Heinrich von Treitschke Deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts – Erster Band Herausgegeben und eingeleitet von Wilhelm Mommsen Vorwort Eine Auswahl aus Treitschkes »Deutscher Geschichte«, die aus den fast 4000 Druckseiten seines Meisterwerks nicht mehr als etwa den zehnten Teil wiedergeben kann, legen wir nicht ohne Bedenken vor. Aber wie viele der in dem rastlosen Getriebe unserer Zeit selten gewordenen Leser ernsthafter Bücher würden ein so vielbändiges Werk von Anfang bis zu Ende durchlesen? Trotzdem würden wir die beste Rechtfertigung unserer Veröffentlichung darin erblicken, wenn die Auswahl dazu anregte, das ganze Werk in die Hand zu nehmen. Eine jede Auswahl ist selbstverständlich – und gerade bei einem Werke wie diesem – mannigfach zu beanstanden. Die Entscheidung, welche Teile von Treitschkes »Deutscher Geschichte« hier wiederzugeben waren, war nicht leicht, und wir hätten manches Stück noch gern gebracht, das fortbleiben mußte. Unser Gesichtspunkt war, möglichst solche Abschnitte auszuwählen, die einerseits die historisch-politischen Anschauungen Treitschkes, andererseits die Art seiner Geschichtschreibung charakterisieren. Mit Absicht sind die verschiedenartigen Stellen ausgewählt worden, so die Darstellung großer historischer Entwicklungen, die Charakterisierung bedeutender politischer Persönlichkeiten, die Schilderung des Milieus bestimmter politischer Ereignisse, der wirtschaftlichen und sozialen Zustände wie der geistigen Entwicklung. Die Einleitung versucht für einen breiteren Leserkreis ganz knapp Leben, Persönlichkeit und Bedeutung Treitschkes zu schildern, und Entstehung, Wesen und Eigenart seiner »Deutschen Geschichte« zu charakterisieren. Dabei wird zugleich versucht, zu zeigen, inwieweit die Auffassung und Darstellung der »Deutschen Geschichte« Treitschkes vom Standpunkt der heutigen Forschung aus der Korrektur bedarf. Dagegen haben wir uns versagt, Einzelheiten zu berichtigen, weil das zum Teil nur durch längere Ausführungen möglich, zum Teil für den Zweck dieses Bandes belanglos wäre. Es war natürlich auch unmöglich, die aus dem Gesamtzusammenhang der Treitschkeschen Darstellung herausgenommenen einzelnen Teile stofflich zu erklären und etwa mit historischen Einleitungen zu versehen, wir haben uns bemüht, möglichst solche Stücke wiederzugeben, die aus sich heraus verständlich erscheinen. Im ganzen kann natürlich diese Auswahl aus Treitschkes Werk nicht dem Zweck dienen, Kenntnis der deutschen Geschichte des von ihm behandelten Zeitraumes zu verbreiten, sondern nur versuchen, Treitschke selbst und seine Geschichtschreibung weiteren Kreisen näherzubringen. Gerade für unsere Auswahl gilt, was Alfred Dove einmal in einem Brief über die »Deutsche Geschichte« schreibt: »Es ist immer der große Mensch mit seiner ganzen Seele drin; man liest Treitschke um Treitschkes willen, nicht wegen der Sache.« Einleitung Die »Deutsche Geschichte« Heinrich von Treitschkes steht unter den Meisterwerken der deutschen Geschichtswissenschaft mit an allererster Stelle, und an Einfluß und Wirkung auf das Geschichtsbild der deutschen Leserwelt ohne Zweifel an der ersten. In ihr vereint sich eine jahrzehntelange Forscherarbeit mit einer Darstellungskraft ersten Ranges, die den Leser die Mühsal wissenschaftlicher Arbeit nirgends merken läßt, und die das in verstaubten Akten begrabene Leben der Vergangenheit mit einer Farbenpracht sondergleichen wiedererweckt. »Man sieht es meinen Schriften nicht an, wie sauer sie mir werden«, so schrieb er selbst einmal. – Aber noch mehr als die Vergangenheit spricht aus der »Deutschen Geschichte« Treitschkes mächtige Persönlichkeit. Für ihn hat die Geschichte nicht nur den Zweck, die Vergangenheit darzustellen, sondern sie ist ihm zugleich politisches Mittel; sie soll die Deutschen begeistern für das eigene Volk und ein Mahner und Führer sein auch in den politischen Aufgaben der Gegenwart. Der Historiker Treitschke und der leidenschaftliche politische Kämpfer sind unzertrennlich. Auch aus der »Deutschen Geschichte« spricht fast in jeder Zeile der Mann, der der leidenschaftlichste und größte publizistische Wegbereiter der Bismarckschen Reichsgründung, der deutschen Einheit unter preußischer Führung gewesen ist. Heinrich von Treitschke wurde am 15. September 1834 in Dresden geboren. Seine Vorfahren waren einst aus religiösen Gründen aus Böhmen ausgewandert, und Treitschke war allezeit stolz, aus »gutem Hussitenblut« zu stammen. Sein Vater, sächsischer Offizier und zuletzt General, war ein seinem Staat und Königshaus in fester dynastischer Gesinnung treuergebener Mann von nicht geringer Fähigkeit und menschlich ansprechendem Wesen. Heinrich war sein ältester Sohn. Er besuchte in Dresden die Kreuzschule und begann 1851 in Bonn sein Studium, in dessen Mittelpunkt Staatswissenschaft und Geschichte standen. Unter seinen akademischen Lehrern war vor allem der Einfluß Dahlmanns gewaltig. Die große Arbeitskraft, die schon der junge Student entwickelte, hinderte ihn nicht, sich ganz dem »Zauber des rheinischen Lebens« zu ergeben, von dem er so manches Mal später spricht, und das ihm als ein »Mikrokosmos von Deutschland« erschien. Zugleich genoß er in der Burschenschaft Frankonia auch alle Freuden des studentischen Verbindungslebens. Der Bonner Zeit folgten zwei Semester in der sächsischen Heimatsuniversität Leipzig, dann zog es ihn noch einmal an den Rhein und zu seiner Burschenschaft nach Bonn. Er beschloß sein Studium in Tübingen, Freiburg und Heidelberg und mit einer nationalökonomischen Dissertation. Die nun folgenden Jahre, die Treitschke in seiner Vaterstadt Dresden, dann in Göttingen und Leipzig zubrachte, sind Zeiten des inneren Ringens um seinen Beruf. Seine wissenschaftlichen Neigungen kämpften mit dem Glauben an seinen Beruf als Dichter. Er veröffentlichte 1856 bis 1857 zwei kleine Gedichtbändchen, die im wesentlichen der Studentenzeit entstammten, und entwarf den Plan eines großen historischen Dramas. Er hat, wie es noch in seinem Aufsatz über Kleist zum Ausdruck kommt, noch lange darunter gelitten, eine Seite seines Wesens verkümmern zu lassen, den Dichter zugunsten des Gelehrten aufzugeben. Aber er, der Meister der Sprache und künstlerischer Geschichtsdarstellung, war kein Dichter. Er besaß nicht die Fähigkeit, sein leidenschaftliches und auch hier vor allem nationalpolitisches Ethos in dichterischer Form zu meistern. Der Inhalt dieser Gedichte sprengt meistens die Form. Auch die Reihe der Dichteraufsätze (Kleist, Otto Ludwig, Hebbel, Keller, Milton, und dann später Lessing, Byron, Uhland), mit denen er seine publizistische Tätigkeit eröffnete, sind bei aller literargeschichtlichen Bedeutung doch ebenfalls im wesentlichen bestimmt durch seine historisch-politischen Anschauungen. So war es doch wohl die seinem Wesen gemäße Entscheidung, daß er den Gedanken des Dichterberufs aufgab und sich für den Gelehrtenberuf entschied. Anfang 1859 hat er sich dann mit einer Arbeit über die »Gesellschaftswissenschaft« in Leipzig habilitiert. Schon aus dieser Schrift spricht die Stärke seines Staatsgedankens, die historisch, nicht theoretisch begründete Auffassung des Staatslebens und die Erkenntnis vom Machtcharakter des Staates, aber zugleich auch der Glaube an die enge Verbindung von Staat und Gesellschaft, und die Auffassung, daß der Staat nur das organisierte Volk sei. Schon damals sind für ihn die Formen des Staates und des Verfassungslebens nicht Allheilmittel und Theorien, die für alle Zeiten gelten, sondern aus der historisch-politischen Situation erwachsene Notwendigkeiten. Mit diesen allgemeinen Anschauungen stand in engster Verbindung, daß er sich schon damals zum leidenschaftlichen Vorkämpfer des deutschen Einheitsgedankens entwickelt hatte, und daß seine Hoffnung sich auf den einzigen Staat Deutschlands richtete, der seinem Begriff vom Machtcharakter des Staats genügen konnte, auf Preußen. Der Sohn des sächsischen partikularistischen Generals und der Mann, der noch in seinen spätesten Zeiten immer wieder betonte, daß er sich im deutschen Süden besonders wohl fühle, wurde zum entschiedensten Vertreter der Anschauung, daß nur Preußen die Einheit bringen könne, und zwar mit dem Mittel seiner staatlichen Macht. Bereits 1858 begann er die dann fast ein Menschenalter fortgesetzte Mitarbeit an den »Preußischen Jahrbüchern« in diesem Sinne, und alle seine historischen Arbeiten bis zur Reichsgründung stehen unter dem Gesichtspunkt, dem Gedanken des preußisch-deutschen Staates zu dienen. All diese Arbeiten sind in erster Linie publizistisch und sollen politisch wirken, trotz zum Teil sehr erheblicher wissenschaftlicher Bedeutung. Sie dienen dem Gedanken der preußischen Hegemonie in Deutschland, und bekennen sich in immer schärferer Form zu einem strengen Unitarismus, dessen Ideal die Eroberung des übrigen Deutschlands durch Preußen ist. Der dritte und vierte Band unserer Ausgabe soll eine Auswahl aus den politischen Schriften Treitschkes bis 1871 geben und seine gewaltige Bedeutung als Vorkämpfer der Bismarckschen Reichsgründung zeigen. Wir verschieben deshalb eine etwas ausführlichere Skizze über seine politische Entwicklung bis zur Reichsgründung auf die Einleitung zum dritten und vierten Band. Diese Einstellung machte Treitschke das Leben in den partikularistischen und streng antipreußischen Kreisen seines Heimatstaates nicht gerade leicht, zumal er in seinen Vorlesungen einen in Leipzig sehr anstößigen Stoff, »Geschichte des preußischen Staates«, behandelte. Dazu kam der Gegensatz zu der politischen Gesinnung seines Vaters, der schließlich im Jahre 1866 zu einem öffentlich ausgetragenen Konflikt führte, ohne aber das persönliche Verhältnis auf die Dauer zu trüben. Der junge Dozent, der es mit seiner Lehrtätigkeit sehr ernst nahm, hatte trotz diesen politischen Verhältnissen einen beispiellosen Erfolg, den er neben seinem sachlichen Können auch seiner gewaltigen und eindringlichen Rednergabe verdankte. Die Leipziger Lehrtätigkeit, die durch einen Studienaufenthalt in München unterbrochen worden war, beendete ein Ruf als außerordentlicher Professor der Staatswissenschaften nach Freiburg im Breisgau, den er annahm, zumal in Sachsen ein Fortkommen nicht in Aussicht stand. In dem damals sehr ultramontan bestimmten Freiburg fehlte ihm freilich nicht nur der Umfang der Lehrtätigkeit, den er als Privatdozent gefunden hatte, sondern auch der enge politische Freundeskreis, zu dem in Leipzig auch Freytag und Mathy gehört hatten. Er fühlte sich in Freiburg »als ein vorgeschobener Posten protestantischer Bildung inmitten dieser ultramontanen Welt«, und die Eindrücke dieser Zeit sind für seine politische Gegnerschaft gegen den Katholizismus allezeit stark mitbestimmend gewesen. Er bekannte sich gerade hier stolz als Protestant, obwohl seine protestantische Überzeugung alles andere als kirchlich war. Trotz der Ungunst der Umgebung sind aber diese Freiburger Jahre mit die fruchtbarsten seines Lebens gewesen. Hier entstand die größte und wichtigste seiner historisch-politischen Abhandlungen: »Einheitsstaat und Bundesstaat«. Zugleich fand er hier in der Freiin Emma von Bodman die Gefährtin seines Lebens. Das Jahr 1866, das über das deutsche Schicksal in dem Sinne entschied, der Treitschkes ganzen Anschauungen entsprach, bedeutet auch für seine Entwicklung einen tief einschneidenden Wendepunkt. Da sich Baden im Krieg von 1866 nicht auf die Seite Preußens stellen konnte, nahm Treitschke seine Entlassung und begab sich nach Berlin. In der Nacht nach der Schlacht von Königgrätz traf er in der preußischen Hauptstadt ein und übernahm für kurze Zeit die Leitung der »Preußischen Jahrbücher«. Im Herbst 1866 folgte er einem Ruf als Professor der Geschichte nach Kiel, auch hier von den noch stark partikularistisch und antipreußisch gesinnten Kollegen und der Bevölkerung nicht sehr freundlich aufgenommen. Schon ein Jahr später berief ihn die badische Regierung nach Heidelberg auf einen der ersten Lehrstühle, den die deutsche Geschichtswissenschaft zu vergeben hatte. Hier in Heidelberg fand Treitschke auch für seine politischen Anschauungen entschiedenen Rückhalt bei Dozenten und Studenten, und er war dem Ruf vor allem deshalb gefolgt, um gerade hier im Süden für die deutsche Sache zu wirken. Auch diese Heidelberger Jahre, die die Zeiten des Deutsch-Französischen Kriegs und der Reichsgründung umfassen, sind im wesentlichen ausgefüllt durch große publizistische und historisch-politische Arbeiten, die wiederum dem Gedanken des preußisch-deutschen Staates dienen sollten. Im Frühjahr 1874 folgte er dann einem Ruf an die Universität Berlin. Mit der Reichsgründung war für Treitschke wie für manchen andern Vertreter seiner Generation Sinn und Ziel jahrzehntelangen Strebens, der Zweck des bisherigen Lebens erfüllt. Für ihn gilt das noch mehr als für manchen andern der Mitkämpfer in der Einheitsbewegung. Denn er hatte ja schon seit seiner Studentenzeit, freilich in langsamer Entwicklung, sich zu der Art der Lösung bekannt, die Wirklichkeit geworden war, zu dem Gedanken, daß nur die Macht des preußischen Staates die Lösung erzwingen, daß die deutsche Einheit nur durch die Form der preußischen Hegemonie geschaffen werden könne. Er war hier weitergegangen als Bismarck selbst. Sein Ideal wäre die restlos unitarische Lösung gewesen, die Eroberung des ganzen Deutschlands durch Preußen, mit dem Verschwinden der gesamten Einzelstaaten. Er hat zunächst den Konzessionen, die Bismarck dem Süden, vor allem Bayern, machte, nicht ohne schwere Bedenken gegenübergestanden. Aber er tröstete sich nicht ohne Grund damit, daß das wichtigste, die starke einheitliche Gewalt in der Hand der preußischen Krone trotz allen verhüllenden Formen der nur scheinbar föderalistischen Verfassung erreicht sei. Er sprach von dem »preußisch-deutschen Einheitsstaat mit den Nebenlanden, welche sich ihm als Bundesgenossen angeschlossen« hätten, und nannte das Reich den »erweiterten preußischen Staat«. Sein Ziel blieb bis an das Ende seines Lebens der Ausbau der Reichsverfassung im unitarischen Sinne in Verbindung mit Dezentralisation und Selbstverwaltung der einzelnen Provinzen. Aber die Taktik der Bismarckschen Politik, die dynastischen Widerstände zu schonen, hat er im wachsenden Maße bejaht, und hat später, ganz wie Bismarck, in den Fürsten und Regierungen stärkere Hüter des Einheitsgedankens gesehen als in der Volksvertretung, im Gegensatz zu seinen ursprünglichen Anschauungen. Auch seine innenpolitischen Ansichten näherten sich seit 1866 immer mehr der Politik des Reichsgründers. Er hatte ursprünglich den allgemeinen Glauben der Einheitsbewegung geteilt, daß nur ein liberales und freiheitliches Preußen die deutsche Einheit werde schaffen können, ja er ist infolge seiner leidenschaftlichen und stürmischen Natur in den 50er und in der ersten Hälfte der 60er Jahre innenpolitisch viel radikaler gewesen, als etwa die kleindeutschen Liberalen des Nationalvereins es in ihrer Mehrheit waren. Er hat Bismarck zunächst heftig bekämpft, und die Anfänge der Bismarckschen Politik haben seinen Radikalismus zunächst nur verstärkt und eine direkt revolutionäre Stimmung hervorgerufen. Das Jahr 1864 hat ihn dann für Bismarcks Außenpolitik gewonnen, aber seinem innenpolitischen System hat er noch bis 1866 in scharfem Mißtrauen und in ausgesprochener Kampfstellung gegenübergestanden. Aber allmählich vollzog sich seitdem die Wandlung. Noch in dem Jahrzehnt nach der Reichsgründung bekannte er sich freilich zu seinen alten liberalen Anschauungen und war Mitglied der Nationalliberalen im Deutschen Reichstag, aber er war doch eigentlich nur insofern ein Parteigänger der Liberalen, als diese, wie es bis 1879 im wesentlichen der Fall war, mit Bismarck zusammengingen. Er hat auch später einen guten Teil seiner alten liberalen und freiheitlichen Grundanschauungen festgehalten, aber in der Praxis der Politik trat er der politischen Rechten immer näher. 1878 war er der einzige Nationalliberale, der für das Sozialistengesetz stimmte. Als dann 1879 der Umschwung in der Wirtschaftspolitik Bismarcks vom Freihandel zum Schutzzoll zum Bruch mit den Nationalliberalen führte, vollzog Treitschke seinen Austritt aus der Partei. Er selbst war bis dahin überzeugter Vertreter des Freihandels gewesen, den er noch 1877 in einer Reichstagsrede verteidigt hatte, jetzt wandte er sich mit Bismarck der neuen Schutzzollpolitik zu. Vgl. dazu seine Beurteilung Lists, den er früher entschieden abgelehnt hatte, in unserer Auswahl Bd. 2, S. 120 ff. Man hat gelegentlich darüber gestritten, ob Treitschke eine innere Wandlung durchgemacht habe oder seinen alten Grundanschauungen treu geblieben sei. In vielen einzelnen Fragen hat er ganz zweifellos sich nicht nur gewandelt, sondern in der späteren Zeit das Gegenteil von dem vertreten, was er in den Jahren vor der Reichsgründung für richtig hielt, so etwa in der Stellung zur Kirche oder zum Parlament oder in der Beurteilung Englands, dessen innenpolitische Verhältnisse ihm zunächst als Vorbild erschienen, und das er in den späteren Jahren mit leidenschaftlichem Haß und Spott verfolgte. Er war ja, und das ist seine Stärke als Politiker und Historiker, nie ein Mann der Doktrin, und die Formen des staatlichen Lebens waren ihm stets nur Mittel zum Zweck staatlicher Größe. Seine schon 1859 entwickelte Grundanschauung vom Machtcharakter des Staates hat er ebenso festgehalten wie seinen innersten Glauben an die Sittlichkeit des Staatszwecks und die Meinung, daß der Staat das organisierte Volk sei oder, wie er es in seinen Vorlesungen über Politik definierte: »Der Staat ist das als unabhängige Macht rechtlich geeinte Volk.« Im ganzen betonte er jetzt die konservativen Bestandteile seiner Staatsanschauung stärker als die liberalen und demokratischen. Freilich der eigentlichen konservativen Parteidoktrin blieb er auch jetzt ebenso fremd, ja vielleicht noch fremder als früher der liberalen. So hat er noch in seinen Vorlesungen über Politik vom Recht der Revolutionen gesprochen, erklärt, daß die Monarchie nicht absolut höher stände als die Republik und vor dem Mißbrauch des Wortes »angestammte« Dynastien gewarnt. Aber in allen Fragen der praktischen Politik stand er zum Teil schon in den 70er und dann immer entschiedener in den 80er und 90er Jahren auf der Seite der politischen Rechten, und bekämpfte seine alten liberalen Parteigenossen mehrfach mit demselben leidenschaftlichen Ungestüm, mit der er einst gegen die konservativen Kräfte gefochten hatte. Die Tatsache, daß die deutsche Einheit von oben, durch die Macht der preußischen Krone geschaffen war, ließ ihn, wie so manchen andern Vertreter seiner Generation, verkennen, daß hinter dieser historisch gewiß notwendigen Lösung noch neue und unerfüllte Aufgaben lagen, daß es darauf ankam, den durch Bismarcks Politik geschaffenen deutschen Staat nun innenpolitisch zu unterbauen. Er hat einmal gesagt: »Der Staat ist eine sittliche Gemeinschaft, er ist berufen zu positiven Leistungen für die Erziehung des Menschengeschlechts, und sein letzter Zweck ist, daß ein Volk in ihm und durch ihn zu einem wirklichen Charakter sich ausbilde, denn das ist für ein Volk wie für den einzelnen Menschen die höchste sittliche Aufgabe. Beherzigen wir das, so wird uns klar werden, daß trotz des hohen Standes der deutschen Bildung wir diese große Aufgabe des Staates noch nicht entfernt gelöst haben. Gerade eigentlich nationalen Charakter besitzen die Deutschen, weil ihre Einheit noch so jung ist, sehr viel weniger als andere Völker.« Aber er hat selbst alle Folgerungen aus dieser Erkenntnis nicht gezogen und wohl nicht ziehen können. Das Wesentlichste für die Beurteilung seiner Haltung in den Zeiten nach der Reichsgründung ist nicht der Wandel in seinen Anschauungen, den ihm seine alten Parteigenossen vorwarfen, sondern, wie wir meinen möchten, daß er in vielen Dingen sich eben nicht wandeln konnte. Er, der vor der Reichsgründung wie kein anderer die Kräfte der Zukunft erkannt hatte, hat sie in den Zeiten nach 1871 verkannt und sich teilweise in leidenschaftlichem Kampf gegen sie gestemmt. Dem Schicksal seiner ganzen Generation, die bei vielen Leistungen im einzelnen, nach der Reichsgründung im ganzen erstarrte und in berechtigtem Stolz auf den Lorbeeren ausruhte und die neuen Probleme nicht meistern konnte, ist auch Treitschke zum Teil verfallen. Er war freilich eine zu große und zu leidenschaftliche Persönlichkeit, um nicht auch jetzt noch Gewaltiges als Politiker zu leisten. Auch da, wo wir heute meinen, daß sein Blick rückwärts gewandt war, ist er doch bei aller Leidenschaftlichkeit seiner Kampfesweise stets von großen Gesichtspunkten erfüllt, und nie so engstirnig und einseitig, wie man ihn in der Agitation des Auslandes und wie ihn auch mancher, ihn nicht verstehende Deutsche auffaßte. So hat er zum Beispiel bei aller Bewunderung Bismarcks und allem Eintreten für seine Politik, deren wesentlichste Schwäche schon in den Zeiten der Reichsgründung klar erkannt und immer wieder betont, daß Bismarck nur an die eigene Größe, nicht an seine schwächeren Nachfolger denke, daß er keine selbständigen Naturen neben sich dulde, und hat stets nicht ohne Sorge der Frage ins Auge gesehen, was nach Bismarck einmal werden sollte. Der Grundton seiner politischen Tätigkeit, deren Schwergewicht auch in der Zeit seiner Zugehörigkeit zum Reichstag in seiner publizistischen und seiner Lehrtätigkeit lag, blieb die Predigt vom Wesen des Staates als Macht, und in der praktischen Politik die Unterstützung alles dessen, was die Macht des Staates stützte oder zu stützen schien. Er hat diese richtige Anschauung vom Machtcharakter des Staates nie so banal und äußerlich aufgefaßt, um sie in die reine Vergötterung der äußeren Macht aufzulösen und diese als Selbstzweck aufzufassen. Die Lehren Machiavellis hat er stets als unsittlich empfunden, weil Macht und Größe des Staates als Selbstzweck schlechthin seinen sittlichen Überzeugungen widersprachen. Treitschkes Staat hatte, wie man einmal gesagt hat, »in all seiner Machtfülle doch hauptsächlich eine moralische Funktion«, hatte einen sittlichen Zweck. Er ist nie der Chauvinist gewesen, als der er in der Kriegspropaganda des Auslandes erschien. So hat er schon im Dezember 1870 von dem »übermäßigen Franzosenhaß dieser wilden Tage« gesprochen und einmal gesagt, »Europa kann den Genius Frankreichs nicht entbehren«. Unmittelbar nach der Reichsgründung warnte er, die weltumspannenden Pläne des mittelalterlichen Reiches aufzunehmen, und hat sich bei aller Verherrlichung des Krieges und bei der daraus folgenden Kampfstellung gegen den Pazifismus auch jederzeit aufs schärfste gegen den Imperialismus gewandt. Er ist sich stets bewußt gewesen, daß der nationale Machtstaat eingebettet ist in die Gemeinschaft der andern europäischen Machtstaaten und hat immer wieder von der »Aristokratie« der europäischen Völker gesprochen. Aber es ist nicht zu leugnen, daß die Art, wie er seine Anschauung vom Machtcharakter des Staates vertrat, in Verbindung mit der leidenschaftlichen Schärfe seiner Kampfform und der Neigung zu vereinfachenden Formulierungen, unendlich viel dazu beigetragen hat, einen rein äußerlichen Machtkult in den von ihm beeinflußten Schichten zu entwickeln. Gerade bei denen, die die sittliche Kraft seines Staatsgedankens nicht verstanden, mußten die von ihm tief unterbauten, aber schlagwortartig ausgesprochenen Sätze von der Macht des Staates zum reinen Schlagwort werden. Auch im Streit gegen die Sozialdemokratie ist es ihm so gegangen, daß auf weite Kreise die leidenschaftlichen Kampfrufe gegen die Sozialdemokraten wirkten und nicht das, was er positiv über die soziale Frage dachte. Er hat stets vgl. unsere Auswahl Bd. 2. S. 130 ff. das Elend und die Not der arbeitenden Schichten klar und deutlich erkannt. Und er hat sich mit derselben Schärfe, wie gegen die Sozialdemokraten, auch gegen den bürgerlichen Klassenegoismus gewandt. In seinen Vorlesungen über Politik hat er einmal unter Berufung auf Goethe davon gesprochen, daß die, »die wir die niederste Klasse nennen«, »für Gott gewiß die höchste Menschenklasse« sei. Trotzdem hat er in der Mitte der 70er Jahre, als die sogenannten Kathedersozialisten unter Führung von Schmoller im Gegensatz zu der Masse der Liberalen für eine entschiedene staatliche Sozialpolitik eintraten, sich mit dem ihm eigenen Ungestüm gegen »den Sozialismus und seine Gönner«, das heißt die Kathedersozialisten und vor allem Schmoller, gewandt. Auch hier hat er, wie er später selbst aussprach, in der Kampfstimmung übertrieben; mehrfach hat er betont, er stehe Schmoller gar nicht so fern und sei kein Manchestermann. Sein leidenschaftlicher Kampfruf gegen die Sozialdemokraten entsprang gerade bei ihm seiner sittlichen Staatsauffassung und dem Erbe des individualistischen Klassizismus. Besonders wandte er sich von seiner Staatsauffassung aus überhaupt dagegen, daß wirtschaftliche Faktoren oder Organisationen das Staatsleben übermächtig zu bestimmen versuchten. Auf der andern Seite blieb er gerade hier der alte Individualist und hielt an dem Glauben der liberalen Generation vor der Reichsgründung fest, daß die soziale Frage im wesentlichen durch eine sittliche Veredelung der untersten Schichten zu lösen sei. Er verkannte vollkommen, daß die arbeitende Klasse, die sich in der Sozialdemokratie organisierte, doch nicht nur mit rein egoistischen Klassenforderungen auftraten, sondern daß hier eine neue Schicht emporkam, die, ebenso wie einst das Bürgertum, jetzt Anteil an den Geschicken des Staates verlangte. Für ihn blieb auch in diesen Zeiten das Bürgertum der Stand, »auf dem die eigentliche nationale Kraft eines jeden Volkes ruht«, und so sah er in der sozialdemokratischen Bewegung nichts als eine von wenigen Demagogen gegen alles Bestehende aufgereizte und unmündige Masse. Für seine persönliche Stellung zu den alten politischen und wissenschaftlichen Freunden waren am verhängnisvollsten seine Ende der 70er Jahre beginnenden Äußerungen zur Judenfrage und die sich daran knüpfenden Auseinandersetzungen. Als er in der Zeit der damals anschwellenden antisemitischen Bewegung auch seinerseits scharf gegen von ihm verurteilte Erscheinungen in einem Teil der jüdischen Literatur und Presse Stellung nahm, glaubte er sich auch des Einverständnisses eines alten jüdischen Freundes sicher. Er selbst hat sich dagegen verwahrt, als »Verteidiger der Unduldsamkeit und des Rassenhasses« bezeichnet zu werden. Er war auch alles andere als ein Anhänger der Rassentheorien und forderte von den Juden gerade ein Aufgehen in das nationale Volksganze und griff nur den Teil der Juden an, der seiner Ansicht nach nicht dazu bereit war. Trotzdem hat seine überaus scharfe Kampfesweise dazu geführt, daß die antisemitische Bewegung ihn auch für Dinge in Anspruch nahm, die er nicht zu verteidigen gewillt war, und daß auch hier seine leidenschaftlichen Worte, die im Grunde versöhnen sollten, nur Öl ins Feuer gossen. Es liegt eine gewisse Tragik in all diesen politischen Kämpfen des späteren Treitschke. Persönlich trennten sie ihn von vielen alten Freunden, ohne ihm neue zu gewinnen, und sachlich erreichte seine Publizistik jetzt mannigfach das Gegenteil von dem, was im Grunde seiner vertieften sittlichen Staatsanschauung entsprach. Zu dieser Tatsache hat das körperliche Leiden Treitschkes ohne Zweifel gewaltig beigetragen, schon seit seiner Jugend litt er an einem schweren Gehörleiden, das ihm die mündliche Verständigung und schon als Student das Hören von Vorlesungen fast unmöglich machte, und diese Schwerhörigkeit steigerte sich in den späteren Jahren fast bis zur Taubheit. Er wurde so gehindert, durch persönliche Aussprache mit Andersdenkenden seine eigenen politischen Anschauungen abzuklären. Das steigerte natürlich die bei seiner ungestümen Natur sowieso vorhandene Neigung zu scharfer Einseitigkeit, und vor allem nahm ihm die Taubheit die Möglichkeit, den Eindruck seiner eigenen Worte zu kontrollieren. Er hat selbst mit diesem Leiden seit der Jugend schwer gerungen und es mit gewaltiger Energie überwunden. Er wäre vielleicht seiner ganzen Natur nach ohne dieses Leiden ein Mann der Tat und nicht ein Mann des Wortes und der Wissenschaft geworden. Auch seine Tätigkeit im Reichstag wurde bei allem gewaltigen Eindruck seiner Reden dadurch unendlich gehemmt, zumal, was er selbst scharf geißelte, die wirklichen Entscheidungen im Parlament ja nicht in den öffentlichen Reden, sondern notwendig in der mündlichen Aussprache der Ausschüsse und der Fraktionssitzungen fallen. Und indem in den 80er Jahren der Kreis seiner politischen Freunde sich lichtete, traf ihn auch schwerstes Unglück in der Familie. 1881 verlor er seinen innigstgeliebten einzigen Sohn, dem er den Vornamen des Reichsgründers, Otto, gegeben hatte, und zugleich erkrankte seine Frau an einer schweren, nicht mehr zu heilenden Gemütskrankheit. All das mußte naturgemäß die schon aus seinem Gehörleiden erwachsende Einsamkeit und damit Einseitigkeit steigern, gerade bei einem Mann von dem stürmischen und leidenschaftlichen Temperament Treitschkes. Freilich zu dem leidenschaftlichen und erbitterten Kämpfer haben ihn natürlich nicht nur diese äußeren Dinge gemacht, er war es seiner Natur nach, und er hat selbst einmal, wohl mit deutlicher Beziehung auf sich selbst, von Pufendorf gesagt, daß »kein anderer Stamm in diesem leidenschaftlichen Deutschland soviel – – – stürmisch aufbrausende Naturen« zähle wie der obersächsische, dem er ja selbst angehörte. Und bei aller Leidenschaftlichkeit und auch Einseitigkeit des politischen Kampfes und trotz seiner naturgemäß gerade alte Freunde oft verletzenden Kampfweise ist und bleibt doch gerade diese Kämpfernatur Treitschkes das Größte und Schönste an ihm. Denn er hat nie gekämpft um der Person und des persönlichen Vorteils willen, sondern immer für die Sache und für das, was er im Interesse seines Staates und Volkes für richtig hielt. Es entsprach seiner starken Liebe zu Nation und Staat, und seinem tief inneren, sittlichen Verantwortungsgefühl, daß er es für Pflicht hielt, Partei zu ergreifen in den Kämpfen des öffentlichen Lebens. Und so wenig er oft in der Lage war, dem Gegner gerecht zu werden, so empfand er doch das Aneinanderprallen der politischen Meinungen und der sachlichen Gegensätze in großen Fragen des Volkslebens als notwendig und gut. In den letzten Jahren seines Lebens ist freilich seine publizistische Tätigkeit gering gewesen. Im wesentlichen griff er nur noch einmal ein, als die Schulpolitik Wilhelms II. seinen eigenen Bildungsidealen widersprach. Bismarcks Sturz hat ihn schwer erschüttert, und obwohl er zunächst, wie fast alle seine Zeitgenossen, begeistert von dem jungen Kaiser gesprochen hatte, sah er dann mit wachsenden Bedenken die Entwicklung der deutschen Politik in den Händen Wilhelms II. In dem Charakterbild Friedrich Wilhelms IV. Vgl. unsere Auswahl Bd. 2, S. 80 ff. hat man nicht ohne Grund den Eindruck der Persönlichkeit des letzten Deutschen Kaisers auf Treitschke wiederfinden wollen, und er selbst schrieb einmal, daß das Bild Friedrich Wilhelms IV. »nur zu viele ungesuchte Parallelen mit der ungewissen Gegenwart« biete. Die letzten Lebensjahre hat fast ganz die Arbeit an der »Deutschen Geschichte« ausgefüllt. Die Vorarbeiten an der »Deutschen Geschichte« reichen bis zum Anfang der 60er Jahre zurück. Er wollte ursprünglich eine Geschichte des Deutschen Bundes schreiben, um die Nation aufzurütteln zum Kampf für die Einheit, um zu zeigen, daß ihr die Grundlagen alles staatlichen Daseins fehlen und die Vernichtung der Kleinstaaten zu predigen. Also auch dies größte Werk Treitschkes verdankt seine Entstehung einer politischen Absicht und einem politischen Zweck. Die eigentliche Arbeit begann er seit 1871, und seine unermüdliche Forscherarbeit, vor allem in den preußischen Archiven, und Sammlerarbeit bei allen Mitlebenden führten dazu, daß die Arbeit unendlich viel länger dauerte, als er ursprünglich beabsichtigt und seinem Verleger versprochen hatte, und daß der Umfang des geplanten Werkes immer mehr anwuchs. Das galt vor allem von dem ersten 1879 erschienenen einleitenden Band, der im Gegensatz zu dem ursprünglichen Plan im wesentlichen einen großartigen Überblick über die gesamtdeutsche Geschichte gibt. Dieser Band ist noch nicht Ergebnis eigener Forscherarbeit, aber er charakterisiert Treitschkes historisch-politische Anschauungen am besten. Die weiteren Bände, die die deutsche Geschichte bis an die Schwelle der Revolution von 1848 schildern, erschienen 1882,1885, 1889 und 1894. Zu aller Ungunst der äußeren Verhältnisse, Gehörleiden und Unglück in der Familie, kam in den 90er Jahren nun noch ein schweres Augenleiden, das ihm die Weiterarbeit nur unter großen Qualen ermöglichte. Trotzdem ging er in der Hoffnung, sein Werk noch vollenden zu können, mit unermüdlicher Ausdauer an die Arbeit des sechsten, der die Jahre 1848 bis 1850 behandeln sollte, während der siebente Band einen zusammenfassenden Überblick bis 1871 geben sollte. Beide sind nicht mehr erschienen, auch den Plan, seine Vorlesungen über Politik noch selbst als Buch auszuarbeiten, konnte er nicht verwirklichen. Mitten in der Arbeit nahm ihm der Tod am 28. April 1896 die Feder aus der Hand. Die Vollendung seines Werkes, die bis in die letzte Stunde seine Sehnsucht war, ist ihm also nicht beschieden gewesen. Wir haben schon zu Beginn unserer Einleitung von der gewaltigen Bedeutung und Meisterschaft dieses großen Werkes gesprochen. Auch hier spricht nicht nur der Historiker Treitschke, sondern der leidenschaftliche Politiker und die Kraft seiner großen Persönlichkeit. Treitschke gehört zu der Richtung der sogenannten kleindeutschen Historiker, die auch an der Geschichte das politische Ziel der preußischen Führung in Deutschland beweisen wollten. Er ist der bedeutendste und größte unter ihnen ohne Zweifel gewesen, zugleich freilich auch der Einseitigste. »Niemand hat den Wahlspruch,« so hat Max Lenz einmal gesagt: » cum ira et studio Geschichte schreiben zu wollen, voller zu dem seinen gemacht als Heinrich von Treitschke: mit Feuerzungen hat er das Hohelied verkündet, des Reiches Herrlichkeit unter Hohenzollerns Krone.« Auch seine »Deutsche Geschichte« ist, wie Bailleu einmal gesagt hat, »nur ein Akt in seinem politischen Kampfe«, seine Geschichtsauffassung, wie sie auch in den verschiedenen Vorworten zu den einzelnen Landen zum Ausdruck kommt, steht im scharfen Gegensatz zu der Leopold von Rankes: dessen leidenschaftsloses Versenken in das Leben der Vergangenheit, das natürlich auch die allgemeinen politischen Anschauungen Rankes in seinen Urteilen nicht auslöscht, war Treitschke nicht gegeben. Er selbst hat gelegentlich empfunden, daß er in den »historischen Stil« erst hineinwachsen müsse, und hat sich bemüht, ruhiger zu schreiben, und hat selbst den letzten Band deshalb als den besten empfunden, weil ihm das hier am meisten gelungen war. Aber auch in dem letzten Bande, wie in dem ganzen Werk, sind alle historischen Urteile Treitschkes bestimmt vom Standpunkt seines eigenen politischen Denkens aus. Er beurteilte jede handelnde Person und jeden einzelnen Staat in den Zeiten der Vergangenheit im wesentlichen von dem Standpunkt aus, ob er im Sinne der preußischen Führerstellung in Deutschland gehandelt oder ihr widerstrebt hatte. Er setzt bei den Männern der Vergangenheit etwas voraus, wozu nicht nur seine eigenen Kampfgenossen, sondern er selbst sich erst langsam durchgerungen hatte. Einer der Staatsmänner, der in den Zeiten vor der Reichsgründung ganz im Sinne Treitschkes kämpfte, der badische Freiherr von Roggenbach, hat nach Erscheinen des zweiten Bandes in einem Brief an Treitschke bei aller Bewunderung für das Werk mit Recht darauf hingewiesen, daß dieser allzusehr vergesse, daß die Männer der Vergangenheit zum größten Teil nicht anders handeln konnten, als sie gehandelt haben. »Für Gedanken,« so schrieb Roggenbach, »die noch nicht geboren sind, ist niemand verpflichtet, sich zu erwärmen.« Roggenbach verlangt von dem Geschichtschreiber mit Recht »die stete Trennung des Urteils über den moralischen Wert der handelnden Personen von dem Urteil über die nationale Bedeutung ihres Tuns«. Diese Trennung hat Treitschke nie gemacht. So verdammte er Österreich und seinen leitenden Staatsmann Metternich, weil ihre Politik seinen nationalpolitischen Zielen nicht entsprach, schlechthin als unmoralisch und unfähig, obwohl ihm gerade seine Grundanschauung vom undeutschen Charakter des habsburgischen Staates hätte sagen müssen, daß Österreich und Metternich eben eine deutsche Politik nicht treiben konnten. Sein Geschichtsbild bedarf so mannigfacher Korrektur, wir versuchen heute sowohl die Politik Österreichs und Metternichs wie die der Mittelstaaten im Gegensatz zu Treitschke aus ihren eigenen Voraussetzungen heraus zu verstehen, wir wissen auch, daß die preußische Politik nicht immer so stark von nationalpolitischen Erwägungen bestimmt war, wie es in den Treitschkeschen Schilderungen erscheint, und wir urteilen zum Beispiel auch skeptischer über die Bedeutung des Zollvereins und der deutschen Wirtschaftseinheit als Vorstufe der politischen Einheit. vgl. unsere Auswahl Bd. 2, S. 18ff. Wir verstehen heute auch die notwendigen Irrtümer der liberalen Generation in den Jahrzehnten vor 1848, denen Treitschke selbst ja anfangs sehr viel nähergestanden hatte als in den Zeiten der Abfassung der »Deutschen Geschichte«, und die er jetzt mit besonders leidenschaftlicher Kritik bedachte. Ebenso hat er, der alte Burschenschaftler, die burschenschaftliche Bewegung allzu ungerecht beurteilt. Desgl. Bd. 1,S. 204 ff. Treitschkes Geschichte ist eben in vielen Teilen mehr der Ausdruck der Zeitanschauungen und der Spiegel seiner eigenen politischen Kampfnatur als eine rein objektive Geschichtschreibung. Es ist so kein Zufall, daß die so ganz anders geartete Rankesche Geschichtschreibung zu einer noch heute die deutsche Wissenschaft beherrschenden Schule geworden ist, während nicht nur die Höhe der Meisterschaft, sondern auch die Art der Treitschkeschen Geschichtschreibung notwendig einmalig sein mußte. Bei Treitschke ist eben der Politiker und Historiker nicht zu trennen. Aber der Vorwurf, den ihm 1882 sein alter Freund Baumgarten zu seinem tiefem Schmerz gemacht hat, daß er die Wahrheit absichtlich entstelle, ist so ungerecht wie möglich. Für Treitschke verband sich eben seine Auffassung der deutschen Geschichte so innig mit seinen politischen Anschauungen, daß er selbst an die unbedingte Wahrheit all dessen, was er sagte, glaubte. Und im Grunde ist seine Auffassung, daß Preußen der deutsche und Österreich der nichtdeutsche Staat sei, und daß die Politik der Mittelstaaten nationalpolitisch verhängnisvoll war, auch heute noch berechtigt. Und so sehr Treitschke die handelnden Männer jener Zeiten von seinem eigenen Standpunkt aus bald zu günstig, bald zu ungünstig beurteilt, das gesamte Bild des deutschen Lebens jener Jahrzehnte, das er zugleich meisterhaft in den Gesamtrahmen der europäischen Geschichte hineinstellt, schildert kein anderes Werk besser und wird auch kein künftiges besser schildern können als Treitschkes »Deutsche Geschichte«. Es ist sehr merkwürdig, daß gerade dieser Mann, der seinen Glaubenssatz, daß Männer die Geschichte machen, immer wieder aussprach, in der Schilderung des Zeitlebens und des ganzen Milieus, der geistigen, sozialen und politischen Verhältnisse und Stimmungen, fast noch über dem Darsteller der handelnden Persönlichkeiten und ihrer Politik steht. Als er einst zu Beginn der 60er Jahre zuerst an den Plan der Geschichte des Deutschen Bundes ging, hat er einmal gesagt, daß er vor allen Dingen die »Wandlungen des Volksgeistes« verfolgen wolle, in denen bei dem Trübsal der damaligen politischen Verhältnisse die eigentliche Bedeutung der deutschen Entwicklung lag. Und er hat noch 1865 einmal geschrieben, daß »der größte Fortschritt des deutschen Lebens in den letzten 50 Jahren« in der sozialen Entwicklung gelegen habe. Diese ursprüngliche Einstellung kommt auch in dem Werk seiner späteren Jahre durchaus zum Ausdruck, und diese »Deutsche Geschichte« des »politischen Historikers« erfüllt alle Anforderungen, die man von dem Standpunkt der »Kulturgeschichte« an ein solches Werk stellen könnte. Gerade das, was er über politische, geistige und wirtschaftliche Zeitströmungen, über das politische und soziale Empfinden, über die wirtschaftlichen und sozialen Zustände erzählt, ist nicht nur vielleicht der Höhepunkt aller derartigen Darstellungen, sondern noch heute wahr und objektiv richtig. Seine Überzeugung, daß der »Staat nur in seiner Wechselwirkung mit dem gesamten Volksleben begriffen werden kann«, beweist auch die »Deutsche Geschichte«. Deshalb hat er auch seine Forderung, »ein Historiker deutscher Nation soll Land und Leute kennen«, wahr gemacht, und aus seinen Schilderungen des Lebens der einzelnen Landesteile spricht deutlich diese in vielen Reisen erworbene Kenntnis. Dabei zeigt sich auch hier, daß ihn, den Propheten des politischen Berufes des deutschen Nordens, das Volksleben im Süden und am Rhein stets besonders anzog. Er schildert es in der »Deutschen Geschichte« fast stets liebevoller und wärmer als das der eigentlich preußischen Landesteile, von den Abschnitten über die politische Geschichte sind natürlich die über den preußischen Staat die wichtigsten, und er hat hier an Forscherarbeit Unendliches geleistet. Er hat selbst einmal geschrieben, daß die Geschichte dieses Zeitraums »so gut wie neu entdeckt werden« müsse, und er hat erst allmählich im Gegensatz zu früheren Anschauungen über die preußische Politik der Zeiten von 1815 bis 1840 ein wesentlich günstigeres Bild gewonnen, als auch er es bis dahin hatte. Und wenn er auch hier gewiß manchmal einseitig und zu günstig urteilt, so etwa über die Persönlichkeit des Königs Friedrich Wilhelm III., so hat er doch zum erstenmal gezeigt, welche gewaltige innere politische Arbeit in dem preußischen Staat der Jahrzehnte nach den Freiheitskriegen geleistet worden ist. So ist Treitschkes »Deutsche Geschichte« auch an Forscherarbeit ein Werk ersten Ranges. Darüber steht freilich, daß in ihr das Wesen eines großen Charakters und eines leidenschaftlichen und selbstlosen Kämpfers für das eigene Volk einen unvergänglichen und für alle Zeit fortwirkenden Ausdruck gefunden hat. Bis zum Zweiten Pariser Frieden (Aus dem ersten Lande der »Deutschen Geschichte«) Aus der Widmung an Max Duncker Es gibt viele Arten Geschichte zu schreiben, und jede ist berechtigt, wenn sie nur ihren Stil rein und streng einhält. Dies Buch will einfach erzählen und urteilen. Sollte die Darstellung nicht völlig formlos werden, so durfte ich den Lesern nur das fertige Ergebnis der Untersuchung vorlegen, ohne ihnen das Handwerkszeug der Forschung aufzuweisen oder sie mit polemischen Auseinandersetzungen zu belästigen. Indem ich noch einmal zurückblicke auf die anderthalb Jahrhunderte, welche dieser Land zu schildern versucht, empfinde ich wieder, wie so oft beim Schreiben, den Reichtum und die schlichte Größe unserer vaterländischen Geschichte. Kein Volk hat besseren Grund als wir, das Andenken seiner hart kämpfenden Väter in Ehren zu halten, und kein Volk, leider, erinnert sich so selten, durch wieviel Blut und Tränen, durch wieviel Schweiß des Hirns und der Hände ihm der Segen seiner Einheit geschaffen wurde. Sie, lieber Freund, haben schon in der Paulskirche den Traum vom preußischen Reiche deutscher Nation geträumt und sind im Herzen jünger geblieben als mancher aus dem altklugen Nachwuchs; denn Sie wissen, wie erträglich die Sorgen der Gegenwart erscheinen neben dem Jammer der alten kaiserlosen Tage. Sie werden mich nicht tadeln, wenn Ihnen aus der gleichmäßigen Ruhe der historischen Rede dann und wann ein hellerer Ton entgegenklingt. Der Erzähler deutscher Geschichte löst seine Aufgabe nur halb, wenn er bloß den Zusammenhang der Ereignisse aufweist und mit Freimut sein Urteil sagt; er soll auch selber fühlen und in den Herzen seiner Leser zu erwecken wissen, was viele unserer Landsleute über den Zank und Verdruß des Augenblicks heute schon wieder verloren haben: die Freude am Vaterlande. (VII f.) A. Einleitung / Der Untergang des Reichs Deutschland nach dem Westfälischen Frieden Die deutsche Nation ist trotz ihrer alten Geschichte das jüngste unter den großen Völkern Westeuropas. Zweimal ward ihr ein Zeitalter der Jugend beschieden, zweimal der Kampf um die Grundlagen staatlicher Macht und freier Gesittung. Sie schuf sich vor einem Jahrtausend das stolzeste Königtum der Germanen und mußte acht Jahrhunderte nachher den Bau ihres Staates auf völlig verändertem Boden von neuem beginnen, um erst in unsern Tagen als geeinte Macht wieder einzutreten in die Reihe der Völker. Sie hatte einst in überschwellendem Tatendrang die Kaiserkrone der Christenheit mit der ihren verbunden, ihr Leben ausgeschmückt mit allen Reizen ritterlicher Kunst und Bildung, Ungeheures gewagt und geopfert, um die Führerschaft des Abendlandes zu behaupten. In den weltumspannenden Kämpfen ihrer großen Kaiser ging die Macht der deutschen Monarchie zugrunde. Auf den Trümmern des alten Königtums erhebt sich sodann eine junge Welt territorialer Gewalten: geistliche und weltliche Fürsten, Reichsstädte, Grafen und Ritter, ein formloses Gewirr unfertiger Staatsgebilde, voll wunderbarer Lebenskraft. Mitten im Niedergange der kaiserlichen Herrlichkeit vollführen die Fürsten Niedersachsens, die Ritter des Deutschen Ordens und die Bürger der Hansa mit Schwert und Pflug die größte Kolonisation, welche die Welt seit den Tagen der Römer gesehen: die Lande zwischen Elbe und Memel werden erobert und besiedelt, die skandinavischen und die slawischen Völker auf Jahrhunderte hinaus deutschem Handel, deutscher Bildung unterworfen. Aber Fürsten und Adel, Bürgertum und Bauerschaften gehen jeder seines eigenen Weges, der Haß der Stände vereitelt alle Versuche, diese Überfülle schöpferischer Volkskräfte politisch zu ordnen, die zerfallende Staatseinheit in bündischen Formen wiederaufzurichten. Dann hat Martin Luther nochmals begeisterte Männer aus allen Stämmen des zersplitterten Volkes zu großem Wirken vereinigt. Der Ernst des deutschen Gewissens führte die verweltlichte Kirche zurück zu der erhabenen Einfalt des evangelischen Christentums; deutschem Geiste entsprang der Gedanke der Befreiung des Staates von der Herrschaft der Kirche. Unser Volk erstieg zum zweiten Male einen Höhepunkt seiner Gesittung, begann schlicht und recht die verwegenste Revolution aller Zeiten. In andern germanischen Ländern hat der Protestantismus überall die nationale Staatsgewalt gestärkt, die Vielherrschaft des Mittelalters aufgehoben. In seinem Geburtslande vollendete er nur die Auflösung des alten Gemeinwesens. Es ward entscheidend für alle Zukunft der deutschen Monarchie, daß ein Fremdling unsere Krone trug während jener hoffnungsfrohen Tage, da die Nation frohlockend den Wittenberger Mönch begrüßte und, bis in ihre Tiefen aufgeregt, eine Neugestaltung des Reiches an Haupt und Gliedern erwartete. Die kaiserliche Macht, dermaleinst der Führer der Deutschen im Kampfe wider das Papsttum, versagte sich der kirchlichen wie der politischen Reform. Das Kaisertum der Habsburger ward römisch, führte die Völker des romanischen Südeuropas ins Feld wider die deutschen Ketzer und ist fortan bis zu seinem ruhmlosen Untergange der Feind alles deutschen Wesens geblieben. Die evangelische Lehre sucht ihre Zuflucht bei den weltlichen Landesherren. Als Beschützer des deutschen Glaubens behaupten und bewähren die Territorialgewalten das Recht ihres Daseins. Doch die Nation vermag weder ihrem eigensten Werke, der Reformation, die Alleinherrschaft zu bereiten auf deutschem Boden, noch ihren Staat durch die weltlichen Gedanken der neuen Zeit zu verjüngen. Ihr Geist, von alters her zu überschwenglichem Idealismus geneigt, wird durch die tiefsinnige neue Theologie den Kämpfen des politischen Lebens ganz entfremdet; das leidsame Luthertum versteht nicht die Gunst der Stunde zu befreiender Tat zu benutzen. Schimpflich geschlagen im Schmalkaldischen Kriege beugt das waffengewaltige Deutschland zum ersten Male seinen Nacken unter das Joch der Fremden. Dann rettet die wüste Empörung Moritz' von Sachsen dem deutschen Protestantismus das Dasein und zerstört die hispanische Herrschaft, aber auch die letzten Bande monarchischer Ordnung, welche das Reich noch zusammengehalten; in schrankenloser Willkür schaltet fortan die Libertät der Reichsstände. Nach raschem Wechsel halber Erfolge und halber Niederlagen schließen die ermüdeten Parteien den vorzeitigen Religionsfrieden von Augsburg. Es folgen die häßlichsten Zeiten deutscher Geschichte. Das Reich scheidet freiwillig aus dem Kreise der großen Mächte, verzichtet auf jeden Anteil an der europäischen Politik. Unbeweglich und doch unversöhnt lebt die ungestalte Masse katholischer, lutherischer, calvinischer Landschaften durch zwei Menschenalter trage träumend dahin, während dicht an unsern Grenzen die Heere des katholischen Weltreichs ihre Schlachten schlagen, die niederländischen Ketzer um die Freiheit des Glaubens und die Herrschaft der Meere kämpfen. Da endlich bricht der letzte, der entscheidende Krieg des Zeitalters der Glaubenskämpfe über das Reich herein. Die Heimat des Protestantismus wird auch sein Schlachtfeld. Sämtliche Mächte Europas greifen ein in den Krieg, der Auswurf aller Völker haust auf deutscher Erde. In einer Zerstörung ohnegleichen geht das alte Deutschland zugrunde. Die einst nach der Weltherrschaft getrachtet, werden durch die unbarmherzige Gerechtigkeit der Geschichte dem Ausland unter die Füße geworfen. Rhein und Ems, Elbe und Weser, Oder und Weichsel, alle Zugänge zum Meere sind »fremder Nationen Gefangene«; dazu am Oberrhein die Vorposten der französischen Übermacht, im Südosten die Herrschaft der Habsburger und der Jesuiten. Zwei Drittel der Nation hat der greuelvolle Krieg dahingerafft; das verwilderte Geschlecht, das noch in Schmutz und Armut ein gedrücktes Leben führt, zeigt nichts mehr von der alten Großheit des deutschen Charakters, nichts mehr von dem freimütig heiteren Heldentum der Väter. Der Reichtum einer uralten Gesittung, was nur das Dasein ziert und adelt, ist verschwunden und vergessen bis herab zu den Handwerksgeheimnissen der Zünfte. Das Volk, das einst von Kriemhilds Rache sang und sich das Herz erhob an den heldenhaften Klängen lutherischer Lieder, schmückt jetzt seine verarmte Sprache mit fremden Flittern, und wer noch tief zu denken vermag, schreibt Französisch oder Lateinisch. Das gesamte Leben der Nation liegt haltlos jedem Einfluß der überlegenen Kultur des Auslandes geöffnet. Auch die Erinnerung an die Hoheit wundervoller Jahrhunderte geht der Masse des Volks über dem Jammer der Schwedennot, über den kleinen Sorgen des armseligen Tages verloren; fremd und unheimlich ragen die Zeugen deutscher Bürgerherrlichkeit, die alten Dome, in die verwandelte Welt. Erst anderthalb Jahrhunderte darauf hat die Nation durch mühsame gelehrte Forschung die Schätze ihrer alten Dichtung wieder aufgegraben, erstaunend, wie reich sie einst gewesen. Kein anderes Volk ward jemals so gewaltsam sich selber und seinem Altertum entfremdet; sogar das heutige Frankreich ist nicht durch eine so tiefe Kluft getrennt von den Zeiten seines alten Königtums. – Die grauenhafte Verwüstung schien den Untergang des deutschen Namens anzukündigen, und sie ward der Anfang eines neuen Lebens. In jenen Tagen des Elends, um die Zeit des westfälischen Friedens beginnt unsere neue Geschichte. Zwei Mächte sind es, an denen dies versinkende Volk sich wieder aufgerichtet hat, um seitdem in Staat und Wirtschaft, in Glauben, Kunst und Wissen sein Leben immer reicher und voller zu gestalten: die Glaubensfreiheit und der preußische Staat. Deutschland hatte durch die Leiden und Kämpfe der dreißig Jahre die Zukunft des Protestantismus für den gesamten Weltteil gesichert und zugleich den Charakter seiner eigenen Kultur unverrückbar festgestellt. Sein äußerster Süden ragte hinein in die katholische Welt der Romanen, seine Nordmarken berührten das harte Luthertum Skandinaviens, doch seine Kernlande blieben der Sammelplatz dreier Bekenntnisse. Die deutsche Nation war das einzige paritätische unter den großen Völkern und darum gezwungen, den blutig erkämpften kirchlichen Frieden in Staat und Gesellschaft, in Haus und Schule durch die Gewöhnung jedes neuen Tages zu befestigen. Vor Zeiten, da die römische Kirche noch die allgemeine Kirche war und die Keime des Protestantismus in sich umschloß, hatte sie unser Volk für die Gesittung erzogen, seine Kunst und Wissenschaft reich befruchtet. Als sie diese Mächte der Freiheit ausstieß und gestützt auf die romanischen Völker sich umgestaltete zu einer geschlossenen kirchlichen Partei, da gelang ihr zwar durch die Herrscherkunst des Hauses Habsburg einen Teil des Deutschen Reiches zurückzuerobern; dem Gemüte unseres Volkes blieb der jesuitische Glaube immer fremd. Die reichen geistigen Kräfte der neurömischen Kirche entfalteten sich prächtig in ihren romanischen Heimatlanden; in diesem feindlichen deutschen Boden, in diesem Volke geborener Ketzer wollten sie nicht Wurzel schlagen. Hier sang kein Tasso, kein Calderon, hier malte kein Rubens, kein Murillo. Fast niemand unter den faulen Bäuchen des deutschen Mönchtums wetteiferte mit dem Gelehrtenfleiße der ehrwürdigen Väter von St. Maur. Die Gesellschaft Jesu erzog unter den Deutschen viele fromme Priester und gewandte Staatsmänner, auch manche plumpe Eiferer, welche, wie Pater Busenbaum, mit ungeschlachter Germanenderbheit der Welt das Geheimnis verrieten, daß der Zweck die Mittel heilige; doch ihre gesamte Bildung war das Werk romanischer Köpfe, wie die sinnberauschenden Formen ihres Kultus. In Deutschland wirkte der neue Katholizismus nur hemmend und verwüstend; sein geistiges Vermögen verhielt sich zu der Gedankenwelt der deutschen Protestanten wie die unfruchtbare Scholastik unseres ersten Jesuiten Canisius zu der schlichten Weisheit der Werke Luthers. Rom wußte es wohl, Deutschland blieb die feste Burg der Ketzerei, trotz aller Massenbekehrungen der Gegenreformation. Das Mark unseres Geistes war protestantisch. Die teuer erkaufte kirchliche Duldung bereitete die Stätte für eine maßvolle Freiheit, eine besonnene Verwegenheit des Denkens, die unter der Alleinherrschaft einer Kirche niemals gedeihen kann. Auf solchem Boden erwuchs, sobald das erschöpfte Volk wieder geniale Naturen zu ertragen vermochte, unsere neue Wissenschaft und Dichtung, die wirksamste Literatur der neuen Geschichte, protestantisch von Grund aus und doch weltlich frei und mild. Sie schenkte der verkümmerten Nation aufs neue eine mächtige Sprache, gab ihr die Ideale der Humanität und den Glauben an sich selbst zurück. Also sind unserem Volke selbst die Niederlagen der Reformation zuletzt zum Segen geworden. Gezwungen, alle die großen Gegensätze des europäischen Lebens in seinem eigenen Schoße zu beherbergen, ward Deutschland fähig, sie alle zu verstehen und mit der Kraft des Gedankens zu beherrschen. Seine Seele tönte von jedem Atemzuge der Menschheit. Seine klassische Literatur ward vielseitiger, kühner, menschlich freier als die früher gereifte Bildung der Nachbarvölker, hundertundfünfzig Jahre nach dem Untergange der alten deutschen Kultur durfte Hölderlin das neue Deutschland also anreden: O heilig Herz der Völker, o Vaterland! Allduldend gleich der schweigenden Mutter Erd' Und alllverkannt, wenn schon aus deiner Tiefe die Fremden ihr Bestes haben. Zugleich erwachte wieder die staatenbildende Kraft der Nation. Aus dem Durcheinander verrotteter Reichsformen und unfertiger Territorien hob sich der junge preußische Staat empor, von ihm ging fortan das politische Leben Deutschlands aus. Wie einst fast um ein Jahrtausend zuvor die Krone von Wessex alle Königreiche der Angelsachsen zum Staate von England vereinigte, wie das Königtum der Franzosen von der Isle de France aus, das ganze Mittelalter hindurch, die Teilstaaten der Barone und Kommunen eroberte und bändigte, so hat die Monarchie der brandenburgisch-preußischen Marken der zerrissenen deutschen Nation wieder ein Vaterland geschaffen. Das harte Ringen um die Anfänge der Staatseinheit gelingt gemeinhin nur der derben bildsamen Lebenskraft jugendlicher Völker; hier aber vollzog es sich im hellen Mittagslichte der neuen Zeit, gegen den Widerstand des gesamten Weltteils, im Kampfe mit den legitimen Gewalten des Heiligen Reichs und den unzähligen durch eine alte Geschichte verhärteten Gegensätzen des vielgestaltigen deutschen Lebens. Es war die schwerste Einheitsbewegung, die Europa erlebte, und nur der letzte, volle, durchschlagende Erfolg hat endlich die widerwillige Welt gezwungen, an das so oft aussichtslos gescholtene Werk zu glauben. – Von Kaiser und Reich konnte die Neugestaltung des deutschen Staates nicht mehr ausgehen. Die alte, längst schon brüchige Reichsverfassung wurde seit dem Eindringen des Protestantismus zu einer häßlichen Lüge. Die letzten Folgen alles großen menschlichen Tuns bleiben dem Täter selber verhüllt, wie Martin Luther, da er von der Kirche des Mittelalters sich löste, ahnungslos die Bahn brach für die weltliche Wissenschaft unserer Tage, die seinen frommen Sinn empören würde: so hat er auch, indem er den Staat von der Vormundschaft der Kirche befreite, die Wurzeln jenes römischen Kaisertums untergraben, das er als treuer Untertan verehrte. Sobald die Mehrheit der Nation der evangelischen Lehre sich zuwandte, ward die theokratische Kaiserwürde ebenso unhaltbar wie ihre Stütze, das geistliche Fürstentum. Der gekrönte Schirmvogt und die Bischöfe der alten Kirche durften nicht herrschen über ketzerischem Volke. Darum wurde schon in den ersten Jahren der Reformation, auf dem Reichstage von 1525, die Forderung laut, daß die geistlichen Gebiete heimgeramscht, den benachbarten weltlichen Fürsten unterworfen würden; und an allen großen Wendepunkten der Reichspolitik ist der notwendige Gedanke der Säkularisation seitdem regelmäßig wieder aufgetaucht, denn aus ihm sprach die Natur der Dinge. Aber das unheilvolle Gleichgewicht der Kräfte und der Gegenkräfte, das jede Bewegung des Reiches hemmte, vereitelte auch diese unabweisbare Folge der Reformation. Die Mehrzahl der geistlichen Fürsten blieb erhalten, und mit ihnen die traumhaften Herrschaftsansprüche der Sacra Caesarea Majestas , obschon das deutsche Königtum, das diese römische Krone trug, längst aller Macht entkleidet, alle Hoheitsrechte der alten Monarchie längst übergegangen waren in die Hände der Landesherren. Zwei Drittel des deutschen Volkes außerhalb der kaiserlichen Erblande bekannten das Evangelium, desgleichen alle mächtigen Fürstenhäuser mit Ausnahme der Wittelsbacher und der Albertiner. Das amtliche Deutschland aber blieb katholisch. Die Altgläubigen behaupteten die Mehrheit im Kurfürsten- wie im Fürstenrate, und das Kaisertum bewahrte noch immer seinen halb priesterlichen Charakter. Der Kaiser wurde durch die Krönung »ein Teilhaber unseres geistlichen Amtes«, gelobte dem Papste und der Kirche die gebührenden geistlichen Ehren zu erweisen; er war von Amts wegen Kanonikus mehrerer katholischer Stifter und empfing darum das Abendmahl in beiderlei Gestalt. Es ist nicht anders, unter dieser römischen Theokratie konnte die Ketzerei rechtlich nicht bestehen. Die erste große politische Tat der deutschen Lutheraner war jene Protestation von Speier, die dem neuen Glauben den Namen gab; sie erklärte rund heraus, die Evangelischen würden der Mehrheit im Reiche sich nicht fügen. Und also im Kampfe gegen das Reich, wie er begonnen, in beständiger Empörung hat sich der Protestantismus auch fürderhin behauptet. Er erzwang die Religionsfriedensschlüsse, dem alten Kaisereide wie dem Grundgedanken des heiligen Reichs schnurstracks zuwider, und bildete einen Staat im Staate, um die ertrotzte Glaubensfreiheit gegen die Mehrheit des Reichstages zu sichern. Das Corpus Evangelicorum blieb in milderen Formen doch ein nicht minder anarchischer, staatswidriger Notbehelf als die Konföderationen der polnischen Adelsrepublik. Nur ein revolutionärer Entschluß, nur die Umwandlung des heiligen Reichs in einen Bund weltlicher Staaten konnte die Nation erretten aus solcher Unwahrheit ihres politischen Lebens: nur eine nationale Staatsgewalt, die ehrlich ihr weltliches Wesen eingestand, konnte den Altgläubigen wie den Evangelischen auf dem Boden des Gesetzes gerecht werden. Schon den beiden größten Publizisten unseres siebzehnten Jahrhunderts drängte sich diese Überzeugung auf: der Wortführer der schwedischen Partei, Hippolitus a Lapide predigte mit heißer Leidenschaft den Vernichtungskrieg wider das Kaisertum; der besonnenere Samuel Pufendorf sah das Reich »sicher wie einen rollenden Stein« der Umgestaltung in einen Staatenbund entgegeneilen. Auch das amtliche Deutschland empfand dunkel, wie sinnlos die alten Formen in der neuen Zeit geworden. Die Religionsfriedensschlüsse gaben sich selber nur für Waffenstillstände, vertrösteten die Nation auf bessere Zeiten, da »durch Gottes Gnade eine Vereinigung in Glaubenssachen zustande kommen wird«. Der westfälische Friede beauftragte den nächsten Reichstag, durch eine umfassende Verfassungsrevision die neu errungene Macht der Reichsstände in Einklang zu bringen mit den alten Rechten der Kaiserkrone. Doch das Haus Österreich verhinderte auch diesmal den Versuch der Reform. Die Reichsversammlung von 1654 ging unverrichteterdinge auseinander, und da der folgende Reichstag durch anderthalb Jahrhunderte zu Regensburg tagte, ohne seine wichtigste Aufgabe jemals in Angriff zu nehmen, so blieb der deutsche Staat in Wahrheit verfassungslos. In seinem öffentlichen Rechte lagen die Trümmerstücke dreier grundverschiedener Staatsformen wirr und unverbunden nebeneinander: die schattenhaften Überbleibsel der alten monarchischen Einheit, die verkümmerten Anfänge einer neuen staatenbündischen Ordnung, endlich, lebendiger als beide, der Partikularismus der territorialen Staatsgewalten. Das Kaisertum hielt in allem Wandel der Zeit die alten Ansprüche monarchischer Machtvollkommenheit fest und gestattete niemals, daß ein Reichsgesetz ihm den Umfang seiner Rechte fest begrenzte. Der kaiserliche Oberlehnsherr empfing noch immer sitzend, mit bedecktem Haupte die Huldigung seiner knienden Untertanen, der Reichsstände; er übte, soweit sein Arm reichte, die Gerichtsbarkeit durch seinen Reichshofrat, als sei er wirklich noch der höchste Richter über Eigen und Lehen und über jeglichen Mannes Leib, wie einst in den Tagen des Sachsenspiegels. Noch immer schwenkte der Herold bei der Krönung das Kaiserschwert nach allen vier Winden, weil die weite Christenheit dem Doppeladler gehorche; noch sprach das Reichsrecht mit feierlichem Ernst von den Lehen des Reichs, die auf den Felsterrassen der Riviera von Genua und tief in Toskana hinein lagen; noch bestanden die drei Reichskanzlerämter für Germanien, Italien und Arelat; Nomeny und Bisanz und so viele andere, längst den Fremden preisgegebene Stände wurden noch auf den Reichstagen zur Abstimmung aufgerufen; der Herzog von Savoyen galt als Reichsvikar in Welschland, und niemand wußte zu sagen, wo des Heiligen Reiches Grenzpfähle standen. Dem Dichterauge des jungen Goethe wurde in dem altfränkischen Schaugepränge der Kaiserkrönung die farbenreiche Herrlichkeit des alten Reiches wieder lebendig; wer aber mit dem nüchternen Sinne des Weltmannes zuschaute, gleich dem Ritter Lang, dem erschien dies Kaisertum der verblaßten Erinnerungen und der grenzenlosen Ansprüche als ein fratzenhafter Mummenschanz, ebenso lächerlich und abgeschmackt, wie das Schwert Karls des Großen, das den böhmischen Löwen auf der Klinge trug, oder wie die Chorknaben von St. Bartholomäi, die durch ihr hellstimmiges fiat! vom hohen Chor herab im Namen der deutschen Nation die Erwählung des Weltherrschers genehmigten. Die Umbildung des altgermanischen Wahlkönigtums zur erblichen Monarchie hat den meisten Völkern Westeuropas die Staatseinheit gesichert. Deutschland aber blieb ein Wahlreich, und die dreihundertjährige Verbindung seiner Krone mit dem Hause Österreich erweckte nur neue Kräfte des Zerfalles und des Unfriedens, denn das Kaisertum der Habsburger war unserm Volke eine Fremdherrschaft. Abgetrennt von der Mitte Deutschlands durch das starke Slawenreich in Böhmen, hatte die alte deutsche Südostmark schon früh im Mittelalter ihres eigenen Weges gehen und sich einleben müssen in die verschlungene Politik des ungarisch-slawisch-walachischen Völkergemisches der unteren Donaulande. Sie wurde sodann durch das Haus Habsburg zum Kernlande eines mächtigen vielsprachigen Reiches erhoben, durch falsche und echte Privilegien aller ernstlichen Pflichten gegen das deutsche Reich entbunden und erlangte bereits im sechzehnten Jahrhundert eine so wohlgesicherte Selbständigkeit, daß die Habsburger sich mit dem Plane tragen konnten, ihre deutschen Erblande zu einem Königreich Österreich zu vereinigen. Mitten im Gewimmel fremden Volkstums bewahrten die tapferen Stämme der Alpen und des Donautales getreulich ihre deutsche Art; sie nahmen mit ihrer frischen, herzhaften Sinnlichkeit rühmlich teil an dem geistigen Schaffen unseres Mittelalters. An dem lebensfrohen Hofe der Babenberger blühte die ritterliche Kunst; der größte Dichter unserer Staufertage war ein Sohn der Tiroler Alpen; die prächtigen Hallen von St. Stephan und St. Marien am Stiegen erzählten von dem Stolze und dem Kunstfleiß des deutschen Bürgertums in Niederösterreich. Alsdann wandte sich auch hier der deutsche Geist in freudigem Erwachen der evangelischen Lehre zu; in Böhmen wurde das Hussitentum wieder lebendig, und am Ausgang des Jahrhunderts der Reformation war der größte Teil der deutsch-österreichischen Kronländer dem Glauben unseres Volkes gewonnen. Da führte der Glaubenseifer des Kaiserhauses alle Schrecken des Völkermordes über Österreich herauf. Unter blutigen Greueln ward die Herrschaft der römischen Kirche durch die kaiserlichen Seligmacher wieder aufgerichtet, was deutschen Sinnes war und dem fremden Joche sich nicht beugte, Hunderttausende der Besten vom böhmischen Volke fanden eine neue Heimat in den Landen der evangelischen Reichsfürsten. Die daheim geblieben, verloren in der Schule der Jesuiten die Lebenskraft des deutschen Geistes: den Mut des Gewissens, den sittlichen Idealismus. Kirchlicher Druck zerstört die tiefsten Wurzeln des Volkslebens. Der helle Frohmut des österreichischen Deutschtums verflachte in gedankenloser Genußsucht, das leichtlebige Volk gewöhnte sich rasch an die verlogene Gemütlichkeit einer pfäffischen Regierung, die ihre kalte Menschenverachtung hinter läßlich bequemen Formen zu verbergen wußte. Der Westfälische Friede gab diesem letzten großen Siege der Gegenreformation die gesetzliche Weihe. Der Kaiser genehmigte die Gleichberechtigung der drei Bekenntnisse im Reiche nur unter der Bedingung, daß seine Erblande der Regel nicht unterliegen sollten. Seitdem schied Österreich aus der Gemeinschaft des deutschen Lebens. Das einzige, was der zerrütteten Reichsverfassung noch Sinn und Inhalt gab, die gesicherte Glaubensfreiheit, war für die habsburgischen Länder nicht vorhanden; zur selben Zeit, da Deutschland in prunkenden Friedensfesten sich der endlich errungenen Versöhnung freute, ließ sein Kaiser die päpstliche Bulle, welche den Friedensschluß verdammte, in Wien und Prag, in Graz und Innsbruck an die Kirchtüren anschlagen. Auch nach dem Frieden arbeitet das Kaiserhaus unablässig an der Ausrottung der Ketzerei. Noch an hundert Jahre lang, bis zum Tode Karls VI., flutet in immer kürzeren Wellenschlägen die Auswanderung österreichischer Protestanten nach dem deutschen Norden hinüber, bis endlich alle Erblande den Todesschlaf der Glaubenseinheit schlummern. Zu Anfang des Dreißigjährigen Krieges bekannte sich die böhmische Grafschaft Glatz, bis auf eine einzige römische Gemeinde, zum evangelischen Glauben; als die Grenadiere König Friedrichs dort einzogen, war das Volk katholisch bis auf den letzten Mann, und mitten in dem neubekehrten Lande prangte die gnadenreiche Wallfahrtskirche von Albendorf, ein Siegesdenkmal für die Schlacht am Weißen Berge. Den katholischen Nachbarn in Bayern verfeindet durch Stammeshaß und uralte politische Gegnerschaft, argwöhnisch abgesperrt von jeder Berührung der norddeutschen Ketzerei, führen die deutsch-österreichischen Länder fortan ein stilles Sonderleben. Der Verkehr zwischen Böhmen und der unteren Elbe, im Mittelalter so schwunghaft, daß Kaiser Karl IV. hoffen durfte, ein großes Elbreich von Prag bis Tangermünde aufzurichten – alle die alten fruchtbaren Wechselwirkungen zwischen dem Nordosten und dem Südosten Deutschlands verfallen gänzlich, und an der sächsisch-böhmischen Grenze bildet sich allmählich eine scharfe Völkerscheide, ein grundtiefer Gegensatz der Gedanken und Lebensgewohnheiten. Von den seelenvollen Klängen der wiedererwachenden deutschen Dichtung, von den freien Reden unserer jungen Wissenschaft drang kaum ein Laut in diese abgeschiedene Welt. Während die deutsche Jugend um die Leiden des jungen Werther weinte und mit dem Räuber Moor auf die Tatenarmut des tintenklecksenden Säkulums zürnte, ergötzte sich das lustige Wien an den platten Zerrbildern der Blumauerschen Äneide. Allein die Werke der großen Tonsetzer Österreichs bekundeten, daß die schöpferische Macht des deutschen Geistes noch nicht ganz verloschen war in der schönen Heimat Walthers von der Vogelweide. Erst im neunzehnten Jahrhundert sollte das zertretene Deutschtum der Südostmarken wieder die Kraft finden, allen Arbeiten der modernen deutschen Kultur mit lebendigem Verständnis zu folgen. Dergestalt hat die Politik der katholischen Glaubenseinheit die Donaulande auf lange hinaus unserm Volke entfremdet. Sie zerspaltete das alte Reich, sie schuf den vielbeklagten deutschen Dualismus; solange die Deutschen sich nicht selber aufgaben, durften sie auch den Widerstand gegen die Fremdherrschaft der Habsburger nicht aufgeben. Das Haus Österreich war im Verlaufe der Jahrhunderte mit der römischen Kaiserkrone so fest verwachsen, daß die Volksmeinung beide kaum noch zu trennen wußte; der einzige Nichtösterreicher, der während dieser letzten Jahrhunderte den deutschen Thron bestieg, Karl VII., erschien den Zeitgenossen wie ein Gegenkaiser. Eine tiefe innere Verwandtschaft verband das entdeutschte Kaisertum mit seinem alten Gegner, dem Heiligen Stuhle. Die Wiener Politik zeigt wie die römische jenen Charakterzug heuchlerischer Salbung, welcher die Theokratie zur unsittlichsten aller Staatsformen macht. In Wien wie in Rom die gleiche Unfähigkeit, das Recht des Gegners zu verstehen. Alle Habsburger, die heitere Liebenswürdigkeit Maria Theresias so gut wie der stumpfsinnige Hochmut Leopolds I., ertragen die Schläge des Schicksals in dem zuversichtlichen Glauben, daß ihr Haus dem Herzen Gottes am nächsten stehe, und nur böse, gottlose Menschen das fromme Erzhaus zu bekämpfen wagen. Hier wie dort dieselbe starre Unbeweglichkeit in allen Stürmen der Jahrhunderte: jeder schmähliche Friede, den die lebendigen Mächte der Geschichte dem alten Kaiserhause auferlegen, wird von den Habsburgern unterzeichnet mit dem stillen Vorbehalt, daß zur rechten Stunde die unveräußerlichen Rechte kaiserlicher Vollgewalt wieder in Kraft treten sollen, hier wie dort dieselbe Dreistigkeit theokratischer Mythenbildung und Rechtsverdrehung. Indem Maria Theresia sich wider den rechtmäßigen Kaiser Karl VII. empört, trägt sie selber die sittliche Entrüstung der beleidigten kaiserlichen Majestät zur Schau; als König Friedrich sodann ihrem drohenden Angriffe zuvorkommt, da schwingt ihr Gemahl, der als schlichter Privatmann an ihrem Hofe lebt, das kaiserliche Zepter und verurteilt den Feind der Königin von Ungarn als Rebellen gegen Kaiser und Reich; unbefangen, als verstände sich's von selber, nimmt nachher das kleine Haus Lothringen alle die herrischen Ansprüche des alten Kaisergeschlechtes wieder auf, und wie die Päpste von dem Throne des Apostelfürsten fabeln, so gebärden sich die Lothringer, als seien die Habsburger niemals ausgestorben. In Wien wie in Rom derselbe hoffärtig träge Kaltsinn gegen das Wohl des eigenen Volkes: sobald die Glaubenseinheit fest begründet und der schweigende Gehorsam der Untertanen gesichert ist, wird die gesamte Macht Österreichs nach außen gewendet. Alles Leben des Staates geht in der europäischen Politik auf, im Innern wird gar nicht regiert, die alte ständische Verwaltung schleppt sich gemächlich dahin in ihren verlebten Formen. Niemand denkt an die Ausbildung einer geordneten Regierungsgewalt, an die Pflege des Wohlstandes und der Bildung, an alle jene unscheinbar großen Aufgaben der inneren Politik, welche einem gesunden weltlichen Staate den besten Inhalt des Lebens bilden. Jahrhundertelang hat die Geschichte Österreichs neben zahlreichen fähigen Feldherren und Diplomaten kein einziges Talent der Verwaltung aufzuweisen. Erst unter Maria Theresia entsinnt sich die Krone wieder der nächsten Pflichten der Monarchie. Indessen zeigte jene staatenbildende Kraft der neuen Geschichte, die überall zur festen Abrundung der Staatsgebiete drängte, auch in dem bunten Ländergemisch der habsburg-burgundischen Erbschaft ihre Wirksamkeit. Unter Leopold I. wird Ungarn erobert, die Stephanskrone erblich dem Hause Österreich übertragen. Damit beginnt die Geschichte der neuen österreichischen Großmacht, wie gleichzeitig mit dem Großen Kurfürsten die neue deutsche Geschichte. Der Hausbesitz der Habsburger wird zur geographischen Einheit, das Donaureich findet den Schwerpunkt seiner militärischen Macht in Ungarns kriegerischen Völkern. Starke wirtschaftliche und politische Interessen verbinden fortan die deutschen Erblande mit dem Völkergewimmel jener subgermanischen Welt, wo das Deutschtum nur mühsam ein geistiges Übergewicht behauptet; im Verlaufe der langen ruhmvollen Türkenkriege entsteht unter den deutschen, ungarischen und slawischen Kampfgenossen ein Bewußtsein der Gemeinschaft. Durch die Eroberung Ungarns wurde vollendet, was die Politik der Gegenreformation begonnen hatte: die Trennung Österreichs von Deutschland. Solange die Paschas der Osmanen auf der Königsburg von Ofen hausten, führte Osterreich den Markmannenkrieg für die deutsche Gesittung gegen die Barbarei des Ostens; nur mit Deutschlands Hilfe, durch das gute Schwert der Märker, der Sachsen, der Bayern gelang die Vertreibung der Türken aus Ungarn. Seit die Pforte in Schwäche versank, zerriß auch dies letzte Band gemeinsamer Gefahr, das unsere Nation noch an das Kaisertum gekettet hatte. Deutschland und Österreich waren nunmehr zwei selbständige Reiche, allein durch die Formen des Staatsrechts künstlich verbunden; die Zerstörung dieser unwahren Formen blieb für lange Jahrzehnte die große Aufgabe der deutschen Geschichte. Schritt für Schritt befestigte sich seitdem die Staatseinheit des neuen Österreichs. Die Pragmatische Sanktion verkündete die Unteilbarkeit des kaiserlichen Hausbesitzes. Darauf gab der größte Herrscher des Habsburgerstammes den Erblanden, die bisher nur durch das Kaiserhaus, den Klerus, den Adel und das Heer verbunden gewesen, eine notdürftige gemeinsame Verfassung. Maria Theresia begründete das System des österreichisch-ungarischen Dualismus. Sie stellte die böhmisch-österreichische Hofkanzlei als höchste Behörde über die Kronländer diesseits der Leitha, während die Lande der Stephanskrone in ihrem althistorischen staatsrechtlichen Verbande blieben. Also ward mit sicherem Griffe die Form gebildet, welche allein dies an Gegensätzen überreiche Ländergewirr zusammenhalten konnte; nach mannigfachen, vergeblichen Anläufen zum Einheitsstaat wie zum Staatenbunde ist die Monarchie seitdem immer wieder zu den Gedanken der Kaiserin zurückgekehrt. Auch die Not und der Ruhm der Theresianischen Tage kräftigten den Bestand des Staates; durch acht schwere Kriegsjahre behauptete die stolze Habsburgerin, beharrlich unterstützt von ihren treuen Völkern, das Erbe ihres Hauses gegen eine mächtige Koalition und wie leuchtend auch während des Siebenjährigen Krieges das Gestirn König Friedrichs emporstieg, die Besiegten selber zur Bewunderung zwingend, das kaiserliche Heer trug doch die Kränze von Kollin und Hochkirch, freute sich der Heldengröße seines Loudon, ging mit berechtigtem Selbstgefühl aus dem gewaltigen Kampfe hervor. Lange bevor es ein Kaisertum Österreich gab, redete der allgemeine Sprachgebrauch Europas schon van dem österreichischen Staate und Heere. Der Besitz der Stephanskrone gewährte dem Kaiserhaus die Möglichkeit, in der europäischen Politik eine feste Richtung folgerecht einzuhalten. Der Eroberer Ungarns, Eugen von Savoyen, wies dem Staate die verheißende Bahn nach dem Schwarzen Meere; vorzudringen bis zu den Mündungen des Stromes und die slawisch-walachischen Völker auf beiden Ufern einer überlegenen Gesittung zu unterwerfen, dies schien fortan der natürliche Beruf des Donaureiches. Darum galt das entlegene Belgien, das den Staat beständig in die Händel Westeuropas zu verwickeln drohte, bald als eine unbequeme Last; schon zur Zeit der schlesischen Kriege begannen die seitdem beharrlich wiederkehrenden Versuche, den unhaltbaren Außenposten gegen ein nähergelegenes Gebiet auszutauschen. Gleichwohl lernte das Kaiserhaus niemals, in weiser Selbstbeschränkung die gesammelte Kraft des Staates gegen den Südosten zu wenden. Eine nationale Politik war in diesem Reiche der Völkertrümmer ohnehin unmöglich; zu keiner Zeit und am wenigsten in jener Epoche des Absolutismus hat die öffentliche Meinung auf Österreichs diplomatische Haltung irgendwelchen Einfluß ausgeübt. Die europäische Stellung des Staates ward jederzeit allein durch das persönliche Belieben seiner Herrscher bestimmt. Die Macht des Hauses war einst gegründet worden durch eine schlaue und kühne Familienpolitik, die planlos begehrlich nach allen Seiten hin um sich griff, ohne nach der Weltstellung und Eigenart der unterworfenen Länder zu fragen. Die Gedanken dieser dynastischen Staatskunst und die glänzenden Erinnerungen kaiserlicher Weltherrschaft bleiben auch in dem neuen Donaureiche noch lange lebendig. Die Hofburg hält ihre Herrscherstellung im deutschen Reiche beharrlich fest; sie versucht zugleich, durch die Eroberung Bayerns die vorderösterreichischen Besitzungen am Rheine mit den Kernlanden der Monarchie zu verbinden; seit Karl VI. nimmt sie auch die italienische Politik der spanischen Habsburger wieder auf und strebt, jenseits der Alpen die Oberhand zu behaupten; dazwischen hinein spielen in raschem Wechsel kecke Anschläge gegen Polen und die Osmanen: – ein Übermaß unsteter Herrschsucht, das den mächtigen Staat von einer Niederlage zur andern führt. Also stand die kaiserliche Macht der protestantisch-deutschen Bildung feindselig, den europäischen Aufgaben der deutschen Politik gleichgültig, den Handelsinteressen unserer Küsten mit binnenländischer Beschränktheit gegenüber. Die Habsburg-Lothringer konnten in den unklaren Befugnissen des Kaisertums nur ein willkommenes Mittel sehen, um die gewaltige kriegerische Kraft deutscher Nation auszubeuten für die Zwecke des Hauses Österreich, die Machtfragen dieser Hauspolitik zu entscheiden durch den Mißbrauch der Formen des Reichsrechts. Die altehrwürdige kaiserliche Gerichtsbarkeit ward ein Tummelplatz für rabulistische Künste, Deutschlands auswärtige Politik ein unberechenbares Spiel. Das Reich, von der Hofburg bald fremden Angriffen preisgegeben, bald in undeutsche Händel hineingezogen, mußte regelmäßig den Preis für Österreichs Niederlagen zahlen. Holland und die Schweiz, Schleswig-Holstein, Pommern und das Ordensland, Elsaß und Lothringen gingen wesentlich durch die Schuld der Habsburger dem Reiche verloren: unersetzliche Verluste, minder schmachvoll für jene halbfremde Macht, welche die Kaiserpflicht mit den Interessen ihres Hauses nicht vereinigen konnte, als für die deutsche Nation, die nach solchem Unsegen der Fremdherrschaft nimmer den Willen fand, das Löwenbündnis mit Österreich zu zerreißen. (3-15.) Es folgt eine Schilderung des Chaos der deutschen Reichsverfassung jener Zeiten und seine Folgen für das Leben der Nation, und dann die hier wiedergegebene Schilderung der Anfänge des brandenburg-preußischen Staates Auf dem Boden dieses Reichsrechts und seiner territorialen Staatsgebilde, und doch in scharfem Gegensatze zu beiden, ist der preußische Staat entstanden. Die zähe Willenskraft der norddeutschen Stämme war dem weicheren und reicheren oberdeutschen Volkstum in der Kraft der Staatenbildung von alters her überlegen. Nur solange der Sachsenstamm die Krone trug, blieb die deutsche Monarchie ein lebendiges Königtum; ihre Macht zerfiel unter den Händen der Franken und der Schwaben, zumeist durch den trotzigen Ungehorsam der sächsischen Fürsten. Dann erwuchsen in Niederdeutschland die zwei mächtigsten politischen Schöpfungen unseres späteren Mittelalters, die Hansa und der Deutsche Orden, beide unabhängig von der Reichsgewalt, oftmals mit ihr verfeindet. Im Norden stand die Wiege der Reformation; an dem Widerstande der Norddeutschen scheiterte die hispanische Herrschaft, und seit die undeutsche Politik der Habsburger den Dualismus im Reiche hervorgerufen, blieb der Norden das Kernland der deutschen Opposition. Die Führung dieser Opposition ging im Laufe des siebzehnten Jahrhunderts von dem unfähigen Geschlechte der Wettiner auf die Hohenzollern über. Der Schwerpunkt deutscher Politik verschob sich nach dem Nordosten. Dort in den Marken jenseits der Elbe war aus dem Grundstock der niedersächsischen Eroberer, aus Einwanderern von allen Landen deutscher Zunge und aus geringen Trümmern des alteingesessenen Wendenvolkes ein neuer norddeutscher Stamm emporgewachsen, hart und wetterfest, gestählt durch schwere Arbeit auf kargem Erdreich wie durch die unablässigen Kämpfe des Grenzerlebens, klug und selbständig nach Kolonistenart, gewohnt mit Herrenstolz auf die slawischen Nachbarn herabzusehen, so schroff und schneidig, wie es die gutmütig gespaßige Derbheit des niederdeutschen Charakters vermag. Dreimal hatte dies vielgeprüfte Land das rauhe Tagewerk der Kulturarbeit von vorn begonnen: zuerst als die askanischen Eroberer die Tannenwälder an den Havelseen rodeten und ihre Städte, Burgen und Klöster im Wendenlande erbauten; dann abermals zu Beginn des fünfzehnten Jahrhunderts, als die ersten Hohenzollern den unter bayrisch-lützelburgischer Herrschaft völlig zerrütteten Frieden und Wohlstand sorgsam wiederherstellten; und jetzt wieder war Brandenburg durch die Schrecken der dreißig Jahre schwerer heimgesucht als die meisten deutschen Lande, mußte sich die ersten Anfänge der Gesittung von neuem erobern. Die rauhe Sitte des armen Grenzlandes blieb während des Mittelalters im Reiche übel berüchtigt. Der römischen Kirche ist aus dem Sande der Marken niemals ein Heiliger erwachsen; selten erklang ein Minnelied an dem derben Hofe der askanischen Markgrafen. Die fleißigen Zisterzienser von Lehnin trachteten allezeit mehr nach dem Ruhme tüchtiger Landwirte als nach den Kränzen der Kunst und Gelehrsamkeit; den handfesten Bürgern der märkischen Städte verfloß das Leben in grober, hausbackener Arbeit, nur die Prenzlauer durften ihre Marienkirche mit den prächtigen Bauten der reichen Ostseestädte vergleichen. Allein durch kriegerische Kraft und starken Ehrgeiz ragte der Staat der Brandenburger über die Nachbarstämme hervor; schon die Askanier und die Lützelburger haben mehrmals den Plan erwogen, hier in der günstigen Lage zwischen dem Elb- und Odergebiete, zwischen den schwächlichen Kleinstaaten Mecklenburgs, Pommerns und Schlesiens eine Großmacht des Nordostens zu errichten. Noch größer schien sich das Schicksal der Marken zu gestalten, als die Burggrafen von Nürnberg den Kurhut empfingen: Friedrich I. war der Führer der deutschen Fürsten bei der Reformbewegung in Reich und Kirche, Albrecht Achill der bewunderte Held des ritterlichen Adels in den Kämpfen gegen die Städte. Zugleich begann im Innern eine kühne und feste monarchische Politik. Früher als das Heilige Reich erhielt die Mark ihren Landfrieden durch Friedrich I.; früher als in anderen Reichslanden wurde hier die Unteilbarkeit des Staates gesetzlich ausgesprochen durch die Gesetze Albrecht Achills. Adel und Städte beugten ihren trotzigen Nacken vor der Willenskraft der drei ersten Hohenzollern. Aber dem vielverheißenden Anlaufe entsprach der Fortgang nicht. Die Nachfolger jener hochstrebenden Helden sanken bald zurück in die bequeme Enge deutscher Kurfürstenpolitik. Sie verloren die kaum errungene landesherrliche Gewalt zum guten Teile wieder an den Landtag, hielten mit ihren übermütigen Herren Ständen wohl oder übel Haus, suchten wie alle mächtigeren Reichsfürsten Verwaltung und Rechtspflege ihres Landes vor jedem Eingriff der Reichsgewalt zu behüten und blieben dabei dem Kaiserhause hold und gewärtig; sie traten spät und zögernd in die lutherische Kirche ein, überließen die Führung der protestantischen Parteien gemächlich an Kursachsen und Kurpfalz. Mit gutem Grunde sagt König Friedrich in den Denkwürdigkeiten seines Hauses: wie ein Fluß erst wertvoll werde, wenn er schiffbar sei, so gewinne die Geschichte Brandenburgs erst gegen Anfang des siebzehnten Jahrhunderts tiefere Bedeutung. Erst unter Kurfürst Johann Sigismund traten drei entscheidende Ereignisse ein, welche den Marken eine große Zukunft, eine von dem Leben der übrigen Reichsländer grundverschiedene Entwicklung verhießen: die Vereinigung des säkularisierten Deutsch-Ordenslandes mit Brandenburg, der Übertritt des Fürstenhauses zur reformierten Kirche, endlich die Erwerbung der niederrheinischen Grenzlande. Auch andere Reichsfürsten, Katholiken wie Protestanten, hatten ihre Macht durch die Güter der alten Kirche erweitert. Im Ordenslande aber wagte die Politik der deutschen Protestanten ihren verwegensten Griff; auf Luthers Rat entriß der Hohenzoller Albrecht der römischen Kirche das größte ihrer geistlichen Territorien. Das gesamte Gebiet des neuen Herzogtums Preußen war entfremdetes Kirchengut; des Papstes Bann und des Kaisers Acht trafen den abtrünnigen Fürsten. Niemals wollte der Römische Stuhl diesen Raub anerkennen. Indem die märkischen Hohenzollern die Herzogskrone ihrer preußischen Vettern mit ihrem Kurhute verbanden, brachen sie für immer mit der römischen Kirche; ihr Staat stand und fiel fortan mit dem Protestantismus. Zur selben Zeit nahm Johann Sigismund das reformierte Bekenntnis an. Er legte damit den Grund für die folgenreiche Verbindung seines Hauses mit dem Heldengeschlechte der Oranier und trat aus der leidsamen Trägheit des erstarrten Luthertums hinüber in die Gemeinschaft jener Kirche, welche allein noch die politischen Gedanken der Reformation mit kriegerischem Mute verfocht. Der calvinische Landesherr beherrschte in den Marken ein hart lutherisches Volk; in Preußen saßen Lutheraner und Katholiken, in den niederrheinischen Landen die Bekenner aller drei großen Kirchen Deutschlands bunt durcheinander. Von dem Glaubenshasse der eigenen Untertanen bedroht, sah sich das Fürstenhaus gezwungen, allen kirchlichen Parteien durch duldsame Schonung gerecht zu werden. Dergestalt ward die eigentümliche Doppelstellung der Hohenzollern zu unserm kirchlichen Leben begründet: sie standen, seit die Macht der Pfälzer zerfiel, an der Spitze des streitbaren Protestantismus im Reiche und vertraten doch zugleich den Grundgedanken der neuen deutschen Gesittung, die Glaubensfreiheit. Mit dem Scharfblicke des Hasses sagten schon in den Tagen Johann Sigismunds kaiserliche Staatsmänner voraus: es stehe zu befürchten, daß der Brandenburger nunmehr der Führer der gesamten protestantischen Partei werden könne. Mit der preußischen Herzogskrone gewann das Haus Hohenzollern jene stolze Kolonie des gesamten Deutschlands, die mit dem Blute aller deutschen Stämme noch reicher als die Mark benetzt war und sich vor allen Landschaften des Reiches einer großen und heldenhaften Geschichte rühmte: hier in dem »neuen Deutschland« hatte einst der Deutsche Orden die baltische Großmacht des Mittelalters aufgerichtet. Das entlegene, durch die Feindschaft des polnischen Lehnsherrn wie der skandinavischen und moskowitischen Nachbarn unablässig bedrohte Grenzland verwickelte den Staat der Hohenzollern in die wirrenreichen Kämpfe des nordischen Staatensystems. Während er also an der Ostsee festen Fuß faßte, erwarb Johann Sigismund zugleich das Herzogtum Cleve nebst den Grafschaften Mark und Ravensberg, ein Gebiet von geringem Umfang, aber hochwichtig für die innere Entwicklung wie für die europäische Politik des Staates: Lande von treu bewahrter alter Bauern- und Städtefreiheit, reicher und höher gesittet als die dürftigen Kolonien des Ostens, unschätzbare Außenposten an Deutschlands schwächster Grenze. In Wien und Madrid ward es als eine schwere Niederlage empfunden, daß eine neue evangelische Macht sich festsetzte dort am Niederrheine, wo Spanier und Niederländer um Sein oder Nichtsein des Protestantismus kämpften, dicht vor den Toren Kölns, der Hochburg des römischen Wesens im Reiche. Der junge Staat umschloß auf seinen fünfzehnhundert Geviertmeilen bereits fast alle die kirchlichen, ständischen, landschaftlichen Gegensätze, welche das Heilige Reich mit lautem Hader erfüllten: mit gespreizten Beinen gleich dem Koloß von Rhodus stand er über den deutschen Landen und stemmte seine Füße auf die bedrohten Marken am Rhein und Memelstrom. Eine Macht in solcher Lage konnte nicht mehr in dem engen Gesichtskreise deutscher Territorialpolitik verharren; sie mußte versuchen, ihre weithin zerstreuten Gebiete zu einer haltbaren Masse abzurunden, sie war gezwungen, für das Reich zu handeln und zu schlagen, denn jeder Angriff der Fremden auf deutschen Boden schnitt ihr in ihr eigenes Fleisch. Und dieser Staat, der nur deutsches Land beherrschte, stand doch der Reichsgewalt in glücklicher Unabhängigkeit gegenüber. Jenen Reichsständen, deren Gebiete allesamt innerhalb der Reichsgrenzen lagen, war eine selbständige europäische Politik immerhin erschwert; andere Fürstengeschlechter, die sich durch die Erwerbung ausländischer Kronen den hemmenden Fesseln der Reichsverfassung entzogen, gingen dem deutschen Leben verloren. Auch dem Hause Brandenburg sind oftmals lockende Rufe aus der Ferne erklungen: die Herrschaft in Schweden, in Polen, in den Niederlanden, in England schien ihm offenzustehen. Doch immer hat bald die Macht der Umstände, bald die verständige Selbstbeschränkung des Fürstengeschlechts diese gefährlichen Versuchungen abgewiesen. Eine segensreiche Fügung, die dem ernsten Sinne nicht als Zufall gelten darf, nötigte die Hohenzollern in Deutschland zu verbleiben. Sie bedurften der fremden Kronen nicht; denn sie dankten ihre unabhängige Stellung in der Staatengesellschaft dem Besitze des Herzogtums Preußen, eines kerndeutschen Landes, das mit allen Wurzeln seines Lebens an dem Mutterlande hing und gleichwohl dem staatsrechtlichen Verbande des Reiches nicht angehörte. Also mit dem einen Fuß im Reiche, mit dem anderen draußen stehend, gewann der preußische Staat das Recht, eine europäische Politik zu führen, die nur deutsche Ziele verfolgen konnte. Er durfte für Deutschland sorgen, ohne nach dem Reiche und seinen verrotteten Formen zu fragen. Dem Historiker ist nicht gestattet, nach der Weise der Naturforscher das Spätere aus dem Früheren einfach abzuleiten. Männer machen die Geschichte. Die Gunst der Weltlage wird im Völkerleben wirksam erst durch den bewußten Menschenwillen, der sie zu benutzen weiß. Noch einmal stürzte der Staat der Hohenzollern von seiner kaum errungenen Machtstellung herab; er trieb dem Untergange entgegen, solange Johann Sigismunds Nachfolger, Georg Wilhelm, aus matten Augen schläfrig in die Welt blickte. Auch dieser neue Versuch deutscher Staatenbildung schien wieder in der Armseligkeit der Kleinstaaterei zu enden, wie vormals die unter ungleich günstigeren Anzeichen aufgestiegenen Mächte der Welfen, der Wettiner, der Pfälzer. Da trat als ein Fürst ohne Land, mit einem Stecken und einer Schleuder Kurfürst Friedrich Wilhelm ein in das verwüstete deutsche Leben, der größte deutsche Mann seiner Tage, und beseelte die schlummernden Kräfte seines Staates mit der Macht des Wollens. Seitdem blieb die Kraft des zweckbewußten königlichen Willens der werdenden deutschen Großmacht unverloren. Man kann sich die englische Geschichte vorstellen ohne Wilhelm III., die Geschichte Frankreichs ohne Richelieu; der preußische Staat ist das Werk seiner Fürsten. In wenigen andern Ländern bewährte das Königtum so stetig jene beiden Tugenden, die seine Größe bilden: den kühnen, weit vorausschauenden Idealismus, der das bequeme heute dem größeren Morgen opfert, und die strenge Gerechtigkeit, die jede Selbstsucht in den Dienst des Ganzen zwingt. Nur der Weitblick der Monarchie vermochte in diesen armseligen Gebietstrümmern die Grundsteine einer neuen Großmacht zu erkennen. Nur in dem Pflichtgefühle der Krone, in dem monarchischen Staatsgedanken fanden die verfeindeten Stämme und Stände, Parteien und Kirchen, welche dieser Mikrokosmos des deutschen Lebens umfaßte, ihren Schutz und ihren Frieden. Schon in den ersten Jahren des Großen Kurfürsten tritt die Eigenart der neuen deutschen Macht scharf und klar heraus. Der Neffe Gustav Adolfs, der sein junges Heer unter dem alten Protestantenrufe »Mit Gott« in die Schlachten führt, nimmt die Kirchenpolitik seines Oheims wieder auf. Er zuerst ruft in den Hader der Kirchen das erlösende Wort hinein, fordert die allgemeine unbedingte Amnestie für alle drei Bekenntnisse. Es war das Programm des Westfälischen Friedens. Und weit über die Vorschriften dieses Friedensschlusses hinaus ging die Duldung, welche die Hohenzollern im Innern ihres Landes walten ließen. Brandenburg galt vor dem Reichsrechte als ein evangelischer Stand und wurde doch der erste Staat Europas, der die volle Glaubensfreiheit gewährte. Das bunte Sektenwesen in den Niederlanden verdankte seine ungebundene Bewegung nur der Anarchie, der Schwäche des Staates; hier aber ruhte die Gewissensfreiheit auf den Gesetzen einer kraftvollen Staatsgewalt, die sich das Recht der Oberaufsicht über die Kirchen nicht rauben ließ. In den anderen deutschen Territorien bestand überall noch eine herrschende Kirche, die den beiden anderen Konfessionen nur den Gottesdienst nicht gänzlich untersagen durfte; in Brandenburg stand die Krone frei über allen Kirchen und schützte die Parität. Derweil Österreich seine besten Deutschen gewaltsam austreibt, öffnet eine Gastfreundschaft ohnegleichen die Grenzen Brandenburgs den Duldern jeglichen Glaubens, wieviel tausendmal ist in den Marken das Danklied der böhmischen Exulanten erklungen: »Dein Volk, das sonst im Finstern saß, von Irrtum ganz umgeben, das findet hier nun sein Gelaß und darf in Freiheit leben!« Als Ludwig XIV. das Edikt von Nantes aufhebt, da tritt ihm der kleine brandenburgische Herr als Wortführer der protestantischen Welt kühn entgegen und bietet durch sein Potsdamer Edikt den Söhnen der Märtyrerkirche Schirm und Obdach. Überall, wo noch die Flammen des alten Glaubenshasses aus dem deutschen Boden emporschlagen, schreiten die Hohenzollern schützend und versöhnend ein. Sie rufen die Wiener Judenschaft an die Spree, sie sichern »via facti«, des Reiches ungefragt, den Protestanten Heidelbergs den Besitz ihrer Kirchen, sie bereiten den evangelischen Salzburgern in Ostpreußen eine neue Heimat. So strömte Jahr für Jahr eine Fülle jungen Lebens in die entvölkerten Ostmarken hinüber; das deutsche Blut, das die Habsburger von sich stießen, befruchtete die Lande ihres Nebenbuhlers. Beim Tode Friedrichs II. bestand etwa ein Drittel der Bevölkerung des Staates aus den Nachkommen der Einwanderer, die seit den Tagen des Großen Kurfürsten zugezogen. Erst diese Kirchenpolitik der Hohenzollern hat das Zeitalter der Religionskriege abgeschlossen; sie zwang schließlich die besseren weltlichen Fürsten zur Nachahmung und entzog zugleich den geistlichen Staaten das letzte Recht des Daseins: denn wozu noch geistliche Reichsfürsten, seit die katholische Kirche unter den Flügeln des preußischen Adlers gesicherte Freiheit fand? Friedrich Wilhelm erwarb im Westfälischen Frieden die großen Stifter Magdeburg, Halberstadt, Minden, Cammin. Sein Staat ward wie kein anderer in Deutschland durch die Güter der römischen Kirche bereichert, doch er rechtfertigte den Raub, denn er übernahm mit dem Kirchengute zugleich die großen Kulturaufgaben, welche die Kirche des Mittelalters einst für den unreifen Staat erfüllt hatte, Armenpflege und Volkserziehung, und er verstand den neuen Pflichten zu genügen. Dasselbe Gebot der Selbsterhaltung, das die Hohenzollern nötigte, Frieden zu halten zwischen Katholiken und Protestanten, drängte sie auch, innerhalb der evangelischen Kirche zwischen den Gegensätzen zu vermitteln. Der Gedanke der evangelischen Union blieb dem preußischen Staate eigentümlich, seit Johann Sigismund zuerst den lutherischen Eiferern das Zetern wider die Calvinisten untersagte, und was anfänglich die Not erzwang, ward endlich zur politischen Überlieferung, zur Herzenssache des Fürstenhauses. Wie der preußische Staat also der deutschen Nation den kirchlichen Frieden sicherte, der ihr erlaubte, wieder teilzunehmen an dem Schaffen der Kulturvölker, so gab er ihr auch zurück, was ihr seit den Tagen der Glaubensspaltung fehlte: einen Willen gegen das Ausland. Überall im Reiche verkamen reiche Kräfte in engen Verhältnissen, und wer hoch hinausstrebte, eilte in die Fremde; da faßte Friedrich Wilhelms gewaltige Hand die dürftigen Mittel der ärmsten deutschen Gebiete entschlossen zusammen und zwang sein Volk, der Heimat zu dienen, und zeigte dem Weltteil wieder, was das deutsche Schwert vermöge. Das Reich zehrte von alten Erinnerungen, bewahrte die Staatsformen des Mittelalters mitten im neuen Europa; diese norddeutsche Macht aber wurzelte fest in der modernen Welt, über den Trümmern der alten Kirchenherrschaft und der altständischen Rechte stieg ihre starke Staatsgewalt empor, sie lebte den Sorgen der Gegenwart und den Plänen einer großen Zukunft. Mit einem Schlage führte Friedrich Wilhelm seinen mißachteten kleinen Staat in die Reihe der europäischen Mächte ein; seit der Schlacht von Warschau stand Brandenburg den alten Militärstaaten ebenbürtig zur Seite, wie eine Insel schien diese festgeeinte kriegerische Macht urplötzlich emporzusteigen aus der tobenden See deutscher Vielherrschaft, vor den verwunderten Blicken eines Volkes, das längst verlernt, an raschen Entschluß und großes Gelingen zu glauben. So scharf wehte der frische Luftzug des bewußten politischen Willens durch die Geschichte des neuen preußischen Staates, so straff und gewaltsam ward jeder Muskel seines Volks zur Arbeit angespannt, so grell erschien das Mißverhältnis zwischen seinem Ehrgeiz und seinen Mitteln, daß er bei Freund und Feind durch anderthalb Jahrhunderte nur als eine künstliche Schöpfung galt. Die Welt hielt für das willkürliche Wagnis einiger Lieblinge des Glücks, was der notwendige Neubau des uralten nationalen Staates der Deutschen war. Preußen behauptete wie in den deutschen Glaubenshändeln, so auch in den großen Machtkämpfen des Weltteils eine schwierige Mittelstellung. Solange das protestantische Deutschland willenlos darniederlag, zerfiel Europa in zwei getrennte Staatensysteme, die einander selten berührten. Die Staatenwelt des Südens und Westens kämpfte um die Beherrschung Italiens und der rheinisch-burgundischen Lande, während die Mächte des Nordens und Ostens sich um die Trümmerstücke des deutschen Ordensstaates und um den Nachlaß der Hansa, die Ostseeherrschaft, stritten. Der Osten und der Westen begegneten sich nur in dem einen Verlangen, die ungeheure Lücke, die in der Mitte des Weltteils klaffte, immerdar offen zu halten. Nun erhob sich die jugendliche deutsche Macht, das vielverspottete »Reich der langen Grenzen«. Sie gehörte dem Weltteil an, ihr versprengtes Gebiet berührte die Marken aller Großmächte des Festlands. Sobald sie anfing mit selbständigem Willen sich zu bewegen, griffen die Mächte des Westens in die Händel des Ostens ein, immer häufiger verschlangen und durchkreuzten sich die Interessen der beiden Staatensysteme. Der geborene Gegner der alten, auf Deutschlands Ohnmacht ruhenden Ordnung Europas, stand Preußen in einer Welt von Feinden, deren Eifersucht seine einzige Rettung blieb, ohne irgendeinen natürlichen Bundesgenossen, denn noch war der deutschen Nation das Verständnis dieser jungen Kraft nicht aufgegangen. Und dies in jener Zeit der harten Staatsräson, da der Staat nur Macht war und die Vernichtung des Nachbarn als seine natürliche Pflicht betrachtete, wie das Haus Savoyen sich hindurchwand durch die Übermacht der Habsburger und der Bourbonen, ebenso, doch ungleich schwerer bedrängt mußte Preußen sich seinen Weg bahnen zwischen Österreich und Frankreich hindurch, zwischen Schweden und Polen, zwischen den Seemächten und der trägen Masse des Deutschen Reiches, mit allen Mitteln rücksichtsloser Selbstsucht, immer bereit, die Front zu wechseln, immer mit zwei Sehnen am Bogen. Kurbrandenburg empfand bis in das Mark seines Lebens, wie tief das ausländische Wesen sich in Deutschland eingefressen hatte. Alle die zuchtlosen Kräfte ständischer Libertät, welche der strengen Ordnung der neuen Monarchie widerstrebten, stützten sich auf fremden Beistand, holländische Garnisonen lagen am Niederrhein und begünstigten den Kampf der clevischen Stände wider den deutschen Landesherrn, die Landtage von Magdeburg und der Kurmark rechneten auf Österreich, der polenzende Adel in Königsberg rief den polnischen Oberlehnsherrn zu Hilfe gegen den märkischen Despotismus. Im Kampfe mit der Fremdherrschaft wurde die Staatseinheit dieser zerstreuten Gebiete und das Ansehen ihres Landesherrn begründet. Friedrich Wilhelm zerstörte die Barriere der Niederländer im deutschen Nordwesten, vertrieb ihre Truppen aus Cleve und Ostfriesland; er befreite Altpreußen von der polnischen Lehenshoheit und beugte den Königsberger Landtag unter seine Souveränität. Dann ruft er der tauben Nation sein Mahnwort zu: »Gedenke, daß du ein Deutscher bist!« und versucht die Schweden vom Reichsboden zu verdrängen. Zweimal gelang der Mißgunst Frankreichs und Österreichs, den Brandenburger um den Lohn seiner Siege, um die Herrschaft in Pommern zu betrügen; den Ruhm des Tages von Fehrbellin konnten sie ihm nicht rauben. Endlich wieder, nach langen Jahrzehnten der Schande, ein glänzender Triumph deutscher Waffen über die erste Kriegsmacht der Zeit; die Welt erfuhr, daß Deutschland wieder wage, sein Hausrecht zu wahren. Der Erbe der deutschen Kirchenpolitik Gustav Adolfs zersprengte den verwegenen Bau des skandinavischen Ostseereiches, den das Schwert jenes Schwedenkönigs zusammengefügt. Die beiden künstlichen Großmächte des siebzehnten Jahrhunderts, Schweden und Holland, begannen zurückzutreten in ihre natürlichen Schranken, und der neue Staat, der sich an ihrer Stelle erhob, zeigte weder die ausschweifende Eroberungslust der schwedischen Militärmacht noch den monopolsüchtigen Kaufmannsgeist der Niederländer. Er war deutsch, er begnügte sich, das Gebiet seiner Nation zu schirmen und vertrat gegen die Weltherrschaftspläne der Bourbonen den Gedanken des europäischen Gleichgewichts, der Staatenfreiheit. Als die Republik der Niederlande dem Angriff Ludwigs XIV. zu erliegen drohte, da fiel Brandenburg dem Eroberer in den erhobenen Arm; Friedrich Wilhelm führte den einzigen ernsthaften Krieg, den das Reich zur Wiedereroberung des Elsasses gewagt hat, und noch auf seinem Sterbebette entwarf er mit seinem oranischen Neffen den Plan, das evangelische und parlamentarische England zu retten vor der Willkür der Stuarts, der Vasallen Ludwigs. Überall, wo diese junge Macht allein stand, kämpfte sie siegreich, überall unglücklich, wo sie dem Wirrwarr des Reichsheeres sich anschließen mußte. So erwies sich die neue Staatsbildung schon in ihren Anfängen als eine europäische Notwendigkeit. Deutschland aber fand endlich wieder einen Mehrer des Reichs. Mit dem Aufsteigen Preußens begann die lange blutige Arbeit der Befreiung Deutschlands von fremder Herrschaft. Seit hundert Jahren von den Nachbarn beraubt, sah das Reich jetzt zum ersten Male das ausländische Regiment von einigen Schollen deutscher Erde zurückweichen. In diesem einen Staate erwachte wieder, noch halb bewußtlos, wie trunken vom langen Schlummer, der alte, herzhafte, vaterländische Stolz. Das treue Landvolk der Grafschaft Mark begann den kleinen Krieg gegen die Franzosen, die Bauern von Ostpreußen setzten in wilder Jagd den fliehenden Schweden nach. Wenn die Bauernlandwehr der Altmark, an den Elbdeichen Wache haltend wider die Schweden, auf ihre Fahnen schrieb: »wir sind Bauern von geringem Gut und dienen unserm gnädigsten Kurfürsten und Herrn mit Gut und Blut«, so klingt uns aus den ungelenken Worten schon derselbe Heldensinn entgegen, welcher dereinst in freieren Tagen Deutschlands Schlachten schlagen sollte unter dem Rufe: »Mit Gott für König und Vaterland!« Während die Hausmacht der Habsburger aus Deutschland hinaus wuchs, drängte ein stetig waltendes Schicksal den Staat der Hohenzollern tief und tiefer in das deutsche Leben hinein, zuweilen wider den Willen seiner Herrscher. (24-33.) Friedrich der Große und der deutsche Dualismus Nicht Friedrich hat den deutschen Dualismus geschaffen, wie Mit- und Nachwelt ihm vorwarf; der Dualismus bestand seit Karl V., und Friedrich war der erste, der ernstlich ihn zu vernichten versuchte. Sobald die Verständigung mit dem Wiener Hofe sich als unmöglich erwies, faßte der König den kühnen Gedanken, die Kaiserkrone für immer dem Hause Österreich zu entwinden und also das letzte Band zu zerreißen, das diese Dynastie noch an Deutschland kettete. Er näherte sich den bayrischen Wittelsbachern, dem einzigen unter den mächtigeren deutschen Fürstengeschlechtern, das gleich den Hohenzollern nur deutsche Lande beherrschte und gleich ihnen in Österreich seinen natürlichen Gegner sah; er begründete zuerst jenes Bündnis zwischen den beiden größten rein deutschen Staaten, das sich seitdem so oft, und immer zum Heile für das Vaterland erneuert hat. Der Kurfürst von Bayern empfing die kaiserliche Würde, und Friedrich hoffte diesem neuen Kaisertume, das er selber »mein Werk« nannte, an der Krone Böhmen einen festen Rückhalt zu sichern. Und alsbald erwachte in Berlin wie in München wieder jener rettende Gedanke der Säkularisation, der sich allezeit unabwendbar aufdrängte, sobald man die heilende Hand legte an den siechen Körper des Reichs. Es war im Werke, die Macht der größeren weltlichen Reichsstände, welche Friedrich als die allein lebensfähigen Glieder des Reichs erkannte, auf Kosten der theokratischen und republikanischen Territorien zu verstärken; eine rein weltliche Staatskunst schickte sich an, die politischen Ideen der Reformation zu verwirklichen. Einige geistliche Gebiete Oberdeutschlands sollten säkularisiert, auch mehrere Reichsstädte den benachbarten fürstlichen Gebieten zugeschlagen werden. Mit gutem Grunde klagte Österreich, wie schwer dies von Preußen geleitete bayrische Kaisertum den Adel und die Kirche zu schädigen drohe. Traten jene unfertigen Gedanken ins Leben, so war der deutsche Dualismus nahezu beseitigt, die Reichsverfassung, selbst wenn ihre Formen blieben, in ihrem Wesen umgestaltet; Deutschland wurde ein Bund weltlicher Fürsten unter Preußens beherrschendem Einfluß; die geistlichen Staaten, die Reichsstädte, der Schwarm der kleinen Grafen und Herren, des habsburgischen Rückhalts beraubt, verfielen dem Untergange, und das Trutzdeutschland im Herzen des Reichs, die Krone Böhmen, ward für die germanische Gesittung erobert. So konnte Deutschland aus eigener Kraft jene notwendige Revolution vollziehen, die ihm zwei Menschenalter später der Machtspruch des Auslandes schimpflich auferlegt hat. Aber das Haus Wittelsbach, ohnehin dem deutschen Leben entfremdet durch die erbliche Verbindung mit Frankreich wie durch die Härte katholischer Glaubenseinheit, erwies in großer Zeit eine klägliche Unfähigkeit; der Nation fehlte jedes Verständnis für die verheißungsvolle Gunst des Augenblicks. Auf einer Rundreise durch das Reich gewann der König einen so trostlosen Einblick in die Zwietracht, die Habgier, die sklavische Angst der kleinen Höfe, daß er für immer seine deutschen Hoffnungen herabzustimmen lernte; auch seine eigene Macht reichte noch nicht aus, den tapferen Widerstand der Königin von Ungarn gänzlich zu brechen. Der Zweite Schlesische Krieg endete trotz der Triumphe von Hohenfriedberg und Kesselsdorf mit der Wiederherstellung des österreichischen Kaisertums. Das Reich verblieb in seiner verfassungslosen Zerrüttung, Franz von Lothringen bestieg den Kaiserthron nach dem Tode Karls VII., und von neuem schloß sich der alte Bund zwischen Österreich und der katholischen Reichstagsmehrheit. Die Lösung des deutschen Dualismus war mißlungen; schroffer, feindseliger denn je zuvor gingen die Parteien im Reiche auseinander. Gleichwohl blieb dem Könige ein dauernder Gewinn gesichert: die Großmachtstellung Preußens. Er hatte Bayern vom Untergange gerettet, die Macht seines eigenen Landes um mehr als ein Drittel verstärkt, die lange Kette habsburgisch-wettinischer Gebiete, welche den preußischen Staat im Süden und Osten umschloß, mit einem kühnen Stoße zersprengt, das stolze Kaiserhaus zum ersten Male vor einem Reichsfürsten tief gedemütigt. Er dankte alle seine Siege allein der eigenen Kraft und trat den alten Mächten mit so festem Stolze entgegen, daß selbst Horatio Walpole gestehen mußte, dieser Preußenkönig halte jetzt die Wage des europäischen Gleichgewichts in seinen Händen. Sachsen, Bayern, Hannover, alle die Mittelstaaten, welche soeben noch mit der Krone Preußen gewetteifert, wurden durch die schlesischen Kriege für immer in die zweite Reihe zurückgeworfen, und hoch über den zahllosen kleinen Gegensätzen, die das Reich zerklüfteten, erhob sich die eine Frage: Preußen oder Österreich? Die Frage der deutschen Zukunft war gestellt. Der König blickte jetzt aus freier Höhe auf das Gewimmel der deutschen Reichsstände hernieder, gab auf beleidigende Zumutungen gern die spöttische Antwort, ob man ihn etwa für einen Herzog von Gotha oder für einen rheinischen Fürsten halte; er spielte bereits, den kleinen Nachbarn gegenüber, die Rolle des wohlmeinenden Gönners und Beschützers, die er in seinem Anti-Machiavell als die schönste Pflicht des Starken bezeichnet hatte, und schon sammelte sich am Reichstage eine kleine preußische Partei, die norddeutschen Höfe begannen ihre Prinzen im Heere des Königs dienen zu lassen. Unterdessen verwuchs die neue Erwerbung überraschend schnell mit der Monarchie; der Staat erprobte zum ersten Male auf einem weiten Gebiete jene starke Anziehungs- und Anbildungskraft, die er seitdem in deutschen und halbdeutschen Landen überall bewährt hat. Die frischen Kräfte der modernen Welt hielten ihren Einzug in die verwahrloste, unter ständischem und geistlichem Drucke darniedergehaltene Provinz; das monarchische Beamtentum verdrängte die Adelsherrschaft, das strenge Recht den Nepotismus, die Glaubensfreiheit den Gewissenszwang, das deutsche Schulwesen den tiefen Seelenschlaf pfäffischer Bildung; der träge knechtische Bauer lernte wieder auf ein Morgen zu hoffen, und sein König verbot ihm, den Beamten kniend den Rock zu küssen. Noch kein anderer Staat hatte in jenem Jahrhundert der Machtkämpfe seinem Wirken so vielseitige, so menschliche Aufgaben gestellt. Erst die friedliche Arbeit der Verwaltung gab der Eroberung Schlesiens die sittliche Rechtfertigung und führte den Beweis, daß jenes vielgescholtene Wagnis eine deutsche Tat gewesen. Das von unheimischen Gewalten schon halb überflutete herrliche Grenzland wurde durch das preußische Regiment dem deutschen Volkstum zurückgegeben. Schlesien war das einzige der deutsch-österreichischen Erblande, wo die Politik der Glaubenseinheit eines vollen Sieges sich nicht rühmen konnte. Mit unüberwindlicher Zähigkeit hatte der leichtlebig heitere deutsche Stamm in den Tälern des Riesengebirges den Bluttaten der Liechtensteinschen Dragoner wie den Überredungskünsten der Jesuiten widerstanden. Die Mehrzahl der Deutschen blieb dem protestantischen Bekenntnis treu. Gedrückt und mißachtet, aller Güter beraubt, fristete die evangelische Kirche ein ärmliches Leben; nur die Drohungen der Krone Schweden verschafften ihr zu den wenigen Gotteshäusern, die ihr geblieben, noch den Besitz einiger Gnadenkirchen. Die katholischen Polen Oberschlesiens und jene tschechischen Kolonisten, die der Kaiserhof zum Kampfe gegen die deutschen Ketzer ins Land gerufen, waren die Stützen der kaiserlichen Herrschaft. Beim Einmarsch des preußischen Heeres erhob das Deutschtum wieder froh sein Haupt; jubelnd erklang in den Gnadenkirchen das Lob des Herrn, der seinem Volke ein Hartes erzeigt hat und ihm jetzund endlich ein Panier aufsteckt. Der Protestantismus gewann unter dem Schutze der preußischen Glaubensfreiheit bald das Bewußtsein seiner geistigen Überlegenheit wieder, das Polentum verlor zusehends an Boden, und nach wenigen Jahrzehnten standen die preußischen Schlesier in Gedanken und Sitten ihren norddeutschen Nachbarn näher als den Schlesiern jenseits der Grenze. Die römische Kirche aber beließ der protestantische Sieger im Besitze fast des gesamten evangelischen Kirchenguts, und während England seine irischen Katholiken zwang, die anglikanische Staatskirche durch ihre Abgaben zu unterhalten, mußte in Schlesien der Protestant nach wie vor Steuern zahlen für die katholische Kirche. Erst die landesverräterischen Umtriebe des römischen Klerus während des Siebenjährigen Krieges nötigten den König zurückzukommen von diesem Übermaße der Schonung, das zu Ungerechtigkeit gegen die Evangelischen führte; doch auch dann noch blieb die katholische Kirche günstiger gestellt als in irgendeinem anderen protestantischen Staate. Das Aufblühen des schlesischen Landes unter dem preußischen Zepter zeigte genugsam, daß die neue Provinz ihren natürlichen Herrn gefunden hatte, daß die Entscheidung im deutschen Osten unabänderlich gefallen war. Doch unbeirrt hielt der Wiener Hof die Hoffnung fest, die erlittene Schmach zu rächen und den Eroberer Schlesiens wieder in den bunten Haufen der deutschen Reichsstände hinabzustoßen, gleich allen den anderen Vorwitzigen, die sich früherhin der Empörung gegen die alte Kaisermacht erdreistet hatten. Auch König Friedlich wußte, daß der letzte entscheidende Waffengang noch bevorstand. Er versuchte einmal während der kurzen Friedensjahre, den Sohn Maria Theresias von der Kaiserwürde auszuschließen, für die Zukunft mindestens das Reich von dem Hause Österreich zu trennen; der Plan scheiterte an dem Widerspruche der katholischen Höfe. Der unversöhnliche Gegensatz der beiden führenden Mächte Deutschlands bestimmte auf lange hinaus den Gang der europäischen Politik, entzog dem heiligen Reiche die letzte Lebenskraft. Die Nation sah in banger Ahnung einen neuen Dreißigjährigen Krieg heraufziehen, was in der stillen Arbeit schwerer Jahrzehnte langsam gereift war, erschien dem nächsten Menschenalter nur als ein wundersamer Zufall, als das glückliche Abenteuer eines genialen Kopfes. Ganz einsam steht in dem diplomatischen Briefwechsel des Zeitraums jenes Seherwort des Dänen Bernstorff, der im Jahre 1759 traurig an Choiseul schrieb: »Alles, was Sie heute unternehmen, um zu verhindern, daß sich in der Mitte Deutschlands eine ganz kriegerische Monarchie erhebe, deren eiserner Arm bald die kleinen Fürsten zermalmen wird – das alles ist verlorene Arbeit!« Alle Nachbarmächte im Osten und im Westen grollten dem Glücklichen, der aus den Wirren des österreichischen Erbfolgekrieges allein den Siegespreis davongetragen, und wahrlich nicht nur der persönliche Haß mächtiger Frauen wob an dem Netze der großen Verschwörung, das sich über Friedrichs Haupte zusammenzuziehen drohte. Europa fühlte, daß die altüberlieferte Gestalt der Staatengesellschaft ins Wanken kam, sobald die sieghafte Großmacht in der Mitte des Festlandes sich befestigte. Der Römische Stuhl sah mit Sorgen, wie die verhaßte Heimat der Ketzerei ihren eigenen Willen wiederfand; nur durch Roms Mithilfe ist es gelungen, daß die alten Feinde, die beiden katholischen Großmächte Österreich und Frankreich, zum Kampfe gegen Preußen sich vereinten. Es galt, die Ohnmacht Deutschlands zu verewigen. Durch einen verwegenen Angriff rettete der König seine Krone vor dem sicheren Verderben, und als er nun durch sieben entsetzliche Jahre seinen deutschen Staat am Rhein und Pregel, an der Peene und den Riesenbergen gegen fremde und halbfremde Heere verteidigt hatte und im Frieden den Bestand seiner Macht bis auf das letzte Dorf behauptete, da schien Preußen wieder an derselben Stelle zu stehen wie beim Beginn des mörderischen Kampfes. Kein Fußbreit deutscher Erde war ihm gewonnen, das halbe Land lag verwüstet, die reiche Friedensarbeit dreier Geschlechter war nahezu vernichtet, die unglückliche Neumark begann die Arbeit der Kultur zum vierten Male von vorn. Der König selber konnte niemals ohne Bitterkeit jener schrecklichen Tage gedenken, da das Unglück alle Pein, die ein Mann ertragen mag, bis über das Maß des Menschlichen hinaus, auf seine Schultern häufte; was er damals gelitten, erschien ihm wie die sinnlos boshafte Laune eines tückischen Schicksals, wie ein Trauerspiel ohne Gerechtigkeit und Abschluß. Dennoch lag ein ungeheurer Erfolg in dem Ergebnis des scheinbar so unfruchtbaren Kampfes: die neue Ordnung der deutschen Dinge, die mit der Begründung der preußischen Macht begonnen, hatte sich in der denkbar schwersten Prüfung als eine unwiderrufliche Notwendigkeit erwiesen. Hundert Jahre zuvor vermochte Deutschland nur durch die Kämpfe eines vollen Menschenalters sich der habsburgischen Herrschaft zu erwehren und mußte dann ausländischen Bundesgenossen schmählichen Helferlohn zahlen; jetzt genügten den ärmsten Gebieten des Reichs sieben Jahre, um den Ansturm einer Welt in Waffen abzuschlagen, und deutsche Kraft allein entschied den Sieg, denn die einzige fremde Macht, die dem Könige zur Seite stand, gab ihn treulos preis. Deutschlands Stern war wieder im Aufsteigen; es galt den Deutschen, was in allen Kirchen Preußens frohlockend gebetet ward: »Sie haben mich oft bedränget von meiner Jugend auf, aber sie haben mich nicht übermocht.« Beim Beginne des zweiten Feldzugs hat Friedrich die stolze Hoffnung gehegt, die Schlacht von Pharsalus gegen das Haus Österreich zu schlagen und vor den Mauern Wiens den Frieden zu diktieren, wie denn diese reiche Zeit überall die ersten Keime der großen Neubildungen einer fernen Zukunft erkennen läßt und auch ein Bund Preußens mit Österreichs anderm Nebenbuhler, mit Piemont, schon versucht wurde. Dann warf die Schlacht von Kollin den König in die Verteidigung zurück, er kämpfte nur noch für das Dasein seines Staates. Was er versuchte, um einen Gegenreichstag zu berufen, eine norddeutsche Union der kaiserlichen Liga entgegenzustellen, ward zunichte an der unbesieglichen Eifersucht der kleinen Höfe und vornehmlich an dem hochmütigen Widerwillen des welfischen Bundesgenossen. Für die Beseitigung des deutschen Dualismus, für einen Neubau des Reichs war die Stunde noch immer nicht gekommen; aber durch die furchtbare Wahrhaftigkeit dieses Krieges wurden die verlebten alten Formen des deutschen Gemeinwesens sittlich vernichtet, der letzte Schleier hinweggerissen von der großen Lüge des Heiligen Reichs. So hirnlos hatte noch nie ein Kaiser an dem Vaterlande gefrevelt, wie dieser lothringische Mehrer des Reichs, der alle Tore Deutschlands den fremden Plünderern auftat, die Niederlande den Bourbonen, die Ostmarken den Moskowitern preisgab. Und derweil der Kaiser seinen Eid mit Füßen trat, seinem Hause jedes Anrecht auf die deutsche Krone verwirkte, spielte zu Regensburg die freche Posse des reichs-rechtlichen Strafverfahrens. Der Reichstag rief dem Eroberer Schlesiens sein »darnach hat Er, Kurfürst, Sich zu richten« zu, der brandenburgische Gesandte warf den Boten der erlauchten Versammlung die Treppe hinunter, die e(i)lende Reichsarmee sammelte sich unter den Fahnen des bourbonischen Reichsfeindes, um sofort vor Seydlitz' Reitergeschwadern wie Spreu im Winde zu zerstieben. Die deutsche Nation aber feierte mit hellem Jubel den Sieger von Roßbach, den Rebellen gegen Kaiser und Reich. Mit diesem wüsten Satirspiele ging die große Tragödie der Reichsgeschichte in Wahrheit zu Ende; was noch übrigblieb von dem alten deutschen Gemeinwesen, bewahrte kaum noch den Schein des Lebens. Der Sieger aber, der im Donner der Schlachten die alten theokratischen Formen über den Haufen warf, war der Schirmherr des Protestantismus. Wie verblaßt auch die kirchlichen Gegensätze dem Zeitalter der Aufklärung erschienen, Friedrich erkannte doch, daß der Bestand des Westfälischen Friedens, die Parität der Glaubensbekenntnisse im Reiche unhaltbar wurde, sobald die beiden katholischen Großmächte triumphierten; die gemeinsame protestantische Sache bot ihm die einzige Handhabe, um die zagenden kleinen Fürsten in den Kampf gegen Österreich zu drängen. Wachsam folgte sein Auge den geheimen Umtrieben der »prêtraille« an den protestantischen Höfen; sein Machtwort schützte die Freiheit der evangelischen Kirche in Württemberg und Hessen, als dort die Thronfolger zum römischen Bekenntnis übertraten. Und noch klarer als er selber erkannten seine kleinen norddeutschen Bundesgenossen die religiöse Bedeutung des Krieges: in den Briefen des hessischen Ministers F. A. von Hardenberg heißen die Verbündeten Preußens stets kurzweg »die evangelischen Stände«, und das treue Festhalten an der preußischen Partei wird als das natürliche System aller protestantischen Staaten des Reichs gepriesen. Unter den Klängen lutherischer Kirchenlieder zog der preußische Grenadier zur Schlacht, die evangelischen Soldaten des schwäbischen Kreises liefen fluchend auseinander, weil sie nicht gegen ihre Glaubensgenossen fechten wollten; in den Konventikeln der englischen Dissenters beteten gottselige Prediger für den Makkabäer des Evangeliums, den Freigeist Friedrich. Der Papst aber beschenkte den Feldmarschall der Kaiserin mit geweihtem Hut und Degen, und jede neue Siegesbotschaft aus dem preußischen Lager rief im Vatikan einen Sturm des Unwillens und der Angst hervor, wie zerfahren und zerfallen hatte hundertundzwanzig Jahre zuvor die protestantische Welt zu den Füßen Roms gelegen, als die Fahnen der Wallensteiner am Ostseestrande wehten und die Stuarts das Parlament ihrer römischen Königskunst zu unterwerfen trachteten. Jetzt gab eine protestantische Großmacht dem Heiligen Reiche den Gnadenstoß, und durch die Schlachten am Ohio und am Ganges wurde für alle Zukunft entschieden, daß die Herrschaft über das Weltmeer und die Kolonien den protestantischen Germanen gehörte. Der Kampf um Preußens Dasein war der erste europäische Krieg; er schuf die Einheit der neuen Staatengesellschaft und gab ihr die aristokratische Form der Pentarchie. Als die neue mitteleuropäische Großmacht sich die Anerkennung der Nachbarmächte erzwang, da verschmolzen die beiden alten Staatensysteme des Ostens und des Westens zu einer einzigen unzertrennlichen Gemeinschaft, und zugleich sank das Ansehen der mindermächtigen Staaten, welche früherhin zuweilen durch ihren Zutritt zu einer Koalition den Ausschlag in einem großen Kriege gegeben hatten, doch jetzt den schweren Anforderungen der neuen großartigen Kriegsweise nicht mehr genügen konnten; die Staaten zweiten Ranges beschieden sich fortan, die Leitung der europäischen Dinge den großen Kriegs- und Seemächten zu überlassen. Unter diesen fünf führenden Mächten aber waren zwei protestantisch, eine schismatisch, die Rückkehr Europas unter die Herrschaft des gekrönten Priesters blieb nunmehr undenkbar. Die Befestigung der protestantisch-deutschen Großmacht war die schwerste Niederlage, welche der Römische Stuhl seit dem Auftreten Martin Luthers erlitten; König Friedrich hat wirklich, wie der englische Gesandte Mitchell von ihm sagte, für die Freiheit des Menschengeschlechts gefochten. In der Schule der Leiden und der Kämpfe erwuchs dem Volke Preußens eine lebendige Staatsgesinnung; sie berechtigte den König von seiner nation prusienne zu reden. Ein Preuße zu sein, war vordem eine schwere Pflicht, jetzt ward es eine Ehre. Der Gedanke des Staates, des Vaterlandes drang erregend und stärkend in Millionen Herzen; auch die gedrückte Seele des kleinen Mannes spürte einen Hauch von dem antiken Bürgersinne, der aus den schlichten Worten des Königs sprach: »Es ist nicht nötig, daß ich lebe, wohl aber, daß ich meine Pflicht tue und für mein Vaterland kämpfe.« Überall in Preußen regten sich unter den steifen Formen des absoluten Königtums der Opfermut und die große Leidenschaft des Volkskrieges. Das Heer, das Friedrichs letzte Schlachten schlug, war national; die Werbungen im Auslande verboten sich selber in der Not der Zeit. Die Stände der Marken rüsteten freiwillig jene Regimenter aus, welche die Festungen Magdeburg, Stettin und Küstrin dem Staate retteten, die pommerschen Seeleute traten zusammen, um mit ihrer kleinen Flotte die Odermündungen gegen die Schweden zu halten. Sechs Jahre lang empfingen die blutarmen Beamten kein Gehalt und versahen ruhig ihren Dienst, als verstünde sich's von selber, wetteifernd taten alle Provinzen ihre verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, wie die neue Redensart der Preußen lautete: von den tapferen Bauern der rheinischen Grafschaft Mörs bis hinüber zu den unglücklichen Ostpreußen, die dem russischen Eroberer ihren zähen stillen Widerstand entgegenstemmten und sich in ihrer festen Treue gar nicht stören ließen, als der unerbittliche König sie des Abfalls zieh und mit Beweisen der Ungnade überhäufte. Die völkerbildende Macht des Krieges erweckte in diesen norddeutschen Stämmen zuerst wieder jenen schroffen Stolz, der einst die Romfahrer und die Slawenbesieger unseres Mittelalters beseelte; das kecke Selbstgefühl der Preußen stach seltsam ab von der harmlos gemütlichen Bescheidenheit der anderen Deutschen, voll Zuversicht widerlegt Graf Hertzberg die Lehre Montesquieus von der republikanischen Tugend: wo sei denn je in Republiken eine festere Bürgertugend gediehen, als hier unter dem stählenden nordischen Himmel, bei den Nachkommen jener heroischen Nationen, der Goten und Vandalen, die einst das Römerreich in Trümmer schlugen? Derselbe Sinn lebt in den Massen des Volks; er verrät sich bald in dreister Prahlerei, in den tausend landläufigen Spottgeschichten von kaiserlicher Dummheit und preußischer Husarenlist, bald in rührenden Zügen gewissenhafter Treue. Der junge Seemann Joachim Nettelbeck kommt nach Danzig und wird gedungen, den König von Polen über den Hafen zu rudern; man setzt ihm einen Hut auf mit dem Namenszuge König Augusts; er sträubt sich lange, denn das fremde Hoheitszeichen zu tragen, scheint ihm ein Verrat an seinem Preußenkönig; endlich muß er sich fügen, doch der verdiente Dukaten brennt ihm in der Hand, und sobald er nach Pommern heimkehrt, schenkt er das Sündengeld dem ersten preußischen Invaliden, der ihm in den Weg kommt. So reizbar ward jetzt der politische Stolz in diesem Volke, das vor wenigen Jahrzehnten noch in der Armseligkeit seiner häuslichen Sorgen verkam. Es ließ sich doch nicht vergessen, daß zu den zwei großen Kriegsfürsten der Geschichte, zu Cäsar und Alexander, sich nunmehr ein Preuße als dritter gesellte. Im Gemüte des norddeutschen Volks liegt dicht neben der festen Ausdauer ein Zug übermütigen Leichtsinns, der mit der Gefahr vermessen zu spielen liebt, und dies ihr eigenes Wesen fanden die Preußen in dem Feldherrn Friedrich zu genialer Mächtigkeit gesteigert wieder: wie er, nach harter Lehrzeit rasch zum Meister gereift, die behutsamen Regeln der schwerfälligen alten Kriegskunst zur Seite warf und selber dem Feinde »das Gesetz des Krieges diktierte«, stets bereit, die Entscheidung in freier Feldschlacht zu suchen; wie er die kühnste der Waffen, die Reiterei, wieder zu der Stellung erhob, die ihr im großen Kriege gebührt; wie er nach jedem Siege und nach jeder seiner drei Niederlagen immer von neuem »das stolze Vorrecht der Initiative« behauptete. Der Erfolg lehrte, wie glücklich der König und sein Volk einander verstanden. Ein dichter Kreis von Helden scharte sich um den Feldherrn und verbreitete bis in die untersten Schichten des Heeres die frohe Wagelust, jenen Geist der Offensive, der in allen ihren großen Zeiten die Stärke der preußischen Armee geblieben ist; aus märkischen Junkern und pommerschen Bauernburschen erzog sich Friedrich die gefürchteten Regimenter Ansbach-Bayreuth-Dragoner und Zietenhusaren, die im tollen Dahinjagen und schneidigen Einhauen bald die wilden Reitervölker Ungarns übertrafen. Mit Stolz sprach der König aus, für solche Soldaten gebe es kein Wagnis: »Ein General, der in andern Heeren für tollkühn gelten würde, tut bei uns nur seine Pflicht.« Die zwölf Feldzüge der friderizianischen Zeit haben dem kriegerischen Geiste des preußischen Volkes und Heeres für immer seine Eigenart gegeben; noch heute verfällt der Norddeutsche, wenn auf den Krieg die Rede kommt, unwillkürlich in die Ausdruckweise jener heroischen Tage und spricht wie Friedrich von brillanten Kampagnen und fulminanten Attacken. Die gutherzige Gemütlichkeit der Deutschen außerhalb Preußens bedurfte langer Zeit, um das Grauen zu überwinden vor dem harten Realismus dieser friderizianischen Politik, die ihre Gegner so ungroßmütig immer angriff, wenn es ihnen am wenigsten willkommen war. Aber als das große Jahr 1757 über das deutsche Land dahinbrauste, siegreicher Angriff und schwere Niederlage, neue verwegene Erhebung und neue strahlende Siege in sinnverwirrender Hast sich drängten und aus der wilden Flucht der Ereignisse immer gleich groß und beherrschend das Bild des Königs heraustrat, da fühlte sich das Volk in Herz und Nieren gepackt und erschüttert von dem Anblick echter Menschengröße. Die verwitterte und verknöcherte Gestalt des Alten Fritz, wie der Hammerschlag des unerbittlichen Schicksals sie zurecht geschmiedet, übte ihren dämonischen Zauber auf unzählige treue Gemüter, die zu der glänzenden Erscheinung des jugendlichen Helden von Hohenfriedberg nur mit befangener Scheu emporgeblickt hatten. Die Deutschen waren, wie Goethe von seinen Frankfurtern sagt, fritzisch gesinnt – »denn was ging uns Preußen an?« – und lauschten mit verhaltenem Atem, wie der unzähmbare Mann jahraus, jahrein, sich des Verderbens erwehrte. Jener überwältigende Einmut ungeteilter Liebe und Freude, der die Geschichte glücklicher Völker zuweilen mit goldenem Lichte verklärt, blieb freilich dem zerrissenen Deutschland auch jetzt noch versagt. Wie Luther und Gustav Adolf, die beiden einzigen Helden vordem, deren Bild sich den Massen unseres Volkes unvergeßlich ins Herz prägte, so ward auch Friedrich in den Krummstabslanden am Rhein und Main als der große Feind gefürchtet. Doch die ungeheure Mehrheit des protestantischen, auch weite Kreise des katholischen Volks, und vor allem sämtliche Wortführer der jungen Wissenschaft und Dichtung folgten ihm mit warmer Teilnahme; man haschte nach seinen Witzworten, erzählte Wunder über Wunder von seinen Grenadieren und Husaren. Dem verschüchterten Geschlechte ward die Seele weit bei dem Gedanken, daß der erste Mann des Jahrhunderts unser war, daß der Ruhm des großen Königs bis nach Marokko und Amerika drang. Noch wußten wenige, daß in dem preußischen Schlachtenruhme nur die uralte Waffenherrlichkeit der deutschen Nation wieder zutage kam; selbst Lessing spricht von den Preußen zuweilen wie von einem halb fremden Volke und meint verwundert, denen sei der Heldenmut so angeboren wie den Spartanern. Nach und nach begannen doch selbst die Massen zu fühlen, daß Friedrich für Deutschland focht. Die Schlacht von Roßbach, die bataille en douceur , wie er sie spottend nennt, ward der folgenreichste seiner Siege für unser nationales Leben. Wenn in diesem Volke von Privatmenschen noch irgendeine politische Leidenschaft lebte, so war es die stille Erbitterung gegen den französischen Hochmut, der, so oft vom deutschen Schwerte gezüchtigt, zuletzt doch immer das Feld behauptet hatte und jetzt wieder die rheinischen Lande mit Blut und Trümmern bedeckte. Nun traf ihn Friedrichs guter Degen und stürzte ihn in einen Pfuhl der Schande; ein lautes Frohlocken ging durch alle deutschen Gaue, und der Schwabe Schubart rief: »Da griff ich ungestüm die goldne Harfe, darein zu stürmen Friedrichs Lob.« Damals zuerst überkam die Deutschen im Reiche wieder ein Gefühl, das dem Nationalstolze ähnlich sah, und sie sangen mit dem alten Gleim: »Laßt uns Deutsche sein und bleiben!« Die von den deutschen Schlachtfeldern heimkehrenden französischen Offiziere verkündeten in Paris selber unbefangen das Lob des Siegers von Roßbach, da ihr Stolz noch gar nicht für möglich hielt, daß dies kleine Preußen die Macht Frankreichs jemals ernstlich bedrohen könnte; im deutschen Lustspiel aber erhielt der einst gefürchtete Franzose jetzt zuweilen die Rollen der komischen Person und des windigen Abenteurers. Ein politisches Verständnis für das Wesen des preußischen Staates ging der Nation freilich auch jetzt noch nicht auf; dies gelehrte Volk lebte in einer wunderbaren Unwissenheit über die entscheidenden Tatsachen seiner neuen Geschichte wie über die Institutionen seiner mächtigsten Staatsbildung. Wenn die Siege Friedrichs den alten Haß gegen Preußen etwas beschwichtigt hatten, so pries sich doch selbst in den protestantischen Reichslanden jeder Bürgersmann glücklich, daß er kein Preuße war. Die geschäftigen Erdichtungen der österreichischen Partei fanden überall willige Hörer: »Diese freien Leute«, schrieb Friedrich Nicolai um das Jahr 1780 aus Schwaben, »sehen auf uns arme Brandenburger wie auf Sklaven herab.« Nur auf starke und hochstrebende Naturen wirkte die Anziehungskraft des mächtigen Staates. Seit den friderizianischen Tagen begann eine stattliche Schar junger Talente aus dem Reiche in preußische Dienste einzutreten; die einen trieb die Bewunderung für den König, andere die Sehnsucht nach reicher Tätigkeit, mancher ahnte auch dunkel die Bestimmung dieser Krone. Die Monarchie war jetzt der Engherzigkeit des territorialen Lebens völlig entwachsen, nahm alle gesunden Kräfte aus dem Reiche willig auf und fand in den Kreisen der Einwanderer viele ihrer treuesten und fähigsten Diener, auch ihren Retter, den Freiherrn Karl vom Stein. Mit den Hubertusburger Verträgen brachen für den deutschen Norden vier Jahrzehnte tiefer Ruhe an: jene reich gesegnete Friedenszeit, deren der alte Goethe späterhin so oft mit dankbarer Rührung gedachte. Damals begann die alte Überlieferung von Preußens Armut zur Fabel zu werden. Das soziale Leben, vornehmlich in der Hauptstadt, gewann reichere und freiere Formen, der Volkswohlstand nahm einen überraschenden Aufschwung, die deutsche Dichtung trat in ihre großen Jahre. Der Krieg hatte die Lage des Reiches zugleich vereinfacht und erschwert, von der alten Ordnung war nichts mehr lebendig als der ungelöste Gegensatz der beiden Großmächte. Das Vorgefühl einer schweren Entscheidung ging durch die deutsche Welt; die kleinen Höfe berieten in geschäftigen Verhandlungen, wie sie durch einen Bund der Mindermächtigen sich decken sollten, falls ein neuer Zusammenstoß »der beiden Kolosse Deutschlands« sie zu zermalmen drohe. König Friedrich aber, gründlich belehrt über die unendliche Macht der Trägheit in diesem alten Reiche, beschied sich die erschöpften Kräfte seines eigenen Staates von neuem zu sammeln; seine deutsche Politik zielte fortan nur dahin, jedes Einwirken fremder Mächte vom Reiche fern und dem Einfluß Österreichs das Gleichgewicht zu halten. (54-65.) Die Politik des Föderalismus war im Reiche seit zweihundert Jahren nicht über halbe Anläufe hinausgekommen; nun da sie sich auf die Macht des preußischen Staates stützte, errang sie plötzlich einen großen Erfolg. Die Erinnerung an die Zeiten Maximilians I. und die Reformversuche Kurfürst Bertholds tauchte wieder auf. Der Fürstenbund war geschlossen, um das alte reichsständisch-theokratische Deutschland aufrechtzuhalten. Doch wenn er dauerte, wenn Preußen seine Führerstellung an der Spitze der großen Reichsstände behauptete, so mußten die alten Formen des Reichsrechtes ihren Sinn verlieren; es eröffnete sich die Aussicht, das österreichische System in seinen Grundlagen zu erschüttern, wie Graf Hertzberg freudig ausrief, die Erzherzöge von den großen deutschen Stiftern auszuschließen, bei der nächsten Wahl die Kaiserkrone auf ein anderes Haus zu übertragen und die Leitung des Reichs in die Hände der mächtigsten Stände zu legen. Der junge Karl August von Weimar schlug bereits vor, jene alten Privilegien, welche dem Hause Österreich seine Sonderstellung sicherten, einer Prüfung von Reichs wegen zu unterwerfen. Fast schien es, als sollte das große Rätsel der deutschen Zukunft in Frieden gelöst werden. Aber der Fürstenbund konnte nicht dauern; und am wenigsten der nüchterne Sinn des alten Königs hat sich diese bittere Wahrheit verborgen. Nur eine Verkettung zufälliger Umstände, nur der Abfall Kaiser Josephs von den altbewährten Überlieferungen der österreichischen Staatskunst hatte die kleinen Fürsten in Friedrichs Arme hinübergescheucht; ihr Vertrauen zu Preußen reichte nicht weiter als ihre Angst vor Österreich. Mit äußerstem Widerstreben fügte sich Kursachsen der Führung des jüngeren und minder vornehmen Hauses Brandenburg, kaum weniger mißtrauisch zeigte sich Hannover; selbst die ergebensten und schwächsten der verbündeten Stände, Weimar und Dessau, berieten insgeheim, so erzählt uns Goethe, wie man sich decken könne gegen die Herrschsucht des preußischen Beschützers. Sobald die Hofburg ihre begehrlichen Pläne fallen ließ, mußte sich auch die alte natürliche Parteibildung wiederherstellen; die geistlichen Fürsten, die jetzt in Berlin Hilfe suchten, konnten in dem protestantischen Preußen nur den geschworenen Feind ihrer Herrschaft sehen, weil Friedrich dies wußte, weil er mit seinem durchbohrenden Blicke den getreuen Bundesgenossen bis in Mark und Nieren schaute, darum ließ er auch durch den Erfolg des Tages sich nicht darüber täuschen, daß dieser neue Schmalkaldische Bund nur ein Notbehelf war, nur ein Mittel zur Wahrung des augenblicklichen Gleichgewichts. Karl August entwarf in großherziger Schwärmerei kühne Pläne für den Ausbau der neuen Reichsassoziation, er dachte an einen Zollverband, an Militärkonventionen, an ein deutsches Gesetzbuch; Johannes Müller verherrlichte den Fürstenbund in schwülstigen Pamphleten, Schubart in schwungvollen lyrischen Ergüssen, und Dohm gelangte in einer geistreichen Flugschrift zu dem Schlusse: »Deutsches und preußisches Interesse können sich nie im Wege stehen.« Den überlegenen Verstand des greisen Königs berührten solche Träume nicht; er wußte, daß nur ein ungeheurer Krieg die Herrschaft Österreichs im Reiche brechen konnte; ihm genügte, sie in den Schranken des Rechts zu halten, da er des Friedens für sein Land bedurfte. Für eine ernstliche Reform des Reiches fehlten noch immer alle Vorbedingungen, es fehlte vor allem der Wille der Nation. Über das alte Wahngebilde der deutschen Freiheit kamen auch die reichspatriotischen Verteidiger des Fürstenbundes nicht hinaus. Die josephinische Politik, so versichert Hertzberg beweglich, drohe die Kräfte Deutschlands zu einer Masse zusammenzuballen, das freie Europa einer Universalmonarchie zu unterwerfen; und in Dohms Augen erscheint es als eine preiswürdige Aufgabe des neuen Bundes, die Westgrenzen Österreichs offen zu halten, damit Frankreich jederzeit zugunsten deutscher Freiheit einschreiten könne. Das Volk empfand dunkel, daß das Bestehende nicht wert sei zu bestehen; in Schubarts Schriften werden die kleinen schwäbischen Territorien oft geschildert als ein offener Taubenschlag, der dem fürstlichen Marder dicht vor den Klauen liege. Doch alle solche Einfälle und Ahnungen wurden darniedergehalten von einem Gefühle hoffnungsloser Entsagung, das die kräftigere Gegenwart kaum noch versteht; den Deutschen war zumute, als ob eine unerforschlich geheimnisvolle Schicksalsmacht dies Volk verdammt hätte, für alle Ewigkeit in einem widersinnigen Zustande zu verharren, der jedes Recht des Daseins längst verloren. Als der Große König schied, da hinterließ er zwar ein Geschlecht, das froher und stolzer in die Welt blickte denn die Väter, und gewaltig hatte sich die Macht des Staates gehoben, der vielleicht dereinst einen neuen Tag über Deutschland heraufführen konnte. Doch die Frage: durch welche Mittel und Wege eine lebensfähige Ordnung für das deutsche Gemeinwesen zu schaffen sei? – erschien bei Friedrichs Tode fast noch ebenso rätselhaft wie bei seiner Thronbesteigung; ja sie wurde von der ungeheuren Mehrzahl der Deutschen nicht einmal ernstlich aufgeworfen. Noch bestanden kaum die ersten Anfänge einer Parteibildung in der Nation; nur ein Wunder des Himmels schien der Ratlosen Hilfe bringen zu können. Die entsetzliche Verschrobenheit aller Verhältnisse erhellt mit unheimlicher Klarheit aus der einen Tatsache, daß der Held, der einst mit seinem guten Schwerte die Nichtigkeit der Institutionen des Reichs erwiesen hatte, nun damit enden mußte, diese entgeisteten Formen selber gegen das Reichsoberhaupt zu verteidigen. Wenn Friedrich die Entscheidung der deutschen Verfassungsfrage nur vorbereiten, nicht vollenden konnte, so hat er dagegen auf die innere Politik der deutschen Territorien tief und nachhaltig eingewirkt und unser Volk zu einer edleren Staatsgesinnung, einer würdigeren Ansicht vom Wesen des Staates erzogen. Er stand am Ende der großen Tage der unbeschränkten Monarchie und erschien gleichwohl den Zeitgenossen als der Vertreter eines neuen Staatsgedankens, des aufgeklärten Despotismus. Nur der Genius besitzt die Kraft der Propaganda, vermag die widerstrebende Welt um das Banner neuer Gedanken zu scharen. Wie die Ideen der Revolution erst durch Napoleon wirksam verbreitet wurden, so ist auch jene ernste Auffassung der Pflichten des Königtums, die seit dem Großen Kurfürsten auf dem preußischen Throne herrschte, erst durch Friedrich in das Bewußtsein der Menschen übergegangen. Erst seit den blendenden Erfolgen der schlesischen Kriege wendeten sich die Blicke der Welt, die bisher an der Hofpracht von Versailles bewundernd gehangen, nachdenklich auf die prunklose Krone der Hohenzollern. Im Kriege und in der auswärtigen Politik zeigte der König die unvergleichliche schöpferische Macht seines Geistes; in der inneren Verwaltung war er der Sohn seines Vaters. Er hat die überlieferten Formen des Staates durch die Kraft des Genius belebt, das Unfertige in freiem und großem Sinne weitergebildet; einen Neubau unternahm er nicht. Doch er wußte den Gedanken des politischen Königtums, den sein Vater als ein handfester Praktiker verwirklicht hatte, mit der Bildung des Jahrhunderts in Einklang zu bringen; unablässig gab er sich und andern Rechenschaft von seinem Tun. Schon als Kronprinz errang er sich einen Platz unter den politischen Denkern des Zeitalters; sein Anti-Machillvell bleibt, bei allen Schwächen jugendlicher Unreife, doch das Beste und Tiefste, was jemals über die Pflichten des fürstlichen Amts in der absoluten Monarchie gesagt wurde. Nachher, in den ersten Jahren des Siegerglückes, schrieb er den Fürstenspiegel für den jungen Herzog von Württemberg; doch mächtiger denn alle Lehren sprachen seine Taten, da er in den Tagen der Prüfung seine Worte bewährte und der Welt zeigte, was es heiße »als König denken, leben, sterben«. Zuletzt ward ihm noch jene Schicksalsgunst, deren auch der Genius bedarf, wenn er einem ganzen Zeitalter den Stempel seines Geistes aufprägen soll: das Glück, in einem reichen Alter sich völlig auszuleben. Er war jetzt der Nestor, der anerkannt erste Mann des europäischen Fürstenstandes; sein Ruhm hob den Glanz aller Throne, aus seinen Worten und Werken lernten die Könige groß zu denken von ihrem Berufe. Die althergebrachte Vorstellung des Kleinfürstentums, daß Land und Leute dem durchlauchtigen Fürstenhause zu eigen gehörten, verlor an Boden, seit dieser König trocken aussprach: »Der Fürst hat keinen näheren Verwandten als seinen Staat, dessen Interessen immer den Banden des Blutes voranstehen müssen.« Die dynastische Selbstüberhebung der Bourbonen erschien in ihrer Nichtigkeit, seit er bei seiner Thronbesteigung den leichten Genüssen des Lebens den Rücken wandte mit den Worten »mein einziger Gott ist meine Pflicht« und nun durch ein halbes Jahrhundert mit allen Kräften seiner Seele diesem einen Gott diente und auf jeden Dank seines Volkes immer nur die gelassene Antwort gab: »Dafür bin ich da.« So weltlich unbefangen hatte noch nie ein gekröntes Haupt von der fürstlichen Würde geredet wie dieser Selbstherrscher, der unbedenklich die Berechtigung der Republik wie des parlamentarischen Königtums anerkannte und die Größe der absoluten Monarchie allein in der Schwere ihrer Pflichten suchte: »Der Fürst soll Kopf und Herz des Staates sein, er ist das Oberhaupt der bürgerlichen Religion seines Landes.« An Friedrichs Beispiel und an den menschenfreundlichen Gedanken der neuen Aufklärung bildete sich das heranwachsende Geschlecht des hohen Adels. Auf die kleinen Sultane, die zur Zeit Friedrich Wilhelms I. gehaust, folgte jetzt eine lange Reihe wohlmeinender pflichtgetreuer Landesväter, wie Karl Friedrich von Baden, Friedrich Christian von Sachsen. Schon geschah es häufiger, daß die Prinzen nach preußischer Weise eine militärische Erziehung erhielten; kirchliche Duldsamkeit, Förderung des Wohlstandes und der Schulen galten als Fürstenpflicht; einzelne Kleinstaaten, wie Braunschweig, gewährten der Presse noch größere Freiheit als Preußen selber. Selbst in einigen geistlichen Gebieten trat eine Wendung zum Besseren ein, das Münsterland pries die milde und sorgsame Verwaltung seines Fürstenberg. Nicht überall freilich und nicht mit einem Schlage konnten die tief eingewurzelten Sünden des kleinfürstlichen Despotismus verschwinden; die alte Unsitte des Soldatenhandels erreichte eben jetzt, während des amerikanischen Krieges, den Gipfelpunkt ihrer Ruchlosigkeit und zeigte, wessen das deutsche Kleinfürstentum fähig war. Das friderizianische System der Völkerbeglückung von oben führte in der Enge der Kleinstaaten oft zu leerer Spielerei oder zu erdrückender Bevormundung. Der badische Markgraf nannte seine Hofkammer kurzweg »die natürliche Vormünderin unserer Untertanen«; mancher wohldenkende kleine Herr mißhandelte sein Ländchen durch das neumodische physiokratische Steuersystem, durch allerhand unreife philanthropische Experimente, und das Fürstlich Öttingen-Öttingensche Landesdirektorium mußte dem wißbegierigen Landesherrn über »Namen, Gattung, Gebrauch und äußerliche Gestalt« sämtlicher in fürstlichen Landen befindlichen Hunde genauen Bericht erstatten nebst beigefügtem ohnmaßgeblichen alleruntertänigsten Gutachten. Doch im ganzen war die Fürstengeneration der achtziger Jahre die ehrenwerteste, die seit langem auf den deutschen Thronen gesessen. Wo er nur konnte, trat der König den Ausschreitungen seiner Standesgenossen entgegen, befreite den alten Moser aus dem Kerker, sicherte den Württembergern den Bestand ihrer Verfassung. Das Reich als Ganzes lag hoffnungslos darnieder, aber in vielen seiner Glieder pulste wieder ein neues hoffnungsvolles Leben. Und weit hinaus über Deutschlands Grenzen wirkte das Vorbild Friedrichs. Maria Theresia wurde seine gelehrigste Schülerin, sie hat den Gedanken der friderizianischen Monarchie in der katholischen Welt verbreitet. Von schwachen Nachbarn umgeben hatte das alte Österreich bisher sorglos und schläfrig dahingelebt; erst das Erstarken des ehrgeizigen Nebenbuhlers im Norden zwang den Kaiserstaat, seine Kräfte tapfer anzuspannen. Der Norddeutsche Haugwitz gestaltete die Verwaltung Österreichs, soweit es anging, nach preußischem Muster um, und von diesen österreichischen Reformen wiederum lernte der aufgeklärte Despotismus, der nunmehr in allen romanischen Landen, in Neapel und Toskana, in Spanien und Portugal, seine rastlos gewaltsame Völkerbeglückung begann. Am längsten sträubte sich der Stolz der französischen Bourbonen wider die neue Auffassung der Monarchie; mit spöttischem Lächeln erzählte man sich zu Versailles, daß am Potsdamer Hofe der Oberkammerherr noch niemals dem Könige das Hemd gereicht habe. Erst da es zu spät war, da die Mächte der Revolution schon an die Tore klopften, begann man etwas zu ahnen von den Pflichten des Königtums. Die Krone der Bourbonen ist aus dem trüben Dunstkreise höfischer Selbstvergötterung und Menschenverachtung niemals gänzlich hinausgekommen, darum ging sie schimpflich zugrunde. Den Deutschen aber wurde die monarchische Gesinnung, die unserem Volke im Blute lag und selbst in den Jahrhunderten der ständischen Vielherrschaft nicht völlig verlorenging, durch König Friedrich aufs neue gekräftigt. In keiner andern Nation der neuen Geschichte hat das Königtum seine Aufgabe so groß und hochsinnig verstanden; darum blieb das deutsche Volk, selbst als die Zeit der parlamentarischen Kämpfe kam, das am treuesten monarchisch gesinnte unter den großen Kulturvölkern. Die Friedensliebe des hohenzollernschen Hauses war auch in seinem größten Kriegsfürsten lebendig. Friedrich schätzte die Macht, doch nur als ein Mittel für den Wohlstand und die Gesittung der Völker; daß sie jemals Selbstzweck sein, daß der Kampf um die Macht als solche schon historischen Ruhm verleihen sollte, erschien ihm als eine Beleidigung der fürstlichen Ehre. Darum schrieb er seine leidenschaftliche Streitschrift gegen Machiavelli. Darum kam er in seinen Schriften immer wieder auf das abschreckende Beispiel Karls XII. von Schweden zurück. Er mochte insgeheim fühlen, daß in seiner eigenen Brust dämonische Kräfte arbeiteten, die ihn zu ähnlichen Verirrungen mißleiten konnten, und ward nicht müde, die Hohlheit des zwecklosen Kriegsruhms zu schildern, ließ im runden Saale zu Sanssouci die Büste des Schwedenkönigs verächtlich unter den Füßen der Muse aufstellen. Schon in seinen brausenden Jünglingsjahren war er mit sich im reinen über die sittlichen Zwecke der Macht; »dieser Staat muß stark werden,« so schrieb er damals, »damit er die schöne Rolle spielen kann, den Frieden zu erhalten allein aus Liebe zur Gerechtigkeit, nicht aus Furcht, wenn aber jemals in Preußen Unrecht, Parteilichkeit und Laster überhandnähmen, dann wünsche ich dem Hause Brandenburg schleunigen Untergang. Das sagt alles.« Als er nach dem Siebenjährigen Kriege sich stark genug fühlte, aus Gerechtigkeit den Frieden zu wahren, da wendete er seine Sorge mit solchem Eifer der Wiederherstellung des Volkswohlstandes zu, daß die Armee geradezu geschädigt wurde. (68-73.) Die neue Literatur Unterdessen hatte das deutsche Volk mit einer jugendlichen Schnellkraft, die in der langsamen Geschichte alter Völker einzig dasteht, eine Revolution seines geistigen Lebens vollendet; kaum vier Menschenalter nach der trostlosen Barbarei des Dreißigjährigen Kriegs erschienen die schönsten Tage deutscher Kunst und Wissenschaft. Aus den starken Wurzeln der Glaubensfreiheit erwuchs eine neue weltlich freie Bildung, die den verknöcherten Formen der deutschen Gesellschaft ebenso feindlich gegenüberstand wie der preußische Staat dem Heiligen Römischen Reiche. Bei allen andern Völkern war die klassische Literatur ein Kind der Macht und des Reichtums, die reife Frucht einer alten durchgebildeten nationalen Kultur; Deutschlands klassische Dichtung hat ihr Volk erst wieder eingeführt in den Kreis der Kulturvölker, ihm erst die Bahn gebrochen zu reinerer Gesittung. Niemals in aller Geschichte hat eine mächtige Literatur so gänzlich jeder Gunst der äußeren Lebensverhältnisse entbehrt. Hier bestand kein Hof, der die Kunst als eine Zierde seiner Krone hegte, kein großstädtisches Publikum, das den Dichter zugleich ermutigen und in den Schranken einer überlieferten Kunstform halten konnte, kein schwunghafter Handel und Gewerbefleiß, der dem Naturforscher fruchtbare Aufgaben stellte, kein freies Staatsleben, das dem Historiker die Schule der Erfahrung bot; selbst die große Empfindung, die aus großen Erlebnissen stammt, kam den Deutschen erst durch Friedrichs Taten. Recht eigentlich aus dem Herzen dieser Nation des Idealismus ward ihre neue Dichtung geboren, wie einst die Reformation aus dem guten deutschen Gewissen hervorging. Die Mittelklassen lebten dahin, fast gänzlich ausgeschlossen von der Leitung des Staates, eingepfercht in die Langeweile, den Zwang und die Armut kleinstädtischen Treibens, und doch in so leidlich gesicherten wirtschaftlichen Verhältnissen, daß der Kampf um das Leben noch nicht das Leben selber dahinnahm und die wilde Jagd nach Erwerb und Genuß dem befriedeten Dasein noch völlig fremd blieb. Unter diesen unbegreiflich genügsamen Menschen erwacht nun die leidenschaftliche Sehnsucht nach dem Wahren und dem Schönen. Ihre guten Köpfe fühlen sich als freie Kinder Gottes und flüchten aus der jämmerlichen Wirklichkeit in die reine Welt der Ideale. Große Talente geben den Ton an, hundert begeisterte Stimmen fallen ein in vollem Chore. Ein jeder redet, wie es ihm ums Herz ist, und befolgt getrosten Mutes die frohe Botschaft des jungen Goethe: »denn es ist Drang, und so ist's Pflicht!« und setzt seine volle Kraft ein, als ob das Schaffen des Denkers und des Dichters allein auf der weiten Welt des freien Mannes würdig wäre, und lebt sich fröhlich aus, wenig bekümmert um den Lohn der Arbeit, ganz verloren im Dichten, Schauen und Forschen, beglückt durch den überströmenden Beifall warmherziger Freunde, glücklicher noch durch das Bewußtsein, das Göttliche geschaut zu haben. So haben seit dem Jahre 1750 etwa drei Generationen deutscher Männer, neben- und nacheinander wirkend und oft in leidenschaftlichem Kampfe miteinander ringend, die jüngste der großen Literaturen Europas geschaffen, die, selber vom Auslande lange kaum bemerkt, unendlich empfänglich den dauernden Gehalt der klassischen Dichtung Englands und Frankreichs, Spaniens und Italiens in sich zusammenfaßte und schöpferisch neu gestaltete, um schließlich in dem vielseitigsten aller Dichter, in Goethe, ihre Vollendung zu finden. Es war eine Bewegung so völlig frei, so ganz aus dem innersten Drange des übervollen Herzens heraus, daß sie zuletzt bei dem verwegenen Idealismus Fichtes anlangen mußte, der den sittlichen Willen als das einzig wirkliche, die gesamte Außenwelt nur als eine Schöpfung des denkenden Ich ansah; und doch ein notwendiges natürliches Werden. Die schöpferische Kraft des deutschen Geistes hatte lange gleich einer Puppe schlummernd in zarter Schale gelegen, und ihr geschah, wie der Dichter sagte: »Es kommt die Zeit, sie drängt sich selber los, und eilt auf Fittichen der Rose in den Schoß.« Ein lauterer Ehrgeiz, der das Wahre suchte um der Wahrheit, das Schöne um der Schönheit willen, ward in den hellen Köpfen der deutschen Jugend lebendig. Keine der modernen Nationen hat jemals so in vollem Ernst, mit so ungeteilter Hingebung in die Welt der Ideen sich versenkt, keine zählt unter den Talenten ihrer klassischen Literatur so viele reine, menschlich liebenswerte Charaktere; darum wird das Gedächtnis der Tage von Weimar unserm Volke in allen Zeiten, da sein Gestirn sich zu verdunkeln scheint, ein unerschöpflicher Quell des Trostes und der Hoffnung bleiben. Die Kunst und Wissenschaft ward den Deutschen zur Herzenssache, sie ist hier niemals, wie einst bei den Romanen, ein elegantes Spiel, ein Zeitvertreib für die müßigen Stunden der vornehmen Welt geworden. Nicht die Höfe erzogen unsere Literatur, sondern die aus dem freien Schaffen der Nation entstandene neue Bildung unterwarf sich die Höfe, befreite sie von der Unnatur ausländischer Sitten, gewann sie nach und nach für eine mildere, menschlichere Gesittung. Und diese neue Bildung war deutsch von Grund auf. Während das politische Leben in unzählige Ströme zerteilt dahinfloß, waltete auf dem Gebiete der geistigen Arbeit die Naturgewalt der nationalen Einheit so übermächtig, daß eine landschaftliche Sonderbildung niemals auch nur versucht wurde. Alle Helden unserer klassischen Literatur, mit der einzigen Ausnahme Kants, sind gewandert und haben ihre reichste Wirksamkeit nicht auf dem Boden ihrer Heimat gefunden. In ihnen allen lebte das Bewußtsein der Einheit und Ursprünglichkeit des deutschen Wesens und das leidenschaftliche Verlangen, die Eigenart dieses Volkstums wieder in der Welt zu Ehren zu bringen; sie alle wußten, daß das ganze große Deutschland ihren Worten lauschte, und empfanden es als ein stolzes Vorrecht, daß allein der Dichter und der Denker zu der Nation reden, für sie schaffen durfte. Also wurde die neue Dichtung und Wissenschaft auf lange Jahrzehnte hinaus das mächtigste Band der Einheit für dies zersplitterte Volk, und sie entschied zugleich den Sieg des Protestantismus im deutschen Leben. Die geistige Bewegung hatte ihre Heimat im evangelischen Deutschland, riß erst nach und nach die katholischen Gebiete des Reichs mit in ihre Bahnen hinein. Aus der Gedankenarbeit der Philosophen ging eine neue sittliche Weltanschauung, die Lehre der Humanität, hervor, die, aller konfessionellen Härte bar, gleichwohl fest im Boden des Protestantismus wurzelte, und schließlich allen denkenden Deutschen, den Katholiken wie den Protestanten, ein Gemeingut wurde; wer sie nicht kannte, lebte nicht mehr mit dem neuen Deutschland. Jene mittleren Schichten der Gesellschaft aber, welche die neue Bildung trugen, rückten dermaßen in den Vordergrund des nationalen Lebens, daß Deutschland vor allen andern Völkern ein Land des Mittelstandes wurde; ihr sittliches Urteil und ihr Kunstgeschmack bestimmten die öffentliche Meinung. Der klassische Unterricht, vordem nur ein Mittel für die Fachbildung der Juristen und Theologen, wurde die Grundlage der gesamten Volksbildung; aus den zerfallenden alten Ständen erhob sich die neue Aristokratie der studierten Leute, die an hundert Jahre lang der führende Stand unseres Volkes geblieben ist. Nach allen Seiten hin wirkte die literarische Bewegung erweckend und befruchtend: sie veredelte die rohen Sitten, gab der Frau das gute Recht der Herrin im geselligen Verkehre zurück; sie schenkte einem gedrückten und verschüchterten Geschlechte wieder die helle Lust am Leben. Sie schuf, indem sie die Schriftsprache Martin Luthers ausbaute, eine gemeinsame Umgangssprache für alle deutschen Stämme; erst im letzten Drittel des achtzehnten Jahrhunderts begannen die gebildeten Klassen das reine Hochdeutsch auch im täglichen Leben in Ehren zu halten. Unberührt von dem Lärm und der Hast der großen Welt konnte sich die deutsche Dichtung wunderbar lange den unschuldigen Frohmut, die gesammelte Andacht und die frische Werdelust der Jugend bewahren. Das war es, was Frau von Staël noch in den Glanztagen der Weimarischen Kunst so mächtig bezauberte; sie meinte an der Ilm inmitten der Höchstgebildeten des deutschen Volkes die reine Waldluft eines ursprünglichen Menschenlebens zu trinken und atmete wieder auf von dem Dunste und dem Staube ihrer heimischen Weltstadt. Und wie es das Recht des Jünglings ist, Unendliches zu versprechen, nach allen Kränzen des Ruhmes zugleich die Hände auszustrecken, so zeigte auch die deutsche Nation in jenem zweiten Jugendalter ihrer Dichtung ein wunderbar vielseitiges Streben, sie war unermüdlich im Auswerfen neuer Probleme, im Erfinden neuer Kunstformen, versuchte ihre Kraft an allen Wissenschaften zugleich, mit einziger Ausnahme der Politik. Freilich waren mit dieser eigentümlichen Entstehung unserer neuen Literatur auch ihre Schwächen gegeben. Da der Dichter hier nicht unmittelbar aus den großen Leidenschaften eines bewegten öffentlichen Lebens seine Stoffe schöpfen konnte, so gewann die Kritik ein Übergewicht, das der unbefangenen künstlerischen Schöpferkraft oft gefährlich wurde; die meisten dramatischen Helden unserer klassischen Kunst zeigen einen kränklichen Zug der Entsagung, der Tatenscheu. Die regellose Freiheit des Schaffens verführte die Poeten leicht zu willkürlichen Einfällen, zu gesuchter Künstelei, zu vielverheißenden Anläufen, die keinen Fortgang fanden, und es ist kein Zufall, daß der erste unserer Dichter unter allen großen Künstlern der Geschichte die meisten Fragmente hinterlassen hat. Die eigenartige Begabung durfte sich noch ungestört ausleben in ursprünglicher Kraft, ward noch nicht durch das politische Parteileben über einen Kamm geschoren. Stürmisch war die Liebe, zärtlich die Freundschaft, überschwenglich der Ausdruck jeder Empfindung; eine beneidenswert gedankenreiche Geselligkeit erzog einzelne Männer von allseitiger Bildung, wie sie seit den Tagen des Cinquecento der europäischen Welt nicht wieder erschienen waren. Doch mit der Eigenart entfaltete sich auch die Unart der freien Persönlichkeit in der Stille dieses rein privaten Lebens. »Lieben, hassen, fürchten, zittern, hoffen, zagen bis ans Mark« – so hieß das Losungswort der neuen Stürmer und Dränger; ein unbändiges Selbstgefühl, ein himmelstürmender Trotz ward in dem jungen Geschlechte rege, wunderlich abstechend von der Unfreiheit der öffentlichen Zustände. Unberechenbare Launen, persönlicher Haß und persönliche Neigung traten anmaßend auf den Markt hinaus; viele Werke jener Epoche sind schon heute nur dem verständlich, der die Briefe und Tagebücher ihrer Dichter kennt. Eine Literatur von solchem Ursprung und Charakter konnte nicht im vollen Sinne volkstümlich werden, konnte nur langsam und mittelbar auf die Massen wirken. Während die Gebildeten an den reinen Formen der Antike sich begeisterten, blieb das Schönheitsgefühl der Volksmassen, obgleich sie bessere Schulbildung genossen als ihre romanischen Nachbarn, weit stumpfer als in Frankreich und Italien. Eine leidliche Durchbildung des Formensinnes ist diesem nordischen Volke nur einmal beschieden gewesen: in den Tagen der Staufer, da die Pfalzen und Dome des spätromanischen Stils sich erhoben und die herrlichen Lieder unserer älteren klassischen Dichtung in jedem Dorfe am Rhein und Main von den Bauern und Mägden verstanden wurden. Seitdem ist noch auf jeder Entwicklungsstufe der deutschen Kultur ein häßlicher Bodensatz ungebrochener Barbarei an den Tag getreten. Als die prächtige Renaissancefassade des Otto-Heinrichs-Baus zu Heidelberg entstand, lag die deutsche Dichtkunst tief darnieder, und das edle Bauwerk ward durch klägliche Knittelverse verunziert. Und wieder, als die frohe Zeit unserer zweiten klassischen Dichtung anhob, wurden die bildenden Künste, die nur in der weichen Luft behäbigen Wohlstandes gedeihen, von dem frischen Hauche der neuen Zeit kaum berührt, und Goethe verschwendete die Pracht seiner Verse an lächerliche Bauten, wie jenes Römische Haus zu Weimar, das mit seinen antikisierenden Formen dem Volk fremd bleibt, den gebildeten Sinn durch kahle Nüchternheit beleidigt. Wohl ist es ein rührender Anblick, dies Heroengeschlecht des Idealismus, das inmitten der schmucklosen Armseligkeit kleinfürstlicher Residenzdörfer um die höchsten Güter der Menschheit warb: unnatürlich weit blieb doch der Abstand zwischen dem Reichtum der Ideen und der Armut des Lebens, zwischen den verwegenen Gedankenflügen der Gebildeten und dem grundprosaischen Treiben der hart arbeitenden Massen. Der Adel einer harmonisch durchgebildeten Gesittung, wie sie die Italiener in den Tagen Leonardos beglückte, blieb den Deutschen noch immer versagt. Aber wie sie nun war mit allen ihren Mängeln und Gebrechen, diese literarische Revolution hat den Charakter der neuen deutschen Kultur bestimmt. Sie erhob dies Land wieder zum Kernlande der Ketzerei, indem sie den Grundgedanken der Reformation bis zu dem Rechte der voraussetzungslos freien Forschung weiterbildet. Sie erweckte mit den Idealen reiner Menschenbildung auch den vaterländischen Stolz in unserm Volke; denn wie unreif auch die politische Bildung der Zeit erscheint, wie verschwommen ihre weltbürgerlichen Träume, in allen ihren Führern lebte doch der edle Ehrgeiz, der Welt zu zeigen, daß, wie Herder sagt, »der deutsche Name in sich selbst stark, fest und groß sei«. Nicht im Kampfe mit den Ideen der Humanität, sondern recht eigentlich auf ihrem Boden ist die vaterländische Begeisterung der Befreiungskriege erwachsen. Als grausame Schicksalsschläge den in den Wolken fliegenden deutschen Genius wieder an die endlichen Bedingungen des Daseins erinnert hatten, da gelangte die Nation durch einen notwendigen letzten Schritt zu der Erkenntnis, daß ihre neue geistige Freiheit nur dauern konnte in einem geachteten, unabhängigen Staate; der Idealismus, der aus Kants Gedanken und Schillers Dramen sprach, gewann eine neue Gestalt in dem Heldenzorne des Jahres 1813. Also hat unsere klassische Literatur von ganz verschiedenen Ausgangspunkten her dem nämlichen Ziele zugestrebt wie die politische Arbeit der preußischen Monarchie. Diesen beiden bildenden Mächten dankt unser Volk seine Stellung unter den Nationen, den besten Inhalt seiner neuesten Geschichte; und merkwürdig, wie sie beide in ihrer Entwicklung an hundert Jahre lang miteinander Schritt gehalten haben: ein innerer Zusammenhang, der ebendarum nicht zufällig sein kann, weil eine unmittelbare Wechselwirkung selten stattfand. In derselben Zeit, da der Große Kurfürst den neuen weltlichen Staat der Deutschen schuf, geschah auch in der Literatur die entscheidende Tat, die Befreiung der Wissenschaft von dem Joche der Theologie. Als darauf der preußische Staat unter Friedrich Wilhelm I. in stiller Arbeit seine Kräfte sammelte, trat auch das geistige Leben der Nation in einen Zustand der Selbstbesinnung: die dürre Prosa der Wolffischen Philosophie lehrte die Mittelklassen wieder logisch zu denken und zu schreiben. Um das Jahr 1750 endlich, gleichzeitig mit dem Heldentume König Friedrichs, begann das Erwachen der schöpferischen Kraft in der Literatur, und die ersten dauernden Werke der neuen Dichtung erschienen. (86–91.) Revolution und Fremdherrschaft Die Neugestaltung der deutschen Staatenwelt durch Napoleon und der Reichsdeputationshauptschluß 1803 Wie das Geschmeiß hungriger Fliegen stürzte sich Deutschlands hoher Adel auf die blutigen Wunden seines Vaterlandes. Talleyrand aber eröffnete mit zynischem Behagen das große Börsenspiel um Deutschlands Land und Leute und sagte gleichmütig, wenn ein deutscher Edelmann noch eine Regung der Scham empfand: il faut étouffer les regrets. Die hochgeborenen Bekämpfer der Revolution bettelten um seine Gnade, machten seiner Mätresse den Hof, trugen seinen Schoßhund zärtlich auf den Händen, stiegen dienstfertig zu dem kleinen Dachstübchen hinauf, wo sein Gehilfe Matthieu hauste – der Schlaueste aus jener langen Reihe begabter Elsässer, deren Arbeitskraft und Sachkenntnis Bonaparte gern bei seinen deutschen Geschäften benutzte. Das Gold der kleinen Höfe, das sie niemals finden konnten, wenn das Reich sie zur Verteidigung des Vaterlandes aufrief, floß jetzt in Strömen; jedermann in der diplomatischen Welt kannte den Tarif der französischen Unterhändler und wußte, wie hoch der Kurswert einer Stimme im Fürstenrate des Reichstags sich stellte. Ein Fürst von Löwenstein, ein Nachkomme des siegreichen Friedrich von der Pfalz, spielte den Makler bei dem schmutzigen Handel. Auch die Pariser Gaunerschaft nahm die gute Gelegenheit wahr; mancher der gierigen deutschen Fürsten lief in seiner kleinstädtischen Plumpheit einem falschen Agenten Talleyrands ins Garn, bis Bonaparte selber gegen den Unfug einschritt. Alle, die Guten wie die Bösen, wurden in das wüste Treiben hineingerissen; denn von den Regensburger Verhandlungen stand doch nichts zu erwarten, und wer hier in Paris nicht mit dreisten Händen zugriff, ward von den Nachdrängenden unerbittlich unter die Füße getreten, selbst der wackerste der deutschen Kleinfürsten, der alte Karl Friedrich von Baden, mußte seine feilschenden Unterhändler gewähren lassen. Mitten im Getümmel der bittenden und bietenden Kleinen stand mit selbstgewisser Gönnermiene der vielumworbene preußische Gesandte Lucchesini; der pfiffige Lucchese traute sich's zu, den Meister aller Listen selber zu überlisten, und bemerkte nicht, wie schwer Preußen sein eigenes Ansehen schädigte durch die Begünstigung eines unsauberen Schachers, der an den Reichstag von Grodno, an die schmachvolle Selbstvernichtung des polnischen Adels erinnerte. Dieser Wettkampf der dynastischen Habgier vernichtete, was im Reiche noch übrig war von Treu und Glauben, von Pflicht und Ehre. Bonaparte frohlockte; kein sittliches Band hielt den alten deutschen Staat mehr zusammen. Jeder Hof forderte ungescheut, was ihm bequem und gelegen schien; die Entschädigung für wirklich erlittene Verluste diente kaum noch als Vorwand. Bald ergab sich, daß die rechtsrheinischen geistlichen Gebiete zur Befriedigung aller dieser begehrlichen Wünsche nicht ausreichten, und man ward einig, auch den Reichsstädten den Garaus zu machen, da ja die Reichsstädte des linken Ufers ebenfalls ohne Entschädigung vernichtet waren. Endlich wurde die große Länderversteigerung geschlossen; der Zuschlag erfolgte teils an die Meistbietenden, teils an die Günstlinge Preußens und Rußlands, vornehmlich aber an jene Höfe, welche sich Bonaparte zu Stützen seiner deutschen Politik auserlesen hatte. Unumwunden schrieb er nach vollzogenem Geschäfte dem mit dem Zaren nahe verwandten Markgrafen Karl Friedrich: das badische Haus habe nunmehr den Rang erlangt, »welchen seine vornehme Verwandtschaft und das wahre Interesse Frankreichs erheischen«. Nachdem in Paris das Wesentliche geordnet war, schritten Frankreich und Rußland in Regensburg als Vermittler ein; Bonaparte ließ dem Zaren eine scheinbare Mitwirkung, um dessen Eifersucht zu beschwichtigen und einen Wunsch Preußens zu erfüllen. Die Mediatoren erklärten mit gutem Grunde, die Eifersucht und der Gegensatz der Interessen am Reichstage mache ihre Vermittlung notwendig; sie legten ihren Entschädigungsplan vor und schlossen herrisch: es sei ihr Wille, daß nichts daran geändert werde. Der Kaiser widerstrebte noch immer und gab erst nach, als Preußen und Bayern mit Frankreich ein förmliches Bündnis schlossen und eine drohende Note aus Petersburg eintraf; dann aber trug der uneigennützige Beschützer der geistlichen Staaten kein Bedenken, seine Erblande durch die Bistümer Trient und Brixen abzurunden. In der Reichsdeputation währte der landesübliche Hader noch eine Weile fort. Die russischen Staatsmänner klagten voll Ekels, wie langweilig und ermüdend dies deutsche Gezänk werde; um jedes kleinen Länderfetzens willen müsse man einen eigenen Kurier schicken. Aber die Würfel waren geworfen, die mächtigeren Fürsten hatten ihre Beute bereits in Sicherheit gebracht. Am 25. Februar 1803 kam der Reichsdeputationshauptschluß zustande, am 27. April wurde durch den Jüngsten Reichsschluß die Vernichtung von hundertundzwölf deutschen Staaten ausgesprochen, von den geistlichen Ständen blieben nur drei übrig: die beiden Ritterorden – weil man dem so schwer geschädigten katholischen Adel noch einen letzten Unterschlupf für seine Söhne gönnen wollte – und der Reichskanzler in Germanien, weil Bonaparte in der fahrigen Eitelkeit des Mainzer Koadjutors Dalberg ein brauchbares Werkzeug für Frankreichs Pläne erkannte. Die Reichsstädte verschwanden bis auf die sechs größten. Mehr als zweitausend Geviertmeilen mit über drei Millionen Einwohnern wurden unter die weltlichen Fürsten ausgeteilt. Preußen erhielt fünffachen Ersatz für seine linksrheinischen Verluste, Bayern gewann an 300 000 Köpfe, Darmstadt ward achtfach, Baden fast zehnfach entschädigt. Auch einige fremdländische Fürstenhäuser nahmen ihr Teil aus dem großen Raube, so Toskana und Modena, die Vettern Österreichs, so Nassau-Oranien, der Schützling Preußens. Vergessen war der friderizianische Grundsatz, daß Deutschland sich selber angehöre. Die Mitte Europas erschien den Fremden wieder, wie im siebzehnten Jahrhundert, als eine herrenlose Masse, eine Versorgungsstelle für die Prinzen aus allerlei Volk. Das heilige Reich war vernichtet; nur sein geschändeter Name lebte noch fort durch drei klägliche Jahre. Wenige unter den großen Staatsumwälzungen der neuen Geschichte erscheinen so häßlich, so gemein und niedrig wie diese Fürstenrevolution von 1803. Die harte, ideenlose Selbstsucht triumphierte; kein Schimmer eines kühnen Gedankens, kein Funken einer edlen Leidenschaft verklärte den ungeheuren Rechtsbruch. Und doch war der Umsturz eine große Notwendigkeit; er begrub nur, was tot war, er zerstörte nur, was die Geschichte dreier Jahrhunderte gerichtet hatte. Die alten Staatsformen verschwanden augenblicklich wie von der Erde eingeschluckt, und niemals ist an ihre Wiederaufrichtung ernstlich gedacht worden. Die fratzenhafte Lüge der Theokratie war endlich beseitigt. Mit den geistlichen Fürsten stürzten auch das Heilige Reich und die Weltherrschaftsansprüche des römischen Kaisertums zusammen. Selbst der alte Bundesgenosse der habsburgischen Kaiser, der Römische Stuhl, wollte jetzt nur noch von einem Imperium Germanicum wissen; das feine Machtgefühl der Italiener erkannte, daß die Schirmherrschaft über die römische Kirche nunmehr auf Frankreich übergegangen war, und der Papst schrieb seinem geliebtesten Sohn Bonaparte: an ihn wolle er fortan sich wenden, so oft er Hilfe brauche. Das Heilige Reich verwandelte sich in einen Fürstenbund, und nicht mit Unrecht sprach Talleyrand jetzt schon amtlich von der Fédération Germanique . Dies lockere Nebeneinander weltlicher Fürstentümer wurde vorderhand fast allein durch den Namen Deutschland zusammengehalten, und in der nächsten Zukunft ließ sich eher die Auflösung des deutschen Gemeinwesens als seine föderative Neugestaltung erwarten. Aber mit den theatralischen Formen war auch jener Geist der starren Unbeweglichkeit entschwunden, der bisher die politischen Kräfte der Nation gebunden hielt. Das neue weltliche Deutschland war der Bewegung, der Entwicklung fähig; und gelang dereinst die Befreiung von der Vormundschaft des Auslands, so konnte sich auf dem Boden des weltlichen Territorialismus vielleicht ein nationaler Gesamtstaat bilden, der minder verlogen war als das Heilige Reich. (184-187.) So ging denn aus den vielhundertjährigen Kämpfen der politischen Kräfte im Reiche die fürstliche Gewalt als die einzige Siegerin hervor. Die hierarchischen, die kommunalen, die aristokratischen Staatsbildungen des alten Deutschlands waren bis auf wenige Trümmer vernichtet, was nicht fürstlichen Blutes war sank in die Masse der Untertanen hinab: der Abstand zwischen den Fürsten und dem Volke, der in dem Zeitalter der absoluten Monarchie immer größer geworden, erweiterte sich jetzt noch mehr. Und wie ungeheuer stark zeigte sich wieder die Einwirkung des Fürstenstandes auf unser nationales Leben! Wie einst die kirchliche Reformation bei den Landesherren ihren Schutz und ihre Rettung gefunden hatte, so wurde nun die politische Revolution von oben her einem gelassen schweigenden Volke auferlegt. Nicht die Propaganda der überrheinischen Republikaner, sondern die dynastische Politik der deutschen Höfe hat die Grundsätze des revolutionären Frankreichs auf unserm Boden eingebürgert; und sie schritt vorwärts mit derselben durchgreifenden Rücksichtslosigkeit wie die Parteien des Konvents, im Namen des salut public zerstörte sie achtlos das historische Recht. Für Österreich war die Fürstenrevolution eine schwere Niederlage. Die alte kaiserliche Partei wurde zersprengt, die Kaiserwürde zu einem leeren Namen, und selbst diesen Namen aufzugeben schien jetzt rätlich, da der neue Kurfürstenrat schwerlich geneigt war, im Falle der Neuwahl abermals einen Erzherzog zu küren. Durch die Preisgabe ihrer westlichen Provinzen erlangte die Monarchie zwar eine treffliche Abrundung im Südosten, und die Diplomaten der Hofburg wünschten sich Glück, daß man endlich aus einem gefährlichen und gewaltsamen Zustande befreit sei. Die Höfe von München und Stuttgart hatten jetzt wenig Grund, mehr vor der Wiener Eroberungslust zu zittern, und es schien möglich, dereinst wieder ein freundnachbarliches Verhältnis mit ihnen anzuknüpfen. Aber die militärische Herrschaft im deutschen Südwesten war verloren, ja Österreich schied in Wahrheit aus dem Reiche aus. Seine Politik mußte ganz neue Wege einschlagen, wenn sie noch irgendeinen Einfluß auf Deutschland ausüben wollte; denn die Machtmittel des alten Kaisertums waren vernutzt. Auch Preußens Macht hatte durch den Reichsdeputationshauptschluß nicht gewonnen. Wohl war es ein Vorteil, daß die österreichische Partei verschwand und im Reichstage ein leidliches Gleichgewicht zwischen dem Norden und dem Süden sich herstellte; vormals hatten die Staaten des Südens und Westens durch die Überzahl den Ausschlag gegeben, jetzt konnten auch die Stimmen Norddeutschlands zu ihrem Rechte kommen. Trotzdem war Preußens Ansehen im Reiche tief gesunken. Seine kraftlose Politik hatte überall das Gegenteil ihrer guten Absichten erreicht: statt der Verstärkung der deutschen Widerstandskraft vielmehr die Befestigung der französischen Übermacht, statt des Neubaues der Reichsverfassung vielmehr eine wüste Anarchie, die der völligen Auflösung entgegentrieb, selbst der neue Ländergewinn schien glänzender als er war. Preußen verlor die getreuen, für seine Macht wie für seine Kultur gleich wertvollen niederrheinischen Gebiete und erwarb dafür, außer Hildesheim, Erfurt und einigen kleineren Reichsstädten und Stiftslanden, die feste Burg des unzufriedenen katholischen Adels, das Münsterland. Hier zum ersten Male auf deutschem Boden begegnete dem preußischen Eroberer nicht bloß eine flüchtige partikularistische Verstimmung, sondern ein tiefer nachhaltiger Haß, wie in den slawischen Provinzen. Die schwerfällige neue Verwaltung gewann wenig Ansehen in dem widerhaarigen Lande, sie brauchte drei Jahre, bis sie sich nur entschloß, den Herd aller staatsfeindlichen Umtriebe, das Domkapitel zu beseitigen. Das Einkommen des Staates wurde durch die Gebietserweiterung nicht vermehrt, da er wieder, wie früher in Franken und in Polen, die Steuerkraft der neuen Untertanen allzu ängstlich schonte; auch die Armee erhielt nur geringe Verstärkung um etwa drei Regimenter. Zudem hatte man durch die neuen Verträge nicht einmal eine haltbare Grenze erlangt, sondern lediglich den preußischen Archipel im Westen durch einige neue Inseln bereichert, wie die Berliner spotteten. Der König fühlte es wohl, ohne Hannover ließen sich in so schwüler Zeit die westfälischen Provinzen nicht behaupten. Die Besetzung der welfischen Stammlande konnte bald zu einer unumgänglichen Notwendigkeit werden, und doch geschah nichts, den Staat zu rüsten für diese ernste Zukunft. Das schlaffe System der landesväterlichen Milde und Sparsamkeit lebte so dahin, als sei die Zeit des ewigen Friedens gekommen. Währenddem holte der deutsche Süden mit einem gewaltsamen Schlage nach, was Preußen durch die Arbeit zweier Jahrhunderte langsam erreicht hatte. In Norddeutschland war die Mehrzahl der geistlichen Gebiete schon während des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts mit den weltlichen Nachbarstaaten vereinigt worden; der Reichsdeputationshauptschluß brachte diesen Staaten nur eine mäßige Vergrößerung, ohne ihren historischen Charakter zu verändern. Im Südwesten dagegen brach der gesamte überkommene Länderbestand jählings zusammen; selbst das ruhmvollste der alten oberdeutschen Territorien, Kurpfalz, wurde zwischen den Nachbarn aufgeteilt, hier führte die Fürstenrevolution nicht bloß eine Gebietsveränderung, sondern eine neue Staatengründung herbei. Den willkürlich zusammengeworfenen Ländertrümmern, welche man jetzt Baden, Nassau, Hessen-Darmstadt nannte, fehlte jede Gemeinschaft geschichtlicher Erinnerungen; auch in Bayern und Württemberg war das alte Stammland der Dynastie bei weitem nicht stark genug, um die neuerworbenen Landschaften mit seinem Geiste zu erfüllen. So ward unser vielgestaltiges Staatsleben um einen neuen Gegensatz reicher, der sich bis zum heutigen Tage nicht völlig verwischt hat. Das neue Deutschland zerfiel in drei scharf geschiedene Gruppen. Auf der einen Seite standen die kleinen norddeutschen Staaten mit ihrem alten Ständewesen und ihren angestammten Fürstenhäusern, auf der anderen die geschichtslosen, modern-bureaukratischen Staatsbildungen Oberdeutschlands, die Geschöpfe des Bonapartismus, mitteninne endlich Preußen, das in steter Entwicklung den altständischen Staat überwunden hatte, ohne seine Formen gänzlich zu zerstören. Über den Süden brach nun urplötzlich und mit der Roheit einer revolutionären Macht der moderne Staat herein. Eine übermütige, dreiste, vielgeschäftige Bureaukratie, die sich Bonapartes Präfekten zum Muster nahm, riß die Doppeladler von den Rathäusern der Reichsstädte, die alten Wappenschilder von den Toren der Bischofsschlösser, warf die Verfassung der Städte und der Länder über den Haufen, schuf aus dem Chaos buntscheckiger Territorien gleichförmige, streng zentralisierte Verwaltungsbezirke; sie bildete in diesen waffenlosen Landschaften eine unverächtliche junge Militärmacht, die für Preußen leicht lästig werden konnte, sie strebte, mit jedem Mittel ein neues bayerisches, württembergisches, nassauisches Nationalgefühl großzuziehen. Dennoch ist der große Umsturz in seinen letzten Nachwirkungen nicht dem Partikularismus zugute gekommen, sondern der nationalen Einheit. Er war nur ein mächtiger Schritt weiter auf dem Wege, welchen unsere Geschichte seit drei Jahrhunderten eingeschlagen. Immer wieder hatte seitdem eine unerbittliche Notwendigkeit verlebte Kleinstaaten zerstört und zu größeren Massen zusammengeballt; jetzt brachen ihrer abermals mehr denn hundert zusammen. Aus solchen Erfahrungen mußte das deutsche Volk früher oder später die Erkenntnis schöpfen, daß auch die neue Länderverteilung nur eine vorläufige war, daß sein Geschick unaufhaltsam der Vernichtung der Kleinstaaterei, dem nationalen Staate zustrebte. Die Fürstenrevolution vernichtete für immer jenen Zauber historischer Ehrwürdigkeit, der das heilige Reich so unantastbar erscheinen ließ. Das alte Recht war gebrochen; die neuen Verhältnisse erweckten nirgends Ehrfurcht, machten die willkürliche Unnatur der deutschen Zersplitterung jedem gesunden Sinne fühlbar. Es war ein Widersinn, daß die Franken in Bamberg, die Schwaben in Memmingen sich nunmehr als Bayern, die Pfälzer im Neckartale sich als Badener fühlen sollten. Die tiefe Unwahrheit dieses neuen künstlichen Partikularismus hat nachher, als die Nation endlich zu politischem Selbstgefühle erwachte, ihre freiesten und edelsten Männer mit leidenschaftlichem Hasse erfüllt und sie dem Einheitsgedanken zugeführt. Auch der gedankenlosen Masse ging manches gehässige partikularistische Vorurteil verloren, seit sie sich gewaltsam aus dem alten Stilleben aufgestört sah. Wie Lombarden und Romagnolen in den neuen italienischen Zufallsstaaten sich zusammenfanden, so wurden in den deutschen Mittelstaaten Reichsstädter, Kurfürstliche und Bischöfliche gewaltsam durcheinander gerüttelt und lernten den gehaßten und verhöhnten Nachbar als treuen Landsmann schätzen. In Italien wie in Deutschland hat die Willkür der Fremdherrschaft den alten naiven Glauben an die Ewigkeit des Bestehenden mit den Wurzeln ausgerottet und also den Boden geebnet für neue Katastrophen, deren Ziele Bonaparte nicht ahnte. Mit der Revolution von 1803 begann für Deutschland das neue Jahrhundert, das in Frankreich schon vierzehn Jahre früher angebrochen war. Das große neunzehnte Jahrhundert stieg herauf, das reichste der neuen Geschichte; ihm war beschieden, die Ernte einzuheimsen von den Saaten des Zeitalters der Reformation, die kühnen Ideen und Ahnungen jener gedankenschweren Epoche zu gestalten und im Völkerleben zu verwirklichen. Erst in diesem neuen Jahrhundert sollten die letzten Spuren mittelalterlicher Gesittung verschwinden und der Charakter der modernen Kultur sich ausbilden, es sollte die Freiheit des Glaubens, des Denkens und der wirtschaftlichen Arbeit, wovon Luthers Tage nur redeten, ein gesichertes Besitztum Westeuropas werden, es sollte das Werk des Kolumbus sich vollenden und die transatlantische Welt mit den alten Kulturvölkern zu der lebendigen Gemeinschaft welthistorischer Arbeit sich verbinden, und auch das Traumbild der Hutten und Machiavelli, die Einheit der beiden großen Nationen Mitteleuropas, sollte noch Fleisch und Blut gewinnen. In diese Zeiten der Erfüllung trat Deutschland ein, als der theokratische Staatsbau seines Mittelalters zusammenstürzte und also das politische Testament des sechzehnten Jahrhunderts endlich vollstreckt wurde. (189-193.) Preußens Erhebung Freiherr vom Stein Schon mehrmals hatte Preußen durch das plötzliche Hervorbrechen seiner verborgenen sittlichen Kräfte die deutsche Welt in Erstaunen gesetzt: so einst, da Kurfürst Friedrich Wilhelm seinen kleinen Staat hineindrängte in die Reihe der alten Mächte; so wieder, als König Friedrich den Kampf um Schlesien wagte. Aber keine von den großen Überraschungen der preußischen Geschichte kam den Deutschen so unerwartet, wie die rasche und stolze Erhebung der halbzertrümmerten Großmacht nach dem tiefen Falle von Jena. Während die gefeierten Namen der alten Zeit samt und sonders verächtlich zu den Toten geworfen wurden und in Preußen selbst jedermann den gänzlichen Mangel an fähigem, jungem Nachwuchs beklagte, scharte sich mit einem Male ein neues Geschlecht um den Thron: mächtige Charaktere, begeisterte Herzen, helle Köpfe in unabsehbarer Reihe, eine dichte Schar von Talenten des Rates und des Lagers, die den literarischen Größen der Nation ebenbürtig zur Seite traten. Und wie einst Friedrich auf den Schlachtfeldern Böhmens nur erntete, was sein Vater in mühereichen Friedenszeiten still gesät hatte, so war auch dies schnelle Wiedererstarken der gebeugten Monarchie nur die reife Frucht der schweren Arbeit langer Jahre. Indem der Staat sich innerlich zusammenraffte, machte er sich alles zu eigen, was Deutschlands Dichter und Denker während der letzten Jahrzehnte über Menschenwürde und Menschenfreiheit, über des Lebens sittliche Zwecke gedacht hatten. Er vertraute auf die befreiende Macht des Geistes, ließ den vollen Strom der Ideen des neuen Deutschlands über sich hereinfluten. Jetzt erst wurde Preußen in Wahrheit der deutsche Staat, die Besten und Kühnsten aus allen Stämmen des Vaterlandes, die letzten Deutschen sammelten sich unter den schwarzundweißen Fahnen. Der schwungvolle Idealismus einer lauteren Bildung wies der alten preußischen Tapferkeit und Treue neue Pflichten und Ziele, erstarkte selber in der Zucht des politischen Lebens zu opferfreudiger Tatkraft. Der Staat gab die kleinliche Vorliebe für das handgreiflich Nützliche auf; die Wissenschaft erkannte, daß sie des Vaterlandes bedurfte, um menschlich wahr zu sein. Das alte harte kriegerische Preußentum und die Gedankenfülle der modernen deutschen Bildung fanden sich endlich zusammen, um nicht wieder voneinander zu lassen. Diese Versöhnung zwischen den beiden schöpferischen Mächten unserer neuen Geschichte gibt den schweren Jahren, welche dem Tilsiter Frieden folgten, ihre historische Größe. In dieser Zeit des Leidens und der Selbstbesinnung haben sich alle die politischen Ideale zuerst gebildet, an deren Verwirklichung die deutsche Nation bis zum heutigen Tage arbeitet. Nirgends hatte die Willkür des Eroberers grausamer gehaust als in Preußen; darum ward auch der große Sinn des Kampfes, der die Welt erschütterte, nirgends tiefer, bewußter, leidenschaftlicher empfunden als unter den deutschen Patrioten. Gegen die abenteuerlichen Pläne des Napoleonischen Weltreichs erhob sich der Gedanke der Staatenfreiheit, derselbe Gedanke, für den einst der Neugründer des preußischen Staates gegen den vierzehnten Ludwig gefochten hatte. Den kosmopolitischen Lehren der bewaffneten Revolution trat die nationale Gesinnung, die Begeisterung für Vaterland, Volkstum und heimische Eigenart entgegen. Im Kampfe wider die erdrückende Staatsallmacht des Bonapartismus erwuchs eine neue, lebendige Anschauung vom Staate, die in der freien Entfaltung der persönlichen Kraft den sittlichen Halt der Nationen sah. Die großen Gegensätze, die hier aufeinander stießen, spiegelten sich getreulich wider in den Personen der leitenden Männer. Dort jener eine Mann, der sich vermaß, er selber sei das Schicksal, aus ihm rede und wirke die Natur der Dinge – der Übermächtige, der mit der Wucht seines herrischen Genius jeden andern Willen erdrückte; tief unter ihm ein Dienergefolge von tapferen Landsknechten und brauchbaren Geschäftsmännern, aber fast kein einziger aufrechter Charakter, fast keiner, dessen inneres Leben sich über das platt Alltägliche erhob, hier eine lange Schar ungewöhnlicher Menschen, scharf ausgeprägte, eigensinnige Naturen, jeder eine kleine Welt für sich selber voll deutschen Trotzes und deutscher Tadelsucht, jeder eines Biographen würdig, zu selbständig und gedankenreich, um kurzweg zu gehorchen, doch allesamt einig in dem glühenden Verlangen, die Freiheit und Ehre ihres geschändeten Vaterlandes wieder aufzurichten. Einer aber stand in diesem Kreise nicht als Herrscher, doch als der erste unter gleichen: der Freiherr vom Stein, der Bahnbrecher des Zeitalters der Reformen. Das Schloß seiner Ahnen lag zu Nassau, mitten im buntesten Ländergemenge der Kleinstaaterei; von der Lahnbrücke im nahen Ems konnte der Knabe in die Gebiete von acht deutschen Fürsten und Herren zugleich hineinschauen. Dort wuchs er auf, in der freien Luft, unter der strengen Zucht eines stolzen, frommen, ehrenfesten, altritterlichen Hauses, das sich allen Fürsten des Reiches gleich dünkte. Standen doch die Stammburgen der Häuser Stein und Nassau dicht beieinander auf demselben Felsen; warum sollte das alte Wappenschild mit den Rosen und den Balken weniger gelten als der sächsische Rautenkranz oder die württembergischen Hirschgeweihe? Der Gedanke der deutschen Einheit, zu dem die geborenen Untertanen erst auf den weiten Umwegen der historischen Bildung gelangten, war diesem stolzen reichsfreien Herrn in die Wiege gebunden. Er wußte es gar nicht anders: »Ich habe nur ein Vaterland, das heißt Deutschland, und da ich nach alter Verfassung nur ihm und keinem besonderen Teile desselben angehöre, so bin ich auch nur ihm und nicht einem Teile desselben von ganzem Herzen ergeben.« Wenig berührt von der ästhetischen Begeisterung der Zeitgenossen, versenkte sich sein tatkräftiger, auf das Wirkliche gerichteter Geist früh in die historischen Dinge. Alle die Wunder der vaterländischen Geschichte, von den Kohortenstürmern des Teutoburger Waldes bis herab zu Friedrichs Grenadieren, standen lebendig vor seinen Blicken. Dem ganzen großen Deutschland, soweit die deutsche Zunge klingt, galt seine feurige Liebe. Keinen, der nur jemals von der Kraft und Großheit deutschen Wesens Kunde gegeben, schloß er von seinem Herzen aus; als er im Alter in seinem Nassau einen Turm erbaute zur Erinnerung an Deutschlands ruhmvolle Taten, hing er die Bilder von Friedrich dem Großen und Maria Theresia, von Scharnhorst und Wallenstein friedlich nebeneinander. Sein Ideal war das gewaltige deutsche Königtum der Sachsenkaiser; die neuen Teilstaaten, die sich seitdem über den Trümmern der Monarchie erhoben hatten, erschienen ihm samt und sonders nur als Gebilde der Willkür, heimischen Verrates, ausländischer Ränke, reif zur Vernichtung, sobald irgendwo und irgendwie die Majestät des alten rechtmäßigen Königtums wieder erstünde. Sein schonungsloser Freimut gegen die gekrönten Häupter entsprang nicht bloß der angeborenen Tapferkeit eines heldenhaften Gemütes, sondern auch dem Stolze des Reichsritters, der in allen diesen fürstlichen Herren nur pflichtvergessene, auf Kosten des Kaisertums bereicherte Standesgenossen sah und nicht begreifen wollte, warum man mit solchen Zaunkönigen soviel Umstände mache. Er hatte die rheinischen Feldzüge in der Nähe beobachtet und die Überzeugung gewonnen, die er einmal der Kaiserin von Rußland vor versammeltem Hofe aussprach: das Volk sei treu und tüchtig, nur die Erbärmlichkeit seiner Fürsten verschulde Deutschlands Verderben. Er haßte die Fremdherrschaft mit der ganzen dämonischen Macht seiner naturwüchsigen Leidenschaft, die einmal ausbrechend unbändig wie ein Bergstrom dahinbrauste; doch nicht von der Wiederaufrichtung der verlebten alten Staatsgewalten, noch von den künstlichen Gleichgewichtslehren der alten Diplomatie erwartete er das Heil Europas. Sein freier großer Sinn drang überall gradaus in den sittlichen Kern der Dinge. Mit dem Blick des Sehers erkannte er jetzt schon, wie Gneisenau, die Grundzüge eines dauerhaften Neubaues der Staatengesellschaft. Das unnatürliche Übergewicht Frankreichs – so lautete sein Urteil – steht und fällt mit der Schwäche Deutschlands und Italiens; ein neues Gleichgewicht der Mächte kann nur erstehen, wenn jedes der beiden großen Völker Mitteleuropas zu einem kräftigen Staate vereinigt wird. Stein war der erste Staatsmann, der die treibende Kraft des neuen Jahrhunderts, den Drang nach nationaler Staatenbildung ahnend erkannte; erst zwei Menschenalter später sollte der Gang der Geschichte die Weissagungen des Genius rechtfertigen. Noch war sein Traum vom einigen Deutschland mehr eine hochherzige Schwärmerei als ein klarer politischer Gedanke; er wußte noch nicht, wie fremd Österreich dem modernen Leben der Nation geworden war, wollte in den Kämpfen um Schlesien nichts sehen als einen beklagenswerten Bürgerkrieg. Immerhin hatte er schon in jungen Jahren die lebendige Macht des preußischen Staates erkannt und, weit abweichend von den Gewohnheiten des Reichsadels, sich in den Dienst der protestantischen Großmacht begeben. Wie ward ihm so wohl in der naturfrischen, den Körper stählenden Tätigkeit des Bergbaus, und nachher, da er als Kammerpräsident unter den freien Bauern und dem stolzen, alteingesessenen Adel der westfälischen Lande eine zweite Heimat fand, bei Wind und Wetter immer selbst zur Stelle, um nach dem Rechten zu sehen, herrisch durchgreifend, rastlos anfeuernd, aber auch gütig und treuherzig, durch und durch praktisch, nicht minder besorgt um die Kühe der kleinen Kötter, wie um die Wasserwege für die reichen Kohlenwerke – ein echter Edelmann, vornehm zugleich und leutselig, großartig in allem, ein kleiner König in seiner Provinz. Den Osten der Monarchie kannte er wenig. Der Reinfranke konnte das landschaftliche Vorurteil gegen die dürftigen Kolonistenlande jenseits der Elbe lang nicht überwinden; er meinte, in den ernsthaften, verwitterten Zügen der brandenburgischen Bauern, die freilich die Spuren langer Not und Unfreiheit trugen, einen scheuen, bösen Wolfsblick zu erkennen, und mit dem naiven Stolze des Reichsritters sah er auf das arme anspruchsvolle Junkertum der Marken herunter, das doch für Deutschlands neue Geschichte unvergleichlich mehr geleistet hatte als der gesamte Reichsadel. Sold zu nehmen und seinen steifen Nacken in das Joch des Dienstes zu schmiegen, fiel dem Reichsfreiherrn von Haus aus schwer. Als er dann auf der roten Erde die nach lebensfähigen Überreste altgermanischer Gemeindefreiheit und altständischer Institutionen kennenlernte, als er die gemeinnützige Wirksamkeit der Landstände, der bäuerlichen Erbentage, der Stadträte und Kirchensynoden beobachtete und damit die formensteife Kleinmeisterei, die allfürsorgende Zudringlichkeit des königlichen Beamtentums verglich, da überkam ihn eine tiefe Verachtung gegen das Nichtige des toten Buchstabens und der Papiertätigkeit. Mit harten und oftmals ungerechten Worten schalt er auf die besoldeten, buchgelehrten, interesselosen, eigentumslosen Buralisten, die, es regne oder scheine die Sonne, ihren Gehalt aus der Staatskasse erheben und schreiben, schreiben, schreiben. So in rüstigem Handeln, in lebendigem Verkehr mit allen Ständen des Volkes bildete er sich nach und nach eine selbständige Ansicht vom Wesen politischer Freiheit, die sich zu den demokratischen Doktrinen der Revolution verhielt, wie die deutsche zur französischen Staatsgesinnung. Adam Smiths Lehre von der freien Bewegung der wirtschaftlichen Kräfte hatte schon dem Jüngling einen tiefen Eindruck hinterlassen; nur lag dem deutschen Freiherrn nichts ferner als jene Überschätzung der wirtschaftlichen Güter, worein die blinden Anhänger des Schotten verfielen, vielmehr bekannte er sich laut zu der friderizianischen Meinung, daß übermäßiger Reichtum das Verderben der Völker sei. Justus Mösers lebenswarme Erzählungen von der Bauernfreiheit der germanischen Urzeit ergriffen ihn lebhaft, das Studium der deutschen und der englischen Verfassungsgeschichte kam seiner politischen Bildung zu statten, und sicher hat die romantische Weltanschauung des Zeitalters, die allgemeine Schwärmerei für die ungebrochene Kraft jugendlichen Volkslebens unbewußt auch auf ihn eingewirkt. Doch der eigentliche Quell seiner politischen Überzeugung war ein starker sittlicher Idealismus, der, mehr als der Freiherr selbst gestehen wollte, durch die harte Schule des preußischen Beamtendienstes gestählt worden war. Die Verwaltungsordnung des ersten Friedrich Wilhelm hatte einst das dem öffentlichen Leben ganz entfremdete Volk in den Dienst des Staates hineingezwungen. Stein erkannte, daß die also Erzogenen nunmehr fähig waren, unter der Aufsicht des Staates die Geschäfte von Kreis und Gemeinde selbst zu besorgen. Er wollte an die Stelle der verlebten alten Geburtsstände die Rechtsgleichheit der modernen bürgerlichen Gesellschaft setzen, aber nicht die unterschiedslose Masse souveräner Einzelmenschen, sondern eine neue gerechtere Gliederung der Gesellschaft, die den »Eigentümern«, den Wohlhabenden und vornehmlich den Grundbesitzern, die Last des kommunalen Ehrendienstes auferlegte und ihnen dadurch erhöhte Macht gäbe – eine junge, auf dem Gedanken der politischen Pflicht ruhende Aristokratie. Er dachte, die Revolution mit ihren eigenen Waffen zu bekämpfen, den Streit der Stände auszugleichen, die Idee des Einheitsstaates in der Verwaltungsordnung vollständig zu verwirklichen; doch mit der Tatkraft des Neuerers verband er eine tiefe Pietät für das historisch Gewordene, vor allem für die Macht der Krone. Eine Verfassung bilden, sagte er oft, heißt das Gegenwärtige aus dem Vergangenen entwickeln. Er strebte von jenen künstlichen Zuständen der Bevormundung und des Zwanges, die sich einst aus dem Elend des Dreißigjährigen Krieges herausgebildet hatten, wieder zurück zu den einfachen und freien Anschauungen der deutschen Altvordern, denen der Waffendienst als das Ehrenrecht jedes freien Mannes, die Sorge für den Haushalt der Gemeinde als die natürliche Aufgabe des Bürgers und des Bauern erschien. Dem begehrlichen revolutionären Sinne, der von dem Staate unendliche Menschenrechte heischte, trat das strenge, altpreußische Pflichtgefühl entgegen, dem dreisten Dilettantismus der Staatsphilosophen die Sach- und Menschenkenntnis eines gewiegten Verwaltungsbeamten, der aus den Erfahrungen des Lebens die Einsicht gewonnen hatte, daß der Neubau des Staates von unten her beginnen muß, daß konstitutionelle Formen wertlos sind, wenn ihnen der Unterbau der freien Verwaltung fehlt. Diese Gedanken, wie neu und kühn sie auch erschienen, ergaben sich doch notwendig aus der inneren Entwicklung, welche der preußische Staat seit der Vernichtung der alten Ständeherrschaft bis zum Erscheinen des Allgemeinen Landrechts durchlaufen hatte; sie berührten sich zugleich so nahe mit dem sittlichen Ernst der Kantischen Philosophie und dem wieder erwachenden historischen Sinne der deutschen Wissenschaft, daß sie uns Nachlebenden wie der politische Niederschlag der klassischen Zeit unserer Literatur erscheinen. Gleichzeitig, wie auf ein gegebenes Stichwort, wurden sofort nach dem Untergange der alten Ordnung die nämlichen Ideen von den besten Männern des Schwertes und der Feder geäußert, von keinem freilich so umfassend und eigentümlich wie von Stein. In den Briefen und Denkschriften von Scharnhorst und Gneisenau, von Vincke und Niebuhr kehrt überall derselbe leitende Gedanke wieder: es gelte, die Nation zu selbständiger, verantwortlicher politischer Arbeit aufzurufen und ihr dadurch das Selbstvertrauen, den Mut und Opfermut der lebendigen Vaterlandsliebe zu erwecken. Ein geschlossenes System politischer Ideen aufzubauen, lag nicht in der Weise dieser praktischen Staatsmänner; sie rühmten vielmehr als einen Vorzug des englischen Lebens, daß dort die politische Doktrin so wenig gelte. Und so war auch das einzige literarische Werk, das unter Steins Augen entstand, Vinckes Abhandlung über die britische Verwaltung, der Betrachtung des Wirklichen zugewendet. Die kleine Schrift gab zum ersten Male ein getreues Bild von der Selbstverwaltung der englischen Grafschaften, die bisher neben der bewunderten Gewaltenteilung des konstitutionellen Musterstaates noch gar keine Beachtung gefunden hatte; sie enthielt zugleich eine so unzweideutige Kriegserklärung gegen die rheinbündisch-französische Bureaukratie, daß sie erst nach dem Sturze der Napoleonischen Herrschaft gedruckt werden durfte. Darum ist den Zeitgenossen der ganze Tiefsinn der Staatsgedanken Steins niemals recht zum Bewußtsein gekommen. Erst die Gegenwart erkennt, daß dieser stolze Mann mit der Idee des nationalen Staates auch den Gedanken der Selbstverwaltung, eine edlere, aus uralten, unvergessenen Überlieferungen der germanischen Geschichte geschöpfte Auffassung der Volksfreiheit für das Festland gerettet hat. Jeder Fortschritt unseres politischen Lebens hat die Nation zu Steins Idealen zurückgeführt. Es war der Schatten seiner Tugenden, daß er in den verschlungenen Wegen der auswärtigen Politik sich nicht zurechtfand und die unentbehrlichen Künste diplomatischer Verschlagenheit als niederträchtiges Finassieren verachtete. Ihm fehlte die List, die Behutsamkeit, die Gabe des Zauderns und Hinhaltens. Auf dem Gebiete der Verwaltung bewegte er sich mit vollendeter Sicherheit, wenn aber eine Aussicht auf die Befreiung seines Vaterlandes sich zu eröffnen schien, so verließ ihn die besonnene Ruhe, und fortgerissen von dem wilden Ungestüm seiner patriotischen Begeisterung rechnete er dann leicht mit dem Unmöglichen. Den Staat bedachtsam zwischen den Klippen hindurchzusteuern, bis der rechte Augenblick der Erhebung erschien, war diesem Helden des heiligen Zornes und der stürmischen Wahrhaftigkeit nicht gegeben. Doch niemand war wie er für die Aufgaben des politischen Reformators geboren. Der zerrütteten Monarchie wieder die Richtung auf hohe sittliche Ziele zu geben, ihre schlummernden herrlichen Kräfte durch den Weckruf eines feurigen Willens zu beleben – das vermochte nur Stein, denn keiner besaß wie er die fortreißende, überwältigende Macht der großen Persönlichkeit. Jedes unedle Wort verstummte, keine Beschönigung der Schwäche und der Selbstsucht wagte sich mehr heraus, wenn er seine schwerwiegenden Gedanken in markigem, altväterischem Deutsch aussprach, ganz kunstlos, volkstümlich derb, in jener wuchtigen Kürze, die dem Gedankenreichtum, der verhaltenen Leidenschaft des echten Germanen natürlich ist. Die Gemeinheit zitterte vor der Unbarmherzigkeit seines stachlichen Spottes, vor den zermalmenden Schlägen seines Zornes, wer aber ein Mann war, ging immer leuchtenden Blickes und gehobenen Mutes von dem Glaubensstarken hinweg. Unauslöschlich prägte sich das Bild des Reichsfreiherrn in die Herzen der besten Männer Deutschlands: die gedrungene Gestalt mit dem breiten Nacken, den starken, wie für den Panzer geschaffenen Schultern; tiefe, funkelnde braune Augen unter dem mächtigen Gehäuse der Stirn, eine Eulennase über den schmalen, ausdrucksvoll belebten Lippen; jede Bewegung der großen Hände jäh, eckig, gebieterisch: ein Charakter wie aus dem hochgemuten sechzehnten Jahrhundert, der unwillkürlich an Dürers Bild vom Ritter Franz von Sickingen erinnerte – so geistvoll und so einfach, so tapfer unter den Menschen und so demütig vor Gott – der ganze Mann eine wunderbare Verbindung von Naturkraft und Bildung, Freisinn und Gerechtigkeit, von glühender Leidenschaft und billiger Erwägung – eine Natur, die mit ihrer Unfähigkeit zu jeder selbstischen Berechnung für Napoleon und die Genossen seines Glücks immer ein unbegreifliches Rätsel blieb. Er war der Mann der Lage; selbst seine Schwächen und einseitigen Ansichten entsprachen dem Bedürfnis des Augenblicks, wenn er das Beamtentum und den kleinen Adel ungebührlich hart beurteilte, die Österreicher schlechtweg als Preußens deutsche Brüder ansah: um so besser für den Staat, der jetzt die adligen Privilegien, die Alleinherrschaft der Bureaukratie zerstören und alles, was trennend zwischen den beiden deutschen Großmächten stand, hochherzig vergessen mußte. (269-275.) B. Die Anfänge des Deutschen Bundes, 1814-1819 Der Wiener Kongreß Als König Friedrich Wilhelm im Herbste nach Wien abreiste, rechnete er auf einen Aufenthalt von drei Wochen. Aber volle neun Monate sollten vergehen von der ersten Konferenz der Bevollmächtigten der vier alliierten Mächte am 18. September 1814 bis zu der endgültigen Unterzeichnung der Schlußakte des Kongresses am 19. Juni 1815. wer hätte auch Kraft und Lust gefunden zur raschen Erledigung der Geschäfte? Die fünf Sinne forderten ihr Recht nach der krampfhaften Sorge und Unruhe dieser beiden wilden Jahrzehnte. Wie einst Paris nach dem Sturze der Schreckensherrschaft sich kopfüber in den Strudel des Genusses gestürzt hatte, so atmete das alte fürstliche und adelige Europa jetzt auf, froh seiner wiedergewonnenen Sicherheit. Der große Plebejer war gefallen, der einmal doch den Hochgeborenen bewiesen hatte, was eines Mannes ungezähmte Kraft selbst in einer alten Welt vermag; die Helden des Schwertes verschwanden vom Schauplatze, mit ihnen die große Leidenschaft, die unerbittliche Wahrhaftigkeit des Krieges. Wie Würmer nach dem Regen krochen die kleinen Talente des Boudoirs und der Antichambre aus ihrem Versteck hervor und reckten sich behaglich aus. Die vornehme Welt war wieder ganz ungestört, ganz unter sich. Wer hätte das gedacht, daß der greise Fürst von Ligne, vor langen Jahren der Löwe der Salons im königlichen Frankreich, nun am Rande des Grabes noch einmal allen Glanz und alle Pracht der alten hochadeligen Geselligkeit genießen und über den erlauchten Kongreß, der wohl tanzte, aber nicht marschierte, geistreich boshafte Epigramme schmieden würde? Sie kehrte freilich nicht wieder, die naive Unbefangenheit jener guten alten Zeit, die so bestimmt gewußt hatte, daß der Mensch erst beim Baron anfängt, daß die glückliche Einfalt des Pöbels von der Spötterei und den freigeisterischen Gedankenspielen der großen Herren niemals ein Wort erfahren kann. Dem neuen Geschlechte lag die Angst vor den Schrecken der Revolution noch in allen Gliedern; mitten in die rauschenden Lustbarkeiten des Kongresses drangen unheimliche Nachrichten von dem italienischen Geheimbunde der Carbonari, von der dumpfen Gärung in Frankreich, von den Zornreden der enttäuschten preußischen Patrioten, von den Verschwörungen der Griechen und dem Heldenkampfe der Serben wider ihre türkischen Tyrannen. Mochte man immerhin sorgsam die Türen schließen und das laute Anklopfen des demokratischen neuen Zeitalters überhören, ganz geheuer fühlte man sich doch nicht mehr. Wie sonst der Spott, so war jetzt der Glaube Modepflicht: ein paar salbungsvolle Worte über Christentum und göttliches Königsrecht mußte auch das Weltkind zur Verfügung haben. Die weibische Zierlichkeit des achtzehnten Jahrhunderts verriet sich noch, wenngleich Zopf und Puder nicht wieder auferstanden, in den bartlosen Gesichtern, den Tabaksdosen, den Schuhen und seidenen Strümpfen, in der gesuchten Eleganz der männlichen Kleidung; doch war der Ton des Umgangs schon um vieles freier und formloser geworden. Keine Rede mehr von den alten Rang- und Titelstreitigkeiten, von dem pedantischen Gezänk über Form und Farbe der Sessel; bald da, bald dort, bei irgendeinem der Bevollmächtigten fanden sich die Minister zur Beratung zusammen und unterzeichneten die Urkunden nach dem Alphabet oder auch in bunter Reihe, wie man gerade am Tische saß. Am auffälligsten bekundeten sich die veränderten Sitten an den großen Prunk- und Feiertagen des Kongresses. Das Mittelalter feierte kirchliche, das Jahrhundert Ludwigs XIV. höfische Feste; die neue Zeit trug einen entschieden militärischen Charakter. Parade und Heerschau wurden unvermeidlich, so oft sich der moderne Staat im Glanze seiner Herrlichkeit sonnen wollte. Selbst dies Österreich, damals der am wenigsten militärische unter den großen Staaten des Festlandes, durfte die ungeheure Macht der neuen massenhaften Heere nicht ganz verkennen. Vor fünfzig Jahren hatte man noch über den militärischen Anstrich des preußischen Hofes vornehm gespottet, jetzt war die preußische Sitte allgemein eingebürgert, und auch der waffenscheue Kaiser Franz mußte zuweilen in der Uniform erscheinen. Ein Diplomatenkongreß kann niemals schöpferisch wirken; genug, wenn er die offenbaren Ergebnisse der vorangegangenen kriegerischen Verwicklungen leidlich ordnet und sicherstellt. Und wie hätte diese Wiener Versammlung Größeres leisten sollen! Eine unbeschreibliche Ermattung lastete auf den Gemütern, wie einst, da der Utrechter Kongreß das blutige Zeitalter Ludwigs XIV. beendigte; und wie damals Kronprinz Friedrich die allgemeine Verkommenheit der europäischen Staatskunst beklagte, so ging jetzt die abgespannte und abgehetzte diplomatische Welt allen den unfertigen neuen Ideen der Zeit ängstlich aus dem Wege und ließ sich's wieder wohl sein bei jener bequemen Staatsanschauung des alten Jahrhunderts, die den Staat nur als einen Haufen von Geviertmeilen und Seelen betrachtete. Die Wiener Luft tat das ihrige hinzu. Hier in dem Mittelpunkte des ungeheuren Familiengutes, das man Österreich nannte, in diesem Wirrwarr zusammengeheirateter Länder und Völker hatte man nie etwas geahnt von den sittlichen Kräften, welche ein nationales Staatswesen zusammenhalten; und es war so recht im Geiste der alten Habsburgerpolitik, wenn Österreich und Bayern jetzt selbander über die Frage stritten, ob die Untertanen der Mediatisierten, die ihrem Landesherrn nur wenig einbrachten, als halbe Seelen oder als Drittelseelen zu berechnen seien. Mit Entrüstung vernahmen die befreiten Völker, daß sie nun wieder nichts sein sollten als eine große Herde, die nur durch ihre Kopfzahl wert hatte. Görres lärmte im »Rheinischen Merkur« gegen »das herzlose statistische Wesen« der Wiener Diplomaten, und Blücher schrieb grimmig an seinen alten Freund Rüchel: »Der gute Wiener Kongreß gleicht einem Jahrmarkt in einer kleinen Stadt, wo ein jeder sein Vieh hintreibt, es zu verkaufen oder zu vertauschen.« Durch eine kunstvoll abgewogene Verteilung der Länder und der Leute die Wiederkehr der französischen Übermacht zu verhindern – in diesem einen Gedanken ging jetzt, wie einst zu Utrecht, die ganze Weisheit der Kabinette auf. Und wie damals Catel de St. Pierre wähnte, aus der neuen völlig willkürlichen Gestaltung der Länderkarte werde ein unabänderlicher Friedenszustand hervorgehen, so erwachte jetzt wieder der unmännliche Traum vom ewigen Frieden, dies sicherste Kennzeichen politisch ermatteter und gedankenarmer Epochen: viele treffliche Männer aus jedem Stande und jedem Volke gaben sich im Ernst der Hoffnung hin, daß die Weltgeschichte in ihrer ewigen Bewegung nunmehr stillstehen, vor den Ratschlüssen des Wiener Areopags ehrfürchtig verstummen würde. Preußens Diplomatie stand nicht auf der Höhe seiner Feldherrnkunst; keiner seiner Staatsmänner besaß den kühnen, freien, sicheren Blick Gneisenaus. Aber das halbe und flaue Ergebnis der Wiener Verhandlungen war durch die Natur der Dinge selbst gegeben, nicht verschuldet durch die Fehler einzelner Männer. Die schwerste Krankheit des alten Staatensystems, deren der treue Arndt soeben wieder in dem neuesten Bande des »Geistes der Zeit« warnend gedachte, die Zersplitterung Deutschlands und Italiens, hatte der Befreiungskrieg nicht geheilt. Da hier wie dort die öffentliche Meinung noch in einem Zustand völliger Unreife verharrte, so brachte der Kongreß beiden Völkern im wesentlichen eine Restauration: den Italienern die Gebietsverteilung von 1795, den Deutschen die Wiederherstellung jenes lockeren Nebeneinanders kleiner Monarchien, das einst aus der Fürstenrevolution von 1803 hervorgegangen war. Diesseits wie jenseits der Alpen hatte sich Österreich eine mittelbare, geschickt verhüllte Herrschaft errungen, die ungleich fester stand als das Napoleonische Weltreich und den Deutschen wie den Italienern jede Möglichkeit friedlicher nationaler Entwicklung abschnitt. Ein Deutscher Bund mit Österreich und den noch unbekehrten Satrapen Bonapartes konnte nichts anderes sein als die verewigte Anarchie; ein Italien mit Österreich, mit dem Papste, den Bourbonen und den Erzherzögen mußte in kläglicher Ohnmacht verharren. Es bedurfte einer langen Schule der Leiden, bis den beiden schicksalsverwandten Nationen die Erkenntnis der letzten Gründe ihres Unglücks aufging, bis jenes Wahngebilde des friedlichen Dualismus, das jetzt noch, und nicht durch einen Zufall, die besten Köpfe beherrschte, in seiner Hohlheit erkannt ward und die alten stolzen friderizianischen Überlieferungen wieder zu Ehren kamen. Die Herstellung einer wohlgesicherten norddeutschen Macht, wie sie der Nation not tat, war in Wien von Haus aus unmöglich, da Preußens Schicksal zum guten Teile von dem Willen seiner Feinde und Nebenbuhler abhing. Ein kühner genialer Staatsmann an Preußens Spitze hätte vermutlich das verschlungene Spiel der Wiener Verhandlungen weit einfacher gestaltet, die Krisis und die Entscheidung rascher herbeigeführt, doch, wegen der erdrückenden Ungunst der Umstände, zuletzt schwerlich viel mehr erreicht, als wirklich erlangt wurde. Bei dieser vorläufig noch unheilbaren Schwäche der Mitte des Weltteils konnte das neue System des europäischen Gleichgewichts, das in Wien begründet wurde, nur ein Notbehelf sein, ein schwächlicher Bau, der seine Dauer nicht der eigenen Festigkeit, sondern allein der allgemeinen Erschöpfung und Friedensseligkeit verdankte. Viele der schwierigsten und gefährlichsten Streitfragen des Völkerrechts mußte man unerledigt liegen lassen und tröstete sich mit jener Gelegenheitsphrase, die nun bald modisch wurde: c'est une question vide . Immerhin blieb aus den bitteren Lehren dieser entsetzlichen Kriegsjahre mindestens ein großer und neuer Gedanke als ein Gemeingut der politischen Welt zurück: selbst die frivolen Durchschnittsmenschen der Diplomatie fingen an zu begreifen, daß der Staat doch nicht bloß Macht ist, wie das alte Jahrhundert gewähnt hatte, daß sein Leben doch nicht allein in der Belauerung und behenden Übervorteilung der Nachbarmächte aufgeht. Der Anblick jener Triumphe, welche der Revolution und ihrem gekrönten Helden durch die Zwietracht der alten Mächte bereitet wurden, hatte doch endlich ein lebendiges europäisches Gemeingefühl erweckt. Die befreite Welt war ernstlich gesonnen, in einer friedlichen Staatengesellschaft zusammenzuleben; sie fühlte, daß den Staaten, trotz aller trennenden Interessen, eine Fülle großer Kulturaufgaben gemeinsam war, die allein durch freundliche Verständigung gelöst werden konnten. Mochte die mechanische Staatsanschauung vergangener Tage noch überwiegen, die gewissenlose Staatsräson der alten Kabinettspolitik war bereits im Untergehen; und es bleibt das dauernde historische Verdienst des Wiener Kongresses, daß er für den freundnachbarlichen Verkehr der Staatengesellschaft einige neue Formen und Regeln fand. Ein Fortschritt war es doch, daß man sich über die Vorschriften der internationalen Etikette, über die Rangordnung der diplomatischen Agenten und viele andere unscheinbare, aber unentbehrliche Voraussetzungen eines geordneten Völkerverkehrs endlich einigte. Zur See blieb freilich alles beim alten, hier galt kein Völkerrecht, sondern die Übermacht Englands; nimmermehr wollte die Hoffart der Meereskönigin sich auch nur zu einer Verständigung über den Flaggengruß herbeilassen. (599–603.) Den zahlreichsten und buntesten Teil der erlauchten Gesellschaft bildeten natürlich die deutschen Kleinfürsten. Da war keiner, von dem Bayern Max Joseph bis herab zu Heinrich XIV. von Reuß, der nicht geschäftig um die Gnade der fremden Herrscher warb; die Russen erzählten mit unverhohlener Verachtung, welche Berge deutscher durchlauchtiger Bettelbriefe im Kabinett ihres Kaisers aufgeschichtet lagen. Da war keiner, der nicht seine angemaßte Souveränität als ein unantastbares Heiligtum betrachtete: seit den Verträgen des vergangenen Herbstes fühlte man sich dieses Napoleonischen Geschenkes wieder so sicher, daß einer der Kleinsten unbefangen zu Stein sagen konnte: »Ich weiß es wohl, die Souveränität ist ein Mißbrauch, aber ich befinde mich wohl dabei.« Zu den Souveränen gesellte sich die dichte Schar der Mediatisierten, die noch immer auf die Anerkennung ihres formell unbestreitbaren Rechts hofften, obgleich ihr Schicksal schon in Ried und Fulda entschieden war. Ihr Führer war die Fürstinmutter von Fürstenberg, eine tapfere und kluge Dame; unermüdlich vertrat sie die Interessen ihrer Leidensgenossen, im Verein mit dem Geheimen Rate Gärtner, dem viel verspotteten surchargé d'affaires , den sich die Entthronten auf gemeinschaftliche Kosten hielten. Dazu Abgeordnete aus verschiedenen deutschen Landschaften, die ihre alte Dynastie zurückforderten: Freiherr von Summerau und Dr. Schlaar im Auftrage der österreichischen Partei des Breisgaus, eine Deputation aus Düsseldorf, die wieder pfalz-bayrisch werden wollte usw. Nicht minder eifrig verlangten die drei Oratoren der katholischen Kirche Deutschlands, Wamboldt, Helfferich und Schies, die Wiederherstellung der durch den Reichsdeputationshauptschluß vernichteten geistlichen Staaten oder doch mindestens die Herausgabe des geraubten Kirchengutes. Sie standen unter dem Schutze des päpstlichen Gesandten, des gewandten, geistreichen Kardinals Consalni; der Konvertit Friedrich Schlegel, der Neffe Goethes, Rat Schlosser aus Frankfurt, und ein großer, an guten Köpfen reicher Kreis von Klerikalen schlossen sich ihnen an. Aber auch auf dem kirchlichen Gebiete zeigte sich die unendliche Zersplitterung des vielgestaltigen deutschen Lebens. Denn neben diesen Vertretern der römischen Papstkirche erschien der Generalvikar von Konstanz, Freiherr von Wessenberg, noch einer von den milden, aufgeklärten hochadeligen Kirchenfürsten des alten Jahrhunderts – famosus ille Wessenbergius nannte ihn eine päpstliche Bulle. Der hoffte auf eine deutsche Nationalkirche und dachte seinem Auftraggeber, dem entthronten Großherzog von Frankfurt, Dalberg, den Primat Germaniens zu verschaffen. Dazu eine Reihe ehrenfester republikanischer Staatsmänner aus den Hansestädten, an ihrer Spitze der wackere Smidt von Bremen, der während des Winterfeldzugs im Großen Hauptquartiere tapfer ausgehalten und sich durch Klugheit und Zuverlässigkeit allgemeine Achtung erworben hatte; dann Jakob Baruch aus Frankfurt als Vertreter der deutschen Judenschaft; dann der kluge Buchhändler Cotta aus Stuttgart, der mit feiner Spürkraft bereits witterte, daß die Entscheidung der deutschen Dinge in Österreichs Händen lag, und darum seine »Allgemeine Zeitung« der Hofburg zur Verfügung stellte; und so weiter eine unendliche Reihe von Strebern, Horchern und Bittstellern. Als die eigentlichen Vertreter der troisième Allemagne , wie die Franzosen sagten, erschienen die Häupter der Mittelstaaten. Allen diesen Kreaturen Napoleons war das Herz geschworen von Neid wider das siegreiche Preußen. Das ließ sich doch nicht ertragen, daß der Staat Friedrichs den Deutschen wieder ein Vaterland, wieder ein Recht zu frohem Selbstgefühle gegeben hatte. Herunter mit dem waffengewaltigen Adler in den allgemeinen Kot deutscher Ohnmacht, Zanksucht und Armseligkeit – in diesem Gedanken fanden sich die Satrapen des Bonapartismus behaglich zusammen. Den Staat zu schwächen, der allein das Vaterland verteidigen konnte, schien allen eine selbstverständliche Forderung deutscher Freiheit. (610-611.) Die deutsche Bundesakte So entstand die Bundesakte, die unwürdigste Verfassung, welche je einem großen Kulturvolke von eingeborenen Herrschern auferlegt ward, ein Werk, in mancher Hinsicht noch kläglicher als das Gebäude des alten Reichs in den Jahrhunderten des Niedergangs. Ihr fehlte jene Majestät der historischen Größe, die das Reich der Ottonen noch im Verfalle umschwebte. Blank und neu stieg dies politische Gebilde aus der Grube, das Werk einer kurzlebigen, in sich selbst versunkenen Diplomatie, die aller Erinnerungen des eigenen Volkes vergessen hatte; kein Rost der Jahrhunderte verhüllte die dürftige Häßlichkeit der Formen. Von Kaiser und Reich sang und sagte das Volk; bei dem Namen des Deutschen Bundes hat niemals ein deutsches Herz höher geschlagen. Unter den Bundesstaaten hatten nur sechs der kleinsten ihren Besitzstand seit zwanzig Jahren nicht verändert; selbst das geduldigste der Völker konnte an die Legitimität einer zugleich so neuen und so willkürlichen Länderverteilung nicht mehr glauben. Dieselbe Fremdherrschaft, die das alte Reich zugrunde gerichtet, belastete auch den neuen Bund. Österreichs Übermacht hatte sich seit den Tagen Friedrichs erheblich verstärkt, sie war jetzt um so schwerer zu brechen, da sie ihren Einfluß mittelbar, ohne die herrischen Formen des Kaisertums ausübte. Die auswärtigen Diplomaten lächelten schadenfroh: wie schön, daß wir Österreich und Preußen zusammengekoppelt und dadurch geschwächt haben! Das alte Reichsrecht sprach doch noch von einer deutschen Nation; die Vorstellung mindestens, daß alle Deutschen ihrem Kaiser treu, hold und gewärtig seien, war niemals ganz verschwunden. Die neue Bundesakte wußte gar nichts mehr von einem deutschen Volke; sie kannte nur Bayern, Waldecker, Schwarzburg-Sondershausener Untertanen jener deutschen Fürsten, welche nach Gefallen zu einem völkerrechtlichen Vereine zusammengetreten waren. Die Nation mußte den Becher der Demütigung bis zur Hefe leeren; jene württembergische Mahnung: »man werde doch nicht aus verschiedenen Völkerschaften sozusagen eine Nation bilden wollen«, hatte vollständig recht behalten. Die Deutschen standen außer jeder Beziehung zu der Bundesgewalt, waren nicht einmal verpflichtet, ihr zu gehorchen; nur wenn ein Souverän einen Bundesbeschluß als Landesgesetz zu verkündigen geruhte, mußten seine Untertanen diesem Landesgesetze sich fügen. Die Nation war mediatisiert durch einen Fürstenbund. Wie die Revolution von 1803, so ward auch diese neue Verfassung Deutschlands ausschließlich durch die Dynastien geschaffen. Der neue Bundestag war der Regensburger Reichstag in etwas modernerer Gestalt, ganz ebenso schwerfällig und unbrauchbar; daß er bald als engerer Rat, bald als Plenum tagte, war eine leere Förmlichkeit, da auch im engeren Rate alle neununddreißig mitstimmten. Der Widerspruch zwischen dem formalen Rechte und der lebendigen Macht trat im Deutschen Bunde sogar noch greller hervor als im Heiligen Reiche. Der durch den Genuß der Souveränität aufgestachelte Dünkel der kleinen Kronen bewirkte in Wien eine Stimmenverteilung, welche alle Ungeheuerlichkeiten des alten Reichsrechts weitaus überbot und nun ihrerseits dazu half, jenen Dünkel bis zum Wahnsinn zu steigern. Eine gewisse Bevorzugung der kleinen Bundesglieder liegt im Wesen jeder Föderativverfassung; das aber ging doch über jedes Maß erlaubter Unbilligkeit hinaus, daß im Plenum des Bundestages die sieben größten Staaten, Österreich, die Königreiche und Baden, die zusammen mehr als fünf Sechstel des deutschen Volks umfaßten, mit nur 27 Stimmen die Minderheit bildeten neben den 42 Stimmen des letzten Sechstels. Das hieß die großen Staaten geradezu auffordern zur Umgehung der Bundesbeschlüsse oder zur gewaltsamen Einschüchterung der kleinen Genossen. Und dazu jenes Geschenk der Krone Sachsen, die Einstimmigkeit für alle wichtigen Beschlüsse – eine Vorschrift, die im Heiligen Reiche nur für Religionssachen und jura singulorum gegolten hatte. Jetzt konnte Reuß jüngerer Linie jede Entwicklung des Bundes verbieten. Diese Fortbildung ward aber vollends unmöglich gemacht durch die Begründung der landständischen Verfassungen. Denn sollte der Bund irgendwelches Leben gewinnen, so mußte er zunächst die Militärgewalt und die auswärtige Politik der Bundesstaaten zu beschränken suchen; dies waren aber gerade die einzigen Kronrechte, welche nach Einführung der Landstände den Kleinfürsten noch ungeschmälert verblieben, ein freiwilliger Verzicht darauf stand mithin ganz außer Frage. Und diese vielköpfige Bundesversammlung ohne Haupt trug keine Verantwortlichkeit, weder rechtlich noch sittlich, sie bestand aus Gesandten, welche lediglich ihre Instruktion zu befolgen hatten und also jeden Tadel von sich auf ihre Auftraggeber abwälzen konnten, während andererseits die kleinen Kronen nur allzubald die Kunst lernten, sich vor dem Zorne der öffentlichen Meinung hinter dem Bundestage zu verstecken. Deutschlands innere Politik ward zu einem Luftkampfe; niemand wußte mehr, wo er eigentlich seine Gegner suchen sollte. Die entsittlichenden Wirkungen solcher Unwahrheit zeigten sich rasch genug, an den Höfen wie im Volke: feige Angst auf der einen, Wolkenkuckucksheimer Träume und unklare Verbitterung auf der andern Seite. Die heillose Verwirrung mußte um so unerträglicher werden, da ein schwerer Kampf zwischen dem Bunde und seinen Gliedern gar nicht ausbleiben konnte; denn die Zentralgewalt des Bundes war absolutistisch, war lediglich ein Organ der Fürsten, in den Einzelstaaten aber kam bald die Macht der Landtage empor. Die Nation nahm das traurige Werk mit unheimlicher Kälte auf. Wer überhaupt davon redete, sprach seine grimmige Entrüstung aus. Die wenigen Artikel über Volksrechte, an denen der öffentlichen Meinung zumeist gelegen war, enthielten so leere, so windige Versprechungen, daß sogar diese gutherzige Nation anfangen mußte, an den bösen Willen ihrer Machthaber zu glauben, wie sonderbar nahm sich neben den unbestimmten Phrasen über Preßfreiheit, Handelsfreiheit, Landstände die genaue Aufzählung der Privilegien der Mediatisierten und der Thurn- und Taxisschen Postrechte aus. Und zu alledem das Kläglichste: die Bundesakte war gar keine Verfassung, sondern enthielt nur die damals ausgeführten Grundzüge eines künftigen Bundesrechts. Vier Jahre später schrieb der ehrliche Gagern nicht ohne Reue einem konservativen Freunde: »Sie reden von der Erhaltung des Bestehenden. Ich suche vergeblich den Bestand. Ich sehe eine Bundesakte, die wir zu entwickeln zu Wien uns erst vornahmen!« In den Gebietshändeln hatten Preußens Staatsmänner, durch die Festigkeit ihres Königs, doch einen halben Erfolg erreicht. In den Bundesverhandlungen wurden sie aufs Haupt geschlagen, nichts, gar nichts von ihren Absichten hatten sie durchgesetzt. Aber der Schild preußischer Ehre war ohne Makel geblieben. Die Haltung des Staates, der uns von den Fremden befreit, gereichte noch in Wien allen andern Deutschen zur Beschämung – wenn in einem solchen harten Interessenkampfe die Scham überhaupt Raum fände. Zäh und redlich, konsequenter als Stein, hatten Hardenberg und Humboldt einen bestimmten Plan eingehalten, immer nur Schritt für Schritt zurückweichend vor dem vereinten Widerstande nahezu des gesamten Deutschlands, einen Plan, der freilich auch an der allgemeinen politischen Unklarheit der Epoche krankte, aber jedenfalls ehrenhafter und verständiger war als alle andern Wiener Vorschläge. Die beständig wechselnde Form ihrer Entwürfe war nicht ihre Schuld, sondern ergab sich unvermeidlich aus der Bedrängnis eines aussichtslosen Streites wider Gegner, die nicht durch das Wort, sondern allein durch den Schlag überzeugt werden konnten. Das einzige, was den beiden zur Last fiel, war das arglose Vertrauen zu den falschen Freunden Österreich und Hannover. Aber selbst ein vollkommener Staatsmann, der von solcher Schwäche frei blieb, konnte in diesem Kriege nicht siegen. Der gesamte Gang der deutschen Schicksale während der jüngsten Jahre führte unabwendbar zu der traurigen und doch notwendigen Folge, daß nach Napoleons Fall nicht sein tapferer Feind Preußen, sondern sein schwankender Gegner Österreich und dessen Bundesgenossen, die Rheinbündner, über die Gestaltung unseres Staates entschieden. Selbst der Zar äußerte seinen Unwillen über den kläglichen Ausgang, und sogar Gentz hatte ein so lächerliches Machwerk doch nicht erwartet. Gleichwohl besaß die neue Ordnung der deutschen Dinge drei folgenschwere Vorzüge. Die welthistorischen Wirkungen der Fürstenrevolution von 1803 blieben unverändert, das fratzenhafte theokratische Wesen kehrte nicht wieder; das neue Deutschland atmete in der gesunden Luft weltlichen Staatslebens. Sodann ward durch die Bundesverfassung die Entstehung eines neuen Rheinbundes zwar keineswegs verhindert, aber wesentlich erschwert; deshalb allein, so gestanden Hardenberg und Humboldt oftmals, nahmen Preußens Staatsmänner ein Werk an, über dessen Mängel sie sich nicht täuschten. Preußen trat dem Bunde bei, um die Mittelstaaten an wiederholtem Landesverrate zu hindern, während diese und Österreich in der Bundesverfassung nur ein Bollwerk gegen den preußischen Ehrgeiz sahen. Endlich war der Deutsche Bund so locker und ohnmächtig, daß er den Staat Friedrichs in seiner inneren und äußeren Entwicklung kaum stören konnte. Sobald Preußen sich erst wieder auf sich selbst besann, bot ihm die schattenhafte Bundesverfassung tausend Mittel und Wege, um die kleinen Staaten durch Sonderbünde an sich zu ketten und durch die Tat zu beweisen, daß Österreich für Deutschland nichts leisten, Preußen allein der Sehnsucht der Nation und dem recht verstandenen Interesse der kleinen Höfe selber gerecht werden konnte. Und dies bleibt für uns, die wir die abgeschlossene Laufbahn überschauen, der historische Ruhm des Deutschen Bundes: er besaß nicht die Kraft, das Erstarken des einzigen lebendigen deutschen Staates zu hindern – des Staates, der berufen war, dereinst ihn selber zu zerstören und diesem unglücklichen Volke eine neue, würdige Ordnung zu schenken. (710–713.) Belle-Alliance Napoleon rechnete mit Sicherheit auf einen raschen Sieg, da er die Preußen fern im Südosten bei Namur wähnte. Seine Armee zählte über 72 000 Mann, war dem Heere Wellingtons namentlich durch ihre starke Kavallerie und die Überzahl der Geschütze – 240 gegen 150 Kanonen – überlegen. Unter solchen Umständen schien es unbedenklich, den Angriff auf die Mittagszeit zu verschieben, bis die Sonne den durchweichten Boden etwas abgetrocknet hätte. Um den Gegner zu schrecken und die Zuversicht des eigenen Heeres zu steigern, veranstaltete der Imperator im Angesichte der Engländer eine große Heerschau; krank wie er war, von tausend Zweifeln und Sorgen gepeinigt, empfand er wohl auch selber das Bedürfnis, sich das Herz zu erheben an dem Anblick seiner Getreuen. So oft er späterhin auf seiner einsamen Insel dieser Stunde gedachte, überkam es ihn wie eine Verzückung, und er rief: »Die Erde war stolz, soviel Tapfere zu tragen!« Und so standen sie denn zum letzten Male in Parade vor ihrem Kriegsherrn, die Veteranen von den Pyramiden, von Austerlitz und Borodino, die so lange der Schrecken der Welt gewesen und jetzt aus dem Schiffbruch der alten Herrlichkeit nichts gerettet hatten als ihren Soldatenstolz, ihre Rachgier und die unzähmbare Liebe zu ihrem Helden. Die Trommler schlugen an; die Feldmusik spielte das Partant pour la Syrie ! In langen Linien die Bärenmützen der Grenadiere, die Roßschweifhelme der Kürassiere, die betroddelten Tschakos der Voltigeure, die flatternden Fähnchen der Lanciers, eines der prächtigsten und tapfersten Heere, welche die Geschichte sah. Die ganze prahlerische Glorie des Kaiserreichs erhob sich noch einmal, ein überwältigendes Schauspiel für die alten Soldatenherzen; noch einmal erschien der große Kriegsfürst in seiner finsteren Majestät, so wie der Dichter sein Bild kommenden Geschlechtern überliefert hat, mitten im Wetterleuchten der Waffen zu Fuß, in den Wogen reitender Männer. Die brausenden Hochrufe wollten nicht enden; hatte doch der Abgott der Soldaten vorgestern erst aufs neue seine Unbesiegbarkeit erwiesen. Und doch kam dieser krampfhafte Jubel, der so seltsam abstach von der gehaltenen Stille drüben im englischen Lager, aus gepreßten Herzen: das Bewußtsein der Schuld, die Ahnung eines finsteren Schicksals lag über den tapferen Gemütern. Zehn Stunden noch, und die verwegene Hoffnung des deutschen Schlachtendenkers war erfüllt, und dies herrliche Heer mit seinem Trotze, seinem Stolze, seiner wilden Männerkraft war vernichtet bis auf die letzte Schwadron. Um ½ 12 Uhr begann Napoleon die Schlacht, ließ seinen linken Flügel gegen das Schloß Goumont vorgehen, während er zugleich auf seiner Rechten die Anstalten für den entscheidenden Stoß traf. Vier Divisionen Fußvolk scharten sich dort zu einer riesigen Heersäule zusammen; eine bei Belle-Alliance aufgestellte große Batterie bereitete durch anhaltendes Geschützfeuer den Angriff vor. Gegen ½ 2 Uhr führte General Erlon die gewaltige Infanteriemasse wider den linken Flügel der Briten heran. Aber noch bevor diese Bewegung begann, wurde der Imperator bereits durch eine unheimliche Nachricht in der kalten Sicherheit seiner Berechnungen gestört. Er erfuhr um 1 Uhr durch einen aufgefangenen Brief, daß General Bülow auf dem Marsche sei gegen die rechte Flanke der Franzosen; und während er auf der Höhe bei Rossomme, im Rücken des Zentrums, an seinem Kartentische stand, glaubte er auch schon fern im Osten bei dem hochgelegenen Dorfe Chapelle St. Lambert dunkle Truppenmassen zu bemerken, die alsbald zwischen den Wellen des Bodens wieder verschwanden. Ein sofort ausgesendeter Adjutant bestätigte die Vermutung. Gewaltsam suchte sich der Kaiser zu beruhigen und schickte vorläufig zwei Kavalleriedivisionen ostwärts über den rechten Flügel der Schlachtstellung hinaus. Es war ja doch sicher nur das eine Korps Bülows, vielleicht nur ein Teil davon, und ehe die Preußen in die Schlacht eingreifen konnten, mußte Wellington geschlagen sein. Seinen Offizieren aber sagte Napoleon mit zuversichtlicher Miene, Marschall Grouchy ziehe zur Unterstützung der rechten Flanke herbei: die Armee durfte von der Gefahr nichts ahnen. Währenddem war Erlon mit seinen vier Schlachthaufen vorgerückt; schon während des Anmarsches erlitt er schwere Verluste, ganze Reihen in den tiefen Kolonnen wurden von den englischen Kanonenkugeln niedergerissen. Es gelang, zuerst eine niederländische Brigade in die Flucht zu schlagen; nur ein Teil der Truppen des jungen Königreichs bewährte sich; der alte Blücher hatte ganz recht gesehen, als er meinte, diese Belgier schienen »keine reißenden Tiere« zu sein. Dann aber brach das englische und hannoversche Fußvolk hinter den schützenden Hecken hervor, umfaßte mit seinen langen Linien die unbehilflichen Klumpen der Franzosen. Nach einem mörderischen Gefechte, bei dem der tapfere Picton den Tod fand, mußten die Angreifer zurückgehen. Ponsonbys schottische Reiter setzten nach, sprengten die Weichenden auseinander, drangen in unaufhaltsamem Laufe bis in die große Batterie der Franzosen; hier erst wurden sie durch französische Kavallerie zur Umkehr genötigt. Der große Schlag war mißlungen. Und jetzt ließ sich schon nicht mehr verkennen, daß jedenfalls ein beträchtlicher Teil der preußischen Armee im Anmarsch war, und zwar in der Richtung auf das Dorf Plancenoit, das im Rücken des rechten Flügels der Franzosen lag. Noch stand es dem Imperator frei, die Schlacht abzubrechen, aber wie hätte der Stolze einen so kleinmütigen Entschluß fassen können? Er sendete das Korps Lobaus über Plancenoit hinaus, so daß seine Schlachtstellung statt einer einfachen Linie nunmehr einen auf der Rechten rückwärts gebogenen Haken bildete. Die Preußen verdarben ihm die ganze Anlage der Schlacht, noch bevor von ihrer Seite ein Schuß gefallen war. Den gegen die Engländer fechtenden Heerteilen wurde die auf der Rechten drohende Bedrängnis sorgsam verborgen gehalten. Darum ließ Napoleon die Truppen Lobaus nicht weiter nach Osten vorgehen, wo sie das Korps Bülows am Rande des breiten Lasnetals leicht aufhalten konnten, sondern hielt sie nahe bei Plancenoit zurück: der Zusammenstoß mit den Preußen sollte solange als möglich hinausgeschoben werden, damit die Armee nicht durch den Kanonendonner auf der Rechten in ihrer Siegeszuversicht beirrt würde. Aus Furcht vor dem Angriff der Preußen wagte der Imperator auch nicht mehr, die 24 Bataillone seiner Garde, die noch unberührt in Reserve standen, gegen die Engländer vorzuschicken, sondern beschloß, mit seiner gesamten Kavallerie das Zentrum Wellingtons zu durchbrechen: ein aussichtsloses Beginnen, da die Hauptmasse des Fußvolks der Verbündeten noch unerschüttert war. Blücher war am Morgen von Wavre aufgebrochen. Die alten Glieder wollten sich noch gar nicht erholen von dem bösen Sturze vorgestern, doch wer durfte dem Helden heute von Ruhe und Schonung sprechen? »Lieber«, rief er aus, »will ich mich auf dem Pferde festbinden lassen als diese Schlacht versäumen!« Wohlgemut ritt er inmitten der Regimenter, die sich mit unsäglicher Anstrengung durch den tiefen Schlamm hindurcharbeiteten; ein Brand in Wavre hatte den Marsch erheblich verzögert. Die Soldaten frohlockten, wo der Feldherr sich zeigte, traten mit lautem Zuruf an ihn heran, streichelten ihm die Knie; er hatte für jeden ein ermunterndes Wort: »Kinder, ich habe meinem Bruder Wellington versprochen, daß wir kommen. Ihr wollt mich doch nicht wortbrüchig werden lassen?« Thielmann blieb mit dem dritten Armeekorps bei Wavre zurück, um den Rücken des Heeres gegen einen Angriff Grouchys zu decken, der in der Tat am Nachmittage auf Wavre heranzog. Die übrigen drei Korps nahmen den Marsch auf Chapelle St. Lambert; um 10 Uhr waren die Spitzen, um 1 Uhr die Hauptmasse der Armee dort auf den Höhen angelangt. Nun teilte sich das Heer. Zieten mit dem ersten Korps marschierte geradeaus, in der Richtung auf Ohain und weiter gegen den rechten Flügel der Franzosen. Bülow mit dem vierten Korps und dahinter das zweite Korps unter Pirch wendeten sich nach links, südwestwärts, gegen den Rücken der französischen Aufstellung. Das schwierige Defilee des Lasnetals war zum Glück vom Feinde nicht besetzt, der Bach ward überschritten, und gegen 4 Uhr ließ Bülow seine Truppen wohl verdeckt in und hinter dem Walde von Frichemont antreten: erst wenn eine genügende Macht zur Stelle war, sollte der überraschende Vorstoß erfolgen. In tiefem Schweigen rückten die Regimenter in ihre Stellungen ein; die Generale hielten am Rande des Waldes und verfolgten mit gespannten Blicken den Gang der Schlacht. Als einer der Offiziere meinte, der Feind werde nun wohl von den Engländern ablassen und, um sich den Rückzug zu sichern, seine Hauptmacht gegen die Preußen werfen, da erwiderte Gneisenau: »Sie kennen Napoleon schlecht. Er wird gerade jetzt um jeden Preis die englische Schlachtlinie zu zersprengen suchen und gegen uns nur das Notwendige verwenden.« Und so geschah es. Noch ehe die Preußen bei dem Walde von Frichemont anlangten, zwischen 3 und 4 Uhr, hatte der zweite große Angriff der Franzosen begonnen. Ney sprengte mit 14 Regimentern schwerer Reiterei auf der Westseite der Landstraße gegen die Vierecke der englischen Garde und der Division Alten im Zentrum heran. Lange wogte der Kampf unentschieden hin und her, aber das Fußvolk hielt unerschütterlich aus. Endlich zurückgeworfen, zog Ney auch die Kavallerie Kellermanns an sich, so daß er jetzt 26 Reiterregimenter zu erneutem Angriff heranführte, die größte Reitermasse, welche dies kriegerische Zeitalter jemals an einer Stelle tätig gesehen hatte. Der Boden dröhnte von dem Hufschlag von 10 000 Pferden, ein Wald von Säbeln und Lanzen bedeckte die Talmulde, stundenlang schwankte das Gefecht, zehn-, zwölfmal ward die Attacke gegen einzelne Bataillone erneuert. Nochmals behielt die Standhaftigkeit des englischen und deutschen Fußvolks die Oberhand. Auch dieser Angriff scheiterte, die Schwadronen begannen zu weichen, ein kühnes Vorgehen der englischen und hannoverschen Reservereiterei brachte sie vollends in Verwirrung; aber auch die Sieger fühlten sich tief erschöpft. Auf den andern Teilen des Schlachtfeldes gestaltete sich unterdessen der Gang der Ereignisse weit günstiger für Napoleon. Die Division Quiot, die schon an dem großen Angriffe Erlons teilgenommen, ging von neuem auf der Landstraße vor und bestürmte die Meierei von La Haye Sainte. Dort stand Major Baring mit einem Bataillon von der leichten Infanterie der Deutschen Legion und einigen Nassauern. Die grünen Jäger hatten schon um Mittag die Schlachthaufen Erlons abgeschlagen; die treuen Männer hingen mit ganzem Herzen an ihren Offizieren, alle, bis zum letzten Gemeinen, zeigten sich entschlossen, von diesem Ehrenposten nimmermehr zu weichen. Und welche Aufgabe jetzt! Schon brannten die Dächer des Gehöftes, die einen mußten löschen, die andern führten aus den Fenstern, hinter den Hecken und Mauern des Gartens das Feuergefecht gegen die furchtbare Übermacht draußen. Pulver und Blei gingen aus; vergeblich sandte Baring wiederholt seine Boten rückwärts nach Mont St. Jean, mit der dringenden Bitte um Munition. Erst als fast die letzte Patrone verschossen war, räumte die tapfere kleine Schar den Platz, wie Rasende drangen die Franzosen hinter den Abziehenden in das Gehöft ein, durchsuchten brüllend alle Stuben und Scheunen: »Kein Pardon diesen grünen Brigands!« – denn wie viele ihrer Kameraden waren heute mittag und jetzt wieder den sicheren Kugeln der deutschen Jäger erlegen! Das Vorwerk des englischen Zentrums war genommen, und bald ergoß sich der Strom der Angreifer weiter bis nach Mont St. Jean. Die Mitte der Schlachtlinie Wellingtons war durchbrochen. Da führte der Herzog selber die hannoversche Brigade Kielmannsegge herbei, und ihr gelang, die Lücke im Zentrum vorläufig zur Not wieder auszufüllen. Aber auch nur vorläufig, denn die Reserven waren schon herangezogen bis auf den letzten Mann, und La Haye Sainte, die beherrschende Position dicht vor dem Zentrum, blieb in den Händen des Feindes. Mittlerweile konnte auch der tapfere Bernhard von Weimar auf dem linken Flügel die Vorwerke La Haye und Papelotte gegen die Division Durutte nicht mehr behaupten. Er begann zu weichen. Wellingtons Besorgnis stieg. Schon seit mehreren Stunden hatte er wiederholt Adjutanten an Blücher gesendet mit der dringenden Bitte um Hilfe. Kalt und streng stand er unter seinen Offizieren, die Uhr in der Hand, und sagte: »Blücher oder die Nacht!« Wenn Napoleon jetzt imstande war, seine Garde gegen Mont St. Jean oder gegen den erschütterten linken Flügel der Engländer zu verwenden, so konnte ihm der Sieg nicht fehlen. In diesem verhängnisvollen Zeitpunkte begann der Angriff der Preußen. Bereits klang fern vom Osten her, beiden Teilen vernehmlich, Kanonendonner nach dem Schlachtfelde hinüber – die erste Kunde von dem Gefechte, das sich bei Wavre, im Rücken der Blücherschen Armee, zwischen Thielmann und Grouchy entspann. Um die nämliche Zeit fiel vor dem Walde von Frichemont der erste Schuß. Es war ½ 5 Uhr nachmittags; gerade fünf Stunden lang hatte die Armee Wellingtons den Kampf allein aushalten müssen. Bülows Batterien fuhren staffelförmig auf den Höhen vor dem Walde auf. Ein einzig schönes Schauspiel, wie dann die Brigaden des vierten Korps mit Trommelklang und fliegenden Fahnen nacheinander aus dem Gehölz heraustraten und zwischen den Batterien hindurch sich in die Ebene gegen Plancenoit hinabsenkten. Gneisenau fühlte sich in seinem ewig jungen Herzen wie bezaubert von der wilden Poesie des Krieges und unterließ selbst in seinem amtlichen Schlachtberichte nicht zu schildern, wie herrlich dieser Anblick gewesen sei. (754-758.) Indem hatte Blücher schon den Schlag geführt, der die Vernichtung des Napoleonischen Heeres entschied. Die Truppen Bülows gingen in drei Kolonnen im Sturmschritt auf Plancenoit vor. In und neben dem Dorfe hielten jene zwölf frischen Bataillone der Kaisergarde; und sie fochten mit dem höchsten Mute, denn alle fühlten, daß hier die Entscheidung des ganzen Krieges lag. Die anstürmenden Preußen sahen sich im freien Felde den Kugeln der Verteidiger, die in den Häusern und hinter den hohen Mauern des Kirchhofs verdeckt standen, schutzlos preisgegeben. Dieser letzte Kampf ward fast der blutigste dieses wilden Zeitalters; das Korps Bülows verlor in viertehalb Stunden 6353 Mann, mehr als ein Fünftel seines Bestandes, nach Verhältnis ebensoviel wie die englische Armee während des ganzen Schlachttages. Der erste und der zweite Sturm ward abgeschlagen; da führte Gneisenau selbst die schlesischen und pommerschen Regimenter zum dritten Male vorwärts, und jetzt gegen 8 Uhr drangen sie ein. Noch ein letzter wütender Widerstand in der Dorfgasse, dann entwich die Garde in wilder Flucht; ihr nach Major Keller mit den Füsilieren des 15. Regiments, dann die andern Bataillone. Auf der ganzen Linie erklang in langgezogenen Tönen das schöne Signal der preußischen Flügelhörner: Avancieren! Zu gleicher Zeit ward weiter nördlich das Korps Lobaus von Bülows Truppen in der Front, von Zietens Reitern in der Flanke gepackt und völlig zersprengt. Die beiden Heerteile der Preußen vereinigten sich hier; der furchtbare Ring, der den rechten Flügel der Franzosen auf drei Seiten umklammern sollte, war geschlossen. Von Norden drängten die Engländer, von Osten und Süden die Preußen heran. Den Truppen Zietens wies Grolman die Richtung nach der Höhe hinter dem Zentrum der Franzosen, nach dem Pachthof La Belle-Alliance, der mit seinen weißen Mauern weithin erkennbar wie ein Leuchtturm über dem tiefen Gelände emporragte. Dorthin nahmen auch die Sieger von Plancenoit ihren Weg. Über 40 000 Preußen hatten noch am Gefechte teilgenommen, und jetzt, da die Arbeit fast getan war, kam auch das Armeekorps Pirchs von den Höhen hinter Plancenoit herab. Napoleon war während dieser letzten Stunde nach La Hane Sainte vorgeeilt, um die Division Quiot noch einmal zum Angriff auf Mont St. Jean vorzutreiben. Sobald er zu seiner Linken die Niederlage Neys und gleichzeitig den Zusammenbruch des gesamten rechten Flügels bemerkte, sagte er wie vernichtet: »Es ist zu Ende, retten wir uns!« Er eilte an der Landstraße zurück, nicht ohne schwere Gefahr, denn schon ward die Straße zugleich von den Engländern und von Zietens Batterien mit einem heftigen Kreuzfeuer bestrichen. Schweigsam, unbeweglich, mit wunderbarer Selbstbeherrschung sah Wellington auf die ungeheure Verwirrung. Sein Heer war nicht nur völlig ermattet, sondern auch in seiner taktischen Gliederung ganz gebrochen; der lange Kampf hatte alle Truppenteile wirr durcheinandergeschüttelt, aus den Trümmern der beiden prächtigen Reiterbrigaden Ponsonby und Somerset stellte man soeben zwei Schwadronen zusammen. Keine Möglichkeit, mit solchen Truppen noch ein entscheidendes Gefecht zu bestehen. Der Herzog wußte wohl, daß allein das Erscheinen der Preußen ihn vor einer unzweifelhaften Niederlage bewahrt hatte; seine wiederholten dringenden Bitten an Blücher lassen darüber keinen Zweifel. Doch er war dem militärischen Ehrgefühle seiner Tapferen eine letzte Genugtuung schuldig; auch sah er mit staatsmännischer Feinheit voraus, wieviel gewichtiger Englands Wort bei den Friedensverhandlungen in die Wagschale fallen mußte, wenn man sich so anstellte, als hätten die britischen Waffen die Schlacht im wesentlichen allein entschieden. Darum ließ er, sobald er den rechten Flügel der Franzosen dem preußischen Angriffe erliegen sah, alle irgend verwendbaren Trümmer seines Heeres noch eine Strecke weit vorrücken. Auf diesem letzten Vormarsch trieb der hannoversche Oberst Halkett die beiden einzigen Vierecke der Kaisergarde, die noch zusammenhielten, vor sich her und nahm ihren General Cambronne mit eigenen Händen gefangen. Aber die Kraft der Ermüdeten versagte bald, sie gelangten nur wenig über Belle-Alliance hinaus. Wellington überließ, nachdem er den Schein gerettet, die weitere Verfolgung ausschließlich den Preußen, die ohnehin dem Feinde am nächsten waren. Die Geschlagenen ergriff ein wahnsinniger Schrecken. Kein Befehl fand mehr Gehör, jeder dachte nur noch an sein armes Leben. Fußvolk und Reiter wirr durcheinander, flohen die aufgelösten Massen auf und neben der Landstraße südwärts; die Troßknechte zerhieben die Stränge und sprengten hinweg, so daß die 240 Kanonen allesamt bis auf etwa 27 in die Hände der Sieger fielen, selbst der Ruf L'Empereur! , der sonst augenblicklich jeden Weg dem kaiserlichen Wagen geöffnet hatte, verlor heute seinen Zauber; der kranke Napoleon mußte zu Pferde davonjagen, obgleich er sich kaum im Sattel halten konnte. Nur um die Fahnen scharten sich immer noch einige Getreue; ihrer vier waren in der Schlacht verlorengegangen, die übrigen wurden allesamt gerettet. Niemals in aller Geschichte war ein tapferes Heer so plötzlich aus allen Fugen gewichen. Nach der übermenschlichen Anstrengung des Tages brach alle Kraft des Leibes und des Willens mit einem Schlage zusammen; das Dunkel der Nacht, die Übermacht der Sieger, der umfassende Angriff und die rastlose Verfolgung steigerten die Verwirrung. Entscheidend blieb doch, daß diesem Heere bei all seinem stürmischen Mute die sittliche Größe fehlte. Was hielt diese Meuterer zusammen? Allein der Glaube an ihren Helden. Nun dessen Glücksstern verbleichte, waren sie nichts mehr als eine zuchtlose Bande. Die Sonne war schon hinter dicken Wolken versunken, als die beiden Feldherren eine Strecke südlich von dem Hofe von Belle-Alliance miteinander zusammentrafen; sie umarmten sich herzlich, der bedachtsame Vierziger und der feurige Greis. Nahebei hielt Gneisenau. Endlich doch ein ganzer und voller Sieg, wie er ihn so oft vergeblich von Schwarzenberg gefordert; endlich doch eine reine Vergeltung für allen Haß und alle Schmach jener entsetzlichen sieben Jahre! Es sang und klang in seiner Seele; er dachte an das herrlichste der friderizianischen Schlachtfelder, das er einst von seiner schlesischen Garnison aus so oft durchritten hatte. »Ist es nicht gerade wie bei Leuthen?« – sagte er zu Bardeleben und sah ihn mit strahlenden Augen an. Und wirklich, wie einst bei Leuthen bliesen jetzt die Trompeter das »Nun danket alle Gott!« und die Soldaten stimmten mit ein. Aber Gneisenau dachte auch an die Schreckensnacht nach der Schlacht von Jena, an jene Stunden beim Webichtholze, da er die Todesangst eines geschlagenen Heeres, die dämonische Wirkung einer nächtlichen Verfolgung mit angesehen. Noch gründlicher als einst an der Katzbach sollte heute der Sieg ausgebeutet werden, »Wir haben«, rief er aus, »gezeigt, wie man siegt, jetzt wollen wir zeigen, wie man verfolgt.« (759-762.) Mit stolzen Worten dankte Blücher dem unübertrefflichen Heere, das ermöglicht habe, was alle großen Feldherren bisher für unmöglich gehalten hätten: »Solange es Geschichte gibt, wird sie euer gedenken. Auf euch, ihr unerschütterlichen Säulen der preußischen Monarchie, ruht mit Sicherheit das Glück eures Königs und seines Hauses. Nie wird Preußen untergehen, wenn eure Söhne und Enkel euch gleichen!« An Stein schrieb er einfach: »Ich hoffe, mein verehrter Freund, Sie sind von mich zufrieden« und sprach die Hoffnung aus, seine alten Tage als Steins Nachbar »in Ruhe aufs Land zu verleben.« Er befahl, die Schlacht zu nennen nach dem sinnvollen Namen des Hofes La Belle-Alliance, wo die beiden Sieger, »durch eine anmutige Gunst des Zufalls« zusammengetroffen waren – »zum Andenken des zwischen der britischen und preußischen Nation jetzt bestehenden, von der Natur schon gebotenen Bündnisses, der Vereinigung der beiden Armeen und der wechselseitigen Zutraulichkeit der beiden Feldherren«. Wellington ging auf den schönen Gedanken, der beiden Völkern die verdiente Ehre gab, nicht ein. Die Schlacht sollte als sein Sieg erscheinen, darum taufte er sie auf den Namen des Dorfes Waterloo, wo gar nicht gefochten wurde; denn dort hatte er am 17. Juni übernachtet, und von Spanien her war er gewohnt, die Stätten seiner Siege mit dem Namen seines letzten Hauptquartiers zu bezeichnen. Während Gneisenaus Schlachtbericht durchaus ehrlich und bescheiden den wirklichen Hergang, soweit er schon bekannt war, erzählte, stellte der Herzog in seinem Berichte die Ereignisse so dar, als ob sein letzter Scheinangriff die Schlacht entschieden und die Preußen nur eine immerhin dankenswerte Hilfe geleistet hätten. Zum Glück wurde von solchen Zügen englischer Bundesfreundschaft vorderhand noch wenig ruchbar. Das Verhältnis zwischen den Soldaten der beiden Heere blieb durchaus freundlich; die tapferen Hochschotten, die auf dem Schlachtfelde den preußischen Vierundzwanzigern um den Hals fielen und mit ihnen gemeinsam das »Heil dir im Siegerkranz!« sangen, fragten wenig, wem das höhere Verdienst gebühre. In der Heimat hatte die Unglückspost von Ligny große Bestürzung erregt; man sah schon ein neues Zeitalter unendlicher Kriege emporsteigen. Um so stürmischer nun die Freude über die Siegesbotschaft. Wie war doch plötzlich das Machtverhältnis zwischen den beiden Nachbarvölkern verschoben! Schon jenseits der Grenze empfingen die Deutschen den Feind; die Hälfte des preußischen Heeres und ein Teil der norddeutschen Kontingente genügten, um, vereint mit etwa 60 000 Engländern und Niederländern, das französische Heer aufs Haupt zu schlagen; unabweisbar drängte sich der Gedanke auf, daß Preußen allein, selbst ohne Österreich, bereits stark genug war, die bösen Nachbarn zu bemeistern, wenn sich nur alle deutschen Staaten ihm anschlössen. Gneisenau sagte befriedigt: »Die Franzosen ahnen nicht bloß, sie wissen jetzt, daß wir ihnen überlegen sind.« Im Bewußtsein solcher Kraft verlangte die Nation wie aus einem Munde rücksichtslose Ausbeutung des Sieges, gänzliche Befreiung des deutschen Stromes. Im Namen aller rief Arndt den Siegern zu: Nun nach Frankreich, nun nach Frankreich! Holt gestohlnes Gut zurück! Unsre Festen, unsre Grenzen, Unsern Teil an Siegeskränzen, Ehr' und Frieden holt zurück! (763-764.) Bis zu den Karlsbader Beschlüssen (Aus dem zweiten Bande der »Deutschen Geschichte«) Aus dem Vorwort Diese Blätter enthalten der schmerzlichen Erinnerungen viel. Wollte ich den Stimmungen des Augenblicks nachgeben und als ein Parteimann Geschichte schreiben, so würde ich über manche alte Sünden Österreichs und der deutschen Kronen gern einen Schleier werfen; denn in der heutigen Ordnung der deutschen Dinge zeigt sich unser hoher Adel einsichtiger, opferwilliger als ein großer Teil des Bürgertums, und an der Freundschaft, welche unsern Staat mit Osterreich verbindet, wird nur ein Tor rütteln wollen. Meine Aufgabe war, das Geschehene getreu zu erzählen. Es kann dem Bestande der Monarchie in unserm Vaterlande nur förderlich sein, wenn Deutschlands Fürsten der trüben Tage nicht vergessen, da ihre Ahnen nahe daran waren, sich dem Leben der Nation ganz zu entfremden; unser freier Bund mit Österreich aber wird um so fester stehen, je unbefangener man hüben und drüben anerkennt, daß Deutschland berechtigt war, die Herrschaft des Wiener Hofes nicht länger mehr zu ertragen. Mit allen ihren Irrtümern und Enttäuschungen war die verrufene Zeit, welche dieser Band schildert, nicht bloß reich an wissenschaftlichem Ruhm, sondern auch fruchtbar für unser politisches Leben. Habe ich den Ton nicht ganz verfehlt, so wird den Lesern der Eindruck bleiben, daß sie die Geschichte eines aufsteigenden Volkes vor sich sehen. (VI.) Geistige Strömungen der ersten Friedensjahre Nicht jede Zeit erkennt ihr eigenes Wesen. Namentlich in jenen müden Epochen, welche den Entscheidungsstunden des Völkerlebens zu folgen pflegen, täuschen sich die Mutigen und hochherzigen oft vollständig über die treibenden Kräfte des Zeitalters, vor dem Kriege hatte niemand geahnt, wieviel Tapferkeit und Bürgersinn, wieviel Opfermut und edle Leidenschaft in dem Volke des deutschen Nordens schlummerte; jetzt, da alle diese verborgenen Tugenden sich so herrlich bewährt hatten, wollten die erregten Wortführer der Patrioten schlechterdings nicht glauben, daß die hohe Begeisterung der Befreiungskriege, nachdem ihr Ziel erreicht war, wieder verrauchen könnte. Die Bundesakte und der Friedensschluß – wer hätte das bestritten? – waren ja doch nur darum mißraten, weil das Volk an den Verhandlungen der Diplomaten nicht teilnehmen durfte; um so gewisser mußte die Nation, sobald sie nur die verheißenen landständischen Verfassungen erhalten hatte, sich mit Eifer und Verständnis ihrer Angelegenheiten selbst bemächtigen und die irrenden Kabinette in die Bahnen nationaler Staatskunst zurückführen. In solchem Sinne schrieb Arndt beim Anbruch des ersten Friedensjahres: »Noch in diesem Jahre 1816 soll zwischen den Herrschern und den Völkern das Band der Liebe und des Gehorsams unauflöslich gebunden werden.« Er sah die Tore eines neuen Zeitalters weit geöffnet: wenn erst die schöne Neugeborene dieses Jahres, die verfassungsmäßige Freiheit, in alle deutschen Staaten einzieht, »dann jauchzen die Gefallenen, dann weinen die einsamen Bräute und Witwen süßere Tränen!« Der Hoffnungsvolle sollte nur zu bald erfahren, wie gründlich er Charakter und Gesinnung seines Volkes verkannt hatte. Die Nation stand erst auf der Schwelle einer langen, an Irrtum und Enttäuschung reichen politischen Lehrzeit; die öffentliche Meinung, welche Arndt als »die gewaltigste Königin des Lebens« pries, zeigte für die Fragen des Verfassungswesens nur geringes Verständnis, kaum noch ernstliche Teilnahme. Den einsamen Witwen und Bräuten, den heimgekehrten Kriegern, die jetzt das Schwert mit dem Pfluge und dem Hobel vertauschten, brannte die Not auf den Nägeln; sie sorgten, wie sie sich nur das arme Leben fristen, wie sie nur wieder Hütten bauen sollten auf dem ausgeplünderten Schlachtfelde des Völkerkrieges. Deutschland war wieder das ärmste von allen Ländern Westeuropas; in manchen Strichen der Mark Brandenburg begann zum fünften Male das schwere Ringen um die ersten Anfänge bürgerlichen Wohlstandes. Mit ruhigem Gottvertrauen gingen die kleinen Leute wieder an ihr schweres Tagewerk und trugen geduldig das Los der Entbehrung, das ihnen als Lohn so vieler Siege zufiel. Jener Geist der Unruhe und Verwilderung, der gemeinhin nach großen Kämpfen noch eine Zeitlang im Gemüte der Massen nachzuzittern pflegt, zeigte sich nirgends unter den frommen und genügsamen Menschen, die diesen heiligen Krieg geschlagen hatten. Aber in dem Gedränge der wirtschaftlichen Sorgen blieb auch kein Raum für die politische Leidenschaft. Sogar die Erinnerung an alle die Wunder der jüngsten drei Jahre fand selten lauten Ausdruck, obwohl sie in den treuen Herzen still fortlebte. Zwei-, dreimal noch flammten am Abend des 18. Oktobers die Freudenfeuer auf den Bergen; dann verstummte die Feier an den meisten Orten, hier vor den Verboten der Polizei, dort vor der Gleichgültigkeit der Menge. Auffällig gering blieb in diesem schreiblustigen Geschlechte die Zahl der Volksbücher und Holzschnitte, welche der Nation von der schönsten Zeit ihrer neuen Geschichte erzählten. Ein gespreiztes Bild, »die Rückkehr des jungen Helden«, sah man zuweilen an den Wänden guter Bürgerhäuser, die ihre Söhne unter die freiwilligen Jäger geschickt hatten; auf den Jahrmärkten und in den Dorfschenken war selbst das Bildnis Blüchers, des volkstümlichen Helden, fast nirgends zu finden. Auch unter den Gebildeten waren es im Grunde nur drei scharf getrennte Kreise, welche sich die gehobene Stimmung, die stolzen vaterländischen Hoffnungen der Kriegsjahre noch im Frieden lange bewahrten: das preußische Offizierkorps, die akademische Jugend, endlich eine mäßige Anzahl von patriotischen Schriftstellern und Gelehrten, die man jetzt mit dem neuen spanischen Parteinamen der Liberalen zu bezeichnen anfing. Die preußischen Offiziere lebten und webten in den Erinnerungen der Feldzüge; sie blickten mit starkem Selbstgefühl auf den wiederhergestellten Glanz ihrer Fahnen, mit Unmut auf den gebrechlichen Bau des Deutschen Bundes und das traurige Ergebnis der Friedensverhandlungen, während des Kampfes hatten sie die kriegerische Kraft des Bürgertums achten gelernt, manchen tapferen Kameraden aus den Reihen der Freiwilligen in ihren Kreis aufgenommen. Nun wurde ihnen durch das neue Wehrgesetz die Erziehung der gesamten wehrhaften Jugend anvertraut, sie traten mit allen Klassen des Volkes in Verkehr und bewahrten sich auch den freien, einst durch Scharnhorst geweckten wissenschaftlichen Sinn; der Kastenhochmut der alten Zeit kehrte nur in vereinzelten Rückfällen wieder. Aber obschon die fremden Mächte und die kleinen deutschen Höfe allesamt den nationalen Stolz und das frische geistige Leben dieses Volksheeres voll Argwohns beobachteten, so blieb die streng monarchische Gesinnung der Offiziere doch allen Parteibestrebungen völlig unzugänglich. Ihre Kameraden von der russischen Garde hatten in Frankreich zum ersten Male die Ideen der Revolution kennengelernt und von dort radikale Anschauungen mit heimgenommen, welche nachher in törichten Verschwörungen ihre Früchte trugen. Auf die preußischen Offiziere dagegen wirkte der Anblick des allgemeinen Eidbruchs und der wilden Parteikämpfe der Franzosen nur abschreckend; sie fühlten sich wieder, wie in den neunziger Jahren, stolz als Gegner der Revolution, sie rühmten sich der alten preußischen Königstreue und schätzten die neue konstitutionelle Doktrin schon darum gering, weil sie aus Frankreich stammte. Selbst Gneisenau, der noch vorm Jahre die schleunige Vollendung der preußischen Verfassung gefordert hatte, kehrte mit veränderter Gesinnung heim und riet dringend, die Ausführung solcher Entwürfe nur langsam reifen zu lassen. Der einzige politische Gedanke, der in den Briefen und Gesprächen dieses Heeres mit Leidenschaft erörtert wurde, war die Hoffnung auf einen Dritten Punischen Krieg, der den Deutschen endlich ihre alte Westgrenze und eine angesehene Stellung unter den Völkern zurückbringen sollte. Ungleich erregter zeigte sich die Stimmung der jungen Freiwilligen, die jetzt von den Regimentern zu den Hörsälen der Hochschulen zurückkehrten, vaterländische Begeisterung und religiöse Schwärmerei, Groll über den faulen Frieden und unklare Vorstellungen von Freiheit und Gleichheit, die man unbewußt zumeist von den verachteten Franzosen entlehnt hatte, das alles brodelte in den Köpfen dieser teutonischen Jugend wirr durcheinander und erzeugte eine edle Barbarei, die nur noch die Tugenden des Bürgers gelten ließ und sich zu dem Ausspruch Fichtes bekannte: Besser ein Leben ohne Wissenschaft als eine Wissenschaft ohne Leben. Indes der überspannte Nationalstolz des Teutonentums widersprach allzusehr der freien Weitherzigkeit unseres weltbürgerlichen Volkes, das gar nicht vermag, auf die Dauer gegen fremdes Wesen ungerecht zu sein; die zur Schau getragene Verachtung aller Anmut und seinen Bildung war allzu undeutsch, das ganze, halb kindlich rührende, halb lächerliche Gebaren dieses anmaßlichen Studentenstaates trug allzusehr den Charakter des Sektenwesens, als daß sein politischer Fanatismus hätte auf weite Kreise wirken können. Es blieb bei der alten Regel, daß die Fünfzig- und Sechzigjährigen die Welt regieren. Unter den älteren Männern aber fanden die politischen Wächterrufe der patriotischen Schriftsteller zwar vereinzelte Zustimmung; die starke Leidenschaft, welche die Tat gebiert, erweckten sie nicht. Sicherer als Arndt durchschaute Hegel den Geist der Zeit, da er sagte: Die Nation hat sich aus dem gröbsten herausgehauen, sie kann sich nun wieder nach innen, zum Reiche Gottes wenden. Die mächtigen Akkorde, welche das Zeitalter unserer klassischen Dichtung angeschlagen, hallten noch fort; noch waren die reichen Schächte, die sich seit zwei Menschenaltern der geistigen Arbeit der Nation erschlossen hatten, keineswegs erschöpft. Der Ehrgeiz dieses durchaus unpolitischen Geschlechts trachtete noch immer, unbekümmert um alle Prosa des äußeren Lebens, fast allein nach den Kränzen des Reiches der Geister. Seinen besten Männern erschien die Zeit der Napoleonischen Kriege bald nur wie eine Episode, wie ein Hagelschauer, der über den blühenden Garten deutscher Kunst und Wissenschaft dahingebraust war. Wie die kleinen Leute wieder zur Pflugschar griffen, so nahmen die Gebildeten die Feder wieder auf, doch nicht wie jene mit stiller Entsagung, sondern mit dem frohen Bewußtsein, sich selber und ihrem eigensten Leben wieder anzugehören, wunderbar grell trat jener innere Widerspruch hervor, der sich seit dem Aufblühen der neuen Literatur in dem Charakter unseres Volkes herausgebildet hatte: diese tapferen Germanen, die schon in den Lagen ihrer heidnischen Urzeit beständig von Krieg und Sieg geträumt und seitdem in jedem Jahrhundert die Welt mit dem Schalle ihrer Schwerter erfüllt hatten, schätzten den kriegerischen Ruhm niedriger als irgendein anderes Volk; sie lebten des Glaubens, Deutschlands schärfste Waffen seien seine Gedanken. Das Jahrzehnt nach Napoleons Sturze wurde für den ganzen Weltteil eine Blütezeit der Wissenschaften und Künste. Die Völker, die soeben noch mit den Waffen aufeinandergeschlagen, tauschten in schönem Wetteifer die Früchte ihres geistigen Schaffens aus; nie zuvor war Europa dem Ideale einer freien Weltliteratur, wovon Goethe träumte, so nahe gekommen. Und in diesem friedlichen Wettkampfe stand Deutschland allen voran, welch eine Wandlung der Zeiten seit jenen Tagen Ludwigs XIV., da die Kultur unseres Volkes bei allen andern Nationen des Abendlandes demütig in die Schule gehen mußte! Jetzt huldigte die weite Welt dem Namen Goethes. Die winkligen Gastzimmer im »Erbprinzen« und im »Adler« zu Weimar wurden nicht leer von vornehmen Engländern, die den Fürsten der neuen Dichtung besuchen wollten. In Paris genoß Alexander Humboldt eines Ansehens, wie kaum ein einheimischer Gelehrter; wenn ein Fremder in den Mietwagen stieg und die Hausnummer des großen Reisenden nannte, dann griff der Kutscher achtungsvoll an den Hut und sagte: Ah chez Mr. de Humboldt ! Und da Niebuhr als preußischer Gesandter nach Rom kam, wagte ihm niemand in der Weltstadt den Ruhm des ersten Gelehrten zu bestreiten. Von unserm Staate, von seinen Waffentaten sprach das Ausland wenig. Allen fremden Mächten kam das plötzliche wiedererstarken der Mitte des Weltteils ungelegen, sie alle bemühten sich, wetteifernd den Anteil Preußens an der Befreiung Europas der Vergessenheit zu übergeben. Keiner der ausländischen Kriegsschriftsteller, welche in diesen Jahren die Geschichte der jüngsten Feldzüge darstellten, ward den Verdiensten des Blücherschen Hauptquartiers irgend gerecht. Das alte Ansehen der preußischen Armee, die in Friedrichs Tagen jedermann als die erste der Welt gefürchtet hatte, war durch die Siege von Dennewitz und Belle-Alliance keineswegs wiederhergestellt. Da der wirkliche Verlauf eines Koalitionskrieges sich nur schwer übersehen läßt, so beruhigte sich die öffentliche Meinung Europas gern bei dem einfachen Schlusse: Als die Preußen bei Jena allein fochten, wurden sie geschlagen, nur fremde Hilfe hat sie gerettet. Daher kümmerte sich auch niemand im Auslande um die politischen Institutionen, denen Preußen seine Freiheit verdankte. Preußen blieb nach wie vor der am wenigsten bekannte und am gründlichsten verkannte Staat Europas, vollends der neue Regensburger Reichstag, der jetzt in Frankfurt zusammentrat, erregte durch sein unfruchtbares Gezänk den Spott des Auslandes; und bald nach der wunderbaren Erhebung unseres Volkes stand bei allen Nachbarn wieder die alte bequeme Meinung fest: die deutsche Nation sei durch den weisen Ratschluß der Natur zu ewiger Ohnmacht und Zwietracht bestimmt. Um so bereitwilliger erkannte man nunmehr die geistige Größe dieses machtlosen Volkes an; allein ihren Künstlern und Gelehrten verdankten die Deutschen, daß sie von den alten Kulturvölkern des Westens wieder zu den großen Nationen gerechnet wurden. Sie hießen jetzt im Auslande das Volk der Dichter und der Denker; nur sollten sie auch bei der Teilung der Erde zufrieden sein mit dem Poetenlose, das ihnen Schiller geschildert, und sich begnügen, berauscht vom göttlichen Lichte, das Irdische zu verlieren. Zum ersten Male seit den Zeiten Martin Luthers machten Deutschlands Gedanken wieder die Kunde durch die Welt, und sie fanden willigere Aufnahme, als vormals die Ideen der Reformation. Deutschland allein hatte die Weltanschauung des achtzehnten Jahrhunderts schon gänzlich überwunden. Der Sensualismus der Aufklärung war längst verdrängt durch eine idealistische Philosophie, die Herrschaft des Verstandes durch ein tiefes religiöses Gefühl, das Weltbürgertum durch die Freude an nationaler Eigenart, das Naturrecht durch die Erkenntnis des lebendigen Werdens der Völker, die Regeln der korrekten Kunst durch eine freie, naturwüchsige, aus den Tiefen des Herzens aufschäumende Poesie, das Übergewicht der exakten Wissenschaften durch die neue historisch-ästhetische Bildung. Diese Welt von neuen Gedanken war in Deutschland durch die Arbeit dreier Generationen, der klassischen und der romantischen Dichter, langsam herangereift, sie hatte unter den Nachbarvölkern bisher nur vereinzelte Jünger gefunden und drang jetzt endlich siegreich über alle Lande. (3-7.) Die Wiederherstellung des preußischen Staates Nach dem Friedensschlusse begann für Preußen wieder, wie einst in den Tagen Friedrich Wilhelms I., ein Zeitalter stiller Sammlung, reizlos und nüchtern, arm an großen Ereignissen, reich an Arbeit und stillem Gedeihen, eine Zeit, da das gesamte politische Leben in der Tätigkeit der Verwaltung aufging und das königliche Beamtentum noch einmal seine alte staatsbildende Kraft bewährte. Trotz seiner diplomatischen Niederlagen war der preußische Staat jetzt enger als jemals mit dem Leben der gesamten Nation verbunden. Er beherrschte nur noch etwa zwei Millionen Slawen; er sah, mit Ausnahme der Bayern und der Schwaben, bereits alle deutschen Stämme in seinen Grenzen vertreten und ward auch von den Gegensätzen des religiösen Lebens der Nation stärker als sonst berührt, da nunmehr zwei Fünftel seiner Bevölkerung der katholischen Kirche angehörten; er empfing endlich in den großen Kommunen der Ostseegestade und des Rheinlandes ein neues Kulturelement, das ihn den deutschen Nachbarlanden näherbrachte und gewaltig anwachsend nach und nach auf den gesamten Charakter des Staatslebens umbildend einwirken sollte. Aber welch eine Arbeit, diese neuen Gebiete, die fast allesamt nur widerwillig unter die neue Herrschaft traten, mit den alten Provinzen zu verschmelzen. Niemals in der neuen Geschichte hatte eine Großmacht so schwierige Aufgaben der Verwaltung zu lösen; selbst die Lage des Königreichs Italien nach den Annexionen von 1860 war unvergleichlich leichter. Zu den fünf Millionen Einwohnern, die der Monarchie um das Jahr 1814 übriggeblieben, trat plötzlich eine Bevölkerung von 5 ½ Millionen hinzu – ein Gewirr von Ländertrümmern, zerstreut von der Prosna bis zur Maas, vor kurzem noch zu mehr als hundert Territorien gehörig, seitdem regiert durch die Gesetze von Frankreich, Schweden, Sachsen, Westfalen, Berg, Danzig, Darmstadt, Nassau. Dazu noch eine Unzahl kleinerer Landstriche, die man zur Abrundung von den Nachbarn eingetauscht hatte,– der kleinste der neuen Regierungsbezirke, der Erfurter, umfaßte allein die Bruchstücke von acht verschiedenen Staaten. Auch die altpreußischen Provinzen, welche jetzt zu dem Staate zurückkehrten, hatten unter der Napoleonischen Herrschaft ihre alten Institutionen fast bis auf die letzte Spur verloren. Schon bei der Besitznahme der neuen Provinzen entspann sich überall Streit mit mißgünstigen Nachbarn. Das russische Gouvernement in Warschau befahl noch im Frühjahr 1815 umfassende Domänenverkäufe in Posen; ebenso Darmstadt im Herzogtum Westfalen; auch die österreichisch-bayrische Verwaltung in den Ländern an der Mosel und Nahe erhob zum Abschied Renten und Steuern im voraus und ließ die Wälder bei Boppard niederhauen. Nassau weigerte sich, den Verträgen zuwider, das Siegensche zu räumen, bis Hardenberg drohte, das Land ohne Übergabe besetzen zu lassen. Die Russen hatten selbst Danzig nur ungern ausgeliefert; in Thorn blieb ihre Garnison, trotz dringender Mahnungen, bis zum 19. September 1815 stehen. Dann vergingen noch Jahre, bis der neue Besitzstand durch Verträge mit den grollenden Nachbarstaaten rechtlich gesichert wurde. Erst im Jahre 1816 wurde mit den Niederlanden, 1817 mit Rußland ein Grenzvertrag geschlossen; mit dem tiefgekränkten Dresdner Hofe mußten bis in das Jahr 1819 hinein kleinliche und peinliche Verhandlungen wegen der neuen Grenze geführt werden, und erst im Jahre 1825 war die Auseinandersetzung über alle zwischen den beiden Nachbarn streitigen Vermögensobjekte vollendet. Nun erhob sich die Aufgabe, das also dem Neide Europas mühsam entrungene Gebiet einer gleichmäßigen Verwaltung zu unterwerfen; es galt, die Ausländerei im Inlande, die Kleinstaaterei im Großstaate zu überwinden, alle diese Trümmerstücke der deutschen Nation, die miteinander noch nicht viel mehr als die Sprache gemein hatten, mit einer lebendigen Staatsgesinnung zu erfüllen. Gelang das Werk der politischen Verschmelzung in dieser Hälfte Deutschlands, so war die Nichtigkeit des Partikularismus durch die Tat erwiesen und der Boden bereitet für den Neubau des deutschen Gesamtstaates; die Vollendung des preußischen Einheitsstaates gab dieser Epoche unserer politischen Geschichte ihren eigentlichen Inhalt. Die Aufgabe war um so schwieriger, da die Monarchie, als sie die neuen Provinzen erwarb, sich schon mitten in einem gefährlichen Übergangszustande befand: fast auf allen Gebieten der Gesetzgebung waren umfassende Reformen erst halb vollendet, und doch fehlte die in Wahrheit leitende Hand, stark genug, jene Überfülle von Talenten, die dem Staate diente, unter einen Willen zu beugen. Kein anderer Staat jener Tage zählte in den Reihen seiner Beamten eine solche Schar ungewöhnlicher Menschen: Verwaltungstalente wie Vincke, Schön, Merckel, Sack, Hippel, Bassewitz; Finanzmänner wie Maaßen und Hoffmann; Techniker wie Beuth und Hartig; Juristen wie Daniels und Sethe; unter den Diplomaten Humboldt, Eichhorn, Niebuhr; dazu die Generäle des Befreiungskrieges und die Größen der Kunst und Wissenschaft. Sie alle waren gewohnt, an den Taten der Staatsregierung eine rücksichtslos freimütige Kritik zu üben, die als ein Vorrecht des hohen Beamtentums, als ein Ersatz gleichsam für Volksvertretung und Preßfreiheit betrachtet wurde, und nahmen jetzt den alten Parteistreit, der während des Krieges nie ganz geruht hatte, eine Masse persönlichen Hasses und sachlicher Gegensätze, als eine böse Erbschaft in die Tage des Friedens hinüber. Aus diesen Kreisen drang Tadelsucht und Klatscherei in alle Klassen der Gesellschaft; der Staat, der bei allen Gebrechen seiner Unfertigkeit doch die beste und sparsamste Verwaltung Europas besaß, ward in den Briefen und Gesprächen seiner eigenen treuen Diener so maßlos gescholten, als eilte er, geleitet durch eine Rotte von Betrügern und Toren, rettungslos dem Verderben entgegen. Vier keineswegs klar geschiedene Parteien bekämpften einander innerhalb der Regierung. Die alte Schule der absolutistischen Hofleute und Beamten zählte nur noch wenige Anhänger, doch sie gewann jetzt mächtige Bundesgenossen an Hardenbergs alten Gegnern, den Feudalen, die in dem Adel der Kurmark ihre Stütze, in Marwitz und dem vormaligen Minister Voß-Buch ihre Führer fanden. Die jungen Beamten dagegen und fast alle Geheimen Räte der Ministerien bekannten sich zu dem bureaukratischen Liberalismus Hardenbergs, was freilich nicht ausschloß, daß ihrer viele den Staatskanzler persönlich heftig bekämpften, wieder eines andern Weges ging die kleine Schar der aristokratischen Reformer, die noch an Steins Gedanken festhielten. Die Schwarmgeisterei der teutonischen Jugend fand unter den gewiegten Geschäftsmännern des hohen Beamtentums zwar manchen nachsichtigen Richter, doch keinen einzigen Anhänger. Gleichwohl wirkte jener finstere Argwohn, welchen alle Höfe des In- und Auslandes gegen Preußens Volk und Heer hegten, unausbleiblich auf Preußen selbst zurück. Seit Schmalz seinen Unheilsruf erhoben hatte, nahmen die Verleumdungen und giftigen Flüsterreden kein Ende. Nicht bloß Stein, der erklärte Gönner Arndts, sondern auch der Staatskanzler selbst ward des geheimen Einverständnisses mit den Deutschtümlern beschuldigt, obgleich Hardenberg die jugendlichen Einheitsschwärmer als unbequeme Störer seiner dualistischen Politik ansah und sie selbst in seinem verschwiegenen Tagebuch immer nur mit ärgerlichem Tadel behandelte. So scharfe Gegensätze in fester Zucht zu halten, war der schonenden Gutherzigkeit König Friedrich Wilhelms nicht gegeben. Allzu rücksichtsvoll gegen seine Räte ließ er den Parteikampf am Hofe lange gewähren und fuhr nur zuweilen mit einer Mahnung dazwischen, wurde eine neue Kraft in die Negierung berufen, so pflegte man ein Ministerialdepartement in zwei Teile zu zerlegen, nur um den alten Minister nicht zu kränken, der oft ein Gegner des neuen war. Vollständige Übereinstimmung unter den Ministern galt noch für entbehrlich, da der Monarch am letzten Ende stets nach seinem freien Ermessen entschied, wie viele Stürme waren über das Land dahingebraust in den kurzen zwei Jahrzehnten, seit Friedrich Wilhelm die Krone trug; den Rückschauenden war, als ob die Anfänge seiner Regierung um mehrere Menschenalter zurücklägen. Das treue Volk der alten Provinzen nannte den König jetzt schon, da er noch in der Kraft der Mannesjahre stand, kurzweg den alten Herrn und wußte tausend Geschichten von seiner verlegenen und doch so herzlich wohltuenden Leutseligkeit. Seine Berliner lebten mit ihm und erwarteten als ihr gutes Recht, daß er häufig in seinem einfachen Soldatenüberrocke durch den Tiergarten ging, daß er mittags, wenn die Wachtparade aufzog, an dem allbekannten Eckfenster seines unscheinbaren Palastes sich zeigte und abends halb versteckt in seiner Loge einem Lustspiel, einer Oper oder einem Ballett zusah – denn die Tragödie liebte er wenig, weil das Leben selbst des Traurigen genug biete. Die Erfahrungen einer großen Zeit hatten sein Selbstgefühl etwas gekräftigt; er erschien fester und sicherer, aber auch noch ernster und schweigsamer als vor Jahren. Eine stille Trauer lag auf seinen freundlichen Zügen und schwand nur selten, wenn er etwa seinen lebensfrohen Kindern und dem Großfürsten Nikolaus auf der Pfaueninsel ein ländliches Fest gab. Der bequeme Nationalismus seiner Jugendbildung genügte ihm längst nicht mehr; schon während der schweren Tage in Königsberg hatte er in einem festen Bibelglauben seinen Trost gefunden und sich mit dem ehrwürdigen Bischof Borowsky befreundet. Jetzt wuchs in ihm von Jahr zu Jahr die Sehnsucht nach dem Ewigen, fromme Betrachtungen und theologische Studien füllten einen guten Teil seiner freien Stunden aus. Obschon er den Gram um seine verlorene Gemahlin nie verwinden konnte, so widerfuhr ihm doch, was gerade den tiefgebeugten Witwern häufig geschieht: die Einsamkeit des ehelosen Lebens ward ihm unerträglich. Er faßte eine lebhafte Neigung für eine liebenswürdige junge Französin, die Gräfin Dillon, die seine Liebe leidenschaftlich erwiderte, und dachte eine Zeitlang ernstlich an eine Ehe zur linken Hand – denn für sein Volk sollte Königin Luise immer die Königin bleiben. Aber er wollte nicht, daß seine Preußen an ihrem Könige irr würden, und da er in Gewissensfragen dem Rate seines leichtlebigen Staatskanzlers nicht traute, so ließ er zwei Männer, von denen er eine rückhaltlos freimütige Antwort erwartete, Gneisenau und Schön, vertraulich befragen, wie man im Heer und im Volke die Heirat mit der katholischen Französin aufnehmen würde. Als beide übereinstimmend abrieten, gab der König tieferschüttert seine Pläne auf. Trüb und eintönig verflossen ihm die Tage. Er erledigte jede Eingabe mit der alten Pünktlichkeit, nach gewissenhafter Prüfung, und behielt das Ruder immer in der Hand, jedoch der persönliche Verkehr mit seinen höchsten Beamten blieb dem Schüchternen unbequem; den Staatskanzler sah er selten, noch seltener die Minister. Weit näher stand dem Könige sein täglicher Begleiter, der Oberst Job von Witzleben, der im Jahre 1816, kaum dreiunddreißig Jahre alt, die Leitung des Militärkabinetts erhielt, zwei Jahre darauf zum Generalmajor und Generaladjutanten ernannt wurde. Welch ein Abstand zwischen der gediegenen Tüchtigkeit dieses Mannes und jenem schläfrigen Pedanten Köckritz, der vor 1806 das Vertrauen des Monarchen genossen hatte; schon an der Wahl seiner Freunde ließ sich erkennen, wie Friedrich Wilhelm gewachsen war mit der wachsenden Zeit. Der König war zuerst auf Witzlebens militärische Begabung aufmerksam geworden und erfuhr erst allmählich, welche vielseitige Bildung der junge Gardeoffizier besaß, wie er mit Wilhelm Humboldt und anderen Größen der Wissenschaft freundschaftlich verkehrte, als Musiker ein ungewöhnliches Talent bewährte, auch in der Theologie, die dem Herzen des Königs so nahestand, wohlbewandert war und bei alledem so anspruchslos blieb, ganz frei von Selbstsucht, fromm ohne Wortprunk, ein glücklicher Familienvater. Der neue Generaladjutant erwarb sich bald das unverbrüchliche Vertrauen Friedrich Wilhelms; er durfte dem Monarchen alles sagen, weil er die natürliche Lebhaftigkeit, die aus seinen dunklen Augen blitzte, immer zu beherrschen verstand und bei seinem ehrlichen Freimut niemals die herzliche Verehrung für seinen königlichen Freund vergaß. Er diente als Vermittler zwischen dem Könige und den Ministern, ward bei allen großen Staatsgeschäften zu Rate gezogen, und bewältigte Tag für Tag im Tabaksrauche seines einfachen Zimmers ungeheuere Arbeitslasten mit einem rastlosen Fleiße, der seinen Körper schon nach zwei Jahrzehnten vor der Zeit aufrieb. Im Drange der Geschäfte hat er nur selten die Muße gefunden, die Erlebnisse, des Tages aufzuzeichnen; seine Tagebücher enthalten oft viele Monate lang nur weiße Blätter, oft nur kurze Reisenotizen; wo sie aber über Politik reden, da zeigt sich stets ein gerader Soldatenverstand, gründliche Sachkenntnis und unbedingte Aufrichtigkeit. Obwohl er sich selber nicht zu den staatsmännischen Köpfen rechnete und den Parteien des Hofes behutsam fern blieb, so hielt er doch mit seinen gesunden politischen Urteilen nicht hinter dem Berge: er betrachtete die neue Heeresverfassung als das feste Band der Staatseinheit, hielt die Vollendung der Stein-Hardenbergischen Reformen für unerläßlich und – was in diesen Tagen der geheimen Einflüsterungen am schwersten wog – er kannte und liebte das preußische Volk. Nichts schien ihm verächtlicher als der Versuch, »in des Königs reiner Seele einen Argwohn zu erwecken«; nichts brachte ihn ab von dem zuversichtlichen Glauben: »es gibt keine gediegenere Treue, als die bei uns wohnt.« Das stille Wirken dieses treuen Vermittlers war um so heilsamer, da der König seit den Mißerfolgen des Wiener Kongresses den Staatskanzler nicht mehr mit dem alten Vertrauen behandelte und den Unersetzlichen doch nicht entlassen konnte. Als Hardenberg seinen 70. Geburtstag feierte, rief Goethe dem alten Universitätsgenossen zu: Auch vergehn uns die Gedanken, wenn wir in dein Leben schauen, Freien Geist in Erdenschranken, Festes Handeln und Vertrauen. Und der freie Geist allerdings blieb dem Greise bis zum Ende, wie er einst unter dem Drucke der Fremdherrschaft den Gedanken der Befreiung des Vaterlandes unwandelbar festgehalten hatte, so verfolgte er nunmehr unausgesetzt den Plan, das Werk der inneren Reform durch die verheißene reichsständische Verfassung zu krönen; dies sollte sein politisches Vermächtnis, der Abschluß seiner langen Laufbahn werden. Im persönlichen Verkehr bewährte er noch immer seine bestrickende Liebenswürdigkeit und zeigte eine so jugendliche Begeisterung für alles Schöne und Große, ging so geistreich und liebevoll auf jeden neuen Gedanken ein, daß selbst strenge Richter, wie Gneisenau und Clausewitz, trotz mancher Mißhelligkeiten dem hochverdienten Manne nicht gram werden konnten. Das feste Handeln aber war ihm schon in rüstigeren Tagen nicht immer gelungen; jetzt, da er alternd sich festklammerte an sein hohes Amt, fand er nur noch selten den Mut, seinen Feinden die freie Stirn zu zeigen, und glaubte oft selber zu leiten, wenn die Gegner ihn mißbrauchten. Die diktatorische Macht des Staatskanzlers hatte wohltätig gewirkt, solange er selbst noch alle Ministerien bis auf zwei in seiner Hand vereinigte; seit er nur noch die auswärtigen Angelegenheiten unmittelbar leitete und fünf Fachminister unter ihm standen, geriet er allmählich in eine ebenso unhaltbare Mittelstellung wie einst die vortragenden Kabinettsräte. Streitigkeiten mit den Ministern, Klagen über die Verschleppung der Geschäfte konnten nicht ausbleiben, da – außer Boyen, Witzleben und dem Kabinettsrat Albrecht – der Staatskanzler allein dem Monarchen regelmäßig Vortrag hielt und gleichwohl von den Ministern forderte, daß sie die volle Verantwortlichkeit für ihre Verwaltung übernähmen. Nur Unkenntnis und Tadelsucht beschuldigten den greisen Staatsmann der Trägheit; alle Eingeweihten wußten, welche Unzahl von Denkschriften und Randbemerkungen, Verfügungen und Berichten diese rasche Feder, immer geistreich und gewandt, auf das Papier warf. Aber auf pünktliche Ordnung hatte er sich nie verstanden, und die Last dieser, das gesamte Staatsleben umfassenden Tätigkeit ward nach der Vergrößerung des Staatsgebiets auch seinen Schultern zu schwer. Dringende Arbeiten blieben oft monatelang liegen, wenn der Fürst sich in seinem Schlosse zu Glienicke vergrub und dann ruckweise, nach Zufall und Laune, dies oder jenes Stück von seinen Aktenbergen abhob, wer dort am träumerischen Havelsee den schönen Park durchwanderte oder auf dem Dotationsgute Neuhardenberg in der Neumark die gewählte Kunstsammlung und die neue, von Schinkel erbaute Kirche betrachtete, der fühlte wohl, daß ein edler, hochgebildeter Geist hier waltete. Aber welch ein Ärgernis, wenn man die freche Gesellschaft musterte, die sich in diesen vornehmen Räumen umhertrieb und den großmütigen Hausherrn an seinem eigenen reichen Tische verhöhnte: die klatschsüchtigen Literaten Schöll und Dorow, die magnetischen Ärzte Koreff und Wohlfart, die Somnambule Friederike Hähnel, späterhin Frau v. Kimsky genannt. Diese abgefeimte Gaunerin war dem Fürsten zuerst auf einem Zauberabend bei Wohlfart begegnet und hatte durch ihre krampfhaften Verzückungen sein weiches Herz im Sturme erobert. Seitdem ließ sie ihn nicht mehr los; sie wurde der Fluch seiner alten Tage. Unerschöpflich in geheimnisvollen Krankheitserscheinungen und in den Künsten sanfter Plünderung begleitete sie ihn überall, selbst zu den Kongressen der Monarchen, und ruhte nicht, bis auch seine dritte Ehe, gleich den beiden ersten, tatsächlich getrennt wurde. Um dieselbe Zeit vermählte sich des Staatskanzlers einzige Tochter, die geschiedene Gräfin Pappenheim, in überreifem Alter mit dem Virtuosen der eleganten Liederlichkeit, dem jungen Fürsten Pückler-Muskau. Der schlechte Ruf des Hardenbergischen Hauses bot den zahlreichen Spähern, welche Metternich in Berlin unterhielt, reichen Stoff, allen Feinden des Staatskanzlers eine gefährliche Waffe. Sie bemerkten schadenfroh, wie der König dem Staatsmanne, der seine weißen Haare so wenig achtete, kälter und fremder begegnete; und da der betriebsame Koreff zuweilen auch als liberaler Schriftsteller auftrat, so bildete sich am Hofe nach und nach das Parteimärchen, Hardenbergs Verfassungspläne seien das Werk seiner anrüchigen plebejischen Umgebung, wenn ein Freund den Fürsten vor diesem Gesindel warnte, dann erwiderte er lächelnd: »Und wenn ich auch oft betrogen worden bin, es ist ein so herrliches Gefühl, Vertrauen zu erweisen.« Unter den Ministern besaß Hardenberg nur einen erklärten Gesinnungsgenossen, Boyen, und auch dieser dachte zu selbständig, um der Führung des Fürsten unbedingt zu folgen. Kircheisen bewährte sich bei der Organisation der Gerichte in den neuen Provinzen als trefflicher Fachmann und blieb der großen Politik fern. Schuckmann dagegen, der Minister des Innern, ein straffer Bureaukrat, tätig, sachkundig, herrschsüchtig, der Philister der alten Zeit, wie W. Humboldt ihn nannte, stand allen Reformplänen ebenso argwöhnisch gegenüber wie der Polizeiminister Fürst Wittgenstein, der vertraute Metternichs. Wie viele Jahre hat der arglose Hardenberg gebraucht, bis er die biedere Derbheit dieses schlauen Hofmanns endlich durchschaute, dereinst, durch den Sturz des Ministeriums Dohna, ihm selber den Weg zur Macht geöffnet hatte und darum schon der treuesten Freundschaft würdig schien. Dem Monarchen war Wittgenstein als geschickter Verwalter des königlichen Hausvermögens unentbehrlich; auch an den andern deutschen Höfen stand er in hohem Ansehen, bei allen fürstlichen Familienangelegenheiten zog man ihn zu Rate, und sogar der eigenwillige Kurfürst von Hessen hörte zuweilen auf seine Ratschläge. Arglosen Beobachtern erschien der muntere alte Herr mit seinen trivialen Späßchen sehr unschädlich; selbst ein so gewiegter Menschenkenner wie der alte Heim, der volksbeliebte erste Arzt Berlins, ließ sich durch die gemütlichen Formen des Fürsten völlig täuschen und liebte ihn zärtlich. Aber nichts entging den lauernden Blicken dieser falschen grauen Augen; mit unversöhnlichem, stillem Hasse verfolgte Wittgenstein alles, was an Stein und die stürmische nationale Bewegung der Kriegsjahre erinnerte, und nicht lange, so fand er auch den Staatskanzler selbst des teutonischen Jakobinertums verdächtig und begann ihn unmerklich Schritt für Schritt zur Seite zu drängen. Die verrufene »höhere« Polizei, welche ein Justus Gruner zur Notwehr gegen die Napoleonischen Späher eingerichtet hatte, wurde zwar nach dem Frieden aufgehoben; doch blieben mehrere ihrer geheimen Agenten noch in Tätigkeit, und nach ihren Berichten bildete Wittgenstein sein Urteil über die Gesinnung der Nation. Ganz einsam stand der junge Finanzminister Graf Bülow unter den Genossen, der Vetter Hardenbergs, ein schöner blonder Mann, der mit seiner vornehmen, weltmännischen Anmut, seiner leichten, oft leichtfertigen Geschäftsgewandtheit den Staatskanzler an seine eigene Jugend erinnerte und von ihm wie ein Sohn geliebt wurde. Er war nach dem Tilsiter Frieden, gleich vielen andern wackeren Beamten des Magdeburger Landes, widerwillig in den Dienst des Königs Jerome getreten, da die alte Heimat ihn nicht unterbringen konnte, und hatte dann als westfälischer Minister für die Entfesselung des inneren Verkehrs, für die Durchführung verständiger handelspolitischer Grundsätze viel getan, bis er endlich wegen seiner deutschen Gesinnung und seines unabhängigen Auftretens entlassen wurde. Trotzdem ward er von den altpreußischen Beamten wie ein Verräter angesehen; der Stolz der Preußen vergab es nicht, daß Hardenberg noch während des Krieges gegen Napoleon einen Diener Jeromes in das Ministerium einführte. In der Tat war Bülow von den Anschauungen der französischen Bureaukratie nicht unberührt geblieben; er bewunderte das Napoleonische Steuersystem und hatte sich unter den westfälischen Präfekten an einen herrischen Ton und eine durchfahrende Eigenmächtigkeit gewöhnt, die dem preußischen Beamtentum unerträglich schienen. Alsbald überwarf er sich mit mehreren Oberpräsidenten; auch mit seinem Vetter und Gönner geriet er in Streit, da ein geordneter Staatshaushalt allerdings unmöglich war, solange der Staatskanzler, ohne den Finanzminister zu befragen, über beliebige Summen frei verfügen durfte. Die ewigen Händel verbitterten den Heftigen, und bald erkannte man in seinem reizbaren, zänkischen Wesen die alte Liebenswürdigkeit kaum noch wieder. Die reaktionäre Partei des Ministeriums fand bei Hofe eine mächtige Stütze an dem Kommandeur der Garde, dem Herzog Karl von Mecklenburg. Der Bruder der Königin Luise hatte sich auf dem Schlachtfelde und dem Exerzierplatz stets als tüchtiger Offizier bewährt, aber für die reformatorischen Ideen der Freunde seiner Schwester hegte er kein Verständnis. Eine schöne ritterliche Erscheinung, ein angenehmer unterrichteter Gesellschafter, auf den Hoffesten als begabter Poet und Schauspieler viel bewundert, sehr tätig im Staatsrate wie in seinem militärischen Berufe, war er doch bei der Mehrzahl der Offiziere nicht beliebt, in der gebildeten Gesellschaft der Hauptstadt gründlich verhaßt. Denn er nährte in seinem Gardekorps ein dünkelhaftes Wesen, das dem Zivil wie den Linientruppen gleich anstößig ward, und blieb trotz seiner Jugend ein Berufssoldat der alten Schule, ein entschiedener Gegner der neuen Heeresverfassung. In der Politik schloß er sich eng an Wittgenstein an und bekämpfte wie dieser jede Neuerung, die dem Wiener Hofe mißfallen konnte. Und einmal doch in diesen Übergangsjahren erlangte die reaktionäre Partei einen großen Erfolg: durch die Deklaration vom 29. Mai wurde die Ablösung der bäuerlichen Lasten auf die Ackernahrungen, die spannfähigen Bauerngüter beschränkt. Die Neuerung ließ sich zur Not entschuldigen, weil die großen Grundbesitzer des Ostens der Tagelöhner in ihrer Wirtschaft nicht entbehren konnten; doch sie beeinträchtigte die Ausführung der Hardenbergischen Agrargesetze. Noch mächtiger war der stille Einfluß Ancillons. Der in allen Sätteln gerechte Theolog wurde im Jahr 1814 als Geheimer Rat im Auswärtigen Amte angestellt und schwamm jetzt wieder selbstgefällig obenauf, obgleich der Erfolg des Krieges alle seine kleinmütigen Warnungen Lügen gestraft hatte. Hardenberg glaubte, durch diese Ernennung eine Brücke zwischen der Wissenschaft und der Politik zu schlagen, denn Ancillon verdankte seiner seichten, aber vielseitigen und immer für die Unterhaltung der Salons bereiten Gelehrsamkeit ein hohes Ansehen, das auch reichere Geister bestach. Die Diplomaten rühmten die sokratische Gelassenheit, die urbane Milde seiner Umgangsformen; selbst Schön, der alles tadelte, ließ ihn gelten, und noch in späteren Jahren schaute der junge Leopold Ranke bewundernd zu ihm auf. Er hatte am Ausgang des alten Jahrhunderts als eleganter Prediger an der Französischen Gemeinde den weichlichen Geschmack der Zeit glücklich getroffen und dann als Lehrer der Staatswissenschaft an der Kriegsschule seine Gemeinplätze mit so feierlicher Gespreiztheit, mit einem so überlegenen staatsmännischen Lächeln vorgetragen, daß sein Zuhörer, der junge Nesselrode, sich ganz bezaubert fühlte. Bei Hofe verstand er durch untertänige Beflissenheit seinen Platz unter den vornehmen Herren zu behaupten. Es ward verhängnisvoll für eine späte Zukunft; daß auch Königin Luise und der Freiherr vom Stein sich durch den erschlichenen Ruhm des glatten Halbfranzosen blenden ließen und ihm die Erziehung des jungen Thronfolgers anvertrauten. So geriet der verschwenderisch begabte, aber phantastische und eigenwillige Geist des Prinzen, der vor allem einer strengen Zucht und der Belehrung über die harte Wirklichkeit des Lebens bedurfte, unter die Leitung eines charakterlosen Schönredners, der selber kaum fühlte, wieviel von seinem Tun der angeborenen Furchtsamkeit, wieviel der weltklugen Berechnung entsprang, seitdem wurde Ancillon auch zu den politischen Beratungen öfters zugezogen und schrieb nun unermüdlich mit seiner schwunglosen, verkniffenen kleinen Gelehrtenhand eine Masse von Denkschriften – breite Betrachtungen ohne Kraft und Schneide, die allesamt ebenso leer wie seine Bücher doch immer den Eindruck erregten, als ob sich ein tiefer Sinn hinter dem Wortschwall verbärge. Durch ihn ward die Kunst, hohle Worte zu einem glitzernden Gewebe zu verknüpfen, zuerst in die preußische Politik eingeführt – eine Kunst, die unter dem gestrengen alten Absolutismus ganz unbekannt gewesen war und erst späterhin, in der parlamentarischen Epoche, ihre üppigsten Blüten entfalten sollte, von Haus aus ein Freund der Ruhe und der überlieferten Ordnung hatte er im Juni 1789 zu Versailles selber mit angesehen, wie die Vertreter des Dritten Standes sich die Rechte einer Nationalversammlung anmaßten und also den Sturz des Königtums vorbereiteten. Seit jenem Tage lag ihm die Angst vor der Revolution in allen Gliedern, und als das revolutionäre Weltreich endlich gefallen war, wahrlich ohne Ancillons Zutun, da wendete sich der Zaghafte den Ansichten Metternichs zu und folgte gelehrig jedem Winke der Hofburg. Geschäftig trug er die Anschuldigungen der Schmalzischen Schrift in der Hofgesellschaft umher, und obwohl er sich noch hütete, den Staatskanzler offen zu bekämpfen, so sprach er doch jetzt schon mit verdächtigem Eifer von den unermeßlichen Schwierigkeiten, welche dem Verfassungsplane entgegenständen, und wer den Mann kannte, mußte erraten, daß er insgeheim zu Wittgensteins Partei gehörte. Das Volk begann den geheimen Parteikampf am Hofe zuerst zu bemerken, als bald nach dem Frieden einige unerwartete Veränderungen in den rheinischen Provinzen erfolgten. Dort am Rhein war die festliche Stimmung der Kriegsjahre so schnell nicht verflogen. Die preußischen Offiziere und Beamten, die das teuer erkaufte Grenzland jetzt dem deutschen Staatsleben einfügen sollten, schauten mit dem Hochgefühle des Siegers um sich; sie schwelgten in den Reizen der schönen Landschaft und in der hellen Lebenslust der rheinischen Geselligkeit. Ihnen war, als ob die Heldenkraft des Nordens hier mit der Anmut des reichen Südens fröhlich Hochzeit hielte. Um Gneisenau, der in Koblenz befehligte, sammelte sich ein froher Kreis von bedeutenden Männern und schönen Frauen, der selbst die leichtlebigen Bewohner der alten Bischofsstadt zu dem Geständnis zwang, daß ihre neue Landesherrschaft doch über ganz andere geistige Kräfte gebot als weiland der kurtriersche Hof und der Präfekt Napoleons. Da waren Clausewitz und Bärsch, einer von Schills Gefährten; der tollkühne Husar Hellwig und der hünenhafte Graf Karl v. d. Gröben, der einst als Gneisenaus Vertrauter fast so abenteuerlich wie sein Ahn, der afrikanische Held des Großen Kurfürsten, von Land zu Land gezogen war, um den Heiligen Krieg vorzubereiten; dann die romantischen Schwärmer Max von Schenkendorf, Werner von Haxthausen, Sixt von Armin, der Pädagog Johannes Schulze und der gelehrte Sammler Meusebach. wenn Gneisenau abends die Damen in dem Wagen Napoleons, dem Beutestücke von Belle-Alliance, zu einem Feste abholen ließ und nun in seiner heiteren Hoheit, gebieterisch und doch bescheiden, errötend vor dem eigenen Ruhm, inmitten der lauten Tafelrunde saß, wenn die Lieder Arndts und Körners erklangen, die Kriegsmänner von ihren Fahrten erzählten und Meusebach durch den urkräftigen Humor seiner geistreichen Verse alles zu stürmischem Gelächter hinriß, dann meinte Schenkendorf glückselig: So hab' ich wohl im Knabentraume Die alte Ritterschaft gesehn. Auch im Lande hatte sich der freimütige Held bald alle Herzen gewonnen; als er die Mosel hinauffuhr, kamen aus jedem Dorfe singende Landleute herangerudert und reichten ihm den Ehrenwein. Das fröhliche Nachspiel der großen Kriegszeit sollte nicht lange währen. Gneisenau hatte schon, als die Schmalzische Schrift erschien, den Staatskanzler gewarnt, diesem ersten Schlage würden schwerere folgen, und mußte nun erfahren, daß man bei Hofe ihn selber als das Haupt des Tugendbundes anschwärzte, seine heitere Tafelrunde »Wallensteins Lager« nannte. Die Verleumdung verstimmte ihn um so tiefer, da er eben jetzt von jener krankhaften Abspannung befallen wurde, welche die Männer der Tat beim Eintritt ruhiger Zeiten so häufig heimsucht; er fühlte sich im Friedensdienste wie der Fisch auf dem Lande und legte schon im Sommer 1816 sein rheinisches Kommando nieder, teils seiner Gesundheit wegen, teils um den Gegnern zu beweisen, daß er keine ehrgeizigen Absichten hege. Auch dann noch hörten die Afterreden am Hofe nicht auf; der König aber blieb den Einflüsterungen unzugänglich, und kaum zwei Jahre später übernahm Gneisenau, nachdem sein Körper sich in den schlesischen Bergen wieder erholt hatte, die Stelle des Gouverneurs von Berlin. In denselben Tagen wurde der Oberpräsident Sack vom Rheine nach Stettin versetzt. Anderthalb Jahre lang hatte er die provisorische Verwaltung in seiner rheinischen Heimat mit Geschick und Umsicht geleitet; aber wie er einst als brandenburgischer Oberpräsident mit dem feudalen Adel zusammengeraten war, so konnte es dem derben, durchgreifenden Beamten auch jetzt nicht an Feinden fehlen. Die Minister Wittgenstein, Schuckmann, Bülow beschwerten sich über seine Unbotmäßigkeit; mit dem Militärgouverneur General Dobschütz lebte er in offener Fehde. Freiherr von Mirbach und andere aus dem stolzen niederrheinischen Adel verklagten ihn wegen bureaukratischer Härte und Zurücksetzung der Edelleute; selbst seine Freunde konnten nicht leugnen, daß er sich in den Zeitungen mehr, als für einen preußischen Beamten schicklich war, loben ließ, und seine zahlreiche Vetterschaft, »die Säcke«, doch gar zu sorgsam in der rheinischen Verwaltung untergebracht hatte. Nach so zahlreichen Klagen fand es Hardenberg geraten, dem verdienten Manne einen andern Wirkungskreis anzuweisen; er blieb bei seinem Entschlusse, obgleich Sack sich schwer beleidigt fühlte, die große Mehrzahl der Rheinländer ihren Landsmann ungern ziehen sah, und zahlreiche Gemeinden der Provinz dringend um Zurücknahme der Versetzung baten. Auch der feurige Patriot Justus Grüner, der bisher im Namen der verbündeten Mächte das Bergische Land verwaltet hatte, fand eine laue Aufnahme, als er jetzt, durch Gneisenau lebhaft empfohlen, wieder in den preußischen Staatsdienst einzutreten verlangte. Sonderbares Schicksal, daß gerade der Begründer der preußischen geheimen Polizei unter den Berichten der geheimen Agenten am schwersten leiden mußte. In der Hofburg galt er, neben Stein und Görres, als das Haupt der deutschen Jakobiner. Im Sommer 1812 war er auf Metternichs Befehl nach Peterwardein auf die Festung gebracht worden, weil er von Prag aus eine Schilderhebung gegen Napoleon vorbereitete und mit Jahns »Deutschem Bunde« insgeheim verkehrte. Erst im Oktober 1813 freigelassen, hatte er dann als Gouverneur von Berg die Österreicher und die Rheinbündner durch die leidenschaftliche Sprache seiner Reden und Manifeste aufs neue erschreckt und beim Ausbruche des Krieges von 1815 gar einen geheimen Bund gestiftet, der zwar niemals zu einer Tätigkeit gelangte und alsbald nach dem Frieden wieder einging, aber schon durch seinen Wahlspruch »Deutschlands Einheit unter Preußen!« alle ängstlichen Gemüter mit Entsetzen erfüllte. Nach alledem hielt es der Staatskanzler für unmöglich, dem vielverleumdeten ein einflußreiches Verwaltungsamt anzuvertrauen, und Gruner wurde mit dem bescheidenen Gesandtschaftsposten in Bern abgefunden. Alle diese Vorfälle berührten die öffentliche Meinung sehr peinlich, zumal da sie fast gleichzeitig mit der Unterdrückung des »Rheinischen Merkurs« und bald nach dem Erscheinen der Schmalzischen Schrift erfolgten. Die argwöhnische Welt suchte nach einem geheimen Zusammenhange, obgleich Gneisenau das Verbot des Görresschen Blattes ganz in der Ordnung fand, und Sack ein erklärter Gegner Gruners war. Die Luft ward täglich schwüler. Derweil man bei Hofe von den geheimen Umtrieben der Demagogen erzählte, klagten die Liberalen über den Anbruch der Reaktion. – * Trotz dieser Reibungen innerhalb der Regierung ging die unscheinbare und doch so folgenreiche Arbeit der Neuordnung der Verwaltung stetig und sicher vorwärts. Sobald sich der Umfang der neugewonnenen Landschaften einigermaßen übersehen ließ, genehmigte der König, noch in Wien, am 30. April 1815 die Verordnung über die verbesserte Einrichtung der Provinzialbehörden, welche das Staatsgebiet in zehn Provinzen und achtundzwanzig Regierungsbezirke einteilte. Zwei dieser Provinzen, Niederrhein und Westpreußen, wurden später mit den Nachbarprovinzen Jülich-Cleve-Berg und Ostpreußen vereinigt: die sechs andern, Brandenburg, Pommern, Schlesien, Posen, Sachsen, Westfalen, bestehen noch heute unverändert. Es war das Werk des Königs, daß die im Jahre 1810 durch Hardenberg aufgehobenen Ämter der Oberpräsidenten wiederhergestellt wurden. Friedrich Wilhelm wünschte, in großen, lebensfähigen Provinzen die Eigenart der Stämme und Landschaften sich frei entfalten zu lassen; er wollte, daß die bedachtsame Unparteilichkeit der kollegialischen Regierungen an der Tatkraft und dem persönlichen Ansehen der vorgesetzten Einzelbeamten ihre Ergänzung fände und die Verwaltung dergestalt die Vorzüge des kollegialischen und des bureaukratischen Systems vereinigte. Zugleich hegte er jetzt schon die Absicht, neben jeden Oberpräsidenten einen Kommandierenden General zu stellen und also, nach dem Vorbilde Österreichs und Rußlands, die militärische Einteilung des Landes der Zivilverwaltung anzupassen. Den Vorschlag Bülows, die Regierungskollegien durch Präfekten zu ersetzen, lehnte der König rundweg ab und verwarf auch den Plan, ihnen selbständige Finanzkollegien an die Seite zu stellen. Sie behielten ihre kollegialische Form, zerfielen aber fortan in zwei Abteilungen, deren eine unter der Aufsicht des Ministers des Innern die Hoheitssachen, die Polizei und das Gemeindewesen bearbeitete, während die zweite, dem Finanzminister untergeordnet, das Finanzwesen und die Gewerbeangelegenheiten übernahm, so daß jeder Minister, soweit möglich, seine eigenen, von ihm allein abhängigen Organe erhielt. Bei der Abgrenzung der neuen Verwaltungsbezirke verfuhr die Regierung mit höchster Schonung, mit jener Pietät für das historisch Gegebene, die von alters her im Charakter der preußischen Staatskunst lag. Sobald ein Dorf aus seinem alten Kreisverbande ausgeschieden werden sollte, mußten zwei Ministerien ihr Gutachten abgeben; der König selbst entschied und, wo irgend möglich, rücksichtsvoll nach dem Wunsche der Einwohner. Gleichwohl ließ sich die Störung mancher altgewohnten Verhältnisse nicht vermeiden, da die neuerworbenen Länderfetzen untereinander und mit den alten Gebietsteilen in krausem Gemenge lagen. Keine von den alten Provinzen konnte ihre alten Grenzen unverändert behalten. Sofort begann denn ein allgemeines Sturmlaufen gegen die Regierung. Die ungeheure Macht des Partikularismus, in Preußen um nichts schwächer als in den kleinen deutschen Staaten, erhob sich aufgescheucht; die tausend und tausend zähen Interessen des örtlichen Kleinlebens, an denen der Sturm einer ungeheuern Zeit unbemerkt vorübergerauscht war, riefen um Hilfe. Aus unzähligen Eingaben erklang überall dieselbe starr konservative Gesinnung, überall derselbe Jammerruf: »Wir wollen uns nicht trennen von unsern Brüdern, die mit uns Freud' und Leid in schwerer Zeit geteilt.« Als man den Sitz der Kreisbehörde des Freystädter Kreises nach Neusalz verlegen wollte, da häuften sich die Petitionen, eine Gesandtschaft drang bis zum Könige; der alte Kalckreuth schrieb an Hardenberg, er müsse zugrunde gehen, wenn die Behörde nicht mehr in der Nachbarschaft seines Gutes hause, die Strolche würden ihm den Kohl und die Kartoffeln von den Feldern stehlen; der passive Widerstand war unüberwindlich. Die Monarchie erfuhr in hundert Fällen, was sie späterhin bei allen Reformen der Kommunalverwaltung abermals erfahren sollte, daß es in Deutschland ungleich leichter ist, zwei Staaten zu verschmelzen als zwei Kreise oder Gemeinden. Überall, im Volke wie auf den Thronen, überschätzte man noch unendlich den Gegensatz der Landschaften und Stämme, wenn sogar die königlichen Beamten in Pommern sich nur bis zu der bescheidenen Hoffnung verstiegen, es werde im Verlaufe langer Jahre die allmähliche »Annäherung zwischen den beiden Nationen«, den schwedischen Pommern und den Altpommern, möglich werden; wenn selbst Sack in seinen Verwaltungsberichten versicherte, der Jülicher, der Aachener, der Kölner und der Moselländer wichen in ihrem Charakter dermaßen voneinander ab, »als ob es ganz verschiedene Nationen wären«: so zeigte sich vollends im Volke die nachbarliche Abneigung oft bis zur leidenschaftlichen Gehässigkeit gesteigert. Alle altpreußischen Landesteile betrachteten es als eine Schande, wenn man sie den neuen Provinzen einfügen wollte. Als die Regierung den Plan faßte, die Niederlausitz samt der altbrandenburgischen Herrschaft Beeskow der Provinz Sachsen zuzuteilen, da wendeten sich die Stände des Beeslow-Storkower Kreises an den König und klagten, ganz so laut und stürmisch, wie sie einst unter Marwitz' Führung gegen Hardenbergs Agrargesetze geeifert hatten: »Wir fangen mit demjenigen an, was uns das Heiligste und wichtigste sein muß, von Ew. Majestät Beamten aber ganz unbeachtet gelassen, vielleicht als ein leeres Vorurteil angesehen wird, weil sie nicht gewohnt sind, die Gesinnungen der Völker zu beachten: Wir sollen aufhören Brandenburger und Preußen zu sein! Sollen wir Brandenburger bleiben und unsere Volkstümlichkeit erhalten? Dann wird es uns auf eine ähnliche Weise ergehen, wie es einst erging und noch ergeht dem Überrest des wendischen Volks in unserer Nachbarschaft, das in einem beständigen Mißtrauen, in einer beständigen Absonderung von seinen Nachbarn und in einer beständigen Anfeindung, seitens letzterer, seine Existenz noch jetzt fortschleppt. Sollen wir aber den sächsischen Volkscharakter annehmen? Das werden wir nicht können, nicht weil wir ihn für unwürdig anerkennen, sondern weil wir einmal Brandenburger sind!« Da auch die Stände des wiedergewonnenen Kottbuser Landes sich ebenso ungestüm gegen jede Gemeinschaft mit den Sachsen verwahrten, so gab der Staatskanzler nach und ließ die Grenze der Provinz Brandenburg weiter nach Süden verlegen. Minder glücklich fuhren die Altmärker. Auch sie verlangten ihre Wiedervereinigung mit der Kurmark als ein unbestreitbares Recht. Die Regierung aber beharrte bei dem Entschlusse, die Wiege des brandenburgischen Staates der Provinz Sachsen einzuverleiben; denn die Landschaft war durch ihre Lage auf Magdeburg angewiesen und hatte seit der westfälischen Herrschaft nichts mehr gemein mit der für die Kurmark so wichtigen Schuldenverwaltung, auch ihr Kommunalwesen stimmte nicht mehr zu dem brandenburgischen Brauche. Im Herzogtum Preußen war noch unvergessen, daß einst die Städte des Weichseltals zuerst das Banner des Aufruhrs gegen den Deutschen Orden erhoben und den Polen ins Land gerufen hatten; das tapfere Volk war gewohnt, auf die westpreußischen Nachbarn wie auf Verräter herabzusehen und fühlte sich schwer gekränkt, als einige Striche Ostpreußens der Weichselprovinz zugewiesen wurden. Durch flehentliche Bitten beim Könige erlangten mindestens die Kreise Mohrungen und Neidenburg, daß sie bei Ostpreußen verblieben. Dagegen verlangte eine Petition des polnischen Adels in Michelau und dem Kulmerlande, daß dies alte Stammland der deutschen Ordensmacht zum Großherzogtum Posen geschlagen würde. Die treuen deutschen Städte aber widersprachen lebhaft, und die Regierung wies den verdächtigen Vorschlag ab. Die Neuvorpommern steiften sich auf ihre »Rechte, Privilegien und Freiheiten«, welche der König in den Verträgen mit Schweden und Dänemark aufrechtzuhalten versprochen hatte; sie verstanden darunter, nach deutscher Weise, kurzweg alle bestehenden Institutionen, das schwedische Zollwesen und die alte Münze so gut wie das alte Beamtentum, und verteidigten ihre Unabhängigkeit so hartnäckig, daß der Staatskanzler erst im Jahre 1818 wagte, den kleinen Regierungsbezirk Stralsund mit der Provinz Pommern zu vereinigen. Darauf beschwerten sich die Deputierten der Kreise und Städte bei dem König bitter über die Verletzung ihrer Privilegien; sie erklärten die schwedische Gouvernements-Kanzleiordnung von 1669 für unantastbar und verstummten erst, als der König ihnen nachdrücklich erwidern ließ, keine Provinz dürfe unter dem Vorwand besonderer Gerechtsame eine Ausnahme von der allgemeinen Verwaltungsordnung des Staates für sich verlangen. In den westlichen Provinzen stieß die Einführung der neuen Verwaltungsbezirke auf geringeren Widerstand, da der Sondergeist der Städte und der Landschaften hier schon längst durch die harte Faust des Napoleonischen Beamtentums gebeugt war; doch ward auch hier um die Spitze der Behörden leidenschaftlich gekämpft, zuweilen auch versucht, längst vergessene, altständische Ansprüche aus dem Staube der Jahrhunderte hervorzuholen. Die Grafschaft Werden wollte nicht von der Grafschaft Mark getrennt werden; die Stadt Herford erklärte dem Staatskanzler in einer pomphaften Zuschrift: sie könne und werde keinem Kreise beitreten, sie besitze ein Recht auf »fernere Selbständigkeit und Immedialität« – nur unter diesem Vorbehalte habe Herford einst dem Großen Kurfürsten gehuldigt. Die weitaus größten Schwierigkeiten bot doch die Neuordnung der vormals sächsischen Gebiete, welche ohnehin der neuen Landesherrschaft anfangs fast ebenso feindselig wie die Polen gegenüberstanden. Alles wehklagte über den Untergang der sächsischen Nation, in Naumburg riß der Pöbel die schwarzen Adler in den Kot, selbst die Ruhigen bezeichneten sich wehmütig als Mußpreußen – ein Ausdruck, der in manchen Landstrichen noch viele Jahre im Schwange blieb. Solange die Erwerbung des gesamten Königreichs Sachsen in Aussicht stand, hatte Hardenberg nur an eine Personalunion zu denken gewagt. Jetzt, da man sich mit der Hälfte des Landes begnügen mußte, ergab sich sofort, daß diese Trümmer nicht einmal in einer Provinz zusammenbleiben konnten. Kaum die Anfänge der Staatseinheit, gleichmäßiger moderner Staatsordnung waren durch das schläfrige, altständische Regiment Kursachsens geschaffen; die Lande, die man das Herzogtum Sachsen nannte, bestanden in Wahrheit aus sieben lose verbundenen Territorien: aus den Markgrafschaften Ober- und Niederlausitz, den beiden Stiftern Merseburg und Naumburg, dem Fürstentum Querfurt, der Grafschaft Henneberg und einem Stück der sächsischen Erblande. Trotzdem baten die Vertreter des Adels, als im Herbst 1815 eine sächsische Deputation in Berlin erschien, »um Erhaltung der Integrität und Nationalität des Herzogtums Sachsen«; andere, darunter die Bürgermeister, verwahrten sich dawider und erklärten, sie hegten volles Zutrauen zu der bürgerfreundlichen Regierung Preußens. Zur selben Zeit sprachen die Niederlausitzer Stände für die Erhaltung ihrer Privilegien; die Stände der Oberlausitz aber verlangten, »daß die Provinz Lausitz mit keinem andern Teile der Monarchie verbunden werde«: die beiden Lausitzen sollten ein selbständiges Gesamtreich bilden mit der Hauptstadt Görlitz. Wie war es möglich, allen solchen partikularistischen Begehren, die einander ins Gesicht schlugen, gerecht zu werden? Zudem lagen diese Landschaften weithin zerstreut von Görlitz bis Langensalza, abgetrennt von ihrem natürlichen Mittelpunkte, dem Meißnerlande, das bei Sachsen geblieben war. Die Regierung beschloß daher nach längerem Schwanken, die weit nach Osten abgelegene Niederlausitz mit Brandenburg, die Oberlausitz mit Schlesien zu verbinden und vereinigte die übrigen Stücke des Herzogtums Sachsen mit der Altmark, dem Herzogtum Magdeburg und dem kurmainzischen Eichsfelde zu einer neuen Provinz. So kamen die vormals sächsischen Landesteile an drei Provinzen und sechs Regierungsbezirke. Was Wunder, daß sie laut klagten und den ganzen Schmerz der Teilung ihres Heimatlandes noch einmal zu erleben glaubten. Die Bitten und Beschwerden währten noch lange fort. Der dicht bei Potsdam gelegene sächsische Amtsbezirk Belzig verlangte stürmisch, beim Wittenberger Kreise zu bleiben; sämtliche Grundbesitzer des Eichsfeldes forderten als ein verbrieftes Recht, daß ein eichsfeldisches Oberlandesgericht in Heiligenstadt gegründet werde. Noch drei Jahre später sprach einer der ersten Grundbesitzer des Landes, Graf Schulenburg, gegen den Minister Klewitz die Erwartung aus, daß die altsächsischen Gebiete sämtlich zu einer Provinz vereinigt würden, sonst werde »diese Wunde ewig bluten«; und bis zum heutigen Tage fühlt sich die Stadt Görlitz als eine oberlausitzische, nicht als eine schlesische Stadt. In der Tat war die Provinz Sachsen der einzige, völlig künstliche unter den neuen großen Verwaltungsbezirken, während bei der Bildung aller anderen Provinzen umsichtige Schonung der Interessen und Erinnerungen waltete und jede von ihnen einen ausgeprägten Stammescharakter zeigte, wurde hier, Dank der unglücklichen Halbheit der Wiener Kongreßbeschlüsse, manches althistorische Band gewaltsam zerrissen, thüringische, ober- und niedersächsische Stammesart willkürlich zusammengezwängt. Und doch ward auch hier durch die ausdauernde Geduld, die Pflichttreue und Gerechtigkeit des Beamtentums die Wildnis allmählich gerodet, die feindselige Bevölkerung zu einem gesunden Gemeingeist erzogen. Es war die Idee der praktischen deutschen Einheit, die in einem täglich und stündlich erneuertem Kampfe sich durchsetzte gegen die Trümmer des Partikularismus. – Sobald die Verwaltung der Provinzen sich etwas befestigt hatte, nahm Hardenberg die so lange unterbrochene Arbeit der Gesetzgebung wieder auf. Durch die Verordnung vom 20. März 1817 wurde die seit dem Jahre 1808 wiederholt verheißene höchste beratende Behörde der Monarchie, der Staatsrat, endlich eingerichtet, allerdings mit geringeren Befugnissen, als Stein ihr einst zugedacht hatte. Der Beratung des Staatsrats unterlagen alle Gesetzentwürfe sowie die allgemeinen Verwaltungsgrundsätze, desgleichen die Streitigkeiten über den Wirkungskreis der Ministerien, die Entsetzung der Beamten und alle die Beschwerden der Untertanen, welche der König ihm zuwies, so daß die leicht zu mißbrauchende Macht der neuen Fachminister jetzt eine wirksame Schranke fand. Den Vorsitz übernahm der König selbst oder der Staatskanzler, die formelle Leitung der Geschäfte der neue Minister-Staatssekretär von Klewitz. Mitglieder waren: die königlichen Prinzen, die Minister und die Chefs der andern selbständigen Zentralbehörden, die Feldmarschälle, die Kommandierenden Generale und die Oberpräsidenten, endlich vierunddreißig durch das Vertrauen des Königs berufene Männer aus allen Zweigen des öffentlichen Dienstes – die besten Kräfte des Beamtentums, sehr wenige darunter, die nicht irgendwie über die Mittelmäßigkeit herausragten. Von den namhaften Staatsmännern hatte man nur zwei übergangen, deren Schroffheit dem Staatskanzler bedrohlich schien: Stein und den hochkonservativen alten Minister Voß-Buch. Die beiden Kirchen waren durch die Bischöfe Sack und Spiegel, die Wissenschaft durch Savigny vertreten. So lebte der alte Geheime Staatsrat, der seit dem Kurfürsten Joachim Friedrich bis zu den Tagen Steins, zuletzt nur noch als ein Schatten bestanden hatte, jetzt wieder auf, in neuen Formen, welche den gesetzlichen Gang der Verwaltung sicherten, ohne ihre rasche Schlagkraft zu lähmen. Dem neuen Staatsrate verdankte Preußen, daß die Gesetze der letzten Jahre Friedrich Wilhilms III. gründlicher, brauchbarer, gediegener ausfielen als die zuweilen überhasteten Arbeiten der großen Reformperiode und doch, trotz der reiflichen Beratung, nicht wie späterhin die Gesetze der parlamentarischen Zeit den widerspruchsvollen Charakter mühseliger Parteikompromisse trugen. Es war die letzte glänzende Vertretung der alten absoluten Monarchie, eine Vereinigung von Talent, Sachkenntnis und unerschrockenem Freimut, wie sie außer England kein anderer Staat jener Tage aufweisen konnte, eine Körperschaft, deren Wirksamkeit allein schon genügte, alle die gehässigen Urteile über den preußischen Staat, die jetzt wieder in den deutschen Kleinstaaten umhergetragen wurden, zu widerlegen. Aber sie tagte geheim, in Preußen selbst wußte das Volk kaum etwas von ihrem Dasein. Am 30. März 1817 eröffnete Hardenberg die Sitzungen des Staatsrats mit einer Rede, die noch einmal den zuversichtlichen Ton früherer Jahre anschlug. Er sagte: Die Aufgabe sei, »das Bestandene in die gegenwärtigen Verhältnisse des Staats, in die Bildung des Volks und in die Forderungen der Zeit verständig einzufügen. Der preußische Staat – so schloß er – muß der Welt beweisen, daß wahre Freiheit und gesetzliche Ordnung, daß Gleichheit vor dem Gesetze und persönliche Sicherheit, daß Wohlstand des Einzelnen sowie des Ganzen, daß Wissenschaft und Kunst, daß endlich, wenn's unvermeidlich ist, Tapferkeit und Ausdauer im Kampfe fürs Vaterland am besten und sichersten gedeihen unter einem gerechten Monarchen.« Darauf wurden die neuen Steuergesetzentwürfe des Finanzministers einer Kommission übergeben. Währenddem besprachen sich die im Staatsrate versammelten Oberpräsidenten vertraulich über die Ereignisse der neuen Verwaltungsordnung. Das Werk Steins, die Einheit der obersten Verwaltung, galt noch keineswegs allgemein als eine unwiderrufliche Tatsache; die rechte Grenze zwischen den unveräußerlichen Rechten der Staatsgewalt und dem Übermaße der zentrifugalen Kräfte war so schwer zu finden, daß im Schoße der Regierung selber noch lebhaft darüber gestritten wurde. Vor kurzem erst hatte der Staatssekretär Klewitz, ein wohlmeinender, in der Provinzialverwaltung seiner magdeburgischen Heimat gründlich erfahrener Beamter der alten Schule, dem Staatskanzler im besten Glauben einen ungeheuren Rückschritt, die Wiederherstellung der Provinzialminister vorgeschlagen: eine straffere Zentralisation ertrage der so bunt zusammengesetzte Staat nicht, und wie leicht könne die Macht der neuen Fachminister in einen gefährlichen Despotismus ausarten! Der Ruf nach Herstellung der Provinzialministerien ward bald ein Losungswort für den Partikularismus der altständischen Adelspartei und fand auch Anklang bei einem Teile der Oberpräsidenten. Diese hohen Beamten fühlten sich allesamt unbehaglich in ihrer schwierigen, noch nirgends klar begrenzten Mittelstellung zwischen den Ministerien und den Bezirksregierungen – stolz auf ihre bewährte Kraft standen sie ihren Vorgesetzten mit jener trotzigen Amtseifersucht gegenüber, die dem preußischen Beamtentum von jeher eigen war, und da sie in ihren Provinzen fast nur Klagen über die ungewohnten neuen Verhältnisse vernommen hatten, so überboten sie einander in düsteren Berichten, sie bestärkten sich wechselseitig in ihrem Mißmut und gerieten allmählich unter die Leitung Schöns, des Mannes, in dem sich die ganze unfruchtbare Verdrießlichkeit dieser Übergangstage verkörperte. In den ersten Zeiten der Hardenbergischen Verwaltung hatte Schön, gleich Sack und vielen andern tüchtigen Beamten, zur Einführung des Präfektensystems geraten; seit er selbst Oberpräsident von Westpreußen geworden, empfahl er ebenso lebhaft eine fast unbeschränkte Selbständigkeit der Provinzialbehörden. Welche Lebensstellung hätte auch dem ewig Unbefriedigten je genügen können? Die Abhängigkeit von den Ministern fiel seinem überspannten Selbstgefühle um so lästiger, da er sich bereits ein Idealbild von der Geschichte der letzten Jahre zurecht gelegt hatte, in dessen Vordergrunde er selber inmitten seiner altpreußischen Freunde glänzte. Eine unruhige Einbildungskraft verband sich in seinem Geiste seltsam mit dialektischem Scharfsinn, wenn er erzählte – oft viele Stunden lang mit unaufhaltsamer Lebendigkeit und starker Leidenschaft – dann überkam die Zuhörer schnell das Gefühl, daß die Phantasie mit ihm durchging: durch ihn waren dem ideenlosen Stein die leitenden Gedanken des gesamten Reformwerks geschenkt worden, während er in Wahrheit nur an einem einzigen jener grundlegenden Gesetze, an dem Edikte über die Aufhebung der Erbuntertänigkeit, wirksam teilgenommen hatte, er allein hatte im Frühjahr 1813 die Provinz Preußen vor Steins moskowitischen Eroberungsplänen gerettet; durch seine Freunde, die Führer des Königsberger Landtags, war der große Liniensoldat Scharnhorst wider Willen zur Bildung der Landwehr genötigt worden. Solche Märchen wiederholte er beharrlich in Wort und Schrift, bis er endlich selbst daran glaubte, er fühlte kaum noch, wie schwer er sich an dem Ruhm größerer Männer versündigte, und bekannte sich, derweil er in eitlem Selbstlob schwelgte, ganz unbefangen zu dem Wahlspruch: »Tue das Gute und wirf es ins Meer; sieht es der Fisch nicht, sieht es der Herr!« Geistreich, beredt, vielseitig gebildet, ein Schüler Kants und Freund von Fichte und Niebuhr, unterhielt er mit der gelehrten Welt einen regen Verkehr, so daß sein Name auch draußen in den Kleinstaaten, wo man sich sonst um Preußens Männer und Dinge wenig kümmerte, überall mit Achtung genannt wurde, und blieb dabei doch ein Mann der Geschäfte, ein gründlicher Kenner des Landbaus und der Gewerbe, ein tatkräftiger Beamter, der die gute Schule des trefflichen alten Provinzialministers von Schrötter nicht verleugnete und, wenn es galt, rücksichtslos, ja despotisch durchgriff. Fast seine gesamte Dienstzeit hatte er in der Verwaltung seiner altpreußischen Heimat zugebracht, kein Bauernhof der Salzburger Exulanten in Litauen und keine Fischerhütte auf den Dünen der Kurischen Nehrung war ihm unbekannt. So, mit dem zweifachen Stolze des Kantianers und des gewiegten Praktikers schaute er verächtlich auf die staubige Weisheit des grünen Tisches nieder, und da er die preußischen Staatsmänner sämtlich, Stein so gut wie Wittgenstein, auf der Wage seines kategorischen Imperativs allzu leicht befand, so überschüttete er sie alle, sehr wenige ausgenommen, mit der ätzenden Lauge eines grausamen Tadels, der zu Kants menschenfreundlicher Weisheit wenig stimmte. Männer tuen uns not, so wiederholte er beständig, die von der Macht der Ideen ergriffen sind, Männer, die vor dem Volke stehen und mit ihm leben! Die religiöse Erregung der Kriegsjahre ließ seinen durchaus kritischen Geist ebenso kalt wie die vaterländische Schwärmerei der Teutonen, denn in der »Nationalität« wollte er niemals mehr sehen als eine blinde Naturgewalt, die von der »Idee« des Staates gebändigt werden müsse. Sein Programm hatte er schon vor Jahren in dem sogenannten Politischen Testamente Steins niedergelegt. Diese bisher nur einigen hohen Beamten bekannte Denkschrift wurde eben jetzt (1817) von unbekannter Hand, schwerlich ohne Vorwissen des Verfassers, im Weimarischen Oppositionsblatte veröffentlicht und fand den lauten Beifall der süddeutschen Liberalen. Ein abgesagter Feind aller Adelsvorrechte, hielt Schön für unzweifelhaft, daß die Verheißungen jenes Testaments – Volksvertretung für alle aktiven Staatsbürger, Aufhebung der gutsherrlichen Polizei und der Patrimonialgerichte – den Wünschen der gesamten Nation entsprächen, und schloß seine heftigen Ausfälle gegen die Menschen, »die das Volk in den Maschinendienst vor dem Jahre 1806 zurückzwingen wollen«, gern mit dem Ausruf: Vox populi, vox Dei . Auch sein fanatischer Haß gegen Rußland kam seinem Rufe in der liberalen Welt zu statten, wie oft wünschte er sich, in seinen Briefen an Hardenberg, einen fröhlichen Krieg wider diese Barbaren, »die auf der untersten Stufe der Entwicklung, nur bei den Prolegomenen stehen«; als er dem Staatskanzler einst das Gerücht von einem Mordanschlag gegen den Zaren meldete, sprach er triumphierend seine Freude aus, »daß dieses Volk sich selbst so tief lästert und von sich Dinge verbreitet, die die höchste Schande jedes Volks ausdrücken. Gott sei gelobt!« Bei seinen altpreußischen Landsleuten stand er in hohem Ansehen, obwohl seine Schroffheit nirgends Liebe erweckte; der rationalistische Zug seines Geistes entsprach der Gesinnung, die in der Stadt der reinen Vernunft seit langem vorherrschte, und alle wußten, wie glühend er seine Heimat liebte, wie einsichtig und unerschrocken er sich aller ihrer Interessen vor dem Throne annahm. Das Beispiel seiner absprechenden Tadelsucht wirkte verderblich auf das ohnehin zu scharfem Urteil geneigte Volk; durch Schöns langjährige Verwaltung wurde die Übermacht der extremen Partei in unserer Ostmark zuerst begründet. In Berlin spottete man insgeheim über seinen unermeßlichen Dünkel und erzählte sich lächelnd, wie er einmal, unmittelbar vor der Heimreise, eine Einladung Hardenbergs mit den Worten ausgeschlagen hatte: »Meine Provinz kann meiner nicht eine Stunde länger entbehren«; doch mochte niemand gern dem streitbaren Manne mit den strengen, strafenden Augen offen entgegentreten, Witzleben, Klewitz, Vincke schätzten ihn hoch – auch der König nahm von ihm manches herbe Wort hin, da er seine Ergebenheit kannte. Als Schön aus den Verhandlungen des Staatsrats die Uneinigkeit der Minister kennenlernte, hielt er die Lage des Staates alsbald für ebenso verzweifelt, wie sie vor der Schlacht von Jena gewesen, und riet dem Staatskanzler dringend zur Bildung eines neuen Ministeriums, das nur aus Gesinnungsgenossen bestände und, gleich dem englischen Kabinett, durch »die Achtung des Volks« getragen würde: dies England blieb ihm nun einmal der liberale Musterstaat, obgleich dem Hochtory-Kabinett jener Tage wahrlich nichts gleichgültiger war als die Achtung des Volks. Um seinen Vorschlägen Nachdruck zu geben, überreichte Schön sodann den versammelten Oberpräsidenten den Entwurf einer gemeinsamen Beschwerdeschrift, die den Monarchen über »den bekümmerten Zustand der Verwaltung« aufklären sollte. Dies sonderbare, an drastischen Wendungen überreiche Schriftstück schilderte mit grellen Farben, Wahres und Falsches willkürlich vermischend: wie der so bunt zusammengesetzte Staat allein durch den Geist zusammengehalten werden könne, und dieser Geist jetzt unterdrückt werde; die Polizei bekunde sich als Druck, die allgemeine Wehrpflicht arte in eine Last des Landes aus, die Justiz sei nur noch eine leidende Maschine in der Hand des Ministers, für Kirche und Schule geschehe gar nichts. Daran schlossen sich scharfe Anklagen wider die eigenmächtige und nachlässige Amtsführung des Finanzministers und wohlberechtigte Beschwerden über »das ungebundene Ziehen aller Geschäfte der Provinzialverwaltung, in französischer Art, nach der Mitte«. So mächtig war die grämliche Verstimmung der Zeit, daß sieben von den zehn Oberpräsidenten sich entschlossen, dies lange Register unbestimmter und zum Teil grundloser Klagen zu unterzeichnen (30. Juni). Nur Zerboni, ein persönlicher Freund Hardenbergs, und der hochkonservative Hendebreck verweigerten die Unterschrift; der Oberpräsident von Sachsen war als Bruder des Finanzministers von vornherein aus dem Spiel geblieben. Der Staatskanzler nahm die Opposition der höchsten Provinzialbeamten zuerst sehr unwillig auf und nannte im vertrauten Kreise ihr Unterfangen geradezu eine Verschwörung. Doch überwand er sich bald, erkannte einige der Beschwerden als berechtigt an und forderte für andere genaueren Beweis, worauf die Klagenden selber mehrere ihrer Vorwürfe zurücknehmen mußten. Auch der König begnügte sich mit einem milden Tadel gegen die Übertreibungen der Denkschrift, dankte den Unterzeichnern für diesen neuen Beweis ihres Diensteifers und kündigte ihnen an, daß er den Klagen über die allzu straffe Zentralisation soeben abgeholfen habe. In der Tat erließ der Monarch, um den Wirkungskreis der Provinzialbehörden endlich klar abzugrenzen, am 23. Oktober 1817 die Instruktionen für die Oberpräsidenten und die Regierungen, zwei seit langem vorbereitete treffliche Gesetze, welche den Neubau der oberen Verwaltung zum Abschluß brachten und die Grundsätze des Verwaltungsrechts auf ein halbes Jahrhundert hinaus feststellten. Geheilt von seiner Vorliebe für die Napoleonische Verwaltung, kehrte Hardenberg jetzt zu den Gedanken Steins zurück. Das neue Verwaltungsrecht schloß sich eng, oft wörtlich an die Gesetzgebung des Jahres 1808 an. Die Oberpräsidenten sollten mindestens einmal jährlich die ganze Provinz bereisen, überall aus eigener Anschauung den Mängeln und Beschwerden abhelfen; sie erhielten ein so weites Gebiet selbständiger Tätigkeit angewiesen, daß Vincke in Westfalen, Merckel in Schlesien, Sack in Pommern bald fast wie Landesväter verehrt wurden und in dem gesamten öffentlichen Leben ihrer Provinzen die dauernden Spuren ihres Wirkens hinterlassen konnten. Als Hardenberg aber im Juni 1818 die hohen Verwaltungsbeamten der Provinzen zu freimütigem Gutachten über die Wirkung der neuen Instruktionen aufforderte, da gingen die Erwiderungen noch nach allen Richtungen der Windrose auseinander. Schön schalt nach seiner Weise über die bureaukratische Mißgeburt; er und Vincke sahen nur noch Rettung in der Wiederherstellung der Provinzialminister. Motz dagegen empfahl den Übergang zu einem gemäßigten Präfektursystem; die kollegialische Verwaltung passe nur für rein monarchische Staaten, Preußen aber stehe im Begriff, sich in einen konstitutionellen Staat zu verwandeln. Die Aufgabe, den künstlichen Staat durch eine Verwaltung, die doch nicht unfrei sein durfte, zusammenzuhalten, erschien dieser Generation bis zur Unlösbarkeit schwierig. Lange Jahre sollten noch vergehen, bis das Beamtentum selber anerkannte, daß der greise Staatskanzler noch einmal seinen sicheren politischen Blick bewährt und die feine Mittellinie zwischen dem bureaukratischen und dem Kollegialsystem glücklich getroffen hatte. – Unterdessen ward in dem Ausschuß und im Plenum des Staatsrats ein Kampf durchgefochten, ernster, folgenreicher als manche vielbewunderte Parlamentsverhandlung jener Tage. Auch die Leidenschaft und der rednerische Reiz parlamentarischer Debatten fehlten ihm nicht; wie erstaunte Gneisenau, als er die kunstvolle und doch streng sachliche Beredsamkeit Humboldts, Maaßens, Eichhorns, Ferbers kennenlernte und das allgemeine Vorurteil der Zeit, das den schüchternen Deutschen die Gabe der freien Rede absprach, so schlagend widerlegt sah. Gleich nach dem Frieden hatte der König den Finanzminister aufgefordert, einen umfassenden Steuerreformplan vorzulegen; die neuen Untertanen, so schrieb er, sollen es fühlen, daß sie mir angehören. Sobald man der Aufgabe nähertrat, zeigte sich schnell, daß nur eine billigere Verteilung, nicht eine Erleichterung der Steuerlast möglich war. Der außerordentliche Aufwand des Staates für Kriegszwecke betrug, wie sich später herausstellte, 206 Millionen Taler für die Jahre 1806 bis 1815, in den nächsten vier Jahren kamen noch weitere 81 Millionen hinzu. Die Staatsschuld war schon im Jahre 1812 auf 132 Millionen gestiegen und seitdem durch den Befreiungskrieg und die 45 Millionen fremder Schulden, die man mit den neuen Provinzen übernehmen mußte, bis auf 217 Millionen (1818) angewachsen. Der Kredit lag so tief darnieder, daß Hardenberg sich im Jahre 1817 glücklich schätzen mußte, eine fünfprozentige Anleihe in England zum Kurse von kaum 72 abzuschließen; zur selben Zeit standen die vierprozentigen Staatsschuldscheine an der Berliner Börse auf 71 bis 73, ein Jahr darauf noch niedriger, bis auf 65. Und welch ein Wagnis, diesem erschöpften Volke, das nach deutscher Art fiskalischen Druck stets ungeduldiger trug als polizeilichen Zwang, jetzt inmitten der allgemeinen Verarmung neue Lasten aufzulegen. Der Kaufwert der großen Landgüter stand in den alten Provinzen kaum mehr halb so hoch als vor dem Jahre 1806, in einzelnen Landesteilen war er auf ein Viertel herabgesunken. Als der König im Juni 1816 den für die Kriegsjahre gewährten Indult endlich aufhob, mußte er gleichwohl den verschuldeten Grundbesitzern in den östlichen Provinzen noch bis zum Jahre 1819, in Altpreußen sogar bis 1822, einige außerordentliche Zahlungserleichterungen bewilligen. Das Ärgste blieb doch, daß niemand die Lage des Staatshaushalts übersah. Die Massen der Rückstände, der Kriegsleistungen, der mannigfachen, mit den neuen Provinzen übernommenen Verpflichtungen entzogen sich noch jeder Berechnung; noch drei Jahre später lagen allein bei der Regierung des kleinen Bezirks Erfurt 2141 unbezahlte Rechnungen aus der Kriegszeit. Graf Bülow erklärte sich daher außerstande, dem Staatsrate eine ins einzelne gehende Veranschlagung zu übergeben und schätzte, ohne nähere Berechnung, das Defizit für das Jahr 1817 auf 1,9 Millionen Taler. Die an das peinlich genaue altpreußische Rechnungswesen gewöhnten Kommissionsmitglieder wollten der unwillkommenen Mitteilung keinen Glauben schenken; sie suchten den Grund des Defizits allein in Bülows Nachlässigkeit und stellten eine Gegenrechnung auf, welche einen Überschuß von reichlich 4 Millionen an ordentlichen und 2 Millionen an außerordentlichen Einnahmen ergab. Bei einem Budget von etwa 50 Millionen wichen also die Schätzungen der tüchtigsten Finanzmänner um volle 8 Millionen voneinander ab. Der in der Polemik immer maßlose Schön wollte sogar einen Überschuß von 21 Millionen nachweisen. Die Folge lehrte, daß Bülow, der nur von Schuckmann unterstützt wurde, die Lage richtiger beurteilt hatte als seine zuversichtlichen Gegner. Aber er vermochte seine Behauptungen nicht zu beweisen, und als nun der Referent der Kommission, Staatsrat Friese, den Staatshaushalt im einzelnen mit eindringender Sachkenntnis prüfte, da stellte sich in allen Zweigen der Finanzverwaltung eine arge Unordnung heraus, die mit den Wirren der Kriegsjahre allein nicht mehr entschuldigt werden konnte. Von Humboldt geführt, nahm die gesamte Kommission wie ein Mann gegen den Finanzminister Partei und überhäufte ihn mit Vorwürfen. Der wies die Anklagen in leidenschaftlicher Rede zurück, warf alle Schuld auf die unerschwinglichen Kosten des neuen Heerwesens und ließ in seinem Zorne auch einige scharfe Worte wider die verschwenderische Sorglosigkeit seines Vetters fallen. Seltsame Verschiebung der Parteien! Mit einem Male sah sich Hardenberg von seinem Liebling Bülow angegriffen, von seinem Nebenbuhler Humboldt verteidigt. Der Kriegsminister nahm sofort den Handschuh auf. Er bemerkte mit Besorgnis, daß jener geheime Kampf des Zivilbeamtentums gegen die Armee, der in dem Jahrzehnt vor 1806 soviel Unheil angerichtet, jetzt, da die Waffen ruhten, von neuem zu entbrennen drohte; er wußte auch, daß sich Bülow bereits bei dem General Lingelsheim ein Gutachten über die Wiederherstellung der friderizianischen Heeresverfassung bestellt hatte. Um solchen Bestrebungen einen Riegel vorzuschieben und den Staatsrat ein für allemal über die staatswirtschaftlichen Vorzüge des neuen Heerwesens aufzuklären, verfaßte Boyen eine geistvolle Denkschrift »Darstellung der Grundsätze der alten und der gegenwärtigen preußischen Kriegsverfassung« (Mai 1817), die mit überzeugender Klarheit erwies, daß Preußen noch nie ein so starkes und zugleich so wohlfeiles Heer besessen hatte. Der Staat war doch allmählich ausgewachsen; mit jeder Vermehrung seines Gebiets verringerte sich die krampfhafte Überspannung seiner physischen Kräfte. Das Heer hatte unter Friedrich Wilhelm I. fünfmal, unter Friedrich dem Großen fast dreimal mehr gekostet als die gesamte übrige Verwaltung; jetzt zum ersten Male nahm der Zivildienst, allerdings mit Einschluß der kostspieligen Staatsschuldenverwaltung, die größere Hälfte der Staatseinnahmen in Anspruch. Boyen berechnete die Kosten des Heerwesens, etwas zu niedrig, auf 21 Millionen und zeigte, daß der Staat jetzt 238 000 Mann mehr ins Feld stellen könne als im Jahre 1806, und trotzdem in Friedenszeiten, wenn man die zahlreichen Naturalleistungen der alten Zeit zu Geld veranschlage, 2 Millionen Taler weniger für die Armee aufwende. Er schloß mit der energischen Erklärung: Die Stärke des Heeres könne nicht allein durch finanzielle Rücksichten bestimmt werden, sie ergebe sich aus der Weltstellung des Staates, aus der Macht und der Gesinnung seiner Nachbarn. Auch der Staatskanzler fühlte sich durch Bülows Vorwürfe »gekränkt als Chef, Freund und naher Verwandter« und stellte den Ankläger ernstlich zur Rede. Da der erschreckte Finanzminister also seine letzte Stütze wanken sah, so lenkte er behutsam ein und weigerte sich, seine keineswegs grundlosen Klagen über Hardenbergs Nachlässigkeit bis vor den Thron zu bringen: »Eher möge der König seine Ungnade auf mich werfen, eher will ich alles in dieser Welt verlieren, als meine Seele mit Undank beladen und mit Ew. Durchlaucht in einen öffentlichen Streit gehen.« Aber das freundliche Verhältnis zwischen den beiden Vettern blieb gestört, Bülows Stellung ward täglich unhaltbarer. Gleichzeitig führte der Staatsrat eine nicht minder stürmische Verhandlung über die Steuerreform. Von den zwei Gesetzentwürfen, welche der Finanzminister vorlegte, fand der eine, das Zollgesetz, fast auf allen Seiten Anerkennung, während der zweite, das Gesetz über die Besteuerung im Innern des Staates, sofort mit Unwillen aufgenommen wurde. Bülow dachte außer der Gewerbe- und Stempelsteuer auch die bestehenden Grundsteuern vorläufig, bis zur Einberufung der Provinzialstände, aufrechtzuhalten; die drückende alte Akzise hingegen, die sich nach Einführung der Gewerbefreiheit und des Zollgesetzes ohnehin nicht mehr halten ließ, wollte er beseitigen und an ihrer Stelle eine Mahl- und Fleischsteuer für Stadt und Land, ferner Steuern auf Tabak, Bier und Branntwein einführen. Seine Vorschläge entfernten sich nicht weit von dem friderizianischen Steuersysteme, das 70 Prozent des gesamten Abgabenertrags durch indirekte Steuern aufgebracht hatte. Sie verrieten die Hand eines gewandten Praktikers, der ohne eigene reformatorische Gedanken lediglich die Staatskassen in der gewohnten Weise zu füllen trachtete, und erschienen der Opposition, deren Führung wieder Humboldt übernahm, um so verdächtiger, da sie von einem Napoleonischen Minister herrührten und fast wörtlich mit den Ansichten übereinstimmten, welche Bülows früherer Amtsgenosse Malchus soeben in seiner Schrift über die westfälische Finanzverwaltung ausgesprochen hatte. Unter den preußischen Beamten, die fast allesamt bei A. Smith und Kraus in die Schule gegangen waren, standen die indirekten Steuern des Bonapartismus in üblem Rufe: hatte doch Smith die Mahlsteuer kurzweg für die verderblichste aller Abgaben erklärt. Die Kommission griff daher die Konsumtionssteuern nachdrücklich an und tadelte vornehmlich, daß der Finanzminister nicht auch ein Gesetz über die direkten Abgaben vorgelegt habe; denn um eine gerechte Verteilung der Steuerlast zu finden, müsse zunächst die Ungleichheit der Grundsteuern beseitigt oder doch den einzelnen Provinzen angerechnet werden. Sie sprach damit nur aus, was die große Mehrzahl des Bürgertums wünschte. Die bunte Mannigfaltigkeit der Grundsteuern war eine alte Klage im Lande. An ihr zeigte sich auf das grellste, wie mühsam dieser Staat aus einem Gewirr selbständiger Territorien emporgewachsen war; je strenger seine Könige den Gedanken der Staatseinheit in der oberen Verwaltung durchgeführt hatten, um so nachsichtiger war auf dem flachen Lande das altständische Wesen geduldet worden. In der Monarchie bestanden 33 verschiedene, meist uralte Grundsteuerverfassungen, in der Provinz Sachsen allein acht, deren jede wieder mannigfache örtliche Verschiedenheiten und Privilegien aufwies. Ost- und Westpreußen zahlten auf der Geviertmeile 639 Taler Grundsteuer, die Rheinlande, allerdings auf weit wertvollerem Boden, 4969 Taler. Kein Wunder, daß die Rheinländer über die Steuerfreiheit des Ostens laut murrten und auch Schlesien, das durch Friedrich II. ein Kataster erhalten hatte, sich gegen die andern, nicht katastrierten, alten Provinzen benachteiligt glaubte. Und doch blieb eine Reform für jetzt noch unmöglich. Da die alte Grundsteuer im Verlaufe der Jahrhunderte den Charakter einer Rente angenommen hatte, so ließ sich die Ausgleichung nur nach Entschädigung der Befreiten durchführen. Und woher jetzt die Mittel dazu nehmen? Woher die technischen Kräfte zur Katastrierung des gesamten Landes? Und war es billig, den Landadel, der in den östlichen Provinzen noch fast allein die Kosten der gutsherrlichen Polizei, der Patrimonialgerichte und des Kirchenpatronats trug, mit neuen Lasten zu beschweren in einem Augenblick, da er, durch harte patriotische Opfer erschöpft, sich kaum noch im Besitz seiner Güter zu behaupten vermochte? Von allen diesen ernsten Bedenken wollte Humboldt nichts hören; er begnügte sich mit einer schonungslosen Kritik und schilderte die Ungleichheit der bestehenden Grundsteuern, die Gebrechen aller indirekten Abgaben nicht ohne doktrinäre Übertreibung. Auch von partikularistischen Hintergedanken war die Opposition nicht frei. In Sachsen, Posen und am Rhein hoffte das Volk auf eine Quotisierung der Steuern, dergestalt, daß die Stände jeder Provinz ihren Anteil an dem Staatsbedarfe nach eigenem Ermessen aufbringen und verteilen sollten. Dieser ungeheuerliche Vorschlag, der die Monarchie in einen lockeren Staatenbund zu verwandeln drohte, ward von mehreren Oberpräsidenten befürwortet, am eifrigsten von dem wackeren Grafen Solms-Laubach in Jülich-Cleve-Berg. Indes erlangte er im Staatsrate nicht die Mehrheit, da Bülow lebhaft für die gefährdete Staatseinheit eintrat und Schuckmann in einer langen Denkschrift ausführte: Wenn der preußische Staat diese Lebensfrage dem Gutdünken von zehn Provinziallandtagen anheimgebe, so werde er bald in eine ähnliche Lage geraten, wie Frankreich in den Tagen Calonnes. Die Kommission wagte auch nicht, wie Humboldt vorschlug, geradezu die Mitwirkung der Landstände bei der Feststellung des neuen Steuersystems zu fordern. Sie fühlte, daß die Krone noch immer hoch über der politischen Einsicht des Volkes stand, und eine durchgreifende Steuerreform nur durch ein königliches Machtgebot gelingen konnte; zudem bestanden die verheißenen neuen Landtage noch gar nicht, und mit den alten Ständen von Neuvorpommern und Sachsen, die sich trotzig auf ihre verbriefte Steuerfreiheit beriefen, war jede Verhandlung aussichtslos. Daher wurde dem Kommissionsberichte nur die vieldeutige Schlußwendung hinzugefügt: Zur Beruhigung des Volkes scheine es notwendig, »den neuen Steuerplan mit den Maßregeln wegen der Stände in Zusammenhang zu setzen«. Am 20. Juni ging der Bericht an den Monarchen ab; er beantragte Annahme des Zollgesetzes und Vorlegung eines umfassenden neuen Planes für die gesamte innere Besteuerung. Der König verhehlte der Kommission nicht, daß er nicht bloß scharfe Kritik, sondern bestimmte Gegenvorschläge erwartet habe; doch genehmigte er ihre Anträge und befahl den Oberpräsidenten, zunächst angesehene Einwohner aus ihren Provinzen zu berufen, damit die öffentliche Meinung sich über den Steuerplan äußern könne. Im August und September wurden die Notabelnversammlungen in allen zehn Provinzen abgehalten, und sie sprachen sich allesamt gegen die Mahl- und Fleischsteuer aus. Es fehlte nicht an stürmischen Auftritten. Die Notabeln des Großherzogtums Posen, neun polnische Edelleute und drei bürgerliche Deutsche, behaupteten mit sarmatischer Überschwenglichkeit: diese Steuer vernichte »die gänzliche Zivil- oder Menschenfreiheit; der Angriff auf solches Heiligtum löset alle Bande der menschlichen Gesellschaft auf«. Darauf versicherten sie dreist die grobe Unwahrheit, daß der Steuerertrag Posens zur Bereicherung der alten Provinzen verwendet werde: »Das Gewehr ist niedergelegt, die Hand gedrückt; soll denn das Herzogtum keinen Anteil an den Vorteilen des Friedens haben?« Die schlesischen Notabeln fügten ihrem Gutachten sogar eine bedeutsame Rechtsverwahrung hinzu. Sie erklärten, auf den Antrag des Grafen Dyhrn, daß sie nur ihre persönliche Meinung abgäben; die Mitwirkung bei dem neuen Steuergesetze müsse den künftigen Ständen vorbehalten bleiben. Es war ein Schatten kommender Ereignisse, ein erstes böses Anzeichen der staatsrechtlichen Verwirrung, welche durch das übereilte Verfassungsversprechen hervorgerufen wurde. Bei alledem zeigte sich viel gesunder Menschenverstand und schließlich, obgleich jede Provinz ihre besonderen Beschwerden vorbrachte, doch eine überraschende Übereinstimmung. Die Notabeln fanden zuerst eine Antwort auf die schwierige Frage, was an die Stelle der verworfenen indirekten Steuern treten solle. Während der letzten Jahre hatte der Gedanke einer allgemeinen, in wenige große Klassen abgestuften Personensteuer in der Stille seinen Weg gemacht, ein Gedanke, der bereits in der ersten Zeit der Hardenbergischen Verwaltung von dem Finanzrat von Prittwitz-Quilitz, einem landeskundigen, angesehenen Landwirt, aufgebracht worden war. Er entsprach der herrschenden volkswirtschaftlichen Theorie wie dem allgemeinen Abscheu gegen das indirekte Steuersystem der Franzosen und schien leicht durchführbar, da die Masse des Volks noch seßhaft, unbeweglich in patriarchalischen Lebensverhältnissen verharrte. An eine Einkommensteuer wagte man noch nicht zu denken; sie war schon durch den vergötterten A. Smith, neuerdings auch durch F. von Raumer, als tyrannisch gebrandmarkt und vollends in Verruf gekommen, seit der Versuch ihrer Einführung in der bitteren Not des Jahres 1812 mit einem Mißerfolge geendet hatte. Im Staatsrate trat der gelehrte Statistiker J. G. Hoffmann zuerst nachdrücklich für die Klassensteuer ein und fand Anklang bei der Mehrzahl der Oberpräsidenten. Als nun die Notabeln ratlos nach einem Ersatze für die Mahl- und Fleischsteuer suchten, wurden sie von ihren Vorsitzenden auf diesen Ausweg hingewiesen. So geschah es, daß die Mehrheit der Notabelnversammlungen die Einführung einer abgestuften Personensteuer – einer »fixierten Konsumtionssteuer«, wie die Schlesier sich ausdrückten – bei dem Staatskanzler befürwortete. Auf diese Gutachten gestützt, entwarf dann Hoffmann (27. Oktober) eine große Denkschrift über die Klassensteuer und wies damit der preußischen Steuerpolitik einen neuen Weg, der freilich erst nach abermals zwei Jahren schwieriger Verhandlungen zögernd betreten wurde. Während alle andern Großmächte in verschiedenen Formen das System der überwiegenden indirekten Abgaben beibehielten, wendete sich Preußen mehr und mehr der Ausbildung seiner direkten Steuern zu. Die neue Steuerpolitik, welche sich hier ankündigte, war die Politik eines tief verarmten Staates, der das Geld nehmen mußte, wo er es fand, eines wohlwollenden Absolutismus, der zwar die Anfänge der Selbstverwaltung bereits geschaffen hatte, aber von den Geldbedürfnissen großer Städte noch keine klare Vorstellung besaß, einer friedfertigen Regierung, die auf lange Jahre ungestörter Ruhe rechnete und darum sich nicht scheute, den Notpfennig der Kriegszeiten, die direkten Steuern, schon im Frieden scharf anzugreifen. Der lange Kampf im Staatsrate war, zu Schuckmanns Kummer, »den Horchern an der Tür mit den Schreiberklauen« nicht unbekannt geblieben. Die Berliner höhnten laut über den unglücklichen Finanzminister, der die Hälfte seiner Steuerpläne beseitigt, seine gesamte Amtsführung unbarmherzig bloßgestellt sah und durch die Schroffheit seines Auftretens, durch seine Ausfälle auf die neue Heeresverfassung den Unwillen der Opposition bis zum Hasse gesteigert hatte. Die Partei Humboldts verhehlte längst nicht mehr, daß nur die Entlassung Bülows ihr noch genügen konnte. In solchem Sinne schrieben Schön und Klewitz mehrmals an den Staatskanzler, Sack forderte mindestens die Beschränkung der Willkür des Finanzministers durch eine beigeordnete Kommission. Auch Schuckmann, der während des ganzen Streites auf Bülows Seite gestanden, ward in die Niederlage seines Genossen mit hineingerissen. Und da sich nun plötzlich die Aussicht auf einen vollständigen Ministerwechsel zu eröffnen schien, so richtete Schön, der Heißsporn der Opposition, einen leidenschaftlichen Angriff auch gegen Wittgenstein, der an den Verhandlungen des Staatsrates kaum teilgenommen hatte. Abermals maßlos übertreibend warf er dem Fürsten nicht bloß die schlechten Künste der geheimen Polizei vor, sondern auch den Fortbestand der im Jahre 1812 errichteten Gendarmerie, die sich überall gut bewährte: sie sei eine Waffe zur Bekriegung des Volks und gänzlich überflüssig neben der zahlreichen Armee. Sobald Hardenberg einsah, daß ein Zugeständnis an den allgemeinen Unmut des hohen Beamtentums unvermeidlich war, suchte er zunächst seinen alten Gegner Humboldt zum Eintritt in die Regierung zu bewegen. Der aber erwiderte scharf (14. Juli): Mit Bülow und Schuckmann könne er niemals übereinstimmen, ja sich nicht einmal verständigen, »durch den einen würden die materiellen, durch den andern die moralischen Kräfte des Staates gefährdet«; nur Hardenberg selbst und Boyen besäßen noch das vertrauen des Volks, nur in der Kriegsverwaltung zeige sich noch Ernst, Ordnung, vaterländische Gesinnung; dem Ministerium fehle die innere Einheit, wie die Selbständigkeit dem Staatskanzler gegenüber. Noch dringender mahnte Boyen: »Der Zeitgeist fordert in den höheren Posten Männer des Vertrauens;« man darf nicht warten, bis die Nation selber die Entlassung Bülows verlangt; »eine solche Verwaltung, ein solcher Mann kann bei längerer Fortdauer nur dem Vaterlande namenloses Verderben bereiten.« Hardenberg aber wollte weder auf die Rechte seines Staatskanzleramts verzichten, noch seinen Vetter und den bei Hofe unentbehrlichen Wittgenstein, dem er noch immer volles Vertrauen schenkte, kurzerhand preisgeben. Noch weniger wünschte der König eine durchgreifende Umgestaltung; »bei Veränderungen von Personen«, so äußerte er sich, »ist große Vorsicht nötig, man läuft Gefahr, ungerecht zu sein.« Im September erhielt Humboldt zu seiner Überraschung den Befehl, sich auf seinen Londoner Gesandtschaftsposten zu begeben. Am 3. November und 2. Dezember erfolgte sodann eine Neubildung des Ministeriums, welche allein die Departements des Krieges und der Polizei unberührt ließ und gleichwohl den Wünschen der Opposition nur halb entsprach. Bülow trat das Finanzwesen an Klewitz ab und behielt unter dem Titel eines Handelsministers nur noch die Leitung der Handelspolitik – eine Aufgabe, die seinem Talent und seinem Bildungsgange besser entsprach. Das unter Schuckmanns Verwaltung gänzlich vernachlässigte Unterrichtsdepartement wurde als Ministerium der geistlichen und Unterrichtsangelegenheiten von dem Ministerium des Innern abgezweigt und unter Altensteins Leitung gestellt. Ebenso wurde von dem Justizministerium ein Ministerium für die Revision der Gesetze und die Justizorganisation der neuen Provinzen abgetrennt; an seine Spitze trat der Kanzler Beyme, der noch von den alten Zeiten her, da er Kabinettsrat gewesen, das Vertrauen des Königs besaß und jetzt allgemein für einen entschiedenen Liberalen galt. Um die Einheit des Willens bei der Reform des Staatshaushalts zu sichern, errichtete Hardenberg endlich noch eine Generalkontrolle zur Prüfung sämtlicher Staatsausgaben sowie ein Schatzministerium für den Schatz, die Schuld, die außerordentlichen Ausgaben und behielt sich die oberste Leitung beider Departements selber vor. So war denn keiner der Minister gänzlich beseitigt. Die Männer, die einander mit den härtesten Vorwürfen überhäuft, verstanden sich allesamt zum Bleiben, weil der Staatskanzler doch ohne Rücksicht auf die Stimmenmehrheit selbständig zu entscheiden hatte. In der Staatsratskommission, welche die Reform des Steuersystems vollenden sollte, führten die beiden Gegner Bülow und Klewitz gemeinsam den Vorsitz. Der Zwiespalt in der Regierung ward eher verschärft als gemildert; namentlich die Zersplitterung des Finanzministeriums in drei gleichberechtigte Departements erwies sich sogleich als ein schwerer Mißgriff. Da die Kräfte des Staatskanzlers für dies Übermaß der Arbeit nicht ausreichten, so überließ er die Staatsschuldenverwaltung gänzlich seinem vertrauten Rother, einem sehr tüchtigen Finanzmanne, der sich durch sein rühriges Talent vom gelben Reiter zu den höchsten Staatsämtern emporgearbeitet hatte. In der Generalkontrolle aber herrschte bald unumschränkt der Direktor Geh. Rat von Ladenberg, ein Beamter der alten Schule von eisernem Fleiß und steifem Selbstgefühle, der die Steuerreform hartnäckig bekämpfte und zu dem alten Akzisesystem zurückstrebte. Deutscher Eigensinn und deutscher Pflichteifer hatten jederzeit heftige Reibungen zwischen den preußischen Behörden hervorgerufen. Jetzt vollends, da der natürliche Zusammenhang des Staatshaushaltes willkürlich zerrissen war, konnten erbitterte Händel nicht ausbleiben. Der Finanzminister Klewitz entbehrte des notwendigen Ansehens bei den andern Ministern, weil sie nicht von ihm die Bewilligung ihrer Ausgaben zu erwarten hatten, und sah sich darum außerstande, auch nur einen genauen Voranschlag für das gesamte Budget zu entwerfen. Übellaunig und mißtrauisch wie die Zeit war, schenkte die öffentliche Meinung jedem gehässigen Märchen Glauben, das über die geheimnisvolle Lage der Finanzen ausgesprengt wurde. – Gleichwohl gelang unter dieser wunderlich zersplitterten Verwaltung der große Umschwung der preußischen Handelspolitik, die folgenreichste politische Tat der Epoche. Das Verdienst des neuen Finanzministers wurde nur in dem Kreise seiner vertrauten Räte ganz gewürdigt; der häßliche kleine Mann mit dem gutmütigen Philistergesicht wußte sich nicht recht zur Geltung zu bringen, diente dem jungen Kronprinzen oft zur Zielscheibe für seine ausgelassenen Witze. Eine konservative Natur, langsam im Urteil, nicht reich an eigenen Gedanken, verstand Klewitz doch die reformatorischen Ideen anderer besonnen und gründlich zu verarbeiten, und was er sich einmal angeeignet, das hielt er fest mit zäher Geduld und unerschütterlichem Gleichmut, wie er einst in Königsberg bei der Aufhebung der Erbuntertänigkeit freudig mitgewirkt hatte, so rettete er jetzt aus dem Schiffbruch der Bülowschen Entwürfe den wertvollsten Teil, das Zollgesetz, und führte die radikale Neuerung gelassen durch unter dem leidenschaftlichen Widerstande des In- und Auslandes. In dem Sturm und Drang der großen Reformperiode war für die Umgestaltung des alten Akzisewesens wenig geschehen; man hatte sich begnügt, dem flachen Lande mehrere städtische Steuern aufzulegen und in Altpreußen die Einfuhr fremder Fabrikwaren gegen eine Akzise von 8 1/3 Prozent des Wertes zu gestatten. Daneben bestanden in den alten Provinzen noch 67 verschiedene Tarife, nahezu 3000 Warenklassen umfassend; außerdem die kursächsische Generalakzise im Herzogtum Sachsen, das schwedische Zollwesen in Neuvorpommern, in den Rheinlanden endlich seit Aufhebung der Napoleonischen Douanen ein schlechterdings anarchischer Zustand. Und diese unerträgliche Belästigung des Verkehrs gewährte doch, da eine geordnete Grenzbewachung noch fehlte, keinen Schutz gegen das Ausland. Auch in dem chaotischen Geldwesen zeigte sich die Abhängigkeit des verarmten Staates von den Fremden: in Posen und Pommern mußten 48, in den Provinzen links der Elbe 71 fremde Geldsorten amtlich anerkannt und tarifiert werden. Schon längst bemerkte der König mit Besorgnis, wie schwer der gesetzliche Sinn des Volkes durch die Fortdauer des überlebten Prohibitivsystems geschädigt wurde. Seit die bürgerlichen Gewerbe auf dem platten Lande sich ansiedelten, nahm der Schmuggel einen ungeheuren Aufschwung. Im Jahre 1815 versteuerte jeder Materialwarenladen der alten Provinzen täglich nur zwei Pfund Kaffee. Auch die unhaltbaren Verhältnisse an der Ostgrenze mahnten zu rascher Tat. Sobald Preußen, Polen und Rußland im März 1816 zu Warschau wegen der Ausführung des Wiener Vertrags vom 3. Mai 1815 zu verhandeln begannen, stellte sich bald heraus, daß Hardenberg in Wien von dem Fürsten Czartoryski überlistet worden war. Die scheinbar so harmlosen Bestimmungen des Vertrags über die freie Durchfuhr und den freien Verkehr mit den Landeserzeugnissen aller vormals polnischen Landschaften legten dem preußischen Staate fast nur Pflichten auf, da sein Gebiet das Durchfuhrland bildete. Um der Abrede buchstäblich zu genügen, hätte Preußen seine polnischen Provinzen von dem übrigen Staatsgebiete durch eine Zollinie trennen müssen, während Rußland, dem Vertrage zuwider, seine alte Zollgrenze, die das polnische Litauen von Warschau abschied, unverändert ließ und auch Österreich sich keineswegs geneigt zeigte, seinen polnischen Kronlanden handelspolitische Selbständigkeit zuzugestehen. Die polnischen Unterhändler sahen in dem Vertrage ein willkommenes Mittel, um durch die Ansiedlung von Handelsagenten und Kommissionären ihre nationale Propaganda in Preußens polnische Gebiete hineinzutragen. Sie erdreisteten sich, der Krone Preußen geradezu die unbeschränkte Souveränität über Danzig zu bestreiten, und stellten so übermütige Forderungen, daß der König mit einer entschiedenen Ablehnung antwortete, als Zar Alexander nach seiner Gewohnheit versuchte, die Ansprüche der Polen durch einen zärtlichen Freundesbrief zu unterstützen. Der unerquickliche Verlauf dieser Verhandlungen zwang zu dem Entschlusse, die polnischen Landschaften den übrigen Provinzen des Ostens völlig gleichzustellen. Auf der andern Seite lehrten die Frankfurter Erfahrungen, daß ein Bundeszollgesetz ganz unmöglich war und Preußen mithin zunächst im eigenen Hause Ordnung schaffen mußte. Im Jahre 1816 erfolgten die ersten vorbereitenden Schritte. Das Verbot der Geldausfuhr ward aufgehoben, das Salzregal in allen Provinzen gleichmäßig eingeführt; dann sprach die Verordnung vom 11. Juni die Aufhebung der Wasser-, Binnen- und Provinzialzölle als Grundsatz aus und verhieß die Einführung eines allgemeinen und einfachen Grenzzollsystems. Zu Anfang des folgenden Jahres war der Entwurf für das neue Zollgesetz beendigt. Sobald aber von den reformatorischen Absichten des Entwurfes einiges ruchbar ward, erscholl der Notschrei der geängsteten Produzenten weithin durch das Land. Leidenschaftliche Eingaben der Baumwoll- und Kattunfabrikanten aus Schlesien und Berlin, die doch allesamt unter der bestehenden Unordnung schwer litten, bestätigten die alte Wahrheit, daß die Selbstsucht der Menschen der schlimmste Feind ihres eigenen Interesses ist. Der Lärm ward so bedrohlich, daß der König für nötig hielt, zunächst eine Spezialkommission mit der Prüfung dieser Vorstellungen zu beauftragen. Hier errang die alte friderizianische Schule noch einmal die Oberhand. Der Vorsitzende, Oberpräsident von Heydebreck, betrachtete als höchste Aufgabe der Landespolitik »das Numeraire dem Lande zu conserviren«; die Mehrheit beschloß, der Krone die Wiederherstellung des Verbotsystems, wie es bis zum Jahre 1806 bestanden, anzuraten. Aber zugleich mit diesem Berichte ging auch ein geharnischtes Minderheitsgutachten ein, verfaßt von Staatsrat Kunth, dem Erzieher der Gebrüder Humboldt, einem selbstbewußten Vertreter des altpreußischen Beamtenstolzes, der das gute Recht der Bureaukratie oftmals gegen die aristokratische Geringschätzung seines Freundes Stein verteidigte. Mit den Zuständen des Fabrikwesens aus eigener Anschauung gründlich vertraut, lebte und webte er in den Gedanken der neuen Volkswirtschaftslehre. »Eigentum und Freiheit, darin liegt alles; es gibt nichts anderes« – so lautete sein Kernspruch. Als das ärgste Gebrechen der preußischen Industrie erschien ihm die erstaunlich mangelhafte Bildung der meisten Fabrikanten, eine schlimme Frucht des Übergewichts der gelehrten Klassen, welche nur durch den Einfluß des auswärtigen Wettbewerbs allmählich beseitigt werden konnte; waren doch selbst unter den ersten Fabrikherren Berlins viele, die kaum notdürftig ihren Namen zu schreiben vermochten. Kunths Gutachten fand im Staatsrate fast ungeteilte Zustimmung; es ließ sich nicht mehr verkennen, daß die Aufhebung der Handelsverbote nur die notwendige Ergänzung der Reformen von 1808 bildete. Als das Plenum des Staatsrats am 3. Juli über das Zollgesetz beriet, sprachen die politischen Gegner Gneisenau und Schuckmann einmütig für die Befreiung des Verkehrs. Oberpräsident Merckel und Geh. Rat Ferber, ein aus dem sächsischen Dienste herübergekommener trefflicher Nationalökonom, führten aus, daß dem Notstande des Gerwerbefleißes in Schlesien und Sachsen nur durch die Freiheit zu begegnen sei; und zuletzt stimmten von 56 Anwesenden nur drei gegen das Gesetz: Heydebreck, Ladenberg und Geh. Rat Beguelin. Am 1. August genehmigte der König von Karlsbad aus »das Prinzip der freien Einfuhr für alle Zukunft«. Nun folgten neue peinliche Verhandlungen, da es anfangs unmöglich schien, die neue Ordnung gleichzeitig in den beiden Hälften des Staatsgebiets einzuführen. Endlich, am 26. Mai 1818, kam das Zollgesetz für die gesamte Monarchie zustande. Sein Verfasser war der Generaldirektor Karl Georg Maaßen, ein Beamter von umfassenden Kenntnissen, mit Leib und Seele in den Geschäften lebend, ein Mann, der hinter kindlich anspruchslosen Umgangsformen den kühnen Mut des Reformers, eine tiefe und freie Auffassung des sozialen Lebens verbarg. Aus Cleve gebürtig, hatte er zuerst als preußischer Beamter in seiner Heimat, dann eine Zeitlang im bergischen Staatsdienste die Großindustrie des Niederrheines, nachher bei der Potsdamer Regierung die Volkswirtschaft des Nordostens kennen und also die Theorien Adam Smiths, denen er von früh auf huldigte, durch vielseitige praktische Erfahrung zu ergänzen gelernt. So ging er auch beim Entwerfen des Zollgesetzes nicht von einer fertigen Doktrin aus, sondern von drei Gesichtspunkten der praktischen Staatskunst. Die Aufgabe war: zunächst in der gesamten Monarchie durch Befreiung des inneren Verkehrs eine lebendige Gemeinschaft der Interessen zu begründen, sodann dem Staate neue Einnahmequellen zu eröffnen, endlich dem heimischen Gewerbefleiß einen mächtigen Schutz gegen die englische Übermacht zu gewähren und ihm doch den heilsamen Stachel des ausländischen Wettbewerbs nicht gänzlich zu nehmen. Wo die Wünsche der Industrie den Ansprüchen der Staatskassen widersprachen, da mußte das Interesse der Finanzen vorgehen; dies gebot die Bedrängnis des Staatshaushalts. Die beiden ersten Paragraphen des Gesetzes verkündigten die Freiheit der Ein-, Aus- und Durchfuhr für den ganzen Umfang des Staates. Damit wurde die volle Hälfte des nichtösterreichischen Deutschlands zu einem freien Marktgebiete vereinigt, zu einer wirtschaftlichen Gemeinschaft, welche, wenn sie die Probe bestand, sich auch über die andere Hälfte der Nation erweitern konnte. Denn die schroffsten Gegensätze unseres vielgestaltigen sozialen Lebens lagen innerhalb der preußischen Grenzen. War es möglich, Posen und das Rheinland ohne Schädigung ihrer wirtschaftlichen Eigenart derselben wirtschaftlichen Gesetzgebung zu unterwerfen, so war schon erwiesen, daß diese Gesetze mit einigen Änderungen auch für Baden und Hannover genügen mußten. Preußen hatte sich – so sagte Maaßen oftmals – genau die nämlichen Fragen vorzulegen wie alle die andern deutschen Staaten, welche ernstlich nach Zolleinheit verlangten, und konnte, wegen der Mannigfaltigkeit seiner wirtschaftlichen Interessen, leichter als jene die richtige Antwort finden. Aber die Ausführung des Gedankens, die Verlegung der Zölle an die Grenzen des Staats, war in Preußen schwieriger als in irgendeinem andern Reiche; sie erschien zuerst vielen ganz unausführbar. Man sollte eine Zollinie von 1073 Meilen bewachen, je eine Grenzmeile auf kaum fünf Geviertmeilen des Staatsgebiets, und zwar unter den denkbar ungünstigsten Verhältnissen, da die kleinen deutschen Staaten, die mit dem preußischen Gebiete im Gemenge lagen, zumeist noch kein geordnetes Zollwesen besaßen, ja sogar den Schmuggel grundsätzlich begünstigten. Solche Bedrängnis veranlaßte die preußischen Finanzmänner zur Aufstellung eines einfachen übersichtlichen Tarifs, der die Waren in wenige große Klassen einordnete. Eine umfängliche, verwickelte Zollrolle, wie sie in England oder Frankreich bestand, erforderte ein zahlreiches Beamtenpersonal, das in Preußen den Ertrag der Zölle verschlungen hätte. Durch denselben Grund wurde Maaßen bewogen, die Erhebung der Zölle nach dem Gewichte der Waren vorzuschlagen, während in allen andern Staaten das von der herrschenden Theorie allein gebilligte System der Wertzölle galt. Die Abstufung der Zölle nach dem Werte würde die Kosten der Zollverwaltung unverhältnismäßig erhöht haben; zudem lag in der hohen Besteuerung kostbarer Waren eine starke Versuchung zum Schmuggelhandel, welche ein Staat von so schwer zu bewachenden Grenzen nicht ertragen konnte. Auch in der großen Prinzipienfrage der Handelspolitik gab die Rücksicht auf die Finanzen den Ausschlag. Der Staat hatte die Wahl zwischen zwei Wegen. Man konnte entweder nach Englands und Frankreichs Beispiel Prohibitivzölle einführen, um diese sodann als Unterhandlungsmittel gegen die Westmächte zu benutzen und also Zug um Zug durch Differentialzölle zur Erleichterung des Verkehrs zu gelangen; oder man wagte sogleich in Preußen ein System mäßiger Zölle zu gründen, in der Hoffnung, daß die Natur der Dinge die großen Nachbarreiche dereinst in dieselbe Bahn drängen werde. Maaßen fand den Mut, den letzteren Weg zu wählen, vornehmlich weil der zweifelhafte Ertrag aus hohen Schutzzöllen dem Bedürfnis der Staatskassen nicht genügen konnte. Verboten wurden allein die Einfuhr von Salz und Spielkarten; die Rohstoffe blieben in der Regel abgabenfrei oder einem ganz niedrigen Zolle unterworfen. Von den Manufakturwaren sollte ein mäßiger Schutzzoll erhoben werden, nicht über 10 Prozent, ungefähr der üblichen Schmuggelprämie entsprechend. Die Kolonialwaren dagegen unterlagen einem ergiebigen Finanzzolle, bis zu 20 Prozent, da Preußen an seiner leicht zu bewachenden Seegrenze die Mittel besaß, diese Produkte wirksam zu besteuern. Dies freieste und reifste staatswirtschaftliche Gesetz des Zeitraums wich von den herrschenden Vorurteilen so weit ab, daß man im Auslande anfangs über die gutmütige Schwäche der preußischen Doktrinäre spottete. Den Staatsmännern der absoluten Monarchie fällt ein undankbares entsagungsvolles Los. Wie laut preist England heute seinen William Huskisson, one of the world's greatest spirits ; alle gesitteten Völker bewundern die Freihandelsreden des großen Briten. Der Name Maaßens aber ist bis zur Stunde in seinem eigenen Vaterlande nur einem engen Gelehrtenkreise vertraut. Und doch hat die große Freihandelsbewegung unseres Jahrhunderts nicht in England, sondern in Preußen ihren ersten bahnbrechenden Erfolg errungen. Das wiederhergestellte französische Königtum hielt in dem Tarife von 1816 die strengen Napoleonischen Prohobitivzölle gegen fremde Fabrikwaren hartnäckig fest. Die Selbstsucht der Emigranten fügte noch schwere Zölle auf die Erzeugnisse des Landbaus, namentlich auf Schlachtvieh und Wolle, hinzu. Auch in England war nur ein Teil des Handelsstandes für die Lehren der Verkehrsfreiheit gewonnen. Noch stand der Grundherr treu zu den hohen Kornzöllen, der Reeder zu Cromwells Navigationsakte, der Fabrikant zu dem harten Prohibitivsysteme; noch urteilte die Mehrzahl der Gebildeten wie einst Burke über Adam Smith: solche abstrakte Theorien sind gut genug für das stille Katheder von Glasgow. Erst das kühne Vorgehen der Berliner Staatsmänner ermutigte die englischen Freihändler, mit ihrer Meinung herauszurücken. Auf das »glänzende Beispiel, welches Preußen der Welt gegeben«, berief sich die freihändlerische Petition der Londoner City, welche Baring im Mai 1820 dem Parlament übergab. An Preußen dachte Huskisson, als er seinen berühmten Satz aufstellte: »Der Handel ist nicht Zweck, er ist das Mittel, Wohlstand und Behagen unter den Völkern zu verbreiten« und seinem Volke zurief: »Dies Land kann nicht stillstehen, während andere Länder vorschreiten in Bildung und Gewerbefleiß.« Den freihändlerischen Ansichten der preußischen Staatsmänner genügte das neue Gesetz nicht völlig. Man ahnte im Finanzministerium wohl – J. G. Hoffmann hat es oft gestanden –, daß der weitaus größte Teil des Zollertrags allein von den gangbarsten Kolonialwaren aufgebracht werden und die Staatskasse von andern Zöllen nur geringen Vorteil ziehen würde. Aber man sah auch, daß jedem Steuersysteme durch die Gesinnung der Steuerpflichtigen feste Schranken gezogen sind; die öffentliche Meinung jener Tage würde der Regierung nie verziehen haben, wenn sie den Kaffee besteuert, den Tee frei gelassen hätte. Maaßen verwarf jede einseitige Begünstigung eines Zweiges der Produktion, er rechnete auf das Ineinandergreifen von Ackerbau, Gewerbe und Handel und betrachtete die Schutzzölle nur als einen Notbehelf, um die deutsche Industrie allmählich zu Kräften kommen zu lassen. Schon bei der ersten Revision des Tarifs im Jahre 1821 tat man einen Schritt weiter im Sinne des Freihandels, vereinfachte den Tarif und setzte mehrere Zölle herab, während das Gesetz von 1818 für die westlichen Provinzen einen eigenen Tarif mit etwas niedrigeren Sätzen aufgestellt hatte, fiel jetzt jeder Unterschied zwischen den Provinzen hinweg; die Zollrolle van 1821 bildete in Form und Einrichtung die Grundlage für alle späteren Tarife des Zollvereins. Derweil der Staatsrat diese Reform zum Abschluß brachte, erging sich die unreife nationalökonomische Bildung der Zeit in widersprechenden Klagen. Die Massen meinten, die Verteuerung des Lebensunterhalts nicht ertragen zu können, die Fabrikanten sahen »dem englischen Handelsdespotismus« Tür und Tor geöffnet und bestürmten den Thron abermals mit so verzweifelten Bittschriften, daß der König, obwohl selbst mit Maaßens Plänen ganz einverstanden, doch eine nochmalige Prüfung des schon unterschriebenen Gesetzes befahl. Erst am 1. September 1818 wurde das Zollgesetz veröffentlicht, erst zu Neujahr 1819 traten die neuen Grenzzollämter in Tätigkeit. Am 8. Februar 1819 erschien das ergänzende Gesetze über die Besteuerung des Konsums inländischer Erzeugnisse, wonach nur Wein, Bier, Branntwein und Tabaksblätter einer Steuer unterlagen, die ohne unmittelbare Belästigung der Verzehrer von den Produzenten zu erheben war. Die neue Gesetzgebung hielt im ganzen sehr glücklich die Mitte zwischen Handelsfreiheit und Zollschutz. Nur nach einer Richtung hin wich sie auffällig ab von den Grundsätzen des gemäßigten Freihandels: sie belastete den Durchfuhrhandel unverhältnismäßig schwer. Der Zentner Transitgut zahlte im Durchschnitt einen halben Taler Zoll, auf einzelnen wichtigen Handelsstraßen noch weit mehr – sicherlich eine sehr drückende Last für ordinäre Güter, zumal wenn sie das preußische Gebiet mehrmals berührten. Die nächste Veranlassung zu dieser Härte lag in dem Bedürfnis der Finanzen. Preußen beherrschte einige der wichtigsten Handelsstraßen Mitteleuropas: die Verbindung Hollands mit dem Oberlande, die alten Absatzwege des polnischen Getreides, den Verkehr Leipzigs mit der See, mit Polen, mit Frankfurt. Man berechnete, daß die volle Hälfte der in Preußen eingehenden Waren dem Durchfuhrhandel angehörte. Die erschöpfte Staatskasse war nicht in der Lage, diesen einzigen Vorteil, den ihr die unglückliche langgestreckte Gestalt des Gebietes gewährte, aus der Hand zu geben. Überdies stimmten alle Kenner des Mautwesens überein in der für jene Zeit wohlbegründeten Meinung, daß nur durch Besteuerung der Durchfuhr der finanzielle Ertrag des Grenzzollsystems gesichert werden könne. Gab man den Transit völlig frei, so wurde dem Unterschleif Tür und Tor geöffnet, ein ungeheurer Schmuggelhandel von Hamburg, Frankfurt, Leipzig her geradezu herausgefordert, das ganze Gelingen der Reform in Frage gestellt. Die unbillige Höhe der Durchfuhrzölle aber und das zähe Festhalten der Regierung an diesen für die deutschen Nachbarlande unleidlichen Sätzen erklärt sich nur aus politischen Gründen. Der Transitzoll diente dem Berliner Kabinett als ein wirksames Unterhandlungsmittel, um die deutschen Kleinstaaten zum Anschluß an die preußische Handelspolitik zu bewegen. Von jenem Traumbilde einer gesamtdeutschen Handelspolitik, das während des Wiener Kongresses den preußischen Bevollmächtigten vorgeschwebt hatte, war man in Berlin längst zurückgekommen. Die Unmöglichkeit solcher Pläne ergab sich nicht bloß aus der Nichtigkeit der Bundesverfassung, sondern auch aus den inneren Verhältnissen der Bundesstaaten. Hardenberg wußte, daß der Wiener Hof an seinem altväterischen Provinzialzollsystem nichts ändern wollte und seine nichtdeutschen Kronländer einem Bundeszollwesen schlechterdings nicht unterordnen konnte. Aber auch das übrige Deutschland bewahrte noch viele Trümmer aus der schmählichen kosmopolitischen Epoche unserer Vergangenheit. Noch war Hannover von England, Schleswig-Holstein von Dänemark abhängig, noch stand Luxemburg in unmittelbarer geographischer Verbindung mit dem niederländischen Gesamtstaate. Wie war ein gesamtdeutsches Zollwesen denkbar, solange diese Fremdherrschaft währte? Auch die Verfassung mehrerer Bundesstaaten bot unübersteigliche Hindernisse. Die preußische Zollreform ruhte auf dem Gedanken des gemeinen Rechts. Wer durfte erwarten, daß der mecklenburgische Adel auf seine Zollfreiheit, der sächsische auf die mit den ständischen Privilegien fest verkettete Generalakzise verzichten würde, solange die ständische Oligarchie in diesen Landen ungestört herrschte? Wie war es möglich, die preußischen Zölle, welche die Einheit des Staatshaushaltes voraussetzten, in Hannover einzuführen, wo noch die Königliche Domänenkasse und die Ständische Steuerkasse selbständig nebeneinander standen? Das Zollwesen hing überdies eng zusammen mit der Besteuerung des inländischen Konsums; nur wenn die Kleinstaaten sich entschlossen, das System ihrer indirekten Steuern auf preußischen Fuß zu setzen oder doch dem preußischen Muster anzunähern, war eine ehrliche Gegenseitigkeit, eine dauernde Zollgemeinschaft zwischen ihnen möglich. Und ließ sich solche Opferwilligkeit erwarten in jenem Augenblicke, da der Rheinbund und das Ränkespiel des Wiener Kongresses den selbstsüchtigen Dünkel der Dynastien krankhaft aufgeregt und jeder Scham entwöhnt hatten? Selbst jene Staaten, denen redlicher Wille nicht fehlte, konnten gar nicht sofort auf die harten Zumutungen eingehen, welche Preußen ihnen stellen mußte, um sich den Ertrag seiner Zölle zu sichern. Man mußte, so gestand Eichhorn späterhin, sich erst orientieren in der veränderten Lage, die nationalökonomischen Bedürfnisse des eigenen Landes und die zur Deckung der Staatsausgaben notwendigen Opfer überschlagen; »bevor man hierüber ins klare gekommen, konnte man sich von einer gemeinsamen Beratung keinen Erfolg versprechen, am wenigsten von einer Beratung für ganz Deutschland am Bundestage.« Wie die Dinge lagen, mußte Preußen selbständig vorgehen ohne jede schonende Rücksicht für die deutschen Nachbarn. Unter den gemütlichen Leuten herrschte die Ansicht vor, Preußen solle die Binnengrenzen gegen Deutschland offen halten und allein an den Grenzen gegen das Ausland Zölle erheben. Der kindische Vorschlag hätte, ausgeführt, jede Grenzbewachung unmöglich gemacht, die finanziellen wie die volkswirtschaftlichen Zwecke der Zollreform völlig vereitelt, selbst eine mildere Besteuerung deutscher Produkte war unausführbar. Gerade die deutschen Kleinstaaten mit ihren verzwickten, mangelhaft oder gar nicht bewachten Grenzen mußten der preußischen Staatskasse als die gefährlichsten Gegner erscheinen. Ursprungszeugnisse, von solchen Behörden ausgestellt, boten den genauen Rechnern der Berliner Bureaus keine genügende Sicherheit. Jede Erleichterung, die an diesen Grenzen eintrat, ermutigte den Unterschleif, solange nicht eine geordnete Zollverwaltung in den kleinen Nachbarstaaten bestand. Noch mehr: gewährte Preußen den deutschen Staaten Begünstigungen, so griff das Ausland unfehlbar zu Retorsionen, und der Staat wurde allmählich in ein Differentialzollsystem hineingetrieben, das den Absichten seiner Staatsmänner schnurstracks zuwiderlief. Differentialzölle erschienen dem Finanzministerium noch weit bedenklicher als Schutzzölle, da diese den Verkehr belasteten zugunsten der einheimischen, jene zum Vorteil der ausländischen Produzenten. Es war nicht anders, sollte das neue Zollsystem überhaupt ins Leben treten, so mußten alle nichtpreußischen Waren zuvörderst auf gleichem Fuß behandelt werden. Allerdings wurden dadurch die deutschen Nachbarn sehr hart getroffen. Sie waren gewohnt, einen schwunghaften Schmuggelhandel nach Preußen hinüberzuführen; jetzt trat die strenge Grenzbewachung dazwischen. Die Zollinien an den Grenzen der neuen Provinzen störten vielfach altgewohnten Verkehr. Das Königreich Sachsen litt schwer, als die preußischen Zollschranken dicht vor den Toren Leipzigs aufgerichtet wurden. Die kleinen rheinischen Lande sahen nahe vor Augen das beginnende Erstarken der preußischen Volkswirtschaft; was drüben ein Segen, ward hüben zur Last. Begreiflich genug, daß gerade in der unmittelbaren Nachbarschaft Preußens die Mißstimmung überhand nahm. Auch die Einrichtung der Gewichtszölle war für die deutschen Nachbarstaaten unverhältnismäßig lästig, da das Ausland zumeist feinere, Deutschland gröbere Waren in Preußen einzuführen pflegte. Indes, wenn es nicht anging, den Kleinstaaten sofort Begünstigungen zu gewähren, so war doch die Zollreform von Haus aus darauf berechnet, die deutschen Nachbarn nach und nach in den preußischen Zollverband hineinzuziehen. »Die Unmöglichkeit einer Vereinigung für den ganzen Bund erkennend, suchte Preußen durch Seperatverträge sich diesem Ziele zu nähern« – mit diesen kurzen und erschöpfenden Worten hat Eichhorn zehn Jahre später den Grundgedanken der preußischen Handelspolitik bezeichnet. Die Zerstückelung seines Gebietes zwang den Staat, deutsche Politik zu treiben, machte ihm auf die Dauer unmöglich, sich selbstgenügsam abzuschließen, seine Verwaltung zu ordnen ohne Verständigung mit den deutschen Nachbarlanden. Ein großer Teil der thüringischen Besitzungen Preußens, 41 Geviertmeilen, mußten vorderhand aus der Zollinie ausgeschlossen bleiben. Es war eine unabweisbare Notwendigkeit, die Zollschranken mindestens so weit hinauszuschieben, daß das gesamte Staatsgebiet gleichmäßig besteuert werden konnte. In dem Zollgesetze selber (§ 5) war die Absicht erklärt, durch Handelsverträge den wechselseitigen Verkehr zu befördern. Die harte Besteuerung der Durchfuhr gab diesem Winke fühlbaren Nachdruck. Noch bestimmter sprach sich Hardenberg über die Absicht des Gesetzes aus, schon ehe es in Kraft trat. Als die Fabrikanten von Rheydt und andern rheinischen Plätzen den Staatskanzler um Beseitigung der deutschen Binnenzölle baten, gab er die Antwort (3. Juni 1818): Die Vorteile, welche aus der Vereinigung mehrerer deutscher Staaten zu einem gemeinschaftlichen Fabrik- und Handelssystem hervorgehen können, seien der Regierung nicht unbekannt; mit steter Rücksicht hierauf sei der Plan des Königs zur Reife gediehen. »Es liegt ganz im Geiste dieses Planes, ebensowohl auswärtige Beschränkungen des Handels zu erwidern als Willfährigkeit zu vergelten und nachbarliches Anschließen an ein gemeinsames Interesse zu fördern.« Ebenso erklärte er den Elberfeldern: die preußischen Zollinien sollten dazu dienen, »eine allgemeine Ausdehnung oder sonstige Vereinigung vorzubereiten«. Damit wurde deutlich angekündigt, daß der Staat, der seit langem das Schwert des alten Kaisertums führte, jetzt auch die handelspolitischen Reformgedanken der Reichspolitik des sechzehnten Jahrhunderts wieder aufnahm und bereit war, der Nation nach und nach die Einheit des wirtschaftlichen Lebens zu schaffen, welche ihr im ganzen Verlaufe ihrer Geschichte immer gefehlt hatte. Er dachte dies Ziel, das sich nicht mit einem Sprunge erjagen ließ, schrittweis, in bedachtsamer Annäherung, durch Verträge von Staat zu Staat zu erreichen. Mars und Merkur sind die Gestirne, welche in diesem Jahrhundert der Arbeit das Geschick der Staaten vornehmlich bestimmen. Das Heerwesen und die Handelspolitik der Hohenzollern bildeten fortan die beiden Rechtstitel, auf denen Preußens Führerstellung in Deutschland ruhte. Und diese Handelspolitik war ausschließlich das Werk der Krone und ihres Beamtentums. Sie begegnete, auch als ihre letzten Ziele sich späterhin völlig enthüllten, regelmäßig dem verblendeten Widerstande der Nation. Im Zeitalter der Reformation war die wirtschaftliche Einigung unseres Vaterlandes an dem Widerstande der Reichsstädte gescheitert; im neunzehnten Jahrhundert ward sie recht eigentlich gegen den Willen der Mehrzahl der Deutschen von neuem begonnen und vollendet. Im Kampfe gegen das preußische Zollgesetz hielten alle deutschen Parteien zusammen, Kotzebues »Wochenblatt« so gut wie Ludens »Nemesis«, vergeblich widerlegte J. G. Hoffmann in der »Preußischen Staatszeitung« mit überlegener Sachkenntnis das fast durchweg wertlose nationalökonomische Gerede der Presse. Dieselben Schutzzöllner, die um Hilfe riefen für die deutsche Industrie, schalten zugleich über die unerschwinglichen Sätze des preußischen Tarifs, der doch jenen Schutz gewährte. Dieselben Liberalen, die den Bundestag als einen völlig unbrauchbaren Körper verspotteten, forderten von dieser Behörde eine schöpferische handelspolitische Tat. Wenn Hoffmann nachwies, daß das neue Gesetz eine Wohltat für Deutschland sei, so erwiderten Pölitz, Krug und andere sächsische Publizisten, kein Staat habe das Recht, seinen Nachbarn Wohltaten aufzudrängen. Alberne Jagdgeschichten wurden mit der höchsten Bestimmtheit wiederholt und von der Unwissenheit der Leser begierig geglaubt. Da hatte ein armer Höker aus dem Reußischen, als er seinen Schubkarren voll Gemüse zum Leipziger Wochenmarkt fuhr, einen Taler Durchfuhrzoll an die preußische Maut zahlen müssen – nur schade, daß Preußen von solchen Waren gar keinen Zoll erhob. Auch die Sentimentalität ward gegen Preußen ins Feld geführt; sie findet sich ja bei den Deutschen immer ein, wenn ihnen die Gedanken ausgehen. Da war gleich am ersten Tage, als das unselige Gesetz in Kraft trat, ein Zollbeamter zu Langensalza von einem gothaischen Patrioten im Rausche heiligen Zornes erstochen worden; der Mann hatte sich aber selbst entleibt. Da hieß es wehmütig, König Friedrich Wilhelm hege wohl menschenfreundliche Absichten, aber »finanzielle Rücksichten vergiften die besten Maßregeln«; für die harte Notwendigkeit dieser finanziellen Rücksichten hatte man kein Auge. Die ersehnte Einheit des deutschen Marktes – darüber bestand unter den liberalen Patrioten kein Streit – konnte nur gelingen, wenn die bereits vollzogene Einigung der Hälfte Deutschlands wieder zerstört wurde. Unbekümmert um die allgemeine Entrüstung hielt Klewitz die Zollreform aufrecht. In der Gewerbepolitik dagegen zeigte die Regierung geringere Festigkeit gegen die hochkonservativen Vorurteile der Zeit. Immer wieder mußten kundige Beamte in der »Staatszeitung« die Vorzüge des freien Gewerbes ungläubigen Lesern schildern. Dennoch wagte man nicht, das Gewerbegesetz von 1811 in den neuen Provinzen einzuführen, sondern ließ einen widerspruchsvollen Zustand, der sich mit der Einheit des Marktgebietes kaum vertrug, während eines vollen Menschenalters unangetastet; in Sachsen blieb das alte Zunftwesen bestehen, in den rheinisch-westfälischen Landen und in den alten Provinzen herrschte die Gewerbefreiheit, hier nach preußischem, dort nach französischem Gesetze. (181-221.) Die Burschenschaft Das Wartburgfest Das Jubelfest der Reformation erweckte überall unter den Protestanten ein frohes Gefühl dankbaren Stolzes; auch Goethe sang in diesen Tagen: »Ich will in Kunst und Wissenschaft wie immer protestieren.« Die Studentenschaft ward von dieser Stimmung der Zeit um so stärker ergriffen, da ihr der christlich-protestantische Enthusiasmus des Befreiungskrieges noch in der Seele nachzitterte. Als der Gedanke eines großen Verbrüderungsfestes der deutschen Burschen zuerst in Jahns Kreise aufgetaucht war, beschloß die Jenenser Burschenschaft, den Versammlungstag auf den 18. »des Siegesmonds« 1817 zu verlegen, um damit zugleich das Jubelfest der Reformation und die übliche Jahresfeier der Leipziger Schlacht zu verbinden. Armin, Luther, Scharnhorst, alle die hohen Gestalten der Führer des Deutschtums gegen das welsche Wesen flossen in den Vorstellungen der jungen Brauseköpfe zu einem einzigen Bilde zusammen. Den Radikaleren galt Luther als ein republikanischer Held, als ein Vorkämpfer der freien »Überzeugung«; in einer Festschrift von Karl Sand, die unter den Burschen verteilt ward, erschien die evangelische Lehre von der Freiheit des Christenmenschen mit modern-demokratischen Ideen phantastisch verbunden. »Hauptidee unseres Festes«, hieß es da, »ist, daß wir allzumal durch die Taufe zu Priestern geweiht, alle frei und gleich sind; Urfeinde unseres deutschen Volkstums waren von jeher drei: die Römer, Möncherei und Soldaterei.« Dadurch ward freilich der gesamtdeutsche Charakter des Festes von vornherein getrübt. Die katholischen Universitäten des Oberlandes, die ohnehin mit den norddeutschen noch keinen regelmäßigen studentischen Verkehr unterhielten, konnten keine Einladung erhalten; die Freiburger Burschen mußten für sich allein am 18. Oktober auf dem Wartenberge bei Donaueschingen ihr Siegesfeuer anzünden. Von den österreichischen Hochschulen war nicht die Rede, da sie dem deutschen Studentenbrauche ganz fern standen, auch, mit Ausnahme der Siebenbürger Sachsen und weniger Ungarn, noch fast kein Österreicher in Deutschland studierte. Aber auch auf den preußischen Universitäten hatte die Burschenschaft noch so wenig Anhang, daß allein Berlin der Einladung Folge leistete. So war denn bei der Feier der Völkerschlacht gerade die Studentenschaft der beiden Staaten, welche allein schon bei Leipzig für die Sache der Freiheit gefochten, fast gar nicht vertreten; und alle die wundersamen Märchen, womit die Liberalen der rheinbündischen Länder die Geschichte des Befreiungskrieges auszuschmücken liebten, fanden freien Paß. Schon lange zuvor hatte die Presse mit mächtigen Trompetenstößen den großen Tag angekündigt. Eine freie Zusammenkunft von Deutschen aller Länder, allein um des Vaterlandes willen, war diesem Geschlechte eine so erstaunliche Erscheinung, daß sie ihm fast wichtiger vorkam als die weltbewegenden Ereignisse der letzten Jahre. Im Laufe des 17. Oktober langten an fünfhundert Burschen in Eisenach an, etwa die Hälfte aus Jena, dreißig aus Berlin, die übrigen aus Gießen, Marburg, Erlangen, Heidelberg und andern Universitäten der Kleinstaaten; die rüstigen Kieler hatten nach Turnerbrauch den weiten Weg zu Fuß zurückgelegt. Auch vier der Jenenser Professoren fanden sich ein, Fries, Oken, Schweitzer und Kiefer. Jede neu eintreffende Schar ward schon am Tore mit stürmischer Freude begrüßt und dann in den »Rautenkranz« geleitet, um dort vor den gestrengen Herren des Ausschusses auf dreitägigen Burgfrieden Urfehde zu schwören. Andern Tags in der Frühe stieg »der heilige Zug« bei hellem Herbstwetter durch den Wald hinauf zu der Burg des Reformators: voran der Burgvogt Scheidler mit dem Burschenschwerte, darauf vier Burgmänner, dann, von vier Fahnenwächtern umgeben, Graf Keller mit der neuen Burschenfahne, welche die Jenenser Mädchen ihren sittenstrengen jungen Freunden kürzlich gestickt hatten, dann endlich die Burschen Paar an Paar, viele schöne germanische Reckengestalten darunter, mancher im Vollbart, was bei ängstlichen Gemütern schon als ein Zeichen hochverräterischer Gesinnung galt. Allen lachte die Freude aus den Augen, jene glückliche Selbstvergessenheit der Jugend, die noch ganz im Genusse des Augenblicks aufzugehen vermag; ihnen war, als ob ihnen heute zum ersten Male die Herrlichkeit ihres Vaterlandes leibhaftig entgegenträte. Droben im Rittersaale der Wartburg, den der Großherzog gastfreundlich geöffnet hatte, wurde zuerst unter Pauken- und Trommelschall »Ein feste Burg ist unser Gott« gesungen. Darauf hielt der Lützower Riemann aus der Fülle seines ehrlichen Herzens heraus eine Festrede, die in hochpathetischen überschwenglichen Sätzen von den Taten Luthers und Blüchers sprach und dann bei den Geistern der erschlagenen Helden die Burschen mahnte zum »Streben nach jeglicher menschlichen und vaterländischen Tugend«. Einige der landläufigen Schlagwörter von den vereitelten Hoffnungen des deutschen Volks und dem einen Fürsten, der sein Wort gelöst, liefen zwar mit unter; das Ganze war ein jugendlich unklarer, durchaus harmloser Gefühlserguß, ebenso vieldeutig und unbestimmt, wie die neue Losung Volunto !, welche die Burschen gern im Munde führten. Auch was nachher noch von Professoren und Studenten geredet ward, ging nicht über dies Maß hinaus, selbst Oken sprach mit ungewohnter Selbstbeherrschung und warnte die jungen Leute vor einer verfrühten politischen Tätigkeit. Nach dem Mittagsmahle gingen die Burschen zur Stadt hinab in die Kirche, wo auch der Eisenacher Landsturm dem Gottesdienste beiwohnte; dann gaben noch die Kämpen des Berliner und des Jenenser Turnplatzes den staunenden Landstürmern ihre Künste zum besten. Als die Dämmerung hereinbrach, zog man mit Fackeln wieder hinauf nach dem Wartenberge, der Wartburg gegenüber, wo mehrere große Siegesfeuer brannten, die mit patriotischen Reden und Liedern begrüßt wurden. Bis dahin war das Fest in glücklicher Eintracht verlaufen; hier aber ward zum ersten Male offenkundig, daß sich bereits eine kleine extreme Partei innerhalb der Burschenschaft gebildet hatte: jene fanatischen Urteutonen aus Jahns Schule, die man die Altdeutschen nannte. Diese köstliche Gelegenheit für eine fratzenhafte Eulenspiegelei konnte sich der Turnmeister doch nicht entgehen lassen. Er regte zuerst den Gedanken an, dies Lutherfest durch eine Nachäffung der kühnsten Tat des Reformators zu krönen und, wie einst Luther die Bannbulle des Papstes verbrannt hatte, so jetzt die Schriften der Feinde der guten Sache ins Feuer zu werfen. Da die Mehrheit des Festausschusses, klüger als der Alte, den Vorschlag ablehnte, gab Jahn gleichwohl seinen Berlinern ein Verzeichnis der zu verbrennenden Bücher mit auf den Weg, und diese Getreuen, Maßmann voran, beschlossen, nunmehr den Plan des Meisters auf eigene Faust auszuführen, was der Ausschuß um des Friedens willen nicht geradezu verbieten wollte. Kaum war auf dem Wartenberge das letzte ernste Lied der die Flammen umringenden Burschen verklungen und die eigentliche Feier beendet, so trat Maßmann plötzlich hervor und forderte in einer schwülstigen Rede die Brüder auf, zu schauen, wie nach Luthers Vorbilde in zehrendem Fegefeuer Gericht gehalten werde über die Schandschriften des Vaterlandes. Jetzt sei die heilige Stunde gekommen, »daß alle deutsche Welt schaue, was wir wollen; daß sie wisse, wes sie dereinst sich von uns zu versehen habe«. Darauf trugen seine Gesellen einige Ballen alten Druckpapieres herbei, die mit den Titeln der verfehmten Bücher beschrieben waren. Auf eine Mistgabel aufgespießt flogen dann die Werke der Vaterlandsverräter unter tobendem Gejohle in das höllische Feuer: eine wunderlich gemischte Gesellschaft von etwa zwei Dutzend guten und schlechten Büchern, alles was gerade in jüngster Zeit den Zorn der »Isis« und ähnlicher Blätter hervorgerufen hatte. Da brannten Wadzeck, Scherer und, der Vollständigkeit halber, gleich »alle andern schreibenden, schreienden und schweigenden Feinde der löblichen Turnkunst«, desgleichen die »Alemannia« »und alle andern das Vaterland schändenden und entehrenden Zeitungen«; dann natürlich drei Schriften von dem verhaßten Schmalz (»Gänse-, Schweine- und Hundeschmalz« brüllte der Chor) und der Kodex der Gendarmerie von seinem Genossen Kamptz. Neben dem Code Napoléon , Kotzebues Deutscher Geschichte und Saul Aschers Germanomanie, der ein »Wehe über die Juden« nachgerufen ward, wanderte auch Hallers Restauration in die Flammen: – »Der Gesell will keine Verfassung des deutschen Vaterlandes«, hieß es zur Erläuterung, da doch keiner von den Burschen das ernste Buch gelesen hatte. Aber auch die Liberalen Benzenberg und Wangenheim mußten den Grimm der Jugend erfahren, weil die Jenenser Publizisten ihre Schriften nicht verstanden. Zuletzt wurden noch ein Ulanenschnürleib, ein Zopf und ein Korporalstock verbrannt, als »Flügelmänner des Gamaschendienstes, die Schmach des ernsten heiligen Wehrstandes«, und mit einem dreimaligen Pere-Pereat auf »die schuft'gen Schmalzgesellen« gingen die Fehmrichter auseinander. Es war eine unbeschreiblich abgeschmackte Posse, an sich nicht ärger als viele ähnliche Ausbrüche akademischer Roheit, bedenklich nur durch den maßlosen Hochmut und die jakobinische Unduldsamkeit, die sich in den Schimpfreden der jungen Leute ankündigten. Darum sprach sich Stein in den schärfsten Worten über »die Fratze auf der Wartburg« aus, und der immer schwarzsichtige Niebuhr schrieb besorgt: »Freiheit ist ganz unmöglich, wenn die Jugend ohne Ehrerbietung und Bescheidenheit ist.« Seine Wahrhaftigkeit fühlte sich angeekelt von dieser »religiösen Komödie«: dort der kühne Reformator, der sich gegen die höchste und heiligste Gewalt der Zeit empörte, und hier das ungefährliche Feuergericht großsprecherischer junger Burschen über eine Reihe von Schriften, woraus sie kaum eine Zeile kannten – welch ein lächerlicher Kontrast! Auf der Burschenversammlung am nächsten Tage sprachen die Studenten wieder ruhiger, verständiger mindestens als ihr Lehrer Fries, der ihnen eine unglaublich geschmacklose, von mystischer Bibelweisheit und sachsen-weimarischem Freiheitsdünkel strotzende Rede schriftlich zurückgelassen hatte: »Kehret wieder zu den eurigen und saget: Ihr waret im Lande deutscher Volksfreiheit, deutscher Gedankenfreiheit ... Hier lasten keine stehenden Truppen! Ein kleines Land zeigt euch die Ziele! Aber alle deutschen Fürsten haben dasselbe Wort gegeben usw.« Wahrlich, Stein wußte wohl, warum er die Jenenser Professoren als faselnde Metapolitiker verdammte, und Goethe nicht minder, warum er seinen Fluch aussprach über alles deutsche politische Gerede; denn was ließ sich von der Jugend erwarten, wenn ihr gefeierter Lehrer die vierundzwanzig weimarischen Husaren dem übrigen Deutschland als ruhmreiches Vorbild darstellte! Dieselbe widerliche Vermischung von Religion und Politik, die schon aus Fries' Rede sprach, offenbarte sich dann noch einmal am Nachmittage, als einige der Burschen auf den Einfall kamen, noch das Abendmahl zu nehmen. Der Superintendent Nebe gab sich in der Tat dazu her, den aufgeregten und zum Teil angetrunkenen jungen Männern das Sakrament zu spenden – ein charakteristisches Probestück jener jämmerlichen Schlaffheit, welche die weltlichen wie die geistlichen Behörden der Kleinstaaterei in unruhigen Tagen immer ausgezeichnet hat. Trotz aller Torheiten einzelner war die Feier im ganzen harmlos, glücklich, unschuldig. Als man am Abend unter strömenden Tränen sich trennte, blieb den meisten eine Erinnerung für das ganze Leben, strahlend wie ein Maientag der Jugend – so gesteht Heinrich Leo; sie hatten sich brüderlich zusammengefunden mit den Genossen aus Süd und Nord, sie meinten, die Einheit des zerrissenen Vaterlandes schon mit Händen zu greifen, und wenn die öffentliche Meinung verständig genug war, die jungen Feuerköpfe sich selber und ihren Träumen zu überlassen, so konnten die guten Vorsätze, welche mancher wackere Jüngling in jenen erregten Stunden gefaßt hatte, noch heilsame Früchte bringen. (424-428.) Die Karlsbader Beschlüsse Die Teplitzer Punktation Es war, als ob ein finsteres Verhängnis diesem unglücklichen, so mühsam aus der Zersplitterung emporsteigenden Volke jede Möglichkeit der Selbsterkenntnis, jeden Weg zur politischen Macht gewaltsam abschneiden wollte. Manche traurige Verirrungen der deutschen Patrioten in späteren Jahren lassen sich nur erklären aus der vollkommenen Verwirrung aller politischen Begriffe, welche der unnatürliche Bund der beiden Großmächte notwendig hervorrufen mußte. Die beiden Mächte beabsichtigten, der Gewalt des Deutschen Bundes die unzweifelhaft dringend nötige Verstärkung zu bringen; sie erweiterten seine Befugnisse weit über die Vorschriften der Bundesakte hinaus; sie gestatteten ihm Eingriffe in das innere Leben der Einzelstaaten, welche sich mit dem Wesen eines völkerrechtlichen Staatenbundes nicht mehr vertrugen; sie sprachen sogar von einer Felonie deutscher Fürsten gegen den Bund, als ob die Souveränität von Napoleons Gnaden bereits vernichtet und die Majestät des alten Reichs wiederhergestellt wäre. Aber diese unitarische Politik entsprang nicht der nationalen Gesinnung, sondern dem österreichischen Partikularismus: nur darum sollte der Deutsche Bund die Machtbefugnisse einer Staatsgewalt erhalten, damit den Deutschen die Lust, »sich in ein Deutschland zu vereinigen«, für immer verginge, damit der Seelenschlummer der Völker Österreichs von der höheren Kultur, den regeren geistigen Kräften ihrer deutschen Nachbarn ungestört bliebe. Auf das bestimmteste, auf wiederholten Befehl seines Monarchen, sprach Metternich aus, er wolle den Deutschen Bund durch Österreichs Mitwirkung retten oder die k. k. Staaten von Deutschland trennen, um Österreich allein zu retten; und noch fand sich niemand in der Nation, der das namenlose Glück dieser Trennung begriffen und den befreienden Ruf erhoben hätte: Los von Österreich! Verderblich, undeutsch wie die Ziele dieser Politik waren auch ihre Mittel. Der Deutsche Bund besaß noch weder ein Bundesheer, noch ein Bundesgericht, überhaupt keine gemeinsame nationale Institution, außer dem Bundestage; und ein solcher Bund, der die Deutschen nicht einmal gegen das Ausland zu schützen verstand, sollte jetzt – nach den Worten der Teplitzer Verabredung – »im reinen Begriffe der Föderation« befugt sein, das Allerheiligste der Nation Martin Luthers, die freie Bewegung der Gedanken durch Verbote und Verfolgungen zu stören. So sank die deutsche Politik, wie ein treffendes Wort sagt, zur deutschen Polizei herab; jahrzehntelang ging fast das gesamte Leben des Bundestags in polizeilichen Notmaßregeln auf. Der natürliche Gegensatz zwischen der absolutistischen Zentralgewalt und den konstitutionellen Gliederstaaten verschärfte sich bis zur unversöhnlichen Feindschaft; wer den Glauben an die politische Freiheit nicht aufgab, sah sich fortan genötigt, den Deutschen Bundestag zu bekämpfen, und so ward die liberale Partei, die doch fast allein den Gedanken der nationalen Einheit mit Begeisterung ergriffen hatte, wider Wissen und Willen dem Partikularismus in die Arme getrieben. Auf dem Wiener Kongresse hatten alle Parteien gefühlt, daß man der Nation einige »Rechte der Deutschheit«, ein von Bundeswegen gewährleistetes bescheidenes Maß politischer Freiheit zugestehen müsse, und nur, weil sich der Dünkel der rheinbündischen Souveränität über dies Minimum nicht zu einigen vermochte, war die Bundesakte bei einigen allgemein gehaltenen Versprechungen stehengeblieben. Jetzt ward mit einem Male alles auf den Kopf gestellt. Nicht ein geringstes, sondern ein höchstes Maß politischer Rechte festzusetzen sollte dem Bunde obliegen; er sollte der Nation nicht mehr der Bürge ihrer Freiheit sein, sondern ihr vorschreiben, welche Grenze die Rechte der Landtage, der Presse, der Universitäten niemals überschreiten dürften. Und mit welcher unerhörten Frivolität dachte man kurzerhand »die heute berüchtigten Redakteurs, die notorisch schlechtgesinnten Lehrer« ihrer gesetzlichen Rechte zu berauben, als ob die Gewaltstreiche des Wohlfahrtsausschusses wider die Verdächtigen auf dem friedlichen deutschen Boden sich erneuern sollten! Und warum dies finstere Mißtrauen gegen ein treues, gesetzliebendes Volk? Die Landtage von Bayern und Baden hatten im Eifer ihrer jugendlichen Unerfahrenheit einige törichte Anträge angenommen; und doch lehrte soeben die zahme Haltung der württembergischen Stände, daß die Regierungen nur die Zügel etwas straffer anzuziehen brauchten, um den Übermut ihrer harmlosen Volksvertreter zu bändigen. Die Presse sodann hatte durch zielloses Poltern und Schelten schwer gesündigt, und es war nicht ganz unrichtig, was Gentz in seiner Denkschrift über den Preßunfug behauptete: »Daß es heute nicht eine einzige als Privatunternehmung erscheinende Zeitschrift in Deutschland gibt, welche die Wohlgesinnten als ihr Organ betrachten könnten, ein Fall, der selbst in dem Zeitpunkte der blutigsten Anarchie in Frankreich ohne Beispiel ist.« Aber die Presse war in Deutschland unzweifelhaft nicht die öffentliche Meinung, die Masse der Nation nahm an der Entrüstung der Journalisten wenig Anteil, und wer die Tadelsucht der Deutschen kannte, mußte furchtlos voraussehen, daß die große Mehrheit ihrer Zeitungen zu allen Zeiten der Opposition angehören würde. Die schwächlichen Urteile so vieler gebildeter Männer über Kotzebues Ermordung bewiesen freilich, daß ein Teil der höheren Stände an der bestehenden Ordnung zu verzweifeln begann; doch eine Politik blinder und roher Verfolgung war sicherlich das beste Mittel, um diese Verzweiflung noch zu steigern. Die radikalen Tollheiten der akademischen Jugend endlich verdienten unleugbar strenge Ahndung, aber sie beschränkten sich auf drei oder vier Universitäten und auch da nur auf kleine Kreise, und es hieß, den patriotischen Geist der jungen Leute mutwillig auf Abwege treiben, wenn man jetzt amtlich die Hochschulen als die Pflanzstätten des Hochverrats bezeichnete. Das Entsetzlichste blieb doch, daß der Staat, der den Deutschen ihre Freiheit wiedergewonnen, der von der nationalen Einheit alles zu hoffen, nichts zu fürchten hatte, jetzt zuerst und freiwillig das Joch der österreichischen Fremdherrschaft auf seinen Nacken nahm und also dem Teile der Nation, der nicht über den nächsten Tag hinaus sah, als ein geschworener Feind erschien. Das lichte Gestirn des friderizianischen Staates war verdunkelt durch das Gewölk des Argwohns; die Besorgnis eines edlen, durch verblendete Ratgeber belogenen Monarchen und die altersschwache Ratlosigkeit Hardenbergs lenkten ihn ab von den Bahnen, auf denen er zur Größe aufgestiegen war; und zufrieden erklärte Metternich dem russischen Gesandten, nachdem Österreich die Teplitzer Ernte eingeheimst: »Preußen hat uns einen Platz überlassen, welchen ein Teil der Deutschen dem preußischen Staate zudachte!« (554-556.) Bis zur Julirevolution (Aus dem dritten Bande der »Deutschen Geschichte«) Die Wiener Konferenzen Die Macht der trägen alltäglichen Gewohnheit betrügt den Genius zuweilen um die Früchte seines Schaffens, aber sie hemmt auch oft das Unrecht auf seiner vermessenen Bahn. Ein Staatsstreich, wie er dem Fürsten Metternich zu Karlsbad und Frankfurt gelungen war, läßt sich nicht sogleich wiederholen, am wenigsten in der vielgeteilten deutschen Welt. Die Angst des Sommers 1819 war verflogen, die neuen Ausnahmegesetze genügten vorläufig, um die wirklichen wie die eingebildeten Gefahren einer demagogischen Schilderhebung zu beschwören, und je sicherer man sich wieder fühlte, um so mächtiger regte sich an den kleinen Höfen wieder die Empfindung, welche in friedlichen Zeitläuften bei ihnen immer vorherrschte: die Sorge um ihre Souveränität. Wohl hatte Bayern seinem nachträglichen Widerspruche gegen die Karlsbader Beschlüsse selber wieder die Spitze abgebrochen durch eine beschwichtigende Erklärung an die beiden Großmächte, und dem König von Württemberg war die in Warschau gesuchte Hilfe nicht zuteil geworden. Die Wirksamkeit der Bundesbeschlüsse ward auch dadurch keineswegs beeinträchtigt, daß der Münchener Hof sich bei ihrer Ausführung eine kleine Eigenmächtigkeit erlaubt, die Exekutionsordnung gar nicht veröffentlicht, die Zensur nur für politische Zeitschriften eingeführt hatte; denn die Exekutionsordnung, die ja nur dem Bunde, nicht den Einzelstaaten neue Befugnisse gewährte, bestand unzweifelhaft zu Recht, seit der Bundestag sie verkündigt hatte, und für das Wohlverhalten der bayrischen Schriftsteller war durch die Amtsgewalt der Polizeibehörden so ausgiebig gesorgt, daß Zentner späterhin, der Wahrheit gemäß, versichern konnte: auf solche Weise werde der Zweck des Karlsbader Preßgesetzes »ebensogut und oft noch sicherer erreicht als durch eine Zensur«. Gleichwohl fühlte Hardenberg, daß aus allen diesen zaghaften Widerstandsversuchen ein stiller Groll sprach, der leicht gefährlich werden konnte, wer vermochte zu sagen, ob nicht der bayrische Kronprinz vielleicht bald am Hofe seines gutherzigen Vaters obenauf kommen würde? Der junge Fürst war ein entschiedener Gegner der Karlsbader Beschlüsse, sein ganzes Wesen empörte sich dawider, die »freisinnige, volkstümliche, teutsche« Gesinnung, deren er sich so gern rühmte, und der Stolz auf die Souveränität des Hauses Wittelsbach. Man wußte in Berlin, daß Bayern und Württemberg fortan auf der Hut waren; beide Höfe hatten ihren Bevollmächtigten die Weisung erteilt, auf den bevorstehenden Wiener Ministerberatungen nichts zu bewilligen, was der Landesverfassung zuwiderliefe. Das rücksichtslose Gebaren der beiden Großmächte in Karlsbad hatte selbst die hochkonservativen kleinen Höfe des Nordens verstimmt; sogar der greise, dem Hause Österreich so treu ergebene König von Sachsen äußerte sich unzufrieden über die geringschätzige Behandlung des Bundestags. Das alles mahnte zur Vorsicht, und obgleich Hardenberg die Angriffe des Grafen Kapodistrias glücklich abgeschlagen hatte, so hielt er doch für ratsam, den Argwohn der russischen Staatsmänner nicht noch mehr zu reizen, ihnen keinen Vorwand für geheime Zettelungen in Deutschland zu bieten. Sobald General Schöler meldete, daß der Petersburger Hof den Wiener Ministerberatungen mit lebhafter Besorgnis entgegensehe, ließ Bernstorff sogleich begütigend antworten, man beabsichtige in Wien durchaus keine Änderung, sondern nur die Ausführung und Entwicklung der Bundesakte. Aber auch Preußens eigenes Interesse schien dem Staatskanzler nach den Erfahrungen der jüngsten Wochen ernstlich gefährdet, wenn man den in Teplitz eingeschlagenen Weg weiter verfolgte. Dort hatte Hardenberg die Hand geboten zu einer Erweiterung der Befugnisse des Bundes, welche dem völkerrechtlichen Charakter der Bundesverfassung zuwiderlief und ohne eine selbständige Zentralgewalt sich kaum behaupten ließ. Inzwischen war er zu der Einsicht gelangt, daß er selbst die nächste und wichtigste Aufgabe seiner deutschen Politik, die Aufrechterhaltung des neuen Zollsystems nur durchführen konnte, wenn ihn die Bundesgewalt nicht durch willkürliche Eingriffe störte. »Besonders – so schrieb er, als er dem Grafen Bernstorff mit Genehmigung des Königs seine Weisungen für die Wiener Versammlung erteilte – besonders sind es die kleinen Staaten, welche oft, von einem falschen und anmaßlichen Gefühl ihrer Souveränität verleitet, in notwendigen Einrichtungen der großen Staaten eine Verletzung ihrer Gerechtsame finden.« Der erste bescheidene Versuch, das preußische Zollgebiet zu erweitern, hatte die kleinen Nachbarn allesamt in Harnisch gebracht; kein Zweifel, daß sie in Wien versuchen würden, durch einen Beschluß der Bundesgesamtheit das preußische Zollgesetz zu vernichten. Durfte Preußen diesen Gegnern selber die Waffen schleifen und jetzt noch für die Errichtung eines stehenden Bundesgerichts wirken, die Lebensfragen seines Verkehrs, die ganze Zukunft der deutschen Handelspolitik den unberechenbaren Aussprüchen eines Tribunals unterwerfen, bei dem die Kleinstaaten den Ausschlag gaben? Sobald Hardenberg eines der großen Probleme der praktischen deutschen Einheit ernstlich ins Auge faßte, führte ihn die Natur der Dinge zurück zu jener nüchternen Auffassung des Bundesrechts, welche sich Humboldt schon bei der Eröffnung des Bundestags gebildet hatte; er erkannte, daß die wirtschaftlichen Interessen der Nation nur unabhängig vom Bunde, allein durch Verhandlungen zwischen den einzelnen Höfen gefördert werden konnten. Eine starke, das innere Leben der Einzelstaaten meisternde Bundesgewalt, wie er sie noch auf dem Wiener Kongresse erstrebt, erschien ihm nunmehr weder möglich noch wünschenswert, nachdem der Bund »eine andere Organisation und Entwicklung, als wir dabei vorausgesetzt«, erhalten hatte. Die Bundesverfassung, wie sie war, beruhte auf der Souveränität der Einzelstaaten; nur wenn man diesen Grundsatz rückhaltlos anerkannte, versprachen die Wiener Verhandlungen irgendein Ergebnis. Daher wiederholte der Staatskanzler zwar nachdrücklich die alte Forderung Preußens, daß die Bundeskriegsverfassung endlich geregelt würde; er wollte auch die Karlsbader Beschlüsse als Notgesetze für wenige Jahre unverbrüchlich festhalten, aber eine noch stärkere Einwirkung auf die inneren Angelegenheiten der Einzelstaaten dachte er dem Bunde nicht einzuräumen. Also kein ständiges Bundesgericht, auch keine definitive Exekutionsordnung, solange die provisorische noch nicht erprobt sei. Selbst die verfassungsmäßige Einstimmigkeit bei allen Beschlüssen über organische Einrichtungen wollte Hardenberg jetzt nicht mehr beseitigen, da die kleinen Staaten eine gerechtere Stimmenverteilung am Bundestage doch niemals bewilligen würden. Über den Artikel 13 der Bundesakte äußerte er nur einige unmaßgebliche Wünsche und meinte schließlich trocken: am ratsamsten vielleicht, »man ließe es ganz bei den allgemeinen Erinnerungen des Präsidialvortrags in der letzten Bundestagssitzung bewenden«. Auch Metternich begann bereits vorsichtig einzulenken. Prahlerisch genug schrieb er freilich kurz vor Eröffnung der Konferenzen an den getreuen Berstett: »Zählen Sie auf uns. Zählen Sie auf den festen Gang Preußens, ich bürge Ihnen dafür. Zählen Sie endlich auf die ungeheure Mehrheit der deutschen Regierungen und vor allem auf sich selbst. Sie werden mich hier wiederfinden, wie Sie mich am letzten Tage in Karlsbad verlassen haben, Sie werden außerdem den Kaiser finden, sicherlich eine ungeheure moralische Macht!« Indes fühlte er wohl, daß er jetzt nicht wieder, wie in jenen böhmischen Siegestagen, als Diktator auftreten durfte. Seine Absicht, das Repräsentativsystem überall durch landständische Verfassungen zu verdrängen, war in Karlsbad gescheitert; um wieviel weniger konnte sie hier in Wien durchdringen, auf umständlichen, förmlichen Ministerkonferenzen, wo die Künste der Einschüchterung und der Überraschung nichts ausrichteten. Er fügte sich also klug in die Umstände und gab schon dem Einladungsschreiben, das am 16. Oktober an die kleinen Souveräne abging, eine bescheidene, unverfängliche Form: nur »eine vorbereitende Rücksprache« zwischen den deutschen Regierungen sei beabsichtigt, damit der Bundestag für die wichtigen Beschlüsse, welche Graf Buol am 20. September angekündigt, übereinstimmende Instruktionen erhalte. Als nun in der zweiten Hälfte des Novembers die geladenen Bevollmächtigten aller siebzehn Stimmen des engeren Rates sich bei ihm meldeten, da fand er die meisten wohlgesinnt, bereit zu allem, was den Bestand des »monarchischen Prinzips« irgend befestigen konnte, aber auch voll Furcht vor einer neuen Schmälerung ihrer Souveränität, und willig ging er auf die versöhnlichen Ratschläge ein, welche ihm Bernstorff in vertraulichen Vorbesprechungen erteilte. Die beiden wurden einig, von den Septemberbeschlüssen »nicht um ein Haar« abzuweichen, auch keine erneute Besprechung des Geschehenen zu gestatten; fortan aber sollte sich die Karlsbader Politik »in den Grenzen des Ausführbaren« halten, auf dem Wege des »Glimpfs und der Eintracht« nach einer Ausgleichung mit den anders gesinnten Bundesgenossen streben, bei der schwierigen Auslegung des Artikels 13 zugleich das monarchische Prinzip und die Bundeseinheit sichern und doch Schonung üben gegen die Staaten, welche bei ihrem Verfassungswerk »jene doppelte Rücksicht großenteils schon aus den Augen verloren hatten«. Um den Argwohn der kleinen Höfe von vornherein zu beschwichtigen, erging sich Metternich in brünstigen Beteuerungen seiner Bundestreue: die Bundesakte, so versicherte er gleich in der ersten Sitzung, sei für den Wiener Hof schlechthin heilig; selbst wenn sich ein Sprachfehler darin nachweisen ließe, würde Kaiser Franz niemals ein Wort in dieser heiligen Urkunde abändern lassen. Damit war unzweideutig angekündigt, daß Österreich eine willkürliche Verstärkung der Bundesgewalt, wie sie in Karlsbad beschlossen worden, für jetzt nicht wieder beabsichtige. Die Vertreter der beiden Großmächte erwarteten anfangs eine lebhafte Opposition von seiten Bayerns und Württembergs, doch sahen sie sich bald angenehm enttäuscht. Der bayrische Bevollmächtigte Zentner verstand den Wünschen beider Parteien des Münchener Kabinetts zu genügen und schlug eine mittlere Richtung ein, welche, wie die Dinge lagen, für seinen Staat die einzig richtige Politik war. Er bekannte unverhohlen seine verfassungstreue und verfocht mit juristischem Scharfsinn jene streng partikularistische Ansicht des Bundesrechts, welche das Haus Wittelsbach schon auf dem Wiener Kongresse und seitdem am Bundestage beharrlich vertreten hatte: nach der bayrischen Doktrin war das Grundgesetz des Bundes allein in den elf ersten Artikeln der Bundesakte enthalten, die »besonderen Bestimmungen« der neun letzten Artikel über die inneren Verhältnisse der Bundesstaaten galten in München nur als eine freiwillige, nicht unbedingt verbindliche Verabredung zwischen souveränen Mächten. Aber man wußte stets, woran man mit dem Bayern war. Von den liberalen Neigungen, die man ihm fälschlich zugetraut, zeigte er gar nichts; er vermied jedes Wort, das ihn in diesem Kreise verdächtigen konnte, um so vorsichtiger, da ihm seine Genossen nachdrücklich vorhielten, daß der Münchener Hof selber durch seine Hilferufe die Karlsbader Beschlüsse mit veranlaßt hatte. Blieb nur die Souveränität der Wittelsbacher und ihre Landesverfassung unangetastet, so bot er willig seine Hand zu jedem Antrage, der die »Ordnung« sichern sollte; und da er in den Verhandlungen sich als ein ausgezeichneter Geschäftsmann bewährte, immer gelassen und höflich, arbeitsam und unterrichtet, ganz frei von Arglist, so kam er selbst mit Metternich, wie Rechberg vorausgesagt, auf einen guten Fuß. Mit Bernstorff verband ihn bald eine vertrauensvolle Freundschaft, und wieder einmal erwies sich die Verständigung zwischen den beiden größten rein deutschen Staaten als naturgemäß und heilsam: sie konnte zwar, wie hier die Parteien standen, nur wenig Gutes schaffen, doch manche Torheit reaktionärer Parteipolitik verhindern. Minder freundlich, aber fast noch ungefährlicher erschien die Haltung Württembergs. Über den Plänen des Stuttgarter Hofes lag noch immer jenes seltsame Zwielicht, das dem Charakter König Wilhelms zusagte. Der preußische Gesandte vermochte schlechterdings nicht durchzusehen; bald versicherte ihm ein Minister, der Hof sei im Grunde mit den Karlsbader Beschlüssen ganz einverstanden, bald erging sich der König vor dem russischen Gesandten in hochliberalen Äußerungen. Die nämliche Unsicherheit verriet sich auch bei der Wahl der Bevollmächtigen für die Konferenz. Wintzingerode blieb in Stuttgart, aus denselben Gründen, welche Rechberg in München zurückhielten: Er wollte seinen Monarchen nicht aus den Augen lassen und in den Sitzungen des Geheimen Rats den Ausschlag geben. Statt seiner wurde Graf Mandelsloh bevollmächtigt, ein gutmütiger, bequemer, urteilsloser alter Herr, dessen politische Unschuld über jede Anfechtung erhaben war. Doch ganz ohne Hintergedanken vermochte die Stuttgarter Politik nie zu handeln. Als Gehilfe, ohne Stimmrecht, wurde dem harmlosen Gesandten der Freiherr von Trott beigegeben, ein liberaler Rheinbundsbureaukrat, wie der Schwabenkönig sie liebte, gescheit, tätig, ehrgeizig. Er galt seit einigen Monaten für den nächsten Vertrauten König Wilhelms; freilich wußte niemand zu sagen, wie lange dies Glück währen würde, da die Rollen am Stuttgarter Hofe sehr rasch zu wechseln pflegten. In Wien fand er von vornherein eine üble Aufnahme, weil er als Bonapartist verrufen war und den Triasplänen Wangenheims nahestand; der kurhessische Gesandte Münchhausen weigerte sich sogar, mit ihm gemeinsam zu beraten, der einst als Präfekt unter König Jerome gedient hatte. Also von allen Seiten beargwöhnt, und überdies mit seinem Vorgesetzten persönlich verfeindet, vermochte Trott auf den Konferenzen keine Rolle zu spielen; nur zuweilen, wenn von Stuttgart her ein kleines Ränkespiel eingeleitet wurde, trat er aus dem Dunkel heraus. Unter den übrigen Bevollmächtigten ragte der darmstädtische Minister Freiherr du Thil hervor, ein scharfer staatsmännischer Kopf, der als streng konservativer Monarchist verrufen gleichwohl die praktischen Ziele der nationalen Politik und den deutschen Beruf des preußischen Staates freier, richtiger beurteilte als die Mehrzahl der Liberalen; er erwarb sich hier bei den preußischen Staatsmännern ein Ansehen, das dereinst noch für Deutschlands Einheit seine Früchte tragen sollte. Aber auch er zeigte sich immer bedenklich, so oft von erweiterten Befugnissen des Bundes die Rede war. Ähnlich dachten die meisten andern Minister, bis herab zu dem wackeren Fritsch, der die ernestinischen Höfe vertrat, und dem Senator Hach, dem Bevollmächtigten der freien Städte. Und diese Gesinnung der Staatsmänner entsprach unzweifelhaft der Meinung der Nation. Es war der Fluch der Karlsbader Politik, daß jede Verstärkung der Bundesgewalt nunmehr als eine Gefahr für die bürgerliche Freiheit betrachtet wurde. In einem Volke, das den nationalen Stolz, den Gedanken des Vaterlandes kaum erst wiederzufinden begann, mußte der Partikularismus unvermeidlich mit verjüngter Kraft erwachen, nachdem die Politik der Zentralisation sich auf falsche Ziele gerichtet hatte. Eben in diesen Tagen veröffentlichte der Führer der fränkischen Liberalen, W. I. Behr, in Würzburg eine Schrift über »die Einwirkung des Bundes auf die Verfassung seiner Gliederstaaten«, die in der Presse warmen Beifall fand und die liberalen Durchschnittsansichten treulich wiedergab, hier ward die partikularistische Doktrin des Münchener Hofes noch weit überboten. Kein Wort mehr von einer deutschen Nation, von allen den großen Kulturaufgaben, die sie nur mit geeinter Kraft lösen konnte. Durch die Auflösung des Heiligen Reichs und den Rheinbund ist die Unhaltbarkeit eines deutschen Völkerstaates erwiesen. Der Deutsche Bund ist lediglich ein freier gesellschaftlicher Verein zwischen koexistierenden Völkern, die untereinander Frieden halten und ihre Sicherheit gegen das Ausland gemeinsam verteidigen, aber sich der vollen Souveränität erfreuen wollen; er läßt das Innere seiner Gliederstaaten ganz unberührt und darf gegen Widersetzliche, da Souveränität und Unterordnung völlig unvereinbar sind, nur das Mittel der Ausschließung anwenden. Wehe uns, wenn »unsern deutschen Staatenbund der Geist eines Völkerstaates beschliche, gelüstend nach einer höchsten Staatsgewalt!« Mit einem Lobgesange auf Bayerns freie Verfassung schloß die Abhandlung. So gänzlich hatte die neue Verfassungsherrlichkeit die Erinnerungen einer tausendjährigen Geschichte verwischt: die Nation der Ottonen und der Staufer löste sich auf in koexistierende Völker. Da Metternich und Bernstorff beide fühlten, daß man mit dieser starken partikularistischen Strömung rechnen mußte, so vollzog sich bald nach der Eröffnung der Konferenzen eine unerwartete Verschiebung der Parteien. Die Großmächte gingen mit Bayern Hand in Hand und erlangten in den meisten Fällen die Zustimmung derselben Kleinstaaten, die man kurz zuvor mißtrauisch von den Karlsbader Beratungen ausgeschlossen hatte. Die zwei reaktionären Höfe dagegen, welche sich in Karlsbad am dienstfertigsten gezeigt hatten, Baden und Nassau, bildeten in Wien die Opposition und spielten die Rolle der deutschen Ultras, wie Bernstorff zu sagen pflegte. Für Berstetts beschränkten Kopf waren die zwingenden Gründe, welche den Wiener Hof zur Behutsamkeit nötigten, nicht vorhanden; er dachte nur an seine heimischen Verlegenheiten, an den Karlsruher Landtag, der binnen kurzem wieder zusammentreten mußte, an den zornigen Ausruf seines Großherzogs: »Besser von Löwen gefressen werden als von Schweinen!« Er wollte, wie Bernstorff schrieb, »sein eigenes Werk durch die Einmischung des Bundes zerstört sehen« und wünschte eine umfassende Neugestaltung der Bundesakte, um den Landesverfassungen feste Schranken zu ziehen, zum mindesten aber ein neues Ausnahmegesetz, das die Öffentlichkeit der Kammerverhandlungen für die fünfjährige Dauer der Karlsbader Beschlüsse aufheben sollte. Vergeblich lieh ihm sein Begleiter, der rastlose junge Blittersdorff, seine scharfe Feder. Nos Ultras wurden bald ihrem alten österreichischen Gönner selber lästig. Berstett mußte einen seiner Pläne nach dem andern scheitern sehen und versuchte endlich nur noch durch immer neue Anträge den Schluß der Konferenzen hinauszuschieben, weil er dem badischen Landtage »durch die Dauer des hiesigen Vereins eine heilsame Scheu einzuflößen hoffte«. So wunderliche Blasen stiegen aus dem Sumpfe der deutschen Bundespolitik empor. Nicht nationale Gesinnung beseelte den Staatsmann, der so nachdrücklich die Notwendigkeit einer starken Zentralgewalt verteidigte, sondern die Furcht vor der Revolution und die naive Selbstüberhebung des Partikularismus; er verwechselte, wie Bernstorff ihm vorwarf, beständig »die besonderen Verhältnisse Badens mit den höheren und allgemeineren der Gesamtheit«. Der Ausgang der Wiener Verhandlungen erfüllte diese reaktionären Zentralisten mit tiefem Unwillen. »Österreich«, schrieb Blittersdorff zornig, »sicherte durch seine Halbheit den neuen Ideen den Sieg; in dieser Beziehung kann die Wiener Schlußakte als die nachteiligste Friedensurkunde betrachtet werden, die von Österreich seit langen Jahren unterzeichnet worden ist.« Noch leidenschaftlicher gebärdete sich Berstetts Freund, der Nassauer Marschall. Der hatte erwartet, daß in Wien sofort der Vernichtungskrieg gegen die neuen Verfassungen entbrennen würde, und schon vor Eröffnung der Konferenzen eine Denkschrift entworfen, welche in glühenden Farben »das Gemeinschädliche und Rechtswidrige« des württembergischen Grundgesetzes schilderte. Weil diese Verfassung die Form eines Vertrages trug, so wurde sie, trotz ihres wahrlich sehr bescheidenen Inhaltes, von den Doktrinären beider Parteien für das Meisterstück des Liberalismus angesehen. Der Nassauer meinte, die Sturmglocken des Aufruhrs läuten zu hören, als die Stuttgarter Bürger in einer Adresse sagten: »Das gebildete Europa von den Ufern des Tajo bis an den Niemen ist über den Grundsatz einig, daß ohne einen Unterwerfungsvertrag Regent und Volk nicht gedacht werden könne.« Er beteuerte, schon durch ihren Ursprung sei diese Verfassung »eine Huldigung, dem in Deutschland gärenden demokratischen Prinzip dargebracht; an ihre öffentliche Mißbilligung knüpfe sich die Erhaltung und Befestigung der inneren Ruhe von Deutschland«. Die ängstlich beschränkte Gemeindefreiheit der Schwaben erschien dem Oberhaupte der allmächtigen nassauischen Bureaukratie als ein Versuch, »den Staat von unten auf zu republikanisieren«; und da er selber mit seinem Landtage wegen der Domänen haderte, so fand er es empörend, daß König Wilhelm, nach dem Vorgange seines Vaters, dem Staate das Eigentumsrecht an den königlichen Kammergütern zugestanden hatte, und rief entrüstet: »Ein deutscher Fürst hat sein Familiengut für Volksgut erklärt!« Bald mußte er lernen, wie ungünstig die Wiener Luft jetzt solchen Plänen war. Als er sodann das vertrauliche Einvernehmen zwischen Bernstorff und Zentner bemerkte, da fühlte er sich von neuem bestärkt in seiner alten Meinung, daß von dieser tödlich gehaßten norddeutschen Großmacht »der politische Gärungsstoff ausgehe«, und polterte mit maßloser Heftigkeit wider den preußischen Minister. Die Vertreter der welfischen Häuser, Münster und Hardenberg, standen, wie von der Gefolgschaft der Hochtorys zu erwarten war, den Ansichten dieser beiden reaktionären Heißsporne sehr nahe, doch sie trugen Bedenken, sich mit den Großmächten zu überwerfen. Wie anders als in Karlsbad war jetzt Metternichs Lage. Wohl erschien er noch immer vor der Welt als der bewunderte Führer der deutschen Staatsmänner, und dem Meister zu Ehren ward das mühselige Werk, das nach sechsmonatlichen Verhandlungen endlich zustande kam, vom 15. Mai, dem Geburtstage Metternichs, datiert. Aber während er in Karlsbad den Herrn gespielt hatte, vereinbarte er in Wien fast jeden wichtigen Schritt zuvor mit Bernstorff, der hier zuerst eine ganz selbständige Haltung zeigte und seinerseits wieder insgeheim mit Zentner Rücksprache nahm. Der Österreicher ließ sich seine Enttäuschung nicht anmerken und erzählte in seinen Briefen mit gewohnter Ruhmredigkeit von den ungetrübten Triumphen seines neuen diplomatischen Feldzugs. In Wahrheit entsprach die Politik der Kompromisse, welche auf diesen Konferenzen eingehalten wurde, wohl der gemäßigten Gesinnung des Berliner Kabinetts, aber keineswegs den Herzenswünschen der Hofburg; wußte doch jedermann, daß die beiden Ultras Berstett und Marschall neben dem Mecklenburger Plessen die erklärten Lieblinge Metternichs waren. Unterstützt von dem zweiten Bevollmächtigten Küster, der die Sinnesweise der kleinen Höfe noch von den Regensburger Zeiten her gründlich kannte, errang sich Bernstorff durch kluge Nachgiebigkeit und ungeheucheltes Wohlwollen rasch eine sehr günstige Stellung, so daß ihn Zentner die Seele der Konferenzen nannte. Er vermied es, in den Plenarversammlungen allzuhäufig zu reden, da Preußen in acht von den zehn Ausschüssen, welche die Geschäfte der Konferenzen vorbereiteten, den Vorsitz führte und in allen zehn vertreten war. Der Gewinn aus den langwierigen Beratungen konnte nur dürftig sein; ihr Verlauf bewies für alle Zukunft, daß ein Bund, der seinen Gliederstaaten die Souveränität zugesteht, auf jede gesunde bündische Entwicklung verzichten muß. Immerhin einigte man sich doch über die Auslegung mehrerer gar zu kümmerlichen Artikel der Bundesakte sowie über einige gemeinsame Grundsätze für das Verfassungsleben der Einzelstaaten; die Ergänzung des Bundesrechts, welche hier zustande kam, war mindestens etwas brauchbarer als die Bundesakte selbst, und was das Beste blieb, man unterließ jeden Schritt der Willkür, der die erbitterte Nation von neuem aufregen konnte. Der Rechtsboden, auf dem die Konferenzen selber fußten, war nach der Bundesverfassung keineswegs unanfechtbar. Ganz so bescheiden wie in seinem Einladungsschreiben erklärte Metternich bei Eröffnung der Konferenzen am 25. November: diese Versammlung sei kein Kongreß und habe keine eigentlichen Beschlüsse zu fassen, sondern solle sich nur »auf eine vorbereitende, aber verbindliche Weise« zu einer gemeinsamen Behandlung der Bundesangelegenheiten vereinigen; sie beabsichtige nicht den Wirkungskreis des Bundestags zu verengen, wohl aber den Umfang und die Grenzen dieses Geschäftskreises zu bestimmen. Da der Bundestag bisher noch keine der verheißenen organischen Einrichtungen zustande gebracht hatte, so lag allerdings der Gedanke nahe, ihm zu Hilfe zu kommen durch eine vertrauliche Beratung zwischen den leitenden Staatsmännern selber, welche weder durch den schleppenden Geschäftsgang der Bundesversammlung, noch durch das Gaukelspiel der Instruktionseinholung gelähmt wurde; hier in Wien war ja nicht, wie einst in Karlsbad, nur eine Partei, sondern die Gesamtheit der Bundesglieder vertreten. Aber der Artikel 10 der Bundesakte hatte der Bundesversammlung die Abfassung der Grundgesetze ausdrücklich als ihr erstes Geschäft zugewiesen; nahm man ihr diese Aufgabe ab, so ward ihr Ansehen, das ohnehin seit den Septemberbeschlüssen tief gesunken war, vollends zerstört und die hoffnungslose Nichtigkeit der deutschen Zentralgewalt vor aller Welt eingestanden, welch ein lächerlicher Anblick: Während in Wien über den Ausbau der Bundesverfassung verhandelt wurde, hielt die höchste deutsche Behörde von Ende September bis zum 20. Januar gemächlich ihre Ferien, und dann erschien Graf Buol, der unterdessen die Befehle der Wiener Versammlung eingeholt hatte, um nochmals eine Vertagung bis zum 10. April zu beantragen. Umsonst versuchten halbamtliche Zeitungsartikel die öffentliche Meinung zu beschwichtigen durch die Versicherung, daß die Kommissionen unablässig weiter arbeiteten; die Nation wußte so gut wie die Bundesgesandten selber, daß die Maschine in Frankfurt vollkommen stillstand. Sieben Monate lang gab der Bundestag nur einmal ein nennenswertes Lebenszeichen von sich: als er den französischen Hof ersuchte, den »Elsasser Patrioten«, ein gemeinsames Organ der Liberalen beider Rheinufer, zu unterdrücken. Mittlerweile schwoll den Wiener Konferenzen der Stoff unter den Händen an; ihr erster Ausschuß, der die Kompetenz des Bundes feststellen sollte, sah sich genötigt, fast alle die schweren Prinzipienfragen des Bundesrechts zu erörtern, und ganz von selbst erhob sich die Frage, ob es nicht zweckmäßig sei, die also vereinbarten Grundsätze in einem großen Bundesverfassungsgesetze zusammenzufassen. Nachdem die Mehrheit sich in der Stille schon darüber geeinigt hatte, beantragte Metternich am 4. März, man möge aus den hier beschlossenen Sätzen eine Supplementarakte zur Bundesakte zusammenstellen und diese sodann »unter Bezugnahme auf den Artikel 10 der Bundesakte« dem Bundestage zur förmlichen Bekanntmachung übersenden. Also unter Bezugnahme auf den Artikel 10 sollte dieser Artikel aufgehoben und die dem Bundestage gebührende Abfassung der Grundgesetze kurzweg einer Ministerkonferenz, von welcher die Bundesakte gar nichts wußte, übertragen werden! Kühner hatte selbst Metternich die Vorschriften des deutschen Bundesrechts noch niemals ausgelegt, was kümmerte es ihn, daß er noch im November versichert hatte, man beabsichtige nur eine freundschaftliche Rücksprache zwischen den verbündeten Regierungen? Jetzt behauptete er zuversichtlich, dieser Ministerversammlung stehe die höhere, dem Bundestage nur eine untergeordnete Gewalt zu. Aber so gewiß der österreichische Vorschlag schweren rechtlichen Bedenken unterlag, ein geschickter diplomatischer Notbehelf war er doch; er bot das einfachste Mittel, um aus den weitschweifigen Verhandlungen ein gesichertes Ergebnis zu gewinnen und zugleich den Bundestag ganz zur Seite zu drängen. Dies letztere Ziel hielt Metternich beständig im Auge, denn das Durcheinander der Parteien in der Eschenheimer Gasse beunruhigte ihn schwer. Weder Graf Buol noch sein preußischer Genosse vermochte die kleinen Bundesgesandten im Zaume zu halten. Über die Abberufung des Grafen Goltz, der sich sehnsüchtig aus dem Frankfurter Gezänk hinwegwünschte, ward schon seit langem beraten; aber es fand sich kein Nachfolger, denn Graf Solms-Laubach war dem Wiener Hof verdächtig, und den katholischen Fürsten Hatzfeldt fand der König für diesen Posten nicht geeignet, da Preußen am Bundestage als Führer der protestantischen Höfe auftreten sollte. Die ungenügende Vertretung blieb also vorläufig unverändert, und Goltz wurde nur angewiesen, über Fragen des Bundesrechts den Rat des gelehrten Klüber einzuholen. Der führerlose Bundestag schien schlechthin unberechenbar; gestattete man ihm, über die Wiener Vereinbarung nochmals zu beraten, so war leicht vorherzusehen, daß Wangenheim und seine liberalen Freunde, mit oder ohne Erlaubnis ihrer Höfe, die Fahne der Opposition aufpflanzen, ihre Reden, durch die öffentlichen Protokolle weithin ins Land getragen, die öffentliche Meinung aufstacheln würden. In der Anarchie dieses Bundes war alles möglich, selbst ein Kampf zwischen den Bundesgesandten und ihren vorgesetzten Ministern. Solches Ärgernis ließ sich nur vermeiden, wenn man in Wien alles ins reine brachte und den Bundestag wieder, wie im vorigen Herbst, unter die Macht der vollendeten Tatsachen beugte. Dahin war der Deutsche Bund in kurzen fünf Jahren gelangt: jede noch so bescheidene Verbesserung seines Grundgesetzes konnte nur durch die Umgehung und Demütigung seiner höchsten Behörde erreicht werden. (3-14.) Die Bevollmächtigten der konstitutionellen Staaten trugen aus Wien die Gewißheit heim, daß ihre Verfassungen vorläufig vom Bunde nichts zu fürchten hatten, während Zentner dies Ergebnis als einen Sieg betrachtete, war Berstett voll Unmuts. Er hatte so sicher erwartet, daß die Wiener Versammlung seinen unruhigen Karlsruher Landtag zu Paaren treiben würde, und mußte nun mit leeren Händen heimkehren. Beim Schluß der Konferenzen richtete er noch einmal eine dringende Bitte an Metternich: Jetzt, da der politische Meuchelmord in Frankreich rase, sei es doch hohe Zeit, daß alle europäischen Mächte einander den Bestand der monarchischen Prinzipien feierlich verbürgten. »Mit einer Deklaration der Rechte der Völker hat der Turnus der Revolutionen begonnen. Könnte er nicht mit einer Deklaration der Rechte der Throne beschlossen werden?« Dem österreichischen Staatsmanne kam diese Aufforderung im Augenblicke sehr ungelegen. Er brauchte für jetzt Ruhe in Deutschland, selbst um den Preis eines Waffenstillstands mit den verabscheuten Liberalen, weil er voraussah, daß Österreich vielleicht bald alle seine Kraft wider die Revolution in Südeuropa werde verwenden müssen, und hielt darum für nötig, den reaktionären Eifer des Freundes zu besänftigen. In einer langen salbungsvollen Denkschrift (4. Mai) wiederholte er dem Badener zunächst seine alte Lieblingslehre, daß in so stürmischen Tagen die Erhaltung des Bestehenden das Ziel aller Wohlgesinnten sei, und reihte daran den geistreichen Satz: »In diesem Punkte, mit welchem alles gerettet, ja selbst das Verlorene zum Teil noch wiedergewonnen werden kann, müssen alle Anstrengungen zusammentreffen.« Auf diese Axiome, welche der gesamten diplomatischen Welt schon längst als eisernes Inventar der k. k. Kanzleisprache wohlbekannt waren, folgten jedoch die in Metternichs Munde unerhörten Worte: »Wir begreifen aber darunter nicht bloß die alte, nur in wenig Staaten unberührt gebliebene Ordnung im engeren Sinne des Worts, sondern auch neueingeführte Institutionen, sobald sie einmal verfassungsmäßige Kraft haben. In Zeiten, wie die jetzigen sind, ist der Übergang vom Alten zum Neuen kaum mit größeren Gefahren verbunden, als die Rückkehr vom Neuem zu dem bereits erloschenen Alten. Der eine Versuch kann wie der andere materielle Unruhen herbeiführen, die heute um jeden Preis vermieden werden müssen. Den Einwurf, daß es unter den in Deutschland bisher eingeführten Verfassungen solche gebe, die gar keine Basis und folglich auch keinen Anhaltspunkt gewährten, betrachten wir als ungegründet. Jede einmal bestehende Ordnung – sie müßte denn, wie etwa die Konstitution der Cortes von 1812, das Werk reiner Willkür und unsinniger Verblendung sein – enthält Stoff zu einem besseren System.« Darauf erinnert er die kleinen Höfe an die Eintracht der großen Mächte, an die soeben in Wien neubefestigte Vereinigung zwischen den deutschen Bundesstaaten, und ermahnt sie schließlich zu einem streng gesetzlichen, verfassungsmäßigen Regimente. Im Notfalle bleibe ihnen noch »die Appellation an die Hilfe der Gesamtheit. Wenn Österreich, in seinem Innern unbewegt, noch eine ansehnliche Masse moralischer Kräfte und materieller Mittel besitzt, so wird es beide auch für seine Bundesgenossen zu verwenden bereit sein«. Also kein Wort mehr von der Wiederherstellung der alten Landstände; dieselben süddeutschen Verfassungen, welche Metternich in Karlsbad als demagogisch verdammt hatte, erkannte er jetzt als einen unantastbaren Rechtsboden an. Es war das Glück seines Lebens, daß alle Erzeugnisse seiner Feder ihn selber mit aufrichtiger Bewunderung erfüllten. Dies sein neuestes Werk versetzte ihn fast in Verzückung, und er konnte sich nicht enthalten, in einem Begleitschreiben an Berstett hinzuzufügen: »Es ist kein Wort darin, das ich nicht aus den Tiefen meines Denkens geschöpft hätte. Die Ruhe, welche Sie darin herrschen sehen, ist die Ruhe meiner Seele. Ich werde ein sehr teueres Ziel erreicht haben, wenn ich durch meine Worte – und der Ausdruck Worte scheint mir sehr schwach um den Wert meiner Arbeit zu bezeichnen – Ihrem vortrefflichen Herrn zu beweisen vermag, was wir wollen, glauben und hoffen!« Als die Note bald nachher, wahrscheinlich mit Vorwissen ihres Verfassers, in mehreren deutschen und französischen Zeitschriften erschien, da hoffte Metternich, daß alle irgend besonnenen Politiker, nur die wildesten Radikalen ausgenommen, ihm für die förmliche Anerkennung der neuen Verfassungen danken würden. Bald genug sah er sich enttäuscht. Da das große Publikum jetzt zum ersten Male eine geheime Denkschrift des gefürchteten Staatsmannes kennenlernte und mit den eigentümlichen Redeblumen des Metternichschen Stiles noch nicht vertraut war, so wurde der versöhnliche Sinn des Schreibens allgemein verkannt. Die Presse suchte den Kern der Note in jenen Phrasen über die Erhaltung des Bestehenden und schenkte den Mahnungen zur Verfassungstreue, in denen doch der praktische Zweck des Schreibens lag, keine Beachtung. Die Note vom 4. Mai erlangte einen europäischen Ruf. Zwei Jahrzehnte hindurch hieß sie bei der Opposition aller Länder »das Programm der Stabilitätspolitik, der Aufruf zum Kampfe wider das Vorwärtsschreiten der Zeit«, während sie in Wahrheit bestimmt war, den badischen Hof vor reaktionären Gewaltstreichen zu warnen. Berstett selbst verstand die Absichten seines Meisters richtig und klagte dem treuen Marschall bitterlich, daß »unsere im reinsten deutschen Stile redigierte Schlußakte« den gutgesinnten Regierungen so wenig Hilfe biete; aber »wenn man von außen keine Energie noch Unterstützung zu erwarten hat, so muß man à tout prix den inneren Frieden zu erhalten suchen«. So war es denn, seltsam genug, zum Teil das Verdienst von Metternichs besonnenen Ratschlägen, daß sich der badische Hof mit seinen kurz zuvor so ungnädig heimgeschickten Landständen wieder versöhnte. Diese Mäßigung hinderte den österreichischen Staatsmann freilich nicht, die Demagogenverfolgung in Baden, wie überall in Deutschland persönlich zu überwachen. Er konnte es nicht lassen, seinen eigenen Büttel zu spielen. Selbst der Heidelberger Scharfrichter, der die Reliquien Sands so andächtig aufbewahrte, entging dem Vaterauge Metternichs nicht, und sofort ward der badische Minister in einem langen eigenhändigen Briefe zu kräftigem Einschreiten ermahnt: »Wenn solche Versuche ganz ungeahndet stattfinden, wird der Krebsschaden ewig ungeheilt bleiben.« Solange der badische Hof noch auf Österreichs Unterstützung rechnete, rüstete er sich zum offenen Kampfe wider seine Landstände; er verweigerte einigen liberalen Beamten den Urlaub für den Landtag und rief die Mainzer Demagogenkommission an, um den Heidelberger Buchhändler Winter, den tapferen Anwalt der Preßfreiheit, in eine politische Untersuchung zu verwickeln. Aber als der Landtag im Juni zusammentrat und sofort die Einberufung seiner sämtlichen Mitglieder verlangte, da war auf auswärtige Hilfe nicht mehr zu rechnen; auch die Nachrichten von den Fortschritten der Revolution in Südeuropa beängstigten den Hof. Die Regierung zog daher die Urlaubsverweigerung zurück, Winter wurde durch gerichtlichen Spruch auf freien Fuß gesetzt, und nunmehr begegnete Berstett den Ständen mit überraschender Freundlichkeit. Ernüchtert durch die bitteren Erfahrungen der letzten Monate trat auch die Mehrheit des Landtags diesmal behutsamer auf. Mehrere Abgeordnete waren durch Gnadenbeweise des Hofes gewonnen, einzelne geradezu bestochen; ganz unbefangen gestand der Großherzog dem preußischen Gesandten, das gute Einvernehmen mit diesen Herren koste Geld. Genug, so stürmisch dieser Landtag begonnen, so ruhig war sein Ende. Nach einer freimütigen Rede Rottecks versprach die Regierung, ihr hartes Preßedikt, das im ganzen Lande nur vier politische Zeitungen erlaubte, bis auf das Maß der Karlsbader Beschlüsse zu mildern; einige wohltätige Gesetze über die Aufhebung grundherrlicher Abgaben wurden vereinbart, auch über den Staatshaushalt traf man ein Abkommen durch Bewilligung einer Bauschsumme. Im September ward der Landtag friedlich entlassen, und froh aufatmend meldete Berstett dem nassauischen Freunde, durch seine Milde gegen die Stände habe er sich für zwei Jahre Ruhe verschafft. Die beiden Ultras der Wiener Konferenz begannen jetzt doch zu glauben, daß die neuen Verfassungen, wenn man sie nur zu handhaben wisse, erträglich, ja sogar dem Partikularismus förderlich werden könnten. »Die Landstände«, meinte Marschall, »individualisieren unsere Staaten mehr und mehr und tragen zur Vernichtung des Einheitsprinzips, welches die revolutionäre Partei vorzüglich im Auge hatte, immer mehr bei.« Und als sein getreues Echo schrieb Berstett nach Wien: »Durch die Ähnlichkeit der neuen Konstitutionen in Süddeutschland ist keineswegs eine größere Annäherung der einzelnen Länder im Sinne unserer Deutschtümler bewirkt worden; es bildet sich vielmehr eine stets zunehmende abgesonderte Eigentümlichkeit aus.« So fanden sich »die diesseitigen und die deroseitigen« Ansichten, wie Marschall zu sagen pflegte, fröhlich zusammen in dem beglückenden Gedanken, wie fern der Tag der deutschen Einheit sei. – Sogar der gefürchtete württembergische Verfassungsvertrag, dessen Aufhebung Marschall vor kurzem noch gefordert hatte, erwies sich unter König Wilhelms geschickten Händen als ein Werk von untadelhafter Harmlosigkeit. Im Januar 1820 wurde der erste ordentliche Landtag des Königreichs eröffnet. Der aus Weimar vertriebene Lindner, der nach langem Aufenthalt im Elsaß nunmehr in der Stuttgarter Presse für König Wilhelms Ideen tätig war, hatte die Nation durch eine weihevolle Schrift auf die Größe dieses historischen Augenblicks vorbereitet. Niebuhrs Freund Graf Moltke kam eigens nach Württemberg, um hier im Musterlande deutscher Freiheit das konstitutionelle Wesen an der Quelle kennenzulernen; und die Krone versäumte nicht, ihren Freisinn von Zeit zu Zeit durch ein wohllautendes Schlagwort der deutschen Welt in Erinnerung zu bringen. Wie jubelten die liberalen Zeitungen, als Minister Maucler den Ständen feierlich versicherte, sein König liebe die Öffentlichkeit! Im Lande selbst ließ man sich zwar diese Huldigungen der deutschen Nachbarn wohl gefallen, aber die politische Ermattung, welche dem leidenschaftlichen Kampfe um das alte gute Recht gefolgt war, hielt noch jahrelang an. Die Wahlen vollzogen sich beinahe ohne Kampf, selbst Wählerversammlungen und Kandidatenreden kamen kaum vor. Fast überall bezeichneten die Oberamtmänner den Wählern den Mann ihres Vertrauens, und sie bedurften weder des Zwanges noch der Bestechung, um die kleinen Bauern, die in den meisten Wahlbezirken den Ausschlag gaben, zum schuldigen Gehorsam zu bewegen. Der alte bürgerliche Herrenstand, der das Herzogtum Württemberg so lange regiert, richtete sich auch in dem konstitutionellen Königreiche wieder behaglich ein. Die große Mehrheit der zweiten Kammer bestand aus Beamten und ließ sich von ihrem klugen Präsidenten Weishaar so fügsam nach dem Willen des Ministers Maucler leiten, daß selbst Ancillon der Sanftmut dieser Stände warmen Beifall spenden mußte. Eine Oppositionspartei fand sich nicht wieder zusammen, seit die Führer der Altrechtler ihren Frieden mit der Krone geschlossen hatten; nur auf eigene Faust mahnten einzelne unabhängige Abgeordnete an die zahlreichen uneingelösten Verheißungen der Verfassungsurkunde, an alle die organischen Gesetze, welche sie in Aussicht stellte. Der liberale König war mit der Zahmheit des Landtags wohl zufrieden und äußerte gern vor den fremden Diplomaten: Das Betragen seiner getreuen Stände könne anderen Ländern zum Muster dienen. Er betrachtete sein Reformwerk als vorläufig abgeschlossen, die Gesetzgebung geriet ins Stocken, der Ausbau der Verfassung ward auf unbestimmte Zeit vertagt. Das so heiß ersehnte konstitutionelle Regiment erwies sich in seinen ersten Zeiten weit unfruchtbarer als vordem die königliche Diktatur. An diesem Stillstande des öffentlichen Lebens trug der Adel des Landes eine schwere Mitschuld. Wohl mochte es den stolzen reichsunmittelbaren Geschlechtern hart ankommen, daß sie jetzt den Groll gegen eine Krone, die ihnen soviel Unrecht zugefügt, überwinden und als Untertanen an den unscheinbaren Arbeiten eines kleinen Landtags teilnehmen sollten. Aber die Verfassung hatte ihnen doch endlich alles gewährt, was sie nach den Wiener Verträgen fordern durften, wollten sie in diesem demokratischen Jahrhundert ihr Ansehen behaupten, so mußten sie den neuen Rechtsboden ohne Hintergedanken anerkennen und mindestens versuchen, ob es möglich sei, auf so enger Bühne die Rolle einer volkstümlichen, die Rechte des Landes mutig wahrenden Aristokratie zu spielen. Zu seinem und des Landes Schaden verschmähte der hohe Adel Schwabens selbst diesen Versuch. Die Kammer der Standesherren zeigte sich unlustig zu den Geschäften, feindselig gegen jede Reform, sie schloß von vornherein alle Zuhörer von ihren Verhandlungen aus – was ihr durch das Grundgesetz nur freigestellt, nicht geboten war – und entfremdete sich dem Volke so gänzlich, daß sie bald fast so übel berufen war wie der bourbonische Adel. Durch den Widerstand der Privilegierten wurde die dringend nötige und von König Wilhelm lebhaft gewünschte Ablösung der grundherrlichen Lasten während eines Menschenalters immer wieder hinausgeschoben. Als der erste Landtag im Winter 1820 nach mehrmonatlicher Vertagung abermals zusammentrat, erschienen die Standesherren nicht in beschlußfähiger Anzahl – ein seltsames Schauspiel, das sich in den nächsten acht Jahren noch zweimal wiederholte. Da die Verfassung für diesen Fall bereits Vorkehrungen getroffen hatte, so tagte die zweite Kammer vorderhand allein, und das nicht erschienene Haus ward als zustimmend angesehen. Ein Jahr nach dem Abschlusse des Grundvertrags sah man sich also bereits zu dem Notbehelfe eines unfreiwilligen Einkammersystems gezwungen. Ein also verstümmelter Landtag kannte nur wenig leisten. Da wurde der parlamentarische Friede plötzlich gestört durch den Eintritt Friedrich Lists, im Dezember 1820. Der unerschrockene Gegner des Schreiberregiments hatte mittlerweile in seinem »Volksfreund« den alten Kampf rastlos fortgeführt. Er allein im Lande wagte rundheraus zu sagen, daß der alte Herrenstand mit der neuen Bureaukratie sich verständigt hatte. Leider fehlte ihm die schonende Klugheit, deren der Publizist in der Enge kleinstaatlicher Zustände nicht entraten kann; so grausame Artikel, wie die Gespräche zwischen Minister Großwesir und Gerichtsrat Frechstirn wollte ihm niemand vergeben. Schon zweimal war es der Bureaukratie gelungen, ihren Todfeind dem Landtage fernzuhalten; diesmal erschien er rechtmäßig gewählt von den demokratischen Reutlingern und brachte sofort alles in Aufruhr durch die sprudelnde Heftigkeit seiner gedankenreichen Reden. Aber auch diesmal fand sich ein Mittel, den Störenfried zu beseitigen. List hatte für seine Wähler den Entwurf einer Adresse ausgearbeitet, die sich in scharfen Worten gegen die Allmacht des Beamtentums wendete: »Jammer und Not überall; nirgends Ehre, nirgends Einkommen, nirgends Fröhlichkeit denn allein im Dienstrock!« Alle die Forderungen, welche er einst im »Volksfreund« vertreten, kehrten darin wieder: er verlangte öffentliche Rechtspflege, unbeschränkte Freiheit der Gemeinden, Verminderung des Beamtenheeres und dazu – nach den neuesten Sätzen der nationalökonomischen Doktrin – Verkauf der Domänen, Einführung einer einzigen direkten Steuer. Ein wunderliches Gemisch von guten Gedanken und unreifen Einfällen, enthielt die Adresse doch sicherlich nichts Strafbares; der Herrenstand aber in und außerhalb der Kammer sah die Grundlagen seiner Macht gefährdet. Sofort mußte das Gericht in Eßlingen eine Untersuchung gegen List beginnen wegen Beleidigung der gesamten Staatsdienerschaft, und Maucler mutete den Ständen zu, den Angeklagten kurzerhand aus dem Landtage auszuschließen, da nach der Verfassung kein Abgeordneter in eine Kriminaluntersuchung verflochten sein dürfe. Vergeblich wies List nach, daß er nur eines Vergehens, nicht eines Verbrechens bezichtigt sei; vergeblich warnten Uhland und einige seiner Freunde: bei solcher Auslegung des Grundgesetzes könne die Regierung nach Belieben jedes mißliebige Mitglied aus der Kammer entfernen. Die Mehrheit fügte sich willig dem mit allem Aufwand sophistischer Künste unterstützten Ansinnen des Ministers, sie verfuhr dabei mit der ganzen Parteilichkeit einer in ihrer Herrschaft bedrohten Kaste; eine Adresse aus Heilbronn, die sich mit reichsstädtischem Freimut des Bedrängten annahm, wurde aus den Akten entfernt unter stürmischen Zornreden wider Jakobinismus und Sansculotterie. Von dem Ausgestoßenen verlangten die Richter nunmehr, daß er sich auch wegen der Rede, die er im Landtage zu seiner Verteidigung gehalten, rechtfertigen solle, und als er die Aufforderung zurückwies, bedrohten sie ihn mit den gesetzlichen Zwangsmaßregeln, die bei andauernder Widerspenstigkeit bis zu fünfundzwanzig Stockstreichen ansteigen konnten. Den erhebenden Anblick eines in den Bock gespannten Volksvertreters wollte List dem Herrenstande doch nicht gewähren. Er ließ sich verhören, wurde zur Festungshaft verurteilt, nachdem das Verfahren über ein Jahr gewährt hatte, und entzog sich sodann der Strafe durch die Flucht. Zwei Jahre verbrachte er darauf im Auslande, immer in der Hoffnung, daß sich daheim doch ein Gefühl der Scham regen würde; und in der Tat war selbst Wintzingerode über die Rachsucht der Bureaukratie empört. Der König aber blieb unversöhnlich und erwiderte auf ein Gnadengesuch der Gattin des Flüchtlings in seiner hochmütigen Weise: Lists Unternehmen hätte hochgefährliche Folgen für den Staat herbeiführen können, gleichviel ob es aus Bosheit oder aus Unverstand entsprungen sei. Endlich glaubte der Vertriebene doch die Rückkehr wagen zu dürfen, aber alsbald ward er auf den Hohenasberg abgeführt und dort zu literarischen Zwangsarbeiten – das will sagen: zum Abschreiben militärischer Bekleidungsakten – angehalten. Erst zu Anfang 1825 gab man ihn frei, unter der Bedingung, daß er auf sein Bürgerrecht verzichtete und das Land sofort verließ. Also ward der ideenreichste politische Kopf, welchen Süddeutschland zurzeit besaß, von seinen Landsleuten verbannt – auch er, gleich so vielen andern großen Schwaben, ein Opfer der kleinlichen Zustände seiner Heimat. Ein strenges und doch gütiges Geschick warf den ungestümen Agitator zur rechten Zeit in den mächtigen Weltverkehr Amerikas hinaus, so daß er späterhin, nach erfahrungsreichen Wanderjahren heimkehrend, die kleinstädtische deutsche Welt mit einer Fülle neuer Gedanken befruchten konnte. Der schimpfliche Vorfall fand in Deutschland wenig Beachtung; denn List hatte keine Partei hinter sich, es lag im Wesen dieses Feuergeistes, daß er immer nur kühne Pläne anregen, nur der Zukunft die Wege weisen konnte; und die liberale Presse verweilte ungern bei der lästigen Tatsache, daß der freisinnigste deutsche Fürst mit Genehmigung seines Landtags einen hochherzigen Patrioten mit einer Grausamkeit peinigte, welche den Sünden der Berliner und der Mainzer Demagogenverfolger nichts nachgab. Für die Entwicklung des württembergischen Verfassungslebens wurde die Ausstoßung Lists auf Jahre hinaus verhängnisvoll. Nichts kettet die Menschen fester aneinander als gemeinsam begangenes Unrecht. Durch die Mißhandlung ihres Genossen hatte die Mehrzahl der Abgeordneten dem Minister ihre Seele verschrieben; die Minderheit war entmutigt, die schwachen Regungen eigenen Willens, die sich im Anfange der Session noch gezeigt, verstummten allmählich. Der Landtag versank in ein gemächliches Stilleben, und im Volke nahm die Gleichgültigkeit dermaßen überhand, daß die Regierung sich bald genötigt sah, die Wähler durch Taggelder und Strafdrohungen zur Ausübung ihres Wahlrechts anzuhalten, von den überschwenglichen Freiheitswünschen, welche einst das Erscheinen der Verfassung begrüßt hatten, ging wenig in Erfüllung. Aber für die materiellen Interessen sorgte der König so einsichtig, daß selbst der liberale Wangenheim und sein Freund Geh. Rat Hartmann an dem gescheiten und energischen Fürsten niemals ganz irr wurden, und mindestens eine der Segnungen, welche dies unschuldige Zeitalter von dem konstitutionellen Leben erhoffte, die Verringerung der Steuerlasten, wurde dem Lande zuteil. In den größeren Verhältnissen Frankreichs und auch in einigen der deutschen Mittelstaaten machte man sehr bald die Erfahrung, daß die politische Freiheit mit der Wohlfeilheit der Verwaltung keineswegs Hand in Hand geht. Der konstitutionelle Staat sah sich fast überall gezwungen, den Umkreis seiner Tätigkeit beständig zu erweitern, weil er den zahllosen Ansprüchen der bürgerlichen Gesellschaft, die jetzt in den Kammern beredte Fürsprecher fanden, gerecht werden mußte; er leistete mehr als der alte Absolutismus und war darum auch kostspieliger. Den Württembergern blieb diese Enttäuschung vorläufig noch erspart, da der unmäßige Aufwand des alten Hofes hinwegfiel und der König in allen Zweigen der Verwaltung auf genaue Ordnung hielt. Das Land war mit seinem gestrengen bureaukratischen Regimente und der Leidsamkeit seines Landtags nicht unzufrieden. Doch wie hätte der unstete Ehrgeiz König Wilhelms in den bescheidenen Pflichten des landesfürstlichen Berufs seine Befriedigung finden können! Die Niederlage, die er auf den Wiener Konferenzen erlitten, wurmte ihn tief; eine Genugtuung mußte er sich verschaffen, und sei es auch mit verschlossenem Visier. Vor Jahren, solange Königin Katharina noch lebte, hatte er wohl zuweilen in begehrlichen Träumen an die deutsche Königskrone gedacht. So verwegene Hoffnungen betörten ihn längst nicht mehr. Aber jener Bund im Bunde, den ihm Wangenheim und Trott so verführerisch zu schildern wußten, schien jetzt doch möglich, da ein Teil der Mittelstaaten soeben mit dem Römischen Stuhle gemeinsam verhandelte und die große Darmstädter Beratung über den süddeutschen Zollverein nahe bevorstand. Seit dem September 1820 wurde eine angeblich in London erschienene Schrift »Manuscript aus Süddeutschland von George Erichson« von Stuttgart aus geschäftig verbreitet. Es war das Programm der Triaspolitik. Alle die boshaften Schmähungen, mit denen einst die Münchener »Alemannia« ihre bayerischen Leser gegen die Norddeutschen aufgestachelt hatte, kehrten hier wieder, nur minder plump und darum gefährlicher: Berlin hat die besten Schneider, Augsburg die besten Silberarbeiter; der schlaue, unzuverlässige Norddeutsche ist im Felde nur als Husar und Freibeuter zu verwenden, die stämmigen Bauern des Südens bilden den Kern der deutschen Heere; eine politische Verbindung zwischen den beweglichen Handelsleuten des Nordens und dem seßhaften Volke des Oberlandes mag in Jahrhunderten vielleicht möglich werden, heutzutage ist sie ebenso unhaltbar wie die Vereinigung der Engländer und der Schotten zur Zeit Eduards I. Aber während Aretin und Hörmann ihre partikularistischen Absichten nie verhehlt hatten, erhob dieser neue Zwietrachtprediger den Anspruch, der nationalen Politik die Bahnen zu weisen. Eine polnische Teilung, so führte er aus, hat sich unbemerkt an Deutschland vollzogen, von den neunundzwanzig Millionen Einwohnern des Deutschen Bundes gehören ihrer neunzehn den fremden Mächten Österreich, Preußen, England, Dänemark, Holland; seine besten Häfen sind in der Hand der nordischen Barbaresken, der Hanseaten, ein hors d'œuvre am deutschen Körper, die Leute einer Kaufmannskaste, die in Englands Solde steht. Den rein deutschen Staaten bleibt mithin nur eine Rettung: sie müssen sich losreißen von den Fremden und unter sich den freien Bund selbständiger Stämme, der Deutschlands ursprüngliche Verfassung war, erneuern. Die Führung des Bundes gebührt den Bayern und den Alemannen, den beiden Kernstämmen, die sich soeben unter ihren neuen Königskronen wieder zusammengefunden haben. Die großen Staatsmänner des Südens erkannten zuerst, daß Deutschlands Wiedergeburt nur durch Frankreichs Hilfe möglich war, aus Liebe zu Deutschland wurden sie Frankreichs Freunde; als die Krieger Württembergs und Bayerns vereint mit den Franzosen unsterbliche Siege erfochten, dienten sie dem Geiste des Jahrhunderts und sicherten die Unabhängigkeit des Vaterlandes für immer, darum tragen sie noch mit Stolz das Kreuz der Ehrenlegion. So ist auch heute wieder Württemberg »das Asyl deutscher Freiheit und Selbständigkeit« geworden, sein König gab das große, unsterbliche Beispiel einer vertragsmäßigen Verfassung; die beiden Könige des Südens haben das von Gott eingesetzte demokratische Prinzip anerkannt, in Karlsbad und Wien die deutsche Freiheit beschützt, Deutschland huldigt ihnen als den Garanten seiner Nationalunabhängigkeit. Zwischen den Zeilen ward darauf noch die Hoffnung ausgesprochen, Preußen möge seine westlichen Provinzen an den König von Sachsen abtreten, dann erst werde der Bund des reinen Deutschlands seinen natürlichen Beruf erfüllen, als ein »Zwischenstaat« das Gleichgewicht zwischen Frankreich, Preußen und Österreich wahren. Solange der Deutsche Bund bestand, war ein so dreister Angriff gegen die Grundlagen des Bundesrechts noch nie gewagt worden. Der Anwalt der deutschen Trias ging der kaum geschaffenen neuen Verfassung Deutschlands ebenso feindselig zu Leibe wie einst Hippolitus a Lapide dem altersschwachen Heiligen Reiche. Von dem Gedankenreichtum, von dem hinreißenden rhetorischen Ungestüm jenes leidenschaftlichen Vorkämpfers der schwedisch-französischen Partei besaß der gewandte Epigone freilich gar nichts; aber in der Willkür seiner Geschichtskonstruktion, in der Gewissenlosigkeit seiner Staatsräson tat er es dem alten Publizisten gleich. Der ganze ekle Bodensatz der Fremdherrschaft trat in dem »Manuscripte« wieder zutage; alles darin war bonapartistisch, der Grundgedanke der troisième Allemagne so gut wie die demokratischen Schlagworte, die Ausfälle auf die Hansestädte und der Vorschlag, Preußen in den Osten zu schieben. Fast mit den nämlichen Worten hatte Dalberg einst den Rheinbund verherrlicht, und anders als durch Frankreichs Hilfe konnte offenbar auch dieser neue Bund des reinen Deutschlands niemals ins Leben treten. Mit welchem Unwillen wäre zur Zeit des Pariser Friedens ein solches Buch von der öffentlichen Meinung empfangen worden! Aber auf die großen Epochen unserer neuen Geschichte folgen mit unheimlicher Regelmäßigkeit Zeiten des Verdrusses, denen der nationale Stolz über dem kleinen Ärger des Parteistreits fast abhanden kommt, und gerade die Männer und die Taten, die über allen Dank erhaben sind, verfallen dann am sichersten der Undankbarkeit der kurzlebigen Menschen. Fünf Jahre nach den Befreiungskriegen durfte der Verfasser des »Manuscriptes« zuversichtlich behaupten, »Preußen gehört sowenig als Elsaß zu Deutschland«, und überall in den kleinen Staaten fanden sich schon einzelne wohlmeinende Patrioten, die ihm zustimmten; ihnen schien es nicht lächerlich, wenn er im Namen der Besiegten von Dennewitz und Wartenburg den Siegern sogar die kriegerische Tüchtigkeit absprach. Börne in Frankfurt hatte an dem Buche nur das eine auszusetzen, daß es noch nicht die ganze Wahrheit sage. Der bayrische Liberale F. von Spaun, ein eifriger Vorkämpfer des Illuminatentums und des bajuvarischen Machtdünkels, versicherte bald nachher in seinen »Glossen über den Zeitlauf«: Süddeutschland hat den Alliierten gute Dienste geleistet, verdankt ihnen aber rein nichts; wir bedürfen des Deutschen Bundes nicht; wenn »unser Max« ruft, dann werden Tausende der Helden, die bei Leipzig siegten, den blauweißen Fahnen zulaufen! Soweit gingen freilich nur einzelne verblendete. Selbst Wangenheim wies die landesverräterischen Hintergedanken des »Manuscripts« weit von sich. Er hielt zwar, wenn die Unabhängigkeit der Kleinstaaten bedroht schien, sogar die »immerhin bedenkliche« Anrufung der auswärtigen Garanten der Bundesakte für erlaubt; doch an einen neuen Rheinbund dachte er niemals. Sein Bund der Mindermächtigen sollte auf dem Boden der Bundesakte erwachsen, friedlich, allein durch die moralische Macht der süddeutschen Kronen, durch die Anziehungskraft ihrer freien Verfassungen. In dieser abgeschwächten Fassung erschienen die Ideen des »Manuscripts« auch vielen andern Liberalen verführerisch. Das sophistische Buch wirkte im stillen sehr nachhaltig und nährte unter den süddeutschen Liberalen einen Dünkel, der um so schädlicher war, weil er sich nicht auf die wirklichen Vorzüge des oberdeutschen Lebens, auf seine alte Kultur, seine unverwüstliche Poesie, seine heiteren, natürlichen, demokratischen Sitten, sondern auf eine eingebildete politische Überlegenheit berief. Aus der trüben Quelle dieser Schrift entsprang auch die jahrzehntelang unablässig wiederholte Parteilegende von den Karlsbader Konferenzen und dem heldenhaften Kampfe der treuverbündeten liberalen Kronen Bayern und Württemberg wider die reaktionären Großmächte. Den Preußen klang die Verherrlichung des Rheinbundes so unbegreiflich, daß sich niemand dort zu einer öffentlichen Antwort herbeilassen mochte, obgleich das Buch in den Berliner literarischen Kreisen mit lebhaftem Unwillen besprochen wurde. Nur der Hamburger J. L. von Heß, derselbe, der schon im Jahre 1814 für »die Freiheit der Hansestädte« geschrieben hatte, sendete eine Erwiderung hinaus: »Aus Norddeutschland, kein Manuscript«. Der wackere Freistädter sprach noch ganz im Geiste des weitherzigen Patriotismus der Befreiungskriege, frei von partikularistischer Empfindlichkeit, obschon er nach hanseatischem Brauche die »unbelastete Freiheit« des Hamburger Handels etwas überschätzte; er hielt fest an der Hoffnung, daß der Staat, der jenen nationalen Kampf begonnen, dereinst noch »der Einigungspunkt für Deutschland« werden müsse, und beschämte den Gegner durch den unwiderleglichen Vorwurf, daß noch niemals ein norddeutscher Schriftsteller – auch nicht in den Tagen, da die Bayern noch unter Frankreichs Fahnen fochten – ebenso boshaft und lieblos über seine süddeutschen Brüder geredet habe. An den Höfen von Wien und Berlin erregte der offene Aufruf zum Bundesbruche lebhafte Besorgnis. Man forschte eifrig nach dem Verfasser und riet anfangs auf Hörmann oder Aretin, da der Pamphletist selber in der Einleitung auf Bayern als seine Heimat hindeutete; auch Wangenheim erklärte auf den Darmstädter Konferenzen, das Buch könne nur von der Partei Montgelas' herrühren. Nachher blieb ein dringender, unwiderlegter Verdacht auf Lindner haften, und nunmehr trat das Libell erst in das rechte Licht. Die Lästerungen jener fanatischen Bajuvaren wider den Norden entsprangen doch zum Teil der Unkenntnis; dieser Kurländer aber, der mit dem niederdeutschen Leben von Kindesbeinen an vertraut war, konnte sein widerliches Zerrbild vom norddeutschen Volkstum unmöglich in gutem Glauben entworfen haben, er mußte die Absicht hegen, den Süden gegen den Norden aufzuwiegeln, und in der Tat ist dies schlechte Handwerk, von Lindner an bis herab auf die neuesten Zeiten, immer von norddeutschen Überläufern mit besonderem Eifer getrieben worden. Man wußte, daß Lindner von König Wilhelm zuweilen geheime literarische Aufträge empfing; soeben erst hatte er gegen den Liberalen Keßler, der durch freimütige Besprechung württembergischer Zustände dem Hofe lästig fiel, einen gehässigen Federkrieg geführt. Doch jede Mitschuld des Königs an dem »Manuscript« wurde von Wintzingerode, auf Befehl seines Herrn, entschieden abgeleugnet, und sie schien auch kaum denkbar, wer hätte glauben mögen, daß der Held von Montereau jetzt den Rheinbund verteidigen und seine eigenen Verdienste mit so unziemlichem und unwahrem Selbstlobe der Nation anpreisen sollte? Als aber Wintzingerode strenges Einschreiten gegen Lindner verlangte, weil das Treiben »dieser liberalen Tollhäusler« die Großmächte unfehlbar erbittern müsse, da weigerte sich der König beharrlich, und erst auf das erneute Drängen seines Ministers gestand er dem Überraschten endlich: er selber sei der Verfasser des »Manuskripts«, er habe das Gerippe, Lindner nur die Füllung der Arbeit gegeben. Durch solche Mittel also hatte König Wilhelm sich für seine Wiener Demütigung zu rächen versucht! Der Graf verhehlte seinem Herrn nicht, daß er die Kosten eines Auswärtigen Amtes für das kleine Württemberg nicht mehr zu rechtfertigen wisse, wenn man sich so mutwillig das Vertrauen der großen Mächte verscherze. Gleichwohl blieb er im Amte. Das Bewußtsein einer eigenen politischen Verantwortlichkeit war den deutschen Ministern damals noch fremd; sie betrachteten sich fast allesamt nur als Diener ihrer Fürsten, Wintzingerode hielt es für unritterlich, den König in einem Augenblicke der Bedrängnis zu verlassen und mußte nun wohl oder übel durch unwahre Beteuerungen den Argwohn der deutschen Höfe zu beschwichtigen suchen. Vergebliche Mühe. Der Scharfsinn F. Gentz', der in literarischen Dingen fast immer das Rechte traf, hatte den Urheber des »Manuscripts« sofort erkannt. Die Nichtigkeit der Württembergischen Triaspläne wurde nirgends schärfer verurteilt als an dem Hofe, welchem Lindner die Führung seines Sonderbundes zugedacht hatte. In der bayrischen Presse waren vor fünf Jahren die Triasgedanken zuerst aufgetaucht; aber die Regierung blieb ihnen jetzt wie damals unzugänglich. Der bayerische Staat war doch zu groß, seine Dynastie zu stolz, um so luftigen Traumbildern nachzugehen. Wie glücklich fühlte sich König Max Joseph, da er nun wieder drei Jahre lang vor seinen getreuen Landständen Ruhe hatte. Die durch Zentners Klugheit herbeigeführte Versöhnung mit den beiden Großmächten tat dem Herzen des gutmütigen Herrn wohl. Sein Mißtrauen gegen die Liberalen verstärkte sich noch, seit die Revolution in Südeuropa immer weiter um sich griff und im Laufe des Sommers sogar nach Italien hinüberschlug. Als Gentz im August nach München kam, fand der König kaum Worte genug, um dem Wiener Hofe seine Anhänglichkeit zu beteuern. Er liebe, so gestand er, die Konstitutionen ebensowenig wie Kaiser Franz, und ohne den unglücklichen Wiener Kongreß wäre er gewiß nie so weit gegangen; indessen sei er gottlob mit einem blauen Auge davongekommen, und nun solle ihn auch der Teufel keinen Schritt weiter führen. An dem gewohnten bureaukratischen Regimente ward durch die parlamentarischen Institutionen nichts geändert. Selbst die den Kammern versprochene Neugestaltung des Heerwesens unterblieb, obgleich zwei der tüchtigsten Generale, Raglovich und Baur, schon seit Jahren die Einführung eines Landwehrsystems, nach der Art des preußischen, befürwortet hatten. Der liberale Lerchenfeld sah sich ganz auf sein Finanzfach beschränkt, und hier gelang es seiner ausdauernden umsichtigen Tätigkeit, endlich Ordnung zu schaffen, so daß der Kurs der Staatspapiere in wenigen Jahren um mehr als 30 Prozent stieg. Die deutsche Politik des Münchener Hofes wurde durch Rechberg und Zentner bestimmt, und sie standen beide, jeder auf seine Weise, treu zu den Großmächten. Auf ihre Veranlassung brachte die »Augsburger Allgemeine Zeitung« eine Kritik des »Manuscripts«, welche alle Sonderbundsgedanken mit bitterem Spotte abfertigte. (47 – 60.) Die letzten Reformen Hardenbergs Derweil die Wiener Konferenzen den Sisyphusstein der Bundesverfassung auf und nieder wälzten, gelangte in Berlin eine Arbeit zum Abschluß, die außerhalb Preußens, wenig beachtet für Deutschlands Zukunft, ungleich folgenreicher werden sollte als alle Verhandlungen der Bundespolitik. Der greise Staatskanzler legte die letzte Hand an das Werk der inneren Reformen. Wie zuversichtlich blickte er wieder ins Leben, seit er den verhaßten Humboldt in den Sand geworfen hatte. Er fühlte sich wie verjüngt, alle die stolzen Hoffnungen der ersten Jahre seiner Kanzlerschaft wurden ihm wieder lebendig. Wie er damals als ein Diktator den Staat zweimal mit einem ganzen Füllhorn neuer Gesetze überschüttet hatte, so dachte er jetzt die Neuordnung des Staatshaushaltes mit einem Schlage zu beendigen. Eine Kommission des Staatsrats unter dem Vorsitz von Klewitz und Bülow hatte mittlerweile die Entwürfe der neuen Steuergesetze vollendet, eine andere unter der eigenen Leitung des Staatskanzlers den Stand des Staatshaushaltes und des Schuldenwesens geprüft. In jener war J. G. Hoffmann, in dieser C. Rother der leitende Kopf, beide Männer zählten zu Hardenbergs nächsten vertrauten, und er betrachtete ihre Arbeiten als sein persönliches Werk. – – (68.) Fast noch wichtiger als der finanzielle war der politische Inhalt des Staatsschuldengesetzes, das nach Hardenbergs Ansicht nicht bloß die Ordnung im Staatshaushalte wiederherstellen, sondern auch den Abschluß des Verfassungskampfes sichern sollte. Im dritten Artikel der Verordnung stand hinter der Bestimmung, daß der Staat mit allen seinen Domänen für die Schuld Gewähr leiste, der unscheinbare Zusatz: »Mit Ausnahme der Domänen, welche zur Aufbringung des jährlichen Bedarfs von 2,5 Mill. für den Unterhalt der königlichen Familie erforderlich sind.« Mit diesem beiläufigen Satze vollzog sich eine folgenreiche Veränderung des preußischen Staatsrechts. Die Krone hatte bisher die Bedürfnisse des Hofhalts nach freiem Ermessen aus den Domanialeinkünften bestritten; jetzt schrieb sie sich selber ein unüberschreitbares Jahreseinkommen vor, eine bescheiden bemessene Summe, die nur bei knapper Wirtschaft ausreichte, da die Ausgaben des Hofes durch die Erwerbung der neuen Provinzen beträchtlich gestiegen waren. Der absolute König bezog also fortan, gleich den konstitutionellen Fürsten, eine gesetzliche Zivilliste; indes wurde der verrufene moderne Name vermieden und das königliche Einkommen nicht, wie in mehreren der süddeutschen Staaten, bloß für die Lebenszeit des Landesherrn, sondern ein für allemal festgestellt, was der Würde des Thrones besser entsprach. Die Prinzen erhielten auch keine Apanagen vom Staate, sondern der König blieb, den Traditionen der Hohenzollern gemäß, das unbeschränkte Oberhaupt des königlichen Hauses, er bestimmte den Mitgliedern der Dynastie ihr Einkommen nach alten Vorschriften und Testamenten, die als Familiengeheimnis behandelt wurden. Damit ward ein schweres Hindernis der Verfassung aus dem Wege geräumt, da Friedrich Wilhelm so unziemliche Verhandlungen, wie sie der badische Landtag über das Einkommen des Fürstenhauses geführt, nie ertragen hätte, und zugleich den künftigen Reichsständen ein wirksames Recht gewährt; denn ohne deren Genehmigung durfte die Krone fortan die zur Verzinsung und Tilgung der Staatsschuld bestimmten Domanialeinkünfte nicht mehr schmälern. Das ganze Schuldenwesen sollte künftighin den Reichsständen untergeordnet werden; nur unter ihrer Mitgarantie, so versprach der Artikel 2, konnte der König neue Anleihen aufnehmen. Bis ins einzelne wurden die Rechte der reichsständischen Versammlung im voraus bestimmt. Die Schuldenverwaltung erhielt den Auftrag, den Reichsständen jährlich Rechenschaft abzulegen; schied eines ihrer Mitglieder aus, so hatten die Reichsstände dem Könige drei Kandidaten zu bezeichnen. Einstweilen sollte der Staatsrat die ständischen Rechte ausüben; zur Aufbewahrung der eingezogenen Obligationen aber wurde vorläufig, bis zur Einberufung des allgemeinen Landtags, eine Deputation des Berliner Magistrats hinzugezogen – eine Vorschrift, die, seltsam und willkürlich wie sie war, offenbar nur als Notbehelf für kurze Zeit dienen sollte. Alle diese Zusagen hatte der König unbedenklich genehmigt. Der Staatskanzler glaubte sich schon fast am Ziele seiner Wünsche. Nach allen diesen neuen Verheißungen schien die Vollendung der Verfassung unausbleiblich, und mit schwerem Herzeleid betrachtete der Badener Berstett, der Getreue Metternichs, dies unglückliche Edikt, das so schlimme Mißdeutungen veranlassen müsse. Wohl war es ein gefährliches Wagnis, daß Hardenberg wieder wie so oft schon das königliche Wort für eine unbekannte Größe verpfändete, die Rechte der Krone zugunsten eines Reichstags, der noch gar nicht bestand, im voraus beschränkte. Indes, er hoffte jetzt bestimmt den allgemeinen Landtag schon in Jahresfrist zu eröffnen, und bis dahin konnte man eine neue Anleihe sicher vermeiden, selbst wenn ein Krieg über Nacht hereinbrach, besaß der Staat noch einen Notpfennig an den zurückbehaltenen Staatsschuldscheinen. Die Zusage der ständischen Mitwirkung war auch durch finanzielle Rücksichten geboten; denn nur darum fand das Schuldenedikt bei der Geschäftswelt eine so günstige Aufnahme. Selbst Rother, der keineswegs zu den liberalen Parteimännern gehörte, erklärte offen, ohne Reichsstände könne der öffentliche Kredit nicht mehr auf die Dauer gesichert werden. Die Hoffnungen der Verfassungsfreunde begannen sich wieder zu beleben. Marwitz aber meinte, durch die neue Zivilliste und den Verkauf der Domänen verliere der König seine Wurzel im Staate, während umgekehrt der liberale Schön klagte, seit der Errichtung des Kronfideikommisses sei der Monarch nur noch der erste der Landjunker. Nach der Ansicht des Führers der Brandenburgischen Adelspartei hätte man einfach die Staatsschuld auf ein Drittel oder ein Zehntel ihres Nennwertes herabsetzen sollen, da die Zinsen doch nur den Wucherern den Beutel füllten. Und zu allem Unheil vollzog der Staatskanzler gleichzeitig mit dem Schuldenedikte den längst vorbereiteten notwendigen Eingriff in die ständischen Institutionen Brandenburgs. Da der Staat mit der gesamten Staatsschuldenmasse auch die alte bisher von den Ständen der Kurmark verwaltete brandenburgische Staatsschuld wieder selbst übernahm, so wurde die kurmärkische Landschaft mitsamt ihren Biergelds-, Hufen- und Giebelschoßkassen von Rechts wegen aufgehoben. »Die sonstigen ständischen Verhältnisse«, erklärte der König, »sollten dadurch nicht berührt, sondern später auf Grund der Verordnung vom 22. Mai neu geregelt werden.« Als die Ritterschaft in einer höchst unehrerbietigen Vorstellung ihre angeblich verletzten Rechte verwahrte, erteilte ihr der Monarch eine scharfe Rüge. Der Oberpräsident nahm das Berliner Landhaus in Besitz; die Führer der Ritterschaft verweigerten jede Mitwirkung, allen voran der alte Minister Voß-Buch. Also erschien Hardenberg wieder, wie vor neun Jahren, als der rücksichtslos entschlossene Bändiger des märkischen Adels. Friedlich Buchholz aber, der früher die Herrlichkeit märkischer Ständefreiheit gepriesen, hielt nunmehr für zeitgemäß, in der »Neuen Monatsschrift für Deutschland« zu beweisen, daß die Wiederherstellung der alten Zustände unmöglich sei; nur eine wirkliche Volksvertretung könne der neuen Zeit genügen. Auch der ständische Partikularismus der rheinisch-westfälischen Edelleute begegnete kalter Ablehnung. Sie waren vor kurzem von dem Justizminister abgewiesen worden, als sie um Wiederherstellung des privilegierten Gerichtsstandes baten. Jetzt beschwerten sich die Stände der Grafschaft Mark, an ihrer Spitze abermals der rastlose Bodelschwingh-Plettenberg, über die neuen Steuern und verlangten »Fixation der Steuern für die Grafschaft Mark, um dadurch den unseligen Immoralitäten, dem Untergange so vieler Familien und des Bodenbaues, ja dem Verfall der ganzen Provinz vorzubeugen«. Den Einwand, daß die Fixation der Branntweinsteuer ohne Absperrung der Provinz sich nicht durchführen lasse, beseitigten sie mit der einfachen Versicherung, bei den hohen Getreidepreisen der Grafschaft sei Branntweinausfuhr dort »nie gedenkbar«. Der König erwiderte, er könne nicht eingehen auf »den Antrag, den Sie in Gemeinschaft mit einigen andern Gutsbesitzern und Städtebewohnern der Grafschaft Mark an Mich haben gelangen lassen,« und ermahnte, »die Opfer darzubringen, welche die Notwendigkeit und das Wohl des gemeinsamen Vaterlandes erfordern«. Darauf eine neue Eingabe: »Schmerzhaft war es, hier zum ersten Male unsere Eigenschaft als Stände beseitigt zu sehen.« Der Staatskanzler blieb unerschütterlich und stellte endlich, wie früher erzählt, am 10. Mai den allgemeinen Grundsatz auf: Der Staat erkenne die von der Fremdherrschaft aufgehobenen Stände nicht mehr an. So schien denn der altständischen Bewegung wieder der feste Wille der Majestät des Staats entgegenzutreten. Auch das unselige Mißtrauen, das Metternichs und Wittgensteins Einflüsterungen in der Seele des Monarchen erweckt, verschwand zuzeiten. Als die Berliner Stadtverordneten einen großen Verein zu bilden dachten, der durch freiwillige Beiträge die Staatsschuld abtragen sollte, lehnte der König (2. März) das naive Anerbieten als unnötig ab und dankte gerührt: »Ich weiß, daß ich auf die standhafte Ergebenheit meiner treuen Untertanen, wie sie solche in der jüngstverflossenen Zeit zum unsterblichen Ruhme des preußischen Namens gegen mich und das Vaterland bewiesen haben, mit Vertrauen und Zuversicht zählen kann.« Die hellen herzbewegenden Klänge aus dem Jahre 1813 tönten wieder in die verstimmte und verbitterte Zeit hinein. (76-79.) Politische Zustände in Preußen Nach solchen Erfolgen Steuerreform. durfte Hardenberg sich's wohl zutrauen, daß er auch das letzte Ziel aller seiner Reformen noch erreichen und sein Tagewerk mit der Berufung des ersten preußischen Landtags abschließen werde. Durch die neuen Finanzgesetze war das Versprechen von 1815 förmlich erneuert und bekräftigt, die Staatsschuld unter die Obhut der Reichsstände gestellt, den Provinzialständen die Mitwirkung bei der Ausgleichung der Grundsteuer zugesagt, von so feierlichen Verheißungen wieder abzugehen schien unmöglich. Der König hatte nicht nur diese Gesetze von freien Stücken gebilligt, sondern auch während der Verhandlungen der jüngsten Monate fast immer im Sinne des Kanzlers sich entschieden und ihn selbst gegen die königlichen Prinzen nachdrücklich in Schutz genommen. Alles schien auf gutem Wege. In einem Privatbriefe, der bald die Runde durch die Zeitungen machte, mahnte Hardenberg, »dem langsamen, aber folgerechten Gange der Regierung« besseres Zutrauen zu schenken: unzweifelhaft werde die Verfassung noch zustande kommen. Er hoffte um so sicherer, über die Flüsterer und Warner, die am Hofe umherschlichen, noch den Sieg davonzutragen, da der König alle Eingaben der altständischen Partikularisten scharf abgewiesen hatte, und außer dem wenig einflußreichen Klewitz bisher noch kein namhafter Staatsmann, auch Metternich nicht, dem Verfassungsplane offen entgegengetreten war. Allerdings hatten die Finanzverhandlungen abermals bewiesen, daß nicht bloß Vorurteile, sondern auch berechtigte, ernste Bedenken der Berufung der Reichsstände entgegenstanden. Wie sollte das notwendige Geheimnis, das über der Bank und der Staatsschuld lag, gewahrt bleiben, wenn die allgemeinen Landstände zusammentraten? Und war es nicht leicht möglich, daß der Landtag die zur Sicherung des neuen Abgabensystems unentbehrlichen Zollverhandlungen mit den deutschen Nachbarstaaten durch partikularistische Kleinmeisterei erschweren würde? Weit überwiegende Gründe sprachen jedoch für die entschlossene Durchführung der Pläne Hardenbergs. Wie schwer mußte die monarchische Gesinnung in diesem mit seiner Krone so fest verwachsenen Volke erschüttert werden, wenn zum ersten Male in Preußens Geschichte die zornige Frage erklang: ob man an einem Königsworte drehen und deuteln dürfe? Und wie konnte eine Großmacht mit gesetzlich geschlossener Staatsschuld der unberechenbaren Zukunft sicher entgegengehen? In ruhiger Zeit mochte ihr Kredit sich halten; brachen wieder Stürme herein, dann war, nach so bestimmten öffentlichen Verheißungen, keine Anleihe mehr möglich ohne Reichsstände. Ein gefährlicher Angriff der Landstände wider die Einheit des Staates stand jetzt schwerlich mehr zu befürchten, da die Krone diese letzten fünf Jahre ihrer Vollgewalt weislich benutzt hatte, um fast auf allen Gebieten der Gesetzgebung eine Reform durchzusetzen, die nur ein diktatorischer Wille vollenden konnte. Die Heeresverfassung war nunmehr gesichert, desgleichen die Einteilung der Provinzen und die neuen Formen ihrer Verwaltung, das System der Abgaben und Zölle, das Staatsschuldenwesen und der Unterhalt für das königliche Haus; auch von den Verhandlungen über die Rechte der katholischen Kirche, welche Niebuhr in Rom führte, sah Hardenberg mit seinem feinen diplomatischen Blicke voraus, daß sie bald ein leidliches Ergebnis bringen würden, obwohl der schwarzsichtige Gesandte beständig das Schlimmste fürchtete. Kam dies Werk noch unter Dach, wurde auch die Gemeinde- und Kreisordnung nach Hardenbergs Plan durch die Krone allein neugestaltet und endlich auch die Verfassung selbst allein durch den König verliehen, dann waren in den nächsten Jahren schwere politische Kämpfe kaum zu erwarten. Nach menschlichem Ermessen ging Preußen zunächst einer jener stillen Epochen entgegen, welche sich nach den großen Zeiten der Reform überall einstellen. Sein erster Landtag, dem ja nur beratende Befugnisse zustehen sollten, hätte vermutlich ein unscheinbares Dasein geführt und sich begnügen müssen, einzelne Mißgriffe der neuen Reformgesetze zu rügen und zu verbessern; so konnte er vielleicht eine stille Lehrzeit durchlaufen, wie sie diesem unerfahrenen Volke gerade not tat, Ostpreußen und Rheinländer, Märker und Westfalen in gemeinsamer nüchterner Arbeit aneinander gewöhnen, aus dem verbissenen Partikularismus der Stände und der Provinzen allmählich eine kräftige Staatsgesinnung herausbilden und durch sein Dasein schon die verstimmte öffentliche Meinung in Deutschland beschwichtigen. In solchem Lichte sah der Staatskanzler die nächste Zukunft Preußens. Wer darf heute mit Sicherheit sagen, ob die Dinge wirklich so harmlos verlaufen, ob die abstrakten, staatsfeindlichen Gedanken des neufranzösischen Liberalismus nicht auch in den preußischen Landtag eingedrungen wären? Eine hohe Wahrscheinlichkeit spricht doch dafür, daß Hardenberg das Rechte traf, was den süddeutschen Staaten leidlich gelang, war für Preußen nicht unmöglich; ein Preußischer Landtag, zur rechten Zeit berufen, konnte der Krone die Schmach des Jahres 1848 ersparen. Auch der König schien des langen Zauderns müde. Nachdem er schon durch die Kabinettsorder vom 17. Januar das Staatsministerium an die schleunige Ausarbeitung der Kommunalordnung erinnert hatte, befahl er am 12. Februar die Bildung einer besonderen Kommission, welche die gesamte erste Hälfte des Hardenbergischen Verfassungsplanes, Gemeinde- und Kreisordnung, binnen vier Wochen ins reine bringen und sodann ihre Arbeit »wegen des innigen Zusammenhanges mit der allgemeinen ständischen Verfassung« dem Ausschusse für die ständischen Angelegenheiten vorlegen sollte. Die Kommission bestand durchweg aus trefflichen Beamten: Friese führte den Vorsitz, zu Mitgliedern wurden Daniels, Eichhorn, Bernuth, Streckfuß, nachher auch Köhler und Vincke berufen. Aber ihr Werk mißriet, und dies Mißlingen ward verhängnisvoll: sobald der Unterbau der Verfassung sich als morsch erwies, stürzte das ganze Gebäude. An die feudale Verwaltung des flachen Landes war selbst der reformatorische Wille der großen Könige des achtzehnten Jahrhunderts immer nur behutsam herangetreten; hier in den breiten Niederungen des Staats hatte die unzähmbare Lust der Deutschen an örtlichem Sonderbrauche von jeher freies Spiel, hier lag das letzte und stärkste Bollwerk der altständischen Macht, hier herrschte noch ungebrochen ein uraltes Herkommen, und es war kein Zufall, daß an der zähen Kraft dieses örtlichen Kleinlebens, das dem alten absoluten Königtum so lange getrotzt hatte, auch der erste versuch konstitutioneller Reformpolitik zerschellte. – Noch einmal mußte Preußen die verderblichen Folgen von Steins frühem Sturze schwer empfinden. Der große Reformer hatte, als er fiel, den Entwurf einer Landgemeindeordnung fast vollendet hinterlassen, wäre dies Werk damals ins Leben getreten, was nur Steins eisernem Willen gelingen konnte, so hätte die Gesetzgebung jetzt das Kommunalleben der alten Provinzen in leidlicher Ordnung und damit einen festen Anhalt für weitere Reformen vorgefunden, wie nun die Dinge lagen, stand die Kommission ratlos einer unübersehbaren Mannigfaltigkeit örtlicher Sonderrechte und Sonderbräuche, einem schlechthin chaotischen Zustande gegenüber. In den östlichen Provinzen bestanden etwa 25 000 Landgemeinden und 15 000 Rittergutsbezirke. Unter dieser ungeheuren Zahl befanden sich zwar manche starkbevölkerte, halbstädtische Ortschaften, wie Langenbielau und die andern gewerbreichen Dörfer, die sich stundenweit in den Tälern des Riesengebirges hinaufzogen; doch die große Mehrzahl der Landgemeinden des Nordostens war über die einfachen Zustände der ersten Zeiten deutscher Ansiedlung noch kaum hinausgekommen. Das kleine, um den Herrenhof planmäßig angesiedelte Kolonistendorf bildete noch immer die Regel; Gemeinden von hundert, ja fünfzig Köpfen waren nicht selten, eine Ortschaft von vierhundert Einwohnern galt schon für ein großes Dorf. Dies Kleingemeindetum hatte den Bedürfnissen des Landvolks genügt, so lange die Landgemeinde wesentlich den wirtschaftlichen Zweck des gemeinsamen Feldbaus verfolgte und die Kirche für Armenpflege und Unterricht notdürftig sorgte. Seit aber die Reformation das Armen- und Schulwesen säkularisiert und die Landgemeinde sich nach und nach aus einer wirtschaftlichen Genossenschaft in eine politische Gemeinde verwandelt hatte, zeigten sich die zwerghaften Kommunalgebilde des Nordostens völlig hilflos. Wie konnten sie mit ihren dürftigen Mitteln Wege bauen, Schulen unterhalten und alle die andern Leistungen für das gemeine Wohl aufbringen, welche der erstarkte Staat jetzt von ihnen heischte? Zumal in Altpreußen und Polen, wo das Dorf durchschnittlich kaum zweihundert Köpfe zählte, war von modernen Kommunalanstalten noch fast gar nichts vorhanden. Einige Beihilfe leistete freilich der Grundherr, dem hier im Osten noch fast überall die Patrimonialgerichtsbarkeit, die niedere Polizei und das Kirchenpatronat zustanden: er war in seinem Gutsbezirke selber der Gemeindevorstand und ernannte den Schulzen für sein Dorf. Dies patriarchalische Verhältnis, das noch im Allgemeinen Landrecht als die normale Dorfverfassung betrachtet wurde, begann sich indes seit der neuen Agrargesetzgebung gänzlich zu verschieben. Durch die Ablösung der bäuerlichen Lasten und Dienste wurde das Dorf von dem Rittergutsbesitzer wirtschaftlich unabhängig; die Grundherrschaft war jetzt nur noch ein Privatbesitz, der in einer freien Nachbargemeinde den größten Teil der Kommunallasten zu tragen und die Rechte der Ortsobrigkeit auszuüben hatte, wie oft hatte der König seit dem Jahre 1808 ausgesprochen, daß diese Trümmer der altständischen Staatsordnung baldigst fallen müßten. Die Verbindung obrigkeitlicher Rechte mit dem Besitz der Scholle widersprach nicht nur den ersten Grundsätzen moderner Rechtsgleichheit; die Grundherrschaft vermochte auch ihren polizeilichen Pflichten nicht mehr zu genügen, seit die Fabriken auf das flache Land drangen und die Freizügigkeit viele heimatlose in die Dörfer warf; ohne die Hilfe der Gendarmerie des Staates hätten sich die Ortsobrigkeiten nicht einmal der Vagabunden erwehren können. Und während der wachsende Verkehr seine Ansprüche an die ländliche Polizei täglich steigerte, ging der Grundherr ganz in den Sorgen seiner eigenen Wirtschaft auf. Wer sich jetzt noch auf dem verschuldeten und verwüsteten väterlichen Gute behaupten wollte, mußte hart arbeiten und die neue Lehre der rationellen Landwirtschaft gründlich kennen. Das alte Sprichwort, daß auf dem Lande jeder mit einer Handvoll Glück und Verstand auskomme, galt längst nicht mehr; das Rittergut verlangte einen ganzen Mann, zumal seit die Brennerei, dank der neuen Branntweinsteuer, bei geschicktem Betriebe reichen Ertrag bringen konnte, und mancher Edelmann, der auf den Krämergeist der Städte stolz herabsah, wurde, ohne es zu merken, selber ein eifriger Industrieller, wo blieb da noch Zeit und Kraft für die Pflichten der Ortsobrigkeit? Und wie selten hegte der Bauer jetzt noch zu seinem Grundherrn das herzliche Zutrauen, das allein die Macht der Ortsobrigkeit erträglich machen konnte! Schon früherhin hatte sich der arme Adel des Nordostens bei den ewig wiederkehrenden Kriegsnöten nur selten lange in seinem Besitz behauptet, und es galt schon als Merkwürdigkeit, daß noch einzelne alte Geschlechter, wie die Bredows im Havellande, die Brandts von Lindau in dem kursächsischen Brandtswinkel, seit Jahrhunderten auf ihren Stammgütern hausten. Neuerdings, seit die Rittergüter frei veräußert werden durften, ward der Besitzwechsel noch häufiger und die Überlegenheit des bürgerlichen Kapitals auch auf dem Lande bald bemerkbar. Zuerst die Amtmänner der Domänen, dann auch andere Bürgerliche siedelten sich in den alten Rittersitzen an; in Ostpreußen war schon jetzt die Mehrzahl der großen Güter in bürgerlichen Händen, hier und da regte sich auch schon die gewerbsmäßige Güterspekulation. Mancher der neuen Besitzer blieb seinen Bauern ganz fremd, und war er hartherzig, so versuchte er sich der Ortsarmen mit jedem Mittel zu entledigen, auch wohl die kleinen Nachbarn, die ihm zur Last fallen konnten, auszukaufen. Trotzdem waren diese verschrobenen Zustände im Volke keineswegs unbeliebt. Der Bauer haftete zäh am alten Herkommen und fand es bequem, Gericht und Polizei so nahe vor der Tür zu haben; er blickte über manche grobe Mängel der gutsherrlichen Verwaltung gleichgültig hinweg, da die Grundherrschaft jetzt nichts mehr von ihm zu fordern, sondern nur für ihn Lasten zu tragen hatte. Noch in den vierziger Jahren dankten die Bauern des brandenburgischen Provinziallandtags ihrem Könige aus vollem Herzen, weil er ihnen ihre alte Gemeindeverfassung unangetastet gelassen habe. Der Adel andererseits betrachtete die Grundherrschaft als ein teures Ehrenrecht seines Standes, und es war nicht bloß Junkerhochmut, was aus solchen Ansichten sprach. Die Grundherren durften sich rühmen, daß sie sich ihre Machtstellung auf dem flachen Lande durch schwere Opfer täglich neu erwarben; viele von ihnen empfanden wirklich den Drang nach freier gemeinnütziger Tätigkeit, der in der Aristokratie gesunder Völker immer lebendig ist. Mit Entrüstung hatten sich schon im Jahre 1809 die Stände des Mohrunger Kreises, voran die Grafen Dohna und Dönhoff, wider die geplante Aufhebung der gutsherrlichen Polizei verwahrt, weil sie es für eine unwürdige Zumutung hielten, daß der Grundherr fortan untätig von seinen Einkünften leben solle, wenn der Gesetzgeber diese ehrenhafte Gesinnung auf ein richtiges Ziel zu lenken verstand, wenn er die Privilegien des Landadels entschlossen beseitigte und ihm dafür auf dem Boden des gemeinen Rechtes einen neuen fruchtbaren Wirkungskreis eröffnete, dann konnte das vorurteilsvolle Junkertum des Nordostens dereinst noch zu einer festen Stütze der ländlichen Selbstverwaltung werden. Wie anders die Landgemeinden der westlichen Provinzen! Hier hatte die Gesetzgebung Frankreichs und seiner Vasallenstaaten jeden rechtlichen Unterschied zwischen Stadt und Land, Rittergut und Bauerngut beseitigt. Am Rhein waren die großen Güter fast allesamt zerschlagen; in Westfalen bestanden zwar noch einige ritterschaftliche Gutsbezirke, doch sie waren Gemeinden wie die andern auch, nur daß dem Grundherrn das Amt des Gemeindevorstandes zustand, und übten kein Herrenrecht über die Nachbardörfer. Die Einebnung aller sozialen Ungleichheiten entsprach den wirtschaftlichen Zuständen dieser dichtbevölkerten Landschaften, wo der städtische Gewerbfleiß sich schon längst auf den Dörfern eingebürgert hatte. Der abstrakte Begriff der französischen Municipalité war hier tief ins Volk gedrungen; wenn ein Westdeutscher über die deutsche Gemeindeverfassung schrieb, wie der Nassauer Pagenstecher 1818, so sprach er stets nur von der Gemeinde schlechthin, ohne nach der Eigenart von Dorf und Stadt zu fragen. Die Landgemeinden des Westens waren aus den mächtigen Markgenossenschaften der Germanen hervorgegangen, an sich schon größer als die Kolonialdörfer des Ostens, durchschnittlich 500–700 Köpfe stark und überdies durch die Fremdherrschaft zu Samtgemeinden zusammengeschlagen worden. Als Rudler einst mit seinen Genossen die französische Verwaltung auf dem linken Rheinufer einrichtete, hatte er nicht genug Maires, die Französisch sprachen, auftreiben können, und daher nach Gutdünken oft mehrere Gemeinden unter einen Bürgermeister gestellt. Dies Verfahren, das dem Gesetze widersprach und erst nachträglich die Billigung der Konsuln fand, war dann von den kaiserlichen Präfekten fortgesetzt worden, weil die Bureaukratie mit einer kleinen Zahl von Bürgermeistern so viel leichter auskommen konnte. Auch in Berg waren seit 1808 Samtgemeinden, ähnlich den Amtsverbänden der guten alten Zeit, entstanden. So traten denn den zahllosen winzigen Gemeinden des Ostens in den westlichen Provinzen nur an fünftehalbtausend Landgemeinden gegenüber, die zu etwa tausend Bürgermeistereien und Ämtern vereinigt waren. Der rheinische Bürgermeister samt seinen Beigeordneten wurde durch den Staat ernannt und regierte nach jenem obersten Grundsätze des Napoleonischen Verwaltungsrechts, kraft dessen die Verwaltungstätigkeit ausschließlich den Staatsbeamten, den Regierten nur ein unmaßgeblicher Beirat zustand; seine bureaukratische Gewalt war oft härter als das patriarchalische Regiment des pommerschen Gutsherrn. Gleichwohl hat auch diese undeutsche Einrichtung rasch feste Wurzeln im rheinischen Lande geschlagen. Den neuen preußischen Landräten erschien sie ebenso bequem wie einst den Unterpräfekten. Zudem war der ernannte Bürgermeister den Einflüsterungen des Klerus, den Launen der öffentlichen Meinung weniger zugänglich als ein gewählter Dorfschulze; begreiflich also, daß die Regierungen der westlichen Provinzen allesamt, bis auf drei, sich für den Fortbestand der Bürgermeistereien aussprachen. Auch das Volk hielt seine Gemeindeverfassung hoch, schon weil sie rheinisch war. »Wir wolle bleibe, was wir sin«, hieß es kurzab, sobald man vernahm, daß der Preuß eine Änderung beabsichtige. Der kleine rheinische Landmann, der mit der Gartenwirtschaft und dem Glücksspiele des Weinbaues schon seine liebe Not hatte, sah es keineswegs ungern, daß ihm der gestrenge Bürgermeister die Arbeit und Sorge für das Gemeindewesen abnahm; auch konnten die großen Bürgermeistereien für die Zwecke der Wohlfahrtspolizei ungleich mehr leisten als die Zwerggemeinden der alten Provinzen. Dieser praktische Vorteil war so unleugbar und die Volksmeinung so entschieden, daß selbst die abgesagten Feinde der französischen Gesetzgebung, Stein und Vincke, die Bürgermeistereien und Ämter nicht antasten wollten. Ebenso schroffe Unterschiede zeigten sich im Städtewesen. In den alten Provinzen war Steins Städteordnung, nachdem sie die schwere Prüfungszeit des Befreiungskrieges glücklich überstanden, den Bürgern allmählich fest ans Herz gewachsen, und Stein hoffte, sein erprobtes Werk mit einigen unwesentlichen Änderungen bald auch in den neuen Provinzen eingeführt zu sehen, weil die Selbstverwaltung die beste Schule preußischer Staatsgesinnung sei. Die Rheinländer aber ließen sich's nicht träumen, wieviel freier die Städteverfassung des verachteten Ostens war. Die formale Gleichheit der französischen Munizipalitäten genügte ihnen; bei uns, sagte man stolz, gehen alle Klassen der Gesellschaft in dem einen Begriffe des Bürgers auf. Der ernannte Bürgermeister mit seinen Beigeordneten war nach rheinischer Anschauung den deutschen Magistraten des Ostens ebenso überlegen wie der Napoleonische Präfekt den Preußischen Regierungskollegien. Der rheinländische Bürger freute sich, daß ihm die vielen lästigen Ehrenämter der Steinschen Städteordnung erspart blieben, und niemand bemerkte, daß ein Gemeinderat, der nicht selbst verwaltete, auch keine wirksame Kontrolle über den allmächtigen Bürgermeister ausüben konnte. Gewählte Magistrate wünschte man schon darum nicht, weil man die Wiederkehr des Kölnischen Klüngels und seiner Vetternherrschaft befürchtete. Die tiefsinnige Auffassung vom Staate und seinen Pflichten, welche der Städteordnung Steins zugrunde lag, erschien hier im Westen, wo alles für die Ideen von 89 schwärmte, ganz unverständlich. Noch im Jahre 1845 behauptete L. Buhl in einer Schrift über die Gemeindeverfassung der preußischen Rheinprovinz: das Beispiel »des Musterlandes Frankreich« beweise genugsam, daß Freiheit des Staates und Freiheit der Gemeinden einander ausschlössen; vor diese Wahl gestellt, müsse das liberale Rheinland die Freiheit des Staates vorziehen. Der wackere Publizist, einer der klügsten Liberalen der Rheinpfalz, hatte damit fast allen Bewohnern des linken Rheinufers aus der Seele gesprochen. Ein Volk, das in solchen Anschauungen lebte und sich dabei noch seines Freisinns rühmte, war für die harten Pflichten deutscher Selbstverwaltung offenbar noch schwerer zu gewinnen, als vormals das verschüchterte Kleinbürgertum der Städte des Ostens. Auch in der Kreisverwaltung verriet sich überall der Gegensatz von Ost und West. Gleichzeitig mit den Provinzen und den Regierungsbezirken war auch die altbewährte brandenburgische Kreiseinteilung mitsamt dem Landratsamte in die neuen Gebiete eingeführt worden, und im Jahre 1816 hatte der König den Kreisständen wieder gestattet, für die erledigten Landratsstellen drei Kandidaten aus den Grundbesitzern des Kreises vorzuschlagen. Nach dem Buchstaben des Gesetzes war der Landrat fortan nur noch ein Staatsbeamter, und Hardenberg erklärte ausdrücklich: wenn der Landrat aus den Kreiseingesessenen ernannt würde, so »liege dem keineswegs die Vorstellung von einem repräsentativen Verhältnis zugrunde, sondern nur die Idee, daß ein solcher mit seinem Grundeigentum für die Vermutung bürge, daß er kennen und befördern werde, was zum Wohl der Kreisinsassen gereicht«. Tatsächlich blieb der Landrat im Osten doch wie von alters her zugleich Organ der Regierung und Vertrauensmann seines Kreises. Die eigentümliche Doppelstellung, die dem Hauptamt der alten Provinzen seinen Charakter gab, ließ sich leider auf die westlichen Landesteile nicht kurzweg übertragen, hier war die Zahl der gebildeten Grundbesitzer so gering, daß man auch »andere geeignete Personen«, namentlich Offiziere, an die Spitze der Kreisverwaltung stellen mußte. Solche Beamtenlandräte konnten nicht viel mehr sein als Nachfolger der Napoleonischen Unterpräfekten. Einzelne von ihnen wurden zwar allmählich in dem neuen Neste warm: so der wackere Bärsch, der Genosse Schills, der in dem armen Eifelkreise Prüm ein strenges Regiment führte und bald durch seine Schriften über die Landeskunde der Eifel bewies, daß er in dem rauhen Gebirge besser Bescheid wußte als die Eingeborenen selber. Viele aber blieben ihrem Kreise fremd und betrachteten ihr Amt als einen Durchgangsposten zu höheren Stellen. Die radikale Zerstörung aller aristokratischen Kräfte führte hier wie in Frankreich zu einer rein bureaukratischen Verwaltung. Über die Kreisversammlungen war noch nichts bestimmt, seit der König das unglückliche Gendarmerie-Edikt außer Kraft gesetzt hatte; doch jedermann fühlte, daß die Kreisstände in dem bürgerlichen Westen eine andere Form erhalten mußten als in den aristokratischen alten Provinzen. (98–105.) Der Ausgang des preußischen Verfassungskampfes Mittlerweile zeigte sich immer klarer, daß an jenem verhängnisvollen 11. Juni nicht eigentlich der Absolutismus über die liberale Idee, sondern der Partikularismus über die Staatseinheit triumphiert hatte. Die Doktrinen der guten alten Zeit von 1805 stiegen wieder aus dem Grabe, romantisch ausgeschmückt nach dem Sinne des Kronprinzen; dieser in Kämpfen ohnegleichen zusammengeschmiedete preußische Einheitsstaat hieß wieder ein Föderativstaat, ein mehrere Staaten umfassendes Staatenreich. Kamps vornehmlich verteidigte diese Theorie, die sich auf das erbauliche Beispiel der österreichischen Kronlande berief, mit seiner gewohnten fanatischen Hartnäckigkeit und trug sie noch ein Vierteljahrhundert später in seinen Staatsrechtlichen Abhandlungen vor. Marwitz empfahl eine radikale Verwaltungsreform, welche die Macht der heimatlosen Bureaukraten und Geldoligarchen, dieser gefährlichsten Demagogen, brechen und die neue demagogische Erfindung der Reichsstände für immer beseitigen sollte. Ein Staatsrat, gebildet aus den Chefs der Verwaltung und angesehenen Eingesessenen, an der Spitze des Staates; unter ihm Provinzialminister mit Provinzialständen; endlich Landräte, beschränkt durch die Kreisstände und auf drei bis sechs Jahre von ihnen gewählt – so die Grundzüge dieser feudalen Verwaltungsordnung, die geradeswegs darauf ausging, den geeinten deutschen Norden wieder in ein Chaos ständischer Kleinstaaten zu zersprengen. Wie hätte der bewährte Schmalz in diesem tobenden Chore der Reaktion fehlen sollen! Er schrieb (1822) unter dem Namen eines Freundes der Verfassung (E. F. d. V.) eine »Ansicht der ständischen Verfassung der preußischen Monarchie«. Die Schrift ging aus von dem zufälligen Umstande, daß der Preußische Staat seinen Gesamtnamen einem einzelnen Landesteile entlehnt hatte, und stützte darauf den wunderbaren Schluß: der Schlesier oder Märker sei kein Preuße im eigentlichen – das will sagen: im ethnographischen – Sinne, während der Gaskogner, der Bewohner von Yorkshire sich mit Recht einen Franzosen, einen Engländer, nenne, und folglich sei Preußen auch staatsrechtlich kein Einheitsstaat wie England oder Frankreich, sondern ein zusammengesetzter Staat, ähnlich der Union von Nordamerika. Das Ganze klang wie ein schlechter Witz, indes mochte Schmalz' harter Kopf wohl selber daran glauben, wenn er dann allen Ernstes weiter folgerte, der König sei König nur in Ostpreußen, in Magdeburg nur Herzog, in Mörs nur Graf und mithin verpflichtet, jedem dieser Staaten einen besonderen Landtag zu gewähren. Also stellten die Altständischen mit ihren »heillosen« Doktrinen, wie Witzleben sie nannte, alles wieder in Frage, was die Hohenzollern in zwei schweren Jahrhunderten gebaut hatten, und behaupteten gleichwohl den Thron gegen die Revolution zu verteidigen. Und seltsam genug, diesen staatsfeindlichen Bestrebungen arbeitete eine Partei des hohen Beamtentums, die von durchaus andern Ansichten ausging, arglos in die Hände. Die neue Verwaltungsordnung hatte sich trotz ihrer tüchtigen Leistungen noch keineswegs ein unerschütterliches Ansehen errungen. Alle Welt klagte über Vielregiererei; das unerfahrene Volk vermochte nicht zu begreifen, daß der Staat, der jetzt so viel mehr für das gemeine Wohl leistete, auch mehr Diener brauchte. Am Rhein glaubte jedermann, freilich auf Grund sehr zweifelhafter Berechnungen, die Verwaltung der Napoleonischen Präfekten sei zwei- bis dreimal wohlfeiler gewesen. Der König selbst forderte dringend Ersparnisse in der Zivilverwaltung, um das Defizit endlich zu beseitigen. Die Provinzialbehörden aber, zumal die Oberpräsidenten, empfanden schwer die ungeheure Macht der neuen Fachminister, die jetzt auch über alle Streitfragen des öffentlichen Rechts in letzter Instanz entschieden; der Staatsrat gewährte dawider nur in seltenen schweren Fällen Abhilfe. Dem Ämtersystem fehlte noch eine geordnete Verwaltungsjustiz mit unabhängigen Tribunalen; doch über die Fragen des Verwaltungsrechts war bisher weder die Wissenschaft noch die Praxis ins klare gekommen, und so lange man den Sitz des Übels nicht erkannt hatte, richtete sich aller Unwille gegen die Fachminister und das Übermaß der Zentralisation. (232-234.) Der Angriff auf die Einheit der Verwaltung war gescheitert; um so sicherer hoffte die feudale Partei die Einheit der Verfassung zu hintertreiben. Am 30. Oktober wurde die neue Kommission – die fünfte und letzte – einberufen, um über die Bildung der Provinzialstände zu beraten. Der König nahm seinen würdelos nachgiebigen Staatskanzler beim Wort, schloß ihn von den Beratungen gänzlich aus. Er berief den Kronprinzen zum Vorsitzenden, zu Teilnehmern die sämtlichen Mitglieder jenes vierten Ausschusses, welcher soeben die Verwerfung der Kommunalordnung gegen Hardenberg durchgesetzt hatte. Neu hinzu traten nur: der Minister Voß-Buch, die Präsidenten Vincke und Schönberg und als Schriftführer Geh. Rat Duncker. Es war wie eine feierliche Abdankung des Staatskanzlers. Die Kommission eröffnete ihre Sitzungen am 4. Dezember. Sie berief sodann nacheinander eine kleine Zahl von Notabeln aus den einzelnen Landesteilen. Zuerst (Januar 1822) tagten die Brandenburger, dann die Notabeln aus Pommern, Ostpreußen, Westpreußen, aus der Niederlausitz, aus Sachsen. Im Mai wurden die Schlesier und die Oberlausitzer, im Oktober die Westfalen, zuletzt die Rheinländer und (im März 1823) die Posener gehört. Die Einberufenen waren zur strengsten Verschwiegenheit verpflichtet, und da die Zensur auch die Zeitungen scharf überwachte, so blieb das Geheimnis so wohlbewahrt, daß erst im Jahre 1847 durch die Schriften von Röpell und Wuttke einiges aus den Verhandlungen der schlesischen Notabeln bekannt wurde. Schon die Auswahl der Vertrauensmänner ließ erkennen, wieviel Boden die Altständischen gewonnen hatten in den vier Jahren seit jener Bereisung der Provinzen. Damals waren noch Männer aus allen Ständen vernommen worden. So weit ging man freilich auch jetzt nicht, kurzweg die Deputierten der alten Landtage als solche zu versammeln, wie einst die Ruppiner Stände verlangt hatten. Aber wie ganz unbillig, wie ganz zuwider allen Traditionen dieser gerechten Krone wurde der Adel bevorzugt! Unter den etwa hundert Notabeln, die man aus der Monarchie einberief, waren: aus Schlesien 15 vom Landadel, 6 Bürger, kein Bauer; aus den Marken 6 Edelleute, 4 Bürger, kein Bauer; aus Westfalen 7 Edelleute, 9 Bürger, ein bäuerlicher Gutsbesitzer usw. Begreiflich also, daß Präsident Schönberg den Zweifel äußerte, »ob die Einberufenen wirklich alle Wünsche der Provinzen zur Sprache gebracht hätten«. Die altständische Partei war durch einige ihrer tätigsten Führer vertreten. Vom märkischen Adel kamen Rochow-Rekahn und Quast, zwei sehr angesehene Männer, beide so hochkonservativ, daß Marwitz sie sich als brandenburgische Provinzialminister dachte; vom westfälischen die alten Kämpen Merveldt, Hövel, Romberg; vom schlesischen Herr von Lüttwitz, der soeben als Schriftsteller für die Adelsinteressen auftrat, mit ihm freilich auch der liberale Graf Dyhrn und Herr von Gruttschreiber, ein unruhiger Kopf, der mehrmals auf eigene Faust schlesische Volksrepräsentanten versammelt hatte. Den alten Marwitz hielt man fern; man fürchtete wohl den unbändigen Freimut des eisernen Mannes. Dieselbe Sorge und das alte Mißtrauen, das Voß und Wittgenstein noch gegen den großen Reformer hegten, mochten auch verschulden, daß der Freiherr vom Stein nur um ein schriftliches Gutachten ersucht wurde. Die Verhandlungen mit den einzelnen Gruppen der Vertrauensmänner währten selten mehr als acht Tage; sie waren ebenso leer als kurz. Die Notabeln sollten, auf Befehl des Königs, nur über die Zusammensetzung der Provinzialstände, nicht über den Umfang ihrer Rechte befragt werden; denn bei aller Verehrung für die Sonderrechte der Provinzen konnte man doch nicht verkennen, daß es unmöglich sei, einen Verfassungsplan mit zehn Versammlungen zu vereinbaren. Die Kommission beschloß daher über alle wesentlichen Grundsätze der Verfassung durchaus selbständig. Die Einberufenen fühlten, wie wenig an der beschlossenen Sache zu ändern sei, traten still und bescheiden auf; ihr Gutachten gab nur in geringfügigen Nebenfragen den Ausschlag. Selbst die Rheinländer wagten nur schüchtern eine beschränkte Öffentlichkeit für die Landtage zu fordern, und die Absicht, sich für ihren Landsmann Görres zu verwenden, ließen sie bald fallen. Leider zog man aus diesen Erfahrungen nicht den naheliegenden Schluß, daß die Provinzialstände selber der gleichen Unfruchtbarkeit verfallen mußten. Innerhalb der Kommission entbrannte aber sofort von neuem der alte Parteikampf. Die altständische Ansicht des Kronprinzen und seines Ancillon fand jetzt einen mächtigen Beistand an Herrn von Voß-Buch. Ein achtungswerter wohlmeinender Mann, ein pflichtgetreuer altpreußischer Beamter, war der Führer des brandenburgischen Adels seit vielen Jahren mürrisch auf seinen Gütern geblieben, gleich seinem Freunde, dem alten Minister von Angern im Magdeburgischen, grollend über die neuen Agrargesetze, über die meisterlose Zeit, die an der hergebrachten Gliederung der Stände rüttelte. Er sah den Staat durch doktrinäre Toren dicht an den Rand des Abgrundes gedrängt; innezuhalten auf dem Wege der Neuerung, die Gewerbefreiheit, die Ablösung der bäuerlichen Lasten wieder zu beschränken, schien ihm unerläßlich. In allen seinen Reden klar, bestimmt, aufrichtig, immer bereit, fremde Meinungen ernsthaft anzuhören, war er doch völlig unfähig, aus seinem engen Gedankenkreise hinauszugehen, und maß alle politischen Dinge an den wohlerworbenen Rechten der märkischen Stände: »nach teutscher Verfassung kann Niemand repräsentiren, der eine Mediatobrigkeit hat.« Vor seinem König erschien er nie anders als in Kniehosen und langen Strümpfen; einem bürgerlichen Präsidenten hingegen vergönnte er nur den Titel Ew. Wohlgeboren – zur namenlosen Entrüstung Varnhagens und aller aufgeklärten Berliner. Mit Hardenberg hatte er sich schon in den Napoleanischen Zeiten so gänzlich überworfen, daß seine Berufung wie ein Schlag ins Angesicht des Staatskanzlers erschien und von allen Gegnern Hardenbergs, leider auch von Stein, mit Befriedigung aufgenommen wurde. Die Rechtschaffenheit und Arbeitskraft des alten strengen Feudalen machte ihn bald dem Monarchen wert; im Sommer 1822 besuchte ihn der König in Buch, seitdem stand sein Einfluß fest. Mit seiner Hilfe hofften die Altständischen, ihr christlich-germanisches Ideal zu verwirklichen. Als Küster in seinem Amtseifer jetzt noch eine Übersicht der süddeutschen Verfassungen zur Benutzung für die Kommission einsendete, da erwiderte Ancillon herablassend: mit solchen nach fremden Mustern gearbeiteten Gesetzen könne man in Preußen natürlich wenig anfangen. Etwas moderner, mehr altbureaukratisch als ständisch, waren die Ansichten Wittgensteins, Schuckmanns und Albrechts. Die Meinung des liberalen Beamtentums vertraten nur Vincke und der Merseburger Regierungspräsident Schönberg, beide mit ausdauernder Tapferkeit und rücksichtslosem Freimut. Im ganzen verliefen die Verhandlungen matt und schläfrig. Nach dem sechsjährigen Zaudern war alles abgespannt. Jene feste Überzeugung von der inneren Notwendigkeit des Verfassungswerkes, welche Humboldt immer als die erste Voraussetzung des Gelingens bezeichnete, bestand längst nicht mehr. Man arbeitete nur noch, um der gegebenen Zusage zu genügen. Sogleich der Beginn der Beratung zeigte, wie unhaltbar der Plan war, Provinzialstände zu schaffen ohne jede klare Vorstellung von dem Wann und Wie der Reichsstände. Es entstand die Frage: Sollte das Stückwerk, das man vorderhand in Angriff nahm, als eine Erfüllung des alten Versprechens gelten? Sollte das neue Gesetz in seinem Eingange an die Verordnung vom 22. Mai erinnern? Ancillon und seine Freunde fanden dies bedenklich; sie nahmen Anstoß an den Worten »Repräsentation des Volkes«, die so oft mißdeutet würden, während man in Preußen doch nur eine Vertretung des eigentlichen Volkes, der Grundbesitzer, beabsichtigte. Schönberg schrieb dagegen, mit deutlichem Hinweis auf Haller: »Alles in der Welt kann mißdeutet werden. Mögen die Philosophen über die Grundsätze, worauf Staaten basiert sein sollen, träumen, erfinden und restaurieren, Preußens König und sein erlauchtes Haus braucht von diesen Theorien sein Heil nicht zu erwarten. Dieses liegt fest begründet in der Treue, dem Gehorsam und der Liebe seiner Untertanen. Ich habe den Ausdruck nicht für bedenklich ansehen können. Der König und sein Volk ist ein schönes Wort, dessen Sinn in der Zeit der großen Ereignisse sich auf das herrlichste bewährt hat. Eine ständische Repräsentation bleibt immer eine Repräsentation des Volks. Wäre dieses nicht der Fall, so würden alle Untertanen, welche nicht so glücklich sind ein Grundbesitztum zu haben, gewissermaßen außer dem Gesetz sein, welches man doch nicht annehmen kann.« Voß aber erwiderte schroff: »Seine Majestät haben seitdem irgend auf eine Weise nicht zu erkennen gegeben, daß sie jene als Gesetzgeber gegebene Verordnung, in welcher ich ein Versprechen zu finden nicht vermag, so wie sie dasteht, ausgeführt wissen wollten; vielmehr möchte ich auf das Gegenteil schließen.« Damit war ein unheilvolles Wort gesprochen, das bald zum Schlagworte der reaktionären Partei wurde und nach einem Vierteljahrhundert sich schwer bestrafen sollte. Als absoluter Monarch war der König unzweifelhaft berechtigt, die Verordnung vom 22. Mai durch eine neue Verordnung förmlich aufzuheben; aber solange er sich dazu nicht entschloß, blieb er an sein Versprechen gebunden. Und eine feierliche Zusage enthielt jene Verordnung allerdings; das zeigte der Wortlaut sowie die bestimmte Versicherung Hardenbergs, der die Verordnung selbst verfaßt und die Willensmeinung des Königs darüber eingeholt hatte. Welch eine Verwirrung aller Rechtsbegriffe mußte entstehen, wenn man jetzt begann, diese klaren Tatsachen zu verdunkeln und die ungeheuerliche Behauptung aufstellte, es stehe der Krone frei, die Verordnung vom 22. Mai nicht aufzuheben und doch sie nicht zu befolgen! Aber sollte nicht mindestens die frühere Zusage wiederholt und den Provinzialständen das Wahlrecht für die künftigen Reichsstände nochmals feierlich versprochen werden? Vincke sprach eifrig dafür. Selbst Ancillon stimmte ihm hier bei, weil dadurch der allein wahre Grundsatz der abgestuften Wahlen im voraus anerkannt und »der Glaube an die künftige Herstellung der allgemeinen Reichsstände belebt würde, wir müssen nie vergessen,« fuhr er fort, »daß die allgemeinen Stände von Sr. Majestät förmlich versprochen sind, daß auch die Besseren sie wünschen, daß wir gleich den Grundbau mit Beziehung auf sie aufführen müssen, und daß bei der großen Wirksamkeit, die wir den Provinzialständen einräumen, die allgemeinen um so notwendiger mit der Zeit werden müssen, da sie allem ein gesetzmäßiges Ausgleichungsmittel der oft entgegengesetzten Provinzialmeinungen darbieten«. Voß hingegen erklärte kurzab, man dürfe »dem gesetzgebenden Willen nicht vorgreifen«; Wittgenstein und Allbrecht stimmten ihm zu. Man einigte sich endlich (21. Mai) über ein schwächliches Kompromiß: das neue Gesetz sollte weder der Verordnung vom 22. Mai noch des Wahlrechts für den Reichstag gedenken, doch dafür aus jener entscheidenden Kabinettsorder vom 11. Juni 1821 den Satz aufnehmen, welcher aussprach, das Wann und Wie der Reichsstände bleibe »Unserer landesväterlichen Fürsorge vorbehalten«. Welch ein Mißgriff! Das Gesetz befahl nicht, es versprach nicht einmal, es stellte nur mit schwankenden Worten in Aussicht, daß vielleicht dereinst Reichsstande erscheinen könnten! Die unbestimmte, vieldeutige Redewendung gab dem Zwiespalt, der unter den Gesetzgebern selber herrschte, einen getreuen Ausdruck. Voß und Wittgenstein wollten überhaupt keinen Reichstag, während der Kronprinz, Ancillon und die beiden Präsidenten noch immer daran festhielten. Dem Prinzen schwebte der Gedanke vor, daß die Monarchie in ihrem ständischen Leben denselben langsamen Entwicklungsgang zur Einheit durchmessen sollte, den ihre Verwaltung bereits vollendet hatte. Und doch überkam ihn immer wieder der Zweifel, ob der Lauf der Geschichte sich also meistern lasse. Im Oktober, lange nachdem die Kommission schlüssig geworden, verlangte er Steins Gutachten über die Provinzialstände und fragte den Freiherrn zugleich in einem schönen, warmherzigen Briefe, ob die Reichsstände gleichzeitig mit den Provinzialständen oder unmittelbar nachher oder erst nach längerer Erfahrung erscheinen sollten. Der Brief kam zur unglücklichen Stunde. Stein war gereizt und verstimmt, er hatte sich schon allzutief eingelassen in die altständische Parteibewegung, die nach ihrem innersten Wesen den Reichsständen zuwiderlief. Er ermahnte den Prinzen zwar zum Vertrauen auf dies brave, treue, besonnene Volk; aber statt dem Schwankenden die schleunige Berufung der Reichsstände ans Herz zu legen, gab er ganz gegen seine Art eine halb ausweichende Antwort und begnügte sich mit der Bemerkung, die Provinzialstände böten immerhin eine nützliche Vorübung, um Erfahrungen zu sammeln für den Reichstag. Kein Zweifel, daß dieser unselige Spruch aus solchem Munde sehr tief eingewirkt hat auf das Urteil des Prinzen. Unter allen Staatsmännern der Zeit hat allein Humboldt die planlose Unklarheit des ganzen Unternehmens klar durchschaut. Er blieb dabei, daß man die Arbeit an den Teilen nicht beginnen dürfe ohne einen Plan für das Ganze; und wie verkehrt, den Bau in der Mitte anzufangen, statt bei den Grundlagen, den Kreisen und Gemeinden! Sodann erhob sich eine Formfrage, welche den tiefen Gegensatz der Parteien grell zutage treten ließ. Sollten die allgemeinen Grundsätze über die Einrichtung der Provinzialstände in einem Gesetze für die gesamte Monarchie verkündigt und dann die Detailbestimmungen über die Stimmenzahl und dgl. durch Spezialgesetze für jede einzelne Provinz festgestellt werden? Oder sollte jede Provinz ihre eigene Verfassungsurkunde erhalten? Offenbar sprach die Natur der Dinge wie die alte preußische Tradition für die erstere Form, die auch von den beiden Präsidenten lebhaft verteidigt wurde. Man war ja entschlossen, allen Provinzen eine im wesentlichen gleichförmige Verfassung zu geben; für die geringfügigen Abweichungen von der Regel genügten kurze Spezialgesetze. Aber die historische Doktrin verwarf alles, was einer preußischen Verfassung auch nur ähnlich sah. »Ein solches allgemeines Gesetz«, meinte Ancillon, »würde den modischen, papierenen, aus dem Stegreif erschaffenen Verfassungen, als etwas ganz Neuem, ähnlich sein; jede Provinz soll ihre eigene vollständige Charte erhalten, eine Ehre und Wohltat, die eine jede gewiß hoch erfreuen werden.« Noch bestimmter schrieb Schuckmann: »Ein allgemeines Gesetz würde als die in der Verordnung vom 22. Mai angekündigte Verfassungsurkunde betrachtet werden und aus diesem Gesichtspunkte den bittersten Urteilen bloßgestellt sein.« Zuletzt kam wieder ein Kompromiß zustande, im wesentlichen der Meinung des historischen Partikularismus entsprechend. Ein allgemeines Gesetz von wenigen Zeilen, das niemand für eine Verfassungsurkunde halten konnte, verkündigte die Errichtung der Provinzialstände; darauf folgten acht umfängliche Provinzialverfassungen, welche, bis auf kleine Abweichungen, achtmal dieselben Sätze wiederholten, und diese »Charten«, mit Ancillon zu reden, standen leider auch auf Papier! Und waren es denn wirklich die historischen Landtage, die man wiederherstellte? Solange es nur galt, die Pläne des Staatskanzlers zu durchkreuzen, war es ein leichtes, für die unantastbaren Rechte althistorischer ständischer Verbände sich zu begeistern. Sobald man selber an das Schaffen ging, drängten sich die Bedürfnisse des modernen Staats auch den historischen Doktrinären unabweisbar auf. Die Geschichte des neuen Jahrhunderts forderte ihr Recht von der älteren Geschichte. Alle Institutionen des Staates hingen fest mit der neuen Provinzialeinteilung zusammen, vornehmlich das Steuersystem. Der Anteil der Altmark an der Klassensteuer war bereits in der Gesamtsteuersumme der Provinz Sachsen verrechnet; riß man nun, nach dem »historischen Prinzip«, die altmärkischen Stände aus dem Sächsischen Provinziallandtage heraus, um sie dem Brandenburgischen einzufügen, wie sollten dann die brandenburgischen Provinzialstände für die Repartition der altmärkischen Steuern sorgen? Schon die Verordnung vom 30. April 1815 hatte die provinzialständischen Angelegenheiten für Provinzialsachen erklärt und sie der Aufsicht der Oberpräsidenten unterstellt. Darin lag keineswegs Willkür; denn die neuen Provinzen durften mit besserem Recht historische Körper heißen als die alten Territorien, sie ruhten auf der lebendigen Gemeinschaft der Stammesart und Sitte, der Erinnerungen und des Verkehrs. Mit diesen neuen acht Provinzen mußten die ständischen Körper sich decken, wenn nicht eine Kluft entstehen sollte zwischen der Verfassung und der Verwaltung. Dicht vor Augen stand ja das abschreckende Beispiel Hannovers, wo Verwaltungsbezirke und ständische Provinzen in wirrem Gemenge lagen. In solchem Sinne sprachen Vincke, Schönberg und, als erfahrener Verwaltungsbeamter, sogar Schuckmann. Ancillon dagegen hielt für wünschenswert, daß die moderne Verwaltung vielmehr ihre Provinzen wieder nach den altständischen einrichte. Zum Glück ward die Hohlheit dieses doktrinären Einfalls sofort handgreiflich nachgewiesen, da die engere Vaterlandsliebe nochmals ihre Bitten und Beschwerden vor den Thron brachte. Die schlesischen Einberufenen verlangten den Schwiebuser Kreis für ihre Provinz zurück; unter den westfälischen Notabeln sprachen Merveldt und Hövel für die Herstellung der alten Territorien. Der zu Neumark geschlagene Lebusische Kreis, die Heimat des alten Marwitz, bat um Wiedervereinigung mit der Kurmark. Der Kreis Schivelbein, tief in Hinterpommern gelegen, doch vormals zur Neumark gehörig, forderte die Rückkehr zum alten Vaterlande; die benachbarten Dramburger Stände aber, die sich genau in derselben Lage befanden, beteuerten dem Kronprinzen, sie wollten bei Pommern bleiben. Am lautesten klagten die treuen Altmärker; sie schrieben dem König: »Die Trennung der Altmark, des ältesten Bestandteils der glorreichen preußischen Monarchie, von den übrigen Marken hat zugleich mit der Losreißung von der Monarchie selbst stattgefunden, darum bitten wir, auch das Andenken daran auszulöschen.« Die kurmärkischen Notabeln dagegen wünschten die Altmark nicht wieder aufzunehmen, die sächsischen wollten sie nicht aus ihrem Provinziallandtage ausscheiden sehen. Die offenbare Unmöglichkeit, allen diesen widersprechenden partikularistischen Wünschen zugleich zu genügen, und das gebieterische Bedürfnis geordneter Verwaltung zwangen die Kommission endlich doch, die ständischen Landschaften im wesentlichen den Grenzen der neugebildeten Provinzen einzufügen. Nur das Stammland der Monarchie sollte in seiner alten historischen Herrlichkeit wiederhergestellt werden: die Altmark und die pommerschen Teile der Neumark traten wieder in den Verband der brandenburgischen Provinzialstände; mit ihnen freilich auch Jüterbog und die Niederlausitz, die niemals zu den Marken gehört hatten. Also haben die Verehrer des historischen Prinzips in Wahrheit nicht eine Restauration der alten Stände vollzogen, sondern acht völlig neue ständische Körper geschaffen. Um den Partikularismus zu entschädigen, wollte die Kommission den althistorischen Territorien das Recht der Itio in partes geben: jeder Provinziallandtag sollte in Teile gehen, sobald ein Landesteil sich in einem besonderen Interesse gefährdet glaube. Auf Schönbergs Antrag wurde diese gefährliche Befugnis abgeschwächt zu einem einfachen Beschwerderecht für den bedrohten Landesteil. Die »Kommunalverfassungen« der einzelnen Territorien hingegen sollten bis auf weiteres unverändert fortdauern. Doch nur in der Alt-, Kur- und Neumark, in den beiden Pommern und den beiden Lausitzen sind die alten Landtage als Kommunallandtage wieder aufgelebt. In allen andern Provinzen verschwanden die Trümmer ausländischen Sonderlebens spurlos vor den neuen Provinzialständen, die Toten begruben ihre Toten. Der Markaner trat mit dem Paderborner, der Magdeburger mit dem Thüringer willig zur politischen Arbeit zusammen. Wer hellen Blicks verfolgte, wie rasch der Gegensatz der Landschaften innerhalb der Provinzen sich ausglich, der mußte erkennen, daß dies Volk fähig war, den vollen Segen des Einheitsstaates zu ertragen. Ebenso unmöglich wie die Wiederherstellung der historischen Territorien war die einfache Erneuerung der alten ständischen Gliederung. Die Provinzialstände wurden, so sagte das Gesetz, »im Geiste der älteren deutschen Verfassungen« errichtet, sie waren das »gesetzmäßige Organ der verschiedenen Stände Unserer getreuen Untertanen«. Oftmals hat in späteren Tagen König Friedrich Wilhelm IV. ihnen eingeschärft, sie seien »deutsche Stände im altherkömmlichen Wortsinne, d. h. vor allem und wesentlich Wahrer der eigenen Rechte, der Rechte der Stände, sie sollten ihren Beruf nicht dahin deuten, als seien sie Volksrepräsentanten«. Das Gesetz hielt streng darauf, daß jeder Gewählte wirklich seinem Stande und seinem Wahlbezirke angehörte, gab den Ständen sogar das heillose Recht der Itio in partes . Gleichwohl waren die Provinzialstände nichts anderes als eine einseitig verbildete moderne Interessenvertretung. Da die alten ständischen Korporationen überall vernichtet waren, so konnte man auch die Erwählten nicht an die Aufträge, ihres »Standes« binden; die Abgeordneten stimmten, wie Volksvertreter, nach persönlicher Überzeugung. Die geringe Kopfzahl der Landtage verhinderte auch die von Stein geforderte Errichtung ständischer Kurien; jeder Provinziallandtag beratschlagte in einer Versammlung und faßte gültige Beschlüsse mit einfacher oder Zweidrittelmehrheit aller Stimmen. Und wie war doch in den meisten Provinzen, zur Verzweiflung der antiquarischen Idealisten, selbst die Erinnerung an die alten ständischen Unterschiede gänzlich verschwunden! Wer hätte auch nur daran denken mögen, den Klerus, der doch die Landtage der rheinischen Krummstabslande allein beherrscht hatte, wieder zum ersten Stande zu erheben? Da andererseits die ländliche Selbstverwaltung noch nicht durchgeführt war, mithin die Grundlage für ein billig abgestuftes Wahlsystem noch fehlte, so wurde die Kommission von selbst zu den drei Ständen der Hardenbergschen Entwürfe zurückgeführt – zu einer ständischen Gliederung, die nach der Lage der Dinge unvermeidlich, doch ganz gewiß nicht historisch war. Stein mit seinen westfälischen Freunden forderte, unter leidenschaftlichen Ausfällen gegen die »zerstörende« Richtung des Beamtentums, daß der Adel den ersten Stand bilde; vier Ahnen und Grundbesitz müßten der Regel nach den Zutritt zu der Adelskorporation bedingen. Die Mehrheit der schlesischen Notabeln wünschte nur die adligen Rittergutsbesitzer in den ersten Stand aufzunehmen; den bürgerlichen Rittergutsbesitzern sollten die ständischen Rechte nur kraft besonderer königlicher Verleihung zustehen, auf daß »verdienstlose Glückspilze« dem ersten Stande fernblieben. Überhaupt trat unter den Notabeln der Adelshochmut der Zeit weit härter auf als im Schoße der Kommission. Die ungeheure Umwälzung, die sich in den Besitzverhältnissen des flachen Landes vollzogen hatte, verbot der Kommission, auf solche Begehren einzugehen; man beschloß, alle »Rittergutsbesitzer« ohne Unterschied der Geburt in den ersten Stand aufzunehmen. Der Begriff »Rittergut« war freilich am Rhein ganz unbekannt, auch im Osten so unsicher, daß die sächsischen Notabeln ihn durch einundzwanzig verschiedene Definitionen vergeblich zu erläutern versuchten. Man half aus durch Matrikeln, die in den westlichen Provinzen »auch andere größere Landgüter« aufnehmen sollten. Der erste Stand war mithin eine Vertretung des Großgrundbesitzes. Auf den Vorschlag der Kommission behielt sich die Krone jedoch das Recht vor, den adligen Besitzern großer Fideikommißgüter ein verstärktes Stimmrecht zu gewähren. Dazu in vier Provinzen ein besonderer oberster Stand für die Standesherren und die Domkapitel. Der Satz »das Grundeigentum ist Bedingung der Standschaft« stand schon seit Hardenbergs erstem Entwurfe fest; man führte ihn jetzt so streng durch, daß sogar die Kirche, der doch ein unbestreitbares historisches Anrecht zur Seite stand, keine Vertretung erhielt. Auch für die Wählbarkeit in den Städten wurde Grundbesitz verlangt, und mit Recht zürnte Stein über die Ausschließung der bestgebildeten Kräfte der städtischen Bevölkerung. Die Vorliebe der historischen Romantik für den Adel und die Klassenselbstsucht der adligen Notabeln wurden sodann handelseinig über eine Stimmenverteilung, welche die berechtigten Ansprüche der Städte und der Bauern unbillig verletzte. Die Kommission nahm als Regel an, daß dem großen Grundbesitz die Hälfte, den Städten ein Drittel, den Bauern ein Sechstel der Stimmen gebühre; nur im Westen und in Ostpreußen sollten die unteren Stände stärker vertreten werden, von den 584 Stimmen der acht Landtage kamen 278 auf die Standesherren und Ritter, 182 auf die Städte, 124 auf die Bauern. Die bescheidene Stimmenzahl der Städte entsprach ungefähr dem Verhältnis der Kopfzahl, da die Städte der Monarchie im Jahre 1820 erst 3 Mill. Einwohner umfaßten, neben 8 ¼ Mill. Landbewohnern. Doch sie entsprach mit nichten der Machtstellung, welche die Bildung und die längst über das flache Land verbreiteten Kapitalkräfte der Städte in der neuen Gesellschaft behaupteten; sie zeigte handgreiflich, daß die staatsrechtliche Trennung von Stadt und Land ihren Sinn verloren hatte in dem modernen Verkehrsleben. Noch schwerer war der Bauernstand benachteiligt; galt es doch noch als ein Wagnis, dem neuen Stande irgendeine Vertretung zu geben. Und dieser zurückgesetzte Stand trug im Osten ungleich schwerere Steuerlasten als die Ritterschaft! Aus den Reihen der Notabeln erhob sich kein irgend lebhafter Widerspruch. Zwar die schlesischen Ritter murrten, sie fanden das Opfer, das man dem Adel zumute, fast zu groß; aber nur ein Bürgermeister aus dieser Provinz wagte für die unteren Stände eine stärkere Stimmenzahl zu verlangen, und die Bauernschaft war ja gar nicht vertreten unter den Notabeln. Schönberg dagegen forderte nachdrücklich für jeden Stand ein Drittel der Stimmen, er trug diese Ansicht während der Ferien nochmals brieflich dem Kronprinzen vor und beruhigte sich erst, als man ihm vorstellte, daß der Bauernstand, vornehmlich in den Marken, erst in der Entwicklung begriffen sei, seine Interessen mit denen des Adels meist zusammenfielen, und ihm im Notfall noch die Itio in partes offenstehe. Zudem sollte die Stimmenzahl der Bauern »nach Zeit und Umständen« erhöht werden. Doch diese Zeiten und Umstände konnten niemals erscheinen. Der Gesetzgeber selber gewöhnte den Adel, seinen Einfluß nicht auf die schweren Pflichten der Selbstverwaltung, sondern auf die bequeme Ausbeutung des ständischen Stimmrechts zu stützen; wie durfte man erwarten, daß der herrschende Stand der Provinziallandtage freiwillig auf die Macht der Mehrheit verzichten würde? Der politische Fehler, der in dem vorläufigen Aufgeben der Reichsverfassung lag, rächte sich am schwersten bei der Beratung über die Befugnisse der Provinzialstände. Der Kronprinz hoffte mit der ehrlichen Begeisterung der Jugend, ein reiches vielgestaltiges Leben im Schoße seiner historischen Stände erblühen zu sehen. Auch Voß, Ancillon, Vincke und Schönberg wollten keineswegs die Stände zur Ohnmacht verdammen. Nicht böser Wille, sondern die unerbittliche Konsequenz des verfehlten Grundgedankens zwang den Ausschuß, der Macht der Stände enge und doch unbestimmte Schranken zu setzen, war die Krone fest entschlossen, die Reichsstände den Provinzialständen auf dem Fuße folgen zu lassen, so mußten letztere ausschließlich auf die Provinzialangelegenheiten angewiesen werden, und man konnte ihnen unbedenklich auf diesem ihrem natürlichen Gebiete sehr wirksame Rechte einräumen. Jetzt, da jene entscheidende Frage in der Schwebe blieb, erschien auch das Selbstverständliche zweifelhaft. Die Verordnung vom 22. Mai und das Staatsschuldenedikt verhießen den Reichsständen bestimmte Rechte, den Provinzialständen gar nichts. Schönberg verfiel nun in guter Absicht auf den Vorschlag, daß die den Reichsständen zugesagten Rechte vorderhand, solange kein Reichstag bestehe, von den Provinzialständen ausgeübt werden sollten. Natürlich nicht alle jene verheißenen Rechte; die Zustimmung der acht Provinziallandtage zu der Aufnahme von Staatsanleihen konnte nur ein Tor fordern. Nur das Recht der Beratung über alle Gesetze, »welche Veränderungen in Personen- und Eigentumsrechten und in den Steuern zum Gegenstände haben,« sollte jedem Provinziallandtage zustehen, »soweit sie die Provinz betreffen«. Ancillon sah diesmal schärfer. Er warnte: »Durch eine solche Dotation der Provinzialstände wird man in der öffentlichen Meinung die künftigen allgemeinen Stände dermaßen schon berauben und enterben, daß sich daraus ergibt, die letzteren sollten nie stattfinden.« Die Kommission nahm trotzdem den Antrag an, in der arglosen Meinung, die bescheidene Befugnis zur Beratung könne wenig schaden. So erhielten die Provinzialstände ein hochgefährliches Recht, das ihre Macht nicht vermehrte, doch die Tätigkeit der Gesetzgebung ins Stocken brachte. Die achtfache Beratung mit ständischen Körpern, welche jedes allgemeine Gesetz nur vom Standpunkte des Provinzialinteresses beurteilten, wurde in der Tat »eine Schraube ohne Ende«, wie Savigny im Jahre 1846 klagte. Während oft die rechte Hand allzu reichlich spendete, kargte die linke. Steins Gutachten verlangte für die Stände durchaus das Recht entscheidender Mitwirkung bei allen Provinzialsteuern und Provinzialgesetzen; der tapfere Freiherr blieb bei seiner alten Meinung, daß beratende Stände in ruhiger Zeit nichts leisten, in bewegter den Versuchungen des Aufruhrs schwerlich widerstehen würden. Die Kommission ging zuerst auf den Vorschlag ein. Nachher erwachten doch berechtigte Zweifel. Solange das Gegengewicht des Reichstags fehlte, waren mächtige Provinzialstände eine Gefahr für die Staatseinheit; unmöglich konnte man ihnen überlassen, ob sie eine Last selber tragen oder sie auf den Staat abwälzen wollten. Daher wurde ihnen schließlich auch für Provinzialsachen nur das Recht der Beratung zugestanden. Selbst die Befugnis, in Sachen der Provinz Bitten und Beschwerden vor den Thron zu bringen, mußte zu unfruchtbaren Kompetenzstreitigkeiten führen, solange der allgemeine Landtag nicht bestand. Denn in diesem festgeschlossenen Einheitsstaate griff fast jede Sorge, welche einen Landesteil bedrückte, über die Grenzen der Provinz hinaus. Alles in allem erhielten die Provinzialstände, die man für althistorisch ausgab, eine Kompetenz, welche nur wenig hinausging über die Befugnisse der Napoleonischen Generalräte, dieser Musterschöpfungen nivellierender Bureaukratie. Wie diese standen sie dem Staatsbeamtentum nur mit unmaßgeblichen Ratschlägen zur Seite. Politische Körper aber, die keine wirkliche Verantwortlichkeit für ihr Tun tragen, verwildern entweder oder sie verfallen in Schlummer. Dagegen erhielten die Provinziallandtage ein beschränktes, aber fruchtbares Gebiet der Selbstverwaltung, das sie bei einiger Rührigkeit leicht erweitern konnten, zugewiesen: »die Kommunalangelegenheiten« der Provinzen, die Sorge für Armenwesen, Straßenbau, Irrenhäuser und andere gemeinnützige Anstalten, wurden ihren Beschlüssen überlassen, unter Vorbehalt königlicher Genehmigung. Noch weit folgenreicher aber ward die Zusage, daß die Reform der Kreis- und Gemeindeordnung nur unter Mitwirkung der Stände, für jede Provinz besonders, stattfinden solle. Das war der Triumph des ständischen Partikularismus. Die Anhänger der historischen Doktrin rühmten als einen Vorzug des preußischen Verfassungsplanes, daß er auf »organische Entwicklung« rechne, den Ständen selber den Ausbau ihrer eigenen Institutionen anheimgebe, im erfreulichen Gegensatze zu dem engherzigen bureaukratischen Geiste der süddeutschen Konstitutionen. Der Versuch Hardenbergs und Frieses, das gesamte Gemeindewesen der Monarchie gleichmäßig zu ordnen, hatte sich als so ganz verfehlt erwiesen, daß jetzt der entgegengesetzte Plan kaum noch einen Widerspruch in der Kommission fand. Und doch berührte diese Frage die Grundlagen des gesamten Staatslebens. Indem die Krone das Kreis- und Gemeindeleben acht ständischen Körperschaften preisgab, verzichtete sie auf ein unveräußerliches Recht der Staatsgewalt; sie ließ die ständische Selbstsucht schalten auf einem Gebiete, das nur durch eine die Klasseninteressen kraftvoll bändigende Macht mit Gerechtigkeit geordnet werden kann. Eine Kreisordnung, welche den Interessen der Städte und der Bauerschaft einigermaßen gerecht wurde, ließ sich von dem Beirat solcher Landstände nimmermehr erwarten, vollends die Aufhebung der gutsherrlichen Polizei, diese erste Voraussetzung jeder ernstlichen Reform des Landgemeindewesens, war fortan unmöglich. Daß die Rechte der Standschaft an das christliche Bekenntnis geknüpft wurden, schien den Zeitgenossen selbstverständlich; nur wenige Stimmen unter den Notabeln (unter den schlesischen eine einzige) sprachen dawider. Ancillon gab sich sogar der harmlosen Hoffnung hin, die Juden würden, von der Standschaft ausgeschlossen, fortan seltener als bisher versuchen, christliche Grundherren auszuwuchern. Über die Zahlung von Diäten war alle Welt einig; die Selbstsucht der besitzenden Klassen stimmte hier überein mit der alten bureaukratischen Gewohnheit und mit den heiligen Glaubenssätzen des vulgären Liberalismus. Die Öffentlichkeit der Verhandlungen, die allerdings für Provinziallandtage nicht unbedingt notwendig ist, schien selbst einem Niebuhr und Gneisenau schreckhaft und gefährlich; in der Kommission galt sie von Haus aus für unannehmbar, auch die Notabeln bestanden nicht darauf. – Als die Arbeit der Kommission beendet war, gab ihr Haller öffentlich seinen Segen und verkündete – was glücklicherweise nicht zutraf –, nunmehr sei die alte Begrenzung der vom Hause Brandenburg allmählich erworbenen Besitzungen wiederhergestellt. ›Diese Verordnung‹, schrieb er zufrieden, ›ist wesentlich antirevolutionär und restaurierend, eine Rückkehr zur natürlichen Ordnung der Dinge.‹ Niebuhrs geistvoller Freund Deserre aber meinte bedenklich: wie seltsam, daß die jüngste der großen Monarchien ihre Provinzialstände freiwillig wiederherstelle, während sie fast in allen andern Großstaaten untergegangen seien! Und in der Tat stand es in grellem Widerspruche mit allen Traditionen Preußens, daß dieser Staat, der sich immer nur durch das kräftige Zusammenfassen seiner Macht hatte behaupten können, jetzt einer romantischen Doktrin zuliebe seine zentrifugalen Kräfte selber wachrief. Gleichwohl erwiesen sich die Hoffnungen der Altständischen bald als ebenso irrig, wie die Schadenfreude jener föderalistischen Toren, die schon den Tag kommen sahen, da der künstliche Bau des preußischen Staates wieder urwüchsiger Zersplitterung anheimfallen würde, was war denn im Grunde das Ergebnis dieser langen Kämpfe? Der Versuch, den in der Verwaltung schon vollendeten Einheitsstaat auch in die Verfassung einzuführen, war einfach gescheitert. Das alte Verhältnis, das schon im achtzehnten Jahrhundert bestanden, stellte sich in modernen Formen vorläufig wieder her: in den Provinzen ständische Körper ohne Macht und Leben, über ihnen eine Staatsgewalt, die alle aufstrebenden Kräfte des Gemeinwesens in sich vereinigte. Die errungene Staatseinheit ward mit nichten aufgelockert, es gelang nur für diesmal nicht, sie zu verstärken. Ein Gewirr halbselbständiger Kronländer, wie in dem belobten Österreich, konnte in diesem Staatsbau, der durch die festen Klammern moderner Verwaltung zusammengehalten wurde, unmöglich entstehen. Die ohnmächtigen Provinziallandtage vermochten nur wenig zu leisten, aber auch den Werdegang der praktischen deutschen Einheit nicht zu hemmen. Die unverwüstliche Gesundheit dieses Staates ließ das Fieber des Partikularismus nicht aufkommen. Verwaltung und Wehrpflicht, Verkehr und Unterricht verbanden die Bewohner der Monarchie zu treuer Gemeinschaft, zerstörten in stiller Arbeit alle die Kräfte des Widerstandes, welche der Einheit des deutschen Staates noch im Wege standen. Als endlich nach einem Vierteljahrhundert die Provinzialstände zum vereinigten Landtag zusammentraten, da versammelten sich um den Thron nicht die Vertreter von acht Provinzen, sondern die Bürger eines Staates, die Söhne eines Volkes. Der alte Haß der Landschaften war vernichtet. (236–248.) Die Großmächte und die Trias Verhandlungen des Bundestags über die Bundeskriegsverfassung Unter solchen Umständen konnten die Verhandlungen über das Bundesheerwesen nur ein ekelhaftes Bild deutscher Zerrissenheit bieten, das den häßlichen Erinnerungen des Regensburger Reichstags keineswegs nachstand. Am 9. April 1821 einigte sich der Bundestag endlich über die ›Allgemeinen Grundrisse der Deutschen Kriegsverfassung‹ und am 11. Juli 1822 über die »Näheren Bestimmungen« dazu, so daß fast sechs Jahre nach der Eröffnung der Bundesversammlung die Grundlagen des Heerwesens auf dem Papiere fertig standen. Das Ergebnis war, da Österreich seinen Einfluß nicht gebrauchen wollte, eine gründliche Niederlage für Preußen, ein vollständiger Sieg der kleinen Königreiche. Das Bundesheer sollte etwa 300 000 Mann stark sein; davon stellte Österreich drei Armeekorps, 95 000 Mann. Preußen, das mit drei Vierteln seiner Bevölkerung dem Bunde angehörte, durfte nur ein Drittel seines Heeres, drei Korps mit 80 000 Mann, stellen; so blieb den Kleinen die Genugtuung, daß sie selber mehr Bundestruppen als jede der beiden Großmächte – vier Korps mit reichlich 120 000 Mann – in den Tabellen aufweisen konnten. Das siebente Korps war bayrisch, das achte umfaßte die übrigen süddeutschen Staaten, das zehnte Hannover und die Kleinstaaten Niederdeutschlands; diese Truppenkörper mochte man auf der Landkarte zur Not für eine Einheit halten. Damit aber der König von Sachsen sich ebenfalls den Besitz eines Korpsgenerals gönnen konnte, wurde noch ein wundersames neuntes Armeekorps ausgeklügelt, das die Truppen von Sachsen, Thüringen, Kurhessen, Nassau und Luxemburg umfassen sollte – eine Kriegsmacht, welche sich natürlich niemals auch nur zu einem Manöver zusammenfand. In ihrem Eifer für die föderalistische Gleichheit hatten Wangenheim und seine Freunde alle Vorbedingungen militärischer Ordnung und Schlagfertigkeit absichtlich zerstört. Die beiden Hauptsätze dieser Kriegsverfassung, die Artikel 5 und 8 lauteten: Kein Bundesstaat, der ein eigenes Armeekorps stelle, dürfe andere Truppen mit den seinigen verbinden, und selbst der Schein der Suprematie eines Bundesstaates über den andern solle vermieden werden. Damit war jede Möglichkeit verloren, die haltlosen Kontingente der kleinsten Staaten zu einigermaßen brauchbaren Heerteilen auszubilden. Die Stärke des Bundesheeres, eins vom hundert der Bevölkerung, reichte gegenüber den Streitkräften Rußlands und Frankreichs schlechterdings nicht aus und mußte im Verlaufe eines langen Krieges völlig ungenügend werden, weil die Ersatztruppen nicht mehr als 1/6, im äußersten Falle ½ Prozent der Bevölkerung betragen durften; das ganze System beruhte auf der Erwartung, daß Preußen freiwillig dreimal mehr als seine Bundesgenossen leisten würde. Der im Kriegsfalle vom Bundesstaate – das will sagen: durch die Mittelstaaten – gewählte Bundesfeldherr entbehrte jeder Selbständigkeit, da ihm Vertreter der verschiedenen Kriegsherren zur Wahrung der Interessen ihrer Kontingente beigegeben wurden; um ihn vollends zu lähmen, beantragten Württemberg und Bayern sogar, diesmal doch vergeblich, daß er seinen Kriegsplan vorher der Bundesversammlung vorlegen müsse. Dann stritt man, ob außer dem Feldherrn auch sein Generalleutnant und sein Generalquartiermeister dem Bunde vereidigt werden sollten. Wenn der Stoff des Gezänks auszugehen drohte, so warf Wangenheim die beliebte Frage auf, ob im vorliegenden Falle Einstimmigkeit oder einfache Mehrheit erforderlich sei? – oder die noch fruchtbarere: wer eigentlich an der Verschleppung des Geschäfts schuld sei? Wurde diese Saite angeschlagen, dann waren die Streitenden immer einig, dann versicherten alle mit der gleichen Entrüstung: »Der Diesseite kann die Verzögerung auf keine Weise zur Last kommen.« Dazwischen hinein spielte noch der Streit um die Bundesfestungen. Obgleich die Besatzungsverhältnisse von Mainz und Luxemburg längst durch europäische Verträge bestimmt waren, so erhob Wangenheim doch das Bedenken: der Bund habe an jenen Verträgen keinen Teil genommen und brauche mithin die beiden Bundesfestungen auch nicht zu übernehmen; mindestens müsse die Ernennung des Gouverneurs in Friedenszeiten dem Landesherrn der Festungsstadt überlassen werden, da ein »fremder Oberbefehl« für einen deutschen Souverän allzu lästig sei. So währte denn in Mainz und Luxemburg der bisherige provisorische Zustand noch immer fort, und die Festungswerke verfielen zusehends. Im Jahre 1822 wurde die Bodenaufnahme für die Bundesfestung Rastatt vollendet, zwei Jahre darauf der vollständige Festungsplan an die Militärkommission eingereicht; doch alles blieb liegen, weil man noch immer nicht wußte, ob Rastatt oder Ulm oder beide Festungen zugleich befestigt werden sollten. Für Landau verwendete Bayern in den Jahren 1816–30 nur 1 Million Gulden, für Germersheim, das ebenfalls Bundesfestung werden sollte, gar nur 167 000 Gulden, also noch nicht einmal die Zinsen der ihm ausgezahlten französischen Gelder. Die Preußen, die in diesem Hexensabbat partikularistischer Nichtswürdigkeit allein noch an das Vaterland dachten, hatten ihres Ekels kein Hehl, wie Blittersdorff selbst seinem Hofe gestehen mußte, und Goltz schrieb verzweifelnd nach Berlin: er widerspreche nicht mehr, sonst komme gar nichts zustande. Als nun endlich die Grundzüge der Kriegsverfassung doch vereinbart waren, begann sofort ein neuer Zwist. Da das Gesetz alle Truppengattungen nach der Bevölkerungszahl gleichmäßig auf alle Souveräne verteilte, so ergab sich bald, daß ein großer Teil der deutschen Fürsten nicht imstande war, ein Reiterregiment oder eine Batterie zu stellen, sondern sich mit Truppenteilen begnügen mußte, welche die höfliche Amtssprache des Bundestags mit den wohllautenden Namen »Kavallerie- oder Artilleriekörper« bezeichnete. Der Kavalleriekörper des Fürsten von Liechtenstein bestand aus acht Pferden. Solche Heersäulen schienen doch selbst den Strategen des Bundestags bedenklich. Er gestattete daher den allerkleinsten Staaten – denn jeder Zwang gegen die Souveräne wurde grundsätzlich vermieden – durch freie Übereinkunft mit den mächtigeren Genossen ihres Armeekorps für die Stellung dieser Spezialwaffen zu sorgen. Da erhob jedoch der Herzog von Oldenburg geharnischten Widerspruch. In einer langen Denkschrift führte er aus: Für große Staaten sei die Erhaltung einer starken Heeresmacht eine »Selbstbefriedigung«, ein Mittel, ihr eigenes politisches Ansehen zu sichern, für kleine nur eine passive Pflicht; auch werde niemand leugnen, daß ein kleines Kontingent im Kriege »das Opfer eines Augenblicks« werden könne, was sich von dem preußischen Heere nicht behaupten lasse; da mithin das Vergnügen für die Kleinen geringer, die Gefahr größer sei, so verlangte er als sein gutes Recht, daß ihm seine Last erleichtert und die Stellung eines ungemischten Infanteriekorps gestattet würde. Der Landgraf von Homburg war der entgegengesetzten Ansicht. Er sollte 29 Reiter, 2 Pioniere, 3 reitende und 11 Fußartilleristen zum Bundesheere stellen und bestand darauf, diese Truppenmacht in unverfälschter Homburgischer Ursprünglichkeit zu liefern, weil eine Vertretung durch einen fremden Souverän kostspieliger sein und überdies das Homburgische Geld »in das Ausland« locken würde. Nassau dagegen beanspruchte das Vorrecht, nur Fußvolk und Artillerie zu stellen, und da Metternich diesen Wunsch seines Freundes Marschall unter der Hand unterstützte, so hielt sich Wangenheim verpflichtet, leidenschaftlich zu widersprechen: wolle man etwa, so fragte er, die Bundesstaaten der andern Armeekorps, Nassau zuliebe, nötigen, das neunte Korps durch Reiterei zu verstärken? würden dort »diese fremden Truppen immer mit der gleichen Aufmerksamkeit, Schonung und Liebe behandelt werden«, wie die Soldaten des neunten Korps selber? So ging es weiter, ein endloser, heilloser Streit, der die Tatkraft der Militärkommission so vollständig in Anspruch nahm, daß in den Jahren 1822-30 kein irgend nennenswerter Beschluß über die Organisation des Bundesheeres mehr zustande kam. Erst als durch die Pariser Julirevolution die Gefahr eines französischen Krieges näher gerückt ward, ermannte sich der Bundestag am 9. Dezember 1830 zu dem verständigen Beschlusse, die allerkleinsten Kontingente, von Weimar abwärts, zu einer für den Festungsdienst bestimmten Reserve-Infanteriedivision zu vereinigen; freilich blieb es sehr zweifelhaft, ob die Bückeburger und die Reußen im Kriegsfalle rechtzeitig in die rheinischen Festungen gelangen würden, von gemeinsamen Truppenübungen, von irgendeiner festeren Verbindung zwischen den Kontingenten der Armeekorps war in Friedenszeiten gar nicht die Rede; nur die Staaten des achten Armeekorps trafen einige, ganz ungenügende, Verabredungen über gleichmäßige Bewaffnung sowie über die Ernennung des Kommandierenden Generals – natürlich nicht ohne mannigfachen Streit, denn es währte lange, bis Württemberg und Baden sich herbeiließen »die schwächste Macht«, Darmstadt als gleichberechtigt anzuerkennen. Ein Kartell für wechselseitige Auslieferung der Fahnenflüchtigen war verheißen; doch die Abstimmung dauerte fünf Jahre, von 1820-25; dann blieb wieder alles liegen, bis endlich im Jahre 1831 ein Beschluß zustande kam, der aber so mangelhaft ausfiel, daß die Zweifel und Beschwerden kein Ende nahmen. Über die Verpflegung des Bundesheeres konnte man sich während eines vollen Menschenalters nicht einigen. Die deutschen Fürsten besaßen nunmehr eine Kriegsherrlichkeit, wie sie ihnen so unbeschränkt noch niemals zugestanden hatte, und unterstützt durch ihre haushälterischen Landtage mißbrauchten sie dies Recht zu übermäßigen Beurlaubungen, welche manches Kontingent fast bis zur Kriegstüchtigkeit eines Milizheeres herunterbrachten, von den geworbenen Söldnern der Hansestädte bis zu Preußens allgemeiner Wehrpflicht war fast jedes erdenkliche System der Heeresorganisation im Deutschen Bunde vertreten. Nach den gewaltigen Wandlungen, welche das Kriegswesen in den Napoleonischen Zeiten erfahren hatte, waren die kleinen Kontingente des Bundesheeres fast ebenso unbrauchbar wie weiland die Reichsarmee des 18. Jahrhunderts und auch in ihrer äußeren Erscheinung fast ebenso lächerlich. Der einfache militärische Grundsatz, der eine möglichst gleichmäßige Bekleidung der Waffengenossen gebot, wurde geradezu auf den Kopf gestellt. Jeder kleine Kriegsherr suchte »die Nationalität« seiner Truppen zu wahren, indem er sie recht auffällig von den Truppen des Nachbarstaates unterschied, damit der Feind immer genau wissen konnte, wen er vor sich habe; die Erfindung neuer Uniformen wurde bald zu einem Sport, der die zahlreichen Mußestunden deutscher Kleinfürsten vergnüglich ausfüllte. Nur wenige Souveräne folgten dem verständigen Beispiele des Großherzogs von Baden, der seine Truppen nach preußischem Muster kleidete. Die Hannoveraner trugen noch die roten englischen Röcke, die Braunschweiger die dunkle Tracht der Schwarzen Schar; die Darmstädter prangten in kleeblattförmigen Epauletten; eine württembergische Reiterabteilung führte, wohl der russischen Verwandtschaft zu Ehren, Lanzen und Pelzmützen nach Kosakenart; die Bückeburgische Uniform war eine kühne Kombination von bayrischen Raupenhelmen und schwarzen Braunschweiger Röcken; im Königreich Sachsen verfiel man gar auf eine Farbenzusammenstellung, welche vermöge ihrer Scheußlichkeit gegen jede Nachahmung gesichert war: man gab dem beklagenswerten Fußvolk grüne Fräcke und hellblaue Hosen und fügte nachher noch eine Art Zipfelmützen mit Schirmen hinzu. Es schien, als wolle die partikularistische Eitelkeit diese tapferen deutschen Krieger, die unter der Führung preußischer Generale die besten Soldaten der Welt werden konnten, absichtlich dem Gespött preisgeben; für die Frankfurter Gassenbuben war es immer ein Fest, wenn die Bundes-Militärkommission in ihren abenteuerlich buntscheckigen Uniformen zur Parade erschien. Alles in allem bewährte sich dies Werk kleinköniglichen Dünkels und österreichischer Trägheit so jämmerlich, daß fortan jedesmal, wenn ein Kriegsfall drohte, auch sofort die Frage erwogen wurde, wie man die Bundeskriegsverfassung über den Haufen stoßen solle; denn immer, sobald Not an Mann kam, zeigte sich mit überwältigender Klarheit, daß Österreich durch seinen italienischen Besitz, die Mittelstaaten durch ihre Ohnmacht gelähmt waren und nur Preußen die deutschen Grenzen zu verteidigen vermochte. (291-295.) Preußische Zustände nach Hardenbergs Tod Trotz der allgemeinen Wehrpflicht, trotz der Städteordnung und der Provinzialstände blieb Preußen noch immer wesentlich ein Staat des Beamtentums. Ungeheuer war die Macht dieses politischen Standes; mit Einschluß der Offiziere, der Lehrer und der Geistlichen, die nach dem Landrechte noch zu den Beamten gerechnet wurden, umfaßte er nahezu alles, was die Nation an feinerer Bildung besaß, und ergänzte sich beständig durch den Zudrang frischer Kräfte aus allen Schichten der Gesellschaft. Durch das Beamtentum erfuhr die Krone, was im Volke vorging und das Volk, was Rechtens war; denn von dem öffentlichen Rechte des Landes, selbst von solchen Gesetzen, welche jeden unmittelbar angingen, besaß die Masse noch gar keine Kenntnis, sie befolgte, was die Behörden anordneten und beruhigte sich bei dem kindlichen Glauben, der auch selten getäuscht wurde, daß im königlichen Dienste alles mit rechten Dingen zugehe. Mit gutem Grunde sagte man in den Beamtenkreisen: in Preußen macht der Staatsdienst fast die Verfassung selber aus. Im Staatsdienst allein konnte der Ehrgeiz des politischen Talents seine Tatkraft erproben, sehr selten fand sich in den höheren Ständen ein guter Kopf, der nicht einmal auf längere oder kürzere Zeit ein Staatsamt bekleidet hätte. Durch Rechtschaffenheit, pflichttreue, gründliche Bildung übertraf der preußische Beamtenstand in dieser seiner klassischen Epoche jede andere regierende Klasse in Europa. Selber ohne wirtschaftliche Klassenselbstsucht, vermochte er, wie das Königtum, dem er diente, die Interessenkämpfe der bürgerlichen Gesellschaft gerecht und unbefangen zu betrachten. Aber er stand dem Leben zu fern, er gewann in der Stille seiner Amtsstuben nur selten ein vollständiges Bild von den Wünschen und Bedürfnissen des arbeitenden Volks, er vergeudete viel gute Kraft in formenseliger Papiertätigkeit und trug ein Selbstgefühl zur Schau, das den Deutschen draußen im Reich ein Greuel war. Wenn die steifen, sparsamen Berliner Geheimen Räte im Sommer nach Karlsbad oder Ems kamen, um sich von den Plagen des arbeitsreichen Winters zu erholen, dann ärgerte sich der gemütliche süddeutsche Badegast an dem scharf absprechenden Wesen der gestrengen Herren um so gründlicher, da er ihnen die geistige Überlegenheit selten bestreiten konnte. Der Stolz der Beamten stand niemals höher als in diesen Tagen, da ihr Staat in der großen Politik eine so bescheidene Rolle spielte, und vertrug sich sehr wohl mit dem altpreußischen Erbfehler der Tadelsucht. Ganz unleidlich erklang das Selbstlob der Bureaukratie in der Schrift des Regierungsrats Wehnert über den Geist der preußischen Staatsorganisation. Mit dem unfehlbaren Dünkel eines Standes, »der wissenschaftliche Kultur und Erfahrung des Geschäftslebens« in sich vereinigte, sah der gescheite und wohlmeinende Beamte hernieder auf »die öde Pedanterie und die gewagte Spekulation einseitiger Gelehrten«. Er erklärte das Beamtentum für »die eigentliche ideelle Kraft des Volksgeistes« und versicherte herablassend: »der Widerstreit der Verfassungsformen, der heute die Welt erschüttert, geht an Preußen vorüber«; erst wenn die Provinzialstände in ihrem bescheidenen Wirkungskreise die nötige Reife erlangt hätten, wollte er dereinst einmal die Reichsstände berufen sehen. So wenig ahnte man in diesen Beamtenkreisen von der revolutionären Macht der konstitutionellen Ideen. Ein mächtiger Bundesgenosse erstand der bureaukratischen Selbstgenügsamkeit in der Staatslehre der herrschenden Philosophenschule. Fast noch überschwenglicher als die Beamten selbst pries Hegel den Staat der Intelligenz. Er fand in dem preußischen Beamtentum das alte Ideal der Philosophen, die Herrschaft der Wissenden verwirklicht, und nach Schülerart des Meisters Gedanken übertreibend, erwies der Jurist Sietze in den tollen Dithyramben seiner »Preußischen Staats- und Rechtsgeschichte« (1829) geradezu die begriffsmäßige Vollkommenheit der preußischen Verfassung. Da war Preußen »eine Riesenharfe, ausgespannt im Garten Gottes, um den Weltchoral zu leiten«, das preußische Recht die Frucht des Selbstbewußtseins von Europa, die Verkörperung des göttlichen Wortes; zum Schluß die Weissagung: »Preußen wird alle Völker beherrschen, nicht durch Ketten, aber durch seinen Geist.« So wunderliche Verirrungen trieb das Stilleben dieses literarischen Zeitalters hervor: der rüstige Staat, der durch den Schrecken seiner siegreichen Waffen als Störenfried der alten Staatengesellschaft emporgekommen war, sollte als weltbürgerlicher Schulmeister seine Tage friedlich beschließen! Diese harmlose Ansicht von Preußens historischem Berufe, begann auch im Auslande bereits Anklang zu finden. Die liberalen Redner der französischen Kammer pflegten den preußischen Staat, obgleich er ihnen sonst kaum der Beachtung wert schien, als das Musterland ernster wissenschaftlicher Bildung zu feiern. Royer Collard gestand: »Ihr habt die Freiheit des Unterrichts, wir die Freiheit der Presse«, und V. Cousin, den die Torheit der Demagogenverfolger eine Zeitlang in Berlin festgehalten hatte, hielt nach der Heimkehr, der erlittenen Unbill hochherzig vergessend, begeisterte Vorträge über die Wunder der Hegelschen Philosophie und des preußischen Schulwesens.– Die Preußen blickten mit Stolz auf ihren Staat und stimmten aus vollem Herzen ein, als Spontinis mächtige Hymne »Borussia« zuerst auf dem hallischen Musikfeste 1829 erklang. Und doch hatte diese Nation schon längst das Alter erreicht, das der Kämpfe eines freien öffentlichen Lebens bedarf, um seine Kultur gesund zu erhalten. Die gerühmte Bildung des Staates der Intelligenz zeigte der schwächlichen, krankhaften Züge genug. Welch einen seltsamen Anblick boten doch die Zustände der Hauptstadt mit ihrer Fülle edler geistiger Kräfte und ihrem abgeschmackten, kindisch unreifen Philistertum. Selbst nach deutschen Begriffen war Berlin, obwohl der Verkehr beständig wuchs, noch immer eine arme Stadt. Eine Spiegelscheibe in einem Fenster des königlichen Palastes, ein Geschenk des russischen Kaisers, war die einzige in der Residenz und wurde ebenso andächtig bewundert wie das neue Muschelgrottenzimmer in Fuchs' Konditorei Unter den Linden oder die überaus bescheidenen Gaslaternen, die seit 1826 in den Hauptstraßen leuchteten, von dem sozialen Unfrieden der Großstädte blieben diese fleißigen Hunderttausende noch ganz verschont; denn den rohen Soldatenpöbel der alten Zeit hatte die allgemeine Wehrpflicht hinausgefegt, und das Proletariat der Fabriken war erst im Werden. Um die Kämpfe des Völkerlebens bekümmerte sich nur ein kleiner Kreis von Beamten und Gelehrten; der echte Berliner betrachtete den politischen Stumpfsinn geradezu als einen Vorzug seiner »intellektuellen Bildung« und spottete mit jener selbstgenügsamen Ironie, die an der Spree für geistreich galt, über die politische Leidenschaftlichkeit anderer Nationen. Die Zensoren hatten gute Tage, da die drei einzigen politischen Blätter miteinander um den preis saftloser Langweiligkeit wetteiferten; nur die »Staatszeitung« brachte zuweilen einmal einen gründlichen Artikel über die Elbschiffahrt oder die Klassensteuer aus der Feder eines Geheimen Rats. Der Besprechung preußischer Zustände ging das Leibblatt des Bürgers, die »Vossische« ebenso sorgsam aus dem Wege wie die etwas vornehmere »Spenersche Zeitung«. Als beim Einzuge der Braut des Kronprinzen an zwanzig Menschen im Gedränge umgekommen waren, wagte kein Berliner Blatt auch nur der Tatsache zu gedenken, denn wie leicht konnte sich die Polizeibehörde dadurch beleidigt fühlen. Nur die Lokalsatire, die überall im deutschen Stilleben blühte, und der Theaterklatsch erregten die Teilnahme der großstädtischen Leserwelt; und wie kläglich war selbst diese belletristische Plauderei in der Berliner Presse vertreten. Weder der Herausgeber des »Gesellschafters«, F. W. Gubitz, ein kreuzbraver Mann, der in einem langen Schriftstellerleben niemals einen einfachen, fehlerfreien deutschen Satz fertigbrachte, noch der schreibselige Ludwig Rellstab, der gefürchtete, aber gänzlich harmlose Feuilletonist der »Vossischen Zeitung«, konnte sich mit den Kritikern des Stuttgarter »Morgenblattes« irgend vergleichen. Einige Jahre lang trieb auch Saphir in Berlin sein Wesen, ein ungarischer Jude ohne Geist, ohne Geschmack, sogar ohne die gewöhnlichsten Schulkenntnisse, aber von unverwüstlicher Frechheit, ein Meister in der Verfertigung jener faulen Wortwitze, welche nicht zufällig den Namen Kalauer erhalten haben, da der Märker allein unter allen Germanen sie genießbar findet. Mit Saphir zog die geschäftliche, allein auf Geldgewinn berechnete journalistische Betriebsamkeit, die in England und Frankreich längst heimisch war, zuerst in Berlin ein. In zwei Zeitschriften zugleich, dem »Kurier« und der »Schnellpost«, witzelte er über »Theater, Mode, Eleganz und Lokalität« der Hauptstadt, fast noch geistloser als unsere heutigen Witzblätter, und buhlte mit allen Mitteln der Marktschreier um die Gunst »seiner lieben, goldenen Pränumeranten«. Da er vor dem königlichen Hause und den Behörden in tiefster Untertänigkeit erstarb, so erlaubte ihm die Zensur nach Belieben gegen Dichter und Künstler, Sänger und Schauspieler seine Klopffechterkünste zu treiben. Das Publikum aber ließ sich von ihm alles bieten, sogar diese Verse: »Die Dichtkunst weibisch ist, das wißt ihr. Drum Poe-sie sie heißt, nicht Poe-er.« Er war der Held des Tages, das Bild des häßlichen Mannes mit der goldgelockten Perücke hing in allen Schaufenstern; eine reiche Literatur von Flugschriften bekämpfte oder vergötterte ihn, bis er sich endlich durch das Übermaß seiner Händelsucht doch unmöglich machte. Die Lust an lärmendem Streite, die jeder großstädtischen Bevölkerung im Blute liegt, konnte sich nur in solchem Gezänk entladen. Im Theater drückte die Polizei ein Auge zu und ließ es geschehen, daß mißliebige Schauspieler auf der Bühne zu feierlicher Abbitte vor dem souveränen Volke genötigt wurden; Männer wie Callot Hoffmann trugen kein Bedenken, persönlich solche Volksgerichte zu leiten. Leidenschaftlich, als gälte es einen Kampf um die politische Macht, ergriffen die Berliner Partei für und wider, als das Königstädtische Theater eröffnet wurde. Begeisterte Romantiker hofften schon, Berlin werde nun endlich eine Volksbühne erhalten und die deutsche Kunst aus dem Vagabundentum der alten Komödiantenbuden frische Kraft erschöpfen. An Karl von Holtei, dem Improvisator auf dem Papier, wie Goethe ihn nannte, besaß die neue Bühne einen liebenswürdigen, leichtlebigen Poeten, der mit seiner munteren schlesischen Natürlichkeit auf die Berliner Überbildung wohltätig einwirken konnte. Aber die bureaukratische Leitung der Königlichen Schauspiele wollte sich nicht entschließen, die leichte Ware der Possen und Singspiele dem Volkstheater zu überlassen. So begann ein gehässiger Wettbewerb, der beide Bühnen herunterbrachte. Der Skandal ward vollständig, als die schönste aller deutschen Sängerinnen, Henriette Sontag, in der Königstadt die Bretter betrat. Die ganze Stadt geriet in Bewegung; die Neider und die Verehrer der schönen Henriette befehdeten einander in Zeitungsartikeln und Libellen, sogar in Prozessen vor dem Kammergerichte; Hegel selbst stieg aus dem reinen Äther der Idee hernieder, um seinen philosophischen Unwillen über die Schwänke der Königstadt kräftig zu bekunden, und die Buben auf den Gassen pfiffen ein neues Volkslied »Lott' ist tot«, das mit einem geistvollen Scherze über die Spitzenkleider der Demoiselle Sontag und ihren hoffnungslosen Anbeter, den englischen Gesandten Lord Clanwilliam, endigte. Zugleich wogte auf der königlichen Bühne selbst ein unablässiger Kampf zwischen der Generalintendanz und dem Musikdirektor Spontini; Graf Brühl erlag schließlich dem ewigen Ärger, aber auch sein Nachfolger, der kunstsinnige junge Graf Redern, konnte trotz seiner höfischen Feinheit dem Streite mit dem herrschsüchtigen Italiener nicht ausweichen. Mehr als zwanzig Jahre lang behauptete sich der Musiker des Napoleonischen Zäsarenruhms in der Hauptstadt des Volkes, das den entscheidenden Schlag gegen den Bonapartismus geführt hatte, in einer Welt von Feinden, allein gehalten durch die Gunst des Königs und die Meisterschaft eines unbestreitbaren Talents, wenn der hohe hagere Mann, mit Edelsteinen und Spitzenmanschetten pomphaft angetan, die Blitze seiner schwarzen Augen über das Orchester gleiten ließ, dann empfanden alle, daß ein Zug napoleonischer Herrscherkraft in der brütenden Wildheit dieses leidenschaftlichen Gesichtes lag, und mit tadelloser Sicherheit folgte die Kapelle jeder Regung seines Taktstocks. Er fühlte sich stolz als letzter klassischer Vertreter jener alten Prachtoper der Romanen, deren große Zeit nun zu Ende ging. Brachte ihm ein junger Anfänger ein schwächliches Musikstück, dann führte er den Unglücklichen ans Fenster, zeigte hinüber nach der majestätischen Kuppel der Französischen Kirche und sagte erhaben: Mon ami, il vous faut des idées grandes comme cette coupole! Doch unmöglich konnte dieser stolze Fremdling einer Nation genügen, die sich in der Musik längst ihre eigenen Ideale geschaffen hatte. Mit patriotischer Entrüstung stürzte sich die Presse auf ihn, obgleich er unbedenklich Polizei und Zensur, zuweilen sogar ein Machtwort des Königs selber zu Hilfe rief. Die Jugend verlangte nach nationaler Kunst, sie wollte ihren Liebling C. M. von Weber auf dem Stuhle des Kapellmeisters sehen. Als der junge Felix Mendelssohn-Bartholdy in dem neuen schönen Saale, den der König der Singakademie geschenkt hatte, Bachs Matthäus-Passion aufführte, da hätte der Maestro wohl lernen können, daß diese weihevollen vaterländischen Klänge die deutschen Herzen doch ganz anders ergriffen als die Trommelwirbel seines Cortez; aber was kümmerten ihn diese nordischen Barbaren, deren Sprache er niemals recht lernte? – Wie kleinlich erschien dies leichte Geplänkel neben den ernsten Kämpfen, welche das wissenschaftliche Leben Berlins bewegten. Die junge Universität war jetzt wirklich, wie W. Humboldt einst gehofft, die erste Deutschlands; sie hatte Fichte, Niebuhr, K. F. Eichhorn verloren, aber Bopp, Ritter, Ranke und viele andere glänzende junge Talente gewonnen; die schöpferischen Gedanken, welche in der Theologie, der Rechtswissenschaft und auf dem weiten Gebiete der historisch-philologischen Forschung neue Bahnen brachen, gingen großenteils von Berlin aus. Und nun schlug auch die Hegelsche Philosophie an der Spree ihr Lager auf, das letzte der großen philosophischen Systeme, welche wirklich gelebt und die Nation beherrscht haben. Im Bewußtsein eines welthistorischen Berufs hatte Hegel (1818) sein preußisches Amt angetreten: »Auf der Universität des Mittelpunktes muß auch der Mittelpunkt der Wissenschaft, die Philosophie, ihre Stelle finden.« Er widmete sich in Berlin ganz dem Katheder, und ungeheuer war die Wirkung seines lebendigen Wortes. Neben den Studenten saßen auch viele bedeutende Männer aus dem Beamtentum und dem Heere zu des Meisters Füßen und bewunderten die großartige Architektonik eines fest in sich geschlossenen, die ganze Welt umspannenden Gedankenbaues, der, so lange der Grundfehler seiner Anlage unentdeckt blieb, dem Selbstgefühl des denkenden Geistes die höchste mögliche Befriedigung gewährte. Die Philosophie war nicht mehr Liebe zum Wissen, sie wähnte die Weisheit selber zu sein und zog mit maßlosem Hochmut wider das bloß verständige Denken der gemeinen Sterblichen zu Felde; sie wollte in Schleiermachers religiösem Gefühle nur die Willkür des endlichen Subjekts, in den Forschungen der historischen Juristen nur die ideenlose Überschätzung der schlechten Wirklichkeit sehen. In den »Jahrbüchern für wissenschaftliche Kritik« gründeten sich die Hegelianer eine streitbare Parteizeitschrift, zur selben Zeit, da Hengstenberg die Orthodoxen um das Banner seiner »Kirchenzeitung« sammelte; und auch die häßlichen Ränke fehlten nicht, die sich in Deutschland mit jedem Gelehrtenstreit verschlingen. Dem redefertigsten seiner Schüler, dem Todfeinde Savignys, E. Gans, verschaffte Hegel durch die Gunst des Ministers einen Lehrstuhl in der juristischen Fakultät; ihm selber aber verweigerten seine Gegner, kleinlich genug, den gebührenden Platz in der Akademie der Wissenschaften. Zu allen diesen soweit auseinander strebenden Parteien der protestantischen Wissenschaft gesellte sich noch eine rührige kleine Kongregation, wie die Liberalen sie nannten: bei der liebenswürdigen Konvertitin Henriette Mendelssohn kamen Jarcke, Philipps und andere strenge Ultramontane zusammen, deren Einfluß am kronprinzlichen Hofe schon zuweilen fühlbar wurde. Unterdessen fuhr der König fort, seine Hauptstadt zu schmücken, soweit die knappen Mittel langten; kein Jahr verging, wo er nicht – immer ganz in der Stille – ihre Sammlungen vermehrte oder einen Palast, ein Säulentor, ein Standbild stiftete. In dieser Zeit wurde Berlin allmählich eine schöne Stadt, anziehend auch für den Fremden. Die Bibliothek, die erst unter Humboldts Verwaltung ein festes Jahreseinkommen von 3500 Talern erhalten hatte, ward endlich reichlicher ausgestattet und durch außerordentliche Geschenke des Königs so weit gehoben, daß sie in die Reihe der großen Büchersammlungen eintrat; mit ihren älteren Schwestern in München oder Dresden konnte sie sich freilich noch immer nicht von fern vergleichen. Schinkel erlebte jetzt seine glücklichsten Tage. Seit ihm der große Wurf des Schauspielhauses gelungen war, gewann er etwas freiere Hand für seine kühnen Pläne, er erbaute die prächtige Schloßbrücke, ließ das versumpfte Bett des Flusses umgestalten, so daß der einzige ästhetische Reiz, den die karge Natur den Berlinern gewährt hat, der freie Blick über die Wasserflächen zu seinem Rechte kam; und aus dem Morastboden hinter dem Lustgarten erhob sich die festlich heitere Säulenhalle des Museums, ebenso wirksam in ihrer einfachen Schönheit wie die schwere Masse des Schlosses gegenüber. Die innere Einrichtung des Museums leitete W. Humboldt, den der König neuerdings vielfach auszeichnete und zuweilen in seinem Tegel besuchte; als seine Gattin starb, suchte Friedrich Wilhelm den Tiefgebeugten durch diese würdige Beschäftigung zu trösten. Dankbar folgte Humboldt dem Rufe; seit jenem letzten Schicksalsschlage war aller Spott und alle Schärfe von ihm gewichen; verklärt von der milden Weisheit des Alters lebte er nur noch in der Welt der Ideen, und es tat ihm wohl, nachdem er einst dem wissenschaftlichen Leben seines Staates neue Wege gewiesen, nun auch noch an der ästhetischen Erziehung der Preußen mitzuhelfen. Denn darin war er mit Schinkel einig, daß die Kunstschätze des Museums nicht der gelehrten Forschung dienen, sondern zunächst der überkritischen hauptstädtischen Welt die harmlose Freude am Schönen erwecken sollten. Was Preußen in den drängenden Nöten seiner kriegerischen Geschichte hatte versäumen müssen, ließ sich freilich nicht mehr ganz nachholen; die Meisterwerke der Malerei waren fast allesamt längst in festen Händen, und Bunsen wurde wie ein Schoßkind des Glücks angestaunt, als er Raffaels Madonna Colonna, die er in Rom für den unerschwinglichen Preis von 1000 Louisdor erstanden, eigenhändig nach Berlin überbrachte. Immerhin war dies jüngste der großen europäischen Museen eine unschätzbare Bildungsstätte für unsern prosaischen Nordosten; vor der Hoheit des Geistes, die aus Schinkels mächtiger Rotunde sprach, verstummte selbst das Berliner Besserwissen. Auch Meister Rauch schritt vorwärts in kräftigem Schaffen, neidlos bewundert von seinem alten Lehrer Gottfried Schadow. Wieviel freier, einfacher, größer als einst jener erste Versuch Schadows in Rostock, war Rauchs neues Berliner Bücherdenkmal. Als das Standbild am Frühmorgen geräuschlos enthüllt wurde; standen nur drei Zuschauer auf dem weiten Platze: Gneisenau, Hegel und der Meister selbst. Preußens Heer, Wissenschaft und Kunst huldigten dem Helden des heiligen Völkerzornes. – Trotz dieser Menge bedeutender Menschen fehlte der Hauptstadt noch gänzlich der beste Reiz des großstädtischen Lebens, die weitherzige, alle Gegensätze umfassende Geselligkeit. Friedrich Wilhelm verstand wohl die Talente der Kunst und Wissenschaft an der rechten Stelle zu verwenden; jedoch sie in regem geselligen Verkehr um sich zu versammeln, widersprach seinen anspruchslosen Gewohnheiten. Noch immer freilich boten der Hof und die Erlebnisse des königlichen Hauses den einzigen Gesprächsstoff, der allen Ständen gemein war; die Berliner lebten mit ihrem Monarchen, sie redeten gemütlich von »unserm Schwiegersohn« in Petersburg, von »unserer Alexandrine« in Schwerin und jubelten aus vollem Herzen, als ihr alter Herr nach seiner Genesung zum ersten Male wieder im Theater erschien. Von Zeit zu Zeit entschloß sich der König auch, der gesamten Berliner Gesellschaft ein Schauspiel königlicher Pracht zu geben, wobei Schinkel, Spontini und der Maler W. Hensel ihre ganze Kunst aufbieten mußten. Zwei dieser Feste, die beiden Märchenspiele »Lalla Rookh« und »Die weiße Rose«, erlangten einen europäischen Ruf, und das Fest der weißen Rose verdiente in der Tat durch den Pinsel des jungen Adolf Menzel verherrlicht zu werden, denn es war das letzte großartige und vom Zauber der Kunst durchleuchtete höfische Spiel der neuen Geschichte, der letzte Triumph der alten Romantik und der aristokratischen Gesellschaft der Restauration. In denselben Tagen, da die königlichen Prinzen in Potsdam, von Tausenden ehrwürdiger Zuschauer bewundert, in goldenem Aarhelm und schimmernder Rüstung Karussell ritten, um ihrer Schwester Charlotte, der weißen Rose, ritterlich zu huldigen, zog schon der Sturmvogel der Revolution, »Die Stumme von Portici«, über die Theater Europas und verkündete das Nahen eines demokratischen Zeitalters, das mit seinen Volksfesten und politischen Kämpfen den Glanz der Höfe ganz verdunkeln sollte. Doch solche Tage, da der Hof aus seinem Stilleben heraustrat, erschienen nur selten. Auch anderer Stätten großstädtischer Geselligkeit besaß Berlin nur wenige. Fast allein in den reichen Häusern Mendelssohn und Meyerbeer, in den bescheidenen Salons Stägemanns und seiner liebenswürdigen Damen oder in der Gesetzlosen Gesellschaft, wo Schleiermacher und der biderbe Zwingherr Buttmann um die Wette die Funken ihres Witzes sprühen ließen, fanden geistreiche Menschen verschiedener Gesinnung noch einen neutralen Boden für ungezwungenen Verkehr. Sonst bestanden überall nur geschlossene kleine Parteien und Kränzchen; selbst der schöngeistige Kreis der Rahel Varnhagen trug schon die Färbung einer literarisch-politischen Parteigesinnung. In den langen Jahrhunderten deutscher Ohnmacht war aus dem alten Germanentrotz ein kleinlicher, neidischer Sondergeist aufgewuchert und den Deutschen zur andern Natur geworden; er trieb die Studenten in die Hahnenkämpfe ihres Verbindungslebens, er verdarb die städtische Geselligkeit durch ein unleidliches Cliquenwesen, und auch Deutschlands größte Stadt war ihm noch nicht entwachsen. Gelehrte und Schauspieler, Schriftsteller und Künstler saßen in ihren Fraktionen und Schulen eng zusammen, anmaßend, unduldsam gegen den Nichtgenossen, grenzenlos ungerecht gegen den Feind. In dieser zerklüfteten und zerrissenen Welt war weder das urbane Wohlwollen der großstädtischen Gesellschaft Italiens zu finden, noch jener durchgebildete Nationalstolz der Franzosen, der jedes große Talent als ein Stück vaterländischen Ruhmes hochhält. Vor Fremden prahlten die Berliner gern mit dem geistigen Glanze ihrer Stadt; daheim bestrebte sich jeder, schon damit man ihn nicht selber für einen Dummkopf hielte, alles Hervorragende herabzusetzen, alles ruppig zu machen, wie Rahel sich auf gut berlinisch ausdrückte. Darum blieb auch die Kluft zwischen Gebildeten und Ungebildeten unnatürlich weit. Der ehrsame Bürger, der abends unter den Zelten seine Weiße trank, wußte gar nichts von den Größen der Akademie und der Universität; war doch die herrschende Philosophenschule geflissentlich bemüht, durch eine unverständliche Kunstsprache ihre Weisheit allen Unzünftigen zu verschließen. – Da kehrte im Jahre 1827 Alexander Humboldt nach Berlin zurück, um fortan nach dem Wunsche des Königs in freier Muße am heimischen Hofe zu leben. Es war ein Wendepunkt in der Geschichte unserer Bildung. Denn heilsamer konnte niemand auf das zerfahrene deutsche Leben einwirken als dieser universale Geist, der für jeden eine höfische Schmeichelei bereithielt, aber auch jede tüchtige Kraft mit großherzigem Wohlwollen und eindringendem Verständnis unterstützte. Verwöhnt durch die leichte Anmut der Pariser Salons wollte er sich in die Grobheit, in die dürftige Enge der Heimat lange nicht finden und seufzte noch nach Jahren: »Berlin, ik hev di dick en satt, du bist en blivst en Barenstadt.« Aber vom Tage seiner Heimkehr an war er eine soziale Macht. Er lenkte die Blicke des Königs auf alles Neue und Lebendige, was sich in Kunst und Wissenschaft regte. Er brachte die verwahrloste, durch den Übermut der Spekulation fast erdrückte Naturforschung zuerst wieder zu Ehren. Sobald er im Mendelssohnschen Garten, in seinem vielbewunderten eisenfreien Kupferhäuschen seine magnetischen Beobachtungen begann, scharte sich ein Kreis junger Talente – Encke, Dirichlet, Dove – um den Meister, Karl Ritter, der junge Baeyer und die andern Genossen der Neuen Geographischen Gesellschaft arbeiteten ihm in die Hände, auf allen Gebieten der exakten Forschung erwachte ein rühriger Wetteifer. Unvergeßlich war der Einbruch, als er gleich in seinem ersten Berliner Winter in der Singakademie die öffentlichen Vorlesungen über physische Weltbeschreibung hielt, aus denen nachher der »Kosmos« hervorging, und mit genialer Sicherheit, die Träumereien der Naturphilosophen fein und scharf zurückweisend, das Programm der rein empirischen Naturbeobachtung aufstellte, welche bald alle Lebensgewohnheiten des neuen Jahrhunderts von Grund aus umgestalten sollte. So kühn war die gelehrte Zunft in Deutschland noch niemals auf den Markt hinausgetreten, und nur einem Manne von Humboldts Weltruhm konnte dies Wagnis gelingen. Er zeigte den Deutschen zum ersten Male, daß die strenge Fachwissenschaft gemeinverständlich zu den Besten der Nation zu reden vermochte – zur selben Zeit, da Leopold Ranke mit seinem historischen Erstlingswerke den gleichen Versuch unternahm. Auch die Stellung der Gelehrten in der Gesellschaft ward durch Humboldt gehoben – was in diesem Lande der höfisch-bureaukratischen Ranggliederung doch nicht unwichtig war. Schon im Jahre 1822 hatte Oken, der sich hier auf seinem eigensten Gebiete ungleich glücklicher bewährte als in der Politik, einen deutschen Naturforschertag nach Leipzig berufen; auf die erste Versammlung, der nur dreizehn Mitglieder beiwohnten, waren seitdem mehrere gefolgt, und als für den Herbst 1828 ein neuer Kongreß nach Berlin ausgeschrieben wurde, nahm ihn Humboldt unter den Mantel seines großen Namens. Der Wissenschaft brachten solche Wandervereine unmittelbar zwar nur wenig Vorteil – denn in der Forschung wie in der Kunst gehen alle schöpferischen Taten von einzelnen lichten Köpfen aus –, aber in einer Zeit, da das Reisen noch so sehr erschwert war, boten sie manchem tüchtigen Gelehrten, der in der weltfremden Abgeschiedenheit seiner kleinen Universität versauerte, die einzig mögliche Gelegenheit, aus der Kleinstädterei herauszuwachsen und mit Gleichstrebenden in einen anregenden Gedankenaustausch zu treten. Auch einen nationalen Zweck hatte Oken im Auge, als er diese Versammlungen nach dem Vorbilde der Schweizer ins Leben rief. Mochten einzelne der Teilnehmer im Bewußtsein der idealen Größe des Vaterlandes sich über das politische Elend behaglich trösten, den meisten wuchs doch der nationale Stolz und die Sehnsucht nach festerer Verbindung mit den Volksgenossen. Gleiche Empfindungen erweckte das damals zuerst in Stuttgart gefeierte, nachher oft wiederholte Schillerfest und die Säkularfeier zu Ehren Albrecht Dürers, die in vielen deutschen Städten mit Sang und Klang und begeisterten patriotischen Reden abgehalten wurde. Noch glänzender verlief gleich darauf der Berliner Naturforschertag. An sechshundert Teilnehmer hatten sich eingefunden. Humboldt selbst machte den Wirt und sagte in seiner klassischen Eröffnungsrede: Deutschland offenbare sich hier gleichsam in seiner geistigen Einheit. Er zwang durch sein Beispiel den Hof und die amtliche Welt, auch ihrerseits den Gelehrten eine Achtung zu erweisen, die ihnen in Paris und London längst fraglos gewährt wurde. Wie staunten die Berliner, als bei dem großen Bankett die königlichen Prinzen sich unter die Professoren mischten und der Demagogenrichter Kamptz mit dem erschrecklichen Verschwörer Oken Arm in Arm zur Tafel schritt; der König selber freilich sah nur schüchtern aus seiner Loge auf das ungewohnte Treiben hernieder. Alles drängte sich huldigend um den Fürsten der Naturforschung; und wenngleich viel modische Eitelkeit mit unterlief bei allen den Adressen und Ehrengeschenken, die dem Gefeierten gespendet wurden: es blieb doch ein dauernder Gewinn, daß er der Wissenschaft das Bürgerrecht eroberte in der vornehmen Gesellschaft, daß die zanksüchtige Hauptstadt nun endlich eine anerkannte Größe besaß, die alle gelten ließen, zu der alle emporblickten. Erst durch Humboldt und die versöhnende Macht seines Genies wurde der gute Ton großstädtischer Duldsamkeit in dem zerfahrenen deutschen Leben heimisch. Draußen im Reiche verlautete freilich von dem Glanze des Berliner geistigen Gebens und von den Verdiensten der preußischen Verwaltung weit weniger als von den albernen Sünden der Demagogenjagd, welche den Ruhm der hohenzollernschen Krone befleckten. Nirgendwo sonst in Deutschland wurde die politische Verfolgung so unerbittlich betrieben. Es lag im Wesen dieses starkknochigen Staates, daß hier alle deutschen Tugenden kraftvoll und mächtig, aber auch alle deutschen Sünden schlechthin ruchlos zutage traten. Fünf Jahre lang durfte eine Rotte von Verworfenen und Verblendeten das kleinliche Mißtrauen, das dem bureaukratischen Absolutismus überall anhaftet, für ihre unheimlichen Zwecke ausbeuten und, während sonst überall das Recht unverbrüchlich gehandhabt wurde, die Opfer ihrer Verdächtigung mit tyrannischer Willkür mißhandeln. Der Fanatiker der Angst, Geh. Rat Kampß, war die Seele dieses finsteren Treibens. Er leitete als Direktor der Polizei die Verhaftungen, er erstattete dem Staatskanzler im Sommer 1819 die ersten Anzeigen über die entdeckte große Verschwörung. Und sicherlich hat er nicht wissentlich verleumdet; aber unbefangen war er jetzt sowenig wie vor Jahren, als er gegen die Wartburgfeier zu Felde zog. Aus Jahns närrischen Goldsprüchlein, die ihm seine Späher zutrugen, meinte er herauszulesen, daß ein Mordanschlag gegen ihn selber im Werke gewesen sei, und mit der ganzen Roheit des persönlichen Hasses verfolgte er nun seine Feinde. Unter ihm wirkte eine polizeiliche Untersuchungskommission, der neben dem elenden Grano auch einer von Hardenbergs zweideutigen Vertrauten, der Lausitzer Tzschoppe, angehörte, ein knabenhaftes Männchen mit blonden Locken, rosigen Wangen und sanften blauen Augen, glatt und leise wie ein Wiesel, überall horchend, immer bereit, mit sauberen, wohlabgezirkelten Schriftzügen unsaubere Anzeigen in die Akten einzutragen. Nach dem Buchstaben des bestehenden Rechtes ließ sich die Gesetzmäßigkeit des eingeschlagenen Verfahrens schwer bestreiten; denn unzweifelhaft stand dem absoluten Könige die Befugnis zu, in Zeiten der Gefahr außerordentliche Maßregeln zu ergreifen, und nur für den Fall, daß die Wahrscheinlichkeit eines begangenen Verbrechens vorlag, verlangte das Landrecht gerichtliche Untersuchung. Gleichwohl beantragte das Staatsministerium in mehreren Eingaben an den König und den Kanzler die sofortige Einsetzung einer Justizkommission. »Die öffentliche Meinung – dies gaben die Minister dem Monarchen zu erwägen (8. September) – hängt besonders in unsern Tagen vorzüglich von der Achtung für das Recht und seine schützenden Formen ab. Vertrauen aber wird durch nichts so sehr gefährdet, als wenn die Verwaltung zu außerordentlichen Maßregeln schreitet, die nachher nicht durch den Erfolg gerechtfertigt werden. Noch steht dieses Vertrauen fest im preußischen Staate, so fest, daß man – wie die Zeitungsberichte der Regierungen übereinstimmend sich aussprechen – kaum an die gefährlichen Umtriebe glaubt, sie wenigstens nicht fürchtet. Aber wohin könnte es führen, wenn man auf dem betretenen Wege erfolglos noch lange fortschreiten sollte?« Mit der äußersten Grobheit trat Kampß diesen Angriffen entgegen. »Auf dem betretenen Wege?« so fragte er höhnisch – »dem der Umtriebe oder dem der Untersuchungen? Ersterer könnte freilich sehr weit führen!« Da der Staatskanzler den Versicherungen des Polizeidirektors unbedingt traute, so sprach eine von Hardenberg eigenhändig entworfene Kabinettsorder den Ministern das Befremden des Königs aus, ermahnte zur Vorsicht in allen Äußerungen und erklärte sehr nachdrücklich: eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit sei unzweifelhaft vorhanden. Ebenso erfolglos blieben anfangs die wiederholten Anträge des Berliner Kammergerichts auf Einleitung gerichtlichen Verfahrens. Auch diesen Gegnern begegnete Kampß mit heftigen Schmähungen: Ob sie etwa die Rolle des französischen Parlaments spielen wollten? Auch sie erhielten einen Verweis vom Könige: Das Kammergericht verkenne seinen Standpunkt, wenn es jetzt noch seinen Antrag wiederhole, nachdem die Polizeibehörde amtlich versichert habe, die Untersuchung sei noch nicht reif für das Einschreiten der Gerichte. Nach solchen Erklärungen des Staatsoberhauptes durften die Behörden ihren Einspruch nicht mehr aufrechthalten. Selbst der greise Kircheisen, der Freund und Gesinnungsgenosse von Suarez, fügte sich. Er hatte einst den König, als er noch Kronprinz war, in freimütiger Anrede vor der Verwerflichkeit der Kabinettsjustiz gewarnt und sein Leben lang die Unabhängigkeit der Gerichte tapfer verteidigt; doch als er jetzt die massenhaften Polizeiberichte durchmusterte, die dem Ministerium auf königlichen Befehl mitgeteilt wurden, da glaubte auch er: der Staat befinde sich in einem Notstande, und der Monarch sei berechtigt, von den Machtbefugnissen seiner landesherrlichen Gewalt Gebrauch zu machen. Indes hatten die so ungnädig aufgenommenen Mahnungen den König doch zum Nachdenken gebracht. Am 1. Oktober wurde die Kommission umgestaltet und förmlich mit den Befugnissen eines inquirierenden Kriminalgerichts ausgestattet; sie bestand fortan aus fünf Mitgliedern des Kammergerichts und zwei Verwaltungsbeamten. In dieser neuen Gestalt entsprach sie dem Gesetze, da der König noch das gefährliche Recht besaß, für besondere Fälle außerordentliche Gerichte einzusetzen. Zu den Richtern zählten der ehrwürdige Präsident von Trüßschler und Kammergerichtsrat Hoffmann, der romantische Humorist, dem der Gespensterspuk dieser Demagogenjagd so spaßhaft schauerlich vorkam, daß er sich nicht enthalten konnte, das Treiben, an dem er selber teilnahm, in einer Episode seiner Novelle »Meister Floh« zu verspotten. Die oberste Leitung der gesamten Untersuchungen übernahm eine Ministerialkommission: Hardenberg, Kircheisen, Schuckmann, Wittgenstein, Kampß, Oberpräsident Bülow. Gedeckt durch den Kanzler sowie durch seine alten Gönner Schuckmann und Wittgenstein, behielt Kampß also mit seinen Helfershelfern ziemlich freien Spielraum. Da von der Mainzer Bundeskommission wie von der Berliner Polizei beständig neue Anzeigen einliefen, so konnte er das geheime Verfahren durch unerwartete Kreuz- und Querfragen nach Belieben verlängern. Persönlich begegnete der unansehnliche kleine Mann manchem der Unglücklichen, die er in seinen Krallen hielt, mit überraschender Freundlichkeit; aber war das ein Trost für die Folterqual der endlosen Untersuchungshaft? In dem alten Schlosse Köpenick an der Spree, dicht neben dem berühmten Wappensaale, wo einst jenes tapfere Kriegsgericht das Leben des Kronprinzen Friedrich gegen seinen eigenen Vater verteidigt hatte, saßen jetzt die Demagogen hinter verblendeten Fenstern und blickten hinaus auf ein viereckiges Stück grauen Himmels; nur einige Stunden lang durften sie unter den Bäumen des Parks umhergehen oder im Flusse baden. Auch die Berliner Gefängnisse waren angefüllt mit Opfern der politischen Verfolgung, und das Studentenlied spottete: »wer die Wahrheit kennet und sagt sie frei, der kommt nach Berlin auf die Hausvogtei.« Die große Mehrzahl der Beamten zog sich, nachdem der erste Schrecken verraucht war, von dem Unwesen der Demagogenverfolger angeekelt, zurück und betrachtete den kleinen um Kampß geschürten Häscherhaufen wie eine Pestbeule am Leibe ihres ehrenhaften Standes. Um den rheinischen Schwurgerichten die politischen Verbrechen zu entziehen, befahl der König (6. März 1821), daß für alle Vergehen wider die Sicherheit des Staates die Vorschriften des Allgemeinen Landrechts und der altländischen Kriminalordnung gelten sollten; diese Kabinettsorder erhielt rückwirkende Kraft, nur wurden die Richter angewiesen, bei der Strafabmessung für frühere Fälle stets das mildere Gesetz anzuwenden. Die Minister des Innern und der Polizei empfingen den Auftrag, über das Betragen der Lehrer Bericht zu erstatten, da die Umtriebe in der Verführung der Jugend ihre Wurzel hätten. Bei der Anstellung von Jugendlehrern und Geistlichen sollte fortan das Gutachten dieser beiden Minister eingeholt, gegen die Absetzung demagogischer Lehrer nur noch ein Rekurs an das Ministerium gestattet, jede geheime Studentenverbindung aber ohne weiteres vor die Strafgerichte verwiesen werden. Wie lächerlich erschien neben diesem gewaltigen Rüstzeuge der Erfolg der Untersuchungen. Was mußten preußische Patrioten empfinden, wenn sie den Königsmörder Carnot, der in Frankreich unmöglich war, unter dem Schutze der preußischen Krone frei in Magdeburg leben sahen und damit verglichen, wie der königstreue Jahn jahrelang gepeinigt wurde. Vergeblich beteuerte der Turnvater: »Eigene Ansichten mögen meine Aufsätze leicht enthalten, aber keine umkehrerischen Absichten. Von geheimen Umtrieben bin ich weder Mitwisser noch gar Mittreiber.« Vergeblich beantragte Kammergerichtsrat Hoffmann schon nach einigen Monaten die Freilassung des offenbar Unschuldigen. Man gestattete ihm nur, auf der Festung Kolberg in leichter Stadthaft zu leben; dort mußte er noch bis zum Jahre 1825 aushalten, da ward er endlich gerichtlich freigesprochen und erhielt vom Könige ein Gnadengehalt, aber auch den Befehl, seinen Wohnort nicht am Sitze einer Universität oder eines Gymnasiums zu wählen. Ein verschollener Mann, lebte er fortan in seinem Weinbergshäuschen zu Freiburg an der Unstrut still dahin. Wenn zuweilen noch die Burschen von den sächsischen Universitäten auf ihren Ferienreisen bei ihm einkehrten, so bemerkten sie mit Befremden, daß der Alte im Bart dem Teutonentum seiner glücklichen Jahre unwandelbar treu geblieben war und von dem Welschheitsteufel des neuen Radikalismus nichts hören wollte. Nach Bonn wurde als Untersuchungskommissär ein ebenso unwissender als kleinlicher Richter, des Namens Pape, gesendet, und zu seiner Unterstützung der Referendar Dambach, ein herzloser Aktenmensch, der nachher die Leitung der Berliner Hausvogtei erhielt und neben Tzschoppe jahrelang Kampß' gefügigstes Werkzeug blieb. Was wußten diese beiden Leute aus den Heften und Notizen C. Th. Welckers nicht alles herauszulesen! Trotz der unvorsichtigen Heftigkeit des Angeklagten war ihm schließlich gar nichts nachzuweisen; das als Kriminaluntersuchung begonnene Verfahren wurde als polizeiliche Untersuchung in der Stille eingestellt. Welcker erhielt, als er einem Rufe nach Freiburg folgte, seine Entlassung aus dem königlichen Dienst in schmeichelhaften Worten, doch da ihm gerichtliche Freisprechung versagt blieb, so überschüttete er durch eine fast dreißig Bogen lange »Öffentliche aktenmäßige Widerlegung« die preußische Willkür mit einem Sturzbade sittlicher Entrüstung. Ganz anders wußte Arndt die Herzen der Leser zu erschüttern durch die schlichte treuherzige Sprache seiner kurzen Verteidigungsschrift: »Ein abgenötigtes Wort aus seiner Sache.« Wohin war es doch mit der preußischen Gerechtigkeit gekommen, wenn dieser Treueste der Treuen sich jetzt genötigt sah, seine Briefschaften im Keller und unter den Dielen seiner Zimmer zu vergraben! Schon bevor die Demagogenverfolgung begann, hatte er mit dem unbegreiflichen Mißtrauen der Behörden zu kämpfen gehabt und dem Kuratorium auseinandersetzen müssen, der Titel seiner öffentlichen Vorlesung »Über Leben und Studium« sei wirklich ganz harmlos gemeint. Und dann die aberwitzigen Verhöre vor Pape und Dambach! Alle die wunderlichen Wortbildungen und Wortverschränkungen, mit denen Arndt sorglos zu spielen liebte, wurden ihm jetzt als verdächtig vorgehalten. Was bedeuteten die »papierlichen Künste und Pläne«, die er nach einem seiner Briefe noch vorhatte? Was besagte der rätselhafte Satz: »Das liegt über meiner Sphäre –«? war das Lied »O Durchbrecher aller Bande« ein demagogisches Gedicht oder stand es wirklich im alten Berliner Gesangbuch? Mit besonderem Argwohn ward ein Blatt durchspürt, das neben andern abgerissenen Sätzen auch die Worte enthielt: »Wenn ein Prediger erschossen ist, hat die Sache ein Ende.« Es war eine Abschrift jener Bemerkungen, welche der König im Jahre 1811 an den Rand der Denkschrift Gneisenaus über den Volkskrieg geschrieben hatte. Welche Mühe, bis der Untersuchungsrichter endlich seinen lächerlichen Irrtum einsah. Kamptz unterstand sich noch fünfundzwanzig Jahre später, öffentlich dreistweg abzuleugnen, daß Arndt in der Tat wegen der eigenen Worte des Monarchen zur Rede gestellt worden war. Drei Jahre nach der ersten Haussuchung, anderthalb Jahre nach Beginn der förmlichen Untersuchung wurde das Verfahren plötzlich eingestellt. Eine gerichtliche Freisprechung konnte Arndt sowenig wie Welcker erlangen. Erst im Jahre 1827 erhielt er die Mitteilung, daß die Untersuchung nichts ergeben habe. Sein Amt und seinen Wohnsitz konnte er behalten, da Stein, Niebuhr und Eichhorn sich freimütig für ihn verwendeten, aber seine Vorlesungen durfte er nicht wieder eröffnen. Und bei alledem blieb der Tapfere unverbittert. Seine kindliche Frömmigkeit brachte es über sich, selbst die schmähliche Unbill dieser Jahre als ein Verhängnis des ausgleichenden und gerechten Gottes hinzunehmen; wollte ihn einmal der Groll übermannen, dann rief er sich zu: Und hast doch oft den Himmel offen Und Gott die Finger recken sehn! Von seinem Preußen wollte er nicht lassen, »weil es mein Vaterland und noch immer meine Hoffnung ist«. Und doch gestand er, daß er die langsame Zerreibung und Zermürbung seiner besten Kräfte bis ins Mark hinein nur zu tief gefühlt habe. Die Publizistik war ihm verleidet und so gut wie verboten; zu wissenschaftlicher Arbeit fühlte er sich wenig aufgelegt, da ihm der Stachel der Lehrtätigkeit fehlte; so verlebte er schöne Jahre »in einer Art von nebelndem und spielendem Traume unter Kindern, Bäumen und Blumen«. Die deutsche Jugend aber verlor durch die Torheit der Demagogenjagd einen Lehrer, der wie kein anderer den hereinbrechenden Verirrungen revolutionären Weltbürgertums sich entgegenstemmen konnte. Arndts Schicksal erbitterte vornehmlich die Norddeutschen; am Rhein galt Görres für den Märtyrer der Freiheit. Der wiederholte aus seinem Exile noch mehrmals, immer vergeblich, seine alte Forderung, daß man ihn vor ein rheinisches Schwurgericht stellen solle, und rächte sich sodann durch die Flugschrift »In Sachen der Rheinprovinzen und in eigener Angelegenheit«, ein leidenschaftliches Pamphlet, das dem Ansehen Preußens am Rhein schwere Wunden schlug. Mit demagogischer Meisterschaft setzte er hier alle Hebel des rheinischen Partikularismus in Bewegung: den Haß der Katholiken wider den protestantischen Übermut und die Abneigung des Bürgertums gegen das Heer; »in der freien Schweiz«, sagte er mit einer Redewendung, die in seinen Schriften fortan immer wiederkehrte, »begegnet man nirgends jenen Scharen stehender Müßiggänger, die im Frieden den Wohlstand des Volkes fressen, damit sie ihn im Kriege nicht zu verteidigen haben.« Der Unbill, die ihm selber widerfahren, gab er eine Färbung, als ob er bloß um des rheinisch-französischen Rechtes willen gelitten hätte, und schloß drohend: »Nun, wie es auch kommen möge, muß ihm sein Recht werden, sobald der Provinz das ihrige geworden.« Sonst hatten nur noch wenige angesehene Männer unter der Demagogenverfolgung zu leiden. Dem wackeren Reimer war schlechterdings nichts anzuhaben, trotz der sorgsamen Durchstöberung aller seiner Papiere. Von den Breslauer Turngenossen kam Passow mit wenigen Wochen leichter Haft davon, da ihm nichts anderes zur Last fiel, als ein paar starke Worte in seinem »Turnziel«; Karl von Raumer ließ sich, um den schlesischen Händeln zu entrinnen, selber nach Halle versetzen, sein Freund Harnisch blieb, nachdem er einige unangenehme Amtsschreiben empfangen, unbelästigt am Lehrerseminar. Die verhafteten Studenten aber hielten fast alle treu zusammen. Man fand bei dem jungen Philosophen von Hennig eine Landkarte von Deutschland, welche dem preußischen Staate schon ungefähr die Grenzen vom Jahre 1866 bestimmte, und entdeckte auch den radikalen Reichsverfassungsplan der Unbedingten. Manche der aufgefangenen Briefe verkündeten die fanatischen Lehren Karl Follens: daß jeder Staat, der in seiner Freiheit bedrängt sei, sich im Zustande berechtigter Revolution befinde, daß dann der Krieg der Individuen beginne und jeder Bürger die Volksverräter zu strafen berechtigt sei, wenn der Staat sie nicht bestrafe. Noch häufiger fanden sich allerhand drohende Redensarten über den nahen Tag der Tat, der Rache. Doch wer mochte herausfinden, wo hier die jugendliche Prahlerei aufhörte und der erste Vorsatz begann? Selbst die Demagogenrichter mußten sich sagen, daß der Weg von der Feder zum Dolche in Deutschland nicht kurz ist. Von den nächsten Freunden der beiden Mörder hatten sich einige bereits ins Ausland geflüchtet, die andern schwiegen unverbrüchlich. Dann entfloh auch Mühlenfels, der, sicherlich mit Unrecht, für besonders gefährlich galt, weil seine Briefe von burschikosen Kraftworten überflossen; er entkam auf einem Fischerboote nach Schweden und konnte erst nach vielen Jahren die Verzeihung des Königs erlangen. – Die große Untersuchung drohte schon im Sande zu verlaufen; da ward im Jahre 1823, zu Kampß' Genugtuung, ein neuer Geheimbund entdeckt, der einer Verschwörung mindestens ähnlich sah. Wie war es auch möglich, daß die Karlsbader Beschlüsse bei deutschen Studenten unbedingten Gehorsam hätten finden sollen? Die Burschenschaft hatte sich überall aufgelöst, die Breslauer unter feierlichem Absingen des Liedes »Unsern Bund trennt nur der Tod«; doch überall scharte sie sich sogleich von neuem zusammen, hier unter dem alten Namen, dort als Allgemeinheit oder in der Form verbündeter Kränzchen. In Jena und Halle war sie bald wieder stärker als alle andern Verbindungen insgesamt; auf manchen Universitäten gewann sie erst durch den Reiz des Verbotes größeren Anhang, und nicht lange, so wurden die verbotenen Farben in Leipzig schon wieder auf offener Straße getragen. Entsittlichend wirkte der Gewissenszwang, den die Regierungen in ihrer törichten Angst den jungen Leuten auferlegten. Da jeder Student jetzt auf Ehrenwort geloben mußte, keiner geheimen Verbindung beizutreten, so beschwichtigten die einen ihr Gewissen mit dem Troste, die Burschenschaft sei nicht geheim; andere beschlossen, jeder Bursche solle in dem Augenblicke, da er vor Gericht gerufen wurde, stillschweigend aus der Verbindung austreten. Die Verwegensten aber behaupteten frischweg: Durch den Bruch unseres Ehrenwortes haben wir der Obrigkeit bereits den Krieg erklärt, folglich sind wir auch zu andern ungesetzlichen Schritten berechtigt. Die alte Burschenschaft war von Haus aus zu groß, um eine bestimmte Gesinnung einzuhalten; jetzt traten die verschiedenen Parteien, die sich einst in ihr zusammengefunden, allmählich auseinander. Die Christlichgesinnten kehrten der Politik den Rücken und begnügten sich mit fröhlicher Geselligkeit oder mit akademischen Reformbestrebungen. Diesen Arminen, wie sie späterhin genannt wurden, stand die politische Germania gegenüber. Wer jetzt noch, inmitten der allgemeinen Abspannung, an politische Ideale glaubte, verfiel leicht dem Radikalismus, und der erbitternde Druck der polizeilichen Verfolgung, die aufregenden Nachrichten aus Südeuropa konnten diese Stimmung nur verschärfen. Auch die Germanen bestanden in ihrer großen Mehrzahl aus harmlosen jungen Schwärmern, die in einem Atem ihr angestammtes Fürstenhaus und den Kaiser im Kyffhäuser priesen. Die alte Kaisertreue unseres Volkes kam eben jetzt durch Rückerts Barbarossalied und nachher durch Raumers Hohenstaufengeschichte wieder in Schwang; Hunderte begeisterter Jünglinge wiederholten die Weissagung des Dichters: Er hat hinabgenommen Des Reiches Herrlichkeit Und wird einst wiederkommen Mit ihr zu seiner Zeit! Aber daneben stieg schon ein modernes Geschlecht empor, das vom christlichen Mittelalter nichts mehr hören wollte und sich das einige Deutschland nur als ein Glied in dem großen Völkerbunde des befreiten Europas vorstellte. Im Burschenhause zu Jena führte Arnold Ruge das große Wort, ein derber, gemütlicher Pommer voll trockenen Humors und frischer Lebenslust, viel zu gutherzig, um ohne Not eine Fliege totzuschlagen, und trotz alledem ein Apostel des allgemeinen Umsturzes in Staat und Kirche. Sein Ideal war »die Anarchie oder Selbstbeherrschung«, die er im alten Athen zu finden glaubte; nachher hatten nach langen Jahrhunderten der Zwingherrschaft erst die Republiken der Niederländer und der Amerikaner wieder einiges Heil in die Welt gebracht, bis dann endlich der lichte Tag der großen Revolution emporgestiegen war und eine neue Blüte der Menschheit in den Heldenkämpfen des Konvents sich entfaltet hatte. Solche Ansichten, die in den Tagen des Wartburgfestes noch einen Sturm des Unwillens erregt hätten, fanden jetzt schon eine gläubige Gemeinde. Unfähig, wie er sein Leben lang blieb, Traumleben und Wirklichkeit zu unterscheiden, baute Ruge fest auf die radikale Entschlossenheit seiner Genossen und bezweifelte niemals die unermeßliche Überlegenheit »dieser ruhigen republikanischen Staatsmänner« gegenüber der verrotteten monarchischen Philisterwelt. »Von dem richtigen Verständnis dieser Frage hängt die Zukunft Europas, insbesondere unseres noch nicht republikanischen Volkes ab« – so klang es dröhnend durch den Saal, da die jungen Weltverbesserer über die Frage »des freien Schlägers« berieten und als rauflustige Philosophen zu dem echt germanischen Entschlusse gelangten, die mittelalterliche Barbarei des Duells in Anbetracht der Vorurteile des Zeitalters vorläufig noch nicht aufzugeben. Wo diese radikale Richtung obenauf kam, da begann sich der Ton bald merklich zu ändern. Vom Christentum war gar keine Rede mehr; aus den alten Wahlsprüchen »Frisch, frei, fröhlich, fromm« und »Gott, Freiheit, Ehre, Vaterland« wurden die Frömmigkeit und der liebe Gott stillschweigend weggelassen, hier und da schon förmlich gestrichen. Wie erschrak Wolfgang Menzel, als er einige Jahre nach den Karlsbader Beschlüssen aus der Schweiz heimkehrte und von der christlich-germanischen Schwärmerei seiner Burschenzeit keine Spur mehr übrig fand. In Halle bemühte sich Karl von Raumer, der treue Freund der alten Burschenschaft, vergeblich, den radikalen Verführern der Jugend zu wehren. Die Burschen hörten nicht mehr auf ihren frommen Lehrer. Wie durfte man von ihnen Mäßigung erwarten, wenn der Unverstand der Behörden das altgewohnte akademische Genossenschaftsleben völlig zu vernichten suchte und den Studenten nicht einmal die Einsetzung eines akademischen Ausschusses gestatten wollte? Lächerlich grell trat der Gegensatz des alten und des neuen Geschlechts an den Tag, als Arnold Ruge eine Zeitlang mit Jahn zusammen in Kolberg auf der Festung saß, der pantheistische Republikaner mit dem strenggläubigen, preußischen Monarchisten. Keiner von beiden verhehlte, daß er den andern für einen ausgemachten Narren ansah, Kampß aber hielt beide für gleich ruchlose Hochverräter. Für die Zukunft des deutschen Parteilebens wurde die radikale Verbitterung des jungen Geschlechts unheilvoll, für die öffentliche Sicherheit stand im Augenblicke nichts zu fürchten. Wie scharf durchschaute Arndt die deutsche Jugend, als er ihr zurief: Schlecht gerät dir List und Kunst, Feinheit wird dir eitel Dunst. In den Künsten der Verschwörung hatten sich die offenherzigen Germanen niemals mit den Welschen messen können. Nun gar dies unbedachtsame junge Volk gab sich überall Blößen; die tiefgeheimen allgemeinen deutschen Burschentage, welche in diesen Jahren in Dresden, auf dem Kyffhäuser und an andern Orten gehalten wurden, kamen sämtlich früher oder später zur Kenntnis der Polizei. (423 bis 442.) Literarische Vorboten einer neuen Zeit Goethe Der Vertrag zwischen den beiden Zollvereinen des Südens und des Nordens eröffnete den Deutschen die Aussicht auf ein nationales Marktgebiet, das ihnen seit Jahrhunderten gefehlt hatte, und also auf einen unerhörten Aufschwung ihrer wirtschaftlichen Kräfte. Aber Jahre verliefen noch, bis aus jener ersten Verständigung ein dauernder Verein hervorging, und dann nochmals Jahre, bis unter dem Schutze der neuen Zollinien eine mächtige Großindustrie emporblühte. Erst um das Jahr 1840 begannen mit den Fabriken und den Börsen, den Eisenbahnen und den Zeitungen auch die Klassenkämpfe, die unstete Hast und das wagelustige Selbstgefühl der modernen Volkswirtschaft in das deutsche Leben einzudringen. Bis dahin verharrte die Mehrheit des Volkes noch in den kleinstädtischen Gewohnheiten der ersten Friedenszeiten, seßhaft auf der väterlichen Scholle, im hergebrachten Handwerk still geschäftig, zufrieden mit den bescheidenen Genüssen des ungeschmückten Hauses. Schon gegen das Ende der zwanziger Jahre verrieten jedoch manche Anzeichen, daß eine große Wandlung der nationalen Gesittung im Anzuge war. Wie auf die goldenen Tage der Dichtung unseres Mittelalters, so sollte auch auf die Zeiten von Jena und Weimar eine prosaische Epoche folgen, die ihre Tatkraft zumeist nach außen, auf die Kämpfe des Staates, der Kirche, der Volkswirtschaft richtete. Die Vorboten dieses Umschwungs wurden in der Literatur, die so lange der treue Spiegel aller deutschen Herzensgeheimnisse gewesen war, früher bemerkbar als im praktischen Leben. Die Dichtung behauptete nicht mehr den Herrschersitz im Reiche der Geister. Wie einst der Verfall der italienischen Architektur sich gerade in der massenhaften und doch unfruchtbaren Bautätigkeit des achtzehnten Jahrhunderts bekundet hatte, so bewies jetzt die unübersehbare Menge der gehaltlosen Unterhaltungsromane und Taschenbuchsgedichte, welche den deutschen Büchermarkt überfüllten, daß unsere Poesie ins Kraut schoß und nur noch selten süße Trauben trug. Ein schlimmes Zeichen der Zeit war die zunehmende Schreiblust der Frauen. Gleich allen großen Epochen der Kunst war auch die Blütezeit der deutschen Dichtung nicht ohne die belebende Teilnahme der Frauen möglich geworden. Aber solange der Ehrgeiz der ersten Männer der Nation nach dem schwellenden Kranze des Dichters rang, galt noch die natürliche Regel, daß künstlerisches Schaffen, wie alles Schaffen, Männerarbeit ist. Unter den herrlichen Frauen, welche verstehend und empfangend den klassischen und den älteren romantischen Dichtern das Leben verschönten, waren nur wenige Schriftstellerinnen. Nun erst, seit die Dichtkunst zum eleganten Zeitvertreibe wurde, und jeder empfängliche Dilettant sich die literarischen Handgriffe leicht aneignen konnte, begann die Schar der Blaustrümpfe, wie der neue englische Name lautete, bedenklich anzuwachsen. Karoline Pichler, Johanna Schopenhauer, Helmine von Chezy, Karoline von Fouqué schwangen die Feder statt der Nadel, manche der modischen Taschenbücher wurden nur für Frauen und großenteils von Frauen geschrieben. Mit Besorgnis betrachtete Goethe diese neue soziale Krankheit. Er wollte weder die heiligen Schranken der Natur zerstört, noch den Tiefsinn der Kunst durch leere Niedlichkeit verdrängt sehen, und äußerte sich über die unfruchtbare weibliche Dichtung bald mit gutmütigem Spott, bald mit einer göttlichen Grobheit, wie sie nur der Sänger der Frauenliebe sich erlauben durfte: Und sie in ihrer warmen Sphäre Fühlt sich behaglich, zierlich, fein; Da sie nicht ohne den Menschen wäre, So dünkt sie sich ein Mensch zu sein. Viele ernste Männer begannen schon die Poesie nur noch einer beiläufigen Teilnahme zu würdigen, wie tief war einst die gebildete deutsche Welt durch den Xenienstreit aufgeregt worden, und wie gleichmütig blieb sie jetzt, als Platen wider die Schicksalstragödien und die Neuromantiker zu Felde zog. Solche ästhetische Kämpfe rührten nicht mehr den Lebensnerv der Nation. Nur die einsame Gestalt des Altmeisters in Weimar, die immer wieder die Blicke von Freund und Feind dämonisch anzog, erinnerte das neue Geschlecht noch an die Tage, da die Dichtung den Deutschen eines und alles gewesen war. Die kräftigen jungen Talente, und darunter auch manche künstlerisch angelegte Naturen, wurden durch den Drang der Zeit meist der Gelehrsamkeit zugeführt. Die Wissenschaft aber warf sich mit wachsendem Eifer und Verständnis auf die großen Probleme des öffentlichen, des handelnden Lebens. In der Theologie bildeten sich geschlossene Parteien mit bestimmten kirchenpolitischen Zielen. Nachdem Philosophen, Juristen, Sprach- und Altertumsforscher der Historie den Gesichtskreis erweitert und den Stoff bereitet, begann endlich auch die Krone der historischen Wissenschaften, die darstellende politische Geschichtschreibung sich kräftig zu entfalten, und in der wissenschaftlichen Parteiung der Historiker kündigten sich schon die politischen Gegensätze des kommenden Jahrzehnts vernehmlich an. Die Philosophie lernte durch Hegel die Geschichte als den Tempel des allgegenwärtigen Gottes verstehen und vergötterte den Staat, den sie einst mißachtet hatte. Zugleich erklangen die ersten Lärmstöße einer radikalen Literatur, welche durch und durch tendenziös, allein auf die augenblickliche Wirkung rechnend, an allem, was bestand, mit übermütigem Hohne rüttelte und dem Traumleben der Romantik die Fehde ansagte. Das alles war erst im Werden, aber unverkennbar stand die Nation im Begriff, mit der ästhetischen Weltanschauung, die ihre unvergeßliche Zeit gehabt hatte, gänzlich zu brechen. Goethe selbst, der in seiner Einsamkeit doch immer die Hand am Pulse des nationalen Lebens hielt, erkannte diesen realistischen Zug der Zeit und förderte ihn, indem er in »Wilhelm Meisters Wanderjahren« den Gedanken ausführte, welchen schon die »Lehrjahre« angedeutet hatten: Der Mensch ist nicht eher glücklich, als bis sein unbedingtes Streben sich selbst seine Begrenzung bestimmt. Die Odyssee der allgemein menschlichen Bildung endete also mit der modernen Lehre der Arbeitsteilung: daß ein jeder eines recht wissen und ausüben, in sich selber einen Mittelpunkt, um den alles kreise, finden solle: Und dein Streben, sei's in Liebe. Und dein Leben sei die Tat. Anfang und Schluß des Romans verhielten sich zueinander wie Jugend und Alter, wie Poesie und Prosa. Aber weil der Dichter fühlte, daß die nützliche Tätigkeit für die bürgerliche Gesellschaft an sich noch nicht poetisch ist, und weil er selber mit allen Fasern seines Wesens in der allseitigen Bildung des alten Jahrhunderts wurzelte, darum wollte und konnte er den Grundgedanken der »Wanderjahre« nicht künstlerisch ausgestalten, sondern nur symbolisch andeuten; er schilderte nicht, wie der tatenfrohe Mann im einseitigen Schaffen sich selber zugleich beschränkt und kräftig auslebt, sondern ließ seinen Helden in bewußter Entsagung die freie Lebenslust überwinden und sein Ich vergessen in einem nüchternen Berufe. Für einen Roman der bürgerlichen Arbeit war in Deutschland die Zeit noch nicht gekommen. Die heitere Anmut der eingestreuten Novellen, die plastische Anschaulichkeit des Bildes der heiligen Familie und vieler andern Schilderungen erinnerten an die schönsten Zeiten der Goethischen Muse. Auch die lehrhaften Abschnitte enthielten neben manchem seltsamen Gedankenspiele eine Fülle reifer und tiefer Wahrheiten. Wie fühlte sich der junge Ludwig Richter in tiefster Seele gepackt, als er hier die Mahnung las: Große Gedanken und ein reines Herz, das ist's, was wir uns von Gott erbitten sollten, wie scharf durchschaute der Dichter die schwerste sittliche Gefahr, welche dem heranwachsenden Geschlechte drohte, wenn er die Erziehung zur Ehrfurcht seiner pädagogischen Provinz zur Aufgabe stellte. Aber ein abgerundetes Kunstwerk gab er nicht; seine alte Neigung zum fragmentarischen Schaffen überwältigte ihn wieder, fast planlos reihte er alles aneinander, was er so viele Jahre hindurch über das Problem der Menschenbildung gedichtet und gedacht hatte. Die Leser vermochten sich in dem Irrgarten nicht zurechtzufinden. Zum ersten Male rief eine Dichtung Goethes allgemeine Enttäuschung hervor, und nun kamen gute Tage für alle die kleinen Leute, die dem Dichter seine Größe nicht verzeihen konnten, wählend der letzten Jahre, solange die Nation noch unter dem frischen Eindruck von »Dichtung und Wahrheit« stand, hatten sich die Neider selten herausgewagt. Jetzt fanden die »Falschen Wanderjahre«, welche der westfälische Pfarrer Pustkuchen gleichzeitig mit dem Anfang der echten (1821) in der berüchtigten Basseschen Buchhandlung zu Quedlinburg erscheinen ließ, starken Absatz und selbst in geachteten Zeitschriften ernsthafte Besprechung. Das boshafte Machwerk ahmte den umständlichen Stil des alten Herrn nicht ohne Geschick nach und bekämpfte seine Unsittlichkeit mit den Gemeinplätzen der platten Moral. Dann ließ auch Hengstenbergs »Kirchenzeitung« die Kartaunen ihres allein wahren Christentums gegen den großen Heiden spielen, und in gleichem Sinne schrieb Wolfgang Menzel, der Herausgeber des mit dem Cottaschen »Morgenblatt« verbundenen »Literaturblattes«. Der blieb sein Leben lang der alte christlich-germanische Burschenschafter und rügte mit achtungswertem Mute die Verirrungen des weltbürgerlichen glaubenlosen Radikalismus. Aber die Grazien hatten nicht an der Wiege des unliebenswürdigen Mannes gestanden; das klassische Altertum war ihm nur eine Welt der Sünde, und niemals wollte er den Päpsten verzeihen, daß sie den Vatikan mit der schönsten Skulpturensammlung der Welt geschmückt hatten. So hielt er es denn für Christenpflicht, den Deutschen ihren ersten Dichter zu verleiden und ließ auch nicht ab in seinem puritanischen Eifer, als seine Todfeinde, die Radikalen, in dasselbe Horn stießen und den geadelten Fürstenknecht in Weimar mit gesinnungstüchtiger Entrüstung brandmarkten. Wie vormals Luther und Friedrich, so sah auch Goethe seine letzten Jahre durch die häßlichste aller deutschen Sünden, durch die ungeheure Undankbarkeit der Nation getrübt – eben jetzt, da das Ausland den Dichter erst zu würdigen begann, da die jungen Schriftsteller des Pariser »Globe« die französische Kunst auf die Naturwahrheit Goethes und Shakespeares hinwiesen, und der einzige Brite, der Deutschland ganz verstanden hat, Thomas Carlyle, seinen Landsleuten den Sinn des »Faust« erklärte. Die radikale deutsche Jugend hörte nur zu willig auf die Stimme der Verleumder. Ein Liebling der jungen Männer war Goethe nur zweimal gewesen, in den Tagen des »Werther« und wieder, als der erste Teil des »Faust« erschien; was er jetzt noch schrieb, konnte einem grollenden Geschlechte nicht genügen, das sich nach politischen Kämpfen sehnte und in seiner Ungeduld den Adel der Form kaum noch zu schätzen wußte. In der neuen Burschenschaft, unter den Freunden Arnold Ruges, galt der arbeitsamste Mann des Zeitalters allgemein für einen bequemen, selbstischen Epikureer – ein Märchen, das in den Kreisen der Halbbildung noch durch Jahrzehnte lebendig blieb; wer sich zeitgemäßen Freisinns rühmen wollte, mußte den Aristokraten Goethe geringschätzen. Für diese Entfremdung der Jugend bot es keinen Ersatz, daß die Höchstgebildeten und die Frauen in ihrer Dankbarkeit nicht irre wurden und manche ästhetische Kreise den Kultus des Dichters wie einen Geheimdienst betrieben. Die Berliner Goethe-Gemeinde gewann jetzt an Hegel einen mächtigen Bundesgenossen; in der Verehrung des absoluten Philosophen und des absoluten Dichters genoß der Hegelianer strenger Observanz seine eigene Überlegenheit, und zum Glück fielen die Geburtstage der beiden Heroen im Kalender dicht hintereinander. Da saßen denn am Abend des 27. August die Eingeweihten beim Festmahl und gedachten ernst des nächtlichen Fluges der Eule der Minerva; sobald aber die Mitternachtsstunde ausgeschlagen hatte, erhob sich ein Redner, um fröhlich anzukündigen, daß jetzt Apoll, der Gott der Lieder, auf seinem Sonnenwagen den heiteren Tag des 28. heraufführe. Nicht ohne Bitterkeit bemerkte Goethe, wie die Mittelmäßigkeit, die Philisterei und die rohe Tendenz sich abermals, und mächtiger als zu Kotzebues Zeiten, gegen ihn aufbäumten. Er tadelte in scharfen Epigrammen die unglückliche Neigung der Deutschen, sich selber die Freude am Schönen und Großen zu verderben, und seufzte zuweilen: »ein deutscher Schriftsteller, ein deutscher Märtyrer« – denn jene stoische Unempfindlichkeit, wovon die Sittenprediger fabeln, ist dem Schaffenden, der doch für andere schafft, unmöglich. Aber lange konnte seine fröhliche Lebenskraft sich dem Ärger nicht hingeben, mit einigen Kernflüchen schüttelte er sich die Kläffer von den Fersen: »Hat doch der Walfisch seine Laus, muß ich auch meine haben.« Den Namen des Meisters wies er ab, nur der Befreier der deutschen Dichtung wollte er heißen, und ebendeshalb hatte er seine Freude an den Kritikern des »Globe«, weil sie ihn als den Überwinder des falschen Regelzwanges anerkannten. Mochten sie ihn dann immerhin nach französischem Sprachgebrauch einen Romantiker nennen – »was will all der Lärm über klassisch und romantisch! Es kommt darauf an, daß ein Werk durch und durch gut und tüchtig sei, und es wird auch wohl klassisch sein.« Als vierundsiebzigjähriger Greis ward er noch einmal von einer mächtigen Leidenschaft ergriffen. Er überwand sich und fand wie immer Trost im Liede. In der »Trilogie der Leidenschaft« nahm er Abschied von dem Glück und Leid der Liebe, das kein anderer Dichter je so tief empfunden. Durch die Liebeslieder seiner Jugend war er einst der Liebling aller Weiberherzen geworden; die geheimnisvolle Glut dieses Scheidegedichts konnte nur der leiderfahrene, gedankenreiche Mann ganz verstehen. Noch einmal beschwor er die vielbeweinten Schatten aus seinen seligen Wetzlarer Tagen wieder herauf und gestand, im Innersten erschüttert, wie ihn die Götter sein Leben lang durch das Geschenk der Pandora geprüft hätten: Sie drängten mich zum gabeseligen Munde, Sie trennen mich und richten mich zugrunde. Die Sprüche und Gedichte, die sich wie eine Perlenschnur durch seine alten Tage schlangen, wurden der Größe wie der Kleinheit, dem Ewigen wie dem Vergänglichen des Menschenlebens gerecht. Er mahnte die Brüder der Loge, sich der langen Folge der Jahrhunderte bewußt zu bleiben, weil das Beständige der irdischen Tage uns ewigen Bestand verbürge; aber er wußte auch, daß der schwache Mensch doch nur am Tage den Tag lebt, und gab ihm jenen herzhaften Trost, der so vielen redlich Schaffenden die Augen trocknen und die ermattenden Arme stählen sollte: Liegt dir gestern klar und offen, Wirkst du heute kräftig, frei, Darfst auch auf ein Morgen hoffen, Das nicht minder glücklich sei. Goethe hatte die Genossen seiner Jugend schon alle begraben und stand längst in dem Alter, das den Tod gelassen als eine gemeine Schickung hinnimmt; gleichwohl fühlte er sich tief ergriffen und konnte nur in der gewohnten Einsamkeit auf den Dornburger Schlössern den Frieden des Gemütes wiederfinden, als auch sein großer fürstlicher Freund vor ihm dahinging. Karl August starb am 28. Juni 1828 auf der Rückreise von Berlin, wo er mit jugendlicher Wißbegierde alles Neue und Schöne, was die letzten Jahre geschaffen, betrachtet hatte. Die letzten Tage über mußte Humboldt beständig um ihn sein; der greise Fürst ward nicht müde, den Gelehrten auszuforschen über die schwierigsten Fragen der Naturwissenschaft; hell und lauter schlugen die Flammen seiner großen Seele noch einmal aus dem gebrechlichen Körper auf; mit Verachtung sprach er von der erkünstelten Frömmelei dieser Tage, aber auch mit Ehrfurcht von der menschenfreundlichen Lehre des ursprünglichen Christentums. Dann verschied er im Schlosse Graditz, die Augen der Abendsonne zugewendet. Das alte Weimar war nicht mehr. Auch Goethe fühlte das Bedürfnis des Alters, mit dem Vergangenen abzuschließen, und veröffentlichte seinen Briefwechsel mit Schiller. Bald nachher, im Frühjahr 1830, ließ Wilhelm Humboldt die Briefe erscheinen, welche er einst mit Schiller gewechselt hatte, und schilderte im Vorwort die Natur des Dichters mit kongenialem Verständnis. Das junge Geschlecht war aber in neuen Sorgen und Kämpfen zu tief befangen, um das Vermächtnis einer großen Zeit dankbar aufzunehmen; erst in späteren, ruhigeren Tagen erkannte die Nation, welch ein Schatz künstlerischer Weisheit in diesen Briefen lag. Durch den Zauber der alten Erinnerungen wurde Goethe dem lebendigen Schaffen der Gegenwart nicht entfremdet. Grillparzer und andere junge Dichter erfreuten sich seines ermunternden Zuspruchs, und mit strahlenden Augen folgte der Alte den kühnen Flügen Byrons. Die revolutionäre Macht der Byronischen Muse erinnerte ihn an die Zeiten, da er selber als ein Himmelsstürmer in den zahmen Frieden der deutschen Dichtung eingebrochen war. Er überschätzte sogar den englischen Dichter; denn seine kerngesunde Natur konnte sich die Empfindung des leeren Weltschmerzes an einem großen Künstler nicht vorstellen. Er wußte nicht, wie stark der Spleen des blasierten Weltmannes bei der finsteren Menschenverachtung des Briten mitwirkte, und wenn er Byron nannte, »stark angewohnt, das tiefste Weh zu tragen«, so glaubte er wirklich, das Gewissen des Lords sei mit einer schweren Blutschuld belastet. Mit den Malern und Bildhauern, die er unter seine Flügel nahm, hatte er bisher wenig Ehre eingelegt, da führte ihm ein gütiger Stern den jungen Friedlich Preller zu. Mit väterlicher Sorgfalt nahm er sich des Jünglings an, erwirkte ihm die Gunst Karl Augusts und verwies ihn auf die Meister des großen Stiles der Landschaftsmalerei, auf Claude Lorrain und Poussin. So fiel noch ein letzter warmer Sonnenstrahl aus Weimars goldener Zeit auf die Jugend des Künstlers, der nach langen Jahren wieder einen schönen Nachsommer über die kleine Musenstadt heraufführen sollte. Mittlerweile legte Goethe die letzte Hand an seinen »Faust«, während die vorlauten jungen Leute ihn bereits zu den Toten warfen, sah er, jugendlicher als sie alle, schon das tatkräftige Zeitalter nahen, das die Elemente bändigen und seinen Ruhm finden sollte in dem Gedanken: auf freiem Grund mit freiem Volk zu stehen. (682–688.) Geschichtswissenschaft – Radikalismus und Judentum Als ob er ahnte, daß der große Tag der deutschen historischen Kunst herannahte, schrieb Wilhelm Humboldt um diese Zeit (1822) seine Abhandlung über die Aufgabe des Geschichtschreibers, eine geistvolle Schrift, die in Form und Inhalt den Übergang von der philosophischen zur historischen Weltanschauung darstellte. Den geheimnisvollen Dualismus, der in dem sittlichen Leben unseres staubgeborenen und gottverwandten Geschlechts unverkennbar waltet, suchte er dadurch zu erklären, daß er eine hinter den Erscheinungen der Geschichte stehende Ideenwelt annahm. Geschichte war mithin Darstellung des Strebens einer Idee, Dasein in der Wirklichkeit zu gewinnen. Dem Historiker fiel die zweifache Aufgabe zu, das Geschehene tatsächlich zu ergründen und das Erforschte dergestalt zu verbinden, daß die Notwendigkeit der Ereignisse erwiesen und die Ratschlüsse der göttlichen Weltregierung erkannt würden. Es war eine großartige Ansicht, die zugleich mit Zartheit das persönliche Leben, mit Freiheit die allgemeinen Mächte der Geschichte zu verstehen suchte; sie sicherte der Geschichtschreibung großen Stiles ihre gebührende Stelle auf der Grenze zwischen Wissenschaft und Kunst. Die Frage, wie sich die Welt der Ideen zu der bewußten Tatkraft der wollenden Menschen eigentlich verhalte – diese entscheidende Frage blieb freilich unerörtert. Humboldts Bruder Alexander erhob daher den Einwand: Diese Ideen kämen ihm vor wie jene unerweisbaren Lebenskräfte, welche der Physiolog annehme, sobald er mit seinen Beobachtungen nicht mehr weiter könne. Wilhelm aber ließ sich nicht beirren; er wußte, daß die Geisteswissenschaft nicht wie die Naturwissenschaft allein den Gesetzen der Logik folgen darf, daß sie ihre letzten und höchsten Gedanken nur ahnen, nicht ganz erweisen kann. Inzwischen traten schon die beiden Gelehrten auf die Bühne, welche in der nächsten Zukunft die deutsche Geschichtschreibung beherrschen sollten, Schlosser und Ranke. F. C. Schlosser zählt zu den erstaunlichsten Erscheinungen unserer Literaturgeschichte; denn selten geschieht es, daß ein Mann, der innerlich einer ganz andern Zeit angehört, dennoch auf die Mitwelt mächtig einwirkt. Er war ein Sohn des achtzehnten Jahrhunderts, ganz und gar erfüllt von dem strengen Pflichtbegriffe Kants. In scharfem Gegensatze zu Rotteck, der immer nur den Bürgersleuten das Wort von den Lippen nahm, betrachtete er die Parteikämpfe des Tages mit unverhohlener Verachtung, selbst die patriotische Erregung der Befreiungskriege berührte ihn wenig; war er doch im Jeverlande daheim, draußen unter den Friesen, die sich kaum recht zu Deutschland rechneten, hinter schroffen, rauhen Formen verbarg er schamhaft ein zartes, reiches Gemüt. Erst in reifen Jahren gelangte er durch den Einfluß sanfter, edler Frauen zum inneren Frieden und führte fortan in Heidelberg viele Jahre lang ein stilles Gelehrtenleben: die Selbstbeschauung und Selbstvollendung der freien Persönlichkeit blieb ihm des Daseins höchster Zweck. Der starke mystische Zug, der in seiner Seele dicht neben dem philosophischen Erkenntnisdrangs lag, fand seine Befriedigung in Dantes Werken. Mit diesem Dichter lebte er in allen guten Stunden, und weil er wußte, daß die Tatsachen der Geschichte erst vor dem Richterstuhle des Gewissens Sinn und Bedeutung erhalten, so meinte er sich berufen, gleich seinem Dante ein historisches Weltgericht zu halten, über den sittlichen Wert und Unwert alles Geschehenen nach dem strengen Gesetze Kantischer Pflichtenlehre abzuurteilen. Seine wissenschaftliche Stärke lag in der umfassenden Kenntnis der Literaturgeschichte; er zuerst in Deutschland versuchte die Entwicklung der Dichtung und Wissenschaft in ihrem Zusammenhange mit dem gesamten Schicksal der Völker darzustellen. Und dieser durchaus unpolitische Gelehrte wurde gleichwohl ein Wortführer der öffentlichen Meinung, weil er der erste rein bürgerliche Historiker Deutschlands war. Einem freien Bauernlande entsprossen, hatte er einst an dem kleinen Hofe von Varel das wüste Treiben der Emigranten mit angesehen, das seinen angeborenen Adelshaß bis zum Abscheu steigerte. Unter den Rechtssätzen seines Kant stand ihm keiner so fest wie der Grundsatz der Rechtsgleichheit für alle Teilnehmer am Staatsvertrage. Das Selbstgefühl des Bürgertums, das so mächtig anwuchs, seit die neue, überwiegend bürgerliche Literatur die Nation beherrschte, fand in Schlossers Schriften den lautesten und trotzigsten Ausdruck. Darum galt er für liberal, obwohl er sich den konstitutionellen Ideen nie befreunden konnte; darum wurde er trotz seiner ausgeprägten niederdeutschen Eigenart den Süddeutschen fast ebenso lieb wie ihr Rotteck, denn dort im Oberlande war die bürgerliche Gesinnung zur Zeit noch am stärksten. Schlosser betrachtete den Staat grundsätzlich nur von unten her, vom Standpunkte der Regierten; niemals versuchte er sich in die Lage der Regierenden hineinzudenken, den Zwang der Umstände, der ihre Entschlüsse bestimmte, billig zu würdigen. Da er, wie alle Gemütsmenschen, jede Verletzung seines sittlichen Gefühls mit leidenschaftlicher Bitterkeit empfand, so zeigte das sittliche Weltgericht, das er halten wollte, sehr wenig von der Erhabenheit der »Göttlichen Komödie«. Ungeschlacht wie er war, ohne Sinn für den Adel der Form, geriet er in ein heftiges Poltern und Schelten, die Freude an der historischen Größe ging ihm verloren, und den Lesern blieb der trostlose Eindruck, als ob die vielgestaltige Herrlichkeit der Geschichte nur ein ödes Einerlei glücklicher Schurkenstreiche wäre. Eben diese ungerechte und unpolitische Härte des moralischen Urteils gewann ihm die Herzen der Mittelstände; denn die strenge Kantische Pflichtenlehre war, verdünnt und verflacht, längst in das Bürgertum eingedrungen, und in dem gedrückten politischen Leben dieser Tage fühlte sich jeder im Herzen erleichtert, wenn die Sünden der Mächtigen der Erde von einem rücksichtslos ehrlichen Manne gründlich abgestraft wurden. Durch die Geschichte des achtzehnten Jahrhunderts errang diese moralisierende Geschichtschreibung ihren ersten großen Erfolg, aber erst im folgenden Jahrzehnt, als Schlosser den ersten Entwurf dieses Buches breiter ausführte, wurde er eine anerkannte Macht im deutschen Bürgertum. Bescheiden und fest, einer großen Zukunft sicher, erklärte Leopold Ranke schon in seiner Erstlingsschrift, den Geschichten der romanischen und germanischen Völker (1825), daß er sich des Amtes, die Vergangenheit zu richten, die Mitwelt zum Nutzen zukünftiger Jahre zu belehren, nicht unterwinde. Er wolle »bloß zeigen, wie es eigentlich gewesen«, vertraut mit der Philosophie Fichtes und Hegels, beabsichtigte er durch dies tiefsinnige Wort keineswegs, dem Historiker die Darstellung des Ideengehaltes der Geschichte zu verbieten, aber in der genauen Ergründung des Tatbestandes sah er das Nächste, was der noch ganz verwahrlosten neuen Geschichte not tat; und der Quellenkritik dieses Zeitraums brach der junge Meister gleich selbst die Bahn, indem er in einer klassischen Untersuchung die Unglaubwürdigkeit der berühmten Historiker des Cinquecento darlegte, die Berichte, die Briefe, die Tagebücher der unmittelbar Beteiligten als die allein probehaltigen Zeugnisse empfahl. In dem Werke über die Fürsten und Völker Südeuropas, das großenteils aus den unvergleichlichen Gesandtschaftsberichten der Venetianer geschöpft war, trat der Charakter dieser neuen diplomatischen Geschichtschreibung bereits schärfer hervor, wesentlich politisch, betrachtete sie den Staat stets von oben. Sie suchte die Beweggründe und Absichten der Handelnden, der Herrschenden zu verstehen, und gelangte also zu einer vornehmen Zurückhaltung, welche die Tatsachen meist für sich selber reden ließ; durch die vollständige Beherrschung des Stoffes gewann die Erzählung die ruhige Schönheit des Kunstwerks. Wohl lag die Gefahr nahe, daß die Stimme des Gewissens, die in Schlossers Schriften nur zu oft und lärmend sprach, in den Werken der diplomatischen Historiker ganz verstummte, daß der breite Unterbau der Gesellschaft, die Masse des Volks mit ihrer Not und Sorge, mit ihrer Tapferkeit und ihren dunklen Instinkten nicht genugsam beachtet würde, und auch die Kräfte des Gemüts, deren jede lebenswahre Schilderung des Menschendaseins bedarf, die Liebe und der Humor nicht ganz zu ihrem Rechte kämen. Aber der feste Grund war gelegt, auf dem sich die deutsche Geschichtsforschung zur Höhe einer gesicherten Fachwissenschaft erheben konnte, und die Zeit sollte noch kommen, da die anfangs nur von kleinen Kreisen beachtete Schule Rankes die volksbeliebten Schlosserschen Werke gänzlich aus dem Felde schlug. Nach allen Seiten hin entfaltete sich frisch und kerngesund das neue Leben der historisch-philologischen Wissenschaften. Als Karl Ritter nach Berlin kam, wollten sich zuerst keine Zuhörer finden für das unbekannte Fach der Geographie; nach wenigen Jahren stand er schon als anerkannter Meister da. Unter den klassischen Philologen erforschte F. G. Welcker zuerst mit feinsinnigem Verständnis den trilogischen Bau der Tragödien des Äschylus, während Lobecks Aglaophamus mit scharfer, zuweilen allzu nüchterner Kritik die Wahngebilde der Symboliker zerstörte, und Otfried Müller, den Spuren Niebuhrs folgend, die Verfassungsgebilde der Dorier aus den sozialen Zuständen des Zeitalters der peloponnesischen Eroberung erklärte. Im Kreise der Germanisten verloren v. d. Hagen und die andern Dilettanten der ersten Lehrjahre allmählich alles Ansehen. Die strengen Forscher aber hielten zusammen wie eine gläubige Gemeinde; sie genossen noch die Seligkeit jugendlicher Erkenntnis und empfanden dankbar, daß die Wissenschaft mehr als die Kunst, die den Schaffenden so leicht vereinzelt, die Herzen zu verbinden vermag. Der arme Wilhelm Wackernagel spürte kaum den Frost, wenn er in seiner ungeheizten Kegelbahn die langen Winternächte hindurch über den alten Handschriften saß. Freudig arbeitete einer dem andern in die Hände. Als Uhland das Leben Walthers von der Vogelweide geschildert und nach Künstlerart die Dichtung aus der Persönlichkeit des Dichters erklärt hatte, ließ Lachmann bald nachher seine kritische Ausgabe der Werke Walthers erscheinen und widmete das Buch dem Schwaben. Auch zwei reiche Sammler halfen mit durch ihre Bücherschätze. Wer die Bibliothek des Freiherrn von Meusebach in Berlin benutzen wollte, wurde von dem witzigen Sonderling unbarmherzig im Lesezimmer eingeschlossen, nur die Gebrüder Grimm, die Unwiderstehlichen, hatten freien Zutritt ins Heiligtum. Behaglicher lebte und forschte sich's bei dem Freiherrn von Laßberg auf dem alten Schlosse Meersburg am Bodensee; dort walteten noch die Gastfreundschaft und der ritterliche Sinn des Mittelalters. Im Jahre 1828 vollendete Jakob Grimm wieder eines seiner grundlegenden Werke, die Rechtsaltertümer. Hier lehrte er die Deutschen das sinnliche Element ihrer alten Rechtsgeschichte kennen und zeigte ihnen, wie Uhland dankbar sagte, über dem steinernen Richterstuhl die blühende Linde. Der Sammlerfleiß, der diese Masse alter Rechtsformeln und Symbole zusammengetragen, war ebenso erstaunlich, wie die starke und doch maßvolle Phantasie, welche ein seit Jahrhunderten vergessenes Recht wieder zu beleben, seine zerrissenen Fäden wieder anzuknüpfen vermochte. Überall verriet sich die Freude an dem frohen, beseelten Leben des Mittelalters, wie Grimm der gemeinen Volkssprache und den Volksliedern stets den Vorzug gab, so entnahm er auch seine Kenntnis der alten Rechtsbräuche mit Vorliebe den Weistümern, jenen Rechtweisungen aus dem Munde des Landvolkes selber, welche nur den Germanen eigentümlich, ihm als »ein herrliches Zeugnis der freien und edlen Art unseres eingeborenen Rechtes« galten. Obwohl er nur als Altertumsforscher, nicht als Staats- und Rechtslehrer schreiben wollte, so warfen doch seine Untersuchungen über die Mark und den Hammerwurf ein erklärendes Licht auf weite, noch unerforschte Epochen deutscher Staats- und Wirtschaftsgeschichte, auf jene Zeiten namentlich, da die Germanen von der Viehzucht zum seßhaften Ackerbau übergingen und die tragende Habe die treibende zurückdrängte. Er zuerst entdeckte, daß bei der Vermischung verschiedener Nationen der Kern des Rechtes wie der Sprache noch lange unverändert bleibt, während die Prozeßformen und die Formen der Wörter sich rascher verwandeln. Einige Ergebnisse der germanistischen Forschung wurden allmählich zum Gemeingut der Gebildeten, seit Karl Simrock die »Nibelungen« und dann auch andere mittelhochdeutsche Dichtungen übersetzte – ein geistvoller, liebenswürdiger Rheinländer, dem der Schelm im Nacken saß, zugleich Dichter und Gelehrter, hochbegeistert für Deutschlands alte Größe und die Schönheit seines sagenreichen heimischen Stromes. Als Nachdichter wollte er nicht, wie die Übersetzer aus fremden Sprachen, alles in blankes, neues Deutsch übertragen; er begnügte sich, die dem heutigen Sprachgefühle ganz unverständlichen Worte schonend zu ersetzen, und wahrte also jenen altertümlichen Hauch, der an vaterländischen Dichtungen nicht befremdet, sondern anheimelt. Nicht minder fruchtbar wurde dies Jahrzehnt für die Theologie. In seiner Glaubenslehre (1821) führte Schleiermacher die Grundgedanken der Reden über die Religion mit methodischer Strenge durch. Er zeigte, wie die Religion in der Einheit unseres inneren Lebens wurzelt, in dem unmittelbaren Selbstbewußtsein des Menschen, das alles wollen und Denken beherrscht und durchdringt. Nicht in dem Fürwahrhalten bestimmter Dogmen fand er das Wesen des Glaubens, sondern in der inneren Erfahrung von der Erlösung. Dies innerlich Erlebte wollte er den Denkenden darlegen und also die wissenschaftliche Bildung des Jahrhunderts mit dem Glauben versöhnen. Das Unternehmen konnte nicht völlig gelingen; mehr denn einmal überschritt der große Dialektiker die Schranken des Erkennens und suchte zu erweisen, was jenseits aller Beweise liegt. Aber ein mächtiger Geist sprach aus dieser seelenvollen Auffassung des Christentums, eine weitherzige Liebe, die selbst den Gedanken der ewigen Verdammnis nicht fassen, an einer allgemeinen Wiederherstellung aller Seelen nicht verzweifeln wollte. Bald darauf (1828) eröffneten Ullmann und Umbreit in ihren »Studien und Kritiken« einen Sprechsaal für die Vermittlungstheologie, die sich von Paulus ebenso bestimmt abschied wie von Hengstenberg; die drei großen Richtungen der evangelischen Theologie erschienen nunmehr sämtlich als festgeordnete Parteien. Welch eine Wandlung seit jenen Tagen kirchlicher Stille, da Schleiermacher zuerst wieder die längst vergessene Wahrheit verkündigte, daß die Religion die Einsamkeit hasse. Jetzt war längst erfüllt, was damals Arnim unter dem Eindruck der Reden über die Religion gesungen hatte: Doch wo viele sind beisammen, Zeigen sich der Andacht Flammen, wie der Blitz, wo Wolk' an Wolke, Zündet Andacht sich im Volke. In ungewohnter Kraft regte sich wieder das kirchliche Leben, und mit ihm eine Fülle des Hasses. Die unversöhnlichen Gegensätze, welche Deutschland barg, traten häßlich zutage, als Voß starb (1826) und über dem Grabe des alten Kämpfers die Parteien ihre Schwerter kreuzten. Paulus, Tiedemann, Schlosser verherrlichten den streitbaren Nationalisten, als ob ihm ein Platz dicht neben Luther und Lessing gebührte. Görres aber machte sich den Hochmut der Rationalisten zunutze und schilderte in einer gewandten Streitschrift den verstorbenen als den geistigen König von Niederdeutschland: in ihm, wie einst in der Reformation, hätte sich der hausbackene Bauernverstand der sassischen Niederungen verkörpert. Dieser nordischen Welt des platten Verstandes stehe aber ein anderes, schöneres Deutschland gegenüber: Der reiche Süden mit seiner Phantasie, seiner Kunst, seiner katholischen Kirche! – wo war die Brücke, welche über diese ungeheure Kluft hinüberführte? * Unterdessen begannen die radikalen Ideen, welche seit den Revolutionen Südeuropas den Weltteil wieder erfüllten, auch in die deutsche Literatur einzudringen. Die prahlerische Selbstgefälligkeit des Teutonentums konnte nach so vielen getäuschten Hoffnungen nicht mehr dauern, ein Umschwung war notwendig, und in der Geschichte unseres schwer lebenden Volkes pflegen solche Rückschläge meist heftig, gewaltsam, mit elementarischer Macht einzutreten. Immer blieb es ein Zeichen politischer Unreife und verschrobener Zustände, daß die Umstimmung diesmal so ganz unvermittelt erfolgte. Der neue Radikalismus, der jetzt, ohne die Spitzen unserer Bildung zu berühren, in der Jugend und den Mittelklassen überhandnahm, war undeutsch vom Wirbel bis zur Sohle; er verhöhnte schlechthin alles, was den Helden von Leipzig und Belle-Aliance heilig gewesen, unsere Dichtung und Wissenschaft, unsern christlichen Glauben, selbst die Taten des Befreiungskrieges, und suchte seine Ideale in demselben Lande, das jene Älteren mit glühendem Hasse verfolgt hatten. Es war ein Unheil für die beiden Nachbarvölker, und leider eine notwendige Folge der vielen zwischen ihnen noch schwebenden ungelösten Machtfragen, daß sie niemals in ein ruhiges Verhältnis gegenseitiger Achtung gelangten; das Urteil der Deutschen über die Franzosen schwankte unsicher zwischen Haß und Überschätzung. In Frankreich wuchs ein junges Geschlecht heran, die blutigen Greuel der Revolution waren vergessen, alle Welt sprach wieder von der Glorie der Bastillestürmer, und in dies Selbstlob der Franzosen stimmte eine Schar von Deutschen, die mit jedem Jahre wuchs, begeistert ein. Unwiderstehlich drangen seit der Mitte der zwanziger Jahre Frankreichs politische Ideen über den Rhein hinüber. Niemals in aller Geschichte hat sich der Sieger so freiwillig unter das Joch des Besiegten gebeugt. Als Frankreich im Zeitalter Ludwigs XIV. unsere Bildung beherrschte, da konnte das entvölkerte und verstümmelte Deutschland von dem gallischen Sieger fast nur empfangen. Jetzt behaupteten die Franzosen nur noch in den exakten Wissenschaften den Vorrang, auf allen andern Gebieten der Literatur und Kunst waren die Deutschen ihnen ebenbürtig oder überlegen. Mochte der Deutsche seinen Nachbar um die früher errungene Staatseinheit mit Recht beneiden, Preußen zum mindesten besaß in seiner nationalen Krone, seiner Wehrpflicht, seinem Schulwesen, seiner Selbstverwaltung, seinem redlichen Beamtentum alle die Grundlagen eines geordneten und freien politischen Lebens, welche dem französischen Staate fehlten. Aber der laute, von den Pariser Kammerrednern und Zeitungsschreibern mit so glänzendem Talent geführte Parteikampf erschien der radikalen Jugend Deutschlands nicht als ein Beweis hoffnungslosen inneren Unfriedens, sondern als ein Zeichen hochausgebildeter Freiheit; denn in weiten Kreisen der Halbgebildeten herrschte noch von den ersten Zeiten der Revolution her, wie Niebuhr mit Trauer bemerkte, die staatsfeindliche Ansicht: »Daß die ganze Äußerung der Freiheit im Konflikt besteht: im Konflikt der Deputierten und der Regierung, im Konflikt des einzelnen gegen den Souverän.« In Wahrheit hatten die Deutschen nur wenig zu lernen von der unnatürlichen Verquickung englischer Parlamentsbräuche mit Napoleonischem Verwaltungsdespotismus, welche die Franzosen als konstitutionelle Monarchie rühmten. Was jetzt als neueste politische Weisheit aus Frankreich herüberkam, war für uns im Grunde nur ein Anachronismus, ein frischer Aufguß jener durch Niebuhr und Savigny längst wissenschaftlich überwundenen formalistischen Staatslehre, welche das Wesen der Freiheit allein in der Verfassung suchte. Die Bewunderung des französischen Wesens wirkte jetzt nur verwirrend und betörend; sie entfremdete unsere Jugend dem Vaterlande, sie raubte ihr die Ehrfurcht vor den Helden der Nation, sie verdarb ihr das Verständnis für die vorhandenen Anfänge einer gesunden nationalen Politik, sie vergiftete die ohnehin mächtige Mißstimmung noch künstlich durch die revolutionären Schlagworte und den maßlosen Parteihaß der Nachbarn. Die jungen Deutschen, die in dem Bannkreise dieser französischen Anschauungen aufwuchsen, wußten kaum, daß Gneisenau noch in voller Manneskraft unter uns lebte, und von Motz hatten sie nie ein Wort gehört; den General Foy, der in der Pariser Kammer die Trikolore, das Banner der Marseillaise, für Frankreich zurückforderte, kannten und bewunderten sie alle. Ein rühriger Bundesgenosse erwuchs dem neuen Radikalismus in der jungen Macht des literarischen Judentums. Die moderne Judenschaft besaß schon längst nicht mehr die geistige Kraft, um aus sich heraus eine gesunde eigenartige Bildung zu erzeugen, wie vor Zeiten inmitten der orientalischen Kultur des spanischen Maurenreichs. In den alten Kulturvölkern Westeuropas stand die nationale Gesittung so fest, daß die Juden dort gar nicht wagen durften, in Politik und Literatur als eine selbständige Macht aufzutreten. Auch der erste deutsche Jude, der in unserer Literatur Ansehen errang, Moses Mendelssohn, folgte dem Strome unseres nationalen Lebens, half redlich mit an der Gedankenarbeit der deutschen Aufklärungsphilosophie; wenn er den Glauben seiner Väter, wie sein gutes Recht war, gegen Lavater verteidigte, so war er doch keineswegs gemeint, die deutsche Welt mit jüdischen Ideen zu durchtränken, er bemühte sich vielmehr, seine Stammesgenossen für die deutsche Bildung zu gewinnen. Mittlerweile war seine Saat aufgegangen, ein Teil der Judenschaft hatte sich mehr oder minder germanisiert, in der Presse wirkten schon mehrere jüdische Schriftsteller, aber bald regte sich in diesen Kreisen ein gefährlicher Geist der Absonderung und der Anmaßung. Die Judenschaft war in Deutschland weit zahlreicher als in den westlichen Nachbarlanden, und da der deutsch-polnische Judenstamm sich von jeher schwerer an das abendländische Wesen gewöhnt hatte als die spanischen Juden, die in England und Frankreich damals noch überwogen, so geschah es, daß in Deutschland – und hier allein – eine eigentümliche halbjüdische Literatur aufkam, welche ihre orientalische Weltanschauung, ihren ererbten Christenhaß in abendländische Formen hüllte. Ein durchgebildeter Nationalstolz, der solche Versuche von Haus aus verhindert hätte, war hier nicht vorhanden; dieser geduldige deutsche Boden hatte schon allen Nationen Europas zum Tummelplatze gedient, hier durfte auch das Judentum noch sein Glück versuchen. Die edleren und ernsteren Männer der deutschen Judenschaft hatten längst eingesehen, daß ihr Stamm nur dann die bürgerliche Gleichberechtigung beanspruchen durfte, wenn er selber seine Sonderstellung aufgab und ohne Vorbehalt im deutschen Leben aufging, wenige Jahrzehnte, nachdem Moses Mendelssohn seinen Weckruf hatte erscheinen lassen, wirkten schon überall in Kunst und Wissenschaft begabte Männer jüdischer Abstammung, getaufte und ungetaufte, die sich ganz als Deutsche fühlten und in ihren Werken durchaus deutsche Züge zeigten: In der Musik Felix Mendelssohn-Bartholdy, in der Malerei Veit, in der Theologie der kindlich gläubige Neander. Die schnellfertigen jüdischen Talente dagegen, welche in der Tagespresse das Wort führten, trugen ihre jüdische Sonderart hochmütig zur Schau und verlangten gleichwohl als Wortführer der deutschen öffentlichen Meinung geachtet zu werden. Dies vaterlandslose Judentum, das sich als Nation innerhalb der Nation gebärdete, wirkte auf das noch unfertige nationale Selbstgefühl der Deutschen ebenso zerstörend und zersetzend wie vormals auf die versinkenden Völker des Römischen Kaiserreichs. Soweit der jüdische Kosmopolitismus abendländische Völker verstehen konnte, fühlte er sich zunächst zu den Franzosen hingezogen, nicht bloß durch eine berechtigte Dankbarkeit, sondern auch durch das Bewußtsein innerer Verwandtschaft. Einer Nation, die seit Jahrhunderten keine politische Geschichte mehr besaß, war nichts so fremd wie der historische Sinn. Die Pietät der Germanen erschien ihr lächerlich, das moderne Frankreich aber hatte mit seiner Geschichte gebrochen, hier fand sie sich leichter zurecht, denn hier war der Staat blank und neu, scheinbar rein aus dem Verstande heraus erschaffen. Das jüdische Literatentum bestärkte daher den deutschen Radikalismus in seiner urteilslosen Vorliebe für Frankreich. Auch das gellende Zetergeschrei, das die jüdischen Publizisten nach ihrer nationalen Gewohnheit anzustimmen liebten, diente nicht zur Veredlung unserer politischen Sitten, zumal da die Deutschen selber im Streite leicht geschmacklos werden. Der berechtigte politische Groll der Zeit verfiel in maßlose Übertreibungen, seit der jüdische Christenhaß die Flammen schüren half. Am verderblichsten aber wurde dem deutschen Radikalismus die sonderbare jüdische Unart der Selbstverhöhnung. Dies Volk ohne Staat, das weithin durch die Welt zerstreut, Sprache und Sitten anderer Völker annahm, ohne doch sich selber aufzugeben, lebte in einem ewigen Widerspruche, der, je nachdem man sich stellte, bald tragisch, bald komisch erschien. Dem behenden jüdischen Witze konnte die Lächerlichkeit des Kontrastes morgenländischer Natur und abendländischer Form nicht entgehen. Seit langem waren die europäischen Juden gewohnt, sich selber mit der äußersten Rücksichtslosigkeit zu verspotten; das Grausamste, was jemals über die Juden gesagt wurde, stammt aus jüdischem Munde. Der Rassenstolz des auserwählten Volkes gegenüber den Gojim war freilich so tief eingewurzelt, daß er selbst durch die frechste Selbstverspottung nicht erschüttert werden konnte. Jetzt drang diese jüdische Unsitte auch in die deutsche Literatur ein, wo ihr durch die spielende Ironie der Romantiker und die politische Verbitterung der Liberalen der Boden schon bereitet war; es galt für geistreich, über das Vaterland schamlos, ohne jede Ehrfurcht, so von außen her abzusprechen, als gehörte man selber gar nicht mit dazu, als schnitte der Hohn gegen Deutschland nicht jedem einzelnen Deutschen ins tiefste Herz. Die Deutschen verstanden sich aber wenig auf den Scherz, am wenigsten auf diese orientalische Witzelei, sie nahmen manche Schmähung, die gar nicht bös gemeint war, in vollem Ernst. Die radikale Jugend begann die freche Verunglimpfung des Vaterlandes bald für das sichere Kennzeichen der Gesinnungstüchtigkeit zu halten, weil der durch tausend Hemmnisse beengte deutsche Staat ihren ungeduldigen Wünschen so schnell nicht zu folgen vermochte; sie schimpfte so lange auf deutsche Hundedemut und Schafsgeduld, bis sie selber an dies alberne Zerrbild deutschen Wesens glaubte und sich wirklich einbildete, das leidenschaftlichste Volk Europas, das Volk der furia tedesca , sei phlegmatisch. In diesen Jahren der Besudelung alles deutschen Wesens erhielt auch das nationale Scherzbild des deutschen Michels eine neue widerliche Gestalt. Der deutsche Michel der alten Zeit war, seinem kriegerischen Namen gemäß, ein gewaltiger Schlagetod, grob und plump, aber tapfer und geradezu, ein lebensfroher Gesell, wie John Bull oder Robert Macaire, nicht unwürdig eines großen Volkes, das an sich selber glaubte und darum auch einmal über sich selber lachen durfte. Neuerdings wurde in Bild und Wort unter dem alten Namen ein feiger und fauler Philister dargestellt, der, von aller Welt mißhandelt, sich die Schlafmütze über die Ohren zog. Das Spottbild war während der Kämpfe der Romantiker gegen die Philister aufgekommen, zuerst auf dem Titelblatte der »Heidelberger Einsiedlerzeitung«, aber Achim von Arnim hatte dabei feierlich erklärt, mit diesem Faulpelz sei nur das wohlhabende lesende Publikum gemeint, »nicht mein Volk, das ich ehre, mit dem ich nimmermehr zu scherzen wage«. Das junge radikale Geschlecht kannte solche Scheu nicht mehr und fand es nicht unehrenhaft, die Nation, welche soeben mit ihrem siegreichen Degen das Napoleonische Weltreich gestürzt hatte, unter dem ekelhaften Bilde eines trägen Feiglings zu verhöhnen. Die zerreibende und verhetzende Wirksamkeit des radikalen Judentums war um so gefährlicher, da die Deutschen sich über den Charakter dieser neuen literarischen Macht lange täuschten. Sie hielten arglos für deutsche Aufklärung und deutschen Freisinn, was in Wahrheit jüdischer Christenhaß und jüdisches Weltbürgertum war. Nur Wolfgang Menzel und wenige andere Publizisten empfanden die Gefahr, doch da sie sämtlich der hochkirchlichen Richtung angehörten, so wurden ihre Warnungen mißachtet. Erst in einer weit späteren Zeit erkannte die Nation, daß seit dem Ende der zwanziger Jahre ein fremder Tropfen in ihr Blut geraten war. Es war der Ruhm der Deutschen gewesen, daß sie niemals auf der Bank der Spötter gesessen hatten, daß ihre freien Köpfe mit Kühnheit, aber stets mit Ehrfurcht an das Heilige herangetreten waren. Jetzt ging dieser Ruhm verloren; auch Deutschland sollte Schriften sehen, die sich mit Voltaires Frechheit, freilich nicht mit seinem Geiste, messen konnten. (696–705.)