Ottilie Wildermuth Die alte Freundin. Erzählungen Inhalt Vorwort Die alte Freundin Der kleine John. Es ging ein Engel durch das Haus. Des Herrn Pfarrers Kuh Das Osterlied. Die Kinder der Heide Auf Schloß Solingen. Vorwort. Eine alte wohlbekannte Freundin ist es, welche in diesem Buche noch einmal zu der fröhlichen Kinderwelt tritt, die stets so gerne ihren Geschichten gelauscht hat. Als ein wertes Vermächtnis der Heimgegangenen haben wir die in einzelnen Blättern erschienenen, noch nicht allgemein bekannten Erzählungen Ottilie Wildermuths gesammelt und zu einem Bande vereint. Den legen wir nun der Jugend auf den Weihnachtstisch und hoffen, daß sie ihn freudig aufnehmen wird als letzten Gruß der Frau, die ein so warmes Herz für sie gehabt hat. Uns aber, den Töchtern der »alten Freundin«, möge es gestattet sein, auch einmal vereint mit ihr der jungen Welt nahe zu treten und den Geschichten der Mutter je eine von unserer Hand beizufügen. Viarden a.d. Nordsee, Tübingen Sept. 1885 Agnes Willms. Adelheid Wildermuth Die alte Freundin 1. Im Bauernhof. Dorf Berghalde gehört gewiß unter die anmutigst gelegenen Dörfer der schönen süddeutschen Lande. Es hat schon etwas Besonderes in seiner Lage, da es in der Ebene anfängt, sich allmählich den Hügel hinaufzieht, auf dem Kirche und Pfarrhaus steht, und dann erst noch überragt wird von dem alten Schlosse, das von der Stirn des bewaldeten Berges herabschaut, der sich hinter dem Hügel erhebt. Es ist das Schloß der Freiherren von Urspring, jetzt etwas zerfallen und nicht mehr bewohnbar, aber das ist ja eben das Schöne bei alten Schlössern; meinte doch ein kleiner Knabe, dem man das schöne, ganz neuerbaute Zollernschloß bei Hechingen zeigte: »Sieh, Fritz, jetzt siehst du einmal ein ganzes, rechtes Ritterschloß« – »Ach, das ist doch kein rechtes, das hat man mit Fleiß gemacht.« Dorf Berghalde lebte so ziemlich in gutem Frieden mit Gott und Obrigkeit. Der noch junge Pfarrherr, erst seit kurzer Zeit im Orte angestellt, stand recht in Ehren. Mit der »Herrschaft«, die selten das Schloß ihrer Väter besuchte, kamen die Leute in wenig Verkehr; Herr von Urspring war Offizier, hatte im Dorfe längst keine Herrschaftsrechte mehr und besaß nichts zu eigen als die Schloßgebäude und etwas Grund dahinter. Wenn er je und je einmal wieder für kurze Zeit in den wenigen bewohnbaren Zimmern des Schlosses weilte und mit seinen raschen Braunen durch das Dorf fuhr, so gab es wohl auch ein paar Unzufriedene, die dem Wagen mit Neid nachsahen. »Ja, die sitzen in der Kutsche und fahren fürs Pläsir, wenn unsereins sich abschinden muß,« bemerkte bei solcher Gelegenheit der rote Peter, ein übel beleumundeter Taglöhner des Dorfes. »Na, Peter, bei dir ist's nicht so gefährlich mit dem Abschinden,« sagte lachend der Brunnenbauer, der es gehört, »du schaffst ja nur so lang, bis du genug hast um einen Rausch zu trinken und den schläfst du nachher zwei Tag lang aus.« Peter wurde ausgelacht und knurrte fort im stillen. Der Brunnenbauer durfte schon ein Wort sagen; denn sein stattliches Haus, auf einer kleinen Anhöhe am Eingange des Dorfs gelegen, vor dem ein besonders klarer Brunnen floß, war eins der schönsten im Ort; er war ein wohlhabender Mann und ein verständiger Bauer, bei dem man Rat suchte in allen wichtigen Fällen des Landbaus. Seine Frau, eines Schulmeisters Tochter, galt freilich für ein bißle stolz, weil sie nicht viel Gemeinschaft mit den Weibern im Dorf hielt, auch ihrem einzigen Töchterlein Regine nicht oft gestattete, sich mit den Dorfmädchen herumzutreiben. Es fehlte Regine daheim nicht an Spiel- und Tummelplätzen in dem schönen Grasgarten voll stattlicher Obstbäume, im Gemüsegarten hinter dem Haus, wo Stachelbeeren und Johannisbeeren in reichlicher Fülle wuchsen, – auch nicht an Spielkameraden, da sie zwei Brüder hatte. Der ältere, Jakob, der sich früh schon als tüchtiger Bauernsohn zeigte, der mußte freilich in all seiner freien Zeit schon aufs Feld; David dagegen, der jüngere, der »knütze« Schlingel, wie ihn hie und da sein Vater nannte, der allzeit trieb, was er nicht sollte, der war desto besser aufgelegt, mit ihr zu spielen. David konnte allerlei »besteln«, wie es die Bauern nennen, d.h. zimmern, flechten und schnitzeln, vor allem schön malen; er zeichnete ihr die schönsten Bilder auf die Schiefertafel oder auf Papierstückchen, oder blies auf selbstverfertigten Rohrflöten, – die Geschwister unterhielten sich allezeit gut zusammen, so lang sie keine Händel hatten. Aber eine rechte, eigentliche Kameradin hätte Regine doch gern gehabt; das einzige Nachbarkind, Gretchen, das Töchterlein der Wäscherin in dem kleinwinzigen Häuslein neben dem Brunnenhof, die war jünger als sie und so gar klein und leibarm; die durfte nur so nachtrippeln und hie und da Handlangerdienste thun, wenn sie und David zusammen spielten. Zu fein oder, wie die Landleute sagen, »zu zuckerig« für ein Dorfmädchen sah Regine gar nicht aus; sie war robust und rotbackig und viel besser aufgelegt sich im Dorf herumzutreiben, als hie und da Sonntags mit der Mutter zu der Base auf den Thalhof zu gehen, was so ziemlich der einzige Ausflug war. Sie mochte die Base wohl gern, aber es war ihr doch dort ein bißchen langweilig. Dem Kaffee, den ihr die Base in einem kleinen Täßchen aufwartete, fragte sie nicht viel nach und solang Mutter und Base miteinander redeten von lauter Leuten und Dingen, die ihr nicht wichtig waren, hatte sie gar nichts zur Unterhaltung, als die alte, große, graue Katze der Base, die erst noch zu faul war zum Spielen, die nur auf dem Stuhl am Ofen saß und sie mit ihren großen, grünen Augen boshaft anblinzelte. Platz zum Spielen wäre im Hause der Base gewesen; es war ein großes, altes Bauernhaus samt Scheuer, das sie ganz allein bewohnte, – die Güter, die dazu gehörten, waren in Pacht. Die Base, die eine etwas wunderliche Person war, benützte im Haus nur die große Stube am Eingang, in der auch ihre Schlummerstätte, das alte Himmelbett ihrer Eltern stand. All der andre Raum in Haus und Scheuer war leer; Mietsleute gibt es auf dem Dorf nicht viel, da fast jeder sein eigen kleines oder größeres Haus bewohnt, und die Base wollte auch keine. Gäste hatte sie dagegen genug in Haus und Scheuer, obgleich sie keine Gastbetten besaß, nur Stroh genug auf dem Boden und weiches Heu, das ihr der Pächter lieferte, der seine eigne Scheune im Dorf hatte. Die alte Base nämlich nahm alle »Schucklersleute« und Schnurranten bei sich auf, die ihren Weg in die etwas abgelegene Gegend fanden: Orgelspieler, Harfenmädchen, Zigeuner, Seiltänzer, Kesselflicker, wer da vorüber kam und um Herberge bat, der wurde bei der Base eingelassen, wenigstens für eine Nacht; er bekam ein Lager auf Heu und Stroh, morgens und abends eine reichliche Suppe, aber der Hausordnung der alten Bäbel (Barbara) mußte er sich fügen: Mannsleute kamen in die Scheuer, Frauenspersonen und Kinder ins Haus; die Thüren wurden geschlossen, sobald zu Nacht gespeist war, auch durfte keiner länger als zwei Nächte da verweilen. Die Leute im Dorf und besonders auch die Verwandten der alten Bäbel hatten lang genug geschimpft darüber, daß eine angesehene, wohlhabende Bauerntochter solch eine »Schucklersherberg« aus einem rechten Bauernhause mache; sie hatten auch lange genug prophezeit, daß die Bäbel solch seltsame Gastfreundschaft noch werde teuer büßen müssen; das Zigeunervolk werde sie ausstehlen und am Ende gar noch »abmurgsen«, so daß man sie eines schönen Morgens in dem ausgeplünderten Hause tot, mit abgeschnittenem Halse finden werde. Das war aber schon lange her; die Bäbel, die keine großen Reichtümer mehr zu hüten hatte, – sie hatte ihr Geld dem Brunnenbauer zur Verwaltung übergeben und nahm für sich nur, was sie brauchte, und das war nicht viel – die alte Bäbel war noch nicht ausgestohlen und noch nicht »abgemurgst« worden. Das große, öde Haus, wo sie jetzt wohnte, war ein schönes, stattliches Bauernhaus gewesen zu ihres Vaters Lebzeiten, aber es ging die Sage, der alte Thalbauer sei ein harter, böser Mann gewesen. In einer Winternacht hatte eine Zigeunerfrau mit einem kleinen Kinde um Gottes willen um ein Obdach bei ihm gebeten, der Bauer hatte ihr ein Stück Brot hinausgeworfen und gerufen: »Kann kein Lumpenvolk aufheben!« Am nächsten Morgen aber hatte man die Frau mit dem Kinde erfroren im Felde gefunden. Seither war kein Glück mehr in Haus- und Viehstand gewesen: der Thalbauer, vom Schlag getroffen, hatte noch einige Jahre elendiglich gelebt. Die Bäbel, seine einzige Tochter, wollte nicht heiraten; sie hatte nach seinem Tod die Güter verpachtet und nur ein Gärtlein und das Haus behalten, in dem sie von nun an jedermann aufnahm, der Einlaß suchte, ohne sich zu kümmern um das Gerede der Leute. Regine wäre nun schon gern zu der Base gegangen zu Zeiten, wo etwa Spielleute bei ihr waren oder Komödianten, oder so ein Örgelein, auf dem Kaiser Napoleon mit der Marie Luise herumtanzt und der Preußenkönig dazu eine Prise nimmt; aber wenn die Mutter auf dem Weg zur Base nur von weitem eines der grünen Deckelwägelein entdeckte, in dem solche Leute reisen, so kehrte sie wieder um, und den David, der über die Maßen gern mit solchem Volk verkehrte, wollte sie gar nicht mehr zur Base lassen. Da wünschte freilich Regine manchmal einen andern Zeitvertreib und sie war seelenvergnügt, als eines Morgens die Mutter zu ihr sagte: »Regine, hol mir das neue Körbchen, zieh eine saubere Schürze an und kämm dein Haar ein bißchen, wasch auch deine Hände! du kannst der Frau Pfarrerin ein Küchegrüßlein bringen; darfst aber keinen so dummen Bockskopf mehr an das Pfarrjungferlein machen, wie das letzte Mal, daß Herr Pfarrers denken müssen, die Leute in Berghalde haben gar keine Manier! Also, du richtest schön aus: Eine gehorsame Empfehlung von deiner Mutter und sie sei so frei und schicke der Frau Pfarrerin einen kleinen Küchengruß.« War ein ganz appetitlicher Küchengruß, den die Brunnenbäuerin sauber in ein neues Körbchen ordnete: in die Mitte ein Töpfchen goldklaren, schönen Honig, wie er aus dem Bienenstock im Grasgarten gewonnen wurde, zu beiden Seiten auf grünen Blättern eine Balle ganz frische herrliche Butter, welche die Bäuerin so schön wie keins der Weiber im Dorfe zu bereiten verstand, ringsum ein Kranz frisch gelegter Eier; darüber deckte die Bäuerin eine weiße Serviette mit roter Borde. »So, nun trag's sachte und benehm dich manierlich!« befahl sie nochmals der Regine, die das Körbchen auf den Kopf nahm und etwas ängstlich, aber doch sehr vergnügt, die steilen Stäffelein hinaufstieg, die hinter dem Dorf zu Kirche und Pfarrhaus führten. Das Körbchen war nicht schwer und Regine trug es so leicht und sicher wie die größeren Bauernmädchen in Süddeutschland die schwersten Lasten tragen. 2. Im Pfarrhaus Die Frau Pfarrerin und ihr Töchterlein saßen mit der Arbeit unter dem großen Kastanienbaum vor der Hausthür, der Kirche gegenüber, es war im Garten noch etwas zu sonnig; Gertrud zählte eben zum zwölftenmale nach an ihrem Strickstrumpf, ob die aufgegebene Zahl denn noch nicht gestrickt sei, als Regine, atemlos und glühend rot im Gesicht, aber doch sehr freundlich, mit ihrem Körbchen, das sie nun in den Händen trug, anrückte. Ein bißchen verlegen war sie doch und richtete einen gehorsamen Befehl von ihrer Mutter aus und die Frau Pfarrerin soll auch so frei sein und das Küchengrüßle nehmen. Diese wußte schon wie es gemeint war; sie sprach ihre aufrichtige Bewunderung der schönen Butter aus und dankte sehr freundlich. »Nun, Regine, so heißt du doch?« sagte sie, »du wirst nicht zu eilen haben; so geh einmal mit ihr, Gertrud, und zeig ihr dein Gärtchen! Darfst dein Strickzeug zusammenmachen.« Das war Gertrud ein sehr willkommener Befehl, denn Stricken war ganz und gar nicht ihre Liebhaberei; er erleichterte ungemein die neue Bekanntschaft der Mädchen. »Komm, Regine!« rief sie seelenfroh und führte das Bauerntöchterlein in den Pfarrgarten, der, soweit es in der kurzen Zeit möglich gewesen, schon recht nett angelegt und angepflanzt war; – bei dem alten Herrn, der früher dagewesen, waren nur Kraut und Rüben, Bohnen und Erbsen darin gewachsen; bei dem Amtsverweser, der nach ihm gekommen, nichts als Unkraut. – Gertrud zeigte Regine ihr Gärtchen, das ihr der Taglöhner, der unter Anweisung der Frau Pfarrerin den Garten baute, auf einem Rasenplätzchen angelegt hatte. Es war mit Immergrün eingefaßt und waren blühende Tag- und Nachtblümchen darin eingesetzt, in der Mitte ein Rosenstock. Das gefiel Regine sehr wohl, sie hatte noch nicht daran gedacht, in dem großen Garten daheim sich ein eigenes Stückchen Land geben zu lassen. »O, so laß ich mir auch eins machen!«, rief sie, »und mein David, der ist so geschickt, der soll Ihr um das Gärtchen da ein schönes Zäunlein von Weiden herum machen,« sie wußte noch nicht recht, wie sie das Pfarrtöchterlein anreden sollte. »Wirst doch du zu mir sagen,« sagte Gertrud, welche von der Mutter oft zur Freundlichkeit ermahnt wurde, »du wirst gerade so alt sein wie ich; in acht Tagen ist mein Geburtstag, da werd' ich elf.« »Ja, so alt bin ich auch,« sagte Regine mit einigem Selbstgefühl. »Das ist ja geschickt,« meinte Gertrud, »so können wir schön miteinander spielen! Gib acht, ich hole meine große Puppe herunter; hast du auch schöne Puppen?« »Ich nicht mehr,« sagte Regine etwas beschämt, »bei uns auf dem Dorfe haben nur die kleinen Mädchen Docken, aber ich spiele gerne damit.« So wanderten denn die Mädchen hinauf, um die Puppen zu holen; Frau Pfarrerin gab ihnen ein paar süße Brötchen, wie sie immer bereit hatte für unerwartete Gäste, und ein Musbrot dazu; sie trugen die geputzte Staatspuppe, Antonie genannt, nebst dem kleinen Kind im Wickelkissen, das um ein gut Teil größer war als die Staatsdame, samt dem Wägelchen in den Garten hinunter. Regine hatte schon lange nicht mehr mit Puppen gespielt; sie lernte es aber bald wieder. Sie war Kindswärterin und Gertrud die Mama, es ging prächtig zusammen; Gertrud war ganz glücklich, daß jetzt wieder jemand ihre schönen Sachen bewunderte. Der Vater war vorher Diakonus in einer kleinen Stadt gewesen, da hatte es ihr nicht an Gespielen gefehlt, die sie hier oft vermißt. Die Mädchen waren so vertieft ins Spielen und Erzählen, daß Regine erst ans Heimgehen dachte, als es zu dunkeln begann. Auch der Herr Pfarrer war noch in den Garten heruntergekommen und hatte ein paar freundliche Worte mit ihr gesprochen, und Frau Pfarrerin beschenkte sie mit einem niedlichen Büchschen, darin ein glänzender Fingerhut war; Gertrud befahl ihr dringend an, doch recht bald wieder zu kommen, und so ging das Bauerntöchterlein ganz glücklich nach Haus. Die Mutter war gar nicht böse über ihr spätes Heimkommen, als sie ihr erzählte, wie schön es gewesen sei im Pfarrhaus und Pfarrgarten, und wie sie recht bald wieder kommen müsse; es freute sie gar sehr, wenn ihre Regine bei Pfarrers freundlich aufgenommen war. Von da an war die Freundschaft der Mädchen im schönsten Zug und verging fast kein Tag, wo sie nicht zusammenkamen. Gertruds Mutter sah bald, daß Regine ein gut erzogenes Mädchen sei, wenn auch manchmal noch etwas unbeholfen in ihren Manieren; Regine mußte ihr Strickzeug mitbringen und es ging auch bei Gertrud viel leichter, seit sie in die Wette stricken konnten; nachher hatten sie freie Pürsch im Garten und auch auf weiten Spaziergängen. Gertruds Gärtchen wurde wirklich von dem geschickten David mit einer netten Einfassung von geschlungenen Weiden umgeben, und Regine brachte schöne rote Nelkenstöcke von ihrem Garten herauf. Obst gab es im Pfarrgarten nicht viel, der frühere Pfarrer hatte die Bäume etwas verkommen lassen; aber drunten in des Bauern Grasgarten, da waren dafür köstliche Birnen, saftige Pflaumen und rote Äpfel im Überfluß; so hatte Gertrud sich's noch nie schmecken lassen! – denn in der kleinen Stadt hatten sie keinen eigenen Garten gehabt. Der geschickte David, der ganz manierlich und zahm wurde, seit das Pfarrtöchterlein kam, der machte ein künstliches Mühlwerk am Bächlein draußen zu Gertruds Vergnügen; er wußte verborgene Stellen im Walde, wo es schöne Haselnüsse gab, und fing sogar ein junges Eichhörnchen, für das er ein niedliches Häuschen zusammenzimmerte, und das bei Gertrud so zahm wurde, daß es ihr die Nüsse aus der Hand fraß. Sogar Viktor, Gertruds kleines Brüderlein, wurde den Mädchen manchmal anvertraut; Regine konnte besonders nett mit ihm umgehen und es war so schön, wenn sie das Kinderwägelein bei sich hatten und miteinander Zigeuners spielten. Einmal war Gertrud auch mitgegangen zu der alten Base im Thal. Regine hatte nicht gewagt sie dazu einzuladen, weil es ihr selbst so langweilig dort vorkam; Gertrud aber, die hatte die größte Lust dazu, als Regine ihr einmal von der Base und ihrer seltsamen Gastfreundschaft erzählte. »O hör, das muß ja herzig sein! Rechte Zigeuner wohnen da und Komödianten und Spielleute? O, da wollen wir hin!« »Närrisch! Die kommen nicht alle zusammen, und gar zu oft kommen ja solche Leut' nicht hierher,« sagte Regine; »auch kehrt meine Mutter gleich um, wenn sie von weitem so ein Wägelein sieht; die meiste Zeit ist's langweilig bei der Base. Nun, wir wollen's probieren!« Es war kein grünes Wägelein zu sehen, als die beiden Mädchen am Sonntagnachmittag mit der Bäuerin hinausgingen; Sonntags waren Musikanten und dergleichen Leute meist fort in den Dörfern, nur ein blinder Geiger saß auf der Bank vor dem Hause, wegen dessen brauchte die Bäuerin doch nicht wieder umzukehren! Der spielte den Mädchen ein paar schöne Stücklein, für die ihn Gertrud mit ihrem ganzen Taschengeld von zehn Kreuzern belohnte; dann streiften sie durch all die leeren Räume, in denen Regine allein sich sonst ein wenig fürchtete. Sie fanden da und dort noch einen bunten Fetzen, eine kleine Schelle oder sonst einen Nachlaß der verschiedenen Gäste, die schon da oben gehaust; Gertrud machte aus, das nächste Mal müsse David mitkommen, vielleicht sogar das kleine Gretchen, dann könne man da oben prächtig Räubers spielen oder sonst schöne Sachen. Die Bäuerin war bedenklich bei diesem Plan, »hört, man weiß nicht, was das Schucklersvolk da alles zurückläßt!« Die Base aber versicherte, es müsse immer wieder sauber gekehrt und gelüftet werden. Sie freute sich, daß das Pfarrtöchterlein zu ihr kam; sie brachte nach dem Kaffee noch besonders schöne rote Äpfel und zeigte ihr allerlei Raritäten aus alten Zeiten, die sie noch bewahrt hatte: eine Brautkrone von Flittergold, daran allerlei Münzen und bunte Steinchen herabhingen, ein feines silbernes Geldbüchschen, wie ein Herz geformt, von durchbrochener Arbeit, – Gertrud ging ganz befriedigt von der Visite bei der Base nach Haus. Wer allein etwas betrübt über die neue Freundschaft war, wenn auch in aller Stille, das war das kleine Gretchen. Ihr war, wenn sie aus der armseligen Hütte der Mutter kam, des Brunnenbauers Haus allezeit als das beste und schönste erschienen, höher hatte sie nie geschaut; zu der großen Regine blickte sie fast mit Verehrung auf und war glücklich, wenn die sich hie und da herabließ mit ihr zu spielen, wenn sie ihr kleine Dienste thun durfte. Sie dachte nicht daran, daß, wenn sie wachse, auch Regine größer und älter werde; sie freute sich nur, bis sie, wenn sie recht geschwind wachse, die Regine einholen und dann vielleicht noch ihre rechte Kameradin werden könne. Jetzt war alles anders; Regines Sinnen und Trachten stand nur darauf, wie sie, wenn sie ihre Tagesarbeit gethan, bald genug zu Pfarrers Gertrud kommen könnte, und wenn Gertrud bei ihr war, so vergaß sie ohnedies das arme, kleine Gretchen ganz, bei dem es mit dem Wachsen eben gar nicht geschwind ging, das immer ein etwas kleines verkommenes Wesen war. Gertrud ließ sie noch eher mit ankommen; die hatte entdeckt, daß das kleine Dinglein, dem niemand Unterricht gab, gar nicht dumm war und ganz geschickte Fingerlein hatte. Sie konnte, wenn sie ein paar Stückchen Papier fand, nette Puppen und Kleidchen dazu ausschneiden, wußte auch viele schöne Lieder und hatte ein helles Stimmlein, sie zu singen. Regine aber sah es nicht gern, wenn Gertrud sich mit der Kleinen abgab. »Ach laß das, das Getüftel ist langweilig!« rief sie, »komm, wir wollen auf den Berg steigen, man baut jetzt droben am Schloß, das kleine Ding kann nicht mit, für die ist's zu hoch! Da, Gretel, hast mein Vesperbrot, ich hol' mir nachher wieder eins.« Sie wußte nicht, wie mit gar betrübten Äuglein Gretchen ihnen nachsah; sie wollte dem Kinde nicht weh thun, sie dachte eben nur an das, was ihr gerade lieb war. 3. Im Ritterschloß. So waren ein paar Jahre vergangen, ohne daß die Freundschaft viel Störung erlitten, als hie und da einen vorübergehenden Streit, ein kleines Trutzen, das aber selten länger als einen Tag anhielt. So viel spielen durften die Mädchen nicht mehr; Regine aber durfte mit Gertrud arbeiten unter Anleitung der Frau Pfarrerin und an ihren Lehrstunden beim Vater teilnehmen, was freilich nicht so regelmäßig geschah, da es auch in Haus und Hof viel für sie zu schaffen gab. Die Mutter hätte es schon gern gesehen, wenn sie Arbeit und Unterricht des Pfarrtöchterleins ganz geteilt hätte; da war aber der Vater bestimmt dagegen: er wolle keine »Stadthettel«, und wenn sie auch zu jung war, um eigentlich teil an Feldarbeiten zu nehmen, so mußte sie doch im Haus tüchtig mit angreifen und bei Hauptgeschäften mit aufs Feld. Das that aber der Freundschaft keinen Abbruch; Gertrud selbst ging manchmal mit, bei der Obsternte, beim Heumachen oder beim Kartoffelnherausthun, bei der Weinlese ohnehin, und arbeitete eine Weile mit den andern, wenn auch die große Hausmagd mitleidig rief: »Jungferlein, laß Sie's gehen, zu dem ist Sie nichts nutz.« David zündete am Schluß ein helles Feuer an von dem dürren Kraut, wobei Kartoffeln gesotten oder gebraten wurden, und war ein Heller Jubel dabei. Von Gretchen war nicht mehr viel die Rede; so klein es war, mußte es in den Freistunden zwischen der Schule schon das ganz kleine Kind einer Nachbarin hüten; es that das nicht ungern, es hatte kleine Kinder gar lieb, und da es so nett erzählen konnte, so sammelte sich bald ein Häuflein anderer Kinder um das Wägelchen, worin der Kleine lag, und Gretchen mußte neben seinem mühseligen blauen Strickstrumpf und neben dem Kleinen, den sie beschwichtigen sollte, noch allerlei Geschichten erzählen und Spiele angeben; Regine kümmerte sich nicht viel darum. Es war ein Ereignis für Berghalde, als im Schloß, wo lang vorher schon gebaut und gehämmert worden war, die gnädige Herrschaft nun wirklich zu längerem Verbleiben einzog. Frau von Urspring war sehr leidend und sollte auf dem Lande leben, auch der Freiherr wollte sich für eine Weile vom Militär zurückziehen und das Schloß seiner Väter bewohnen; man sagte, sie haben eine Erbschaft eingethan, die ihnen den Bau möglich machte. Was wohnlich gemacht wurde, das war nicht das rechte eigentliche Schloß, dessen verfallene Türme so stattlich ins Thal hinabschauten; um das herzustellen hätte es größere Reichtümer gebraucht, als der Freiherr von Urspring aufzuwenden hatte; es war ein hinten angebautes Haus, wohl früher die Wohnung eines Beamten, das jetzt schön hergerichtet wurde. Die Leute erzählten gar viel, welch schöne Tapeten jetzt an den Wänden dort seien, was für fürnehme Möbel und Geräte man hinaufgeführt habe; es freute die meisten, wenn auch nicht alle, daß die Herrschaft jetzt wieder recht unter ihnen wohnen werde. Man hatte oben vor dem Eingang einen schönen Triumphbogen errichtet; die jungen Bursche vom Ort hatten alles, was von alten Büchsen, Pistolen und Flinten im Ort war, zusammengebracht und schoßen und krachten damit dermaßen, daß die gnädige Frau Kopfweh bekam und recht froh wurde, als die Einzugsfeierlichkeit vorüber war. Die »Herrschaft« hatte zwar nichts mehr zu gebieten im Dorf, doch war ihre Anwesenheit immerhin noch eine Wichtigkeit; besonders Gertrud und Regine sprachen viel zusammen davon, wie wohl das Fräulein sein werde. Sie hatten beim Einzug bemerkt, daß ein junges Mädchen, etwa in ihrem Alter, mitgekommen war. Ein bißchen anders als andere Menschenkinder mußten sie sich das adelige Fräulein doch vorstellen. Es that Gertrud gar zu leid, als sie einmal von einem Besuch bei Regine zurückkam und hörte, daß der Herr Baron und seine Frau dagewesen seien; das Töchterlein war nicht mit gewesen, aber sie hatten gefragt, ob Pfarrers Kinder haben. Seitdem mußte sie gar oft hinaufschauen und sich besinnen, ob sie wohl auch das junge Fräulein noch werde kennen lernen. Es war die Zeit der ersten reifen Erdbeeren und Gertrud und Regine zogen, wie sie schon oft um diese Zeit gethan, in den Wald hinauf unter Anführung Davids, der alleweil that, was er nicht sollte, der aber die besten »Plätze« im Walde wußte, wo die meisten Erdbeeren zu finden waren. Sie fanden auch wirklich ganz wunderschöne reife und aßen nach Herzenslust. »Aber etwas müssen wir heimbringen, Mama ißt sie auch so gern,« sagte Gertrud. Der kunstreiche David mußte, wo Klebbinsen wachsen, und flocht daraus ganz niedliche grüne Körbchen, eins für Regine und eins für Gertrud, in welche die allerschönsten Erdbeeren gesammelt wurden; für sich machte David kein's, »zum Schleck hab' ich g'nug 'gessen,« meinte er, »und für den Hunger ess' ich drunten lieber ein Stück Brot.« Es gingen zweierlei Wege vom Wald ins Thal; der steilere führte am Schloß vorüber, der andere war etwas bequemer. »Warum gehn wir den Stäffelesweg?« fragte David. »O, der ist nicht so glatt,« sagten Gertrud und Regine fast zugleich: – sie wollten's nicht recht gestehen, daß sie gern am Schloß vorbeikommen mochten, in der Hoffnung, das junge Fräulein zu sehen. Von dem Neubau, der jetzt hübsch hergerichtet war, führte eine luftige Brücke, die ehemalige Zugbrücke, zum alten Schloß hinüber, vor dem ein frisch angelegter grüner Rasenplatz war und kleine Beete, auf denen allerlei schöne Frühlingsblumen blühten. Ein elegantes Tischchen und eiserne Gartenstühle standen dort, daran saßen, mit zierlicher Arbeit beschäftigt, zwei Damen, die Baronin und die Gouvernante; Adele aber, das junge Fräulein, sprang mit einem Schmetterlingsnetz auf dem Rasen herum. Ach, wie schön und wie vornehm kam das alles der Gertrud vor! und Adele trug ihr blondes Haar in Locken, die mit einem blauen Bande gebunden waren, und ein weißes Kleid mit himmelblauer Schärpe, am hellen, lichten Werktag! Fast etwas näher als nötig war, gingen die Mädchen an dem Rasenplatz vorüber, David hielt sich in gehöriger Entfernung. – »O, wie schöne Erdbeeren!« rief Adele verwundert, »unsere im Garten sind ja noch gar nicht reif!« Die Mädchen zögerten noch verlegen, da schob aber Regine die Gertrud etwas voran und flüsterte: »Gib ihr dein's, du kriegst dann mein's!« So trat denn Gertrud etwas schüchtern vor und bot ihr Körbchen dem Fräulein an: »Da, wenn Sie sie gern mögen...« »Aber die darf ich nicht alle nehmen!« rief Adele mit glänzenden Augen. »O, im Wald droben gibt's grad' g'nug!« schrie David aus dem Hintergrunde hervor, zu Regines großer Verlegenheit. Die Gouvernante kam herbei, sie erlaubte Adele die Erdbeeren anzunehmen und sprach sehr freundlich mit Gertrud. »So, du bist des Pfarrers Töchterlein? und das sind ein paar junge Freunde vom Dorf, die dir den Weg gezeigt haben. Nun, ich hoffe, du und unsere Adele sollt euch noch mehr sehen, freundlichen Dank indes!« Auch Adele bot Gertrud noch die Hand und sagte eifrig: »Du mußt zu mir kommen, ich bin oft so allein; dann mußt du mir auch zeigen, wo die schönen Erdbeeren wachsen!« Die Kinder wandelten heimwärts; Regine nötigte Gertrud, ihre Erdbeeren der Mutter heimzubringen, »meine fragt nicht so viel danach,« versicherte sie. Gertrud sprach immer von dem jungen Fräulein und ihrem weißen Kleid und der blauen Schärpe. »Was sie nur Sonntags trägt, wenn sie Werktags schon so flott ist?« besann sie sich. Regine sprach gar nicht viel, ging auch nicht mehr mit hinein ins Pfarrhaus, wie sie sonst schon gethan, und auf die Bemerkung Davids: »Du, i mein', die da droben sei ein Fratzle,« gab sie keine Antwort; sie mußte selbst nicht recht, warum ihr's betrübt zu Mut war. Zwei Tage darauf aber sprang Regine sehr vergnügt die Treppen zum Pfarrhause hinauf; ihre Mutter butterte heut und sie hatte vom letzten Martinimarkt ein kleines Butterfaß mitgebracht, darin die Mädchen sich selbst Butter bereiten durften, die dann in kleine niedliche Bällchen geformt wurde; das war immer ein Hauptspaß für Gertrud gewesen und das Butterbrot von der selbstbereiteten Butter schmeckte so köstlich. Regine wollte geschwind wie sonst auch in die Pfarrstube springen; aber Lisbeth, die Pfarrmagd, hielt sie zurück. »Wirst jetzt nicht hinein können. Regine,« sagte sie wichtig, »die gnädige Frau ist drinnen und die Gubernante, wie sie sie heißen, und das junge gnädige Fräulein! will's unserer Gertrud sagen, daß sie herauskommt zu dir.« Regine war etwas verdutzt, daß sie nicht wie sonst in das Wohnzimmer gehen sollte; Gertrud kam heraus, ganz aufgeregt von ihrem vornehmen Besuch, etwas rot und verlegen. »Was hast du wollen, Regine? Adele vom Schloß ist bei mir. Willst du nicht ein bißchen hereinkommen?« setzte sie etwas zögernd hinzu. »Wir buttern heut, da hab' ich fragen wollen, ob du nicht kommst; wirst aber jetzt nicht wollen?« »Du bist recht freundlich,« sagte Gertrud, die sonst gar keinen so höflichen Ton mit Regine anschlug, »aber ich könnte wirklich jetzt nicht, weißt, es ist der erste Besuch von Adele...« »Weiß wohl, adieu,« sagte Regine und ging rasch wieder fort. »Wie einfältig, daß sie das übel nimmt!« dachte Gertrud und doch gab's ihr einen kleinen Stich ins Herz, als sie ihre gute Kameradin so plötzlich fortgehen sah. Aber eine Ehre war's ihr doch, daß das Fräulein zu ihr kam, und daß sie gleich eingeladen wurde, sie zu besuchen. Wohnten sie auch droben nicht in Rittersälen, so waren doch die Zimmer so schön eingerichtet, wie Gertrud noch keine gesehen hatte, und Adele hatte ein eignes, ganz niedliches Zimmer mit einem kleinen Sofa und Theetisch, daran die Mädchen aus ganz feinem zierlichem Theegerät allein Thee trinken durften; auch hatte sie schöne Album und Bücher mit prächtigen Kupfern und Lesebücher mit Geschichten, die Gertrud so schön vorkamen, daß sie gern alle auf einmal gelesen hätte; es war wirklich eine Herrlichkeit im Schloß und bald war sie dort fast mehr als im Pfarrhause. Das war alles sehr rasch gekommen. Die Gouvernante hatte oft schon gewünscht für Adele, die sehr lebhaft und flüchtig war, noch eine Gefährtin für Spiel und Unterricht zu finden. Zudem war es Zeit, den Vorbereitungsunterricht für die Konfirmation bei Adele zu beginnen, den der Pfarrer geben mußte; auch da war es besser, wenn sie nicht allein war. Seine Gertrud hätte der Pfarrer natürlich zu den andern Kindern im Dorf genommen, denen er den Unterricht in der großen Schulstube erteilte; für das Freifräulein von Urspring war nicht daran zu denken, daß sie in einer Stube mit Michel und Hans, auf einer Bank mit Grete und Liese sitzen sollte! So kam denn der Herr Pfarrer wöchentlich viermal aufs Schloß, um da die beiden Mädchen zu unterrichten. Und der Frau Pfarrerin konnte es natürlich nur lieb sein, daß Gertrud Französisch und andre schöne Dinge, auch feine Handarbeiten bei Fräulein Seeger mitlernen sollte. Ach, wie war das so schön, aufs Schloß zu steigen jeden Morgen, in so eleganten Zimmern zu verweilen, wo das gewöhnliche Wohnzimmer viel schöner war, als der Mutter beste Stube, in der die grünbezogenen Möbel beständig weiß zugedeckt waren, um sie vor Staub zu schützen; wie reizend das Dejeuner und Gouter, in Adeles niedlichem Zimmer oder draußen auf dem Rasenplatz! Das Lernen freilich war oft minder angenehm; Gertrud war vom Vater an ein ernstes Aufmerken und fleißiges Arbeiten gewöhnt. Adele aber war eine wilde Hummel, die allerlei Possen trieb; unter den ernstesten Lektionen zupfte sie Gertrud heimlich am Kleid oder kribbelte sie mit den Fingern, um sie lachen zu machen; malte ihr, wenn sie einen Augenblick vom Buch aufsah, Fratzengesichter und Störche in ihr Schreibheft, und wenn Fräulein Seeger ernstlich böse ward, so sagte sie lachend: »O liebe Fräulein Lulu (sie hieß Luise), das ist Ihnen gar nicht ernst; warum soll ich denn Weltgeschichte lernen? Das ist ja alles schon so lange vorbei!« An solch ein Lernen war Gertrud nicht gewöhnt, Fräulein Seeger auch nicht, und wenn Adele lachend herumhüpfte, so dachte sie nicht, wie sie, die man für ein gutmütig Kind hielt, der Lehrerin ihren Beruf und das Leben oft blutsauer machte. Die Herrschaft blieb auch über den Winter da, weil Adele vor ihrer Konfirmation nirgends eingeführt werden sollte. Etwas hübscher gekleidet mußte Gertrud jetzt schon werden, die Kattunkleidchen und baumwollenen Schürzen, die sie sonst für Alltag getragen, thaten's nicht mehr auf das Schloß; es wollte ihr auch daheim allerlei nicht mehr recht gefallen, so daß die Mutter oft in stiller Sorge war, Gertrud werde verwöhnt, und es ihr zu Zeiten fast lieber gewesen wäre, die alte Kameradschaft mit Regine hätte noch bestanden. Ja, für die gute Regine da hatte Gertrud eben fast gar keine Zeit mehr frei! Die Frau Pfarrerin, der es leid that um die alte Freundin, hatte schüchtern angefragt bei der Gouvernante, ob das gutbegabte Mädchen nicht vielleicht auch an einer Lektion teilnehmen könnte. »Liebe Frau Pfarrerin, das geht wohl nicht,« hatte Fräulein Seeger geantwortet; »Frau Baronin achtet gewiß den Bauernstand, will auch den Kindern vom Dorf einmal ein ländliches Fest geben; – aber zu täglichem Umgang für das junge Fräulein, da taugt denn doch eine Bauerntochter nicht; es wird auch für Ihre Gertrud besser sein, wenn sie nicht zu viel Verkehr mehr mit dem Mädchen hat, – es nehmen sich da doch gewisse Manieren an...« Der Herr Pfarrer, der zugegen war, dachte im stillen, die respektvolle Aufmerksamkeit, mit der die Bauernkinder drunten seinem Unterricht lauschten, sei bessere Manier, als der rastlose Mutwillen der reizenden Adele, mit dem sie auch in seinen Unterricht so oft Störung brachte. Gertrud selbst wollte ihre alte Freundin nicht kränken; sie besuchte sie einigemal, besonders als der Frühling wieder kam, aber sie war auf einmal nicht mehr daheim in Haus und Hof drunten; in den hübscheren Kleidern konnte sie sich nicht wie sonst umtreiben im Grasgarten, die zwei Mädchen wußten nicht so recht mehr, was sie miteinander anfangen sollten, und Gertrud war fast froh, als die Stunde schlug, wo sie zum Musikunterricht aufs Schloß sollte. Der kecke David, der auch beleidigt war, daß das Pfarrjungferlein nach ihm so gar nichts mehr fragte, der stand hinter der Hecke und sang ihr ein Spottliedlein nach: »Gang mer aweg mit Sammetschühle, Gang mer aweg mit Bändele! Bauremädle sind mer lieber Als so Kaffeepümpele« – was Gertrud sehr übel nahm, so daß sie sich vornahm, nichts mehr mit dem groben Buben zu reden. »Besuch mich doch auch wieder!« hatte sie zu Regine gesagt; die Mutter hatte ihr aufgetragen, die alte Kameradin einzuladen. »O, du bist ja gar nicht mehr daheim, bist immer auf dem Schloß,« sagte Regine in halbgekränktem Ton. »Ach nein, komm nächsten Sonntag!« bat Gertrud, bei der sich auch ihr gutes Herzchen regte, »da haben wir keine Lektionen und Adele fährt meistens aus mit ihren Eltern, dann kann ich ganz wohl daheim bleiben; nicht wahr, du kommst?« sagte sie im Ton der alten Freundschaft, »dann kochen wir einmal wieder, das mag Adele nicht.« Regine versprach es gern; es machte ihr die alte Liebe und Freude am Verkehr mit ihrer Gertrud auf und sie zählte in der Stille Tage und Stunden, bis es Sonntag sei. Auch Gertrud freute sich wieder auf die alte Gespielin und dachte der fröhlichen Zeiten, die sie zusammen gehabt; sie richtete am Sonntag ihr Kochgeschirr zusammen und die weiße Schürze. Es war ihr seither oft ein leiser Stich ins Herz gewesen, wenn sie Regine von weitem gesehen, nun sollte alles wieder schön und gut werden! So ein paar Stündchen hie und da konnte sie immer noch für ihre Regine finden. Sie stand im Garten, um sie zu erwarten; die Mutter war oben mit einer Freundin, die bei ihr zu Gast war, – da kam nicht Regine, wohl aber der Diener vom Schloß in seiner flotten Livree, in der ihn die Leute zuerst für einen General gehalten. »Eine Empfehlung von der gnädigen Frau und sie machten heute mit dem jungen gnädigen Fräulein eine Fahrt aufs Lustschloß, Fräulein Gertrud möchten auch mitkommen; wir fahren aber gleich.« Ausfahren! Aufs Lustschloß, das sie noch nie gesehen und von dem sie schon Wunderdinge gehört hatte! Ach, das war gar zu herrlich! Sie war noch sehr selten mit ausgefahren, da sonst der Freiherr selbst mitfuhr und deshalb für sie kein Raum war; nun an dem schönen Tag in dem prächtigen offnen Wagen! Und das neue Sommerhütchen, das Fräulein Seeger mit dem Adeles aus der Stadt verschrieben, das hatte sie auch noch nicht aufgehabt, und den neuen Sonnenschirm, den ihr Adele geschenkt; wie schön konnte man das heute einweihen! Atemlos stürzte sie zur Mutter hinauf: »Mama, der Bediente vom Schloß war da und hat mich eingeladen; ich darf mitfahren aufs Lustschloß, weißt, das haben wir noch gar nicht gesehen! Du erlaubst es natürlich? Und da muß ich doch mein weißes Kleid anziehen?« Sie eilte fort, ohne recht auf Antwort zu warten; die Mutter, gerade im eifrigen Gespräch mit ihrer alten Freundin, ließ es geschehen. Erst als Gertrud im weißen Kleid und neuen Hut freudeglühend noch geschwind kam, um adieu zu sagen, fiel ihr ein: »Aber, Kind, hast du nicht gesagt, du habest auf heute Regine eingeladen?« »Ach weißt, so förmlich eingeladen nicht,« sagte Gertrud verlegen; »sie sagte nur, sie komme vielleicht und es ist auch ungewiß, ob sie daheim nur weg kann. Wenn sie je noch käme, so bitte sie nur, daß sie nächsten Sonntag wieder kommt, da bleibe ich dann ganz gewiß daheim! Sie kann auch meine neuen Bücher sehen, wenn sie will, aber ich glaube, sie kommt gar nicht.« Fort war sie wie der Sturmwind, und die Mutter, die ihr so gern die Freude gönnte, wollte sie nicht zurückhalten, obschon ihr die Ausrede etwas verdächtig war. Regine drunten, die hatte indes kaum, erwarten können, bis die Stunde schlug, wo Herrn Pfarrers gewiß abgegessen hätten! Die Mutter ging heute zu der Base, wollte aber Regine nicht nötigen, mitzukommen; sie freute sich selbst für sie, daß sie einmal wieder das alte Vergnügen genießen sollte, und Regine schlug das Herz vor Freude, als sie die Stäffelein zum Pfarrhaus hinaufstieg. Sie war ein vernünftiges Mädchen, so entschuldigte sie selbst Gertrud über alle Vernachlässigung der letzten Zeit. »Sie hat's nicht bös gemeint, sie hat ja wohl nicht anders können und sie mag mich doch!« sagte sie zu sich selber. »Wenn wir nun heut recht vergnügt miteinander sind, so kommt sie wohl auch gern wieder zu mir, und es wird wieder alles recht.« Geputzt hatte sich Regine auch zu dem Besuch; ein nagelneues lila Zitzkleid, das die Mutter ihr am letzten Markt in der Stadt gekauft hatte, und einen neuen, runden Strohhut mit breitem, rotem Band, – sie dachte in der Stille, selbst wenn das gnädige Fräulein heut käme, dürfte sie sich wohl sehen lassen. Sie trug in ihrem Körbchen ein paar große Stücke goldgelben Rahmkuchens, den Gertrud besonders gern aß und den die Mutter gestern beim Brotbacken extra für sie gemacht hatte. Sie läutete an der Hausglocke, die Pfarrmagd steckte oben den Kopf aus dem Fenster: »Unsere Gertrud ist nicht daheim, der Bediente hat sie aufs Schloß geholt,« rief sie mit einigem Stolz, »sie ist ausgefahren mit der gnädigen Herrschaft.« Da saß die arme Regine auf der Bank vor dem Haus, auf der sie so oft mit ihrer Gertrud gespielt und geplaudert hatte, und weinte zum Herzbrechen – das war die alte Freundschaft, die wieder anfangen sollte! So unglücklich, so betrogen und verraten konnte kein Mensch auf der Welt sein, als sich jetzt des Brunnenbauers Töchterlein vorkam. Jetzt wollte sie aber keinem Menschen in der Welt etwas Gutes mehr zutrauen! Die Frau Pfarrerin hatte die Hausglocke gehört. »Drunten sitzt 's Brunnenbauers Regine und heult,« sagte auf ihr Befragen die Magd, die selbst etwas betreten war über den Jammer des Mädchens; die Pfarrfrau ging eilig hinunter, um sie zu beruhigen und mit herauf zu nehmen. Das Körbchen mit dem Kuchen stand auf der Bank, Regine aber war schon auf dem Heimweg, sie sah sich nicht ein einziges Mal mehr um. »Jetzt ist alles, alles vorbei,« dachte sie immer wieder und wieder in ihrem traurigen jungen Herzen. Die Mutter, der Regine abends ihr ganzes bitteres Herzeleid, ihren Grimm über die stolze, falsche Gertrud klagte, redete ihr gütlich zu: »So schwer mußt's nicht nehmen; wer weiß, ob du's nicht auch so gemacht hättest! und früher oder später laufen eure Wege doch auseinander.« Regine aber wollte sich nicht trösten lassen, es war eine bittere Erfahrung für ein so junges Leben. Daß das kleine Gretchen ihr ein zierliches Buchzeichen, das die Stricklehrerin sie hatte aus buntem Papier flechten gelernt, heimlich in ihr Gesangbuch gelegt, das hatte sie freilich auch nicht beachtet und den verlangenden Blick nicht gesehen, mit dem das Kind wartete, ob wohl Regine eine rechte Freude daran habe. Ein etwas böses Gewissen hatte Gertrud zuerst, so leichtfüßig sie auch den Schloßberg hinauflief; aber es war doch gar zu herrlich, als sie mit der gnädigen Frau, mit Adele und Fräulein Seeger in dem schönen, bequemen Wagen saß, der so pfeilschnell hinausflog in das weite, herrliche Land. Der Berg, der dem Dorf zu steil abfiel, verlief oben in eine Hochebene. Hier war Gertrud fast noch nie gewesen, da der Pfarrer und seine Frau ihre Gänge lieber im Thal machten. Aber das Lustschloß? Wo blieb denn das? Sie sah gar nirgends Zinnen und Türme eines Schlosses ragen; da, – noch eine Wendung, an einem kleinen Obstwäldchen vorbei, da stand mitten auf wundervoll grünem Rasen, in dem reizende Blumenboskette angepflanzt waren, das Lustschloß, ringsum ein kleines Wäldchen von Tannen und vorne, da wo die breiten Stufen hinabführten, lag jenseits des Rasens ein kleiner, klarer See, alles still, ganz stille ringsum, nur eine Schildwache wanderte gleichförmigen Schrittes auf und ab. Daß das Schlößchen ganz im Rokokostile gebaut und möbliert sei, wie Fräulein Seeger den Mädchen erklärte, hatte Gertrud nicht gewußt, war ihr auch gleichgültig; ihr kam es vor wie ein Feenschloß aus der Märchenwelt: die breite Freitreppe, an deren beiden Seiten zwei steinerne Löwen Wache hielten; das Dach von blauem Schiefer; die seltsam geschnörkelten Verzierungen an den hohen Fenstern; vor allem der Blick auf den See, wo ein paar schneeweiße Schwäne ihre Kreise zogen; die tiefe Stille, die über allem lag, – das deuchte ihr zu wunderbar, sie wagte zuerst gar nicht laut zu reden. Adele, die respektierte das wunderbare Schloß gar nicht so; sie sprang die Freitreppe auf und ab; sie versuchte durch die hohen Fenster zu schauen, die aber von innen mit Läden verschlossen waren. Gertrud war ganz in Angst, die Schildwache möchte ihren Säbel ziehen, und recht erleichtert, als die wilde Hummel von der Mutter herabberufen wurde an ein Tischchen im Grünen, wo, abermals wunderbarerweise, bald Kaffee mit Rahm und Butterbrot aufgetragen wurde, der herrlich schmecken mußte an einem so wunderschönen Platz. Ja woher kam denn der? Doch nicht aus dem verzauberten Schlosse, das rund und rundum verschlossen, in so tiefem Schweigen dalag? Ach nein, der kam von der Frau Kastellanin, die in einem netten, weißen Hause, etwas in den Bäumen versteckt, hinter dem Schlosse wohnte und die Erlaubnis hatte, eine kleine Kaffeewirtschaft zu halten. Nein, so hatte Gertrud noch nie Kaffee getrunken! Da blieb kein Gedanke übrig für die arme Regine, die eben in tiefer Betrübnis vom Pfarrhaus heimwärts ging. Die Frau Kastellanin kam selbst zu der gnädigen Herrschaft, deren Namen sie vom Kutscher erfahren hatte: »Die Herrschaften wollen doch auch unser Schloß besehen?« »Gewiß,« sagte Frau von Urspring, »wenn es erlaubt ist.« »O warum nicht? Durchlaucht haben da nichts dagegen, im Gegenteil, es ist ja ohnehin jammerschade, daß unser schönes Schloß so lotterleer steht, mit gehörigem Respekt zu sagen; aber im Stande muß doch alles sein, sind auch in letzter Zeit einige Zimmer im untern Stock neu eingerichtet worden. Man sagt schon lange davon, daß Durchlaucht, die verwitwete Frau Herzogin mit Prinzessin Manuela hier einen Aufenthalt nehmen werden. Durchlauchtige Prinzessin sind gar zart, sind schon in Italien und an allen möglichen Kurorten gewesen und wollen's auch noch hier probieren. Möchte wohl wissen, wo es gesünder sein könnte und schöner als hier.« Die Kastellanin öffnete, Frau von Urspring blieb im Freien zurück, sie hatte schon Schlösser genug gesehen; Gertrud, mit weit offenen Augen, trippelte in stiller Ehrfurcht sachte auf dem Streifen, der auf den prächtigen Teppichen gelegt war, sorgsam, ja nicht darüber hinauszutreten; Adele jubelte laut auf vor Freude und Verwunderung und mußte von Fräulein Seeger immer in Ordnung gehalten werden, weil sie beständig hin und her hüpfen wollte, da die wunderbare Uhr betrachten, um die zwölf Stunden in verschiedenen Gewändern herumkreisten; dort das hohe glänzende Papageienkäfig bewundern, darin zwei Paar buntfarbige Papageien sich höflich gegenübersaßen, freilich nur ausgestopfte, und während Gertrud den Saal anstaunte mit den deckenhohen Spiegeln und Bildnissen alter Fürsten und Prinzessinnen, zum Teil in ganz altertümlichen, wunderlichen Trachten, entdeckte Adele mit Freudengeschrei in einem Seitenkabinett ein Hundehäuschen, fast wie eine Kapelle gestaltet (wozu Fräulein Seeger ernsthaft den Kopf schüttelte), darin, gleichfalls ausgestopft, »der Leibmops selig der höchstseligen Frau Fürstin,« wie die Kastellanin berichtete, noch mit ganz bissigem Gesicht unter der Thüre lag. Reizende Porzellanfigürchen, zierliche Tassen und Kännchen, kunstvolles Geräte aller Art war da zu sehen; die Mädchen wären gar nicht fertig geworden mit Bewundern, wenn nicht der Frau Kastellanin die Zeit lang geworden wäre und Fräulein Seeger zur Eile getrieben hätte. Daß es hier wunderschön sei, war für Gertrud keine Frage; aber daß man da recht eigentlich wohnen, essen und schlafen könne, das konnte sie sich doch nicht vorstellen. Als sie aber zum Schluß aus besonderer Vergünstigung noch die unteren Zimmer sehen durften, die für die Möglichkeit, daß die Herzogin komme, neu hergerichtet waren, dachte sie: »Ja, da ließe sich leben fast wie im Paradiese.« Da war der Gartensaal, dessen breite Glasthür auf die Freitreppe führte, ganz mit roter Seide ausgeschlagen; schöne Gewächse waren noch nicht viel da, weil das Kommen der hohen Herrschaften noch ungewiß war, aber in den Nischen standen weiße Marmorbilder, eine Flora, eine Ceres, eine Pamona, und man sah so prächtig hinaus auf den grünen Rasen und an den blauen See. Dann aber erst das Kabinett für Prinzessin Manuela (was war das schon für ein schöner Name!), ganz in Himmelblau, und ein so wundernetter Arbeitstisch, mit Perlmutter eingelegt, an dem hohen Fenster – daß Prinzessinnen auch arbeiten, hatte Gertrud nicht gedacht –; ein klein wenig ließ die Frau Kastellanin sie hineinschauen und all das zierliche Gerät von Perlmutter darin bewundern. »Ja, sie thun der armen jungen Durchlaucht alles zuliebe, weil sie so viel krank ist,« sagte mitleidig die Kastellanin. – Gertrud war's wie im Traum, daß es Menschen auch so gut haben können; selbst krank sein dünkte ihr herrlich, wenn man in himmelblauem Zimmer, auf solch reizendem gesticktem Fauteuil ruhen dürfe. Bedenket, daß es das erste Fürstenschloß war, das Gertrud gesehen, und dazu vor dreißig Jahren, wo die Welt noch lange nicht von so viel Pracht und Eleganz verwöhnt war, wie heutzutage! Auch Adele plauderte der Mutter erstaunlich viel vor von den Herrlichkeiten des Schlosses und meinte: »Nicht wahr, Mama, wenn wir unser Schloß, unser rechtes, altes Ritterschloß wieder herbauen, dann gibt's auch so schöne Säle, und dort im Erker, da läßt du mir dann ein himmelblaues Zimmer einrichten, oder vielleicht rosenrot? Aber ich will lebendige Vögel, keine ausgestopften, auch keinen Mops, aber einen schönen Windhund; nicht wahr, dann bin ich wie ein Burgfräulein?« »Das alte Schloß wieder aufzubauen und herzustellen, das wäre wohl selbst dem Herzog zu teuer,« sagte lächelnd die Mutter; »es sieht oft eher aus, als sollten die Schlösser abgebrochen statt neu gebaut werden.« »Da haben gnädige Frau recht,« fiel bedenklich die Frau Kastellanin ein, die sich verpflichtet glaubte, den Herrschaften Gesellschaft zu leisten; »die Leute werden gar wüst und wollen nicht mehr recht begreifen, daß nicht alles gleich sein kann in der Welt. Kein Respekt mehr, sag' ich oft. Die alten Herren haben's vielleicht mitunter ein bißchen schlimm getrieben, den jungen verdanken sie ihre Gutthat nicht. Gnädiges Fräulein haben vorhin gemeint, die arme Schildwache müsse umsonst so viele Langeweile ausstehen, ich aber wollte, man hätte nicht bloß eine, um unser Schloß zu beschützen; man hört oft rohe Redensarten, wie es schade sei, daß so ein Bau leer stehe, wo so viel arme Leute keinen Unterschlupf haben. Ja wohl da! das würde bald sauber aussehen, wenn man die hereinließe!« »Wir können freilich nicht alles ausgleichen,« sagte Frau von Urspring, indem sie aufstand, denn ihr Wagen war angespannt. »Wer sich redlich mehrt, dem wird wenigstens ein Kämmerlein nicht fehlen, und in den prachtvollen Schlössern sind schon viele schwere Herzen gewandelt. Es ist oft nicht so ungleich, als es scheint. Guten Abend, Frau Kastellanin!« Auch die Heimfahrt war herrlich durch die sternhelle Nacht; Gertrud konnte daheim gar nicht genug erzählen, wie schön der Tag gewesen. War ihr freilich leid, als ihr die Mutter das Körbchen mit den Frühkirschen brachte und ihr sagte, wie tief gekränkt Regine wieder abgezogen sei. »Aber nicht wahr, Mütterchen, ich mußte doch gehen? Das konnte ich doch nicht ablehnen?« fragte sie immer wieder; »wie würde das Adele übel genommen haben und die gnädige Frau!« Die Mutter vertröstete sie; man wolle schon sehen, es bei Regine wieder gut zu machen; aber einen leisen Stachel behielt Gertrud doch im Herzen, als sie unter den Bildern des wunderbaren Schlosses, die ihr vorschwebten, endlich einschlief. Am Dienstag darauf wurde die Pfarrmagd zu Brunnenbauers gesandt mit einer Einladung an Regine, den Nachmittag bei Gertrud zu verbringen. Das war sonst nie geschehen. Gertrud war hinuntergehüpft und hatte beim Gehen gesagt: »Gelt, morgen kommst, Regine?« Diesmal aber hatte sie allerlei Gründe gewußt, warum sie nicht selbst gehen konnte, und hatte von der Mutter erlangt, daß die Magd einladen mußte, die ohnehin eine Bestellung im Dorf zu machen hatte. Die Bäuerin ließ sagen: es thue ihr leid, aber ihre Regine habe heute nicht Zeit, ins Pfarrhaus zu kommen. »Die Leute sind auch unnötig empfindlich,« meinte die Mutter. Man schickte nicht wieder und Regine kam nicht mehr, – es war Gertrud schon lieb, daß sie nicht mehr gehemmt war in ihrem Verkehr mit der munteren Adele; aber ein bißchen that ihr doch das Herz weh, so oft sie hinuntersah an das Bauernhaus drunten, wo sie so oft vergnügt gewesen war; sie mochte gar nicht mehr gern ins Thal spazieren gehen, weil sie sich scheute, Regine zu begegnen. Es wäre so viel einfacher gewesen, sie wäre einmal hinunter gegangen, hätte Regine die Hand geboten und gesagt: »Es thut mir leid, nimm mir's nicht übel!« Aber es fällt jungen und alten Herzen gar schwer, zuzugeben, daß sie unrecht gehabt, und doch würde so viel Verdruß und Herzeleid auf Erden damit abgeschnitten und erspart. 4. Die Konfirmation. Die Zeit des Vorbereitungsunterrichts war nun vorüber, am ersten Sonntag im Mai sollte die Konfirmation sein. Frau von Urspring konnte sich nicht entschließen, ihre Adele mit den Bauernmädchen und Buben in der Dorfkirche konfirmieren zu lassen. Die kleine Kapelle oben im Schloß wurde mit vieler Mühe gereinigt und so weit hergestellt, um die vornehmen Gäste, Paten und Onkel Adeles, die zu der feierlichen Handlung eingeladen waren, würdig empfangen zu können. Der Pfarrer war nicht gern auf den Wunsch der gnädigen Frau in betreff dieser Sonderkonfirmation eingegangen; doch sagte er es ihr endlich zu, als sie ihm so rührend vorstellte, wie sehr Adeles alter Großvater wünsche, sein Enkelkind in der Kapelle seiner Ahnen, die so lange im Verfall gewesen, eingesegnet zu sehen. »Und ich denke, es versteht sich von selbst, lieber Herr Pfarrer,« fügte Frau von Urspring hinzu, »daß Ihre Gertrud, die seither mit Adele den Unterricht geteilt, auch teilnimmt an der heiligen Handlung. Ganz allein könnte unsere Kleine doch etwas schüchtern sein, da sie, obwohl sonst so lebhaft, doch im Antworten nicht sehr gewandt ist; mit Gertrud wird es ihr leichter. Sie erlauben mir wohl, daß ich den beiden Kindern den gleichen Anzug besorge: ein weißes Gewand mit Schleier, was ja so viel anmutiger ist, als das traurige Schwarz der Landleute hier; so sind sie wie Schwestern.« »Dafür, gnädige Frau, danke ich,« sagte der Pfarrer mit entschiedenem Ton; »ich habe auf Ihren Wunsch meiner Gertrud den Unterricht mit Ihrer Tochter erteilt; eingesegnet aber soll sie werden mit den Kindern des Dorfes, damit es nicht scheine, als ob der Pfarrer sich zu vornehm dazu dünke; auch für Kleid und Schleier danke ich herzlich, so lieblich der Jugend das weiße Gewand steht. Es ist einmal nicht Sitte hier, und ich denke, das ernste Gewand paßt auch für die Jugend zu der ernsten Feier; je weniger an diesem Tag die Mädchen überhaupt an ihr Kleid denken, desto besser ist es.« Die Frau Pfarrerin meinte zuerst, sogleich abweisen hätte man das freundliche Anerbieten der gnädigen Frau nicht sollen; sie hätte gerade nicht ungern ihre Gertrud im weißen Kleid und Schleier in der Schloßkapelle mit dem jungen Fräulein gesehen; aber sie mußte ihrem Gatten recht geben, als er ihr seine Gründe sagte. Adele, die war am meisten unzufrieden darüber. »Ach geh, wie ist doch dein Papa so wunderlich! – weißt, ich verehre ihn ja sehr, – aber 's wäre doch so viel schöner gewesen, wenn wir zwei miteinander eingesegnet worden wären, als wenn ich allein da aufsagen soll vor den alten Tanten und dem vornehmen Großpapa; könnten wir ihn nicht noch recht bitten, Trudchen?« Das wollte Gertrud nicht, wenn es ihr zuerst auch leid war, nicht mit Adele zu sein, und beinahe eine Verlegenheit, wieder unter die Dorfkinder zu gehen. Aber sie hatte ihres Vaters Unterricht wohl zu Herzen gefaßt und sah in der Konfirmation nicht nur ein paar ernste Stunden, mit denen man aus der Schule eingeführt werde unter die Erwachsenen, sondern eine heilige Feier, in der sie mit freiem, klarem Willen ihr junges Herz sollte fürs ganze Leben dem Herrn zu eigen geben und bei ihm die Kraft suchen, den rechten Pfad zu einem seligen Ziele zu finden. So fügte sie sich gern des Vaters Wunsch. Zusehen durfte sie doch der Feier in der Schloßkapelle. Ein prächtiger Fußteppich und ein gesticktes Kissen lagen vor dem Altar und schön geputzte Damen saßen in den alten, geschnitzten Stühlen. Gesang hatte man nicht und die Orgel in der Kapelle war längst schadhaft; aber man hatte ein Harmonium herbeigeschafft, auf dem der Schulmeister einen Choral spielte. Adele, die allein auf einem Stuhl in der Nähe des Altars saß, hatte nur wenige Fragen zu beantworten, in die der Pfarrer die christliche Glaubenslehre und das Bekenntnis gefaßt hatte; vor dem Altar stehend, sagte sie ihr leises Ja zu dem feierlichen Gelübde, und es sah sehr schön aus, wie die schneeweiße, zarte Gestalt auf dem reichen Teppich kniete, um den Segen zu empfangen. Adele aber, als Gertrud tiefbewegt ihr nachher die Hand gab, flüsterte ihr zu: »Hab' ich's auch recht gemacht? O, wie bin ich so froh, daß es vorüber ist! War mein Kleid nicht sehr zerknittert?« Das ging Gertrud durch die Seele, obgleich sie nichts darüber sagen konnte. Die Teilnahme an der festlichen Familientafel hatte der Pfarrer für sich und sein Töchterlein dankend abgelehnt. Es war doch auch schön, als am nächsten Sonntag die Glocken der Dorfkirche zusammenläuteten und Gertrud zwischen Vater und Mutter hinabstieg zum Dorf, wo vom Schulhause aus der Zug der Kinder zur Kirche wallte: all die Mädchen schwarz gekleidet, mit blühenden Straußlein in der Hand, die Knaben mit mächtig großen Sträußen im Knopfloch. Regine und Gertrud gingen zusammen, jede hatte ein Sträußchen von Rosenknospen, Frührosen, die Regine lang vorher schon in der sonnigsten Gartenecke ganz besonders gepflegt und begossen hatte, denn es war noch nicht Rosenzeit; all die anderen Kinder hatten nur Hyazinthen, Narzissen oder Tulpen, wenn nicht gar gemachte Blumen. Es war diesen Morgen ein schönes Bouquet, so groß wie ein kleiner Teller, vom Schloßgärtner gebracht worden für Gertrud; als aber bald darauf Regine vor der Pforte stand und schüchtern fragte: »Gertrud, ich habe die Röslein für dich und für mich gezogen, willst nicht ein Sträußlein davon?« da hatte Gertrud aus eigenem Antrieb das prachtvolle Bouquet in ein Glas gestellt und sich mit Regines Sträußchen geschmückt. Die Mädchen hatten schon tags zuvor Frieden geschlossen, beim Stellen, wie man es nennt, als in der Schulstube die Fragen und Antworten noch einmal überhört und die Reihenfolge der Kinder bestimmt worden war, damit es bei der Feier selbst in guter Ordnung zugehe. Sie saßen nach etwas scheuem Gruße nebeneinander; als Regine die Antwort auf die Frage aufzusagen hatte: »Was heißt den Nächsten lieben?« die lautet: »Den Nächsten lieben heißt nicht nur, es mit demselben getreulich meinen, ihm alles Gute von Herzen wünschen und gönnen, sondern auch seine Schwachheit mit Geduld ertragen u.s.f.,« da hatte sie sich in der Stille geprüft, ob sie so die Gertrud lieben könne, und sie hatte gefunden, daß sie es gewiß getreulich mit ihr meine und ihr alles Gute von Herzen wünsche und gönne; etwas Ähnliches war auch in Gertruds Seele vorgegangen, und nach dem Schluß der Probe hatten sie sich, unbemerkt von den anderen Kindern, zugleich die Hände geboten; Gertrud hatte gesagt: »Nicht wahr. Regine, du bist nicht mehr böse auf mich?« – »Ich, o behüte Gott!« hatte Regine aus überströmendem Herzen erwidert; »ich bin nur ein dummes Ding gewesen, daß mir's damals so weh gethan! Ich trag' dir gewiß und wahrhaftig nichts mehr nach!« So wandelten sie denn jetzt versöhnt nebeneinander zur Kirche, wo die Gemeinde andächtig sang: »Herr, sie sind Dein, Laß ihre Reih'n Dir an Dein Herz geleget sein.«. Und als der Chor der Kinder sich erhob zu dem feierlichen Gesang: »Stärk uns, Mittler, Dein sind wir«; als sie alle mit einer Stimme zuletzt das feierliche Gelübde sprachen: »Herr Jesu, Dir leb' ich. Dir leid' ich. Dir sterb' ich. Dein bin ich tot und lebendig, mach mich, o Jesu, ewig selig! Amen«; als jedes seine Hand in die des Geistlichen legte und niederkniete zum Segen, da fühlte Gertrud tief, daß es schön ist, mit vielen sich zu einen in einem heiligen Glauben; daß es einen Punkt gibt im Leben, wo Rang und Glanz der Erde ihre Bedeutung verlieren, weil uns da die Ahnung aufgeht von einem viel höheren und schöneren Erbe, das uns aufbehalten ist. Gar stille ging sie an der Mutter Hand wieder den Weg in das Pfarrhaus hinauf, wo nur ein Onkel und die ihr besonders liebe Tante Marie, eine Schwester der Mutter, das bescheidene Festmahl teilten. 5. Im Fürstenschloß. Die heilige Feier war vorüber und das Leben kam wieder in seinen Alltagsgang. Gertrud und Regine grüßten sich freundlich, wo sie sich begegneten. Regine brachte auch selbst hin und wieder ein Küchengrüßlein ins Pfarrhaus; aber die alte Kinderfreundschaft lebte doch nicht mehr so recht auf. »Bleib, wo du bist,« sagte zu Regine ihre Mutter; »eure Wege gehen nun einmal doch nicht zusammen; dann gab' dir's früher oder später wieder einen Herzstoß wie dazumal, von weitem könnt ihr gut Freund bleiben.« Auch gab es für Regine nun täglich mehr zu thun in Haus, in Hof und Garten, so daß nicht viel Zeit zu heiterem Mädchenverkehr übrig geblieben wäre. Dagegen ging sie nun mehr mit Gretchen um, deren Mutter indes gestorben war, und die man als so ein »Gottswillenkind«, wie man's im Dorfe nennt, auf dem Hofe behielt. Das kleine Ding war so flink und so willig zu jeder Hilfe, so froh. wenn sie mit Regine etwas gemeinsam thun durfte, so glücklich, wenn die ihr etwas mitteilte von den schönen Liedern und Geschichten, die sie droben im Pfarrhaus gelernt und gelesen hatte, und Regine fand, daß sie ein ganz gescheites kleines Weselein sei, das sie in allem wohl verstand und manchmal noch ganz besonders gute Einfälle hatte. Gertrud mußte nun freilich auch ihre Lehrzeit bei der Mutter beginnen, in der Küche, in Besorgung der Wäsche und allerlei häuslicher Arbeit; sie that es gern, aber sie freute sich, doch alle Tage auf den Nachmittag oder Abend, der sie hinaufführte zum Schlosse. Der munteren Adele droben wurde bei der kränklichen Mama und dem ernsten Fräulein Seeger die Zeit oft gar lang und sie konnte kaum erwarten, bis Gertrud kam, mit der sie dann herumstreifen, im Garten sitzen und lesen oder singen konnte; war ihr freilich auch das oft nicht genug zur Unterhaltung, und sie freute sich ungemein auf den Winter, wo sie in die Residenz sollte zu ihrer Tante, der Frau Oberst von Norden. Auch Gertrud sollte da ins Haus ihres Onkels, des Studienrats, um Stunden in allerlei weiblichen Arbeiten zu nehmen, und Adele machte schöne Pläne, wie sie dann erst recht beisammen sein wollten. »Weißt, bei meiner Tante ist's ein bißchen steif und die Cousinen sind älter als ich, die predigen mir immer, was sich schickt und was sich nicht schickt, – aber wir wollen's schon machen, daß wir zusammen kommen; wenn allemal deine Stunden aus sind, dann wandern wir ein bißchen miteinander herum, zur Parade, in den Schloßgarten, an den schönen Läden vorbei, und du mußt oft mit uns ausfahren; ins Theater gehen wir auch miteinander, die Tante soll dir ein Billett schicken, dann plaudern wir nachher zusammen darüber, – o, wie wird das herrlich sein!« Adele hüpfte vor Vergnügen und auch Gertrud freute sich auf die Herrlichkeiten der Residenz, die sie seither nur bei kurzen Besuchen gesehen, und sie kam jetzt erst so recht ins Feuer der ersten Freundschaft mit ihrer Adele hinein, die zu einer gar lieblichen Erscheinung heranwuchs. Ausfahren durfte Gertrud nun öfter als zuvor mit der Herrschaft in der lieblichen Gegend; Adele erklärte es zwar manchmal auch für langweilig, da man selten unterwegs anhielt, weil Frau von Urspring meist zu müde dazu war; für Gertrud war solche Ausfahrt aber immer eine neue Freude. Einmal ging's auch wieder zum Lustschloß, das den Mädchen noch wie ein Feensitz vorschwebte; diesmal aber durften sie nicht wie damals im kühlen Baumschatten den guten Kaffee der Frau Kastellanin trinken. Frau von Urspring war sehr elegant gekleidet, in einer grauseidenen Robe und einem duftigen Spitzenhut; sie machte heute der alten Frau Herzogin ihre Aufwartung, die nun endlich mit Prinzessin Manuela in dem Lustschloß eingezogen war. Fräulein Seeger und die jungen Mädchen mußten aussteigen, ehe die Freifrau mit dem Wagen am Schlosse vorfuhr, und durften sich ergehen in dem Park, bis sie wieder zurückkam. »O, Mama, nimm mich mit!« bat Adele, »ich möchte gar zu gern Prinzessin Manuela sehen und möchte wissen, ob sie jetzt nicht lebendige Papageien hat, und unser Diener sagt, die Prinzessin habe ein kleines Reitpferd und einen schneeweißen Windhund, o Mütterchen, das muß herzig sein!« Adele wäre fast im Wagen in die Höhe gehüpft. »Es geht nicht, mein Kind,« entschied die Mutter. »Für mich ist es Pflicht, der Frau Herzogin meine Aufwartung zu machen, du dürftest erst kommen, wenn du ausdrücklich befohlen würdest; zu einer Vorstellung bist du noch zu jung, die Prinzessin ist einige Jahre älter als du.« » Befohlen will ich überhaupt gar nicht werden,« meinte die übermütige Adele, »und so tiefe, vornehme Verbeugungen lerne ich erst machen, wenn ich nächsten Winter Tanzstunde habe. Komm nur, Gertrud, nicht wahr, da im Walde ist's lustiger!« und höchst vergnügt durchzogen sie miteinander den Park, solang Mama im Schlosse war. Frau von Urspring rühmte sehr auf dem Heimweg die Freundlichkeit der fürstlichen Dame und die liebliche Erscheinung der jungen Prinzessin. »Beinahe hätte ich dich noch im Wald suchen lassen. Adelchen,« sagte sie; »Durchlaucht hat so freundlich nach dir gefragt und sagte mir, ihre Enkelin, die von zarter Gesundheit ist, fühle sich oft so allein und würde dich wohl gerne einmal sehen, – ich denke aber doch, es ist besser, man wartet eine bestimmte Einladung ab.« Adele war die Prinzessin im Augenblick gar nicht mehr so wichtig; sie hatte einen sehr schönen Schmetterling im Walde gefangen und ging jetzt schon mit dem Plan um, eine großartige Schmetterlingsammlung anzulegen. Der Fräulein Seeger, die ihren flüchtigen Zögling schon kannte, war es noch nicht bange um das Leben der vielen schönen Tierchen, sie wußte wohl, daß solche Pläne selten ausgeführt wurden. Im Juni war Adeles Geburtstag, zu dem Gertrud selbstverständlich lange zuvor schon eingeladen war. »Diesmal muß es besonders schön werden,« verhieß ihr Adele, »die Schokolade und die Festtorte, die genießen wir auf dem Rasen; nachher aber muß eine ganz schöne Lustfahrt gemacht werden, ich sag' dir noch gar nicht wohin; gib acht, Gertrud, das wird schön!« Auch Gertrud dachte diesmal mit besonderem Vergnügen an den Geburtstag, weil sie ein so gar schönes Geschenk für Adele fertig gemacht hatte. Die Tante aus der Stadt hatte das Material geschickt und Fräulein Seeger ihr ganz heimlich Anweisung dazu gegeben. Es war ein Arbeitskörbchen von zierlichem Weidengeflecht, in das eine Blätterguirlande gestickt war; auf dem Boden war in ganz feinen Grund ein Bouquet von Rosenknospen genäht, das Körbchen mit weißem Seidenband gefüttert und mit grüner Chenille eingefaßt. Gertrud war lang vor dem Geburtstag damit fertig geworden und konnte nun kaum erwarten, bis er wirklich kam. Sie betrachtete es alle Tage wieder und meinte, so schön habe doch auch Adele noch nichts gesehen. Endlich kam der wichtige Tag, ein prächtiger, klarer Sommertag. Morgens hatte Gertrud nicht fort können, da große Wäsche auf dem Rasen aufzuhängen und zu hüten war; den Nachmittag hatte ihr die Mutter aber trotz der Wäsche freigegeben, und seelenvergnügt, ihr Körbchen sorgsam mit einem Tuch bedeckt in der einen Hand, ein schönes Sträußchen von Rosen in der andern, eilte Gertrud aufwärts den viel betretenen Pfad zum Schlosse. Da war's aber diesmal nicht so leicht hineinzueilen wie sonst. Auf dem Rasenplatz hielt ein prächtiger Wagen, nicht der des Freiherrn; ein fürstliches Wappen mit Krone war auf dem Schlage, kohlschwarze Rappen mit silberbeschlagenem Geschirr stampften ungeduldig den Grund. Gertrud schlüpfte etwas verblüfft an dem Wagen vorbei, Nannette, das Stubenmädchen, trat ihr entgegen. »Ach, Gertrud! ja so. Sie kommen zu unseres Fräuleins Geburtstag! Sie sind wohl so gut und gehen inzwischen in mein Stübchen da nebenan. Denken Sie, die gnädige Frau Herzogin selbst mit der jungen Prinzessin sind vorgefahren, der Herrschaft den Besuch zu machen! Diese Ehre hätten mir uns gar nicht gedacht, wir sind recht froh, daß wir doch all unsere schönen Möbel mit hierher genommen haben! ...« Die aufgeregte Nannette hatte gern noch weiter geplaudert, aber die Schelle der gnädigen Frau ertönte sehr rasch und sie sprang eilig fort: »Na, zu was haben sie mich denn nötig droben?« Da saß Gertrud in der Stube des Dienstmädchens, in die sie sonst kaum geblickt hatte, wenn etwa ein Auftrag an Nannette zu bestellen war; – da saß sie mit ihrem Körbchen und ihrem Rosensträußchen, es kam ihr vor, die Knospen lassen schon die Köpfe hängen. Sie sagte sich selbst wieder und wieder, es sei ja natürlich, daß man sie nicht gleich hineinführe zu den fürstlichen Damen, und Adele könne gar nichts dafür, daß diese gerade heute gekommen seien: es half aber nichts, das Herz wurde ihr schwerer und schwerer und sie senkte das Köpfchen wie ihre Röslein. Endlich ging die Thür auf; die gnädige Frau, die sonst meist auf dem Sofa ruhte, kam selbst, sehr eilig, etwas verlegen. »Ach, liebe Gertrud, ich höre eben erst, daß du hier bist; denk, die junge Prinzessin, die zuerst zu uns gekommen ist, hat solches Wohlgefallen an unserem Adelchen gefunden, daß sie sie noch heute für den Nachmittag mit sich nehmen will; Durchlaucht, die Frau Herzogin, sagt, es sei ein Mißgriff gewesen, daß sie die Prinzessin ohne jugendliche Gesellschaft in das einsame Lustschloß mitgenommen. Soeben kleidet Nannette sie noch an und ich konnte nur geschwind abkommen, solange mein Mann der Frau Herzogin unsere Aussicht vom Schloßturme zeigt. Bitte, warte nur noch ein wenig, du trinkst dann mit mir und Fräulein Seeger Adeles Festschokolade.« »Danke,« sagte Gertrud, die aufsteigenden Thränen hinunterschluckend, »ich will doch lieber gleich nach Hause. Mama hat heute so viel zu thun. Wollen Sie die Güte haben und Adele, wenn sie zurückkommt, das Körbchen geben?« Und sie bot ihr schönes Körbchen dar, die Arbeit vieler Wochen, den Stolz ihres Herzens, über das sie in Gedanken schon Adeles lauten Jubelruf gehört hatte. »Wie schön, liebes Kind!« sagte die Freifrau, die wohl ein wenig empfand von dem, was in der jungen Seele vorging, »da muß dir Adele selbst danken! Ich muß aber eilen; soll mich freuen, wenn du bleibst.« Gertrud stand seitwärts im Gebüsch, als bald darauf die herzogliche Equipage vorüberrollte; Adele erblickte sie nicht, sie saß der jungen Prinzessin gegenüber und schaute, noch etwas verlegen, aber doch mit strahlendem Vergnügen in das feine, zarte Gesicht Manuelas. Gertrud stieg leise, langsam bergabwärts. Als die Mutter eilig, um nach ihrer Wäsche zu sehen, aus der Thür trat, da saß ihr Töchterlein, das sie in Lust und Freude droben im Schlosse wähnte, auf der Bank vor dem Hause, auf derselben Bank, wo einmal Brunnenbauers Regine gesessen war mit ihrem Körbchen Kuchen; sie weinte so bitterlich, wie damals das Bauernkind geweint hatte, und konnte vor Thränen kaum der erschrockenen Mutter erzählen, wie es nichts geworden sei mit aller Geburtstagsfreude und wie Adele ihr schönes Körbchen nicht einmal gesehen habe, weil sie mit der Prinzessin davongefahren sei. »Und ich weiß wohl,« schloß Gertrud mit strömenden Thränen, »es ist jetzt alles aus und Adele gehört gar nicht mehr zu mir, o, ich weiß es gut!« »Sei nur zufrieden!« sagte die Mutter und nahm sie tröstend bei der Hand; »komm, nimm Viktor mit! wir wollen die Wäsche im Grasgarten holen, die prächtig getrocknet ist. Mußt früher oder später lernen, daß es nicht allemal wird, wie wir's uns ausgedacht.« Indessen saß Adele auf der Veranda des Lustschlosses mit Prinzessin Manuela, neben ihnen, in dem vergoldeten Käfig, ein lebendiges Pärchen goldgrüner Inseparables; zu ihren Füßen ruhte das weiße Windspiel, prachtvolle fremdartige Blumen dufteten um sie und in kristallenen Schalen wurde ihnen köstliches Fruchteis serviert. Die etwas bleiche und müde Prinzessin fand großes Wohlgefallen an dem muntern, drolligen Wesen Adeles, die bald die erste Schüchternheit verloren hatte; Adele gefiel es gar zu gut in der fürstlichen Umgebung, die doch noch um ein gut Teil schöner war, als die im Schlosse daheim; sie lachte und plauderte und hatte wohl kaum Zeit, an die arme Gertrud zu denken und an ihre getäuschte Hoffnung. Am anderen Tag kam sie selbst ins Pfarrhaus, ob aus eigenem Antrieb, ob auf Befehl der Mutter oder Fräulein Seegers, das weiß ich nicht. Sie rühmte sehr das schöne Körbchen; aber sie zeigte auch ein reizendes Armband von Emaille, das sie von der Prinzessin hatte annehmen müssen, als diese erfahren hatte, daß ihr Geburtstag sei. »Von ihrem eigenen Arm weg, Trudchen, denk dir! Ob's ihrer Großmama recht gewesen, weiß ich nicht; aber ich glaube, sie darf thun, was sie will, weißt, weil sie kränklich ist; – es ist mir oft leid, daß ich nicht auch kränklich bin! – Ich werde jetzt freilich manchmal zu ihr müssen; denke, man stellt die kleine Gondel wieder her, mit der dürfen wir auf dem See fahren, und sie hat einen Pony, ein kleines Pferdchen, und will auch noch das ihres Bruders für mich kommen lassen aus der Stadt; der braucht's nicht mehr, weil er jetzt auf großen Pferden reiten lernt; denk dir, reiten, was muß das herrlich sein, Trudchen!« Sie merkte wohl, daß Gertrud nicht so ganz einstimmen konnte in ihr Vergnügen, und sagte tröstend: »Gib acht, Trudchen, ich bringe noch zustande, daß du auch eingeladen wirst aufs Schloß. Weißt, die Prinzessin hat oft Langeweile, da können wir zwei sie noch besser unterhalten als eins allein. Einen Pony wird sie freilich für dich nicht haben, aber im Schloß ist's auch ohne das so schön!« Gertrud setzte keine große Hoffnung auf die Einladung ins Schloß, wenn sie sich auch in der Stille besann, ob sie denn ein Kleid hatte, das schön genug wäre, um vor der Prinzessin darin zu erscheinen. Sie hat kein solches gebraucht; ob nun Adele nicht Zeit und Gelegenheit gefunden, der Prinzessin von ihrer Freundin zu sagen, oder ob doch ein Pfarrtöchterlein auch auf dem Lande nicht als geeigneter Umgang für eine Prinzessin erachtet wurde: – Gertrud hat das Lustschloß nicht mehr betreten. Sie hörte erzählen von den Leuten, wie Adele mit der Prinzessin in der kleinen Gondel auf dem See schiffte, auf den zierlichen Ponies durch die Felder und Wälder droben ritt. »Da gehöre ich nicht hin«, sagte sie und ein bitteres Weh zog ihr das Herz zusammen. Die Freundschaft der jungen Mädchen war darum nicht gleich abgeschnitten; Gertrud wurde manchmal zu Adele gebeten, sie hatte noch mit ihr französische Lektionen bei Fräulein Seeger, und der munteren Hummel that's auch dazwischen wohl, einmal mit der Freundin frei herumzustreifen. »Weißt, im Schloß muß ich so gar gebildet sein,« sagte sie, »bei dir ruhe ich wieder aus!« – aber das Alte war's doch nicht mehr. Das zeigte sich noch mehr in dem Winter, den die Mädchen in der Residenz zubrachten. Adele war zwar noch zu jung, um bei Hof präsentiert zu werden, an dessen rauschenden Festen auch die zarte Prinzessin nicht teilnehmen sollte; aber Manuela hatte noch immer viel Freude an der munteren Gesellschafterin, und so wurde diese, zum großen Vergnügen ihrer vornehmen Tante, öfter in's Schloß eingeladen, durfte bei Konzerten zuhören, bei lebenden Bildern zuschauen; sie saß im Theater in der adeligen Loge, wo Gertrud hie und da aus dem bescheidenen Versteck einer Parterreloge hervorlugte; sie fuhr mit der Prinzessin in dem prachtvoll bespannten Schlitten mit kostbarem Tigerfell klingend vorüber, wenn Gertrud aus ihrer Schneiderstunde kam, und nur selten und flüchtig konnten die Freundinnen sich sehen und grüßen; es war nicht das Alte mehr. Daheim achtete man nicht so viel auf Gertruds Herzenskummer, es sah düster und gefährlich aus in der Welt draußen, man hörte von Aufruhr und Kriegsgeschrei. – Die junge Gertrud, die dachte nur an ihre verlorene Freundschaft, und als ein Perlenringlein zerriß, das Adele ihr einmal geflochten, da seufzte sie gar wehmütig: Sie hat die Treu' gebrochen. Das Ringlein sprang entzwei. 6. Abwärts. Mit kaum beginnendem Frühling wurden die jungen Mädchen wieder nahe zusammengeführt. Frau von Urspring konnte die Residenzluft nicht ertragen, sie war auf dem Schloß geblieben und sehnte sich, Adele noch bei sich zu haben, ehe sie in eine Pension nach Genf kommen sollte. Auch für Prinzessin Manuela wurde die Frühlingsluft auf dem Lande besser befunden, als die der Stadt, und Gertrud sollte jedenfalls nach Haus, um daheim bei der Mutter die Haushaltung zu lernen. »Wir schicken unsern Wagen zur nächsten Poststation,« hatte Frau von Urspring der Pfarrfrau angeboten, und diese, die wohl das stille Herzeleid ihrer Gertrud kannte, freute sich, daß die Mädchen doch nun zusammen heimreisen sollten. Aber der Wagen kam mit Gertrud allein; Adele war eingeladen worden, mit Prinzessin Manuela gleich von der Residenz aus im Hofwagen zu fahren, und wurde vom Lustschloß aus nach Hause gebracht; so fing es gleich wieder in der Heimat für die arme Gertrud mit Herzweh an, um so mehr, als auch Viktor, ihr heranwachsendes Brüderlein, in eine auswärtige Kostschule gekommen war. Der Pfarrer wurde hie und da zu der alten Frau Herzogin berufen, die sich gern mit dem frommen, gescheiten Manne unterhielt. »Weiß nicht, Herr Pfarrer,« sagte sie bei seinem ersten Besuche nach Manuelas Rückkehr, »ob ich klug gethan habe, mit dem Kinde hierher zu ziehen. Ich dachte, hier sei Ruhe und Frieden, während in der Welt draußen Krieg und Empörung ist und bis in die fürstlichen Gemächer der Streit der Parteien dringt. Aber ich finde, daß auch hier die Leute aufgereizt sind in blindem Haß gegen Höherstehende: meine Dienstboten werden ohne Grund verhöhnt oder aufzustiften gesucht, rohes Gesindel wird zum öftern in der Nähe des Schlosses gesehen, – es wird mir oft unheimlich hier zu Mut. Weisen Sie doch die Leute gehörig zurecht, Herr Pfarrer!« – »Die eine Belehrung am nötigsten hätten, die kommen nicht zu mir,« sagte lächelnd der Pfarrer; »ich fürchte, dieser Sturm ist zu heftig, als daß er durch Worte noch beschwichtigt werden könnte, und wären es Worte der ewigen Wahrheit; wieweit er gehen wird, das weiß Gott, der zur rechten Zeit ein Ziel setzen wird.« »Aber ich bitte Sie, Herr Pfarrer, wenn es nun käme wie bei der ersten französischen Revolution?« rief die aufgeregte Dame, »was soll ich thun, um Gottes willen? Ich getraue mir nicht mehr ohne Schutz nach der Residenz zurückzufahren; wenn ich die Schloßwache hier verstärken lasse, so könnte das erst aufregen, man sagt auch, selbst die Soldaten seien nicht mehr zuverlässig – was ist zu thun?« »Vielleicht ist es das Beste, wenn Durchlaucht baldmöglichst mit der Prinzessin in die Schweiz reisen,« meinte der Pfarrer; »wir hier können zunächst nichts thun, als daß jedes fest bleibt auf seinem Posten. Sie haben keine Pflicht, als sich und die Prinzessin zu schützen.« Zu der Reise aber kam es nicht. Bis im Lustschlosse nur die nötigsten Vorbereitungen getroffen wurden, wuchs der Sturm mehr und mehr an; man hörte da und dort von Gewaltthaten, singend und schreiend zogen Freischaren umher. Die Frau Herzogin, die sonst den Leuten ziemlich fremd geblieben war, that ihr möglichstes mit Gutthaten und Almosen; statt des Dankes kamen frech Fordernde bis ans Schloß und bedrohten die Schildwache, – die Prinzessin war auch im Augenblick zu leidend, um die Reise zu wagen. Herr von Urspring war eilig nach der Residenz zu seinem Regiments berufen worden und wollte sehen, ob dort für Frau und Tochter noch sicheres Quartier sei; Adele, aufgeregt durch all die Kunde von Krieg und Kriegsgeschrei, wäre am liebsten gleich mitgegangen, sie wollte so gern auch einmal eine Revolution sehen; – sie sollte das Vergnügen noch haben. Es war eine schwüle Nacht zu Anfang Juni, als Adele neben dem Sofa der Mutter saß, da sprang atemlos Nannette herein: »O gnädige Frau, o, wie geht's zu in der Welt! Man hört johlen und schreien von weitem, und brennen thut's, und – draußen stehen die höchstselbstige Frau Herzogin und die junge Prinzessin in der stockfinstern Nacht...« »Was, die Herzogin?« Ehe die Freifrau sich erhoben, war Adele schon hinausgesprungen und führte die alte Dame und Manuela herein, die betäubt, bleich und zitternd niedersanken auf die dargebotenen Sitze. »Aber, um Gottes willen, Durchlaucht, zu dieser Stunde?« »Die Stunde ist gleich,« sagte bebenden Tones die Herzogin, »unser Leben ist bedroht, eine Freischar zieht gegen das Schloß; unsere Schildwachen sind zu ihnen übergegangen, – ich weiß nicht, wie sie jetzt droben hausen; wir stehen in höchster Gefahr, kann Ihr Mann uns schützen?« – »Mein Mann ist ja fort,« rief die entsetzte Edelfrau, »der Kutscher auch, wir haben keinen Mann im Hause als unsern alten Johann...« »Und der hinkt!« rief kläglich Nannette dazwischen, die sonst nicht gewagt hätte, in Gegenwart der Frau Herzogin im Zimmer zu bleiben. »Es ist wie im Jahre 1790 auf die Hohen, auf den Adel abgesehen,« rief immer angstvoller die Herzogin, »wir sind verloren! ...« »Guillotiniert!« bestätigte die heulende Nannette. »Wir wollen uns drüben im alten Schloß verstecken,« schlug Adele vor, der jetzt schon das Gelüste nach ein bißchen Revolution vergangen war, »da findet man uns nicht.« »Geht nicht,« entschied Madlene, die Köchin, die ganz ungebeten sich mit zum Rate eingefunden hatte, »geht nicht; drüben ist keine einzige ordentliche Stube mehr, keine gute Treppe, die Frau Durchlaucht und unsere gnädige Frau gingen zu Grund, und am Ende thäten sie einen erst noch da auch suchen. Gehen die Herrschaften ins Pfarrhaus hinunter; der Herr ist ja nicht adelig, die Leute haben ihn gern, viel Geld suchen die Kerle da auch nicht; aber schnell!« Fahren konnte man vom Schloß ins Dorf nur auf großem Umweg; in den fürstlichen Wagen draußen hatten sie in der Schnelle allerlei gepackt, Pelzmäntel, Schmuckkästchen, Frisiermäntel, das packte die rasche Madlene aus und belud damit den hinkenden Johann: hinunter ins Pfarrhaus! Frau von Urspring, aller Schwachheit vergessend, ließ sich in einen Shawl wickeln von Nannette, der Madlene schnell noch ein Körbchen mit Eßwaren an den Arm hing; die zitternde Herzogin faßte den Arm ihres Enkelkindes; Adele und Nannette folgten und so eilte der seltsame Zug die Stufen hinab, die zum Pfarrhaus führten. »Aber du , Madlene?« rief die Freifrau zurück, als sie die resolute Köchin noch allein oben stehen sah, »was willst du thun? Du kannst das Haus nicht schützen.« »Ich, gnädige Frau? Ich mach' jetzt Feuer und koch' und back' und brat', was ich kann, und wenn die Kerle kommen, so geb' ich ihnen zu essen und zu trinken genug; mir thun sie nichts und das Beste im Haus kann ich derweil verstecken – aber machen Sie geschwind!« Der Rat war überflüssig, sie gingen so schnell sie konnten. Der Pfarrer saß unten bei Frau und Tochter und las ihnen eben aus Zeitungen und Wochenblättern vor, wie so gar schlimm und bedrohlich es in der Welt aussehe, ohne Ahnung, daß der Sturm so nahe sei; da schellte es gewaltig an der Hausthüre, so daß die ganze Familie alsbald hinausstürzte. Sie blieben starr vor Erstaunen, als sie die unerwarteten Gäste in der Hausflur erblickten. Adele und die schnabelschnelle Nannette waren die ersten, die mit geflügelten Worten sie von der Lage der Dinge unterrichteten. »Ja, lieber Herr Pfarrer, beschützen Sie uns nur,« schloß Adele, »Nannette meint, Ihnen thun die Leute nichts, weil Sie so brav seien, und nicht adelig, und nicht reich. Platz werden wir schon haben, ich kann bei Gertrud schlafen.« Der Pfarrer führte die Damen ins Zimmer, wo man der Herzogin und der Freifrau bequeme Sitze im Sofa bereitete; Prinzessin Manuela setzte sich auf ein Taburett zu den Füßen der Großmutter und legte ihr Köpfchen auf ihren Schoß. Die Pfarrfrau, ohne sich zunächst über die Zeitereignisse zu besinnen, eilte mit dem Instinkt einer Hausfrau in die Küche, um Thee zu kochen für die Damen, während Nannette helfen sollte, Betten zu rüsten; nur Gertrud stand noch etwas bestürzt neben Adele, die bald den alten Ton wieder gefunden hatte. Der Thee war noch nicht fertig, als abermals die Hausklingel tönte und atemlos das kleine Gretchen vom Brunnenhof drunten hereinstürzte. Sie trat in die Stube, unbeirrt von der ungewohnten Gesellschaft; ihre Botschaft war viel zu wichtig. »Herr Pfarrer,« begann sie, sobald sie zu Atem kam, »mein Bauer läßt Ihnen sagen. Sie sollen flüchten mit der Frau und Jungfer Gertrud, so geschwind Sie können, 's ist böser, als man gewußt hat, es kommen Freischaren von oben runter und unten durchs Thal herauf; die Soldaten sind selber dabei, sie johlen und schreien und zünden Häuser an; in L. haben sie die braven Schulschwestern fortgejagt, die Lehrer mit Prügeln forttransportiert; der alte Herr Pfarrer Hahn hat sich hinter der Holzbeuge und nachher im Kornfeld verstecken müssen, bis sie ihn in einem Bauernkittel über die Grenze gebracht haben; – nur schnell!« »Will der Bauer auf dem Hof uns aufnehmen?« fragte der Pfarrer, während seine Frau schon Nötiges und Unnötiges zur Flucht zusammensuchte. »Da wär's nicht sicher,« sagte Gretchen, »auf die reichen Höfe haben sie's gerad abgesehen; der Bauer und die Frau wollen auf dem Platze bleiben und sehen, ob sie das Haus retten können; Sie aber und wir anderen sollen zu der Base hinaus, da sucht man uns nicht und der Base thun sie auch nichts, weil's die Lumpenleut' so gut haben bei ihr; ich weiß einen versteckten Weg von hier, nicht durchs Dorf – den kann ich Sie führen.« »Aber – haben wir alle dort Raum?« fragte zweifelhaft die Pfarrfrau, auf ihre Gäste schauend. »Alle,« versicherte Gretchen; »wie er ist für so fürnehme Leute, kann ich nicht sagen, aber es ist doch alles besser als totgeschlagen zu werden.« »Ja, eilet!« sprach der Pfarrer, »ich will in Gottes Namen hier bleiben auf meinem Posten und sehen, ob eine ruhige Vorstellung etwas über die Leute vermag.« »Du willst uns verlassen?« rief angstvoll Gertrud. »Herr Pfarrer,« sagte Gretchen – kein Mensch wußte, woher das kleine, schüchterne Ding jetzt so ein keckes Mäulchen gefunden – »meinen Sie nicht, Ihne Ihr Pfosten sei bei den armen Frauensleuten da, die niemand haben zur Beschützung als den knappigen (hinkenden) Bedienten (Johann hörte das zum Glück nicht)? Was Sie mit den Kerlen reden, das hilft jetzt nichts; nur fort!« Und nun machte sich die gemischte Karawane auf den Weg; der Pfarrer führte die beiden Damen, Gertrud und Adele hatten die Prinzessin in ihre Mitte genommen, jede trug ein Körbchen; Johann half abwechselnd der Pfarrfrau und Nannette auf dem steilen Wege, den das flinke Gretchen sie abwärts führte zu der alten Thalbauerin. Auf der Scheuer war über der Tenne eine große Stube – zu den Zeiten des alten Thalbauers war sie oft als Tanzboden benutzt worden, da der mit allen Wirten der Gegend Handel hatte und seine Leute daheim wollte tanzen lassen; – die Flüchtlinge waren auf der Leitertreppe dort hinaufgeklettert, denn selbst das Haus hielt man nicht für sicher genug. Die Base, die zuerst nur gar schwer begreifen konnte, warum mitten in der Nacht die große Gesellschaft zu ihr komme, der sie doch gleich ansah, daß das keine Spielersleute seien, gab Regine, die auch herübergekommen war, ihre Schlüssel; »da, machet was ihr wollt! ich lieg' wieder in mein Bett, mir thut niemand nichts.« Der alte Tanzboden also war jetzt Salon, Speise- und Schlafzimmer für die herzogliche und freiherrliche Familie, für Pfarrers, für Regine und Gretchen aus dem Bauernhaus, für Nannette und Johann – der Brunnenbauer und seine Frau waren im Dorfe zurückgeblieben. Ein alter wackliger Tisch stand inmitten des Raumes, den eine Öllampe, die Regine von der Base herübergebracht, sehr spärlich erleuchtete; Gretchen, die manchmal ausgeholfen hatte, wenn die Base krank gewesen, war besonders gut hier daheim; sie schleppte mit Hilfe Johanns und Regines verschiedene hölzerne Stühle und Bänke und allerlei zweifelhaftes Gerät herbei, um wenigstens Plätzchen zum Ausruhen zu gewinnen für die erschöpfte Gesellschaft. Es war merkwürdig, was mit der Stunde der Not für ein Leben und Regen in die kleine Kreatur gefahren war, so daß erst durch ihr Beispiel auch die anderen zu nützlichen Gliedern der Gesellschaft wurden und vor allem Regine sich als rüstige Hilfe bewährte. Sie zündete Feuer an auf der Feuerstelle, die sich die früheren Gäste des Hauses unten aufgebaut hatten, und machte Wasser siedend in der großen Pfanne, die sie bei der Base drüben geholt. Ein rechtes Glück, daß mit manchen unnötigen Dingen aus Schloß und Pfarrhaus doch die Theebüchse mitgekommen war, eine Theekanne freilich nicht; aufs Theebereiten verstanden sich Gretchen und Regine nicht, da bei dem Brunnenbauern nur Kamillenthee getrunken wurde, wenn jemand krank war; da wußte aber Nannette Bescheid, die, freilich sehr mit Seufzen, in zwei braunen irdenen Töpfen Thee und Milch auftrug; etwas Zwieback hatte die Frau Pfarrerin mitgenommen, und Schwarzbrot genug, selbst Butter brachte Regine aus der Vorratskammer der Base. Weder die Frau Herzogin und Prinzessin Manuela, noch auch die Freifrau hatten jemals aus solchen Gefäßen Thee getrunken, der dazu noch in alten irdenen und einem Zinnschüsselchen serviert wurde, die immer wieder gereinigt werden mußten, da nur drei vorhanden waren – aber vielleicht hatte ihnen doch kein Thee aus feinstem Sèvresporzellan so wohlgethan wie dieser; denn die Nacht wurde kühl. Der hinkende Johann war immer noch etwas erstarrt; er konnte sich nicht darein finden, daß er unter solchen Umständen servieren sollte, zumal noch der Frau Herzogin! Gretchen und Nannette aber ermunterten ihn doch so weit, daß er mit Regines Hilfe aus alten Bänken in der Ecke eine Art Ruhelager zustande brachte, von denen eines mit den Pelzdecken vom Schloß für die Frau Herzogin, das andere mit einer weichen Unterlage von Heu, mit dem Shawl der Frau Pfarrerin bedeckt, für die Freifrau hergerichtet wurde. Das Abendessen war vorüber; Wein gab es nicht, Johann aber hatte seine Seele mit einem Schlückchen Heidelbeergeist erquickt, von dem die Base für böse Zufälle einen kleinen Vorrat besaß. Der Pfarrer hatte aus dem Psalmbüchlein, das er stets bei sich hatte, die schönen Worte des 91. Psalms gelesen: »Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzet und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibet, der spricht zu dem Herrn: meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe.« Er saß am Tisch; neben ihm seine Frau, die den Kopf an ihn lehnte und einschlief, obgleich sie oft meinten ganz von ferne rohes, wüstes Geschrei und Gesinge zu vernehmen, sie war so müde. Auch die Frau Herzogin war eingeschlummert auf ihrer seltsamen Lagerstatt und mit ihr die Prinzessin, die sich zu ihren Füßen niedergelegt hatte. In einer Ecke des Gemachs, in respektsvoller Entfernung von den Herrschaften, saß Nannette, künstlich balancierend auf einem dreibeinigen Stuhl, und Johann, an die Wand gelehnt, leistete ihr Gesellschaft; Regine, Gertrud und Adele, deren Munterkeit diesmal ziemlich gedämpft war, saßen in der anderen Ecke auf einem Sofa von Heu und Stroh, das Gretchen und Regine zusammengetragen; Gretchen allein, das ruhte nicht, kein Mensch wußte, wo sie eigentlich herumstöberte und was sie unten alles zusammentrug aus dem Haus drüben und von den Dachböden. »Sie hat aber doch sicher etwas Gescheites im Sinn,« sagte Regine zu Gertrud; »du glaubst gar nicht, wie klug das kleine Ding ist.« »Geschickt ist sie immer gewesen,« sagte Gertrud, »schon wie mir als klein mit ihr spielten; wir haben nur damals nicht viel mit ihr gemacht.« »Ist wahr,« sagte Regine mit einem Seufzer; »ich habe sie jetzt recht gern, aber ich bin erst so an sie gekommen, wie – wie du nichts mehr von mir gewollt hast; weißt, von dem Tag an, wo ich dir den Rahmkuchen hab' bringen wollen.« »O Regine, ich hab's gewiß nicht bös gemeint; aber ich habe doch seither oft und oft an dich gedacht, als mir's auch so zu Mut geworden ist, wie dir damals.« Und weil in dieser Nacht allerlei Schranken geselliger Scheu fielen, so erzählte sie jetzt vor Adelen, wie sie sich gefreut auf die Geburtstagsfeier, auf die Freude, die sie mit ihrem Körbchen machen werde, und wie ihr das Freudenlichtlein ausgeblasen worden sei. »Ach, du gute Gertrud! es war mir herzlich leid,« sagte die leichtbewegliche Adele mit Thränen in den Augen, »aber – siehst du, wie hätt' ich's denn anders machen sollen? Ich konnte die Prinzessin doch nicht wieder fortschicken.« »Freilich,« sagte Gertrud nachdenklich, sie wußte doch nicht, ob das recht sei, was ihr so weh gethan; »ich habe auch so gedacht, als ich damals zu der Fahrt aufs Schloß ging, aber – ich spüre doch, daß es nicht recht war.« »Das brauchen wir alles jetzt nicht mehr,« rief die schnellberuhigte Adele, »wir sind alle hintereinander hergerannt; Regine hat dem Gretchen weh gethan und Gertrud der Regine und ich der Gertrud, und wenn vielleicht eine Kaisers- oder Königsprinzessin käme, so ging mir's mit Prinzeß Manuela gerade so; jetzt aber sind wir hier zusammengewürfelt und Regine hat uns zu Obdach geholfen und das kleine Gretchen ist am allernützlichsten. Da müssen wir uns eben alle miteinander lieb haben, keins darf sich vornehmer dünken und keins dem andern etwas übel nehmen; so ist's für alle recht und so soll es jetzt bleiben!« »Dieser Freundschaftsbund würde in guten Tagen doch nicht lang halten, liebe Adele,« sagte lächelnd der Pfarrer, der zu ihnen getreten war; – seine Frau war erwacht, da der Lärm etwas näher kam. »Was hier die Not zusammengetrieben, das wird nachher doch wieder auseinandergehen, wenn jedes seine eigne Bahn zieht.« »Aber wie soll man's denn machen, wenn man doch alten Freunden nicht ungetreu werden soll?« fragte Gertrud. »Kann man nur die lieb haben, die uns gleich stehen?« »Gewiß nicht; aber es löst sich alles in dem Wort: die Liebe suchet nicht das Ihre! Hättest du, Gertrud, nicht das deine gesucht, so wäre dir dein Versprechen an Regine damals doch wichtiger gewesen, als die Fahrt zum Lustschloß, und nachher hättest du Adele die Freundschaft der Prinzessin neidlos gegönnt ...« »Ja, und ich hätt's Gertrud gegönnt, daß sie Kutschen fahren durfte, und hätte nicht so dumm geheult,« gab Regine zu. »Sicherlich,« gab der Pfarrer zur Antwort. »Auch wo uns nicht Not und Todesgefahr zusammentreibt, können wir doch einander lieb bleiben, uns helfen und dienen, jedes an seiner Stelle.« »Mit der Todesgefahr ist's auch am Ende nicht so gefährlich,« sagte lachend Adele, »es kommt ja niemand und unser Schreck war wohl unnötig.« Da krachte plötzlich ganz in der Nähe ein Schuß und vor dem Haus der Base erhob sich ein wüstes Geschrei. »Raus, Alte, raus mit dem vornehmen Gesindel, das Ihr versteckt habt! raus!« »Laßt mich in Ruh'!« rief die Alte, die Gretchen ein bißchen unterrichtet hatte, aus ihrem Schiebfensterlein, »ist niemand drüben als so ein paar Spielleut' und Schnurranten; lasset mich, bei mir ist nichts!« »Der Alten darf nichts geschehen,« schrie der rote Peter, einer der ersten unter der Freischarentruppe, die sich in seltsamer Kleidung und Bewaffnung vor dem Haus herumtrieb, »aber die Alte vom Schloß, die Baronin, der Pfaff, die sind alle durchgegangen, die müssen da sein und ihr Geld haben sie mit; raus mit ihnen!« »In der Scheuer ist Licht!« schrie einer, »da sind sie!« Schreckensbleich war drüben die Herzogin aufgefahren bei dem Lärm; ihr schwebten aufs neue alle Greuel der französischen Revolution, die sie als Kind miterlebt, vor Augen und angstvoll hielt sie ihr Enkelkind umschlungen; auch die Freifrau saß totenbleich mit weitoffnen Augen da; ratlos sah der Pfarrer sich um, keine Hilfe, keine Waffen, keine Möglichkeit der Flucht! So lang die drüben sich noch mit der Base stritten und den Rest ihres Heidelbeergeistes austranken, war aber das kleine Gretchen nicht müßig gewesen. »Runter zu mir ein Paar von euch!« rief sie, »wir müssen Schucklersleut' vorstellen; wer kommt mit? Johann, Nannett'! du kannst nichts, Regine; wer kommt sonst?« »Ich,« rief Adele, aufgeregt durch die Gefahr, und pfeilschnell sprang sie Gretchen nach die Treppe hinunter; selbst der hinkende Johann that sein Bestes, wenn er auch der letzte war. »Die Leiter weg!« kommandierte die Kleine, und die Treppe wurde weggezogen. Das Lämplein hatte sie mitgenommen, und während die droben in Angst und Dunkelheit saßen, putzte sie sich und Nannette, auch Fräulein Adele mit allerlei Fetzen, alten Tüchern und Kleidern, die sie zusammengesucht, zigeunerartig heraus; Nannette erhielt einen Bündel in den Arm. »So, das ist ein kleines Kind, das schwaigst du, gehst mit auf und ab! Johann, Sie dürfen nur Ihren Rock umdrehen, die alte Kappe da aufsetzen, da ist eine Geige von dem blinden Spielmann, der bei der Base gestorben; können Sie geigen?« »Nein,« sagte Johann kläglich. »Thut nichts, nur gegeigt, wir singen.« »Auf, auf!« schrie es draußen, »wo geht's die Stieg' nauf? Wo ist das Gesindel? raus mit eurem Geld!« Mit einem gewaltigen Stoß ward das Scheunenthor eingeschlagen. Da hockte beim Scheine des trüben Lämpchens und des Feuers, das noch auf dem Herd glimmte, Nannette in ihrer Herzensangst und schüttelte und wiegte ihr Wickelkind hin und her, daß ihm hätte der Atem ausgehen müssen, wenn es ein lebendiges gewesen wäre; weiter vorne stand im umgekehrten Rock Johann, der bedurfte gar keiner Schauspielkunst, um recht elend, lotterig und schlotterig auszusehen; Adele, ein rotes Tuch um den Kopf, mit hochklopfendem Herzen, aber doch mit heimlicher Freude an der Geschichte, stand zur Seite, und Gretchen, barfuß und lumpig, als ob sie nie ein ordentlich Röckchen angehabt, rief kläglich im Ton der Zigeuner, den sie oft genug gehört: »Na, was wollet ihr, daß ihr arme Leute so erschrecket?« Die Freischärler waren etwas verblüfft, doch rief einer: »Nichts von euch! der Pfaff ist hier versteckt und die Aristokraten von da droben, raus mit ihnen! Wo geht's die Stieg' nauf?« »Ist keine Stieg' da,« rief Gretchen, »wären gern selber nauf gewesen mit dem armen kranken Balg meiner Schwester da, mit dem uns die Alte nicht in ihr Haus gelassen hat – gar nichts da droben ...« »Ja, die verfluchten Aristokraten müssen da sein, und ihr Geld; nauf!« schrie der rote Peter und suchte fluchend die Treppe. »O gebet's mir auch, wenn's das Geld findet,« bat Gretchen kläglich, »ist gar kein Verdienst nirgends jetzt für uns arme Leut', gar keins.« »Spiel auf, krummer Kerl!« befahl einer der Bande dem Johann, der kraftlos seine Arme sinken ließ. »Geig, Alterle, geig!« ermutigte ihn auch Gretchen, »und du, Rosel, sing!« Zu niedergeschmettert, um sich zu empören über das freche Ding, strich Johann die einzige Saite seiner Geige, daß es ein Jammer war. Um das böse Spiel zu verdecken, das in Johann allerdings nicht einen Geiger von Profession erkennen ließ, hob Gretchen im schönsten Bänkelsängerton an, so laut sie konnte, ein Lied zu singen, in das Freifräulein Adele von Urspring, hellen Tones mit einstimmte: »Wir ziehen, wir fahren über Länder, übers Meer, Wir kamen zum Lande, zum Lande daher; O, da ist es ein Jammer, da ist's eine Not, Wer's nicht mit dem Volk hält, den schlagt man zu tod.« Der improvisierte Gesang fesselte die Freischärler nicht sehr; der rote Peter schnüffelte herum nach einer Treppe nach oben, auch das herzhafte Gretchen überkam allmählich heimliche Angst vor der Roheit der Leute. – »Kannst wahrsagen, kleine Hexe?« schrie da einer und hielt ihr die Hand hin. In ihrer Herzensangst schwatzte sie ihm allerlei vor von einem großen Schatz und einem Offiziershut mit Federbusch. »Mir auch!« rief ein andrer, während Adele, der alle Abenteuerlust vergangen, sich an Nannette machte, die alleweil noch ihr Kindlein schaukelte und dazu sang: »Sole, sole, schlaf Wohle,« in einem Ton, als ob der Wurm gestorben wäre und sie sein Leichenlied sänge. »Da sieht's letz (gefährlich) aus,« sagte die Kleine in ängstlichem Ton, indem sie in die rauhe, harte Hand starrte, die ihr der Freischärler hinstreckte, »Euch könnt's bös gehen, da seh' ich etwas wie eine Kugel ...« – »Soldaten kommen!« rief jetzt Nannette hell auf, »Preußen!« denn in dem Augenblick hörte man ganz nah das Schmettern einer Trompete. Nun waren freilich auch fahnenflüchtige Soldaten unter den Freischaren und der einzelne Trompetenstoß da draußen klang nicht gerade wie preußische Feldmusik; doch ein böses Gewissen hört scharf, aber nicht genau, die Furcht vor den Preußen war lange schon unter den Aufrührern; daß sie hier nicht viel zu suchen hatten, sahen sie schon, und so ging's auf und davon, ohne Ziel und Ordnung, fort, nur fort, hinaus auf der anderen Seite der Schlucht, in welcher der Thalhof stand. »Sind's Preußen?« fragte hochaufatmend die bleiche Adele. »Glaub's kaum,« sagte Gretchen und öffnete die Thür – da kamen die Preußen in der Gestalt des kunstreichen David, der alleweil that, was er nicht sollte, und der diesmal doch das Beste gethan hatte, was er konnte! Er hatte voriges Jahr mit einem Trompeter, der bei ihnen im Quartier lag, Freundschaft geschlossen und Trompetenblasen gelernt; der hatte ihm später eine ausgeschossene Regimentstrompete verehrt, die er billig für ihn erstanden; oft genug hatte der biedere David die Leute mit seinem unzeitigen Trompeten geärgert, diesmal war's aber am Platz gewesen. Der Trupp, der die Flüchtlinge im Thalhof so erschreckt – keine ordentliche Freischar, nur Gesindel, das sich zusammenthat, um auf die allgemeine Rechnung zu plündern –, war, nachdem sie im Lustschloß die Fenster zertrümmert und ein paar Spiegel zerschlagen, und bei Madlene, der Schloßköchin, gegessen und getrunken hatten, auf dem Brunnenhof gewesen; durch reichliche Gaben von Wein und Schnaps und das Präsent eines Kronenthalers an jeden Mann hatte der Bauer, der im ganzen beliebt war, sich vor Plünderung bewahrt; aber einige darunter, die von der Flucht der Herzogin und der Freifrau gehört, waren doch nicht zufrieden; sie dachten sich, daß diese Säcke voll Goldstücke mitgenommen, und so kam's, daß sie noch bis zu der versteckten Wohnung der Base gedrungen waren. Nun waren sie fort. Mit Hilfe Johanns, der sich kaum von seiner ungewohnten Leistung auf der Violine erholt hatte, und Nannettes, die glücklich über die Befreiung jetzt all ihre alte Gewandtheit wieder fand, wurde die Leiter angelegt und Adele und Gretchen stiegen hinauf, die beiden andern folgten. Die Herzogin und die Freifrau, die sich schon blutigem Tod verfallen geglaubt, immer die schauerlichen Jakobiner der französischen Revolution im Auge, lehnten halb ohnmächtig auf ihrem Lager; der Pfarrer ungeduldig, daß er durch die weggezogene Treppe abgehalten war, den Mädchen drunten zu helfen, stand an der Luke, um, wenn es nötig wäre, einen verzweifelten Sprung zu wagen; Gertrud und Regine, Arm in Arm verschlungen, neben ihnen Prinzessin Manuela, hatten zugehört und waren voll Bewunderung von Gretchens Geistesgegenwart. Nun sprach der Pfarrer noch aus tiefster Seele im Namen aller die Psalmworte: »Lobe den Herrn, meine Seele und was in mir ist, seinen heiligen Namen. Der dein Leben vom Verderben errettet, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit.« Gretchen aber war jetzt auch erschöpft; es setzte sich in die nächste Ecke, lehnte den Kopf an die Wand und schlief augenblicks ein; die Öllampe verlöschte und wachend oder schlafend, todmüde von der Erregung, leichten Herzens über die Befreiung brachte die ganze Gesellschaft den Rest der Nacht in tiefer Stille zu. David, der wackere Trompeter, fand bei der Base Unterkunft. Schluß. Die Preußen waren doch noch gekommen, wenn auch nicht mit Davids Trompete, und Ordnung und Ruhe war allmählich wieder hergestellt worden im Lande. Auch die Flüchtlinge jener Nacht hatten sich jedes wieder an seine eigene Stelle begeben. Die Base hatte nicht viel Genuß mehr gehabt von den reichen Geschenken, mit denen die Frau Herzogin und die Freifrau ihr ihren Dank zeigen wollten; es war schwer gewesen, ihr nur begreiflich zu machen, um was es sich gehandelt in jener Nacht. Als sie aber vernommen, daß ihr Haus die Zufluchtsstätte geworden sei, die ihre unfreiwilligen Gäste geschützt habe, wenn nicht vor dem Tod, so doch vor Raub und Mißhandlung, da faltete sie ihre Hände und sagte: »Gott Lob und Dank, jetzt kann ich im Frieden sterben, der Herr wird es annehmen zur Sühne für meines Vaters Schuld!« – und sie ist gestorben im Frieden. Vieles ist anders geworden im Lauf der Jahre, die seit jener Juninacht vergangen. Die Frau Herzogin ist längst gestorben; Prinzessin Manuela, die nie zu kräftiger Gesundheit erstarkt ist, lebt meist in Italien; wer aber dort bei ihr ist als liebste Dienerin, ihre treueste Pflegerin, ja ihre Gesellschafterin und Vorleserin zuzeiten, das ist Gretchen, das kleine Gretchen, das ihr in jener Nacht so lieb geworden und in der selbst die Großmama so reiche Gaben, solch unerschöpflich heitern Humor und so treue, bescheidene Hingebung entdeckt hat, daß sie sie zur Dienerin ihres Lieblings ausbilden ließ und sterbend noch ihre Manuela in Gretchens treue Obhut empfahl. Das Schloß ist nach dem Tode der Freifrau von Urspring nicht mehr viel bewohnt morden. Adele, längst vermählte Gräfin von Wetterau, lebt in der Residenz, immer noch sehr lebhafter und etwas flüchtiger Natur, fast zuviel der Unterhaltung von außen bedürftig, wenn auch manches über sie ergangen, was ihren leichten Sinn ernster machen konnte. Doch vermag nicht die brillanteste Theatervorstellung, selbst ein Hoffest nicht, sie abzuhalten von einer Zusammenkunft, die alljährlich zu Anfang Juni stattfindet auf dem Thalhof am Jahrestag jener denkwürdigen Nacht. Der Thalhof ist stattlich hergebaut und nicht mehr die alte Lotterfalle wie dazumal; auch ist er nicht mehr die Heimat der fahrenden Leute, obwohl ihn kein Armer verläßt ohne eine reichliche Gabe. Regine regiert darauf als Hofbäuerin mit einem braven tüchtigen Mann, während ihr Bruder Jakob dem Vater beisteht als einziger Erbe des Brunnenhofes. Der alte Tanzsaal über der Scheune ist schön gesäubert und hergerichtet, wenn auch nicht gerade ein eleganter Salon – es liegen Fruchtsäcke an den Wänden aufgespeichert; das stört aber die jungen Komtessen nicht, die sich als Kinder besonders das ganze Jahr gefreut haben auf das Jahresfest auf dem Thalhofe. Da kommt denn auch jedesmal Frau Gertrud, längst eine ehrsame Pfarrfrau, nicht gar zu weit vom Hof, die auch sonst treue Freundschaft hält mit der verständigen Bäuerin und manchen häuslichen Rat von ihr holt; ihr Vater ist noch im alten Pfarrhaus, und ungefährdet, ein treuer Hirt seiner Gemeinde; sie hat zwei rotwangige Mägdlein und drei muntere Knaben zur Versammlung mitzubringen, und da bei Regine nach und nach sieben Buben und Mädchen herangewachsen sind und am Jahresfest alles an einer Tafel speist, so ist's schon der Mühe wert, daß die Festtafel, immer reichlich besetzt von Frau Regine, während die Gräfin den Nachtisch und die Pfarrfrau das Backwerk zum Kaffee mitbringt, im Saale gedeckt wird. Es war schön gewesen, als die Kinder noch klein waren, wenn die blondlockigen Bauernkinder mit dem Finger im Mund etwas blöckisch die zwei zarten Komteßchen anstarrten mit ihren kurzen Kleidchen und spitzenbesetzten Höschen, aus denen sie die bloßen Kniee streckten, bis die Pfarrkinder als glückliche Vermittlung dazwischen kamen und lustige Spiele instand brachten oder fröhliche Wanderungen in den Wald zum Himbeersuchen. Nun freilich sind die Mädchen erwachsen und der Kontrast ist größer geworden, und die Schmalzküchlein und großen Butterbrote des Thalhofs sind den jungen Damen nicht so wichtig mehr; aber von Kindheit an gewöhnt, sich herzlich zu begegnen, finden sie sich doch auch jetzt noch freundlich zusammen. Sie hören gerne wieder zu, wenn die Mütter sich erzählen von den alten Tagen und von jener Schreckensnacht; sie wandeln miteinander in den Wald und die jungen Stimmen klingen gar lieblich zusammen im Gesang, wenn auch nicht alle in einer Musikschule gebildet sind. Frau Gertrud hält fest darauf, daß jedesmal vor dem Abschied noch die Psalmworte gelesen werden, mit denen ihr Vater sie getröstet hat in jener Nacht. So scheidet dann alt und jung, jedes an seine Stelle, aber im Bewußtsein, daß in freundlicher Hilfeleistung auf Erden und in gläubigem Aufblick nach oben der Punkt liegt, der den Unterschied der Stände nicht aufhebt, wohl aber sie verbindet in dem, was über jedem irdischen Stand steht. Die männlichen Sprößlinge vom Hof, vom Pfarrhaus und von der Residenz sind zum Teil schon in der Welt zerstreut und finden sich selten mehr zu der Zusammenkunft ein; aber ein schöner, stattlicher Mann mit mächtigem schwarzen Barte ist ein häufiger und willkommener Gast dabei. Das ist der kunstreiche David, der nicht Trompeter geworden ist, trotz jenes glücklichen Trompeterstückleins, wohl aber durch die Fürsprache des Pfarrers und den Beistand der Frau Herzogin ein Künstler, und das ein rechter, der den Namen seiner Heimat zu Ehren gebracht hat. Obgleich er sonst meist großartige historische Bilder malt, hat er doch der Prinzessin Manuela, die er nebst dem getreuen Gretchen manchmal auf seinen Kunstreisen sieht, lange schon versprochen, zwei Bilder zu malen, das eine die Gruppe oben im Tanzsaal in jener Schreckensnacht auf dem Thalhof, das andere die schöne Scene unten in der Scheune, wo der hinkende Johann, der inzwischen zu seinen Vätern versammelt worden, so glänzend als Violinist aufgetreten ist. Weiß nicht, ob es schon in einer Kunstausstellung aufgestellt worden ist. Der kleine John. Eine wahre Geschichte aus den irischen Bergen. 1. Es regnete in Strömen. Zwischen dem zerklüfteten Gestein stürzte das Wasser in lauter kleinen Kaskaden hernieder; es wusch den steilen Bergpfad aus und füllte jede Vertiefung des Bodens. Soweit das Auge reichte, war alles von den thalabwärts rauschenden Fluten überströmt. Dicht am Wege saß ein kleiner Knabe auf einem Stein. In großen Tropfen lief das Wasser ihm an den dünnen Haaren, dem schmalen Gesichtchen bis auf die kleinen nackten Füße herab. Jede Faser seines durchlöcherten Anzugs hatte es durchdrungen. Doch schien das Kind seine mißliche Lage wenig zu empfinden. Ruhig und geduldig saß es auf seinem feuchten Sitz und blickte mit großen blauen Augen stillzufrieden in den strömenden Regen hinein. Hie und da betrachtete es wohlgefällig eine kleine, entsetzlich magere Kuh, die neben ihm unter einem Felsenvorsprunge lag. Sie war so ziemlich vor den Wasserfluten geschützt und wenn zufällig einmal ein Tropfen sie traf, so sprang der kleine Knabe schnell empor und wischte ihn sorgfältig ab. Um eine Windung des spiralförmig aufsteigenden Weges bog ein schlanker, schwarz gekleideter Mann mit jugendlich schönem, ernstem Antlitz. Überrascht blieb er vor dem seltsamen Paare stehen; dann sagte er freundlich zu dem Knaben: »Geh doch nach Hause, mein Junge, mit deiner Kuh! du kannst das Ende des Regens nicht abwarten.« »Dann wird sie ja naß,« erwiderte das Kind und sah den Fremden verwundert an. »Aber jetzt wirst du naß, Kleiner; ist das nicht schlimmer, als wenn die Kuh es würde?« »Es ist ja die Betsy!« erwiderte der Knabe in einem Ton, in dem man etwa von der Königin spricht, »und Mutter Katy hat gesagt, ich solle gut acht auf sie geben.« »Doch nicht besser als auf dich selbst?« Diese Frage verstand der Knabe nicht; er schwieg einen Augenblick, dann sagte er mit großem Nachdruck: »Die Betsy hat fünf Pfund gekostet und sie gibt Milch.« »Das ist freilich etwas anderes,« entgegnete der fremde Herr und lächelte, obschon es ihm eigentlich recht traurig zu Mute ward bei den Worten des Kindes. »Und wie heißest du denn?« fragte er weiter; »wer sind deine Eltern?« »Ich heiße John. Meine Eltern sind Mutter Katy und Vater O'Brien.« »Wo wohnt ihr?« »Wenn man dort drüben um die Ecke biegt und dann eine Weile grade aufsteigt und dann wieder links um den Felsen herumgeht, dann liegt unsre Hütte grade über einem.« »Hast du denn noch viele Geschwister?« »Nein, nur fünf außer dem Baby.« »Wie alt bist du denn?« »Pfingsten zehn Jahre gewesen, grade so alt wie Schwester Mary, zwei Jahre jünger als Ned.« »So seid ihr Zwillinge, Mary und du?« »Ja, – nein, – mich hat man auf einem Stein vor der Thür gefunden.« »Armes Kind! darum bist du wohl deinen Hausgenossen nicht so viel wert als ein Stück Vieh!« dachte der Fremde; dann legte er freundlich seine schmale weiße Hand auf Johns nassen Kopf und sagte: »Wann kommst du morgen abend nach Hause, John? ich möchte dich gerne besuchen.« »Mich? o Herr!« stammelte der Knabe und in freudigem Erstaunen blickte er den Fremden an, »um sechs Uhr komme ich mit Betsy heim; darf ich dann vor der Thür auf Sie warten?« »Gern, wenn dir's Vergnügen macht,« erwiderte der Angeredete und setzte dann, nach herzlichem Abschied von dem kleinen John, seinen Weg in die Berge hinein fort. Er hatte übrigens den Pflegeeltern des Knaben unrecht gethan, wenn er annahm, dieser werde schlecht von ihnen behandelt, weil er ihr eigenes Kind nicht sei. Mutter Katy und Vater O'Brien machten nicht den geringsten Unterschied zwischen dem kleinen John und ihren rechten Sprossen. Sie hatten ihn wie diese als ein Geschenk des Himmels hingenommen und keinen Augenblick daran gedacht, sich seiner wieder zu entledigen, als er ihnen, ein kleines hilfloses Wesen, so unverlangt vor die Thür gelegt worden war. John wuchs mit den jungen O'Brien auf, als gehöre er selbstverständlich dazu, hungerte so oft und wurde so selten satt wie sie, ging barfuß mit ihnen und hatte überhaupt den gleichen Anteil an der vielen Not und den spärlichen Freuden der Familie, wie jedes andere Glied derselben. Ja er wurde weniger ausgescholten und geschlagen als seine Pflegegeschwister, weil er stiller und artiger war als sie, keine Widerreden gab wie die vorlaute Mary und nicht so viel verdarb wie der wilde Ned! Der Tag, an dem für die Familie O'Brien das Morgenrot einer bessern Zukunft aufging, der große Tag, an dem Betsy, die Kuh, im Triumph ihren Einzug in der Hütte hielt, deren einzigen Raum sie von nun an mit sämtlichen neun Familiengliedern, ihren Hühnern und ihrem Schweine teilen sollte, war für ihn wie für die andern ein Festtag gewesen. Und daß er Betsy hüten durfte, das war eine Vergünstigung, die John nur seiner besonders großen Artigkeit verdankte. Nie in seinem Leben hatte er sich so stolz gefühlt, als in dem Augenblicke, wo Mutter Katy ihm den größten Schatz des Hauses mit den Worten: »Dir allein kann ich sie anvertrauen!« übergab. Was Wunder, daß er bei dem plötzlich hereinbrechenden Wolkenbruch mehr an Betsys Bequemlichkeit als an sein eigenes, unbedeutendes Persönchen dachte! Dennoch hatte es dem armen Knaben in tiefster Seele wohl gethan, daß der schöne junge Herr sich so freundlich darum bekümmerte, ob er naß werde ober nicht. Wie ein Wesen höherer Art war er ihm erschienen, so ernst und doch so mild. Und es war – erst nachdem der Herr sich entfernt hatte, dachte der kleine John mit einem Schauer von Ehrfurcht und Entzücken daran – es war noch dazu Se. Hochehrwürden selbst, der neue Pfarrer des Dorfes gewesen! Und er hatte ihm, dem armen kleinen John einen Besuch zugesagt! – Es dauerte lange, bis dieser die ganze Tragweite eines solchen Versprechens zu fassen vermochte. Der Rest des Tages, den er mit Betsy auf dem grasigen Bergabhang zubrachte, verging ihm trotz Hunger und Nässe schnell, so viel hatte er über dies frohe Ereignis nachzudenken. Und doch konnte er's dann wieder kaum erwarten, bis er nach Hause kam und Eltern und Geschwistern erzählen durfte, was ihm heute Wunderbares zugestoßen war. 2. Seinem Worte getreu, erklomm der junge Priester am folgenden Abend den steilen Pfad, der zu O'Briens Hütte führte. Das Herz war ihm schwer. Wie ein Centnergewicht lag der Gedanke an all die Not, die ihm während des kurzen Aufenthalts an seinem neuen Bestimmungsort entgegengetreten war, auf seiner Seele. Der aufrichtige Wunsch, der leidenden Menschheit helfend und tröstend nahezutreten, hatte den feingebildeten Mann aus der Mitte aller geistigen Genüsse einer Großstadt in diese arme Gegend getrieben. Aber bald mußte er erfahren, daß das Elend, das ihm hier entgegentrat, zu groß war, als daß er allein ihm hätte abhelfen können. O wenn er nur imstande gewesen wäre, ein einziges, wirklich nützliches Werk zu thun und nur einem einzigen dieser armen, verkommenen Bergbewohner zu einem bessern Dasein zu verhelfen! Einem einzigen? – Vielleicht dem blassen, elternlosen Knaben, den er am Wege getroffen? Es lag etwas in dem Blicke dieses Kindes, in dem sanften geduldigen Ausdruck seines schmalen Gesichtchens, das ihm wunderbar das Herz bewegte und ihm im Wachen wie im Traum vor Augen stand. So alt wie dieses arme Findelkind wäre jetzt der kleine Bruder gewesen, den er verloren hatte, noch ehe er ihn gesehen, in jener Schreckensnacht, wo das Haus seines Vaters, der das Haupt einer irischen Verschwörung gewesen war, von der Polizei umzingelt wurde. Wie durch ein Wunder war damals der Vater seinen Verfolgern entkommen. Die zarte Mutter aber und das neugeborene Knäblein hatte der plötzliche Schrecken getötet. Er selbst hielt sich zu jener Zeit auf einer entfernten Schule auf und so tief erschütterte die Kunde von dem plötzlichen Zusammenbruch seines Elternhauses das junge Gemüt, daß er von da an beschloß, auf die Freuden der Welt für immer zu verzichten und sich ausschließlich dem Studium der Theologie und dem ernsten, entsagungsvollen Beruf eines Predigers hinzugeben. Sein Vater sandte ihm von Amerika aus, wohin er geflüchtet war, die Mittel zu seinen Studien. Eine Kluft, breiter und tiefer als die weite See, die zwischen ihnen lag, trennte seine Bestrebungen von denen des einzigen Sohns. Ganz und voll gab dieser sich dem einmal erfaßten Lebenszwecke hin. Aber allein, recht allein fühlte er sich doch oftmals dabei, und einsam und steil wie der rauhe Gebirgspfad, den er jetzt rüstigen Fußes emporstieg, erschien ihm gar manchmal das Leben, das vor ihm lag. – Wie, wenn jetzt eine weiche Kinderhand in der seinen geruht hätte, ein paar kleine Füße neben ihm hergetrippelt wären? – John, kleiner John, ob man dich wohl aus dem Elende deines jetzigen Lebens herausziehen und zu einem Freund und Gefährten des Einsamen heranbilden könnte? 3. Die Nachricht von dem bevorstehenden Besuch des neuen Pfarrers rief im Hause O'Brien keine kleine Aufregung hervor. Mutter Katy machte verzweifelte, nie dagewesene Versuche, sich, ihrer Familie und ihrem Haus ein einigermaßen anständiges Aussehen zu geben. Sie verbrauchte an diesem einen Tag mehr Wasser als sonst in einer ganzen Woche. Was von der Kinderschar die Arme rühren konnte, stand ihr nach Kräften bei dem lobenswerten Werke bei. Noch vor der Stunde, zu der Johns neuer Freund seinen Besuch angemeldet hatte, war die große That der Reinigung vollbracht, zur hohen Befriedigung von Mutter Katy selbst, deren Antlitz heute nur an einigen vergessenen Stellen um Mund und Augen seine gewöhnliche, schwärzlich-graue Farbe zeigte. Ihr Haar klebte dank eines verschwenderischen Gebrauchs von Wasser an den Schläfen fest und war hinten säuberlich aufgesteckt. Im Lächeln vollster Zufriedenheit zogen ihre roten Lippen sich fast von einem Ohr zum andern, so daß die ganze Pracht der großen weißen Zähne dabei zum Vorschein kam, und ihre kleinen schwarzen Augen funkelten vor Freude und froher Erwartung. Das Baby, an das man sonst den Luxus besonderer Kleidungsstücke nicht rückte, hatte man zur Feier des Tages in ein altes Tuch gehüllt. Es lag warm und weich auf der Mutter Schoß und saugte friedlich an einem Lutschbeutel. An der Garderobe der anderen Kinder waren die zahlreichen Risse zum Teil notdürftig zusammengesteckt, die Flecken kunstvoll in den Falten verborgen worden. Kaum konnte die unmüßige Schar die Ankunft des verehrten Gastes erwarten; unaufhörlich rannte sie zur Thür hinaus und wieder herein, bis der wiederum heftig herabströmende Regen sämtliche Kinder am warmen Herdfeuer an der Mutter Seite festhielt. Nur John blieb trotz aller Unbill der Witterung draußen stehen und wartete auf den Herrn Pfarrer. Daß dieser sich durch das schlechte Wetter von der Erfüllung seines Versprechens möglicherweise abhalten lassen könne, kam weder ihm noch einem der anderen Familienglieder in den Sinn. Und siehe, er kam! – er kam wirklich! – Tief unten am Berghang tauchte die hohe schlanke Gestalt in dem schönen schwarzen Anzug auf. Rasch emporklimmend auf dem schlüpfrigen Pfad kam er näher und näher und bald stand der Herr Pfarrer vor dem kleinen John, reichte ihm mit seinem herzgewinnenden Lächeln die Hand und sagte: »Du lässest dich ja wieder naß regnen, Kleiner!« »Ich habe auf Sie gewartet,« erwiderte John mit strahlendem Blick. Nicht ohne Beschämung dachte der junge Geistliche daran, wie er lange Zeit sehr im Zweifel gewesen war, ob er bei solch schlechter Witterung den beschwerlichen Gang unternehmen solle, und sich einzureden versucht hatte, der Knabe werde das ihm flüchtig gegebene Versprechen vergessen haben und ihn auf keinen Fall bei diesem strömenden Regen erwarten. Jetzt ward er von dem glücklichen John im Triumph ins Innere der Hütte geführt, wo, malerisch von den flackernden Flammen beleuchtet, Katy mit ihren Kindern am Feuer saß. Groß war die Verlegenheit und Freude bei seinem Erscheinen. Mit einem mehr gutgemeinten als gelungenen Versuch zu einem Knickse erhob sich die Mutter und ließ dabei das unglückliche Baby schier ins Feuer fallen. Die kleine Betty versteckte das Köpfchen in die schützenden Falten ihres fadenscheinigen Rocks; Ned, Mary, Tom und Fred pflanzten sich mit offenem Mund und Augen vor dem jungen Pfarrer auf und starrten ihn an, als wäre er das erste menschliche Wesen, das sie je gesehen. O'Brien, der es nicht für nötig gehalten hatte, seine eigene Person mit in das allgemeine Reinigungswerk aufzunehmen, hielt sich zuerst wohlweislich etwas im Hintergrunde bei Betsy, der Kuh, und Muff, dem Schweine, auf. Bald aber siegte seine angeborene Gastfreundschaft über das kleinliche Gefühl der Eitelkeit, er trat grinsend näher und streckte dem geistlichen Herrn seine breite, schwielige Rechte hin. Es war ein Glück, daß der brave Mann und seine Familie nicht ahnten, welchen Eindruck ihre Behausung auf den Besucher machte, der freilich nicht wußte, wie es sonst darin aussah. Mit leisem Schaudern blickte er sich in dem engen, dumpfigen Raume um, der Menschen und Tieren zugleich zum Aufenthalt diente und jeglicher Spur von Bequemlichkeit entbehrte. Der Fußboden bestand aus feuchten Ziegelsteinen, die Decke ward von rohen Querbalken gestützt, auf denen ein paar magere Hühner ihr Nachtlager aufgeschlagen hatten. Drei oder vier zerbrochene Stühle, ein dreibeiniger, durch einen Aufbau von Steinen mühsam aufrecht erhaltener Tisch, – das war das ganze Ameublement der Wohnung; aufgeschüttete Haufen von altem Stroh und Laubmerk mit ein paar Lappen darüber schienen die Lagerstätten der Familie, etliche zersprungene Töpfe und irdene Scherben ihr Koch- und Eßgeschirr zu sein. Der junge Pfarrer hätte weinen mögen, indes Katy ihm strahlenden Angesichts die Kuh, das Schwein und die Kinder zeigte; ihn fühlen ließ, wie Betsys Knochen schon viel weniger spitz heraus stünden als sonst und wie Muff bereits etwas Fett ansetze, und gar betrübt ward ihm zu Mute, als sie ihm in vollem Mutterstolz berichtete, daß der zwölfjährige Ned schon seinen Namen schreiben könne und John und Mary ein Gebet auswendig wüßten. Doch ließ er sich das nicht merken und bewunderte pflichtschuldig alles, was man von ihm bewundert haben wollte, trank auch mit einiger Selbstüberwindung einen Becher von Betsys Milch und ging aufs teilnehmendste auf alles ein, was Katy ihm von ihren Verhältnissen erzählte. Auch richtete er hie und da ein ermutigendes Wort an den schweigsamen O'Brien. Dabei mußte er aber wieder und wieder den blassen Knaben ansehen, der etwas abseits von den anderen am Feuer stand und seine leuchtenden Blicke nicht von ihm wandte. Armer kleiner John! Sollte er, in dessen Wesen so viel unbewußte Feinheit lag, aus dessen Augen ein so tiefes Gemüt sprach und ein so klarer Verstand, hier in dieser armseligen Umgebung zu einem ebenso elenden Leben heranwachsen, wie das seiner Pflegeeltern war? »Und John ist euer eigenes Kind nicht?« fragte der Herr Pfarrer die Frau des Hauses, indem er sich auf den Stuhl niederließ, den der Kleine ihm ans Feuer gerückt hatte. »So wie man das heißen will. Er ist uns so lieb wie unsere eigenen Kinder, aber er ist so zu sagen ein Findling.« »Wißt ihr, wer ihn euch eigentlich gebracht hat?« »O'Briens Schwester Nelly war's, die als ganz junges Mädchen zur Stadt gekommen ist und dort bei feinen Herrschaften gedient hat. Sie muß es wenigstens gewesen sein, denn am Pfingstabend haben die Leute drunten im Dorf sie mit einem Bündel unter dem Arme gehen sehen und am Pfingstmorgen fanden wir das Baby vor der Thür.« »Könntet ihr euch denn von dem Kleinen trennen?« »Ew. Hochehrwürden meinen, ob wir ihn wieder hergeben möchten? Jetzt gewiß nicht mehr, denn jetzt ist er übers Schlimmste hinaus und kann so gut auf die Betsy passen.« »Wenn ihn aber jemand zu sich nähme, der ihn etwas lernen ließe und ihm ordentliche Kleider gäbe? Ich zum Beispiel?« »Ew. Hochehrwürden selbst?« rief Katy in maßloser Verwunderung. »Das wäre freilich ganz etwas anderes, da wäre das Kind für Zeit und Ewigkeit geborgen. O'Brien, Alter! hast du's gehört? Kinder, denkt euch doch! John darf vielleicht zu Sr. Hochehrwürden kommen! Du, Johnny, du!« »Ist das wahr?« fragte der Knabe, und in so seliger Freude leuchteten seine Augen auf, daß der junge Priester fühlte, er könne jetzt nicht mehr zurück, wenn er auch sein so flüchtig gegebenes Versprechen gar nicht ernst gemeint und dessen Tragweite nicht überlegt hätte. 4. »Das fehlte noch,« sagte acht Tage später Kitty, die alte Wirtschafterin des Pfarrers, indem sie brummend ihre mageren Hände am Feuer wärmte, »daß Se. Hochehrwürden mir solch einen Streich spielte! Gelehrte und heilige Leute können bei all ihrer Klugheit oft schrecklich dumme Dinge thun. Nicht genug, daß er von seiner kleinen Einnahme so viel wegschenkt, daß wir oft kaum satt zu essen haben, und er für alles Bettelvolk offene Tafel hält, nun muß er mir auch noch den ersten besten hergelaufenen Schlingel ins Haus nehmen, ganz ins Haus! Wenn's noch ordentlicher Leute Kind wäre, aber so ein Wechselbalg, von dem man nicht weiß, ob er überhaupt Christenmenschen zu Eltern hat! Sagt man doch, daß es Sitte der Bergkobolde sei, den Leuten ihre junge Brut vor die Thüren zu legen. O weh, was kriegen wir wohl für eine Bescherung ins Haus! Fahrt hin, Friede, Ordnung und Sauberkeit! Der fremde Range wird uns bald das ganze Häuslein von unterst zu oberst kehren. Behext ist mein junger Herr allbereits von ihm. War er doch taub gegen all meine vernünftigen Einwendungen und befahl mir so fest und ernst, wie er nur selten befiehlt, alles für heut abend zurecht zu machen, wo er den Kleinen holen wolle. Selbst holen! als ob der Schlingel nicht Grund genug hätte, mit Freuden auf allen Vieren allein den Berg herabzulaufen, wo solch ein großes Glück ihn hier erwartet!« So brummte und schalt die Alte vor sich hin, stand dazwischen auf, um zu sehen, ob auf dem Tische, darauf sie das einfache Abendbrot für den Herrn zurecht gesetzt hatte, auch alles an seinem Platze stehe, und ob das Theewasser, das im Kessel brodelte, nicht aus dem Kochen komme, warf ein neues Scheit Holz ins Feuer und holte Morgenschuhe und Hausrock des jungen Pfarrers, um sie am Herde zu wärmen. Die Arbeit wurde der Alten manchmal schwer, doch machte es ihr Freude, das ganze kleine Häuslein so gut in Ordnung zu halten, daß alles darin vor Sauberkeit glänzte. Deshalb war es ihr nicht übel zu nehmen, wenn sie für ihr Schmuckkästchen besorgt war und das Eindringen eines jugendlichen und ohne Zweifel schlecht erzogenen Insassen fürchtete. Im Gedanken an all das Ungemach, das ihr der Zögling der Familie O'Brien mutmaßlich zufügen konnte, traten der sonst nicht leicht gerührten Alten ordentlich Thränen in die Augen. Schwer seufzend hielt sie in ihrer Arbeit inne. Da ging auch schon die Thür auf und, ein schmächtig Büblein an der Hand führend, trat ihr Herr herein. »Gott segne deinen Eingang, kleiner John!« sagte er freudig aber ernst zu seinem jungen Begleiter. »Sieh, das ist unsere gute Kitty,« fügte er dann hinzu. Und John trat näher, machte einen höflichen Knicks und küßte die runzlige Hand der Alten, die diese ihm etwas zögernd entgegenstreckte. Dann blickte er mit seinen schönen blauen Augen schüchtern zu ihr auf. Ganz eigen ward es der alten Frau zu Mute bei diesem Blick, so warm und weich wie schon lange nicht mehr und ein linder Tropfen fiel auf des Knaben Scheitel, als sie sich niederbeugte, um einen leisen Kuß auf seine Stirn zu drücken. Als der kleine John eine Stunde später zum erstenmal in seinem Leben sich in ein sauberes Bettlein niederlegte, das ihm ganz allein zur Verfügung stand, war ihm, als sei alles nur ein Traum und er müsse am andern Morgen wieder in Mutter Katys Hütte auf seinem Laubsack neben Tom und Ned erwachen. Aber es war kein Traum! – Die Sonne, die den Knaben am folgenden Morgen in aller Frühe weckte, schien in ein kleines freundliches Kämmerlein mit schneeweiß getünchten Wänden und sauber gescheuertem Fußboden. Dem Bette gegenüber stand ein Tisch mit einem Stuhl davor, an einem Haken in der Ecke hing ein nagelneuer Anzug, schöne blaue Strümpfe lagen auf der Decke und vor dem Bett, o Wunder! standen ein paar prächtige Lederschuhe mit nägelbeschlagenen Sohlen, dergleichen John noch nie an einem der andern Dorfbewohner gesehen, geschweige denn selbst getragen hatte. Das war fast zu viel der Herrlichkeit und das Beste dabei war noch, daß er sich unter einem Dache mit dem Herrn Pfarrer befand, dem guten, freundlichen Herrn, der ihm vom ersten Augenblicke an, da er ihn gesehen, wie der Inbegriff alles Guten, Schönen und Hohen vorgekommen war. Um immer in seiner Nähe sein, ihm dienen und gehorchen zu dürfen, hätte John gern gehungert und gedürstet, und die schwersten Entbehrungen auf sich geladen, und jetzt ging es ihm auch sonst so gut! Mit Thränen des Dankes und der Freude faltete der kleine, in der Not des Lebens früh gereifte Knabe die Hände und bat den lieben Gott von ganzem Herzen, ihm doch zu helfen, daß er sich ihm und den guten Menschen, zu denen er ihn geführt, auch dankbar erweisen und ihnen all ihre Güte wenigstens etwas vergelten könne. 5. Am anderen Morgen schlief Kitty ausnahmsweise länger als sonst in den Tag hinein. Dies machte sie, die sich sonst etwas auf ihr Frühaufstehen zu gute that, schon von vornherein verdrießlich. Brummend stand sie auf und gedachte mit Seufzen und Klagen der vermehrten Arbeit, die ihrer wartete. Die kurze Anwandlung von Rührung, die sie gestern beim Anblick des kleinen, verwaisten Knaben übermannt hatte, war schnell vorübergegangen. Sie sah so finster und griesgrämig aus wie je, als sie schlürfenden Schritts die kleine Küche betrat, um an die gewohnte Tagesarbeit zu gehen. Wie angenehm aber war sie überrascht, als sie bereits ein hellflackerndes Feuer dort vorfand, über dem der mit Wasser gefüllte Kessel schon zu singen begann. Sauber geputzt standen ihre und des Herrn Pfarrers Schuhe bereit und ein Häuflein feingeschlagenen Holzes lag neben der Herdstelle. Auch ein Eimer voll frischen Wassers war geholt worden und jetzt erschien der Vollbringer aller dieser guten Werke, der kleine John selbst; er hielt einen großen Besen in der Hand und schickte sich an, die Küche auszufegen. Als er Kitty erblickte, stellte er sein Instrument beiseite, kam ehrerbietig auf sie zu und küßte ihr zum Morgengruß die Hand. Er war sauber gewaschen und gekämmt, das scharfe Auge der Haushälterin fand an dem ganzen kleinen Persönchen nichts zu tadeln. Aufs neue hatte der Anblick des Kindes ihren Groll besiegt; sie mußte wohl oder übel seinen freundlichen Gruß freundlich erwidern und ihm für seine Thätigkeit ein paar anerkennende Worte sagen. Als sie dann im weiteren Verlauf des Morgens sah, wie willig und geschickt der Knabe sich zu aller Arbeit erwies, erlaubte sie ihm sogar, als Zeichen ihres höchsten Vertrauens, dem Herrn Pfarrer den Frühstückskaffee aufs Zimmer zu bringen. Der kleine John zitterte vor Freude, als Kitty ihm das Theebrett mit dem sauber geordneten Geschirr in die Hand gab; klirrend schlugen Tasse und Zuckerdose zusammen, so daß die Alte ängstlich ausrief: »Ich sehe, John, das ist zu schwer für dich! Laß mich's nur selbst hineintragen; es wäre ein zu großes Unglück, wenn Sr. Hochehrwürden Lieblingstasse zerbrochen würde!« »O nein, nein, ich lasse nichts fallen!« erwiderte rasch der Knabe und hielt mit gewaltsamer Anstrengung das Theebrett so fest, daß nichts sich darauf bewegte. Dann machte Kitty ihm die Thür auf und er stand in dem freundlichen, sonnenbeschienenen Zimmer, wo zwischen seinen Büchern und seinen Blumen auf hartem Ledersofa der junge Pfarrer saß und den schüchtern Eintretenden liebevoll begrüßte: »Guten Morgen, kleiner John, bist du schon so fleißig? und hast du denn gut geschlafen in deinem neuen Bettchen? Komm, setze die Sachen hierher auf den Tisch, dann hol' dein Schüsselchen und trinke ein wenig von meinem Kaffee.« »Das fehlte auch noch!« brummte Kitty, als John herauskam, um dem Geheiß Folge zu leisten, »du mit Sr. Hochehrwürden Kaffee trinken! dergleichen hätt' ich mein Lebtag nicht gewagt!« Als sie aber in die leuchtenden Augen, das freudestrahlende Gesichtchen des kleinen John blickte, glätteten sich ihre Züge wieder, willig gab sie dem Knaben sein blechernes Schüsselein und sagte gar nicht unfreundlichen Tones: »Da, geh nur hinein, ist wohl das erste Mal in deinem Leben, daß du mit ordentlichen Leuten zusammen in einer saubern Stube sitzest.« Wohl war es das erste Mal und es kam John vor, als sei er geradezu in den Himmel versetzt, als er, der bisher seine Mahlzeiten nur auf freiem Felde oder in O'Briens rauchiger Küche eingenommen, nun dem guten Pfarrer gegenüber vor dem mit einem blendend weißen Tuche bedeckten Tische saß und zu einem großen Stück Weißbrot den duftenden Kaffee genießen durfte. Wie eines Engels Stimme drangen die freundlichen Worte seines Wohlthäters, der ihn nach seiner bisherigen Lebensweise, nach Pflegeeltern und Geschwistern fragte, an sein Ohr. War es denn möglich, daß ihm, gerade ihm, dem kleinen John, der sich als armes Findelkind bisher geringer gedeucht hatte als der ärmste aller Dorfbewohner, solch hohes Glück zu teil wurde? Erst zaghaft und schüchtern, dann immer mutiger und lebhafter beantwortete er die Fragen des jungen Pfarrherrn und erzählte ihm von seinem Leben in O'Briens Hütte, von dem wilden Ned, der ihn so oft gequält, von der klugen sanften Mary und dem wunderbaren Baby und wie sie alle, außer den ganz Kleinen natürlich, von früh bis spät gearbeitet hätten und jede Woche einen Tag gefastet, um das Geld zur Kuh zusammenzubringen; – wie man jetzt aber fast immer genug zu essen habe, da die brave Betsy die Familie mit Milch versorge und Mutter Katy sogar ab und zu etwas Butter auf den Markt bringen könne. Halb ergötzt und halb gerührt hörte der Pfarrer zu. »Du hast viel gelernt da droben auf den Bergen,« sagte er dann, »vieles, was du nirgends sonst so gut hättest lernen können und was dir im spätern Leben wohl zu statten kommen wird. Aber zum Lesen und Schreiben und andern derartigen Studien hattest du wohl keine Zeit, was?« »Nein, Ew. Hochehrwürden, aber Mary und ich sollten es lernen, wenn Ned es erst wußte. Ned ist ein paarmal in die Winterschule gegangen, er kann schon seinen Namen schreiben, aber lesen kann er noch nicht.« »Da hättest du, fürchte ich, deinen Wissensdurst lang bezügeln müssen, falls ein solcher bei dir vorhanden ist, kleiner John. Möchtest du denn aus einem Buche lesen können?« fragte der Pfarrer in freundlichem Ton. »O ja!« erwiderte John mit leuchtenden Augen. »Gut, dann will ich dich's lehren. Sobald das Kaffeegeschirr weggeräumt ist und wir den Morgensegen gelesen haben, wollen wir unsere Studien beginnen und ich werde dir in dem großen Bibelbuch da droben mit den schönen Bildern die Buchstaben zeigen, ist dir das recht?« Johns ganzes Gesichtchen strahlte vor Freude und froher Erwartung. Sollte es denn immer schöner und schöner kommen hier in seinem neuen Paradies? 6. Und es kam immer schöner. Neue, ungeahnte Freuden brachte dem armen Waisenknaben jeder Tag, den er in dem kleinen Pfarrhause zwischen den Bergen verlebte. Was er sich früher in seinen kühnsten Träumen nicht zu wünschen gewagt: ein behagliches Quartier, hinreichende Nahrung, saubere Kleider und ein warmes Bettlein, das hatte er jetzt. Dabei durfte er – und dies war für ihn der Gipfelpunkt alles irdischen Glücks – den ganzen Tag um den Herrn Pfarrer sein, ihm allerlei kleine Dienste leisten, als: seine Bücher abstäuben, seine Kleider reinigen, seine bescheidenen Mahlzeiten auftragen und sein Zimmer ordnen. Die letztere Arbeit ließ der Prediger viel lieber von John besorgen als von der alten Kitty, die nicht immer sehr rücksichtsvoll mit seinen Schriftlichkeiten verfuhr und am liebsten jedes lose umherliegende Papier in den Ofen gesteckt hätte, gleichviel ob es eine gelehrte Abhandlung oder das Konzept einer Predigt enthielt. Dabei behandelte der gütige Herr den kleinen John nicht wie einen Diener, sondern wie seinen jüngeren Bruder und Freund. Fast immer ließ er ihn bei sich am Tische sitzen und oft nahm er ihn mit auf seinen Gängen in die Berge, wobei der Knabe ihm dann mit einem großen Korb voll Lebensmitteln folgen durfte, die man droben unter die armen Leute verteilte. Viele alte Bekannte traf John auf diesen Besuchen, auch bei Vater O'Brien wurde oftmals zum Jubel der ganzen Familie Halt gemacht. Überhaupt war es eine Freude zu sehen, wie freundlich der Knabe von all seinen ehemaligen Freunden begrüßt wurde. Da war keiner, der ihn um sein Glück beneidet hätte. Es hieß nur immer: »Guten Tag, kleiner John! – Wie schön, daß dir's so gut geht! – Es ist eine Freude zu sehen, wie groß und stark du wirst. – Ja, ja, du hast gut lachen, Johnny! – Aber du vergißt unsereinen doch nicht in deinem Glück, das ist nett von dir, kleiner John; bist immer ein guter Junge gewesen und verdienst, daß dir's wohlergehe.« Nein, vom Neid und von der Bosheit der Welt, wovon der Herr Pfarrer in seinen Predigten so herzbeweglich zu reden wußte, hatte der kleine John nichts zu leiden. Er durfte nur Liebes und Gutes erfahren von jedermann; sogar die alte, brummige Kitty, von der fast noch niemand ein freundliches Wort gehört hatte, schalt beinahe niemals mit ihm und sorgte wie eine Mutter für sein Wohl. Am schönsten war's aber doch, wenn der Knabe ganz allein mit dem Herrn Pfarrer war, wenn er an seiner Hand durch die Berge streifte und der gelehrte Herr ihn mit sinnigen Worten auf die Blumen und Pflanzen, die zwischen dem Gestein emporkeimen, auf das Leben der Tierwelt, die unter Gras und Gestrüpp ihr Wesen treibt, aufmerksam machte. Der kleine John hatte immer die Blumen geliebt und war niemals grausam gegen arme, wehrlose Tierchen gewesen; nun der junge Prediger ihn aber auf den kunstvollen Bau der erstern aufmerksam machte und ihn in das verständige Thun und Treiben der letztern einweihte, betrachtete er jene mit ganz besonderem Interesse und faßte eine wirkliche Liebe zu den kleinen fleißigen Ameisen, den zierlichen Käfern und Würmchen, die, unbeachtet von den meisten Menschen, nach fest geregelten, weisen Gesetzen eine eigene, reichbewegte Welt im kleinen bilden. Und gar daheim, in der traulichen Studierstube, wenn John neben seinem Herrn vor der aufgeschlagenen großen Bibel saß, ging ihm erst recht eine neue, wunderbare, unbekannte Welt auf. Da bekamen die toten Buchstaben Leben und Gestalt unter des gütigen Meisters Worten und erzählten dem eifrig lauschenden Schüler Dinge, die er noch nie zuvor vernommen. Wohl kannte der kleine John den lieben Gott und wußte, daß dieser alle Dinge erschaffen hat und unser Schicksal in seinen Händen hält, – auch vom Jesuskindlein und der Jungfrau Maria hatte er gehört. Wie dies alles aber sich aneinanderfügt, wie im wunderbaren Werk von sieben Tagen die Welt aus Gottes Schöpferkraft hervorgegangen, wie die ersten Menschen schon den unmittelbaren Zusammenhang mit ihrem Schöpfer verloren und ihre Nachkommen sich trotz einzelner gewaltiger Gottesmänner, die laut für den Herrn zeugten, tiefer und tiefer in Schuld und Sünde verstrickten, bis endlich der Sohn Gottes durch seinen freiwilligen Tod die Menschheit mit dem Schöpfer versöhnte, – das alles war dem Knaben im ganzen wie im einzelnen neu. Tag und Nacht hatte er den schönen Geschichten von Noah und Abraham, Isaak und Jakob, den seltsamen Erlebnissen des jungen Joseph, dem wunderbaren Wüstenzug der Israeliten, den mancherlei Erfahrungen Davids, des königlichen Sängers, zuhören können. Und wie innig rührte ihn gar die Geschichte des Heilandes selbst, die lieblichen Erscheinungen bei seiner Geburt, sein Leben voller Liebe und sein Tod am Kreuz! – Die ganze Welt und alles, was darin war, erschien ihm in einem neuen, verklärten Lichte, nun er wußte, welch eine Fülle von Liebe der Herr über sie ergossen hatte. Mit Feuereifer warf er sich auf die edle Lesekunst, sowohl um seinem Lehrer Freude zu machen, als auch um so bald als möglich das, was dieser ihm aus den Büchern vortrug, selbst lesen zu können. Er begriff schnell und leicht und machte auch in den Fächern, die ihn weniger fesselten, im Schreiben und Rechnen große Fortschritte. Der junge Prediger aber hatte fast ebensoviel Freude am Unterrichten seines kleinen Schülers, als dieser am Lernen. Es war schön, diese glänzenden Kinderaugen in so eifriger Hingabe und Spannung auf sich gerichtet zu sehen; schön war es, auf den Gängen durch die Berge die kleine Hand in der seinen zu fühlen, die Kinderfüßchen neben sich hertrippeln zu hören, und das warme Verständnis, das die unschuldige Kinderseele, wenn auch oftmals nur in leisem Ahnen, den höchsten Dingen entgegenbrachte, that dem einsamen Manne von Herzen wohl. Sein Leben erschien ihm mit einemmal reicher und schön wie nie zuvor; ohne daß er's wußte, ward sein Gang leichter und rascher, seine Haltung aufrechter und freier, wenn er, von einem Berufsgang heimkehrend, an das strahlende Gesichtchen, den freudigen Gruß dachte, womit der kleine John ihm schon von weitem entgegeneilte. Die Fürsorge für ein Wesen, das ganz sein eigen war, zog seine Gedanken von dem allgemeinen, rettungslosen Elende der Menschheit ab, dem er sonst mit düsterer Schwermut nachzuhängen pflegte; unter dem Einfluß der warmen, selbstlosen Liebe des kleinen Knaben ward er selbst wieder zum Kinde. Jugendlust und Jugendfreude wachten in dem kaum dem Jünglingsalter entwachsenen Manne wieder auf und zu ihrem unsäglichen Erstaunen sah die alte Kitty Se. Hochehrwürden manchmal zur Dämmerstunde mit dem kleinen John im Garten Ball spielen oder Turnübungen machen. Aber nicht nur der junge Pfarrherr, auch seine alte Haushälterin hatte sich durch den Einfluß des neuen Ankömmlings ganz allmählich, aber sichtbarlich verwandelt. Man flüsterte sich im Dorfe zu, daß Kitty viel weniger brumme und viel freundlicher aussehe als sonst, nun der kleine John im Hause weilte, der ihr so viel Arbeit abnahm und immer bemüht war, ihr Freude zu machen. Die Liebe dieses Kindes taute selbst ihr altes, verknöchertes Herz, das im Leben wenig Liebe genossen hatte, auf, daß es wieder warm und jung ward und aufs neue sich mit andern freuen, für andre fühlen konnte. Der kleine John, der niemals an sich dachte, sondern nur an das, was andre für ihn thaten, und stets das Gefühl hatte, er erweise sich ihnen lange nicht dankbar genug für ihre Güte, ahnte nicht, daß er mit seinem freundlichen, liebevollen Wesen und seinem sanften, glücklichen Gesicht Licht und Sonnenschein in das stille Pfarrhaus gebracht hatte, so daß dessen Bewohner den Tag segneten, an dem er zuerst über ihre Schwelle getreten war. 7. Zwei Jahre waren's her seit jenem Tage und es regnete wieder einmal gerade so heftig wie dazumal. Es regnet ja fast immer auf diesen kahlen Bergen. Und diesmal hatte es noch viel anhaltender geregnet als sonst, viele Tage lang. Und zu dem Wasser, das in Strömen vom Himmel herniederfloß, gesellten sich die Wassermassen, die aus dem schmelzenden Schnee droben auf dem Gipfel der Berge entstanden waren. Das alles brauste, zu einer gewaltigen Flut vereint, donnernd ins Thal herab, erbarmungslos alles zerstörend, was auf ihrem Wege lag. Trübe Wassermassen wogten da, wo Wiesen, Garten und Felder im ersten Schmuck des Frühlings geprangt hatten. Mancher armen Familie war das Dach über dem Haupte, der Boden unter den Füßen hinweggeschwemmt worden, und um die spärliche Ernte des Jahres war's geschehen. Am Fenster seines Dachkämmerleins saß der kleine John und dachte schweren Herzens an das Elend der armen Bergbewohner, das durch diese Wassersnot größer als je geworden war. Er hätte weinen mögen, wenn ihm einfiel, wie schwer es O'Brien jetzt fallen mußte, etwas Futter für Betsy herbeizuschaffen, ja für die Familie selbst die nötigen Nahrungsmittel zu besorgen. Und all die andern guten Leute auf den Bergen, die immer so freundlich gegen ihn gewesen waren und sich über sein Glück gefreut hatten, als wäre es ihr eigenes, – auch sie mußten nun Leiden und Entbehrungen aller Art ertragen, indes es ihm so wohl erging. Sie hatten, wenn er bei O'Brien oft hungrig und durstig gewesen war, manchmal ihr letztes Stückchen Brot, ihr einziges Glas Milch mit ihm geteilt, und niemals hatte einer von ihnen ihm ein hartes Wort gesagt. Er liebte sie alle so sehr und konnte doch so wenig für sie thun! Ach wenn er ihnen nur einmal so recht zeigen dürfte, wie dankbar er für ihre Güte und Freundlichkeit war! Kein Opfer schien ihm zu groß, als daß er es nicht freudig für sie hätte bringen können. Und doch hatte der kleine John schon gethan, was in seinen Kräften stand, um die Not der armen Überschwemmten zu lindern. Er stand der alten Kitty treulich bei in der Verpflegung der Unglücklichen, die, vom Wasser aus Haus und Hof vertrieben, in dem kleinen Pfarrhaus ein Unterkommen suchten, und teilte sein Bett mit zwei obdachlosen kleinen Knaben. Aber das war in seinen Augen noch lange nicht genug. Es war Sonntag, und von fern und nah strömten die Leute aus den Bergen ins Gotteshaus; oft auf halb zerstörten Wegen, oft mit Gefahr ihres eigenen Lebens mitten hindurch durch die Flut. Aber sie kamen alle, jung und alt, denn sie fühlten, daß in ihrer großen Not kein anderer ihnen helfen könne als der Herr allein. Der heutige Gottesdienst sollte auch ganz besonders der Bitte um Minderung der bösen Flut geweiht sein. Recht wie eine Schutzwehr gegen die wilden Wogen stand, auf einer Landzunge in den Strom hinausgebaut, das Kirchlein da. Einem silbernen Bande gleich schlängelte dieser Strom sich sonst durch das liebliche Thal. Jetzt glich er einem brandenden Meere, das ungestüm das kleine, baufällige Gotteshaus umwogte. Daß dieses aber im Ernst vom Wasser gefährdet werden könne, glaubte niemand. Fester als die dünnen Wände der Gebirgshütten waren seine Mauern. Und steht nicht die Kirche unter dem unmittelbaren Schutze des Herrn? Das arme Volk, das durch die wilden Wasser, das rollende Gestein der Berge seinen Weg sich herab erkämpft hatte, glaubte sich nirgends so sicher als im Gotteshaus. Überdies lag die Landzunge, darauf es stand, ziemlich hoch über dem Wasserspiegel, wenn sie auch niedriger als das angrenzende, steil aufsteigende Ufer war. Es regnete, regnete und regnete. Zum erstenmal in seinem Leben empfand der kleine John eine gewisse Scheu, sein sicheres Kämmerlein zu verlassen und den feuchten, beschwerlichen Weg zur Kirche anzutreten. Und es läutete doch schon und in Scharen zogen die Kirchgänger am Hause vorbei. Er kannte sie alle mit Namen. Da waren auch O'Brien und Mutter Katy. Sie nickten nach seinem Fenster herauf und die letztere lachte übers ganze Gesicht, obschon sie wenig Grund zum Lachen hatte, die arme Seele. Wie war es den beiden nur möglich gewesen, am heutigen Tage von ihrer Höhe herabzukommen? Alles im Hause war schon zur Kirche, bis auf die alte Kitty, die heute für das halbe Dorf zu Mittag kochen mußte. John hatte ihr von Tagesanbruch an fleißig bei der Arbeit geholfen und sich dabei etwas verspätet. Jetzt aber war er schon längst mit seiner höchst einfachen Toilette fertig. Warum zögerte er noch? Halb beschämt sprang er von seinem Fensterplätzchen weg und eilte hinab, wo Kitty am Feuer stand und das Mittagessen zubereitete. »Komm, setz dich noch einen Augenblick her und trink ein Schälchen heißen Kaffee!« sagte sie freundlich, »du hast heut früh tüchtig dran müssen, kleiner John!« Bei dieser ungewöhnlich weichen Anrede kamen dem Knaben die Thränen in die Augen, er wußte selbst nicht warum. Ihm war so wohl und doch so traurig zu Mute, er hätte weinen und jubeln mögen zugleich, ohne daß ein äußerer Grund dazu vorhanden war. Freundlich dankend nahm er den erquickenden Trank aus der Alten Hand. Warm und wohlig umspielte das helle Herdfeuer seine kalten Füße. Es war hier so traulich und so angenehm und draußen im strömenden Regen so unfreundlich und John schauderte, wenn er ans Hinausgehen dachte. Und doch war heute niemand in der ganzen weitzerstreuten Gemeinde, der sich vor dem Kirchgange gescheut hätte, auch der gute Pfarrer, der so zart war und oft so hustete, hatte hingehen müssen. Wie konnte John, der dem lieben Gott so vielen Dank schuldig war, auch nur einen Augenblick mit dem Fortgehen zögern? Er, der soeben noch von einer großen Liebesthat geträumt hatte, durch die er seinen Mitmenschen gern seine Dankbarkeit und Hingebung bewiesen hätte, – er scheute jetzt vor dem kurzen Weg ins Gotteshaus zurück! 8. Alle Schwäche mutig überwindend, erhob sich John von seinem warmen, behaglichen Sitze, nickte Kitty einen freundlichen Abschiedsgruß zu und eilte, sein Gesangbuch unterm Arm, durch Sturm und Regen in die Kirche. Er war der letzte, der den überfüllten Raum betrat, und schwer fiel hinter ihm die Thür ins Schloß. Da waren sie denn alle beisammen, die heils- und trostbedürftigen Seelen der armen Berggemeinde. Auf ihren ernsten, gramdurchfurchten Gesichtern lag tiefer Friede und innige Sammlung in Gott. Draußen wallten und stürmten die wilden Gewässer, prasselnd schlug der Regen an die nur unvollkommen schließenden Fenster. Drinnen aber war Friede und Ruhe, und durch die tiefe, andächtige Stille klang warm und ergreifend die Stimme des jungen Priesters, der den Blick seiner bedrängten Gemeinde über die trüben Wasser hinweg zu den Bergen lenkte, von denen die Hilfe kommt. Dann trat er vor den Altar und mächtig übertönte der Gesang der versammelten Gemeinde und der seine das Brausen des Stromes und das Prasseln des Regens. Andächtig, mit gefalteten Händen lauschte John den Worten seines geliebten Wohlthäters. Und doch nicht so andächtig wie sonst. Er hatte durch die überfüllte Kirche nicht zu seinem gewohnten Sitz im Pfarrstuhl vordringen können und stand im Gange dicht bei der großen Eingangsthür. Da er sich von der anstrengenden Arbeit des Morgens noch recht müde fühlte, geschah ihm das Stehen sauer und doch war es gut, daß er stehen mußte, denn sonst hätte ihn, dem heute nacht seine beiden Schlafgefährten wenig Ruhe gelassen hatten, am Ende gar der Schlummer übermannt. So schon wurde es ihm recht schwer, seine Blicke wie sonst unverwandt auf den Altar zu richten. Immer aufs neue wollten ihm die Augen wieder zufallen. Da, – was sieht er durch seine halbgeschlossenen Lider feucht schimmern? was schlängelt sich langsam auf den steinernen Platten hin? – Ein Streifen Wasser ist's! Wo kommt er her? Die Thüren sind ja zu! Die kleine Kirche hat deren drei: die große, schwere Eingangsthür am vorderen Portal dem Lande zu, links davon an der langen Seitenwand eine kleinere Pforte nach einem Nebenweg hinaus und hinten im Chore, der dem Haupteingang gegenüber fast in den Fluß hineingebaut ist, ein ganz kleines Pförtlein, das rechts vom Altar ins Freie führt und sonst dem Prediger zum Privateingange dient. Heute ist es aber nicht zu benützen, denn das Wasser, dessen Anprall gerade an dieser Seite besonders heftig ist, hat den Weg, der hier am schmälsten Vorsprung der Landzunge um das Kirchlein herumführt, ganz überflutet. Niemand von den frommen Kirchgängern denkt an diesem Morgen an die enge, ganz in grünem Geranke versteckte Seitenpforte, niemand, selbst der alte, halbblinde Küster nicht und noch weniger der junge Pfarrer, der für die Dinge der Außenwelt gar keinen scharfen Blick hat, bemerkte, daß das Holzwerk ganz unten an diesem Pförtlein etwas gerissen war. Und kein einziger von der andächtig versammelten Gemeinde sieht, wie während des Gottesdienstes, zuerst nur leise und langsam, das Wasser durch die kleine Ritze sickert. Als John es entdeckt, da ist es schon zu spät, denn unter dem Druck der Wogen nimmt der Schaden mit Blitzesschnelle überhand, weiter und weiter klafft die Ritze auseinander, breiter und breiter wird die kleine Rinne. Schon fühlt John das Wasser um seine Füße spielen. Er kann es nicht lassen, er schreit laut auf; aber der schwache Ton verhallt in dem einen markerschütternden Schrei, der jetzt aus dem Munde sämtlicher Kirchgänger das Gotteshaus erbeben macht: »Das Wasser kommt!« Unaufhaltsam strömend bricht es herein durch den jetzt weit auseinandergeborstenen Spalt, und nachdem einige vergebliche Versuche gemacht worden sind, diesen zu verstopfen, bricht krachend das ganze Holzwerk zusammen und in Todesangst drängt die Menge den beiden andern Thüren zu. Die eine Seitenpforte ist verschlossen, die Hauptthür ist nur durch einen besondern Griff zu öffnen und die Leute in ihrer Angst drücken ungeschickt daran herum. »Sollen wir ertrinken wie in einer Mäusefalle?« schreit ein roher Gesell. »Macht Platz, ich schließ euch auf!« ertönt beruhigend des Pfarrers Stimme durch das wilde Getöse. Rasch nimmt er dem vor Schreck erstarrten Küster die Schlüssel ab und eilt damit der Seitenpforte zu. Drüben an dem Haupteingange hat sich die Menge so zusammengedrängt, daß es ihm unmöglich ist, sich hindurchzuzwängen. Und die Wasser dringen und dringen mit Macht herein. Da sieht er unter all der aufgeregten Schar dicht an der Thür ein einziges ruhiges, geduldiges Gesichtchen. Es ist der kleine John. »Johnny, mach auf!« ruft er ihm zu, so laut und hell, daß es durch das Getümmel der Menschen, das Gebrause der Wogen hindurch von dem Knaben verstanden wird. Instinktartig macht die Menge ihm Platz und mit sicherem Griff öffnet er, der dies schon oft für seinen Herrn gethan hat, die schwere Thür. Dann strömt es mit einem einzigen Schrei der Erlösung hinaus, hinaus ins Freie! – Noch ist der Weg zur Rettung nicht abgeschnitten, wenn die Halbinsel auch nur noch durch einen schmalen Pfad mit dem hohen sicheren Ufer zusammenhängt. Aber schnell! um Gottes willen schnell! denn mit immer stärkerer Gewalt strömen die Wasser zu der hinteren Pforte herein. Es ist ein Schreien, ein Drängen, ein Stöhnen in der noch soeben in stille Andacht versunkenen Menge, ein wilder, verzweifelter Kampf um das Leben. Die Seitenthür hat der Pfarrer mit Hilfe des Küsters ausgehoben, er hilft so gut er kann den Greisen, den Frauen, den Kindern hinaus. Doch können immer nur wenige auf einmal durch die enge Pforte hindurchkommen. Die meisten drängen deshalb dem Haupteingange zu. Weit, weit steht dieser offen. Der kleine John hält den Thürflügel fest, sonst würde dieser, der nach innen aufgeht, von dem anstürmenden Menschenschwalle zugedrückt werden. Die Thür ist schwer, es kostet den schwachen Knaben eine Anstrengung, die fast über seine Kräfte geht, sie gegen den Andrang offen zu halten. Und dabei fühlt er, wie das Wasser höher und immer höher an ihm emporsteigt. Aber er bittet den lieben Gott immer wieder um neue Kraft, und er ist so glücklich und dankbar, daß er sich all den guten Leuten aus dem Dorfe nützlich erweisen kann. Sie sehen ihn kaum, auch wenn sie daran gedacht hätten, auf ihn zu blicken, denn er steht zwischen Thür und Mauer eingeklemmt im Schatten. Aber er sieht, er kennt sie alle. Da ist O'Brien und Katy, letztere freilich fast unkenntlich, denn ihre sonst so roten Wangen sind bleich vor Schrecken und ihr Mund zieht sich nicht in frohem Lachen auseinander. Doch ist sie jetzt getrost, denn durch die offene Thür sieht sie Rettung für sich und die Ihrigen. Da ist auch der lustige Ned und die bucklige Mab und Nachbar George und der alte Mac Rior, – alle, alle eilen sie durch das geöffnete Thor der Freiheit, dem Leben zu, dem Leben, das, so elend und reich an Sorgen es auch für sie sein mag, ihnen allen doch so teuer ist. Und das Wasser steigt und steigt und steigt. Schon geht es dem kleinen John bis unter die Arme, bald hat es die Thürklinke und die kleine Hand, die diese so krampfhaft festhält, überflutet; schon drängen auch die letzten der Kirchgänger hinaus. Und das ist gut, denn John fühlt seine Kräfte schwinden. Eisiger Frost durchschauert ihn, aber wie Feuer brennt die Thürklinke in seiner Hand; seine Füße berühren den Boden nicht mehr, das Wasser hat ihn emporgehoben, das Wasser, das ihm jetzt bis zum Halse geht. Ihm ist, als höre er draußen des Pfarrers Stimme, die ängstlich seinen Namen ruft, er möchte antworten, aber er kann es nicht. Noch einen Blick wirft er hinüber nach dem Altar, wo in wunderbarer Majestät und Milde das Bild des gekreuzigten Heilandes steht, hoch über den trüben Wasserwogen. Wie oftmals schien es dem kleinen Knaben, wenn er voll Andacht zu ihm emporblickte, als lächle der Herr ihm freundlich zu. Aber so holdselig wie heute hat er ihn noch niemals angeschaut, ihm ist, als breite er seine beiden ausgespannten Arme voll Liebe ihm entgegen. Eine wunderbare Seligkeit, ein himmlischer Friede durchzieht des Knaben Herz; er hört nicht mehr das Rauschen der Wogen, er fühlt das kalte Wasser nicht, das jetzt über seinem Haupte zusammenschlägt und seine Hand von der Thür hinwegreißt, – in unaussprechlich lieben Tönen klingt der Gesang der Engel an sein Ohr und jauchzend begrüßt im himmlischen Gefilde die nie gekannte Mutter ihr geliebtes Kind. 9. Durch die Reihen der Geretteten, denn gerettet sind alle, wenn auch einige im verzweifelten Kampfe mit dem Elemente schier das Leben eingebüßt haben, geht der junge Pfarrer ernst und bleich. Unter den vielen, vom überstandenen Schreck noch blassen und zitternden Menschen suchte er das eine, liebe Gesicht, das ihm vor allen teuer ist. So viele hat er gerettet, mit genauer Not ist er selbst, der letzte von allen, dem Tode entronnen. Der kleine John aber ist nirgends zu finden. In Todesangst will der Pfarrer nach der Kirche zurück, laut tönt sein banger Ruf über das Gebrause der Wogen. Aber mit wilder Gewalt walzten diese sich ihm entgegen und jetzt – spülen die Wellen eine Leiche ans Land, – das einzige Opfer der schrecklichen Flut. Es ist der kleine John. Der Priester setzt sich nieder auf das nasse Gras und nimmt den leichten Körper auf den Schoß. Ein Lächeln seliger Freude liegt über dem stillen Gesicht und ein so tiefer Friede. Ist er denn wirklich tot? – es kann, es kann ja nicht sein! Vielleicht schlägt das Herzlein noch! vielleicht können Thränen und Gebet das fliehende Leben zurückhalten! – Und wenn es schon entflohen wäre? – Wem der Herr sein heilig Amt verliehen, kann er dem nicht auch die Kraft geben, Tote zu erwecken, wie er es gethan? Aber kein Leben kommt mehr in die zarte Gestalt und bitterlich weinend beugt der junge Pfarrer sich über das bleiche Totengesichtchen. Teilnahmsvoll wollen die Leute sich nahen, sie alle haben den kleinen John ja lieb gehabt und wissen, daß er für sie gestorben ist. Als sie aber den Schmerz ihres Seelsorgers sehen, weichen sie still zurück. 10. Am folgenden Morgen kam ein seltener Gast in das stille Pfarrhaus. Der Postbote war's, der einen Brief aus fernen Landen brachte. »Von meinem Vater, aus New-York,« sagte der bleiche junge Pfarrer, indem er ihn mit einem müden Lächeln öffnete und las. Er lautete also: »Mein lieber Sohn! »Willst Du Dich nicht sofort auf den Weg machen und Erkundigungen nach einem gewissen Jack O'Brien einziehen? Seine Frau heißt Katy. Die Leute wohnen in Deiner Gemeinde. Bin ich recht unterrichtet, so ist ihnen vor nunmehr elf Jahren an einem Pfingstabend ein kleiner, wenig Wochen alter Knabe vor die Thür gelegt worden. Nach diesem, lieber Arthur, erkundige Dich vor allem, denn er ist mein Sohn, Dein totgeglaubter kleiner Bruder, wenn anders die Person mich nicht unerhört belogen hätte, die mich gestern an ihr Sterbebett berief. Es war die ehemalige Wärterin des Kleinen. Im wilden Trubel jener unseligen Nacht, wo die Sitzung unseres geheimen Bundes von der Polizei entdeckt ward und ich, alles andere zurücklassend, schleunigst die Flucht ergreifen mußte, hat sie nach ihrer Aussage das Kind von der toten Mutter Seite weggerissen und ist in blinder Hast mit ihm davongelaufen. Am andern Tag erst, als sie sich in den Bergen verloren herumirrend wieder fand, kam ihr mit dem klaren Bewußtsein der Gedanke, daß das Würmchen eigentlich eine große Last für sie sei. Geradezu umbringen konnte sie es aber nicht, so ging sie weiter ins Gebirge hinein, wo in einem abgelegenen Nest ihr Bruder wohnte, und legte es diesem ohne weiteres vor die Thür. Das Schicksal hat sie hernach weit in der Welt herumverschlagen, bis sie endlich hier in einem Hospital krank und elend gelandet ist. Als sie dort zufällig hörte, daß ich nicht, wie sie damals irrtümlich geglaubt, den Haschern in die Hände gefallen sei, sondern als ziemlich reicher und angesehener Mann hier lebe, ließ sie mich zu sich kommen und vertraute mir, ehe sie das letzte Sakrament nahm, obiges Geheimnis an. Durch einen glücklichen Zufall ist es Dir leicht gemacht, die Wahrheit ihrer Aussage zu bestätigen. Thue das, und wenn Du dann das Kind findest, so scheue keine Kosten, es zu einem guten und tüchtigen Manne zu erziehen; ich habe in letzter Zeit vortreffliche Geschäfte gemacht und bin in der Lage, aufs beste für euch sorgen zu können. Auch habe ich alle Aussicht, demnächst von der Verbannung zurückberufen zu werden, und will dann, des politischen Treibens müde, meinen Lebensabend in der Heimat bei meinen Kindern beschließen.« Stumm zeigte der junge Mann seiner alten Haushälterin diesen Brief. Als sie aber, nachdem sie ihn gelesen hatte, laut zu schluchzen anfing, sagte er sanft, wenn auch mit zitternder Stimme: »Still, Kitty! Johnny und ich hätten uns nicht inniger lieb haben können, wenn mir gewußt hätten, daß wir Brüder seien. Und wäre dem kleinen John die Wahl gelassen worden zwischen dem glücklichen, sorgenfreien Leben, das seiner bei Vater und Bruder harrte, und dem schönen Tod, den er gestorben ist – ich weiß gewiß, dann hätte er den letzteren erwählt. Um ihn weine nicht, arme Kitty, sein Los ist ihm aufs lieblichste gefallen.« Das Kirchlein, darinnen der kleine John den Märtyrertod gestorben ist, haben die Wellen zerstört. Da, wo es gestanden hat, erhebt sich jetzt, durch feste Steinwälle vor den Wogen geschützt, ein großes, schönes Gotteshaus. Der Vater hat es zum Andenken an sein Kind erbauen lassen und ist selbst ein regelmäßiger Gast darin. Er wohnt bei seinem ältesten Sohne im Pfarrhaus, das jetzt etwas größer und mit mehr Bequemlichkeiten ausgestattet ist als früher. O'Brien hat, ebenfalls durch die Güte von Johns Vater, weiter unten im Thal eine neue, geräumige Hütte bekommen, sein Hausstand ist durch eine zweite Kuh vermehrt worden, erfreut sich überhaupt eines allseitigen Gedeihens. Katy lacht womöglich noch mehr als früher, nur wenn vom kleinen John die Rede ist, füllen ihre schwarzen Augen sich mit Thränen. Dicht neben dem Pfarrhause steht ein hoher, stattlicher Bau. Darinnen haben zwölf elternlose Knaben aus den Bergen freundliche Aufnahme gefunden und werden unter der Aufsicht des Priesters und seines Vaters zu tüchtigen Männern herangebildet. Beide haben in der Sorge für diese muntere Schar Trost und Frieden gefunden, wenn auch keiner ihrer Pfleglinge ihnen den kleinen John zu ersetzen vermag. Dieser aber wird sich noch im Himmel über all das Gute freuen, das in seinem Andenken den armen Bergbewohnern erwiesen wird. Es ging ein Engel durch das Haus. Ein nettes Pfarrhaus ist das zu Wiesenau, wenn auch, wie die meisten Pfarrhäuser, weder elegant noch großartig erbaut. Es schaut hell nach seiner Vorderseite auf die Straße aus den blanken Fenstern, auf deren Gesims Rosen und Levkojen stehen, mit den schneeweißen Gardinen dahinter; es ist auch freundlich nach der Rückseite, die in den wohlgepflegten Hausgarten geht, wo neben den sauberen Gemüsebeeten die Blumen nicht versäumt werden und von den ersten Schneeglöckchen und Veilchen bis zu den letzten roten Geranien allezeit etwas Blühendes zu sehen ist. Freundlich war das Pfarrhaus; es kehrten da gern die Bauersleute ein, die ein Anliegen zum Herrn Pfarrer führte, und ebenso gern gute Bekannte aus benachbarten Pfarrdörfern oder aus der nahegelegenen kleinen Stadt. Nur still war es darin, fast gar zu still; denn der Kindersegen fehlte, den man sich fast unzertrennlich von einem rechten Pfarrhaus denkt, und der Pfarrer selbst und seine Frau haben das am tiefsten empfunden. Es kamen auch manchmal Kindergäste, besonders zur Zeit, wo im Garten die Johannisbeeren und Stachelbeeren und später die Äpfel und Birnen reif wurden: Pfarrsöhne und -töchterlein oder Sprößlinge aus befreundeten Häusern der Stadt; sie wurden alle freundlich empfangen und reichlich bewirtet. Es fehlte ihnen aber doch, daß zum Hause selbst so gar kein Kind gehörte, mit dem sie spielen, keine Spielsachen da waren, mit denen sie sich belustigen konnten; die Mägdlein unterhielten sich im Garten, die Buben jagten die Katze und die Hühner untereinander im Hof herum und machten einen Lärm und Unfug, daß man froh war, wenn die wilde Schar wieder abzog. Und doch, wenn sie alle fort waren und die Frau Pfarrerin wieder Ordnung geschafft hatte in ihren Stuben, so sah sie sich oft wehmütig darin um und seufzte leise: »Wir sind doch recht allein.« Aber sie hatte aufgehört zu klagen, daß ihr ein eigenes Kind versagt war. Der Frühling war nahe, aber er kam diesmal nicht freundlich; die schönen Veilchen, Krokus und roten Leberblümchen, die sonst den Pfarrgarten um diese Zeit schmückten, waren fast weggeschwemmt vom Regen, und draußen in der Welt sah es noch viel betrübter aus. Der Pfarrer saß frühmorgens in seiner Studierstube, in der gewöhnlich das Frühstück eingenommen wurde; er las in der Zeitung und war traurig gestimmt über das viele Elend, das namentlich in Ostpreußen, wo schon im vorigen Jahre die Ernte zerstört worden war, durch die anhaltende Kälte und Nasse veranlaßt worden, und sah fast verwundert auf, als seine Hausfrau mit ganz heiterem Angesicht hereintrat, um das Frühstück zu bringen. »Du siehst ja aus, als wäre dir etwas besonders Frohes widerfahren,« sagte der Pfarrer; »mir ist's eigentlich nicht so vergnüglich ums Herz, wenn man sieht, wieviel Jammer in der Welt draußen ist.« »Nun, lach' mich nicht aus!« sagte die Pfarrfrau, indem sie sich zu ihm setzte und ihm den Kaffee einschenkte; »ich träume sonst selten lebhaft, habe ja, Gott sei Dank, einen gesunden Schlaf; heut' nacht aber habe ich einen so lieblichen Traum gehabt, daß er mich jetzt noch freut.« »Das wäre!« sagte lächelnd der Pfarrer, der gerade nicht viel auf Träume hielt. »Ich bin vielleicht,« erzählte die Pfarrfrau, zuerst etwas leise, »gestern abend ein bißchen betrübt eingeschlafen. Die Schulmeisterin ist bei mir gewesen mit einem netten Töchterlein; da ist mir's nachher wohl etwas still und leer vorgekommen bei uns. Nun träumte mir erst gegen Morgen, wo die Träume immer am lebhaftesten sind – du darfst aber nicht lachen –, es sei ein Engel durch unser Haus gegangen.« »Ist er vom Himmel heruntergeflogen?« fragte wieder mit leisem Lächeln der Pfarrer. »Nein, er kam durch unsere hintere Hausthür vom Garten herein; eine holdselige Kindergestalt in glänzend weißem Kleide; das ganze Haus wurde hell davon. Leise und licht wandelte sie durch alle Gänge des Hauses, bis sie zur vorderen Hausthür wieder hinausging; ich sah lange noch den hellen Schein.« »Schade, daß du sie nicht festgehalten!« meinte der Pfarrer. »Hat mir auch leid gethan,« sagte die Pfarrfrau; »aber es blieb doch hell, und als ich aufwachte, war mir noch ganz wohl zu Mute.« »Nun, auch ein schöner Traum ist etwas wert,« sagte freundlich der Pfarrer. »Es soll ja, so Gott will, nicht an guten Engeln in unserem Hause fehlen, auch wenn es still bleibt darin.« Das Frühstück war genossen, die Pfarrfrau machte die Tassen rein, während der Pfarrer ihr aus der Zeitung vorlas; dann räumte sie alles sorgfältig weg und ging hinauf in ihr Wohnzimmer. Da war's freilich wieder recht still, wie sie so an dem Nähtischchen saß, und mit leisem Seufzer dachte sie an den holdseligen Engel in ihrem Traum. Während sie in dem süddeutschen Pfarrhaus von lichten Engeln träumten und auch die Regengüsse des Frühlings nicht viel mehr verderben konnten als die schönen Gartenblümlein und vielleicht das Frühobst, da flog über einen anderen Gau unseres deutschen Landes der Engel bitteren Jammers; da war ein Herzeleid und eine Not, wie man sie selbst in jenen armen Gegenden seit Menschengedenken nicht erlebt hatte. In Ostpreußen war es, vor allem in dem Landstrich Masuren in der Nähe des Städtchens Rhein, wo das Elend am furchtbarsten wütete. Die Ernte von zwei Jahren war fast ganz verloren gegangen; die bittere Armut, die elenden Wohnungen, zum Teil nur eine Art von Erdlöchern, brachten die entsetzliche Krankheit des Hungertyphus. Die kleinen Städte hatten nicht Mittel, nicht Thatkraft genug, dem Elend abzuhelfen; die elenden Kranken zogen noch bettelnd umher, blieben am Wege liegen oder starben in ihren erbärmlichen Löchern und verpesteten die Luft für die Gesunden; es war noch nicht leicht in Christenlanden ein solcher Jammer erhört worden. Vor einer dieser Hütten saß im Abendlicht ein Mägdlein, ein Kind von bald vier Jahren, allein, allein auf der weiten Gotteswelt. Vater, Mutter und Geschwister waren nach und nach gestorben; die kleine Lina hatte nicht verstanden, wie denn all der Jammer gekommen; sie war wie durch ein Wunder gesund geblieben, wenn auch zart und dünn wie ein Fädelein. Sie war herumgetrippelt an den elenden Lagern der Ihrigen, hatte den Kranken Wasser gebracht, wenn sie danach riefen – sonst hatte sie ihnen ja nichts zu bringen. Sie hatte an alten Brotrinden, an getrockneten Rüben genagt, die ihre Mutter, die letzte, welche starb, ihr noch zugeschoben. Heute hatte man auch die Mutter fortgeschafft; das Kind hatte geweint, bitterlich, schmerzlich – es mußte kaum warum; jetzt saß es auf der Schwelle der elenden Hütte, mutterseelenallein. Wer noch lebte in der verpesteten Gegend, der hatte für sich zu sorgen, keine Seele bekümmerte sich um die Waise. Die Sterne stiegen auf; es blickte hinauf, sie funkelten so hell. Niemand hatte der kleinen Lina noch von dem Vater im Himmel erzählt, von dessen ewiger Macht und Liebe die Sterne uns verkünden; ach, das arme Kind hatte auch noch wenig erlebt, das ihr sagen konnte von einem gütigen Vater; aber es freute sich doch an den schönen Sternlichtern und schaute hinauf, bis der bitterliche Frost, der durch ihre dünnen Kleidchen zog, es mahnte, ein Obdach zu suchen. Es graute dem Kind, in die Hütte zurückzukehren, wo sie alle gestorben waren. Es fühlte den entsetzlichen Pesthauch, der da drinnen wehte, auch wenn es niemand davor warnte. In der Nahe war ein Stall, wo ein Bauer, der noch zu den Wohlhabenden gehörte, eine Kuh und ein paar Ziegen stehen hatte; die Thür war angelehnt: da schlüpfte die kleine Lina hinein. Es war warm darin und die Ausdünstung der Tiere viel besser noch als die Pestluft der Hütte; sie grub sich ein in ein Häuflein Heu und Stroh, das in der Ecke war. Da lag sie, verlassen, verloren, vergessen. Aber es hat doch noch ein Stern durch das Fensterlein geschienen, gerade auf das arme Kind, das da eingeschlummert war, friedlich, wie in einem Bette. In der höchsten Not kam die beste Hilfe. Der Notruf der armen Gemeinden war weithin gedrungen; es kamen Geldmittel, Lebensmittel, Kleider und – was das Beste von allem – es kamen hilfreiche Menschen. Die Johanniter, eine Gesellschaft von Männern meist aus hohen Ständen, die sich nach dem Beispiel der ersten Christen dem Dienste der Armen und Kranken widmen, sandten Aerzte, sandten Wein, Lebensmittel, eiserne Oefen zur Erwärmung der elenden Hütten; sie ließen die hungernden Kinder in den Armenschulen speisen, ja sie kamen selbst und fürchteten sich nicht vor den verpesteten Wohnungen, um den Unglücklichen Hilfe zu bringen. Männerhilfe allein reicht aber nicht aus bei Kranken; da kam noch eine edle Frau, die Gräfin Anna Stolberg, mit zwei Diakonissinnen zur Zeit, wo die Not am höchsten war. Die Johanniter hatten, so gut es in der Eile möglich war, Krankenhäuser errichten lassen mit luftigen, trockenen Zimmern, dahin man die armen Kranken geschafft hatte. Und wie Engel des Trostes wandelten nun die Diakonissinnen in diesen Gemächern des Jammers, die noch lange nicht ausreichen wollten für all die Kranken. Reine Betten wurden hergeschafft, die Kranken gebadet, gelabt und erquickt; ohne Scheu vor der grauenvollen Krankheit waren die Schwestern Tag und Nacht um sie, zur Hilfe und Erquickung der Lebenden, zum Trost der Sterbenden. Mutter Anna, so hieß die Gräfin Stolberg als Oberin des Diakonissenhauses, ging auch in den elenden Hütten umher, um zu sehen, wo noch Kranke zu retten, Gesunde zu pflegen waren. Sie fürchtete keine noch so verpestete Wohnung, und manchem Kranken, an dessen Bett sie wie ein Engel getreten, ist noch in der letzten Stunde ein freudiger Glaube an den Vater im Himmel aufgegangen, da es auf der Erde so gute Menschen gebe. Aber Mutter Anna hatte ihre Kraft erschöpft; sie wurde krank, mußte abreisen nach Haus und ist bald darauf in der Heimat sanft und selig entschlafen. Die Not in Masuren war damit aber noch nicht vorüber, und wenn auch die Gräfin Stolberg ihr Leben eingebüßt hatte im Dienst der Liebe, so fanden doch noch andere Diakonissinnen den Mut, hinzureisen in die unglückliche Gegend, und auch sie brachten Trost und Hilfe, wo sie konnten. So kam denn eines Abends Schwester Luise, eine dieser Diakonissinnen, recht müde von dem Gang durch eines der armseligen Dörfchen zurück; da sah sie auf der Schwelle einer Stallthür ein Mägdlein sitzen, elend, schmutzig, mit verwirrten Haaren, in Lumpen gekleidet. Sie ging zu ihm hin, wie sie nach allen Verlassenen und Verkümmerten auf ihrem Wege sah; auf dem blassen, schmalen Gesichtchen, in den klaren Äuglein dieses Kindes lag unter Schmutz und Lumpen noch etwas besonders Holdseliges, das sie zu ihm hinzog. »Wo wohnst du, Kleine?« fragte sie. »Da,« sagte das Kind freundlich, auf die Stallthür zeigend. »Ach geh, da wirst du nicht wohnen! Wo sind denn deine Eltern, deine Geschwister?« »Alle, alle tot,« sagte die kleine Lina ganz ruhig; sie wußte es ja schon lange. Eben als die Schwester sich umsah, wen sie noch fragen könnte, kam der Mann, dem der Stall gehörte, um nach seinem Vieh zu sehen. »Gehört die Kleine hierher?« fragte ihn Schwester Luise. »Die gehört eigentlich gar niemand,« sagte der Mann; »ihre Leute sind alle gestorben und haben thut sie auch nichts. Es ist schon einige Zeit her, da hab' ich sie eines Morgens in der Ecke von meinem Stall gefunden; in ihr Erdloch, wo all ihre Leute gestorben waren, wollte sie nicht wieder hinein, nehm's ihr nicht übel. Heimnehmen konnt' ich sie nicht, habe selbst nicht viel Platz, und man wußte noch nicht, ob nicht das Gift schon in ihr steckt. Aber ich bin ein barmherziger Mensch, in meinem Stall habe ich sie gelassen und habe ihr auch mehr Stroh gegeben, daß sie ganz warm liegt; wenn ich das Vieh füttere, bring' ich ihr allemal einen Bissen mit, und wenn die Sonne scheint, kann sie heraussitzen auf die Schwelle.« Der »barmherzige Mensch« sah nach seinem Vieh; Schwester Luise aber nahm das Kind, das gleich gar zutraulich sein mageres Händchen in ihre Hand legte, mit sich; sie wollte ihr bei den Diakonissinnen eine Unterkunft suchen, bis sie sonst für das verlassene Tröpflein sorgen konnte. »Willst du mit mir kommen?« fragte sie. »Freilich, gern,« sagte freundlich die Kleine und trippelte fröhlich fort mit der guten fremden Frau. Es war vollends dunkel geworden; aber der Stern funkelte hell, der durch das Fensterlein geschienen hatte in den Stall, wo das Mägdlein gelegen, verlassen und vergessen. Im Pfarrhaus zu Wiesenau saßen sie beim Abendessen. Um diese Zeit pflegte es besonders still dort zu sein. Die Leute im Dorf, die früh aufstehen und hart arbeiten, die gehen auch bald zur Ruhe, und im Pfarrhaus hatte niemand mehr etwas zu thun um diese Zeit, wenn man nicht einmal den Herrn Pfarrer zu einem Todkranken holen wollte. Nur dreimal in der Woche schellte abends noch das Glöcklein an der hinteren Hausthür, und das war ein willkommener Klang; dann kam Kunle, der alte Gemeindebote, der dreimal wöchentlich zur Oberamtsstadt wanderte und Zeitungen und Briefe herausbrachte. Sein Kommen war immer eine angenehme Unterbrechung; zuerst las man die Briefe, wenn solche da waren; sodann nahm der Pfarrer den einen Flügel der Zeitung, um zu sehen, wie es in der Welt draußen zuging, die Frau Pfarrerin den anderen, in dem Traueranzeigen und sonstige Nachrichten kamen, und man sprach darüber, bis es Zeit war, den Abendsegen zu lesen und zu Bette zu gehen. Kunle, der Bote, betrieb sein Amt mit Verstand; die Zeitung, die er ja offen erhielt, studierte er unterwegs, und während er das Gläslein Liqueur austrank, das ihm an kühlen Abenden die Frau Pfarrerin einschenkte, teilte er schon das Merkwürdigste daraus mit, soweit er's verstand: »Bei den Franzosen sieht's letz aus!« oder: »I moi, der Türk' wöll se au wieder rega.« Die Briefe, die ließ er natürlich unberührt; aber er war so bekannt mit dem Briefwechsel im Pfarrhaus, daß er gleich an Handschrift und Postzeichen erkannte, woher sie kamen. So überreichte er auch heute der Frau Pfarrerin einen »von der Frau Mama«; den anderen, an den Pfarrer, besah er mit einem gewissen Respekt: »Der kommt weit her, aus dem Preußischen!« »Aus Duisburg, von meinem alten Freund,« sagte der Pfarrer, als der Bote mit etwas unbefriedigter Neugier abgegangen war, und las den Brief mit großer Aufmerksamkeit. »Luise,« sagte er, als er ihn gelesen, zu seiner Frau mit einer gewissen Feierlichkeit, so daß sie Brief und Strickzeug liegen ließ und zu ihm aufsah; »Luise, der Pfarrer schreibt, unter den Kindern aus Ostpreußen, die im Waisenhause zu Duisburg untergebracht worden sind, sei ein ganz und gar verwaistes Mägdlein, ein besonders liebes Kind. Was meinst du, Luise? Wir haben oft schon davon gesprochen, ein Kind anzunehmen. Lies einmal den Brief selbst!« Frau Luise las den Brief, sie legte ihn nieder mit feuchten Augen und sagte: »Wenn du meinst, so wollen wir's versuchen in Gottes Namen.« – »Wir wollen's noch beschlafen,« sagte der Pfarrer. Am anderen Morgen hatten beide ein freudiges Herz dazu, fast noch mehr als am Abend, und so schrieb der Pfarrer nach Duisburg, er wolle das Kind abholen, sobald die Jahreszeit zur Reise günstiger geworden sei, und wolle es treulich halten und erziehen wie ein eigen Töchterlein. Dies Kind aber war die kleine Lina, welche die Diakonissin in jener Nacht von der Schwelle des Stalles weggeführt hatte. Es war voller, schöner Frühling geworden und man hoffte allenthalben, daß jetzt ein segensreiches Jahr den Jammer der vorigen gut machen werde. Im Pfarrgarten zu Wiesenau war es schön grün und blühten Maienblumen und Jelängerjelieber, ja die Rosen fingen schon an, Knospen zu treiben. Oben im Pfarrhaus waren die Fenster geöffnet, damit die milde Frühlingssonne hereinscheine; die Frau Pfarrerin hatte heute gar nötig zu schaffen und war den ganzen Tag nebst Lisbeth, ihrer treuen Dienerin, emsig treppauf und treppab gegangen. Es war ein wichtiger Tag, der Pfarrer sollte diesen Abend noch eintreffen mit der kleinen Pflegetochter. Nun war alles fertig. In der Wohnstube war schon der Tisch zum Abendbrot bereit, obgleich es noch heller Tag war. Es waren heute drei Gedecke gelegt; auf dem dritten Platz stand ein kleiner Zinnteller, der hell wie Silber glänzte; auf dem hatte die Frau Pfarrerin gespeist, wie sie als Kind noch am Tisch ihrer Eltern gesessen hatte. »Mein silberig's Tellerlein« hatte sie es genannt; jetzt hatte sie's wieder hervorgeholt und schön blank geputzt für das neue Pflegekind. Sie ging ins Schlafzimmer. Da stand neben ihrem Bett eine neue, kleine Bettstelle mit schneeweißen Kissen und Linnen und Decken; am Fenster ein Kindertischchen nebst einer kleinen Bank mit Lehne daran; auf der Bank saß eine schön geputzte Puppe im Rosakleid, auf dem Tischchen lag ein buntes Bilderbuch; die gute Pfarrfrau hatte sich recht Gewalt anthun müssen, nicht noch mehr zu rüsten, sie hätte gern alles, was schön war, dem Kinde zur Freude bereitet. Mit Kleidern wollte sie noch warten, bis das Kind selbst da war; nur schönes Weißzeug, Strümpfe, Hemdchen und Höschen lagen zierlich geordnet in dem oberen Fach ihres Weißzeugschrankes. Eben überschaute sie alles mit stiller Freude, da klopfte es und kam die Frau Bürgermeisterin mit einem Anliegen an den Herrn Pfarrer; in heller Herzensfreude zeigte ihr die Pfarrfrau, was sie alles für ihren Pflegling bereitet; man wußte schon im Dorf, warum der Pfarrer abgereist war. »Ist recht schön,« sagte die Frau Bürgermeisterin, die im Dorf für eine sehr gescheite Frau galt, »fast gar zu schön. Wenn's nur auch gut geht! Ist immer ein gewagtes Ding, so einen fremden Vogel in sein Nest zu setzen.« »Nun, wir wollen zu Gott hoffen, daß es gut gehe,« sagte die Pfarrfrau; »es ist ja ein ihm wohlgefälliges Werk, sich einer Waise anzunehmen, und das Kind ist so jung, da ist es noch leicht zu erziehen.« »Mag wohl sein, aber so ein Kind von Lumpenleuten aus dem Schlowakenland, das ist doch rischkiert, und wenn's schlecht geht, hat man's nicht gleich wieder los. Ein Schwager selig von meiner Base hat einmal einen Waisenbuben aufgenommen, der ist spater durchgegangen und hat einen roten Regenschirm und die Geldbüchse mitgenommen.« »Das fürchte ich zunächst nicht,« sagte die Pfarrfrau lachend und stellte ihren Regenschirm in den Kasten. Sie war aber froh, als die Frau Bürgermeisterin mit ihrer Weisheit abgezogen war; ihr Gerede hatte doch ihr freudiges Herz getrübt. Da trat sie wieder an das kleine Bett, faltete die Hände und bat Gott, daß er des Kindes Eingang und ihr Werk an ihm segnen möge; dann war sie wieder getrost. Aber lang wurde ihr allmählich die Zeit und sie stand wieder und wieder am Fenster der Wohnstube, das auf die Straße ging. Der Pfarrer wollte mit einem Gefährt von der Stadt her kommen, nun sollten sie doch da sein! Die Sonne neigte sich schon zum Untergang. Da – schellte mit einemmal das Glöcklein der hinteren Hausthür. Die Pfarrerin eilte hinaus; wie kam's denn, daß sie durch die Gartenthür kamen und nicht von der Straße her? Der Pfarrer war schon eingetreten. Wie ein lauterer Goldstrom flutete der Abendsonnenschein durch die Thür; auf der Schwelle in all dem Glanz stand ein holdseliges kleines Mädchen mit hellen Löckchen ums Gesicht und großen, verwunderten Augen. »Es geht ein Engel durch das Haus,« war der unwillkürliche Gedanke der Pfarrfrau, als sie das Kind so im Sonnenlichte stehen sah, und mit der Liebe einer eigenen Mutter schloß sie das Mägdlein in die Arme. Die Kleine war sehr müde von der Reise und verfiel alsbald in tiefen Schlummer, als man sie in ihr Bettchen gelegt. Der Pfarrer erzählte, wie es gekommen, daß sie durch den Garten eingetreten; er hatte, da der Abend so schön war, das Gefährt am Eingange des Dorfes zurückgeschickt – Gepäck hatte die kleine Lina nicht mitgebracht – und war zu Fuß durch den Garten mit ihr gegangen. Es war dem Pfarrer, der noch nie mit Kindern gereist war, vorher etwas bange gewesen vor der weiten Reise mit der Kleinen. »Aber ich sage dir, Luise,« sagte er ganz glücklich, »es ist ein herziges Ding und hat mir gar keine Last und Mühe gemacht; so zutraulich, verständig und folgsam hat sie sich zu mir gehalten, so zufrieden mit allem! – Luise, ich glaube, wir haben's gut getroffen.« Die Pfarrerin beugte sich mit inniger Liebe über das schlafende Gesichtchen und konnte kaum erwarten, bis der Morgen kam, wo sie ihr neues Eigentum ganz in Besitz nehmen durfte. Die Kleine lag noch in tiefem Schlummer, als ihre Pflegemutter leise hinausging, um das Frühstück zu besorgen. Sie war erwacht, als diese zurückkam; mit verwirrten Härchen, aber mit rot geschlafenen Bäcklein saß sie aufrecht und strich mit den dünnen Händchen vergnügt über das weiße Deckbett. »Das schöne Bettlein gehört mir?« fragte sie mit lachendem Gesichtchen und glänzenden Äuglein. – »Das ist dein,« rief die neue Mutter und schloß sie in die Arme; »und sag' mir, Lina, willst du mich lieb haben?« – »Gewiß,« sagte das Kind und schmiegte ihr Köpfchen an sie wie ein Hühnchen unter die schirmenden Flügel der Henne. »Nun aber ankleiden, Lina,« sagte die Mutter. – »Ja,« nickte diese ernsthaft; »Strümpflein zuerst, dann das Röckchen,« und sie that das ordentlich, wie sie es im Waisenhaus gewöhnt worden war; »dann aber waschen,« sagte sie mit freundlichem Nicken und bot willig ihr Gesichtchen dar. Der Anzug war bald in Ordnung; nur die Härchen waren schlimm verwirrt worden auf der Reise, da der Herr Pfarrer nicht, damit umgehen konnte, kleine Mädchen zu frisieren. Es war der neuen Mutter bange auf das Geschrei, wie sie es schon von Kindern beim Kämmen gehört hatte; Lina schrie nur einmal, als sie gerupft wurde; »es thut aber nicht lange weh,« sagte sie selbst wieder tröstend, wie man's ihr im Waisenhaus gesagt hatte. – »Ja, es muß sein, Lina, deine Härchen werden sonst ganz wirr,« sagte die Mutter. – »Und dann wird's nachher so schön!« sagte die Kleine wieder beruhigt und ließ sich ohne einen Schrei glatt und fertig kämmen. Sie legte ihr Händchen zutraulich in das der neuen Mutter, als es hinunterging zum Frühstück. Scheu war das Kind nicht, das so wild aufgewachsen und in letzter Zeit mit vielerlei Leuten in Verkehr gekommen war; sie war voll lauter, heller Freude und Verwunderung über alles, was sie sah. »O, wie schön!« rief sie, als man ihr ein Schüsselchen von blauem Porzellan gab, und »o, wie gut!« als sie die süße Milch und die frische Semmel verzehrte. Am Fenster hing ein Kanarienvogel im Käfig, über den sie in hellen Jubel ausbrach; als aber das Frühstück vorüber war und die Mutter sagte: »So, Lina, nun gehen wir hinauf, komm, du darfst die Löffelchen tragen!« da nickte sie zufrieden: »Ja, Löffelein tragen,« und trippelte emsig hinterher. Oben da durfte sie nun die neue Puppe und den eigenen kleinen Tisch in Besitz nehmen, das war ein Glück! Daheim hatte sie nie eine gesehen; im Waisenhaus waren so ein paar verwahrloste Puppen mit zerstoßenen Nasen als allgemeines Eigentum dagewesen, die waren aber nie an die kleine Lina gekommen, und nun so eine schöne, nagelneue Puppe im Rosakleid, die noch ein Strohhütchen auf hatte, ganz eigen! Sie nahm sie in den Arm, dann hielt sie sie wieder von sich weg, um sie zu betrachten; dann sprang sie mit ihr herum oder setzte sie respektvoll in die Ecke des Bänkchens und machte ihr Besuch; von all den freudebringenden Bewohnern aus dem Puppenland hat wohl keines ein Kind glücklicher gemacht als die neue Marie, wie sie nach dem Rat der Mutter getauft wurde, ihre kleine Herrin. Ein neues und fröhliches Leben begann im Pfarrhause mit dem kleinen Töchterlein. So viel Glück von dem Kinde hatte sich die Pfarrfrau nicht versprochen, wenn sie sich auch von Herzen darauf gefreut hatte. Sie hatte gefürchtet, ein Kind, unter so rohen, verkümmerten Leuten aufgewachsen, werde vielleicht unartige Angewöhnungen, gemeine Redensarten angenommen haben; aber es war, als ob ein Engel dies Kind behütet hätte vor allem Schlechten und Unreinen. Der Gehorsam, den manche Kinder so schwer lernen, war der kleinen Lina ganz natürlich; ein Wort der Mutter genügte, wo ihr etwas zu verweisen oder zu sagen war. »Nicht wahr, so essen?« fragte sie, nachdem man ihr einmal gezeigt, wie sie Löffel und Gabel halten solle, und gab sich alle Mühe, es in vorgeschriebener Weise zu thun; »so ist's recht!« lobte sie dann sich selber vergnügt, wenn die Mutter ihr freundlich zunickte. »Ja nicht das schöne Schürzlein verderben!« ermahnte sie sich mit den Worten der Mutter, wenn sie sich zum Essen setzte, und strich nachher vergnügt daran hinunter, wenn es rein geblieben war. Wunderbar, daß dem Kinde, in einem Erdloch und im Stalle aufgewachsen, der Sinn für Ordnung und Reinheit wie angeboren schien! Schon im Waisenhaus hatte sie gelernt, ihre Kleider beim Zubettegehen nett und ordentlich aufeinander zu legen, und in der kleinen Wirtschaft mit Puppe und Geschirrlein auf ihrem Tischchen und in der Schublade hielt sie allezeit zierliche Ordnung. Lisbeth, die Hausmagd, war zuerst etwas bedenklich gewesen, als sie gehört, daß ihr Herr ein ganz armes, heimatloses Kind von den Wasserpolacken heraus als ein eigenes Kind ins Haus nehmen wolle, und sie war fast ärgerlich geworden, als man so viel Umstände und Zubereitungen für die Aufnahme von dem Bettlerskind gemacht. Aber schon vom ersten Morgen an, als die Kleine in ihre Küche getrippelt kam und ihr die Löffelein brachte: »Da, die sollst du wieder schön machen!« als sie so vergnügt das blinkende Küchengerät betrachtete und sich hoch verwunderte, daß Lisbeth die schwere Wassergölte auf dem Kopf tragen konnte, hatte die Kleine ihr Herz gewonnen, und oft bemerkte sie gegen die Pfarrfrau: »'s ist wahr, 's ist ein lieb's Kind; weiß Gott, wo's bei dem herkommt, daß 's so brav ist; die reichsten Leute können ihre Kinder oft nicht so ziehen!« Und wie glücklich war das Kind in seiner neuen Heimat! Es hatte nichts Lautes, nichts Lärmendes, wie es ja auch zart von Gestalt war; aber wie ein munteres Vöglein hüpfte es den ganzen Tag und sang leise vor sich hin. Es war ihm alles so neu und alles so schön, und so jung es war, es hatte seine Äuglein hell offen für alles Gute und fand immer etwas, über das es sich freuen konnte. Wie war es so vergnügt, wenn es mit der Mutter in den Garten durfte und da all die schönen Blumen sah, das arme Kind, dem bisher so gar keine Blume geblüht hatte; es wußte bald, von welchen Blumen es brechen durfte und von welchen nicht und spielte glückselig mit gelben Ringelblumen und blauem Rittersporn oder was eben im Überflusse wuchs. Am liebsten war ihm, wenn es der Mama helfen durfte; es hielt so wichtig sein kleines Körbchen unter, wenn sie Bohnen pflückte; auch las es Unkraut zusammen, das sie ausgerupft hatte: es kam sich da ganz wie eine große, nützliche Person vor. Besonders stolz und glücklich war die kleine Lina, wenn sie hie und da, wenn Mama nicht Zeit hatte, mit dem Papa allein spazieren gehen durfte und Mauserle, der getreue kleine Haushund, der zu ihren besonderen Freunden gehörte, nebenher sprang. Fröhlich hüpfte sie an des Vaters Hand dahin und hatte stets eine Menge zu fragen und zu erzählen; dazwischen pflückte sie schöne Sträußchen von Gänseblumen, gelben Butterblumen und blauen Glocken und fragte immer ganz zuversichtlich, wenn sie dieselben dem Papa verehrte: »Aber nicht wahr, das ist schön?« – »Freilich,« sagte der, »nur kann ich's nicht gut tragen, willst du's nicht behalten?« – »O ja,« sagte sie ebenso vergnügt; »dann bringen wir's der Mama mit,« und sie trottelte zufrieden mit ihrem Schatz heim. Auch in Papas Studierstube durfte sie zuweilen kommen, regelmäßig am Sonntagabend, wo er ihr die alte Bilderbibel zeigte und daraus erzählte, soweit es die Kleine schon verstehen konnte. Wie wunderbar fiel die Kunde von dem Vater im Himmel, von dem Heiland, der auf die Erde herniedergekommen, um den armen Menschen zu helfen, in des Kindes Seele, dem niemand noch die selige Botschaft gebracht; wie freuten ihre kindlichen Fragen den Pfarrer, der sonst bei Kindern so viel Gleichgültigkeit und Stumpfheit fand! »Und alles sieht der liebe Gott vom Himmel 'runter?« fragte sie einmal. »Alles, liebes Kind.« »Da hat er mich auch gesehen, wie ich nicht gewußt habe, wo ich schlafen soll und in den Stall geschlüpft bin?« »Auch dich, Kind, und er hat es uns ins Herz gegeben, daß wir dich zu uns holen sollen.« »Aber das hat der liebe Gott gescheit gemacht!« rief die kleine Lina und schlug ihre Händlein zusammen. Sie hatte ein wunderbares Gedächtnis; die schönen Liederverse, die ihr die Mutter sagte, behielt sie wie von selbst, und es klang so gar lieblich, wenn sie mit ihrem hellen Stimmlein vor sich hin sagte: »Weil ich Jesu Schäflein bin, Freu' ich mich nur immerhin Über meinen guten Hirten, Der mich wohl weiß zu bewirten. Der mich liebet, der mich kennt Und bei meinem Namen nennt.« Wie nachdenklich schaute sie mit den klaren Augen zum sternenhellen Himmel auf, wenn sie am Fenster saß, auf des Vaters Schoß geschmiegt. »Nicht wahr, Papa, das sind nur Löchlein in dem dunkelblauen Wolkenhimmel,« fragte sie, »und da guckt der goldig helle Himmel ein klein, klein bißchen heraus? Oder sind's die Lichter von den hellen, schönen Häusern, darin die Engelein wohnen?« Gar manches Zeichen tiefen Nachdenkens in dem Kinderköpfchen überraschte die Pflegeeltern, denen der Besitz des ungewöhnlich begabten und liebenswürdigen Töchterleins immer lieber, immer reicher und eigener wurde. Auch den Dorfkindern war das »Pfarrlinele« höchst wichtig und es versammelte sich eine ganze Schar um sie, als sie zum erstenmal in einem der zierlichen neuen Kleidchen, die ihr die Mama gemacht, mit ihrer Puppe auf der Hausstaffel erschien. Lina war auch vor den Kindern nicht scheu und hielt ihnen freundlich die Puppe hin: »Nicht wahr, die ist schön?« – »Jo freilich,« sagten die kleinen Mädchen und guckten begehrlich darnach. – »Darfst sie ein klein bißchen in den Arm nehmen,« erlaubte die gutmütige Kleine und gab sie der nächsten; »du auch, du auch!« dann zu den anderen, bis die schöne Marie bei all den Mädchen die Runde gemacht hatte. Lina war bald mit ihnen allen bekannt; die Mutter wollte nicht, daß sie ihre wilden Spiele teilen oder mit ihnen herumstreifen solle; aber ein paar ordentliche Kinder durften abends im Hof mit ihr spielen, und jedes war glücklich, wenn es dem Pfarrlinele schönes Obst, frischgebackenen Kuchen oder im Herbst reife Trauben bringen konnte. Das war ja auch lauter neue Herrlichkeit – die Beeren im Garten, die prächtigen Bäume; von denen rote Apfel und blaue Pflaumen geschüttelt wurden – für das arme Kind, das kaum ein paar elende, verkrüppelte Fruchtbäume gesehen hatte. Wie lustig sprang sie mit den anderen aufzulesen, und wie erstaunt betrachtete sie die hoch aufgehäuften Körbe von der schönen Frucht, die ihr so kostbar schien! »Aber du, das ist gut!« hatte sie höchst verwundert gerufen, als sie die erste süße Pflaume aß, die ihr Nachbars Jakob am Gartenzaun etwas blöckisch darbot. »Du dumm's Pfarrlinele, des weiß i scho lang,« antwortete der Bube, dem das gar nichts Neues mehr war. Das Wunderbarste war noch die Traubenlese, wo sie selbst mit einem kleinen Häpchen in ein nagelneues Kübelein Trauben schneiden durfte, das Kind der düsteren Ebene, das nie in seinem Leben einen Weinberg erblickt hatte. Die gute Pfarrfrau lebte jetzt erst ihre eigene Kinderzeit wieder durch und viel schöner noch, als sie selbst sie empfunden, weil diesem Kinde alles so zu Dank und Freude ward. Lina durfte auch Besuche mitmachen in den Pfarrhäusern der Nachbarschaft. Das herzige, freundliche Kind, das ein besonders gutes Gedächtnis auch für Bekannte hatte und nicht leicht ein Gesicht vergaß, das sie einmal gesehen, einen Namen, den sie einmal gehört, war überall willkommen, wo Kinder waren und wo keine waren; es belästigte niemand. In kinderlosen Häusern, wo nicht viel Spielzeug war, konnte es sich mit einer alten, verschollenen Puppe oder mit einem Fußschemel, der dann sein Hündlein war, höchst vergnügt unterhalten. Bei Kindern aber war die kleine Lina vollends die liebste Gespielin; mit ihr gab es nie Streit, jedes Spiel machte sie mit ihrem hellen, lachenden Gesichtchen so lustig mit, daß die anderen alle erst recht vergnügt wurden und sich schämten an ihrem kleinen Neiden und Streiten; und dazu that die kleine Lina doch gar nichts, als daß sie selbst zufrieden war und freundlich gegen alle. Hoch willkommen war sie im Doktorhaus der kleinen Nachbarstadt, wohin sie manchmal mit den Eltern durfte. Dort hatte sie zwar nur Buben zu Spielkameraden, das Mägdlein war noch zu klein; aber es waren vier liebe, muntere, kleine Bursche, und wenn sonst die Buben oft meinen, es sei eine Schande, mit Mädchen zu spielen: um die kleine Lina bemühten sie sich alle. Es war so gar nett, wie die Kleine sich an allem freute, über alles sich verwunderte und so gut mit allem zu spielen wußte: da wollte dann jeder ihr sein Bestes und Schönstes bringen und zeigen. Eugen brachte die Bilderbücher, Max holte die Bleisoldaten und versicherte sie: »Ja, Lina, da können auch Mädchen mit spielen, sie dürfen dann Marketenderinnen werden.« Was das sei, wußte Linchen freilich nicht, war's aber auch zufrieden. Hermann, der wollte sie gar in den Stall zu den Pferden führen, an denen er so große Freude hatte; da fürchtete sie sich aber doch ein bißchen davor. Otto schlug immer zuerst vor, in den Garten zu gehen, und das war auch das Allervergnüglichste. Der Garten am Doktorhaus, darin viel Grasplätze und prächtige Obstbäume sind, war nach zwei Seiten beschattet von der uralten hohen Stadtmauer; dicht daran stößt ein hoher alter Turm mit einer Altane, auf der Sonntags die Musikanten einen schönen Choral blasen. Nach vorn ist die Mauer niedriger und steht eine Laube, von der man hinausschauen kann auf die Straße; da war denn das kleine Volk seelenvergnügt, ob's nun Stachelbeeren und Johannisbeeren zu pflücken gab, ob Birnen aufzulesen, die gar nirgends sonst so süß und gut wachsen, oder ob man sich tummelte mit Ball und Spiel auf dem grünen Rasenboden. Lina war früher ermüdet als die Knaben; dann setzte sie sich in die Laube und schaute hinaus, was da alles zum Thor hinaus- und hereinging; es waren freilich meist Leute, die vom Felde kamen, Kühe, Schafe, Fuhrwerk; dann war's aber ein um so größeres Vergnügen, wenn eines etwas Besonderes entdeckte und rief: »Ich seh' eine schöne Frau!« oder: »Ich seh' eine Kutsch'!« Das Hinaussehen hätte können gefährlich werden; aber Lina, die nie vergaß, was man ihr befohlen hatte, hub allemal ihr Fingerlein in die Höhe, wenn eines sich zu weit hinausbiegen wollte, und sagte, wie ihr die Mutter eingeschärft: »Ja nicht hinausliegen!« und auch die größeren Jungen folgten willig dem kleinen Linchen. So lebte und blühte das verlassene Waisenkind, das barmherzige Liebe am Weg aufgelesen hatte, fröhlich und glücklich in seiner neuen, guten Heimat, und man durfte wohl sagen, wie einst vom Jesuskinde: Es fand Gnade bei Gott und den Menschen. Selbst die Frau Bürgermeisterin mußte zugeben, daß bei diesem holdseligen Kinde all ihre finsteren Befürchtungen nicht eingetroffen seien. Weil sie aber eine Frau von ängstlichem Gemüt war, so sprach sie jetzt eine andere Sorge aus: »Ich fürchte nur, Frau Pfarrerin, das Kind ist zu brav, solche Kinder werden nicht alt.« Diese Sorge wollte die Pfarrfrau nicht an sich kommen lassen, blühte doch das Kind auf wie ein Röslein, wenn es auch immer zart blieb. Vom Christtag, vom heiligen Weihnachtsabend hatte Lina durch die anderen Kinder auch gehört, und es klang ihr wunderbar, wenn sie ihr erzählten von dem Baum mit Lichtern, von schönen Sachen, die das Christkind bringe: dem armen Kind hatte ja nie eine Seele einen Weihnachtsbaum angezündet! Der Christabend kam und die gute Pfarrfrau hatte sich viel mehr noch darauf gefreut als das Kind. Es war ja zum erstenmal, daß sie einen Weihnachtsbaum schmücken durfte; sie hatte lange schon allerlei heimlich vorbereitet, und Lina war manchmal zur Lisbeth in die Küche gekommen und hatte, mit dem Finger auf dem Mund, gesagt: »Gar nicht sehen, was Mama macht!« – »Nicht in die schöne Stube gehen!« wie es ihre Art war, es ernsthaft zu wiederholen, was ihr befohlen worden war. Der heilige Abend kam, Linchen durfte unten beim Papa sein in seiner Studierstube, ja sogar auf seinem Schoß sitzen; man zündete da keine Lampe an, auch als es dunkel wurde. Der klare Mond und die hellen Sterne schienen herein, gerade auf des Kindes liebliches Angesicht. Oben hatte die Mama gar viel zu schaffen und zu sorgen. Und der Pfarrer erzählte dem lauschenden Kinde von der ersten heiligen Christnacht, wie die Engel mit der seligen Botschaft nicht zuerst vor ein Königsschloß gekommen, sondern zu den armen Hirten einsam, draußen auf dem dunkeln Felde, und wie diese das Heilandskind im Stalle gefunden in der elenden Krippe und doch umstrahlt vom Licht und Glanze der Engel des Himmels. Linchen hörte die heilige Geschichte nicht zum erstenmal; diesmal aber durchzog es wunderbar ihr kleines Herz, wenn sie gedachte, was sie sonst fast vergessen hatte, wie sie einst kümmerlich und verlassen draußen auf der öden Heide gewesen und auch im Stall gelegen; und besser als viele Kinder, die in Glück und Behagen aufgewachsen sind, konnte sie begreifen, wie wunderbar den Hirten auf dem Felde zu Mute gewesen, als die Klarheit des Herrn sie umleuchtete. »Kommt!« rief droben die Mutter; sie mußten ihren Weg noch im Dunkeln die Stiege hinaufkrabbeln; oben aber strahlte helles Licht durch die geöffnete Thür: da leuchtete ein Christbaum, auf dessen Spitze ein Engel schwebte mit goldenen Flügeln; gar zierlich aus Moos mit Blümlein und Steinchen gebildet stand da die Krippe mit dem göttlichen Kind, dabei Maria und Joseph, der Engel im weißen Gewand und die anbetenden Hirten. Lina stand still mit leuchtenden Augen vor all der Herrlichkeit. Erst nach und nach konnte sie ihre anderen Gaben sehen und in Empfang nehmen: das neue warme Kleidchen und zierliche Pelzmützchen, die alte Puppe im neuen Gewand, daneben noch ein Kindchen im Korbwagen mit Häubchen und Wickelkissen – es war fast zu viel. Allmählich erst konnte sie ihre Freude aussprechen, sie mußte immer wieder die Hände zusammenschlagen und rufen: »O, wie schön!« ihrem Puppenkind ein Wiegeliedlein singen und es schlafen legen, und dann Fräulein Marie, ihre alte Puppe, wieder begrüßen und ihr all die neuen Sachen zeigen. Essen konnte sie nicht an diesem Abend; aber sie folgte willig der Mutter, als diese sie zu Bett brachte. Fräulein Marie durfte diesmal im neuen Puppenwagen schlafen; das Wickelkind, das noch keinen Namen hatte, nahm sie ins eigene Bettchen mit sich. Sie betete noch mit der Mutter das schöne Weihnachtsverslein, das sie gelernt, mit der ihr eigenen Innigkeit: »Halleluja, denn uns ist heut' Ein göttlich Kind geboren,« dann, beim Gutenachtsagen, schlang sie ihre Ärmchen um der Mutter Hals und sagte leise: »Aber Mama, im Himmel, wo der liebe Heiland immerfort ist und wo die Engel herkommen, da muß es erst am allerschönsten sein!« – »Jawohl, Linchen,« sagte die Mutter und küßte sie mit nassen Augen; sie wußte selbst nicht, warum die Worte des Kindes sie so wehmütig stimmten nach all der Freude. Es war Herbst geworden; da hatte Kunle, der Bote, auch einmal wieder einen Brief ins Pfarrhaus gebracht, aber keinen erfreulichen. Die Mutter der Pfarrfrau, die ziemlich entfernt wohnte, war schwer erkrankt, und solange der Pfarrer noch wiederholt den Brief durchlas, ob denn die Krankheit wohl so gefährlich sei, hatte die Pfarrfrau schon Lisbeth zum Wirt geschickt, der einzigen Person des Dorfes, die ein Chaislein besaß, um zu bestellen, daß er sie am anderen Tag nach der Stadt fahre, wo sie dann mit der Post weitergehen konnte. »Nicht wahr, ich muß doch gleich zur Mutter reisen?« fragte sie ihren Mann. – »Freilich,« sagte dieser betrübt, »da bleibt keine andere Wahl.« »Aber die Kleine?« fragte die Pfarrfrau besorgt. »Zu der kranken Mutter kannst du sie nicht mitnehmen, so läßt du sie eben hier; Lisbeth wird ihr ja nichts geschehen lassen.« »Ich weiß nicht,« meinte besorgt die Frau, »Lisbeth ist ein gutes Mädchen und hat die Kleine gern; aber sie ist so gar nicht gewöhnt, allein mit ihr umzugehen; ich glaube, sie könnte sie nicht einmal anziehen...« »Ja, das könnte ich auch nicht,« gestand der Pfarrer. »Und du, lieber Mann, mußt viel auswärts sein, in Kirche und Schule und bei Kranken, kannst auch in deiner Studierstube das Kind nicht immer brauchen: da wäre es doch oft allein. Wie wär's, wenn ich es morgen mitnähme und zu Doktors brächte, bis ich zurückkomme? Da ist's gut aufgehoben.« »Nu, die haben selber Kinder genug,« meinte der Pfarrherr. »Unsere Lina nehmen sie doch noch gern,« sagte zuversichtlich die Frau. Linchen war verwundert, als die Mutter am anderen Morgen schon ganz angekleidet an ihrem Bette stand. »Steh auf, Kind, ich muß verreisen zu meiner Mama, die ist so krank.« »Verreisen! – Darf ich mit?« »Nicht ganz, Kind; aber du darfst vielleicht so lange zu den Doktorsbuben, bis ich dich wieder abhole.« »Zu den Doktorsbuben!« rief Lina in heller Freude und zog eifrig die frischen Strümpfchen an, die Mama ihr aufs Bett gelegt; »da freue ich mich! Gelt, deine Mama wird wieder gesund?« fragte sie, weil ihr jetzt erst bei dem betrübten Aussehen der Mutter einfiel, warum sie ging. »Weiß nicht, Kind. Wenn dich Doktors nicht brauchen können, so fährst du mit dem Jakob wieder heim zum Papa.« »O, sie können mich brauchen!« rief die Kleine so sicher wie gestern die Mama, »und dem Papa bringe ich eine schöne Birne mit, so groß!« und sie spreitete die Ärmchen weit auseinander; sie mochte eben gar zu gern bei den Doktorsbuben sein, zumal da jetzt auch das kleine Mägdlein dort gehen konnte und ein gar herziges Dinglein war. Das Gefährt stand vor dem Haus, der Pfarrer half seiner Frau beim Einsteigen und gab ihr noch viel gute Wünsche für die Mutter mit. »Wo ist Lina?« Die hatte noch Abschied genommen von Lisbeth und von den Hühnern und von dem Kanarienvöglein; jetzt stand sie unter der Hausthür, das Licht der Morgensonne schien goldig auf die hellen Locken und das liebliche Gesicht – der Pfarrfrau fiel ihr Traum wieder ein. »Es ging ein Engel durch das Haus,« sagte sie wie in Gedanken vor sich hin, während die Kleine vergnügt in den Wagen hüpfte; war es nur der Gedanke an die kranke Mutter, nur der Abschied vom Gatten, der sie so traurig machte? Im Doktorhause ward die kleine Lina mit Jubel aufgenommen und es war keine Frage, ob man sie brauchen könne oder nicht. Es war zwar kein überflüssiger Raum da, aber zwei der Buben zeigten sich mit Vergnügen bereit, in ein Bett zu liegen, wenn es auch vielleicht bei Nacht ein paar Püffe gab. Lina wurde in das Schlafzimmer der Eltern gebettet, wo auch das kleine Mägdlein schlief, und die Pfarrfrau konnte ruhig abreisen zu der kranken Mutter, nachdem sie ihr Linchen wieder und wieder in die Arme geschlossen und geküßt hatte. »Adieu, liebe, liebe Mama; gelt, du kommst bald wieder?« rief diese mit leichtem Herzen und wandte sich zu den Doktorsbuben, die schon anfingen, ihre kleinen Herrlichkeiten auszukramen. Ein fröhliches Leben begann nun für die Kinder; die kleine Lina war der allgemeine Liebling, und jeden Morgen wußte einer der Buben ein neues Vergnügen, das bevorstand; sie waren ganz erfinderisch, ihrem kleinen, liebenswürdigen Gaste stets neue Unterhaltungen zu bereiten; auch das herzige Schwesterlein freute sich schon an der freundlichen Lina. »Und jetzt ist's geschickt, daß du gekommen bist, Linele,« sagte der Große am sechsten Tag; »morgen haben wir Vakanz, da holt man das Öhmd von der Wiese und wir dürfen auf dem Wagen heimfahren!« »Und Samstag thut man die Zuckerbirn' herunter!« versprach Eugen; kurz, jeder wußte etwas Schöneres für den jungen Gast. Am Tage der Heuernte zog denn Lina mit den Buben seelenvergnügt hinaus auf die Wiese. Geschafft haben sie draußen gerade nicht viel, obgleich Linchen zuerst eifrig helfen wollte; aber sie bauten sich Nester im Heu und spielten Versteckens; sie tummelten sich auf der abgemähten Wiese und ließen sich den kühlen Most herrlich schmecken, den die Leute zur Erfrischung mitgenommen hatten. Lina, die sonst im Essen und Trinken sehr bescheiden war, trank viel davon. »Ich habe so Durst,« sagte sie zu Hermann; »aber wenn ich's schlucke, thut mir's weh im Hals.« »Du wirst Halsweh kriegen,« belehrte dieser, der schon ein kleiner Doktor war; »da macht man in der Nacht einen Umschlag um den Hals, dann vergeht's.« Es wurde Abend. Der Wagen war hoch geladen; sorgsam half man den Kindern hinauf, und sie saßen königlich vergnügt hoch oben weich gebettet in dem duftigen Heu. Die Buben sangen und jubilierten; Linchen, sonst das munterste Singvöglein, war diesmal stiller als gewöhnlich. Wie die Doktorsfrau daheim den Kindern vom Wagen herunterhalf, da fand sie, daß des Kindes Händchen und Wangen glühten; sie brachte sie gleich zu Bett und holte ihr einen kühlen Trank – am anderen Morgen lag Linchen heiß und glühendrot in ihrem Bette. »Es ist das Scharlachfieber,« sagte der Doktor, indem er sich besorgt über sie beugte. Das war den Buben ein Jammer, daß sie nun nicht mit Lina spielen durften und alle in ein entferntes Zimmer gehen mußten! »Wann wird sie wieder gesund?« fragten sie wohl zehnmal; der Vater aber erwiderte nicht viel darauf. »Das Kind ist sehr krank,« sagte er zu seiner Frau und ließ auch noch den zweiten Arzt der Stadt holen zur Beratung, damit ja nichts versäumt werde. Die kleine Kranke wurde gebettet, gepflegt, behütet, sorgsamer noch als ein eigen Kind des Hauses; die gute Doktorsfrau saß an ihrem Bette Tag und Nacht, hielt ihr die heißen Händchen, kühlte ihr die glühende Stirn und bot ihr erfrischenden Saft zu trinken. Linchen wußte nichts davon, sie lag meist bewußtlos in Fieberträumen, und der Doktor, der das Bettchen fast nicht mehr verließ, schüttelte traurig den Kopf, so oft er ihr heißes Händchen faßte: er wußte, das Kind werde nicht mehr genesen. Nicht lange sollten Krankheit und Leiden der Kleinen dauern; man sah bald, daß es zu Ende ging. Der Pfarrer kam noch, sein Töchterlein zu besuchen – sie hat ihn nicht mehr erkannt. Der Mutter wurde Botschaft gesandt; sie reiste, so schnell sie konnte, und sah ihr Linchen wieder – im Sarge. Leise, leicht und sanft war das Kind eingeschlummert nach all der Glut und Hitze des Fiebers; was Menschenkunst und Liebe und Pflege vermocht, das war geschehen, es zu retten; aber der liebe Gott hatte es anders gewollt. Da lag das Kind in seinem letzten Bettchen recht wie ein friedliches Engelsbild, schneeweiß unter lauter Blumen; die allerschönsten Rosen und Lilien, Jelängerjelieber und Nelken hatten sie ihm zum letzten Schmucke in den Sarg gelegt. Die klaren Äuglein waren geschlossen; um den Mund aber lag noch ein Lächeln; und wie bitterlich sie weinten, die das Kind so innig lieb gehabt, sie fühlten doch, daß es geborgen war in einer noch schöneren Heimat, als die es auf Erden gefunden. Viele Knaben und Mädchen folgten dem Sarg, der bedeckt war mit Kränzen und Blumen, und sangen das schöne Lied: Das Mägdlein schläft; ihr Eltern jammert nicht. Gönnt ihm die süße Ruh'; Aus Blumen blickt sein friedevoll Gesicht Und spricht euch tröstlich zu: Ein lieblich Los ist mir beschieden. Ich lieg' und schlafe ganz mit Frieden; Das Mägdlein schläft. Das Mägdlein schläft; noch einen letzten Kuß Auf seinen blassen Mund. O Mutterherz, so sei es denn, weil's muß; Gott, hilf durch diese Stund'! Ihr Kinder, folgt mit Chorgesange Dem Schwesterlein zum letzten Gange; Das Mägdlein schläft. Das Mägdlein schläft; nun Hirte, nimm's an's Herz, Es ist ja ewig dein; Ihr Sterne, blicket freundlich niederwärts Und hütet sein Gebein. Ihr Winde, weht mit leisem Flügel Um diesen blumenreichen Hügel; Das Mägdlein schläft. (R. Gerok.) Ein guter Freund des Pfarrhauses, ein Geistlicher der Nachbarschaft, dem Linchen bei seinem letzten Besuch dort freundlich nachgerufen hatte: »Komm bald wieder!« der ist gekommen an sein Grab und hat dem Kinde den letzten Gruß mitgegeben von der Erde; er hat die Mutter getröstet damit, daß sie dem Kinde schöne, freundliche Tage hat auf Erden bereiten dürfen, ehe es heimgehen sollte zum Himmel, für den es früh reif geworden. Auf dem sonnigen, hochgelegenen Kirchhof der kleinen Stadt am Neckarstrande hat das Kind der nordischen Steppe sein letztes Ruheplätzchen gefunden – und die Eltern sind einsam heimgekehrt. So hat das Mägdlein kurz gelebt und doch nicht vergeblich. Wie ein Engelsgruß ist es in das stille Haus gekommen; sein lauteres, holdseliges Wesen, sein fromm und gehorsam Herz hat Friede und Freude mitgebracht, überall, wo es war. Wenn die Eltern jetzt in schmerzlichem Heimweh ihres Töchterleins gedenken, so freuen sie sich doch auch, daß es ihnen eigen gewesen, daß sie nichts als Liebes und Gutes von ihm im Gedächtnis behalten, und sie sagen aus tiefster Seele: » Es ist ein Engel durch unser Haus gegangen .« Des Herrn Pfarrers Kuh 1. Moidei Tief im Gebirge in einer armen Gegend lebten vor Jahren der alte Herr Pfarrer und seine Magdalene und seine weiße Kuh. Darüber dürft ihr nicht lachen, die drei gehörten einmal zusammen, und Magdalene, von den Leuten im Dorfe schlechtweg Moidei genannt, sagte manchmal in der Einfalt ihres Herzens: »Was sollte ich nur mit meinem Herrn Pfarrer anfangen, wenn wir die Kuh nicht hätten!« Der gute alte Pfarrherr war arm wie seine Gemeinde, welche meistens aus Holzhauern, Hirten oder auch aus Fischern bestand, die aus dem Walde oder von dem See drunten ein kärgliches Brot gewannen. Selbst armer Leute Kind, war er sich reich und glücklich vorgekommen, als er vor Jahren sein getreues Mütterlein, eine einsame Witwe, in sein eigen Pfarrhaus hatte einführen dürfen, wenn das auch nicht viel größer und schöner war als die Bauernhütten ringsum. Und wie glücklich war erst die Mutter gewesen, als sie ihren Augustin, den Sohn ihres Herzens, den sie mit Mühe und Entbehrungen aufgezogen, nun als ehrwürdigen Pfarrherrn sah, aus seinem Munde die Predigt hören, aus seinen Händen Segen und Sakrament empfangen durfte! Sie versorgte und pflegte auch ihren Herrn Sohn so treulich und so gut, als das nur in einem armen Dörflein sein konnte; sie selbst that jeden Dienst im Hause und in dem kleinen Gärtchen, und als ihre abnehmende Kraft es nicht mehr möglich machte, hatte der liebe Gott und der mildherzige Sinn des guten Pfarrers schon gesorgt, daß eine junge Hilfe für sie heranwuchs. Moidei war ein armes, verwaistes, verlorenes Kind, als der Pfarrer und seine Mutter sie bei sich aufgenommen hatten. Ihr Vater war ein Fremder gewesen; kein Mensch hatte gewußt, wie er eigentlich nur in das Dörflein gekommen sei, wo er kaum Bier genug für seinen Durst bekommen konnte, ein roher Mensch, der sein Weib geplagt hatte und um das Kind sich nichts kümmerte. Als das arme Weib endlich hatte sterben dürfen und der Pfarrer kam, um sie zur letzten Ruhe zu geleiten, da saß das kleine Mädchen betrübt und verstört bei der Leiche und weinte am Ende, weil die Nachbarsweiber weinten, es wußte nicht recht warum. »Du armer Tropf,« sagte eines der Weiber, »wie wäre dir's doch so gut gegangen, wenn deine Mutter dich mitgenommen hätte!« – »Wenn ich nur selber nicht sieben hätte,« sagte eine andere, »ich nähme dich noch mit heim, aber ich habe für die nicht zu essen.« – »Und ich habe keine Liegerstatt für sie,« meinte eine dritte, »wir drücken uns schon selbacht in der einzigen Schlafkammer rum.« – »Und mir wär's wegen dem wüsten Mann,« sagte die vierte, »der könnte einem Spektakel ins Haus machen, wenn man das Kind hätte!« Die Nachbarinnen waren nach der Beerdigung alle wieder nach Haus gegangen; der Pfarrherr aber, der nahm das Kindlein bei der Hand, als er den Kirchhof verließ, und brachte es seiner Mutter. Die Mutter erschrak zuerst ein wenig, denn sie war schon bei Jahren und meinte, sie könne nicht mehr ein so junges Kind erziehen, und dazu noch von so einem schlechten Vater. Der Vater aber zog fort, man hörte nichts mehr von ihm, und die kleine Moidei blieb und war glücklich und vergnügt in dem friedlichen Hause, wo sie kein Schelten und kein Fluchen hörte; sie sang wie ein Vöglein und blühte auf wie ein Röslein. Die alte Frau, wie des Pfarrers Mutter ohne weiteren Namen im Dorf genannt wurde, war jedoch gar nicht gesonnen, die Moidei aufwachsen zu lassen wie die Vöglein und wie die Rosen, die nichts thun als singen und blühen; sie selbst war dazu auch nicht aufgezogen worden. Es war ganz verwunderlich, wie flink und rührig das kleine Pfarrmägdlein hin und her sprang, wie es Bohnen pflückte und Kartoffeln wusch, dem Pfarrherrn seine Schuhe putzte, die Ziege melken lernte und so nach und nach der Mutter alle die Dienste abnahm, welche dieser zu schwer wurden. Sie hatte die alte Frau gern, aber der Herr Pfarrer war ihr doch nächst dem lieben Gott das Höchste in der Welt; sie konnte es nicht vergessen, wie sein Antlitz ihr erschienen war eines Engels Angesicht, als sie so hilflos und verlassen an der Kirchhofspforte gestanden; jedes Wort, das er zu ihr sprach, machte sie glücklich, und sie fühlte sich stolz und froh, wenn sie ihm einen kleinen Dienst thun konnte. Und weil solche Liebe und Verehrung ihr Herz bewegte, so ist ihr nichts schwer geworden, selbst wenn die alte Frau auch hie und da etwas wunderlich war und nicht immer Geduld hatte mit ihrer Jugend. 2. Moidei als Köchin Man konnte es ein rechtes Glück nennen, daß Moidei von der alten Frau so gut eingelernt worden. Denn als diese, alt und hochbetagt, heimging und recht schmerzlich aufblickte zu ihrem Augustin, dessen Haare sich auch schon weiß färbten, da war sie ein frisches, kräftiges Mädchen, geschickt und bereit zu jeglicher Arbeit, und während die Thränen über ihre Wangen liefen, sagte sie immer in tröstendem Ton zu der Sterbenden: »Sterben Sie nur ruhig, ganz ruhig, liebe Frau! ich laß dem Herrn Pfarrer nichts geschehen.« Und sie hat ihm auch nichts geschehen lassen, die Moidei: sie hat ihren Herrn Pfarrer gepflegt wie einen Vater und für ihn gesorgt wie eine Mutter und Tag und Nacht darauf gedacht, wie sie ihm gute Tage machen könne. Im Schloß, das eine halbe Stunde weit vom Dörfchen stand – ein altes, verfallenes Schloß –, da lebte noch eine Köchin, so alt und so verfallen wie das Schloß selber. Zu kochen hatte sie nicht mehr viel, denn die Herrschaft, der das Schloß gehörte, lebte weit weg in der Stadt; aber sie wußte noch gar viele gute und rare Speislein, die sie bereitet hatte, als die gnädige Frau selig noch lebte und Gäste im Schloß einkehrten, und Moidei wollte von ihr lernen, damit sie auch ihren Herrn Pfarrer mit recht guten Gerichten überraschen und erquicken könne, wenn er von seinen mühseligen Wanderungen in die Hütten heimkam, die weit herum am Berge und am See zerstreut lagen. Ja, Apollonia, die Schloßköchin, die hatte wohl allerlei köstliche Rezepte in einem alten, etwas zerrissenen Kochbuch, an dessen vielen Fettflecken man wohl sah, daß es fleißig gebraucht worden war; aber – auszuführen waren sie nicht wohl für eine Pfarrmagd in den Bergen, wo es oft monatelang kein Fleisch gab, nichts als eine geringe Gattung Fische und die jungen Hahnen und alten Hühner, die Moidei selbst in ihrem Höflein aufzog. »Gesulzter Rehschlegel, das ist eine feine Speise, Jungfer Moidei,« sagte die Schloßköchin, »so zart, so saftig und auch gut am Abend zu genießen!« »Ja, Jungfer Apollonia, wo nehmen wir aber das Reh her und wo den Wein zur Sulz und die Citronen und was alles in Ihrem Kochbuch steht?« »Schweinsschale mit Kruste ist auch nicht schlecht, wenn's recht mürbe gebraten wird.« »So? aber das Schwein? Soll ich vielleicht eins stehlen?« »Nun, Jungfer Moidei,« sagte etwas beleidigt die alte Aplone, wie sie der Kürze halber benannt wurde, »ich bin Schloßköchin gewesen, und was nicht da war, danach hat man den Reitknecht in die Stadt geschickt. Wenn Sie kein Fleisch haben, so kochen Sie in Gottes Namen Fastenspeisen, hab' auch gute Rezepte dazu. Milch und Eier, das können Sie doch haben?« »Freilich,« sagte Moidei etwas kleinlaut, »das ist das Rechte für uns; aber sehen Sie, wir haben nichts als die Geiß, und die gibt zuzeiten nicht genug Milch nur zum Trinken, zudem ist sie jetzt krank; und gekocht hat die Ziegenmilch keinen guten Geschmack; wenn wir nur eine Kuh hätten!« »Ja, dann kann ich freilich nicht helfen, Jungfer Moidei,« sagte die alte Köchin geringschätzig und machte ihr Kochbuch zu. »Wenn wir nur eine Kuh hätten!« das war der große Wunsch, der Moidei Tag und Nacht umtrieb. Ich weiß nicht, ob schon viel junge Mädchenherzen vom Wunsch nach einer Kuh bewegt worden sind! Moidei aber meinte, wenn nur die Kuh da wäre, dann wollte sie erst ihren Herrn recht versorgen, daß er's so gut haben sollte wie ein Erzbischof. Der Herr Pfarrer wandte gar nicht so viel Gedanken aufs Essen und Trinken und achtete kaum darauf, wenn Moidei so nach einer Kuh seufzte; so oft er aber seine Tasse zurückschob und meinte: »Die Ziegenmilch hat einen wunderlichen Geschmack,« so oft stieg der jungen Moidei die Sehnsucht auf: »Wenn mir doch eine Kuh hätten!« 3. Eine Kuh. Apollonia hatte doch noch die Freude erlebt, daß sie wieder in der Schloßküche kochen durfte, freilich nur Krankenspeisen. Als der alte Herr Baron sein Ende nahe fühlte, ward er müde des Aufenthalts in fremden Ländern und großen Städten und zog sich auf die Burg seiner Vater zurück, um da in Ruhe zu sterben. Ein treuer Kammerdiener und die alte Apollonia pflegten ihn sorgsam, und die Besuche des Pfarrherrn vom Dörflein drunten waren sein Trost bis zur letzten Stunde. Zu seinem Begräbnis, wo er mit ritterlicher Pracht in die alte Vätergruft beigesetzt wurde, kehrte sein Enkel, der jetzige Besitzer, auf wenige Tage in sein Ahnenschloß zurück, und in seinem Auftrag übergab nach seiner Abreise der Verwalter dem Herrn Pfarrer ein ansehnliches Geldgeschenk als Zeichen seines Dankes für die Liebe, die er seinem Vater noch erwiesen hatte. Zwanzig Goldstücke! so viel Geld hatte der gute Pfarrherr all sein Leben lang noch nicht in der Hand gehabt, und mit wahrer Verlegenheit zeigte er es der getreuen Moidei, die damals schon in allen häuslichen Dingen seine Ratgeberin war; fast ängstlich sah er, wie das Mädchen so erfreut mit glitzerigen Augen auf das blinkende Gold schaute. »Was soll ich thun mit all dem Gelde? Ich brauche nichts als vielleicht einen neuen Rock. Soll ich es unter die Armen verteilen?« »Das lassen Sie bleiben, Herr Pfarrer,« sagte Moidei, die, wie alle getreuen Räte, sich zuzeiten auch etwas herausnahm. »Wenn Sie anfangen würden, auszuteilen, so käme das ganze Dorf und wollte ein Armer sein, und Sie könnten's keinem recht thun und würden alle unzufrieden machen. Der Herr Baron hat ja schon zweitausend Gulden unter die Armen verteilen lassen, da können sie lange genug dran haben. Ich weiß, Herr Pfarrer, was wir mit dem Gelde thun – wir kaufen eine Kuh.« »Eine Kuh?« fragte höchst verwundert der Pfarrer, dessen Wünsche sich niemals zu solchem Haustier verstiegen hatten. »Was sollen wir mit einer Kuh machen, Moidei?« »Das werden Sie sehen, wenn wir eine haben!« rief Moidei, schon glücklich im Besitz des Tieres; »das ist's gerade, was mir immer für Sie gefehlt hat, und die alte Frau selig wäre auch froh genug gewesen, wenn sie eine gehabt hätte. Lassen Sie mich nur machen, Herr Pfarrer!« »In Gottes Namen,« sagte der Pfarrer, »so nimm das Geld; es ist in alle Wege besser, als wenn wir unsere Herzen an das Gold hängen würden.« Dazu war nun freilich keine Gefahr bei unserem Pfarrherrn, der so recht als ein Gast durch die Erde ging und sich nur daheim fühlte in seinem heiligen Amt, im Leben aber nicht. Stolz und glücklich, das Geldpäckchen wohl versiegelt und verwahrt in der Tasche, zog Moidei mit dem Müller, dem einzigen wohlhabenden Mann des Dorfes, zum Viehmarkt in den nächsten größeren Flecken, wenigstens fünf Stunden weit. Sie fanden ein gar schönes Tier, schneeweiß, vorn mit einer schwarzen Blässe. »Eine schöne Kuh,« sagte der Müller, »jung, gut und gesund, soweit ich's verstehe; aber muß es gerade die sein?« – »An die habe ich eben jetzt meinen Glauben, und mein Herr Pfarrer muß auch etwas Apartiges haben; eine Pfarrkuh darf nicht so aussehen wie aller gemeinen Leute Kühe.« Der Müller lächelte über Moideis Stolz; aber er und der Viehhändler bekamen Respekt, als sie in glänzendem baren Golde den Preis ausbezahlte und sich heimwärts wandte. Schon das Heimführen der Kuh griff sie so geschickt an, daß die Bauern dem frischen, kräftigen Mädchen wohlgefällig nachschauten und unter sich sagten: »Die gäbe eine rechte Bäuerin, die hat ein Talent fürs Vieh!« Wenn der Herr Pfarrer nicht gleich so entzückt wie Moidei über die neue Hausgenossin sein konnte, so merkte er doch bald, daß es in Wahrheit ein guter Gedanke von ihr gewesen sei, das Tier ins Haus zu bringen. Die Ziege, welche Moidei immer mit einer gewissen Verachtung angesehen hatte und die auch in der letzten Zeit sehr wenig Milch mehr gegeben, wurde einer armen Frau vom Dorf überlassen, die noch recht froh daran war: »'s ist doch etwas Lebendig's.« Der Stall aber ward säuberlich hergerichtet für die weiße Kuh, die sich's alsbald wohl belieben ließ auf dem Weideplatz hinter dem Pfarrhaus, der noch zur Pfarre gehörte und der reichlich Weide im Sommer und Heu für den Winter gab für das Tier. »Keine bessere Kuh hat die Welt noch nicht gesehen,« versicherte Moidei, und wirklich, der Herr Pfarrer erhielt so treffliche frische Milch zu seinem Morgenkaffee und Abendthee, Moidei konnte jetzt all die Milchspeislein so gut bereiten, die sie von Apollonia gelernt; sie konnte solch köstliche süße Butter gewinnen zu den Kartoffeln für ihren Herrn, daß er selbst mehr und mehr das gute Haustier schätzen lernte und sie manchmal, wenn er über den Weideplatz ging, wohlwollend an der Seite streichelte. Verkaufen durfte Moidei keine Milch, auch zuzeiten, wo die Kuh sehr ergiebig war; die sollte armen Kindern im Dorfe zu gute kommen, welche denn auch die Pfarrkuh schätzen lernten und ihr einmal, zur Zeit der Heuernte, einen gar schönen Kranz von Grün und Blumen um den Hals hingen, was zu dem weißen Teint der schönen Kuh außerordentlich gut stand. Die Kuh kannte auch Moidei, ihre treue Versorgerin, recht gut; sie kam folgsam wie ein Hündchen herbei, wenn Moidei rief, um sie zu melken, und hielt geduldig still dazu; die helle Glocke um den Hals trug sie nur zur Zierat, sie hatte sich nie vom Weideplatz verlaufen, und auf die Weide zu anderem Vieh ließ Moidei ihren Pflegling nicht gern; die Pfarrkuh mußte etwas Apartiges haben. Aber ach, alles auf der Welt ist vergänglich, auch die schönsten weißen Pfarrkühe müssen alt werden und sterben, und Moideis schöne Kuh, an der sie sich acht Jahre lang erfreut, die wurde gar noch krank, ehe das Alter sie untüchtig machte. Einmal in der Nacht hörte Moidei ihr klägliches Gebrüll und sah am Morgen, daß das Tier nicht mehr fraß; sie fand, daß die wenige Milch, die sie melken konnte, dick und gelblich. war – daß das Tier krank sei. »Und wenn die Kuh krank ist, so ist sie halt krank,« war die Entscheidung des Tierarztes, den sie stundenweit herholte. Moidei schüttete ihr die Tränke ein, die der Vieharzt verordnete, sie that, was sie konnte; wenn das Bettliegen einer kranken Kuh helfen könnte, so hätte sie ihr gewiß ihr eigenes Bett überlassen – es half alles nichts, die Kuh mußte sterben. Darüber war nun Moidei ganz trostlos. »Was sollen wir thun, Herr Pfarrer, was sollen wir anfangen ohne eine Kuh?« fragte sie. »Ja, Moidei, was wir angefangen haben, bevor wir eine hatten. Thut mir aber leid um das brave Tier.« »Ja, mir thut's auch leid,« sagte Moidei schluchzend, »und wo nehmen wir Milch her zu Ihrem Thee und Kaffee, und wo Butter zu Ihren Kartoffeln! und die guten Müslein und den Milchpudding und den Reisbrei, den ich Ihnen kochte! Wie sind Sie doch so gut beraten gewesen, Herr Pfarrer, seit wir eine Kuh hatten!« »Ja, da läßt sich nichts machen,« sagte der sanftmütige Pfarrherr lächelnd, »so viel Geld wie damals bekommen wir nicht wieder.« »Ach freilich,« seufzte Moidei, »und es ist gar kein Baron zum Sterben mehr da! Und wenn der junge stürbe, der wäre so keck und thäte es im Ausland!« »Versündige dich nicht, Moidei!« sagte ernsthaft der Pfarrherr; »du wirst nicht wollen, daß ein Mensch sterbe, um mir eine Kuh zu kaufen?« »Ach nein,« meinte Moidei beschämt, »ich dachte nur – die Leute sterben ja auch manchmal ohnedies. – Aber etwas weiß ich, Herr Pfarrer,« fing sie mit neuem Mute an; »wenn sie im Dorf eine Steuer zusammenlegen, so reicht's bald zu einer Kuh, und Sie nehmen ja nie etwas von den Leuten, das dürfen sie wohl thun; an andern Orten haben sie ihrem Pfarrherrn viel größere Geschenke gemacht.« »Geh, Moidei!« sagte der Pfarrer, »die Leute sind fast alle ärmer als ich; verhüte Gott, daß ich von ihrer Armut nehmen sollte, um mir's wohl sein zu lassen! Wir bekommen ja Fische aus dem See, und meine Mutter hat mir gute Wassersuppen gekocht; Thee kann man auch ohne Milch trinken, Eier haben wir, da wird's schon gehen.« 4. Ohne Kuh. Ja, es ging freilich, als das getreue Tier verendet und verscharrt war, aber wie? seufzte die gute Moidei. Milch war im Dorf schwer zu bekommen, da die Leute kaum für sich genug hatten; Fische waren auch zuzeiten rar; für die Überreste der schönen Kuh hatten sie zwar etwas bekommen, so daß Moidei eine Zeitlang Fleisch für ihren Herrn vom Flecken kommen lassen konnte, aber zu lange hielt das nicht vor. Die Kochkünstlerin Apollonia war ihrem alten Herrn im Tode gefolgt, und wenn sie auch Moidei ihr Kochbuch vererbt hatte – Rezepte zu Wasserspeisen fanden sich nicht darin. Moidei bildete sich ein, ihr Herr Pfarrer fange schon an abzumagern, seit er fast keine Milch mehr bekam, und besann sich Tag und Nacht, wie sie doch wieder eine Kuh bekommen könnte. Die Preise waren indes gestiegen, für weniger als hundertundzwanzig Gulden war jetzt keine Kuh zu bekommen; wo sollte sie diese hernehmen? Am Sonntag hatte der Herr Pfarrer über einen Text aus dem Alten Testament gesprochen. »Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein?« hatte sie daraus vernommen und bewegte es in ihrem Herzen. Ja, sollte es denn unmöglich sein, eine Kuh für den Herrn Pfarrer zu bekommen? Oder war das dem lieben Gott nicht der Mühe wert? Moidei konnte nicht zum Schlusse gelangen. Es war im Sommer und warm, sogar in den Bergen. Der alte Herr hatte einen Rundgang angetreten, um seine Armen und Kranken in den Hütten ringsum zu besuchen. Moidei war allein, sie machte sein Zimmer rein und seufzte für sich: »Wie gut thäte jetzt dem Herrn, wenn er heimkommt, ein Glas frische Milch!« Da sah sie zwei Damen auf das Pfarrhaus zukommen. Es war selten, doch nicht unerhört, daß Reisende bis hierher kamen, um sich die schöne Gegend und den See, der still und tief am Fuß der Waldberge lag, anzusehen. Die Damen hatten ihren Wagen im Flecken gelassen und wanderten zu Fuß hierher, doch mochten sie sehr müde sein, da der Weg viel weiter war, als sie geglaubt; ein eigentliches Wirtshaus befand sich nicht im Ort, so baten sie um Erlaubnis, im Pfarrhause auszuruhen. Moidei brachte ihnen flink und bereitwillig, was sie hatte: frisches Quellwasser, selbstgebackenes Brot und schöne, reife Brombeeren. »Wein oder Bier haben wir nicht,« sagte sie entschuldigend, »auch keine Milch mehr, seit unsere Kuh tot ist.« Die Damen nahmen gern vorlieb und hatten ihre Freude an dem stattlichen, frischen Mädchen in der kleidsamen Landestracht, die sie hier in den Bergen noch beibehalten haben. »Sie können also mit Vieh umgehen, wenn Sie schon eine Kuh gehabt haben?« fragte die Ältere. – »Das will ich meinen,« antwortete Moidei mit Selbstgefühl, »ich wollte, ich hätte einen Stall voll zu versorgen – oder auch nur eine einzige!« fügte sie mit einem neuen Seufzer hinzu. Die Damen schauten einander an. »Das gäbe eine nette Viehmagd auf unser Gut,« sagte die ältere leise zu der jüngeren. »Ach ja, Mama, und sie nähme sich so hübsch aus in der Tracht! sie würde unseren Kühen so gut stehen; es wäre wie ein Bild.« Indes kam der Herr Pfarrer von seinem Gang zurück; er begrüßte die Damen in seiner ruhig freundlichen Weise und gab auf ihre Bitte Moidei die Erlaubnis, sie zurückzubegleiten auf den nächsten Pfad, der zum Flecken führte, da sie nun ausgeruht hatten. »Sind Sie immer hier gewesen, mein liebes Kind?« fragte die ältere Dame Moidei; »haben Sie nie auch andere, größere Orte gesehen?« »O ja, ich bin auf dem Viehmarkt gewesen, als ich unsere verstorbene Kuh kaufte,« sagte Moidei, etwas verwundert, daß man sie noch Kind nenne. »Ach, so meinen wir nicht,« sagte die jüngere, »schöne, große Städte, ein prächtiges Gut mit einem schönen Schloß und einem Schweizerhaus und stattlichen Kühen nebst zierlichem Melkgeschirr...?« »Brauch' keines,« entgegnete Moidei trocken. »Da der Herr Pfarrer kein Vieh mehr hält, werden Sie hier nicht mehr nötig sein, mein Kind,« fing die ältere Dame wieder an. »Dem Herrn Pfarrer bin ich noch nötiger als unserer Kuh,« sagte Moidei mit Selbstgefühl. Die Dame dachte im stillen, es wäre nicht recht, dem alten Herrn seine Dienerin zu entführen. Die junge Eugenie aber, die nicht so bedenklich war, rief: »Aber Sie würden einen hohen Lohn bekommen, wenn Sie bei uns in Dienst träten!« »Einen hohen Lohn?« fragte Moidei aufmerksam. »Wieviel?« »Hundert Gulden,« sagte Gräfin Brackeburg, die ältere Dame, und dachte im stillen: »Die Anhänglichkeit an den Herrn muß nicht so groß sein, sonst wäre sie nicht gleich so begierig nach hohem Lohn.« »Hundert Gulden!« sprach Moidei nachdenklich; »dann müßte ich fünfzehn Monate dienen, um hundertundfünfundzwanzig Gulden zu bekommen?« »Nun, wenn Sie einmal bei uns sind, so glaube ich, es würde Ihnen so gut gefallen, daß Sie gern länger bleiben.« »Aber ich dürfte auch auf fünfzehn Monate kommen?« »Nun ja,« sagte die Dame etwas verwundert, »in einem Monat heiratet unsere Viehmagd; wenn ich gleich eine gute bekomme, so würde ich auf jede Bedingung eingehen.« Moidei schwieg still, sie hatte innerlich gar viel zu bedenken und zu überlegen. Jetzt waren sie an dem Ausgang der Schlucht, und die Damen fanden ihren Wagen, der da auf sie wartete. »Nun, haben Sie sich besonnen, mein liebes Kind? Wollen Sie bei mir in Dienst eintreten?« fragte Gräfin Brackeburg. »Ja, ich will kommen,« sagte Moidei entschlossen; »schreiben Sie mir Ihren Namen auf und den Weg, den ich zu Ihnen reisen muß, dann komme ich am ersten September.« »Gut,« sagte die Dame, etwas verwundert über den raschen Entschluß; sie schrieb Moidei genau die Reisestationen auf, übergab ihr das nötige Geld zur Reise und ließ sich noch einmal in die Hand von ihr versprechen, daß sie gewiß kommen werde. »Nötig ist das nicht,« sagte Moidei, »was ich einmal versprochen, das halte ich ohne Handschlag.« Gar still ging Moidei heimwärts; sie schaute die Leute nicht an, die sie unterwegs begrüßten, damit sie nicht sehen sollten, daß sie Thränen im Auge hatte. »Herr Pfarrer,« sagte sie, als sie an diesem Abend seinen Thee brachte, leider ohne Milch! »Herr Pfarrer, thäten Sie nicht erlauben, daß ich Susanne, das Mädchen unserer Nachbarin drüben, ein bißchen unterweise im Kochen und im Putzen, nur für den Fall, daß ich einmal krank oder nicht da wäre, damit Sie doch bedient wären ...« »Ei, Moidei,« sagte lächelnd der Pfarrer, »du siehst nicht aus, als ob du krank werden wolltest, und verreisen wirst du auch nicht; habe aber nichts dagegen, wenn du das junge Mädchen anlernst, es wird ihr in allewege zu gute kommen.« Und Moidei unterrichtete von diesem Tag an die junge Susanne so sorgfältig in allem, was zum Dienst ihres Herrn gehörte, daß man hätte meinen können, sie wolle eine Mägdebildungsanstalt errichten. 5. Moidei auf Reisen. Es war der erste September, schon etwas kühl in den Bergen, aber doch ein sonniger, goldener Herbsttag. Nichts regte sich im Dorf, auch der Herr Pfarrer schlief noch; er konnte oft erst spät einschlafen, aber gegen Morgen wurde sein Schlaf recht fest. Moidei öffnete leise die Hausthür; sie trug ihren besten Anzug, in der Hand einen starken Regenschirm und ein großes Bündel, darin sie ihre Kleider und ein Paar Sonntagsschuhe sorgfältig eingepackt hatte. Moidei war ein frisches, starkes Mädchen und weinte nicht leicht; als sie aber die kleine Thür an dem Zaun zumachte, der das Rasenplätzchen vor dem Pfarrhaus umschloß, und noch einmal zurückblickte, da setzte sie sich nieder und weinte bitterlich. Sie konnte sich's nicht vorstellen, daß ihr lieber, verehrter Herr Pfarrer ein ganzes Jahr lang und länger ohne ihre Hilfe und Pflege bleiben sollte. »Aber es muß sein,« dachte Moidei wieder, indem sie aufstand und rüstig vorwärts schritt; »mein alter Herr würde gewiß zehn Jahre früher sterben, wenn er nicht seine gehörige Nahrung hat; da muß ich eben die fünfzehn Monate dran rücken.« Und Moidei ging weiter, durch den Flecken der nächsten Eisenbahnstation zu und hat kein einziges Mal mehr zurückgeschaut. Nur gebetet hat sie noch in der nächsten Kapelle, als sie fand, daß die Zeit noch reichte. »Mein Herr Pfarrer ist so fromm und so brav, daß er's gewiß nicht nötig hat, daß man für ihn betet,« dachte sie, »aber ich thu's doch.« Der Herr Pfarrer war sehr verwundert, als beim Frühstück Susanne kam und ihm den Kaffee brachte, bei dem er immer noch heimlich die gute Milch vermißte. »Ist Moidei krank?« fragte er. »Moidei hat mir gestern gesagt, sie müsse verreisen,« berichtete die junge Susanne; »wenn der Herr Pfarrer erlauben, so soll ich in ihrer Kammer schlafen.« »Moidei verreist?« fragte der Herr Pfarrer noch viel erstaunter. »Wo sollte Moidei hinreisen? Sie kennt keinen Menschen in der weiten Welt draußen.« »Da hat sie ein Brieflein hingelegt für den Herrn Pfarrer,« sagte Susanne. Moideis Brief lautete: »Lieber Herr Pfarrer! Abschied nehmen von Ihnen kann ich nicht, es würde mir mein Herz so schwer, indem ich lieber auch nicht sagen will, wohin ich gehe. Aber ich bitte Sie inständig, daß Sie mir glauben wollen, ich gehe auf rechten und guten Wegen und hoffe mit Gottes Hilfe darauf zu bleiben, bis ich wiederkommen kann zu Ihnen. Geflickt habe ich alles, und Susanne kann Ihnen kochen und Ihre Stube richten, indem ich hoffe, mit des lieben Gottes Hilfe wiederzukommen und alsdann alles gut werden soll. Ihre getreue Dienerin Magdalena.« Der Herr Pfarrer stützte seinen Kopf in die Hand, er wußte nicht und konnte sich's nicht ausdenken, wohin denn Moidei gegangen sei. Auch Nachbarn und Leute im Ort, die er fragte, wußte keinen Bescheid. Es fiel ihnen ein, daß die vornehmen Damen, die im Sommer dagewesen, lange mit Moidei geredet hatten; vielleicht hatte sie sich verleiten lassen, draußen in einer Stadt einen besseren Dienst zu suchen; man zahlte jetzt gar hohen Lohn! Und schließlich stammte Moidei doch von fremdem Volk ab, da hatte sich am Ende das leichtsinnige Blut in ihr geregt! »Ich kann's nicht glauben, daß Moidei, die meine selige Mutter noch herangezogen hat, mich verlassen soll um Geld und Gutes willen oder um mehr Vergnügen zu haben. Aber nachschicken und nachfragen kann ich nicht, ich weiß ja nicht, wohin sie gegangen.« Der Herr Pfarrer hatte nicht viel mehr Erfahrung von der Welt draußen als Moidei. Die kleine Susanne that ihr Bestes, um dem Herrn alles recht zu machen: ihre Mutter half auch nach, wenn sie etwas übrige Zeit hatte, aber es kam ihnen doch oft vor, als habe er Heimweh nach seiner getreuen Dienerin; er rief so oft »Moidei«, wenn er etwas brauchte, und sagte dann nur leise: »Ja so.« – »Und wert ist sie's gar nicht, daß der Herr noch an sie denkt,« sagten die Leute im Ort, »die undankbare Kreatur, die ihn verlassen hat.« Der Herr Pfarrer sagte das nie; er hörte nie auf, für sie zu beten jeden Morgen und jeden Abend. »Ob sie nun mein Gebet stärken soll auf guten Wegen, oder zurückbringen von schlimmen,« dachte er, »es ist gut in allewege.« 6. Modei im Dienst Auf dem Gute der Gräfin Brackeburg, da war es noch wärmer und sonniger als im Gebirge zu Anfang September. Von der blumenbesetzten Terrasse des schönen Schlosses gingen breite Treppen hinunter auf den samtgrünen Rasen, auf welchem da und dort liebliche Blumengruppen blühten; zur Seite, etwas vom Gebüsch verdeckt, stand ein niedliches Schweizerhaus, das zur Wohnung für die Dienstboten diente, dahinter war ein großer, schöner Wiesengrund, auf dem prächtige Kühe weideten, dazwischen muntere Kälber und auch ein paar Böcklein und Ziegen. Die Gräfin und ihre Tochter saßen mit einer leichten Arbeit auf der Terrasse, der Gemahl daneben. »Nun, Emmy,« sagte er zu seiner Frau, »wie wird's mit deiner Moidei? Unsere Viehmagd ist schon diesen Morgen fortgegangen; du hast von dem Mädchen kein Wort mehr gehört; bist du denn gewiß, daß sie kommt?« »Das Mädchen hat mir ausgesehen, als ob sie Wort halten würde,« sagte die Gräfin; »ich glaube gewiß, daß sie kommt.« »Ich auch, Mama,« rief Eugenie, »und gib acht, Papa, welch ein nettes, stattliches Mädchen sie ist! Richtig, habe ich's nicht gesagt, da ist sie!« Und wirklich, den Fahrweg herunter, der von der Station herführte, schritt Moidei in ihrer sauberen Tracht, rein und nett gekleidet, mit ihrem Regenschirm in der Hand und ihrem Bündel am Arm. Sie schaute sich um mit großen Augen auf dem schönen Platz, doch hielt sie nicht inne und schien sich auch nicht besonders zu verwundern; ganz geradeaus schritt sie auf die Dame vom Hause los, die sie schon von unten aus bemerkt hatte. »Da bin ich, Frau Gräfin,« sagte sie; »ich will Ihnen getreulich dienen fünfzehn Monate lang, wenn Sie mir den versprochenen Lohn geben.« »Daran soll es nicht fehlen,« sagte die Dame, etwas ärgerlich über die Lohngier des Mädchens; »ich denke, Moidei, es gefällt dir so gut bei uns, daß du gern auch länger bleibst.« »Komm, Moidei,« entgegnete die Komtesse, »ich zeige dir, wo du wohnen wirst und wo die Kühe sind, die du zu versorgen hast,« und sie führte sie hinüber zu dem Schweizerhaus. Da gingen nun erst der Moidei die Augen auf und das Herz, so viel schöne, prächtige Kühe! und sie hatte solch Herzeleid um eine einzige gehabt, und ihr Herr Pfarrer mußte darob so viel entbehren! Aber Moidei war nicht neidisch und nicht unverständig; ihr Herr Pfarrer hatte sie gelehrt, daß der Unterschied von Rang und Reichtum in der Welt mit zum Gange der Dinge gehört, daß er durch Frieden und Zufriedenheit jetzt schon ausgeglichen werden kann und daß eine Zeit kommen werde und ein Glück, das sich nicht messe nach dem Maße irdischen Besitzes; sie gönnte jedem von Herzen, was Gott ihm beschieden. Daß die neue Magd gut gewählt sei, das mußte jedermann zugeben, selbst der sehr mißtrauische Graf Brackeburg und der brummige alte Verwalter. »Die kann's mit dem Vieh,« gaben auch die andern Dienstboten zu, die die Fremde zuerst gar nicht mit günstigen Augen betrachtet hatten. So nett und sauber hielt sie sich selbst, ihr Vieh und all ihr Geräte; so gut verstand sie, mit den Tieren umzugehen, so köstlich die Butter zu bereiten, daß man bald ihres Lobes voll war. Nur in die Lustigkeit der andern Dienstboten, wenn sie abends in der Gesindestube beisammen saßen, da stimmte sie nicht viel ein. Sie kam sich hier stets nur als ein Gast vor und mußte wieder und wieder denken, wie es doch ihrem Herrn Pfarrer fehlen werde um ihre Dienste und wie ärmlich sein Leben sei. Als ein Vierteljahr vorüber war, gab ihr die Gräfin den ersten Lohn, fünfundzwanzig Gulden in schöner, blanker Münze, und dachte, das geldgierige Mädchen werde sich freuen. Moidei sah es auch an mit glänzenden Augen, schob es aber zurück und bat: »Wollen Sie es mir nicht aufheben, Frau Gräfin? Ich will alles erst, wenn meine Zeit abgelaufen ist: es ist so sicherer.« »Aber willst du nicht etwas Geld in die Hand, Moidei? Du hast doch kleine Ausgaben.« »Ich brauche kein Geld, meine Kleider und meine Schuhe sind noch gut, sonst habe ich nichts nötig.« Etwas Verwundert bewahrte ihr die Gräfin das Geld auf: »Nein, so geldgierig habe ich, noch keine junge Person gesehen.« Es wurde unter den Dienstboten bekannt, wie geizig Moidei sei und wie gewinnsüchtig. Die Köchin, die sich sonst ein gut Teil vornehmer vorkam als die Viehmagd, war jetzt so gnädig, sich ihr freundschaftlich zu nähern. »Das lobe ich an Ihnen,« sagte sie eines Morgens, als sie selbst die frische Tafelbutter in der Melkerei drüben holte, »das lobe ich an Ihnen, daß Sie so sparsam sind; man muß beizeiten sorgen, daß man etwas für alte Tage hat. Aber warum legen Sie Ihr Geld nicht gleich an, daß es Ihnen Zins trägt?« »Ich brauche eine bestimmte Summe zu einem bestimmten Zweck,« sagte Moidei kurz, »und werde so lange dienen, bis ich sie habe.« »Ei so,« sagte die Köchin noch freundlicher, »da können wir einander helfen. In einem Hause, wo so viel verbraucht wird, da ist's keine Sünde, wenn man einen kleinen Profit für sich macht. Sie halten das Vieh so gut, daß Sie viel mehr und bessere Butter zustande bringen, als man vorher hatte. Die Gräfin auf dem Gut drüben, die gäbe, was man wollte, für solche Butter. Nun könnten Sie ganz leicht jede Woche zehn Gulden zurücklegen, wenn Sie von der Butter ein paar Pfund verkauften; die Herrschaft hätte immer noch genug, und zum Kochen thut's geringere; ich würde dann den Verkauf besorgen; auch mit der Milch gäbe es so kleine Vorteile ... den Gewinn würden wir teilen. Sie würden so viel früher die Summe haben, die Sie brauchen ... verstehen Sie mich?« Moidei, die seither schweigend zugehört hatte, richtete sich hoch auf und sagte: »Das verhüte der allwissende Gott, daß bei dem Geld, das ich sammle, ein ungerechter Heller sei! Das muß ehrlicher Erwerb sein.« »Nun,« sagte die Köchin etwas erschrocken, »ich hab's ja nur so im Spaß gesagt, nur um zu probieren. Sie werden jetzt wohl gleich hingehen und es der Dame erzählen?« fragte sie giftig. »Das werde ich nicht,« entgegnete Moidei ruhig; »aber denkt Ihr selber, daß ein unrechter Pfennig den recht verdienten Gulden auffrißt und daß unrecht Gut Unsegen mitbringt.« Weder die Köchin noch sonst jemand hat bei Moidei wieder gewagt, sie zum Unrecht zu verführen; auch hielt sie nicht viel Gemeinschaft mit der andern Dienerschaft, nur der Käthe, die vor ihr schon Gehilfin im Stalldienst gewesen war, gab sie stets sorgfältige Anweisung, wie das Vieh zu behandeln sei. Die Gräfin hatte ihr zu Weihnachten ein Paar neue starke Schuhe und ein gutes Kleid geschenkt, so brauchte sie nichts von ihrem Lohn zu verwenden. – Sie hatte viel Freude, als sie im Frühling ihre stattlichen Kühe wieder auf die Weide treiben konnte; sie kannte jede mit Namen, sie freute sich auch des schönen, freien Landes, des reichlichen Haushalts; aber sie zählte in der Stille die Tage, bis die fünfzehn Monate vorüber seien. Ein Jahr war vorüber und die Gräfin Brackeburg zählte ihr hundert blanke Gulden hin. »Nicht wahr, Moidei, es ist bei uns nicht so schlimm?« sagte sie freundlich; »du wirst gewiß gern bei uns bleiben.« »Frau Gräfin sind sehr gut gegen mich gewesen,« sagte Moidei, »aber ich bleibe nur noch drei Monate.« »Warum nur so kurz?« fragte die Dame, die nie geglaubt hatte, daß es ihr Ernst sei. »Ich brauche hundertfünfundzwanzig Gulden.« »Aber ich bitte dich, wozu denn?« »Ich muß meinem Herrn Pfarrer eine Kuh kaufen .« Und endlich, auf die freundlichen Fragen der Dame, erzählte ihr Moidei von der Kuh ihres Herrn Pfarrers und wie nötig es für ihren Herrn sei, daß sie wieder eine erwerbe, und wie dazu kein anderer Weg gewesen sei. »Ja, Moidei,« sagte die Dame, gerührt von der Treue des Mädchens, »wenn ich dir auch nun früher, als du glaubst, zu dem Gelde helfen könnte, wer sollte dann deinen Dienst versehen? Ich kann dich nicht entbehren.« »Ich habe Käthe unterwiesen,« versicherte Moidei; »aber Almosen will ich nicht, Frau Gräfin; es ist für meinen Herrn, das soll ehrlich verdient sein.« »Nun, versuch's einmal und laß Käthe in den nächsten Tagen deine Arbeit thun, so wollen wir sehen, wie es geht.« Und richtig, Moidei ließ Käthe die Hauptarbeit thun und versah den untergeordneten Dienst der Käthe; die setzte eine Ehre und einen Stolz darein, die Arbeit der Moidei zu verstehen, und man fand bald, daß mit einem geringeren Mädchen zur Hilfe das Vieh gut versorgt sein würde, wenn auch nicht so gut wie bei Moidei. Gräfin Brackeburg ließ sie nochmals zu sich kommen. »Moidei, möchtest du denn nicht wenigstens über Weihnachten bei uns bleiben? Du weißt, wie es da ein so fröhliches Fest gibt, und an schönen Geschenken soll's auch nicht fehlen.« »Ich will bleiben, so lange ich muß,« antwortete Moidei mit Thränen in den Augen. »Nun, Moidei, wenn's denn doch soll sein,« sagte mit feuchtem Auge die Dame, »sieh, da sind hundertundzwanzig Gulden als. dein Jahreslohn, fünfundzwanzig aber für das Anlernen von Käthe und für das Weihnachtsgeschenk; das ist kein Almosen, es ist ehrlich verdient; so kommst du doch vor Winter zu deinem alten Herrn zurück.« »Und vor dem Viehmarkt!« sagte Moidei mit glänzenden Augen. »Gott segne Sie, Frau Gräfin!« Und frühe am Morgen wanderte Moidei so rüstig, wie sie gekommen, aber mit viel leichterem Herzen dem Wege zu, der sie heimwärts führte. Sie hatte nichts vernommen in all der Zeit von ihrem alten Herrn; er sollte ja nicht wissen, daß sie um seinetwillen so lange in der Fremde diente; aber das würde ihr doch der liebe Gott zuliebe thun, daß sie ihn noch am Leben treffe! 7. Der Herr Pfarrer daheim. Der Herr Pfarrer daheim war indessen so ziemlich gesund geblieben, wenn es ihm gleich oft vorkam wie seiner getreuen Moidei, als ob ihm nicht mehr so recht wohl sei, seit ihm die gute Milchnahrung fehle. Susanne besorgte, so gut sie konnte, den Dienst, und der Herr Pfarrer war gar genügsam und anspruchslos. Aber das bekümmerte ihn, daß Susannes Mutter krank und schwach war und des Mädchens bedurft hätte, und woher er sonst eine Dienerin nehmen sollte, das wußte der gute Herr Pfarrer nicht. Er hatte gar nichts von Moidei erfahren alle die Zeit her und konnte sich gar nicht vorstellen, wo sie geblieben sei; daß sie so undankbar und so unfreundlich sein könne, ihm gar nie Kunde von sich zu geben, das wollte er nicht glauben. Aber in keiner Nacht versäumte er, ihrer zu gedenken in seinem Gebet und Gott zu bitten, daß er sie behüten möge und geleiten auf gutem Wege. Es war ein kühler Herbstabend, und der Herr Pfarrer war recht müde von einer Wanderung ins Dorf und in die zerstreuten Fischerhütten am See zurückgekehrt. Susanne zündete die Lampe an; sie bemerkte nicht, daß jemand draußen stand vor dem Haus und hereinschaute durch das niedrige Fenster in das alte, trauliche Gemach; hatte auch nicht bemerkt, daß etwas leise in ihrer Küche draußen herumstöberte. Sie hatte den Theekessel angezündet, sie legte das Brot bereit und brachte dem Herrn Pfarrer seinen Thee, nachdem das Wasser gekocht; Milch war freilich nicht dabei. Da klopfte es ans Fenster und rief eine Stimme draußen: »Warte, Susanne, ich bringe Milch!« Und siehe, da ging die Thür auf und herein kam Moidei, die alte Moidei, unverändert, wie sie vor einem Jahre fortgegangen war, in der Hand ein Töpfchen mit frischer, schäumender Milch.« »Da bin ich, Herr Pfarrer, und da bringe ich Milch, habe soeben unser Kühlein gemolken.« Und um ihr Wort zu bestätigen, ertönte draußen vor der Hausthür ein kräftiges Muh, Muh. Dem Herrn Pfarrer war's wie ein Traum. »Ja, wie ist denn das, Moidei? Wo bist du gewesen, wo kommst du her? und woher bringst du die Kuh?« »Ich erzähle alles, Herr Pfarrer; aber zuerst trinken Sie Ihren Thee, solange er noch warm ist, und ich bringe mein Kühlein in den Stall. Eine so schöne weiße habe ich nicht mehr bekommen können, aber es ist eine von der guten Schweizer Rasse, die am meisten Milch gibt.« Moidei kam wieder herein und mußte sich zu ihrem Herrn Pfarrer an den Tisch setzen, was sie sonst nie gethan hatte, und erzählen, was sie alles gethan und erlebt hatte in dem Jahr, wo sie fort gewesen war. Die kleine Susanne stand mit großen Augen und offenem Mund daneben und hörte zu. »Aber, Moidei, meine getreue Moidei, das kann ich nicht annehmen, was du mit saurem Dienste dir erworben,« sagte bedenklich der Herr Pfarrer. »Das können Sie halten, wie Sie wollen, Herr Pfarrer,« sagte Moidei. »Die Kuh steht einmal draußen; Sie werden sie doch nicht am Strick nehmen und wieder verkaufen wollen, und ich thu's nicht, ist auch gar kein Viehmarkt in der nächsten Zeit. Und wenn ich das Kühlein melke und bringe Ihnen die Milch, so thun Sie mir's auch nicht zuleide, daß Sie sie stehen lassen. Ich habe noch allerlei gelernt da draußen bei dem vielen Vieh, und wenn wir später schöne Kälber verkaufen, so können wir wohl so viel zusammensparen, daß es eine neue Kuh leidet, wenn die alte nicht mehr gut ist. Gott Lob und Dank, lieber Herr Pfarrer, daß ich wieder da bin und Sie pflegen darf und für Sie sorgen!« Der Pfarrer sträubte sich nicht mehr und reichte mit nassen Augen ihr die Hand, welche Moidei ehrfurchtsvoll küßte. Moidei war nun glückselig mit der neuen Kuh, die noch viel vortrefflicher war, als die erste gewesen. Sie bildete sich ein, man sehe schon nach wenigen Tagen, wie es dem Herrn so gar wohl bekomme, seit er die gute Milch wieder habe, und es that ihr kein einziges Mal ahnd nach dem schönen Hofe und den reichlichen Mahlzeiten im Schlosse. Einmal kamen auch noch Gräfin Brackeburg und Komtesse Eugenie in die Berge und besuchten ihre seltsame Dienerin. Sie konnten ihr nicht mehr übelnehmen, daß sie nicht länger bei ihnen geblieben, seit sie sahen, wie glücklich die treue Dienerin war mit ihrem Herrn Pfarrer und mit seiner Kuh. Das Osterlied. Das Haus in der Vorstadt. Als Kind kam es mir gar schön und vergnüglich vor, in einer großen Stadt zu wohnen, und war es unsere höchste Freude, wenn der Vater uns einmal zu einem Besuch in die Residenz mitnahm. »Lauter Schlossen!« rief der kleine Bruder, als er die schönen, hohen Häuser sah, die dazumal erst noch nicht so schön waren wie heute. Wir konnten da gar nicht satt werden, all die Herrlichkeit zu bewundern, vor allem die hohen Schaufenster mit den prächtigen Sachen dahinter. Begehrlich haben sie uns nicht gemacht; sie waren so schön, daß mir wohl wußten, die seien nicht für uns; das Wachspüppchen im rosa Kleide, das unser Nadler daheim das ganze Jahr an seinem Schaufensterlein stehen hatte, nach dem gelüstete mich's viel mehr, weil es eher möglich war, das zu erlangen. Dann zog man vor das Königsschloß, an den See in die Anlagen, zuletzt auf die Wachtparade und trabte im schönsten Takt hinterher bis zu der Kaserne. Das alles erschien mir prächtig, und die Kinder, die das alle Tage am lichten, hellen Werktag sehen und genießen durften, die kamen mir überaus glücklich vor. Jetzt sehe ich das wieder anders an. Das endlose Wagengerassel und Pferdegetrampel und Menschengeläufe, der heiße Sonnenschein in den breiten Straßen macht mich müde und betäubt, und wenn ich auch sehe, daß die Residenzkinder mitunter wild und lustig sein können wie auf dem Lande, so freue ich mich doch, daß ich meine Kinderzeit in dem freien, fröhlichen Treiben zubringen durfte, das auf dem Dorf und in kleinen Städtchen viel leichter möglich ist als in Großstädten. In den Vorstädten aber, da ist Stadt und Land noch hübsch beisammen; es sieht aus, als wären die einzelnen Häuser nur so herausspaziert, weil es ihnen in der Stadt drinnen zu eng geworden; da »deucht mi's luhstig«, wie die Schweizer sagen, ein Kind zu sein. Die Türme und hohen Häuser der Stadt schauen herüber; ihre Herrlichkeiten, die prächtigen Buden mit Elefanten und Zauberkünstlern und die Karusselle, die zur Meßzeit kommen, sind leicht zu erreichen; für alle Tage aber hat man die frische Luft, die freien grünen Spielplätze, von denen man nur manchmal weggejagt wird, wenn Wäscherinnen kommen, ihre Waschseile zu ziehen. Die Gärtchen da draußen sind freilich nicht so schön und künstlich angelegt wie die Ziergärten der Stadt; doch blühen lustig die Blumen darin, Tulipanen, Rosen und Nelken, blaue Rittersporn, bunte Astern, und vor allem gibt's da Johannisbeeren und Stachelbeeren in Menge, aus denen die Besitzer ein schön Stücklein Geld lösen, wenn auch hie und da unartige Jungen davon geplündert haben. Gar zu lange wird freilich auch die luftige Schönheit der Vorstädte nicht mehr dauern; da und dort sieht man Bauplätze ausgesteckt, sieht zimmern und mauern, hört Balken sägen und Steine hauen, und bald werden sich stattliche Häuserreihen erheben, wo jetzt noch die unschuldigen Gärtchen stehen. Die Buben, die da draußen wohnen, die ficht das nicht an; die Bauplätze sind besonders lustig zum Spielen, und nichts schöner als »Fangis« oder »Schlupferles« oder gar »Räuber« zu spielen in so einem neu aufgeschlagenen, halb ausgebauten Haus. Eines der Häuser, und zwar eines der ersten, die in der Vorstadt entstanden, von der ich rede, war ganz besonders freundlich und sah so recht ländlich aus mit dem Gärtchen davor und dem Rasenplatz dahinter; es gehörte einem Werkmeister, dessen Bauplatz nicht weit hinter dem Hause lag; die nächste Umgebung aber war noch frei geblieben. Am freundlichsten von allen Zimmern sah die große Parterrestube rechts von der Hausthür aus, zumal im Frühling und an kühlen Sommermorgen, wenn die Fenster geöffnet waren, deren breiter Sims allezeit mit schön blühenden Gewächsen geschmückt war. Zu dem Hause trippelten jeden Morgen kleine Mädchen aus der Vorstadt, aus den nahegelegenen Stadtteilen, einige auch aus der inneren Stadt; sie hatten Strickkörbchen am Arm, darin unter Knäuel und Strickzeug ein Butterbrot, etwas Obst oder sonst ein gutes Vesper lag; und obgleich die Mägdlein gerade erst vom Frühstück herkamen, so schauten sie doch schon nach der großen Uhr, die über der Thür eines Uhrmachers der Vorstadt angebracht war, ob es nicht bald Zeit zum Vespern sei. Sie kamen schön gewaschen, mit glattgekämmten Haaren und frischgeflochtenen Zöpfen; auf dem Heimweg, da sahen sie freilich nicht alle mehr so sauber aus; da gab's zerrissene Schürzen, aufgegangene Zöpfe und struppiges Haar, denn die Mädchen sind oft so wild wie die Buben, obwohl sie mit denen nicht spielen durften und meist mit lautem Geschrei zurückgejagt wurden, wenn sie dem Spielplatz der Jungen nahe kamen. Am Fenster der Parterrestube, da saß zur Stunde, wo die Mädchen kamen, eine noch junge Frau in dunklem Kleid und weißem Häubchen, die ihnen freundlich zunickte, wenn sie schon vom Garten aus riefen: »Guten Morgen, Frau Pfarrerin!« und es gab meist ein Wettrennen bei den Kleinen, wer die erste sei, die der Frau Pfarrerin die Hand zum Morgengruß bieten durfte. Einiges Getümmel gab es auch, bis all die Mädchen ihren Platz eingenommen hatten auf den Bänken, die in der Stube angebracht waren; bis Frau Pfarrerin die Blumensträußchen, die ihr immer einige der Kinder mitbrachten, ins Wasser gestellt und jede ihr Strickzeug ausgepackt hatte; aber endlich wurde es doch ruhig, als die Lehrerin mit ihrer schönen vollen Stimme ein frommes Morgenlied anstimmte und all die jungen Kinderstimmchen damit zusammenklangen; es klang gar lieblich, und selbst die Steinklopfer vor dem Gartenzaun hielten inne, solange der Morgengesang der Kinder tönte. »Aus dem Munde der jungen Kinder hast du dir ein Lob zugerichtet.« Die Strickschule. Das Stricken gehört nicht eben zu den Freuden der Kindheit; ich habe schon manch fröhliches junges Gesicht sich weinerlich und Verdrossen verziehen sehen, wenn der Strickstrumpf an die Reihe kommt, oft mit »Nestern«, gefallenen Maschen und verbogenen Nadeln, und wenn die aufgegebenen »Mal 'rum« eben gar nicht zustande kommen wollen. In die Strickschule der Frau Pfarrer Kraus, die als Witwe vom grünen Dörfchen wieder in die Stadt zurückgekehrt war, um ihre Söhne besser unterrichten zu lassen, in die gingen jedoch alle gern und freuten sich, wenn die Stunde schlug, hinauszuwandern – noch mehr freuten sie sich freilich, wenn die Stunde schlug, wo sie heimspringen durften. Es war freundlich da draußen in der luftigen, sonnigen Stube, wo die Blumen am Fenster standen und ein Käfig hing mit zwei Kanarienvögelchen, die ganz frei und zahm aus- und einspazierten; aber es war selbst freundlich im Winter durch die herzliche Güte, mit der die Lehrerin verstand, ihnen die Arbeit lieb zu machen. Die Frau Pfarrerin hatte eine unermüdliche Geduld, die kleinen Finger das »hineinstechen, herumschlingen, herausschlüpfen« zu lehren. Sie hielt streng darauf, daß die aufgegebene Zahl gestrickt wurde, und duldete keine Nester und gefallenen Maschen; aber sie wußte auch gar mancherlei, um den Kindern die Arbeitsstunden zu kürzen und die Arbeit lieb zu machen. Nicht nur die schönen Lieder, welche sie sie singen lehrte und durch die ihre eigene glockenreine Stimme so schön durchklang; sie lehrte sie auch allerlei heitere Reimlein, sie ließ sie Rätsel erraten, in die Wette stricken, alles, was sich neben fleißigem Stricken thun ließ, um in die Arbeit noch Vergnügen zu bringen. Und was für schöne Geschichtchen wußte die Frau Pfarrerin! Nicht gerade so wunderbare Märchen oder gar schauerliche Räuber- und Geistergeschichten, wie sie einige der Kinder daheim von ihren Dienstmädchen gehört hatten, die beim Erzählen sich selber gefürchtet; aber sie konnte so gar nett berichten von der Zeit, wo sie klein gewesen war, von dem Dörflein, wo ihre Kinder bis jetzt aufgewachsen waren, vom Michele und Stoffele, vom Gretle und Liesele dort, daß die Kinder nicht müde wurden, zuzuhören; es waren ihnen die Dorfkinder seither vorgekommen, eines wie das andere, fast wie eine Art von Tierlein; jetzt erst sahen sie, daß es auch verschiedenartige unter ihnen gab, lustige und traurige, gute und böse, wie unter den Kindern der Stadt. Das muß ich nun freilich sagen, auch über der schönsten Geschichte überhörten sie nicht die Stunde, wo sie, an schönen Tagen im Freien draußen, ihr Vesperbrot essen und sich vergnügen durften. Interstitium (Zwischenpause) nannte ihr Lehrer diese freie Viertelstunde und sie hießen es beharrlich »Unterstützung«, weil sie dachten, diese Zeit sei dazu da, um sich zur Arbeit zu unterstützen. Da gingen denn die Mäulchen zum Essen und zum Plaudern! Von selbst war noch nie eine zur Schulstube zurückgekehrt, Frau Pfarrerin mußte meist zweimal mit dem Glöckchen schellen, und es brauchte eine gute Weile, bis all die Händchen gewaschen waren und die Arbeit wieder im Gange. Mittwoch war der einzige Tag, wo nachmittags Strickstunde gehalten wurde, weil da keine Schule war, und bei schönem Wetter saß man unter dem großen alten Birnbaum, um den sich Sitze und Tische zogen. Es war ihm schon der Tod geschworen, dem guten, alten Burschen, der doch von seinen jungen Jahren an so viel saftige Birnen heruntergeschüttelt hatte; aber jetzt trug er nicht mehr viele, der Stamm war zerklüftet und an seiner Stelle sollte bald ein Haus gebaut werden; nur die Frau des Werkmeisters hatte Jahr um Jahr immer noch Aufschub für ihn erbeten. Die kleinen Mädchen ließen sich das einstweilen nicht anfechten; sie saßen gar zu gern unter dem Birnbaum, wo man hinaussah in das weite, grüne Thal, wo man die Marktleute und hie und da auch schöne Wagen und Reiter auf der Straße vorüberziehen sah; Singen und Stricken, Spielen und Plaudern, alles ging noch schöner unter dem Birnbaum. Freilich schauten oft auch die Knaben herüber von der Baustätte, die ihr Tummelplatz war, und kamen nah und näher gegen den Birnbaum, schnitten Gesichter gegen die Mädchen und riefen ihnen halblaut Spottnamen zu, hatten ihnen auch einmal alle ihre Hütchen genommen, die sie abgelegt hatten, und oben am Geländer des Hühnerstalls, zu dem ein Treppchen hinaufging, aufgehängt und die Hühnerleiter dann weggezogen. Was gab das ein Geschrei und Jammern unter den kleinen Mädchen, als sie ihre schönen Hütchen nicht fanden und sie endlich da oben hängen sahen und nicht wußten, wie sie hinaufkommen sollten! Frau Pfarrerin aber, so sanft und freundlich sie sonst war, die verstand hier keinen Spaß. Sie erblickte die kleinen Missethäter, die sich hinter einem Busch versteckt hatten, um sich an dem Jammer zu ergötzen, den sie angerichtet. »'raus da, ihr unartigen Bursche,« kommandierte sie, »im Augenblick holt ihr die Hühnerleiter und steigt hinauf, nehmt sachte und vorsichtig die Hütchen und tragt sie herunter! Ich kenne dich, Roller, und deinen Papa, und ich kenne eure Lehrer; wenn ihr nicht sogleich die Hütchen unverdorben bringt und mir versprecht, daß ihr nie mehr solchen Unfug treiben wollt, so sage ich's heute noch euren Eltern und den Lehrern, dann wird's euch schlecht gehen!« Und innerlich knurrend, aber doch unverzüglich krochen die Buben unter ihrem Busch hervor, und mit stiller Verwunderung sahen die kleinen, mit heimlichem Kichern die größeren Mädchen, wie sie gehorsam die Leiter anlegten, hinaufkletterten und sachte, sachte eines der Hütchen nach dem anderen herabbrachten und mit halb abgewendetem Gesicht auf den Tisch legten nach der Frau Pfarrerin Befehl. »Wollen's nicht mehr thun,« knurrten sie noch, als sie abzogen. Die Mädchen hielten sich ganz nahe zusammen, als sie mit ihren wiedereroberten Hütchen heimwärts gingen; sie hatten Angst, ob die Jungen nicht noch Rache an ihnen üben wollten. Die standen in einem Trüppchen zur Seite, als die Mädchen an ihnen vorüberkamen, schämten sich aber doch ein bißchen; nur ein paar der Frechsten riefen ihnen halblaut nach: »Ihr Äfflein, ihr Frätzlein, was braucht ihr Hüte?« Das schadete den Mädchen nichts, und von da an blieben sie unangefochten von den Buben. Die kleine Sarah Die meisten der Mädchen kamen aus der Stadt, und ihr Weg führte sie an einem großen, ganz neuen Hause vorüber, dem ersten der Vorstadt, das sie immer mit Vergnügen anschauten; es hingen so gar schöne, gemalte Rouleaus vor den Fenstern, auf dem Balkon stand ein goldglänzender Käfig mit einem Papagei, der schreien konnte für vier; wenn die Fenster offen standen, sah man prächtige, buntfarbige Tapeten und allerlei schöne, gemalte Vasen und anderes elegantes Geräte; in der Stadt waren solche Häuser nichts Seltenes, aber in der Vorstadt war es das einzige seiner Art. Ein Garten war nicht davor, aber ein Vorplatz hinter blankem Gitter, dessen Pforte immer offen stand. Auf der eleganten Gartenbank neben der Hausthür saß an jedem schönen Tage, wo die Kinder vorbeikamen, ein kleines Mädchen mit kohlschwarzen Haaren, in elegantem, buntfarbigem Kleidchen mit einer großen Puppe auf dem Schoß. Die Puppe war prächtig aufgeputzt, in einem hellgrünen Kleid; sie hatte einen rosa Seidenhut mit weißen Federn und eine Mantille wie eine große Dame; auch stand ein eleganter Puppenwagen dabei, darin man sie fahren konnte nach Belieben. Das kleine Mädchen schien aber doch etwas Langmeile zu haben und wußte nicht so recht, was sie mit der schönen Dame anfangen sollte; sie schaute oft ganz verlangend den Mädchen nach, wie sie in eifrigem Geplauder vorüberzogen. Als sie bemerkte, daß diese manchmal bewundernd nach ihrer schönen Puppe schauten, da stellte sie sich mit ihr unter die Pforte, hatte ihr auch einmal zur Abwechselung ein rotes Kleid angezogen und ein Strohhütchen mit Blumen aufgesetzt und hielt sie recht vor sich hin, damit sie sie sehen könnten. Die Kinder fanden die Puppe wirklich recht schön, wenn auch Else Müller leise der Minna Kuhn zuflüsterte, sie sei doch ein bißchen » gakelig « angezogen, ihre Puppe Julia daheim sei schöner in einem blaßblauen Kleide. Auch das Mädchen starrte sie neugierig an, es fiel jedoch keiner ein, ihm einen freundlichen Gruß zu sagen; die Kleine da drinnen, obgleich sie nicht eben scheu aussah, war auch zu schüchtern dazu, und so zogen sie immer stumm aneinander vorüber, »'s sind Judenleute,« vertraute Elfe Müller einmal leise ihren Gespielinnen an, »aber sie sind reich.« Die Kinder dachten sich nichts Besonderes dabei, kamen aber doch noch weniger dazu, mit der kleinen Schwarzhaarigen nähere Bekanntschaft anzuknüpfen. Einmal aber, bei sehr schmutzigem Wetter im Herbst, da begab sich's auf dem Heimweg von der Strickschule, daß Minna Kuhn der Länge nach hinstürzte; sie war über einen alten Ball gestolpert, und Klärchen Lenz, die auch dabei war, behauptete, sie habe gesehen, wie den der bösartige Franz Roller aus einem Hinterhalt in ihren Weg geworfen. Nun, das ließ sich nicht mehr ergründen, auch hatte sich Minna keinen Schaden gethan; aber ihr sauberes Kleidchen, das war überall schmutzig geworden, und nun sollte sie am hellen Mittag in einem so garstigen Kleid durch die Stadt gehen! denn sie hatte noch einen weiten Weg. Die Versuche der Mädchen, das schmutzige Kleid zu reinigen, fielen schlimm aus, und Minna wußte im Augenblick nichts anzufangen, als jämmerlich zu meinen. Das schwarzäugige Mädchen war unter ihrer Hausthür gestanden und hatte das Unglück mit angeschaut, nun kam sie eilig herbei. »Komm herein, komm herein!« rief sie Minna zu, »unsere Magd soll dir's rein machen!« Minna folgte neugierig, und schweigsam kam ihre Gefährtin nach; es war ihnen nicht leid, einmal in das schöne Haus einzutreten. Eifrig und emsig sprang die kleine Sarah, so hieß das Mädchen, umher und rief der Magd, die gar bald mit einem Schwämme den Schmutz weggewischt hatte und Minna tröstend versicherte, daß keine Flecken bleiben werden. Nur naß war das Kleid noch, und das Dienstmädchen schlug vor, man solle es ein wenig aufhängen. »Ja, was soll ich thun, bis es trocknet?« fragte Minna. »Komm nur, du ziehst es aus! Rosine hängt es auf zum Trocknen, und ich bringe einstweilen mein Regenmäntelchen,« rief Sarah. Minna wollte erst nicht recht; Sarah aber brachte flink einen schönen, dunkelblauen Regenmantel, darein wurde das kleine Persönchen gewickelt, und Sarah holte, während das Kleid trocknen mußte, all ihre kleinen Herrlichkeiten herbei: ihre schönen Puppen, ihr großes Bilderbuch, um sie den Mädchen zu zeigen, die immer noch etwas verwundert und gar nicht so geschwätzig wie sonst in der Stube herumschauten. »Wo kommt ihr denn her und wo geht ihr hin alle Tage mit euren Körbchen?« fragte Sarah. »In die Strickschule zu Frau Pfarrerin Kraus,« sagten sie selbstverständlich, erstaunt, daß das Sarah nicht schon wisse. Und nun erzählten sie ihr, wie es so nett sei in der Strickschule mit Singen und Spielen und Erzählen; Sarah horchte ihnen gar aufmerksam zu und wollte immer noch mehr wissen. Das Kleid war getrocknet; ehe die Mädchen wieder gingen, kam auch noch Frau Lewald, Sarahs Mutter; die war sehr freundlich und schenkte ihnen Backwerk und Äpfel, so daß sie sehr getröstet abzogen, begierig, daheim als Entschuldigung für ihr spätes Kommen zu erzählen von dem Abenteuer in dem schönen Judenhaus. Sarah schaute ihnen nach mit ihren schwarzen Augen, solange sie sie noch sehen konnte. Sarah wird angemeldet. Die Arbeitsstunde war schon vorüber und das lebhafte kleine Völklein abgezogen; die Frau Pfarrerin war eben daran, die Sachen wieder zu ordnen; da klopfte es und kam eine stattliche, sehr schön gekleidete Dame herein. »Frau Rosalie Lewald,« stellte sie sich vor und sagte, daß sie nicht gar weit von hier, nahe am Stadtthor wohne. Frau Pfarrerin hatte sie noch nie gesehen, bat sie aber freundlich, sich zu setzen. »Ich habe ein kleines Töchterlein, mein einziges, neun Jahre alt,« hub Frau Lewald an, »das läßt mir Tag und Nacht keine Ruhe mehr, sie wolle zu Ihnen in die Strickschule. Was soll ich thun? Gern lasse ich das Kind nicht von mir; es ist meine einzige Freude daheim; die Söhne sind fort, ich kann ihr geben, was sie will von Spielsachen, und wollte ihr eine Lehrerin ins Haus kommen lassen – wir können das wohl; aber das Kind will eben zu Ihnen kommen wie die anderen Kinder, die sie alle Tage sieht vorbeigehen.« »Nun, wenn es Ihrer Kleinen Freude macht – es sind ja nur ein paar Stunden des Tags, daß Sie sich von ihr trennen müßten,« meinte die Frau Pfarrerin. »Ja, sehen Sie, ich will es Ihnen aufrichtig sagen,« erwiderte Frau Lewald. »Es ist, wie gesagt, mein einziges Töchterlein. Dem Kind zuliebe, weil es nicht recht kräftig ist, hat mein Mann das neue Haus hier in der Vorstadt gebaut – es hat uns gekostet viel Geld –, weil der Doktor gesagt, es sei ihm gesund, in freier Luft zu sein. Nun habe ich gehört mehr als einmal, daß Kinder, die in so eine Arbeitsschule gegangen, sind krank geworden oder gar gestorben. Sehen Sie, da liegt's auf mir wie eine stille Angst, wenn ich mein Kind von mir lasse, es möchte mir auch krank werden. – Den Schulunterricht, den lassen wir ihm im Haus von einem Lehrer geben, wenn's gleich viel teurer ist.« »Die Strickschule wird nicht gerade Ursache am Erkranken sein,« sagte lächelnd die Frau Pfarrerin, »meine kleinen Mädchen sind bis jetzt alle gesund geblieben; ich habe auch deshalb eine Wohnung in der Vorstadt genommen, weil da bessere Luft ist. Es kann ja sein, daß da oder dort Masern oder Scharlach in dem Haus von einem der Kinder ausbricht, da muß man eben vorsichtig sein...« »Ich will auch darauf nicht mehr sehen, weil es so ein Wunsch ist von der Kleinen, mein Kind steht in Gottes Hand,« sagte die sorgliche Mutter, »aber – Frau Pfarrerin – wir sind Israeliten...« »Das hindert mich nicht. Ihr Kind mit Liebe aufzunehmen,« sagte Frau Kraus, die es schon erraten hatte. »Ich glaube es, aber – sehen Sie, es ist unser einzig Töchterlein, wir halten getreu zum Glauben unserer Väter – Sie wissen wohl, daß nicht alle Christen freundlich gegen uns gesinnt sind. Wenn mein Kind sollte gekränkt werden, oder auch – wenn man suchen wollte, es abwendig zu machen von unserem Glauben... Ich könnte es in ein Institut schicken, wo lauter Kinder von Glaubensgenossen sind, aber – wir können uns nicht trennen von dem Kinde.« »Dafür will ich gut stehen, daß Ihre Kleine von den Kindern freundlich behandelt werden soll,« tröstete sie die Frau Pfarrerin; »auch in ihrem Glauben soll das Kind nicht gestört werden; wir singen und sagen freilich manchmal Lieder in unserer Schule, auch lese ich den Kindern aus der Bibel vor, darin sind ja aber auch Ihre heiligen Geschichten...« »Nun ja, Sie gefallen mir,« entschied Frau Lewald, »und weil mein Kind so gern möchte, so will ich's ihm auch nicht abschlagen; wenn Sie es erlauben, so soll Sarah kommen.« Sarahs Eintritt. Am Montag darauf war große Bewegung in der Strickschule. Feierlich geleitet von Minna Kuhn und Klärchen Lenz, die sie unter ihre Fittiche genommen hatten, trat die kleine Sarah Lewald ein, fast zu schön geputzt für eine Strickstunde am Werktag. Die Frau Pfarrerin begrüßte sie gar herzlich und freundlich, sie gab ihr die Hand und küßte sie auf die Stirn; auch wurde die Kleine alsbald zutraulich und saß auf dem vorderen Platz auf dem Bänkchen, als ob sie immer da gesessen hätte. Sarah hatte ein gar zierliches Strickkörbchen von Silberdraht, schöne Stricknadeln von blauem Stahl mit vergoldeten Spitzen und buntes Garn zum Stricken. Aber – das Stricken selbst, das wollte gar nicht gehen, Sarah hatte kaum angefangen, es zu lernen, und hatte ganz und gar keine Freude daran. Die Mädchen, die zuerst respektvoll auf ihre schönen Kleider und auf ihr feines Strickgerät geschaut hatten, sahen jetzt ziemlich geringschätzig, daß das neunjährige Mädchen erst mußte recht Maschen machen lernen, wie das kleine fünfjährige Lottchen Maier, das schon so eifrig an seinem Strickzeug knupperte und von ihrem Wunderknäuel sich immer Bonbons herauszupfen wollte, wovon ihr Garn klebrig wurde. Das blieb aber nicht lange so. Sarah war gar nicht ungeschickt, und als Frau Pfarrerin ihr sagte, sobald sie hübsch stricken könne, so dürfe sie auch eine schöne Arbeit machen, vielleicht einen hübschen Lampenteller für ihre Mama oder einen kleinen Aschenbecher für Papa, da war sie so eifrig und so aufmerksam, daß in kurzer Zeit schon ihr Strickzeug neben den besten sich durfte sehen lassen. Stumm blieb sie auch nicht, die kleine Sarah, wie am ersten Tag, wo sie die großen schwarzen Augen so weit aufgemacht und nur ganz still herumgeschaut hatte in der Stube, die gar nicht so schön, nicht mit so vielen bunten Sachen ausgeschmückt war, wie ihre Zimmer daheim, und die ihr doch so wohl gefiel. Die Frau Pfarrerin hatte ein einziges Töchterlein gehabt, das ihr früh schon gestorben war; von dem hatte eine Freundin ihr ein schönes Bild gemalt, das vorn an der Wand hing, so daß die Kinder es gerade im Auge hatten. Auf dem Bilde saß ein weißgekleidetes Kind mit blonden Locken auf einem Rasen, ganz unter Blumen, Blumen auf dem Schoß und Blumen in der Hand; zur Seite aber schwebte ein Engel, der winkte dem Kinde mit einer Hand, mit der anderen deutete er hinauf, hoch zum blauen Himmel; von dem Bilde konnte Sarah den Blick nicht wenden, aber sie war zu schüchtern, um danach zu fragen. Minna und Klärchen führten sie ein bei den anderen Mädchen, sie machten einigermaßen Staat mit ihr; obgleich sie ein Judenkind war, war sie doch noch neu in der Schule und so schön angezogen! Sie rühmten oft und gern davon, wieviel prächtige Sachen sie gesehen in ihrer Eltern Haus; das Mäulchen der kleinen Sarah ging bald so flink wie die anderen, so daß die Frau Pfarrerin oft Stille gebieten mußte. Still aber wurde die Kleine im Augenblick, wenn morgens vor Beginn der Arbeit die Liederbüchlein herumgegeben wurden und die Frau Pfarrerin sich an das kleine Piano setzte. Die jungen Stimmlein, wenn sie auch noch schwach waren, klangen gar lieblich zusammen; aber Sarahs Stimme tönte aus allen heraus; fast zu voll und zu schön für so ein junges Kind, dachte im stillen die Frau Pfarrerin, die sich von Herzen daran erfreute. Sarah sang mit von ganzer Seele, sie besann sich vielleicht nicht über die Worte; aber sie lebte in dem Gesang und sang so andächtig mit wie die Christenkinder, wenn sie zur Vorbereitung auf die heilige Weihnacht das Adventslied lernten: »Macht hoch das Thor, die Thüren weit. Es kommt der Herr der Herrlichkeit, Ein König aller Königreich', Ein Heiland aller Welt zugleich.« Sie hatte ja erzählen hören daheim vom Vater, daß noch einmal ein Messias kommen werde und mit ihm eine herrliche Zeit auf Erden; vielleicht dachte sie daran, wenn sie so von Herzen mitsang, daß der Lehrerin oft das Auge feucht wurde. Sarahs Name Schöne, besondere Namen sind für kleine Mädchen immer etwas Wichtiges. Ich weiß noch, was für wunderbare Namen wir unseren Puppen beilegten, wie wir sie da und dort in einem Buche aufgeschnappt oder gar selbst erfunden hatten: Gustladine, Sarinka, Roxolana und was sonst alles. Auch die Mädchen in der Strickschule verglichen manchmal ihre Namen untereinander; da war eine Manuela und eine Gabriele, die Jella genannt wurde, so hätten doch gern alle heißen mögen! Die Luischen und Marien, die hatten kaum mehr den Mut, ihre Namen zu nennen. Sarah hatte noch keine von den Mädchen geheißen. »Höre, warum heißt denn du eigentlich Sarah?« fragte einmal Helene Schnepper, eine der kecksten, in der freien Viertelstunde, während gevespert wurde; »deine Mutter heißt ja Rosalie, und solche Namen sind eigentlich nicht mehr Mode, auch bei den – Juden nicht;« sie scheute sich doch etwas, das auszusprechen. Die anderen Mädchen sahen verwundert auf, Sarah wurde rot und es traten ihr Thränen in die Augen: »Meine Großmutter hat so geheißen, und die war so fromm, auch schön ist sie gewesen; es hängt so ein prächtiges Bild von ihr in unserer großen Stube, da hat sie ein seidenes Kleid an und eine goldene Kette;« sie wußte sonst nicht recht, die Kleine, wie sie ihren ehrlichen Namen verteidigen sollte. Frau Pfarrerin war eben eingetreten, sie sägte nichts darüber, sie fragte nur: »Wer kann mir etwas erzählen von der Sarah?« Da mußte nun die und jene etwas, keine konnte es freilich so schön erzählen wie die Frau Pfarrerin, daß Sarah nicht nur »so eine alte Jüdin« gewesen sei, wie die kecke Helene gemeint, sondern die Frau des Hirtenfürsten Abraham, bei dem im kühlen Schatten der Palmbäume, unter seiner Hütten Thür die drei wunderbaren Männer eingekehrt sind, unter denen der Herr selber war; wie Sarah sich beeilt hatte, ihnen zu bereiten und zu bringen, was sie nur Gutes hatte, und wie der liebe Gott ihr noch ein Söhnlein beschert zu ihres Herzens Freude. Die kleine Sarah selbst durfte noch erzählen von dem Sohne Isaak, den sein Vater hatte opfern wollen auf des Herrn Befehl, so weh ihm auch das Herz darüber that; wie Isaak sich willig hatte niederlegen lassen auf den Opferaltar, und wie ein Engel vom Himmel hatte Einhalt gethan, so daß die beiden fröhlich und gesund wieder heimgekehrt sind in die Hütte zu der Mutter Sarah. Sie hatten's ja alle schon gewußt; aber sie haben es doch gern wieder gehört und sich verwundert, daß Sarah so gut aus der Bibel erzählen konnte; die aber war getröstet und schämte sich gar nicht mehr an ihrem Namen. Weihnachten Die Frau Pfarrerin gab den Kindern keine Aufgaben für daheim, aber sie hatte es gern, wenn sie nach dem Morgenlied einen Spruch oder Liedervers aufsagten; Sarah wurde nie befragt, das betrübte sie fast, aber sie sagte für sich im stillen die Verse oder Sprüche nach; daheim redete sie nicht davon. Je näher Weihnachten kam, desto lebendiger und bewegter wurde es in der Strickschule; der langweilige Strickstrumpf war nun verbannt, bunte Bündchen, Silberstramin, Seide, Perlen und Wolle wurden zusammengetragen und die raren Kunstwerke verfertigt, bei denen freilich die gute Frau Pfarrerin das Beste that. Minna stupste einen grünen Lampenschirm aus; Manuela, die durfte gar eine seidene Börse häkeln mit Stahlperlen; selbst Lottchen, das allerkleinste, knupperte eifrig an einem roten Streifen, der ein Serviettenband für ihren Papa geben sollte. Sarah arbeitete an dem versprochenen Lampenteller; »aber recht groß muß er werden,« bestellte sie, »daß man unseren Sabbathleuchter darauf stellen kann.« Denn wenn die anderen jetzt erzählten und rühmten nach der Reihe, wie schön es bei ihnen werde am Christabend, wie groß ihr Baum sein werde, wie prächtig die Glaskugeln im vorigen Jahr daran gewesen seien, und wie hell die Lichter, so wollte Sarah doch auch etwas zu rühmen haben. Geschenke bekam sie auch zur Weihnachtszeit, und sie hatte vorher schon mehr als die meisten der Kinder; nur ein Baum wurde nicht angezündet, der Vater hätte das nicht gelitten, wenn auch die Mutter es dem Kinde gern zuliebe gethan hätte. Aber sie erzählte, wie an jedem Sabbathabend der silberne Leuchter mit sieben Armen angezündet werde, das Zimmer ganz schön geschmückt und sie und die Mama sich kleiden in ihre besten Gewänder. »Dann kommt der Vater heim, und wie die Brüder noch da waren, hat er uns allen den Segen gegeben; jetzt bin ich allein, aber er vergißt es kein einzigmal. Und das ist doch auch schön,« rühmte sie, »wenn dann die Stube so hell ist und so rein, und mir sitzen in unseren Festkleidern am schön gedeckten Tisch, während draußen die Leute noch in alten Röcken auf der schmutzigen Gasse sich umtreiben.« Auch von ihrer Großmutter erzählte sie, die sie einmal hatte besuchen dürfen in einer Stadt, wo die Israeliten noch ganz nach der alten Sitte ihres Volkes leben können. Da hatte man zum Laubhüttenfest in wirklichen Lauben gewohnt, von grünen Tannenzweigen geflochten, und allerlei gute Sachen genossen. Mit ehrfurchtsvollem Schauer hörten die Mädchen, wie am Tage der Zerstörung Jerusalems die Großmutter den ganzen Tag in ihrem Sterbekleide dagesessen sei und habe Klagelieder gesungen. Fast hätte sie's gelüstet, auch ein Judenkind zu sein, zumal da es Sarah so gut hatte, daß sie am Samstag nicht in die Schule durfte, und am Sonntag obendrein nicht. Nach dem Christtag hatten die Kinder gar viel zu erzählen und zu rühmen von allem, was ihnen das Christkind gebracht. Es verwunderte die Kinder, daß auch Sarah schöne, goldene Ohrgehänge und ein Buch als Festgeschenke zeigte. »Höre,« sagte die kecke Helene, »wie könnt ihr denn Weihnachten feiern? Ihr glaubt ja nicht an den Heiland.« Sarah sah auf mit dem seltsam traurigen Blick, den man manchmal an dem sonst munteren Kinde bemerkte. »Die Mutter will mir doch eine Freude machen,« sagte sie entschuldigend. – »Warum dann gerade am Christtag?« fuhr hartnäckig Helene fort; »der Christtag geht die Juden nichts an.« Die anderen Mädchen verstummten und schauten alle mißbilligend auf Helene; nein, so grob wäre keine von ihnen gewesen. Leise war die Frau Pfarrerin eingetreten, sie hatte es wohl gehört und sah noch Thränen in Sarahs Augen. »Weißt du nicht, Helene, daß der Heiland unter den Juden und als ein Jude geboren ist?« fragte sie, »und daß unsere deutschen Voreltern erst lange nachher von ihm gehört haben?« »Ja, aber die Juden haben ihn verstoßen und umgebracht,« sagte Helene leise, wie um sich zu rechtfertigen, sie wußte wohl, daß sie hart gewesen war gegen Sarah. »Nun, glaubst du nicht, daß er gerade um die heilige Weihnachtszeit vielleicht auch noch leise herniederkommt und anklopft bei seinen alten Brüdern?« fragte die Lehrerin sanft. Es ward nichts mehr darüber gesagt, Sarah war diesen Morgen stiller als sonst; sie wurde nun aber nie mehr geneckt oder geplagt wegen ihres Glaubens. Die Kinder lernten ihre Lieder und ihre Sprüche, das Judenkind sang mit heller Stimme mit, aber beim Aufsagen wurde sie nicht mit aufgerufen. In der Bibel lasen sie jetzt die schöne Geschichte von Joseph, an der sie immer wieder Freude hatten. Die lebhafte Sarah weinte fast, als sie lasen und Frau Pfarrerin ihnen so schön erzählte, wie der verratene Joseph im prächtigen Fürstensaal die treulosen Brüder, die ihn verkauft hatten, wieder begrüßte mit lautem Weinen. »Glaubt ihr nicht, Kinder,« sagte die Lehrerin mit sanfter Stimme, »daß am Ende der Tage, wenn der Heiland wiederkehrt, auch sein Volk, in dem er geboren, den Bruder wiedererkennen wird, und daß er ihnen zuruft in Liebe: 'Ich bin euer Bruder, den ihr verkauft habt,' daß er sie da an sein Herz nehmen und ihnen alles vergeben wird?« Die Kinder hatten nicht alle verstanden, was sie meinte, nur Sarah hatte kein Wort verloren; sie schaute sie wieder so ernst und aufmerksam an und blieb still, auch als die anderen wieder zusammen plauderten. Zum Schluß des Winters Der Winter wurde am Ende lang in der Strickschule, wenn die Fenster fest geschlossen waren und die Kinder die zwei Stunden so ganz in der Stube bleiben sollten; es ist aber allemal wieder Frühling geworden! Noch ehe es so weit kam, hatte Frau Lewald einmal die ganze Strickschule zu ihrer Sarah eingeladen. Das war eine große Wichtigkeit, als Sarah verkündete: »Hört, meine Mama hat so viel Kuchen gebacken und bestellt noch eine Torte vom Konditor – so groß!« und sie breitete die Arme aus, so weit sie konnte, »und in unser zweitschönstes Zimmer dürfen wir sitzen, da find auch noch grüne Plüschmöbel – in dem allerschönsten, da ist roter Seidendamast!« Helene war sehr im Zweifel, ob sie auch geladen würde, die gutmütige Sarah war zwar lange schon wieder gut Freund mit ihr; aber ob sie's nicht ihrer Mama erzählt hatte? – Nein, das hatte sie nicht. – »Höre,« sagte Helene bedenklich zu Minna, als von der langverkündeten Einladung gesprochen wurde, leise, daß Sarah es nicht hörte, »darf man auch alles essen, was die Juden backen?« – »Dummes Ding,« entgegnete die, »sie dürfen bei uns nicht alles essen, wir aber bei ihnen, so viel mir kriegen.« Und das that auch Helene redlich, als sie mit den anderen freundlich eingeladen wurde und in der »zweitschönsten« Stube sitzen durfte, die noch sehr schön war, wo Sarah all ihre Puppen und Spielsachen und Bilderbücher aufgestellt hatte, so daß die kleinen Mädchen nicht wußten, wo anfangen mit Spielen, wenn sie Zeit hatten vor dem Essen all der guten Dinge. Frau Lewald freute sich, daß ihre Sarah, seit sie zur Strickschule ging, so viel munterer und vergnügter war – Sarah hatte ihr nie gesagt, daß sie dort einmal gekränkt worden sei –; so wollte sie gern den Kindern alle Freude machen, und die kleine Sarah war glückselig, daß sie so bewirten durfte! Sie sprang emsig hin und her und brachte immer wieder etwas Schönes zum Besehen oder zum Spielen, ja sie fand für jedes der Kinder noch ein kleines Geschenk, das sie ihnen mitgab. Es war eben gar zu schön bei der Sarah! Helene, die sich fast wie einer der bösen Brüder Josephs vorkam, sagte auf dem Heimweg leise, zu Klärchen: »Du, aber die Juden sind doch recht brav! und weißt, Herr Lewalds, die sind ja noch gar nicht auf der Welt gewesen, wie sie den Heiland getötet haben, die können nichts dafür!« »Sarahs Visitle,« von dem man noch lange redete und der Frau Pfarrerin viel, viel erzählte, war ein schöner Schluß für den langen Winter. Es kam milde, warme Luft und Sonnenschein, so daß man die Fenster aufmachen konnte; die Vöglein, die alle Morgen in Scharen an die Fenster gekommen waren, um die Brosamen aufzupicken, die die Mägdlein ihnen hingestreut, saßen jetzt auf den Bäumen im Garten und sangen zum Dank gar liebliche Weisen. Das Tischchen, daran Frau Pfarrerin saß, stand voll niedlicher Sträußchen, Schneeglöckchen, Veilchen und rote Leberblümchen, die die Mädchen ihr zum Gruße mitgebracht, ja, man konnte noch einmal unter dem Birnbaum draußen sitzen, ehe die Osterferien begannen. Diese sollten diesmal etwas länger währen, da die Frau Pfarrerin verreisen mußte zu einer kranken Schwester. Sie hatten in letzter Zeit die Geschichte vom Leiden und Tode des Heilands bis zu seiner Auferstehung gelesen, da die heilige Zeit so nahe war. Die Kinder hörten andächtig zu; aber sie hatten es alle schon oft gehört, daheim und in der Schule, es war ihnen nicht so wichtig mehr. Sarah aber, die verwandte kein Auge von der Lehrerin und lauschte auf jedes Wort, das gelesen wurde; ihr sonst so munteres Gesichtchen Wurde gar traurig dabei; als die letzten Worte des Heilandes gelesen wurden, die er am Kreuz gesprochen, da senkte sie tief, tief ihr schwarzes Köpfchen, weil sie nicht wußte, wie sie die Thränen verbergen sollte. Verwundert schauten sie die Kinder an, die ihr zunächst saßen; sie hatten dabei nie weinen müssen. Frau Pfarrerin hatte es wohl bemerkt, und statt, wie sie gewollt, heute abzuschließen, erzählte sie weiter, wie sie nach dem Tode die Leiche des Heilands so sanft und sorgsam in reine Linnen gewickelt und in ein neues Grab gelegt haben. Sarah trocknete ihre Thränen und sah getrösteter aus. Als sie aber noch berichtete, wie die trauernden Frauen das Grab besucht, wie sie es offen gefunden und den Herrn lebendig und auferstanden wiedergesehen hatten in Freude, den sie hatten sterben sehen in Qual – da war's, als nehme man der kleinen Sarah eine Last vom Herzen; ihr ganzes Gesichtchen leuchtete auf, und das Judenkind ging heim, so glücklich, wie sie nie über eine Freude gewesen war, die ihr selbst widerfahren. Wie hell und wie freudig sang sie in der nächsten Stunde, der letzten vor Ostern, das Osterlied mit: »Wach' auf, mein Herz, die Nacht ist hin, Die Sonn' ist aufgegangen; Ermuntre dich, mein Geist und Sinn, Den Heiland zu empfangen, Der heute durch des Todes Thor Gebrochen aus dem Grab hervor. Der ganzen Welt zur Wonne!« Sarah nahm freundlich Abschied von der Lehrerin; sie war erstaunt, baß über die wunderbare Geschichte von den Mädchen gar nicht geredet wurde, wie oft über gewöhnliche Erzählungen. Daheim aber hat sie nichts davon erzählt, sie hat nur leise das Osterlied vor sich hingesagt. Schluß. Es hat ziemlich lange angestanden, bis diesmal die Strickschule wieder angefangen hat, da die Frau Pfarrerin ihre Schwester nicht früher verlassen konnte. Jetzt waren herrliche Maientage, die Bäume standen in Blüte und es war ein ganz Vergnügliches Wandern für die Kleinen zur Strickschule hinaus in die sonnige Vorstadt. Es war auch recht unruhig, viel Herumtrippeln und Fragen, bis für jede wieder ihre Arbeit gerüstet und angefangen war. Den Wunderknäuel des kleinen Lottchens hatte ihr inzwischen die Schwester daheim abgestrickt, und sie zeigte ein kleines Porzellanpüppchen, das innen drin gewesen war; man solle ihr jetzt Strümpfchen anfangen für ihr kleines Brüderlein. Die Frau Pfarrerin kam gar nicht zu Atem, und als sie den kleinen Mädchen verhieß, daß sie am kommenden Mittwoch einen schönen Spaziergang mit ihnen machen wolle zur Milchfrau, da ging vollends ein Jubel und Geplauder an, daß sie eigentlich froh war, wie die Abschiedsstunde schlug und die kleine Truppe abzog; es war so still gewesen in dem Pfarrhaus, von dem sie herkam, da mußte sie sich erst wieder gewöhnen an den Lärm, den ihre Schülerinnen machten. Erst am Nachmittag, als sie allein in ihrem Stübchen saß, fiel ihr ein, daß die kleine Sarah diesen Morgen nicht dagewesen sei. »Ist das Kind wohl krank, oder läßt es die Mutter nicht gern wiederkommen?« besann sie sich; sie hatte ja selbst gefunden, daß es doch für ein Kind andern Glaubens kleine Anstöße geben konnte. Da klopfte es und es kam eine Frau herein, ganz schwarz, in tiefe Trauer gekleidet. »Frau Lewald!« rief die Pfarrerin erstaunt. Sie hatte kaum die Frau wiedererkannt, die sie nur einmal heiter und in farbigen Kleidern gesehen hatte. Die Frau trug eine seine Schale von Krystall, mit den allerschönsten Frühlingsblumen gefüllt, die stellte sie auf den Tisch. »Ich soll Ihnen noch einen Gruß sagen von meinem Kinde und soll Ihnen zum Andenken die Schale bringen, sie hat sie in ihrer Krankheit bekommen, es war ihre letzte Freude im Leben.« Und die arme Mutter setzte sich nieder und weinte bitterlich. »Ihre Sarah tot? Ach, ich wußte ja gar nicht, daß sie krank war!« rief die Pfarrerin tiefbewegt mit Thränen in den Augen. »Sagen Sie, wie ist es denn gekommen? Wie gern hätte ich das liebe Kind noch einmal gesehen!« »O, wie hatte ich gern gehabt, daß Sie wären hier gewesen!« sagte Frau Lewald; »wie oft hat das Kind noch gefragt nach Ihnen! Es ist krank geworden noch im März, wie einmal wieder so ein paar kalte Tage sind gekommen. Mein Mann hat wollen der Kleinen eine Freude machen und hat sie mitgenommen zu einer Spazierfahrt; aber der Wind ist zu scharf gewesen und es kam ein arger Husten noch in der Nacht. Wir haben den besten Doktor geholt, nachher zwei, hat aber nichts mehr geholfen,« sagte die Mutter in tiefem Leid; »es war eine Lungenentzündung, oft ist sie nicht klar bei Sinnen gewesen. hat viel geredt von der Strickschule, von Ihnen und von den Kindern, und immer wollte sie einen Vers aufsagen und hat immer wieder angefangen: ›Wach' auf, mein Herz, die Nacht ist hin. Die Sonn' ist aufgegangen.‹ Und sie hat immer wieder gebeten: ›Helft mir doch, ich weiß es nicht weiter.‹ Da schickte ich zu Ihnen, daß Sie mein Kind besuchen möchten und ihr den Vers noch sagen, den sie wissen wollte; aber Sie waren verreist. Am Tag, ehe sie gestorben,« fuhr die Mutter fort, als sie vor Thränen wieder sprechen konnte, »da ist mein Kind ganz klar gewesen; sie hat gewußt, daß sie sterben muß, und hat mich gebeten, ich soll Sie noch recht schön grüßen und soll die Schale, die ihr Vater ihr in der Krankheit gebracht, neu füllen lassen mit recht schönen Blumen und sie Ihnen bringen zum Andenken.« Der Mutter Stimme erstickte wieder im Weinen, und die Pfarrerin konnte nichts thun, als ihr die Hand geben und mit ihr weinen. »Meine Schule war ja nun kein Grund zu des Kindes Erkranken,« sagte sie, ehe die Frauen sich trennten, »und doch thut mir's so leid, daß die Sorge sich erfüllt, die Sie zu Anfang gehabt.« »Ich will nicht klagen darob und nicht grübeln,« sagte Frau Lewald, indem sie ihre Augen trocknete, »wenn mir auch mein einzig lieb Töchterlein von der Seele geht; Gott hat es wohl mit ihm gemacht! Es hat sich ein anderer Geist in dem Kinde geregt, und das hätte bei uns zu vielerlei Jammer und Verwirrung führen können, denn mein Mann hält gar fest an unserem alten Glauben. Jetzt wird der Herr selbst ihr sagen, wie es recht ist; das Kind schläft im Frieden.« Und die Frauen schieden als gute Freundinnen. Der Maienspaziergang von der Strickschule wurde gemacht am allerschönsten Frühlingstag. In hellen Sommerkleidern, mit Strohhütchen mit Blumen bekränzt, schöne Sträußchen von Frühlingsblüten in der Hand, zog die junge Schar aus mit Freuden. Zuerst aber nahmen sie den Weg über den Friedhof, wo die kleine Sarah schlummert, und legten alle ihre Blumen auf ihrem Grabe nieder. Es ist sonst nicht Sitte bei den Juden, die Gräber der Toten mit Blumen zu schmücken; der Mutter hat es aber gewiß wohlgethan, wenn sie das Grab ihres Kindes besuchte. Die kleinen Mädchen waren bald wieder fröhlich und guter Dinge und spielten draußen im Grünen. Die Pfarrfrau aber weilte lange in ihren Gedanken bei dem Kindergrab. Die Schale hält sie hoch in Ehren, und sie denkt heute noch in Liebe des jüdischen Mägdleins, das nun den Schluß gefunden hat zu ihrem Osterliede. Die Kinder der Heide »Auf der Heide« nannte man einen hochgelegenen Platz nicht zu fern von der Stadt Eberburg, der sehr wenig besucht war; obgleich es nicht so öde und unfruchtbar dort aussah, wie mir uns sonst Heideländer denken, lag doch ein düsterer, unheimlicher Hauch über der Stätte. Man konnte von dem kleinen, netten Wohnhaus, das dort stand, hinübersehen auf die Türme und Zinnen des Schlosses, das eine Zierde der Stadt war; vor demselben lag ein freundliches Blumengärtchen, das noch Spuren einer ursprünglich zierlichen Anlage zeigte. Zwischen dem Gärtchen und einigen Kartoffel- und Gemüseländern, die noch zum Haus gehörten, führte der Weg zur Stadt hinunter. Hinter dem Hause ging es dem Walde zu, der die ganze Gegend zierte. Es war meist still da oben; doch sah man auf der Staffel vor dem Haus an allen warmen Tagen zwei Kinder sitzen, einen Knaben und ein Mägdlein, eifrig und meist einträchtig in ihre Spiele vertieft, die sie von sich selbst gelernt hatten, zu denen ihnen aber der Stoff nie auszugehen schien. An den ersten sonnigen Frühlingstagen saßen sie schon mit »Palmkätzchen« und »Himmelsschlüsselchen« da und fingen ein Handelsgeschäft an, bei dem die feineren Kieselsteine Goldstücke vorstellten und die gemeinen die geringe Münze. Der Garten gab ihnen ein unerschöpfliches Material zum Spielen; sie legten sich selbst schöne Gärtchen an mit Sandwegen darin und bepflanzten die Beete mit Blümchen und kleinen Zweigen. Katharine, die alte Hausmagd, schalt freilich oft, daß die Hausschwelle immer so voll »Gruft« sei; es war aber nicht so schlimm gemeint, und wenn die kleine Anita sagte: »O geh, Kathe, du bist gar nicht so bös, wie du thust,« so lachte sie oft gutmütig vor sich hin und sagte halblaut: »Spiel nur, arm's Tröpfle; hast ja sonst doch nicht viel Gut's.« Warum sie aber ein arm's Tröpfle sein sollte, das wußte Anita nicht; sie selbst kam sich gar nicht so vor und ihr Bruder Siegmund noch weniger. Ihre Mutter konnte sich Anita kaum mehr denken, aber Siegmund war schon vier Jahre alt gewesen, als sie gestorben war; dem war ein blasses, freundliches Gesicht noch in guter Erinnerung. Besuche kamen keine auf die Heide, hie und da etwa der Schneider aus der Stadt; der machte Kleider für den Vater und Siegmund, und seine Frau die für Katharine und Anita. »Bring' auch einmal deine Kinder mit,« sagte die Kleine; »wir haben ein Eichhorn im Garten, und Katharine gibt ihnen Apfel.« »Sie sind gar dumm,« sagte entschuldigend die Schneidersfrau, »sie fürchten sich.« Warum sich nun die Schneiderskinder fürchten sollten, das konnten die Kinder auf der Heide nicht begreifen, war doch ihr Haus und Gärtchen freundlich und nett. Bei dem Hinterhaus freilich, das ziemlich weit ab vom Wohnhause stand, mit einem großen Hof daran, wo Michel und Hans, die zwei Knechte, schliefen, da sah es unheimlich und wüst aus; da mochte Anita gar nicht hin, auch Siegmund war es von dem Vater verboten, hinüber zu gehen. Er hätte manchmal gern gewußt, was aus den Tieren wurde, die er oft auf einem schmalen Weg von hinten heraufführen sah: Pferde, Rinder, Schafe, und von denen nie wieder eines hinunterkam; auch hatten die Bursche selbst immer Luft, Possen mit ihm zu treiben; aber außer des Vaters Verbot flößten ihm der böse Geruch, der oft von dort herkam, und eine Blutlache, die er einmal hinten im Hofe gesehen, ein unbestimmtes Grauen ein. Der Vater war gut und freundlich gegen die Kinder; er brachte ihnen meist ein Schächtelchen Spielzeug, ein Bilderbuch oder eine Tüte Bonbons mit, wenn er über Feld gewesen war, und sprach nie hart mit ihnen; aber mit ihnen zu spielen, das verstand er nicht recht, er war ein stiller und ernsthafter Mann. Im Sommer arbeitete er fleißig auf seinem Acker oder in dem kleinen Garten; auch trocknete er allerlei Kräuter und Wurzeln, die er aus dem nahen Wald holte; da durften auch die Kinder mit ihm gehen, und sie waren glückselig, schöne Erdbeeren und Himbeeren zu suchen. Die getrockneten Kräuter wurden in einer oberen Stube aufbewahrt, in welche die Kinder aber nie kommen durften. Hie und da, besonders an Sonntagabenden, kamen Leute, die etwas kaufen wollten von Meister Scholter, wie sie den Vater nannten. Was es aber war, das er ihnen aus der oberen Stube holte, wußten die Kinder nicht; sie wußten auch nicht, warum die Leute oft in so gar mitleidigem Ton sagten: »Was für nette Kinder!« Wenn sie nett waren, so war das ja kein Grund, Mitleid mit ihnen zu haben. Es war ein schöner Sonntagnachmittag im Frühling; Mücklein und Herrgottskäferlein summten auf der Heide; Hans und Michel waren fortgezogen, um irgend ein Wirtshaus zu suchen; die Kinder saßen im Gärtchen, Anita setzte eine Kette von Schlüsselblumen zusammen, und Siegmund hatte Käfer gesammelt, mit denen er ein Wettlaufen anstellte. Der Vater saß auf der Bank vor dem Haus mit einem Buch in der Hand, wie er das gern that an Sonntagen; er blickte oft hinüber nach seinen Kindern und horchte ihrem Geplauder zu, aber er sah dabei wie immer ernsthaft aus; sie hatten ihren Vater noch selten anders gesehen. »Ein Herr!« rief da in höchster Verwunderung Siegmund; »ein Mädele!« noch viel erstaunter Anita. »Der Herr Prediger,« rief der Vater und kam mit abgezogener Mütze dem Herrn entgegen, der mit einem etwas bleichen Töchterlein, wenig älter als Anita, von der Straße her kam. »Guten Abend, Meister Scholter!« sagte der geistliche Herr und gab ihm die Hand; »wir haben uns lange nicht mehr gesehen.« »Lange, lange nicht mehr!« sagte Meister Scholter mit tiefem Ernst. »Wollen Euer Hochwürden mir die Ehre erweisen, mich zu besuchen?« »Ich habe einen Spaziergang mit meinem Töchterlein gemacht,« sagte der geistliche Herr, »ich dachte, die Luft auf der Höhe werde ihr gesund sein; aber es hat sie scheint's zu müde gemacht; so suchte ich nach einem Plätzchen, wo sie ausruhen könnte, und da ist mir erst wieder Ihr Haus ins Auge gefallen.« Das Töchterlein, das gar zart aussah, konnte kaum stehen; Meister Scholter wollte sie auf die Arme nehmen und ins Haus tragen; da er aber sah, daß der Herr Pfarrer dabei erschrak, ließ er sie an den Vater gelehnt in die Stube gehen. Katharine hatte ihren Gang zur Schneiderin gemacht, aber die Stube war immer rein und schön aufgeräumt; es stand auch ein Kanapee darin, auf das der Pfarrer seine Klara legte. Siegmund brachte auf des Vaters Geheiß frisches Wasser aus dem Brünnlein im Garten draußen; Anita stand schüchtern zur Seite und betrachtete den Gast, der so etwas Seltenes war in dem Haus auf der Heide. Der Meister brachte auch ein paar Äpfel, die Katharine noch aufbewahrt hatte, Wein und Zucker; und Klara, die nur vom Gang erschöpft gewesen, richtete bald wieder den Kopf auf und redete freundlich mit der kleinen Anita, die ihre Blumen und all ihre kleinen Herrlichkeiten dem Gast herbeibrachte. Der Herr Pfarrer sprach indes mit dem Meister über allerlei: »Wie alt sind Ihre Kinder? Sie werden nun doch das schulpflichtige Alter haben.« »Mein Siegmund war im Herbst sieben, ich habe ihn selbst ein wenig lesen gelehrt; er wäre lange schon für die Schule tauglich, aber,« setzte der Vater traurig hinzu, »meine Kleine ist dann so einsam, und ich mag keines der Kinder allein gehen lassen; Sie wissen ja...« »Nun,« sagte freundlich der Pfarrer, »dann schicken Sie beide zusammen, ich kann für Ihre Kleine leicht eine nette Vorschule finden; haben Sie vielleicht ein Haus in der Stadt, wo die Kinder über Mittag sein können?« »Ich denke, meine Katharine kann's vielleicht mit unseren Schneidersleuten ausmachen; abends können sie dann wieder heimkommen.« »Gut, Montag in acht Tagen fängt der neue Schulunterricht an; bringen Sie mir bis dahin die Kinder! Ich will sie selbst einführen.« »Das wolle Ihnen Gott vergelten, Herr Pfarrer!« sagte Meister Scholter; »mir würde es schwer fallen.« Klärchen war wieder ganz munter und in eifrigem Spiel und Gespräch mit Anita. Dem Stadtkind hatte das einsame Heidehaus einen besonderen Reiz und das Heidekind gefiel ihr besser als ihre Gespielen in der Stadt. Indes war auch Katharine zurückgekommen, sehr erfreut und erstaunt über den Besuch; sie kannte den Herrn Pfarrer, der Gefängnisprediger in der Stadt war; sie brachte noch allerlei aus ihrer Speisekammer: Honig und Heidelbeermus; das kleine Fräulein wollte aber nichts mehr annehmen, und der Herr Pfarrer eilte, nach Hause zu kommen vor Abend. »Kommst du auch wieder zu mir?« fragte Anita ihren Gast beim Scheiden. »O gern!« sagte diese, die besonderes Wohlgefallen an dem Töchterlein der Heide gefunden hatte; ihr Vater sagte nichts dazu. Anita freute sich königlich, als sie hörte, daß sie nun bald in eine Schule dürfe, wo viel andere kleine Mädchen seien. Siegmund war nicht so verlangend darnach; erst als ihm der Vater einen neuen Lederranzen und ein schönes Federrohr brachte, freute er sich und zählte jetzt auch mit Anita die Tage, bis wann die Schule anfangen sollte. In die Schule Die Kinder waren noch gar selten in die Stadt hinuntergekommen. Einmal hatte sie der Vater mitgenommen, als wilde Tiere dort zu sehen waren. Siegmund hatte sich höchlich erfreut und verwundert über die Löwen, Tiger und Bären; vor denen hatte sich Anita gefürchtet und sich dafür erfreut an den bunten Papageien und den weißen Kakadus mit goldgelben Büschchen. Ein andermal durften sie Katharine zur Zeit der Messe in die Stadt begleiten, wo sie sich sehr ergötzt hatten an den schönen Buden. Sie hatte Anita ein Puppenwägelchen mit einem Wickelkind und Siegmund einen kleinen Heuwagen mit einer Peitsche dazu gekauft. Er hätte so viel lieber einen blanken Säbel gehabt mit goldenem Griff, der so schön funkelnd an der Bude hing. Katharine hatte sich aber geschüttelt: »Nein, Bub', von mir kriegst kein Schwert, führ' du dein Wägele!« Daheim hatte Siegmund dem Vater geklagt, daß ihm Katharine kein Schwert gekauft; der aber hatte traurig den Kopf geschüttelt und gesagt: »Vielleicht bekommst du noch eins, ein großes; inzwischen spiel' du mit andern Dingen!« An dem bestimmten Montag flocht Katharine Anitas blondes Härchen in schöne Zöpfe und kleidete sie sorgfältig in das blaue Kleidchen, das sie bis jetzt nur Sonntags getragen hatte; auch Siegmund wurde sauber gewaschen und gekämmt; der Vater rüstete sich zum Ausgang und nahm sie mit. »Führt Ihr selbst sie in die Schule?« fragte Katharine. »Ich nicht, der Herr Pfarrer will so gut sein.« »So, so, dann ist's recht; mit den Schneidersleuten hab' ich geredet; es hat etwas schwer gehalten, bis sie die Kinder angenommen; aber – 's sind christliche Leute und 's braucht's ja niemand zu wissen.« Der Vater seufzte schwer und nahm die Kinder bei der Hand. Die zwei Knechte begegneten ihnen; sie führten miteinander ein Pferd, noch ein stattliches Roß von Ansehen, das aber gar müde und mit lahmem Fuß einherging. Meister Scholter betrachtete es sorgfältig von allen Seiten. »Ist nichts mehr zu machen,« sagte er; »aber daß ihr mir's gleich tot macht, hört ihr, und nicht plagt!« – »Soll rasch geschehen, Meister,« versicherte der Michel. »Vater, warum den schönen Gaul tot machen?« fragte Siegmund. »Er ist alt und lahm auf einem Fuß, er kann nicht mehr ziehen und gehen; so würde er nur geplagt.« »Ja, aber warum wird er gerade bei uns tot gemacht? Deshalb riecht es wohl oft so schlecht hier oben.« »Ihr braucht ja nicht nahe hinzuzugehen; man bringt die Tiere herauf, weil der Platz weit abgelegen ist von andern Häusern. »Warum wohnen aber wir gerade da so allein?« »Weil da unser Haus steht,« sagte kurz der Vater. Eben rief Anita, sie habe ein paar so schöne Blümchen gefunden; der Vater pflückte ihr noch andere, er zeigte den Kindern die Häuser der Stadt, die man jetzt von der Höhe aus sehen konnte; auch lehrte er Siegmund genau auf den Weg merken, damit er mit seinem Schwesterlein sicher den Heimweg finden könne, und es war ihm lieb, daß er auf diese Weise nicht immer wieder auf des Kleinen neugierige Fragen antworten mußte. In der Stadt kaufte er den Kindern eine Semmel beim Bäcker; dann ging er mit ihnen in das Haus des Schneiders, wo sie zu Mittag essen sollten. Siegmund dachte, sein Vater müsse ein vornehmer Herr sein; denn die Schneidergesellen ließen ihre Arbeit liegen und starrten ihn an mit offenem Mund. Die Frau, welche die kleine Anita schon kannte, grüßte sie freundlich. »So, Töchterlein, du sollst so früh schon in die Schule; nun, lern' nur brav, hast eine brave Mutter gehabt! Ja,« sagte sie zum Vater, »ich will Ihre Kinder dabehalten zum Essen um ein billiges Kostgeld und aus christlicher Liebe; vor Gott sind ja alle Menschen gleich, und die Kinder können nichts dafür.« Siegmund war ein aufmerksamer Junge, der oft mehr, als nötig war, darauf achtete, was die Erwachsenen redeten; er verstand nicht recht, warum es die Schneidersfrau so als eine Gnade anbot, daß sie um ein Kostgeld bei ihnen essen sollten; sah auch wohl, daß sein Vater gerade kein freundliches Gesicht zu der gnädigen Rede machte; doch sagte Scholter nicht viel dazu, nahm freundlichen Abschied von der Frau und bat sie, auf Anita recht achtzuhaben. »Ja, ja, das will ich,« versicherte die Frau; »sie hat eine braue Mutter gehabt.« – »Gewiß,« sagte der Vater, und sein Auge wurde feucht. Nun ging es zum Herrn Pfarrer; Anita freute sich, daß sie die Klara mit den blonden Locken wiedersehen sollte. Sie gingen an des Vaters Hand durch die Stadt; hie und da bemerkte Siegmund, daß Leute stehen blieben und auf sie deuteten; warum, verstand er nicht; der Vater schien keine Bekannten darunter zu haben, er grüßte niemand. Beim Herrn Pfarrer wurden sie in dessen Studierstube geführt. »Schön, Herr Scholter, daß Sie kommen,« sagte er freundlich; »wir können bald gehen, die Schule der Kleinen ist die nächste; für Siegmund habe ich die nötigen Bücher besorgt; geh du indes hinüber zu meinem Klärchen, Anita!« Klara begrüßte das Heidekind mit großer Freude; sie war eben daran, eine Puppe anzukleiden, brachte aber den neuen Anzug gar nicht zurecht. Anita mit ihren geschickten Fingerchen hatte in kurzer Zeit Amalia zierlich angekleidet; »so schön wie am Christtag!« rief Klärchen und nahm die Puppe vergnügt auf die Arme. Klärchen hatte, wie Anita, früh ihre Mutter verloren. Fräulein Richter, eine ältere Dame, besorgte das Haus und die Kleine, die sich ein wenig vor ihr fürchtete. Das Fräulein hatte von dem Dienstmädchen gehört, wer der Mann sei, der mit den Kindern zum Herrn Pfarrer gekommen, und trat etwas kühl in die Stube. »Da sehen Sie, Fräulein Emilie,« rief Klärchen, »wie schön mir Anita wieder die Puppe angekleidet hat! Sie haben gestern gesagt, das Kleid gehe gar nicht mehr.« »Ist nicht nötig, daß die Kleine sich mehr damit bemüht,« sagte die Dame kurz und machte die Thür weit auf. »Du kannst draußen warten, Kleine,« sagte sie zu Anita; »dein Vater wird bald kommen.« Klärchen war betroffen über den scharfen Ton des Fräulein Richter; Anita sah verschüchtert auf und ging schnell hinaus. »Komm nur bald wieder zu mir!« rief Klara, vielleicht nicht nur aus Liebe zu Anita, sondern auch aus heimlichem Trotz gegen Fräulein Richter. Eben kam der Pfarrherr mit Meister Scholter aus seinem Zimmer. »So komm, Kleine, gib mir deine Hand; wir gehen zur Schule.« – »Sie führen das Kind, Herr Pfarrer?« fragte Fräulein Richter. – »Ja, ich!« sagte er ernst und verließ mit ihnen das Haus. An der nächsten Ecke bot Meister Scholter seinen Kindern die Hand. »Behüt' euch Gott und lernt brav! Heute abend komme ich euch entgegen.« »Gehst du denn nicht mit?« fragte Anita betrübt. »Der Herr Pfarrer ist so gut,« sagte traurig der Vater; »ihr kommt ja auf den Abend wieder.« Und er ging rasch um die Ecke, so daß die Kinder ihn bald aus dem Gesicht verloren hatten. Anitas Schule. Die Kinder waren durch den geistlichen Herrn eingeführt in die Schule, Anita in die Vorschule der Jungfer Sibylle. Es war in einem kleinen Haus der Vorstadt, das aber eine geräumige Stube mit vielen niedrigen Bänkchen enthielt, darauf kleine Mädchen und Knaben in geordneten Reihen saßen. Sie kamen alle gern zur Jungfer Sibylle; jedes brachte ein Brot mit oder eine Semmel, im Sommer frisches Obst, im Winter Nüsse, Äpfel oder getrocknete Pflaumen; das wurde aber alles der Jungfer Sibylle anvertraut, die es in einem großen Korbe verwahrte und zur Vesperzeit verteilte. Neben den Lehnstuhl der Jungfer mußte sich eines der Kinder stellen und einen kleinen Liedervers zum Morgengebet sprechen. »Weißt du denn auch etwas, Kleine?« fragte am zweiten Morgen Jungfer Sibylle Anita, die sie recht freundlich aufgenommen hatte, da der Herr Pfarrer sie eingeführt. »O ja,« sagte die Kleine etwas schüchtern, »bei Nacht betet unsere Katharine ›Das walte‹ und morgens kann ich: ›Lieber Gott, nach dieser Nacht‹ das hat mein Siegmund noch von der Mutter gelernt.« Und sie stellte sich mit gesenktem Köpfchen und gefalteten Händen neben die Jungfer und betete: »Lieber Gott, nach dieser Nacht Bin ich fröhlich aufgewacht; Bleib' bei mir den ganzen Tag, Daß ich ein lieb's Mägdlein werden mag.« Sie hatte es ganz nett gemacht, die kleine Anita, und Jungfer Sibylle strich ihr wohlgefällig über ihr glattes, blondes Härchen. Gewöhnlich sagte sie den Kindern noch einen schönen Spruch oder Liedervers, den sie nachsprechen mußten, bis sie ihn ordentlich auswendig konnten; dann ging's hinaus auf den Rasenplatz vor dem Hause. O, was für schöne Spiele lernte da die Anita, die bis jetzt mit niemand als mit Siegmund gespielt, wo sie nichts hatten treiben können als Versteckens oder Fangis oder Ballspiel! Ringe Reihe, Kettenflechten, ei, wer sitzt in diesem Turm, und noch allerlei schöne Sachen, welche Jungfer Sibylle als Kind schon gespielt. Die schönen neuen Spiele vom Häslein und Lämmlein und andere, wie sie jetzt in Kleinkinderschulen getrieben werden, die verstand Jungfer Sibylle noch nicht, aber die Kinder hatten doch keine Langeweile. Wenn sie müde waren, so setzte sich die ganze kleine Schar um sie herum, und sie erzählte ihnen Geschichten aus dem Bibelbuch oder andere schöne Sachen; an Regentagen lernte, man ein bißchen länger, oder sie spielten mit Puppen und Bauhölzern. Anita war bald gut Freund mit den meisten der kleinen Mädchen und Knaben; sie war gar ein freundliches Dinglein, das andern gern nachgab, und sie verstand so gut zu spielen; sie gab sich willig zur Magd her, wenn die andern Mutter und Tochter bei den Puppen sein wollten, und konnte ganz schön die Puppengärtchen oder -stuben einrichten. Manchmal brachte sie auch hübsche bunte Fleckchen mit, die ihr die Schneidersfrau geschenkt und von denen man den Schulpuppen Halstücher oder Schürzen machen konnte. »Laß dir nur noch größere Fleckchen von deiner Mutter geben,« sagte eines der Mädchen, »damit es auch zu einem Kleide reicht.« »Die Schneidersfrau ist nicht meine Mutter,« sagte Anita, »meine Mutter ist im Himmel; bei Schneiders sind wir nur zum Mittagessen.« »Aber wo wohnt denn dein Vater?« »Auf der Heide,« sagte Anita, »und die Katharine kocht für uns.« »Was thut er denn auf der Heide? und wo ist das?« »Das ist oben auf dem Berg, nahe am Wald, und Vater hat dort einen Acker mit Kartoffeln und einen Garten, in dem er arbeitet; er hat auch schon verreisen müssen.« Die kleinen Mädchen wurden eigentlich nicht recht klug daraus, was der Vater der Anita sei. Siegmunds Schule. In Siegmunds Schule ging es gerade nicht immer so vergnüglich her wie in der Vorschule der kleinen Anita. Man war da zum Lernen, nicht zum Spielen, und wenn die kleinen Burschen nicht aufmerken und nicht still sitzen wollten, so kam Herr Kühner, der Lehrer, mit seinem Stock dazwischen. Siegmund aber lernte nicht ungern; der Vater hatte ihm schon die Buchstaben gezeigt, da freute es ihn, wenn er sie an der Tafel erkannte und mit lauter Stimme abzulesen vermochte. Und eine freie Stunde gab's auch; da tobten die kleinen Kerle hinaus wie junge Füllen und spielten Räuberlis und Jägerlis und alles mögliche; das gefiel Siegmund besser als seine stillen Spiele mit Anita auf der Heide droben. Wie bei Anita, so fragten auch bei ihm die Jungen: »Gelt, dein Vater ist der Schneider da draußen?« – »Nein,« erwiderte Siegmund entschieden; er mochte nicht gern einem Schneider gehören, das Handmerk war ihm zu still. – »Was ist denn aber dein Vater?« Nun, darauf hatte er sich selbst noch nicht besonnen. – »Ich hab's gehört,« sagte Schulmeisters Theodor, »daß der Herr Pfarrer zu meinem Vater gesagt hat, sein Vater habe ein kleines Gut auf der Heide.« »Wo ist denn das, auf der Heide?« »Ach, eben da droben, wo die Weinberge und die Äcker aufhören und bald der Wald anfängt.« »So, bin noch nie droben gewesen,« meinte gleichgültig der Schulkamerad. Im Schneiderhaus, da gefiel's dem Siegmund nicht so gut wie seinem Schwesterlein; er mochte nicht mit Fleckchen spielen und machte sich, sobald er konnte, auf die Straße, wenn's auch eine stille Gasse war, wo er höchstens ein paar Soldaten vorübergehen sah oder Bäuerinnen mit Marktkörben. Abends wanderte er einträchtig mit Anita den Berg hinauf, und sie erzählten einander, was jedes in seiner Schule erlebt hatte. Oben kam ihnen dann meistens der Vater entgegen, und sein ernstes Gesicht wurde hell, wenn er seine Kinder von weitem sah, die in die Wette liefen, wer zuerst bei ihm sei; er wollte auch hören, was sie gelernt hatten, und freute sich, wenn Anita ihm ein neues Liedlein sagte und Siegmund ein gutes Zeugnis brachte. »Vater, darf ich auch ein Lateiner werden?« fragte Siegmund einmal. »Der Herr Pfarrer ist in der Schule gewesen und er sagt, ich habe gute Gaben.« »Weiß noch nicht, was du werden sollst,« sagte der Vater, und sein Gesicht sah wieder ganz ernst dabei aus. »Was bist denn du, Vater?« fuhr Siegmund plötzlich heraus; »sie fragen mich oft in der Schule, und ich hab's nicht gemußt.« »Ich baue meinen Acker,« sagte der Vater mit abgewandtem Gesicht. »Ja, bist du denn Bauer? Du bist doch nicht angezogen wie ein Bauer, und warum heißt man dich Meister Schotter?« »Wirst es schon noch erfahren,« sagte der Vater, und es schien ihm lieb zu sein, daß Türk, der große Hund, der immer ein Liebling der Kinder war, eben in großen Sätzen auf sie los gesprungen kam. Siegmund mochte nicht mehr fragen, er wußte nicht recht warum. Im Pfarrhaus. Der Herr Pfarrer, der die Kinder in die Schule eingeführt, hatte auch schon einigemal nach ihnen gesehen; er hatte besonders eine Freude an der sanften, freundlichen Anita. Einmal begegnete er ihr an einem trüben Regentag, als sie die Schule verließ. Bruder Siegmund kam rasch um die Ecke. »So, willst du dein Schwesterlein abholen zum Mittagessen?« fragte der Herr Pfarrer; »gut, daß ihr nicht weit habt in das Schneidershaus bei dem garstigen Wetter.« »Wir können heute nicht hin,« sagte Siegmund, »unsere Schneidersleute sind alle verreist zu einer Hochzeit. Komm, Anita, schlage dein Röcklein über den Kopf! Schirm haben wir keinen.« »Kommt mit mir, Kinder!« sagte der gute Herr Pfarrer, »ihr könnt bei mir essen. Fräulein Richter wird nichts dagegen haben,« sagte er etwas besorglich halblaut vor sich hin. So erstaunlich freundlich sah die Dame nicht aus, als er mit den zwei Kindern kam. »Nun, Fräulein Richter, da bringe ich ein paar kleine Gäste; Sie werden schon noch einen Teller Suppe für sie haben.« »Nun ja ... mit Suppe allein ist's dem jungen Volk doch nicht gedient... wir haben heute Pfannkuchen, die sind eben gerade für unseren Tisch gerichtet,« sagte Fräulein Richter etwas zögernd. – »Ei, da backt man noch ein paar dazu,« erwiderte der freundliche Pfarrherr. »Führen Sie die Kinder zu Klärchen hinüber!« »Sie können wohl im Küchenstübchen essen,« meinte Fräulein Richter halblaut; »man weiß im Hause, wem die Kinder gehören.« »Ich weiß es auch,« sagte der Herr Pfarrer; »sie essen mit uns.« Nach Tisch war Klärchen sehr vergnügt, daß sie in ihrem Stübchen den Kindern ihre Reichtümer zeigen durfte. So schön wie diese Puppenstube und wie dieses reizende kleine Service hatte Anita doch noch nichts gesehen, wenn ihr auch der Vater schon manches nette Spielzeug gebracht, und Klärchen hatte bis heute noch nicht gewußt, wie hübsch es sich mit den schönen Sachen spielen lasse, obgleich sie sonst viel feinere Gespielen hatte als die Anita von der Heide. Siegmund war ganz vertieft in die prächtigen Bilderbücher; da kam der Herr Pfarrer, um nach den Kindern zu sehen; gerade betrachtete er einen stattlichen General, hoch zu Roß, im Federhut, als der Pfarrherr zu ihm trat. »So möchte ich einmal einer werden!« rief er kecker als sonst mit blitzenden Augen. »Nun, General wird man nicht gleich auf einmal,« sagte lächelnd der Pfarrer; »lerne du einstweilen tüchtig, dann kannst du immer etwas Rechtes werden.« Dabei betrachtete er aber den Knaben ernst und nachdenklich. »Man fragt nach den fremden Kindern!« rief mit ihrer scharfen Stimme Fräulein Richter herein. Draußen stand Katharine, mit einem großen Regenschirm bewaffnet, um ihre Pfleglinge heimzuholen. Sie hatte im Schulhaus erfahren, daß sie diesmal der Herr Pfarrer mit sich genommen, und war sehr geehrt und vergnügt darüber. Auf Herrn Pfarrers Geheiß gab Fräulein Richter ihnen noch eine Brezel mit; aber sie gestattete nicht, daß Klara sie unter die Hausthür begleitete, und als Anita rief: »Klärchen, kommst du nicht auch einmal wieder zu uns hinauf?« da sagte sie, ehe diese antworten konnte: »Das ist für Klara viel zu weit; adieu!« Auf dem Heimweg hatten die Kinder wieder viel miteinander zu plaudern; Katharine ging schweigend nebenher. »Höre,« sagte Siegmund, »so ein Offizier möchte ich doch werden wie auf dem Bilde; weißt, da kriegt man eine Uniform und so einen schönen Säbel.« – »O Bub', schwätz' nicht immer von einem Säbel!« sagte Katharine. – »Ich will keinen,« sagte Anita; »aber, Katharine, sage doch auch zum Vater, daß er hinunterzieht in die Stadt, wo andere Kinder wohnen! Ich fürchte mich da oben, und die Kinder kommen gar nicht zu mir herauf.« »O Kinderle, fragt nichts und macht nichts aus!« rief Katharine; »seid zufrieden, solange ihr klein seid. Guckt, da kommt der Türk!« Und in hellen Sprüngen kam der Türk, der getreue Hofhund, dem Vater voraus, dem die Kinder so viel zu erzählen hatten, daß sie nicht mehr an ihre Zukunftspläne dachten. Nach fünf Jahren. Fünf Jahre waren vergangen, seit die Kinder von der Heide zum erstenmal in die Schule heruntergewandert waren. Anita war der Schule der Jungfer Sibylle lange entwachsen; sie besuchte die bürgerliche Mädchenschule, und wenn sie in den Wissenschaften nicht die Allererste war, nicht die Flinkste im Kopfrechnen und die Sicherste im Rechtschreiben, so war sie doch gewiß die folgsamste Schülerin, still und friedfertig, immer in Ordnung mit all ihrem Schulgerät; Bücher und Hefte sauber und reinlich gehalten, und wenn man sie einen Tintenfleck auswaschen sah, so war es nie an ihrer eigenen Schürze, nur an der einer Schulkameradin. Aber es war sonderbar, obgleich Anita freundlich und gefällig war gegen alle und jeder zuliebe that, was sie von ihr begehrte, so hatte sie eigentlich doch keine rechte Freundin, seit sie bei den großen Mädchen war. Sie riefen sie nicht, wenn sie in der freien Viertelstunde hinaussprangen zum Spielen, und Anita war zu still und schüchtern, um unaufgefordert mitzuspielen; so blieb sie in der Schulstube sitzen oder setzte sich auf die Bank vor der Thür des Schulhauses, wo die zwei kleinen, dicken Kinder der Frau Schulmeisterin herumquaddelten. Mit denen konnte sie nett spielen, machte ihnen Püppchen aus Flecken, die sie von der Schneidersfrau bekam, und die Frau Schulmeisterin war deshalb freundlich gegen sie. Auch die Schneidersfrau, bei der sie nach dem Wunsch ihres Vaters an hellen Nachmittagen noch eine Stunde oder zwei im Nähen und Stricken unterrichtet wurde, war gut gegen sie und rühmte ihre geschickte Hand. Oft aber kam ihr vor, wenn junge Mädchen oder Nachbarinnen der Schneidersfrau in die Stube kamen, als sähen sie die Leute an und redeten leise zusammen über sie, und sie wußte doch nicht was. Das machte sie scheu und schüchtern, sie setzte sich am liebsten mit ihrer Arbeit in eine Ecke. Siegmund war wirklich Lateinschüler geworden; der Herr Pfarrer hatte mit seinem Lehrer gesprochen, der ihn für sehr talentvoll erkannte, und auch sein Vater hatte eingewilligt. Er hatte sich sehr darüber gefreut; schon das große, staatliche Gebäude des Gymnasiums gefiel ihm besser als die deutsche Schule, und daß man ihm einen ganz neuen Anzug machen ließ, das sagte ihm auch zu; Siegmund mochte gern seinen Kopf etwas hoch tragen. Er hatte freilich gehört, daß Katharine vor sich hinbrummte, als er in der hübschen neuen Juppe und der schottischen Mütze kam; auch die Schneidersfrau hatte er murmeln hören: »Wie's dem Mädchen recht, so wär's dem Buben billig gewesen; der Bub' will zu hoch 'naus; wer weiß, wie das ausgeht?« Auch sah er wohl und es that ihm leid, daß Anita in ihrer Art viel einfacher gekleidet blieb als er; aber ihm gefiel's denn doch, den andern gleich zu sein. Allein bald fand er es nicht mehr so schön in der Lateinschule, wie er sich's gedacht. Das Lernen wurde ihm nicht zu viel, er hatte Freude daran; auch die Spiele waren schöner als vorher, und da er ein kräftiger, rüstiger Bursche war, der's den andern zuvor that, so war anfangs er der Oberst beim Soldaten-, der Hauptmann beim Räuberspiel. Das blieb aber nicht lange so; er wußte es sich nicht zu erklären. Die Jungen waren oft schon am Spiel, wenn er kam, und keiner rief ihn dazu; sie forderten ihn nicht mehr auf, mitzukommen, wenn's hinaus ins Freie ging oder wenn für einen freien Nachmittag ein Spaziergang oder eine kleine Kahnfahrt ausgemacht wurde. Siegmund fühlte das bald; fragen mochte er keinen, so zog er sich trotzig zurück, und da man allein nicht spielen und springen kann, so kam er ans Lesen, auch von andern als Schulbüchern. Daheim hatte er in einer Kiste auf dem Dachboden eine Menge alter Bücher gefunden; er hatte den Vater nicht gefragt, ob er sie lesen dürfe, und dieser hatte nicht acht darauf gegeben. Das waren grausige Geschichten von Rittern, von Räubern und von Geistern, eine ärger als die andere. Anita mochte nichts davon hören, wenn er ihr daraus erzählen wollte. Da er bei gutem Wetter meist im Wäldchen las, sah der Vater nicht, was der Knabe trieb, und meinte, er lerne für die Schule; daß aber Siegmund immer stiller wurde, mürrischer, trotziger zuzeiten, das bemerkte er auch nicht. Die Kinder selbst hatten den Vater nie heiter gesehen: solange sie wußten, war es auch daheim selten fröhlich hergegangen. Anita meinte, das müsse so sein, und ihre stillen Freuden hatte sie doch, wenn sie dem Vater ein schönes Lied singen konnte, das sie in der Schule gelernt hatte; wenn sie neue Blumensamen und Pflanzen für das Gärtchen brachte, wozu ihr die gute Schneidersfrau verhalf, oder Püppchen aus Flecken zusammenschneiderte, mit denen sie da und dort Kinder erfreute. Des Bruders trübseliges Wesen war so nach und nach gekommen, daß es auch ihr nicht aufgefallen war. Ein Geheimnis. Es war an einem hellen Herbstabend, wo die Geschwister wieder einmal miteinander heimwärts wanderten, die Höhe hinauf. »Jetzt ist bald Herbstvakanz und die Trauben werden reif,« sagte Anita fröhlich; »meinst du, daß Schneiders uns zu ihrer Weinlese einladen werden?« – »Nein,« sagte Siegmund kurz, »uns ladet niemand ein.« – »Ja warum denn nicht?« fragte Anita betrübt. – »Ja warum? Das weiß ich nicht; aber ist's denn nicht wahr? Hat mich einer von den Jungen in der Schule einmal heißen in sein Haus kommen? oder dich eines der Mädchen? Sagt Pfarrers Klara noch ein Wort, daß du sie besuchen sollest?« – »O ja, Klara hat mich schon freundlich wiederkommen heißen, auch der Herr Pfarrer.« – »Nun, dann ist die spitznäsige Jungfer schuldig, daß wir nie mehr hinkommen sollen; ich will auch gar nicht,« rief er zornig; »wenn kein Mensch etwas von mir will, dann will ich auch nichts von den Leuten!« »Warum aber sollten die Leute gerade von uns nichts wollen,« sagte Anita fast weinend, »wir thun ja niemand etwas zuleide.« »Das will ich dir sagen,« sagte Siegmund mit leiser Stimme ganz dicht an ihr Ohr, »darfst aber keiner Seele davon sagen, auch der Katharine nicht: ich glaube, es ist wegen unseres Vaters.« »Was sollte aber unser Vater den Leuten thun? Er kommt ja fast gar nie hinunter in die Stadt.« – »Ich weiß warum,« sagte Siegmund mit ganz leiser Stimme und bleichem Gesicht, »dir will ich's sagen, dir allein: ich fürchte, unser Vater ist ein Räuber.« – »O Siegmund!« rief die Schwester zitternd, »wie fällt dir das ein? Liest du das aus den grausigen Büchern? Kannst du das vom Vater denken?« »Ja, in den Büchern habe ich schon allerlei gelesen. Warum wohnt er denn so allein da droben, so nahe beim Wald? Und warum kommen nie ordentliche Leute Zu uns? Und warum sieht er nie vergnügt aus?« »Aber, Siegmund, das ist eine Sünde, so etwas von deinem Vater zu denken; solche Räuber wie in den Geschichten gibt's ja gar keine mehr.« »Freilich gibt's!« rief der Knabe heftig und sah auf ein gedrucktes Blatt, das er in der Hand hielt, »das weiß ich besser als du.« »Ach sieh, und wenn's solche gäbe,« sagte halb weinend die arme Kleine, »so werden sie eingesperrt und wohnen nicht frei in einem Hause.« »So etwas weiß man eben nicht gleich,« belehrte sie Siegmund, der sich schon tief in solche Geschichten hineingelesen hatte. »Man gibt im stillen auf verdächtige Leute Achtung und traut ihnen nicht recht. Ich habe gelesen, daß es Räuber gibt, die vornehm wie die Herren leben und aussehen; die haben dann geringere Räuber, wie unseren Michel und Hans, im Dienst; sehen die nicht so aus?« »Ach freilich,« sagte ganz bange Anita, die sich immer vor den rohen, wilden Kerlen gefürchtet hatte. »Nun sieh, die haben mir's selber verraten.« Die Schwester sah ihn schreckensbleich an und sagte kein Wort. »Neulich am Sonntag,« berichtete der Bruder, »wie einmal der Vater nicht da war und du unten saßest mit der Katharine, trieb ich mich im Hof herum; so recht an ihre Hütte hingehen mag ich nie, weil's so schlecht riecht. – ›Na, warum geht der junge Herr nicht in die Stadt und macht Besuche?‹ fragte höhnisch der Michel. – ›Ich mag nicht,‹ habe ich ihm geantwortet. – ›Glaub's schon‹ sagte er mit Lachen; ›man weiß drunten auch, wer Herr Papa ist, der sich zu vornehm vorkommt, um nur mit uns zu reden‹ – › Was ist mein Vater?‹ habe ich gerufen. – ›Gehe der junge Herr nur in die obere Kammer, da wird er's sehen,‹ lachte er und lief weg. »Ich ging zurück ins Haus und mußte jetzt erst denken, warum wir denn noch gar nie in der oberen Stube gewesen sind. Sie wird wohl verschlossen sein, dachte ich, bin aber doch hinaufgestiegen, du und Katharine haben mich nicht gehört; der Schlüssel ist in der Thür gesteckt, ich drehte um und ging hinein...« »Und was war's?« fragte zitternd Anita. »O, allerhand unheimliches Geräte von Eisen und ein kleiner Stuhl; ich konnte nicht alles sehen, es war auch dunkel n der Stube; aber an der Wand, Anita, an der Wand ...« Sie sah ihn nur angstvoll an. »An der Wand da hing ein großes, breites Schwert, viel größer als ein Soldatensäbel; ich wollte noch näher hingehen und es ansehen, da habe ich unten des Vaters Tritt gehört und bin schnell hinuntergesprungen und habe den ganzen Abend nicht mehr reden können vor Herzklopfen.« »Ach Gott, was soll das bedeuten!« seufzte Anita. »Ich glaube doch nichts Böses von unserem Vater!« »Ja, und sieh, wie ich heute in der Schule, war, da steckten sie ihre Köpfe zusammen in einen gedruckten Zettel und sprachen leise miteinander und sahen mich an. Ehe ich heimging, streckte mir einer das Papier hin: ›Da, Scholter, zeige das deinem Vater! Er wird sich bald auf den Weg machen müssen,‹ und er ließ mir den Zettel, als sie miteinander davonsprangen.« »Und was steht darin?« »Da steht,« sagte Siegmund, indem er ihr den grobgedruckten Zettel zeigte, »die Geschichte von einem grausigen Raubmord, der kürzlich, nicht sehr weit von hier, an zwei Kaufleuten verübt worden ist und daß man den Räubern schon auf der Spur sei.« »Und du meinst, Siegmund ...?« »Aber wie kommt ihr heute so spät?« tönte mit einemmal die tiefe Stimme des Vaters, und beide Kinder fuhren im Schrecken zusammen. Der Vater nahm sie bei der Hand; Anita erzählte leise, daß sie bei der Schneidersfrau noch habe zu thun gehabt, und der Vater fragte nicht weiter. Siegmund redete kein Wort beim Abendessen; er konnte den Gedanken nicht mehr los werden, daß sein Vater, der gerade in der letzten Woche verreist und auch seitdem besonders still und trüb gewesen, des Verbrechens schuldig sei und daß er ihn warnen müsse, und doch, wie sollte er den Mut fassen, so etwas gegen ihn auszusprechen! Er schlief in des Vaters Stube, der meist später als er zu Bett ging. Diesmal blieb er wach, bis er kam. »Warum hast du noch Licht, Siegmund?« fragte der Vater. Siegmund faßte Mut und richtete sich auf im Bett. »Vater,« sagte er leise, aber mit fester Stimme, »ich sollte dir etwas sagen.« – »Und was denn. Junge?« fragte der Vater verwundert. Siegmund bot ihm den Zettel hin: »Weißt du davon, Vater?« Der Vater sah den Zettel genau an, aber nur einen Augenblick. »Ob ich's weiß, Siegmund?« sagte er mit sehr ernstem Ton; »gewiß, und es ist keine Freude für mich.« »Kannst du noch entfliehen, Vater?« fragte Siegmund bebend. »Entfliehen? – Nein, das darf ich nicht, wo mein Amt ist zu bleiben; die Räuber sind heute schon gefangen und eingesperrt worden.« »So warst du nicht dabei?« rief, sich selbst vergessend und erleichtert, Siegmund. »Ich?« sagte der Vater und trat mit dem Lichte an des Sohnes Bett, »und das fragst du deinen Vater , Knabe?« Zitternd und stammelnd bekannte der sonst so kecke Junge dem Vater, wie er besonders durch seine vielen Räubergeschichten und durch das unfreundliche Wesen seiner Schulkameraden nach und nach auf den Verdacht gekommen sei, man traue seinem Vater Böses zu; wie er kürzlich ein Schwert in der verschlossenen Kammer gesehen, und wie er heute, als die Schuljungen ihm die Räubergeschichte zugesteckt, gedacht habe, sein Vater könne wirklich an dem Verbrechen schuldig und in Gefahr sein. »Und das hast du von deinem Vater geglaubt?« fragte dieser noch einmal tief traurig. »O Vater, verzeih!« bat reuevoll der Knabe, »aber sieh, ich habe manches nicht verstanden, und ...« »Sei nur ruhig, Siegmund!« sagte der Vater ohne Unwillen; »ich weiß, du hast auch viel entbehrt. Nun schlafe du in Ruhe! Dein Vater ist kein Verbrecher und nicht in Gefahr, morgen sollst du alles erfahren.« Und Siegmund schlief bald ein, obgleich er sich nicht denken konnte, was er denn erfahren sollte. Der Vater hat nicht viel geschlafen in dieser Nacht. Was der Vater war. Siegmund wachte früh am Morgen auf; der Vater stand angekleidet an seinem Bett, aber er sah nicht zornig und nicht finster aus. »Zieh dich an, Siegmund, und komm mit!« sagte er ruhig. Siegmund machte sich fertig und folgte dem Vater mit geheimem Herzklopfen. Er ging hinauf in die verschlossene Stube, die der Vater nun öffnete. Die Läden waren schon offen und das helle Morgenlicht fiel an die Wand, an der das große Schwert hing, das Siegmund nicht ohne geheimes Beben ansehen konnte; es stand darunter geschrieben in klarer Schrift: »Wer Menschenblut vergießt, des Blut soll auch durch Menschen vergossen werden« (1. Mos. 9, 6). – »Das Schwert ist mein,« sagte der Vater ernsten Tones, »aber ein Räuberschwert ist es nicht, mein Sohn, es ist ein Richtschwert. Komm, setze dich zu mir!« sagte er und rückte die Bank näher; »ich will dir erzählen, wie das alles gekommen ist, du bist bald vierzehn Jahre alt, du kannst mich wohl verstehen. – Es sind mehr als zweihundert Jahre her,« hub der Vater an, »und war eine wilde, wüste, unordentliche Zeit in allen Ländern; von den langen Kriegen war viel wildes Gesindel geblieben, das sich mit Morden und Stehlen umtrieb, so daß kein Bürger in abgelegener Wohnung, kein Kaufmann auf seinen Reisewegen mehr sicher gewesen ist vor Raub und Mord. Die Gesetze waren streng, fast grausam, und es konnten nicht Henker und Scharfrichter genug aufgebracht werden, um die Verbrecher zu richten. Denn während der Soldat hoch in Ehren steht, der auf seines Kriegsherrn Befehl den Feind tötet, der weder ihm noch sonst einer Seele etwas zuleide gethan, war der Diener des Gesetzes, der nach dem Befehl der Obrigkeit die Verbrecher richtete, verachtet oder gemieden und ehrlos angesehen; so wollte sich niemand gern dazu hergeben. In jener Zeit war es der Urgroßvater meines Großvaters – seinen wirklichen Namen haben wir nie gewußt, es soll ein Adeliger gewesen sein –, der durch ein Vergehen bei dem Militär sein Leben verwirkt hatte. Vielleicht war es aus Mitleid mit dem jungen, frischen Blut, daß man ihm anbot, ihm sein Leben zu schenken, wenn er den Dienst eines Scharfrichters, zu dem damals hier niemand vorhanden war, übernehmen wolle; ich weiß nicht, warum ihm sein Leben so lieb war, daß er dies schwere Amt dem Tode vorzog. Er nahm den Namen Scholter an und war der erste Scharfrichter an hiesiger Stätte, die ihm zum Besitze für sich und seine Nachkommen gegeben wurde. Es scheint aber, daß sich von ihm her ein ernsterer und besserer Sinn als bei vielen andern, die dies Amt verwaltet, auf sein Geschlecht vererbt hat. »Neben aller Scheu vor den Scharfrichtern, die so groß war, daß sie nie in die Gesellschaft ehrlicher Leute sich mischen durften; daß sie in der Kirche ihren eigenen Platz hatten, den nie ein anderer Mensch einnahm; daß keiner mehr aus einem Glase trank, an das im Wirtshaus ein Scharfrichter seinen Mund gesetzt, hatte man doch wieder eine Art Respekt vor ihnen und traute ihnen in früherer abergläubischer Zeit allerlei geheime Mittel und Heilkünste zu. Das trieb schon meine Vorfahren, in der Einsamkeit, in der sie lebten, an, die Kräfte zu suchen und zu erforschen, die nicht durch unheimliche Mächte, sondern durch Gottes Weisheit in die Natur gelegt worden sind, und so haben sie als Heilkünstler wegen ihrer Kräutertränke und Salben in der Stille einen großen Zulauf gehabt, den ihnen auch die Obrigkeit nicht verwehrte. Warum keiner von ihnen dazu gekommen ist, dies traurige Amt abzuschütteln, weiß ich nicht; das war früher wohl sehr schwer, auch fügte es sich, daß in einer Generation immer nur ein Sohn geboren wurde. »Mein Vater hat von dem seinen die Erlaubnis erzwungen, daß er Medizin studieren dürfe; aber – schon der Weg durch die Schule ist ihm durch die Zurücksetzung, die er von seinen Mitschülern erfahren, schwer geworden, wenn auch die Zeiten etwas besser waren und ein Scharfrichter nicht mehr so geächtet war wie früher. Statt nun in stillem Fleiß sich einen Besitz an Wissen zu sammeln, suchte er, obwohl für das Studium sehr begabt, durch wildes, lärmendes Studententreiben sich in Ansehen zu setzen. Da gab's einmal eine gewaltige Schlägerei zwischen Studenten und Bürgern, bei der er auch beteiligt war; gerade ihm hat man es besonders übel genommen und er wurde von der Universität verwiesen. »Sein Vater, der ihm große Opfer gebracht hatte, wollte ihm keinen andern Beruf mehr gestatten. Bald darauf war ein schwerer Verbrecher zu richten – mein Großvater fühlte sich krank und schwach –, so mußte denn mein Vater sein Meisterstück als Scharfrichter machen und ist es geblieben... »Bei mir,« fuhr der Vater fort, »war nicht mehr die Rede von einem andern Beruf, weil der Versuch bei deinem Großvater mißglückt war. Er hat mich aber gut erzogen und alles gelehrt, was er selbst wußte. Meine Mutter war eine brave, verständige Frau; sie hatte ihn lieb gehabt in besseren Tagen und hat sein Los nachher geteilt, obgleich er Scharfrichter wurde.« »Und meine Mutter, Vater?« fragte Siegmund, »ich kann mir ihr holdseliges, liebes Gesicht noch denken; woher ist meine Mutter gekommen?« »Deine Mutter segne Gott in Ewigkeit,« sagte der Vater mit feuchten Augen, »sie hat eine traurige Geschichte gehabt. Ich war berufen, eine Frau zu richten, die wegen schweren Verbrechens zum Tode verurteilt war; sie hatte eine vornehme Dame, bei der sie erste Dienerin war, mit einer Arznei vergiftet. Ob sie nicht durch zu große Härte der alten Dame gereizt war, ja ob sie überhaupt die That gethan und nicht durch andere Diener verleumdet worden ist, das weiß ich nicht; aber die Richter hatten sie verurteilt, und ich mußte das Urteil vollziehen. »So schwer es mir wurde, so ließ ich mich doch an dem Abend vor der Hinrichtung in das Gefängnis zu der Armen führen; ich wollte nach einer alten Sitte sie bitten, keinen Groll auf mich zu haben und das heilige Abendmahl mit mir zu nehmen als Zeichen der Versöhnung. Ich fand – eine Tote; der barmherzige Gott hatte sie durch einen sanften, stillen Tod erlöst und vor sein eigen Gericht gestellt. »Als ich den Kerker verließ, stand unter der Thür ihre Tochter, eine zarte Jungfrau, sie hieß Anita. Ich fragte sie, wohin sie gehen wolle. – ›Ich weiß es nicht‹ sagte sie, ›ich habe keine Heimat auf der weiten Welt.‹ Ich kannte eine brave Frau, zu der ich sie führen konnte und bei der ich für sie sorgte. Später hatte ich den Mut, sie zu fragen, ob sie meine Frau werden wolle; sie hat den Mut gehabt, es zu werden, und sie ist mir ein guter Engel geblieben, solange sie der liebe Gott bei mir gelassen hat. Ich habe gethan, was ich konnte, alles Rohe und Gemeine fern von ihr zu halten; ich habe das Blumengärtlein für sie angelegt und schön gepflegt, und wir haben in unserer Einsamkeit da oben eine gute, friedevolle Zeit verlebt. Nun sind es zehn Jahre, seit sie tot ist; ihr zuliebe ist Katharine bei uns geblieben, und ich habe ihr versprochen, euch Kinder zu allem zu erziehen, was recht ist und gut. Der Herr Pfarrer, der uns getraut hat und euch getauft, den ich auch kenne von meinem schweren Amte her, der hat mir bis jetzt dazu verholfen. Aber ich hätte nicht gedacht, daß mein Sohn mich für einen Räuber halten würde,« endete er traurig. »O Vater, lieber Vater,« bat Siegmund tief bewegt, »verzeih mir's doch! Aber sieh die Buben, der Zettel von den Räubern...« »Der hat auch mich tief erschüttert,« sagte der Vater, »weil ich indes erfahren, daß man die Mörder gefangen hat, und weil ich fürchte, daß ich hier nach langen Jahren meinen peinlichen Beruf wieder ausüben muß; das werden auch die Schuljungen gedacht haben, als sie dir den Zettel gaben.« Vater und Sohn gingen miteinander hinunter wo Anita und Katharine schon lange warteten. Siegmund war es, als sei er mit einemmal dem Vater näher gekommen und könne nicht genug thun, um ihm den schlimmen Verdacht und sein trauriges Los zu vergüten. Der Schwester sagte er nur leise ins Ohr: »Anita, unser Vater hat nichts Böses gethan.« »Aber, Vater,« fragte Siegmund, als er wieder allein mit ihm war, »was thun denn der Michel und der Hans?« »Mit meinem traurigen Amt,« sagte ihm der Vater, »war früher oft die Abdeckerei verbunden, das heißt das Geschäft, gefallene Tiere wegzuschaffen, ihnen die Haut abzuziehen und sie zu verscharren, auch kranke Tiere zu töten. Dies Geschäft ist zu allen Zeiten noch viel verachteter gewesen als das des Scharfrichters. Mein Urahne schon und meine Vorväter haben die Abdeckerei immer durch besondere Knechte versehen lassen, die dann auch besonders gewohnt und gelebt haben.« »Vater,« fragte Siegmund noch, »habt ihr denn immer hier so ganz im Verborgenen gelebt? Es ist ja gar nicht weit von der Stadt.« »Früher, wo die Felder noch nicht so weit heraufreichten und kaum ein gangbarer Weg bis zu uns führte, war es abgelegener. Ein Geheimnis ist es nie gewesen, wer hier oben wohnt; aber,« sagte der Vater mit traurigem Lächeln, »es sind nie gute Freunde heraufgekommen zum Hause des Scharfrichters.« Siegmunds Berufswahl. Dem Siegmund war eine Last vom Herzen genommen, seit er wußte, daß auf seinem Vater keine Schuld liege. Aber vergnügt konnte er darum doch nicht sein. Seine Schulkameraden hatten ja auch gewußt, daß er keinem Räuber gehöre, aber sie hatten ihn doch gering geachtet und nicht als Gespielen gelten lassen; er hatte keine Lust mehr in die Schule zurück und dann – was sollte es später mit ihm werden? Gut, daß der andere Tag ein Sonntag war; so durfte er doch nicht zur Schule. Es war ein so schöner, sonnenheller Morgen, da war es auch freundlich vor dem Heidehaus. Der Vater saß neben Anita auf der Bank im Gärtchen; er hatte ihr ein schönes Arbeitstäschchen geschenkt, das einmal ihrer Mutter gehört hatte, und erzählte ihr von derselben, wie er fast noch nie gethan. Anita hörte zu mit glänzenden Augen und betrachtete ganz glücklich die zierliche Schere, den glänzenden Fingerhut und die farbigen Seideröllchen; vergnügt sprang sie hinein, es der Katharine zu zeigen. Siegmund trat schüchtern dem Vater näher, der aber bot ihm besonders freundlich die Hand. »Guten Morgen, mein Junge! Was willst du?« »Vater,« sprach jetzt Siegmund mit einemmal sein Anliegen aus, »Vater, was soll ich denn einst werden?« »Was du willst, Siegmund,« sagte der Vater freundlich. »Verhüte Gott, daß ich dich zwinge zu dem Amt, das mir so schwer geworden! Ich habe das auch deiner Mutter versprochen, die mein einsames Los so treulich mit mir getragen hat. Ich bin freilich nicht reich, aber auch nicht arm; nicht unser trauriger Beruf, wohl aber unsere geheime Heilkunde, die wir mit gutem Gewissen üben durften, hat meinen Vätern und mir ein bescheidenes Vermögen erworben, das ausreicht, daß du und deine Schwester lernen könnt, wozu ihr Fähigkeit habt und was euch gut ist; dann sollst du dir einen Beruf erwählen ...« »Offizier will ich werden!« rief Siegmund mit blitzenden Augen, »Hauptmann, Oberst, General; dann sollen sie Respekt vor mir kriegen und keiner soll mir mehr meine Abstammung vorwerfen! Dann will ich's ihnen zeigen!« »Das geht so rasch nicht,« sagte mit dem alten traurigen Lächeln der Vater. »Wer einen Beruf ergreift, nur um darin angesehen zu werden, der ist noch selten ein Segen für andere und für sich selbst geworden. Siegmund, ich habe dich als Kind nicht gern mit Säbeln spielen lassen und möchte dich nicht in einem Beruf sehen, dessen Aufgabe das Blutvergießen ist. Was meinst du, möchtest du nicht ein Arzt werden, der die Kräfte der Natur erforscht und ihre Wunder, der helfen und heilen kann und Wunden verbinden, die andere geschlagen haben?« »Gern, Vater!« rief Siegmund mit dem rasch beweglichen Eifer lebhafter Knaben. »Da darf man auch schöne Reisen machen und – nicht wahr, Vater, ein geschickter Doktor wird auch von den Leuten geehrt?« »Gewiß, Siegmund.« »Aber jetzt, in der Schule?« fragte der Knabe leis. »Wird ja auch gehen,« sagte der Vater wieder etwas gedrückt. »Aber, Siegmund, die dummen Räubergeschichten, die werfen wir ins Feuer; du sollst gute Bücher haben, und wenn du keine Spielkameraden hast, so gehen wir miteinander in den Wald; gib acht, ich kann dir da manches zeigen an Bäumen und Moosen und Käfern, woran du eine Freude hast. Ich habe auch studiert. Junge, in meiner Einsamkeit da oben, wenn auch bei keinem Professor, und mein Vater hat mich noch manches gelehrt, was er von der Studienzeit her behalten.« Siegmund freute sich darauf; trotz des traurigen Amtes seines Vaters fühlte er doch Respekt vor ihm, und er war ihm erst recht eigen geworden, seit er ihm sein Vertrauen geschenkt hatte. An die Schule wollte er einstweilen lieber nicht denken. Anitas nächste Zukunft. Aber der Vater dachte daran; ihn bekümmerte es, daß seine Kinder nicht sollten wie andere sich ihrer Jugend freuen können, und er wußte, wenn nun in der nächsten Zeit die Verbrecher hingerichtet würden, so würde von ihm und seinem Amte wieder mehr gesprochen werden, und das müßte auch die Kinder treffen. Nachmittags zog er seine schwarzen Sonntagskleider an, in denen er gar ehrbar und stattlich aussah, und schickte sich an, zur Stadt hinunterzugehen, was selten geschah, so daß Katharine und die Kinder verwundert aufschauten; fragen wollten sie nicht. Aber siehe, wie er eben um die Ecke des Gärtchens bog, da kam der Herr Pfarrer heraufgestiegen, fast der einzige Mensch, der als Freund das Heidehaus besuchte. Mit großer Freude führte ihn Meister Scholter herauf; Anita legte eilig ein Tuch auf die Bank vor dem Hause, wo er gern zu sitzen pflegte; sie fragte schüchtern: »Hat Klärchen nicht mitkommen wollen?« – »Klärchen ist krank,« sagte der Pfarrherr, »die könnte nicht so weit gehen. – Ich wollte wegen meines Kindes mit Ihnen sprechen,« sagte er zu Scholter. Der war darüber hoch verwundert; denn daß der Herr Pfarrer etwas von seinen Säften und Tränken für sein Kind wolle, glaubte er doch nicht. »Geht in den Wald und sucht noch schöne Brombeeren!« sagte er zu Anita und Siegmund, der eben den Herrn Pfarrer höflich begrüßt hatte; er dachte, dieser habe vielleicht ihm allein etwas mitzuteilen. Etwas Gefährliches war es nicht. »Fräulein Richter, die seither mein Haus und mein Kind besorgt hat, wird zu einem Bruder ziehen,« sagte ihm der Pfarrer. »Es kommt nun eine herzensgute, verwitwete Pfarrfrau, eine Base, zu mir. Die wird mein Klärchen treulich versorgen, nur hat das Kind, das so selten ausgehen kann, eben keinen Umgang zu Spiel und Lernen an ihr; da dachte ich, wenn Ihr Töchterlein über Mittag und in den Zwischenstunden der Schule zu Klärchen käme, könnte sie mit ihr lernen, spielen, arbeiten und ins Freie gehen, wenn Sie nichts dagegen haben.« »Sie, Herr Pfarrer, Sie haben daran gedacht, mein Kind zur Gespielin Ihrer Tochter aufzunehmen?« rief Meister Schotter in höchstem Erstaunen. »Ehrlich gesagt, war's nicht mein Gedanke,« sagte der Pfarrer, »obwohl ich ja Ihre Anita als ein braves, frommes Kind kenne; ich hatte auch in der Stadt drunten manches Kind gewußt. Aber mein Klärchen, etwas verwöhnt wie kränkliche Kinder und eigenwillig, hat zu Anita eine besondere Zuneigung gefaßt; es hat manchen Streit mit Fräulein Richter gegeben, die sie nicht einladen wollte, deshalb konnte ich auch früher nichts sagen. Und so erklärt sie, kein anderes Kind zur Gespielin ins Haus zu wollen als Anita; denn keine könne so nett und still mit ihr sich unterhalten, so hübsch ausschneiden und ihr alles so schön in Ordnung halten.« »Ja, 's ist wahr,« sagte Meister Schotter mit feuchten Augen, »das Kind muß die geschickte Hand seiner Mutter geerbt haben, obgleich diese sie nichts mehr hat lehren können; die war gar geschickt und gut unterrichtet, sie hätte ein Kammerfräulein für eine Prinzeß gegeben. Aber, Herr Pfarrer, meines Kindes Herkunft?« »Davon werden die Leute nicht lange reden, wenn sie einmal in meinem Haus ist, und Klärchen, wie ich Ihnen sagte, nimmt gar keinen Anstoß daran.« Mit freudiger, dankbarer Seele gab der Vater seine Einwilligung; hier hatte ihm der Herr ja, ehe er recht gebeten, die Sorge um dieses Kind abgenommen. Und nun schüttete er dem Pfarrherrn auch das Herz aus über seinen Siegmund, den das unfreundliche Benehmen seiner Kameraden zu dem finsteren Wesen, der verkehrten Leserei und zuletzt zu den grausigen Gedanken über seinen Vater gebracht. »Wie kann ich den Knaben in der Schule lassen, wo er sich wie ein Geächteter vorkommt?« fragte er. »Wird nicht der Scharfrichterssohn wie ein Schatten auf allen seinen Wegen liegen und ihn hindern an frischer, freudiger Entwickelung, wie das dereinst bei meinem Vater war?« »Hätte Ihr Vater tüchtig das Seinige gelernt und wäre in der Stille seines Wegs gegangen, so wäre er auch an ein gutes Ziel gekommen, obwohl damals vielleicht noch mehr Vorurteile herrschten. Es wird aber auch nicht so schlimm bleiben. Die Sache ist ungewöhnlich; es ist das erste Mal, daß ein Schüler dieses Standes ins Gymnasium kommt, und vielleicht hat ein dummer Junge den Anstoß zu dem widerwärtigen Benehmen gegeben. Knaben stecken einander leicht an und Siegmunds eigenes, trotziges, zurückgezogenes Wesen hat ihn bald von den andern abgesondert, und das blieb alle Klassen hindurch. Lassen Sie mich einmal mit seinem Lehrer reden! Buben schlagen ebenso leicht zur Großmut um, wenn einer einmal das Zeichen gibt. Er soll tüchtig arbeiten und nichts Verbissenes in sich aufkommen lassen, so wird sich's schon geben. In ein paar Tagen fangen die Herbstferien an, lassen Sie ihn so lange daheim; wenn er nachher wieder ins Gymnasium kommt, so wird es besser werden.« »Aber wegen dieser traurigen Mordgeschichte wird in nächster Zeit wieder viel vom Scharfrichter gesprochen werden,« sagte Scholter düster. »Lassen Sie sich's noch nicht bekümmern!« tröstete ihn der Pfarrherr; »verdient haben die Räuber den Tod, aber unser fürstlicher Herr unterschreibt nicht gern Todesurteile; ich glaube nicht, daß noch oft ein Richtschwert gebraucht wird in unserem Lande.« Die Kinder kamen vom Walde mit roten Wangen und mit Körbchen voll prächtiger Brombeeren, die der Herr Pfarrer freundlich annahm und sogar versprach, dem Klärchen davon zu bringen. Anita hörte wie in einem glücklichen Traum, daß sie nun so oft bei Klärchen sein, mit ihr spielen und lernen solle; aber dabei war es ihr lieb, daß sie an allen guten Tagen abends zum Vater heimkommen und sein Kind bleiben solle. Von Siegmund ließ sich der geistliche Herr seine Bücher und Schriften zeigen, gab ihm guten Rat darüber und sagte ihm, wenn er neben dem Lernen noch Zeit zum Lesen habe, soll er sich bei ihm Bücher holen. Es war, als ob der Tag aufgegangen sei in Siegmunds Gesicht nach diesem Sonntag, und auch des Vaters Auge wurde heller nach allem Ernsten und Trüben, was er mit seinem Knaben besprochen hatte; in die verschlossene Stube sind sie aber nicht wieder gegangen. Es war eine alte Sage, daß das Richtschwert klirre, ehe es ein Strafamt zu vollziehen habe. Ob wohl der Scharfrichter manchmal danach hingehorcht hat? Siegmunds Kameraden. Die Kinder der Heide brachten die Ferien still und vergnügt miteinander zu. Es freute Siegmund, daß der Vater Interesse zeigte an dem, was er bis jetzt gelernt hatte in der Schule. Dem Vater war es schwer aufs Herz gefallen, daß sein Sohn ihn hatte für einen Räuber halten können; jetzt suchte er das Beste hervor, was er je gelernt und gelesen hatte, um es seinen Kindern mitzuteilen und mit ihnen leben und verkehren zu können; sie machten oft ganz heitere Gänge in den Wald und weiter in die Gegend hinaus. Es war nicht lange, nachdem die Ferien begonnen hatten. Siegmund saß an dem Tisch vor der Hausthür und blätterte in seinen Büchern. Siehe, da kamen den Weg am Gärtchen her zwei gut gekleidete Knaben seines Alters. Sollte er seinen Augen trauen? Das war Seeger und Bergmüller, zwei seiner Mitschüler, Söhne aus angesehenen Häusern; einer war sein Nachbar in der Schule, aber sie hatten nie miteinander mehr geredet, als nötig war. Er schaute sie verwundert, fast kampflustig an; kamen sie vielleicht herauf, ihn zu verhöhnen und zu beleidigen? Bergmüller war's, wie er glaubte, gewesen, der ihm den Räuberzettel zugesteckt hatte. Auch die Jungen kamen etwas verlegen näher; Seeger aber, der Aufgewecktere von beiden, nahm das Wort. »Scholter,« sagte er, »weil du die letzten Tage vor den Ferien nicht mehr gekommen bist, so bringen wir dir da die Schulaufgaben; was nicht aufgeschrieben ist, wollen wir dir mündlich sagen.« Nun, das war doch viel, daß die Knaben heraufkamen den weiten Weg, nur um ihm seine Aufgaben zu bringen. Siegmund war ganz betroffen von solcher Gefälligkeit; nach und nach aber tauten sie aneinander auf; der muntere Seeger entdeckte im Gärtchen den Käfig mit dem Eichhorn; sie erzählten ein paar Schulereignisse, die in den letzten Tagen noch vorgefallen waren, und Siegmund, als das Eis gebrochen war, wußte gar nicht, wie er ihnen seinen Dank zeigen sollte. Obgleich sie auf der verrufenen Heide waren, fanden sie doch das Wohnhaus und das Gärtchen so freundlich, den Baum mit purpurroten Äpfeln am Zaun und Siegmunds reichlichen Haselnußvorrat so unverfänglich, daß sie bald nach Herzenslust schmausten und die besten Freunde zusammen waren. »Am zwanzigsten Oktober fängt das Gymnasium wieder an,« sagte Bergmüller, »sei nur morgens beizeiten da! Während der Vakanz spielen mir nachmittags auf dem alten Schloßplatz, da mußt du auch einmal kommen und mitthun. Und höre, kannst du uns nicht jetzt den Heimweg durch den Wald zeigen? Wir möchten gern da hinunter.« Ganz rot vor innerlicher Freude und mit Gott und Welt versöhnt, wanderte Siegmund mit den neu gewonnenen Kameraden durch den Wald. Der Vater hatte verwundert vom Fenster aus der neuen Freundschaft zugesehen. »Das kommt vom Herrn Pfarrer,« dachte er. Ja, so war's. Der Pfarrherr hatte mit dem Lehrer des Gymnasiums gesprochen, und dieser mit den Knaben. Er hatte ihnen nicht gesagt, daß Siegmund seinen Vater für einen Räuber gehalten habe; aber er hatte ihnen vorgestellt, daß sie einen tüchtigen und talentvollen Mitschüler unglücklich und einsam gemacht dadurch, daß sie ihn das traurige Amt seines Vaters hatten entgelten lassen; er zeigte ihnen, wie solche Verachtung, gegen einen von der Obrigkeit eingesetzten Stand noch ein Rest des finsteren Mittelalters sei und früher oft zu den rohesten Ausbrüchen geführt habe; er rief ihre Großmut an für den armen Knaben, der eine einsame Heimat gehabt und dem nun aller Freundesverkehr, alle Jugendfreude sollte genommen sein, weil sich eine Scheu an den Stand seines Vaters knüpfe. »Ach, das wäre auch nicht so geworden, wenn er selber nicht so trutzig und übelnehmig gewesen wäre,« sagte Seeger; »mir kommt's gar nicht darauf an, ich will ihm die Aufgaben hinaufbringen.« – »Ich auch!« rief Bergmüller; und wenn der Lehrer nicht davon abgeraten hätte, so wäre am Ende eine ganze Schar auf die Heide hinaufgezogen. Es wurden aber laut und leise allerlei großmütige Vorsätze unter den Schülern, gefaßt, wie man dem Scharfrichterssohne sein bisheriges trübseliges Leben vergüten wolle. Der Lehrer und der Herr Pfarrer konnten beruhigt sein. Noch vor dem Ablauf der Ferien kam der Pfarrer abermals auf die Heide und brachte Meister Scholter die Nachricht, daß die beiden Verbrecher zum Tode verurteilt, durch den Beschluß des Landesherrn aber begnadigt seien. »Gott sei Dank!« sagte der Scharfrichter; »ich glaube, verdient hätten sie den Tod nach dem strengen Gesetz, aber bis in alle Ewigkeit hinein darf ja die Gnade mächtiger sein als das Gericht. Ich kann es nicht entscheiden, ob es recht ist, ein so schweres Verbrechen nicht mit der höchsten Strafe zu belegen, mir selbst aber ist ein Stein vom Herzen genommen, und ich danke Gott dafür; wir wollen ihn bitten, daß den Verbrechern das geschenkte Leben, das ja auch ein schweres wird, zur Besserung und zum Heil gereiche.« Und das große Richtschwert siegelte er ein in der Hoffnung, es nie mehr ziehen zu dürfen. Neues Leben. Wie freudigen Herzens schritten die Kinder der Heide zur Stadt hinunter, als die Schule wieder begann! Siegmund hatte während der Ferien noch einen Besuch seiner neuen Freunde erhalten und war sogar von Bergmüller zur Weinlese geladen worden. Die Schüler grüßten ihn freundlich beim Eintritt in den Schulhof; es war ihm fast eine Verlegenheit und er war froh, daß die Schule gleich begann. Es rückte keiner mehr zur Seite, wenn er neben ihn kam; sie zeigten ihm die Stellen in den Büchern, die er wissen mußte; borgten ihm das Federmesser und was sonst so kleine Gefälligkeiten des Schullebens sind, und es gab im Laufe der Tage Gelegenheit genug, daß Siegmund, der ein kräftiger, geschickter Bursche war, ihnen wieder einen Gefallen thun konnte; auf dem Turnplatz war er bald einer der Ersten und Kecksten; in den Lektionen wollte er auch nicht zurückbleiben, das hatte er sich fest vorgenommen; sie sollten sehen, daß ein Scharfrichterssohn auch etwas zustande bringen könne! Und es ging wirklich gut; wem es ernst ist mit dem Lernen, dem wird es auch zur Freude, und Siegmund konnte bald gar nicht mehr begreifen, wo er vorher nur die Zeit hergenommen, so viel unsinnige Geschichten zu lesen. Er lernte nach und nach guten Bescheid über Hannibal und Cäsar, über die Länder- und Völkergeschichte aller Zeiten; er gehörte bald unter die Erster seiner Klasse, und da er zu einer Art von Schützling der Schule geworden war und gegen alle freundlich und dienstfertig sich zeigte so wurde er auch nicht beneidet; die Mitschüler machten vielmehr Staat mit ihm, und an guten Freunden fehlte es ihm nicht. Anita war zuerst gar schüchtern ins Pfarrhaus gekommen da sie sich von den Zeiten des Fräuleins Richter her noch fürchtete. Klärchen aber und die gute alte Pfarrfrau nahmen sie sehr freundlich auf. Der Herr Pfarrer dachte, der alten Frau könnte es doch ein wenig unheimlich sein, wenn sie die Herkunft des jungen Gastes wüßte. So sah sie zunächst nur ein mutterloses Bürgertöchterlein in ihr und freute sich, daß sie so säuberlich war und pünktlich, so fleißig und gefällig, solch zierliche, geschickte Finger hatte zu jeder Arbeit und das oft trübselige, kranke Klärchen so nett aufheitern, unterhalten und pflegen konnte. Das Kind wurde nach und nach ganz ihr Herzblatt, so daß Klärchen fast eifersüchtig geworden wäre, und als sie später erfuhr, wem Anita gehöre, so tröstete sie sich: »Die Kleine kann ja nichts dafür, und am Ende wird's bald keine Scharfrichter mehr geben; nur daß sie sie Anita getauft, ist ein bißchen ein Übermut, Hannele hätt's auch gethan, oder Nike.« Anita blühte auf wie ein Röslein und wußte nicht, was sie Gott und Menschen alles zuliebe thun sollte zum Dank, daß es ihr so gut ging. An kalten und regnerischen Tagen hatte sie ihr Quartier im Pfarrhaus; aber so oft es möglich war, ging sie mit Siegmund hinauf, um dem Vater den einsamen Abend zu erheitern. Da wurde gemeinsam gelesen, nicht Räuberhistorien, aber schöne Geschichten aus alter und neuer Zeit; Anita sang ihre lieblichen Lieder, und der Vater erzählte ihnen von ihrer guten Mutter – er vergaß oft ganz, wie viele schwere und trübe Stunden er schon hier oben erlebt hatte. Auch die alte Katharine lebte wieder auf dabei; sie war aus Liebe zu der seligen Frau, die sie schon als Kind gepflegt, mit heraufgezogen und hatte getreulich bei den Kindern ausgehalten, mit denen sie oft großes Mitleid gehabt, daß sie nicht leben sollten wie andere Kinder; nun war sie glücklich, seit es ihnen besser ging und sie so geschickt und beliebt wurden. Sein Amt niederlegen und von der Heide herabziehen wollte der Meister nicht. »Ich passe nicht mehr in die Welt und unter die Leute,« sagte er. Er hatte dem Herrn Medizinalrat seine Heilmittel, seine Tränke und Pulver gezeigt und erklärt, wie er sie bereite, und gefragt, ob er sie denn noch verkaufen dürfe. »Da oben thun Sie's immerhin,« sagte dieser lächelnd. »Da drückt man ein Auge zu. In der Stadt würde es nicht angehen.« – So hatte er denn seine friedliche und stille Arbeit auf seiner Heide und freute sich, daß er seine Kinder so glücklich wachsen und gedeihen sah. Schluß. Und doch habe ich gehört, daß Meister Scholter, der sein Schwert nicht mehr hat ziehen dürfen, heruntergestiegen sei von seiner kahlen Höhe und gelernt habe, im Thale zu leben mit seinen Kindern. Das war fünfzehn Jahre nach dem Tage, wo er sein Schwert eingesiegelt; er war inzwischen ein alter Mann geworden. Ziemlich weit weg von der Heide, in einer gar freundlichen Stadt im Rheinthal, sieht man einen schön bepflanzten, sonnigen und schattenreichen Garten, darin ein großes, freundliches Haus, das gar schön und bequem eingerichtet ist für kranke Kinder. In luftigen Sälen stehen die guten, reinlichen Bettchen; schöne Bücher, Geschirrlein, Puppen, Bilder und Spielsachen sind zur Unterhaltung bereit. Am liebsten ist es den armen Kleinen, wenn sie bei warmem Wetter in den Garten zu Blumen und Vöglein gebracht werden können. Die Kinder haben ihren Arzt, den Herrn Doktor Siegmund, sehr gern, obgleich er sie manchmal plagen muß mit Schneiden und Verbinden; er ist so freundlich gegen sie und weiß immer ein Späßchen mit ihnen zu machen, und sie sehen auch, wie oft es besser wird unter seiner Kur, selbst wenn er ihnen zuerst weh gethan hat. Wen sie aber am allerliebsten haben, das ist seine Schwester, die Tante Anita genannt. Die kommt wie ein freundlicher Engel an all die Krankenbetten; sie tröstet und erquickt die Kinder in Schmerzen, sie spielt mit ihnen am guten Tag; sie liest ihnen vor, sie singt ihnen liebliche Lieder und erzählt ihnen; es ist ein Jubel selbst unter den kränksten und müdesten Kindern, wenn Tante Anita ins Zimmer tritt, und es ist eine Belohnung für die artigsten und geduldigsten, wenn sie länger bei ihnen verweilt. Wer Anita ist, das habt ihr wohl alle erraten; sie hat sich, solange ihr Bruder seine Studien und Reisen machte, in die Pflege Klärchens und ihres Vaters geteilt, der mitunter leidend wurde; sie hat dabei, so viel als möglich, alles gelernt, womit sie andern zu Dienst und zu Liebe sein konnte. Klara ist nun gesund und verheiratet; Anita aber ist auf des Bruders Bitte zu ihm gezogen, als sie sah, wie gut er sie brauchen konnte. Doktor Siegmund – er hat mit des Vaters Bewilligung den Namen Scholter abgelegt – hat recht tüchtige Studien gemacht und war einige Zeit ärztlicher Gehilfe in dem Kinderkrankenhause, das er nun zu eigen hat. Die Leute meinen, der Herr Doktor sei ganz dazu geschaffen, ein Kinderarzt zu sein; man hätte es früher dem trutzigen Siegmund kaum zugetraut. Als droben auf der Heide die Katharine gestorben und der Vater ganz allein war, da kam er endlich auf die Bitten seiner Kinder von der einsamen Höhe herab und blieb bei ihnen. Er wandelte wie ein fremder Gast unter den Menschen, mit denen er eigentlich nie gelebt hatte; doch hatten die Kinder den »Großpapa«, wie sie ihn nannten, lieb und betrachteten ihn mit großem Respekt. Mit Kindern spielen und ihnen Geschichten erzählen, das hatte er nie recht verstanden; es waren aber unter den kleinen Kranken oft aufmerksame, nachdenkliche Kinder, denen er allerlei mitteilen konnte von dem stillen Leben der Natur, unter Vögeln und Käfern, Pflanzen und Bäumen, wie er es in langen Jahren auf seiner einsamen Höhe beobachtet hatte. Auch dem Sohn war er vielfach ein nützlicher Gehilfe, wenn der gleich seine Kräutersäfte und Salben nicht gelten lassen wollte. So hat der alte Mann noch einen gar friedlichen und freundlichen Lebensabend gehabt, glücklich im Glücke seiner Kinder, ehe er entschlafen durfte. Unter seinem geringen Nachlaß fand sich das große, versiegelte Richtschwert. Der alte Spruch vom Menschenblut stand nicht mehr dabei, wohl aber auf einer Seite die Worte: » Der Herr hat nicht Gefallen am Tode des Gottlosen, sondern daß sich der Gottlose bekehre und lebe «; auf der andern: » Die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr «. Sie haben das Schwert dem Rathause der Stadt Eberburg zur Aufbewahrung übergeben. Die Kinder der Heide aber führen vielleicht noch heute ein thätiges, glückliches, segensreiches Leben im grünen Thale drunten. Auf Schloß Solingen. Habt ihr, die ihr aufgewachsen seid wie ich, in einer Stadt, in einem Hause, das man mit vielen andern Menschen bewohnt, es euch nicht auch oft herrlich schön gedacht, auf dem Land zu leben in einem eigenen Häuschen, oder vollends gar in einem alten Ahnenschlosse zu hausen, mit einer endlosen Reihe von Gemächern, einer geheimnisvollen Schloßkapelle; dahinter ein schöner Garten und schattiger Park? Wie anders ließe sich da spielen, wie könnte man in solchen Räumen prächtige Geschichten aufführen! so tausendmal schöner als in der engen Mietswohnung, wo der Herr Doktor im oberen Stock zankt, wenn man die Thür laut zumacht, und die Frau Rätin im unteren seufzt, wenn man die Treppe hinabspringt; wo man nicht einmal auf der Regentonne im Hof ein Schifflein schwimmen lassen darf, ohne von scheltenden Mägden verjagt zu werden, und wo man beständig in Todesangst schweben muß, mit irgend einer unvorsichtigen Handlung den Leu, den Hausherrn, zu wecken, was mehr als gefährlich ist, was den Schrecken aller Schrecken, eine Kündigung, hervorrufen kann! Nun kannte ich ein Schwesternpaar, das all das, was ihr euch so herrlich ausdenkt, hatte, und doch – ihr würdet vielleicht nicht aus der engsten Mansardenwohnung heraus mit ihnen getauscht haben. Es war ein richtiges, echtes Ahnenschloß, das Oktavie und Christine von Solingen bewohnten. Kam man zu dem vorderen Thor herein über den sonnigen, weiten, gepflasterten Hof, so präsentierte es sich mit seinen zwei Stockwerken, den langen Fensterreihen allerdings etwas nüchtern, wie ein großes stattliches Wohnhaus, hell und luftig, ohne besonderen Schmuck oder interessante altertümliche Zieraten. Ging man aber anstatt die Stufen hinauf und in die weite, mit Hirschgeweihen verzierte Halle hinein durch das schmale Thörchen daneben in den Garten und nach der Rückseite des Schlosses, da sah man erst, welch ein altes, großartiges Gebäude es war. Breitästige Kastanien machten den Weg entlang dem Schloß immer kühl und schattig; die grüne Dämmerung paßt aber gut zu dem grauen, steinernen Gemäuer, zu den Erkern und den hohen, spitzbogigen Fenstern der Schloßkapelle, die auf dieser Seite liegt. Die Steine des unteren Geschosses sind hier grün angelaufen, Brennesseln und allerlei Unkraut mit breiten, glänzenden Blättern und wirren Ranken lassen es sich hier wohl sein in dem feuchten Erdreich, und auf keinem der kleinen Balkone oder an den Erkern sehen wir ein lebendes Wesen – es könnte einem unheimlich werden, trotzdem es heller, goldener, warmer Sommermorgen ist; man sieht und merkt das kaum hier unter den dichtbelaubten Bäumen in der kühlen Dämmerung. Am Ende des langen Gebäudes stoßen wir an einen hohen Turm mit scharfkantigen Ecken, schmalen Schießscharten. Er steht einige Schritte vom Schloß weg, mit dem er durch eine kleine Zugbrücke verbunden ist. In früheren Zeiten der Gefahr und Kriegsnot wurde diese aufgezogen, jede der Schießscharten von einem mutigen Schützen besetzt, und da konnten die Frauen, Kinder und Greise des Schlosses, die man samt den Kostbarkeiten und Schätzen ins oberste Gelaß des Turms flüchtete, sicher sein: nicht der kecksten Landsknechtschar, nicht der wütendsten Bauernbande war es je möglich gewesen, da einzudringen; mehr als einmal hatte das Geschlecht derer von Solingen das erprobt. Gut war es, daß die Zeiten allmählich friedlicher geworden, jetzt würde das alte Gemäuer wohl keinen Sturm mehr ausgehalten haben. Das oberste Stockwerk war einmal vom Blitz beschädigt worden, und man hatte nur ein leichtes Notdach errichtet, das sich an einigen Stellen auf die Mauer stützte, an andern, wo dieselbe zu bedeutende Lücken hatte, von Balken getragen wurde. Und während jetzt der untere Teil des Turms mit seinem dichten, dunkelgrünen Epheugeranke in tiefem Schatten liegt, ist der obere halbzerstörte Teil, der ein luftiges Sommergemach bildet, von hellem Sonnenlicht umflutet, und dort sehen wir auch die ersten Menschen in diesem stillen Dornröschenschloß. Nicht eine schlafende Königstochter ist es – zum Glück, denn wir sind ja auch nicht der Prinz, der sie wecken könnte –, nein, zwei Kinder sind es, die sich da herumtreiben. Da das schmale Pförtchen am Fuß des Turms offen ist, können wir eintreten und auf die Wendeltreppe kommen, die uns in unzähligen Windungen hinauf auf den Turm bringt, wo wir die beiden beobachten können. Die eine hat das schlichte braune Kleidchen sorgfältig zurückgesteckt, eine grobe Schürze darüber gebunden, den Kopf in ein weißes Tüchlein gehüllt, welches das dunkle Kraushaar vor dem Staub schützen soll, und hantiert aufs eifrigste mit einem Besen. Die runden Bäckchen glühen ganz, so emsig trippelt sie auf den kleinen Füßchen herum und fegt Spinnweben von der Wand, das Geröll, den Sand und Staub am Boden zusammen, so geschickt und gewandt wie das geübteste Stubenmädchen. Jetzt hält sie einen Augenblick inne und wischt sich das heiße Gesichtchen ab. »Hören Sie, Frau Verwalter,« wandte sie sich an eine Gestalt, die in der tiefen Mauernische im Eck beschäftigt war, »ich fürchte, der Fußboden wird doch nicht sauber genug, auch wenn ich ihn tüchtig kehre; man sollte ihn aufwaschen. Sonst ist die Frau Gräfin gewiß nicht zufrieden, und da sie längere Zeit hier bleiben wird, muß es doch recht nett aussehen.« »Ich glaube nicht, daß es nötig ist,« meinte die Angeredete; »und wie kannst du denn das Wasser bis hier herauftragen?« »O, das ist das Wenigste!« rief die Kleine und lachte, daß die weißen Zähnchen zwischen den roten Lippen herausglänzten; »ich habe ja vom Kübler ein eigenes Wasserkübelchen gekriegt.« Und husch! ist sie hinaus und trippelt die steile Treppe hinunter. Wir können uns nun nach der Frau Verwalterin umsehen; unter einer solchen denkt ihr euch eine dicke, behäbige, alte Frau mit einer imponierenden Haube auf dem Kopf, eine weiße Schürze um die stattliche Gestalt gebunden und einen klirrenden Schlüsselbund an der Seite. O, diesmal habt ihr euch getäuscht! Da steht sie, die aufgeschossene Gestalt eines etwa achtjährigen Mädchens, aus dessen feinem Gesichtchen uns ein Paar dunkelblauer Augen schüchtern, erschrocken ansehen, gar nicht gebietend und befehlend wie die einer Frau Schloßverwalterin. Sie ist bemüht, in einer der noch erhaltenen Fensteröffnungen an den eisernen Stäben ein Stück weißen Mulls zu befestigen und darüber eine Epheuranke anzubringen. Sie ist noch nicht damit fertig, als die kleine Fleißige von vorhin wieder hereinkommt; mit triumphierender Miene, das Figürchen stramm aufrecht, einen der runden Arme in die Seite gestemmt, trägt sie auf dem Krauskopf ein hölzernes Gefäß mit Wasser, regelrecht, ohne etwas zu verschütten, trotz einem schwäbischen Bauernmädchen. »Aber Tini, das hättest du nicht thun sollen, das ist viel zu schwer für dich, vollends all die Treppen herauf!« Die Kleine hat inzwischen gewandt und sicher das Gefäß auf den Boden gesetzt und flüstert jetzt ganz verlegen, noch etwas außer Atem, der Schwester zu: »Otta, das darfst du nicht, ich bin ja deine Magd, und so sagt man nie zu seinem Dienstmädchen.« Wie wenn es gegolten hätte, vor einer großen Zuhörerschar einen Fehler wieder gut zu machen, bemühte sie sich jetzt, in möglichst naturgetreuem Ton zu seufzen: »Ach, bis man da heraufschnauft mit seinem Kübel! Man ist doch übel daran als so eine arme Magd,« was ihr aber von der Frau Verwalterin, die sich wieder in ihre Rolle gefunden, einen strengen Verweis eintrug. Das fingierte Bäbele machte sich nun eiligst daran, den Fußboden auszuwaschen, und zu ihrer großen Freude war sie damit fertig, als die Uhr auf dem nahen Kirchlein zwölf schlug. Die Frau Verwalterin hatte mit dem Schmuck ihrer Fensternische noch allerhand zu thun, besonders wollte der Holzklotz in der Ecke gar nicht wie ein Fauteuil aussehen, sie mochte das rote Tuch, das sie darauf gelegt, ziehen und hängen, wie sie wollte. Endlich war es einigermaßen zur Zufriedenheit arrangiert, und ganz erleichtert seufzte das Mägdlein: »Gottlob, Frau Verwalterin, daß wir fertig sind! Nun ist alles für die Frau Gräfin im Stande, sie kann kommen, wann sie will. Ich brauche nur noch Tassen und Teller aufzustellen.« – »Und ein Blumenbouquet binde ich, dann ist's wirklich sehr freundlich,« sagte die jugendliche Frau Verwalterin mit einem stolzbefriedigten Blick auf das Epheu- und Mullarrangement in der Fensternische. »O, sie essen schon!« rief plötzlich Christine, die sich über die Mauer beugte; ein Glück, daß kein zärtlich besorgtes Mutterauge sah, wie weit die kleine Gestalt über der schwindelnden Tiefe hinaushing! »Frau Kohl trägt die Suppe hinein. Also jetzt gilt das Spiel nicht mehr, Otta, gelt?« und blitzschnell glitten die zwei Mädchen die Treppe hinunter, über die kleine, längst nicht mehr ziehfähige Brücke in den langen Korridor, der sich durch das ganze Hauptgebäude zog. Vor einer der hohen Flügelthüren wurde Halt gemacht, um ein wenig zu Atem zu kommen; dann traten sie möglichst geräuschlos in das große Gemach. Nun müßte eigentlich kommen, daß dasselbe mit altertümlicher Pracht ausgestattet, mit schweren geschnitzten Tischen, Stühlen und Schränken möbliert gewesen, auf der Tafel, an welcher der ritterliche Schloßherr, die schöne Dame des Hauses Platz genommen, alte silberne Prachtstücke prangten, edler Wein in Kristallgläsern funkelte; so gehörte es sich ja eigentlich in einem Schloß, unsere Luftschlösser wenigstens waren immer so eingerichtet. Es thut mir ganz leid, euch so enttäuschen zu müssen; aber in Wahrheit sah es eben sehr anders aus in dem Zimmer, in das die beiden geschlüpft waren. Die helle große Stube war kahl und leer bis auf den langen Eßtisch und die paar tannenen Stühle davor. Ein kleines Schränkchen in der Ecke schien sich seiner Armseligkeit, seines zerstoßenen Lacküberzugs peinlich bewußt und drückte sich so zusammen, daß man es kaum wahrnahm. Aus den gardinenlosen Fenstern sah man auf den großen gepflasterten Hof, das wenigst Schloßartige in der Umgebung des Gebäudes, und links auf die Ställe. An dem sehr dürftig gedeckten Tisch saß ein Mann, den ihr aber gewiß nie für einen Schloßherrn, den Sprossen eines alten, edeln Geschlechts gehalten hättet. Die gedrungene, etwas gebückte Gestalt; das trübe Gesicht, von ungepflegtem, ergrauten Haar und Bart schier bedeckt; der Anzug, vom zerdrückten Hemdkragen bis zu den hohen derben Stiefeln – all das sah so gar nicht freiherrlich aus, daß ich es ganz bestimmt sagen muß: das ist wirklich der Freiherr von Solingen, auf und zu Solingen, sonst glaubt ihr es nicht. Mit einem kurzen Nicken beantwortete er den Gruß der Töchterlein und versorgte sich, ohne sich weiter um sie zu kümmern, mit ansehnlichen Portionen der einfachen Mahlzeit. All seine Aufmerksamkeit, welche dadurch nicht in Anspruch genommen wurde, schenkte er der neuesten Nummer des »Weidmanns Heil«, der einzigen Zeitschrift, die den Weg nach Solingen fand; für die beiden Mädchen hatte er keine übrig. Diese bedienten sich selbst, und Christine konnte es nicht unterlassen, der Schwester hie und da etwas über die Pläne des Nachmittags zuzuflüstern, so oft ihr auch ein erschrockener Blick derselben oder ein telegraphisches Zeichen der ab und zu gehenden Frau Kohl Stillschweigen gebot. Aus den blitzenden, dunkeln Augen leuchtete so viel Spaß und Schelmerei – es war unmöglich, all das für sich zu behalten, und sie war so vorsichtig, zu ihren Bemerkungen immer den Moment zu benützen, in welchem sie den Vater besonders beschäftigt sah, sei es mit einem Stück Fleisch oder mit einer interessanten Nachricht im »Weidmanns Zeil«. Endlich waren die Schüsseln und der Weinkrug geleert, die Zeitung zu Ende, und Herr von Solingen erhob sich, stieß den Stuhl zurück und verließ mit einem »Ich reite nach Elshof, macht mir keine Dummheiten!« das Zimmer. Nun fuhr das kleine Quecksilber in die Höhe, und mit glühendem Eifer wurde der erwartete Besuch der Gräfin besprochen. Mit einem Schleier und Kleid der Mama, unschätzbaren Requisiten bei jeder Aufführung, wurde Oktavie in eine Gräfin, mit einem Häubchen und weißer Schürze Christine in ein herziges Kammermädchen umgestaltet, die sich nun eilends auf den Turm begeben mußte, um die hohe Dame würdig zu empfangen und die Frau Verwalterin zu entschuldigen, daß sie durch eine plötzliche Krankheit verhindert sei, ihre Gebieterin zu begrüßen. Nun war für den ganzen Nachmittag für Unterhaltung gesorgt und die Rollen festgesetzt. »Um fünf Uhr strickt ihr,« rief Frau Kohl den Abziehenden nach und hatte damit das beruhigende Gefühl gewonnen, für die Erziehung und Ausbildung der beiden Fräulein von Solingen ausgiebig gesorgt zu haben für heute. Es war noch heller Abend, als Herr von Solingen heimwärts ritt. Daß ihn der Besuch in Elshof nicht aufgeheitert, sah man ihm deutlich an. Warum hatte aber auch dort gerade heute der Sohn des Hauses daheim sein müssen! und was hatte der Vater für ein stolzes Gesicht gemacht, als er seinen Ältesten dem Freunde vorstellte, und vollends die Mutter! Die hatte ausgesehen, als sei das überhaupt der erste zwölfjährige Kerl, den die Welt sehe. Nun ja, es war ein netter Bursche mit hellen, frischen Augen, kräftig und gesund, und kein übler Reiter. Aber sein Heinz! Der wäre jetzt gerade dreizehn Jahre alt und natürlich noch etwas ganz anderes geworden. Was Paul heute geleistet, das hatte Heinz mit fünf Jahren schon gekonnt. Solch ein strammer kleiner Reiter! und wie hatte er gelacht und gejauchzt beim Knallen einer Flinte! O Gott, und eine solche hatte ihm den Tod gegeben! Der einsame Mann, dessen Pferd langsam den grasigen Waldweg entlang schlenderte, mußte sich den Angstschweiß von der Stirn trocknen, als ihm jener Tag einfiel – ein goldener Septembertag, an dem er mit seinem jüngeren Bruder Erich, einem flotten Offizier, der bei ihm zu Gast war, von der Jagd heimkam. Voll Jubel rannte ihnen Heinz entgegen. »Laß mich schießen, Onkel! Gewiß, ich treffe!« rief die helle Knabenstimme. Der Onkel wehrte den mutwilligen Händen, die nach dem geladenen Gewehr griffen; aber das Sichwehrenlassen war Heinz' Sache nie gewesen. Flink wie ein Wiesel entschlüpfte er dem Onkel, riß an dem Gewehr – ein Knall – und er lag am Boden! »Mein Junge! mein Heinz! mein Herzblatt!« stöhnte der Vater in der Erinnerung an diesen grausen Moment. Und was er in der ersten Erregung des qualvollen Schmerzes dem Bruder zugerufen: »Du bist sein Mörder! Du hast losgedrückt! Nun ist dein Junge der Erbe! Verflucht sollt ihr sein!« das saß jetzt noch fest in seinem Herzen. Das Leid war zu schrecklich; er mußte einen sichtbaren Gegenstand haben, dem er grollte. Alle, sogar die Mutter des Knaben, die gewiß nicht weniger bei diesem Schlag litt, suchten dem Vater den schrecklichen Gedanken auszureden, als sei der Schuß von dem Bruder mit Absicht abgefeuert worden; die erschütternde Verzweiflung des jungen Mannes hätte ihm allein schon zeigen müssen, wie Unrecht er ihm thue mit einem so furchtbaren Verdacht. Nicht einmal zufällig war es seine Hand gewesen, die den Drücker der Flinte berührt; die hastigen, ungeduldigen Kinderfinger hatten den Schuß entladen, der dem frischen, jungen Leben ein so jähes Ende bereitet. Aber der unglückliche Vater wollte nichts davon hören; in seinen Augen war der Bruder der Mörder, und wenn er auch von einer Klage bei Gericht abstand, so blieb der Haß in seinem Herzen fest, und er ließ den Bruder nie wieder vor seine Augen kommen; er nahm den grausigen Fluch, den er in der ersten Qual des Schmerzes auf das Haupt Erichs und seiner Familie geschleudert, nicht zurück. Alle Versuche desselben, den Bruder zu versöhnen, waren erfolglos, und tief gebeugt kehrte er in seine Garnison zu seiner jungen Frau heim, und den Schatten, der von nun an auf seinem Herzen lag, verscheuchte ihre Liebe, das Lachen seines Ältesten; der nur wenig jünger war als Heinz, nie ganz. Auf Schloß Solingen sollte das Glück, die Freude auch nicht mehr einkehren. Mit welch bitteren Gefühlen rief sich der einsame Schloßherr an diesem Abend den Augenblick zurück, als man ihn zu der Wiege geführt, in der einige Jahre nach seines Heinz' Tod wieder ein Kindchen liegen sollte. Natürlich mußte das ein Sohn sein, der heiß ersehnte Ersatz für den gestorbenen Liebling. Wie sollte der nun seines Herzens Stolz werden! ein Solinger, wie es noch keinen gegeben. Nun fiel auch das Gut nicht an des verhaßten Bruders Familie, sondern sein eigener Sprosse sollte es bewohnen. Er sah nicht, wie die Wartefrau, die das Wiegentuch zurückschlug, leise zitterte; er beugte sich so voll freudiger Erwartung herab, wieder einen kleinen Sohn in die Arme zu nehmen – da, war's möglich! nicht ein, sondern zwei unbeschreiblich elende, häßliche kleine Wesen lagen da– zwei Mädchen! Keiner hatte gewagt, es dem Freiherrn vorher zu sagen; nun war auch seine Enttäuschung eine maßlose und ihre Äußerung keine sanfte. Diese Bosheit! Was wollte er von Mädchen! Einen Erben hatte er gewollt, einen stolzen, frischen Sohn, in dem er, der Alternde, wiederaufleben konnte; ein Mädchen wäre schlimm genug gewesen, und nun gar zwei! Der zornige Mann hatte kaum einen Blick für die weinende Mutter auf ihrem Lager, ehe er das Zimmer verließ; sie streckte die zitternden Arme nach ihren kleinen Mädchen aus; wie wollte sie sie lieb haben! Sie sollten nie empfinden, daß ihr Kommen in die Welt so wenig Freude gemacht. Der heftige, harte, stolze Charakter ihres viel älteren Mannes hatte sie ängstlich, scheu und sehr still gemacht; nun wollte sie in ihren Töchterchen leben, mit ihnen wieder froh werden. Ach, schon nach wenigen Tagen mußte sie fühlen, daß sie nicht bei ihnen bleiben dürfe, und da war ihr der Gedanke wahrhaft tröstlich, daß die schwachen Geschöpfchen sie nicht werden überleben können, daß sie sie mit sich nehmen werde in die ewige Heimat. Sie schloß die Augen lächelnd in dieser Hoffnung, um sie nicht mehr zu öffnen auf Erden, und die Zurückgebliebenen dachten auch nicht anders, als daß man in kürzester Zeit die beiden, kaum noch atmenden kleinen Wesen tot neben die Mutter betten würde. Aber Tag um Tag verging, und ohne recht zu leben, starben die Kindlein auch nicht. Das schmerzliche Wimmern ging mit der Zeit in ein gesundes Schreien über, die elenden Gliedchen streckten sich; langsam, langsam fingen sie an zu gedeihen, ohne daß ihr erstes Lächeln die Wonne der Mutter, ihr klarer Blick des Vaters Freude gewesen wäre. Nach und nach gewöhnte sich die Umgebung an den erst so unglaublichen Gedanken, daß die Kindlein leben würden. Sie wurden getauft auf die Namen Christine und Oktavie, so hatten Mutter und Großmutter geheißen; lange sich besinnen auf andere Namen, das war dem Vater nicht der Mühe wert. Mehr als der Tod der Gattin, mehr als das Leben oder Sterben der Zwillinge lag ihm der bittere Gedanke im Herzen, keinen Sohn zu haben; das Gut, die Früchte all seines Arbeitens und Sorgens, an die Familie des verhaßten Bruders gehen zu sehen. Für was mühte er sich nun noch? Die Güter und Felder freilich mußten besorgt werden; an den Gebäuden, dem Garten aber geschah nur das Allernötigste, um sie vor gänzlichem Verfall zu schützen. Besuche waren nie viele nach Solingen gekommen; jetzt vollends beschränkte sich alle Geselligkeit auf ein paar Herrengäste, die im Herbst zur Jagd kamen. So wurden die meisten Zimmer ganz abgeschlossen und für den Freiherrn und die beiden Mädchen nur die notwendigsten im Stand gehalten. Es war kein erfreulicher Anblick, der sich dem Herrn des Hauses bot, als er durch die alte, vergraste Lindenallee, welche mitten durch den Garten führte, auf das von dieser Seite so düstere, unbewohnte Haus zuritt; aber was war überhaupt für ihn erfreulich! Für ihn, der keinen Sohn, nur so ein paar unnütze Mädchen hatte! Eine sehr heitere Kindheit hatten Oktavie und Christine unter diesen Umständen nicht; und doch hätten sie den sehr verwundert angeguckt, der sie bedauert hätte. Als Ersatz für so vieles was ihnen fehlte, hatte der liebe Gott ihnen eine reiche Fähigkeit zur Freude am Kleinsten in die jungen Herzchen gelegt, und sie fanden auch auf trockenem Boden Nahrung genug dafür. Und dann vor allem – sie hatten ja einander! Schon als kleine Kindlein hatte das kläglichste Weinen aufgehört, sobald man sie nebeneinander gelegt hatte; seit sie sich kennen konnten, war die Begrüßung nach dem Erwachen jeden Morgen eine neue Freude, und wenn Frau Kohl, die Wartefrau, die im Haus geblieben und mit der Zeit die Funktionen der Erzieherin und Haushälterin übernommen, für nötig fand, eine sehr strenge Strafe über die Schwesterchen zu verhängen, so durfte sie sie nur in zwei getrennte Kammern sperren, und der härteste Eigensinn, der verstockteste Trotz schmolz in heißen Sehnsuchtsthränen. Frau Kohl war nicht von Stein, so dauerte die Gefangenschaft in der Regel nicht lange, und das jubelnde Wiedersehen ließ ihre Schrecken bald vergessen. Wie schade, daß kein liebendes Mutterauge sich weidete an der kleinen Gruppe! Es war ein so herziges Bild, wie die größere zarte Oktavie den Arm um die kleine Christine schlang, die ihre runde rosige Wange fest an der Schwester schmaleres blasses Gesichtchen drückte, daß sich die krausen Löckchen mit Oktavies seidenweichem schlichten Haar vermischten. Und nun erzählen sie sich, wie sie die lange halbe Stunde der Trennung verlebt. »Ich bin immer am Fensterchen gestanden,« sagt die sanfte Stimme Oktavies, »und habe hinaufgesehen zum Himmel, ob nicht ein weißes Täubchen komme; dem hätte ich dann ein Zettelchen um den Hals gebunden, das es dir hätte bringen müssen. Oder hätte ja auch ein riesengroßer Adler herfliegen können; den hätte ich ganz nahe ans Fenster gelockt, wäre schnell auf seinen Rücken gestiegen, und er hätte mich zu dir hinübertragen müssen; wäre das nicht wunderbar gewesen?« »Jetzt sind die Tauben ja eingesperrt, weil man sät, da konnte keine kommen,« entgegnete Christine als praktische kleine Landwirtin; »weißt du, was ich gethan habe? Ich habe einen Flederwisch gefunden, und mit dem habe ich alle Spinnweben von dem Fensterchen und aus den Ecken gekehrt. Und jetzt wollen wir der Katharine großen Besen holen, damit kann ich die Decke abfegen, und dann können wir in der Kammer auch spielen.« Eilends lief die Kleine in die Küche, um das erforderliche Instrument zu holen. Sie war sehr gut befreundet mit Katharine und Ammalie, den dort herrschenden Mächten, und so bekannt da, wie in den Ställen und Scheunen, wo sie die Unterhaltung fand, welche das Wohnzimmer nicht bot, und wo sie ihre landwirtschaftlichen Studien begonnen, sobald sie ordentlich sprechen konnte. Die Kammer wurde gesäubert und diente nun bald als Kerker, bald als Wohnung der edeln Armut, je nachdem es das Stück verlangte, das Oktavie als Regisseur angab und mit der Schwester ausführte. Spielsachen gab es so gut wie keine für die beiden; der Vater dachte nicht daran, dafür zu sorgen, und die hölzernen Jungfern, Wägelchen oder Geschirrchen, die Frau Kohl hie und da von einem hausierenden Künstler billig erstand, hatten ein sehr kurzes Dasein und gingen bei einigermaßen strengem Gebrauch gleich aus dem Leim. Wenn auch die Trümmer stets noch eine Weile dienten, so war doch etwas Ordentliches nicht mit ihnen anzufangen. Da war es von unschätzbarem Wert, daß Oktavies phantasiereiches Köpfchen nie um eine Idee zur Unterhaltung verlegen war, so wenig, als Christines Feuereifer, sie auszuführen, je erlahmte. Die spärlichen Märchen, die Frau Kohl zu erzählen wußte, die grausigen Geistergeschichten, welche die Kleinen je und je in der Gesindestube aufschnappten, boten den Stoff zu dramatischen Darstellungen, welche allerdings oft nicht wenig Anforderungen an die Schauspieler machten, die, nur zu zwei, sich sehr oft verdoppeln und verdreifachen mußten, um dem Stück gerecht zu werden. Aber da sie auch zugleich das Publikum waren, so fehlte ihnen die Befriedigung eines verständnisvollen Beifalls nie. Als die Schwestern sechs Jahre alt waren, fühlte Frau Kohl selbst, daß ihre Bildung nun in etwas berufenere Hände als die ihren kommen sollte; sie faßte sich ein Herz und trug ihrem Gebieter, vor dessen finsterer Stirn und kurz angebundenem Wesen sie keine geringe Furcht hatte, ihre Ansicht vor. Obwohl seine einzige Antwort ein kurz gebrummtes »Dummheiten!« war, so mußte er doch schließlich im Innern die Sache als berechtigt ansehen. Eine Gouvernante ins Haus zu nehmen, das war außer aller Frage, da so schon viel zu viele Frauenzimmer nach des Freiherrn Ansicht darin waren; die Kinder in die Dorfschule schicken, das ging ebensowenig; zum Glück siel ihm ein dritter Ausweg ein, der gleich ergriffen wurde: der Schulmeister sollte aufs Schloß kommen, das war's! Wenn die Mädchen nur einmal alles lernten, was der wußte, dann konnte wieder Rat geschafft werden. Nun war doch die Erziehungsfrage erledigt. Zum Glück war der Schulmeister ein tüchtiger und kluger Mann, der besonders mancherlei Kenntnisse in der Natur hatte, die er sich freute, seinen aufgeweckten kleinen Schülerinnen mitzuteilen, in deren wechsellosem Leben der Unterricht ein großes Ereignis und eine Quelle der Freude war. Und was für neue Pforten des Genusses waren aufgeschlossen, als sie einmal selbst lesen konnten! ein allerdings hauptsächlich von Oktavie geschätztes Vergnügen. Die Herren von Solingen hatten nie sehr viel aufs Lesen und Studieren gehalten und von ihren irdischen Gütern stets einen andern Gebrauch zu machen gewußt, als sie im Ankauf von Büchern zu vergeuden. So fand sich keine interessante alte Bücherei im Schlosse, wo in hohen Schränken ehrwürdige Folianten in imponierendem Schweinsleder stehen. Aber einen Wandkasten entdeckten die Mädchen doch, in dem ein Haufen Bücher lag: Almanache mit rührenden Bildern, ein paar Bände Gedichte, einige Dramen von Schiller, eine Reihe elegant gebundener französischer Dichter aus dem Nachlaß einer früheren Frau von Solingen und, das Beste, was es unter der gemischten Gesellschaft für die kleinen Spürnäschen gab, alle Erzählungen des guten, alten Kinderfreunds Schmidt: Rosa von Tannenburg, Die Ostereier, Heinrich von Eichenfels – diese schönen Geschichten, die ihren Reiz nicht eingebüßt haben mit den Jahren und die vollends für die beiden trotz Katharine und Frau Kohl so einsamen Schwestern von unendlichem Wert waren. Was war das für eine unerschöpfliche Quelle von Vergnügen: zuerst, wenn Oktavie mit glühenden Wangen der horchenden Christine die Geschichten vorlas, und dann, wenn sie wieder und wieder aufgeführt wurden. An passenden Lokalitäten fehlte es nie; da war die gereinigte Bodenkammer oben, der lange Korridor oder das Schlafstübchen, das einen kleinen Balkon auf den Garten hinaus hatte; nur die große Lern- Wohn- und Eßstube, die auf den Hof ging, in der man schreiben und lesen, nachmittags bei Frau Kohl eine Stunde stricken mußte, wurde nie zum Schauplatz der Aufführungen gewürdigt. Und bei schönem Wetter – wo hätte sich da eine herrlichere Bühne finden lassen für die Darstellung von Heinrich von Eichenfels, überhaupt für alle Räuber- und Rittergeschichten, als der große Garten mit seinen kunstvollen, jetzt ziemlich verwilderten Taxusgängen und -hecken, dem kleinen See, der prächtigen Lindenallee und den vier Lauben! Auch die verwitterten steinernen Figuren, die da und dort im Gebüsch standen oder lagen, mußten es sich gefallen lassen, hie und da mit hereingezogen und als Schauspieler benützt zu werden. Haus und Garten waren das ausschließliche Gebiet der Kinder; weiter zu gehen, verbot ein Befehl des Vaters, der damit seine ganze väterliche Fürsorge erschöpfte. Die besterhaltene der Lauben, über die ein riesiger Nußbaum seine Zweige breitete, stand an einem besonders abgelegenen, sonnigen Plätzchen. Die nächste Umgebung hatte Christine mit großer Mühe vom Unkraut gesäubert, so daß ein paar Rosenbüsche und Lilienstöcke wieder ordentlich wachsen konnten. Ein niederer Tannenhag schloß den Platz fast ein, nur ein schmaler Eingang blieb offen – das war der Raum, wo Scenen aus der biblischen Geschichte aufgeführt wurden: Isaaks Opfer und Rahel am Brunnen, Maria mit dem Jesuskind und die Erweckung von Jairus Töchterlein. Dadurch vertieften sie sich in die heiligen Geschichten, die Personen wurden ihnen lebendig und nahe gerückt, so daß diese kindlichen Darstellungen der Weg waren, auf dem die Kleinen, die keine zarte Mutterhand, kein ernstes Vaterwort zum Heiland führten, sich selbst zu ihm fanden. So lieb sie ihren freundlichen Lehrer, Herrn Maier, hatten, so kam es doch nie dazu, daß sie ihm von den Freuden ihrer freien Zeit, von ihren Spielen und Aufführungen erzählten. Sie waren es so gewöhnt vom Vater und Frau Kohl her, mit einem »Dummheiten!« oder »Mädchen, was fällt euch ein! Da strickt lieber!« abgefertigt zu werden, daß sie sich nie wagten, Erwachsene ins Vertrauen zu ziehen. Höchstens bildete Katharine am Sonntagnachmittag das Publikum, aber eines von sehr mäßigem Verständnis. Sie lachte so oft am falschen Ort, wollte gar nie recht begreifen, wann Oktavie ein Ritter oder mann ein Bauernmädchen sei, und wenn das Stück aus war, mußte es ihr allemal erst recht wieder erklärt werden von Anfang an; da war auf ihren Beifall nicht viel zu geben. Aber endlich sollten sie doch die Freude eines teilnehmenden Gefährten bekommen. Es war am Sonntag, nachdem sie sich den Turm oben zu einer gräflichen Behausung eingerichtet, als sie wie gewöhnlich hinter Frau Kohl her zur Kirche trippelten. Schon im Licht einer angenehmen Abwechselung war der Kirchgang ein willkommenes Ereignis; außerdem kamen sie nie ins Dorf hinüber. Aber sie mochten auch den Gesang gern hören, und Otta dachte sich, wenn sie der Predigt nicht mehr zu folgen vermochte, gern aus, wie an diesem Platz mit dem Wappen derer von Solingen darüber ihre selige Mutter einst auch gesessen, und die Worte des alten Herrn Pfarrers, die Kirchenluft, das verblichene Polster des Stuhles – all das verwebte sich mit dem Bild der Entschlafenen; sie meinte, in der Kirche ihr näher zu sein als an jeder andern Stelle. Während Otta so still vor sich hinträumte, ließ Tini die lebhaften Blicke unter den übrigen Kirchgängern herumgehen, besonders bei den ihr zunächst sitzenden Bauernmädchen, von denen immer Einige Zeit und Gedanken für Weltliches übrig hatten; und durch leises Nicken, Zulächeln, sich die Bildchen in den Gesangbüchern zeigen war nach und nach eine Freundschaft entstanden zwischen den Bewohnern von Schloß und Hütte, die Tini viel Vergnügen machte. Leider durfte sie der Schwester nicht viel davon erzählen; die fand es sehr unartig, in der Kirche so herumzugucken und gar zu lachen, wenn's auch noch so unmerklich geschah. An diesem Sonntag nun gab's, was nicht oft vorkam, etwas Neues zu sehen in der Kirche: gegenüber dem freiherrlichen Kirchenstuhl, im Pfarrsitz hatte neben der dicken, alten Magdalene, des verwitweten Herrn Pfarrers Haushälterin, eine neue Gestalt Platz genommen, ein blasser, schmaler Junge, sauber und städtisch gekleidet, der, nach seinem aufmerksamen Herumschauen zu schließen, zum erstenmal da war. Als er sah, wie der herrschaftliche Kirchenstuhl bezogen wurde, flüsterte er seiner Nachbarin leise zu: »Sind's die?« und erhielt ein bejahendes Nicken zur Antwort, aber zugleich einen so verweisenden Blick von der, gestrenge Kirchenpolizei übenden Jungfer Magdalena, daß ihm alle weitere Lust zu Bemerkungen verging. Er wußte ja zunächst auch genug: daß das richtige Freifräulein waren ihm gegenüber, die in einem Schloß wohnten. Das letztere war ihm das bei weitem Wichtigste an ihnen, sonst konnte er nichts Besonderes wahrnehmen und wandte bald den Blick ab. Da war nichts von den Federhütchen, den Samtkleidern, kostbaren Gesangbüchern und Goldkettlein, mit denen seine Phantasie Schloßbewohnerinnen reichlich versehen hatte: solche kleine Mädchen hatte er schon genug gesehen; ihre weißen Strohhütchen waren so gewöhnlich als möglich, und die blauen Kleidchen unterschieden sich in Farbe und Schnitt nicht von dem seiner kleinen Schwester daheim. Die beiden seien Zwillinge, hatte ihm Magdalene zu Hause erzählt; aber sie glichen sich gar nicht, was sie eigentlich doch hätten thun müssen und was sie noch ein wenig merkwürdig gemacht hätte. Aber in einem Schloß wohnten sie doch, und ein solches, vollends ein altes, einsames, halbzerfallenes, zu sehen, war seit lange das Ziel der Sehnsucht Christoph Halters. In wieviel Geschichten war von Schlössern die Rede, von alten Geschlechtern und ihren gesammelten Merkwürdigkeiten, und noch nie war es ihm zu teil geworden, eines zu sehen! In dem nüchternen, fleißigen Handelsstädtchen, wo er lebte, das seit einem Brand ganz neu gebaut war, war nichts Altes als ein paar häßliche Scheunen, und in seinem Elternhaus war das Reisen nach Merkwürdigkeiten und Altertümern nicht Mode. In der dumpfigen Schuhmacherstube, wo es stets nach neuem Leder und alten Schuhen roch, war man froh, wenn man das Brot für die Kinder und den Most dazu für Meister und Gesellen hatte; daneben das Schulgeld für den Ältesten, den der Vater zum leisen und lauten Ärger der Mutter aufs Gymnasium schickte. Einmal aber sollte doch das Reisen an Christoph kommen. Er war lange krank gewesen im Winter und Frühjahr und konnte gar nicht recht zu Kräften kommen. Er sah aus, daß man sich nach der Mutter Meinung vor den Leuten genieren müsse seinetwegen, und als der Arzt dringend verlangte, daß der blasse Junge aus dem Lederduft und von seinem Lernwinkel hinter des Vaters Schusterschemel herauskomme, da war man darauf verfallen, den Herrn Pfarrer, bei dem Christophs Mutter als Mädchen gedient und welcher der Pate der ganzen Kinderschar war, zu bitten, den Buben in der Vakanz bei sich aufzunehmen. Ein freundliches Schreiben des alten Herrn hieß das Patchen willkommen, und so durfte er, beneidet vom ganzen Haus, auf Reisen gehen. Am Samstagabend war er angekommen im Pfarrhaus und vom Hausherrn mit herzlichem Gruß, von Magdalene mit einem goldgelben Pfannkuchen empfangen worden. »Der Bube muß anders fort, als er angekommen,« war der Entschluß, den sie bei seinem Anblick faßte und den sie während der vier Ferienwochen mit unvergleichlicher Energie verfolgte. Es war seit dem Tode der Frau Pfarrerin und ihres einzigen Sohnes gar still im Hause; der alte Herr machte sich so wenig aus Magdalenes besten Gerichten, daß es ihrem Herzen so wohl that, wieder für jemand recht sorgen zu dürfen, wie ihrer Zunge, sich von Grund aus auszusprechen. Seit das Gehör ihres Herrn so abnahm, war die Unterhaltung mit ihm auf ein gar zu bescheidenes Maß zurückgeführt. So hatte sie gleich am ersten Abend ihrem Gast und Schützling ausführlich über Land und Leute berichtet, wobei auch die Rede auf die Herrschaft gekommen war, die ungute Wirtschaft dort und das arme Zwillingspärchen, das in der Einsamkeit und Trübsal aufwachse, und Christoph hatte zu seiner nicht geringen Freude erfahren, daß er hier vielleicht das Ziel seiner Wünsche, die Besichtigung eines Schlosses, erreichen könne. Aber wie? Die Kirche war aus, und Christoph beeilte sich, soweit thunlich, hinter den kleinen Freifräulein herzugehen. Es gelang ihm auch, und auf dem Kirchhof, wo sie sich bei einem Grab mit schönem Monument an der Kirchenmauer aufhielten bis die eine, die blonde, ein paar welke Blumen entfernt und einen herabhängenden Rosenzweig aufgebunden, hätte er die beste Gelegenheit gehabt, sie anzureden. Aber er brachte es nur zu dem einleitenden Räuspern und wandte sich mit dunkelrotem Gesicht schnell ab, als sich die Kleine nach ihm umdrehte. Nach dem Mittagessen und der Kinderlehre war der alte Herr recht ruhebedürftig und machte sein Schläfchen in der Sofaecke, nachdem er Christoph den Rat gegeben, einen schönen Spaziergang zu machen. Magdalenes Begleitung war außer Frage, so zog der Gast allein hinaus, nicht recht wissend, wie sich das Sonntagsvergnügen gestalten werde. Jedenfalls richtete er zunächst seinen Weg nach dem Schloß – von außen würde er es doch ansehen dürfen. Der Weg vom Dorf her führte auf die Vorderseite des Schlosses; aber – das Hofthor war heute geschlossen, und über die hohe Mauer sah man nur den spitzen Giebel und die obere Partie des Turmes; das war doch zu wenig. So dehnte er seine Entdeckungsreise weiter aus, indem er einen schmalen, grasigen Weg der Mauer entlang ging. Sie hörte bald auf, und nun kamen grüne Hecken, über die hohe alte Bäume herübergrüßten und da und dort einen Blick frei ließen auf die Rückseite des Gebäudes, die mit den Erkern und Balkonen, den hohen Fenstern der Kapelle der schloßartigste Teil des Ganzen war. Mit leuchtenden Augen betrachtete der junge Plebejer diese Reste altadeligen Glanzes; wenn er nur hätte in den Garten hineinkommen können! Aber weit und breit war kein Mensch, und wäre einer dagewesen, so wäre noch sehr die Frage gewesen, ob er den Mut gehabt hätte, ihn anzureden und um Erlaubnis zu fragen. Endlich hörte er Stimmen – Kinderstimmen, von denen die eine soeben sagte: »So, nun steige ich auf den Scheiterhaufen – da binde mir die Hände! Jetzt nimm das Messer ...« Das klang doch zu gefährlich, und ohne weiteres Besinnen drängte sich Christoph durch die Lücke in der Hecke, um auf die grause Opferstätte zu gelangen. »Es kracht etwas in den Büschen; Otta, dort hängt ein Widder mit seinen Hörnern!« rief es in heller Freude. Was aber da hervorbrach, das war kein Widder, sondern ein verwundert um sich blickender Knabe. Er stand auf einem freien kleinen Platz vor einer Laube, mit niederem Tannenhag eingefaßt; in der Mitte kniete auf einem kunstlosen Holzstoß etwas unsicher ein kleines Mädchen, die Hände auf den Rücken gebunden, und ein sehr jugendlicher Abraham, in einen langen Shawl drapiert, stand mit gezücktem Küchenmesser daneben. Der kleine Isaak wandte den Kopf. »O wie schade!« rief er, als er den Knaben erblickte; »ich glaubte, da käme ein richtiger Widder, und nun bist nur du es. Aber es schadet nichts, opfern kann man ihn doch.« Etwas verdutzt ob dieses eigentümlichen Vorschlags und nicht sehr erbaut davon, wich der Ankömmling unwillkürlich etwas zurück. »Ach, nicht recht opfern,« fügte nun der blonde Abraham hinzu; »wir spielen ja bloß. So komm doch!« Isaak-Tini war schnell vom Holzstoß geglitten; die Schwester hatte ihre Hände befreit, die des Opfertiers, das sich nun willig wie das sanfteste Schaf zu allem hergab, mit dem Tuch gebunden; den vermeintlichen Widder zum Holzstoß geführt und pantomimisch abgeschlachtet, worauf er frei gelassen wurde. »Das war nett, daß du gerade so zur rechten Zeit kamst,« sagte nun Oktavie; »wir haben dich heute morgen in der Kirche gesehen. Wie heißt du?« »Christoph Halter.« Und nun war die ohne Einleitung geschlossene Bekanntschaft zwischen Priester und Opfer aufs schönste im Gang. Christoph mußte erzählen, wo er herkomme, was er hier thue, und bald kam auch sein heißer Wunsch, einmal ein Schloß zu sehen, zur Sprache. Mit größtem Eifer waren die Schwestern bereit, denselben zu erfüllen; daß sie einem so großen Knaben, der Lateinisch und Griechisch lernte, etwas zeigen konnten, was er noch nie gesehen, das war sehr angenehm; und Christoph war nicht wenig stolz, daß ihn wirkliche Freifräulein in ihrem eigenen Schloß herumführen wollten. Manches enttäuschte ihn zwar im stillen gewaltig: der Hof, die gewöhnlichen Treppen, die Wohnstube – da war wenig von der mittelalterlichen Romantik, die er erwartet; aber der Turm, der große Saal mit der prächtigen Stuckarbeit an der Decke und vor allem die düstere kleine Kapelle, deren rostiges Schloß kaum aufzubringen war – das war so merkwürdig, als er es sich nur wünschen konnte; und seine Bewunderung dieser verfallenen Herrlichkeit, seine begierigen Fragen nach den Personen, welche die verdunkelten Bilder im oberen Gang darstellten – das beglückte seine kleinen Führerinnen in hohem Grad und machte ihnen das selbst wichtig und interessant, woran sie bis jetzt ohne weitere Gedanken alltäglich vorübergegangen. Und wie konnte Christoph, als sie, oben auf dem Turm angelangt, sich auf die niedere Mauer setzten, erzählen von dem Leben in den alten Burgen, von den Raubrittern, den edeln Helden der Kreuzzüge! Er wurde ganz beredt, nun es auf dieses sein Lieblingsthema, über das er viel gelesen, kam, und die Kleinen, denen zum erstenmal jemand erzählte, hörten mit strahlenden Augen zu. Auch was sie nicht verstanden, war schön; schön war vor allem das Gefühl, daß sich jemand mit ihnen beschäftigte, Zeit für sie hatte und ihnen zuliebe that, was sie gern haben mochten. So bald hatte es noch nie sechs Uhr geschlagen, und waren sie von Frau Kohls gellender Stimme gerufen worden! Im Garten hatten sie Christoph erst noch nicht alles gezeigt: die Statue eines zwerghaften früheren Schloßherrn, der seine schöne Frau so boshaft gequält hatte, daß sie ihn zur Strafe oft auf den Tisch gestellt, von dem er dann nicht mehr allein herunterklettern konnte und der nun in seiner ganzen Häßlichkeit in Stein gehauen am See stand, und sonst noch allerlei. Da war es selbstverständlich, daß sie sich von dem neuen Gefährten mit einer dringenden Einladung auf morgen verabschiedeten, und stolz erhobenen Hauptes schritt Christoph in das Pfarrhaus zurück. Das leibarme Schuhmachersbüble konnte es in gar nichts den Schulkameraden gleich thun, nicht auf dem Spiel- oder Turnplatz Lorbeeren erringen; und wenn er auch mit eisernem Fleiß stets einen ehrenvollen Platz in der Schule behauptete, so fehlten doch außerhalb der Klasse alle Beziehungen zu den andern Schülern, und schüchtern stand das blasse Büblein und später der große Junge in einer Ecke, wenn die andern zum lustigen Spiel eilten. Daheim vollends in dem geschäftigen Treiben, zwischen Gesellen und Lehrlingen, galt der Junge, der »nichts schaffte«, nur wenig, und wenn ihm auch der Vater freundlich zunickte über sein Stück Leder weg, so konnte er doch nicht viel mit ihm machen. Da war es denn ein ganz neues Leben für ihn, daß das, was er sagte und that und angab, für die zwei Mädchen vom Schloß interessant und maßgebend war, und er gab sich alle erdenkliche Mühe, ihnen Freude zu machen; denn ganz von selbst verstand es sich, daß er alle Morgen und alle Nachmittage den Weg nach dem alten Hause einschlug. Der Herr Pfarrer hatte unter seiner Bibliothek Schillers Gedichte, und als Christoph merkte, Oktavie höre gern vorlesen, las er ihr mit Begeisterung die wohlklingenden Verse, wahrend Christine Blätterguirlanden zusammenheftete oder die trüben Fensterscheiben des Gartenhäuschens ausrieb. Viele Geschichten hatte Christoph nicht zu erzählen; aber was er ihnen von seinem Schulleben zu berichten wußte, oder von dem alten Fräulein, das in der oberen Stube in seinem Elternhaus wohnte und das so wunderschöne Sachen: zierliche Püppchen, kleine Landschaften und Gärtchen aus Moos, zu machen verstand; von den armen Leuten ihrer Nachbarschaft und seinen Brüdern und Schwestern – alles war den zwei weltfremden Schwesterchen neu und merkwürdig. Seine Lieblingsstunde in der Schule war Geschichte, und auch davon hörten sie gern berichten, wenngleich ihr Geschmack ein sehr verschiedener war. Während Christines dunkle Augen funkelten, wenn von einem kühnen Kampf und glänzenden Sieg, von stolzen Reitern und wilden Abenteuern die Rede war, mochte Oktavie viel lieber von guten, milden Fürsten und wohlthätigen hohen Frauen hören und bat sich immer wieder die Geschichte der schönen armen Königin in Paris aus, der böse Menschen das holde, blondlockige Haupt abgeschlagen und deren kleiner Sohn so traurig gestorben, wenn sie auch jedesmal bitterlich dazu weinen mußte. Auch in die Aufführungen kam ein neuer Schwung; Christoph stellte sich zwar erst etwas ungeschickt an und war in geheimer Sorge, ob ihn nicht jemand sehe und auslache, wenn Otta ihn so merkwürdig drapierte. Aber allmählich wurde er sicherer, und das Ding gefiel ihm. Er brachte neue Stücke aufs Tapet: Iphigenies Opfer, Antigones schwesterliche That, Hektors Tod und Odysseus' Heimkehr – alles das wurde dargestellt, und vor keiner Schwierigkeit schreckte die unternehmende Truppe zurück. Wenn alles erschöpft war, was an Mänteln, Tüchern, Tischen und Geräten zur Verfügung stand und von der unermüdlichen Tini aufgestöbert und herbeigeschleppt werden konnte und die Sache wollte sich immer noch nicht »echt« genug machen, so blieb ja stets der Ausweg: »O, das denkt man sich eben so!« und das genügte. Ein paarmal war der Freiherr im Hof oder Garten an den Kindern vorbeigegangen und fragte einmal, was sie denn da für einen Kameraden aufgelesen. Christoph, zuerst sprachlos vor Respekt und Furcht, hatte noch keine passende Antwort gefunden, als Otta das Wort für ihn nahm und ihn dem Vater vorstellte: »Es ist Christoph Halter, der beim Herrn Pfarrer auf Besuch ist, und er geht daheim ins Gymnasium,« die zwei ihr am empfehlenswertest dünkenden Eigenschaften des Freundes nennend. »Einen Schreiber kann er wohl geben,« meinte der Freiherr, etwas geringschätzig die schmale Gestalt des Knaben musternd. Johann führte soeben sein Reitpferd in den Hof. »Bist du schon auf einem Pferd gesessen, du dünner Bücherwurm?« fragte er weiter, während ihn die Mädchen hoch erstaunt ansahen; so scherzhaft aufgelegt hatten sie den Vater lange nicht gesehen: »Nein? Na, dann probier's einmal!« Christoph hatte gar keine Sportgelüste, besonders im Blick auf das feurige Pferd, hätte aber um keinen Preis gewagt, die Aufforderung abzulehnen, und folgte mit leisem Zittern dem Freiherrn, der ihn ganz kaltblütig aufsitzen hieß. Ja, wie sollte er das aber machen? Einen Fuß brachte er am Ende schon in den Steigbügel; aber wie kam der andere in den zweiten? Eine Weile quälte er sich ab zur stillen Belustigung des Freiherrn, zur lauten des Stallknechts, bis ihm der erstere mit einem kräftigen Schub hinaufhalf: »Jetzt reite!« Das war bald gesagt. Der unglückliche Reiter dünkte sich auf einem Turm bei einem Erdbeben, und ehe er noch dazu kam, sich an den Hals des Tieres, der ihm die einzige Stütze schien, zu klammern, schüttelte das ungeduldige Pferd die Last ab, und wie eine reife Pflaume plumpste er, zum Glück nicht hart, auf einen Strohbund herunter. »Ich kann's besser, Vater!« rief Tini eifrig und ließ sich von Johann auf das Pferd heben, nahm die Zügel in die Hand und saß mit freudestrahlender, stolzer Miene, das Köpfchen hoch aufgerichtet, im Sattel, während das Pferd, das die Kleine nicht zum erstenmal trug, sachte mit ihr über den Hof trabte. »Wahrhaftig, sie bleibt sitzen!« rief der Freiherr erstaunt; und Tini hörte das mit hoher Genugthuung. Aber als sie wieder vor dem Vater hielt, war seine Miene doch nicht heiter, und mit einem Seufzer nahm er sie herunter: »Ja, wenn du ein Junge wärest!« – »Was thut denn das!« meinte sie; sie hatte ja ihre Sache besser als ein solcher gemacht. Christoph hatte Ottas Beileidsbezeugungen und mitleidige Fragen nicht beantwortet und war ärgerlich und tief beschämt vom Hof geschlichen; er getraute sich einen ganzen Tag nicht mehr ins Schloß aus Angst vor dem Freiherrn und neuen ritterlichen Übungen, welche dieser verlangen und er nicht erfüllen könnte, und aus Beschämung, vor seinen kleinen Freundinnen solch klägliche Niederlage erlitten zu haben. Am zweiten Tag trieb er sich wenigstens in der Lindenallee herum; Christines scharfe Augen erspähten ihn sogleich, und er überzeugte sich, daß Furcht und Beschämung grundlos waren. Der Freiherr ließ ihn völlig unbeachtet von nun an; ein Kerl, der auf einem Pferd saß wie ein Frosch auf dem Brunnenrohr, der war gerade nur gut genug, um mit Mädchen zu spielen. Die Schwestern aber sahen so viel Staunenswertes an ihm, daß diese eine schwache Seite nicht in Betracht kam. So gingen die nächsten Wochen ungetrübt, ungestört vorbei – glücklich für alle: für die sonst so einsamen Schwestern, für den Knaben, der zum erstenmal heiteres Kinderleben kennen lernte; für den alten Herrn Pfarrer, der seinen Gast so vergnügt sah, ohne daß er sich im mindesten darum bemühen mußte; für die alte Magdalene, welche die volleren Wangen, die blühende Farbe Christophs als ihr ausschließliches Verdienst in Anspruch nahm; glücklich auch für den guten Herrn Schullehrer, der seinen kleinen Schülerinnen jedes Vergnügen so von Herzen gönnte und nur im stillen betrübt war, daß er ihnen selbst keines verschaffen konnte. Aber die glücklichen Wochen nehmen so gut ein Ende wie die traurigen, und so kam der trübselige Tag, an dem Christoph den letzten Rundgang durch Schloß und Garten machte und schließlich den Schwestern adieu sagen mußte. Auf Tinis Gesicht blitzte durch die Abschiedsthränen schon wieder ein Lächeln durch, als sie sich und den Scheidenden tröstete mit all den schönen Dingen, die sie übers Jahr ausführen wollten: »Und das Mooshäuschen tapeziere ich neu, und mein Gärtchen wird so schön, bis du wiederkommst und....« Christoph gab ihr und Otta die Hand, ehe sie mit weiteren Verheißungen kommen konnte; er war nicht ganz sicher, ob ihm nicht auch die Augen naß wurden im Blick auf Ottas Gesichtchen, über das große Thränen tropften. »Wenn ich ihnen nur etwas schenken könnte!« dieser sehnsüchtige Wunsch beschäftigte ihn auf dem ganzen Heimweg – aber das Was und Woher wurde ihm nicht klar. Geld hatte und bekam er keines und in der Schuhmachersstube und seinem Besitz war ganz und gar nichts, was für kleine Freifräulein gepaßt hätte. Es gab niemand, dem er diesen Wunsch hätte mitteilen dürfen, als das gute alte Fräulein droben, seine besondere Beschützerin, bei der die Berichte seiner Ferienerlebnisse ein aufmerksames Ohr und teilnehmendes Herz fanden. Sie hatte bei den bescheidensten Mitteln immer etwas übrig, ihre Lieblinge in der Kinderwelt zu erfreuen; und dies ferne Schwesternpaar hatte sie bald so lieb gewonnen durch Christophs Erzählungen, daß sie der Wunsch, ihnen eine Freude zu machen, so lebhaft bewegte als ihren jungen Schützling. Und er erfüllte sich. Kam doch an Weihnachten ein Paket im Schloß an, adressiert an Fräulein Oktavie und Christine von Solingen, wirklich und wahrhaftig! Otta konnte es ganz gut lesen. Das erste Paket, das sie je erhalten und das der Postbote ganz extra gebracht! Vor lauter Entzücken darüber hätte sie schier vergessen, es aufzumachen, wenn nicht Tini die Fingerchen in eine Falte des Papiers hineingebohrt hätte und dann jubelnd aufschrie: »Otta, Otta, da ist etwas drin, das hat eine Hand!« Nun mußte Frau Kohl schleunigst Schnur und Hülle lösen, und siehe da! zwei Puppen, die nicht nur Hände, sondern auch einen Kopf mit rechten Locken, Kleider und Hütchen von Fräulein Hannas geschickter Hand hatten, kamen zum Vorschein; die ersten Puppen, die sie je besessen! Selbst der Brief von Christoph und die Kuchen, die noch im Paket lagen, konnten den Jubel nicht steigern. Und bis das ganze Haus die Wundergeschöpfe gesehen und bewundert hatte, bis würdige Betten in zwei Schachteln hergerichtet, Namen, die schön genug klangen, gefunden waren – wieviel neue Freuden, Sorgen und Beschäftigungen! Sogar dem Herrn Schulmeister wurden sie gezeigt, und er drückte sein Erstaunen mit viel Freundlichkeit, wenn auch wenig Sachkenntnis aus. Er empfand mehr als seine kleinen Schülerinnen, wie arm an den gewöhnlichsten Kinderfreuden ihr Leben war, und war glücklich über das ihnen zu teil gewordene Vergnügen. Tini wagte sogar, gehoben von ihrer Glückseligkeit, beim Essen dem Vater die Puppe, geschmückt mit ihrem schönsten Staat, vorzuführen; aber statt aller Bewunderung brummte er nur das gewöhnliche »Unsinn, laß mich zufrieden!« in den Bart. Es klang aber weniger rauh als sonst, und wenn er keine andere Antwort hatte, so war's vielleicht, weil es ihm ganz im stillen doch leid that, sich sagen zu müssen, daß er noch nie einen so strahlend glücklichen Ausdruck in seines Kindes Gesicht hervorgerufen. Was that er überhaupt für sie? Aber mit einem »Ja, wenn's Knaben wären!« scheuchte er diese Gedanken weg und verließ das Zimmer, die Kleinen ihrem neuen Glück überlassend. Ein Danksagungsbrief an Christoph mußte verfaßt werden, darauf bestand Otta, und Tini war auch gleich dazu bereit – aber die Ausführung! Ja, wem so rasch etwas einfiel und wer so gerade und gleiche Buchstaben machen konnte wie Otta, für den war das Briefschreiben ein Spaß! Für Tini nicht. Bis nur »Lieber Christoph!« auf dem großen Bogen Papier stand, kostete es saure Mühe, und die Striche waren krumm und sie fuhr über die Linie hinaus, wenn sie die Feder noch so fest in der kleinen Faust hielt, das Köpfchen auch bald auf die eine, bald auf die andere Seite legte, das Näschen dicht ans Papier streckte und sogar das rote Züngelchen sichtbar wurde und mithalf. Dazu hatte Otta gesagt, sie müsse den Brief ganz allein schreiben, gerade so wie sie denke. Aber Tini wußte gar nicht, wie sie denke, und jedenfalls war das so viel, daß es ganz unmöglich war, all das in den Brief hineinzubringen. Mit heißen Bäckchen, tief aufseufzend, schob sie endlich das Papier weg und warf die Feder fort. Otta hatte rasch gelesen, was in großen Lettern dastand: »Lieber Christoph! Die Puppe ist so wunderschön, und ich habe sie sehr lieb und ich bin Deine Tini.« »Aber du hast ja gar nicht geschrieben, daß du ihm und dem Fräulein dankst,« rief sie; »das ist kein richtiger Brief.« »O Otta, das habe ich ganz vergessen. Aber ich kann gewiß keinen neuen Brief schreiben, das ist so furchtbar schwer; Christoph weiß von selbst, daß ich danken wollte; gelt, Otta, ich muß nicht?« schloß sie, in Thränen ausbrechend; »und ich weiß auch gar nicht, ob man ein t oder ein d macht bei danke.« »Sei nur ruhig,« tröstete Otta, »wir schicken den Brief fort, und ich schreibe, daß du ihm dankst.« »Und nicht wahr, ich darf ihn dann selber in den Briefkasten stecken, ganz allein?« fragte Tini, schon halb getröstet. »Freilich, wenn Katharine mit uns geht an den Bahnhof; nun laß mich aber schreiben und sei ganz still!« Nur zu gern folgte Tini diesem Befehl in Anbetracht, daß sie nicht mehr an diese greuliche Arbeit gebannt sei, und schlich sich zu Katharine, um ihr das Versprechen abzubetteln, heute nach dem Essen mit ihnen an den Bahnhof zu gehen, während Otta ihre sauberen Buchstaben mit äußerster Gewissenhaftigkeit auf das Papier malte. Als Tini, die es nie zu lange an einem Ort aushielt, wieder hereinkam, lag der Brief fertig da: »Lieber Christoph! Wir sind so vergnügt, daß wir ein Paket gekriegt haben, und ich danke Dir und dem guten Fräulein Hanna vielmals für die schönen Puppen; Tini dankt auch, sie hat es nur vergessen in ihrem Brief. Komme nur bald zu uns, das ist noch schöner als eine Puppe, und das Fräulein soll mitkommen, wir haben hier gar keines, zu Deiner Oktavie von Solingen.« Staunend betrachtete Tini das Kunstwerk: »Du hast sieben und eine halbe Linie geschrieben! So einen langen Brief! Komm, jetzt machen wir ihn zu!« Und die vier Händchen falzten und drückten das Papier, bis es in das Couvert paßte; das Überschreiben ließ Tini neidlos der Schwester; nur die Marke, die sie gewagt hatte, beim Vater zu holen, die wollte sie aufkleben. Dann wurde er feierlich in Katharines Gesellschaft nach dem eine Viertelstunde entfernten Bahnhof getragen und von Tini in den Kasten geworfen; wie das plumpste! Er war auch ordentlich dick und schwer. Es war nicht der letzte Brief, der von den Schwestern verfaßt wurde. Der Verkehr dauerte fort, und die Freundschaft wurde bei den alljährlichen Besuchen Christophs treulich gepflegt. Der alte Herr Pfarrer gewöhnte sich daran, das Patchen mit den Rosen in seinem Garten alljährlich ankommen zu sehen; er lernte an seinen Studien Anteil nehmen, und seinem Zuspruch und vor allem seiner thätigen Hilfe hatte Christoph es zu danken, daß sein Herzenswunsch in Erfüllung gehen und er Theologie studieren konnte. Selbst die Würde eines Obergymnasiasten, zu der er vorrückte, störte die Freundschaft mit den Schwestern nicht – und wenn auch allmählich die Spiele zurücktraten, so kamen schöne Spaziergänge, lange Lesestunden, die sich unmerklich zu Lehrstunden gestalteten, an ihre Stelle, und für alle Teile blieben die vier Ferienwochen eine ersehnte Zeit. Nur dem Freiherrn kam Christoph nicht näher; er ließ ihn und die Mädchen zusammen machen, was sie wollten. Jener unglückliche Reitversuch und vollends die Absicht Christophs, Theologie zu studieren, hatten ihn um alle Beachtung von seiten Herrn von Solingens gebracht. Und doch hätte Christoph so gern etwas gethan, den immer düsterer werdenden alternden Mann aufzuheitern. Er sah wohl, daß manches im Haus, bei den Dienstboten, in der Wirtschaft nicht recht in Ordnung war, und wußte doch so gar nicht, wie helfen. Daß vieles nicht war, wie es sein sollte, das gestand sich Herr von Solingen selbst mehr als einmal; aber auch er wußte nicht, wie es anders machen. Er fühlte sich oft recht unwohl; die Verwaltung der Güter war ihm lästig, je mehr sie eine sorgfältige Aufsicht bedurft hätten. Sie einem Fremden zu übergeben, dazu konnte er sich nicht entschließen; und für wen mühte er sich überhaupt? Immer öfter suchte er Vergessen und Zerstreuung in wilder Gesellschaft, in aufregendem Spiel, und immer gedrückter kam er davon nach Hause. Ach, alles wäre anders, wenn er nicht so allein gewesen wäre, wenn er einen Sohn hätte! Mehr als einmal war ihm der Seufzer entschlüpft, und Oktavie hatte ihn gehört und nie vergessen. Ihr weiches Herz litt schmerzlich unter der düsteren Stimmung des Vaters, welche sie ihr Dasein beinahe als Schuld empfinden ließ, und tiefer, als man es ihren Jahren nach hätte vermuten können, fühlte sie des Vaters Kummer, ohne daß sie gewagt hätte, es ihm zu zeigen. Frau Kohl hatte ihr die Geschichte von dem Tod des Bruders erzählt, und sie mußte in der Stille oft denken, wenn der Onkel, der das Unglück ja gewiß nicht mit Willen verschuldet, käme und bei dem Vater wäre, so könnte noch alles gut werden. Wenn sie nur gewußt hätte, wie die beiden versöhnen! Hatten sie und Tini je einmal Streit, so war das so leicht geschehen; aber bei großen Herren war es freilich anders. Doch den lieben Gott darum bitten, das durfte sie – und gewiß half ihr die Mama im Himmel auch dazu. Für diese Gedanken fand sie selbst bei der Schwester kein Verständnis. Die war ganz und gar nicht bedrückt durch ihr Dasein, sondern freute sich vom Morgen bis zum Abend. Der Vater schalt und zankte ja eigentlich nie, also war er auch nicht unzufrieden mit ihnen. Freilich wäre es nett, wenn sie einen Bruder hätten; aber wenn der Vater es erlaubte, so würde sie gleich mit ihm auf die Jagd gehen und reiten, o, wie gern! und in den Stall, auf die Felder würde sie ihn mit Freuden begleiten. Kurz, sie fand, daß sie einen ganz ordentlichen Ersatz für den vermißten Sohn geben würde, sobald der Vater nur wollte. Christoph allein konnte Otta ihr Herzchen ausschütten, wie betrübt es sei, daß der Vater sie nicht lieb haben könne und wie gern er statt ihrer einen Sohn haben möchte; und er verstand es, sie zu trösten, sie zum Guten und Wahren hinzuleiten und ihr begreiflich zu machen, daß wenn sie die Stelle, an die sie gesetzt sei, so ausfülle, wie es der liebe Gott haben wolle, so dürfe sie gewiß hoffen, die Liebe guter Menschen, selbst die des Vaters mit der Zeit zu gewinnen. Schon zum viertenmal erwarteten die Schwestern seinen Besuch, und diesmal mit besonderer Freude. Die Ferien fingen etwas früher als sonst an – nun konnte er zu ihrem zwölften Geburtstag kommen; freilich blieb er nur kurz, da er eine Stelle als Hauslehrer über die Vakanz angenommen. Oktavie verlangte es auch noch besonders, ihn von ihrer alten Freundin erzählen zu hören – Christophs treue Beschützerin. Vor kurzem war das alte Fräulein von ihren Blumen und zierlichen Herrlichkeiten weg abgerufen worden »zu noch viel schöneren Blumen«, wie sie in ihren letzten Phantasien hoffte. Christoph hatte gethan, was in seinen Kräften stand, um ihr das Scheiden zu erleichtern; nun freute auch er sich, den kleinen Freundinnen ihre letzten Grüße und ein Vermächtnis von ihr zu bringen – sie wollte auch nach ihrem Tod noch frohe Herzen machen. Zwischen ihr und den Schwestern hatte ein Liebesband existiert, ohne daß sie sich je gesehen, und das gerade sagte ihrem trotz der grauen Haare noch jugendlich romantischen Sinne zu. Oktavie hatte ihr in den letzten Jahren durch Christoph stets bald ein Brieflein, bald eine kleine Arbeit geschickt; vor seiner Abreise mußte allemal Frau Kohl ein Schächtelchen mit Eiern und frischer Butter rüsten, damit er es für sie mitnahm, und an Weihnachten fehlte nie eines der kleinen Kunstwerke von Fräulein Hannas geschickten Fingern auf der Schwestern Tisch. Otta hatte streng verboten, es ihm zu sagen, daß er gerade zu dem Geburtstag komme; aber das letzte Briefchen Tinis hatte Andeutungen enthalten, die nicht allzu schwer zu verstehen waren. Bis jetzt war die Festfeier einzig und allein in einem Hefenkranz von riesigen Dimensionen bestanden, den Frau Kohl den Schwestern backte, und die jedesmal gleich freudig dadurch überrascht waren. Diesmal versprachen sie sich aber heimlich ein klein bißchen mehr, so oft auch Otta vor dem Einschlafen Tini versicherte, daß gar kein Gedanke daran sei, daß Christoph ihnen etwas gebe. Und doch erhoben sie sich in der Frühe des Festmorgens mit erwartungsvoll klopfenden Herzen, machten sich eilends fertig und wollten ins Wohnzimmer hinein; es war verschlossen, und Christophs Stimme rief heraus, daß sie ein Weilchen warten sollten. Wenn das nicht vielversprechend war! Mit leuchtenden Augen nickten sie einander zu und horchten erwartungsvoll auf die leisen Geräusche im Zimmer. »Es riecht wie ein Christbaum,« meinte soeben Tini, als die Thür aufgemacht wurde und sie vor einer nie gesehenen Pracht staunten. Auf dem großen Eßtisch prangte nicht allein der altbekannte Hefenkranz, sondern auch eine Torte, beide mit zwölf brennenden Lichtern umgeben; daneben auf einer Seite zierlichstes Gartengeräte: Rechen, Hacke, Schaufel u.s.w., auf der andern eine wunderhübsche Blumenlampe – das Vermächtnis des alten Fräuleins. Ohne einen Augenblick des Besinnens hatte sich Tini des kleinen Rechens bemächtigt und ihn als ihr Eigentum jubelnd begrüßt. »O, wie prächtig! Nun muß ich nicht immer bei Jakob betteln um seinen großen, schweren Rechen, den er mir nie geben will, wenn ich in meinem Gärtchen arbeiten möchte. Frau Kohl, nun hacke ich den ganzen Garten um, und mit der Schaufel kann man ganz recht graben!« Und wie ein Wirbelwind drehte sich das kleine Persönchen mit ihren neuen Schätzen im Arm, die sie am liebsten gleich im Zimmer probiert hatte, herum. Mit Entzücken hatte inzwischen Otta die Blumenlampe mit der zarten Schlingpflanze darin betrachtet; wie konnte sie ihr kahles Stübchen hübsch damit schmücken! Sie war die erste, die Christoph dankte: »Wenn's auch von Fräulein Hanna ist, so bist du doch schuld daran, und wir danken euch beide; gewiß sieht sie es jetzt auch, wie wir uns freuen an ihren Geschenken. So einen schönen Geburtstag haben wir nie gehabt. Nun ist doch auch jemand froh, daß wir da sind.« »Ich danke dir natürlich auch,« rief nun Tini, »kommt nur gleich in den Garten, dann probiere ich die Hacke. Sehen Sie, Frau Kohl, wie sie fest ist!« Und von keinem andern Gefühl als dem des frohesten Dankes erfüllt gegen den lieben Gott, der die Welt so schön gemacht, und gegen die Menschen, die so gut waren, stürmte sie hinaus in den goldenen Sommermorgen, während die Schwester trotz aller dankbaren Freude heute mehr als je mit schweren Gedanken zu kämpfen hatte: daß sie nicht her gehöre, daß der Vater sie nicht liebe und daß sie so Heimweh nach der nie gekannten Mutter habe. Für den Nachmittag war als Fortsetzung der Festlichkeit ein Waldspaziergang geplant, den Tini aber nicht angetreten hätte, wenn ihr nicht gestattet worden wäre, wenigstens den neuen Rechen mitzunehmen; er war unentbehrlich. Mit was sollte man denn an dem zu wählenden Ruheplatz Laub und dürre Ästchen entfernen, wenn nicht mit ihrem Rechen! Christoph, dem der ernste, wehmütige Zug in Ottas Gesicht, so wenig für ihr Alter passend, weh that, bemühte sich, die trüben Gedanken und Gefühle des Kindes zu zerstreuen und ihr ihr Leben ins rechte Licht zu rücken, bei dem sich auch das, was es Schweres brachte, leicht tragen ließ. Diese Unterhaltung war aber dem kleinen Quecksilber Tini viel zu ernsthaft, und lustig tanzte sie voraus, den geliebten Rechen in der Hand, pfadlos durch den Wald. Sie wollten auf diesem neuen Weg, der aber kein Weg war, an den Bach kommen, der hier irgendwo durch eine ziemlich tiefe Schlucht bergab eilte – von den Schwestern längst »der Wasserfall« getauft. Allein zu hüpfen und zu springen, war aber auch nicht nett. »So fange mich doch, Otta! Komm, sei nicht so langweilig!« rief sie der Schwester zurück; diese schickte sich an, ihr zu folgen mit Christoph, der einen Wettlauf vorschlug. Tini rief lachend zurück: »Ihr kriegt mich doch nicht!« schoß wie ein flinkes Reh voran und – verschwand mit einemmal vor den Augen der entsetzten Nachfolgenden. Otta stand gelähmt vor Schrecken. Was war das? Hatte am Ende eine böse Fee die Schwester geholt? Rings ebener Boden – wie konnte sie denn mit einemmal unsichtbar sein? Mit ein paar Sprüngen war Christoph zur Stelle; ein tiefes Loch, halb verdeckt von einem Brombeerstrauch, gähnte ihm entgegen. Um Gottes willen! Da mußte die Kleine hinabgestürzt sein! War sie tot? Und er hätte auf sie achten sollen! Während er sich angstvoll über die Öffnung, die sich etwas schief hinunterzog in die Erde, beugte, tönte es plötzlich ganz hell herauf: »Christoph! Otta! ich bin in eine ganz rechte Höhle gefallen, aber mein Rechen ist nicht zerbrochen! Kommt nur auch!« – »Gott sei Dank! sie ist unverletzt!« rief Christoph der todblassen Otta zu, die sich zitternd näherte. Aber wie zu ihr gelangen, wie sie herausbringen? »Tini, meine Tini, wo bist du denn? Hast du dir weh gethan? Kannst du nicht wieder heraufsteigen?« rief nun Otta in das Loch hinunter; sie konnte nicht einmal die Schwester sehen. »Ich wollte mit einem Satz über den Busch springen, da kam ich gerade mit den Füßen in das Loch und rutschte vollends hinunter, und nun bin ich in einer so schönen Höhle; kommt doch auch!« »Ist es ganz finster?« fragte etwas zaghaft Otta. »Nein, ich kann alles sehen – da ist ein Block; o, vielleicht finde ich auch einen Einsiedler!« Christoph war gar nicht beruhigt bei diesen unterirdischen Entdeckungsreisen und schickte sich an, Tini auf demselben Weg zu folgen; nur hatte das für den langbeinigen Gymnasiasten viel mehr Schwierigkeit als für die behende kleine Tini. Otta sollte jedenfalls oben warten, bis er sie holte. Er ließ sich hinabgleiten, und die angstvoll harrende Schwester oben hörte, ehe noch sein Kopf ganz verschwunden war, Tims helle Stimme von unten: »O, ich sehe schon seine Füße – nun ist er auf dem Boden; jetzt komm, Christoph – ist das nicht schön! und siehst du, da ist eine ordentliche Thür.« Die Stimmen entfernten sich, und Otta wurde es ganz unbehaglich so allein da oben. »Kann ich auch kommen?« rief sie hinunter. – »Warte!« klang's sehr bestimmt herauf. Sie wollte nicht ungehorsam sein und setzte sich neben das Loch hin, ängstlich auf das, was sie von unten vernehmen konnte, horchend. »Otta! Otta!« rief nach einer Weile die Schwester; »Christoph holt dich! Denke dir, die Höhle hat ein Loch, nein, eine Thür vorne und die geht in die Schlucht hinaus an unsern Wasserfall!« Nach wenigen Augenblicken sah Oktavie zu ihrem großen Erstaunen Christoph auf ebenem Boden zu ihr heraneilen; begierig sprang sie ihm entgegen und ließ sich von ihm den steilen Abhang der nahen Schlucht hinuntergeleiten. Zum Glück war das Bächlein nach langer Trockenheit recht zahm und klein; so gab es zwischen dem klaren Wasser und dem Abhang trockene Stellen, auf denen man vorwärts gehen konnte; nur ein paar Schritte – dann standen sie vor Tini, die ungeduldig nach der Schwester aussah, voll Begierde, ihr die Wunder der unterirdischen Höhle zu zeigen. Die Schätze Aladins thaten sich nicht gerade vor ihr auf, als sie halb kriechend durch den niederen Eingang hereinschlüpfte; aber sehr wunderbar war er doch, dieser ziemlich geräumige, trockene Raum da unter der Erde. Tini, die nach ihrer Fahrt in die Unterwelt erdebeschmiert wie ein kleiner brauner Gnom aussah, machte voll Eifer die Führerin, nicht wenig entzückt von Ottas Erstaunen und dem Interesse Christophs. Neben der Öffnung, die sich mit einigem guten Willen eine Thür heißen ließ, war noch eine andere etwas weiter oben, durch die genügend Helle hereinfiel, nachdem Tini die grünen Ranken, die sie übersponnen, weggerissen hatte. Der Raum war so hoch, daß in der Mitte der große Christoph nicht bis an die obere Wölbung hinaufreichen konnte; Felsgestein, dazwischen Erde, aus der einzelne Baumwurzeln hervorragten, bildeten die Wände. Es kam Otta ganz geheimnisvoll vor, wie wenn sie einen Blick in die innerste Werkstätte der Natur gethan hätte. Spuren von Menschen oder Tieren fanden sich nicht; nur der Haufen Laub dort in der Ecke, der hatte gewiß einem Verfolgten, oder einem Verbrecher, oder etwas derartigem zum Lager gedient. Das ließen sich die Schwestern nicht abstreiten, wenn ihnen auch Christoph zu beweisen suchte, daß der Wind das Laub durch die Öffnung von oben heruntergeweht. Was war das für ein köstlicher Spielraum! und was für wunderbare Sachen ließen sich hier aufführen! Tini bedauerte den armen Christoph sehr, der am andern Tag schon abreisen mußte, ohne die neue Entdeckung genossen zu haben, und bewunderte die Fassung, mit der er sich darein schickte. Sie war unerschöpflich in Vorschlägen und Plänen, wie man die Höhle ganz nett herrichten, ein Laubbett, ja sogar einen Sitz und Tisch anbringen könne, während Oktavie sich ausmalte, wie schön es wäre, wenn sie einem edeln, unschuldig Verfolgten Obdach und Schutz darin gewähren könnten. Christoph behauptete aber, solche edle Flüchtlinge spazierten nur in den Geschichten herum, im Leben nirgends; außer einem vierfüßigen mit langen Ohren und braunem Fell, Herr Lampe genannt, werde wohl keiner Schutz in der Höhle suchen. Das war eitel Spott; Christoph war eigentlich doch nicht mehr so nett wie früher. Etwas gekränkt traten die Mädchen den Heimweg an, und als er ihnen am andern Tag beim Abschied einen Gruß an den Verfolgten auftrug und ihn sich gebraten ausbat, da drohte Otta, es ihn zur Strafe gar nicht wissen zu lassen, was für wunderbare Dinge in der Höhle geschehen werden; Tini rief aber noch nach: »Ich schreibe dir's doch, dann mußt du dich so schämen!« Wenig gebeugt durch diese schrecklichen Aussichten, grüßte er noch einmal lachend zurück, ehe er aus dem Thor schritt. Die Ernte hatte heute begonnen, und Tini schwankte sehr zwischen dem Vergnügen, auf dem Leiterwagen aufs Feld zum Schneiden zu fahren, oder dem, wieder nach der Höhle zu sehen. Das Verlangen nach der letzteren siegte; war doch das Erntevergnügen ein altbekanntes und die Höhle nagelneu! Otta zog zumal immer die einsamen Unterhaltungen vor und mochte nicht gern unter den Dienstboten und Tagelöhnern sein. Zu einer Expedition in den Wald, auch wenn sie nicht weit war, mußte aber des Vaters specielle Erlaubnis eingeholt werden, und das war heute, wo er ohnedem vielerlei um die Ohren hatte, kein ganz einfaches Unternehmen. Sehr wohl konnte die Antwort ein kurzes Nein sein, das alle weiteren Bitten ausschloß. Wer sollte fragen? Tini war sonst die Mutigste und stets bereit, vorzugehen; aber sie hatte in letzter Zeit ein paarmal etwas kühne Bitten gestellt, wie z. B. ob sie zur Taufe von Herrn Schulmeisters Büblein dürfen, und war derb abgewiesen worden; so wurde beschlossen, diesmal solle Otta ihr Heil versuchen. Sie war bald blaß, bald rot, ehe sie noch die Thür zu des Vaters Zimmer geöffnet hatte; der saß finster vor seinem Schreibtisch, die Faust auf einem Brief. Er wußte, was darin stand, ehe er ihn aufmachte: die Mahnung eines Gläubigers, bei dem er eine ziemlich hohe Summe zur Deckung einer Spielschuld entlehnt. Es war gewissenlos, zu spielen, das wußte er – es ging vom Erbe seiner Mädchen; aber was sonst thun, um sein trauriges Heim, den Schmerz der Vergangenheit, die wenig versprechende Zukunft zu vergessen, die Stimme zu überhören, die ihn an seine schlecht erfüllten Vaterpflichten mahnte? Und nun mußte gerade das blasse kleine Ding hereinkommen und so schüchtern sich an der Thür herumdrücken! »Dürfen wir ...« klang's ängstlich von ihren Lippen. »Geht, wohin ihr wollt!« unterbrach er sie rauh. »Auch in den Wald?« wagte sie noch einmal zu fragen; es schien ihr so unehrlich, diese halbe Erlaubnis zu benützen. »Ans Ende der Welt meinetwegen!« war die Antwort, aus welch unglücklich verdüstertem Sinn heraus, ahnte das Kind freilich nicht. Die Erlaubnis hatte sie also, und das war das Einzige, was Tini, die hinter der Wohnstubenthür lauerte, wissen wollte. Lustig hüpfte sie fort, die Hüte und vor allem die neuen Gartengeräte zu holen, während Otta am Fenster lehnte und sich die Augen auswischte. Lieber hätte sie eine Abweisung ihrer Bitte hingenommen als diese lieblose Gewährung. Tini kam nun herbeigesprungen –: »So komm' doch schnell, Otta! Was weinst du denn? Wir dürfen ja gehen! Der Vater habe es nicht gern erlaubt, meinst du? Aber er hat's doch; gern thut er ja nichts. Da, nimm meine Hacke! Ich bin so begierig auf die Höhle. Und, hörst du, wir sagen gar keinem einzigen Menschen etwas davon, nicht Frau Kohl und nicht dem Herrn Lehrer und gar niemand, gelt?« Und sie zog die Schwester mit fort, deren Thränen der goldene Sonnenschein und der Schwester Geplauder bald trockneten. Am Ziel angelangt, erklärte Tini, der Baumeister, zuerst müsse für einen ordentlichen Zugang zur Höhle gesorgt werden; durch das Loch schlüpfen, war im Interesse der Kleider und Hände zu wenig ratsam, und den steilen Abhang hinunterrutschen, war eine mühsame Sache und bei feuchtem Wetter kaum möglich. Aber Stufen konnte man graben in dem weichen Boden, fand Tini – zu was hatte man denn eine so prächtige kleine Hacke und Schaufel! Ihr praktischer Blick ließ sie bald die Stelle finden, wo die Treppen anzubringen waren, und mit Eifer und Geschick ging's ans Werk. Sie war der Bauherr, Otta der Geselle; aber der Meister verschmähte gar nicht, selbst Hand anzulegen, und unermüdlich gruben und hackten seine kräftigen Arme, während Otta die Erde wegschaffte, die Stufen glättete und mit Rasenstücken belegte. Tini trieb sich nicht umsonst im Garten und Feld bei allen Arbeiten herum; sie hatte den Leuten manchen Kunstgriff abgesehen und abgelernt. Die Stufen waren fertig und endeten gerade vor der Öffnung der Höhle. Müde saß Otta auf der letzten, während Tini mit ungeschwächtem Eifer erklärte, nun gehe die Arbeit erst recht an: das Loch müsse man erweitern, damit es eine ordentliche Thür gebe; das Gebüsch und die Ranken, die oben drüber her hingen, sorgfältig schonen, das sei der Vorhang. In all die weiteren Pläne hinein tönte aber leise aus der Ferne die Mittagsglocke an Ottas Ohr, und präcis zum Essen da sein, das war eine der wenigen Erziehungsregeln, die Herr von Solingen aufgestellt und deren Ausführung er streng überwachte. Nun galt's, über Stock und Stein heimzufliegen, im Nu die beschmutzten Hände zu waschen und atemlos hinter der Suppenschüssel her ins Zimmer zu eilen; es reichte zum Glück. Heute hätte der Vater einen Verstoß kaum bemerkt, so versunken in seine unerquicklichen Gedanken saß er da; aber das hatte sich nicht voraussehen lassen. Die so allgemein gehaltene Erlaubnis, in den Wald zu gehen, wurde auch für die nächsten Tage benützt. Es gab noch ein eifriges Schaffen für die Schwestern, bis der Raum, in ihren Augen wenigstens, ganz behaglich aussah: der Boden mit Sand bestreut, in der Ecke ein hoch aufgeschichtetes Mooslager, auf dem Stein, der den Stuhl vorstellte, ein ebensolches dichtes Polster; in einer kleinen Vertiefung in der Wand ein paar schadhafte Töpfe und eine Tasse, die sie Frau Kohl abgeschwatzt; vor der Thüröffnung das lose Geranke, das den Raum so angenehm gründämmerig machte: für einen Einsiedler der denkbar angenehmste Aufenthalt, und das schönste Versteck für den unschuldig Verfolgten. In Ermangelung eines solchen stellte bald Otta, bald Tini ihn dar, und immer fanden sie sicheren Schutz vor den verfolgenden Bösewichtern hier. Wie schade, wenn das nie in Wirklichkeit benützt würde! Nun waren aber die Erntetage vorbei, deren Unruhe und vermehrte Arbeit gemacht, daß Frau Kohl die Mädchen einigermaßen aus dem Gesicht verloren hatten; das lange Herumstreifen war zu Ende, zumal auch Herr Maier alle Morgen um zehn Uhr und nachmittags um vier Uhr zum Unterricht anrückte. Doch gab's ja zwei freie Nachmittage und einen langen Sonntag, an dem man vom Mittagessen an frei war und wo auch Frau Kohl nicht gar zu streng nachfragte, da ihr höchster Genuß war, den Sonntagnachmittag bei der Frau Schultheißin zu verplaudern und dort die Mühsale ihres Daseins, die finstere Miene ihres Gebieters und die leere, unwillig gefüllte Haushaltungskasse zu vergessen. Ob die Kinder auf dem Dachboden, im Garten oder ein paar Schritte weiter fort, im Wald, spielten, das war im ganzen einerlei; zugestoßen war ihnen ja noch nie etwas, und sie paßten aufeinander auf und ließen sich nichts geschehen. Es war in den ersten Septembertagen, die Luft noch so sonnenwarm, der Himmel so blau wie im Hochsommer, als Tini und Otta den Sonntagnachmittag wieder zu einem Gang nach ihrer lieben Höhle, nach »Friedensruh«, wie Otta sie getauft, benützten. Heute wurde nicht gefegt und geputzt, es war ja Sonntag; heute war sie des frommen Einsiedlers Behausung. Otta stellte ihn in einem langen braunen Mantel, den sie im Hintergrund ihres Schranks gefunden, vor; ein Kreuz, von Tannenzweigen geflochten, war am Eingang angebracht; davor betete sie andächtig das Vaterunser und sang dann mit Tini als Gemeinde das Lied, das sie morgens in der Kirche gehört: »Himmelan, nur himmelan!« Tadelt das Spiel der Kinder nicht! Es war wirklich die Erbauung der kleinen Einsamen, und daß der Heiland auch die kindische Andacht gnädig erhört, das zeigt der fromme Ausdruck, der auf den Gesichtern liegt, der Ernst in den beweglichen Zügen Christines, der Frieden in Ottas oft so traurigen Augen. Und als sie nachher eng umschlungen vor ihrer Höhle sitzen, erzählt Otta von dem Wenigen, was sie von der Mutter im Himmel weiß, und wie sie sich Mühe geben wollen, recht brav zu sein, alles zu lernen, was sie sollen, und Frau Kohl zu gehorchen, so daß sie die Mama doch einst im Himmel sehen; es wäre ja schrecklich, wenn sie sie gar nie, in ihrem ganzen Leben nie kennen würden! »Deswegen müssen wir noch viel besser zu werden suchen als andere, die ihre Mama auf der Welt bei sich haben,« meinte sie. »Und weißt du,« fuhr sie nach einer Pause sinnend fort, »ich denke immer, der Heiland könne auch machen, daß wir so werden, daß uns der Vater gern hat, daß er gegen uns ist wie ein anderer Vater.« »Ach du,« sagte Tini, ihr braunes Gesichtchen verwundert aufrichtend und die Schwester ansehend; »er kann uns doch nicht vorlesen wie der Herr Maier seinen Kindern, oder uns an der Hand führen wie der Herr Pfarrer von Kreß seinen Jungen. Denke dir doch, unser Vater!« »Nein, das meine ich auch nicht,« verteidigte sich Otta; »ich weiß wohl, er ist anders. Aber uns lieb haben, das könnte er, und das würden wir merken, auch ohne daß er uns vorliest. Wenn er nur einen Sohn hätte, dann wäre er gewiß anders.« »O, siehst du,« rief Tini, der das Gespräch etwas zu ernst wurde und die ihre Blicke auf dem gegenüberliegenden Rand der Schlucht hatte umhergehen lassen, »Otta, da ist ja jemand!« Es war das erste Mal, daß sie einen Menschen hier erblickten, seit sie sich da herumtrieben. Ein Weg führte nicht vorbei, und niemand hatte gegenwärtig im Wald zu thun; so war das Erstaunen gerechtfertigt, mit dem sie aufsprangen und den Wanderer anstarrten. Es war ein junger, erhitzt, erschöpft aussehender Mann, der dort oben stand, ebenso verwundert auf die Gruppe hinunter blickend, als sie hinauf. Das Licht der untergehenden Sonne flutete in die enge Schlucht und hüllte die beiden Kinder in goldenen Schein. Die zarte Blonde hatte den Arm um die zierliche Gestalt der Schwester geschlungen, die ihr braunes Krausköpfchen ein wenig erschrocken an sie drückte; hinter ihnen die dunkle Höhle, deren Eingang das grüne Kreuz schmückte; ringsum die hohen Bäume, deren leises Rauschen die tiefe Stille belebte; wie wenn er ein Waldmärchen erleben sollte, war dem Wanderer zu Mute, so wenig poetisch und ruhig seine Stimmung noch vor Augenblicken gewesen war. »Könnt ihr mir sagen, wie ich da hinüber kann?« rief der Fremde endlich hinunter; auch als Waldfeen würden sie ihm hoffentlich Bescheid geben. »Dort kann man nicht heruntersteigen,« antwortete die helle Stimme der Kleineren recht menschlich; »aber wir wollen Ihnen den Weg zeigen, nicht wahr, Otta? Hier haben wir ja Stufen.« Und rasch kletterte sie den Abhang hinauf. »Sie müssen ein Stück weiter gehen, dann können Sie die Schlucht überspringen,« belehrte Christine ganz stolz, daß sie dem Herrn Ratschläge erteilen konnte; und sie und Oktavie gingen auf ihrer Seite ebenfalls bis an die Stelle, wo die Schlucht so schmal wurde, daß ein guter Turner leicht sie überspringen konnte. Richtig – ein Satz und der Fremde stand neben ihnen. »Sollen wir Ihnen den Weg ins Dorf zeigen?« fragte nun Oktavie. »Es ist nur eine Viertelstunde bis dahin; dort unten ist die Straße, sehen Sie? dort, wo der Landjäger geht.« »Der Landjäger?« entgegnete der Fremde betroffen und zog sich unwillkürlich wieder in das Buschwerk an der Schlucht zurück; »aber ich will ja nicht gerade ins Dorf. Ich will ...« »Oder wollen Sie auf den Bahnhof?« fragte Christine. »Da wissen wir auch den Weg; aber Sie müssen doch durchs Dorf.« »Nein,« kam etwas zögernd die Antwort. »Ja, sonst kann man nirgends hin von hier aus,« meinte die Kleine bedenklich. »Wohin wollen Sie denn eigentlich?« »Offen gesagt,« gestand er nach einigem Zögern, »ich möchte nicht ins Dorf und nicht gerade dem Landjäger begegnen; aber weit kann ich nicht mehr, ich bin recht müde.« Und jetzt erst sahen die beiden, wie erschöpft er aussah und wie matt er sich an den Baum lehnte. In Tinis Augen blitzte es hell auf. »Verfolgt Sie der Landjäger? Will er Sie ins Gefängnis sperren?« fragte sie hastig. »Kind, wie kommst du darauf? Freilich ... Aber nein, ein Verbrecher bin ich nicht.« »Natürlich, das wissen wir; aber der böse Landjäger könnte Sie doch verfolgen. Doch wir lassen Ihnen nichts geschehen!« versicherte Christine eifrig. »Warum fürchten Sie denn den Landjäger, wenn Sie nichts Böses gethan haben?« fragte Otta etwas bedenklich, den klaren Blick auf das Gesicht des Fremden geheftet. »Das ist eine Geschichte, die ihr wohl nicht versteht; aber das kann ich euch sagen, daß ich nichts Schlechtes gethan habe, obwohl ich glaube, mich einige Zeit verbergen zu sollen. Ich thue das vielmehr um meiner Eltern als um meinetwillen. Wo ich mich jetzt hinwenden soll, weiß ich freilich nicht.« Die Mädchen waren ihm ganz fremd; aber er konnte doch den Gedanken nicht ertragen, vor den unschuldigen Kinderaugen als Verbrecher dazustehen. »O Otta,« brach nun Christine los, »wie wundervoll! Wir haben ja die Höhle – eine ganz rechte Höhle,« wandte sie sich an den Fremden, »in die man hinein kann, und es ist ein Moosbett darin, und da können Sie ganz gut wohnen, und gar niemand erfährt das. Wir haben sie aufgefunden, ganz allein. Otta, was wird Christoph sagen, wenn wir ihm schreiben, daß wir einen rechten lebendigen Verfolgten haben!« Und glühend vor Eifer nahm sie die Hand des jungen Mannes und zog ihn zu den Stufen hin; Otta folgte, ebenfalls vom Eifer der Schwester angesteckt. Sie waren keine Menschenkenner, Christine und Oktavie von Solingen; aber wenn ihnen die offenen Züge des jungen Mannes nur Vertrauen und Mitgefühl einflößten, so hatte ihr harmloses Gemüt sie diesmal nicht getäuscht. Der Fremde folgte seinen so unerwartet aufgetauchten Beschützerinnen willenlos nach, ließ sich die Treppen hinuntergeleiten und in die Höhle hineinziehen, von deren Wundern und Schönheiten er aber nichts wahrnahm als den Haufen Moos in der Ecke, auf den er erschöpft hinsank. Ängstlich beobachteten ihn die Mädchen. »Du, er sagt ja gar nichts,« flüsterte Tini halb beleidigt, daß er keinen Ausdruck des Entzückens für seinen Zufluchtsort hatte. »Ich glaube, er hat Hunger und Durst,« meinte Otta; »wir müssen ihm etwas zu essen holen. Aber wo? Frau Kohl dürfen wir nichts sagen!« »Nein, ja nicht, sonst wäre es nicht mehr schön. Weißt du was? Jetzt gerade melkt Katharine; da laufen wir schnell in den Stall und bringen ihm von der warmen Milch, gelt? Fürchten Sie sich nur nicht!« wandte sie sich tröstend zu dem ermattet Daliegenden; »wir kommen wieder und bringen Ihnen etwas!« Er war zu müde, um anders als mit einem Lächeln seiner Beschützerin antworten zu können, die eilends mit der Schwester die Höhle verließ und forthuschte. Er wußte nicht, wie lange er betäubt und halb schlummernd dagelegen, als er wieder Stimmen hörte; es war schon dunkel, und erst nach und nach konnte er die Gestalten der Mädchen unterscheiden, die vor ihm standen, atemlos; denn es galt, schnell, ehe es Nacht wurde, wieder heimzukommen. »Da ist die Milch,« hörte er die Kleine sagen; »ich habe sie in meiner Gießkanne gebracht, in einem Topf hätten wir sie verschüttet, und wir haben auch keinen, und Frau Kohl hätte uns keinen gegeben. Aber ich habe sie vorher sauber ausgewaschen am Brunnen, nicht wahr, Otta?« »Und trinken müssen Sie nicht daraus,« fuhr diese fort, »da in der Nische steht eine Tasse, wie bei einem rechten Einsiedler. Mit dem braunen Mantel können Sie sich zudecken, und zum Kopfkissen habe ich unsere Puppenbetten mitgebracht.« »Das Brot habe ich in der Küche abgeschnitten, es ist nur schwarzes, aber ein großes Stück, ganz um den Laib herum,« fügte Christine hinzu. »Aber jetzt müssen wir schnell heim, wir essen um sieben Uhr zu Abend, und da würden wir gezankt, wenn wir nicht da wären. Gute Nacht. Wir kommen morgen wieder!« sagte nun Oktavie, so schnell forteilend, daß der neue Höhlenbewohner nicht einmal Zeit hatte, seinen Dank zu sagen; und wer seine Beschützerinnen waren und wie sie hießen, das hatte er ja auch fragen wollen und nun nicht gekonnt. »Otta, das ist doch wie in einer Geschichte, daß wir nun einen Verfolgten verstecken; wie gut, daß ich in die Höhle gefallen!« hörte er im Fortgehen Christine sagen. »Gelt, nun retten wir ein Menschenleben?« schloß sie altklug. Die Milch erquickte ihn köstlich; aber trotz Moos und Eremitenmantel war die Nacht in der Höhle kalt; der ersehnte Schlaf wollte nicht kommen, und in Halbträumen der quälendsten Art wälzte er sich die Nacht durch auf dem ungewohnten Lager, während seine Retterinnen sich vor dem Einschlafen noch ausmalten, wie herrlich er in der Höhle geborgen sei und wie er da in aller Heimlichkeit monate- und jahrelang hausen könne. Am andern Morgen galt es, wieder beim Melken Milch zu erobern, die Katharine aber nur mit Murren abtrat und mit unangenehmer Beharrlichkeit wissen wollte, zu was sie sie brauchten. Das Wetter war heute nicht lockend zu Waldgängen; ein feiner Regen rieselte von dem nebelgrauen Himmel, und zwischen den Bäumen hingen feuchte Dunstschleier. Doch erreichten sie und der Milchkrug glücklich die Höhle; aber nicht in behaglicher Muße, im angenehmen Gefühl der Geborgenheit empfing sie ihr Schützling. Matt, mit unheimlich glänzenden Augen lag er auf dem zerwühlten Moos und konnte sich kaum erheben, um den lieblichen Raben, die ihn speisten, zu danken. »Haben Sie nicht gut geschlafen?« fragte Oktavie besorgt; und Christine setzte halb gekränkt hinzu: »Es gefällt Ihnen aber doch in der Höhle?« »Gewiß, gewiß,« nickte er, »nur habe ich noch nicht oft in einer solchen geschlafen. Aber daher kommt es nicht, daß ich ein wenig unwohl bin, das wäre auch sonst gekommen. Nur fürchte ich, euch hier lästig zu fallen, und möchte deshalb fort; weit kann ich freilich nicht,« und matt sank sein Kopf zurück. Oktavie sah ihn ängstlich an; daß er sehr unwohl war, sah sie gut, und die Höhle war eigentlich kein passender Aufenthalt für ihn. Aber wohin sonst? Christine war sehr enttäuscht und konnte es zu keinem rechten Mitleid mit ihrem Schützling bringen. Was brauchte er denn jetzt auch krank zu werden? Er hatte es ja so schön, eine schönere Höhle konnte sich kein Verfolgter wünschen, und es wäre so nett gewesen, wenn er hier gewohnt hätte und sie ihm heimlich alle Tage zu essen gebracht hätten. Er hätte sich dann nach und nach einrichten können wie der Robinson, Fische fangen und Hasen erlegen können; und nun lag er krank da, und es war gar nicht unmöglich, daß er sogar der Höhle die Schuld an der Krankheit gab! Wie hatte sie sich gefreut, Christoph gegenüber Staat zu machen mit dem edeln Verfolgten! Heute schon hatte sie ihm schreiben wollen, und nun ging es ganz anders. Sie wandte sich recht ärgerlich ab. Der Kranke richtete inzwischen an Oktavie die Frage, die ihn während der langen Nacht vielfach beschäftigt, wer denn eigentlich seine gütigen Beschützerinnen seien. Sie waren so anders als die schnippischen, oder vorlauten, oder linkisch schüchternen Zwölfjährigen, die er sonst kannte, ganz und gar nicht wie Bauernkinder, und doch schienen sie ihm so weltfremd, so unbehütet, so sich selbst überlassen, wie Kinder aus gutem Hause sonst nicht zu sein pflegen. »Ich heiße Oktavie von Solingen und meine Schwester Christine. Wenn Sie ein wenig aufstehen können und auf die Straße hinuntergehen, so sehen Sie das Schloß, wo wir wohnen.« So ganz wollte Christine doch nicht von der Unterhaltung ausgeschlossen sein; sie wandte sich um und fuhr in den von Otta angefangenen Personalien fort: »Unsere Mama ist sehr lange tot, der Vater lebt noch, und einen Bruder haben wir auch gehabt, den hat man tot geschossen,« setzte sie mit leiserer Stimme hinzu. »Jetzt haben wir nur noch einander, nicht wahr, Oktavie?« Und wie sie sich dabei an der Hand faßten und ansahen, da bekam man die Überzeugung, daß das sehr viel war, daß sie »einander hatten«. Der Fremde hatte ohne ein Wort diesen Erklärungen zugehört, sagte auch jetzt nichts, als Oktavie anfing, die zerstreuten Moosflocken zu sammeln und ihm wieder ein Kopfkissen daraus zu formen. Ehe sie aber weit gekommen war mit der Arbeit, horchte sie auf – war das nicht die Uhr auf dem Schloß, die schlug? Es war zehn Uhr und sie sollten daheim sein, Herr Maier kam ja zur Geographiestunde! »Schnell, Tini; komm, wir müssen fort. Aber wir kommen wieder!« rief sie im Forteilen zurück. »Wie heißen Sie denn?« fragte die neugierige Christine, das Köpfchen noch einmal hereinsteckend. »Kurt,« antwortete der Kranke, und ehe sie die Frage, ob das denn sein ganzer rechter Name sei, aussprechen konnte, hatte sie die Schwester fortgezogen, den jungen Mann in peinlichen Gefühlen zurücklassend; er war auf Grund und Boden der Solingen! So schnell sie durch Busch und Dorn rannten, über den Hof und die Treppe hinaufflogen, so kamen sie doch zu spät und trafen Herrn Maier etwas ungeduldig wartend am Tisch sitzen, und was noch schlimmer war, Frau Kohl in aufgeregtem Gespräch vor ihm stehend. »Da kommen sie hergerannt wie wilde Heidenkinder und nicht wie christliche Mädchen, ich will gar nicht einmal sagen adelige Fräulein. Das Fortgelauf und Waldgespring und mit erdigen Händen heimkommen muß aufhören, das sage ich. Und was sagen Sie, Herr Maier? Und zu was man meine Milch gießkannenvollweise fortschleppt, muß ich auch wissen ... Was wären noch alles für Missethaten aufgezählt worden, wenn nicht zu unendlicher Erleichterung der gesenkten Hauptes dastehenden Sünderinnen Amalie den Kopf zur Thür hereingestreckt hätte und mit dem Ausruf: »Die Butter pratzelt!« Frau Kohl zu schleunigem Abmarsch in die Küche veranlaßt hätte. Wenn sie aber glaubten, jetzt erlöst zu sein und sich ungehemmt auf den sicheren Boden Amerikas, an dessen Gebirgen sie augenblicklich studierten, begeben zu können, so täuschten sie sich sehr. Bei Frau Kohls Reden war es Herrn Maier doch ganz bedenklich geworden; was konnte denn das fortwährende Im-Walde-stecken bedeuten? Ja, die Kinder waren viel zu viel sich selbst überlassen; der Vater kümmerte sich einmal nicht um sie, da war es Pflicht eines gewissenhaften Lehrers, sich ihrer anzunehmen. Jedenfalls mußte diese Sache und der Grund des heutigen Zuspätkommens klar gemacht werden, und in ungewöhnlich strengem Ton begann das Verhör: »Wo waret ihr?« »Im Wald.« »Was habt ihr dort gethan?« »O Otta, sage es doch nicht! Fragen Sie doch nicht so, Herr Maier! Es ist ja gar nicht mehr dasselbe, wenn es jemand weiß. Wir waren so vergnügt mit unserer ...« Erschrocken hielt Christine inne; beinahe hätte sie sich ja verraten. »Mit unserer Höhle,« fuhr da Otta zu der Schwester Entsetzen fort. »Es ist besser, wir sagen es. Böses ist es ja nicht, und wir wissen ohnedem nicht, was wir mit dem Verfolgten thun sollen; da kann uns Herr Maier raten.« »Ein Verfolgter! ein Verbrecher! Wie kommt ihr zu einem solchen? Was soll das sein? Was ist's mit der Höhle?« fragte der Lehrer, nun erst recht begierig und erregt. In ihrem ganzen Leben war Christine nicht so bös auf die Schwester gewesen. Nun war ja alle Freude an der Höhle, am Verfolgten zu Ende, wenn jedermann davon wußte und darüber sprach, und sie gar nichts mehr darein zu sagen hatten! Inzwischen hatte Herr Maier rasch die ganze Sache aus Oktavie herausgefragt, und was er erfahren, hatte seine Aufregung nur gesteigert. Ein Mörder, ein Dieb oder dergleichen schien ihm nach dem Gehörten der Mensch nicht zu sein; »aber ich vermute einen Nihilisten, einen Anarchisten, einen Dynamitisten in ihm!« rief er, im Zimmer auf und ab rennend. Mit angstvoll aufgerissenen Augen starrten ihn die Mädchen an. Was waren das für entsetzliche Dinge! »So etwas Arges ist gewiß Herr Kurt nicht,« versicherte Oktavie bestimmt. »Was wißt ihr dumme, unvorsichtige Kinder von der Welt, den greulichen Verbrechen, die da umgehen, und von eurem Herrn Kurt! Kurt, Kurt, das ist gar kein rechter Geschlechtsname, nur ein Vorname, den er wohl fälschlich angenommen. Übrigens nehme ich die Sache nicht auf meine Verantwortung; ich habe die Pflicht, sie dem gnädigen Herrn zu berichten,« schloß er feierlich. »Dem Vater?« riefen die Schwestern erschrocken aus. »Nur das nicht!« Was würde er thun? Jedenfalls ihren Schützling gleich dem Gericht ausliefern; mit Bitten war so gar nichts zu erreichen bei ihm. Und was würde ihnen geschehen, die sie ihm solche Unannehmlichkeiten bereitet? Schon hörten sie seinen Schritt draußen und die klagende, keifende Stimme Frau Kohls, welche ihm etwas verworren auseinander setzte, was sie von dem im Zimmer Verhandelten vernommen. Die Thür wurde aufgerissen und Herr von Solingen fragte heftig: »Was soll das für eine Geschichte sein? Die Mädchen haben eine Höhle; da hat ihnen gewiß der Christoph dazu geholfen, der steckt hinter allem Unsinn; und haben einen Verbrecher darin verborgen? Was soll das heißen? Wissen Sie davon, Herr Maier?« Die weitere Verhandlung hörte wenigstens eine der Beteiligten nicht mehr; wie ein Wiesel war die flinke Christine hinter dem Vater zu der geöffneten Thür hinausgehuscht und nun die Treppe hinunter durch den Garten, zum hinteren Pförtchen hinaus, in den Wald hinein, so pfeilschnell, als wären ihr alle Häscher der Welt auf den Fersen. Sie dachte nicht einmal an Oktavie und wie es der wohl jetzt ergehe; sie dachte nur daran, Herrn Kurt zu warnen und ihm zur Flucht zu helfen. Er war kein so greulicher Anarchist oder anderer ›ist‹, das wußte sie, und sie sollten ihm nichts thun. Wäre nur Christoph hier gewesen! Der wußte immer Rat; nun mußte sie sich eben selbst helfen. Mit einem ganz pathetischen »Fliehen Sie!« stürzte sie in die Höhle, so daß der Bewohner derselben angstvoll auffuhr aus der Ecke, in die er sich geflüchtet vor den an verschiedenen Stellen herabfallenden Regentropfen. »Ich glaubte, ihr wollet mich wochenlang in diesem prächtigen Gemach versteckt halten; warum soll ich denn plötzlich fort?« fragte Kurt müde. Er fühlte sich zu elend, um sich große Sorgen zu machen. »Doch, Sie müssen,« fuhr Christine sehr nachdrücklich fort. »Herr Maier hat uns ausgefragt; nein, eigentlich ist Frau Kohl an allem schuld, sie ist abscheulich, und Otta hat es zuletzt von selbst gesagt; ich hätte es nie gethan. Das hätte noch nicht so sehr viel geschadet, wenn Herr Maier es bloß gewußt hätte; er sagte zwar, Sie seien ein An–, ach nein, ich sage es nicht; es ist zu greulich. Aber nun kam der Vater dazu und fragt alles heraus, und gewiß kommen sie jetzt her und führen Sie ins Gefängnis!« Frau Kohl und Herr Maiers Beschuldigung hatten ihn ziemlich ruhig gelassen; als Christine aber den Vater nannte, fuhr er heftig auf. »Dann muß ich freilich fort, Kind; Herr von Solingen soll mich nicht hier treffen, so nicht. Aber wohin willst du mich bringen?« In Christine entwickelte die Not eine wahre Indianerschlauheit. »Wir schlüpfen durch dies Loch dort oben hinauf, während die andern auf dem Weg durch die Schlucht in die Höhle kommen. Es macht Ihnen doch nichts, wenn Sie ein bißchen schmutzig werden? Mir ist's gleich. Dann gehen wir ans Haus und hinauf in den Turm; dort sucht Sie niemand, und Sie können ganz gut heruntersehen in den Hof und Garten, wo man nach Ihnen fahndet und ruft. Ist das nicht lustig?« Und in der Aussicht auf diesen neuen Spaß gab sie die Höhle leichten Herzens dran. »Kommen Sie – schnell; ich höre schon Schritte. Das Loch ist eng, aber Christoph ist auch durchgekommen.« Und sie fing an, sich die enge Öffnung hinaufzuwinden. Ehe ihr aber Kurt folgen konnte, hörte sie – o Schrecken! – Stimmen in der Höhle; der Vater, Herr Maier, gewiß auch Otta waren da! Nun war es zu spät! Und angstvoll ließ sie sich wieder heruntergleiten und kauerte in der dunkeln Ecke, angstvoll gespannt auf das Weitere horchend. Oktavie stand zitternd am Eingang der Höhle, den Lehrer an der Hand haltend; Herr von Solingen schritt auf den todblassen Kurt zu: »Wer sind Sie und wie kommen Sie dazu, sich hier verbergen zu lassen?« fragte er kurz und streng. Die erste Frage übergehend, antwortete der Fremde, der allmählich seine Fassung wiedergewann: »Sie haben wohl ein Recht, mich unter so ungewöhnlichen Umständen auf diese Art zu verhören, und es ist das Beste, ich sage Ihnen gleich den ganzen Sachverhalt, damit Sie doch wenigstens keinen Verbrecher in mir vermuten. Für die Wahrheit der Sache kann ich Ihnen keinen andern Beleg geben als mein Ehrenwort.« Herr von Solingen blickte ihn scharf an; wie der junge Mensch das so sicher sagte! Und merkwürdig, es rief ihm Erinnerungen, die längst schliefen, wach – dieser bewegte Ton der Stimme, die stolze Haltung des Kopfes; und hieß er nicht Kurt? Doch – das gab es viele. An der Wahrheit dessen, was er nun hörte, zu zweifeln, das war außer Frage; so gab nur ein Ehrenmann, ein Edelmann sein Wort, das fühlte er. »Ich bin in einem Bankhaus in der Residenz angestellt und kam durch das Geschäft in letzter Zeit viel mit zwei jungen Ausländern, Österreichern, wie sie sagten, zusammen. Sie waren ganz fremd, so fremd wie ich, als ich vor zwei Jahren in die Stadt kam; da wußte ich, wie man ein freundliches Entgegenkommen schätzt, und nahm mich gern ihrer an, wenn sie mir mit der Zeit auch nicht in allem gefielen. Vor vier Wochen reisten beide schnell ab, hatten aber im Sinn, bald wieder zu kommen, und übergaben mir ihre Papiere in einer Kassette; wir wohnten in einem Haus. Auch Zeitungen und alle Postsendungen, die für sie ankamen, sollte ich in Empfang nehmen und aufbewahren; ich that es ohne Arg, ohne mich weiter darum zu bekümmern. Ich bin kein großer Politiker. »Wie ich nun vorgestern, Samstagabend, nach Hause wollte, so wartete an der Straßenecke der Junge meiner Hausfrau auf mich und flüsterte mir zu, daß die Polizei in den Zimmern der Fremden und in dem meinen sei und alles durchsuche. In ersteren habe man nichts gefunden, aber bei mir müssen sie Sauberes entdeckt haben! Er habe von sehr verdächtigen Papieren, von Festnehmen und Untersuchen gehört; er sei zufällig gerade im Ofenloch meines Zimmers gewesen, wie die Beamten dort verhandelt hätten. Ich solle ja nicht heim. »Über die Zufälligkeit dieses Ofenlochaufenthaltes konnte ich mich nicht weiter besinnen; ich mußte dankbar dafür sein. Eine Untersuchung hätte ich nicht scheuen dürfen im Bewußtsein meiner völligen Unschuld; aber der Gedanke an meinen leidenden, vielfach gedrückten Vater, der bestimmte mich ohne weiteres Überlegen zur Flucht, obgleich ich mich schon nicht wohl fühlte. Er würde es nicht ertragen, seinen Namen, den eines alten edeln Geschlechts, in Gerichtsverhandlungen, die sich ohne Zweifel auf anarchistische Bewegungen (›Habe ich's nicht gesagt,‹ nickte da Herr Maier) beziehen, nennen zu hören. Meine Unvorsichtigkeit im Umgang mit den Fremden wäre durch den Schaden, den es ihm hätte bringen können, zu schwer gestraft worden. Durch mich soll das Kreuz, das mein Vater zu tragen hat, um nichts drückender gemacht werden. So eilte ich fort in der Nacht – auf die Eisenbahn wagte ich mich nicht – und lief und ging ohne Unterbrechung, fast ohne Nahrung, bis gestern abend die Herzensgüte und vielleicht auch die Freude am Phantastischen Ihrer Töchterchen dem Flüchtling ein Unterkommen verschafften. Nun erst kam ich zu ordentlichem Nachdenken, und da mußte ich mir sagen, daß meine unbesonnene Flucht vielleicht mehr geschadet als genützt hat und ich besser daran thue, mich dem Gericht zu stellen und mich zu rechtfertigen. Wenn nur meinem Vater die Sache erspart bleiben könnte!« »Ich liefere Sie nicht aus, mein Herr,« entgegnete Herr von Solingen, der indessen die schlanke, kräftige Gestalt, die offenen, schönen Züge des jungen Mannes mit Wohlgefallen betrachtet hatte. »Ich bin kein Büttel und Sie kein Verbrecher, das sehe ich. Und daß Sie in erster Linie an Ihren Vater denken, das gefällt mir; er erlebt gewiß viel Freude an Ihnen. Ich beneide ihn um einen solchen Sohn trotz allen Nihilistenpapieren. Übrigens sehen Sie krank aus; das Gastgemach, das Ihnen das Mädchenvolk eingeräumt, ist doch ein sehr mangelhaftes. Zunächst kommen Sie nun unter mein Dach; das Weitere wird sich finden.« In maßlosem Staunen hörten die Mädchen zu; so liebenswürdig hatten sie ja den Vater noch nie gesehen! Herr Maier konnte nicht umhin, Herrn von Solingen zuzuwinken und mit Kopfschütteln und Achselzucken ihn pantomimisch zur Vorsicht zu mahnen; etwas Anarchistisches war eben doch dabei, da galt es, auf der Hut zu sein. Ohne diese Zeichen zu beachten, bot Herr von Solingen dem Fremden die Hand; aber warum zog der die seine zurück? »Es wäre nicht ehrlich, wollte ich Ihre so gütig angebotene Gastfreundschaft annehmen, ohne daß Sie meinen Namen wissen: ich heiße Kurt von Solingen.« Er konnte sich nicht länger aufrecht halten und sank auf sein Lager. Herr von Solingen war einen Schritt zurückgetreten und tiefe Schatten legten sich auf seine Züge – Kurt von Solingen! Seit achtzehn Jahren hatte er den Namen nicht mehr gehört, hatte den Bruder und sein Kind nicht mehr gesehen; und nun – das waren dieselben Züge, das war das junge, stolze offene Gesicht; der Sohn des Verhaßten, des von ihm Verfluchten stand vor ihm; und er konnte ihm jetzt auch schaden, konnte ihn in seinem Vaterstolz, seinem Vaterherzen verwunden. Das war die Rache. Er richtete den finsteren Blick auf den erschöpft Daliegenden, neben dem Oktavie stand, sein Kind; blaß und zitternd, die thränenvollen Augen auf ihn geheftet, die Hände bittend gefaltet. Sie wußte genug von der Geschichte des Hauses, um zu verstehen, um was es sich handelte. Wie sie ihrer Mutter ähnlich sah! Gerade so hatte diese auch einst vor ihm gestanden und mit todwundem Herzen für seinen Bruder gebeten; gebeten, daß er den Fluch, den er auf das Haupt und Haus des Unglücklichen geschleudert, zurücknehme als Christ. Er hatte es nicht gethan; aber war er dadurch glücklicher geworden? Hatte ihm das den Sohn wiedergegeben? War nicht auch aus seinem Herzen der Frieden, von seinem Haus das Gedeihen, von seinen Kindern die Freude gewichen? Und warum hatte er denn dem Bruder, als dieser mit demselben wahrhaftigen Blick wie der Sohn hier gesagt: »Ich bin kein Verbrecher,« warum hatte er ihm nicht geglaubt? Der heiße Schmerz, die Leidenschaft hatten ihn am Ende doch verblendet, und es war ein gottgewolltes Unglück, kein schwarzes Verbrechen gewesen, was ihm sein Kind geraubt. Aber nachgeben, Gutes thun für das empfangene Herzeleid, war das möglich? Leise war Christine aus ihrer Ecke gekrochen und stand nun vor dem Vater. Sie machte sich keine tiefen Gedanken über die Vergangenheit, und die Lösung der gegenwärtigen Frage schien ihr so einfach. »Aber warum soll denn Herr Kurt nicht zu uns kommen, da er doch unser Vetter ist? dann hättest du ja einen Sohn.« Ach ja, warum soll er nicht! Der Zwiespalt; die Hindernisse schienen plötzlich verschwunden vor den Worten des Kindes. Er konnte sie gar nicht gleich wiederfinden, und ehe er recht wußte wie, hatte er genickt und gesagt: »Er soll!« Dann wandte er sich um und verließ die Höhle, ohne zurückzublicken. Im Haus konnte Kurt ja sein, damit war noch nichts geändert. Die Übersiedlung ins Schloß fand statt, und Oktavie, die mit einemmal den Mut gewonnen, als Hausmütterchen zu schalten, hatte das wohnlichste und freundlichste der Zimmer geöffnet für den Kranken, ja hatte sogar gewagt, den Stallknecht nach dem Arzt zu senden; der Vater ließ sich nicht blicken. Frau Kohl schickte sich mit wenig Vergnügen in die neuen Ereignisse und brachte nur widerwillig hervor, was für den Ankömmling nötig war. Ob es denn auch wirklich der Neffe des gnädigen Herrn sei? Daß er irgendwo durchgegangen und in einer Höhle gelegen, das sei noch lange kein Beweis dafür. Christine war hoch entrüstet und hätte die Verteidigung des Vetters mit beredten Worten übernommen, wenn sie nicht doch lieber in seine Stube geschlichen wäre, wo er müde im Sofa lehnte, um ihm den Kaffee zu bringen, den sie selbst gemahlen hatte, wahrend Oktavie ihm alles, was von Kissen und Fußschemeln im Hause war, herschleppte; überreich war es an solchen Bequemlichkeiten nicht. Sie hatten noch nie für jemand sorgen dürfen; jetzt genossen die beiden Samariterinnen dies Pflegen und Schaffen und Wichtigthun als ein neues Glück; wenn ihnen nur immer jemand gesagt hätte, wie sie es machen sollten! Im Lauf des Nachmittags kam der Arzt, der Kurt recht krank fand und sogleich ins Bett sprach. »Wer wird denn die Pflege übernehmen?« fragte er. – »Wir beide,« versicherte ihn Oktavie, die ängstlich mit der Schwester vor der Thür auf ihn gewartet hatte. »Mit dem guten Willen allein ist's nicht gethan, Kinder,« sagte der Doktor, freundlich lächelnd in Oktavies entschlossenes Gesichtchen blickend; »da gehört jemand anders her als zwei solch zierliche Sommervögelchen. Der Herr Baron ist nicht zu Hause? So hole mir eure Haushälterin!« Frau Kohl kam, versicherte aber sehr wortreich, daß sie das Nachtwachen und die Krankenluft nicht ertrage; ein Mensch sei man doch auch, und sie habe am Tag so viel zu thun, und wenn die Hopfenernte beginne, noch viel mehr; da könne sie nicht auch noch Fremde pflegen mit Gott weiß was für Gebresten. Sie begreife gar nicht, wie der Herr Baron dazu komme, landfremde Leute aufzulesen und ins Haus zu schicken; das sei seine Sache sonst nicht – wobei ein strafender Blick auf die Mädchen, die sie als Hauptschuldige im Verdacht hatte, fiel. Daß das keine Pflegerin war, wie er sie für seinen Kranken brauchte, sah der Arzt bald; aber irgend jemand mußte doch her! Er kannte die Verhältnisse des Hauses nur wenig, da er bis jetzt nie gerufen worden war, und wandte sich wieder zu den Schwestern. »Ist denn niemand sonst im Hause, der für euch sorgt?« – »Nein.« – »Oder den man herbeirufen könnte? eine Tante oder Cousine?« – »Nein.« Er ging ins Krankenzimmer zurück und fragte seinen Patienten: »Sie haben doch gewiß irgend ein weibliches Wesen, das kommen könnte zur Pflege? Es muß jemand da sein, und eine Krankenwärterin kann ich doch nicht auf eigene Faust kommen lassen. Im Haus ist niemand Taugliches – ist überhaupt eine merkwürdige Wirtschaft,« brummte er. »Lebt Ihre Frau Mutter noch? Ist sie wohl? Könnte sie kommen?« Kurt nickte. »Gut, geben Sie mir die Adresse, ich telegraphiere an sie.« »Aber ich bitte Sie – ich darf das nicht,« sagte Kurt ängstlich; »ich bin selbst Gast hier und kein gern gesehener; meine Mutter wird nicht aufgenommen werden.« »Ach was,« meinte der Arzt, »nicht aufgenommen! Platz haben sie ja für ein Regiment Mütter, nicht nur für eine. Was sollte der Baron dagegen haben? Und warum geht er nicht her, daß man ihn fragen könnte? Sie werden herzlich froh sein, wenn Sie von der Mama versorgt werden, und die kleinen Fräulein können sie auch brauchen neben dem alten Hausdrachen. Sagen Sie mir die Adresse Ihrer Eltern! In Berfeld leben sie? Heute kann wohl niemand mehr kommen, aber morgen. Diese eine Nacht wird doch auch im Haus ein Christenmensch sein, der für Sie sorgt.« Die Schwestern setzte er beim Gehen zu ihrem großen Schmerz ganz ab als Krankenpflegerinnen; sie sollten gar nicht mehr ins Zimmer hinein, um den Kranken nicht zu stören. Frau Kohl legte er dagegen seine Verordnungen streng ans Herz und machte sie für die Ausführung verantwortlich. »Morgen kommt die Mutter von Herrn von Solingen,« sagte er beim Weggehen. »Auch noch die!« riefen die Mädchen und Frau Kohl aus einem Munde; aber wie verschieden! Die eine brummte es verdrießlich, sich widerwillig auf ihren Posten im Krankenzimmer begebend; die andern faßten sich jubelnd bei den Händen und führten einen möglichst leisen Freudentanz in der großen Wohnstube auf. Eine Tante kam! Nie hatten sie eine kennen gelernt, und gewiß würden sie sie lieb gewinnen. »Aber der Vater!« sagte plötzlich Oktavie erschrocken – an den hatten sie noch gar nicht gedacht – »was wird der dazu sagen?« »Ach,« meinte Christine, »es ist jetzt auf einmal so viel Merkwürdiges geschehen: der Vetter ist im Hause, und Papa hat's erlaubt, da kann auch noch die Tante kommen.« Und noch lange hatten sie zu flüstern in ihren Betten über die wunderbaren Ereignisse, die ihr Stillleben unterbrochen, bis ein süßer Schlaf noch wunderbarere Träume brachte. Sie hörten den schweren Tritt des Vaters, der spät in der Nacht heimkam, nicht mehr. Dem Kranken war's nicht so gut ergangen; er hatte eine noch qualvollere Nacht als die in der Höhle verbracht. Das Fieber, die Schmerzen auf der Brust hatten sich gesteigert; so oft er etwas gewollt, einen frischen Umschlag, einen Schluck Wasser, schnarchte Frau Kohl; ruhte er einen Augenblick, so schüttelte sie ihn auf und nötigte ihn zu trinken. Dabei goß sie das Wasser über ihn hinunter oder warf ein Messer, ein Buch geräuschvoll auf den Boden, bis sie sich wieder seufzend in das Sofa fallen ließ, daß das morsche Gestell krachte. Endlich, endlich graute der Tag, dem er nur mit dem einen Gedanken entgegensah: »Deine Mutter kommt.« Er war nie ernstlich krank gewesen; aber von dem leichten Kinderunwohlsein her hatte er eine köstliche Erinnerung, welch ein Vergnügen es gewesen, sich von der Mutter pflegen zu lassen. Wo er war, wie er hergekommen, sogar die Gestalten des zürnenden Onkels, der jugendlichen Retterinnen – alles trat zurück vor der Erwartung. Inzwischen saßen die Mädchen mit dem Vater am Frühstück; er hatte noch mit keinem Wort nach dem Kranken gefragt. Sollten sie ihm sagen, wie es stand? wer heute kommen werde? Eigentlich mußten sie es, das fühlte Oktavie wohl, und doch konnte sie im Blick auf die düstere Miene des Vaters unmöglich den Mut dazu finden. Frau Kohl war nach ihrer Nachtwache nicht so zartfühlend und schonend aufgelegt. Als sie hereinkam, um das Kaffeegeschirr fortzunehmen, wandte sie sich ohne Umschweife an ihren Gebieter: »Der junge Herr ist recht krank, sehr krank, und der gnädige Herr werden wissen, daß heute seine Frau Mutter kommt; der Doktor hat sie herberufen.« Und im sicheren Gefühl, daß sich das Gewitter doch nicht über sie entladen könne, segelte sie mit ihren Tassen und Kannen hinaus. »Du warst nicht da, Vater, so konnte man dich nicht fragen,« sagte zitternd Oktavie; »und der Arzt sagte, es müsse jemand da sein zur Pflege.« »O, ich freue mich sehr, daß die Tante kommt, nun haben wir doch auch einmal Besuch,« meinte die leichtsinnige Christine. Aber weder die eine noch die andere erhielt eine Antwort; der Vater schob seinen Stuhl zurück und verließ das Zimmer, holte sein Jagdgeräte und stand nach einer Weile auf der Schwelle der Pforte unten. Der Mutter verwehren, zu ihrem kranken Sohn zu kommen, das konnte er nicht; aber sie empfangen, das durfte man ihm nicht zumuten. Er pfiff noch nach Wächter und Diana, um dann schnell fortzugehen. Wo steckten die Tiere? Ehe er sie beisammen hatte, rasselte ein Wagen durchs Hofthor und hielt vor dem Portal; eine ungeduldige Hand drückte hastig den Schlag auf und eine blasse Dame verließ eilig den Wagen, ängstlich um sich blickend. Aber wer stieg hinter ihr aus? Wie gebannt stand der Baron auf der Schwelle. Achtzehn trübe Jahre waren vergangen, seit auf derselben Stelle ein junger, schöner, lebensfroher Offizier gestanden; nun lehnte ein gebeugter Mann mit gramdurchfurchten, früh gealterten Mienen dort – es war Erich, der den beinahe zum Greis gewordenen Bruder anstarrte. Der Fluch hatte auf beiden gleich schwer gelastet, beider Leben vergällt. Er streckte die Arme aus; noch ein Moment – und die Männer hielten sich umschlungen, fest, fest, während ein Schluchzen des älteren Brust hob, das den tiefsten Grund seiner Seele erschütterte. Es waren die ersten Thränen seit seines Kindes Tod, und finsterer Haß, wildes Weh, Groll und Bitterkeit schmolzen unter den brennenden Tropfen. Nicht Nachdenken, nicht Überlegen und Selbstüberwinden – Gottes eigene Hand hatte die Brüder zusammengeführt. Stumm, in tiefer Bewegung stand die Dame dabei; sie wollte mit keinem Wort den heiligen Ernst des Augenblicks, der die Last von ihres Gatten Seele nahm, stören, und doch blickte sie ängstlich umher, ob niemand da sei, der sie zu dem Sohn führe, der ihr erkläre, wie er gerade hierher gekommen. Da sah sie im Hintergrund der Halle am Fuß der Treppe zwei erschrockene, verstörte Kindergesichter und wandte sich zu ihnen, während die Brüder draußen noch Hand in Hand standen, ohne die Worte zu finden, die ausdrückten, was sie bewegte. Als sie ins Haus traten, fragte der Jüngere endlich: »Und du hast meinen Kurt aufgenommen? Du hast ihn krank in dein Haus gebracht?« »Komm nur zu ihm! Mein Verdienst ist es nicht; das ist der Mädchen Werk.« Sie öffneten die Thür des Krankenzimmers, wo Kurt mit glücklichem Lächeln seiner Mutter Hand festhielt, die sich halb scheltend, halb liebkosend zu ihm beugte, während Oktavie und Christine ihr mit großem Eifer die wunderbare Geschichte der Höhle, des verfolgten Verbrechers und wiedergefundenen Vetters erzählten. Die Väter hörten lächelnd zu, bis auf einmal der Doktor dastand, ganz erstaunt ob dieses Überflusses an Menschen, während er gestern gar niemand für das Krankenzimmer gefunden. Alle wurden jetzt verbannt bis auf die Mutter, die bei der nun eintretenden Erschöpfung ihres Sohnes erst sah, wie krank er war. »Aber wir bringen ihn durch, nun die Frau Mutter pflegt,« meinte der Arzt mit zuversichtlichem Lächeln. Für den Bruder befahl Herr von Solingen vor allem ein ordentliches Frühstück, und Otta und Tini trippelten unermüdet von der Küche ins Zimmer, vom Zimmer in die Speisekammer, um des Vaters und Frau Kohls Befehle zu erfüllen. »Interessiert es dich, den neuen Stall zu sehen, den ich gebaut?« fragte er den Bruder, nachdem sich dieser für völlig gestärkt erklärt; »bin begierig, was du zu dem Fuchsen sagst, den ich vorige Woche gekauft.« Während die Brüder miteinander Haus und Hof besichtigten, legten sich allmählich die hohen Wogen der bewegten Gefühle, und doch war jedes gewöhnliche Wort und Gespräch von der wohlthuendsten Wärme durchdrungen, mit der die wiedergefundene Bruderliebe die Herzen erfüllte. Nun erst empfanden sie, was ihnen in all den Jahren gefehlt. Von den Schwestern wurde gemeinsam eine Schilderung all der wunderbaren Ereignisse an Christoph verfaßt, bei der ihm der angedrohte Spott Tinis nicht erspart blieb. Der Brief schloß mit einer begeisterten Schilderung der Tante und mit der Versicherung: »Es ist nun so schön bei uns; komme nur!« Der Herr des Hauses hatte in der nächsten Zeit einigemal Reisen in die Hauptstadt zu machen, von deren Zweck er nicht sprach, nicht einmal gegen den Bruder, und einmal brachte er einen feinen, ernsthaften Herrn mit, der in die Krankenstube eingeführt wurde. Das galt dem Verbrecher Kurt, von dessen Unschuld sich das Gericht rasch überzeugte. Sein Name und seine völlige Unkenntnis ihrer Umtriebe hatte die Fremden bestimmt, ihm die allerdings gefährlichen Papiere zu übergeben, weil sie dieselben bei ihm vor jeder Nachfrage sicher glaubten. Die Eltern erfuhren das Ganze erst so recht, nachdem durch des Onkels Bemühungen alles im reinen war. Und es war nicht nur schön, es blieb auch so. Nach zwei bänglichen Wochen hatte Kurt sich wieder erholt und durfte an einem warmen Herbsttag zum erstenmal hinaus. Der Onkel führte ihn selbst herum, erst nur durch den Garten. »Laß mich auch deine Ställe, das Vieh sehen!« bat er. »Was kümmerst du dich darum! So ein Pfennigpolierer!« meinte der Onkel etwas geringschätzig. Aber wie staunte er über des Neffen Freude an seinem schönen Vieh und den sachkundigen Bemerkungen über die Pferde! Als sie im Wohnzimmer alle beisammen am Kaffeetisch saßen, den Christine unter der Tante Leitung hatte zierlich decken lernen, da wandte sich der Hausherr ganz vorwurfsvoll an seinen Bruder: »Wie hast du nur aus dem Jungen so einen Geldklauber machen können! Der hätte das Zeug zu einem Landwirt aus dem ff.« »Das ist ein wunder Punkt, Eberhard,« entgegnete der Offizier; »es war sein sehnlichster Wunsch von klein auf. Aber das ist keine Laufbahn für den Sohn eines früh pensionierten armen Offiziers. Meine Älteste hat sich verheiratet, mußte ausgesteuert werden; für Ida, die Jüngste, muß man auch sorgen; so that es Kurt uns zuliebe und entschloß sich, in die Bank einzutreten. Wir hatten nicht viel Glück, was man so heißt, bis jetzt.« »Banquier ist er gewesen, das sage ich dir,« fiel rasch Herr von Solingen ein, der nicht gern das Gespräch auf die Vergangenheit kommen ließ. »Lasse ihn mir hier auf dem Gut; ich brauche ihn.« Mit leuchtenden Augen sah Kurts Mutter auf den Gatten; sie fühlte, daß mit dem tiefen Seufzer die schwere Last von seiner Brust sich wälzte, die all die Jahre her auf ihm gelegen, die ihre häuslichen Freuden verdüstert, jedes kleine Mißgeschick doppelt drückend gemacht. Nun war der Fluch des Bruders völlig zurückgenommen. Sie reichte dem Schwager glückselig dankend die Hand, jetzt durfte sie auf einen freundlichen Lebensabend für den geliebten Gatten hoffen, und ihr ganzes Herz war erfüllt von Dank gegen Gottes Güte, die dies Wunder bewirkt. Und Kurt! »Onkel, ist's dein Ernst? Kannst du mich hier brauchen? Und ich soll jetzt fröhlich schaffen und wirken in Feld und Wald, statt in der trüben Rechenstube zu sitzen! Wenn ihr wüßtet, wie wohl mir bei dem Gedanken ist!« Sie wußten's im Blick auf sein lachendes junges Gesicht, das seit lange nicht mehr so glücklich ausgesehen. »Ihr bleibt selbstverständlich auch hier wohnen,« wandte sich der Hausherr an den Bruder; »Raum in dem alten Eulennest gibt's ja mehr als genug.« »Eberhard, das sagst du im ersten erregten Augenblick,« entgegnete der Offizier, »und ich danke dir, daß du's gethan und ich das Haus unserer Väter wieder als Heimat ansehen darf. Aber das thun wir nicht, das müßte dir mit der Zeit selbst zu viel werden. Du sollst allein Herr des Hauses sein. Wenn wir im Sommer uns hier ausruhen und das Mirakel von einem künftigen Landwirt, unseren Kurt, uns in der Nähe besehen dürfen, so thun wir das gern. Meine Frau kann dann nach den kleinen Höhlenbewohnerinnen sehen und sie zu jungen Damen, die zu brauchen sind, heranziehen – das versteht sie; aber sonst laß uns in den alten Verhältnissen! Leicht ums Herz ist mir jetzt auch dort.« Die Höhlenbewohnerinnen sahen sich etwas verwundert an; daß sie einst »junge Damen« sein sollten, war ihnen noch nicht in den Sinn gekommen, und wie sie dazu gemacht werden sollten, war ihnen völlig unklar. Aber die Tante konnte alles, sie konnte gewiß auch dieses Wunder vollbringen. Ohne viel Tadel und Ausstellungen zu hören, empfand doch, seit die Tante im Hause war, Oktavies feines Gefühl, wieviel ihnen fehlte, wie ungeordnet das Haus war, wie anders sie sprechen und sich bewegen sollten, und neben dem Beschämenden dieser Überzeugung fühlte sie mit unbeschreiblichem Wohlsein den Einfluß einer edeln, feinen und frommen Frau; das Glück, daß sich jemand wirklich kümmerte um sie und die Schwester. Sie schloß sich mit der ganzen Liebe, der ihr Herzchen fähig war, an die mütterliche Tante an, und blühte auf wie ein Röslein, das jetzt erst in milde Luft und Sonnenschein gepflanzt worden. Christine fand es auch wunderschön, daß die Tante da war, daß sie ihnen geholfen, das Zimmer wohnlicher zu machen, daß sie ihnen von der Cousine Ida und von dem kleinen Ernst, ihrem Enkel, so lustig erzählte; aber das Lernen, das Nähen und Sticken unter ihren Augen nahm doch viel Zeit, und das Herumstreifen im Wald, die schönen Aufführungen im Gartenhaus, die Plauderstündchen am Herdeckchen mit Katharine und die Besuche im Stall – das alles wurde sehr beschränkt, und es war doch so lustig gewesen! So schrecklich betrübt hatte sie sich ohne Mama und Tante nicht gefühlt; aber freilich durfte man das Otta nicht merken lassen. Damit war sie übrigens auch ganz einverstanden, daß die Tante auf aller Bitten hin Cousine Ida kommen ließ, eine so heitere, liebenswürdige Cousine, daß Christine ohne allen Schreck vernahm, sie werde diesen Winter ganz da bleiben und die Erziehung der Schwestern weiter in die Hand nehmen. Christoph hatte es möglich gemacht, vor dem Beginn der Schule noch einige Tage nach Solingen zu kommen; es gelüstete ihn doch, sich selbst von den Veränderungen im Dornröschensschloß zu überzeugen. Der Name paßte übrigens gar nicht mehr, seit so viel Leben und Bewegung im Hause war. Eine heitere Tafelrunde saß jetzt um den langen Tisch im Wohnzimmer, und der Freiherr entzog sich ihr nicht. Er hörte zu, vernahm, was die Oktavie für kluge Reden mit Ida führte und wie das flinke Zünglein Tims keine Neckerei des Vetters oder Christophs schuldig blieb; man brauchte sich der Mädchen wirklich nicht zu schämen. Den Freiherrn selbst fand Christoph am meisten verändert; er, dem alles mit mehr oder weniger Scheu aus dem Weg gegangen, verkehrte nun mit den Hausbewohnern natürlich und ungezwungen. In eifrigem Gespräch mit Kurt sah man ihn in Hof und Ställen, und fast schien es, als ob das gefurchte Gesicht geglättet, die gebeugte Haltung aufrechter geworden wäre in den wenigen Wochen. Das war nicht nur die Folge davon, weil er jetzt einen Sohn, eine frische Stütze zur Seite hatte; weil das Unbehagen weg war, das ihn aus der zerrütteten Häuslichkeit zu wilder Gesellschaft, zu aufregendem Spiel getrieben – nein, vor allem, weil er Frieden im Herzen, Frieden mit dem Bruder hatte und den Frieden mit Gott suchte, der ihn lehrte, seinen Verlust ergeben, als von seiner Vaterhand gesandt, anzusehen. Die Schwestern waren mit Christoph nicht so ganz zufrieden; sie fanden ihn auch verändert, aber sehr zu seinem Nachteil. Er war gar nie mit ihnen zusammen; immer steckte er mit Kurt und Ida irgendwo; kamen sie dazu, so verstummte die Unterhaltung und sie mußten sich mit geheimnisvollem Lächeln, unverständlichen Zeichen und Bemerkungen begnügen. Zum Vorlesen oder Spielen kam es nicht; schlugen sie einen Gang in ihre »Friedensruh« vor, so hatte er sicher irgend eine Ausrede und wußte sie davon abzuhalten. Das gefiel besonders Christine gar nicht; mit finster grollender Miene ging sie herum, ohne die Genugthuung zu haben, von jemand deshalb gefragt zu werden. Sogar Jakob, der Knecht, war von dem Heimlichthun, dem Verschwinden und Zeichengeben angesteckt, und Tini war im Begriff, als die Sache ihren Höhepunkt erreicht und sie einen ganzen Vormittag lang nichts von den Verschworenen gesehen, bei Tisch feierlich zu erklären, daß das nicht auszuhalten sei, als Kurt so nebenbei den Vorschlag zu einem gemeinsamen, Spaziergang für den Nachmittag machte. Alles stimmte bei, sogar der Vater, und die Aussicht auf dieses Vergnügen ließ Christine ihre Rede vergessen. Vorher mußten schnell die Aufgaben gemacht werden; um vier Uhr sollte sich die Gesellschaft versammeln. Aber es war doch wieder, nicht das Rechte, – nur der Vater, der Onkel und die Tante waren im Hof, als die Schwestern herunterkamen; die andern seien schon voraus, hieß es. »Wohin soll es denn gehen?« fragte Oktavie, die sich an der Tante Arm hängte. »Denke, wir haben ja eure Höhle, die so wichtig geworden, noch gar nicht gesehen; nun zeigt uns den Weg dorthin, mein Liebling,« entgegnete diese. »O, das thun wir gern, nicht wahr, Tini?« rief Oktavie. »Du sollst dich wundern, wie groß sie ist. Freilich ist es schon ein bißchen spät; bis wir hinkommen, wird es fast dunkel sein in der Schlucht und in ›Friedensruh‹, so heißt die Höhle, weißt du. Aber du fürchtest dich ja nicht und wir sind nicht allein. Kurt mochte das Moosbett nicht ...« »Aber wie gut, daß er darauf gelegen! Wir alle wären sonst nicht hier,« meinte die Tante, indem sie mit Oktavie den Herren folgte. Die hatten sich so viel zu sagen, als wollten sie alles das in den Jahren der Trennung Versäumte in ebensoviel Tagen nachholen. Tini hüpfte voraus und hatte genug zu thun, um lachend den Tannenzapfen auszuweichen, die hinter ihr drein sausten – am Ende von des Vaters Hand? Endlich war man am Abhang. »Seht,« erklärte Christine, »dort hat Kurt gestanden und wußte nicht, wie weiter kommen; und da sind die Stufen, Otta und ich haben sie gemacht. Kann man nicht ordentlich fest darauf treten? So bequem! Kommt ihr nach? Nun sieht man aber nicht mehr gut; gib mir deine Hand, Tante! Hier wird's glatt und ganz ...« Was war das! Aus der Schlucht drang ein heller Schein herauf; woher kam der? So schnell waren die Schwestern nie die Stufen hinuntergekommen; aber – waren sie wirklich vor ihrer alten Höhle? War am Ende doch etwas Wahres an den Feen und Erdleutchen? In strahlenden, flimmernden Buchstaben prangte ein großes »Friedensruh« zwischen dem Gestein und den Farnkrautbüscheln über dem Eingang, und ein blendender Lichtglanz flutete aus der Höhle, in die sie jetzt des Vaters Hand hineinschob. Von allen Vorsprüngen, aus den Ecken hervor, von der Decke herab funkelten kleine Lämpchen und Lichter, die aus dem Hintergrund ein prachtvoll rotes, jetzt ein leuchtend grünes Licht überstrahlte. Dazu glitzerte und funkelte es überall an den Wänden wie Edelsteine, feine Silberfäden spannen sich über das rauhe Gestein; das war ja Aladins Höhle! und doch wieder ihr altes »Friedensruh!« Die sprachlos Erstaunten merkten nicht, daß sich hinter ihnen die Höhle füllte mit bekannten Gestalten, sie hatten nur mit weit aufgerissenen Augen die niegesehenen Wunder anzustarren. Und jetzt stand ja plötzlich, wie aus dem Boden gewachsen, eine Gestalt in braunem Gewand und langem weißen Bart vor ihnen, kahlköpfig und gebeugt, und klagte, wie seine stille Behausung, in der er einst als Eremit gelebt, seit kurzem von Menschen aufgefunden worden, die ihn stören, wenn er einmal wieder hier nachsehen wolle; sie lachen, weinen oder seufzen, hüpfen leichtfüßig hin und her – das könne er an der, heiliger Andacht geweihten Stätte nicht dulden; und kummervoll schüttelte er das greise Haupt. Da plötzlich klang eine silberhelle Stimme hinter ihm: »O, zürnet nicht, ehrwürdiger Vater!« und gehüllt in weiße Gewänder und duftige Schleier stand in geheimnisvollem blauen Schein eine holde Lichtgestalt, die Waldfee, neben ihm und berichtete ihm, wie zwei liebliche Menschenkinder (»Das sind wir!« flüsterte Otta) die Höhle gefunden und sie bestimmt zum Zufluchtsort Verfolgter, zum Port für Ruhelose, die hier den Frieden finden sollten. (»Du, das ist Ida! Sie hat bloß ihr Haar offen und in Locken,« wisperte Tini in der Schwester Ohr, »und der Einsiedler hat ein bißchen gelacht, gerade wie Christoph.«) Otta schüttelte nur den Kopf, damit Tini schweige, sie hörte mit atemloser Aufmerksamkeit zu, wie die Fee fortfuhr, sie habe diese ihre Lieblinge stets beschützt; aber Gott, der die Macht allein besitze, habe es so geleitet, baß das kindische Spiel zu Großem geführt und die kleinen Hände getrennte Herzen vereinigen konnten. Der Eremit solle auf die glücklichen Menschen sehen, die in der Höhle den Frieden wiedergefunden, den sie, will's Gott! nie mehr verlieren werden. Wenn's so sei, sagte nun der Einsiedler, so wolle er sich von Herzen mit ihnen freuen und ihnen die Höhle für immer überlassen. »Wir aber,« rief da ein etwas groß geratener Zwergkönig, der aus dem Hintergrund hervorsprang in rotem Wams und Goldkrönlein, »wir, die rechtmäßigen Bewohner der unterirdischen Räume, wir haben uns von Anfang an der holden Schwestern gefreut; daß ich's nur gestehe, ich zog die eine hier herunter als sie glaubte zu fallen. Wir sind stolz über das schöne Werk, das sie hier begonnen, stolz auch, es aus unserer Schatzkammer belohnen zu können.« Und er näherte sich den Schwestern in prachtvollem roten Feuerschein und hing jeder an goldenem Kettlein ein Kreuz um den Hals. »Kurt! Kurt!« jubelte Christine und wollte ihn halten; aber lachend entschlüpfte er ihren Händen. Otta sah sich wie im Traume um – da standen bei Onkel und Tante der Herr Schullehrer, Frau Kohl, Ameile, Katharine und wer sich vom Dorf und Schloß hereindrücken konnte, und dort führte Tini mit der Fee, dem Einsiedler und Zwerg einen jubelnden Ringeltanz auf. Also waren sie, scheint es, doch noch auf der wirklichen Welt! Tini mußte, nun der Zauber gebrochen, natürlich alles aufs genaueste untersuchen; wo die Lämpchen standen, wie sie das schöne, farbige Licht gemacht, mit was sie sich verkleidet; wer die feurige Inschrift über dem Eingang angebracht – und gewiß habe sie den prächtigen Schmuck von Onkel und Tante; denen müsse sie schnell einen Kuß dafür geben. Der kleine Naseweis war nicht zufrieden, bis er nicht alles herausgebracht, während Oktavie viel lieber den zauberhaften Eindruck sich unzerlegt erhalten wollte. Sie schlich sich, während die andern Zuschauer die Herrlichkeiten nun auch möglichst nahe besehen wollten, zum Vater hin, und er legte die Hand leise auf das Köpfchen, das sich an ihn schmiegte. Es zog durch seine Seele, wie wunderbar Gott die schwachen Kinderhände benützt, um ihm und dem Bruder das Kleinod des Friedens wiederzubringen, und wie wenig er das um sie verdient. Er sprach das Gelöbnis, das aus seinem Herzen aufstieg, nicht aus; aber in seinem Blick, an dem Druck, mit dem er ihre Hand faßte, spürte das Kind, daß sie einen größeren Schatz als das goldene Kreuz, daß sie des Vaters Liebe aus der Höhle mitnehme. Ehe die Lichter verlöschten, blies Kurt zum Heimgang. Nachts habe die Höhle ihre unangenehmen Seiten, meinte er; er wisse das als Zwergkönig und Mensch. Ein stattlicher Zug, voran Jakob mit zwei Fackeln, bewegte sich zum Schloß, wo sich alles um eine Bowle versammelte, die Kurt und Christoph brauten. Tini nahm es zwar ein wenig übel, daß Christoph immer mit Ida anstieß und nur einmal mit ihr; aber im ganzen war das ein leichter Schatten bei so viel Licht; war sie doch dagegen der ausgesprochene Liebling des Onkels. »Otta, hättest du je geglaubt, daß es so wunderschön sein kann!« seufzte sie ganz glücksmüde, als sie, ich sage gar nicht wie spät, in ihr Stübchen kamen; »sogar Frau Kohl hat gelacht. Und alle sagen, wir seien schuld daran, obwohl wir nur zwei Mädchen sind.« »Ich glaube, der liebe Gott ist schuld daran,« flüsterte Oktavie im Einschlafen, während sie den Arm um der Schwester Hals schlang.