Jules Verne Nord gegen Süd. Zweiter Band Eine Geschichte aus dem nordamerikanischen Bürgerkrieg   Vollständig neu übersetzte Ausgabe mit Einleitung und Erläuterungen von Walter Heichen. Titelzeichnung und Illustration von Heinrich Susemihl.   Berlin N.O. 43. Druck und Verlag von A. Weichert. Neue Königstraße 9. Einleitung Im zweiten Teile dieser auf mittelamerikanischem Boden, dem Unionsstaate Florida, spielenden romantischen Erzählung häufen sich, wie in der Regel bei Jules Verne, die Ereignisse, treiben aber hier zu einem, wie man nicht ungesagt lassen kann, tatsächlich nicht leicht verdaulichen Gipfelpunkt der Excentricität der Entpuppung eines unfaßbaren Verbrecher-Individuums zu einem verbrecherischen Zwillingsbrüderpaare. Alle übrigen Figuren der Erzählung entwickeln sich in interessanter Weise: am meisten fesselt wohl die treue Mestizin Zermah, die mit dem Pflanzerskinde zusammen geraubt wird und alle Not und Pein einer schweren Gefangenschaft zu überstehen hat. Von wertvollem Charakter sind auch hier wieder die landschaftlichen Schilderungen, zu denen ja Florida, der südöstlichste der Vereinigten Staaten, mit seinen gefürchteten Sümpfen und seinem Reichtum an Giftpflanzen und Krokodilen, wie seinen Ueberlieferungen aus den vielen Seminolenkriegen dem phantastischen Autor ein dankbares Feld bietet. Der Krieg zwischen den Nord- und Südstaaten der Union, auf dem Jules Verne sein Thema für den Roman aufbaut, wird in fesselnder Weise, aber natürlich nur in kurzen Ausblicken, weiter behandelt. Es wird nicht unnütz sein, die Hauptaktionen dieses weltgeschichtlichen Vorganges, von seiner Entstehung ab bis zu der tragischen Ermordung des Präsidenten Lincoln, hier zusammenzustellen. 1831 Gründung der ersten Gesellschaft der Abolitionisten (»Antisklavereimänner«). 1845 Aus den Kämpfen um die Aufnahme von Texas in den Staatenbund geht die Antisklavereipartei der »Freibodenmänner« hervor (die den Grundsatz verfocht, daß das ganze Gebiet der Vereinigten Staaten durch seine natürliche Beschaffenheit die Sklaverei ausschließe). 1850 Der Streit um die »pazifischen« Gebiete (die am Stillen Ozean liegenden) wird durch Kompromiß beigelegt, Kalifornien wird mit einer die Sklaverei ausschließenden Verfassung zum Staatenbunde zugelassen, während für Utah und Neumexiko die Sklavereifrage von den künftigen Verfassungen abhängig sein soll. 1852 Erlaß der Sklavenfluchtgesetze, die eine tiefe Erregung in allen Staaten hervorrufen. 1854 Kansas-Nebraska-Bill (Gesetz, das die Territorien Kansas und Nebraska organisierte mit der Bestimmung, daß es den Ansiedlern überlassen sein solle, ob sie die Sklaverei gestatten wollen oder nicht. Infolgedessen Neugründung der republikanischen Partei, in der sich alle sklavenfeindlichen Elemente der Union zusammenfanden. 1860 Die republikanische Partei setzt die Wahl Abraham Lincolns zum Präsidenten der Union durch. Die Folge hiervon ist die Sezession der Südstaaten und der Ausbruch des Bürgerkrieges (1861). 1861 (4. Februar) Kongreß der Sezessionsstaaten zu Montgomery (in Alabama). Die Verfassung der »Konföderierten Staaten von Amerika« wird entworfen (Jefferson Davis Präsident). 1861 (21. Juli) Schlacht bei Bull-Run. Sieg der Südstaatenarmee über den Bundesgeneral Mc Dowell. 1861 (7. November) Einnahme des Hafens Port-Royal (Südcarolina) durch die Bundestruppen; Behauptung von Missouri durch die Union. 1862 Besitzergreifung Kentuckys und Tennessees durch die Union; Ulysses Grant erobert Fort Donelson am Cumberland und nimmt 13 000 Mann hierbei gefangen. 1862 (14. März bis 1. Mai) General Butler und Kommodore Farragut fassen am Mississippi Fuß (14. März in Neumadrid, 7. April in Korinth, 1. Mai in Neu-Orleans). 1862 (9. März) Denkwürdiger Kampf zwischen dem neu erfundenen Kriegsschiff »Monitor« und dem Eisendampfer der Südstaatler »Merrimac«. 1862 (29. und 30. August) Zweite Niederlage der Unionsarmee bei Bull-Run; entschiedener Sieg der Südstaatler. 1862 (15. September) Einnahme von Harpers Ferry durch die Südstaatler (12 000 Mann Unionstruppen gefangen). 1862 (16. und 17. September) Mörderische Schlacht bei Antietam, Rückzug der Konföderierten über den Potomac. 1862 (22. September) Abraham Lincoln erläßt die Emanzipations-Proklamation, durch welche vom 1. Januar 1863 ab sämtliche Sklaven in den insurgierten Staaten für frei erklärt werden. 1862 (13. Dezember) Blutiger Kampf zwischen Burnside (Nordstaaten) und Lee (Südstaaten); Rückzug der ersteren über den Rappahannock. 1863 (2.-4. Mai) Schwere Niederlage der Unionsarmee unter Hooker (150 000 Mann) durch den Südstaatler Lee (15 000 Mann) und Stonewall Jackson (66 000 Mann); letzterer auf den Tod verwundet. 1863 (3. Juli) Wilde Schlacht bei Gettysburg. Konföderiertenarmee unter Lee (80 000 Mann, davon 23 000 gefallen) durch die Potomac-Armee der Union unter General Meade aufs Haupt geschlagen. Am gleichen Tage Einnahme von Vicksburg (des letzten Bollwerks der Südstaatler am Mississippi) durch General Grant und Gefangennahme von 27 000 Mann. Entscheidender Wendepunkt des Krieges. 1863 (22.-25. November) General Grant vertreibt Bragg aus den Chattanooga-Bergen. 1864 (14. April) Unionspräsident Lincoln durch Schauspieler Booth erschossen. 1864 (5. Mai) Mörderische Schlacht in der Wilderneß (Grant siegt abermals über Lee). 1864 (12.-21. Mai) Kämpfe bei Spottsylvania (Grant zwingt die Südarmee zum Zurückweichen). 1864 (3. Juni) Der Südstaatler Lee schlägt den Nordstaatler Grant empfindlich bei Cold Harbour. 1864 (18. Juni) Vergeblicher Sturm der Unionstruppen unter Grant auf die Feste Petersburg. 1864 (September) Berühmte Märsche Shermans bis Atlanta und bis zum Meere nach Savannah (22. Dezember). 1865 (Februar) Sherman dringt von Süden und Sheridan von Westen aus gegen die Südstaatler vor. 1865 (31. März und 1. April) Entscheidungsschlacht bei Five Points; Grant schlägt Lee aufs Haupt, die Feste Petersburg kapituliert. 1865 (9. April) Der Südstaatler Lee streckt bei Appomatox Court House mit der auf 27 000 Mann reduzierten Armee vor der Unionsarmee unter Grant die Waffen. 1865 (26. April) Das letzte Südstaatlerheer streckt bei Raleigh vor General Sherman die Waffen. 1865 (26. Mai) Die letzten Südstaatler-Detachements ergeben sich bei Kirby Smith jenseits des Mississippi an die Union. Dies sind die wichtigsten Daten aus dem blutigen Ringen von »Nord gegen Süd«, das die Geschichte unter dem Namen des Sezessionskrieges kannte. Jules Verne benützt den Krieg zu einer der fesselndsten Erzählungen, die er geschrieben hat. Die Lektüre von »Nord gegen Süd« wird dem Leser schon um deswillen lieb und wert sein müssen, weil in dem wilden Sezessionskriege deutsches Blut in Menge mitverflossen ist. W. H. Nord gegen Süd. Erstes Kapitel. Nach dem Kindesraub »Texar!« – dieser fluchwürdige Name war es gewesen, den Zermah in die nächtlichen Schatten hinausgeschrieen hatte in dem Augenblicke, als Frau Burbank und Fräulein Alice auf der Böschung der Marino-Krampe sichtbar wurden. Das junge Mädchen hatte den elenden Schuft erkannt. Mithin war jeder Zweifel an seiner Urheberschaft der von ihm persönlich geleiteten Schandtat ausgeschlossen. Es verhielt sich auch tatsächlich nicht anders. Mit Beihilfe eines halben Dutzends von Spießgesellen hatte er die Entführung bewirkt. Von langer Hand war der Raubzug durch diesen spanischen Schurken vorbereitet worden in der Absicht, Camdleß-Bai dem Erdboden gleich zu machen, Castle-House zu plündern, die Familie Burbank an den Bettelstab zu bringen, das Haupt derselben lebendig oder tot zu fangen. Zu diesem Zweck hatte er seine Räuberbande auf die Pflanzung gehetzt, aber sich nicht an ihre Spitze gestellt, sondern den wildesten seiner Parteigänger die Führung überlassen. Hieraus wird es erklärlich, daß der in die feindliche Horde hineingeratene John Bruce James Burbank gegenüber hatte behaupten können, Texar befände sich nicht unter ihnen. Wer ihn treffen wollte, hätte sich zur Marinokrampe hin begeben müssen, durch welche der Tunnel mit Castle-House in Verbindung stand. Falls das Herrenhaus erstürmt würde, so hätten doch dessen letzte Verteidiger nach dieser Richtung hin den Rückzug versucht. Texar war es bekannt, daß solcher Tunnel existierte. Deshalb hatte er sich von Jacksonville aus in einem Boote, dem ein zweites mit Squambo und zwei seiner Sklaven hinterher fuhr, dorthin begeben, um James Burbank aufzulauern, falls dieser sich an diesen zur Flucht durchaus geeigneten Ort begeben sollte. Er hatte sich nicht geirrt. Das wurde ihm sofort klar, als er im Schilf der Bucht eins der Kanoes von Camdleß-Bai liegen sah. Die Neger, die es bewachten, wurden überfallen und niedergemacht. Jetzt hieß es bloß abwarten. Bald kam Zermah, und mit ihr das kleine Mädchen. Auf das von der Mestizin erhobene Geschrei hin ließ der Spanier, weil er fürchtete, es möchten ihr Leute zu Hilfe kommen, sie in Squambos Boot schaffen, und erst, als Zermah im Boote des Indianers schon bis in die Flußmitte fortgeführt worden, kamen Frau Burbank und Fräulein Alice in Sicht ... Das Weitere weiß der Leser. Indessen hatte es Texar, trotzdem ihm der Raub geglückt war, nicht für geraten erachtet, sich wieder zu Squambo zu begeben; denn der ihm auf den Tod ergebene Mensch wußte ja, nach welchem unzugänglichen Schlupfwinkel Zermah mit der kleinen Dy geschafft werden sollte. Deshalb war der Spanier, als die drei Kanonenschläge die zum Sturm auf Castle-House bereiten Leute zurückriefen, schräg über den Saint-John hinweg verschwunden. Wohin, wußte niemand. Soviel stand fest, daß er in der Nacht vom 3. zum 4. März nicht nach Jacksonville zurückkehrte. Erst vierundzwanzig Stunden später sah man ihn dort wieder. Was während dieser unbegreiflichen Abwesenheit, für die er übrigens nach gar keinem Grunde suchte, mit ihm vorgegangen war, wußte kein Mensch. Jedenfalls konnte es ihn, falls er der Teilnahme an der Entführung von Dy und Zermah bezichtigt werden sollte, nur um so schwerer belasten; denn daß diese Entführung zeitlich mit seinem Verschwinden zusammenfiel, konnte doch nur gegen ihn sprechen. Gleichviel, nach Jacksonville kam er erst am 5. März im Laufe des Vormittags wieder, um die zur Verteidigung der Südstaaten notwendigen Maßregeln zu treffen, und zwar, wie man gesehen hat, gerade noch zur rechten Zeit, um Gilbert Burbank eine Falle zu drehen, und den Vorsitz über den Ausschuß zu übernehmen, der über den jungen Offizier das Todesurteil sprechen sollte. Nur eins stand fest: daß Texar sich nicht an Bord des von Squambo geführten Bootes befand, das im nächtlichen Dunkel von der Flut stromauf von Camdleß-Bai getrieben wurde. Als Zermah einsah, daß ihr Geschrei an den öden Ufern des Saint-John nicht mehr gehört werden könne, hatte sie sich still verhalten. Im Hinterboot untergebracht, schloß sie das kleine Mädchen in die Arme, das vor Entsetzen keinen Laut von sich gab und sich ängstlich in den Falten des Mantels verkroch, der die Glieder der Mestizin umhüllte. Bloß ein paarmal drangen abgerissene Laute über die Lippen des Kindes: »Mama! – Mama! – Liebe gute Zermah! – mir ist so bange! mir ist so bange! – ich will wieder zu meiner Mama!« »Ja doch, Herzchen! ja doch!« antwortete Zermah, »wir kommen schon wieder zur Mama! – sei ohne Furcht! – ich bin ja bei dir!« Zur selben Zeit wankte Frau Burbank, ihrer Sinne kaum mächtig, am rechten Ufer des Flusses einher, vergeblich bemüht, dem Boote zu folgen, das ihr Kind auf das andere Ufer hinübertrug. Es herrschte nun rabenschwarze Finsternis. Die auf der Pflanzung flammenden Brände verlöschten allmählich, als das Gewehrfeuer aussetzte. Aus dem nach Norden zu gehäuften Rauchgewölk schlugen, über die Wasserfläche des Flusses hin blitzend, bloß noch vereinzelte Flammen heraus. Dann wurde alles still und düster. Das Boot folgte dem Flußbett, dessen Ufer kaum noch zu sehen waren. Auf hohem Meere hätte es nicht einsamer, nicht verlassener sein können. Nach welcher Bucht steuerte das von Squambo geruderte Boot? Das zu wissen tat vor allem not. Den Indianer zu fragen hätte keinen Nutzen gehabt. Deshalb suchte Zermah sich zu orientieren: bei solcher Stockfinsternis eine schwere Sache, so lange nicht Squambo die Mitte des Flusses verließ. Die Flut war noch immer im Steigen, und unter dem Ruder der beiden Neger gewann man schnell nach Süden zu Terrain. Wie notwendig wäre es nun aber für Zermah gewesen, ein Merkzeichen zu hinterlassen von der Richtung, in der sie ihre unfreiwillige Reise genommen, um ihrem Herrn die Nachforschung zu erleichtern! Auf dem Flusse war das nun aber ganz undenkbar. Auf festem Lande hätte schon ein Fetzen von ihrem Mantel, an einem Strauche hängen geblieben, zum ersten Anhalt werden können für eine Fährte, die dann sicher bis zu Ende verfolgt werden würde. Wozu es aber hätte nutzen sollen, der Strömung einen dem Kinde oder ihr selber gehörigen Gegenstand zu überantworten? Ließe sich hoffen, daß ihn der Zufall James Burbank in die Hände spielen würde? Darauf mußte man verzichten; man konnte nur versuchen, die Stelle am Saint-John-Flusse zu ermitteln, an welcher Squambo mit seinem Kahne anlegen würde. Eine ganze Stunde verstrich unter solchen Umständen. Squambo hatte noch kein Wort gesprochen. Die beiden Schwarzen ruderten stumm. An den Ufern zeigte sich kein Licht, weder in den Häusern noch unter den Bäumen, deren Dickicht sich im Schatten verworren skizzierte. Nach rechts und links hin scharfen Ausguck haltend, um sich das schwächste Merkzeichen einzuprägen, dachte Zermah einzig und allein an die Gefahren, welche das kleine Mädchen lief. Mit den Gefahren, die ihr persönlich drohten, beschäftigte sie sich kaum. All ihre Befürchtungen richteten sich auf dieses Kind. Sicher war es kein anderer als Texar, der das Kind hatte rauben lassen. In dieser Hinsicht war kein Zweifel möglich. Sie hatte den Spanier wiedererkannt, der sich an der Marino-Krampe aufgestellt hatte, vielleicht in der Absicht, durch den Tunnel nach Castle-House vorzudringen, vielleicht um dessen Verteidigern aufzulauern, wenn sie versuchen sollten, durch diesen Ausgang zu entkommen. Hätte Texar sich mehr Zeit gelassen, so würden jetzt gleichwie Dy und Zermah auch Madame Burbank und Fräulein Alice in seiner Gewalt gewesen sein. Hatte er doch auch die Milizmannschaft und das Räubergesindel bloß darum nicht selber angeführt, weil er es für ausgemachter hielt, daß ihm die Familie Burbank an der Marinokrampe in die Hände fiel. Jedenfalls würde Texar seine unmittelbare Beteiligung an dem Kindesraube nicht in Abrede stellen können. Zermah hatte ja seinen Namen laut geschrieen, so laut, daß ihn Frau Burbank und Fräulein Alice hatten hören müssen. Schlug dem Spanier später die Stunde der Vergeltung, so würde er sich diesmal nicht auf sein Auskunftsmittel, das ihm so oft schon geglückt war, auf den Nachweis seines Alibi, berufen können. Und nun weiter: welches Schicksal bewahrte er seinen beiden Opfern auf? Gedachte er sie über die Quellen des Saint-John hinaus, bis in die Moräste der Everglades, zu schleppen? würde er sich Zermahs als einer gefährlichen Zeugin, deren Aussage ihm eines Tages verhängnisvoll werden könnte, entledigen? Das waren die Fragen, welche die Mestizin sich stellte. Ihr Leben hätte sie gern zum Opfer gebracht, wenn sie dadurch das mit ihr zusammen geraubte Kind hätte retten können. Wenn sie aber tot war, wenn Dy allein in den Händen Texars und seiner Spießgesellen blieb: was sollte dann aus Dy werden? Dieser Gedanke quälte sie schrecklich, und enger schloß sie das kleine Wesen an ihre Brust, ganz als habe Squambo schon die Absicht an den Tag gelegt, es ihr aus den Armen zu reißen. Jetzt konnte Zermah feststellen, daß sich das Boot dem linken Flußufer näherte. Konnte ihr das als Merkzeichen dienen? Nein, denn sie wußte ja nicht, daß der Spanier im Hintergrunde der Schwarzen Krampe, auf einer der kleinen Inseln dieser Lagune hauste, wußte es so wenig, wie Texars Spießgesellen, da noch nie jemand Zutritt zu dem Blockhaus gefunden hatte, das er dort mit Squambo und seinen Negern bewohnte. Dorthin sollte nämlich der Indianer Dy und Zermah schaffen. In den finstern Gründen dieser geheimnisvollen Gegend würden sie vor allen Nachforschungen sicher sein: war doch die Krampe sozusagen unpassierbar für jeden, der sich nicht in der Richtung ihrer Kanäle, über die Lage ihrer einzelnen Werder auskannte. Sie bot zufolgedessen tausenderlei Schlupfwinkel, in denen sich Gefangene so gut verstecken ließen, daß kein Mensch daran denken konnte, hier ihre Spur ausfindig zu machen. Falls James Burbank den Versuch wagen sollte, diese unentwirrbare Wildnis zu durchstöbern, so wäre es ja noch Zeit, die Mestizin mit dem Kinde bis nach dem Süden der Halbinsel zu schaffen. Damit würde dann jede Möglichkeit schwinden, sie in den endlosen Gebieten wiederauszufinden, die kaum von den Pionieren Floridas betreten werden, deren ungesunde offne Strecken bloß einige Indianerhorden noch durchstreifen. Die 45 Meilen, die zwischen der Camdleß-Bai und der Schwarzen Krampe liegen, waren sehr schnell zurückgelegt. Gegen 11 Uhr steuerte das Boot um das Knie, das der Saint-John 200 Schritte stromabwärts bildet. Jetzt kam es bloß darauf an, die Einfahrt in die Krampe richtig zu finden: bei solcher Stockfinsternis, wie sie das linke Ufer des Flusses deckte, ein sehr beschwerliches Stück Arbeit. Kein Wunder, daß Squambo, trotzdem er nicht unbefahren in diesen Gewässern war, sich doch einen Augenblick besann, ehe er dem Steuerruder eine Wendung gab, um quer durch den Strom zu fahren. Ganz ohne Frage wäre die Sache weit einfacher und leichter gewesen, wenn das Boot an jenem Ufer entlang hätte fahren können, das sich in eine endlose Menge kleiner, mit Weidicht oder Schilf und andern Wasserpflanzen überwachsenen Einschnitte aushöhlt. Aber der Indianer befürchtete, aufzulaufen oder zu kippen. Da nun die Ebbe nicht lange mehr warten lassen durfte und mit ihr die Fluten des Saint-John nach der Mündung zurückströmen würden, konnte ihm durch den Eintritt eines solchen Falles ernste Gefahr erwachsen. Wenn er hierdurch gezwungen wurde, auf die nächste Flut zu warten, so ließ sich kaum annehmen, daß er am hellen Tage unbemerkt auf dem Flusse liegen würde. Meist kreuzten doch zahlreiche Fahrzeuge den Fluß. Zufolge der augenblicklichen Ereignisse herrschte sogar ein ununterbrochner Austausch von Kundgebungen zwischen Jacksonville und Saint-Augustine. Daß die Angehörigen der Familie Burbank, wenn sie bei dem Ueberfall von Castle-House nicht den Untergang gefunden hatten, vom andern Morgen ab die rührigsten Nachforschungen anstellen würden, stand ganz außer Zweifel. Lag nun Squambo am Fuß eines dieser Gestade fest, so konnte es doch gar nicht fehlen, daß er Verfolger auf sich lenkte: und dann mußte die Situation höchst bedenklich werden. Aus all diesen Gründen wollte er lieber im Kanale des Saint-John bleiben; ja wenn es sich als nötig erwiese, selbst mitten in der Strömung vor Anker gehen, um bei Tagesanbruch möglichst schnell die Engen der Schwarzen Krampe ausfindig zu machen, in die hinein ihm niemand würde folgen können. Inzwischen trieb die Flut das Boot nach wie vor stromaufwärts. Der verflossenen Zeit nach taxierte Squambo, daß er noch nicht auf der Höhe der Lagune treiben könne. Er suchte deshalb noch höher hinaufzugelangen, als sich in der Ferne ein Getöse vernehmen ließ, das sich anhörte wie dumpfes Schlagen von Schaufelrädern, das sich auf der Oberfläche des Flusses fortpflanzte. Fast zu gleicher Zeit kam an der Biegung des linken Ufers eine in Bewegung befindliche Masse in Sicht: es war ein Dampfer, der mit schwachem Dampfe näher kam, das weiße Licht seines Stellfeuers in den nächtlichen Schatten voraus werfend. In knapp einer Minute mußte der Dampfer das Boot erreicht haben. Ein Wink von Squambo, und die Ruder der beiden Schwarzen lagen still. Durch eine Drehung des Steuers lenkte er nach dem rechten Ufer über, in der doppelten Absicht, um aus der Fahrstraße des Dampfers herauszulenken, und um sich aus dessen Sehbereich zu entfernen. Aber schon hatte die Bordwache auf dem Dampfer das Boot gesichtet: und schon kam das Signal herüber, am Dampfer beizulegen. Ein gräßlicher Fluch entfuhr Squambos Lippen. Aber außer stande, sich durch Flucht der in bündiger Form signalisierten Aufforderung zu entziehen, blieb ihm nichts weiter übrig, als zu gehorchen. Im andern Augenblicke lag das Boot an der rechten Seite des Dampfers, der gestoppt hatte, um ihm die Anfahrt zu ermöglichen. Zermah richtete sich im Nu in die Höhe: sie vermeinte unter solchen Umständen eine Möglichkeit zur Rettung zu erblicken. Konnte sie denn nicht rufen, sich zu erkennen geben, um Hilfe flehen, dem Indianer entrinnen? Squambo fuhr neben ihr in die Höhe, in der einen Faust ein langes Bowiemesser, mit der andern das Kind fassend, das ihm Zermah vergeblich zu entwinden suchte. »Ein Laut,« rief er, »und der Balg hat gelebt!« Hätte bloß ihr eigenes Leben auf dem Spiele gestanden, würde Zermah sich nicht besonnen haben. Da aber das Kind vom Messer des Indianers bedroht wurde, schwieg sie. Von dem Deck des Dampfboots konnte man übrigens nicht sehen, was in dem Boote vorging. Der Dampfer kam von Picolata, wo er eine Miliz-Abteilung an Bord genommen hatte mit der Bestimmung nach Jacksonville, als Verstärkung für das Südstaatler-Detachement, das die Blockade des Flusses hindern sollte. Ein Offizier beugte sich jetzt über die Kommandobrücke und rief den Indianer an. »Wohin wollt Ihr?« »Nach Picolata.« Zermah merkte sich diesen Namen, wenngleich sie sich sagte, daß es nicht Squambos Interesse sein könne, das wirkliche Ziel seiner Fahrt zu bekennen. »Woher kommt Ihr?« »Von Jacksonville.« »Was gibt's Neues dort?« »Nichts.« »Auch von Duponts Flottille nicht?« »Nein.« »Seit dem Angriff auf Fernandina und Fort Clinch also gar nichts Neues?« »Nein.« »Ist kein Kanonenboot in die Engen des Saint-John gesteuert?« »Nein! keins!« »Woher denn der Feuerschein, den wir gesehen haben, und die Schüsse, die von Norden her zu hören waren, als wir noch vor Anker auf Flut warteten?« »Die Pflanzung von Camdleß-Bai ist heut nacht überfallen worden.« »Durch die Nordstaatler?« »Nein! durch die Jacksonviller Miliz. Der Besitzer hat sich den Befehlen des Ausschusses widersetzen wollen ...« »Schon gut! – schon gut! – Dem James Burbank hat's gegolten – einem verbissenen Abolitionisten?« »Aufs Blatt getroffen.« »Und was ist erzielt worden?« »Ich kann's nicht sagen – hab's bloß gesehen im Vorbeifahren. Kam mir so vor, als ob alles in Flammen stände!« In diesem Moment entfuhr den Lippen des Kindes ein schwacher Schrei. Zermah drückte ihm die Hand auf den Mund gerade, als die harten Finger des Indianers sich um seinen Hals legen wollten. Der auf der Kommandobrücke postierte Offizier hatte nichts gehört. »Haben Geschütze gegen Camdleß-Bai gespielt?« fragte er weiter. »Ich glaube nicht.« »Woher denn dann die drei Schläge, die wir gehört haben und die anscheinend von Jacksonville herüberzudringen schienen?« »Ich kann's nicht sagen.« »Der Saint-John ist also noch frei von Picolata bis zur Mündung?« »Ganz frei noch! Sie können ihn, ohne Furcht vor Kanonenbooten, hinunterfahren.« Ein Kommando wurde dem Maschinisten zugerufen, worauf sich das Schiff wieder in Bewegung setzte. »Eine Frage, bitte!« rief Squambo zu dem Offizier herauf. »Die lautet?« »Die Nacht ist stockfinster – ich kann mich nicht recht orientieren. Könnten Sie mir sagen, wo ich bin?« »Dicht vor der Schwarzen Krampe.« »Danke!« Das Boot fuhr vom Schiffe ab. Kurz nachher peitschten die Schaufeln des Dampfers die Wasserfläche, und langsam verschwand derselbe in dem nächtlichen Dunkel, eine vom Schlage seiner mächtigen Räder tief aufgewühlte Wasserbahn hinter sich lassend. Squambo, jetzt allein auf dem Flusse, setzte sich wieder ins Hinterschiff und gab Befehl zu rudern. Er wußte jetzt, wo er sich befand, und nach rechts steuernd, bog er in die Ausbiegung ein, in deren Tiefe sich die Schwarze Krampe öffnete. Darüber konnte nunmehr Zermah nicht länger im Zweifel sein, daß der Indianer sie an diese so schwer zugängliche Oertlichkeit brachte, und daß sie darum wußte, daß sie durch die letzte Frage Squambos an den Offizier darüber aufgeklärt worden war, war von geringer Bedeutung; denn wie hätte sie es ihrem Herrn berichten sollen? und selbst wenn ihr das möglich gewesen wäre, wie hätten in solchem undurchdringlichen Labyrinth Nachforschungen angestellt werden sollen? Boten zu dem nicht jenseits von der Schwarzen Krampe die Wälder der Grafschaft Duval allerhand Möglichkeiten, etwaige Verfolgungen illusorisch zu machen, falls es James Burbank mit den Seinigen möglich werden sollte, über die Krampe hinüber zu kommen? Zu der Zeit, als diese Geschichte spielt, war dieser westliche Teil Floridas noch fast »verlorenes Land«, auf welchem sich eine Fährte kaum finden, eine Spur kaum verfolgen ließ, in das sich niemand hineinwagen konnte ohne stündliche Gefährdung seines Lebens, denn jeder Seminole, der noch in diesem sumpfigen Waldgebiet herumschweifte, war als Todfeind der weißen Rasse zu fürchten. Zudem hatten die Milizsoldaten der Grafschaft jetzt mehr zu tun als sich um Missetaten von Seminolen zu kümmern; die Furcht, daß die Halbinsel von den Föderierten überschwemmt werde, beherrschte alle Gemüter; man kümmerte sich zur Zeit kaum um andere Fragen, als die, ob es den Föderierten möglich sein würde, sich zu Herren über den Saint-John zu machen, oder nicht. Alle Kräfte mußten dafür eingesetzt werden, dies zu verhindern; jede Zersplitterung der südstaatlichen Streitkräfte, die von Jacksonville bis zur Grenze von Georgia staffelweis verteilt waren, mußte vermieden werden. Vorläufig hätten also die Seminolen nach Belieben schalten und walten können mit den Weißen, die ihnen als Eindringlinge in das noch immer von ihnen als »Land ihrer Väter« betrachtete Gebiet galten, ohne einen Rachezug der Weißen befürchten zu müssen. Das Boot war wieder ans linke Ufer gelangt. Seit Squambo wußte, daß er sich vor dem Eingang zur Schwarzen Krampe befand, die dem Wasser des Saint-John den Weg ins Land hinein frei macht, hatte er keine Bange mehr, in Untiefen zu geraten und aufzulaufen. Es waren auch keine fünf Minuten verstrichen, so glitt das Boot schon unter dem düstern Dome hin, den die mächtigen Bäume mit ihrem Laube über der schwarzen Wasserfläche wölbten. Tiefere Nacht herrschte hier als draußen auf dem freien Flusse, und so vertraut auch Squambo mit dem Laufe der Schwarzen Krampe war, so genauen Bescheid er mit ihren Windungen wußte, so hätte er sich in dieser Nacht doch nicht zurecht gefunden. Aber weshalb hätte er aus Beleuchtung seiner Fahrstraße verzichten, sollen, da er ja doch nicht mehr beobachtet werden konnte? Es wurde ein harziger Ast von einem Uferbaum gehauen, am Vorderschiff befestigt und angesteckt; seine qualmige Flamme mußte dem geübten Auge des Indianers hinreichen zur Feststellung der Wasserstraße. Eine halbe Stunde lang arbeitete er sich durch die verschlungenen Kanäle, bis er schließlich zu dem Werder gelangte, auf dem das Blockhaus stand. Hier mußte Zermah aus dem Boote steigen. Von Anspannung überwältigt, lag das Kind in festem Schlaf auf Zermahs Arm und erwachte auch nicht, als die Mestizin durch die enge Pforte der kleinen Feste schritt und in eine der Zellen gesperrt wurde, die an dem Mittelbau entlang liefen. Zermah hüllte das Kind in eine Decke, die in einem Winkel der Zelle lag, und bettete es auf einen Schragen. Dann setzte sie sich auf den Rand desselben und hielt Wache. Zweites Kapitel. Seltsames Stück Arbeit Um 8 Uhr morgens, am andern Tage, also dem 3. März, trat Squambo in die Zelle, in welcher Zermah genächtigt hatte, und brachte etwas zum Essen: Brot, ein Stück kaltes Wild, Obst, einen Topf mit ziemlich starkem Bier, einen Krug Wasser und mancherlei Tischgerät. Ein Neger brachte eine alte Tafel herbei und stellte sie in eine Ecke; Leinenzeug, Tücher und allerhand Kram, für die Kleine und Zermah selber von Nutzen, legte er darauf. Die Kleine schlief noch immer. Durch einen Wink mit der Hand hatte Zermah den Indianer gebeten, ihren Schlaf nicht zu stören. Als der Neger die Zelle verlassen hatte, richtete sie mit leiser Stimme an den Indianer die Frage: »Was soll aus uns werden?« »Das weiß doch ich nicht,« entgegnete Squambo. »Was hat Euch Texar befohlen?« »Ob Texar oder jemand anders, ist gleichgiltig,« versetzte der Indianer, »die Befehle sind da, und Ihr habt Euch danach zu richten. So lange Ihr hier bleibt, wird Euch diese Zelle zum Aufenthalt dienen; nachts werdet Ihr im Festungsabschnitt eingesperrt ...« »Und tagsüber?« »Tagsüber könnt Ihr Euch im innern Bereich aufhalten!« »Solange wir hier sind?« versetzte Zermah – »kann ich erfahren, wo wir sind?« »Dort, wohin ich Euch habe bringen sollen.« »Und hier sollen wir bleiben?« »Ich habe gesagt, was ich zu sagen hatte,« erwiderte der Indianer; »weiteres mit mir zu reden hat keinen Zweck; Antwort gebe ich nicht mehr.« Darauf verließ Squambo, der sich streng an seine Instruktion halten mußte, die Zelle und ließ die Mestizin mit dem Kinde allein. Zermah betrachtete die Kleine. Tränen traten ihr in die Augen, aber sie wischte sie schnell ab, denn die Kleine durfte, wenn sie erwachte, nicht sehen, daß ihre Freundin geweint hatte. Es war von Wichtigkeit, daß sich die Kleine allmählich an ihre neue Lage gewöhnte: eine Lage, die vielleicht nicht ohne ernste Gefahr war, denn von seiten des Spaniers durfte man sich auf das Schlimmste gefaßt machen. Zermah überdachte die Vorgänge seit dem verwichenen Tage. Daß Frau Burbank mit Fräulein Alice am Strande heraufkam, während das Boot abstieß, hatte sie recht wohl bemerkt, und ihr verzweifeltes Geschrei war sicher bis zu den Damen gedrungen. Aber hatten die Damen Castle-House wieder erreichen, den Weg durch den Tunnel zurück nehmen, wieder in das belagerte Haus hineingelangen können, um James Burbank von dem neuen Unglück Kenntnis zu geben, das sie betroffen hatte? konnten sie nicht den Leuten des Spaniers in die Hände gefallen sein? konnte der Schurke sie nicht weit weg von Camdleß-Bai geschleppt, vielleicht umgebracht haben? Verhielt es sich so, dann konnte doch James Burbank nicht wissen, daß die Kleine mit Zermah geraubt worden sei! er würde vielmehr meinen, seine Frau hätte sich mit Fräulein Alice, der Kleinen und Zermah nach der Marinokrampe einschiffen können und sei jetzt wohl in Sicherheit auf dem Cedernfelsen; es würde ihm also gar nicht einfallen, sich auf der Stelle um sie zu kümmern. Angenommen hingegen, Frau Burbank habe mit Fräulein Alice nach Castle-House zurückgelangen können und James Burbank sei von allem unterrichtet, stand nicht dann zu befürchten, die Wohnung sei von den Angreifern gestürmt, geplündert, in Brand gesteckt, zerstört worden? Was war in diesem Falle aus ihren Verteidigern geworden? Waren sie in Gefangenschaft geraten, so konnte Zermah so wenig noch auf Hilfe von ihnen rechnen, als wenn sie tot waren. Auch wenn die Nordstaatler die Herrschaft über den Saint-John gewonnen hätten, so war sie verloren. Weder Gilbert Burbank würde von seiner Schwester, noch Mars von seiner Frau erfahren, daß sie auf diesem Werder der Schwarzen Krampe in Gefangenschaft gehalten würden. Nun, wenn dem so wäre, wenn Zermah bloß noch auf sich rechnen durfte, so würden sie Mut und Tatkraft doch nicht verlassen! sie würde alles tun, was in ihren Kräften stände, um dieses Kind zu retten, das vielleicht niemand mehr als sie auf der Welt hätte. Ihr Leben würde sich auf den einen Gedanken richten: Flucht! keine Stunde würde verstreichen, die sie nicht auf Bereitung der Mittel hierzu verwendete! Und doch wieder: war es denn möglich, aus dieser von Squambo und seinen Gefährten bewachten Feste zu entweichen, den beiden bissigen Bluthunden zu entrinnen, die um den Zaun herumstreiften, aus diesem in den tausend Windungen der Lagune verlorenen Werder zu fliehen? Ja, möglich war es, aber unter der Bedingung, daß einer von den Sklaven des Spaniers ihr heimlich half, und zwar einer, dem die Kanäle der Schwarzen Krampe genau bekannt waren. Warum sollte nicht der Köder einer hohen Belohnung einen von diesen Leuten bestechen, Zermah bei solcher Flucht beizustehen? ... Hierauf all ihre Anstrengung zu richten, wurde bei der Mestizin zum festen Entschluß. Inzwischen war die kleine Dy munter geworden. Das erste Wort aus ihrem Munde galt der Mutter. Ihre Blicke irrten durch die Zelle. Die Erinnerung fand sich wieder: all die Ereignisse des letzten Tages traten ihr in das Gedächtnis. Dann erblickte sie Zermah und lief auf sie zu. »Zermah! liebe, gute Zermah!« flüsterte sie ... »ich fürchte mich ... ich fürchte mich!« »Furcht soll man nicht haben, mein Herzchen!« »Wo ist denn Mama?« »Sie wird kommen ... bald kommen! ... wir mußten doch auf unsere Rettung bedacht sein ... du weißt doch! ... jetzt sind wir unter sicherm Obdach! hier haben wir nichts mehr zu fürchten! Sobald Papa Hilfe bekommen hat, wird er schnell bei uns sein!« Dy blickte Zermah an, wie wenn sie sagen wollte: »Ist das auch wahr?« »Ja!« antwortete Zermah, die das Kind um jeden Preis besänftigen wollte ... »Ja! Herr Burbank hat gesagt, wir sollten hier warten!« »Aber die Menschen, die uns in ihr Boot geschleppt haben?« fragte die Kleine wieder. »Das sind ja Herrn Harveys Diener, mein Herzchen! Du kennst doch Herrn Harvey, Papas Freund, der in Jacksonville wohnt! ... wir sind auf seinem Landgut Hampton-Red!« »Und Mama? und Alice? die waren doch bei uns! warum sind sie jetzt nicht da?« »Herr Burbank, dein Papa, hat sie zurückgerufen, gerade als sie ins Boot steigen wollten ... besinne dich nur! ... wenn die bösen Menschen aus Camdleß-Bai vertrieben worden sind, wird man uns schon holen! ... Ach, weine doch nicht, Herzchen! weine nicht! ... Sei ohne Furcht, Dy, auch wenn wir ein paar Tage hier bleiben sollten ... wir sind ja doch gut versteckt hier! und nun komm und laß dich anziehen!« Dy ließ aber nicht ab, Zermah mit seltsamen Blicken zu mustern, und trotz der Worte, welche die Mestizin an sie gerichtet, entrang sich ein schwerer Seufzer ihren Lippen. Sie war nicht, wie sonst, mit einem Lächeln auf den Lippen erwacht. Es war also vor allem wichtig, sie zu beschäftigen, sie zu zerstreuen. Dessen befliß sich Zermah mit größter Hingabe, mit unverdrossenem Eifer. Mit derselben Sorgfalt, als wenn sich die Kleine in ihrem hübschen Zimmerchen in Castle-House befände, kleidete Zermah sie an und erzählte ihr dabei allerhand Geschichten. Dann aß Dy ein bißchen, und Zermah teilte mit ihr dies erste Frühstück. »Und nun, mein Herzchen, wollen wir ein bißchen ins Freie hinausgehen, wenn es dir recht ist!« »Ist es auch hübsch auf der Besitzung des Herrn Harvey?« fragte das Kind. »Hübsch? ... nein!« erwiderte Zermah; »ich glaube eher, es ist ein recht altes Wassernest! Aber Bäume sind da, und Bäche, an deren Rande wir spazieren gehen können. Ein paar Tage werden wir ja doch hier bleiben, und wenn du dich nicht gar zu sehr gelangweilt hast, wenn du recht artig gewesen bist, dann wird sich Mama auch recht freuen.« »Ja, liebe Zermah! ja!« erwiderte das Kind. Die Zellentür war gar nicht abgeschlossen. Zermah nahm das Kind bei der Hand, und sie schritten beide hinaus. Zuerst befanden sie sich in dem ziemlich finstern Mittelgange. Gleich darauf aber wandelten sie im vollen Tageslicht, unter dem Laubdach hoher Bäume, durch das die Sonnenstrahlen brachen. Der umzäunte Raum war nicht groß: einen Morgen etwa maß er, und zum größten Teil wurde er bedeckt von dem Blockhause. Der Zaun war so hoch, daß Zermah sich über die Lage des Werders inmitten der Lagune nicht unterrichten konnte. Was sie schließlich mit einem Blick zu dem alten Ausfalltor hinaus feststellen konnte, war, daß das Werder durch einen ziemlich breiten Kanal von den benachbarten Werdern getrennt wurde. Einer Frau mit einem Kinde würde es also äußerst schwer sein, hinüber zu gelangen. Selbst wenn es Zermah gelänge, sich eines Bootes zu bemächtigen, so stände sie noch immer vor der Frage, wie sie den Weg durch diese Kreuz- und Querwässer finden sollte, die gar kein Ende zu haben schienen. Was sie gleichfalls nicht wußte, war, daß Texar und Squambo die einzigen waren, welche diese Kanäle kannten. Die im Dienste des Spaniers befindlichen Neger kamen aus der Feste nicht heraus, hatten sogar noch niemals einen Fuß über den Zaun hinaus gesetzt, wußten gar nicht einmal, wo ihr Herr sie hielt! Wer von ihnen das Ufer des Saint-John hätte wiederfinden oder zu den westlich von der Krampe befindlichen Sümpfen hätte gelangen wollen, dem wäre nichts anders als auf den Zufall zu rechnen übrig geblieben. Wäre dies aber im vorliegenden Falle nicht dasselbe gewesen wie gewissem Untergang entgegen rennen? Zudem gewann Zermah in den nächsten Tagen, als sie die Sachlage besser überschauen lernte, die Ueberzeugung, daß sie von Texars Sklaven wahrscheinlich auf keinen Beistand zu rechnen haben würde. Es waren fast durchweg halbvertierte Neger, deren Aussehen wenig Vertrauen weckte. Wenn sie der Spanier auch nicht in Ketten hielt, so waren sie doch deshalb nicht freier. Von den Produkten des Werders konnten sie sich reichlich sättigen, und an starkem Fusel ließ es Squambo nicht fehlen. Da ihre Arbeit schließlich in nichts anderm bestand als in der Bewachung und, wenn solche sich als nötig erwies, Verteidigung des Blockhauses, so hätten sie gar kein Interesse haben können, solches Dasein gegen ein anderes zu vertauschen. Die Sklavereifrage, die wenige Meilen von der Schwarzen Krampe die Gemüter erhitzte, ließ sie kalt. Sich für die Wiedererlangung ihrer Freiheit begeistern? Wozu? und was hätten sie mit Freiheit anfangen sollen? Für ihr Leben sorgte ja Texar! Squambo war auch kein Schinder, wenngleich er sich schwerlich besonnen hätte, jedem den Kopf einzuschlagen, der es sich hätte einfallen lassen, den Kopf zu erheben. An dergleichen dachten sie jedoch gar nicht! Sie waren Viehzeug, das auf tieferer Stufe stand als die beiden draußen vor der Feste streifenden Bluthunde! Von ihnen besaß keiner Intelligenz genug, um sich, selbst wenn er Lust dazu gehabt hätte, aus diesem Wasserwirrsal herauszufinden. Dazu waren bloß Squambo und Texar imstande. Als Zermah inne wurde, durch wen draußen vor dem Zaune die Wache gehalten wurde und daß sie von seiten der Wächter innerhalb desselben auf Beistand nicht rechnen dürfe, verfiel sie nicht in Mutlosigkeit und Verzweiflung, wie es wohl jeder andern an ihrer Statt ergangen sein würde, sondern sie sagte sich, daß ihr von außen her, und zwar entweder durch Burbank oder durch Mars, Hilfe kommen müsse – von Burbank, wenn er im Besitze seiner Freiheit war, von dem Mestizen, sobald er erfuhr, unter welchen Umständen seine Frau verschwunden war. Bliebe hingegen solche Hilfe aus, so dürfe sie bloß auf sich rechnen, wenn sie das Heil der Kleinen im Auge behalten wolle. Gänzlich auf sich angewiesen in der Tiefe dieser Wasserkrampe und ausschließlich von wilden Gestalten umgeben, meinte Zermah nichtsdestoweniger, die Wahrnehmung zu machen, als ob einer von den Negern, der noch jung an Jahren war, sie mit einem gewissen Grade von Teilnahme, wenn auch nicht gerade Mitleid, beobachte. Ob sich hierauf Hoffnung setzen ließe? Ob sie sich ihm vertrauen könnte? ihm die Lage von Camdleß-Bai beschreiben, ihn auffordern könnte, von hier zu entweichen und zu versuchen, ob sich Castle-House von ihm erreichen lasse? Ein zweifelhafter Versuch! Zudem merkte ohne Zweifel Squambo, daß der Sklave sich für Zermah interessiere, denn er hielt ihn abseits, so daß ihn die Mestizin auf ihren Spaziergängen im Freien nicht mehr traf. Mehrere Tage verflossen, ohne daß in der Lage eine Aenderung eintrat. Der Indianer sprach niemals ein Wort, und Zermah hatte auf Fragen verzichtet. Er wich niemals von dem Werder, und Zermah fühlte es recht gut, daß sein Auge nicht von ihr wich, auch wenn sie ihn nicht sah. Sie beschränkte deshalb all ihre Sorge auf das Kind, das unablässig nach seiner Mama verlangte. »Sie wird kommen!« tröstete sie Zermah nach wie vor; »sie hat geschrieben ... auch dein Papa wird kommen, Herzchen, mit Fräulein Alice ...« Damit war sie aber am Ende ihres Lateins, denn zu weiteren Lügen reichte ihre Phantasie nicht aus. Sie versuchte dann, die Kleine, die für ihr Alter sehr klug war, durch mancherlei Zerstreuung abzulenken. So waren der 4., 5. und 6. März vergangen. So angespannt auch Zermah lauschte, ob ein fernes Dröhnen die Anwesenheit der Bundesflotte auf dem Saint-John anzeige, so war doch noch nicht das leiseste Geräusch zu ihren Ohren gedrungen. Alles war still und ruhig im Schoße der Schwarzen Krampe. Hieraus war zu schließen, daß Florida noch nicht im Besitze der Bundesarmee sei: was die Mestizin aufs äußerste beunruhigte. Konnte sie nicht wenigstens, falls James Burbank mit den Seinen außer stand gesetzt war zu handeln, auf Gilberts und ihres Mannes Dazwischenkunft rechnen? Wären ihre Kanonenboote Herren über den Fluß gewesen, so hätten sie doch sicher nicht unterlassen, die Ufer abzusuchen, und hätten wohl auch Mittel und Wege gefunden, bis zu dem Werder hinzugelangen. Aber nichts, nichts ließ auf einen Kampf schließen, dessen Schauplatz die Wasserfläche des Saint-John war. Nicht minder befremdlich war, daß sich der Spanier noch kein einziges Mal, weder tagsüber noch nachts, in der kleinen Feste hatte sehen lassen. Zum wenigsten hatte Zermah noch nichts bemerkt, was darauf hätte schließen lassen. Und doch schlief sie kaum und hielt diese ganzen langen Stunden, die sie schlaflos zubrachte, die Ohren gespannt – bis zur Stunde umsonst! Was übrigens hätte sie machen können, wenn Texar sich in der Schwarzen Krampe eingefunden hätte? wenn er vor sie hingetreten wäre? würde er für ihre flehentlichen Bitten Gehör gehabt, an ihre Drohungen sich gekehrt haben? War des Spaniers Anwesenheit nicht mehr zu befürchten als seine Abwesenheit? Zum tausendsten male überdachte Zermah dies alles am Abende des 6. März. Es war etwa elf Uhr. Die kleine Dy lag in ziemlich friedlichem Schlummer. In der Zelle, die sie bewohnten, war es stockfinster. Kein Geräusch drang von außen bis zu ihnen, höchstens einmal wenn der Sturm durch die morschen Balken des Blockhauses pfiff. Da war es der Mestizin mit einem Male, als wenn auf dem Gange im Innern des Blockhauses Schritte laut würden. Zuerst dachte sie, es möchte der Indianer sein, der seine neben der ihrigen befindliche Zelle aufsuche, nachdem er die gewöhnliche Runde um die Feste gemacht. Gleich darauf fing sie aber Worte auf, die von zwei Personen gewechselt wurden. Sie trat an die Tür, spitzte das Ohr, erkannte Squambo und alsbald auch Texars Stimme. Ein Schauder überlief sie. Was wollte der Spanier zu solcher Stunde in der Feste? Handelte es sich um ein neues Manöver gegen die Mestizin und die Kleine? sollten sie etwa aus ihrer Zelle gerissen, nach einem andern, noch entlegeneren Winkel als diese Schwarze Krampe war, geschleppt werden? All diese Mutmaßungen traten Zermah im Nu in den Sinn ... All ihre Energie zusammenraffend, lehnte sie sich an die Tür und horchte. »Nichts Neues?« fragte Texar. »Nein, Massa,« antwortete Squambo. »Und Zermah?« »Ich habe auf ihre Fragen die Antwort verweigert.« »Sind seit der Affäre von Camdleß-Bai Versuche gemacht worden, zu ihr zu gelangen?« »Ja, aber durchweg ohne Erfolg.« Diese Worte unterrichteten Zermah, daß man nach ihr gesucht habe ... aber wer war es gewesen? »Wieso ist dir das bekannt geworden?« fragte Texar. »Ich bin wiederholt am Saint-John-Ufer gewesen,« versetzte hierauf der Indianer, »und habe seit ein paar Tagen ein Boot vor der Einfahrt in die Schwarze Krampe bemerkt. Auf einem der Uferwerder sind sogar zwei Männer gelandet.« »Wer waren die Männer?« »James Burbank und Walter Stannard!« Zermah konnte ihrer Erregung kaum Herrin werden. James Burbank und Walter Stannard! also waren bei dem Ueberfall auf die Pflanzung die Verteidiger nicht alle um ihr Leben gekommen! und wenn sie mit Nachforschungen begonnen hatten, so mußte ihnen der Kindesraub doch bekannt sein! und wer anders als Frau Burbank und Fräulein Alice hätten es ihnen sagen können? Also lebten auch sie beide! also hatten beide nach Castle-House zurückgelangen können, nachdem sie Zermahs letzten Hilferuf vernommen? also hatte James Burbank von allem Vorgefallenen Kenntnis? auch von dem Namen des Schurken! vielleicht argwöhnte er sogar, an welchen Ort die beiden Opfer geschleppt worden waren? und vielleicht – vielleicht! – gelänge es ihm, bis zu ihnen vorzudringen! Diese Folge von Tatsachen schloß sich im Nu in Zermahs Geiste zur Kette: Hoffnung zog in ihr Herz ein, Hoffnung in unermeßlicher Fülle – die aber fast ebenso schnell wieder sich verflüchtigte, als sie die Antwort des Spaniers vernahm: »Jawohl! suchen mögen sie, aber finden werden sie nichts! Binnen wenigen Tagen wird übrigens James Burbank nicht mehr zu fürchten sein!« Den Sinn dieser Worte konnte die Mestizin nicht erfassen. Auf jeden Fall bedeuteten sie aus dem Munde desjenigen Menschen, welchem der Jacksonviller Ausschuß angehörte, eine Drohung furchtbarer Art. »Und nun, Squambo,« sagte hierauf der Spanier, »brauche ich dich auf eine Stunde!« »Ich stehe zu Befehl, Massa!« »Folge mir!« Im nächsten Augenblick waren die beiden Männer in die von dem Indianer bewohnte Zelle getreten. Was wollten sie dort? sollte dort ein Geheimnis zur Sprache kommen, dessen Kenntnis für Zermah von Nutzen sein konnte? In der Lage, in die sie das Geschick geführt hatte, durfte sie nichts verabsäumen, was ihr irgend welchen Vorteil in Aussicht stellte. Daß die Tür der Zelle, in welcher die Mestizin Unterkunft gefunden hatte, auch zur Nacht unverschlossen blieb, weiß der Leser. Solche Vorsicht wäre übrigens unnütz gewesen, denn der Festungsgang war von innen verrammelt und den Schlüssel zum Tore trug Squambo bei sich. Aus dem Blockhause herauszugelangen, war mithin ebenso unmöglich wie jeder Fluchtversuch. Zermah konnte also die Zellentür aufdrücken und sich bis zu Squambos Zelle schleichen. Dort blieb sie mit verhaltenem Atem stehen. Tiefe Finsternis herrschte auf dem Gange. Bloß aus der Zelle des Indianers drangen ein paar Schimmer. Zermah guckte durch den Spalt, den ein paar schlechtgefügte Balken ließen. Was sie nun sah, war so seltsam, daß sie den Sinn unmöglich zu fassen vermochte. Obgleich die Zelle bloß durch ein Stückchen Harzlicht erhellt wurde, so reichte das bißchen Helligkeit dem Indianer doch hin, um ein ziemlich heikles Stück Arbeit zu verrichten. Texar saß vor ihm. Er hatte sein Lederkoller ausgezogen und hielt den nackten linken Arm auf einen kleinen Tisch gestreckt, und zwar so, daß ihn der Schein des Harzlichts traf. Ein Papier von wunderlicher Form, mit kleinen Löchern durchstochen, war auf den innern Teil des Vorderarms gelegt. Mit einer feinen Nadel stach Squambo durch jedes der kleinen Löcher in Texars Haut. Eine Tätowierung war es also, die Squambo vollzog: eine Arbeit, in welcher er in seiner Eigenschaft als Seminole große Gewandtheit besaß. Er vollzog sie auch mit solcher Geschicklichkeit und einer so leichten Hand, daß bloß die äußere Haut von der Nadelspitze getroffen wurde und der Spanier nicht den geringsten Schmerz fühlte. Als die Arbeit verrichtet war, nahm Squambo das Papier weg und rieb den Arm mit ein paar Pflanzenblättern, die Texar mitgebracht hatte. Als der Saft, den diese Blätter hielten, in die Nadelstiche drang, konnte sich der Spanier eines lebhaften Ekels nicht erwehren, aber er war der Mann nicht, den solche Kleinigkeit rührte. Hierauf brachte Squambo Harz auf die tätowierte Stelle, und eine rötliche Zeichnung erschien nun auf der Haut des Armes: ein merkwürdiges Linien-Netz, die Darstellung irgend einer symbolischen Figur aus der seminolischen Götterlehre, das von der Stelle am Arme, aus die es Squambo punktiert hatte, nie wieder getilgt werden konnte. Zermah hatte alles mit angesehen, aber, wie schon gesagt, ohne das geringste davon zu verstehen. Welches Interesse konnte Texar an solchem tätowierten Zierat haben? Wozu, um ein Wort aus der Paßsprache herzusetzen, solches »besondere Kennzeichen«? wollte er denn für einen Indianer gelten? Das litten doch weder sein Charakter noch sein Aussehen! oder war nicht vielmehr ein Zusammenhang zu erblicken zwischen dieser Tätowierung und jener anderen, welche einigen aus Florida gebürtigen Reisenden im Norden der Grafschaft von Seminolen aufpunktiert worden war, denen sie in die Hände gefallen waren? ... und wollte sich Texar auf solche Weise in den Stand setzen, mit einem jener unbegreiflichen Alibi– Beweise hervorzutreten, durch die er sich schon aus mancher schlimmen Patsche gezogen hatte? Vielleicht gehörte es mit zu jenen Geheimnissen, die in seinem Privatleben eine Rolle spielten und die durch die Zukunft entschleiert werden sollten? Eine andere Frage, die sich Zermahs Geiste zeigte: war der Spanier wirklich bloß in das Blockhaus gekommen, um sich Squambos Geschicklichkeit im Tätowieren zu nutze zu machen? war es seine Absicht, nach Vollzug dieser Arbeit die Schwarze Krampe zu verlassen und sich nach dem Norden von Florida, jedenfalls nach Jacksonville zu begeben, wo seine Parteigänger noch die Herrschaft in Händen hatten? oder gedachte er bis zum Tagesanbruch im Blockhause zu bleiben und seiner Gefangenen mit irgend welcher neuen Entscheidung über das ihr vorbehaltene Geschick gegenüberzutreten? In dieser Hinsicht fand Zermah schnell Gewißheit. Sie hatte gerade wieder ihre Zelle betreten, als der Spanier auf den Gang hinaustrat. Dort gegen die Tür gelehnt, lauschte sie noch auf die wenigen Worte, die zwischen dem Indianer und seinem Herrn noch gewechselt wurden. »Halte noch schärfer Wache als bisher,« sagte Texar. »Jawohl,« versetzte Squambo, »sollten wir aber von James Burbank in der Schwarzen Krampe berannt werden ...« »Ich sage dir ja, James Burbank werden wir in wenigen Tagen nicht mehr zu fürchten haben. Zudem weißt du, wohin du die Mestizin mit dem Kinde im Notfall zu bringen hast ... dorthin, wo ich dich zu treffen haben würde!« »Jawohl, Herr,« versetzte Squambo, »denn Vorsorge muß getroffen werden für den Fall, daß Gilbert, James Burbanks Sohn, und Mars, Zermahs Mann ...« »Noch ehe 48 Stunden verstrichen sind, werden sie in meiner Gewalt sein,« erwiderte Texar, »und habe ich sie erst einmal ...« Zermah hörte das Ende dieses für ihren Mann und für Gilbert so bedrohlichen Satzes nicht. Texar und Squambo verließen nun die Feste, deren Tür sich hinter ihnen schloß. Kurz nachher stieß das Skiff, vom Indianer geführt, vom Werder ab, schoß durch die finsteren Windungen der Lagune und traf an der Einfahrt in den Saint-John ein Boot, das dort auf den Spanier wartete. Hier schieden die beiden Männer voneinander, nachdem Texar dem Indianer noch mancherlei ans Herz gelegt hatte. Vom Strome gefaßt, schoß Texars Boot in der Richtung auf Jacksonville von dannen. Dort kam er bei Tagesgrauen an und grade noch zurecht, um seine Pläne in Ausführung zu setzen. Wenige Tage nachher verschwand Mars in den Fluten des Saint-John und Gilbert Burbank wurde zum Tode verurteilt. Drittes Kapitel. Am Vorabend Am Morgen des 11. März war durch den Jacksonviller Ausschuß Gilbert Burbank abgeurteilt und am Abend desselben Tages sein Vater in Haft genommen worden. Am nächsten Morgen sollte der junge Offizier erschossen werden und James Burbank, als sein Mitverschworener, wahrscheinlich mit ihm den Tod finden. Texar war, wie der Leser weiß, die leitende Seele dieses Bürgerkomitees. Sein Wille galt in demselben als Gesetz. Die Hinrichtung von Vater und Sohn sollte bloß das Vorspiel blutiger Exzesse sein, die von der ärmeren weißen Bevölkerung mit Beistand des Pöbels gegen die nordstaatlich gesinnten Einwohner von Florida und gegen alle, welche in der Sklavenfrage nicht ihre Anschauungen teilten, zu erwarten standen. Welches Unmaß von persönlicher Rache versteckte sich unter dem Deckmantel des Bürgerkriegs! Was hier allein Einhalt tun konnte, war die Anwesenheit von Bundestruppen. Aber würden sie kommen, würden sie da sein, ehe diese ersten Opfer dem Hasse des Spaniers fielen? Leider war Ursache zu Zweifeln vorhanden. Und als sich die Frist, die hierzu blieb, immer mehr verkürzte, ohne daß sich von den Truppen was sehen ließ, da stieg, wie man sich denken kann, die Angst der Bewohner von Castle-House aufs höchste. Es gewann ganz den Anschein, als ob jener Plan, den Saint-John hinauszufahren, vom Kommandanten Stevens momentan fallen gelassen worden sei. Die Kanonenboote rührten sich nicht aus ihrer Wasserlinie. Getrauten sie sich vielleicht nicht mehr, die Flußbarre zu überwinden, seitdem Mars nicht mehr da war, sie durch den Kanal zu steuern? Verzichteten sie auf die Einnahme Jacksonvilles und hiermit aus die Sicherung der am obern Teile des Flusses gelegenen Pflanzungen? Welche neuen Kriegszufälle hatten solche Aenderung in den Plänen des Kommodore Dupont bewirken können? Diese Frage stellten sich Herr Stannard und Inspektor Perry im Verlaufe jenes endlos langen 12. März. Den Nachrichten zufolge, die in Florida, in dem zwischen Fluß und Meer liegenden Teile, umherliefen, schienen sich die Anstrengungen der Nordstaatler vornehmlich auf das Uferland zu richten. Kommodore Dupont, der den »Wabash« kommandierte, war mit den stärksten Kanonenbooten seines Geschwaders in der Bai von Saint-Augustine erschienen. Es hieß sogar, die Miliz schickte sich an, die Stadt zu räumen und auf die Verteidigung des Forts Marion ebenso zu verzichten wie nach der Kapitulation von Fernandina auf jede Verteidigung des Forts Clinch verzichtet worden war. Diese Kunde brachte wenigstens am Vormittag Inspektor Perry nach Castle-House. Sie wurde sofort Stannard und Edward Carrol mitgeteilt, den seine noch nicht vernarbte Wunde noch auf einen Diwan gefesselt hielt. »Die Bundestruppen in Saint-Augustine!« schrie der letztere ... »und warum marschieren sie nicht nach Jacksonville?« »Vielleicht wollen sie bloß den Fluß sperren,« antwortete Perry, »ohne Besitz von ihm selber zu nehmen?« »James und Gilbert sind verloren, wenn Jacksonville in Texars Händen bleibt,« sagte Stannard. »Könnte man denn nicht den Kommodore Dupont von der Gefahr in Kenntnis setzen, die Herrn Burbank und seinem Sohne droht?« »Bis Saint-Augustine würde man einen vollen Tag brauchen,« erwiderte Carrol, »vorausgesetzt, daß man unterwegs nicht von den retirierenden Milizsoldaten aufgehalten wird! und ehe Kommodore Dupont an Stevens den Befehl gelangen lassen kann, Jacksonville zu besetzen, wird zuviel Zeit verstrichen sein. Zudem diese Flußbarre! wenn die Kanonenboote nicht darüber gelangen können, wie soll dann unserm armen Gilbert Rettung nahen? Nein! nicht nach Saint-Augustine, direkt nach Jacksonville muß gegangen werden – nicht an den Kommodore Dupont müssen wir uns wenden, sondern direkt an Texar!« »Herr Carrol hat recht, Vater – und ich will hineilen,« rief Fräulein Alice, die die letzten Worte aus Carrols Munde gehört hatte. Das mutige Mädchen war bereit, zu Gilberts Heile alles zu wagen und allem zu trotzen. Tags vorher, beim Aufbruch nach Jacksonville, hatte es James Burbank allen ans Herz gelegt, seiner Gattin über denselben nichts zu melden. Er wollte sie nichts von dem Haftbefehl wissen lassen, den das Jacksonviller Bürgerkomitee gegen ihn verhängt hatte. Sie wußte von demselben also ebensowenig wie von dem Schicksal ihres Sohnes, den sie an Bord der Flottille wähnte. Wie hätte die unglückliche Frau diesen Doppelschlag, der sie traf, überstehen sollen? Als sie nach ihrem Manne fragte, hatte ihr Fräulein Alice gesagt, er habe Castle-House verlassen, um Nachforschungen nach Dys und Zermahs Verbleib anzustellen, und seine Abwesenheit könne gut und gern 48 Stunden dauern. Infolgedessen richtete sich alles Denken und Sinnen der armen Frau jetzt auf ihr verschwundenes Kind: und das war bei dem Zustande, in welchem sie sich befand, schon mehr als sie ertragen konnte. Fräulein Alice wußte indessen nur allzu gut, was für James und Gilbert Burbank so unmittelbar zu befürchten stand: daß der junge Offizier am andern Morgen erschossen werden solle und daß seinem Vater das gleiche Schicksal bevorstehe – und nun hatte sie den Entschluß gefaßt, Texar persönlich aufzusuchen, und hatte an Herrn Carrol den Wunsch gerichtet, sie nach der andern Flußseite übersetzen zu lassen. »Du – Alice – nach Jacksonville!« rief Stannard. »Vater – es muß sein!« Daß Herr Stannard Bedenken hatte, war höchst natürlich, aber vor der Notwendigkeit, ohne Säumen zu handeln, verschwanden dieselben ebenso plötzlich. War für Gilbert Rettung möglich, dann einzig und allein durch den Schritt, den Alice wagen wollte. Vielleicht gelang es ihr, Texar zum Mitleid zu stimmen, wenn sie sich ihm vor die Füße warf? vielleicht setzte er einen Aufschub für die Hinrichtung durch? vielleicht fand sie auch Fürsprache bei der rechtschaffenen Bürgerschaft, die schließlich doch gegen die unerträgliche Tyrannei des städtischen Komitees sich selber auflehnen mußte. Mochte man auch noch so schwere Gefahr laufen, wenn man sich selber nach Jacksonville begab, so blieb doch nichts anderes übrig. »Perry wird mich vielleicht bis zu Herrn Harveys Hause führen?« fragte das junge Mädchen. »Auf der Stelle,« antwortete der Verwalter. »Nein, Alice, ich werde mit dir gehen,« entschied Stannard ... »jawohl! ich selber! Brechen wir auf!« »Sie, Stannard?« versetzte Edward Carrol – »das heißt doch, der Gefahr in den Rachen rennen – »Ihre politischen Ansichten sind doch viel zu bekannt –« »Was tut's?« sagte Stannard ... »ich lasse mein Kind nicht allein zu diesen wilden Gesellen! Perry soll in Castle-House bleiben, Edward, da Sie selber noch nicht gehen können, denn wir müssen auch den Fall bedenken, daß auch wir zurückgehalten werden können!« »Und wenn Frau Burbank nach Ihnen fragt,« bemerkte Edward Carrol, »wenn sie nach Fräulein Alice fragt, was soll ich antworten?« »Daß wir uns zu James begeben haben, daß wir ihn auf seiner Suche am andern Flußufer begleiten,« antwortete Stannard; »wenn es sein muß, so sagen Sie schließlich auch, daß wir nach Jacksonville hinüber mußten – kurz und gut, sagen Sie, was Ihnen notwendig dünkt, um die arme Frau zu beruhigen – bloß sagen Sie nichts, was sie auf den Argwohn bringen könnte, daß ihrem Mann und ihrem Sohn so ernste Gefahren drohen ... Perry! lassen Sie ein Boot fertig machen!« Der Verwalter ging und Stannard befaßte sich mit den Vorbereitungen zur Abfahrt. Indessen schien es doch geratener zu sein, wenn Alice das Haus nicht verließe, ohne Frau Burbank gesagt zu haben, daß sie mit ihrem Vater genötigt sei, nach Jacksonville sich zu begeben. Im Notfalle solle sie schließlich sogar sagen, Texars Partei sei dort gestürzt worden, die Bundestruppen seien im Besitz der Herrschaft über den Fluß, und Gilbert müsse jedenfalls schon morgen in Castle-House wieder eintreffen ... Aber würde das Mädchen auch die Kraft haben, dies alles zu sagen, ohne zu zittern, ohne daß ihre Stimme sie verriete? Als sie bei Frau Burbank ins Zimmer trat, schlief dieselbe oder lag vielmehr in einem Anfalle schmerzhafter Betäubung, in einer tiefen Starrsucht, aus der sie Alice nicht aufzuwecken wagte. Vielleicht war es doch auch besser, das Mädchen wurde auf diese Weise der Aufgabe ledig, die kranke Dame durch kräftiges Zureden zu beruhigen. Am Bette der Kranken saß eine der Dienstfrauen und wachte. Fräulein Alice legte ihr ans Herz, sich auf keinen Augenblick zu entfernen und Herrn Carrol zu rufen, wenn die Kranke nach irgend etwas fragen sollte. Dann beugte sie sich zu der armen Frau nieder, berührte ihre Stirn mit den Lippen und verließ das Zimmer, um zu ihrem Vater zu eilen. »Brechen wir auf, Papa!« rief sie, sobald sie ihn erblickte. Nachdem sie Edward Carrol noch die Hand gedrückt hatten, schritten sie aus der Halle. In der zu dem kleinen Hafen hinunterführenden Bambusallee trafen sie den Verwalter. »Das Boot liegt bereit,« sagte derselbe. »Gut,« versetzte Stannard; »und nun wachen Sie mit aller Sorgfalt über Castle-House, Freund!« »Keine Sorge, Herr Stannard! Unsere Schwarzen kommen bereits langsam wieder auf die Pflanzung zurück, und das ist auch erklärlich! was soll ihnen eine Freiheit nützen, für die ihnen alle natürliche Anlage fehlt? Bringen Sie uns Herrn Burbank wieder, und er wird sie alle an ihrem Platze finden.« Herr Stannard bestieg mit seiner Tochter das von vier Matrosen aus Camdleß-Bai geführte Boot. Das Segel wurde gesetzt, und unter schwacher Brise aus Osten machte das Boot schnelle Fahrt. Bald war der »Pier« hinter der Spitze verschwunden, welche durch die Pflanzung nach Nordwesten hin gebildet wurde. Es lag nicht in Herrn Stannards Absicht, im Jacksonviller Hafen ans Land zu gehen, weil er dort auf der Stelle erkannt worden wäre, sondern in einem ein Stück unterhalb des Hafens befindlichen Ufereinschnitt. Von da aus ließ sich auch das in dieser Richtung, am äußersten Ende der Vorstadt gelegene Harveysche Haus bequem erreichen. Dort könnte man sich, je nach den obwaltenden Umständen, über die weiter zu fassenden Maßnahmen schlüssig werden. Der Fluß war um diese Zeit ohne Verkehr. Weder stromauf, woher die auf der Flucht aus Saint-Augustine nach dem Süden befindlichen Milizkorps hätten kommen können, noch stromab herrschte das geringste Leben. Das ließ vermuten, daß es noch zu keinem Kampfe zwischen den floridischen Booten und den Kanonenbooten des Kommandanten Stevens gekommen war. Nach ziemlich schneller Ueberfahrt, die noch durch Wind im Rücken begünstigt worden war, erreichte Herr Stannard mit seiner Tochter das linke Ufer. In der zur Zeit noch unbewachten kleinen Bucht konnten sie, ohne bemerkt zu werden, ans Land gehen und in wenigen Minuten befanden sie sich in dem Hause von James Burbanks Geschäftsfreund. Herr Harvey war im höchsten Maße überrascht, aber zugleich auch beunruhigt durch ihren Besuch. Es war durchaus nicht gefahrlos für sie, mitten unter diesem über alle Maßen erregten, für Texar begeisterten Pöbel zu weilen. War es doch allgemein bekannt, daß Herr Stannard mit zu den Antisklaverei-Ideen hielt, die in Camdleß-Bai ihre Vertreter hatten. Die Plünderung seiner eigenen Besitzung in Jacksonville war ein Wink, der Beherzigung verdiente. Daß er persönlich schwere Gefahr liefe, wenn er hier bliebe, stand ganz außer Frage. Sofortige Verhaftung als Mitschuldiger James Burbanks war, wenn er erkannt wurde, das mindeste, auf das er sich gefaßt machen mußte. »Aber Gilbert muß doch gerettet werden!« war das einzige, was Alice auf diese Bemerkungen Herrn Harveys zu sagen vermochte. »Freilich,« erwiderte dieser, »versucht werden muß es! Aber Herr Stannard soll sich draußen nicht zeigen! er mag hier bleiben, während wir handeln wollen.« »Wird man mich ins Gefängnis lassen?« fragte das Mädchen. »Das glaube ich nicht, Fräulein Alice!« »Aber doch zu Texar?« »Wir wollen es versuchen!« »Sie wünschen nicht, daß ich mich Ihnen anschließe?« fragte Herr Stannard, der sich in seine passive Rolle noch nicht finden konnte. »Nein! das hieße jeden Versuch gefährden, bei Texar und seinem Bürgerkomitee etwas zu erreichen.« »Also kommen Sie, Herr Harvey!« sprach Alice. Aber ehe sie das Zimmer verließen, bat Herr Stannard noch um Bescheid, ob Neuigkeiten vom Kriegsschauplatze vorlägen, die bis nach Camdleß-Bai hinüber noch nicht gelangt seien? »Nein,« antwortete Herr Harvey, »wenigstens ist nichts passiert hinsichtlich Jacksonvilles. Die Bundesflotte ist in der Bai von Saint-Augustine erschienen, und die Stadt hat sich ergeben. Von irgend welcher Bewegung auf dem Saint-John ist nichts verlautet. Die Kanonenboote liegen noch immer unterhalb der Barre.« »Es fehlt also noch immer an Wasser, um über die Barre zu kommen?« »Jawohl! heut werden wir aber starke Tag- und Nachtgleichen-Flut bekommen, gegen drei Uhr wird das Meer steigen ... vielleicht gelingt es dann den Kanonenbooten, die Barre zu überwinden!« »Ohne Lotsen? jetzt, wo Mars nicht mehr da ist, sie durch den Kanal zu steuern?« versetzte Fräulein Alice in einem Tone, der deutlich sagte, daß sie sich auch an solche Hoffnung nicht mehr halten wolle ... »nein! das ist nicht möglich! – Herr Harvey! ich muß Texar sprechen, und schlägt er mir meine Bitte ab, dann werden wir alles, alles opfern, um Gilbert die Flucht zu ermöglichen!« »Gewiß, Fräulein Alice!« »Haben sich die Gemüter in Jacksonville noch immer nicht beruhigt?« fragte Stannard. »Nein,« lautete Harveys Antwort? »in Jacksonville sind die Halunken nach wie vor am Ruder, und Texar ist ihr Kommandant. Freilich zittern und beben alle anständigen Menschen vor Unwillen über die Anmaßungen und Drohungen des Bürgerausschusses. Die Föderierten auf dem Flusse brauchten sich bloß zu rühren, so würde die Sachlage sich ändern. Im Grunde genommen ist unser Pöbel ja feige. Würde ihm Furcht eingejagt, so könnte Texar mit seinen Anhängern schnell zum Tempel hinaus sein – ich hoffe auch noch immer, daß es dem Kommandanten Stevens gelingen wird, die Barre zu überwinden.« »Abwarten wollen wir nicht!« entgegnete entschlossenen Tones Fräulein Alice – »bis dahin muß ich bei Texar gewesen sein!« Es war elf Uhr, als Fräulein Alice mit Herrn Harvey sich nach dem Justizpalast begab, wo der Bürgerausschuß unter Texars Vorsitz in Permanenz tagte. Nach wie vor in der Stadt wilde Erregung! Miliztruppen, durch Kommandos aus anderen Städten des Südens verstärkt, zogen durch die Straßen. Im Laufe des Tages wurden noch die durch die Uebergabe von Saint-Augustine disponibel gewordenen Mannschaften erwartet, die entweder auf dem Saint-John herauf oder am rechten Ufer durch die Wälder zu Fuß kommen, den Saint-John also erst bei Jacksonville passieren konnten. Deshalb die Unruhe unter der Bevölkerung, die den ganzen Tag auf den Beinen war. Tausenderlei Nachrichten kursierten, und wie immer solche, die im schärfsten Widerspruch zueinander standen: zufolgedessen ein Aufruhr, der an Heftigkeit ständig zunahm. Alles schien den Kopf zu verlieren, und leicht ließ sich ermessen, daß es bei der Verteidigung an jeder einheitlichen Leitung fehlen würde, sobald die Bundestruppen mit ihren Kanonenbooten im Hafen erscheinen sollten. Lange konnte es übrigens nicht mehr dauern, bis hierüber Klarheit herrschte. Unterdessen begaben sich inmitten einer ständig dichter werdenden Menge Fräulein Alice und Herr Harvey nach dem Hauptplatze, zunächst noch ohne jede Vorstellung davon, wie sie es anfangen sollten, bis in den Saal des Justizpalastes zu dringen – und ob sie, wenn ihnen das gelang, bis zu Texar würden dringen können, wer hätte ihnen das sagen sollen? Auf dem Platze eine noch dichtere, noch lautere Menge! Geschrei erschütterte die Luft, Flüche, Verwünschungen von allen Seiten, dazwischen die unheimlichen Rufe: »An den Galgen mit den Schuften! An den Galgen!« die sich von Gruppe zu Gruppe fortpflanzten. Harvey erfuhr, daß der Ausschuß seit einer Stunde zu Gericht sitze. Eine schreckliche Ahnung bemächtigte sich seiner, die sich nur zu sehr bestätigen sollte. Der Ausschuß saß zu Gericht über James Burbank, der als Mitverschworener seines Sohnes Gilbert unter Anklage stand, mit den Bundestruppen landesverräterischen Verkehr unterhalten zu haben. Das gleiche Verbrechen also, wie Gilbert – mithin auch ohne Zweifel die gleiche Strafe wie sie über Gilbert verhängt, derselbe Urteilsspruch, wie er über Gilbert gefällt worden war! Texar stand im Begriff, dem Werke des Hasses gegen die Familie Burbank die Krone aufzusetzen! »Kommen Sie, Fräulein Alice! kommen Sie!« sagte Harvey, in der Absicht, für den Augenblick sein Vorhaben aufzugeben – »wir wollen später versuchen, – wenn der Bürgerausschuß –« »Nein!« entgegnete Alice entschieden – »ich will mich zwischen die Angeklagten und Richter stürzen!« Harvey mußte sich sagen, daß es ihm nicht möglich sein würde, diese Entschlossenheit zu erschüttern. Alice drängte vorwärts, und er mußte ihr folgen. So dicht auch die Menge war – unter der vielleicht mancher das Mädchen erkannte, – so wich sie doch auseinander. Je weiter sie drang, desto wilder klangen ihr die Worte: »An den Galgen! An den Galgen!« in die Ohren. Aber nichts konnte sie aufhalten, und endlich stand sie vor dem Tore des Justizpalastes. Hier tobte eine noch wildere Menge! auf und nieder wogend gleich einer Hohlsee! aber nicht gleich jener Hohlsee, die auf den Sturm folgt, sondern jener gleich, die ihm vorauseilt! von solcher Menge aus ließen sich bloß die schlimmsten Greuel befürchten. Plötzlich stauten sich die Massen: aus dem Justizpalast drängte heraus, was der Verhandlung beigewohnt hatte ... verdoppelte Verwünschungen, verdoppelte Flüche – das Urteil war eben gesprochen worden! James Burbank war desselben Verbrechens für schuldig befunden worden wie sein Sohn Gilbert, und das gleiche Urteil war über ihn verhängt worden: Vater und Sohn sollten zusammen erschossen werden! »An den Galgen! An den Galgen!« schrie die Menge wie rasend. Da wurde, auf den obersten Stufen, James Burbank sichtbar. Er war ruhig und völlig Herr über sich. Ein verächtlicher Blick war alles, was er dem Gebrüll und Geheul des Pöbels entgegensetzte. Ein Milizkommando führte ihn in seiner Mitte, führte ihn nach dem Gefängnis zurück – aber nicht ihn allein! denn neben ihm einher schritt Gilbert, sein Sohn. Aus der Gefangenenzelle, wo er der Hinrichtungsstunde harrte, war der junge Offizier nach dem Gerichtssaal geschleppt worden, um in der Verhandlung mit seinem Vater konfrontiert zu werden. Der Vater hatte nicht anders aussagen können, als der Sohn: daß derselbe bloß nach Castle-House gekommen sei, um seine im Sterben liegende Mutter zum letzten Male zu sehen. Solchem klaren Zeugnis gegenüber hätte die Anklage unbedingt fallen müssen, wäre der Prozeß nicht schon im Voraus entschieden gewesen. Zwei Unschuldige wurden durch den gleichen Urteilsspruch getroffen, der von persönlicher Rache diktiert und durch schurkische Richter gefällt wurde. Der Pöbel drängte sich zu den Verurteilten. Nur mit äußerster Mühe gelang es dem Milizkommando, sich den Weg über den Platz frei zu machen. Da entstand eine Bewegung. Alice hatte sich zu James und Gilbert Burbank hindurchgedrängt. Unwillkürlich wich der Pöbel zur Seite, verdutzt durch dieses unvermutete Dazwischentreten des Mädchens. »Alice!« schrie Gilbert. »Gilbert! – Gilbert!« flüsterte Alice und sank dem jugendlichen Offizier in die Arme. »Alice – warum bist du hier?« fragte streng James Burbank. »Um Gnade will ich für Euch flehen! das Herz der Richter erweichen! – Gnade, Gnade für sie!« Das Geschrei des Mädchens war herzzerreißend. Sie hing sich den Verurteilten, die einen Augenblick stehen geblieben waren, an die Kleider. Auf der Schwelle des Justizpalastes war Texar erschienen. Es war ihm gemeldet worden, was sich zugetragen hatte. Ein Wink von ihm zügelte die Menge. Ein zweiter Wink befahl dem Milizkommando, die Gefangenen abzuführen. Das Kommando setzte sich wieder in Marsch. »Gnade! ... Gnade!« schrie Alice und warf sich Texar zu Füßen. Der Spanier hatte als Antwort bloß eine verneinende Gebärde. Da sprang das Mädchen auf. »Elender!« schrie sie ihm zu. Sie wollte die Gefangenen einholen, um ihnen in den Kerker zu folgen, um die letzten Stunden, die sie zu leben hatten, bei ihnen zu verweilen. Aber sie waren schon über den Platz, begleitet von dem Gebrüll und Geheul der Menge. Das ging über die Kräfte des Mädchens. Sie wankte. Sie stürzte. Ihr Bewußtsein war geschwunden, als Herr Harvey sie in den Armen auffing. Erst in dessen Hause, bei ihrem Vater, kam sie wieder zum Bewußtsein. »Zum Kerker! zum Kerker!« flüsterte sie – »sie müssen fliehen! beide müssen fliehen!« »Ja!« versetzte Herr Stannard, »kein anderer Versuch bleibt uns – warten wir die Nacht ab!« Aber die Nacht kam – und als Stannard und Harvey versuchen wollten, zur Ausübung ihres Befreiungsplanes zu schreiten, da wurden sie inne, daß Harveys Haus von Milizsoldaten umstellt war, daß es nicht möglich war, den Fuß hinauszusetzen. Viertes Kapitel. Ein Sturmwind aus Nordosten Den Gefangenen verblieb jetzt bloß eine Möglichkeit zur Rettung: daß die Bundestruppen noch vor der zwölften Stunde sich zu Herren über die Stadt machten; denn am andern Tage bei Sonnenaufgang sollten James und Gilbert Burbank füsiliert werden. Wie hätten sie aus ihrem Gefängnis, das so scharf bewacht wurde, wie Herrn Harveys Haus, entfliehen sollen, selbst wenn sich einer von den Wächtern hätte bestechen lassen? Wenn aber Jacksonville genommen werden sollte, so kamen nicht die vor ein paar Tagen in Fernandina gelandeten Truppen der Nordstaatler in Betracht, welche diesen wichtigen Platz im Norden von Florida unmöglich verlassen konnten, sondern einzig und allein die von Stevens befehligten Kanonenboote. War es für sie aber möglich, obendrein in so kurzer Frist, über die Barre im Flusse hinwegzukommen? Gab es Mittel und Wege, das Hindernis zu besiegen, das Wassermangel nach wie vor den Kanonenbooten entgegensetzte? Wie man sehen wird, war das höchst zweifelhaft. Nach Fällung des Urteilsspruchs hatte sich Texar mit dem Jacksonviller Milizoberst zum Kai begeben, um den Unterlauf des Flusses in Augenschein zu nehmen. »Nichts Neues gemeldet worden?« fragte Texar, als sie am äußersten Ende des Pfahlwerks angelangt waren, den Blick scharf auf die Barre hinaus gerichtet und gespannt lauschend, ob sich vom Saint-John herüber Kanonenschläge hören ließen. »Gar nichts,« versetzte der Oberst. »Ich habe übrigens einen Rekognoszierungsritt in nördlicher Richtung gemacht und dabei feststellen können, daß die Föderierten Fernandina nicht verlassen haben, also nicht nach Jacksonville zu unterwegs sind. Höchst wahrscheinlich bleiben sie an der Georgischen Küste auf Vedette, bis ihre Flottille den Kanal bezwungen haben wird.« »Können nicht Truppen aus Saint-Augustine von Süden her kommen und bei Picolata über den Saint-John setzen?« fragte der Spanier. »Das glaube ich nicht,« erwiderte der Offizier. »Soviel Truppen, um die Stadt zu besetzen, hat Kommodore Dupont nicht an Bord; seine Absicht ist augenscheinlich, über das ganze Küstenland von der Saint-John-Mündung bis zu den letzten Werdern von Florida Blockade zu verhängen. Von dieser Seite her steht also für uns nichts zu befürchten, Texar!« »Mithin verbliebe bloß die Gefahr, durch die Stevenssche Flottille in Schach gehalten zu werden, wenn es ihr gelingt, die Barre, vor der sie seit drei Tagen festliegt, zu überwinden?« »Zweifelsohne, aber diese Frage wird binnen jetzt und einigen Stunden zur Entscheidung kommen. Vielleicht haben die Föderierten keinen andern Zweck im Auge, als den Unterlauf des Flusses zu sperren, um jede Verbindung zwischen Saint-Augustine und Fernandina abzuschneiden!« »Ich sage Ihnen wiederholt, Texar, daß es für die Nordstaatler im Augenblick weniger von Wert ist, Florida zu besetzen als der Kriegskonterbande, die von Süden herauf gebracht wird, die Wege zu verstopfen. Von diesem Gesichtspunkte aus liegt die Vermutung nahe, daß ihre ganze Expedition bloß diesen Zweck verfolgt. Sonst würden doch ihre Truppen, die schon seit 14 Tagen die Insel Amelia besetzt halten, gegen Jacksonville vorgerückt sein!« »Sie können recht haben,« versetzte Texar; »nichtsdestoweniger liegt mir daran, möglichst bald klar zu sehen, wie es sich bezüglich der Barre verhält.« »Die Frage wird noch heute aus der Welt sein!« »Wenn aber die Stevensschen Kanonenboote heute noch im Hafen anlaufen sollten – was dann?« »So würde ich ohne weiteres den vorliegenden Befehl ausführen, die Miliz nach dem Innern abzuführen, also jeden Zusammenstoß mit den Föderierten zu vermeiden. Mögen sie doch die Plätze der Grafschaft besetzen! Lange halten können sie dieselben nicht, weil sie von ihren Verbindungen mit Georgia oder Carolina abgeschnitten sein werden; die Plätze müssen uns also bald von selber wieder in die Hände fallen!« »Bemächtigen sie sich aber der Stadt,« erwiderte Texar, »wenn auch nur für einen Tag, so müßte man sich doch auf Repressalien von ihrer Seite aus gefaßt machen! All diese sogenannten anständigen Leute, diese reichen Pflanzer und Antisklaverei-Leute, würden wieder zur Macht gelangen – und dann – der Fall wird es ja nicht sein – nein! – und lieber als daß ich die Stadt verließe –« Der Spanier vollendete den Satz nicht; es war leicht, seinen Gedanken zu verstehen. Den Bundestruppen würde er die Stadt nicht ausliefern, denn das wäre dasselbe, als wenn er sie den gleichen Behörden wieder übergeben wollte, die durch den Pöbel beseitigt worden waren. Lieber würde er sie niederbrennen: und wer weiß, ob nicht alle Maßnahmen zu solchem Zerstörungswerk bereits getroffen waren! Wenn er sich mit seinen Anhängern dann den Miliztruppen anschlösse, so würden sie in dem südlichen Marschlande unzugänglicher Schlupfwinkel mehr als genug finden, wo sich die weiteren Ereignisse abwarten ließen. Indessen war diese Eventualität, wie schon gesagt, nur für den Fall zu befürchten, daß die feindlichen Kanonenboote über die Barre hinüber gelangten: und der Augenblick, in welchem diese Frage ihre endgültige Lösung finden sollte, war nun da. Vom Hafen her drängte sich eine mächtige Menschenflut. Im Handumdrehen waren die Kais so voll, daß kein Apfel zur Erde konnte. Ohrenbetäubendes Geschrei erfüllte die Luft. »Die Kanonenboote kommen über die Barre!« »Nein! sie rühren sich nicht vom Fleck!« »Das Meer steigt!« »Die Boote versuchen es mit Volldampf!« »Seht doch! – seht doch!« »Kein Zweifel!« bemerkte der Milizoberst – »es geht etwas dort vor – Texar! sehen Sie doch!« Der Spanier gab keine Antwort; seine Augen wichen nicht vom Unterlaufe des Flusses, von der Linie am Horizont, die durch die Kette von Fahrzeugen gezogen wurde. Ein dichter Qualm stieg von dort auf und wurde von dem jetzt kräftig blasenden Winde in der Richtung auf Jacksonville zu getrieben. Augenscheinlich suchte Stevens mit Wahrnehmung der Hochflut und indem er die Kessel, wie man sagt, »bis zum Platzen« spannte, über die Barre zu kommen. Der Pöbel verfolgte dies Beginnen mit Spannung. Das Geschrei verdoppelte sich; alles brüllte durcheinander, denn was der eine gesehen haben wollte, bestritt der andere. »Eine halbe Kabellänge haben sie gewonnen!« »Nein! sie liegen noch genau so, als wenn sie den Anker noch nicht gehoben hätten!« »Seht doch! das eine Boot manövriert!« »Ja! aber es zeigt seine Breitseite und schwenkt, weil es nicht Tiefgang genug findet.« Ist das ein Qualm!« »Und wenn sie alle Steinkohlen Amerikas verfeuern, hinüber kommen sie doch nicht!« »Seht doch! seht! die Flut geht schon zurück!« »Hurra, Süden!« »Hurra! hurra! hurra!« Der Versuch, den die Flottille unternahm, dauerte etwa zehn Minuten – Minuten, die Texar und seinen Parteigängern, allen, denen es, wenn die Stadt genommen wurde, an den Kragen zu gehen drohte, gleich Ewigkeiten dünkte – sie wußten nicht, woran sich zu halten, denn die Entfernung war zu groß, um die Bewegungen der Kanonenboote genau zu verfolgen. Indessen fing, wie richtig bemerkt worden war, die Flut schon wieder an zurückzugehen; und war erst einmal Ebbe im Anzug, dann senkte sich der Wasserstand des Saint-John mit großer Schnelligkeit. Plötzlich reckten sich die Arme zum Flusse hin, und über alles Geschrei hinweg dröhnte der Ruf: »Ein Boot! – ein Boot!« Wirklich kam am linken Ufer, wo sich die Strömung der Flut noch fühlbar machte, während die Gegenflut in der Kanalmitte an Stärke gewann, ein leichtes Fahrzeug in Sicht, das von Rudern geführt wurde und schnell herantrieb. Im Hinterschiff stand ein Offizier in der Uniform der floridischen Miliz; bald hatte er Tritt auf dem Pfahlwerk gefaßt und kletterte behend die Stufen der seitlich zum Kai emporführenden Leiter hinauf. Als er Texar erblickte, schritt er auf ihn zu, mitten durch die Gruppen von Menschen, die sich herandrängten, um ihn zu sehen und um seine Worte zu hören. »Was ist los?« fragte der Spanier. »Nichts! und es wird auch nichts losgehen!« versetzte der Milizoffizier. »Wer schickt sie?« »Unser Bootskommandant! unsere Boote werden sich nach dem Hafen zurückbegeben!« »Warum?« »Weil die Kanonenboote umsonst versucht haben, die Barre zu überwinden. Es hat nichts genutzt, daß sie Ballast ausluden, auch aller Volldampf hat sie nicht hinübergebracht. Es steht also nichts mehr zu befürchten.« »Für diese Flut?« fragte Texar. »Auch für keine andere – wenigstens nicht auf Monate hinaus!« »Hurra! hurra! hurra!« Dies Siegesgeschrei erfüllte die Stadt. Der Offizier hatte recht: von jetzt ab sank das Meer täglich, und nur eine geringe Wassermenge würde noch den Weg in das Bett des Saint-John finden. Die Flut vom 22. März war eine der stärksten im Jahr gewesen, und ehe sich der Flußlauf wieder zu dieser Höhe erhob, mußten mehrere Monate verfließen; der Kanal blieb also unpassierbar und Jacksonville entrann dem Feuer des Kommandanten Stevens. Das bedeutete also die Verlängerung von Texars Gewalt und für diesen Schurken die Gewißheit, das Werk seiner Rache zu Ende zu führen. Und selbst wenn General Sherman beabsichtigen sollte, die Stadt durch die Mannschaften des Generals Wright nehmen zu lassen, die in Fernandina gelandet worden waren, so ließ sich solcher Marsch nach Süden doch nur in einer gewissen Zeit bewerkstelligen. Da nun aber die Hinrichtung von James und Gilbert Burbank für den nächsten Tag in aller Frühe festgesetzt worden war, war nichts mehr imstande, sie zu retten. Die vom Offizier gemeldete Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der ganzen Gegend, und welche Wirkung sie auf solchen entfesselten Pöbel hervorbrachte, kann sich jeder, leicht denken. Die wüsten Szenen der letzten Tage erneuerten sich mit verdoppelter Stärke. Die bessere Bevölkerung, die sich der größten Greuel versehen durfte, rüstete sich zum Wegzug aus einer Stadt, die ihnen keinerlei Sicherheit mehr verbürgte. Wenn das Geschrei zu den Ohren der Gefangenen drang und ihnen kündete, daß jede Aussicht auf Rettung geschwunden sei, so drang es nicht minder auch in Harveys Haus und jagte Herrn Stannard und seine Tochter Alice in helle Verzweiflung. Was ließ sich nun noch tun zur Rettung der beiden Unglücklichen? Nichts! nichts! Die Nacht senkte sich nieder. Die Witterung, die schon seit einigen Tagen umzuschlagen drohte, hatte sich merklich geändert. Der Wind war, nachdem er erst vom Lande her gekommen, plötzlich nach Nordost umgesprungen. Schon jagte graues, zerrissenes Gewölk, das keine Zeit mehr gefunden, sich in Regen aufzulösen, vom Meere her, fast dicht über seine Fläche hin. Das Barometer war rasch auf Sturm gefallen. Alle Anzeichen sprachen für einen am fernen Horizont des Atlantischen Meeres rasenden Orkan, der mit Einbruch der Nacht, die den Weltenraum in tiefe Finsternis hüllte, alsbald mit außerordentlicher Heftigkeit losbrach. Brausend peitschte er quer durch das Aestuarium des Saint-John. Er trieb die Fluten an seiner Mündung zur richtigen Hochsee empor, jene blitzschnelle Erscheinung auf ihm hervorrufend, die man zur Zeit der Syzygien oder des Neu- und Vollmonds, wenn Mond- und Sonnenflut zusammenfallen, einander also verstärken, bei den großen Strommündungen der Ozeane als »Springfluten« kennt, die mit ihren haushohen Wogen alles Land an den Ufern vernichten und ganze Stücke davon verschlingen. Während dieser wilden Sturmnacht wurde Jacksonville fürchterlich heimgesucht. Das Pfahlwerk im Hafen wich den Stößen der dagegen stürmenden Wogen. Die Kais wurden überflutet; allerhand Fahrzeuge, deren Taue wie Fäden zerrissen, zerschellten an den Ufern. Sich auf den Straßen oder Plätzen zu halten, war ganz unmöglich; von allen Seiten her hagelte es Dachsteine und andere Trümmer, ganz wie wenn sie aus Maschinengewehren beschossen würden. Der Pöbel mußte sich in die Schenken und Spelunken flüchten, wo freilich die Kehlen nicht zu kurz kamen; das Toben und Brüllen, das von dorther Gassen und Straßen füllte, versuchte nicht ohne Erfolg gegen das Brausen des Orkans aufzukommen. Aber nicht bloß auf der Erdoberfläche wirkte dieser Sturmwind verheerend. Quer durch das Bett des Saint-John rief die Veränderung des Wasserstandes eine Hochflut von um so größerer Gewalt hervor, als sie sich durch die Gegenschläge von der Tiefe herauf verzehnfachte. Die vor der Barre ankernden Schaluppen wurden durch diese Springflut überfallen, ehe sie den Hafen hatten erreichen können; ihre Anker verloren den Grund, und ihre Taue zerrissen. Die durch den Druck des Sturmwinds angeschwollene Nachtflut jagte sie mit unwiderstehlicher Gewalt zum Oberlaufe hin. Ein paar zerschellten an den Pfählen des Kais, während die andern über Jacksonville hinaus verschlagen wurden und meilenweit weg von der Mündung an den Werdern oder in den Krümmungen des Flußlaufs zu Grunde gingen. Von der Mannschaft kamen auch nicht wenige bei diesem Elementarereignis um, dessen plötzliches Auftreten alle in solchen Fällen gebotenen Maßregeln vereitelt hatte. Was war nun aus den Kanonenbooten des Kommodore Stevens geworden? hatten sie die Anker gelichtet und unter Volldampf Zuflucht in den Buchten des Unterlaufs gesucht? hatten sie durch solches Manövrieren gänzlicher Vernichtung entrinnen können? Gleichviel ob es sich so verhielt oder ob sie vor Anker geblieben waren: Jacksonville brauchte sie auf alle Fälle nicht mehr zu fürchten, da ihnen die Barre jetzt ein unüberwindliches Hindernis entgegensetzte. Tiefe, rabenschwarze Nacht war es also, die das ganze Tal des Saint-John einhüllte, während Luft und Wasser in einander verschmolzen, gleich als ob irgendwelcher chemische Vorgang sie zu einem einzigen Elemente zu einen versucht hätte. Man sah sich hier einem jener großen Naturereignisse gegenüber, die man in der wissenschaftlichen Welt als »Kataklysmen«, in der Laienwelt als »Sintfluten« bezeichnet und die zur Zeit der Tag- und Nachtgleiche ziemlich häufig auftreten; aber die elementare Flut, die jetzt über die Halbinsel Florida hereinbrach, war von solch unheimlicher Gewalt, wie noch kein Mensch je auf ihr erlebt hatte. Genau im Verhältnis zu dieser Gewalt des Meteors stand seine Dauer, die sich nicht über ein paar Stunden erstreckte. Vor Sonnenaufgang wurden die Leeren des Weltraums durch dieses gewaltige Aufgebot von Luft jählings gefüllt und der Orkan verlief sich oberhalb des Golfs von Mexiko, nachdem er mit seiner letzten Wut die floridische Halbinsel heimgesucht hatte. Um die vierte Morgenstunde herum, als die ersten Dämmerungsschimmer einen Horizont zu färben begannen, der mit solchem gewaltigen nächtlichen Kehrbesen blitzrein gefegt worden war, folgte auf solches Wüten der Elemente die Windstille, und alsbald ergoß sich der Pöbel aus den Schenken und Spelunken, in die er hatte fliehen müssen, wieder auf die Straßen und Plätze. Die Miliz bezog die verlassenen Wachen wieder. Soweit es anging, befaßte man sich mit der Ausbesserung der durch den Sturm verursachten Schäden, die begreiflicherweise am Kai und in der Nähe desselben am schlimmsten waren. Auch auf dem Flusse sah es arg aus: zertrümmerte Kähne, mitten durch geborstene Pfähle trieben im Umkreise von mehreren Yards auf seiner Fläche. Dichter Nebel hatte sich über das ganze Bett gesenkt, der bis in die hohen, vom Sturme gekälteten Luftschichten hinauf sich erstreckte. In der fünften Morgenstunde war der Kanal in der Mitte noch nicht sichtbar, und bis der Nebel nicht unter den ersten Sonnenstrahlen zerstiebte, stand dies auch nicht zu erwarten. Plötzlich, kurz nach 5 Uhr, zerrissen gewaltige Schläge die dichte Nebelmasse. Ueber die Natur derselben konnte kein Irrtum obwalten: das waren keine langgezogenen Donnerschläge! das waren Kanonenschläge! Geschosse aus schweren Geschützen, die mit ihrem charakteristischen Pfeifen durch die Lust sausten! Ein Schrei des Entsetzens entrang sich den Kehlen der Menschenmenge, die zum Hafen hinuntergerannt war und sowohl aus Pöbel wie aus Miliz bestand. Unter diesen fortwährenden Kanonenschlägen begann gleichzeitig der Nebel sich zu zerteilen; mit den Blitzen derselben durchsetzt, lösten sich seine Dunstschlangen allmählich von der Wasserfläche. Die Kanonenboote der Nordstaatler waren da! lagen dicht vor Jacksonville! hielten die Stadt unter ihren Breitseiten! »Die Kanonenboote!« Bis zu dem letzten Vorstadthause hinaus hatte sich dieser Schreckensschrei im Nu von Mund zu Mund getragen: mit höchster Genugtuung vernahm ihn die bessere, mit höchstem Entsetzen der Abschaum der Bevölkerung. Die Flottille der Bundestruppen beherrschte den Saint-John, und wenn sich die Stadt nicht ergab, so war es um sie geschehen! Was hatte sich denn zugetragen? War den Nordstaatlern in dem Orkan ein unvermuteter Helfer erwachsen? Ja! Deshalb hatten die Kanonenboote auch nicht versucht, sich nach den unteren Buchten der Mündung zu retten. Trotzend der Gewalt von Hochsee und Sturm, waren sie vor Anker geblieben. Während ihre Gegner mit ihren Schaluppen abrückten, hatten sie dem Orkan, auf die Gefahr ihres Untergangs hin, standgehalten in der Absicht, die Umstände, welche das Unwetter schuf, zu einer Erzwingung der Einfahrt zu benutzen. Der Orkan verursachte dadurch, daß er die Meeresflut in das Aestuarium des Flusses hineinstieß, eine beträchtliche Anschwellung desselben: sein Niveau wuchs zu solch anormaler Höhe, daß die Kanonenboote durch die Engen getragen wurden: und unter Volldampf hatten sie, wenn auch mit dem Kiele den Sand aufwühlend, die Barre bezwungen. Gegen 4 Uhr hatte Kommandant Stevens, im dichtesten Nebel manövrierend, schätzungsweise festgestellt, daß er dicht vor Jacksonville befindlich sein müsse. Nun hatte er Anker geworfen und Aufstellung genommen, dann im richtigen Augenblicke durch das Abfeuern seiner groben Geschütze den Nebel zerrissen und seine ersten Geschosse auf das linke Ufer des Saint-John geschleudert. Die Wirkung folgte auf dem Fuße. Im Nu hatte die Miliz, getreu dem in Fernandina und Saint-Augustine von den südstaatlichen Truppen geschaffenen Beispiel, die Stadt geräumt. Sobald der Kommandant der Bundesschiffe wahrnahm, daß sich die Menge von den Kais verlief, stellte er das Feuer ein, denn nicht die Zerstörung, sondern die Besetzung und Unterwerfung Jacksonvilles war Zweck und Absicht seiner Anwesenheit. Fast im gleichen Augenblick stieg am Justizpalast eine weiße Fahne empor. Mit welchen Aengsten diese ersten Kanonenschläge in Herrn Harveys Hause vernommen worden waren, wird der Leser sich leicht ausmalen können. Ganz ohne Zweifel drohte der Stadt ein Angriff, der aber nur durch die Bundestruppen bewirkt werden konnte, die also entweder den Saint-John herauf gekommen waren oder sich vom Norden Floridas her genähert hatten. War dies also die unverhoffte Rettung? die einzige, die James und Gilbert Burbank noch winkte? Harvey und Alice stürzten zur Schwelle hin. Texars Leute, die vor dem Hause Wache gehalten hatten, waren verschwunden: sie hatten sich mit den Milizen nach dem Innern der Grafschaft geflüchtet. Harvey und Alice suchten nach dem Hafen vorzudringen. Der Nebel hatte sich zerstreut. Man konnte den Fluß bis zum rechten Ufer hin überschauen. Die Kanonenboote waren verstummt, denn augenscheinlich hatte Jacksonville schon auf allen Widerstand verzichtet. Am Kai legten gerade Boote an, um ein mit Gewehren, Revolvern und Aexten bewaffnetes Detachement zu landen. Plötzlich erklang ein Ruf aus der Schar der vor einem Offizier befehligten Matrosen. Der Mann, der ihn ausgestoßen, stürzte auf Fräulein Alice zu. »Mars! – Mars!« rief das junge Mädchen, versteinert durch den Anblick, der sich ihr bot: der Mann, der vor ihr stand, war Zermahs Mann, war Mars, von dem man meinte, er sei in den Fluten des Saint-John umgekommen. »Herr Gilbert! – Herr Gilbert!« rief Mars – »wo ist Herr Gilbert?« »Mit Herrn Burbank gefangen! – Mars, Mars! retten Sie ihn! – retten Sie ihn und seinen Vater!« »Zum Gefängnisse! – auf zum Gefängnisse!« schrie Mars, zu seinen Kameraden gewandt, die er hinter sich her riß. Wie der Sturmwind rasten sie weg, um zu verhindern, daß ein letztes Verbrechen auf Texars Befehl hin verübt würde. Harvey und Fräulein Alice folgten ihnen. Also hatte Mars, nach seinem Sturz in den Fluß, den Wirbeln der Barre zu entrinnen vermocht? Ja! und aus Klugheit hatte sich der mutige Mestize gehütet, in Castle-House bekannt werden zu lassen, daß er heil und gesund sei. Dort Zuflucht suchen wäre gleichbedeutend gewesen mit Gefährdung seiner persönlichen Sicherheit, und um sein Werk zu vollbringen, mußte er seine Freiheit wahren. Nachdem er schwimmend das rechte Ufer erreicht hatte, war es ihm gelungen, sich durch das Schilf bis zu den Booten zu arbeiten. Sobald dort seine Signale bemerkt worden waren, hatte ihn ein Kahn an Bord des Flaggschiffs herübergeholt. Kommandant Stevens überblickte die Situation auf der Stelle, und angesichts der schweren Gefahr, von der sein Offizier Gilbert bedroht wurde, richtete er alle Anstrengungen darauf, den Fluß hinaufzugelangen. Wäre Mars nicht zur Stelle gewesen, so würde die Flottille, da niemand diese schwierige Passage kannte, wohl auf den vielen Untiefen, die das Flußbett hier hatte, aufgelaufen sein. Aber Mars steuerte sein Boot mit höchster Gewandtheit, und dem von ihm gehaltenen Kurse folgend, gewannen auch die andern Boote, dem entfesselten Unwetter zum Trotz, das Ziel, und früher als der Nebel das Tal des Saint-John bedeckte, gingen sie vor Jacksonville vor Anker und eröffneten das Feuer. Es war hohe Zeit, denn sobald der Tag graute, sollten die beiden Verurteilten erschossen werden. Aber schon stand für sie nichts mehr zu befürchten, denn die Stadtbehörde von Jacksonville hatte die ihr von Texar entrissene Gewalt wieder an sich gebracht, und als Mars mit seinen Gefährten vor dem Gefängnis ankam, setzten James und Gilbert Burbank, endlich wieder in Freiheit, den Fuß heraus. Im Nu hatte der junge Leutnant Alice an sein Herz gerissen, während Herr Stannard und James Burbank einander in die Arme sanken. »Und Mutter ...?« war Gilberts erste Frage. »Sie lebt, Gilbert! – sie lebt!« lautete des Mädchens Antwort. »Nun, dann nach Castle-House!« rief Gilbert – »nach Castle-House!« »Nicht eher, als bis Gerechtigkeit geübt worden!« erwiderte James Burbank. Mars hatte seinen Herrn verstanden, und in der Hoffnung, dort Texar zu finden, hatte er sich nach dem Hauptplatze zu entfernt. Sollte aber der Spanier, um Repressalien zu entgehen, nicht schon die Flucht ergriffen haben? Sollte er sich nicht, zusammen mit all denen, die sich in dieser Zeit wilder Exzesse bloßgestellt hatten, der öffentlichen Rache zu entziehen gesucht haben? Sollte er nicht schon mit den Milizsoldaten auf der Flucht nach den unteren Gegenden der Grafschaft befindlich sein? Man konnte, oder vielmehr mußte das annehmen. Aber ohne die Intervention der Föderierten abzuwarten, waren schon zahlreiche Stadtbewohner in den Justizpalast gestürzt. Von ihnen war Texar, eben als er sich auf die Flucht machen wollte, ergriffen worden; von ihnen wurde er streng bewacht. Im übrigen schien er sich ziemlich leichten Mutes in sein Schicksal ergeben zu haben. Erst als er sich Mars gegenübersah, ward er der Gefahr inne, die seinem Leben drohte. Der Mestize hatte sich auf ihn gestürzt, hatte ihn, der Anstrengungen seiner Wächter, ihn zu schützen, ungeachtet, bei der Gurgel gepackt, um ihn zu erwürgen – da zeigten sich Burbank Vater und Sohn. »Nein – nein! lebendig!« schrie James Burbank – »er muß am Leben bleiben! – er muß reden!« »Ja! – reden muß er!« wiederholte Mars. Kurz darauf saß Texar in derselben Zelle, in welcher seine Opfer der Stunde der Hinrichtung geharrt hatten. Fünftes Kapitel. Besitzergreifung Endlich also waren die Föderierten Herren von Jacksonville, mithin auch Herren über den Saint-John. Die vom Kommandanten Stevens herangeführten Landungstruppen besetzten sogleich die Hauptpunkte der Stadt. Die Revolutionsbehörden hatten die Flucht ergriffen. Als einziges von den Mitgliedern des Bürgerausschusses war ihnen Texar in die Hände gefallen. Der in Saint-Augustine stationierte Kommodore traf unterdes Anstalten, um die Einfuhr von Kriegskontrebande über Florida zu beseitigen. Die Kanäle des Moskito-Werders wurden gesperrt. Dadurch wurde dem lebhaften Handel mit Waffen und Schießbedarf, der mit den Lucayischen Inseln, den englischen Bahama-Inseln, getrieben wurde, die Lebensader abgeschnitten. Von Stund an befand sich also, wie man sagen konnte, Florida wieder unter Botmäßigkeit der Bundesregierung. Noch am nämlichen Tage fuhren James und Gilbert Burbank, Herr Stannard und Fräulein Alice über den Saint-John nach Camdleß-Bai zurück. Perry erwartete sie mit den übrigen Verwaltern und einer Anzahl von Schwarzen, die auf die Pflanzung zurückgekehrt waren, am Pier des kleinen Hafens. Mit welchem Jubel die Ankömmlinge begrüßt wurden, läßt sich denken. Im nächsten Augenblick standen sie am Krankenbett der Pflanzersfrau, die nun von allem Vorgefallenen in Kenntnis gesetzt wurde. Der junge Offizier umarmte sie, Mars küßte ihr die Hände. Nun wollten sie nicht mehr von ihr weichen, und Alice sollte sie hüten und pflegen. So würde sie schnell wieder gesunden! von Texars Machinationen stände so wenig zu befürchten wie von Machinationen solcher, die er zu seinem Rachewerk gedungen hätte, seitdem er den Föderierten ausgeliefert worden sei und diese Jacksonville in Besitz genommen hätten. Wenn nun aber Frau Burbank auch nicht mehr für den Gatten und für den Sohn zu zittern hatte, so gehörte doch all ihr Sinnen und Denken nunmehr ihrem verschwundenen Töchterchen. Und gleichwie sie ihr Kind vermißte, so vermißte Mars seine Frau. »Wir werden sie wiederfinden!« rief James Burbank; »Mars und Gilbert werden uns auf unserer Suche begleiten.« »Gewiß, Vater, gewiß! und ohne einen Tag zu verlieren,« versetzte der junge Leutnant. »Da wir Texar in unsern Händen haben,« sagte James Burbank, »wird Texar auch reden müssen!« »Und wenn er sich weigert?« fragte Herr Stannard – »wenn der Kerl behauptet, er habe bei der Entführung von Dy und Zermah die Hand nicht im Spiele?« »Und wie sollte er das können?« rief Gilbert; »hat ihn nicht Zermah an der Marino-Krampe erkannt? Haben nicht Alice und Mama aus Zermahs Munde, in dem Augenblick als das Boot abstieß, den Namen Texar vernommen? Läßt sich daran zweifeln, daß er der Urheber des Raubes ist? daß er den Raub persönlich geleitet hat?« »Er war es!« rief Frau Burbank, die im Bett emporfuhr, als wenn sie hinausspringen wollte. »Ja!« ergänzte Alice, »ich habe ihn genau erkannt! er stand aufrecht hinten in dem Kahn, der nach der Flußmitte zu hielt!« »Mag sein, daß er es war!« sagte hierauf Herr Stannard, »mag sein, daß kein Zweifel obliegt! wenn er sich aber weigert, anzugeben, wohin Dy und Zermah auf seinen Befehl geschleppt worden sind: wo sollen wir sie dann suchen? da wir doch die Ufer des Flusses schon auf eine Strecke von mehreren Meilen umsonst abgesucht haben?« Aus diese klar gestellte Frage ließ sich keine Antwort geben. Alles war davon abhängig, was der Spanier sagen würde. Ob es sein Interesse sein würde zu sprechen? oder zu schweigen? »Wo sich der Schurke für gewöhnlich aufhält, weiß man also nicht?« fragte Gilbert. »Nein! man weiß es nicht und man hat's nie gewußt!« versetzte James Burbank; »gibt es doch im Süden der Grafschaft, soviel endlose Waldungen, soviel unzugängliches Marschland, daß er Verstecke über Verstecke finden könnte! Vergebens würde man dies ganze Landgebiet absuchen nach solchem Schufte! wird es doch nicht einmal den Föderierten möglich sein, die retirierende Miliz dort zu verfolgen!« »Mein Kind muß ich wieder haben!« schrie Frau Burbank, und ihr Mann hatte Mühe, sie im Bett zu halten. »Meine Frau!« rief nun auch Mars; »ich will sie wiederhaben und werde den Halunken schon soweit bringen, daß er den Mund auftut!« »Gewiß,« pflichtete James Burbank bei, »sieht der Schurke, daß es ihm ans Leben geht und daß er sein Leben durch Sprechen retten kann, so wird er sich nicht besinnen, sondern wird sprechen! Drum vertraue, liebe Frau! wir werden dir dein Kind wieder zur Stelle schaffen!« Frau Burbank war erschöpft auf ihr Bett zurückgesunken. Alice blieb bei ihr, während ihr Vater mit Burbank Vater und Sohn und Mars sich wieder in die Halle begaben, um dort mit Edward Garrel zu beraten, welche Maßnahmen nunmehr am besten zu treffen seien. Man beschloß, bevor man aktiv vorging, den Bundestruppen Zeit zur Einrichtung in ihrem neuen Besitze zu lassen, dahingegen sollten Gilbert und Mars, wie es ihr Wille war, ihre Nachforschungen sofort beginnen. Sie suchten umsonst. Von der Schwarzen Krampe wußte niemand etwas. Diese Lagune wurde für durchaus unzugänglich gehalten. Zu wiederholten Malen fuhren die beiden Männer an dem Gestrüpp vorbei, das ihr Ufer bildete, aber die schmale Einfahrt, in die ihr leichtes Boot bequem hätte gelangen können, entdeckten sie nicht. Im Verlauf des 13. März ereignete sich nichts von Belang. In Camdleß-Bai vollzog sich allmählich die Wiedereinrichtung des Betriebes. Von allen Seiten her, aus den benachbarten Wäldern, wohin sie getrieben worden waren, kamen die Neger in Menge wieder. Wenn sie auch durch James Burbanks edelmütiges Vorgehen freie Männer geworden waren, so betrachteten sie sich durchaus nicht aller Verpflichtungen ihm gegenüber als ledig. Wenn sie auch seine Sklaven nicht mehr waren, so wollten sie doch als Arbeiter ihm dienen. Die von Texars Banditen zerstörten Baracken wurden wieder aufgebaut, die Werkstätten und Arbeitsplätze wieder in stand gesetzt, jeder kehrte wieder zurück zu der Arbeit, die ihm so viele Jahre lang Brot für die Seinen gegeben hatte. Edward Carrol, so ziemlich wiederhergestellt, konnte ebenfalls die gewohnten Obliegenheiten erfüllen. Von seiten Perrys und seiner Unterbeamten wurde reger Eifer entfaltet. Sogar Pyg ließ sich, wenn er auch »keine Häuser einriß«, zur Arbeit nicht nötigen; der arme Tor hatte seine Ideen früherer Tage wesentlich eingedämmt. Wenn er sich auch nun als freier Mann ansah, so benahm er sich doch wie ein Mann mit platonischer Freiheit, der in gewaltiger Verlegenheit ist, die Freiheit zu nützen, zu deren Genuß er berechtigt ist. Kurz: als sich das ganze Personal wieder in Camdleß-Bai eingefunden hatte und die zerstörten Baulichkeiten wieder in stand gesetzt waren, nahm die Pflanzung langsam ihr gewohntes Aussehen wieder an. Gleichviel welchen Ausgang der Sezessionskrieg nahm: zu der Annahme, daß den bedeutenderen Pflanzern von Florida Existenz und Leben gesichert sei, lag aller Anlaß vor. In Jacksonville wurde die Ordnung wiederhergestellt. Die Bundestruppen kümmerten sich um die städtischen Verwaltungsfragen nicht im geringsten; sie besetzten die Stadt nur militärisch, und zum Zeichen dessen wehte über den städtischen Gebäuden das Sternenbanner. Schon darum, weil die Mehrheit der Einwohner sich zu der Frage, welche die Vereinigten Staaten zur Zeit in zwei Kriegslager spaltete, ziemlich gleichgiltig stellte, fiel es ihr durchaus nicht schwer, sich der Partei, die den Sieg für sich hatte, unterzuordnen. Die Bundesfrage an sich sollte in den Distrikten Floridas auf keinen Widersacher stoßen. Man hatte – und das war mit ausschlaggebend, – die Empfindung, daß die der Bevölkerung der Südstaaten besonders wertvolle Doktrin der »Einzelstaatsrechte« hier, selbst im Falle daß die Bundesregierung ihre Truppen zurückziehen sollte, nicht mit der bei Separatisten sonst üblichen Schärfe aufrechterhalten werden würde. Gilbert und Mars hatten inzwischen, wie gesagt, die Ufer und Werder des Flusses bis über Picolata hinaus umsonst abgesucht. Es blieb mithin nichts anderes mehr übrig, als unmittelbar auf Texar zu wirken. Seitdem sich die Gefängnistore hinter ihm geschlossen hatten, stand er in keinerlei Verkehr mehr mit seinen Helfershelfern. Hieraus folgte, daß sich die kleine Dy und Zermah noch immer dort befinden mußten, wo sie vor der Einnahme Jacksonvilles durch die Bundestruppen sich befunden hatten. Zur Zeit war die Lage der Dinge in der Stadt so, daß der Gerechtigkeit gegen den Spanier, wenn er sich zu antworten weigerte, freier Lauf gelassen werden konnte. Immerhin ließ sich hoffen, daß er sich, statt es zum äußersten kommen zu lassen, unter der Bedingung, freigelassen zu werden, zu Geständnissen herbeilassen werde. Am 14. gelangte man zu dem Beschlusse, der auch die Zustimmung der Militärbehörden fand, es zunächst im Guten mit dem Missetäter zu versuchen. Frau Burbank war wieder bei Kräften. Die Wiederkehr ihres Sohnes, die Hoffnung, ihr anderes Kind bald wieder zu haben, die Ruhe, die im Lande wieder eingekehrt war, die Sicherheit, die der Pflanzung jetzt verbürgt war, solange wenigstens Kommodore Dupont und General Sherman in Florida am Ruder blieben, – dies alles hatte zusammengewirkt, ihr die abhanden gekommenen sittlichen Kräfte in gewissem Maße wiederzugeben. Burbank Vater und Sohn sollten sich noch am nämlichen Tage, aber allein, nach Jacksonville begeben, Carrol, Stannard und Mars auf der Pflanzung zurückbleiben, Fräulein Alice sollte nicht von Frau Burbank weichen. Der junge Offizier rechnete gleich seinem Vater übrigens darauf, noch vor Sonnenuntergang wieder in Castle-House zu sein und frohe Nachricht mitzubringen. Sobald Texar den Ort genannt hätte, wo Dy und Zermah festgehalten würden, sollten die notwendigen Schritte zu ihrer Befreiung unternommen werden. Dazu würden dann ein paar Stunden, höchstens eine Tagesfrist, von nöten sein. Als Burbank Vater und Sohn sich anschickten, die Pflanzung zu verlassen, zog Alice den letzteren beiseite. »Gilbert,« sprach sie zu dem jungen Offizier, »du sollst dem Manne gegenübertreten, der deiner Familie so schweres Herzeleid angetan hat, dem Schurken, der deinen Vater und dich in den Tod schicken wollte! – Gilbert! versprich mir, dich nicht zu vergessen!« »Ich mich nicht vergessen!« rief Gilbert, dem die Wut, als er den Namen des Spaniers hörte, alles Blut aus den Wangen trieb. »Es darf nicht sein!« sprach Alice weiter; »denn wolltest du deinem Zorn den Lauf lassen, so würdest du nichts erreichen! Vergiß die Rache und halte dir bloß eins im Auge: das Heil deiner Schwester! – die ja bald meine Schwester sein wird! Diesem Gedanken mußt du alles zum Opfer bringen – und selbst wenn du Texar versprechen müßtest, daß er auch für die Zukunft nichts von dir zu fürchten haben soll!« »Ich soll vergessen,« rief Gilbert, »daß meine Mutter durch ihn den Tod finden konnte – daß mein Vater durch ihn den Tod finden sollte!« »Auch du, Gilbert!« erwiderte Alice; »denn auch dich glaubte ich nicht wiedersehen zu sollen! Ja, Gilbert! dies alles hat er verübt! und doch dürfen wir jetzt hieran nicht denken! – Ich sage dir das, weil ich fürchte, daß dein Vater sich nicht wird beherrschen können – daß Euer Weg umsonst sein möge, wenn auch du dich nicht solltest beherrschen können! Ach, warum ist bloß beschlossen worden, mich nicht mit nach Jacksonville zu nehmen! – wer weiß! ich hätte vielleicht durch Milde erreicht, was –« »Und wenn der Kerl mit der Sprache nicht heraus will!« rief Gilbert, der recht wohl fühlte, wie richtig des Mädchens Bemerkungen waren. »Wenn er nichts sagen will, dann muß es der Obrigkeit überlassen bleiben, ihn zu zwingen. Wenn er sehen wird, daß er sein Leben nur erhalten kann, dadurch, daß er Euch sagt, was Ihr wissen wollt, so wird er schon sprechen! Gilbert, ich muß dein Versprechen haben! um unserer Liebe willen, Gilbert, gib es mir!« »Ja, Herzens-Alice! du sollst es haben!« entgegnete Gilbert; »mag der Kerl sonst was verbrochen haben: wenn er uns meine Schwester wiedergibt, will ich alles vergessen!« »Recht so, Gilbert! wir haben furchtbare Prüfungen erlitten, aber sie werden vorübergehen! – Diesen traurigen Tagen wird der liebe Gott Jahre des Glücks folgen lassen –« Gilbert hatte seiner Braut, die ein paar Tränen nicht hatte zurückhalten können, die Hand gedrückt; dann schieden sie voneinander. Um zehn Uhr stiegen Burbank Vater und Sohn, nachdem sie Abschied von ihren Freunden genommen hatten, in dem kleinen Hafen von Camdleß-Bai ins Boot. Die Fahrt über den Fluß ging schnell von statten. Wer zufolge einer Bemerkung von Gilbert manövrierte das Boot, statt sich nach Jacksonville zu begeben, so, daß es beim Flaggschiff des Kommandanten anlegte. Kommandant Stevens galt jetzt als militärisches Oberhaupt der Stadt; es schickte sich also, ihm James Burbanks Angelegenheit vorzutragen. Er stand in regem Verkehr mit den städtischen Behörden. Es war ihm recht gut bekannt, welche Rolle Texar in der Stadt gespielt hatte, als seine Anhänger zur Gewalt gelangt waren, ebenso auch, daß sich eine starke Stimmung jetzt gegen ihn geltend machte und daß der bessere Teil der städtischen Bürger eine strenge Ahndung der von ihm verübten Missetaten forderte. Kommandant Stevens hieß James und Gilbert Burbank aufrichtig willkommen. Er fühlte für den jungen Offizier all die Wertschätzung, die dessen Charakter und Mut verdienten; und sobald Mars sich wieder an Bord der Flottille eingefunden hatte mit der Nachricht, daß Gilbert in die Hände der Südstaatler gefallen sei, hatte er alles zu seiner Rettung aufgeboten, was in seinen Kräften stand. Gilbert berichtete dem Kommandanten über die Vorgänge; im großen und ganzen waren seine Mitteilungen nichts weiter als die Bestätigung der schon von Mars gemachten Meldung. Der Kommandant erkannte ohne weiteres an, daß Burbank Vater und Sohn in diesem Falle frei handeln müßten, je nachdem es die Umstände geböten einem Schurken gegenüber, der zweifellos allein über den Verbleib des Kindes und der Mestizin Aufschluß geben könne. Er hieß auch alle Maßnahmen im voraus gut, die von den beiden Männern gegen den Spanier ergriffen werden würden, und autorisierte sie, demselben, wenn sie auf keine andere Weise von ihm die Wahrheit erfahren könnten, sogar die Entlassung aus der Haft und Straflosigkeit zu versprechen. Auch übernahm er ohne weiteres den städtischen Behörden gegenüber für diesen letzteren Fall volle Verantwortung. Burbank Vater und Sohn sprachen dem Kommandanten für sein Entgegenkommen ihren Dank aus und begaben sich zum Hafen, wo sie den inzwischen benachrichtigten Herrn Harvey trafen. Hierauf begaben sich alle drei in den Justizpalast, wo der Befehl, sie in das Gefängnis zu führen, schon eingetroffen war. Im anderen Augenblicke standen sie dem Gefangenen gegenüber. »Ach! der Vater mit dem Sohne!« rief Texar in jenem unverschämten Tone, der ihm zur Gewohnheit geworden war. »Ei, ei! da bin ich ja den Herren Föderierten zu vielem Dank verbunden! Ohne sie wäre mir die Ehre Ihres Besuchs, meine Herren, wohl kaum zuteil geworden! die Gnade, um die Sie nicht mehr zu betteln brauchen, wollen Sie mir jetzt jedenfalls spenden?« Sein Ton war so herausfordernd, daß James Burbank Mühe hatte, an sich zu halten. Sein Sohn legte ihm Mäßigung auf. »Vater,« sagte er, »laß mich antworten! Texar will uns auf einen Boden locken, wohin wir ihm nicht folgen können, auf den Boden der Sündenregister. Auf die Vergangenheit zurückzugreifen ist müßig. Bloß mit der Gegenwart haben wir uns zu befassen.« »Mit der Gegenwart,« rief Texar, »oder vielmehr mit der gegenwärtigen Lage! Aber es kommt mir so vor, als läge dieselbe durchaus klar. Drei Tage lang habt Ihr beide in der Zelle hier gesessen und solltet sie bloß verlassen zu Eurem letzten Gange! Heute bin ich an Eurer Stelle, und fühle mich hier weit fideler, als Ihr Euch schließlich denken mögt!« Diese Erwiderung war ganz danach beschaffen, James Burbank und seinen Sohn aus der Fassung zu bringen, da sie darauf bauten, Texar gegen das über dem Kindesraub schwebende Geheimnis seine Freiheit zu bieten. »Texar,« nahm Gilbert das Wort, »hören Sie mir zu! wir wollen frei und offen mit Ihnen verhandeln. Was Sie in Jacksonville getrieben haben, geht uns nichts an. Was Sie in Camdleß-Bai verübt haben, wollen wir vergessen. Uns interessiert bloß ein Punkt: meine Schwester und Zermah sind verschwunden, während Ihre Parteigänger die Pflanzung verwüsteten. Es steht fest, daß beide geraubt worden sind –« »Geraubt?« wiederholte Texar hämisch – »ha! das ist Wonne für meine Ohren!« »Wonne für Eure Ohren?« rief James Burbank; »Ihr leugnet, Schurke? Ihr erfrecht Euch zu leugnen?« »Vater,« wandte der junge Offizier ein; »bewahren wir unsere Kaltblütigkeit! – es muß sein! Jawohl, Texar, dieser zweifache Raub ist während des Angriffs auf die Pflanzung verübt worden. – Geben Sie zu, Urheber desselben zu sein?« »Ich habe hierauf keine Antwort.« »Verweigern Sie uns die Auskunft, wohin meine Schwester mit Zermah auf Ihren Befehl geschafft worden ist?« »Ich wiederhole, daß ich hierauf keine Antwort habe.« »Auch dann nicht, wenn wir Ihnen im Austausch hiergegen die Freiheit bieten?« »Ich brauche Sie nicht, um frei zu werden.« »Und wer wird Ihnen die Tore dieses Kerkers öffnen?« rief James Burbank, der über solches Maß von Unverschämtheit außer sich geriet. »Die Richter werden es tun, die ich fordere.« »Richter! – die werden Sie ohne Gnade verurteilen!« »Ich werde dann schon allein wissen, was ich zu tun habe.« »Sie verweigern uns also Antwort?« fragte Gilbert zum letzten Male. »Ja.« »Auch wenn wir Ihnen Geld und Gut bieten?« »Ich mag kein Geld von Ihnen. – Lassen Sie mich nun allein!« Durch solche Sicherheit fühlten sich James und Gilbert Burbank, wie nicht geleugnet werden kann, aus dem Sattel gehoben. Worauf fußte diese Sicherheit? wie konnte Texar den Mut finden, es auf ein Urteil ankommen zu lassen, das nicht anders als auf die schlimmste Strafe lauten konnte? Weder das Angebot persönlicher Freiheit, noch das Angebot von Geld und Gut hatten ihm eine Antwort entwinden können! War es unausrottbarer Haß, der ihn alles Selbstinteresse außer acht setzen ließ? Nach wie vor die unentzifferbare Persönlichkeit, die selbst angesichts der furchtbarsten Möglichkeiten ihre bisherige Natur nicht ableugnen wollte! »Komm, Vater! komm!« sprach der junge Offizier und zog James Burbank aus dem Gefängnisse. Am Tore trafen sie Herrn Harvey wieder, und alle drei begaben sich zum Kommandanten Stevens, um ihm über den Mißerfolg ihres Vorhabens zu berichten. Es war gerade an Bord des Flaggschiffs eine Proklamation des Kommodore Dupont eingetroffen, die sich an die Bewohner von Jacksonville richtete und in welcher verkündigt wurde, daß niemand um seiner politischen Anschauungen willen Verfolgung zu gewärtigen hätte, auch nicht um etwaiger Teilnahme willen an Vorgängen zur Rechenschaft gezogen werden solle, die in dem Widerstande Floridas gegen die Unionsstaaten seit Beginn des Bürgerkriegs ihre Quelle gefunden hätten. Diese an sich höchst weise Verfügung, die in solchen Fällen vom Bundespräsidenten Lincoln immer erlassen wurde, konnte offenbar auf Privathandlungen keine Anwendung finden: und unter diese Rubrik fiel ohne Frage der Fall Texar! Daß er den gesetzmäßigen Behörden die Macht entrissen und sich angeeignet hatte, daß er als Usurpator den Widerstand gegen die gesetzliche Gewalt organisiert hatte, war eine Angelegenheit, welche die Südstaatler unter sich abmachen mochten, mit der sich die Bundesregierung nicht zu befassen brauchte. Die Attentate hingegen auf Personen, der gegen einen Nordstaatler gerichtete Ueberfall von Camdleß-Bai, die Zerstörung von dessen Besitztum, der Raub eines Kindes und einer zu dessen Dienstpersonal gehörigen Frau waren Verbrechen, die unter das gemeine Recht fielen, denen gegenüber die Gerechtigkeit freien Lauf behalten mußte. Diese Anschauung vertrat Kommandant Stevens und ebenso Kommodore Dupont, als James Burbank gegen den Spanier im Wege der Klage vorging. Am nächsten Tage, dem 15. März, wurde Texar wegen Plünderung und Menschenraubes unter Anklage gestellt und nach St. Augustine abgeführt. Dort tagte das Kriegsgericht, von welchem der Prozeß gegen ihn geführt wurde. Sechstes Kapitel. Saint-Augustine Saint-Augustine ist eine der ältesten Städte von Nord-Amerika, schon im 15. Jahrhundert erbaut worden und gilt als die Hauptstadt der Grafschaft Saint-Johns, zählt aber, ihrer verhältnismäßig großen Ausdehnung ungeachtet, nicht ganz 3000 Einwohner. Spanischen Ursprungs, hat die Stadt ihren altertümlichen Charakter ziemlich gut gewahrt. Sie steht auf der äußersten Spitze einer Küsteninsel. Kriegs- oder Handelsschiffe können sichere Zuflucht finden in ihrem gegen die an dieser gefährlichen Küste Floridas unterbrochen tobenden Seewinde ziemlich geschützten Hafen. Indessen liegt vor demselben die durch die Schlagwasser des Golfstroms gebildete, schwer passierbare Barre. Wie alle Städte, die von zuviel Sonne zu leiden haben, hat Saint-Augustine enge Straßen. Dank ihrer Lage und der Brise vom Meere, die morgens und abends die Luft erfrischt, ist das Klima der Stadt äußerst mild, die für die Vereinigten Staaten ungefähr dasselbe ist, was Nizza oder Mentone unter dem Himmel der Provence für Frankreich bedeuten. Die eigentliche Stadt zeigt ein streng spanisches Bild. Die Häuser haben fest vergitterte Fenster, im Innern den herkömmlichen »Patio« – einen von schlanken Säulen eingeschlossenen Hof mit phantastischen Giebeln und steinernen, an Altarblätter erinnernden Balkons. Hin und wieder, an einem Sonn- oder Festtage, strömt alles aus den Häusern hinaus auf die Straßen, die dann ein wunderliches Durcheinander von Senoras, Negerinnen, Mulattinnen und Halbindianerinnen, von Negern und Negrillos, von englischen Misses und Misters, von anglikanischen Geistlichen, spanischen Mönchen und katholischen Pfaffen zeigen, die fast alle, auch auf dem Kirchgange, die Zigarette im Munde haben. Saint-Augustine ist der Sitz eines der sechs Gerichtshöfe, die im Staate Florida amtieren. Hierher war, wie schon gesagt, Texar transportiert worden. Hier sollte ihm der Prozeß gemacht werden. Der »Fall Texar« hatte in der Grafschaft die Gemüter stark erregt. Allem Anschein nach sollte sich jetzt der letzte Akt in dem Kampfe zwischen diesem schlimmen Subjekt und der Familie Burbank abspielen. Der Menschenraub war ganz dazu angetan, die öffentliche Meinung leidenschaftlich zu erhitzen, die sich übrigens stark auf die Seite des Pflanzers von Camdleß-Bai neigte. Daß Texar den Menschenraub verübt hatte, stand für jedermann außer Zweifel. Selbst für Leute, die dem Falle gleichgiltig gegenüberstanden, mußte es interessant sein zu beobachten, wie sich dieser Mensch aus dem Prozesse herauswinden würde. Kurz, es war sozusagen ganz Augustine gespannt, ob Texar nicht doch endlich Strafe finden würbe für all die Missetaten, bereit man ihn seit langer Zeit beschuldigte. Die Aufregung wuchs. Von den benachbarten Pflanzungen strömten die Leute nach der Stadt. Einen Hauptpunkt der Anklage bildete die Plünderung und Verwüstung der Pflanzung von Camdleß-Bai, und da von den Südstaatlerhorden auch andere Ansiedlungen verheert worden waren, sah man der Stellung, welche die Bundesregierung zu dem Falle nehmen würde, mit großem Interesse entgegen. Im ersten Hotel der Stadt, im »City-Hotel«, einem Musterbau aus altspanischer Zeit, waren Gäste über Gäste eingekehrt, die durchweg von Sympathien für die Familie Burbank erfüllt waren. Hier hatten auch James und Gilbert Burbank, Herr Stannard mit seiner Tochter und Mars Quartier genommen. Alice sollte bei dem Prozeß als Hauptbelastungszeugin erscheinen: sie war ja gerade, als Zermah den Namen Texar rief, an der Marino-Krampe gewesen und hatte diesen Schurken in dem Kahne, der ihn hinwegführte, ganz deutlich erkannt. Indessen würde man fehlgehen, wenn man meinen wollte, Texar sei von all seinen Parteigängern aufgegeben worden. Im Gegenteil! unter den kleinen Pflanzern der Grafschaft, fast durchweg verbissene Sklavenhalter, zählte er viele Freunde. Anderseits hatten seine Jacksonviller Genossen, seit sie wußten, daß sie für ihre Exzesse keine Strafe zu gewärtigen hätten, ihren alten Anführer nicht im Stiche lassen mögen. Eine große Zahl von ihnen hatte sich in Saint-Augustine Rendez-vous gegeben. Freilich, im »Patio« des City-Hotels hätte man sie nicht suchen dürfen. Aber es mangelte in Saint-Augustine nicht an »Tiendas«, Schenken oder Butiken, in denen von allem, was sich essen, trinken, rauchen läßt, etwas verkauft wird. Dort fanden all diese Leute niedriger Herkunft und zweifelhaften Rufes der Brandreden für Texar kein Ende. Kommodore Dupont war momentan nicht in Saint-Augustine, sondern mit seinem Geschwader auf Küstenfahrt, um über alle Hafenplätze die Blockade zu verhängen und hierdurch dem Schmuggel mit Kriegsbedarf die Adern zu unterbinden. Aber die Stadt wurde von den gelandeten Mannschaften scharf bewacht. Weder von der südstaatlichen Armee noch von den auf dem Rückzüge befindlichen Miliztruppen stand etwas zu befürchten. Hätten also Texars Parteigänger eine Revolte versuchen wollen, um die Stadt den Bundestruppen zu entreißen, so würden sie auf der Stelle in die Pfanne gehauen worden sein. Der Spanier war aus einem der unter Stevens' Kommando gestellten Kanonenboote von Jacksonville nach Picolata und von dort unter sicherem Geleit nach Saint-Augustine transportiert worden. Dort hatte er Unterkunft in einer Zelle des Forts gefunden, aus welcher Flucht unmöglich gewesen wäre. Uebrigens ließ sich, da er sich selbst dem Gericht gestellt hatte, wohl kaum annehmen, daß er sich mit Fluchtgedanken trüge. Das wußten seine Parteigänger auch recht gut. Sollte er diesmal verurteilt werden, nun! so würde man ja sehen, was man zu tun habe, um ihm die Flucht zu ermöglichen. Vorderhand mußte man sich aber ruhig verhalten. In Abwesenheit des Kommodore fielen die Funktionen als Militär-Oberhaupt der Stadt dem Colonel Gardner zu; ihm gehörte auch der Vorsitz über den Kriegsrat, der in einem der größeren Räume des Forts über Texar zu Gericht sitzen sollte. Um 11 Uhr vormittags begann die Verhandlung. Ein zahlreiches Publikum füllte den Audienzsaal. Unter denen, die den meisten Lärm machten, ließen sich Freunde oder Parteigänger des Angeklagten vermuten. James Burbank, Gilbert Burbank, Herr Stannard mit seiner Tochter und Mars nahmen auf der Zeugenbank Platz. Was sofort auffiel, war, daß kein einziger Entlastungszeuge zur Stelle war. Es schien, als habe sich der Angeklagte nach dieser Richtung hin gar keine Mühe gegeben: ob er alles Zeugnis zu seinen Gunsten verschmäht oder kein Zeugnis zu seinen Gunsten hatte auftreiben können, mußte sich ja bald herausstellen. Jedenfalls schien um deswillen niemand an dem Ausgange des Prozesses Zweifel zu fassen. James Burbanks hatte sich jedoch eine unerklärliche Ahnung bemächtigt. Hatte er nicht in Saint-Augustine schon einmal Klage gegen Texar geführt? hatte der Spanier sich nicht durch ein geschickt ersonnenes Alibi den Armen der Justiz zu entziehen gewußt? Auch in der Zuhörerschaft konnte die Erinnerung an diesen früheren Fall, der ja nur mit einige Wochen zurück lag, nicht ganz geschwunden sein. Texar wurde kurz nach Eröffnung der Sitzung durch Beifrone in den Saal und auf die Anklagebank geführt, auf der er ruhig und gelassen Platz nahm. Die ihm angeborene Frechheit ließ sich, wie es aussah, durch nichts und unter keinen Umständen erschüttern. Mit geringschätzigem Lächeln maß er seine Richter, einen zuversichtlichen Blick hatte er für seine im Saale anwesenden Freunde, einen Blick voll Haß und Gift warf er auf James Burbank: mit solchem Benehmen sah er der Eröffnung des Verhörs durch Colonel Gardner entgegen. James Burbank und Gilbert Burbank konnten gleich Mars dem Manne gegenüber, der ihnen soviel Böses getan, kaum ihre Ruhe bewahren. Das Verhör begann mit den üblichen Formfragen behufs Feststellung der Persönlichkeit des Angeklagten. »Ihr Name?« fragte Oberst Garner. »Texar.« »Ihr Alter?« »Fünfunddreißig Jahre.« »Ihr Domizil?« »Jacksonville – Tienda von Torillo.« »Ich frage nach Ihrem gewöhnlichen Domizil.« »Ein solches habe ich nicht.« Wie schlugen James Burbank und den Seinen die Herzen, als sie aus dem Munde des Angeklagten solche Antwort, in einem Tone gegeben, vernahmen, der den festen Willen, über seinen Wohnort nichts bekannt werden zu lassen, verriet. Trotz aller eindringlichen Fragen des Präsidenten beharrte Texar auch wirklich bei dieser Aussage. Er gab sich für einen Nomaden, für einen Waldläufer, Trapper, Mordbrenner, Fallensteller aus, der in Baumhütten nächtige, vom Ertrag seiner Büchse und Fallen lebe, aber weder dauernden Wohnsitz noch feste Einnahme habe. Etwas anderes war nicht aus ihm herauszubringen. »Nun, lassen wir das!« entschied Colonel Gardner; »schließlich hat es wenig zu sagen.« »Stimmt in der Tat!« versetzte Texar frech; »setzen wir meinethalben, Colonel, als mein Domizil das Fort Marion von Saint-Augustine, worin man mich wider alles Recht gefangen hält. Wessen bin ich übrigens angeklagt?« setzte er hinzu, gleich als ob er dieses Verhör von Anfang an selber leiten wolle. »Texar,« erwiderte hierauf Colonel Gardner, »Sie stehen nicht unter Anklage wegen der in Jacksonville vorgefallenen Dinge. Eine Proklamation des Kommodore Dupont verkündigt, daß die Bundesregierung sich in Lokalaufstände nicht zu mischen gedenkt; Florida steht jetzt wieder unter dem Bundesbanner, und die Bundesregierung wird demnächst zu seiner Neugestaltung schreiten.« »Wenn ich nicht wegen Umsturzes der städtischen Gewalt von Jacksonville unter Anklage stehe, unternommen im Verein mit der Mehrheit der Einwohnerschaft,« fragte Texar, »warum stehe ich dann hier vor dem Kriegsgericht?« »Das will ich Ihnen sagen, weil Sie so tun, als ob Sie es nicht wissen,« erwiderte Colonel Gardner; »Verbrechen gegen das gemeine Recht sind begangen worden, während Sie die Funktionen als erster Vertreter der Stadtbehörde ausübten. Sie stehen unter Anklage, die Bevölkerung zu Gewalttätigkeiten aufgereizt zu haben.« »Zu was für Gewalttätigkeiten?« »In erster Linie handelt es sich um die Plünderung der Pflanzung von Camdleß-Bai, die durch eine Schar von Missetätern überfallen worden ist.« »Im Verein mit einer Miliztruppe unter Befehl eines Miliz-Offiziers,« setzte lebhaft der Spanier hinzu. »Zugegeben, Texar! aber im Konnex damit haben Plünderung, Raub und Brandstiftung gestanden, auch Angriff mit bewaffneter Hand auf Haus und Wohnung eines Ansiedlers, dessen Recht es war, gegen solch gewalttätiges Vorgehen sich zu wehren: – was derselbe auch getan hat!« »Dessen Recht es war?« antwortete, die Worte des Richters wiederholend, der Angeklagte – »das Recht lag nicht auf der Seite desjenigen, welcher den Befehlen eines rechts- und ordnungsmäßig eingesetzten Bürgerausschusses den Gehorsam weigerte. James Burbank, um den es hier ja handelt, hatte seine Sklaven in Freiheit gesetzt und hierdurch die öffentliche Meinung, die in Florida wie bei der Mehrzahl der südlichen Unionsstaaten auf seiten der Sklavenhalter steht, herausgefordert. Eine solche Handlung konnte zu schwerem Unheil auf den anderen Pflanzungen des Staates führen, denn sie reizte die Neger zu hellem Aufstand. Der Bürgerausschuß von Jacksonville hat den Beschluß gefaßt, daß unter den dermaligen Zeitverhältnissen dagegen eingeschritten werden müsse. Wenn er auch den durch James Burbank in solch unkluger Weise proklamierten Freilassungsakt nicht für gänzlich ungiltig erklärte, so hat er doch wenigstens soviel durchzusetzen für Recht erachtet, daß diese neuen freien Männer des Landes verwiesen würden. Da James Burbank dieser Verordnung des Bürgerausschusses Widerstand entgegensetzte, hat der Ausschuß mit Gewalt vorgehen müssen: und aus diesem Grunde hat die Miliz im Verein mit einem Teile der Bevölkerung die Austreibung der ehemaligen Sklaven der Pflanzung Camdleß-Bai bewirkt.« »Texar,« entgegnete der Colonel Gardner, »Ihr behandelt diese Gewalttätigkeiten von einem Gesichtspunkte aus, den das Kriegsgericht nicht für zulässig gelten lassen kann. James Burbank hat als Nordstaatler von Geburt im vollsten Recht gehandelt, wenn er seine Sklaven freiließ. Die Exzesse, deren Schauplatz seine Besitzung gewesen, lassen sich mithin durch nichts entschuldigen.« »Ich möchte meiner Meinung nach,« versetzte Texar, »Zeit verschwenden, wollte ich vor dem Kriegsgericht meine Ansichten erörtern. Der Bürgerausschuß von Jacksonville hat nach seiner Auffassung gehandelt, wie es ihm die Notwendigkeit vorschrieb. Stehe ich als Vorsitzender des Bürgerausschusses unter Anklage und will man mir persönlich für seine Handlungen die Verantwortlichkeit zuschieben?« »Jawohl, Ihnen persönlich, Texar, denn Sie waren nicht bloß Vorsitzender dieses Ausschusses, sondern Sie haben die gegen Camdleß-Bai losgelassenen Räuberbanden persönlich kommandiert.« »Das müssen Sie zunächst beweisen!« antwortete hierauf Texar kalt; »hat mich ein einziger Zeuge unter den Bürgern und Milizsoldaten gesehen, die zur Ausführung der Befehle des Ausschusses kommandiert waren?« Zufolgedessen rief Colonel Gardner James Burbank als Zeugen vor. James Burbank erzählte die Vorgänge, wie sie sich von da ab zugetragen, seit Texar mit seinen Parteigängern die rechtmäßigen Behörden von Jacksonville abgesetzt hatte. Den Schwerpunkt seiner Aussage legte er aus den Umstand, daß Texar den Pöbel auf seine Pflanzung gehetzt hatte. Auf die Frage des Vorsitzenden, ob er beschwören könne, Texar selber unter den Stürmenden gesehen zu haben, mußte er indes mit einem Nein antworten. »Auf alle Fälle steht es aber für niemand außer Zweifel,« setzte James Burbank hinzu, »daß den Angeklagten alle Verantwortlichkeit für dieses Verbrechen trifft. Kein anderer als er hat die Räuberhorden aus die Pflanzung von Camdleß-Bai gehetzt, und daß mein Haus und Hof mit seinen letzten Verteidigern nicht von den Flammen zerstört worden ist, hat wahrlich nicht an ihm gelegen. Ganz ohne Frage hat er bei all diesen Vorgängen die Hand im Spiele gehabt, und ganz ohne Frage werden wir seine Hand bei noch schlimmeren Verbrechen im Spiele finden!« Darauf schwieg James Burbank. Bevor der zweite Punkt der Anklage, der Menschenraub, zur Verhandlung kommen konnte, war es notwendig, den ersten Punkt derselben, den Ueberfall von Camdleß-Bai vollständig zu erledigen. »Sie stehen also auf dem Standpunkt,« nahm nun Colonel Gardner, zu dem Angeklagten gewandt, wieder das Wort, »daß Sie persönlich nur zum Teil die Verantwortlichkeit treffen könne? daß dieselbe eigentlich ganz auf den Bürgerausschuß falle, dessen Befehle lediglich in Ausführung gesetzt worden seien?« »Unbedingt.« »Und Sie halten Ihre Behauptung aufrecht, nicht an der Spitze der Horden, die Camdleß-Bai verwüsteten, gestanden zu haben?« »Diese Behauptung halte ich aufrecht,« versetzte Texar; »kein einziger Zeuge kann unter seinem Eide aussagen, daß er mich gesehen habe. Nein! ich habe mich nicht unter den Reihen der mutigen Bürger befunden, welche die Befehle des Bürgerausschusses zur Durchführung bringen wollten – und hinzusetzen will ich noch, daß ich an diesem Tage überhaupt nicht in Jacksonville, sondern von Jacksonville abwesend war.« »Allerdings! – möglich ist das schließlich!« ergriff nun wieder James Burbank das Wort, weil er den Augenblick für gekommen erachtete, zum zweiten Punkte der Anklage hinüberzuleiten. »Gewiß ist es,« versetzte Texar. »Wenn aber der Angeklagte,« bemerkte James Burbank weiter, »sich nicht unter den Horden, die Camdleß-Bai plünderten, befunden hat, so nur deshalb, weil er an der Marino-Krampe die Gelegenheit zu einem anderen Verbrechen abpaßte!« »Ich bin auch nicht an der Marino-Krampe gewesen,« versetzte mit frecher Stirn Texar, »so wenig wie unter den Reihen der Angreifer! ich wiederhole, daß ich an diesem Tage überhaupt nicht in Jacksonville war!« Nicht vergessen haben wird der Leser, daß auch John Bruce ebenfalls James Burbank gegenüber erklärt hatte, daß Texar sich nicht unter den Angreifern befunden habe, auch in Jacksonville selber 48 Stunden lang, vom 2. zum 4. März, nicht zu sehen gewesen sei. Dieser Umstand wurde für den Vorsitzenden des Kriegsgerichts Veranlassung zur Stellung folgender Frage: »Wenn Sie an diesem Tage nicht in Jacksonville waren, Angeklagter! so sagen Sie uns doch, wo Sie dann waren?« »Die Antwort hierauf werde ich geben, wenn die Zeit dazu da ist,« lautete Texars einfache Antwort: »vorläufig genügt es mir, festgestellt zu haben, daß ich an dem Sturm auf die Pflanzung nicht persönlich teilgenommen habe. Und nun, Herr Colonel! bitte, wessen werde ich nun noch angeklagt?« Mit gekreuzten Armen, einen frecheren Blick als je bisher auf seine Richter werfend, harrte Texar der Antwort. Die Anklage ließ nicht auf sich warten. Diesmal formulierte sie der Vorsitzende, Colonel Gardner, selbst, und diesmal war es sicher nicht leicht, Rede und Antwort zu stehen. »Sofern Sie nicht in Jacksonville gewesen sind, Angeklagter,« sprach derselbe, »so wird vom Ankläger mit Fug und Recht behauptet, daß Sie in der Marino-Krampe waren.« »In der Marino-Krampe? – Mit Fug und Recht? – Woher dies Fug und Recht? – und was hätte ich dort zu tun gehabt?« »Ein Kind haben Sie geraubt oder rauben lassen, Diana Burbank, James Burbanks Tochter, und mit dem Kinde zugleich Zermah, die Ehefrau des hier anwesenden Mestizen Mars, die bei diesem Kinde war.« »So? dieses Raubes klagt man mich an?« fragte Texar mit beispielloser Ironie. »Jawohl! – Euch klagt man dessen an!« riefen, außer stande, noch länger an sich zu halten, James und Gilbert Burbank und Mars. »Und warum, wenn ich bitten darf, soll gerade ich das gewesen sein, und niemand sonst?« »Weil Sie allein Interesse daran hatten, daß dieses Verbrechen verübt wurde!« lautete die Erwiderung des Colonels Gardner. »Ich Interesse? – und was für Interesse?« »Sie wollten Rache an Burbanks üben! Schon mehrfach hat James Burbank sich in der Zwangslage befunden, Klage gegen Sie anzustrengen. Wenn Sie auch durch geschickte Alibi-Beweise sich bisher vor Verurteilung zu schützen wußten, so haben Sie doch wiederholt die Absicht ausgesprochen, sich an Ihren Anklägern rächen zu wollen!« »Mag sein!« versetzte Texar; »daß zwischen James Burbank und mir ein unauslöschlicher Haß besteht, stelle ich nicht in Abrede, auch nicht, daß ich Interesse daran hatte, ihn durch Verschwindenlassen seines Kindes ins Herz zu treffen. Aber ob ich der diesfallsige Täter gewesen, ist eine andere Sache! Ist ein Zeuge zur Stelle, der mich gesehen hat?« »Ja,« antwortete Colonel Gardner und rief Alice Stannard auf, unter ihrem Eide ihre Aussage zu geben. Fräulein Alice erzählte nun, was an der Marino-Krampe vorgegangen sei, wobei sie nicht verhindern konnte, daß ihr die Erregung zu wiederholten Malen das Wort abschnitt. Betreffs der inkriminierten Tatsache äußerte sie sich ganz bestimmt. Beim Austritt aus dem Tunnel hätten sowohl Frau Burbank als sie selber einen von Zermah geschrieenen Namen vernommen, und dieser Name hätte Texar gelautet. Beide wären, als sie auf die Leichen der erschlagenen Neger stießen, zum Flußufer gerannt. Zwei Kähne seien abgestoßen, in dem einen seien die beiden Opfer hinweggeführt worden, in dem Hinterschiff des andern habe Texar gestanden. Ein Feuerschein sei von Camdleß-Bai auf die Boote gefallen, und in diesem Scheine habe sie den Spanier ganz deutlich erkannt. »Das beschwören Sie?« fragte Colonel Gardner. »Das beschwöre ich!« antwortete klar und bestimmt das junge Mädchen. Nach solch unumwundener Zeugenaussage konnte über Texars Schuld im Sinne der Anklage kein Zweifel mehr obwalten: und doch konnten sowohl James Burbank als seine Freunde und das gesamte Auditorium bei dem Angeklagten nicht die geringste Verringerung seiner Sicherheit wahrnehmen. »Was haben Sie auf diese Zeugenaussage zu antworten?« fragte der Kriegsgerichtsvorsitzende. »Folgendes,« versetzte der Spanier: »der Gedanke, die Zeugin Alice Stannard falscher Aussage zu bezichtigen, liegt mir ferne; ebenso will ich sie nicht beschuldigen, daß sie sich dem Hasse der Familie Burbank dienstbar erwiesen habe dadurch, daß sie unter ihrem Eide ausgesagt hat, ich sei der Urheber eines Raubes, von welchem ich erst nach meiner Verhaftung Kunde erhielt. Bloß eines behaupte ich: daß sie nämlich sich irrt, wenn sie behauptet, mich auf einem der Boote stehend gesehen zu haben, die aus der Marino-Krampe sich entfernten.« »Sollte sich aber,« wandte Colonel Gardner ein, »die Zeugin in dieser Hinsicht wirklich geirrt haben, so kann sie sich doch nicht in dem andern Teil ihrer Aussage irren, daß sie Zermah habe schreien hören: Zu Hilfe! zu Hilfe! Texar ist hier!« »Nun,« versetzte der Spanier, »wenn sich die Zeugin nicht geirrt hat, so muß sich Zermah geirrt haben – weiter kann ich nichts sagen.« »Zermah sollte geschrieen haben: Texar ist hier! ohne daß Sie im Augenblick des Raubes gegenwärtig gewesen wären?« »Es muß wohl so sein, da ich nicht in dem Boote war und gar nicht in der Marino-Krampe gewesen bin.« »Das müßte bewiesen werden!« »Wenngleich es nicht meine Sache ist, solchen Beweis beizubringen, sondern Sache meiner Ankläger, so soll mir das nicht sonderlich schwer fallen.« »Wieder ein Alibi?« fragte Colonel Gardner. »Wiederum ein Alibi!« wiederholte frostig Texar. Ob dieser Antwort des Angeklagten ging durch das Auditorium eine spöttische Bewegung, begleitet von einem Gemurmel des Zweifels, die für den Angeklagten nichts weniger als günstig war. »Texar,« fragte der Colonel, »da Sie mit einem neuen Alibi auftreten, können Sie wohl auch den Beweis dafür bringen?« »Kinderleicht,« versetzte der Spanier, »und hierzu werden wenige Fragen hinreichen. Darf ich sie stellen, Colonel?« »Sprechen Sie, Angeklagter!« »Colonel Gardner! waren Sie nicht Kommandeur über die Landungstruppen, als Fernandina und Fort Clinch von der Bundesarmee genommen wurden?« »Allerdings.« »Zweifellos besinnen Sie sich noch darauf, daß ein auf der Flucht nach Cedar-Keys begriffener Bahnzug auf der Brücke zwischen der Insel Amelia und dem Festlande von dem Kanonenboote »Ottawa« angegriffen wurde?« »Ganz genau.« »Der letzte Wagen dieses Zuges entgleiste, wie Sie dann gleichfalls noch wissen werden, auf der Brücke, ein Truppenkommando nahm alle im Wagen befindlichen Flüchtlinge fest und stellte Namen und Signalement jedes einzelnen fest. Infolge dieser Formalitäten kamen sie erst 48 Stunden nach ihrer Gefangennahme wieder in Freiheit.« »Das ist mir bekannt,« entgegnete Colonel Gardner. »Nun, unter diesen Gefangenen habe ich mich befunden.« »Sie?« »Jawohl – ich!« Ein neues, noch unwilligeres Gemurmel nahm diese so unvermutete Erklärung auf. »Da nun,« fuhr Texar fort, »diese Gefangenen vom 2. bis zum 4. März festgehalten wurden und die mir zur Last gelegte Plünderung sowohl als der Menschenraub in der Nacht des 3. März stattgefunden haben, so ist es an sich ein Ding der Unmöglichkeit, daß ich dabei die Hand im Spiele hatte. Alice Stannard kann also aus Zermahs Munde nicht meinen Namen vernommen haben. Alice Stannard kann mich also auch nicht gesehen haben, denn ich wurde ja doch zur selben Zeit von den Bundesbehörden festgehalten.« »Das ist erlogen!« rief James Burbank; »das kann nicht sein!« »Und ich bleibe bei meiner eidlichen Aussage,« setzte Alice hinzu, »daß ich diesen Menschen gesehen und erkannt habe.« »Ich bitte, die Akten einzusehen,« begnügte Texar sich zu antworten. Colonel Gardner ließ unter den, dem Commodore Dupont in Saint-Augustine übergebenen Akten dasjenige Stück herauslangen, welches die Gefangenen namentlich aufzählte, die bei der Einnahme von Fernandina in dem Eisenbahnzuge, der nach Cedar-Keys abgelassen worden war, gemacht worden waren. Aus diesem Aktenstück wurde festgestellt, daß der Name Texar darin vorkam, und daß das dem Namen beigefügte Signalement auf den Angeklagten paßte. Von Zweifel konnte mithin nicht länger die Rede sein. Die Anklage gegen den Spanier, soweit sie den Menschenraub betraf, mußte fallen gelassen werden. Alice Stannard hatte sich in der Behauptung, ihn erkannt zu haben, geirrt. An diesem Abend konnte Texar nicht an der Marino-Krampe gewesen sein. Seine achtundvierzigstündige Abwesenheit von Jacksonville erklärte sich auf ganz natürliche Weise: er war an Bord eines Schiffes des Bundesgeschwaders gefangen gehalten worden. Also auch diesmal wieder ein unanfechtbares Alibi: ein Alibi, das sich auf eine amtliche Urkunde stützte, durch welches Texar von dem Verbrechen, dessen man ihn anklagte, gereinigt wurde. James Burbank, Gilbert Burbank, Mars und Fräulein Alice wurden durch die Entwicklung, welche dieser Prozeß nahm, aufs schmerzlichste betroffen. Abermals entschlüpfte ihnen Texar, und hiermit wurden sie jeder Möglichkeit, festzustellen was aus Dy und Zermah geworden, verlustig. Angesichts dieses vom Angeklagten beigebrachten Alibis konnte über den Urteilsspruch des Kriegsgerichts kein Zweifel herrschen. Texar wurde von der gegen ihn erhobenen Anklage in allen ihren Punkten freigesprochen, und erhobenen Hauptes, umtost von dem Hurrageschrei seiner Anhänger, verließ er den Gerichtssaal. Noch am selben Abend hatte der Spanier Saint-Augustine verlassen: nach welcher Gegend Floridas er sich gewandt, wo er sein geheimnisvolles Abenteurer-Leben weiterzuführen gedachte, das zu sagen wäre niemand imstande gewesen. Siebentes Kapitel. Letzte Worte und ein letzter Seufzer Am nämlichen Tage, dem 17. März, kehrten Burbank Vater und Sohn mit Herrn Stannard und dessen Tochter und Mars, dem Ehemanne Zermahs, nach der Pflanzung von Camdleß-Bai zurück. Frau Burbank ließ sich die Wahrheit nicht verheimlichen. Das war ein neuer Schlag für die unglückliche Mutter, der bei ihrem Schwächezustande leicht tödlich hätte werden können. »Wenn nun aber Texar keine Schuld an diesem Verbrechen trifft,« fragte Gilbert im Laufe des Gesprächs, das sich über diesen unerklärlichen Ausgang des Prozesses entspann, »wen trifft sie dann?« »Von den ihm anhängenden Subjekten hat das Verbrechen auch ausgeführt werden können,« bemerkte Stannard, »ohne daß er selber anwesend war.« »Das wäre die einzige mögliche Erklärung,« sagte hierauf Edward Carrol. »Nein, Vater! nein, Herr Carrol!« entgegnete Fräulein Alice; »Texar hat in dem Kahne gestanden, der unsere kleine Dy hinwegführte! ich habe ihn gesehen und erkannt, in dem Augenblicke, als Zermah seinen Namen rief. Ganz gewiß! ich habe ihn gesehen!« Was blieb auf diese so ausdrückliche Erklärung des jungen Mädchens zu erwidern? Kein Irrtum ihrerseits sei möglich, beteuerte sie in Castle-House ganz ebenso entschieden wie vor dem Kriegsgerichtshofe. Und doch wiederum: wie konnte der Spanier, wenn sie sich nicht irrte, zur selben Zeit unter den Kriegsgefangenen des Kommodore Dupont gewesen sein? Hierfür ließ sich keine Erklärung finden. Mars indessen ließ, wenn auch für alle anderen jeder Zweifel beseitigt schien, seinen Zweifel nicht fallen. Er nahm sich vor, sich Texar an die Fersen zu heften und den Schurken, sobald er ihn wiederfände, zum Geständnis zu bringen, und müßte er es ihm abpressen! »Du hast recht, Mars,« antwortete Gilbert, »aber auf den Wicht wird man wohl Verzicht leisten müssen, da man ja doch nicht weiß, was aus ihm geworden ist – wir müssen unsere Suche wieder aufnehmen! – ich habe für die hierzu notwendige Zeit Urlaub genommen, und von morgen ab –« »Jawohl, Herr Gilbert! von morgen ab!« erwiderte Mars. Darauf begab sich der Mestize in seine Stube, wo er seinem Schmerz wie seinem Zorne freien Lauf lassen konnte. Am nächsten Tage trafen Gilbert und Mars ihre Vorbereitungen zu der Expedition. Zunächst nahmen sie sich vor, die engsten Kanäle und die kleinsten Werder stromauf von Camdleß-Bai und an den beiden Ufern des Saint-John abzusuchen. Während ihrer Abwesenheit gedachten James Burbank und Edward Carrol ihre Vorkehrungen zu einem durchgreifenden Feldzuge zu treffen. Proviant, Schießbedarf, Transportgerät, Mannschaft: nichts sollte vernachlässigt werden, um der Expedition das Gelingen zu sichern. Wenn es notwendig sein sollte, würde man dieselbe ausdehnen bis in die wilden Regionen von Nieder-Florida, bis in die Marschländer des Südens, quer durch die Everglades. Daß Texar das floridische Landgebiet verlassen haben solle, wurde für unmöglich erklärt. Nach Norden hinauf würde ihm der Weg durch den von der Bundesarmee an der georgischen Grenze gezogenen Kordon abgeschnitten sein. Bei der Absicht, über das Meer zu fliehen, hätte bloß ein Versuch, durch die Meerenge von Bahama zu den in englischem Besitze befindlichen Lukayischen Inseln zu gelangen, unternommen werden können. Solcher Versuch wäre aber insofern ziemlich aussichtslos gewesen, als die Fahrstraßen vom Moskito-Eiland bis zur Bahama-Enge von den Schiffen des Kommodore Dupont besetzt waren. Ueber die ganze Küste war die Blockade verhängt. Auch nach dieser Seite hin bot sich mithin dem Spanier keine Gelegenheit zur Flucht. All diese Erwägungen führten zu dem Ergebnis, daß Texar noch in Florida zu suchen sei, und zwar ohne Zweifel dort, wo er seit vierzehn Tagen seine Opfer unter Aufsicht des Indianers Squambo in Gefangenschaft halten mochte. Der von James Burbank geplanten Expedition mußte also das Ziel vorschweben, den Spanier durch das ganze floridische Gebiet zu verfolgen. Infolge der Anwesenheit von Bundestruppen und dank den an der ganzen östlichen Küste errichteten Blockhäusern herrschte übrigens in ganz Florida Ruhe. Daß es sich in Jacksonville nicht anders verhielt, braucht nicht gesagt zu werden. Die alten Stadtbehörden waren wieder eingesetzt worden. Kein Bürger saß mehr wegen zu lauer oder abweichender Gesinnung im Kerker. Alle Parteigänger Texars hatten sich zerstreut und waren, so weit es ihnen möglich gewesen war, mit der floridischen Miliz zusammen geflohen. Der Sezessionskrieg nahm im mittlern Teile der Vereinigten Staaten zum Vorteil der Bundesarmee seinen Fortgang. Am 18. und 19. März war die erste Division der Potomac-Armee im Fort Monroe gelandet. Am 22. März rüstete sich die zweite Division zum Abmarsch aus Alexandria nach dem gleichen Bestimmungsorte. Trotz des militärischen Genies des unter dem Kriegsnamen »Stonewall Jackson« bekannten Generals waren die Südstaatler binnen wenigen Tagen bei Keyestown aus dem Felde geschlagen worden. Von einer Erhebung Floridas stand also zur Zeit nicht das geringste zu befürchten, zumal sich Florida schon immer ziemlich gleichgiltig gegen die den Norden und den Süden in zwei Heerlager scheidenden Fragen verhalten hatte. Unter solchen Umständen hatten die nach dem Sturm der Pflanzung verjagten schwarzen Arbeiter allmählich zurückkehren können. Die auf die Austreibung freigelassener Sklaven bezüglichen Erlässe Texars und seines Ausschusses hatten seit der Einnahme von Jacksonville keinen Wert mehr. Vom 17. März ab beschäftigte sich die Mehrzahl der auf die Pflanzung zurückgekehrten Neger mit dem Wiederaufbau ihrer Baracken. Unter Edward Carrols Aufsicht vollzogen sich die Arbeiten prompt und in Ruhe. Die wackeren Leute widmeten sich ihren Aufgaben mit Eifer und Treue. Es verblieben also Festsetzungen nur über die Führung der Expedition zu treffen. Bezüglich der Ausführung derselben durfte nicht gesäumt werden. Ein gänzlich unvermuteter Umstand sollte für die Nachforschungen ein bestimmtes Ziel geben. Am 19. nämlich fuhren Gilbert Burbank und Mars, die am frühen Morgen aufgebrochen waren, den Saint-John in einem der leichtesten Boote hinauf, die in Camdleß-Bai aufzutreiben waren. Keiner von den in der Pflanzung aufhältlichen Negern begleitete sie auf diesen tagtäglich an beiden Flußufern unternommenen Touren, die so geheim wie möglich gehalten wurden, um den Spionen, die schließlich auf Texars Befehl die Zugänge zu Castle-House überwachen konnten, keinerlei Anhalt zu geben. Am 19. März, wie gesagt, fuhren sie am linken Ufer hin, zwischen dem hohen Schilf hinter den von den starken Aequinoktialfluten abgelösten Werdern, das sie vor jeder Gefahr, beobachtet zu werden, schützte. Selbst von den im Flußbett fahrenden Schiffen konnten sie unmöglich gesehen werden. Der Zweck ihrer diesmaligen Fahrt war die Erforschung der verborgensten Buchten und Wasserläufe in den Countys Duval und Putnam. Bis zum Weiler Mandarin erinnert der Anblick, welchen der Fluß bietet, fast immer an Sumpfland. Hinter dem Weiler bedecken zahlreiche Inseln das verengerte Flußbett. Von dort bogen sie in den westlichen Flußarm ein, um zu untersuchen, ob sich vielleicht unter dem Dickicht der Mangrove-Bäume ein Rio öffne, der sich weiter ins Innere hinein verfolgen lasse. Sie waren erst ein kurzes Stück gefahren, als auch schon die weiten Sümpfe des Unterlaufs verschwanden. An ihre Stelle traten kleine Flußtäler, die mit baumhohen Farnbüschen und Ambrabäumen, von Serpentarien und Aristolochien umrankt, bedeckt waren. Weder am rechten noch am linken Ufer eine Wohnhütte, bloß hin und wieder eine leerstehende Jagdhütte; stellenweis sah die Gegend aus, als sei sie, in Ermangelung menschlicher Wesen, von allerhand Tierzeug zum ständigen Schlupfwinkel erkoren. Hundegebell, Katzenmiauen, Froschgequak, Schlangengezisch, Fuchsgebell schlugen an die Ohren der beiden Männer. Aber weder von Füchsen, noch von Katzen, Fröschen, Hunden oder Schlangen ließ sich etwas sehen. All die Töne rührten bloß her von dem alle Tierstimmen nachahmenden Katzenvogel, einer Art Braundrossel, mit schwarzem Schopf und rötlichem Schweif, die durch das anfahrende Boot aus ihrer Ruhe aufgescheucht wurde. Es war etwa um drei Uhr nachmittags. Das leichte Fahrzeug bog mit seiner Spitze unter ein finsteres Schilfdickicht, als es von Mars durch einen kräftigen Stoß mit dem Bootshaken durch eine grüne Wand geschnellt wurde, die auf den ersten Blick jeder für unpassierbar gehalten haben würde. Hinter der Wand zeigte sich eine Art kreisrunder Einschnitt von der Größe etwa eines halben Morgens, dessen unter hohen Uferbäumen geschützt liegende Bäume wohl noch niemals die Wärme von Sonnenstrahlen verspürt hatten. »Ein Weiher,« rief Mars aus und richtete sich empor, um einen Blick auf die Ufer desselben zu werfen – »den ich noch nicht kannte!« »Suchen wir ihn also ab!« entgegnete Gilbert; »er muß doch mit der Kette von Tümpeln im Zusammenhang stehen, die durch diese Krampe gebildet werden. Vielleicht werden sie von einem Rio gespeist, der uns weiter in das Landinnere hineinführt?« »Allerdings, Herr Gilbert,« versetzte Mars, »und nordwestlich von uns sehe ich auch die Oeffnung einer Fahrstraße.« »Könntest du bestimmen,« fragte der junge Offizier, »an welchem Orte wir uns befinden?« »Genau nicht, versetzte Mars, »es müßte denn gerade der unter dem Namen Schwarze Krampe bekannte Teicheinschnitt sein. Indessen bin ich, gleich allen Leuten der Gegend, der Meinung gewesen, es sei unmöglich, dorthin zu gelangen, weil es zwischen dieser Krampe und dem Saint-John keine Verbindung gebe.« »Lag nicht einmal in dieser Krampe ein Fort oder Blockhaus zum Schutze gegen die Seminolen?« fragte Gilbert. »Jawohl, aber die Einfahrt zur Krampe vom Fluß aus hat sich seit Jahren verstopft, und deshalb wurde das Blockhaus geräumt. Ich selber habe niemals einen Fuß dorthin gesetzt, und meiner Meinung nach muß es jetzt zerfallen sein.« »Versuchen wir, es zu erreichen,« sagte Gilbert. »Jawohl, versuchen wir es,« stimmte Mars bei, »wenn es auch nicht gerade leicht sein wird. Das Wasser wird bald verschwinden und solch zähem Sumpfe Platz machen, daß man nicht weiter kommen wird.« »Höchst wahrscheinlich, Mars! Darum werden wir, solange es uns nicht an Wasser fehlt, im Boote bleiben müssen.« »Säumen wir keinen Augenblick, Herr Gilbert! Es ist schon drei Uhr, und unter diesem Dickicht wird die Nacht nicht warten lassen.« Es war tatsächlich die Schwarze Krampe, zu welcher der Stoß mit dem Bootshaken Gilbert und Mars durch das vorgelagerte Schilf- und Mangrove-Dickicht den Weg geöffnet hatte. Wie man weiß, war sie nur für leichte Skiffs fahrbar, ähnlich demjenigen, dessen sich Squambo in der Regel bediente, wenn er sich allein oder mit seinem Herrn auf den Saint-John hinaus wagte. Um bis zu dem Blockhause zu gelangen, das mitten in dieser Krampe lag, mußte man zudem durch das unentwirrbare Netz von Werdern und Kanälen dringen, mußte man Bescheid wissen mit den tausenderlei Windungen, in die sich seit Jahren kein Mensch mehr gewagt hatte. Man hielt das Vorhandensein des Blockhauses kaum noch für möglich. Aus diesem Grunde die vollständige Sicherheit für diese merkwürdige Figur von Bösewicht, der sich diese Oertlichkeit zu ihrem gewöhnlichen Schlupfwinkel auserwählt hatte. Daher das unbedingte Geheimnis, in das sich Texars Privatleben hüllte. Man hätte, um sich durch dieses Labyrinth zu finden, über dem fortwährend, selbst in der Zeit, da die Sonne durch den Meridian tritt, tiefe Dunkelheit lag, einen Ariadnefaden haben müssen; freilich konnte es, wem es an einem solchen fehlte, auch beschieden sein, daß ihm der Zufall dazu verhalf, das in der Mitte der Schwarzen Krampe gelegene Eiland zu entdecken. Dem Zufall, diesem unbewußten Führer, mußten sich also auch Gilbert und Mars überlassen. Als sie den ersten Einschnitt passiert hatten, steuerten sie durch die Kanäle, in denen durch die jetzt im Steigen befindliche Flut das Wasser eine Höhe erreichte, daß selbst die engsten und schmälsten derselben für Boote befahrbar waren. Gleichwie durch eine Ahnung vorwärtsgetrieben, drangen die beiden Männer weiter hinein in dieses ihnen unbekannte Wasserwirrsal, ohne sich zu fragen; wie sie den Rückzug wieder aus demselben herausfinden würden. Sie hatten sich nun einmal vorgenommen, das ganze County zu erforschen, und so war es von Belang, daß sich von dem Bereich dieser Wasserkrampe nichts ihren Späherblicken entzog. Nach einer halben Stunde, Gilberts Schätzung der Zeit nach, mühseligsten Ringens mußte das Boot eine starke Meile in der Krampe vorgedrungen sein. Bald aus dieser, bald auf jener Seite durch eine unüberschreitbare Bodenerhöhung gehemmt, hatte es zu wiederholten Malen aus dem einen Kanale wieder hinauslenken und in einen andern einbiegen müssen. Darüber jedoch, daß die Richtung sich im allgemeinen nach Westen zu hielt, bestand kein Zweifel. Keiner von den beiden Männern, weder Gilbert noch Mars, hatte versucht, den Fuß ans Land zu setzen: da all diese Werder kaum soviel Erdreich hatten, daß sie bei mittlerem Wasserstande über die Wasserfläche ragten, war es auch klüger, solange, wie es dem Boote nicht an Wasser fehlte, das Boot nicht zu verlassen. Immerhin war es nur mit großer Anstrengung möglich gewesen, das Boot um diese Meile weiterzubringen, und so kräftig der Mestize auch war, so mußte er sich doch eine kurze Weile Ruhe gönnen. Aber er wollte sich nicht früher dazu verstehen, als bis ein größeres und höher liegendes Werder gefunden war, zu welchem durch eine durchbrochene Stelle in den Kronen der sie überdachenden Bäume ein paar Lichtstrahlen den Weg hinunter fanden. »Hm! das ist doch seltsam!« meinte jetzt der Mestize. »Was ist denn?« fragte Gilbert. »Das sieht doch ganz aus auf diesem Werder, als wenn der Boden bestellt würde!« versetzte Mars. Die Männer stiegen aus und standen auf einem Boden, der nicht mehr so sumpfig war wie aller bisher von ihnen untersuchte. Mars ging nicht fehl in seiner Meinung. Spuren bestellten Bodens zeigten sich nun in unwiderleglicher Form: hier und da keimten Erdknollen; ein halbes Dutzend von Menschenhand gegrabener Furchen durchsetzten den Boden; eine vergessene Hacke steckte noch darin. »Die Krampe wird also bewohnt?« fragte Gilbert. »So muß es wohl sein,« versetzte Mars,« »oder sie erfreut sich zum wenigsten der Bekanntschaft von Waldläufern, vielleicht auch Indianern, die sich hier ihren Kohl bauen.« »Dann wäre es gar nicht so unmöglich, daß sie sich Wohnungen – Hütten – gebaut hätten!« »Allerdings, Herr Gilbert, und wenn es hier Hütten gibt, so werden sie uns nicht mehr lange verborgen bleiben!« Es war von hohem Belang, zu ermitteln, was für Leute hier in dieser Schwarzen Krampe verkehren mochten: ob es sich um Jäger aus den südlichen Strichen handelte, die hier ihren heimlichen Treffort hatten, oder um Seminolen, die noch immer bandenweis im Marschlande von Florida sich aufhielten. Ohne also an Rückkehr zu denken, bestiegen Gilbert und Mars wieder ihr Boot und drangen durch die Windungen an die Dunkelheit, die hier infolge der dichten Belaubung und Engen der Krampe weiter vor. Ihre Augen hatten sich der die Werder überdachenden Bäume herrschte, allmählich gewöhnt und schweiften nach allen Richtungen. Bald waren die Männer der Meinung, eine Hütte zu sehen, die sich aber in der Nähe als ein von einem Stamme zum andern gespannter Laubvorhang entpuppte. Bald wieder wähnten sie, einen Menschen zu sehen, der sie starr angaffte und dann nichts weiter war als ein alter knorriger Ast, von so wunderlicher Gestalt, daß er für einen menschlichen Schattenriß gehalten werden konnte. Dann wieder lauschten sie – vielleicht drang, was sich ihren Blicken entzog, zu ihrem Gehör? Das leiseste Geräusch wäre ja doch ausreichend, die Anwesenheit eines lebendigen Geschöpfs in solcher öden Gegend festzustellen. Eine halbe Stunde mochte nach dem ersten Halt, den sie gemacht hatten, verstrichen sein, als sie sich bei dem mittlern Werder befanden. Das verfallene Blockhaus lag hier so dicht versteckt in dem urwaldähnlichen Blätterdickicht, daß keiner von ihnen etwas davon gewahr wurde. Es schien sogar, als fände die Krampe an dieser Stelle ihr Ende, als schlössen die überwucherten Kanäle sich nunmehr zu solcher Enge, daß sie nicht mehr befahrbar seien. »Weiter vorzudringen scheint mir ausgeschlossen zu sein, Herr Gilbert,« bemerkte Mars; »das Wasser geht aus –« »Und doch können wir uns nicht geirrt haben,« entgegnete der junge Offizier, »als wir vorhin Spuren von Landbau feststellten; es hausen also menschliche Kreaturen in dieser Krampe – vielleicht sind sie kürzlich da gewesen? – vielleicht sind sie noch da?« »Ohne Frage,« erwiderte Mars; »aber wir müssen, was uns von Tageslicht noch bleibt, wahrnehmen, um den Saint-John wiederzugewinnen. Schon bricht die Nacht herein, bald wird Pechfinsternis herrschen! wie sollen wir uns aus diesem Wirrsal von Engen herausfinden? Ich glaube, Herr Gilbert, es ist klug, umzukehren, und unsere Tour hierher morgen in aller Frühe zu wiederholen. Fahren wir wie sonst heim nach Castle-House, erzählen wir dort, was wir gesehen haben, und richten wir uns auf eine gründlichere Erforschung dieser Schwarzen Krampe ein –« »Jawohl! es geht nicht anders,« pflichtete Gilbert bei; »aber bevor wir umdrehen, hätte ich gern noch –« Einen letzten Blick unter die Bäume werfend, stand Gilbert aufrecht im Boote – schon wollte er Mars winken, das Boot zu wenden, da faßte er den Gefährten am Arm – der Mestize hielt im Nu inne, und gleich Gilbert lauschte er gespannten Ohres. Ein Schrei oder vielmehr ein Laut, der sich wie ein langgezogener Seufzer anhörte, der sich aber nicht mit den gewöhnlichen Tönen der Waldmusik verwechseln ließ, drang zu ihnen – ganz wie der letzte Hauch einer schwindenden Seele! »Hier ruft ein Mensch um Hilfe!« sprach Gilbert – »vielleicht einer, der im Sterben liegt!« »Ja!« antwortete Mars, »wir müssen zu ihm! müssen sehen, wer es ist! Steigen wir aus!« Rasch lag das Boot am Gelände und wurde festgemacht. Dann sprang erst Mars, hinter ihm her Gilbert auf die kleine Insel und beide rannten unter die Bäume. Auch hier Spuren auf schmalen, durch das Dickicht geschlagenen Pfaden, sogar Spuren von Männertritten, im sinkenden Tageslicht noch deutlich sichtbar! Von Zeit zu Zeit blieben die beiden Männer stehen und lauschten. Erklang der seufzerähnliche Laut noch immer? Einzig und allein nach ihm konnten sie sich richten. Von neuem, diesmal in aller Nähe, hörten sie den Laut. Trotz der immer dichter werdenden Finsternis erschien es ihnen nicht unmöglich, bis zu der Stelle hinzudringen, von welcher aus die Laute kamen. Plötzlich erklang ein schärferer Schrei. Ueber die Richtung, der sie folgen mußten, bestand kein Irrtum mehr. Mit wenigen Schritten hatten sie einen durch Dickicht führenden Pfad passiert und sahen sich nun angesichts eines Menschen, der röchelnd in einer Blutlache neben einem Bretterzaune lag. Ein Messerstich hatte ihm die Brust durchbohrt. Der letzte Lebenshauch entwich seinen Lippen. Sein Leben zählte bloß nach Augenblicken. Gilbert und Mars hatten sich über ihn geneigt. Er schlug die Augen noch einmal auf; aber sein Bemühen, auf die an ihn gestellten Fragen zu antworten, war vergeblich. »Sehen müssen wir den Menschen können!« schrie Gilbert; »eine Fackel her – steck einen Ast in Brand!« Schon hatte Mars von einem harzhaltigen Baume, deren auf dem Werder in Menge wuchsen, einen Ast gerissen und mit einem Zündholz angebrannt. Der qualmige Lichtschein warf in die Finsternis ein wenig Helligkeit. Gilbert kniete neben dem im Sterben liegenden Manne. Es war ein Neger, ein Sklave, noch jung an Jahren. Durch das aufgerissene Hemd sah man ein Loch in seiner Brust klaffen, aus dem das Lebensblut entrann. Die Wunde mußte tödlich sein, denn das Messer hatte die Lunge durchbohrt. »Wer bist du?« fragte Gilbert – »wer bist du?« Keine Antwort. »Wer hat dich so zugerichtet?« Der Sklave konnte kein Wort mehr sprechen. Mars leuchtete mit dem brennenden Zweige die Stelle ab, wo der Mord begangen worden. Da bemerkte er den Zaun und hinter dem Einfalltore den unsichern Schattenriß des Blockhauses: des kleinen Forts in der Schwarzen Krampe, von dessen Existenz in diesem Teil des County Duval man kaum noch eine Ahnung hatte. »Das Fort!« schrie Mars, und seinen Herrn bei dem armen Neger zurücklassend, war er mit einem Sprunge durch das Einfalltor verschwunden. Im Nu hatte er das Innere des Blockhauses durcheilt und die Zellen besichtigt, die sich zu beiden Seiten des Mittelganges befanden. In der einen Zelle fand er einen noch qualmenden Ueberrest von Feuer. Also war das Fort noch vor kurzem bewohnt worden! Aber was für Leuten, Floridiern oder Seminolen, hatte es als Zuflucht dienen können? Das mußte festgestellt werden um jeden Preis – festgestellt werden durch Ausforschen des im Sterben liegenden Schwarzen. Festgestellt mußte ferner werden, wer der Mörder des Negers war, denn geflohen konnte derselbe erst vor ganz kurzer Zeit sein. Mars trat aus dem Blockhaus, lief um den innern Zaun herum, leuchtete mit seinem brennenden Aste unter die Bäume – keine Seele! Wäre er mit Gilbert früh am Morgen hier gewesen, so hätte er am Ende gefunden, wer hier hauste! Zur Zeit aber war das Blockhaus leer – sie waren zu spät gekommen! Nun eilte der Mestize zurück zu seinem Herrn, dem er schon von weitem zurief, daß sie im Blockhause der Schwarzen Krampe seien. »Hat der Neger Antwort geben können?« fragte er. »Nein,« erwiderte Gilbert; »das Bewußtsein fehlt ihm, und ob er es wiedererlangen wird, scheint mir zweifelhaft!« »Probieren wir es, Herr Gilbert!« versetzte Mars »hier waltet ein Geheimnis ob, dessen Kenntnis für uns von Belang ist, und in dessen Besitz wir unmöglich gelangen können, sobald dieser Unglückliche aus dem Leben geschieden ist!« »Gewiß, Mars! Tragen wir ihn in das Blockhaus! Dort kommt er doch vielleicht wieder zu sich. Hier im Freien können wir ihn unmöglich verscheiden lassen!« »Nehmen Sie den Ast, Herr Gilbert,« antwortete Mars; »ich habe Kraft genug, ihn zu tragen.« Gilbert nahm die brennende Harzfackel. Der Mestize hob den Körper auf, der bloß noch eine träge Masse war, trug ihn bis zum Einfalltore, drang in eine der Zellen hinein und legte seine Last dort auf eine Rasenmatte nieder. Hierauf nahm er seine Brieftasche aus dem Leibgurt und führte sie dem Sterbenden an die Lippen. Noch schlug das Herz desselben, wenn auch schwach und in langen Pausen. Das Leben entwich – würde ihm auch sein Geheimnis entweichen, ehe er den letzten Seufzer getan? Die paar Tropfen Schnaps schienen ihn leicht zu beleben. Die Augen öffneten sich wieder und hefteten sich auf Mars und Gilbert, die ihn dem Tode abspenstig zu machen suchten. Er wollte sprechen – ein paar undeutliche Töne entrangen sich seinem Munde – vielleicht ein Name! »Sprich! – sprich!« rief Mars. Die übermäßige Erregtheit des Mestizen war wirklich ganz unbegreiflich; sie machte ganz den Eindruck, als ob die Aufgäbe, der er sein Leben geweiht hatte, von den letzten Worten dieses Sterbenden abhängig gewesen sei! Umsonst versuchte der junge Sklave ein paar Worte zu sprechen. Er besaß die Kraft nicht mehr dazu. Da fühlte Mars, daß in seiner Jackentasche ein Stück Papier steckte. Dasselbe hervorlangen, öffnen, beim Schein der Harzflamme lesen, war das Werk eines Augenblicks. Ein paar Worte waren mit Kohle darauf gekritzelt; sie lauteten: »Von Texar in der Marino-Krampe geraubt – nach den Everglades geschleppt – auf die Insel Carneral – Zettel diesem jungen Sklaven anvertraut – für Herrn Burbank!« Die Schrift war Mars wohlbekannt: es war Zermahs Handschrift! »Zermah!« schrie er. Der Sterbende schlug, als dieser Name sein Ohr traf, nochmals die Augen auf, und als wenn er seiner Zustimmung Ausdruck geben wollte, ließ er den Kopf sinken. Gilbert stützte ihn, und als er hierauf den Namen »Zermah« wiederholte, nickte der Neger wieder. »Und Du?« fragte Gilbert weiter. Abermals nickte der Neger. »Wer hat dich erstochen?« »Texar!« hauchten des Sterbenden Lippen. Es war das letzte Wort dieses armen Sklaven. Tot sank er auf das Graslager zurück. Achtes Kapitel. Von Camdleß-Bai zum Washington-See Am selben Abend kurz vor Mitternacht waren Gilbert und Mars zurück in Castle-House. Welche Schwierigkeiten hatten sie zu überwinden, ehe sie wieder aus der Schwarzen Krampe heraus waren! Als sie das Blockhaus verließen, wurde es Nacht im Tale des St. John. Unter den Bäumen der Lagune herrschte schon tiefe Finsternis. Wenn nicht Mars sich von einer Art Instinkt hätte leiten lassen, während er durch die vielen Werder steuerte, so wären beide nicht wieder auf den Fluß hinausgekommen. Die größten Schwierigkeiten boten sich, als Mars den einzigen Ausgang suchte, durch den sie das Wasser des St. John erreichen konnten. Der Mestize fand den Durchbruch im dichten Schilf nicht wieder, durch den sie vor ein paar Stunden hereingefahren waren. In drei Stunden hatten sie dann die 20 Meilen von der Schwarzen Krampe bis zur Pflanzung zurückgelegt. In Camdleß-Bai wurde auf sie gewartet. Niemand war schlafen gegangen, diese ungewohnte Verspätung beunruhigte alle. Gilbert und Mars waren sonst alle Abend zurückgekehrt. Weshalb blieben sie heute aus? Endlich kamen sie; alle eilten ihnen entgegen, als sie in die Halle traten. »Vater!« sagte der junge Offizier, »Alice hat sich nicht getäuscht. Texar ist's, der meine Schwester und Zermah geraubt hat! Lies!« Und Gilbert reichte das unförmige Blatt Papier hin, das die wenigen von der Hand der Mestizin geschriebenen Worte enthielt. »Ja,« fuhr er dann fort, »es ist kein Zweifel mehr möglich, der Spanier hat es getan. Und er hat seine beiden Opfer nach der alten Feste in der Schwarzen Krampe gebracht oder bringen lassen! Dort hat er selber gehaust, ohne daß irgendwer darum wußte. Ein armer Sklave, dem Zermah dieses Papier anvertraut hatte, damit er es nach Castle-House gelangen ließe, und von dem sie ohne Zweifel erfahren hatte, daß Texar nach der Insel Carneral gehen wolle, hat es mit seinem Leben bezahlen müssen, daß er ihr hat helfen wollen. Wir fanden ihn im Sterben, Texar hat ihn niedergestoßen, jetzt ist er tot. Aber wenn auch Dy und Zermah nicht mehr in der Schwarzen Krampe sind, so wissen wir nun doch, in welche Gegend von Florida sie geschleppt worden sind. In den Everglades werden wir sie wiederfinden. Morgen, lieber Vater, brechen wir auf!« »Wir sind bereit, Gilbert.« Die Hoffnung war wieder in Castle-House eingekehrt. Nun irrte man doch nicht mehr in fruchtlosem Suchen umher. Frau Burbank, der alles mitgeteilt wurde, fühlte sich aufleben. Sie hatte die Kraft aufzustehen und niederzuknien, um Gott zu danken. Nach Zermahs Bekundung war Texar selber es gewesen, der bei dem Raub der kleinen Dy die Hauptrolle gespielt hatte. Er war es gewesen, den Fräulein Alice in dem Boote hatte enteilen sehen. Und doch! Wie war diese Tatsache mit dem Alibi-Beweis zu vereinbaren, den der Spanier erbracht hatte? Wie hatte er in demselben Augenblick, als er dieses Verbrechen beging, als Gefangener der Unionstruppen sich auf einem der Boote des Geschwaders befinden können? Dieser Alibi-Beweis mußte falsch sein, wie alle andern! Würde man je hinter das Geheimnis kommen, wie dieses hic et ubique des Spaniers zu erklären sei? Kein Tag durfte versäumt werden. Von Camdleß-Bai bis zu den Everglades war es ziemlich weit. Mehrere Tage mußte diese Strecke beanspruchen. Zum Glück war, wie James Burbank gesagt hatte, die von ihm organisierte Expedition zum Aufbruch bereit. Die Insel Carneral liegt, wie die floridischen Karten angeben, im See Okeechoben. Die Everglades bilden eine Sumpfgegend, die bis zum See Okeechoben, ein Stück unter dem 27. Breitengrad im Süden von Florida, reicht. Zwischen Jacksonville und diesem See beträgt die Entfernung etwa 400 englische Meilen. Außerdem ist es ein wenig besuchter Landstrich, der zur damaligen Zeit fast unbekannt war. Am folgenden Tage, dem 20. März, war das Personal der Expedition auf dem Anlegesteg von Camdleß-Bai versammelt. Es setzte sich folgendermaßen zusammen: James Burbank, sein Schwager Edward Carrol, dessen Wunde völlig geheilt war, sein Sohn Gilbert, Verwalter Perry, Mars, und zwölf unter den tapfersten und treusten der Pflanzung ausgesuchten Negern. Das Fahrzeug – eines der größten von Camdleß-Bai – war auch mit Segel versehen und hinreichend mit Waffen und Munition beladen, so daß James Burbank weder von den Seminolen-Horden im untern Florida noch von den Genossen Texars, falls dieser mehrere seiner Anhänger um sich geschart haben sollte, etwas zu fürchten brauchte. Es wurde Abschied genommen, und gegen sechs Uhr morgens erfolgte der Aufbruch. Eine Stunde später fuhr das Boot an dem Dörfchen Mandarin vorbei und gegen zehn Uhr war man, ohne daß ein Ruderschlag zu tun gewesen wäre, in Höhe der Schwarzen Krampe. Die erste Mahlzeit wurde gemeinsam eingenommen. Die Koffer enthielten ausreichenden Proviant für 20 Tage, auch war für eine Anzahl Säcke gesorgt, in denen alles verpackt werden konnte, für den Fall, daß der Weg über Land fortgesetzt werden mußte. Auch um ein Lager aufzuschlagen, bei Tag oder bei Nacht, in den dichten Wäldern des St. John, war alles Nötige vorhanden. Bis gegen elf Uhr blieb der Wind günstig; dennoch mußten jetzt schon die Ruder gebraucht werden, um die Schnelligkeit beizubehalten. Die Neger setzten sich an die Riemen, und von zehn kräftigen Armen getrieben, setzte das Boot seine flotte Fahrt stromaufwärts fort. Mars stand am Steuer und lenkte mit sichrer Hand das Boot durch die Verzweigungen, die durch Inseln und Werder gebildet wurden. Nie geriet er in einen Sackkanal, nie brachte er das Boot in Gefahr, an eine flache Stelle zu geraten, die bei der Ebbe ohne Wasser sein mußte. Bis zum George-See kannte er das Flußbett so genau, wie unterhalb von Jacksonville, und er steuerte das Boot von Camdleß-Bai ebenso sicher wie die Kanonenboote des Kommandanten Stevens, die er durch die Krümmungen der Barre gelotst hatte. Gegen sechs Uhr abends gelangte man vor Picolata an. Eine Abteilung Unionssoldaten hatte den Landungsplatz besetzt. Das Boot wurde angerufen und mußte am Quai Halt machen. Gilbert Burbank stellte sich dem Offizier vor, der in Picolata befehligte, und da er einen Passagierschein vom Kommandanten Stevens hatte, durfte er seine Fahrt fortsetzen. Kurz nach sechs hatten James Burbank und seine Gefährten hinter einem Flußknie den rötlichen Turm der alten spanischen Festung, die seit einem Jahrhundert verlassen war, aus den Augen verloren. »Mars,« fragte nun James Burbank, »fürchtest du nicht, dich während der Nacht auf dem St. John zu verfahren?« »Nein, Massa James,« antwortete Mars. »Bis zum George-See kenne ich mich aus. Darüber hinaus wird dann auch Rat. Wir dürfen keine Stunde versäumen und müssen es ausnutzen, daß die Flut uns noch günstig ist. Je weiter wir heraufkommen, um so schwächer wird sie und um so kürzere Zeit hält sie an. Ich schlage daher vor, des Nachts nicht Halt zu machen.« Der Vorschlag des Mestizen war durch die Umstände diktiert. Da er seiner Sache gewiß zu sein erklärte, konnte man sich auf ihn verlassen. Das hatte man auch nicht zu bereuen. Das Boot hatte die ganze Nacht über leichte Fahrt stromauf. Die Flut kam ihm noch mehrere Stunden lang zu statten. Dann griffen die Neger wieder zu den Rudern, und man kam noch etwa 15 Meilen weiter nach Süden. In der Nacht wurde nicht Halt gemacht, auch nicht am folgenden Tage, der ohne Zwischenfall verlief. Der Oberlauf schien gänzlich menschenleer. Man fuhr inmitten eines riesigen Waldes alter Zedern, deren Blättermasse sich manchmal zu einem dichten Gewölbe über dem Wasserspiegel zusammentat. Dörfer waren keine zu sehen, auch keine Pflanzungen oder verlassene Wohnstätten. Auf dem Ufergelände hatte der Pflug noch nie eine Scholle urbar gemacht. Am 23. sah man bei Tagesgrauen den Fluß zu einer breiten Wasserfläche erweitert, deren Ufer von dem schier endlosen Walde frei waren. Das flache Land erstreckte sich bis zum Horizont. Diese Wasserfläche war der George-See, den der St. John von Süden nach Norden durchströmt. »Wie weit,« fragte James Burbank, »sind wir jetzt von Camdleß-Bai entfernt?« »Etwa hundert Meilen.« »Also haben wir noch nicht ein Drittel der Strecke hinter uns,« bemerkte Edward Carrol. »Mars,« fragte Gilbert, »wie sollen wir nun weiterfahren? Sollen wir an Land gehen und an einem der Ufer entlang marschieren? Das wäre mühsam und zeitraubend. Wäre es nicht möglich, den Fluß soweit zu befahren, wie er eben befahrbar ist? Ein solcher Versuch lohnt mindestens der Mühe. – Was meinst du dazu?« »So wollen wir's machen, Massa Gilbert,« antwortete Mars. Es war in der Tat das Beste, was sie tun konnten. Zu Fuß weiterzugehen, war ja immer noch Zeit. Wenn sie zu Wasser weiterfuhren, sparten sie große Anstrengungen und Zeitverlust. Das Boot glitt, dem östlichen Ufer folgend, über den See. Es hatte flotte Fahrt. In dem Segel saß ein strammer Nordwind. Dank dieser kräftigen Brise konnten die Ruder den ganzen Tag über ruhen, ohne daß diese Untätigkeit zu einer Verzögerung geführt hätte. Als der Abend anbrach, waren die 30 Meilen, die der George-See in der Länge von Norden nach Süden maß, ohne Schwierigkeit rasch zurückgelegt. Gegen sechs Uhr machte James Burbank mit seiner kleinen Truppe an dem untern Winkel Halt, wo der St. John sich in den See ergießt. Es wurde gerastet, weil an dieser Stelle drei bis vier Häuschen einen winzigen Weiler bildeten. Es wohnten hier einige jener floridischen Nomaden, die zum Beginn der schönen Jahreszeit hauptsächlich der Jagd und der Fischerei obliegen. Auf Edward Carrols Vorschlag hin schien es ratsam. Erkundigungen einzuziehen, ob Texar vorbeigekommen sei, und man tat recht daran. Einer der Bewohner dieses winzigen Dörfchens wurde ausgefragt, ob er in den letzten Tagen ein Boot gesehen habe, das über den George-See in der Richtung nach dem Washington-See gefahren sei – ein Boot mit etwa acht Mann, einer farbigen Frau und einem Kinde, einem kleinen weißen Mädchen? »Allerdings,« antwortete dieser Mann, »vor 48 Stunden habe ich ein Boot vorbeikommen sehen, auf das diese Beschreibung paßt.« »Hat es an diesem Weiler Halt gemacht?« fragte Gilbert. »Nein! Es ist im Gegenteil in größter Eile dem Oberlauf des Stromes zugesteuert. Ich habe ganz deutlich,« setzte der Floridier hinzu, »eine Frau mit einem kleinen Mädchen auf dem Arm an Bord gesehen.« »Meine Freunde,« rief Gilbert, »gute Hoffnung! Wir sind Texar auf der Spur!« »Ja!« setzte James Burbank hinzu. »Er hat nur einen Vorsprung von 48 Stunden, und wenn wir nur noch einige Tage lang mit dem Boote fahren können, holen wir ihn ein!« »Kennen Sie den Lauf des St. John oberhalb des George-Sees?« fragte Edward Carrol den Floridier. »Jawohl, Herr, ich habe ihn auf über 100 Meilen befahren.« »Meinen Sie, daß er für ein Boot wie unsres befahrbar ist.« »Was für einen Tiefgang hat es?« »Fast drei Fuß,« antwortete Mars. »Drei Fuß?« sagte der Floridier. »Da wird's an manchen Stellen knapp sein. Wenn Sie aber die Durchfahrten sondieren, glaube ich, können Sie bis zum Washington-See kommen.« »Und wie weit ist's von da noch bis zum Okeechoben-See?« »Etwa 150 Meilen.« »Besten Dank, guter Mann.« »Weiter!« rief Gilbert. »Wir fahren, bis wir kein Wasser mehr unter uns haben!« Der Wind flaute gegen Abend ab, und es mußte wieder gerudert werden. Ehe es völlig Nacht geworden war, hatte man wiederum einige Meilen zurückgelegt. Gilbert hatte die Steuerung übernommen, während Mars, mit einer langen Stange in der Hand, vorn stand. Er sondierte ohne Unterlaß, und wenn er auf Grund stieß, ließ er nach Back- oder Steuerbord halten. Kaum fünfmal lief man während dieser nächtlichen Fahrt auf, und stets war man ohne große Mühe wieder flott. Als gegen vier Uhr morgens die Sonne wiederkam, schätzte Gilbert die während der Nacht zurückgelegte Strecke auf mindestens 15 Meilen. Die Fahrt würde jetzt beschwerlicher. Bei den zahlreichen Windungen des Flusses streckten sich an vielen Stellen Landzungen weit in den Strom hinein. Sanddünen und seichte Stellen mußten oft umfahren werden. Dies führte zu Umwegen und Verzögerungen. Auch der Wind war nicht immer zu benutzen. Die Neger neigten sich über ihre Ruder und entfalteten eine solche Kraft, daß sie die verlorene Zeit bald wieder eingebracht hatten. Es boten sich auch Hindernisse, die gerade für den St. John charakteristisch waren – nämlich treibende Inseln, die durch eine eigentümliche Anhäufung einer wuchernden Pflanze namens »Pistia« gebildet wurde. Diese Teppiche von Kraut und Gras waren fest genug, um Fischottern und Reihern zur Wohnstätte zu dienen. Indessen mußte es mit größter Vorsicht vermieden werden, in diese Pflanzenmassen hineinzugeraten, da man sich nur mit vieler Mühe daraus wieder hätte freimachen können. Der Tag verging ohne Zwischenfall, so auch die Nacht. Der Fluß war noch immer völlig verödet. Kein Boot zeigte sich auf dem Wasser. Das war übrigens nur angenehm. Es war besser, in dieser fernen Gegend keine Menschenseele anzutreffen, da Begegnungen hier doch unter Umständen übel ablaufen konnten. Die Waldläufer, die Jäger von Beruf und die Abenteurer aller Art sind sehr zweifelhaftes Gesindel. Auch mußte stets befürchtet werden, daß man auf Milizen von Jacksonville oder St. Augustine stoßen könne, die sich vor Dupont oder Stevens nach Süden zurückgezogen hatten. Unter diesen Abteilungen waren dann sicher Leute von der Partei Texars, die an James und Gilbert Burbank gern ihr Mütchen gekühlt hätten. Die kleine Truppe mußte jedwedem Zusammenstoß aus dem Wege gehen – nur dann durfte sie sich auf einen Kampf einlassen, wenn der Spanier selber mit ihnen zusammentraf und es galt, ihm seine Gefangenen mit Gewalt zu entreißen. Glücklicherweise vollzog sich die Fahrt unter den obwaltenden Verhältnissen immerhin noch so günstig, daß am 25. abends die Entfernung zwischen dem George-See und dem Washington-See zurückgelegt worden war. An der Grenze dieser Ansammlung stagnierenden Wassers angelangt, mußte das Boot Halt machen. Der Fluß war hier so schmal und seicht, daß man nicht weiter fahren konnte. Zwei Drittel der Strecke waren zurückgelegt. James Burbank und die Seinen waren nur noch 140 Meilen von den Everglades entfernt. Neuntes Kapitel. Der große Zypressenhain Der 10 Meilen lange Washington-See ist einer der unbedeutenderen dieser Gegend des südlichen Florida. Das seichte Wasser ist von Gras durchsetzt, das der Strom den schwimmenden Wiesenflächen entreißt – wahre Schlangennester, die die Schiffahrt an der Oberfläche sehr gefährlich machen. Im Süden setzt der Fluß seinen Lauf in weniger direkter Richtung nach Süden fort. Er ist nun nur noch ein Bächlein, dessen Quellen 30 Meilen weiter im Süden zwischen dem 28. und 27. Breitengrad liegen. Da der St. John unterhalb des Washington-Sees nicht fahrbar ist, stieg die Expedition an Land. Die Waffen und die Proviantsäcke wurden unter die Neger verteilt. Zuvörderst machten sich Gilbert und Mars daran, das Fahrzeug zu verstecken. Im Falle eine Schar von Floridiern oder Seminolen an die Ufer des Washington-Sees kommen sollte, durfte das Fahrzeug nicht ihnen in die Hände fallen. Man mußte mit Bestimmtheit darauf rechnen können, es wiederzufinden, um in ihm die Rückfahrt zurückzulegen. Ein Versteck war unter dem herabfallenden Laub der Bäume und dem dichten Schilf leicht gefunden. Das Boot, dessen Mast niedergelegt worden war, lag so vortrefflich unter dem dichten Grün versteckt, daß es vom Ufer aus niemand hätte entdecken können. Das gleiche war der Fall mit einem andern Boote, das Gilbert sehr gern gefunden hätte – nämlich dem, in welchem Dy und Zermah hergebracht worden waren. Ohne Zweifel hatte auch Texar an diesem See an Land gehen müssen, und was James Burbank an der Weiterfahrt hinderte, das hatte den Spanier gleichfalls hindern müssen. Aber ihr Suchen war erfolglos. Das Boot war nicht zu finden, ob man nun nicht in genügend weitem Umkreis gesucht oder ob nun der Spanier es vernichtet hatte. Der Lagerplatz war an dem Ende des kleinen Kaps an der Nordecke des Sees hergerichtet worden. Es wäre nicht ratsam gewesen, sich mitten in der Nacht in ein unbekanntes Gelände zu wagen, auf dem das Gesichtsfeld sehr eingeschränkt war. Nach reiflicher Erwägung wurde daher beschlossen, erst bei Tagesgrauen den Marsch anzutreten. Die Gefahr, sich in dem dichten Walde zu verirren, war zu groß, um sich ihr leichtsinnig auszusetzen. Die Nacht verlief ohne Zwischenfall. Als um vier Uhr der Morgen dämmerte, wurde das Zeichen zum Aufbruch gegeben. Die Hälfte des Personals war hinreichend, das Gepäck zu tragen, so daß die Neger sich untereinander ablösen konnten. Alle, Herren und Diener, waren mit Karabinern bewaffnet und führten außerdem jene Colt-Revolver bei sich, die bei den kriegführenden Parteien seit dem Ausbruch des Sezessionskrieges so vielfach in Gebrauch waren. Es erschien ratsam, so weit als möglich dem Lauf des St. John zu folgen. Der Fluß kam von Süden, also aus der Richtung des Okeechoben-Sees. Er glich einem durch das Labyrinth der Wälder gesponnenen Faden. Ihm konnte man folgen, ohne sich zu verirren, und ihm ging man denn auch nach. Die Expedition schritt flott aus, Gilbert und Mars voran, James Burbank und Edward Carrol hinter ihnen, der Verwalter Perry mit den Negern als Nachtrab. Ehe sie aufbrachen, war ein derbes Mahl eingenommen worden. Mittags Halt machen und essen, Abends um 6 Uhr Halt machen und wieder essen, wenn die Dunkelheit es nicht gestattete, noch länger zu marschieren, aufbrechen, sobald es wieder hell genug war, um sich in dem Walde zurechtzufinden, das war das Programm, das die Expedition sich gesetzt hatte und das streng befolgt wurde. Zuerst mußte das Ostufer des Washington-Sees umgangen werden. Hier war wieder alles bewaldet, wenn auch noch nicht so ausgedehnt und dicht wie weiter oben. Gegen Abend trat man in den großen Zypressenwald ein, der sich bis zu den Everglades hinzieht. An diesem Tage waren etwa 20 Meilen zurückgelegt worden. Gilbert fragte daher seine Gefährten, ob sie sich nicht zu erschöpft fühlten. »Wir sind sofort bereit, weiter zu marschieren,« sagte einer der Neger im Namen seiner Kameraden. »Können wir uns nicht während der Nacht verirren?« fragte Edward Carrol. »Keineswegs,« antwortete Mars, »denn wir gehen immer dem Ufer des St. John weiter.« »Außerdem,« setzte der junge Offizier hinzu, »ist der Himmel wolkenlos, und die Nacht wird hell sein, denn der Mond geht gegen neun Uhr auf und scheint bis zum Morgen.« Man brach daher auf. Am folgenden Morgen wurde Halt gemacht, um am Fuße einer jener riesenhaften Zypressen, die in dieser Gegend Floridas zu Millionen wachsen, das Frühstück einzunehmen. Der Fluß diente ihnen als trefflicher Wegweiser, und dies war ein Glück; denn die Zypressen, die mit ihren gewundenen, ausgehöhlten Stämmen und den weit über den Boden greifenden Wurzeln eine wie die andere aussahen, boten keinerlei Richtungspunkte. Sie waren wie richtige Regenschirme, deren kerzengrader Stab ein riesiges grünes Dach trug, das freilich weder gegen Regen noch gegen Sonnenschein Schutz gewährte. Gleich nach Tagesanbruch traten James Burbank und seine Gefährten unter die schattigen Gewölbe dieser Bäume. Es war herrliches Wetter. Ein Sturm, der den Boden zu einem ungangbaren Sumpf hätte verwandeln können, stand nicht zu befürchten. Nichtsdestoweniger erheischte der Weitermarsch große Vorsicht, da man den Sumpflöchern und Tümpeln, die nie austrockneten, aus dem Wege gehen mußte. Zum Glück waren längs des rechten Ufers des St. John, das ein wenig höher liegt, die Schwierigkeiten geringer. Abgesehen von den Bächen, die sich in den Fluß ergießen und die entweder umgangen oder durchwatet werden mußten, war die Verzögerung, die man erlitt, nicht nennenswert. An diesem Tage stieß man auf keine Spur, welche auf die Nähe von Sezessionisten oder Seminolen gedeutet hätte, aber auch auf keine Spur von Texar und seinen Gefährten. Vielleicht war der Spanier dem linken Ufer gefolgt. Das wäre aber einerlei gewesen. Denn auf beiden Ufern gelangte man ja in das untere Florida, das in dem Briefchen Zermahs angegeben war. Am Abend machte James Burbank sechs Stunden Halt. Der Rest der Nacht verging über einem Eilmarsch. In dem in Schlaf versunkenen Zypressenhain wurde lautlos marschiert. Kein Windhauch bewegte das Laubgewölbe. Der schon halb gerundete Mond zeichnete den schwarzen Schattenriß des Blätterwerkes auf den Boden. Der Fluß hatte ein fast unmerkliches Gefälle und rauschte kaum. An zahlreichen Stellen trat der Grund hervor, und es hätte keine Schwierigkeiten geboten, hier den St. John zu überschreiten, wenn dies notwendig gewesen wäre. Am folgenden Tage setzte die kleine Truppe nach zweistündiger Rast in der einmal angenommenen Reihenfolge den Marsch nach Süden fort. Aber an diesem Tage mußte der Faden, der sie bisher geleitet hatte, mehrmals abbrechen oder vielmehr dem Ende des Knäuels sich nähern. In der Tat verschwand denn auch der St. John, der nur noch ein winziger Wasserstreifen war, unter einer Gruppe von Chinabäumen, die aus seiner Quelle selbst ihre Nahrung sogen. Darüber hinaus verdeckte der Zypressenwald den Horizont auf drei Vierteln seines Umkreises. »Gilbert,« sagte James Burbank, »jetzt haben wir den St. John nicht mehr zum Wegweiser – wie gehen wir nun weiter?« »Jetzt richten wir uns nach dem Kompaß,« antwortete der junge Offizier. »So lang und dicht dieser Wald auch sein mag, wir werden uns in ihm zurechtfinden.« »Dann also vorwärts, Massa Gilbert!« rief Mars. »Vorwärts, und möge uns Gott führen!« Auf dem ersten Teile des Weitermarsches geschah nicht, was der Auszeichnung wert gewesen wäre. Bisher hatte ihnen kein Hindernis den Weg versperrt. Würde das bis zum Ende so bleiben? Sollte die Familie Burbank ihr Ziel erreichen oder zur Verzweiflung verurteilt sein? Wenn sie die kleine Dy und Zermah nicht wiederfinden, wenn sie sie ihrem Elend überlassen müßten und ihnen keine Rettung bringen könnten, so wäre das für alle ein nie zu verschmerzender Schlag gewesen. Gegen Mittag wurde Halt gemacht. Gilbert berechnete die vom Washington-See ab zurückgelegte Strecke und schätzte, daß man von Okeechoben-See noch 50 Meilen entfernt sei. Acht Tage waren seit dem Aufbruch von Camdleß-Bai verflossen, und über 300 englische Meilen waren durchmessen worden. Allerdings hatten der Fluß bis fast an seine Quelle und dann der Zypressenwald keinerlei ernste Hindernisse geboten. Es war keiner jener Regenströme gefallen, die den St. John unfahrbar machen und das Gelände ringsum unter Wasser setzen, und in den schönen Nächten hatte der Mond hell geschienen. Alles hatte den Marsch begünstigt. Nun waren sie nur noch ein verhältnismäßig kurzes Stück von der Insel Carneral entfernt. Erschöpft, wie sie durch die fortwährenden Strapazen einer vollen Woche waren, hofften sie doch, in 48 Stunden ihr Ziel zu erreichen. Man war also der Entscheidung nahe, deren Ausfall freilich niemand voraussehen konnte. Wenn jedoch das Glück ihnen bisher beigestanden hatte, so mußten sie jetzt befürchten, im zweiten Teil ihrer Reise auf unüberwindliche Hindernisse zu stoßen. Unter den gewohnten Verhältnissen war der Marsch nach dem Mittagsmahle fortgesetzt worden. Die Bodenbeschaffenheit war noch immer die gleiche: weite Wasserlachen und zahlreiche Untiefen waren zu umgehen, mehrere Bäche mußten durchwatet werden, kurz das Fortkommen wurde noch immer durch diese Schwierigkeiten nicht sonderlich beeinträchtigt. Gegen 4 Uhr abends aber machte Mars plötzlich Halt. Als seine Gefährten zu ihm getreten waren, wies er auf Fußspuren, die sich im Boden abgeprägt hatten. »Es unterliegt keinem Zweifel,« sagte James Burbank, »daß vor kurzer Zeit hier Menschen vorübergekommen sind.« »Ja, und zwar in großer Anzahl,« setzte Edward Carrol hinzu. »Aus welcher Richtung kommen diese Spuren und wohin gehen sie?« fragte Gilbert. »Das muß erst konstatiert werden, ehe wir einen Entschluß fassen.« Dies wurde mit großer Sorgfalt vorgenommen. Fünfhundert Yards nach Osten konnte man den Fußspuren folgen, die sich noch weiter in der gleichen Richtung hinzogen. Aber es schien unnütz, ihnen noch weiter nachzugehen. Aus dieser Richtung der Tritte war erwiesen, daß eine Truppe von mindestens 150 bis 200 Mann vom Gestade des Atlantischen Ozeans her diesen Teil des Zypressenwaldes durchquert hatte. Vom Westen her führten diese Spuren ununterbrochen dem Golf von Mexiko zu, indem sie so in schräger Sichtung die floridische Halbinsel durchschnitten, die unter diesem Grade keine 200 englische Meilen breit ist. Es war ebenfalls wahrzunehmen, daß diese Abteilung erst an derselben Stelle Halt gemacht hatte, wo James Burbank und die Seinen jetzt standen, und dann den Marsch in derselben Richtung fortgesetzt hatte. Nachdem Gilbert und Mars ihren Gefährten den Rat gegeben hatten, sich auf jeden Fall kampfbereit zu halten, waren sie eine Viertelmeile etwa nach links in den Wald abgebogen und konnten feststellen, daß die Spuren direkt in der Richtung nach Süden weitergingen. Als beide zurückgekehrt waren, sagte Gilbert: »Vor uns her zieht eine Truppe und zwar auf demselben Wege, den wir vom Washington-See aus gegangen sind. Es sind bewaffnete Leute, denn wir haben Stücke von Patronen gefunden, mit denen sie ihre jetzt völlig ausgebrannten Feuer angezündet haben. Was es für Leute sind, weiß ich nicht. Es steht nur das eine fest, daß es ihrer eine beträchtliche Anzahl ist und daß sie nach den Everglades marschieren.« »Sollte das nicht eine Bande nomadischer Seminolen sein?« fragte Edward Carrol. »Nein,« antwortete Mars. »Die Spuren zeigen deutlich, daß es Amerikaner sind.« »Vielleicht Soldaten der floridischen Miliz?« Bemerkte James Burbank. »Das ist zu befürchten,« sagte der Verwalter Perry. »Sie scheinen zu zahlreich zu sein, um zur Begleitung Texar? zu zählen –« »Wenn nicht eine Bande seines Anhangs zu diesem Kerl gestoßen ist,« sagte Edward Carrol. »Es wäre dann gar nicht unmöglich, daß es ihrer mehrere hundert sind.« »Gegen unser siebzehn!« meinte der Verwalter. »Was tut das!« rief Gilbert. »Wenn sie uns angreifen oder wenn sie uns überfallen, wird jeder seinen Mann stehen!« »Jawohl! Jawohl!« riefen die mutigen Gefährten des jungen Mannes. Das war eine ohne Zweifel ganz natürliche Zuversicht. Bei näherer Betrachtung aber mußte jeder vollauf einsehen, wie viel schlimme Aussichten eine derartige Möglichkeit mit sich brachte. Obwohl jedoch dieser Gedanke wahrscheinlich allen in den Sinn kam, so wirkte dies doch in keiner Weise beeinträchtigend auf den Mut jedes einzelnen. Aber so nahe am Ziel, traf man noch auf ein solches Hindernis! Eine Abteilung Sezessionisten, vielleicht Anhänger Texars, die zu dem Spanier in den Everglades zu stoßen beabsichtigte, um dort auf den günstigen Zeitpunkt zu warten, daß sie nach dem Norden Floridas zurückkehren konnten. Ja! Daß es so stände, hatte man auf jeden Fall zu befürchten. Das fühlten alle. Nach der ersten Regung der Begeisterung verstummten daher alle, versanken in Grübeln, sahen ihren jungen Führer an und fragten sich, was für einen Befehl er ihnen erteilen werde. Auch Gilbert teilte die gemeinsame Empfindung. Aber er warf den Kopf zurück und rief: »Vorwärts!« Zehntes Kapitel. Ein Zusammentreffen Weiter marschieren war die Losung! Allerdings mußten angesichts so großer Gefahren alle nur möglichen Vorsichtsmaßregeln getroffen werden. Es war unerläßlich, eine Marschsicherung vorauszusenden, um das Dickicht des Zypressenwaldes zu rekognoszieren und so auf jedes Vorkommnis gefaßt sein zu können. Die Waffen wurden sorgfältig revidiert und instand gesetzt, auf das erste Signal hin in Tätigkeit treten zu können. Nach einer dieser genauen Untersuchungen konnte Gilbert mit Bestimmtheit zu seinem Vater sagen: »Vater, wir haben jetzt die Gewißheit, daß weder Dy noch Zermah bei der Truppe sind, die vor uns her zieht. Da sich keine Spur eines Pferdes zeigt, so ist anzunehmen, daß Zermah, wenn sie dabei wäre, zu Fuße ginge, meine Schwester auf dem Arm tragend, und ihre Spuren wären mit Leichtigkeit zu erkennen wie auch Dys Tritt an den Halteplätzen. Aber es ist keine Spur eines Frauen- oder Kinderfußes dabei. Ohne Zweifel aber ist die Abteilung mit Feuerwaffen ausgerüstet. An vielen Stellen sind Abdrücke, die nur von Gewehrkolben herrühren können. Außerdem steht es unglücklicherweise fest, daß diese Truppe mindestens zehnmal so stark ist als unsre. Wir müssen daher mit umso größrer Vorsicht zu Werke gehen, je näher wir ihr kommen!« Die Ratschläge des jungen Mannes wurden befolgt. Die Schlüsse, die er aus der Menge und Beschaffenheit der Fußspuren gezogen hatte, mußten wohl richtig sein. Es schien gewiß zu sein, daß weder die kleine Dy noch Zermah bei der Abteilung waren. Daraus folgte, daß man nicht die Spur des Spaniers vor sich hatte. Die aus der Schwarzen Krampe ausgerückte Mannschaft konnte weder so zahlreich noch so gut bewaffnet sein. Es schien daher außer allem Zweifel, daß man eine starke Abteilung floridischer Miliz vor sich hatte, die nach den Everglades marschierte, wo Texar wahrscheinlich vor etwa zwei Tagen eingetroffen sein mußte. Jedenfalls war diese zahlreiche Truppe eine drohende Gefahr für James Burbank und seine Gefährten. Die Marschordnung sollte nicht geändert werden, Mars und Gilbert sollten nach wie vor als Spitze marschieren, nur in größerem Abstand, um jede Ueberraschung rechtzeitig zu melden. Jeder war bereit, seine Schuldigkeit zu tun, obwohl es all diesen braven Leuten das Herz abdrückte, so nahe an dem Ziel, das sie erreichen wollten, noch auf ein Hindernis zu stoßen. Es ging im gleichen flotten Schritt weiter. Allerdings hatte man es für ratsam erachtet, nicht den noch immer deutlich abgedrückten Spuren nachzugehen. Es war besser, mit der Abteilung überhaupt nicht zusammenzutreffen. Leider aber entdeckte man bald, daß dies seine Schwierigkeiten haben würde. In der Tat marschierte diese Abteilung nicht in gerader Richtung. Die Fußspuren wichen oftmals nach rechts oder nach links aus – was darauf hindeutete, daß die Leute sich über die Marschrichtung nicht klar gewesen waren. Nichtsdestoweniger würde aber die allgemeine Richtung nach Süden beibehalten. Wieder war ein Tag verflossen. Noch hatte sein Zusammenstoß James Burbank genötigt, Halt zu machen. Er war in gutem Schritt weiter marschiert und kam augenscheinlich der Truppe näher, die durch den Zypressenwald kreuz und quer lief. Dies war an den zahlreichen Spuren zu erkennen, die von Stunde zu Stunde in dem weichen Boden frischer erschienen. Gilbert und Mars untersuchten diese Merkzeichen unausgesetzt mit größter Achtsamkeit. Da sie viel daraus ersehen konnten, betrachteten sie sie ebenso sorgfältig wie die Seminolen, die gewohnt sind, die geringste Spur auf dem Gelände zu untersuchen, das sie auf Jagdzügen oder auf dem Kriegspfade durchstreifen. Am Abend wurde am Saum einer schmalen Lichtung Halt gemacht. Hier mußte erst vor wenigen Stunden auch gelagert worden sein, denn es waren noch kaum erkaltete Aschenhaufen von den Feuern übrig, die in dem Biwak angezündet worden waren. Man kam daher zu dem Entschlusse, nicht eher weiter zu marschieren, als bis der Tag zur Neige gegangen sei. Die Nacht mußte sehr finster sein, denn der Himmel war bewölkt und der im letzten Viertel stehende Mond konnte erst sehr spät aufgehen. Auf diese Weise formte man sich der Abteilung ohne Gefahr nähern. Vielleicht war es möglich, sie zu rekognoszieren, ohne bemerkt zu werden, an ihr im Dickicht des Waldes vorbeizukommen und einen Vorsprung vor ihr zu gewinnen, so daß man dann vor ihr nach dem Okeechobee-See und der Insel Carneral gelangte. Gegen einhalb neun Uhr brach die kleine Truppe, immer mit Gilbert und Mars an der Spitze, auf. Zwei Stunden schritten sie dahin, das Geräusch ihrer Schritte dämpfend, um sich nicht zu verraten. Kurz nach zehn Uhr gebot James Burbank den Negern, an bereit Spitze er mit dem Verwalter Perry marschierte, Halt. Sein Sohn und Mars waren plötzlich zu ihnen zurückgekehrt. Regungslos warteten alle auf eine Erklärung dieses jähen Rückzugs. »Was gibt es, Gilbert?« fragte James Burbank. »Was habt Ihr bemerkt, du und Mars?« »Ein Biwak unter den Bäumen, dessen Feuer deutlich sichtbar ist.« »Weit von hier?« »Hundert Schritt.« »Hast du erkennen können, was es für Leute sind?« »Nein, denn die Feuer gehen schon aus,« antwortete Gilbert; »aber ich glaube, wir haben uns nicht getäuscht, wenn wir ihre Zahl auf 200 geschätzt haben.« »Schlafen sie?« »Ja, zum größtenteil, aber sie haben doch Wachen ausgestellt. Wir haben mehrere Posten gesehen, die mit Gewehr über zwischen den Zypressen hin und her gehen.« »Was sollen wir tun?« fragte Edward Carrol, sich an den jungen Offizier wendend. »Vor allem,« antwortete Gilbert, »müssen wir zu erfahren suchen, was das für eine Abteilung ist.« »Ich bin bereit, das auf mich zu nehmen,« sagte Mars. »Und ich werde Euch begleiten,« setzte Perry hinzu. »Nein, ich gehe,« sagte Gilbert; »dabei kann ich mich nur auf mich selbst verlassen.« »Gilbert,« sagte James Burbank, »es ist jeher einzelne unter uns bereit, sein Leben im allgemeinen Interesse aufs Spiel zu setzen. Aber um diese Rekognoszierung mit einiger Aussicht auf Erfolg auszuführen, muß man allein gehen.« »Ich werde auch allein gehen.« »Nein, mein Sohn, ich verlange, daß du bei uns bleibst,« antwortete Herr Burbank. »Mars kann allein gehen.« »Ich bin bereit, Massa.« Und ohne weiter zu fragen, verschwand Mars in der Finsternis. Von der Stelle aus, wo James Burbank Halt gemacht hatte, war das Biwak nicht zu sehen. Man mußte bis auf 50 Schritt heran gehen, um die schon sehr schwachen Feuer zu erkennen. Daher mußte man warten, bis der Mestize zurück war, ehe man den Entschluß faßte, der unter den obwaltenden Umständen von nöten war. In höchster Ungeduld hatte der junge Leutnant sich mehrere Yards von dem Halteplatz entfernt. Mars ging mit größter Vorsicht heran, von einem Baumstamme zum andern huschend. So näherte er sich und hoffte, so dicht heranzukommen, daß er erkennen konnte, welcher Partei die Truppe angehörte. Bald war der wackere Mestize ganz dicht bei einem der Wachtposten, der selber nur sieben bis acht Yards von dem Biwak entfernt stand. Alles war still. Erschöpft wahrscheinlich von langem Marsche schliefen die Leute fest. Der Mann, den Mars nun schon ein Weilchen im Auge hatte, stand zwar aufrecht da, bewegte sich aber nicht. Sein Gewehr lag auf dem Boden. Er lehnte mit gesenktem Haupt an einer der Zypressen und schien dem Schlummer nahe. Vielleicht war es möglich, hinter ihm sich bis an das Lager selbst heranzuschleichen. Mars näherte sich langsam dem Posten, als das Knacken eines trocknen Zweiges, den er mit dem Fuß zertrat, ihn verriet. Sofort fuhr der Mann auf, hob den Kopf, drehte sich nach rechts und links und lauschte. Ohne Zweifel sah er auch etwas Verdächtiges, denn er griff zum Gewehr und machte fertig. Ehe er aber Feuer geben konnte, hatte Mars dem Posten das Gewehr entrissen, ihn zu Boden geworfen und ihm seine breite Hand auf den Mund gelegt, daß er nicht schreien konnte. Einen Augenblick später war der Mann geknebelt, und der kraftvolle Mestize, gegen welchen der Gefangene sich vergebens sträubte, hatte ihn emporgehoben und trug ihn nun in fliegender Eile nach der Lichtung, wo James Burbank sich befand. Im Nu hatten sich die Schwarzen um James Burbank und Gilbert, Edward Carrol und den Verwalter Perry geschart. Der halb erstickte Mensch hätte, auch wenn er nicht geknebelt gewesen wäre, kein Wort hervorbringen können. Bei der herrschenden Finsternis konnte man weder sein Gesicht sehen, noch an der Kleidung erkennen, ob er von der floridischen Miliz war oder nicht. Mars befreite ihn von seinem Knebel, und man mußte nun so lange warten, bis er wieder so weit bei Besinnung war, um vernommen zu werden. »Zu Hilfe!« schrie er endlich. »Kein Schrei!« sagte James Burbank zu ihm. »Du hast nichts von uns zu befürchten.« »Was wollt Ihr von mir?« »Du sollst uns der Wahrheit gemäß antworten.« »Das wird darauf ankommen, was Ihr mir für Fragen stellt,« erwiderte der Mann, der wieder zu Geistesgegenwart gelangte. »Vor allem, seid Ihr für den Süden oder für den Norden?« »Für den Norden.« »Dann bin ich bereit, Antwort zu geben.« Nun setzte Gilbert das Verhör fort. »Wieviel Mann,« fragte er, »zählt die Abteilung, die dort biwakiert?« »Fast zweihundert.« »Und wohin marschiert sie?« »Nach den Everglades.« »Und wer ist der Anführer?« »Kapitän Howick.« »Was! Kapitän Howick – einer von den Offizieren des »Wabash?« rief Gilbert. »Derselbe!« »Diese Abteilung besteht also aus Marinesoldaten vom Geschwader des Kommandanten Dupont?« »Ja, aus Föderierten, Nördlichen, Abolitionisten, Unionisten!« rief der Mann, der auf diese verschiednen den Anhängern der guten Sache verliehenen Namen sehr stolz zu sein schien. An Stelle einer Abteilung floridischer Milizen, die James Burbank und die Seinen vor sich zu haben geglaubt hatten, an Stelle einer Bande von Anhängern Texars, begegneten ihnen hier Freunde, Waffengefährten, deren Unterstützung sehr erwünscht kam. »Hurra! hurra!« schrien sie mit solcher Kraft, daß das ganze Biwak sofort aus dem Schlafe auffuhr. Im Nu flammten Fackeln im Finstern auf, und auf der Lichtung kam man zusammen. Vor jeder weiten Erklärung schüttelte Kapitän Howick dem jungen Leutnant die Hand, den er nicht im entferntesten auf dem Wege nach den Everglades vermutet hatte. »Herr Kapitän,« fragte dann Gilbert, »können Sie mir sagen, was Sie hierher nach Südflorida geführt hat?« »Lieber Gilbert,« antwortete Kapitän Howick, »wir sind vom Kommodore hergeschickt worden.« »Und von wo kommen Sie?« »Von Moskito-Inlet. Von dort aus sind wir zunächst nach Neu-Smyrna im Innern des County marschiert.« »Ich möchte Sie fragen, Herr Kapitän, welchen Zweck Ihre Expedition hat.« »Sie hat den Zweck, eine Bande der Südlichen zu strafen, die zwei unserer Schaluppen in einen Hinterhalt gelockt hat, und den Tod unserer braven Kameraden zu rächen.« Kapitän Howick erzählte nun das folgende Ereignis, von dem allerdings James Burbank keine Kenntnis haben konnte; denn es hatte sich zwei Tage nach seinem Aufbruch von Camdleß-Bai zugetragen. Kommodore Dupont hatte, um die südstaatlichen Schiffe bis in die kleinen Wasserläufe der Halbinsel zu verfolgen, eine Expedition von Seesoldaten und zwei Schaluppen des Geschwaders unter dem Kommando zweier Offiziere abgesandt, die trotz ihrer geringen Mannschaft ohne Zaudern sich auf die Flüsse des County wagten. Banden von Südstaatlern bewachten indessen diese Operationen. Sie ließen die Schaluppen in diesen wilden Teil Floridas hinein, und als sie sie in einen Hinterhalt auf dem Kissimmee-See, vierzig Meilen westlich von Kap Malabar, gelockt hatten, fielen sie in großer Ueberzahl über sie her, und außer einer großen Anzahl Matrosen säubert die beiden Kommandanten, die die unglückliche Expedition befehligten, den Tod. Die Ueberlebenden gelangten nur durch ein Wunder zurück nach Moskito-Inlet. Kommodore Dupont befahl sofort die Verfolgung der floridischen Milizen, um Rache für dieses Blutbad zu nehmen. So war es gekommen, daß James Burbanks Truppe in dieser Gegend Floridas mit der 200 Mann starken Abteilung des Kapitän Howick zusammentraf. Nun wurden zwischen dem Kapitän und dem Leutnant rasch Fragen und Antworten ausgetauscht. »Vor allem,« sagte Gilbert, »müssen Sie wissen, daß wir auch nach den Everglades marschieren.« »Sie auch?« versetzte der Offizier, über diese Mitteilung sehr erstaunt. »Was wollen Sie dort?« »Wir verfolgen ein paar Schurken, Herr Kapitän, denen wir auch ihre Strafe zugedacht haben.« »Was sind das für Kerle?« »Ehe ich Ihnen antworte, Herr Kapitän,« antwortete Gilbert, »erlauben Sie mir eine Frage. Seit wann sind Sie mit Ihren Leuten von Neu-Smyrna weg?« »Seit acht Tagen.« »Und Sie sind im Innern des County auf keine Abteilung der Sezessionspartei gestoßen?« »Auf keine, lieber Gilbert,« antwortete Kapitän Howick. »Aber wir wissen aus sicherer Quelle, daß einige Abteilungen Miliz sich nach Südflorida geflüchtet haben.« »Wer ist der Anführer der Abteilung, die Sie verfolgen? Kennen Sie ihn?« »Sehr gut, und ich kann hinzufügen, wenn wir ihn fangen, so wird Herr Burbank sich darüber freuen können.« »Wie meinen Sie das?« fragte James Burbank. »Ich meine, dieser Anführer ist eben der Spanier, den das Kriegsgericht von St. Augustine wegen Mangels an Beweisen in der Geschichte von Camdleß-Bai hat laufen lassen müssen.« »Texar?« Alle hatten diesen Namen ausgestoßen. »Wie?« rief Gilbert. »Texar ist der Führer der Sezessionisten, die Sie verfolgen?« »Derselbe! Er hat den Hinterhalt von Kissimmee gelegt, er hat mit fünfzig Schurken seines Schlages, die er in Person befehligte, das Blutbad angerichtet, und wie wir in Neu-Smyrna erfahren haben, ist er in die Everglades geflüchtet.« »Und wenn es Ihnen gelingt, diesen Elenden zu fangen?« fragte Edward Carrol. »Dann wird er auf dem Flecke erschossen,« antwortete Kapitän Howick. »So lautet der Befehl des Kommodore, und seien Sie versichert, Herr Burbank, dieser Befehl wird ohne weiteres ausgeführt.« Man kann sich leicht vorstellen, welchen Eindruck diese Eröffnung auf James Burbank und die Seinen machte. Mit der Verstärkung, die der Kapitän Howick ihnen zuführte, konnte man bestimmt darauf rechnen, Dy und Zermah zu befreien, den Spanier und seine Spießgesellen zu fangen und für die zahlreichen Verbrechen endlich zu bestrafen. Gilbert teilte nun auch Kapitän Howick mit, was sie nach dem Süden Floridas geführt habe. Plötzlich machte James Burbank eine unerwartete Bemerkung. Indem er sich an Kapitän Howick wandte, fragte er jetzt: »Können Sie mir sagen, an welchem Tage dieses verräterische Blutbad angerichtet wurde?« »Am 22. März, Herr Burbank.« »Nun, am 22. März,« entgegnete James Burbank, »war Texar noch in der Schwarzen Krampe, die zu verlassen er sich eben erst anschickte. Wie hätte er also an dem Blutbad teilnehmen sollen, das 200 Meilen von dort am Kissimmee-See stattfand?« »Sie irren sich, Herr Burbank,« versetzte Kapitän Howick. »Der Spanier ist selbst von den Matrosen, die entkommen sind, erkannt worden; diese Matrosen habe ich selber gefragt, und sie kennen Texar ganz genau.« »Das kann nicht sein,« antwortete wiederum James Burbank. »Zermahs Brief, der in unsern Händen ist, beweist, daß am 22. März Texar noch in der Schwarzen Krampe war.« Gilbert hatte schweigend zugehört. Er begriff, daß sein Vater recht haben müsse. Der Spanier konnte an diesem Tage nicht in der Gegend des Kissimmee-Sees gewesen sein. »Einerlei!« rief er jetzt. »Im Leben dieses Mannes gibt es so vieles Unerklärliche, daß ich mir nicht den Kopf darüber zerbrechen werde. Am 22. März war er noch in der Schwarzen Krampe, das sagt Zermah. Am 22. März stand er an der Spitze einer floridischen Abteilung 200 Meilen von dort, das sagen Sie, gemäß dem Bericht Ihrer Matrosen, Herr Kapitän. Meinetwegen! Fest steht, daß er jetzt in den Everglades ist. In 48 Stunden können wir ihn eingeholt haben!« »Jawohl, Gilbert!« antwortete Kapitän Howick; »und ob nun wegen des Raubes oder wegen des Hinterhalts, erschossen wird der Erbärmliche – und er verdient es, meine ich! – Marsch!« Die Tatsache blieb deswegen aber doch völlig unbegreiflich, wie so vieles andere im Privatleben Texars. Wie hatte er wiederum an diesen zwei Punkten zu gleicher Zeit sein können? Würde dieses Geheimnis sich jemals aufklären? Elftes Kapitel. Die Everglades Eine zugleich entsetzliche und herrliche Gegend sind diese Everglades. Im Süden Floridas gelegen, ziehen sie sich bis zum Kap Sable, dem letzten Punkt der Halbinsel. Diese Gegend ist nichts als ein unermeßlicher Sumpf, der fast auf gleichem Niveau mit dem Atlantischen Ozean liegt. Die Fluten des Meeres überschwemmen die Everglades in Massen, wenn die Stürme vom Ozean oder vom Golf von Mexiko her die Wässer dorthin wälzen, und diese mischen sich mit den Wässern des Himmels, die die Winterzeit in strömenden Katarakten herabschütten. Dies hat hier eine halb feste, halb flüssige Gegend geschaffen, die fast ganz unbewohnbar ist. Diese Wasser sind eingefaßt von weißem Sand, gegen den sie dunkelfarbig abstechen. Fische gibt es hier keine, dafür aber wimmelt es von Schlangen. Wenn man ein paar Meilen weit in dieses Gebiet eingedrungen ist, gelangt man an eine ziemlich umfangreiche Wasserfläche: den Okeechobee-See, der ein kurzes Stück unterm 27. Breitengrade liegt. In einem Winkel dieses Sees tag die Insel Carneral, wo Texar sich ein unbekanntes Versteck gesichert hatte, in welchem er jeder Verfolgung entgangen zu sein glaubte. Eine Texars und seiner Spießgesellen würdige Gegend! – Damals, als Florida noch den Spaniern gehörte, waren in der Regel die Verbrecher hierher geflüchtet, um der Justiz ihres Landes zu entrinnen. Indem sie sich mit der eingeborenen Bevölkerung vermischten, bei denen sich noch karaibisches Blut vorfindet, sind jene Creeks oder Seminolen entstanden, jene nomadisierenden Indianer, die in langwierigem blutigen Kriege unterworfen werden mußten, was erst im Jahre 1845 endgiltig gelungen war. Die Insel Carneral schien vor jedem Angriff geschützt zu sein. Im Osten ist sie allerdings nur durch einen schmalen Kanal vom Festlande getrennt – wenn man dem Sumpfgebiet, das den See umgibt, diese Bezeichnung geben kann. Dieser Kanal mißt etwa 100 Fuß, die mit einer Barke überschritten werden mußten. Auf anderm Wege kann man nicht zur Insel gelangen. Schwimmend, ist unmöglich. Wie hätte sich jemand in dieses schlammige, von Kraut durchwucherte Wasser wagen sollen, das von Reptilien wimmelt? Jenseits erhebt sich der Zypressenhain mit seinem halb unter Wasser stehenden Boden, der nur enge, schwer erkennbare Durchgänge bietet. Der Boden ist klebrig und haftet zäh an den Beinen, mächtige Stämme versperren den Weg, ein starker Modergeruch wirkt erstickend. Texars Behausung war nichts weiter als ein ehemaliger Indianer-Wigwam, der unter den dichten Bäumen im östlichen Teil der Insel stand. Ganz im grünen Dickicht verborgen, konnte man ihn selbst von der nächsten Stelle des Ufers nicht bemerken. Die beiden Spürhunde bewachten ihn genau so scharf, wie das Blockhaus in der Schwarzen Krampe. Einst auf die Jagd nach Menschen abgerichtet, hätten sie jeden in Stücke gerissen, der sich dem Wigwam genähert hätte. Hierher waren seit zwei Tagen Dy und Zermah gebracht worden. Die bis zum Washington-See unschwere Tour war durch den Zypressenwald von großer Mühseligkeit, selbst für kräftige, an dieses schädliche Klima gewöhnte Menschen. Zermah war zwar tapfer und aufopfernd, aber als sie die Insel Carneral erreicht hatten, war sie doch am Ende ihrer Kräfte angelangt. Wie hätte sie nach dem, was sich ereignet hatte, als Texar und Squambo sie aus der Schwarzen Krampe wegführten, nicht verzweifeln sollen? Sie wußte nicht, daß das Briefchen, das sie dem jungen Sklaven übergeben hatte, in James Burbanks Hände gelangt war; aber sie wußte, daß er seinen aufopfernden Versuch, sie zu retten, mit dem Leben hatte bezahlen müssen. Nun sagte sich natürlich die Mestizin, James Burbank würde nie erfahren, was sie dem unglücklichen Neger mitgeteilt hatte, daß nämlich der Spanier und seine Leute sich zum Aufbruch nach der Insel Carneral rüsteten. Zermah konnte also nicht einen Schimmer von Hoffnung mehr hegen. Jede Aussicht auf Rettung mußte schwinden in dieser Gegend, deren wilde Schrecken ihr wohl bekannt waren. Von hier war eine Flucht nicht möglich. Hier gab es kein Entrinnen mehr! Als sie ankamen, befand sich das kleine Mädchen im Zustande äußerster Schwäche. Die Abspannung trotz der beständigen Sorge Zermahs und das schädliche Klima hatten sie sehr angegriffen. Blaß, abgemagert, als sei sie von den Ausdünstungen dieser Sümpfe vergiftet worden, hatte sie nicht mehr die Kraft, sich auf den Beinen zu halten, und konnte kaum noch ein paar Worte sprechen, höchstens nur, um nach ihrer Mutter zu fragen. Zermah konnte ihr nicht mehr sagen, wie sie es in den ersten Tagen nach ihrer Ankunft in der Schwarzen Krampe getan hatte, daß sie Frau Burbank bald wiedersehen werde, daß ihr Vater, ihr Bruder, Fräulein Alice und Mars bald zu ihr kommen würden. Bei ihrem für ihr Alter vorgerückten Verstande begriff Dy, daß sie vom Elternhause weggerissen worden sei, daß sie sich in den Händen eines bösen Menschen befände und daß sie Camdleß-Bai nie wiedersehen werde, wenn keine Hilfe käme. Nun wußte Zermah ihr keine Antwort mehr zu geben, und trotz aller ihrer Hingabe mußte sie das Kind langsam hinsiechen sehen. Der Wigwam war, wie gesagt, nur eine ganz primitive Hütte. Regen und Wind konnten von allen Seiten hinein, aber zur heißen Zeit, deren Einfluß sich unter diesem Breitengrade schon jetzt bemerkbar machte, waren die Insassen wenigstens vor der Sonnenglut geschützt. Dieser Wigwam war in zwei Räumlichkeiten von ungleicher Größe eingeteilt: die eine, ziemlich schmal und kaum erhellt, stand nicht direkt in Verbindung mit der Außenwelt und war nur durch die andere, ein ziemlich großes Gemach, zu betreten. Aus dem letztern führte eine Tür an der Hauptseite der Hütte, derjenigen, die nach dem Ufer des Kanals zu gelegen war, ins Freie. Zermah und Dy waren in die kleine Kammer gesperrt worden, wo sie nur das notdürftigste hatten und auf einer Grasschütte schliefen. In dem andern Gemach hausten Texar und der Indianer Squambo, der seinen Herrn nie verließ. Die sechs Sklaven, die Texar aus der Schwarzen Krampe mitgebracht hatte, schliefen draußen wie die Hunde und bewachten ebenfalls den Wigwam. Schon vom ersten Tage an konnten Dy und Zermah frei aus- und eingehen. Sie waren nicht gefangen, wie in der Schwarzen Krampe. Sie wurden nur bewacht – was eine überflüssige Vorsicht war, denn es war unmöglich, über den Kanal anders als mittels der Barke, an der fortwährend ein Neger Posten stand, hinüberzukommen. An diesem Tage war die Mestizin zwar beständig von Squambo beobachtet worden, Texar selber aber hatte sie gar nicht gesehen. In der Nacht jedoch hörte sie seine Stimme. Er wechselte ein paar Worte mit Squambo, dem er scharfe Wachsamkeit befahl. Und bald schliefen in dem Wigwam alle, bis auf Zermah. Bisher hatte Zermah noch kein Wort aus dem Spanier herausbringen können. Auf der Fahrt zum Washington-See hatte sie ihn vergebens gefragt, was er mit dem Kinde und ihr vorhabe. Er hatte sie nur mit seinen kalten, boshaften Augen angesehen und die Achseln gezuckt. Zermah gab es nicht auf. Sie beschloß, gleich nach der Ankunft auf der Carneral-Insel, Texar aufzusuchen, an sein Mitleid zu appellieren, wenn nicht für sich selbst, so doch für das unglückliche Kind, und wenn das nicht gelang, wollte sie ihn beim Eigennutz fassen. Hierzu bot sich bald Gelegenheit. Schon am folgenden Tage ging Zermah, als das kleine Mädchen noch schlief, nach dem Kanal. Texar ging gerade am Ufer auf und ab. Zermah trat geradeswegs auf ihn zu. »Texar,« redete sie ihn in festem Tone an, »ich habe mit Ihnen zu reden. Es wird das letztemal sein, und ich bitte Sie, mich anzuhören.« Der Spanier, der sich eine Zigarette angezündet hatte, antwortete nicht. Zermah hatte ein Weilchen gewartet und fuhr dann fort: »Texar, wollen Sie mir endlich sagen, was Sie mit Dy Burbank vorhaben?« Keine Antwort. »Ich will nicht versuchen,« setzte die Mestizin hinzu, »Sie um Mitleid für mich selbst zu bitten. Es handelt sich nur um dieses Kind, dessen Leben in Gefahr schwebt und daß Ihnen bald genommen sein wird.« Bei diesen Worten machte Texar eine Gebärde, die sehr starken Zweifel an der Möglichkeit dieser Behauptung aussprach. »Jawohl, sehr bald,« fuhr Zermah fort, »wenn auch nicht durch eine Flucht, so doch durch den Tod!« Der Spanier hatte langsam den Rauch seiner Zigarette ausgeblasen und antwortete nur: »Bah! Das Mädchen wird sich in ein paar Tagen erholen und ich rechne darauf, daß du, Zermah, die Kleine recht sorgsam pflegst, damit ihr kostbares Leben uns erhalten bleibt!« »Nein, ich sage Ihnen nochmals, Texar, das Kind wird bald sterben – bald sterben, ohne daß Sie einen Nutzen davon haben!« »Keinen Nutzen!« versetzte Texar. »Wo ich sie doch fern von ihrer Mutter halte, die sich darüber zu Tode grämt, fern von ihrem Vater und ihrem Bruder, die darüber der Verzweiflung anheimfallen!« »Sie sind also hinreichend gerächt, Texar,« sagte Zermah, »und glauben Sie mir, es würde für Sie von größerem Vorteil sein, wenn Sie das Kind den Eltern zurückgeben würden, als wenn Sie es hier behalten.« »Wie meinst du das?« »Ich meine, Sie haben James Burbank genug Qualen erdulden lassen. Nun muß auch einmal ihr eigenes Interesse zu Worte kommen –« »Mein Interesse?« »Gewiß, Texar,« fuhr Zermah, lebhafter werdend, fort. »Die Pflanzung von Camdleß-Bai ist verwüstet worden, Frau Burbank liegt im Sterben oder ist vielleicht schon tot, ihre Tochter ist verschwunden, und der Vater sucht vergebens ihre Spur. All diese Verbrechen sind von Ihnen begangen worden, das weiß ich, Texar! Ich habe das Recht, Ihnen das ins Gesicht zu sagen. Aber nehmen Sie sich in acht! Für diese Verbrechen werden Sie eines Tages Ihre Strafe erhalten. Denken Sie an die Strafe, die Sie ereilen wird! Ja! Ihr eigenes Interesse erfordert es, daß Sie Mitleid haben. Behalten Sie mich, wenn Sie wollen, aber schicken Sie dieses Kind nach Camdleß-Bai zurück, geben Sie es seiner Mutter wieder. Niemand wird Sie wegen des Vergangenen dann noch zur Verantwortung ziehen. Wenn Sie es verlangen, wird sogar zu teuerm Preise die Freiheit dieses kleinen Mädchens erkauft werden, und wenn ich Ihnen zu diesem Tausch rate, so geschieht es, weil ich das Herz James Burbanks ganz genau kenne.« »Das Mädchen dem Vater zurückgeben!« versetzte Texar im Tone des tiefsten Hasses. »Niemals!« »Elender!« schrie Zermah, von Entrüstung hingerissen. »Nun, so wird Gott sie deinen Händen entreißen.« Ein Lachen, ein Achselzucken war die einzige Antwort des Spaniers. Dann wickelte er sich eine zweite Zigarette, brannte sie ruhig am Stumpf der ersten an und, ohne Zermah noch eines Blickes zu würdigen, ging er hinweg. Regungslos blieb die Mestizin stehen. Was hätte sie auch tun können? Sie sah auf die Neger, die am Ufer arbeiteten. Nirgends ein befreundetes Gesicht, überall die wilden Mienen von Tieren, die mit der Menschheit nichts mehr gemein zu haben schienen. Dann kehrte sie in den Wigwam zurück, um wieder Mutterstelle bei dem Kinde zu vertreten, das mit schwacher Stimme nach ihr rief. Den ganzen Tag über bekam Zermah den Spanier nicht mehr zu sehen. Auch suchte sie ihn nicht. Wozu auch? Neue Schmähungen wider ihn würden ihre Lage vielleicht nur verschlimmern. Wenn auch bisher das Kind und Zermah keine Mißhandlungen zu dulden hatten, so mußten sie doch von Seiten eines solchen Mannes auf alles gefaßt sein. Ein Wutausbruch genügte, um diesen Menschen zu rohester Gewalttat hinzureißen. Von den Gefährten des Spaniers, Squambo und den Sklaven war ebenso wenig menschliche Gesinnung zu erwarten wie von ihrem Herrn. Sie wußten ja auch, was dem bevorstand, der auch nur ein wenig Mitleid mit den Gefangenen an den Tag legte. Zermah war aus sich selber angewiesen. Ihr Entschluß war gefaßt. In der kommenden Nacht wollte sie einen Fluchtversuch machen. Aber wie? Sie mußte doch über das Wasser hinüber, das die Insel Carneral umgab. Das war nur möglich, indem sie sich der Barke bemächtigte. Der Abend kam – die Nacht, die sehr finster war, brach herein und mit ihr strömender Regen, und der Wind brauste über das Sumpfland. Wenn es ihr auch nicht möglich war, durch die Tür der großen Kammer den Wigwam zu verlassen, so war es vielleicht nicht schwer, ein Loch in die Strohwand zu machen, durch das sie kriechen und Dy nach sich ziehen konnte. Einmal draußen, würde sie schon weiter Rat finden. Gegen zehn Uhr war draußen nichts mehr zu hören als das Pfeifen des Sturmes. Texar und Squambo schliefen. Die Hunde streiften nicht mehr um das Haus. Der Augenblick war günstig. Während Dy auf der Grasschütte schlief, begann Zermah leise das Stroh und Schilf herauszuziehen, das die Seitenwand des Wigwams bildete. Plötzlich hielt sie inne. In der tiefen Finsternis draußen ließ ein Geräusch sich vernehmen. Die Hunde bellten und meldeten, daß irgendwer käme. Texar und Squambo wachten auf und eilten hinaus. Draußen wurden Stimmen laut. Augenscheinlich war eine Anzahl Männer am entgegengesetzten Ufer des Kanals angelangt. Zermah mußte ihren Fluchtversuch einstweilen aufschieben. Bald waren in dem Heulen des Sturmes auch Tritte zu hören, die von einer großen Zahl Menschen herzurühren schienen. Zermah lauschte. Was ging vor? Hatte die Vorsehung Erbarmen mit ihr? Kam ihr eine Hilfe, auf die sie nicht mehr gerechnet hatte? Es war ihr bald klar, daß es nicht an dem sei. Im nächsten Augenblicke hörte Zermah zwei Männer in den Wigwam eintreten. Der Spanier war in Begleitung eines andern, der nicht der Indianer Squambo sein konnte, denn dessen Stimme war noch draußen am Ufer zu vernehmen. Die beiden Männer hatten mit leiser Stimme zu sprechen begonnen, als sie plötzlich ihr Gespräch abbrachen. Der eine kam mit einer Laterne in der Hand auf Zermahs Kammer zu. Diese hatte nur noch Zeit, sich auf die Grasschütte zu werfen, so daß das in der Seitenwand gemachte Loch verdeckt wurde. Texar selber öffnete halb die Tür, sah in die Kammer hinein, betrachtete die Mestizin, die auf dem Boden lag und zu schlafen schien, und ging dann wieder. Sogleich war Zermah wieder hinter der Tür, die Texar geschlossen hatte. Sie konnte nun zwar nicht sehen, was in der Kammer vorging, auch nicht erkennen, wer mit Texar sprach; aber sie konnte hören, was gesprochen wurde. Und nun hörte sie folgendes: Zwölftes Kapitel. Was Zermah hörte »Du hier, auf der Insel Carneral?« »Ja, seit ein paar Stunden.« »Ich dachte, du wärest noch in Adamsville Eine kleine Stadt im County Putnam. in der Gegend des Apopka-Sees.« Ein See, der einen der Hauptflüsse des St. John speist. »Dort war ich vor acht Tagen.« »Und warum bist du hergekommen?« »Es ging nicht anders.« »Wir dürfen nirgendswo zusammentreffen, als in der Schwarzen Krampe, das weißt du, und dort auch nur, nachdem ich durch ein paar Zeilen von dir benachrichtigt worden bin.« »Ich sage dir nochmals, ich mußte in aller Eile fort und nach den Everglades flüchten.« »Warum?« »Das wirst du erfahren.« »Wie leicht kannst du uns beide verraten!« »Ich bin in der Nacht gekommen, und keiner deiner Sklaven hat mich sehen können.« Zermah hatte bisher den Sinn des Gesprächs nicht begreifen können; auch konnte sie nicht ahnen, wer dieser unerwartete Gast des Wigwams war. Sicherlich sprachen zwei Männer, und doch schien es nur einer zu sein, der Fragen stellte und Antworten erteilte, so völlig gleichen Klang hatten die Stimmen beider. Man hätte glauben können, all diese Worte kämen aus ein und demselben Munde. Vergebens suchte Zermah durch einen Spalt in der Tür zu spähen. Die matt erleuchtete Kammer lag in einem Halbdunkel, in welchem kein Gegenstand zu erkennen war. Die Mestizin mußte sich daher damit begnügen, soviel wie möglich von diesem Gespräch zu belauschen, das von größter Wichtigkeit für sie sein konnte. Nach einem Augenblick des Schweigens setzten die Männer ihr Gespräch fort. Augenscheinlich war es Texar, der die folgende Frage stellte: »Du bist nicht allein gekommen?« »Nein, ein paar unserer Genossen sind mir bis in die Everglades gefolgt.« »Wie viel?« »Vierzig.« »Fürchtest du nicht, daß sie nun durchschauen werden, was wir so lange Zeit glücklich geheim gehalten haben?« »Keineswegs. Sie werden uns nie zusammen zu Gesicht bekommen. Wenn sie von der Insel Carneral wieder abziehen, wird ihnen unser Geheimnis nicht verraten sein, und an dem Programm unsers Lebens wird sich nichts ändern.« »Was ist seit der Einnahme von Jacksonville vorgefallen?« »Du weißt, daß Dupont St. Augustine genommen hat?« »Ja, das weiß ich, und auch du weißt wohl, wie es kommt, daß ich davon unterrichtet bin?« »Allerdings! Die Geschichte mit dem Eisenbahnzug von Fernandina kam dir gerade zu statten, um dir einen Alibi-Beweis zu ermöglichen, auf Grund dessen das Gericht dich laufen lassen mußte.« »Und dazu hatte es eigentlich gar keine Lust. – Bah! Es ist nicht das erstemal, daß wir ihnen auf diese Weise eine Nase drehen!« »Und wird auch nicht das letztemal sein. Aber vielleicht weißt du nicht, zu welchem Zweck die Unionstruppen St. Augustine besetzt haben? Dies geschah weniger, um die Hauptstadt des County St. John zu nehmen, als um die Küste des Atlantischen Ozeans zu blockieren.« »Davon habe ich gehört.« »Nun genügte es dem Kommodore nicht, die Küste von der Mündung des St. John bis zu den Bahama-Inseln in der Gewalt zu haben, sondern er wollte die Kriegskonterbande bis ins Innere von Florida verfolgen und entsandte zu diesem Zweck zwei Schaluppen mit einer Abteilung Seesoldaten unter dem Befehl zweier Offiziere seines Geschwaders. – Hast du von dieser Expedition gehört?« »Nein.« »Aber wann hast du denn die Schwarze Krampe verlassen? Ein paar Tage nach deiner Freisprechung?« »Ja, am 22. dieses Monats.« »Sieh da! Und die Geschichte ist auch am 22. passiert.« Auch Zermah konnte von dem Hinterhalte nichts wissen, von dem Kapitän Howick Gilbert Burbank erzählt hatte. Auch sie erfuhr jetzt erst zur gleichen Zeit wie der Spanier, wie nach dem Brande der Schaluppen kaum ein Dutzend Ueberlebende dem Kommodore die Nachricht von diesem Unglück hatten überbringen können. »Gut! – Gut!« rief Texar. »Das ist eine glückliche Rache für die Einnahme von Jacksonville. Wenn wir doch diese verdammten Bundesstaatler bis hier herunter locken könnten! Bis zum letzten sollten sie fallen!« »Ja, bis zum letzten, zumal wenn sie sich in diese Sümpfe der Everglades wagen,« versetzte der andere. »Und eben hier werden wir sie in kurzem zu sehen bekommen.« »Was sagst du?« »Dupont hat geschworen, den Tod seiner Offiziere und seiner Seesoldaten zu rächen. Es ist daher eine neue Expedition nach dem Süden des County St. John entsandt worden.« »Die Nordstaatler kommen also hierher?« »Ja, aber in größerer Zahl und gut bewaffnet. Sie sind sehr auf der Hut und gehen in keine Falle.« »Bist du mit ihnen zusammengetroffen?« »Nein, denn unsere Leute sind nicht stark genug, und da haben wir ihnen aus dem Wege gehen müssen. Aber dabei haben wir sie doch immer weiter gelockt. Wenn wir die Milizen aus dem ganzen Territorium zusammengezogen haben, fallen wir über sie her, und kein einziger soll entkommen!« »Woher kommen sie?« »Vom Moskito-Eiland her durch den Zypressenwald.« »Wo mögen Sie in diesem Augenblick sein?« »Etwa 40 Meilen von der Insel Carneral.« »Gut,« antwortete Texar. »Wir müssen sie noch weiter nach Süden ziehen lassen, sie dort festzuhalten suchen und ohne Säumen die Milizen zusammenziehen. Gleich morgen werden wir aufbrechen und im Bahama-Kanal Zuflucht suchen –« Was Zermah hörte, war von größter Bedeutung für sie. Wenn Texar sich entschloß, die Insel zu verlassen, würde er sie mit sich führen oder im Wigwam unter Squambos Obhut zurücklassen? Im letztern Falle hätte die Mestizin vielleicht mit mehr Aussicht auf Erfolg einen Fluchtversuch ins Werk setzen können. Aber wenn sie in dieser Hinsicht einige Hoffnungen gehegt hatte, so wurden diese sogleich vernichtet; denn auf die Frage, was er mit der Mestizin und dem Kinde machen werde, antwortete Texar: »Die nehme ich, wenn es sein muß, bis nach den Bahama-Inseln mit.« »Aber wenn das kleine Kind die Strapazen nicht aushält und zu Grunde geht?« »Lieber will ich es tot sehen als seinem Vater wiedergeben!« »Ach! du hassest die Burbanks gründlich!« »Ebenso wie du sie selber hassest!« Nach einer kurzen Pause fragte Texar weiter: »Was gibt es Neues im Norden?« »Nichts Bedeutendes. Unglücklicherweise scheinen die Nordstaatler im Vorteil zu sein, und es steht zu fürchten, daß die Sache der Sklaverei endgiltig verloren ist.« »Bah!« machte Texar im Tone tiefster Gleichgültigkeit. »Allerdings, wir sind ja weder für den Süden noch für den Norden!« sagte der andere. »Jawohl, und für uns kommt's nur darauf an, solange die beiden Parteien sich zerfleischen, auf der Seite zu sein, wo das meiste zu holen ist.« Mit diesen Worten gab Texar sich voll zu erkennen. Im trüben Wasser des Bürgerkrieges zu fischen, das war der einzige Zweck dieser beiden Männer. »Aber was,« fuhr er fort, »ist im Besondern in Florida vorgegangen in diesen acht Tagen?« »Nichts, worüber du nicht unterrichtet wärest. Stevens ist noch Herr des Stromes bis Picolata.« »Und er scheint nicht weiter den St. John hinauf vordringen zu wollen.« »Nein, die Kanonenboote steuern nicht weiter nach Süden. Es geht sogar das Gerücht, daß Dupont beabsichtige, Florida wieder aufzugeben und nur drei Schiffe zur Aufrechterhaltung der Blockade dort zu lassen.« »Wär's möglich?« »Ich sage dir, man spricht davon, und in diesem Falle würde auch St. Augustine bald geräumt.« »Und Jacksonville?« »Jacksonville auch.« »Tausend Teufel! Dann könnte ich dort zurück, unser Komitee neu bilden und den Platz wieder einnehmen, von dem die Nordstaatler mich verdrängt haben. Und wenn dann James Burbank mit seiner Familie noch nicht Camdleß-Bai verlassen hat, wenn er sich noch nicht durch die Flucht meiner Rache entzogen hat, dann soll er mit seiner ganzen Sippe mir nicht wieder entgehen!« »Ich pflichte dir bei! Alles, was du durch diese Familie erduldet hast, das habe ich mit dir erduldet! Was du willst, das will ich auch! Was du hassest, hasse ich auch! Wir zwei sind im Grunde nur einer!« »Jawohl, einer!« antwortete Texar. Das Gespräch stockte ein Weilchen. Gläser klirrten, als ob der Spanier und der andere zusammen tranken. Zermah traute ihren Ohren nicht. Nach dem, was sie hörte, schienen diese beiden Männer im gleichen Maße beteiligt zu sein an den Verbrechen, die in letzter Zeit in Florida und besonders gegen die Familie Burbank verübt worden waren. Hier waltete ein Geheimnis, das zu entdecken für Zermah von großem Interesse sein mußte. Es mochte jetzt elf Uhr abends sein. Noch immer wütete ein furchtbares Unwetter. Wind und Regen brauste und goß ohne Unterlaß. Texar und sein Gefährte würden sicher die Nacht im Wigwam verbringen und ihre Pläne erst am folgenden Tage ausführen. Dies erfuhr Zermah sogleich; denn der Spießgeselle Texars – jetzt mußte es dieser sein – fragte eben: »Welchen Entschluß wollen wir fassen?« »Folgenden,« antwortete der Spanier. »Morgen im Laufe des Vormittags suchen wir mit unsern Leuten die Umgebung des Sees ab. Wenn nichts auf die Annäherung der feindlichen Abteilung deutet, kehren wir zurück und warten, bis der Augenblick gekommen sein wird, daß wir uns zurückziehen müssen. Wem, im Gegenteil die Gefahr nahe ist, vereinige ich unsere Genossen und meine Sklaven und nehme Zermah bis zum Kanal mit. Du machst dich daran, die in Niederflorida verstreuten Milizen zusammenzuziehen.« »Abgemacht,« antwortete der andere. »Und morgen halte ich mich solange in den Wäldern der Insel verborgen. Es darf uns niemand zusammen sehen.« »Gewiß nicht!« rief Texar. »Der Teufel soll mich bewahren, eilte solche Dummheit zu machen, durch die unser Geheimnis an den Tag käme! Wir werden uns also erst in der kommenden Nacht im Wigwam wiedersehen. Wenn ich morgen schon von der Insel weg muß, verläßt du sie erst nach mir. Begib dich dann in die Gegend von Kap Sable!« Zermah sah wohl ein, daß sie auf keine Hilfe mehr rechnen konnte. Sie konnte sich nur durch sich selber retten, wie groß auch die Gefahren sein mochten, unter so schwierigen Umständen einen Fluchtversuch zu wagen. Aber sie war entschlossen, alles zu versuchen, um von der Insel Carneral zu entkommen. Die Ausführung dieses Planes mußte sie aber um 24 Stunden verschieben, obwohl die sehr finstere Nacht einen Fluchtversuch jetzt begünstigt hätte. Die Leute Texars, die nicht unter den Bäumen Schutz gesucht hatten, hielten sich jetzt um den Wigwam herum auf. Man hörte sie am Ufer hin und her gehen und plaudern. Wenn aber der Fluchtversuch mißglückte, so hätte Zermah ihre Lage nur noch verschlimmert. Vielleicht bot sich auch am folgenden Tage eine bessere Gelegenheit zu fliehen. Hatte nicht der Spanier gesagt, daß er mit seinen Gefährten, seinen Sklaven und selbst dem Indianer Squambo sich auf den Weg machen wolle, um über den Marsch der Unionsabteilung Rekognoszierungen anzustellen? Konnte dieser Umstand nicht leicht Zermah größere Aussicht auf glückliches Gelingen verschaffen? Wenn es ihr gelang, über den Kanal hinüberzukommen, ohne gesehen zu werden, so wollte sie, einmal im Walde, sich und das Kind mit Gottes Hilfe zu retten versuchen. Sie wollte sich so gut verstecken, daß sie Texar nicht wieder in die Hände fiele. Kapitän Howick konnte ja nicht mehr fern sein. Es war also ratsam, bis zum folgenden Tage zu warten. Aber ein Umstand warf dieses schwache Gerüst, auf dem die letzten Hoffnungen der Mestizin ruhten, über den Haufen. In diesem Augenblick klopfte es an die Tür des Wigwams. Squambo war es. »Tritt ein!« sagte der Spanier. Squambo kam herein. »Habt Ihr mir für die Nacht Befehle zu erteilen?« fragte er dann. »Es soll aufs sorgfältigste Wache gehalten werden,« antwortete Texar, »und beim geringsten verdächtigen Zeichen weckst du mich!« »Wird besorgt,« sagte Squambo. »Morgen vormittag gehen wir ein paar Meilen weit in den Zypressenwald rekognoszieren.« »Und die Mestizin und Dy?« »Werden ebenso scharf bewacht wie sonst. Jetzt, Squambo, soll niemand uns im Wigwam stören.« »Jawohl.« »Was machen unsere Leute?« »Die gehen auf und ab und scheinen wenig Lust zum Schlafen zu haben.« »Niemand soll sich entfernen.« »Niemand.« »Und das Wetter?« »Weniger schlecht. Es regnet noch immer, aber der Sturm wird sich bald legen.« »Gut.« Zermah hatte noch immer zugehört. Das Gespräch war anscheinend zu Ende, als ein Seufzer, ein leises Röcheln sich hören ließ. Zermah eilte sofort nach der Grasschütte und neigte sich über das kleine Mädchen. Dy war munter geworden. Sie keuchte und schlug mit den Händen in der Luft. Zermah vermochte nur die Worte zu verstehen: »Zu trinken! Zu trinken!« Das unglückliche Kind war dem Ersticken nahe. Es mußte sogleich hinausgebracht werden. In der tiefen Finsternis nahm Zermah die Kleine auf den Arm, sie fühlte, daß eine Art Krampf sie schüttelte. Die Mestizin schrie laut und riß jäh die Tür der Kammer auf. Zwei Männer standen dort vor dem Indianer Squambo, aber beide waren einander in Gesicht und Gestalt so sehr ähnlich, daß Zermah nicht hätte unterscheiden können, welcher von beiden Texar war. Dreizehntes Kapitel. Ein Doppeldasein Ein paar Worte genügen, das zu erklären, was bisher in dieser Erzählung unerklärlich erschienen ist. Man wird sehen, was Männer zu veranstalten vermögen, wenn ihre schlechte Natur mit Hilfe wirklicher Intelligenz sie auf den Weg des Bösen treibt. Die Männer, vor denen Zermah so plötzlich erschien, waren Zwillingsbrüder. Wo sie geboren worden waren, wußten sie selber nicht genau. Ohne Zweifel in einem Dorfe des Staates Texas – woher sie unter Aenderung des letzten Buchstabens in diesem Worte ihren Namen haben mochten. Texas ist bekanntlich das große im Süden der Vereinigten Staaten am Golfe von Mexiko gelegene Territorium. Nachdem Texas, in dem Unabhängigkeitsbestreben von den Amerikanern unterstützt, gegen die Mexikaner aufgestanden war, gliederte es sich dem Staatenbunde 1845 unter der Präsidentschaft John Tylers an. Fünfzehn Jahre vor dieser Angliederung waren zwei ausgesetzte Kinder in einem kleinen Dorfe gefunden worden. Die öffentlichen Wohlfahrtsbehörden nahmen sich ihrer Erziehung an. Zuvörderst erregten diese beiden Kinder Aufsehen durch ihre wunderbare Aehnlichkeit. Dieselben Gebärden, dieselbe Stimme, dieselbe Haltung, dieselbe Physiognomie, und, wie hinzugesetzt werden muß, dieselben Anzeichen einer frühzeitigen Entartung. Sobald die Gebrüder Texar, von einem unwiderstehlichen Drang nach Freiheit beherrscht, fähig zu sein glaubten, auf eignen Füßen zu stehen, waren sie plötzlich verschwunden. Damals waren sie 24 Jahre alt. In den Dörfern und Weilern von Texas, wo sie bisher sich aufgehalten hatten, sah man sie nicht wieder. Viele Jahre verflossen. Die Brüder Texar waren bald vergessen, selbst dem Namen nach. Und obgleich später dieser Name in ganz Florida einen verhängnisvollen Klang gewinnen sollte, gelangte es doch nicht zur öffentlichen Kenntnis, daß alle beide ihre Jugend in den Grenzprovinzen von Texas verlebt hatten. Eine lange Reihe von Jahren lebten die beiden Brüder getrennt. Sie jagten auf alle mögliche Weise dem Glücke nach. Sie trafen sich nur selten und in großen Zwischenzeiten, wenn niemand sie sehen konnte, bald in Amerika, bald in irgend einem andern Teile der Welt, wohin das Schicksal sie verschlagen hatte. Das Glück, dem sie so lange Zeit nachjagten, das um jeden Preis sie erringen wollten, ließ sich nicht erhaschen, und nun kamen die beiden Abenteurer auf den Einfall, ihre außerordentliche Aehnlichkeit zu ihrem Vorteil auszunutzen. Während in ähnlichen Fällen die große Aehnlichkeit sich allmählich verliert, je mehr die Kinder zu Männern heranwachsen, war dies bei den Brüdern Texar nicht der Fall. Ihre physische und moralische Aehnlichkeit blieb so stark ausgeprägt, wie in der Kindheit. Es war unmöglich, sie von einander zu unterscheiden. Die beiden Brüder beschlossen, diese Absonderlichkeit der Natur bei ihrem verabscheuungswürdigen Treiben auszunutzen, in der Weise, daß, wenn der eine angeklagt werden sollte, der andere ihm dazu dienen sollte, einen Alibibeweis zu erbringen, durch den seine Unschuld erwiesen wurde. Während also der eine das zwischen beiden verabredete Verbrechen ausführte, zeigte sich der andere öffentlich an irgend einem Platze, so daß auf Grund des Alibibeweises die Schuldlosigkeit des erstern für das Gericht feststand. Nachdem die Zwillingsbrüder ihr Lebensprogramm in dieser Weise festgelegt hatten, gingen sie nach Florida, wo beide noch nicht bekannt waren. Was sie dorthin zog, waren die zahlreichen günstigen Gelegenheiten, die sich in einem Staate bieten mußten, wo die Indianer noch immer einen verzweifelten Kampf gegen die Amerikaner und Spanier führten. Gegen 1850 oder 1851 erschienen die Gebrüder Texar in der floridischen Halbinsel. Ihrem Programm getreu, zeigten sie sich nie zu gleicher Zeit; nie traf man sie am selben Tage an demselben Orte, niemals erfuhr man, daß es zwei Brüder dieses Namens gab. Während sie auch über ihre Persönlichkeit nichts verlauten ließen, trugen sie Sorge, daß ihr Aufenthaltsort ebenfalls völlig geheim blieb. Ihr Versteck war in der Schwarzen Krampe. Diese Insel mit dem verlassenen Blockhaus entdeckten sie auf einem Streifzuge, den sie an den Ufern des St. John gemacht hatten. Dorthin hatten sie ein paar Sklaven gebracht, die aber nicht eingeweiht worden waren. Nur Squambo kannte das Geheimnis ihres doppelten Daseins. Selbstverständlich erschienen beide nie zusammen in der Schwarzen Krampe. Wenn sie über irgend etwas zu sprechen hatten, so machten sie einander Mitteilung. Wie der Leser gesehen hat, bedurften sie hierzu der Post nicht. Ein Zettel wurde in die Nerven eines Blattes geschoben. Dieses Blatt wurde am Zweige eines Tulpenbaumes befestigt, der in dem Sumpfe bei der Schwarzen Krampe wuchs – das war alles. Nach ihrer Ankunft hatten die Brüder Texar sich sofort mit dem verworfensten Pöbel der Einwohnerschaft verbunden. Eine große Zahl verbrecherischer Kerle wurden ihre Spießgesellen bei den vielen Diebstählen, die zu dieser Zeit ausgeführt wurden, und später ihre Partei, als sie im Sezessionskriege eine Rolle spielten. Bald stand der eine, bald der andere an ihrer Spitze, und kein Mensch erfuhr, daß der Name Texar zwei Zwillingsbrüdern angehörte. Es ist nun begreiflich, wie bei den wegen verschiedenen Verbrechen angestrengten Strafverfolgungen die Brüder Texar stets einen Alibi-Beweis hatten bringen können und anstandslos auf freiem Fuß gelassen werden mußten. Was die Geschehnisse der letzten Zeit in Jacksonville anbetrifft, so hatten aller Wahrscheinlichkeit nach die beiden Brüder abwechselnd dieselbe Rolle gespielt, nachdem die Obrigkeit in der Stadt gestürzt worden war. Wenn Texar Nr. 1 wegen irgend eines vereinbarten Streifzuges nicht zugegen war, so vertrat ihn Texar Nr. 2 in der Ausübung seines Amtes, ohne daß ihre Genossen etwas davon hätten ahnen können. Alle beide mußten selbstverständlich immer über alle Vorgänge im Zentrum der Union, wo der Bürgerkrieg ebenso viel unvorhergesehene Umwälzungen mit sich brachte wie im Staate Florida, unterrichtet sein. Diesen Ereignissen gemäß hatten sie sich oft besprechen und an geheimen Plätzen treffen müssen, um über ihr Verhalten sich zu beraten und für die in Zukunft erforderlichen Alibi-Beweise Vorbereitungen zu treffen. So hatte der eine, während der andere auf einem der Schiffe des Geschwaders zurückgehalten wurde, die Expedition gegen Camdleß-Bai in Szene gesetzt; und der Leser weiß, wie es kam, daß er vom Kriegsgericht von Saint-Augustine freigesprochen werden mußte. Immerhin konnte aber durch einen körperlichen Unfall oder durch eine Wunde diese Aehnlichkeit zerstört werden. Bei ihrem an Abenteuern reichen Leben lag diese Gefahr nahe. So hatte sich bei einem nächtlichen Angriff kurz nach ihrer Ankunft in Florida der eine der Texars den Bart versengt. Sofort ließ ihn sich auch der andere abnehmen, um wie sein Bruder bartlos zu sein. Der Leser wird sich erinnern, daß dieser Umstand im Anfang dieser Erzählung erwähnt worden ist. Noch ein anderer Fall bedarf der Erklärung. Als Zermah noch in der Schwarzen Krampe war, sah sie in einer Nacht, wie der Spanier sich den Arm tätowieren ließ. Der Grund war, daß sein Bruder in die Gefangenschaft der Seminolen geraten und von diesen am linken Arm mit einem unvertilgbaren Mal gezeichnet worden war. Sofort war eine Wiedergabe dieses Males nach dem Blockhaus gesandt und von Squambo dasselbe Zeichen dem andern Texar eingegraben worden. Kurz, zehn Jahre lang hatten die Brüder Texar dieses Doppeldasein geführt, mit solcher Geschicklichkeit und Klugheit, daß sie bisher allen Verfolgungen der floridischen Gerichtsbarkeit sich hatten entziehen können. Das alles durchschaute Zermah auf der Stelle, als sie plötzlich diesen beiden Männern gegenüber stand. Die ganze Vergangenheit zog im Nu vor ihrem geistigen Auge vorüber. Verblüfft starrte sie die beiden an, regungslos, wie angewurzelt. Vierzehntes Kapitel. Zermahs Werk Bei Zermahs Anblick verloren die beiden Texars die Fassung, so sehr sie auch Herren ihrer selbst waren. Seit ihrer Kindheit war es eigentlich das erstemal, daß eine dritte Person sie beieinander sah. Und diese Person war ihre Todfeindin. In der ersten Wut wollten sie sich auf sie werfen und sie töten, um das Geheimnis ihres Doppeldaseins zu retten. Das Kind hatte sich in Zermahs Armen aufgerichtet, und die kleinen Hände ausstreckend, rief es: »Ich fürchte mich! – Ich fürchte mich!« Auf einen Wink der beiden Brüder ging Squambo auf die Mestizin los, packte sie bei der Schulter, stieß sie in die Kammer zurück und schloß die Tür hinter ihr. Dann kehrte er zu den Brüdern zurück, die aus dem Wigwam hinausgetreten waren. »Zermah muß sterben!« sagte der eine »Das ist nötig!« stimmte der andere bei. »Wenn sie entwischt oder die Unionstruppen sie uns entreißen, sind wir sonst verloren. So soll sie sterben!« »Indessen hat es keine Eile. Zermah verschwinden zu lassen, ist immer noch Zeit. Wir brauchen sie, denn sie muß für das Kind sorgen. Wenn die Abteilung der Bundestruppen – die durch den Zypressenwald heranrückt, – hierher kommen sollte, so haben wir immer noch Zeit zu fliehen. Wenn sie nicht hierher kommt, bleiben wir hier und lassen sie noch weiter nach Süden ziehen. Dort ist sie dann in unserer Gewalt, denn bis dahin können wir den Hauptteil der im Territorium herumstreifenden Milizen zusammengezogen haben. Einstweilen mag daher die Mestizin leben bleiben.« »Gut! Die Hauptsache aber ist, daß wir nichts von ihr zu fürchten brauchen!« »Auf jeden Fall wird sie über kurz oder lang beiseite gebracht!« Hiermit schloß die Unterhaltung. Welch furchtbare Nacht verbrachte die unglückliche Zermah. Sie wußte sich verurteilt und dachte nicht einmal an sich. Aber mußte sie nicht Dy diesen grausamen Menschen lassen? Und würde das arme Kind nicht zu Grunde gehen, wenn Zermah sie nicht mehr würde pflegen können? Hartnäckig kehrte daher der Gedanke an eine Flucht wieder, und in dieser Nacht, die nicht enden zu wollen schien, dachte die Mestizin an nichts anderes, als diesen Plan zur Ausführung zu bringen. Aus dem belauschten Gespräch hatte sie neben vielen andern Dingen auch das behalten, daß am folgenden Morgen einer der Brüder Texar mit seinen Gefährten die Umgebung des Sees absuchen wolle. Dann würde wahrscheinlich der andere Bruder auf der Insel zurückbleiben, um erstens nicht gesehen zu werden und zweitens über den Wigwam zu wachen. An diesem Vormittag wollte sie die Flucht versuchen. Die Nacht verfloß. Vergebens versuchte Zermah aus den verschiedenen Geräuschen, die aus der Insel laut wurden, etwas Bestimmtes herauszuhören, und immer dachte sie, die Truppe des Kapitän Howick würde eintreffen, um Texar gefangen zu nehmen. Wenige Minuten vor Tagesanbruch erwachte die kleine Dy. Zermah gab ihr einen Schluck Wasser zur Erfrischung. Dann sah sie sie an, als sollten ihre Augen sie bald nicht mehr schauen, und drückte sie an die Brust. »Was hast du, gute Zermah?« fragte das Kind. »Nichts! – nichts!« murmelte die Mestizin. »Und Mama – wann werden wir Mama wiedersehen?« »Bald,« antwortete Zermah. »Vielleicht heute schon! Ja, ich hoffe, Liebling, heute noch werden wir weit weg von hier sein!« »Und die Männer, die ich heute nacht gesehen habe?« »Hast du dir die Männer genau angesehen?« »Ja, ich habe mich so vor ihnen gefürchtet!« »Aber du hast sie genau gesehen? Hast du gesehen, daß sie einander ähnlich waren?« »Ja, Zermah.« »Merk dir, damit du es deinem Vater sagen kannst, und auch deinem Bruder, es wären zwei Brüder – hörst du, zwei Brüder Texar, und sie sähen einander so ähnlich, daß man sie nicht voneinander unterscheiden könne!« »Und du – wirst du das ihnen auch sagen?« »Ja, ich auch! Aber wenn ich nicht da bin, dann darfst du es nicht vergessen!« »Und warum solltest du nicht da sein?« fragte das Kind, die kleinen Arme um den Hals der Mestizin schlingend. »Ich werde da sein, Liebling, ja doch! – Aber wenn wir jetzt aufbrechen wollen, haben wir einen langen Weg vor uns, und da heißt es Kräfte sammeln. Ich werde dir dein Frühstück machen!« Nach der Mahlzeit stellte Zermah sich an einen Spalt, der in dem trocknen Schilf offen war, und beobachtete unausgesetzt, was draußen vorging. Die Vorbereitungen zum Aufbruch wurden getroffen. Einer der Brüder – einer allein – leitete die Bildung der Truppe, die er in dem Zypressenwald führen wollte. Der andere, den niemand gesehen hatte, hatte sich verbergen müssen, entweder im Wigwam oder in irgend einem Winkel der Insel. In einer Anzahl von etwa 50 Mann waren die Spießgesellen und die Sklaven vereinigt und warteten, daß ihr Anführer Befehl zum Aufbruch geben sollte. Gegen 9 Uhr morgens setzte die Truppe nach dem Rande des Waldes über. Dies erforderte einige Zeit, da die Barke nur 5-6 Mann auf einmal faßte. Zermah sah sie in kleinen Gruppen aussteigen, doch konnte sie die Oberfläche des Kanals nicht sehen, da dieser ein wenig unterhalb dem Niveau der Insel gelegen war. Texar fuhr als letzter hinüber, einer der Hunde, dessen Witterung ihnen bei dem Streifzug zu gute kommen sollte, begleitete ihn. Im nächsten Augenblick sah Zermah den Spanier an dem Ufer drüben emporsteigen und einen Augenblick mit seiner Truppe Halt machen. Dann verschwanden alle, Squambo und der Hund an der Spitze hinter dem riesigen Schilf unter den ersten Bäumen des Waldes. Jedenfalls hatte einer der Neger die Barke zurückbefördern müssen, damit niemand auf die Insel hinüberkönne. Das hatte Zermah aber nicht sehen können. Sie zauderte nicht länger. Dy war eben munter geworden »Komm, Liebling!« sagte Zermah. »Wohin?« fragte das Kind. »Dorthin! – In den Wald! – Vielleicht finden wir dort deinen Vater und deinen Bruder! Du fürchtest dich doch nicht?« »Mit dir nie!« antwortete das kleine Mädchen. Nun öffnete die Mestizin vorsichtig ein wenig die Tür ihrer Kammer. Da sie dort kein Geräusch gehört hatte, glaubte sie, Texar könne nicht in dem Wigwam sein. Es war in der Tat auch niemand drin. Zuerst suchte Zermah eine Waffe, die sie gegen jeden zu brauchen entschlossen war, der sie aufzuhalten versuchen würde. Auf dem Tisch fand sie eines jener langen Dolchmesser, wie die Indianer sie zur Jagd brauchen. Die Mestizin ergriff es und verbarg es in ihrem Kleide. Sie nahm auch ein wenig getrocknetes Fleisch mit, damit sie auf ein paar Tage mit Nahrung versehen war. Nun kam es darauf an, aus dem Wigwam hinauszukommen. Durch die Löcher sah Zermah hinaus nach dem Kanal zu. Kein lebendes Wesen war auf diesem Teil der Insel zu sehen, nicht einmal der zweite Hund, der zur Bewachung der Hütte zurückgelassen worden war. Die Mestizin wollte nun die Tür öffnen. Die Tür war von außen verschlossen. Sogleich kehrte Zermah mit dem Kinde in die Kammer zurück. Es blieb ihr nur eins übrig: das Loch zu benutzen, das sie zur Hälfte durch die Strohwand des Wigwams gebrochen hatte. Das war keine schwere Arbeit. Die Mestizin konnte ja jetzt das Messer gebrauchen und Stroh und Schilf zerschneiden. Sie verfuhr dabei so geräuschlos wie nur möglich. Als die Oeffnung frei war, zog Zermah das Kind an sich und schloß es inbrünstig in die Arme. Die Kleine gab ihr ihre Küsse mit Leidenschaft zurück. Sie hatte begriffen: es galt zu fliehen, durch dieses Loch zu fliehen. Zermah glitt durch die Oeffnung. Nachdem sie sich nach rechts und links umgeschaut hatte, lauschte sie. Kein Laut war zu hören. Jetzt kam die kleine Dy aus dem Loch hervor. In diesem Augenblick erscholl ein Bellen. Noch sehr entfernt, schien es aus dem westlichen Teil der Insel zu kommen. Zermah hatte das Kind ergriffen. Das Herz klopfte ihr zum Zerspringen. Sie konnte sich nicht eher einigermaßen in Sicherheit glauben, als bis sie hinter dem Schilf am andern Ufer verschwunden wäre. Aber etwa 100 Schritt weit von dem Wigwam bis zum Kanal zu laufen, das war die erste große Schwierigkeit, die ihr Fluchtversuch mit sich brachte. Die Gefahr war zu nahe, von Texar oder den auf der Insel zurückgebliebenen Sklaven gesehen zu werden. Glücklicherweise stand rechts neben dem Wigwam ein dichtes Gebüsch baumartiger Sträucher, mit Schilf vermischt. Das erstreckte sich bis an den Rand des Kanals. Von dort aus waren es nur wenige Meter bis zu der Stelle, wo die Barke sich befinden mußte. Zermah beschloß, in dieses Dickicht einzudringen. Die hohen Pflanzen ließen die Flüchtlinge durch und schlossen sich hinter ihnen wieder. Das Bellen des Hundes war nicht mehr zu hören. Durch dieses Dickicht zu gehen, war jedoch nicht leicht, und bald waren Zermahs Kleider zerrissen, und ihre Hände bluteten. Aber das machte ihr nichts aus, wenn nur das Kind nicht von den langen Dornen verletzt wurde. Aber trotz aller Sorgfalt bekam die Kleine doch mehrere Risse an Händen und Armen; Dy schrie nicht, noch klagte sie. Obwohl die Entfernung verhältnismäßig kurz war, brauchten sie doch eine halbe Stunde, um den Kanal zu erreichen. Zermah machte nun Halt und sah zurück nach dem Wigwam und dann in den Wald hinein. Auf der Insel war niemand zu sehen. Am andern Ufer deutete nichts auf die Nähe Texars und seiner Gefährten, die wohl schon ein paar Meilen weit im Innern des Waldes sein mochten. Auch wenn sie mit den Nordstaatlern nicht zusammentrafen, konnten sie doch erst in einigen Stunden zurück sein. Indessen konnte Zermah nicht glauben, daß sie im Wigwam allein gelassen worden sei. Das war nicht anzunehmen, auch nicht, daß derjenige der beiden Brüder, der in der vorigen Nacht gekommen war, in dieser Nacht die Insel verlassen hätte. Und hatte sie nicht auch den Hund bellen hören? Jeden Augenblick mußte sie darauf gefaßt sein, daß entweder der eine Texar oder der Hund zum Vorschein kommen würde. Zermah zweifelte nun nicht daran, daß einer der Sklaven die Barke wieder herübergerudert hätte. Das war für die Sicherheit des Wigwams von Wichtigkeit für den Fall, daß die Soldaten des Kapitän Howick mit den Südstaatlern zusammenträfen. Und doch! Wenn die Barke am andern Ufer gelassen worden war, um eine raschere Ueberfahrt Texars und seiner Gefährten zu ermöglichen, wenn die Nördlichen ihnen zu sehr auf dem Fuße folgten, wie sollte die Mestizin dann das andere Ufer erreichen? Zermah schlich durch das Schilf hin nach der nur wenige Meter entfernten Stelle. Dort blieb sie stehen. Die Barke lag am andern Ufer. Fünfzehntes Kapitel. Die beiden Brüder Die Lage war verzweifelt. Wie hinüberkommen? Kein Schwimmer, und wäre er auch der tollkühnste gewesen, hätte es wagen dürfen, ohne sich der Gefahr zwanzigmaligen Lebensverlusts auszusetzen. Freilich mochte es vom einen zum andern Ufer hinüber kaum weiter als hundert Fuß sein! aber ohne Boot oder Kahn war es unmöglich, die Strecke zu zwingen. Dreieckige Köpfe lugten hie und da über das Wasser herauf und das Schilf zitterte von den Reptilien, die dazwischen hinschossen. Die kleine Dy, von höchstem Entsetzen gepackt, drängte sich an Zermah. Ha! wenn es, das Kind zu retten, genügt hätte, sich mitten hinein in diese Ungetüme zu stürzen, die sie mit ihren Tausenden von Tentakeln umschlungen haben würden wie eine Riesenknolle, so würde die Mestizin sich keinen Moment besonnen haben! Aber nur eine günstige Fügung der Vorsehung konnte ihnen Rettung bringen, denn Zermah hatte außer sich selber keine Hilfe, keine Stütze mehr. Auf der Uferböschung knieend, flehte sie zu Ihm, welcher dem Zufall gebeut! Indessen konnten sich aller Augenblicke Kameraden von Texar am Waldsaume zeigen. Wenn nun derjenige Texar, der auf der Insel geblieben war, zum Wigwam zurückkam und weder Dy noch Zermah dort vorfand, würde er sich wohl auf die Suche nach ihnen machen? »Gott, mein Gott!« schrie das unglückliche Weib, »habe Mitleid! – Gnade! Gnade!« Plötzlich schweiften ihre Blicke auf das rechte Kanalufer. Eine leichte Strömung führte die Fluten nach dem Norden des Sees, wohin einige Nebenflüsse des Calaotsshatsches fließen, eines der kleinen Flüsse, die in den Golf von Mexiko sich ergießen; durch den übrigens der Okee-schobee-See zur Zeit der monatlichen Hochfluten gespeist wird. Ein Baumstamm war vom rechten Ufer abgestoßen und trieb heran. Ließe sich nun nicht mit dessen Hilfe über die schmale Wasserspalte hinweggelangen? Jedenfalls würden, falls der Stamm etwa wieder zur Insel zurückschwömme, die Flüchtlinge um nichts schlimmer daran sein als jetzt. Ohne länger zu überlegen, gewissermaßen instinktiv, stürzte Zermah sich auf den treibenden Stamm. Hätte sie sich Zeit zur Ueberlegung genommen, so würde sie sich wohl gesagt haben, daß es unter dem Wasser von Hunderten von Reptilien wimmelte, daß der Stamm mitten in dem engen Kanal vom Schilf festgehalten werden könne! Ja! aber alles, alles war besser als auf der Insel zu verweilen, und deshalb schloß Zermah das Kind eng in die Arme, klammerte sich fest an die Zweige und stieß sich vom Ufer ab. Sogleich geriet der Stamm in die Strömung, die ihn wieder zum andern Ufer hinübertrieb. Inzwischen suchte sich Zermah in dem Astwerk, das sie zum Teil überdeckte, zu verstecken. Uebrigens waren die beiden Böschungen leer. Kein Geräusch kam herüber, weder von der Insel noch von dem Weiher. War sie erst einmal drüben auf der andern Seite, so würde sie schon bis zum Abend, ohne Gefahr erkannt zu werden, so lange Zuflucht finden, bis sie tiefer in den Wald hinein fliehen könne. Die Hoffnung war bei ihr wieder eingekehrt. Kaum beschäftigte sie sich noch mit den Reptilien, deren Rachen sich zu beiden Seiten des Stammes auftaten und die bis in die tiefen Zweige hineinschlüpften. Das Kind hielt die Augen geschlossen. Mit der einen Hand hielt Zermah es an ihre Brust gepreßt. Mit der andern hielt sie sich gefaßt, auf die Ungetüme loszustechen. Aber sie schossen nicht über den treibenden Stamm; vielleicht, daß sie der Anblick des ihnen drohenden Messers erschreckte, vielleicht auch weil sie nur unter dem Wasser im Besitz ihrer furchtbaren Gewalt waren. Der Stamm erreichte endlich die Kanalmitte. Die Strömung trieb ihn in schräger Linie zum Walde hin. Noch vor Ablauf einer Viertelstunde mußte er, wenn er sich nicht in den Wassergewächsen verhedderte, die andere Böschung erreicht haben – und nun hielt sich Zermah, so groß auch die Gefahren noch immer waren, außerhalb des Bereiches von Texars Gewalt. Plötzlich schloß sie das Kind fester in die Arme. Wütendes Gebell erscholl auf der Insel. Fast im selben Augenblick wurde ein Hund an dem Uferhange sichtbar, den er mit wilden Sätzen hinunterrannte. Zermah erkannte den Bluthund, den der Spanier nicht mitgenommen, sondern als Wächter beim Wigwam zurückgelassen hatte. Mit gesträubtem Haar und blitzenden Augen stand er zum Sprunge mitten hinein in die Reptilien bereit, die sich an der Wasserfläche tummelten. Im nämlichen Moment wurde ein Mann auf dem Uferhange sichtbar: der auf der Insel zurückgebliebene Texar. Durch das Hundegebell alarmiert, kam er herbeigerannt. Die Situation mit einem einzigen Blick erfassend, riß er das Gewehr an die Schulter und zielte auf die Mestizin, die das Kind mit ihrem Leibe zu decken suchte. Plötzlich schoß der Hund, von wilder Aufregung, gepackt, in den Kanal hinein. Texar meinte, ihn gewähren lassen zu sollen. Im Nu war der Hund bei dem Baumstamme. Zermah packte das Messer fest um den Griff und hielt es zum Stoße gezückt. Aber sie brauchte es nicht zu führen. Im Nu waren die Reptilien über das Tier her, und im Nu war es, eine Beute der giftigen Bisse, unter dem Schilfe verschwunden. Texar mußte es mitansehen, ohne ihm helfen zu können. Zermah sollte ihm also entschlüpfen? »Dann stirb, du Kröte,« schrie er und schoß nach ihr. Aber schon war der Stamm am andern Ufer. Die Kugel streifte bloß die Schulter des Weibes. Mit dem Kind auf dem Arme, sprang Zermah auf den Uferhang hinauf und verschwand mitten im Schilfe, wo sie kein zweiter Schuß hätte treffen können, und flüchtete sich unter die vordersten Bäume des Dickichts. Wenn nun aber die Mestizin von dem auf der Insel zurückgehaltenen Texar nichts mehr zu fürchten hatte, so lief sie doch noch immer Gefahr, wieder in die Hände seines Bruders zu fallen. Vor allem mußte es ihr darauf ankommen, so schnell wie möglich und so weit wie möglich von der Insel Carneral wegzukommen. Bei Einbruch der Nacht rechnete sie schon bei der Washington-Insel zu sein. Mit der teuern Last, auf dem Arm, die sie kaum zu fühlen schien, begann sie schnell die Wanderung. Zuweilen blieb sie stehen: weniger um Atem zu schöpfen als um auf die Töne des Waldes zu hören, bald von Zweifeln, bald von Furcht, bald von Hoffnung erfüllt. Eine Stunde lang war sie nun unterwegs vom Okee-tschobee-See, in schräger Richtung nach Osten zu, in der Absicht, dem Gestade des Ozeans näherzukommen. Mit Recht sagte sie sich, daß an der Küste von Florida das Geschwader kreuzen müsse, um dort das unter dem Befehle des Kapitäns Howick abgesandte Kommando aufzunehmen. Ließ sich nicht also annehmen, daß ein paar Schaluppen auf Beobachtungsfahrt am Ufer unterwegs sein würden? Plötzlich blieb Zermah stehen. Abermals schlug wildes Gebell an ihr Ohr und kam merklich näher. Zermah wußte, was das zu bedeuten hatte! sie erkannte die Tierstimme, die sie so oft gehört hatte, wenn die Hunde nächtlicherweile um das Blockhaus in der Schwarzen Krampe patrouillierten. Näher und näher kam das Gebell. Schon konnte sie auch Menschenstimmen aus der Ferne zu ihr dringen hören. Wenige Schritte von ihr stand ein alter Zypressenbaum, den die Jahre gehöhlt und mit dichten Serpentarien- und Lianen-Netzen umsponnen hatten. In diese natürliche Höhle, die groß genug war, sie und das Kind zu fassen, und in der sie durch die Netze der Schlingpflanzen zur Genüge verdeckt wurden, flüchtete sich Zermah. Aber der Bluthund war ihr auf den Fersen. Im nächsten Augenblick sah ihn Zermah am Fuße des Baumes stehen. Mit wachsender Wut bellte er und mit wildem Satze sprang er auf die Zypresse zu. Ein Messerstich trieb ihn zurück. Mit um so größerer Wut bellte er vor dem Baume. Jetzt ließen sich Schritte hören. Dann Stimmen, die sich anriefen und antworteten, darunter deutlich erkennbar Texars und Squambos Stimmen. Der Spanier mit seiner Schar kam von der Seeseite her, in der Absicht, vor dem Bundestruppen-Kommando nach der Insel Carneral zu fliehen, und hatte zu diesem Zwecke den kürzesten Weg, der ihn dorthin brachte, gewählt. Als Texar und Squambo vor der Zypresse anlangten, die der Hund noch immer anbellte, erblickten sie die rote Spur, die das aus der Wunde des Tieres fließende Blut zog. »Seht! – seht!« schrie der Indianer. »Der Hund ist blessiert?« versetzte Texar. »Ja! – durch einen Messerstich – und erst in diesem Augenblicke! – Sein Blut raucht ja noch!« »Wer kann das gewesen sein?« Der Hund stürzte sich von neuem in das Schlingpflanzen-Netz, das Squambo jetzt mit dem Flintenlauf auseinanderbog. »Zermah!« schrie er. »Mit dem Kinde!« versetzte Texar. »Ja! – wie haben die denn fliehen können?« »Die Kröte muß sterben!« Squambo entriß der Mestizin das Messer in dem Augenblick, als sie es gegen den Spanier zuckte; dann riß er die Frau so grob und roh aus der Baumhöhle, daß das Kind aus ihren Armen stürzte und mitten zwischen die in Zypressenwäldern so häufigen Riesen-Sprühpilze fiel. Infolge der Wucht, mit welcher das Kind auf die Pilze schlug, prasselte einer davon wie ein Maschinengewehr los. Im Nu platzten auch andere. Es entstand ein Lärm, als ob der Wald mit Maschinengewehren zusammengeschossen würde. Geblendet durch diese Myriaden von Sporpilzen, die gleichsam in Feuer standen, hatte Texar die Mestizin, auf die er schon sein Messer gezückt hielt, loslassen müssen. Auch Squambo stand wie geblendet von diesem flammenden Staub. Zum Glück wurden weder Zermah noch das Kind, trotzdem sie auf dem Boden ausgestreckt lagen, von den über ihnen krepierenden Sporen erreicht. Da erscholl neues Geknatter – diesmal von Flintenschüssen! von dem Föderierten-Kommando abgegeben, das im Ansturm gegen die Südstaaten-Parteigänger begriffen war. Von den Marinesoldaten des Kapitäns Howick eingeschlossen, blieb ihnen nichts übrig, als die Waffen zu strecken. Im selben Moment stach Texar der Mestizin sein Dolchmesser in die Brust. »Das Kind!« schrie er Squambo zu – »schaff mir das Kind weg!« Schon hatte der Indianer das Mädchen auf den Arm gerissen und floh mit ihr in der Richtung auf den See zu, als ein Flintenschuß knallte. Von einer Kugel aus Gilberts Büchse mitten ins Herz getroffen, brach er tot zusammen. Im Nu waren sie alle zur Stelle: James Burbank, Gilbert Burbank, Edward Carrol, Perry und Mars, die Neger von der Camdleß-Bai, die Seesoldaten des Kapitäns Howick. Einige hatten auf die Insel Carneral entweichen können. Aber was kam es darauf an! War doch das kleine Mädchen in des Vaters Armen! Gilbert und Mars neigten sich über Zermah und versuchten sie zum Leben zurückzurufen. Die arme Frau atmete noch, aber sie konnte nicht sprechen. Mars stützte ihr den Kopf, rief sie beim Namen, schlang die Arme um sie – – Zermah öffnete die Augen. Sie sah die Tochter in Herrn Burbanks Armen, sie erkannte Mars, der sie küßte, und lächelte ihm zu. Dann schloß sie wieder die Augen. Mars war aufgestanden, sah Texar und stürzte auf ihn zu, die Worte wiederholend, die er so oft gesprochen hatte: »Texar töten! – Texar töten!« »Halt ein, Mars,« sagte Kapitän Howick, »laß uns über diesen Elenden richten!« Dann wandte er sich an den Spanier. »Sie sind Texar von der Schwarzen Krampe?« fragte er dann. »Ich habe nichts zu antworten,« versetzte Texar. »James Burbank, Leutnant Gilbert, Edward Carrol, Mars bezeichnen Sie als den betreffenden.« »Schön!« »Sie werden erschossen werden.« »Macht zu!« Da wandte sich die kleine Dy zum Erstaunen aller, die sie hörten, an ihren Vater: »Vater,« sagte sie, »es sind zwei Brüder – zwei böse Männer – die sich ähnlich sehen –« »Zwei Männer?« »Ja! – die gute Zermah hat mir gesagt, ich soll dir's sagen.« Es wäre schwierig gewesen, zu begreifen, was diese seltsamen Worte des Kindes besagten. Aber die Erklärung wurde sofort gegeben und zwar in ganz unerwarteter Weise. Texar war an den Fuß eines Baumes geführt worden. James Burbank fest ins Gesicht sehend, rauchte er eine Zigarette, die er sich eben angebrannt hatte – als plötzlich in dem Augenblicke, als die Abteilung, die die Hinrichtung vollziehen sollte, sich aufstellte, ein Mann herangesprungen kam und sich neben den Verurteilten stellte. Das war der zweite Texar, dem die nach der Insel Carneral entkommenen Spießgesellen von der Gefangennahme seines Bruders Mitteilung gemacht hatten. Der Anblick dieser beiden einander so ähnlichen Männer erklärte, was das kleine Mädchen hatte sagen wollen – und erklärte gleichzeitig endlich dieses Leben voller Verbrechen, die infolge unerklärlicher Alibi-Beweise stets ungesühnt geblieben waren. Aber das Erscheinen des Bruders gebot dem Vollzug der Befehle Duponts für einen Augenblick Einhalt. Der Befehl sofortiger Hinrichtung, den Dupont gegeben hatte, betraf in der Tat nur den Anstifter des Hinterhalts, in welchem die Offiziere und Seesoldaten der Unionstruppen den Tod gefunden hatten. Der Anstifter der Plünderung von Camdleß-Bai und des Kindesraubes mußte nach St. Augustine zurückgebracht und von neuem vor Gericht gestellt werden. Aber konnte man nicht den beiden Brüdern in gleichem Maße die Verantwortung für die lange Reihe von Verbrechen beimessen, die sie ungestraft hatten begehen können? Um jedoch gesetzmäßig vorzugehen, fragte Kapitän Howick: »Welcher von Ihnen beiden bekennt sich als Anstifter des Blutbades von Kissimmee?« Er erhielt keine Antwort. Augenscheinlich waren die Brüder Texar entschlossen, allen an sie gerichteten Fragen gegenüber Schweigen zu bewahren. Zermah allein hätte angeben können, wem von beiden das eine und wem das andere Verbrechen zufalle. Derjenige von den beiden Brüdern, der am 22. März noch in der Schwarzen Krampe gewesen war, konnte nicht der Anstifter des Blutbades sein, das am selben Tage hundert Meilen weiter im Süden Floridas angerichtet worden war. Diesen, den wahren Urheber des Kindesraubes, zu erkennen, wußte Zermah ein Mittel, und von ihrem Mann gestützt, kam sie jetzt herbei. »Der, der den Raub verbrochen hat,« sagte sie mühsam, »ist am linken Arm tätowiert.« Bei diesen Worten konnte man auf den Lippen beider Brüder das gleiche verächtliche Lächeln sehen, und den Aermel zurückstreifend, zeigten beide auf dem linken Arm eine völlig gleiche Tätowierung. Angesichts dieser neuen Unmöglichkeit, den einen vom andern zu unterscheiden, rief Kapitän Howick kurz: »Der Anstifter des Blutbades von Kissimmee soll erschossen werden. Wer von Ihnen beiden ist es?« »Ich!« antworteten zu gleicher Zeit beide Brüder. Nach dieser Antwort legte die Sektion auf die Verurteilten an, die einander ein letztes mal umarmt hatten. Die Salve krachte. Hand in Hand fielen beide. So endeten diese Männer, die so viele Verbrechen verübt hatten und dank ihrer außerordentlichen Aehnlichkeit so viele Jahre lang der Strafe entgangen waren. Dem einzigen menschlichen Gefühl, das in ihrer Brust je sich geregt hatte, der rauhen Bruderliebe, die sie für einander fühlten, waren sie noch im Tode treu geblieben. Sechzehntes Kapitel. Schluß Der Bürgerkrieg nahm inzwischen seinen Fortgang. Seit seinem Aufbruch von Camdleß-Bai hatte James Burbank von mehreren Ereignissen keine Kenntnis erlangt, die er nun nach seiner Rückkehr erfuhr. In diesem Abschnitt schien der Vorteil auf seiten der Konföderierten, die, als die Unionstruppen die Stellung von Pittsburg-Landing besetzten, sich um Korinth konzentriert hatten. Die sezessionistische Armee stand unter dem Oberbefehl Johnstons, der Beauregard, Harden, Braxton-Bagg und den Bischof Polk unter sich hatte. Am 5. April hatten sich die Nordstaatler bei Shiloh überrumpeln lassen. Die Brigade Peabody war infolgedessen zersprengt worden, und Sherman hatte sich zurückziehen müssen. Indessen mußten die Konföderierten den errungenen Erfolg grausam bezahlen: der heldenmütige Johnston fiel, während er die Bundesarmee zurücktrieb. So war der erste Tag der Schlacht vom 5. April verlaufen. Am nächstfolgenden Tage setzte der Kampf auf der ganzen Linie ein, und Sherman gelang es, Shiloh zurückzuerobern. Die Konföderierten mußten vor den Soldaten Grants die Flucht ergreifen! Eine blutige Schlacht! Von 80 000 Mann 20 000 Tote und Verwundete! Das war jenes letzte Kriegsereignis, das James Burbank und seine Gefährten am Tage nach ihrer Ankunft in Castle-House erfuhren, wo sie am 7. April hatten eintreffen können. Nach der Hinrichtung der Brüder Texar hatten sie sich Kapitän Howick angeschlossen, der seine Abteilung und seine Gefangenen nach der Küste führte. Bei Kap Malabar lag eines der Schiffe der Flottille, das an der Küste zu kreuzen hatte. Dieses Schiff brachte sie nach St. Augustine. Ein Kanonenboot, das sie in Picolata aufnahm, beförderte sie dann nach der Landungsbrücke von Camdleß-Bai. Nun waren alle wieder in Castle-House – selbst Zermah, deren Wunden ihr nicht das Leben gekostet hatten. Bis zu dem Schiff der Bundesstaatler von Mars und seinen Kameraden getragen, wurde sie während der Fahrt aufs sorgfältigste gepflegt. Und sie war ja so glücklich, daß sie die kleine Dy gerettet und ihre Lieben wiedergefunden hatte! Wie hätte sie sterben können? Wie groß die Freude dieser Familie war nach soviel Leiden, als alle wieder vereint waren, um nicht mehr getrennt zu werden, kann sich der Leser vorstellen. Als Frau Burbank ihr Kind wieder bei sich hatte, erholte sie sich allmählich. Inzwischen hatte sich ein Gerücht verbreitet, von dem allerdings schon in dem Gespräch der Brüder Texar aus der Insel Carneral die Rede gewesen war. Es hieß, die Unionstruppen wollten Jacksonville räumen, Kommodore Dupont wollte die Kanonenboote auf dem St. John zurückziehen und seine Operationen auf die Blockade der Küste beschränken. Dieser Plan konnte die Sicherheit der Pflanzer, deren Sympathie für die Abolitionisten öffentlich bekannt war, erschüttern und vor allem James Burbank von neuem in Gefahr bringen. Das Gerücht bewahrheitete sich. Am 8., dem Tage nach jenem Glückstage, an welchem die ganze Familie wieder in Castle-House beieinander war, wurde in der Tat Jacksonville von den Unionstruppen geräumt. Mehrere Einwohner, die aus ihrer Begeisterung für die Sache der Union kein Hehl gemacht hatten, glaubten fliehen zu müssen, die einen nach Port Royal, die andern noch Newyork. James Burbank hielt es nicht für angebracht, ihrem Beispiel zu folgen. Die Neger waren nach Camdleß-Bai zurückgekehrt, nicht als Sklaven, sondern als Freigelassene, und ihre Anwesenheit bürgte hinreichend für die Sicherheit von Camdleß-Bai. Außerdem nahm der Krieg eine für den Norden günstige Wendung. Infolgedessen konnte auch Gilbert eine Zeitlang in Castle-House bleiben und seine Hochzeit mit Alice Stannard feiern. Die Arbeiten auf der Pflanzung waren neu begonnen worden, und alles ging bald wieder seinen gewohnten Gang. Der Krieg zog sich noch volle drei Jahre hin, und Florida selber sollte noch einmal unmittelbar von seinen Schlägen getroffen werden. Im Monat September dieses Jahres erschienen die Schiffe des Kommodore Dupont in Höhe von St. John-Bluffs bei der Mündung des Flusses, und Jacksonville wurde ein zweitesmal besetzt. Im Jahre 1866 eroberte General Seymour die Stadt ein drittesmal, wiederum ohne auf ernsten Widerstand gestoßen zu sein. Am 1. Januar 1863 hob eine Proklamation des Präsidenten Lincoln im ganzen Bereich der Unionsstaaten die Sklaverei auf. An diesem Tage ergab sich in Appomattox-Court-House General Lee mit seiner ganzen Armee dem General Grant nach einer für beide Teile ehrenhaften Kapitulation. Vier Jahre also hatte der erbitterte Krieg zwischen dem Norden und dem Süden getobt. Er hatte 2 Milliarden 700 Millionen Dollars und über eine halbe Million Menschenleben gekostet. Aber die Sklaverei war in ganz Nordamerika abgeschafft. Durch die Ausdauer derselben Amerikaner, deren Ahnen vor fast einem Jahrhundert ihr Land im Unabhängigkeitskriege befreit hatten, war auf diese Weise die Unteilbarkeit der Republik der Vereinigten Staaten für alle Zeit sicher gestellt worden.   Ende.