaner, in den Tuilerien säßen, wahrhaftig, ihr wäret mit ihnen!« Macquerons Augen blitzten auf. Endlich war das Ziel erreicht: der Schulze hatte seine Abdankung unterzeichnet; denn bei seiner Unbeliebtheit war die Drohung, die er eben ausgesprochen, allein hinreichend, das ganze Land gegen die Wahl des Herrn von Chédeville zu bestimmen. Doch in diesem Augenblick machte Jesus, den man im Winkel mit seinem Freunde Canon vergessen, sich so bemerkbar, daß aller Blicke sich ihm zuwandten. Die Ellbogen auf den Rand des Tisches gestützt, das Kinn in der Hand, wiederholte er, indem er die Bauern einen nach dem andern ansah: »Viechskerle! Viechskerle!« Gerade wie er dies Wort aussprach, trat Buteau ein. Sein lebhaftes Auge entdeckte sofort Franziska im Kramladen nebenan und erkannte gleichzeitig Hans, der auf einer Bank an der Wand, seinen Herrn erwartend, den anderen zuhörte. Gut, das Mädel und ihr Galan waren da, man wird was erleben. »Da ist mein Bruder, der größte Viechskerl von allen,« höhnte Jesus. Ein drohendes Gemurmel erhob sich; man wollte den Unhold vor die Tür setzen: doch Leroi, genannt Canon, erhob jetzt seine heisere Stimme, die er in allen sozialistischen Versammlungen der Pariser Vorstädte versucht hatte: »Halt's Maul, Junge! Sie sind nicht so dumm, wie sie aussehen ... Hört, ihr Bauern, was würdet ihr sagen, wenn man drüben an das Gemeindehaus ein Plakat anschlüge, darauf in großen Lettern zu lesen stünde: Revolutionäre Gemeinde von Paris: primo, alle Steuern sind aufgehoben; secundo, der Militärdienst ist aufgehoben! ... He? was würdet ihr für Gesichter machen?« Die Wirkung dieser Worte war eine außerordentliche. Delhomme, Fouan, Clou, Bécu selbst blickten starr drein; Lequeu ließ seine Zeitung aus der Hand gleiten; Hourdequin, der im Begriff gewesen, sich zu entfernen, kehrte auf der Schwelle um; Buteau vergaß Franziska und setzte sich auf eine Tischecke. Alle schauten den Mann in Lumpen an, diesen Wegelagerer, welcher der Schrecken der Orte war, durch die er streifte, und von Diebstahl und erzwungenen Almosen lebte. Noch in der letzten Woche hatte man ihn von der Borderie verjagt, wo er wie ein Schreckgespenst bei sinkender Nacht erschienen war; darum wohnte er bis auf weiteres bei Jesus. »Ich seh', das kitzelt euch doch,« hub er lachend wieder an. »Alle Wetter, ja!« bekannte Buteau. »Wenn man denkt, daß ich noch gestern wieder dem Einnehmer Geld hingetragen habe! Das hört nie und nimmermehr auf; sie ziehen einem die Haut vom Leibe!« »Und nicht mehr zusehen brauchen, wie unsere Burschen zum Militär ziehen müssen!« rief Delhomme. »Ich kaufe Ernst los und weiß, was mich das kostet.« »Wenn ihr nicht zahlen könnt,« setzte Fouan hinzu, nimmt man sie euch und bringt sie um.« Canon triumphierte. »Du siehst,« wandte er sich an Jesus, »sie sind nicht so dumm, deine Bauern.« Dann wandte er sich wieder zu den anderen: »Man sagt uns immer, ihr seid Konservative, ihr würdet gegen die Revolution auftreten... Konservativ für eure Interessen, ja, nicht wahr? Ihr würdet euch dem Lauf der Dinge nicht entgegenstellen; im Gegenteil, ihr würdet helfen, das zu schaffen, was euch nützen soll. Hab ich nicht recht? Wolltet ihr nicht mit zugreifen, um euer Geld und eure Kinder zu behalten? ... Ihr wäret ja die eselhaftesten Tröpfe, wenn ihr es nicht tätet!« Niemand trank mehr; ein Unbehagen begann sich auf all diesen schwerfälligen Gesichtern auszudrücken. Er aber ergötzte sich im voraus an der Wirkung, die er hervorzubringen dachte, und fuhr spöttelnd fort: Darum bin ich, der ich euch kenne, so unbesorgt, wenn ihr mich mit Steinwürfen von euren Türen verjagt ... Wie der dicke Herr da vorhin sagte, ihr werdet es alle mit uns halten, mit den Roten, den Kommunisten, sobald wir in den Tuilerien sitzen.« »Nein!« riefen Buteau, Delhomme und die anderen. Hourdequin, der aufmerksam zugehört, zuckte die Achseln. »Ihr schwätzt umsonst, mein Bester!« Doch Canon lächelte zuversichtlich. Auf seinem Sitze zurückgelehnt, rieb er sich mit einer unbewußten Bewegung erst die eine, dann die andere Schulter an der Wand. Dabei fing er an, ihnen diese Revolution zu erklären, mit deren geheimnisvoller und unklarer Prophezeiung er von Gut zu Gut die Herren und Knechte zu erschrecken pflegte. Zunächst würden sich die Kameraden in Paris der Herrschaft bemächtigen; das werde vermutlich sehr leicht und ganz natürlich vor sich gehen, man werde weniger Menschen niederschießen, als manche glauben, denn der ganze große Zauber gehe von selbst aus dem Gefüge, so morsch sei er. Sobald man die Macht in der Hand habe, werde man am selben Abend die Rente auflösen, werde sich der großen Vermögen bemächtigen, damit alles Geld wieder Eigentum des Volkes sei; und hierauf werde man eine neue Gesellschaft gründen, werde ein riesiges Finanz-, Industrie- und Handelshaus gründen, die Arbeit und der Wohlstand würden vernünftig verteilt werden. Auf dem Lande sei es noch viel einfacher: Man enthebe zunächst die Gutsbesitzer ihres Eigentums, nehme den Grund und Boden... »Versucht es einmal!« fiel ihm Hourdequin wieder in die Rede. »Mit Sensenhieben würde man euch empfangen: nicht ein Bauer würde euch nur eine Handbreit seines Ackers hergeben.« »Rede ich von den Bauern? Meinen Sie, wir würden den Armen etwas anhaben wollen?« versetzte Canon höhnisch. »Wir müßten ja blitzdumm sein, wenn wir es mit den Kleinen verderben wollten... Nein, nein, die armen Kerle, die sich auf ihren paar Morgen zu Tode schinden, sollen verschont bleiben... Was wir nehmen, sind die zweihundert Hektar der wohlgenährten Herren Ihrer Sorte, welche die Knechte im Schweiße ihres Angesichts arbeiten lassen, damit sie, die großen Herren, Geld verdienen... Meiner Seel', ich glaub' nicht, daß Ihre Nachbarn mit ihren Sensen herkommen werden, um Sie zu verteidigen; ihre Freude wird zu groß sein.« Macqueron schlug eine helle Lache auf, als komme ihm die Sache spaßhaft vor, und all' die anderen stimmten ein. Der Besitzer erbleichte, wie er den alten Haß sich so laut verraten sah; dieser Lump hatte recht, nicht einer von diesen Bauern, selbst nicht der ehrenwerteste, würde ihm zu Hilfe eilen; im Gegenteil, sie würden den Plünderern Beistand leisten.« »Also,« fragte Buteau, »ich besitze ungefähr zehn Sester und kann sie behalten, man wird mir sie lassen?« »Selbstredend, Kamerad... Allein wir sind gewiß: wenn ihr später nebenan die auf den Besitzungen des Volkes erlangten Erfolge sehen werdet, so kommt ihr, ohne daß man euch bittet, und legt euer Stück zum Ganzen... Eine Kultur im großen, viel Geld, Maschinen, noch anderes, die neuesten Errungenschaften der Wissenschaft. Ich verstehe hiervon nichts, aber man muß die Kameraden in Paris darüber reden hören; die beweisen haarscharf, daß der Ackerbau verloren ist, wenn man sich nicht entschließt, ihn in dieser Weise zu betreiben ... Ja, aus eigenem Antriebe gebt ihr einmal eure Felder her.« Buteau machte ein durchaus ungläubiges Gesicht, doch war er beruhigt, weil man nichts von ihm verlangte. Hourdequin aber lieh ein aufmerksames Ohr, seit der Strolch von dieser großen nationalen Bodenkultur sprach. Die anderen warteten wie im Theater das Ende ab. Zweimal schon hatte Lequeu, dessen fahles Gesicht eine purpurne Röte überzogen, den Mund geöffnet, um sich hineinzumischen; doch seine kluge Vorsicht hieß ihn schweigen. »Und mein Teil!« schrie plötzlich Jesus. »Jeder muß sein Teil haben. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.« Canon hob so hastig die Hand, als wolle er auf den Freund dreinschlagen. »Willst du mir Ruh' geben mit deiner Freiheit, deiner Gleichheit und Brüderlichkeit? ... Hat man nötig, frei zu sein? Ein toller Unsinn! Du willst wohl, daß die Bürger uns wieder in die Tasche stecken? Nein, nein, man wird das Volk zum Glück zwingen, ob es will oder nicht! ... Also, du möchtest der Ebenbürtige, der Bruder eines Gerichtsvollziehers sein? Aber Rindskopf, mit diesem Wahnsinn haben ja deine Republikaner von 48 sich den Garaus gemacht.« Jesus erklärte verdutzt, er sei für die große Revolution. »Halt's Maul! ... He? 89, 93! eine nette Musik, ein sauberes Lügenkonzert, mit dem man uns die Ohren vollbrummt! Zählt so was überhaupt mit, kann es sich mit dem vergleichen, was wir zu tun haben? Wart' nur, laß das Volk erst Herr sein! Das dauert nicht mehr so lang; alles geht aus dem Leim, ich verspreche dir, daß unser Jahrhundert, wie man's nennt, einen großartigeren Abschluß haben wird als das vorige. Eine wunderbare Reinigung, eine kolossale Ausmistung, wie man sie nie erlebt hat.« Alle erschauerten bei diesen Worten; selbst Jesus fuhr entsetzt auf; dann kehrte er das Gesicht abseits, ihm mißfiel die Sache, sobald man nicht Bruder und Bruder sein sollte. Hans, der bisher mit Interesse zugehört, machte eine ablehnende Gebärde. Doch Canon hatte sich erhoben; seine Augen flammten, eine prophetische Verklärung malte sich in seinen Zügen, als er fortfuhr: »Das muß kommen, es ist unausbleiblich, wie ein in die Luft geschleuderter Stein unbedingt zur Erde fallen muß ... Damit haben nichts zu tun die Pfaffengeschichten, die Märchen von Jenseits, noch das Recht und die Gerechtigkeit, die man ebensowenig je gesehen wie den lieben Gott! Nein, nur das eine wird die allein geltende Triebfeder sein: das Verlangen, das wir alle haben und haben dürfen, glücklich zu sein! ... Merkt's euch, Kameraden, man wird dafür sorgen, daß jeder möglichst sein Leben auskostet und möglichst wenig zu arbeiten hat. Die Maschinen werden für uns arbeiten, wir haben nur nötig, sie zu überwachen, und zwar niemand mehr als täglich höchstens vier Stunden; vielleicht kommt man sogar so weit, daß man gar nichts zu tun braucht. Ein Vergnügen! all unsere Bedürfnisse sollen Pflege und reichliche Befriedigung finden, Fleisch, Wein, Weiber, dreimal mehr als heute werden wir von allem genießen, weil wir kräftiger und gesünder sein werden. Keine Armen, keine Kranken, keine unglücklichen Greise wird es mehr geben, denn alles wird besser eingerichtet sein, ein weniger saures Leben, bessere Krankenhäuser, tüchtige Altersversorgungs-Anstalten. Ein wirkliches Paradies; alle Errungenschaften unseres Geistes, alles Wissen wird nur dem einen Zwecke dienen, uns das Leben zu verschönern, und es wird eine Freude sein zu leben.« Buteau war hingerissen, er hieb mit der Faust auf den Tisch und brüllte: »Die Steuern zum Teufel! Der Militärdienst zum Teufel, alle Scherereien zum Teufel! nichts wie Vergnügen! Ich unterschreibe.« »Gewiß,« bestätigte Delhomme ernst, »man müßte sich selbst nicht liebhaben, wenn man nicht unterschreiben wollte.« Auch Fouan stimmte zu, ebenso Macqueron, Clou und die anderen. Bécu, der Freund der Obrigkeit, trat entsetzt zu Hourdequin hinan und fragte ihn flüsternd, ob er diesen Banditen, der den Kaiser angreife, nicht dingfest machen solle. Doch der Besitzer beruhigte ihn mit einem Achselzucken. Ach ja, das Glück! Man träumte davon, es durch die Wissenschaft zu erreichen, wie man bisher gemeint, es durch Recht und Gerechtigkeit zu erlangen; der neue Grundsatz war vielleicht folgerichtiger, denn er ließ der Verwirklichung Zeit und Spielraum. Von neuem wollte der Schulze aufbrechen; er rief Hans, der kein Wort von dem Gespräch verloren. Im selben Augenblick aber gab plötzlich Lequeu dem Bedürfnis nach, seine Meinung zu äußern, was ihm wie eine mühsam verhaltene Wut die Brust beklommen. Mit seiner kreischenden Stimme rief er: »Wenn ihr alle nicht krepiert seid, bevor diese herrlichen Dinge sich verwirklichen. Krepiert vor Hunger oder niedergemacht von den Gendarmen, wenn euch der Hunger rebellisch macht. Man starrte ihn an, ohne zu verstehen. »Sicher gibt es, wenn das Getreide noch ferner aus Amerika eingeführt wird, in hundert Jahren nicht einen einzigen Bauern mehr in Frankreich ... Kann es unser Boden mit dem da drüben aufnehmen? Uns bleibt nicht einmal die Zeit, die neue Bodenkultur zu erproben; ehe wir es uns versehen, hat uns der andere Weltteil mit Getreide überschwemmt. Ich habe ein Buch gelesen, das es deutlich beweist; ihr seid geliefert ...« Doch inmitten seiner zornigen Rede fühlte er all die bestürzten Blicke auf sich gerichtet. Er brach ab, ballte grollend die Faust, ergriff seine Zeitung und tat, als fahre er im Lesen fort. »Das stimmt,« fiel Canon ein, »gerade wegen der Einfuhr aus Amerika seid ihr geliefert, wenn sich das Volk nicht der großen Ländereien bemächtigt.« »Und ich,« schloß Hourdequin, »ich wiederhole euch, dieser Einfuhr muß vorgebeugt werden ... Jetzt stimmt für Herrn Rochefontaine, wenn ihr einen anderen Schulzen wollt, und wenn es euch recht ist, daß das Korn für fünfzehn Franken verkauft wird.« Er bestieg seinen Wagen. Hans wechselte einen Blick des Einverständnisses mit Franziska, dann folgte er seinem Herrn. »Man darf nicht zuviel an diese Sachen denken, man würde den Verstand verlieren,« sagte der Bursche, das Pferd antreibend. Der Besitzer nickte. In der Schenke plauderte Macqueron leise sehr lebhaft mit Delhomme. Canon blickte wieder mit seinem höhnenden Lächeln drein, während er die Branntweinflasche mit Jesus leerte, der etwas aus der Fassung geraten schien, und den sein Kumpan »Fräulein Dreiundneunzig« anredete. Als Buteau aus seinen Grübeleien erwachte, sah er plötzlich, daß Hans verschwunden war, und gewahrte gleichzeitig Franziska, die an Berthas Seite dem Gespräch der Männer zugehört hatte. Er war ärgerlich, daß ihn die verdammte Politik seine eigenen Angelegenheiten hatte vergessen lassen. Er hatte eine lange Unterredung mit Celine, die ihn bestimmte, kein Aufsehen zu machen; es sei besser, daß Franziska von selbst zu ihm zurückkehre, sobald man sie beruhigt habe. Buteau ging endlich ebenfalls, indem er erklärte, er werde das Mädel mit einem Stock und einem Knüttel holen, wenn sie sich nicht bekehre. Am nächsten Sonntag wurde Herr Rochefontaine erwählt; Hourdequin reichte dem Präfekten sein Entlassungsgesuch ein, um einer Enthebung vorzubeugen. Macqueron ward Schulze von Rognes. Am Abend desselben Tages überraschte man Lengaigne dabei, wie er vor der Haustür seines siegreichen Gegners eine Zaunrose pflanzte. »Ich tue es, wo es mir beliebt! rief er wütend. »Jetzt regieren ja ohnehin die Schweine.« Sechstes Kapitel. Die ganze nächstfolgende Woche blieb Franziska bei ihrer hartnäckigen Weigerung, in das Haus ihrer Schwester zurückzukehren, und es kam zu einer furchtbaren Szene auf offener Straße. Buteau wollte das Mädchen mit Gewalt heimschleppen; er zerrte sie an den Haaren und mußte sie endlich freigeben, nachdem sie ihn in den Daumen gebissen. Macqueron ward unter solchen Umständen bange und forderte selbst die Kleine auf, sein Haus zu verlassen, da er als Vertreter der Obrigkeit ihre Widersetzlichkeit den Verwandten gegenüber nicht ermutigen könne. Als hiervon die Rede war, kam gerade die Große vorüber, und diese nahm Franziska mit sich. Das einzige Sinnen und Trachten dieser jetzt achtundachtzigjährigen Frau war, einst ihren Erben mit ihrer Hinterlassenschaft allerhand Prozeßverwickelungen anzuhängen. Vergeblich machte sie, um niemandem Unrecht zu tun, ein sorgfältig so verquicktes Testament, daß nach ihrem Tode ein heller Krieg unter den Verwandten entbrennen mußte; da sie ihre Habe nicht mit sich nehmen konnte, war es ihr eine Genugtuung zu wissen, daß es den Erben nichts anderes werden würde, als ein Zankapfel. Auch schon jetzt an ihrem Lebensabend machte es ihr ein besonderes Vergnügen, die Glieder der Familie sich untereinander befehden zu sehen. Deshalb entschloß sie sich auch, Franziska in ihr Haus zu nehmen, nachdem ihr Bedenken, des Mädchens Anwesenheit unter ihrem Dache könne ihr Geld kosten, durch den Vorsatz beschwichtigt ward, ihr möglichst schmale Kost gegen desto größere Arbeitsleistung zu verabfolgen. Bereits am ersten Abend ließ sie das ganze Haus von der Kleinen scheuern und waschen. Als Buteau sich einfand, empfing sie ihn stehend und blickte so drohend drein mit ihrem bösen Raubvogelgesicht, daß er, der erklärt hatte, bei Macqueron alles kurz und klein schlagen zu wollen, vor ihr kleinlaut ward und in Ansehung des einst zu erwartenden Erbes jeden Versuch unterließ, ihren Willen zu bekämpfen. »Ich brauche Franziska, ich behalte sie, da es ihr bei euch nicht gefällt. Übrigens ist sie jetzt großjährig. Ihr habt mit ihr Abrechnung zu halten. Wir reden noch darüber.« Wütend verließ Buteau das Haus, mit Schreck erfüllt vor den Verdrießlichkeiten, die er kommen sah. Acht Tage später gegen Mitte August hatte Franziska ihr einundzwanzigstes Jahr erreicht. Jetzt konnte sie frei über sich verfügen. In Wirklichkeit war ihre gegenwärtige Lage nicht viel rosiger als die Vergangenheit. Auch sie zitterte vor ihrer Tante, und die Arbeit, welche sie leisten mußte, war fast übermenschlich. In dieser kalten Wohnstätte des Geizes sollte alles blank und rein sein, ohne daß dabei Seife oder Bürste verbraucht werden durften; die Arme und kaltes Wasser mußten ausreichen. Als sie eines Tages sich erlaubt hatte, den Hühnern einige Körner Getreide hinzuwerfen, versetzte ihr die Große einen so mächtigen Hieb mit ihrem Stecken, daß die Striemen wochenlang sichtbar blieben. Man erzählte sich, die furchtbare Frau spanne ihren Enkel Hilarion vor den Wagen, um ihr Pferd zu schonen. Es war wohl erfunden, doch der Bursch wurde gewiß schlechter gehalten als ein Haustier; sie prügelte ihn bei jedem Anlaß, überbürdete ihn dermaßen mit Arbeit, daß er trotz seiner Riesenkraft oft wie tot zusammenbrach; dabei wurde er gleich den Schweinen mit Abfall und trockenen Brotrinden ernährt und aß sich niemals satt. Als Franziska sah, daß es ihr nicht besser gehen werde, hatte sie nur noch den einen Wunsch, das Haus der Tante zu verlassen. Darum faßte sie plötzlich den Entschluß, sich zu verheiraten. Sie wollte sich um jeden Preis aus ihrer augenblicklichen Lage befreien. Ehe sie sich mit Lise ausgesöhnt hätte, wäre sie ins Wasser gesprungen; sie fühlte sich in ihrem Rechte, und wie schon in ihrer Jugend ward ihr dies Bewußtsein allein maßgebend; sie warf sich nur das eine vor, daß sie sich so lange Zeit hatte quälen lassen; dabei vergaß sie fast Buteaus Schändlichkeiten und klagte nur immer ihre Schwester an, der sie alle Schuld beimaß. Heute, wo man gebrochen, für immer gebrochen hatte, lebte Franziska nur in dem Verlangen, ihr Erbe anzutreten. Dieser Gedanke beschäftigte sie von früh bis spät, und es bekümmerte sie, daß so viele Förmlichkeiten zu erfüllen waren. Wie? Dies ist mein, dies ist dein, und das ließ sich nicht in drei Minuten abwickeln? Man mußte sich gegen sie verschworen haben. Sie hatte die ganze Familie im Verdacht und war schließlich mit sich darüber einig, daß nur ein Gatte sie aus dieser mißlichen Lage befreien könne. Zwar besaß Hans nicht eine Handbreit Feld und war außerdem fünfzehn Jahre älter als sie. Doch kein anderer Bursch hielt um sie an, nicht einer fand den Vorkommnissen mit dem in ganz Rognes gefürchteten Buteau gegenüber den Mut hierzu. Und dann hatte sie doch schon einmal intim mit Hans verkehrt; allerdings war es kein bindender Grund, da die Sache keine Folgen gehabt. Andererseits aber war Hans ein braver, anständiger Mann; also warum ihn nicht nehmen, da sie keinen anderen liebte und sich nur verheiratete, um einen Verteidiger zu haben und Buteau zu ärgern? Jetzt werde auch sie einen Mann haben! Hans war dem Mädchen sehr zugetan geblieben. Sein Verlangen nach ihrem Besitze hatte sich während des mehrjährigen vergeblichen Sehnens um ein Bedeutendes abgeschwächt; dessenungeachtet kam er ihr stets aufs liebevollste entgegen, denn sie hatten sich ja einander versprochen. Er hatte geduldig bis zu ihrer Großjährigkeit gewartet, hatte sie stets ermahnt, sich in Geduld zu fügen und nicht durch einen unklugen Schritt die öffentliche Meinung gegen sich herauszufordern. Jetzt mußten alle anständigen Leute auf ihrer Seite stehen. Ob er auch ihren plötzlichen Bruch mit den Verwandten mißbilligte, wiederholte er deshalb ihr tröstend, sie sei in ihrem Rechte; sobald sie wolle, könne man von dem übrigen reden, er sei bereit. So wurde die Heirat eines Abends beschlossen, als er sie hinter dem Stall der Großen aufgesucht. Ein verwitterter Zaun schloß dort einen verlassenen Winkel des Gehöftes ab, sie stand innerhalb, er draußen, der Abfluß des Stalles rieselte zwischen ihren Füßen durch den Sand. »Weißt du, Korporal,« begann sie und schaute ihm in die Augen: »Wenn es dir noch recht ist, ich bin jetzt einverstanden.« Auch er blickte sie an, indem er langsam versetzte: »Ich bin nicht mehr darauf zurückgekommen, weil es so ausgesehen hätte, als habe ich es auf deinen Besitz abgesehen ... Aber du hast recht, jetzt ist es Zeit.« Er hatte seine Hand auf die ihre gelegt, die auf dem Bretterzaun ruhte. Beide schwiegen. Endlich hub er wieder an: »Du darfst dir keine Sorge betreffs der Cognette machen; seit fast drei Jahren habe ich nicht mal mehr ihre Hand berührt.« »Das ist so wie mit mir,« antwortete sie, »ich will nicht, daß du mich im Verdacht mit Buteau haben sollst ... Der Schuft sprengt überall aus, daß er mich gehabt hat. Vielleicht glaubst du es gar?« »Alle hier glauben es ...« versetzte er ausweichend. Da sie ihn noch immer anblickte, fügte er hinzu: »Ja, ich hab' es geglaubt ... Und ich wunderte mich nicht, weil ich den Lumpen kenne; du mußtest ihm schließlich in die Hände fallen.« »Versucht hat er's mit List und Gewalt. Aber wenn ich dir schwöre, daß es ihm niemals gelungen ist, niemals, glaubst du mir dann?« »Ich glaube dir.« Um ihr seine Freude auszudrücken, preßte er ihre Hand in der seinen, indem er die Ellbogen auf das Staket lehnte. Er merkte, daß die Jauche am Fußboden seine Schuhe näßte; er spreizte die Beine, indem er fortfuhr: »Es sah so aus, als bliebest du gern bei ihm, es konnte ja sein, daß dir sein Nachstellen gefiel.« Sie senkte verlegen den Blick, der eben noch so freimütig zu ihm aufgeschaut. »Um so mehr als du mit mir nichts zu tun haben wolltest; erinnerst du dich? Nun, alles wendet sich zum Guten. Ich war so unglücklich, daß wir kein Kind hatten; aber besser, es kommt jetzt, das ist anständiger.« Er unterbrach sich und deutete auf ihre Füße: »Sieh dich vor, du machst dich naß in der Rinne.« Sie trat ebenfalls einen Schritt vom Zaun zurück, indem sie sagte: »Also wir sind einig.« »Gewiß, wir sind einig, bestimme den Tag, wann die Hochzeit sein soll.« Sie küßten sich nicht einmal. Sie schüttelten sich wie ein paar gute Freunde die Hände über der hölzernen Wand. Hierauf ging jedes seinen Geschäften nach. Als Franziska abends der Großen ihren Entschluß, Hans zu heiraten, mitteilte, indem sie ihr erklärte, daß sie eines Mannes bedürfe, um in den Besitz ihres Eigentums zu gelangen, antwortete die Große zuerst nichts. Stumm blickte sie das Mädchen mit ihren runden Augen an, berechnete den Vorteil und Nachteil, der ihr aus dieser Verbindung erwuchs, und das Vergnügen, das es ihr verursachte, wenn Buteau sich ärgerte. Erst am nächsten Tage drückte sie ihre Zufriedenheit mit der Heirat aus. Die ganze Nacht hatte sie über die Sache nachgegrübelt, denn sie schlief fast nie mehr; offenen Auges hatte sie mit höhnischer Schadenfreude an die Folgen des Bündnisses gedacht und war zu dem Entschlüsse gelangt, es müsse der ganzen Familie im höchsten Grade ungelegen kommen und allseits die größte Unzufriedenheit hervorrufen. Diese Erwägungen erweckten in ihr ein mächtiges Interesse an der Sache, ein ungestümes Verlangen, sie persönlich zu fordern; sie erklärte ihrer Nichte, sie wolle alles in die Hand nehmen; »aus Freundschaft«, setzte sie hinzu, indem sie ihren Stock schwang: »Weil die anderen dich verlassen, werde ich deine Mutter sein. Jetzt wird man was erleben!« Zunächst ließ die Große ihren Bruder Fouan vor sich erscheinen, um mit ihm über die Rechnungslegung seiner Vormundschaft zu reden. Doch der Alte vermochte ihr keinerlei Aufschlüsse zu geben. Es sei nicht seine Schuld, daß man ihn zum Vormund ernannte; übrigens habe Herr Baillehache alles gemacht, diesen müsse man fragen. Als er merkte, daß man gegen Buteau arbeite, tat er noch bestürzter; das Alter und das Bewußtsein seiner Hilflosigkeit machten ihn furchtsam, feig und abhängig von aller Welt. Warum sollte er es mit den Buteau verderben? War er doch schon zweimal drauf und dran gewesen, zu ihnen zurückzukehren nach einigen in Todesangst verlebten Nächten, wo Jesus und Dreckbatzen an sein Bett geschlichen und ihre nackten Arme bis unter sein Kopfpolster gesteckt hatten, um ihm seine Papiere zu rauben; sicher würden die beiden ihn eines Tages umbringen, wenn er nicht beizeiten das Schloß verließe. Als die Große von ihm keine Aufklärung erlangen konnte, rief sie aufgebracht, er werde vors Gericht kommen, wenn Franziskas Erbe angetastet worden. Delhomme, den sie darauf als Mitglied des Familienrates mit ihren Fragen beunruhigte, kehrte so aufgeregt nach Hause heim, daß Fanny hinter seinem Rücken zur Großen gelaufen kam und beteuerte, sie zögen vor, aus ihrer eigenen Tasche Geld herzugeben, ehe sie es auf einen Prozeß ankommen ließen. Die Sache war im Zuge und versprach sehr lustig zu werden. Die Frage war, ob man sofort die Erbschaftsteilung in Angriff nehmen oder vorher das Paar verheiraten solle. Die Große überlegte während zweier Nächte, dann erklärte sie sich für die Eheschließung: wenn Franziska mit dem ihr angetrauten Hans zur Seite ihr Erbe forderte, war die Verlegenheit der Buteau nur noch größer. Darum beschleunigte die alte Frau nach Möglichkeit die Angelegenheit. Sie ward förmlich wieder jung vor Eifer; sie besorgte die Papiere Franziskas, ließ sich die von Hans einhändigen, machte die nötigen Schritte auf dem Schulzenamte und in der Kirche, ja, sie trieb ihren Eifer so weit, daß sie das erforderliche Geld vorstreckte; allerdings nicht ohne sich von den beiden Brautleuten einen Schein unterzeichnen zu lassen, auf dem die geliehene Summe der Zinsen wegen verdoppelt wurde. Hart kamen ihr die verschiedenen Gläschen Wein an, die sie nicht umhin konnte, bei Gelegenheit der Vorbereitungen zur Hochzeit anzubieten; doch sie hatte ihren Freundschaftswein, der so ungenießbar war, daß jedermann nur der Form wegen davon nippte. Die Große entschied, daß man in Ansehung der Zerwürfnisse zwischen den Verwandten kein Hochzeitsmahl gebe: einfach eine Messe und darauf ein Gläschen Freundschaftswein, um auf das Wohl der Neuvermählten anzustoßen. Das Ehepaar Karl, das man eingeladen, entschuldigte sich mit den Sorgen, die ihm der Schwiegersohn Vaucogne mache. Fouan legte sich bange zu Bett und ließ sich krank melden. Von den Verwandten erschienen nur Delbomme, der sich bereit fand, einer von Franziskas Zeugen zu sein, aus Achtung für Korporal, wie er sagte, den er für einen braven Mann halte. Hans seinerseits lud nur seine beiden Zeugen, seinen Herrn, den Besitzer Hourdequin, und einen Knecht von der Borderie. Diese so hurtig betriebene Heirat, der soviel bewegte Familienszenen vorangegangen, war ein Ereignis für Rognes; unter jeder Haustür standen Neugierige, als man zum Standesamt aufbrach. Wie Macqueron beim Trauungsakte seinem Vorgänger im Amte gegenüberstand, blähte er sich förmlich auf im Bewußtsein seiner Würde; er nahm den Mund sehr voll und verlieh der Feier ein übertrieben salbungsvolles Gepräge. In der Kirche fand ein bedauerlicher Zwischenfall statt; der Abbé Madeline wurde bei der Messe ohnmächtig. Der Pfarrer kränkelte seit einiger Zeit: das Heimweh nach seinen Bergen beklomm seine Brust; der Mangel religiösen Sinnes in seiner neuen Gemeinde erfüllte ihn mit Betrübnis: und die Klatschereien und Streitigkeiten der Weiber machten ihn so mutlos, daß er nicht einmal mehr wagte, ihnen mit der Hölle zu drohen. Sie fühlten, daß es ihm an jeder Willenskraft fehle; diese seine Schwäche mißbrauchten sie und gingen so weit, ihn selbst in der Ausübung seines geistlichen Amtes mit allerhand Anforderungen und Zumutungen zu tyrannisieren. Doch als er jetzt vor dem Altar zusammenbrach, leisteten Celine, Flora und die anderen voll Mitleid hilfreiche Hand; der Vorfall bedeute Unglück, versicherten die Frauen und verkündeten den baldigen Tod der Neuvermählten. Man war übereingekommen, daß die junge Frau fortfahren solle, bei der Großen zu wohnen, bis die Erbschaftsteilung erledigt sei. Franziska hatte in ihrer eigensinnigen Art erklärt, sie müsse das Haus des Vaters haben: warum also für zwei Wochen eine andere Wohnung mieten? Hans, der inzwischen auf dem Gut in Dienst verblieb, sollte jeden Abend zu seinem Weibe nach Rognes herüberkommen. Ihre Hochzeitsnacht war abgeschmackt und freudlos, trotzdem beide ganz zufrieden waren, endlich vereint zu sein. Als er sein junges Weib in die Arme schloß, begann sie so bitterlich zu weinen, daß es ihr den Atem nahm, und doch war er keineswegs brutal mit ihr. Mitten in ihren Tränen versicherte sie ihm, sie habe nichts gegen ihn; sie weine, ohne selbst zu wissen warum, sie könne sich nicht helfen. Solch eine Szene war nicht dazu angetan, eines Mannes Sinne anzuregen. Zwar zog Hans ein zweitesmal seine Frau an seine Brust, behielt sie zärtlich in seiner Umarmung; aber keines von beiden empfand ein Vergnügen dabei; es war noch dümmer als an jenem ersten Tage in dem Getreide. Diese Dinge, erklärte Hans, verlieren zuviel von ihrem Reize, wenn man sie nicht gleich tut. Übrigens war trotz dieses Mißbehagens, dieser Art Verlegenheit, die zwischen ihnen Platz gegriffen, keines dem anderen gram; sie vermochten nicht zu schlafen; wie gute Freunde verbrachten sie die Nacht, darüber zu plaudern, wie sie alles einrichten wollten, sobald sie Haus und Acker besitzen würden. Am nächsten Tage verlangte Franziska die Teilung. Doch die Große hatte es nicht mehr so eilig; zunächst wünschte sie das Vergnügen, die Familie mit Nadelstichen zu quälen, zu verlängern; dann aber hatte sie soviel Vorteil aus der Dienstleistung der Kleinen gezogen und fand sich so wohl dabei, daß Hans jeden Abend die Miete seiner Kammer mit einer zweistündigen Arbeit abzahlte, so daß ihr keineswegs damit gedient war, wenn die beiden sie verlassen und ihr eigenes Heim beziehen würden. Die Alte mußte sich nichtsdestoweniger bequemen, zu Buteau zu gehen, um zu fragen, wie diese es mit der Teilung halten wollten. Im Namen Franziskas beanspruchte sie das Haus, die Hälfte des Ackers und die Hälfte der Wiese, während sie als Entgelt für das Haus auf den Anteil am Weingarten verzichtete. Diese Vorschläge waren nicht unbillig; eine gütliche Verständigung in diesem Sinne schien jedenfalls das Klügste, weil man dadurch die kostspielige Einmischung der Behörde vermied. Doch Buteau geriet beim Eintritt der Großen in eine furchtbare Aufregung; weil er sich aus Rücksicht auf das Vermögen der alten Frau nicht hinreißen lassen wollte, verließ er heftig das Zimmer. Lise blieb allein bei der Tante, sie war feuerrot vor Zorn und stieß wütend hervor: »Das Haus will dieses herzlose Ding, dieser Fetzen, der sich verheiratet hat, ohne uns ein Sterbenswort davon zu sagen! ... Sagt ihr, daß, solange ich leb', das Haus mein bleibt.« Die Große behielt ihre Ruhe. »Gut, gut, meine Tochter, reg' dich nicht unnötig auf ... Du willst auch das Haus, das ist dein Recht; wir werden sehen.« Drei Tage hintereinander ging sie so von einer Schwester zur andern, hinterbrachte jeder, was die andere über sie gesprochen, und regte die beiden Frauen dermaßen auf, daß sie vor lauter Ärger krank wurden. Dabei wiederholte sie ihnen unermüdlich, wie sie ihnen zugetan sei, wieviel Dank man ihr schulde, daß sie sich zu dieser aufreibenden Vermittlerrolle hergebe. Endlich kam man überein, daß sämtlicher Grund und Boden geteilt werde, während das Haus, die Wirtschaftseinrichtung und das Vieh gerichtlich versteigert werden sollten. Jede der beiden Schwestern versicherte, daß sie das Haus um jeden Preis erstehen werde, und solle sie ihr letztes Hemd dabei lassen. Grosbois erschien also, um die Felder abzumessen und in zwei gleiche Teile zu sondern. Es gab einen Hektar Wiese, ein Hektar Weingarten und zwei Hektar Ackerland. Dieses letztere gerade war es, was Buteau sich seit seiner Heirat so fest vorgenommen, niemals aus der Hand zu geben; denn es stieß unmittelbar an das Grundstück, das ihm von seinem Vater überkommen, und bildete mit diesem ein Gebiet von fast drei Hektaren, wie kein Bauer in Rognes ein ähnliches besaß. Darum war seine Verzweiflung grenzenlos, als er Grosbois seine Meßinstrumente auf diesem ihm so teuren Boden aufstellen sah. Die Große war erschienen, um den Vorgang zu überwachen; Hans hatte vorgezogen, fernzubleiben, damit keine Rauferei stattfinde. Es entstand eine Meinungsverschiedenheit, indem Buteau verlangte, daß die Grenzlinie parallel mit dem Aigretal gezogen werde, damit sein eigener Acker mit dem ihm zufallenden Teile in Verbindung stehe; die Tante aber forderte, daß man in derselben Weise teile, wie es in der Familie seit undenklicher Zeit geschehen, nämlich im rechten Winkel gegen das Tal zu. Sie setzte ihren Willen durch; Buteau ballte die Fäuste. »Kreuzdonnerwetter! wenn ich also das erste Los ziehe, ist mein Besitz in zwei Stücke geschnitten, ich hab' das da drüben, hier meinen Acker, und dazwischen liegt das zweite Los ...« »Ja, mein Junge, du mußt eben das Los ziehen, das dir in den Kram paßt.« Seit einem Monat kam Buteau nicht aus der Aufregung heraus. Zunächst war ihm das Mädchen entschlüpft, er ward förmlich krank vor unbefriedigtem Verlangen; es fehlte ihm etwas, seit er nicht mehr über sie herfallen, mit keckem Griff ihr nacktes Fleisch packen konnte, in der Hoffnung, sie einst doch zu bewältigen. Jetzt wußte er sie im Besitze des anderen, der sich mit ihr gütlich tat, soviel er wollte! Dieser Gedanke konnte ihn rasend machen. Jetzt riß ihm der andere auch dieses Land aus den Händen. Ebenso gern hätte er sich einen Arm abnehmen lassen. Das Mädchen mochte noch hingehen, dergleichen findet sich wohl wieder; aber das Land, dieser Boden, den er sein genannt, den er sich geschworen, nimmermehr herauszugeben! Es wurde ihm rot vor den Augen; er suchte immerfort nach einem Ausweg, hatte verworrene Gedanken von einem Gewaltstreich, einem Morde, Gedanken, welche nur die Furcht vor den Gendarmen hinderte, zur Tat zu werden. Es wurde eine Zusammenkunft bei Herrn Baillehache vereinbart, wo sich zum erstenmal Buteau und Lise dem neuen Paare Franziska und Hans gegenüberbefanden. Die Große hatte sich zu ihrem Vergnügen den letzteren angeschlossen, mit dem Vorgeben, sie wolle verhindern, daß die Dinge sich zum Bösen wendeten. Alle Fünf traten steif und Stumm in das Büro des Notars. Die Buteau setzten sich rechts nieder; links saß Franziska; Hans stellte sich hinter ihren Stuhl, wie um anzudeuten, das er nicht direkt beteiligt sei, sondern nur erscheine, um die Handlung seiner Frau zu bekräftigen. In der Mitte nahm die Tante Platz. Dürr und hochgereckt saß sie da, drehte ihre runden Augen, ihre Raubvogelnase bald zu dem einen, bald zu dem andern; sie war zufrieden. Die beiden Schwestern schienen sich nicht zu kennen, sie wechselten kein Wort, keinen Blick, ihre Gesichter waren hart und verschlossen. Die Männer tauschten einen einzigen Blick: tief dringend flammte es auf unter ihren Lidern wie ein Messerstich. »Meine Freunde,« begann Herr Baillehache, unberührt von dieser feindlichen Haltung seiner Klienten, »wir wollen zunächst die Teilung des Grund und Bodens erledigen, über die ihr einig seid.« Diesmal verlangte er vor der Auslosung ihre Unterschriften. Die Urkunde war fertig, hinter jedem Namen war ein freier Platz gelassen für die gezogene Nummer. Alle mußten unterzeichnen: darnach nahm der Notar sofort die Verlosung vor. Aber Franziska zog die Nummer zwei; Lise mußte Nummer eins nehmen. Buteaus Gesicht wurde dunkelblau, so heftig trieb ihm der Zorn das Blut ins Gehirn. Dieses verwünschte Pech! Jetzt lag der Acker dieses Landstreichers und seiner Dirne mitten eingekeilt zwischen seinen Feldern! »Himmel Kreuz Donnerwetter! Himmel Kreuz Donnerwetter!« murmelte er. Der Notar bat ihn zu warten, bis er auf der Straße sei. »Es ist nur, weil es unser Grundstück in zwei Stücke zerschneidet,« erklärte Lise, ohne die Schwester mit einem Blicke zu streifen. »Vielleicht möchte man einen Tausch machen. Uns wäre damit gedient, und niemand kommt dabei zu kurz.« »Nein!« rief Franziska kurz. Die Große nickte zustimmend: es bringe Unglück, wenn man die Bestimmungen des Loses umstoße. Diese boshafte Tücke des Schicksals machte der Alten eine ersichtliche Freude. Hans hinter dem Sessel seiner Frau blieb ruhig; er war entschlossen, sich nicht einzumengen, kein Zug in seinem Antlitz bewegte sich. »Also fahren wir fort,« nahm der Notar wieder das Wort; »vertrödeln wir die Zeit nicht.« Die Schwestern ernannten ihn übereinstimmend zum Versteigerer des Hauses, des Mobiliars und der Haustiere. Er übernahm es, die Versteigerung öffentlich bekannt zu geben und setzte sie auf den zweitnächsten Sonntag fest. Sie sollte in seinem Büro stattfinden; es wurde bestimmt, daß der Käufer das Recht habe, am Tage der Versteigerung Besitz von dem Gehöft zu ergreifen. Nach dem Verkaufsakt aber werde man die noch schwebende Rechnungslegung zwischen den Geschwistern erledigen. All dies wurde mit lautlosem Kopfnicken genehmigt. In diesem Augenblick trat Fouan ein, während ein Schreiber den ebenfalls zur Tür drängenden Jesus zurückhielt, denn der Strolch war total betrunken. Obwohl Franziska seit einem Monat für großjährig erklärt worden, hatte Fouan noch keinen Rechenschaftsbericht seiner Vormundschaft geliefert; das verwickelte die Sache, es war erforderlich, dies zunächst zu erledigen, um den alten Mann seiner Verantwortlichkeit zu entheben. Mit seinen kleinen, kreisrunden Augen schaute der Greis von einem zum andern; er zitterte; eine große Bange, mit den Gerichten zu tun zu bekommen, erfüllte ihn. Der Notar hatte einen Entwurf dieser Vormundschaftsrechnung entworfen; er las ihn vor. Alle hörten mit zwinkernden Lidern aufmerksam und ängstlich zu; sie verstanden nicht alles und fürchteten, wenn ihnen ein Wort entschlüpfe, könne gerade dieses Wort ihnen zum Nachteil gereichen. »Habt ihr Einspruch zu erheben?« fragte Herr Baillehache, als er mit dem Lesen zu Ende war. Sie blickten verdutzt drein. Welchen Einspruch? Vielleicht vergaßen sie etwas und erlitten einen Verlust? »Halt!« rief plötzlich die Große, »dabei kommt Franziska durchaus nicht auf ihre Rechnung. Mein Bruder muß sich wahrlich absichtlich Augen und Ohren verstopfen, um nicht zu sehen, daß sein Mündel bestohlen ist.« Fouan stotterte: »Wie? Was? ... Ich hab' ihr nicht einen Sou genommen, ich schwöre es vor Gott!« »Ich sage, daß Franziska seit der Verheiratung ihrer Schwester, das heißt seit fast fünf Jahren, bei ihren Verwandten gearbeitet hat und man ihr einen Lohn schuldet.« Buteau fuhr bei diesem unvermuteten Worte auf seinem Stuhle empor, Lise erschrak nicht minder. »Lohn? ... Wie? einer Schwester? ... Wahrhaftig, das wäre zu erbärmlich!« riefen sie durcheinander. Herr Baillehache brachte sie zum Schweigen, indem er bemerkte, die minderjährige Schwester habe vollkommen das Recht, einen Lohn zu beanspruchen, es handle sich darum, ob sie dies Recht geltend machen wolle. »Ja, ich will,« sagte Franziska, »ich will alles, was mein Recht ist.« »Und was sie gegessen hat?« schrie Buteau außer sich. »Sie hat tüchtig dreingehauen ins Brot und ins Fleisch; sie ist nicht umsonst fett geworden.« »Und die Linnen und die Kleider?« fiel Lise wütend ein. »Und die Wäsche? In zwei Tagen machte sie ein Hemd schmutzig, so hat sie geschwitzt.« Franziska versetzte gereizt: »Wenn ich soviel schwitzte, so muß ich wohl tüchtig gearbeitet haben.« »Der Schweiß trocknet, er schmutzt nicht,« meinte die Große. Von neuem griff Herr Baillehache ein. Er erläuterte ihnen, daß man die Sache berechnen müsse, daß der Lohn einerseits, der Unterhalt und die Kleidung andererseits einander gegenüberzustellen seien, um die Ansprüche der jungen Frau festsetzen zu können. Er ergriff eine Feder und versuchte, nach ihren Angaben diese Rechnung aufzustellen. Das ward entsetzlich. Franziska, von der Großen unterstützt, übertrieb ihre Forderungen, schätzte ihre Arbeit sehr teuer, machte alles namhaft, was sie im Hause geleistet: die Pflege der Kühe, die Wirtschaft, das Geschirrwaschen und dann die Feldarbeit, wo ihr Schwager sie wie einen Mann schaffen ließ. Die Buteau hinwiederum wollten die Kosten möglichst hoch anschlagen; sie zählten die Mahlzeiten, schlugen den Preis der Bekleidungsgegenstände auf, beanspruchten selbst das Geld für die Geschenke, die sie der Schwester zu ihren Namenstagen gemacht. Doch trotz alledem stellte es sich heraus, daß sie hundertsechsundachtzig Franken schuldig blieben. Den Zweien zitterten die Hände vor Aufregung, und ihre Augen brannten wie im Fieber, während sie ratlos ins Leere starrten, als suchten sie, was sie noch abziehen könnten. Man war im Begriffe, diese Ziffer anzunehmen, als Buteau doch noch etwas einfiel: »Halt! und der Arzt, als sie krank war? ... Er ist zweimal gekommen. Das macht sechs Franken.« Die Große wollte der Gegenpartei nicht diesen Sieg lassen; sie drang in Fouan, er solle sich erinnern, wieviel Tage Franziska sich auf dem Hofe verdingte, als der Alte im Hause gewohnt. Waren es fünf oder sechs Tage zu dreißig Sous? »Sechs!« ... »Fünf!« riefen Franziska und Lise hin und zurück, als würfen sie sich mit Steinen. Der Alte klopfte sich verwirrt mit beiden Fäusten an die Stirn und gab bald der einen recht, bald der andern. Franziska siegte; die Gesamtsumme war hundertneunundachtzig Franken. »Also das ist alles?« fragte der Notar. Buteau saß wie zerschmettert auf seinem Stuhl, wie vernichtet von dieser immer mehr angewachsenen Rechnung. Er kämpfte nicht mehr, er meinte, es sei zu Ende. Mit kläglicher Stimme murmelte er: »Wenn man mein Hemd will, so werd' ich's ausziehn.« Aber die Große hatte noch einen letzten großen Schlag vorbehalten, eine sehr beträchtliche und doch ganz natürliche Forderung, die alle vergaßen. »Hört mal! Und die fünfhundert Franken Entschädigung, die ihr für die Chaussee da oben einkassiert habt?« Mit einem Satze stand Buteau auf den Beinen; die Augen wollten ihm aus dem Kopfe, sein Mund stand weit offen. Er konnte nichts dagegen einwenden, jeder Streit war ausgeschlossen: er hatte das Geld eingenommen, er mußte die Hälfte herausgeben. Einen Augenblick suchte er, und da er keinen Ausweg fand, fiel er in der Raserei, die wie Wahnsinn in ihm emporkroch und ihm ans Hirn hämmerte, auf Hans los: »Elender Hund, der unsere Freundschaft zerstört hat! Ohne dich wären wir noch einträchtig beieinander ...« Hans, der sich bisher mit keinem Worte an dem Streite beteiligt, trat einen Schritt vor und sagte ruhig: »Nicht näher, oder ich schlag' drein!« Hastig sprangen Franziska und Lise auf und warfen sich zwischen die beiden; jede vor ihrem Manne aufgepflanzt, standen sie einander gegenüber; all der langsam angesammelte Haß sprühte aus ihren Blicken, sie schienen bereit, sich gegenseitig mit ihren Nägeln zu zerfleischen. Zweifelsohne wäre eine allgemeine Schlägerei ausgebrochen, wäre der Notar nicht, seine dienstliche Ruhe aufgebend, dazwischengetreten. »Alle Wetter, wartet doch, bis ihr draußen seid! Es ist ja fabelhaft, daß man zu keinem Ziel mit euch kommt ohne Balgerei!« Als alle, noch zitternd vor Aufregung, voneinander abließen, fuhr er fort: »Einig seid ihr, nicht wahr? Ich will also die Vormundschaftsrechnung fertigmachen, man unterzeichnet, und wir gehen an die Versteigerung des Hauses, um alles zu Ende zu bringen ... Geht jetzt nach Hause und seid vernünftig; die Dummheiten kommen zuweilen teuer zu stehen.« Diese Worte beruhigten sie vollends. Doch als sie das Zimmer verließen, beschimpfte Jesus, der draußen den Vater erwartet hatte, die ganze Familie, indem er schrie, es sei eine Schande, einen armen Alten in diese schmutzigen Geschichten zu verwickeln, vermutlich um ihn zu bestehlen. Sein Rausch erzeugte ihm eine zärtliche Rührung, er nahm den Arm des Vaters und führte ihn zu dem Marktkarren, den ihm ein Nachbar geliehen, und auf dem er den Greis wieder heimfuhr. Das Ehepaar Buteau verschwand; die Große ließ sich von Franziska und Hans im »Wackern Landmann« einen schwarzen Kaffee zahlen. Sie war in bester Laune. »Das hat mir einen famosen Spaß gemacht,« versicherte sie, den Zucker in ihre Tasche steckend. Sie hatte noch einen ausgezeichneten Einfall. Als man nach Rognes heimkam, begab sie sich zu Papa Saucisse, einem ihrer früheren Liebhaber, wie man behauptete. Da die Buteau geschworen hatten, sie würden bei der Versteigerung Franziska das Haus nicht lassen, und sollte es ihre Haut kosten, so dachte die Große, wenn der alte Bauer mitbiete, werde die Gegenpartei vielleicht keinen Argwohn schöpfen und ihm das Gehöft zuschlagen lassen; denn Saucisse war ihr Nachbar, es schien nicht unwahrscheinlich, daß er das Anwesen zu erstehen wünschte, um sich zu vergrößern. Der Alte erklärte sich gegen ein Geschenk bereit, diese Strohmannrolle zu übernehmen. Am Tage der Versteigerung kam es, wie die Große vorausgesehen. Wieder befanden sich in dem Büro des Herrn Baillehache das Ehepaar Buteau auf der einen Seite, Hans und Franziska auf der anderen mit ihrer Tante; außerdem hatten sich einige Bauern eingestellt, die meinten, man könne vielleicht kaufen, falls es umsonst zu bekommen sein sollte. Die Auktion begann. Lise und Franziska riefen mit kurzer Stimme hin und wieder ihre Angebote; in ein paar Augenblicken war man bis dreitausendfünfhundert Franken gekommen, eine Summe, welche dem wirklichen Werte des Hauses entsprach. Bei dreitausendachthundert verstummte Franziska. Jetzt trat Papa Saucisse in Tätigkeit. Er trieb bis viertausend und ging noch fünfhundert Franken höher. Erschrocken blickten Buteau und Lise einander an: es wurde unmöglich, der Gedanke an dies viele Geld machte ihnen das Blut erstarren. Doch ließ sich Lise noch bis fünftausend hinreißen; aber sie schien vollständig zerschmettert, als der alte Bauer mit einmal auf fünftausendzweihundert sprang. Das war zuviel, das Gehöft wurde ihm für diese Summe zugeschlagen. Die Buteau schmunzelten; es war nicht übel, diese große Summe einzunehmen, sobald Franziska und ihr Mann das Haus ebenfalls nicht bekamen. Doch als Lise in dies alte Gemäuer zurückkam, darin sie geboren war und ihr ganzes Leben verbracht, brach sie in Tränen aus. Auch Buteau drückte es wie ein Alp auf der Brust. Er machte seinem Schmerze Luft, indem er über seine Frau herfiel. Er, beteuerte er, hätte alles bis auf seine letzte Hose hergegeben, aber die Weiber! Die Weiber, die tun den Beutel und die Schenkel nur auf, wenn es eine Unterhaltung gibt. Er log, denn er selbst war es gewesen, der den Kampf abgebrochen; und beide schlugen sich! Dieses liebe, alte Haus der Fouans! Vor drei Jahrhunderten war's von den Voreltern gebaut; heute stand's zitternd da auf seinen alten Mauern, seine Vorderseite war mit Sprüngen und Rissen durchfurcht, seine Wände waren zusammengesickert, überall war's geflickt, gestützt, und die Winde der Beauce hatten es vornübergebeugt zur Erde. Seit drei Jahrhunderten bewohnte es die Familie, man hatte es lieben und verehren gelernt wie eine Reliquie, und in den Erbschaftsteilungen spielte es eine große Rolle. Mit einer mächtigen Ohrfeige streckte Buteau sein Weib zu Boden; sie erhob sich und versetzte ihm einen Fußtritt. Am nächsten Abend aber brach das Unglück herein. Saucisse war am Vormittag nach Rognes gegangen und hatte bei der Behörde seine Erklärung abgegeben; und bald wußte ganz Rognes, daß der Alte das Haus für Rechnung von Franziska erstanden mit Einverständnis ihres Gatten; nicht bloß das Haus hatte die Kleine an sich gebracht, sondern auch die Möbel, den Esel Gideon und Coliche. Bei den Buteau erhob sich nach Bekanntwerden dieser Neuigkeit ein Jammern und Wehgeheul, als habe der Blitz eingeschlagen. Mann und Frau wälzten sich weinend und schreiend am Boden, so groß war ihr Schmerz, daß sie unterlagen, daß die Schwester sie überlistet. Besonders brachte sie in Verzweiflung, daß das ganze Dorf sich darüber lustig machte, wie sie so wenig schlau gewesen. Sich so überrumpeln, sich so mir nichts dir nichts aus seinen vier Pfählen hinausdrängen lassen. Nein, das durfte nicht sein! Als die Große sich am selben Abend in Franziskas Namen einfand, um sich mit Buteau gütlich zu verständigen, wann sie das Haus räumen wollten, warf er, alle Rücksicht beiseite setzend, die Tante hinaus, indem er ihr nachrief: »Dreck!« Ihr war es nicht zuwider; sehr guter Laune trollte sie sich ihres Weges, nachdem sie ihm geantwortet, man werde den Gerichtsvollzieher schicken. In der Tat kam am nächsten Tage Vimeux noch zerlumpter als früher, bleich und verstört die Straße herauf und klopfte leise an Buteaus Tür. Von allen Haustüren spähten die Weiber herüber, zu sehen, wie die Sache enden werde. Niemand antwortete; der kleine Mann klopfte stärker und getraute sich selbst zu rufen, er bringe die gerichtliche Aufforderung, den Wohnsitz zu räumen. Da öffnete sich eine Dachlucke, ein Nachtgeschirr kam zum Vorschein und entleerte seinen Inhalt über den unglücklichen Gerichtsvollzieher. Er war von Kopf bis Fuß besudelt. Monatelang lachte Rognes über das Abenteuer. Jetzt ging die Große mit Hans zum Rechtsanwalt nach Chateaudun. Dieser setzte ihnen auseinander, daß der Austreibung ein Richterspruch und verschiedene Förmlichkeiten vorausgehen müßten; erst in fünf Tagen könne der Gerichtsvollzieher tätlich einschreiten, wobei man ihm im Notfalle zwei Gendarmen zu seiner Unterstützung zuteilen werde. Die Große drängte und wußte einen Tag zu gewinnen. Man war am Dienstag; als sie nach Rognes zurückkehrte, erzählte sie überall, Sonnabend werde Buteau mit bewaffneter Macht hinausgeworfen werden wie ein Dieb, wenn er nicht bis dahin die Wohnung geräumt habe. Als man Buteau diese Drohung hinterbrachte, schrie er, lebend verlasse er das Haus nicht, die Soldaten müßten die Mauern niederreißen, um ihn daraus zu verjagen. Er gebärdete sich so toll, daß sich die Leute fragten, ob er wirklich den Verstand verloren habe. Aufrecht in seinem Wagen stehend, fuhr er im Galopp über die Chaussee, ohne der Vorübergehenden zu achten oder anderen Fuhrwerken auszuweichen; selbst des Nachts begegnete man ihm bald hier, bald dort in rasender Schnellfahrt; niemand wußte, woher er kam, noch wohin er eilte. Ein Mann, der ihm zu nahe gekommen, erhielt einen Peitschenhieb. Er verbreitete überall Schrecken; das Dorf lebte in fortwährender Aufregung. Eines Tages hatte er die Haustür verrammelt, und die Nachbarn vernahmen ein furchtbares Schreien und Heulen hinter den verschlossenen Türen, worin sie die Stimmen von Lise und ihren beiden Kindern Julius und Laura zu erkennen meinten. Die Bauern bekamen Angst und gingen zu Rate; ein alter Mann gewann es über sich, lehnte eine Leiter an ein Fenster und kletterte hinauf, um zu sehen, was im Hause vorgehe. Doch das Fenster öffnete sich; Buteau warf die Leiter mit dem Alten um, so daß dieser schier die Beine brach. Könne man nicht in seinem Heim tun und lassen, was man wolle? schrie der Unhold mit geballten Fäusten; er werde ihnen allen den Garaus machen, wenn sie ihn nicht ungeschoren ließen. Lise zeigte sich ebenfalls mit ihren beiden Kindern, beschimpfte die Versammelten und rief, sie sollten ihre Nase nicht in Dinge stecken, die sie nichts angingen. Niemand wagte eine weitere Einmischung. Doch die Besorgnis der Dorfbewohner wuchs bei jedem neuen Lärm; die Leute legten das Ohr an die Spalten der Fensterläden und bekamen die entsetzlichsten Dinge zu hören, aus denen kein Mensch klug ward; die einen meinten, Buteau verfolge irgendeinen Plan, die anderen versicherten, er sei verrückt geworden; niemals erfuhr man, was die Wahrheit sei. Am Freitag, am Vorabend der gerichtlichen Austreibung, fand eine Szene statt, die mehr wie alles Vorhergegangene die Gemüter erregte. Buteau, der unweit der Kirche seinem Vater begegnete, kniete vor ihm nieder, weinte wie ein Kind und bat den Alten um Vergebung, daß er ihn schlecht behandelt. Vielleicht bringe ihm das solch Unglück. Er beschwor den Greis, er solle wieder zu ihm ziehen, und schien zu meinen, daß dies allein das Glück wieder in sein Haus bringen könne. Gelangweilt von dem Geplärr seines Sohnes und im höchsten Grade von seiner scheinbaren Reue in Erstaunen versetzt, versprach Fouan, seine Gastfreundschaft eines Tages anzunehmen, wenn erst der Familienzwist beigelegt sei. Endlich kam der Sonnabend. Die Aufregung Buteaus hatte noch zugenommen; von früh bis spät spannte er ein und wieder aus ohne irgendeinen Anlaß; die Leute liefen diesen Fahrten erschreckt aus dem Wege. Um acht Uhr morgens schirrte er sein Pferd nochmals an, doch er ließ den bespannten Wagen im Hof; hierauf stellte er sich unter die Pforte, rief die Vorübergehenden an, lachte, weinte, schrie und sprach in den rohesten Ausdrücken von seinen Angelegenheiten. »He? ist es nicht schnurrig, daß man sich von einer Dirne vor die Tür setzen lassen muß, die einem fünf Jahre lang als Matratze gedient? Eine ganz gemeine Gassendirne, nichts anderes, und die Schwester auch! Zwei Menscher, die sich alle Tage geprügelt, weil jede die erste sein wollte.« So wiederholte er in den schändlichsten Reden die elende Lüge; es schien, als wolle er sich in dem unflätigen Wortschwall berauschen, sich damit entschädigen für das Ungemach, das ihm widerfuhr. Lise kam aus dem Hause; ein scheußlicher Streit brach zwischen den Gatten aus. Buteau prügelte sein Weib in Gegenwart des versammelten Dorfes durch; ihr ward darauf leichter zumute, und sie kehrte beruhigt ins Haus zurück; auch ihm hatte es wohlgetan, daß er tüchtig dreingeschlagen. Er blieb unter der Tür und erwartete die Polizei. Als sich diese immer noch nicht sehen ließ, wurde er übermütig, triumphierte und machte sich über die Behörde lustig. Endlich um vier Uhr erschien Vimeux mit zwei Gendarmen. Buteau erbleichte, er mochte nicht geglaubt haben, daß es doch ernst werde. Schnell verschloß er das Hoftor. Das Haus ward totenstill. Vimeux war ein anderer, als ihm jetzt die bewaffnete Macht zur Seite stand. Mit beiden Fäusten hieb er an die Tür. Nichts antwortete. Die Gendarmen traten herzu und bearbeiteten mit Kolben die alte Pforte. Eine Menge Männer, Weiber und Kinder waren im Gefolge des Gerichtsvollziehers und seiner Bedeckung erschienen; ganz Rognes wartete der Dinge, die da kommen sollten. Plötzlich öffneten sich die Torflügel wieder; Buteau, auf seinem Wagen stehend, ward sichtbar. Er peitschte sein Pferd, fuhr gerade auf die auseinanderstiebende Menge los und schrie, während die Weiber und Kinder aufkreischten: »Ich geh' ins Wasser! Ich geh' ins Wasser!« Er gab das Spiel auf und wollte sich mit Pferd und Wagen in die Aigre stürzen. »Platz da! Ich geh' ins Wasser!« Alles machte vor den knallenden Peitschenhieben Platz. Doch wie Buteau jetzt das Tal hinabraste, stürzten die Bauern ihm nach. Dieser Starrkopf war imstande, gerade in den Fluß zu fahren, um dem Dorfe einen Possen zu spielen. Man holte ihn ein; die einen fielen dem Pferde in die Zügel, die anderen sprangen in den Wagen und rangen mit dem aufgeregten Manne. Als man ihn endlich bewältigt nach dem Dorfe zurückfuhr, gab er keinen Ton mehr von sich; mit geballten Fäusten und knirschenden Zähnen ergab er sich in sein Schicksal. In diesem Augenblicke brachte die Große Franziska und Hans, damit diese von ihrem Hause Besitz ergreifen sollten. Buteau maß sie mit wilden Blicken, doch Lise gebärdete sich wie eine Wahnsinnige. Die Gendarmen befahlen ihr, ihre Sachen zusammenzupacken und das Feld zu räumen. Aber die Hände in die Hüften gestemmt, fiel sie über ihren Mann her. »Feigling, du siehst zu, wie sie uns auf die Straße werfen? Du Elender hast kein Herz in der Brust, sonst würdest du die Hunde niederschlagen ... Memme! Memme! Du bist kein Mann mehr!« Wie sie außer sich über ihre Ohnmacht ihm dies ins Gesicht schrie, packte er sie und warf sie mit so heftigem Stoß zur Seite, daß sie aufschrie. Dabei starrte er sie wild an, ohne einen Laut von sich zu geben. »Vorwärts, Mutter, beeilt Euch,« mahnte Vimeux triumphierend. »Wir gehen nicht eher vom Fleck, bis Ihr den neuen Besitzern die Schlüssel ausgeliefert habt.« Jetzt begann Lise mit wütender Miene ihre Sachen zu sammeln. Seit drei Tagen hatte sie bereits mit Buteau mancherlei aus dem Wege geräumt und das Ackerwerkzeug und das schwere Gerät zu ihrer Nachbarin, der Frimat, getragen. Sie mußten sich also doch auf die Katastrophe gefaßt gemacht haben; denn sie waren mit der alten Frau übereingekommen, daß diese ihnen, bis sie sich ein neues Heim gegründet hätten, ihr Haus vermiete, in dem sie nur eine Kammer für sich und ihren lahmen Mann behielt. Da die Möbel wie auch die Tiere mit dem Hause verkauft waren, blieb der Lise nur übrig, ihre Wäsche, ihre Matratzen und allerhand Kleinigkeiten fortzuschaffen. Alles flog durch Tür und Fenster auf den Hof hinaus. Die beiden Kinder heulten, als sei ihre letzte Stunde gekommen; Laura klammerte sich an die Röcke der Mutter, Julius lag mitten zwischen all den herumgeworfenen Sachen. Da Buteau keine Hand rührte, halfen die Gendarmen, zwei brave Burschen, der Frau die Pakete auf den bespannten Wagen laden. Doch noch einmal gab's einen lärmenden Auftritt, als Lise hinter der Großen Franziska und Hans gewahrte. »Scheusal!« schrie sie. »Du weidest dich an unserem Schmerze mit deinem alten Schurken von Mann. Es ist gerade so, als ob du unser Blut tränkest ... Du Räuberin, du Diebin!« Jedesmal, wenn sie etwas in den Hof hinausbrachte, wiederholte sie »Diebin! Diebin!« Franziska stand bleich und wortlos da mit zusammengekniffenen Lippen und loderndem Blick; jeden Gegenstand, den Lise aus dem Hause schaffte, musterte sie mit beleidigendem Argwohn, damit man ihr nichts forttrage. Sie entdeckte einen Küchenschemel, der ins Verkaufsinventar einbegriffen war. »Das gehört mir!« rief sie rauh. »Dir? So hol' dir's,« gab die andere zurück, indem sie den Schemel in den Mistpfuhl schleuderte. Das Haus war geräumt. Buteau faßte das Pferd am Zügel, Lise nahm ihre beiden Kinder, Julius auf den rechten Arm, Laura auf den linken; den alten Stammsitz verlassend, trat sie noch einmal auf die Schwester zu und spie ihr ins Gesicht. »Das ist für dich!« Franziska spie ebenfalls: »Das für dich!« Ohne die Blicke voneinander abzuwenden, wischten sich Lise und Franziska den Speichel von den Wangen. Sie waren getrennt fürs Leben. Buteau aber öffnete jetzt endlich den Mund; drohend hob er die Faust gegen das Haus. »Wir kommen wieder!« Die Große folgte ihnen mit den Blicken, um die Sache bis zum Ende auszukosten. Jetzt waren die einen besiegt, sie dachte bereits daran, wie sie den anderen zu Leibe könne, die sich so rasch aus ihren Händen befreit hatten und jetzt so glücklich schienen. Noch lange blieben die Dorfbewohner, in Gruppen plaudernd, vor dem Gehöft. Franziska und Hans waren in die leere Behausung getreten. Als die Buteau bei der Frimat ihre Habseligkeiten auspackten, wurden sie durch die Ankunft des alten Fouan überrascht. Verstört um sich blickend, als glaube er sich verfolgt, trat er ins Haus: »Gibt es hier einen Winkel für mich? Ich bleibe bei euch. Ein entsetzlicher Vorfall hatte ihn plötzlich aus dem Schlosse getrieben. Schon lange sah er fast allnächtlich Dreckbatzen im Hemd in seiner Schlafkammer erscheinen, um nach seinen Papieren zu suchen, die er in letzter Zeit im Freien in einem mit Gerölle verschütteten Felsloch versteckt hatte. Jesus schickte die Kleine, weil sie so leicht und geschmeidig war, sich auf ihren nackten Füßen unhörbar wie eine Eidechse zwischen den Sesseln durchschlich und unters Bett kroch. Sie war überzeugt, der Alte müsse die Papiere beim Ankleiden zu sich stecken, und es brachte sie auf, daß sie trotz ihres leidenschaftlichen Eifers nicht herausfinden konnte, wo er sie abends verbarg. Sie hatte alles durchsucht; selbst in das Bett glitt ihr dürrer Arm; fast ohne daß der Greis es gewahr wurde, untersuchte sie es nach allen Seiten mit unglaublicher Geschicklichkeit. An diesem Tage aber hatte nach dem Frühstück den alten Mann plötzlich ein Ohnmachtsanfall gepackt, und er war neben dem Tisch zur Erde gestürzt. Als er wieder zu sich kam und noch so betäubt war, daß er nicht vermochte, die Augen zu öffnen, lag er noch auf derselben Stelle am Fußboden und fühlte, wie Jesus und Dreckbatzen ihn entkleideten. Statt ihm hilfreiche Hand zu leisten, hatten die beiden nur den einen Gedanken, schnell die Gelegenheit zu benützen, den Alten auszusuchen. Das Mädchen zumal tat es mit roher Hast. Sie riß ihm die Jacke auf, streifte das Beinkleid ab, es ging ihr alles noch zu langsam; sie öffnete die geballten Fäuste des Großvaters, suchte den ganzen Körper ab, die Achselhöhle, die Fußsohlen, den Leib, drehte und wendete ihn wie eine alte leere Tasche. Nichts! Wo hatte er seinen Versteck? Sie hätte ihm den Bauch aufschlitzen mögen, um darin Nachschau zu halten. Fouan ergriff eine solche Angst, sie möchten ihn umbringen, daß er fortfuhr, den Bewußtlosen zu spielen; er hielt die Augen geschlossen und ließ Arm und Beine schlaff hängen. Als sie endlich von ihm abließen, entfloh er, fest entschlossen, nimmermehr zum Schloß zurückzukehren. »Also, habt ihr einen Winkel für mich?« fragte er noch einmal. Buteau war aufs freudigste von der Rückkunft des Vaters berührt. Das Geld zog wieder bei ihm ein. »Natürlich, Alter! Man rückt ein wenig zusammen! Das wird uns Glück bringen ... Wenn es nur aufs Herz ankäme, wäre ich ein reicher Mann!« Franziska und Hans hatten langsam die Schwelle ihres Heimes überschritten. Es dunkelte, ein letztes trübes Schimmern durchdämmerte die stillen Räume. Dieses Dach, das die Arbeit und die Not der Fouans während drei Jahrhunderten beherbergt, sah recht alt aus; etwas Ernstes lagerte in den grauen Gemäuern, gleichwie in schattigen Winkeln alter Dorfkirchen. Die Türen waren offen geblieben, Stühle und Schemel lagen am Boden, als sei ein Sturmwind durch die Stube gefahren. Das Haus schien tot. Franziska ging mit kleinen Schritten durch die Küche, das Zimmer, warf überallhin einen Blick. Verworrene Empfindungen, traumhafte Erinnerungen erwachten in ihr. In jener Ecke hatte sie als kleines Kind gespielt. In der Küche dicht beim Tische war ihr Vater gestorben. Im Schlafzimmer vor den leeren Betten dachte sie an Lise und Buteau, deren Liebesächzen sie oft durch die Decke bis in ihre Dachkammer vernommen. Sollte sie jetzt auch noch von den beiden gequält werden? Buteau –sie fühlte es wohl –war hier noch überall gegenwärtig. Dort hatte er sie eines Abends überfallen, und sie hatte ihn gebissen. Dort auch, dort auch. In allen Winkeln tauchten aufregende Bilder in ihrer Erinnerung empor. Als Franziska sich umwandte, war sie ganz erstaunt, Hans zu erblicken. Was wollte dieser. Fremde hier? Er sah so verlegen aus und wagte nichts zu berühren, als komme er auf Besuch. Ein Gefühl der Einsamkeit überkam die junge Frau; sie war verzweifelt, daß ihr Sieg ihr keine größere Freude bereitete. Sie hatte gemeint, hier triumphierend, lachend und frohlockend einzuziehen, und empfand nicht die geringste Freude, ihr Herz war beklommen vor Mißbehagen. Vielleicht mochte diese düstere Dunkelheit daran schuld sein. Es war jetzt ganz finster. Franziska schritt noch immer mit ihrem Manne von Raum zu Raum; sie hatten noch nicht einmal den Mut gefunden, ein Licht anzuzünden. Doch ein Geräusch rief das Ehepaar zur Küche zurück. Sie fanden Gideon, der sich seiner Gewohnheit gemäß dort hineingestohlen und jetzt in dem offenen Speiseschrank schnupperte. Die alte Goliche blökte nebenan im Stall. Da nahm Hans sein junges Weib in den Arm und küßte es sanft auf den Mund, als habe er sagen wollen, man werde trotz alledem glücklich sein. Fünfter Teil. Erstes Kapitel. Im Monat November, bevor das Ackern der Felder begann, bedeckte sich die Beauce, so weit das Auge schaute, mit Dünger. Auf allen Wegen kamen die langsamen Karren heran; faulendes Stroh hing über die Räder herab, und ein Dunst stieg aus den Wagen empor, als wollten sie der Erde neue Wärme zuführen. Überall hob sich der Mist der Ställe in kleinen Häufchen über dem Erdboden; auf anderen Äckern wieder hatte man ihn bereits auseinandergebreitet, und er schwärzte mit seiner schmutzigen Farbe die Erde. Die sprossende Kraft des nächsten Frühlings schlummerte noch in dem gärenden Brei der Jauche; der zersetzte Stoff kehrte wieder in den Schoß der Allmutter Erde zurück, aus dem Tode sollte neues Leben entstehen. Von einem Ende der ungeheuren Ebene bis zum anderen stieg der kräftige Geruch des Tiermistes auf, aus dem das Brot des Menschen erwächst. Eines Nachmittags fuhr Hans eine große Ladung Dünger nach seinem Acker auf der Anhöhe. Seit einem Monat waren er und Franziska eingerichtet und hatten das eintönige Arbeitsleben der Bauern aufgenommen. Wie er oben anlangte, gewahrte er Buteau, der auf einem nebenanliegenden Felde die in voriger Woche gerichteten Düngerhäufchen mit einer Mistgabel verteilte. Die beiden Männer blickten einander von der Seite an. Sie begegneten sich oft; waren sie doch nicht selten genötigt, in geringer Entfernung voneinander auf ihren anstoßenden Äckern zu arbeiten; ein stets erneuerter Schmerz für Buteau, der es nicht verwinden konnte, daß Franziskas Grund den seinen in zwei Stücke zerschnitt, eins zur Rechten und eins zur Linken, so daß er, um von dem einen zum anderen zu gelangen, einen großen Umweg machen mußte. Niemals sprachen sie miteinander. Vielleicht hätte der geringste Streit genügt, einen Kampf auf Tod und Leben zwischen ihnen zu entzünden. Hans hatte begonnen, seinen Karren zu entladen. Bis zu den Hüften im Miste, stand er auf dem Fuhrwerk und handhabte die Gabel, als Hourdequin, der seit Tagesanbruch seine Felder besichtigte, des Weges daherkam. Der Besitzer hatte seinem einstigen Knechte ein gutes Andenken bewahrt; er hielt seinen Schritt an, um mit ihm zu plaudern. Er war alt geworden; die Sorgen um seinen Hof und um manches andere hatten Falten in sein Gesicht gegraben. »Hans, warum macht Ihr keine Versuche mit phosphorsaurem Salz?« Ohne die Antwort des Burschen abzuwarten, sprach er weiter, als fühle er das Bedürfnis, sich zu betäuben. Der Dünger war die Hauptfrage der Bodenkultur. Er hatte von allem versucht in jenem fieberhaften Herumtasten von einer Dungart zur anderen, das zuweilen den Landmann erfaßt. Von den Krautresten war er auf die vermoderten Blätter übergegangen, hatte den bei der Weinbereitung übrigbleibenden Trester versucht, die Ölkuchen aus Rübsamen und Raps, dann Knochenmehl, dann gekochte und zerstampfte Fleischreste, getrocknetes und zu Mehl zerriebenes Blut. Mit Bedauern mußte er auf den Versuch mit flüssigem Blut verzichten, da sich kein Schlachthaus in der Nähe befand. Gegenwärtig probierte er es mit dem Abraum der Straßen, dem Schlamm der Gräben, der Asche und dem Kohlenabfall der Hochöfen, und ganz neuerdings hatte er in einer Tuchfabrik von Chateaudun eine Partie Wollabfälle angekauft. Sein Grundsatz war, daß alles, was von der Erde erzeugt worden, sich auch dazu eigne, ihr als Dungmittel wieder zugeführt zu werden. Er hatte hinter seinem Hof riesige Dunggruben gegraben, in denen er den Unrat des ganzen Landes sammelte; alles, was die Schaufel auflas, war ihm recht: das Aas, der Straßenkot, der Inhalt faulender Wassertümpel waren ihm Goldes wert. »Mit den Salzen,« hub er wieder an, hab' ich bisweilen gute Ergebnisse erzielt.« »Man wird so sehr betrogen,« versetzte Hans endlich. »Gewiß, wenn Ihr von den Reisenden kauft, die hier und da auf den kleinen Provinzmärkten auftauchen ... Auf jedem Markte sollte man meinen sachverständigen Chemiker haben, der untersucht, ob die Dungstoffe unverfälscht sind ... Das Heil der Zukunft liegt gewiß hierin, doch ehe diese Zukunft hereinbricht, sind wir heimgegangen. Man muß den Mut haben, für die Später kommenden zu leiden.« Der Geruch des Mistes, den Hans ablud, frischte dem Gutsbesitzer ein wenig die Laune auf; er liebte diesen Geruch, der ihm gleichsam die Befruchtung der Erde darstellte. »Natürlich,« nahm er nach einer Pause das Gespräch wieder auf, »geht nichts über den Stallmist. Allein man hat eben nie genug. Dann verderben ihn die Leute selbst, wissen ihn weder herzurichten, noch anzuwenden ... Seht, der da ist von der Sonne verbrannt. Ihr bedeckt ihn nicht.« Hans bekannte ihm, daß er die alte Mistgrube der Buteaus in Gebrauch behalten. Hourdequin eiferte gegen diese einfachen Einrichtungen. Er deckte seit Jahren die einzelnen Lagen seiner Grube mit Schichten von Erde und Rasen. Ferner hatte er Röhren angelegt, um das Geschirrwasser, den Urin von Mensch und Tier, mit einem Worte alle Abflüsse des Hofes in das Jauchebecken zu leiten; mittelst einer Handspritze wurde der Mist zweimal wöchentlich mit dieser Jauche bewässert. Endlich hatte er eingeführt, daß der Inhalt der Latrinen auf dem Hof sorgsam dem Dung beigemengt wurde. »Wahrhaftig, es ist zu dumm, unnütz verderben zu lassen, was uns der liebe Gott beschert. Ich hegte lange Zeit zimperliche Vorurteile wie unsere Bauern. Aber Mutter Caca hat mich bekehrt... Ihr kennt Mutter Caca, Eure Nachbarin? Nun, seht Ihr! sie allein hat recht; ihr Kohl ist der beste Kohl im Lande, der König aller Kohle, sowohl hinsichtlich seiner Größe wie seines Wohlgeschmackes, und das dankt er einzig und allein dem Dünger, den die kluge Alte verwendet.« Hans lachte. Der Wagen war jetzt geleert; der Bursche sprang herab und begann seinen Mist in kleine Häufchen zu verteilen. Hourdequin folgte ihm inmitten des warmen Dunstes, der dem Dünger entströmte. »Wenn man bedenkt, daß die Latrinen von Paris allein dreißigtausend Hektar befruchten könnten. Die Berechnung ist gemacht worden. Und man läßt es verlorengehen; kaum daß man einen kleinen Teil davon zur Bereitung von Dungpulver verwendet... Dreißigtausend Hektar! Stellt Euch das vor, denkt Euch die Beauce so befruchtet; wie herrlich würde das Getreide gedeihen!« Mit einer Armbewegung bestrich er den flachen Horizont. Er in seinem Eifer dachte sich, wie Paris, ganz Paris die Röhren seiner Senkgruben öffnen und den befruchtenden Strom jenes menschlichen Düngers über dies Land ausgießen würde. Überall füllten sich die Rinnen des Bodens, auf jeden Acker breitete es sich in weiten Flächen aus; das Meer der Ausscheidungen schwoll im hellen Sonnenschein, und der Wind belebte seinen Geruch. Die große Metropole gibt den Feldern das Leben wieder zurück, das sie von ihnen empfangen. Langsam trinkt der Boden das fruchtbare Naß, und aus der gesättigten, reich genährten Erde wächst das weiße Brot empor in überschwenglich reichen Ernten. »Da wird man in Kähnen drin herumfahren müssen,« erwiderte Hans, den diese Berieselung der Ebenen durch den Inhalt der Latrinen belustigte und gleichzeitig anwiderte. Doch in diesem Augenblick vernahm er eine Stimme; er wandte sich um und sah Lise, die, in ihrem Wagen stehend, am Rande des Feldes hielt und, so laut sie vermochte, zu Buteau hinüberrief: »Weißt, ich fahr' nach Cloyes zu Doktor Finet ... Der Vater ist in seiner Kammer umgefallen. Ich glaub', ergeht drauf ... Geh' mal nachschauen!« Ohne die Antwort ihres Gatten abzuwarten, trieb sie ihr Pferd an und trabte, immer kleiner erscheinend, die gerade Chaussee dahin. Buteau machte sich ohne Hast daran, seine letzten Misthaufen zu verteilen. Er murrte. Der Vater krank, das wäre recht langweilig. Vielleicht tut er nur so, um sich pflegen zu lassen? Aber ihm fiel ein, es müsse doch wohl etwas Ernstes an der Sache sein, da Lise die Ausgabe eines Arztes auf sich genommen; dies bestimmte ihn endlich, seine Jacke anzuziehen und sich auf den Heimweg zu machen. »Das ist einer, der seinen Mist abwägt,« äußerte Hourdequin, das Nachbarfeld musternd. »Geiziger Bauer, geiziger Boden! ... Ein unheimlicher Patron dabei, vor dem Ihr wohl tut, auf Eurer Hut zu sein nach dem, was zwischen euch vorgefallen ... Wie soll es gut gehen auf der Erde, wenn sie soviel Dirnen und Spitzbuben trägt. Sie ist wahrhaftig unser überdrüssig.« Plötzlich wurde er wieder ernst und traurig und wandte seine Schritte der Borderie zu. Zur selben Zeit traf Buteau schweren Schrittes in Rognes ein. Hans beendete seine Arbeit, indem er von zehn zu zehn Meter seinen Mist häufte, der einen ammoniakhaltigen Geruch ausströmte. Andere Haufen dunsteten weiter drüben und umschleierten den Horizont mit einem feinen, bläulichen Nebel. Die ganze Beauce behielt bis zur Zeit der Fröste die laue Wärme und den Geruch dieser Düngerhaufen. Die Buteau wohnten noch immer bei der Frimat, deren ganzes Haus sie innehatten mit Ausnahme eines Hinterstübchens zu ebener Erde, das die Frau für sich und ihren gelähmten Mann behalten hatte. Da die Frimat seit langer Zeit weder Pferd noch Kuh hielt, hatte Buteau auch sein Vieh in ihren Ställen untergebracht. Er und Lise fühlten sich trotzdem sehr beengt in diesem Hause, und es kam ihnen besonders hart an, daß sie weder einen Gemüse- noch Obstgarten besaßen; denn Mutter Gaca behielt natürlich ihren Morgen Land, der sie und ihren Alten ernährte. Dies allein hätte das Ehepaar Buteau bewogen, sich ein geräumiges Heim zu suchen, wären sie nicht gewahr geworden, daß ihre Nachbarschaft Franziska ärgerte. Auf der Seite des Platzes trennte nur eine Mauer die beiden Gehöfte. Dort pflegten Buteau und Lise absichtlich laut, damit man sie nebenan höre, zu rufen, daß sie nur einstweilen hier blieben und sicher darauf rechneten, in Bälde wieder in ihr Haus einzuziehen. Wenn man seiner Sache gewiß ist, warum sich dann die Mühe nehmen, noch ein zweitesmal umzuziehen? Wieso und durch welche Mittel sie wieder in den Besitz des alten Hauses gelangen wollten, hierüber schwiegen die beiden. Eben diese kecke Zuversicht, die auf unausgesprochenen, unbekannten Dingen beruhte, regte Franziska über die Maßen auf und vergällte ihr die Freude, Herrin des Stammhauses geworden zu sein. Dazu kam, daß Lise zuweilen eine Leiter an den Schuppen im Hofe der Frimat lehnte und von dort herab allerhand Schmähreden herüberrief; seit dem endgültigen Rechnungsabschlüsse bei Herrn Baillehache hielt sie sich für übervorteilt und hörte nicht auf, dies von Hof zu Hof zu schreien. Buteau fand den alten Fouan ausgestreckt auf seinem Lager, das sich dicht neben der Küche in einem Verschlage unter der Treppe befand. Die beiden Kinder, der bereits achtjährige Julius und die dreijährige Laura, spielten am Fußboden, indem sie mit dem Wasser aus dem Trinkkrug des Alten Bäche machten. »Was gibt's?« fragte Buteau und blieb vor dem Bette stehen. Der Greis hatte die Besinnung wiedererlangt. Er öffnete weit und stier die Augen und blickte um sich; doch sein Haupt blieb bewegungslos wie versteinert. »Mach' keine Dummheiten, Vater, es gibt zuviel zu tun heut'!« Die Kinder hatten den Krug zerbrochen, er hieb jedem eine kräftige Ohrfeige herunter, so daß sie laut zu heulen begannen. Der Alte hatte die Lider nicht geschlossen, er schaute immer noch mit seinen vergrößerten, starren Pupillen. Dabei gab es also vorderhand nichts zu machen; man mußte hören, was der Arzt sagte. Buteau tat es leid, daß er sein Feld verlassen; um sich zu beschäftigen, spaltete er Holz vor der Küche. Kurz darauf kam Lise mit dem Doktor Finet. Dieser untersuchte den Kranken eingehend, während das Ehepaar besorgt seines Ausspruchs harrte. Der Tod des Alten wäre eine Erleichterung, wenn er rasch stürbe; doch das konnte lange dauern und viel Geld kosten; und falls er draufginge, bevor sie sich in den Besitz seines Schatzes gesetzt, würden Fanny und Jesus nachher unzweifelhaft Ansprüche erheben. Das Schweigen des Arztes steigerte die Unruhe der Zwei. Als er in der Küche Platz nahm, um ein Rezept zu schreiben, entschlossen sie sich, ihn anzureden. »Es ist also ernst? ... Es dauert wohl gar acht Tage? ... Gott, ist das lang!... Was schreiben Sie da?« Finet, der gewohnt war, von den Bauern so ausgefragt zu werden, antwortete nicht; er pflegte sich niemals mit ihnen in Gespräche einzulassen, behandelte sie, als wenn sie Pferde seien. Er hatte eine große Praxis der häufig vorkommenden Krankheiten und kurierte seine Patienten mit mehr Glück, als es vielleicht mancher gelehrtere Mann vermocht hätte. Doch er machte die Bauern für seine eigene Mittelmäßigkeit verantwortlich und begegnete ihnen darum rauh und formlos. Seine Härte ihnen gegenüber erhöhte die Achtung, die sie ihm zollten, obwohl sie nie aufhörten, in die Heilkraft seiner Mittel gelinde Zweifel zu setzen: Wird es auch ebensoviel helfen, wie es Geld kostet? »Also,« begann Buteau wieder, erschrocken auf das viele Geschreibsel des Arztes blickend, »Sie glauben, daß es besser wird, wenn er all das einnimmt?« Der Arzt kehrte achselzuckend wieder zu dem Kranken zurück; es wunderte ihn, nach diesem leichten Schlaganfall Fieber festzustellen. Die Augen auf das Zifferblatt seiner Uhr geheftet, zählte er die Pulsschläge, ohne nur den Versuch zu machen, von dem Alten, der ihn mit seinem stumpfen Blick anstierte, irgendwelchen die Krankheit betreffenden Aufschluß zu erlangen. Als er ging, sagte er einfach: »Es wird drei Wochen dauern. Ich komme morgen wieder. Wundert euch nicht, wenn er diese Nacht phantasiert.« Drei Wochen! Die Buteau. hatten nur dies vernommen, sie waren fassungslos. Welch Geld, wenn er alle Tage solch ein langes Rezept schrieb! Und das Dümmste war, daß Buteau ebenfalls zu Wagen steigen mußte, um nach Cloyes zum Apotheker zu fahren. Es war gerade Sonnabend; die Frimat, die vom Markte heimkam, traf Lise, die, ohne irgend etwas in die Hand zu nehmen, verzweifelt im Hause herumging. Auch die Alte geriet außer sich, als sie erfuhr, was vorgefallen; sie habe niemals Glück, erklärte sie; wenn sich dies an einem anderen Tag ereignet, so hätte sie wenigstens bei der Gelegenheit den Doktor kostenlos wegen ihres Mannes fragen können. Schon hatte sich die Nachricht in Rognes verbreitet. Dreckbatzen erschien, drang keck ins Haus und gab sich nicht eher zufrieden, bevor sie nicht des Kranken Hand angefaßt; so konnte sie wenigstens Jesus berichten, der Großvater sei bestimmt noch nicht tot. Nach ihr erschien die Große, augenscheinlich von Fanny geschickt. Sie pflanzte sich vor dem Lager ihres Bruders auf und prüfte das Aussehen seines Auges, wie man die Aale der Aigre untersucht. Als sie sich wieder entfernte, zuckte sie mit der Nase, als wollte sie sagen, es sei diesmal noch nicht so weit. Von dem Augenblick an bemühte sich die Familie nicht mehr. Wozu? Es war hundert gegen eins zu wetten, daß der Alte mit dem Leben davonkomme. Bis Mitternacht war das Haus in Aufregung. Buteau war in schlechtester Laune von Cloyes heimgekehrt. Er brachte Senfpflaster für die Beine, ferner eine Medizin, die jede Stunde einzunehmen war und im Falle einer Besserung ein Abführmittel für den nächsten Morgen. Die Frimat war gerne bereit zu helfen; doch die Sache interessierte sie nicht sonderlich; da sie todmüde war, suchte sie um zehn Uhr ihr Bett auf. Buteau redete Lise zu, sie sollte ein Gleiches tun. Warum noch aufbleiben? Gewiß war dem Alten nicht damit geholfen, wenn sie ihn anschauten. Fouan phantasierte jetzt, sprach allerhand unzusammenhängendes Zeug, als arbeite er auf den Feldern wie in der fernen Zeit, wie er noch ein kräftiger Mann gewesen. Lise ward unheimlich berührt von diesen halblaut gelallten Erinnerungen; es machte ihr den Eindruck, als sei der Onkel schon beerdigt und erscheine jetzt als Geist. Während Buteau sich bereits entkleidete, nahm sie die noch auf einem Stuhle liegenden Kleider des Alten, um sie an ihren Platz zu hängen. Sie untersuchte alle Taschen; doch sie fand nichts als etwas Bindfaden und ein altes Messer. Aber, als sie die Kleidungsstücke in den Wandschrank hängen wollte, gewahrte sie mitten auf einem Brett ein Paket Papiere. Es gab ihr einen Stich ins Herz: der Schatz! Der Schatz, den man seit einem Monat nachgespürt, den man in den verborgensten, absonderlichsten Winkeln gesucht, lag da offen und frei vor ihr! Vermutlich war der Greis im Begriff gewesen, seinen Versteck zu wechseln, als ihn der Anfall überraschte. »Buteau! Buteau!« rief sie mit so erstickter Stimme, daß ihr Mann im Hemd herbeistürzte in der Meinung, der Vater gebe den Geist auf. Auch ihm nahm es im ersten Augenblick den Atem. Dann aber erfaßte beide eine närrische Freude; sie ergriffen sich bei den Händen und hüpften wie die Ziegen voreinander herum. Sie vergaßen vollkommen den Kranken, der jetzt mit geschlossenen Augen, das Haupt wie an die Kissen geheftet, regungslos dalag und unaufhörlich sein wirres Zeug vor sich hinbrummte. Er pflügte. »Hü, Schimmel! Vorwärts! ... Das ist hart wie Stein, Donnerwetter! Der Acker zerbricht einem die Knochen, man muß sich andere kaufen ... Hü, Schimmel, hü!« »Seht!« murmelte Lise und wandte sich erschrocken um. »Ah bah,« versetzte Buteau, »der versteht nichts. Hörst du nicht, daß er lauter Unsinn schwatzt?« Sie setzten sich neben das Bett; die Freude war so groß gewesen, daß ihre Beine jetzt wie gelähmt waren. »Übrigens,« hub die Frau wieder an, »kann man uns nicht nachsagen, daß wir ihn durchsucht haben. Gott ist mein Zeuge, ich dachte nicht einmal an sein Geld. Es ist mir reinweg in die Hände gefallen. Laß sehen, wieviel es ist.« Er wickelte die Papiere auf und addierte mit lauter Stimme: »Zweihundertdreißig und siebzig, gerade dreihundert ... Das stimmt, ich hatte es richtig berechnet nach den fünfzehn Hundertsousstücken, die ich damals beim Einnehmer gesehen ... Es ist dreiprozentige Rente. Gelt, ist das drollig, daß diese häßlichen alten Papiere auch Geld sind und ebenso sicher wie das wirkliche?« Doch Lise gebot ihm von neuem Schweigen, in Schrecken versetzt von einem plötzlichen Lachen, das der Alte hören ließ. Er mochte bei der großen Ernte sein, jener Riesenernte unter Karl X., die man nicht in den Scheuern zu bergen vermocht, soviel Korn gab's. »Diese Menge! Diese Masse ... Hat man je so was gesehen! ... Ist das eine Menge! ... Herr du meines Lebens, gibt's da Getreide!« Sein Lachen glich einem Röcheln; seine Freude mußte nur ganz innerlich sein, denn kein Muskel verzog sich in dem unbeweglichen Gesicht. »Er faselt,« sagte Buteau, mit einer Achsel zuckend. Beide verstummten und blickten überlegend auf die Papiere in ihrem Schoß. »Was nun?« flüsterte endlich Lise. »Soll man es wieder an seinen Platz legen?« Er schüttelte heftig das Haupt. »Doch, doch, wir müssen sie wieder hinlegen. Er wird sie suchen und Lärm schlagen; das könnte uns eine saubere Geschichte eintragen mit den anderen Lumpen aus der Familie.« Sie unterbrach sich zum drittenmal, denn eben hörte man den Greis weinen. Er mußte sich an einen furchtbaren, sein ganzes Ich durchschütternden Schmerz erinnern; es schluchzte übermächtig aus seiner Brust hervor; und man erfuhr nicht, was ihm solches Leid verursache, denn er wiederholte nur mit immer hohler werdender Stimme: »Es ist aus ... es ist aus ... es ist aus ...« »Du bildest dir ein, ich lasse die Papiere diesem Alten da, dessen Verstand in die Brüche geht? ... Damit er sie zerreiße oder verbrenne? Nein, daraus wird nichts.« »Ja, du hast recht.« »Also genug davon; komm' zu Bett ... Wenn er nach seinem Gelde fragt, werd' ich ihm Rede stehen! Die anderen sollen mich ungeschoren lassen!« Damit gingen sie zu Bette, nachdem sie die Papiere unter dem Marmor einer alten Kommode versteckt hatten, was ihnen sicherer schien als in irgendeinem Verschluß. Um einer Feuersgefahr zu begegnen, löschten sie das Licht aus. Fonau blieb allein im Dunkeln; er fuhr fort, die ganze Nacht in seinem Fieberwahn zu sprechen und zu weinen. Am nächsten Tage fand ihn Doktor Finet ruhiger und wohler, als er vermutet hatte. Diese alten Ackerpferde haben ein zähes Leben! Das Fieber, das der Arzt gefürchtet, schien abgelenkt. Er verschrieb Eisen und Chinarinde, teure Medikamente, die das Ehepaar von neuem in Bestürzung versetzten. Als er aufbrach, hatte er Not, sich der Frimat zu erwehren, die ihm aufgelauert. »Aber, liebe Frau, ich hab' Euch schon gesagt, Euer Mann und dieser Eckstein, das ist genau dasselbe ... Ich kann einem Steine keine Beine machen, zum Kuckuck! ... Ihr wißt, wie das endet, nicht wahr? Und je eher es aus ist, um so besser für ihn und für Euch.« Er trieb sein Pferd an; sie brach in Tränen auf dem Prellstein zusammen. Welch eine lange Zeit, diese zwölf Jahre, während welcher sie bereits ihren Mann pflegte! ... Ihre Kräfte ließen schon merklich nach; sie zitterte bei dem Gedanken, daß sie vielleicht bald nicht mehr imstande sein werde, ihr Stück Garten zu bestellen. Es drückte ihr das Herz ab, wenn sie daran dachte, daß sie diesen armen Unglücklichen verlieren sollte, der wie ihr Kind geworden, den sie vom Bette auf seinen Lehnstuhl trug, den sie aus- und ankleidete und mit Leckerbissen fütterte. Der eine Arm, den er bisher noch zu bewegen vermocht, fing ebenfalls an zu erlahmen, so daß sie ihm seine Pfeife in den Mund stecken mußte. Nach acht Tagen war Herr Finet nicht wenig überrascht, Fouan auf den Beinen zu finden. Er war noch sehr schwach, doch zwang er sich herumzugehen; denn, meinte er, das beste Mittel am Leben zu bleiben, ist, nicht sterben wollen. Buteau aber lächelte höhnisch hinter dem Rücken des Arztes, denn er hatte schon seit seinem zweiten Besuche unterlassen, die Medikamente zu kaufen, indem er erklärte, das Beste sei, die Krankheit natürlich vergehen zu lassen. Nur am letzten Markttage hatte Lise die Schwäche gehabt, eine am Vorabend verschriebene Medizin aus der Stadt mitzubringen; und als der Arzt am Montag wieder erschien, erzählte ihm Buteau, daß der Vater einen Rückfall gehabt. »Ich weiß nicht, was man in die Flasche getan hat, ihm ist schauderhaft schlecht geworden danach.« An diesem Abend entschloß sich Fouan zu sprechen. Seit er aufgestanden, irrte er ruhelos im Hause umher, vergeblich grübelnd, wo er nur seine Papiere könne hingesteckt haben. Er suchte überall, durchstöberte jeden Winkel, quälte sein Gedächtnis mit der verzweifeltsten Anstrengung. Hernach meinte er sich dunkel zu erinnern, daß er das Paket auf dem Brette in dem Wandschrank liegen gelassen. Doch, wenn er sich täuschte, wenn es niemand genommen, so würde er durch eine Nachfrage das Dasein dieses so mühsam zusammengesparten, so ängstlich gehüteten Schatzes verraten. Zwei Tage lang kämpfte er noch mit sich selbst; bald wollte sein Zorn über das Verschwinden seines Geldes sich Luft machen; bald wieder schloß die Furcht, sich selbst preiszugeben, ihm den Mund. Doch nach und nach traten die seinem Anfall vorangegangenen Stunden in immer deutlicheren Umrissen aus dem Nebel seines verworrenen Erinnerns; er besann sich, daß er an jenem Morgen das Päckchen auf das Brett dort gelegt, um es später in einer Spalte des Deckbalkens zu bergen, die er von seinem Bette aus gewahr geworden. Er wußte sich beraubt! Man hatte die Abendsuppe verzehrt. Lise hob das Geschirr auf, und Buteau, der, seitdem der Vater das Bett verlassen, sein langes Suchen beobachtet, schaukelte sich auf seinem Stuhle, mit höhnendem Lächeln der Dinge harrend, die da kommen sollten. An der Erregtheit und dem trostlosen Jammer in den Mienen des Alten erkannte er, daß die Stunde hereinbreche. In der Tat stellte sich der Greis, dessen Knie von dem unaufhörlichem Herumirren im Hause schlotterten, plötzlich vor seinen Sohn hin: »Die Papiere ...?« fragte er mit heiserer, gepreßter Stimme. Buteau zwinkerte mit den Augen. »He? Was sagst du?« versetzte er mit dem Ausdruck größter Überraschung, als verstehe er nicht. »Die Papiere? Welche Papiere?« »Mein Geld!« schrie Fouan, sich mit furchtbarer Gebärde hoch aufrichtend. »Dein Geld? Du hast mit einemmal Geld? ... Du schworest immer bei allen Heiligen, wir hätten zuviel gekostet, du hättest nicht einen Sou ... Du vertrackter Schlaumeier hast Geld!« Er wiegte sich noch immer grinsend auf seinem Sitze; die Geschichte amüsierte ihn, und er freute sich im stillen, daß er seinerzeit eine so gute Nase gehabt, denn er war es gewesen, der zuerst das Vorhandensein eines Schatzes gemutmaßt. Fouan zitterte am ganzen Leibe. »Gib es mir zurück!« »Ich soll es dir zurückgeben? Hab' ich es? Weiß ich, wo dein Geld ist?« »Du hast es mir gestohlen, heraus damit, Heiland der Welt! oder ich werd' dich zwingen, es zurückzugeben.« Trotz seiner Gebrechlichkeit packte er ihn bei den Schultern und rüttelte ihn. Aber jetzt erhob sich der Sohn, ergriff seinerseits den Alten, hielt ihn fest, so daß jener keine Bewegung machen konnte, und schrie ihm ins Gesicht: »Ja, ich hab's und behalte es ... ich verwahre es dir, verstehst du, alter Narr, dem das Hirn zu gefrieren beginnt! ... Wahrlich, es war Zeit, daß man dir diese Papiere nahm, denn du hättest sie zerrissen ... Nicht wahr, Lise, er fing an, sie zu zerreißen?« »So wahr ich lebe! Wenn man nicht mehr weiß, was man tut, mein Gott!« Fouan ward starr vor Schreck. Verlor er denn den Verstand, daß er sich an nichts erinnerte? Wie, er hatte die Papiere zerstören wollen, wie ein Kind sein Bilderbuch zerreißt? Dann war es also aus mit ihm, dann machte er unter sich, dann war er ein ganzer Narr, nur noch gut zum Totgeschlagen werden! Er war wie zerschmettert bei diesem Gedanken; all sein Mut, all seine Kraft verließen ihn. Er stotterte weinend: »Gib sie mir zurück, bitte!« »Nein!« »Gib sie mir, ich bin doch wieder gesund.« »Nein, nein! Damit du dir deine Pfeife damit anzündest? Danke! Von jenem Augenblicke an weigerten sich die Buteau hartnäckig, die Wertpapiere herauszugeben. Sie scheuten sich nicht, offen darüber zu sprechen; erzählten eine ganze Geschichte, wie sie gerade in dem Augenblick dazu gekommen, wo der Alte im Begriff gestanden, sein Eigentum zu zerstören. Eines Tages zeigten sie sogar der Frimat die zerrissene Ecke der Scheine. Wer konnte es mißbilligen, daß sie sich ins Mittel gelegt; daß sie die ohne ihre Dazwischenkunft für alle Welt verlorenen Werte gerettet? Man billigte laut ihr Vorgehen, obwohl man im Grunde argwöhnte, daß sie logen. Jesus aber war verzweifelt. So lange hatte er den Schatz vergebens gesucht, und die anderen mußten ihn sofort finden! Er selbst hatte ihn eines Tages in der Hand gehabt und war so dumm gewesen, ihn zu achten! Dabei nannte ihn alle Welt einen Lumpen! Wenn der Vater stirbt, wird er von Buteau Abrechnung verlangen. Auch Fanny sagte, man müsse miteinander rechnen. Die Buteaus wandten nichts dagegen ein; man werde sich schon verständigen; es sei denn, der Alte nehme sein Geld zurück und verfüge darüber. Fouan schleppte sich von Tür zu Tür und erzählte überall die Geschichte. Wo er eines Vorübergehenden habhaft werden konnte, hielt er ihn an und klagte sein Leid. So trat er eines Morgens im Nachbarhofe bei seiner Nichte ein. Das Ehepaar belud gerade einen Wagen mit Mist. Hans stand in der Düngergrube und schöpfte den Mist mit der Gabel; Franziska stampfte oben auf dem Karren mit den Füßen zusammen, was er ihr hinaufreichte. Auf seinen Stock gelehnt, stand der Alte vor ihnen und hub seine Klage an. »Ist das eine Ungerechtigkeit, sie haben mir mein Geld genommen und wollen es mir nicht wieder herausgeben! ... Was würdet ihr an meiner Stelle tun, sagt?« Dreimal ließ ihn Franziska seine Frage wiederholen. Ihr war es sehr unangenehm, daß er ihr damit kam; sie empfing ihn kalt, denn sie wünschte jedem neuen Streit mit den Buteau aus dem Wege zu gehen. »Wissen Sie, Onkel,« versetzte sie endlich, »die Sachen gehen uns nichts an, wir sind froh, daß wir aus der Hölle heraus sind.« Sie kehrte ihm den Rücken und fuhr fort, ihren Mist zu treten. Gabel auf Gabel warf Hans ihr hinauf, bis an die Hüften versank sie in dem dampfenden Brei und atmete mit Wohlgefallen den erstickenden Geruch. »Ich bin nicht närrisch, das sieht man doch, nicht wahr?« hub Fouan wieder an, ihre Antwort überhörend. »Sie müssen mir mein Geld wiedergeben ... Glaubt ihr, ich wäre imstande, es zu vernichten?« Weder Franziska noch Hans erwiderten eine Silbe. »Man müßte ein Narr sein, nicht so? Und ich bin kein Narr ... Ihr könntet bezeugen, daß ich meinen gesunden Verstand habe.« Plötzlich richtete Franziska sich hoch auf inmitten des vollen Karrens; sie sah sehr groß aus dort oben, gesund und kräftig, als gehe dieser fruchtbare Geruch der Wagenladung von ihr aus. Die Hände in die Hüften gestemmt, war sie heute mit ihrer vollen Brust ein prächtiges Weib. »Nein, nein, Onkel, daraus wird nichts! Ich hab' Ihnen schon gesagt, wir mischen uns nicht in diese unsauberen Geschichten ... Wissen Sie, da wir gerade davon reden, es ist vielleicht am besten. Sie kommen nicht mehr zu uns herüber.« »Du jagst mich fort?« fragte der Alte. Hans meinte sich ins Mittel legen zu müssen. »Nein. Aber wir wollen jeden Streit vermeiden. Das würde wieder eine tagelange Hetzerei geben, wenn man Sie hier sähe ... Jeder liebt seine Ruhe, hab' ich nicht recht?« Ohne eine Bewegung blickte Fouan sie, einen nach dem andern mit seinen verblaßten armen Augen an. Dann ging er. »Gut, wenn ich mal Hilfe brauch', muß ich anderswo anklopfen als bei euch.« Sie ließen ihn ziehen. Ihnen war unbehaglich zumute, denn sie waren nicht schlecht; doch was sollten sie tun? Ihm hätten sie nicht genützt, und ihnen würde neuer Verdruß den Appetit und den Schlaf rauben. Während ihr Mann seine Peitsche holte, las sie mit einer Schaufel den zu Boden gefallenen Mist zusammen und warf ihn auf den Wagen. Am nächsten Tage spielte sich zwischen Fouan und Buteau eine heftige Szene ab. Täglich war der Alte mit seinem »Gib sie mir!« auf seine Papiere zurückgekommen; und jedesmal gab der Sohn ein »Du kannst mich gern haben!« als Antwort. Nach und nach jedoch gewann die Sache einen anderen Charakter. Der Greis nämlich begann zu suchen, wo Buteau das Geld versteckt haben könne; er durchstöberte das ganze Haus, kramte in allen Schränken, klopfte an die Wände, um zu hören, ob sie hohl klängen. Unausgesetzt irrte sein Blick von einem Winkel in den anderen; keinen Augenblick verließ ihn der Gedanke an sein Geld; sobald er eine Minute allein war, begann er zu suchen mit der Leidenschaft, mit der ein junger Bursch über die Magd herfällt, wenn die Eltern nicht zu Hause sind. An jenem Tage traf Buteau, unvermutet heimkommend, seinen Vater auf der Erde liegen, und damit beschäftigt, zu erforschen, ob sich vielleicht unter der Kommode eine geheimes Versteck befinde. Das brachte den Sohn auf, denn der Alte war in der Tat nicht weit vom Ziele: was er unten suchte, lag oben unter dem schweren Marmor. »Zum Henker! Jetzt kriecht der alte Narr gar auf dem Boden herum ... Willst du aufstehen!« Er zog ihn bei den Füßen unter der Kommode hervor und brachte ihn mit unsanftem Griff auf die Beine. »Wird das nun bald ein Ende haben mit deinem Herumschnuppern? Ich hab's satt, sag' ich dir!« Fouan war betreten, daß man ihn überraschte; er starrte seinen Sohn an; dann brach er plötzlich in Zorn aus und wiederholte sein ewiges Wort: »Gib sie mir zurück!« »Du sollst mich gern haben, hab' ich gesagt!« schrie ihm Buteau ins Gesicht. »Dann geh' ich, ich muß hier zuviel ausstehn.« »Recht so, glückliche Reise! Und wenn du Ehrgefühl hast, kommst du nicht wieder.« Er faßte ihn beim Arm und schob ihn zur Tür hinaus. Zweites Kapitel. Fouan stieg das Talgehänge hinab. Sein Zorn war plötzlich verschwunden. Unten am Wege hemmte er seinen Schritt; er blickte stumpf drein, als begreife er nicht, wie er sich so plötzlich auf der Straße befand, ohne zu wissen, wohin er gehen wolle. Es schlug drei Uhr am Kirchturm, ein feuchter Wind fegte eisig durch den grauen Novembernachmittag. Ihn fror, denn er hatte nicht einmal seinen Hut genommen; die Sache war zu schnell gekommen. Glücklicherweise hatte er seinen Stock. Eine Weile wandelte er nach Cloyes zu hinauf; dann fragte er sich, warum er eigentlich dorthin gehe, und er trat wieder in Rognes ein und schleppte sich mit seinem gewohnten müden Schritt durchs Dorf. Vor Macquerons Kneipe kam ihm der Wunsch, ein Gläschen zu trinken; er hatte nicht einen Sou; und ihn faßte eine Scheu, sich zu zeigen; denn vielleicht mochte man schon wissen, was ihm widerfahren. Lengaigne stand in der Tür; es schien dem Alten, der Rasierer verfolge ihn mit jenem mißtrauischen Seitenblick, wie man den Landstreichern nachschaut. Lequeu sah hinter einem Fenster der Schule ihn an, ohne zu grüßen. Das war erklärlich; er ward von neuem von allen mißachtet, denn er besaß wieder nichts, war wiederum ausgeplündert, und diesmal bis aufs Hemd. Bei der Aigre lehnte sich Fouan einen Augenblick an das Geländer der Brücke. Mit Schreck dachte er daran, daß es bald Nacht sei. Wo sollte er schlafen? Er hatte kein Obdach. Der Hund Bécus lief vorüber; er beneidete das Tier, denn es hatte sein Stroh und seine Hütte, wo es sich niederstrecken konnte. Er grübelte, wohin? Sein verrauchter Zorn ließ eine müde Schlaffheit in ihm zurück; die Wimpern fielen ihm zu; er versuchte sich eines gedeckten, gegen die Kälte geschützten Winkels zu erinnern. Seine Gedanken verwirrten sich; wie in einem Traume zog das ganze Land an seinem Geiste vorüber, und alles war nackt und kahl, nirgends ein Unterschlupf. Doch er raffte sich auf und schüttelte gewaltsam die Schwere von sich ab. Er durfte sich nicht so der Verzweiflung hingeben. Man werde einen Mann von seinem Alter nicht auf der Straße umkommen lassen. Mechanisch ging er über die Brücke; jetzt stand er vor der kleinen Farm Delhommes. Sobald er sich dessen bewußt ward, schlich er zur Seite und drückte sich hinter das Haus, damit man ihn nicht sehe. An der Wand des Kuhstalles blieb er stehen; er vernahm die Stimme seiner Tochter Fanny. Hatte er denn den Gedanken gehabt, zu ihr zurückzukehren? Er selbst hätte es nicht zu sagen gewußt, seine Füße hatten ihn unbewußt hierher getragen. Jetzt ward das Innere der Wohnung vor ihm lebendig, als sei er hineingetreten; er sah die Küche zur linken Hand, sah seine Kammer im Hintergrund des Heubodens. Sein einstiger Groll war ganz geschwunden; eine Art wehmütiger Rührung faßte ihn; er wäre zusammengebrochen, wenn ihn die Mauer nicht aufrecht gehalten. Lange Zeit lehnte er so an dem Hause. Fanny sprach immer noch im Stall, ohne daß er die Worte unterscheiden konnte. Vielleicht brachte dies verworrene Stimmengeräusch seine Gemütsbewegung hervor. Die Frau mußte eine Magd zurechtweisen, ihre Stimme hob sich; Fouan hörte, wie Fanny trockenen und harten Tones, ohne Schimpfworte zu gebrauchen, dem Mädchen so verletzende Dinge sagte, daß jene zu weinen anhub. Auch er litt dabei; seine Rührung schwand; er richtete trotzig den Kopf auf; denn ihm fiel ein, wenn er jetzt die Tür öffnete, werde seine Tochter ihn mit dieser häßlichen Stimme empfangen. Er meinte zu hören, wie sie sagte: »Papa wird uns auf den Knien bitten, ihn wieder aufzunehmen«, jenes Wort, das für immer alle Bande zwischen ihnen zerrissen. Nein, nein, lieber in einem Graben schlafen, lieber Hungers sterben, als sie mit ihrem Stolz triumphieren sehen. Der Alte hob den müden Rücken von der Wand ab und schleppte sich weiter. Um nicht wieder die Chaussee zu passieren, weil er meinte, alle verfolgten ihn mit den Blicken, ging er hinter der Brücke stromaufwärts das rechte Ufer der Aigre entlang; bald war er bei den Weingärten. Sein Gedanke mochte sein, mit Umgehung des Dorfes die Ebene zu erreichen. Doch unbewußt kam er am Schloß vorüber; seine Füße mochten ihn hierher getragen haben mit jenem Instinkt, der alle Pferde in die Ställe zurückführt, wo sie gefüttert worden. Das Ersteigen der Berge hatte ihn erschöpft, er setzte sich schwer atmend abseits auf einen Stein und überlegte. Wenn er zu Jesus hineinginge und ihm sagte: »Ich will mich an die Gerichte wenden, hilf mir gegen Buteau,« der Bursche würde ihm mit offenem Hintern empfangen, und man wäre die halbe Nacht lustig und guter Dinge. Von dem Winkel, wo der Alte saß, roch er irgendeine Schmauserei, irgend so ein Festessen, wie es der Wilderer zuweilen veranstaltete, und wobei man von früh bis spät tafelte. Sein bereits leerer Magen zog ihn näher an das Gemäuer heran; er erkannte die Stimme von Canon und atmete deutlich den Geruch von roten Bohnen, die Dreckbatzen so ausgezeichnet zu dämpfen verstand, sobald Jesus die Rückkehr seines Freundes mit einem Mahle feiern wollte. Warum sollte er nicht eintreten, mit den beiden Strolchen essen und trinken und sich's wohl sein lassen? Er hörte sie schwatzen; sie hatten's so recht warm dort drinnen und schienen so prächtig betrunken. Die Versuchung ward zu mächtig; schon hob der alte Mann die Hand, um die Tür zu öffnen; da schrillte das durchdringende Lachen von Dreckbatzen an sein Ohr. Ihm sank aller Mut. Dies Mädchen flößte ihm eine schauerliche Furcht ein; er sah immer wieder ihre hagere Gestalt im Hemd sich wie eine Natter zu ihm hinanschleichen, sich auf ihn werfen, ihn durchsuchen, betasten, als wolle sie ihn auffressen. Was würde es ihm helfen, wenn der Vater ihm behilflich wäre, sein Geld wiederzuerlangen? Die Tochter war da, es ihm wieder zu stehlen. Plötzlich öffnete sich die Tür; das Mädchen mußte jemand gewittert haben und kam, einen Blick hinauszuwerfen. Fouan hatte gerade noch Zeit, sich hinter das Gestrüpp zu werfen; er sah ihre grünen Augen durch den dunkelnden Abend blitzen; schnell suchte er das Weite. In der Ebene fühlte er sich mit einem Male leicht, erschien sich wie gerettet vor den Menschen, war glücklich allein zu sein, einsam zu sterben. Lange Zeit schritt er aufs Geratewohl dahin und kehrte wieder um, planlos, ziellos. Es war finster geworden; der kalte Sturm peitschte ihn: zuweilen, wenn ein besonders starker Windstoß daherfuhr, mußte er, nach Luft ringend, dem Sturm den Rücken zukehren; sein spärliches weißes Haar flatterte auf dem nackten Kopf. Es schlug sechs Uhr; alle aßen jetzt in Rognes; er fühlte eine solche Schwäche im Magen, eine solche Mattigkeit in den Beinen, daß er noch langsamer gehen mußte. Noch einmal entfernte er sich in der Richtung zur Borderie hin, bog dann plötzlich ab und stand unvermutet wieder am Rande des Aigretales. Einem wilden Wirbelsturme folgte ein Platzregen; dicht und schneidend kalt rauschte es herab. Der Alte ward durchnäßt; er ging wieder ein Stück; ein zweites und drittes Regenschauer klatschte ihm auf den Kopf. Ohne zu wissen wie, stand er jetzt auf dem Kirchplatze vor dem alten Stammhaus der Fouans, das Franziska und Hans gegenwärtig bewohnten. Doch nein! Er konnte dort keinen Schutz erbitten; sie hatten ihm ja auch die Tür gewiesen. Er stahl sich nebenan bis zur Tür der Buteau hinan und spähte nach der Küche hinüber, aus welcher ein Geruch von Kohlsuppe hervordrang. Sein zitternder armer Leib, das leibliche Bedürfnis zu essen, sich zu wärmen, drängten ihn, sich demütig zu unterwerfen. Aber zwischen dem Geräusch der kauenden Kinnbacken tönten ein paar Worte bis zu ihm hin und hielten ihn auf. »Und wenn der Vater nicht wiederkäme?« fragte Lise. »Laß gut sein,« antwortete Buteau, »er hält zu viel aufs Essen und Trinken; sobald er Hunger hat, kommt er.« Leise schlich Fouan abseits; er wollte nicht, daß man ihn an dieser Tür überrasche wie einen geprügelten Hund, der zur Mahlzeit heimkehrt. Er schämte sich zu sehr; mit wildem Grimm nahm er sich vor, in irgendeinem Winkel zu sterben. Man solle sehen, ob er soviel aufs Essen und Trinken hält! Er wankte wieder das Gehänge hinab; auf einer gefällten Ulme, die vor der Schmiede Clous im Grase lag, ließ er sich nieder. Seine Füße trugen ihn nicht weiter, er blieb in der öden Finsternis des Weges dort sitzen, unbemerkt und einsam; denn die Spinnabende hatten angefangen, alle Häuser waren geschlossen wegen des schlechten Wetters, nicht eine Seele zeigte sich draußen. Der Regen stürzte jetzt scheitelrecht herab, ein ununterbrochener Guß, der den Wind erstickte. Fouan fühlte nicht die Kraft, sich zu erheben, um einen Unterschlupf zu suchen, das Dach eines Schuppens oder ein Loch in einem Schober. Seinen Stock zwischen den Knien, saß er unbeweglich da, wie verdummt von all dem Elend; und der Regen wusch seinen nackten Kopf. Er überlegte nicht einmal mehr; es war einmal so: wenn man keine Kinder hat, kein Haus und keinen Hof, nichts, so hungert man eben und bleibt im Freien. Es schlug neun Uhr, dann zehn. Der Regen nahm immer mehr zu und zermürbte ihm die alten Knochen. Jetzt wurden Laternen sichtbar und huschten vorüber: Die Leute gingen von den Abendplaudereien heim. Der Alte erkannte die Große, die vermutlich von Delhomme kam, wo sie ihr Talglicht erspart. Der Anblick der Schwester raffte ihn plötzlich aus seiner Stumpfheit auf; –mit einer letzten Anstrengung erhob er sich, daß alle seine Glieder krachten und knickten, und folgte ihrer Laterne. Er konnte sie nicht einholen; als er bei ihrem Hause anlangte, schloß sie gerade ihre Tür. Er zögerte mutlos; endlich klopfte er; er war zu unglücklich. Er traf es schlecht, denn die Große war in der bösesten Laune infolge einer unangenehmen Begebenheit der letzten Woche. Als sie sich eines Abends mit ihrem Enkel Hilarion allein befunden, war ihr der Gedanke gekommen, ihn noch Holz spalten zu lassen, bevor man sich schlafen legte. Er war etwas lässig bei dieser späten Arbeit, und im Hintergrund des Holzstalles überhäufte sie ihn mit Schmähungen. Bisher hatte der riesenstarke Bursche in seiner tierischen Stumpfheit alles über sich ergehen lassen, ohne daß er nur gewagt, seine Großmutter anzublicken; nur seit einigen Tagen blitzte es zuweilen unheimlich auf in seinen Augen, wenn sie ihn zu übermäßig quälte. Um ihn anzufeuern, hieb sie ihm mit ihrem Stecken über den Nacken. Er ließ das Beil aus der Hand gleiten und starrte die Alte an. Diese Haltung brachte sie außer sich; sie hob von neuem ihren Stock, prügelte unbarmherzig auf den Burschen los und traf seinen Rücken, seine Schenkel und Beine. Aber plötzlich warf er sich auf sie. Die Große hielt sich für verloren; sie meinte, er wolle sie erwürgen; doch es war etwas anderes. Den Narren hatte ein bestialischer Trieb gepackt; er vergaß das Alter, die verwandtschaftlichen Bande, er sah nicht den knochendürren Leib der Neunundachtzigjährigen; mehr Tier als Mensch hielt er sie gepackt und versuchte, ihrer Herr zu werden. Aber auch sie hatte stählerne Muskeln, sie verteidigte sich mannhaft, kratzte, schlug mit den Fäusten; und wie die Wildheit ihres entmenschten Herzens immer mehr zunahm, erfaßte sie plötzlich die Hacke und schwang sie mit wuchtigem Hieb; das Eisen sauste herab und spaltete den Schädel des Unholds. Die Große rief die Nachbarn herbei, erzählte den Vorfall. Hilarion starb am nächsten Tage. Das Gericht leitete eine Untersuchung ein, dann kamen das Begräbnis und allerhand Scherereien. Die Alte war erbittert gegen die Undankbarkeit der Welt und schwor sich heilig und teuer, nie mehr einem Mitglied der Familie den geringsten Dienst zu leisten. Dreimal klopfte Fouan; er tat's so zaghaft, daß die Große nichts hörte. Endlich kam sie: »Wer ist da?« »Ich bin's.« »Wer ich?« »Ich, dein Bruder.« Zweifelsohne hatte sie sofort die Stimme Fouans erkannt, doch machte es ihr Vergnügen, ihn länger warten zu lassen. Nach einer Pause fragte sie wieder: »Was willst du?« Er antwortete nicht, ein heftiges Zittern schüttelte ihn. Da riß sie die Tür auf. Aber wie er jetzt in den Flur treten wollte, versperrte sie ihm mit ihren mageren Armen den Weg und ließ ihn in dem strömenden Regen stehen, der immer noch so kalt und traurig vom Himmel herniederrieselte. »Ich weiß, was du willst. Man hat uns die Sache in der Spinnstube erzählt ... Du bist also so recht dumm gewesen und hast nicht einmal verstanden, deine heimlichen Ersparnisse festzuhalten? Ich soll dich aufnehmen, wie?« Er entschuldigte sich und brachte stotternd einige Erklärungen hervor; sie aber hob die Stimme: »Wenn ich dich nicht gewarnt hätte! Aber ich hab' dir hundertmal wiederholt, man ist feig und dumm, wenn man seine Habe aus der Hand gibt! ... Jetzt ist's gekommen, wie ich's vorhergesagt; deine Kinder haben dich hinausgeworfen; wie ein Vagabund streichst du nachts über die Straße, wie ein Bettler, der nicht einmal einen Stein sein eigen nennt, auf den er sein Haupt legen kann.« Er faltete die Hände, weinte und versuchte, sie beiseite zu schieben, den Eintritt zu erzwingen. Sie gab nicht nach, sie rief noch heftiger: »Nein, nein! Geh', bitt' die um ein Nachtlager, denen zuliebe du alles hergegeben. Ich bin dir nichts schuldig. Die Familie würde mir noch nachsagen, ich mischte mich in ihre Angelegenheiten ... Du hast deine Habe hergegeben, das verzeih' ich dir nicht!« Den dürren Vogelhals emporreckend, blitzte sie ihn noch ein letztesmal mit ihren bösen Geieraugen an; dann warf sie ihm die Tür vor der Nase zu. »Dir geschieht recht, krepier' auf der Straße!« Fouan stand ohne Bewegung vor dieser unbarmherzig geschlossenen Tür, während der Regen immer noch mit seinem eintönigen Geräusch zur Erde fiel. Endlich wandte er sich ab und verschwand in dem tintenschwarzen Dunkel der Nacht. Niemals vermochte er sich recht zu erinnern, wohin er gegangen. Seine Füße glitten aus in den Wasserlachen am Boden; er tastete mit den Händen, um nicht an die Mauern und Bäume zu rennen. Er hörte auf zu denken, alles verschwamm vor seinem Geiste; dies Dorf, wo er jeden Stein kannte, erschien ihm wie ein unbekannter, schreckhafter Ort, darin er fremd und verloren war und unvermögend, sich zurechtzufinden. Er bog nach rechts ab; denn er fürchtete, er könne dort in Löcher fallen; dann irrte er wieder zur Linken hinüber und blieb am ganzen Leibe bebend stehen, als drohe ihm Gefahr auf allen Seiten. Er kam an einen Zaun, schritt ihn entlang und gelangte zu einer kleinen Tür, welche dem Druck seiner Hand nachgab. Er trat dort hinein; der Boden senkte sich plötzlich unter seinen Füßen, er rollte in eine Vertiefung. Hier war es gut sein; der Regen drang nicht herein, es war warm. Doch ein plötzliches Grunzen erschreckte den alten Mann –er lag neben einem Schweine. Das aus seinem Schlummer aufgestörte Tier meinte, man habe ihm Nahrung zugeworfen; es bohrte seinen Rüssel dem Unglücklichen in die Seite. Er wehrte den Angriff ab, doch er war zu schwach; er fürchtete, gefressen zu werden, raffte sich wieder auf und eilte ins Freie. Aber er konnte nicht weitergehen, er ließ sich vor der Tür auf die Erde gleiten und kauerte sich zusammen, damit das vorstehende Dach ihn gegen den Regen schütze. Die herabfallenden Tropfen näßten nur noch seine Füße; der Wind durchkältete sein nasses Gewand. Er beneidete das Schwein; er wäre wieder zu ihm hineingekrochen, wenn er nicht gehört hätte, wie es hinter seinem Rücken mit gierigem Schnüffeln an der Tür arbeitete. Bei Tagesanbruch erwachte Fouan aus seiner schläfrigen Betäubung. Eine große Scham überkam ihn, als ihm einfiel, daß das ganze Dorf um seine Geschichte wissen müsse, daß alle erfahren würden, er habe wie ein Bettler auf der Straße übernachtet. Wenn man nichts mehr besitzt, hat man keine Gerechtigkeit zu erwarten und kein Mitleid. Er strich hinter den Hecken entlang; jeden Augenblick fürchtete er, ein Fenster könnte sich öffnen, jemand herausschauen und ihn in diesem elenden Zustande erkennen. Es regnete immer noch; er erreichte die Anhöhe und kroch dort in einen Schober. Nach kurzer Rast aber fürchtete er, man werde ihn hier noch finden, und suchte ein anderes Versteck. So irrte er den ganzen Tag ruhelos von einem Winkel in den andern. Der einzige Gedanke, der in seinem Hirn arbeitete, war die Erwägung, ob es wohl sehr lange dauere, so zu sterben. Er litt weniger von der Kälte; der Hunger marterte ihn am meisten; er werde vermutlich vor Hunger sterben, meinte er. Vielleicht währt's noch eine Nacht, vielleicht noch einen zweiten Tag. So lang' es hell war, blieb er seinem Entschlüsse treu; es war besser, hier zu sterben, statt zu den Buteau zurückzukehren. Aber als es zu dunkeln begann, kam ein furchtbarer Schreck über ihn, eine schauderhafte Angst erfaßte ihn bei dem Gedanken, noch eine zweite Nacht in diesem unaufhörlichen Regen zuzubringen. Jetzt fror er bis in die Knochen, und der Hunger nagte mit einem unerträglichen Schmerz in seinem Innern. Als der Himmel schwarz geworden, kam er sich wie ertränkt vor, wie hinweggeschwemmt von dieser rieselnden Finsternis. Sein Kopf bestimmte nicht mehr über ihn, die Füße bewegten sich ganz allein; das hungernde Tier in ihm lenkte seinen Schritt; und, ohne es zu wollen, stand er plötzlich vor der Küche Buteaus. Er öffnete die Tür. Das Ehepaar verzehrte den Rest der gestrigen Kohlsuppe. Buteau blickte sich um beim Kreischen der Angeln, sah den Vater, der in seinen von der Feuchtigkeit dampfenden Kleidern stumm dastand. Eine geraume Weile sprach keiner: endlich sagte der Sohn spöttelnd: »Ich wußte wohl, daß du kein Ehrgefühl hast.« Der Alte antwortete keine Silbe; er sah wie versteinert aus mit seinen geschlossenen Lippen. »Also, Frau, weil ihn der Hunger zurückführt, gib ihm denn zu essen.« Lise hatte bereits einen Napf Suppe herbeigebracht. Fouan aber nahm den Napf, hockte sich damit abseits auf einen Schemel, als vermöge er nicht, sich mit seinen Kindern an denselben Tisch zu setzen; dann begann er hastig mit vollem Löffel zu schlingen. Sein ganzer Körper zitterte vor übermächtigen Hunger. Buteau beendete gemächlich sein Abendmahl, wiegte sich auf seinem Stuhle, spießte mit weit langendem Arm Stückchen Käse an der Spitze eines Messers auf und schob sie so in den Mund. Das gierige Schlucken des Alten interessierte ihn; er verfolgte seinen Löffel mit den Blicken, dabei höhnte er: »Hör' mal, die Promenade im Freien scheint dir den Appetit aufgefrischt zu haben. Aber du darfst es nicht alle Tage wiederholen; deine Nahrung käme zu teuer.« Der Vater schlang und schlang mit einem dumpf glucksenden Geräusch; er entgegnete kein Wort. Und der Sohn fuhr fort: »Ah, der alte Sünder bleibt die Nacht aus! Er ist am Ende gar zu den Mädeln gegangen ... Sage, Alter, hat dir das solchen Appetit gemacht?« Noch immer keine andere Antwort, nichts als dasselbe starre Schweigen und das laute, gierige Schlingen. »He! Ich spreche mit dir!« schrie Buteau gereizt. »Du könntest wohl so höflich sein, mir zu antworten.« Fouan hob nicht einmal die stieren, toten Augen von seiner Schüssel. Er schien weder zu hören, noch zu sehen, als sei er selbst meilenweit entfernt, als sei nur sein Bauch hier, um sich zu füllen, doch nicht sein Herz. Jetzt kratzte er sorgsam seinen Napf aus, um nichts zu verlieren. Lise ward gerührt durch den übergroßen Hunger. »Laß ihn, wenn er nicht reden will,« beschwichtigte sie ihren Gatten. »Aber er soll mich nicht ein zweites Mal zum besten halten!« fiel ihr Buteau wütend ins Wort. »Einmal läßt man's hingehen. Merke es dir, alter Dickschädel, wenn du wieder anfängst, laß ich dich auf der Straße verhungern.« Fouan hatte sein Mahl verzehrt; mühsam hob er sich von seinem Schemel; immer noch mit diesem Grabesschweigen, das jeden Augenblick toter zu werden schien, wandte er sich ab und schlürfte mit seinen müden Schritten zu seinem Verlaß unter der Treppe; dort warf er sich angekleidet auf sein Lager. Wie niedergeschmettert vom Schlummer, schlief er sofort ein, ohne daß man ihn nur atmen hörte. Lise, die ihm nachgegangen, rief ihren Mann in der Meinung, der Alte sei vielleicht tot. Doch Buteau zuckte die Achseln, als er ihn wie erschlagen daliegen sah. Ach ja, tot; als ob das so rasch stürbe. Als sie am nächsten Morgen Nachschau hielten, lag der Vater noch genau, wie er gestern gelegen; auch abends schlief er noch; erst gegen Sonnenaufgang des zweiten Tages erwachte der Greis aus seiner sechsunddreißigstündigen Erschöpfung. »Da bist du ja wieder,« spöttelte Buteau. »Ich glaubte, es ginge so weiter fort, und du habest für immer das Essen verlernt.« Fouan schaute ihn nicht an und antwortete nicht; er ging, sich vor das Haus in die Sonne zu setzen. Von jener Stunde an blieb er sich gleich. Er schien die Papiere vergessen zu haben, die man ihm vorenthielt, wenigstens sprach er nicht mehr davon und suchte sie nicht mehr; vielleicht waren sie ihm gleichgültig geworden, jedenfalls hatte er sich in sein Schicksal ergeben. Doch sein Bruch mit den Buteau war vollständig; das Schweigen, in dem er verharrte, sonderte ihn von diesen ab. Niemals, bei keiner Gelegenheit, bei keinem noch so zwingenden Anlaß richtete er ein Wort an sie. Sie lebten zusammen; der Alte schlief unter demselben Dache, aß dort, sah sie, war von früh bis spät mit ihnen in Berührung; aber er hatte keinen Blick für sie, kein Wort; wie ein Blinder, wie ein Stummer wandelte er zwischen ihnen einem Schatten gleich, der unter Lebenden weilt. Als sie es müde waren, sich mit ihm zu beschäftigen, ohne jemals einen Ton aus ihm herauszubringen, überließen sie ihn sich selbst. Buteau und selbst Lise hörten ebenfalls auf, ihn zu beachten oder anzureden; sie duldeten ihn um sich herum wie ein Möbel und vergaßen schließlich seine Gegenwart. Das Pferd und die beiden Kühe zählten mehr als der Alte. Im ganzen Hause hatte Fouan nur einen Freund, den kleinen Julius, der eben sein neuntes Jahr zurückgelegt. Während die vierjährige Laura sich mit dem der ganzen Familie eigenen harten Blick aus seinen Armen losmachte, tückisch und boshaft, als begreife sie bereits, daß er ein unnützer Esser sei, gefiel sich Julius in seiner Gesellschaft und vertrug sich sehr gut mit ihm. Das Kind war das einzige Band, das ihn noch mit dem Leben der anderen verknüpfte; es wurde sein Botschafter, wenn der Austausch eines Nein oder Ja unvermeidlich ward. Die Mutter schickte dann den Knaben, dem allein der Greis Rede stand, und er vermittelte die Antwort. Der Junge half ferner dem vollkommen sich selbst Überlassenen wie eine kleine Hausmutter sein Lager aufbetten, brachte ihm seine Suppe, die er auf seinen Knien am Schemel nahe dem Fenster verzehrte, denn er hatte nie mehr seinen Platz am Familientische einnehmen wollen. Auch spielten sie miteinander, und das größte Glück Fouans war, wenn er Julius außerhalb des Hauses begegnete; dann nahm er ihn bei der Hand und machte lange Spaziergänge mit ihm. In solchen Stunden pflegte er alles, was er in sich verschloß, auszusprechen; ohne aufzuhören, redete er, daß dem Kinde ganz wirr davon ward; denn bei dem langen Schweigen hatte er das Sprechen verlernt, und die Worte kamen ihm nur mühsam und unklar über die Lippen. Doch der stotternde Greis und der Knabe, der nur Sinn hatte für die Vogelnester und die wilden Maulbeeren, verstanden sich trefflich und plauderten stundenlang miteinander. Papa Fouan lehrte den Kleinen Leimruten stellen und baute ihm einen kleinen Käfig für die Heimchen, die er fing. Wenn er durch die öden Wege dieses Landes streifte, wo er kein Feld, keine Familie mehr sein nannte, war es allein die zarte Kindeshand, die er in der seinen fühlte, welche ihn noch aufrecht hielt und ihn den Wunsch empfinden ließ, noch ein wenig zu leben. In Wirklichkeit war Fouan wie aus der Liste der Lebenden gestrichen. Buteau vertrat ihn, kassierte für ihn ein und unterzeichnete in seinem Namen unter dem Vorgeben, der Alte sei nicht mehr im Vollbesitze seiner Vernunft. Die Rente von hundertfünfzig Franken, die der Verkauf von Fouans Hause seinerzeit ergeben, wurde von Herrn Baillehache dem Sohne ausgezahlt. Unbequemer war Delhomme, der sich standhaft weigerte, seine zweihundert Franken anders als in die Hände des Vaters zu erlegen. Fouan mußte also jedesmal gegenwärtig sein, kaum jedoch hatte der Schwiegersohn den Rücken gekehrt, so steckte der Sohn das Geld ein. Dies machte dreihundertfünfzig Franken, zu denen, wie Buteau jammernd versicherte, er noch die gleiche Summe hinzutun müsse, um den Unterhalt des Vaters zu bestreiten. Niemals sprach er von den Staatspapieren; das ruhte einstweilen, später werde man schon sehen. Die Zinsen gab er vor, immer noch zu den Ratenzahlungen an Papa Saucisse zu verwenden, täglich fünfzehn Sous, wogegen nach dem Tode von Saucisse Fouan ein Morgen Acker zufiel. Buteau versicherte, man könne diesen Kontrakt nicht brechen, weil bereits eine zu große Summe darauf gezahlt sei. Das Gerücht allerdings wollte wissen, daß Saucisse auf der Drohung, man werde seinem Leben nachstellen, sich bereitgefunden, selbst jene Verbindlichkeit zu lösen, indem er an Buteau die Hälfte des bereits eingenommenen Geldes, nämlich tausend Franken, zurückerstattete. Wenn dieser alte Spitzbube hierüber schwieg, geschah es aus Eitelkeit; er mochte nicht, daß das Dorf erfahre, er habe sich seinerseits ebenfalls überlisten lassen. Daß Fouan früher sterben müsse als Saucisse, dessen war Buteau gewiß; der Alte konnte sich ja kaum noch auf den Beinen halten; hätte man ihm einen Nasenstüber gegeben, er wäre liegengeblieben. Ein Jahr verfloß, und Fouan lebte immer noch, obwohl er täglich schwächer wurde. Er war nicht mehr der saubere, alte Bauer mit dem gut rasierten Gesicht, den sauber gestutzten Hasenpfoten auf beiden Wangen, mit der neuen Bluse und den schwarzen Beinkleidern, In seinem spitz gewordenen, abgemagerten Antlitze hatte sich nur die knochige Nase erhalten, die sich immer tiefer zur Erde bückte. Jedes Jahr hatte sich der Alte mehr vornüber, geneigt; jetzt ging er rechtwinkelig geknickt, er hatte nur noch nötig, den letzten Purzelbaum zu schlagen, um in das Grab zu fallen. Er schleppte sich auf zwei Stöcken, das Gesicht von einem langen, schmutzig weißen Barte umwuchert; er trug die zerrissenen, fleckigen Kleider seines Sohnes, in denen er so erbärmlich aussah wie jene zerlumpten Wegelagerer, denen man nicht zu begegnen liebt. Bei all dieser Hinfälligkeit und Verkommenheit lebte der tierische Mensch in ihm fort und klammerte sich mit gieriger Zähigkeit an seine Selbsterhaltung. Mit einem wahren Heißhunger warf er sich auf seine Suppe, bekam niemals genug, stopfte sich mit Brot, sobald er allein im Hause war, stahl selbst dem kleinen Julius seine Butterbrote, wenn das Kind nicht darauf achtgab. Das hatte zur Folge, daß man ihn knapp nährte; unter dem Vorwande, er esse mit unnatürlicher Gefräßigkeit und könne sich schaden, wurden seine Mahlzeiten beschränkt. Buteau warf ihm vor, er habe sich im Schloß in Gesellschaft von Jesus verdorben; das war nicht unrichtig, denn der einst so mäßige Bauer, der sich so hart jeden überflüssigen Genuß versagte und von Brot und Wasser gelebt, hatte sich bei dem Wilderer an Fleisch und Branntwein gewöhnt, und es kam ihm sehr schwer an, jetzt beides zu entbehren. Das Laster ist bald erlernt, selbst wenn es ein Sohn den Vater lehrt. Lise mußte den Wein einschließen, weil er verschwand. An den Tagen, wo man eine Fleischsuppe am Feuer hatte, mußte die kleine Laura beim Kochtopfe Wache halten. Seit es einmal vorgekommen, daß der Alte bei Lengaigne eine Tasse Kaffee auf Borg getrunken, wurden beide Schankwirte unterrichtet, daß man für nichts aufkomme, falls sie ihm Getränke ohne Bezahlung verabfolgen sollten. Er bewahrte immer das gleiche Schweigen; doch zuweilen, wenn sein Suppennapf nicht voll war, oder wenn man den Wein vom Tische nahm, ohne ihm davon zu geben, heftete er in der ohnmächtigen Qual seines ungestillten Appetits seine trüben Augen auf Buteau. Wollten sie ihn langsam verhungern lassen? »Ja, ja, schau mich an,« schrie Buteau. »Meinst du, ich mäste die Faulenzer? Wenn man das Fleisch liebt, verdient man es. Alter Freßsack, der sich nicht schämt, in dem Alter sich dem Suff und der Völlerei zu ergeben!« Jenes Wortes eingedenk, das einst seine Tochter ausgesprochen, blieb Fouan in verbissenem Eigensinn dabei, nicht zu den Delhommes zurückzukehren. Von den Buteau aber erlitt er geduldig die groben Worte und selbst gelegentliche Püffe. In stumpfer Lässigkeit ließ er alles über sich ergeben; er dachte nicht mehr an seine anderen Kinder; der Wunsch, sich dieser Behandlung zu entziehen, kam ihm nicht: er hatte andernorts kein besseres Los zu erwarten; also warum fortziehen? Wenn Fanny ihm begegnete, ging sie steif vorüber; sie hatte geschworen, nimmermehr das erste Wort an ihn zu richten. Jesus hatte im Grunde mehr Herz; er verzieh dem Vater schließlich, daß er ihn verlassen, und machte sich eines Tages den Ulk, den alten Mann bei Macqueron schauderhaft betrunken zu machen und ihn dann in diesem Zustande heimzubringen. Die Sache wurde entsetzlich; Lise mußte die Küche waschen, Buteau schwor, ein andermal könne sein Vater auf dem Misthaufen schlafen. Infolge dieses Abenteuers mißtraute der Greis seinem Ältesten und fand in seiner Furcht, es könne ihm ein zweites Unglück passieren, sogar den Mut, die Erfrischungen, die Jesus ihm anbot, auszuschlagen. Zuweilen stieß Dreckbatzen mit ihren Gänsen auf ihn, wenn er irgendwo am Rande eines Weges saß. Sie blieb dann vor ihm stehen, schaute ihn mit dem forschenden, durchdringenden Blick ihrer kleinen Augen an und plauderte einen Augenblick, während ihre Tiere auf einem Beine stehend und den Hals wachsam seitwärts gestreckt, hinter ihr warteten. Doch eines Morgens entdeckte der alte Mann, daß ihm das Frauenzimmer sein Taschentuch gestohlen, und hob seit dieser Zeit abwehrend seine Stöcke, sobald er sie in der Entfernung gewahr wurde. Sie verspottete ihn, hetzte ihre Gänse auf ihn und hörte erst dann mit ihren Neckereien auf, wenn ein Vorübergehender ihr mit Schlägen drohte, falls sie ihren Großvater nicht zufrieden lasse. Bisher hatte Fouan mit Hilfe seiner beiden Stöcke gehen können, und das war ein Trost für ihn gewesen; denn ihn interessierte das Land immer noch, er besuchte noch immer seine einstigen Felder, gleichwie alte Wüstlinge ihre ehemaligen Geliebten nicht vergessen können. Langsam ging er durch die Wege mit seinem holperigen Greisenschritt, als schleppe er eine Wunde mit sich herum; am Rande eines Feldes blieb er stehen und blickte stundenlang, auf seine Stöcke gelehnt, über die Schollen; dann schleppte er sich zu einem anderen Acker und vergaß sich dort auch wieder unbeweglich gleich einem alten vertrockneten Baum. Seine leeren Augen unterschieden nicht mehr deutlich Roggen, Hafer oder Weizen. Alles verschleierte sich vor seinem Blick, und unklare Erinnerungen stiegen aus der Vergangenheit empor: jenes Stück Land hatte in dem und dem Jahre soundsoviel Hektoliter getragen. Selbst die Daten und Zahlen verwirrten sich untereinander. Ihm blieb nur ein unklares Empfinden übrig: Mutter Erde, die Erde, die er so sehr geliebt, der er sechzig Jahre lang alles gewidmet, seine Kraft, sein Herz, sein Leben, die undankbare Erde, die sich einem anderen hingegeben, für den anderen ihre Ernten trug, ohne ihm nur das Geringste zu lassen! Eine große Traurigkeit packte ihn bei diesem Gedanken, daß ihn Mutter Erde nicht mehr kenne, daß ihm nichts von ihr übriggeblieben, nicht ein Sou, nicht ein Stück Brot, daß jetzt sein Los sei zu sterben, zu verfaulen im Schoße der gleichgültigen Undankbaren, die aus seinen verwitternden Knochen noch neue Jugendfrische ziehen werde. Wahrlich, um zu diesem Ergebnis zu gelangen, war's nicht der Mühe wert, sich so zu Tode zu schinden mit der Arbeit. Wenn der Alte von solchen Wanderungen durch seinen einstigen Besitz heimkam, sank er so erschöpft auf sein Lager, daß man ihn nicht einmal atmen hörte. Doch dieser letzte Anteil, den er am Leben nahm, ging mit dem Gebrauch seiner Beine verloren. Bald wurde es ihm so schwer zu gehen, daß er kaum über das Dorf hinauskam. An schönen Tagen machte er drei oder vier Stationen, an denen er mit Vorliebe rastete: die Balken vor der Hufschmiede Clous, die Aigrebrücke, eine Steinbank nahe der Schule. Langsam zog er von einem dieser Ruhepunkte zum anderen, brauchte eine Stunde, um zweihundert Meter zurückzulegen, schleppte seine Holzschuhe wie einen schweren Wagen, wackelte gebrochen wie lendenlahm. Zuweilen vergaß er sich einen ganzen Nachmittag und kauerte auf einem gefällten Baum in der Sonne. Mit offenen Augen saß er da stumpf und unbeweglich. Leute gingen vorüber, ohne ihn zu grüßen; denn er war eine Sache geworden. Selbst seine Pfeife ward ihm eine Ermüdung; sie hing so schwer an seinen Lippen, das Stopfen und Anzünden wurde ihm so mühsam; er hörte fast zu rauchen auf. Er hatte nur den einen Wunsch, sich nicht mehr vom Flecke zu rühren; ihn fror selbst in der brennenden Mittagssonne, sobald er sich bewegte. Nachdem sein Wille und sein Ansehen erloschen, geriet er jetzt vollkommen in Verfall: ein altes Tier, das einmal ein Mensch gewesen und jetzt verlassen verkommt. Aber er beklagte sein Geschick nicht; der Gedanke, daß man einen Gaul tötet, wenn er keine Arbeit mehr leisten kann und nutzlos seinen Hafer frißt, dieser Gedanke war ihm in Fleisch und Blut übergegangen. Die Alten dienen zu nichts und kosten Geld, man hat nur den einen Wunsch, sie loszuwerden. Er selbst hatte den Tod seines Vater ersehnt. Wenn seine Kinder jetzt darauf warteten, daß auch er sterbe, so wunderte er sich weder darüber, noch bereitete es ihm Schmerz. Das mußte so sein. Wenn ein Nachbar ihn fragte: »Nun, Papa Fouan, es geht immer noch?« So brummte er grollend: »Ach, das Krepieren dauert verflucht lang, und es fehlt doch wahrhaftig nicht am guten Willen.« Er sagte die Wahrheit; der Bauer in seiner Ergebenheit sträubt sich nicht gegen den Tod, im Gegenteil, er sehnt ihn herbei, sobald er nichts mehr sein nennt und die Erde ihn zu sich zurückruft. Eine Bitternis harrte noch seiner. Julius, von Laura aufgereizt, entzog ihm seine Freundschaft. Die kleine Schwester schien eifersüchtig, wenn sie den Bruder mit dem Großvater beschäftigt sah; mit häßlicher Stimme rief sie ihn dann zu sich, und ihre schwarzen Augen schauten böse drein. Wenn ihr Brüder ihrem Rufe nicht folgte, hängte sie sich an seine Schultern und zog ihn gewaltsam fort. Darauf aber schmeichelte sie ihm und machte ihn den Alten vergessen. Nach und nach kettete sie ihn vollständig an sich, eine kleine Kokette, die es sich zur Aufgabe gemacht, diese Eroberung durchzusetzen. Eines Nachmittags wartete Fouan beim Schulhause auf Julius; er fühlte sich so schwach, daß ihm der Gedanke gekommen war, sich von dem Kinde die Straße hinauf geleiten zu lassen. Doch Laura trat gleichzeitig mit ihrem Bruder aus der Schule, und als der Alte mit zitterndem Griffe nach der Hand des Kleinen faßte, lachte das Mädchen boshaft auf. »Da ist er schon wieder und will dich langweilen; laß ihn doch laufen!« Dann wandte sie sich an die anderen Knaben: »Ist der Julius dumm, sich immer von dem Alten langweilen zu lassen!« Die Kinder lärmten höhnend, Julius errötete, wollte den Helden spielen und machte sich mit einem Satze von seinem Großvater los, indem er ihm das Wort der Schwester zurief: »Du langweilst mich!« Verstört sah ihm Fouan nach, Tränen kamen ihm in die Augen; er stolperte, als weiche der Boden unter ihm, wie sich diese kleine Hand von ihm zurückzog. Die Kinder aber machten sich noch lauter über ihn lustig; von Laura angeführt, nahmen sie einander bei der Hand und begannen singend und höhnend um ihn herumzutanzen. Fouan brauchte mehr als zwei Stunden, um allein heimzukehren, so kraftlos schleppten ihn seine Füße. Jetzt war alles vorüber. Das Kind reichte ihm nicht mehr seinen Suppennapf, richtete nicht mehr sein Lager her, dessen Matratze kaum einmal jeden Monat gewendet wurde. Der Alte hatte nicht mehr den Knaben, mit dem er hätte sprechen können; er verstummte vollkommen; er war jetzt ganz einsam inmitten der anderen, ganz abgeschlossen und auf sich selbst angewiesen. Nie mehr kam ein Wort über seine Lippen! Drittes Kapitel. Die Frühjahrsbestellung der Felder hatte begonnen. An einem grauen und kalten Februarnachmittag kam Hans mit seinem Pfluge zum großen Acker auf der Höhe hinaus, woselbst er vielleicht noch zwei Stunden zu arbeiten hatte. Auf Anraten seines einstigen Herrn nämlich wollte er in einem Winkel dieses Feldes schottischen Weizen anbauen, ein Versuch, zu dem Herr Hourdequin ihm das Saatkorn zur Verfügung gestellt. Dort, wo Hans gestern die Scheidefurche gezogen, begann er jetzt anzupflügen. Die Hände an den Griffen des Pfluges, ermunterte er mit rauh klingendem »Dia, hü! hep!« seinen Gaul. Heftige Regengüsse nach wochenlangen Sonnentagen hatten die lehmige Erde gehärtet; nur mit Mühe schnitten Pflugschar und Sech durch den festen Boden. Die abgelöste Scholle knirschte am Streichbrett, das sie umlegte und den am Acker ausgebreiteten Mist darunter vergrub. Zuweilen versetzte ein im Wege liegender Stein dem Pfluge einen kurzen Ruck. »Dia, hü! hep!« Mit straffen Armen wachte Hans, daß die Furche sich gradaus strecke; während sein Pferd mit hängendem Kopfe gleichmäßig und stetig zog. Wenn der Pflug sich mit Erde und Strauchwerk füllte, entleerte ihn der Ackersmann mit rüttelnder Faust; dann glitt das Eisen von neuem dahin, die Scholle wälzte sich wie lebend hinterher; klaffend starrte der aufgeschlitzte Leib der Erde. Er war am Raine angelangt; er machte Kehrt und schnitt eine neue Furche. Bald überkam ihn eine Art Rausch beim Einatmen des kräftigen, feuchten Geruches, der dem Boden entströmte; auch sein gleichmäßiger Gang und der unverwandte, feste Blick seiner Augen betäubten ihn. Nimmermehr konnte er ein echter Bauer werden. Er war nicht diesem Boden entwachsen, er blieb der Handwerker aus der Stadt, der Soldat, der den italienischen Feldzug mitgemacht, und was die Bauern weder sehen, noch fühlen, er sah und empfand es: den traurig ernsten Frieden der Ebene, den mächtigen Odem der Erde sowohl im Sonnenschein wie im Regen. Er hatte immer davon geträumt, sich aufs Land zurückzuziehen. Doch wie töricht war sein Wahn gewesen, daß, sobald er Hobel und Flinte beiseite gelegt, der Pflug sein Sehnen nach Ruhe stillen werde. Die Erde war wohl friedsam, schien freundlich denen zugetan, welche sie lieben; doch die Dörfer, die gleich Nestern von Ungeziefer daran kleben, alle diese menschlichen Insekten, die an der Erde saugen und nagen, verunzieren sie, machen sie uns widerlich und unleidlich. Hans erinnerte sich nicht, je soviel gelitten zu haben, als seit dem schon fernen Tage, da er den Fuß in die Borderie gesetzt. Er hob ein wenig die Pflugsterzen, damit der Pflug sich leichter bewege. Eine kleine Ausbiegung der Furche ärgerte ihn; er kehrte um und schaute jetzt besser hin, während er sein Pferd antrieb. »Dia, hü! hep!« Ja, nichts als Ungemach diese zehn Jahre! Zuerst sein langes Warten auf Franziska; dann der Krieg mit den Buteau, wo nicht ein Tag ohne irgendeinen unangenehmen Vorfall, ohne häßliche Worte vorübergegangen. Seit zwei Jahren war er jetzt mit Franziska verheiratet, konnte er sich jetzt endlich glücklich nennen? Wenn auch er sie noch immer liebte, so war es ihm jetzt sehr wohl klar, daß sie ihn nicht so liebte, ihn niemals so von ganzer Seele lieben werde, wie er es gewünscht hätte. Beide lebten in bestem Einvernehmen, arbeiteten, sparten und brachten etwas vor sich. Und doch war es nicht das Rechte; er fühlte es deutlich, wenn er sie in seinen Armen hielt, daß sie ihm fremd blieb, daß ihre Gedanken fern von ihm weilten. Sie war jetzt im fünften Monat in der Hoffnung, und selbst dieses Ereignis hatte sie einander nicht näher gerückt; immer deutlicher wiederholte sich ihm jenes Empfinden, das ihn am Tage ihres Einzuges in dieses Haus überkommen, das Empfinden, er sei ein Fremder für sein Weib: ein Mann aus einer anderen Gegend, der, man wußte nicht wo, aufgewachsen, der anders dachte wie die Leute in Rognes, der ihr mit einem Worte so fremdartig erschien, daß sie sich selbst jetzt, wo er der Vater ihres Kindes werden sollte, keine innige Gemeinschaft mit ihm denken konnte. Nach ihrer Heirat hatte sie in ihrem noch frischen Zorn gegen die Buteau eines Tages aus Cloyes einen Bogen Stempelpapier mitgebracht, um ein Testament zugunsten ihres Mannes zu machen; denn man hatte ihr erklärt, daß, falls sie stürbe, ohne Kinder zu hinterlassen, das Haus und der Landbesitz ihrer Schwester zufalle, da nur das Mobiliar und das bare Geld in die Gütergemeinschaft der Eheleute einzurechnen seien. Später schien sie sich anders besonnen zu haben; das Blatt Papier lag noch heute unbeschrieben in ihrer Kommode. Ihm hatte es einen heimlichen Schmerz verursacht. Zwar dachte er nicht an sein persönliches Interesse; doch ihm schien das Schalten seiner Frau einen Mangel an Zuneigung zu verraten. Heute allerdings, wo sie ein Kind erwarteten, war jenes Testament vielleicht zwecklos, und dennoch tat dem Manne das Herz weh, sooft er in der Kommode das weiße Papier erblickte. Hans hielt in seiner Arbeit inne, ließ das Pferd rasten und schüttelte in der kalten Luft die schwindelnde Betäubung ab, die ihn überkommen. Mit langsamem Blicke bestrich er die weite Ebene, diesen leeren Horizont, darin in der Ferne andere Pflüger mit ihrem Gespann aus dem nebelhaften Grau blickten. Er war überrascht, Fouan zu gewahren, der den neuen Weg von Rognes daherkam, um wieder einmal eines seiner alten Felder zu besuchen, wie ihm dies von Zeit zu Zeit noch einfiel. Hernach senkte der Bauer seinen Blick und schaute in die offene Furche zu seinen Füßen. Die vom Pfluge gewendete Scholle sah gesund und frisch aus, und darunter ruhte die fruchtfördernde Schichte des Düngers. Ihm aber stiegen allerhand verworrene Gedanken auf: wie sonderbar es sei, daß man den Boden so durchgrub, um Brot zu essen, wie traurig, daß Franziska ihn nicht liebe; noch andere verworrene Gedanken über das, was hier auf dem Acker wachsen werde, über sein Kind, das bald kommen solle, über all die Müh' und Arbeit, die man sich gebe, ohne doch jemals glücklich zu werden. Er faßte von neuem seinen Pflug und ließ seinen gurgelnden Ruf erschallen: »Dia, hü! hep!« Er hatte fast seine Arbeit beendet, als Delhomme, der zu Fuß von einem benachbarten Gute heimkam, am Rande des Feldes stehenblieb. »He, Korporal, wißt Ihr das Neueste? ... Es scheint, wir bekommen Krieg.« Er ließ seinen Pflug los und blickte den Sprecher erstaunt an; die Worte, die er gehört, schienen ihn aufs tiefste zu bewegen. »Krieg, wieso?« »Ja, mit den Preußen, wie ich höre ... Es steht in der Zeitung.« Starren Blickes stand Hans da; er dachte an den Krieg in Italien. Wie glücklich war er damals gewesen, als es ihm vergönnt war, gesund dem Gemetzel zu entkommen! Mit welcher Leidenschaft hatte er sich darnach gesehnt, ruhig in seinem Winkel leben zu können. Jetzt brachte dieses Gerücht von einem neuen Kriege all sein Blut in Wallung. »Alle Wetter, wenn uns die Preußen zu Leibe wollen, da müssen wir dreinschlagen!« Delhomme war anderen Sinnes. Er schüttelte den Kopf und erklärte, es sei um den Ackerbau geschehen, wenn wieder die Kosaken ins Land zögen wie zu Napoleons Zeiten. Mit dem Dreinschlagen sei nichts gewonnen, man müsse vielmehr trachten, sich in Güte zu verständigen. »Was ich da sage, gilt für die anderen ... Ich habe bei Herrn Baillehache Geld eingezahlt. Was auch geschehen möge, mein Sohn rückt nicht aus. »Natürlich,« versetzte Hans ruhig. »Auch mich geht der Krieg nichts an; ich habe meine Zeit abgedient und bin heute verheiratet ... Also mit den Preußen! Na, denen wird man heimleuchten.« »Guten Abend, Korporal.« »Guten Abend.« Delhomme ging. Weiter drüben hemmte er wieder seinen Schritt und verkündete seine Botschaft; bei einem dritten Acker machte er von neuem halt und rief einem Bauer die Neuigkeit zu. Das drohende Kriegsgerücht verbreitete sich unter dem traurig aschfarbenen Himmel über die ganze Beauce. Hans, der sein Tagewerk beendet, wollte sofort das versprochene Saatkorn von der Borderie holen. Er spannte aus, ließ den Pflug am Rande des Ackers und schwang sich auf sein Pferd. Während er sich entfernte, fiel ihm Fouan ein; er suchte ihn mit den Blicken, doch der Alte war verschwunden; er mochte hinter einem Strohschober, der auf Buteaus Felde stand, Schutz gegen die Kälte gesucht haben. In der Farm band Hans sein Pferd an; doch suchte er vergeblich nach einem Knechte, die Leute mußten alle auf den Feldern beschäftigt sein. Er trat in die leere Küche, schlug mit der Faust auf den Tisch; endlich vernahm er Jacquelines Stimme aus dem Keller, wo sich die Milchwirtschaft befand. »Was gibt's?« Die steile Stiege, die in diesen Keller führte, lag unmittelbar am Fuße der Treppe unter einer Falltür. Er kniete auf der obersten Stufe und spähte hinab. »Oh, Korporal!« Jetzt erblickte er die Cognette in dem nur durch eine Luke erleuchteten, halbdunklen Räume. Sie arbeitete inmitten der Sahnentöpfe, aus denen Milch tropfenweise in einen großen steinernen Bottich abfloß; sie hatte die Ärmel bis zu den Achseln emporgestreift, ihre nackten Arme waren über und über mit dem schaumigen Weiß betüncht. »Komm' doch herunter ... Fürchtest du dich vor mir?« Sie duzte ihn wie früher und schaute ihn herausfordernd, lächelnd an. Aber er blieb verlegen auf seinem Platze. »Es ist wegen der Saat, die der Herr mir versprochen.« »Ja, ja, ich weiß ... Wart', ich steig' hinauf.« Als sie im hellen Taglicht erschien, kam sie ihm reizend frisch vor mit ihren weißen Armen und dem guten Milchgeruch, der ihr entströmte. Sie sah ihn fest mit ihren sündhaften Augen an und fragte scherzend: »Du küssest mich nicht? ... Man braucht doch nicht unhöflich zu sein, weil man verheiratet ist.« Er küßte sie auf beide Wangen, absichtlich laut schmatzend, damit es nur wie ein Freundschaftskuß aussehe. Doch er fühlte sich seltsam erregt, Erinnerungen wurden in ihm wach, ein eigenes Erschauern fuhr ihm durch die Glieder. Niemals hatte er mit seiner Frau, die er so sehr liebte, etwa Ähnliches empfunden. »Also komm,« nahm Jacqueline wieder das Wort. »Ich werde dir den Weizen zeigen ... Denk' dir, es ist niemand im Hause, selbst die Magd ist auf dem Markte.« Sie schritt über den Hof, ging in die Getreidescheuer und trat dort hinter einen Haufen Säcke; hier lag, von ein paar Brettern zusammengehalten, das Saatkorn. Er war ihr gefolgt; er fühlte sich etwas beklommen, sich mit ihr so allein in diesem versteckten Winkel zu befinden. Sofort schien er sich für das Getreide zu interessieren, schönes, schottisches Korn in der Tat. »Es ist sehr groß!« Sie ließ ihr Taubenlachen hören und kam rasch auf den Gegenstand zu sprechen, der sie am meisten interessierte. »Deine Frau ist in der Hoffnung, wie? ... Ihr laßt euch also gehen! Geht es mit ihr? Sprich! Ist's so gut mit ihr wie mit mir?« Er wurde sehr rot; sie aber amüsierte es höchlichst, ihn so erregt zu sehen. Doch mit einem Male verfinsterte sich ihr Blick, als erinnere sie sich an etwas Unangenehmes. »Weißt du, ich hab' allerhand Scherereien gehabt. Glücklicherweise ist's vorüber, und alles hat sich zum Besten gewendet.« Eines Tages nämlich war Hourdequins Sohn, der Hauptmann Leon, nach viel jähriger Abwesenheit auf dem Gut erschienen. Mit einem Blicke erkannte der junge Mann, welcher Art die Person war, der sein Vater das Bett der Mutter eingeräumt. Jacqueline war von Schreck erfaßt, denn sie sah ihre ehrgeizigen Pläne gefährdet, die nichts Geringeres anstrebten, als die Frau und Erbin Hourdequins zu werden. Doch der Offizier beging den Fehler, der Geliebten seines Vaters gegenüber ein gar zu plumpes Vorgehen einzuschlagen; er wollte sie verführen und sich dann von seinem Vater überraschen lassen, um ihn gründlich von seiner Leidenschaft zu heilen. Das war zu durchsichtig. Die Cognette spielte die Tugendhafte, schrie, weinte und beteuerte Hourdequin, sie werde das Haus verlassen, in dem man sie so wenig achte. Es fand eine heftige Szene zwischen den beiden Männern statt; der Sohn versuchte, dem Alten die Augen zu öffnen, das machte die Sache nur noch schlimmer. Zwei Stunden später verließ Herr Leon den Hof, indem er noch auf der Schwelle rief, er ziehe es vor, lieber alles zu verlieren, und wenn er je zurückkehre, geschehe es nur, um diese Dirne mit Fußtritten hinauszuwerfen. Jacqueline in ihrem Triumph meinte, alles wagen zu können. Sie erklärte Hourdequin, nach solchen Ärgernissen, die sie im ganzen Lande zum Gegenstande des Gespöttes machten, sei sie es sich selbst schuldig, den Hof zu verlassen, wenn er sie nicht heirate. Sie begann sogar, ihren Koffer zu packen. Der Gutsbesitzer war noch aufgeregt von dem Bruch mit seinem Sohne und zwar um so mehr, als er sich im Unrecht fühlte und tiefen Schmerz empfand; er beantwortete die Zumutung seiner Geliebten mit zwei wuchtigen Ohrfeigen. Sie begriff, daß sie sich übereilt habe, und brachte ihre Abreise nicht wieder zur Sprache. Übrigens war sie jetzt unumschränkte Herrin auf dem Gutshofe, nicht nur, daß sie offen das Ehezimmer des Besitzers teilte und abgesondert von den Leuten mit ihm speiste, sie befahl, zahlte die Knechte, hatte die Schlüssel der Kasse in ihrer Verwahrung, beherrschte ihren Herrn so vollkommen, daß er keinen wichtigen Entschluß mehr faßte, ohne ihren Rat einzuholen. Es ging abwärts mit ihm, er alterte; sie verzweifelte nicht, auch seinen letzten Widerstand zu besiegen und ihn zum Entschluß zu bewegen, sobald sie ihn moralisch vollkommen heruntergebracht habe. In seinem ersten Zorn nach der Entfernung seines Sohnes hatte er sich zu dem Schwur hinreißen lassen, ihn enterben zu wollen; sie arbeitete darauf hin, ihn zu einem Testament zu ihren Gunsten zu bestimmen; eines Nachts entriß sie ihm ein förmliches Versprechen, und schon hielt sie sich für die Herrin des Hofes. »Seit Jahren geb' ich mich mit dem alten Esel ab,« schloß sie; »du kannst dir denken, daß ich's nicht seiner schönen Augen wegen tue.« Hans mußte lächeln. Beim Sprechen hatte sie mechanisch ihre nackten Arme in das Getreide getaucht, zog sie wieder daraus hervor und vergrub sie nochmals in die Körner; ein feiner Staub klebte an der feuchten Haut. Er schaute ihr zu; dabei machte er eine Äußerung, die ihm sofort leid tat: »Und mit Tron steht's immer noch beim Alten?« Sie schien nicht verletzt; ohne Scheu stand sie ihm Rede wie einem alten Freunde. »Ich hab' ihn ganz gern, den großen Viechskerl, aber er ist, weiß Gott, unvernünftig! ... Stell' dir vor, daß er den Eifersüchtigen spielt! ... Wahrhaftig, er macht mir Szenen: ich soll mit niemandem verkehren als allenfalls mit dem Herrn; es scheint, selbst das ist ihm zuviel, er kommt nachts an unserem Zimmer horchen.« Wieder lächelte Hans. Ihr aber war nicht heiter zumute, denn sie hegte eine geheime Furcht vor dem Koloß Tron, den sie für falsch und heimtückisch hielt wie alle Percheronen. Er hatte ihr gedroht, er werde sie erdrosseln, wenn sie ihn betrüge; darum zitterte sie, so oft er ihr nahte, trotz des Wohlgefallens, das die schmächtige Person immer noch an dem Riesenkörper des Knechtes fand. Aber sie zuckte die Achseln, wie um zu sagen, sie sei mit anderen fertig geworden. Wieder mit ihrer guten Laune fuhr sie fort: »Sag', Korporal, es ging' besser mit uns beiden; wir paßten zusammen, gelt?« Ihn immerfort mit ihrem lüsternen Blick anblinzelnd, fuhr sie fort, in dem Korn zu wühlen. Er aber vermochte nicht länger seine Sinne zu beherrschen, vergaß sein Weib, vergaß das Kind, das ihm geboren werden sollte; er ergriff ihren Arm, streichelte die sanft bepuderte Haut bis zur Achsel hinauf. Das hatte sie gewollt, seit sie ihn auf der Kellerstiege erblickt. Halb war's das Wiedererwachen alter Liebe, vor allem aber die unlautere Begier, ihn einer anderen zu entreißen, zu zeigen, daß sie mehr Gewalt über ihn ausübe als die rechtmäßige Frau. Schon hielt er sie in seinen Armen; da tauchte die hohe, dürre Gestalt des Schäfers Soulas hinter den Getreidesäcken auf. Der Alte räusperte sich und spuckte; die beiden ließen einander fahren, und Hans stotterte: »Ja, sehr wohl; ich werde mir fünf Hektoliter davon holen ... Er ist groß, prächtig groß!« Sie blickte wütend nach dem Schäfer hinüber, der sich immer noch dort zu schaffen machte und murmelte zwischen den Zähnen: »Das ist zuviel! Selbst wenn man meint, allein zu sein, spioniert einem der Mensch nach! Warte, ich werd' ihn mir vom Halse schaffen! Hans beeilte sich, die Scheuer zu verlassen. Er band sein Pferd los und nahm es am Zügel. Vergeblich machte ihm Jacqueline Zeichen, er solle bleiben; denn sie hätte ihn lieber in ihrem Wohnzimmer versteckt, statt auf ihr Gelüste zu verzichten. Er aber rief, er werde morgen wiederkommen, und beeilte sich, den Hof zu verlassen. Vor dem Tore holte ihn Soulas ein. »Es gibt also auch keine Zucht und Sitte mehr,« sprach der alte Mann, »auch du bindest wieder mit ihr an? ... Leiste ihr wenigstens den Dienst, sie zu warnen, sie soll ihren Mund halten, wenn sie nicht will, daß ich den meinen auftue. Wir werden eines Tages was erleben, du wirst's sehen!« Hans zuckte unwirsch die Achseln. Er schämte sich dessen, was er im Begriff gewesen zu tun. Er glaubte doch, Franziska so sehr zu lieben; wie nur kam's, daß ihn zu ihr nie dies leidenschaftliche Verlangen trieb, das ihn heute wieder bei Jacquelines Anblick gepackt? Liebte er denn die letztere mehr als seine Frau? Hatte es ihm dies schlechte Weibsbild angetan? Die Vergangenheit wachte vor ihm auf; sein Zorn aber wuchs mehr und mehr; denn er fühlte, er werde trotz seiner Empörung zu ihr zurückkehren. Er sprang auf sein Pferd und galoppierte davon, um recht schnell nach Rognes zurückzukehren. Franziska war an jenem Nachmittage der Gedanke gekommen, auf die Höhe hinaufzugehen, um Klee für ihre Kühe zu schneiden. Sie versah gewöhnlich diese Arbeit; doch ging sie ungern allein; sie war besorgt, den Buteau zu begegnen, die bei jedem Zusammentreffen einen Streit vom Zaun brachen. Heute aber hoffte sie, oben ihren Mann zu finden; darum ergriff sie eine Sense und machte sich auf den Weg. Das Pferd konnte dann den Klee heimtragen. Sie war nicht wenig überrascht, als sie den ausgespannten Pflug dort liegen sah und keine Spur von ihrem Gatten entdeckte; wo mochte er nur sein? Noch unangenehmer aber ward sie berührt, als sie vor ihrem Feld Buteau und Lise erblickte, die sehr aufgeregt miteinander zu reden schienen. Die beiden waren sonntäglich gekleidet; sie mochten in irgendeinem Dorfe einen Besuch gemacht haben und kamen auf dem Heimweg hier vorüber. Einen Augenblick dachte Franziska umzukehren. Aber sie schämte sich ihrer Furcht; sie hatte doch wohl das Recht, wenn es ihr beliebte, nach ihrem Acker zu sehen; ohne ihren Schritt zu beschleunigen oder zu verzögern, kam sie näher heran mit der Sense auf der Schulter. In Wahrheit war Franziska jedesmal bis ins Innerste bewegt, wenn sie Buteau begegnete, zumal, sobald er allein war. Seit zwei Jahren hatte sie kein Wort mit ihm gewechselt; doch sie vermochte ihn nicht anzuschauen, ohne daß es ihr einen Riß durchs Herz gab. Vielleicht war's Zorn, vielleicht etwas anderes. Mehrmals wenn sie sich zu ihrer Kleewiese begeben, hatte sie ihn vor sich denselben Weg dahinschreiten sehen. Er drehte sich dann wiederholt nach ihr um und starrte sie mit seinen gelbgefleckten grauen Augen an. Sie erschauerte bei diesem Blick; unwillkürlich ging sie schneller, während er in einen langsameren Gang verfiel; endlich mußte sie an ihm vorüber; ihre Augen durchbohrten einander eine Sekunde. Sodann hatte sie das erschreckende und gleichzeitig süße Gefühl, ihn hinter sich zu wissen; ihr Gang wurde steif und ungeschickt dabei. Bei ihrer letzten Begegnung war sie dermaßen verlegen geworden, daß sie beim Sprung von der Chaussee mit dem schwangeren Leib auf ihr Feld hinstürzte. Er lachte dabei laut auf. Als Buteau abends der Lise in hämischer Weise den Vorfall berichtete, wechselten beide einen Blick, der verriet, daß ihre Gedanken dieselben waren: Wenn sich das Frauenzimmer samt seinem Kinde erschlagen hätte, bekäme der Mann nichts, Haus und Feld würden wieder ihr Eigentum. Sie kannten von der Großen die Geschichte von dem ungeschriebenen Testamente, das seit der Schwangerschaft Franziskas überflüssig schien. Aber sie hatten niemals Glück gehabt; ihnen passierte es gewiß nicht, daß das Schicksal sie mit einem Schlage von Mutter und Kind befreite. Abends beim Schlafengehen kamen sie wieder darauf zurück und plauderten ein Langes und Breites über die Sache; es stirbt ja niemand davon, daß man von seinem Tode spricht. Gesetzt den Fall, Franziska stürbe, ohne einen Erben zu hinterlassen, wie das alles aufs beste schlichten würde, welche Gerechtigkeit vom lieben Gott! Mehr und mehr hingerissen von ihrem Hasse, erklärte Lise schließlich, ihre Schwester sei nicht mehr ihre Schwester, sie werde der Elenden selbst den Kopf unters Beil halten, wenn sie dadurch wieder in den Besitz ihres Heimes gelangen könne, aus dem diese Person sie in so schändlicher Weise vertrieben. Buteau ging nicht so weit, er meinte, es sei schon sehr hübsch, wenn das Kind vor der Geburt umkomme. Diese Schwangerschaft war seine größte Verzweiflung, denn ein Kind werde das Ende seines hartnäckigen Hoffens, den endgültigen Verlust des halben Erbteiles bedeuten. So plaudernd legten sie sich nieder, und Lise löschte das Licht; dabei lachte sie vor sich hin und äußerte, solange ein Kind nicht geboren sei, könne es sehr wohl auch nicht lebend zur Welt kommen. Ein Schweigen herrschte in der Dunkelheit; darauf fragte er, warum sie das sage? Sie schmiegte sich an ihn, legte ihren Mund an sein Ohr und machte ihm ein Bekenntnis: im letzten Monat war sie gewahr geworden, daß ihr schon wieder ein Unglück passiert; ohne ihm etwas davon zu sagen, hatte sie sich deshalb auf den Weg gemacht zu Sapin, einer alten Frau in Magnolles, die allerhand Zauberkünste kannte. Ein drittes Kind, dank' schön, er würde ein schönes Gesicht gemacht haben! Die Sapin hatte ganz einfach mit einer Nadel die Gefahr beseitigt. Ihr Mann hörte ihr zu, ohne ein Zeichen von Zustimmung oder Mißbilligung zu geben, seine Zufriedenheit äußerte sich nur in der launigen Art, wie er versetzte, sie hätte sich die Nadel für Franziska verschaffen sollen. Sie lachte, umfaßte ihn zärtlich und flüsterte, die Sapin kenne noch ein anderes Mittel; etwas ganz Merkwürdiges! Was denn? Das könne nur ein Mann machen: er müßte nämlich der Frau mit dem Finger drei Kreuze auf den nackten Leib beschreiben und dabei ein »Ave« von rückwärts hersagen. Buteau lachte nicht mehr; zwar schienen beide einige Zweifel an der Sache zu hegen, doch der Aberglaube, der diesen Leuten in Fleisch und Blut übergegangen, behauptete sein Recht; war es doch bekannt, daß die Hexe von Magnolles eine Kuh in ein Wiesel verwandelt und einen Toten erweckt hatte. Das Mittel mußte helfen, weil die Alte es gesagt hatte. Wenn man das bei der Franziska versuchen könnte! Warum nicht? war sie doch Buteaus Geliebte gewesen! Niemals! wehrte dieser ab, als seine Frau diese alte Lüge wiederholte. Seit jener Nacht dachte das Ehepaar unausgesetzt an das Kind, das Franziska gebären sollte, und das ihnen für immer Haus und Feld entreißen würde. Sobald sie der jungen Frau begegneten, maßen sie mit den Blicken den Umfang ihres Leibes; auch heute, als die Kleine des Weges daherkam, war ihr Zustand ihre erste Sorge, und sie stellten mit Entsetzen fest, daß es bald zu spät sein werde. »Zum Satan!« schrie Buteau, auf das Feld deutend, »der Dieb hat uns einen guten Fuß breit von unserem Acker weggepflügt ... Da, ist es sonnenklar; hier ist der Grenzstein!« Franziska war im gleichen, langsamen Schritte näher herangekommen, indem sie sich Mühe gab, ihre Bangigkeit den Blicken der Verwandten zu verbergen. Sie begriff jetzt, warum die zwei so aufgeregt waren, Hans mochte ihren Acker angepflügt haben. Die Grenzlinie beider Grundstücke war ein Vorwand ewigen Haders; fast kein Monat ging vorüber, ohne daß man mit heftigen Klagen übereinander herfiel; das mußte mit Tätlichkeiten und Prozessen enden. »Hörst du,« hub Buteau die Stimme, »ihr seid auf unserem Grunde, ich werde euch verklagen.« Ohne nur das Haupt zu wenden, betrat die junge Frau ihr Kleefeld. »Man spricht mit dir!« schrie Lise außer sich. »Schau dir den Markstein an, wenn du meinst, wir lügen.« Da die Schwester beharrlich nichts als ein verächtliches Schweigen zur Antwort gab, verlor sie alles Maß; mit geballten Fäusten schritt sie zu ihr hinüber. »Du höhnst uns, Kanaille! ... Ich bin die Ältere, du schuldest mir Achtung, ich werde dich zwingen, mich auf den Knien um Verzeihung zu bitten für das, was du mir angetan hast.« Sie stand sinnlos vor Wut neben ihr und fragte sich, wie sie sie umbringen solle? Mit Faustschlägen, mit Fußtritten, oder solle sie ihr mit einem Feldstein den Schädel zerschmettern. »Auf die Knie, auf die Knie vor mir!« Franziska, immer noch stumm, spie ihr ins Gesicht wie an jenem Tage, als sie in ihres Vaters Haus eingezogen., Lise kreischte wild auf; doch Buteau schob sie heftig zur Seite. »Laß, das ist meine Sache!« Ob sie ihn lassen wollte? Er mochte ihr das Kreuz brechen wie einen morschen Baum, mochte sie zertreten, mißbrauchen, ihr war's recht. Sie blickte sich um, ob niemand sie überraschen könne. Die Ebene weitete sich endlos unter dem finsteren Himmel; kein Mensch war sichtbar. »Geh los drauf, es sieht uns niemand!« Buteau schritt auf Franziska zu. Wie sie ihn mit dem flammenden Blicke sich nahen sah, glaubte sie, daß er sie prügeln wolle. Sie hatte ihre Sense nicht aus der Hand gelegt, aber sie zitterte; er hatte übrigens schon den Griff der Sense erfaßt, entriß sie ihr und schleuderte sie in das Kleefeld. Um ihm zu entkommen, blieb ihr nichts übrig, als zurückzuweichen; so gelangte sie in das benachbarte Feld und lenkte ihre Schritte nach dem Schober, der daselbst stand, als hoffe sie, dort einen Wall zu finden. Buteau beeilte sich nicht, schien sie dorthin zu drängen und öffnete allmählich die Arme mit einem stillen Lachen, das sein Zahnfleisch sehen ließ. Plötzlich begriff sie, daß er sie nicht prügeln wolle. Nein, er wollte etwas anderes: das, was sie ihm so lange Zeit verweigert hatte. Da begann sie noch mehr zu zittern, denn sie fühlte sich von ihrer Kraft verlassen; sie, die ehemals so tapfer war und kräftig losschlug mit dem Rufe, daß es nie geschehen werde. Und doch war sie kein Kind mehr; zum heiligen Martinstag war sie dreiundzwanzig Jahre alt geworden; sie war jetzt ein voll entwickeltes Weib mit noch frischem Munde, die Augen talergroß. Es überkam sie ein Gefühl, so warm und so weich, als seien ihre Glieder gelähmt. Buteau zwang sie noch immer zurückzuweichen und sprach endlich mit leiser, keuchender Stimme: »Du weißt, es ist nicht aus zwischen uns beiden, du mußt mein werden!« Er hatte sie an den Schober gedrückt, faßte sie jetzt an den Schultern und warf sie um. Doch jetzt begann sie sich verzweifelt zu wehren gleichsam in der Gewohnheit ihres langen Widerstandes. Er hielt sie fest und trachtete, ihnen Fußstößen auszuweichen. »Was riskierst du denn, dummes Vieh, da du ohnehin schwanger bist? Ich werde dir doch nicht noch eins dazu machen!« Sie brach in Tränen aus, ihr Leib ward von nervösen Zuckungen geschüttelt. Er konnte nicht Besitz von ihr ergreifen, denn er ward bei jedem neuen Angriff zur Seite geworfen. Die Wut machte ihn roh, und er schrie, zu seinem Weibe gewendet: »Was stehst du da, Gafferin? Halte sie doch fest, wenn du willst, daß es geschehen soll!« Lise war in einer Entfernung von zehn Schritten unbeweglich stehengeblieben und schaute bald auf die weite Ebene, ob niemand komme, bald wieder mit ruhiger Miene auf die beiden Ringenden. Auf den Ruf ihres Mannes schwankte sie nicht einen Augenblick; sie trat näher, erfaßte das linke Bein ihrer Schwester, zog es zur Seite und setzte sich darauf. Franziska mußte furchtbar leiden, denn sie überließ sich willenlos mit geschlossenen Augen ihren Peinigern. Doch war sie bei voller Besinnung; als Buteau fertig war, wurde sie von einem solchen Wonnegefühl ergriffen, daß sie einen langen Ruf ausstieß und ihn mit beiden Armen umschlang, so stark, daß er schier erstickte. Hinter dem Schober tauchte jetzt das bleiche Haupt des alten Fouan auf. Er hatte alles mit angesehen. Doch sofort trat er wieder hinter den Schober zurück; er hatte Furcht. Buteau hatte sich erhoben, und Lise beobachtete ihn scharf. Sie dachte nur an eins: ob er die Sachen auch gut mache. Allein in seiner Sinnesraserei hatte er alles vergessen, die drei Kreuze und das Ave Maria, das von rückwärts herzusagen war. Sie war darüber ganz außer sich. Also um des Vergnügens willen hatte er es getan?« Doch Franziska ließ ihr keine Zeit zu Erklärungen. Einen Augenblick war sie am Boden liegengeblieben, eine Beute dieser ihr bisher unbekannten Liebeswonne. Doch plötzlich erwachte sie zur Wirklichkeit: sie liebte Buteau, hatte niemals einen andern geliebt und wird niemals einen andern lieben. Diese Entdeckung erfüllte sie mit Scham und Wut gegen sich selbst. Mit einem Sprunge war sie auf den Beinen und schrie: »Ihr Schweinehunde! ... Jawohl, Schweinehunde alle zwei; ihr habt mich zugrunde gerichtet! Bessere als ihr sind schon geköpft worden! ... Ich werde es Hans erzählen! ... Er wird seine Rechnung mit euch machen!« Buteau zuckte die Achseln und erwiderte: »Hör' auf! Du starbst schier vor Verlangen danach! Ich fühlte ja, wie du vor Behagen zucktest! ... Auf nächstens wieder!« Diese Worte brachten Lise vollends in Wut, und ihr ganzer Ingrimm wandte sich jetzt gegen Franziska. »Das ist wahr, Metze, ich hab' es gesehen. Du hast ihn umklammert und hast ihn gezwungen! Du hast meinen Mann verführt! ... Ja, am Tage nach meiner Hochzeit hast du ihn verführt! ...« Ihre Eifersucht brach los seltsam genug nach ihrer willfährigen Nachsicht; eine Eifersucht, die sich weniger auf den Akt selbst bezog, als auf jene Hälfte, welche die Schwester ihr von ihrem Leben genommen. Wäre dieses Mädchen –Blut von ihrem Blute –nicht geboren worden, sie hätte nicht alles teilen müssen. Sie verabscheute sie, weil sie jünger, frischer, begehrenswerter war. »Du lügst!« rief Franziska. »Du weißt wohl, daß du lügst!« »Ach, ich lüge? Bist nicht du es, die ihm nachstellte, die ihn bis in den Keller verfolgte?« »Du lügst!« schrie Franziska außer sich; »du weißt wohl, daß du lügst! Du elendes Biest hast mich festgehalten, hast mir schier das Bein zermalmt! ... Du bist ekelhaft, oder hast mich vielleicht umbringen wollen! ...« Lise versetzte ihr eine Maulschelle. Diese Roheit versetzte Franziska in eine solche Wut, daß sie sich auf ihre Schwester stürzte. Buteau stand mit den Händen in den Taschen abseits und lachte. Der Kampf dauerte fort; sie rissen einander die Hauben vom Kopf, bissen und kratzten einander, fuhren einander mit den Nägeln ins Fleisch. Einander fortwährend stoßend, waren sie bis in das Kleefeld zurückgewichen. Plötzlich stieß Lise ein Geheul aus: Franziska hatte ihr die Nägel in den Hals getrieben. Ihr flimmerte es rot vor den Augen, und klar tauchte der Gedanke vor ihr auf, die Schwester umzubringen. Sie bemerkte zur Linken Franziskas die Sense mit aufwärts gekehrter Spitze am Boden liegen. Mit aller Kraft stieß sie Franziska gegen diese blinkende Klinge. Die Unglückliche strauchelte, fiel nach links und stieß einen furchtbaren Schrei aus: die Sense war ihr in die Seite gedrungen. »Donnerwetter!« stammelte Buteau. Das war alles. Eine Sekunde hatte genügt, und die nicht wiedergutzumachende Tat war geschehen. Lise sah mit Erstaunen, was sie gewollt, so rasch verwirklicht und betrachtete das zerschnittene Kleid, das von einem Blutstrom gefärbt wurde. Sollte das Eisen bis zu dem Kleinen eingedrungen sein, daß es so stark floß? Hinter dem Schober guckte das bleiche Gesicht Fouans wieder hervor; er hatte alles gesehen; seine trüben Augen blinzelten. Franziska bewegte sich nicht mehr, und Buteau, der näher getreten war, wagte nicht, sie zu berühren. Ein Windstoß zog vorüber und drang ihm eiskalt bis an die Knochen; sein Haupthaar sträubte sich in einem Schauer des Entsetzens. »Sie ist tot, komm fort,« rief Buteau. Er faßte seine Frau an der Hand und zog sie hinweg; sie rannten über das öde Feld. Ein Windstoß blähte die Bluse des Mannes und zerrte an den aufgelösten Flechten der Frau; sie hielt ihre Haube in der Hand, und beide stürmten wie gehetzte Tiere dahin, immerfort wiederholend: »Sie ist tot, Donnerwetter! ... Fort! Fort!« Immer wilder ward ihre Flucht; keuchend und außer Atem stießen sie wie unbewußt immer dieselben Worte hervor: »Tot, Donnerwetter! Tot, Donnerwetter!« Sie verschwanden. Mit geschlossenen Wimpern lag Franziska im Grase. Hinter dem Schober blickte wie ein Gespenst das kahle Haupt des alten Fouan hervor; er stierte auf die blutende Gestalt am Boden; schaudernd, als wolle man auch ihm ans Leben, verkroch er sich wieder in seinem Versteck. Einige Minuten später kam Hans. »Was ist, was fehlt dir?« fragte er erstarrend, als er sein Weib in ihrem Blute liegen sah. Franziska hatte die Augen wieder geöffnet, rührte sich aber nicht; mit ihren großen, schmerzerfüllten Augen blickte sie ihn lange an; aber sie antwortete nicht, sie schien weit fernab mit seltsamen Gedanken beschäftigt. »Du bist verwundet, du blutest! Was ist dir geschehen?« Jetzt wagte sich der Alte hervor, Hans erblickte ihn. »Um alles! sagen Sie mir, was ist ihr begegnet?« Da sagte Franziska mit leiser Stimme: »Ich bin Gras holen gekommen und bin über die Sense gestürzt ... Ach, es ist aus!« Ihr Blick hatte den Fouans gesucht; sie sagte ihm mit diesem Blicke die anderen Dinge, welche die Familie allein wissen durfte. Der Alte begriff und stammelte in seiner Bestürzung: »Es ist wahr; sie ist gefallen und hat sich verwundet ... Ich war da und hab' es gesehen.« Es mußte eine Bahre aus Rognes geholt werden. Franziska blutete immerfort. Mehr tot als lebend brachte man sie ins Dorf. Viertes Kapitel. Am nächsten Tage, einem Sonntag, sollten die Burschen von Rognes nach Gloyes zur Militärauslosung ziehen. Darum lärmte, während die Große und die Frimat die Verwundete abends entkleideten und zu Bette brachten, auf der Straße die Werbetrommel. Hans, der vollkommen den Kopf verloren, spannte an, um Doktor Finet zu holen. Bei der Kirche aber begegnete er dem Tierarzt Patoir, der ins Dorf kam, um ein krankes Pferd des alten Saucisse zu besichtigen. Der Bauer zwang den sich Sträubenden, mit ihm zu kommen. Als jedoch der Tierarzt die klaffende Wunde gewahrte, verweigerte er jede Einmischung: da gab's nichts zu helfen. Zwei Stunden später brachte Hans Herrn Finet; auch dieser zuckte die Achseln und versicherte, er vermöge nichts zu tun, als der Kranken betäubende Mittel zu geben, um ihr das Sterben zu erleichtern. Die vorgerückte Schwangerschaft verwickelte den Fall, man fühlte die Bewegungen des Kindes, das am Tode seiner Mutter dahinstarb. Der Arzt legte einen Verband an; dann machte er sich auf den Heimweg, nachdem er dem unglücklichen Gatten mitgeteilt, seine Frau werde vermutlich nicht die Nacht überleben. Doch starb sie nicht so schnell; sie atmete immer noch, wie in tiefen Schlaf versunken, als am nächsten Morgen gegen neun Uhr die Trommel erschallte, welche die jungen Leute zum Abmarsch sammelte. Die ganze Nacht hatte es geregnet, wie eine Sintflut war's vom Himmel herabgerauscht; Hans hatte beim Bette seiner Frau gesessen und geweint. Jetzt am Morgen hörte er den dumpfen Wirbel der Trommel durch die feuchte, laue Luft herauf tönen. Es regnete nicht mehr; der Himmel war noch immer bleigrau. Der Tambour war ein Neffe Macquerons, der eben seine Militärzeit beendet; er trommelte, als gelte es, ein Regiment ins Treffen zu führen. Ganz Rognes war in Aufregung; die seit einigen Tagen umgehenden Kriegsgerüchte gaben dieses Jahr der Rekrutenauslosung noch ein ernsteres Gepräge. Neun Burschen mußten sich stellen, eine ungewöhnlich große Zahl: unter ihnen befanden sich auch Ernst und Delphin, die einst Unzertrennlichen, bevor noch Ernst bei dem Restaurateur in Chartres in Stellung getreten. Der junge Kellner war kaum wiederzuerkennen; er trug einen Spazierstock, einen Zylinder, eine blaue, in einen Ring geschürzte Krawatte. Er bestellte seine Kleider bei einem Schneider und lachte über die fertigen Anzüge von Lambourdieu; sein Hals schien noch länger geworden, der Nacken war glatt rasiert. Sein ehemaliger Kamerad, Delphin, hingegen schien noch mehr Bauer geworden; der stämmige Bursche war steif und schwer, sein Gesicht hart gedorrt von der Sonne. Beide knüpften in der ersten Stunde ihres Wiedersehens ihre alte Freundschaft wieder an. Nachdem sie einen Teil der Nacht miteinander verbracht, erschienen sie beim Schall der Trommel Arm in Arm vor dem Schulzenamt. Die Verwandten der einberufenen Burschen hatten sich ebenfalls eingefunden. Delhomme und Fanny, welche die elegante Erscheinung ihres Sohnes Ernst ungemein stolz machte, wollten seinem Abmarsch beiwohnen; sie hegten keine Furcht, daß man ihn behalten werde, denn sie hatten bei Baillehache die Ablösungsprämie erlegt. Bécu, dessen Feldhüterschild blank geputzt war, zankte mit seiner Frau, die in Tränen schwamm: wie? war es nicht in der Ordnung, daß Delphin ein tüchtiger Soldat werde? Der Bursche übrigens erklärte zuversichtlich, ihm sei nicht bange, er wisse, daß er eine gute Nummer ziehen werde. Als nach einstündigem Warten die Neun versammelt waren, übergab Lequeu ihnen die Fahne. Gewöhnlich wurde der Größte und Stärkste ausersehen, sie zu tragen; man einigte sich nach einigem Hin und Wider auch diesmal dahin, daß Delphin diese Ehre zuteil werde. Er ward verlegen; seine Riesenfäuste griffen nur zaghaft zu, wenn ihm etwas neu war. Diese lange Fahne war höchst unbequem zu tragen; wenn sie ihm nur kein Unglück brachte! An beiden Straßenecken fegten die beiden Wirtinnen Flora und Celine noch einmal ihre Schankstuben für den Besuch des Nachmittags rein. Macqueron stand mit finsterer Miene auf der Schwelle seiner Türe; Lengaigne erschien ebenfalls vor seiner Kneipe und blickte höhnisch hinüber. Er triumphierte; die Beamten der Steuerbehörde nämlich hatten in seines Rivalen Holzstall vier Stückfaß geschmuggelten Wein mit Beschlag belegt infolge einer namenlosen Anzeige, die, wie man wissen wollte, von Lengaigne ausgegangen. Die Stellung des Schulzen war durch diesen Vorfall ernstlich in Frage gestellt. Und noch etwas anderes machte ihm Sorge: seine Tochter Bertha hatte sich mit dem Sohne des Stellmachers eingelassen, daß er schließlich trotz seiner mehrjährigen Weigerung nicht umhin gekonnt, in das Bündnis einzuwilligen. Seit acht Tagen schwatzten die Frauen am Brunnen von nichts anderem wie von der Heirat der Tochter und dem Prozeß des Vaters. Sicherlich werde er zu einer Geldstrafe verurteilt, vielleicht bekomme er gar Gefängnis. Macqueron vermochte die schadenfrohe Fratze seines Nachbars nicht zu ertragen; er zog sich in sein Haus zurück. Delphin hielt die Fahne, der Tambour begann zu trommeln, der Abmarsch der Rekruten begann. Knaben rannten neben dem kleinen Zuge her; einige Verwandte, Delhomme, Fanny, Bécu und andere gaben den jungen Leuten bis zum Ausgang des Dorfes das Geleite. Die Becu rannte in die leere Kirche; dort fiel die Frau, die nie fromm gewesen, auf die Knie und betete, der liebe Gott möge ihrem Sohne eine gute Nummer zuteil werden lassen. Mehr als eine Stunde lang blieb sie in inbrünstiger Andacht versunken. Auf der ebenen Landstraße nach Cloyes zu war die Fahne nach und nach verschwunden; der Schall der Trommel verhallte in der Luft. Erst gegen zehn Uhr kam Doktor Finet wieder; er schien überrascht, Franziska noch am Leben zu treffen; denn er hatte gemeint, bereits die Bestattungserlaubnis ausfertigen zu können. Er untersuchte die Wunde und schüttelte den Kopf. Seit gestern ging ihm die Geschichte, die man ihm erzählt, im Kopfe herum; er schöpfte keinerlei Verdacht, doch unbegreiflich blieb es ihm, wie die Frau so unglücklich auf die Spitze der Sense hatte fallen können. Er machte sich endlich auf den Heimweg, sehr ärgerlich, daß er zur Ausstellung des Totenscheines noch einmal zurückkehren müsse. Hans saß brütend neben dem Bette, den forschenden Blick auf sein Weib geheftet, das unfähig zu reden, von Zeit zu Zeit die Augen öffnete und ihn fremd anblickte, als sei ihr Geist schon dem Irdischen entrückt. Er nährte einen unbestimmten Argwohn, irgendeine Vermutung unbekannter Umstände dämmerte in ihm auf. Bei Tagesanbruch hatte er sich einen Augenblick aus dem Zimmer gestohlen, war zu dem Kleefeld hinaufgerannt, um den Schauplatz des Unfalles in Augenschein zu nehmen. Nichts gab ihm eine Aufklärung: er sah vom Regen der Nacht verwischte Fußstapfen, sah den zertretenen Boden auf dem Fleck, wo er seine Frau gefunden, er vermochte keine Schlüsse hieraus zu ziehen. Nach der Entfernung des Arztes befand er sich mit Franziska allein; die Frimat war frühstücken gegangen, und die Große mußte einen Augenblick in ihrem Heim Nachschau halten. Die Sterbende öffnete wieder die Lider. »Hast du Schmerzen?« Sie schloß die Augen und antwortete nicht. »Sprich, verheimlichst du mir nichts?« Franziska versank wieder in die unbewegliche Starre, in der sie seit dem vorigen Abend dalag; wenn nicht leises Atmen ihre Brust langsam auf und nieder bewegt, hätte man sie für tot halten können. Seit gestern lag sie auf dem Rücken, wie von Unbeweglichkeit und Schweigen festgebannt. In dem glühenden Fieber, das sie verzehrte, schien ihr Wille sich gegen das Phantasieren aufzulehnen, so sehr fürchtete sie, daß sie sprechen könne. Sie hatte stets einen eigenartigen Charakter gehabt, einen vertrackten Schädel, den Schädel der Fouans; sie tat alles anders wie die anderen Leute und hatte immer Einfälle, die alle Welt verblüfften. Vielleicht gehorchte sie einem tiefen Familiensinn, der mächtiger war als der Haß und das Rachebedürfnis. Wozu sprechen? Mußte sie doch sterben! Es waren Dinge, die man unter sich begrub in dem Erdenwinkel, wo alle herangewachsen waren; Dinge, die man niemals, um keinen Preis, einem Fremden preisgeben durfte. Und Hans war ein Fremder, den sie nicht von Herzen hatte lieben können, dessen Kind sie ungeboren mit sich nahm, vielleicht zur Strafe, weil sie es empfangen. Hans dachte jetzt an das Testament. Schon in der Nacht war ihm wiederholt eingefallen, daß ihm nichts als die Möbel und die in der Kommode liegenden hundertsiebenundzwanzig Franken Bargeld gehören würden, wenn sie ohne letzte Verfügung sterbe. Er liebte sie von Herzen; er hätte seine rechte Hand hergegeben, um sie sich zu erhalten; doch dieser Gedanke, daß er mit ihr Hof und Acker verlieren solle, vergrößerte noch seinen Schmerz. Nach einer Weile schien sie wieder aus ihrer Betäubung zu erwachen: ihre Hände griffen wieder in die Bettdecke, und die Augenlider öffneten und schlössen sich mehrmals in heftigem Wechsel. Er entschloß sich, einen Versuch zu machen. »Vielleicht hast du noch irgend etwas zu erledigen?« Hörte sie ihn? Verstand sie, was er wollte? Kein Merkmal verriet es. »Du weißt, wegen deiner Schwester, im Falle dir ein Unglück zustoßen sollte ... Wir haben immer noch das Stempelpapier dort in der Kommode.« Er brachte das Papier und setzte mit einer Stimme, die immer stockender und immer verlegener ward, hinzu: »Soll ich dir helfen? ... Hast du die Kraft zu schreiben? ... Es geschieht nicht aus Interesse; ich mein' nur, es wird nicht dein Wunsch sein, denen, die dir so viel Leid zugefügt, dein Vermögen zu lassen?« Es zuckte ihr in den halb geöffneten Lidern, sie schien ihn zu verstehen. Warum aber verhielt sie sich so ablehnend kalt? Er blickte sie starr an, ohne zu begreifen. Sie selbst hätte sich wohl nicht Rechenschaft zu geben vermocht über ihr Empfinden. Sie vergaß in diesem Augenblick ihre Feindschaft mit der Schwester, vergaß den letzten furchtbaren Kampf: sie dachte an das Haus, an das Ackerland, dessen er eben Erwähnung getan. Sie sollte es ihm lassen. Warum ihm? Was war er ihr? Was schuldete sie dem fremden Manne? Wird nicht ihr Kind mit ihr sterben? Also warum diesen Grund und dieses alte Stammhaus aus der Familie gehen lassen? Das war's und noch andere verschwommene, verworrene Gedanken, die vor ihrem Geiste auftauchten, das Bild eines andern Mannes, der sie so lange verfolgt und nie besessen, den sie so hartnäckig zurückgewiesen, und dessen sie doch in dieser letzten Stunde mit hoffnungslosem Weh gedachte. In Hans aber stieg eine Erbitterung auf; die Furcht, seinen Besitz zu verlieren, riß ihn hin. Er hob Franziskas Oberleib, versuchte sie sitzend an ihre Kissen zu lehnen, legte ihr eine Feder in die Hand. »Mein Gott, ist es denn möglich? Du solltest sie mehr lieben als mich? Diese Kanaillen sollten alles bekommen?« Jetzt endlich öffnete Franziska die Augen, und der Blick, den sie auf ihn richtete, erschütterte ihn. Sie wußte, daß sie sterben müsse, die Verzweiflung, die in diesem starren Blick ruhte, sagte es deutlich. Warum quälte er sie? Sie konnte nicht, sie wollte nicht, das war ihre Sache. Ein dumpfes Stöhnen entrang sich ihren Lippen; dann sank sie wieder zusammen, ihr Haupt lag von neuem unbeweglich in den Polstern. Hans überkam ein solches Unbehagen, er schämte sich dermaßen über die Unzartheit seines Vorgehens, daß er noch ratlos und bewegungslos das Papier in der Hand hielt, als die Große in das Zimmer trat. Sie verstand, zog ihn auf die Seite, um zu erfahren, ob ein Testament geschrieben sei. Stotternd gab er vor, er habe gerade das gestempelte Papier verstecken wollen, damit man die Sterbende nicht mit diesen Sachen quäle. Sie nickte zustimmend; sie war wieder auf der Seite der Buteau, ahnte allerhand Szenen, wenn diese erben sollten. Sie setzte sich an den Tisch, zog ihren Strickstrumpf hervor und sagte laut: »Ich werde gewiß niemanden übervorteilen ... Mein Testament ist lange in Ordnung. Jeder wird sein Teil bekommen, ich würde es für eine Sünde halten, wenn ich irgendwen auf Kosten der anderen begünstigte ... Ihr kriegt jeder das eure, meine Kinder. Es wird schon der Tag kommen.« Dies waren die Worte, mit denen sie immerfort die Glieder der Familie zu vertrösten pflegte; aus Gewohnheit wiederholte sie diese neben diesem Sterbebette; dabei lachte sie innerlich und freute sich im stillen über den Kampf, der infolge ihres verquickten Testamentes nach ihrem Tode unter den Verwandten entbrennen mußte. Nicht eine Klausel stand darin, die nicht einem Prozeß zum Vorwande dienen mußte. »Ja, wenn man sein Eigentum mit ins Grab nehmen könnte!« schloß sie. »Aber da man das nicht kann, sollen die Nachkommen ihre Freude daran haben.« Auch die Frimat kam jetzt zurück und setzte sich der Großen gegenüber. Sie strickte ebenfalls. Die Stunden des Nachmittags strichen vorüber; die beiden alten Frauen plauderten, während Hans, unvermögend auf einem Platze zu verharren, in furchtbarer Aufregung und banger Erwartung umherging, das Zimmer verließ und wieder eintrat. Der Arzt hatte gesagt, man könne nichts tun; man tat nichts. Die Frimat klagte, daß man nicht nach Meister Sourdeau geschickt habe, einem Quacksalber in Bazoches, der auch sehr gut die Wunden zu behandeln verstand. Er sagte einen Spruch, blies über die wunde Stelle, und der Kranke war geheilt. »Ein ausgezeichneter Mann,« versicherte die Große mit Überzeugung. »Er war's, der den Lovillon vom Magenkrampf befreit hat ... Plötzlich bekommt der alte Lovillon den Magenkrampf; es würgt ihn in den Gedärmen, drückt ihm auf den Bauch; er wird von Tag zu Tag elender. Und das Schlimmste: mit einemmal hat die Alte dieselbe Krankheit, denn sie ist ansteckend, wie ihr wißt. Ja, und ehe man sich's versieht, liegen alle darnieder, die Tochter, der Schwiegersohn, die drei Kinder ... Mein Wort, sie wären sämtlich drauf gegangen, wenn man nicht Meister Sourdeau geholt hätte, der das Übel vertrieben, indem er ihnen mit einem Schildpattkamm den Leib rieb.« Die Frimat nickte zustimmend bei der Erzählung: die Sache war bekannt, da gab's keine Widerrede. Sie selbst gab eine andere Tatsache an. »Meister Soudeau heilte auch Budins Kleine vom Fieber, indem er eine lebende Taube mitten auseinander schnitt und ihr auf den Kopf legte. Dann wandte sie sich zu Hans, der stumpf dreinstierend neben dem Bette saß. »An Eurer Stelle ließe ich den Alten holen. Vielleicht ist es noch nicht zu spät.« Doch er schüttelte zornig das Haupt, mit dem Unglauben der Städter verachtete er diesen Hokuspokus. Die beiden Frauen fuhren fort, einander allerhand Heilmittel vorzuzählen. Petersilie unter die Matratze gelegt, hilft gegen Lendenschmerzen; drei Eicheln in der Tasche getragen, vertreiben jede Geschwulst; ein Glas Wasser, das man nachts im Mondenschein stehen läßt und frühmorgens auf nüchternen Magen trinkt, verjagt die Winde. »Hören Sie,« rief plötzlich die Frimat, »wenn man nicht Meister Sourdeau holen läßt, könnte man vielleicht wenigstens nach dem Herrn Pfarrer schicken.« Hans machte dieselbe ärgerlich abweisende Gebärde; die Große kniff die Lippen zusammen. »Was soll der Pfarrer dabei?« »Was er dabei soll! ... Er bringt den lieben Gott, das hilft zuweilen.« Die Große zuckte die Achseln, wie um zu sagen, das seien veraltete Ansichten. Jedes gehört an seinen Platz: der liebe Gott in die Kirche, die Leute ins Haus. »Übrigens,« bemerkte sie nach einem Stillschweigen, »der Pfarrer würde nicht kommen, denn er ist krank ... Die Bécu hat mir soeben erzählt, daß er am Mittwoch weggefahren sei, weil der Arzt erklärt hat, daß er in Rognes zugrunde gehen müsse, wenn man ihn nicht wegbringe.« Es war, wie die Alte sagte. Seit den zwei Jahren und sechs Monaten, während welcher der Abbé Madeline hier das Seelsorgeramt ausübte, ging es mit ihm mehr und mehr bergab. Das Heimweh, die heftige Sehnsucht nach seinen Bergen der Auvergne nagten ihm am Herzen, erfüllten ihn mit unsäglicher Trübsal inmitten dieser flachen Beauce. Kein Baum, kein Fels, schmutzige Pfützen mit salzigem Wasser statt der lustig plätschernden Wasserfälle daheim. Die Augen des Geistlichen verblaßten, er magerte ab, es hieß, er habe die Schwindsucht. Wenn er wenigstens bei seinen Pfarrkindern Freude und Trost gefunden hätte. Doch aus seiner frommen Gemeinde in den Bergen war er unter dieses vom Unglauben verderbte Volk geraten, dessen ganze Religion in den äußeren Gebräuchen bestand. Die Weiber betäubten sein Ohr mit ihrem Geschrei und Gezänk, sie mißbrauchten seine Schwäche und leiteten buchstäblich an seiner Statt den Gottesdienst, was sein Gewissen mit der ewigen Angst beschwerte, er könne, ohne es zu wollen, eine Sünde begehen. Ein letzter Schlag aber hatte ihm den Rest von Mut genommen, der ihm noch geblieben: bei der Weihnachtsmesse bekam eine der Mutter-Gottes-Jungfrauen vor dem Altar Geburtswehen! Seit jener Zeit vermochte sich der Abbé nicht wieder zu erholen; man hatte den Entschluß fassen müssen, ihn todkrank in seine Auvergne zurückzusenden. »Da sind wir also wieder einmal ohne Pfarrer!« meinte die Frimat. »Wer weiß, ob der Abbé Godard wird zurückkommen wollen.« »Oh, der Wüterich,« versetzte die Große, »der ginge ja vor Gift und Galle zugrunde.« Der Eintritt Fannys unterbrach ihr Gespräch. Sie war die einzige von der ganzen Familie gewesen, die schon am vorigen Abend nach der Kranken geschaut. Jetzt kam sie zum zweitenmal, nach ihrem Befinden zu fragen. Hans deutete mit seiner zitternden Hand stumm auf Franziska. Alle schwiegen gerührt. Dann erkundigte sich Fanny, die Stimme dämpfend, ob die Sterbende nach ihrer Schwester verlangt habe. Nein, durch kein Zeichen hatte sie ein solches Verlangen ausgedrückt, es war, als sei Lise nicht da für sie. Das war sehr befremdend; wenn man sich auch entzweit hat, der Tod ist der Tod: wann will man denn Frieden schließen, wenn nicht vor seinem Heimgange? Die Große war dafür, man solle Franziska um ihre Meinung fragen. Sie erhob sich, neigte das Haupt über die Kranke. »Sag', Kleine, willst du nicht die Lise sehen?« Die Sterbende bewegte sich nicht. Nur ein kaum sichtbares Zucken flirrte in den geschlossenen Lidern. »Sie wartet vielleicht, daß wir die Schwester holen. Ich will hingehen. Doch immer noch, ohne die Augen zu öffnen, gab Franziska durch leises Bewegen des Kopfes zu verstehen, daß sie es nicht wünsche. Hans bestand darauf, daß man ihren Willen achte; die drei Frauen setzten sich wieder. Sie wunderten sich, daß Lise nicht aus eigenem Antriebe kam. Wie viel unversöhnlichen Haß gibt es doch in manchen Familien!« »Man hat nichts wie Ungemach in der Welt,« begann Fanny seufzend wieder. »So bin ich seit heute früh wegen dieser Rekrutenauslosung in einer Aufregung, die fürchterlich ist, und ängstige mich eigentlich grundlos, denn ich weiß ja, daß Ernst nicht einrücken wird.« »Ja, ja,« murmelte die Frimat, »immerhin greift's einen an.« Von neuem ward die Sterbende vergessen. Man sprach vom Zufall, vom Glück: die einen losten sich frei, konnten bleiben, die anderen mußten fort. Es war drei Uhr, und obwohl die Burschen frühestens gegen fünf Uhr zurück erwartet wurden, wollte man schon allerhand wissen; Neuigkeiten gingen von Mund zu Mund, niemand konnte sagen, wer sie aus Cloyes gebracht; es mochte jener geheimnisvolle Lufttelegraph sein, der Dorf mit Dorf verbindet. Der Sohn Briquets hatte Nummer 13: kein Glück! Dem Ältesten Couillots war die Nummer 206 zugefallen, gewiß eine gute Nummer! Doch man war nicht einig über die übrigen; die Berichte widersprachen sich, und dies vermehrte die Erregung der Bewohner. Nichts verlautete weder über Delphin noch über Ernst. »Ich hab' so heftiges Herzklopfen,« versicherte Fanny, »es ist zu dumm!« Sie riefen die Bécu herein, die vorüberging. Sie war zum zweitenmal in der Kirche gewesen; wie seelenlos irrte die Frau umher, und ihre Beklommenheit war so groß, daß sie es nicht im Zimmer aushielt. »Ich muß fort, ich will ihnen entgegengehen.« Hans stand beim Fenster und schaute, ohne auf das Gespräch der Frauen zu achten, leeren Blickes ins Freie. Schon mehrmals hatte er Fouan um das Haus schleichen sehen. Plötzlich gewahrte er ihn von neuem; der Alte schlürfte heran, legte das Gesicht dicht an die Scheiben und versuchte zu unterscheiden, was im Zimmer vorgehe. Der Bauer öffnete das Fenster; erschrocken stotterte der Greis, er wolle nur nachfragen, wie es gehe. Sehr schlecht! Es geht eben zu Ende. Fouan reckte den Hals, blickte aus der Entfernung zu Franziska hinüber und starrte sie lange unverwandt an; es schien, als könne er sich nicht von ihrem Anblick losreißen. Als Fanny und die Große des Alten ansichtig wurden, kamen sie wieder auf den Gedanken zurück, Lise rufen zu lassen. Es müsse jeder seinerseits etwas nachgeben, das könne nicht so bleiben. Als man jedoch den Greis mit der Botschaft an Lise betrauen wollte, fuhr dieser erschrocken zurück und machte sich eiligst aus dem Staube, indem seine von ewigem Schweigen verpappten Lippen wiederholt die Worte hervorstießen: »Nein, nein ... unmöglich, unmöglich ...« Hans war überrascht von der hastigen Flucht des Alten; die Frauen zuckten die Achseln. Schließlich ging die Sache die Geschwister allein an; man könne sie nicht zwingen, einander zu umarmen. In diesem Augenblick kam ein Geräusch die Straße daher; erst war's ein dumpfes Gebrumm gleich dem Summen einer großen Fliege, dann ward es stärker und stärker; jetzt tönte es rollend durch die Luft, wie wenn ein Windstoß durch die Bäume bricht. Fanny sprang auf. »Die Trommel! Sie kommen, lebt wohl!« Sie verschwand, ohne sich Zeit zu lassen, ihre Base noch ein letztes Mal zu küssen. Die Große und die Frimat traten vor die Tür, um den Zug ankommen zu sehen. Es blieben nur Franziska und Hans im Zimmer: sie unbeweglich und stumm, besinnungslos vielleicht, vielleicht noch ein dunkles Bewußtsein des um sie herum Geschehenden bewahrend, müde des Lebens, entschlossen zu sterben. Er stand am offenen Fenster, von einer peinigenden Ungewißheit geplagt, von einem tiefen Schmerz erschüttert, von einem unaussprechlichen Weh erfüllt, das von den Menschen auszugehen schien und von den Dingen, daß diese riesige traurige Ebene ihm ins Herz goß. Diese Trommel, wie ihr Schall lärmend wuchs, wie dieser grollende Klang ihm sein Tiefinnerstes durchdröhnte, neben der Trauer in seiner Brust die Erinnerung weckend an vergangene Zeiten, an Kasernen, an Schlachten, an das elende Leben der armen Soldaten, die nicht Weib noch Kind haben, die sie lieben. Sobald die Fahne, von der Dämmerung verdunkelt, auf der flachen Landstraße sichtbar ward, rannte die Dorfjugend den Ausgehobenen entgegen; die Verwandten pflanzten sich beim Ausgang des Dorfes auf. Die neun Burschen und ihr Tambour waren schon sehr betrunken; mit heiseren Stimmen schrien sie ein Lied in das trübe Düster des Abends hinaus. Sie waren mit der dreifarbigen Kokarde geschmückt, die meisten hatten ihre Nummer an den Hut gesteckt. Wie sie sich dem Dorfe näherten, brüllten sie noch lauter und marschierten im Sturmschritt herein, um sich ein Ansehen zu geben. Delphin hielt noch immer die Fahne, doch er hatte sie über die Schulter gelegt und trug sie wie einen lästigen Lappen, dessen Nützlichkeit ihm nicht einleuchtete. Er sah niedergeschlagen aus und schaute finster drein; an seiner Mütze steckte keine Nummer. Sobald die Bécu ihn gewahr wurde, stürzte sie zitternd zu ihm hin auf die Gefahr, von der Bande umgerissen zu werden. »Nun?« Wütend stieß er seine Mutter zur Seite, ohne seinen Schritt zu hemmen. Sie möge ihn in Ruhe lassen, schrie er. Auch Bécu war herzugetreten, als er die zornige Miene seines Sohnes sah, wußte er genug; trotz seiner patriotischen Großtuerei hatte er Mühe, bei den hervorbrechenden Tränen seiner Frau die eigene Bewegung zu meistern. »Was willst du tun? Sie haben ihn genommen.« Die beiden blieben hinter dem Zuge allein auf der öden Straße zurück; schweren Schrittes folgten sie in der Entfernung; er dachte an sein saures Soldatenleben, sie grollte laut dem lieben Gott, zu dem sie zweimal gebetet, und der sie nicht erhört hatte. Ernst trug an seinem Hut eine prächtige Nummer 214 mit roten und blauen Verzierungen umgeben. Es war eine der höchsten Nummern; der Bursch triumphierte mit seinem Glück, er schwang seinen Spazierstock und schritt dem wilden Chor der anderen voran, indem er den Takt angab. Als Fanny die Nummer erblickte, malte sich statt der Freude ein lebhaftes Bedauern in ihren Zügen: wenn sie das geahnt hätten, würden sie nicht die tausend Franken bei Herrn Baillehache für die Freikauf-Lotterie erlegt haben. Nichtsdestoweniger umarmten Delhomme und seine Frau ihren Sohn, als sei er einer großen Gefahr entronnen. »Laßt mich endlich los!« rief er, »das ist ja langweilig.« Die Bande setzte ihren lärmenden Marsch durch das aufgeregte Dorf fort; aber die Eltern wagten sich nicht mehr zu ihren Söhnen heran, denn all' die jungen Leute, sowohl die freigelosten wie die anderen waren schlecht zugänglich. Auch hätten sie den Ihren nicht Rede stehen können; die Augen quollen ihnen aus dem Kopfe, sie waren total berauscht, teils vom Trinken in der Stadt, teils von dem überlauten Singen auf der Landstraße. Ein kleiner Spaßmacher, der mit seiner Nase Trompete blies, hatte eine schlechte Nummer gezogen; während zwei, die bleich und mit müden Augen einhertaumelten, sicher unter den Freigelosten waren. Alle trabten blind darauf los, waren so im Zuge, daß wenn der wütende Tambour an ihrer Spitze sie in die Aigre geführt hätte, sie einer nach dem andern ins Wasser gepurzelt wären. Vor dem Schulzenamt gab Delphin die Fahne ab. »Hol's der Teufel! Ich hab' diesen verwünschten Lappen satt, der mir Unglück gebracht hat.« Er nahm den Arm seines Kameraden Ernst und zog ihn fort, während die anderen Burschen die Schankstube von Lengaigne bestürmten, wohin ihnen die Eltern und Verwandten folgten, um endlich das Schicksal der Ausgehobenen zu erfahren. Macqueron erschien auf der Schwelle seiner Tür; er war untröstlich, daß alles zu seinem Gegner strömte. »Komm!« wiederholte Delphin mit rascher Stimme, als fasse er plötzlich einen Entschluß. »Ich werde dir mal was zeigen.« Ernst ließ sich führen, man hatte ja nachher noch Zeit, mit den Kameraden zu zechen. Der verwünschte Tambour trommelte ihnen nicht mehr die Ohren voll; es war eine angenehme Erholung, so Arm in Arm die einsame Straße dahin zu wandeln, welche das nächtliche Dunkel mehr und mehr umschleierte. Delphin schwieg, wie es schien in ernstes Grübeln versunken. Ernst aber begann ihm von einem großartigen Geschäft zu erzählen. Zwei Tage früher, als er in Chartres zu seiner Unterhaltung in die Judengasse gegangen, hatte er dort in Erfahrung gebracht, daß Vaucogne der Schwiegersohn des Herrn Karl, das Haus verkaufen wolle. Die Sache konnte nicht mehr so weiter fortgehen mit diesem Menschen; welch ein prächtiges Geschäft aber vermochte ein fleißiger, gescheiter Mann dort zu erzielen, der die Kraft besaß, das Haus wieder auf seine einstige Höhe zu bringen, der ein strenges Regiment zu führen wußte und etwas von der Sache verstand. Ernst fühlte sich um so berufener für dieses Unternehmen, als er bei seinem Restaurateur besonders mit dem Nachtdienst in dem Tanzlokale betraut worden war, wo er gelernt hatte, mit den Mädchen umzuspringen und ihre sittsame Aufführung zu überwachen. Sein Plan also war, das Ehepaar Karl zu erschrecken, den beiden alten Leuten nachzuweisen, daß das Haus in der Judengasse über kurz oder lang von der Polizei gesperrt werden müsse, da das liederliche Treiben dort allgemeinen Anstoß errege. Hatte er in dieser Weise die Alten bearbeitet, so konnte er das Haus für ein Butterbrot von ihnen haben. »Gelt, das ist mehr wert, als das Land ackern?« schloß er. »Ich wäre mit einem Schlage ein feiner Herr und ein gemachter Mann.« Delphin, in seine Gedanken vertieft, hörte nur halb und halb dem Geplauder des Freundes zu. Er fuhr auf, als ihn dieser mit einem freundschaftlichen Rippenstoß ermunterte. »Wer Glück hat, hat Glück,« murmelte er. »Du bist nun mal dazu geschaffen, was zu werden.« Er versank wieder in sein Brüten; während Ernst ihm eifrig auseinandersetzte, wie er sich die Verbesserungen dachte, die er in dem Hause vornehmen werde, falls ihm seine Eltern das nötige Geld vorschießen wollten. Er war etwas jung, doch er fühlte, daß er das Zeug zu solch einem Unternehmen habe. In diesem Augenblick sah er Dreckbatzen, die im Dunkel an ihm vorüberschlüpfte. Er wollte zeigen, wie trefflich er mit dem andern Geschlecht umzugehen wisse, und versetzte ihr einen Klaps auf die Lenden. Das Mädchen gab ihm zunächst den Schlag zurück; dann erkannte sie die beiden einstigen Liebhaber und rief: »Du bist's ... Wie du groß geworden bist!« Sie lachte, vermutlich ihrer früheren Streiche gedenkend. Sie selbst hatte sich von den dreien am wenigsten verändert, trotz ihrer einundzwanzig Jahre sah sie noch heute wie ein unreifes Kind aus, so spindeldürr war sie geblieben. Sie küßte die beiden Burschen. »Man ist doch immer noch gut Freund, nicht so?« Sie wäre gleich dabei gewesen, wieder mit ihnen zu gehen; nur als alter Freundschaft, wie man zusammen ein Gläschen trinkt, wenn man sich nach langer Trennung wiedersieht. »Weißt du,« sagte Ernst neckend, »ich übernehme vermutlich die Bude des Herrn Karl ... wenn du Beschäftigung suchst. Ihr Lachen verstummte, sie brach in Tränen aus. Dann verschwand sie in der Finsternis, indem sie weinerlich rief: »Die Gemeinheit! O die Gemeinheit! Ich lieb' dich nicht mehr!« Delphin war stumm geblieben, wortlos zog er den Kameraden weiter. »Aber sag', wohin führst du mich?« fragte Ernst. »Was willst du mir zeigen?« »Komm nur, du wirst schon sehn.« Er beschleunigte den Schritt, verließ die Straße und steuerte zwischen den Weingärten hindurch dem Häuschen zu, in welchem die Gemeinde den Feldhüter einquartiert hatte, seit der neue Geistliche das Pfarrhaus bezogen. Er ließ den Freund in die Küche treten und zündete ein Wachslicht an, augenscheinlich sehr zufrieden, daß die Eltern noch nicht heimgekehrt. »Wir wollen eins trinken,« rief er und stellte zwei Gläser und einen Liter auf den Tisch. Nachdem er getrunken, schnalzte er mit der Zunge und fing wieder an: »Ich muß dir nämlich sagen, daß, wenn sie glauben, mich mit der schlechten Nummer gefangen zu haben, so irren sie sich ... Als ich beim Tode unseres Onkels Michel drei Tage in Orleans zubringen mußte, bin ich beinah krepiert, so krank hat mich die Entfernung vom Haus gemacht. Gelt? Du begreifst es nicht, aber, was willst du? Ich kann mir nicht helfen, ich bin wie ein Baum, der abstirbt, wenn man ihn aus seinem Boden reißt ... Sie würden mich nehmen, würden mich weiß Gott wohin schleppen, in Orte, die ich mein Lebtag nicht gesehen! Nein und nochmals nein, daraus wird nichts!« Ernst, der ihn oft Ähnliches hatte vorbringen hören, zuckte die Achseln. »Man redet so, und schließlich zieht man doch mit ... Es gibt eben Gendarmen.« Ohne zu antworten, drehte sich Delphin um und griff mit der Linken nach einer kleinen Hacke, die zum Holzspalten diente. Darauf legte er mit größter Ruhe den Zeigefinger der Rechten auf den Tisch, hob das Beil; ein kurzer Schlag, und das Glied sprang zu Boden. »Das wollt' ich dir zeigen. Jetzt kannst du den anderen erzählen, ob ich mich wie ein Feigling benommen oder nicht.« »Donnerwetter, ist das ein Schafskopf!« rief Ernst entsetzt. »Mensch, wer um alles wird sich denn verstümmeln! Du bist ja kein Mensch mehr!« »Mir gleichviel! ... Jetzt mögen die Gendarmen kommen! Ich weiß, ich brauch' nicht einzurücken.« Er hob den Finger auf und warf ihn in die Kohlenglut des Herdes. Dann schüttelte er die blutende Hand, umwickelte sie mit seinem Taschentuch und band eine Schnur darüber, um die Blutung aufzuhalten. »Das soll uns nicht hindern, die Flasche zu leeren, bevor wir zu den Kameraden zurückkehren ... Auf deine Gesundheit!« »Deine Gesundheit!« Im Schankzimmer bei Lengaigne sah und hörte man einander nicht mehr beim Rauch der Pfeifen und beim lauten Geschwätz der Zecher. Die Ausgehobenen waren dort, ihre Freunde und Verwandten. Auch Jesus und sein Freund Canon saßen bei einem Liter Branntwein und bemühten sich, den alten Fouan betrunken zu machen. Dem Feldhüter Becu hatte die unglückliche Losung seines Sohnes den Rest gegeben, er lag schnarchend, den Kopf auf dem Tisch. Delhomme und Clou spielten Pikett. Lequeu saß abseits, trotz des Lärmens in das Lesen eines Buches vertieft. Eine Schlägerei zwischen den Frauen der Schankwirte hatte noch mehr die Gemüter erhitzt. Flora nämlich, die zum Brunnen gegangen, um einen Krug Wasser zu holen, geriet dort mit Celine zusammen, die ihr voll Haß und Eifersucht ins Gesicht warf, Lengaigne lasse sich von den Spionen der Steuerbehörde bezahlen, um die Nachbarn zu verraten. Die beiden Weiber fielen übereinander her. Macqueron und Lengaigne eilten hinzu, um die Raufenden zu trennen; dabei wurden sie selbst fast handgemein; der erstere rief, er werde den Nachbar anzeigen, weil er den Tabak nässe; jener gab die höhnende Frage zurück, wann der Herr Schulze seine Entlassung einreiche? Alles strömte aus der Schenke dem Kampfplatz zu; Fäuste ballten sich, es wurde geschrien, geschimpft; fast schien es, als werde ein allgemeines Handgemenge entstehen. Jetzt war der Streit beigelegt, doch es blieb etwas wie ein unausgetobter Zorn, eine unbefriedigte Rauflust in den Gemütern zurück. Zunächst schien es zwischen Viktor, dem Sohne des Hauses, und den Ausgehobenen zu Tätlichkeiten kommen zu wollen. Viktor, der bereits seine Dienstzeit hinter sich hatte, wollte den jungen Leuten imponieren, er schrie lauter als sie alle, forderte sie durch eigensinnig verteidigte Behauptungen heraus und schlug unsinnige Wetten vor; er werde einen Liter sich mit gehobener Flasche in den Schlund gießen, ohne daß die Flasche die Lippen berühre, oder den Inhalt eines Weinglases durch die Nase aufsaugen. Nur die Vermittlung der älteren Männer vermochte den ausbrechenden Streit beizulegen. Plötzlich begann, weil gerade von Macqueron und der bevorstehenden Heirat seiner Tochter Bertha die Rede war, der junge Couillot die alten Späße über Bertha, die er »Fräulein Ohnedas« nannte. Man müßte ihren Mann nach der Hochzeitsnacht fragen, meinte er. Zur Überraschung aller ereiferte sich Viktor, der ehemals zu den ärgsten Verleumdern Berthas gehört hatte. »Jetzt ist's aber genug!« schrie er. »Sie hat!« Ein allgemeines Gejohle folgte dieser Behauptung. Habe er es denn gesehen? Habe er mit ihr geschlafen? fragte man. Dagegen verwahrte er sich energisch, indem er auf seine Brust klopfte; man könne so etwas sehen, ohne daran zu rühren, versicherte er. Eines Tages, als ihn die Neugierde gar zu sehr plagte, habe er es so einzurichten gewußt, daß er sich Überzeugung verschaffte. Wie? das gehe niemanden an. »Sie hat! Auf Ehrenwort!« Der Streit verstummte; der kleine Couillot trollte sich von dannen. Flora brachte mehr Wein herauf; scheinbar versöhnt stießen alle miteinander an. Niemand dachte daran, zum Abendessen heimzugehen; wenn man trinkt, hat man keinen Hunger. Die Ausgehobenen stimmten einen patriotischen Gesang an, wobei sie so mutig mit den Fäusten auf die Tische hieben, daß die an der Decke hängenden drei Petroleumlampen flackernd tanzten. Es wurde erstickend heiß; Delhomme und Clou öffneten das Fenster, vor dem sie saßen. In diesem Augenblick schlich Buteau ins Lokal. Er trug nicht die gewohnte, kecke Miene zur Schau; er blinzelte mit seinen trüben, kleinen Augen umher, schielte die Anwesenden einen nach dem andern verstohlen an, als wolle er erraten, was sie dächten. Zweifelsohne kam er, um zu hören, ob man irgend etwas vermute; es hatte ihn nicht länger in seiner Wohnung gelitten, die er seit dem vorherigen Abend noch nicht verlassen. Die Gegenwart von Jesus und Canon schien ihn noch mehr einzuschüchtern; er sagte ihnen kein Wort, als er gewahrte, daß sie den alten Fouan betrunken gemacht hatten. Lange sah er Delhomme mit forschendem Blick an. Besonders beschäftigte ihn Bécu, der trotz des tobenden Lärmes immer noch über den Tisch gebeugt lag. Schlief er wirklich, oder tat er nur so? Buteau stieß den Feldhüter mit dem Ellbogen; es beruhigte ihn, als er sah, wie jenem in seiner Trunkenheit der Geifer über den Ärmel floß. Fortan richtete sich seine ganze Aufmerksamkeit auf den Schullehrer, dessen Aussehen ihn verdutzte; was hatte der Mensch nur, daß er nicht wie alle Tage ausschaute? In der Tat verriet, obwohl Lequeu sich scheinbar in seine Lektüre vertiefte, sein heftiges Mienenspiel eine innere Erregung. Die Ausgehobenen mit ihrem Gesang, mit ihrer törichten Freude empörten ihn. »Dumme Bengel!« murmelte er, sich noch beherrschend. Seit einigen Monaten schien seine Stellung in der Gemeinde erschüttert. Er war stets roh mit den Schulkindern gewesen, die er bei dem geringsten Vergehen mit Schlägen behandelte; doch letzthin hatte er einem kleinen Mädchen mit dem Lineal ein Ohr gespalten; das hieß der Langmut der Bauern zuviel zumuten. Man hatte eine Anzeige erstattet und um einen andern Schulmeister gebeten. Dazu kam die Heirat Berthas, welche die geheimen Hoffnungen zerstörte, die Lequeu so nah ihrer Erfüllung geglaubt. Diese Bauern, diese elende Rotte! Sie verweigerten ihm ihre Töchter und trieben ihn wegen des Ohres eines kleinen Mädchens aus Amt und Brot. Plötzlich klatschte er mit seinem Buch in die Handfläche und schrie die jungen Leute an: »Etwas Ruhe, alle Wetter! ... Es scheint euch ja ungeheuer lustig vorzukommen, daß euch die Preußen die Schädel spalten werden.« Verwundert blickten sie sich nach ihm um. Allerdings lustig war es keineswegs, sie gaben es zu. Delhomme wiederholte seine Gedanken, jeder müsse sein eigenes Gehöft verteidigen, wenn dann die Preußen in die Beauce kämen, würden sie schon sehen, daß sie es mit keinen Memmen zu tun hätten. Aber fortziehen, sich für das Eigentum anderer schlagen, nein, das war zu dumm. Ernst trat ein mit Delphin, der sehr rot im Gesicht aussah und fieberbrennende Augen hatte. Sie vernahmen die Worte Delhommes. Delphin rief: »Sie sollen kommen, die Preußen, man wird ihnen schon heimleuchten!« Er wurde gefragt, was seiner verbundenen Hand fehle. Nichts, eine Schnittwunde, meinte er, hieb mit der linken Faust auf den Tisch und verlangte einen Liter. Canon und Jesus blickten mitleidig auf die laute Gesellschaft der Ausgehobenen. Mußte man jung und töricht sein! Canon, der sehr betrunken war, begann mit gerührter Stimme seine Gedanken allgemeiner Volksbeglückung vorzutragen. Er sprach laut, das Kinn in die Hand gestützt. »Der Krieg! Teufel, es ist Zeit, daß wir das Heft in die Hand nehmen ... Ihr kennt meinen Plan, keinen Militärdienst mehr, keine Steuern, jedem vollkommene Gewähr dessen, was ihn glücklich machen kann, und so wenig Arbeit wie möglich ... Ihr werdet zugreifen, denn ihr müßtet ja blind sein ... Und es kommt! der Tag rückt heran, wo ihr euer Geld in den Taschen und eure Söhne daheim behaltet, wenn ihr mit uns seid.« Jesus nickte zustimmend. Lequeu aber vermochte nicht mehr an sich zu halten. »Jawohl, Schwätzer! Euer Paradies auf Erden, eure Art, die Welt zum Glück zu zwingen! Welch ein Schwindel! Ist denn so was bei uns denkbar? Sind wir nicht schon viel zu angefault dazu? Erst müssen die Wilden, die Kosaken oder Chinesen kommen und gründlich unter uns aufräumen.« Die Überraschung ward so groß, daß alles verstummte. Wie? Dieser Duckmäuser, der niemals seine Meinung verraten, tat mit einemmal den Mund auf? Dieser Mensch, der aus lauter Angst vor seinen Vorgesetzten sich zur Seite schlich, sobald es galt, ein Mann zu sein, hielt plötzlich eine Rede? Alle fragten, besonders Buteau wartete mit besorgter Spannung, was der Schullehrer sagen werde, als könnten diese Dinge irgendeine Beziehung zu seiner Angelegenheit haben. Durch das offene Fenster hatte sich der Tabaksqualm verzogen, die Feuchtigkeit der Nacht drang herein, man fühlte in der Ferne den tiefen Frieden der schlummernden Flur. Der Schulmeister, den heute, wo seine Zukunft vernichtet war, nichts mehr beengte, machte sich endlich Luft und tobte den in zehnjährigem Schweigen angesammelten Haß aus. »Glaubt ihr, die Leute hier im Land sind dümmer als ihre Kälber, daß ihr euch untersteht, ihnen vorzureden, die gebratenen Tauben werden ihnen in den Mund fallen? ... Dummkopf, eh' ihr euer System verwirklicht seht, ist die Erde in Milliarden kleinster Teile zerstoben!« Bei diesem heftigen Angriff geriet Canon, der noch nie seinen Meister gefunden, sichtlich aus der Fassung. Er wollte seine Geschichte wiederholen von der großen wissenschaftlichen Bodenkultur, wo aller Boden Staatseigentum sei, doch der andere schnitt ihm das Wort ab. »Bekannt! Dummheiten! ... Wenn ihr eure Kultur versuchen werdet, sind schon lange die Äcker Frankreichs in der Überschwemmung amerikanischen Getreides untergegangen ... Seht, gerade dieses kleine Buch, das ich da lese, sagt vieles darüber ... Ja, ja, unsere Bauern können heimgehen, wir sind fertig.« Mit einer Stimme, als unterweise er seine Schulkinder, begann er von dem Getreide da drüben zu reden. Dort gab's ungeheuere Ebenen; meilen- und meilenweit dehnten sich die Äcker und deckten Flächenräume wie Königreiche groß, daneben die Beauce wie eine Handvoll Sand ausschaute. Der Boden war so fruchtbar, daß, statt ihn zu düngen, man ihn vielmehr durch eine Vorernte zu schwächen suchte, und trotzdem trug er zweimal jährlich das herrlichste Korn. Die Güter faßten oft dreißigtausend Hektar, waren in Hälften geteilt und diese wieder in Viertel; jede Hälfte hatte ihren Direktor, jedes Viertel seinen Inspektor; für die Menschen, Tiere, Werkzeuge, Küchen waren Baracken errichtet. Jedes Frühjahr wurden ganze Bataillone von Ackerknechten angeworben, Trupps, die wie ein Heer im Kriege zusammengestellt waren, im Freien kampierten, verpflegt, bekleidet, in Krankheitsfällen ärztlich behandelt und im Herbste wieder entlassen wurden. Da galt es, kilometerlange Felder zu pflügen, zu säen, unabsehbare Ozeane von Ährenhalmen mußten abgemäht werden; bei all' diesen Verrichtungen wurden die Menschen nur als Aufseher verwendet, die eigentliche Arbeit verrichteten Maschinen: doppelte Pflüge, Säe-, Jät-, Mähmaschinen, Lokomobilen zum Dreschen und so weiter. Die Arbeiter waren Mechaniker, eine Abteilung berittener Handwerker befand sich im Gefolge der Maschinen, jeden Augenblick bereit, vom Pferd zu springen, um eine Schraube zu befestigen, einen Bestandteil zu ergänzen oder neu zu schmieden. Der Ackerboden war mit einem Wort eine Art Bank geworden, wurde von Finanzleuten bewirtschaftet, in genauer Regelmäßigkeit in riesigen Massenernten seiner Frucht entkleidet, gab der materiellen und unpersönlichen Herrin Wissenschaft das Zehnfache dessen, was ihm die schwerste Müh' und Sorgfalt des Bauern abzuringen vermag. »Und ihr,« fuhr er fort, »die ihr nichts kennt, nichts wißt, noch lernen wollt, die ihr immer und ewig am Althergebrachten klebt, ihr bildet euch ein, dagegen ankämpfen zu können mit eurem armseligen Viersoushandwerkzeug? ... Wahnsinn! Schon überschwemmen sie euch mit ihrem Getreide, und es wird immer mehr kommen, immer neue Massen schleppen die Schiffe herüber. Jetzt steckt ihr schon bis zum Bauch in dem fremden Korn; wartet nur, bald reicht's euch bis an die Schulter, dann bis an den Mund, dann schlägt's über euren Köpfen zusammen. Ein gewaltiger Strom, eine Sintflut, in der ihr alle umkommen müßt.« Die Bauern sperrten die Augen auf bei dieser Mär von der Überschwemmung des überseeischen Getreides. Schon litten sie unter dem Übel, sollten sie wirklich darin untergehen, wirklich hinweggerissen werden von der Riesenflut? Das Schreckgespenst gewann Form und Gestalt vor ihren erschreckten Sinnen, schon sahen sie Rognes, ihre Felder, die ganze Beauce verschlungen. »Nein, nein, niemals!« rief Delhomme entsetzt. »Die Regierung wird uns beschützen.« »Ein netter Hanswurst, die Regierung!« versetzte Lequeu verächtlich. »Sie soll zunächst sich selbst beschützen! ... Spaßig ist, daß ihr Herrn Rochefontaine gewählt habt. Der Besitzer der Borderie blieb wenigstens konsequent, indem er für Herrn von Chedeville stimmte ... Übrigens der eine oder der andere: es ist alles dasselbe Pflaster auf ein hölzernes Bein. Keine Kammer wird den Mut haben, für einen ausreichenden Schutzzoll zu stimmen. Ihr seid geliefert, meine Besten!« Es entstand ein großer Lärm unter den Zuhörern. Alle sprachen gleichzeitig. Gab es kein Mittel, die Einfuhr des fremden Getreides zu verhindern? Man müsse die Schiffe in den Häfen versenken, die Landenden mit Flintenschüssen empfangen. Ihre Stimmen zitterten; sie hätten mit aufgehobenen Händen, mit Tränen flehen mögen, daß man sie von dieser Einfuhr befreie, die dem Lande mit dem Verderben drohte. Der Schulmeister stand hämisch lächelnd unter ihnen und fuhr fort: Das Übel sei nie dagewesen und sei unheilbar; früher war die einzige Bange, welche den Landmann geschreckt, die Hungersnot. Immerwährend fürchtete man, nicht genug Korn zu ernten; wenn man heute besorgt, zuviel zu haben, so bedeute das einfach das Ende von allem. Der bleiche Mann berauschte sich selbst an seinen Worten, er überschrie die verzweifelten Entgegnungen der anderen. »Ihr seid ein dem Untergange geweihter Stamm; eure närrische Liebe zur Erde hat euch zugrunde gerichtet; ja, nichts anderes als diese Affenliebe zu eurer Scholle, der ihr euch zu Sklaven gemacht, die euren Verstand beengt hat, für die ihr imstande seid zu morden. Seit Jahrhunderten habt ihr euch der Mutter Erde zu eigen gemacht, und sie hat euch betrogen ... Seht, in Amerika ist der Landmann der Herr des Bodens, kein Band fesselt ihn an denselben, keine Familie, keine Erinnerungen. Ist sein Feld ausgebeutet, so zieht er weiter. Erfährt er, daß man dreihundert Meilen nach Süden oder Norden ein fruchtbares Land entdeckt hat, so bricht er seine Zelte ab und siedelt sich in den neuen Gebieten an. Er ist es, der gebietet, der den Willen hat und dank seiner Maschinen die Kraft. Er ist frei, bereichert sich, während ihr Gefangene seid und im Elend verkommt.« Buteau erbleichte, denn Lequeu hatte ihn angeblickt, als er von Mord gesprochen. Er versuchte, unbefangen zu scheinen. »Man ist, wie man ist. Wozu sich aufregen? Sagen Sie doch selbst, daß es nichts hilft.« Delhomme gab ihm recht, Lengaigne, Clou, Fouan lachten; Delphin selbst und die Ausgehobenen stimmten ein, die Sache machte ihnen Spaß, sie hofften im stillen, es werde Schläge absetzen. Canon und Jesus waren mißgelaunt, daß der Tintenscheißer, wie sie ihn nannten, sie mit seiner lauten Rede überboten. Sie höhnten und schlugen sich auf die Seite der Bauern. »Es ist blödsinnig, sich so in die Hitze zu schwatzen,« rief Canon achselzuckend. »Man muß sich zusammentun.« Lequeu hob drohend die Faust. »Wohlan, ich hab's satt! ... Ich möchte, daß alles zugrunde gehe!« Er war erdfahl geworden, als hätte er sie niedermachen mögen, so wild schrie er sie an: »Feiges Gesindel, ihr Bauern! Alle, alle, elende Memmen! ... Wenn man bedenkt, daß ihr die Stärksten, die Zahlreichsten seid! Und ihr laßt euch von den Bürgern, von den Handwerkern in den Städten aussaugen. Wahrhaftig, mir tut nur leid, daß auch mein Vater und meine Mutter Bauern gewesen. Vielleicht deshalb flößt ihr mir noch mehr Ekel ein ... Denn eins ist gewiß. Ihr könntet die Herren sein. Aber ihr versteht euch nicht untereinander, ihr seid selbstsüchtig, mißtraut einer dem andern, wißt und versteht nichts; all euer Witz beschränkt sich auf das Bestreben, euch gegenseitig zu vernichten ... Was schlummert eigentlich hinter euren starren Gesichtern? Ihr gleicht jenen faulenden Wassertümpeln: man meint, sie sind tief, und man kann nicht mal eine Katze drin ersäufen. Mein Gott, die Kraft darstellen, die Kraft, von der man das Heil der Zukunft erwartet, und sich nicht mehr rühren wie ein Holzscheit! ... Dabei habt ihr aufgehört, dem Pfarrer Glauben zu schenken; ja, alle Wetter, wenn es keinen lieben Gott gibt, was hält euch dann zurück? Solange ihr euch vor der Hölle gefürchtet habt, begreift man, daß ihr knechtisch am Boden gekrochen seid; aber jetzt schlagt doch los, plündert alles, brennt alles nieder! ... Und seht, was noch leichter und noch drolliger wäre: streikt! Ihr habt alle etwas Geld beiseite gebracht, könnt aushalten, solange es sein muß. Arbeitet nur für euch, baut nur für euren Bedarf; tragt nichts mehr auf die Märkte, nicht einen Sack Getreide; nicht einen Scheffel Kartoffeln. Ha, wie die in Paris verhungern müßten! Wie das aufräumen würde unter der Bande!« Es war, als sei ein eisiger Hauch aus ferner schwarzer Finsternis durchs offene Fenster hereingezogen. Die Petroleumlampen rauchten. Niemand unterbrach mehr den Tobenden trotz der Schmähungen, mit denen er sie überhäufte. Jetzt kreischte seine Stimme, er hieb mit seinem Buche auf den Tisch, daß die Gläser tanzten. »Ich sag' euch das alles, aber ich bin unbesorgt ... Mögt ihr auch feig sein, wenn die Stunde kommt, werdet ihr dreinschlagen wie Helden. Das ist oft so gewesen, es wird wieder so kommen. Wartet nur, bis euch Elend und Hunger gleich Wölfen auf die Stadt werfen ... Und die Einfuhr des fremden Getreides wird vielleicht als Anstoß dienen. Mag noch soviel herüberkommen, es wird doch mal wieder zu wenig sein, Hungersnot und Mangel werden ins Land einziehen. Immer ist das Getreide die Veranlassung, daß man sich empört und tötet ... Ja, ja, die Städte werden eingeäschert und geschleift werden, die Dörfer verwüstet, die Äcker werden brach liegen, Blut, Ströme Blutes werden fließen, aus dem unseren Nachkommen neues Brot erwachsen wird.« Er verstummte, riß die Tür auf und verschwand. Bestürzt schaute man ihm nach, und ein Schrei erhob sich. Der Bandit! Man hätte ihn niedermachen sollen! Und der Mensch war immer so still gewesen! Er mußte den Verstand verloren haben! Delhomme, der sonst so wortkarge, stille Mann, erklärte, er werde an den Präfekten schreiben, und die anderen bestärkten ihn in diesem Vorsatz. Besonders aber waren Jesus und Canon aufgeregter denn je, der erste mit seinem 89, seinen Reden von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, der andere mit seiner sozialen Umgestaltung. Die beiden waren blaß vor Unwillen, daß sie kein Wort der Entgegnung gefunden; lauter als die Bauern gaben sie ihrer Empörung Ausdruck, erklärten, einen Frevler solcher Art müsse man köpfen. Buteau hatte sich mit einem Schauer erhoben, als jener mit seiner zornigen Miene Ströme Blutes auf die Erde herabbeschworen. Wie unbewußt zustimmend, nickte der Bauer bei diesen Worten; dann schlich er längs der Wand dahin, blickte sich um, ob ihm niemand folge, und schlüpfte ins Freie. Die Ausgehobenen fuhren in ihrem Gelage fort; sie lärmten, schrien, verlangten, Flora solle ihnen Würste kochen. Plötzlich aber drängte sich Ernst zwischen ihnen hervor und sprang über eine Bank auf Delphin zu, der ohnmächtig zusammengebrochen war. Der Bursch war kreideweiß. Sein Taschentuch hatte sich gelöst; es war mit Blut durchtränkt. Man weckte den immer noch schlummernden Feldhüter auf; der trunkene Alte gewahrte die verstümmelte Rechte seines Sohnes, er schien zu verstehen; Wut übermannte ihn, er schwang seinen Liter, indem er rief, er müsse den Elenden umbringen. Hierauf hob er Delphin auf, schleppte den Taumelnden hinaus, und man hörte, wie er zwischen Flüchen und Verwünschungen in Tränen ausbrach. Abends beim Essen erfuhr Hourdequin von dem Unglück, das Franziska widerfahren; aus Freundschaft zu Hans machte er sich auf den Weg nach Rognes, um sich nach dem Befinden der Verwundeten zu erkundigen. Er ging, seine Pfeife rauchend, zu Fuß durch die dunklen Wege; inmitten der todstillen Nacht dachte er an seinen eigenen Kummer; um den Weg zu verlängern, ging er ins Tal hinab, bevor er bei seinem einstigen Knechte vorsprechen wollte. Vor der Kneipe Lengaignes vernahm er die unheilverkündende Stimme Lequeus, die durch das offene Fenster hallte. Er blieb stehen und verweilte lange Zeit unbeweglich in der finsteren Straße. Endlich stieg er wieder bergan; doch die Sprache des Schulmeisters tönte hinter ihm her; noch vor dem Hause Korporals hörte er sie immer deutlich vernehmbar, dünn und schneidend klingend, wie geschärft durch die Entfernung, als wenn Messer schnitte die Finsternis durchhieben. Hans stand vor der Tür ans Haus gelehnt. Er vermochte nicht im Zimmer zu bleiben, ihm ward zu bange darin, sein Schmerz war zu furchtbar. »Nun, armer Kerl, wie geht's bei Euch?« Der Unglückliche machte eine verzweifelte Gebärde. »Herr, sie stirbt!« Keiner der beiden Männer sprach ein Wort mehr; in der Stille der Nacht drang nur die Stimme des Schulmeisters immer noch mit zitterndem Klang durch das Dorf herauf. Nach einigen Minuten rief der Hofbesitzer, der unfreiwillig gehorcht hatte: »Hört Ihr ihn kläffen? Wie das tröstlich klingt, was er sagt, wenn man das Herz voll hat.« All sein alter Schmerz wachte auf, wie er hier bei der sterbenden Frau die schreckliche Stimme aus der Schenke vernahm. Die Mutter Erde, die er liebte mit einer empfindsamen, fast durchgeistigten Leidenschaft, sie richtete ihn seit den letzten Ernten vollends zugrunde. Sein ganzes Vermögen war ihr anheimgefallen; bald warf ihm die Borderie nicht mehr das tägliche Brot ab. Nichts hatte ihm geholfen; seine Willenskraft, die neuen Bewirtschaftungsarten, die Versuche mit allerhand Dünger, die Maschinen, alles war unnütz gewesen. Er meinte, der Mangel an ausreichenden Kapitalien habe seine Niederlage verschuldet; und doch wieder mußte es nicht das sein, denn das Unglück war allgemein; die Robiquels waren letzthin behördlich aus der Chamade ausgewiesen worden, die Coquarts mußten demnächst ihr Gut Sankt Justus verkaufen. Kein Ausweg, keine Möglichkeit, seine Ketten zu sprengen, mehr als je war er heute der Gefangene seines Grund und Bodens; das Tag für Tag hineingesteckte Geld, die unaufhörlich darauf verwandte Arbeitskraft fesselten ihn mehr und mehr an seine Scholle. Immer näher rückte die Katastrophe heran, die den hundertjährigen Widerstreit zwischen Klein- und Großgrundbesitz beenden sollte, indem er beide vernichtete. Schon stellten sich die deutlichen Vorboten ein, das Getreide stand unter sechzehn Franken und wurde mit Verlust verkauft; der Bankerott des Landbesitzes stand vor der Tür, herbeigeführt von sozialen Ursachen, die stärker sind als der Wille der Menschen. In dem ohnmächtigen Schmerz seiner Niederlage rief Hourdequin: »Lequeu hat recht! ... Mag denn alles zugrunde gehen, mögen wir alle umkommen, mag das Unkraut auf unseren Äckern wuchern, unser Geschlecht hat ausgelebt, und der Boden ist erschöpft.« Ihm fiel Jacqueline ein, und er setzte hinzu: »Ich hab', Gott sei Dank, ein anderes Leid in der Brust, das mich hinrafft, ehe es so weit kommt.« Aber im Hause hörte man jetzt die Große und die Frimat hin und her eilen und flüstern. Hans blieb, schreckerbebend bei diesem Geräusch, regungslos an die Wand gelehnt. Endlich raffte er sich auf und trat ein. Franziska war tot. Sie hatte die Augen nicht wieder aufgeschlagen, die Lippen nicht mehr geöffnet. Die Große, die eben ihre Hand berührt, sah, daß sie gestorben; ihr Tod mochte schon vor einer Weile eingetreten sein. Sie war sehr weiß, ihr Gesicht war dünn und spitz, sie schien zu schlummern. Am Fußende des Bettes, blickte Hans sie an; verworrene Gedanken bewegten sich in seinem Hirn: sein Schmerz, die Überraschung, daß sie kein Testament hatte machen wollen, die Empfindung, wie etwas in seinem Dasein jäh zerbrach. Hourdequin grüßte stumm und verließ das Zimmer, noch immer von seinem Kummer bedrückt. Vor dem Hause sah er, wie ein Schatten sich am Fenster löste und in das Dunkel dahinstürmte. Er meinte, es sei ein herumirrender Hund gewesen. Es war Buteau, der gelauscht hatte und jetzt heimrannte, um Lise den Tod der Schwester zu melden. Fünftes Kapitel. Am nächsten Vormittage wurde die Leiche Franziskas aufgebahrt. Man hatte eben den Sarg auf zwei Stühle inmitten des Schlafzimmers gelegt, als Hans mit Entrüstung gewahrte, wie Lise und Buteau hintereinander das Haus betraten. Sein erster Gedanke war, die beiden hinauszuwerfen, waren sie doch nicht gekommen, von der Sterbenden Abschied zu nehmen, sondern erschienen erst jetzt, nachdem der Sargdeckel geschlossen worden, als wenn sie den Anblick der Verunglückten gefürchtet hätten. Aber die anderen anwesenden Mitglieder der Familie, Fanny und die Große, beschwichtigten ihn: es bringe kein Glück, sich an einer Bahre zu streiten, und schließlich, was wolle man tun: man könne es der Lise nicht verwehren, wenn sie ihren Groll gegen die Schwester auslöschen wolle, indem sie an ihrer entseelten Hülle Leichenwache halte. Die Buteau hatten darauf gerechnet, daß die Achtung, die man den Toten schuldet, eine Szene verhindern werde; sie ließen sich in dem Sterbezimmer nieder. Sie sprachen nicht aus, daß sie mit dieser Handlung wieder Besitzt von dem Hause ergreifen wollten; doch die Art und Weise, wie sie sich gebärdeten, verriet deutlich, daß ihnen diese Besitznahme natürlich und selbstverständlich erschien, da ja Franziska nicht mehr lebte. Zwar war Franziska noch gegenwärtig; doch man hatte sie schon eingesargt für die große letzte Reise; sie bedeutete in dieser Stunde nicht mehr als ein Möbel. Nachdem Lise eine Weile mit den anderen dagesessen, erhob sie sich, öffnete die Schränke und guckte in die Schubläden, ob noch alles an seinem Platze sei. Buteau strich im Hofe und Stall herum wie ein Hauswirt, der nach dem Rechten sieht. Abends schienen sie sich bereits vollkommen daheim zu fühlen; nur der Sarg dort mitten im Zimmer störte sie noch. Doch sie brauchten ja nur eine Nacht zu warten; früh am nächsten Morgen war die Luft rein. Hans kam und ging, verstört und verlegen inmitten der Verwandten, als wisse er nicht recht, was mit sich anfangen. Zuerst waren ihm das Haus, die Möbel, die Leiche Franziskas als sein Eigen erschienen, doch je mehr die Stunden verflossen, desto mehr kam es ihm vor, als löse sich alles nach und nach von ihm los und falle den anderen zu. Als es Abend geworden, sprach niemand ein Wort mehr mit ihm; er spielte nur noch die Rolle eines geduldeten Eindringlings. Noch nie war ihm so klar und schmerzlich die Empfindung geworden, daß er ein Fremder unter diesen Leuten sei, daß er allein stehe, daß sich alle gemeinschaftlich verbündeten, um ihn aus ihrer Mitte auszuschließen. Selbst sein armes totes Weib schien mit ihnen im Bunde: als er sich neben ihrer Bahre niederlassen wollte, bedeutete ihm Fanny, er sollte sich nicht der Mühe der Nachtwache unterziehen, da der Wachenden schon genug seien. Er hatte auf seinem Rechte bestanden, kurz darauf aber erhob er sich wieder: ihm fiel das Bargeld in der Kommode ein, die hundertsiebenundzwanzig Franken; er mußte verhindern, daß dieser Sparpfennig abhanden komme. Lise mußte das Geld gesehen haben, als sie die Schubladen geöffnet; sie war auch das unbeschriebene Stempelpapier gewahr geworden, sie hatte darauf leise mit der Großen gewispert, und von jenem Augenblick an begann sie in dem Bewußtsein, daß kein Testament da sei, sich so recht wie in ihren eigenen vier Pfählen zu fühlen. Wenigstens sollte sie nicht das Geld bekommen, dachte Hans von einer Vorahnung beschlichen und steckte die kleine Summe zu sich. Danach verbrachte er die Nacht auf einem Stuhle neben dem Sarge seiner Frau. Um neun Uhr früh fand die Beerdigung statt. Der Abbé Madeline, der am selben Tage die Pfarrei verlassen sollte, las die Totenmesse und begleitete die Leidtragenden zum Grabe; dort aber verließen ihn seine Kräfte, er fiel in Ohnmacht und mußte besinnungslos fortgetragen werden. Das Ehepaar Karl war erschienen, ebenso die Delhommes mit ihrem Sohne Ernst. Es war ein anständiges Leichenbegängnis, ohne jeden überflüssigen Kostenaufwand. Hans weinte. Auch Buteau wischte sich die Augen; doch sie waren trocken. Lise hatte im Augenblick des Aufbruches erklärt, sie fühle sich zu angegriffen, um den Resten ihrer Schwester das Geleite geben zu können; sie war also im Hause geblieben, während die Große, Fanny, die Frimat, die Bécu und andere Nachbarinnen den Trauerzug bildeten. Bei der Rückkehr vom Friedhofe verzögerten all diese Weiber auf dem Kirchplatze absichtlich ihre Schritte, um der Szene beizuwohnen, die folgen werde. Bisher hatten die beiden Männer, Hans und Buteau, vermieden, einander anzublicken, als fürchteten sie, neben dem kaum erstarrten Leichnam handgemein zu werden. Jetzt wandten sich beide mit entschlossenem Schritt dem alten Stammhause zu, wobei einer den andern von der Seite anschielte. Schon von weitem sah Hans, warum Lise sich von der Trauerfeier ausgeschlossen: sie hatte die Zeit benutzen wollen, um wenigstens im Großen ihre Übersiedelung zu bewerkstelligen. Eine Stunde hatte ihr hierzu genügt. Wäsche und Bettzeug waren über die Mauer der Frimat geworfen worden; zerbrechliche Gegenstände hatte sie auf einem Schubkarren hergeführt; zum Schluß schob sie Laura und Julius in den Hof, wo sich die beiden Kinder bereits balgten, während der alte Fouan, den sie ebenfalls mit unsanfter Hast herüberbefördert, auf einer Bank saß. Das Haus war wieder erobert. »Wohin willst du?« fragte Buteau, indem er Hans vor der Tür in den Wieg trat. »Nach Hause.« »Nach Hause? Wo ist das? ... Sicher nicht hier. Hier sind wir zu Hause.« Lise kam herzu; sie stemmte die Hände in die Hüften und rief lauter und heftiger als ihr Mann: »Was will er? Was hat der hier zu suchen? Hat nicht meine arme Schwester deutlich ausgedrückt, daß er nicht hierher gehört, indem sie ihm nichts hinterlassen? ... Schlag drein, Buteau, jag' ihn zum Teufel!« Hans machte den Versuch, die Sache in Güte zu schlichten: »Ich weiß wohl, daß Haus und Feld euch zukommen. Aber mir gehört die Hälfte der Möbel und der Tiere.« »Die Hälfte?« versetzte Lise. »Unverschämter Lump, wie kannst du dich unterstehen, nur das Geringste zu fordern! Du Bettler hast ja nichts wie dein Hemd am Leib' gehabt, als du hierher gekommen. Mir scheint, du machst ein Geschäft mit dem Heiraten.« Buteau stimmte ihr bei. »Sie hat recht, troll dich weiter ... Du bist mit Wams und Hose gekommen, geh' damit deiner Wege.« Die Familie, besonders die Frauen, Fanny und die Große standen an dreißig Meter von der Pforte entfernt und schienen durch ihr Schweigen das Vorgehen der Verwandten zu billigen. Hans aber erbleichte, als man ihm diese elende Berechnung vorwarf; ebenso laut wie die beiden gab er zurück: »Ihr sucht Händel, gut! Zunächst bleib' ich hier; das ist mein Recht, solange die Teilung nicht geschehen. Dann aber werd' ich Herrn Baillehache holen, der alles versiegeln soll ... Ich bin hier in meinem Heim; ihr habt euch hinauszuscheren!« Er ging mit so drohender Gebärde auf Lise los, daß sie von der Tür zurückwich. Buteau aber stürzte sich auf ihn; die beiden Männer gerieten einander drängend bis mitten in die Küche. Dort nahm der Streit seinen Fortgang; die Verwandten vor dem Hause warteten ab, wer hinausgeworfen würde, der Mann oder Schwager und Schwester. »Zeigt mir das Papier, das euch hier zu Herren einsetzt.« »Wir brauchen kein Papier, es genügt, daß wir in unserm Rechte sind.« »So kommt mit Gerichtsvollzieher und Gendarmen, wie wir es getan haben.« »Gendarmen? Gerichtsvollzieher? Nur die Halunken brauchen das. Wenn man ehrenhaft ist, macht man seine Sache allein ab.« Hans stemmte sich an den Tisch und klammerte sich fest; er wollte nicht hinaus, er mußte um jeden Preis der Stärkere sein, durfte nicht dies Haus verlassen, in welchem seine Frau gestorben, und wo das ganze Glück seines Lebens gewohnt hatte. Buteau auf der andern Seite des Tisches wollte den eroberten Platz nicht preisgeben: er sah, daß es so nicht ging; plötzlich sprang er vor: »Genug der Redereien! Hinaus Schuft!« Der andere ergriff einen Schemel und schleuderte denselben seinem Gegner zwischen die Beine. Buteau stolperte; Hans aber schlüpfte in das zweite Zimmer, um sich dort zu verbarrikadieren. Da erinnerte sich Lise plötzlich des in der Kommode gesehenen Geldes; sie meinte, jener wolle es nehmen, sie stürzte sich auf das Möbel, öffnete die Schublade: »Heiland der Welt, der Räuber hat das Geld gestohlen!« Jetzt war Hans verloren, denn er mußte seine Tasche verteidigen. Er schrie, das Geld sei sein, er wolle mit ihnen abrechnen, sicher müßten sie ihm noch mehr draufzahlen. Doch seine Angreifer hörten nicht; beide fielen über ihn her, Lise hieb auf ihn ein, Buteau drängte ihn; plötzlich war er wieder in die Küche hinausgeschoben, und dort wälzten sich alle drei in einem Knäuel, daß die Möbel polternd hin und her fielen. Mit einem Fußtritt befreite sich Hans von der Frau. Noch wütender fiel sie von neuem über ihn her, krallte ihre Nägel in seinen Nacken; Buteau aber beförderte ihn mit einem mächtigen Stoß jählings durch die Hoftür hinaus, so daß er vor dem Hause zu Boden stürzte. Jetzt versperrten Mann und Frau den Eingang, indem sie schrien: »Räuber, Räuber! Er hat unser Geld gestohlen, der Räuber! der Räuber!« Hans erhob sich. Er fieberte vor Zorn und Schmerz. »Gut,« rief er, »ich gehe zum Richter in Chateaudun, der wird mir zu meinem Rechte verhelfen; mit Gewalt müßt ihr wieder hinaus, und ich verklag' euch auf Entschädigung ... Lebt wohl!« Er hob zum letztenmal drohend die Faust und verschwand gegen die Anhöhe hin. Die Familie hatte sich vorsichtig zurückgezogen, als die Balgerei begonnen; denn niemand mochte in einen möglichen Prozeß als Zeuge verwickelt werden. Die Buteau aber erhoben ein wildes Siegesgeschrei. Endlich hatten sie den Fremden, den Eindringling hinausgeworfen, waren wieder eingezogen in ihr Haus. Sie hatten ja vorhergesagt, daß sie das alte Haus wieder ihr eigen nennen würden! Das Haus! Das Haus! In dem Bewußtsein, diesen ehrwürdigen Stammsitz, den einst einer der Vorfahren gebaut, von neuem in ihren Händen zu haben, überkam sie eine närrische Freude, sie sprangen und rannten durch die Räume, jauchzten, schrien, lärmten wie toll: sie waren in ihrem Heim! Die Kinder, Laura und Julius, kamen herzu und trommelten lustig auf einem alten Eisentopfe. Nur der alte Fouan war auf seiner Steinbank am Hofe geblieben und blickte mit seinen trüben Augen stumpf und ernst auf dies laute Treiben. Mit einemmal hielt Buteau inne. »Herr du meines Lebens! Er ist die Anhöhe hinaufgegangen, wenn er nur dein Feld nichts antut!« Dies war widersinnig; doch der plötzliche Gedanke an die Äcker regte ihn auf, das Bewußtsein, daß auch der Landbesitz ihm wieder zufalle, versetzte ihn in eine unbändige Freude, während ihn gleichzeitig eine ängstliche Besorgnis überkam. Das Land lag ihm noch mehr am Herzen als das Haus! Dieser Strich Acker dort oben, der das Loch zwischen seinen beiden Feldern wieder ausfüllte, wieder jene herrlichen drei Hektar bildete, ein Grundgebiet, wie es selbst Delhomme nicht besaß! Der ganze Körper des Mannes begann zu zittern vor Erregung, als sei ihm ein heiß ersehntes und schon verloren geglaubtes Weib zurückgekehrt. Ein Zweifel rannte ihm durchs Hirn, eine sinnlose Angst, das Feld möge nicht mehr dort oben sein, der andere könne es fortgetragen haben. Er versicherte, er leide zu sehr, er müsse sich vergewissern, und rannte davon. Hans war in der Tat geradezu auf die Ebene hinausgegangen, um das Dorf zu vermeiden; aus alter Gewohnheit schlug er die Richtung nach der Borderie ein. Als Buteau ihn gewahrte, strich er gerade längs des Ackerfeldes dahin; er blieb nicht stehen, er warf nur einen traurigen Blick auf die Schollen: sie hatten ihm Unglück gebracht! Feuchten Auges gedachte er des Tages, wo er zum erstenmal hier seiner Franziska begegnete; war es nicht an dieser Stelle, wo einst Coliche das kleine Mädchen in das Kleefeld geschleift! Langsamen Schrittes setzte er seinen Weg fort, und Buteau, der ihn in der Furcht vor irgendeiner Rachetat mißtrauisch mit den Augen verfolgte, kam jetzt ebenfalls heran. Er stellte sich vor dem Acker auf und blickte ihn lange an: da lag er immer noch unversehrt, niemand hatte ihm einen Schaden zugefügt. Seine Brust hob sich in übergroßer Freude; er hatte ihn wieder, diesen schönen, gesunden Strich Landes; er war sein, und niemand konnte ihn ihm mehr nehmen! Er bückte sich, griff mit beiden Fäusten eine Handvoll Erde, zerkrümelte sie, roch daran und ließ sie durch die Finger rollen. Ja, es war dieselbe Erde, sein altes Feld, wie es einst gewesen. Buteau machte sich auf den Heimweg, trällerte ein Lied dabei und war wie trunken von dem Dufte, den er eingeatmet. Inzwischen ging Hans, den Blick am Boden, ohne zu wissen, wohin ihn seine Füße trugen. Zuerst hatte er sich nach Cloyes zu Herrn Baillehache begeben wollen, um durch dessen Vermittlung die Wiedereinsetzung in sein Haus zu erwirken. Darauf schwand sein Zorn; erzwang er heute den Eintritt in sein einstiges Heim, so mußte er es doch morgen wieder räumen; warum also diesen Schmerz nicht gleich mit einemmal verwinden, die Sache war doch unwiderruflich. Die Kanaillen hatten recht: arm war er gekommen, arm ging er wieder von hinnen. Mehr als alles machte ihm das Herz schwer und nahm die Lust ihm und den Mut, länger Widerstand zu leisten, die Erwägung, Franziska müsse gewünscht haben, daß es so komme, denn sie hatte ihm ja nichts vermacht. Darum ließ er seinen Plan fallen; als der wiegende Gang seinen Zorn neu anfachte, dachte er nur noch, die Buteau zu verklagen, damit sie ihm sein Teil herausgeben, die Hälfte von allem, was in die Gütergemeinschaft einbegriffen war. Man solle sehen, ob er sich so mir nichts dir nichts die Butter vom Brot nehmen lasse. Er hob den Blick und war nicht wenig überrascht, als er sich vor der Borderie befand. Eine Erwägung, deren er sich in seiner überreizten Gemütsstimmung nur halb bewußt geworden, hieß ihn auf dem Gute Zuflucht suchen. In der Tat, wenn er das Land nicht verlassen wollte, konnte er nicht hier Kost, Wohnung und Arbeit finden? Hourdequin hatte ihn immer hoch geschätzt; er zweifelte keinen Augenblick, unverzüglich von ihm aufgenommen zu werden. Doch aus der Entfernung sah er plötzlich zu seiner Bestürzung, wie die Cognette in größter Aufregung über den Hof eilte. Es hatte sich etwas Schreckliches in der Borderie zugetragen: frühmorgens, als Jacqueline vor der Magd in das Gehöft hinabsteigen wollte, fand sie die Falltür des Milchkellers, die so unglücklich am Fuße der Wohnungstreppe gelegen war, offen, und unten in der Tiefe lag Hourdequin mit gebrochenem Kreuz. Die Frau schrie, alles stürzte herbei; der Herr hatte bereits den Geist aufgegeben. Man hatte ihn im Speisezimmer auf eine Matratze gebettet; Cognette aber stand kopflos in der Küche, das tränenlose Gesicht verzerrt und unvermögend, irgendeinen Entschluß zu fassen. Sobald sie Hans gewahrte, machte sie mit erstickter Stimme ihrem Herzen Luft: »Ich hab' immer gesagt, man soll die Falltür verlegen ... Wer aber hat sie nur öffnen können? Ich bin sicher, daß ich sie geschlossen hab', als ich gestern abend hinaufging ... Seit heute früh zerbrech' ich mir den Kopf.« »Der Herr ist also vor Euch hinabgegangen?« fragte Hans, dem der Vorfall zu denken gab. »Ja, es war kaum Tag ... Ich schlief. Es kam mir so vor, als rufe ihn jemand von unten, vielleicht hab' ich's geträumt ... Er stand oft so vor Tagesanbruch auf, um zu überwachen, daß die Knechte nicht die Zeit verschlafen ... Er muß die Öffnung nicht gesehen haben und ist hineingestürzt. Aber wer nur hat die Falltür geöffnet? Es ist, um närrisch zu werden.« Hans kam ein Verdacht, den er jedoch sofort fallen ließ. Sie hatte kein Interesse an diesem Todesfalle, ihre Verzweiflung war ungeheuchelt. »Das ist ein großes Unglück,« murmelte er. »Ja, ein großes Unglück für mich, ein sehr großes Unglück.« Sie sank auf einen Stuhl, vollständig gebrochen und zerschmettert, als sei alles über ihr zusammengestürzt. Der Herr, der sie heiraten wollte, um seine rechtmäßige Frau zu werden, der geschworen hatte, ihr alles testamentarisch zu vermachen, war gestorben, ohne daß er irgendeine Verfügung getroffen hätte. Sie werde nicht einmal ihren Lohn ausbezahlt erhalten; der Sohn werde kommen und sie hinauswerfen, wie er es versprochen! Ihr bleibe nichts! Etwas Schmuck und Wäsche, die Kleider, die sie trage, sonst nichts, nichts! Was Jacqueline in ihrer furchtbaren Aufregung zu erwähnen vergaß, war der Abschied des alten Soulas, dessen Entlassung sie endlich gestern bei Hourdequin durchgesetzt. Sie hatte ihn für zu alt erklärt, hatte gemeint, er könne seinen Dienst nicht mehr ausreichend versehen; denn es war ihr unerträglich geworden, sich immerfort von dem Alten umspäht zu wissen. Obwohl Hourdequin ihre Meinung betreffs seines treuen Dieners nicht teilte, hatte er schließlich nachgegeben, er besaß ihr gegenüber keinen Willen mehr. Als Soulas in freundlichen Worten und unter tröstenden Versprechungen für seine alten Tage dieser Bescheid wurde, blickte er seinen Herrn starr an mit seinen verblaßten Augen. Dann begann er langsam alles auszupacken, was er gegen diese Dirne, die Urheberin seines Unglückes auf dem Herzen hatte. Er erzählte, wie sie es mit allen Knechten, allen Männern gehalten, die je auf dem Gut gewesen, wie sie endlich Tron genommen, wie schamlos sie es mit dem Burschen trieb, wie jedermann auf dem Gutshofe, jedermann im ganzen Lande um die Sache wisse, so daß es überall heiße, der Herr müsse die Überbleibsel seiner Knechte lieben, denn es sei unmöglich, daß er nicht wisse, was um ihn her vorgehe. Vergeblich hatte Hourdequin versucht, dem Redestrom des Greises Einhalt zu gebieten: er wollte nicht mehr erfahren, denn er fürchtete sich davor, seine Geliebte hinauswerfen zu müssen; doch der Alte ließ sich nicht unterbrechen, erzählte alles, vergaß nicht ein einziges Stelldichein der Cognette, das er überrascht. Sie ahnte von alldem nichts; Hourdequin war in seine Felder hinausgestürmt, damit er sich im ersten Zorne nicht hinreißen lasse, sie zu erwürgen; als er zurückkam, gab er einfach dem Tron unter irgendeinem Vorwande den Abschied. Sie schöpfte wohl Verdacht und wagte nicht, für ihren Liebhaber Einspruch zu tun; alles, was sie für ihn erbat, war die Erlaubnis, daß er noch eine Nacht auf dem Hofe bleiben dürfe; sie hoffte, es werde ihr bis zum nächsten Tage gelingen, die Sache beizulegen. All dies war aus ihrem Gedächtnis entschwunden, bei diesem entsetzlichen Schicksalsschlag, der ihre zehnjährige Berechnung über den Haufen warf. Hans befand sich mit ihr allein in der Küche; da erschien Tron. Sie hatte den Burschen seit dem vorigen Tage nicht zu Gesicht bekommen; jetzt hatte sie kaum einen Blick auf den Riesen mit der roten Gesichtsfarbe geworfen, der in einer gewissen scheuen Art über die Schwelle trat, als ihr ein Schrei entfuhr: »Du hast die Falltür geöffnet!« Plötzlich ward ihr alles klar; der Bursche glotzte sie leichenblaß mit seinen runden Kinderaugen an, öffnete die zitternden Lippen und brachte kein Wort hervor. »Du hast die Tür aufgemacht und hast ihn gerufen, damit er hinabstürze!« Entsetzt trat Hans beiseite. Die beiden schienen übrigens in ihrer leidenschaftlichen Erregung seine Gegenwart vergessen zu haben. Tron neigte das Haupt und gestand mit dumpfer Stimme seine Tat: »Ja, ich war's ... Er hatte mir den Abschied gegeben; ich hätte dich nicht mehr sehen können, das war unmöglich ... Und dann hab' ich schon lang' gedacht, wenn er stürbe, könnten wir unbehindert zusammen sein.« Sie hörte erstarrt zu; während der Koloß jetzt mit zufriedenem Grunzen enthüllte, was in seinem harten Schädel vorgegangen, wie er jahrelang von wilder Eifersucht geplagt worden gegen den Herrn und Gebieter, wie der Plan seines Verbrechens in ihm reif geworden, um sich den Besitz dieses Weibes, das er für sich allein wollte, zu versichern. »Als mir der Anschlag gelungen, meinte ich, du werdest zufrieden sein ... Wenn ich dir nichts davon gesagt hab', war's, um dich nicht in Verlegenheit zu bringen, dem Gerede der Leute gegenüber ... Nun und jetzt, wo alles vorüber und er uns nicht mehr im Wege ist, bin ich gekommen, damit wir uns heiraten.« Nicht mehr Herrin ihrer Wut, brach Jacqueline mit roher Stimme los: »Dich? Aber ich lieb' dich nicht, ich will dich nicht! ... Du hast ihn getötet, um mich zu heiraten! Du bist noch dümmer, als ich geglaubt habe. Solch ein Wahnsinn, bevor ich seine Frau war, bevor er ein Testament gemacht! ... Du hast mich zugrunde gerichtet, hast mir das Brot vorm Munde genommen. Mir hast du das Kreuz gebrochen, du Vieh, verstehst du das wenigstens jetzt? ... Und du meinst, ich zieh' mit dir? Bist du verrückt, Mensch? Schau mich doch an, du Tropf!« Jetzt stierte er sie offenen Mundes an, so etwas hatte er sich nicht träumen lassen. »Weil ich mich mit dir abgegeben, weil wir uns zusammen vergnügt haben, bildest du dir ein, ich werd' mich mein Lebtag von dir Esel langweilen lassen? .. Dich heiraten! Nein, tausendmal nein! Ich würde mir jemand aussuchen, der mehr Hirn im Kopf hat als du, wenn ich durchaus einen Mann wollte! ... Geh, troll dich weiter, ich mag dich nicht mehr ansehn ... Ich lieb' dich nicht, will dich nicht, scher' dich zum Teufel!« Ein gewaltiger Zorn packte den Riesen. Wie? Er hätte getötet ohne irgendwelchen Nutzen? Aber sie war ja sein, er wollte sie zwingen, ihm zu folgen. »Du bist ein elendes Mensch,« grollte er; »aber macht nichts, du wirst mit mir kommen, oder es geht dir wie ihm.« Die Cognette trat mit geballten Fäusten vor ihn hin: »Wag's, Mörder!« Er war sehr stark und groß, und sie mit ihrem zarten Wuchs sah ganz klein und schwach neben ihm aus. Und doch wich er vor ihr zurück, so furchtbar kam sie ihm vor mit ihren Zähnen, die bereit schienen zu beißen, mit ihren wie Dolche blitzenden Augen. »Es ist aus, geh! ... Lieber wollt' ich in meinem Leben keinen Mann mehr, eh' ich von dir mich berühren lasse ... Geh, geh, geh!« Tron ging, rückwärts schreitend, wie ein feiges Raubtier anzuschauen mit seinem finsteren Blicke, in dem es wie tückische Rache glühte. Er murmelte: »Tot oder lebend, aber ich werd' dich haben!« Jacqueline schaute ihm nach, wie er den Hof verließ. Sie seufzte erleichtert auf und wandte sich um. Es schien sie nicht zu überraschen, Hans dort zu sehen. »Oh,« rief sie offen, »wie ich die Kanaille von den Gendarmen aufgreifen ließe, wenn ich nicht fürchtete, mit eingesteckt zu werden!« Die schreckliche Szene, die Hans erlebt, raubte ihm die Sprache, er erwiderte kein Wort. Sie aber warf sich in dem nervösen Gegensatz der überstandenen Aufregung an seine Brust und jammerte unter Tränen, sie sei unglücklich, namenlos unglücklich! Unaufhörlich flössen ihre Tränen; sie empfand das Bedürfnis, beklagt und geliebt zu werden, sie umschlang seinen Hals, als hätte sie sich von ihm entführen lassen mögen, um bei ihm Trost und Zuflucht zu finden. Ihm war nichts weniger als wohl zumute bei dieser zärtlichen Hingabe; glücklicherweise ward die Szene abgebrochen durch die Ankunft von Hourdequins Schwager, Herrn Baillehache, dem man den Unfall angezeigt hatte. Jacqueline lief dem in den Hof lenkenden Wagen des Notars entgegen. Hans schlüpfte aus der Küche ins Freie; von neuem stand er unter den regenschwangeren Märzwolken inmitten der weiten Ebene. Alles um ihn her verschwamm vor seinen Blicken, so umflort waren seine Sinne, nachdem diese aufregende Begebenheit ihn inmitten seines eigenen Mißgeschickes überrascht. Wie unglücklich sich das traf: jetzt war ihm der Unterschlupf in der Borderie abgeschnitten; mit raschen Schritten wandte er dem Gutshof den Rücken, obwohl ihm das Unglück seines einstigen Herrn nahe ging. Die Cognette und ihren Galan anzuzeigen, dieser Gedanke kam ihm nicht, es war nicht seine Rolle; die Polizei mochte ihre Augen auf tun. Zweimal wandte er sich um, es war ihm, als habe man ihn gerufen, ein unbestimmtes Gefühl, als sei er Mitschuldiger an den traurigen Geschehnissen, verfolgte ihn. Vor den ersten Häusern von Rognes blieb er stehen; der Gutsbesitzer war durch seine eigene Schuld umgekommen, dachte er, und ihm fiel die große Wahrheit ein, daß die Männer viel glücklicher seien ohne die Weiber. Er dachte an Franziska; eine tiefe Bewegung überkam ihn. Jetzt erst ward er es sich wieder bewußt, daß er sich nach der Borderie in der Absicht begeben hatte, um dort Arbeit zu suchen, und er fragte sich, an welche Tür er wohl klopfen könne. Ihm fiel ein, daß Herr Karl einen Gärtner suche. Warum sollte er nicht hingehen, sich ihm antragen? Er gehörte immerhin ein wenig zur Familie, vielleicht empfahl ihn das. Er begab sich nach Roseblanche. Es schlug ein Uhr; die Familie hatte eben ihr Frühstück beendet, als die Magd ihn ins Zimmer führte. Elodia war gerade im Begriff, den Kaffee einzuschenken, und nachdem Herr Karl seinem Gast einen Sessel dargeboten, wollte er, daß er auch eine Tasse mit ihnen trinke. Hans nahm dankend an; er hatte bei all den Aufregungen seit dem vorigen Tage nichts zu sich genommen, vielleicht regte der heiße Trank seinen Magen an. Doch als er mit diesen Bürgern an demselben Tische saß, fehlte ihm der Mut, die Stelle als Gärtner zu erbitten. Nachher, vertröstete er sich, sobald sich eine Anknüpfung biete. Frau Karl hub an, ihn zu beklagen; sie weinte selbst beim Andenken der armen Franziska, und das rührte von neuem. Zweifelsohne meinte die Familie, er sei gekommen, um sich zu verabschieden. Nach einigen Minuten meldete die Dienerin, Delhomme und sein Sohn Ernst seien angekommen; jetzt wurde Hans vergessen. »Bittet sie einzutreten und gebt noch zwei Tassen.« Es handelte sich um ein großes Geschäft für das Ehepaar Karl. Beim Verlassen des Kirchhofs nämlich hatte Ernst die Familie bis Roseblanche begleitet, und, während Frau Karl mit Elodia das Haus betraten, hielt der junge Mann Herrn Karl zurück und erklärte ihm rund heraus, er sei nicht abgeneigt, das Haus in der Judengasse zu kaufen, wenn man sich über den Preis einige. Er kannte das Haus sehr wohl und versicherte, Vaucogne habe es dermaßen herabkommen lassen, daß er kaum fünftausend Franken dafür bekommen werde; alles müsse neu ergänzt werden, das Mobiliar sei abgenutzt, das Personal ohne Sorgfalt ausgewählt und so erbärmlich, daß selbst das Militär andere Lokale besuche. Eine Stunde lang machte er in dieser Weise die einstige Bude des Herrn Karl schlecht und überraschte den Onkel durch seine Kenntnis des Geschäftszweiges, durch eine für sein Alter erstaunliche kaufmännische Tüchtigkeit. Welch ein wackerer Bursch, dachte der Alte, in der Tat, das wäre der rechte Mann, mit Energie und Umsicht das Unternehmen zu führen. Sie trennten sich schließlich, nachdem der junge Bursche gesagt, er werde am Nachmittag mit seinem Vater wiederkommen, um ernstlich über die Sache zu reden. Inzwischen hatte Herr Karl mit seiner Frau Rücksprache genommen, die ebenfalls über die Begabung des Neffen staunte. Wenn ihr Schwiegersohn nur wenigstens halb so tüchtig wäre wie jener! Sie müßten auf ihrer Hut sein, daß Ernst sie nicht übers Ohr haue. Es galt das Heiratsgut Elodias zu verteidigen. Und doch stahl sich in diese ihre Besorgnis eine gewisse Teilnahme für den jungen Käufer, und der Wunsch wurde in ihnen rege, das Haus selbst mit Verlust in diese tüchtigen, tatkräftigen Hände übergehen zu sehen, die ihm seinen einstigen Glanz wieder verleihen würden. Als darum jetzt Delhomme Vater und Sohn eintraten, wurden sie aufs herzlichste empfangen. »Ihr trinkt ein Täßchen mit uns, nicht wahr? ... Elodia, gib den Zucker her.« Hans hatte seinen Stuhl etwas beiseite gerückt; alle saßen um den Tisch herum. Delhomme, frisch rasiert, das Gesicht unbeweglich und ernst, verharrte in diplomatischem Schweigen. Sein Sohn in elegantem Anzüge, mit Lackstiefeln, goldgestickter Weste, seidener Krawatte, hatte ein sicheres und gewandtes Auftreten und war von gewinnender Liebenswürdigkeit. Als Elodia ihm errötend die Zuckerschale reichte, blickte er ihr ins Auge und sagte galant: »Ihr Zucker, liebe Cousine, ist großstückig.« Sie errötete noch mehr und wußte nicht, was ihm entgegnen, so sehr setzten die Worte des höflichen jungen Mannes das unschuldige Wesen in Verlegenheit. Am Vormittag hatte Ernst in sehr schlauer Berechnung nur die eine Seite des Geschäfts berührt. Als er nämlich beim Begräbnis Elodia erblickt, hatte sein Plan sofort eine neue Form angenommen: er wollte nicht bloß das Haus der Judengasse an sich bringen, sondern gleichzeitig das junge Mädchen heiraten. Die Sache schien höchst einfach. Zunächst hatte er in diesem Falle nicht nötig, das Geschäft zu bezahlen, denn er würde die Ehe nur unter der Bedingung schließen, daß ihm das Häuschen in Chartres als Mitgift zufalle; dann aber, wenn ihm Elodia auch vorderhand nichts mitbrachte als dieses heruntergekommene Unternehmen, so erbte sie doch später einmal von ihren Großeltern ein bedeutendes Vermögen. Er war entschlossen, jetzt seinen Antrag anzubringen, und darum hatte er seinen Vater mitgebracht. Einen Augenblick sprach man vom Wetter, das wirklich für die Jahreszeit ungemein milde war. Die Birnbäume standen in voller Blüte; wenn nicht Stürme und Regen kamen, durfte man dies Jahr eine reiche Obsternte erwarten. Man trank den Kaffee aus. Die Unterhaltung stockte. »Mein Herzchen,« sagte plötzlich Herr Karl zu Elodia, »Du solltest ein wenig im Garten spazierengehen.« Er schickte die Kleine hinaus, denn er brannte vor Ungeduld, Delhomme auszuholen. »Entschuldigen Sie, Onkel,« fiel Ernst ein, »wenn Sie es gestatten möchten, würde ich mir die Bitte erlauben, daß meine Cousine bei uns bliebe... Ich habe Ihnen etwas zu sagen, was sie interessiert; nicht wahr, es ist in Geschäften besser, alles mit einemmal abzumachen, statt immer wieder von vorne anzufangen?« Darauf erhob er sich und fuhr in seiner wohlerzogenen Art fort: »Ich wollte Ihnen nämlich sagen, daß ich sehr glücklich wäre, meine Cousine zu heiraten, wenn Sie nichts dawider hätten, und falls sie selber einwilligte.« Die Überraschung war groß. Besonders aber ward Elodia durch das Gehörte dermaßen in Verwirrung versetzt, daß sie aufsprang und sich in holder Schamhaftigkeit in die Arme ihrer Großmutter warf, wobei sie bis über die Ohren errötete. Frau Karl suchte sie zu beruhigen. »Aber, aber, mein lieber Schatz, das ist zuviel, sei doch vernünftig! ... Man ißt dich ja nicht, wenn man um dich anhält ... Dein Vetter hat nichts Übles gesagt, schau ihn an, sei nicht so blöde, mein Herz.« Doch kein Zuspruch vermochte sie zu bestimmen, ihr Gesicht zu zeigen. »Mein Gott, lieber Freund,« erklärte endlich Herr Karl, »dein Antrag kommt uns ganz unerwartet. Vielleicht hättest du besser getan, mit uns vorerst allein davon zu sprechen; du siehst, wie weichherzig unser liebes Mädchen ist ... Aber, was auch kommen möge, sei überzeugt, daß ich dich sehr hoch schätze, denn du scheinst mir ein braver und arbeitsamer Bursch.« Delhomme, in dessen Gesicht sich bisher noch keine Miene verzogen, ließ die beiden Worte hören: »Ganz gewiß!« Hans, der meinte, den anderen eine Höflichkeit schuldig zu sein, setzte hinzu: »Das ist sicher.« Herr Karl hatte sich von seiner Überraschung erholt und erwog bereits, daß Ernst keine schlechte Partie sei, denn er war jung, hübsch, tätig und der einzige Sohn reicher Bauern. Seine Enkelin konnte keinen besseren Mann finden. Nachdem der alte Herr einen Blick mit seiner Gattin gewechselt, fing er wieder an: »Du begreifst, wir können weder ja noch nein sagen. Es geht das Kind an. Wir werden niemals ihren Wünschen etwas in den Weg legen; wie sie will, soll es geschehen.« Darauf erneuerte Ernst in höflicher Rede seinen Antrag. »Liebe Cousine, wenn Sie mir die Ehre erweisen wollten und das Vergnügen ...« Sie barg noch immer das purpurrote Antlitz am Busen der Großmutter; doch ließ sie den jungen Mann nicht ausreden, sondern nahm mit dreimal wiederholtem, kräftigem Kopfnicken seine Werbung an, indem sie sich noch enger an Frau Karl schmiegte. Es gab ihr sichtlich Mut, daß sie ihre Augen verbarg. Die Gesellschaft aber ward sprachlos bei dieser hastigen Zusage. Sie liebte also den Burschen, den sie so kurze Zeit kannte? Oder wollte sie überhaupt nur einen Mann haben, gleichgültig welchen, wenn er nur hübsch war? Frau Karl küßte ihr Haupt. »Arme Kleine! Arme Kleine!« »Gut,« meinte Herr Karl, »wenn es ihr recht ist, wir haben nichts dagegen.« Doch ein plötzlicher Gedanke umdüsterte seine Stirne. Seine schweren Augenlider senkten sich, mit bedauernder Miene setzte er hinzu: »Natürlich, mein Freund, geben wir das andere auf, die andere Sache nämlich, welche du mir heute vormittag vorgeschlagen.« »Warum das?« Ernst blickte ihn verwundert an. »Warum? Aber weil ... ich bitte dich ... Du begreifst doch! Wir haben sie ja nicht bis zum zwanzigsten Jahre bei den Damen von der Heimsuchung gelassen, damit ... mit einem Wort, das ist unmöglich.« Er blinzelte mit den Augen, verzog den Mund, versuchte sich verständlich zu machen und fürchtete gleichzeitig mehr zu sagen, als er wollte. Die Kleine in der Judengasse! Eine Unschuld, die eine so treffliche Erziehung genossen, die in so keuscher Reinheit auf erzogen, von der man jeden Hauch des Unlauteren mit peinlicher Sorgfalt ferngehalten! »Ah, entschuldigen Sie,« erklärte Ernst unumwunden, »da komme ich nicht auf meine Rechnung ... Ich verheirate mich, um mich festzusetzen, ich will meine Cousine und das Haus.« »Die Konditorei!« rief Frau Karl. Kaum war dieses Wort ausgesprochen, so bemächtigte sich das Gespräch seiner und wiederholte es mehrmals: Die Konditorei, welch ein unbilliges Verlangen! Die Konditorei, das ging nicht an! Der junge Mann und sein Vater hinwiederum verlangten die Konditorei als Mitgift, versicherten, man dürfe sie nicht aus den Händen geben, in ihr beruhe das eigentliche Vermögen der Braut. Sie riefen Hans zum Zeugen auf, der mit einem Kopfnicken zustimmte. Schließlich sprachen alle sehr laut, vergaßen sich und gaben unverblümte Einzelheiten. Ein unvorhergesehener Zwischenfall brachte sie zum Schweigen. Langsam hatte Elodia ihr Köpfchen erhoben; jetzt stand sie da gleich einer im Schatten gewachsenen Lilie in ihrer bleichen Jungfräulichkeit, mit den leer blickenden Augen und dem farblosen Haar. Sie schaute die Anwesenden an und sprach ruhig: »Mein Vetter hat recht, man kann das Geschäft nicht aus den Händen geben.« Betroffen stotterte Frau Karl: »Aber, mein liebes Herz, wenn du wüßtest ...« »Ich weiß ... Schon vor langer Zeit hat mir Victorine alles gesagt, Victorine, das Mädchen, das der Männer wegen fortgeschickt worden ... Ich weiß, ich hab' darüber nachgedacht, ich versichere euch, man darf das Geschäft nicht aufgeben.« Das Ehepaar Karl war fassungslos. Die beiden Alten rissen die Augen auf und blickten verblüfft auf ihr Enkelkind. Wie? sie kannte das Haus in der Judengasse, wußte, was dort vorging, wie dort Geld erworben wurde, wußte alles und sprach mit dieser ungetrübten Ruhe darüber! Den Reinen ist eben alles rein. »Wir dürfen das Geschäft nicht aus der Hand geben,« wiederholte das junge Mädchen mit wachsender Festigkeit. »Es ist gut, es trägt zuviel ein ... Und dann, ein Haus, das ihr gegründet habt, wo ihr so fleißig gearbeitet, das wollte man Fremden überlassen?« Herr Karl war überwältigt. Eine große Bewegung bemächtigte sich seiner, eine Art Rührung, die ihn am Herzen packte und ihm die Kehle zuschnürte. Er hatte sich erhoben, er taumelte, lehnte sich an seine Gattin, die ebenfalls aufgestanden war, und, nach Worten ringend, bebend dastand. Beide glaubten, die Kleine wolle ihnen ein Opfer bringen. »Liebes Herz, Herzchen! ... Nein, nein, teurer Schatz!« stießen sie hervor. Doch Elodias Augen feuchteten sich; sie legte ihre Lippen auf den Ehering ihrer Mutter, den sie am Finger trug, jenen ehrwürdigen Ring, dem die Arbeit in der Judengasse die Verzierungen abgeschliffen. »Doch, doch, laß mich! ... Ich will wie Mama sein. Was sie getan hat, kann auch ich tun: es ist keine Unehre dabei, denn ihr habt es ja ebenfalls getan ... Mir gefällt es sehr, versichere ich euch. Ihr sollt sehen, daß ich meinem Vetter tapfer beistehen werde in der Arbeit, und daß wir das Haus wieder hochbringen werden. Es soll wieder blühen und gedeihen; ihr kennt mich nicht.« Jetzt gab's keine Widerrede mehr. Herr und Frau Karl schluchzten wie ein paar Kinder. Zweifelsohne hatten sie das junge Mädchen nicht hierzu erzogen; allein, was tun, wenn die Stimme des Blutes spricht, wenn der Beruf sich so zwingend deutlich offenbart? Es war gerade so einst mit Estelle: auch jene hatten sie bei den Schwestern zur Heimsuchung Maria eingeschlossen, hatten sie in strengster Sitte erziehen lassen, und sie war nichtsdestoweniger eine treffliche Geschäftsfrau geworden ... Gewiß die Erziehung bedeutet nichts, der natürliche Verstand besagt alles... Doch die Bewegung der alten Leute, diese Tränen, deren Strom sie nicht aufzuhalten vermochten, hatten ganz besonders ihren Ursprung in dem erhebenden Bewußtsein, daß das Etablissement in Chartres ihr Werk, ihr Fleisch und Blut, vom Untergang gerettet werden sollte. Elodia und Ernst würden mit dem frischen Mute der Jugend darin ihr Geschlecht fortpflanzen. Schon sahen sie im Geiste das teure Haus wiederhergestellt, wieder in der Gunst des Publikums, prächtig, herrlich, wie es einst in den schönsten Tagen ihrer Leitung geglänzt hatte. Als Herr Karl endlich wieder die Sprache gefunden, zog er seine Enkelin an seine Brust. »Dein Vater hat uns bittere Sorgen bereitet, du bist unser Trost, mein Engel!« Auch Frau Karl umarmte das junge Mädchen, ihre Tränen vereinten sich; die drei boten ein rührendes Bild. »Also, wir sind einverstanden?« fragte Ernst, der seiner Sache sicher zu sein wünschte. »Ja, es ist abgemacht.« Delhomme war glücklich, seinen Sohn so reich zu verheiraten; sein Gesicht strahlte. In seiner bedachten Art gab auch er seine Meinung ab: »Nun, wahrlich, Ihnen wird's nicht leid tun und uns ebensowenig ... Unnütz, den Kindern Glück zu wünschen. Wenn man Geld erwirbt, gibt sich das andere von selbst.« Nach diesen Worten nahmen wieder alle Platz, um in Ruhe das weitere zu besprechen. Aber Hans begriff, daß er störe. Es war ihm unbehaglich geworden bei der rührenden Szene; er fühlte sich verlegen und wäre schon lange gegangen, wenn er gewußt hätte, wie seinen Aufbruch zu bewerkstelligen. Endlich nahm er Herrn Karl auf die Seite und sprach von dem freien Gärtnerposten. Das würdige Gesicht des Alten wurde ernst: einen Verwandten in seine Dienste nehmen? Niemals! Man erzielt nichts mit einem Verwandten, weil man ihm nicht so befehlen kann wie einem andern Diener. Übrigens war der Platz seit dem vorigen Tage versagt. Hans nahm Abschied, während Elodia mit ihrer hellen Jungfrauenstimme sagte, wenn ihr Papa Einwendungen machen solle, werde sie ihn schon zur Vernunft bringen. Zögernden Schrittes ging er die Straße entlang; er wußte nicht, wohin sich wenden, um Arbeit zu erbitten. Von den hundertsiebenundzwanzig Franken hatte er das Begräbnis seiner Frau bezahlt, das Kreuz und die Grabumfriedung; es blieb ihm kaum noch die Hälfte des Geldes; eine Zeitlang konnte er sich wohl damit erhalten, dann mußte er weiter sehen. Vor der Arbeit fürchtete er sich nicht, aber er erwog mit Sorgen, daß er schwerlich einen Platz in Rognes finden werde, und doch war es nicht ratsam, den Ort zu verlassen, sobald er gegen Buteau einen Prozeß anstrengen wollte. Es schlug drei Uhr, dann vier, dann fünf. Er irrte umher, das Hirn mit wirren Gedanken erfüllt, kehrte zur Borderie zurück, näherte sich wieder der Besitzung der Familie Karl, planlos, ziellos. Überall in der Welt war es dasselbe: das Geld und die Weiber, man stirbt daran, man lebt dafür. So war es nicht erstaunlich, daß auch sein Unglück diesen allgemeinen Ursprung hatte. Er fühlte sich matt werden und erinnerte sich, daß er noch nichts genossen. Wieder wandte er sich dem Dorfe zu, entschlossen, sich bei Lengaigne einzuquartieren, der ein paar Kammern vermietete. Doch als er über den Kirchplatz schritt, wallte sein Blut von neuem auf beim Anblick des Hauses, aus dem man ihn am Morgen verjagt hatte. Warum sollte er diesen Kanaillen seinen Rock und seine zwei Paar Beinkleider lassen? Diese Sachen waren sein, er wollte sie haben, und sollte die Schlägerei noch einmal beginnen. Als Hans in den Hof trat, war es bereits finster, kaum erkannte er den alten Fouan, der auf einer Steinbank saß. Er näherte sich der offenen Küchentür; Buteau sprang ihm entgegen und versperrte ihm den Weg. »Donnerwetter, da ist er schon wieder. Was willst du?« »Ich will meinen Rock und meine beiden Hosen.« Ein wütender Streit entbrannte. Hans bestand auf seiner Forderung und verlangte, in den Schränken zu suchen, während Buteau, der ein Krautmesser ergriffen, schrie, er schlitze ihm den Leib auf, wenn er die Schwelle überschreite. Endlich vernahmen sie aus dem Innern der matt erleuchteten Wohnung die Stimme Lisens: »Laß! Geben wir ihm seine Lumpen zurück, du kannst sie doch nicht tragen, der Mensch ist ja aussätzig.« Die beiden Männer schwiegen. Korporal wartete. Plötzlich hörte er hinter sich den alten Fouan, wie laut träumend, die Worte murmeln: »Schau, daß du fortkommst, sonst bringen sie dich um, wie sie die Kleine umgebracht haben.« Wie ein Blitz durchfuhr es Hans; mit einemmal verstand er alles, den Tod Franziskas und ihr hartnäckiges Schweigen auf dem Totenbette; es war ihm klar, sie hatte die Ihren vor dem Henker retten wollen. Es überlief ihn eiskalt, er fühlte jedes Haar einzeln auf seinem Haupte; und er fand nicht ein Wort, nicht einen Laut, als ihm jetzt Lise durch die offene Tür seine Kleider zuwarf. »Da hast du deine dreckigen Lumpen! ... Der Quark stinkt, man wär' noch krank davon geworden.« Er nahm die Sachen auf und eilte von dannen. Erst als er das Hoftor durchschritten, wandte er sich um, hob die Fäuste und schrie das eine Wort durch die Stille des Abends: »Mörder!« Darauf verschwand er im Dunkel. Buteau blieb erstarrt, denn er hatte verstanden, was der Alte in seinem unzurechnungsfähigen Halbschlummer gelallt, und dieser Ruf Korporals traf ihn wie eine Kugel mitten ins Herz. Wie, sollten sich vielleicht noch die Gendarmen dreinmischen, jetzt, wo er gemeint, alles seit mit Franziska begraben? Seit er am Morgen das Grab sich über ihr hatte schließen sehen, hatte er aufgeatmet, und jetzt wußte der Alte um alles! Sollte er sich bloß so hinfällig und geistesumnachtet stellen, um sie zu überwachen? Dieser Gedanke trieb die Angst des schlechten Menschen aufs höchste; er war krank vor Aufregung, als er ins Haus zurücktrat, und ließ die Hälfte seiner Suppe in der Schüssel. Auch Lise, der er das Vorgefallene mitteilte, vermochte in ihrem Schreck nicht zu essen. Beide hatten sich auf diese erste Nacht unter dem wiedereroberten Heim gefreut; sie ward furchtbar, diese Unglücksnacht. Sie hatten Laura und Julius vorläufig auf einer Matratze vor der Kommode gebettet: die Kinder schliefen noch nicht, als sie sich ebenfalls zu Bett begaben, nachdem sie das Licht ausgelöscht. Doch es war ihnen unmöglich, die Augen zu schließen. Wie auf einem glühenden Rost wälzten sie sich ruhelos umher; endlich begannen sie flüsternd miteinander zu reden. Wie ihnen der Vater zur Last ward, seit er wieder in die Kindheit zurückgefallen, welch eine Bürde, wenn man bloß berechnete, was er kostete! Unglaublich, wieviel Brot er verschlang; dabei aß er ekelhaft gierig, stopfte sich das Fleisch mit den Fingern in den Mund, schüttete den Wein in den Bart, war so widerlich anzuschauen, daß einem übel wurde vom Zusehen. Ferner ging er oft mit offenen Hosen herum; ja einmal hatte man ihn überrascht, wie er sich in Gegenwart von kleinen Mädchen aus der Nachbarschaft mitten im Hof entkleidete; er wußte nicht mehr, was er tat. Wahrhaftig, man hätte dem widerlichen Schauspiel dieses endlosen Dahinsterbens mit einem Axthieb ein Ende machen mögen. »Wenn man bedenkt, daß er umfiele und hin würde, wenn man ihn nur anblasen wollte!« murmelte Buteau. »Und er lebt immer noch weiter, ihm ist es eins, daß er uns im Weg steht! Diese Alten, je weniger es arbeitet, je weniger es verdient, um so zäher klammert es sich ans Leben! ... Der krepiert noch lange nicht.« Lise, die auf dem Rücken lag, versetzte: »Wie dumm, daß er hier wieder mit eingezogen ist ... Er wird sich hier zu wohl fühlen, und wird einen neuen Kontrakt mit dem Leben eingehen ... Wenn ich mir vom lieben Gott etwas erbitten dürfte, so wär's, daß der Alte in der ersten Nacht drauf ginge.« Keiner von beiden berührte den eigentlichen Gegenstand ihrer Sorge, daß nämlich der Vater alles wisse und sie, selbst ohne es zu wollen, verraten könne. Dies setzte allem die Krone auf. Daß er ihnen Geld koste, ihnen im Wege war, sie verhinderte, sich ungestört des Genusses des entwendeten Schatzes zu erfreuen, all das hatten sie geduldig so lange Zeit hindurch ertragen. Aber daß ein Wort des alten Narren ihnen den Hals kosten könne, das war zuviel. Dem mußte abgeholfen werden. »Ich will mal sehen, ob er schläft,« flüsterte Lise plötzlich. Sie zündete das Licht wieder an und versicherte sich, daß Laura und Julius schliefen; dann schlich sie im Hemd in die Gemüsekammer, wo man wieder das Bett des Alten aufgestellt hatte. Als sie wieder zurückkam, fror sie, ihre Füße waren auf dem feuchten Lehmboden eiskalt geworden; sie schlüpfte unter die Decke und schmiegte sich an ihren Gatten, der sie in die Arme schloß, um sie zu wärmen. »Nun?« »Er schläft, dabei hat er den Mund aufgesperrt wie ein Karpfen, weil ihm die Luft knapp wird.« Sie schwiegen. Doch ob auch keines die stumme Umarmung mit einem Worte unterbrach, so hörten sie doch ihre Gedanken in ihren Schläfen hämmern. Der Alte, der immer so ängstlich nach Luft schnappte, war so leicht vom Leben zum Tode zu befördern: das Geringste, was man ihm in die Kehle stopfen würde, ein Taschentuch, selbst nur eine Hand würde ihm den Garaus machen. Man würde ihm sogar einen ausgezeichneten Dienst damit leisten. War es nicht tausendmal besser für ihn, in Ruhe auf dem Friedhof zu schlafen, als, den anderen und sich selbst zur Last, dies Leben noch weiter zu schleppen? Buteau hielt sein Weib noch immer in den Armen; beiden kochte das Blut, als wenn ein sinnliches Gelüst sie durchschauere. Mit einemmal ließ er sie fahren und sprang aus dem Bett. »Ich will auch mal nachschauen.« Er nahm das Licht, das noch auf der Kommode stand, und ging in die Kammer; während sie mit verhaltenem Atem, mit Augen, die weit aufgerissen in das Dunkel der Stube starrten, lauschte. Minuten verstrichen, und kein Geräusch drang aus dem Nebenraum. Endlich hörte sie ihren Mann ohne Licht wieder zurückkommen. Das weiche Geräusch seiner nackten Füße schlürfte über die Steinfliesen der Stube heran; er atmete schwer, näherte sich dem Bette, suchte tastend sein Weib und raunte ihr ins Ohr: »Komm! ich getrau' mich nicht allein.« Lise folgte Buteau, beide Arme vorstreckend, damit sie nirgends anstoße. Sie fühlte nicht mehr die Kälte, ihr Hemd schien sie in ihren Bewegungen zu hindern. Das Licht stand in einem Winkel der Kammer am Boden; doch es leuchtete genug: Man sah den Alten auf dem Rücken ausgestreckt ruhen; das Haupt war von dem Kopfkissen hinabgeglitten. Er lag so steif da, so ausgetrocknet vom Alter; man hätte ihn für tot halten können, wäre nicht aus dem weitgeöffneten Munde ein mühsames, schweres Röcheln hervorgedrungen. Sämtliche Zähne fehlten in diesem Munde, er bildete ein schwarzes Loch, in das die Lippen hineinhingen; die beiden neigten sich darüber, als wollten sie untersuchen, wieviel Leben noch darin wohne. Lange schauten sie so dicht nebeneinander... Es schien so leicht, irgend etwas zu ergreifen und damit dieses Loch zu verstopfen; und doch war es so schwer, ihre Arme hingen schlaff und untätig herab. Sie verließen die Kammer, kehrten wieder um und traten von neuem vor das Bett. Die Zunge hing ihnen trocken im Gaumen, sie wären unvermögend gewesen, ein Wort hervorzubringen; ihre Augen sprachen miteinander. Mit einem Blick zeigte sie ihm das Kopfkissen; also vorwärts, worauf wartete er?! Ihm zuckte es in den Wimpern, er trat einen Schritt zurück. Plötzlich faßte Lise verzweifelt das Kissen und warf es über das Gesicht des Vaters. »Feigling! Wir Frauen haben immer am meisten Mut.« Jetzt warf sich Buteau auf das Bett und drückte mit dem ganzen Gewicht seines Körpers, sein Weib aber kletterte hinauf und setzte sich mit ihren nackten Lenden, die breit waren wie die einer Stute, auf das Kissen, unter dem der Kopf des Greises lag. Wie besessen arbeiteten sie, hieben und preßten sie mit den Händen, Schultern und Schenkeln. Den Körper des Alten durchfuhr eine jähe Bewegung, seine Beine schnellten mit einem knackenden Geräusch auf und nieder, so wie ein Fisch springt, den man aufs Land geworfen. Doch es währte nicht lange. Sie hielten ihn zu fest, bald fühlten sie, wie er unter ihren Fäusten ruhig wurde; langsam entwich das Leben; ein letzter Schauer, ein letztes Zittern, dann nichts mehr, er lag regungslos. »Ich glaub', es ist vorüber,« keuchte Buteau. Lise saß immer noch oben, sie wartete noch einen Augenblick, ob sich nichts mehr unter ihr rühre. »Es ist aus, er wackelt nicht mehr.« Sie glitt herab, –wobei das Hemd bis zu den Hüften hinauf rutschte –und entfernte das Kopfkissen. Doch beide fuhren erschreckt zurück. »Donnerwetter! er ist ganz schwarz, wir sind geliefert!« Es war in der Tat unmöglich vorzugeben, daß der Alte von selbst in diese Verfassung geraten. In ihrem Eifer hatten sie ihm die Nase in den Mund gedrückt, und sein Gesicht war dunkelblau, fast schwarz. Einen Augenblick war es ihnen, als wanke der Boden unter ihnen: sie hörten das Heranreiten der Gendarmen, das Rasseln der Ketten, das Fallen des Beiles. Ein verzweifelter Schreck packte sie und mischte sich mit dem Schmerz, daß ihre Arbeit so schlecht geraten. Wie sollten sie dem jetzt nachhelfen? Wenn sie den Alten auch mit Seife abrieben, nimmermehr würde er weiß werden. Endlich kam Lise ein Gedanke. »Wenn wir ihn verbrennten!« Buteau atmete erleichtert auf. »Ja, ja; wir sagen, er hat sich selbst in Brand gesteckt.« In diesem Augenblick fielen ihm die Wertpapiere ein; er klatschte vergnügt in die Hände, sein ganzes Gesicht verklärte sich in einem Lächeln des Triumphes. »Alle Wetter ja! Wir machen den anderen weis, daß seine Papiere mit ihm verbrannt sind, so brauchen wir mit niemandem zu teilen!« Sofort holte er das Licht aus dem Winkel; doch Lise hatte Angst, man könne das ganze Haus in Brand stecken, sie wollte nicht gleich zugeben, daß er das Bett anzünde. Hinter den Runkelrüben am Fußboden lagen einige Strohbüschel, sie ergriff eines, entzündete es und begann damit das Haupthaar und den langen weißen Bart abzusengen. Es gab einen brenzligen Geruch, wie am Herd überlaufenes Fett, kleine gelbe Flämmchen knisterten mit leisem Geräusch. Plötzlich sprangen Mann und Weib entsetzt zurück, als habe eine Totenhand sie beim Schopfe gepackt: bei dem gräßlichen Schreck der Brandwunden war der nur halb erstickte Greis noch einmal aufgewacht, er öffnete die Augen, und dies furchtbare, schwarze Gesicht, mit der zerquetschten Nase und dem brennenden Bart starrte sie an. Ein Ausdruck unsagbaren Schmerzes und Hasses starrte aus diesem Antlitz: dann verzerrten sich die Züge, er verschied. In seinem Schreck brüllte Buteau wutschnaubend auf; im selben Augenblick aber vernahm er von der Tür her ein klägliches Wimmern. Es waren die beiden Kinder, Laura und Julius; das Geräusch hatte sie erweckt, die große Helle in der offenen Kammer lockte sie herbei; jetzt standen sie da, blickten auf das unmenschliche Schauspiel und heulten vor Entsetzen. »Verwünschte Brut!« schrie Buteau und stürzte sich auf sie. »Wenn ihr ein Wort ausplaudert, erwürg' ich euch... Da habt ihr einen Denkzettel.« Mit ein paar wuchtigen Hieben streckte er sie zu Boden. Sie rafften sich stumm auf, krochen unter ihre Decke und rührten sich nicht mehr. Um der Sache ein Ende zu machen, steckte er ungeachtet des Einspruches seines Weibes den Strohsack in Brand. Glücklicherweise war der Raum so feucht, daß das Stroh nur langsam brannte; aber ein dicker Rauch qualmte auf; sie öffneten die kleine Luke, um nicht zu ersticken. Jetzt schlugen die Flammen bis zur Decke empor. Der Vater briet darin, und der unerträgliche Geruch ward immer stärker, ein Geruch von bratendem Fleische. Das ganze alte Haus wäre wie ein Heuschober in Flammen aufgegangen, wenn nicht die aus dem Körper schmorende Flüssigkeit das Stroh allmählich verlöscht hätte. Auf dem eisernen Gestell des Bettes lag jetzt der halb verkohlte unkenntliche Leichnam. Eine Ecke des Strohsackes war unversehrt geblieben; ein Zipfel von dem Bettuch hing bis auf den Boden hinab. »Komm!« bat Lise, die trotz der großen Hitze von neuem zu frösteln begann. »Wart',« erwiderte Buteau, »man muß alles herrichten.« Er stellte neben das Kopfende des Bettes einen Stuhl, legte das Licht umgestürzt darauf, um glauben zu machen, daß es auf den Strohsack gefallen sei. Ja, er war so schlau, brennendes Papier am Fußboden zu zerstreuen. Man wird die Asche finden, und er kann erzählen, daß der Alte am vorigen Abend seine Rentenbriefe gefunden und an sich genommen. »Jetzt ist alles fertig; ins Bett.« Buteau und Lise liefen ins Schlafzimmer zurück und schlüpften in ihr Bett. Doch ihr Lager war kalt; sie schmiegten sich eng aneinander, um sich zu wärmen. Der Tag graute, und immer hatten sie noch kein Auge geschlossen. Sie sprachen nicht; zuweilen fuhr ein Schauer durch ihren Leib, und sie hörten ihr Herz laut schlagen. Die offen gebliebene Tür der Kammer ängstigte sie, und doch wagte keines sich zu erheben, um sie zu schließen. Endlich schlummerten sie ein, während sie sich immer noch umschlungen hielten. Am nächsten Morgen rief das Klagegeschrei der Buteaus die Nachbarn herbei. Die Frimat und die anderen Weiber stellten das umgestürzte Licht, den verbrannten Strohsack, die Papierasche am Fußboden fest. Alle riefen, das hätte eines Tages so kommen müssen, sie hätten es hundertmal vorausgesagt, daß der kindische Alte ein Unglück anstellen werde. Welch ein Glück, das nicht das ganze Haus mit ihm in Flammen aufgegangen war! Sechstes Kapitel. Zwei Tage darauf, am selben Morgen, als der alte Fouan beerdigt werden sollte, erwachte Hans nach einer Nacht schweren Schlummers ziemlich spät in dem kleinen Kämmerchen, das er bei Lengaigne innehatte. Er war noch nicht nach Chateaudun gegangen, um den Prozeß einzuleiten, der allein ihn noch in Rognes festhielt. Jeden Abend hatte er die Sache auf den nächsten Tag verschoben; mehr und mehr zögerte er, je lauter sein Zorn ward. Noch in dieser Nacht war er in langen, schlaflosen Stunden mit sich zu Rate gegangen, was er tun solle. Die Buteau! dieses Mordgesindel, das für das Schafott zu schlecht war! Als er den Tod des Alten erfahren, war ihm kein Zweifel geblieben, daß sie ihn ermordet; um zu verhindern, daß er sie angeben könne, hatten sie ihn lebendig verbrannt, die Sache unterlag keinem Zweifel. Der Mord Franziskas hatte den Vatermord nach sich gezogen. Wen werden sie jetzt umbringen? Es war ihm klar, daß sie jetzt daran denken mochten, sich auch seiner zu entledigen; sie wußten, daß er ihr Geheimnis kannte. Sicher würden sie ihm eines Tages irgendwo auflauern und ihn niederschießen, wenn er im Lande bleibe. Warum also sie nicht sofort anzeigen? Er entschloß sich, es ohne Verzug zu tun. Doch im nächsten Augenblick zauderte er schon wieder. Der Gedanke, in solch einem großen Gerichtssaal als Zeuge auftreten zu müssen, erschreckte ihn, er fürchtete allerhand Scherereien und Unannehmlichkeiten. Warum sich noch neue Sorgen aufladen? Gewiß war es nicht sehr tapfer gehandelt, wenn er schwieg; doch er beschwichtigte diesen Einwand durch die Erwägung, daß er durch sein Schweigen den letzten Willen Franziskas erfülle. Zwanzigmal in dieser Nacht wollte er handeln und wollte wieder nicht. Als er um neun Uhr sein Lager verlassen, wusch er sich das Haupt in kaltem Wasser, und plötzlich war sein Entschluß gefaßt: Er wollte schweigen, nicht einmal einen Prozeß anstrengen, um die Hälfte der Möbel zu bekommen. Es lohnte nicht die Mühe. Etwas wie Stolz überkam ihn, er war froh, mit diesen Leuten nichts gemein zu haben, ein Fremder zu sein. Was gingen ihn diese Elenden an? Mochten sie sich alle untereinander umbringen, um so besser. Das Leid dieser zehn Jahre, die er in Rognes zugebracht, wühlte in seiner Brust, Ekel und Zorn erfaßten ihn. Wie frohen Mutes hatte er nach dem italienischen Kriege das Militär verlassen, wie glücklich hatte ihn das Bewußtsein gemacht, daß er keinen Säbel mehr tragen, kein Menschenschlächter mehr sein brauchte. Und von jenem Tage an erlebte er die unsaubersten Dinge und weilte unter einer Rotte Wilder. Seit seiner Hochzeit hatte ihm das Herz geblutet bei all dem Hader, all dem gehässigen Treiben; und jetzt raubten und mordeten sie gar! War es nicht, als bewohne eine Schar von Wölfen diese weite, stille Ebene? Nein, nein, er hatte es satt; dieses Volk reißender Tiere verleidete ihm das Land. Warum sollte er ein Paar von ihnen, diese Frau und diesen Mann, der Gerechtigkeit überliefern, wo doch die ganze Bande hätte ausgerottet werden müssen? Lieber wollte er fortziehen. In diesem Augenblick fiel ihm eine Zeitung in die Augen, die er am vergangenen Abend aus dem Schankzimmer heraufgebracht. Ihn hatte ein Artikel über den bevorstehenden Krieg interessiert, diese Kriegsgerüchte, die seit einigen Tagen im Umlauf waren. Das, was unbewußt in ihm geschlummert, was diese Zeitungsberichte aufgerührt, ohne daß er es geahnt, diese nur halb in seiner Brust erlöschten Flammen brachen jetzt plötzlich hell hervor. Sein letztes Zaudern, ob er gehen solle oder nicht, da er doch nicht wisse wohin: es ward weggeweht wie von einem Winde. Er wollte sich schlagen, wieder Soldat werden! Zwar hatte er seiner Dienstpflicht genügt; doch wenn man kein Handwerk mehr hat, kein Brot, wenn das Leben einen nicht mehr freut, ist es da nicht das Beste, gegen den Feind hinauszuziehen, der das Land bedroht? Ihm ward leicht und frei. Er kleidete sich an, indem er laut das Feldsignal pfiff, das ihn in Italien in den Kampf geführt. Die Menschen waren zu erbärmlich; die Hoffnung dreinzuschlagen, Preußen zu töten, tat ihm wohl. Er hatte keinen Frieden gefunden in diesem Erdenwinkel, wo die Familien einander auf Tod und Leben befehdeten; drum war es besser, wieder ins Kampfgewühl des Krieges zurückzukehren. Je mehr Feinde er tötete, je mehr die Erde sich rötete, desto besser würde er sich gerächt haben für dies erbärmliche Leben voll Schmerz und Elend, das ihm die Menschen bereitet. Hans ging in die Schenke hinab und ließ sich von Flora zwei Eier und ein Stück Speck auftragen; nachdem er dies Frühstück verzehrt, rief er Lengaigne und zahlte, was er ihm schuldig war. »Geht Ihr fort, Korporal?« »Ja.« »Aber Ihr kommt doch wieder?« »Nein.« Überrascht blickte der Wirt ihn an. Sollte dieser Dummkopf darauf verzichten, sein Recht geltend zu machen? »Was denkt Ihr denn zu tun? Werdet Ihr wieder Tischler?« »Nein, Soldat.« Lengaigne riß die Augen auf, dann lachte er verächtlich. War dieser Mensch ein Esel! Hans befand sich schon auf der Landstraße nach Cloyes; da überkam ihn eine seltsame Rührung; er wandte den Schritt und ging zur Anhöhe; er wollte nicht Rognes verlassen, ohne von Franziskas Grab Abschied genommen zu haben. Noch etwas anderes zog ihn dort hinauf, der Wunsch, noch einmal dies Land zu überschauen, diese traurig ernste Beauce, die er in den langen Stunden einsamer Feldarbeit lieben gelernt hatte. Hinter der Kirche lag der Friedhof, von einer halb zerfallenen Mauer umgrenzt, die so niedrig war, daß man von den Gräbern aus die weite Ebene überblicken konnte. Mit blassem Licht übergoß die Märzsonne den Himmel, den ein leichter Nebel verschleierte, matt glänzend wie weiße Seide, von einem zarten bläulichen Stich durchtönt. Unter diesem lächelnden Lichte schien die noch von der Kälte des Winters halb erstarrte Beauce zu schlummern, jenen Schläferinnen vergleichbar, die schon erwacht, mit noch geschlossenen Augen auf ihrem Lager ruhen. Den Horizont umschleierte eine verschwommene Helle, welche die Flur noch weiter erscheinen ließ; die schon grünenden Felder, der im Herbst gesäte Hafer und Weizen wechselte mit den braunen Äckern, in welche die Bauern die Frühjahrssaat streuten. Überall schritten über die Schollen die Sämänner mit der schleudernden Bewegung des Armes und dem träufelnden Fall der Körner. Ganz deutlich sah man bei den nächststehenden den goldigen Staub auf den Acker regnen. Weiter drüben wurden die Sämänner kleiner und kleiner, und immerfort umgab die schimmernde Saat sie, schien ganz in der Ferne nur noch wie das zitternde Licht des Tages sie zu umhüllen. Meilenweit in allen vier Windrichtungen der Ebene troff das Leben des kommenden Sommers auf die Erde. Vor Franziskas Grab hielt Hans inne. Sie ruhte in der Mitte einer langen Gräberreihe, und die offene Grube des alten Fouan lag des Insassen harrend daneben. Unkraut überwucherte den Friedhof; niemals hatte der Gemeinderat sich herbeilassen wollen, die erforderlichen fünfzig Franken zu bewilligen, damit der Feldhüter das Gräberfeld säubere. Die Kreuze und Gitter verfaulten; ein paar verwitterte Grabsteine standen dazwischen. Und doch lag ein eigener heimlicher Zauber über diesem verlassenen Winkel, dessen einsame stille Ruhe nur das Krächzen der Raben unterbrach, die um die Spitze des Kirchturms kreisten. Die Toten schlummerten hier wie am Ende der Welt verlassen, vergessen. Hans aber blickte über den stummen Frieden der Gräber von neuem auf die Beauce hinaus, welche der befruchtende Regen der Saat mit neuem Leben zu durchschauern schien. Jetzt tönten langsam drei Schläge vom Kirchturm, dann noch zwei, dann läutete es stärker. Der alte Fouan trat seine letzte Reise an. Der Totengräber, ein lahmer Alter, hinkte heran. »Das Grab ist zu klein,« meinte Hans. »Bewahre!« versetzte der Mann; »er ist zusammengeschmort im Feuer.« Die Buteau hatten bis zum Erscheinen des Doktor Finet am Tage nach jener Schreckensnacht gezittert. Doch die einzige Sorge des Arztes war gewesen, recht schnell den Totenschein auszustellen, damit er nichts weiter damit zu tun habe. Er kam, besichtigte die Leiche und polterte gegen die Unvorsichtigkeit, einem Alten, der nicht mehr wisse, was er tue, ein Licht zu lassen. Ihm stieg wohl ein Verdacht auf, doch er war klug genug, ihn für sich zu behalten. Mein Gott, wenn sie wirklich den Vater, der durchaus nicht sterben wollte, ein bißchen geröstet hätten! Er hatte soviel unter diesem Volk erlebt, daß es kaum mehr in Betracht kam. In seiner Sorglosigkeit, in die Groll und Verachtung sich mischten, zuckte Finet einfach die Achseln: elendes Gesindel diese Bauern! Von dieser Seite beruhigt, hatten die Buteau nur noch den Anprall der Familie auszuhalten; er war vorhergesehen und wurde festen Fußes erwartet. Zuerst erschien die Große: das Ehepaar brach in Tränen aus. Sie schaute beide prüfend an, befremdet von dem vielen Weinen, das ihr nicht sehr klug vorkam; übrigens war sie nur aus Neugierde gekommen, denn von der Erbschaft hatte sie nichts zu beanspruchen. Die Gefahr begann, als Fanny und Delhomme sich zeigten. Der letztere war kurz vorher an der Stelle Macquerons zum Schulzen ernannt worden; seine Frau platzte förmlich vor Stolz. Sie war ihrem Schwur treu geblieben: ihr Vater war gestorben, ohne daß sie sich mit ihm ausgesöhnt hatte; und doch vermochte sie noch heute nicht zu verzeihen, daß er einmal ihrer verletzten Eigenliebe zu nahe getreten; trockenen Auges stand sie vor dem Leichnam. Aber man vernahm Schluchzen im Zimmer; Jesus war eingetreten; die Rührung, die er am Boden der Weinflaschen schöpfte, machte sich Luft. Er netzte den Toten mit seinen Tränen und rief überlaut, das sei ein Schlag, von dem er sich nicht erholen werde. Inzwischen hatte Lise in der Küche Wein und Gläser hervorgeholt, und man begann zu plaudern. Die hundertfünfzig Franken Renten, die bei dem Verkauf von Fouans Hause herausgekommen, wurden sofort außer Frage gesetzt, denn man war übereingekommen, daß diese dem der Kinder zufallen sollte, das den Vater in seinen letzten Tagen erhalten hatte. Doch es blieb der Schatz, die allen bekannten dreihundert Franken Rente. Buteau erzählte seine Geschichte, wie der Alte die Papiere unter dem Marmor der Kommode gefunden und wie er nachts, als er sie durchgesehen, sein Lager in Brand gesteckt; man hatte die Asche am Fußboden gefunden, wie es die Frimat und die Bécu bezeugen könnten. Während dieser Worte blickten die anderen Buteau fest an; er geriet nicht aus der Fassung, er schlug sich auf die Brust, es sei die Wahrheit, so gewiß wie ihn die Sonne bescheine. Es war klar, die Familie durchschaute seine Lüge; ihm war es gleichgültig, wenn man ihn nur in Frieden ließ und er das Geld behalten konnte. Fanny übrigens lieh der Überzeugung aller in ihrer stolzen Freimütigkeit Ausdruck, indem sie die beiden Mörder und Räuber nannte: jawohl, sie hätten den Vater verbrannt und beraubt, das sei sonnenklar. In heftiger Gegenrede antworteten die Angegriffenen mit anderen abscheulichen Anklagen. So, man wolle ihnen Unannehmlichkeiten bereiten? Was sei es denn mit der vergifteten Suppe, die Fanny dem Alten gegeben und woran er beinah krepiert wäre? Wenn man etwas gegen sie aussage, würden sie die Schandtaten der anderen aufdecken. Jesus weinte wieder. Wie sei es möglich, heulte er, daß solche Scheußlichkeiten begangen würden? Sein armer Vater! Gebe es wirklich auf der Welt Söhne, die ihren eigenen Vater verbrennen? Die Große, deren Augen leuchteten, warf hier und da ein Wort dazwischen, das die Verwandten von neuem aufeinander hetzte, wenn ihnen der Atem ausgegangen war. Delhomme schloß Tür und Fenster; er hatte jetzt seine amtliche Stellung zu hüten; auch war er von jeher für die friedlichen Lösungen gewesen. Er meinte, dergleichen Dinge spreche man nicht aus; was habe man davon, wenn die Nachbarn es hörten? Man werde vor Gericht kommen, und die Gerechten würden vielleicht mehr dabei verlieren als die Ungerechten. Nein, wenn es in einer Familie Schurken gebe, so müsse man sie ihrer Schurkerei überlassen in der Hoffnung, daß sie sich selbst einst daran das Genick brechen. Alle schwiegen; er hatte recht, es war nicht wert, die Gerichte in ihre Familienangelegenheiten einzuweihen. Buteau flößte ihnen Furcht ein, dieser Schuft war imstande, ihnen allen zu schaden. Auch jener Charakterzug der Bauern machte sich geltend, der den Wilddieben, den Mördern der Feldhüter, all jenen schlechten Wesen die Stange hält, vor denen der Landmann sich fürchtet, und die er doch nicht dem Arm der Gerechtigkeit überliefert. Sie ließen die Sache auf sich beruhen und gaben Vatermord und Raub dem Vergessen anheim. Die Große blieb, um den bei der Leichenwache vorgesetzten Kaffee zu trinken, die anderen entfernten sich unhöflich, wie man von Leuten aufbricht, denen man seine Verachtung bezeigen will. Die Buteau jedoch lachten darüber, sie hatten das Geld und waren sicher, daß man sie deswegen nicht mehr behelligen werde; mehr verlangten sie nicht. Lise gewann ihre laute, muntere Sprache wieder, und Buteau bestellte den Sarg und begab sich auf den Kirchhof, um zu sehen, auf welchem Platze man das Grab grabe. In Rognes wollten die Bauern, die sich bei Lebzeiten gehaßt hatten, nicht Seite an Seite ruhen, wenn sie tot waren. Jetzt beerdigt man aber die Verstorbenen der Reihe nach, wie das der Zufall bringt; trifft es sich also, daß zwei Feinde unmittelbar hintereinander aus dem Leben scheiden, so ist die Behörde in nicht geringer Verlegenheit, denn die Familie des zuletzt Dahingegangenen pflegt zu erklären, daß sie die Leiche lieber behalte, ehe sie diese neben dem Verhaßten liegen lasse. Als Macqueron Schulze gewesen, hatte er seine Stellung benutzt, um sich außerhalb der Reihe einen Platz anzukaufen; dieser Platz aber stieß unglücklicherweise an ein Gebiet, wo der Vater Lengaignes begraben lag, und wo Lengaigne sich ebenfalls sein Plätzchen vorbehalten hatte; darum lebte der letztere seither in furchtbarer Aufregung, sein langer Kampf mit dem Gegner entflammte heftiger als je; der Gedanke, daß seine Gebeine einst neben den Gebeinen des Feindes verfaulen sollten, verbitterte ihm den Rest seines Lebens. Dieselbe Empfindung war es, die Buteau aufs höchste in Erregung versetzte, nachdem er den seinem Vater zugeteilten Platz besichtigt hatte. Fouan hatte zur Linken Franziska, dagegen ließ sich nichts einwenden; doch der böse Zufall wollte, daß in der etwas höher gelegenen älteren Reihe gerade gegenüber das Grab der verstorbenen Frau des alten Saucisse lag, neben der ihr Mann sich eine Grabstelle vorbehalten hatte; wenn also dieser alte Gauner Saucisse endlich einmal krepierte, so würden seine Füße gerade oberhalb des Kopfes vom alten Fouan zu liegen kommen. Konnte man solch einen Gedanken nur einen Augenblick ertragen? Seit jener schmutzigen Geschichte mit dem Acker haßten sich die zwei Alten, und der schlechtere Kerl von den beiden, derjenige, der den andern übervorteilt, sollte ihm bis zum jüngsten Tage auf dem Kopfe tanzen? Ja, wenn die Familie herzlos genug wäre, so etwas zuzulassen, würden sich ja die Gebeine des Papa Fouan zwischen ihren vier Brettern umdrehen und gegen die Knochen von Saucisse auflehnen! Kochend vor Wut rannte Buteau zum Amte, um sich dort zu beschweren. Er stieß auf Delhomme und forderte ihn auf, er solle, da er jetzt Herr sei, eine andere Grabstätte bestimmen. Der Schwager weigerte sich, vom Brauch abzuweichen, indem er auf das bedauerliche Beispiel von Macqueron und Lengaigne hinwies; da nannte ihn Buteau eine Memme, einen Elenden, schrie inmitten der Dorfstraße, er allein sei der gute Sohn, denn die anderen Familienmitglieder ließen es sich nicht kümmern, ob ihr Vater in der Erde angenehm ruhe oder nicht. Er brachte das ganze Dorf in Aufruhr; entrüstet kehrte er heim. Delhomme blieb eine noch viel ernstere Verlegenheit zu bekämpfen. Der Abbé Madeline hatte zwei Tage früher Rognes verlassen, und die Gemeinde war wieder einmal ohne Priester. Der Versuch, einen solchen auf eigene Kosten zu erhalten, dieser teure Luxus einer Pfarrei, hatte sich so schlecht bewährt, daß der Gemeinderat sich für die Streichung des Kredits ausgesprochen und die Rückkehr zum früheren Stande der Dinge beschlossen hatte, daß nämlich der Gottesdienst wieder von dem Pfarrer von Bazoches-le-Doyen versehen werde. Doch ob auch der Bischof den Abbé Godard zur Rede gestellt, schwur dieser nichtsdestoweniger, er lasse sich nimmermehr in diesem Dorfe sehen, wo man seinen Kollegen, den armen Abbé Madeline halb ums Leben gebracht nur einzig und allein, um ihn selbst zu zwingen zurückzukehren. Er versicherte heilig, Bécu könne am Sonntag die Messe bis zur Vesper läuten, er werde nicht kommen. Da verwickelte der Tod Fouans die Lage. Ein Begräbnis kann man nicht wie eine Messe beliebig vertagen. Delhomme begab sich sehr zufrieden mit dem Ereignis persönlich nach Bazoches zum Pfarrer; kaum hatte dieser ihn erblickt, so schwollen dem Geistlichen die Adern an den Schläfen, sein Gesicht wurde dunkelblau, und er schrie, bevor noch der Schulze den Mund geöffnet: »Nein, nein! Lieber die Pfarrei verlieren.« Als er erfuhr, daß man seiner bei einem Leichenbegängnis bedürfe, versagte ihm die Sprache vor Zorn. Diese Heiden starben geradezu, um ihn zur Rückkehr zu nötigen: wohlan, sie sollten sich allein verscharren, er werde ihnen nicht helfen, in den Himmel zu kommen. Friedfertig wartete Delhomme, bis dieser erste Sturm sich gelegt hatte; darauf brachte er seine Ansicht vor. Man versage keinem Christenmenschen das Weihwasser, meinte er, ein Toter könne nicht unbeerdigt liegenbleiben; schließlich machte er seine persönlichen Interessen geltend: der Dahingeschiedene sei sein Schwiegervater, der Schwiegervater des Schulzen von Rognes. Nicht wahr, bat er zum Schluß, der Pfarrer werde am nächsten Vormittag um zehn Uhr den Trauergottesdienst vornehmen? Nein! nein! nein! Der Abbé Godard wehrte sich verzweifelt, und der Bauer mußte abziehen, ohne ihn umgestimmt zu haben; ihm blieb nur die Hoffnung, der heißblütige Priester werde sich's am Abend überlegen. »Ich sag' Euch nein!« rief ihm der Geistliche noch unter der Tür nach. »Laßt nicht läuten ... Nein! tausendmal nein!« Am nächsten Tage erhielt Bécu vom Schulzen um zehn Uhr den Befehl zu läuten. Man werde sehen. Bei den Buteau war alles bereit; schon am Vorabend waren die Reste Fouans unter dem geübten Auge der Großen in den Sarg gelegt worden. Die Kammer hatte man bereits gewaschen, nichts blieb mehr von dem Brande übrig als der Vater zwischen seinen vier Brettern. Während die Glocke tönte, sah die zum Leichenbegängnis vor dem Hause versammelte Familie den Abbé Godard die Straße bei Macquerons Haus her auf stürmen. Er war so außer Atem, so rot und wutschnaubend; daß er seinen Dreimaster in der Hand hielt, aus Furcht, ihn könne der Schlag treffen. Er schaute niemanden an, stürzte in die Kirche und kam gleich darauf in seinem Meßgewand wieder zum Vorschein, gefolgt von zwei Chorknaben, von denen der eine das Kreuz, der andere den Weihkessel hielt. Hastig murmelte er einen Segen über den Sarg, und spornstreichs ging er zur Kirche zurück, unbekümmert, ob man ihm folge. Sodann begann er in überstürzter Eile seine Messe. Clou mit seiner Posaune, sowie die beiden Sänger, hatten Mühe ihm zu folgen. In der ersten Bank saß die Familie, Buteau, Lise, Fanny und Delhomme, Jesus und die Große. Herr Karl hatte nur allein die Trauerhandlung mit seiner Gegenwart beehren können; Frau Karl befand sich seit zwei Tagen mit Elodia und Ernst in Chartres. Dreckbatzen war, als sie im Begriff gewesen, sich zum Begräbnis zu begeben, gewahr geworden, daß ihr drei Gänse abhanden gekommen; schleunigst hatte sie sich auf den Weg gemacht, sie zu suchen. Hinter Lise saßen sehr artig die beiden Kinder, Laura und Julius, mit gefalteten Händen, die großen schwarzen Augen weit aufgesperrt. Auf den anderen Bänken drängte sich eine Menge Bekannter; besonders die Frauen waren zahlreich vertreten, die Frimat, die Bécu, Beline, Flora, mit einem Wort: eine so große Schar Teilnehmer, daß man allen Grund hatte, stolz zu sein. Bevor der Priester die geistliche Handlung begann, öffnete er, seine Gemeinde anblickend, die Arme mit einer so drohenden Gebärde, als wolle er alle Welt ohrfeigen. Bécu, der sehr betrunken war, läutete noch immer. Es war alles in allem eine sehr schöne Messe, obwohl es etwas rasch ging. Niemand ärgerte sich über diese Eile; man lächelte heimlich über den Unmut des Priesters, den jedermann im Grunde entschuldigte, denn es war ebenso natürlich, daß er über seine Niederlage erbost war, wie Rognes sich seines Sieges freute. Ein Zug spöttischer Genugtuung malte sich auf allen Gesichtern. Man hatte ihn doch genötigt, den lieben Herrgott zurückzubringen, um den man sich übrigens wenig kümmerte. Nachdem die Messe beendet war, ging der Weihwedel von Hand zu Hand; sodann bildete sich der Leichenzug: Voran das Kreuz, dann die beiden Sänger, Clou mit seiner Posaune, der immer noch nach Atem ringende Pfarrer, der von vier Bauern getragene Sarg, hierauf die Familie und endlich die Nachbarn und Freunde. Bécu begann von neuem so mächtig zu läuten, daß die Raben mit ängstlichem Gekrächze das Weite suchten. Man umging die Ecke der Kirche und betrat den Friedhof. Der Gesang und die Musik tönten heller inmitten der weiten, schweigsamen Flur unter der dunstverschleierten Sonne, die das traumhaft schlummernde Gräberfeld mit seinem Unkraut und seinen modernden Kreuzen durchhitzte. Hier erschien plötzlich der Sarg im vollen Taglicht so ungewöhnlich klein, daß alle verwundert waren. Zumal Hans, der noch dort stand, schien ganz verdutzt. Wie den armen Greis das Alter zusammengetrocknet, wie ihn der Jammer des Lebens aufgezehrt hatte, so daß er jetzt in dieser winzigen Schachtel Raum fand. Er nahm nicht viel Platz weg, lag der Erde, die er mit allen Fasern seines Ichs geliebt, nicht sehr im Weg! Der Sarg war bis an die offene Grube gekommen. Korporals Blick folgte ihm, dann schweifte sein Auge über die niedere Kirchhofsmauer wieder hinaus, schweifte von einem Ende der Beauce zum andern; überall sah er auf den Äckern bis zum Horizont hinaus die Säleute, sah den lebendigen Sprühfall der Saat in die offenen Furchen regnen. Als die Buteau Hans erblickten, wechselten sie einen besorgten Blick. War der Schuft gekommen, um hier eine Szene zu machen? Solang' sie ihn in Rognes wußten, waren sie nicht ruhig. Der Chorknabe, der das Kreuz trug, steckte es am Fuße des Grabes in den Boden; während der Abbe Godard vor der ins Gras gestellten Bahre hurtig die letzten Gebete hersagte. Die Trauergäste aber wurden durch die Macqueron und Lengaigne abgelenkt, die erst jetzt ankamen und fortwährend den Blick seitwärts über die Ebene wandten. Alle drehten sich nach derselben Richtung herum und gewahrten einen dicken Rauch, der zum Himmel emporquoll. Es mußte von der Borderie kommen; vielleicht war dort ein Schober in Brand geraten. »Ego sum ...« rief der Priester ärgerlich. Die Augen hefteten sich von neuem auf den Sargdeckel. Nur Herr Karl fuhr in einer mit leiser Stimme mit Delhomme geführten Unterhaltung fort. Er hatte am Vormittag einen Brief seiner Frau bekommen, der ihn höchlichst befriedigte. Seit den vierundzwanzig Stunden, die Elodia in Chartres weilte, hatte sie bereits in erstaunlicher Weise Zeugnis gegeben von ihrer seltenen geschäftlichen Befähigung und sich als ebenso tatkräftig und klug erwiesen wie Ernst. Sie hatte ihren Vater zum Austritt überredet und war bereits Herrin des Hauses. Welch eine Begabung, welch ein Blick, welch kräftige Hand! Herr Karl meinte gerührt, fortan könne er in sorglosem Glücke sich seines Alters freuen; seine Rosen und Nelken würden ihm wieder das Auge erquicken; die Sänger in seinem Vogelhause schienen in den letzten zwei Tagen bereits ihre Stimmen wiedergewonnen zu haben, entzückten wieder mit ihren lieblichen Trillern sein Herz. »Amen!« rief laut der Chorknabe, der den Weihkessel trug. Der Abbé Godard begann in seiner grollenden Art: »De profundis clamavi te, Domine ...« Er fuhr fort, während Jesus seine Schwester Fanny auf die Seite zog und sich in heftigen Worten über die Buteaus ausließ. »Wenn ich neulich nicht so betrunken gewesen wäre! ... Aber es geht nicht an, daß wir uns in solcher Weise bestehlen lassen.« »Bestohlen, ja, das sind wir gründlich,« flüsterte Fanny. »Denn diese Kanaillen haben die Rentenbriefe ... Schon lange stecken sie die Zinsen ein, sie haben sich mit Saucisse verglichen, ich weiß es ... Zum Henker auch, wir müssen ihnen einen Prozeß machen ...« Sie schüttelte lebhaft das Haupt. »Nein, nein, ich nicht! Ich hab' genug mit meinen Angelegenheiten zu tun ... Wenn du es willst, meinetwegen.« Jesus machte eine verzagte Gebärde. Wenn er die Schwester nicht in den Vordergrund stellen konnte, schien ihm die Sache mißlich, denn seine persönlichen Beziehungen zur Behörde waren zu zweifelhafter Natur. »Ich allein, das ist schwer, man redet mir allerhand nach ... Wenn wir sie nicht ins Gefängnis bringen, haben wir wenigstens das vor ihnen voraus, daß unser Gewissen rein ist und wir das Haupt frei und stolz erheben können.« Die Große hörte diese Worte und sah, wie Jesus sich mit selbstbewußter Biederkeit in die Brust warf. Sie hatte diesen zerlumpten Wicht von jeher für einen Träumer gehalten; war es möglich, daß solch ein baumlanger Mensch nicht einfach bei seinem Bruder alles kurz und klein schlug, um in den Besitz seines Anteils zu gelangen? Um im Geheimen ihn und Fanny zum besten zu haben, wiederholte sie ihnen, ohne irgendwelche Anknüpfung, was sie schon so oft gesagt: »Sicher; ich werd' dafür sorgen, daß niemand zu kurz kommt. Mein Testament ist vor langer Zeit gemacht. Jeder bekommt das Seine, ich könnte nicht ruhig sterben, wenn ich einen von euch begünstigt hätte. Hyacinth ist bedacht und du auch, Fanny ... Ich bin neunzig Jahre alt. Es wird schon der Tag kommen.« Sie glaubte nicht ein Wort davon, es fiel ihr gar nicht ein, ans Sterben zu denken; sie wollte ihr Hab und Gut festhalten und hoffte, sie alle zu begraben. Wieder sah sie jetzt einen scheiden, ihren Bruder, und dieser Tote, den man dort gebracht, dieses offene Grab, diese Trauerfeier, das alles kam ihr wie etwas sie nicht Berührendes vor, etwas, das die Nachbarn anging, nicht sie. Hochaufgerichtet, den Stock unterm Arm, ragte ihre hagere Gestalt über die Gräber, keine Spur von Rührung wandelte sie an, mit kalter Neugier schaute sie zu und dachte, wie wenig angenehm es schließlich für die andern sein müsse, so zu sterben und sich begraben zu lassen. Der Priester sagte den letzten Vers des Psalmes her: »Et ipse redimet Israel ex omnibus inquitatibus ejus.« Er nahm den Weihwedel, besprengte den Sarg, indem er die Stimme hob. »Requiescat in pace!« »Amen!« antworteten die beiden Chorknaben. Die Bahre wurde hinabgelassen. Der Totengräber befestigte die Stricke; zwei Männer genügten; der Tote wog nicht schwerer als ein Kind. Jetzt ging der Wedel von Hand zu Hand, jedermann trat an die Grube und beschrieb darüber das Zeichen des Kreuzes. Hans, der ebenfalls hinzugetreten war, empfing den Sprengwedel aus der Hand des Herrn Karl; er schaute in das Grab hinab. Seine Augen waren noch geblendet von dem Blick über die weite Beauce zu den Säleuten hinüber, die das spätere Brot in den Boden versenkten, bis zum sonnenschimmernden Horizont, wo die Schattenbilder der säenden Männer sich verloren. Doch er unterschied jetzt dort unten den noch winziger scheinenden Sarg mit dem schmalen Fichtendeckel darauf, gelb gefärbt wie das reife Getreide. Fette Erdklöße rollten hinab, verdeckten ihn, bald gewahrte man nur noch einen gelben Fleck, gleich einer Handvoll von dem Korn, das die Kameraden dort drüben in die Ackerfurchen streuten. Er machte das Zeichen des Kreuzes und reichte den Wedel Jesus. »Herr Pfarrer, Herr Pfarrer!« rief Delhomme halblaut. Er eilte dem Abbé Godard nach, der, nachdem kaum das Traueramt vorüber, mit seinem hastigen Schritte davonstürmte, ohne sich selbst um seine Chorknaben zu scheren. »Was gibt's noch?« »Ich wollte Ihnen für Ihre Güte danken ... Also Sonntag läuten wir um zehn Uhr zur Messe wie gewöhnlich?« Während der Geistliche, ohne zu antworten, ihn anblickte, beeilte er sich hinzuzusetzen: »Wir haben eine arme, sehr kranke Frau im Dorfe; sie ist ganz allein, hat nicht einen Liard ... Rosalie, die Stuhlflechterin; Sie kennen sie ... Ich habe ihr Fleischbrühe geschickt, aber ich kann nicht alles tun ...« Das Antlitz des Priesters gewann einen milden Ausdruck, ein rührender Zug von Mitleid verwischte den heftigen Jähzorn. Er suchte in seinen Taschen, fand aber nicht mehr als sieben Sous. »Leiht mir zehn Franken, ich geb' sie Euch Sonntag zurück ... Also auf Sonntag!« Von neuem packte ihn sein hastiges Ungestüm, und er verschwand. Sicher wird der liebe Gott all dies gottlose Volk von Rognes einst in der Hölle braten lassen, doch das ist am Ende kein Grund, ihnen nicht die Leiden ihres irdischen Lebens ein wenig zu erleichtern. Als Delhomme zu den anderen zurückkam, geriet er mitten in einen lauten Streit. Zuerst hatten alle stumm zugeschaut, wie der Totengräber die Erde auf den Sarg schaufelte. Doch als der Zufall es fügte, daß Macqueron unmittelbar neben Lengaigne treten mußte, begann der letztere seinen Feind in schroffen Ausdrücken betreffs der von jenem erworbenen Grabstätte zur Rede zu stellen. Die Familie, die sich bereits zum Aufbruch anschickte, blieb stehen, hörte zu und nahm leidenschaftlich Anteil an dem Wortkampfe, den die regelmäßigen Schläge der fallenden Erdschollen begleiteten. »Du hattest kein Recht dazu,« schrie Lengaigne; »du konntest zehnmal Schulze sein, es war deine Schuldigkeit, der Reihe nach zu gehen; um mich zu ärgern, hast du dir den Platz neben meinem Vater ausgesucht ... Aber zum Teufel auch, noch liegst du nicht da!« Macqueron erwiderte: »Wirst du mir Ruh' geben! ... Ich hab' bezahlt, der Platz ist mein, und ich werde ihn einnehmen; ein Schwein von deiner Sorte soll mich nicht abhalten, mich in mein angekauftes Grab zu legen.« Sie hatten einander zu den Grabstellen hingedrängt, wo sie einst ruhen sollten. »Aber, elender Feigling, macht es dir denn nichts, daß wir da mal wie ein paar Freunde nebeneinander schlafen sollen? Mir vergällt der Gedanke das Blut ... Wie? Das ganze Leben hat man einander in den Haaren gelegen, und da unten sollte man Frieden schließen, sich einer gemächlich neben den andern betten? ... Nein! nein! keine Versöhnung, kein Vergessen, niemals!« »Mensch, mir bist du so schnuppe! Krepiere, laß dich verscharren, wo du willst; ich schau' mich nicht mal danach um, ob du neben mir verfaulst.« Diese Verachtung brachte Lengaignes Zorn aufs höchste. Wutschäumend stieß er hervor: wenn er den Feind überlebe, werde er nachts dessen Knochen ausgraben und sie auf den Mist werfen. Macqueron versetzte spöttelnd, das wolle er sich mal mit ansehen. Die Frauen mischten sich jetzt in den Streit. Die hagere, schwarze Celine griff keifend ihren Gatten an. »Du bist im Unrecht: ich hab's dir oft gesagt, dir fehlt das richtige Gefühl in der Sache ... Wenn du bei deinem Willen bleibst, gut laß dich allein da begraben; ich geh' anderwärts hin, ich will nicht neben diesem stinkenden Saumensch liegen.« Das war auf Flora gemünzt, diese aber gab in ihrer weinerlichen Art zurück: »Reg' dich nicht auf, meine Liebe, ich leg' mich schon gar nicht neben dich; das fehlte noch, daß deine Knochen den meinen die Krankheit bringen.« »Was? Welche Krankheit?« »Die Krankheit, mein Gott! Du verstehst schon.« Die Bécu und die Frimat mußten sich ins Mittel legen, um beide zu trennen. »Aber, aber!« begütigte die erstere, »ihr seid ja einig, ihr legt euch nicht nebeneinander und damit ist's gut ... Jeder hat seine Ansichten und hat das Recht, sich seine Nachbarschaften zu wählen.« Die Frimat stimmte ihr bei: »Das ist ganz natürlich ... So mein Alter, der bald sterben wird: ja ich möchte ihn lieber bei mir im Hause behalten, ehe ich ihn neben Couillot begraben ließe, mit dem er in Feindschaft gelebt hat.« Ihr waren die Tränen in die Augen getreten bei diesen Worten. Sie dachte daran, daß ihr gelähmter Mann vielleicht nicht mehr die Woche überleben werde. Am Vorabend, als sie ihn ins Bett legen wollte, war sie mit ihm zu Boden gestürzt; gewiß, wenn er sie verlasse, werde sie ihm bald nachfolgen. Lengaigne aber wandte sich jetzt an den wieder hinzutretenden Delhomme. »Sag', man hält dich für einen gerechten Mann, kannst du eine solche Ungerechtigkeit zugeben? ... Jetzt, wo du Schulze bist, kannst du Saucisse zwingen, daß er sich in Reih und Glied begraben läßt.« Macqueron zuckte die Achseln, und Delhomme erklärte, sobald jener den Platz bezahlt habe, gehöre er ihm. Um solchem Streite in Zukunft vorzubeugen, werde man nicht wieder außer der Reihe liegende Grabstätten verkaufen, und damit sei es gut. Buteau war bisher der Trauerfeier zuliebe ruhig geblieben; denn noch immer fielen mit dumpfem Schall die Erdklöße auf den Sarg des Vaters. Jetzt aber verlangte seine Entrüstung das Wort. Auf Delhomme deutend, rief er zu Lengaigne hinüber: »Prosit, wenn du darauf rechnest, daß der da was von Gefühl versteht! Er hat ja seinen eigenen Vater neben einem Betrüger einscharren lassen.« Jetzt nahm die ganze Familie an dem Gezanke teil. Fanny nahm ihren Gatten in Schutz, indem sie meinte, die Sache sei von der Familie verschuldet, man hätte beim Tode der Mutter einen Platz für den Vater erwerben sollen. Jesus erschien die Nachbarschaft des alten Saucisse eine unerhörte Sache, die durch nichts entschuldigt werden könne; auch Herr Karl schloß sich, wenn auch in maßvoller Rede, dieser Meinung an. Es wurde so laut, daß niemand mehr sein eigenes Wort verstand. Buteau aber überschrie sie alle und rief: »Ja, ihre Knochen werden sich in der Erde gegeneinander umkehren, um sich noch weiter anzufeinden.« Da mischten sich die Freunde und alle Bekannten in den Familienzwist. Ja, das war es, die Knochen stehen im Grabe auf, und der Kampf dauert dort unten fort. Die Fouans werden in der Erde noch einander befehden, Lengaigne und Macqueron werden sich noch als Gerippe in den Haaren liegen; die Frauen Celine, Flora, die Bécu werden sich noch nach ihrem Ableben raufen und beschimpfen. Das war die allgemeine Meinung in Rognes, und darum legten sich die Feinde nicht nebeneinander, denn der Haß stirbt nicht aus, er lebt noch im Grabe fort, lebt bis zum jüngsten Tage; unter all diesen sonnenbeglänzten Gräbern kämpften die Toten unablässig denselben Kampf weiter, der in diesem Augenblick die zwischen den Hügeln stehenden Lebenden mit geballten Fäusten, mit wutschnaubenden Lippen gegeneinander hetzte. Doch ein Ruf Korporals machte plötzlich dem Lärm ein Ende: »Es brennt in der Borderie!« Alle blickten hinüber. Jeder Zweifel war ausgeschlossen: die im hellen Tageslicht erbleichenden Flammen schlugen flackernd zum Dache des Gutshofes hinaus, eine große rußige Rauchwolke zog langsam nach Norden. Im selben Augenblicke sah man Dreckbatzen, die laufend von dem Gutshofe daherkam. Als sie ihre Gänse gesucht, hatte sie die ersten Flammen entdeckt, sich eine Weile an dem Schauspiel ergötzt, bis der Gedanke, als erste die Neuigkeit zu erzählen, sie hierher getrieben. Sie sprang rittlings auf die niedrige Mauer und schrie mit ihrer dünnen Knabenstimme: »Wie das brennt! –Dieser große Tölpel, der Tron, hat sich eingeschlichen und es angesteckt; an drei Stellen hat er das Feuer gelegt, in der Scheune, im Pferdestall und in der Küche. Man hat ihn ergriffen, wie er gerade das Stroh ansteckte, die Knechte haben ihn beinahe totgeprügelt ... Und die Pferde, die Kühe und Schafe brennen. Man muß sie schreien hören; in eurem Leben habt ihr nicht solch ein Gebrüll gehört.« Ihre grünen Augen blitzten; jetzt lachte sie hell auf. »Und die Cognette! Ihr müßt wissen, seit dem Tode des Herrn war sie krank; man hatte sie in ihrem Bette vergessen ... Sie fing schon an zu braten und hat just noch die Zeit gehabt, im Hemde auf und davon zu laufen. Es war zum Totlachen, wie sie so über das Feld stürmte, das Hemd hinaufgerafft, so daß sie alles zeigte hinten und vorn; die Leute schrien hu! hu! hinter ihr her, denn niemand mag sie leiden ... Nur ein Alter sagte, sie geht, wie sie gekommen, mit einem Hemd am Leibe.« Ein neuer Anfall unbändiger Heiterkeit schüttelte sie. »Kommt euch das ansehen, es ist zu lustig... Ich lauf wieder hin!« Sie sprang hinab und rannte, wie sie gekommen, zu dem brennenden Hof zurück. Herr Karl, Delhomme, Macqueron und fast alle Bauern folgten ihr, während die Frauen –die Große an ihrer Spitze –ebenfalls den Kirchhof verließen und auf den Weg hinaustraten, um besser zu sehen. Buteau und Lise waren zurückgeblieben; die letztere hielt Lengaigne an und fragte ihn über Hans aus, sie gab sich den Anschein, als komme ihr die Frage nur so beiläufig. Er habe wohl Arbeit gefunden, daß er noch immer im Lande weile? Als der Schankwirt erzählte, daß Korporal fortziehe, um sich wieder in der Armee anwerben zu lassen, antworteten Lise und Buteau, plötzlich von einer großen Sorge befreit, wie aus einem Munde: »Der Dummkopf!« So war es also vorüber, sie konnten wieder anfangen, glücklich zu leben. Einen letzten Bück warfen sie auf das Grab des Vaters, in welches der Totengräber die letzten Schaufeln Erde warf; da die Kinder immer noch dastanden und dem Manne zusahen, rief die Mutter sie heran: »Julius, Laura, kommt! ... Seid artig und folgsam, oder der Totengräber holt euch, und scharrt euch auch in die Erde ein.« Die Buteau verließen den Friedhof, die Kinder vor sich hertreibend, die alles wußten und doch mit ihren großen, schwarzen, stummen und tiefen Augen ruhig dreinblickten. Es befanden sich nur noch Jesus und Hans auf dem Gräberfeld. Der erstere stand zwischen zwei Gräbern und blickte nach dem Feuer hinüber, seine Augen verschleierten sich wie in einem Traume, sein versoffenes Gesicht drückte den trübseligen Abschluß aller Philosophie aus; vielleicht dachte er, daß alles Bestehende sich einst in Rauch auflöst. Weil die ernsten Gedanken ihn immer sehr aufregten, hob er das Bein und ließ hintereinander drei mächtige fahren. Langsam schlenderte er dann dem Dorfe zu. Hans war allein. In der Ferne stiegen aus dem vollkommen zerstörten Gutshofe nur noch mächtige, schwarze Rauchgarben empor und warfen gleich finstern Wolken ihren Schatten über die Ackerfelder, über die Sämänner, die unaufhaltsam mit ihrem stetigen gleichmäßigen Schritt die Felder durchmaßen. Langsam senkte sich sein Auge und blickte auf die frischen Hügel, unter denen Franziska und Fouan schlummerten. Der Zorn, der ihm noch heute früh die Brust geschwellt, sein Ekel vor allen Menschen und allen Dingen lösten sich in einem Gefühl friedfertiger Beruhigung auf, unbewußt goß die warme Sonne Milde und Hoffnung in sein Herz. Jawohl! sein Herr, der Gutsbesitzer Hourdequin, hatte sich wacker gequält und gesorgt mit seinen neuen Erfindungen und hatte nicht viel erreicht mit seinen Maschinen, seinen Dungversuchen, mit all diesen noch unrichtig angewandten Errungenschaften des Fortschritts. Dann war die Gognette gekommen und hatte ihm den Rest gegeben, und jetzt ruhte auch er dort auf dem Friedhofe, und der Wind zerstreute die Asche seines Hofes. Und doch, die Mauern mochten verbrennen, die Erde blieb; die Erde, die Urmutter wird immer bestehen, wird immer die nähren, die sie befruchten. Sie herrscht über Raum und Zeit, sie gibt uns Getreide fort und fort, wie sie es bisher getan, geduldig die Zeit erwartend, wo wir verstehen werden, ihr noch mehr abzugewinnen. Das ist gerade so wie diese Geschichten von Revolutionen, von politischen Umwälzungen, von denen man spricht. Der Boden, heißt es, wird in andere Hände übergehen, die Ernten der andern Welt werden die unseren überfluten und ersticken, so daß auf unseren Feldern nur noch Gestrüpp wuchern wird. Was macht's, kann man der Erde schaden? Wird sie nicht immer irgendwem gehören, der sie bebauen wird, um nicht Hungers zu sterben? Wenn jahrelang das Unkraut darauf wächst, erholt sie sich, wird jung und fruchtbar. Sie bekümmert sich nicht um unsere elenden Kämpfe und Zwiste, wir gelten ihr, der ewig fleißig schaffenden Arbeiterin nicht mehr als die Ameisen. Er dachte auch an das Leid, das Blut, die Tränen, an all das, was wir dulden, was uns das Herz zerfleischt, an Franziska, die sie ermordet, an Fouan, den sie umgebracht, und wie die Schurken triumphieren, wie das blutdürstige Gezücht auf dem Lande den Mutterboden der Erde befleckt, besudelt. Doch, wer weiß? Wie der Frost, der die Ernten vernichtet, der Hagelschlag, der sie zerstampft, Blitz und Gewitter, die sie niederwerfen, vielleicht notwendige Übel sind, so ist es wohl möglich, daß die Welt Blut und Tränen gebraucht zu ihrem Fortbestehen. Was wiegt unser Unglück in dem unendlichen Getriebe der Sterne und der Sonne? Der liebe Gott hat andere Sorgen als wir. Wir danken unser tägliches Brot nur einem schrecklichen, unaufhörlichen Kampfe auf Tod und Leben, einem Kampfe, der keinen Tag rasten darf, keine Stunde. Nur die Erde bleibt, die Mutter, von der wir alle herstammen, zu der wir alle zurückkehren, sie, die wir lieben bis zum Verbrechen, die selbst aus unseren Missetaten und unserem Elend immerfort neues Leben schafft zu ihren unbekannten Endzwecken. Lange schwirrten die unklaren, schlecht entwickelten Gedanken durch sein Gehirn. Da tönte ein Trompetenstoß in der Ferne, die Trompete der Feuerwehr von Bazochesle-Doyen, die zu spät im Sturmschritt daherkam. Bei diesem Mahnrufe erwachte Hans. Die Stimme, die dort durch den Rauch herüberscholl, bedeutete für ihn den Krieg mit seinen Pferden, Kanonen, seinem Schlachtgetümmel. Potz Blitz! wenn er nicht mehr Lust hatte zur Arbeit, so wollte er den alten Boden Frankreichs verteidigen helfen. Er machte sich auf den Weg. Noch einen letzten Blick auf die nackten Gräber, auf die endlosen Äcker der Beauce, welche die Sämänner mit ihrem weitstreuenden Arme befruchten. Tote und Saatkorn! und das Brot entsprießt dem Schoße der Mutter Erde.