Ernst Weiss Der arme Verschwender Für Stefan Zweig Erstes Kapitel 1 Das Schreiben war immer eine verbotene Freude für mich. Mein Vater liebte es bei mir nicht. Aber er konnte mich nie so scharf überwachen, daß er es ganz hätte verhindern können. Er ist ein berühmter Augenarzt, seine Zeit gehört ihm nicht. Wir, meine Mutter und ich (meine Schwester kam erst fünfzehn Jahre nach mir auf die Welt), sahen ihn immer nur auf kurze Zeit, die sechs Wochen des Sommerurlaubs ausgenommen, die wir fast Jahr für Jahr auf dem kleinen Besitz Puschberg in Tirol verbrachten. Ich erinnere mich noch, es war in meinem Geburtsort, einer Stadt des alten Kaiserreiches Österreich-Ungarn, wo mich eines Spätnachmittags im Juni die Lust zu schreiben übermannte. Ich hatte heimlich aus der Bibliothek meines Vaters ein Buch über Augenheilkunde genommen – mein Vater war damals Dozent der Augenheilkunde – und hatte es durchgeblättert, ohne es zu verstehen, ich hatte die bunten Abbildungen angestaunt, ohne sie zu begreifen. Wie sollte ich dies auch, eine Junge von elf oder zwölf Jahren? Plötzlich fiel mein Blick auf eine kleingedruckte Stelle am unteren Rande einer linken Seite, es war unser Name, der Name meines Vaters, ohne Angabe seines Titels, einfach Maximilian K. Ich erschrak, und zu gleicher Zeit überkam es mich mit einem wunderbaren Entzücken, zitternd beugte ich mich über die Stelle und las sie mir halblaut vier- bis fünfmal vor, dann legte ich, damit der Wind nicht das Blatt umschlage – das Fenster war offen, und ein mächtiger Südwind wehte –, mein lateinisches Taschenlexikon quer über die merkwürdigste aller Seiten, riß aus meinem Mathematikheft ein Blatt, und zwar das letzte, heraus und begann schnell den ganzen Absatz mit allen mir unverständlichen Fremdwörtern abzuschreiben, bei besonders schwierigen Wortbildungen an der Spitze des Federhalters ungeduldig knabbernd. Es war ruhig, meine Mutter war bei der Schneiderin für die Ferientoiletten, aus dem unteren Stockwerk, wo mein Vater täglich zwischen drei und halb fünf (oft wurde es aber halb sieben, sogar acht) ordinierte, kam kein Geräusch. Kein Klirren von Instrumenten, kein Raunen, kein dumpfes, unterdrücktes Jammern, wie ich es manchmal heimlich beim verbotenen Lauschen hinter den Türen unten vernommen hatte. Nur selten hörte ich den Stock eines Augenkranken scharf und hell über die Stufen der Treppe zum ersten Stockwerk klappern, denn der samtartige Treppenbelag begann auf ausdrücklichen Wunsch meines Vaters erst auf der Treppe, welche von der Ordination zu unserer Wohnung führte und welche die Patienten daher nie benutzten. Ich war so in meine Arbeit vertieft und so glücklich dabei, daß ich nicht merkte, wie sich die Tür auftat und mein Vater leise eintrat. Er stand vielleicht schon einige Sekunden hinter meiner Schulter, bevor er mir das Blatt unter der Feder wegzog, so sachte und so energisch zugleich, daß ich mit meiner Feder noch einen langen Schnörkelzug tat. Jetzt schrak ich auf und sah ihn, mit seinem spöttischen Lächeln, das weder Gutes noch Böses versprach. Um seine schöne, hohe, damals vollkommen faltenlose Stirn sah ich eine rote, drei Finger breite Spur, ich wußte, daß dies die Spur eines Apparates war, den er mit einem festen Band bei seiner Arbeit um den Kopf geschnallt trug. Mein Vater ist ein starker, breitschultriger, hochgewachsener Mann. Dunkelblonder Bart, etwas helleres, reiches, sorgfältig in der Mitte gescheiteltes Haar. Er spricht nicht viel. Er lächelt zwar oft, aber ich bin lange die Angst vor ihm nicht losgeworden, obwohl ich mich nicht erinnern kann, daß er mich körperlich gestraft hätte – ganz im Gegensatz zu meiner Mutter. Aber meine Liebe war meist noch stärker als meine Angst, und ich hatte nie das Gefühl des Verlassenseins, wie es einzige Kinder oft haben, und das sie oft zu einer Art Größenwahn treibt. Auch jetzt sagte er nichts. Er las zuerst die Seite durch, ohne ein Zeichen des Staunens zu geben. Dann fragte er, woher ich das Blatt genommen habe. Ich stammelte etwas vor mich hin, der mächtige Südwind kam eben durch das offene Fenster mit dem Rauschen der dicht bebuschten Bäume, der Vater schloß das Fenster, faßte mich an der Schulter und sah mich fragend an. Seine Augen sind nicht groß. Sie sind von einem frischen, grünlichen Blau, und sie haben es an sich, daß sie das nicht mehr loslassen, was sie einmal erfaßt haben. ›Nun?‹ fragte er noch einmal. ›Gekauft‹, sagte ich, und dann über meine wahrhaft unbeschreiblich dumme Lüge errötend und am ganzen Körper in Schweiß ausbrechend, wiederholte ich noch einmal: ›wirklich! gekauft‹, während ich merkte, daß er schon seine Lippen geöffnet hatte, um etwas zu sagen. Aber er sagte nichts mehr, er nickte nur. Er hatte natürlich sofort gemerkt, daß das Blatt aus dem neuen Mathematikheft ausgerissen war, und zu allem Ungemach noch dazu so ungeschickt, daß auch das erste Blatt des Heftes mit meiner ›Hausaufgabe‹ (und den dazu gehörigen Zeichnungen der Dreiecke mit eingeschriebenem und umschriebenem Kreise) aus dem Hefte herausfiel, kaum daß mein Vater nur leise daran zupfte. Er faßte jetzt das ganze Heft zwischen seine schneeweißen, zarten und dabei außerordentlich kräftigen Finger mit den kurzgeschnittenen, mandelförmigen rosigen Nägeln (ich habe nie vorher und nie nachher eine solche Hand gesehen) –, dann aber nahm er die zwei Blätter, legte sie vorsichtig wieder in das Heft zurück, das Blatt mit der Aufgabe an den Anfang und das Blatt mit der ›kleingedruckten‹ Notiz an den Schluß. Ein anderer Vater hätte mich vielleicht gestraft, ein anderer mir wenigstens eine Standpredigt gehalten. Hier nichts. Er nahm nicht einmal sein Lehrbuch der Augenheilkunde mit sich, als er das Kinderzimmer wieder verließ. Ich weiß nicht, wie er es zustande brachte, aber er hatte mir vorläufig den Spaß am Kritzeln abgewöhnt, und doch liebte ich das Schreiben über alles, bis zum herben Geruch der Tinte und dem beruhigenden Streichen der Feder über das Papier. Bis dahin hatte ich öfter die Gelegenheit benützt, wenn er und der Diener abwesend waren, um in der Bibliothek mir medizinische Bücher zu verschaffen. Welchen Sohn eines Arztes hätte das Geheimnis nicht gelockt? Von nun an hielt ich mich (eine Zeitlang nur, ich gestehe es) an das stumme und gerade deshalb so wirksame Verbot, weil ich fühlte, mein Vater habe mir nur deshalb keine Vorwürfe gemacht, weil er wußte, daß ich ihn auch ohne diese ganz genau verstand. Er nahm mich ernst, und er vertraute mir immer wieder. Manchmal hätte ich ihm – wie soll ich es nennen? – widerstreben mögen. Ich hätte meiner Mutter mehr beistehen können. Ich konnte es nicht. Ich war kein musterhafter Sohn, auch kein musterhafter Schüler. Ich war nicht immer sehr verträglich, und da wir in der Schule verschiedene ›Banden‹ mit verschiedenen Führern hatten und ich natürlich auch einer der Führer war, kam es oft zu Prügeleien, zu Siegen und zu Niederlagen, die ich nicht ruhig hinnehmen konnte, besonders wenn ich sah, daß der letzte Sieger, den wir in unserer Sprache ›Imperator‹ nannten, sich gegen kleine, schwächliche oder ›zurückgebliebene‹ Kameraden etwas herausnahm. So war der ewigen Kämpfe kein Ende, zum Glück, denn das Raufen macht Spaß, versteht sich. Was ich aber später nicht mehr verstand, war, daß ich es mit dem Eigentumsbegriff nicht immer sehr streng nahm. Oft genug hatte ich Sachen von mir fortgegeben, und das ließ sich entschuldigen, obwohl mir zu Hause immer eingeprägt wurde, daß alles, was ich hatte, nicht mir persönlich, sondern ›uns‹ gehörte. Schlimmer war es, daß ich mir Sachen aneignete, von denen ich ganz genau wußte, daß sie mir nicht gehörten. Schulutensilien, besonders schöne Federhalter, dicke Gummis etc. haben mich immer gereizt, ein geschnitzter Federhalter mit der Stadt Gablonz im Griff eingelassen, war mein Traum. Ich nahm sie, hatte sie, und stellte sie meist, unbemerkt, wie ich dachte, den alten Eigentümern wieder zurück, denn sie auf ewige Zeiten zu besitzen, galt mir nichts. Auch das konnte man noch entschuldigen. Aber unverzeihlich in den Augen meiner Mitschüler war es, daß ich mir öfter Sachen von sehr armen Jungen aneignete und daß es mir ein höllisches Vergnügen machte, zu sehen, wie sie ihr Eigentum ›über und unter der Erde‹, will heißen Schulbank, suchten. Was dachte ich mir wohl dabei, wenn ich ihnen mit einer falsch großmütigen Geste nach kurzer Zeit ihr Eigentum zum Geschenk, ›zum Present‹ machte? Ich dachte, sie würden sich ungeheuer freuen. Statt dessen fielen bei einer solchen Gelegenheit die Kameraden aus verschiedenen Heerlagern über mich her. Jeder für sich war im Vergleich zu mir kein Held, glaubte ich, und ich stellte mich lachend dem Kampf, aber es war kein Zweikampf wie gewohnt, sondern sie stürzten insgesamt, ohne abzuwarten, sich über mich, und alle zusammen bekamen sie leider schnell die ›Überhand‹, wie wir es nannten. Ich lag bald da, mit dem Rücken nach unten, die Lippen zusammengekrampft, aber mit allen Gliedern schnelle, furchtbare Stöße austeilend, ohne doch gegen die Übermacht aufkommen zu können. Vielleicht hätte ich mich, als ein ungewöhnlich starker Junge, ihrer doch erwehrt, wenn nicht ein besonders kleiner, mißgestalteter, schielender Knabe meinen Kopf von rückwärts gefaßt hätte, um ihn gegen den Fußboden zu stoßen. Aber mein dichter Haarbusch hatte den Schlag zu meinem Glück abgeschwächt. Ich war über die gemeine Kampfart so empört, daß ich in meiner Wut – jetzt war ich wütend geworden, und in meinem Jähzorn kannte ich mich nicht mehr – mich aufbäumte und gegen meine Gegner ansprang. Aber sie waren klüger als ich, voller List stellten sie mir Fallen, einer ›drehte mir das Füßel‹, ich lag zum zweitenmal da, und diesmal fielen alle mit doppelter Kraft über mich her, die Schwächlinge und Zurückgebliebenen besonders, diejenigen, die ich großmütig beschützt, und die anderen, die ich, nicht minder großmütig, mit ihrem Eigentum beschenkt hatte, wenn ich ihnen keine anderen Geschenke hatte machen können. Unter allen war es der Schielende, der sich besonders boshaft an mir verging. Ich sage nicht wie. Mein Jähzorn war so schnell, wie er gekommen war, auch schon vorbei, ich sah sogar mein Unrecht ein, ich spürte die Schläge und Püffe nicht mehr, wohl aber meine eigene Schande, und in meiner Not begann ich laut zu beten. Ob ernst, ob nicht (aber es war ernst, denn ich ›glaubte‹, aus ganzem Herzen) – meine Kameraden höhnten nur noch mehr, der Schielende kopierte meine Worte, und zu spät verschloß ich meine Lippen, als ich merkte, daß ich gegen unsere ›Ehre‹ verstoßen und den Beistand eines Dritten, des lieben Gottes, angerufen hatte. Ich ließ mir sogar Ohrfeigen versetzen, ich schlug, so verstört war ich, nicht ordentlich zurück. Ich schützte nur mein Gesicht. Dann ließ ich die Hände von meinem Gesicht gleiten. Ich streckte die Arme aus. Das galt allgemein als Zeichen, daß ich meine Niederlage anerkenne, und fast alle zogen sich lachend und mit den Füßen aufstampfend und dann mit den Büchern auf die Pultdeckel trommelnd, in ihre Schulbänke zurück und ließen mich am Fuße des Katheders liegen. Nur der Schielende wollte nicht von mir lassen und trat nach meiner Hand, die zusammengekrampft auf dem Fußboden dalag und die ich, auf solche Niedertracht nicht gefaßt, zu spät fortzog. Von draußen vernahm man die Schritte des Klassenvorstands – auf dem hallenden, mit Steinplatten belegten Korridor hörte man sie ziemlich lange voraus. Es war höchste Zeit für uns beide, meinen stillen Feind (er mußte mich schon lange gehaßt haben, wie eben solche armen Kreaturen hassen) und mich. Aber auch bei mir war die Zeit des stummen Leidens vorbei. ›Warte nur, du, ich komme dir mit dem Spiegel!‹ zischte ich ihm zu und stand wieder aufrecht da, wenn auch noch etwas schwankend. Obwohl mein Vater niemals mit uns über ärztliche Sachen sprach und obwohl auch aus dem Faktotum Lukas, seinem Diener, nie etwas über die Kunst meines Vaters herauszubringen war, so hatte ich doch etwas von einem Spiegel aufgeschnappt – es war ja ein runder Spiegel, den mein Vater an dem breiten, tief schwarzen Band um den Kopf geschnallt trug –, und ich hatte jetzt, ohne es zu wissen, die empfindlichste Stelle des Schielenden getroffen. Ich hätte vielleicht schweigen sollen, denn ich sah, wie er erblaßte und wie er weit vor mir in die Gasse zwischen den beiden Bankreihen zurückwich, sich mir aber doch wieder näherte, um meine ganz staubig gewordenen, dunkelblauen langen Beinkleider abzuputzen und den Kragen der Matrosenbluse, der zusammengeknäuelt war, glattzustreichen. Und während ich seine Hand an meinem Rücken entlangstreichen fühlte, hörte ich ihn leise mit den unter uns üblichen Worten um Verzeihung bitten: Abbitteabbitte! Aber als die Tür sich öffnete und der Klassenvorstand würdevoll eintrat, konnte ich mich nicht erwehren, ihm zuzuflüstern: ›Ja, mit dem schwarzen Augenspiegel komme ich, der meinem Vater gehört, und du wirst ganz blind, Schengler, du.‹ Schengeln oder scheangeln heißt in dem Dialekt der Stadt, in der wir wohnten, schielen. Er schüttelte in seinem großen Entsetzen bloß stumm den Kopf, er schlich in seine Bank, die letzte, die an der Wand, unter der Länderkarte, und sooft ich ihn ansah, schüttelte er flehend den Kopf unter den Flüssen und Gebirgen der österreichisch-ungarischen Monarchie und verzehrte mich mit seinen Augen, die mehr schielten denn je. Ich konnte ihm nicht böse sein. Zwar merkte ich, wie sich an meinem Hinterkopf eine große Beule bildete und mir das Haar strack abstand und daß schon die leiseste Berührung schauerlich schmerzte, aber ich wollte alles wieder gutmachen. Ich nickte versöhnlich, wenn er den Kopf verzweifelt schüttelte, und als ich merkte, daß er diese Sprache nicht verstand, schickte ich ihm ein ›Klassentelegramm‹ folgenden Inhalts: ›Abbitteabbitte. Ich operiere Dich, und Du wirst sehen wie Perikles! Imperator.‹ Ich war zwar damals keineswegs Imperator, und auch mein Anerbieten, ihn zu operieren und ihn sehend zu machen wie Perikles (warum Perikles?), konnte nicht einmal ich ernst nehmen, denn ich wußte, daß er auch ohne mich sah. Aber er war beruhigt und schrieb zurück, ein kleines Blatt Papier in der Form einer Zigarette zusammenfaltend und in die Höhlung das Geschenk einer neuen Schreibfeder einlegend (vielleicht deshalb eine Feder, weil er wußte, wie gern ich mit einer neuen Feder schrieb): ›Dem Imperator dankt Perikles.‹ Aus dieser Erinnerung, die in mein zwölftes oder dreizehntes Lebensjahr zurückgeht, ziehe ich den Schluß, daß ich schon als Kind fest daran geglaubt habe, daß ich einmal Arzt wie mein Vater werden würde, daß ich glückliche Operationen und zauberhafte Kunststücke mit Spiegeln an unvollkommenen Augen vornehmen würde und daß es mir nicht an dem Endsieg fehlen könne, wie meine Unterschrift ›Imperator‹ beweist. 2 Wir, meine Mutter und ich, kannten nicht genau den Wert des Geldes. Mein Vater ließ es uns oft genug merken, meiner Mutter machte er zarte Andeutungen, die sie aber mit Absicht überhörte, und wenn mein Vater in bezug auf die Toilettenausgaben deutlicher wurde, so wandte sie ein, daß diese nur gering seien, daß sie unter einer seidenen Steppdecke bei ihrer Familie großgezogen worden sei und daß sie sich standesgemäß kleiden müsse. ›Und dann will ich euch doch auch gefallen‹, sagte sie, sah meinen Vater und mich an, und ihr etwas unregelmäßiges Gesicht wurde durch ein schelmisches Lächeln geradezu wunderbar schön. Nicht, daß ich sie nicht immer für schön gehalten hätte. Mehr als das, sie war für mich etwas so Einzigartiges, daß man nichts mit ihr hätte auch nur entfernt vergleichen können. Alle jungen Mädchen, die ich sah, waren anders als sie und interessierten mich daher nicht. Aber, wen ich am meisten liebte, und zwar abgöttisch, war und blieb mein Vater, und ich hätte alles dafür gegeben, ihm eine Freude bereiten zu können. Sonderbarerweise träumte ich sogar davon, ihm zu verzeihen. Es war ein verrückter Traum. Denn wie hätte ich dazu kommen sollen, einem Mann wie ihm, dessen Rockschöße manchmal fremde Patienten (er nannte sie unter uns die Pilgerim, weil sie aus weiter Entfernung hergereist waren) mit Beseligung wie eine Hostie berührten, zu verzeihen, ich, ein mittelmäßiger Schüler, dem es stets an dem notwendigsten, an Geduld, gefehlt hat und der sich in seinem Jähzorn zu Ausbrüchen hinreißen ließ, die er später selbst am bittersten bereute. So kam es, daß ich, am Anfang wirklich nur aus Reue, mich dem Schielenden, einem armen, häßlichen, aber sehr klugen Sohn eines Steueradjunkten anschloß und in ihm meinen ersten Freund hatte. Also, wenn es schon ganz und gar unmöglich war, einem Überimperator, einem Halbgott wie meinem Vater zu verzeihen, so konnte ich mir doch den Kopf zerbrechen, wie ihm eine Freude machen. Sicherlich war es ihm recht, wenn ich möglichst sparte. Er selbst ging sehr einfach gekleidet, meinem Freunde fiel es auf, wie abgetragen und glänzend sein langschößiger altmodischer Rock war, und wie sonderbar es aussah, wenn dieser Mann in seiner dürftigen Kleidung, in seinem abgeschabten Gewand, mit seinen zu kurz gewordenen, an den Ellenbogen glänzenden Ärmeln in den Wagen stieg, der ihm gehörte. Ich hatte solche Kleinigkeiten früher nie bemerkt. Jetzt sah ich sie aber, und mein Vater, der schwerer arbeitete als ein Tagelöhner (denn er wurde auch oft nachts zu Patienten gerufen und ging dann, um die Pferde zu schonen, meist zu Fuß in entlegene Quartiere), wurde mir in meinem Herzen noch teurer. An jedem Montag bekam ich von ihm eine neue Feder, die er aus einem Schächtelchen nahm. Im ›Gros‹ gekauft, waren sie um eine Kleinigkeit billiger. An dem Montag, der meinem Kampf mit meinem neuen Freunde Robert (oder bald Berti und zum Schluß Perikles) folgte, konnte ich ihm die Feder wieder zurückgeben. Er glaubte, daß ich meine Feder in der letzten Woche so geschont hatte, daß sie noch eine zweite Woche ihren Dienst leistete, und ich ließ ihn dabei, denn endlich hatte ich das Gefühl, er freue sich darüber. Ich täuschte mich nicht. Mein Vater fürchtete, ich hätte eine Art Verschwendungssucht von meiner Mutter geerbt, die sie wiederum von ihren Eltern übernommen hatte, und als er nun dieses erste Zeichen von Sparsamkeit an mir sah, ließ er mich am Ende der Woche kommen, holte aus einem kleinen stählernen Kästchen (in das er, ohne es richtig zu öffnen, nur mit zwei Fingern hineinlangte, so daß ich den Inhalt doch nicht sehen konnte) eine kleine Goldmünze heraus, gab sie mir und fragte mich, ob ich ein Portemonnaie hätte. Woher hätte ich eines haben sollen? ›Mutter wird dir eines geben‹, sagte er, und, ›was ich noch sagen wollte, du weißt doch, was das ist?‹ ›Zehn Kronen, ein Dukaten‹, antwortete ich schnell. ›Natürlich‹ (ein sehr häufiges Wort bei ihm und meist ironisch gebraucht), ›natürlich! Ich möchte so gern, mein Junge, daß du dich frühzeitig an den Wert des Geldes gewöhnst. Wie immer es kommt, es wird gut für dich sein. Man besitzt nur das, was man unter keinen Umständen ausgibt. Das ist der Zweck des Geldes. Ich habe eine schwere Jugend gehabt. Ich kenne nun den Wert. Du sollst daher nur das Geld sparen, verstehst du mich? Aber es soll dir gehören, ausschließlich dir! Verstanden?‹ Ich sagte nichts, ich sah ihn an, natürlich verstand ich ihn. ›Ich will dir jede weitere Woche Geld geben, immer zehn Kronen, ich will dir vertrauen, es ist vielleicht wichtig für dich!‹ Ich nickte, heiß vor Freude. Er stand auf und schlug mir leicht auf die Schulter. Ich hatte das Geld in der Faust und die Faust schon in der Hosentasche. ›Nicht verlieren!‹ sagte er. ›Es ist für einen Jungen viel Geld.‹ Als ich an der Tür war, rief er mich zurück. Es war fast, als könne er sich von dem Geld nicht trennen. ›Zeig ihn noch einmal her, den Dukaten!‹ flüsterte er, als wäre es ein Geheimnis. Ich gab ihm das kleine Goldstück. Er ließ es auf den Deckel des Stahlkästchens niederfallen. Es klang hell, sprang auf und nieder und blitzte. ›Ich wollte nur sehen, ob er echt ist. Laß dir also ein ausgedientes Portemonnaie von der Mutter geben und – merke dir, Accomodation schreibt man immer mit zwei c, natürlich?‹ Wir beide lachten uns an. Ich war sehr groß für mein Alter, ich reichte ihm bald an die Schulter. Ich habe vergessen zu sagen, daß in dem Abschnitt des Buches über Augenheilkunde, in dem sein Name vorgekommen war, auch das mir unverständliche Wort Accomodation einigemal erschienen war; und ich, in meiner alten Ungeduld, um nur recht schnell den Namen meines Vaters hinmalen zu können, hatte es mit einem c geschrieben. Es war also alles vergeben und verziehen. Ich sprang voller Freude und innerem Jubel davon, bekam von meiner Mutter ein sehr schönes, aber nicht ganz dichtes Portemonnaie, das sie mir aber mit Nadel und Zwirn sofort in Ordnung brachte. Auch von ihr bekam ich ein Geschenk, nicht viel, nur eine Silberkrone. Sie war zum Ausgeben bestimmt, und ich faßte sofort den Entschluß, sie zu einem Geschenk für meinen Vater zu verwenden. Die Methode meines Vaters bewährte sich. Ohne das Goldstück wäre mir das Silberstück nur dazu geeignet erschienen, es sofort in ›Seidenbonbons‹ (eine Art winziger Kissen mit Schokoladencrèmefüllung) oder in kleine süßsaure Gurken umzusetzen, zwei Leckerbissen, die ich damals besonders bevorzugte. Nun aber bewahrte ich das Geld schon mit einer Art Geiz auf, nachts steckte ich das Portemonnaie unter das Kopfkissen. Dann pflegte ich zu beten, wie es sich gehört, auf den Knien – meist aber oben im Bett, auf der weichen Matratze kniend, der Wand zugewendet, wo sich ein kleines schwarzes Kruzifix mit einem silbernen Christus befand. – Sich nach dem Gebet von den Knien herunterzulassen und sich in die kühlen, glatten, geschmeidigen Kissen einzuwühlen und tief aufzuatmen und sich ganz zu verlieren und fast augenblicklich einzuschlafen und sich, noch im Einschlafen, schon aus ganzem Herzen auf den nächsten Tag zu freuen. Es muß in dieser Zeit gewesen sein, daß eines Abends einige der ›Pilgerims‹ über die ihnen wie allen Patienten verbotene Treppe, welche, mit Samtläufern belegt, zu der Privatwohnung führte, hinaufkamen und es durch ihr Lamentieren durchsetzten, von meinem Vater, freilich nur in dem Vorzimmer, empfangen zu werden. Ich hätte kein neugieriger Junge sein müssen, wenn ich nicht gelauscht hätte. Vergeblich wollte mich meine Mutter in dem Speisezimmer zurückhalten. Ich mußte aber dabei sein, auch sie wollte dabei sein und lief mir voraus, und so hörten wir, daß sie meinen Vater anflehten, und daß mein Vater ihnen, ohne jedes Zeichen von Zorn, aber auch ohne jedes Zeichen von Mitleid, auf ihr Jammern und Schreien nur das wiederholte, was er ihnen sicher schon am Nachmittag in seinem Sprechzimmer unten gesagt hatte. Es waren zwei junge Leute und ein alter Mann, ihr Vater. Sie kamen wie die meisten Pilgerims aus dem Osten der Monarchie, oder gar aus Ägypten, denn ihre Krankheit, an der sie alle litten, hatte etwas mit Ägypten zu tun. Einer der Söhne war von meinem Vater vor Jahren dank seiner berühmten Geschicklichkeit und unerhörten Geduld geheilt worden, und nun hatte der Sohn seinen fast oder ganz blinden Vater nach unserer Stadt gebracht, und alle drei flehten sie meinen Vater an, wenigstens den Blinden unentgeltlich in seine Privatbehandlung zu nehmen. ›Es ist mir natürlich unmöglich‹, sagte mein Vater. Die drei Pilger versprachen, von dem ›Herren aller Herren‹ reichen Segen für meinen Vater herabzuflehen, aber mein Vater wollte solche Dinge gar nicht anhören, über seine Lippen zog sich jenes spöttische Lächeln, das er mir unlängst gezeigt hatte, als er mich beim Schreiben auf herausgerissenen Heftseiten ertappt hatte. ›Nein‹, sagte mein Vater, ›nichts vom Herren aller Heerscharen. Sie dürfen mir nicht gratis in meine Ordination.‹ ›Aber wir wollen ja gerne bezahlen, wir werden nicht nur zehn Kronen zahlen, wir werden zwanzig Kronen zahlen, aber erst späten‹, und einer der Söhne fügte hinzu: ›so Gott will.‹ Mein Vater wurde zornig, er mochte solche Reden von ›so Gott will‹ nicht hören. Er mochte sie nicht einmal bei meiner Mutter, und ich wußte, daß wegen der Anbringung eines Kruzifixes im Schlafzimmer meiner Eltern einmal ein leise geführter, aber gereizter Wortwechsel zwischen meinem Vater und meiner Mutter stattgefunden hatte, und daß ihr Kruzifix in mein Zimmer gewandert war, daß aber dafür meine Mutter einen kleinen Hausaltar, fast möchte man sagen einen Salonaltar auf ihrem Nachtkästchen aufgestellt hatte. So machte es die Sache der Pilger nicht besser, daß meine Mutter jetzt hinzutrat, die Leute zum Verlassen der Wohnung aufforderte und ihnen, vielleicht nur um sie loszuwerden, sagte: ›Gehen Sie erst einmal, der Herr Dozent wird schon Rücksicht auf Sie nehmen, gehen Sie nur erst!‹ Aber die Leute waren nicht fortzubringen, sie klammerten sich an den Rock meines Vaters, an dem sie, da der Stoff ziemlich brüchig war, nicht gar zu heftig zerren durften. Der Alte mit seinem reichen weißgrauen Barte und den weißgrauen, aber von einem blutigroten, tränenden Rande umgebenen Augen küßte sogar das Futter des Rockes, der ältere Sohn wiederholte seinen Dank für die Heilung und beteuerte, daß sogleich nach Gott für ihn der Herr Professor käme, daß der Herr Professor (er gab meinem Vater einen Titel, der ihm noch nicht gebührte) an ihm ein Wunder getan hätte. Währenddessen hielt sich der jüngere Sohn, mit einer Art Stolz etwas abseits von den demütigen Ausbrüchen seiner Familie und sagte: ›Aber wenn ich mich Ihnen verbürge, Herr Dozent? Und wenn ich Ihnen meine Uhr als Pfand dalasse, Herr Dozent? Ich bin Kaufmann, protokollierter Kaufmann in der Gemeinde ...‹ Hier folgte ein unbekannter Ortsname mit vielen Konsonanten. ›Nein, es ist unmöglich‹, antwortete mein Vater in dem gleichen, ruhigen Tone. ›Und warum?‹ ›Weil ich genau so meine Preise habe und haben muß wie Sie. Wenn ich umsonst ordiniere, ist es das gleiche, wie wenn Sie Ihre Ware den Bauern wegschenken. Für mittellose Patienten ist die Poliklinik da.‹ ›Die Poliklinik?‹ fragte der ältere Bruder, der sich nicht beruhigt hatte. ›Dort lernen die Assistenten operieren, und die Studenten untersuchen zehnmal nacheinander und waschen sich die Hände niemals, und der Herr Hofrat macht Experimente und probiert die gefährlichen Medikamente aus.‹ ›So‹, fragte mein Vater scharf, ›wissen Sie das genau? Sind das Ihre Erfahrungen, die Sie in meiner Poliklinik gemacht haben?‹ ›Erbarmen, o Gott!‹ sagte der Mann, der merkte, welchen Fehler er gemacht hatte, ›habe ich nicht Gottes Segen auf Ihre wunderbaren Hände herabgewünscht?‹, und er bemächtigte sich der Hand meines Vaters, um sie zu küssen, ›knie nieder vor dem Wundertäter!‹ rief er seinem Vater zu, aus dessen armen Augen jetzt Tränen kamen, die auf den Bart niederflossen, ›er wird Erbarmen haben mit dir! Drei Nächte sind wir gefahren und zwei Tage, bis wir zu Ihnen gekommen sind. Wir haben nicht einmal das Geld zur Rückreise.‹ ›Nun sehen Sie‹, sagte mein Vater, ›jetzt sagen Sie die Wahrheit. Sie haben nicht das Geld zur Rückreise, mit welchem Recht verlangen Sie also meine Behandlung? Es ist traurig‹, sagte mein Vater. – (Und ich kann nicht sagen, wie dieses Wort, das erste weiche Wort im Munde meines Vaters an diesem Abend, mir in meinem Herzen wohltat! Und wie ich sogar daran dachte, ›mein‹ Geld, das damals schon einige Höhe erreicht hatte, dem jüngeren Bruder zu leihen. Denn er war es, der mein Mitgefühl erregte, mehr als der geheilte Kranke und der ungeheilte alte Mann.) – Aber mein Vater sprach weiter, und zwar in so eisigem Ton, daß die drei Menschen wie bezaubert oder gelähmt ihm lauschen und gehorchen mußten –, ›es ist traurig, aber daran werden wir nichts ändern. Wenn ich eine Ausnahme mache, und zwar nur eine einzige, werden morgen zehn Ihrer Landsleute in meiner Privatordination sein: in einem Monat, wenn es sich in Galizien herumgesprochen hat, dreihundert, und ich werde mich Eurer nicht erwehren können. Sie brauchen mir nichts mehr zu sagen, ich weiß alles sehr gut, und ich verstehe Sie durchaus. Mag sein‹, sagte er und ging dem jüngeren Sohn nach und faßte mit zwei Fingern (so wie er die Dukaten aus dem Kästchen herausgelangt hatte) den Zipfel seines schwarzen Kaftans, ›ich erkenne es gern an, daß Ihr es sehr geschickt angefangen habt. Ihr wißt sehr gut, daß mein Diener Lukas heute Ausgang hat, und ich möchte sogar wissen, ob er Euch nicht zu diesem Nachtbesuch hier geraten hat. Übrigens, das will ich Ihnen sagen‹, und jetzt hatte der jüngere Sohn haltgemacht und hatte ihm sein blasses, fanatisches Gesicht stumm zugewandt, ›es ist bei Ihnen ein leichter Fall, den jeder Dorfarzt kuriert, aber bei Ihrem Herrn Vater ist nichts mehr zu erwarten. Seien Sie froh, daß Sie kein Geld haben. Hätten Sie welches, würde mancher Arzt Ihren Vater noch viel plagen. Zu nützen ist da nichts. Hüten Sie Ihre Umgebung vor Ansteckung, das wäre alles. – Als ob man ihnen allen helfen könnte!‹ schloß er, und als meine Mutter ihm etwas zuflüsterte, sagte er: ›Als ob man ihnen allen helfen müßte.‹ Die drei Gäste stolperten die Treppe hinab, die dürftig beleuchtet war ... 3 Kaum waren diese ungeladenen Gäste verschwunden, als mein Vater bemerkte, daß ich gelauscht hatte. Er zeigte seine sehr weißen Zähne, die untere Zahnreihe ›kämmte‹ die Lippe und den Bart, und einen Augenblick lang konnte man glauben, daß sich sein Gesicht verzerre – aber er hatte sich sofort in der Gewalt, er lächelte genau wie immer, und es waren beide Zahnreihen, die unter seinem schönen dunkelblonden Schnurrbarte erschienen. ›Natürlich!‹ sagte er zu mir in dem spöttischen, kameradschaftlichen Tone, mit dem er mich immer und daher auch jetzt gewann. Meine Mutter zeigte ein mißmutiges Gesicht, und es wurde noch finsterer, als mein Vater sich zu ihr, die viel kleiner war als er, niederbeugte und ihr galant eine Haarsträhne aus der Stirn streichend, zuflüsterte: ›Glaubst du denn, mir macht das Freude?‹ Meine Mutter, weit davon entfernt, sich begütigen zu lassen, ließ mit Eigensinn die Strähne absichtlich wieder in das Gesicht fallen und zog mich an der Schulter in das Speisezimmer zurück. Meine Eltern unterhielten sich jetzt halblaut, ohne weiter zu essen, in französischer Sprache, die ich damals noch nicht verstand. Nach kurzer Zeit schien der Zwischenfall vergessen. Aber als wir wieder in das Vorzimmer kamen, von dem die Türen in unsere Schlafzimmer abgingen, bemerkte mein Vater sehr deutliche Schmutzspuren auf dem dicken Teppich. Offenbar hatten die drei Pilger den Schmutz von der Straße hineingeschleppt. Meine Mutter zog die Stirn kraus, sagte dem Mädchen, sie möchte sofort die Stellen reinigen, dann führte sie mich in mein Kinderzimmer, half mir, wie während meiner ersten Kinderjahre, beim Ausziehen. Und als sie sogar die etwas verwickelt geknüpften Schnürsenkel meiner Schuhe auflöste, vor mir auf dem Bettvorleger kniend, sah ich sie mit Tränen kämpfen. Aber sie beherrschte sich fast ebensogut wie mein Vater, und wäre ich nicht ein einziges Kind mit all der scharfen, mißtrauischen Beobachtungsgabe gegenüber den Großen gewesen, welches die ›einzigen‹ Kinder bei aller ihrer Liebe zu den Eltern niemals ganz verläßt, so hätte ich das Zucken um die Mundwinkel und den hastigen Lidschlag über ihren dunklen Augen kaum gemerkt. Nun tat sie noch ein weiteres, sie löschte das Licht aus, zog mir mein Taghemd aus, das Nachthemd an, und ich empfand mit einem fröstelnden und doch zauberhaften Schauer die Berührung ihrer weichen, kalten Hand und das kitzelnde Kratzen ihrer Ringe, als sie mir den Halsknopf an meinem Nachthemd zu schließen versuchte. Sie tat dies aber so ungeduldig, daß der Knopf abriß. Das Fenster war offen wie jeden Abend. Es wehte kühl von außen in das Kinderzimmer hinein, und die Bäume rauschten. Sie zog aus dem bauschigen, schneeweiß schimmernden Jabot ihrer Bluse eine kleine goldene Nadel (ich kannte sie gut, sie stellte eine Schlange vor, die sich um einen Stab ringelte) und verschloß mir mit dieser Nadel den Kragen meines Nachthemdes, der sich mir jetzt kühl, eng und zärtlich um den Hals legte, als wäre es die Hand meiner Mutter. Dann beteten wir zusammen ein Vaterunser und ein besonderes Abendgebet und den Mariensegen. Zum Schluß schloß ich meinen Vater und meine Mutter in das Gebet ein und alle, die des Trostes und der Hilfe bedürfen. Ich dachte plötzlich an die Pilgerim. ›Ich hätte vielleicht auch für den armen Blinden beten sollen?‹ fragte ich meine Mutter. Sie antwortete nicht sogleich. Wahrscheinlich war es ihr nicht recht, daß ich nach den Gebeten noch sprach, denn es erschien ihr als sicher, daß die Wirkung dieser Gebete durch nachfolgende Gespräche abgeschwächt würde. Während sie schwieg, immer noch neben mir in ihrem duftenden Taftkleide auf dem Bettvorleger kniend und mit ihrer Hand das Jabot zurückhaltend, das auseinanderwich, weil die Nadel fehlte, kam mir plötzlich mein neuer Freund in die Erinnerung. Ich hatte nie vorher einen Blinden aus der Nähe gesehen, der alte Pilger war der erste. Jetzt erinnerte ich mich daran, daß ich meinem besten Freund gedroht hatte, ihn blind zu machen! Ich wartete die Antwort meiner Mutter nicht ab, und mich zu ihr beugend, flüsterte ich ihr ins Ohr, wobei mich ihre Stirnlöckchen kitzelnd streiften: ›Mama, kannst du nicht Papa bitten, daß er etwas erfindet, das sie alle wieder sehend macht? Gott ist doch gerecht, nicht wahr?‹ ›Wie kommst du darauf?‹ fragte sie. ›Stehe auf, sprich nicht mehr und schlaf ein! Von Gott sagt man nicht, er ist gerecht, sondern er ist allgütig, allgnädig und allmächtig.‹ ›Und die Pilger?‹ fragte ich und sah die aufgeworfenen, blutigroten, dicke Tränen vergießenden Augen des alten Pilgers vor mir. ›Pilger?‹ sagte meine Mutter, stand auf und schüttelte sich, so daß die Falten ihres Taftkleides wieder glatt wurden, ›solche Worte mußt du nicht lernen. Pfui! Alles lernt er von ihm!‹ Und sie wandte sich zur Tür. Ich sprang aus dem Bett, das ich eben erst bestiegen hatte, und lief ihr nach. ›Mama, Mama!‹ rief ich unter Schluchzen. ›Mir scheint gar, er weint‹, sagte sie, schnell wieder versöhnt, ›nun, da hast du!‹ Sie kramte etwas aus ihrer kleinen Tasche heraus, die sich an ihrem Rocke befand, dann schlug sie mir mit ihrer rechten Hand klatschend auf mein Hinterteil, und mit der anderen Hand steckte sie mir ein Bonbon in den Mund, das unbeschreiblich schmeckte, obwohl es etwas vom Geschmack meiner Tränen angenommen hatte. ›Und warum haben sie alle drei Käppchen getragen?‹ fragte ich, denn es war mir bei den Pilgern aufgefallen, daß sie auf ihren Haaren wie angeklebt kleine runde Samtkäppchen gehabt hatten. Meine Mutter hörte gar nicht recht hin. Dadurch, daß sie mir, wie sie oft sagte, ein kleines Pflästerchen auf eine große Wunde gelegt hatte (das Bonbon), glaubte sie, daß alles wieder gut sei, während in Wirklichkeit diese Begegnung mit den Pilgerim mich noch viele Tage und Nächte bis in den Traum hinein verfolgte. ›Was gehen dich ihre Käppchen an! Jetzt marsch ins Bett, es ist höchste Zeit‹, sagte sie, faßte mich an der Hand und führte mich zu meinem Bett zurück. Die Steppdecke lag auf der Erde, mit solcher Ungeduld war ich aus dem Bett herausgesprungen. ›Es sieht hier schön aus‹, sagte meine Mutter mit liebem Tadel. Aber sie kümmerte sich nicht um die Decke. Es war plötzlich etwas heller geworden, und zwar war es der Widerschein aus den Räumen im unteren Stockwerk, wo mein Vater offenbar das Licht angezündet hatte. Meine Mutter schüttelte kurz den Kopf, fast ganz so, wie mein Freund ihn vor einigen Tagen geschüttelt hatte, es mußte sie überrascht haben, daß mein Vater so schnell in sein Arbeitszimmer hinabgegangen war. Sie setzte sich nochmals an mein Bett und überlegte. Auch ich sprach nichts. Ich war sehr müde, und die Augen fielen mir zu. Trotzdem hatte ich nicht mehr das Gefühl der großen Ruhe und großen Seligkeit und auch nicht die Vorfreude auf den nächsten Tag, als ich jetzt in meinem Bett lag und meine Mutter mir die Steppdecke immer höher an meinem Hals hinaufzog und dann, aber ganz abwesend, meine Haare mit ihren langen kühlen Fingern zu kämmen begann, ich weiß nicht, ob aus Ordnungsliebe oder aus Zärtlichkeit ... Alles das kann nur wenige Minuten gedauert haben, denn von draußen, aus dem Vorzimmer, kam ohne Unterbrechung das monotone Streichen des Besens über den Teppich des Fußbodens, den die Pilger beschmutzt hatten. Ich kam im Einschlafen auf ganz unsinnige Gedanken, vielleicht war das Blindwerden eine gerechte Strafe für den, den es betroffen hatte, und der Zorn meines Vaters (›als ob man ihnen allen helfen müßte!‹) war nur ein Zeichen dafür, daß der Blindgewordene sich etwas zuschulden hatte kommen lassen, daß also sein Unglück nicht unverdient war, und vielleicht stand es auch im Zusammenhang mit dem Schmutz, den sie in unser Haus hineingetragen hatten! Zu allem anderen hatte ich vergessen, das Portemonnaie unter mein Kopfkissen zu stecken. Nun war es zu spät. Ich war eingeschlafen. Fast will es mir scheinen, daß mitten in der Nacht meine Eltern mit einem Licht an meinem Bette erschienen seien, und daß mir da der Gedanke einleuchtete, wir seien drei, nämlich Vater, ich und Mutter, gegen die anderen drei, den Blinden und seine zwei Söhne. Vielleicht ist dies aber nur ein Traumgespinst, denn ich träumte sehr lebhaft und wahrheitsgetreu. Es war eine seltene Ausnahme, daß meine Mutter mich abends in das Kinderzimmer begleitete. Aber sie hatte, vielleicht als Ersatz dafür, mir ein kleines, mit Säumen versehenes, ziemlich fest gestopftes Kissen zum Geschenk gemacht, eines von der Art, die man damals Capricepölster nannte. Ich habe es viele Jahre lang behalten, und ich glaube sogar, daß ich es mit in den Tornister gepackt habe, als ich viele Jahre später ins Feld abging. Es muß sehr lange Zeit das Parfüm behalten haben, das meine Mutter gebrauchte, und so war ich immer nachts von ihr umgeben. Um diese Zeit, wenn nicht schon früher, erwachten sehr starke sinnliche Leidenschaften in mir, aber vielleicht war es gerade diese schauerliche Stärke, die mich schützte, meine Begierden waren so glühend und zugleich so fremd, daß ich mir nicht vorstellen konnte, daß irgendein irdischer Mensch – ein Mädchen – und am wenigsten ich selbst sie hätte befriedigen können. Meine Kameraden haben mich natürlich über alles belehrt, aber ich begriff in meiner Einfalt nicht einmal, daß das ›Schweinische‹, wie sie es nannten und worauf sie doch stolz waren, mit meinen Verwirrungen etwas gemein haben sollte, wie ich sie in den Nächten empfand, wenn ich auf dem parfümgetränkten Capricepölsterchen meiner Mutter schlief oder wachte. Denn jetzt kam es vor, nicht oft, aber doch manchesmal, und sogar meist dann, wenn ich am nächsten Tag eine wichtige Schularbeit zu liefern hatte und alle Kräfte brauchte, daß ich vor lauter Ungeduld nicht einschlafen konnte. Aber wenn nichts half, so stieg ich aus dem Bett und legte mein Taschentuch ausgebreitet auf den Boden unter dem Fenster, auf das Taschentuch kam das kleine gesäumte Kissen, und ich streckte mich der ganzen Länge nach auf dem eisigen Fußboden aus. Meist schlief ich dann sogar noch früher ein, bevor ich mich, um mich selbst gerollt und die Hände um die Knie geschlungen, einigermaßen an diese Lage gewöhnt hatte. Meinem Vater erzählte ich nichts davon. Abgesehen davon, daß ich ihn nur immer auf kurze Zeit sah, empfand ich heiße Scham vor ihm, viel eher hätte ich meiner Mutter meine Nöte gestanden, aber ihr brauchte ich nicht viel zu sagen, sie schien sofort verstanden zu haben und speiste mich lachend mit irgendeiner Winzigkeit ab. Wenn ich über etwas klagte – und selbst die glücklichste Kindheit hat von Zeit zu Zeit etwas zu klagen –, schenkte sie mir etwas meist für mich ganz Wertloses, zum Beispiel einen Fingerhut aus vergoldetem Silber, den sie noch warm vom Finger zog, aber – ich war getröstet. Meine Kümmernisse bezogen sich auf die Schule, auch auf die Schule, meine Leistungen mußten wohl stark nachgelassen haben, denn am Ende fast jedes Monats kamen in blauen Kuverts die Berichte der allmonatlichen Professorenkonferenz, die sich zum Teil in ›Mahnungen‹, zum Teil leider auch in ›Tadel‹ ausdrückten und die mein Vater unterschreiben sollte. Aber meine Mutter fing auf mein Bitten und Drängen diese Briefe auf, und ich bewog sie dazu, die Unterschrift meines Vaters, die wie die meisten Ärzteunterschriften ziemlich unleserlich war, nachzuahmen, so gut es ging. Dabei fiel es mir schwer aufs Herz, daß mein Vater um diese Zeit zärtlicher als je war. Es war nämlich nicht die Zärtlichkeit, wie man sie einem schwachen, irrenden, mit vielen Schwächen behafteten Jungen erweist, der sich in seinem Jähzorn ab und zu furchtbar fortreißen ließ und der in seiner Ungeduld keine Schulaufgabe richtig zu Ende führen konnte, sondern es war mehr eine Kameradschaft wie zwischen Gleichgestellten, und wenn er mir am Ende jeder Woche meinen Dukaten gab, empfand ich es als Zeichen seines besonderen Vertrauens, daß er sich niemals davon überzeugte, ob die früheren Dukaten noch vollzählig waren. Aber wie hätte ich sie ausgeben sollen? Ich trennte mich von meinen Geldern nie. Daß ich diesen Schatz trotz allen Versuchungen noch niemals angegriffen hatte, war meine stärkste Stütze, ich rechnete darauf für den schrecklichen Fall, daß ich bei der Zeugnisverteilung im Februar ungenügende Noten erhalten würde, es stellte eine Art Gleichgewicht her. – Den Gedanken, meinem Vater ein Geschenk zu machen, hatte ich nicht aufgegeben. Ich sah, daß er seine Krawatten gewendet trug, so daß man bei scharfem Hinsehen die Längsnaht sehen konnte. Aber für diesen Zweck sparte ich die Silberkronen zusammen, die ich von meiner Mutter ziemlich unregelmäßig erhielt. Ich hatte deren schon zehn oder elf. In diesem Winter fiel es eines Spätnachmittags meinem Vater ein, mich aufzufordern, mit ihm zu einem Kranken zu fahren, der in einer geschlossenen Anstalt für Geisteskranke in einem Dorf vor unserer Stadt lag. Mein Vater machte solche Besuche, die viel Zeit kosteten und nicht genug trugen, nicht sehr gern. Diesmal mußte er es aber tun, denn sein Chef, der Hofrat, von dem einer der ›Pilgerim‹ gesprochen hatte, hatte ihm diesen Besuch ans Herz gelegt. Mein Vater weihte mich nicht in die Einzelheiten ein. Ich glaube aber, daß es sich um einen Nervenkranken gehandelt hat, der an beginnendem und (damals) unheilbarem Sehnervenschwund litt und vielleicht schon blind geworden war. 4 Da sich meine Lage in der Schule verschlechtert hatte und der letzte, in bläulichem Papier kuvertierte Konferenzbrief zwei Tadel und ebensoviel Mahnungen enthalten hatte, hoffte ich, meinen Vater schon während unserer Fahrt im Wagen darauf vorbereiten zu können. Ich mußte ziemlich lange warten, bevor er mich von unten zu sich rief, und selbst dann – es war nach sechs Uhr – erschienen neue Patienten, er bat mich zu warten und dem Kutscher zu sagen, er möge die Pferde gut in die Kotzen einwickeln, denn es war kalt, und seit dem Spätnachmittag hatte es zu schneien begonnen. Die Laternen des Wagens waren angezündet, was meinem Vater nicht recht war, wozu das teure Öl verschwenden? Stumm löschte der Kutscher auf meine Bitte die Lampen aus, die Dochte zwischen seinen derben Fingern ausdrückend. Dann setzte er sich wieder auf den Bock. Die Decken hatten die Pferde bereits umgehabt, und jetzt legte sich langsam eine Schicht Schnee auf den braunen haarigen Stoff. Aber bald begann der Schnee über den warmen Leibern der Tiere zu schmelzen, er tröpfelte sachte an der Seite nieder, der Kutscher stieg, vor Kälte in die Hände klatschend und sich die Brust und die Schenkel schlagend, hinab, um mit dem Peitschenstiel den Schnee von den Rücken abzufegen. Plötzlich öffnete ein Pferd zu meinem großen Erstaunen das Maul, zeigte seine aus dem blassen Zahnfleisch herausragenden gelben, langen Zähne und begann laut zu wiehern, wobei das andere Pferd einstimmte. Ich kehrte ungeduldig in das Wartezimmer zurück. Die letzten Patienten waren im Sprechzimmer. Es herrschte Totenstille. Die große Pendeluhr in der Ecke stand. Mein Vater fand es unnütz, daß eine Uhr in einem unbenutzten Zimmer gehe und sich verbrauche. Endlich hörte ich murmeln, etwas Helles klirren, vielleicht das Honorar, das viele Patienten in Metallmünzen zahlten, und an der Schwelle erschienen die Kranken und nach ihnen, mit etwas blassem, müdem Gesicht und unbewegten Zügen, mein Vater. Er verbeugte sich leicht in seinem schneeweißen Mantel, der kein Fleckchen aufwies, obwohl er vom Anfang der Woche stammte. Er kehrte noch einmal in das Sprechzimmer zurück, setzte sich an den Schreibtisch, nachdem er die kleine Lampe ausgelöscht hatte, die er für seine Untersuchungen brauchte. Das mußte eben das Spiegeln sein, wovon ich munkeln gehört hatte, ohne mir etwas darunter vorstellen zu können. Denn spiegeln bedeutet doch, sich selbst im Spiegel sehen, und was konnte dies den Kranken nützen? Mein Vater schrieb. Ich sah ihm genau auf die Finger. Hatte meine Mutter seine Schrift gut genug nachgeahmt? Manchmal blickte er auf, sah mich an, aber er sah mich nicht, sondern es war nur, weil er sich einer Einzelheit entsinnen wollte. Es war so still, daß ich seine Taschenuhr ticken hörte. Ich blickte ihn an, dann die Bücherschränke, aus denen ich die Bücher entliehen hatte. Die Bücherschränke waren nie verschlossen, wohl aber die Instrumentenschränke und der Medikamentenkasten und die schweren Brillenkästen, die klirrten, wenn ich sie aufhob. War es Absicht? Sah er in mir damals den künftigen Arzt, der alles lesen durfte? Ich weiß es nicht. Plötzlich hörten wir die Pferde noch einmal wiehern. ›Ach, wir müssen ja gehen‹, murmelte er, ohne von seinem Blatt aufzusehen, ›es hilft nichts, wir müssen schleunigst fort. Du hast doch dem Kutscher alles ausgerichtet?‹ Er kam mit mir in das Vorzimmer, wo sonst die Kranken ihre Kleider ablegten. Ohne daß man ihn hatte kommen hören, stand der alte dicke große, nach Kirschwasser riechende Diener Lukas mit dem Mantel meines Vaters da und legte ihn ihm um, stellte sogar den Kragen hoch. Er öffnete vor uns die Tür. Der Kutscher hatte schon die etwas zu schweren Decken abgenommen, die Rücken der Pferde glänzten wie aus Erz gegossen und dampften mächtig. Auch die Laternen waren angezündet, und wenn die jetzt spärlich fallenden Schneeflocken in ihren Kreis kamen, schimmerten sie auf. Wir setzten uns in dem wie alle geschlossenen Kutschen muffig riechenden Wagen zurecht, und die Fahrt ging leise los auf dem hohen Schnee. Jetzt wäre der Augenblick dagewesen, meinem Vater von den Nöten in der Schule zu erzählen. Aber ich wartete, daß er mit mir zu sprechen beginne. Hatte er doch eigens gewünscht, daß ich mitkäme, vielleicht hatte er mir etwas zu sagen? Ich konnte ihn immer ansprechen, er hatte mir nie geradezu verboten, ihn anzureden. Wir fuhren durch die Straßen, die ich jetzt unter den Laternenreihen nicht wiedererkannte. Nach einiger Zeit hatten wir die Stadt verlassen. Der Kutscher hob von Zeit zu Zeit die Peitsche und setzte sich stramm auf dem knarrenden Bocke zurecht. Mein Vater klopfte an die Scheibe: ›Treiben Sie mir die Pferde nicht!‹ Dann wandte er sich zu mir: ›Hast du es warm?‹ Wie hatte ich es doch warm! Mein Herz ging mir auf, und ich begann: ›Ich möchte dir etwas sagen, Papa.‹ Er schrak auf. Er war mit seinen Gedanken ganz anderswo gewesen. ›Was? Wie?‹ ›Ich möchte dir etwas sagen!‹ flüsterte ich aus meiner Ecke heraus. ›Was?‹ wiederholte er mit seiner hohen Stimme und sah mich mit den hellen, grünlich blauen Augen an. Ich schwieg. Ich wagte es nicht. Wir sahen in der Ferne Lichter blinken. Der Schnee hatte zu fallen aufgehört. Es war ganz windstill geworden. Der Mond trat plötzlich aus den Wolken. Wir kamen durch ein Dorf. Auf den Straßen war niemand. Um die Häuser bewegten sich Laternen, und in den Ställen hörte man die Kühe muhen. Vor einer verfallenen Behausung stand ein abgemagertes Pferd mit gesenktem Kopf und rieb die Mähne an den Balken, langsam mit dem dünnen Schweif schlagend. Es kamen freie Felder, Hügel und Hänge. Hier war es heller als in der Stadt. ›Nun?‹ fragte er nochmals. Hätte ich doch gesprochen! An diesem Abend hat sich vieles entschieden. ›Recht so!‹ sagte er abschließend. ›Bravo! Wenn du reden willst, so schweig!‹ Ich verstand ihn. Er meinte, wenn ich noch die Wahl hätte, zu reden oder zu schweigen, so sei das Schweigen immer vorzuziehen. Der Kutscher verfolgte mit großer Sicherheit den Weg. Wenn es aufwärts ging, ließ er die Pferde langsamer traben, wenn es stärker abwärts ging – ich entsinne mich noch einer Reihe riesiger Pappeln, die schwarz, mit knorrigen Zweigen einen abwärts gehenden und nach einer kleinen, hallenden Brücke schnurstracks aufsteigenden Weg umsäumten –, ließ er den Pferden ihren Willen, zu laufen, sie nur ab und zu mit einem langgezogenen Zischen zurückhaltend, während er die Zügel um seine Fäuste wickelte. Jetzt kamen wir an eine lange, sehr hohe Mauer, deren Rand mit halb verschneiten Glasstückchen eingefaßt war. Mein Vater setzte sich zurecht, er faßte in seine Brusttasche, wo er ein kleines Futteral untergebracht hatte. Er war sicherlich schon oft hiergewesen. Vielleicht kam er auch morgen mit mir wieder her? Der Sonntag war doch frei für mich, und ich konnte ganz leicht mitkommen. Vor der Pförtnerwohnung machte der Kutscher halt, stieg behende ab und wollte schellen. Aber man hatte schon mit seinem Kommen gerechnet, man öffnete das Tor, und der Kutscher, der nicht wieder auf den Bock gestiegen war, führte die Pferde langsam in eine Art Hof. Die Pferde atmeten stark, sie stießen weiße Dampfstrahlen fast waagrecht aus ihren Nüstern, deren Haare bereift waren und silbrig glitzerten. Mein Vater, mit einem Sprung auf dem sauber gefegten Boden, sagte zu mir: ›Du wartest wohl am liebsten hier?‹ Ich wagte nicht zu widersprechen. Wie leidenschaftlich gerne wäre ich an seiner Hand mit in das Innere der geschlossenen Anstalt gekommen! Ich hatte nie einen Wahnsinnigen gesehen. Es war für mich das schauerlichste Geheimnis und zugleich etwas Magnetisches, etwas Entsetzliches und zugleich etwas Entzückendes, etwas in der Art von meinen sinnlichen Empfindungen. Aber meinem Vater widersprechen? Ich lächelte gezwungen. Aber er bemerkte es nicht. Den Kragen höher schlagend, war er durch das Pförtnerhaus gegangen, und ich sah seine hohe breitschultrige Gestalt sofort jenseits auf dem Schneegelände wieder auftauchen. An das Pförtnerhaus schloß sich nämlich noch eine Umzäunung zu beiden Seiten an, es war keine Steinmauer wie die erste, sondern nur ein hohes Gitter mit ziemlich dicht nebeneinanderstehenden Stäben. Hinter diesem Gitter breitete sich ein weiter Park mit breiten Flächen und hohen alten Bäumen aus, meist Nadelpflanzen, die schneeweiß im Mondlicht dastanden und violette Schatten warfen, dann sah man einzelne Villen, alle ungefähr hundert Schritte voneinander entfernt – und alles totenstill. Ein größeres Gebäude, schneeweiß schimmernd in der stillen Nacht, hatte ein Vorhaus mit Säulen, zu denen breite Steinstufen emporstiegen. Alle Gebäude waren beleuchtet. Mein Vater war zu dem Haus mit den Steinstufen gegangen. Noch bevor er dort angekommen war, tat sich die Tür auf, und zwei Herren kamen ihm entgegen, mit denen er im Hause verschwand. Der Kutscher hatte die Pferde ein wenig umhergeführt, hatte den Gummibelag eines Rades geprüft, dann hatte er sich wieder auf den Bock gesetzt und sah träumerisch von oben zu, wie die Pferde dastanden und ab und zu mit den Hufen am Boden scharrten. Ein Pferd rieb seinen Hals an der Mähne des anderen, dem diese Liebkosung nicht angenehm war. Es schlug mit dem Hinterhuf aus; es dröhnte das Gebälke des Wagens und erweckte den Kutscher aus seinem Halbschlaf. Er drohte ihnen beiden mit der Peitsche. Der Pförtner kam zu mir und sagte, daß ich im geheizten Büro warten könnte. Ich kam ihm nach und sah es mir an. Es war ein Büro wie alle anderen, wie eine Kanzlei in der Post oder in unserer Schule. Ich setzte mich nicht und trat wieder ins Freie hinaus, wo der Mond hinter Wolken verschwunden war. Der Schnee strahlte nicht mehr so grell wie bis jetzt, und eine dichte Feuchtigkeit setzte sich in die Kleider und in den Mantel, als ob das Wetter umschlagen wollte. Eine Glocke erklang hell. War es vielleicht die Glocke, welche die Irrsinnigen zum Abendessen zusammenrief? Waren sie mit Ketten aneinander gebunden, und würden sie in langer Reihe unter den Fichten erscheinen? Aber der Glockenschlag wiederholte sich, es war ein Signal der Eisenbahn. Ich hatte nicht bemerkt, daß jenseits des Sanatoriumgeländes auf einer ziemlich hohen Böschung die Eisenbahn vorbeizog. Ich stand an das Eisengitter gelehnt und wartete, den Blick auf die Eisenbahnböschung gerichtet, darauf, daß der Zug kommen würde. Da wurde ich aus der Nähe angesprochen. Ich erschrak bis ins Mark. Jenseits des Eisengitters war, ohne daß ich das geringste gemerkt hatte, ein Mensch, nur wenig älter als ich, lautlos herangekommen, er griff jetzt durch die Stäbe nach meinem Mantel, erfaßte einen Zipfel und hielt mich fest. Ich wollte aber gar nicht fliehen. Ich konnte es nicht. Atemlos starrte ich ihn an. Er war blaß, aber nicht blasser als mein Freund Perikles. Über seinen ziemlich vollen Lippen schimmerte schon ein zarter Flaum. Seine Augen waren groß und licht, wie Fischschuppen, wie Zink. Der Schlag der Lider ruhig, unter seinem dunkelblauen Filzhute kamen seine hellen Haare durch. Er trug einen kostbaren Pelz mit breitem Biberkragen. Vielleicht war er gelaufen, denn er atmete schnell, und jetzt schlug er den Mantel auseinander. Unter dem Mantel hatte er einen seidenen Schlafrock an, schneeweiß, mit roten Paspeln eingefaßt. An den Füßen hatte er keine Strümpfe, sondern nur absatzlose hellrote Saffianschuhe. Er hatte mich losgelassen, als er den Mantel öffnete. Sein Blick irrte an mir auf und ab, plötzlich wies er auf etwas, das hinter mir stand, ich wendete mich um, aber hinter mir war nichts als die hohe Umfassungsmauer der Irrenanstalt. Ich verschlang ihn mit den Augen, er mich. Jetzt verzerrte er sein Gesicht, er suchte in den Taschen seines Mantels – er war innen gefüttert mit Pelz, doch war dieser Pelz vielfach zerrissen –, er fand aber nichts. Was mochte er gesucht haben? Jetzt drängte er seine lange, schöne Hand nochmals zwischen den Eisenstäben durch und suchte in meiner Manteltasche. Ich ließ ihn gewähren. Ich zitterte vor Angst und Entzücken. Seine Augen leuchteten auch auf, aber sie wurden dabei dunkler, die Pupillen wurden weit, der zinkfarbene Saum ganz schmal. Ich setzte an, um ihn anzusprechen – aber, war es die Lehre meines Vaters, ›wenn du reden willst, schweig!‹, oder war es die Angst, die ein Mensch bei seiner ersten Begegnung mit einem Irrsinnigen hat, ich konnte kein Wort herausbringen. Er machte, ohne mich loszulassen, mit der linken Hand Gesten. Er zerrte an seiner vollen Unterlippe, hatte den Mund weit geöffnet, er zupfte daran wie ein Violinspieler an der Saite zerrt, um ihre Höhe zu erproben, er wollte damit wohl sagen, daß er Hunger habe. ›Soll ich etwas holen, kann ich etwas bringen?‹ stotterte ich endlich, ohne ihn direkt anzureden. Sehr langsam, ganz im Gegensatz zu den hastigen Bewegungen mit den Fingern, schüttelte er den Kopf. ›Gib mir nur Brot!‹ sagte er mit einer etwas leisen, aber ganz natürlichen Stimme. ›Ich habe nichts, ich müßte etwas holen‹, wiederholte ich, während mir das Herz bis in den Hals hinauf klopfte. ›Gibt man Ihnen denn nicht genug zu essen?‹ Er nickte, voller Trauer, voller Ruhe. War das Ja, war das Nein? ›Und hast du auch kein Geld?‹ fragte er, während er jetzt auch den Schlafrock am Hals öffnete. Ich sah an seinem Halse etwas schimmern. ›Leider nein‹, sagte ich, ›ich persönlich habe keins.‹ Ich hatte zwar sieben Goldstücke, aber diese waren mir nur anvertraut, und dann elf Kronen, die für das Geschenk für meinen Vater bestimmt waren. ›Natürlich!‹ sagte er, zu meinem Entsetzen – und Entzücken das Wort meines Vaters verwendend, ›natürlich, er hat kein Geld. Willst du vielleicht das?‹ Jetzt blickte er nicht mehr mich an, sondern die Nadelbäume, deren Zweige sich bogen unter dem Schnee. Er nestelte vom Halse ein dünnes Kettchen los, an dem eine Muttergottesmedaille hing. ›Nehmen Sie das nur!‹ flüsterte er, als er bemerkte, daß ich nicht recht wollte. ›Ich kann allein darüber verfügen, denn mir hat es Jesus Christus persönlich offenbart, heute nachmittags drei Uhr, nach dem Kaffee.‹ Er drückte mir die Medaille in die linke Hand, ich fühlte, wie die Fingerspitzen, zwischen denen sie lag, sich tief in meine Handfläche bohrten. ›Sag, du hast wirklich kein Geld? Morgen gebe ich es dir mit zehntausend Prozent Zinsen zurück, denn mich frißt der Hunger.‹ Ich konnte nicht widerstehen. Ich hatte schon mein schweres, warmes Portemonnaie aus der Hosentasche geholt und wollte ihm eine Silberkrone geben, da bemerkte ich, daß er das Kettchen, an dem die Medaille gehangen hatte, in den Schnee fallen ließ, und wollte mich danach bücken. ›Nicht!‹ sagte er zuerst bittend, dann gebieterisch, und mit unausdrückbarer Gewalt in der Stimme, sich hoch aufrichtend: ›Nicht!!‹ Schon hörte man den Zug herbeirollen. In weiter Entfernung, jenseits der Bäume, tat sich die Tür des Sanatoriums auf, und mein Vater trat mit zwei anderen Herren, alle hell beleuchtet, auf die Treppenstufen, und sie begannen zu uns zu kommen. Der Irre riß die Augen auf und umschloß meine rechte Hand mit der seinen, wie man einen dicken Apfel anfaßt. Dann ließ er mich los. In dieser Hand lag die dicke Geldbörse. Er sah mich an, so voller Angst, daß auch ich Angst bekam. Ich konnte ihm nicht widerstehen. Ich schüttelte den Kopf, aber schon hatte ich meine Börse geöffnet und hatte ihm das erste Geldstück, das mir zwischen die Finger kam, in aller Eile in die Hand gedrückt. Es war ein Dukaten, ein dünnes, zart gerändertes Plättchen Gold. Er sah es ungläubig an. Ich mußte lachen, als ich endlich die freudige Überraschung in seinem blassen Gesicht sah, weil er das Goldstück erhalten hatte, nachdem er nicht mehr darauf hatte hoffen dürfen. Es war mir alles wert. Mein Vater kam schnell näher. Mir gingen viele Gedanken durch den Kopf. Ich konnte schlimmstenfalls das Goldstück durch zehn Silberkronen ersetzen. Dann dachte ich an meine neue Muttergottesmedaille, vielleicht hatte sie die Kraft, mich in der Schule zu verbessern . Aber nichts ging über mein Entzücken, als ich sah, wie der Irre sein Goldstück stumm lachend betrachtete, wie er es dann zwischen seine schönen, starken Zähne nahm und seine Echtheit prüfte. Der angekündigte Zug kam näher, man sah schon seine ersten Lichter. Groß und gewaltig hob sich die Gestalt meines Vaters gegen den bleichen Nachthimmel ab. Er schritt so fest daher, daß der Schnee von den Bäumen stäubte. Der Irre hatte sein Kommen bemerkt. Er runzelte die Stirn. Er bückte sich, grub unter dem hohen Schnee zu seinen Füßen ein paar kleine Kieselsteine heraus. Ich hatte Angst, er werde sie nach meinem Vater schleudern. Aber er machte aus beiden hohlen Händen eine Kugel, er schüttelte die Steinchen zusammen mit dem hell klirrenden Goldstück. Jetzt brauste der Zug vorbei und überschüttete uns alle mit seinem Lichte. Mein Vater war schon am Inneneingang des Pförtnerhauses, wo er sich von dem einen Herrn verabschiedete. Der Irre warf seinen blauen Filzhut fort. Ich sah seine reichen, von Natur gelockten Haare. Sie waren silbergrau. Er schüttelte die Steine noch immer, aber nur in einer Hand. Jetzt, als mein Vater in Begleitung des anderen Arztes an der Außenseite des Pförtnerhauses erschien, hob der Irre diese Hand über seinen grauen Locken und schüttelte, den Blick mit unbeschreiblichem Ausdruck auf mich geheftet, Geld und Steinchen durcheinander über seinem Kopfe aus. Ich sah, durch das Gitter von ihm getrennt, die Goldmünze mit den Kieselsteinen leise im hohen Schnee versinken. Der Direktor der Anstalt kam zu mir. Der Kutscher knallte leise, wie zur Probe, um die Pferde aufzumuntern, mit seiner langen Peitsche – aber diese waren bereits munter und zerrten ungeduldig an den Zügeln. Mein Vater nahm mich an der Hand und führte mich näher zu dem Direktor: ›Mein Sohn!‹ Ich war glücklicher denn je. Ich verbeugte mich tief. Der Irre stand noch hinter seinem Eisengitter und stieß einen langgezogenen Ruf aus. Man verstand nicht, was es bedeutete. ›Unheilbar‹, sagte der Direktor. Mein Vater seufzte, mehr aus Müdigkeit als aus Mitgefühl. ›Stößt Sie das Unheilbare auch so ab wie mich?‹ fragte er. ›Was wollen Sie, Herr Dozent, es ist unser tägliches Brot.‹ Mein Vater schwieg. ›Ich danke Ihnen sehr, Herr Kollege, daß Sie dennoch gekommen sind. Das Honorar weisen wir Ihnen an wie immer.‹ ›Die Wagenfahrt bitte nicht zu vergessen, im übrigen ist mir jede Form recht.‹ Mein Vater lächelte und gab dem Direktor die Hand. Jetzt zog er sich die Handschuhe an. Der Irre war auf dem Wege zum Hauptgebäude. Sein Pelzkragen schimmerte, von den Fenstern her beleuchtet. Die Pferde zogen mit einem Ruck an, so daß die Räder im Schnee auf den Kieseln knirschten. – Von dem Irren war nichts mehr zu sehen. 5 Ich saß wieder in der linken Ecke des Wagens, mein Vater in der rechten, so, wie wir gekommen waren. Es war nun ganz dunkel draußen. Wir froren beide und rückten mit den Knien etwas zusammen. Vor uns, den Rücken von Schneeflocken bestreut, die im Licht der Wagenlaternen hell schimmerten, saß der Kutscher, von Zeit zu Zeit setzte er sich auf und schob die zwei Pferdedecken, die er um die Beine gewickelt hatte, unter seinem Sitz zusammen, um sich vor dem Frost zu schützen. Sobald er die Zügel etwas locker ließ, begannen die Pferde zu schießen. Sie wollten heim, sie wußten, daß es in den Stall ging. ›Nicht treiben, Franz!‹ rief mein Vater. Ich war noch in einer Art Rausch. Mich sollten die Unheilbaren nicht abstoßen. Sie lockten mich. Ich hatte einen starken Willen in mir. Ich glaubte, ich könne es mit aller Welt aufnehmen. Jetzt wollte ich meinem Vater vor allem meine bedrängte Lage in der Schule bekennen und so mein Gewissen erleichtern. Ich gab mir Zeit bis zu dem Dorf, das wir bald erreichen mußten. Jetzt kamen wir durch. Es lag ganz verlassen da. Mein Vater merkte, daß ich etwas sagen wollte. Er kam mir zuvor. ›Es ist besser‹, sagte er, ›wenn wir die Plätze tauschen. Auf dem Hinweg sind wir schon so gesessen wie jetzt. Ich bin etwas schwerer als du‹ – trotz der Dunkelheit sah ich, wie bei seinem Lächeln sich die weißen Zahnreihen unter dem dichten Barte zeigten, der jetzt ganz schwarz schien –, ›ich bin viel schwerer als du, dadurch liegt der Wagen schief, die Federn leiden, das rechte Rad nützt sich ab, der kostbare Gummibelag, natürlich. Ist es dir recht?‹ Bevor wir wieder richtig dasaßen, kamen schon die ersten Laternen der Straßen der Stadt an den Fenstern des Wagens vorbei. Wir hatten aber noch eine Viertelstunde zu fahren, vielleicht sogar länger, denn es schien, daß der Kutscher absichtlich die Pferde zurückhielt. Er fuhr aus Trotz zu langsam. Mein Vater sah ungeduldig nach der Uhr, aber er beherrschte sich, er trieb den Kutscher nicht zur Eile an, obwohl er, müde nach seinem Arbeitstage und nüchtern seit Mittag, sich heimsehnen mußte, mehr als ich. Seitdem ich mich an seine Stelle im Wagen gesetzt hatte, war meine Freude und mein Wagemut noch stärker geworden. Deshalb änderte ich meinen Entschluß. Wozu ihm mein Unglück gestehen, bevor es endgültig war? Für den nächsten Tag – den nächsten Schultag, also Montag war eine wichtige Arbeit in zwei Hauptfächern, Latein und Mathematik, angesetzt. Wenn ich sie besonders gut bestand, konnte sie meine weniger guten, früheren Leistungen ausgleichen. Jetzt hoffte ich aus ganzem Herzen. Ich schwieg. An Hoffnung hat es mir eigentlich nie ganz gefehlt. Ich hatte geglaubt, mein Vater würde am nächsten Tage noch einmal in die ›geschlossene Anstalt‹ fahren. Aber es war nicht der Fall. Es kamen drei oder vier Professorenfamilien zu Besuch, die ›hohe Fakultät‹, wie er es ironisch meiner Mutter gegenüber nannte und die meist in den unteren Räumen empfangen wurde. Ich wurde nur auf einen Augenblick hinuntergerufen und konnte die Gesellschaft bald verlassen. Ich tröstete mich damit, daß ich mich noch gründlicher als sonst auf die zwei Hauptarbeiten vorbereitete, und kam montags siegesgewiß in die Schule. Mein Freund war in eine Streiterei verwickelt, er hatte ›auf großes Ehrenwort‹ von einem reichen Knaben – er haßte und beneidete damals die reichen Kinder– zwei Kronen geliehen und konnte oder wollte sie heute, am Verfallstag, nicht zurückzahlen. Ich, mit meinen ganzen Gedanken schon bei der wichtigen Schularbeit, überlegte nicht lange und gab ihm, ohne daß er ausdrücklich darum gebeten hatte, das Geld. Die anderen Jungen sahen es mit scheelen Augen an. Vielleicht weideten sie sich zu gern an der Verlegenheit meines Freundes. Ich bemerkte, daß sie auch über mich tuschelten, daß sie meinen ›Durchfall‹ voraussahen. Mein Jähzorn wallte auf. Aber ich mußte mich beherrschen. Zwar hing kein verlorenes Schuljahr von dem Semesterzeugnis ab, denn man hatte jedenfalls noch die Sommermonate vor sich, um im zweiten Semester alles wiedergutzumachen, aber ich fürchtete vor allem, daß mein Vater von den Unterschriftsfälschungen erfahren würde, und meine Mutter hatte mir noch heute morgen ans Herz gelegt, mir nur ja alle Mühe zu geben. Bei solchen Gelegenheiten sprach sie viel, lachte und seufzte zugleich, während mein Vater mit seinen einsilbigen Reden viel stärker wirkte. War es doch mein Vater, auf den ich so stolz war. Man hatte mich in der Klasse ganz gern, ich sollte es später merken – aber mein Stolz war der Klasse verhaßt, und auch jetzt tat man alles, um mich zu drücken. Der beste Schüler der Klasse hatte das Recht, die Hefte für die Schularbeit zu verteilen. Er ging durch die Bankreihen und verteilte die Hefte, die alphabetisch geordnet waren. Einige Hefte konnten nicht verteilt werden, weil die Schüler krank waren. Aber auch mein Heft behielt er zurück. Ich war in meinen Gedanken bereits beim Thema, das eben auf der Schultafel mit Kreide aufgeschrieben wurde, und erst dann, als schon die Federn kritzelten, merkte ich, daß der Vorzugsschüler – dies sein Titel – mein Heft wieder auf das Katheder zurückgetragen hatte. Ich wußte, es war Absicht – ich kochte vor Wut, stand auf, ohne zu fragen, und ging mit laut klappenden Schritten zum Katheder und holte mir mein Heft. Mein Zorn muß mir bei der Arbeit besondere Kräfte gegeben haben. Was mir bis jetzt nie gelungen war, sollte mir jetzt gelingen. Ich war als der erste fertig mit meiner Arbeit und gab sie lächelnd ab, und es sollte sich später zeigen, daß sie mit nur zwei anderen Arbeiten zusammen vollkommen fehlerfrei war. Aber mein Glück war dies nicht. Während ich müßig dasaß und schon meine Gedanken auf die nächste Stunde, die Mathematikstunde, zusammenfaßte, kam mir plötzlich in Erinnerung, daß ich gestern mit meinem Vater nicht nach der Anstalt gefahren war, daß ich also nie das Goldstück wiederfinden würde, das dort im Schnee niedergefallen war. Heute hatte es getaut. Und das wichtigste, ich hatte den Betrag auch in Silberkronen nicht mehr vollzählig, um das Goldstück zu ersetzen für den Fall, daß mein Vater Rechenschaft von mir verlangte. Rechenschaft war etwas, das er immer lobte. Während ich diesen Gedanken nachhing und sich mir das Herz mit einer drängenden, schmerzhaften Schwere anfüllte, flog mir schon das Mathematikheft auf die Pulttafel. Ich hatte gar nicht gemerkt, daß die Lateinstunde beendet war und der Lateinprofessor seinen Platz dem Mathematikprofessor eingeräumt hatte. Auch die Mathematikaufgaben wurden an der Tafel aufgeschrieben. Ich setzte mich ordentlich hin, versuchte die erste Aufgabe klar zu begreifen und rechnete. Als ich mit der Aufgabe fast zu Ende war, sah ich, daß sie ein vollständig unsinniges Resultat gab. Ich fing noch einmal an. Aber ich konnte nichts besseres finden. Ich war zwar noch nicht am Ende, sah aber, daß der gleiche Unsinn herauskäme. Ich nahm also die zweite Aufgabe her, die ich sehr langsam löste, so, daß ich knapp mit ihr fertig war, als die besten Mathematiker schon ihr Heft stolz zuschlugen und sich überlegen lächelnd im Kreise umsahen, genau so, wie ich es bei der lateinischen Aufgabe gemacht hatte. Jetzt hatte ich die Wahl, die erste Aufgabe nochmals zu versuchen oder die dritte vorzunehmen. Ich fing zum drittenmal mit der ersten Aufgabe an. Während ich aber noch rechnete, überflog es mich in meiner fieberhaften Unruhe heiß und kalt, ich hörte eine Uhr dreiviertel schlagen, mich überkam ein drängendes, furchtbar aufregendes Gefühl, mit Mühe faßte ich mich ... Ich ließ die Aufgabe sein, tief atmend lehnte ich mich zurück, die Stirn von kaltem Schweiß bedeckt. Ich konnte die erste Aufgabe nicht lösen. Es war immer die gleiche unsinnige Ergebniszahl, ich sah es, es lohnte nicht, sie zu Ende zu bringen, ich strich alle die Versuche durch. Die dritte Aufgabe war zwar schwierig, überschritt aber scheinbar meine Kräfte nicht. Ich brachte sie mit knapper Not zu Ende. Als wir in der Zehnuhrpause die Resultate verglichen, stellte sich heraus, daß sowohl die zweite als die dritte Aufgabe von mir falsch gelöst waren, die erste aber, an deren Resultat ich nicht hatte glauben wollen in meiner wahnsinnigen Ungeduld, war richtig gewesen. Ich kam verzweifelt zu Hause an. Meine Mutter verstand mich nicht. Ich deutete etwas von den Unterschriften an. Sie begann zu weinen. Sie beschwor mich, die Sache wiedergutzumachen. Als ob dies von mir abhinge! Aber es war noch nicht alle Aussicht verloren. Die lateinische Aufgabe war gut, das wußte ich. Wenn der Mathematiker ein Einsehen hatte, konnte noch alles gut enden. Ich dachte aber schweren Herzens auch an das Geld, das mir fehlte. Diese zwei Kronen von Perikles zurückzuverlangen, wäre gegen die Ehre gewesen. Meine Mutter? Sie war böse und schlug mir mit den Stricknadeln, die sie gerade in der Hand hatte, auf den Kopf. ›Schon wieder Geld? Sieh doch erst zu, daß du durchkommst in der Schule.‹ Sie verstand nicht, was es für mich bedeutete. Ich erzählte ihr alles. ›Dein Freund muß dir eben das Geld zurückgeben.‹ Ich schwieg. ›Aber du bist ja auch zu unvernünftig‹ sagte sie, ›deshalb pussel ich dich doch ab.‹ Ich wandte mich ab. Sie küßte mich warm. Ich hätte lieber geweint. Mein Unglück häufte sich. Sollte mir die Medaille, die ich von dem Jungen in der Anstalt erhalten hatte, kein Glück bringen? Sollte es meinem Willen unmöglich sein, den Vater Fatum, wie wir es nannten, zu beugen? Meine Lateinarbeit war für einen schlechten Schüler zu fehlerfrei gewesen. Man traute sie mir nicht zu. Obwohl ich mir niemals Schwindeleien zuschulden kommen ließ – über das allgemein übliche Maß hinaus, meine ich –, ließ mich der Professor kommen, mich und noch einige Knaben, deren Arbeiten zwischen genügend und ungenügend gewesen waren, und in einem Übermaß der Gerechtigkeit schlug er uns vor, nach der Schule dazubleiben und eine Extraarbeit zu machen, die entscheidend sein sollte. Wir sagten alle ja, ich sehr schweren Herzens. Mit Recht. Meine neue Arbeit war noch schlechter als die der anderen. Mein böser Wille schien offenbar, und die Professorenkonferenz beschloß, mir eine Lehre zu geben und mich durchfallen zu lassen. Ich wußte es und wollte es doch nicht glauben. Um jeden Schüler, dem ein solches Schicksal drohte, bildete sich eine Art ehrfürchtiger oder mitleidsvoller Kreis. Man achtet das Unglück im voraus. Jetzt merkte ich, daß das Unglück nicht mehr zu vermeiden war. Hätte ich wenigstens das Geld vollzählig gehabt! Ja, hätte ich es vollzählig gehabt, so wäre ich dabei doch durchgefallen und hätte meinem berühmten Vater Schande gemacht. Schande? Vielleicht aber auch Ehre. Ich war so verzweifelt oder in einer so aufgewühlten Stimmung seit dem Besuche in der geschlossenen Anstalt, von dem ich träumte und der mich viel tiefer aufgerührt hatte als die Begegnung mit den ›Pilgerim‹, und vor allem von dem aufrührenden, herrlich schrecklichen Erlebnis in der Mathematikstunde –, daß ich etwas tat, was ich selbst später nicht mehr begriff. Vor allem hörte ich mit dem Arbeiten für die Schule ganz auf. Ich holte mir einen ganzen Arm von Büchern aus der Bibliothek meines Vaters – es kann ihm unmöglich verborgen geblieben sein und hockte bis spät in die Nacht über diesen Büchern und Atlanten, bis ich endlich in dem Wust die Bücher über Geisteskrankheiten gefunden hatte. Ich hatte gar nicht gewußt, wie die Krankheiten hießen, die in ›geschlossenen Anstalten‹ behandelt wurden. Ein solches Buch konnte ich als halbwüchsiger Junge nicht verstehen, ebensowenig wie die Bücher über Augenheilkunde. Aber ich konnte die Abbildungen begreifen, die Bilder der Irren, ihre Augen zum Beispiel, und sie machten mir – in Verbindung mit meinen entfesselten körperlichen Leidenschaften – den unauslöschlichsten Eindruck, und zwar war alles dabei, Schaudern, vollkommenes, schauerlich süßes Verlassensein von Kraft und Wille, und gleich darauf ein Willensaufschwung voll Freude und Unbekümmertheit, wie er meiner blühenden Gesundheit und meinen jungen Jahren entsprach. – Mich würden die Unheilbaren, deren wunderbare, schauerliche Gesichter und Gestalten ich schwarz auf weiß vor mir sah, nicht abstoßen wie meinen Vater, denn in meinem Größenwahn war ich überzeugt, daß ich die Medizin – oder besser die Operation – finden würde, sie zu heilen. Das Bild des Jungen mit grauen Haaren (war es überhaupt ein Mensch in meinem Alter gewesen?) kam mir nicht von der Seele. Ich schleppte immer mehr Bücher herbei, ich legte sie unter mein Kopfkissen statt des Portemonnaies, um gleich morgens etwas lesen zu können. Ich schrieb nichts mehr ab. Ich konnte manche Absätze auswendig, ohne Mühe, aber auch ohne Verständnis mit der ganzen Wildheit des Rausches und in seiner ziellosen Kraft, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat. Es hatte seinen Grund, weshalb meine Börse mir nicht mehr am Herzen lag oder in einem ganz anderen Sinne als bisher. Ich habe später nie ganz verstanden, was mich damals getrieben hat, dennoch muß es aus meinem innersten Wesen gekommen sein. Statt den mir von meinem Vater zu treuen Händen anvertrauten Betrag zu ersetzen, was mir ein leichtes gewesen wäre, setzte ich alles daran, ihn bis zum letzten Rest zu verschwenden. Und ich war noch stolz darauf und berauschte mich an der Vergeudung. Mein Freund kam an einem dieser Tage nach der Schule zu mir. Er hatte die zwei Kronen aufgebracht. Er wollte sie mir in die Hand drücken. Es regnete. Er war klein, ich war groß. Ich hatte eine Lodenpelerine, ich hängte mich in seinen Arm ein, legte die Lodenpelerine um uns beide, und jetzt gingen wir los. Ich glaube nicht, daß wir viel gesprochen haben. Sicherlich nichts von unseren Zukunftsplänen und nichts von der Schule, die damals uns beiden verhaßt war. Wir sollten dann auch die einzigen sein, die in diesem Wintersemester durchfielen. Das Geld nahm ich nicht. Ich weiß nicht, ob er die Wahrheit sagte. Ich log. Ich erzählte, ich hätte eine große Erbschaft von meinem Vater gemacht, dann besann ich mich und sagte, ich meine natürlich den Großvater väterlicherseits. Ich hätte in einer Kiste von Kleidern und Büchern wichtige Rezepte zur Heilung von Geisteskranken, von ›Verrückten‹ gefunden und dann am Grunde des Koffers ein Stahlkästchen mit Goldstücken, lauter Zehnkronenstücken. Auf sein Erstaunen – ich merkte, wie er sich aufrichtete, denn wir trugen ja beide die Pelerine – blieb ich stehen, hängte ihm allein den Wetterkragen über, kramte in meinen Taschen, tat, als hätte ich die Goldstücke vergessen, weidete mich an seinem überlegenen Lächeln und zum Schluß, als wir beide wieder unter dem Wetterdach der Pelerine weitergingen, mit Absicht in die Regenlachen platschend, sagte ich beiläufig, ›ach nein, ich habe doch zufällig ein paar mitgenommen, so eine kleine Handvoll.‹ Er starrte mich entgeistert an. ›Echt!‹ sagte ich und prüfte ein Goldstück zwischen den Zähnen, wie ich es bei dem Irren gesehen hatte. ›Ich werde euch übrigens ein Fest geben‹, sagte ich. ›Wir, du und ich, werden ein paar Jungen einladen. Was kaufen wir wohl am besten?‹ Wir einigten uns auf Seidenkissenbonbons, die in großen gläsernen Gefäßen verkauft wurden, auf süßsaure Gurken, als meine Leibspeisen, und auf türkische Zigaretten – er hatte jetzt ›gelernt‹ zu rauchen – und als Getränk nach Belieben Madeira, den ich von zu Hause kannte, aber nie getrunken hatte, und Kümmelschnaps, von dem er durch seinen Vater Rühmliches gehört hatte. Am gleichen Abend machten wir in Eile die Einkäufe und schleppten sie im Schutz der Pelerine in seine Wohnung. Das Fest sollte natürlich bei ihm stattfinden, und er sollte auch als der Gastgeber gelten. Er strahlte vor Stolz, strahlte mich mit seinen Schielaugen – die ich aber jetzt schön fand – an und versprach, sich um alles zu kümmern. Vor allem sollten alle Durchfallenden eingeladen werden. Wir hatten nicht daran gedacht, daß wir die einzigen sein würden. Aber es sollte auch der Vorzugsschüler nicht vergessen werden, was wir beide ›radikal komisch‹ fanden. ›Und was wünschst du dir?‹ fragte ich. Denn in meiner Verzweiflung – das war doch das herrschende Gefühl bei allem Übermut und trotz meinem lauten Gelächter – wollte ich ihm und meinem Vater von dem letzten Rest des Geldes ›bleibende‹ Geschenke machen. Er lehnte ab. Aber ich hatte in früheren Gesprächen gehört, daß er sich für Philosophie interessierte, ich ging mit ihm zu einer Buchhandlung, ließ ihn draußen warten und fragte stolz, welches das teuerste Buch über Philosophie sei. Man sah mich erstaunt an, brachte ein Buch, gebraucht, das daher verhältnismäßig billig war. Ich fühlte mich sehr müde werden. Ich ließ es einpacken und trug es ihm an. Er nahm es ohne Freude. Auch er war kleinlaut geworden. Die Zeugnisverteilung war auf das Ende der Woche angesetzt, und heute war Mittwoch. Ich ging zu unserem Haus zurück. Am nächsten Tage wurden die Einladungen ausgeteilt, wir hatten die schlechtesten Schüler berücksichtigt neben den besten. Wer durchfallen sollte, stand noch nicht fest. Irgend etwas sagte mir, ich sollte nicht warten, bis die Zeugnisse verteilt waren. Es blieben mir immer noch vier Goldstücke und etwas Silbergeld. Der Geburtstag meines Vaters stand bald bevor. Ich ging in das vornehmste Modewarengeschäft und verlangte Krawatten für Herren, beste Qualität. Der Verkäufer erkannte sofort, daß ich nichts von der Ware verstand, und bot mir einen ›Satz‹ echt englischer Krawatten an, die, statt wie die gewöhnlichen Krawatten drei, reichlich vier Ellen Seide in sich hatten. Ein Satz waren sechs Stück, immer das gleiche Muster, aber in verschiedenen Farben, eine greller als die andere, wahrscheinlich waren sie unverkäuflich, zu auffallend, zu teuer. Hier gab ich die letzten Goldstücke aus. Ich versteckte die Krawatten daheim neben dem Lehrbuch der Geisteskrankheiten in meinem besten Versteck, nämlich in dem Ofen, der zu dieser Zeit nicht mehr geheizt wurde, da mein Vater stets mit Kohlen sparte und über jeden Kübel Kohle Buch führte. Am nächsten Tage fand das Fest statt. Die Stimmung wurde bald trübe. Den meisten wurde schlecht von den Zigaretten und dem Madeira. Einige nahmen Bonbons und sogar auch Gurken nach Hause mit. In der Nacht vor der Zeugnisverteilung schlief ich tief. Mein Vater ahnte nichts. Meine Mutter hatte mir endgültig angeboten, die zwei Kronen zu schenken, die mir gefehlt hatten. Was sollte ich tun? Nun hatte ich, den Blick abwendend, dafür gedankt. ›Und wie ist es mit der Schule? Kommst du durch?‹ ›Mach dir keine Sorgen!‹ sagte ich. Die Sache ging schneller und fürchterlicher vor sich, als ich gefürchtet hatte. Mein Zeugnis wies nicht ein, sondern drei Ungenügend auf. Ob man sehr gerecht vorgegangen war, weiß ich nicht. Auf die dritte schlechte Note hatte ich nicht gerechnet. Vielleicht war es eine Strafe. Mein Vater empfing mich wie zum Hohn sehr freundlich. ›Nun, zeig das Zeugnis her, es wird nicht so schlimm sein.‹ Als er aber die Rubriken durchflogen hatte – er konnte mit einem einzigen Blick alles erfassen –, wurde er blaß und biß sich in die Lippen. Ich wartete zitternd auf ein Wort des Zornes, auf einen Schlag. Nichts kam. Er sah mich an, und ich konnte mir jetzt vorstellen, wie er die Pilgerim ansah und wie er die Unheilbaren ansah und wie er sagen konnte ›als ob man sie alle heilen müßte!‹ und ›die Unheilbaren stoßen mich ab‹. Aber ich war sein Sohn. So schwieg auch ich. Es war im Wartezimmer, bei der stehengebliebenen Uhr. Er öffnete vorsichtig die Tür des Uhrkastens und setzte das Pendel in Bewegung. Dann ließ er die Zeiger nachkommen. Es war dreiviertel elf. Die Uhr hatte auf punkt Sechs gestanden. Sie schlug alle halben und vollen Stunden. Nun ließ er die Zeiger nur soweit vorrücken, bis die Uhr geschlagen hatte. Es war dies notwendig, wenn man das Werk nicht in Unordnung bringen wollte. Ich verstand ihn. Als er bei elf Uhr angelangt war, pochte er an die Tür, hinter der unser Lukas wartete. Dieser kam sofort herein, verschlafen und nach Alkohol riechend, das Gesicht aufgeschwemmt, die Augen glitzernd. Aber wie immer er war, wie gern wäre ich an seiner Stelle gewesen! ›Lieber Lukas!‹ sagte mein Vater. Wie gern hätte ich mich mit Lieber anreden lassen. Aber zu mir nichts. ›Rufen Sie meine Frau!‹ Meine Mutter kam. Sie wußte von nichts. Sie war rot, und ihre aufgerissenen Augen verschlangen mich, und ihre Hände zitterten. ›Beruhige dich‹, sagte mein Vater mit einer Zärtlichkeit, die er schon lange nicht mehr ihr gegenüber gehabt hatte, ›ich störe dich doch nicht?‹ Meine Mutter schüttelte den Kopf. ›Hier!‹ sagte mein Vater und gab ihr das Zeugnis. ›Soll er hinausgehen?‹ fragte meine Mutter, die dabei Lukas im Auge hatte, der sich an dem Schauspiel weidete. Mein Vater verstand nicht recht. ›Nein‹, sagte er, ›wenn du gestattest, möchte ich, daß er (ich) dableibt.‹ ›Wie du willst‹, flüsterte meine Mutter und setzte sich. Die aus rot in himmelblau changierenden Falten ihres Seidenkleides raschelten, als sie sich in einem Plüschfauteuil zusammenkauerte. Sie war recht blaß. ›Frierst du?‹ fragte mein Vater mit ungewöhnlich tiefer, zarter Stimme, ganz anders als sonst. ›Nein, nein‹, sagte meine Mutter, gab sich einen Ruck und setzte sich auf. Im Wartezimmer brannte ein helles Feuer im Ofen. Es war über Nacht wieder kalt geworden. Wenn aber oben bei mir auch Feuer angezündet wurde, war ich verloren. Aber im Wartezimmer mußte es mit Rücksicht auf die wartenden Patienten immer ganz besonders warm sein. Es war nicht unbedingt sicher, daß man in dem Kinderzimmer heizen würde. Jetzt hatte ich mich schon mit dem Unglück des Schulzeugnisses abgefunden und betete zu Gott – an den ich aus tiefstem Herzen glaubte, obwohl kein Wunder geschehen war, ja sogar, weil kein Wunder geschehen war, denn ich verdiente es nicht –, ich betete zu Jesus Christus, meinem Erlöser, und zu seiner makellosen Mutter, daß in meinem Zimmer nicht geheizt würde und uns wenigstens dies erspart bliebe. ›Wir‹ sage ich ausdrücklich. Denn ich empfand uns alle, meinen Vater, der aufrecht hinter der Lehne des Fauteuils stand und der meine Mutter mit seinen Haupthaaren leise streifte – meine Mutter in ihrem starren Seidenkleide, das inzwischen nach rot changiert hatte –, und mich, der in die Ecke gequetscht, aber doch aufrecht dastand, als eine Einheit, als unser ›Haus‹, als die Familie, die eben eines ist und allen wohl tut, mag kommen, was will. Meine Mutter wollte das Zeugnis gar nicht lesen. Ich wußte warum. ›Ist es sehr schlecht‹, fragte sie zögernd, meinen Vater von unten ansehend. Sie schämte sich, sie wurde langsam rot, rot wie das Seidenkleid. Sie fächelte sich mit dem Zeugnis, sie versuchte zu lächeln. Mein Vater dachte, der Diener, der sein Diener war und mit dem immer häusliche Streitigkeiten wegen seiner Trunksucht etc. stattfanden und der immer noch mit hochrotem Kopf unter uns stand, störe sie. ›Was wollen Sie denn hier?‹ sagte er zu ihm. ›Von Ihnen will ich nichts‹, antwortete der Diener grob. Er war der einzige, der sich etwas erlauben durfte. Er ging ab und schloß laut die Tür. Mein Vater sah meine Mutter sehr ernst an. Sie mußte das Zeugnis lesen. ›Er ist also doch durchgefallen!‹ sagte sie einfach. Ich hätte sie küssen und umarmen können für dieses zur Kenntnis nehmen – und doch war es mein Vater, den ich liebte. Mein Vater, in dem war ich. Ich gehörte ihm einfach, wie man sich selbst gehört, nur noch tiefer, noch zwingender – und jeden Tag von neuem! Man kann es nicht erklären. Es haben ihn aber viele so geliebt. Meine Mutter merkte, wie ich ihr mit meinem Dankgefühl zustrebte, und sie tat, was sie konnte. ›Er muß von jetzt an anders werden‹, sagte sie. Ihr liebes er statt du wäre Balsam auf alle Wunden gewesen, bei einem anderen Gatten als bei meinem Vater. Vielleicht empfand er jetzt etwas wie Eifersucht. Denn er wurde scharf. ›Er? Wie meinst du das?‹ ›Ach, lieber Maxi‹, sagte sie schmeichelnd zu ihm, aufstehend und ihn um den Hals fassend und dann seine schäbige, glanzlose, gewendete Krawatte zurechtrückend, ›er wird sich bessern. Er muß fleißiger lernen, und im schlimmsten Fall wird er eben Nachhilfestunden bekommen.‹ ›So, Nachhilfestunden?‹ fragte mein Vater kalt, ›dann bezahlst du sie von deinem Nadelgeld?‹ ›Nein, das habe ich nicht gesagt. Meine Eltern schicken mir das Nadelgeld ausschließlich für meine Toiletten – um dich nicht zu belasten‹, fügte sie begütigend hinzu. ›Viel Dank! Viel Dank!‹ sagte mein Vater hart. ›Ich nehme keine Geschenke an.‹ ›Also was willst du wieder?‹ fragte meine Mutter sehr erregt, vergessend, daß ich im Zimmer war. Auch er vergaß meine Anwesenheit – oder war es vielmehr klare Absicht? – und sagte, sich von uns, meiner Mutter und mir, entfernend: ›Wäre deine Mitgift ordnungsgemäß ausgezahlt worden, dann könnte ich auf solche Gnadengeschenke verzichten. Korrekt nennt man es nicht.‹ ›Ich dachte, du liebst, du liebst ...‹ setzte meine Mutter an, bemerkte aber plötzlich, daß ich da war und sagte, auf die Tür zum Ordinationszimmer weisend, ›Junge, geh hinein und warte, bis man dich ruft.‹ Ich ging. Die Tür schloß sich hinter mir. In diesem Zimmer, das ich ganz genau kannte, waren mir schon in meiner frühesten Kindheit die Tafeln an der Wand mit immer kleiner werdenden Buchstaben aufgefallen. Ich konnte nicht verstehen, weshalb man sie immer kleiner machte, und als ich das ABC gelernt hatte, war es mein erstes, sie zu lesen. Sie ergaben aber keinen Sinn. Ich hatte mir nach langem Nachdenken eingeredet, es seien die Anfangsbuchstaben eines Gebetes, das die Augenkranken und Blinden entweder selbst zu lesen hätten oder das ihnen mein Vater vorlas. Und selbst jetzt, wo ich schon soviel Bücher durchgeblättert hatte, vielleicht fünfundzwanzig in den letzten Wochen, hing ich immer noch dieser Meinung nach. Jetzt war für mich der Augenblick da, die Worte zu diesem Gebete zu finden, und ich zerbrach mir den Kopf über die Worte. Aber ich hatte kaum die erste Zeile mit Worten ausgefüllt und versucht, mir über die Zahl 6/6, die unter der Zeile stand, klar zu werden, als mich mein Vater hineinrief. ›Warum hast du dich deiner Mutter nicht anvertraut?‹ fragte er, nicht sanft, aber auch nicht streng. Ich wurde rot und schwieg. Mein Vater stieß mich zart an den Ellbogen, als rücke er mich zurecht. ›Rede doch! Wie kommt das alles?‹ Ich schwieg, noch verstörter. Nach einer langen Weile sagte mein Vater zu meiner Mutter: ›Ich finde es im höchsten Grade rücksichtslos, daß die Schule uns nicht vorher benachrichtigt, und du denkst das doch auch? Zustände! Zustände! Sind denn keine Konferenzbriefe gekommen? Sie müssen doch gekommen sein, natürlich! Nicht?‹ Ich hatte mich hinter dem Fauteuil meiner Mutter versteckt. Jetzt mußte ich handeln, und ohne klar zu überlegen, kam ich hinter meiner Schutzmauer hervor und schützte meine Mutter, die jetzt changiert hatte, denn sie war kreidebleich geworden, und ihr lieber Kopf hing über die Lehne des Fauteuils. ›Ja, sie sind gekommen!‹ ›Wer hat dich gefragt‹, sagte mein Vater, ließ mich aber weiterreden. ›Drei sind gekommen.‹ ›Drei‹, flüsterte mein Vater meiner Mutter zu, ›und ich erfahre nichts davon?‹ Er beugte sich über meine Mutter, die zusammengesunken in dem Lehnstuhl dasaß und in den knisternden Falten des Kleides wühlte und ihre Finger in das winzig gesäumte Täschchen an der Seite hineinzwängte. Ich trat natürlich zwischen meine Mutter und ihn und sagte: ›Ja, drei, November, Dezember und Januar.‹ ›Aber waren sie denn nicht zu unterschreiben?‹ fragte er. ›Ich habe sie selbst unterschrieben‹, sagte ich leise. ›Wie, du hast sie unterschrieben? Mußte denn nicht ich sie unterschreiben?‹ ›Ich habe deinen Namen nachgemacht.‹ ›Wie konntest du meine Schrift nachahmen?‹ fragte mein Vater verblüfft. ›Ich habe es so lange versucht, bis ich es konnte.‹ ›Und wie hast du dir die Briefe verschafft?‹ ›Ich habe sie mir eben verschafft‹, sagte ich trotzig. ›Alle drei.‹ ›Er hat sie gefälscht, aber ich kann es nicht glauben‹, sagte mein Vater tonlos. ›Weine nicht‹, wandte er sich an meine Mutter, ›nein, ich glaube es noch nicht. Er lügt nicht, der Junge. Oder doch?‹ (Jetzt entsann er sich des herausgerissenen Blattes, von dem ich behauptet hatte, ich hätte es gekauft.) ›Möglicherweise aber lügt er doch, das heißt, er sagt jetzt die Wahrheit‹, mein Vater verhaspelte sich. Meine Mutter mußte lächeln. Meinem Vater passierte es sonst nie, daß er stotterte. Und doch hatte er als junger Mensch gestottert und es sich nur mit äußerster Willensanstrengung abgewöhnt. Dieses Lächeln unter Tränen verschönte meine Mutter so sehr, daß mein Vater gerührt wurde. Er faßte mich rauh, aber doch guten Willens an der Schulter, und vielleicht hätte alles noch gut enden können, wenn nicht der unselige Lukas gekommen wäre. Ohne anzuklopfen, hatte er sich, sein bläulich rotes Gesicht voll Rachsucht und niederträchtiger Freude, stramm wie ein Soldat vor meinen Vater hingestellt und hatte den Reim vor sich hin gebrummt: ›Herr Dozent, 's brennt!‹ ›Was, es brennt? Wo denn?‹ riefen meine Eltern wie aus einem Munde. Tatsächlich verbreitete sich ein brenzlicher Geruch in der Wohnung. Meine Mutter war aufgesprungen, sie sah entsetzt meinen Vater und mich an. ›Kommt es von hier unten? Kommt es von oben?‹ fragte sie. ›Oben! Droben!‹ sagte Lukas. Im gleichen Augenblick kam unsere Vally leichenblaß herunter, die weiße Schürze geschwärzt, die Hände naß und sehr rot und die hübschen, schwarzen Kirschenaugen tränend von Rauch. ›Was gibt es‹, fragte mein Vater ruhig. Das Mädchen hustete. Sie war mir sehr zugetan, vielleicht hatte sie etwas wie Liebe für mich. Sie wollte mit meiner Mutter sprechen, aber mein Vater ließ es nicht zu. ›Nun, soll ich Ihnen Worte machen?‹ herrschte er das Mädchen an, in seinem Zorn eine unrichtige Wendung gebrauchend. Sie zog still die Lippen zusammen, sie ließ sich nur von meiner Mutter und mir etwas befehlen. Ich tat es übrigens nie. ›So?‹ sagte mein Vater abschließend, ›es gibt also Geheimnisse vor mir in meinem Haus?‹ Der Brandgeruch hatte sich verzogen. Sehr gespannt, zitternd vor Erregung – denn meine Schuld hatte ihn furchtbar getroffen, wenn er es auch nie zugegeben hätte –, ging er die samtbelegte Treppe zu unserem Privatleben hinauf, und hier, in meinem Zimmer, kam der Schluß. Meine Mutter hatte angesichts der Kälte aufgetragen, im Wohnzimmer zu heizen. Das Stubenmädchen, in ihrer unsinnigen Liebe für mich, in ihrem Mitleid für den ihrer Ansicht nach zu hart behandelten Sohn des Hauses, hatte auch in meinem Zimmer geheizt, das heißt, sie hatte ein paar rote Kohlen, ›Glut‹, eingelegt und war, um auf verbotenem Werk nicht ertappt zu werden, wieder schnell davongelaufen. Die Glut hatte das Lehrbuch der Geisteskrankheiten erfaßt und ebenso den ›Satz‹ kostbarer Krawatten. Jetzt lag alles durcheinander auf dem durchnäßten Teppich und schwelte noch. ›Ist das nicht mein Buch?‹ stellte mein Vater fest. ›Das hast du aus der Bibliothek gestohlen.‹ ›Nein, gestohlen nicht‹, verteidigte mich meine Mutter, ›mein Junge stiehlt nicht.‹›Ja, er ist ja auch aus eurem erlauchten Geschlecht‹, sagte mein Vater böse. ›Und das hier‹, er stieß nach dem dicken Satz bunter Krawatten mit seinem Fuß, ›gehört das dir? Hat man ihm vielleicht das gegeben? Hast du das auch gestohlen?‹ ›Nein‹, sagte ich. ›Du lügst‹, sagte mein Vater und stieß mich mit der geballten Faust in den Rücken. Es war die erste körperliche Züchtigung, die er mir zuteil werden ließ, und sie tat ihm sogleich leid. Ich weinte bittere Tränen. ›Heule nicht‹, sagte er milder, ›beruhige dich! Sage die Wahrheit! Wo sind die Krawatten her? Wie konntest du dich an fremdem Eigentum vergreifen? Sind sie noch gut? Kann man sie zurückgeben? Von welcher Firma sind sie? Lukas!‹ rief er, ›kommen Sie! Nein, bleiben Sie, ich rufe Sie später. Wie konntest du? Hätten wir ‹ – er versöhnte sich wieder mit meiner Mutter, während sich eine tiefe Kluft leise zwischen mir und ihm auftat auf viele Jahre – ›hätten wir dir nicht eine neue Krawatte geschenkt, wenn du darum gebeten hättest? Sohn‹, sagte er, fast zischend, zwischen den Zähnen hindurch, ›wir haben das nicht um dich verdient. Wir wollen aber Lukas nichts sagen. Ziehe dich schnell an, Mantel, Handschuhe und Hut, ich komme mit dir, du, bitte, auch‹, sagte er zu meiner Mutter und versuchte ein krampfhaftes Lächeln, das mir ins Herz schnitt und das den schwersten Augenblick meiner Jugend besiegelte, ›wir gehen alle drei in das Geschäft und machen den Schaden gut. Dann kann ihm nichts geschehen. Diebstahl wird nicht verfolgt, wenn der Schaden gutgemacht wurde vor der Anzeige‹. ›Papa, es ist alles bezahlt.‹ ›Bezahlt? Sechs Krawatten, kostbare, schwere?‹ Er hatte mit seinen scharfen Augen die Qualität sofort erfaßt. ›Sie sind für dich. Alle sind für dich. Ich wollte sie dir zum Geburtstag schenken. Ich habe sie im Ofen versteckt. Sie sind zufällig angebrannt, aber sie sind absolut alle bezahlt‹. ›Nein, du hast sie gestohlen‹, sagte mein Vater, plötzlich gerührt, ›es ist ja nicht zu glauben, worauf solch ein Bengel im Übergangsalter kommt. ›Du hast immer nur gewendete Krawatten, nicht wahr‹, sagte ich, um ihn zu versöhnen, denn ich wußte, ich würde nicht glücklich werden ohne ihn – und da dachte ich, daß dir solche Krawatten Freude machen würden, ich habe die besten ausgesucht‹. ›Ausgesucht!‹ rief mein Vater, halb entsetzt, aber auch halb erfreut, denn es machte tiefen Eindruck auf ihn, daß ich seinetwegen gestohlen hatte, lausgesucht, sucht ein Dutzend bester Krawatten aus ...‹ ›Nur sechs ...‹ ›Nur sechs!‹ lachte er, alle seine schönen Zähne zeigend. Meine Mutter und das Stubenmädchen und selbst der mürrische Lukas an der Tür lachten mit. ›Nur sechs! Nur sechs! Und geht fort und vergißt zu bezahlen. Na ja, die Leute wissen doch, er ist mein Sohn. Sie kennen meinen Namen und wissen, daß man uns nur die Rechnung zu schicken braucht. Sie wird bezahlt. Hast du sie vielleicht schon bekommen?‹ fragte er meine Mutter. ›Es soll vorgekommen sein‹, setzte er geradezu lustig und ausgelassen fort, ›daß auch meine Frau Gemahlin in teuren Geschäften sich die besten Sachen aussucht, immer ein Dutzend, nein, ein halbes, und dann kommen die Rechnungen ... Es ist doch so? Junge! Tu's nie wieder.‹ Ich sah ihn an. Ich liebte ihn abgöttisch. Ich kann es nicht anders nennen. Aber gerade weil ich ihn liebte, mußte ich ihn treffen, ich mußte ihn auf die Probe stellen, ich mußte ihm wehe tun, ich weiß nicht, wie es erklären, aber ich weiß, ich mußte tun, was ich tat. ›Nein, Papa‹, sagte ich, ›du verstehst mich nicht, ich habe alles hier bezahlt. Du weißt doch, wie ...‹ Er wußte es nicht. Er sah ratlos meine Mutter an. Wie selten war er ratlos, wie tief bezauberte er da mein Herz! ›Ich weiß auch nichts‹, sagte meine Mutter. ›Er hat mir nichts gesagt.‹ Er setzte sich auf mein Kinderstühlchen, das bedenklich knackte unter seinem Gewicht. ›Mach Schluß‹, sagte er resigniert. ›Sag alles, verschweige nichts, ich muß fort, ich habe zu operieren.‹ Er blickte auf die Uhr. Es war erst viertel zwölf. Um dreiviertel elf hatte ich das Zeugnis gebracht. ›Ich habe diese Sachen von meinem Gelde gekauft. Du hast mir siebenmal ein Goldstück gegeben. Die Krawatten allein haben einundvierzig Kronen gekostet. Sie sind vier Ellen breit. Sonst nimmt man nur drei.‹ ›So! Vier! Vier! Und der Rest?‹ fragte er. ›Ich habe Gurken gekauft ...‹ Warum kam mir dieses alberne ›Gurken gekauft‹ auf die Lippen? Mein Vater tat jetzt etwas, das ich nie an ihm gesehen hatte und was er wohl tat, wenn ihn Unheilbare abstießen. Sein Gesicht wurde sehr höflich und glatt, es war unheimlich in seinem weißen eisigen Glanz. Er ließ mich noch lange plappern, er hörte aber nicht zu, er war ganz anderswo mit seinen Gedanken, und jetzt muß es gewesen sein, daß er entschied über mich. Meine Mutter ahnte es. Sie unterbrach mich und sagte zu ihm, die unseligen Krawatten mit dem Fuße fortstoßend, damit sie ihm endlich aus den Augen kämen. ›Habe ich dich nicht immer gewarnt, dem Jungen soviel Geld in die Hand zu geben?‹ ›Es ist wahr‹, sagte mein Vater, die Krawatten mit dem Fuße wieder zu sich herziehend, ›du hast recht gehabt, und ich habe unrecht gehabt. Es ist gut. Bitte, komm mit mir‹, sagte er zu meiner Mutter und legte ihr seine schöne, weiße Hand mit den mandelförmigen Nägeln auf die Schultern, ›und ihr‹ – er meinte das Stubenmädchen und mich – ›bringt den Mist hier in Ordnung.‹ Es war derselbe Blick, mit dem er das halbverbrannte Buch und den Satz Krawatten umfaßte, den er gehabt hatte, als er auf dem Teppich die schmutzigen Fußspuren der ›Pilgerim‹ entdeckt hatte. – Wie war das weit ... Ich verglich mich nicht mit den Pilgerim. Ich war noch jung. Ich lächelte scheu das schöne schlanke Mädchen an, und gemeinsam mit ihr machte ich mich daran, alles in Ordnung zu bringen. Als ich neben dem Mädchen auf dem Boden vor dem Ofen kniete und mich der seltsame Geruch ihrer Glieder aus so großer Nähe umfing, wie nie früher, wandten sich meine Eltern von der Schwelle der Tür noch einmal nach mir um. Ich war so – trostbedürftig, daß ich glaubte, meine Mutter würde mir, wie sie es in der Gewohnheit hatte, ›ein kleines Pflaster auf die große Wunde‹ geben, mir wäre alles recht gewesen, selbst das Wörtchen er und sonst nichts. Aber sie war nur zurückgekommen, weil sie meinen Vater nicht allein lassen konnte und wollte. Mein Vater also war es, der mir noch etwas sagen wollte. Ich wußte, es wühlte in ihm, seine Knie hinter dem abgeschabten Stoff seines Beinkleides zitterten, und er stützte sich auf den Arm meiner Mutter, was er sonst nicht oft tat. Und aus drei Schritt Distanz, genau wie bei den Pilgern, sah er mich an mit seinen kalt flammenden, hellen Augen und sagte: ›Natürlich! Aber habe ich dich nicht immer wie meinen einzigen Sohn gehalten, als mein einziges Kind?‹ Ich schwieg und bückte mich neben der errötenden Magd auf den Boden. Zweites Kapitel 1 Ich hatte trotz allem das Gefühl, fast ohne Schaden aus einer großen Gefahr entkommen zu sein. An dem Verhalten meines Vaters merkte ich keinen Unterschied, oder ich wollte ihn nicht sehen. Er hielt jetzt die Bücherschränke stets geschlossen, und mir blieb nichts als das Buch über Geisteskrankheiten, von dem bloß der Deckel und die ersten zwanzig und letzten hundert Seiten durch den Aufenthalt im Ofen gelitten hatten. Ich wußte, wenn ich mich diesem Buche überließe, würde ich in der Schule versagen. Ich lieh mir daher von unserem Mädchen eine Schnur und holte aus dem Schreibtischchen meiner Mutter etwas Siegellack in aller Heimlichkeit – und diese Heimlichkeit versüßte mir diese bittere Aufgabe – und siegelte das Buch bis zum Sommer ein. Ich hielt also mein mir selbst gegebenes Versprechen. Auch ohne Nachhilfestunden, welche mir mein Vater, mich dabei nicht ansehend und in seinen Bart hineinmurmelnd, anbot, konnte ich mich sehr bald zu den mittleren Schülern zählen, und es war nie mehr von Konferenzbriefen die Rede. Wenn ich die medizinischen Bücher vermißte, so gab mir mein Freund einen Ersatz dafür. Auch er war mit seinem elenden Zeugnis zu Hause von seinem Vater, einem kleinen Mann, der sich das Geld zum Studium seines Sohnes am Munde absparte, nicht freundlich empfangen worden. Der Vater hatte die Mutter ›auf den Markt geschickt‹, dem Sohne eine tüchtige Tracht Prügel gegeben, bis er in Schweiß und mein armer Perikles in Tränen gebadet war. Dann waren aber beide ›auf ein Bier‹ gegangen, nicht weil Perikles Bier liebte – er verabscheute es wie viele Philosophen –, sondern um den Beginn eines neuen Lebens zu begießen. Die Fortschritte, die der bis dahin verträumte und geradezu verschlafene Junge machte, ließen alle staunen. Er selbst merkte am wenigsten davon. Wie ihm früher die ›Fünfer‹ gleichgültig gewesen waren, so waren es jetzt die ›Einser‹. Der Unterschied war nur der, daß er jetzt mit einem minimalen Aufwand von Kräften seine Aufgaben wie im Traume löste. Auch sonst war er verwandelt. Zuerst war er mein erbittertster Feind gewesen, und zwar, wie er mir nachher erzählte, aus Neid. Ich verstand damals noch nicht, wie man überhaupt etwas beneiden konnte. Später, in der kritischen Zeit, hatte er sich zwar an mich angeschlossen, aber unsere richtige Freundschaft begann erst in diesem Sommer. Er brauchte seine ›Geschichte der Philosophie‹ nicht zu versiegeln wie ich mein Lehrbuch der Geisteskrankheiten. Er fand Zeit zu beidem und hätte noch zu tausend anderen Dingen Zeit gefunden. Er war wirklich sehend geworden, aber nicht durch meine Hilfe. Aber dieses Sehen machte ihn nicht glücklich. Wenn wir gemeinsame Spaziergänge machten, wurde die eine Hälfte der Zeit dazu verwendet, mir die ›tiefen Griechen‹, die Vorsokratiker, auseinanderzusetzen, über die er schon damals eine sehr merkwürdige Arbeit zu schreiben begonnen hatte, in welcher sich die mathematischen Probleme der Zahlenmystik mit den logischen der Erkenntnistheorie vereinigen sollten, in der zweiten Hälfte der Zeit aber mußte ich, jünger als er und selbst so unfertig und innerlich so ungeduldig und so zerrissen von allen möglichen Trieben, ihn beruhigen, ihn vor einer abgründigen Verzweiflung schützen, ihn vor der Ausführung furchtbarer Pläne bewahren. Auch andere Kameraden brachten damals haarsträubende Projekte, Verbrechen, abenteuerliche Reisen, Selbstmord im Gespräch vor, um sich groß zu tun, wie es diesem Übergangsalter entspricht, aber er war nicht betrunken von seinen fünfzehn Jahren, aus ihm sprach die Nüchternheit und zugleich ein unseliges Genie, das alles vor der Zeit begriff und sich an nichts halten konnte. Zu Pfingsten dieses Jahres erhielten wir beide zugleich das Sakrament der Firmung. Er erschien am Vorabend in seinem Alltagsanzug. Am nächsten Tage trafen wir uns. Er sah ungeduldig auf seine Uhr und hatte Bücher unter dem Arm, die er in einem nahegelegenen Kaffeehause abgab, weil ich ihm klarmachte, daß er das Sakrament nicht mit einem Bücherpack unter dem Arm empfangen durfte. Mit Mühe gelang es mir, ihn davon abzuhalten, vor der Kommunion im Kaffeehaus zu frühstücken. Er zuckte die Achseln. Er griff aber meinen Glauben niemals an. So achtete ich seinen Nichtglauben, ich zeigte ihm nicht einmal, daß ich traurig darüber war. Wie hätte ich nicht traurig sein sollen über ihn? Nicht nur, daß für ihn seine große Begabung unleugbar eher ein Unglück als ein Glück darstellte, da sie ihn bei Tag und Nacht bedrückte und ihn das Leben nicht genießen ließ, so hatte er seinen christlichen Glauben verloren und damit auch die Anwartschaft auf das künftige Leben verscherzt, an dem ich nie auch nur von weitem zu zweifeln gewagt hätte. Er aber sah alles ganz sachlich. Während ich nach der Kommunion wie die meisten Kameraden noch Tränen in den Augen hatte, holte er sich sein Buch aus dem Kaffeehaus ab und lud mich ein, mit ihm den Vormittag zu verbringen, denn er wollte mir aus der Geschichte der Philosophie etwas vorlesen. Ich hatte Eile. Meine Mutter war in der letzten Zeit kränklich. Immer wiederkehrende Übelkeiten plagten sie. Sie schien sich dessen zu schämen und unterdrückte sie, leider vergebens. Sie war unruhig, sie rief nach mir, aber wenn ich kam, die mir jetzt lieb gewordenen Schularbeiten unterbrechend, schickte sie mich wieder fort, da ein neuer Anfall von Erbrechen sie sich vor Ekel, Scham und vielleicht sogar vor Schmerzen krümmen ließ. Sie hielt oft beide Hände vor ihr Gesicht. Ich stand still bei ihr und streichelte ihre Hände, was sie geschehen ließ. Ich fand sie sehr verändert mir gegenüber. Ich hätte nie geglaubt, daß sie mich allein zur Firmung gehen ließe, und als ich jetzt daheim anlangte, war an nichts zu merken, daß es für mich als jungen Katholiken ein wichtiger, schwerwiegender Tag war, da er mich als gültiges Mitglied in die christliche Gemeinschaft aufgenommen hatte. Unser Stubenmädchen hatte mir Blumen auf meinen Tisch gestellt. Da mein Vater, was ich nur zu gut verstand, die regelmäßigen Zuwendungen in Goldmünzen eingestellt hatte, war ich knapp an Geld. Es fiel sogar in der Schule auf, daß ich bei den regelmäßigen Sammlungen, die für einen gemeinsamen Ausflug oder für einen Kranz auf das Grab eines verstorbenen Mitschülers, nichts beitragen konnte, und daß ich auf den Listen, die umgingen, neben meinen Namen bloß ein Minuszeichen hinmalen konnte. Aber man lächelte nicht über mich. Ich hatte jetzt mehr Freunde als in meinen reichen Zeiten. Einmal sah ich solch eine Liste zufällig wieder, und ein Kamerad, dessen Namen ich nie erfahren habe, hatte das Minuszeichen mit einer mäßigen Summe überdeckt und hatte stillschweigend für mich gezahlt. Bei der Eitelkeit von uns allen bedeutete das viel. Auch die Professoren kamen mir entgegen, besonders der Deutschprofessor, dem ich die dritte Ungenügend-Note in meinem letzten Zeugnis verdankte. Nicht nur, daß er meine Aufsätze sehr wohlwollend beurteilte und oft Teile daraus vor versammelter Klasse vorlas, was sie nicht verdienten, ließ er mich eines Tages kommen und bot mir Privatstunden an. Nicht solche, die ich nehmen, sondern solche, die ich geben sollte. Ein Offizierssohn, der in der polnischen Garnison seines Vaters zu wenig Deutsch gelernt hatte, brauchte solche Stunden, und sie wurden mir zugedacht. Die Bezahlung war eine sehr gute. Da meine Leute sich um meine Zeiteinteilung nicht mehr kümmerten und meine Mutter nur mit ihrer andauernden Übelkeit beschäftigt war und mit verschiedenen rätselhaften, geheimnisvollen Handarbeiten, die sie vor meinen Augen stets errötend versteckte – war es vielleicht ein Geburtstagsgeschenk für meinen Vater oder für mich, unsere Geburtstage lagen nur siebzehn Tage auseinander? –, da ich also fast vollständige Freiheit hatte, nahm ich mit Freuden an. Ich sagte niemandem etwas. Unsere Vally merkte, daß ich jetzt immer später heimkam und daß ich nachher besonders müde war und oft nicht einmal meine Mahlzeiten mit Lust einnahm, so abgespannt war ich – aber ich wollte mein Geheimnis nicht mit ihr teilen. Ich hatte einen schönen Plan, der mich mit allem aussöhnte. Im Sommer hatte ich die ziemlich große Summe von 67 Kronen erspart. Ich tat noch drei Silberkronen hinzu, die ich kürzlich von meiner Mutter erhalten hatte, und wechselte in einem Postamt diese siebzig Kronen in sieben Goldmünzen um. Die englischen Seidenkrawatten, von dem Mädchen sorgfältig gereinigt und an den angesengten Stellen ausgebessert, lagen, in weißes Seidenpapier eingewickelt, leider auch mit dem billigen Parfüm des Mädchens getränkt, in meiner Schreibtischlade. Der Geburtstag meines Vaters kam. Am Vorabend schlich ich mich in sein Arbeitszimmer. Hier war, wie meist im Sommer, ein schwarzer, lichtdichter Vorhang herabgelassen. Es herrschte Dunkel in dem weiten Raum, aber ich kannte ihn so gut, daß ich auch in stockfinsterer Nacht mich zurechtgefunden hätte. Nach und nach gewöhnte sich mein Auge an die Dunkelheit. Ich sah sogar feine Lichtstreifen bei den Fugen der Türen hereinsickern, erkannte nun die Leseproben an der Wand und erinnerte mich des Gefühls von furchtbarer Angst, als ich sie zum letztenmal bei der Entdeckung meiner Schuld mit einem Wundergebet in Verbindung gebracht hatte. Nun war ich dabei, meine Schuld fast vollständig gutzumachen. Ich konnte hier erscheinen, die Krawatten, die in ihrem Seidenpapier leise raschelten, auf seinen Tisch niederlegen, und ringsherum, zu einem Kreise angeordnet, die sieben Goldstücke, die im Dunkel wunderbar glänzten. Ich wagte sogar, mich in den Lehnstuhl meines Vaters hinzusetzen, und ich weiß, daß es mich mit einer seit langem ungewohnten, friedlichen, starken Freude erfüllte, mir vorzustellen, daß ich nach vielen Jahren an Stelle meines Vaters hier meine Patienten empfangen würde, ihnen gegenübersitzend, sie untersuchend und ausfragend, um sie zu heilen. Es war dunkel und still. Ich war müde. Fast schlief ich ein über diesem schönen Traum. Ich wollte nicht eigentlich an die Stelle meines Vaters treten als Arzt. Ich dachte viel eher daran, Geisteskranke zu behandeln, also ein Fach zu wählen, das meinem Vater fern lag und für das er ein spöttisches Lächeln hatte. ›Die Narren haben die normalsten Gehirne, Goethes und eines Tollhäuslers Gehirn sehen unter dem Mikroskop sehr ähnlich aus, aber ein Augenhintergrund täuscht nie‹, hatte er einmal gesagt. Ich hatte dieses Wort nur dem Sinn nach verstanden. Es war gefallen kurz vor der Entdeckung meiner Schuld und vor dem Durchfall in der Schule, also zu einer Zeit, in der mein Vater mich als Gleichgestellten und selbstverständlich als künftigen Arzt angesehen hatte, und sogar ausdrücklich als seinen künftigen Nachfolger, denn er hatte seinem absprechenden Satz über die Geisteskrankheiten noch hinzugefügt: ›Unsichtbare Wissenschaften sind alles nur Plunder, die dicken Bücher über gesunde und kranke Psyche sind nur Graphomanie‹ – Graphomanie nannte er auch meine eigenen Kritzeleien, das von mir so geliebte Schreiben – ›Graphomanie, nichts sonst, das wissen wir doch beide, natürlich!‹ Ich ahnte so wenig die große Veränderung, die sich seither in ihm vollzogen hatte, daß ich etwas überrascht war, aber doch nicht gekränkt, als ich ihn am nächsten Tag stillschweigend und mit eisigem Lächeln meine Geburtstagsgratulation entgegennehmen sah, wobei er mich zwar ausreden ließ, aber auf die Uhr sah, wie mein Freund vor der hl. Kommunion auf seine Uhr gesehen hatte – mit einem Seitenblick, damit ich es nicht merke –, und noch größer war mein Erstaunen, als ich bei der Heimkehr mittags mein unseliges Krawattenpaket ungeöffnet auf meinem Tisch wiederfand. Das Geld hatte er behalten. Das Geschenk hatte er zurückgewiesen. Er hat weder jetzt noch später gesagt, warum. Aber was er tat, war für mich wohlgetan. Ich beklagte mich nicht einmal meiner Mutter gegenüber. Sie war so mit ihrem Leiden beschäftigt, daß sie kein Interesse für mich haben konnte. Entweder jammerte sie, weil sie erbrochen hatte, oder sie war voll Angst, daß sie erbrechen könnte: ›Wie soll ich bis zum Schluß aushalten!‹ rief sie. Sie war auch sonst verändert. Dunkel schwefelgelbe, verschwimmende Flecken zeichneten sich ihr um die hängenden Mundwinkel und die tiefliegenden, matten Augen ab. Sie ging schwerfällig, den Kopf zurückgeworfen. Sie saß beim Essen nicht mehr bei uns, da sie nur von Milch und eisgekühltem Cognac lebte. Mein Vater aß nur ein- oder zweimal mit mir, dann gab er Auftrag, man solle mir auf meinem Zimmer servieren. Er selbst saß während der Mittagsmahlzeit an der Seite seiner Frau und flößte ihr den Cognac und die Milch ein. Ich habe einmal gehorcht und das flüsternde Liebkosen mit bitterem Gefühl angehört, dann aber mit noch viel größerem Mitleid das Klirren der Eisstückchen in dem Eiskübel, in dem der Cognac gekühlt wurde. Die Zärtlichkeit meines Vaters für mich war nun ganz auf meine Mutter übergegangen. Ich wurde dafür von vielen anderen Menschen verwöhnt, von dem hübschen Stubenmädchen, von meinem Freund, ja sogar von meinem Schüler, dem soviel Geld – und außerdem Geschenke aller Art! – für nichts abzunehmen ich mich schämte. Denn Jagiello machte wenig Fortschritte bei mir. Ich liebte ihn nicht sehr. Ich liebte nur meinen Vater, sonst niemanden. 2 Die Familie meines Schülers bot mir gegen Ende des Sommersemesters an, ich solle mit ihnen auf ihr Gut in Ostgalizien reisen, und besonders der Vater meines Schülers, ein noch jugendlicher Kavallerieoberstleutnant versprach mir, sich etwas mühsam der deutschen Sprache bedienend, goldene Berge; Reitstunden, die Gesellschaft seiner Tochter, und täglich Hühner, Erdbeeren und Schlagsahne. Ich hatte fast das Gefühl, als ob es meiner Mutter nicht ganz unlieb sein würde, wenn ich sie in der nächsten Zeit etwas allein lassen würde. Sie bemitleidete mich in den wenigen guten Stunden, die sie zwischen ihren Übelkeiten hatte, strich mir über den Kopf, wobei sie sich mit ihrer kleinen, etwas untersetzten Gestalt hochrecken mußte, denn ich war damals schon ein wenig größer als sie. ›Armer Junge‹, sagte sie, ›nicht einmal Kerne!‹ Dieses Kerne bezog sich auf eine dumme Bemerkung, die ich als ganz kleiner Junge gemacht hatte. Sie hatte mir erzählt, es gäbe ganz arme Leute. ›Wie arm?‹ fragte ich. ›Sehr arm‹, sagte sie. ›Hatten sie nichts?‹ fragte ich. ›Nichts.‹ ›Auch Kirschen nicht?‹ – Es war die Zeit der ersten Kirschen, und ich hatte welche bekommen, zehn Stück. – ›Nein, auch Kirschen nicht.‹ ›Und auch keine Kirschenkerne?‹ Darauf hatte sie nur gelacht, und das Wort war geblieben. Aber mein Vater fand meine Lage nicht so bemitleidenswert. ›Der Junge bleibt bei uns‹, sagte er zu meiner Mutter, als die Rede darauf kam. Er sprach mich nicht geradezu an. ›Wie sähe es vor der Welt aus, wenn wir ihn Freitisch essen ließen?‹ Meine Mutter, plötzlich blaß werdend, wandte ein, daß es doch kein demütigender Freitisch, wie er armen Studiosen bei wohltätigen Gönnern gewährt wird, sein könne, wenn ich mit dem Oberstleutnant aufs Land ginge und reiten lerne. ›So, glaubst du?‹ erwiderte mein Vater. ›So, reiten lernen, das glaubst du. Aber er bezieht doch Geld von dort. Er steht dort in Kost, wenn er die Einladung annimmt. Und er denkt selbst nicht daran, nicht wahr, mein Sohn?‹ Daß er sich jetzt direkt an mich wandte, erschien mir als ein Zeichen der von mir so innig ersehnten Versöhnung. Ich sah ihn still an. Wir waren einig. Zwei oder drei Wochen nachher wurden die Jahreszeugnisse verteilt. Das meines Freundes war das drittbeste, meines enthielt einige vorzügliche Noten, einige kaum genügende, aber der Durchschnitt war befriedigend. Ich legte auch dieses Zeugnis meinem Vater in seiner Abwesenheit auf den Arbeitstisch. Am nächsten Tage dankte er, machte mich aber aufmerksam, daß es ihm nicht lieb sei, wenn ich, ohne ihn zu fragen, sein Ordinationszimmer beträte. Tief errötend und von Tränen nicht weit entfernt, versprach ich es. ›Ich wünsche dich nicht mehr zu kontrollieren‹, sagte er, der meine Verwirrung sicherlich begriff, ›du mußt für dich selbst verantwortlich werden. Morgen fährst du also mit Mama voraus nach Puschberg.‹ So hieß der Ort in Tirol, wo meine Mutter einen kleinen Besitz hatte. Der Bürgermeister der Stadt war der Vater unseres schönen treuen Stubenmädchens, das Vally genannt wurde, wenn meine Mutter zufrieden war, das aber unbarmherzig mit Walburgis angeredet wurde, wenn sie einen Teller zerschlagen hatte. Wir reisten ab. Ich voll Zittern und Zagen, daß meine arme, sehr geschwächte, leichenblasse Mutter den Transport, der über zwölf Stunden dauerte, nur unter furchtbaren Qualen überstehen würde. Zu meiner und Vallys größter Freude aber verschwanden die Übelkeiten sofort beim Besteigen des Zuges und kamen auch während der sechs Wochen in P. nicht ein einzigesmal wieder. Diese Zeit gehört zu der schönsten meines Lebens. Ich machte mit meinem Vater unter Führung von Vallys Vater, der geprüfter Bergführer war, meine ersten Kraxelpartien. Wir kletterten, die Füße in Turnschuhen, durch einige Kamine, die einem Anfänger wie mir gerade noch möglich waren, und wir traversierten, angeseilt, mein Vater voran, ich in der Mitte und der Bürgermeister zum Schluß, einige Gletscherspalten. Die Schönheit der Natur kam mir damals noch nicht zum Bewußtsein. Es war eine Freude ganz anderer Art. Ungefähr zwei Stunden von hier, viel tiefer im Tal, gab es einen kleinen, eiskalten Bergsee, in dem man aber in diesem ungewöhnlich warmen Sommer baden konnte. Während der sechs Wochen erinnere ich mich nur zweier Regentage, zum Schluß, Anfang September, denke ich. Mir machte es nichts aus, auf dem Rade von Vallys großem Bruder zu dem Bergsee hinunterzusausen, unten mich in aller Eile auszukleiden, die schweißgetränkten Kleider auf den ebenfalls von Schweiß feuchten Sattel meines Rades (wäre es doch mein gewesen!) zu hängen und mich in das Wasser zu stürzen, wo ich ein paar Jungen schwimmen sah. Es war ein Seil gespannt, um die Grenze für Nichtschwimmer zu bezeichnen. Ich legte mich aufs Wasser, ruderte ein bißchen mit Armen und Beinen, ließ mich nicht zu hastigen Atemstößen hinreißen, die das Schwimmen erschweren und ohne es gelernt zu haben, schwamm ich, mit unnötigem Kraftaufwand, aber ohne Mühe, das erstemal über zehn Minuten lang, immer das Ufer entlang, im Schatten der bläulichen, mit zartem Moos bedeckten, steilen Felsen, welche gleich neben dem sandigen, sonnigen, flachen Badeplatz begannen und sich über die ganze Südseite des länglichen Sees erstreckten. Meinem Vater wurde dies als besondere Ruhmestat vom Ortspfarrer, mit dem er befreundet war, zugetragen, als ich Ende August, Anfang September schon die Runde in dem kleinen See machen konnte. Es war ihm aber nicht recht. Mit seinem schon etwas ausgefransten, von jahrelangem Gebrauch auch bei Regen und Wind grau gewordenen ›strohernen Hut‹ fächelte er sich die Hitze von seinem auch jetzt noch blassen und unbewegten Gesicht, als er mich in unserem kleinen Garten zu sich rief. Es stand ein Gewitter über dem Ort, die Berge waren ungewöhnlich nahe gerückt, die Schneefelder mit dem alten verharschten Schnee und dem Eis flimmerten grell unter einem dicken Gewölk, das die Sonne jetzt noch mit aller Kraft zu durchstoßen vermochte. Die Insekten surrten, plötzlich aber verstummten sie zugleich mit den Vögeln, der Haushund sperrte sein Maul auf und gähnte laut, die Sonne war fort, und aus den tiefer gelegenen Tälern stieg langsam ein schwerer Dunst auf. Aber es regnete noch nicht. Mein Vater zog mich zu sich, er nahm mich, so wie er die augenkranken Kinder bei der Behandlung zu sich nahm, nämlich zwischen seine Knie, und sprach aus nächster Nähe mit sehr leiser Stimme auf mich ein, leise vielleicht deshalb, um meine Mutter nicht zu wecken, die jetzt sehr schwerfällig geworden war, sich kaum von der Stelle rührte, viel für sich hin weinte und ein ganz verändertes, plumpes Aussehen zeigte. Nachdem er mir wegen des unvorsichtigen Schwimmens Vorwürfe gemacht hatte und besonders davon gesprochen hatte, daß man der ›braven Frau dort‹ – dort hinter den Blumenstöcken des Fensters unter dem tief hinabreichenden, mit großen Steinen beschwerten Schweizerdach, jede Aufregung in ihrem Zustand ersparen müßte, kam er auf etwas anderes zu sprechen. Ich hörte anfangs nur unaufmerksam hin, so war ich benommen von seiner Nähe. Von der Berührung seiner Knie, die mich, den großen starken Jungen, nur ganz zart umfaßten, denen man aber auf keine Weise sich entziehen konnte. Weshalb hätte ich mich auch entziehen sollen? War ich doch selig, daß er mich zu sich gerufen hatte, ich verstand ihn in seiner Sorge um meine Mutter, die jetzt nach fünfzehn Jahren wieder ein kleines Kind erwartete. Daß ich auf Schwimmen, auf Kraxeln, auf Radfahren (Sausen!) etc. verzichtete, war kein Opfer zu nennen. So nahm er es sehr gleichgültig hin, daß ich ihm dies versprach. Ich merkte aber, daß er mich mit den Knien stärker an sich zog und zugleich seine hellen, grünlich blauen Augen besonders zwingend auf mich richtete, daß er noch etwas auf dem Herzen hatte. Aber er wagte es nicht zu sagen. Ich begriff allmählich, was es war. Plötzlich hatte es zu regnen begonnen. Ich hätte ihm leicht entkommen können. Der Regen fiel stärker und stärker, es begann in den Dachrinnen zu rieseln, und das Regenwasser brummte in ein Faß, das in der rechten Ecke des Hauses stand. Wir mußten unser Gespräch abbrechen. Er seufzte, wieder sah er auf seine Uhr, aber es war nur Verlegenheit, denn hier hatte seine Zeit wenig Wert, da er sie außer zu Bergtouren nur zu Gesprächen mit den Bauern und am Sonntag zu Schießübungen an den Zielscheiben der kleinen Gemeinde verwandte. Man munkelte davon, ihn zum Ehrenbürger des Dorfes zu machen. Offenbar waren aber mit der Verleihung dieser Würde ziemlich große Geldausgaben verbunden, und wie ich durch die getreue Vally erfuhr, gab es zwei Parteien in dem Gemeinderat des Ortes – die eine, vom Lehrer geführt, verwandte sich für Reparatur des Armenhauses, das aus einer verfallenen Hütte beim Steinbruch außerhalb des Ortes bestand, während der Pfarrer, der Führer der anderen Partei, das Geld für die Reparatur der Kirche verwenden wollte. Mein Vater spielte abwechselnd mit dem Lehrer und dem Pfarrer Tarock, wobei der Posthalter den dritten und der Großbauer Partl, der einzige der Gegend, den vierten machte. Die Honoratioren kamen meist in den späten Nachmittagstunden, und ihre Zeit war jetzt bald da. Ich wußte genau, daß es nichts Angenehmes war, das mich erwartete. Aber während ich meinem Vater auf dem Weg durch das Bauerngärtlein vorausging ins Haus und dann leise über die Holztreppe auf den ›Umgang‹, der sich als holzgedeckter Vorbau um das ganze Haus herumzog, faßte ich mir ein Herz, und als wir uns auf zwei geschnitzte Holzstühle gesetzt hatten, begann ich selbst, meinem Vater den Vorschlag zu machen, den er mir nicht zu machen wagte. Oder kannte er mich so genau, daß er wußte, er mußte nur die peinliche Lage meiner Mutter, die sich vor dem halb erwachsenen Sohn mit ihrem Kinderbekommen schämte, andeuten, um mich selbst zu dem schweren Schritt zu bewegen? Er schien alles vorauszuwissen. ›Du kannst es dir ja noch überlegen‹, sagte er, ohne daß wir Genaues gesprochen hatten. ›Nein, Papa, ich bin entschlossen.‹ ›Und von wann an denkst du?‹ fragte er. ›Von Weihnachten an?‹ fragte ich. Aber mit unseren Fragen verstanden wir uns beide nicht. ›Sprich klar‹, sagte er sehr trocken, ›in unserem Haus kannst du eben schwer bleiben. Natürlich, ich zwinge dich nicht. Nie, das weißt du?‹ ›Also gut‹, sagte ich, ihm vorauskommend, ›ich werde bei dem Oberstleutnant anfragen, sobald wir zurück sind, ob sie mich aufnehmen können bis ... bis eben alles in Ordnung ist ...‹ ›Nein, mein guter Junge‹, sagte mein Vater, ›es ist nicht möglich, daß du vom Oberstleutnant in Quartier und Kost genommen wirst. Ich habe dies doch schon einmal betont. Es würde ein schlechtes Licht auf uns alle werfen, es könnte mir auch in meiner Praxis schaden. Ich erwarte in diesem Semester meine außerordentliche Professur oder wenigstens einen Lehrauftrag.‹ ›Und was soll ich dann tun?‹ fragte ich leise und begann zu zittern. ›Aber gar nichts!‹, lachte mein Vater, beherrschte sich aber sofort, um meine schlafende Mutter nicht durch dieses laute Lachen, in das ich in meiner Angst eingestimmt hatte, zu wecken. ›Gar nichts, guter Junge!‹ wiederholte er drohend, denn ich hatte mein Lachen nicht so schnell abbrechen können, obwohl mir das Weinen näher lag. Jetzt wurde es still. Von unten kam das Quirlen des Wassers im Regenfaß deutlich herauf. Es regnete stark, die nahen Wiesen begannen betäubend zu duften, Grillen setzten allenthalben ein, und ein Vogel im Gebüsch unter unseren Füßen begann zart, aber eindringlich und ohne Aufhören zu flöten. Wie bei der Verteidigung meiner Mutter gelegentlich der gefälschten Unterschrift, ersparte mir mein stürmisches Wesen eine qualvolle Überlegung, die doch nicht anders ausfallen konnte, als sie bei sofortigem starken Entschluß ausfiel. ›Ich muß also fort?‹ fragte ich. ›Nicht so laut‹, sagte mein Vater und hielt mir seine Hand vor den Mund. ›Sie schläft.‹ ›Also gut‹, sagte ich. ›Gut?‹ fragte er, ›hast du es dir überlegt?‹ Ich nickte. ›Und du sagst ihr , daß du selbst den Entschluß gefaßt hast.‹ ›Hab ich denn nicht?‹ fragte ich. ›Mache es ihr leichter! Man muß es den Schwachen leicht machen.‹ ›Gern‹, sagte ich, die Tränen unterdrückend, ›sehr gern.‹ ›Du kannst von hier dorthin fahren‹, sagte er, ›natürlich!‹ ›Wohin?‹ fragte ich. ›Nach A., in ein Heim. Vally wird packen. Dir alles nachsenden.‹ ›Ich soll gar nicht mehr nach Hause zurück?‹ schrie ich. Nun war es zu spät, mir die Hand vor den Mund zu halten. Meine Mutter war erwacht, sie stöhnte, und man hörte die altmodische Bettstatt knarren, so warf sie sich hin und her. ›Geh jetzt hin und sage es ihr!‹ sagte er. Unten im Bauerngarten hörte man den Pfarrer über die Kiesel gehen und dann an der Tür sich räuspern und den Regenschirm klatschend zusammenschlagen. ›Werdet ihr mir schreiben?‹ fragte ich noch in aller Eile, ›und meinen Freund soll ich nicht mehr wiedersehen?‹ ›Wir schreiben dir täglich.‹ ›Und mein Zimmer werdet ihr nicht umräumen? Ich habe einen Capricepölster auf meinem Bett.‹ ›Es bleibt alles, wie es ist. Das versprechen wir dir. Geh jetzt zur Mutter, ich muß leider in die große Stube, Hochwürden wartet.‹ Meine Mutter fühlte sich so elend, daß sie gar nicht hinhörte, als ich ihr meinen schweren Entschluß mitteilte. 3 Meine Mutter war so gereizt, daß ich nicht wußte, wie ich ihr jetzt helfen sollte. Sie vertrug die schwere, von den gemähten Wiesen her wehende, mit Heu- und Blüten- und Regenduft getränkte Luft nicht, die durch das offene Fenster hineindrang. Wenn ich aber das Fenster schloß, glaubte sie zu ersticken und hielt sich krampfhaft an mir fest, richtete sich auf dem knarrenden, schmalen Sofa auf und stöhnte dumpf. Kaum hatte sie sich beruhigt, als sie die Gelüste nach etwas Besonderem verspürte, und zwar waren es – genau wie bei mir vor Jahr und Tag – Bonbons und süßsaure Gurken, die sie begehrte. Trotz dem niederprasselnden Regen schickte sie mich zum Ortskrämer, der aber nur Bonbons, und auch die nicht von der gewünschten Sorte, und keinerlei Gurken hatte. Ich lief zurück, entschuldigte mich lang und breit bei ihr, aber sie hatte das Gelüst schon überwunden. Ich dachte an den baldigen Abschied, an meine ungewisse Zukunft, weit von ihr. Nun waren es die Stimmen der Herren in der großen Stube, die sie aufregten. Zuerst wollte sie selbst hinunterkommen und sich Ruhe verschaffen, dann schämte sie sich ihres Zustands, begann zu weinen und wies mir mit dem Finger, ich solle hinunterspringen und die Herren zum Schweigen bringen. Dabei war es ja nur die dröhnende Kanzelstimme des geistlichen Herrn, die ihr sonst immer sehr wohlgetan hatte, die hinaufdrang. Ich befolgte ihren Wunsch, trat, nachdem ich kurz angeklopft hatte, in die Stube und begrüßte den Pfarrer mit den Worten: ›Gelobt sei Jesus Christus‹, worauf er, mir seine fette kühle Hand zum Kusse darbietend, freundlich antwortete: ›In Ewigkeit Amen.‹ Mein Vater sah mich groß und viel weniger freundlich an als der geistliche Herr. Er hob hastig den Kopf, als wolle er wissen, warum ich ohne Aufforderung gekommen sei. Ich wagte nicht, die Wahrheit zu sagen. Wir saßen also stumm nebeneinander. Endlich begann der Pfarrer: ›In der Schule kommst du gut fort, mein Sohn?‹ Ich nickte. Das qualvolle Schweigen setzte sich fort. Ich stand auf, ich konnte den Wunsch meiner Mutter nicht ausrichten. Der Geistliche mischte geduldig die Tarockkarten in Erwartung der zwei andern Spielpartner. Als ich gehen wollte, hielt er mich zurück. Er wollte sein Interesse zeigen, vielleicht glaubte er, auf diese Weise das Herz meines Vaters zu gewinnen und das Geld für die Kirchenreparatur zu erhalten. ›Du gehst also in das Gymnasium?‹ fragte er. Ich schwieg und sah ihn aufmerksam an. Mein Vater hatte sein Gesicht abgewandt. Er spielte mit den Hornknöpfen seiner abgeschabten grünlichen Stoffjoppe, die er während der Sommerwochen hier trug. ›Und da habt ihr auch das pythagoräische Dreieck durchgenommen?‹ fragte der geistliche Herr, der sich seiner Jugendstudien erinnerte. ›Pythagoräischer Lehrsatz? ja!‹ sagte ich, lebhaft werdend. Mein Vater hatte diesen Satz vor einigen Tagen mit mir wiederholt. ›So, so. Nicht pythagoräisches Dreieck. Ich habe immer geglaubt, es handelt sich um ein Dreieckerl, eine geometrische Figur sozusagen‹, sagte der Pfarrer lächelnd. Ich wollte die Sache in meiner Dummheit genau auseinandersetzen, aber mein Vater winkte ab und sagte, ›wir wissen schon, wir verstehen, natürlich, natürlich. Geh jetzt wieder zu Mama hinauf, aber vorher gehe noch einmal auf den Vorplatz, sieh zu, ob das Gatter geschlossen ist, damit die fremden Hühner nicht kommen, und putze dir dann zum Beispiel ordentlich die Schuhe ab.‹ Ich tat, wie er es wünschte. Es regnete so wüst, daß die Tarockpartner auf sich warten ließen. Bei solchem Wetter gingen die Hühner nie in einen fremden Garten. Es lag mir schwer auf dem Herzen, daß ich kein Glück bei meinem Vater gehabt hatte. Ich fand meine Mutter wieder eingeschlafen. Vally kam auf den Zehenspitzen von unten, aus der Küche. Ich lehnte am offenen Fenster, den Kopf zwischen den Händen, und sah die Nebel steigen, was immer ein Zeichen schlechten Wetters ist. Vally kam näher, und ohne etwas zu sagen, zog sie mir erst die eine, dann die andere Hand vom Gesicht herunter. Ich weiß nicht, was sie damit ausdrücken wollte. Sie hatte vielleicht verstanden, daß ich traurig war. Hier, wo ihr Vater ein geachteter Handwerker und überdies auch Bürgermeister war, war sie eine Standesperson. Ihre ungewöhnliche Schönheit – die meisten Mädchen aus dieser Gegend sind sehr mager, haben braunen Teint und sind knochig und finster wie Gebirgspferde – brachte es mit sich, daß sie einen Heiratsantrag nach dem andern erhielt. Auch der künftige Erbe des Partlhofes bot sich ihr an. Meine Mutter, so sehr sie an der Magd hing, riet ihr anzunehmen. Sie weigerte sich. ›Ich bin mit Ihnen gekommen, mit Ihnen gehe ich wieder.‹ Sie ahnte noch nichts davon, daß ich diesmal zwar mit ihr gekommen sei, aber nicht mit ihr zurückkehren würde. Vielleicht hätte dies ihren Entschluß geändert – und damit mein ganzes Leben. Sie war sechs Jahre älter als ich, und ihre ungeschickten, stürmischen Zärtlichkeiten machten mich einmal wütend, ein andermal schwach, ich hatte keine Ruhe, wenn sie um mich herumschlich und mich mit ihren Kirschenaugen durchdringend ansah ... Am Abend war meine Mutter wieder guter Laune, mein Vater umgab sie mit allen möglichen Zärtlichkeiten und half ihr sogar beim Aufstehen nach dem Abendessen. Er blieb dann mit ihr noch einen Augenblick unter der Petroleumlampe beisammen. Ich glaubte, ich müsse ihm berichten, daß ich meiner Mutter meinen Entschluß mitgeteilt hatte, in das Knabenheim zu gehen. Aber das war es nicht, was ihn beschäftigte. Er rückte jetzt seinen Stuhl näher an mich heran, wir sprachen leise, obwohl meine Mutter noch nicht schlief. Wir hörten sie, gemeinsam mit Vally, beten. ›Ich möchte dich bitten, Kamerad, folge meinem Rat.‹ ›Gehorche ich dir denn nicht immer?‹ sagte ich, während es mich heiß und kalt überlief. ›Habe ich dir nicht immer geraten, du sollest nicht widersprechen?‹ ›Nein, ich glaube nicht‹, sagte ich Dummkopf, ›das hast du mir niemals gesagt.‹ ›Nun siehst du‹, sagte mein Vater und schlug wieder wie am Nachmittag sein Lachen an, das mir durch Mark und Knochen ging, ›eben habe ich dir gesagt: widersprich nicht!, und das erste, was du tust, ist, daß du mir widersprichst.‹ Ich schwieg. ›Ich möchte‹, sagte mein Vater, mich sanfter ansehend und die Wirkung seiner Worte auf mich genau prüfend, ›daß du einmal eine Stütze für mich wirst ...‹ ›Ich soll doch auch Arzt werden, Papa?‹ sagte ich und kam näher auf ihn zu. ›Sicherlich‹, flüsterte er mit geheimnisvollem Lächeln, von dem man nicht wußte, war es gut oder böse gemeint, und beugte sich etwas mit seinem Stuhl zurück, so daß die Entfernung gleich blieb, ›du sollst meine Stütze werden. Deshalb mußt du dich ändern. Höre! Man widerspricht nicht.‹ ›Es heißt aber doch pythagoräischer Lehrsatz und nicht pythagoräisches Dreieck –‹ ›Dreieck, Dreck!‹ unterbrach mich mein Vater zornig und stand auf, nach der Tür hinlauschend, von wo immer noch die eintönigen Litaneien meiner Mutter und Vallys kamen, ›Widerspruch und Widerspruch!‹ Ich runzelte die Stirn und sagte: ›Der Pfarrer hat es nicht übelgenommen.‹ ›Aber ich !‹ sagte er heftig und rückte jetzt gegen mich an, ›du hast recht, entweder –, oder du hast unrecht. Hast du recht, freue dich dessen, aber lasse dein Übergewicht nicht an Menschen aus, von denen etwas abhängt, denn jeder hängt von jedem ab!‹ (Was ich nicht verstand.) ›Hast du aber unrecht, dann – um so mehr.‹ Ich schwieg trotzig. ›So ist es recht‹, sagte mein Vater. ›Schweige! Schweige immerzu! Wer schweigt, sündigt nicht. Und du, betest du auch immer abends deine Litanei?‹ fragte er. Auch jetzt schwieg ich. ›Gut‹, sagte er. ›Und hast du noch deine Medaille, die du von dem Paralytiker in der geschlossenen Anstalt erhalten hast für deinen guten Dukaten?‹ Ich war starr vor Staunen, aber auch jetzt beherrschte ich mich und redete kein Wort. Wie konnte er das alles erfahren haben? War es ein Wunder? Wußte er alles wie Gott? Auf den einfachen Gedanken, daß man am nächsten Tage die Goldmünze im Garten gefunden und die Medaille am Halse des Irren vermißt habe, kam ich nicht. ›Immer besser, immer besser‹, sagte er leise, voller Ungeduld und verhaltenem Zorn, denn meine Mutter, die in diesen Tagen wegen ihrer veränderten Umstände sehr ängstlich geworden war, konnte des Betens kein Ende finden. ›Laßt euch nur ja nicht stören!‹ Mein Vater, der sich nach Ruhe sehnte, weil er verreisen mußte, konnte nicht in das Schlafzimmer, denn er wollte die arme Frau nicht stören, wenn sie ihr Herz vor dem Allmächtigen erleichterte. ›Ich muß morgen früh nach Salzburg fahren‹, sagte er schließlich, ›ich habe heute nachmittag einen Expreßbrief erhalten und soll dort einen grünen Star nach meiner neuen Methode operieren, das verstehst du doch?‹ Ich verstand nichts, aber ich nickte und sah meinen Vater erwartungsvoll an. ›Es ist möglich, daß ich noch einmal herkomme, der Pfarrer und der Lehrer glauben es fest, und du lasse sie beide dabei, wenn sie dich fragen sollten, aber ich weiß es nicht, weiß es nicht, natürlich – auf jeden Fall wollte ich mit dir alles geordnet haben, ihr bleibt noch bis zum zwölften oder dreizehnten hier. Dann reisen Mama und Vally zurück, und du fährst nach A. Hast du verstanden?‹ Heute war ich ein Meister im Schweigen. Auch meine Mutter schwieg. Sie hatte endlich zu beten aufgehört. Vally kam durch unser Zimmer, räumte die Obstteller ab. Auf ihren schlanken, nackten Armen bemerkte ich zum erstenmal feine Härchen, alle in einer Richtung, sie schimmerten zart im Licht der Petroleumlampe. In meine Lippen schoß Blut. Ich sah meinem Vater in die Augen – und er hielt stand. Sie hielt die Augen mit den langen Wimpern geschlossen, sah weder mich noch meinen Vater an. Später erfuhr ich, daß sie zwischen den Gebeten und Litaneien von meiner Bestimmung, dem Knabenheim gehört hatte. Vally schwankte etwas, als sie, die Teller auf dem Arm, herausging. Ungeschickt öffnete sie die Tür, durch die ein kühler Windstoß hereinkam, die Tellerreihe wankte, fast wäre sie hingefallen, mit einem leisen Aufschrei, der aber nicht nach dem gewohnten Jesusmariajoseph, sondern vielmehr nach meinem Vornamen klang, raffte sie sich zusammen und brachte sich und die Teller heil heraus. Mein Vater lächelte mich mit einem scharfen, übertriebenen Lächeln an, wie es mein Perikles gehabt hatte zu der Zeit, als er mich als den Sohn reicher Leute beneidet und mir beim Zweikampf auf die ausgestreckte Hand getreten hatte ... ›Nun, mein sehr lieber Junge‹, fuhr mein Vater fort, sich hinsetzend und seine groben, aber sehr sauber geputzten Schnürstiefel, an denen, dem Wetter zum Trotz, auch nicht das kleinste Fleckchen haftete, ausziehend, ›nun mein sehr lieber, richte das morgen deiner Mutter aus, wenn ich fort bin. Da kein Schlafwagen auf der Linie verkehrt, möge sie eine Fahrkarte zweiter Klasse für sich nehmen. Wenn der Zug sehr besetzt sein sollte, ein reichliches Trinkgeld dem Kondukteur. Das Coupé soll sie allein haben, sie soll sich ausstrecken. Die Karte dürfte soundsoviel kosten.‹ Er notierte die Ziffern auf dem Rande der Zeitung. ›Dann eine Karte dritter Klasse für unsere Vally.‹ Bei ›unsere‹ sah er mich an, diesmal aber nicht mehr so scharf, eher mitleidig. Ich hatte noch immer kein Wort gesagt. ›Und dann kommst du. Ich stelle dir frei, auch eine Karte zweiter Klasse zu nehmen. Sie kostet genau die Hälfte mehr als eine dritter. Das wünschst du doch?‹ Ich verneinte. ›Und dann noch das. Da wir keinen Handkoffer haben – wo wirst du deine Sachen unterbringen, nämlich das, was du für die Reise und die ersten zwei Tage in A. brauchst?‹ ›Beim Krämer hier bekommt man Koffer‹, wagte ich einzuwenden. ›Keine guten‹, sagte er, ›keine wirklich guten. Behilf dich bitte vorläufig mit einer soliden Schachtel. Es ist ja nur auf einige Tage. Ich habe daheim noch meinen Studentenkoffer, den mir meine treffliche Mutter beim Sattler hat machen lassen, als ich auf die Universität ging. Den sollst du haben! Schließlich ist es ja auch eine Art Universität, wohin du gehst. Von seiner Familie sich trennen, ich weiß, was das ist. Die Familie, das ist das Seil für uns Blinde.‹ Auch dies verstand ich nicht. ›Also, jetzt Adieu, Freunderl! Willst du mir noch etwas sagen?‹ Ich dachte: sagen? nichts. Ich hätte ihn gern geküßt. Aus dem Schlafzimmer kam das Schlafgeräusch meiner Mutter. Sonst schnarchte sie nie. Jetzt mußte es mit ihrem Zustande zusammenhängen. Mein Vater lachte, er öffnete weit den Mund, aber er schwieg dabei. Er lachte nur für die Augen, nicht für die Ohren. Einen solchen geöffneten Mund hat man nicht zu küssen. Ich zog mich, auf den Zehenspitzen rückwärtsgehend, zurück, und so trennte ich mich von meinem Vater auf lange Zeit, während er im Rahmen der geöffneten Schlafzimmertür stand. Das Licht wurde ausgeblasen, der Qualm der Lampe kam mir nach, als ich über die dunkle Treppe in mein Kämmerchen hinaufstieg. Ich trat an das offene Fenster. In der Nebenkammer raschelte das Stroh des Bettes, in welchem Vally lag, aber sie schlief nicht. Ich blieb noch lange wach. Endlich taumelte ich schlaftrunken zu meinem Bett. Ich streifte meine Kleider bis auf das Hemd ab, legte mein Taschentuch auf die Dielen, die von der Regenfeuchtigkeit etwas getränkt waren, und streckte mich hier aus. Meine Wange wurde schön gekühlt von dem Boden. Ich wollte auch die Stirn mit dem kühlen Boden in Verbindung bringen ... Das Taschentuch hatte sich zusammengeknäuelt, ich schlummerte ein und erwachte erst spät am nächsten Morgen. Vally klopfte an die Tür, aber die Tür war offen, und ich glaube, daß sie vorher eingetreten war und mich auf der Erde liegend, den Kopf auf dem zerknäuelten Taschentuch, gesehen hat ... Mein Vater war schon in den ersten Morgenstunden fortgefahren. 4 Erst als mein Vater abgereist war, schien es meiner Mutter zu Bewußtsein zu kommen, daß wir uns nach zehn bis elf Tagen auf lange Zeit trennen mußten. Sie hat niemals eine größere Zärtlichkeit mir gegenüber gezeigt, aber sie beherrschte sich, um mir ihre Trauer nicht zu zeigen, um mich nicht weich zu machen. Immerhin mußte ich ihr wiederholen, ihr und auch der armen Vally, die dabeistand und sich mehr als einmal verschluckte, um nicht zu heulen, daß es mein eigener Wunsch und Wille war, selbständig zu werden, ein neues Stück Erde kennenzulernen – A. sollte in sehr schöner Waldgegend liegen und hatte Sommers eine Menge Feriengäste –, daß ich mich auf die neuen Kameraden freue. Ich behauptete sogar – alles vom Hörensagen ebenso wie meine Legende von der Schönheit von A., die ich frei erfunden hatte –, daß die Ansprüche in solchen Gymnasien viel niedriger seien als in unserer Stadt, daß ich mühelos der beste Schüler sein würde. Jetzt trat die Erinnerung an meinen lieben Perikles sehr schmerzlich vor die Augen – aber meine Stimme hörte auf zu zittern, als ich sagte, daß ich Zeit finden würde, fremde Sprachen zu lernen und mich sogar auf meinen künftigen Beruf vorzubereiten. Ich hatte das halbverbrannte Buch über Geisteskrankheiten mit hierhergeschleppt, es war den Luchsaugen meines Vaters entgangen, und es sollte mich in das Knabenheim begleiten, ich wollte darauf schlafen, wenn ich schon das gesäumte Capricepölsterchen von meiner Mutter daheimlassen mußte. Endlich gelang es mir, auf das müde, mit gelben Flecken bedeckte Gesichtchen meiner Mutter wieder etwas Fröhlichkeit zu zaubern, und wir hielten, obwohl es kühl geworden war, lange Mahlzeiten unter den Bäumen unseres Gartens zu dritt. Der Ortskrämer hatte sich sowohl die richtigen Bonbons als auch die gewünschten Gurken zu verschaffen gewußt, und so schmausten wir drei wie eine unter sich einige Familie ... Meine Gedanken gingen um. Aber – ich hatte zum Glück Schweigen gelernt. Ich hatte den Auftrag meines Vaters, die Fahrkarten betreffend, genau meiner Mutter ausgerichtet, ebenso seinen Wunsch, daß meine Toilettengegenstände in eine Schachtel gepackt werden sollten. Es war sehr gegen meinen Willen, daß Vally bei dem Bürgermeister, ihrem Vater, eine Anleihe von hundert Kronen auf ihre eigene Rechnung aufnahm, aber ich sagte kein Wort, als die zwei Frauen beschlossen, daß ich eine Fahrkarte zweiter Klasse – und einen Rucksack für meine Sachen erhalten sollte. Den Rucksack bekam ich, und er sollte mir in A. sogleich nach meiner Ankunft etwas Spott einbringen, denn noch nie war ein Zögling mit einem Rucksack auf dem Buckel eingerückt! Mit der Karte zweiter Klasse war es nichts, da meine Mutter für ihre Vally eine solche Karte zweiter Klasse kaufen wollte und es für uns alle eben nicht reichte. Und ich konnte es nur zu gut verstehen, daß sie diese treue Seele während der langen Reise bei sich haben wollte. Ich war fest entschlossen, mutterseelenallein meine nicht minder lange und dabei sehr komplizierte Reise zu machen, nur wollte ich derjenige sein, der als erster abreiste. ›Das verspreche ich dir‹, sagte meine Mutter, zum erstenmale seit langer Zeit mir ein kleines Pflaster auf eine große Wunde gebend, ›wir kommen alle zur Bahn, Vally bäckt dir eine Extra-Torte, und wenn du erst dort bist, schreibe ich jeden Tag.‹ Nichts von alledem ging in Erfüllung. Diesmal bekam ich also kein Pflaster, so sehr ich es mir gewünscht hätte in meiner großen Verlassenheit. Es hätte mich sicher getröstet in meinem Gedanken, daß mich mein Vater fortgeschickt hatte, wenn wenigstens meine Mutter zu mir hätte halten können. Es war aber unmöglich. Es kam ein Brief von meinem lieben Vater, oder vielmehr eine, mit seiner feinen Schrift bis an den äußersten Rand vollgeschriebene Karte, die meiner Mutter nahelegte, schon am neunten September zu reisen, einem Freitag, so daß sie am Samstag daheim sein konnte. Und an diesen beiden Wochentagen, Samstag und Sonntag, konnte er sich ihr ja am meisten widmen. Ich hätte nun etwas früher oder gleichzeitig abreisen können. Dies aber verbot mein Vater ausdrücklich, damit ich ›die schöne Ferienzeit bis zur Neige in Puschberg genießen sollte‹ und wegen der unnötigen Kosten. Der Aufenthalt in A. war nicht sehr billig, in dem Ferienort konnte ich aber so gut wie kostenlos noch die Zeit vom neunten bis zum vierzehnten leben und in unserer Villa hausen, die Mahlzeiten aber bei Vallys Vater einnehmen. Und so geschah es. Auch das zweite Versprechen meiner Mutter, die besondere Torte, ging nicht in Erfüllung. Für diese Torte war eine sehr feine Sorte von Oblaten erforderlich, die es nur in dem nächsten Marktflecken gab. Vally wäre mit tausend Freuden hingepilgert. Aber meine Mutter durfte nicht allein gelassen sein, und ich war jetzt ein schlechter Ersatz für Vally. Und was das tägliche Schreiben betraf, so wartete ich nach der ersten, leider fast unleserlichen Karte meiner armen Mutter in A. zehn Tage jeden Tag mit furchtbarem Herzklopfen – früher hatte ich nie recht wahrgenommen, daß ich ein Herz hatte – die Postverteilung ab, die öffentlich erfolgte. Ich kann meiner Mutter nur dankbar dafür sein. Da ich auf nichts lauerte als auf einen Brief von ihr, auf zehn Briefe, die mir zukamen, so konnte das Heimweh, das alle anderen neuen Zöglinge furchtbar plagte – es war wie jedes Jahr zu dieser Zeit ein besonderer Heulwinkel für die armen Jungen hergerichtet –, mir fast nichts antun, und ich gelangte dadurch trotz meinem komischen Reisegepäck zu einer geachteten Stellung unter den meist gleichaltrigen Knaben meiner Klasse. Nachher hatte ich mich eingewöhnt. Ich war stark im Wachsen, mein Hunger war nie gestillt. Die anderen Jungen, die regelmäßig Eßwaren geschickt bekamen, gaben mir ab, und ich versprach, dergleichen zu tun, wenn ich ein ordentliches Eßwarenpaket erhielte. Aber was ich von daheim bekam, war stets nur die gereinigte Wäsche, der immer ein sorgfältig geschriebener Brief von Vally beilag, die mich nie mit meinem Vornamen, sondern nur mit ›Euer Hochwohlgeboren‹ anredete. Ich mußte lachen, wenn ich las, ›Euer Hochwohlgeboren wünsche ich gute Gesundheit und Glück in der Schule, und teile ich Euer Wohlgeboren mit, daß die Gatjehosen an den Knien zerrissen waren, was ich der gnädigen Frau (meiner Mutter) verheimlicht habe. Müssen der l. junge Herr in der Schule auf Erbsen knien? Hoffentlich nein! Mit Hochachtung Vally.‹ Ich erwartete zu Weihnachten von daheim ein Geschenk, und zwar hatte ich angedeutet, daß mir eine Uhr Freude machen würde – aber an dem Vorabend wurden zwar unter der Unzahl von Paketen auch drei für mich verteilt, aber das größte war von dem ehemaligen Schüler und enthielt außer den Grüßen meines Kameraden, seines Vaters und der Unterschrift seiner Schwester, die ich noch nicht kannte, da sie im Pensionat in Krakau erzogen wurde, einen ganzen geräucherten Schinken, eine Flasche süßen Fruchtschnaps und ein Buch über Löwenjagden von dem französischen Großwildjäger Carandier. Die zwei kleineren Pakete stammten von Vally und meinem Freund Perikles. Vally sandte außer einem Brief, der aber ziemlich viel Fettflecken abbekommen hatte, nur die bewußte Torte, die sie mir in Puschberg versprochen hatte. Ich hob mir den Brief auf, um ihn nach der Feier zu lesen, und öffnete das kleine Paketchen meines Freundes, das eine Schachtel mit feingeschnittenem Rauchtabak, fünfundzwanzig Zigarettenhülsen und einen Stopfer enthielt. Sein langer Brief war sonderbar, er erzählte von seinen schwierigen Studien über die Fragmente des Heraklit und bemühte sich, mir klarzumachen, daß jede Philosophie einen Zwang zur größten Bescheidenheit, jede Religion aber eine Verlockung zum gefährlichsten Größenwahn darstelle. Das Wort ›Größenwahn‹ war mir aus meinem Buch über Geisteskrankheiten wohl bekannt. Ich las viel in diesem Buch und hatte mich an die Ausdrücke gewöhnt. Verstehen konnte ich sie natürlich noch nicht. Für die anderen Jungen aus unserem Dormitorium, dem gemeinsamen Schlafsaal, war dieses Buch mit seinem verbrannten Einband und den verkohlten Anfangs- und Schlußseiten etwas höchst Begehrenswertes. Sie versuchten in meiner Abwesenheit Einblick in das Buch zu gewinnen, aber nachdem ich sie einmal erwischt und gehörig bestraft hatte, blieb das Buch versperrt in dem alten Handkoffer, den mir mein Vater gesandt hatte, wie er es versprochen hatte in Puschberg. Ich folgte der langweiligen Feier unter dem hohen Christbaum nur sehr zerstreut. Ich dachte an meine Mutter und meinen Vater und konnte nicht verstehen, daß ich die Uhr nicht bekommen sollte, daß sie mir nicht eine Zeile geschrieben hatten. Ich hätte geweint, wenn ich allein gewesen wäre. Nun beherrschte ich mich. Ich beherrschte mich ja auch sonst in der letzten Zeit mit aller Kraft, und die Versuchungen, denen ich, zuerst in den letzten Tagen des Aufenthaltes in dem von allen verlassenen Puschberg und dann in meiner Verzweiflung in den ersten Tagen hier in A., nachgegeben hatte, vermochten nichts mehr über mich. Da ich wußte, daß fast alle Kameraden diesen Versuchungen unterlagen, war ich stolz auf mich und fühlte mich stark genug, den Hindernissen in meinem künftigen Leben unter Anspannung aller Willenskräfte froh und selbstsicher Herr zu werden. Nach der Feier beschenkten wir uns gegenseitig. Ich zeigte meinen Kameraden die große Schnapsflasche mit polnischem Fruchtschnaps, die wir bei einer Nachtfeier gemeinsam austrinken wollten, und es entspann sich ein lebhafter Tauschhandel voller Scheingefechte und gutmütiger Raufereien, bis wir, viel später als sonst, in unsere Dormitorien im Gänsemarsch einmarschierten. Beim Auskleiden merkte ich den Brief Vallys in meiner Tasche. Ich zog ihn heraus, versuchte ihn zu lesen, wurde aber dabei unterbrochen, da das Licht vom Zimmerältesten ausgelöscht wurde. Ich stand auf und lief bloßfüßig in die Toilette, um beim Licht einer Kerze das schwer leserliche Schriftstück zu entziffern. Diesmal war nicht von den Rissen in meinen Unterbeinkleidern die Rede, die ich mir beim wilden Spielen geholt hatte nebst ordentlichen Schrammen an den Beinen, sondern von etwas viel Fürchterlicherem. Die Einleitung des Briefes mit den vielen Hochwohlgeboren klang ganz vernünftig, aber gegen Ende kam ein Satz, den ich zuerst nicht fassen konnte und immer wieder abwog und mir deutete, das fettige, durchscheinende Papier gegen das Licht haltend, bis kein Zweifel möglich war. Der Stubenälteste, genannt Goliath II., pochte an die Tür des Klosetts und wollte mich holen, er war es gewesen, der mit noch zwei anderen früher in meinen Sachen gestöbert und mein Buch über die Irren angefaßt hatte. Jetzt rief ich ihm drohend zu, er solle mich in Ruhe lassen, ›wenn du nicht willst, daß ...‹ Er verstand und zog ab. Und ich setzte mich wieder auf meinem Sitz zurecht, in kalter stiller Nacht, mein langes Nachthemd um meine Knie wickelnd und den unseligen Brief immer wieder lesend und jedes Wort auf seine Bedeutung prüfend. Die wichtige Stelle lautete: ›Ich teile Euer l. Wohlgeboren mit, daß die gnädige Frau in ihrem Zustand sehr leidet und daß wir alle hoffen, daß sie bald erlöst sein möge.‹ Erlöst! Meine Mutter! Unheilbar, und kein anderes Mittel als die Erlösung im Tod?! Und was wurde aus dem Kind? Daher ihr Schweigen, ihre immer spärlicher werdenden Briefe, daher das Fehlen ihrer Weihnachtswünsche, das Ausbleiben des Weihnachtsgeschenks, der Uhr! Und ich hatte mich vor einer Stunde noch gegen meine armen Eltern aufgebäumt! Ich war stolz gewesen auf meine Unabhängigkeit, hatte mir zugetraut, alle Hindernisse des künftigen Lebens unter Aufgebot der Willenskraft zu überwinden. Nun in meiner stillen Zelle – es schneite draußen, und die Schneeflocken knisterten, sich an das kleine schmale Fenster anlegend, und die Kälte nahm noch zu – fühlte ich meine Schwäche, Not, meine ganze Armseligkeit. Ich nahm endlich die Kerze, die ich in den Mauervorsprung des Fensterchens gesteckt hatte, wieder herab und schlich über die Korridore in den Schlafsaal zurück. Ich hätte gern gestöhnt, geheult, aber ich beherrschte mich, schlüpfte leise unter die eiskalten, sehr dünnen Decken. Ich wollte kein dickes Überbett – aus bekannten Gründen. Und ich versuchte, für meine geliebte Mutter zu beten. Ich betete und betete, meine Zähne klapperten vor Frost, meine Hände drückte ich gegeneinander, wenn sie mir vor lauter Müdigkeit und Verzweiflung auseinanderfallen wollten, aber es kam mir kein Trost. Erlösung! Erlösung! Eine noch so junge Frau! Meine Mutter, die mir nichts auf Erden ersetzen konnte, die mich mit allen Fasern ihres armen gequälten und gemarterten Herzens liebte, die mir immer kleine Pflaster auf meine große Wunde gelegt hatte. Vielleicht war sie jetzt tot. Ich konnte es nicht begreifen. Ein kleiner Kamerad aus unserem Dormitorium, der mitten im Schuljahr hier hergebracht worden war von seinem leichenblassen, schwarz gekleideten Vater, hatte seine Mutter verloren. Ich kannte seine Mutter, eine schöne junge Frau, da ihre Photographie auf dem Nachtkästchen des Sohnes stand. Der Knabe hatte sich nicht trösten lassen. Und zu allem anderen Jammer hatte er es sich vom ersten Tage hier in A. angewöhnt, seine Laken nachts zu nässen, und zu seinem Leid kam noch der Tadel des Präfekten und der Spott seiner glücklicheren Kameraden. Mir hatte er immer leid getan, aber ich hätte nie geglaubt, daß ich noch unglücklicher werden könnte als er. War uns nicht zu helfen? 5 Am nächsten Tage, nach dieser fast schlaflos verbrachten Nacht, ging ich in aller Frühe zu dem Präfekten. Es war der erste Weihnachtsfeiertag. Der Präfekt schlief noch. Es war kaum halb acht Uhr. Ich ließ ihn wecken, er kam im Schlafrock und in Pantoffeln, und seine haarigen dünnen Beine zeigten eine Gänsehaut, denn es fror stark. Ich befolgte genau mein Programm. Das erste war, daß ich ihn bat, vor der Frühmesse, der wir alle beiwohnen sollten, in die Stadt gehen zu dürfen. Er öffnete weit seinen Mund vor Staunen. Wie sollte er es begreifen, daß ich an einem Weihnachtsfeiertag morgens um halb acht Uhr Ausgang verlangte? Ich ließ ihn nicht erst zu Wort kommen, sondern sagte ihm, daß meine Mutter schwer krank sei – von der ›Erlösung‹ schwieg ich natürlich – und daß ich an meine Eltern telegraphieren wolle. ›Aber wozu?‹ fragte er. ›Willst du nicht lieber abwarten, bis sie dir Nachricht geben? Beruhige dich. Vielleicht ist es nicht so schlimm. Wenn du abreisen solltest, wird dich der Hausdiener zur Bahn bringen, dir die Fahrkarte besorgen und das Gepäck ins Coupé schaffen.‹ Ich begriff ihn nicht. Er sprach von solchen Fällen, als kämen sie jeden Tag vor. Ich schüttelte den Kopf. ›Bitte, lassen Sie mich telegraphieren!‹ flehte ich. Er nickte ziemlich gleichgültig, raffte den Schlafrock zusammen und wollte zu seiner Frau und ins warme Bett zurück. Ich hielt ihn fest. ›Was will er denn noch?!‹ Daß er mich jetzt er nannte, wie meine arme, vielleicht in dieser Minute schon erlöste Mutter, trieb mir die Tränen in die Augen, und ich heulte laut auf. ›Aber, aber‹ begütigte er mich. ›Schön, laufe zur Post. Aber zieh dich warm an. So kannst du nicht auf die Straße. Sollen vielleicht wir für dich telegraphieren?‹ ›Nein, nein‹, schluchzte ich hinter meinem Taschentuch. Er wollte gehen, ich ließ ihn aber noch nicht. ›Bitte Geld!‹ sagte ich. ›Natürlich, natürlich!‹ antwortete er – diesmal gebrauchte er das Lieblingswort meines lieben Vaters. War es nicht, als ob sie beide durch den Mund des alten knöchernen Präfekten zu mir sprachen und die Gelübde guthießen, die ich während der Nacht getan hatte? ›Laß mich nun endlich los!‹ herrschte der Präfekt mich an. ›Ich habe kein Geld bei mir. Wieviel soll es denn sein?‹ ›Eine Krone?‹ fragte ich schüchtern, denn ich hatte noch nie telegraphiert. ›Reicht das? Soll nicht auch Rückantwort dabei sein?‹ Er mußte mir, frierend in dem großen, grauen, von der gestrigen Feier noch unordentlichen Empfangszimmer, genau erklären, was ›Rückantwort‹ bedeute. Ich kam nun mit ihm, und seine Frau übergab mir das Geld, zwei Kronen. ›Geh jetzt noch einmal hinauf und ziehe dir deinen Winterrock an! Es weht eisig draußen. Die Post wird erst um acht geöffnet. Du hast Zeit. Aber nicht weinen. Es ist sicher nicht so schlimm. Wer ist denn krank?‹ ›Meine Mutter!‹ flüsterte ich ihr zu. Ich hatte mehr Vertrauen zu ihr als zu dem trockenen Schulmeister. ›Meine Mutter wird jetzt erlöst. Sie bekommt ein Kind!‹ ›Aber das ist doch ein Glück, das bringt doch Freude! Weshalb soll es denn schlimm ausgehen?‹ ›Ich weiß es‹, begann ich von neuem mit meinem scheußlichen Weinen und wandte mich ab, die zwei Kronen in meiner geschlossenen Faust. Sie wollte mich zu sich heranziehen, aber ich schüttelte sie ab und rannte ohne Mantel auf den Korridor, wo meine Mütze hing, und kam auf die Straße und erreichte bald das Postamt, das am Feiertag zu dieser Stunde in dem kleinen Ort noch nicht geöffnet war. Ich überlegte, ob ich den zweiten Weg, den ich für heute vorhatte, den in die Gnadenkapelle, eine kleine Kirche hinter dem Rathaus, noch vor dem Absenden des Telegramms erledigen könnte, aber ich hatte nicht die Fassung und Geduld dazu. Ich marschierte in meiner Angst vor dem Postamt hin und her und spürte vor lauter Angst und Herzklopfen nicht das geringste von Kälte und Wind. Endlich wurde das Amt geöffnet, ich ließ mir ein Formular geben, das ich natürlich verpatzte, schließlich kam der Beamte aus seinem Verschlag heraus, setzte sich in dem menschenleeren Amtsraume neben mich, und wir brachten endlich einen sehr guten Text zusammen. Das Telegramm sollte, wie ich sehr dringend bat, unverzüglich befördert werden, und der Beamte gab mir sein Wort, daß es in weniger als zwei Stunden bei meinen Eltern (oder jetzt bloß noch bei meinem Vater?) angekommen sein würde. ›Und gegen Mittag werden Sie die Antwort haben.‹ ›Nicht Sie, Du bitte‹, antwortete ich, denn man sprach mich zu dieser Zeit noch nicht mit Sie an. Nachher lief ich zu der Gnadenkapelle. Hier erst, in der eisigen Luft des stillen Kirchenraumes, spürte ich den Frost. Die Kapelle war verlassen. An der linken Wand, gleich neben dem Weihwasserkesselchen, waren die Exvotos angebracht, sowohl Herzen und Nachbildungen aus Gips, die den geheilten Gliedern entsprachen, als auch Krücken, die an der Wand aufgehängt waren und sich im leisen Luftzug sachte bewegten. Dann gab es Exvoto-Steine mit eingravierten Inschriften, Kupfertäfelchen, sogar emaillierte Porzellanschilder mit kurzen Mitteilungen, meist nur mit den Anfangsbuchstaben des Bittstellers gezeichnet. Ich hatte nichts dergleichen. Alles, was ich hatte, war ein Mathematikheft, das ich in aller Eile mitgenommen und zwischen der Matrosenbluse und dem Hemd unten am Bund der Bluse befestigt hatte und das daher ganz warm war. Ich riß das letzte Blatt heraus und überlegte, was ich daraufschreiben sollte. Unter den Exvotos waren auch manche, die Gott dankten für eine glückliche Heilung. Eines berichtete, die Gnade der Mutter Gottes voll Freude rühmend, sogar von einer lebensgefährlichen Operation, mehrere vom wiedergeschenkten, durch die Gnade der wundertätigen Mutter Gottes wiedererhaltenen Augenlicht. Ich gedachte mit Stolz meines Vaters und seiner Operationen, und in meinem Inneren schwor ich mir, daß ich später als Arzt alles Menschenmögliche aufbieten würde, den Menschen zu helfen und sie von den Sorgen um ihre Gesundheit zu befreien, gleichzeitig aber wollte ich doch, an der Hilfe der irdischen Ärzte verzweifelnd, mich geradezu an die Himmelsmacht wenden ... In solchen Kümmernissen wurde ich des Widerspruchs nicht gewahr, ich biß mir die Lippen wund, um den wirksamsten Text zu finden. Hier konnte mir kein gutmütiger Telegraphenbeamter helfen, die richtigen Worte, wenn man sich an Gott wandte, zu finden. Ich mußte es von selbst tun. Nun verlangte ich etwas, nämlich, daß meine Mutter nicht erlöst würde, wie Vally geschrieben hatte, sondern wieder gesund und ihres Lebens froh werde – und dafür wollte ich etwas hingeben, oder opfern, nämlich meine Rückkehr zu meiner Familie. Denn es war von Anfang an selbstverständlich für mich, daß ich nicht lange im Knabenheim bleiben sollte. Es war doch nur eine vorübergehende Maßnahme gewesen, weil meine Mutter sich vor mir schämte. Meine Mutter –! Vor mir! Ich weinte wieder, aber ich weinte nur äußerlich, innerlich war ich wach und klar und suchte weiter nach dem wirkungsvollsten Gelübde. Ich fand es aber nicht. Ich fand es einfach nicht. Endlich, als ich das Papier schon zerknüllt hatte und in meiner Verzweiflung schon am Ausgange der Gnadenkapelle war, kehrte ich noch einmal um. Ich prüfte die linke untere Ecke der Wand, die jetzt bei aufgehender Sonne immer deutlicher zu sehen war, und auf einer kleinen rechteckigen Marmorplatte las ich, in verstaubten Goldbuchstaben, die aber die Sonne, mit deutlichem Glanz durchdringend, hervorhob, ein kleines Exvoto aus dem Anfang des Jahrhunderts, das ohne Unterschrift war und nur aus drei Worten bestand: Schütze meine Kinder! Ich änderte diese Inschrift natürlich um. Es waren drei Worte. Schütze meine Mutter! Dann brachte ich diesen Zettel zusammengefaltet in der Ecke hinter dem Täfelchen an, da sich hier kein freier Nagel befand, an dem ich den Zettel hätte aufhängen können. Der Goldglanz auf dem Marmortäfelchen war wieder verschwunden, draußen hatte ein mäßig starker Schneefall begonnen, ich kam halb erfroren und mit nassen Kleidern und Schuhen daheim an. Aber das alles berührte mich nicht. Ich erwartete jeden Augenblick die Antwort meines Vaters. 6 Wenn dabei etwas mein Herz erleichterte, war es das Gelübde. Vielleicht schwebte meine geliebte arme Mutter gerade heute zwischen Tod und Leben – nachher sollte ich erfahren, daß es wirklich so war –, und meine Exvoto-Worte ›Schütze meine Mutter‹ brachten die günstige Wendung. Ich konnte nichts essen. Man zwang mich denn auch nicht dazu, und einigen großen, älteren Kameraden schien es wohlzutun, mich bemitleiden zu können und sich in ihrem immer unbefriedigten Hunger an meine Portion bei dem feinen und reichlichen Feiertagsabendessen zu halten. Was sollte es mir? Noch kurz vor dem Schlafengehen lief ich in Hausschuhen zu der Kanzlei hinauf. Aber die Tür war natürlich jetzt versperrt, es war offensichtlich, daß nichts für mich gekommen war. Sehr gebrochen kehrte ich langsam in unser Dormitorium zurück. Aber als ich dort angekommen war, traf ich nicht die übliche Stille an, unterbrochen von dem Wispern der von ihren Betten aus heimlich sich unterhaltenden Zöglinge, sondern es erwartete mich ungeduldig ein kleiner Kreis von Jungen, fünf oder sechs, darunter auch der Knabe, der seine Mutter verloren hatte, und ein anderer, der auch von der Natur benachteiligt war, denn er näßte zwar nicht, trug aber dicke Brillen und hatte das schüchterne Wesen augenkranker Jungen. Wenn man ihm sagte, er sei kurzsichtig, empörte er sich, er wollte weitsichtig sein und zeigte zum Beweise seine Brillengläser vor. Ich, als der Sohn eines Augenarztes – ich hatte meinen Vater zu einem Professor gemacht, der die wunderbarsten Kuren für ganze Haufen von Gold vollführte –, sollte entscheiden. Natürlich gab ich dem Kleinen recht. Er verstand ja viel mehr davon als ich, da er alles an seinem eigenen Leibe und Leide hatte ausprobieren müssen. Außerdem waren noch zwei große, baumstarke Jungen dabei, Vettern, die jede Klasse mehrfach wiederholt hatten, so daß sie das für uns ›ehrfürchtige‹ (statt ehrwürdige) Alter von siebzehn oder gar achtzehn Jahren erreicht hatten. Hatte ich nicht versprochen, die Kameraden zum Dank für geleistete Lebensmittelgeschenke in vergangenen Zeiten mit meinen Schätzen zu bewirten? Ich konnte nicht nein sagen. Die Torte Vallys wurde in Scheiben geschnitten, der Korkstöpsel des polnischen Fruchtschnapses mit einem berühmten Taschenmesser aus der Flasche gezogen, wobei die zwei großen Jungen, Besitzer dieses Wunderwerks, sich nützlich machten, während die zwei kleinen sich bemühten, von dem gewaltigen Schinken dicke Scheiben mit ihren winzigen Taschenmessern herunterzusäbeln. Alles im Halbdunkel, denn wir konnten kein Licht anzünden. Aber draußen schien der Mond über dem dicken Schnee, und wir gewöhnten uns sehr bald daran. Wir durften nicht laut sprechen. Manche wollten schlafen, und dann mußte man sich vor dem Unterpräfekten schützen – einer mußte Wache halten. Zuerst bot ich mich dazu an. Nach einer kurzen Zeit holte man mich aber vom Korridor hinein, ich setzte mich in meinem Bett zurecht, die andern im Kreise um mich herum, der große Junge hielt mir die Schnapsflasche an die Lippen. Zuerst schauerte mir vor dem brennend süßen Getränk. Aber bald wurde ich fröhlich. Ich konnte nicht genug bekommen. Ich aß von der Torte, ich nahm die dicksten Scheiben Schinken und berauschte mich zum erstenmal in meinem Leben. Auch die anderen begannen zu sprechen, zu summen, zu singen, im Zimmer umherzutanzen, den Rest des Dormitoriums zum Schmaus einzuladen. Ich nicht. Ich aß für mich voll Gier, ich trank für mich und meinen Kummer und wurde still und stiller. Schließlich mußte man mir die Flasche aus den Händen nehmen, da ich sie nicht mehr hatte loslassen wollen. Im Grunde war ich vollständig klar. Ich wußte, daß meine Mutter vor der ›Erlösung‹ stand, ich wußte, daß mir mein Vater auf mein Telegramm nicht hatte antworten können – aber das schien einen anderen Menschen zu treffen, nicht mich. Ich bemitleidete ihn aus ganzem Herzen und weinte mich, immer wieder nach der Flasche greifend, allmählich in Schlaf. Am nächsten Tage ließ mich der Präfekt kommen. Er fragte mich noch einmal aus, ließ sich alles wiederholen, ich stotterte, ich sprach zu leise, er zog mich zu sich hin, plötzlich veränderte er den Gesichtsausdruck, er wurde merklich kühler, hustete in die vorgehaltene Hand, schickte mich heraus, ließ den Subpräfekten holen und gab ihm den Auftrag, unter meinem Bette nachzusehen. Offenbar hatte er den Schnapsgeruch aus meinem Munde gemerkt, den keine Mundwasserspülung hatte ganz entfernen können. Wir hatten aber alles gut versteckt. Meine Kameraden empfingen mich mit großem Hallo, sie fanden es tapfer von mir, daß ich soviel getrunken hatte und daß mir mein Seelenschmerz nichts anhaben konnte. Ich war aber mürrisch und hielt mich von ihnen fern. Die Langeweile in den Feiertagen war groß, und wir wußten an diesem Nachmittage nicht mehr, wie wir uns die Zeit vertreiben sollten. Viele bewarben sich um das Irrenbuch, auch um den französischen Löwenjäger, vergebens. Der kleine Bettnässer trieb sich viel in meiner Nähe umher, vielleicht sah er in mir einen Leidensgefährten. Ich kam ihm nicht sehr freundlich entgegen. Ich redete mir ein, nicht mehr auf das Rücktelegramm zu warten, auf alles verzichtet zu haben, aber es quälte mich doch zu sehr. Ich sah auf dem Nachtkästchen meines Kameraden das Bild einer schönen, etwas vollen, einstmals so blühenden Frau, von der ihr schwächlicher nervöser Junge nichts geerbt hatte. Sein Bett war offen, es entstieg ihm der häßliche sauere Harngeruch, obwohl es nur das Leintuch war, das er nässen konnte, denn unter diesem war ein Gummituch ausgebreitet, das aber ebenfalls nicht erquicklich roch. Die großen Jungen, die zwei Vettern Goliath, standen dabei und hänselten den Kleinen, der dabei stillhielt und sich sogar geschmeichelt fühlte durch die Aufmerksamkeit der Großen. Ich sah sie mir alle an, den Jungen mit seinem grünlichen, im Ausdruck zwischen Angst und Ausgelassenheit wechselnden Gesicht, das Bildnis seiner schönen Mutter, das er wie ein Heiligtum verehrte und mit einem Tannenzweig vom gestrigen Spaziergang im Bürgerwald geschmückt hatte, die Kameraden, die nicht zu Freunden geworden waren. Die Goliathe machten Anspielungen auf meinen Vater, aber ihr Hohn traf mich nicht, ich wußte ja, daß sie mich um ihn beneideten und um seine Wunderkuren. ›Aber dir hat er nichts beigebracht‹, sagte grob der ältere Goliath, ›du kannst nicht einmal Schnaps vertragen und bist dumm wie ein Kalb.‹ Ich hätte weiter nicht darauf geachtet, hätte ich nicht gesehen, wie der Waisenjunge (weshalb kam mir jetzt das Wort Waise auf die Zunge?) bewundernd zu den großen Lümmels aufblickte. Mir kam ein verzweifelter Gedanke, ich weiß nicht wie. ›Was gebt ihr mir, ihr drei da – die zwei Goliathe und der Junge –, wenn ich dem da das Bettnässen abgewöhne?‹ ›Du und abgewöhnen? Gewöhne dir doch erst selber das sich be... ab‹, gab mir der dumme plumpe Mensch zurück. Ich hatte nie daran gelitten und konnte darüber hinweggehen. ›Was bekomme ich, wenn ich ihn kuriere?‹ Nun hatte der ältere der zwei Goliathe vorgestern eine silberne Taschenuhr erhalten, auf die er sehr stolz war. ›Glaubst du nicht‹, wandte ich mich an ihn, ›daß ich es kann?‹ ›Du‹, sagte er langsam und gähnte, wobei er seine besonders schönen, milchweißen, vollzähligen Zähne entblößte und sich die Lippen und den Schnurrbartschatten strich, ›du ...!‹ Und nichts weiter. ›Wetten wir um die Uhr?‹ sagte ich kühn. ›Und was hast du dagegen zu setzen?‹ ›Ich?‹ Vielleicht die Löwenjäger oder gar das Buch über die Irren. Aber daran dachte ich nicht. Die Sache wäre dabei geblieben, wenn nicht der andere Goliath meine Partei ergriffen hätte. ›Ich setze für ihn‹, sagte er, ›ich biete an: meinen Dreiunddreißiger.‹ ›Was? Den Dreiunddreißiger?‹ Alle staunten. Es war das berühmte Taschenmesser mit zwar nicht dreiunddreißig, aber sicherlich mehr als zwanzig Klingen –, das dem Jungen trotz seiner Dummheit ein Übergewicht gab. Unter diesen Klingen befand sich auch ein Korkenzieher, mit dem er gestern nacht meine Schnapsflasche entkorkt hatte. Alle bewunderten ihn wegen dieses Besitzes. ›Uhr gegen Dreiunddreißiger!‹ wiederholten sie hingerissen, und der Kreis vergrößerte sich immer mehr. ›Gut!‹ sagte ich, ›es bleibt dabei.‹ Nun war mir der Gedanke gekommen, von dem ich nicht wußte, ob er durchführbar war, den ich aber auf jeden Fall ausprobieren mußte. Mir war genau so zumute wie damals, als ich plötzlich gemerkt hatte zu meiner Verzweiflung, daß ich die kostbaren Dukaten angebrochen hatte und sie nicht mehr ersetzen konnte. Auch jetzt war ich im Innern so verzweifelt, daß mir alles gleichgültig war. Übrigens war es keinem eingefallen, daß ich in keinem Fall etwas von meiner Wunderkur haben würde, denn die Wette mit der Uhr und dem Dreiunddreißiger galt ja nur zwischen den zwei Goliaths. Abends trat ich mit den wichtigsten Geschäftsführern dieser Angelegenheit zu dem Bette, wo der Junge schon mit aufgerissenen Augen und zusammengekrampften Händen lag. Ich sagte ihm, er müsse mich mit Herr Doktor ansprechen, und wir spielten nach Kinderart die Komödie von Arzt und Patienten. Teils trug er mir sein Leiden vor, von verständnisvollen Äußerungen der Nachbarn unterstützt, die ihm bei heiklen Stellen nachhalfen, teils spielten die zwei Goliathe die Rolle der schmerzerfüllten Eltern und versprachen für den Fall der Heilung Messer und Uhr. ›Schön, schön‹, sagte ich wegwerfend. ›Wir werden alles versuchen, natürlich!‹ Der eine zeigte das riesige Messer, das im Schein der Nachtlampe funkelte, der andere hielt die Uhr an mein Ohr, um mir zu beweisen, daß sie gehe. Beide beschworen mich, ihr armes Kind von seinem häßlichen Leiden zu befreien. ›Als ob man allen helfen könnte!‹ wiederholte ich den alten Spruch meines Vaters. Dann tat ich, als ob ich überlegte, faßte nach den Händen des Jungen, der blaß wurde, denn er sah an meinem Blick, es wurde ernst. ›Nun gut, meine Herren!‹ – als ob zwei Männer die Eltern darstellen könnten! – sagte ich, ›binden Sie dem Kranken erst einmal die Hände.‹ ›Nein!‹ rief der Junge ängstlich, ›ich will nicht!‹ ›Du bist krank! Du wirst nicht gefragt!‹ antworteten alle aus einem Munde. Die Hände wurden mit einer Serviette zusammengeschnürt, wobei ich darauf achtete, daß ihm zwar nichts geschah, daß er sich aber nicht ohne fremde Hilfe befreien konnte. Dann sagte ich mit ruhigem Tone, den ich von meinem Vater kannte, alles Notwendige anordnend, ›bitte legen Sie ihn jetzt vorsichtig neben das Bett auf den Boden!‹ Was geschah. Dann nahm ich das Bild seiner Mutter und hielt es ihm stumm vor die Augen. Er zappelte sich ab, um sich das heilige Bild zu verschaffen, es gelang ihm nicht. ›Und jetzt sieh einmal her!‹ Ich nahm das Bild und legte es unter das Leintuch, ziemlich in der Mitte des Bettes, eben zwischen das Leintuch und den Gummiunterzug. Er hob den Kopf vom Boden, riß die Augen auf, es rannen ihm Tränen über Tränen aus den Augen. ›So, und jetzt legt mir den Kranken vorsichtig wieder zurück. Mehr nach rechts! Mehr in die Mitte! Jetzt dürfte es gut sein. Hast du es bequem? Gut!‹ Der Junge lag jetzt so, daß er sich mit dem Unterkörper gerade über dem Bilde befand. Er begriff noch nicht, was es sollte. Aber die anderen hatten es lachend blitzschnell erfaßt. ›Licht aus!‹ sagte ich. Ich lachte nicht mit. ›Alles geht schlafen! Morgen um sieben Uhr versammeln wir uns an dem Bett des Kranken wieder.‹ Alles war nur Hohn über mich selbst. Ich legte mich in düsteren Gedanken nieder. Wir warfen uns beide auf unseren Lagerstätten umher. Ich wurde leise, aber lange angefleht, ihm die Hände zu lösen. Ich dachte daran, von Widerspruch zerrissen, bezwang mich aber. Endlich schlief ich ein. Ich wurde von dem Siegesgeheul der Kameraden geweckt. Zum erstenmal, seitdem der arme Kerl hier war, hatte er sein Bett nicht benetzt. Er haßte mich, aber mit Unrecht, denn ich hatte ihn geheilt. Weder die Uhr noch das Messer wechselten den Besitzer. Ich zählte die Stunden. Bald begann die Schule wieder. Von meinen Eltern war immer noch nichts gekommen. 7 Ich ging während dieses dritten Feiertages mit bösem Gewissen umher. Ich war durchaus nicht frei von Mitleid. Jetzt bereute ich aus Mitleid mit dem Jungen, der über seiner toten Mutter lag, meine Wunderkur, aber ich wußte doch, daß wir alle dieselbe Kur auch in der kommenden Nacht wiederholen würden, denn sie hatte gefruchtet, während alle anderen Mittel, Versprechungen, Drohungen ... nichts genützt hatten. Aber deshalb tat er mir doch leid. Mir tat meine Mutter leid, die ich mir unter Qualen, die auch mein Vater nicht zu lindern vermochte, langsam verlöschend, erblassend, leise vor sich hinstöhnend, vorstellte, mir tat mein armer Vater leid, der vielleicht sich eben jetzt mit seinen Getreuen, dem alten Lukas und der treuen Vally, über die beste Art beriet, mir das Unglück mitzuteilen. Ich wäre aber kein gesunder, vom Leben noch ungebrochener Junge gewesen, wenn mir nicht auch der Gedanke gekommen wäre, daß alles vielleicht gut enden könnte. Aber dieses Gedankens schämte ich mich, ich errötete, daß ich mir die Sache so leicht machte – und dabei wartete ich, von Stunde zu Stunde, von meinen Kameraden mit boshafter und zugleich wohlwollender Aufmerksamkeit verfolgt, auf das Eintreffen der Nachricht, und sagte mir im stillen doch, sie würde heut nicht kommen, wie sie gestern nicht gekommen war. Die Schnapsflasche war ausgetrunken, vom Schinken waren nur noch die Knochen da, welche wir dem großen Haushund vorwarfen, der sich mit diesem Riesenknochen bis weit ins Frühjahr hinein belustigte, ihn wie einen Schatz von einem Ort zum anderen tragend, ihn in der Erde verscharrend, das Versteck lange und oft vergeblich suchend, bis er es wieder gefunden hatte und, den Knochen zwischen den Pfoten, die Nüstern schwarz, feucht und lebhaft schnuppernd, sich an diesem Geschenk delektierte, das uns doch nichts gekostet hatte. Ihn, den Hund, so voller Lebenslust zu sehen, während die mir teuersten Menschen zu leiden hatten, brachte mir Bitterkeit, die ich schon einen Augenblick später bereute. Ich konnte schließlich das Warten nicht länger ertragen und hätte noch ein zweitesmal telegraphiert, wenn mir der Präfekt diesmal das Geld nicht verweigert hätte. Ohne Erfolg versuchte ich eine Anleihe bei den zwei Goliaths, die stets mit Geld versehen waren. Vergebens sagte ich ihnen, mein Vater, der berühmte Augenarzt, sei Bürge für die zwei Kronen, vergebens erklärte ich mich auch mit einer einzigen Krone einverstanden, sie bleckten ihre schönen weißen Zähne, zuckten die Achseln und waren froh, mir eine Bitte abschlagen zu können. Sie, als die ältesten Bewohner des Heimes, waren eifersüchtig auf ihren Einfluß und auf ihren Ruhm in der Anstalt, und meine Wunderkur hatte sie mit Recht mißtrauisch gemacht. Ich nahm es hin, und, stolz auf meine erste geglückte Kur, gönnte ich ihnen den billigen Triumph, mir diese kleine Summe abgeschlagen zu haben. Gegen Abend kam mir eine neue Hoffnung: ich hoffte auf eine kleine, aber sichere Sache, nämlich den Schulbeginn, der mich wenigstens während der Schulstunden von meinen Sorgen ablenken würde, denn die Ansprüche im Gymnasium von A. waren keineswegs geringer als in meiner Heimatstadt, und ich mußte mich sehr anstrengen, um zu folgen, und das wollte und mußte ich doch – und dann zum zweiten hatte ich doch noch einen Schimmer von Hoffnung, daß mit der gewöhnlichen Post, die während der Feiertage nicht ausgetragen wurde, eine Nachricht von meinem Vater kommen würde. Den zwei großen Jungen paßte es nicht, daß ich mich etwas beruhigt hatte. Sie hänselten mich und versuchten, meinen auch hier schon bekannten Jähzorn dadurch zu wecken, daß sie mit dem Silbergelde und sogar mit Goldmünzen in der Tasche klimperten, das Geld dann in die flache Hand nahmen und es mir vor das Gesicht hielten, kss kss machend, wie sie es mit dem großen Wolfshund gemacht hatten, dem sie den Schinkenknochen lange vorgehalten hatten, bevor sie ihn hingeworfen hatten. Dies regte mich zwar auf, doch es gelang mir noch ganz gut, mich zu beherrschen. Ich fühlte nur, wie ich blaß wurde, wie ich im Inneren zu zittern begann. Ich kehrte ihnen den Rücken und ging zu meinem Bett, das in der Nähe eines der großen Fenster sich befand, vor denen jetzt lange, schmutziggraue Drillichvorhänge herabgelassen waren. Ich holte den Rucksack vor, den sie mir noch gekauft hatte. Ich schob sodann den Vorhang zur Seite und sah hinaus. Hinter dem Hause breitete sich die hüglige Schneelandschaft bis an den Horizont aus. Den Bergweg entlang kam, eine kleine rotleuchtende Laterne an der Deichsel, knarrend in der Nachtstille, ein Bauernfuhrwerk herab ... Vielleicht war es ein Bauer, der in den Ort fuhr, um für seine Frau oder sein Kind einen Arzt zu holen, denn die üblichen Feiertagsbesuche machte man nicht zu so später Stunde, und die Arbeitsfuhren begannen erst am nächsten Tag ... Ich war noch in diese Gedanken vertieft, als sich die beiden Jungen vor mich hinstellten und ihre Späße wiederholten. Der Subpräfekt, der gewöhnlich streng die Aufsicht hier führte, hatte uns an den Feiertagen mehr Freiheit gelassen. Sonst hätten wir ja auch die Wunderkur nicht ungestört durchführen können. Heute war deren Wiederholung viel gefahrloser, denn ich sah, daß der Bettnässer selbst die Photographie unter seinem Körper anbrachte und dann seine Hände den Kameraden zum Fesseln hinhielt, denen es aber viel weniger Spaß machte, sie ihm ungestört festzubinden, als wenn es gegen seinen Willen hätte sein können. Meine Gegner ließen mich nicht zur Ruhe kommen. Sie nannten mich einen Bettnässer und witzelten über den Rucksack, gaben mir abscheuliche Kosenamen, aber ich wußte ja, wer ich war und was sie waren, und lächelte sie schweigend an, freilich mit einem etwas gezwungenen Lächeln, denn ich konnte jetzt meine Zähne nicht mehr voneinanderbringen. Jetzt kam der ältere der beiden auf einen neuen Einfall. Er erinnerte sich des Rühmens, das ich von meinem Vater gemacht hatte, und setzte diesen herab. Hätte er es einfach mit Schimpfworten der üblichen Art getan, ich hätte mich wahrscheinlich großartig beherrscht, aber er tat es auf besonders alberne, abgründig blöde Weise, indem er zusammengesetzte Worte umdrehte und mich zwang (denn wer kann da widerstehen?), erst die Worte zurechtzusetzen und dann erst zu begreifen. So sagte er, seinen dummen Mund zu einem glücklichen Lachen verziehend und sich von Herzen freuend, ›Dein Vater ist eine Salberquack!‹ Schon war ich dabei, mich auf ihn zu stürzen, aber ich wollte und mußte mich beherrschen, und so flüsterte ich durch die Zähne seinem Spießgesellen zu: ›Sag ihm, daß er das Maul hält!‹ Aber dieser war ja selbst aufs höchste belustigt, und auch die anderen Studenten standen in ihren Nachthemden, einige mit den Socken noch an den Füßen, voller Freude um uns herum. ›Sag ihm‹, wiederholte stumpfsinnig der ältere Goliath, ›sag ihm, sein Vater ist ein Schneiderbeutel!‹ Über diese Wortbildung brachen alle in Gelächter aus, und vielleicht hätte auch ich gelacht, wenn es sich nicht um meinen Vater gehandelt hätte. ›Nimm das zurück‹, schrie ich, ›nimm es sofort zurück! Mein Vater ist kein Beutelschneider!‹ Vielleicht war mir während meines Aufenthaltes daheim irgendwie zu Ohren gekommen – ein Kind hört ja manches, was es nicht soll –, daß mein Vater für seine unnachahmliche Kunst hohe Preise forderte, aber den zwei albernen Jungen war dies wahrscheinlich unbekannt, sie hatten es wie das Salberquack nur erfunden, um mich zu demütigen und aufzustacheln. ›Sag ich ja gar nicht! Kein Beutelschneider!‹ höhnte der große Kerl, ›nur eine Salberquack und ein Schneiderbeutel.‹ Soviel Dummheit und Gemeinheit konnte ich nicht ertragen, ich ließ mich von meinem Jähzorn fortreißen – und fühlte mich so trübe glückselig dabei wie nach den ersten vier Gläsern des polnischen Schnapses –, ich sprang mit aller Kraft gegen den großen Lümmel an, der dessen nicht gewärtig war. Seine Abwehrpüffe taten mir nicht weh, sie erhöhten nur meine Kraft. ???Ich empfand eine seltsame, tief durchdringende Wonne, wenn ich mich mit allen Fasern verteidigte gegen beide, es durchzuckte mich wie ein heißer Strom von oben nach unten, als ich ihm mit meiner geballten Faust von der Seite gegen die Zähne schlagen konnte. Meine Faust allein wäre wohl nicht stark genug gewesen, die ungewöhnliche Wirkung zu erzielen, hätte ich mich nicht zugleich mit dem ganzen Körper gegen ihn geworfen. Er wich sofort aufschreiend zurück, taumelte, die Hand vor den Mund gepreßt, gegen den Vorhang, und man hörte in der Stille eine Fensterscheibe klirren. Er sank hier nieder, konnte sich aber, da ihn ja der Vorhang zum Glück geschützt hatte, keine Kopfwunde geholt haben. Wir bekamen natürlich alle Angst, daß der Subpräfekt etwas von dem Lärm gemerkt haben könnte. Ein Teil von uns Jungen schoben schnell die Glasscherben fort, ein anderer verkroch sich noch schneller in die Betten. Der Bettnässer war von seinem Lager aus dem Kampf glückselig lächelnd gefolgt. War gestern er das Opfer gewesen, so waren es heute die zwei Goliathe und ich. Aber ich dachte, daß nun alles in Ordnung sei, als sich der Goliath mühselig erhob, seine große häßliche Hand vor seinen Mund hielt und eine Menge rötlicher Flüssigkeit in die Hand spie. Mir gefiel der Ausdruck seines Gesichtes nicht. Er kam mir nach, stumm deutete er auf den Inhalt seiner Hand, und mit Schrecken sah ich, daß unter dem roten Zeug etwas Blankes, Weißes, Dünnes durchschimmerte, ein Zahn. Das hatte ich nicht gewollt. Ich sank auf dem Rande des nächsten Bettes zusammen, von dem mich der rechtmäßige Besitzer fortzustoßen versuchte, dann aber kam mir in meiner Verzweiflung ein Gedanke. ›Gib ihn her!‹ murmelte ich dem großen Jungen zu. Furchtsam machte Goliath I seinem Vetter ein Zeichen, und dieser brachte mir, zwischen Zeigefinger und Daumen gepreßt, den Zahn, einen wunderbar weißen, schönen Eckzahn, blank und mit kleinen Fäserchen am spitzen Ende. ›Mach den Mund auf!‹ befahl ich. Er riß den Mund gehorsam auf, ich sah das Blut quellen aus einer kleinen Wunde, deren Ränder zackig waren. Ich dachte in diesem Augenblick weder an Vater noch an Mutter, sondern an meine Verantwortung, meine Pflicht als Arzt. Hatte mich meine Wunderkur von gestern so kühn gemacht? Ich wußte von jetzt an, was das Selbstvertrauen eines Arztes vermag, denn alle folgten mir blind! ›Dein Messer!‹ rief ich dem Goliath I zu. Er gab es mir. Ich nahm den Zahn und lief hinaus in den gemeinsamen Waschraum. Ich wusch den Zahn sorgfältig ab und bemühte mich, das kleine Stückchen Fleisch mit dem Messer zu entfernen, vorsichtig den Zahn auf das Seifennäpfchen legend, bevor ich das Messer öffnete. Sobald der Zahn ganz sauber war, kehrte ich in das totenstille Dormitor zurück. ›Mund auf!‹ kommandierte ich trocken. Er riß den Mund weit auf. Aus seinen dummen Augen brachen Tränen. Das war die Strafe für seinen Salberquack, daß er sich jetzt einem solchen anvertrauen mußte. Ich führte den an allen Gliedern zitternden Burschen unter die Zimmerlampe und versuchte den Zahn wieder einzufügen. Aber dies war viel schwieriger, als ich gedacht hatte. Obwohl das Unternehmen sehr schmerzhaft war, hielt der arme Kerl mäuschenstill. Er hätte zubeißen können, aber ich wußte, er tat es nicht, denn er verstand, daß ich ihm helfen wollte. Endlich wagte ich etwas anderes. Da ich gesehen hatte, daß man sich bei der schlechten Beleuchtung auf die Sicht nicht verlassen konnte, um so mehr, als es fest aus der Rißwunde weiterblutete, rechnete ich auf das Tastgefühl und tat gut daran. Ich tastete die Stelle vorher gut ab, nahm dann den Zahn zwischen den Zeigefinger und Daumen der rechten Hand, die gewölbte Lippenseite nach vorn, die Zungenseite nach rückwärts, hielt mit dem linken Zeigefinger die Wundränder auseinander, drückte den Zahn in die Wunde und merkte sofort, daß der Zahn sich widerstandslos, sehr tief in die kleine Knochenöffnung einfügte. Als ich den Jungen dann den Mund noch einmal aufmachen ließ, sah ich, daß der Zahn wieder schön geradestand. Nun handelte es sich darum, daß er einige Stunden so blieb, damit er einwachsen könne. Auch da hatte ich einen Einfall. ›Das Messer!‹ rief ich. Ich hatte es im Waschraum liegen gelassen. An der plötzlichen käseartigen Blässe des armen Goliath merkte ich, er fürchtete eine zweite, noch schrecklichere Operation. ›Nein, beruhige dich!‹ sagte ich – mit welchem Gefühl sprach ich dieses Trosteswort aus, das die Präfektin vor kurzem für mich angewandt hatte! – ›beruhige dich. Es geschieht dir nichts mehr.‹ Er versuchte zu lächeln. Er hätte alles über sich ergehen lassen, wenn ihm der Zahn und seine männliche Schönheit erhalten blieben. Inzwischen war das Messer gebracht worden. ›Hole den Stöpsel aus meiner Schnapsflasche‹, ordnete ich an, und als er gebracht worden war, schnitzelte ich mit dem Messer in den liegenden Zylinder des Korkens eine kleine Rille und führte den Stöpsel in den Mund des Jungen. ›Courage! Beiß fest darauf!‹ sagte ich, und er biß. ›Kannst du daneben ausspucken?‹ Er konnte es. ›Gut!‹ sagte ich. ›Wickelt ihm das Gesicht fest ein, so daß er den Mund nachts nicht öffnen kann. Und ein paar Stunden gefastet!‹ Es war spät geworden. Durch das zerbrochene Fenster kam die kühle Nachtluft. Der Subpräfekt mußte uns vergessen haben. Wir waren sogar gezwungen, selbst das Licht auszulöschen. Alle hielten sich ruhig. Draußen hörte man ein Bauerngefährt knirschend den Bergweg wieder hinauffahren. Die meisten waren eingeschlafen. Einige wenige flüsterten sich etwas zu und lachten. Kluge, alles voraussehende Geister hatten ein Nachtgeschirr gefunden, das einzige, das es hier gab und das dem Bettnässer früher hatte dienen sollen – als ob man mit Nachtgeschirren einen Bettnässer heilen könnte! Jetzt tat es seine Dienste, indem es dem Goliath als Spucknapf diente. Alle paar Minuten hörte man den armen Teufel leise aufseufzend sich im Bett aufsetzen, das Geschirr heraufholen und hineinspeien. Alle diese unappetitlichen Dinge, Speien, Nachtgeschirr, hatten seit gestern und heute ihren bisherigen Sinn für mich verloren. Ich glaubte, ich würde einmal Arzt werden. Aber ich dachte nicht daran, diese gefährlichen Versuche hier fortzusetzen. Ich vertraute doch im Grunde auf meinen Vater, ich dachte an meine geliebte Mutter und die Zukunft. 8 Am nächsten Morgen hatte ich genug damit zu tun, rechtzeitig in die Schule zu kommen, die etwa eine viertel Stunde vom Knabenheim entfernt lag. Goliath II. verließ das Bett nicht. Er hatte den Kopf dick eingebunden. Auf meine Frage – ich mußte doch fragen, auf die Gefahr hin, zu spät in die Schule zu kommen – sah er mich zuerst verständnislos an. Dann rief ich ihm zu: ›Sitzt er?‹ ›Er sitzt!‹ murmelte er unter seinem Tuche hervor, und eine Art Lächeln kam über seine Züge. Ich schärfte ihm noch in aller Eile ein, die Scherben der Fensterscheibe fortzuschaffen und im Notfall die ganze Sache auf einen Zufall zurückzuführen, aber er muß dies unterlassen haben, und daher kam allerhand Unheil. Aber an diesem Tage kam vor allem Heil. Ich könnte meine Freude nicht beschreiben, als mir um die Mittagszeit in halbzerrissenem Umschlagpapier das Weihnachtsgeschenk meiner lieben Mutter – und vor allem ihr wunderbarer Brief gebracht wurde. Sie hatte selbst das Geschenk für mich zurechtgemacht und es noch, wie der Poststempel zeigte, rechtzeitig zur Absendung gebracht. Aber, schlecht eingepackt wie es war, war es nicht zur rechten Zeit befördert worden. Sie sandte eine schöne neue Kopfbürste mit schneeweißen, starken Borsten, sehr dicht – und der Griff war etwas Herrliches, Zitronenholz, wie sie schrieb, honiggelb und duftend wie ein Zitronenzweig in voller Blüte. (Ich kannte noch keinen.) Und wie sie mir schrieb! Sie war sehr leidend, und noch am gleichen Tag wollte sie ›mit unserer getreuen Vally, die Dich so sehr liebt‹, sich in das Parksanatorium begeben. In dem Ton des Briefes war etwas, das ich nicht verstand. Daß sie mich ›auf alle Fälle‹ um Entschuldigung bat, daß sie mich nicht mit Absicht von zu Hause hätte vertreiben wollen, daß ich dies später sicher verstehen würde, wenn ich selbst Frau und Kind haben würde. Von Erlösung schrieb sie aber nichts. Nur, daß sie ein wenig Angst habe, um ihr Kind und um sich, daß sie aber felsenfest auf die Mutter Gottes und auf unseren lieben Papa (meinen Vater) vertraue, und daß sie törichterweise oft das Gefühl habe, sie würde nicht lebend zurückkommen, daß sie sich aber – wieder ein kleines Pflaster auf eine große Wunde – erinnere, daß sie ganz genau das gleiche Gefühl gehabt hatte, bevor ich zur Welt gekommen sei. So wünschte sie mir die schönsten und frühesten Festtage, und sie wollte nur hoffen, daß dieses Liebespäcklein mich rechtzeitig erreiche, damit ich nicht in meiner Festesfreude gestört sei. In einer Nachschrift entschuldigte sie sich sogar ihrer vielleicht schwer leserlichen Schrift – als ob die Schrift meiner Mutter je unleserlich sein könnte, und sie unterschrieb sich nicht wie gewöhnlich mit Mama, sondern mit ihrem Vornamen, und setzte, das war das schönste, noch ›Deine‹ davor. Ich war so glücklich, daß ich sofort zu dem Präfekten ging und ihn den Brief lesen ließ. Er fand aber nichts besonderes daran, las ihn nicht einmal zu Ende und warf mir nicht gerade freundliche Blicke zu. ›Wozu haben wir denn dann telegraphiert?‹ fragte er mit trockener Stimme. Aber auch seine sonst so freundliche Frau mochte mir nicht ins Auge sehen. Sie wandte sich zu ihrem Mann, stieß ihn an, um ihn zu bewegen, ein Ende zu machen, und sagte wegwerfend: ›Kinder übertreiben immer! Vergiß aber die andere Sache nicht, Otto!‹ Jetzt wurde der Präfekt lebhafter: ›Du bist ja ein schöner Heuchler‹, sagte er, ›was habt ihr denn gestern nachts noch getrieben?‹ Ich wollte es erklären, soweit ich nicht durch das allgemeine Studentengeheimnis unter Kameraden gebunden war. ›Was? So? Später! Später!‹ sagte er böse, ›jetzt habe ich keine Zeit! Schnaps trinken, Zähne ausschlagen; Fensterscheiben zerbrechen etc. etc.! Und sowas kommt und holt mich in aller Herrgottsfrühe aus dem Bett und verlangt Geld. Hast du denn nicht geschwindelt? Hast du überhaupt telegraphiert? Warum ist denn die Rückantwort nicht gekommen? Das lügt wie der Zigeuner unter dem Wagen! Sag die Wahrheit, Bengel!‹ ›Laß ihn‹, begütigte die Frau, ›es muß doch erst alles aufgeklärt werden.‹ ›Aufgeklärt? Nein! Der Schaden hat gutgemacht zu werden‹, schloß er ab. ›Wir werden ja sehen. So etwas kann nicht ohne Strafe bleiben. Die Hausordnung verlangt disziplinarische Strafe. Mach, daß du jetzt fortkommst, worauf wartest du?‹ Ich ließ mich aber nicht fortdrängen. ›Ich habe nicht geschwindelt‹, sagte ich und sah ihm fest in die grauen kleinen Augen. ›Das tue ich nicht. Man hat das Telegramm in ein Buch eingetragen ...‹ ›Mag ja sein‹, sagte er, etwas weniger mürrisch, ›aber jetzt laß mich. Du entgehst deiner Strafe nicht.‹ Ich ließ ihn nicht aus den Augen. ›Dagegen sage ich nichts‹, antwortete ich, ›bitte schreiben Sie aber meinen Eltern nichts.‹ ›So, das wagst du zu verlangen, vorlauter Bengel? Mit welchem Recht?‹ ›Nicht mit Recht‹, sagte ich leise und schon unter Tränen, ›nur weil ... hier ...‹ ich zeigte auf die Stelle meines Briefes, wo meine Mutter von ihren Befürchtungen schrieb, von ihren Wünschen, ihren Bitten. ›Na ja, geh nur!‹ sagte er. ›Heut weint er, und gestern hat er dem Riesenkerl einen Eckzahn herausgeboxt, der jähzornige Wicht.‹ Die Verbindung von jähzornig mit Wicht machte mich unter Tränen lächeln, und auch das Präfektenehepaar lachte mit. ›Bitte schreiben Sie meinem Vater nichts!‹ wiederholte ich. ›Na, wir werden sehen‹, sagte er. ›Wir werden sehen, wie du dich hältst. Auch mit einem kleinen Jungen sollst du teuflische Sachen angestellt haben, wer hätte das gedacht von dir? Solch ein Schauspieler, solch ein Komödiant!‹ ›Kinder sind alle Komödianten‹, sagte die Präfektin, die immer eine Weisheit bereit hielt. ›Tun Sie mir an, was Sie wollen, nur schreiben Sie meinem Vater nichts und meiner Mutter auch nicht.‹ ›Nun gut, das kann ich ja versprechen‹, sagte er, um mich loszuwerden, ›aber deiner Strafe entgehst du nicht.‹ Ich ging frohen Herzens fort, denn ich vertraute als dummes Kind dem Wort des Präfekten. Wir aßen alle voller Lustigkeit zu Mittag, es war freilich wieder Schmalhans Küchenmeister, und die dicken Tage waren vorbei. Nach dem Nachmittagsunterricht machte ich in aller Eile meine Aufgaben und schrieb, atemlos vor Aufregung, aber leichten Herzens, mich wieder einmal ganz dem Zauber der Schreiberei hingebend, drei lange Briefe – den ersten an meine liebe Mutter, in dem ich ihr alles Gute und Segensreiche oder vielmehr Gesegnete wünschte und worin ich ihr von meinem Gelübde Mitteilung machte. Den zweiten, etwas kürzeren Brief richtete ich an Perikles, dem ich vor allem für seine Geschenke dankte und dem ich schrieb, ich würde ihn nicht, wie wir geglaubt hatten, schon im Sommersemester wiedersehen, sondern erst viel später. Auch ihm setzte ich den Grund genau auseinander, wußte aber, daß er auf Religion, Mutter Gottes, Gelübde, Exvotos und ähnliches nichts gab. Den dritten Brief richtete ich an den Oberstleutnant. Dieses Schreiben war sehr kurz, denn es läutete zum Abendessen, und die Briefe wurden vorher von unserem Subpräfekten abgesammelt. Meinem Vater schrieb ich nicht. Und doch hatte ich während des Schreibens sehr an ihn gedacht; mehr als an die andern. Ich kann es nicht erklären, warum ich ihm nicht schrieb. Nicht, daß ich ihm etwa deswegen gezürnt hätte, daß er die Rückantwort des Telegrammes nicht benützt hatte, daß er mir keine Nachricht gegeben, kein Geschenk zugesandt hatte – ein solcher Gedanke wäre einem Kind wie mir, das unter den Augen eines solchen Mannes herangewachsen ist, nie in den Sinn gekommen. Daß man mich dann ziemlich streng bestrafte, fand ich nicht unrecht. Der Zahn, den ich so kunstreich eingesetzt hatte, saß zwar fest wie zuvor. Der Zahnarzt soll sogar mein Werk bewundert haben. Aber die Worte, die ich an Goliath gerichtet hatte, ›Sitzt er?‹, sollten jetzt oft an mich gerichtet werden, und die Kameraden ersparten mir nicht die Antwort: ›Ja, er sitzt!‹ Ich saß. Die Strafe, sechs Stunden ›Karzer‹, schreckte mich nicht. Ich benützte die Zeit, an meine Jugend – was ein halbwüchsiger Junge seine Jugend nennt! – zurückzudenken, an meinen Vater, an die Pilgerim, an den grauhaarigen Jungen, an das Gastmahl, das ich von den kostbaren Dukaten meinen damaligen Schulfreunden gegeben hatte, an das halb verbrannte Irrenbuch, das ich jetzt heimlich eingeschmuggelt hatte und das mir die Stunden der Strafe versüßte. Denn sonst konnte ich, von den neugierigen Jungen gehindert, nie ungestört darin lesen. So verging die Zeit sehr schnell, und ich hatte nachher wieder ein reines Gewissen. Ich hatte die törichte Ausdrucksweise Vallys von der Erlösung vergessen, ich wußte jetzt, daß mein Gelübde angenommen war und daß alles gut ausgehen müsse. Ich baute eben auf Gott. Tatsächlich kam wenige Tage nachher, in der zweiten Hälfte Januar endlich ein Telegramm. War es die längst von mir bezahlte Rückantwort ? Gleichviel. Schließlich war es meines lieben Vaters Geld. Ich riß es auf, ein kleines Stoßgebet an die Jungfrau Maria richtend, und wurde dann von einem unbeschreiblichen Glücksgefühl durchströmt. Ich hätte alle Welt küssen mögen, selbst die beiden Goliathe und noch viel lieber die weisheitsvolle Präfektin. Der Inhalt war sehr kurz: Schwesterchen angekommen. Mutter und Judith wohlauf. Glücklich. Vater. Ich kann mich entsinnen, daß ich in der darauffolgenden Nacht vor Freude nicht schlief. Und in meiner Einfalt dachte ich, daß jetzt lauter solche Tage folgen würden. Zu dieser Zeit kam ein sehr freundlicher Brief des Obersten – der Vater meines ehemaligen Schülers war inzwischen avanciert –, dann ein langer Brief voll Philosophie von meinem alten Perikles, in welchem er mir zum Schluß riet, ich solle fest bleiben in meinem heroischen (!) Entschluß, ich müsse eben die ›Qualen der Einsamkeit auf mich nehmen und fern von den banalen Familienzärtlichkeiten der kleinbürgerlichen Herdentiere mir mein Schicksal mit eiserner Gewalt schmieden‹! Mir lag solches fern, und ich empfand es als großes Opfer, wenn ich die Meinen nicht wiedersehen sollte vor dem Sommer. Natürlich hatte ich mein Gelübde auch dem Geistlichen mitgeteilt, der uns die Beichte abhörte. Er war nicht so sehr von der Richtigkeit meines Weges durchdrungen. Er riet aber weder zu noch ab, warnte mich aber sehr ernst, solche Dinge zu wiederholen. ›Du kannst die Wege Gottes nicht willkürlich durchkreuzen‹, sagte er. ›Du mußt lernen, dich zu fügen. Die Demut macht zu allererst den Christen. Geduld, Demut, Sichfügen, verstanden? Bist du denn sicher, daß du wirklich ein Opfer damit gebracht hast, daß du hierbleiben willst, anstatt nach Hause zurückzukehren?‹ Ich bejahte natürlich sofort diese Frage. ›Nun gut! Aber du darfst das nie wieder tun‹, sagte der alte Geistliche zum Schluß. Ich erinnerte ihn an die anderen Votos. ›Du darfst deinem Heilande danken für eine dir erwiesene Wohltat, aber du darfst dich nicht gegen ihn aufstellen und etwas erzwingen. Du hast also gesündigt, und ich setze dir als Buße an ...‹ Es folgte nun die Zahl der zu betenden Litaneien und anderen Gebete, die natürlich keine richtige Buße waren, da ich ohnehin gern betete. Ich muß aber sagen, daß diesmal die Absolution nicht die gewohnte Wirkung auf mich hatte, denn ich kehrte etwas schweren Herzens in unser Heim zurück und fand – fast möchte ich sagen, zu meinem Schrecken – einen langen Brief meines Vaters vor. Mein Vorgefühl hatte mich nicht betrogen. Seit der Stunde, da ich mit Vally vor dem Ofen in meinem alten Kinderzimmer gekniet hatte, hatte ich nie von meinem Vater eine so harte Strafe erhalten. Der Präfekt hatte mich belogen. Er hatte meinen Eltern die Sache mit der Fensterscheibe mitgeteilt, und zwar wegen der Kosten, wie ich nachher erfuhr, die aber mein Vater nie bezahlt hat – und jetzt kam dieser Brief, der alles umstieß, was ich mir in den Monaten im Knabenheim aufgebaut hatte. Mein Vater warf vor allem meinen Entschluß um, hier in A. zu bleiben, da er allein darüber zu bestimmen und die ›extravaganten Kosten‹ zu tragen habe. Aber nicht die Kosten seien es, die ihn dazu zwängen, mich schleunigst zurückzuberufen, sondern der Umstand, daß ich ihm mit meiner unvorstellbaren Roheit und Gemeinheit Schande gemacht habe, daß ich im Karzer gesessen habe – und das schlimmste war, daß er mir bigotte Heuchelei vorwarf; das Wort bigott mußte ich mir nachher erklären lassen, aber meine Kameraden kannten es nicht, nur der Geistliche. Er schrieb, daß ich nicht versuchen solle, ihm mit Telegrammen, die ich nicht bezahle, etwas vorzumachen. Er habe das alles nicht von mir erwartet, obwohl er darauf hätte gefaßt sein können. ›Ich habe Dir nicht verziehen‹, schrieb er, streng aber gerecht, wie ich damals glaubte, ›ich habe nicht Deine verbrecherischen Streiche, Deine Geldvergeudung, noch auch Deine Fälschungen verziehen, aber ich hatte sie vergessen. Du hast mich an alles wieder erinnert, ich habe die schwersten Sorgen um Deine Zukunft, ich muß Dich unter meinen Augen haben. Schreibe mir nicht, rege auch Deine arme Mutter nicht auf, die der Schonung bedarf und die sich sehr über deine Bübereien kränkt. Keine Fälschungen mehr, bitte keine Saufereien!‹ Und kein Gruß, keine Unterschrift!! 9 In der glücklicherweise nur kurzen Zwischenzeit zwischen diesem Brief und meiner Heimkehr nach Hause war das am schwersten zu ertragende, daß ich nicht schreiben durfte. Aber ich war jung. Nach ungefähr vierzehn Tagen packte ich mit Hilfe meiner Kameraden, die mich ungern weggehen sahen – auch der Bettnässer und die zwei Goliathe hatten mir alles verziehen –, mein Eigentum in den Pappendeckelkasten und in den alten Studentenkoffer meines Vaters. Dieses Ungetüm war so abgeschabt und an den Ecken durchlöchert, daß man es innen mit wasserdichtem Papier ausschlagen mußte. Ein besonders gutmütiger Junge, den ich später wiedersehen sollte, machte mir sogar den Vorschlag, mir seinen nagelneuen Koffer zu leihen. Ich schwankte. Es hätte mich stolz gemacht, mit einem solchen Prachtstück zu Hause einzurücken, aber schließlich sah ich, daß der Junge mit angstvoll aufgerissenem Auge meinem Schwanken zusah. Es war ein großmütiges Angebot – das man aber nie annehmen durfte. Dieser Verzicht, so schwer er war, erwies sich bald als etwas sehr Richtiges. Endlich war alles untergebracht und die leeren Räume mit alten Zeitungen ausgestopft, denn ich hatte sehr wenig Sachen, und das große, umfangreiche Irrenbuch wollte ich in die Hand nehmen und auf der Reise lesen. Die Präfektin machte mir eine Unmenge Brote zurecht, ohne daß der sparsame Leiter des Hauses es wußte. Ich erhielt meine Fahrkarte dritter Klasse und ging eines Morgens ab. Die Jungen winkten mir von den Fenstern des Hauses zu. Der Hausknecht trug den Studentenkoffer, ich hatte in der einen Hand das Irrenbuch, in der andern den Pappkarton, deshalb konnte ich nicht winken, sondern mich nur einmal, vor der Wegkreuzung zur Bahnhofstraße umwenden und sie und das mir trotz allem sehr lieb gewordene Knabenheim zum Abschied ansehen. Ich fuhr den ganzen Tag hindurch und kam spätabends in meiner Heimatstadt an. Ich war nicht gerade leichten Herzens abgereist und kam auch nicht voll Freude zu Hause an. Offen gesagt hatte ich etwas Angst vor meinem Vater, in diesem Maße zum erstenmal im Leben. Aber andererseits sollte ich doch meine sehr geliebte Mutter nach der überstandenen Gefahr und mein kleines Schwesterchen sehen, und wenn mir das Knabenheim auch vertraut geworden war, so war es doch nicht meine Heimat. Auf dem Bahnsteig erwartete mich Vally, schön wie der Tag, in ihrem besten Putz, eine dunkle Pelzstola um den weißen Hals wie eine Dame, und voll Zärtlichkeit für mich. Sie nahm das ganze Gepäck und trug es ohne die geringste Mühe heim, dabei plauderte sie, lachte und sah mich mit ihren großen strahlenden Augen an, als könne sie sich nicht satt sehen an mir dummen Jungen. Trotzdem mir dies bewußt war, tat es mir doch sehr wohl. Sie erzählte mir vor allem von meiner Mutter, die sich nach einem schweren Wochenbett jetzt ganz erholt hatte, und die ihr Kind zu ihrer großen Freude und mit berechtigtem Stolz zu stillen vermochte, und die jetzt auch das Kinderzimmer bewohnte. Mir fiel das einen Augenblick lang schwer auf das Herz. In meiner Einfalt hatte ich mir eingebildet, zu Hause alles so wiederzufinden, wie ich es vor einigen Monaten im Hochsommer verlassen hatte, mein Zimmer, den Tisch am Fenster, die alten, etwas gebleichten Tapeten an den Wänden, in deren Ranken ich mir mit Bleistift (als alter Schreiberling) viele kleine Aufzeichnungen gemacht hatte. Wie ich jetzt erfuhr, war es vollständig neu austapeziert worden, das Bett meiner Mutter stand jetzt dort, wo meines gestanden hatte, unter dem schwarzen Holzkreuz mit dem silbernen Heiland. ›Und wo werde ich schlafen?‹ fragte ich. ›Sie können ja bei mir schlafen‹, sagte das schöne blühende Geschöpf lächelnd und strahlte mich mit den Kirschenaugen an. Ich verstand sie nicht. Als ob mir an einem solchen Abend zum Scherzen gewesen wäre. Ich schwieg, und sie sah mich von der Seite an und schwieg auch. Die Koffer in ihren Händen schwankten nicht. Einmal versuchte sie, sie alle in eine Hand zu nehmen, denn sie bildeten eine Art Barriere zwischen uns, aber sie waren doch zu schwer, und so kamen wir in gebührender Entfernung daheim an. Meine Mutter empfing mich mit vieler Liebe. Sie war noch blaß, aber eher verjüngt, und sogar selbst fast zum Kinde geworden. So führte sie mich, eben wie ein Kind schelmisch lächelnd, in mein früheres Zimmer und zeigte mir meine kleine Schwester im Dunkeln. Sie wollte kein Licht machen, aber im Widerschein der sehr hellen Tapete konnte ich das Kinderbett mit seinen Wänden aus geflochtenen Schnüren, die ich ja von meiner eigenen Kindheit her genau kannte, neben ihrem Bette sehen. Ich trat auf den Zehenspitzen näher und steckte meine Hand durch die Maschen des Gitters. Ich hörte die Judith leise und regelmäßig atmen. Es roch etwas säuerlich. Auf meinem früheren Arbeitstisch sah ich eine Kinderwaage schimmern und daneben einen kleinen Stapel Kinderwäsche, der nach Lavendel und Mandelseife roch. Ich trat zu dem Bett meiner Mutter. Ich dachte an mein gesäumtes Capricepölsterchen. Vally, die dabeistand, erriet meine Gedanken. ›Es ist schon drüben, junger Herr‹, sagte sie, auf die Tür zum Korridor hinzeigend, auf den das Schlafzimmer meiner Eltern hinausging. ›Aber jetzt komm und iß‹, sagte meine Mutter und zog mich sanft hinter sich in das Speisezimmer, wo für uns zwei gedeckt war. ›Du schläfst vorläufig mit Papa in dem großen Schlafzimmer. Es ist nur für die erste Zeit. Papa wollte zuerst an die Bahn kommen, er hat mit Niklas (dem Kutscher) gesprochen, ob er deinen Zug noch erreichen könnte, und Niklas hat ja gesagt. Er mußte nachher noch zu einer Operation, oder eigentlich vorher, du verstehst. Sicher tut es ihm sehr leid, aber er muß doch. Glaubst du nicht auch?‹ Ich nickte. Ich hatte großen Hunger. Vally und die alte Köchin, die sich nicht zeigen wollte, obwohl sie mir immer sehr zugetan war, hatten sich den Kopf zerbrochen, mir meine Lieblingsspeisen zuzubereiten. Mein Herz war schwer, aber auch die vielen Brote der Präfektin hatten meinen Hunger während der langen Reise nicht gestillt, und ich aß jetzt mit Gier. Zum Genuß kam ich nicht vor lauter Sorge. Wenn mir vor wenigen Monaten jemand gesagt hätte, ich würde bei jedem Geräusch auf der Treppe zusammenzucken! ›Was hast du denn?‹ fragte meine Mutter. ›Bist du so müde? Naja, eine solche Reise.‹ ›Nein, die Reise hat mich nicht angestrengt, es ist etwas anderes.‹ ›Du bist doch nicht böse, daß wir dich in das Schlafzimmer übersiedelt haben?‹ ›Aber, Mama!‹ Und schon hing ich an ihrem Hals, ich fühlte ihre starke, warme Brust durch den dünnen Taft ihrer Bluse an meiner Brust, und die Stangen ihres Korsetts knackten leise unter ihren tiefen guten Atemzügen. Ich weinte nicht. Ich fragte, meine Stimme beherrschend, so gut ich konnte: ›Ist er mir noch sehr böse?‹ ›Böse‹, rief meine Mutter und richtete sich heftig auf, so daß das Gestänge wieder knackte, ›böse, dir? Wir? Doch nicht Papa! Wie kommst du darauf?‹ Als ich schwieg, setzte sie, wie für sich, fort: ›Aber doch nicht böse! Wie kommt er darauf?‹ ›Dann ist ja alles gut‹, sagte ich und setzte mich wieder auf meinen Stuhl. Vally hatte den Teller gewechselt. ›Nein, im Gegenteil. Wir freuen uns, daß du wieder bei uns bist. Du bist ihm nur dort, im Knabenheim, etwas zu teuer geworden!‹ Jetzt lachte sie. Sie begriff offenbar nicht, daß etwas Ungewöhnliches zwischen meinem Vater und mir vorgefallen war. Ich ging nach dem Essen noch einmal in mein altes Kinderzimmer. Wir hörten das Kind sich regen und leise vor sich hinweinen. Ich wäre unruhig geworden, aber meine Mutter lachte gurrend vor sich hin. ›Es will nur sein Abendessen, und das bring ich ihm ja mit‹, sagte sie. ›Jetzt warte noch ein Weilchen, Judith‹, sagte sie zu meinem Schwesterchen, ›ich komme gleich zu dir.‹ Sie kniete neben mir auf dem alten Vorlegeteppich vor ihrem Bette nieder. Jetzt brannte auf dem Nachtkästchen ein auf einer Ölfläche in einem grünen Lämpchen schwimmender Docht. Wir sahen die durchbohrten Füße des Heilands über dem schwarzen, matten Holze schimmern und beteten still, dann machte sie flüchtig ein Kreuz über mich, schob mich zur Tür hinaus, kam aber dann noch nach und flüsterte mir nach einem schnellen Kuß zu: ›Sei nachts nur sehr ruhig, Papa hat einen leichten Schlaf. Du schnarchst doch nicht? Nein, nicht böse sein, dafür kann man ja nicht. Das würde er dir auch verzeihen, es ist natürlich. Aber etwas anderes, unter uns, das hat er nicht gern, wenn man nachts aufsteht. Mache also alles gleich ab. Ich habe es mir auch angewöhnt und bin ihm jetzt sehr dankbar dafür. So wecke ich denn auch mein Kind nicht.‹ Ich verstand. Ich hatte übrigens nie die Gewohnheit, nachts aufzustehen meiner Bedürfnisse wegen. ›Nicht böse sein‹, sagte meine Mutter, als sie merkte, daß ich mich verdüsterte, ›es war doch gut gemeint, ich will unbedingt, daß alles wieder friedlich ist unter uns allen. So, noch einen Kuß! Schlafe gut, träume süß.‹ So ging ich denn und trat auf den Fußspitzen in das Schlafzimmer meiner Eltern ein und sah mein so viel kleineres Bett neben dem meines Vaters aufgestellt, auch mein altes Nachtkästchen stand daneben. Was mich aber verdüstert hatte, war der Ausdruck meiner Mutter gewesen, ›so wecke ich denn mein Kind nicht‹, wobei sie nur an ihre Judith gedacht hatte. Ich machte Nachttoilette etc. und legte mich zu Bett. Meine alten Kissen und Matratzen waren doch herrlich. – Ich weiß nicht, ob ich kurz darauf oder später aufgewacht bin. Mein Vater stand neben mir und sah mich mit seinem ungewissen Lächeln an, von dem man nicht wußte, ob es Gutes oder Böses bedeutete. Dann beugte er sich herunter zu mir und küßte mich auf die Wange, strich aber sein nicht ganz glatt rasiertes Gesicht mit den scharfen Stoppeln an meiner Wange hin und her. Es tat weh, aber es war ein schöner Schmerz, da er von ihm kam und ich deutlich merkte, wie er dabei lachte. ›Na, das ist ja schön, daß du wieder hier bist‹, sagte er. ›Schlaf jetzt, morgen sprechen wir in Ruhe. Du hast doch meinen guten Koffer mitgebracht?‹ ›Natürlich‹, sagte ich, glücklich, seine Stimme zu hören. Als er sich aufrichtete, sah ich die gerade gezogene Linie, mit der sein schönes, dunkelblondes Haar in der Mitte geteilt war. ›Und wie gefällt dir Judith?‹ fragte er. ›Bist du nicht stolz auf ein so schönes Schwesterchen?‹ Daß meine Schwester wirklich schön war, sah ich erst am nächsten Morgen. In dieser Nacht schlief ich voll Frieden und Glück ein. Ich verzieh meinem Vater seinen Brief, der mir so viel Kummer gemacht hatte. Ich hatte vergessen, daß er mich dazu gezwungen hatte, mein Gelübde in der Gnadenkapelle zu brechen, ich hatte sogar vergessen, daß er seinen bittern Brief nicht mit seiner Unterschrift gezeichnet hatte. Meine Schwester war sehr zart, hatte ein winziges, aber vollkommen ausgeformtes Gesichtchen, das Näschen wie bei allen Kindern noch etwas weich, aber die Lippen korallenrot und eingesäumt von den schönsten Linien, wie bei einem erwachsenen Mädchen, das Haar, erst ziemlich hoch über der gewölbten Stirn beginnend, etwas spärlich, aber seidenweich und fast silberig, so blond war es. Die Hände waren wunderbare Gebilde, und das einzige, was mir nicht ganz gefiel, war ein ernster verschlossener Gesichtsausdruck, der aber vielleicht darauf zurückzuführen war, daß meine Schwester die Lider über den großen, tiefblauen Augen selten schloß und das, was sie erblickte, sehr fest und still zu halten schien und es doch nicht sah. Vallys blühende Schönheit wirkte neben diesem Wunderwerk plump, aber ich erkannte die Züge meiner Mutter in denen meiner Schwester wieder, meiner Mutter, wie sie als Kind und als junges Mädchen gewesen war, zu einer Zeit, die weit vor der meinen lag. Das Kind war sehr ruhig, es schrie und weinte sehr wenig, fast nur dann, wenn es nicht gesund war oder wenn es Hunger oder andere Wünsche hatte, es störte mich nie bei meiner Arbeit, an die ich mich gleich am nächsten Tag machen mußte, denn am Ende dieser Woche – Mittwoch war ich aus A. abgereist, und jetzt lag alles schon meilenweit hinter mir, Präfekt und Frau, Goliathe, Gelübde etc. –, am Ende der Woche mußte ich mich in der Schule anmelden. Sonntag sah ich meinen lieben Perikles, der mich aus lauter Freude über das Wiedersehen durchprügelte (und dabei war ich zehnmal so stark und fast doppelt so groß wie er!), am Montag ging ich den alten Schulweg wieder. Es fror noch, und ich trat, wie in den früheren Jahren immer, auf die dünnen Eisschichten, die lustig krachend unter meinen Schuhen zersplitterten. Mein Vater hatte mir keine Vorwürfe gemacht. Er hatte aber auch nicht weitergesprochen, als ich, kühn geworden, ihm etwas von meinen Zukunftsplänen angedeutet hatte. Er war sehr beschäftigt, hielt jetzt mehr auf sein Äußeres, und seine Krawatten waren nicht mehr gewendet wie die alten aus früherer Zeit. 10 Da sich der Lehrplan des Gymnasiums in A. nicht genau mit dem in meiner Heimatstadt deckte, hatte ich viel Mühe, mich in der Schule zu halten. Ich hatte kaum Zeit, mich um mein Schwesterchen zu kümmern. Aus meinem Zimmer war ich nun einmal – ich kann nicht einmal sagen vertrieben, ich gehörte nicht mehr hin, und wußte oft nicht, wohin ich mit meinen schwierigen Schulaufgaben mich begeben sollte. Mein lieber Perikles nahm mich freundlich auf. Zwar kümmerte er sich nicht um die Aufgaben. Er, bei seiner ungeheuren Begabung, konnte sie meist in der Schule selbst, vor dem Beginn der Lektionen, oder die Mathematikaufgabe unter dem grünen Pult während der Geschichtsstunde, lösen. Er wußte eben alles und behielt eine Seite nach einmaligem Lesen ohne Schwierigkeit – aber er räumte mir seinen Platz zu Hause an dem wackeligen Tische ein, und wenn es spät abends wurde, machte er nur einen kleinen Teil des Tisches frei für das frugale Abendbrot seines Vaters und für das eigene, das jeden Tag aus einigen kleinen Brötchen, die man Schusterleibchen nannte, und einem Liter billigen Weins bestand. Unsere Freundschaft wurde immer herzlicher, und der dritte im Bunde war der polnische Junge, der wenig sprach, aber uns beiden von Herzen zugetan war und an vielen Sonntagen große Spaziergänge zu Fuß mit uns machte, obwohl er mit seiner schönen, zarten Schwester in der Regimentskutsche hätte fahren können. Am meisten sprach Perikles, aber weder ich noch Jagiello konnten alles verstehen. Es kam vielleicht auch Perikles nicht darauf an, daß wir ihn verstanden und unser Leben änderten, wie er selbst es geändert hatte und noch weit mehr zu ändern vorhatte. Er wollte das Wort wahr machen: ›Mein Reich ist nicht von dieser Welt.‹ Aber sein Reich kraft des Willens und des Genies der Auslese sollte die irdische Welt heroisch unterjochen. Hier konnten wir ihm gar nicht folgen. Ich konnte leider mit ihm nicht über meinen Vater sprechen, den ich jetzt noch mehr als früher liebte, wenn dies noch möglich war, der mir aber oft Angst einflößte, und zwar gerade durch seine Freundlichkeit. Manchmal schien es mir, als habe er etwas Besonderes mit mir vor. Wollte er mich später zu seinem Assistenten in der Augenklinik machen? Mich hätten die Irren mehr interessiert. Ich versuchte natürlich die Gelegenheit zu benützen, wenn ich mich vor ihm schon in dem Bette an seiner Seite befand, und er sich gerade auskleidete, im Dunkeln natürlich. Er legte seine Uhr auf sein Nachtkästchen, und wenn ich auf eine Antwort wartete, wenn ich ihn zum soundsovielten Male um seinen ›Rat‹ in einer Schulsache gefragt hatte, hörte ich das wispernde Ticken der Uhr und den Schlag meines Herzens und dann das Tappen seiner nackten Füße zum Bett ... Aber er sprach doch! Oft sprach er sogar länger, als ich wach zu bleiben vermochte, denn mein Leben damals, mit dem vielen Umherlaufen und nirgends recht Ruhe finden und seinen Platz haben, strengte mich sehr an. Und es schien mir, daß er gerade diese Zeit meiner dummen Schlaftrunkenheit benützte, um mir verhältnismäßig wichtige Mitteilungen zu machen, denn als ich ihm in einer bestimmten Angelegenheit einmal zarte Andeutungen zu machen wagte, daß er mir eine wichtige Sache nicht oder zu spät mitgeteilt hatte, sagte er: ›Natürlich! Mich trifft die Schuld. Denn ich gehe ja den ganzen Tag müßig umher, meinen großen Sohn nehme ich nicht ernst. Ich kümmere mich nicht um ihn, er ist mir Luft, nachts amüsiere ich mich, ich habe nichts zu tun. Ich denke nur an mich! Freunderl! Freunderl!‹ Ich wurde rot und schwieg. Das war jetzt seine Art, mich ironisch über meine Unverschämtheit aufzuklären. Es handelte sich um folgendes. Das Sommersemester war Mitte Juli abgelaufen, wir sollten in kurzer Zeit nach Puschberg fahren. Und dann im Herbst wieder zurück nach meiner Heimatstadt? Nein. Ich sollte wieder die Schule wechseln. Ich sollte meinen lieben Freunden nicht einmal Adieu sagen. Und ich freute mich nicht über den Wechsel, den dritten innerhalb eines Jahres? Mein Vater hatte mir doch Zeit gegeben, mich darauf vorzubereiten? Er hatte mir, wenigstens sagte er es, berichtet, unter dem Spiegel des strengsten Geheimnisses, denn auch meine Mutter wußte noch nichts, daß er im nächsten Herbst eine Berufung nach einer großen Stadt erwartete, und daß ich jedenfalls schon vom nächsten Semester angefangen in einem der Gymnasien dort – es gab dort einige solche Anstalten – studieren sollte. ›Nun, freust du dich nicht?‹ fragte er mich und zog mit einem leisen surrenden Geräusch seine Uhr auf. Eigentlich nicht sehr. Meine Freunde waren jetzt nicht mehr in der Stadt, Perikles war bei einer alten Tante in Mähren, Jagiello wie jedes Jahr auf dem großen Gut. ›Du wohnst im Anfang in einem Zimmer, das wir dir dort mieten werden, im Herbst kommen wir nach, spätestens zu Neujahr. Du sollst dann in unserer Wohnung ein schönes großes Arbeitszimmer haben und dich in aller Ruhe zur Reifeprüfung vorbereiten.‹ ›Sag, Papa‹, fragte ich und faßte seine wunderbare, weiche weiße Hand, die gerade nach der Uhr langte, ›ich soll doch dann weiterstudieren?‹ ›Natürlich‹, sagte er und machte sich etwas ungeduldig von mir los und legte die Uhr wieder auf ein Lederläppchen zurück, damit sie auf der kalten Marmorplatte des Nachttisches nicht Schaden leide. ›Habe ich in meiner Dummheit vergessen, es dir zu sagen? Du sollst die Reifeprüfung bestehen, und ich hoffe, du wirst mir keine Schande machen. Und jetzt gute Nacht.‹ ›Papa‹, fragte ich nach einer Weile, entgegen dem ungeschriebenen Gesetz, nach diesem ›Gutenacht‹ nicht noch einmal anzufangen, ›schläfst du, Papa?‹ ›Ich schlief‹, murmelte er, etwas unfreundlich, ›aber du hast mich wieder aufgeweckt. Was will mein Herr Sohn?‹ ›Was ich will?‹ sagte ich und setzte mich auf. ›Ich will Arzt werden wie du.‹ ›Wer kann dich daran hindern, Herr Sohn?‹ antwortete er. ›Erlaube es mir!‹ sagte ich, ›hilf mir dabei! Ich werde dir keine Schande machen! Hilfst du mir?‹ ›Ja?‹ ›Das versprichst du mir also?‹ ›Ja, das verspreche ich dir. Und jetzt darf dein Erzeuger schlafen?‹ fragte er ironisch. ›Ja, Papa, nur noch einen Augenblick!‹ denn ich merkte jetzt, daß es ernst wurde, ›kann ich darauf bauen, daß du mir diesen Wunsch erfüllst?‹ ›Ach Gott! Welchen Wunsch?‹ fragte er gelangweilt. ›Daß du einen Arzt aus mir machst.‹ ›Ach du lieber Himmel‹, sagte er, ›entweder du bist es oder du bist es nicht. Habe ich meinen Vater beim Einschlafen gestört, als ich in deinem Alter war, und habe ihm das Messer an die Kehle gesetzt?‹ ›Nein‹, sagte ich, ›ich will ja nur, daß du mir dabei hilfst. Ich glaube, daß ich in diesem Beruf glücklich werden könnte.‹ ›Du vielleicht‹, sagte er, nun mit unverkennbarem Widerstand, ›aber deine Patienten, deine armen Kranken?‹ Ich ging nicht weiter darauf ein. ›Ich will dir beweisen, daß ich mehr kann, als du vielleicht glaubst, bitte Papa, laß mich ausreden ...‹ ›Wenn du reden willst, so schweig!‹ ›Ich verspreche dir, daß ich in einem von den sechs kommenden Semestern ›Vorzugsschüler‹ werde. Du versprichst mir, daß du mich Medizin studieren läßt.‹ ›Schließen wir Frieden‹, sagte er, ›sechs Semester sind drei Jahre. Machst du dein Einjährigenjahr vor deiner Berufswahl, sind es vier. Vier Jahre. Jetzt ist es zwanzig Minuten nach elf. Ich habe morgen sechs größere Operationen vor, und den täglichen Kleinmist. Warte also bitte drei und dreiviertel Jahre. Dann sprechen wir weiter.‹ ›Ich kann nicht in Ruhe arbeiten‹, sagte ich, ›wenn du mir nicht deine Zustimmung gibst.‹ ›Bitte, keine Drohungen‹, sagte er, ›ich werde tun, was zu deinem Wohl ist.‹ ›Vielleicht wäre es zu meinem Wohl gewesen, wenn du mich noch das Sommersemester in A. gelassen hättest‹, sagte ich. ›So‹, sagte er gedehnt, ›so? Dann müßte ich mich ja bei dir entschuldigen.‹ ›Davon spreche ich nicht.‹ ›Nun, so sehe ich dich gern. Dann will ich auch nicht von deinem Sündenregister sprechen.‹ ›Kannst du mich nicht verstehen?‹ fragte ich und faßte nochmals nach seiner Hand, die auf dem Deckbett lag. Der Ringfinger mit dem Ehering schimmerte deutlich. Aber er entzog sie mir schnell. Er seufzte etwas übertrieben und sagte nichts. ›Bitte, verstehe mich doch! Ich liebe doch nur dich.‹ ›Du liebst zu viel‹, sagte er hart. Ich liebte ihn wirklich zu sehr. ›Also verzeih mir!‹ ›Um das gleiche könnte ich dich bitten. Vor allem wollen wir schlafen, wir haben es uns verdient. Mutter ist etwas blaß, Judith bekommt die ersten Zähne, auch ich bin abgespannt, die Ferien werden uns gut tun. Nachher werden wir sehen ...‹ Nach drei Jahren bestand ich meine Abiturientenprüfung mit dem Prädikat ›mit Vorzug‹. An und für sich war dies kein besonderer Vorteil für die Zukunft, höchstens konnte es einem Studenten dann etwas nützen, wenn er sich auf der Hochschule um Stipendien bewarb. Dann hatten ehemalige ›Vorzugsschüler‹ in Österreich mehr Aussichten. Aber das kam nur für mittellose Studenten in Betracht, und davon war ich weit entfernt, denn mein Vater hatte in seinem neuen Arbeitsort eine zwar nicht sehr ausgedehnte, aber außerordentlich gut tragende Praxis. Er hatte das vierstöckige Haus, in dem wir anfangs zur Miete wohnten, gekauft und außerdem eine Anzahl von Mietskasernen, von denen wir Kinder nicht einmal wußten, in welchen Straßen sie lagen. Wir sage ich, obgleich mein Schwesterchen sich um solche Sachen nicht kümmerte. Sie war auffallend schön, die Menschen drehten sich auf der Straße nach uns um, wenn wir ausgingen, meine Mutter rechts, Judith in der Mitte und ich links. Meine Mutter konnte sich mir nicht mehr so wie früher widmen. Ich sah es ein und machte ihr nie einen Vorwurf. Sie erwartete wieder ein Kind, wie sie mir ganz ruhig mitteilte. Sie sprach in der letzten Zeit zu mir, nicht wie eine Mutter zu ihrem erwachsenen Sohn, sondern wie eine ältere, verheiratete Schwester zu dem jüngeren Bruder. Wenn sie glücklich war, war ich es mit ihr, und sie dankte mir durch viele kleine Liebesbeweise für meine Zurückhaltung. Als ich mein Reifezeugnis erhalten hatte, rief ich meinen Vater in seiner Klinik an. Das Telephon war damals eine neue Einrichtung und wurde nicht ohne wichtigen Grund benützt. Man war oft so aufgeregt, daß man die Stimmen nicht sofort verstand. So schien auch mein Vater meine Stimme nicht zu erkennen und hielt mich für einen befreundeten Arzt, Professor für innere Krankheiten, dessen Anruf er erwartete. Er wollte wissen, wie hoch der Eiweißgehalt sei? Als ich erstaunt zurückfragte, ließ er mich nicht ausreden, sondern wiederholte seine Frage und erwähnte seinen ›schönen‹ Befund im Augenhintergrunde. ›Aber nein, Papa, ich bin es‹, sagte ich und lachte in meiner törichten Freude. ›So, du? Was gibt es denn?‹ Aber er ließ mich nicht erzählen. ›Da bin ich ja schon‹, hörte ich ihn sagen, wohl zu einem seiner Assistenten, und dann schloß er ab: ›Ich komme heute wenn möglich etwas früher nach Hause, dann wird berichtet!‹ Ich wollte in drei Worten von meinem Zeugnis sprechen, aber er war bereits vom Apparat fortgegangen, und ich wagte nicht, ihn wieder heranrufen zu lassen, ich durfte ihn in seiner Arbeit in der Klinik nicht länger stören. Abends kam er trotz seinem Versprechen spät heim. Ich erwartete ihn auf der Straße in meiner Ungeduld und hielt ihm mein Zeugnis hin. ›Also bestanden?‹ fragte er zerstreut, als wäre es eine Sache ohne Wichtigkeit. Ich hatte in den letzten Jahren mit dem Aufgebot meiner ganzen Kräfte gearbeitet, denn es war keine Kleinigkeit, in einer fremden Anstalt als mittelmäßiger Schüler einzurücken und die Leistungen von Jahr zu Jahr bis zum ›Vorzug‹ zu verbessern. Ich biß die Lippen zusammen und sagte nichts von dem Prädikat ›mit Vorzug‹. ›Nun gut, zeig her‹, sagte er, auf der Treppe. Ich gab es ihm und sah ihn von der Seite an. Er hatte sich in den Jahren nicht sehr verändert, sein Blick war vielleicht etwas schärfer geworden, seine Lippen etwas dünner, sein Haupthaar etwas schütterer, und er trug es jetzt nicht mehr in der Mitte, sondern an der Seite gescheitelt. ›Es ist doch ein ganz gutes Zeugnis?‹ sagte er dann, als wolle er mir Vorwürfe machen, daß ich ihn unnötig beunruhigt habe, ›ich finde es ganz gut.‹ Inzwischen waren wir oben angekommen, wir hörten Judith mit meiner Mutter herumtollen, aber sobald der Schlüssel meines Vaters im Schloß war, verstummten sie, denn sie wußten, daß mein Vater der Ruhe bedurfte. Wie in jedem Sommer, wollten wir unmittelbar nach den Prüfungen verreisen, und die Koffer standen bereits fast vollständig gepackt im Vorzimmer. Vally war mit uns aus meiner Heimatstadt mitgekommen, sie wollte sich nicht von uns trennen. Ich hätte es vielleicht ganz gern gehabt, wenn sie fortgegangen wäre von uns. Sie machte mich unruhig, ihre Schönheit und Jugendkraft waren zu aufreizend, ich konnte mich manchmal nicht erwehren, sie im Vorbeigehen wie zufällig zu berühren, ihre nackte, kleine, kalte, etwas harte Hand anzufassen, wobei sie erblaßte, trotz ihren herrlichen Farben und ihren durchbluteten Lippen ... Oft kitzelte sie mich mit ihren weichen, leicht gekräuselten Haaren, und wenn sie glaubte, daß man sie nicht sah, wurden ihre Augen feucht, ihre vollen Lippen wölbten sich noch mehr, sie atmete ein paarmal stürmisch auf – und sah sich dann in der nächsten Zeit vor, mir so wenig wie möglich zu begegnen. Darin waren wir uns also einig. Ich liebte sie nicht. Nach dem Essen fragte mich mein Vater, sich seiner Jugend erinnernd, ob ich nicht zum Abiturientenkommers gehen müsse. ›Gewiß‹, sagte ich, ›aber er findet erst morgen statt. Aber heute möchte ich ein Wort mit dir reden.‹ ›Natürlich, mein Sohn‹, antwortete er, ›aber morgen früh fahrt ihr doch? Ist alles gepackt? Judith, freust du dich?‹ Er wußte, es war vergebens, sie zu fragen, sie war sehr wortkarg außer mit mir und der Mutter, und ihr etwas finsteres Wesen paßte schlecht zu ihrer ungewöhnlichen Schönheit. Vally machte sich im Speisezimmer zu schaffen, ich fühlte, wie sie mich mit den Blicken verschlang und wie sie, beim Servieren, mit ihrer runden, festen Brust an meine Schulter anstieß. Mein Vater sah es, und das mir wohlbekannte zweideutige Lächeln spielte um seine Lippen. Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück, schaukelte hin und her und beobachtete das Mädchen, das sich unter heftigem Erröten zurückzog. Dann stand mein Vater auf, küßte meine Schwester auf den Mund, den sie ihm, die Zahnreihen zusammenbeißend, widerwillig und mit etwas scharfem Blick hinhielt (denn auf dieser Liebkosung bestand er – mit aller Strenge, wenn es sein mußte), meine Mutter küßte er zuerst auf die Stirn und auf die Augen, um welche sich wiederum die häßlichen gelben Flecken zeigten wie vor Judith, dann schlang er burschikos seinen Arm um meinen Hals, so daß ich seine blitzende, hart geplättete Manschette mit ihrem einfachen Perlmutterknopf vor Augen hatte. ›Schön, Freunderl, du willst mich sprechen. Ich bin dein gehorsamer Diener. Befiehl! Ich werde gehorchen.‹ ›Bitte, nicht so‹, sagte ich, schon im Korridor, und wollte mich von seinem Arm losmachen, denn er tat mir, offen gesagt, nicht wohl, ›ich habe nur gewünscht ... ich habe ...‹ ›Heraus mit der Sprache‹, sagte er, mich jetzt noch fester an sich pressend, ›bitte, komm in mein Arbeitszimmer. Du bist jetzt erwachsen, ich habe nichts dagegen, wenn du es von nun an auch als dein Revier ansiehst. Bitte, mache es dir bequem.‹ Er bot mir den Stuhl an, auf dem sonst die Patienten Platz nahmen, und setzte sich mir gegenüber an den Schreibtisch. Seine Instrumente, die Spiegel, die Brillenkästen, Lupen, die Tinkturen und auch die Lesetafeln hatte er jetzt in einem kleinen Nebenraum, der als eigentlicher Behandlungsraum diente. Seine Bibliothek hatte sich während der letzten Jahre stark vergrößert. Ich sah ganze Reihen von Büchern, die ich noch nicht kannte. ›Du kannst immer darin stöbern, wenn es dir Freude macht. Aber ich glaube, es kann dich im Grunde nicht interessieren.‹ ›Aber doch! Im höchsten Grade‹, sagte ich und sprang auf. ›Bitte sitzen bleiben‹, ermahnte er mich, ›also, bitte, im höchsten Grade interessiert es dich? Aber du verstehst davon keinen blauen Dunst! Es sind spanische Dörfer, böhmische Schlösser, Königreiche im Mond. Ich habe den Eindruck, mein lieber Junge, daß du dir über meinen Beruf sehr unzutreffende Vorstellungen machst, es ist ...‹ ›Mag es sein wie immer, ich bin entschlossen‹, sagte ich und stand trotz allem auf und ging in dem stillen, mit dicken persischen Teppichen belegten Zimmer umher. ›Nun, wie es der Herr Sohn wünscht‹, sagte er. ›Du bist entschlossen? Bitte, dann handle! Weshalb fragst du mich dann?‹ ›Ich habe dein Versprechen, wir haben es vor drei Jahren vereinbart.‹ ›Nun gut, ich überlege es mir. Jetzt hast du Erholung nötig. Ich ja auch. Aber ich reise auch diesmal später nach. Ich habe eine wissenschaftliche Arbeit vor. Während dieser Ferienmonate komme ich am leichtesten dazu.‹ ›Kann ich dir nicht helfen? Ich bleibe gern hier.‹ ›Sehr verbunden, sehr entzückt, mein geliebter Sohn. Aber wie solltest du das? Du kannst mir nicht behilflich sein.‹ ›Aber später?‹ sagte ich, ›es kommt vielleicht einmal eine Zeit, sehr spät, meine ich, in zwanzig bis dreißig Jahren, wo du meine Hilfe brauchen kannst, denkst du nicht?‹ ›Und was willst du reiner Tor während dieser vielen Jahre beginnen?‹ ›Nun gut‹, sagte ich. ›Ich will dir offen sagen, daß mich die Okulistik‹ (ich gebrauchte mit Stolz dieses Fremdwort anstelle der ›Augenheilkunde‹), ›daß diese Okulistik mich erst in zweiter Linie interessiert.‹ ›So, und was interessiert dich dann?‹ ›Geisteskrankheiten.‹ ›Alles Theorie!‹ sagte er. ›Das traurigste Kapitel eines traurigen Romans. Unnütz! Viel Weisheit, aber keine Hilfe. So ist es. Du verkennst das Leben in merkwürdiger Weise. Ich brauche deine Hilfe gewiß ...‹ ›Also‹, unterbrach ich ihn. ›Kein also. Ich brauche jemanden, der meine Angelegenheiten in Ordnung hält. Du weißt, wir haben einige, augenblicklich gut vermietete Grundstücke. Mietshäuser. Aber die Mieter saugen mich aus. Der Verwalter raubt mich aus, sage ich dir. Ich habe jetzt angefangen, einige Wertpapiere anzuschaffen. Die Banken leben aber von uns Dummen. Ich habe Familie, ich muß versichert sein. Ich will, daß nach meinem Tode ...‹ ›Aber Vater!‹ ›Daß nach meinem Tode meine Frau und meine Kinder vor materiellen Sorgen geschützt seien. Du bist um so und soviel Jahre älter als unsere kleine süße Judith. Wenn ich also, vorzeitig, wirst du sagen, die Augen schließe, und sieh, ich merke, daß ich nicht jünger werde bei einer so aufreibenden und verantwortlichen Tätigkeit, von der du, leider! nur die Prachtfassade siehst, verstehst du mich? – ich sage und wiederhole, gesetzt den Fall, ich sterbe eines Tages, so brauchen deine Mutter, deine Schwester und vielleicht noch andere Geschwister einen natürlichen Vormund. Das sollst du sein. Nicht im Hauptberuf. Über den müssen wir uns schlüssig werden. Ich rate dir gerne. Ich verlange jetzt keine entscheidende Antwort. Ich überlasse es dir, dir darüber klarzuwerden. Vielleicht sieht das jetzt im Augenblick beinahe wie ein Opfer aus, nicht wahr?! Aber, Junge‹ – er faßte mich beim Kragen meines leichten Sommerjacketts –, ›es ist eine Wohltat, es ist der beste Rat, den ich als Vater, als älterer Mensch, der im Leben steht, dir als jungem Mann, als meinen einzigen Sohn – bis jetzt meine ich, einzig, denn es könnte ja noch ein Junge kommen ...‹ er versprach sich, stotterte, wie ich ihn vor Jahr und Tag hatte stottern hören ... Ich lächelte vor Ergebenheit, im Herzen aber war ich so niedergeschmettert, daß er glaubte, mich trösten zu sollen. Je weicher er (scheinbar) wurde, desto eher konnte er aber meinen Widerstand überwinden. ›Erhole dich erst einmal. Du hast gut gearbeitet, wacker, wacker!‹ Er wiederholte mit Wohlgefallen das etwas alberne Wort, wie vorhin ich das Wort Okulistik, ›erhole dich mit Mama und der schönen Vally, alles in Ehren versteht sich, aber ich kenne dich doch?! Ich kann doch auf meinen Einzigen‹ – jetzt war ich doch der Einzige – ›bauen! Sag nicht ja, sag nicht nein, wir sprechen uns nach wenigen Wochen wieder. Mit der Inskription an der Universität haben wir nämlich Zeit bis Anfang Oktober. Ich muß inzwischen nach London zum Kongreß. Vielleicht bekomme ich die Kosten ersetzt, dann nehme ich dich mit. Alles wird in Frieden geordnet. Genieße doch, was du hast! Arzt sein ist kein Genuß. Es ist der undankbarste Beruf, den es gibt. Mit Kranken und Unheilbaren sein Leben zu vertrödeln, trotz allem Schweiß und aller Mühe niemals mehr als nur einen Fingerbreit aufzubauen und zum Schluß doch in der Anatomie alles enden sehen – unser Werk hat eben keinen Bestand.‹ ›Aber es muß doch Ärzte geben! Was sollte denn sonst aus uns werden?‹ fragte ich voll Angst. ›Ob es lohnt, frage ich mich oft. Wenn es zu klagen und zu jammern gilt, dann übertreiben die Menschen, diese ordinäre Horde. Sind sie aber geheilt, dann soll es nichts gewesen sein. Ein Kaufmann hat, was er verdient. Er hat es sich erworben, es ist sein. Niemand bestreitet es ihm. Aber hat unsereins etwas geleistet, dann sind nicht wir es gewesen, es ist die Heilkraft der Natur gewesen. Ist aber etwas mißlungen, so war es deine Schuld.‹ ›Nein, das glaube ich nicht‹, unterbrach ich ihn leidenschaftlich, ›niemals!‹ ›So, das glaubst du nicht? Ich aber weiß es. Es ist vielleicht ein edler Beruf, den Leidenden zu helfen, wirst du großer Junge mit deinem Vorzugszeugnis sagen‹ – ich nickte lebhaft –, ›aber es ist und bleibt ein erbärmlicher Broterwerb.‹ ›Aber, Vater, nein, nein, wie kannst du das sagen?‹ ›Ich soll es also nicht sagen, ich soll meinem liebsten Sohn am Abend seiner Entscheidung für das ganze Leben nichts sagen dürfen ...‹ Ich schwieg. ›Fast möchte ich dir ein paar Seiten aus meinem Honorarbuch vorlesen, aber das darf ich nicht, du weißt, wir sind an unser Berufsgeheimnis gebunden!‹ Wir? Hatte er doch mit mir als künftigem Berufsgenossen gerechnet? Er hielt das Buch geschlossen, steckte nur den falzförmigen Brieföffner aufs Geratewohl hinein und sagte, ohne die Seiten zu öffnen: ›Hier, eine Katarakte, bei einem armen Schlucker, fünfhundert Kronen, nach Hängen und Würgen. Gelungen. Hier, die gleiche Operation, bei einem millionenschweren Kohlenbaron, fünfzehntausend Kronen. Mißlungen. Und da soll man nicht verzweifeln?! ›Und du bist doch Arzt geworden?!‹ ›Was soll die historische Betrachtungsweise? Ich wurde es, weil meine Eltern Illusionen noch hatten. Ich habe sie nicht. Die Zeiten haben sich geändert. Früher war der Arzt und besonders der Geburtshelfer und Augenarzt wie ein Priester, dem man die Hände geküßt hat für seinen Dienst. Ob geglückt oder nicht. Niemand forderte Rechenschaft. Wieso auch? Er half wie durch übernatürliche Kräfte, durch Handauflegen, denn er wußte im Grunde nichts. Heute haben wir das‹, er wies auf das Mikroskop, das in einem hellgelben Holzkasten eingeschlossen auf einem Tischchen beim Fenster stand, ›heute haben wir die objektive Wissenschaft, die sichtbare – unseren Gott: die Tatsachen, unser Gesetz: die Notwendigkeit. Aber ich? Ich bin nur ein Techniker wie ein Lokomotivkonstrukteur oder Lokomotivführer. Ich benütze die von anderen gefundene und vervollkommnete Technik, weiter nichts.‹ ›Glaubst du denn nicht an Gott?‹ fragte ich. ›An Gott?‹ antwortete er überrascht. ›Hier jedenfalls nicht. Ich würde damit meinen Kranken nichts nützen.‹ ›Glaubst du oder glaubst du nicht?‹ ›Ich weiß es nicht. Ich glaube, wie jeder anständige Mensch glaubt. Im übrigen denke ich, es genügt, wenn man ein guter Patriot ist. Ich glaube an meinen alten Kaiser und an mein liebes Vaterland. Und infolgedessen, wenn ich so sagen darf, glaube ich auch an Gott, und du mußt nicht zu viel auf deine Mutter hören, die in ihrem jetzigen Zustande natürlich von religiösen Skrupeln geplagt wird. Es ist physiologischer Natur. Geplagt ist deshalb nicht das richtige Wort. Ihr tut es ja gut. Sie unterhält sich mit dem hl. Geist, wie ich mich mit dir unterhalte. Ich unterhalte mich eigentlich gern mit dir. Und wirklich, wahrhaftig, von Zeit zu Zeit ist das ganz schön. Du wirst mir fehlen. Ich komme vielleicht doch auf ein paar Wochen nach.‹ Er hatte vergessen, daß er uns dies schon früher fest versprochen hatte. ›Ich finde es eigentlich prachtvoll, daß wir uns so großartig verstehen. Du nicht auch? Oben im Puschbachtal ist ein kleiner Forellenbach zu haben. Für ein Butterbrot. Man kann herrliche Forellen mit der Fliege fangen. Nun, freust du dich nicht?‹ ›Ich weiß es nicht.‹ ›Nun siehst du‹, sagte er, und das alte, häßliche Lächeln war wieder auf seinen Zügen, ich sah es genau, als wir an der Tür waren, bevor er das elektrische Licht auslöschte, ›du weißt nicht, ob dir Forellenfischen Freude macht, und ich soll wissen und verantworten, ob du für diesen schauderhaften Beruf geboren bist. Aber wir werden beide sehen. Gib auf deine kleine Mutter acht. Laßt Judith nicht allein ins Dorf. Sollte Vally zu sehr überlastet sein, oh hihihi, ich meine es ganz ernsthaft, es gibt ja massenhaft Arbeit für drei Personen in dem Haus und in dem Garten, dann soll die zweite Bürgermeisterstochter kommen, wie heißt sie doch nur, Veronika, ja, Veronika ... Veronika‹ – und während er diesen Namen wiederholte, schob er mich bei den Schultern in mein Zimmer, wo das aufgetane Bett mit dem kleinen Capricepölsterchen im Dunkel matt schimmerte wie in alten Zeiten ... Er kehrte noch einmal in sein Zimmer zurück, und ich hörte ihn die Kurbel des Telephons drehen, es klingelte, und er begann zu sprechen, offenbar mit seiner Klinik oder mit Patienten, so wie er gewöhnlich sprach: kurz, prägnant – mit langen Pausen. Ich schlief ein. 11 Als ich am nächsten Morgen erwachte, glaubte ich mich in die letzte Zeit meines Aufenthaltes in meiner Heimatstadt versetzt. Ich wußte zuerst nicht, warum. Dann hörte ich auf der Platte meines Nachtkästchens, durch ein untergelegtes Läppchen gedämpft, eine herrliche funkelnagelneue goldene Uhr ticken. Mein Vater hatte also an meine alte Bitte gedacht! Wenn ich sage, daß ich mich an die letzte Zeit in meiner Heimatstadt erinnerte, so ist das darauf zurückzuführen, daß ich damals neben meinem Vater geschlafen habe, und daß es seine Uhr war, um die ich ihn im stillen beneidete und die ich täglich beim Einschlafen und beim Aufwachen hörte. Nun war er schon in der Klinik, ich konnte ihm nicht danken, aber ich zeigte in meiner ersten Freude die Uhr meiner Mutter, die bei ihrem Anblick etwas verlegen wurde. Den Grund mochte sie mir nicht sagen. Wir waren in Eile, Judith verlangte, für die Reise ihr schönstes himmelblaues Seidenkleidchen anziehen zu dürfen, meine Mutter gab ihr nach, aber bei der Frage der Handschuhe und des Haarbandes gab es doch Tränen, und Judith in ihrem Trotz setzte sich, immer weiter weinend, aber stumm, auf einen Koffer und rührte sich nicht fort, als der Portier und der Diener meines Vaters – es war nicht mehr der alte Lukas – kamen, um diesen Koffer wie die anderen auf einen Handkarren aufzuladen und zur Bahn zu schaffen. Ich kümmerte mich meist sehr wenig um meine Schwester. Ich bewunderte sie ihrer wirklich bezaubernden Schönheit wegen, ich beneidete sie manchmal um die Liebe, die ihr mein Vater wie meine Mutter bis zur Verzärtelung entgegenbrachten, ja bis zur Vergötterung –, aber ich hatte mich immer noch nicht recht an sie gewöhnt, im Grunde war sie mir fremd, ihre scheuen Annäherungen an mich machten mich nervös. Als guter großer Bruder versuchte ich manchmal mit ihr zu spielen; aber ich, der ich tausend Einfälle hatte (dumme und weniger dumme) bei meinen Spielen mit meinen Altersgenossen, war in Judiths Nähe verlegen, mir fiel nichts ein, ich gähnte, und sie wartete vergebens, daß ich nach einer Spielpause noch einmal anfangen würde, während meine Gedanken schon ganz woanders waren. Ich liebte sie nicht. Nicht mit der, auch hier sage ich abgöttischen Liebe, die ich für meinen Vater hatte, und auch nicht mit der schützenden, bemutternden, kameradschaftlichen Liebe, die ich meiner Mutter entgegenbrachte. Ich konnte nichts dafür, daß Judith gerade mich in ihr trotziges Herz geschlossen hatte, und so konnte ich es wagen, sie von ihrem Thron herunterzuheben und auf den Treppenflur hinauszutragen. Sie war so leicht! Sie fing an, verklärt zu lächeln, mit ihren feinen Händchen ihr Haar zu strählen, als schäme sie sich der zerrauften Frisur. So klein sie war, wußte sie doch schon von ihrer Schönheit und von ihrer, Judiths, Macht über andere Menschen, über fast alle, mich ausgeschlossen. So war sie nicht weiter enttäuscht, als ich sie auf dem ersten Treppenabsatz absetzte, sie nahm gehorsam meine Hand und ließ sich ›zu Fuß‹ hinunterführen. Unten wartete schon Vally und zog dem Kind die Reisehandschuhe an, graue, dicke Dinger statt der weißen Glacéhandschuhe, und Judith, die sich eben noch so wild gewehrt und ihrer Mutter sogar ins Gesicht geschlagen hatte, ließ sich jetzt alles ruhig gefallen und blickte von unten zu mir auf. Ich achtete nicht weiter auf sie, ich war noch ganz entzückt von meiner neuen Uhr. Ich verglich meine Zeit mit der auf der nächsten Turmuhr und stellte meine Uhr richtig, da sie um einige Minuten vorausging. So ging es auf der ganzen Reise. Überall verglich ich die Zeit auf den Bahnhofsuhren mit der auf meiner Uhr und konnte nicht verstehen, daß die Bahnhofsuhren so unregelmäßig gingen. Meine Mutter wisperte verlegen lächelnd mit Vally, und beide sahen mich dann von der Seite an. Ich fragte noch einmal meine Mutter, sie wollte nichts sagen. Aber Vally konnte vor mir kein Geheimnis bewahren, und so erfuhr ich bei dem nächsten Aufenthalt auf einer größeren Station, wo wir längeren Aufenthalt hatten und wo die Bahnhofsuhren alle – es gab deren drei – ganz falsch gingen, wenn auch untereinander richtig –, was es mit dieser funkelnagelneuen Uhr für eine Bewandtnis hatte. Sie war von meinen Großeltern mütterlicherseits, die zu gewissen Zeiten (unter anderm auch bei der Auszahlung der Mitgift) meinem Vater gegenüber eine falsche Sparsamkeit bewiesen hatten, als Verlobungsgeschenk ausersehen worden vor beinahe zwanzig Jahren. Mein Vater hatte durch den falschen Gang der Uhr Unannehmlichkeiten gehabt, die Uhr war zwei oder dreimal zum Uhrmacher gewandert, aber sie war unverbesserlich, und mein Vater hatte sie weggeschlossen – und jetzt erst wieder hervorgeholt, um mir meinen alten Wunsch, eigentlich den einzigen, außer meinem Wunsch auf den Lebensberuf, zu erfüllen. Ich konnte es nicht glauben. Aber meine Mutter log diesmal nicht, wiewohl sie manchmal um des lieben Friedens willen vor einer winzigen Notlüge nicht zurückscheute, wie ich übrigens auch. Diesmal aber konnte ich nicht nur glauben. Ich mußte . Meine Mutter hieß mich den rückwärtigen Sprungdeckel öffnen; und hier konnte man mit sehr scharfen Augen, wie ich sie hatte, eingraviert die Daten der verschiedenen Reparaturen erkennen. Es waren mindestens drei. Wie schon früher einmal hatte ich um meine Liebe zu meinem Vater zu kämpfen. Ich mußte ihm auch diesmal etwas verzeihen, aber wie immer wurde er mir dadurch noch teurer. Ich redete mir ein, daß er, durch große Auslagen in Anspruch genommen, mir dennoch ein kostbares Geschenk machen wollte; und der Goldwert der Uhr überstieg weit den Preis einer normalen, präzis gehenden Nickeluhr, wie sie alle meine Kameraden, selbst der arme Adjunktensohn Perikles, schon vor Jahren gehabt hatten. Das Gold war sehr gut. Ich wollte einfach den Zusammenhang nicht verstehen, ich wollte gar nicht daran denken. Ich wünschte nur eines, nämlich: ich hätte das plumpe Ding nie gesehen, am liebsten hätte ich es in den Forellenbach geworfen, aber dies wagte ich nicht, ich fürchtete, er würde mich zur Rechenschaft ziehen ... Dieser Sommeraufenthalt war trotz des im Anfang besonders schönen Wetters und der großen Zärtlichkeit, die mir von den drei weiblichen Wesen, meiner Mutter, meiner Schwester und der immer schöner und aufreizender werdenden Vally zuteil wurde, eine Qual. Auch Vally war nicht glücklich. Zwar waren wir fast den ganzen Tag, wenige Stunden ausgenommen, zusammen, aber meine Mutter hatte, um Vally das Leben etwas leichter zu machen, ihre Schwester Veronika in Dienst für über den Sommer genommen (nur für die Tagesstunden), und Vally war eifersüchtig auf die jüngere Schwester (Veronika war in meinem Alter), obwohl Veronika den meisten unschönen, knochigen und etwas unfreundlichen Töchtern des Landes ähnelte. Mich selbst ließ Veronika natürlich vollständig kalt, aber Vally haßte ich, weil sie mich aufreizte. Und doch begann ich ihr zu unterliegen. Ich hatte in meiner Ungeduld, von meinen regelmäßigen Aufgaben, die mich bis jetzt ausgefüllt hatten, von einem Tag auf den andern verlassen, nur noch sie im Sinn, und ich wußte es doch einzurichten, mich ihr noch zu entziehen. Ich wollte ihr nicht nahekommen. Ungeduld und unruhige Nächte – und plötzlich einen Augenblick lang ein berauschendes, aber mir eigentlich ganz fremdes, mich fast empörendes Gefühl –, das berechnete Fliehen vor ihr und das unberechnete Wiederfinden, und dazu jetzt schon Gewissensbisse vor dem Fall. Ich aber durfte, um meines Vaters willen, wie ich es fühlte, nicht fallen. Ich suchte den guten Ortsgeistlichen auf, der mich seit Jahren kannte und dem solche ›Anfechtungen des Fleisches‹ als etwas sehr Natürliches vorkamen, die man mit sicherem Erfolg bekämpfen konnte. Ich verriet nicht den Namen derjenigen, um die es sich handelte, und den alten Priester interessierte es nicht. Er gab mir das Gebot, die weibliche Person, zu der mich der Stachel meines Fleisches trieb, auf keinen Fall zu berühren. Im übrigen sollte ich viel Leibesübungen machen, bergsteigen, den Garten besorgen, schwimmen, angeln etc. Ich sollte regelmäßig die Frühmesse besuchen, ich sollte unkeusche Gedanken meiden und sollte vor allem regelmäßig zur Beichte kommen. Alle diese Gebote erfüllte ich. Ich fühlte, daß ich nicht unterliegen dürfe, daß meine Zukunft, mein Beruf, ja mein ganzes Leben von meiner Widerstandskraft abhingen, und darin irrte ich mich nicht. Ich nahm Vally ernster als der Geistliche, dem solche Sünden in dieser Gegend nichts absolut Unsittliches waren, denn sie waren ›Natur‹, so wie es meinem Vater natürlich erschien, wenn meine Mutter sich in der Hoffnung mit religiösen Gedanken beschäftigte. Besser war es, stark und rein zu bleiben, und nicht zu fallen. Aber der Fall war für ihn eine Lebenssünde, keine Todsünde. Mir aber erschien er, fast unbewußt, als eine Sünde gegen den heiligen Geist, und das gab mir die Kraft, ihm zu gehorchen und die Berührung zu vermeiden. Aber außerhalb der ›Berührung‹? War da alles erlaubt? Ich war schwach genug, um mir darauf mit ja zu antworten, und so begann für uns, Vally und mich, eine Zeit (nur wenige Wochen!) der stürmischsten Sinneslust, während deren es nie zu einer Berührung kam. – Es kam das erstemal so, daß mir eines Abends – es war noch in den ersten Tagen unseres Aufenthaltes in Puschberg – Vally einen kleinen Teller mit Walderdbeeren brachte. Sie hielt ihn mit der linken Hand, mit der rechten nahm sie vom Tisch eine Dose mit klarem (fein gemahlenem) Zucker und schüttete ruckweise etwas Zucker aus der Dose auf die Beeren. Sie hatte ihre erglühende, jetzt im Sommer etwas gebräunte Wange in die Nähe meiner Wange gebracht, und ich hielt sitzend still, von einem mich ganz durchdringenden Gefühl der Ungeduld, der Süße, der Schwere, der Hitze, des Rausches benommen. Dann faßte ich nach ihrer Hand, um dem Weiterschütten des Zuckers Einhalt zu tun. Und dabei, nicht während der Annäherung ihrer Wange an meine, durchschlug es mich wie ein starker elektrischer Strom. Von ihrer rechten Hand, die die Dose hielt und die ich noch nicht erfaßt hatte, strömte etwas Unbeschreibliches auf meine Hand weiter, wir sahen einander an, das weiße Zuckerpulver rieselte weiter, fein knisternd, meine Uhr tickte, mein Herz schlug. Ihre Lippen öffneten sich etwas, ihre schönen Zähne und ihre zartrosa Zunge schimmerten einen kleinen Augenblick zwischen ihnen. Wir sahen einander an, als hätten wir uns nicht schon seit vielen Jahren gekannt. Wir berührten einander nicht. Eine wirkliche Vereinigung unserer Hände fand nicht statt. Jetzt sprang ich endlich mit aller Willensanspannung auf und ließ die Beeren auf dem Tisch zurück – sie waren ganz unter der hohen Schicht Zucker verschwunden, aber Judith, die Süßigkeiten liebte, erbarmte sich ihrer nachher. Dieses scheinbar so unschuldige Spiel wiederholten wir fast in jedem freien Augenblick. In früheren Jahren war ich oft auf dem Rade von Vallys Bruder in das Puschtal gesaust, um im Bergsee zu baden. Jetzt lauerte ich daheim, bis meine Mutter und Judith das Haus verließen, um auf einer nahen Alm, wo es die beste Alpenmilch gab, ihr Vesperbrot einzunehmen. Wir hatten nur darauf zu achten, daß Veronika uns nicht beobachtete. Aber trotz allem fanden wir immer einen stillen Winkel, hinter einer Tür, unter einem Baum im Garten, ja selbst im Rücken des kleinen Bienenkorbes, aus dem summend noch ein paar Bienen ausschwärmten, während um diese Zeit die Mehrzahl schon heimkehrte. Wir, beide fast gleich groß, standen, nachdem wir von verschiedenen Seiten hergeschlichen waren, voreinander. Wir sprachen nicht. Wir gaben einander nicht die Hand. Ich streichelte nicht ihr Haar, sie nicht das meine, ich berührte ihre Brust nicht. Wir näherten uns nur, nahe, immer näher, aber möglichst nicht bis zu einer wirklichen Berührung. Meine Lippen standen über den ihren, sie öffnete die ihren, ich ließ die meinen offen, wir atmeten den Atem des anderen ein, wir fühlten die Wärme aus dem Munde des andern aufsteigen, beide hatten wir die Gewohnheit, Kressenblätter oder Pfefferminzblätter zu kauen, und schon der Duft dieser Pflanzen konnte mich in dieser Zeit berauschen. Es sollte gar kein Ende nehmen, die alte rostige Turmuhr im Ort schlug eine Viertelstunde nach der anderen, wir waren immer noch beieinander, die Lippen einen halben Millimeter voneinander entfernt, eine Hand um ein winziges erhoben über der des anderen, Handfläche über Handfläche, wir näherten, die Augen schließend und nur noch aufmerksamer auf jedes verdächtige Geräusch lauschend, die geschlossenen Augenlider, es waren nur einzelne widerspenstige Haare und die Augenwimpern, die sich berührten; sehr zart, sehr sanft, sehr schonend zogen wir sie wieder zurück, sehr zart, sehr schonend, aber ohne Widerstreben näherten wir sie wieder. Bei aller Lust aber blieben wir uns im Innern doch der Sünde bewußt, denn diese Unnatur machte uns nicht glücklich, sie stillte den Hunger nie. Wenn ich meine Hand über Vallys schöner, runder, wie ein junger Apfel fester Brust wölbte und sie doch nicht berührte und nur in Gedanken liebkoste, warf sie mir einen bösen Blick zu. Sie kam mir entgegen, sie wollte sich mir entgegenwerfen, aber ich zog mich zurück, weiter und weiter, wie gebannt kam sie nach und wurde dieses Spieles nicht müde. Hätte ich sie doch nur lieben können! Meine arme Mutter mußte sich damals sehr schonen. Wie bei ihrer letzten ›Hoffnung‹ wurde sie oft von Übelkeiten geplagt. Ich hatte ihr damals, so gut ich es nur konnte, beizustehen versucht. Ganz anders aber wirkte ihre doch nur zum Mitleid herausfordernde Schwäche auf meine kleine Schwester. Als meine Mutter einmal in Judiths Gegenwart von dem alten Würgen befallen wurde, zeigte das kleine Mädchen großen Abscheu, Schrecken und Widerwillen. Sie lief schreiend im Zimmer und dann in dem Umbau umher, der rings um die Zimmer in unserem Sommerhaus herumzog, sie stieß mit dem feinen blonden Köpfchen wild gegen die Wände und spürte, sonst so empfindlich, die Beulen und Schrammen heute nicht. Ich hatte alle Mühe, sie zu beruhigen. Aber ich konnte es. Wie sehr hätte ich gewünscht, mein Vater wäre endlich gekommen. ›Das Geldverdienen läßt ihn leider nicht los!‹ vertraute mir meine Mutter an. Erst als sie ihm schrieb, daß unsere kleine Judith Schwierigkeiten mache und sogar etwas abgemagert sei (eine kleine Notlüge, ich wußte es), entschloß er sich, uns sein Kommen anfangs der nächsten Woche zuzusagen. Erleichtert atmeten alle auf. Meine Mutter aß für sich allein, im verdunkelten Zimmer, Veronika allein in der Küche auf ihren Wunsch, und wir, das heißt Vally, Judith und ich, aßen zusammen, bei dem warmen Wetter meist im Garten unter den Bäumen. Meine Mutter war es, die abmagerte und ich sah, ohne ihr doch das Herz schwer machen zu dürfen, tiefe Falten um ihren lieben, jetzt so blassen Mund und die großen Säcke unter den Augen, ich stützte sie, wenn sie sich erhob, denn das Gehen wurde ihr schon schwer. Vor meiner Schwester beherrschte sie sich. So nahmen wir alle Rücksicht aufeinander. Ich erhielt einen sehr langen freundlichen Brief aus meiner Heimatstadt. Zu meiner Überraschung waren es der Oberst und sein Sohn, die sich meiner erinnert hatten, sie schrieben mir, sie hofften, daß ich diesen Brief nachgeschickt erhalten würde, und sie würden sich ›furchtbar‹ freuen, wenn ich diesmal auf das Gut in Galizien käme. Wann immer ich käme, sei ich willkommen. Es genügte, wenn ich nach meiner Heimatstadt reiste, von wo sie mich abholen würden, denn unser altes Österreich war so groß, Tirol und Galizien – waren wie zwei Erdteile. Auch Jagiellos Schwester ließ mich grüßen und schrieb mir mit ihrer sehr großen, etwas flüchtigen Handschrift ein paar freundliche Worte. Ich wäre diesmal sehr gerne zu meinem Jugendbekannten (war denn die Jugend jetzt schon vorbei?) gereist. Aber ich schwankte noch. Vally zog mich an, ich konnte nicht mehr ohne sie sein, und zugleich fürchtete ich sie, und in meiner Verwirrung war ich – bei Tage – manchmal so ungeduldig mit ihr, daß sie mehr als einen Teller zerbrach, sehr zum Schrecken meiner Mutter, die nicht wußte, wie sie die ungewöhnlich hohen Ausgaben für Haushaltsgegenstände vor meinem sparsamen Vater verantworten sollte. Seine Sparsamkeit war übrigens auch das Haupthindernis bei seiner Ehrenbürgerschaft von Puschberg, die inzwischen nicht weitergekommen war. Denn es hatten sich zwar die beiden Parteien, die des Pfarrers mit ihrem Wunsch nach Wiederherstellung der baufälligen Kirche, und die des Lehrers mit dem Wunsche nach Stützung des höchst baufälligen Daches des Armenhauses, durch das es hindurchregnete und, noch ärger, im Winter durchschneite –, beide Parteien hatten sich längst geeinigt, aber die von ihnen geforderte Summe muß wohl meinem Vater übertrieben hoch erschienen sein, und ich fürchte, die Scheu, den Honoratioren des kleinen Ortes zu begegnen, war mit ein Grund, weshalb er nicht mit uns hatte kommen wollen. Dabei sagte mir meine Mutter, daß er für eine einzige gelungene Operation über dreißigtausend Kronen erhalten hatte – und die arme Gemeindeverwaltung von Puschberg wäre mit fünfhundert bis achthundert sehr zufrieden gewesen. ›Kannst du nicht auf ihn einwirken?‹ fragte meine Mutter, die ihrerseits vom Pfarrer eindringlich bearbeitet worden war. ›Ich weiß gar nicht, ob ich solange bleibe‹, sagte ich und erzählte von der Einladung. ›Du willst doch nicht fort, du läßt mich doch nicht allein?‹ fragte sie, noch blasser werdend. ›Allein! Papa kommt doch‹, antwortete ich und nahm ihr schlaffes, mit dicken blauen Adern durchzogenes, kaltes Händchen mit den vielen Ringen zwischen meine beiden großen Hände, ›ich glaube, es ist besser für mich, wenn ich ein paar Wochen fortkomme ...‹ ›So, glaubst du?‹ antwortete meine Mutter, sehr schnell (vielleicht zu schnell, zu leicht) beruhigt, ›ich erinnere mich, der geistliche Herr (der Pfarrer) hat mir auch davon gesprochen. Hast du denn Reisegeld?‹ ›Natürlich‹, sagte ich, als ob es selbstverständlich wäre. Ich hatte aber bloß soviel Geld zusammengespart im Laufe des letzten Jahres, um dritter Klasse Personenzug zu fahren, und auch dann reichte es nur für die Hinreise bis in meine Heimatstadt und nicht einmal für den Unterhalt während der langen Fahrt. ›Ich habe Geld wie Heu‹, sagte ich. Ich wollte eben unter allen Umständen fort. Vally erfuhr natürlich davon, und ohne etwas zu sagen, wie wir überhaupt in dieser Zeit fast nichts sprachen, was nicht meine Mutter und sogar mein eifersüchtig aufhorchendes Schwesterchen hätten hören dürfen, ohne etwas zu sagen, gab Vally mir ihren Schmerz zu verstehen, und ebenso ihre Freude, als ich ihr in den letzten Tagen noch Gelegenheit gab, mich zu treffen. Meine Mutter hatte wegen ihrer Beschwerden ihre Spaziergänge zu der Alm eingestellt, sie rührte sich kaum aus dem Hause fort. Tagsüber konnte Vally das Haus nicht verlassen. Die Besorgungen machte Veronika. Die meisten Waren brachte man uns ins Haus, Butter, Milch und besonders schöne, reife Erdbeeren und Himbeeren, aus denen Vally Marmelade einkochte. Wir, Vally und ich, konnten uns also nur nachts treffen. Wir verständigten uns durch Zeichen, durch Blicke, durch ein geflüstertes Wort. Abends mußten wir sehr lange warten. Meine Mutter, in ihrem Zustande von Schlaflosigkeit und bösen Träumen geplagt, ging nie vor Mitternacht zu Bett. Ihr Schlaf war dann unruhig, sie erwachte beim leisesten Geräusch. Aber Vally und ich wurden so unwiderstehlich zueinander gezogen, daß wir alle Hindernisse überwanden. Und dann schlichen wir, mit bloßen Füßen, um nicht durch das Geräusch der Schuhe jemand im stillen Hause zu wecken, die Treppen herunter und standen voller Herzklopfen auf dem Kiesweg, hinter den Bäumen, oder im Rücken des nachts schweigenden Bienenhauses und sahen einander an, küßten uns, ohne die Lippen zu berühren, streiften einer des andern Gesicht, und am Tage vor der Ankunft meines Vaters gingen wir, ohne es besprochen zu haben, auf den Zehenspitzen, als ob man uns im hohen Grase hören könnte, zu dem Wiesenplatz, der an die Hecke anstieß. Der Mond schien nicht, die Nebel stiegen aus dem Tal, was schlechtes Wetter bedeuten sollte, die Vögel hielten sich ruhig in den Bäumen bis auf ein verschlafenes Zirpen, nur die Grillen feilten im lauten Chor unter den Steinen, und eine Katze schlich sich jenseits der Hecke über die milchweiß schimmernde, nach Staub und Minze duftende Landstraße der schlafenden Ortschaft zu. Wir legten uns hin, ich mehr zur Hecke, sie mehr zum Hause hin. Ich auf der linken Seite, die offenen Augen in dem Nachtdunkel auf sie gerichtet, sie ganz in meiner Nähe, die Augen auf mich gerichtet, wir kamen einander immer näher, die Fußspitzen mit den Nägeln berührten sich und zogen sich sofort wieder zurück, die Knie, die Hüftknochen, ihre Brust und meine Brust, die Fingerspitzen, jetzt lag ihr Haupt mit den schönen großen dunkeln Augen unmittelbar vor meinem, wir wandten jeder den Kopf zurück, damit die Gesichter nicht zusammenstießen, nur einen kurzen Augenblick lang lagen ihre Lippen fast an meinen, sie hob die Hand, wie um den Kuß abzuwischen, und ich spürte deutlich an ihren Händen den starken Geruch der zerquetschten Erdbeeren, die sie an dem Nachmittag mit ihrer Schwester eingekocht hatte. Ich wollte sie nicht küssen. Ich durfte es nicht. Ich legte mich auf den Rücken. Sie tat, was ich tat. Ich schloß die Augen. Ich hörte sie atmen, seufzen, und mein Herz schlug. Es begann zu regnen, sehr langsam, wie es in dieser Gegend meist beginnt, Tropfen für Tropfen, warm und schwer. Mir war, als suche sich eine unsichtbare Wolke in der großen weichen Wölbung der Nacht die Stelle aus, wohin der Tropfen fallen sollte. Ich öffnete den Kragen meines Hemdes, meine Brust lag bloß. Ich hörte, wie Vallys Sachen in der Nachtstille und im Klopfen des Regens raschelten. Sie tat, was ich tat, sie fühlte, was ich fühlte. Die Tropfen kamen in meine Mundwinkel, in meine Ohrmuschel, auf meinen Hals, die Hände, die Füße, auf meinen ganzen Körper. Ein unbeschreibliches Gefühl des Glücks, auf der Erde zu sein, erfüllte mich, hier auf dem sich knisternd aufrichtenden Grase unter dem duftenden Regen zu liegen, zu atmen und – Vally so friedlich neben mir zu wissen. Aber sie atmete nicht mehr friedlich. Plötzlich stand sie auf, sie folgte mir bei meinen wollüstigen und doch kalten Liebkosungen nicht, sie raffte sich auf und wollte fort, dann, schon auf dem Kiesweg, besann sie sich, sie machte einige große Schritte, sank neben mir auf die Knie, nahm meinen Kopf in ihre Hände, riß sich dann los, stürzte noch einmal zurück, sie suchte meinen Mund, fand aber nur meinen Hals, aber sie wußte nicht, was sie küßte, sie überschwemmte mein Gesicht mit Küssen und mit Tränen. Der Regen wurde immer stärker, er drang durch meine dünnen Kleider, und auch ihre Sachen klebten ihr feucht am Körper. Sie hatte sich auf die Knie niedergelassen, hatte mich zu küssen aufgehört und sah mich ernst an, als wollte sie etwas wissen. Wir hörten die Turmuhr schlagen, der Regen floß ihr jetzt über ihre heller schimmernden Haare auf die blühenden Wangen, auf ihren Hals, auf ihre Brust, die sich jetzt unter dem dünnen Stoff starr aufrichtete, als wäre sie nackt. Sie sah, daß ich ihre Brust mit meinen Blicken verschlang, sie beugte sich, immer noch auf den Knien, stärker zurück, so daß die Brüste noch ein wenig stärker hervortraten, sie sah mich ernst an. Sie küßte mich nicht mehr, sie trieb mit ihrer Brust und ihrem Körper nicht mehr das lasterhafte Spiel der fordernden Unschuld, sie nahm meine Hände, drückte sie beide gegen die Erde, als wolle sie mich da festhalten, und ebenso hielt sie meinen Blick fest. Wartete sie darauf, daß ich etwas sage? Ich konnte es nicht. Ich dachte plötzlich an die Worte meines Vaters: ›Du liebst zuviel.‹ ›Lache nicht!‹ flüsterte Vally drohend. Als sie aber sah, daß ich den Kopf schüttelte, denn Spott war mir sehr fern, begann auch sie etwas trübe zu lächeln. Sie dachte wohl an meine Abreise. Sie erfaßte vielleicht, warum ich nicht anders konnte. ›Gehen Sie nur, bitte, gehen Sie‹ rief sie unvorsichtig und stand auf, und ohne mich den Weg zu dem Hause einschlagend, das im Regen wie aus gegossenem Erze glänzte, sagte sie etwas leiser: ›Meine Sünde wäre größer gewesen als die deine!‹ Ich kam ihr nach. Lautlos stiegen wir die Treppe hinauf. Vor meiner Tür standen meine genagelten Bergschuhe. Sie nahm sie von der Schwelle auf. Ich wohnte jetzt unten, neben der Mutter. Sie stand vor mir, ich vor ihr. Von unten drang das etwas schnarchende Schlafgeräusch, wie ich es von meiner Mutter kannte. Sonst rührte sich nichts. Sie sah mich an. Ich wollte mich ihr noch einmal nähern, ich hätte sie am liebsten verschlungen, zerbrochen, zerrissen, ich weiß nicht, was es war, das in mir wühlte, jetzt begann ich zu zittern. Aber sie war es, die sich beherrschte. ›Nein, nein‹, sagte sie, einen Schuh mit den Nägeln klirrend an den andern schlagend, ohne es zu wissen. ›Vally, du bist zu alt für ihn.‹ Ich sagte ihr gute Nacht. Sie antwortete mir nicht, sondern stieg, leise vor sich hinmurmelnd, ›Veronika ja, du nicht! Viel zu alt! Viel zu alt!‹, die knarrende Treppe zu ihrem Stübchen hinauf. Ich fiel in dem meinen todmüde vor Müdigkeit ins Bett. Aber ich schlief nicht. Draußen strömte jetzt der Regen stark nieder, aber einige Grillen feilten nimmermüde auch jetzt weiter, es plätscherte im alten Wasserfasse und in den Dachrinnen. Auch den Bergbach hörte man jetzt stärker rauschen, und im Dorfe unten setzte ein Hahn unsicher zum ersten Kikerikiruf an ... Endlich schlief ich ein, das nasse Hemd noch am Leibe. Am nächsten Tag kam mein Vater. Ich erwartete ihn um neun Uhr an der Bahn. Er wollte vor allem wissen, wie es Judith ginge. Nach meiner Mutter erkundigte er sich später. Daß ich nach dieser Nacht etwas angegriffen aussah, bemerkte er glücklicherweise zuletzt. Er war etwas erstaunt, als ich ihm meinen Reiseplan erzählte. Aber er gab mir seine Zustimmung. ›Aber wie steht es mit dem Reisegeld?‹ ›Keine Sorge‹, antwortete ich ihm, ›ich habe gespart.‹ ›In diesen Zeiten! Wunderkind!‹ sagte er ironisch und tätschelte mir die Wangen. Dann gab er mir ein Fünfkronenstück. Ich sah ihn erstaunt an. ›Du mußt der Dienerschaft beim Obersten zum Abschied ein Trinkgeld geben, verstehst du mich?‹ Ich verstand. Ein guter Einfall war mir gekommen. ›Nur noch eine Kleinigkeit!‹ sagte ich. ›Brauchst du Geld für den Raseur?‹ ›Zehn Kronen‹, sagte ich mutig. ›Zehn? Zehn?‹ ›Deine Uhr muß repariert werden.‹ ›Sososo‹, sagte er und lenkte ein. ›Ist es nicht ein bißchen viel? Aber, natürlich! Natürlich! Ich erinnere mich, sie hat immer ihre Mucken gehabt. Nun, nimm hin und ziehe in Frieden.‹ Ich liebte ihn trotz allem. Ich gab Vally am nächsten Tag zum Abschied trocken die Hand, während sie die ihre mürrisch hinter der Schürze versteckte. Ich bat meine Mutter, sie solle für mich bei dem Vater sprechen und ihm sagen, daß es ihr Wunsch sei, daß ich ebenso Arzt werden solle wie mein Vater. Von meinem Schwesterchen verabschiedete ich mich nicht. Es war zu jung. Es lebte noch in der ›Jugendzeit‹. Ich nicht mehr. 12 Vally hatte es sich nicht nehmen lassen, mir heimlich in die Tiefen meines Rucksackes allerhand Leckerbissen – es waren nicht die raffiniertesten, aber die besten, die der kleine Dorfkrämer in seinem alten Laden hatte – für die lange Reise vorzubereiten, und mein Vater begleitete mich in alter Freundlichkeit zur Bahn. Ich hatte ein schweres Herz. Ich suchte sogar vor mir selbst eine Ausrede, um länger bleiben zu können, denn der Abschied von Vally fiel mir trotz allem schwer. Mein Vater – wußte er, wußte er nicht? Er sah ruhig zu, wie ich die vielen kleinen Münzen, die ich mir im Laufe des Jahres von meinem schmalen Taschengeld zusammengespart hatte, aus der Tasche zog und immer wieder mit der Summe verglich, die das Billett kostete und die auf einer mächtigen Tabelle, die alle Stationen des großen Österreich-Ungarn enthielt, aufgezeichnet war. ›Ich hatte eigentlich gedacht‹, sagte er, als ich endlich mit dem Billett in der Hand zu ihm zurückkehrte, der inzwischen bei dem Rucksack Wache gehalten hatte, ›ich dachte eigentlich, du wolltest mit mir nach London fahren.‹ ›Warum hast du nichts davon gesagt, gestern, als es noch Zeit war?‹ wollte ich fragen. Aber diesmal war ich ein guter Schüler meines Meisters. Es war ganz und gar unnötig, diese dumme Bemerkung zu machen. Ich hatte reden gewollt, also war es klug zu schweigen. Er lächelte etwas spöttisch, vielleicht weil er in der Ferne den Schullehrer erblickte, den er auch diesmal um das Geld für das Armenhaus zu narren gedachte, und der einen Brief in den Bahnhofspostkasten einwerfen wollte. Ich blieb stumm. Ich dachte im stillen daran, daß ich Vally nicht liebte. Meinen Vater liebte ich eben. In meiner Heimatstadt suchte ich zuerst meinen Freund Perikles auf. Ich fand ihn bei einer sonderbaren Beschäftigung, die er aber sofort unterbrach, als ich in sein Zimmer eintrat, das er mit seinem Vater zusammen bewohnte. Der Vater hatte seine Stelle wegen politischer oder antireligiöser Tätigkeit eingebüßt, oder er war dauernd beurlaubt worden, was auf das gleiche herauskam, und mein Freund war froh, wenn er ein paar Stunden des Tages für sich allein haben konnte. Der Vater trieb sich indessen in den umliegenden Wirtshäusern umher, um sich ›zu erfrischen‹ und überall von der alten Ungerechtigkeit der Behörden und von seinem neuen Jammer als Witwer der Welt die Ohren vollzuposaunen, wie sich sein liebender, aber respektloser Sohn ausdrückte. Und dieser Sohn, der schwächliche, schielende, im höchsten Grade kurzsichtige, bei jeder Zigarre Übelkeit empfindende Perikles, was tat er? Ich hätte es nie erraten. Er arbeitete sich ab an einem sonderbaren Gerät, dem Muskelspanner ›Herkules‹, wie er ihn nannte, der aus zwei Handhaben mit dazwischen gespannten Spiralfedern bestand, die man auseinanderzuziehen hatte. Er hatte nur zwei Federn eingespannt, und doch rann ihm der Schweiß bei seinem Sport von seinem auch jetzt noch blassen, vergeistigten Gesicht. Als wir uns begrüßt hatten, immer so herzlich, wie sich zwei alte Freunde begrüßen (Imperator und Perikles aus alten Zeiten!), die sich für das ganze Leben gefunden haben, auch wenn sie sich nur ab und zu treffen, nahm ich das komische Ding in die Hand und fragte, wieviel Federn man einspannen könnte? ›Zehn‹, sagte er, ›aber das ist dann nur für einen Athleten.‹ ›Nun, versuchen wir es mit fünf‹, sagte ich lachend. Er suchte die Federn in der schmutzigen Wäsche auf dem Boden des Schrankes zusammen, der ihm und seinem Vater als Aufbewahrungsort für alles mögliche diente, und ich machte mich stark, um die Herkulesprobe zu bestehen. Aber sie machte mir keine Mühe. ›Gib noch zwei zu!‹ sagte ich dann, ›oder spann ruhig alle zehne ein!‹ Ich lachte aber nicht mehr, als ich sah, daß Perikles meine Übungen mit wenig Freude sah. Er hatte Wochen gebraucht, um von einer Feder zu deren zwei fortzuschreiten. Ich machte daher auch nicht die Probe mit allen zehn, sondern tat, als sei es mir zu schwer, und jetzt hatte ich die Freude, wieder den alten mutigen und lebensprühenden Gesichtsausdruck auf seinen Zügen wiederkehren zu sehen. Wir gingen darauf reihum in die Wirtshäuser, um den Vater zu holen, und verbrachten den Tag sehr lustig gemeinsam. In dieser Zeit war von der Okkupation der Kronländer oder Provinzen Bosnien und Herzegowina viel die Rede, und man munkelte sogar von einem Krieg mit Serbien oder der Türkei, wo die Jungtürken eine nationale Wiedergeburt anstrebten. Die Sympathien waren nicht immer auf der Seite des sich ein fremdes Gebiet aneignenden Großstaates Österreich, und von Krieg wollte man nicht das geringste wissen. Man? Perikles gehörte nicht zu dieser Masse. Er war uneingeschränkt für den Krieg, für eine Entscheidung, für eine rücksichtslose Ordnung der Dinge auf dem Balkan. Ja, mehr als das, er wollte Soldat, oder besser gesagt, Krieger sein (er machte einen feinen Unterschied zwischen den Begriffen, den ich nicht verstand), er hatte sich zum Einjährigfreiwilligendienst schon jetzt gemeldet. Ich dachte nicht daran, es einen Tag vor dem Einberufungstermin zu tun, und hatte daher noch ein Jahr Zeit, er war aber wegen allgemeiner Körperschwäche abgewiesen worden und – wegen seines ›Augenfehlers‹, wie er es nannte. Der Körperschwäche versuchte der Philosoph durch den Herkulesapparat abzuhelfen, gegen den Augenfehler wollte er sich einer Operation unterziehen und bedauerte nur, daß mein Vater nicht mehr hier lebte, da er als Operateur in so schwierigen Fällen hier noch nicht ersetzt worden war. Sein Vater war sicherlich viel leichter in seinem Steueramte zu ersetzen, er hatte sich jedenfalls in dieses Schicksal gefügt, im Gegensatz zu dem Sohn, der in jeder Hinsicht ›mit der geballten Faust dem Schicksal in den Rachen greifen‹ wollte, wie es der Heros Beethoven gesagt hatte. Wir sprachen, an einem Kaffeehaustisch im Freien sitzend, auch von dem künftigen Beruf. Mein ehemaliger Schüler Jagiello, den ich am Abend aufsuchen wollte, hatte die Reifeprüfung noch nicht bestanden, weil er im letzten Semester durchgefallen war. Perikles sah ihn öfter, wollte aber heute abend nicht mit zu ihm kommen und sprach mit Verachtung von dessen ›Steckenpferd‹. ›Nationalökonomie?! Auch eine Wissenschaft!‹ Der altadelige, sehr reiche Sohn eines polnischen Obersten und einer französischen Mutter aus hohen Finanzkreisen interessierte sich nämlich für die Frage der proletarischen Kinderarbeit und hatte darüber Studien begonnen, die freilich keinen Wert haben sollten. Auch mein Perikles hatte schon Aufzeichnungen über seine Gedanken gemacht und eine kleine Abhandlung in seiner elenden Handschrift an einen Professor der Philosophie in Deutschland gesandt. Sie muß dort offenbar Eindruck gemacht haben, denn Perikles hatte eine Antwort bekommen, die er, als wir am Spätnachmittag noch einmal in seine Behausung hinaufsahen, in dem Universalschrank suchte, diesmal aber unter der reinen Wäsche. Endlich fand er sie, genügend zerknittert. Ich sah nur die Anrede: Sehr geehrter Herr Kollege! So war er von dem Geheimrat als dessen Kollege angesehen worden! Ein junger, halbblinder Mensch von noch nicht neunzehn Jahren. Auf ihn schien dies keinen großen Eindruck gemacht zu haben, er knäuelte das Papier zusammen und warf es in einen Winkel. Er fand alle Universitätsbonzen ›hassenswert und erbärmlich‹. Auch sein Vater, der sich kaum mehr auf den Beinen halten konnte, war mit dieser Verachtung der offiziellen Philosophie der Hochschulen einverstanden. Immer wieder kam ich auf die Frage des künftigen Berufs, denn sie beschäftigte mich nach meinem Vater am meisten. ›Und was hast du eigentlich vor?‹ fragte Perikles. ›Ich studiere Medizin‹, sagte ich stolz. ›Sososo‹, antwortete er, ›du hast mich eigentlich mißverstanden, ich meinte, was hast du heute abend vor? Willst du wirklich mit diesen Halbmenschen (dem Obersten und Jagiello) deine Zeit vergeuden?‹ Ich ging nicht weiter darauf ein. ›Und was willst du werden‹, fragte ich naiv. ›Werden?‹ gab er zurück. Ich verstand und schwieg. Sein Lebensweg war von ihm selbst vorgezeichnet. Er hatte keinen solchen Vater wie ich. Ich seufzte auf, denn ich sah voraus, daß es noch Kämpfe mit meiner Familie geben würde, bevor ich mit Recht sagen könnte, ich studiere Medizin. Diesmal verstand er mich falsch und fragte mich, unwillkürlich wärmer werdend und näher rückend: ›Hast du auch Kummer? Die Weiber! Welch eine banale Rasse – und doch! Hast du auch eine unglückliche Liebe?‹ Ich wollte ihn keinesfalls verletzen und seufzte nur noch einmal. Weshalb ihm von meinen Erlebnissen mit Vally erzählen? ›Ja‹, nickte er, ziemlich zufrieden, ›es ist schwer. Ich liebe. Der Name tut nichts zur Sache. Es ist eine Frau von Größe, böse, aber großartig. Ich habe ihr einen Heiratsantrag gemacht, aber sie sagt, ich sei viel zu jung, und sie müsse es sich überlegen. Sie will einen pensionsberechtigten Beamten; mag sein! Aber es gibt keinen pensionsberechtigten Philosophen.‹ Als ob er fürchtete, daß ich doch von einem etwas glücklicheren Erlebnis erzählen könnte, drängte er zum Aufbruch. ›Hast du auch Handschuhe?‹ Ich konnte ihm nicht sagen, daß man nicht mit einem Touristenrucksack – und mit Glacéhandschuhen erscheinen konnte. ›Beeile dich‹, fuhr er fort. ›Du kannst nicht zu nachtschlafender Stunde zu dem Obersten kommen, Kleiner!‹ Ich hätte es getan. Aber da ich ihn sehr gut verstand, auch die winzige Regung von Neid, die nicht von ihm gewichen war, seitdem er meine dummen Leistungen beim Herkules-Apparat gesehen hatte, folgte ich seinem Rat, schnürte schnell den Rucksack wieder auf, holte ein paar Lederhandschuhe heraus, welche die treue Vally einzupacken nicht vergessen hatte, und wir machten uns auf den Weg. Wir sprachen nichts mehr. Aber wir waren uns trotz allem von den ersten Freundschaftsjahren so ans Herz gewachsen, daß wir uns schwer trennen konnten und lange vor dem prachtvollen Haus des Obersten auf- und abgingen. Endlich sagte er, seine feinen, spinnenartigen Finger unter meinen Rucksack schiebend, wie um zu prüfen, wie schwer ich zu schleppen habe: ›Es ist genug, du schwitzt wie ein Neger, wir müssen uns trennen.‹ ›Wenn du willst, bleibe ich den ganzen Sommer bei dir‹, sagte ich, voll Freude über seine Anteilnahme. ›Du bist wohl ...‹ sagte er und tippte an meine Stirn, ›was fällt dir ein? Den ganzen Sommer mit mir Stubenhocker und meinem Erzeuger, dem alten Bsuff! (Betrunkenen). Geh nur, geh!‹ Dieses Geh nur, geh, kam mir bekannt vor. Ich hatte es ja in der bewußten Nacht von meiner Vally gehört. Ich kramte aus den Tiefen meines Rucksackes eine Konservenbüchse heraus, die mir vorhin beim Suchen nach dem Handschuh in die Hände gefallen war. Es war Schweinsgulasch, wie es die Touristen in dem Bergnest verlangten, um es als eiserne Ration bei den Gletschertouren zu verwenden. Ich wollte es Perikles schenken, und er nahm es nach langem Widerstreben an. Endlich nahmen wir Abschied. Als ich oben bei meinem Bekannten Jagiello und bei seiner entzückenden, aschblonden, schmalhüftigen, zarten, grauäugigen Schwester Eveline angekommen war und einen Augenblick ans Fenster trat, sah ich ihn, Perikles, den kriegerischen Philosophen, vor dem Haus auf und ab gehen. Im Grunde blieb er, der er war, und das tat mir sehr wohl. Er war der meine. Von der Familie des Obersten wurde ich so verwandtschaftlich aufgenommen wie immer, und am nächsten Morgen reisten wir alle ab. Sie hatten nur noch auf mich gewartet. Wir verlebten schöne Tage auf dem Gut. Ich verliebte mich in die Schwester meines Freundes, es kam sogar zu einigen schüchternen Küssen und zu einer halben Verlobung – aber alles blieb in der Schwebe, denn wir sprachen nicht über unsere Liebe. Ich hätte glücklich sein können, hätte ich nicht unter der alten Unruhe gelitten. Meine Zukunft war der erste Grund dazu, das Leben und die Gesundheit meiner lieben Mutter der zweite. So unsinnig es mir selbst vorkam, machte ich meinen Vater für beides verantwortlich. Ich sah keinen Grund, weshalb er mir meinen Wunsch verweigerte, den Beruf zu wählen, für den ich mich nun einmal geeignet glaubte, und – ich sah auch keinen Grund, weshalb meine arme Mutter, eine Frau von über 39 Jahren, sich den Gefahren einer neuen Schwangerschaft hatte aussetzen müssen, und nur von diesen Gefahren waren ihre langen, schwer leserlichen Briefe erfüllt. Mitten in dem lustigen Getriebe auf dem galizischen Gut, wo es täglich eine Menge neuer Gäste und eine Unzahl von Zerstreuungen gab, wurde ich den Gedanken an meine Mutter nicht los, ich entsann mich der Aufregungen und Leiden, die ich vor der Geburt von Judith in dem Knabenheim mitgemacht hatte. Ich konnte sie nicht vergessen. Meine Mutter schwenkte aber plötzlich um. Ohne daß sich etwas geändert haben konnte, wurde der Ton ihrer Briefe anders, die Briefe kamen in längeren Zwischenräumen, sie erzählten jetzt nur von vielen Kleinigkeiten. Wie sollte ich das verstehen? Es kam der Augenblick, wo Jagiello in die Schule in meiner Heimatstadt zurückmußte. Ich wollte, wie wir es seinerzeit besprochen hatten, wieder zu meiner Familie. Ich deutete dies in meinen Briefen nach Hause an, es kamen aber nur ausweichende Antworten. Endlich richtete ich an meinen Vater eine entschiedene Frage. Er antwortete durch den Mund oder die Hand meiner Mutter, ich solle, wenn möglich, noch bis Mitte Oktober bei der Familie Jagiellos bleiben, er wäre bereit, eine kleine Entschädigung für die Unkosten zu zahlen. Davon war nun keine Rede. Ich wurde von dem Obersten wie ein Kind des Hauses betrachtet, und wir waren denn auch schon eine Art kleiner Familie. Und doch fühlte ich, ich konnte nicht immer bei ihnen leben, ich hatte andere Aufgaben. Endlich kam, als ich schon mit dem Obersten in meiner Heimatstadt war, die glückliche Nachricht von der Ankunft eines kleinen Bruders. Ich telegraphierte meinen Glückwunsch und erwartete, daß man mich sofort heimberufen würde. Aber nichts dergleichen erfolgte. So ging, während mich eine fast unerträgliche Unruhe plagte, die zweite Hälfte Oktober vorüber. Eveline, etwas kränklich und sehr verstimmt, reiste ab. Perikles war nicht mehr hier. Er war in die deutsche Universitätsstadt gefahren, deren Professor sich für ihn so lebhaft eingesetzt hatte. Ich half Jagiello bei seinen Schularbeiten. Endlich kündigte ich meiner Familie meine Ankunft auf Ende Oktober an. Da keine Gegenordre kam, reiste ich ab. Zu Hause fand ich alles verändert. Meine Mutter war noch mehr angegriffen als nach der Geburt Judiths, sie konnte das Neugeborene nicht stillen, man hatte eine Amme aufnehmen müssen. Da der Platz in unserem Hause beschränkt war, mußte man entweder Vally entlassen oder außer dem Hause einquartieren. Das letztere war erfolgt. Tagsüber tat Vally ihre Arbeit wie immer, abends suchte sie ein kleines Stübchen in einem der Häuser auf, die meinem Vater gehörten. Mein Zimmer war zwar unberührt geblieben, aber Judith zeigte eine solche Feindseligkeit gegen das neugeborene Brüderchen, daß man sie, so gut es ging, absondern mußte. Meine Mutter konnte sich ihr nicht immer widmen, es mußte eine geprüfte Kindergärtnerin aufgenommen werden, und Judith sollte mit der Kindergärtnerin zusammen mein Zimmer bewohnen. Aber Judith konnte sich von Vally nicht trennen, sie liebte sie. So war alles noch unsicher. Meine arme süße Mutter beschwor mich unter Tränen (eine Sekunde später aber lächelte sie schelmisch, denn die allgemeine Verwirrung, treppauf-treppab, machte ihr Spaß), ich solle ›einstweilen‹ vorlieb nehmen. Gern. Aber wie? Sollte auch ich in einer der Zinskasernen meines Vaters einen Winkel zum Unterschlüpfen erhalten? Ich lächelte auch jetzt, mir war dies die am wenigsten wichtige Frage. Schließlich fand ich in einer Kammer, wenn auch nicht viel Platz, so doch meine Ruhe. Mein Studium war mir die Hauptsache. Die Subskriptionsfrist auf der medizinischen Fakultät konnte in Ausnahmefällen bis in den November hinein verlängert werden, davon gedachte ich Gebrauch zu machen. Ich drängte meinen Vater. Meine Mutter stand auf meiner Seite, oder sie tat so, denn später habe ich erfahren, daß die Entscheidung über meine Zukunft bereits gefallen war, alles war längst entschieden, fest besiegelt, und zwar nicht in letzter Zeit, sondern schon seit Jahren, nach dem unseligen Geburtstagsgeschenk für meinen Vater, dem ›Diebstahl‹ des Buches über die Irren etc. Ich hatte es nicht gewußt und hätte es nie geglaubt, wenn es mir Vally nicht berichtet hätte, die nie gelogen hatte. Sie hatte ein Gespräch zwischen meinen Eltern über diesen Punkt gehört. Damals aber wußte ich von nichts. Mit Vally sprach ich kaum, obwohl unsere Leidenschaft, ein ganz anderes Gefühl als das für Eveline, aber vielleicht auch eine Art Neigung, nicht erloschen war und noch nicht erloschen sein konnte. Ich setzte bei meinem Vater durch, daß er mich zu einer entscheidenden Aussprache – der wievielten im Lauf der letzten Jahre? – empfing, und zwar in seinem Sprechzimmer. Als ich pünktlich kam, waren noch Patienten da, sie wurden einer nach dem anderen hineingerufen. Ich sah ihre mit weißen Verbänden oder schwarzen Tüchern bedeckten Augen, sah die Brillen, hinter denen die ausgeschnittene Regenbogenhaut, die verzerrten Pupillen und die sonderbar leuchtenden Hintergründe der Augen zu sehen waren, bei denen mein Vater eine Staroperation vorgenommen hatte. Im Grunde aber sah ich nur sein Gesicht, wenn er innerhalb der Portiere aus grünem Samt auftauchte, um einen Patienten zu entlassen oder einen anderen in Empfang zu nehmen. Endlich war ich an der Reihe. Ich trat ein. Er setzte sich nicht auf den alten, wohlbekannten Fauteuil hinter seinem Schreibtisch, sondern ging im Zimmer umher, verschwand ab und zu auch in den ›Spiegelraum‹, der sich an das Ordinationszimmer anschloß, brachte dort die Instrumente in Ordnung. Ich aber saß auf meinem Stuhl, sprach und sprach, und wußte nicht einmal, ob mir mein Vater folgte. Unsere Unterredung dauerte nicht lange. Ich brachte meinen alten Wunsch vor. Er sagte, anfangs scheinbar gewillt, soweit wie möglich auf meine Wünsche einzugehen: ›Es hat aber doch seine Schwierigkeiten. Hast du es dir denn genügend überlegt?‹ Ich nickte. ›Und wenn du anfängst und dir dann nach ein paar Jahren der Atem ausgeht und du die Lust an der Sache verlierst, was dann? Das Medizinstudium dauert am längsten. Bringst du es nicht zu etwas Ordentlichem, hast du deine ganze Jugend vergeudet. Akademisches Proletariat? Was gibt es schlimmeres, sag selbst!‹ ›Ich werde mir alle Mühe geben‹, sagte ich. ›Ich weiß, ich weiß, daran fehlt es ja bei dir nie, aber glaubst du, daß du die nötige Begabung hast?‹ ›So begabt wie viele andere werde ich vielleicht auch sein.‹ ›Wie viele andere? Mittelmäßige Ärzte gibt es genug. Sie sind eine wahre Pest, sie richten nur Schaden an und verderben die Preise. Und vor allem: du bist zu unruhige sagte er, wie abschließend, ›ein Arzt, der diese innere Unruhe hat, verbreitet sie auch bei seinen Kranken um sich. Schon Paracelsus sagt, ein Arzt müsse seiner sicher sein und gewiß. Du bist zu weich. Ein Messer, das schneidet, muß scharf sein, sonst hilft es nicht.‹ ›Ich werde auch dazu genug Kraft haben, wenn es sein muß. Ich bin nicht übertrieben weich. Ich bin ja noch jung. Es ist mir wichtig, sonst bestünde ich nicht auf meinem Willen. Du weißt ja, Papa, wie gern ich dir den Willen täte, aber ...‹ ›Aber‹, unterbrach er mich, ›immer sprichst du von Liebe. Aber eine Art Opfer bringen? Einem erfahrenen Menschen gehorchen, der dein Bestes will?! Nimm doch Vernunft an.‹ ›Nein‹, sagte ich, ›ich weiß, daß dies mein Beruf ist. Es ist ... ich handle unbedingt mit Vernunft, wenn ich dich bitte, mir keine Hindernisse in den Weg zu legen.‹ Und ich erzählte von meinen Kuren in A., die mir unlängst wieder in Erinnerung gekommen waren, von der Heilung des Bettnässers und von dem Einsetzen des ausgebrochenen Eckzahnes. ›Ach so, ach so?‹ fragte er, jetzt die Stimme zum erstenmal erhebend. ›Das beweist nur, daß ich recht habe. Du hältst diese Kunststückchen, kindisch wie du bist, für Beweise ärztlichen Könnens. Ich nur für Anlage zur Scharlatanerie.‹ ›Mir ist die Kur doch gelungen!‹ ›Beweist nichts, beweist absolut nichts. Du hast eben mehr Glück gehabt als Verstand. Was du getrieben hast, ist Kurpfuscherei. Hast du dir Rechenschaft gegeben, was geschehen wäre, wenn dir diese Wunderkuren mißglückt wären? Nein! Es wäre unverantwortlich von mir, dich auf die leidende Menschheit loszulassen. Medizin ist nicht dein Beruf.‹ ›Also, was dann?‹ ›Was dann?‹ fragte er etwas milder. ›Alles, was du sonst willst, Ich persönlich bin der Ansicht, ein Akademiker in unserer Familie sei genug. Werde Kaufmann, akademisch gebildeter Kaufmann meinetwegen. Du siehst, ich widerspreche mir, in dem Wunsch, dir Freude zu machen. Ich kann mich nicht der Vertretung aller meiner Interessen widmen. Tu dies für mich. Ich brauche einen Menschen, der treu ist. Zu dir habe ich nun einmal dies Vertrauen trotz deinen Jugendstreichen mit den Dukaten und der Unterschrift.‹ (Er lächelte voller Güte.) ›Du erbst einmal mein Vermögen, nach deiner Mutter und gemeinsam mit den Geschwistern, versteht sich. Ist es nicht besser, mein Vermögen zu erben als den aufreibenden Beruf, durch den ich es mir verschafft habe?‹ ›Aber gerade das will ich! Ich will nichts anderes, als dein Erbe in dieser Weise übernehmen. Am Geld liegt mir nichts.‹ ›Du sprichst wie ein Kind! Nein, wie ein Gymnasiast. Ein verbildetes Hirn. Höchste Zeit, daß du mit den Tatsachen des Lebens und der Wirtschaft Bekanntschaft machst ...‹ ›Aber ich will Medizin studieren!‹ wiederholte ich. ›Aber ich will es nicht!‹ ›Und warum?‹ ›Weil ich nicht will. Es ist Eigensinn bei dir, wie bei so vielen elenden Kurpfuschern, die ihren Willen durchsetzen, auch wenn der arme Patient durch ihren Starrsinn schon am Rande des Grabes ist. Mich hat man zu diesem Beruf gezwungen. Wäre ich an deiner Stelle gewesen ... Wäre ich heute so jung und hätte das ganze herrliche wunderbare Leben vor mir wie du ... ich beneide dich.‹ Ich schwieg. Inzwischen war die Tür ins Wartezimmer gegangen, was man trotz der filzgefütterten Türen des Sprechzimmers hörte, es waren neue Patienten gekommen. Mein Vater wurde etwas ungeduldig, aber ich rührte mich nicht von der Stelle. ›Ich sehe‹, sagte er endlich, ›so rühren wir uns nicht von der Stelle. Ich mache dir einen letzten Vorschlag. Du nimmst einen Kursus auf der Handelshochschule, wo du dich, soviel ich weiß, in der besten Gesellschaft befindest. Sollte es sich wider Erwarten herausstellen, daß du an Weltgeographie, Sprachen, Wechselrecht, Handelsrecht, Buchführung etc. kein Interesse hast, an Gegenständen, die mich reifen Mann brennend interessieren und in denen ich dann bei dir in die Schule gehen möchte, willst du? – wenn du es also dort durchaus nicht aushalten kannst und mir auf der ganzen Linie Unrecht gibst, so kannst du dich im Sommersemester zum Militärdienst melden, und im nächsten Herbst studiere in Gottes Namen, was du willst.‹ ›Du sagst aber selbst‹, erwiderte ich, ›daß das Medizinstudium das längste ist. Wie kannst du von mir verlangen, daß ich da noch ein Jahr verlieren soll?‹ ›Verlangen? Verlangen?‹ und seine Stimme nahm einen wärmeren Ton an, von dem kein Mensch auf Erden hätte sagen können, ob er echt oder gespielt war, ›sind wir denn Gläubiger und Schuldner, die etwas von einander verlangen ? Sind wir denn nicht Vater und Sohn? Bist du nicht mein Erster, der Älteste, an den ich die meisten Hoffnungen geknüpft habe? Verstehe mich doch, bitte.‹ Er rückte nahe an mich heran. ›Was will ich denn? Deine Existenz auf Lebenszeit sichern. Ich will, daß du ein regelmäßiges, anständiges Einkommen hast, daß du eine Frau aus unseren Kreisen heiraten, sie und deine Kinder standesgemäß erhalten kannst, und daß du aus diesem schweren Leben alles herausziehst, was ein Mensch daraus holen kann.‹ ›Aber das ist kein Hindernis ...‹ unterbrach ich ihn. Er ließ mich nicht aussprechen: ›Ich habe doch nur dein Glück im Auge. Du bist jung, du kennst dich nicht. Ich bin erfahren, ich glaube dich zu kennen. Kannst du mir denn je ein gefährlicher Konkurrent sein?‹ ›Das will ich gar nicht.‹ ›Kann man uns denn je miteinander verwechseln? Nein! Leider! Ich sage es dir ganz offen, weil du mich durch deinen häßlichen, wenn auch durch deine Natur verständlichen Starrsinn dazu zwingst. Ich beobachte dich seit Jahren. Ich mache mir genug Gedanken über dich, wie es meine Pflicht ist als Vater.‹ ›Du kennst mich vielleicht doch nicht ganz‹, sagte ich, glaubte aber mir selbst nicht, als ich dies sagte. ›Ja, wenn ich annehmen könnte, daß du die geringste Begabung zu diesem undankbaren Berufe hast, so würde ich dir selbstverständlich mit tausend Freuden alle Schritte erleichtern. Dich treibt aber irgendeine Leidenschaft. Ein Mensch nun, der starken Leidenschaften unterworfen ist, ist nicht der Mann für die Leiden der Kreatur. Du hast ein gar zu reiches Herz. Du hast keine ruhige Hand.‹ Er sprach so überzeugt, daß ich in meinem Plane zum erstenmal, seitdem ich mich entsinnen kann, wankend wurde. Das Telephon auf seinem Tische schlug an. Er ließ es lange läuten. Er sah mich an, bis endlich seine Hand, die schöne, weiße Hand mit den oval geschnittenen rosigen Nägeln nach dem Hörer des Apparates tastete. Endlich sagte er, man möge später noch einmal anrufen. Er läutete kurz ab. Er kümmerte sich nur um mich. Ich war die Hauptsache. ›Hab Geduld!‹ sagte er, sehr weich. Ich sah seine Haare an den Winkeln der Stirne etwas gelichtet und die Schläfen etwas gehöhlt. ›Vertraue dich mir an. Was ist ein halbes Jahr? Wenn du inzwischen eine andere Seite des Lebens kennengelernt hast, ist es natürlich nicht verloren. Gib mir deine Hand. Schlag ein! Du wirst mir vielleicht später einmal dankbar sein.‹ Ich tat, was er wollte. Drittes Kapitel 1 Meine Mutter tröstete mich über meinen Mißerfolg hinweg durch ein kleines Geschenk, das sie bereits vorbereitet hatte, als ich ihr von meiner Unterredung mit meinem Vater erzählte; es war ein kostbarer Kamm aus Elfenbein. Vor Jahren hatte ich von ihr ›als kleines Pflaster auf eine große Wunde‹ die Kopfbürste aus Zitronenholz erhalten, jetzt hatte ich den Kamm dazu. Ich lächelte etwas bitter und ging in meine Kammer, um an meine Freunde Perikles und Jagiello zu schreiben. Perikles sagte ich die ganze Wahrheit. Jagiello verschwieg ich sie vorläufig, denn ich bildete mir ein, es könne mir in den Augen seiner Schwester schaden, daß ich meinen Willen in einer so wichtigen Sache nicht durchgesetzt hatte. Die Vorlesungen in der Handelshochschule hatten bereits begonnen. Lag es daran, daß ich also ihren Anfang nicht mitgemacht hatte, lag es an der freien Wahl, für die ich vielleicht nicht reif war – ich besuchte die Vorlesungen unregelmäßig, manches blieb haften, denn ich hatte von meinem Vater ein sehr gutes Gedächtnis geerbt, manches, das meiste, ging spurlos vorüber. Meist saß ich da, zeichnete Figuren, dachte an Eveline, an alte Zeiten, wie an die ›Pilgerim‹, an Vally, den Garten, oder an nichts. Abends war ich oft mit meinen neuen Kameraden zusammen. Mein Vater hatte nicht übertrieben, es waren meist Söhne aus sehr reichen Häusern, fast alles Erben großer Fabriken oder anderer Unternehmungen. Wir spielten im Café Billard, Karten, Schach, es gab viele Einladungen von Haus zu Haus, man tanzte, es gab Liebeleien, alles in Ehren – sehr zeitraubende, im Grunde ganz oberflächliche Beziehungen, eben nur von Haus zu Haus, nichts mehr. Nachher, nachts, natürlich auch anderes, wie es den flotten Gewohnheiten dieser Jugend entsprach. Meinem Vater fiel meine Trägheit auf. Hatte er mit etwas anderem gerechnet? Er nahm mich jetzt öfters abends in Anspruch, er führte mich in seine seit Jahren geplante wissenschaftliche Arbeit über die Messung des Augendrucks ein und schlug mir sogar vor, ihm als Sekretär zu dienen. Noch einige Wochen vorher hätte ich mich, beglückt von dieser Ehre, mit Feuereifer in eine solche Arbeit gestürzt. Nun betrachtete ich sie als Last. Ich schrieb gelangweilt nach, was er mir stockend diktierte, aber ab und zu schrieb ich so undeutlich, daß ich meine eigene Kritzelei am nächsten Tage nicht lesen konnte. Mein Vater verlor die Geduld nicht. Seitdem er seinen Willen in bezug auf meine Zukunft durchgesetzt hatte, zeigte er nichts als Güte und Nachsicht. Inzwischen kam die Antwort von Perikles, die ich so sehnlichst erwartet und von der ich sogar geglaubt hatte, sie würde mich aus meiner Trägheit aufrütteln, denn im Grunde fühlte ich, daß es nicht lange so weitergehen konnte. Perikles schrieb ausführlich, aber leider nichts von dem, was ich erwartet hatte. ›Welches Interesse kannst Du haben, Kranke und Krüppel heil zu machen oder die Irren weise? Nein! Es ist die ewige Schwäche des Geistes, immer auf seiten des Schwächeren zu sein. Aber es gibt auch eine Tugend der Stärke und ein Gesetz der freudigen Mitleidslosigkeit. Du hast eine glänzende Zukunft vor Dir; gesund, als Erbe eines großen Vermögens, frei, Dich zu bilden, wie Du willst, zu genießen, wo Du kannst, zu herrschen, wo Du mußt. Ich habe mit Bescheidenheit begonnen und mit Tapferkeit aufgehört. Vielleicht ist die Natur, die Krankheiten und Leiden schafft, weiser als der Arzt, der sie, ohnmächtig genug, bekämpfte Er schrieb weiter von einer großen Liebe zu einem diesmal wahrhaft durchaus einzigartigen Wesen und von dem Bestreben, in ihr einen neuen Kontinent zu erobern. Er vergaß aber auch seinen ›Alten‹, den vorzeitig pensionierten Steueradjunkten nicht, und bat mich, bei meinem Vater, dem ›Herrn Professor‹, ein Wort für den ungerechterweise entlassenen Beamten einzulegen, dessen Vorgesetzten mein Vater früher einmal behandelt hatte. Bei einer der nächsten Arbeitsstunden, während mein Vater mit dicken Schweißtropfen auf der Stirn im Zimmer umherging, um eine neue, originelle Idee, eine geniale Erleuchtung über einen dunklen Punkt in der Augenheilkunde, die sogenannte sympathische Augenentzündung, zu finden, brachte ich meine Bitte, sich für den Vater meines Freundes zu verwenden, vor. Mein Vater, dem die wissenschaftliche Arbeit ebensowenig Vergnügen machte, wie mir die Arbeit als sein Sekretär, war froh über die Unterbrechung. Er ließ sich jetzt alles von mir auseinandersetzen. Dann aber zuckte er die Achseln. ›Kannst du denn gar nichts für ihn tun? Ihm ist sicher von der Obrigkeit Unrecht geschehen‹, sagte ich. ›Halt, halt!‹ rief mein Vater, ›die Obrigkeit hat immer recht. Denn wer wollte sie hindern?‹ Auf solche Worte, die mein Vater sich in den letzten Jahren angewöhnt hatte, wäre es müßig gewesen, zu antworten. Also schwieg ich über diesen Punkt, zog mir die Ungnade meines Jugendfreundes zu, und trachtete nur, möglichst bald diese Schreiberei für meinen Vater loszuwerden, um in das Kaffeehaus gehen zu können, wo ich einer der besten und leidenschaftlichsten Billardspieler geworden war, ein so guter, daß ich Partien um Geld spielen konnte. Aber was sollten mir diese Beträge? Ich gab sie aus, wie ich sie gewonnen hatte, und wenn ich Geld brauchte, forderte ich es mit Unverschämtheit von meinem Vater, der es mir nicht zu verweigern wagte. Ja, er fragte mich nicht einmal, wozu ich es brauchte. Er schien sich jetzt mehr an mich anzuschließen. Vielleicht sah er im Grunde selbst ein, daß er mich nicht auf den richtigen Weg geführt hatte, ich weiß es nicht. Meine Mutter benützte mich jetzt ab und zu als Mittelsmann für delikate Aufgaben. Eine solche lag in der Entlassung unserer alten Köchin, die wir ebenso wie Vally aus meiner Heimatstadt mitgenommen hatten. Meine Mutter hing an ihrem Gesinde, und, was weiter nicht merkwürdig war angesichts ihrer Güte, ihre Leute hingen auch an ihr. Nun hatten wir eine Wohnung im zweiten Stock unseres großen Mietshauses, das so modern war, daß es einen hydraulischen Aufzug besaß. Dieser war, wie damals allgemein, den ›Herrschaften‹ (ausschließlich) zur Verfügung gestellt worden. Unser altes Küchenfaktotum konnte aber seit einiger Zeit die Treppen nicht ohne Mühe steigen. Mein Vater war es in eigener Person, der Asthma und Herzschwäche bei ihr festgestellt hatte. Tagsüber mußte sie viele Besorgungen machen, oft der Billigkeit wegen in entfernte Quartiere wandern und mit schwer bepackten Körben wiederkehren, und wir hörten sie oft, vielleicht absichtlich das Schnaufen übertreibend, die Treppen hinaufkommen und auf jedem Absatz haltmachen. Ich war jung, ich sprang die Treppen zu zwei oder drei Stufen auf einmal hinauf. Ich gab also in meiner Einfalt der Köchin den Liftschlüssel. Alles wäre gut gegangen, hätte mein Vater es nicht bemerkt, als er eines Tages zu ungewöhnlicher Stunde heimkehrte. Nicht, daß er etwas gesagt hätte, er war sogar so galant, daß er die Tür vor der alten, dunkelrot angelaufenen, mühsam atmenden ›Küchenfee‹ öffnete. Aber nachher setzte er meiner Mutter auseinander, die Köchin müsse wie das andere Personal des Hauses zu Fuß die Treppen hinaufklimmen. Meine Mutter wagte nichts einzuwenden, sie schickte mich vor, und ich machte den Anwalt, so gut ich konnte. Mein Vater sah mich spöttisch an. ›Seit wann bist du der Fürsprecher der Erniedrigten und Beleidigten, seit wann beschäftigt dich die soziale Frage?‹ Ich antwortete, daß ich nichts von der sozialen Frage verstünde (ohne zu wissen, welche Blöße ich mir damit gab), daß ich aber glaube, daß die alte Köchin entweder den Liftschlüssel zurückbekommen müsse oder den Dienst verlassen werde. ›Weder das eine noch das andere‹, sagte mein Vater. ›Es ist keine Pedanterie, sondern es ist ein Grundsatz für mich, und ich lege ihn dir dringend ans Herz, wenn du einmal daran denkst, unseren Grundbesitz zu verwalten, daß solche Erwägungen und Herzensregungen wertlos sind. Für beide Teile. Wo hat je in früheren Zeiten ein Küchentrampel an automatischen Aufzug gedacht?‹ ›Aber sie ist doch krank‹, erwiderte ich, ›du hast es selbst festgestellt.‹ ›Als Arzt habe ich es festgestellt, aber nicht als Hausbesitzer. Wir vermieten die Wohnungen zu einem recht anständigen Preis. Wir können den hochherrschaftlichen Mietern, ihren Damen und Kindern nicht zumuten, daß sie im Lift mit einer Fee in ihren verschwitzten Kleidern hinauffahren sollen, oder daß sie unten warten, während der Dienstbote in die Höhe entschwebt.‹ ›Aber sie hat doch ihr Leben lang für unsereins gearbeitet?‹ ›Und wir wieder für sie. Ich dachte, in der Handelshochschule und in deiner neuen Umgebung aus Industriellenkreisen würde dir die soziale Frage aufgehen. Wir sind keinesfalls da, die sozialen Unterschiede zu verwischen. Die Gesellschaft privilegiert uns, dank diesen Vorurteilen, wenn du willst. Unsere Pflicht ist es, sie, die Gesellschaft, wie sie nun einmal ist, zu erhalten. Der Dienstbote im herrschaftlichen Lift, das ist die Revolution.‹ Diese Antwort brachte ich meiner Mutter, die sie ebensowenig verstand wie ich. Seltsamerweise verstand das alte Dienstmädchen die Antwort sehr gut. Sie besaß nicht genug Ersparnisse, sie konnte noch nicht auf ihr Dorf zurück, um dort zu sterben. Aber sie wußte, daß sie mit einem guten Zeugnis von der Hand meines Vaters einen trefflichen Posten anderswo finden würde. Und meine Familie zeigte sich, darf ich sagen, gütig. Wenigstens erschöpfte sich die alte Köchin in aufrichtigen, überströmenden Ausbrüchen von Dankbarkeit, als sie von meiner Mutter zum Abschied ein Monatsgehalt und ein altes Seidenkleid, und von meinem Vater ein sehr gutes Zeugnis erhielt. Und das sonderbarste, sie warnte einen neu eintretenden Dienstboten vor uns, meiner Mutter und uns Kindern wegen ihrer Ansprüche, war aber des Lobes voll über meinen Vater und hat ihn später in der Ordination aufgesucht, wo er sie empfing, obwohl er sonst nur Augenkranke, und zwar gut zahlende, bei sich im Sprechzimmer sehen wollte. (Die Pilgerims hatte er immer seinen Assistenten anvertraut.) Ihm war und blieb sie immer dankbar. Ich führte mein Leben weiter, ich zählte die Tage und Wochen nicht mehr, sah keine besonderen Ereignisse mehr vor mir, die Hauptsache wurde mir jetzt – Vally, die ich lange Zeit ziemlich vernachlässigt hatte. Durch meine neuen Bekannten hatte ich – außer dem Billard und Kartenspiel – auch die Vergnügungen der Liebe kennengelernt. Ich nenne sie absichtlich Vergnügungen, denn es waren keine Freuden, und sie enttäuschten mich tief. Ob ich sie genoß oder nicht, war im Grunde gleichgültig; es war mir gleichgültig geworden, ob ich den Vorlesungen der Handelshochschule irgendeinen Vorteil abgewann. Die kurzen Briefe Evelines, die mich in den ersten Wochen daheim immer bis aufs tiefste erregt hatten, fingen an, mich kalt zu lassen. Ich zweifelte daran, ob ich überhaupt lieben könne. Auch Vally schien an einer glücklicheren Zukunft zu verzweifeln. Sie hatte meiner Mutter angedeutet, daß sie in absehbarer Zeit ins Kloster eintreten wollte. Ihre Tante lebte in einem solchen Stift in der Nähe von Brixen in Südtirol. Meine Mutter wollte es nicht glauben. Sie sah in Vally mehr eine junge Freundin als eine mit Geld und nur mit Geld zu entlohnende Dienstperson. Nun hatte sie den alten Hausgeist, die Köchin, gehen lassen müssen, die übrigens in einem anderen Hause ruhig ihre steilen drei Treppen auf und abwärts wanderte, wogegen sie sich in unserem Hause so sehr gesträubt hatte. Und nun sollte auch Vally uns verlassen? Mein Brüderchen, Viktor, entwickelte sich zwar günstig, aber es war schwächlich, und alle atmeten auf, als es die ersten sechs Monate hinter sich hatte, denn die Kinderärzte hatten diese Zeit als kritisch angesehen. Judith war jetzt wie verwandelt. Ich hatte ihr eingeredet (um ihre Eifersucht gegen das kleine Brüderchen zu beschwichtigen), daß Viktor jetzt ihr, Judiths Eigentum sei. Ihrem Eigentum ließ Judith natürlich nichts geschehen, und so versöhnte sie sich allmählich mit der Existenz des kleinen, hilflosen Wesens, stellte ihre eigenen Wünsche, die sie bis jetzt mit großem Eigensinn verfochten hatte, hinter Viktor zurück – und sie konnte verzückt, ihre riesige Puppe im Arm, an der anderen Hand ihren Bären aus braunem Plüsch haltend, vor dem Kinderbettchen Viktors stehen, in dem auch sie, Judith, früher gelegen hatte, oder dem schlafenden Bruder bald das eine, bald das andere Spielzeug oder bei Gelegenheit sogar einen Leckerbissen anbieten, schwankend zwischen dem Wunsch, ihrem Bruder, der ihr gehörte, etwas zu schenken (sonst schenkte sie keinem etwas, nicht einmal mir), oder es doch lieber für sich zu behalten. Daher hatte sie ihn am liebsten, solange er schlief. Meine Mutter hätte eine Vally, die ihr soviel Mühe und Verantwortung in dem allmählich üppig gewordenen Haushalt abnahm, nicht ersetzen können. Und jetzt sollte sie die treue Seele verlieren? Wie bei der Köchin sollte ich, der große Sohn ( groß bedeutet erwachsen, weiter nichts), es sein, der alles wieder ins Gleichgewicht brachte; Ich mußte es mir nicht lange überlegen. Ich ging sofort zu ihr und war von neuem erstaunt über ihre Schönheit, die seit dem letzten Sommer das Strotzende, Unzerstörbare verloren hatte – die aber dadurch nur gewonnen hatte, wenigstens für mich. Ihre Schönheit erschreckte mich nicht mehr so wie früher, sie erweckte eher mein Mitleid. Es bedurfte nur weniger Worte, um sie davon abzubringen, ihrem Plan zu folgen. ›Was wollen Sie denn in Brixen?‹ Sie sah mich an und sagte, daß sie mir gehorchen wolle. Ich entsann mich ihrer Worte im Sommer: ›Ich bin zu alt, zu alt! Veronika ja, ich nicht!‹ Ohne daß ich es wollte, tat ich etwas Unerwartetes – wie ich glaubte, aus Mitleid. Ich gab ihr einen Kuß auf den Mund. Sie erschrak, wurde bleich, sie sagte nichts, zwischen den Augen bildete sich ihr eine ernste Falte, ich schämte mich, ich zog mich zurück, sie folgte mir bis zur Tür und schloß diese hinter mir sehr leise, wie um mir zu zeigen, daß sie nicht böse sei. Ich war es, der ihr von jetzt an immer nachkam, der sie in dunklen Ecken an sich preßte. Endlich war ich eines Spätnachmittags bei ihr in ihrem Zimmer. ›Was wollen Sie?‹ flüsterte sie, wußte es aber sicherlich ebenso wie ich. ›Sie tun mir aber nichts! Bitte, tu mir nichts!‹ sagte sie und preßte meinen Kopf mit solchem Ungestüm an sich, daß ich mich mit Gewalt losmachen mußte, denn ich dachte, sie wolle mich erwürgen. ›Tun Sie mir nichts!‹ schrie sie, als hätte sie sich zugeschworen, mir zu widerstehen, dabei aber hatten sich unsere Lippen vereinigt, und während sie mich mit den Händen von sich abhielt, zog sie mich auf alle andere Weise zu sich heran, drängte sich mir mit der ganzen zurückgehaltenen Glut entgegen und ertrug meine zerreißende, stürmische Umarmung, die Zähne zusammenbeißend, denn sie wollte mir die Schmerzen nicht zeigen, sie wollte mich in meinem ersten Glück nicht stören. 2 Ich glaube nicht, daß ich damals vollkommen glücklich war, trotzdem Vally alles tat, was sie konnte. Ich war ihr sehr dankbar. Hätte ich einen Beruf gehabt, der mich ausgefüllt und mir eine Zukunft gewiesen hätte, hätte ich meinem Vater klarmachen können, was er mir angetan hatte, hätte ich ihm beweisen können, daß ich ihn trotzdem aus ganzem Herzen liebte, und zwar so, wie Vally geliebt sein wollte oder wie sie es verdiente – lauter ›wäre‹, die sich nie in das einzig beachtenswerte war verwandelten ... Vally war von unserer Liebe so verzaubert, daß sie gar nicht daran gedacht hatte, eine solche Nacht wie die erste könnte sich wiederholen. Aber auch ich konnte mir nicht vorstellen, daß so etwas Bestand haben könnte, ich bildete mir ein, Vally würde, von jetzt angefangen, von Reue und von Gewissensbissen gequält werden, und sie würde sich mir entsetzt versagen, wenn ich wagen sollte, sie noch einmal zu bestürmen. In Gegenwart der Eltern und des immer eifersüchtigen Schwesterchens durften wir nichts zeigen, und es gelang uns nur zu gut, vor meiner Mutter und meinem Vater alles zu verbergen. Wie sich von selbst versteht, war das Mißverständnis bei zwei jungen und heißblütigen Menschen nicht von langer Dauer, eines Tages oder Abends lagen wir uns wieder in den Armen, und jetzt erst begann mit der Regelmäßigkeit unser Glück. In dieser Zeit erhielt ich einen Brief von Jagiello, der mich bitter stimmte. Nicht, daß Jagiello, der erfahren hatte, daß ich meinen Lebensplan nicht durchführen konnte, es an Neigung zu mir hätte fehlen lassen. Im Gegenteil! Daß er mir recht gab auf Kosten meines Vaters, daß er ihn mit den gewöhnlichen Maßen zu messen wagte, daß er ihm niedrige Motive, nämlich Herrschsucht und Neid auf meine Jugend, auf mein Glück bei Menschen vorwarf, das konnte ich Jagiello nicht verzeihen, ich hätte ihn einer so niedrigen Handlung nie für fähig gehalten, und ich sprach es offen aus in einem Brief, auf den ich keine Antwort mehr erwartete. Sie kam denn auch nicht. Damit war leider die Verbindung mit Eveline abgebrochen. Mir war auch dies fast gleichgültig geworden. Vielleicht fühlte ich selbst, daß ich nicht mit Vally meine Nächte verbringen und am Tage darauf schwärmerische Briefe mit unbestimmten Zukunftshoffnungen an Eveline richten dürfe. In diese Zeit fiel endlich die Ernennung meines Vaters zum Ehrenbürger von Puschberg. Vallys Vater kam zu uns, wurde mit allen Ehren empfangen, und das Diplom der Ehrenbürgerschaft wurde in dem Arbeitszimmer meines Vaters neben dem Porträt des genialen Augenarztes von B., des Lehrers meines Vaters in seiner Assistentenzeit, aufgehängt. Ich aber hielt mich von den Festlichkeiten soviel wie möglich fern. Es fiel mir schwer, Vallys Vater in die Augen zu sehen. Vally verstand es nicht. So kam ich auch zu dem Festessen, das in einem Restaurant stattfand, zu spät. Vally saß als Gast neben ihrem Vater, alle taten, als wüßten sie nichts davon, daß sie im Hauptberufe Stubenmädchen bei uns war. Zu allem andern hatte sie ihr ländliches Kostüm angezogen. Aber es paßte ihr schlecht. Aus schwarzem Taffet, plump geschnitten, mit silbernen, altmodischen Ketten überladen, machte es sie alt und etwas plump, und zum erstenmal fand ich eine Ähnlichkeit zwischen ihrer häßlichen Schwester Veronika und ihr. Meine Entschuldigung für das Zuspätkommen war meine alte, immer unregelmäßiger gehende, goldene Uhr, die ich von meinem Vater hatte. Ich brauchte bloß dieses Unding aus der Westentasche zu ziehen und mich fragend im Zimmer umzusehen – um das Gespräch auf eine andere Sache zu bringen und allen Vorwürfen zu entgehen. Ich war unruhig, ich wußte nicht warum. Eines Abends flüchtete ich mich zu meiner Mutter, sagte ihr aber nichts von dem, was mich bewegte, sondern verlangte nur etwas Trost. Meine Mutter gab mir, was ich wollte. Es war sehr einfach, einige nichtssagende Worte, ein Streicheln über meine Haare, deren reichen Wuchs und deren Weichheit sie genauso bewunderte, als wäre es das Fell einer kostbaren Katze, und das alles nicht länger als zwei Minuten hindurch, weil sonst Judith in ihrer Eifersucht mit einer Szene voller frühreifer Leidenschaft und Eifersucht antwortete – das war alles. Sie hielt mich für groß, erwachsen, und ich hätte es sein sollen. Ich schrieb lange Briefe an Perikles. Er antwortete postwendend, die Briefe kamen wie aus der Pistole geschossen, aber oft fragte ich mich, ob er meinen Brief überhaupt gelesen, ob er ihn begriffen hatte. Er lebte in einer ihm allein gehörenden Welt, so sehr, leider, daß meine Aufforderungen, sich mit mir zu beschäftigen und mir in meiner Verwirrung und Unruhe zu raten, für ihn nichts als ein Anlaß waren, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen und vielleicht irgendeinen stillen Widerstand in sich selbst niederzuringen. Dabei war er im Grunde der Alte, Perikles blieb Perikles. Vielleicht war ich es, der sich geändert hatte und etwas von einem Freund verlangte, das er beim besten Willen nicht zu geben vermochte. Immer mehr lebte er sich, trotz seiner Körperschwäche, Armut und Unschönheit und Verlassenheit in eine Rolle hinein, welche die des Imperators mit der des Philosophen vereinigen wollte. Dabei war er mir dankbar, weil ich ihn zuerst auf diese Imperatorrolle aufmerksam gemacht haben sollte. So nahm er, der sich zum Philosophen geboren glaubte wie ich mich zu einem Arzte, meine kindische überhebliche Ausdrucksweise vor so und so viel Jahren zur Leitlinie seines Lebens! Aber je mehr ich ihm schrieb – den wahren Sachverhalt konnte ich ihm nicht andeuten –, desto mehr Mißverständnisse. Denn er glaubte, ich sei in der Liebe unglücklich, man würdige mich nicht, er riet mir zu eiserner Willensstärke, zu heroischer Entsagung und ließ dabei durchblicken, daß er für seinen Teil sich bei wunderbaren, wenn auch leider käuflichen Frauen getröstet hatte, denn aus seinen schönen Plänen mit geistigen, großangelegten Weibern war noch nichts geworden. Oft kamen Worte von ihm, die ich bei einem jungen Menschen seiner Art nie erwartet hätte: ›Lächerliches Bemühen der Philosophen‹, schrieb er mir ungefähr zur Zeit meines ersten Kusses – aus Mitleid – auf Vallys Mund, ›die teuflische Natur des Menschen umzufälschen ins Humane. Tausendmal besser, Du bist teuflisch, stark und mit allem Lebenswürdigen im Einklang – als engelhaft, schwächlich und nur liebenswürdig für unheldische Seelen.‹ Gerade in dieser Zeit hätte ich aber weniger einen aphoristischen Philosophen als vielmehr einen guten Freund sehr nötig gehabt, denn endlich sollte sich der Nebel heben, und ich sollte, mitten im Sumpf, auf Felsen stoßen, dort, wo ich ihn am wenigsten erwartet hatte, denn bis dahin war ich trotz meinen Liebesabenteuern ein Kind geblieben, und vielleicht hatte mein Vater mehr recht gehabt als er wußte, als er mich einen Gymnasiasten nannte, der sich selbst nicht kannte. Die Tatsachen, mit denen ich zusammenstieß, waren die einfachsten von der Welt, jeder meiner Kameraden von der Handelshochschule kannte sie und hätte mich warnen oder vorbereiten können. Aber ich würde nie daran gedacht haben, Menschen dieser Art in meine Nöte einzuweihen. Sowenig sie von meinen fehlgeschlagenen Hoffnungen wußten, sowenig hatte ich ihnen von meiner Liebe zu Vally erzählt. Kurz nachdem ihr Vater wieder nach Puschberg abgereist war (in der Tasche einen bedeutenden Geldbetrag, den aber die Gemeinde diesmal für Nöte aus Lawinenschäden dringend brauchte, so dringend, wie es weder der Kirchen- noch der Armenhausbau gewesen war), kurz nachher bat mich Vally, immer mit dem scheuen schönen Lächeln um die jetzt etwas röter und voller gewordenen Lippen, bald zu ihr zu kommen. Es war Freitag, und es traf sich, daß ich erst am Sonntag abend kommen konnte. Sie hatte mich schon mit der größten Ungeduld erwartet, aber sie bezwang sich, reichte mir zuerst ein kleines Geschenk zu meinem neunzehnten Geburtstag, den ich vorgestern und gestern gefeiert hatte, dann umarmten wir uns, und als ich spät nachts erwachte und mich anschickte heimzugehen, nahm sie mich vom Bett aus um den Hals und flüsterte mir zu: ›Wir müssen uns trennen! Ich glaube, ich bin in der Hoffnung.‹ Sie ließ mir nicht Zeit, etwas zu erwidern, sondern stand auf, schloß die Tür ihres Kämmerchens auf und ließ mich schnell hinaus. Ich verbrachte daheim eine schlaflose Nacht. Was immer ich ausdachte, alles war unmöglich. Einen Ausweg aus dieser Lage gab es nicht. Am nächsten Morgen wunderte sich meine Mutter über meine blasse Gesichtsfarbe. Mir kam der Gedanke, mich ihr anzuvertrauen. War sie nicht meine Mutter? Mußte sie mich nicht verstehen? Ich fragte zuerst Vally um Rat. Sie zuckte die Achseln. Wollte sie mir nicht raten? Hatte sie einen anderen Plan? Ich konnte es nicht erraten. Wir konnten nicht einen Augenblick ungestört miteinander sprechen. Sie konnte auch abends nicht ihr Kämmerchen aufsuchen, denn Judith hatte Halsentzündung und fieberte und bestand darauf, daß Vally sie pflege und die ganze Nacht hindurch bei ihr bleibe. Vally biß die Zähne zusammen (wie gut kannte ich diese Entschlossenheit, vielleicht war dies die ›eiserne Willensstärke‹, von der Perikles geschrieben hatte), und sie blieb. Sie tat es sogar sehr gern. Am nächsten Tag beichtete ich meiner Mutter alles. Sie erschrak, wie ich sie nie hatte erschrecken sehen. Dann sah sie mit bösem Blick auf Vally hin, die eben eintrat, ein Tablett für die kranke Judith auf dem Arm. ›Walpurgis!‹ schrie meine Mutter sie an. Diesmal nützte die eiserne Willensstärke nichts. In ihrem plötzlichen Aufschrecken hatte Vally das Tablett fallen lassen, und nun knieten wir, wie schon einmal in alten Zeiten, auf der Erde, nebeneinander, und wir suchten still die Scherben zusammen. Inzwischen hatte meine Mutter sich beruhigt. Sie winkte Vally ab, sie wollte nicht mit ihr sprechen. Auch mit mir nicht. Mit wem? Mit ihm? Ich beschwor meine Mutter, meinem Vater nichts zu sagen. Er sollte und mußte es erfahren, aber durch mich. Ich wollte ihm entgegentreten, denn ich wußte, daß ich auf mutige, ruhige Weise seinem Zorn am besten begegnen konnte. Meine Mutter wollte nichts versprechen. Endlich gelang es mir, sie umzustimmen. Sie sagte mir die Verschwiegenheit auf ihr Wort zu. Aber ich wollte einen festeren Schwur. Ich holte das Medaillon hervor, das ich von Kindeszeiten her trug (es war das alte, das ich von dem irrsinnigen Knaben erhalten hatte), und brachte sie unter Tränen, die wir beide gemeinsam vergossen, dazu zu schwören, sie würde meinem Vater ohne meine Einwilligung das Geheimnis niemals verraten. Meinem Vater, der an diesem Tage früher heimkehrte, fiel unsere Unruhe auf. Aber er war so guter Laune, er freute sich so über seine Zukunftsaussichten, die sich seit einiger Zeit sehr gebessert hatten und die ihn eine ordentliche Professur, später einen Platz im österreichischen Herrenhause und vielleicht gegen den Lebensabend sogar den erblichen Adel erhoffen ließen – und welche Reichtümer inzwischen –, daß er sich mit unseren, freilich recht ungeschickten Ausflüchten zufriedenstellen ließ. Ich baute auf meine Mutter wie auf jenen Felsen, auf den der Apostel Petrus seinen Glauben und seine hl. Kirche baut. So hatte ich ein etwas erleichtertes Herz und sagte Vally, meine Mutter sei eingeweiht und werde uns helfen. Vally fand aber diese Nachricht sehr bedrückend. Wie gern hätte sie geweint, aber sie mußte servieren und sich außerdem um Judith kümmern, die an diesem Tage zum erstenmal aufgestanden war. Endlich fand sie eine freie Minute. ›Ich muß fort‹, sagte sie, ›bitte vergessen Sie mich nicht, und verraten Sie mich nicht!‹ Ich wollte sie zur Rede stellen, weil sie plötzlich die Anrede ›Sie‹ anwandte, aber sie konnte mich nicht anhören, ›ich schreibe Ihnen, ich schreibe bald‹, wiederholte sie fast mechanisch und ging. Sie schloß die Tür so leise zu, als fürchte sie, jemanden aus dem Schlaf zu wecken. Aber bald kehrte sie, während Judith und meine Mutter recht ungeduldig nach ihr riefen (denn sie sollte auch diese Nacht auf einem Sofa neben Judith verbringen), in mein Zimmer zurück, wo sie das Bett gemacht hatte, sah sich nochmals um, wollte irgendein Andenken mitnehmen, und dabei fiel ihr mein altes, halbverbranntes Buch über die Irren in die Hände, das auf meinem Nachtkästchen lag, obgleich ich es seit Wochen oder Monaten nicht mehr aufgeschlagen hatte. Denn in dieser Zeit war ich nur von Zerstreuung zu Zerstreuung geeilt. Es ist die einzige Zeit meines Lebens gewesen, in der mich Kartenspiele nächtelang fesseln konnten und wo ich auf einen großen Gewinn am grünen Tischchen stolzer war, als ich es auf meine Leistungen als Schüler in alter Zeit gewesen war. Und sonst hatte ich ja keine Gelegenheit gehabt, mich hervorzutun. Daß ich mich meiner Mutter anvertraut hatte, daß sie stillschweigend unsere Verantwortung mitübernommen hatte, gab mir eine große Beruhigung. Und so kniete ich wie als kleiner Junge auf dem Teppich vor dem Bette nieder, richtete den Blick zu einem schwarzen Kreuz mit einem silbernen Christus und begann ohne Worte, aber mit tiefstem Gottvertrauen zu beten. Dann schlief ich ein. An meiner Seite tickte die schlechte Uhr ... 3 Ich schlief nach den Aufregungen dieses Tages sehr tief, und als ich plötzlich erwachte, dachte ich, daß ich sehr lange, vielleicht bis zum Morgen, geschlafen habe. Mein Vater stand im Zimmer. Er hatte das Licht angedreht und beobachtete mich, wie ich mich aufsetzte und um mich sah. Ich bewohnte damals ein kleines Zimmer, da mein altes Zimmer von Viktor und der Amme eingenommen war. ›Du hast es etwas eng hier‹, sagte mein Vater, näher tretend. ›Die Luft ist nicht die beste hier.‹ – Dann: ›Ich störe dich doch nicht zu sehr? Entschuldige, daß ich dich geweckt habe, ich dachte, du schliefst noch nicht.‹ Ich sah auf meine Uhr. Es waren in der Tat, wenn man diesem unzuverlässigen Zeitmesser glauben konnte, erst zwanzig Minuten vergangen, seitdem Vally mein Zimmer verlassen hatte. Ich hörte jetzt ihre Stimme und die meiner Mutter aus dem Vorzimmer, aber ich konnte nicht verstehen, was sie sprachen, denn mein Vater nahm mich in Anspruch. ›Wenn du nun schon einmal aus dem Schlaf aufgewacht bist, könntest du mir erzählen, was du am heutigen Tag getrieben hast, ich meine, wie du die Zeit angewandt hast, welche Vorlesungen hast du besucht, wen hast du gesehen, hast du etwas Außerordentliches erlebt?‹ Ich stotterte undeutlich vor mich hin und brachte allerhand Unsinn über die Vorlesungen auf der Handelshochschule vor, die ich in Wirklichkeit schon seit Wochen nicht mehr regelmäßig besucht hatte. Er schien mir mit großer Aufmerksamkeit zu folgen, dann sagte er: ›Die Luft ist wirklich zu drückend hier. Macht es dir nichts aus, so komm doch auf einen Augenblick in mein Sprechzimmer hinüber. Ich habe noch zu arbeiten. Ich gehe voraus‹, sagte er zum Schluß, als er merkte, daß ich mich in seiner Gegenwart nicht aus dem Bett erheben wollte, ›ich sehe nur nach Judith.‹ Die Stimmen im Vorzimmer waren verstummt, doch in dem Speisezimmer brannte noch Licht, und ich hörte neuerlich meine Mutter und Vally erregt, aber gedämpft miteinander sprechen. Ich war außerstande herauszubekommen, was sie sagten, denn inzwischen hatte mein Vater den Besuch bei Judith erledigt und kam mit einer eher sorglosen und fröhlichen, als besorgten und finsteren Miene in sein Sprechzimmer, wohin ich ihm vorausgegangen war. ›Es geht ihr gut, es geht ihr besser‹, sagte er. ›Judith hat kein Fieber, nur 37.8, das zählt bei Kindern nicht. Freust du dich nicht auch?‹ und dabei stieß er mich kameradschaftlich mit dem Ellbogen an, aber vielleicht doch eine Winzigkeit härter, als er es gewollt hatte. Kein Wort über Vally. Und doch fühlte ich, daß er alles erfahren hatte. Meine Mutter hatte ihren Eid gebrochen. Aber ihm konnte ich dies doch nicht zum Vorwurf machen. ›Weshalb so zerstreut, wo sind denn die Gedanken?‹ fragte er halb ironisch, halb gutmütig. ›Ich werde dir, um dich für das Aufgewecktwerden zu entschädigen, etwas zeigen, was außer mir noch keines Menschen Auge gesehen hat, willst du?‹ Ob ich wollte! Er holte das Mikroskop aus dem Holzkasten hervor, ließ mich, während er mir die Hand führte (welch ein Glück wäre dies an einem anderen Tage für mich gewesen!), das Licht der Lampe richtig einstellen. Dann brachte er einen sogenannten Objektivträger, eine Glasplatte mit einem winzigen, ein hundertstel Millimeter dicken, im Licht des Mikroskopes durchsichtigen und schön blau und blutrot gefärbten Scheibchen Gewebe unter die Linse und ließ mich, nachdem er einen flüchtigen Blick durch das Okular geworfen hatte, die Einstellungsschraube möglichst zart und allmählich drehen. ›Siehst du klar? Siehst du alles fest umschrieben?‹ Zuerst sagte ich ja, ohne daß ich alles klar gesehen hätte in dem bunten Nebel, aber plötzlich hatte ich völlig klare Umrisse erfaßt, und er hatte dies an meinem Gesichtsausdruck bemerkt, denn er beobachtete mich, an meiner Seite sitzend, sehr scharf. ›Nun, was siehst du?‹ Ich wollte es beschreiben, von dem wunderbaren Anblick beinahe erschüttert, aber er nahm mir das Rädchen, mit dem ich die Einstellung regeln konnte, aus der Hand und stellte eine Stelle ein: ›Hier sieh genau zu! Siehst du die blauen Fasern? Siehst du die roten Stränge?‹ Ich sah. ›Und siehst du dazwischen winzige Schlänglein, tief dunkelblau, fast schwarz, mit haardünner Kontur? Etwas nach rechts von der Mitte, vielleicht vier oder fünf? Das ist es, was ich heute zum erstenmal beobachtet habe‹, setzte er halblaut fort. ›Es sind Spirochäten, die Erreger der Syphilis, die man noch nie in einer menschlichen Regenbogenhaut, die bekanntlich sehr bald nach einer syphilitischen Ansteckung mit Knötchen etc. erkrankt, beobachtet hat. Ich habe diese Iris vor sechs Tagen am lebenden Objekt gesehen ...‹ ›Den Menschen, der mit dieser Iris gesehen hat?‹ fragte ich. ›Man sieht nicht mit der Iris‹, sagte er. ›Sie regelt die Lichteinfuhr ins Auge. Du wirst das alles später kennenlernen. Vielleicht ist es doch dein Beruf, Arzt zu werden wie ich.‹ ›Aber du hast mir ja im Herbst alle Begabungen abgesprochen ...‹ ›Damals wußte ich nicht, daß du noch weniger Begabung zu den Handelsfächern besitzt‹, sagte er scherzend. ›Vielleicht hat sich manches in meinen Ansichten oder Plänen geändert ...‹ ›Dann wäre ich ja glücklich!‹ rief ich und sprang auf. ›Sei noch nicht zu glücklich!‹ antwortete er, und ich sah ihn wieder sein undurchsichtiges Lächeln aufsetzen. ›Aber, wie dem auch sei‹, fuhr er fort, ›gibt es denn etwas Großartigeres als die Naturwissenschaft, die sichtbare Wissenschaft? Ist die Natur nicht unsere beste, weiseste Mutter?‹ Ich schwieg. ›Mich hat an deinen Plänen immer befremdet, daß du der Chimäre der Psychiatrie nachjagst. Es hat mich deshalb sehr erfreut, als ich heute endlich den alten Schmöker über Geisteskrankheiten von deinem Nachttisch verschwunden sah. Glaub es mir, Freund und Genosse und, so hoffe ich, vielleicht später Helfer bei neuen Arbeiten, die sichtbare Welt ist großartig! Glaub es mir und sieh es vor dir: Ein krankes Auge ist immer noch ein Auge. Ein kranker Geist ist aber überhaupt kein Geist. Hier gibt es nur Wunder. Selbst ein totes Auge, wie dieses hier, kann zu dir sprechen, es erklärt dir, wenn du darin lesen kannst – und du sollst es lernen –, was während des Lebens sich pathologisch-anatomisch in diesem Gewebe abgespielt hat, was an Hilfe von unserer Seite gewirkt hat, was versagt hat, leider. Hier ist natürlich der Fortschritt, die Zukunft.‹ ›Du hast das kranke Auge herausgenommen?‹ fragte ich naiv. ›Aber! Wie kannst du das annehmen?! Ich – ein an sekundärer Syphilis erkranktes Auge herausnehmen – welch ein Kunstfehler! Ich hätte es geheilt, wenn uns nur der Bursche Zeit gelassen hätte. Aber er hat sich vor vier Tagen erschossen. Wir haben die Leiche untersucht, und ich habe hier endlich Spirochäten gefunden.‹ ›Und man hätte ihn nicht retten können?‹ ›Wozu das Wort ›retten‹? Mit etwas Quecksilber und Jod und der anderen lateinischen Küche wäre das Auge in kurzer Zeit zuverlässig geheilt gewesen.‹ Er verstand mich nicht. ›Hätte man den jungen Menschen vor dem Selbstmord retten können?‹ fragte ich. ›Das ist nicht unsere Sache. Oder vielleicht erst in sehr weiter Zukunft. Du hast recht, es mag sein, daß auch eine dumme Depression im Schatten der Spirochäten stand, man müßte deshalb auch in seiner Gehirnrinde nachsehen, müßte sie mikroskopisch untersuchen, Schnitt für Schnitt.‹ ›Man hätte doch alles versuchen müssen, solange er lebte‹, sagte ich. ›Alles? Du bist zu unbescheiden. Es ist schon viel, wenn wir einen beschränkten Prozeß in einem einzigen Organe zu verstehen und zu beeinflussen trachten ...‹ Er sprach etwas zerstreut. Auch ich horchte auf. Man hörte nicht nur einen erregten Wortwechsel zwischen meiner Mutter und Vally, sondern auch ein helles, schneidendes Kreischen, die Stimme unserer kleinen Judith. Mein Vater stand plötzlich auf. Sein Gesicht hatte sich sehr umdüstert, ohne daß ich gemerkt hätte, wann. Vielleicht war es im Grunde immer so düster gewesen, jedenfalls war es der Blick, den er mir von der Seite zuwarf. ›Erwarte mich hier‹, rief er mir zu und ging schnell aus dem Zimmer. Die Korridortür, die auf die Treppe hinausging, wurde jetzt geöffnet und geschlossen, jemand hatte vielleicht eben unsere Wohnung verlassen – Vally? Ich kam nicht dazu, mir Gewißheit zu verschaffen, obwohl es mich mit aller Gewalt dazu trieb, ihr nachzukommen, sie zurückzuhalten, ich weiß nicht was zu tun – mein Herz klopfte zum Zerspringen, als mein Vater eintrat, dem es endlich gelungen war, Judith wieder zu beruhigen. Diesmal verstellte er seine Miene nicht. Er dachte auch nicht daran, mir weiter einen Vortrag über die kranke Iris oder den Schatten zu halten, den die Spirochäten werfen sollten (eine Redensart, die er sich sicherlich schon für seine Vorlesung vor den Studenten zurechtgelegt hatte). Sondern, sich aufrecht vor mich stellend, der ich ihm beinahe schon an Körperlänge gleichkam, begann er, fast ebenso schneidend wie vorhin Judith: ›Nun zu etwas Ernsterem. Du siehst, ich bereue, daß ich dich abgehalten habe, dem Zuge deines Herzens zu folgen, nein, nicht so, wie du denkst, darauf kommen wir gleich zurück, ich dachte in aller Unschuld – nein, auch von Unschuld kann man nicht sprechen –, ich dachte nur an deinen Beruf. Meinetwegen magst du also studieren. Ich werde dich beaufsichtigen. Ich wünsche nicht, daß später einmal unliebsame Verwechslungen zwischen uns entstehen. Wir sind unserem Namen etwas schuldig. Nun, so sei es denn. Jetzt die Hauptsache. Ich bin kein Frömmler, kein Jesuit, wie manche andere, ich werde etwas Natürliches immer verstehen. Du bist jung. Gut. Aber deshalb hättest du nicht zum Volk, oder noch schlimmer, zur dienenden Klasse herabsteigen müssen, noch schlimmer, im Haus deiner Eltern und deiner unschuldigen Geschwister. Du hast ein glückliches, ein unter allen Umständen geordnetes Familienleben hier vor Augen gehabt, weder meine Wenigkeit noch deine brave Mutter haben dir ein Beispiel von, wie soll ich sagen, nun du verstehst mich schon, gegeben, und doch hast du dein Heim beschmutzt, du hast etwas Unverantwortliches getan. Freund, Freund, du hast mich schon oft enttäuscht. Mehr, als du vielleicht ahnst. Habe ich nicht Geduld gehabt bis jetzt? Habe ich, ohne ein bigotter Christ und Betstuhlstammgast in Kirchen etc. zu sein, nicht immer redlich den Splitter in meinem Auge gesehen statt den Balken in deinem? Du siehst, ich will verzeihen, ich will sogar das Böse, das du uns Eltern angetan hast, mit dem Guten vergelten, daß wir dich den Weg einschlagen lassen, der dir vielleicht mit Recht vorschwebt als der in das Paradies auf Erden. Ich will sogar noch weiter gehen. Ich will daran denken, was du als Kind einmal zu deiner Entschuldigung vorgebracht hast, als du das dir anvertraute Geld verschwendet hast: ›Ich habe Gurken gekauft!‹ Vielleicht bist du auch diesmal der Esel deines guten Herzens geworden. Du hast aber etwas Furchtbares angestellt. Du hast dich von einer nichtsnutzigen ältlichen Person verführen lassen, einer ausgefeimten Komödiantin, die auch uns die ganzen langen Jahre hinters Licht geführt hat. Was war es denn mit dem Kloster? Brixen!! Alles Lüge, gemeine Tricks und Betrug.‹ ›Nein‹, sagte ich. ›Nein, das ist nicht wahr.‹ ›Das heißt‹, antwortete mein Vater, sich mit großer Anstrengung beherrschend, › du glaubst, daß wir, deine Mutter und ich, uns irren. Nun ist die Person sechs oder sieben Jahre älter als du. Sie ist arm, ihr Vater nährt sich von Trockenbrot, ihr Bruder ist Kühhirt, bestenfalls Fremdenführer, aber du bist später als mein Erbe ein reicher Mann. Glaubst du, Depp, sie liebt dich wegen deiner schönen Augen oder wegen deiner Herzensgüte, du armer Narr! Sie hat dir ein Kind angehängt, das von Gott weiß welchem Haderlump stammt.‹ Ich fühlte, wie mich die Wut übermannte, aber auch ich wußte mich zu beherrschen. ›Das mag dir freilich nicht angenehm in den Ohren klingen, aber es ist, wie es ist. Ein Kind ist auf dem Weg. Ein Alimentationsprozeß desgleichen. Und ich, der Ehrenbürger von Puschberg! Ja, Söhnchen, verstehst du das nicht? Auch das hat deine vielgeliebte Dorfpflanze fein eingefädelt. Sie haben mich zum Ehrenbürger ernannt, nicht nur, um mich noch einmal ordentlich zu schröpfen, sondern um mir die Hände zu binden.‹ Ich wollte auf meinen Vater los, aber er nahm meine Fäuste in seine Hände und sagte mir, aus unmittelbarer Nähe, so daß ich sein Herz gegen den Stoff seiner Weste klopfen fühlte, ›ich will die Wahrheit wissen. Willst du mir die Wahrheit sagen?‹ Ich nickte. ›Liebst du diese Person?‹ Was sollte ich tun? Ich nickte. Er ließ meine Hände los, er wich zurück. Er tat mir leid. ›Und was willst du jetzt tun?‹ Ich schwieg. ›Nun sprich! Wir müssen zu einem Schluß kommen. Ich will für das Kind sorgen. Das kannst du nicht. Du hast nichts.‹ ›Ich will arbeiten.‹ ›Was arbeiten? Das Studium der Medizin dauert sechs Jahre. Auch nachher bist du noch ohne Brot. Willst du deine ganze Jugend, dein ganzes Leben an diesen schmutzigen stinkenden Unterrock hängen?‹ Ich sah ihn nur an. ›Man beleidigt dich vielleicht gar, wenn man so spricht? Willst du vielleicht das Mensch heiraten?‹ Nun ertrug ich es nicht länger. Ich sprang nicht auf ihn zu. Ich setzte mich vielmehr in den Lehnstuhl vor dem Schreibtisch und sagte: ›Was sonst? Es bleibt mir nichts anderes übrig, wenn nicht ich der Haderlump sein will.‹ Er stand sprachlos da. Er stützte sich mit beiden Händen auf den Schreibtisch, der etwas zu zittern begann. Er tat den Mund auf, konnte aber kein Wort herausbringen. Endlich murmelte er: ›Laß mich auf meinem Stuhl sitzen.‹ Ich stand gehorsam auf, und er setzte sich hin. ›Solange ich lebe, heiratest du sie nicht‹, sagte er. ›Du bist minderjährig, du kannst sie nicht heiraten.‹ ›Ich werde es dennoch tun. Wir werden warten.‹ ›Nicht in meinem Haus, nicht ...‹ ›Dann anderswo.‹ ›Ich bin bereit, auch ohne Alimentations- und Paternitätsprozeß deine, wie soll ich sagen, Geliebte, sicher zu stellen. Auch das Kind. Es heißt zwar, daß Gott die Hurenkinder nicht liebt. Ich will aber alles versuchen, um dem Kinde eine Zukunft, eine Sicherheit zu verschaffen innerhalb der sozialen Sphäre, in der solches Volk lebt.‹ ›Ich danke dir, aber ich kann nicht anders, ich muß sie heiraten.‹ ›Kind, Kind, Kind‹, beschwor er mich. ›Was du erlebst, ist keine Liebe, es ist eine Katastrophe. Du sagst heiraten. Du bist neunzehn Jahre. Wie kannst du mit neunzehn Jahren heiraten?‹ ›Ich habe gesagt, ich werde warten.‹ ›Und wenn du zweiundzwanzig und großjährig bist nach dem Gesetz, was dann? Was hat sich inzwischen geändert? Hier in unserem alten Österreich herrscht der Pfaffe. Nein, fahre nicht auf, ich meine es ja zu deinem Besten. Die Ehe kann nur nach katholischem Ritus geschlossen werden. Diese Ehe ist und bleibt aber unauflöslich . Hast du dir das überlegt?‹ ›Ich weiß aber keinen anderen Ausweg.‹ Inzwischen hatte Judith wieder angefangen zu schreien, diesmal verstand ich die Worte, sie rief Vally, sie wollte Vally bei sich an ihrem Bette haben. Vally kam nicht. Ich sah meinen Vater an. Er verzehrte mich mit seinen bösen Blicken, vor denen ich Angst hatte, denen ich aber doch widerstand. Meine Mutter schlüpfte, in einen weiten Schlafrock mit einer Schleppe gehüllt, herein: ›Komm zu dem Kind!‹ Als ob es nur ein Kind auf der Welt gäbe, Judith! Er schüttelte den Kopf. ›Verdammtes Hausgesinde‹, zischte er. ›Als hätte ich nichts anderes zu tun?! Was wollt ihr denn alle von mir? Was wollt ihr denn alle von mir?‹ schrie er, der sonst nie schrie. ›Du weckst auch noch Viktor auf‹, sagte meine Mutter, und mitten in dem Unglück und Jammer brachte sie ihr altes, mattes, aber doch schelmisches Lächeln zustande, für das ich sie haßte – wie mein Vater jetzt auch ... ›Hier muß endlich einmal Ordnung geschaffen werden‹, sagte er. ›Stefanie‹, wandte er sich zu meiner Mutter, ›gehe zu Judith. In zwei Minuten komme ich nach. Zwei Minuten! sage ich. Kein Widerspruch.‹ Und als meine Mutter (immer noch lächelnd, aber ohne mich anzusehen, denn sie schämte sich ihres Verrats) das Zimmer verlassen hatte, sagte mein Vater, aufstehend und das Mikroskop in den Holzkasten unterbringend: ›Nun zu dir. Weißt du also endlich, was du willst?‹ ›Ja, ich kann das Mädchen nicht im Unglück lassen.‹ ›Als ob das ein Unglück wäre! Als ob nur du die Folgen für ihren Leichtsinn tragen müßtest. Zum letztenmal frage ich dich, willst du mir dein Wort geben, daß du diese ...‹ er bezwang sich, ›dieses Mädchen nicht mehr wiedersiehst – oder du mußt gehen.‹ ›Du kannst mich nicht aus dem Hause weisen!‹ ›So, kann ich das nicht? Ist das nicht alles mein Eigentum?‹ ›Nein‹, sagte ich, ›du bist verpflichtet, mich bis zur Großjährigkeit zu unterhalten, mich standesgemäß zu erziehen.‹ ›So hast du doch etwas Juristerei gelernt‹, sagte er höhnisch, mit einem teuflischen Lächeln, das mir ins Herz schnitt. ›Sieh da, ei, ei, ei, ei, du hast also die soziale Frage individuell gelöst. Du bist deinen Trieben gefolgt, und jetzt soll ich für dich sorgen und dadurch natürlich auch für sie, denn mit dem Geld, das ich dir gebe, nein, das ich dir schulde, kannst du ja die Dame deines Herzens unterstützen, bis du großjährig bist und du sie heiraten und den Bankert eines anderen legitimieren kannst. Und du glaubst, daß ich mich zu solch einer Komödie hergebe?‹ ›Ich glaube es nicht.‹ ›Oh nein, du glaubst es nicht‹, höhnte mein Vater, der mich in seiner kalten Wut mißverstanden hatte. ›Nein, du willst Christus sein, dich aber nicht ans Kreuz schlagen lassen!‹ Judith hatte ihr Schreikonzert wieder begonnen. ›Sind denn alle Teufel los auf dieser Hölle‹, schrie mein Vater. ›Ich aber sage nein ‹, wandte er sich zu mir. › Das hast du immer gesagt, wenn ich etwas von dir wollte.‹ ›Wortklauberei, Haarspalterei. Entweder ich oder Vally.‹ Ich schwieg. ›Du kannst nicht Vallys Ehemann sein mit einem Kühehirt als Schwager und mein Sohn bleiben. Sieh es ein, sieh es ein!‹ wiederholte er drohend. ›Was ist sie dir, diese hergelaufene Schlumpe? Was kann sie dir noch geben? Ekelt es dich denn nicht? Hast du ihr etwas versprochen? Was hat sie denn von dir erpreßt?‹ ›Sie hat nichts verlangt. Ich habe nichts versprochen.‹ ›Was willst du dann noch? Ist dann nicht alles in bester Ordnung?‹ ›Ich kann gerade deswegen nicht anders‹, sagte ich. ›So hole dich der Teufel! Wir sind geschiedene Leute. Suche dir deinen Galgen, wo du ihn findest. Ich will dich nicht mehr sehen!‹ Wäre doch mit diesen für mich furchtbaren Worten – denn ich hatte immer noch auf eine Art Wunder gehofft! – der Abend zu Ende gewesen. Aber Judith hatte sich in immer größere Erregungen hineingeschrien, sie begann zu toben, anders kann ich es nicht nennen, ihre Schreie nach Vally wurden immer schriller, und wenn man im Anfang glauben konnte, daß sie in ihrer alten Art übertreibe, fürchtete ich jetzt, daß es ihr ernst war, daß sie am Rande ihrer Kräfte war. Ihre Wänglein waren purpurrot, die Augen fieberhaft leuchtend, mein Vater setzte das Thermometer ein, und es ergab 39,9. Ein schauerlich harter, böser Blick traf mich. Auch meine Mutter begann zu zittern. ›Wer hat dir erlaubt, Vally ohne meine Erlaubnis fortzuschicken?‹ fragte mein Vater leise, aber für uns alle, Judith und mich vernehmlich. Judith hatte dies bis jetzt nicht gewußt. Jetzt sah sie alle schreckensstarr an, aber sie hatte mit dem Schreien mit einem Male aufgehört, ihre Wangen erblaßten, die Augen schlossen sich, und ihr rotblondes Köpfchen sank auf die Kissen zurück. ›Sie stirbt, sie stirbt!‹ murmelte mein Vater im tiefsten verstört, ›und der da hat sie umgebracht. Er hat sie mir umgebracht! Damit sein Hurenkind das einzige ist!‹ Was hätte es geholfen, den in seinem Schmerze wie irren Menschen aufzuklären? Ich lief ans Telephon und rief einen bekannten Kinderarzt an, der früher zu mir in den seltenen Fällen von Krankheit und auch des öfteren zu Judith gerufen worden war. Der Arzt war glücklicherweise zu Hause und versprach sofort zu kommen. Ich sagte es meinen Eltern, sie antworteten nicht, aber ich sah, daß sie einverstanden waren. Judith schien eingeschlafen oder ohnmächtig, aber kaum hatte der Kinderarzt, ein schöner, noch junger Mensch mit blitzenden blauen Augen und einem langen seidigen blonden Bart sich an ihr Bettchen gesetzt und sie zu untersuchen begonnen, indem er zuerst von außen die Kieferwinkel befühlte, um zu sehen, wie sehr die Mandeln angeschwollen waren, als das Kind zu toben begann, ganz wie vorher. Sie warf sich im Bett umher, sie griff mit beiden Händen dem Arzt in den dicken Bart und riß daran, was er natürlich ungnädig aufnahm. Man ließ die bewegliche, aus Flechtwerk bestehende Wand des Kinderbettes nieder, aber das Kind stieß sich die Stirn an den Metallstäben wund, und ihr ununterbrochenes Schreien ließ sie im Gesicht blaurot anlaufen, und die Adern am dünnen, langen Halse schwollen deutlich an. Mein Vater rang verzweifelt die Hände, meine Mutter weinte, so hatte ich die beiden nie gesehen. Auch der sonst an Kinderart gewöhnte Arzt schien die Ruhe zu verlieren. Er hob das Kind etwas ungeduldig heraus, setzte es derb auf sein Hinterteil und befahl ihm, ruhig zu sein. Aber das Kind jammerte immer stärker, ab und zu setzte das Stimmchen mitten im Kreischen aus. Ein sanfter Klaps von seiten des Kinderarztes machte Judith noch wütender. Sie stürzte mir in die Arme, sie weinte und flehte mich an und heulte immer heftiger, klammerte sich mit allen zehn Fingern an meinen Nachtanzug, denn ich hatte, seitdem mein Vater mich aus dem Bette geholt hatte, keine Zeit gehabt, mich anzukleiden. Meine Mutter sah meine Anwesenheit hier nicht gern. ›Geh endlich schlafen‹, raunte sie mir mit unfreundlichem Blicke zu. ›Laß uns allein!‹ Kaum hatte das Judith gehört, als sie sich noch verzweifelter an mich anklammerte, noch kreischender um Hilfe rief. Ich redete ihr sanft, dann energisch zu, meine Worte verhallten ohne den geringsten Erfolg. Wie es bei solchen Anfällen im Fieber manchmal vorkommt, wird der Puls vorübergehend etwas schwächer. Mein Vater wußte es als Arzt, aber als Vater glaubte er an eine große Gefahr, die nicht bestand, denn es war klar, daß ein Kind, das so laut schreien, so kräftig um sich schlagen und beißen konnte, noch weit entfernt vom Tode war. Mir kam ein dummer Einfall, aber an einem Tage wie heute glaubte ich, daß ich ihn versuchen könnte. Ich nahm, ohne jemand zu fragen, vor den Augen des verblüfften Kinderarztes das Kind auf meine Arme und sagte: ›Komm, Ditchen, jetzt gehen wir zum Brüderchen, Viktor hat dich gerufen, hast du gehört?‹ Natürlich hatte Judith nichts gehört, denn Viktor war so klein, daß er noch kein Wort deutlich aussprechen, geschweige denn sein ungebärdiges Schwesterchen rufen konnte, aber Judith lauschte auf, sie ließ sich in das Kinderzimmer führen, wo Viktor, ihr Eigentum, wie ich ihr zuflüsterte, seinen guten Säuglingsschlaf schlief neben der stark schnarchenden, dicken, rotwangigen Amme. ›Leise, leise‹, sagte ich zu Judith, die aufmerksam zu mir aufsah, und nahm das Nachtlicht von einem Tischchen und leuchtete Viktor ins Gesicht. ›Er ist wieder eingeschlafen, du mußt leise sein, du wirst ihn doch nicht wecken, er gehört doch dir?‹ ›Mir allein?‹ fragte Judith, und ihre Augen begannen zu leuchten, aber in einem anderen, klareren Glanz. ›Natürlich, Vally hat ihn dir doch geschenkt! Vally kommt morgen, Vally bleibt immer bei dir‹, log ich und hätte doch so gern gewollt, daß es die Wahrheit gewesen wäre. Tatsächlich hatte sich Judith beruhigt, und, was das sonderbarste war, als der Kinderarzt sie jetzt maß, war die Temperatur wieder auf 37,8 gesunken, die gleiche Temperatur, die sie am frühen Abend gehabt hatte. 4 Der Kinderarzt war noch bei meiner Schwester zurückgeblieben, oder vielmehr bei meinem Vater, und ich vernahm in der Stille der Nacht eine etwas erregte Unterhaltung zwischen ihnen. Endlich ging der Kinderarzt, von meinem Vater bis zum Haustor begleitet. Nachher hörte ich meinen Vater mit meiner Mutter sprechen. Ich dachte, es handle sich um mich, und drückte mein Ohr an die Wand. Aber mein Name fiel nicht. War mein Schicksal schon entschieden? Es demütigte mich, daß ich hier in meinem Nachtgewand wie ein neugieriger Dienstbote, dem die Kündigung von seiten seiner Herrschaft bevorsteht, an der Tür horchen sollte. ›Bin ich denn euer aller Sklave?‹ hörte ich meinen Vater grollen. ›Ach, das ist alles nicht so schlimm‹, antwortete meine Mutter, dann kam etwas Unverständliches und zum Schluß die mir wohlbekannte Redensart: ›Also ein kleines Pflaster auf die große Wunde, Maxl?‹ Mein Vater tat einige laute Schritte, seine Schuhe knarrten, und ich wich von der Tür zurück. ›Hundert Kronen!‹ sagte er vorwurfsvoll zu meiner Mutter. ›Hundert Kronen, Frau, für das Thermometereinstecken und einen Backenstreich! Hat man je so etwas gehört!‹ ›Also, was soll geschehen?‹ fragte meine Mutter, und ich begann zu zittern. ›Die hundert Kronen könnten deine Eltern zahlen! Noch heute sind sie mir hunderttausend schuldig ...‹ Ich schlüpfte schnell in meine Kammer zurück, denn es schien mir, als habe sich mein Vater der Tür genähert. Ich schlief trotz allem bald ein. Die schlechte Uhr tickte immer noch auf meinem Nachtkästchen. Es war spät geworden, zwischen eins und halb zwei. Nachts träumte ich, daß ich mich auf dem steinigen Wege befand, der von Puschberg zu dem kleinen Bergsee hinuntergeht. Er war jetzt (ich träumte, es sei Winter) zugefroren, und man sah ihn von weitem durch die Bäume als eine kreisrunde Fläche zwischen den Felsen, die eine Farbe wie Blei hatten. Vor mir lief ein kleiner Junge mit stark schlenkernden Armen, dessen Kopf, von der Schneedecke abgehoben, ich aber nur aus der Entfernung sehen konnte, denn der Junge lief viel schneller den Abhang hinab, als ich mit meinen schweren, genagelten Schuhen folgen konnte. Ohne daß mir jemand es gesagt hätte, wußte ich, es war mein Kind. Ich war stolz auf ihn, und ich freute mich, daß er mir gehörte (Judith!), ich dachte daran, ihn einzuholen und unter meiner Pelerine, der gleichen, unter der ich früher einmal den jungen Perikles spazieren geführt hatte, unterzubringen, und zugleich schwebte mir vor, ich habe ihn zu unterrichten, wie ich in jener Zeit Jagiello unterrichtet hatte. Ich rief nach ihm, und zwar seltsamerweise mit diesen Namen abwechselnd, Jagiello und Perikles, und es erschien mir selbstverständlich, daß er auf beide Namen hörte. Plötzlich begann mein Sohn blitzschnell den Abhang auf einer glatten Eisbahn ›hinabzuschleifen‹, wie wir Jungen es nannten. Immer rasender ging die Fahrt, den Felsen zu. Vergeblich rief ich ihm warnend zu, er solle bremsen, er solle sich festhalten, er solle einen herabhängenden Tannenzweig fassen, er wollte nicht hören oder konnte nicht mehr haltmachen, und ich, jetzt auch noch dazu unfähig, nur einen Schritt zu tun, hörte mich selbst sagen: ›Wie kann ein Kind ein anderes Kind erziehen?‹ Aber das Wunderbare war, daß unmittelbar hernach mein Kind sich oberhalb meines Standortes unverletzt und höchst vergnügt einstellte, mit rotbraunen derben Wangen, wie sie die Tiroler Knaben dieser Gegend haben, er hatte Vallys Kirschenaugen, bald verwandelte er sich in Vallys großen Bruder, den ›Kühhirt‹, und dann in Vally selbst ... Hier erwachte ich. Es war spät, weit über die Stunde hinaus, zu der mein Vater das Haus zu verlassen pflegte, um seine Klinik aufzusuchen. Mein Zimmer war dunkel, schien aber bereits aufgeräumt. Da Vally fehlte, hatte es wohl die Köchin oder die Amme besorgt. Ich hörte nebenan Judith fröhlich lachen und mit einem Löffelchen an ihre Milchtasse schlagen, wozu sie laut, aber nicht sehr wohltönend sang. Ihre Halsentzündung war wohl schon geheilt. Ich freute mich an diesem Gesang. Ich freute mich aber auch, mich mit meiner Mutter jetzt ohne meinen Vater aussprechen zu können und erhob mich schnell, zog die Rolläden hoch, oder wollte es tun, als ich über einen mitten im Zimmer stehenden Gegenstand stolperte: es war mein alter Studentenkoffer. Mich traf es wie ein furchtbarer Schlag, und ich war nicht gewohnt, Schläge zu bekommen. Mein alter unseliger Jähzorn wallte auf, ich packte den muffig riechenden, abgeschabten Lederkoffer und schleuderte ihn mit aller Gewalt gegen die Verbindungstür, die zum Speisezimmer führte. Mit einem Schlag verstummte Judith mitten in ihrem krähenden Gesang. Ich hörte sie schluchzen, aber nicht das übertriebene, kreischende Weinen ihrer Anfälle, sondern ein anderes, zarteres, echteres. Ich kleidete mich in aller Eile an. Sollte ich meine Sachen packen? Sollte ich es auf eine letzte Aussprache mit meiner Mutter ankommen lassen? Mußte sie mich nicht gehört haben, ebenso wie mich Judith gehört hatte? Ich vernahm, wie sie Judith tröstete, wie sie mit der Köchin tuschelte. Ich wusch mich in aller Eile, dann lief ich in das Speisezimmer. Judith war noch da, verstimmt und mürrisch, aber die Tränen waren bereits getrocknet. Auch die Amme mit Viktor kam herein, nur meine Mutter war nicht zu sehen. Ich fragte. ›Die Frau Professor ist ausgegangen?‹ ›Jetzt, um neun Uhr morgens?‹ Die Dienstboten wollten etwas sagen, denn sie waren mir immer zugetan, aber ich begriff, daß ich mir nicht von ihnen Aufklärungen holen durfte. Ich brachte alle meine Sachen in Ordnung. Ich hatte wenig Anzüge und einen nicht übertrieben großen Vorrat an Wäsche, so daß ich alles bequem in meinem Koffer unterbrachte. Als ich über dem alten Ding gebeugt auf dem Boden kniete, durchzuckte es mich nicht mehr schmerzlich, sondern eher wieder freudig, ich begriff, vielleicht zum erstenmal, was es heißt, frei zu sein. Ich nahm den Koffer auf, ich ging die Treppe hinab, ich stellte den Koffer bei dem Portier unter. Ich wollte meine Freiheit keinem Mißverständnis verdanken, ich wollte mein Elternhaus, an dem ich immer noch mit allen Fasern hielt, nicht infolge eines Mißverständnisses verlieren. Ich wußte, der Portier würde meinem Vater und meiner Mutter, sobald sie zurück waren, sofort Bericht erstatten, daß ich den Koffer mit den Sachen bei ihm untergestellt hatte, und wenn mich meine Eltern nicht aus meinem Zimmer vertreiben wollten, konnte alles noch leicht in Ordnung kommen. Mein erster Weg war natürlich zu Vally. Sie erblaßte etwas, ich merkte es deutlich, und war verlegen, als sie mich in ihrem kleinen Zimmer sah. Sie hatte Strümpfe zu stopfen und setzte diese Arbeit anfangs fort, bis ich ihr die Strümpfe und die Nadel aus den Händen nahm. ›Ich dachte, ich würde Sie nicht wiedersehen‹, sagte sie, und der verhaltene Ton ihrer Worte überraschte mich noch mehr als der Inhalt. Ich sah sie an. ›Liebst du mich denn?‹ kam es plötzlich aus ihrem Mund, während sie eine dunkle Röte bis an die Wurzeln ihrer reichen, schwarzbraunen, seidigen Haare überströmte. ›Und liebst du mich?‹ fragte ich, denn im Grunde meines Herzens wußte ich nicht, ob es Liebe war, was ich für sie empfand und was mich jetzt trotz allem bis in die Tiefe meines Lebens gepackt hatte. ›Dich lieben?‹ fragte sie und nahm mir die Nadel und die Strümpfe aus der Hand, wo ich sie bis jetzt ungeschickt gehalten hatte, ›mehr liebe ich dich, als mir selbst lieb ist.‹ Ich erzählte ihr von meiner Unterredung mit meinem Vater, von seiner Erlaubnis, Medizin studieren zu dürfen. ›Und du hast es nicht angenommen?‹ fragte sie, mit einem eher kalten Blick und einem finsteren, düsteren Lächeln, ›warum hast du es nicht angenommen? Nun, vielleicht besser, daß du dem alten Satan aus den Händen bist!‹ Als sie sah, daß ich es nicht ertragen konnte, daß sie so über den Menschen sprach, den ich mehr als alles andere liebte ( das wußte ich), biß sie sich auf die Lippen und sagte: ›Kennst du ihn denn? Aber ich verspreche es dir, kein Wort über ihn kommt mehr über meine Lippen, bis ...‹ ›Bis?‹ fragte ich. ›Frage nicht!‹ sagte sie kurz und machte sich wieder an die Arbeit. Ich erzählte nach einer ziemlich langen Pause nun auch die Geschichte von dem alten Koffer. ›Sagte ich es dir nicht?‹ fragte sie, schon jetzt ihr Versprechen brechend, nicht schlecht von meinen Eltern zu sprechen, aber sie besann sich noch zu Zeiten und ließ mich ausreden. ›Das habe ich nicht gewollt‹, sagte sie endlich. ›Ich darf dich nicht um dein Elternhaus bringen.‹ ›Aber es muß doch sein?‹ ›Es soll nie heißen, daß ich dich zu etwas gezwungen habe!‹ Sie begann zu weinen, und ich Tor sah erst jetzt, daß sie schon während der ganzen Zeit, seitdem ich eingetreten war, die Tränen zurückgehalten hatte. ›Weine nicht‹, suchte ich sie zu trösten, ›wir halten zusammen. Wir sind jung und gesund und werden einen Ausweg finden, Vally! Mir ist heute nacht unser Sohn sogar im Traum erschienen.‹ ›Was, unser Sohn?‹ Sie schreckte aus ihrem Brüten auf. ›Versprich mir eines, ich bitte dich, nur eins versprich mir!‹ ›Ewige Liebe und ewige Treue?‹ fragte ich scherzend, obgleich es mir unheimlich zumute war in dem dämmerigen, etwas dumpfen Zimmer, das abends und nachts stets ganz anders, und zwar freundlicher ausgesehen hatte als jetzt. ›Gut!‹ sagte sie abgebrochen. ›Versprich mir, daß du niemals einen dritten rechten lassen wirst über mich!‹ ›Was meinst du? Kein anderer soll über dich richten?‹ ›Nein! Keinen sollst du über mich zu Rate ziehen, und keiner soll über mich zu Gericht sitzen, bevor ich es nicht weiß, versprichst du mir das?‹, und sie hielt mir ihre kleine, schöngebildete, bräunliche, aber sehr abgearbeitete Hand hin. Ich nahm sie. Ihre Tränen hatten aufgehört. ›Und was versprichst du mir?‹ fragte ich, immer noch bemüht zu scherzen und die schwere Atmosphäre zu verscheuchen, die über uns lag. ›Was soll ich dir versprechen, Kind? Du hast doch schon alles! Was ...‹ sie unterbrach sich. Offenbar wollte sie sagen, was bin ich dir, oder etwas Ähnliches, aber sie wollte sich nicht klein machen. Das war stolz und unbedingt richtig in diesem Augenblick. ›Ich werde dich nie verlassen‹, sagte sie und heftete ihren immer noch düsteren Blick auf mich, dann widersprach sie sich: ›Ach, wenn ich es nur könnte! Was soll nur aus ihm werden? Was soll nur aus uns werden?‹ ›Was aus uns werden soll? Wir werden heiraten, damit das Kind ehelich auf die Welt kommt.‹ ›Das ist unmögliche, sagte sie, ›du glaubst, daß du dazu gezwungen bist, aber du bist nicht gezwungen.‹ ›Das weiß ich doch‹, antwortete ich. ›Du weißt, daß du mich nicht heiraten mußt ? Hast du dir das auch überlegt, liebst du mich denn? Ist es nicht Mitleid? Ist es nicht ...‹ Ich drängte mich an sie, ich küßte sie, ich riß sie zum Bett, und wir verbrachten Stunden über Stunden in stummen, furchtbaren, nicht endenden Umarmungen voller Glut und voll von einem neuen, tiefen, grauenhaften Glück, uns war, als könnte dieser Rausch nicht enden, wir gruben uns immer tiefer in den anderen ein, dachten nicht an Essen, Trinken, nicht an Ruhe oder Schlaf, nicht an Schmerz, es wurde immer stärker, immer aufreizender, immer sehnlicher, unerschöpflicher, den ganzen Tag hindurch, die Nacht hindurch, bis wir gegen Morgen in einen tiefen Schlaf verfielen, aus dem wir erst gegen Mittag erwachten. Jetzt war kein Zweifel mehr für mich. Ich mußte doch einen Menschen lieben, mit dem ich mich, unter Blut, Tränen und beinahe Tod vereinigen konnte – und nach dem ich mich sehnte, kaum daß ich auf die Straße getreten war. Ich kaufte Nahrungsmittel ein, wir aßen auf dem Bettrande sitzend und fielen uns, während wir tapfer vom Aufstehn und in die Stadt gehen sprachen, von neuem in die Arme. Meine Vally war noch glühender als ich, sie wollte mir weh tun, und sie wollte mich anstacheln, ihr Schmerzen zu bereiten, die sie durch noch stärkere, noch süßere Liebkosungen auslöschte, um sie aufs neue zu erwecken. Es war ihre Natur. Sie hatte nichts von einer Schwangeren an sich. Ihr Körper war fast ebenso unberührt und fest geschlossen wie vor einigen Wochen, als wir uns das erstemal – in welch unvollkommener Liebe! – vereinigt hatten. Ich dachte beim Erwachen am dritten Tage an meine Mutter, die immer unter ihren Leiden in der Hoffnung gestöhnt, die sich verhäßlicht hatte, die von ihren Übelkeiten geplagt war – nichts davon bei diesem schlanken, leidenschaftlichen, tollen, liebeshungrigen, unersättlichen und doch so sanft zärtlichen Geschöpf. Sie ließ mich ihre feste Brust befühlen und küssen, ich sollte merken, wie heiß diese Brust sei, sie konnte nie genug bekommen, und sie, die mir seit vielen Jahren – wie eine Magd eben – gedient hatte, ließ mich bis ins Letzte vergessen, daß ich sie jemals anders gekannt hatte, als sie jetzt war ... Endlich mußten wir unser gewohntes Leben wieder aufnehmen. Das Geld ging uns aus. Vally wollte zur Postsparkasse laufen und etwas von ihren Ersparnissen abheben. Ich sollte nach Hause gehen und dann mit dem Koffer zu ihr zurückkommen. Ich überlegte, wie ich Geld verdienen könnte. ›Jetzt habe ich noch Geld. Sorge dich nicht‹, sagte sie und wollte keinen Widerspruch. ›Ich kann mich doch nicht von dir ernähren lassen?‹ sagte ich. ›Sind wir Mann und Frau, oder?‹ fragte sie. – Ich ging nach Hause. Der Koffer, mit Staub bedeckt, stand in der gleichen Ecke in der Behausung unseres Portiers, wo ich ihn untergebracht hatte. Ich nahm ihn in die Hand. Ich öffnete ihn, während mich der Portier und seine behäbige Frau von der Seite her beobachteten. Vielleicht hatten mir meine Eltern eine kurze Nachricht, ein Briefkuvert mit etwas Geld hineingelegt, Lebensmittel für einige Tage? Nichts. Sie hatten auch dem Portierehepaar keine Botschaft an mich aufgetragen. Ich hätte die paar Stufen hinaufgehen, etwas fordern können, das mir zustand, denn noch war ich ihr Sohn, noch war ich nicht Vallys Mann. Aber ich empfand jetzt einen Stolz, den ich früher nicht gekannt hatte, denn Vally hatte mich zum Mann gemacht, und ich begriff, daß ich mich nicht mehr demütigen könnte. An meinem Gefühl für sie zweifelte ich nicht mehr. Als ich Vally wiedersah, mußte ich wahrnehmen, daß sie fast ebenso überrascht war wie vor drei Tagen. Hatte sie mir zugetraut, ich würde sie, nachdem das zwischen uns gewesen war, mit unserem Kinde verraten? Von dem Kinde wollte sie aber nicht viel reden hören. ›Überlaß das mir‹, sagte sie, ›es ist noch nicht da.‹ ›Es ist noch nicht da?‹ fragte ich sehr überrascht. ›Aber Vally, du bist doch sicher, du täuschst dich nicht?‹ ›Du bist doch sicher, du täuschst dich nicht‹, machte sie mir nach und lachte. ›Willst du mich ? Heiratest du mich oder mein Kind?‹ Ihre Lustigkeit war übertrieben, sie kroch auf der Erde umher und ahmte ein kleines Kind nach, das seine ersten Schritte versucht. ›Vally‹, rief ich. ›Nun‹, sagte sie, stand auf, sah mir kalt in die Augen, nahm meine Hände in die ihren und fragte: ›Bereust du? Tut es dir leid? Haben sie dich vor mir gewarnt?‹ Ich wollte ihr sagen, daß ich sie nie verlassen würde, aber sie unterbrach mich. ›Du bist neunzehn Jahre alt. Ich kann vielleicht keine ewige Treue verlangen, du kannst noch zurück, ich schlage mich durch.‹ ›Und das Kind?‹ Sie verzerrte plötzlich das Gesicht. ›Das Kind‹, schrie sie schrill, ›ich bin dir nichts, und das Kind ist alles? Ich lebe doch noch? Bin ich ein Fetzen? Dann will ich dich nicht mehr. Eine Stubenmädelliebe? Ein Mist und Dreck? Vielleicht tut es jetzt mir leid, und ich will dich nicht mehr.‹ Sie weinte nicht, sie starrte mich mit trockenen Augen an, setzte sich an den Tisch und begann die Strümpfe wieder vorzunehmen, die sie vor einigen Tagen aus den Händen gelassen hatte. Ich wußte nicht, war es Mitleid, war es Sinnlichkeit – jetzt wo sie mir zürnte, reizte sie mich noch mehr, und wir verbissen uns fast sofort darauf in die wütendsten und dabei doch innigsten Zärtlichkeiten – ich blieb. Und nachdem sie sich endlich an meinem Halse ausgeweint und mir die Tränen sorgfältig mit ihrem Taschentuch vom Halse und von meiner Brust abgetrocknet hatte, begannen wir endlich einen Plan für die Zukunft zu schmieden. Um neun Uhr abends hatten wir angefangen, uns über unsere Zukunft zu besprechen, und es war fast vier Uhr morgens, als wir uns klar waren. Unser Plan war fast fehlerfrei, und wir haben lange Zeit diesen Plan befolgen können. Sie wußte, was ich haben sollte, was ich mir wünschte. Diesen Wunsch wollte sie vor allem, unbedingt, um jeden Preis erfüllt wissen, ich sollte studieren, ich sollte Arzt werden. Die Sorge für das Kind wollte sie solange wie irgend möglich allein übernehmen, das Kind sollte mich auf keinen Fall hindern. Sie war in ihren Plänen so selbstlos, so vornehm, so gar nicht ›Stubenmädelliebe‹, daß es selbstverständlich für mich war, daß auch ich ihr und dem Kind ein Opfer brachte, indem ich meine Familie verließ, sie heiratete und dem Kind einen Namen gab. Welche Aussichten hatten wir, Geld zu verdienen? Ich hätte Lektionen erteilen können, aber sie sagte mit Recht, ich müsse mich mit allen Kräften an meine Arbeit halten, keinen Tag, nicht einmal eine Stunde verlieren. Sie wollte arbeiten, sie wollte für das Kind sorgen. Sie wollte sich bilden, um später mit Ehren als meine Frau in der Gesellschaft erscheinen zu können, und sie begann augenblicklich, sich im Schreiben zu üben, da sie eine schöne Handschrift als unentbehrlich erachtete, sie bat mich, ihr Bücher aufzuschreiben, die sie aus der Volksbibliothek entlieh, sie wollte unter allen Umständen unentgeltliche Sprachkurse nehmen. Sie bat mich, ich solle sie unerbittlich auf Fehler in der Aussprache, auf unpassende Manieren beim Essen aufmerksam machen, und das waren nicht bloß Worte, sondern ihr Ernst. Sie konnte noch auf einige Zeit in den Dienst gehen, und sie tat etwas, was sie in meinen Augen sehr hoch stellte, sie trat bescheiden und tapfer meiner Mutter und meinem Vater entgegen, erbat ihre Papiere und setzte ein gutes Zeugnis durch. Sie verzichtete während des kommenden Sommers darauf, mich an anderen Zeiten als sonntagnachmittags bis acht Uhr abends zu sehen. Ich konnte erst im Herbst auf der Universität inskribieren, bis dahin mußte ich mich in der Bibliothek an die Bücher und Atlanten der Anatomie etc. halten, und ich kannte die menschliche Anatomie bereits sehr genau aus Büchern, bevor ich, nicht ohne Schaudern, die erste Leiche sezierte. Ihre geringen Ersparnisse (sie war stets sehr ehrlich und meine Familie stets sehr sparsam gewesen) waren bald aufgezehrt. Ich bewohnte ein Zimmer, nicht kleiner und nicht größer als die Kammer, die ich zuletzt daheim gehabt hatte, und das man ein Kabinettl nannte. Aber auch diese Miete zu erschwingen wurde ihr schwer. Wir versetzten zuerst meine goldene Uhr, dann lösten wir sie mit Mühe ein, schließlich mußten wir sie verkaufen. Seit den Sommermonaten, genau gerechnet, einen bis zwei Monate nach meinem Auszug von zu Hause, wurde ihre bis dahin immer sehr wechselnde Stimmung anders – ernster und heiterer zugleich. Ich verstand es nicht. Bei mir hatten sich die Sorgen und die Unruhe vergrößert. Sie aber hatte eine Art Sicherheit gewonnen. Es mußte für mich gesorgt werden. Mein Vater lehnte jede freiwillige Unterstützung ab. Er war vielleicht sehr tief getroffen. Wahrscheinlich hoffte er, mich zu einem Rückzug zu gewinnen. Ich hätte ihm zu dieser Zeit nicht vor die Augen zu treten gewagt, ich traute mir selbst noch nicht genug Kraft zu. Vally ging eines Sonntagnachmittags nochmals zu ihm. Ich wartete vor dem Haus, sah mein Schwesterchen am Fenster. Judith sah mich nicht. Ich fand sie sehr blaß. Sie soll sich sehr um mich gegrämt haben. Vally war sie um den Hals gefallen und hatte sie nicht mehr loslassen wollen. Meine Eltern waren kühl dabei gestanden. Man sah Vally zu dieser Zeit ihre Schwangerschaft schon deutlich an. Mein Vater bestand darauf, die ›Sache‹ durch seinen Rechtsanwalt zu regeln. Wir, Vally und ich, hatten nicht die Mittel, einen solchen für uns zu bezahlen. Vally vertraute sich ihrer neuen Herrschaft an. Diese hatten gute Bekannte, und diese Bekannten wollten Vally mit einem Anwalt zusammenbringen. Es gelang, und der Advokat versprach, meine Vertretung auf Borg zu übernehmen. Ich konnte ein Stipendium anstreben, das die österreichisch-ungarische Militärbehörde, die Mangel an Militärärzten hatte, jungen dienstwilligen Medizinern gewährte. Doch brauchte ich dazu ein Mittellosigkeitszeugnis – und die Einwilligung meines Vaters. Unmöglich zu erlangen. Dem Advokaten gelang es schließlich, gegen den Willen meiner Mutter, einen Ausweg zu finden, der uns alle rettete. Mein Vater war also doch nicht unerbittlich gewesen. Zwar versagte er mir jeden Unterhalt, aber er war damit einverstanden, daß ich meine Volljährigkeit schon jetzt erlangte, was im Gesetz als Ausnahme vorgesehen ist, und ich meinerseits entsagte allen Ansprüchen an ihn. Dieser Entschluß fiel uns beiden, Vally und mir, nicht leicht. Die Lage unseres Kindes wäre nämlich viel günstiger gewesen, wenn ich unmündig blieb, da dann mein Vater nach Maßgabe seines Vermögens, das jetzt schon gewaltig war, für die Alimentation des unehelichen Kindes aufzukommen hatte. Auf der anderen Seite war es unsicher, ob ich das Stipendium erhalten würde, ja schon die Erlangung des Mittellosigkeitszeugnisses stieß auf Schwierigkeiten. Dennoch entschlossen wir uns dazu. Meine Frau war jetzt stolz geworden, sie wollte keine Almosen, sie ließ sich bei ihren Besuchen zu Hause nicht im Vorzimmer, auch nicht im Sprechzimmer abspeisen, sondern bestand darauf, daß man unsere und des Kindes Zukunft im Salon bespreche und daß sie sich ebenso auf einen Fauteuil setzen dürfe wie ihre frühere Herrschaft. Obwohl sie zu dieser Zeit schon wieder im Dienst stand, im Hause meiner Eltern war sie es nicht. Ich sollte mich nicht um die Zukunft des Kindes absorgen, wiederholte sie immer. Ihr Glaube an sich und mich war unerschütterlich. So setzten wir alles glücklich durch. Ich erhielt die amtliche Bestätigung, daß ich vom 11. VIII. 1909 an mündig sei. Vally bat um Urlaub, wir fuhren nach Puschberg (meine Eltern waren dieses Jahr nach Franzensbad gefahren), und ich wurde in der alten Dorfkirche getraut. Mein Schwiegervater und meine neue Familie empfingen mich ohne besondere Gefühlsausbrüche, nur der alte Pfarrer hatte Tränen in den Augen. Das Aufgebot war bereits vor Monaten bestellt. Wir beichteten und erhielten die hl. Kommunion. Als Trauzeugen hatte ich den Lehrer und einen Großbauer des Dorfes, meine Frau ihren Vater und andere Familienmitglieder, unser Hochzeitsessen fand im Dorfwirtshaus statt. Unsere Villa besuchten wir nicht. Sie stand öde und verlassen da, das Gras war hoch über die Wege gewuchert ... Wir gingen schnell vorbei. Gern hätte ich meinen alten Freund Perikles als Trauzeugen gehabt. Ich hatte ihm rechtzeitig geschrieben. Hatte er meinen Brief nicht erhalten, oder zürnte er mir, unberechenbar, wie er geworden war – er kam nicht. Trotzdem waren wir glücklich, und ich versuchte sogar, Vallys ›Manner‹ als meine eigene Familie anzusehen. Die Trauungsanzeige erschien in dem Lokalblatt der nächsten kleinen Stadt, und Vallys Familie zeigte diese Druckzeilen stolz umher, als wir uns am Bahnhofe eingefunden hatten zur Abreise. In der kleinen Notiz war mein Vater als Ehrenbürger von Puschberg genannt, und seine Verdienste um die ›dankbare Gemeinde‹ waren aufgezählt, ich wurde als strebsamer, aussichtsreicher Mediziner bezeichnet. Vorläufig war ich jedoch nichts als ein sehr von Sorgen bedrückter Mensch von noch nicht zwanzig Jahren. Auch Vally hatte nicht die heiterste Miene. Um ihren Mund und um die schönen großen dunklen Augen sah ich schon die ersten braunen Flecken, wie sie meine Mutter immer gehabt hatte, wenn sie in der Hoffnung war. Wir erwarteten die Ankunft des Kindes für Ende Januar, Anfang Februar – und es war geplant, daß Vally im Lauf des Oktobers ihre Stellung aufgeben sollte. Bis dahin mußte die Entscheidung fallen, ob ich das Militärstipendium, unsere einzige Einnahmequelle, erhalten würde oder nicht. Ich hatte mich vor meiner Hochzeit der Militärkommission zur Untersuchung gestellt, man hatte mich als militärtauglich befunden. Ich konnte mein Einjährigenjahr wann immer abdienen, ich wollte es bis nach Erlangung meines Doktortitels verschieben. Während der Heimfahrt belustigte sich Vally damit, ihren neuen Namen überall hinzukritzeln, wo sie freien Platz fand, so auch auf die Rückseite unserer Fahrkarten. Ich lächelte sie mit aller Anstrengung froh an, ich wollte ihr meine Sorgen nicht zeigen. Auch sie wußte die ihren zu verbergen, sie wollte mit ihrer alten Tapferkeit aufrecht bleiben und sagte, sie dächte nicht daran, vor dem neuen Jahr ihre Dienstmädchenstellung aufzugeben, da sie zu diesem Termin den Anspruch auf ein größeres Geschenk habe. Ich hatte mir fest vorgenommen, die Demütigung, die vielleicht (nur für mich) darin bestand, daß meine Frau nicht nur aus dem dienenden Stande gekommen war, sondern daß sie in diesem nach der Heirat verbleiben mußte, niemand merken zu lassen. Ich erinnerte mich aber der höhnischen Worte meines Vaters, ich wolle Christus sein, mich aber nicht ans Kreuz schlagen lassen, als ich Vally am zweiten Tag nach unserer Ankunft – nach einer leidenschaftlichen Nacht – um halb sieben Uhr morgens mit ziemlicher Kraft aus dem Schlaf rütteln mußte, denn um sieben mußte sie bei ihrer Herrschaft angetreten sein. Sie erwachte schwer, als sie aber verstanden hatte, sprang sie auf, zog sich in aller Eile an und bereitete mir noch zum letztenmal das Frühstück. Bei unserem wortkargen Abschied bat ich sie nochmals, sie möge der Herrschaft sagen, sie möge sich von Oktober, spätestens November an nach einem anderen Mädchen umsehen. Meine Frau verschloß mir mit vielen Küssen unter Tränen den Mund. ›Laß mich nur, laß mich! Bei uns ist das anders als bei den zimperlichen Stadtfrauen. Ich kann bis zum neuen Jahr schaffen, auch wohl noch den Februar.‹ ›Aber unser Kind?‹ ›Sorge dich nicht um das Kind, du hast es mir versprochen! Die Frauen bei uns gehen vom Feld nach Hause, legen sich hin, bekommen ihr Kind, und zwei Tage später sind sie wieder auf dem Kartoffelfeld und häufeln oder auf der Wiese und mähen ...‹ Was sollte ich tun? Ich küßte meine Frau und begleitete sie bis zur Station der elektrischen Straßenbahn, denn es war spät geworden, und zu Fuß hätte sie die Dienststelle nicht mehr rechtzeitig erreicht. Nachher kehrte ich nach Hause zurück, die Universitätsbibliothek wurde erst um halb neun Uhr geöffnet. Als wir uns nach vierzehn Tagen zum erstenmal wiedersahen (meine Frau hatte ausdrücklich darum gebeten, ich möge ihr nie beim Einkaufen oder bei anderen Gängen zu begegnen versuchen, denn sie hatte dieses Versprechen ihrer sonst so menschlichen Herrschaft geben müssen), trafen wir uns in einem Kaffeehaus in ihrer Nähe. Sie sah etwas blaß aus, auch ich muß nicht mehr das gepflegte Aussehen gehabt haben, das ich in der Anstalt in A. oder bei meiner Familie hatte. Denn zum erstenmal in meinem Leben mußte ich mir, wenn ich essen wollte, überlegen, was es koste und ob ich solange essen dürfe, bis ich vollständig satt war. Ich lernte, daß es mancherlei Abstufungen von satt gibt. Heute hatte ich eine gute Nachricht für meine Frau. Ich war inskribiert, die Kolleggelder wurden mir gestundet, bis das eingereichte Gesuch um unentgeltliches Studium erledigt war und ich durch eine kleine Prüfung von meinen Fortschritten Zeugnis gegeben hatte – und vor allem war meine Militärangelegenheit bewilligt. Wir waren reich, wenigstens ich hielt mich dafür, ich hatte auf einhundertfünfzig österreichische Kronen im Monat zu rechnen. War das nicht Grund genug, daß meine Frau ihren Posten früher aufgeben sollte? Nein, sie wollte nicht. ›Damit habe ich schon lange gerechnet. Wir brauchen jeden Heller. Wir müssen Wäsche für das Kind kaufen, und wenn man dir das Kolleggeld schenkt, die Entbindungskosten bei uns daheim schenkt mir niemand. Der Gemeinde meiner Leute dürfen wir nicht zur Last fallen.‹ Ihre Ehrenhaftigkeit rührte mich mehr, als ich sagen konnte. Vally hatte nie gelogen. Wir lebten jetzt ruhiger miteinander. Meine Liebe hatte sich aber nur gesteigert, und ich begann glücklich zu sein bei dem Gedanken, sie unter so vielen anderen gefunden zu haben. Sie wollte keine Lobsprüche hören. ›Traue keiner Frau!‹ sagte sie scherzend, ›alles Mistviecher!‹ Ich versuchte zu lächeln, aber ich dachte an meine Mutter, an meine Schwester, ich konnte nichts antworten. Sie merkte ihre Ungeschicklichkeit, und wir begannen, über die illustrierten Blätter in unserer Kaffeehausecke gebeugt, zu lesen und die Bilder anzusehen, wobei sie mich nach allem möglichen ausfragte, um sich zu bilden. In den Kaffeehäusern gab es auch medizinische Zeitschriften. Ich ließ sie mir jetzt kommen, und wenn ich auch das meiste noch nicht verstand, fesselte es mich doch. Ich schob meiner Frau Modezeichnungen zu, die in einem eleganten Journal standen, aber sie wollte mit mir lesen. Mein Blick fiel sofort auf einen Aufsatz über die syphilitischen Augenkrankheiten. Ich strahlte; mein Herz schlug. Ich dachte an das erstemal, wo ich als zwölfjähriger Junge in dem Buche über Augenkrankheiten den Namen meines Vaters gedruckt gelesen hatte. Nun durchflog ich den Aufsatz von einem Ende zum anderen. Vally lächelte, sie verstand mich, hatte ich ihr doch alles erzählt, wir hatten keine Geheimnisse voreinander. Aber der Name meines Vaters kam nicht vor. Von dem Nachweis der Spirochäten im syphilitisch erkrankten Auge war zwar die Rede, es waren auch Forscher genannt, aber einer mit einem französischen, einer mit englischem Namen und dann ›und andere‹. Ich bedauerte meinen Vater, daß er mit seiner wichtigen Erfindung zu spät gekommen sei. ›Zu spät gekommen?‹ fragte Vally, und ihre Augen blitzten, ›sicherlich ist es nicht wahr! Er soll eine arme Doktorin in der Klinik haben, die er schuften läßt. Er sagt dann, es sei von ihm!‹ ›Vally!‹ sagte ich und schob das Blatt heftig weg. Vally schüttelte den Kopf über sich, sie bereute, daß sie ihr Versprechen gebrochen hatte. Später erst habe ich verstanden, weshalb sie sich so gefreut hatte, meinen Vater auf einer Unwahrheit zu ertappen. Sie wußte, daß ich ihn immer noch aus tiefstem Herzen liebte, und daß ich darunter litt, daß ihm ein wissenschaftlicher Erfolg entgangen war, den er verdiente. Wer denn sonst, wenn nicht er? Abends begleitete ich meine Frau nach Hause, das heißt zu ihrer neuen Herrschaft, und auf dem Heimweg konnte ich es mir nicht versagen, an unserem Hause vorbeizugehen, wiederzukommen, nach den erleuchteten Fenstern hinaufzusehen und mir Gedanken zu machen. Aber ich beherrschte mich. Ich konnte dort nicht eindringen, ich mußte warten, bis mich meine Eltern riefen, und ich war im Grunde meines Herzens überzeugt, daß sie es bald tun würden. Inzwischen verlegte ich mich mit meiner ganzen, noch ungebrochenen Kraft auf das Studium. Ich will nicht sagen, daß ich mich für besonders begabt halte oder hielt, aber eine Arbeitszeit von vierzehn Stunden, folgerichtig durchgesetzt, mußte Erfolg haben. Das, was den meisten im Anfang so schwer fiel, die langweilige normale Anatomie mit den zahllosen Bezeichnungen für das winzigste Fäserchen oder Knöchelein, war mir leicht geworden, weil ich von meinem Vater her wußte, wie selbst das unscheinbarste Häutchen oder Nervchen oder Blutgefäßchen die höchste Wichtigkeit erlangen konnte, ja erlangen mußte in den ebenso unzählbaren, sonst unbegreiflichen Krankheiten. Ich studierte außerdem, dem Lehrplan entsprechend, Botanik, Chemie, Physiologie, alles, was den gesunden Körper und sein normales Funktionieren betrifft. Aber im tiefsten Winkel meines Herzens freute ich mich auf eine andere Zeit: nämlich die, wo mir die nicht sichtbaren Krankheiten aufgehen würden – dann kam die zweite, erhöhte Stufe der Einsicht in das menschlichste aller Gebilde, die Seele und den Geist, besonders in deren Erkrankung, in ihre Leiden und den Heilungsprozeß. Ich zwang mich dazu, mich streng an den Lehrplan zu halten. Manchmal fiel mir freilich dieser Verzicht auf das, was mich am stärksten anziehen mußte, schwerer als der Verzicht auf ein warmes Essen, das ich mir nicht täglich gönnen konnte. Aber ich war jung. Ich mußte auch ertragen, daß ich meine Mutter und meine Geschwister nur durch Zufall sah. Einmal traf ich sie, als ich von einer medizinischen Studienanstalt zur Bibliothek eilte, die mir die teuren Unterrichtsbücher ersetzen mußte. Ich sah sie, sie sahen mich nicht. Meine Mutter sah schön und gesund, aber fremd und etwas zu reich und hochmütig aus, Judith ging an der Hand eines neuen Kinderfräuleins, entzückend anzusehn in einem weißen Pelzchen aus Kaninchenfell, über dessen Kragen ihre brandroten Locken in reicher Fülle hinabfielen. Nur viel zu schnell verschwanden sie im Winternebel. Ich mußte stehen bleiben, so klopfte mir das Herz. Zufällig war eine Kirche in der Nähe, ich trat in den eiskalten, todesstillen Raum, kniete nieder und verrichtete meine Andacht, dann stand ich auf. Auch hier gab es, wenn auch nur in geringer Anzahl, Exvototafeln. Ich dachte an das Exvoto, das ich in der Gnadenkapelle von A. hinter die Marmorplatte gesteckt hatte, als die mißverständlichen Worte Vallys mich in Sorge gestürzt hatten, in dem Briefe, in dem von der baldigen ›Erlösung‹ meiner Mutter die Rede war. Schütze meine Mutter! hatte ich damals geschrieben. Schon tastete ich jetzt nach meinem Collegienheft, um einen Zettel herauszureißen und ›schütze meine Frau und mein Kind‹ daraufzuschreiben, aber ich hatte mich inzwischen verändert, und was mir noch vor fünf oder sechs Jahren als Glaube erschienen war, kam mir heute als Aberglaube vor. So bekreuzigte ich mich nur, besprengte mich mit Weihwassertropfen, die fast gefroren waren, und eilte, um die verlorene Zeit einzuholen, im Laufschritt nach der Universitätsbibliothek, die abends schon um acht Uhr schloß. Ich fühlte mich als vielgeplagten, aber glücklichen Menschen. Zu Weihnachten kamen viele Geschenke. Nicht nur, daß Vally von ihrer Herrschaft reich beschenkt worden war, so hatte auch meine Familie sich zum erstenmal unser erinnert. Außer vielen Leckerbissen (vielleicht waren es überflüssige Geschenke der Patienten an meinen Vater, die stets zu Festzeiten überreichlich einliefen) kam auch eine schöne, wenig gebrauchte Nähmaschine für meine Frau und ein alter Kinderwagen – noch ohne Gummiüberzug an den Rädern, der aber vollständig gut erhalten war. Er hatte mir gedient. Für Judith hatte man einen anderen gekauft, in dem jetzt schon der kleine Viktor umhergefahren wurde. Die Entbindung meiner lieben Frau sollte in einer kleinen Stadt in der Nähe von Puschberg stattfinden, und das Kind sollte die erste Zeit bei meinen Schwiegereltern leben – alles nach unserem alten Plan in jener Nacht in Vallys Kammer. Jetzt konnten wir meinen Eltern danken für ihre Liebe, wir taten es zuerst schriftlich und dann auch telephonisch. Mein Vater war nicht überrascht, als er meine Stimme hörte, dann schickte er meine Mutter an den Apparat, und wir besprachen alle für den zweiten Weihnachtsfeiertag ein Wiedersehen und trafen uns in einem Kaffeehaus, dem gleichen, das ich und Vally stets besuchten. Zu spät fiel uns ein, daß meine Eltern, wenn sie im Wagen dort vorfuhren, Aufsehen erregen würden. Aber es kam bloß meine Mutter, und zu Fuß. Mein Vater mußte, wie sie sagte, zu einer Operation. Ich sah Vally an: zweiter Weihnachtsfeiertag und eine Operation? Vally lächelte, wurde aber plötzlich blutrot und senkte die Augen. Meine Mutter war sehr elegant gekleidet, hatte einige ganz neue Ringe, andere Schmuckstücke waren nur neu gefaßt – das war eben eine Schwäche meiner Mutter, und ich war so froh, wenn sie mich immer wieder an sich drückte und tat, als wäre ich noch ein Junge von zehn Jahren. Sie fand mich gewachsen und ›prachtvoll blühend‹ aussehend, dabei hatte ich in der letzten Zeit Mühe, meine Sockenhalter und Socken in die richtige Verbindung zu bringen, denn ich war derart abgemagert, daß die Halter an meinen spindeldürren Beinen nicht halten wollten. Immerhin war es besser, als wenn mich allzuviel Fett belästigt hätte, und das wollte wohl meine Mutter dadurch ausdrücken, daß sie mein Aussehen so lobte. Wir blieben nur kurze Zeit zusammen, denn ich sah wohl, daß meine Zärtlichkeit für meine Mutter nicht Vallys Beifall hatte, und daß andererseits meine Mutter ihre Abneigung gegen die frühere Dienstperson noch nicht ganz unterdrücken konnte. So traf es sich gerade recht, daß meine Mutter mich fragte, wie spät es sei. Soviel Ringe, Ketten und Broschen und Nadeln sie hatte, aus Uhren machte sie sich nichts, denn man sah sie nicht wie den anderen Schmuck. Ich besaß leider keine Uhr mehr. Aber das Kaffeehaus hatte eine, und da die Frage nach der Zeit mehr eine Verlegenheitsphrase gewesen war, schüttelten wir uns schnell die Hand und trennten uns. Ich war recht glücklich trotzdem. Ich hatte meine Mutter wiedergesehen. Meine Frau trottete etwas schwerfällig neben mir her. ›In vier Wochen bist du – erlöst‹, scherzte ich, aber sie warf mir einen finsteren Blick zu, biß die Zähne zusammen und schwieg. Ich deutete es als Nachwehen der Begegnung mit meiner Mutter. ›Am Sonntag reisen wir, Silvester sind wir bei den ›Mannern‹, bei euch. Zum Glück ist bis jetzt alles gut gegangen. Vielleicht gibt uns der Vater die Erlaubnis, daß du die Villa bewohnst.‹ ›Eiskalt! Modrig! Dort will ich nicht einmal sterben‹, sagte sie böse. Ich schwieg und wickelte sie fester in ihren etwas dünnen Mantel ein. Sie hätte längst einen neuen gebraucht. – Ich konnte verstehen, daß sie an dieses Landhaus, in welchem sie infolge meiner Kälte so viel gelitten hatte, keine besonders gute Erinnerung hatte, während ich doch dort fast immer nur gute Tage erlebt hatte. 5 Meine Frau wollte durchaus nicht, daß ich sie nach Puschberg begleitete. Sie fühlte sich jetzt meist sehr bedrückt. Sie zögerte mit der Abreise. Wir waren mehr zusammen als früher, da sie ihre Stelle aufgegeben hatte. Sie versuchte die freie Zeit nützlich anzuwenden, las viel, strickte dicke Socken für mich, kochte mir auf dem Spiritusbrenner meine Mahlzeiten, so daß wir zu zweit nicht viel mehr als den Betrag verbrauchten, den ich für mich selbst benötigt hatte. Es fiel mir sehr schwer, sie in ihrem Zustande allein die weite Reise machen zu lassen, aber ich sah ein, daß sie recht hatte. Meine Mitreise hätte zuviel gekostet. ›Und ich soll dich erst im Sommer sehen?‹ fragte ich. ›Wenn du dann noch willst‹, antwortete sie trübe. Ich faßte nach ihrer Hand. ›Ach laß mich, ich bin nicht mehr anzusehen, die Haare fallen mir in Büscheln aus, ich bin nur noch Bauch und was so darum schlampt. Aber nein, das ist alles nur Unsinn‹ – sie löschte die Kerze aus, die uns aus Sparsamkeitsgründen statt einer Petroleumlampe als Beleuchtung diente, und küßte mich und weinte. Aber sie hielt mich von sich fern, und ich achtete ihre Scham. Auf die Reise gab ich ihr die schöne Kopfgarnitur mit, Haarbürste und Kamm, die ich von meiner Mutter erhalten hatte, und machte mich dann in meiner Einsamkeit mit aller Kraft an die Arbeit. Ich war im Seziersaal gern gesehen, da ich mit der größten Sorgfalt präparierte. So kam es, daß mir andere Studenten die ihnen zugewiesenen Teile zum Sezieren überließen, da es ihnen nur darauf ankam, die fertigen Präparate dem Assistenten vorzuweisen, einem jungen Ungarn, der mich bald unter den vielen Studenten wiedererkannte. Ich hatte infolgedessen Gelegenheit, wiederholt die oberen Halspartien zu präparieren, und stieß regelmäßig etwa an der Gabelungsstelle der großen und der kleinen Halsschlagader auf ein etwa hirsekorngroßes Gebilde, das ich zuerst als eine Zufälligkeit, dann als krankhaft geschwollenes Lymphdrüschen ansah. Da es aber regelmäßig wiederkehrte, schlug ich die ausführlichsten Lehrbücher nach, studierte in der Bibliothek die großartigen englischen und französischen Atlanten der menschlichen Anatomie – nirgends wurde seiner Erwähnung getan. Meine Frau war inzwischen in Puschberg angekommen, hatte aber außer zwei kurzen Karten keine Nachricht gegeben. Es war Ende Januar, es kam die erste, dann die zweite Februarwoche, immer noch hatte ich keine Nachricht. Meine Frau sollte, sobald die ersten Anzeichen bemerkbar wurden, das heißt, sobald die ersten Wehen eintraten, keinesfalls aber später, in die kleine Stadt S. in Tirol fahren, wo sich ein ziemlich gut eingerichtetes Bezirksspital befand. Ich sandte ihr Anfangs Februar von meinem Stipendium noch einen größeren Teilbetrag, damit sie diese kleine Reise zweiter Klasse machen könnte, aber auch darauf antwortete sie mir nicht. Ich machte zufällig dem Prosektor von der kleinen Drüse an der Carotis Mitteilung, er wollte es nicht glauben, und so präparierten wir gemeinsam, nachdem der Seziersaal von den anderen Studenten verlassen war. Wir fanden das, was ich immer gefunden hatte, und beeilten uns, das kleine Gewebestück in eine Härteflüssigkeit einzulegen, um es nachher schneiden, härten und systematisch mikroskopieren zu können. Der Prosektor war sehr erstaunt über die Kenntnisse, die ich entwickelte, mir kam es nur selbstverständlich vor, daß ich das Oberflächlichste wußte, was eben ein junger Student in einigen Monaten erfassen konnte, der keinen Überblick über den gesamten Organismus hat. Ich dachte nur daran, vor zehn Uhr abends wieder daheim zu sein, denn dadurch ersparte ich die zwanzig Heller ›Sperrgeld‹, und selbst diese winzige Summe, die ich in guten Zeiten einem Bettler auf der Straße schenkte, spielte eine große Rolle in meinem Haushalt. Ich kam noch rechtzeitig fort, und ich hoffte, ich würde daheim unter dem Messingleuchter, dem gewöhnlichen Platz, einen Brief oder eine Karte von Vally vorfinden. Es war aber nichts gekommen. Ich zog mich im ungeheizten Zimmer aus, mein in Papier eingepacktes Abendbrot, bestehend aus zwei sogenannten Schusterwecken und einem Brimsenkäse, ließ ich unberührt, und als ich nachts erwachte, wußte ich nicht, erwachte ich aus Hunger, aus Kälte oder aus Sorge um meine arme Frau. Am nächsten Tage setzten wir die Arbeit an der Carotisdrüse fort, fanden sie aber diesmal so klein oder so verkümmert, daß uns wieder Zweifel ankamen, ob man es mit einem regelmäßig vorkommenden Gebilde zu tun habe. Wir zogen noch einen dritten bei, einen Tschechen namens Peèírka, der sich sehr für Drüsen interessierte, die damals in der medizinischen Wissenschaft zum erstenmal mit großem Interesse beobachtet und in ganz Europa und Amerika in den Instituten erforscht wurden. Er war noch ungläubiger als der Ungar Mihváry, und wir mußten, da es Sonnabend war und die frischen Leichname erst Sonntagabend geliefert wurden, noch etwas Geduld haben. Ich konnte mich in meiner Bedrückung über Vallys Schicksal nicht mehr beherrschen. Sollte ich telegraphieren, vielleicht gar mit Rückantwort wie zu Judiths Zeiten, als nämlich meine Mutter vor der Geburt Judiths stand? Sollte ich meinem Vater Mitteilung machen? Er war und blieb mein Vater. Schließlich wandte ich mich an Peèírka, der einen Trauring trug. (Ich und meine Frau hatten uns geeinigt, unsere Trauringe vorläufig nicht zu tragen, solange wir noch keinen gemeinsamen Haushalt errichtet hatten.) Er klärte mich auf, wir rechneten den ungefähren Termin der Geburt aus und kamen auf Anfang Februar spätestens. Jetzt waren wir aber schon in der dritten Woche. Er konnte sich das Rätsel nur schwer erklären, meinte aber, es bestünden zwei Möglichkeiten, entweder habe meine Frau noch nicht Zeit gehabt, mich von dem bereits erfolgten glücklichen Ereignis in Kenntnis zu setzen, oder es handle sich um eine ›übertragene Frucht‹, missed labour genannt. Ich fragte, ob dies eine Gefahr bedeute. ›Wenn die Frucht lebt, nein, wenn sie abgestorben ist und faul, ja.‹ Es überrieselte mich heiß und kalt, mein und Vallys Kind eine Frucht nennen zu hören, die ›faulen‹ konnte. Schließlich aber beherrschte ich mich, dankte dem Prosektor und ging heim. Diesmal mußte ich Sperrgeld zahlen und hatte sogar noch größere Ausgaben, denn als ich vor der geschlossenen Haustür stand – die nächste Turmuhr hatte kaum den letzten Glockenschlag zehn getan –, graute es mir so sehr vor dem Alleinsein und dem kalten, öden und dabei doch engen Zimmer, daß ich vor allem ein nahegelegenes Wirtshaus aufsuchte und mich mit einem Seidel Bier in die dunkelste Ecke setzte, bis die Lichter ausgelöscht wurden. Am nächsten Tage kam nur eine Post. Kein Brief von ihr. Ich entsann mich der bösen Stunden, die ich Vally seinerzeit in A. wegen, der unüberlegten Worte: ›hoffentlich ist deine Mutter bald erlöst‹, oder so ähnlich, zu verdanken hatte, ich konnte nicht anders als plötzlich eine Aufwallung von Jähzorn empfinden. Dann wieder dachte ich an ihr dünnes Mäntelchen, es kamen mir andere Augenblicke aus unserer Liebeszeit in die Erinnerung zurück, und ich verbrachte einen erträglichen Sonntag, ja sogar auch eine erträgliche Woche. Aber auch nach Ablauf dieser Woche hatte ich noch keinen Brief von ihr. Ich mußte einen Entschluß fassen. Der Entschluß war leicht gefaßt, denn er war einfach. Es gab nur zwei Hindernisse. Erstens der Mangel an Geld, zweitens der Mangel an Zeit. Der Prosektor Mihváry hatte mich ausdrücklich gebeten, mich in der kommenden Woche von den Vorlesungen und Übungen frei zu halten, um mich ganz den mikroskopischen Untersuchungen der unbekannten Drüse zu widmen. Ich hatte es versprochen, jetzt mußte ich absagen und zugleich den gutmütigen und sehr an mir interessierten Prosektor Peèírka bitten, mir fünfzig Kronen zu leihen. Ich war Militärstipendist, es bestand keine Gefahr bei mir, der Prosektor, Mann einer sehr vermögenden, schönen und jungen Frau, hatte volles Verständnis für meine Lage. Etwas beruhigt kehrte ich also diesen Sonnabend heim und zahlte ruhig die zwanzig Heller. Daheim sah ich zu meiner größten Freude etwas unter dem Messingleuchter schimmern. Es war ein dicker Brief. Und ich hatte keine Zündhölzer, und meine Wirtin schlief. Aber das waren keine Hindernisse, ich lief die paar Treppen wieder hinab, klopfte die Portiersfrau aus dem Bett und bekam Licht. Den Brief hatte ich mit. Die gutmütige Frau sah, in ihr schwarzwollenes Umschlagtuch eingewickelt, an den Füßen warme gefütterte Schlapfen, zu, wie ich den Brief aufriß. Aber es war eine traurige Überraschung für mich, denn nicht Vally, sondern nur Perikles hatte geschrieben. ›Eine Unglücksnachricht? Ein Todesfall?‹ fragte das brave Weib. Ich schüttelte den Kopf, konnte mich aber der Tränen nicht erwehren. In der Kälte kehrte die Frau schnell in ihre Loge zurück, und ich löschte noch auf der Treppe das Licht wieder aus, das ich so mühsam errungen hatte. Ich konnte den Brief eines Perikles auch am nächsten Tage lesen. Er schrieb wie immer wenig Persönliches. Er war im Begriffe, einen Lehrauftrag zu erhalten (mit kaum zweiundzwanzig Jahren! Er war etwas älter als ich). Er fragte mich nun dringend um einen Rat. Diesmal in keiner unglücklichen Liebesangelegenheit. Diesmal war ja ich der unglücklich Liebende. Es handelte sich um seine Probevorlesung, und er schwankte zwischen zwei Themen: ›Psychologische Gefahren der Philosophie‹ hieß das eine, ›Moral der Kraft‹ das andere. Der Brief setzte beide Themen mit bewunderungswürdigem Scharfsinn und einer Fülle von großartigen Ideen auseinander, aber ich wollte oder konnte diesmal nicht folgen. Er schrieb, er hätte jetzt reichliche Geldmittel, wohlwollende Freunde, auch eine wundervolle Gönnerin. Ich solle ihm telegraphisch sofort meine Ansicht mitteilen (sechs Monate lang hatte er keine Zeile an mich gerichtet!), und er hatte einen Fünfmarkschein beigelegt. Ich antwortete nicht. Es bereitete mir eine traurige Freude – aber kann man das eine Freude nennen? –, daß ich ihn auf Antwort warten ließ und daß ich das Geld für meine Reise benutzte, die ich am Montag sehr früh morgens antrat, obwohl ich dem Prosektor ehrenwörtlich hatte versprechen müssen, ich würde zumindest noch einmal vor meiner Abreise ins anatomische Institut kommen. In der Lage, in der wir uns befanden, Vally und ich, glaubte ich, so handeln zu müssen. In unserer Stadt taute es schon, aber auf der Reise fand ich überall eine hohe Schneedecke. Auf der letzten Umsteigestation sagte man mir, die Strecke nach Puschberg sei wegen Schneeverwehung und Lawinengefahr gesperrt, man könne nur bis Erdbergsweg kommen, höchstens bis Goigel, auch die Postsendungen gingen nur bis dorthin. Aber es war möglich, daß die Strecke noch im Laufe des Tages frei würde. Wir kamen spät nach Mitternacht in Goigel an. Draußen schneite es mächtig. Der Zug ging nicht weiter. Man sah eine Schneemaschine unter Dampf auf einem Nebengeleise stehen, das Licht der zwei Laternen fiel auf den schwarzen, eisernen, mannshohen Korb, der den Schnee von den Schienen fortschaffen sollte. Da um diese Zeit auch der weite Weg in den Ort schwierig war, überließ es der Bahnhofsvorstand den spärlichen Reisenden, entweder im Wartesaal oder in dem Abteil den Morgen abzuwarten. Ich zog das letztere vor, drückte mich in eine Ecke und versuchte zu schlafen. Aber ich erwachte oft, immer sah ich zum Fenster hinaus und sah zwar den mächtigen Schneepflug noch dampfen, aber er selbst war schon über einen halben Meter hoch von neuen Schneemassen umgeben. Gegen sieben Uhr begann es heller zu werden, in den nahen Bäumen sauste es, der Wind hatte sich gedreht, die Kälte war nicht mehr trocken und schneidend wie in der Nacht, sondern eher lastend, feucht und schwer. Ich machte mich auf den Weg vom Bahnhof Goigel nach Puschberg, den ich im Sommer ab und zu gegangen war und der etwas über zweieinhalb Stunden dauerte – bergauf, bergab und wieder bergauf, denn Puschberg liegt auf der Höhe des Sattels. Als ich einige hundert Schritte vom Bahnhof entfernt war, kam mir der Briefträger nach, der in der jetzigen Notzeit, wie ich erfuhr, den täglichen Dienst von hier aus besorgte. Die Absendung und der Empfang von Briefen waren in den letzten Tagen oft unterbrochen gewesen, jetzt hatte man einen Notverkehr eingerichtet. Ich atmete auf, trotz meiner Bedrückung. Vielleicht hatte Vally mir geschrieben, und durch die Wetterverhältnisse hatte der Brief zu lange gebraucht. Ich wollte nicht bedenken, daß es doch drei Wochen waren, seitdem ich Nachricht von meiner lieben Frau entbehrte. Der Briefträger, ortsfremd, kannte mich nicht, aber er kannte natürlich die Bürgermeisterfamilie im Dorf. Zuerst klärte er mich, mühsam neben mir durch den hohen Schnee stapfend, darüber auf, daß die Familie meiner Frau, Eschenober, seit Jahr und Tag tief in Schulden sei, und Vater Eschenober sei nicht mehr Bürgermeister. ›Und die Tochter?‹ fragte ich zitternd. ›Frieren Sie so?‹ gab der Briefträger zurück, meinen etwas abgeschabten Stadtmantel von der Seite betrachtend. ›Die Tochter?‹ wiederholte ich. ›Welche denn, die ältere oder die hübsche, die kleine?‹ ›Die Walpurgis‹, sagte ich. ›Ja, die! Die ist lange in der Stadt im Dienst gewesen, sagt man.‹ ›Und was noch?‹ brachte ich mühsam hervor. ›Schlagen Sie den Kragen besser hoch‹, meinte der Briefträger, ›und schlimmstenfalls wickeln Sie sich das Sacktüchel fest um den Hals, appetitlich ist es nicht, hält aber warm. Und was die Eschenoberische betrifft, so ist sie jetzt daheim. Schwanger soll sie auch sein, heißt es, ich habe sie nicht gesehen.‹ ›Sonst gibt es nichts Neues oben?‹ ›In Puschberg? Nein. Ich weiß wenigstens nichts. Der Großbauer Partl ist jetzt Bürgermeister, und man sagt allgemein, der Sohn soll die Veronika heiraten, das ist die jüngere ...‹ ›Ich weiß, ich weiß‹, sagte ich. Der Briefträger sah mich erstaunt an. ›Sind wohl auch von dort?‹ ›Ja‹, sagte ich, ›ich bin oben gut bekannt.‹ ›Entschuldigen dann‹, sagte er, ›ich muß jetzt hier links den Schlag hinauf zu der Försterei, es ist nur ein kleiner Umweg, wollen Sie mitkommen? In der Försterei gibt es auch ein Glaserl alten Himbeerkirsch und eine harte Wurst.‹ ›Nein‹, dankte ich, ›ich gehe nach Puschberg, man erwartet mich.‹ ›Ach so, ach so, ja dann, grüß Gott!‹ Ich dankte für den Gruß und stieg hinauf. Der Wind hatte sich gelegt, das Licht war matter und silberiger geworden, zwischen den hohen Tannen dämmerte es, und man hörte die Äste unter der hohen Last des Schnees krachen und dann mit einem Hauchen oder Blasen die Last abschütteln. Im Tale unten pfiff der Zug. Vielleicht war es der Schneepflug, der sich endlich in Bewegung setzte? Ich wollte so schnell wie möglich hinauf kommen und schlug eine Abkürzung ein. Aber ich kam nicht weit. Ich hatte mich verirrt und war sehr froh, sobald ich auf den alten Weg zurückgefunden hatte. Man konnte sich nicht nach der Sonne richten, die hinter den dicken taubengrauen hängenden Wolken verborgen lag, und ich bereute, daß ich nicht mit dem Briefträger gegangen war. Ich hatte in der letzten Zeit wenig, am Reisetage so gut wie gar nichts gegessen, und jetzt packte mich ein wütender Hunger, das Herz schlug mir bis in den Hals, ich mußte mich niedersetzen, in den knisternden, feuchten, leicht verharschten Schnee, neben den Weg. Aus meinem Schlaf schreckte mich ein tiefes unterirdisches Grollen auf, zuerst dachte ich, es sei der Schneepflug, der donnernd die hohen Schneemassen im Tale vor sich herschleuderte, aber es war etwas anderes, es war eine von hier nicht sichtbare Lawine, die sich jetzt gelöst hatte und die man nur hörte und spürte, denn die Luft bebte zum Greifen stark, die Zweige schüttelten sich in der Windstille, und neben mir lockerten sich Schneemassen mit Steinen untermischt und rollten, zuerst lautlos, dann sausend, endlich krachend das Bett des Baches hinab, etwa zweihundert Meter tief, in die Schlucht. Dann wurde es wieder still, aus einem entfernten Dorf hörte ich die Mittagsglocke läuten. Von irgendwo glaubte ich es rieseln zu hören, vielleicht unter der dicken Eisdecke ein kleines Rinnsal in dem Bergbach. Endlich raffte ich mich auf und begann wieder zu steigen. Mir war alles gleichgültig geworden. Ich war jetzt viel müder als vorher. Es bestand keine Gefahr für mich, zu erfrieren, denn es hatte deutlich zu tauen begonnen, und der Weg, neben dem ich eingeschlafen war, mußte inzwischen von verschiedenen Einheimischen begangen worden sein, man sah es an den Fußspuren. Sie hatten mich nicht geweckt, sie hatten sich um den Fremden nicht weiter gekümmert. Auch jetzt holten mich rüstige Fußgänger ein, trappten mit einem kurzen Gruß an mir vorüber. Längere Gespräche, wie sie der ortsfremde Briefträger geführt hatte, waren bei der wortarmen Bevölkerung nicht üblich. Ich folgte einem Holzfäller, der einen kleinen Schlitten an einem Seil hinter sich herzerrte, der hoch mit Bruchholz beladen war, das man in solchen Zeiten unentgeltlich aus dem staatlichen Walde sammeln konnte. Obwohl er ziemlich zu schleppen hatte und ich frei ging, hatte ich Mühe, ihm zu folgen. Er bog im Tal nach rechts ab. Es mochte gegen drei Uhr nachmittags sein, denn es wurde allmählich schummerig. Und ich hatte geglaubt, ich könne den Weg in zwei bis drei Stunden machen. Endlich begann es wieder zu steigen. Ich erkannte das baufällige Kirchlein von weitem, ich hatte jetzt eine Art Heimatsgefühl zu diesem Ort, wo meine Frau vielleicht auf mich wartete und sich nach mir sehnte. Ich ging schnell und schneller, ein schärferer Wind hatte sich erhoben, aber er tat mir nur wohl, ich hatte das dumme Sacktuch wieder von meinem Halse entfernt, und fast laufend kam ich in Puschberg an, gerade als die Turmuhr vier schlug. Ich kam an unserer Villa vorbei, die unter einer dicken Schneeschicht dalag, so daß man die großen Steine auf dem Dach nicht mehr unterscheiden konnte. Auch über der Tafel, die den Namen meines Vaters trug, lag Schnee. Ein Brett des ›Umgangs‹ war durchgefault, hier war die Veranda durchgebrochen und zeigte den Verfall und das Alter und die Vernachlässigung. Jetzt war das Haus meines Schwiegervaters ganz in der Nähe, ich sah es im ersten Stockwerk beleuchtet, während aus dem Schuppen, in dem sich die Werkstatt befand und der dunkel war, noch das seufzende und schlürfende Geräusch des Hobels kam, der über die Bretter zieht und dann das regelmäßig einsetzende Klopfen, wenn man die Reste der Späne ausklopft ... Es wurde immer deutlicher, immer klarer. Mit einem starken Gefühl: jetzt bist du daheim, trat ich über die ausgeriebene Schwelle des alten Hauses und lief die dumpfig und doch aromatisch nach reifen Äpfeln riechende Treppe hinauf, denn im Wohnzimmer mußte sich meine Frau befinden – und mein Kind. Ich wartete einen Augenblick vor der Tür, nicht aus Vorsicht, sondern weil es mir den Atem verschlagen hatte. Mein Hunger lag jetzt in meinem Herzen. Als ich eintrat, saß meine Frau mit dem Rücken zur Tür an der Nähmaschine und spulte den Faden an der Stahlspindel auf. Sie glaubte wohl, daß es ihr Vater war, der eingetreten war, und setzte ihre Arbeit fort. Ich sah das Licht der Hängelampe auf ihre kleinen bräunlichen Hände fallen und sah die tiefen Schatten, die sich ihr unter den gesenkten Augen abzeichneten. Da sie ihr Zustand daran hinderte, sich nahe an die Maschine heranzusetzen, mußte sie sich sehr über das Arbeitsbrett hinüberbeugen, und vielleicht hatte infolge dieser Anstrengung ihr Gesicht etwas Düsteres und Verbissenes bekommen, das ich nie an ihr gekannt hatte. Ich rief sie leise an, um sie nicht zu erschrecken, aber sie erschrak doch, sie wandte sich schreckensbleich nach mir um, die Hände noch an dem Arm der Nähmaschine, als suche sie dort einen Halt. Ich kam schnell zu ihr und sagte ihr, sie streichelnd und ihren Mund suchend: ›Sei nicht böse, liebe Vally, daß ich dich erschreckt habe.‹ Sie schwieg, sie bewegte tonlos die Lippen, und ich sah, wie sie schnell und oberflächlich atmete, wobei die Nasenflügel mithalfen. Vielleicht bekam sie infolge ihres Zustands nicht genug Luft. Man hatte ihr schon in unserer Stadt abgeraten, zuviel in gebückter Haltung zu arbeiten, und ich sah hier in der Stube den Fußboden noch feucht glänzen, offenbar hatte sie heute den Boden gewaschen und gerieben. Im Ofen brannte ein helles Feuer aus Holz, das es infolge der Abfälle in der Werkstatt reichlich gab, und wären nicht die vielen Betten mit den aufgehäuften Kissen gewesen, hätte man sich in dem sauberen, behaglich beleuchteten, warmen Raum wohlfühlen können, besonders nach einer Wanderschaft, wie ich sie hinter mir hatte. Endlich hatte sie sich gefaßt, sie küßte mich mit ihren vollen blassen Lippen, die etwas kühl waren, und fragte: ›Wie bist du denn hinaufgekommen? Hast du meinen Brief nicht erhalten? Warum hast du dich nicht angemeldet? Die Züge verkehren doch nicht mehr. Man hätte dich im Schlitten des Holzmüllers abgeholt, im Sägewerk haben sie freie Pferde.‹ ›Du siehst, mein Kind‹, sagte ich und tat, als ob ich es wäre, der sie bemuttern sollte, ›ich bin doch noch zur rechten Zeit zu dir gekommen. Warum bist du noch nicht im Spital? Hast du das Reisegeld nicht bekommen?‹ ›Jaja‹, sagte sie ausweichend, ›wird wohl so sein, daß ich es bekommen habe, es ist in der Lade hier, ich lüge nicht, ich kann es dir zeigen.‹ ›Aber ich glaube dir doch, bleibe sitzen. Warum plagst du dich so? Hast du den Boden gewaschen? Du sollst es nicht!‹ ›Ja, das sagst du so, junger Herr‹, sagte sie spottend, aber etwas bitter, ›ich habe keine Bedienung zur Hand wie die gnädige Frau, deine Mutter, ich muß selbst anfassen – außer man erstickt im Dreck.‹ Ich schwieg überrascht still, ich fand meine Frau sehr verändert, und ich verstand nicht, weshalb sich die bitteren Linien um ihren Mund immer mehr vertieften. ›Sieh mich nicht so an‹, sagte sie, immer noch mit ihrem finsteren Spott, ›ich bin wohl eine große Sünderin!‹, und sie legte mir ihre rauhe Hand vor die Augen. Dann ließ sie die Hand niedergleiten über meine Wangen: ›Wie abgemagert du bist, kleiner Wicht!‹ sagte sie sehr weich, dann sank die Hand tiefer, strich an meinem Hemdkragen entlang und kuschelte sich endlich zwischen dem Hemd und der Krawatte ein. Wir schwiegen beide. Ich hatte die Augen wieder geöffnet und sah die Züge meiner Frau sich entspannen, und dabei waren ihr doch die Tränen nahe. Sie merkte es, stand schwerfällig auf, wozu sie mich zuerst etwas von sich wegschieben mußte, dann trat sie zur Tür und sagte: ›Ob ich jetzt den Vater rufe? Du hast sicher noch nicht Kaffee getrunken, wir auch nicht.‹ Sollte ich ihr sagen, daß ich seit vierundzwanzig Stunden so gut wie nichts gegessen hatte, sollte ich ihr das Herz schwer machen? ›Ich muß zum Bäcker, Kuchen holen, oder wenigstens einen Wecken frisches Brot‹, sagte sie. ›Ich komme mit‹, sagte ich. ›Nein‹, antwortete sie sehr heftig und faßte mich am Kragen meines Mantels, den ich nicht abgelegt hatte, ›bitte tu mir nur die eine Liebe, hänge dich nicht an meine Rockschöße, ich kann es nicht ertragen! Das heißt, laß mich jetzt allein gehen.‹ Ich tat ihr den Willen, hörte sie die Treppe etwas schwerfällig herabtrappen, in die Werkstatt treten, wo sie zehn Minuten blieb. Dann ging sie in ihrem alten dünnen Mantel, die Hände vor dem Leib, durch den dichten, bläulich schimmernden Schnee zum Bäcker und kehrte nach einer Weile mit Brot zurück. Sie hatte auch eine Tafel Schokolade aufgetrieben. Ihr Vater kam mit ihr, begrüßte mich höflich, aber, wie es mir schien, noch eine Spur kälter als bei unserer Hochzeit. Er ließ uns nach dem Kaffeetrinken nicht allein, und es kam mir beinahe vor, als hätte es Vally mit Absicht so eingerichtet. Wir sprachen so herum, aber endlich bat ich Vally, sie möchte mir unter vier Augen einige Worte gönnen. Sie warf ihrem Vater einen Blick zu, und dieser zog sich an, um ins Dorfwirtshaus zu gehen. Als er fort war, setzte sie sich auf das Bett, oder sie ließ sich schwer fallen, so daß die Sprungfedern klirrten. Es waren alte Sprungfedermatratzen aus unserer Villa, die meine Mutter ihr einmal geschenkt hatte. Die Schokolade, die wir nicht gegessen hatten, legte sie auf die Marmorplatte des Nachtkästchens. Das Silberpapier, womit die Tafel eingewickelt war, schimmerte sanft. Den Docht der Lampe hatte sie aus Sparsamkeit herabgeschraubt oder deshalb, um im Halbdunkel leichter mit mir reden zu können. ›Warst du bei der Hebamme, hast du dich hier untersuchen lassen?‹ fragte ich. ›Ich bin kerngesund. Du darfst dir auch nicht die geringsten Sorgen machen.‹ ›Aber das Kind müßte doch schon längst da sein.‹ ›Ja, aber wenn es nicht will?‹ lachte sie. ›Du weißt nicht, in welcher Gefahr du bist, meine liebste Vally! Wenn die Frucht übertragen ist und fault, kann es dich dein Leben kosten.‹ ›Übertragen? Faul? Sie bewegt sich jeden Tag, auch in der Nacht, das ungezogene Ding, der freche Fratz. Willst du fühlen? Du brauchst nur anzupochen, es rebellt alsogleich auf.‹ Ich wollte es nicht. ›Wann mußt du wieder zu Hause sein?‹ fragte sie nach einer Pause. ›Ich wollte hier abwarten, bis du das Kind bekommen hast.‹ ›Hier?‹ fragte sie zurück. ›Wir haben hier nicht einmal Platz für uns drei, Vater, Veronika, den Bruder. Und mich zähle ich gar nicht, ich drücke mich nur so in den Winkeln herum.‹ ›Kannst du denn nicht bezahlen?‹ ›Was glaubst du, was fünfundsiebzig Kronen monatlich sind für uns?‹ ›Du ernährst doch nicht deine Leute mit unserem Geld?‹ ›Ich tu, was ich muß.‹ ›Um so mehr muß ich hierbleiben, um für dich zu sorgen.‹ ›Laß nur, ich verteidige mich selbst. Wann mußt du zurück sein? Wann mußt du deine Kolloquien ablegen?‹ ›Ich habe sie bereits abgelegt, bevor ich abgereist bin.‹ ›Nicht lügen‹, sagte sie und lachte wieder, ›hast du gelogen oder nicht?‹ ›Wann kommt also das Kind?‹ fragte ich fest. ›Bin ich die göttliche Vorsehung? Ich weiß es nicht.‹ ›In S., im Bezirksspital könntest du es erfahren.‹ ›Ich habe nicht das Geld, hinzufahren.‹ ›Ich habe es dir schon geschickt, nicht?‹ ›Geld, Geld, und immer wieder die alte Leier! Immer Geld!‹ rief sie drohend. ›Hast du mir nichts anderes zu sagen? Das Kind und das Geld! Laß mich, laß mich! Du machst mein Leben nicht leichter. Ich habe mir mein Glück anders vorgestellt.‹ ›Ich aber vielleicht auch.‹ ›Nun, so? So? Warum gehst du dann nicht? Laß mich und ich lasse dich! und wir gehen in Frieden auseinander.‹ ›Das sagst du aber etwas spät‹, antwortete ich, sehr mit Unrecht, aber der alte Jähzorn hatte sich wieder gemeldet. ›Wann kommt denn deine Schwester?‹ fragte ich, um das Gespräch abzulenken. ›Die Veronika?‹ fragte sie voll Haß. ›Die schöne Veronika – da kommst du zu spät. Sie heiratet den Großbauernsohn und bekommt später den Hof.‹ ›Und dir tut es wohl leid, daß du ihn nicht bekommst, Vally?‹ ›Nein, das tut mir nicht leid, denn ich liebe dich.‹ ›Ich liebe dich doch auch‹, sagte ich und strich ihr über die Haare, die zwar spärlicher geworden waren und den schönen Glanz verloren hatten – aber es waren doch ihre Haare. Sie faßte nach meiner Hand und streichelte mich. Draußen hörten wir Schritte, aber sie verloren sich wieder, vielleicht war es der Vater, der nach einigen Vierteln Wein noch einmal in die Werkstatt zurückgekehrt war. Vally setzte sich auf und sah mich trübe an, mit einer finsteren Zärtlichkeit: ›Es ist besser, ich sterbe, denn ich kann nicht so für dich sorgen, wie du es brauchst. Du hast sicher zerrissene Wäsche an, und ich bin dir in deiner Armut nur eine Last.‹ Ich widersprach. ›Wir müssen uns zusammenfassen‹, sagte ich, ›ich liebe außer meinem Vater nur dich, und ich glaube, wir setzen es durch.‹ ›Es? Was soll das sein?‹ ›Vor allem unser Kind‹, sagte ich. ›Du mußt mir endlich Antwort geben.‹ ›Muß ich?‹ ›Ja, du mußt.‹ ›Also frage, aber keinen Zorn und keine Wut, wenn du nicht die Antwort kriegst, die du erwartest.‹ ›Wie sollte ich dir zürnen‹, sagte ich in meinem dummen Selbstbewußtsein und in meinem törichten maßlosen Stolz, ›sage mir, wie du dir alles denkst.‹ ›Ich denke, du kannst dich ruhig an deine Arbeit machen, denn vor sechs Wochen ist das Kind nicht da.‹ ›Wie kann das sein?‹ fuhr ich auf, so daß jetzt durch meine Schuld die Federn des Bettes, an dessen Rand ich gesessen war, klirrten, ›das ist völlig unmöglich.‹ ›Und doch ist dem so.‹ ›Warst du denn nicht in der Hoffnung, als wir aus dem Haus gegangen sind?‹ und ich faßte ihre beiden Hände. ›Laß meine Hände los, bitte! Es scheint, daß ich also damals nicht in der Hoffnung war.‹ ›So ist das Kind gar nicht von mir?‹ sagte ich tonlos. ›Dummerl!‹ antwortete sie. ›Hast du mich nicht um die Jungfernschaft gebracht? Hast du mir nicht den Jungfernstich gegeben? Und wer hat mich jemals gehabt außer dir?‹ ›Vally, Vally‹, sagte ich, beugte mich über sie und lag ihr am Halse, weinend, ›sprich doch!‹ ›Was gibt's da zu sprechen‹, sagte sie, ›steh auf, du drückst mir die Luft ab. Was soll denn noch sein? Läge ich doch nur im Schragen! Ich habe dich ...‹ ›Nun, was? Hast du mich betrogen?‹ ›Nein, Kind! Ich habe dich wenigstens bald ein Jahr gehabt, und mir war das gut.‹ Sie setzte sich mühsam auf und zählte an ihren abgemagerten Fingern die Monate ab: ›Von damals bis jetzt, Februar. Hast ihn zehn Monat ...‹, sagte sie zu sich selbst, wie sie damals auf der Treppe zu sich gesagt hatte: ›Zu alt, zu alt. Veronika ja, ich – nein!‹ ›Warum hast du gelogen?‹ fragte ich, wie zu Boden geschmettert. ›Du hast mich um mein Elternhaus gebracht!‹ ›Und du, um was hast du mich gebracht? Deinem Vater verzeihst du alles, deiner Mutter verzeihst du den gebrochenen Eid, und mir nichts? Liebst du mich denn? Ich aber liebe dich. Liebst du mich denn?‹ Ich nickte, ich konnte nicht anders. ›Du hättest das nicht tun sollen‹, sagte ich leise. ›Und sag, wie hätte ich dich anders bekommen sollen? Hättest du mich sonst geheiratet?‹ Mich empörte es, daß sie es als Recht ansah, daß ich sie heiratete, und es machte mich zornig, daß sie etwas von mir mit Gewalt abforderte, worauf sie kein Recht hatte. ›Ich wollte nicht immer dienen! Aber daran lag es nicht. Haben wir uns nicht genug gequält, im Sommer, beim Bienenhaus, dort? Was tut man nicht alles aus Liebe?‹ ›Nicht lügen!‹ zischte ich zwischen den Zähnen hervor, wieder von einer neuen starken Jähzornwelle überflutet, ›du hast alles zerstört.‹ Sie begann zu lachen und zeigte auf ihren gewölbten Leib: › Das zerstörst du nimmer und das da auch nicht.‹ Ich sah mit Erstaunen und mit neuem Zorn, daß sie jetzt den Ehering trug, obwohl wir uns doch versprochen hatten, daß wir damit warten wollten bis zu einem gemeinsamen Hausstand. › Ich warte auf nichts mehr‹, sagte sie roh, ›ich habe, was ich habe. Was mein ist, ist mein!‹ ›Nicht durch Lügen!‹ brachte ich nur mühsam hervor. ›Ja‹, sagte sie mit schneidendem, eiskaltem Spott, ›die Herrschaft darf es, natürlich, der Dienstbot darf's nicht. Ihr seid alle die Gleichen ...‹ Ich sah jetzt nur undeutlich, wie sie lachte und wie die weißen spitzen Zähne blinkten. Ohne daß ich wußte, was ich tat, hatte ich die Marmorplatte des Nachtkästchens heruntergerissen und wollte sie von oben auf meine Frau schleudern, als sie einen furchtbaren schrillen Schrei ausstieß. Zu gleicher Zeit öffnete sich die Tür, und mein Schwiegervater stürzte herein mit der jungen Veronika, und beide warfen sich auf mich. Ich ließ sofort die Platte fallen, die mit dumpfem Poltern zu Boden fiel, wobei eine Ecke, die wohl nur angekittet gewesen war, zum Teufel ging. ›Ich laß meinem Kind nichts tun!‹ sagte mein Schwiegervater rauh, während meine Schwägerin den herabgeschraubten Lampendocht wieder aufdrehte. Ich sah meine Frau leichenblaß, mit verkrampften Lippen, die Hände auf den Leib drückend, in dem Bett liegen. ›Gott sei Dank, es ist dir nichts geschehen!‹ Das Gesicht meiner Frau verzerrte sich. Sie bleckte die Zähne, stöhnte und schlug sich dann auf den Leib. ›Was tust du, was tust du?!‹ schrie ich. ›Halt's Maul‹, sagte mein Schwiegervater, ›das viele Schreien tut nicht gut. Sie haut dem Kind eine kleine Dachtel herunter, weil's drinnen gar so wild rumort. Eben der Sohn von Euer Gnaden!‹ Er stopfte sich eine Pfeife, Veronika half meiner Frau beim Aufstehen, meine Frau setzte sich wieder an die Maschine, und ich hörte den Pfeifentabak zischen und die Maschine schnurren. ›Das sind ja schöne Manieren‹, sagte ich voll Wut, ›ein Kind im Mutterleibe zu schlagen!‹ ›Es soll nur gewöhnen‹, sagte der Alte hart. ›Wo ist mein Kinderwagen?‹ fragte ich. Ich hatte ihn zugleich mit der Maschine nach Puschberg geschickt. ›Draußen steht er‹, sagte der Alte und führte mich auf den Vorplatz. ›Fahr wieder heim!‹ sagte er mir da unter vier Augen, den leeren Kinderwagen sachte hin und herrollend, ›dein Sach wird hier brav besorgt. Du kannst hier nicht bleiben. ›Meine Frau hat mir etwas ganz Furchtbares angetan und alles ist aus‹, sagte ich und versuchte ihn zu meinem Vertrauten zu machen. ›Glaubst?‹ sagte er. ›Glaubst du, Herr Wohlgeboren? Und uns etwa nicht? Bürschel, hübsches, was haben wir von dir? Dein Herr Vater? Die Villa mit acht Zimmern hält er unter Schloß und Riegel, und wir drängen uns hier in der Stube und haben immer eine Lagerstatt zu wenig. Fahr stante pede heim, ich rate dir gut. Von Puschberg gehen zwar die Züge noch nicht, wohl aber von Goigel. Bist hinaufgekommen, wirst auch herunterkommen zur Station.‹ ›Und mein Kind?‹ fragte ich. ›Ach dein Kind‹, sagte er und schlug mir auf die Schulter, daß es krachte. ›Sind soviel Bankerte hier oben schon zur Welt gekommen, wird deiner auch kommen, sorg dich nicht. Begehrst du einen Schnaps? Nicht? Sonst hätten wir im Wirtshaus dergleichen gekostet, denn zum Nachtzug hat's noch viel Zeit. Also wart hier, ich bring dir deinen Mantel heraus.‹ ›Soll ich meine Frau nicht mehr sehen?‹ ›Laß die Vally. Die Weiber sind alles ein Mist. Man hätte euch nie beisammen lassen dürfen, hundsjunges Volk, blödes!‹ Er holte mir meinen Mantel, und ich schlug den Weg nach Goigel ein, kam an dem Haus meines Vaters vorbei und schlug mit dem Rand meines Hutes den Schnee ab von dem Schilde, das seinen Namen trug. Etwa in der Mitte des Weges schloß sich mir der Postbote an, der mich am Morgen von der Station Goigel begleitet hatte. ›Kann man eine Unterkunft finden in Goigel?‹ fragte ich ihn, denn ich wollte noch nicht nach Hause in die Stadt zurückkommen. ›Freilich können Sie das‹, sagte er. ›In Goigel gibt es ein recht schönes Wirtshaus. In Goigel sind die Leute nicht so abgöttisch, so bigott und duckmäuserisch wie in Puschberg. Auch in der Försterei sind es Unmenschen. Glauben Sie, daß man mir dort einen Himbeergeist verkauft hätte? Ich bin, wissen der Herr, nämlich zu seiner Zeit einem Mädchen hier nachgegangen, aber einem Fremden geben sie es nicht gern, eher verhungern sie auf ihren sauren, schlechten Wiesen voller Nässe oder voller Steine. Ich aber erhalte Pension und desgleichen meine Witwe. Ich bringe oft Briefe vom Steueramt, Mahnungen über Mahnungen. Der frühere Bürgermeister, der ist ein arger. Die Bücher waren nicht in Ordnung, und der Sohn ist nicht besser, er soll in München gewesen sein, in einer Brauerei.‹ ›Ist es teuer in Goigel?‹ fragte ich, um das Gespräch auf eine andere Sache zu bringen. ›Teuer? Wie überall. Wenn Sie wollen, sitzen wir beide hin und spielen. Im Falle Sie Glück haben, gewinnen Sie mir das Geld für das Nachtlager ab.‹ Ich schwieg. ›Es taut‹, sagte er, ›es werden noch viele Lawinen fallen. Ich weiß nicht, was die Leute hier schön finden. Haben Sie Verwandte hier?‹ ›Ich habe meine Frau hier, die Vally ist meine Frau.‹ ›Ach so‹, sagte er und sah mich scharf an, soweit es das matte Licht im dunklen Walde erlaubte. ›Da mag es ja auch ab und zu schwierig dahergehen. Ja, wenn man aus seinem Herzen einen Strohsack machen könnte!‹ Er lachte über seinen Einfall, und den breiten Riemen seiner Ledertasche mit dem silbernen Posthorn und dem österreichischen Doppeladler mit beiden Händen beklatschend, sagte er noch einmal: ›Wär allemal gut, wenn man aus seinem Herzen einen Strohsack machen könnte.‹ Ich sagte nichts. Wir kamen im Dorfe Goigel an, ohne an der Station vorbeizugehen, wir sahen bloß die Lichter schimmern und den Dampf der Lokomotiven aufsteigen, und die Maschinen hörten wir pfeifen. Ich konnte noch nicht nach Hause zurückfahren. Ich konnte aber auch nicht einfach mit Gewalt zu meiner Frau zurückkehren. Ich hätte sie beinahe ermordet. Ich ließ es sie durch den Postboten wissen, daß ich im ›Tiroler Adler‹ in Goigel wohnte. Sie gab mir keine Nachricht. Ich blieb bis Sonntag, von Dienstag abend angefangen. So wartete ich hier unten und hockte fast den ganzen Tag in der warmen Wirtsstube. Ich spielte Karten und zwar mit solchem Glück, daß ich die Wirtshausrechnung und sogar einen Teil der Rückreise von den Gewinnen bezahlen konnte. Daheim aber erwartete mich bereits das Geld von der Militärbehörde. Ich sandte meiner Frau fünfundsiebzig Kronen. Mehr konnte ich mir nicht abzwacken, denn ich mußte anfangen, dem Prosektor sein Darlehen abzuzahlen. Es lagen vier oder fünf Briefe von ihm bei mir daheim, immer das Gleiche, ich solle sofort ins anatomische Institut kommen. Es lag auch ein alter Brief von Vally da. Ich verbrannte ihn ungelesen. Ich wollte vorläufig nicht ins Institut. Ich schämte mich und lag drei Tage daheim im Bett, bis ich mich aufraffte, um weiterzuleben. 6 Ich mußte ins anatomische Institut zurückkehren – oder ich mußte das Studium der Medizin aufgeben. Ich war eine Zeitlang so verzweifelt, daß ich sogar daran dachte; und wäre mein Vater jetzt, statt ein paar Wochen später, zu mir gekommen, hätte er mich umgestimmt. Ich schämte mich. Ich schämte mich vor dem Prosektor, dem ich meine unselige Reise nicht hatte erklären können, der aber auch gar nicht daran interessiert war, ich schämte mich vor meiner Mutter, als sie eines Tages zu mir kam, und ebenso vor allen anderen Menschen, mit denen ich zusammentraf, und ich lernte, daß man aus Scham ebenso verzweifeln könne wie aus Kummer. Unsere Arbeit über die Carotisdrüse erschien schon Ende April. Ich hatte weiter nichts mehr damit zu tun. Mein Name stand nicht als Autor unter dem Titel der Arbeit, sondern es wurde meiner nur klein gedruckt Erwähnung getan, ›laut mündlicher Mitteilung des ...‹, dann folgten mein Name und meine einfachen Angaben. Vielleicht war dies der Grund, weshalb mein Vater eines Abends mich in meiner Kammer aufsuchte. Er klopfte an, trat ein, nahm den Hut ab, strich sich durch die schon schütter werdenden Haare, lachte mich an und – war von jetzt an wieder das, was er mir früher immer gewesen war. Er fragte nicht nach meiner Frau, nicht nach dem Kind. Er sah bloß, daß ich bei Kerzenlicht arbeitete, und meinte kameradschaftlich: ›So wenig Licht? Schütze deine Augen!‹ Ich bat ihn, beglückt mitten in meinem Unglück, als wäre er jetzt erst recht mein einziger Halt, er möge meine Augen untersuchen. Es war nicht ernst gemeint, er nahm es auch nicht so, seufzte, streckte sich in dem zerschlissenen Lehnstuhl aus, so daß dieser knackte – mit Schauern entsann ich mich jetzt der klirrenden Federn in Vallys Bett –, und meinte, sich eine Zigarette anzündend: ›Wie schön ruhig du es doch hier hast! Deine Augen? Sind kerngesund. Wären alle so, könnte ich betteln gehen. Ach!‹ er gähnte und zeigte seine prachtvollen, trotz seinem Alter noch vollzähligen Zähne – ›wenn ich nur keine Augen mehr zu sehen brauchte!‹ Er hatte mir etwas mitgebracht, ein abgeschabtes Etui mit Sezierinstrumenten, die er als Student gebraucht hatte. ›Wenn du sie nicht verwenden kannst, schenke sie ruhig einem mittellosen Kameraden‹, sagte er zum Abschied. Ich und etwas wegschenken, was seine Hand berührt hatte?! Ich war nicht mehr der Mensch, der eine schöne goldene Uhr verschleuderte, um für Vally und mich mir Geld zu verschaffen. Ich war sehr beruhigt, als ich ihn zur Tür hinausgeleitet hatte, denn er hatte versprochen, wieder nach mir zu sehen, und ich wußte, er hielt Wort. ›Laß es aber deinen Vater zuerst wissen, wenn du eine Drüse entdeckst, alter Bursche!‹ hatte er zum Abschied gesagt. Meine Mutter kam öfter und störte mich in meiner Arbeit, besonders wenn Judith dabei war, die wahrhaft bezaubernd aussehen konnte, aber ebenso unausstehlich geworden war und immer die Hauptperson sein mußte, oder sie verdarb den andern den Tag. Meine Mutter war immer noch eine hübsche, elegante, blühende Frau. Sie konnte es sich nicht versagen, über meine Vally zu lächeln, sie nannte sie ›die Fee‹. Es war keine Überraschung für sie, als ich ihr Ende April (also erst so spät) mitteilte, daß ich ein Kind bekommen hatte. Aber Judith war furchtbar aufgeregt, und war blaß vor Eifersucht. Sie hatte wohl gesehen, daß ich mich im Grunde meines Herzens freute, weil ich keine Sorge mehr um meine Frau zu haben brauchte. Meine Mutter billigte meinen Entschluß, das Kind nach meinem Vater Maximilian Franz Karl zu nennen. Sie murmelte auch etwas von Taufgeschenken, Taufpaten und so weiter, aber ich merkte, sie hatte es jetzt eilig, wegzukommen. Sie sah sich im Spiegel und zog auch ihr Töchterchen, das in einem weißen Seidenkleidchen mit rosaroter Schärpe prunkte, vor das grünliche Glas: ›Nun bin ich Großmutter, und du, Judith, bist Tante.‹ Auch Judith war nicht davon entzückt, und beleidigt rauschten sie beide ab. Ich zweifle, ob mein Vater meiner Frau auch nur das geringste Geschenk geschickt hat. Wir hatten es nicht verdient. Ich war so froh, daß wenigstens ich nicht aus seinem Leben ausgelöscht war. Ich war noch sehr jung. Das letzte Jahr war zu schwer gewesen. Meine Mutter hatte mir erzählt, daß auch an meinem Vater diese Ereignisse nicht ohne Spuren vorübergegangen waren. Er war noch ›eigener‹ in Geldsachen geworden, die säumigen Mieter in den Zinskasernen setzte er rücksichtslos vor die Tür und ließ ihre kümmerlichen Habseligkeiten pfänden, seine Steuern bezahlte er erst nach vielen Mahnungen und wußte immer neue Reparaturen als ausgeführt in die Steuerabrechnungen einzuschmuggeln, obwohl sie nie ausgeführt wurden und der Zustand mancher Wohnungen ein erbärmlicher geworden war. Er war früher nie so auf Geld bedacht gewesen wie jetzt, die Patienten beklagten sich untereinander darüber, aber sie kamen doch, denn die Hand meines Vaters galt als ›gottbegnadet‹, und was hat der arme Mensch kostbareres als sein Augenlicht? Seinen Wagen hatte er aus Sparsamkeitsgründen aufgegeben und fuhr meist in einem zweispännigen Mietwagen, einem Taxameter, wie man es nannte, in die Klinik und in das Sanatorium. Diese Sparsamkeit brachte ihm aber einmal Unannehmlichkeiten. Der Kutscher hatte bei einer ziemlich weiten Tour vergessen, die Taxameteruhr einzuschalten, der Wagen kam an, die Taxe zeigte null Kronen null Heller, und mein Vater wollte nichts zahlen. Der Kutscher war nicht der Besitzer, es kam zu sehr unangenehmen Auseinandersetzungen, ja sogar zu einem Prozeß, obwohl es sich höchstens um zwanzig Kronen handeln konnte. Mein Vater behielt recht. Vielleicht hätte er dem Kutscher den Betrag nun freiwillig ersetzen können. Er wollte aber nicht, und er ließ sich nicht zwingen. Wenn er nicht wollte, hatte sich alles seinem Willen zu fügen, seiner eisernen Energie unterzuordnen, und das war ihm immer gelungen – bis auf mich. Er hatte mich gegen seinen Willen Medizin studieren lassen müssen, ich hatte gegen seinen Willen Vally geheiratet. Bei Vally hatte er vielleicht recht gehabt, mich zu warnen. Aber bei meinem Studium? Ich arbeitete mit Eifer, fast möchte ich sagen, mit Wut und Verzweiflung. Ich dachte, ich würde wieder eine neue Sache finden wie die Carotisdrüse, die ich so schnöde verlassen hatte, um nach Puschberg zu reisen. Aber es traf sich nicht mehr. Mein Vater förderte jetzt mein Studium. Er bezeugte dies durch Geschenke. Während er, wie ich durch meine Mutter erfuhr, die Zukunft seines Lieblingskindes Judith dadurch sicherstellte, daß er sie auf eine Million Kronen, eine in der Stadt nie dagewesene Prämie, versicherte, gab er mir Geschenke außer in Form des Sezierkästchens auch in seinem alten Stethoskop und Hämmerchen, als ich soweit war, die ersten klinischen Untersuchungen der Auskultation und Perkussion zu versuchen. Ich erhielt seinen alten Augenspiegel, sein altes Mikroskop, eine alte, kleine, unmoderne Pravazspritze und so weiter, alles Heiligtümer, die ich hoch in Ehren hielt. Meine Mutter bemerkte einmal, daß ich jetzt einen recht schlechten Kamm mit ausgefallenen Zähnen und eine ordinäre Bürste ohne Griff für meine Haare besaß. Ihre Geschenke hatte ich ja meiner Frau mitgegeben, und wie sollte ich mir von meinem winzigen Einkommen kostbare Toilettengegenstände leisten? Sie sah die meinen geringschätzig an, sprach aber kein Wort. Die Zeit der kleinen Pflaster war vorbei. Ich dachte an meine Heirat, und es fiel mir nicht mehr schwer, meine Mutter zu verstehen. Meinen Vater sah ich sehr unregelmäßig, immer nur auf wenige Minuten, denn der Wagen wartete unten mit eingeschalteter Uhr. (Die Kutscher waren klug geworden.) War auch ich durch Schaden klug geworden? Von meiner Frau hatte ich mich getrennt, sie sich von mir. Ich hatte nur meinen Vater. Er billigte meine Laufbahn, das sah ich an den Gaben. Billigte er mein Leben? Auch er nannte meine Frau die ›Fee‹. Sicher dachte er nicht an die Wundergaben der Feen, sondern es war eine ironische Abkürzung für Küchenfee oder Stubenfee – was sollte ich tun, sollte ich sie verteidigen? Sollte ich sie verleugnen? Vielleicht erwartete er es und hätte mich dann in seine Arme geschlossen wie als kleinen Jungen und mich in seinem Wagen mit nach Hause genommen, und ich hätte mich wieder einmal satt essen können. Ich blieb meiner Frau treu. Ich ›ging‹ nicht mit jungen Mädchen, obwohl ein junger Student wie ich Gelegenheit dazu gehabt hätte trotz ausgefranster Beinkleider und ausgefallener Zähne in seinem Kamme, ich blieb ihr, ohne daß wir uns schrieben, auch darin treu, daß ich mich keinem Menschen gegenüber über sie beklagte. Ich hatte ihr versprochen, mit niemandem über sie zu ›rechten‹, und wenn ich sie auch nicht mehr so liebte und lieben konnte wie früher (in den ersten Wochen in der Kammer), so wollte und durfte ich sie und das Kind auch nicht vergessen. ›Was macht die schwarzbraune Fee? Wie geht es dem dicken Kind der Fee?‹ fragte mich mein Vater oft mit sonderbarem, gespanntem Gesichtsausdruck, mit dem Lächeln, von dem man nie wußte, ob es Gutes oder Schlimmes bedeutete. War es Hohn oder nur ein wenig Ironie bei ihm? Er wußte es vielleicht selbst nicht. Er wollte mich nicht mehr verlassen. Das war die Hauptsache für mich. In den Ferien, während er und die anderen verreist waren, konnte ich es am allerschwersten ertragen. Ich sehnte mich in dieser Zeit, als die Vorlesungen beendet, die öffentlichen Anlagen voller Staub und Hitze, die Bibliotheken geschlossen waren, so nach ihm, daß ich in Gedanken jetzt sogar meine Frau verriet. Zum Glück war er nicht da, um meinen Verrat entgegenzunehmen. Sobald er im Herbst zurückkam, gebräunt, verjüngt, voller Humor und voller Witze über meine ›Kirschenaugenfee‹, die er mit meinem gesunden, starken, stillen Kind in Puschberg gesehen und mit Kaffee und Kuchen bewirtet hatte –, da war die gefährliche Versuchung wieder vorüber, und ich hörte mir alles mit einem ungewissen Lächeln an, über das vielleicht jetzt er sich Gedanken machte. Denn er wurde älter, er wurde wärmer, und manchmal zitterte seine Stimme, wenn er in meinem gebrechlichen Lehnstuhl über meine törichte Jugend spottete. Warum hatte ich so schlecht geheiratet, warum hatte ich keine neue Drüse entdeckt?! So kam mein achtes Semester – oder besser gesprochen, der Sommer 1914. Mein Vater hatte mir versprochen, mich diesmal mit nach Puschberg zu nehmen, wo meine Frau mit unserem Kind wohnte. Ich wußte nicht, ob ich mich freuen sollte. Was sollte dieser etwas hämische Blick besagen, mit dem mich mein Vater betrachtete? Er deutete an, es müßte sich natürlich vorher ein Weg zur Scheidung finden, man könne von Verführung eines Minderjährigen reden, denn damals sei ich minderjährig gewesen, von böswilligem Verlassen, von unüberwindlicher Abneigung. ›Aber Gott sei vor‹, sagte er zum Schluß mit einer Wärme, die ich ihm bei aller Liebe nicht mehr ganz glauben konnte, ›daß ich dich zu etwas zwinge. Wenn du glaubst, daß die Fee dich dort zu sehr in Versuchung führt, dann bleibe hier, aber Erholung hättest du recht nötig, du dürrer Spatz!‹ Ich schüttelte den Kopf, er wollte fragen, was diese Geste bedeute, ob eine Absage an ihn oder eine Absage an die ›Fee‹. Aber ich hütete mich wohl. Ich hatte gelernt von ihm. Ich brauchte die Erholung sehr, aber wie sollte ich sie in Puschberg finden? Ich konnte meine Frau nicht verraten, und meinen Vater liebte ich immer noch zu sehr. ›Maßlose Liebe‹, sagte er ein andermal, ›maßlose Torheit! Es heißt den Menschen vollständig verkennen, wenn man ihn maßlos liebt. Leider bin auch ich auf meine alten Tage Sklave meines Herzens geworden, jetzt verstehe ich dich! Sieh mich an! Hier‹ – er zeigte auf ein kleines Päckchen in Seidenpapier – ›hier, lange Seidenhandschuhe für meine Fee, für Judith. Ich bin – rate was es mich an Zeit und Honorarverlust etc. gekostet hat – in nicht weniger als fünf Geschäften gewesen, weil dein Schwesterchen sich lange Glacéhandschuhe wünscht, die es aber in ihrer winzigen Größe nicht gibt. Und das alles für einen Kinderball. Wenn die Mühe wenigstens dafürstünde, aber es sind täglich andere Läppereien, und deine Mutter hetzt das arme Kind noch auf! Du arbeitest auch schwer, aber es ist ernst. Hast du wieder etwas Großes vor?‹ Er überschätzte mich. Ich arbeitete zwar meine fünfzehn bis sechzehn Stunden täglich, aber ich war von irgendwelchen Entdeckungen leider weit entfernt. Von den Geisteskrankheiten hatte ich noch nicht das mindeste gesehen, denn die Vorlesungen für dieses Fach waren für das neunte und zehnte Semester vorgesehen, ich wollte sie denn auch bewußt an den Schluß setzen. Und im andern war ich, mit meinen fünfundsiebzig Kronen, von den täglichen Miseren, also auch von Läppereien so in Anspruch genommen, von den Miete- und Brotsorgen, von der Mühe, von einem Institut rechtzeitig in das andere zu kommen, dann zum Essen, dann zur Klinik, dann zu den Übungen, in die Bibliothek etc., daß mir von dem Wesen meines künftigen Berufes nicht viel zum Bewußtsein kommen konnte. Ich begriff noch nicht, was es heißt, Arzt zu sein. Ich sage es offen: Weder das ungeheure Leid der menschlichen Kreatur, das aus einem jeden Glied, jeder Faser entspringen kann, noch auch die ebenso ungeheure Bedeutung des Helfers wurde mir klar, der imstande ist, der blinden, grausamen Natur, genannt ›Anatomie und Physiologie‹, die Hände zu binden. Ich stand an vielen Betten, untersuchte viele, Mann, Frau, Kind, Greis, beobachtete Geburt und Kindbett, sah viele sterben. Ich verstand aber nicht, was leiden, sterben, heilen bedeutet. Ich stand noch unter Aufsicht. Ich war nicht verantwortlich. Ich war dem Kranken nicht der Gott auf Erden. Er sah nicht zu mir auf, er bezahlte mich nicht, er fluchte mir nicht, wenn er litt, er dankte mir nicht, wenn er geheilt zum erstenmal das Bett verließ. Aber er, mein großer Vater, war ihnen der Gott auf Erden, ich hatte es staunend als Kind bei den ›Pilgerim‹ gesehen. Meine vom frühen Morgen bis zum späten Abend ausgefüllte Zeiteinteilung erlaubte mir keine neue Freundschaft. Aber an Perikles dachte ich oft, und im Januar 1914 hatte er wieder begonnen, mir zu schreiben, das heißt, er adressierte seine Selbstbetrachtungen, Erkenntnisse und Gefühlsausbrüche an mich. Er hatte die Vorlesungen wieder aufgegeben. Über seine materielle Lage war ich mir nicht klar. Das eine Mal schien er sich im Elend zu befinden, klagte über das geschwächte Augenlicht, über Schmerzen in den Knochen, über seine beim leisesten Windstoß erschauernden Nerven, das andere Mal lebte er in einem Rausch, ›einen Millimeter entfernt vom Abgrund – aber doch weit entfernt‹. Worin seine Gefahr lag, wo er den Abgrund sah – ich fragte ihn oft, er kostete mich manche Semmel, die ich nicht aß, weil das Porto eines Briefes an ihn zehn bare Heller betrug, er antwortete mir nie auf meine Fragen, und doch sprachen seine Briefe eine deutliche Sprache. ›Ich kann den herrschenden Gewalten‹, schrieb er mir im Mai 1914, ›unter keinen Umständen dienen, weder dem Staat noch der Kirche. Einer gegen alle! Wenn das Heroismus ist, dann nenne mich einen Heros. Aber ich werde als ewiger Lyriker der Philosophie in die Geschichte des Geistes eingehen, während ich gewollt und gestrebt habe ( habe mit sechsundzwanzig Jahren!) als der tragische Dramatiker der Philosophie, im Kampf mit den unter meinen Schlägen stürzenden Gewalten, auf dem Felde der heldenhaften Erkenntnis zu fallen. Achte mich nicht mehr! Die Welt sollte mich fürchten. Sie bemitleidet mich nur. Erwarte mich, bleibe mir getreu. Vielleicht erscheine ich Dir eines Tages, entweder wie der Heiland, auferstanden seinem getreuesten Jünger zu Emmaus, oder – verachtest Du mich jetzt? – um mich unter Deinen Wetterkragen zu flüchten wie als Knabe, als Du mich unter Deinem Havelock durch Kälte und Sturm geführt hast. Imperator oder nichts. Eines von beiden. Das entscheidet mein säkulares Schicksal, nicht ich allein – Europa siegt mit mir oder stirbt.‹ In diesen Zeiten konnte ich mich mitten in meiner Arbeit unter Kranken und Leidenden oft eines Gefühls von Zärtlichkeit für meine arme Frau nicht erwehren. Das Häßliche begann zu entschwinden. Ich dachte, wenn ich ein krankes Kind sah, an meinen Sohn, ich ahnte alle Gefahren, alle Ansteckungen, denen er ausgesetzt war, die schweren Stunden seiner Mutter, die allein für ihn verantwortlich war. Ich dachte an sie und sah sie wieder als junges Mädchen, mit dreiundzwanzig oder vierundzwanzig Jahren, in dem Alter, das ich jetzt ungefähr hatte. Ich schlief manchmal in dem Gedanken ein, sie sei bei mir, ich streichle ihren dichten Haarknoten, dränge meine Hand zwischen das Haar und die Haut ihres Nackens, berühre die Wirbel, die sanft hervorstanden, einen nach dem andern, ich bette ihren warmen rauhen Kopf auf meine ruhige Schulter. Ich wußte nicht, ob ich sie wieder liebte, ich wußte nur, daß ich neue Zärtlichkeiten für sie erfand, die ich im früheren Leben nie gekannt hatte. Aber ich träumte oft von meinem Vater, nicht immer gute, leichte Träume. Von ihr nie, auch dann nicht, wenn ich noch im Einschlafen an sie gedacht, ihren Haarknoten aufgelöst hatte und, die Haarnadeln in der hohlen Hand, in verschwimmenden Gedanken, unter süßem Herzklopfen ihre schöne hohe heiße Brust berührte. In diese Zeit fiel die Ermordung des österreich-ungarischen Thronfolgers und seiner Frau durch serbische radikale Studenten. Mein Vater kam noch am gleichen Abend zu mir. Er war so aufgelöst, daß ich, zum erstenmal vielleicht, Mitleid mit ihm empfand. ›Mit Puschberg wird es nichts‹, sagte er mit bitterster Ironie, ›du hast Pech. Vielleicht stehen wir vor einem Krieg.‹ ›Aber setze dich erst, ich bringe dir Wasser‹, sagte ich und half ihm, den Rock abzulegen. ›Du hast es hier schön! So ruhig, so friedlich‹, sagte er müde. ›Bei uns hat man nie Ruhe.‹ Er hatte eine Extraausgabe mit, in der alles stand. Ich las in aller Eile die furchtbare Meldung durch, verstand aber die politischen Ereignisse nur schlecht. Wie hätte ich mich auch um die Politik kümmern sollen? In dem Maße, als mein Vater sich erholte und die Farbe wieder auf seine blassen, etwas hängenden Wangen trat, wurde er wieder der Alte. ›Verstehst du das?‹ fragte er, auf das Extrablatt weisend, das auf der Erde lag. Ich verneinte natürlich. ›Hebe das Blatt auf‹, sagte er, ›das wird einmal Geldwert haben. Serbien bedeutet Rußland, und Rußland bedeutet Krieg.‹ ›Kein Mensch denkt heutzutage an Krieg‹, wandte ich ein. ›Kein Mensch? Da kennst du die Menschen schlecht. Der Krieg kommt, er kommt so sicher, wie ich zu dir gekommen bin, über die vier Treppen, schwitzend und atemlos, aber er kommt.‹ Und er lachte. ›Unser altes Österreich spielt noch einmal den Bräutigam. Es heiratet die junge Braut, die junge schöne Kriegsbraut natürlich. Ich habe den Generalstabsmajor X. behandelt, er hat mir romantische Mären erzählt. Auch mit Italien geht es los. Mit uns, gegen uns, Heldentreue, frisches Laub am alten Ehrenkranz. Hast du noch ein Glas Wasser? Aber laß es gut ablaufen‹ (Ich brachte es.) ›Das junge Glück könnte der Tod des alten Bräutigams sein. Aber die Menschen wollen es ja nicht anders. Sieh alles an, aber misch dich nicht ein. Mich werden sie nicht im Brautgefolge haben, ich diene nicht, Judith desgleichen nicht, Viktor ist zu klein, und du? Du könntest bald nach Norwegen reisen. Norwegen wird neutral bleiben.‹ ›Ich glaube nicht daran, daß es Krieg geben könnte. Die Menschen sind zu weit fortgeschritten. Was liegt an Serbien?‹ ›Nun, wir sprechen noch darüber‹, sagte er. ›Überlege es dir und zwar bald. Du könntest Anfang Juli nach Norwegen reisen und einen Teil unseres Vermögens dort in Christiania in die Filiale einer englischen Bank einlegen. Ich möchte nicht mein ganzes Leben für nichts gearbeitet haben. Ich gehe jetzt. Ich danke dir. Denke an Norwegen, du weißt, ich bin dein Freund.‹ In Kürze sah die Lage wieder fast friedlich aus. Ich machte meine Kolloquien Anfang Juli und glaubte, daß ich die Dinge so gesehen hatte, wie sie waren. Mein Vater kam oft, immer nur kurz, denn seine Zeit war Geld, mehr denn je, meine Mutter zeigte sich fast nie. Von der Reise nach Christiania sprach er immer wieder, und ich schwankte, denn ich wäre dann über Deutschland gereist und hätte meinen alten Freund Perikles aufsuchen können. Ich schrieb an meine Frau einen langen Brief, in dem ich die Kriegsgefahr erwähnte und sie fragte, ob auch sie daran gedacht hatte, denn Puschberg lag nicht weit vom Brenner und der Brenner nicht weit von der italienischen Grenze, aber mein Vater belehrte mich, Italien stünde wohl auf unserer Seite, und weil ich diese Stelle in meinem Brief nicht abändern wollte, zog ich es vor, den Brief unabgesendet zu lassen. Auch schämte ich mich, daß ich es sein sollte, der die Verbindung zwischen uns nach vier Jahren wieder aufnehmen wollte. Ende Juli 1914 ging das Ultimatum an Serbien ab. Die Unruhe wuchs auch bei der großen Masse, es fanden Zusammenrottungen vor den ›feindlichen‹ Gesandtschaften und sogar vor Geschäften ab, deren Besitzer ›balkanisch‹ klingende Namen hatten, und wenige Tage vor Schluß des Monats gab es einen riesigen Fackelzug. An einem Vormittag – nach drei oder vier telephonischen Anrufen bei meinem Vater, die ihn nicht hatten erreichen können – klopfte es an meine Tür, ich öffnete und sah seinen Chauffeur vor mir. (Seit kurzem hatte mein Vater ein Auto gekauft.) Der Wagen wartete unten. Ich sollte mich sofort zu meinem Vater begeben. In weniger als zehn Minuten waren wir in der Wohnung, die ich seit so vielen Jahren nicht betreten hatte. Meine gute Mutter kam mir entgegen, sie war wieder hoch in der Hoffnung. Sie hatte sich dieser Schwangerschaft unsinnigerweise vor mir geschämt, und deshalb war sie in der letzten Zeit nicht bei mir gewesen. Jetzt faßte sie mich mit der ganzen warmen Zärtlichkeit aus alten Zeiten an den Händen, zog mich zu sich und küßte (ein kleines Pflaster, das erste seit langer Zeit) mein ganzes Gesicht ab. ›Es gibt doch keinen Krieg?‹ jammerte sie leise vor sich hin. Als ich antworten wollte, ließ sie mich nicht ausreden und sagte: ›Was soll nur aus uns allen werden? Dein Vater ist in höchster Aufregung. Deine Fee ist jetzt bei ihm. Bitte, gib ihm nach, niemand meint es besser mit dir als er, das weißt du doch?‹ ›Nachgeben? wieso? worin?‹ fragte ich erstaunt. ›Ich weiß selbst nicht, um was es sich handelt‹, flüsterte meine Mutter, ›aber ich habe die Person, verzeih, eben die Vally schreien hören. Man darf deinen Vater aber nicht aufregen. Er ist nicht mehr der Jüngste. Und doch will er in den Krieg! Er erwartet dich, geh in das Sprechzimmer!‹ Ich trat ein und sah meine Frau. Sie war in den letzten vier Jahren natürlich etwas gealtert, aber immer noch schön. Sie saß, gut aber sehr einfach gekleidet, vor dem Schreibtisch, mein Vater ihr gegenüber. Sie hatten jetzt nicht gesprochen, hatten offenbar auf mich gewartet. Ich sah meiner Frau die tiefe Aufregung an. Auf der Schreibtischplatte lagen unter der Brille meines Vaters (er trug seit einigen Monaten ein Augenglas) die Extraausgaben des Tages mit ihren riesigen Aufschriften. Ich kam schnell auf meine Frau zu und küßte sie auf den Mund. Ihre Augen leuchteten auf, und ich merkte sofort, wie sie ruhiger wurde. Meinem Vater gab ich die Hand. Er drückte sie fest und sah mich lächelnd an, aber mit seinem alten ungewissen Ausdruck. ›Hast du denn meine Briefe nicht bekommen?‹ fragte Vally. Ich starrte sie erstaunt an. Ich hatte seit Jahr und Tag keine Zeile von ihr bekommen. ›Die Briefe sind ja hier‹, sagte mein Vater laut und zog drei oder vier Briefe unter dem Bund Extraausgaben hervor. ›Ich war in den letzten Tagen nicht bei dir, ich hatte viele Sitzungen, die mit der Lage zusammenhängen, du hättest aber deine Post noch rechtzeitig bekommen. Ich habe dich ja jetzt im Auto holen lassen.‹ Meine Frau wollte etwas sagen, aber ich legte meine Hände auf ihre Knie, um sie zu beschwören, ruhig zu bleiben. ›Oder seien wir offen, meine lieben Kinder‹, setzte mein Vater mit aufreizender Freundlichkeit fort, ›ich habe es nicht für opportun gehalten‹ (meine Frau sah mich fragend an, denn sie verstand das Fremdwort nicht), ›dich mit solchen Briefen aufzuregen.‹ Jetzt mußte er mich beruhigen, und es war seine Hand, die sich mir auf die Schulter legte. ›Ich meine es gut mit dir, mein Sohn, Vally, das müssen Sie einsehen und müssen mich nicht stören.‹ ›Ich meine es vielleicht nicht gut?‹ fragte Vally. ›Ach mein Kind, darüber wäre viel zu sagen.‹ ›Sagen Sie es ruhig!‹ antwortete Vally. ›Lassen wir das Alte. Das Neue ist wichtiger. Glauben Sie nicht auch? Vally, seien Sie doch vernünftig, es handelt sich um uns alle, um meinen Sohn und um Ihren Sohn auch.‹ ›Ich danke Ihnen, Herr Professor, daß Sie uns regelmäßig die hundertfünfzig Kronen geschickt haben ...‹ ›Ss, Ss, nicht der Rede wert. Sie müssen meinen Enkel erziehen, und ich, als Ehrenbürger der Gemeinde, wünsche nicht, daß er im Armenhause von Puschberg aufwächst.‹ ›Warum hast du mir nichts davon gesagt?‹ ›Und wenn ich es dir gesagt hätte? Hast du angenommen, du könntest deine Frau und das Kind mit fünfundsiebzig Kronen erhalten? Natürlich! Wozu das viele Gerede? Hauptsache: was wird nun mit dir? Der Krieg kommt.‹ ›Du hast gesagt, daß ich nach Christiania reisen sollte, um dein Vermögen in Sicherheit zu bringen.‹ ›Und dein liebes Leben dazu. Gewiß, ich habe es gesagt. Behalten wir diese Möglichkeit im Auge, obwohl ich zweifle, daß du heute die Grenzen noch vor der Mobilisierung überschreiten kannst. Und was vor einigen Wochen von deiner Seite Zufall hätte gewesen sein können, heute wäre es Fahnenflucht. Und – du als mein Sohn ...‹ ›Er ist mein Mann‹, rief Vally. ›Ja, laut Trauschein‹, lächelte mein Vater, ›es ist ganz gut, daß Sie mich unterbrochen haben, Frau Tochter, damit kommen wir zur zweiten Möglichkeit. Deine Frau‹, wandte er sich zu mir, ›hat einen anderen Ausweg gefunden. Sie meint, du könntest mit ihrer und ihres Bruders Hilfe heute nacht noch über die italienische Grenze ins Welschland, und sie ist des festen Glaubens, daß die Katzelmacher (Italiener) neutral bleiben, wenn sie sich nicht gar unseren Feinden anschließen. Du wärst also, wie immer die Völker sich herumschlagen, dort in Sicherheit. So, habe ich getreulich berichtet?‹ Vally senkte die Augen, faßte nach meiner Hand, hielt sie fest, sagte aber nichts. ›Und endlich die dritte Möglichkeit (sie preßte meine Hand, so, daß sie schmerzte): ›du dienst.‹ Die Schreibtischuhr tickte. Es vergingen zehn Minuten, wir sprachen nicht. ›Ich will nicht dienen‹, sagte ich endlich. ›Ich will nicht Menschen umbringen, die ich nicht kenne, die mir nichts getan haben, und will mich nicht ...‹ Er unterbrach mich. ›Wenn aber alle ohne Ausnahme gegen den Feind gehen, wenn sogar die Alten den Tornister auf den Buckel schnallen, willst du dich drücken? Ist das dein Ernst? Hast du den Fackelzug gestern nicht gesehen? Die ungezählten Menschenscharen, alle mit ihrer Begeisterung, ihrer heißen Liebe zu unserem schönen Vaterland?‹ Ich zuckte die Achseln. ›Ich bin diesem Staat nichts schuldig. Wir hätten in Frieden leben können. Das Ultimatum war aufreizend, die anderen können es nicht annehmen.‹ ›Die Obrigkeit hat immer recht. Was verstehst du von der hohen Politik? Eine Großmacht wie Österreich muß ihre Ehre rein erhalten.‹ ›Und eine Kleinmacht nicht? Unsere Obrigkeit hat recht und die serbische Obrigkeit nicht auch? Wozu dann noch Krieg?‹ ›Spitzfindig genug‹, sagte mein Vater, ›du wärest auch ein ganz guter Jurist geworden. Nun bist du Mediziner und Militärstipendist. Ich bin in Verbindung mit dem Ministerium für Landesverteidigung. Man hat eine Augenkrankensammelstelle im Sinn, die auch für die am Auge erkrankten und verwundeten Soldaten im Südosten bestimmt ist. Ich werde ein Merkblatt zur Verhütung der Ansteckung mit Trachom für das Militärkomitee ausarbeiten. Ich soll den Titel eines Generalarztes in Evidenz erhalten. Ich könnte dich heranziehen. Vielleicht handelt es sich nur um einen Spaziergang nach Belgrad. Wenn die ersten Blätter fallen, ist alles vorbei, und unsere siegreichen Truppen kehren nach einer kleinen Strafexpedition heim.‹ ›Du hast unlängst anders gesprochen‹, sagte ich. ›Du sagtest: Serbien ist Rußland, und Rußland ist der europäische Krieg. Wo kann das enden?‹ ›Mag sein!‹ sagte er und stand auf. ›Willst du jetzt die Briefe deiner Frau? Willst du Bedenkzeit?‹ ›Heute nacht muß ich in Puschberg sein‹, sagte Vally, ›mein Max ist in der Obhut der Veronika, aber Veronikas Mann ist einberufen zu außerordentlichem Manöver, und ich muß zurück.‹ ›Schön!‹ sagte mein Vater, ›das sehe ich ein.‹ Er setzte sich wieder. ›Ich reise mit meiner Frau‹, sagte ich. ›Ich kann nicht anders. Ich habe mein Kind noch nicht gesehen.‹ ›Ja, es ist die beste Gelegenheit, Familienbesuche zu machen‹, höhnte mein Vater. ›Zieh dich aus der Schußlinie zurück! Täten es alle, wir würden schön aussehen. Du bist immer der alte: du willst Christus sein und dich nicht ans Kreuz schlagen lassen. Unterbrechen Sie mich nicht, Sie gute Fee!‹ ›Alter Unhold!‹ zischte Vally zwischen den Zähnen hervor. ›Mich bringen Sie nicht aus der Ruhe‹, sagte mein Vater ironisch. ›Bin ich wirklich so alt? Ich ein Unhold? Meine Kinder und meine Kranken denken anders von mir. Aber Sie und ich: wir kennen uns. Junge, sieh die Dinge, wie sie sind. Wirst du den Krieg verhindern, wenn du auskneifst? Nein, aber du wirst dir die Rückkehr unmöglich machen ...‹ ›Und Sie werden nicht Generalarzt und bekommen nicht den Kronenorden‹, gab meine Frau zurück. ›Was ist mir der Kronenorden? Ich brauche ihn nicht. Ich verlange ihn nicht. Ich bin meinem Kaiser und meinem Volke treu! Man muß aber mit dem Volk gehen. Das nenne ich Demokratie. Das Volk verlangt, daß man die Serbenhorde für den feigen Meuchelmord straft. Ist das nicht Gottes Stimme, was dann?‹ ›Was liegt mir an den Serben? Was liegt mir an Demokratie? Ich will meinen Mann nicht verlieren. Ich habe ihn noch nicht richtig gehabt. Verstehen Sie das? Ich nämlich liebe ihn.‹ Sie begann zu weinen. ›Sie lieben ihn, so?‹ fragte mein Vater unbarmherzig, ›was haben Sie ihm viel an Glück gegeben? Mit noch nicht zwanzig Jahren haben Sie ihn zum glücklichen Vater gemacht, nicht? Sie haben ihn durch Ihre Manöver gehindert, eine wichtige medizinische Entdeckung weiterzuverfolgen.‹ ›Ist das wahr‹, schrie Vally, ›sag, ist das wahr?‹ (Ich wandte mich ab.) ›Und wir hätten alle drei von dieser Entdeckung leben können? Ach, Herr Professor, ist das wahr?‹ Mein Vater setzte eine ›menschenfreundliche‹ Miene auf, dieselbe, die er gehabt hatte, als er den ›Pilgern‹ riet, sich vor Ansteckung und vor ausbeuterischen Ärzten zu hüten. ›Weiß ich es denn? Vielleicht ja, vielleicht nein. Vorbei? Vorbei! Wir haben uns nur mit den wirklichen Tatsachen auseinanderzusetzen. Bist du frei? Kannst du gehen, wohin du willst? Hast du nicht von der Militärbehörde durch Jahr und Tag dein Stipendium erhalten? Hat man dir nicht den Militärdienst erspart, bis es dir paßt, deine Pflichten vor dem Vaterland zu erfüllen? Sag ich nicht die Wahrheit? Bist du nicht der Christus, der vor dem Kreuz davonläuft? Aber so seid ihr alle, ihr habt euren Gott nur auf den Lippen! Aber nenne ich dieses bigott, bin ich der ›alte Unhold‹. Lebe ich denn unter Feinden?‹ Meine Frau schluchzte, sie schlug jetzt mit den Fäusten auf die Tischplatte, ohne zu sehen, wohin sie traf. Ein kostbares Tintenfaß fiel um, und die beiden Arten Tinte überströmten die Tischplatte und tropften herab, so daß ich Vallys gutes Kleid vor ihnen schützen mußte. Jetzt erst, als ich sie berührte, blickte sie auf. Sie zog mich an sich und preßte meinen Hals so wild an ihre volle heiße Brust, daß sie mich beinahe erstickte. Ich trat in eine Ecke des Zimmers, mit dem Rücken gegen die Bücherwand, und lange sah ich die beiden an. Mein Vater sah mich nicht an. Es war ein alternder, halb gebrochener Mensch. ›Lebe ich denn unter Feinden?‹ Er , dem ich vom ersten Tage meines bewußten Lebens angefangen nichts als Liebe entgegengebracht hatte. Ich trat auf ihn zu und sagte: ›Du hast recht. Ich werde mich sofort melden. Ich werde tun, was du für meine Pflicht hältst.‹ Er wollte etwas mildern, er begann von seiner Augenkrankensammelstelle zu reden. Aber meine Frau war ohnmächtig von ihrem Stuhl hinabgesunken. Sie lag auf dem Teppich, in ihrem schlichten dunklen Seidenkleid. Ihre kleinen Hände schimmerten hellbraun auf dem dunklen Grunde. Aber bevor wir sie aufrichten konnten, hatte sie die Augen wieder geöffnet. Ihre schönen, dicken, schwarzbraunen Zöpfe (das Haar war seit dem Kinde wieder nachgewachsen) hatten sich gelockert, die Enden der Frisur tauchten in den kleinen Tintensee, der sich am Rande des Teppichs und auf dem Parkett gebildet hatte. Es herrschte eine furchtbare Hitze. Von der Straße her drangen stramme Marschmusik und die hallenden patriotischen Rufe einer gewaltigen Menschenmasse, die in Reih und Glied mit schwarz-gelben Fahnen und großen Tafeln mit Inschriften in einer Staubwolke unter unseren Fenstern vorbeizog. Unter ihren taktförmigen donnernden Schritten zitterten die Scheiben, und lange noch hörte man die lauten Rufe, abwechselnd Hochrufe auf Österreich, Niederrufe auf Serbien und Rußland und die ersten Töne einer Hymne. Meine Mutter war inzwischen eingetreten. Am linken Arm den kleinen, nicht hübschen, aber in seiner Art bezaubernden, schelmischen Viktor und am linken Arm Viktors Besitzerin, die schöne, kühle, hoch aufgeschossene Judith. Als meine Mutter die Kinder losließ, stellte sich Judith sofort vor ›ihren‹ Viktor, als wolle sie ihn schützen, und blitzte uns mit ihren hellen graugrünen Augen (den Augen meines Vaters) an. Meine Mutter lachte und schlug ihr kameradschaftlich auf die Schulter, auf eine breite hellblaue Seidenschleife, die sie auf der Schulter trug ... Dann half meine Mutter Vally beim Ordnen der Frisur und schickte die Kinder voraus ins Speisezimmer. Dann lud sie uns beide zum Mittagessen ein. Mit ihrem großen Leibe schwerfällig voranschreitend, führte sie uns zuerst in den Salon, der angesichts der kommenden Ferien nach Naphthalin roch, und später ins dunkle, kühle, nach Obst duftende Speisezimmer. Wir bekamen unsere Plätze nebeneinander an dem prachtvoll gedeckten Tisch. Ich aß fast nichts. Aber Vally aß. Sie war nach der langen Reise sehr hungrig. Meine Mutter sah von mir zu ihr, von ihr zu mir. Sie war höflich uns gegenüber, aber von neuen kleinen Pflastern auf neue große Wunden war nicht die Rede. Die Hauptsache war, ihr Mann hatte sich mit ihrem ältesten Sohn geeinigt. Am Spätnachmittag reiste meine Frau ab. Sie machte mir keine Vorwürfe. Ich hätte nicht anders handeln können. Vielleicht hatte sie nichts anderes von mir erwartet. Ich mußte ihr nur eines versprechen: ihr jeden Tag zu schreiben. 7 Auf dem Heimweg kam ich an einer Kirche vorbei und trat ein. Die Kirche war dicht gefüllt von einer schweigenden, meist auf den Knien betenden Menge. Alles betete für den Frieden. Gott kann den Krieg nicht zulassen, er ist zu gerecht. Christus hat die Welt erlöst! So dachte ich im Gebet. Ich kam getröstet aus der Kirche heraus. Ich dachte mit Vertrauen auf Gott an meine Zukunft, ich freute mich, mein Kind endlich zu sehen, denn ich hatte mich mit meiner Frau versöhnt. Wir hatten einander verziehen. Ich atmete freier als in den letzten Tagen. Ich freute mich auf den Beruf, auf die Vorlesungen über Geisteskrankheiten, die ich im nächsten Semester besuchen sollte. Dann wollte ich eine Assistentenstelle in der psychiatrischen Klinik anstreben. Meine Liebe zu meinem Vater blieb trotz allem unverändert. Ich sagte mir immer wieder vor, er habe auch durch die Sendungen an meine Frau trotz allem seine Liebe zu mir bewiesen. Ich kam daheim an. Meine Wirtin fragte mich, ob es Krieg geben würde. ›Nein‹, sagte ich, ›ich kann es mir nicht denken.‹ ›Geb's Gott, daß der Herr recht hat. Es war jemand für den Herrn hier, er hat gewartet, er ist eben fortgegangen, einen Zettel hat er hiergelassen für Sie.‹ ›Wer? War es mein Vater, der Professor?‹ ›Nein, sicher nicht, den Herrn Vater kenne ich gut. Ein jüngerer Herr, sehr bescheiden, aber sehr lieb, mit dicken Brillen.‹ Es war Perikles. Unter meinem Leuchter sah ich einen Zettel liegen von seiner Hand. Er schrieb: ›Ich habe Dich lange erwartet. Vielleicht komme ich abends wieder, vielleicht nachts. Dein Perikles.‹ Auf der anderen Seite des Zettels hatte er geometrische Figuren hingemalt und ein paar Zeilen mit Bleistift hingekritzelt, dann aber mit dem Daumen wieder auszulöschen versucht, wie wir es als Jungen gemacht hatten. Da ich seine Schrift gut kannte, konnte ich die Worte entziffern, es war eine Art Gedicht: ›Nacht, übertünchtes Grab der blassen Sterne, sinke nieder, / schwinde fort! / Dich aber rufe ich, Tag und Krieg! Du ???komender Gott! / Unter Deinem blutigen Kuß zu sterben, hinzugehen / glühender vor Sehnen. / Es sterbe das Sterbliche! Mächtiges Österreich, / lebe!‹ Ich überlas das Gedicht. Es gefiel mir nicht. Er mußte in großer Erregung geschrieben haben, denn er hatte bei ›kommender‹ ein m fortgelassen. Ich erwartete ihn den ganzen Abend, die Nacht, den nächsten Vormittag. Er kam nicht. Ich mußte ausgehen, ich mußte mich bei der Militärbehörde melden. Man sagte mir, es sei höchste Zeit. In welchem Regimente wollte ich dienen? Der Krieg war noch nicht erklärt. Als ich am Abend dieses Tages bei meinem Vater war, schlug das Telephon an. Mein Vater führte ein kurzes Gespräch, dann dankte er für den Anruf und drehte die Kurbel, um die Verbindung zu lösen. Er sah mich an: ›Die Würfel sind gefallen. Wir marschieren.‹ ›Der Krieg ist erklärt?‹ fragte ich atemlos. ›Nur gegen Serbien.‹ ›Und Rußland?‹ ›Das weiß der liebe Gott.‹ ›Gott kann den Krieg nicht zulassen‹, sagte ich und erinnerte mich der Menschen auf den Knien in der Kirche. ›Glaubst du? Du glaubst das – natürlich! Ich aber sehe nicht ein, welchen Sinn es haben soll, Gott zu kritisieren. Wer wollte ihn hindern? Hast du dich schon entschieden? In welchem Regiment willst du dienen? Bist du dazu fest entschlossen? Du hast immer noch die Möglichkeit, in meiner Sammelstelle unterzukommen.‹ Ich schüttelte den Kopf und schwieg. Ich konnte keinen freien Atemzug tun. Man hörte Judith mit ihrem Eigentum, dem kleinen Viktor, herumtollen, und ihre schrille kreischende Stimme zerriß mir die Ohren. ›Ich will dich nicht aufhalten‹, sagte mein Vater und stand auf. Jetzt handelt es sich darum, männlich sein und unser teures Vaterland ... das heißt, wir müssen eben siegen. Mit dem deutschen Bruder im Bunde werden wir der ganzen Bande widerstehen. Kopf hoch! Willst du mitkommen?‹ ›Mitkommen? Wohin?‹ ›Nur zur Mutter. Ich muß ihr und Judith die Sache schonend beibringen ...‹ Ich ging. Am gleichen Abend sandte ich einen Expreßbrief an den Oberst von Cz., den Vater meiner ehemaligen Liebe Eveline, da er mich immer aufgefordert hatte, mich in schwierigen Fällen an ihn zu wenden. Ich erhielt die Antwort erst nach drei Tagen, inzwischen hatten die Mittelmächte, Serbien und Rußland einander den Krieg erklärt, und der Einmarsch nach Belgien hatte begonnen. Der Oberst schrieb mir nicht von seinem Gute aus (wohin ich meinen Brief gerichtet hatte), sondern aus einer kleinen Garnison, Radautz in dem Kronland Bukowina. Er konnte mir nichts anderes raten, als in sein Dragonerregiment einzutreten, wenn ich noch die Wahl hätte. Er hoffe mich noch vor dem Abmarsch seines Regiments in Radautz zu sehen. Wenn nicht, würde er seinem Schwiegersohn, dem Rittmeister von Kscalsky, einen Bescheid hinterlassen, sich nach Kräften um mich zu kümmern. ›Deine Ausbildungszeit bei unserer Truppe beträgt mindestens sechs Monate. Wir hoffen alle, daß bis dahin alles wieder beendigt ist. Eveline läßt Dich grüßen, sie freut sich, ihren Jugendkameraden wiederzusehen. Jagiello hat sich gestern bei den Kaiserjägern gemeldet, doch ist der Andrang dort so groß, daß man ihm keine Hoffnung gemacht hat, daß er noch im Winter eingereiht werden kann. Du wirst ihn daher vielleicht auch in Radautz wiedersehen. Dein alter Onkel Joseph von Cz.‹ Ich wartete in meiner fürchterlichen Verzweiflung und Einsamkeit nichts mehr ab, sondern reiste nach einem kurzen Abschied von meiner Familie nach Radautz. Ich meldete mich bei dem Kommando des Dragonerregiments, in einer sehr ruhigen und von den Stürmen dieser Zeit unberührten Regimentskanzlei, obwohl Radautz nicht sehr weit von der russischen und rumänischen Grenze entfernt lag. Der Oberst war leider schon fort. Ich war morgens gekommen, mittags untersuchte mich der Regimentsarzt und bestätigte den früheren Befund, daß ich ›kriegstauglich mit der Waffe‹ sei, und ich wurde mit einer Anzahl anderer Rekruten auf Kriegseid genommen. Da sich bei diesem Regiment keine Einjährigfreiwilligenschule befand, mußte ich nach Czernowitz weitergehen. Der Rittmeister war sehr höflich, aber kalt. Er lud mich am Abend zu sich ein, und ich sah Eveline wieder. Sie war in großer Unruhe. Sie sorgte sich um ihren Vater, und, wie es mir fast schien, sorgte sie sich auch um mich. Der Rittmeister ließ uns keinen Augenblick allein. Ich hätte das Alleinsein nicht mißbraucht. Denn obwohl sich etwas in mir regte, was ich bei meiner armen Frau nie empfunden hatte und das ich nur als eine neue Qual zu den anderen Qualen empfand, achtete ich sie als die Tochter meines väterlichen Freundes. Und wie sollte ich mich einer Liebe hingeben zu einer jungen verheirateten, unbeschreiblich schönen Frau, ich, der ich an meine Frau in Puschberg und an mein Kind gebunden war. Sie sah sehr blaß aus und hustete oft. Wir drückten uns zum Abschied die Hand. Aber an der unwilligen Ungeduld, mit der sie die ihre sofort wieder wegriß, sah ich, daß sie mich nicht ganz ruhig gehen ließ. Ich mußte ihr versprechen, sie und ihren Mann zu besuchen, bevor ich ins Feld abginge. Der Rittmeister hatte das Pferdeaufkommen für das Regiment zu regeln, und es war anzunehmen, daß er noch einige Zeit im Hinterlande blieb. Als ich aber in meinem Zuge saß, schwor ich mir, nicht nach Radautz zurückzukommen. In Czernowitz begann die Einjährigenschule für die Offiziersaspiranten verschiedener Regimenter sofort nach meinem Einrücken. Mein ganzes Dasein war von nun an geregelt, und ich hatte keine Verantwortung für mich. Ich war ein ganz annehmbarer Dragoner, nicht der schlechteste Reiter, zuerst ein mäßiger, dann ein mittelguter Schütze, und kein energieloser schwacher Vorgesetzter. Denn ich hatte bald die ersten Sterne an dem Kragen meiner blauen Attila erhalten und nahm meinen Dienst so ernst, wie ich meine Arbeit als Mediziner genommen hatte. Hier lag keine Schwierigkeit. Sie lag einzig in meiner Verzweiflung, ich konnte Gott den Verrat an meinen Idealen nicht verzeihen, empfand die Feldgottesdienste und anderen religiösen Veranstaltungen als Hohn. Von meiner Frau kamen lange, sehr gebildete Briefe, sie gab sich Mühe, mich aufzuheitern, mich abzulenken, mich über das Wachsen und Gedeihen unseres Kindes zu unterrichten. Ich konnte aber all dies nicht ernst nehmen. Als wir von Czernowitz nach Radautz zurückkamen, verließ ich die dortige Kaserne nicht. Der Rittmeister, der die letzte Parade abnahm, schien mich unter den anderen Kadetten (ich hatte diesen Rang erreicht) nicht bevorzugen zu wollen, und ich ging mit einer Marscheskadron von Radautz im Vorfrühling 1915 mit ›unbekannter Bestimmung‹ ab. Wir wußten jedoch alle, daß wir in den Karpathen eingesetzt würden. Die Reise war also nicht weit. Wir wurden in einer kleinen Station, kurz vor einem gesprengten Eisenbahnviadukt, mit unseren schönen Pferden auswaggoniert und begannen noch am gleichen Abend den Anstieg in das noch tief verschneite, bläulich verschattete Waldgebirge. Die Straßen waren vereist, sie stiegen in Kurven und Serpentinen empor. Sie waren in nie abreißender Kette von landesüblichen Fuhrwerken erfüllt, die von kleinen ponyartigen Pferden gezogen wurden. Dazwischen kamen hurtige Tragtiere, kleine und große Pferde, Maultiere und Esel, auf dem Rücken Holzgestelle mit wohlausgewogenen Lasten Munition oder Heu. Am Straßenrande sah man aufgebläht riesige Leiber von mächtigen Pferden unter der verschneiten Erde sich abzeichnen, und der Kadavergestank nahm mir den Atem. Ich konnte meine Abendration in einem verfallenen, bis auf die Herde vollständig ausgebrannten Dörfchen nicht zu mir nehmen. Nach und nach nahm das Land das Wesen des Hochgebirges an. Der Transportführer wollte bis Plawie kommen, wo uns die Verbindungseskorte mit unserem Regiment erwartete, wir kamen aber nicht so weit. Gegen zehn Uhr abends wichen wir von der verstopften, im Dunkeln unheimlich belebten Straße ab. Wir stellten die Gäule im Kreise auf, holten Holz und machten Feuer an. Von weitem hörte man vom Gebirg her das fortlaufende Tacken der Maschinengewehre und dazwischen die Einschläge der Geschütze in der mondhellen Nacht, die gute Ziele gab. Unsere Maschinengewehre waren im Inneren des Kreises. Einige versuchten, in ausgebreiteten Zeltblättern, den Mantel am Halse hochgeschlagen, den kurzen Stutzen neben sich, zu schlafen, andere, wie ich, konnten es nicht. Alle litten sehr unter der Kälte und waren glücklich, als gegen drei Uhr morgens der Befehl zum Weitermarsch kam. Ich war so schlaftrunken, daß ich im langsamen Trab auf meinem Pferde einschlief. Was mich immer erweckte, war der Kadavergeruch, der trotz der Kälte von den Pferde- und Soldatengräbern zu Seiten des gewundenen, steil aufsteigenden Pfades her zu uns drang. Es hieß, daß es am Tage immer taue. Es kamen uns leere Wagentransporte entgegen, auch Schlitten, auf den Laternen die Zeichen des roten Kreuzes, die die Verwundeten und Typhuskranken in das Tal beförderten. Ich sah mich nicht um, ich ließ alles an mir vorbei. Der Oberst empfing mich und einen anderen Kadetten, den Grafen W., sehr freundlich. Der ›Onkel‹ (so hatte ich ihn auf dem Gut ansprechen müssen) war etwas gealtert. Er trug nicht die elegante Kavallerieuniform der Dragoner, sondern eine feldgraue schmucklose Jacke ohne Abzeichen seines Dienstgrades und dazu gut geschnittene, sandgraue Breeches, auf dem Kopfe hatte er eine randlose Mannschaftsdragonerkappe. Er lud mich zur Offiziersmesse ein, die in einer geräumten Bauernhütte abgehalten wurde. Unser Regiment war zum Teil in Maschinengewehrabteilungen zu der deutschen Infanterie detachiert, zum Teil hatte es Aufklärerdienst bei der k. u. k. Division zu machen, auch Beobachtungsposten bei der Artillerie und Verbindungsstafetten wurden von dem Oberst und seinem Adjutanten abgefertigt. Er ließ mich nicht von seiner Seite, obwohl ich ihm sofort gemeldet hatte, daß ich seine Tochter seit Monaten nicht mehr, und Jagiello überhaupt nicht gesehen hatte. Er schien an mir sehr Anteil zu nehmen, er fuhr mir langsam über das Haar, während er aus einer kurzen Pfeife paffte, er ließ mich nach dem Essen (das in einer streng dienstmäßig geordneten Runde um einen großen Tisch herum eingenommen wurde und bei dem ich natürlich weit von ihm zu sitzen kam) einen Spaziergang machen, wobei er nur einen Reitstock mitnahm, aber weder Feldstecher noch Revolver. An diesem Abend machte er mir keine weiteren Mitteilungen. Ich war in den ersten Tagen fast erschlagen vor Müdigkeit. Der Dienst war schwer, aber man konnte ihn ertragen. Verluste hatten wir nicht. Erst nach drei Wochen, als ich mich eingewöhnt hatte, nahm er mich noch ein zweites Mal mit, und dabei sagte er mir etwas, das er wahrscheinlich allen anderen Kameraden verschwieg, sofern sie nicht auch polnischer Nationalität waren. In unserem Regiment gab es verschiedene Nationen, Ruthenen, Deutsche, Polen und Tschechen. Oft verständigte man sich außerhalb des Dienstes natürlich – in französischer Sprache, aber dies wurde vom Obersten bald verboten, weil zwar die Polen fast ausnahmslos französisch sprachen, die Ruthenen und Deutschen aber nicht. Außerhalb des Dienstes konnte natürlich jeder reden, wie er wollte. Der Offiziersbursche, den Graf W. und ich gemeinsam hatten, war ein Tscheche, ein stiller, aber vollständig furchtloser, braver Mensch. Er konnte fast kein deutsches Wort, versah aber immer den Dienst ohne jeden Tadel. Ich verstand das Französische ganz gut, antwortete dem Oberst aber immer in deutscher Sprache. Er vertraute mir heute in deutscher Sprache im Walde an, daß für einen der allernächsten Tage ein großer Angriff auf die von den Russen stark ausgebaute Stellung nördlich Niedelow-Uchanie (er zeigte mir die Orte im Schein der elektrischen Taschenlampe auf der Generalstabskarte) geplant sei. Wir hörten schon heute nacht hier unten ein sehr lebhaftes Artilleriefeuer, das von den österreichischen und deutschen Geschützen kam und dem die Russen ein noch stärkeres entgegensetzten, denn damals hatten sie noch reichlich Munition. Die Zufuhr war für sie am Ausgang des Gebirges viel leichter, während wir die schlechtesten Zufahrtsstraßen zu überwinden hatten, und so kam es leider, daß von dem schönen Pferdetransport, den wir mitgebracht hatten, mehr durch Strapazen als durch Treffer, fast alles zu Grunde gerichtet war. Daher die vielen Pferdekadaver an dem Straßenbord. – Der Oberst war heiter. Er machte Witze, er sprach mit Gleichmut von dem Fall der Festung Przemysl. Erst als wir von dem kleinen Rekognitionsgang von den höchsten Infanteriestellungen durch den immer noch tief verschneiten Wald heimgingen, sagte er, so nebenbei: ›Halte dich dann immer bei mir, Kadett!‹ ›Wie meinen das Herr Oberst?‹ ›Wie das dein alter Onkel meint? Morgen geht es los. Wollte Gott, es wäre das letztemal. Höre Kadett. Trifft es mich, bin ich hin, gut. Trifft es mich, bin es heil‹ (manchmal sprach er mit Absicht nicht ganz korrekt), ›noch besser. Aber trifft es mich, bin ich ein Krüppel, habe ich zu leiden lange, mach Schluß! Verstanden, Kadett?‹ ›Das kann ich nicht, Herr Oberst!‹ ›Du brauchst nichts zu tun. Blutet es, laß verbluten. Einfaches Rechnung. Nicht, daß ich Angst vor Schmerzen hätte. Mensch sein, Schmerzen haben, eines wie anderes. Aber mit Gewalt?‹ ›Wie meinen das Herr Oberst?‹ ›Mit Gewalt soll dein Oberst sein Unglück nicht überleben wollen.‹ ›Wir können durchkommen, wir sind stark‹, sagte ich. ›Du ja, Kadett, ich nicht! Ich bin Pole. Ich bin österreichischer Offizier. Habe mein ganzes Leben meinem Kaiser gedient. Mich führt niemand zur polnischen Legion. Siegt Österreich, kann ich als Pole nicht weiterleben. Siegt Rußland, kann ich als österreichischer Offizier nicht weiterleben. Einfaches Rechnung, Kadett? Und sieh her, die slawischen Brüder, wie sie jauchzen und die Mützen schwingen!‹ Er wies auf die Landstraße, wo armselige, ausgehungerte polnische Bauern in ihren zerschlissenen Anzügen, meist ohne Pelze (viele hatten dafür ärarische Säcke um ihre spitzen Knie gewickelt) über den Deichseln ihrer kleinen Plachenwagen saßen und ihre ebenso armseligen Pferdchen – wie tief waren die Grate eingesunken, wie struppig waren die Felle über den hervorstehenden Rippen und Hüftknochen! – mit vielen Peitschenhieben und noch mehr Geschrei antrieben, damit sie die steile Höhe Chomy in den ausgefahrenen, gefrorenen, knirschenden Wagenspuren nähmen. Auch viele jüdische Fuhrleute waren darunter, erkennbar an ihren langen Ohrenlöckchen. Das waren die ›Pilgerim‹ meines Vaters in ihrer Heimat, im Dienst, in ihrem Elend wie die andern ›landesüblichen‹ Fuhrwerker. ›Schwingen sie ihre Mützen, die polnischen Juden, jauchzen sie?‹ fragte er mich. Er kannte keine ›Pilgerim‹. Plötzlich aber begann er zu lächeln, und nun lachte er, bohrte seinen Spazierstock in den Schnee, faßte mich am Ärmel meines kurzen Pelzes und sagte: ›Du hast doch studiert, Kadett? Da kennst du dich großartig aus in den – Sternen?‹ Ich nickte. ›Kennst du diesen hier?‹ Und er zeigte auf den Sirius, der zwischen den hohen Tannen in der klaren Nacht gut zu sehen war. Ich entsann mich, daß ich und Jagiello, Eveline und er uns in einer Nacht vor Jahren auf seinem Gut über den Namen eines Sternes gestritten und dann um zehn Tafeln Schokolade gewettet hatten, die wir aber dann alle gemeinsam aufaßen, weil niemand den Streit hatte entscheiden können. ›Ja, es ist der Sirius, glaube ich.‹ ›So? Und gehört der Sirius auch noch zu Österreich?‹ Er lachte etwas unnatürlich, so wie ich ihn nie hatte lachen hören, eben mit Zwang, mit einer Art Angst. Auf den Sternen sollen ja die Toten weiterleben. Das haben jetzt die Gelehrten herausgefunden. Wir gehen jetzt in die Baba (Bett), unter die warme Pelzdecke im Quartier und schlafen, bis der nächste Tag uns weckt. Schlaf gut, Kadett. Meine Tochter ist böse auf dich. Du hättest dich verabschieden können von ihr, denn ich bin dein Oberst.‹ Erst am übernächsten Tage kam der Befehl zum Sturm. Die meisten Soldaten und Offiziere nahmen diese Nachricht mit Freude auf, denn sie litten sehr unter der Kälte und dem Ungeziefer in den Unterständen die wir nicht heizen durften (und das mitten im holzreichsten Urwalde!), um durch den Rauch nicht den immer wachsamen Russen die Stellungen zu verraten, die sie übrigens ohnedies genau kannten. Unser Oberst hatte am Tage zuvor eine Zustellung vom Armeekommando erhalten. Er sollte zum Generalmajor befördert werden und eine Brigade führen. Er wollte sich aber, wie er den Offizieren bei der letzten Tafelrunde bei krachendem Holzfeuer, Kerzenschein, weißen Tischtüchern und Champagner sagte, noch einmal bei der Truppe austoben. Mich sah er während des langen und nicht sehr interessanten Abends (Weiber, Auszeichnungen, Pferde – Pferde, Beförderung, Weiber) kaum an. Am nächsten Tag stürmten wir neben den deutschen ostpreußischen Truppen der Südarmee von Linsingen die Höhe von Korostow, Triangel 1228. Ich war während des Angriffs, der morgens um neun Uhr begann und nachmittags gegen fünf erfolgreich endete, an der Seite des Obersten, wie er es befohlen hatte. Wir waren durch drei oder vier Stacheldrahtverhaue mit spanischen Reitern durch, desgleichen durch nicht weniger als fünf mit Eisentraversen ausgebaute, bombensichere, jetzt mit Toten und Verwundeten bis zum Grabenrand ausgefüllte Stellungen. Wir stürmten diese Gräben, unter meinem Absatz sank einmal eine menschliche Kehle grauenhaft krachend zusammen, wir traten in das Fleisch und sahen nicht rechts noch links. Das Seitengewehr und die Handgranate in den Händen, die schirmlose Kappe tief ins Gesicht gedrückt, als könne sie die Augen schützen, so arbeiteten wir uns durch den Wald empor, hörten in den Zweigen die Kugeln pfeifen und dann dröhnend ohne Unterbrechung in den Schluchten die rollenden Abschüsse und prasselnden und pfeifenden, heulenden Einschläge der Artillerie. Die russischen Geschütze trafen gut. Auch die unseren, aber die Verbindung zur Artillerie war schwer. Mein Kamerad aus der Offiziersschule in Czernowitz, der Kadett Graf W., wurde leicht verwundet gegen Mittag. Viele sind gefallen. Wir anderen waren schon am jenseitigen, waldfreien Abhang, und das wüste Flankenfeuer schien nachzulassen, als der Oberst plötzlich stolperte, fiel, und wie eine Kugel (er war ein dicker, starker Mann) den Abhang hinunterrollte. Ich ihm nach. Er griff nach seinem Überschwung, dem Leibgurt, er riß an ihm, als beenge er ihn. Ich nahm ihn ab und merkte, daß mein Oberst sachte aus einer Wunde etwas über dem Gürtel blute. Er merkte nichts. Er sah mich erstaunt aus seinen lieben, eisengrauen Augen an, die denen meiner Eveline ähnelten. Er verlor das Bewußtsein. Er wurde fahl. Der Regimentsarzt, der tapfer den ganzen Sturm ohne Waffe mitgemacht hatte, war sofort bei ihm. Er hielt ihn nicht für verloren, gab ihm irgendwelche Tropfen und verbot, an seiner Tragbahre zu rühren. Auf dieser Tragbahre starb noch in der Nacht der Oberst von Cz. 8 Ich litt sehr beim Verlust meines Obersten, der mir fast ein zweiter Vater geworden war, aber ich klagte Gott nicht mehr an, ich hatte allmählich aufgehört, an Christus zu glauben, etwas von ihm zu verlangen, zu erwarten, ebenso wie ich von meinem Vater, dem Professor, nichts mehr erwartete. Er schrieb mir jetzt oft, er beklagte sich, daß ich nicht pünktlich auf den Tag antworte, genau so wie sich meine Frau darüber beklagte. Sie waren ahnungslos. Deshalb ging ich nicht weiter darauf ein. Mein Vater behelligte mich mit seinen Geldsorgen. Nach einem Sturm wie dem auf Korostow erhielten wir unsere Post, die durch das noch immer verschneite Gebirge mit großer Mühe herangeschafft worden war, sehr verspätet. Mein Vater ließ mich wissen, daß ich ein reizendes Brüderchen erhalten habe, sieben Pfund schwer, dem man in der Taufe den Namen Theodor geben wolle, ›wenn ich damit einverstanden sei‹. Weiter: Die Millionenversicherung für Judith entwickele sich zu einer veritablen Last und Plage; woher siebzigtausend Kronen jährlich Prämie hernehmen? Das wußte ich auch nicht. Der Zuzug der wohlhabenden Patienten aus dem Osten hätte aufgehört, auch sonst ließe die Praxis, bei vieler Gratis-Arbeit, zu wünschen übrig. Es tat mir aufrichtig leid. Die Mieter in den Zinskasernen zahlten weniger pünktlich denn je, was sie sollten, sie waren aber vor Exmittierung und Pfändung als Kriegsteilnehmer geschützt, die Erhaltungskosten für die Häuser mußte man aber weiter tragen, desgleichen die ›exorbitanten Steuern‹! Auch hier hätte ich nicht zu raten gewußt. Natürlich! schrieb mein Vater, es ist Krieg. Ich konnte nur lakonisch antworten: Natürlich, Vater, es ist Krieg. Damit mir der Verlust meines lieben Freundes, des Obersten Thaddeusz von Cz. nicht so zum Bewußtsein komme, schrieb mir auch mein Perikles. Er war auch im Kriege, er hatte bei einer Abteilung des Roten Kreuzes Unterschlupf gefunden. Er schrieb so verworren, daß ich nicht wußte, transportierte er mit einem anderen Mann zusammen auf einer Bahre die Kranken in die Rotenkreuz-Züge, die von der Etappe ins Hinterland abgingen und die sich durch besonders weiche Betten und ungewöhnlich niedliche Krankenschwestern auszeichnen sollten, oder führte er in einer der vielen Kanzleien Buch über die Vorräte an Leintüchern und Narkosemasken etc. Jagiello schrieb kurz. Er diente seit Weihnachten in einer Kompagnie der Kaiserschützen in Innsbruck. Er setzte seine Studien über ›Kinderarbeit‹ in seinen freien Stunden fort und bedauerte ironisch, daß es in Tirol wenig Fabriken und gar keine Kinderarbeit gab, wenn man nicht die unbezahlte schwere Feldarbeit der Kinder dazu rechnete, was aber den Rahmen seiner Studie gesprengt hätte. Gesprengt! Da sei Gott vor ... So hatte ich nie über die Menschen meiner Umgebung gedacht. Seit dem Sturm auf Triangel 1228 hatte ich etwas verloren, das mich bis dahin immer gehalten hatte. Dieser Tag und kein anderer war der entscheidende gewesen. Ich habe bis zu meiner Verwundung im Sommer 1916 noch viel schauerlichere Stürme und andere kriegerische Erlebnisse mitgemacht, sie haben mich nicht mehr ändern können. Es mußte etwas ganz Neues kommen, und darauf mußte ich eben noch warten. Ich war im Juni 1916 auf Urlaub daheim, ich sah meine Mutter (auch sie in Roter-Kreuz-Tracht, in schneeweißer Haube und ein Kreuz an der Brust), ich sah meinen Vater, einen gehetzten, müden, aber immer noch ungebrochenen Mann, der eben einen hohen österreichischen Orden erhalten hatte und diesen mit meinen Kriegsauszeichnungen verglich. Ich lächelte zuvorkommend, und niemals war er so ein Herz und eine Seele mit mir wie zu jener Zeit, wo er mich langweilte. Ich sah meine Frau, weil ich es für meine Pflicht hielt. Ich sah meinen Sohn in Puschberg in unserer Villa, die jetzt meine Frau mit einem Dienstmädchen bewirtschaftete, denn sie erhielt als meine Frau eine ansehnliche Summe vom Staate. Für den kleinen Ort genügte sie jedenfalls. Mein Junge, ein nicht hübsches, etwas scheues, aber kluges und vor allem ausgezeichnet und fromm erzogenes Kind, lernte schreiben und benützte die Ränder meines alten Buches über die Geisteskrankheiten, für das seine Mutter keine Verwendung hatte, zu seinen Schreibübungen, bei denen ich ihm über die Schulter schaute. Aber ich führte sein ungeschicktes Händchen nicht. Ich verbesserte ihm nichts, als er sich fragend nach mir umwandte. Ich ging für mich in den Wald und erkannte die alten geliebten Stellen wieder. Gegen Abend kam ich heim, und ich sorgte dafür, daß das Bett meines Maxl neben dem meiner Frau Vally im Schlafzimmer stehen blieb, denn ich liebte meine Frau nicht mehr. Ich achtete sie, ich sorgte für sie und mein Kind, ich ließ ihnen alles Geld da, das ich entbehren konnte, als ich zur Front zurückreiste. Ja, ich schenkte sogar das kleine Capricepölsterchen dem Kind, da es ihm gefiel. Was sollte es mir? Ich hatte es jahrelang mit mir herumgeschleppt, es hatte mich an meine Mutter erinnert, an mein Zuhause. Nun waren die Federn durchgeschwitzt, und meine Vally, eine gute Hausfrau, konnte sie reinigen lassen. Ich liebte eine andere Frau, meine Jugendfreundin Eveline. Nach dem Tode ihres Vaters hatten wir unter seinen Sachen auch ein Bildchen Evelines gefunden. Es war auf dem Gute aufgenommen, Eveline trug noch ihre Mädchenfrisur. In einem unbewachten Augenblick stahl ich das Bild. ›War da nicht auch eine Photographie eines schwindsüchtigen Backfischs?‹ fragte mich der Regimentsadjutant, der den Nachlaß des Obersten ordnete, um ihn an die Erben zu senden. Ich sah ihn groß an: › Ich habe keinen Backfisch gesehen.‹ Ein Backfisch – und sie! Auch dies lag schon sehr weit hinter mir. Eveline schrieb mir oft. Ich seltener. Die Wahrheit sagen konnte ich ihr nicht, lügen konnte ich auch nicht, so war es ein ›einfaches Rechnung‹, wie ihr Vater oft gesagt hatte. Ich wurde zum Leutnant ernannt, wir machten die dritte Rußlandoffensive mit, und im offenen Gelände kamen die Kavalleriepatrouillen wieder zu Ehren. Die meisten wurden von einem Wachtmeister geführt, nur in wichtigen Fällen kommandierte sie ein junger Leutnant. Wir waren damals schon tief in Rußland, die großen Festungen waren alle in dem Besitz der verbündeten Mächte, in Rußland sollte ich eine Revolution vorbereiten, und mein Vater sah schon den Friedensschluß zu Weihnachten voraus, der Ahnungslose. Wenn ich auf meinem Gaul durch das sumpfige oder sandige, wüstenartige, von einem sehr heißen Sommer ausgedörrte Gelände ritt, die Zügel meinem goldbraunen Gaul auf die geschmeidige Mähne gelegt, dachte ich oft an ihn zurück, wie an ein anderes Leben. Immer gab ich mir Mühe, seine Briefe einen Tag liegen zu lassen, bevor ich sie las, wußte ich doch, daß er von meinem Dasein keine Ahnung hatte, und daß er mehr denn je für seine Judith und für die andere Kinderschar lebte und für seine Häuser, seine Orden und schließlich vor allem für seinen Beruf. Ich konnte es nicht. Wenn mir der Postunteroffizier die Briefschaften übergab, so machten immer zwei mein Herz klopfen, die kurzen Karten Evelines und seine langen Episteln. Eveline wurde nicht müde mir zu schreiben. Sie brachte immer nur ein paar Phrasen vor, die einander sehr ähnelten. Wichtig war nur die Unterschrift. Anfangs hatte sie geschrieben: mit vielen Grüßen! von K., dann hatte sie in der Unterschrift ihren Mädchennamen wieder angenommen: Mit herzlichen Grüßen! von Cz. Dann: Mit schönstem Gruß Eveline. Und in der letzten Zeit, seit meinem Besuch bei meiner Familie und meiner Frau, schrieb sie: Mit freundlichem Gruß D. E. Auch an dem Tag, der einem unseligen Patrouillenritt voranging, hatte ich eine Karte erhalten. Auf dieser Karte standen die üblichen Worte, und zum Schluß: N. D. E. Ich zerbrach mir während der Offiziersmesse den Kopf. Die Kameraden sprachen jetzt außer über die alten Gegenstände auch vom Frieden. Daran sah man, daß sich die Zeit geändert hatte, wenn ich es nicht auch daran hätte merken können, daß ich beim Rasieren im Spiegel die ersten grauen Haare an meinen Schläfen entdeckte. Dem war aber leicht abzuhelfen, indem man sich nicht rasierte, und dies tat ich. Was bedeuteten diese Hieroglyphen N. D. E.? Niemals hätte ich meine Kameraden, die so sachverständig über Weiber wie über Pferde urteilten, um Rat gefragt. Sollte es heißen: nur Deine Eveline, oder niemals Deine Eveline? War vielleicht auch ich ein Ahnungsloser? Der nächste Tag sollte es mir beweisen, und zwar nicht schwarz auf weiß, sondern rot auf Feldgrau, eine Farbenzusammenstellung, die mir hätte bekannt sein sollen. Aber ich mußte sie erst an mir selbst erleben. Wir waren in vollem Vormarsch, und die Zahl der Gefangenen wurde immer größer. Viele Russen sollten sich im Gelände verborgen halten, hieß es. Ich hatte den Auftrag, das Vorfeld jenseits des Flüßchens Lowowska, das hier durch weite Sümpfe sich durchschlängelt, zu rekognoszieren. Wir waren gegen Mitternacht abgeritten, fanden die Gegend bis auf vier Kilometer frei von Russen, so schnell hatten sich diese zurückgezogen. Ich ritt also ruhig zurück. Ich hielt gerade – es war gegen vier oder fünf Uhr morgens, und es begann hell zu werden nach einer wolkenlosen kühlen Nacht – meinen Notizblock in der Hand und in der anderen die Karte, als ein kurzer trockener Knall ertönte und ich zugleich einen sehr scharfen, flüchtigen Schmerz in dem linken Knie empfand, als ob man mit einem spitzen Messer daran gerührt hätte. Aber ich blieb auf meinem Gaul sitzen, der sich nur einmal aufgebäumt hatte. Er war Feuer gewöhnt – und er war unverletzt geblieben. Es kamen noch zwei bis drei Schüsse nach, und zwar aus einer Art bebuschter Insel im Sumpf, die wir zwar beim Ausritt bemerkt hatten, der wir uns aber nicht hatten nähern können, weil unsere Pferde im Sumpf eingesunken wären. Denn trotz den heißen Tagen war solchem Gelände nicht zu trauen. Aber ich hatte einen Dragoner absitzen lassen, und er war nach kurzer Zeit wiedergekommen und hatte gemeldet, daß nichts Verdächtiges auf der Sumpfinsel zu finden sei. Trotz des nicht nachlassenden Schmerzes hielt ich mich auf meinem Pferd und schickte einen anderen Mann nach der Insel und hielt selbst die Zügel seines Pferdes, während er absaß. Bei der ersten Bewegung aber, die das andere Pferd machte, überfiel mich, vom Knie ausgehend und das ganze Bein bis in die Hüfte durchblitzend, ein so wahnsinniger Schmerz, daß es mir schwarz vor den Augen wurde und ich hinabsank. Der abgesessene Soldat kam zurück, er stützte meinen Kopf, ich sah sein Gesicht beim Erwachen vor mir. Auch die anderen vier Dragoner saßen ab. Ich sah jetzt auch zum erstenmal auf mein Knie. Ich lag flach auf der vom Nachttau feuchten, mit dichtem kurzen Gras bewachsenen Erde. Über der linken Kniescheibe war ein Einschuß, meine Breeches waren schon von Blut und schleimartiger Flüssigkeit benetzt. Die Patrouille beriet sich, was sie tun solle, sie wollten mich fragen, aber sie sahen, daß ich kein Kommando mehr geben konnte. Einer ließ mich etwas trinken, es kann Rum oder Wasser oder kalter Kaffee gewesen sein, ich unterschied es nicht mehr. Ich trank es gierig in mich hinunter, dann biß ich mit aller Gewalt die Zähne zusammen, denn ich wollte nicht schreien und nicht vor meiner Mannschaft meine Schwäche zeigen. Als ich die Augen, die ich krampfhaft hatte schließen müssen, wieder öffnete, waren meine Leute alle verschwunden, drei waren, die fünf Pferde am Halfter hinter sich herführend, zu unseren leichten Drahtverhauen zurückgekehrt, zwei hatten sich jetzt zu der Insel begeben. In gebückter Haltung, jede Terrainwelle ausnützend, schlichen sie sich an. Jetzt hielt ich nicht mehr an mich. Ich schrie aus Leibeskräften, ich jammerte und hörte mich selbst jammern. Die Sonne war groß und klar aufgegangen. Ich schrie weiter – solange ich laut schreien konnte, laut; als mir die Kräfte abgingen und die Blutlache unter meinem Bein immer größer wurde, leiser. Ich streckte die Arme weit aus wie als Knabe, wenn ich mich als besiegt erklärt hatte. Mein Pferd war bei mir geblieben, es weidete das Gras ab, und die Kinnketten an seinem Halse klirrten leise, wie gewohnt. Es kam mir ab und zu näher, ich sah seine niedlichen, kleinen, gut gepflegten Hufe, dann aber scheute es vor meinem Schreien und vielleicht auch vor dem Blut zurück und weidete weiter abseits und blinzelte mich nur von der Seite mit seinem großen schwarzen Auge an. Ich schrie weiter, ich schrie um Hilfe. Endlich sah ich einen Schatten neben mir auftauchen, es war einer der Soldaten, der in das buschige Gehölz eingedrungen war, das sich auf der Sumpfinsel befand, und der dort zwei Russen aufgestöbert hatte. Die Russen hatten sich durch Handaufheben als gefangen erklärt und standen jetzt in ihren erdbraunen Uniformen, gut genährte, rotwangige, breitschultrige Männer, mit erhobenen Händen hinter ihm. Was sollte der Meldegänger tun? Er konnte mir nicht helfen, so gern er wollte. Auch die Russen schienen mich zu bemitleiden. Das einzige, was er tun konnte, war, daß er mir noch einmal etwas zu trinken gab und daß er die linke Satteltasche meines Pferdes abschnallte und sie mir unter den Kopf legte. Ich ertrug die Schmerzen nicht länger, von neuem heulte ich auf und erschöpfte meine ganze Kraft darin. Jetzt erschien zu meiner Beruhigung – denn ich war für die Leute verantwortlich – auch der zweite Meldegänger. Dier vier Soldaten zogen in der hellen Sonne ab, die Russen voran, die Österreicher mit einem Pferd hinter ihnen. Ich beneidete die Russen, ich beneidete meine Soldaten, ich beneidete mich selbst, dasjenige ICH, das noch vor einer Viertelstunde nicht gewußt hatte, was Leiden und Sterben heißt. Ich wollte nicht sterben. Aber noch weniger wollte ich so weiterleiden. Ich haßte meinen Vater, dessen ich mich jetzt entsann und der in seiner blinden Zustimmung zur Obrigkeit und ahnungslosen Klugheit und unerschütterlichen Ruhe lebendig neben mir stand, ich haßte ihn, weil er mich ins Feld geschickt hatte, ich haßte ihn, als hätte er den Krieg entfesselt. Die zwei Russen aber, von denen einer vor dreißig Minuten sein Gewehr gegen mich abgedrückt hatte und der jetzt in Sicherheit war und – ohne Schmerzen, haßte ich nicht. Ich dachte, ich stürbe gleich und versuchte zu beten. Aber ich brachte nicht einmal die ersten Sätze des Vaterunsers zustande. Vater unser, Vater unser, wimmerte ich, und dann ließ ich mich gehen, ich schrie, und jetzt war nicht einmal mein Pferd da, um sich nach mir umzuwenden, mein Mann hatte es abgeführt, und ich hörte es von weitem wiehern. Es wollte vielleicht nach mir zurück. Ich zählte die Minuten, bis die Sanitätspatrouille mit der Bahre kam. Sie konnte nicht lange ausbleiben, unser Quartier war ja nur zehn Minuten weit entfernt. Aber was für Minuten waren dies! Ich wollte an etwas anderes denken, ich dachte an meinen Beruf als Arzt. Ich versuchte zu lachen über mich, den großartigen Arzt, der jetzt hilflos wie ein abgeschlachtetes Vieh, dem man den Gnadenstoß zu geben vergessen hat, dalag in seinem Blut und die Hand unter das scheußliche, zerschmetterte, hassenswerte Knie zu breiten versuchte, um es zu stützen. Als ob es jemand aus der Ruhe gebracht hätte. Meine Schmerzen stiegen immer mehr. Ich hatte geglaubt, sie wären am Gipfel angelangt, es ginge nicht weiter, und es ging doch! Jetzt war ich auch sehr mit meinem Tode einverstanden, ich wollte mich erschießen. In meiner linken Satteltasche war mein Revolver, ich tastete mich mit ungeheurer Mühe bis unter meinen Kopf, wo die Satteltasche mir als Kissen diente. Ich suchte und grub und grub. Alles Unnütze war darin, die eiserne Ration, Patronen in Hülle und Fülle, etwas Seife, die Karten von Eveline, Vallys Schal, den ich im Winter getragen hatte, nur der Revolver nicht. Mit furchtbarer Wut gegen mich selbst erinnerte ich mich daran, daß ich ihn gestern abend ausnahmsweise in die rechte Satteltasche getan hatte. Jetzt verfluchte ich das Schicksal, und da ich mir unter Schicksal nichts vorstellen konnte, fluchte ich meinem Erlöser Jesus Christus, der am Kreuze ebenso gelitten hatte wie ich, der es also wissen mußte, wie es war, und mir doch nicht half! Er hatte geglaubt, uns zu erlösen, und ich mußte so leiden! Konnte er sich meiner nicht erbarmen?! Zehntausende Menschen starben jetzt, alle gegen ihren Willen, ich wollte aus freiem Willen sterben, und er tat mir diese Liebe nicht! Ich erklärte mich besiegt. Ich fluchte ihnen allen oben und schrie, damit mein Geheule doch einen Sinn habe, Abbitte abbitte, wie als Kind. Endlich kam die Patrouille, blödsinnig langsam schlich sie sich unter unnötiger Deckung ( jetzt lauerte doch kein Russe mehr weit und breit!) an mich heran und mit ihr der Regimentsarzt, der gleiche, der unsern Oberst nicht hatte retten können oder wollen, er kniete sich neben mich, legte seine Kappe fort und begann mich zu untersuchen. Ich schämte mich vor ihm, denn er war ein gebildeter Mann, ein guter Kamerad. Aber die leiseste Erschütterung, wie sie die Untersuchung mit sich brachte, auszuhalten, war unmöglich. ›Schrei ruhig, Leutnant‹, sagte er, ›ich weiß, es ist nicht angenehm.‹ Er schnitt meine Sachen auf und legte einen ganz festen, aber leichten Verband an. ›Nun los‹, wandte er sich an die Blessiertenträger, ›Vorsicht! legt ihn auf die Bahre.‹ Er selbst hielt mein angeschossenes Knie und stützte es, seine abgenutzte feldgraue Bluse färbte sich mit dem Blut, das aus meinem Verband heraustropfte. ›Ein Taschentuch!‹ zischte ich zwischen den Zähnen. ›Gern! Sofort!‹ sagte er, ›soll ich dir die Nase schneuzen?‹ ›Gib es her, Doktor!‹ Der Abmarsch konnte beginnen, ich faßte nach meinem Taschentuch und stopfte es mir zwischen die Zähne, die es halb zerbissen hatten, bevor wir ins Quartier gekommen waren – aber ich hatte nicht geschrien. Der Regimentsarzt, ein nicht mehr ganz junger, schwarzbärtiger, israelitischer Doktor, gab mir sofort eine Injektion gegen Starrkrampf und eine Morphiuminjektion, damit ich die erste gründliche Untersuchung und die Schienung ertrage. Aber vielleicht war das Morphium schon ein ›Ersatz‹, wie man ihn jetzt vielfach bei allen möglichen Sachen verwenden mußte, jedenfalls half es nicht. Wozu soll ich meine Schmerzen zu schildern versuchen? Wer es nicht an sich erlebt hat, begreift es nicht, und wer es erlebt hat, versucht es baldmöglichst zu vergessen, wie ich es später tat. ›Es ist hoffentlich nur ein Schleimbeutelschuß‹, sagte er. Ich wußte aber genau, daß es ein Kniegelenkschuß war, denn ich hatte Chirurgie studiert. ›Wir schienen dich und transportieren dich zur Division.‹ Neuer Transport, neue unermeßliche Qualen. Das Hilfsmittel, sich durch ungestümes Schreien Luft zu machen, läßt sich aber nicht unbeschränkt fortsetzen. Erstens geht einem die Kraft aus, selbst einem starken, kerngesunden Mann wie mir, und zweitens beklagen sich die andern Unglücksgefährten. Nachts kamen wir bei dem Divisionsspital an, wo die Ärzte zwar abgearbeitet, ungeduldig und teilnahmslos waren (auch ich wäre nicht anders gewesen angesichts ihrer Arbeit) – wo sie aber noch etwas gutes Morphium aus besseren Zeiten besaßen, von dem sie mir als einem Kollegen einiges spendeten. Ich küßte dem Sanitätsunteroffizier beinahe die Hand, als er mir im Laufe der Nacht, geduldig auf mein Lamentieren herankommend, die dritte Injektion machte. Am nächsten Tage wurde ich weitertransportiert nach Polnisch-Lancut. Ich hatte bereits hohes Fieber. In dem großen Lazarett, das in einer Zuckerfabrik untergebracht war, untersuchte man das Gelenk mit Röntgenstrahlen und fand offenbar meine eigene Diagnose bestätigt. Ich fragte, aber man antwortete mir so ausweichend, daß ich die Wahrheit erriet. Und hätte ich sie auch nicht erraten, meine mörderischen Schmerzen hätten mich in jeder Sekunde daran erinnert. Hier erhielt ich einen Gipsverband. ›Sollte das Fieber fallen, bleibt der Verband. Sollte es steigen ...‹ sagte der Chefarzt. ›Sagen Sie mir die Wahrheit, Herr Oberstabsarzt!‹ ›Dann bliebe nur die Amputation!‹ ›Amputieren? Nein!‹ ›Ich habe Sie für vernünftiger und tapferer gehalten.‹ ›Einerlei, wofür Sie mich halten. Amputieren? Nein!‹ ›Es ist ja noch nicht alles verloren‹, sagte er begütigend, ›der Gipsverband tut oft Wunder. Die Schmerzen werden nachlassen, die Temperatur kann sinken. Leider sind Stoffetzen in der Wunde geblieben. Wir forschen nicht weiter nach. Möglicherweise schwemmt sie der Sekretstrom heraus, wenn nicht, dann eben ... Wollen alles vorbereiten. Ich amputiere niemals unnötigerweise. Ich bin Schüler des Hofrates X.‹ (er nannte den Namen eines weltbekannten Chirurgen, den ich seinerzeit gehört hatte als Student). Ich schüttelte den Kopf. ›Seien Sie vernünftig‹, wiederholte er, ›Selbstmord ist das Gegenteil von Heroismus.‹ Er hatte leicht reden, in seinem schneeweißen Mantel, mit seinen ruhigen Augen, mit seinen sauberen Händen, mit seinen gesunden Knien ... Ich vergaß in meiner fieberhaften Erregung, daß er mir gerade durch diese Gesundheit, Ruhe und Sauberkeit diente ... Ich verbrachte eine schreckliche Nacht. Ich knirschte mit den Zähnen so wild, daß sich auch hier wieder meine schwerverwundeten Nachbarn beklagten. Ich rief die Wärter und wollte sie bitten, sofort den Chefarzt kommen zu lassen, mitten in der Nacht. Er sollte den Gipsverband sofort wieder aufschneiden und mir das Bein abnehmen. Als aber der todmüde Sanitäter an meinem Bette stand, verlangte ich – ›bitte, zu trinken!‹ Ich schwor mir, nicht als Krüppel zurückzukehren. Ich glaube nicht, daß ich es mit Rücksicht auf Eveline getan habe. In solchen Lagen denkt der Mensch so verschieden von seiner alltäglichen Vernunft, daß man es nicht vergleichen kann. Am nächsten Tag war die Temperatur nicht gefallen. Ich schwamm in einem See von Eiter, höflicherweise Sekretstrom genannt. ›Es hilft nichts! Kopf hoch! Es muß sein. Erhalten Sie sich Ihren Angehörigen. Die neuartigen Prothesen erlauben Ihnen – jeden Sport!‹ Er hatte mich gut locken. Ich blieb dabei: ›Amputation. Nein.‹ ›Heute, Leutnant, können wir im Knie amputieren‹, sagte er streng, ›wenn Sie sich aus Feigheit davor drücken, kommt Sepsis, und Sie werden selbst bei hoher Amputation in der Hüfte verloren sein.‹ ›Herr Oberstabsarzt, gut. Verloren? Um so besser!‹ Vielleicht war es mein Fieber, das mir Mut gab! ›Nun, was soll geschehen, Herr Leutnant? Ich habe wenig Zeit.‹ ›Machen Sie einen neuen Gipsverband. Das heißt, wickeln Sie noch ein paar Binden um das Knie.‹ ›Und wozu das?‹ ›Sie haben mich doch gefragt, was ich mir wünsche, Herr Oberstabsarzt‹ ›Schön, Herr Leutnant. Ihr Wille geschehe‹ Sie hatten an meiner Bluse die Bändchen der Tapferkeitsauszeichnungen gesehen und respektierten mich daher. In der nächsten Nacht träumte ich, ich sterbe. Ich wand mich aus dem Gipsverband wie ein Falter aus seinem Gespinste los und schwebte, von Eveline, dem schwindsüchtigen, aschblonden Backfisch liebevoll angestaunt, geradewegs in den Himmel etc., was solche Träume bei 39,9 eben sind. Merkwürdigerweise erwachte ich am nächsten Tag mit etwas weniger Schmerzen. Ich hätte dies auf die großen Morphiummengen zurückgeführt und mich jeder hohlen Hoffnung auf Genesung enthalten – denn ich hatte seit meinem Herabsinken vom Gaul mit dem Leben abgeschlossen oder abzuschließen geglaubt –, wenn ich nicht auch bemerkt hätte, daß die Sekretmenge etwas abgenommen hatte. Die nächste Nacht war wieder fürchterlich, die Schmerzen wären ohne Einspritzungen absolut unerträglich gewesen. Ich erhielt eine Menge Briefe, wollte sie lesen, es waren Karten von Eveline, dicke Briefe von meiner Frau und, wenn ich mich recht erinnere, auch ein Schreiben meines Vaters und vielleicht auch etwas von Perikles, aber ich war infolge der hohen Temperatur ganz apathisch. Ich ließ die Briefe fallen, streifte die Feldpostpäckchen mit der Hand von der Bettdecke und versank von neuem in die wirren Träumereien. Die Ärzte besuchten mich nur flüchtig. Man wußte, daß ich die lebensrettende Amputation abgeschlagen hatte, man sah von Gewalt ab. Einen einfachen Dragoner hätte man nicht lange gefragt, sondern ihn auch gegen seinen Willen amputiert und gerettet. Bei mir wagte man es nicht. Ich sah die verwunderten Gesichter der Ärzte, als ich am fünften Tag nach der Einlieferung in Polnisch-Lancut noch lebte. Ich habe nachher erfahren, daß die Sterblichkeit in solchen Fällen nicht weniger als achtzig Prozent betrug. Und da die Statistiken ihre Heilerfolge meist etwas übertreiben, konnte man annehmen, daß von zehn Menschen, die eine solche Verletzung hatten wie ich, neun starben. Die Eiterung ließ noch etwas nach. An dem Gipsverband ließ ich nichts rühren. Es wurde ein Verwundetentransport angekündigt, ein Roter-Kreuz-Zug sollte eintreffen, wann, wußte man nicht, heute, morgen, in drei Tagen. Ich bat, daß man den Verband noch dicker mache. Man tat mir den Willen. Man ließ es mich nicht fühlen, daß ich gegen den – wie ich nachher als Arzt einsah – im allgemeinen richtigen Rat des Oberstabsarztes das Bein behielt. Ich begann zum erstenmal wieder mit Heißhunger zu essen. Ich war derartig abgemagert, daß ich mich wundgelegen hatte. Meine Wangen stießen an die Zähne, und ein Kamerad aus der Schwadron, der nach mir eingeliefert worden war, erkannte mich nicht. Ich fragte nach den Briefen. Sie waren verschwunden. Die Paketchen waren alle da, mein braver Diener hatte sie bewacht. Die Lebensmittel verzehrte ich, den Tabak schenkte ich ihm und den Krankenwärtern. Am letzten Tage in Lancut erhielt ich zwei Karten. Eine stammte von Jagiello, der an der italienischen Front war und ein Tragtierkommando hatte. Er, immer ein großer, starker Mensch, hatte trotz der Strapazen noch nichts von seinem Gewicht, achtundneunzig Kilogramm, verloren und scherzte darüber, daß er den Italienern ein so gutes Ziel geben würde. Die andere Karte stammte von Perikles und enthielt in fast unleserlicher Schrift furchtbare Vorwürfe gegen mich. ›Ein einziges Mal habe ich Deine Hilfe angerufen‹, schrieb er, ›Du hast mich verraten. Du kannst mich bei allem Deinem Neid und Deiner angeborenen Nörgelsucht nicht abhalten, der zu werden, der ich bin, die letzte Leuchte einer alten, die erste einer neuen Zeit. Du hast mich aus meiner Stellung vertrieben, mir verseuchte Weiber auf den Hals gehetzt. Ich. Ich bin in ärgster Not. Menschen meiner Art leben aber nicht von Brot allein. Wenn ich heute sterbe, erhebe ich mich morgen aus dem Abgrund wieder. Laß mich denn Imperator sein! Du bist es nicht. Komm! Du wirst mein erster Apostel. Das Ende des Krieges und der alten Ordnung ist nahe. Du bist ein schlechter Sohn, ein schlechter Vater – sei ein guter Freund! Vergiß mich nicht! Telegraphiere, wann Du kommst, ich stehe auf dem Bahnhof, in unseren alten Wetterkragen gehüllt. Auf immer der Deine. Imperator Perikles.‹ Was sollte ich darauf antworten? War es Wahnsinn? Wahnsinnige Not? Ich dachte lange über ihn nach. Wir wurden an diesem Tage einwaggoniert, ich konnte erst von dem Transport aus schreiben. Ich versuchte ihn zu beruhigen, legte einige Banknoten bei und bat ihn um Geduld. Ich schrieb ihm, ich sei verwundet, ich käme wahrscheinlich ins Hinterland. Er solle mir über die Adresse meines Vaters schreiben, denn ich wußte, daß meine Frau Puschberg infolge der italienischen Kriegserklärung verlassen habe. Der Transport war eine Wohltat für mich. Der Wagen war gut gefedert, die Schwestern voll Verständnis für meine Lage und bei Tag und Nacht dienstbereit. Da ich mich ohne fremde Hilfe nicht aufrichten oder auf die Seite legen konnte, brauchte ich viel Pflege, auch bei den natürlichen Bedürfnissen. Im Anfang schämte ich mich – als ich aber sah, daß die Schwestern dies sehr sachlich erledigten, gewöhnte ich mich daran. So zerbrechlich die Schwester in meinem Abteil aussah, so brachte sie es ohne weiteres fertig, mich umzubetten, wobei ihr mein Diener half, den ich von der Schwadron mitgenommen hatte. Der Transport brauchte zu der Reise nach Mähren fünf Tage statt sonst einen bis zwei. Sofort nach meiner Ankunft in F. telegraphierte ich meinem Vater, daß ich nach einer schweren Verwundung hierher gebracht worden sei, daß aber keine Lebensgefahr mehr bestehe. Ich bat, mir alle Briefe nachzusenden. Dies taten meine Angehörigen. Es war aber nur eine Karte von Eveline, aber nichts von Perikles gekommen. Ich war immer noch sehr schwach, und die Schmerzen hatten nicht ganz aufgehört, aber sie durchzuckten mich nur manchmal blitzartig, ließen mich nachher wieder einschlafen. Die Eiterung hatte fast ganz aufgehört. Ich hatte abends ab und zu noch leichte Fiebersteigerungen, die Ärzte hielten aber das Bein für gerettet. Ich schrieb dies sehr glücklich meinen Angehörigen, und zum erstenmal wollte ich auch Eveline Bericht erstatten, die vom Regiment aus durch ihren Mann, den Major, erfahren hatte, daß ich verwundet – und neuerlich mit einer hohen Auszeichnung dekoriert – worden war, die ich diesmal nicht verdient hatte. Denn was hatte ich geleistet? Ich hatte gelitten und war dem Tode entgangen. Als ich gerade eine Nachricht an Eveline aufsetzte und auf meinem eingegipsten Bein den Schreibblock hielt, wurde mir gemeldet, daß mich eine Dame sprechen wollte. Ich erschrak mehr, als ich mich freute. Ich schämte mich, Eveline in diesem Zustande zu sehen und ließ erst fragen, wer es sei. Statt der Antwort kam meine Frau mit meinem Jungen herein, sie fiel mir weinend um den Hals, während mein großer Junge mir scheu die Hand reichte und sich dann hinter seiner Mutter versteckte. Ich bat ihn, hervorzukommen, umarmte ihn fest, faßte ihn trotz seinem Widerstreben an seiner Hand und ließ ihn auf meinem Bett sich niedersetzen. Es rührte mich, daß er jetzt gekommen war, und ich verstand nicht, daß ich ihn früher nie hatte zu mir kommen lassen, als noch Frieden war. Meine Frau machte mir ein Zeichen, daß sie mich allein sprechen müsse, und wir schickten den Knaben hinaus, der seiner Mutter aufs Wort gehorchte, meinen Anordnungen aber nicht. Die beiden verstanden sich auch ohne Worte sehr gut, das war selbstverständlich, denn das Kind hatte sich seit seiner Geburt nie von der Mutter getrennt. Jetzt setzte sich meine Frau, die inzwischen stark geworden war, breit an den Bettrand und behinderte mich etwas, denn ich konnte mit meinem sehr schweren Gipsbein nicht wegrücken. Ich beherrschte mich aber und ertrug sie, denn es war etwas sehr Wichtiges, das sie zu mir geführt hatte, nicht nur die Sehnsucht, ihren verwundeten Mann zu sehen. Meine Frau lebte jetzt bei meinen Eltern, mein Vater hatte es so gewollt. Meine Mutter war wieder in gesegneten Umständen, und Vally nahm ihr wie in alten Zeiten die Sorgen um den inzwischen noch um zwei Köpfe, Viktor und Theodor, vergrößerten Haushalt ab. Ich fand es richtig und gut, daß die Familie zusammenhielt. Meine Frau hatte aber noch etwas auf dem Herzen, und sie scheute sich zuerst, es auszusprechen. Aber ich mußte ihr sagen, daß die Besucher sich um 6 Uhr aus den Krankenzimmern entfernen mußten laut Hausordnung. Meine Frau rückte noch näher an mich heran. Ich roch ihr Parfüm, und es war der gleiche Geruch wie in ihrer Dienstmädchenzeit. Was inzwischen gewesen war, schien ausgelöscht. Aber war es nicht. Sie spielte jetzt eine entscheidende Rolle in unserem Haus und ordnete an. Alle, auch mein Vater, fügten sich ihr, wie sie stolz berichtete. Wie war sie mir fremd geworden! Ich hätte weinen mögen – die Tränen saßen nach der Verwundung und angesichts meiner hilflosen Lage sehr leicht –, aber ich beherrschte mich vor ihr und sah sie ernst an. ›Dein Vater ist in Untersuchung‹, sagte sie. Wäre ich ein Mensch mit gesunden Gliedmaßen gewesen, wäre ich aufgesprungen, hätte ich mit einem Freund zu tun gehabt, hätte ich vielleicht aufgeschrien. So aber schwieg ich. Ich ließ sie reden, und sie redete genau so sachlich, wie es mein Vater in ähnlicher Lage getan hatte, zum Beispiel, als er mich hatte kommen lassen, um mir die syphilitische Iris zu zeigen und zu versuchen, mich von Vally auf immer zu trennen. Gerade jetzt mußte ich daran denken, deshalb wurde mir das Schweigen leicht! ›Dein Vater hat ungeheure Ausgaben. Allein die Prämie für Dita beträgt achtzigtausend Kronen.‹ ›Siebzigtausend‹, sagte ich, denn ich hatte die Zahl in Erinnerung. ›Es kann sein‹, sagte sie, ›es ist möglich. Er verdient ja sehr viel. Wir sparen im Haus. Aber das Leben ist sehr teuer geworden. Die Butter, wenn man überhaupt welche bekommt ...‹ › Warum ist mein Vater in Untersuchung?‹ fragte ich hart. ›Es sind nur Gerüchte. Er hat Feinde. Man sagt, er hätte künstliches Trachom gemacht.‹ ›Er hat eine Entdeckung gemacht‹, fragte ich dumm, ›er hat eine neue Untersuchung aufgenommen?‹ Ich glaubte jetzt, ich hätte mich am Anfang verhört. ›Leider nein. Laß mich ausreden. Geniere ich dich? Dann kann ich rücken.‹ Ich schüttelte den Kopf, wandte aber mein Gesicht ab, zur Wand hin, denn sie sollte nicht sehen, was in mir vorging. ›Bleib draußen, Bürscherl‹, rief sie, da sich mein Sohn an der, Tür zeigte, ›wir rufen dich gleich, Maxl. So.‹ Jetzt schwieg sie . ›Worauf wartest du noch? Warum spannst du mich auf die Folter? Was willst du denn noch?‹ fragte ich. ›Ich warte, bis du dich wieder von der Wand zu deiner Frau umdrehst. Ich bin deine Frau. Ich habe das nicht verdient. Glaubst du, ich komme aus lauter Freude und Lust hierher nach F.?‹ ›Ich dachte, du brauchst mich‹, sagte ich. ›Glaubst du das, so sieh mir ins Auge und wende dich nicht weg. Ich spreche nicht für mich. Für mich habe ich mich abgefunden. Das weißt du.‹ Auch jetzt trat ein langes Schweigen ein. Der Junge hatte sich mit den Schwestern angefreundet, und wir hörten ihn im Korridor tollen und jauchzen. ›Nur in meiner Gegenwart war er mürrisch.‹ ›Nun, er kennt dich noch kaum‹, sagte sie weicher, ›was willst du von ihm, woher soll er wissen, daß du sein Vater bist? Er hält eben zu mir, und ich habe nichts außer ihm.‹ Ich atmete auf, da ich aus dieser Antwort entnahm, daß meine Frau nicht mehr damit rechnete, daß ich sie liebe und zu ihr zurückkehre. Auch diesen Gedanken erriet sie und sagte: ›Nein, darin kannst du sicher sein. Nun ist aber der Professor gezwungen gewesen, eine Untersuchung gegen sich zu beantragen. Man hat gesagt, er hätte einen jungen Menschen aus sehr reichem Haus, oder eigentlich mehrere, wegen Bindehautkatarrh behandelt, und es sei Trachom daraus geworden. Trachom aber befreit vom Militärdienst.‹ ›Nicht mehr!‹ sagte ich, ›jetzt wird jeder genommen, der auf zwei Beinen laufen kann.‹ ›Eben das ist es ja‹, sagte meine Frau und stand auf und befreite mich endlich von ihrer allzu nahen Gegenwart, ›das ist der eigentliche Grund. Die jungen Leute müssen geglaubt haben, daß sie durch ihn vom Kriegsdienst frei kommen, sie sind aber genommen worden, und jetzt reut die Leute das viele Geld. Sie haben nicht schweigen können, die Trottel!‹ ›Mein Vater hätte nie so große Honorare nehmen müssen.‹ ›Das sagst du‹, höhnte meine Frau. › Er sorgt eben für seine Kinder. Du nicht.‹ ›Vally‹, sagte ich, ›ich kann mich jetzt nicht verteidigen. Hast du mir nichts anderes zu sagen, geh.‹ ›So. Ich habe dir aber anderes zu sagen. Dein Vater hat die Vorlesungen eingestellt, desgleichen die Prüfungen. Die Untersuchung ist eröffnet, aber man hat bis jetzt nur ein Protokoll aufgenommen. In den Zeitungen darf nichts stehen. Zum Glück gibt es Zensur. Alles liegt in der Hand des Hauptmannauditors von Cz.‹ ›Das ist der Schwager des seligen Obersten?‹ Sie schwieg. ›So, jetzt verstehe ich‹, sagte ich. Nach einer langen Zeit sagte sie, mit ihrer kleinen, schön behandschuhten Hand über meinen Gipsverband streifend: ›Du hast wohl viele Schmerzen gehabt?‹ Ich sah sie nicht an. Ich weinte. Mein Sohn war hereingekommen und sah mich mit seinen großen, nußbraunen Augen streng an, als wäre es nur sein Recht, zu weinen. Meine Frau hielt meinen Sohn an den Schultern fest, aber er stand auch ohnedies aufrecht auf seinen derben, sehnigen Beinen. ›Ich will jetzt gehen‹, sagte sie. ›Du brauchst Ruhe. Ich habe dir Blumen gebracht. Viel bekommt man hier nicht in F. Die Schwester hat sie in ein Glas gesteckt und bringt sie dir gleich herein. Sie wollte uns nicht stören. Ich habe sie gebeten.‹ ›Ich danke dir, ich danke dir‹, flüsterte ich mit heiserer Stimme und langte nach ihrer Hand, die sie mir nicht entzog. ›Was soll ich also dem Professor sagen?‹ ›Ich werde zu ihm kommen, sag ihm, sobald ich transportfähig bin. Vielleicht nächsten Monat.‹ ›Kann es nicht früher sein?‹ ›Ich habe einen langen Transport hinter mir, der Verband muß erneuert werden, man wird das Gelenk mit Röntgenstrahlen untersuchen.‹ ›So, mit Röntgenstrahlen, sagte sie kalt. ›Dein Vater ist in großer Unruhe.‹ ›Ich werde tun, was ich kann. Vielleicht komme ich Samstag.‹ ›Heute ist Montag. Montag, Dienstag ...‹ sie zählte die Wochentage ab, wie sie damals in Puschberg die Monate abgezählt hatte, während deren sie mich besessen hatte. ›Es ist gut, also Samstag, ich werde es ihm sagen.‹ ›Nur eine Frage‹, sagte ich, ›aber schick erst deinen Jungen heraus.‹ ›Laß mich nur, ich gehe von allein‹, sagte das Kind. Nachher fragte ich meine Frau. ›Sag, Vally, hat mein Vater die Honorare zurückgegeben?‹ ›Ja‹, antwortete sie lebhaft, ›das ist es, worum ich ihn immer bitte. Aber er will nicht. Er hängt am Geld wie der Leibhaftige. Bitte, komm sobald wie möglich. Du wirst uns allen eine große Stütze sein. Wir sind alle stolz auf dich! Nein, es ist wahr‹, setzte sie hinzu, denn sie hatte bemerkt, daß ich die Redensart als solche erkannt hatte. Sie beugte sich zu mir herab, aber nicht sehr tief. Ich richtete mich mühsam auf den Ellenbogen auf und erreichte mit meinen Lippen ihre kühle, feuchte, nun schon faltenreiche Stirn ... Sie ging, und Ende der Woche war ich in der Stadt, wo meine Eltern lebten. Ich fragte nach der ersten Begrüßung im Militärlazarett nach Briefen von Perikles, es waren keine gekommen. Ich suchte die Adresse des Auditors, und er antwortete sehr freundlich auf meinen Brief. Mein Vater faßte sofort Hoffnung, daß das Verfahren niedergeschlagen werde. Ich gönnte ihm diese Freude und ebenso meiner Mutter, denn beide waren sehr gealtert und hatten große Sorgen. Ich erholte mich ungewöhnlich schnell, das Knie blieb aber unbeweglich. 9 Im Frühling wurde ich aus der Lazarettbehandlung entlassen und begann mein Leben dort wieder aufzunehmen, wo ich es bei der Kriegserklärung verlassen hatte. Ich konnte anfangs nur mit Krücken gehen, mein linkes Bein war skelettartig abgemagert, und es kostete mich viel Zeit, es durch Massage und durch energische, manchmal sehr schmerzhafte Übungen wieder soweit zu kräftigen, daß ich erst die Krücken, dann auch den mit einem Gummiknopf endenden, festen Stock entbehren konnte. Ich kam mir wie ein Gott vor, so voller Stärke, Hoffnung und Freude am Leben, als ich zum erstenmale wieder frei ging, wohin ich wollte, sogar bergauf. Ich hatte während dieser Zeit immer wieder versucht, etwas von meinem Freund Perikles zu erfahren. Vergeblich. Alle Briefe kamen als unbestellbar zurück. Es war ein Schatten auf meinem Glück, daß ich fürchten mußte, er sei tot. Meinem Vater trat ich als Gleichberechtigter gegenüber. Er war es jetzt, der oft eine Stütze brauchte, er zweifelte an dem Sieg der ›Obrigkeit‹, Österreich-Ungarische Monarchie genannt, während ich, wie viele andere, an ein Ende ohne Sieger und Besiegte glaubte und dann auf ein langes, arbeitsreiches und friedliches Leben unter den miteinander ausgesöhnten Völkern. So stand es auch in den Kundmachungen, die der junge Kaiser Karl nach dem Tode des alten Monarchen erlassen hatte. Ich hatte zwei Ziele. Eines, das ich mir zugestand, nämlich meinem alten Plan treu zu bleiben und Irrenarzt zu werden. Die Schwierigkeiten erschienen mir jetzt leicht überwindbar, und auf eine Anfrage in der Irrenklinik sagte man mir, ich könne als Volontär eintreten und dort arbeiten, bis ich mein Doktorat erlangt habe. Die andere Hoffnung, die noch keine feste Form angenommen hatte, bezog sich auf Eveline. Ich wußte, obwohl ihre lakonischen Karten seit meiner Verwundung fast ganz aufgehört hatten und ich auf die Nachrichten durch ihren Bruder Jagiello angewiesen war, daß uns , Eveline und mir, noch etwas bevorstünde. Dies genügte mir in dieser Zeit der erwachenden Hoffnungen, wie sie in der zweiten Hälfte des Krieges, trotz der immer fürchterlicher werdenden Not, allgemein die Menschen erfüllten. Bevor ich in die psychiatrische Klinik eintrat, ging ich zu meinem Vater. Er hatte glücklicherweise Zeit. Die Untersuchung gegen ihn war niedergeschlagen, aber er wollte sich noch nicht in der Öffentlichkeit zeigen. Übrigens starb der alte Oberstleutnant-Auditor kurz nachher. Die Sache meines Vaters wäre vielleicht auch ohne meine Vermittlung gut ausgefallen. Mein Vater hatte nach den Paragraphen nichts Strafbares begangen. Jetzt war er sehr freundlich zu mir. Natürlich sprachen wir über alles, nur nicht über das ›künstliche Trachom‹. Er stellte einige Fragen an mich, scheinbar mehr zum Scherz, als um mich wirklich zu prüfen. Aber zu meinem großen Schrecken stellte es sich heraus, daß ich im Felde fast alles vergessen hatte und – entweder von vorn anfangen mußte oder ohne sicheres Fundament weiterzuarbeiten hatte. Sehr schweren Herzens entschloß ich mich zu dem ersten, setzte mich wieder auf die Bänke der Anatomie etc. und sagte in der Irrenklinik ab. In der Anatomie war mein früherer Vorgesetzter, der Tscheche Peèírka, Professor geworden. Er erkannte mich, und er schien sich zu freuen, daß ich noch lebte, während so viele meiner Altersgenossen draußen geblieben waren. Die Carotisdrüse war jetzt allgemein anerkannt, die Anzahl der Studien darüber hatte sich so gehäuft, daß sogar sein Name, von meinem ganz zu schweigen, nicht mehr erwähnt wurde, nicht anders, als es mit allen wichtigeren medizinischen Entdeckungen geht. Ich konnte die vergessenen Kenntnisse schnell auffrischen. Ende Mai 1917 begann ich die Kliniken wieder zu besuchen, Augenklinik, Chirurgie, Geburtshilfe und Frauenkrankheiten, Ohren- und Nasenkrankheiten, gerichtliche Medizin und Hygiene – und auch Nerven- und Geisteskrankheiten. Die Vorlesung über Geisteskrankheiten fand stets von acht bis neun Uhr morgens statt, und da ich mein steifes Knie nicht auf den oberen Sitzreihen ausstrecken konnte, ließ man mich aus Freundlichkeit auf der untersten Bank oder im Notfall auf einem Stuhl neben dem Assistenten Platz nehmen, und die Assistenten und sogar der Professor machten einen kleinen Bogen um mein steifes Bein, das ich vor mir ausgestreckt hatte. Ich war bei diesen Vorlesungen besonders glücklich, denn ich fühlte, wie mich alles zu ihnen hinzog, wie ich mich abends schon auf die nächste Vorlesung freute etc., und mein Interesse an der Forschung der inneren Regungen dieser Kranken, nach der Entstehung ihrer Verwirrungen, nach dem Ablauf ihres stumpfen Hindämmerns oder ihrer furchtbaren Tobsuchtsanfälle, ihres fast tierischen Verkommens wurde immer stärker in mir, denn ich wußte, daß hier das Arbeitsfeld für mein künftiges Leben lag. Es war Mitte Juni, als ein mittelgroßer, eher kleiner Kranker hereingeführt wurde, als zweiter in der Reihenfolge der Vorlesung. – Es wurden meist drei Kranke demonstriert, und immer werden die Studenten eingeladen, herunterzukommen und selbst Fragen an die Kranken zu stellen. Diesmal war ein alter Bekannter, den ich schon im Knabenheim von A. als Goliath II gekannt hatte, an der Reihe, den Kranken zu untersuchen. (Goliath war ein starker, kerngesunder Student. Wer hatte ihm geholfen, sich dem Militärdienst zu entziehen? Ich mußte an meinen Vater denken.) Der Kranke stand mit abgewandtem Gesicht da. Er war sehr mager, sehr dürr – es litten damals alle mehr oder weniger Hunger, besonders die Kranken und Alten in den öffentlichen Anstalten und Asylen –, und er schlotterte in seinem blau weiß gestreiften Krankenkittel. Goliath wußte nichts Rechtes anzufangen mit ihm, der Kranke war störrisch, der Professor nahm jetzt die Sache in die Hand und drehte den Kranken, der mit dem Gesicht zur Wand dastand, zu uns herum. Ich erschrak furchtbar. Es war Perikles, voll Scham das Gesicht mit den Händen verbergend und zur Flucht bereit. Aber die stämmigen, ruhigen Irrenwärter standen rechts und links von ihm. Er sah uns alle an, die ganze Runde, die unteren wie die oberen Reihen, er streifte auch mich. Er erkannte mich nicht. Sein Mund war mit einem dichten schwarzen Vollbart umgeben, die Augen schielten wie immer, tief in ihren Höhlen liegend und auch jetzt nicht ganz von dem Ausdruck des Fanatismus der geistigen Leidenschaft verlassen, wie er ihn zuletzt immer gehabt hatte. Ich wurde jetzt aufgerufen, den Kranken zu untersuchen. Vielleicht hatte der Professor mein Interesse wahrgenommen. Ich konnte nicht. Ich tat, als hätte ich nicht gehört, und da der Professor bereits mit der klinischen Darlegung begonnen hatte, fiel es nicht weiter auf. Es sei ein einfacher Fall, erklärte der Professor. Ein früherer Privatgelehrter, zuletzt Krankenpfleger, Tobsuchtsanfall, Delirium, jetzt Beruhigung. Deutlich merkbarer Intelligenzschwund, Größenwahn, Depressionen, aber auch glückstrahlende Verblödung. Der Professor stellte verschiedene Fragen an ihn. Perikles tat, als habe er nichts gehört. Sein schielender Blick hatte sich jetzt an mir gefangen, und ich versuchte ihm mitzuteilen, daß ich ihn sofort nach der Vorlesung aufsuchen werde. ›Kommen Sie doch heraus, fürchten Sie sich nicht‹, wandte sich der Professor freundlich an mich. ›Sie haben die Diagnose sicherlich schon lange gestellt. Nun?‹ Ich schüttelte den Kopf und schwieg, aber Goliath II hatte sich an den Kranken herangemacht, prüfte seine Pupillen, erkannte, daß sie starr waren, schlug, nachdem die Wärter Perikles zum Niedersitzen veranlaßt hatten, mit einem Hämmerchen auf seine dürren Knie, die nicht den normalen Reflex ergeben wollten, und dann, sich schnell vom Kranken zurückziehend, als wäre er nach Gebrauch unnütz geworden, sagte der dicke Student stolz: Progressive Paralyse.‹ ›Richtig‹, sagte der Professor. ›Es ist ein einfacher typischer Fall. Bitte, zurück auf die Abteilung mit ihm. Und nun zum nächsten. Und da können wir Ihnen etwas weitaus Interessanteres demonstrieren, nämlich einen Fall von Säuferwahnsinn, delirium tremens, früher unser tägliches Brot, aber seit dem Kriege ist es mit dem Alkohol durchaus eine Seltenheit geworden. Nun, junger Herr Kollege?‹ Wieder war ich es, der den Kranken untersuchen sollte, und ich tat es, so gut ich konnte. Sofort nach der Vorlesung suchte ich Perikles auf. Man ließ mich zu ihm. Er schien mich jetzt zu erkennen, und sein erstes Wort war: ›Ich habe Hunger und bitte dich um Brot.‹ Ich hatte zwar kein Brot, aber ich besaß die Brotkarten der Woche (es war Montag) und reichte sie ihm hin. Er hielt sie fest in seiner abgemagerten, vergeistigten Hand, wenn man von Vergeistigung der Hände bei einem unheilbaren Irren sprechen konnte. – Aber war er unheilbar? War er irr? Konnte er, ein Mensch von so feiner Empfänglichkeit, von so genialer Frühreife nicht einfach erschöpft sein von Schlafmitteln, vielleicht vom Morphium zugrunde gerichtet – aber doch heilbar? Ich wußte aus eigener Erfahrung, wie schwer man sich von dem süßen überirdischen Gift des Morphiums trennt. Ich wollte nicht an seinen Untergang glauben. Er sah mich an wie immer, aus seinen Augen blitzte der alte Knabenstolz seines kühnen, zertrümmernden und wiederaufbauenden Geistes, und ich hätte gewünscht, der Professor wäre dabeigewesen, als er begann: ›So bist du doch wieder da! Bleib jetzt bei mir! Ich habe dich nie verlassen. In mir ist etwas Göttliches, Übergöttliches, erkennst du es?‹ ›Du wirst bald wieder gesund werden. Du bist sehr herabgekommen, du mußt dich besser nähren.‹ ›Ja‹, sagte er und sah wie durch mich hindurch, was er bei seinem Schielen auch früher getan hatte, ›ich habe aus tiefstem Leiden Heldenfreude geschöpft, und aus Verzicht, dem Schicksal jedes Übergottes, unermeßliche Kraft. So bin ich nicht von heute auf morgen Milliardär geworden, und seit gestern der dritte Kaiser der zwei Kaiserreiche: Österreich und Deutschland!‹ ›Du meinst das in bildlichem Sinn?‹ fragte ich. Jetzt fürchtete ich doch, daß die Diagnose, auf die sogar ein Goliath gestoßen war, richtig sein könne. ›Du hast recht‹, sagte er und bemühte sich, mich mit seinen weichenden Blicken festzuhalten. ›Heute ist der größte Tag meines Lebens.‹ ›Ich werde auch morgen wiederkommend ›Ja, sieh mich nur an. Man wird alle Christusstatuen in der Welt und in den Schulen nach meinem Gesicht abändern lassen müssen, die Steinmetzen werden hoch im Lohn stehen, denn seit heute ist mir kundgetan worden durch unterirdisches Telephon, daß ich nichts anderes getan habe als Christus. Meine Werke sind bereits in die künftigen Sprachen übersetzt und werden gratis verteilt, genau wie beim Evangelium. Du wirst daher einsehen müssen, daß ich Überimperator geworden bin, und ich befehle dir bei Todesstrafe, mir Weiber zu verschaffen. Wir haben immer Hunger‹, setzte er leiser fort, ›sie schlagen uns nachts.‹ ›Lassen Sie ihn, mein Herr‹, sagte der Oberwärter zu mir. ›Er beginnt unruhig zu werden, er muß zurück auf seine Station.‹ ›Was geschieht denn mit ihm?‹ fragte ich. ›Ich glaube, er kommt fort, entweder in die Landesirrenanstalt oder sonstwohin. Hier bleiben die Kranken niemals länger als drei Wochen.‹ ›Kann man etwas für ihn tun?‹ ›Was wollen der Herr für ihn tun? Sehen Sie doch nur!‹ Perikles hatte die kostbaren Brotkarten zerrissen und nahm sie jetzt schmatzend zu sich. ›Das müssen Sie nicht tun. Es ist schade! Es wird hier alles für ihn getan, was möglich ist. Es soll ein Doktor sein, ein gar hochstudierter Mann.‹ ›Er hat Angehörige? Bekommt er Besuch?‹ ›Ja, eine alte schieche Tante, die immer den Rosenkranz betet, und eine sehr schöne, jüngere, die kommt immer zu ihm und hat Bücher mit. Er soll etwas schreiben oder lesen. Aber er liest ja schon lange nicht mehr, hält die Bücher verkehrt vor sich hin, zerreißt sie und frißt, mit Verlaub, die schönen Lederrücken. Nimmt man sie ihm aber weg, tobt er. Es ist nichts Besonderes daran, der Hofrat hat ihn nicht gern in die Vorlesung genommen, aber die meisten anderen Kranken sind so hinfällig. Es ist eben Not.‹ Ich ging. Als ich am nächsten Tag wiederkam, ließ man mich nicht zu ihm, denn er war unruhig, und man hatte ihn ins Dauerbad gegeben. Am übernächsten Tag hieß es, daß er schliefe. Am dritten Tag führte man mich zu ihm, aber er stürzte sich auf mich und begann mich zu würgen (dabei war er so schwach und zart!) – und nur mit Mühe machte man mich frei. Ich kam Anfang der nächsten Woche wieder und hatte die ganze Brotration bei mir, da er sie nötiger brauchte als ich; Indessen mußte ich sie durch die Vorlesungen dieses Tages und dann wieder heimwärts schleppen. Er war bereits von den Angehörigen abgeholt worden. Man hatte ihn in Begleitung eines sicheren Bewachungspersonals nach der Anstalt Mohrauer gebracht, die ich wohl kannte, denn ich hatte mit meinem Vater vor vielen Jahren in meiner Kindheit an einem Winterabend einen Besuch dort gemacht. Im Winter 1917 erhielt ich die Aufforderung meines Ersatzkaders, wie man es nannte, mich zur endgültigen Untersuchung in Radautz einzufinden, wo sich die Stammschwadron meines Regimentes neuerdings wieder befand. Ich reiste hin, und zwar mit großer Freude, mit sehr starken Hoffnungen. Ich war noch nicht siebenundzwanzig Jahre alt. Bis auf das steife Knie gesund. Ich hatte mit dem Kriege abgeschlossen. Mit meinem Vater hatte ich mich fast ganz ausgesöhnt. Bei der Schwadron wurde ich sehr freundlich aufgenommen, und ich sah Eveline wieder. Sie war noch schöner geworden. Aber ihre großen eisengrauen Augen brannten mit einem etwas krankhaften Glanz, und ich hörte sie fast immer hüsteln. Der Major war angeblich im Begriffe, ins Feld zu gehen. Über mich wurde das Urteil gesprochen. Ich war dauernd kriegsuntauglich, nur zum Bürodienst fähig. Da es aber vorläufig noch genug Bürosoldaten gab, stellte man mir frei, in Uniform zu bleiben oder nicht. Ich dankte ab. Die Höhe meiner Pension sollte später bestimmt werden. Am Abend vor meiner Rückkehr nach Hause war ich beim Major zu Gast. Eveline war so schön, daß es mir fast wehe tat, sie zu sehen. Dabei machte es mich ruhig, friedensvoll, wenn ich in ihrer Nähe war. Ich hatte niemals etwas Ähnliches empfunden. Ich wollte mich stark zeigen, ich hielt mich zurück und gab ihr kein Zeichen meiner Liebe. Ich hätte jetzt Gott gedankt, wenn ich noch an ihn geglaubt hätte; aber ich glaubte nicht und glaubte doch . Ich hätte mich zu Eveline erheben mögen, ich wußte aber nicht, was tun, ich wagte sie nicht einmal anzusehen. Sie trug ihren außerordentlich kostbaren Schmuck – denn ihr Mann sollte unermeßlich reich sein. Von seinen riesigen Gütern lieferte er Vieh und Getreide für den Staat. – Große Diamanten von reinstem Wasser, deren flackerndes, unberechenbares Feuer aber etwas Erschreckendes für mich hatte, wiegten sich an ihren kleinen rosigen Ohren. In dem Haus des Majors gab es noch alles, was wir schon seit langem entbehrten, aber ich rührte fast keinen Bissen an. Manchmal wünschte ich, mit ihr eine Minute allein zu sein, um sie zu fragen, was die Buchstaben am Ende ihrer Karten bedeutet hatten. Wenn uns aber der Major dazu Gelegenheit gab, überkam mich furchtbare Angst, das Herz schlug mir bis in die Kehle, und ich schwieg, verlegen an den blanken Knöpfen meiner alten Uniform herumbastelnd. Eveline betrachtete mich kalt. Sie ordnete ihr Haar. Sie begann zu husten und zu rauchen. Wie konnte ich glauben, daß sie mir jemals gehören könne? Aber ich liebte sie so stark, so – lebenslänglich, daß ich zufrieden war, daß sie lebte ... Ich stand schon in meiner kurzen dunkelblauen Attila im Vorzimmer und wollte mich von dem Ehepaar verabschieden, als der Major ans Telephon gerufen wurde. Sie stand neben mir. Ich roch das zarte, süßsäuerliche, etwas gewürzartige Parfüm, ich sah ihre großen Steine an den samtartigen ovalen Ohren funkeln. Wir hörten die Stimme des Majors. Sie beugte sich etwas zu mir, ihr aschblondes leichtes Haar wehte, der große Stein des linken Ohrs streifte meine Wange, vielleicht unabsichtlich. Als die Schritte des Majors sich näherten, sagte sie so laut, daß er es hätte hören können: ›Der Major geht nach Albanien, wir sehen uns wieder.‹ Der Major stand vor uns. Sein Gesichtsausdruck war der immer gemessene, streng formelle. Ich nahm Haltung an, erwies ihm die Ehrenbezeugung. Auch er nahm Haltung an, verbeugte sich dann leicht, gab mir die Hand und sagte mit seinem leichten polnischen Akzent: ›Ich gehe nach Albanien. Wir sehen uns wieder?‹ Meine Sporen klirrten zum letztenmal, denn im Hotelzimmer vertauschte ich die noch gut erhaltene Uniform mit meinen schon recht sehr abgenützten Zivilkleidern, und ich kehrte mit dem Nachtzug in die Stadt zurück, wo meine Eltern, mein Kind, meine Frau und meine Geschwister lebten. Wir waren diesmal nicht verreist, weil meine Mutter einer Geburt entgegensah. Sie kam in ein Sanatorium. Daheim führte meine Frau die Wirtschaft. Sie hatte aus ihrer Heimat, Puschberg, ihr Dienstmädchen kommen lassen. Einmal nannte sie dieses Dienstmädchen vor uns ›die Küchenfee‹. Daran erkannte ich, daß sie die alten Demütigungen vergessen hatte und sich hier wie die Herrin des Hauses fühlte. Dagegen fürchtete ich, daß mein Sohn etwas von den Schlägen zurückbehalten hätte, die meine Frau ihm noch im Mutterleibe versetzt hatte. Denn er war etwas zu scheu, wich mir aus und fühlte sich unter den vielen, lebhaften Geschwistern von mir nicht zu Hause. Er machte mir Sorge. Meine Frau lächelte aber, sie war ihrer und seiner ganz sicher, fand alles hier natürlich, und sie lebte gern. Um diese Zeit schenkte meine Mutter einem Mädchen das Leben, das sie Therese Auguste nannte. Ich dachte mit jedem Tage mehr an Eveline. Ich erinnerte mich, wie sie eine Zigarette geraucht hatte und wie ein Fäserchen Papier an ihrer Unterlippe hängen geblieben war. Ich träumte davon, dieses Fäserchen zu sein, aber ich träumte auch, sie in meinen Arm zu nehmen, sie zu verbrennen, nicht allmählich wie eine Zigarette, sondern wie eine frische, starke, alles durchdringende Flamme. Wir schrieben einander nicht. Auch ihr Bruder Jagiello hatte mir zu schreiben aufgehört. Viertes Kapitel 1 Es bedrückte mich sehr, daß ich für meinen Freund nichts zu tun vermochte. Mein Vater erriet es. ›Hatte ich nicht recht, dir von diesem aussichtslosesten aller aussichtslosen Gebiete der Medizin abzuraten? Setze dich ganz, mit allen Kräften, bei Tag und Nacht, ja ohne Honorar für solche Kranke ein, und – du wirst doch nichts erreichen. Hotelier von Unheilbaren. Kann dich das befriedigen, einen jungen, tätigen Menschen?‹ Ich gab nicht nach, aber ganz ohne Wirkung blieben seine Worte nicht. Ich war jetzt oft in meinem Elternhaus. Lebensmittel waren schwer zu kaufen. Je mehr Personen sich zusammentaten, desto leichter war es, Butter und dergleichen zusammenzubekommen und die Lebensmittelkarten auszunützen. Meine Frau erwies sich als ausgezeichnete Hausfrau. Daß es ihr gelang, meine durch die vielen Schwangerschaften geschwächte, stark alternde, im Grunde zarte Mutter durch die vielen Kriegsjahre hindurchzubringen, war eine große Leistung. Selbst mein Vater erkannte es an. ›Habe ich nicht recht gehabt?‹ fragte er mich. ›Vally ist als Hausfrau nicht zu bezahlen – und wir bezahlen sie auch nicht –, aber als deine Gattin? ...‹ Er sprach nicht zu Ende. Ich wußte, daß sich auch diese Anspielung auf meinen Beruf bezog. Es sollte heißen: ›Ich habe dich vor der Heirat mit ihr gewarnt, du hast nicht gehorcht, bist nicht glücklich geworden. Jetzt bist du wieder auf dem Wege, deinen Weg zu gehen. Wieder warne ich dich‹ etc. Immer noch hielt ich an meinem Plane fest. Mein Vater bat mich, ihm in der Sprechstunde zu helfen. Ich hatte inzwischen meine Prüfungen bestanden, war zum Doktor der gesamten Medizin, wie es auf unseren Doktordiplomen heißt, promoviert worden, und ich wartete nur das Freiwerden einer Assistentenstelle an der psychiatrischen Klinik ab, um dort einzutreten. Aus Sparsamkeitsgründen hatte ich sofort nach dem Doktorat mein Zimmer bei der alten Wirtin aufgegeben und wohnte bei meiner Familie, um zu gegebener Zeit in die Klinik überzusiedeln. Mein Vater zeigte mir also im Laufe dieser Zeit einige leichtere Fälle. ›Was ist das?‹ fragte er mich zum Beispiel, als eine abgemagerte, in schlechte Kleider gehüllte Frau uns ihr unbändig schreiendes, etwa zweijähriges Mädchen zur Untersuchung brachte. Das Kind war elend ernährt, hatte Masern hinter sich, es sah gedunsen aus. Bloß die schönen pechschwarzen Haare hatten ihren Glanz behalten. Die Drüsen am Halse, vor den Ohren waren geschwollen. Das kleine Mädchen hielt die Händchen mit allen seinen Kräften fest vor die Augen und hörte nicht auf, mörderisch zu schreien. ›Skrofulose‹, sagte ich, und dabei sanft das aufgeblasene Bäuchlein streichelnd: ›Kohlrübenbauch‹. Und das war es auch. Der Vater war im Felde. Mutter und Kind lebten von fast nichts anderem, dabei besaß die Mutter Geld, denn sie zahlte die Untersuchung. Jetzt nahm mein Vater die Augen vor, die beide geschwollen waren und tränten. ›Die Mizzi ist blind‹, sagte die Mutter weinend. ›Ich glaube es nicht‹, antwortete mein Vater. ›Aber halten Sie dem Kind jetzt die Hände fest und lassen Sie mich untersuchen, sonst könnte es blind werden.‹ Die Mutter griff aber nicht energisch genug zu, das Kind brach plötzlich aus und versteckte sich, am Boden schnell fortkriechend und sich mit den Händchen vorwärtstastend, in einer dunklen Ecke. ›Hole es, mein Sohn!‹ sagte mein Vater; und zur Mutter gewandt: ›Warten Sie draußen, Frau!‹ Sie gehorchte und überließ uns das Kind. Wer hätte meinem Vater zu widersprechen gewagt? ›Das Kind ist lichtscheu und hat Grund dazu‹, sagte er, als wir mit dem Mädchen allein waren. ›Ich werde dir zeigen, wie man in solchem Fall sacht die Lider öffnet. Ich mache es beim linken, du versuchst es dann beim rechten.‹ Mit einer Behutsamkeit, die ich nachher bei aller Mühe nicht erreichte, brachte er die dicken, mit Eiterkrusten und leichten Blutgerinseln beschmutzten Lider auseinander. Das Kind hatte zu schreien aufgehört. Er spiegelte die Hornhaut ab, wobei sein Spiegel von der Stirn her das Licht zuwarf. Die ganze Hornhaut war mit feinen grauen Hügelchen besetzt, so daß es aussah, als habe man das Auge mit Sand bestreut. ›Ja, es stimmt, conjunctivitis ekcematosa. Nun das andere Auge, du bist an der Reihe, mein Sohn.‹ Ich ließ das Kind los, ging zum Waschtisch und wusch mir gut die Hände. Die Kriegsseife wirkte sehr schwach, man mußte sich sehr lange waschen. Mein Vater, mit dem Mädchen auf dem Schoß, verlor die Geduld nicht. Dann kam ich zurück und untersuchte das andere Auge, leider nicht so leicht und schmerzlos, wie es meinem Vater gelungen war. Auf der rechten Hornhaut fanden sich einige hirsekorngroße Knötchen. Mein Vater half mir, indem er die reichlich herabrinnenden Tränen des Kindes mit einem Bäuschchen aus Papierwatte abwischte. Dann fragte er mich, welche Behandlung ich anwenden würde, und ich, noch frisch nach den Prüfungen, gab Calomelpulver an. ›Zu stark! Nicht schlecht, aber für den Anfang machen wir feuchtwarme Umschläge. Morgen erst wird mit Calomel begonnen.‹ Wir riefen die Mutter herein und ließen sie wieder das Kind halten, das – aus Gewohnheit? oder doch aus Schmerz? – die Augen wieder mit den schmutzigen, mageren Händen schützen wollte. Schließlich hatten wir den Verband angelegt und die Frau auf den nächsten Tag wiederbestellt. Mein Vater hatte das Honorar entgegengenommen. Dann aber überlegte er noch etwas, mich von der Seite anblickend. Er schien einen schweren Entschluß zu fassen. Er ließ die Frau ein wenig warten, ging in die Privatwohnung und kam bald nachher heraus, eine Flasche Lebertran, die für die kleine etwas rachitische Therese Auguste bestimmt war und in jenen Zeiten eine große Kostbarkeit darstellte, in den Händen. Im freien Handel gab es dergleichen schon lange nicht mehr. Die Augen der Mutter leuchteten auf, beinahe hätte sie das kostbare Geschenk fallen lassen. Gutmütig lächelnd schob sie mein Vater hinaus und mich mit ihr, denn der darauf folgende Patient war nicht geeignet, mich in die Augenheilkunde einzuführen. Entweder war es ein besonders schwerer Fall oder ein hochgestellter Herr. Am Abend unterhielten wir uns während einiger Minuten nach dem frugalen Abendbrot, und mein Vater sagte: ›Du hast kein übles manuelles Geschick, und mit der Zeit würdest du ein leidlicher Okulist werden. Aber dich dazu zu zwingen, dazu sei Gott vor! Nicht wahr, ich zwinge niemanden, mein liebes Töchterchen Vally?‹ Vally errötete, antwortete aber nichts. Der Frieden im Hause war seit langem wiederhergestellt. Das skrofulöse Kind machte in seiner Heilung unverkennbare Fortschritte. Die Hornhaut, anfangs blutunterlaufen, mit krankhaften Knötchen besetzt und gegen Licht höchst empfindlich, wurde bald glatt und leuchtete im alten Glanz, und das Kind konnte Licht ertragen. In wenigen Wochen war es fast ganz geheilt und lachte uns von weitem an. Ohne es zu wollen, hatte ich etwas Interesse für die Augenheilkunde gewonnen und war daher froh, als endlich die Einberufung aus der psychiatrischen Klinik kam und mir die Entscheidung vorgeschrieben wurde. Ich hatte in der letzten Zeit des öfteren den Augenhintergrund gespiegelt, wobei man sich des berühmten Augenspiegels, eines kleinen, genial erdachten Instruments bedient. Ich sah, und mein Vater sah. Aber welcher Unterschied! Unzählige Einzelheiten, trotz ihrer Winzigkeit von höchster Wichtigkeit, erfaßte er auf den ersten Blick, während ich sie nachher nur mit Mühe fand. Wenn er die Instrumente zur Hand nahm, schienen sie sich wie durch Zaubergewalt von selbst zu bewegen, er machte nur dort Schmerzen, wo es absolut unvermeidbar war, und das begriffen die Kranken. Ich hatte ihn noch nicht den Star operieren gesehen, denn die größeren Eingriffe nahm er in einem Vorstadtlazarett in seiner Abteilung oder in einer großen Privatklinik vor, aber ich konnte ahnen, wie meisterhaft er arbeitete. Im Anfang ließ er mich unter seiner Aufsicht solche Fälle spiegeln, bei denen die Pupille durch Atropin erweitert war. Ich sah das Augeninnere jetzt mit ganz anderem Interesse als früher, als Student. Es waren zwar noch nicht meine Patienten, aber doch die meines Vaters; die Heilkunst war keine Kathederwissenschaft mehr, sie war Fleisch und Blut geworden, und wir, Vater und Sohn, waren verantwortlich für das Schicksal des Kranken. Ich mußte mich an den Anblick des Leidens gewöhnen, aber andererseits sah ich jedesmal mit einem großen Staunen, mit einer Art Freude an der Herrlichkeit Gottes und der Natur, den purpurnen Augenhintergrund, und mitten in diesem den weißen Kreis, die Papille, die den Durchtritt des Sehnerven, das ist: des Gehirns in den vordersten Anteil des Augenhintergrunds darstellt. So sieht der Okulist das Gehirn vor sich, oder wenigstens einen lebenswichtigen Teil davon. Inmitten dieser weißen Scheibe zweigen nach oben und unten die Blutgefäße ab, Blutäderchen und Schlagäderchen, die einen hellrot, dünn und gestreckt verlaufend, die anderen von dunklerer Farbe, bordeauxrot, von stärkerem Kaliber und etwas stärker geschlängelt. Dort, wo die Gefäße in der Papille zutage traten, sah ich mit zunehmender Übung die Gefäßchen pulsieren. Immer war es für mich ein großer Augenblick. Wo sonst hat der schwache törichte Mensch, ein Mensch wie ich, eine solche Einsicht in die innerste Natur? Ich wollte es nicht anerkennen, es war mir im Grunde fremd, und doch beugte ich mich vor den ›sichtbaren Wissenschaften‹. Ich begann meinem Vater, dem Versucher, zu unterliegen. Aber war er der Versucher aus böser Absicht? War er nicht und blieb er nicht der Mensch, der mir am nächsten stand und der es am besten mit mir meinte? Wenn ich mich ansah, den alten Studenten – ich war ja doch noch nichts als Student mit meinen achtundzwanzig Jahren, meinem steifen Bein und meinem großen Jungen –, was hatte ich erreicht? Eveline schrieb nicht. Sie war verheiratet, reich, ihr Mann stand am Beginn einer schönen Laufbahn. Ich war noch nichts. Meinen besten Freund hatte ich in einer geschlossenen Anstalt, ich war außerstande, ihm auch nur einen Tag seines elenden Lebens zu erleichtern, ihm das Licht seines hohen Geistes zurückzugeben, oder sein Dasein zu verlängern. Meine Frau war mir trotz unserem gemeinsamen Bestreben fremd geworden. Mein Sohn wich vor mir zurück. Meine Frau erzog ihn gegen meinen Wunsch zu streng religiös, und schon jetzt war die Rede davon, er müsse in ein geistliches Internat in Vorarlberg. Wohin hatte mich also meine Hartnäckigkeit geführt? Ich hatte ungeduldig einem Ziel zugestrebt, das keineswegs erstrebenswert war, wenn man meinem Vater glaubte. Also war meine Anstrengung nur Beharren auf dem falschen Weg. Und vielleicht war ich nicht sparsam genug mit dem umgegangen, was ich von Natur mitbekommen hatte. Trotzdem gab ich nicht nach. Ich packte (zum wievieltenmale?) meine Siebensachen in den alten Studentenkoffer, in welchem sie immer noch bequem Platz hatten, und machte mich fertig, um am nächsten Tag in die psychiatrische Klinik zu ziehen. War es Zufall, oder sollte es so sein, daß mein Vater am nächsten Morgen erkrankte? Es war keine Simulation, das Thermometer zeigte einige Striche über dem normalen, und sein Puls, den ich abtastete, war nicht der beste. Er war vierundfünfzig Jahre alt, und bei aller Energie und Klugheit Vallys hatte er sich manches vom Munde absparen müssen, besonders um Judith aufzufüttern, die das gewöhnliche Essen verschmähte und lieber hungerte, wenn sie ihre Leckerbissen nicht haben konnte. Mein Vater hielt mich nicht mit Gewalt, nicht mit List. Er erweckte mein Mitleid. Er schien mir bemitleidenswert mit seiner hohen, von Haaren entblößten Stirn, mit seinen Zahnlücken, denn es fehlte an Gold, um die notwendige Brücke anfertigen zu lassen, und mein Vater haßte künstliche Zähne. Auch um seine Liebe zu dem schönen, kühlen Bild Judith beneidete ich ihn nicht. Er war resigniert. Glaubte er, daß er bald sterben müsse? Ich weiß es nicht. ›Wenn ich unter der Erde bin‹, sagte er, ›sorge du dich um die Geschwister. Vally und du, eure erste Sorge sei, behalte es gut, die Versicherung! Verwendet die Einkünfte aus den Häusern hierzu, wenn es nicht anders geht. In ein paar Jahren ist Judith Millionärin, und wir haben dann das Vermögen erhalten, glaubst du nicht auch?‹ Und er sah mich von seinem verwühlten Bette her mit seinen weitsichtigen Augen an, die ohne Brille etwas Hilfloses, Greisenhaftes, oder sogar Kindliches hatten. ›Sorge dich nicht darum, du bist im Grund gesund, in einigen Tagen kannst du auf stehen.‹ ›In einigen Tagen? Und wer besorgt inzwischen die Praxis? Wir haben eine Menge laufender Fälle, du weißt. Aber ich halte dich nicht. Mir ist bekannt, daß du heute in die psychiatrische Klinik eintreten mußt. Beeile dich, nimm einen Wagen, hier ist Geld.‹ ›Ich danke, nein, sagte ich, durch dieses Geldangebot gerührt, ›ich bleibe jedenfalls bis über Mittag, um zu sehen, ob deine Temperatur sinkt.‹ ›Ich weiß gar nicht, wie ich dir danken soll‹, sagte er. Ich blieb bis zum Mittag, ich blieb bis zum Abend. Ich telephonierte dem Oberarzt der psychiatrischen Klinik. Dieser sagte mir, ich solle mich beeilen zu kommen, man würde mich jetzt gern empfangen. ›Ich kann heute nicht kommen!, log ich, ›ich habe Schmerzen in meinem Knie.‹ ›Ach so, nun ja, die alte Kriegsverletzung? Schön, kommen Sie morgen, aber pünktlich um neun Uhr. Sie erhalten sofort eine kleine Abteilung, ich führe Sie persönlich ein.‹ ›Ich komme bestimmt!‹ sagte ich. ›Ja, bitte kommen Sie, selbst wenn das Knie noch muckt. Der Hofrat will wissen, daß wir dann vollzählig sind, er wird verreisen, er hat von Ihnen gehört. Stellen Sie sich ihm vor, es ist nur eine Formalität. Sollte das Knie, was ich nicht hoffe, noch einer Behandlung bedürfen, wir Kollegen werden unsererseits alle Rücksicht nehmen. Schließlich sind Sie ja ein braver Soldat gewesen.‹ Mein Vater hatte mit undurchsichtigem Lächeln dieses Telephongespräch mitangehört. ›Es ist alles gut‹, sagte er. ›Ich wollte dir nur sagen, ich habe unlängst mit Vally gesprochen und sie natürlich davon abgebracht, daß sie deinen Max in die Klosterschule gibt. Wann willst du also gehen?‹ Ich zuckte die Achseln, dem Weinen nahe. ›Wann nehmen wir also Abschied?‹ fragte mein Vater und versuchte zu scherzen. Ich schüttelte den Kopf. Er hatte längst begriffen, daß ich blieb. Nach zwei Tagen war er fieberfrei, und bei kräftigerer Ernährung erholte er sich schnell. 2 Wo sollte ich wohnen? Mein Vater erklärte in geheimnisvollem Tone, er habe mir ein verantwortliches Amt zugedacht. Es handelte sich um die Assistentenstelle in seiner Lazarettabteilung und in seiner Privatklinik. In dem Lazarett versah den Dienst eine junge Ärztin, die sich nicht ohne weiteres vertreiben ließ, und in der Privatklinik, wo es eigentlich keine ausreichende Beschäftigung für einen Arzt gab, hatte ein alter, schon sehr gebrechlicher, in seiner Laufbahn gescheiterter Arzt diese leichte, aber schlecht bezahlte Aufgabe übernommen. ›Du kannst ihn nicht einfach um sein Brot bringen‹, sagte ich meinem Vater. ›Wie du denkst, großer Menschenfreund. Hier aber kannst du auch nicht wohnen bleiben.‹ Er zählte alle Familienmitglieder auf, dann das Dienstpersonal einschließlich der neu eintretenden Amme. Es war sehr schwer gewesen, eine zu finden, die Geburten wurden selten, und viele der Frauen waren so unterernährt – und niedergedrückt –, daß sie nicht genug Milch geben konnten. Ich sah das ein. ›Ich ziehe zu meiner alten Wirtin‹, sagte ich. ›Dort hättest du es sicher sehr ruhig und gut, aber kann man dich dann jederzeit telephonisch erreichen?‹ Ich zuckte die Achseln, von heißem Jähzorn gegen meinen Vater ergriffen. Aber ich war nicht mehr der Alte. Der Krieg hatte mich von solchen Ausbrüchen geheilt. ›Ich habe einen viel besseren Vorschlag‹, sagte mein Vater am nächsten Tage. ›In meinem Zinshaus in der ...gasse wird eine schöne Wohnung frei.‹ Vally hörte zu, sie machte mir ein Zeichen. Dachte sie daran, daß ich mit ihr und unserem Jungen diese Wohnung beziehen würde? Ich wartete ab. ›Eigentlich ist sie nicht frei, natürlich nicht‹, sagte mein Vater, ›aber du hast ein Anrecht darauf. Wenn du nur einen kleinen Finger rührst, können wir die Mieter exmittieren.‹ Nun verstand ich das Zeichen, das meine Frau mir hatte geben wollen. Sie wollte mich vor diesem Angebot warnen. Sie zeigte ihre großzügige Denkungsart. Ich war ihr dankbar dafür. ›Ich kann nicht.‹ ›So, er kann nicht‹, wandte sich mein Vater an Vally. ›Da siehst du meinen großen Sohn, wie er leibt und lebt. Das Hühnchen soll geschlachtet werden, aber Blut darf nicht fließen. Wenn er nämlich als Schwerkriegsbeschädigter, als Inhaber der großen Tapferkeitsmedaille ...‹ ›Genug!‹ rief ich. ›Laß mich ausreden! Ich will dir nicht schmeicheln, im Gegenteil. Ich will nur sagen, daß du die Exmittierung jedes Mieters in meinen Häusern erlangen könntest. Aber er will nicht, er kann nicht.‹ (Er ahmte meinen Tonfall nach.) ›Siehst du, Vally, du und ich, wir sollten ihn kennen, und wir kennen ihn. Zu den größten Opfern ist er sofort bereit, aber nicht zu dem kleinsten Entgegenkommen. Nun, wie du willst. Dann bleibt mir nichts anderes übrig, als dem alten Doktor zu kündigen, der mir ohnehin ein Greuel ist. Dann wirst du tagsüber mir hier zur Hand gehen, bei den Operationen wirst du assistieren, in dem Lazarett selbständig zu operieren beginnen, und nachts wirst du vorläufig! (er sah zu Vally hinüber) ›in der Privatklinik im Inspektionszimmer schlafen.‹ Meine Frau vertraute mir später an, worauf sich dieses ›vorläufig‹ bezog. Mein Vater hatte die Absicht, eine etwas verfallene, aber sehr schöne, vornehme Villa mit großem Park ungewöhnlich billig, fast umsonst zu erwerben, und Vally führte die Verhandlungen für ihn. Dort sollte später unsere ganze Familie vereinigt werden, und es war angeblich soviel Platz dort vorhanden, daß später für ›unsere‹ große Tochter, Judith, eine abgeschlossene Wohnung einzurichten war, wenn sie sich in einigen Jahren verheiratete und wenn dann noch die gleiche Wohnungsnot herrschte wie jetzt. Im allgemeinen glaubte mein Vater jetzt wieder an den Sieg der Monarchie, und es kostete Vally, die mißtrauisch war, sehr viel Mühe, ihn davon abzuhalten, allzuviel österreichische Kriegsanleihe zu zeichnen, obwohl er sich davon – einen zweiten Orden versprach. Er hatte die Hoffnung auf den Franzjosephorden nicht aufgegeben, obwohl aus seiner ›Augenkrankensammelstelle‹ etc. nichts geworden und er nur mit aller Mühe einer gerichtlichen Untersuchung entgangen war. Vally machte jetzt oft den Sendboten zwischen meiner Familie und mir. Sie liebte mich noch. Ich wäre glücklich gewesen, wenn ich diese Liebe hätte erwidern können. Denn ich achtete sie, und ich wußte, daß sie jetzt, nachdem sie eine sichere Existenz erreicht hatte für ihr Kind und sich, auch für mich nach Kräften sorgen würde. Sie war nicht mehr so schlank wie einst als Mädchen. Aber die Entbehrungen der Zeit konnten ihr fast nichts anhaben, ihr schöner Gang mit aufrechtem Kopf, ihr dunkles Auge, ihr Haar, ihre Zähne und vor allem der liebreizende Ausdruck ihrer vollen Lippen gefielen sehr vielen. Mich ließ es kalt, ich konnte nichts als einen guten Kameraden in ihr sehen. Ich sehnte mich nach einem Lebenszeichen von Eveline. Ich setzte mir einen Termin nach dem andern, einen Monat, ein halbes Jahr ..., es kam nichts. Ihr Bruder schrieb mir des öfteren, erwähnte aber ihren Namen nicht. Ich mußte ausdrücklich nach ihr – und ihrem Manne fragen. Der Major war, wie ich dann erfuhr, keineswegs auf dem albanischen Kriegsschauplatz, sondern er hatte sich von allen patriotischen Bedenken freigemacht, denen Evelines Vater, mein geliebter Freund, unterlegen war, und hatte sich für Polen entschieden und diente bei einer ›österreichischen‹ Abteilung der polnischen Legion in Lublin, die aber keinen österreichischen Erzherzog als König von Polen anstrebte, sondern eine freie polnische Republik. In diesem Briefe schwieg sich Jagiello über seine Schwester aus. Erst auf eine neue Anfrage erhielt ich eine Antwort, leider eine sehr trübe. ›Ich wollte Dir die Sache solange wie möglich verheimlichen. Ich weiß ja, daß Du mit ihr befreundet bist, aber jetzt muß ich Dir die Wahrheit sagen. Eveline ist wahrscheinlich ernstlich krank. Das Leben soll nicht gefährdet sein, schreibt sie mir, aber sie will an eine Gefahr nie glauben. Ihre Lunge war immer schwach, und ich fürchte, in der letzten Zeit kommt sie aus dem Fieber nicht heraus. Bitte laß sie nicht wissen, daß Du dies von mir erfahren hast. Übrigens ändert sich meine Feldpostnummer. Ich schreibe bald näheres. Meine Arbeit über die Kinderarbeit befindet sich glücklicherweise schon im Satz, und ich hoffe sie Dir bald zusenden zu können. Dein alter Kamerad J.‹ Ich hatte nicht mehr gedacht, daß mich eine Nachricht, und beträfe sie, wen sie wolle, so sehr aus dem Gleichgewicht bringen könne. Jetzt begannen die schlaflosen Nächte, die furchtbaren endlosen Tage, während deren ich auf Antwort auf meinen Brief an Eveline wartete. Meine Angehörigen wichen mir aus. Meine Mutter hatte sogar etwas Angst vor mir. Dabei hätte ich niemandem auch nur ein Haar gekrümmt, so niedergeschmettert war ich. Meine Mutter hörte mich von weitem auf meinem steifen Bein etwas schwerfällig daherkommen, sie hatte daher immer Zeit, zu flüchten. Sie liebte traurige Gesichter nicht. Sie selbst war seit der letzten Geburt nicht mehr ganz zu Kräften gekommen. Eine Geburt bei über sechsundvierzig Jahren! Die ungeklärte Lage meines Vaters – der Prozeßbeginn hatte auf sie noch mehr Eindruck gemacht als auf ihn –, meine ungewisse Zukunft, die schwer erziehbare, kalte, schnöde Judith, die vielen Kinder, von denen sie, bei den kleinsten wenigstens, nicht wissen konnte, ob sie so lange am Leben bleiben würde, bis sie erwachsen waren. Und jetzt auch noch der Kummer, der sich auf meinem abgemagerten Gesicht ausdrückte! Wozu sollte sie fragen? Sie machte einen Bogen um mich, denn sie hatte nicht das kleinste Pflaster, es mir auf meine große Wunde zu legen. Von Eveline kam auch jetzt nichts. Mein Vater schüttelte den Kopf über mich. Meine Hände zitterten bei der leichtesten Handreichung, und von einer Einführung in die Operationslehre der Augen war keine Rede. Ja, ich versah meinen Dienst in der Privatklinik, der hauptsächlich mit Einträufeln von Medikamenten und Reinigungsmitteln in die Augen der Patienten und in Kartenspielen und Plaudern mit den genesenden Kranken bestand, so schlecht, daß mein Vater bereute, den alten Dr. P. entlassen zu haben. Endlich brachte mir meine Frau eine Karte, die für mich bei meinem Vater abgegeben worden war. Ich sah sie mit dem Papier von weitem kommen. Mir wurde schwarz vor den Augen. Das Knie – das rechte – gab nach unter mir. Kaum, daß ich mich aufrecht hielt. Ich glaubte, es sei eine Karte von Jagiello und enthalte die Todesnachricht seiner Schwester. Aber es war nicht so. Die Karte kam von ihr und hatte einen sehr kurzen Inhalt. Dank! Schreibe bald! Schönste Grüße. Und als Unterschrift E. Meine Frau beobachtete mich scharf. ›Wer schreibt dir denn aus Radautz?‹ ›Ein Regimentskamerad, der Leutnant Erhard Graf Mochczievicz.‹ ›Ich wußte nicht, daß du einen so guten Freund in der Garnison hast, der die Karte nur mit einem Anfangsbuchstaben unterschreibt.‹ ›Ja, es ist merkwürdige, sagte ich, ›aber mein Kamerad Jagiello schreibt nicht anders: Dein alter Kamerad J.‹ Ich hätte vor Freude weinen können. Ich wollte gut sein, wollte meiner Frau eine Freude machen. ›Wann ziehen wir ein?‹ fragte ich sie. ›In die Villa?‹ und ihre Augen leuchteten auf. ›Noch in diesem Winter (1918). Und im Sommer sind wir noch einmal alle in Puschberg, nicht?‹ Ich sagte ja, denn sie wollte es hören, vielleicht glaubte sie, dort, wo unsere Vereinigung einst im alten Holzhause begonnen hatte, würden wir uns wiederfinden. Ich atmete tief auf. Meine ganze alte Lebenskraft war erwacht, und ich arbeitete lang bis in die Nacht in den Spezialwerken über Augenheilkunde etc. und bat meinen Vater, mich am nächsten Tage bei seiner Operation mithelfen zu lassen. Er war erstaunt, sagte aber natürlich gern zu. Mein Vater hatte eine Operation bei einem sogenannten grünen Star oder Glaukom vor. Bei dieser schweren und noch nicht in allen Einzelheiten geklärten Augenkrankheit handelt es sich um eine entweder plötzlich oder schleichend entstehende Steigerung des Druckes innerhalb des Auges. Der Druck kommt von einem Wachstum der Linse des Auges, die dann in der geschlossenen Augenkugel einen zu großen Raum einnimmt, die Iris vordrängt und entzündet, den Sehnerven bei seinem Eintritt ins Auge zurückdrückt, zum Schwinden bringt und seh-unfähig macht. Glaukom kommt nicht selten vor. Ein Fall unter hundert betrifft dieses Leiden; und wenn man die große Menge verhältnismäßig leichter Fälle mitzählt, welche die Praxis eines vielbegehrten Augenarztes wie die meines Vaters ausmachen, ist auch ein Prozent eine hohe Zahl. Wie oft klagte mein Vater über die Torheit, Unfähigkeit und Indolenz der Ärzte, die ihm die Patienten zuschickten. Ihnen diese Vorwürfe ins Gesicht zu schleudern, vermied er aber, um sie nicht abzuschrecken, sich immer in der Not an ihn zu wenden. Entweder hatten die anderen Ärzte eine falsche Diagnose gestellt, oder sie hatten unrichtig behandelt. Atropin, das die Pupille ausweitet, ist Gift für ein zum grünen Star neigendes Auge, und da Atropin für viele, leichte Krankheiten des Auges das übliche ist, wandten es die ›lieben Kollegen‹ eben überall auf gut Glück an. Oder der praktische Arzt hielt den grünen Star für einen grauen, nämlich für die Alterstrübung der Linse, vertröstete den armen Kranken auf dessen ›Reifwerden‹, und mein Vater sah nachher einen bemitleidenswerten Menschen vor sich, der unter den furchtbarsten Schmerzen litt, dem man keine Hilfe bringen konnte, es sei denn, ihm die erblindeten Augen herauszunehmen. Denn die Erblindung ist bei Glaukom leider keineswegs das Ende der Leiden. Dabei ist diese Krankheit seit altersher bekannt. Den erhöhten Druck des Auges exakt zu messen ist freilich schwierig – ein Punkt, der mir sehr bald auffiel –, aber beim Augenspiegeln erkennt man sonnenklar die Einbuchtung des Sehnerven im Auge. Früher waren alle an grünem Star erkrankten Augen der Blindheit verfallen, da das Glaukom immer beide Augen ergreift – welche Riesenmengen von Erblindungen, denen seit den unsterblichen Entdeckungen von Gräfes durch rechtzeitige Operation zu helfen gewesen wäre. Die Operation war durch Zufall gefunden worden. Sie besteht in der Ausschneidung eines Zipfels der Iris. Wieso diese Operation fast immer hilft, ist heute noch immer nicht leicht zu erklären. Die Anfälle selbst sind ungemein schmerzhaft. Ich verstand jetzt, weshalb viele Kranke dumpf wimmerten, verzweifelt klagten, wie ich es schon als Kind von meinem Kinderzimmer gehört hatte, das über dem Sprechzimmer meines Vaters lag. Die Schmerzen sitzen im Kopf, in den Ohren, ja in den Zähnen. Sie nehmen dem Armen Appetit und Schlaf. Oft wurde mein Vater zu Kranken gerufen, die an Erbrechen und Fieber litten, und nichts war zu finden, als eine etwas rauchig getrübte Hornhaut, geschwollene Lider und in den schwersten Fällen auch eine blutunterlaufene Bindehaut, von düsterroter Farbe. Die ersten Anfälle gehen meist zurück. Das Auge, das während des Anfalls fast erblindet war, gewinnt sein Sehvermögen wieder. Der Kranke – meist handelt es sich um ältere Leute – glaubt sich geheilt. ›Ich danke Ihnen, Herr Professor‹ sagte unser Patient am nächsten Morgen, ›ich kann wieder lesen und schreiben.‹ ›Ja, Sie sind geheilt! Aber um Ihnen volle Sicherheit zu bieten, werden wir Sie operieren. Es handelt sich um einen winzigen Eingriff. In einer Woche sind Sie aller Sorgen ledig, und ich werde Ihnen mit dem Honorar entgegenkommen, denn es ist Krieg.‹ Vielleicht war es diese Aussicht, billiger wegzukommen als sonst, die den Patienten bewog, sich der Operation zu unterziehen. Ich fragte mich, warum mein Vater dem Mann nicht die Wahrheit sagte. Er hatte es nicht nötig. Und dann wollte er dem Kranken die Aufregung ersparen. Nicht als Menschenfreund – das habe ich bei anderen Fällen oft genug gesehen. Einfach als Okulist, der weiß, daß bei starken Aufregungen fast augenblicklich auch das bis dahin gesunde Auge an Glaukom erkrankt. Mein Vater ließ sich diesmal von der jungen Ärztin unterstützen. Ich hatte nur dabeizustehen – und ihn zu bewundern. Die Ausschneidung der Iris war infolge der Entzündung schwierig auszuführen. Nach der Operation machte mich mein Vater unter vier Augen auf die Klippen dieses Eingriffs aufmerksam. Der Operateur muß sich hüten, die vordere Kapsel der Linse, die unmittelbar der Iris anliegt, auch nur im geringsten zu verletzen. Die kleinste unvorsichtige Bewegung des Kranken oder das leiseste Zittern der Hand des Operateurs genügen vollauf, um das Auge zu vernichten, denn die Linse, deren Kapsel angerissen ist, quillt auf, vermehrt den Druck im Auge wie ein aufgequollener Schwamm in einem Necessairebeutel, und das Auge ist verloren. Aber das war nur eine Gefahr unter vielen. Blutungen aus der Iris waren ebenso unangenehm. Die Wundränder schlossen sich überhaupt nicht leicht infolge der stärkeren Spannung des Auges. Heilt aber die Wunde dann unter Einlagerung eines Zwischengewebes, ist das Auge gleichfalls unbrauchbar und gefährdet. Wie oft bewunderte ich meinen Vater mit seiner zauberhaft leichten Hand, seinem untrüglich sicheren Blick, seiner unerschütterlichen Ruhe! ›Wie hast du es zustande gebracht, außer deiner Berufsarbeit dich uns zu widmen? Wie kann man überhaupt neben einer solchen Arbeit etwas anderes im Auge behalten?‹ ›So habe ich auch im Anfang gedacht‹, sagte er bescheiden, ›aber in allem kommt die Gewohnheit, das ist nur natürlich. Vieles gelingt, alles nicht. Aber verantworten mußt du alles – und mit Geld ist es nicht immer bezahlt, verstehst du das jetzt? Aber was war mit dir in der letzten Zeit?‹ ›Verlaß dich auf mich‹, sagte ich, ›es ist alles wieder gut.‹ Mein Vater sah mich freundlich an. 3 Zu dieser Zeit bestand ein fühlbarer Mangel an Ärzten. Ein junger, arbeitsfähiger und arbeitswilliger Mensch war an meinem Platz notwendig, und zum erstenmal in meinem Leben hatte ich das Gefühl, daß ich eine Lücke ausfülle, daß ich hier fehlen würde, wenn ich eines Tages stürbe. Mein Vater wurde bald viel zufriedener mit mir. Im Anfang hatte ich beim besten Willen im Dienst nicht immer seinen strengen Forderungen entsprochen. Die Heilkunst, wie ich sie von den Vorlesungen her kannte, und die Arbeit, die dann tatsächlich geleistet werden mußte – die Fülle von Kenntnissen, die man sich angeeignet zu haben glaubte –, und die ersten Ansätze zu verantwortlicher Tätigkeit: an diesen Gegensatz mußte man sich langsam gewöhnen, heranarbeiten, und das um so schwerer, als es jetzt, im vierten Kriegsjahre, an der Schwelle des fünften, an dem Notwendigsten zu mangeln begann. Nahrung, Kohle, Kleidung, Edelmetall, Medikamente, Seife etc. – alles fehlte. Ich war nicht übertrieben glücklich bei dieser Arbeit. Aber ich mühte mich ab, zufrieden zu werden, und dies gelang mir. Ich war nicht selig in Vallys Gegenwart, bei dem engeren Zusammenleben, wie es sich in der Villa als selbstverständlich herausstellte. Aber Vally ersparte mir alles Peinliche. Es kostete sie große Anstrengung, in mir ebenso den Kameraden zu sehen wie ich in ihr. Aber es schien, daß es uns beiden gelang. Ich war gesund, ich war viel beschäftigt, der Krieg näherte sich gottseidank seinem Ende, das alle ausnahmslos leidenschaftlich herbeiwünschten. Ich hielt mich an das Sichtbare . An meinen Beruf, an meine Familie, an die offenkundige Besserung der politischen Weltlage, die jetzt unverkennbar dem ewigen Frieden zustrebte, dem Nie-wieder-Krieg, also einem neuen, von brutaler Gewalt freien Leben aller Völker in Europa. Mein Vater war nicht mehr der Gleiche. Er ermüdete oft. ›Es war höchste Zeit, daß ich dich in die Lehre nehmen konnte‹, sagte er mir einmal beim Heimweg von einer Operation. ›Ich werde langsam alt, und bevor ich abgehe, möchte ich wenigstens einem Menschen die vielen kleinen Kniffe beigebracht haben, die ich mir in unserem Fache nur durch schmerzliche Erfahrungen habe verschaffen können.‹ Ich sah ihn zweifelnd an, denn ich glaubte, daß er schon als Meister auf die Welt gekommen sei. Er verstand mich, ging aber nicht darauf ein. ›Wenn ich dir vielleicht sonst nichts, nichts Greifbares vererben kann‹, sagte er, ›so könnte dies dein Erbe sein – und du siehst, dieses Handwerk nährt immer noch seinen Mann.‹ Zwar hatte ich meinen Beruf bis jetzt nicht als Handwerk, das seinen Mann nährt, angesehen, aber nun wollte ich ja praktisch werden, die Tatsachen nehmen wie sie waren und mich dem Sichtbaren ergeben. Ich liebte Eveline immer noch, ja ich fühlte, daß ich niemals mehr jemanden so lieben könnte wie sie. Selbst mein Gefühl für meinen Vater verblaßte hinter der Erinnerung an sie – und doch, wie wenig kannte ich sie! Ich hatte zwar ihre Karte erhalten, sie hatte mir geschrieben: Schreibe bald! , aber ich schrieb nicht. Ich redete mir ein, sie wollte damit gesagt haben, daß sie selbst mir ausführlicher schreiben würde. Ich sagte mir, ich dürfe nicht zudringlich sein. Ich wiederholte mir, daß sie in einer ausgezeichneten Ehe lebte, daß sie nie Unzufriedenheit mit ihrem Mann ausgedrückt hatte. Ich durfte also diese Ehe nicht stören. Sie war leidend. Ich hatte in jener Nacht, als ich mich dem Sichtbaren zuerst wieder zugewandt und die Bücher über Augenheilkunde studiert hatte, auch einen Blick in das Lehrbuch über innere Krankheiten getan und das Kapitel Lungentuberkulose aufgeschlagen. Es gab keine ganz leichten, ganz gefahrlosen Fälle. Aufregungen waren Gift, äußerste Schonung war eigentlich das einzige Mittel. Ein solcher Mensch sollte nicht leidenschaftlich lieben. Eine solche Frau durfte keine Kinder bekommen, und wenn sie sie dennoch bekam, sie nicht nähren. Sie brauchte eine sorgenfreie Existenz, und diese konnte ihr ihr sehr reicher Mann gewähren, er konnte sie nach Friedensschluß in den Süden, aber schon jetzt in die Schweiz nach Davos schicken. Ich war arm, ich war von meinem Vater abhängig, ich hatte eine monatliche Pension als Schwerkriegsverletzter von hundertsechsundvierzig Kronen, und diesen Betrag lieferte ich meiner Frau ab – bis auf mein kleines Taschengeld für Zigaretten –, damit sie die Ausgaben für unseren Jungen mit diesem Geld bestreite. Du mußt auf Eveline verzichten, sagte ich mir, stolz, auf etwas verzichten zu können. Du bist in einer katholischen Ehe unlösbar gebunden, wie sie auch. Schreib ihr nicht, denke nur an sie, bleibe ihr im Geiste immer gut und treu. Ich wollte nichts mehr von einer Erinnerung an sie wissen, bei der ich mich als die Zigarette zwischen ihren Lippen gefühlt hatte, ich wollte sie auch nicht mehr in meinen Armen durch eine Flamme verzehren. Ich wollte nicht ihre Ehe brechen und etwas stehlen, das ich nicht verstanden hatte, zu seiner Zeit zu gewinnen, denn ich glaube, mein verehrter Oberst, ihr Vater, hätte sie mir nicht verweigert, wenn ich um sie auf dem Gut angehalten hätte. Nun war ich aber schon als zwanzigjähriger Mensch nicht frei gewesen. Ich hatte nun einmal mein Kind. Auch dieses Kind gehörte zur sichtbaren Welt. Es wuchs schnell heran, es war bald ein fertiger Mensch. Mein Sohn war nicht mehr so scheu mir gegenüber. Er vertraute mir mit der Zeit seine Meinen Sorgen an. Mit meinen Geschwistern vertrug er sich schlecht, aber er prügelte sich nicht mit ihnen herum, wie ich es in seinem Alter getan hatte. Er aber beherrschte sich und betete viel. Er erhielt eine streng religiöse, fast bigotte Erziehung, er stand unter dem Einfluß der beiden Frauen, Vallys und meiner Mutter, und dadurch unter dem Einfluß der Geistlichen, die ihnen in allen Lebenslagen rieten. Ich hatte mich bis jetzt gehütet, auf seine Erziehung Einfluß zu nehmen. Ich sah Konflikte voraus, ich wollte den häuslichen Frieden, die Ruhe im Familienkreis nicht stören. Kein Tag, keine Stunde verging, wo ich nicht an Eveline gedacht hätte, denn trotz meines großartigen Verzichtes konnte ich das Gefühl nicht loswerden, es stünde uns beiden noch etwas Unbeschreibliches bevor. Aber ich sehnte es nicht mehr heran, ich fürchtete es. Ich hatte Angst, es könnte jetzt dieser Brief von ihr kommen. Wenn das Telephon anschlug, zitterte ich davor, sie könne es sein, und dabei waren es nur die üblichen Anrufe aus dem Lazarett, von wo die diensthabende Ärztin Bericht erstattete, oder es war ein praktischer Arzt, der meinen Vater zuzuziehen wünschte. Mein Vater fuhr oft noch abends zu den Kranken, manchmal, in einfachen Fällen, sandte er mich; denn er war jetzt abends oft sehr müde. Er blieb lieber daheim und sah dem Bad und der Nachttoilette seines jüngsten Kindes mit einer so ungeheuren Freude zu, daß ich ihn beneidete. Auch ich hatte ein Kind, aber ich hatte sein Heranwachsen und die vielen kleinen Sorgen jedes Tages nicht mit ihm erlebt – und vielleicht war dies der Grund, weshalb ich meinen Jungen nicht sehr liebte. Ich achtete ihn, mir gefiel sein gerades, aufrichtiges Wesen, das er von seiner Mutter hatte. Von mir hatte er wohl nur wenig. Ich erkannte mich nicht in ihm wieder. Aber oft spielten wir alle zusammen, und selbst mein Vater schloß sich nicht aus. Meine Frau hatte von unserem gemeinsamen Wohnen in der Villa etwas für sich erwartet, sonst hätte sie sich nicht soviel Mühe gegeben, es behaglich und friedlich und gefällig zu machen. Sie selbst war ja stets mit dem Geringsten zufrieden. Aber konnte ich lügen? Und konnte sie meine Lügen für wahr nehmen? Ich ließ es gar nicht darauf ankommen. Ich wich ihr aus, wie ich bis jetzt Eveline ausgewichen war – und meine Arbeit nahm mich noch mehr in Anspruch als bisher. Beim Spielen mit meinen Geschwistern und meinem Jungen in ihrem Kinderzimmer war mir ein Einfall gekommen. Ich hatte ihren, jetzt sehr kostbaren Gummiball aufgefangen, und ich preßte ihn zufällig an mein Handgelenk, an dem ich eine billige Armbanduhr, ein Geschenk meiner Frau, trug. Der Ball war alt, nicht mehr ganz prall, und er plattete sich daher leicht an. Dabei dachte ich – an das menschliche Auge, dessen Druck zu prüfen so schwierig war. Auch das Auge war ein Ball, und man mußte entweder mit einem festen Gegenstand eine Delle von bestimmter Größe an ihm erzeugen, oder dieser Augenkugel eine andere elastische Kugel entgegenhalten und deren Druck solange steigern oder nachlassen, bis sich die beiden Bälle ›nichts taten‹, und aus dem Druck des zweiten Balles konnte man leicht den Innendruck des ersten berechnen. Ich sprach am nächsten Tage mit der Ärztin darüber. Sie fand den Einfall nicht so aussichtslos, wie ich gefürchtet hatte, denn aus Angst, meinem Vater mit etwas ›Unnützem‹ zu kommen, hatte ich ihm die Sache verschwiegen, und das Kinderzimmer war ja auch nicht der geeignete Ort für eine wissenschaftliche Diskussion. Die junge Ärztin stammte aus einfachen, aber sehr gebildeten Kreisen. Sie war Waise. Ihr Onkel war Mechaniker am Institut für experimentelle Physik und als solcher ein Meister im Anfertigen von wissenschaftlichen Modellen und Meßgeräten. Sie wollte mit ihm sprechen. Wir trafen uns zu dritt und brachten ein Modell zustande, das im Anfang noch zu schwerfällig war, um mit einem so empfindlichen und zarten Widerstandsorgan wie es die Hornhaut des menschlichen – und gar des kranken! – Auges ist, in Verbindung gesetzt werden zu können. Aber wir konnten ein neues Modell herstellen und dann ein drittes, da die Bestandteile fast nichts kosteten und selbst in dieser furchtbar armen Zeit zu haben waren. Diese Zeit war so arm, daß es am Notwendigsten fehlte, zum Beispiel an Seife, um mein jüngstes Schwesterchen zu baden. Mein Vater hatte in dem Lazarett in seiner Abteilung eine kleine Menge guter Seife zur Verfügung für seine Kranken. Er nahm heimlich etwas mit, um dem kränklichen Kind ein ordentliches Bad verschaffen zu können. Ich fand es nicht recht, sagte aber nichts. Als er am nächsten Tage sich wieder eine Quantität der kostbaren Seife ausfolgen ließ, um sie Judith mitzubringen, die es einfach nicht ertrug, daß jemand etwas hatte, das sie entbehren mußte, wagte ich Widerspruch. Mein Vater maß mich mit bösem Blick, dann verzerrten sich seine schmalen Lippen zu seinem alten undurchsichtigen Lächeln, er murmelte ›Ersatzchristus!‹, und da gerade die Ärztin eintrat, hielt ich still, denn ich hätte um alles in der Welt meinen Vater vor fremden Personen nicht bloßstellen mögen. Vielleicht hatte er recht. Er half sich und den Seinen, wie er konnte. Ich wollte doch sein Schüler sein! Ich wollte, wie der gute Briefträger es mir im Walde zwischen Puschberg und Goigel vorgeschlagen hatte, aus meinem Herzen einen Strohsack machen. Ich wollte endlich sein wie alle. Er hatte Erfolg gehabt, hatte sich aus den kleinsten Anfängen zu einer höchst geachteten Stellung – trotz der Untersuchung wegen Bestechung – emporgearbeitet, und wenn ich mein Leben betrachtete, mußte ich mir sagen, daß ich ihm alles verdankte. War wäre ich ohne ihn gewesen? Vally hatte mich nicht vorwärts gebracht, Eveline war ein schöner Schatten, ihr Vater war tot, Perikles war und blieb unter den Irren. Mein Vater hatte mich zu seinem Nachfolger, zu seinem Erben in seinem Fach, zu seinem Stellvertreter für den Fall seines vorzeitigen Hinscheidens bestimmt, hier hatte ich Fuß zu fassen, hier mußte ich bleiben, er war für mich die Obrigkeit, und die Obrigkeit hatte immer recht, wie er sagte, denn wer wollte sie hindern? So war es bald allgemein im Krankenhaus bekannt, daß er sich widerrechtlich kleine, oder sagen wir, mäßige Mengen von Dingen aneignete, die für die Kranken bestimmt waren und vom Roten Kreuz aus den neutralen Ländern mühsam eingeführt worden waren, und jeder schien damit einverstanden. Ich wollte es ihm gleichtun. Er hatte vor, den Spätsommer in Puschberg zu verbringen, oder vielmehr Judith wollte es. Ich sollte ihn vertreten und hier bleiben. Ich tat es gerne, denn dann brauchte ich eine Zeitlang meine Frau nicht zu sehen. Vorher aber wollte ich meinen Freund Perikles aufsuchen. Mein Vater gab mir einen Tag frei. Dieser Tag genügte zur Hin- und Rückreise und zu einem Aufenthalte von einigen Stunden am Bette meines Freundes. Ich wollte ihm etwas mitbringen. Ich wußte, daß solche Anstalten es schwer hatten, ihre Pfleglinge gut durchzufüttern. Ich hätte mir daher gern Butter oder Schmalz verschafft. Man erhielt diese Dinge im Schleichhandel zu hohen Preisen, ebenso wie Seife, Mehl oder Stoffe auch. Mein Vater hielt es aber für völlig ausreichend, wenn er mir das Reisegeld ›vorstreckte‹. Von meiner Pension konnte ich nichts abzwacken, sie reichte kaum für die Bedürfnisse meines Jungen. Ich mußte also auf Butter oder Schmalz verzichten. Im Krankenhause war eben eine große Kiste Zucker angekommen. Jeder Arzt erhielt für seinen Bedarf ein halbes Pfund. Aber auf dieses halbe Pfund hatten meine Frau und der Junge gerechnet. Sollte ich also mit leeren Händen bei meinem Freund ankommen? Ich weiß nicht, ob ich nicht auch ›ein Händchen voll‹ gestohlen hätte. Die Ärztin ersparte mir diese Niedertracht und schenkte mir von ihrem Anteil ein paar Stückchen. Ich reiste Ende August 1918 zu meinem Freund Perikles. Die Anstalt, die ich von meiner Kindheit her so klar in Erinnerung hatte, zeigte sich in Wirklichkeit ganz anders. Die schönen Tannenbäume standen noch, aber das Haus war etwas verfallen. Anstelle der jungen Beamten, Ärzte und Pfleger gab es meist ältere. Nur der Leiter, Mohrauer, war der gleiche geblieben, ich erkannte ihn noch, es war derselbe, der meinen Vater vor vielen Jahren in der Winternacht bis zum Ausgang begleitet hatte. Er führte mich sofort zu meinem Freund. Ich sah einen leichenblassen, abgemagerten, schielenden Mann mit struppigem Vollbart, die blassen Lippen voller Speichel, denn die Zunge war zwischen ihnen. Er erkannte mich nicht. Vielleicht sah er nichts mehr. Ich weiß es nicht. Ich wollte nicht fragen. Teilnahmslos lag er in einem etwas schmutzigen grauweißen Krankenflaus auf einem Ruhebett. ›Er will ein weltberühmter Philosoph sein‹, sagte der Chef, ›aber kein Mensch hat sein Geschreibsel gelesen, und wer es gelesen hat, versteht es nicht.‹ Ich wandte ein, daß er doch große Gelehrte und Professoren zu Gönnern gehabt habe. ›Alles Größenideen! Es hat sich nur ein altes Weiblein um ihn gekümmert, sie läßt noch jetzt Messen für ihn lesen, die Pension für ihn aber ...‹ Er vollendete nicht. Mein Freund hatte aufgemerkt, er steckte seine Zunge ein. Ich trat zu ihm, beugte mich über ihn, über sein Gesicht, versuchte den weichenden Blick festzuhalten. Vielleicht erkannte er mich doch? Ich rief ihn an, ich drückte seine magere weiße Hand. Vergebens. Ein häßliches Geräusch ertönte. Er hatte wild mit den Zähnen zu knirschen begonnen. ›Sie interessieren sich für ihn? Eine alte Jugendfreundschaft? Das kann ich verstehen. Als psychiatrischer Fall ist er trivial. Gestern hat er gemummelt, er sei Goethe und Napoleon in einer Person, und als sei das noch nicht genug, hat er gesagt: ›und vor allem Christus!‹ Dafür faselt er nicht von Millionen und will nicht der allerkaiserlichste Generalissimus sein, wie die meisten Paralytiker jetzt im Kriege. Aus Geld und Rang macht er sich eben nichts. Auch in den Ruinen sieht man die Spuren dessen, was gewesen ist.‹ ›Perikles! Perikles!‹ rief ich ihm zu. Ich konnte mich von ihm nicht trennen. ›Lassen Sie ihn, Kollege, regen Sie ihn nicht auf!‹ sagte der Chef. ›Ich habe keinen Freund außer ihm‹, sagte ich trübe. ›Wir müssen alle Sterben‹, sagte der Chef philosophisch, ›einer so, der andere anders.‹ ›Aber er leidet so!‹ ›Vielleicht. Sie glauben? Man weiß es nicht. Schließlich bleibt es sich gleich. Der klinische Ablauf ist derselbe. Leiden? Wer fragt uns, ob wir leiden wollen? Nehmen Sie Abschied von ihm!‹ ›Gleich, sogleich!‹ sagte ich, holte die achtzehn Zuckerstückchen aus der Papiertüte heraus und legte sie auf ein Tellerchen. Perikles hatte aufgeblickt. Er hatte zu knirschen aufgehört. Er begann zu lachen und zeigte seine immer noch schönen Zähne. Dann holte er sich ein Zuckerstückchen nach dem andern und zerbiß es voll Lust. Der Chefarzt begleitete mich zum Ausgang wie einst meinen Vater und, wie damals ihm, dankte er jetzt mir, daß ich gekommen war. 4 Der alte Mohrauer der geschlossenen Anstalt in B. hatte mich beim Abschied gefragt, ob ich keinen jungen Doktor kenne, der bereit wäre, eine Assistentenstelle bei ihm anzunehmen. Wenn er verheiratet sei, wäre es kein Hindernis. Hatte er an mich gedacht? Er wußte aber, daß ich in der Schule meines Vaters war, und hatte mir auch Grüße an ihn aufgetragen. Ich war nicht glücklich in dieser Schule. Aber ich entsann mich eines Wortes meines armen Freundes, das er mir einmal zu Beginn seiner Universitätsstudien gesagt hatte: Der Mensch hat nicht glücklich zu sein. Wenn ich an ihn dachte, an sein stumpfes, entseeltes, ausweichendes Auge, an sein schmutzigweißes Krankengewand, an den seelischen Tod im lebendigen Leibe, an den Hunger, den dieser elende Leib litt – da kam ich mir selbst beneidenswert vor. Ich kehrte voll neuer Lebenskraft in die Schule meines Vaters zurück. Ich glaubte, ich hätte den besseren Teil meines Lebens noch vor mir und wollte haushalten mit ihm. Auf der Heimreise überlegte ich, ob man nicht noch eine dritte Methode finden könne, den Augendruck zu messen. Mir schwebte ein Apparat vor, der von rechts und links her den Augapfel umfaßte und festhielt. Wenn man diesen Apparat belastete, wie man eine Briefwaage belastet, würde der Druck von rechts und links den Augapfel zusammenpressen (in winzigem Ausmaße natürlich), und aus der Kraft, die nötig war, um eine bestimmte Änderung der Krümmung der Hornhaut zu erzeugen oder auszugleichen, ließe sich der Augendruck messen. Noch während der Reise kam mir der Haupteinwand. Ein solcher Apparat setzte voraus, daß die Hornhaut durchsichtig und normal war. Er war also nicht allgemein verwendbar. Aber wenn man sich damit begnügte, ihn als Hilfsapparat bei Operationen zu verwenden? Daß sich der Augapfel trotz den strengen Mahnungen des Operateurs doch immer ein wenig bewegte, wie oft kam es vor und wie sehr erschwerte es jeden Eingriff! Die Schnitte waren an sich sehr klein, jeder halbe Millimeter konnte entscheiden. Ängstliche Patienten oder Kinder, bei denen der Operateur unvorhergesehene Bewegungen des Auges fürchten mußte, konnten nur in der Narkose operiert werden, und dies war nicht einfach, da der obere Teil des Gesichts unbedingt keimfrei zu bleiben hatte. Sonst konnte man sich damit begnügen, das Auge – nicht die Iris! durch Kokain unempfindlich zu machen. Ich kam also mit neuen mutigen Plänen daheim an. Mein Vater hörte mir nur zerstreut zu. Er war im Begriffe, mit der ganzen Familie zu verreisen. In der Privatklinik blieben nur einfache ›Nachbehandlungen‹ zurück, und im Krankenhaus sollten die Ärztin und ich uns in die Arbeit teilen. Kaum war meine Familie abgereist, als ich einen Brief von Eveline empfing. Es war ein Glück, daß ihn meine Frau nicht in die Hand bekommen hatte. Mir klopfte das Herz bis an den Hals, ich empfand Angst und eine schwere wollüstige Beklemmung, es tat mir wohl und wehe, das Unentrinnbare näher kommen zu fühlen. Nie hatte mir Eveline seit ihrer Verheiratung einen langen Brief geschrieben, nun hielt ich ihn in den Händen und konnte, ohne von meiner ungeliebten Frau gestört zu werden, ihn lesen. Mein Vater war auf Wochen verreist, ich war frei. Vielleicht konnte Eveline kommen, vielleicht wollte sie es. Aber ich wollte es nicht. Es widerstrebte mir, Vallys Abwesenheit auszunützen. Ich öffnete den Brief nicht. Ich zwang mich unter Aufgebot aller meiner Kräfte dazu, diesen Brief in ein anderes Kuvert zu geben und dieses zu versiegeln mit einem Petschaft, das ich vom Schreibtisch meines Vaters nahm. Manchmal überkam mich freilich auch eine andere Angst, nämlich die, daß in dem Briefe keine Liebeserklärungen, sondern Krankheitsberichte stehen könnten. Ich wußte doch durch Jagiello, daß Eveline nicht gesund war, daß ›sie aus dem Fieber nicht heraus kam‹. Aber konnte ich ihr helfen? Selbst wenn wir miteinander hätten unbeschreiblich glücklich werden können, war dieses Glück für sie lebensgefährlich. Ich redete mir ein, ich sei ein großer Menschenfreund, wenn ich ihren Brief ungelesen ließ, und zweifelte doch im innersten Grunde an mir. Die Ärztin nahm in dem Krankenhaus mit unserem Apparat die ersten Messungen an den Augen vor. Auch jetzt war dieser Apparat (es war das vierte Modell) noch sehr unvollkommen. Aber ich begann mich in der Augenheilkunde heimisch zu fühlen, und nachdem ich der Ärztin bei vielen schwierigen Operationen assistiert hatte, obgleich es mich anfangs demütigte, als älterer Mann von neunundzwanzig Jahren mich einem jungen Mädchen unterordnen zu müssen, überließ sie mir bald einfachere Eingriffe, die einigermaßen gelangen. Ich erfuhr zum erstenmal, was es heißt, für einen Kranken verantwortlich zu sein. Oft kam ich noch nachts an das Krankenbett, um mich zu überzeugen, wie es dem Kranken ging. Wir legten nach den Eingriffen meistens Verbände an, in welche kleine Drahtgitter eingebaut waren. Wie oft habe ich sie befühlt, um mich zu überzeugen, daß sie trocken waren, daß keine ungewöhnlichen Schmerzen bestanden. Allen Kranken war es verboten, nach der Operation etwas Festes zu kauen, da die Kaubewegung das Auge erschüttert, das so sehr der Ruhe bedarf. Aber wenn die Kranken, ausgehungert wie sie waren, an dem bißchen Rübenmus und Kartoffelbrei, dem einzigen, was man ihnen jetzt reichen konnte, nicht genug hatten und sich mit ihren Händen in die Schubfächer der Nachtkästchen tasteten, wo harte, trockene Maisbrotrinden aufgespart lagen, wie schwer war es, sie zur Vernunft zu bringen. Der Krieg dauerte zu lange. Die Menschen waren zu verzweifelt. Mein Vater kam zurück. Er war mißgestimmt. Jetzt begann er doch am Endsieg zu zweifeln. Er schloß sich, mit Vally ein, und beide besprachen, wie man das Vermögen retten könnte. Aber er war eigensinnig. Er gab Vally zwar recht – und wie es sich nachher zeigte, hatte sie recht –, er tat aber doch, was er wollte. Vielleicht aus Widerspruchsgeist oder weil er einfach immer herrschen mußte. Mich hatte er nur kühl begrüßt. Im Krankenhaus hatte er allerhand auszusetzen gefunden, was mich sehr traurig machte. Aber die Ärztin tröstete mich. Es war seine Gewohnheit. Nie hatte einer seiner früheren Assistenten nach den großen Ferien ein gutes Wort von ihm erhalten, wenn er die laufenden Angelegenheiten in seine Hände zurückgab. Nun tröstete auch ich mich. Aber wir kamen aus den Aufregungen nicht heraus. Im Oktober wurde der Verfall der Monarchie offenbar. Die österreichischen Nationen, Ungarn, Tschechen, Kroaten und Serben etc. machten sich frei. Übrig blieben bloß die deutschen Kernlande. Polen sollte ein selbständiges Reich werden, Königtum oder Republik, man wußte es noch nicht. In Rußland herrschte die Revolution, auch bei uns bildeten sich Arbeiter- und Soldatenräte. Sie bestanden in jeder Fabrik, in jedem Institut, in jedem Mietshaus, Amt, Krankenhaus, in jeder Gemeinde. Mein Vater empfing die Räte des Krankenhauses. Ich war dabei, als er von dem wohlverdienten Untergang der sterbensreifen Monarchie und dem Siegeszug unserer neuen sozialistischen Zeit sprach. Ja, er scheute nicht davor zurück, mich zum Exempel heranzuziehen: ›Ich habe die soziale Frage‹, sagte er mit seinem undurchsichtigen Lächeln zu den kleinen ›roten‹ Angestellten, die jetzt eine große Rolle spielten, in meiner Familie individuell gelöst. Mein ältester Sohn hat eine Frau der dienenden Klasse geheiratet, und wir alle haben stets Beweise der sozialen Gesinnung gegeben‹, etc. Das Wort sozial kam jetzt ebensooft vor, wie früher das Wort von der Obrigkeit. Ich sah, wie die kleinen Leute seinem Zauber unterlagen. Sie beteten ihn noch mehr an als zuvor und wählten ihn in die wichtigsten Verbände. Mein Vater verhöhnte die Roten, wenn er mit uns allein war, und prophezeite ihnen noch böse Tage. Mich überkam ein so bitteres Gefühl, daß er es bemerkte. ›Sieh mich nicht so böse an! Ich bin verantwortlich für euch alle, und ihr werdet sehen, daß ich recht habe!‹ Nicht, daß die soziale Frage jetzt bei ihm im Vordergrunde stand, warf ich ihm vor, sondern daß er seine Ansichten über das vergangene Reich und die Regierungsform so schnell geändert hatte. ›Alles trägt seinen Lohn‹, versprach er uns. Mir lag nichts an einem Lohn, mich schmerzte es, daß das ganze Reich von den früheren Feinden nicht nur besiegt worden war, sondern daß man es sehr tief demütigte. Dies war unnütz. Ich erfuhr es bald, was er damit sagen wollte: Alles trägt seinen Lohn. Wir bewohnten das große Haus, die riesige Villa. Wir waren eine zahlreiche Familie, wir brauchten eine Menge Dienstpersonal. Gut. Mein Vater hatte seine Sprechstunde in den Parterreräumen, wir hausten in den zwei Stockwerken. Es war November, Dezember, es wurde kalt, wie sollte man die vielen Räume heizen? Die Kinder mußten es warm haben, meine zarte Mutter auch. Mein Vater löste diese Schwierigkeiten spielend leicht. Er beantragte für die Villa eine große Menge Kohlen auf Karten. Er sagte, sein Sprechzimmer sei auch mittellosen Kranken geöffnet, sein Haus diene gemeinnützigen Zwecken, und so erzielte er es, daß wir in diesem Winter immer behaglich gewärmte Räume hatten. Und ich sollte ihm nicht dankbar sein? Er und Vally versorgten uns mit Kartoffeln, mit Weizenmehl. Dies alles machte ihm keine Sorgen. Sorgen machte ihm nur die Kriegsanleihe, die er gezeichnet hatte und die gefährdet war. Noch konnte man sie gegen andere Wertpapiere austauschen. Aber er hielt starr daran fest. Es gab viel Arbeit. Die Armee war aufgelöst. Sie strömte unter ungeheuren Schwierigkeiten in ganz verelendetem Zustande zurück. Nie war das Sprechzimmer meines Vaters so gefüllt wie jetzt. Aber er schied nach wie vor zwischen gut zahlenden Kranken, denen er noch höhere Honorare abforderte als zuvor, und den minder bemittelten, die er bis gegen Schluß der Sprechstunde warten ließ – und dann mir überantwortete. Ich habe getan, was ich konnte, aber meinen Vater zu ersetzen, war ich nie imstande. Wir standen kurz vor Weihnachten. Von Jagiello hatte ich schon seit dem Waffenstillstand keine Nachricht. Er sollte in den letzten Tagen vor dem Waffenstillstand, nach Abschluß der Kämpfe, von den Italienern gefangengenommen worden sein. Sein Buch über ›Kinderarbeit in Industrie und Handwerk‹ hatte ich erhalten. Ich nahm es zur Hand, konnte aber nicht recht folgen und legte es zurück, um es während der Weihnachtsfeiertage zu studieren. Meine Frau bereitete mir eine ›Überraschung‹, ein für die damalige Zeit kostbares Geschenk, vor. Einen Pullover aus echter Wolle, an dem sie strickte. Als ich sie einmal dabei überraschte, sagte sie, das Ding unter der langen Tischdecke versteckend, es sei für unsern Jungen bestimmt. Aber mein Sohn hatte bereits zwei solche Kleidungsstücke und ich keines dieser Art. Meine Kleidung war so zerschlissen, daß man mich, wenn ich mich im Krankenhause ohne den weißen Mantel zeigte, für einen ›Kranken dritter Klasse‹ hielt. Aber die meisten Ärzte in den Anstalten hatten es damals schwer, viele noch schwerer als ich. Meinen Vater erkannte man natürlich von weitem. Er hatte einen herrlichen, mit Biber gefütterten Pelz mit einem breiten Persianerkragen, das Geschenk eines seiner dankbarsten Patienten. Er mußte seine Gesundheit erhalten, seine Kraft für die ärztliche Tätigkeit aufsparen. Er machte die Mode mancher reichen Menschen jener Zeit nicht mit, als Proletarier erscheinen zu wollen, und er hatte recht. Die geborenen Proletarier, mißtrauisch in ihrer neuen Macht, konnten genau unterscheiden, bei wem die Armut echt und bei wem sie angeschminkt war. Mancher brüstete sich damals, dem zu Grunde gegangenen Staat ein Schnippchen geschlagen, sich durch besondere List dem Dienst des alten Regimes entzogen zu haben. Mein Vater tat nichts dergleichen. Er blieb der, der er war, und ich begann mit ihm Frieden zu schließen. Er hatte Schwächen. Ich wollte lernen, ihn wegen dieser Schwächen nicht gering zu achten, sondern ihn mit diesen Schwächen noch viel mehr zu lieben. Wen hätte ich sonst lieben sollen? Meine Frau hatte Anspruch auf mich. Ich wußte es. Sie lebte nicht leicht. Sie war in der Vollkraft der Jahre eine Art Witwe. Sie näherte sich mir. Ich stieß sie nicht zurück, aber ich rührte mich ganz und gar nicht, ich konnte sie nicht zum zweiten Male lieben. Unser Zusammenleben hätte nie unterbrochen werden dürfen. Ihr Vater – auch er jetzt in italienischer Gefangenschaft – hatte ihr damals nicht gut geraten, als ich nach Puschberg zu Besuch zu ihr gekommen war. Ich begriff heute nicht mehr, daß ich mich damals hatte zu einer Jähzornstat hinreißen lassen, aber noch weniger begriff ich, daß sie mich hatte ziehen lassen. Ich hatte viele Tage in Goigel drunten gewartet und Karten gespielt. Sie hätte mich ein Wort wissen lassen können. In seiner Privatklinik nahm mein Vater alle Operationen bei den zahlenden Patienten vor. Er forderte dort so ungeheure Honorare, daß ich fürchtete, die Kranken würden ausbleiben. Das Gegenteil war der Fall. Im Krankenhaus teilten wir uns in die Arbeit. Mein Vater überließ der Ärztin und gelegentlich mir die schwierigeren Eingriffe, aber wir zitterten beide, wenn etwas fehlzugehen drohte. Denn mein Vater kannte dann keine Mäßigung. Er wurde jetzt so reizbar, wie wir ihn nie gekannt hatten. Es schien, daß der Stern der Kriegsanleihe im Sinken war, und daß er sich nicht damit abzufinden vermochte. Ich versuchte ihn zu beruhigen. ›Ja, du hast gut reden‹, sagte er. ›Du bist schon als Sohn eines reichen Vaters auf die Welt gekommen. Ich habe mein Geld im Schweiße meines Angesichtes verdient und soll es jetzt für diesen wurzelfaulen Jammerstaat Altösterreich geopfert haben? Habe ich diesen blöden Krieg verloren? Mir soll nichts bleiben, nichts?‹ Was sollte ich darauf antworten? – Kurz vor Weihnachten führte ich im Krankenhaus eine Irisoperation aus, die zum Glück gut verlief. Mein Vater prüfte den Verband, sah die Temperaturtabellen an, später untersuchte er das operierte Auge und fand nichts auszusetzen. Es befand sich zu dieser Zeit ein Kranker mit Glaukom in dem Krankenhaus, ein älterer Mann mit sonderbarem, scheuem Gesichtsausdruck, der seinerzeit in Fetzen gekleidet im Büro der Anstalt erschienen und auf die dritte Klasse, die Armenklasse, aufgenommen worden war. Er war ängstlich, schlief nicht ohne Schlafmittel, begehrte stets Dinge zum Essen, die wir ihm nicht verschaffen konnten, und fragte immer ungeduldiger, ob nicht bald der Professor, mein Vater, käme, ob er auch sicher sein könne, vom Professor eigenhändig operiert zu werden und nicht etwa von uns. Da sich mein Vater für Glaukom besonders interessierte, war anzunehmen, daß er auch diesen Fall selbst operieren würde, und so geschah es auch. Der Kranke war aber so aufgeregt, daß mein Vater eine leichte Narkose anordnete, die ich ausführte, während mein Vater das Messer führte. Ich hörte ihn, während meine Sorge natürlich vor allem der Narkose galt, mit der Ärztin und mit der Instrumentenschwester ungeduldig kommandieren, gegen seine Gewohnheit. Die Operation dauerte lange, ich mußte ein zweites Fläschchen Äther anbrechen. Endlich war der schwere Eingriff am linken Auge beendet, und der Kranke, von dessen Gesicht der scheue, fast verzweifelte Ausdruck kaum gewichen war, wurde vorsichtig auf einer Bahre in sein Bett gebracht, beide Augen verbunden, wie dies die Regel war. 5 Der von meinem Vater operierte Patient machte uns Sorgen. Wir wollten den Verband so spät wie möglich erneuern, um dem Auge Ruhe zu gönnen. Leider zeigten sich starke Schmerzen in dem anderen, bisher gesunden. Oder übertrieb der ungeduldige Kranke? Er war den Krankenschwestern verhaßt, weil er sich keiner Ordnung fügen konnte. Er herrschte sie bei Tag und Nacht an, als sei er ein großer Herr, gewohnt, eine Schar von Dienstboten zu seiner Verfügung zu haben. Die Ärztin und ich stifteten Frieden, so gut wir konnten. Mein Vater hielt sich lieber fern. Er wollte nicht viel von dem Mann wissen. Der Kranke aber wollte sich von niemand anderem behandeln lassen, keinem trauen als meinem Vater. Was sollten wir tun? Er empfing viel Besuch. Das war ihm schädlich. Mein Vater wollte aber nicht an sein Bett kommen und ein Machtwort sprechen. Der Kranke ließ sich von einem jungen, sehr elegant gekleideten Neffen, der angeblich in einem großen Auto vorgefahren kam, eine ausgedehnte geschäftliche Korrespondenz vorlesen, er diskutierte über seine Geschäfte, schwatzte von Millionen und Tausenden, störte die Nachbarn, die der Schonung bedurften. Entlassen konnte man ihn nicht. Seine beiden Augen waren gefährdet. Plötzlich kam zu allem noch sein aufgeregtes Klagen darüber, man habe ihn betrogen, belogen, man hätte sich an ihm vergriffen. Und warum das? Irgendjemand hatte erzählt – vielleicht ein boshafter Bettnachbar, um sich für die lästigen Ruhestörungen zu rächen –, nicht mein Vater hätte ihn operiert, sondern ich, sein Sohn, das unfähige Protektionskind, dem man die mittellosen Patienten ausliefere, damit ich an ihnen etwas lerne. Nun mußte mein Vater wohl oder übel zu ihm kommen. Denn der Kranke in seiner sinnlosen Aufregung drohte mit gerichtlicher Klage. Mein Vater erschien also. Aber er sagte nicht einfach: ›Ich habe den Eingriff vorgenommen und stehe dafür ein‹, sondern überging diese Tatsache, befahl dem durch die bloße Gegenwart eines Professors eingeschüchterten Kranken, der mit seinen beiden Händen sich am weißen Mantel meines Vaters festhielt, den er nur hörte, aber nicht sah, sich mucksmäuschenstill zu verhalten. ›Die Operation ist tadellos verlaufen, sage ich Ihnen, aber Sie sind in so fortgeschrittenem Krankheitsstadium hierhergekommen, daß man nicht auf hundert Prozent Heilung rechnen kann. Jetzt Ruhe, verstanden? Aber es ist noch nichts entschieden. Der Verband bleibt. Durch Ihr ungebärdiges Verhalten stellen Sie den Erfolg unserer Bemühungen in Frage, Sie schädigen sich selbst.‹ Ich sah meinen Vater lächeln wie immer. Ich zupfte ihn am Ärmel, mir lag daran, daß meine Schuldlosigkeit klargestellt würde. Mein Vater tat, als verstünde er nicht. ›Also Geduld! Morgen sehen wir weiter‹, sagte er zu dem Kranken, und dann im Korridor zu mir: ›Habe ich zuviel gesagt, wenn ich immer wiederhole, es geht hier manchmal über Menschenkräfte ...‹ Wir feierten in diesen Tagen den Weihnachtsabend im Kreis der Familie, von meinem Vater, dem Familienoberhaupt angefangen bis zu meinen jüngsten Geschwistern. Ich erhielt meinen Pullover, den ich sehr gut brauchen konnte, von Vally. Ich hatte noch vom Regiment her einen kurzen Schafspelz behalten, wie ihn die Patrouillen gebrauchten, wenn sie auf Wache zogen. Ich konnte ihn entbehren, da ich noch einen alten Winterrock besaß, und so hatte ich aus den guten Fellen für meine Frau ein Pelzjäckchen machen lassen, und sie strahlte über das ganze Gesicht. Nach der Feier blieben wir allein. ›Kann es denn nie anders zwischen uns werden, Lieber?‹ fragte sie mich. Ich schüttelte den Kopf. Ich streichelte dabei ihre kleine, aber gerötete und abgearbeitete Hand. ›Du siehst immer noch das alte Dienstmädchen in mir‹, sagte sie. ›Du weißt genau, es ist nicht so‹, antwortete ich. ›So liebst du vielleicht eine andere?‹ fragte sie und sah mich finster von der Seite an. Ich schwieg. ›Sprich doch, ich will es wissen.‹ ›Was kann es ändern?‹ ›Also ja oder nein?‹ ›Nein‹, log ich, denn ich wollte sie nicht kränken. ›Weshalb lügst du?‹ sagte sie böse. ›Ich habe Beweise.‹ ›Beweise? Ich habe dir nichts zu verbergen.‹ ›Und das? Und das?‹ schrie sie und holte den Brief Evelines hervor. Das Siegel auf dem ersten Kuvert war zerbrochen, auch das von Eveline stammende Kuvert war geöffnet. ›Du hast doch nicht einen fremden Brief gelesen?‹ fragte ich und fühlte, wie die große Jähzornswelle in mir hochstieg. ›Ich habe das Kuvert aus Versehen geöffnet.‹ ›Jetzt lügst du !‹ schrie ich. ›Es war versiegelt.‹ ›Mit Papas Petschaft. Hier, erkennst du es?‹ ›Aber das zweite Kuvert war verschlossen.‹ ›Ich habe als deine Frau das Recht, zu sehen, mit wem du in Verbindung bist. Würdest denn du‹, und sie packte mich brutal am Arm und schüttelte mich, ›würdest du es dir einen Augenblick lang überlegen, wenn du Briefe bei mir finden würdest? Ja‹, jetzt begann sie häßlich zu lachen, und ihre volle Brust spannte sich, ›du würdest es dir überlegen, denn was liegt dir an mir?‹ ›Beherrsche dich‹, sagte ich, ›unser Junge hört uns.‹ ›Und du glaubst, es ist ihm etwas Neues? Du glaubst, er weiß nicht, daß er ein Bankert ist?‹ ›Es wird kein Unterschied gemacht zwischen den Kindern hier im Hause‹, sagte ich. ›Kein Unterschied? Ja, weil ich mich bei Tag und Nacht abrackere und euch einen guten Dienstboten abgebe. Aber es ist aus. Mein Kind kommt in die Klosterschule in Vorarlberg, und ich gehe in Dienst.‹ ›Nun, so geh!‹ sagte ich voll Wut. ›Da hast du dein Geschenk‹, sagte sie und warf mir das Pelzjäckchen vor die Füße. ›Getragene Sachen mag ich nicht, und hier, da hast du deinen Liebesbrief!‹ und der Brief flog mir ins Gesicht. Ich hob ihn auf und legte ihn auf ein kleines Tischchen vor uns. Ich hätte sie erschlagen mögen, aber ich mußte mich des Abends in Puschberg und der Marmorplatte des Nachtkästchens entsinnen. Ich biß die Zähne zusammen und blieb ruhig. Ich sah, wie sie weinte. ›Was soll also geschehen?‹ fragte ich. ›Du mußt wieder mein Mann werden‹, sagte sie, so schnell getröstet, daß ich daran zweifelte, ob ihre Wut und ihr Haß echt seien – als ob ihr Haß und ihre Wut für mich ein Grund zur Freude gewesen wären! ›Nein, das kann ich nicht‹, sagte ich, ›denn ich sehe in dir nicht mehr die Frau, du bist sechs Jahre älter als ich, und ich kann mich nicht gegen meine Natur zwingen.‹ ›So, Natur?‹ sagte sie und furchte die Stirn, ›vielleicht hat er recht?‹ Sie hatte den Brief Evelines in die Hände genommen und riß ihn allmählich in immer winzigere Stücke, während sie, wie es ihre Gewohnheit war, mit sich selbst sprach. Wir hörten meine Mutter nach ihr rufen. Sie stand auf und schüttelte die Papierschnitzel von ihrem Rock in die Hand und legte sie dann auf das Tischchen, hob das Pelzjäckchen vom Boden auf und legte es sich über den Arm. Sie ging. Noch an der Tür wandte sie sich um und sagte: ›Komm mit, wir wollen es den Kindern nicht zeigen. Versteh mich doch, Liebster! Ich kann nicht anders. Ich liebe dich eben. Ich bin etwas älter als du, es ist wahr, aber so alt bin ich nicht. Ich habe noch etwas Lebendiges in den Adern, dafür kann man nicht.‹ ›Vally‹, sagte ich und hielt sie am Arme fest, ›Vally, was soll geschehen?‹ ›Nun, wenn du es wissen willst‹, sagte sie, und die alte böse Flamme brach aus ihren Augen: ›du mußt eben lernen zu verzichten.‹ › Ich ? Ich soll es lernen? Was tue ich denn sonst die ganzen Jahre? Habe ich denn eine Frau? Wofür lebe ich denn? Was gehört mir?‹ ›So, das ist dann prächtig‹, sagte sie, und ein bitterer, aber doch auch freudiger Hohn zeigte sich auf ihrem Gesicht, › du hast keine Frau, ich habe keinen Mann, passen wir dann nicht wunderbar zusammen?‹ Mein Sohn und Judith kamen herein. Meine Schwester fiel mir lachend um den Hals und küßte mich wild ab. Ich mußte tun, als erwidere ich ihre Zärtlichkeit, denn ich wollte den Kindern nicht zeigen, was zwischen meiner Frau und mir vorgefallen war. Wir gingen zum Abendessen nach unten. Nachher kam ich noch einmal in das Zimmer, um die Abschnitzel von Evelines Brief zu sammeln, aber sie waren versehwunden bis auf winzige Stückchen, die unleserliche Silben trugen. Ich schloß mich in einer unbenutzten Dachkammer ein und schrieb, in der Kälte mit den Gliedern zitternd, einen kurzen aufrichtigen Brief an Eveline. Von einem Wiedersehen schrieb ich nichts. Ich berührte die Zukunft nicht. Aber ich sagte, was ich ihr immer hatte sagen wollen, und was sie übrigens sicherlich schon lange gewußt hat. Dieser Umstand beruhigte mein Gewissen. Nach den Feiertagen stellte es sich heraus, daß der Patient, der uns soviel Ungelegenheiten gemacht hatte, ein sehr reicher rumänischer Großkaufmann war. Sein Zustand hatte sich jetzt zum Glück sehr gebessert, und bald kündigte sich seine völlige Genesung an. Er war griechisch-orthodoxer Religion und versprach, Gott für seine Hilfe zu danken und für seinen Hausaltar neue, kostbare Heiligenbilder, Ikonen, anzuschaffen. Mein Vater erfuhr, daß der Kranke seine Armut nur vorgetäuscht hatte, um sich unentgeltlich von ihm operieren zu lassen, und er, der bis jetzt gezögert hatte, sich zu der Operation zu bekennen, trat an das Krankenbett und forderte den Mann auf, sofort das Krankenhaus zu verlassen. ›Ich reiche eine Klage gegen Sie ein, Sie haben einen Betrug verübt, eine Vorspiegelung falscher Tatsachen.‹ ›Deshalb bleibe ich Ihnen doch dankbar‹, höhnte der Kranke. ›Ich werde den guten Ruf Ihrer Wunderhand in meiner Heimat weiterverbreiten. Von hier muß ich also fort? Gut!‹ Mein Vater war blaß, aber er sagte nichts. Ich, der diese Abteilung des Krankenhauses führte, konnte es nicht gestatten, daß der Mann jetzt schon austrete. ›Vorläufig bleiben Sie hier‹, sagte ich. Mein Vater zog sich stumm zurück. Eben trat der Neffe des Kranken ein. ›Schreibe ihnen einen Scheck auf zweihundert Kronen aus‹, sagte der Patient. ›Bitte, Herr Doktor, überbringen Sie diesen Scheck als kleine Aufmerksamkeit Ihrem Vater. Nein, sagen wir lieber, zweihundertfünfzig.‹ Ich brachte das Papier meinem Vater. Ich hatte geglaubt, mein Vater würde den Scheck in kleine Stücke zerrissen dem reichen Betrüger zurückgeben. Ich hatte sogar begonnen, das Papier zu zerreißen. ›Was fällt dir ein, Kind‹, rief mein Vater und nahm es mir lachend aus der Hand, ›wir werden dem Schuft dieses Geld doch nicht schenken.‹ ›Behalten kannst du es nicht, es verstößt gegen die Krankenhausordnung.‹ ›Du hast recht‹, sagte er, ›aber mir ist unlängst ein Bettelbogen unter die Finger gekommen, eine wohltätige Sache, ich glaube, für die Weihnachtsbescherung hier im Hause. Ich denke, der Bogen muß sich hier noch herumtreiben. Was denkst du, ob es nicht am praktischsten ist, ich zeichne zweihundertfünfzig Kronen und zahle sie mit diesem Scheck? Dann kann niemand einen Stein nach mir werfen. – Als ob man sich nicht genug geopfert hätte für diese undankbare Bande! Eigentlich imponiert mir dieser rumänische Schweinehändler. Man kommt eben nicht anders zu Geld. Besitz heißt Kampf. Das mußt du erst lernen, mein lieber Sohn!‹ Und er glättete sorgfältig den zerdrückten und an einer Ecke eingerissenen Scheck. – Ich kehrte an die Krankenbetten zurück und versah meinen Dienst wie immer. Es war mir in letzter Zeit aufgefallen, daß die junge Ärztin nicht mehr so freundlich und offen mir gegenüber war wie bisher. Sie wich mir aus, sie beschränkte sich auf die notwendigsten Worte im Dienste. Die Experimente über den Augendruck wollte sie nicht mehr mit mir fortführen. Die Modelle des Apparates waren verschwunden, und sie murmelte etwas von dem Universitätsmechaniker, der sie durch Zufall mitgenommen habe. ›Eigentlich gehören sie doch ihm?‹ Ich wußte es nicht. Sie war mir als Kameradin lieb geworden, nichts weiter, aber auch dies war viel in dieser Zeit, in der ich außer meinem Vater keine vertraute Seele hier hatte. Was sollte ich tun? Ich mußte es ertragen, und die Klugheit befahl mir, bei der Ärztin nicht nach den Gründen zu fragen. Gegen Neujahr sollte ich den Grund ohne mein Zutun erfahren. Ich sah im Dienstzimmer eine medizinische Zeitschrift in mehreren Exemplaren liegen und nahm ein Heft zur Hand. Als zweiter Beitrag stand hier abgedruckt eine Arbeit, von meinem Vater und der Ärztin gemeinschaftlich gezeichnet: Über neue Methoden zur Druckmessung am gesunden und erkrankten Auge. Es war meine kleine Idee, welche die beiden, ohne mir auch nur ein Wort zu sagen, weiter ausgearbeitet und veröffentlicht hatten. Ich glaubte mich von wissenschaftlicher Eitelkeit frei. Ich hatte es als Student ohne weiteres verschmerzt, daß die Carotisdrüse, die ich zuerst gesehen hatte, als die Entdeckung anderer, im übrigen sehr verdienstvoller Gelehrter ausgegeben wurde. Ich wußte auch, daß er sich vor mir – und leider ohne Ergebnis – mit dem Druck des Auges beschäftigt hatte. Ich ging zu meinem Vater und legte ihm stumm die Hefte vor Augen. ›Schon gut, ich weiß‹, sagte er, ›aber jetzt haben wir zu operieren, wir sprechen später darüber, zu Hause.‹ Es war ein schöner klarer Wintertag. Ich ging eine Stunde später neben meinem Vater heim. Meine Füße traten mit splitterndem Krachen in die Eislachen. Ich dachte an meine Kindheit. Zu Hause kam mir meine Frau entgegen und brachte mir einen Brief von Eveline. Sie sagte nichts. Ihre festen Wangen waren dunkelrot. Ihre Augen hielt sie gesenkt. Auch ich sah ihr nicht in die Augen. Ich klopfte nachher bei meinem Vater an. Ich sah ihm in die Augen. Ich fürchtete ihn nicht. Ich sagte ihm, wie tief ich ihn immer geliebt habe. Er zuckte die Achseln: ›Wer hat dir befohlen, mich so sehr zu lieben? Weniger ist manchmal mehr. Ich habe Sorgen genug um dich gehabt.‹ ›Du hättest es nicht notwendig gehabt‹, antwortete ich, ›mit der Ärztin hinter meinem Rücken zusammenzuarbeiten.‹ ›Das mußt du nun einmal mir überlassen, mein lieber Freund‹, sagte er ironisch. ›Wir haben gearbeitet, und was wir gefunden haben, haben wir veröffentlicht. Du hast einen guten Einfall gehabt, natürlich. Das kostet nichts. Ich aber habe die Geduld gehabt und dafür allerhand Einnahmen geopfert. Warum hast du die Sache halbvollendet im Stich gelassen, du großer Verschwender? Sollten es wieder andere für sich beanspruchen, wie bei der berühmten Drüse?‹ ›Das ist nicht dein Ernst – oder ... du sagst nicht die Wahrheit.‹ ›Und was ist sonst die Wahrheit? Daß ich dich bestohlen habe, deine Unterschrift gefälscht?‹ ›So handelt ein Vater nicht an seinem Kind.‹ ›Wie willst du das entscheiden, du mustergültiger Vater? Was ich von meinen Kindern verlange, ist nicht eine überhitzte Liebe, sondern etwas Achtung und ein wenig Anstand, wie er in Familien unseres Ranges üblich ist.‹ ›Ich habe dich nicht genug geachtet?‹ fragte ich voll Zorn. ›Du hast mir dankbar zu sein‹, sagte er, ›weiter nichts.‹ ›Und ich bin dir nicht dankbar gewesen?‹ ›Nicht genug, lange nicht genug! Natürlich, ein junger Herr wie du wird das nie begreifen.‹ ›Ich bin kein junger Herr‹, sagte ich. ›Nein, du bist ein junger Jesus Christus, du bist ein großer Menschenfreund.‹ ›Ich habe mich nie auf meine Menschenfreundschaft berufen.‹ ›Ja, weil du weißt, daß du ein falscher Menschenfreund bist. Man braucht ja nur anzusehen, wie du mit deiner armen Frau, mit deinem bemitleidenswerten Sohn umgehst.‹ Meine Frau hatte unseren lauten Streit gehört und war eingetreten. Ich wollte meinem Vater nicht in ihrer Gegenwart nahetreten. Aber ich konnte meinen fürchterlichen Zorn nicht beherrschen. Ich drückte mit dem rechten Daumen so stark auf das Uhrglas meiner Armbanduhr, daß es knisternd zersprang. Ich schüttelte die Splitter auf den Boden, damit die Zeiger nicht beschädigt würden. Ich wollte an die Zeiger denken. Um alles in der Welt nicht an diesen logisch unangreifbaren Unmenschen, nicht an diese bei aller Liebe böse Frau. ›Bring den Mist hier in Ordnung‹, herrschte er meine Frau an, und sie, seit Jahren Glied unserer Familie, deren festeste Stütze, bückte sich wie ein Stubenmädchen bis auf den Boden und sammelte die Splitter auf. Ich konnte das nicht ansehen. Ich kniete ebenfalls nieder und half ihr dabei. Die Splitter hatten sich im dicken Teppich verfangen. Als wir aufstanden, hatte mein Vater das Zimmer verlassen – wie einst. 6 Ich las erst jetzt den Brief Evelines. Es war ein glühender Liebesbrief, so leidenschaftlich, daß ich nicht verstand, wie er an mich gerichtet sein konnte. Sie kannte mich doch nicht, wie konnte sie mich so lieben? Aber ich wollte nicht an ihr und an meiner Liebe zweifeln. Ich verabredete vor allem brieflich mit ihr, wie wir uns in Zukunft verständigen sollten, ohne daß ein Dritter unsere Briefe überwachte. Ich legte ihr meine Lage dar. Wir waren beide katholisch, und die katholische Kirche kennt keine Scheidung, keine Wiederverheiratung der nach bürgerlichem Gesetz geschiedenen Gatten. Aber das galt nur für das alte Österreich, das nicht mehr bestand. Mir machte der Gelderwerb Sorge. Die einzige Aussicht, sofort zu Arbeit und Brot zu kommen, war die Assistentenstelle in der Anstalt, in welcher Perikles lebte. Aber würde mir Eveline, an ein großes Haus und an Luxus gewöhnt, dahin folgen wollen? Sie antwortete sogleich auf diese Frage. Sie wollte mit mir glücklich sein, gleichviel wo, gleichviel wie, in einer Ehe oder ohne Ehe. Ich begab mich Anfang Januar, nachdem ich an Dr. Mohrauer um die Assistentenstelle geschrieben hatte, zum Direktor unseres Krankenhauses und kündigte. Er tat, als sei er sehr überrascht, aber ich ersah aus unserem Gespräch, daß mein Vater ihn von meinem Entschluß benachrichtigt hatte. Ich hatte meinem Vater noch nichts davon gesagt, solange ich mit Eveline nicht im reinen war, aber er kannte mich zu gut, er konnte in mir lesen. Ich in ihm nie. Der Direktor rühmte meine schwachen ärztlichen Leistungen. ›In Anbetracht der kurzen Zeit haben Sie eine ganz ungewöhnliche Sicherheit bei Operationen gewonnen, und vor allem muß ich Ihre fast religiöse Gewissenhaftigkeit anerkennen. Ich würde Sie ungern gehen lassen. Sie sind in einer guten Schule gewesen, oder in zweien, in der Ihres Herrn Vaters und in der des Krieges. Sind Sie von Ihrer Verletzung wieder ganz hergestellt?‹ Ich errötete und schwieg. Meine Kniewunde war nicht ganz geheilt, es bildeten sich von Zeit zu Zeit kleine Fisteln, ich hatte Schmerzen und ab und zu geringes Fieber. ›Was haben Sie‹, fragte er teilnahmsvoll, ›setzen Sie sich doch!‹ Ich setzte mich hin, mein steifes Bein ungeschickt vor mich hinstreckend. Die Tränen waren mir nahe. ›Nun gut, schon gut‹, sagte er, ›ich sehe, Sie haben etwas Erholung nötig. Ich habe es nur gut gemeint. Wir alle haben Ihnen dankbar zu sein. Eure Schuld ist es nicht, wenn es mit unserem armen Lande so weit gekommen ist!‹ Er glaubte, ich sei ihm böse wegen seiner Taktlosigkeit. Aber mich hatte es nur ergriffen, daß er als fremder Mensch nach meiner Wunde fragte, während mein Vater, meine Mutter, meine Frau nie danach fragten, und doch mußten meiner Frau die Verbandstoffe aufgefallen sein, die ich verwendete, sah doch ihr scharfes Hausfrauenauge alles. Gerade das erleichterte mir meinen Entschluß. Ich hatte eben keine Frau, ich hatte keinen Vater, ich hatte keinen Beruf, denn die Augenheilkunde füllte mich nicht aus, ich hatte kein festes Vaterland, denn das alte große Österreich war dahin auf immer. Aber ich hatte mich, ich war gesund, das Knie konnte mich nur stören, aber es konnte nicht mehr gefährlich werden, ich hatte Eveline, die mir vertraute. Mein Brot würde ich finden. Ich hatte etwas Angst, Eveline zu begegnen, ich gestehe es. Wenn ich daran dachte, daß ihre Gesundheit keineswegs so zähe war wie die meine, übermannte mich ein tiefes, schmerzhaftes Mitleid und schnürte mir die Kehle zusammen. Aber wenn ein Mann sich für sie opfern, wenn ein Arzt mit allen Kräften für sie sorgen konnte, so wollte ich es sein. Mochte ich mir sonst zuviel zugemutet haben, hier nicht. Und wenn sie sterben mußte? Auch dann! Bis zum letzten Augenblick alles für sie tun, ihr Schmerzen, unnütze Leiden, das Wissen um den Untergang ersparen und bis zum Schluß ihre Hand in der meinen halten, ich dachte es mir zwar nicht leicht, aber doch menschenmöglich! Viel vermochte die moderne Wissenschaft. Und gerade die innere Medizin, die Behandlungsmethoden der tuberkulösen Lungenkrankheiten hatten Fortschritte gemacht. Daheim durfte niemand von meinen Plänen wissen. Ich hatte es so mit Eveline besprochen. Aber alle wußten es. Zuerst kam Judith, das schöne, blühende, bezaubernde – und doch so fremde Geschöpf, und, ungeschickt und scheu, wie sie war, suchte sie stotternd und errötend ihren Auftrag auszurichten, so gut sie konnte. Mein Vater ließ mich nicht gern ziehen. Er schickte das schöne Kind Judith vor, als ob ihr niemand widerstehen könnte. Ich lächelte sie gutmütig an, wie ein so viel älterer Bruder sein Schwesterchen, und versprach zu bleiben. Auch sie zeigte ein Lächeln wie eine Braut, ein sehr süßes, bestrickendes Lächeln ihrer korallenroten, etwas dünnen Lippen und sagte: ›Bruderherz, vielleicht nimmst du mich mit?‹ Ich streichelte schweigend ihren Kopf, und sie ging, die Locken schüttelnd und sich neugierig in meinem ärmlichen Zimmer umsehend. Mitte des Monats kam eines Abends meine Mutter. Sie setzte sich seufzend in dem alten Lehnstuhl nieder, der mein kleines Zimmer fast ausfüllte, verschränkte ihre Hände – wie waren sie alt geworden! – in ihrem Schoß und wartete, bis ich anfangen würde zu reden. Aber ich schwieg. ›Du mußt das alles nicht so ernst nehmen‹, sagte sie endlich. ›In jeder Familie kommen kleine Zwistigkeiten vor. Weiche ihm im Anfang etwas aus! Er beruhigt sich wieder!‹ Ich nickte. ›Gerade das will ich‹, sagte ich. Sie verstand mich nicht. ›Verzeihe ihm, wenn er dir wirklich Unrecht getan haben sollte. Was weißt du vom Leben? Was hast du mitgemacht? Er trägt eine ganz andere Last. An allem ist der Krieg schuld, meinst du nicht? Dein Vater hat riesige Verluste.‹ ›Ich weiß‹, sagte ich. ›Du bist ungeduldig, weil du nicht so schnell vorwärts kommst in deinem Beruf‹, sagte sie, ›du bist vielleicht gar ein bißchen neidisch auf seine Erfolge. Du mußt dich aber gar nicht mit einem solchen Genie vergleichen.‹ ›Ich vergleiche mich nicht mit ihm.‹ ›Du bist eben nicht so begabt für das Fach, mein Kind, dafür kannst du nichts.‹ ›Ich sage seit Jahr und Tag nichts anderes, deshalb will ich es ändern.‹ ›Ja, aber wenn er es nicht will? Er wünscht, daß du hier bleibst und nicht neue Dummheiten machst. Gib acht, mein lieber Junge, sieh doch, wie alles steht und geht. Hat er nicht immer recht gehabt? Hättest du es als Großkaufmann nach der Handelshochschule nicht leichter gehabt? Ich habe dir doch auch dazu geraten, wir Eltern haben alles Menschenmögliche getan. Wir haben dich vor Vally gewarnt. Jetzt ist es zu spät. Du läßt deine Wut an der Ärmsten aller Armen aus und zerbrichst die Uhr, die sie dir geschenkt hat, aus reinem Trotz.‹ ›Nein, das hat nicht diesen Grund.‹ ›So, nicht diesen Grund? Und welchen denn? Sie hat mir gesagt, daß du die Uhr so wütend auf die Erde geschmissen hast, daß sie die Splitter vom Boden auflesen mußte.‹ ›Das war aber nicht so, es lag doch der Teppich da.‹ ›Ja, das sagst du immer! Das war nicht so! Du bist nicht der Jüngste, du bist bald dreißig Jahre. Jeder muß einmal Vernunft annehmen. Sieh mich an, deine alte schwache Mutter. Glaubst du, mir ist alles in den Schoß gefallen? Du bist auch mit mir böse, weil ich dich einmal im Scherz Eisenfuß genannt habe. Ist das gar so schlimm? Ich habe eben schwache Nerven, ich kann das Getrampel nicht ertragen.‹ Ich sagte nichts. ›Vielleicht, mein alter Liebling‹, sagte sie und faßte nach meinen Händen, ›sieh mich doch einmal an, vielleicht hätte ich mich mehr um dich kümmern müssen, nicht? Jeder heimkehrende Sohn erwartet ein geschlachtetes Kalb, und das habe ich dir an unserem Tisch nicht genug geboten? Ich bin eben nicht nur deine Mama, sondern die Mutter meiner Kinder, aller meiner Kinder, und die Kleinen und Hilflosen brauchen eben mehr Fürsorge als du, du darfst nicht auf deine Geschwister eifersüchtig sein. Vielleicht habe ich trotz allem keines so lieb, wie ich dich lieb gehabt habe, als wir noch allein waren, ich und du.‹ Sie wurde von ihren rührseligen Worten ergriffen, und die Tränen tropften ihr über die schlaffen Wangen. Ich konnte es nicht ansehen. ›Zwischen uns hat es doch nie Streit gegeben, Mama‹, sagte ich, ›ich werde dir nie einen Vorwurf machen, das mußt du wissen.‹ ›Ja‹, sagte sie schluchzend, ›du wirfst mir vor, daß ich damals nicht gesagt habe, daß ich die Unterschrift unter den Mahnbriefen gefälscht habe. Aber glaube mir, mein süßer Liebling, dein Vater hätte es mir nie verziehen, und er ist doch mein Mann!‹ ›Ich mache dir keinen Vorwurf‹, wiederholte ich. ›So?! Dann bin ich also beruhigt‹, schloß sie schnell und stand auf. ›Und keinesfalls dürft ihr zu gleicher Zeit aus meinem Hause fort, dein Sohn und du. Nicht wahr, das versprichst du mir doch?‹ ›Ich werde es mir einrichten, so gut ich kann.‹ Mein Sohn sollte in die Klosterschule in Bludenz in Vorarlberg. Ich konnte diesem Wunsche meiner Frau nichts mehr entgegensetzen, und sie wußte es. Ich habe nie erfahren, in welchem Maß sie meinen Sohn – vielleicht ohne es zu wollen – gegen mich einnahm. Ich weiß nur, daß sie möglichst jede Gelegenheit verhinderte, bei welcher er und ich ohne einen Dritten Zusammensein konnten. Trotzdem traf es sich einmal so. Er brauchte für das Internat einen Koffer, und ich ging mit ihm zusammen in ein Geschäft, ohne in dem ersten Laden etwas Brauchbares zu finden. Denn die Lager waren geleert. Aber statt ungeduldig zu werden oder auf einem Koffer zu bestehen, dessen Preis über meinen Mitteln lag, wurde er immer zutraulicher und herzlicher zu mir, er hakte sich in meinen Arm ein, und ich merkte jetzt zum erstenmal, daß er doch etwas an mir hing und daß er sich nicht so leicht von mir trennte. Aber was war zu tun? Weiterleben wie bis jetzt konnten wir alle nicht mehr. Es war ein Wunder, daß es bis jetzt noch ohne Schwierigkeiten gegangen war. Ich sagte meinem Jungen, ich würde ihm regelmäßig schreiben. Ich würde regelmäßig Antwort auf meine Nachrichten erwarten, die ganz kurz gehalten sein könnten. Wenn es ihm an Geld für Porto mangeln sollte, könnte er sie unfrankiert an mich absenden. Ich erhielt in der letzten Januarwoche einen Brief von Mohrauer in B., er freue sich, mir die Stelle als Assistenzarzt geben zu können. Er hoffe auf gedeihliche Zusammenarbeit. Ich sollte spätestens in den ersten Februartagen in B. sein. – Ich packte gerade meine Habseligkeiten in den alten Studentenkoffer, als mein Vater bei mir eintrat. ›Ich höre‹, sagte er mit einem Blick auf meinen Koffer, der mit der Zeit so abgenützt und schäbig geworden war, daß ich mich schämte, ihn vor Eveline zu zeigen, ›ich höre, daß du die Absicht hast, uns zu verlassen, und finde es merkwürdig, daß du es nicht der Mühe wert findest, mich zu verständigen. Aber natürlich, man ist von seinen Kindern nichts anderes gewöhnt. Aber sei dem, wie es sei. Darf ich mich wenigstens setzen?‹ Der Lehnstuhl war nicht frei, ich hatte meine Kleider und Bücher auf ihm vorbereitet. ›So, das tut gut‹, seufzte er auf, als er sich hier niederlassen konnte. ›Laß dich nicht stören, laß dich ja durch mich nicht stören.‹ Ich hatte natürlich das Packen gelassen und stand vor ihm. Er war alt geworden, die Haare waren grau, der Mund bitter, die Augen trüb, und man sah an dem Übergang der Hornhaut auf die Aderhaut einen weißlichen Ring angedeutet, den Greisenring. Er wollte nicht, daß ich ihn so genau ansah. Vielleicht wollte er nicht bemitleidet sein, nicht so geliebt, wie ich ihn von meiner frühesten Jugend an geliebt hatte. ›So‹, sagte er und stand auf, wie um zu gehen. ›Wir bekommen doch deine neue Adresse? Wenn etwas Post für dich einlaufen sollte, wird sie dir nachgesandt, sie komme, von wem sie wolle. Ich wollte dir noch etwas sagen. Wenn du auf der Priorität deiner Idee – ich denke an die zwei Methoden der Druckmessung am Auge – beharrst, ich werde nicht anstehen, dir Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Ich kann es in der Zeitschrift berichtigen, es kann eine Namensverwechslung gewesen sein. Habe ich dich nicht davor gewarnt! – und sein altes undurchsichtiges Lächeln erschien auf seinem Gesicht –, ›den gleichen Beruf zu ergreifen wie ich?‹ ›Nein, Vater‹, rief ich und griff nach seiner Hand, die er mir sehr langsam entzog. ›Es soll alles so bleiben, wie es ist. Ich wähle nur ein anderes Fach, weil ich ...‹ ›Ja, ja, ich weiß‹, schnitt er ab, ›ich wollte dich eigentlich etwas anderes fragen. Man hat mir geraten, die Lebensversicherung für meine Judith in amerikanische Währung umschreiben zu lassen, was hältst du davon?‹ ›Ich bin sehr dafür‹, sagte ich. ›Ja, aber die Gesellschaft tut es nur, wenn sie einen bedeutenden Gewinn bei dieser Gelegenheit einstecken darf ...‹ ›Ich würde es unter allen Umständen tun, denn Amerika ist sicher!‹ wiederholte ich. ›So? Nein, ich tue es nicht. Recht muß Recht bleiben. So, und nun adieu. Viel Glück!‹ Wir sahen uns vor meiner Abreise nur flüchtig. Meine Mutter weinte beim Abschied mehr, als sie bei meinem Abgehen ins Feld geweint hatte. Sie war inzwischen viel älter geworden. Nach einer Fahrt im ungeheizten, schmutzigen Eisenbahnwagen kam ich am 30. Januar in B. an. Unser früheres Haus machte einen trübseligen Eindruck. Die Stadt war sehr trist, es war viel Elend zu sehen. Eveline holte ???mich am nächsten Tage von der Bahn ab. Sie war zurückhaltend, zuerst redete sie mich mit Sie an, und wir gingen nebeneinander, ohne uns den Arm zu geben, auf der Straße auf und ab. Ich konnte mich zuerst nicht entschließen, sie aufzufordern, in das sehr schlechte, ungeheizte Hotelzimmer zu kommen, wo ich wohnte. Ein besseres verbot sich mir des Preises wegen. Plötzlich drängte sie sich an mich. Ihr kostbarer Pelz duftete herb nach den Fellen und beklemmend nach einem mir unbekannten Parfüm. Ihre großen Steine in den Ohren glitzerten. ›Ich will aber jetzt zu dir!‹ sagte sie. Sie folgte mir an dem schmierigen, unfreundlichen Portier vorbei in das häßliche Zimmer. ›Soll ich heizen lassen?‹ fragte ich. ›Nein, nicht heizen! Ich will allein sein mit dir‹ – und sie lag an meinem Hals, lachte und weinte, sprach aber nichts. ›Wirst du es nicht zu kalt haben?‹ fragte ich, denn sie hatte zu hüsteln begonnen. ›Ich, zu kalt? Was fällt dir ein? Liebst du mich sehr? Du sollst mich aber gar nicht zu sehr lieben!‹ Sie faßte mich an den Haaren und schüttelte meinen Kopf hin und her, nahm ihn dann in beide Hände und legte ihn an ihre Brust, auf den breiten weichen Kragen von Breitschwanzfell. Dumpf und schnell hörte ich ihr Herz pochen. Ich war glücklich, ich bekam keinen Atem vor Glück. Es war mir, als fiele ich tief. ›Warum sprichst du nichts? Liebe mich nicht zu sehr!‹ wiederholte sie. ›Was bin ich gegen dich?‹ Sie warf sich plötzlich auf den Boden nieder und knüpfte mir meine Schuhbänder auf. Ich war so überrascht, daß ich nichts dagegen tun konnte. Es waren schwere Schuhe, ich hatte sie aus Sparsamkeit nicht reinigen lassen. ›Mein Liebes, setze dich‹, sagte sie und führte mich zu einem Stuhl. Ich setzte mich, das kranke Bein vor mich hingestreckt. Ihr kleiner glitzernder schwarzer Hut aus Pelz und Samt lag auf dem Bett. Meine Finger gruben in ihrem hellen Haar, aus dem der Duft ihres Parfüms aufstieg, vermischt mit dem Geruch von Eisenbahnrauch. Sie hatte aufgehört, an meinen Füßen zu nesteln. ›Warum liebst du mich denn eigentlich nicht‹, fragte sie, und ihre Augen strahlten von unten in düsterer Glut zu mir, warum küßt du mich nicht? Ich habe so lange auf dich gewartet! Zehn Jahre oder mehr. Hat es dir mein Vater nicht gesagt? Er hat dich noch mehr geliebt als ich.‹ Fünftes Kapitel 1 Als ich Eveline von der Bahn abgeholt hatte, war ich so aufgeregt gewesen, daß ich vergessen hatte, sie zu fragen, wo sie ihr großes Gepäck hatte, denn sie hatte nur ihr kleines Ledernecessaire bei sich. Nachts erwachte ich und sah, daß auch sie nicht schlief. Wir hatten am Abend die kleine Nachttischlampe angezündet, und Eveline, die jetzt ihren schönen Pelzmantel um ihren zarten gebrechlichen Körper gewickelt hatte, hatte aus den breiten Manschetten des schwarzen Mantels ihre winzigen hellen, rosig durchleuchteten Hände um die elektrische Birne gebreitet, um sie daran zu wärmen. Ich bereute, daß ich aus falscher Sparsamkeit kein besseres Zimmer für mich genommen hatte, daß ich ihr Gepäck nicht sogleich von der Bahn mit ins Hotel geschafft hatte, daß ich bei mir nicht auf jeden Fall hatte heizen lassen aber jetzt war es zu spät. Denn auf mein Klingeln erschien niemand. Um mir die furchtbare Zeit des Wartens zu vertreiben, hatte ich mir am Tage vorher eine Menge Zeitungen gekauft. Jetzt sprang ich, so schnell ich es mit meinem steifen Knie vermochte, aus dem Bett, bückte mich zähneklappernd zu dem kleinen Eisenofen, ballte die Zeitungsblätter zu festen Kugeln zusammen die einzige Methode, aus Zeitungen etwas Wärme herauszuholen – und zündete sie an. Aber Eveline, die ich inzwischen mit meiner Decke gut zugedeckt hatte, wollte sich nicht im Bett halten lassen. Stumm, das feine, blasse Gesicht sanft rötlich angeleuchtet von den aufflammenden Blättern, die aschblonden, seidigen, reichen Haare auf beiden Schultern, hockte sie auf den nackten Knien auf der schmutzigen Erde, schlang die Arme um meine Hüften und horchte auf das Bullern der Zeitungen im kleinen Ofen. Dann holte sie aus dem Pelz eine goldene Tabaksdose, zündete sich eine Zigarette an, schloß die Augen und zog den Rauch tief ein. Ab und zu preßte sie die Lippen zusammen. Wollte sie den Rauch länger behalten, wollte sie einen Hustenreiz unterdrücken mit aller Gewalt? Sie hatte sicherlich gesehen, daß mich ihr Hüsteln schon auf der Straße beunruhigt hatte. Ich wollte sie behalten. Ich mußte glücklich mit ihr leben. Ich begriff jetzt erst, was das Leben einem Mann zu geben hat. Ich hatte keine Furcht mehr vor ihr. Ich glaubte, ich würde sie nach einem solchen Liebesrausch nie mehr verlieren können. Aber auch mein Mitleid war nicht vergangen, und sie wollte dieses Mitleid nicht. Sie ließ wie zufällig den Pelz von ihren nackten Schultern gleiten, sie wollte zeigen, wie kerngesund und abgehärtet sie war – und wie schön. Aber das klägliche Papierfeuer erlosch sehr schnell. Die Eisenplatten des Herdes waren kaum lauwarm geworden. Wir hatten seit der Ankunft ihres Zuges nicht Zeit gehabt, etwas zu essen, und krochen jetzt, beide blaß vor Hunger und Kälte, in das immer noch warme Bett ... Ich hätte sie erdrücken, verbrennen, vernichten mögen. Ich mußte sie aber schonen. Meine Hände verkrampften sich in der Matratze, die bloß lag, da das Laken verwühlt zur Seite gerollt war, und meine Finger faßten etwas hartes kühles Eisernes an, es war eine Sprungfeder, die durch den mürben Stoff der Matratze durchgebrochen war. Mein Knie begann stark zu schmerzen. Ich merkte, daß ihre Lippen trocken und gerötet waren und wie sie mit der Zungenspitze zwischen den Lippen züngelte, sie hatte Durst. Ich wartete nicht ab, bis sie darüber klagte, sondern ging mit der Wasserkaraffe auf den Korridor, tastete mich im Halbdunkel bis zu einer Wasserleitung und brachte ihr frisches Wasser. ›Hast du keinen Hunger, Eveline?‹ fragte ich. ›Nenn mich nicht so‹, sagte sie – sie hatte an diesem Abend nur wenig gesprochen –, ›bei ihm heiße ich so.‹ ›Dann nenne ich dich Nischy?‹ Es war der Kosename, den ihr der ›Onkel‹, ihr Vater, gegeben hatte und der auf der Photographie stand, die ich im Feld nach seinem Tode geerbt hatte. Sie sagte nichts. ›Hast du keine Reisedecke?‹ fragte ich töricht, denn ich wußte ja, daß sie keine hier hatte. Ich nahm die staubige dunkelrote Plüschdecke, die auf dem Tisch lag, und wickelte sie ihr um die Füße. ›Morgen hole ich dein Gepäck.‹ Sie schüttelte den Kopf. ›Du bleibst hier, ich gehe zur Bahn. Kann ich den Gepäckschein haben?‹ Sie hatte sich nicht gerührt und sah mich nur mit ihren großen Augen an. Ihre Lippen krampften sich zusammen, plötzlich richtete sie sich auf und riß mich in ihre Arme. Wir erwachten erst spät am Morgen, die Lampe brannte noch. Ich kleidete mich in aller Eile an, nachdem ich mich gewaschen und rasiert hatte. Ich mußte zur Bahn, um Evelines Gepäck zu holen. Sie wollte mir den Gepäckschein aber nicht anvertrauen. ›Du kennst dich mit solchen Dingen nicht aus, es gibt nur Schwierigkeiten, ich bin mit seinem Paß gereist, weißt du.‹ Ich tat ihr den Willen. Sie wollte, daß ich nach der Anstalt hinausfahre. Ich sollte mich bei dem Chefarzt anmelden, auch von ihr sollte ich mit ihm sprechen und sollte spätestens in einer Stunde zurück sein. Seit einigen Jahren führte eine Tramway bis in die Nähe der Anstalt, aber eine Fahrt dauerte etwas mehr als eine dreiviertel Stunde, und das auch nur dann, wenn man glücklicherweise sofort einen Zug erwischte. Ich konnte also frühestens in zwei Stunden zurück sein. ›Dann nimm einen Wagen!‹ Ich schwieg. ›Hast du nicht genug Geld? Ich habe fürchterlich viel Geld.‹ Sie öffnete ihr Täschchen und gab mir eine große Note. Ich scheute mich, sie von ihr anzunehmen. ›Du liebst mich nicht?‹ fragte sie, zum zweitenmal, seitdem sie gekommen war. Sollte ich ihr von meiner Liebe sprechen? ›Ich kann Geld, das von deinem Mann kommt, nicht annehmen.‹ ›Ach so? Nur das?‹ sagte sie und lachte, zum erstenmal an diesem Morgen. ›Ich besitze mein Privatvermögen, ich bin reicher als er, wir haben Gütertrennung.‹ ›Nischy‹, fragte ich und setzte mich an ihr Bett, ›weiß dein Mann, daß du hier bist?‹ ›Ich möchte nicht, daß du ihn meinen Mann nennst, damit kränkst du mich.‹ ›Also, wie soll ich ihn nennen?‹ › Schweig endlich von ihm!‹ schrie sie, dann streichelte sie mit beiden Händen mein Gesicht und sagte dasselbe ganz leise, ›ich bitte dich, schweig von ihm. Komm schnell zurück! Ich warte hier auf dich!‹ ›Willst du nicht wenigstens frühstücken?‹ fragte ich, ›versprichst du mir das? Entweder hier unten im Frühstückszimmer oder in einem Kaffeehaus.‹ ›Ich bleibe lieber hier!‹ Ich tastete also nach der Klingel, um den Kellner zu rufen. Sie fiel mir in den Arm. ›Warum tust du niemals, worum ich dich bitte? Du hast schon viel Unglück über uns gebracht, weißt du das nicht? Bei deiner Frau war es sicher nicht anders. Geh jetzt, geh also nur schnell!‹ Ich gab ihr die Hand, küßte sie auf den heißen, trockenen Mund und ging. Ich fuhr sofort in die Anstalt heraus, die in tiefem Schnee dalag wie an dem Abend, als ich mit meinem Vater hier gewesen war und dem Irren ein Goldstück geschenkt hatte. Als ich durch das Portierhäuschen hindurchschritt, wo man mich bereits erwartete, dachte ich daran, später in den alten Protokollen der Anstalt nachzuforschen, welche Bewandtnis es mit dem jungen, aber schon grauhaarigen Menschen gehabt hatte. Aber ich bin nie dazu gekommen. Mohrauer, ein alter, schön weißhaariger, geruhiger, wohlgenährter, großer Mann mit prächtigem gesunden Gebiß und klaren hellen Augen – doch nicht so hell wie die meines Vaters –, empfing mich und lud mich sofort zum Frühstück ein. Seine Tafel war jetzt wohl bestellt, es gab reichlich Butter, das Brot war gesundes frisches Kornbrot, ich sah in einer Serviette aus Leinwand zwei Eier, eine Seltenheit in dieser Zeit. Ich dachte daran, daß seine Kranken es nicht so gut hatten. Ich hatte Unrecht. Später überzeugte ich mich, daß sie es jetzt viel besser hatten als die Kranken in der Privatklinik meines Vaters. Ich sah den gedeckten Tisch an, aber trotz diesen Herrlichkeiten sagte ich nein, denn ich wollte mit ihr zusammen frühstücken. ›Wie Sie wollen‹, sagte er. ›Wann können Sie also eintreten?‹ ›Vielleicht morgen‹, sagte ich. ›Sie sind verheiratet?‹ fragte er. Ich errötete. ›Meine erste Frau ...‹ stotterte ich. ›Keine Familienhistorie! Ich wollte nur wissen, ob die Direktorin in Ihrem Zimmer ein oder zwei Betten aufstellen soll, und wieviel Gedecke bei Tisch.‹ ›Zwei‹, sagte ich. ›Gut, zwei. Und morgen? Recht so. Was gibt es Neues?‹ Ich wollte beginnen, etwas aus dem Inhalt der Zeitung zu erzählen, die ich in B. gekauft und während der Wagenfahrt überflogen hatte. Aber bei den ersten Worten unterbrach er mich. ›Bitte kein Wort weiter. Ich lese seit viereinhalb Jahren keine Zeitung, Mich interessiert die Politik keinen Deut. Die Weltgeschichte wird von manischen Irren für Idioten gemacht. Beides haben wir hier, in reicher Fülle, wie Sie sich morgen überzeugen werden. Unser Haus ist gut belegt. Es hat seine Gründe. Wir haben seit dem Herbst, dem letzten Weltuntergang, eine kleine Gutswirtschaft uns zugelegt. Die Direktorin, halbblind wie sie ist, führt sie dennoch ausgezeichnet. Wir essen gut, unsere Kranken nehmen zu, vielleicht schmuggeln sich auch einige Simulanten ein, aber hierin sind wir unbarmherzig. Spaß beiseite! Was haben Sie hier vor?! Ich setzte ihm meine Pläne auseinander. Er aß seine zwei Eier, strich sich ein Brot nach dem andern, trank seinen Tee und sagte nichts. Ihr Vater hat eine sehr interessante Sache veröffentlicht!, sagte er schließlich. ›Ja, recht interessant‹. ›Auch ich bewundere ihn, ich verehre ihn sehr. Ja‹, schloß er, ›lassen Sie also ihr Gepäck hierherschaffen, und kommen Sie morgen mit Ihrer Frau! Ich stelle Sie jetzt der Direktorin vor, wollen Sie? Sie werden auch Ihren Freund sehen wollen, nicht?‹ Auf meinen fragenden Blick: ›Wissen Sie, bei einem Philosophen ist es ebenso schwer, sich über das Niveau seiner geistigen Leistungen klarzuwerden, wie bei einem Politiker über das Niveau seiner Moral. In solchen Fällen überlasse ich diese Beurteilung meinen Assistenten. Haben Sie eine schöne Handschrift?‹ Ich bejahte, denn sie war zwar nicht kalligraphisch schön, aber gut lesbar. ›Gut. Sonst wäre ich dafür, daß Sie die Krankengeschichten mit der Maschine schreiben. Es geht schneller.‹ ›Ich schreibe sehr gern, sagte ich. ›So? Um so besser. Ich will Ihnen gleich sagen, wie ich mir das denke. Es ist nötig, daß die Krankengeschichten genau geführt werden. Wissenschaftliche Ziele verfolge ich aber hier nicht. Wenn Sie solchen nachgehen wollen, ich hindere Sie nicht. Aber unter allen Umständen hat die sogenannte Diagnose festzustehen, schon des Totenscheines wegen. Es hat sich als praktisch herausgestellt, die sechs häufigsten Geisteskrankheiten festzustellen und mit Ziffern zu bezeichnen. Die Kranken können dann nicht verstehen, wenn wir in ihrer Gegenwart über sie sprechen. Was außerhalb dieser Krankheiten liegt, gilt als Seltenheit und muß genauer geführt werden. Welche Geisteskrankheiten würden Sie als die häufigsten bezeichnen?‹ Ich nahm meine Kraft und meine Erinnerungen zusammen. Ich hatte mich in den letzten Monaten leider nur mit Augenheilkunde beschäftigt und mein Kopf war nach dieser Nacht nicht der klarste. Aber ich begann: ›1. Jugendirresein, Dementia präcox, Paranoia etc. 2. Manisch depressives Irresein etc.‹ ›Bitte kein Etcetera‹, sagte er lächelnd, aber ernst. ›3. Paralyse.‹ ›Gut‹, sagte er. ›Das wäre die erste Hälfte, nun die zweite. Aber kommen Sie jetzt, wir können den Rest auf dem Wege besprechen, wir haben jede Minute hier im Haus und auf dem Gut eingeteilt.‹ – ›4. Epilepsie. 5. Hysterie, Zwangsvorstellung, Rauschgift. 6. Seniler Wahn.‹ ›Nun ja, junger Freund, so ungefähr‹, sagte er und lächelte, aber nicht mehr so ernst. ›Ich sehe, Sie kommen von der Schule. Wir werden uns bald aneinander gewöhnen. Hier stelle ich Sie unserer Direktorin vor.‹ In einer riesigen, sehr sauberen Küche stellte er mich einer kleinen alten Frau vor, deren linkes Auge eine große weiße Narbe hatte. Auch das rechte war etwas getrübt. Sie gab mir nicht die Hand, da sie mit dem Zerlegen von frischen, rosigen Fleischpartien beschäftigt war, sie nickte mir sehr freundlich zu und setzte ihre Arbeit fort. Ich kam jetzt mit dem Chef in die einzelnen Pavillons, die durch gedeckte Gänge miteinander verbunden waren. Im Zentralgebäude waren die gefährlicheren, unruhigen Kranken untergebracht. Mein Freund befand sich jedoch nicht mehr in dem Zentralgebäude wie beim letztenmal, sondern in einem der Pavillons, die sich tief im Park, nahe an dem Eisenbahngeleise befanden. Er war noch mehr abgemagert als früher, sein Blick war flackernder und noch stumpfer zugleich. Er erkannte mich nicht. Oder doch, er erkannte mich, er streckte, als ich von ihm Abschied nehmen wollte – ich mußte ja zu Eveline zurück –, seine blasse, marmorfarbene Hand nach mir aus und murmelte unter seinem dichten Barte flehend hervor: ›Zucker! Zucker!‹ Er hatte sich also doch gemerkt, daß ich ihm letzthin Zucker gebracht hatte. Das wunderbare Licht seines großartigen Geistes war also nicht ganz erloschen? Oder doch? Ich hatte, der Kosten ungeachtet, den Wagen vor dem Portal warten lassen, und wir fuhren, während die Sonne sich kalt und rot über den Feldern, Hügeln und kleinen armseligen Ortschaften erhob, in die Stadt zurück. Ich brachte Eveline Blumen. Sie war sehr glücklich über dieses Geschenk, sie tat, als hätte sie nie in ihrem Leben Blumen erhalten. Dabei war es ihr Geld, mit dem ich es bezahlte. Wie hätte ich aber mit leeren Händen kommen können? Aber sie erschien mir viel blässer und gedrückter als vor einer Stunde. Sie sagte, ohne mich anzusehen, sie habe wahrscheinlich den Gepäckschein verloren. ›Dann mußt du nach Radautz schreiben, damit du ein Duplikat erhältst, oder besser noch, du telegraphierst.‹ ›Aber ich komme gar nicht von Radautz.‹ ›Von wo kommst du also?‹ ›Von wo? Ich bin eben da. Bist du nicht glücklich darüber? Bitte, klingle dem Kellner, allen Ernstes, ich sterbe vor Hunger.‹ Wie hatte ich vergessen können, daß sie nichts gegessen hatte? Ich wagte nicht mehr auf den Gepäckschein zurückzukommen. Nach dem Essen ging sie aus. Ich sollte sie nicht begleiten. Nach zwei Stunden kam sie zurück, sie hatte zwei große neue Koffer mit, sie hatte eine große Menge Toilettengegenstände, Wäsche und sogar Lebensmittel gekauft, so ziemlich alles, was man in dieser Zeit bekam. Mein Koffer war zwar vor der Abreise von meiner Frau mit einer schönen Umhüllung versehen worden, die seine schwachen Stellen verdeckte, aber sie wollte, daß wir mit neuen, guten Sachen in meinem neuen Wirkungskreis ankämen. Ihre Fingerchen waren mit Tintenflecken versehen, die kaltem Wasser nicht weichen wollten. ›Hast du Briefe geschrieben?‹ fragte ich, ›hast du vielleicht deinem Mann geschrieben?‹ Sie schüttelte den Kopf und lachte wie ein Kind mit offenem Munde, so daß ich ihre bläulichweißen, ungewöhnlich schönen Zähne sah. ›Ich habe gestern im Zuge geschrieben, an meinen Bruder‹, sagte sie. ›Er ist in Gefangenschaft, soll aber noch dicker geworden sein, als er schon war. Erinnerst du dich?‹ Zu meinen Zeiten war er aber nicht besonders dick gewesen. ›Weißt du, wie man ihn nennt? Den Sesselmörder! Weil er jeden Stuhl unter sich zusammendrückt, als wäre er aus Stroh. Natürlich, es ist ein Trick, ich kann ihn auch.‹ Ich lächelte etwas skeptisch. ›Wirst du glauben oder nicht?‹ sagte sie drohend, ihr heißes Gesicht nahe an meinem Ohr. Ich wich etwas zurück, unwillkürlich entsann ich mich des Abschieds in Radautz in Gegenwart ihres Mannes, als sie mich mit den scharfen großen Brillanten ihres Ohrringes gestreift hatte. Sie bemerkte, daß ich etwas Angst vor ihr hatte, ging zu den Koffern und Paketen zurück und packte alles sorgfältig aus und ein. Ich saß still an dem Tisch. Ich wußte genau, daß sie log. Sie hatte vor einer Stunde reine Hände gehabt. Ich haßte Lügen. Ich hatte meiner Frau ihre erste Lüge nicht verziehen, und unsere Ehe war hauptsächlich daran gescheitert. Auch meinem Vater hatte ich seine Unwahrheiten – und wie selten waren sie nie gern verziehen. 2 Ich mußte mich entscheiden. Wenn ich mit Eveline weiterhin glücklich zusammenleben wollte – wenn es auch kein ruhiges Glück war, sondern ein Abgrund des Glücks vom ersten Tage an –, mußte ich entweder unter Aufgebot meines ganzen Willens versuchen, Eveline zu ändern, oder ich mußte sie so lieben wie sie war. Als wir am nächsten Morgen nach einer unvergeßlichen Nacht das häßliche Hotelzimmer verließen, um mitten in einem lustigen starken Schneetreiben nach der Anstalt zu übersiedeln, ohne daß auch nur ein Wort über ihre Lügen gesprochen worden war, wußte ich, daß ich sie liebte wie sie war und daß mir nichts übrig blieb, als ihr alle daraus erwachsenden Schwierigkeiten zu ersparen, sie nie zu beschämen, in Gesellschaft anderer mich besonders zurückzuhalten, sie nie auf Widersprüchen zu ertappen und abzuwarten, bis wir verheiratet waren. Ich sagte mir vor allem, daß sie ein empfindliches, zartes Geschöpfchen war, daß sie zuerst gesund werden mußte, und ich nahm mir vor, ihre Lunge untersuchen zu lassen, sobald wir einigermaßen untergebracht waren. Wir kamen nach der Morgenvisite in der Anstalt an, aber der Chefarzt wiederholte sie mir zuliebe und stellte mir einen Teil der Fälle vor. Meine Frau hatte sich schnell mit der halbblinden Direktorin angefreundet und verbrachte den Nachmittag und die nächsten Tage damit, mit ihr unsere zwei Zimmer, ein großes, das Schlafzimmer, und ein kleines, unser Wohnzimmer, so behaglich auszustatten, als es möglich war. Ich erhielt kurz darauf mein erstes Gehalt. Ich hatte von Eveline Geld geliehen, und ich konnte nicht darüber hinwegkommen. Entgegen meinem Vorsatz, alle Konflikte unmöglich zu machen, gab ich ihr den Betrag zurück, oder vielmehr, ich wollte es tun. Sie sah mich böse an, sie wollte davon nichts hören, ja sie tat, als wolle ich sie für ihre Liebe zu mir bezahlen. Ich ließ mich nicht irre machen, es war mein Grundsatz, daß ein Mann von einer Frau kein Geld annehmen dürfe. ›Ich lege ein Sparkassenbuch auf deinen Namen an‹, sagte ich ihr, und sobald wir verheiratet sind, kannst du mir den Betrag zurückgehend ›So?‹ fragte sie. ›Bitte, gib mir deinen Paß, ich kann sonst das Sparkassenkonto nicht einrichten lassen.! Sie schüttelte den Kopf, so daß die kurzen aschblonden, fast silbrigen Locken flogen: › Meine Papiere gebe ich niemals aus der Hand. Was sollte ich tun? Ich mußte mich fügen. Ich wollte sie halten, ich konnte nicht mehr ohne sie sein. Ich wollte alles tun, um sie glücklich zu machen, und doch fürchtete ich, sie sei es noch nicht. Denn ihre Unruhe war groß. Ich mußte mich in die Arbeit stürzen, die für mich vollständig neu war auf einem unermeßlichen Gebiete, von dem ich mir unzutreffende Vorstellungen gemacht hatte. Der Chefarzt hätte mir jetzt am liebsten die selbständige Führung einer Abteilung anvertraut, während er den Rest übernahm. Ich erklärte mich außerstande. Ich arbeitete an den Krankenbetten ganze lange Tage, oft von sieben Uhr morgens an, ich legte Protokoll über Protokoll an, ich fragte, ich hörte, beobachtete und schrieb; ich untersuchte die Rückenmarksflüssigkeit, ich studierte, was sich erlernen ließ. Ein Führer wie mein Vater fehlte mir. Ich hielt mich an Bücher. Ich befragte die Handbücher für Geisteskrankheiten während der Abendstunden, an unserem runden Tisch im Wohnzimmer. Eveline saß neben mir, oder noch lieber auf dem Teppich, und sah mich in Gedanken stumm an. Sie las nicht viel, Handarbeiten waren ihr verhaßt. Ihre Gesundheit hatte sich nicht gebessert, sie hustete, und wenn sie auch behauptete, sie hätte nie Fieber, und wenn auch das Thermometer nie mehr als 36,9 zeigte, so war ich doch überzeugt, daß sie viel kränker war, als sie zugeben wollte. Ich bat sie, sich von mir untersuchen zu lassen. Sie lächelte sonderbar und flüsterte, sie schäme sich vor mir. Auch ich lächelte sie an, ich hielt es für eine kindliche Redensart. Als wir schlafen gingen und sie das spitzenbesetzte Taghemd gegen ein sehr einfaches seidenes Nachthemd wechseln wollte, hielt ich ihren feuchten, heißen Oberkörper fest und wollte mein Ohr zwischen ihre Schultern legen, wo man die Veränderungen bei Lungentuberkulose am frühesten erkennt. Sie entzog sich mir mit Gewalt, löschte das Licht, rückte an das äußerste Ende des Bettes und stieß mich mit den Händen von sich. ›Du willst mich nur loswerden! Laß mich! Du willst mich wegschicken, du willst deine alte Kuh und dein Kalb kommen lassen!‹ Ich versuchte sie zu beruhigen. Ich konnte nicht glauben, daß sie etwas so Unsinniges im Ernst behauptete. ›Du hast mich immer mit deiner Walpurgis betrogen‹, stieß sie heiser unter Husten hervor, › wir waren verlobt, dann hast du mir nicht mehr geschrieben, dann hast du diese Stallmagd verführt! Ist es so oder nicht?‹ Es war nicht so, wenigstens sah ich es nicht so: ›Laß das Vergangene vergangen sein. Ich liebe nur dich! Aber du bist krank, du bist zart, du fieberst, du schwitzt vielleicht nachts, du ißt nichts.‹ ›Ich bin gesund‹, sagte sie, ›ich bin zäh wie eine Katze, ich habe niemals mehr als 37 Grad, ich schwitze, weil mein seidenes Hemdchen zu dick ist und das dumme Zimmer hier überheizt. Ich habe nie in meinem Leben mehr gegessen als jetzt, aber eure Küche behagt mir nicht. Die ist gut für die Irren.‹ ›So sag, was du willst, was dir schmeckt?‹ ›Was ich will? Dich!‹ Wir verbrachten eine Nacht ohne viel Schlaf. Am nächsten Morgen sah sie elend aus, fahl und – alt. Ich wiederholte meine Bitte: ›Vertraue dich mir an! Ich möchte wissen, woran wir sind. Ich sorge mich um dich. Ich kann sonst meiner Arbeit nicht in Ruhe nachgehen. Bitte, erfülle meinen Wunsch!‹ ›Das gleiche will ich von dir! Laß mich leben, wie ich will, und sterben, wie ich muß.‹ Sie begann zu weinen. Die Klingel schlug an. Der Chefarzt erwartete mich, die Arbeit drängte. ›Sag ja‹, bat ich sie noch an der Tür. ›Du mußt dein Gewicht kontrollieren, du mußt dich schonen.‹ ›Soll ich schon zu meinem Mann zurück? Dann sage es offen!‹ ›Eveline!‹ ›Keine Eveline! Du weißt, ich will nicht mehr so genannt werden.‹ ›Aber an Nischy kann ich mich nicht gewöhnen. Was liegt an dem Namen? Wir müssen unbedingt einen Ausweg finden, bitte, vertraue dich mir an!‹ ›Nein, ich habe kein Vertrauen zu dir als Arzt. Ich weiß nicht, was du mit mir vorhast. Bist du denn so unglücklich mit mir? Kannst du mich denn gar nicht lieben? Ich soll dir trauen und kann doch nicht. Vielleicht gibst du mir eine Injektion, irrst dich, und ich sterbe daran. Alles für Walpurgis!‹ Sie lachte. Ich saß völlig niedergeschmettert da und ließ das Telephon klingeln. Sie hockte jetzt mit gekreuzten Beinen halbnackt zu meinen Füßen und streichelte mit ihren dünnen Fingern mein krankes Knie. ›Ich soll fortgehen? Warum hast du mich dann geholt? Ich hatte mich abgefunden, ich lebte gut, sehr! mit meinem Mann. Und jetzt scheust du dich vor mir, du ekelst dich vor einer kranken Frau? Ich bin aber auch gesund! Freilich, deine schwere Kuh ist ein anderer Schlag.‹ ›Würdest du dich dem Chefarzt Mohrauer anvertrauen?‹ fragte ich mit einer letzten Hoffnung. ›Natürlich! Warum nicht!‹ Sie sprang auf und schüttelte sich leicht, als müsse sie etwas abwerfen. Einige Tage später traf ich Eveline, als sie mit hochroten Wangen und fieberhaft glänzenden Augen aus dem Sprechzimmer des Chefarztes kam. Ich klopfte an, trat ein – und fand auch ihn etwas erregt. ›Sie haben meine Frau eben untersucht‹, sagte ich, ›möchten Sie die Freundlichkeit haben, mir den Befund zu sagen?‹ ›Ach so – vielleicht nichts Ernstes‹, sagte er und versuchte, sich zu sammeln. ›Bitte, sagen Sie mir die Wahrheit!‹ Er schwieg. Endlich entschloß er sich: ›Dazu habe ich nicht das Recht. Ich bin gebunden durch das ärztliche Geheimnis.‹ ›Ist es, weil ich mit ihr ... weil wir noch nicht bürgerlich getraut sind?‹ ›Nein, über solchen Formelkram bin ich erhaben. Auch dem legitimsten Gatten steht aber dieses Recht nicht zu, wenn es die Ehefrau nicht ausdrücklich gestattet. Das Recht auf das ärztliche Standesgeheimnis ist ein ebenso unangreifbares Recht des Kranken wie das darauf, daß wir sein Leben nie wissentlich abkürzen werden. Das gilt für mich. Für Sie doch auch, junger Kollege?‹ ›Sie müssen mir sagen, worum es sich handelt!‹ sagte ich voll dumpfer Wut. So unsinnig es war, ich war eifersüchtig auf den alten, graubärtigen, gesunden, wohlgenährten Mann, dessen Zimmer meine Geliebte so erregt verlassen hatte. ›Drei Schritt vom Leib‹, sagte er leise, als ich mich ihm näherte, mit der gleichen Stimme, mit der er die Irren anfauchte, wenn sie gewalttätig werden wollten. ›Sie glauben doch nicht?‹ stammelte ich. ›Ach mein Lieber, ach mein Guter‹, sagte er und lachte, während er jetzt nähertrat. ›Ich glaube alles und nichts. Was hat man von hier aus‹ – er wies auf den Stuhl vor dem Schreibtisch – ›nicht schon alles gesehen! Sind Sie eifersüchtig auf mich alten Mann? Es ist sehr schmeichelhaft. Aber Sie überschätzen mich. Leider. Aus dieser Perspektive sieht unsereins nichts mehr außer Objekten. Ja, Sie können es wissen, Ihre Frau ist leidend. Woran sie leidet, ob an Seele oder Leib, kann ich Ihnen ohne ihre Einwilligung nicht sagen. Ich hoffe, Sie würden an meiner Stelle nicht anders handeln. Wäre es anders, hätte ich mich in Ihnen getäuscht, und wir müßten uns baldmöglichst trennen.‹ Ich senkte den Kopf, stumm. Er kam noch näher, und ich hörte aus seiner Stimme etwas Mitleid heraus, bei einem Menschen, den ich frei von diesem Gefühl geglaubt hatte: ›Ich habe Ihnen unlängst angedeutet, daß Sie, junger Kollege, Ihre Studien an unseren Patienten zu sehr in die Länge ziehen.‹ ›Man will auf den Grund kommen‹, sagte ich. ›Und wird es nie‹, sagte er bestimmt. ›In unserer Wissenschaft niemals. Je länger Sie einen Fall studieren, desto unklarer wird er oft. Alles ist hier bei uns Gefühl, Erfahrung, nichts steht von vornherein fest.‹ ›Das kann ich eben nicht glauben.‹ ›So überzeugen Sie sich! Ich gebe Ihnen eine neue Patientin, Ihre Frau. Forschen Sie, graben Sie in der Tiefe, studieren Sie bei Tag, und natürlich auch bei Nacht!‹ ›Sie glauben doch nicht, daß sie geistig nicht normal ist?‹ ›Ich glaube nichts. Machen Sie sich an die Arbeit und bringen Sie mir das Ergebnis. Ist sie gesund, um so besser. Nur eines vergessen Sie nie: ein Arzt hat zu warten, bis der Kranke sich ihm nähert, bis er ihm zu Füßen liegt und voll Vertrauen zu ihm aufblickt. Drängen Sie sich aber auf, und sei es in bester Absicht, erreichen Sie Ihr Ziel nie.‹ ›Aber ich liebe meine Frau!‹ sagte ich und übertrat mein eigenes Gebot, keinen fremden Menschen zu Rate zu ziehen um sie. ›Um so besser, Sie Glückspilz!‹ sagte er. ›Dann kommt alles von selbst in Ordnung.‹ Ich verließ ihn, etwas getröstet, weil ich glaubte, er hätte an ihrer Lunge nichts Ernsthaftes gefunden. Ich liebte sie, ich liebte sie mit jedem Tage mehr, und doch konnte ich keinen Fuß fassen, ich wußte nicht, woran ich war, ich wußte eben nur, daß sie neben mir stand, an meiner Seite lag. Ich wußte auch nichts durchaus Sicheres über die Kranken. Es war eben eine unsichtbare Wissenschaft. Keine Diagnose schien mir festzustehen, die aussichtslosen Kranken wie meinen armen Perikles ausgenommen. Hier sprach die Statistik, die angab, daß die mittlere Krankheitsdauer zwei bis drei Jahre betrage. Bald war das erste Jahr abgelaufen ... Hier das Chaos in meinem Beruf, dort das Chaos in meinem persönlichen Leben. Und hätte ich wenigstens Eveline Sicherheit geben können! Es kränkte mich, ich konnte darüber nicht hinwegkommen, daß meine Geliebte mir meine Liebe nicht glaubte und daß ich sie auf keine Weise davon überzeugen konnte. Ich hatte meine Frau Vally gebeten, sie solle mir vorläufig nicht schreiben, denn ich sah, daß Eveline beim Anblick ihrer Briefe grün wurde vor verhaltener Wut. Meine Schwester Judith schrieb mir die seltsamsten Briefe, die jeder für schwärmerische, fast irrsinnige Liebesergüsse gehalten hätte, wären sie nicht von einem halbwüchsigen Mädchen an ihren eignen, in dieser Richtung ganz teilnahmslosen Bruder gerichtet gewesen; aber Eveline übersah sie zum Glück, bis ich ihnen bald durch ein energisches Wort ein Ende machte. Mein Sohn hatte mir nur zweimal geschrieben, dann war der Briefwechsel wie mit einem Schlag zu Ende. Ich fragte Eveline, die stets die Post persönlich beim Portier abholte, ob nichts aus Bludenz dabeigewesen war. ›Doch, eine Karte von deinem Söhnchen‹, sagte sie höhnisch. ›Ich habe sie nicht gelesen, aber auf die Adresse geschrieben: Adressat verstorben! An den Absender zurück! und habe sie dann zurückgehen lassen.‹ Das war offenbar Lüge, denn in diesem Falle hätte mein Sohn sich an meinen Vater gewandt, und die Sache wäre bald aufgeklärt worden. Aber was war die Wahrheit? Erst viel später habe ich erfahren, daß Eveline seine Karte, weil sie nicht frankiert war, zurückgeschickt hatte. Mein Sohn empfand dies mit wenig Recht – als persönliche Kränkung und hat es mir nie verziehen. Aber davon wußte ich jetzt noch nichts. Ich wiederholte meiner Eveline, ich liebe nur sie. Sie glaubte es nicht. Ich sagte ihr, ich brauche sie. Ja, für die Nacht! antwortete sie voll Hohn. Der Chefarzt hatte bei einer späteren Besprechung durchblicken lassen, ich müsse meine Geliebte etwas schonen. Ich tat es, mit welcher Überwindung, kann nur der begreifen, der so etwas erlebt hat. Aber was konnte ich ihr sagen, als ich sie eines Morgens beim Erwachen in Tränen gebadet sah? Sie hatte rote Augen, denn sie hatte die ganze Nacht schlaflos verbracht. ›Also nicht einmal für das bin ich dir gut genug!‹ gab sie mir mit furchtbarer Bitterkeit zu verstehen. Eines Tages fragte ich sie nach dem Sinn der drei Buchstaben N. D. E., die sie mir vor langer Zeit auf einer Karte geschrieben hatte. Hieß es Nur Deine Eveline oder Niemals Deine Eveline. › Noch Deine Eveline‹, sagte sie leise und sah mich von unten an. Sie wollte am liebsten am Boden sein, zu mir emporsehen. Ich liebte dies nicht an ihr, konnte es ihr aber nie abgewöhnen. Was vermochte ich über sie? Sie hüstelte mehr denn je, abends leuchteten die Augen im Fieber, ab und zu hatte sie Schüttelfrost. Unentwegt zeigte aber das Thermometer die normalen 37. Ich war angestrengt tätig, ich konnte sie nicht überwachen. Ich beschwor sie, nicht zu rauchen, und da sie meine Verzweiflung sah, gab sie nach. Ich konnte sie aber nicht hindern, in die Stadt zu fahren, wo ihre alte Tante lebte, ehrwürdige Stiftsdame im adeligen Damenstift. Eines Tages sandte mich Dr. Mohrauer in die große Stadtapotheke, da in letzter Zeit die Qualität der Medikamente nachgelassen hatte. Ich kam an einem der schönsten Stadtkaffees vorbei – meine Frau, fahl und trist aussehend, saß, bis ans Kinn in ihren Mantel gehüllt, mit verlorenem Blick an dem Fenster und rauchte. Als sie mir abends einen Kuß gab, schmeckte er nach Pfefferminz. ›Seit wann liebst du Pfefferminz?‹ fragte ich, da ich wußte, daß sie es verabscheute. ›Doch schon immer!‹ log sie. ›Jetzt wirst du vielleicht sagen, ich habe zehn Zigaretten geraucht und habe Pfefferminz gelutscht, um den Rauchgeschmack wegzubringen.‹ Was sollte ich tun? Ich durfte sie es nicht einmal wissen lassen, daß ich wußte, daß sie log. Sie fragte mich eines Abends zitternd vor Erregung, ob ich sogar in eine Scheidung meiner Ehe einwilligen würde. Nichts war mir lieber als das. ›Morgen gehen wir zum Anwalt‹, sagte ich, ›heute noch schreibe ich meiner Frau. Und du deinem Mann. Ist es dir so recht?‹ ›Ich wünsche mir nichts anderes‹, sagte sie, aber schon nicht mehr so erregt. Abends schrieb ich einen langen Brief an meine Frau. Sie sah mir über die Achsel zu und lächelte voll kindlicher Freude. ›Warum schreibst du nicht?‹ fragte ich, als ich fertig war. ›Wenn du in meiner Nähe bist, kann ich nicht schreiben, keinen klaren Gedanken fassen. Merkst du das nicht? Ich schreibe morgen. Heute müssen wir feiern! Laß mich nicht zur Besinnung kommen! Laß mich nicht bereuen! Sag, wie soll ich es beginnen, dich nicht mehr zu lieben?!‹ – Wahrheit? Lüge? Ich war glücklich trotz allem. Frau und Beruf – ich hatte erreicht, was ich wollte. 3 Ich wollte nicht gern die alte, klassische Wissenschaft, die meines Vaters, die sichtbare, mit der neuen, noch tastenden Wissenschaft vergleichen, mit der ich mich jetzt beschäftigte. Ich hatte geglaubt, die Augenheilkunde nur auf seinen Wunsch betrieben zu haben. Merkwürdigerweise interessierte mich aber auch jetzt noch, mitten in meinen vielen Anstrengungen und mitten unter den Irren, ein menschliches Auge, das krank oder behandlungsbedürftig war. Unter den Kranken der Anstalt sah ich oft die allmähliche und unheilbare Erblindung, wie sie mein Vater vor Jahren hier untersucht hatte, eine Folge der syphilitischen Erkrankung des Sehnerven, seine Verödung, sein Schrumpfen. Ich untersuchte einige solcher Kranken auch hier und wandte meinen Apparat zur Druckprüfung bei ihnen an. Der Universitätsmechaniker hatte mir vor kurzem die alten Modelle mit einem besonders herzlichen Briefe zugesandt und sich jegliche Bezahlung verbeten. Ich prüfte desgleichen den Blutdruck an den Schlagadern ihrer Hände, wie es üblich ist. Bei diesen Augen schien Heilung ausgeschlossen, es konnte sich nur um eine theoretische Studie handeln. Anders war es bei der alten Direktorin, die als Kind im österreichischen Okkupationsgebiet, in der Herzegowina, mit ihrer Familie, Wiener Beamten, aufgewachsen war. Sie hatte damals das in jener Gegend häufig vorkommende Trachom, die ägyptische Augenkrankheit überstanden und war von einem österreichischen Militärarzt geheilt worden. Aber das linke Auge war ganz, das rechte zu einem Drittel von einem weißen, undurchsichtigen Schleier überzogen. Sie war fast blind. Sie hatte sich mit diesem Schicksal abgefunden, wirtschaftete in den Küchenräumen, in den großen Gärten, in den angrenzenden Feldern flink umher, beaufsichtigte zahlreiche Gehilfen und Gehilfinnen. Und da auch die Geisteskranken, wenigstens ein Teil von ihnen, jetzt zum erstenmal zu den Gartenarbeiten herangezogen wurden, kam sie kaum zur Ruhe. Denn wenn auch das Bewachungspersonal geübt, erfahren und verläßlich war, gab es unaufhörlich Streitigkeiten mit den sehr reizbaren Kranken, die man ja in keiner Weise mit normalen Menschen und gesunden Arbeitern messen konnte und die oft trotz bestem Willen mehr verdarben, als sie der Anstalt nützten. Aber ihre Anfälle und Depressionen wurden durch die Arbeit abgelenkt, sie waren etwas glücklicher, wenn sie, nun bei besser werdender Witterung und länger werdenden Tagen, im Freien wirtschaften konnten. Ich bot mich der Direktorin nicht an, aber sie hatte, vielleicht von Eveline, mit der sie sich sehr herzlich angefreundet hatte, erfahren, daß ich früher in der Augenklinik meines berühmten Vaters gearbeitet hatte. Ich untersuchte also auf ihre Bitte die Augen und fand, daß man bei beiden Augen den Versuch machen sollte, die getrübte Hornhaut aufzuhellen. Der krankmachende Prozeß war seit fünfzig oder sechzig Jahren abgelaufen, und doch war es nicht aussichtslos, die Hornhaut durch ein bestimmtes Mittel wieder in eine frische Entzündung zu versetzen, und zwar durch den Absud der zermahlenen, giftigen Jequiritybohnen, den man frisch herstellen muß, wenn er wirksam sein soll. Die Direktorin mußte sich für die Dauer der Kur beurlauben lassen. Ich fürchtete, Mohrauer würde ihr den Urlaub verweigern, sie vor der nicht ungefährlichen Behandlung durch einen jungen Arzt wie mich warnen, aber es geschah nicht – im Gegenteil, Mohrauer vertraute mir viel mehr, als ich mir selbst vertraute. Wir nahmen erst das schlechtere Auge vor, an dem nicht viel zu verderben war, es war so gut wie blind und erkannte nur Lichtschimmer. Ich stülpte – nach der langen Übung bei meinem Vater nun ohne Schmerzen – das obere und dann das untere Augenlid links um und bepinselte beide ausgiebig mit dem Absud. Am Abend waren die Lider gerötet und schwammartig angeschwollen, die Bindehaut war von strotzenden Adern durchzogen, das Häutchen auf oder in der Hornhaut war noch weißer und porzellanartiger geworden, und das Auge vermochte nichts zu sehen. Aber die alte Frau baute auf mich. Sie fragte nicht, sondern hielt still, als ich noch ein zweitesmal und später noch ein drittesmal die Lider mit einer frischen Lösung einpinselte. Die Entzündung hatte sich stark gesteigert, die Nächte sollten ohne Schlaf verlaufen bei der Armen, und sie litt unter starken Schmerzen. Weiter war nichts zu tun. Wir hielten das Auge rein, brachten einen feuchten Verband an, und die an Arbeit gewöhnte Frau mußte sich einige Tage völliger Ruhe gönnen. Eine Woche nach Beginn der Kur untersuchte ich das Auge, die Entzündung war im Rückgang, die Schmerzen waren fort, der Schlaf und der Appetit gut. Die Hornhaut schien etwas durchsichtiger geworden zu sein, aus dem porzellanartigen Überzug war ein Häutchen wie aus Seidenpapier geworden, und es wurde noch viel heller am Ende der dritten Woche. Es war eine große Freude für uns alle, als ich feststellen konnte, daß das früher schlechtere Auge jetzt das bessere geworden war. Das andere sollte auch behandelt werden, aber nicht jetzt, denn das Haus, das immer voll belegt war, konnte die Aufsicht der Direktorin nicht entbehren. Die alte Frau war mir dankbar, sie wollte mir etwas zuliebe tun. Aber was? Wir hatten alles, was wir brauchten. Ich sah, wie sie mir, wenn ich vorbeiging, mit den Blicken folgte, manchmal schien es mir, als wolle sie mir etwas mitteilen, aber ich hatte wenig Zeit. Zu meiner gewöhnlichen Arbeit von morgens sechs bis in die Nacht, voll von Verantwortung für die zum Teil sehr unruhigen, tobenden, schweren Kranken, kam jetzt die Sorge um unsere Scheidung, ich fuhr in die Stadt, um einen Anwalt zu Rate zu ziehen. Aber weder von meiner Frau noch von Evelines Mann war die geringste Nachricht eingelaufen, ebensowenig wie von meinem Sohn. Aber ich kam mir nicht verlassen vor, denn Eveline war leidenschaftlicher und zärtlicher als je. Ich war so glücklich mit ihr, daß ich nicht wußte, wie es weitergehen würde, denn unsere Liebe hatte sich nicht im geringsten abgeschwächt, sie wuchs und wurde stürmischer – und düsterer mit jeder Nacht. Wäre Eveline doch gesund gewesen, wie Millionen anderer Menschen! Wie mein Vater, meine Familie, die alte unverwüstliche Direktorin. Aber Eveline war nicht gesund, sie verbarg ihren Husten, sie unterdrückte ihn, bis er doch in furchtbaren Anfällen durchbrach – sie lag während des ganzen Tages auf dem Sofa, um während des Abends aufzuwachen und dann lebhafter und ausgelassener zu sein als ich, der abgearbeitet und ermüdet zu ihr heimkehrte. Oft dachte ich, Eveline verberge nicht allein ihre Krankheit vor mir. Aber was sonst? Ich war unruhig, wie jeder, der ein zu großes Glück erlebt. Oft trat ich bei meinem alten Freund Perikles ein, der jetzt meist im Halbschlaf hindämmerte und in welchem ich noch den unvergessenen Kameraden meiner jungen Jahre sehen wollte. Ich setzte mich an sein Bett, ich streichelte ihm die Haare, die Hände, die Stirn, die Bettdecke, unter der sich seine dünn gewordenen Glieder abzeichneten, er murmelte etwas vor sich hin, das ebensogut Zucker als Ruhe, als Jesus, als auch nur ein tierisches Lallen sein konnte. Aber vielleicht verstand er mich besser, als er sich auszudrücken vermochte. Seine tiefliegenden Augen hatten trotz ihrem Schielen etwas Sprechendes, sein Mund unter dem dichten Bartgestrüpp hatte etwas unbeschreiblich Leidendes. Ich tröstete ihn, ich redete ihm gut zu. Vielleicht faßte er den Sinn oder doch wenigstens den Klang meiner Sprache, es schien ihm wohlzutun, er begann leise mitzureden. Wenn ich aber aufhörte zu sprechen, hörte er sofort auf. Dies kam bei anderen Paralytikern auch vor. Sie sah ich aber nur im Dienst, mit meinen Instrumenten, mit meinen Protokollen, eben als Arzt. Ihn sah ich als Freund. Es war Anfang Juni 1919. Ich kam meist spät abends in meine Wohnung. Eveline hatte den Tisch gedeckt, wir bekamen täglich die schönsten Blumen von der Direktorin aus dem Anstaltsgarten. Meine Geliebte, erregter als sonst, konnte kein Ende finden, sie zu bewundern und ihr blasses, trotz aller künstlichen Hilfsmittel verfallenes Gesicht in den prachtvollen Blumenstrauß zu versenken. Zum Essen konnte ich sie nicht bewegen. Es roch in den Zimmern sehr zart, aber doch erkennbar nach Zigarettenrauch. Ich fragte Eveline nicht, ich wußte, sie würde die Wahrheit nicht sagen. Tat ich doch auch so, als glaubte ich ihr, daß sie schon gegessen habe, und zwar ›zehnmal mehr als sonst‹. ›Ich bitte dich, iß noch etwas, eine Kleinigkeit‹, sagte ich, ›du kommst ganz von Kräften.‹ ›Ich kann nicht zweimal an einem Abend essen. Guten Appetit für dich!‹ ›Eveline‹, sagte ich und nahm ihren Kopf zwischen meine Hände und zog ihn an mich: ›Liebst du mich denn nicht?‹ ›Ich dich lieben?‹ sagte sie lachend und machte sich schnell frei, ›eigentlich nein, ich liebe dich nicht. Warum soll ich dich lieben? Nein! Du hast mich zugrunde gerichtet!‹ Jetzt mußte auch ich lachen, so komisch erschien mir diese Antwort. Endlich ließ sie sich von mir auf den Schoß nehmen, und ich fütterte sie wie ein kleines Kind. ›Willst du denn nicht einmal fort von hier?‹ fragte sie zwischen zwei Bissen. ›Nein, ich kann vor dem Spätsommer auf Urlaub nicht rechnen.‹ ›Aber wenn ich reisen müßte? Zum Beispiel nach Meran, in ein Lungensanatorium?‹ ›Du hast aber immer gesagt‹, antwortete ich überrascht, ›daß deine Lunge gesund ist.‹ ›So, dann wird es auch wahr sein‹, und sie schlüpfte von meinem Schoß auf die Erde, wo sie am liebsten saß. ›Ich habe dir vielleicht Schmerzen gemacht in deinem wunden Knie?‹ fragte sie. ›Nein, nein‹, log ich, ›wie meinst du das mit Meran?‹ ›Ich meine es so, daß ich gern mit dir hinreisen möchte. Hier kann ich nicht immer bleiben‹ – Ich besprach diese Frage mit Dr. Mohrauer. Er wollte mir vierzehn Tage Urlaub geben, ich sollte Eveline nach Meran bringen und dort lassen. Sie war sehr überrascht, als ich ihr seine Zusage mitteilte. ›Ja, aber von welchem Geld sollen wir dort leben?‹ fragte sie, ›Meran ist teuer.‹ Sie spielte mit ihren prachtvollen Ohrringen, mit den riesigen Steinen. ›Eveline‹, sagte ich, ›ich kann nur die Kosten meines Aufenthaltes tragen.‹ ›Schade. Ich habe auch nichts.‹ ›Aber du hast doch deinen Schmuck.‹ ›Ich schwieg von ihrem angeblichen Privatvermögen.) ›Von dem Verkauf eines Steines kannst du deine Kur für ein halbes Jahr bezahlen.‹ Sie schüttelte den Kopf. ›Von meinem Schmuck trenne ich mich nie. Er ist das Hochzeitsgeschenk meines Mannes, es ist Familienschmuck.‹ ›Aber wenn es um deine Gesundheit, um dein Leben geht?‹ ›Du übertreibst, alter geliebter Junge.‹ ›Meine liebste Nischy‹, sagte ich, ›du mußt aber fort.‹ ›Ich glaube es auch. So können wir nicht zusammenleben. Meine Tante, die Stiftsdame, macht mir die größten Vorwürfe. Ich bin nicht mehr sechzehn, ich bin bald dreißig. Für dich ist ja ein verliebtes kleines Geschöpfchen sehr angenehm, aber ich will es nicht sein.‹ ›Wir wollen heiraten. Ich habe meiner Frau geschrieben.‹ ›Sie hat dich nicht einmal einer Antwort gewürdigt.‹ ›Auch dein Mann hat nicht geschrieben.‹ ›Oh doch!‹ sagte sie, besann sich aber sofort und verbesserte sich. ›Oh doch, durch einen Anwalt, nicht persönlich, weißt du, er hat mir mitteilen lassen, daß er auf die Scheidung nicht eingeht. Er liebt mich eben. Leider.‹ ›Er hat dir geschrieben, und ich höre es durch Zufall?‹ ›Beruhige dich‹, sagte sie und kam zu mir. In ihren eisengrauen Augen lag alles mögliche, das ich bei aller meiner Liebe nicht lesen konnte. ›Warum soll ich dir dein Leben erschweren? Wir müssen uns trennen. Oder ...‹ ›Nun, oder‹, fragte ich und begann zu zittern. ›Nein, das kann ich dir nicht sagen. Heute nicht. Vielleicht später, nachts ...‹ Eine halbe Stunde später hatte ich mich ausgekleidet und auf meinem Bett ausgestreckt. Eveline hatte nur ihr Kleid ausgezogen. Sie lag in dem anderen Bett, mit dem aschblonden Kopf nach unten, streifte aber mit ihrem Fuß kitzelnd meine Achsel, so daß ich lachen mußte. Sie kam näher, kniete sich neben mich, und jetzt waren es ihre sehr scharf gewordenen Knie, mit denen sie mich berührte. ›Ich möchte mit dir machen können, was ich will‹, flüsterte sie mir ins Ohr, und ich sah ihre Riesensteine bläulich funkeln. Ich atmete tief auf. ›Sprich, sprich doch!‹ flüsterte ich. ›Später! Später!‹ flüsterte auch sie und stellte sich im Bette auf. Sie wippte auf ihren langen, schönen Beinen, und ihre seidene Wäsche wehte um ihre Hüften. Ich schloß die Augen und ließ mich wiegen wie ein Kind. Vielleicht bin ich übermüdet eingeschlafen. Aber ich erwachte sofort nachher. Ich fühlte ihren nackten kalten kleinen Fuß an meiner Flanke. Sie hatte ihre Strümpfe ausgezogen. Sie tastete jetzt mit dem linken Fuß auf meine Brust und setzte ihn vorsichtig über die Stelle, unter der mein Herz schlug. ›Ich tue dir doch nicht weh?‹ fragte sie. Ich schüttelte den Kopf. Ich hätte durch sie sterben mögen. ›Und jetzt? Und jetzt?‹ fragte sie. Sie stand jetzt auf meiner Brust, und wenn ich den Atem einzog, hob sich ihre Gestalt, wenn ich ausatmete, senkte sie sich. Sie war so leicht, kinderleicht! ›Ich tue dir doch nicht weh?‹ Und auf einmal brach sie auf meinem Körper nieder und erstickte mich mit ihren alten unvergeßbaren Küssen, noch naß von Tränen. Bald nachher sagte sie mir kalt ihren Plan. Weder von meiner Frau noch von ihrem Mann war also ›in Gutem‹ die Einwilligung zur Scheidung zu erlangen. Ohne Scheidung konnte sie aber nicht mit mir verreisen. ›Was soll ich also tun?‹ fragte ich. ›Du tust es doch nicht!‹ ›Sprich!‹ ›Aber du verwendest es niemals gegen mich! Versprichst du es?‹ Ich versprach alles. Sie vertraute mir also flüsternd an, es bleibe nichts übrig, als daß sie für ein paar Tage zu ihrem Mann zurückkehrte, um entweder durch Überredung seine Einwilligung zu erhalten oder aber ihn irgendwie schmerzlos und gefahrlos aus dem Weg zu schaffen. Ich hätte doch viele Medikamente, zum Beispiel die Bohnen, die giftig sein sollten, Jequirity ... Als ich aufspringen wollte, hielt sie mich zurück, und ich wunderte mich, wieviel Kraft sie hatte. Sie sah mich starr an und sagte: ›Aber versteh mich recht, das gleiche verlange ich dann auch von dir!‹ ›Meine Frau ...‹ ›Nun, was ist sie mehr wert als mein Mann? Wenn ich meinen Mann opfern soll, dann muß auch deine Kuh daran glauben. Wir müssen es fein anfangen. Niemand darf etwas davon merken. An Jequirity denkt doch keine Menschenseele. Bohnen? Das ist etwas Unbekanntes.‹ Ich hielt es für einen schlechten Scherz. Ich zündete das Licht an, um ihr Gesicht besser zu sehen, aber sie drehte den Schalter sofort wieder aus. ›Ich werde nie die Hand gegen meine Frau erheben‹, sagte ich. ›Hier ist also deine Liebe schon zu Ende?‹ ›Du willst mich doch nicht zum Mörder machen?‹ ›Und dir wäre es recht, wenn ich zur Mörderin an meinem Mann würde?‹ ›Nein, ich habe es nie von dir verlangt.‹ ›Aber wenn es ganz zufällig so käme?‹ ›Nein Nischy‹, sagte ich, ›scherze nicht mit solchen Dingen! Wir dürfen an so etwas nicht denken, es ist heller Wahnsinn.‹ ›Heller Wahnsinn, so, glaubst du?‹ In der nächsten Zeit schien sie mir ruhiger. Sie aß mehr, rauchte nicht. Das Fieber schien mit den zunehmenden Sommertagen verschwunden zu sein. Als die Waage eine sehr ansehnliche Zunahme zeigte, wußte ich nicht, wohin vor Freude. Aber diesmal wollte sie nicht feiern. Aber auch darüber war ich glücklich – jeder versteht, warum, wenn er geliebt hat wie ich. Eine Woche später fuhr sie eines Nachmittags in die Stadt. Abends war sie nicht zurück. Ich wartete. Bis Mitternacht war sie nicht da. Ich ging zu dem Portierhäuschen, das ich von meiner Jugend noch so gut kannte. Jetzt war es Sommer, die reifen Felder rauschten im Dunklen. Der Mond schien nicht, nur die Sterne, sie waren sehr hell; besonders der Sirius, den ich ihrem Vater vor seinem Tod gezeigt hatte, glitzerte sehr stark und hell ... Die Züge auf der Böschung kamen wie immer, wie vor dem Kriege. Am nächsten Morgen gegen fünf Uhr weckte ich die Direktorin. Sie kam in ihrer Nachtjacke zu mir heraus. Ihr erzählte ich, daß ich fürchte, Eveline sei etwas Ernstes zugestoßen. ›Ich glaube es nicht‹, antwortete sie, ›Ihre kleine Freundin kommt vielleicht gar nicht mehr zurück.‹ ›Sie kann bei ihrer Tante, der Stiftsdame übernachtet haben ... sie kann einen Blutsturz bekommen haben ...‹ ›Das alles glaube ich nicht. In der letzten Zeit sah die Baronin ja geradezu kernig aus, das durchsichtige Ding! Finden Sie sich ab. Es ist das Beste so.‹ Ich fuhr mit dem ersten Zug in die Stadt. Ich ging in das adelige Damenstift. Es war aufgelöst seit dem Kriegsende. Die Tante lebte schon seit 1916 nicht mehr hier. Die alte Direktorin bei uns wußte alles. ›Ihre kleine Komtess‹, sagte sie mir, meine Hände haltend, ›hat Sie nur auf der Durchreise in B. sehen wollen. Deshalb hatte sie kein Gepäck mit, sondern nur das Necessaire. Eben für eine tolle Nacht. Alles nachher war sehr gegen ihren Willen. Ich glaube, daß sie ihrem Mann regelmäßig geschrieben hat. Der Arme! Sie hat ihm eingeredet, sie sei als Patientin in unserer Anstalt, wegen ihrer schlechten Nerven. Vergessen Sie die niedliche kleine Fee. Sie sollen ja eine prächtige Frau haben. Auch um Ihren Sohn sollten Sie sich kümmern. Trauern Sie der kleinen Bestie nicht nach.‹ ›Ich danke Ihnen also für die Auskunft‹, sagte ich dumm. Ich erwartete Eveline noch die folgende Nacht und noch lange Zeit. Ich konnte es nicht glauben. 4 Ich beklagte mich nicht, und dennoch tröstete man mich. ›Lassen Sie es gut sein‹, sagte die Direktorin, der ich niemals zur rechten Zeit ausweichen konnte, ›Sie haben eine nette Abwechslung gehabt, waren es nicht schöne Tage? Und für das liebe Häschen war es eine Wunderkur?‹ Sie lachte. ›Und wann kommt mein zweites Auge dran?‹ Ich machte die gleiche Kur wie auf dem linken, doch war das Ergebnis nur eine mäßige Besserung. Übrigens wußte mir nicht jedermann in der Anstalt Dank für diese Wunderkur, denn die Direktorin sah mit ihren ›neuen Augen‹ viel von dem, was ihr bis jetzt entgangen war. Aber die Kranken hatten es vielleicht jetzt noch besser. Sie bot sich uns an, einen Teil der lästigen Korrespondenz mit den Angehörigen der Kranken, den Ämtern, Gerichten etc. abzunehmen. Ich aber konnte nicht Arbeit genug bekommen, denn sie war mein bester Trost. Der Chefarzt fragte mich: ›Ihr Urlaub?‹ Ich lächelte, so gut ich konnte. ›Schön‹, antwortete er, ›um so besser für mich. Ich werde alt, ich kann sechs Wochen Urlaub gut brauchen, vier Wochen kommen mir zu, und zwei schenken Sie mir, nicht wahr? Ich glaube‹, sagte er ernst werdend, ›wir passen ganz gut zusammen. Ihre Blutdruckmessungen ergeben möglicherweise mehr, als ich in meinem Pessimismus davon erwartet habe. Auch der Sehnervenschwund bei Tabes ist nicht so aussichtslos, wie manche annehmen. Freilich, eine so originelle Idee, wie in der Arbeit Ihres Vaters, von der ich unlängst mit Ihnen gesprochen habe, die fehlt Ihnen. Dafür sind Sie mit einem Ameisenfleiß begnadet, der das Genie mehr als ersetzt.‹ Nun wurde mein Lächeln bitter, denn ich wußte, was es mit der berühmten Arbeit meines Vaters für eine Bewandtnis hatte. Der große Menschenkenner – und Menschenfeind Mohrauer mißverstand mich: ›Trösten Sie sich über Frau von K. Man verliert nur, was man nicht hat. Auch sie hat immer an Ihrer Anhänglichkeit gezweifelt‹ ›Eveline, an meiner Anhänglichkeit?‹ fragte ich, so überrascht, daß ich wieder mein mir gegebenes Versprechen brach, mit niemand über Eveline zu sprechen. ›Ja, sie hat mir anvertraut, sie wolle Ihnen nicht als Zeitvertreib dienen, und Sie würden unbedingt früher oder später zu Ihrer Frau zurückkehren, zu der dicken Kuh, wie sie es unfreundlicherweise nannte. Nun zu etwas Ernsterem, finden Sie nicht, daß Ihr Freund jetzt sichtlich verfällt? Und dann der Fall Br. Das Gericht besteht auf einem Gutachten von wegen der Entmündigung. Ich überlasse es Ihnen, ich denke, Sie haben trotz der kurzen Zeit hier Erfahrung genug gesammelt, so daß Sie die Verantwortung übernehmen können für dies und das. Sie sind hier am rechten Platz. Hängen Sie Ihr Herz an niemand mehr, es trägt keine greifbaren Früchte und hindert Sie an der Konzentration, die Sie für Ihre wissenschaftlichen Arbeiten nötig haben. Übrigens hat Ihre Frau Ihnen heute geschrieben, ich habe den Brief zufällig in dem Posteinlauf gesehen. Hier! Wenn Sie sie kommen lassen wollten, von meiner Seite bestehen keinerlei Hindernisse, und ich werde jedermann die strengste Diskretion einschärfen, Sie können auf mich rechnend Ich dankte und ging. Draußen in dem trotz der Sommerhitze kühlen, sehr sauberen, fliesengedeckten Korridor las ich diesen Brief: ›Mein lieber Mann! Aus Deinem lieben Brief habe ich mit Kummer gesehen, daß Du die vollständige Trennung unserer für Dich drückenden Ehe wünschest. Ich habe viel darüber nachgedacht und gebe Dir recht, wenn Du Dich beklagst über mich in früherer Zeit. Ich hätte anders handeln sollen, habe aber nur aus Liebe zu Dir so gehandelt. Jetzt haben wir das Kind und müssen wir beide sehen, wie wir das Beste herausholen. Dem Maxi geht es, wie Du wohl schon weißt, in Bludenz recht gut. Aber er ist kein großer Gelehrter und werden wir wahrscheinlich auch keinen Geistlichen aus ihm machen, wie wir es uns so schön gedacht haben. Er lernt etwas schwer, und die geistlichen Herren Lehrer sind eher für ein Handwerk. Aber die Entscheidung, die ich Dir überlassen möchte, ist nicht von heute oder morgen. Vielleicht nimmt er sich noch zusammen, und seine Noten werden besser. Versprochen hat er es mir, und es ist ein gutes Kind. Nun zum Schluß noch ein Wort zu Deinem Wunsch. Solange ich am Leben bin, besteht für mich als Katholikin unsere Ehe, sie ist unlösbar, und ich kann meine Einwilligung zu einer Scheidung nicht geben. Ich bin mit Deiner Wiederverheiratung nicht einverstanden. Von mir kann Dich also nur der Tod befreien. Ich liebe Dich so sehr, daß ich sogar den Selbstmord erwogen habe. Aber diesen verbietet nicht allein unsere hl. Religion und müßte ich dafür im Jenseits büßen, sondern viel wichtiger ist, wie wolltest Du ihm die Mutter ersetzen? Du kannst Dir also leider keine Hoffnungen machen. Dagegen wird es Dich freuen, zu erfahren, daß Deine lieben Eltern sich gesund und wohlauf befinden, ebenso Deine l. Geschwister alle. Im Haus gibt es viel zu tun, entschuldige daher, daß ich so spät und mit so häßlicher Krikelkrakel an Dich schreibe. Auch ich bin G. s. D. gesund und grüße und küsse Dich in meiner alten Liebe und Treue Deine Frau Vally.‹   – Ich widmete mich meinem einstigen Freund mehr denn je. Nicht nur als Arzt. Ich wollte sein Freund bleiben. Seine alte Tante, die bis jetzt für ihn gesorgt hatte, erklärte sich nun in einem unhöflichen Brief außerstande, die Pension hier zu bezahlen. Für die Messen versprach sie auch weiterhin zu sorgen. Man hätte ihn in der Landesirrenanstalt unterbringen müssen. Ich sah seinen Verfall. Mein Chef hatte recht. Aber ich wollte, konnte mich von ihm nicht trennen, und, wie ich an eine Rückkehr meiner geliebten Eveline glaubte, glaubte ich in meinem tiefsten Herzen – ohne es natürlich jemandem hier zu sagen – an eine Besserung seines Zustandes. Sollten doch sogar, in einem Falle von tausend, Heilungen vorgekommen sein. Warum konnte nicht er dieser eine unter tausend sein? Manchmal schien doch ein winziger Schimmer von Vernunft durch sein unruhiges Gefasel durchzuschimmern: ›Du bist dem lieben Gott ein Spielzeug und Werkzeug!‹ murmelte er sich selbst zu, während er sich stereotyp, eben wie ein mechanisches Werkzeug im Bette aufsetzte und niederfallen ließ, taktförmig, stunden-, tagelang, so daß ich, wenn ich blind gewesen wäre, beim Durchschreiten des Korridors ihn hätte hören müssen. Jesus und Goethe war er immer gewesen, vor tausend Jahren hatte er gelebt, auf allen Sternen war er wohlbekannt, und man sprach ihn dort mit Imperator, Genius genii und Obergott an. Dabei wurde sein Gewicht von Woche zu Woche kläglicher. Er schwand dahin, dann kamen wieder bessere Zeiten, schließlich ging es doch abwärts. Wie lange? Ich ging zur Direktorin und bat sie, für ihn einen Extrapreis auszumachen. ›Schön, kann geschehen‹, sagte sie mir, ›um Ihnen eine Freude zu machen – es gilt ja doch nur auf ein paar Wochen‹, setzte sie unbarmherzig hinzu. Ich dankte und ging. Ich hoffte immer noch. Der Sommer und der Herbst waren vorüber, und nichts hatte sich geändert. Furchtbar war die Einsamkeit zu ertragen. Ich ging eines Abends, als die Tage schon merklich kürzer geworden waren, in sein Zimmer, schickte den Wärter, der fast den ganzen Tag bei ihm und einem anderen ähnlichen Patienten in dem Nebenzimmer verbrachte, hinaus und begann mit ihm zu sprechen, ihm mein Leid zu klagen, wobei er seine alte Manier – aufsetzen im Bett, niederfallen – fortsetzte, als wäre er allein. Als Gegenleistung zahlte ich seine Pension hier, welche die Direktorin großmütig ermäßigt hatte, ohne daß der etwas zu sparsame Mohrauer davon erfuhr. Im Herbst des Jahres 1920, mitten in der Inflation, beendete ich meine neuen Untersuchungen über die Beziehungen zwischen dem Druck im menschlichen Auge und dem allgemeinen Blutdruck. Sie erschienen Ende November in einer medizinischen Zeitschrift. – Kurz vor Weihnachten wurde mir ein Besuch angekündigt. Es war mein Vater. Er war voll Freundlichkeit. Jovial, elegant gekleidet, grauer Spitzbart, silberne Haare, rote, volle Wangen. ›Du hast dir ja einen Christusbart wachsen lassen, mein Sohn‹, begrüßte er mich. – Ich hatte mir aus Sparsamkeit angesichts der sehr teuren Rasierklingen und der Rasierseife einen Bart wachsen lassen, der mich vielleicht etwas älter machte. ›Auch du mit deinem eleganten Henri quatre hast dich verändert‹, gab ich zurück. ›Im Ernst, glaubst du, daß es mich kleidet?‹ ›Gewiß‹, sagte ich und lächelte zurück. Ich hatte im Augenblick wenig Zeit. Aber abends war seine Stimmung nicht mehr so rosig, ich weiß nicht warum. ›Verdienst du hier viel?‹ fragte er. ›Genug für mich.‹ ›Verlangst du dein Gehalt in Goldwährung, auf Dollars umgerechnet?‹ ›Natürlich‹, sagte ich, ›du zahlst es doch gewiß ebenso deinem Assistenten.‹ ›Bis jetzt noch nicht, aber wenn er es verlangen sollte ... Übrigens, es ist nicht sehr ritterlich von dir, entschuldige das harte Wort, deiner Frau die Zuwendungen zu kürzen, weil sie mit der Scheidung nicht einverstanden ist. Du lebst hier wie ein Gott in Frankreich. So üppig wie ihr tafeln wir bei uns zu Hause nicht.‹ Er sah nicht, daß ich meinen alten Anzug von 1914 trug, sorgfältig gewendet und sehr geschont. Ich wurde im eigentlichsten Sinn endlich Herr über mich und machte zum erstenmal eine Probe: ›Kannst du schweigen, Papa?‹ ›Natürlich!‹ sagte er, ›besser als du!‹ ›Nun, so will ich dir als Mann unter Männern gestehen, daß ich eine reizende kleine Freundin hier habe, siebzehn Jahre alt. Blond und Augen wie Saphire, ich muß mich daher auch erkenntlich zeigen, und leider trägt meine ... Gaby nur Spitzenwäsche und schüttet jeden Morgen einen Liter Eau de Cologne in ihr Badewasser ...‹ ›Glückspilz! Deshalb also wolltest du die Fee loswerden?! Alter Glückspilz!‹ rief mein Vater und strahlte über das ganze Gesicht. ›Muß das aber duften. Willst du mir dieses Wundergeschöpf einmal vorstellen? Nun aber zu unseren häuslichen Angelegenheiten ... Weißt du, daß du meinem Liebling Judith beinahe das Herz gebrochen hast? Was hat es mich Mühe gekostet, sie zu beruhigen! Ich will dir jetzt auch offen sagen, es handelt sich um sie. Du hast früher einmal mir einen ganz guten Rat gegeben, er betraf die Versicherung ... entsinnst du dich? Was rätst du mir jetzt?‹ ›Ich? Ich kann ohne genaue Unterlagen keinen Rat geben, und du hast viel mehr geschäftliche Erfahrung als ich.‹ ›Ja, daran habe ich auch gedacht und habe die Unterlagen mitgebracht.‹ Er holte aus seiner eleganten Saffianaktentasche die Verträge, die Aufstellungen über die Erträge aus den Zinshäusern, die Kontoauszüge der Bank über die Wertpapiere, und wir verbrachten fast die ganze Nacht, um jeden Punkt durchzusprechen, wobei mein Vater sich eifrig Notizen machte und meinem Wort lauschte wie dem eines Priesters auf der Kanzel. Dabei hatte ich meine ganze Weisheit aus der Zeitung und aus den Gesprächen hier. ›Ich bin dir sehr dankbar‹, sagte er gegen drei Uhr morgens, vor dem Schlafengehen, ›du hast dich mir als wahrer Freund erwiesen! Ich habe mein ganzes Leben für euch alle gearbeitet. Ich möchte nicht, daß Judiths Mitgift zusammenschrumpft. Wenn sie reich ist, hat die ganze Familie etwas davon, natürlich, denkst du nicht auch?‹ Ich dachte es auch, und wir trennten uns mit der größten Herzlichkeit. Beim Frühstück sahen wir einander wieder, und er war womöglich noch zärtlicher zu mir, drückte mir beide Hände und wollte mich beim Frühstückstisch bedienen. Ich nahm es nicht an, und so überboten wir uns mit Liebenswürdigkeiten. Beim Abschied sagte er: ›Ich hoffe doch, du kommst bald zurück zu mir. Du fehlst mir sehr. Dein Nachfolger oder deine Nachfolger können dich mir nicht ersetzen. Deine Begabung für die Okulistik war ja offenbar. Du hast fast ebensogut operiert wie ich, nur etwas zu schnell, das ist der Fehler aller Anfänger. Bei uns geht es nicht zu wie in der Chirurgie. Wer am längsten zu einer Operation braucht, oft der ist der Meister. Nun, willst du nicht wiederkommen? Was Mohrauer zahlen kann, zahle ich dir auch.‹ Ich lächelte und schwieg. ›Und was Gaby betrifft, so sollst du wissen, ich bin ein liberaler Mann, ich kann ein Auge zudrücken, ihr müßt eben beide warten. Was denkst du?‹ Ich dachte nichts. Diesmal konnte er sich nicht von mir trennen, und wir hätten den ganzen Vormittag verplaudert, wenn meine Arbeit nicht dringend gewesen wäre. Mit dem Mittagszug reiste er ab. Ich gab ihm viele Grüße an die Familie mit und vertraute ihm ein kleines Geschenk für meine Frau an. Kurz vor Weihnachten kam die Direktorin eines Abends in mein Zimmer und sagte mir, ich solle mich warm anziehen – es schneite heftig – und in das Portiershäuschen kommen. ›Es erwartet Sie eine Person, auf die Sie nicht gerechnet haben.‹ Ich ging seelenruhig durch den hohen Schnee zwischen den Nadelbäumen den ausgeschaufelten Weg zu dem Portiershaus und sah in dem schlecht beleuchteten Büro eine blasse, nicht mehr ganz junge Frau am Fenster sitzen, die sich in fortgeschrittener Schwangerschaft befand. Ich trat überrascht näher, und obgleich ich sie noch nicht erkannte, schlug mir das Herz. ›Erkennst du mich nicht‹, sagte sie und erhob sich schwerfällig, ein Taschentuch in der breiten Manschette ihres Pelzes verbergend, ›ich bin es doch! Habe ich mich denn so verändert?‹ Weinend fiel sie mir in die Arme, und ich hörte sie schluchzen und furchtbar husten ohne Übergang. ›Eveline! Du!‹ sagte ich. Mir fiel sonst nichts ein. ›Laß mich dableiben!‹, bettelte sie und hielt sich krampfhaft an meinem Mantel fest. ›Es ist am schönsten, so ganz klein zu sein neben dir! Laß mich bei dir einkuscheln, tu mir nichts an!‹ Der Portier wandte sich diskret ab. Ich mußte mich entscheiden. ›Wie bist du hergekommen?‹ fragte ich, so beherrscht ich konnte. Sie war durch den kalten energischen Klang der Stimme überrascht, raffte sich auf, trocknete die Augen und sagte mit gesenktem Blick: › Was willst du wissen?‹ ›Bist du mit einem Wagen gekommen?‹ ›Ja. Mit einem Wagen, mit einem Auto. Es steht draußen. Ich habe gefürchtet, du jagst mich weg.‹ ›Aber Eveline, du großes Kind!‹ Wie glücklich war sie jetzt, als sie sich dem Kachelofen im Büro anschmiegen konnte, in dem ein lustiges Feuer brannte und an dem sie sich nach der Reise und der Wagenfahrt wärmen wollte, während ich die ziemlich hohe Rechnung des Chauffeurs beglich und dem Personal Auftrag gab, das Gepäck, zwei große Koffer, zu mir zu schaffen. Sie war selig, als sie das Auto davonrollen hörte. Ich stützte sie, als sie zwischen den Nadelbäumen in den Pavillon ging, in dem ich jetzt wohnte. Es hatte zu schneien aufgehört. Es war dunkel geworden, aber der Schnee glitzerte wie Silber. Ich sah ihre Augen in dem blassen Gesicht fieberhaft leuchten, aber die großen Ohrringe, den Familienschmuck, trug sie nicht mehr. ›Ich bin etwas sehr müde von der Reise‹, sagte sie in meinem Zimmer, ›ich möchte daher den Mohrauer und die Direktorin heute nicht mehr sehen.‹ ›Alles wie du willst‹, sagte ich. ›Ich glaube auch, ich habe eine kleine Bronchitis‹, fuhr sie fort. ›In dem Spiegel mag ich mich nicht sehen. Weißt du‹, und sie schmiegte ihre Brust so eng an mich, daß auch ihr gewaltig angewachsener Leib sich gegen mich preßte, ›meine Mutter ist weit über vierunddreißig Jahre alt geworden. Dann hätte ich doch noch fünf Jahre zu leben. Jeder will in der kurzen Zeit zusammenleben, was er kann!‹ Ein furchtbarer Hustenstoß erschütterte sie von den Füßen bis zum Kopf. ›Kleide dich aus, lege dich zu Bett, wir werden Temperatur messen ...‹ ›Ja, tu alles, was nötig ist. Nicht wahr, du wirst dich nicht an mir rächen? Ich bin ja doch zu dir zurückgekommen. Ich will dir nicht mehr sagen, daß ich dich liebe, ich will ...‹ Ich legte ihr die Hand auf den Mund. Sie küßte die Innenseite meiner Hand mit der alten Glut. 5 Eveline war aber in großer Unruhe und ich diesmal nicht minder. ›Weiß dein Mann, daß du hier bist?‹ fragte ich. ›Nein, er weiß nicht, daß ich bei dir bin. Wie könnte er mich sonst fortgelassen haben?‹ Ich streichelte ihren kleinen aschblonden Kopf, und wir setzten uns zu Tisch. Sie zwang sich mit aller Mühe zu essen. Die Direktorin hatte es sich in der Küche die größten Anstrengungen kosten lassen. Ich legte Eveline nur wenig vor. Ich war zum Schluß sehr froh, als sie diese geringe Menge von Nahrungsmitteln zu sich genommen hatte. ›Bist du einverstanden‹, sagte ich ihr nach dem Essen, wenn wir den Dozenten L. kommen lassen?‹ ›Wozu denn? Ich bin ja gesund, und mit dem Kinde hat es noch lange Zeit ...‹ ›Du hast aber selbst gestern über Bronchitis geklagt.‹ ›Ich? Ich war nur von der Reise erkältet.‹ ›Wir wollen nicht um Worte streiten‹, sagte ich ruhig, › ich wünsche, daß du heute den Spezialisten kommen läßt.‹ ›So, dann ist es etwas anderes‹, antwortete sie und sah mich sehr erstaunt an. Ich sprach den Spezialisten sofort nach der Untersuchung. Er berief sich nicht wie seinerzeit Mohrauer auf des Berufsgeheimnis, sondern gab mir ganz offen Auskunft: ›Ich brauche einen Röntgenbefund, aber ich kann Sie schon jetzt insoweit beruhigen, als ich die Lungensymptome nicht alarmierend finde. Es besteht ein Prozeß in beiden Lungen, das ist sicher. Ob Kavernen da sind, wird erst die Röntgenplatte mit Bestimmtheit ermitteln. Entscheidend ist es nicht. Ich habe also ziemlich große Hoffnung auf Erfolg.‹ ›Ich danke Ihnen, Herr Kollege‹, sagte ich und schüttelte ihm die Hand. Er hatte Eile und ging. Ich gab ihm ein entsprechendes Honorar für den Besuch, und er nahm es mit großem Dank. Ich wußte, daß in dem Honorar auch die Entschädigung für die verlorene Zeit der Fahrt zu uns und zurück enthalten sein mußte. Beim Pförtnerhäuschen nahm er Abschied von mir, drehte sich aber noch einmal um: ›Die ... Schwangerschaft muß natürlich sofort unterbrochen werden. Das haben Sie wohl schon längst gewußt, nicht?‹ ›Nein‹, sagte ich, ›darüber habe ich nicht nachgedacht, und mir fehlt die Erfahrung.‹ ›Die Erfahrung habe ich . Die Mutter und das Kind zu retten ist menschenunmöglich.‹ ›Haben Sie das der Patientin gesagt?‹ ›Ich weiß nicht‹, sagte er etwas verlegen und sehr in Eile, ›im Grunde ist es selbstverständlich. Sollte ich es vergessen haben, sagen Sie es ihr in meinem Namen.‹ Ich kehrte sehr bedrückt zu Eveline zurück. Trotz dem nicht ungünstigen Befund des Spezialisten hatte ich trübe Ahnungen und diesmal mit Recht. So schonend ich nur konnte, sagte ich Eveline das, was ich erfahren hatte. Aber sie stopfte sich die Ohren zu und wollte es nicht anhören. Sie weinte und schlug um sich. Schließlich stand sie mühsam auf, begann ihre Sachen einzupacken und antwortete auf meine Bitten nicht mehr. ›Ich wünsche mir ein Kind‹, sagte sie, als ich sie endlich gezwungen hatte, sich wieder hinzulegen. ›Ich bin mir zu gut, um nur zur Unterhaltung von euch Herren der Erde zu dienen! Eine Frau ohne Mutterschaft ist ein unnützes Ding.‹ ›Das hast du früher nie gesagt!‹ ›Ich habe es immer gesagt, aber du wolltest es nicht hören. Ihr Männer in eurem ungeheuren Egoismus denkt nur an euch.‹ ›Aber es bedroht dein Leben!‹ ›Wer sagt das? Meine Mutter war viel kränker als ich und hat zwei gesunde Kinder zur Welt gebracht, mich und meinen Bruder, den Riesenkerl, den Sesselmörder.‹ ›Wie krank oder gesund deine Mutter war, weiß ich nicht. Das aber weiß ich, daß deine beiden Lungen angegriffen sind und du mit deinen dreißig Jahren eine erste Geburt nicht aushältst.‹ ›Jetzt wirft er mir mein Alter vor! So empfängst du mich! Heute ist der erste Tag, daß ich bei dir bin. Du gönnst mir das Kind nicht, weil es nicht von dir ist! Was hätte ich aber tun sollen? Heiraten kannst du mich nicht, und ich konnte meinen armen, von uns betrogenen Mann nicht von mir stoßen, ihn, der in seiner Großmut alles seinem Vaterland opfert und zum zweitenmal ins Feld ziehen will.‹ ›Eveline‹, sagte ich, sehr ruhig und sehr bestimmt, ›ich denke nur an dich.‹ ›Dann schone mich, rege mich nicht auf. Ich will meine Temperatur messen, du sollst sehen, sie ist gestiegen.‹ In diesem Punkte hatte sie recht. Das Thermometer zeigte über 38 Grad. Ich beruhigte sie, so gut ich konnte. Der Röntgenbefund war nicht besonders gut, aber auch nicht besonders schlecht. Der Lungenspezialist wiederholte seine Warnung vor dem Kind, und Eveline versprach ihm zwar, sie wolle ihm gehorchen, mir gegenüber aber wiederholte sie die alte Beschuldigung, ich gönne ihr das Kind nicht, habe den Arzt gegen sie aufgehetzt, ich sei eifersüchtig auf ihren Mann, den sie mir geopfert habe ... Ich war nicht mehr so unermeßlich glücklich mit ihr wie früher. Mein Gefühl war etwas bitter geworden – aber ich liebte sie nur um so mehr. Ich zitterte, wenn ich wußte, daß sich die Tür eines Zimmers öffnete, in dem sie sich aufhielt. Ich dachte Tag und Nacht darüber nach, wie man ihr helfen, wie man ihre Gesundheit stärken könne. Ich war aber auch in dieser Zeit manchmal glücklich. Und zwar dann, wenn Eveline abends kein Fieber hatte, oder wenn die Waage eine kleine Gewichtszunahme anzeigte. Ich möchte fast sagen, daß diese winzigen Zeichen einer Festigung ihrer Gesundheit mich noch tiefer beglückten als die stürmischen Nächte von früher. Mitte März bekam ich einen langen Brief ihres Mannes. ›Lieber Leutnant und alter Regimentskamerad! Ich hätte Dir natürlich längst danken sollen, denn Du hast Dich meiner Frau vor circa einem Jahr in Deinem Sanatorium so großartig angenommen, daß Du einen kleinen Dank von mir wohl verdient hättest. Linatschka kam blühend aus der Behandlung zurück. Ich weiß wohl, daß ihre Gesundheit nicht die eines Eichenbaums ist. Ich glaube aber, daß sie nach der Geburt richtig aufblühen wird. Viele Frauen sind blaß und bleichsüchtig, und nach dem ersten Kind erkennt man sie nicht wieder. Es ist, wie sich von selbst versteht, unser beider Wunsch gewesen, ein Kind zu haben, und wir sind beide glücklich, daß es sich endlich so getroffen hat. Trotz Deinem großartigen Renommée als Arzt hätte ich sie aber keine so weite, anstrengende Reise antreten lassen, wenn nicht eine wichtige Angelegenheit dazukäme, die Du als alter Einjährig-Freiwilliger, Fähnrich und schließlich Leutnant unseres früheren Regimentes, sicher verstehen wirst. Ich bin Pole. Auch meine Frau fühlt und denkt polnisch. Unsere Grenzen sind, wie Du weißt, in Versailles nur nach Westen, gegen Europa, nicht aber gegen Osten, gegen Rußland, gegen Halbasien abgegrenzt. Unser großer Kriegsheld und Vaterlandsretter wird diese Grenzen mit dem polnischen Degen abstecken. Dich als früheren österreichischen Dragoner wird es sicherlich erfreuen und ehren, zu wissen, daß wir nach österreichischem Reglement exerzieren, daß das gute österreichische Gewehrmodell, im Kampf gegen Moskowiter bewährt, auch jetzt uns tapfer dienen, uns zum Siege führen soll und wird. Ich will meine Frau in ihren interessanten Umständen keinen Aufregungen aussetzen. Ich habe sie zu Dir geschickt. Sorge, lieber Kamerad, um sie wie um Deine Schwester, um Deine Mutter, um Deine Frau. Sage Deiner Frau Gemahlin, die ich nach unserer Rückkehr kennen zu lernen hoffe, daß ich ihr ewig dankbar sein werde, wenn sie vor, während und nach der Geburt sich um unser kleines Mütterchen kümmert. Und – auf Lebens- oder Sterbensfall – ich vertraue sie euch beiden an. Sollte mir etwas Soldatisches zustoßen, helft ihr beim Ordnen unserer Angelegenheiten. Das Vermögen ist durch den Währungsschwund etwas verringert. Nach unserem Sieg über Moskau wird die Währung steigen und Eveline wieder eine sehr reiche Frau sein. Mein Bruder, Witislav von K. auf Gut Anatowka bei Lublin, hat mein Testament. Mit altem Gruß in neuer Zeit, Handkuß an Deine Gnädige Dein Oberstleutnant von Ksczalski.‹   Ich erzählte Eveline nichts von diesem Brief. Vor allem wollte ich sie nicht dadurch kränken, daß ich sie als Lügnerin hinstellte. Sie sollte mir vertrauen, mehr denn je. Ich wollte alle meine Kraft zusammennehmen, um sie zu retten, auch dann, wenn das ungeborene Kind dabei geopfert werden sollte. Ich faßte diesen Entschluß nicht leicht. Ich mußte mir sagen: wenn sie eines Tages endlich geheilt ist oder fast geheilt, so wird sie mir dankbar sein. Wenn sie aber dafür das Kind aufopfern muß, an dem sie hängt – und darin scheint sie aufrichtig –, so wird sie es mir bitter vorwerfen, wird meine Beweggründe mißdeuten und sich in bösem von mir auf immer trennen. Trotzdem war ich dazu entschlossen. Ich begnügte mich nicht mit den ausweichenden Antworten des Lungenspezialisten am Telephon, sondern machte mich eines Nachmittags frei und fuhr in die Stadt zu ihm. ›Ich kann Ihnen nichts anderes sagen, als Sie bereits wissen.‹ ›Bitte, sprechen Sie deutlicher!‹ ›Gut! Ich finde, man hätte längst diese Schwangerschaft unterbrechen müssen. Daß man solange gewartet hat, bedeutet fast einen Kunstfehler. Wir wissen, es besteht ein fortschreitender, wenn auch nicht galoppierender Prozeß in beiden Lungen. Rechts im Oberlappen, links im Oberlappen, an der Basis, beiderseits am Rippenfell. Dazu kommt: Die gnädige Frau steht mit circa zweiunddreißig Jahren vor der ersten Geburt. In einem Alter über achtundzwanzig Jahren ist es nie ganz einfach. Die Gelenke des Beckens sind bereits verknöchert. Setzen Sie sich also mit dem Frauenarzt Hofrat Dr. R. in Verbindung. Der Eingriff ist auch jetzt noch ungefährlich. Es ist eine Frühgeburt. Der Zufall kann es wollen, daß man das Kind rettet.‹ ›Und an einer schweren Geburt stürbe sie?‹ ›Sterben? An der Geburt? Das will ich nun nicht gesagt haben. Es gibt immer Wunder, glücklicherweise.‹ Der Hofrat hatte wenig Zeit und empfing mich etwas kühl. ›Ich bin für Abwarten. Den Eingriff können wir immer noch ausführen. Ich verstehe, daß die Dame von der Last befreit sein will ...‹ ›Nein, Herr Hofrat, im Vertrauen gesagt, ich habe den Eindruck, sie möchte es lieber behalten.‹ ›Ach so, behalten? Austragen? Ausgezeichnet! Famos! Also dann erst recht abwarten! Das Kind kann kerngesund zur Welt kommen, und man kann es bei einiger Vorsicht trotz der erblichen Belastung großziehen wie jede normale Frucht.‹ ›Aber die Frau fiebert, sie ist lungenkrank ...‹ ›Alles gut und schön. Aber wenn sie das Kind austragen will, wäre es verbrecherisch, sie daran zu hindern. Sind Sie übrigens mit der Dame verwandt?‹ ›Nein. Ihr Mann, der in Polen lebt, hat sie hergeschickt und mir anvertraut. Hier ist sein Brief.‹ ›Sein Brief – wozu? Alles ist klar. Ihr Wort genügt. Haben Sie die Atteste des behandelnden Arztes? Gut! Ich stehe zur Verfügung, wenn die gnädige Frau mich holen läßt. Sagen Sie ihr nur, sie möge nicht bis zum letzten Augenblick warten.‹ ›Ich werde es ihr sagen.‹ Ich zahlte das Honorar und ging. Ich kam zu Eveline zurück, die sofort erriet, daß ich bei den Ärzten gewesen war: ›Nun, was haben sie gesagt?‹ ›Wer?‹ fragte ich und wollte ihr einreden, ich hätte Einkäufe in der Stadt besorgt, oder besser gesagt, nur Einkäufe, denn ich hatte auf dem Heimweg mich in verschiedenen Läden aufgehalten und allerhand Leckerbissen, etwas Parfüm und einige neue bunte Magazine für sie mitgebracht. Sie tat, als ließe sie sich täuschen. ›Ich bin so froh‹, sagte sie, ›daß du dich mit dem Kind abgefunden hast. Ich bin jetzt schon glücklich, wenn ich daran denke. Heute nachmittag war der Pater C. hier, der mich seit meiner Kindheit kennt. Er hat mich gesegnet und das Kind in meinem Leib.‹ Ich hätte in meiner Verzweiflung fragen können, ob er auch die Tuberkelbazillen und die Kavernen in ihrer armen Brust gesegnet habe, aber ich unterließ es und tat, als glaube ich, daß sie mir glaube. So betrogen wir uns während der ersten Monate des Jahres 1920. Sie empfing von ihrem Mann, der an dem Feldzug des Marschalls gegen Rußland teilnahm, fast täglich kurze Nachrichten. Ich tat, als kenne ich nicht seine Schrift, interessiere mich nicht für ihre Post. Ich schonte sie, ich stellte keine Fragen, ich zwang sie zu nichts, ich machte ihr keine Angst, ich drohte ihr nicht, daß sie vielleicht das Kind mit dem Leben bezahlen könnte, ich fragte sie auch nie mehr, ob sie mich liebe. Ich war in meiner Art schon darüber glücklich, daß sie hier bei mir lebte, daß sie etwas weniger hustete, daß ihr Nachthemd nicht nach jeder Nacht zum Trocknen ins Badezimmer gehängt werden mußte, und daß sie genug aß, um nicht ganz zu verfallen. In früheren Zeiten hatte sie sich mir zuliebe nicht zum Essen gezwungen. Dem Kinde zuliebe tat sie es. Aber meine Eifersucht erschien mir kläglich, unwürdig und gemein, und ich versuchte sie zu unterdrücken. Es gelang mir sehr gut. Sie war mir etwas fremd geworden, es war eine zweite Eveline, die anstelle der ersten aus meiner Jugend hier fast den ganzen Tag in meinen zwei Zimmern weiterlebte, und die ich anders, aber noch mehr liebte als die erste. Die Zeit des Endes ihrer Schwangerschaft kam heran. Wir mußten einen Entschluß fassen. Hier in der Anstalt konnte es keinesfalls vor sich gehen. Ich schlug Eveline vor, ich wolle sie in der Diakonissenanstalt unterbringen, wo ein Bekannter von mir die geburtshilflichen Fälle behandelte. Ich versprach ihr, daß ich alles daran setzen würde, daß sie wenig Schmerzen hätte, daß man Narkose anwenden würde, wenn es notwendig werden sollte. Aber das, was jede andere Frau in einer solchen Lage beruhigt, brachte sie gegen mich auf. Sie wollte nicht. Sie schüttelte den Kopf. › Ich werde bei dir bleiben, werde für deine Behandlung sorgen‹, sagte ich und legte den Arm um ihren dünnen Hals; ›ich traue es mir zu.‹ ›Aber ich dir nicht, alter Liebling!‹ sagte sie und machte sich entschieden frei. ›Von Frauen verstehst du nichts. Ich will nicht narkotisiert sein. Was hundert Millionen Frauen ohne Narkose ausgehalten haben, wird eine Eveline, genannt Linatschka, auch aushalten.‹ Und sie lächelte. In ihren Zügen war jetzt die alte Eveline, und ich beugte mich zu ihr, um sie zu küssen. ›Vernünftig sein!‹ sagte sie und hielt mich mit ihren zarten, gelblichen Ärmchen von sich ab, als hätte sie Angst, ich könnte mich zu schwer auf ihren Leib legen und dem Kinde schaden. ›Aber du bist mir doch deshalb nicht böse?‹ fragte sie naiv. ›Ich sehe eben nicht den Arzt in dir, ich liebe dich zu sehr.‹ ›Aber mein Bekannter, der Dozent im Diakonissenhaus?‹ ›Aufrichtig gesagt‹, flüsterte sie und zog mich jetzt aus eigener Kraft zu sich auf das Sofa, um leiser sprechen zu können, denn das laute Reden strengte sie an, und der trockene Husten hörte nicht auf, wenn ich ganz aufrichtig sein soll, ich traue auch deinem Bekannten nicht. Ich weiß, du willst dem Kind nicht wohl.‹ ›Ich liebe nur dich‹, sagte ich sehr leise. ›Deshalb müßtest du nicht so feindselig sein gegen das wehrlose Kind! Ich spreche davon, als wäre es schon am Leben. Eigentlich lebt es ja schon, es bewegt sich, ich spüre es oft. Das versteht eben kein Mann.‹ ›Oh doch, ich verstehe dich gut.‹ ›Nun, dann tu endlich alles, wie ich es will. Es geht doch um mich, und du behauptest, daß du mich liebst, nicht?‹ ›Und was willst du?‹ ›Ich will unbedingt in die Privatklinik des Hofrates R. Ich will, daß du mich solange nicht besuchst, bevor nicht alles vorüber ist. Auch nicht anrufen! Bitte! Versprichst du es mir? Schwörst du es mir?‹ ›Nein, ich kann nicht‹, sagte ich. ›Nun, habe ich nicht recht, wenn ich dir mißtraue? Deine großen Gefühle sind nichts als Phrase, und manchmal begreife ich nicht, daß ich meinen Mann mit dir betrügen konnte. Wenn er es wüßte! Ich bin so schlecht. Er schreibt mir nicht mehr!‹ Sie begann zu weinen. Was sollte ich tun? ›Es soll sein, wie du es willst.‹ Trotzdem ich mich also in alles gefügt hatte, kam aber ihre frühere Zärtlichkeit nicht wieder, und sie wandte sich kühl von mir ab, als das Auto vorgefahren kam, um sie aus unserer Anstalt in die Privatklinik des Hofrates zu bringen. Für die Direktorin, die in ihrem alten dicken Mantel bis ans Portierhäuschen gekommen war, hatte sie ein warmes Lächeln, sie beugte sich sehr bewegt zu ihr, sie fiel ihr um den Hals und küßte sie unter Tränen ab. Mir hatte sie nur die Hand gereicht, die ich küßte, weil ich ihren Mund nicht küssen durfte, um von ihr Abschied zu nehmen. 6 Die diesem Abschied folgenden sechs Tage waren die qualvollsten meines Lebens. Im Vergleich zu ihnen erschienen mir jetzt die ersten Tage nach meiner Verwundung bei Chlomy wie ein Paradies. Ich hatte Eveline versprochen, abzuwarten, bis sie mich rufen ließe, eben ›bis alles vorüber sei‹. Ich hatte mein Wort gegeben. Sie hatte an meiner Ehrlichkeit, an meinem guten Willen gezweifelt. Also, jetzt sollte ich ihn beweisen. Ich irrte wie von Gott verlassen in der Anstalt umher. Zum erstenmal ermüdeten mich die Kranken. Sie waren zum größten Teil unheilbar. Mein Vater hatte recht behalten. Die Zeit war regnerisch, stürmisch, es wollte nicht Frühling werden. Eine tückische Grippe ging um. Unsere Kranken wie die meisten Geisteskranken neigten zu fieberhaften Erkrankungen der Luftwege, die dann oft sehr schnell ein trauriges Ende nahmen. Aber warum ›traurig‹? War es nicht besser, wenn ein solcher Kranker in seinen oft stürmischen Fieberdelirien ›blieb‹, als wenn er, wie mein unseliger Freund Perikles, sich durch Monate und Jahre rettungslos hindurchschleppte und nicht einmal den Schatten des großen, durch seinen Geist herrschenden Menschen darstellte, der er einmal gewesen war? Unter unseren Kranken hatten wir auch einen anderen Paralytiker, der sich in früherer Zeit ebenfalls ausgezeichnet hatte: es war ein Graf Zy., ein vielbewunderter Sportsmann, der den Distanzritt Budapest-Wien zu seiner Zeit mit dem ersten Preis bestanden hatte. Im Krieg war er dem Stab einer Gebirgsbrigade zugeteilt gewesen, war dreimal verwundet worden, hatte bis zum Schluß an der Isonzofront eine unbeschreibliche Bravour bewiesen und hatte die höchste österreichisch-ungarische Auszeichnung erhalten. Nun lag er in seinem Zimmer neben dem meines Freundes, hatte die Grippe, und wir bemühten uns, durch Injektionen und Umschläge etc. sein Leben zu verlängern um jeden Preis. Mein Gesicht gefiel dem Chefarzt nicht. ›Was haben Sie? Sind Sie noch nicht zur Vernunft gekommen – bei Ihren grauen Haaren?‹ fragte er mich brutal. ›Warum reden Sie nichts?‹ Ich schwieg noch beharrlicher, ohne zu bedenken, daß ich ihn dadurch noch mehr in Wut versetzte. ›Ich hasse alle, die sich freiwillig zu den Irren melden‹, sagte er voll Hohn. ›Habe ich mich deshalb von der Welt und ihrem Stumpfsinn freigemacht, damit Sie, mein Lieber ...‹ er unterbrach sich, blickte mich gehässig an und schloß mit einer an sich richtigen Anordnung, die mich aber tiefer verletzte, als er mich je verletzt hatte: ›Ich wünsche‹, sagte er in scheinbar ruhigem Ton, ›daß Ihre zwei Zimmer sofort desinfiziert werden. Ihr Logier-Gast hat an ansteckender Krankheit, offener Tuberkulose gelitten.‹ Sie hat gelitten, wiederholte ich für mich. Es war der vierte Tag seit dem Abschied von ihr. Keine normale Geburt dauert länger als achtundvierzig Stunden. ›Haben Sie Wachträume?‹ fragte er. ›Bekomme ich Antwort auf meine Frage?‹ ›Das Zimmer wird desinfiziert‹, sagte ich kurz. Er ging. Sein weißer Mantel wehte im dämmerigen Korridor, denn es wurde jetzt gespart mit Licht. ›Und Ihr Gehirn wird hoffentlich mit desinfiziert!‹ rief er mir nach. Ich sandte Eveline jeden Tag Blumen. Sie wurden regelmäßig abgeliefert. Ich konnte aus diesem Zeichen schließen, daß die Frau noch lebte, die ich liebte. Ich gab Auftrag, daß das Zimmer desinfiziert werde. Ich zog vorläufig aus. Beim Abschied blickte ich mich noch einmal um. Ich konnte mich von den banalen, mit billigem Luxus eingerichteten Räumen nicht trennen. Ich sah in die Ecken. Sie waren sauber. Nur in der Fensterecke beim Waschtisch sah ich einige kleine Bündelchen ihrer hellen Haare, wie sie sie wohl am letzten Tage aus ihrem Kamm genommen und zusammengeknäuelt hatte. Ich ließ sie dort liegen. Ich liebte sie, aber ich wollte nicht zu den Irren gehören, die für Haare, Nägel etc. eine merkwürdige Vorliebe haben. Ich nahm kein Schlafmittel. Vielleicht standen wichtige Entscheidungen bevor. Ich mußte meinen Kopf klar erhalten. Ich faßte den Entschluß, in, der Universitäts-Nervenklinik meine Untersuchungen über die Sehnervenerkrankung bei Tabes fortzusetzen. Ich erwartete aber jeden Augenblick den Anruf von Eveline. In unserer Anstalt wußte man mich stets zu erreichen, aber dort? Ich überwand meine Feigheit, die mir riet, mich aus der Anstalt nicht fortzurühren. Ich gab dem Personal hier und in der Universitätsklinik etwas Geld, und ich traute ihm. Wenn der Anruf von Eveline an unsere Anstalt kam und ich nicht hier war, sollte er an die Universitätsklinik weitergegeben werden. Ich hatte mit allem gerechnet, ich hatte alle Möglichkeiten bis in die letzte Einzelheit durchgedacht. Ich hielt mich für gefaßt. Ich hielt mich für einen Mann. Alles Täuschung, alles Selbstbetrug, alles Wahn. Am sechsten Tage kam der Anruf nachmittags um fünf Uhr, als ich die Anstalt eben verlassen wollte. Ich hatte also Glück, ein Auto stand durch Zufall vor dem Pförtnerhäuschen, in zehn Minuten war ich in der Privatklinik. Auf dem Korridor begegnete ich dem Hofrat. Er gab mir die Hand. Ich suchte in seinem Blick zu lesen. Ich konnte es nicht. Aber mir schien, als sei er nicht gerade unzufrieden. ›Wie steht es?‹ fragte ich. ›Ja‹, sagte er, ›der Blutverlust war nicht ganz unbedeutend, aber sie lebt, ist bei Bewußtsein, und‹ – jetzt leuchteten seine Augen voll Stolz – ›das Kind ist offenbar ein wohlgelungenes Exemplar, fast fünf Pfund schwer, nicht wahr?‹ Er wandte sich an seinen Oberarzt, der hinter ihm stand, aber keine so freudige Miene zeigte. ›Ich möchte sie sehen‹, sagte ich, so laut ich konnte. ›Ja, dagegen ist doch nichts einzuwenden?‹ Wieder fragte er den Oberarzt, als sei er Gottes Stellvertreter auf Erden. ›Der Blutverlust macht uns inzwischen etwas unruhig, lieber Kollege‹, meinte er zum Schluß und schien mich zurückhalten zu wollen. ›Nun, wir tun alles, was wir können. An dem Kinde ist jedenfalls nichts auszusetzen.‹ Ich trat auf den Zehenspitzen in Evelines Zimmer. Ich konnte zuerst ihr Gesicht nicht sehen, weil mein letzter Blumenstrauß noch auf dem Nachttische stand und sie mir verdeckte. Ich war so erregt, daß mir die Luft fehlte, als ich vor ihr stand. Sie bemerkte es und flüsterte mit ihrem alten Lächeln: ›Warum bist du so gelaufen?‹ Ich küßte ihre Hand und unterdrückte die Tränen. Ich sah, daß sie verloren war. Ihr Kind lag in einer weiß und blau lackierten, sauberen Wiege und schlief. ›Über sechs Pfund‹, sagte sie stolz. ›Wie geht es dir? Hat mein Mann schon geschrieben? Ich habe ihm telegraphieren lassen. Mir geht es jetzt sehr gut. Ich habe keine Schmerzen und fühle mich sehr glücklich? Weißt du‹ – und etwas Unbeschreibliches huschte über ihre ausgebluteten, weißen Lippen –, ich habe es mir noch viel ärger gedacht. Im nächsten Jahr will ich wieder ein Kind, aber von Dir . Denn jetzt erst weiß ich, daß ich dich liebe. Du mich doch auch noch?‹ Sie begann zu husten, und das Bett bebte unter den Hustenstößen. Das Kind wachte auf und quärrte laut vor sich hin. ›Willst du es mir zeigen? Aber noch nicht. Komm hierher, küsse mich, ganz fest! Habe keine Angst! Komm nur näher. Fest! Fester! Und jetzt gib diesen Kuß sofort dem Kind weiter, denn ich habe es noch nicht geküßt, die dummen Doktoren haben es mir verboten, sie meinen, ich hätte Lungenschwindsucht.‹ Ich küßte das Kind auf den zahnlosen, vom Schreien geöffneten, lauwarmen Mund, dann hob ich es aus den feuchten Kissen und streckte es ihr entgegen. ›Du mußt es ganz festhalten‹, sagte sie, nun schon deutlich von Atemnot bedrängt, ›ich bin noch zu schwach. Ich sehe auch nicht sehr gut. Ich bin eben noch schwach. Es war auch keine Kleinigkeit. Noch näher, noch näher, ich sehe so schlecht, ist es denn so dunkel hier?‹ Ich hielt ihr das Kind, das seine Händchen krümmte und dann die Fingerchen wieder ausstreckte, vor das Gesicht. Sie konnte sich nicht beherrschen, sie küßte es, konnte aber nur das Ohr des Säuglings erreichen. So legte ich den Säugling auf ein Kissen, hielt das Köpfchen von beiden Seiten fest, so daß sie ihren Mund sehr leicht auf den Mund des Kindes pressen konnte. Die Anstrengung war aber trotzdem sehr groß gewesen, sie sank zurück, aber sie sprach weiter, sie hatte keine Ahnung von ihrem Schicksal. ›Jetzt werden wir ganz anders zusammenleben‹, sagte sie, ›du mußt meinen Mann näher kennenlernen, ihr werdet die besten Freunde sein, weil ihr mich so liebt. Weißt du, du großer Räuber und Frauenverführer, ich sollte ja böse auf dich sein. In der letzten Zeit warst du eklig zu mir. Wirst du dich endlich ändern? Ich habe dich für einen Mephisto gehalten. Wäre es nicht jammerschade gewesen um solch ein Goldkind?‹ Ich legte das Kind vorsichtig in die Wiege zurück, und es schlief ein. Ich faßte nach dem Puls Evelines, er war so dünn und fadenförmig, daß man ihn kaum fühlte. Ein alter Geistlicher, der Pater C., ihr Berater, den auch ich von meiner Jugend her kannte, trat ein, gefolgt vom Oberarzt. ›Ach wie schön‹, rief sie und wollte sich aufsetzen, ›wie schön, daß Sie kommen! Gelobt sei Jesus Christus!‹ ›In Ewigkeit amen!‹ Der Oberarzt gab mir ein Zeichen. ›Sie wollen meinem Mäderl die Nottaufe geben, Hochwürden? Aber es wiegt sieben Pfund, es ist kernge...‹ Plötzlich schloß sie die Augen. ›Kann man denn gar nichts mehr tun?‹ fragte ich den Oberarzt auf dem Korridor, ›vielleicht eine Bluttransfusion?‹ ›Wir haben Kochsalzinfusionen gemacht, den ganzen Nachmittag. Wir wollten sie am Leben halten, solange wie möglich, solange bis Sie ...‹ ›Nehmen Sie bitte etwas Blut von mir!‹ sagte ich, ›haben Sie alles bereit?!‹ ›Wie Sie wollen!‹ sagte er. ›Vielleicht reicht es für Stunden oder Tage. Ins Unvermeidliche hat man sich zu fügen.‹ Er hatte mich in das Operationszimmer geführt, wo noch der Schwaden der Operationen lastete. Ich setzte mich hin, hielt meinen Arm hin. Er desinfizierte gründlich, stach mir mit einer starken Kanüle in die Ellbogenblutader und zog langsam das Blut an. ›Schneller! Schneller!‹ zischte ich. ›Geduld!‹ sagte er. ›Nur Geduld!‹ Endlich hatte er das Blut, nun mußte er es gerinnungsunfähig machen, ich ging ihm voraus, ich kehrte zu Eveline zurück. Als ich die Tür öffnete, sah sie mich mit ihren großen eisengrauen Augen, den Augen ihres geliebten Vaters an. Aber ich glaube, sie erkannte mich nicht mehr. Das Nachtkästchen war etwas weggerückt, der Geistliche hatte inzwischen ein kleines Altärchen mit den Sakramenten aufgerichtet und hatte ihr die letzte Ölung gegeben. Sie war nicht mehr ganz bei Bewußtsein. Ihre Hände bewegten sich noch. Sie tat, als wolle sie sich lange Handschuhe anziehen. Ich hatte sie einst als junges Mädchen auf dem Gut zu ihrem ersten großen Ball begleitet, sie hatte neue, weiße, enge Glacéhandschuhe bis zum Ellbogen getragen. Ich kniete schnell vor ihrem Bett nieder. Ich faßte nach ihrer rechten Hand, ich küßte sie mit meinen Lippen, ich wollte sie nicht wieder freigeben. Der Oberarzt war eingetreten. Ich sah nichts. Ich hörte, wie er halblaut einem Assistenten Weisungen gab. Auch der Geistliche war noch hier, er stand auf der linken Seite. Er betete mit einer ruhigen, eintönigen getrösteten Stimme. Zu der Blutübertragung kam es nicht mehr. Als alles vorbei war, drückte er ihr die Augen zu. Dann führte er mich an der Hand auf den Korridor hinaus und sagte: ›Wir dürfen nicht hadern mit dem Allmächtigen. Wollen Sie, Herr Doktor, mit mir ein kleines Gebet für sie sprechen, ein Vaterunser, wenn es gefällig ist?‹ Ich tat, was er wollte. Er sprach vor. Ich sprach nach. ›Soll ich Sie jetzt heimbegleiten?‹ fragte er dann. ›Ich bitte Sie darum‹, sagte ich. Auf der Heimfahrt erzählte er mir, daß er mit ihr noch unmittelbar vor dem Ende gesprochen habe. Er hatte gefragt: ›Welchen Namen soll denn dein Töchterchen in der hl. Taufe haben?‹ ›Eveline‹, hatte sie geantwortet, ›man nennt das erste Kind bei uns immer nach der Mutter.‹ ›Eveline? Sehr gut!‹ hatte er geantwortet. Bei dem Pförtnerhäuschen verabschiedete ich mich von dem guten alten Mann, obwohl er wahrscheinlich gern den ganzen Abend bei mir geblieben wäre. Aber ich wollte allein sein. Es war halb sieben und fast ganz dunkel im Park. Der Mond ging eben erst auf. – Man brachte mir die üblichen Meldungen über die Kranken. Der Graf hatte 39,9 Fieber, und mein Assistenzarzt wußte nicht, ob er mit den Injektionen noch fortfahren solle. Auch unter dem Wärterpersonal waren einige neue Fälle von Grippe zu verzeichnen. Wie aber konnte man all die Kranken pflegen? Vielleicht sollte man einige von den Kranken, die Einzelzimmer hatten, zusammenlegen in einen Raum, damit an Personal gespart würde? Ich hatte einen Einfall, aber ich wollte noch damit warten. ›Ich werde Ihnen abends Bescheid geben, vorläufig bleibt alles so, wie es ist.‹ ›Jawohl, Herr Oberarzt‹, antwortete der Assistent. Ich schloß mich in meinen alten Zimmern ein, die noch stark nach den Desinfektionsmitteln rochen, setzte mich an den Schreibtisch, legte einen schönen weißen Bogen Papier vor mich hin. Ich schrieb ja so gern. Früher, in meiner Kindheit, in den Augen meines Vaters, war das Schreiben eine unerlaubte Freude für mich gewesen. Jetzt war sie erlaubt. Es war nur keine Freude. Ich schrieb: ›Mein letzter Wille‹, aber das kam mir zu rührselig vor, ich strich das mein aus. Auch mit dem Willen war es nicht gut bestellt. Es konnte mir gar nicht gefallen. Mein Wille war ganz ohnmächtig, es kam auf ihn nicht an. Irgend etwas mußte aber auf dem Bogen stehen. So schrieb ich: Eigenhändiges Testament. Ich hatte zuerst auch daran etwas auszusetzen, dann begriff ich, daß ein Teil dieses Mannes vor dem Schreibtisch sich über einen anderen Mann vor dem gleichen Schreibtisch lustig machte. Ich zerriß das Papier in kleine Stückchen. Nun war, streng logisch, zweierlei zu bedenken. Welche Folgen waren vorauszusehen, erstens, nach dem Tode Evelines, und welche, zweitens, nach meinem Hinscheiden? Also erstens: Der Gatte war benachrichtigt. Er hatte sich nicht gemeldet. Er lebte. Oder er war tot. Lebte er, mußte er sich um sein Kind kümmern, das er sich so sehnlich gewünscht hatte. Lebte er nicht, mußte sich ein anderer um das Kind kümmern. Nicht ich. Ich liebte das Kind nicht und konnte es nicht lieben, da es die Ursache von Evelines Tod war. Ich haßte es auch nicht, denn es kam von ihr. Es folgte daraus, daß ich nicht im Spiel war und keine Verantwortung trug. Eveline hatte ja Verwandte in Polen. Das Kind war Erbe des angeblich so riesigen Vermögens. Es klopfte. Es war die Direktorin, die dringend mit mir zu sprechen wünschte. Ich nicht mit ihr. Ich wußte, was man in solchen Fällen sagt, und dankte ihr im voraus durch die geschlossene Tür. Sie entfernte sich brummend. Sie war aber eine kluge, lebenserfahrene Frau und nahm es mir nicht übel. Jetzt kam der zweite Teil. Welche Folgen hatte mein Tod? Ich hatte einen Vater. Er war ein großer Mann, ein kluger Mann, ein reicher Mann, ein Mann der Praxis, ein liberaler Mann. Er würde sich trösten über meinen Tod. Um die Verteilung meines Vermögens brauchte ich mich nicht mehr zu sorgen. Was ich gewonnen hatte, hatte ich verbraucht. Mein Barbestand war beiläufig Null. Ich hatte auf das Erbe verzichtet. Ich hatte also nichts an Geld und Gut zu erwarten von meiner Familie und daher auch nichts zu Gunsten der Meinen zu verfügen. Gut. Ich hatte eine Frau. Ich hatte sie genommen, weil man – nein, seien wir aufrichtig, sagen wir alles offen! –, weil sie mich belogen hatte. Ich, ein besonders begnadeter Ehemann, war von meiner Frau betrogen worden, bevor ich sie noch geheiratet hatte. Es hatte ihr nicht viel Glück gebracht. Sie brauchte mich aber Gottseidank nicht als Ernährer, denn sie sorgte für sich, und lieben konnte und wollte ich sie nicht. Gut. Ich hatte ein Kind, das meine Briefe nicht beantwortete und das ich kaum kannte. Das einmal beim Spazierengehen sehr kameradschaftlich den Arm in meinen gehängt hatte – eine freundliche Erinnerung, aber kein Grund, so wichtige Entschlüsse abzuändern. Meine Geschwister, die große blühende Geschwisterschar, alles gesund, alles am Leben, alles ohne Fieber, alles am Leben!! Daß das leben konnte, daß da unter meinen Fenstern der Postbote leben konnte, der einen eingeschriebenen Brief oder ein Telegramm gebracht hatte! Daß der Hund des Pförtners leben und stupid in die Mondnacht hinaus heulen konnte, das niederträchtige Tier, das sich jetzt zu seiner Freßschale hinsetzen wird und einen Knochen zwischen die gesunden Pfoten nehmen wird und ihn mit seinen gesunden Zähnen zernagen wird und dann weiterbellen wird mit allem Atem aus seinen kerngesunden Lungen. Das Schicksal hat es so gewollt. Die Stupidität nennt sich Schicksal. Es weiß nicht, was es tut. Warum hadert es aber so mit mir? Habe ich ihm etwas getan? Habe ich nicht mit bestem Wissen und Gewissen ... zu Wasser und zu Lande – und in der Luft ... es kam mir der alte österreichisch-ungarische Fahneneid in Erinnerung, den ich als Rekrut dem alten Kaiservater Franz Joseph hatte schwören müssen, ohne daß mich eine der großen Uniformen hinter dem Kruzifix und den Kerzen gefragt hätte, ob ich denn schwören wolle ? Aber gehalten habe ich ihn, den Eid, so gut ich eben konnte. Ich hätte gern geweint, ich hätte gern geschrien. Ich trat vor die Tür. Der Korridor war leer. Niemand hätte mich gestört. Aber es war mir nicht gegeben. Ich bereitete das Notwendige zu einer Injektion vor. Man hatte versucht, das Schicksal zu brechen. Man hat Leiden auf sich genommen. Sie haben nicht erhebend gewirkt. Wo ist in Wahrheit ein Mensch, der Trost nicht braucht? Aber da ist noch ein großer Unterschied gegen den, den ein solches Unglück betroffen hat und der nun nichts mehr ist als ein erbärmliches Stück Elend, zu gar nichts mehr gut, als zu jammern, zu bereuen und nicht zu wissen, was, und sich aufzubäumen, und nicht zu wissen, gegen wen! Jetzt rief mich der Assistent an. Was sollte mit dem Grafen geschehen? Ich komme, sagte ich und kam in den Pavillon, wo sein Zimmer lag, Wand an Wand mit Perikles. Ich trat auch bei meinem Freund ein. Er dämmerte vor sich hin, aß mit den Fingern, und sein Flaus war nicht der sauberste, weder vorne, noch, mit Verlaub, rückwärts. Früher hatte man ihnen die Krankenkleidung jeden Tag gewechselt, jetzt sparte man mit allem, denn das Geld war kein rechtes Geld mehr. Ich zahlte jeden Monat für den armen Teufel das Kostgeld. Er war meine Gaby. Er dankte mir nicht, denn es hätte ein Gott vom Himmel steigen müssen, um ihm das Licht der Vernunft derart wiederzugeben, daß er unterschied, wer ihm wohlwollte und wer nicht. Aber ich, hatte denn ich dieses Licht der Vernunft? Hatte ich denn gewußt, wer mir wohlwollte, wen man lieben durfte mit ganzem Herzen und ganzer Seele? Eine Eveline, die in mir den ›Mephisto‹ sah, meinen Vater, der nicht ›unter Feinden leben‹ wollte? Meine Frau, die mir so schöne, kluge, ehrliche Briefe schrieb?! ›Ich danke Ihnen‹, sagte ich zu dem Assistenten, ›daß Sie mich haben holen lassen. Wacker! Wacker!‹ Der Arme gaffte mich an. Ich sagte weiter nichts. Er hatte mich immerhin auf meine Pflichten aufmerksam gemacht, ohne es zu wissen, auf die Rechenschaft, die ich diesem schnaufenden, schmatzenden, etwas stinkenden – aber lebenden! – Kadaver schuldig war. Denn wenn ich abging, war es aus mit seinem Kostgeld. Und in der Landesirrenanstalt gab es nicht so leckere Küche, wie sie dem Mann hier sichtlich behagte, denn die Direktorin sparte an allem, das Essen aber ausgenommen. – Auch das Leben mit anderen, gelegentlich tobenden und prügelnden Leidensgenossen im beengten Raum war nicht immer erfreulich. Es sollten sogar plötzliche Todesfälle dort vorkommen, von denen kein Protokoll berichtete. Nimm ihn mit! sagte ich zu mir. Auch er wird niemandem fehlen. Aber wie? Da durchzuckte mich eine gute Idee. ›Legen Sie den Grafen hierher. Stellen Sie das eine Bett neben das andere Bett, und man wird morgen weitersehen. So sind die beiden leichter zu überwachen.‹ Der Assistent war einverstanden und noch mehr die Wärter. Man transportierte den hoch fiebernden, dauernd mächtig hustenden und seine Lunge stückeweis auswerfenden Grafen an die Seite meines alten Genossen Perikles, und ich zweifelte keinen Augenblick, daß der paralytische Philosoph noch im Lauf der Nacht von der großartigen Grippe des Aristokraten angesteckt würde. Er hatte also eine gute Aussicht, bald nach mir das Zeitliche zu segnen. Auch Imperatoren müssen sterben. Welcher Andrang im Paradies: Eveline. Ich. Perikles. Der Graf! Wenn es in verzweifelten Seelenzermalmungen einen Trost, eine Freude gibt: dieser Schlag gegen das stupide Schicksal tat meinem Herzen wohl, und in meinem Zimmer vermochte ich endlich zu weinen. Sechstes Kapitel 1 Als ich in meinem Zimmer wieder das Licht anzündete, sah ich auf dem Schreibtisch, von meinen Tränen naß geworden, ein Telegramm. Ich nahm es in die Hand, trocknete es mit meinem Taschentuch ab und ging in dem Zimmer hin und her. Sollte ich es lesen? Sollte ich mir das Unvermeidliche noch schwerer machen lassen? Ich erwartete nichts Gutes mehr von der Welt, und die Welt konnte nichts Gutes von mir erwarten. Ich suchte nach den Papierschnitzeln. Ich hatte vorhin das schöne weiße Blatt mit meinem Testamentsentwurf zerrissen. Wohin waren die Papierschnitzel gekommen? Ich überlegte. Und doch war nichts auf der weiten Welt gleichgültiger als diese Beantwortung der müßigsten aller Fragen. Aber ich fand sie dennoch. Die Direktorin war hier gewesen. Sie hatte das Telegramm gebracht, das vorhin der Postbote, den ich im Hofe gesehen hatte, in der Kanzlei abgeliefert hatte. Die Direktorin hatte jetzt scharfe Augen. Der Prozeß in ihren Augen war alt, die Entzündung war jung. Das künstliche Fieber hatte unter Leiden und Schmerzen geheilt, was die mildeste Medizin nicht hatte heilen können. Plötzlich sah ich meinen Freund Perikles vor mir. Auch seine Krankheit war ein alter Prozeß, er mochte sich sein Leiden durch eine billige Freude geholt haben vor vielen Jahren. Nun lag er dem fiebernden Grafen gegenüber, und ich hoffte, ein künstliches Fieber würde ihn heilen, das heißt: ihm die vollständige Vertierung ersparen, und ihm hinüberhelfen. Schon hatte ich Gewissensbisse. Durfte ich über sein Leben verfügen, das mir nicht gehörte? Ich griff nach dem Telephonhörer, um einen Gegenbefehl zu geben. Als ich ihn an mein Ohr hob, spürte ich im rechten Ellbogen einen heftigen Stich. Plötzlich erinnerte ich mich. Hier war die Stelle, wo man mir vor wenigen Stunden das Blut abgenommen hatte, um Eveline zu retten. Es schlug etwas Unbeschreibliches in mir empor, ich hätte mich selbst zerreißen mögen. Ich wollte nie mehr etwas von ›retten‹ wissen, ich legte den Hörer wieder zurück auf die Gabel. Auf dem Nachtkästchen, sauber auf einem Mullpolster, lag meine Injektionsspritze, die mir hinüberhelfen sollte. Das war die letzte Rettung, die ich in meinem Leben vorhatte. Zerreiße das Telegramm ungelesen, sagte ich zu mir. Setze dich dann hin und mache dir die Injektion. Alles, was du noch zu tun hast, hast du dann getan. Eine furchtbare Müdigkeit überkam mich. Mein Knie, dem ich an diesem höllischen Tage zuviel zugemutet hatte, begann zu schmerzen. Auch das noch! sagte ich zu mir. Ich lag in dem bequemen Lehnstuhl, das weiße Läppchen und die bis an den Rand gefüllte Spritze vor mir. Neben ihr ein Fläschchen mit Alkohol. Wenn nur die Direktorin in ihrer allzu großen Ordnungsliebe nicht den Inhalt der Spritze mit unschuldigem Alkohol vertauscht hatte?! Zuzutrauen war es ihr. Dann stand mir statt einer schnellen Erlösung nur ein kleines Räuschchen bevor. Ich wollte es nicht darauf ankommen lassen, entleerte die Spritze und suchte die Ampullen, die ich brauchte. Ich fand sie nicht. Der Ordnungsteufel, die alte Sauberkeitshexe, hatte sie mitgenommen. Ich mußte mir neues Gift im Zentralgebäude holen. Dabei aber durfte ich niemandem begegnen. Ich wollte keinen Menschen mehr sehen. Als ich aufstehen wollte, begann der Schmerz im Knie so heftig zu werden, daß ich stöhnend zusammensank. Ich hatte aber Geduld. Ich war fest entschlossen und konnte einige Minuten warten. Hatte ich doch sechs Tage und Nächte gewartet! Ich sah das Telegramm immer noch vor mir liegen. Ich öffnete es aus Langerweile. Vater Schlaganfall. Furchtbare Vermögensverluste. Dein Kommen dringendst erwünscht. Deine Mama. Ich liebte Eveline seit zehn Jahren. Ohne sie war mein Leben nur eine Last für mich. Meinen Vater liebte ich seit fast dreißig Jahren. Ich liebte ihn nicht mehr so abgöttisch wie als Kind. Aber ich wollte ihn nicht schnöde im Stich lassen. Ich ging zum Telephon, wollte meine Frau anrufen. Dann aber stockte ich: was dann, wenn mich meine Familie brauchte, wenn mein Vater so schwer krank war, daß ich ihn ersetzen sollte, was dann, wenn er im Sterben war? Ich dachte an Eveline. Die ist noch warm, dachte ich, sie wird jetzt noch nicht die Kälte einer Leiche haben. Wer hat ihr die Augen zugedrückt? Warum hast du es nicht getan? Hast du dich davor gefürchtet? Ich hatte nie verstanden, warum man einen Toten auf seinem letzten Lager aufsucht, ich hatte nie gewußt, was er einem noch zu sagen hatte. Sie hat gelebt. Du hast sie geliebt. Sie war krank. Du hast sie gepflegt. Sie ist gestorben. Du hast sie begraben. – Ich hatte sie nicht begraben. Ich hatte nur an mich gedacht, nur an die beste Methode, einem kaum zu ertragenden Schmerz zu entgehen. Wie damals, als man mir das Knie durchgeschossen hatte, war mein erster Gedanke gewesen, mich den Schmerzen, die über meine Kraft gingen, durch Selbstmord zu entziehen. Entziehen? Oder am Leben bleiben? Im Grunde wollte ich es nicht. Ich wollte aber etwas tun. Eine Tat ist immer etwas Schönes, Befreiendes, selbst wenn sie unsinnig ist. Deshalb ist die Tat ohne Ziel so gefährlich. Ich hatte aber kein Ziel mehr. Was nun? Niemand konnte mir raten, entscheiden mußte ich. Ich nahm noch einmal den Telephonhörer hoch, ich meldete das Gespräch bei meinem Vater an, ich rief dann durch das Haustelephon den Chefarzt und die Direktorin zu mir. Sie kamen. Wir saßen alle drei um den Schreibtisch. Die Injektionsspritze hatte ich in der Schublade des Nachttisches verschwinden lassen. Wenn ich sie noch für andere verwenden sollte, mußte sie ausgekocht, desinfiziert werden, genau so desinfiziert wie diese Zimmer hier, in denen meine Eveline gelebt und lange gelitten hatte. Da sie aber nie mehr hierher zurückkommen würde, war mir alles gleichgültig. Endlich begann Mohrauer. Wir besprachen zu dritt das Notwendige. Zwischen den sachlichen Besprechungen rannen mir die Tränen stromweise über die Wangen, ich wischte sie mit dem Taschentuch ab, als wäre es ehrlicher Schweiß bei einer notwendigen, geachteten Arbeit. Wir warteten, bis sich meine Familie meldete. Es dauerte lange. Inzwischen sollte besprochen werden, wo und wie Eveline begraben werden sollte. Wir wußten nicht, wieviel Geld sie bei sich hatte. Die Kosten des Privatsanatoriums hatte sie wahrscheinlich im Vornherein erlegt, ihre Wertsachen, mit Ausnahme ihrer schönen kostbaren Ringe, dort im Büro abgegeben mit ihren Papieren. Wir riefen dort an und erfuhren, daß der Betrag, der noch zur Verfügung stand, nach Abzug der Operations- und Verbandskosten ganz gering war. ›Was haben Sie also vor?‹ fragte die Direktorin. ›Wir müssen dafür aufkommen, man kann sie nicht wie einen Hund in der Erde verscharren‹, sagte ich, ›wenn es nicht anders geht, Herr Chefarzt, werden Sie mir das Geld vorstrecken.‹ ›Nicht gesagt! nicht gesagt! Sie großer Verschwender! Ich werde es mir noch gut überlegen!‹ antwortete er, als könne man über einen so ernsten Gegenstand Witze reißen. ›Und wie steht es damit?‹ Er hatte das Telegramm, das auf dem Tisch lag, in seiner alten Unverschämtheit durchgelesen. Ich zuckte die Achseln. ›Ich habe daheim angerufen, ich erwarte Bescheid.‹ ›Ja, mein Lieber‹, sagte er stupid, ›so kommt immer alles im Leben zusammen.‹ Ich schwieg, und wir sahen jeder vor sich hin auf die grüne Schreibtischlampe. ›Schlimmstenfalls begraben wir das schöne Kind hier bei uns auf dem Dorfkirchhof. Was kann das kosten? Ich habe Kredit. Ich liefere ja der Gemeinde jedes Jahr meinen Tribut‹, sagte er. ›Die arme kleine Frau wird hier ebensogut ruhen wie in einem hocharistokratischen Erbbegräbnis. Auch ich will nicht anderswo begraben sein‹, sagte die Direktorin. Daraufhin versiegte das Gespräch. Der Chefarzt zündete sich eine Zigarette an, und die Direktorin tat desgleichen. ›Wollen Sie nicht doch etwas essen?‹ fragte sie mich mütterlich, ›solche Tage strengen an. Gott weiß, was Sie noch von daheim erwartet.‹ Ich dankte. Nach einer Viertelstunde fragte ich in der Zentrale an, ob man das Gespräch bei der Post angemeldet habe. ›Eben, vor zwei Minuten.‹ ›Warum nicht schon längst?‹ ›Der X. und der Y.‹ (zwei Leichtkranke, die sonst in dem Büro mithalfen) ›haben die Grippe, ich konnte mich nicht früher freimachen. Die Verbindung muß in einigen Minuten da sein.‹ Ich dankte. ›Was ziehen wir der Armen ins Grab an?‹ fragte die Direktorin. Ich vergoß wiederum etwas Augenschweiß, Tränen genannt. Diesmal hatte der Chefarzt ein menschliches Rühren. ›Törichtes Weibervolk!‹ sagte er. ›Lassen Sie doch den armen Kerl in Ruhe!‹ ›Sie hat ja zwei Koffer voll Kleider mitgehabt‹, fuhr die alte Frau unbarmherzig fort, ›da wird doch etwas Passendes darunter sein. Den Pelz geben wir keinesfalls mit.‹ Ich schüttelte den Kopf. Ich wollte, daß sie im Pelz begraben würde. Ich erinnerte mich des Abends, als ich sie von der Bahn abgeholt hatte, und als sie sich in dem kalten Hotelzimmer mit dem Pelz zugedeckt hatte. ›Sehen Sie denn nicht‹, grollte der Chefarzt, ›daß Sie ihn quälen. So alt und noch so sadistisch!‹ ›Pfui!‹ sagte die alte Frau und lachte. Er stand auf und wollte gehen, ›das sehe sich ein anderer an.‹ ›Sie alter Kindskopf‹, sagte die Direktorin sehr gutmütig, ›Sie sind Hagestolz, haben nicht einmal einen Hund, der Ihnen nach Ihrem Ende eine Träne nachweint, wie wollen Sie bei einer Angelegenheit mitreden, die unter Menschen spielt?‹ ›Übertrieben! Übertrieben wie immer!‹ sagte er und setzte sich wieder hin, denn jetzt begriff er nicht, daß ich Höllenqualen litt, während er sich mit der alten Frau stritt. Zum Glück meldete sich jetzt das Hauptpostamt der Stadt, wo mein Vater lebte, und die Verbindung war fast augenblicklich hergestellt. Meine Frau war am Apparat. ›Wie geht es jetzt Papa?‹ fragte ich. ›Er schläft.‹ ›Ist er bei Bewußtsein?‹ ›Natürlich! Er ist aber furchtbar mitgenommen, der Arzt spricht von einem Zusammenbruch.‹ ›Zusammenbruch? Mama telegraphiert: Schlaganfall.‹ ›Vielleicht ist es auch ein leichter Schlaganfall. Er hat jedenfalls die Sprache verloren, und wir haben ihn ohnmächtig auf dem Teppich in seinem Sprechzimmer gefunden, die Abrechnung von der Bank in der Hand.‹ ›Also hat er doch das Bewußtsein verloren?‹ fragte ich hartnäckig. ›Jetzt gib endlich Ruhe!‹ sagte sie mit scharfer Stimme, der gleichen, wie sie sie einst in Puschberg gehabt hatte, ›es hilft nichts, du mußt deine Gaby im Stich lassen und augenblicklich kommen.‹ ›Wen? Welche Gaby?‹ ›Du hast zu kommen‹, wiederholte sie aufgeregt, ›Mama und ich wissen nicht, was aus uns und den Kindern werden soll, du mußt sofort kommen. Mit welchem Zuge kannst du hier sein?‹ Ich überlegte. Ich legte die Hand auf den Hörer, so daß Vally keinesfalls etwas verstehen konnte, und fragte den Chefarzt und die Direktorin: ›Was soll ich tun? Soll ich sofort heimreisen, oder soll ich die Beerdigung abwarten?‹ Der Chefarzt wollte etwas sagen, aber die alte Frau fiel ihm ins Wort: ›Sie haben vorläufig zu bleiben. Unbedingt.‹ ›Warte noch einen Augenblick, Vally‹, sagte ich in den Hörer, ›ich überlege es mir.‹ ›Wir sprechen aber schon sieben Minuten‹, mahnte sie. Ich legte den Hörer wieder vor mich hin auf die Schreibtischplatte. ›Wann kann die Beerdigung stattfinden?‹ fragte ich die beiden. ›Zwei bis drei Tage dauert es. Transport, Einsegnung in der Kirche, Verhandlungen mit der Friedhofsverwaltung. Das dauert seine Zeit.‹ ›Zwei Tage?‹ Die alte Frau schüttelte den Kopf. ›Wir müssen uns über das Kind schlüssig werden. Was soll denn aus dem unseligen Erdenwurm werden?‹ ›Drei Tage!‹ sagte ich zu Vally. ›Das ist ja unmöglich‹, antwortete Vally und schrie so, daß die anderen es hörten, ›du kannst deine Angehörigen nicht immer verkaufen und verraten.‹ ›Höre, Vally‹, sagte ich, ›ich weiß, daß du es mit uns gut meinst. Ein wenig Geduld. Bitte, habe Geduld mit mir. Ich komme unbedingt.‹ ›Versprichst du es mir?‹ fragte sie, so leicht beruhigt und versöhnt wie immer. ›Ich werde morgen um acht Uhr wieder anrufen.‹ ›Besser nach neun Uhr‹, antwortete sie, ›der Arzt will um acht Uhr zu Papa kommen.‹ ›Gut‹, sagte ich, ›morgen sind wir weiter als heute.‹ ›Willst du deine Mutter sprechen?‹ ›Ja, wenn sie kann.‹ ›Sie hat ein Schlafpulver genommen, soll ich sie wecken? Wir haben den ganzen Abend auf ein Telegramm von dir gewartet.‹ ›Nein, lasse sie schlafen. In bezug auf das Vermögen soll nichts geschehen, bevor ich da bin. Versuche dir heute nacht einen Überblick zu verschaffen ...‹ ›Nein, du mußt kommen, ich kann die Verantwortung nicht übernehmen, die Verluste sollen in die Millionen gehen.‹ ›Ja, liebe Vally‹, sagte ich sehr weich, ›ich komme. Die Millionen von heute sind nicht mehr die alten Millionen. Rege Papa nicht auf! Wir sprechen morgen früh weiter. Jetzt schlafe wohl. Beruhige dich! Ich werde euch nicht im Stich lassen!‹ ›Ich, ich brauche dich sehr‹, sagte sie, ›schlafe auch du gut. Ich danke dir.‹ Während dieses langen Gespräches war der Chefarzt fortgegangen. ›Wir müssen jetzt die Angelegenheit des Kindes ordnen‹, sagte die unerbittliche alte Frau. ›Ist es getauft? Sind die Angehörigen verständigt?‹ ›Ja, aber ich weiß nicht, ob sie sich gemeldet haben.‹ ›Wir fragen in der Privatklinik an.‹ ›So spät?‹ gab ich zurück. ›Einerlei. Wir müssen wissen, woran wir sind.‹ Wir riefen an und erhielten den Bescheid, daß sich die Familie Evelines bis jetzt nicht gemeldet hätte. ›Wie geht es dem Kind?‹ fragte ich. Die Direktorin sah mich etwas erstaunt an. ›Dem Säugling geht es bis jetzt gut. Wir ernähren ihn künstlich, morgen oder übermorgen beginnen wir damit.‹ Drei Tage nachher bestatteten wir Eveline. Auf dem Dorfkirchhof, wo unsere Kranken begraben lagen, sproßte schon das erste Grün. Auf meine Bitte hatte man der Toten ihr schwarzes Abendkleid angezogen, es hatte zwar keine Ärmel, und der Rock war etwas kurz. Aber darüber kam der Pelz. Die Hände bekleideten wir mit langen schwarzen Handschuhen, dann gaben wir ihr ein einfaches schwarzes Kreuz mit silbernem Heiland in die Hand. Man hatte ihr die Ringe abziehen wollen. Aber ich wußte, daß sie während des Lebens immer an ihrem Schmuck gehangen hatte. So sollte sie ihn auch hier behalten. Der Chefarzt folgte gelangweilt den Zeremonien des Dorfpfarrers. Sein Blick schweifte ab auf die umliegenden Gräber, und ich erkannte an seinem Gesichtsausdruck, daß er über seine Patienten hier und ihre längst vergangenen Geisteskrankheiten nachdachte. Ich konnte an nichts denken. Ich war wie gelähmt und wollte nur, daß alles zu Ende sei. Sofort nach Beendigung der kurzen Trauerrede, kaum daß er mir die Hand gedrückt hatte, zündete der Chefarzt sich eine Zigarre an. Er hatte mir das nötige Geld geliehen. Er war väterlicher als je, und ich mußte ihm schwören, daß ich zurückkomme. Bis zum Abgang des Zuges hatte ich noch etwas Zeit. Er hatte mir das Anstaltsauto zur Verfügung gestellt. Es war also noch früh. Ich ging noch einmal in die Privatklinik, fragte nach Briefen. Man mißverstand mich. ›Die Dame hat nichts an Sie hinterlassen‹, sagte mir die Oberschwester, eine Nonne, die übrigens auch bei der letzten Ölung ministriert hatte. ›Wir haben leider gar nichts gefunden.‹ ›Ist von den Angehörigen keine Nachricht gekommen?‹ ›Nein, ihr Mann meldet sich nicht. Wir haben an den Schwager geschrieben. Es soll auch noch ein Bruder da sein. Die Dame hat uns die Adresse auf alle Fälle hinterlassen. – Aber dem Kinde geht es gut, es ist eine Freude, es anzusehen.‹ 2 Ich hätte das Kind sehen können. Ich merkte sehr gut, daß man von mir erwartete, ich würde darnach verlangen. Vielleicht hielt man mich für den Vater. Ich war es nicht. Ich hatte vor der Abreise meinen armen Perikles nicht mehr aufsuchen können. Man hatte mir berichtet, daß er an Grippe erkrankt sei, an einer heftigen Lungenentzündung und zu allem Überfluß noch an einer Mittelohreiterung. Das hatte ich nicht gewollt. Es war zuviel! Denn es war mir nur daran gelegen gewesen, ihn nach meinem Tode nicht von aller Welt (und von Geld) verlassen hier zurückzulassen. Ich machte mir auch jetzt, wo ich weiterleben mußte, keine großen Gedanken über ihn. Ich war so unselig, so dem Erdboden gleichgemacht, daß ich nichts empfand, was einer Trauer, einem edlen Schmerz ähnlich sah. Ich hätte am liebsten mich selbst in Stücke zerrissen, mich auf die einfachste Weise aus der Welt geschafft, in der ich damals nichts Lebenswertes mehr fand. Da dies aber unmöglich war, nachdem ich einmal aus unnützer Teilnahme oder sträflicher Neugierde die Hiobspost meiner Familie erfahren hatte, mußte ich mein Augenmerk auf solche Dinge lenken, die im Augenblick wichtig waren, zum Beispiel, daß ich meinen Zug nicht versäumte. Aber es war noch soviel Zeit, daß ich einige Besorgungen machen konnte. Ich sah in der Nähe des Bahnhofes ein Geschäft mit Herren- und Damenwäsche, Handschuhen, Reiseartikeln. Ich brauchte nichts. Ich mußte sparen. Mein Wintermantel war nicht mehr der beste, die Hemden begannen sich an den Ärmeln auszufransen, aber das alles erfüllte noch seinen Zweck. Als ich mich wieder dem Bahnhof zuwandte, fiel mir ein, ich brauche doch etwas, einen Trauerflor um den linken Arm, oder eigentlich zwei, einen für den Mantel, einen für den Rock. Ich ließ es bei einem bewenden. Die Verkäuferin hatte solche Flore in allen möglichen Breiten vorrätig. Wir suchten also einen passenden aus. Nach einer Fahrt, die kein Ende nehmen wollte – jetzt erst sollte ich erfahren, was ich bei meinem Knieschuß nicht erfahren hatte, nämlich welche Höllenqualen einem Mann sein grausames, klares, unvertilgbares Gedächtnis verursachen kann –, nach dieser Fahrt, die sich in ihrer Unvergeßlichkeit all dem anderen Unvergeßlichen zugesellte, kam ich in der Stadt meines Vaters an. Vally stand am Bahnsteig neben einer herrlich gekleideten, schlanken, mit kostbarem Schmuck behängten jungen Dame, welche mir um den Hals fiel, duftend nach allen Herrlichkeiten Arabiens – meine Schwester Judith. Vally, eine ältere Dame von vollen Formen, stand bescheiden beiseite. Beide Frauen bemerkten sofort den Trauerflor. Er konnte ihnen gar nicht entgehen. Aber sie nahmen keine Notiz davon, wenigstens war das ihre Absicht. Wenn sich Judith bei meinem Erscheinen so stürmisch gefreut hatte, so war die Freude meiner Frau scheuer, zurückhaltender, aber ich sah sie doch. Judith hängte sich an meinen rechten, Vally an meinen linken Arm, und so zog ich in meinem Vaterhause ein. Auf dem Wege hatte mir Vally, von Judith des öfteren unterbrochen und verbessert, in großen Zügen mitgeteilt, wie es daheim stand: mein Vater lag noch zu Bett, gelähmt, zusammengebrochen, sie konnten es mir nicht klar machen – die Patienten kamen, aber er empfing sie nicht –, die Briefe von der Bank ließen sich nicht aufhalten, er öffnete sie nicht. Die Verwalter seiner fünf Häuser – ich hatte nur von zweien gewußt und dann von unserer kleinen Villa in Puschberg – baten ihn dringend ans Telephon, er ließ sie bitten. Aber er wollte nicht, daß ein anderer diese Botschaften in Empfang nähme. Alles wartete auf mich. Nie war ich mit solcher Zärtlichkeit empfangen worden, nicht einmal zur Zeit der Untersuchung wegen künstlichen Trachoms. Nun schlachtete man das fette Kalb. Ich bekam das schönste Zimmer, man setzte mir später am Abend die feinsten Leckerbissen vor, und mein Vater zeigte mir schon jetzt sein liebstes Lächeln. Diesmal war es keineswegs zweideutig. Er war aufrichtig, von tiefstem Herzen, froh, daß ich gekommen war. Ich hatte mich entschuldigen wollen, daß ich erst nach drei Tagen diese Reise angetreten hatte. Er wollte mir fast die Hand küssen dafür, daß ich schon nach drei Tagen gekommen war. Ich hatte den Mantel mit dem Flor im Entrée gelassen. Er ahnte also nichts davon. Er fand mein Aussehen blendend, mein Wesen männlich, ›zum Manne geschmiedet die unbarmherzige Zeit‹, zitierte er, nicht ganz richtig, den ›alten Goethe‹. Er lag, noch etwas blaß, aber keineswegs schwerkrank aussehend, auf dem Sofa im Sprechzimmer, von dem der übliche weiße Leinenüberzug entfernt war. – ›Wünschest du es, so stehe ich auf. Hast du schon zu Abend gegessen?‹ ›Nein, ich danke, das hat Zeit, wir wollen zuerst das Wichtigste besprechen‹, sagte ich. Ich hatte beim Vorbeigehen an der wunderbar gedeckten, mit Blumen geschmückten Tafel im Speisezimmer gemerkt, daß mir ein ehrenvoller Empfang sicher war. › Ich muß dir danken‹, setzte ich fort, mich an sein Bett setzend und unter einem gequälten Lächeln seinen Puls an der schönen, marmorweißen, kühlen Hand ertastend, ›vielleicht hast du mir das Leben gerettet.‹ ›Du willst sagen, daß du das meine retten willst. Seitdem du da bist, fühle ich mich viel wohler. Aber was nützt euch allen mein Leben?‹ ›Aber Vater!‹ Ich umarmte ihn. Trotz allem liebte ich ihn immer noch. Ich weinte. Ich weinte um Eveline, um ihn, um Vally, um mich. Aber auch jetzt mißverstand er mich. ›Ja, du beweinst unser schönes Vermögen. Ich hätte deinen Ratschlägen besser folgen sollen. Jetzt ist es zu spät. Ich bin zu nichts nütze. Wie immer, hast du jetzt Recht behalten. Du hast mich vor Devisenspekulationen gewarnt. Aber unsere Valuta war so schwach. Wer konnte ahnen, daß sie noch einmal steigen würde, natürlich! Du wirst es mir nie verzeihen, daß ich dein Erbe an der Börse verspielt habe.‹ ›Nein, Vater‹, sagte ich, ›ich habe nichts von dir zu verlangen. Ich habe bei meiner Heirat auf mein Erbteil verzichtet.‹ ›Welch ein Charakter! Welch ein goldenes Herz!‹ sagte der alte Mann, aber nicht zu mir, sondern zu meiner Mutter, die uns beide anblickte und so erregt war, daß ihre schlaff gewordenen Wangen zitterten und bebten. Sie gab mir durch Augenzwinkern ein kleines Zeichen, ich solle gehen. Jetzt war sie auf meiner Seite, es war das gleiche etwas schelmische Zwinkern, das sie vor vielen Jahren gehabt hatte, als sie meinen Vater in meiner Gegenwart beschuldigt hatte, daß er mir häßliche Dinge wie die Existenz von lästigen ›Pilgerim‹ beibrachte. Sie und Vally zogen mich beiseite, mein Vater atmete jetzt erleichtert auf und streckte sich auf seinem Schmerzenslager aus, es war offenbar eine große Beruhigung für ihn, zu wissen, daß ich da blieb. ›Morgen stehe ich auf‹, sagte er, mir sehr freundlich zum Abschied zuwinkend, ›heute entschuldigt ihr mich noch. Komm noch einmal her, mein Sohn, umarme mich! Du bist besser, als ich dachte, du bist ein wahrer Mannescharakter!‹ Und nachdem ich meinen Kuß bekommen und wiedergegeben hatte und nachdem er mich aus seiner festen und diesmal vielleicht ehrlichen Umarmung entlassen hatte, sagte er: ›Vor allem, das bitte ich mir aus, unser teurer Gast hat um zehn Uhr im Bett zu sein. Nicht länger aufbleiben! Verstanden? Und du, Judith‹, sagte er zu dem Kind, das nur Augen für mich hatte, ›ich bekomme keinen Kuß von dir?‹ ›Ach so‹, sagte Judith kalt und beugte sich in ihrer ganzen Jugendschönheit zu ihm nieder und küßte ihn leicht auf die Stirn. Er wollte ihre Hände festhalten, er hätte sie gern bis zum Abendessen bei sich behalten, während Vally und meine Mutter schon begonnen hatten, mich in das Labyrinth der Finanztransaktionen einzuführen. Aber sie ließ sich nicht halten, kam uns nach, und während der langen Unterredungen, die bis zwei Uhr nachts dauerten – ohne daß mir alles klargeworden wäre –, blieb sie geduldig auf ihrem Platz und folgte unserem Gespräch. Sie verließ uns, auf den Zehenspitzen gehend, nur auf einen kurzen Augenblick, um sich zu überzeugen, ob ihr Viktor zu Bett gegangen sei, und ob er sich zuvor die Zähne geputzt und sein Nachtgebet gesprochen und die Schulbücher für den morgigen Schultag gepackt habe, denn sie vertrat gleichsam die Mutter bei dem jüngeren Bruder, der sich dies alles gefallen ließ, ohne sich zu wehren. Er war ein stiller, gutartiger, aber jähzorniger Junge. Alle sagten, er hätte die größte Ähnlichkeit mit mir als Kind. Ich als Kind! Auch jetzt meldete sich mein grausames Gedächtnis, und ich, in meinem verbissenen Schmerz, sehnte mich in die Zeit zurück, in der ich noch keine Eveline gekannt hatte. Meine Mutter bemühte sich, mir den Stand unserer Vermögensverhältnisse düsterer darzustellen, als er vielleicht war. Aber sie beherrschte die Materie nicht besonders gut. Meine Schwester Judith, so jung sie war und so oberflächlich sie schien, wußte vieles besser. Ich sah es an ihren Blicken. Alle drei Frauen hatten es nur darauf abgesehen, mich wieder in den Ring meiner Familie zurückzuziehen, sie rechneten mit meinem Widerstand. Sie hatten nicht gesehen, daß ich als ganz anderer, verstörter Mensch unter ihnen saß. Gegen zehn Uhr ließ uns meine Mutter auf kurze Zeit allein. Sie wollte meinen Vater zu Bett bringen. Er hätte den kurzen Weg von seinem Sprechzimmer in das Schlafzimmer, soweit ich es beurteilen konnte, ohne Hilfe zurücklegen können. Aber man wollte ihn eben als bemitleidenswerten, zur Ordnung seiner Angelegenheiten nicht mehr fähigen alten Mann hinstellen. Dabei hatte er seine unzerstörbare Willenskraft bewahrt. – Unter den vielen Angelegenheiten war eine, die mir besonders peinlich erschien. Er, der damals noch ungeheuer reiche Mann, hatte vor Jahr und Tag von den Portiers und von den Verwaltern seiner Häuser Kautionen angenommen und diese in fremde Währungen umgewandelt. Dies hatten die Leute irgendwie erfahren. Sie verlangten ihre Kautionen in Goldwährung zurück. Mein Vater verweigerte es. Auf ihre Posten wollten sie nicht verzichten, mein Vater wußte das, zog die Sache in die Länge, der Buchstabe des Gesetzes war für ihn, ihre Kautionen wurden von Tag zu Tag wertloser, und er hatte sich an diesen armen Leuten bereichert. Für ihn war es kein großer Gewinn, für die Leute aber ein großer Verlust. Ich hatte jetzt meine Mutter gebeten, ihm die Einwilligung abzuschmeicheln, die Hälfte dieser Beträge sofort in fremder Währung, die andere in unserer verfallenen zurückzuerstatten. Als aber meine Mutter ihn zu Bett gebracht und bei dieser Gelegenheit dies besprochen hatte, konnte sie uns nur seine Absage bringen und den guten Rat, den er uns erteilte, nicht mit fremdem Hab und Gut großmütige Geschenke zu machen. Er betrachtete sich also nach wie vor als das Haupt der Familie, als den Alleinbesitzer der Häuser, der Papiere und so weiter. Ich sah, wie sich Vallys Gesicht verdüsterte. Sie fürchtete, ich würde vom Tisch aufspringen, mich empört zurückziehen und am nächsten Tage wieder auf immer in meine alte Arbeitsstätte in B. zurückkehren. Als wir gegen zwei Uhr morgens aufstanden und sie mir mein Bett anwies, blieb sie noch bei mir, und ich verstand, was ihre demütigen und doch finsteren Blicke bedeuteten. ›Ich weiß sehr gut, mein lieber guter Mann‹, sagte sie, ›daß es zwischen uns nicht mehr so werden kann wie früher. Aber ich wäre glücklich und überglücklich, wenn wir nur wie Bruder und Schwester hier nebeneinander leben und altwerden könnten in Frieden.‹ ›Überglücklich? Du übertreibst‹, sagte ich hart, da mir diese salbungsvolle Redensart mißfiel. ›Verlange, was du nur willst, du wirst sehen, daß ich mich geändert habe.‹ ›Ich will dich nicht auf die Probe stellen.‹ ›Willst du, daß ich schwöre?‹ ›Schwöre nicht!‹ sagte ich. ›Ich erkenne dich nicht wieder. Weshalb glaubst du mir auf einmal nicht? Heute abend hast du kaum den Mund aufgetan!‹ ›Ihr drei habt gesprochen, ich habe zugehört.‹ ›Von dir weiß ich nie nichts‹, sagte sie und streichelte den Ärmel meines Hemdes und sah die ausgefransten Stellen, ›wo bist du und wo bin ich? Du brauchst aber Pflege, es muß sich jemand um dich kümmern. Komm zu uns, ich werde versuchen, dich – wenn nicht glücklich, so doch zufrieden zu machen. Stoße mich nicht zurück! Ich habe es einmal bei dir getan, in Puschberg, erinnerst du dich, ich habe es bitter bereut, teuer bezahlt.‹ ›Ach, bezahlt, bereut, das sind Worte, nichts als Redensarten.! ›Nein, ich schwöre es dir beim Leben unseres Kindes, ich will alles tun, damit du bei uns leben kannst.‹ ›Beim Leben unseres Kindes?‹ fragte ich nachdenklich. Ihr Gesicht zeigte plötzlich Angst. ›Du wirst doch nicht verlangen, daß wir das Kind aus Bludenz zurücknehmen? Du weißt es selbst, wie schwer sich ein junger Mensch jedesmal eingewöhnt, man darf ihn nicht wieder herausreißen, wie dich damals aus dem Knabenheim in A.‹ ›Nun, wir werden sehen‹, sagte ich. ›Ich fahre morgen abend zu Mohrauer zurück. Morgen vormittag kommst du mit mir zur Bank. Die Kautionen werden zurückgezahlt. Die Hälfte nach heutigem Kurs. Weigert er sich, sieht er mich nicht wieder. Und weiter! Wir müssen sehen, wie wir die Posten ausgleichen. Ist die Versicherungspolice verpfändet?‹ ›Nein, das ist das einzige, woran dein Vater nicht rütteln läßt.‹ ›Ist sie auf Dollars umgestellt?‹ Sie begann mir die Einzelheiten zu erläutern, und wir sprachen bis drei Uhr weiter. Am nächsten Tage ordnete ich alles, so gut ich konnte. Die Verhältnisse kamen mir zuhilfe, einige der Wertpapiere waren in den letzten Tagen stark gestiegen, und unsere Währung war gefallen. Mein Vater blühte auf, als er dies hörte. Am Nachmittag nahm er die ärztliche Tätigkeit wieder auf, und ich hätte friedlich und glücklich abreisen können, wenn ich nicht gefürchtet hätte, daß mich im ersten freien Augenblick die Erinnerung an Eveline überfallen würde. So kam es auch. Der Schmerz war um so wütender, als ich meine Familie sorgenfrei und beruhigt zurückgelassen hatte. Mein Unglück hatte mich nicht gütiger gemacht. In der Anstalt gab es nichts Neues. Oder doch! Der Assistent erzählte mir, daß mein Freund nach seiner Lungenentzündung auf dem Wege der Heilung sei. Die Ohren waren noch nicht gut, man nahm an, daß das mäßige Fieber, das er dauernd hatte, daher komme. Ich war im Herzensgrund sehr froh, daß mir mein Plan mißlungen war. Ich wollte nicht mehr Gottes Rolle und seine Verantwortung übernehmen. Auch Imperatoren sollen leben! Er erkannte mich diesmal und streckte mir die Hand entgegen und nannte meinen Namen! Seine alte Tante war gekommen, ein verhutzeltes, in schwarze, brüchige Seide gekleidetes Weiblein mit schlohweißem Haar. ›Ich habe gar viele Messen lesen lassen, mein lieber Herr Doktor‹, sagte sie zu mir, die haben geholfen. Er wird gesund. Ich habe eine gute Fürbitterin droben. Messen sind gut! Messen sind ja viel besser als Messer!‹ Ich wollte sie nicht hindern, ihn durch Fürbitten zu heilen. Ich bedurfte nach der anstrengenden Reise in der dritten Klasse der Ruhe. Ich konnte sie aber nicht haben. Abends kam die Direktorin zu mir und hatte einige Prospekte mit. Worum handelte es sich? Sie staunte, daß ich nicht daran gedacht hatte. ›Natürlich um Eveline!‹ Ich sprang auf, es durchlief mich eisig. ›Ach, setzen Sie sich, junger Herr‹, sagte sie mütterlich, ›was kann Sie denn so erschrecken? Keine Angst! Das Kind ist Gott sei Dank gesund und munter. Aber es kann nicht ewig im Frauensanatorium bleiben. Also was jetzt?‹ ›Ist keine Nachricht von den Angehörigen da?‹ ›Die Schwägerin hat sich gemeldet. Hier ist der Brief, polnisch. Ich habe ihn übersetzen lassen. Sie schreibt, daß der Oberst verschollen ist, auch ihr Mann, sein Bruder, ist bei der polnischen Armee, sie selbst zieht von einem Gut aufs andere, man fürchtet, daß die Bolschewiken kommen. Dorthin kann also Eveline nicht zurück.‹ ›Nennen Sie das Kind nicht Eveline, das verbitte ich mir!‹ sagte ich voll Wut. Sie war den Umgang mit kranken, irren und irrenden Menschen gewohnt, sie ließ es dabei. Ich bereute meine Heftigkeit, küßte ihre Hand und begann zu weinen. Hatte ich unmittelbar nach der Katastrophe geklagt, daß ich nicht imstande war zu weinen, so floß jetzt das Tränenkrüglein um so reichlicher. So ist der Mensch nie zufrieden. ›Ich wollte Ihnen nur sagen, es bleibt nichts übrig, als das Kind ins Waisenhaus zu tun. Die Geldmittel in dem Sanatorium sind aufgebraucht.‹ ›Ich ... ich habe noch ein Sparkassenbuch‹, stotterte ich und versuchte mich zu fassen, ›es ist auf Evelines Namen angelegt ... damals, als sie mir Geld geliehen hat, gleich nach ihrer Ankunft.‹ ›Ja, geben Sie nur her, aber wie lange kann das reichen?‹ ›Und Mohrauer?‹ fragte ich. ›Er hat Sie in sein Herz geschlossen‹, antwortete sie, ›aber wenn Sie uns verlassen, wird er Ihnen keinen roten Heller geben. Sie kennen ihn doch. Er ist ein Narr unter den andern Narren hier, wie wir anderen auch.‹ ›Ins Waisenhaus? Ins Waisenhaus‹, sagte ich. ›Evelines Kind ins Waisenhaus? Wenn sie das gewußt hätte!‹ ›Sie hat es aber nicht gewußt. Es ist denn auch noch nichts verloren. Ich glaube zwar, daß der Oberst von den Bolschewiken nicht wiederkommt, auch sein Bruder schwerlich – aber es sind noch entferntere Verwandte da. Wenn ich einen Mann und einen Haushalt hätte, würde ich das Kind adoptieren. Es kann ja nichts für ...‹ Sie unterbrach sich, denn sie sah, ich hätte kein Wort gegen Eveline ertragen. Der Chefarzt trat ein und begann mir die wütendsten Vorwürfe zu machen, weil ich ihn verlassen wollte. Er wollte mich halten. Er wollte mein Gehalt verdoppeln, verdreifachen – es nützte nichts. Hätte ein wenig mehr Geld mich glücklich machen können? Ich konnte hier nicht weiterleben, wo ich mit ihr gelebt hatte. Er hätte es einsehen können. Statt dessen wurden seine Vorwürfe nur noch bitterer, sie erstreckten sich jetzt auch auf meinen Vater, vor dem er mich warnte. Er drohte, er würde mich nicht wieder aufnehmen, wenn mir das Leben neben meinem Vater zur Hölle geworden sei, und schließlich mahnte er mich an das Geld, das er mir vor meiner Abreise geliehen hatte. Ich hatte nichts, konnte ihm daher nichts zurückgeben. Mein Vater war aber immer noch reich genug. Ich dachte daran, als Bedingung für meine Heimkehr von meinem Vater zu verlangen, er müsse, anstelle eines Gehaltes für mich, die Unterhaltungskosten für das Kind, für Nischy, bezahlen, dann kam mir plötzlich ein neuer, einleuchtender, überzeugender Gedanke, und ohne mich um Mohrauer zu kümmern, der verdutzt dastand, eilte ich zum Telephon, rief meine Familie an, und nach zehn Minuten meldete sich Vally am Apparat. ›Ich bitte dich sofort herzukommen‹, sagte ich, ›nimm den Nachtzug!‹ ›Was gibt es denn? Um Himmelswillen, was ist los?‹ fragte sie zurück. ›Frage nicht! Ich will, daß du sobald wie möglich kommst. Du wolltest ja eine Probe bestehen. Jetzt ist der Augenblick da.‹ Diesmal dauerte das Gespräch nicht einmal drei Minuten. Am nächsten Vormittag kam Vally, blaß und abgespannt nach der Reise. Ich holte sie von der Bahn ab und mußte mit aller Gewalt die Tränen unterdrücken, wenn ich daran dachte, daß ich vom gleichen Bahnhof vor Jahr und Tag Eveline abgeholt hatte. Aber diesmal war ich der Herr meiner Nerven. Und in unerschütterlicher Ruhe setzte ich ihr meinen unabänderlichen Entschluß auseinander. Er war das einzig Richtige, da er der einzig Mögliche war. 3 Ich hatte nie einem Menschen bewußt wehe tun wollen, es war mir stets fürchterlich, einem Kranken Schmerzen zu bereiten, und dies war der Hauptgrund, weshalb ich die Geisteskrankheiten, bei denen schmerzhafte Eingriffe im allgemeinen nicht notwendig sind – eine Punktion des Rückenmarkskanals ausgenommen –, hatte wählen wollen. Mein Vater wußte es wohl, er hatte oft spöttisch darüber gelächelt. Aber es gibt heilsame Schmerzen und unnütze Leiden. Ich wollte jetzt meine Frau nicht schonen. Ich sah kalt zu, wie sie erblaßte, ich fühlte, wie sie sich krampfhaft an meinem Arm festhielt. ›Ich! Ich soll dein Kind zu uns nehmen? Das kann nicht dein Ernst sein.‹ ›Es ist mein Entschluß, wir haben uns nur über Einzelheiten klarzuwerden‹, sagte ich. ›Wie konntest du mir das antun? Und ich, die ich dir getraut habe, ich, die dir die ganzen langen Jahre treu war! Ich habe immer geglaubt, du würdest zu mir zurückkommen, denn niemand wird dich, alt und grau wie du geworden bist, so lieben wie ich, die dich noch als jungen Menschen gekannt hat.‹ ›Vor einigen Tagen hast du ganz anders gesprochen. Aber es handelt sich nicht um Reden. Du mußt dich fügen, oder wir trennen uns, und du siehst mich nie wieder.‹ Sie senkte den Kopf. Unter ihrem sehr modernen, aber unkleidsamen Hute tropften ihr die Tränen auf das billige Pelzkrägelchen, das sie umhatte. Sie wartete stumm darauf, daß ich ihr alles auseinandersetzte, aber ich schwieg. Es war besser, auf ihre Fragen zu antworten, als von selbst viele Worte zu machen. Hätte ich die Wahrheit gesagt, nämlich die, daß die kleine Eveline das Kind meiner Geliebten, aber keineswegs mein Kind, keineswegs mein Fleisch und Blut war, hätte ich der armen abgearbeiteten Person, die sich meine Frau nannte, diese schmerzhafte Stunde ersparen können. Ich wußte aber ganz genau – denn in ihr konnte ich lesen, oder ich hatte es jetzt gelernt –, daß sie sich der kleinen Nischy nur dann wie eine leibliche Mutter ihrem leiblichen Kind hingeben würde, wenn sie in der Täuschung befangen blieb, daß Nischy mir gehörte. Dann konnte sie ihr wie eine gute Mutter sein. Sie verstand es, ein Kind mit Liebe und Ernst und Güte aufzuziehen. ›Ich muß dir vor allem gestehen, daß ich nicht weiß, wie deine Familie einen solchen Gast aufnehmen wird‹, begann sie und sah mich scheu von der Seite an. Ich schwieg. ›Es wäre natürlich unrecht‹, fuhr sie fort, ›es das Kind entgelten zu lassen, glaubst du nicht? Wo soviel Personen satt werden, wird auch ein Brosämlein für das Kind deiner Gaby abfallen.‹ ›Gaby‹, fragte ich erstaunt, ›die Mutter heißt Eveline und das Kind ebenso.‹ ›Eveline!‹ sagte sie bitter. ›Warum sagst du nicht die ganze Wahrheit? Eveline war deine erste Geliebte und Gaby die letzte. Wieviel Damen du in der Zwischenzeit beglückt hast, wer kann das wissen?‹ ›Wenn es niemand wissen kann, dann frage nicht. Vally, weshalb bohrst du dir das Messer in die Brust und kehrst es in der Wunde dreimal um? Wir haben an Wichtigeres zu denken.‹ ›Ja, an Wichtigeres!‹ höhnte sie, ›was kann es für mich Wichtigeres geben? Ja, du hast ein Herz aus Stein oder Zement, dich rührt nichts, so warst du immer.‹ ›War ich immer so, finde dich damit ab. Ich kann es nicht ertragen, Vally, daß du die alten Dinge aufrührst, es gibt ja genug Neues.‹ Und ich lachte. Sie bewunderte meine Herzenskälte. Sie ahnte nichts. Ich fuhr mit ihr in das Privatsanatorium, und wir besuchten das Kind. Sie sah es und war entzückt von seiner Schönheit, wie es so friedlich und rosig dalag. Ich fand nichts Besonderes an dem schlafenden, etwas schwitzenden Baby, ich begriff noch nicht, daß es eine zweite Eveline war, die in dieser sauberen, blauweiß lackierten Wiege, die meine Frau allmählich in sanfte Bewegung versetzte, heranwuchs. ›Sieh es dir doch an‹, flüsterte sie mir zu, damit es die geistlichen Krankenschwestern nicht hörten, ›ein wahres Engelchen, so wahr ich lebe, und dir aus dem Gesicht geschnitten! Unser Maxl ist ganz nach mir geraten und das Würmchen hier ganz nach dir. Also gut. Ich nehme es mit. Wo hat das Kind seine Aussteuer?‹ Es stellte sich heraus, daß von einer Ausstattung, wie Windeln, Lätzchen, Decken, Häubchen, Wickelbändern, Strickjäckchen, Steckkissen, wie sie solch ein Kind schon für die erste Zeit braucht, nicht die Rede war. Eveline hatte nicht daran gedacht. Wir ließen das Kind daher in dem Sanatorium und machten die notwendigen Einkäufe. Meine Frau jammerte. Sie hätte viel schönere Gegenstände mit ihren eigenen Händen fast ohne Kosten stricken und nähen und sticken können. ›Schade!‹ sagte sie, ›zu spät!‹ ›Du hättest dich mir längst anvertrauen sollen. Ein Mann versteht von solchen Dingen nichts. Bin ich nicht dein bester Kamerad?‹ ›Sicherlich‹, sagte ich, ›deshalb vertraue ich dir jetzt mein Kind an.‹ ›Ich danke dir‹, antwortete sie mit feuchtem Blick, ›die arme Frau, die arme Mutter ... Wenn sie jetzt herabsehen könnte von oben auf uns ...‹ Abends kamen wir in unsere alte Anstalt zurück. Es war inzwischen ein Anruf aus dem Sanatorium gekommen. Das Kind konnte uns nicht so einfach mitgegeben werden. Es mußte Papiere haben. Ich machte mich trotz meiner Müdigkeit und meinem unablässig schmerzenden Knie noch einmal auf den Weg in die Stadt. Im Sanatorium wollte man wissen, mit welchem Recht ich das Kind mitnehmen wollte. ›Mit welchem Recht?‹ sagte ich kalt. ›Wenn es mir nicht anvertraut wird, lasse ich es euch da.‹ Die Oberin lenkte ein. Das Mädelchen war polnische Staatsbürgerin, man hatte von Amtswegen einen Vormund bestellen müssen etc. etc. ›Ein sehr interessanter juristischer Verwaltungsfall‹, sagte ich, ›setzen Sie sich mit dem Vormund in Verbindung. Heute abend noch oder spätestens morgen früh. Bringen sie die Formalitäten ins reine, bitte! Weiter sage ich nichts.‹ Ich kam nachts in unsere Anstalt zurück. Mein Freund hatte sich erholt, sagte man mir, er wollte mich sprechen. Er wäre wie verwandelt. ›Um so besser‹, sagte ich. ›Heute ist es zu spät. Ich will essen, ich muß schlafen. Ich bin genug auf den Beinen gewesen. Perikles kann bis morgen warten.‹ Man lachte über die Bezeichnung Perikles für einen paralytischen Philosophen und fand meine Gleichgültigkeit in der Ordnung. ›Der Graf Zy., sein Zimmergenosse, ist gestorben.‹ ›So? Es ist schon das beste so‹, sagte ich, ›man konnte nicht mehr tun.‹ Leider sah mein früherer Chef, Mohrauer, dies alles nicht so überlegen wie ich. Er hatte sich inzwischen mit Vally angefreundet, hatte ihr den Mund wässerig gemacht mit den Reichtümern, die mich hier erwarteten, wenn ich blieb, er hatte ihr sogar versprochen, mich zum Erben einzusetzen, denn er haßte seine Familie. Ich kannte alle diese alten Melodien. Bei mir war es vergebens. Er schoß also einen Giftpfeil ab. ›Ich würde es verstehen‹, sagte er, ›wenn Sie ihrem eigenen Kinde ein ordentliches Heim geben wollten, das es hier in der Anstalt vielleicht nicht haben kann. Aber für das Kind eines polnischen Obersten?! Welch ein Edelmut! Sie müssen wissen, gnädige Frau, daß Frau Eveline von K. ihn während der ganzen Zeit gemieden hat, während deren ... Sie verstehen. Mag auch unser lieber Draufgänger sonst viel angestellt haben, an diesem neuen Erdenbürger ist er ganz und gar unschuldig, hier mein Wort ...‹ Aber das Gift war zu fein. Vally glaubte viel leichter meiner plumpen Lüge. ›Ach ihr Männer!‹ sagte sie und dünkte sich Gott weiß wie klug, ›immer haltet ihr zusammen. Ich weiß nur zu gut, daß das Kind von meinem Mann ist. Ich habe es ja mit eigenen Augen gesehen. Sein leiblicher Bruder Viktor, der ihm sehr ähnlich sieht, ist ihm nicht so aus dem Gesicht geschnitten wie dieses arme Wurm. Na, schon gut, alter Schlingel!‹ sagte sie zu mir, ›laß mich nur machen. Ich rufe jetzt deinen Vater an. Hoffentlich hat er genug neue Kräfte und fällt nicht in Ohnmacht.‹ Ich wollte bei dieser telephonischen Unterredung nicht anwesend sein. Ich verabschiedete mich und ging zu Bett. Am nächsten Tage stellte es sich heraus, daß alle Schwierigkeiten in bezug auf die Papiere des Kindes geordnet waren. Ebenso in bezug auf meinen Vater. Nachmittags konnten wir abreisen. Mein letzter Besuch galt meinem Freund Perikles, wie ihm vor Jahren mein erster Besuch hier gegolten hatte. Ich fand ihn ohne Stock im Zimmer umhergehend und mich mit etwas stotternder, aber durchaus verständlicher Sprache begrüßend. Welches Wunder des Himmels hatte sich hier begeben! Es tat ihm leid, daß ich wegging, er bat mich, bald wiederzukommen. Er war vielleicht gar im Begriff, aus einem vegetierenden Kadaver zu einem Menschen zu werden! Ich war in Versuchung, mit ihm zu sprechen wie in alter Zeit. Aber meine Gedanken waren bei Vally und dem Kind. Ich ließ ihn mitten in seinem Gestammel stehen. Erst nach langer Zeit habe ich begriffen, daß ich damit die größte Torheit meines Lebens begangen hatte. Ohne es zu ahnen, hatte ich die einzige Methode, nämlich das künstliche Fieber, durch reinen Zufall, wie von Graefe seine Staroperation, entdeckt, es war der einzige Weg, einen Paralytiker, wenn nicht vollständig zu heilen, so doch in ungeahnter Weise in die Höhe zu bringen. Und ich ging an der wirksamsten Behandlung der Paralyse, der einzigen großen heilenden Maßnahme im Bereich der Geisteskrankheiten vorüber; wie ich vor vielen Jahren an der Carotisdrüse vorbeigegangen war. Wir mußten Billetts dritter Klasse nehmen. Man machte aber im überfüllten Zuge einer einfachen Frau mit einem Säugling auf dem Arm Platz. Ich mußte stehen, mein Knie begann zu schmerzen. Ich sagte nichts, aber die Leute bemerkten es, man räumte auch mir einen Sitzplatz ein, gegenüber meiner Frau und meinem Kind. Ich schlummerte ein. Zum erstenmal kam etwas wie eine Erleichterung, die erste, schüchternste Ahnung eines Trostes über mich. Es war ein Stück meiner Inniggeliebten, was da mein alter Kamerad Vally im Arm trug und das sie auf der Reise mit jeder möglichen Sorgfalt betreute. Ich sah meinen Vater wieder. Er war vollständig wiederhergestellt, das heißt, seine Papiere hatten sich fast ebensoschnell erholt wie seine Nerven. › Das also ist deine Gaby!‹ sagte er, klüger als meine Frau, als er das kleine Kind in dem improvisierten Steckkissen mit den aus Verbandstoff verfertigten Binden erblickte, denn wir hatten noch nicht Zeit gehabt, es neu einzukleiden. Ich sah ihn sehr ruhig an. Ich schwieg. Dann sagte ich: ›Wo werde ich wohnen? Wo werde ich meine Praxis ausüben?‹ ›Deine Praxis?‹ fragte er und riß die Augen auf. ›Ich werde als praktischer Arzt arbeiten‹, sagte ich. ›Nein, das ist unmöglich. Ich brauche dich, du mußt mir assistieren. Ich benötige eine Stütze, meine Hand ist nicht mehr die alte.‹ ›So, das wird deine Patienten nicht freuen‹, antwortete ich hart. Er starrte mich an, als wäre ich einem Grabe entstiegen. So hatte er mich nie gekannt. ›Wenn du also eine Stütze brauchst, werde ich es mit dir versuchen, Vater‹, sagte ich, ›nur versuchen!‹ ›Wir werden uns sicherlich vertragen‹, murmelte er demütig. ›Nimm doch nicht alles so tragisch. Gaby! Nun, so hieß sie eben anders. Du hast übrigens ein prächtiges Kind, und du weißt, ich habe Kinder immer gern gemocht. Mein Haus war immer ein Kindergarten, die Windeln sind bei uns, kann man wohl sagen, nie trocken geworden.‹ ›So gefällst du mir, Vater‹, sagte ich, ›ich muß mich jetzt waschen, dann muß ich essen, und am Abend kannst du mir sagen, welche laufenden Fälle du hast und welche Operationen.‹ ›Ich wünsche es mir nicht besser‹, sagte er und drückte mir die Hand, ›ich habe es immer so gewollt.‹ ›Ich kann aber nicht umsonst arbeiten‹, sagte ich. ›Du mußt mir ein Gehalt in Edelwährung aussetzen.‹ ›Wozu brauchst du denn das Geld? Ich sorge doch immer für euch alle!‹ ›Ich will aber selbst für meine Familie aufkommen.‹ ›Wir werden über das alles sprechen, jetzt ruhe dich erst ein wenig aus.‹ ›Ich wünsche, daß du mir die Abende frei gibst. Ich kann nicht in deinem Sanatorium die Nachtwachen übernehmen. Ich habe eine große Arbeit über die Sehnervenatrophie vor, ich muß die Untersuchungen abends in der Universitäts-Nervenklinik machen.‹ ›Brotlose Künste‹, sagte er höhnisch. ›Du hast nämlich kein großes Glück mit deinen wissenschaftlichen Arbeiten. Aber du sollst deinen Willen haben, es soll nicht heißen, dein alter Vater sei dir in der Sonne gestanden, das heißt, im Wege gestanden ...‹ Ich lächelte nicht über seine kindische Ausdrucksweise, über seine altmodische Pedanterie. Ich blieb ruhig, bei der Sache. Ich erkannte, daß ich an meinem Willen festhalten mußte, dann fügten sich alle. Leider traf dies nicht so einfach zu. Jemand, der sich meinen Wünschen vom ersten Augenblick an, als meine Tochter ins Haus kam, widersetzte, war das schöne, kühle, verwöhnte Geschöpfchen Judith. Sie weinte, sie heulte, sie schloß sich in ihr Zimmer ein, sie aß drei Tage nichts oder höchstens Schokolade, die ihr meine Frau brachte, sie haßte mein zweites Kind, sie wollte nicht im gleichen Hause mit ihm leben. Nie habe ich eine so starke Eifersucht gesehen. Sie war so enttäuscht über den neuen Gast, als hätte sie die größten Rechte auf mich gehabt. Meinem Vater, der an Judith mehr hing als an uns allen, war jetzt Nischy ein Dorn im Auge. Er hätte uns nun gern das Geld zur Verfügung gestellt, es in einem Kinderheim unterzubringen, es mochte kosten, was es wollte. Ich dachte aber nicht daran, mich jemals von diesem Kinde zu trennen. Vally ersetzte ihm die Mutter. Sie stand auf meiner Seite. Wir führten unseren Willen durch. Der Stern meines Vaters war nicht mehr im Steigen. Er und die etwas altersschwache, unselbständige Mutter waren auf uns zwei jüngere Menschen angewiesen. Wir verlangten nichts für uns. Für das Kind nur das Nötigste. Endlich fanden sich alle damit ab. Selbst Judith streichelte das Kind, wenn sie vorüberkam. Nur von meiner Frau wollte sie nichts mehr wissen. Ich hatte nicht Zeit, mich mit meiner schönen, aber unbeeinflußbaren herrschsüchtigen Schwester viel zu beschäftigen. Mein Vater machte mir das Leben schwer genug. Er war immer undankbar gewesen. Aber man hatte von einem so hervorragenden Menschen Dankbarkeit nicht erwartet, sein Mangel an Dankbarkeit hatte sogar magnetisch gewirkt. Das war ich also gewohnt. Viel schwerer wog es, daß er seinem Berufe nicht mehr so gewachsen war wie früher. Ich sah es bei der ersten Operation, die wir gemeinsam machten. Es war keine Freude, ihm zu assistieren. Wußte er es? Er hatte ja vor kurzem gesagt: meine Hand ist nicht mehr die alte. Weshalb verzichtete er nicht auf die schwierigen Operationen? Seine Erfolge wechselten. Hatte er Glück, dann ging alles gut aus, und er sah mich über die Schulter an. Oder es ging weniger gut aus, dann hagelte es Vorwürfe, die ich nicht mit anderen Vorwürfen erwidern durfte. Meine Frau beschwor mich, Geduld zu haben. ›Es kann nicht lange dauern, er wird es bald selbst einsehen.‹ Ich sah es ein, folgte seinem leisesten Wink bei der Arbeit, überwachte die Nachbehandlung und suchte die ganz schweren Fälle auszuschalten. Er merkte es. Sein Mißtrauen war wachsamer denn je. Er lief den Patienten nach, und, was er nie getan hatte, er begann seine Honorare ›anzupassen‹, und er gewann die armen Menschen immer wieder dazu, sich ihm anzuvertrauen. Was aber das fürchterlichste war, er versuchte, ihnen und sich und vielleicht auch mir dadurch zu imponieren, daß er schnell, virtuos, nach der Uhr operierte. Nun bleibt die einmal erworbene Technik immer bis zu einem gewissen Grade erhalten. Und doch konnte kein Vergleich sein zwischen dem minutiösen, subtilen, präzisen, in jeder Hinsicht überlegenen Operieren vor einigen Jahren und seiner Arbeit jetzt. Einmal versagte ihm die Kraft am Ende eines Eingriffs. Er konnte nicht weiter, die Sache ging über seine Kräfte. Ich führte die Operation zu Ende, und zum Glück für uns drei, den Patienten, meinen Vater und mich, war der Erfolg ungewöhnlich gut. Mein Vater sah es nicht gerne, wenn ich ihn an jedem Abend verließ, um in die Nervenklinik zu gehen. Ich hätte bei ihm bleiben, mit ihm Karten spielen oder Spazierengehen sollen. Er nannte mich einen ingratus filius, einen Don Quijote der Wissenschaft. Hatte er recht? Ich strebte eine neue Methode an, um den von Rückenmarkschwindsucht Erkrankten das Augenlicht möglichst lange zu erhalten. ›Es sind Leichen auf Urlaub, es lohnt nicht.‹ ›Mir lohnt es.‹ ›Das ganze Wesen dieser Krankheit ist unheilbar‹, wiederholte er. ›Aber dieses eine schreckliche Symptom ist es nicht.‹ 4 Die größte, fast möchte ich sagen, die einzig ungetrübte Freude hatte ich an meiner Tochter. Ich darf sie doch so nennen? Nischy war das entzückendste, bezauberndste Kind, das man je zwischen Steckkissen in einer Wiege, dann in einem wirklichen Bettchen, dann in einer alten, schon von uns als Kindern halb kaputt gemachten Gehschule, dann bei Tisch bei den ersten Eßversuchen, bei den ersten Spielen, bei den ersten verständlichen Worten gesehen hatte. Alles war mir neu! Ich hatte mein eigenes Kind nicht aufwachsen gesehen. Vally hatte meinen Sohn in Puschberg ohne mich aufgezogen. Ich hatte zwar kleine Geschwister gehabt, aber als Judith auf die Welt kam, war ich schon über fünfzehn Jahre alt. Der Altersunterschied war für Bruder und Schwester zu groß, für Vater und Tochter zu klein. Dies war der Grund, und kein anderer, weshalb sie mir immer etwas fremd geblieben ist. Ich leider ihr nicht im gleichen Maß. Ich wußte wohl, daß hinter ihren bösen Bemerkungen, hinter ihrem absichtlichen an mir Vorbeisehen, den einstudierten Frechheiten gegen meine arme Frau, die sich für die Familie aufopferte, auch eine Art Liebe stand, und zwar gerade die Liebe eines Kindes zu seinem Vater. Mein Vater aber war für Judith zu alt. Sie sah in ihm eher einen etwas komischen Patriarchen, einen alten, der Zeit entfremdeten Sonderling, der früher einmal etwas Großes gewesen war, den man aber jetzt mit einem Frauenhaar um den Finger wickeln konnte. Sie hätte gern mich als Vater gehabt. Ich verstand es. Sie tat mir leid. Aber niemals hat das Mitleid eines vielbeschäftigten Menschen eine echte, sich jeden Tag erneuernde, freudige Liebe ersetzt, wie ich sie nur Nischy gegenüber empfinden konnte. Leider bin ich also, ohne es im geringsten gewollt zu haben, die Ursache dafür gewesen, daß Judith sich bei uns nicht mehr richtig wohlfühlte, daß sie das Haus fast jeden Abend verließ, daß Tag für Tag Telephonanrufe von jungen Leuten kamen, die sich nur mit den Vornamen meldeten und eine weitere Auskunft ablehnten. Aber die Zeiten hatten gewechselt, man konnte keine Vergleiche mit der Gesellschaft vor dem Krieg anstellen, man mußte den jungen Menschen Freiheit gönnen, da man ihnen keine Sicherheit gewähren konnte. Nichts war sicher. Die Jugend sollte leben. Unser Vermögen schwankte. Eines Tages waren wir reich, des andern Tages stellte es sich heraus, daß wir die Hälfte unseres Besitzes verloren hatten. Also wartete man wie ein Hasardspieler auf den dritten Tag. Ich konnte mich diesen furchtbaren Schwankungen noch nicht anpassen, ich hatte zu wenig Erfahrung. Auch mein Vater konnte es nicht, er hatte zuviel Erfahrung. Wer sich, wie er, in die Vorkriegszeit eingewurzelt fühlte, konnte die Nachkriegszeit nicht fassen. Die einzige Person, die mit dieser Zeit, die man Inflationszeit nennt, mitkonnte, war meine Frau. Ihr verdankten wir, daß unser Tisch gut gedeckt war, unser Haus nicht in Verfall kam, daß die kleinen Geschwister und meine Kinder gut gepflegt wurden, und im ganzen der Stand unseres Lebens gehalten werden konnte. Meine Mutter auf ihren dick gewordenen Beinen, in ihren alten Seidenkleidern, wandelte wie ein Gespenst aus früherer Zeit in ihrer verstaubten Eleganz unter uns umher. Aber sie war immer eine gute, in Kleinigkeiten einfallsreiche Mutter, besonders für die Jüngsten. Ich weiß, daß sie niemals einen Unterschied zwischen ihren Kindern und den meinen gemacht hat. Dies dankte ich ihr sehr. Meine Arbeit über die Sehnervenschrumpfung und deren Bekämpfung bei Rückenmarkschwindsucht näherte sich ihrem Abschluß. Ich sandte das Manuskript einer großen medizinischen Zeitschrift ein. Der Redakteur versprach das Erscheinen innerhalb dreier Wochen. Da aber infolge Papiermangels die Nummern schwächer ausfielen – man brauchte das Papier für Banknoten und Zeitungen –, wurde das Erscheinen stark verzögert. Eines Abends kam mein Vater triumphierend heim. Hatte er etwas Gutes über meine Pläne gehört? Ja und nein! Er zeigte mir in einer anderen Zeitschrift einen Artikel eines bekannten Augenarztes, der das gleiche Thema behandelte. Unsere Ergebnisse waren nicht sehr verschieden. Ich freute mich. Denn es bedeutete, daß ich nicht leichtfertig gearbeitet hatte. Er ergriff meinen Ärmel und schüttelte mich: ›Verstehst du das nicht?! Deine Arbeit ist wertlos geworden.‹ ›Nein, das glaube ich nicht. Wir haben beide gleichzeitig etwas ziemlich Wichtiges gefunden.‹ ›Ja, gleichzeitig?! Vielleicht hat er dir die Sache gestohlen. Du hältst ja nie den Mund.‹ ›Auch das glaube ich nicht‹, sagte ich, ›das hat dieser Mann nicht nötig.‹ ›Nicht nötig! Jeder hat es nötig, heute besonders! Immer noch Verschwender? Heute noch Menschenfreund? Immer noch Don Quijote? Immer noch der segnende ...‹ Er sprach das Wort Christus oder Jesus nicht aus. Denn seit kurzem war er nicht mehr der Spötter, der er früher gewesen war. Er fühlte seine Kräfte etwas schwinden. Das veranlaßte ihn zwar noch nicht, auf schwere Operationen zu verzichten, aber es ließ ihn seinen Frieden mit dem Himmel anstreben. Er besuchte jetzt an jedem Sonntagvormittag mit meiner Frau das Hochamt. Er sagte, er wolle tun, was alle Welt tut. Knien und beten und ein wenig Weihrauch einatmen und die Beichte ablegen könne niemals schaden, vielleicht aber später (möglichst spät) nützen. ›Denkst du nicht auch?‹ fragte er mich. ›Gewiß‹, sagte ich. Er hatte mir erlaubt, ihn hier in unserem Hause zu vertreten. So durfte ich zum Beispiel an jedem Montag an meine Geschwister, bevor sie zur Schule gingen, die neuen Federn verteilen. Judith ging ins Lyzeum. Sie besaß zwar einen prachtvollen Füllfederhalter, aber wenn andere etwas bekamen, und gar von mir, mußte auch sie das gleiche haben, obwohl sie nicht die geringste Verwendung dafür hatte. Und wenn man ihr mit einer solchen Kleinigkeit (zwei Federn für dich, Schwesterchen!) eine winzige Freude machen konnte, warum nicht? Wie gern hätte ich auch meinem Vater, der weit über seine Jahre – er war ja noch lange nicht sechzig! – gealtert war, eine Freude gegönnt. Aber seine Freuden waren kostspieliger Natur. Er hatte von neuem begonnen, an der Börse hoch zu spielen. Vielleicht füllte ihn seine Tätigkeit als Arzt nicht mehr so aus, er kam sich klein vor, weil er weniger verdiente, er wollte eine große Rolle durch sein Vermögen spielen, weil die Patienten sich allmählich von ihm abzuwenden begannen. Wie oft kam meine Frau zu mir – sie war auch Empfangsdame und bediente das Telephon – und flüsterte mir zu, dieser oder jener Patient wolle von mir, nicht aber von dem alten Herrn Professor behandelt sein. Ich tat den Kranken den Willen nicht, solange ich sicher sein konnte, daß der Vater nicht schlechter arbeitete als jeder andere alte, erfahrene Praktiker. Hier ließ ich ihm die Illusion seiner alten Größe. Denn ich konnte im Notfall seine Hand führen, und er gab nach. Nicht so bei seinen Börsenmanövern. Ich habe es ebensowenig wie meine Frau jemals dahingebracht, daß er uns eine Vollmacht ausgestellt hätte. Und hätte er sie uns auch gegeben – hätte ich die Verantwortung übernehmen können? Wir waren eine große Familie. Die Kinder kosteten viel. Die Häuser trugen fast nichts, das heißt sie trugen Tausende in ganz entwertetem Gelde. Ich und mein Vater verdienten das Nötigste bereits in Millionen. Wir entließen mit der Zeit einen Teil der Dienstboten, meine arme schwerfällige Mutter mußte sich an Handanlegen gewöhnen und tat es gern. Es war nach ihrem alten, weichen Herzen, wenn sie der Familie in ihrer Bedrängnis ein ›kleines Pflaster auf die große Wunde‹ legen konnte. Sie versuchte alles. Eines Tages ging sie strahlend mit einem großen Paket fort. Am Abend kam sie mit dem gleichen Paket heim, sehr bedrückt, und ich hörte sie mit meiner Frau hinter verschlossenen Türen murmeln und dann gedämpft schluchzen. Sie hatte ihre kostbaren Straußfedern und Reihergestecke, die vor dem Kriege viele tausend Kronen gekostet hatten, verkaufen wollen, und man hatte ihr einen Bettel dafür geboten. Sie verstand die Zeit nicht mehr. Aber verstand sie mein Vater, der von einem Tag auf den anderen viele Millionen Kronen verlor, und statt endlich die Hände davon zu lassen, sein ›Engagement‹ verdoppelte? Jetzt war er der Verschwender. Und ich, der ich an meine Frau, meine zwei Kinder und an meine Mutter und die Geschwister dachte, war der Sparmeister, oder wollte es werden mit meinen grauen Haaren. Judith sah es mit unverhehltem Mißmut, daß wir sparten, daß wir am Abend sehr frugal aßen, daß wir möglichst wenig Räume beleuchteten, daß wir alle keine Neuanschaffungen machten, daß vielmehr die alten Kleider aus guten Stoffen gewendet wurden, und ebenso meine Krawatten, obwohl ich es schöner gefunden hätte, auf die Krawatten zu verzichten als sie in gewendetem Zustand zu tragen. Aber viele von diesen Entbehrungen legten wir uns ihretwegen auf. Mein Vater hatte immer an der Versicherung für sie festgehalten. Die Summe war auf Goldwährung umgeschrieben worden. Das gab uns allen ein Gefühl der Sicherheit, und dieser Rat, den ich seinerzeit eigentlich aus Unerfahrenheit gegeben hatte, hatte mir den Ruf einer Finanzgröße eingetragen, was ich sicher nicht verdiente. Nun hatte die Sache auch eine andere Seite: es mußten auch unsere Zahlungen an die Versicherung in Gold erfolgen, und da man Dollars nicht mehr kaufen konnte, brauchten wir in unserer elenden Währung gewaltige Summen, und ohne jeden Verzug! Wie oft habe ich am Vormittag meine Barbestände zusammengezählt und sie zu schwach gefunden und habe auf die Honorare der Nachmittage gelauert, die glücklicherweise in der letzten Zeit wieder so zunahmen, daß ich das Geld der Versicherungsgesellschaft regelmäßig anweisen konnte. Ich erlebte jetzt keine großen Aufregungen mehr, keine Leidenschaften, keine Katastrophen wie den Tod meiner unvergeßlichen Eveline. Ich und meine Frau hatten keine stürmischen Auseinandersetzungen über unser Leben, unsere Liebe, über die Schuld an so vielem. Ich hatte Sorgen. Meine Frau hatte Sorgen. Meine Mutter hatte Sorgen. Meine Geschwister hatten noch keine, mein Vater keine mehr. Er war jetzt der glühendste Optimist. Er war zum Spieler geworden. Und wenn er sich noch einreden konnte, er spiele an der Börse nicht deshalb, um seiner Spielerleidenschaft Genüge zu tun, sondern um die Zukunft seiner Familie sicherzustellen – weshalb sollte er dann, jetzt, wo er sogar der Hilfe des Himmels nach seiner Bekehrung sicher zu sein glaubte, nicht guten Mutes sein? Nur zu sehr! Unsere Abende waren eintönig. Ich habe es nie gemerkt. Ich hatte neue theoretische und experimentelle Studien begonnen. Abends war ich müde, schön müde. Mir tat es gut, unter meinen Angehörigen zu sein, mit Nischy ein wenig zu spielen. Aber sie war herrschsüchtig wie ihre Mutter, und das, was sie von mir wollte, hatte einen weniger abgearbeiteten, jüngeren Menschen gebraucht als mich, wie ich damals war. Übrigens hatte sie, die nicht mein Fleisch und Blut war, doch etwas von mir geerbt. Sie schenkte gern. Nun hatte sie, da es nicht anders ging, noch niemals neue Spielsachen bekommen. Unser Haus, in dem so viele Kinder groß geworden waren, hatte einen riesigen Vorrat an alten Spielsachen. Es gab sogar welche noch aus meiner Zeit, die im Laufe der Jahre von Hand zu Hand gegangen waren. Nischy hatte alle. Sie wünschte sich keine anderen. Sie spielte mit denen für Jungen und mit denen für Mädchen, Eisenbahnen, Schaukelpferden, Puppen, Kinderküchen, Tieren. Ich konnte den Blick nicht von ihr lassen, wenn sie mit ernstem Gesichtchen, die hellblonden Haare aus der etwas hohen Stirn streichend, die großen eisengrauen Augen auf ihre Spielsachen geheftet, zu Füßen von uns Älteren auf dem schon etwas abgenützten Teppich des Wohnzimmers herumkroch und an die Spielsachen mit ihrem heiseren tiefen Stimmchen Anreden, Kommandos, Bitten und Vorwürfe richtete. Sie spielte ein großes Theaterstück mit allen Rollen ganz für sie allein. Zu diesem Spiel gehörte es aber auch, daß sie gewisse Puppen, Eisenbahnzüge, ausgestopfte Dromedare, das Lieblingstier meines Bruders Viktor ›bestrafen‹ wollte, das heißt, daß sie sie sobald wie möglich an arme Kinder auf der Straße verschenkte. Meine Frau hatte es nur durch Zufall bemerkt und so das Fehlen der Spielsachen aufgeklärt. Man hatte ein Dienstmädchen beschuldigt – mein Vater kannte hier keine Mäßigung –, und nun stellte sich heraus, daß Nischy von einigen Kindern im Stadtpark immer mit großem Jubel und Geschrei empfangen wurde, weil sie ihnen Geschenke mitbrachte, die leider nicht ihr Eigentum waren, denn sie gehörten auch den Geschwistern. Eines Tages kam ihr Onkel, mein früherer Schüler, Evelines Bruder Jagiello, ein dicker, großer, unordentlich gekleideter Mann von ›zweieinhalb Zentner Lebendgewicht‹, wie er ironisch, auf seinen Bauch klopfend, von sich sagte. Er fiel mir um den Hals, hob dann das schreiende und sich heftig wehrende Nichtchen an sein Gesicht, küßte es aber nicht, sondern beobachtete es so kühl, Auge in Auge, wie ein Kinderarzt eine kleine Patientin. Ich war glücklich, ihn wiederzusehen. Er war der Bruder meiner Eveline. Ich machte mich am Abend frei, um mit ihm über sie zu sprechen, obwohl ich Vallys finsteres Gesicht sah. Aber sie hätte ruhig bei unserem Gespräch anwesend sein können. Er sprach lange über sich. Er war aus der Gefangenschaft bereits seit Jahr und Tag befreit, hatte ruhig seine Studien über Kinderarbeit fortgesetzt und rechnete jetzt mit dem Erscheinen seines zweiten Bandes über diesen Gegenstand. Weshalb war er nicht früher zu uns gekommen? Er hatte keinen nahen Verwandten außer diesem Kind, das bei uns, aber doch unter Fremden aufwuchs. Er zuckte die Achseln. Ich scherzte mit ihm darüber, daß er sich zwar für Kinderarbeit und die soziale Lage der Minderjährigen in der Nachkriegszeit und in den Nachkriegsstaaten interessierte, daß er aber selbst keine haben wollte. ›Für mich ist die Familie nichts‹, sagte er. ›Ich verstehe nicht, wie du, wie ein Mensch, der mir früher so imponiert hat – ich lüge nicht –, so in dem Familientümpel untergehen kann.‹ Wie sollte ich es ihm erklären? Ich lächelte verlegen und lenkte das Gespräch auf seine Schwester. ›Ach, Eveline? Die Schwindelkomtesse? Ich habe nie ein wahres Wort aus ihrem Munde gehört ... Du willst mich fragen, ob sie mir nicht leid tut? Offen gestanden nein. Unsere Mutter ist mit vierunddreißig Jahren an Tuberkulose gestorben. Ich war gesund, Eveline nie. Sie hatte mit sechzehn Jahren einen Blutsturz. Sie war gewarnt. Kein Arzt erlaubte ihr das Heiraten. Mein Vater hat sie auf den Knien angefleht, der alte Romantiker in Uniform. Sie hat es doch getan. Sinnlichkeit oder Eitelkeit. Sie wollte nicht ledig bleiben, während ihre Freundinnen vom Sacré-Cœur verheiratet und Mütter waren. Welch eine Stupididät! Als sie sah, daß sie dich nicht haben konnte, hat sie sich diesem Schlachzitzen, dem polnischen Baron, an den Hals geworfen. Als ob es nicht akademisch gebildete Menschen genug gäbe. Aber mit mir wußte sie kein Wort zu reden. Die soziale Frage war ihr Hekuba. Aber das polnische Weltreich! Die Könige von Polen und der weiße Adler! Im Grunde mußte sie sich mit ihm verstehen, sie war und blieb eine Schlachzitzentochter. Mein Vater nicht. Der war Österreicher. Du meinst‹, sagte er dann, mich mit seinen schönen grauen Augen ansehend, ›es sei nicht schade um das alte Österreich? Ich sage dir, die Völker der Vorkriegsstaaten haben ihr Glück und ihren Wohlstand nicht verdient. Jetzt haben sie ihre Nationen. Es geschieht ihnen recht. Und was machst du?‹ Ich setzte ihm alles auseinander, so gut ich konnte. ›Und die soziale Frage?‹ ›Meine soziale Frage sind meine Patienten und meine Kinder‹, sagte ich, ›ich arbeite täglich über vierzehn Stunden.‹ ›Du bist ein Spießbürger‹, sagte er. ›Und du ein Anarchist und zugleich ein Reaktionär.‹ ›Mag sein‹, sagte er lachend, ›ich finde eben, wir sind von unserer Höhe seit 1914 furchtbar herabgekommen. Wir haben den Sessel gemordet, auf dem wir saßen. Willst du sehen, wie?‹ Ich wollte ihn abhalten, denn alles kostete Geld, aber es war zu spät. Er hatte nur ein wenig auf unserem alten Lehnstuhl gerückt mit seinen zweihundertdreißig Pfund, und das gute, feine Möbel krachte unter ihm zusammen, und der dicke Mann plumpste auf die Erde hinab, ohne mit seinem Lachen aufzuhören. ›Ist das nicht ein prachtvoller Trick? Ich könnte täglich im Zirkus damit mein Brot verdienen. Wollen wir aber nicht jetzt zu deiner Familie gehen? Deine Judith ist verteufelt hübsch.‹ ›Nicht schöner als deine Eveline‹, sagte ich. ›Eveline! Diese Vogelscheuche! Ich sage es nicht, um dich zu kränken.‹ Ich nahm es ihm nicht übel. Übrigens konnte ich ihm seinen Wunsch, mit Judith zusammenzusein, nicht erfüllen. Sie war bereits ausgegangen, wie sie es meistens am Abend tat, nachdem sie ihre Aufgaben für das Lyzeum schnell fertig gemacht hatte. 5 In Ermanglung der schönen Tochter freundete sich Jagiello sofort mit dem Vater an. In ihrer Bewunderung für Judith waren sie ja einig. Und wenn es nur auf das Äußere angekommen wäre, hätte man sich keine herrlichere Frau denken können als Judith, wie sie damals war, von ihrem fünfzehnten bis zum siebzehnten, achtzehnten Lebensjahr. Jagiello kam seitdem des öfteren wieder. Aber seine Riesengestalt machte ebensowenig Eindruck auf meine Schwester wie seine Studien über die Kinderarbeit, die er übrigens jetzt nicht mehr so leidenschaftlich weiterführte, als er vorgeben wollte. Er hatte sich in der langen Gefangenschaft an das Müßiggehen, Kartenspielen und an das ›wissenschaftliche‹ Plaudern mit Gleichgesinnten gewöhnt. Zum Glück hatte er Reste des großen Vermögens der Familie geerbt und gut angelegt, er konnte also selbst jetzt sorgenlos leben und eine Frau und Kinder gutbürgerlich erhalten. Aber für ihn war das kein Ideal, und noch weniger für meine Schwester, die in letzter Zeit eine Art Passion für einen sehr reichen, hochstehenden, aber verblühten, alten Mann empfand, der dieses Gefühl erwiderte – aber seit langem gebunden war. Judith vertraute sich mir an. Ich warnte sie, wie ein älterer Bruder seine unerfahrene Schwester. ›Du gönnst mir nur mein Glück nicht‹, sagte sie bitter. ›Als du dich mit unserem Stubenmädchen eingelassen hast, da hast du dir nichts dreinreden lassen.‹ Durch Zufall war bei den letzten Worten meine Frau eingetreten. Nun war sie, zu meinem Kummer, niemals ganz das Bewußtsein losgeworden, immer noch als alte Magd, als unwillkommene Braut in unserem Haus angesehen zu werden. Jetzt beherrschte sie sich, wie sie es immer getan hatte, sah uns an, gab aber keinen Ton von sich, und schloß jetzt hinter sich mit besonderer Zartheit die Tür. Sie tat mir leid, jetzt empfand ich ein starkes Mitgefühl mit ihr. Sie war die Schwächere. Ich hatte ihr längst alles verziehen, was es zu verzeihen gab. Sie war uns immer eine Stütze, keine Last. Ich warf Judith ihre Dummheit vor. Das war ein Fehler. Hätte ich ihr Bosheit zum Vorwurf gemacht, Niedertracht, Gemeinheit, selbst Teufelei, sie wäre lächelnd darüber hinweggegangen. Aber einem so schönen jungen Geschöpf – Dummheit vorwerfen! Mich konnte sie ihre Wut nicht fühlen lassen, an mich reichten ihre Teufeleien und Gemeinheiten nicht heran, wohl aber an den armen Jagiello, an meinen guten Vater und am meisten an meine Frau, die ganz unschuldig dazu kam. Judiths Groll wurde dadurch vermehrt, daß der bejahrte Gentleman, den sie liebte, der Gefahr aus dem Wege ging, indem er ohne Angabe der Adresse verreiste. Welche Szenen gab es bei uns! Wie oft habe ich überlegt, ob wir, Vally, ich und vielleicht mein Junge nicht irgendwo anders endlich in Frieden und in Ruhe zusammenleben könnten. Aber wie hätten wir dann auch noch für unsere kleine Eveline, die wie ihre selige Mutter sehr zart war, sorgen können? Wie hätten wir meine Familie, Vater, Mutter, Geschwister in ganz ungeklärten Verhältnissen zurücklassen sollen? Es war ja unmöglich. Judith wußte es, und sie war so unvornehm, immer schärfere Töne gegenüber der sonst so resoluten, jetzt aber ganz wehrlosen Vally anzuschlagen. Es begann damit, daß sie ihre Schwägerin nur noch Walpurgis nannte, weil sie wußte, daß man sie als Stubenmädchen in der ersten Zeit bei uns so genannt hatte. Dann, als auch dies nicht mehr wirkte, beschuldigte sie sie, sich an ihren teuren Seidenstrümpfen vergriffen zu haben. Nun waren diese stets zu Dutzenden gebündelt in Judiths wohl verschlossenem großen Spiegelschrank. Aber Judith behauptete, meine Frau ziehe die Strümpfe heimlich an, weite sie mit ihren dicken Beinen aus, und als Beweis zeigte sie, daß die Strümpfe tatsächlich an ihren eigenen Beinen etwas schlaff saßen. Es hatte seine Gründe, wir alle wußten es, es war der Liebeskummer um den grau melierten, verblühten, vornehmen Mann, der sie so heruntergebracht hatte. Nachts setzte sich Vally mit tränenüberströmtem Gesicht auf meinen Bettrand. Eine zarte Wärme ging von ihr aus. Ihre immer noch schönen, wenn auch schon von Silberfäden durchzogenen Haare schimmerten fast wie einst im gedämpften Licht. Ich faßte ihre kleine, rauhe Hand und dachte an die ersten Zeiten unserer ersten Verbindung, an die Himbeeren in Puschberg, an unser Zusammensein hinter dem Bienenkorb, an die Nacht im Regen, an den furchtbaren Rausch, der uns später überwältigt hatte und aus dem unser Junge hervorgegangen war. Man merkte ihm aber nichts von dieser Leidenschaft an. Er war ein stiller, scheuer, aber gut lenksamer, schwerfälliger Junge, der in Bludenz in allem Frieden aufwuchs und der gern aß, gern schlief, gern arbeitete. Das Essen schlug an, auch der Schlaf. Nur mit der Arbeit wollte es beim besten Willen nicht vorwärts, und wir, Vally und ich, dachten an ein Handwerk. Meine Frau hatte jetzt ihren Kopf auf mein Kissen gelegt, neben meinen Kopf. Sie lehnte immer noch in unbequemer Haltung auf der Bettkante, sie spielte mit der Verbindungsschnur der Lampe. Ich sah sie jetzt aus der Nähe, und mein Blick war scharf (der alte Arzt!) gegen meinen Willen. Es war eine verblühte, abgearbeitete Frau. Es war eine arme Magd, trotz des dicken Eherings, den sie stolz am Ringfinger trug. Ich empfand gegen meinen Willen, ebenso wie ich gegen meinen Willen die Runzeln und das Hängekinn bemerkt hatte, ein bitteres Mitleid mit mir und mit ihr. Was empfand sie für mich? War es noch die alte, niemals ganz erfüllte Liebe? Auch ich war ja alt geworden, die grauen Haare waren seit einigen Jahren an meinen gehöhlten Schläfen nicht mehr zu zählen, und an Runzeln um die Augen und den Mund sollte es auch bei mir nicht fehlen. Ich lächelte, ich sah sie verständnisinnig von der Seite an, mein Blick ging weiter zu ihrer Hand, die mit dem Steckkontakt der Nachttischlampe spielte. Es wurde dunkel. Wir küßten uns in aller Stille, und zum erstenmal seit bald vierzehn Jahren waren wir wieder wie Mann und Frau. Wir kamen, ohne es auszusprechen, überein, daß wir an unserem Leben, wie es die Familienmitglieder kannten, noch nichts ändern wollten. Wir schämten uns beide, besonders sie. Ich war eher glücklich darüber. Mich hatte die Last der Dankbarkeit für Vally, die mir ihr Leben – ob viel oder wenig, es war ein ganzes Menschenleben! – hingegeben hatte, oft bedrückt. Aber wenn ich meine Gefühle stets in mich verschließen konnte, meiner Frau sah man die Freude über ihr spätes Eheglück an. Man? Nur Judith, die eine Art Eifersucht empfand und die sich an mir rächte, so teuflisch, wie es nur eine in ihren echtesten Gefühlen gekränkte, betrogene, bis zur Verzweiflung enttäuschte Frau tun kann. Sie hatte jetzt die Adresse ihres Freundes erfahren, oder er hatte ihr geschrieben – ich habe es nie genau gewußt –, eines Abends war sie fort, hatte nichts mitgenommen als ein paar Seidenkombinations und zwei Dutzend Strümpfe, all ihr Parfüm und ihre silberne Toilettengarnitur, hatte einen Brief hinterlassen, worin sie meinem Vater schrieb, meine Frau hätte ihr das Leben in ihrem Vaterhaus zur Hölle gemacht. Sie liebe einen Mann, der ihr unerreichbar sei. Sie wolle ihm ihre Unschuld hingeben und nach dieser Nacht sich nicht mehr überleben. Mein Vater war ein alter Mann. Aber wer geglaubt hätte, daß seine Leidensfähigkeit abgestumpft war, hätte ihn jetzt sehen müssen, wie er schreiend, weinend, sich die wenigen Haare raufend durch die Wohnung eilte und in allen Ecken suchte, wie er unaufhörlich nach der verlorenen Tochter rief. Ich glaubte zuerst, es sei etwas Komödie dabei. Aber er aß nicht, er hockte trüben Blicks, Tränen auf Tränen in seinen grauen Spitzbart hinab vergießend, in einem Winkel, und wehe mir und wehe meiner Frau, wenn wir uns nähern wollten. Da zeigte er, daß er nicht nur die Leidensfähigkeit eines Jünglings bewahrt hatte, sondern auch die Kraft zu hassen, eine Sicherheit, einen Menschen dort zu treffen, dort, wo er zu treffen war. Meine Frau hatte vorsichtig versucht, ihm klarzumachen, daß Judith soviel Wäsche mitgenommen hatte, daß sie es sicherlich nicht bei dieser einen Nacht bewenden lassen würde. Er schrie sie in Gegenwart meiner Mutter an: ›Geh aus meinen Augen, verworfenes Mensch! So lohnst du es, daß wir dich und deinen Bastard zu uns genommen haben!‹ Ich begütigte meine arme Frau, die, nicht zum erstenmal, ihre alten Sünden abbüßte. Ich verteidigte sie. Aber dann ging seine Wut weiter, sie entlud sich auf mich. Ich fürchtete für seine Gesundheit. Er sprang auf, wollte gegen uns beide los, plötzlich griff er sich ans Herz und sank zusammen. Er war fahl, die Haut war feucht, er atmete schnell und flüchtig, wir riefen ihn beim Namen, benetzten die Stirn mit Essig, ich gab ihm eine Kampferinjektion. Endlich, nach langen Minuten, schlug er die Augen auf, schloß sie wieder. Der Puls wurde schnell besser. Wir verließen ihn auf den Zehenspitzen. Meine Mutter und das Dienstmädchen – wir hatten jetzt nur noch eines – brachten ihn zu Bett. Ich war nachts bei ihm. Er schlief. Der Puls war beschleunigt, aber glücklicherweise sehr gut. Am nächsten Tage war er bei Bewußtsein, er erkannte seine Umgebung, er sprach, wenn auch nur leise und mit etwas Mühe, aß mit Appetit. Aber sein linker Mundwinkel und das linke Augenlid hingen etwas herab, er hatte einen leichten Schlaganfall erlitten. Er war still, ernst, geduldig. Seine Wut war verraucht, er wollte nur noch Judith sehen – und sterben. Wie sie ihm bringen? Sollten wir an den Litfaßsäulen anschlagen lassen: Liebe Judith, komme zu deinen tiefbetrübten Eltern zurück, es wird alles geregelt? Auch Jagiello war hier und erhöhte die Verwirrung. Mein Vater hatte vielleicht schon vorher an ihn als den künftigen Ehemann Judiths gedacht. Jetzt war es schwer, ihm die Tatsachen zu verbergen, aber ebenso schlimm, sie ihm zu sagen. Ich zog das Letztere vor. Er erblaßte. Er hatte sich immer gerühmt, über die Vorurteile der Unberührtheit einer Braut erhaben zu sein. Aber doch nur für andere, nicht für sich. Immerhin faßte er sich schnell. ›Ich bringe sie euch zurück!‹ ›Wie willst du das anfangen?‹ fragte ich. ›Weißt du, wie der alte Don Juan heißt?‹ Ich wußte es leider nicht, aber meine Mutter wußte es, wie sich zu unserem Staunen herausstellte. Meine Mutter weinte, vor Scham errötend wie ein junges Mädchen. Sie hatte öfters Briefe von ihm an unsere Judith aufgefangen. ›Gut!‹ sagte Jagiello, ›ich gehe jetzt, ihr habt bald Nachricht von mir. Aber ich möchte erst noch mit Papa sprechend ›Papa‹ war mein Vater. Ich war bei diesem Gespräch anwesend. Es handelte sich um die Mitgift, die Judith bekommen sollte, wenn sie Jagiello nahm. Mein Vater sprach von der hohen Versicherungspolice. ›Das war gut vor dem Sündenfall‹, sagte Jagiello roh, ›aber jetzt? Vielleicht bringt sie mir ein Baby mit, wenn sie unter dem weißen Brautschleier neben mir aus der Kirche kommt.‹ Mein Vater versprach eine große Summe, die aber, wie ich genau wußte, weit über seine Kräfte ging. ›Bringen Sie sie mir! Versprechen Sie es mir! Bringen Sie sieh Jagiello versprach nichts, sondern ging. Am nächsten Tag rief er an. Er hatte sich mit ihr in Verbindung gesetzt. Sie lebte, war gesund und sehr traurig. ›Und wann kommt sie?‹ Jagiello wurde etwas verlegen am Telephon. Er hatte einen etwas delikaten Vorschlag: meine Frau und ich sollten auf einige Tage verschwinden, um der armen verführten Judith die Wiederkehr ins Elternhaus leichter zu machen. Was sollten wir tun? Wir fügten uns. Wir unternahmen eine kleine Reise nach Puschberg. Da sich die Finanzen meines Vaters täglich verschlechterten, hatte er uns vorgeschlagen, uns von dem Landhaus zu trennen. Wir wollten unten einen Käufer suchen. Meinen Eltern war alles recht, wenn wir beide für einige Tage abwesend waren. Indessen wurde nichts aus dem Verkauf. Die Summe, die man uns dort bot, war zu gering. Als wir heimkehrten, kamen wir gerade zurecht, die Verlobung meiner Schwester mit Jagiello zu feiern. Das war ein Glück. Aber ein noch größeres Glück war es, daß wir rechtzeitig kamen, um die kleine Eveline zu pflegen. Hatte man sich in unserer Abwesenheit nicht genug um sie gekümmert trotz der Schwüre und Versprechungen, oder war es ein unglücklicher Zufall – Eveline fieberte hoch, der Arzt dachte angesichts der erblichen Belastung an tuberkulöse Meningitis, die immer tödlich endet, und während im Salon die Gläser klangen, saßen wir beide voll Zittern und Beben an dem Krankenbett unserer Kleinen. Ich kannte meine Frau, ich wußte, daß sie die Pflege kranker Kinder meisterhaft beherrschte. Und doch mißtraute ich ihr, ich hätte Gott-weiß-wen hierherrufen, dem Schicksal Gott-weiß-wieviel anbieten mögen, wenn uns nur Nischy erhalten blieb. Und während wir dem leichenblassen, trocken fiebernden Kind das Thermometer zum drittenmal im Lauf des Nachmittags einführen wollten, kam ein furchtbarer, dröhnender Lärm aus dem Salon, wo gefeiert wurde. Beinahe hätte meine Frau das Thermometer fallen lassen. Wir sahen uns schreckensbleich an, Nischy war erwacht aus ihrem Halbschlaf, wimmerte, und mit Mühe beruhigten wir sie. Es war der Mühe nicht wert. Alles stand gut, und Jagiello hatte sich eben nur bei seiner Verlobung als Sesselmörder produziert. Der Schreck schadete unserer Kleinen nichts. Nach sechs Tagen wurde sie fieberfrei und stand auf. Jetzt hatte auch ich Grund zu feiern: vor allem die völlige Genesung meiner kleinen Nischy, bei der es sich Gott Sei Dank nur um Masern gehandelt hatte, bei denen der Ausschlag verspätet aufgetreten war. Dann aber auch eine andere Sache, die ich nicht verdient hatte und auf die ich nicht vorbereitet war. Damals war der Hofrat Dr. Julius Peèírka Dekan der medizinischen Fakultät. Ich hatte ihn noch gekannt, als er Prosektor auf der Anatomie gewesen war. Er hatte mir bei der Carotisdrüse geholfen. Eines Tages gab mir mein Vater mit bitterem Lächeln einen aufgerissenen Brief von der Fakultät. Er hatte geglaubt, er sei an ihn gerichtet, nicht an mich. Ich sollte den Dekan aufsuchen. Ich tat es. Was konnte er von mir wollen? Er empfing mich mit einer gewinnenden Freundlichkeit, fragte mich nach meinen Plänen. Ich hatte damals auf eine Anregung des modernen und sozialistischen Jagiello auch eine Arbeit über die sozialen Indikationen in der Augenheilkunde! begonnen, die sehr interessante Resultate lieferte. Es gibt Augenkrankheiten bei Armen und solche bei den Reichen. Unsere Therapie ist in allen Fällen gleich. Aber die Erfolge nicht. Die Fabriksarbeiter nehmen die Arbeit zu früh auf, sie begeben sich zum Teil zu Rad in ihre Arbeitsstätte, und das Pedalieren bei gebückter Haltung sprengt so und so viele Hornhautwunden etc. etc. Der Dekan hörte sich dies und ähnliches mit großer Geduld an, dann machte er mir den Vorschlag, die Arbeit möglichst rasch zu beenden und sie ihm mit den Abdrucken der früheren Arbeiten zu übergeben. ›Ich weiß nicht, welchen Wert derartige soziale Studien für die exakte Wissenschaft haben, aber ich glaube, daß Ihre Studie über die Sehnervenatrophie schon für eine Dozentur genügt.‹ Ich strahlte. ›Grüßen Sie Ihren Vater, wir wünschen ihm von der Fakultät aus schnelle Besserung. Lassen Sie sich also wieder einmal sehen und warten Sie nicht zu lange wie damals bei Ihrer Jugendarbeit. Vielleicht ist Ihnen unrecht geschehen.‹ Ich widersprach. ›Na ja, das ist vorbei. Wir waren alle damals jung.‹ Mein Vater war nicht ebenso entzückt von meiner Dozentur. ›Und was dann, wenn man uns verwechselt? Du bist nur ein Dozent, ich aber ein Professor!‹ ›Man hat mir gesagt‹, log ich, ›einen Mann wie dich könne ich niemals im Leben erreichen. Es gilt eigentlich dir, daß man mir eine Dozentur anbietet. Sie bitten dich, du sollst dich bald auf der Fakultät zeigen – oder sie kommen zu dir!‹ Jetzt war er es, der strahlte. Er eilte sofort in den Salon zu Jagiello, um ihm dies mitzuteilen. Sie waren und blieben die besten Freunde. Durch Jagiello erfuhr ich übrigens auch – und dies war ein dritter Grund zur Freude für mich –, daß mein Jugendfreund, der Philosoph und Paralytiker Perikles, nach einem Aufenthalt in der Landesirrenanstalt als geheilt entlassen worden sei, daß er eine neue Philosophie ›entdeckt‹ habe und in den Tageszeitungen sehr interessante Artikel über den Krieg und seine Folgen veröffentliche, zum Beispiel einen unter dem Titel: Nun erst recht! Nun erst Recht! 6 Zum Glück erholte sich mein Vater mit jedem Tag. Er schien aber darunter zu leiden, daß er seine Tätigkeit als Arzt noch nicht aufnehmen konnte. Es war nur ein schwacher Trost für ihn, daß nicht nur der Dekan der Fakultät, sondern auch andere Professoren und frühere Freunde, die seit seinem Konflikt mit der Militärbehörde während des Krieges alle Beziehungen zu ihm abgebrochen hatten, sich nun nach seinem Befinden erkundigten und die Besuche in unserem Hause wieder aufnahmen. Wie in vielen solchen Fällen schwankte er zwischen Zeiten völliger Lebensabgewandtheit, während deren er nur den einen Wunsch hatte, im Schlafe zu sterben und dem Tode nicht als Arzt wissend ins Auge sehen zu müssen – als Arzt stirbt man doppelt, sagte er –, und anderen Zeiten, in denen er mit seiner ganzen alten Willenskraft sich seinem Schicksal entgegenstemmte. Da wollte er leben, konnte und mußte die frühere Arbeitskraft wiedergewinnen, und einmal hörte ich ihn in seinem Arbeitszimmer – pfeifen. Nach den meisten Schlaganfällen bleibt die eine Gesichtshälfte gelähmt, und die Kranken vermögen nicht, die Lippen zu spitzen und zu pfeifen. Welch ein Glück bedeutete es für ihn, als er wahrnahm, daß die Lähmung zurückging und daß die starken, schmerzhaften elektrischen Ströme, die er sich erbarmungslos appliziert hatte, nun doch geholfen hatten. Kurze Zeit darauf kehrte er in sein Krankenhaus zurück, er übernahm wieder die Leitung seiner Abteilung, ohne die schwierigen Operationen auszuführen. Seine Hand war noch unsicher – hier halfen die Ströme nicht genug. Aber die Ärztin, die schon zu meinen Zeiten dort gearbeitet hatte, operierte genau so, wie sie es von ihm gelernt hatte – sie hatte ihm alles von den Händen abgesehen, was sich eben lernen läßt, und dies genügte in den meisten Fällen. Das Personal hatte meinen Vater mit großer Freude empfangen, sein Schreibtisch war mit herrlichen Blumen geschmückt. Schon am ersten Vormittag stellte sich ein Photograph ein, der ihn, den genialen Arzt, inmitten seiner treuen Gemeinde photographierte. Er saß, in seinem weißen Kittel, den Mund zum Lächeln verzogen und nur ganz wenig unsymmetrisch, in ihrer Mitte, seinen schönen schwarzen Pelz nachlässig um die Schultern ... Wenige Wochen später feierte er seinen sechzigsten Geburtstag. Ich wußte, daß er sich seit langem ein kostbares englisches Sammelwerk der gesamten Augenheilkunde wünschte. Ich hätte ihm nur zu gerne diese Freude gemacht, aber unsere Geldverhältnisse waren nicht die besten. Meine Einnahmen, die zum größten Teil von unbemittelten Augenkranken kamen, wie es in einem derart verarmten Lande nicht anders möglich ist, waren nicht übertrieben groß. Mein Junge kostete Geld, unser immer noch auf großem Fuß geführter Haushalt kostete Geld, Eveline, die schwächlich war und ein Sorgenkind blieb – jetzt begann sie allmählich ihrer schönen Mutter ähnlich zu sehen, besonders in der Partie um die großen eisengrauen Augen –, kostete Geld, meine jungen Geschwister wuchsen heran. Meine Mutter wurde schnell alt. Sie bemühte sich mit allen Kräften, zu sparen. Aber sie hatte es nie gekonnt – und dann schien es mir manchmal, als ob ihre geistigen Kräfte bedrohlich schnell abnähmen, mehr noch als ihre körperlichen. Meine Frau vertraute mir an, sie hätte seit längerer Zeit bemerkt, daß der große Teppich mit dem bunten Blumenmotiv im Wohnzimmer jeden Morgen naß werde. Sie konnte sich dies nicht erklären. Einmal wollte sie aber meine Mutter beobachtet haben, wie sie mit einer kleinen Gießkanne statt den echten Blumen auf einem Blumentischchen den gewirkten Blumen in dem Teppich Wasser gab. Nun hatte meine Mutter früher einen Hang zur Schelmerei gehabt, sie war vielleicht immer Kind geblieben. Ich gab mir Mühe, sie genau zu beobachten, ich war ja lange genug Irrenarzt gewesen, ich hätte einen beginnenden Altersverfall des Geistes feststellen können. Aber ich konnte es nicht. Nicht, daß es mir an Zeit gefehlt hätte, denn für meinen Vater, meine Mutter und für das Kind hatte ich immer Zeit – aber sie war mir so vertraut, ich war so sehr im Laufe der vielen Jahre mit ihr verwachsen, daß mir an ihr alles selbstverständlich und natürlich vorkam. Ich wußte, daß ich mit dem großen Geschenk für meinen Vater auch ihr eine Freude bereitete. Was hätte ich sonst für sie tun können? Ich setzte mich mit einem Buchhändler in Verbindung. Die Beschaffung der kostbaren englischen Pfunde machte große Schwierigkeiten. Aber zum Glück ging alles gut vor sich, und auf dem Geburtstagstische prangte das herrliche Werk, eine kleine Mauer von nebeneinander aufgestellten Foliobänden, mit echten Lederrücken, an 5000 Seiten Text und dazu drei Bände der wunderbarsten Abbildungen, in einer Vollendung, wie man sie bei uns noch nicht kennt. Mein Vater strahlte über das ganze Gesicht. Er umarmte mich, küßte mich auf meine Wangen, wog die Bände einen nach dem andern in seiner Hand, pfiff sogar, was er sich seit seiner letzten Krankheit angewöhnt hatte und was seltsam wirkte bei seinem distinguierten Aussehen, dann zog er sich, mit den Bänden bepackt, in eine Ecke zurück, und während er oberflächlich in den Büchern zu blättern schien, sah ich doch genau, wie er diejenigen Kapitel suchte, zu denen er selbständige Beiträge für die Augenheilkunde geliefert hatte, und ich wußte, daß er seinen Namen auch hier einmal wiederfinden würde. Ich entsann mich meiner Jugend, ich dachte an den Tag, an dem ich zum erstenmal seinen Namen gedruckt gefunden hatte. Er hatte mein Leben bestimmt, ich war trotz allen Umschweifen doch bei den sichtbaren Wissenschaften gelandet. Es war mein tägliches Brot, ich konnte hier viel arbeiten, es füllte mich beinahe aus. An unserem Hause waren jetzt zwei Ärztetafeln angebracht, die eine, größere, war die meines Vaters, die andere die meine. Es kam öfter vor, daß die Kranken schwankten, welchen von uns beiden sie wählen sollten. Mein Vater sah es nicht gern. Wenn er auch nach seiner Krankheit nicht mehr operierte, so wollte er doch nicht, daß ich es ›auf seine Kosten‹ tat: Er sagte, mir fehle die Erfahrung. Die leichte und sichere Hand konnte er mir nicht absprechen – ich hatte sie von ihm geerbt. Immer wieder sprach ich mit meiner Frau davon, daß wir beide mit Eveline uns früher oder später doch aus dem Elternhaus zurückziehen müßten, aber die Tatsachen waren stärker. Den Vorteil hatte das Kind, das mit den andern Kindern so glücklich heranwuchs, wie man es einem kleinen, empfindlichen, zarten, etwas eitlen, stolzen und herrschsüchtigen Wesen nur wünschen konnte – den Nachteil hatte meine Frau, die ihren eigenen Sohn nicht bei sich haben konnte und für ein fremdes Kind, ja für eine ganze fremde Familie zu sorgen hatte. Und wäre wenigstens Friede bei uns gewesen! Aber Judith war unermüdlich in ihren Tücken, die oft fast geistreich waren, bei aller ihrer Dummheit konnte sie doch so raffinierte Dinge aushecken, daß man ihnen wehrlos gegenüberstand. Auf die Dauer wäre das Zusammenleben von uns allen in dieser Form unmöglich gewesen, aber die Heirat meiner Schwester mit Jagiello stand ja in nächster Zeit bevor, und dann wollte Judith ihr eigenes Haus für sich haben. Mein Vater hätte gern diese Hochzeit mit der Feier seines sechzigsten Geburtstages verbunden, aber die Aussteuer meiner sehr eleganten und anspruchsvollen Schwester wurde nicht zur rechten Zeit fertig, und dann wollte sie die einzige sein, die gefeiert wurde, sie wollte nicht teilen. Ich hatte Judiths schiefe Blicke bei der Geburtstagsfeier gesehen, als ich meinem Vater das für meine Verhältnisse etwas zu kostbare Geschenk gemacht hatte. Sie rechnete mit einem noch kostbareren Hochzeitsgeschenk. Aber ich wußte, daß dies unmöglich war. Meine letzten Ersparnisse waren aufgezehrt. Mohrauer meldete sich, er wollte die alten Schulden, die er rücksichtsvollerweise Rückstände nannte, bezahlt wissen. Nun hatte ich während langer Jahre für Perikles die Aufenthaltskosten in der geschlossenen Anstalt bezahlt. Perikles war jetzt ein vielgenannter Mann. Er wurde von der Jugend mit Begeisterung gelesen, seine ›Ansprachen an das Volk‹ waren überfüllt, er entfachte eine politische Bewegung, und es bestanden kleine Zeitungen, die ausschließlich seiner Sache dienten. Wehr, Wurzeln und Ehre der Kraft waren die Ideale, die er der Jugend – und wieviel alten verblühten, aber machtlüsternen Menschen – predigte. Ich schrieb an ihn. Ich wünschte ihm Glück zu seinem Erfolg. Ich sagte ihm, ich würde mich freuen, ihn, meinen besten, ja einzigen Jugendfreund wiederzusehen, und zum Schluß bat ich ihn um etwas Geld, ohne die furchtbare Zeit in der Anstalt und seine Krankheit zu erwähnen, denn es war mir schrecklich, an die letzten Tage meines Aufenthaltes dort und an meine Verzweiflungstat an ihm zu denken. Ich bat ihn, mir die Kosten zurückzuerstatten, die ich stark nach unten abgerundet hatte. Denn ich wollte nicht den Eindruck machen, als wolle ich ein Geschenk zurückgezahlt erhalten. Es war nur ein Drittel meiner Auslagen für ihn, was ich verlangte, ein Betrag, den er sicherlich sehr leicht entbehren konnte, denn er hatte jetzt viel Geld, die Propaganda seiner Massenversammlungen war ebenso eigenartig wie großzügig. Man sprach von vielen Geldgebern. Aber ich empfing keine Antwort von ihm. Kurz vor Judiths Hochzeitstag bekam ich noch eine Mahnung von Mohrauer. Diesmal handelte es sich um die Rechnung des Steinmetzen für den Grabstein Evelines auf dem kleinen Dorfkirchhof, den man seinerzeit auf meinen Wunsch bestellt hatte. Bis jetzt war der Stein in einem Schuppen gestanden. Ich verstand Mohrauer. Ihm kam es nicht so sehr auf den Betrag an, der bei einem so reichen und im Grunde so gütigen Mann keine Rolle spielte. Er wollte mich wiedersehen. Vielleicht merkte er, wie der Tod sich ihm näherte. Aber er wollte nicht wie mein Vater im Schlafe sterben, er wollte den doppelten Tod auf sich nehmen – aber mir vorher Lebewohl sagen. Mir aber war eine Rückkehr, ein Besuch in der Anstalt ein Greuel, ich haßte jede falsche Gefühlsseligkeit – und doch mußte es sein. Ich konnte dies dem alten Mann nicht schreiben. Ich vertröstete ihn auf später und log. Ich sagte ihm in meinem Briefe, ich fühle mich sehr ermüdet, die Last meiner Arbeit übersteige meine Kräfte etc. Nun war dies nicht gerade gelogen. Seit einigen Monaten merkte ich, daß mich abends und nachts leise prickelnde Hitze- und Kältewellen überliefen. Als wir Eveline gepflegt hatten und die Temperatur alle drei Stunden gemessen hatten, hätte es mich interessiert, gelegentlich auch meine eigene Temperatur zu prüfen. Aber ich wußte, daß ein Arzt selten über seinen eigenen Gesundheitszustand genau Bescheid weiß, sah ich es doch an meinem Vater. Und dann, was hätte es genützt, zu wissen, daß meine Gesundheit nicht die beste war? Jetzt lag die Verantwortung für unsere ganze Familie bei mir. Wie oft hätte ich mich abends am liebsten in mein Zimmer eingeschlossen! Aber alle kamen und baten mich um Ratschläge, und ich durfte nicht ungeduldig werden, wenn ich sah, daß sie diese Ratschläge nachher nicht befolgten. Vielleicht war es auch besser so. Ich konnte nicht alles wissen, oft irrte ich mich, oder ich drückte mich nicht deutlich genug aus. Meine Mutter merkte, daß ich mich anstrengte, vielleicht über meine Kräfte. Aber kam es ihr in den Sinn, mich zu schonen? Sie trippelte zu mir in mein Zimmer, oft weckte sie mich spät abends aus einem unruhigen Halbschlaf und unterhielt mich von den kleinen, aber für sie entscheidenden Sorgen des letzten Tages, erwartend, daß ich alle Einzelheiten noch von der letzten Unterredung in meinem armen Kopf behalten hatte. Wenn ich sie ansah, mich mit Mühe beherrschend, wandte sie sich ab, sie, die alte Mutter, errötete vor mir, dem alten Sohn, und dann sagte sie leise: ›Was willst du von mir verlangen? Ich bin ein altes Huhn. Mit wem sonst soll ich mich beraten?‹ Sie hatte nicht unrecht. Mein Vater widmete den Hausangelegenheiten seit seiner Krankheit wenig Zeit. Er begann jetzt noch eifriger die Kirche zu besuchen. Die Abende verbrachte er mit dem künftigen Schwiegersohn im Gespräch über die Nichtswürdigkeit der Menschen und über das wohlverdiente Elend der menschlichen Kreatur, über den Undank, den seine und Jagiellos Bemühungen um das Heil der Menschen – hier das der Augenkranken, dort das der zur Fabriksarbeit gezwungenen Kinder – bei der schnöden Welt gefunden hatten, und wehe denen, welche die beiden Menschenfeinde bei ihrer Flasche Wein und ihren philosophischen Gesprächen störten. Aber ich gönnte dem alten Mann den Trost, den er in der Kirche und im Weine fand. Ich war froh, daß er eine gleichgestimmte Seele in Jagiello gefunden hatte. Ich tröstete meine Mutter, die jetzt rührselig, wie sie geworden war – oder war sie es immer gewesen? –, das Gesicht hinter dem vorgehaltenen Arme versteckte und viele Tränen vergoß. Ich versuchte, sie aufzuheitern, ihr zu zeigen, wie glücklich ihr Leben gewesen war, wieviel Freude sie an ihren vielen Kindern, an ihrem allezeit getreuen Gatten gefunden hatte. Aber ich kam nicht gut an. ›Ja, alte Hühner haben nicht mehr das Recht zu weinen. In der Küche ist mein Platz, hier ist nur Platz für deine Walpurgis, die ist dir Mutter und Fee und Gott-weiß-was-alles ... Wenn ihr allein seid, macht ihr euch lustig über mich dumme alte Frau ...‹ Nie war etwas Derartiges meiner guten, viel eher zu demütigen als zu spottsüchtigen Frau eingefallen. Aber wie sollte ich widersprechen? Ich streichelte die weichen, wohlgepflegten, reichberingten Hände meiner Mutter und sagte nicht, sie möge die Hände meiner Frau ansehen, die nicht etwa einen, sondern drei Dienstboten ersetzte. Ich war froh, wenn eine solche Unterredung mit meiner Mutter, die fast an jedem Abend stattfand, durch das Klingeln des Telephons unterbrochen wurde. Oft galt es meinem Vater, ebensooft mir. Mein Vater machte seit seiner Krankheit keine Hausbesuche mehr. Er überließ sie mir, ebenso wie die technisch schwierigen Operationen, bei denen er mir – nachlässig genug, wie oft alte Meister, wenn sie einem Anfänger helfen sollen - assistierte ... Oft hatte ich meine eigenen Kranken zu besuchen. Meine Erfolge bei der Behandlung der bis dahin für unheilbar gehaltenen Erblindung bei Tabes dorsalis hatten viele Kranke angezogen. Aber statt sich mit den vielleicht nur bescheidenen Erfolgen an ihrem Augenlicht zu begnügen, die zu erzielen in meiner Macht stand, nahmen sie mich in Anspruch bei den tausendfältigen anderen Symptomen ihrer grauenhaften, langwierigen, höchst vielgestaltigen Krankheit, der Rückenmarksschwindsucht. Was sollte ich tun? Ich mußte ihnen dankbar sein für ihr Vertrauen. Ich gab ihnen etwas Hoffnung. Ohne Ausnahme. Vielleicht glaubten sie nicht völlig an mein Versprechen, dies und das, was ich als unabänderlich kannte, würde ›sich geben‹. Auf alle Fälle wollten sie mich bei sich haben. Sie zahlten, soviel sie konnten. Ich hatte mich nie zu beklagen. Mein Vater lächelte über die Geringfügigkeit der Summen – in Gold umgerechnet. Er zeigte mir seine Rechnungsbücher aus den früheren Jahren. ›Du mußt lernen, zu verlangen. Man schätzt dich so hoch, wie du dich schätzt. Man muß nicht jedem Heller nachlaufen. Laß sie anrufen, soviel sie wollen.‹ Ich ließ ihn aber reden und änderte mein Verhalten nicht. Und doch hatte er recht. Ich verlor zusehends an Kräften. Mein Knie, an dem sich die Wunde nur in den besten Zeiten ganz geschlossen hatte, meldete sich mit Schmerzen und Schwellungen. Ich hatte ab und zu auch Stiche in der Schulter und einen lästigen Rachenkatarrh, obwohl ich kein übermäßiger Raucher war. Rauchen mußte ich. Ich mußte mich abends durch irgendein Reizmittel auffrischen, und Tabak erschien mir als das unschuldigste. Mein Vater ließ mich eines Abends kommen. Er hatte eine ernste Miene, und ich dachte, er würde mich bitten, mich zu schonen. Leider war es nicht so. ›Ich will dir meine Praxis übergeben, sobald Judith verheiratet ist. Ich denke daran, mich von hier aufs Land zurückzuziehen. Ein alter, verbrauchter Mensch wie ich und ein junger, unverbrauchter wie du – das arbeitet schwer zusammen. Es paßt mir auch nicht, offen gestanden, daß ich einen unbezahlten Assistenten abgeben soll.‹ Unbezahlt! Ich behielt ja von dem Geld, das ich verdiente, knapp soviel, um meine persönlichsten Bedürfnisse zu bestreiten, Zigarren, ein neues Buch, einmal in einem Monat einen Kinobesuch, eine Theateraufführung. Alles andere lieferte ich meiner Frau ab, die das Geld im Haushalt verwendete. Und mein Vater wußte es. Aber meinem Vater widersprechen? Ich liebte ihn immer noch zu sehr. Aber nun erschien es mir notwendig, ohne Zögern die Reise zu Mohrauer zu machen. Ich wollte das Grab meiner Eveline besuchen. Ich wollte mit meinem alten Freund beisammen sein. Ich sagte es meinem Vater, der diesen Plan keineswegs billigte. ›Ja, deine süße Gaby erwartet dich!‹ sagte er halb ironisch, halb böse. ›Alter Glückspilz! Nun, wenn es sein muß, reise. Ich will noch einmal in die Tretmühle zurück und deine Patienten versorgen. Du vertraust sie mir doch an?‹ ›Zwischen uns braucht es keine Worte‹, sagte ich. ›Das wollte ich mir auch ausgebeten haben, natürlich!‹ sagte er, und auf seinen durch den Schlaganfall und das Alter verwüsteten Zügen erschien noch einmal in seinem unergründlichen Zauber das alte Lächeln, von dem man nicht wußte, ob es gut oder böse gemeint war ... Als ich nach einem schweren Abschied von der kleinen Eveline mit meiner Frau zur Bahn ging, merkte ich an mir unverkennbar – eine erhöhte Temperatur. Ich hustete. ›Nicht soviel rauchen, du Guter‹, mahnte meine Frau. Ich reiste ab. Siebentes Kapitel 1 Ich kam recht müde in B. an. Mohrauer empfing mich sehr herzlich. Auch die alte Direktorin zeigte ihre freundlichste Miene, in der ich aber auch etwas wie Mitleid las. Ich verstand sie nicht. Machte sie sich Sorgen um meine Vermögensverhältnisse? Sie wußte ja von den Schulden, die mich drückten. Sie konnte ganz beruhigt sein. Mohrauer und ich kamen schon am ersten Abend zu einer Einigung, während wir in seinem Zimmer nach einem herrlichen Abendessen bei einer Flasche Wein und wunderbaren Zigarren zusammensaßen. Er wollte mir die Summen stunden, die ich ihm für den Aufenthalt meines Freundes Perikles schuldete, ja, er erklärte sich bereit, auch die Kosten des Grabsteines für Eveline zu tragen. Mit Mühe konnte ich ihn davon abbringen, mir auch die Kosten der Hin- und Rückreise zu ersetzen. Gern hätte ich den Grabstein noch am gleichen Abend gesehen. Er stand in einem Schuppen, man hätte einen kleinen Weg von etwa zehn Minuten nehmen müssen. Aber es stürmte, Regen und dicker Schnee schlugen an die Fenster, und ich war sehr froh, daß der alte Mann seinen Willen durchgesetzt hatte, und daß ich nicht mehr hinaus mußte. Ich war ruhig, fast hätte ich gesagt, ich war glücklich. Ich sah den alten Herrn vor mir, wie er, in eine dicke Wolke von Zigarrenrauch gehüllt, in seinem dunkelblauen Klubsessel saß, ohne viel Worte zu machen. Ich wußte, er wollte mir wohl. Ich wußte auch, daß er seiner selbst sicher war, denn nichts konnte ihn noch erschüttern, auch die politische Entwicklung der letzten Jahre nicht. Im Laufe des Abends berichtete er mir verschiedenes über seine Kranken, als wolle er mir eine Art Rechenschaft geben. Es war einer darunter, den er vor vier Wochen nach jahrelangem Drängen, Bitten und Flehen und nach einem Gutachten der Fakultät auf den dringendsten Wunsch der Familie gegen Revers nach Hause entlassen hatte. Drei Wochen nachher hatte ihn der Kranke nachts gegen 11 Uhr angerufen. Er hatte ihn sprechen wollen, unbedingt, sofort. Mohrauer ahnte, was kommen sollte, und verständigte die Direktorin und den Oberarzt, meinen Nachfolger hier. Der Kranke kam pünktlich an, er hatte ein Fahrrad genommen und war über die eisbedeckte Straße eiligst zu seinem alten Arzt gefahren, um ihm mitzuteilen, er habe ›zufällig‹ seine Mutter und seinen Bruder umgebracht. Der Assistent hatte es für eine Wahnvorstellung gehalten, Mohrauer nicht. Die Tatsachen hatten ihm recht gegeben. Es hatte sich herausgestellt, daß der Kranke vor gar nicht langer Zeit seine Angehörigen mit dem Tod bedroht hatte, er hatte ihnen sogar genau die Mordwaffe angegeben, deren er sich bedienen würde. Man hatte ihm nicht geglaubt, weil er dazu freundlich gelächelt hatte und weil er im übrigen sanft, sehr intelligent und fast immer klar war. Leider nur fast immer. ›Die Irren sind mächtig‹, sagte Mohrauer zum Schluß, ohne daß ich wußte, ob er von dem Kranken sprach oder von verschiedenen Politikern, unter anderm dem neuen Politiker Perikles, ›die Irren sind mächtig, denn wer wollte sie hindern?‹ Ich hätte ihm leicht antworten können. Wenn er so gut wußte, wie mächtig die Irren waren und wie sehr schwer es war, sie zu hindern, weshalb hatte er einen Perikles vorzeitig fortgehen lassen, bloß weil die Kosten nicht mehr von mir getragen werden konnten? Aber ich schwieg. Der Rauch der Zigarre reizte mich zu einem furchtbaren Husten, und als ich nachher mit tränenden Augen ihm ins Gesicht sah, nahm ich bei ihm zu meinem Staunen den gleichen Ausdruck des Mitleids wahr, der mich bei der alten Direktorin so sonderbar berührt hatte. Es war noch nicht spät, kurz vor neun Uhr. Ich fühlte mich nicht mehr so müde wie bei der Ankunft, es durchströmte mich eine wohlige Wärme, und im Spiegel sah ich meine Augen lebhaft glänzen. Aber Mohrauer hatte es jetzt eilig, er schickte mich zu Bett. Er schien es für eine besonders liebenswürdige Aufmerksamkeit zu halten, daß er mich für diese Nacht in meinem alten Zimmer einquartierte, in dem ich mit Eveline gelebt hatte. Mir tat der Aufenthalt in diesen Mauern nicht wohl. Die Erinnerungen überkamen mich mit einer furchtbaren Gewalt. Mir war, als hätte ich Eveline gestern an das Auto gebracht, das sie ins Sanatorium schaffen sollte. Die wohlige Wärme war verschwunden, ein eisiger Schauer nach dem andern überlief mich. Wie konnte mich Mohrauer in einem so schlecht geheizten Zimmer unterbringen? Ich stand auf, ging zu den hinter einer Holzverschalung befindlichen Heizröhren der Zentralheizung. Sie waren aber zu meinem Erstaunen sehr warm. Ich lehnte mich mit meinen schmerzenden Schultern dagegen, die Wärme kehrte wieder, eine tiefe Müdigkeit überfiel mich, ich hinkte mit meinem steifen Knie, das sich natürlich jetzt melden mußte, zurück zu meinem Bett und versank in einen dumpfen, unruhigen Schlaf. Mitten in der Nacht wachte ich unter Herzklopfen schweißgebadet auf. Und was war der Grund dieses Erschreckens? Ich hatte mich im Traume plötzlich der Hochzeit meiner Schwester erinnert. Ich war bei dem Gedanken erschrocken, daß ich zu dieser Festlichkeit nicht mit leeren Händen kommen könne. Schon deshalb nicht, weil ich wußte, daß Judith meinen Vater beherrschte und daß von ihnen beiden, von Judith und meinem Vater, der Frieden in unserem Haus, besonders für meine arme Frau abhing. Aber ich hatte doch einen Freund! Nicht den jungen Jagiello. Niemand konnte mir fremder sein als er, wenn ich ihn in meinen ruhelosen Gedanken vor mir sah, wie er sich mit seinem ganzen Riesengewicht auf unseren alten Klaviersessel stürzte, um ihn zu ›morden‹. Bis jetzt war der solide Klaviersessel siegreich aus diesen Kämpfen hervorgegangen ... Und Perikles? Ich war wieder in das unruhige Hindämmern verfallen, es waren keine echten Träume, es waren Ängste, schattenhafte Erscheinungen. Ich war glücklich, denn ich freute mich, daß mir wenigstens nicht Eveline in dieser furchtbaren Nacht erschien, aber kaum hatte ich mich an dieser Freude etwas aufgerichtet, als die niemals vergessene Geliebte leibhaft vor meinen Augen in der Dunkelheit auftauchte, ich fühlte, wie sie auf meiner Brust stand, und wenn ich auch die Decken von mir schleuderte, brach der Schweiß an meinem ganzen zitternden Körper aus, ich mußte dreimal im Lauf dieser Nacht aufstehen, um mich abzutrocknen. Endlich schlief ich ein. Am nächsten Tage muß ich sehr verfallen ausgesehen haben. Ich merkte es an den Blicken. Aber niemand machte eine Anspielung. Ich bat Mohrauer – dies war der echte Freund, den ich nachts nicht vergeblich beschworen hatte, mir zu dem Hochzeitsgeschenk zu verhelfen –, mich zu dem Steinmetz zu begleiten. Er aber mußte zuerst eine Unmenge von Verwaltungsangelegenheiten ordnen. Es wurde später Nachmittag, bevor er sich freimachen konnte. Endlich waren wir auf dem Wege. Der Regen hatte aufgehört, ein mäßiger Frost hatte eingesetzt, die Regenlachen hatten sich mit einer starren Kruste überzogen, unbemerkbar begann es zu schneien, und die Flocken wehten wie weißer Staub über die matten Eisflächen daher. Ich trat wie als Knabe in das Eis und freute mich an dem Knistern und Klirren. Der Steinmetz war im Begriffe, seine Werkstatt zu verlassen. Ihm lag aber daran, daß ihm das Monument nach so langer Zeit abgenommen würde. Er öffnete den Schuppen, in den es hineinschneite, und zeigte uns einen schönen, edel geschnittenen, pyramidenartigen Grabstein aus grauem Granit mit einer prachtvoll in Gold gehaltenen Inschrift auf schwarzem Marmor. Aber es war ein Irrtum. Dieser Stein war bestimmt für eine vor kurzer Zeit verstorbene, sehr reiche Patientin der Anstalt. Für Eveline war ein anderer Stein bestimmt, der in einem Winkel stand, so dick mit Staub bedeckt, daß man ihn mit einem kleinen Besen reinigen mußte. Die Pyramide mit dem etwas plumpen Kreuz war aus Sandstein, nicht gerade häßlich, aber unscheinbar. Wirklich häßlich aber war die Platte, die aus billigem ›Kunststein‹ bestand, und die Inschrift war nicht mit Goldbuchstaben, sondern nur mit schwarzen Lettern eingeschnitten, die jetzt in der Dämmerung verschwammen. Mir zog es das Herz zusammen. Ich begann zu frieren, meine Hände zitterten in den Taschen des Mantels. Der Wind wehte kalt durch die teils fertigen, teils nur begonnenen Grabsteine. ›Gehen wir, gehen wir!‹ mahnte mich Mohrauer. ›Ja, ich gehe schon‹, sagte ich, konnte aber nicht fort. Auch der Meister wurde ungeduldig. ›Wollen der Herr vielleicht noch die Inschrift sehen?‹ fragte er mich, ›sie ist genau nach Angabe.‹ ›Gewiß, gewiß‹, sagte ich, mit den Zähnen klappernd. Mein Mantel war nicht sehr dick. Mohrauer trug seinen Pelz, aber der Meister, ein Mann in mittleren Jahren, untersetzt und stämmig, stand in seiner leichten Joppe da und fror nicht. Er zog jetzt eine elektrische Taschenlampe heraus und leuchtete die häßliche Tafel an. Ich las: ›Hier ruht / Frau Major Eva Baronin von Cz. / geboren 5. Mai 1890, / im Frieden nach Empfang der hl. Sakramente / gestorben 3. April 1923. / Tief betrauert von ihrem Gatten, / ihren Kindern, / ihren Geschwistern. / Selig sind, / die leiden. / Denn ihrer ist das Himmelreich.‹ Ich stieß meinen alten Freund an. ›Die Tafel kann nicht so bleiben‹, sagte ich. ›Alles genau nach Angabe‹, antwortete der Meister und warf den Kopf zurück, als hätte man ihn beleidigt. ›Vielleicht haben wir uns im Büro bei den Angaben geirrt‹, sagte Mohrauer begütigend, ›wir haben uns an die Daten im Sanatorium gehalten.‹ ›Das kann schon sein‹, sagte ich, ›aber die Angaben sind nicht richtig, Eveline ... sie war viel jünger. Es ist auch nicht von Kindern die Rede. Sie hat nur eines ... gehabt.‹ Ich fühlte, wie es in mir brennend aufstieg, ich begann zu weinen. Der Meister wandte sich ab und ging brummend unter den anderen Grabsteinen umher. ›Beruhigen Sie sich! Was ist denn nur in Sie gefahren, ich erkenne Sie gar nicht wieder‹, sagte Mohrauer ernst, aber leise. ›Nur eines, nur eines!‹ wiederholte ich in meinem törichten Jammer. ›Ja, es wird geändert‹, sagte Mohrauer, ›nichtwahr, Meister, Sie ändern es?‹ ›Nein, man kann an der dünnen Kunststeinplatte nicht zweimal meißeln‹, sagte er. ›Wenn ihr Kind kommt, wenn das Kind kommt, um das Grab der Mutter ...‹ ich konnte nicht weiter. ›Natürlich, Sie haben recht‹, sagte Mohrauer sachlich. ›Wenn man schon einen Grabstein setzt, dann muß die Aufschrift richtig sein. Sie schneiden also eine neue Platte, Meister. Einverstanden?‹ ›Ich kann eine neue Platte gravieren, aber nicht vor Anfang nächster Woche‹, sagte er störrisch. ›Wir wollen nämlich die Rechnung sofort begleichen‹, sagte Mohrauer, ›nun, Meister? Sie wissen, ich bin Ihr bester Lieferant!‹ ›Na, gut‹, murrte er. ›Übermorgen können Sie den Stein aufstellen, ich nehme vielleicht schwarzen Marmor, der wird dem Herrn Gemahl gefallen.‹ 2 Ich blieb bis zum Sonntag bei Mohrauer, und diese Zeit der Ruhe tat mir sehr wohl. Am letzten Abend ermahnte er mich zur Vernunft. Ich rauchte und schwieg. Warf er mir meine Tränen vor? ›Man lebt eben nicht ungestraft mit einer Eveline‹, sagte er. Solange ich bei ihm am Tische saß, fühlte ich mich so gut, so friedensvoll. Die Hitze- und Kälteschauer der letzten Wochen waren vorbei, ich glaubte, sie würden nicht mehr wiederkehren. Ich irrte mich. Schon auf der Treppe durchrieselte es mich wieder so unheimlich. War ich krank? Sollte das Wort meines Freundes: ›man lebt nicht ungestraft mit einer Eveline‹ bedeuten, daß ich an der Krankheit litt, oder nun an ihr zu leiden begann, an der sie gestorben war, an Lungenschwindsucht? Ich hätte sofort die Bestätigung haben können, ich hätte bloß die zwanzig Treppenstufen zu meinem alten Freund zurückzugehen brauchen, um ihn um eine Untersuchung zu bitten. Aber ich tat es nicht. Ich legte mich zu Bett. Ich schlief nicht. Das Fieber durchströmte mich jetzt mit großer Kraft. Aber es machte mich nicht trübe. Es machte mich klar. Ich warf mich nicht umher. Ich suchte nicht mit aller Gewalt, wie in den vorhergehenden Nächten, den Schlaf zu ergattern, ich benützte die Zeit der Totenstille in diesem Teil der Anstalt, um mein vergangenes und mein künftiges Leben vor meinen Augen vorbeiziehen zu lassen. Ich dachte an alles, ich dachte auch an diese Aufzeichnungen. Ich bin jetzt im Beginn des siebenten Kapitels. Ich überlegte, wieviel Kapitel ich noch zu schreiben, das heißt zu leben hätte, und glaubte, es müssen zumindest noch fünf sein, also zwölf im Ganzen. Ich hätte unruhig sein, ich hätte zittern sollen, ich hätte mir Sorgen machen können über meine Zukunft, über das Schicksal meiner Familie, meiner Frau, meiner sehr geliebten Tochter Eveline – ich darf sie doch so nennen, wenn sie auch keinen Tropfen Blut von mir hat? –, über den Beruf und das künftige tägliche Brot meines guten Jungen, der in Bludenz lebte. Ich wurde aber müde, die Gedanken verschwammen, ich faßte keine Entschlüsse, formte keinen Plan, und das letzte, was mir noch klar wurde, war der Umstand, daß ich meinen alten Freund vor der Abreise um etwas Geld bitten müsse, um meiner Schwester ihr Hochzeitsgeschenk kaufen zu können. Als ich aber am nächsten Tage von ihm einen ernsten Abschied nahm, hatte ich alles klar im Gedächtnis behalten, nur dies eine nicht. Oder, ehrlich gesagt, ich wollte nicht. Er hatte genug für mich getan. Und so kehrte ich nur mit wenigen Groschen in der Tasche nach Hause zurück. Ich hatte Angst, mein Vater könne in seiner alten Spottlust Bemerkungen über ›Gaby‹ machen. Zum Glück war er zu sehr mit den Vorbereitungen der Hochzeit meiner Schwester und mit der Einrichtung ihrer künftigen Wohnung beschäftigt. Er war verjüngt, sah rosig aus, sein Gang war jugendlich, die Mundwinkel standen jetzt wieder fast gleich. Er hatte die Folgen des Schlaganfalles überwunden. Wir arbeiteten in unserer ärztlichen Praxis nun gemeinsam. Es gab viel zu tun, zahlreiche Operationen. Er hatte beinahe mehr Kraft und Ausdauer als ich. Aber sein früherer Arbeitseifer war verschwunden. Er überließ mir fast alles, mir, der ich ihm gern manches abgegeben hätte, um so mehr, als ich sofort nach meiner Ankunft mit theoretisch-praktischen Studien über das Glaukom die fürchterlichste und im Grunde heute noch rätselhafteste Augenkrankheit – beschäftigt war. Aber diese Studien brachten kein Geld, und es wäre von uns beiden, Vater und mir, ein Wahnsinn gewesen, auch nur einen einzigen zahlenden Patienten abzuweisen, er, um sich mit den Teppichen, Möbeln und Fenstervorhängen in Judiths neuer Villa zu beschäftigen, ich, um meinen Experimenten nachzugeben oder um nach so vielen dicken Bänden noch weitere aus der Bibliothek holen zu lassen und zu studieren. Meine Zeit war beschränkt. Die einzige Verschwendung, die ich mir erlaubte, war das tägliche Zusammensein und Spielen mit meiner Tochter. Sie, mit ihrem silbernen hellen Stimmchen nannte mich Vater. Meine Frau blieb für sie die Tante. Wir ließen sie dabei. Sie war nicht leicht zu erziehen, aber das Wesen ihrer Natur war Freude am Leben und eine Art sehr empfindlicher, leicht reizbarer Liebe, die man nie enttäuschen durfte. Kinder wollen Geschenke, sie brauchen Überraschungen. Nischy war nicht anders als die anderen. Aber es war so leicht, ihr Freude zu machen, sie war so dankbar für eine Überraschung, die in einem von der Straßenhökerin mitgebrachten, halb erfrorenen Apfel bestehen konnte, obwohl sie in ihrem Zimmer stets eine gefüllte Obstschale hatte. Ich konnte mir an manchen Tagen nicht mehr als eine Viertelstunde absparen. Aber auf diese Viertelstunde freute ich mich. Ich durfte diese Freude der Kleinen nicht allzusehr zeigen. Sie war etwas eitel, man durfte es sie nie wissen lassen, wie sehr man an ihr hing. Sie war ganz das Abbild ihrer Mutter nach Jagiellos Erzählungen aus deren Kindheit. Ich liebte das schöne, zarte und doch lebhafte Kind nicht allein der Mutter wegen, ich forschte nicht in dem blühenden Gesichtchen nach den Zügen der Mutter, die mir hohl, fahl und verfallen in Erinnerung geblieben waren. Meine Freude an dem Kind war rein. Ich trennte mich von Eveline stets so schwer, wie sie sich von mir, die mir einmal ein Stück meines Rockes abriß in dem Bemühen, mich länger bei sich zu behalten. Diesen Unglücksfall durfte ich meiner etwas zu sparsamen Frau nicht erzählen, ich machte mich in Nischys Gegenwart unter Lachen und Scherzen an die Arbeit, den Rock zu flicken. Ohne ein gewisses Maß an Freude, Hoffnung und Befriedigung hätte ich nicht leben können, aber ich hatte es ja: in meinem Kinde, in meiner Arbeit, die unverhoffte Fortschritte machte, und in der Freundschaft und Kameradschaft meiner lieben Frau. Auch meine Zusammenarbeit mit meinem alten Vater ging nicht schlecht vonstatten. Oft hatten wir zwei Operationen an einem Nachmittag. Ich erinnere mich an einen solchen Nachmittag kurz vor Judiths Hochzeit. Bei der ersten hatte mein Vater mir schärfer auf die Finger gesehen als sonst. Und am Ende, kaum daß der Patient, die Augen durch dicke Verbände geschützt, seinen Angehörigen zurückgegeben war, sagte mein Vater zu mir: ›Du bist bald so weit, wie ich dich haben möchte. In deinem Alter habe ich nicht besser operiert. Weiter!‹ Leider war meine Hand bei dem zweiten Eingriff nicht ebenso sicher. Ich habe wohl schon gesagt, daß ich während dieser ganzen Zeit nicht sehr gesund war. Das Fieber in den Abendstunden hatte nicht aufgehört, die Schmerzen in der Schulter, besonders der rechten, gesellten sich zu solchen in meinem Knie, das mir Sorgen machte, denn es stach oft mörderisch bis in die Hüfte beim langen Stehen, und man kann nur im Stehen vernünftig operieren. Ich beherrschte mich an diesem Nachmittag. Es gelang. Mein Vater war nachher ebenso befriedigt, wie nach dem ersten Eingriff, ich aber konnte mir seine Lobsprüche nicht anhören. Ich fühlte, wie etwas glühend heiß in meiner Kehle aufstieg, und wie zugleich eine Art müder Rausch über mich kam. Ich überließ dem alten Mann und der Schwester das Anlegen des Schutzverbandes – es handelte sich um eine sehr diffizile Operation bei einem schielenden jungen Mädchen – und eilte in den Vorraum, ein Taschentuch vor dem Mund. Es war Blut. Bald hörte die Blutung auf. Ich kam zurück, verschwieg dieses unheimliche Ereignis, setzte mich in einen Stuhl, faßte mich schnell, sah meinen Vater die Verbände fertigmachen und antwortete ihm auf seine Frage, ich hätte etwas Nasenbluten gehabt. ›Gar so vollblütig siehst du aber nicht aus, mein Sohn‹, sagte er. Er ahnte nichts Böses. Aber jetzt war nicht die Zeit zur Überlegung. Ich mußte weiterarbeiten, untersuchen, behandeln. Mein Vater merkte nichts. Die einzige Frage, die er nachher an mich richtete, war die, was ich meiner Schwester als Hochzeitsgeschenk bringen würde. ›Ich?‹ antwortete ich in meiner Gedankenlosigkeit, ›nichts.‹ Jetzt begann er zu lachen. ›Du und kein Geschenk! Nichts?! Glaubst du, wir kennen dich nicht! Alter Verschwender! Du hast sicher eine Überraschung vor, die zehnmal mehr kostet als das, was wir arme Teufel ihr bringen.‹ Ich sah ihn an und versuchte mitzulachen. Es war aber besser, daß ich es unterließ. Denn es war nicht ohne Gefahr. Ich ließ ihn also bei dieser ›Überraschung‹, begab mich still und leise zu Bett, während ich ihm vorlog, ich müsse in das Institut, um meine Experimente über das Glaukom fortzusetzen. Nur meine Frau wußte davon. Sie setzte sich an den Bettrand, sah mich sorgenvoll an und unterdrückte mit Mühe die Tränen. Ich schwieg. Sie machte sich sicherlich Vorwürfe, daß sie, mit den Sorgen des Haushalts und mit der Zukunft ihres Sohnes beschäftigt, mein elendes Aussehen nicht ernst genug genommen hatte – und dabei hatte sie zum Glück noch keine Ahnung von dem, was vorgefallen war. Jetzt verstand ich die Worte meines alten Freundes Mohrauer: Man lebt nicht ungestraft mit einer Eveline. Ich log nun auch meiner Frau etwas vor. Ich wollte ihr Mitleid nicht, so wie einmal Eveline das meine nicht gewollt hatte. Sie konnte mir nicht helfen. Sie konnte mir nicht einmal raten. Am nächsten Tage rief ich einen Lungenspezialisten an und sagte mich bei ihm an. Er untersuchte mich, fand so gut wie gar keinen krankhaften Befund. Er leuchtete in meine Mundhöhle, fragte, ob ich viel rauche, und auf meine bejahende Antwort meinte er, es sei nicht ausgeschlossen, daß es sich nur um eine unschuldige kleine Blutung aus den erweiterten Rachengefäßen handle. An eine ernstliche Lungenkrankheit mochte er, ein Optimist genauso wie ich, nicht glauben ... Mir kam etwas anderes in den Sinn: ›Halten Sie es für gefährlich, wenn ich mit einem Kind viel beisammen bin, das erblich schwer belastet ist?‹ ›Ich müßte mir erst über den Charakter Ihres Leidens klarer geworden sein‹, sagte er vorsichtig, ›ich möchte Sie nicht unnötig beunruhigen. Man muß abwarten. Auch eine Röntgenaufnahme der Lunge würde uns nicht viel klüger machen, als wir sind, man sieht zwar eine Unmenge auf der Platte, aber deuten kann es nur der genaue klinische Befund – aber ich mache sie, wenn Sie wollen. Warten wir noch einige Tage! Ich rate Ihnen, sich zu schonen, zu liegen, nicht zu rauchen, sich gut zu ernähren.‹ ›Und das Kind?‹ ›Ja‹, sagte er, ›das versteht sich von selbst. Wenn es belastet ist, wäre es natürlich sehr gefährlich, wenn es mit einer Tuberkulose zusammenkommt. Aber wie gesagt, ich glaube nicht daran. Können Sie mich in einer Woche wieder aufsuchen?‹ Ich versprach es. Aber nach einer Woche fühlte ich mich viel besser. Ich merkte, daß ich krank war. Aber ich wollte es nicht wahr haben. Ich wollte gesund sein, arbeiten und leben. Wie alle. Der Hochzeitstag meiner Schwester kam heran. Ich erschien fast mit leeren Händen. Wir, meine Frau und ich, hatten Ehrenplätze an der Tafel beim Polterabend. Ich war der älteste Sohn des Hauses. Ich war Jagiellos Freund. Ich konnte ihr nichts auf den reich beschickten Gabentisch legen als ein paar Orchideen, von denen ich wußte, daß sie die Art liebte, und ein Gedicht aus meiner Feder, das zwar gut gemeint, aber schlecht gereimt war. Sie tat, als wäre sie von meiner geringen Gabe ebenso entzückt wie von den großartigen Geschenken meines Vaters und Jagiellos und seiner Familie. Aber sie hat mir diese ›Überraschung‹ nie verziehen. Eben dieses Wort, das mein Vater ihr überbracht hatte, hatte sie etwas Ungewöhnliches, etwas wahnsinnig Verschwenderisches hoffen lassen, und nun sah sie nur eine Kleinigkeit vor sich, die sie für ein Zeichen meiner Mißachtung hielt oder, noch ärger, für eine kleinliche Rache für das, was sie meiner Frau angetan hatte. Ich war arm – aber das wollte sie nicht zugeben. 3 Drei Tage nach der Hochzeit Judiths ließ mein Vater sein altes Arzt-Schild, das zuerst nur den einfachen Doktor, dann den Augenarzt, dann den Dozenten und schließlich den Professor angezeigt hatte, von der Mauer unter unseren Fenstern entfernen. Meines blieb. Ich fieberte nicht mehr. Aber ich fühlte mich elend, kraftlos, mutlos – verloren. Was gibt es Kläglicheres als einen kranken Arzt! Er widerspricht seinem eigensten Beruf und sich selbst. Ich war noch nicht dreiunddreißig Jahre. Vielleicht hatte ich noch einen bedeutenden Teil meines Lebens vor mir. Ich raffte mich zusammen. Ich konnte niemanden zu Rate ziehen. Ich konnte höchstens bereuen. Aber diese Reue hätte mich noch unsicherer, kraftloser gemacht. Sollte ich bereuen, daß ich Vally genommen hatte, sollte es mir leid tun, daß ich Eveline geliebt hatte und jetzt noch liebte? Das einzige, was noch zu ändern war, war das Schicksal der kleinen Tochter meiner Wahl. Ihretwegen und mit ihr zusammen suchte ich einen bekannten Professor der inneren Krankheiten auf. Er fand das Kind sehr aufgeschossen und recht zart für sein Alter. Er konnte keine Anzeichen der erblichen Belastung finden, er konnte mir auf sein Wort und unter Kollegen versichern, daß Eveline jetzt noch gesund war. Aber später? Er schickte das etwas frühreife Kind, das sehr aufmerksam aufgehorcht hatte, zu seiner Frau und zu seinen Kindern, wo die kleine Prinzessin würdevoll und stumm in dem Glanz ihres neuen Seidenkleidchens dasaß, ohne auch nur ein Wort zu sprechen, wie man mir später berichtete. Aber ich? Der Professor kannte mich. Er hatte vor einigen Wochen meiner Dozenten-Probevorlesung beigewohnt, er war einer von denen gewesen, die meinen Vater nach der Militäraffäre gemieden und erst seit kurzem ihrer Gesellschaft gewürdigt hatten. Er ließ mich vor den Röntgenschirm treten und bewegte die irisierende, grünlich-gelb schimmernde Platte unter meinen Augen hin und her, preßte sie mir so energisch an meine abgemagerte Brust, daß es schmerzte. Dann machte er Licht, untersuchte mich während einer halben Stunde und sagte schließlich: ›Meiner Ansicht nach sind Sie von einer – bisher – leichten Lungenphthise befallen. Der klinische Befund ist zweideutig, der röntgenologische fast negativ, beweisend ist für mich der Blutsturz, um den es sich zweifelsohne gehandelt hat, die Nachtschweiße, die leichten Temperaturen abends.‹ ›Was soll ich also tun?‹ fragte ich, trotz aller gewollten Fassung etwas erschüttert. ›Gehen Sie sofort nach Davos, oder schlimmstenfalls ins Mittelgebirge. Ich glaube mich verbürgen zu können, daß Sie in sechs Monaten heil zurückkehren.‹ ›Ich kann nicht‹, sagte ich. ›Ich habe für meine Familie zu arbeiten.‹ ›Aber Ihr Vater kann Sie ersetzen!‹ ›Ich will es ihm vorschlagen,‹ sagte ich, ›aber ich zweifle am Erfolg.‹ ›Nehmen Sie die Sache nicht zu leicht, aber auch nicht zu tragisch‹, sagte er, während ich mich hastig und ungeschickt ankleidete, ›im Grunde nehmen Sie es so, wie ich es an Ihrer Stelle nehmen würde – und wir verstehen einander.‹ An der Tür zu seinen Privaträumen blieb ich stehen und hielt den vielbeschäftigten Mann noch einen Augenblick lang auf. ›Was raten Sie mir‹, fragte ich stockend, ›was soll mit der Kleinen geschehen?!‹ ›Mit Ihrer Pflegetochter? Seien Sie unbesorgt. Hier bin ich meiner Sache sicher. Zart, aber gesund.‹ Ich schüttelte den Kopf: ›Sie verstehen mich nicht‹, sagte ich und bemühte mich, lauter zu sprechen. ›Kann das Kind in meiner Nähe bleiben? (Nun schüttelte er den Kopf. Ich sah ihn an, und ich fürchtete, daß etwas von meinem Flehen wider meinen Willen in meine Stimme käme. Es gibt eine Art Erpressung vonseiten der Kranken, Unglücklichen und Elenden gegenüber den Gesunden, Reichen und Glücklichen, die keinem der Teile Ehre macht. Ich wußte dies und wollte nicht erpressen. ›Ist sie bei mir gefährdet oder nicht?‹ fragte ich, und meine Stimme tönte unbeherrscht laut und klang brutal. Er nahm meine Hände und zog mich näher an sich heran und sagte mir, Auge in Auge: ›Ich fürchte es. Ich würde mein Kind fortgeben.‹ ›Sie haben recht‹, antwortete ich, ›ich werde genau so handeln.‹ ›Es ist nichts verloren. Die Heilungstendenz Ihrer Natur ist ungewöhnlich stark. Die Lungenwunde hat sich prachtvoll geschlossen, wir müssen für den Anfang zufrieden sein. Sie stammen sicherlich aus einer gesunden Familie.‹ Ich bejahte es. In meiner Familie war nie von Lungenkrankheiten die Rede gewesen. Mein Vater und meine anderen Vorfahren waren meist gesunde, zähe, sparsame, beherrschte Menschen, die in Ruhe alt wurden. Meine Großeltern väterlicherseits lebten beide noch. Er freute sich, daß er recht behalten hatte. Ich nahm meine kleine Eveline in Empfang, dankte der Frau des Professors und eilte auf die Straße. Eveline begann sofort mit ihrem hohen silbernen Stimmchen zu erzählen. Sie war von Grund aus verwandelt, wenn sie mit mir zusammen war. – Meine Schwester sollte von einer kurzen Hochzeitsreise in wenigen Tagen zurückkommen. Bis dahin mußte ich meinen Entschluß getroffen haben. Ich überlegte. Die Zukunft meines Kindes war zum Glück gut gesichert. Nach endlosen Verhandlungen war die Erbschaft geregelt worden. Ich war als Mitvormund eingesetzt worden, der zweite Vormund war ihr Onkel Jagiello. Eveline hatte ein nicht unbedeutendes Vermögen, die Zinsen sollten regelmäßig gezahlt werden. Bis jetzt hatten wir sie nicht angegriffen. Wenn man also das Kind in eine Anstalt getan hätte, wäre nicht Geldmangel das Hindernis gewesen. Aber vielleicht konnte man sie bei Jagiello und Judith unterbringen? Besser wäre gewesen, sie dort zu lassen, wo sie war. Ich war es, der zu verschwinden hatte. Ich wollte verschwinden. Ich wollte mich von dem Kind, von meiner Arbeit, von meiner Frau trennen. Aber nicht an mir lag es, sondern an meinem Vater. Ich bat ihn am Abend dieses Tages zu mir. Er kam widerwillig. Schweigend hörte er meine Erzählung an. Dann schwieg er. Welche bitteren Neuigkeiten erwartete er noch? Er machte Anstalten, ohne Antwort, bloß mit einem durch den Bart gemurmelten: ›sehr traurig, Junge, muß alles noch reiflich überlegen, natürlich!‹ fortzugehen. Da aber hielt ich ihn fest. ›Kannst du mich vertreten? Willst du ...‹ Jetzt unterbrach er mich schnell. ›Verlange es nicht von mir! Du zerreißt mein Herz! Ich kann aber nicht mehr arbeiten! Könnte ich es, hätte ich die Praxis nicht aufgegeben. Verstehst du das nicht?‹ Ich sagte ihm: ›Ich bitte dich nicht um meinetwillen darum. Es liegt mir an der Familie, an euch allen.‹ ›Nur kein unangebrachtes Mitleid!‹ sagte er bitter, ›jeder für sich, Gott für uns alle! Es gibt Stellvertreter genug. Begib dich auf vier Wochen in ein Sanatorium, bis dahin ist der Rachenkatarrh und die Blutarmut – und die übergroße Nervosität behoben, du alter Hypochonder, du!‹ ›Ich muß nach Davos, der Professor hat es gesagt.‹ ›Ach, was sagen die Herren nicht alles? Davos, das ist Schweiz, Schweiz, das heißt Devisen, Schweizerfranken. Woher sie nehmen und nicht stehlen? Wie gern wollte ich! Was täte ich nicht alles für dich, du Sorgenkind! Ich liebe dich natürlich trotz allem, ich bin und bleibe dir gut!‹ ›Das kann auch ich von mir sagen‹, antwortete ich und küßte ihm die Hand. Es kam mir von Herzen. In diesem Augenblick tat er mir viel mehr leid, als ich mir selbst leid tat. Jetzt weinte ich nicht. Meine Stimme war sehr bestimmt und ruhig. ›Ich werde abwarten, bis Jagiello und Judith kommen, dann wird alles entschieden. Dir bin und bleibe ich dankbar, Vater.‹ › Du hast allen Grund dazu‹, brummte er, zufrieden, fortgehen zu können, ›es gibt keine Torheit, vor der ich dich nicht bewahrt hätte. Jetzt die Praxis im Stich lassen, die sich so fabelhaft entwickelt. Ich glaube, es harren deiner noch einige Pilgerim im Wartezimmer.‹ Er ging pfeifend aus dem Zimmer. Ich machte mich an die Arbeit und hatte bis in die späte Nacht zu tun. Der einzige Entschluß, den ich faßte, war der, daß ich mich von Eveline trennte. Ich küßte sie nie mehr, suchte sie nicht im Kinderzimmer auf, spielte nicht mehr mit ihr, ging nicht mit ihr spazieren. Das Kind verstand es nicht. Es kam mir nachgelaufen. Ich wies es ab. Totenblaß blieb es zurück, bewegte die feinen korallenroten Lippen, schrie nicht, geriet nicht in Zorn wie sonst oft. Die Tränen rannen ihm reichlich über die Wangen auf das hellgrüne Spitzenkrägelchen, das es an diesem Tage umhatte. Die Ankunft meines Schwagers und meiner Schwester verzögerte sich. Ich wartete geduldig. Meine Frau hörte nicht auf, in mich zu dringen. Ich konnte mich ihr nicht anvertrauen. Wir lebten zusammen. Das war alles. In dieser Zeit erhielt ich eines Nachmittags den Besuch einiger herkulisch gewachsener junger Menschen, die in einem großen Auto vorgefahren waren. Sie verschafften sich vor den geduldig wartenden Patienten Einlaß in mein Arbeitszimmer und kündigten mir den Besuch des großen Mannes, des Philosophen für die Massen, des Künders neuer Volksgeschlechter – meines alten Perikles an. Zehn Minuten nachher erschien er selbst. Den jetzt kahlen, wahrhaft großartig gemeißelten Kopf zurückgeworfen, von einem unbeschreiblichen, starren Stolz erfüllt, ohne einen Blick für die jungen Leute oder die unwilligen Patienten, schritt er zu mir, heftete sein unter den buschigen Brauen drohend blitzendes, schielendes Auge auf mich, gab mir mit einer theatralischen Gebärde die Hand und wartete darauf, ich würde ihm um den Hals fallen oder ihn wenigstens zum Bleiben einladen. Ich war freundlich zu ihm, aber mahnte ihn zur Eile. Im Grunde meines Herzens war ich froh, ihn unter den Lebenden, geistesgesund (in den Augen aller) und machtgeschwellt zu sehen. Aber ich hatte gerade an diesem Tag wenig Zeit. Ich bat ihn, abends wiederzukommen, und zwar ohne seine Leibgarde. ›Verbürgst du dich für meine Sicherheit?‹ fragte er, ›ich habe Todfeinde überall. Wer sollte mich je ersetzen?‹ ›Ich weiß es, ich weiß es‹, antwortete ich ihm, wie man einem Irren antwortet, ›auch ich habe welche. Deshalb bist du gerade bei mir am sichersten aufgehoben.‹ ›Wann darf ich kommen?‹ fragte er, nun viel bescheidener, ›ich habe mich oft nach dir gesehnt. Du bist nicht vergessen! Erinnerst du dich noch an den Havelock?‹ ›Komme um neun Uhr. Trinkst du etwas, Bier oder Wein?‹ ›Nicht Bier, nicht Wein! Ich komme nicht, um zu schwelgen, sondern um den Mann wiederzusehen, dem ich den Funken des Imperatorentums verdanke. Ich habe auch nicht die große Summe vergessen, die ich dir schulde. Ich bringe sie dir abends.‹ ›Schön, also Bier, du hast mit deinem Vater vor Zeiten ebenso gefeiert!‹ sagte ich, ›vergiß nicht, neun Uhr.‹ ›Was willst du? Anders kommt man nicht zur Macht . Nun, abends berichte ich dir alles! Ich habe aber deiner nie vergessen!‹ Er gab mir nochmals die Hand, winkte seiner Garde und ging. In seinem Blick war etwas von einem großen Denker und einem noch größeren, aber nicht ungefährlichen Kinde. Ich habe abends lange auf ihn gewartet. Ich habe ihn nie wiedergesehen. 4 Ich erwartete mit großer Ungeduld die Ankunft meiner Schwester und meines Schwagers. Endlich kamen sie. Jagiello war sehr glücklich. Judith war ernst, ihr Gesicht hatte etwas Strenges, Unfrohes angenommen, das sie bisher nicht gehabt hatte, und auch der Ton ihrer Stimme beim ersten Gespräch mit mir war von ungewohnter Schärfe. Und doch war sie es, die sich vielleicht am meisten um meine Gesundheit Sorgen machte. Ich bat sie um eine Unterredung. Sie verschob sie von Tag zu Tag. Sie wollte erst in ihrer Wohnung alles so eingerichtet haben, wie sie es sich vorgestellt hatte. Ihr und ihrem Mann schien alles zu glücken. Man hatte meinem Schwager – nicht ohne Vermittlung meines Vaters, der damals fast ebenso abgöttisch an ihm hing wie an Judith – eine mittlere Stelle am statistischen Landesamt angeboten. Er, der schon seit langem seine Studien über die soziale Rolle der Kinderarbeit vernachlässigt hatte, ließ sich zuerst inständig bitten. Endlich überredete ihn mein Vater. Jagiello hatte nun eine geregelte Tätigkeit, und zu seinen Zinsen kam ein regelmäßiges Einkommen. Mein Vater war überglücklich. Auf seinen Jagiello baute er felsenfest, ihm vertraute er von jetzt an die Sorge für meine jüngeren Geschwister an. Ich war nicht überglücklich, die Zeiten waren vorbei. Meine Gesundheit war nicht die beste, es mußte etwas geschehen. Ich konnte hoffen, daß nach meinem Tode mein Schwager zusammen mit Judith und mit meiner trotz ihrer paar grauen Haare noch ganz ungebrochenen Frau die Fürsorge für die Familie übernehmen würde. Mein Vater konnte dann ruhig die Augen schließen, meine alte, nun sehr kindisch gewordene, aber sehr gütige Mutter auch. Und ich? Ich hoffte – nicht auf einen mich von einem so trüben Leben erlösenden Tod, sondern immer noch auf die Hoffnung, auf das Leben, dem ich im Grunde immer dankbar gewesen bin, und mit Recht. Nur eine einzige ganz schwere Sorge hatte ich, die um Eveline. Das Kind brauchte viel Zärtlichkeit, aber auch viel milden Ernst. Sie durfte nicht ganz so werden wie ihre arme Mutter. Vor allem mußte sie aus meiner Nähe verschwinden. Es war eine unnütze Qual für uns beide, die wir von Herzen und für immer aneinander hingen, daß wir nicht mehr so zusammenleben sollten wie früher. Aber es mußte sein! Ich gestehe, daß ich noch einen Appell wagte. Ich suchte den Professor auf. Er war diesmal ungeduldiger als sonst. Meinen Zustand fand er nicht wesentlich gebessert. Ob er ihn verschlechtert fände, konnte ich nicht erfahren. Auf jeden Fall blieb er dabei: das Kind mußte fort. Meine Frau war unruhig. Sie sagte mir, Judith hätte sie auf mein elendes Aussehen aufmerksam gemacht. ›Ich lebe mit dir Tag für Tag. Ich kenne dich seit zwanzig Jahren. Mir ist, als wärest du nie anders gewesen, mir kommt vor, du hättest auch früher niemals besonders blühend ausgesehen. Wir haben eben beide ein paar graue Haare.‹ Ich sagte nichts. ›Bist du denn schon beim Arzt gewesen? Du kannst dir ja nicht selbst in das Innere sehen!‹ ›Gewiß‹, antwortete ich. ›Und?‹ ›Er meint, meine Lunge sei nicht die festeste, ich solle mich vor Erkältung schützen und sehr schonen.‹ ›Aber vom Rauchen hat er nichts gesagt?‹ ›Du weißt doch, daß ich schon seit Monaten nicht rauche.‹ ›Und warum meidest du die arme Nischy? Sie ist todtraurig darüber und läßt dich durch mich bitten, du solltest ihr ihre Ungezogenheiten verzeihen. Sei nicht so streng! Es ist ja nur ein dreijähriges verwöhntes Kind.‹ ›Ich bin nicht streng‹, sagte ich, ›kennst du mich denn von dieser Seite?‹ ›Das Kind beklagt sich aber mit Recht‹, sagte sie. ›Das Kind muß aus dem Haus. Der Arzt hält es für unbedingt erforderlich.‹ ›Aber warum denn? Wird denn für das Mäderl nicht alles getan? Könnte die leibliche Mutter besser gesorgt haben, als ich es tue? Was hast du mir vorzuwerfen?‹ ›Ich dir? Nichts.‹ ›Ich habe sogar mit deiner Schwester Frieden geschlossen und ihr höflich Abbitte geleistet dafür, daß sie mich ein Mensch und mein Kind einen Bankert geschimpft hat. Was kann ich denn noch tun?‹ ›Ihr müßt euch alle vertragen‹, sagte ich, ›das Kind soll zu Judith, und du sollst im Anfang alle Tage nachsehen kommen.‹ ›Das ist unmöglich‹, sagte meine Frau, ›zuerst zwangst du mich, mein eigenes Kind fortzugeben ...‹ ›Ich zwinge dich nie zu etwas‹, sagte ich müde, ›du wolltest unserem Jungen die angeblichen Demütigungen ersparen.‹ ›Ach, nichts als schönes Gerede‹, sagte sie, ›du magst ihn einfach nicht! Ja, wenn es ein Kind von deiner teueren Eveline wäre, dann ...‹ ›Nein, liebste Vally‹, sagte ich, ›verstehst du denn nicht, wie schwer ich mich von Evelines Kind trenne?‹ ›Wie schwer? Wie schwer?! Hätte ich dich nur nie gesehen!‹ rief meine Frau fassungslos, ›was soll denn aus uns allen werden? Bist du denn ernstlich krank? Hat dich dieses unselige Teufelsweib vielleicht gar mit ihrem verfluchten Leiden angesteckt? Jagiello hat mir etwas Derartiges erzählt, aber ich habe es für eitel Tücke und Bosheit von Seiten Judiths gehalten. Kann denn der Herrgott im Himmel so etwas zugeben? Mir meinen Mann stehlen, mir den Bankert aufbürden und mir den Mann noch dazu mit Schwindsucht anstecken? Ich liebe dich doch! Ich habe dir alles verziehen. Dein Kind ist mir näher jetzt als das meine. Was soll denn nur werden?‹ ›Sie begann in fast unverständlichen Worten zu jammern und zu sich selbst zu sprechen, und das Weinen erschütterte ihre ganze schwerfällige, sonst so solide Gestalt. Ich wischte ihr die Tränen mit meinem Taschentuch aus den geröteten Augen, ich ordnete ihre verwühlten grauen Haare. Ich streichelte ihre Schulter, die unter meinen Fingern bebte. Das Telephon ging, ich wurde von Patienten verlangt. Nachher mußte ich ins Institut. Als ich heimkam, hatte ich kaum Zeit, etwas zu essen, es warteten neue Patienten auf mich. Ich war ein sehr gesuchter Arzt, weil man mir unverdienter- oder nicht ganz verdienterweise einen besonders klaren diagnostischen Blick und eine sehr leichte Hand nachsagte, und mein Einkommen überstieg jetzt das Einkommen meines Vaters in den ersten Jahren seiner Praxis, auch auf Friedenswährung umgerechnet. Meine Frau hätte aber abends in unserem gemeinsamen Schlafzimmer mit mir sprechen können. Sie tat es nicht, sie schonte mich, sie gönnte mir Ruhe. Sie kochte nun selbst. Ich bekam alle Leckerbissen, die meinen etwas schwachen Appetit anregen konnten. Aber mich reizte nichts, es sei denn der Gedanke an etwas Ruhe. Meine Frau war es, die Judith veranlaßte, sich endlich mit mir in einem Kaffeehaus der Stadt zu verabreden. Denn daheim waren wir nie ungestört. Meine Eltern wollten, wie alte Leute oft, ja nicht übergangen sein, sie wollten bei allem mitreden, verstanden aber die gänzlich veränderten Zeitumstände nicht mehr. Zu dieser Unterredung im Kaffeehaus erschien Judith mit ihrem ganzen prachtvollen Schmuck und sehr elegant gekleidet. Sie war noch keine neunzehn Jahre, aber der unbeschreibliche Schmelz ihrer ersten Jugend war schon vorbei. Mit einem vorwurfsvollen Blick empfing sie mich, denn ich hatte mich um einige Minuten verspätet. Es war schwer, ihr klarzumachen, was ich von ihr wollte. Die Gedanken gingen bei ihr durcheinander, kreisten aber immer um sich selbst. Zuerst die wütendsten Vorwürfe, über die Beleidigung durch das unselige Hochzeitsgeschenk, dann ein Geständnis unter Erröten, daß sie sich immer für mich geopfert habe, daß ich ihre seelische, reine , selbstlose Liebe immer von mir gestoßen hätte, und sie hätte doch nur den angebeteten Bruder in mir gesehen, nie den schönen Mann (!), sie hätte mich vor bösen Weibern wie Walpurgis und Eveline bewahren wollen. Sie hätte nie geheiratet, wenn ich ihr nur erlaubt hätte, meinen Haushalt zu führen. Sie vergleiche leider jetzt ihren Mann mit mir und dürfe es ihm doch nicht sagen. Endlich gestand sie, mit einem kalten Blick, sie sei von ihm in der Hoffnung, ganz so, als wäre es meine Schuld, daß sie sich – zuerst an den alten reichen Gentleman, dann an einen Müßiggänger und Schwächling wie Jagiello fortgeworfen hätte. Ich nahm ihre kleinen hübschen, sehr warmen und weichen Hände und zog sie etwas zu mir heran. Sie gab unerwartet nach, und beinahe wäre sie mir in die Arme gefallen. Sie hatte den Kopf mit dem eleganten Hütchen gebeugt, und es fielen dicke Tränen aus ihren Augen auf die Tischplatte. ›Du bist die einzige, Judith‹, log ich, ›der ich ein wichtiges Geheimnis mitteile. Ich bin etwas leidend. Ich kann mich um die kleine Eveline nicht so kümmern, wie es das Kind braucht. Sieh nun, du wirst in ein paar Monaten selbst ein Kind haben. Nimm jetzt schon deine kleine Nichte zu dir, damit befreist du mich von einer großen Sorge, und ich bin dir immer dankbar. Ich ...‹ ›Du brauchst nicht weiter zu sprechen, Bruder, du Lieber, du, ich sehe, wie dich das Reden anstrengt. Ich tue alles, was dein Wunsch ist. Du kannst das Kind jeden Tag bei uns sehen, oder besser, ich werde es dir jeden Nachmittag nach der Sprechstunde bringen, wenn du willst.‹ ›Nein, Judith‹, sagte ich. ›Ich möchte nicht, daß das Kind zwischen den beiden Häusern hin und her gezerrt wird. Wenigstens in der ersten Zeit, in den ersten Jahren soll es sich nur bei dir heimisch fühlen. Nur im Anfang lasse Vally kommen. Ja? Gut! Du bist jung, dein Mann ist jung, ihr werdet also immer ... soweit man vorausblicken kann ... Unsere Eltern ...‹ Mich überkam ein Hustenanfall. Das Kaffeehaus war überheizt, die Luft zum Schneiden dick von Zigarettenrauch. Wir zahlten schnell, standen auf und gingen. Auf der Straße hängte sich meine Schwester schwer in meinen Arm. Ich ließ sie gewähren, obwohl mein Herz von der Anstrengung wütend pochte und ich fast den Atem verlor. Am nächsten Tage übersiedelte die Kleine zu ihrer Tante. Ich kam gerade die Treppe herauf, als sie, in ihrem weißen Pelzmäntelchen mit dem neuen Pelzkäppchen, an der Hand ihrer stolzen schönen Tante Judith die Treppe hinabkam, während sie im anderen Arm ihre liebsten Spielzeuge, einen Bären und eine abgenützte alte Puppe, hielt. Sie sah mich kaum an und ging mit starrem Gesichtchen und verzerrten Lippen böse an mir vorbei. Trotzdem meine Frau während dieser ganzen drei Jahre aufrichtig und wahrhaftig an dem Kind gehangen hatte, atmete sie auf, als es fort war. Sie dachte, ich würde ihr die Liebe zuwenden, die ich für Eveline gehabt hatte. Ich versprach ihr alles, was sie wollte und noch mehr. Ich sagte ihr zu, ich würde sobald wie möglich unseren Jungen besuchen, über dessen Zukunftsaussichten und Beruf wir Eltern uns jetzt bald klarwerden mußten. Mein Vater, der jetzt täglich zweimal die Kirche aufsuchte, hätte nicht ungern gesehen, wenn der Junge Geistlicher geworden wäre, am besten in einem Kloster. Aber der Junge zeigte keine Vorliebe für den geistlichen Stand, er war ein höchst mittelmäßiger Schüler, und es war am besten, ein Handwerk für ihn zu wählen. Er hatte von mir und von seinem Großvater das technische Geschick, die leichte Hand. Er war, nach seinen Briefen an die Mutter zu urteilen, sparsam, gutmütig, in allem etwas langsam. Er war immer freundlich, schien aber niemanden mit seinem ganzen Herzen zu lieben. Jähzornig war er nicht. Mit Geld ging er gut um. Er hatte seine Art braven Stolz und zog sich ohne Kummer sofort zurück, wo er nicht gern gesehen war. Vor allem war er kerngesund, und ich hoffte, daß er sich im Leben leicht zurechtfinden würde, woran er selbst nie zweifelte. Für mich hoffte ich nun auf die völlige Genesung, die der Professor nicht für ausgeschlossen hielt, auch wenn ich noch nichts für mich hatte tun wollen und können. 5 Seitdem ich mich mit Judith ausgesprochen und ihr mein Kind anvertraut hatte, war sie wie verwandelt, und mit ihr – mein alter Vater. Beide verwöhnten mich, kamen meinen Wünschen, die sich meist genau mit den Notwendigkeiten für die ganze Familie deckten, entgegen, und ich hatte endlich das, was ich bisher immer vergeblich ersehnt hatte, den Frieden zu Hause. Ich mußte Judith dankbar sein – und mich ihr dankbar zeigen. Ihr neunzehnter Geburtstag kam heran. Sollte ich ihn wiederum übergehen, oder sollte ich ihr – trotz den nie aufhörenden Geldsorgen in unserem großen Haushalt – ein kleines Geschenk machen? Ich wußte, daß ihr ein Schmuckstück die größte Freude bereitete. Es war etwas Schönes und dabei zugleich etwas Wertvolles. Sie war nun einmal auf Äußerlichkeiten bedacht und hatte den gleichen Sinn für Geld und Besitz wie mein Vater. Ich ging daher kurz vor ihrem Geburtstag zu einem Juwelier, der meinen Vater und mich gut kannte, in der Absicht, einen Ring oder ein Armband auszusuchen, etwas, das hübsch aussah und nicht viel kostete. Der Juwelier legte mir billige Sachen vor, aber sie waren häßlich. Ein sehr einfacher edler Ring mit einem großen viereckig geschnittenen Stein, der neben einem ganz ähnlichen lag, fiel mir auf. ›Lassen Sie mich diesen Ring sehen! Wäre er nicht das Geeignete?‹ ›Mag sein‹, sagte er ziemlich gleichgültig, ›das ist etwas Nettes, Turmalin, er kostet nicht viel.‹ Aber es war der Ring, der neben dem Turmalin lag, der mir gefallen hatte. ›Ach so‹, sagte der alte Mann lächelnd, ›Sie haben gerade das teuerste Stück aus der Kollektion herausgefunden, mein Kompliment!‹ Ich nahm den kostbaren Ring in die Hand und stellte mir vor, wie er an Judiths Finger glänzen würde. ›Was soll er kosten?‹ fragte ich und dachte an die Freude, die Judith, mein Vater – und ich alter Tor empfinden würden, wenn ich ihn als verspätetes Hochzeitsgeschenk brachte. Auch meine Frau würde Vorteile haben, denn von Judith hing in unserem Hause viel ab. Der Juwelier merkte mein Schwanken. ›Ich gebe Ihnen besonders gern dieses herrliche Stück. Sie zahlen den Ring an. Den Rest bezahlen Sie in Raten.‹ Nun waren gerade in diesen Tagen meine Tageseinnahmen sehr groß gewesen. Ich kaufte den Ring, und die Freude, die ich damit machte, war unbeschreiblich. Selbst meine Frau freute sich mit. Sie hatte mich noch auf dem Wege zu Judiths Villa mit ihren Wünschen nach einem neuen Pelzmantel bedrängt – der alte war wirklich zu abgenützt, und das blanke Leder guckte an den Nähten durch –, aber sie machte mir auf dem Heimweg keine Vorwürfe über meine Verschwendung. Ich war noch ganz in Gedanken an meine kleine Eveline, die ich nach langer Zeit zum erstenmal wiedergesehen hatte: sehr reizend und sehr abweisend. Die Einnahmen der nächsten Tage waren leider geringer, als ich gehofft hatte, ich war wieder etwas leidend, das Knie war angeschwollen und störte mich bei den Operationen, der Husten belästigte mich, und ich war bereits um neun Uhr abends so müde wie sonst erst gegen elf. Schon die erste Monatsrate konnte ich nicht pünktlich zahlen. Es gab große Auslagen für den Jungen, der einen neuen Anzug und einen Mantel brauchte, noch größere für die zwei jüngeren Geschwister, und ich mußte meiner Frau einen Pelz schenken, um sie nicht eifersüchtig zu machen. Dieser kostete zwar nur einen Bruchteil des Ringes – im Frühjahr sind Pelze stets sehr billig –, aber die Schulden häuften sich, und im Laufe des Sommers mußte ich an meinen alten Freund Mohrauer um Geld schreiben. Er sandte es sofort. Diese Schuld war die erste, die ich nachher abtragen konnte, denn meine Gesundheit war Gott sei Dank etwas solider geworden, ich konnte wieder fast so arbeiten wie zuvor. Der Professor warnte mich. Aber was hätte er an meiner Stelle getan? Ich sprach offen mit ihm. Er sah alles ein. Ich mußte arbeiten, um der andern willen, aber auch um meinetwillen, um das Gefühl meiner Verlassenheit und – meiner Nutzlosigkeit loszuwerden. Ich hatte nie geglaubt, daß mir ein Kind so fehlen würde. Vielleicht hatte ich mein Herz zu sehr an die Kleine gehängt. An ein Wiederzusammenleben war noch nicht zu denken. Ja, der Professor riet mir, auch das Zusammensein mit meinen jüngeren Geschwistern auf das nötigste einzuschränken. Ich mußte ihm gehorchen, obwohl mein Bruder Viktor, in vielem, aber glücklicherweise nicht in allem mein Ebenbild, mich bewunderte und liebte, der ich dies beides nicht verdiente und wollte. An Liebe, das heißt an Geliebtwerden, hat es mir nie gefehlt. Aber ich wollte selbst lieben und das Geliebte besitzen – und hier war alles vorbei, vielleicht aber, das hoffte ich, nur für eine beschränkte Zeit. Auch der Professor mit seinem Röntgenschirm konnte mir diese Hoffnung nicht nehmen. Und war sie nicht bescheiden genug? Mit einem heranwachsenden liebreizenden Geschöpf wie Eveline wieder zusammenzuleben, die Tochter der Frau erziehen, die ich geliebt hatte, liebte und immer lieben würde. So ging der Sommer vorüber. Ich schickte meine Familie nach Puschberg. Ich blieb zurück. Ich arbeitete nicht weniger als sonst, die Zahl der Augenkranken und Rückenmarkskranken nahm auch im Sommer nicht ab. Aber ich brauchte daheim nicht zu sprechen. Ich war dann allein. Ich dachte an das Vergangene. Das tat mir oft sehr wohl. Im Herbst dieses Jahres wurden meine ›Beiträge zum malignen Glaukom‹ fertig. Ich hielt einen sogenannten Vorbereitungskurs für einige Studenten und Ausländer über das Augenspiegeln. Im Laufe des Winters wurde mir eine eigene Abteilung in einem städtischen Krankenhaus der Fabriksgegend angetragen. Aber ich mußte dies ablehnen. Ich hätte dann nicht mehr meine Privatpraxis aufrecht erhalten können. Es war der Fall der ›Pilgerim‹, der mich als Knabe so tief berührt hatte. Ich begann jetzt, meinem Vater mehr Gerechtigkeit angedeihen zu lassen. Das machte mich ruhig. Freilich war er damals ein kerngesunder, ungebrochener Mann gewesen, er hatte nur ein Kind gehabt. Ich konnte mich nicht kerngesund nennen, und ich hatte nicht nur für meinen Vater, meine Mutter, meine Frau und alle Geschwister zu sorgen, sondern auch für meinen Sohn, ein wenig für meinen alten Schwiegervater in Puschberg – Tabak für die Pfeife – und für Eveline. Trotzdem Judith eine reiche Frau war, verlangte sie ›Kostgeld‹ von uns. Die Zinsen von Evelines Vermögen wurden ihr jetzt nicht ausgefolgt, da Geldüberweisungen aus Polen unmöglich waren etc. etc. Mein großes Geschenk, der kostbare Ring, hatte nur einen vorübergehenden Eindruck auf sie gemacht. Sie wurde geizig, sie hielt auch den früher ziemlich großzügigen Jagiello zur Sparsamkeit – und zur Arbeit an, zum schnellen Vorwärtskommen, und er mag nicht immer das behaglichste Heim in der schönen Villa bei seiner energischen Frau vorgefunden haben. Judith nahm jetzt alles in die eigenen Hände. Bei der sehr schwierigen Geburt hatte sie tapfer auf Chloroform verzichtet, um dem Kinde nicht zu schaden. Es waren Zwillinge, Knaben, beide ziemlich schwächlich, aber gesund. Sie nährte sie selbst, und jetzt erst begann sie sich mit meiner Frau, die eine vorbildliche Mutter gewesen war und die am liebsten sieben Kinder gehabt hätte, anzufreunden. Ich sah dies sehr gerne. Ich fühlte mich im Leben aber jetzt weniger sicher als früher. Es lag etwas Unheimliches in der Luft. Meine Unruhe wich nicht, auch bei meiner schweren und verantwortungsvollen Arbeit nicht. Mißerfolge konnten bei einer so ausgedehnten Praxis nicht ausbleiben. Sie waren selten, vielleicht sogar etwas seltener als bei meinen Kollegen oder einstens bei meinem Vater, aber sie bedrückten mich jedesmal sehr. Mein Vater war jetzt meist fröhlich. Er hatte seinen Kinderglauben wiedergefunden. Ich nicht. Oft wandte ich mich jetzt den Fragen von Tod, Schicksal, Unsterblichkeit zu. Ich war nicht so in den ›sichtbaren Wissenschaften‹ daheim wie mein Vater zu seiner Zeit. Aber die ›unsichtbaren Wissenschaften‹ brauchten Ruhe, Stille, Frieden, und ich hatte sie nicht. Ich hatte meiner Frau versprochen, im Frühjahr meinen Sohn zu seinem fünfzehnten Geburtstag zu besuchen. Darauf freute ich mich seit Beginn des neuen Jahres, in dem ich fünfunddreißig Jahre werden sollte. Er war seit dem Herbst aus der Klosterschule in Bludenz ausgetreten und war Tischlerlehrling bei meinem Schwiegervater. Ich hätte ihn gern auf der Kunstgewerbeschule in Innsbruck gesehen, und sei es nur in der Absicht, meiner Frau damit eine Freude zu machen. Sie sollte endlich aufhören, sich als arme Magd zu betrachten, deren Sohn nichts Besseres als ein einfacher Handwerker werden konnte. Aber wir beide, Vally und ich, saßen oft bis spät nachts über dem Haushaltsbuch und dem Einnahmejournal meiner Praxis und – über den zahllosen Rechnungen, zu denen sich allmonatlich noch die Mahnungen des Juweliers gesellten. Wir durften uns keine neuen Auslagen aufbürden. 6 Ich habe meinem Vater seit meinen Kinderjahren, oder genau gesagt, nach der großen Auseinandersetzung angesichts der häßlichen, teuren Krawatten und der unnötigerweise angeschafften Gläser voller Gurken und der im Ofen versteckten wissenschaftlichen Bücher – und das alles auf einmal! und der nie wiedergesehenen güldenen Dukaten!! –, niemals also habe ich mit ihm in solcher Eintracht und in solchem Frieden gelebt wie in den letzten Monaten. Er begann sogar meine Gesellschaft der des Schwiegersohnes vorzuziehen. Jagiello stand jetzt ganz unter dem Pantoffel seiner Frau. Sie regierte sein Haus mit den drei Kindern, nämlich ihren Zwillingen und meiner Eveline, so wie meine Frau unser Haus führte mit uns allen. Mein Vater war um meine Gesundheit besorgt. Er drängte mich, ich solle nach Davos abreisen, ja er brachte einmal ein Kuvert, das angefüllt war mit vielen, freilich nur kleinen Schweizer Banknoten und überreichte sie mir mit dem für sein Alter wirklich erstaunlichen Witz, er hätte die Davosen (statt Devisen) für meine Erholungsreise zusammengebracht, ich solle nicht fragen wie. Ich fragte nicht. Ich wußte es ja schon lange. Das herrliche, kostbare Spezialwerk in englischer Sprache, das die oberste Reihe des Bücherschranks ausgefüllt hatte, war billig an einen Antiquar verkauft worden. Der Buchhändler hatte es – mir diskret angeboten. Aber ich spielte Überraschung. Ich wäre von Herzen gern in die Schweiz gegangen. Aber an diesem Abend erwies sich der Stapel von Rechnungen besonders hoch – und meine Frau rechnete so sicher damit, daß ich ihrem Sohn die Ehre erweisen würde, ihn zu besuchen. Was sollte ich tun? Ich verwandte die kostbaren Devisen zu der Begleichung der laufenden Ausgaben, und einige Tage später merkte man schon nichts mehr von diesem unerhofften Zuwachs an Einkommen, denn in dieser teuren Zeit verzehrte der nicht einzudämmende Verbrauch einer so großen Zahl von Menschen alles. Wir hatten eben den Krieg verloren, und unsre Sorgen waren noch sehr klein und leicht im Vergleich zu dem Elend und der Verzweiflung der großen Massen. Ich setzte meine Abreise für Ende Februar an, mußte sie aber immer wieder verschieben. Ich wollte Eveline vor der Abreise sehen. Ich traf sie bei Judith im Kinderzimmer, in der Ecke kniend, mit dem Gesicht zur Wand und das dunkelblaue, grobe Schürzchen naß von Tränen. Ich rief sie an, sie wandte sich um, verzog das Gesicht, vielleicht zum Weinen, vielleicht, ich konnte es eigentlich nicht hoffen, zu einem Ausdruck der Freude – dann aber kehrte sie mir, ein gehorsames, seine Strafe geduldig auf sich nehmendes Kind, wieder den Rücken zu und kniete weiter. Gerade so wollte ich sie. So und nicht anders konnte ich erwarten, daß sie ihrer unseligen Mutter nicht allzusehr ähneln würde, denn diese hatte niemals eine Strafe, und wäre sie noch so milde gewesen, auf sich genommen. Ich hätte jetzt schnell weggehen sollen. Ich hörte meine Schwester im Nebenzimmer mit ihren zwei Knaben scherzen und lachen. Ich tat es nicht. Ich beugte mich über den Nacken Evelines und küßte sie auf die Stelle, wo der Haaransatz beginnt. Sie fuhr auf. Fast fürchtete ich, sie könne mit der Hand die Spur meines Kusses fortwischen, wie es ihre Mutter mehr als einmal, wenn sie mit mir zürnte, getan hatte, aber Eveline war anders als ihre Mutter, sie drehte sich um, lachte mir ungezwungen zu, wie ein kleiner Missetäter dem andern, verständnisinnig, schelmisch. Ihre großen eisengrauen Augen tränten nicht mehr. War auch ich ein Missetäter? Ich hatte mein Kind ja schon seit Jahr und Tag nicht geküßt. Nie hätte ich jetzt ihren Mund berührt, aber ein Kuß auf den Nacken, und nur ein einziger, konnte nicht ansteckend sein. Am Ende der Woche reisten wir ab. Auf dem Bahnsteig verabschiedete sich mein Vater von uns, als wären wir ein Hochzeitspaar, und trug meiner Frau auf, recht gut für mich zu sorgen. Er kaufte uns alle an diesem Tage erscheinenden Zeitungen. Ich und meine Frau lasen sie während der langen Reise. Der Inhalt wiederholte sich, das Interessanteste für mich war die Notiz, daß der große Gelehrte und Menschenfreund Professor Hofrat v. Wagner-Jauregg für den Nobelpreis vorgeschlagen war. Er hatte in jahrelangen methodischen Experimenten und Untersuchungen die Heilung der Paralyse durch künstliches Malariafieber erzielt, eine ähnliche Methode, wie ich sie unabsichtlich, oder geradezu blind, an meinem Freunde Perikles angewandt hatte. Wir übernachteten in L. und kamen sehr ermüdet erst am nächsten Nachmittag in Puschberg an. Es hatte geschneit, die Berge waren im Nebel, die Luft wehte streng und rein. Die Tannen hatten unter ihrer nicht sehr schweren Schneedecke eine saftige, steingrüne Farbe, und in der stillen Luft tönte von weither das Schreien der Krähen und das sich entfernende, in der Tonhöhe sinkende Pfeifen der Lokomotive, die vor der Einfahrt in die vielen Tunnels stets ein Signal gab. Mein Schwiegervater, sehr alt geworden, fast eingeschrumpft vor Magerkeit, eine nie verlöschende Pfeife zwischen den schmalen Lippen, empfing uns, hastig durch den Schnee daherhumpelnd, ohne meinen Sohn. Der Junge war im Nachbardorf, ›Maß nehmen‹ für einen Sarg, der am nächsten Tag getischlert werden sollte. Zugleich sollte er schwarzen und silbernen Lack aus dem Flecken Goigel mitbringen. Ich fand den Weg vom Bahnhof Puschberg bis zu unserer Villa sehr weit. Ich war wie zerschlagen, hustete, das Knie stach, die Schulterblätter nicht minder, in den Hüften saß es wie Blei. Meine Frau mußte mich stützen. Unsere Villa, nur für den Sommer berechnet, war nicht heizbar. Die Räume hauchten eine modrige Kälte aus. Man hatte sie schlecht gelüftet, obwohl unsere Ankunft rechtzeitig angekündigt war. Die Leute auf dem Lande mögen die frische Luft im Winter nicht. ›Hier kannst du nicht schlafen‹, sagte meine Frau, die eiskalten, vom Frost steifen Laken befühlend. ›Er kann bei uns wohnen‹, sagte mein Schwiegervater, ›wir pressen uns eben ein wengerl zusamm.‹ Ich wollte dies nicht. Ich wäre jetzt sehr gern etwas allein geblieben, mir war, als bereite sich etwas Merkwürdiges, Rätselhaftes, aber nicht durchaus Unglückliches vor. Meine Frau sah mir meine Absicht am Gesicht ab. ›Euer Hochwohlgeboren schlafen heute unten in der Küche‹, sagte sie schelmisch wie als junges Mädchen. Sie ließ mich vorerst auf dem Sofa richtig ausstrecken, hüllte mich vorsorglich in ihren neuen Pelz – wie gut war es doch, daß ich ihn ihr gekauft hatte! –, zerlegte mit Hilfe des Vaters, der seine Pfeife nicht aus dem zahnlosen Munde ließ, das Bett und stellte es unten in der Küche wieder auf. Dann ging sie, eine brennende Kerze auf dem Tisch zurücklassend, mit ihm in die Werkstatt, um trockenes Holz zu holen und Sägespäne zum Anzünden. Ich war todmüde. Ich hatte keine Schmerzen, eine leichte Wärme brodelte zart unter dem Pelz, in den ich mich ganz verknäuelt hatte. Ich schlief ein. Ich erwachte plötzlich. Meine Frau und mein Junge standen vor mir, starrten mich entsetzt an. Oder schien es mir nur so? Sie führten mich, während ich wider Willen mit den Zähnen klapperte, mein Junge links, meine Frau rechts, in die Küche, wo schon ein starkes, hell goldenes Feuer brannte und die Scheiter mächtig krachten. Die Bettlaken glänzten einladend, sie waren weich, sie waren aufgetaut. Die beiden erzählten mir, sie hätten mich nicht ›derwecken‹ können, sie hätten geglaubt, ich wäre tot! Kinder! Alle beide, wie sie nebeneinander standen, wie sie einander bis in die letzten Kleinigkeiten ähnlich sahen, beide gesund, stämmig, lebensklug und lebensfähig – sie gehörten ja mir, und sind mir doch etwas fremd. Ich beruhigte sie leicht. Nur der Husten störte uns ein wenig. Ich war nicht tot, alles eher als das, aber ich war nicht hungrig, nicht durstig, ich wollte auch nicht, daß meine Frau neben mir wachte, mich interessierte meine Temperatur nicht, mein einziger Wunsch war der, tief im Bett, gut zugedeckt – und allein zu sein, mit mir selbst. Erst am nächsten Morgen erfüllte meine liebe Vally diesen Wunsch, bis dahin war sie nicht von meiner Seite gewichen. Sie wollte den Arzt benachrichtigen, der in Goigel bei der Bahn angestellt war, und inzwischen sollte mein Junge bei mir bleiben. Er kam aber nicht, glücklicherweise – offenbar ließ ihn mein Schwiegervater nicht fort. Es war sehr gut so. Meine Frau kam gegen Mittag und brachte ein Hühnchen und etwas Wein und eine Düte mit gemahlenem Kaffee mit. Die Küche war im Widerschein des Schnees von draußen sehr hell und freundlich. Ich sah den Garten, die alten Bäume. Auch das Bienenhaus und das hölzerne Gitter. Alles, was im Sommer durch das Laub verdeckt wird, konnte man jetzt sehen. Man hätte immer hier leben können. Solch eine Stille kennt man in einer großen Stadt nie. Gegen ein Uhr kam der Arzt, der mich nur schnell und etwas mechanisch untersuchte, aber des langen und breiten von seinen Fällen erzählte und ›hochgeschätzten Rat‹ von mir haben wollte. Ich tat, was ich konnte. Ich versprach sogar, zwei oder drei Augenkranke in den nächsten Tagen mit ihm zu untersuchen. Unser Name war ihm wohlbekannt, war ja mein Vater Ehrenbürger von Puschberg. Der Bahnarzt wohnte in Goigel. Vielleicht kannte er auch den Briefträger, den ich vor fünfzehn Jahren auf dem Wege von Goigel nach Puschberg kennengelernt hatte und der mir geraten hatte, aus meinem Herzen einen Strohsack zu machen? Der Bahnarzt kannte ihn gut. Er war verheiratet, hatte sieben Kinder, trank ›wie nicht gescheit‹ und lieferte die Briefe an alle möglichen Menschen aus, nur nicht an die Adressaten. Da er aber eine Tochter des Landes – die Tochter des Försters, von dem er damals abgewiesen worden war – zur Frau hatte, schützte ihn die Gemeinde, und man beschwerte sich nicht über ihn. Ich hätte gedacht, daß mich solch ein Kerl interessieren oder belustigen werde. Ich lachte aber nur mühselig, und meine Lunge schmerzte fürchterlich bei jedem Lacher. Am Abend wachte ich auf. Das Essen stand fast unberührt neben meinem Bett auf einem Tischchen, einem dreibeinigen eisernen Gartentischchen, das ich sehr gut kannte aus alten Zeiten. Meine Frau saß neben mir, einen angefangenen Strumpf in Händen, sprach zu sich selbst, strickte und weinte. Ich verstand sie nicht. Ich zwang mich ihr zuliebe zu einigen Bissen. Aber sie widerstanden mir. Sie löschte das Licht aus, sie ging, so leise sie konnte, auf dem im Lauf der Jahre modrig gewordenen Fußboden umher, hielt ihre Hand über mein Gesicht, ohne mich zu berühren. Erinnerte sie sich der Jugendsünden, als wir einander nahe gewesen waren, uns aber nicht berührt hatten? Oder wollte sie gewiß sein, daß ich noch atmete, daß ich noch nicht tot sei? Ich erwachte am nächsten Morgen vom Zuschlagen der Tür. Es wehte warm, dumpf und schon vom Frühling schwer durch das offene Fenster, die Bäume im Garten – immer noch die alten, treuen, schönen – gleißten in ihrer Nässe schwarz wie Marmorstein, ich fühlte mich gesund, jung, wie neugeboren. Auf dem Tischchen lag neben der bis an den Rand gefüllten Kaffeetasse das Thermometer, es zeigte 39,9. Vielleicht hatte ich gestern abend dieses Fieber gehabt, nun fühlte ich mich so, als hätte ich ewig zu leben. Ein Mann von fünfunddreißig hat noch viel vor sich. Ich zog mich an. Die Kleider schlotterten an mir, oder ich schlotterte in ihnen. Ich setzte mich an den Tisch. Ich versuchte etwas zu essen. Es war unmöglich. Aber ich trank viel starken Kaffee. Ich schrieb. Mittags kam der alte Geistliche. Meine Frau hat mich vorbereitet. Er kam als alter Freund, nicht als Abgesandter der katholischen Kirche. Er kam im geistlichen Gewand, aber nicht im geistlichen Dienst. Diesen Dienst versah, wie ich wohl wußte, seit Jahren sein junger Koadjutor im Ort. Die Glocken bimmelten. Das Leichenbegängnis des Pfundbauern vom Obergrund, wie er hieß, wurde begangen. ›Den Sarg hat mein Sohn geliefert‹, sagte ich stolz. ›Und den Bauern hat dein Kolleg, der Bahnarzt von Goigel, geliefert‹, sagte der uralte Pfarrer in seinem bäurischen Humor. ›Friede der armen Seele‹, sagte er zum Schluß begütigend und bekreuzigte sich, meine lächelnde, aber sehr ernste Frau und mich selbst. Meine Frau nahm ein Umschlagtuch, wie es die Bäuerinnen hier tragen und wie es ihre Mutter auch getragen hat, und ging hinauf zu dem Leichenbegängnis. Der alte Geistliche und ich blieben allein. Zuerst schlug er mir vor, Karten zu spielen, ›einen unschuldigen Zeitvertreib‹. Aber das war nicht ernst gemeint, oder war es ernst gemeint, das heißt, er wollte mit mir über mein Seelenheil sprechen. Er sprach, ich nickte, oder ich schwieg. Einmal wandte ich sogar meinen armen, heißen Kopf zur Wand, und vielleicht hätte ich ihn am liebsten unter der dicken Bettdecke versteckt. Aber wozu? Er meinte es sehr gut mit mir. ›Ein guter Katholik bist du leider nicht, aber kein schlechter Christ, aber gar kein schlechter!‹ sagte er mir. Nicht der Sinn dieser Worte, der Ton tat mir gut. Ich dachte an Evelines Tod. An den Geistlichen, der mich damals sofort nachher dazu bewogen hatte, ein Vaterunser zu sagen. Ich wollte davon sprechen, aber ich war zu müde. Ich weiß, daß die Heilung recht müde macht. Am nächsten Tag, Donnerstag, also fünf Tage nach unserer Ankunft hier, hat man mich nicht gemessen. Es muß also alle Gefahr vorüber sein. Der Koadjutor ist gekommen. Aber auch der Bürgermeister, einige leichte Patienten, zwei mit Bindehautkatarrh, ein beginnender Altersstar, dann der Lehrer, auch der Postbote. Aber dieser hat mich gar nicht erkannt. Er war wahrscheinlich nicht ganz nüchtern. Die vielen Briefe habe ich noch nicht gelesen. Es waren einige Mahnbriefe darunter. Sie müssen auch schon einige Tage alt gewesen sein. Ich dachte unaufhörlich nach. Nachts schlief ich leider nicht. Ich hustete schwer. Am Morgen war es besser, es löste sich in der Brust, und ich schlief dann gut. Das Wetter hat sich geklärt. Die Sonne scheint stark, die Vögel lärmen schon auf den Zweigen, und die Knospen schwellen an. Es liegt der richtige Frühling in der Luft. Ich werde sicher noch einige Tage zur Erholung brauchen, und ich bleibe gern hier. Ich habe auch in meiner Jugend hier die besten Tage verbracht. Ich war damals sehr glücklich, und doch kannte ich Eveline nicht. Jetzt bin ich auch glücklich. Meine Frau müht sich bei Tag und Nacht bei meiner Pflege ab. Der Arzt war sehr zufrieden mit ihr und klopft ihr immer auf die Schulter. Dann nimmt er sie mit hinaus, und ich höre ihn hinter der Tür mit ihr tuscheln. Dann kommt sie zurück, spricht und sieht durchs Fenster. Sie weiß nicht, daß ich an Eveline denke. Das Verstorbene lieben, und dem treu sein in seinem Sinn, was nun einmal nicht mehr wiederkehrt. Verschenken, was man nicht hat. Wenn es nun einmal so Freude macht. Der liebe Gott mag auch so eine Art Verschwender sein. Wissen, was man nicht sieht. Man plagt sich, aber man sieht es allerdings nicht. Der oben weiß es, aber der sagt es nicht. So hofft man eben, für die vielen Kranken und für sich selbst desgleichen. Hoffen ist gut, sehr gut, auch wenn man nicht glaubt. Und immer noch ein bißchen weiterleben. Morgen schreibe ich mehr. Ich sollte es nicht. Der Arzt sieht es nicht gern, und meine Frau möchte mir immer meine Papiere und die Feder wegnehmen. Aber Schreiben ist für mich immer eine große, unerlaubte Freude gewesen. Jetzt ist es spät am Nachmittag, aber doch recht hell noch. Es weht ein mächtiger Südwind.