Julius Verne Das Land der Pelze Erster Band Erstes Capitel. Eine Abendgesellschaft in Fort-Reliance. Um Abend des 17. März 1859 gab Kapitän Craventy im Fort-Reliance ein Fest. Mit diesen Worten verbinde aber Niemand den Begriff einer großartigen Galaversammlung, eines Hofballes, eines mit allen Glocken eingeläuteten »raout« oder den einer Festlichkeit mit großem Orchester. Der Empfang bei Kapitän Craventy war einfacher, und doch hatte dieser Nichts gespart, ihm den möglichsten Glanz zu verleihen. Wirklich hatte sich der Salon im Erdgeschoß unter der Leitung des Corporal Joliffe vollkommen verwandelt. Freilich waren die Wände, welche aus kaum behauenen, horizontal gelegten Stämmen bestanden, noch sichtbar, doch verhüllten vier in den Ecken angebrachte englische Flaggen und eine Anzahl dem Arsenale entnommene Waffen einigermaßen deren Nacktheit. Wenn sich die langen, rohen und geschwärzten Deckbalken auch kunstlos auf ihre Strebepfeiler stützten, so hingen doch dafür zwei mit Blechschirmen versehene Lampen als Kronleuchter davon herab und verbreiteten eine hinreichende Helligkeit in der dunstigen Atmosphäre des Saales. Die Fenster desselben waren schmal, und zum Theil vielmehr Schießscharten ähnlich; ihre dicht verblendeten Oeffnungen verwehrten jede Neugier, und zwei bis drei geschmackvoll daran angebrachte Stücken rothen Baumwollenstoffes erregten die Bewunderung der Eingeladenen. Der Fußboden bestand aus dicken Bohlen, welche Joliffe bei dieser Gelegenheit sorgfältig mit dem Besen gereinigt hatte. Weder Lehnsessel, noch Sophas oder Stühle, noch irgend welch' anderes Möbel stand im Wege. Holzbänke, welche in den dicken Wänden befestigt waren, roh zugehauene Klötze und zwei Tische mit stämmigen Füßen bildeten die ganze Ausrüstung des Salons; dagegen war die Zwischenwand, durch welche eine Thür nach dem Nebenzimmer führte, in außergewöhnlicher Weise reich geschmückt. An den Balken hingen, geschmackvoll angeordnet, so überreichlich Pelzfelle, daß man eine gleiche Auswahl in den Schaufenstern der Regent-Street oder Niewski-Perspective vergeblich gesucht haben würde. Alle arktischen Thierfamilien waren unter dieser Decoration durch Muster ihrer Felle vertreten. Da sah man die von Wölfen, grauen Bären, Eisbären, Ottern, Wieseln, Bibern, Moschusratten, Hermelinen und Silberfüchsen. Ueber dieser Ausstellung prangte eine Inschrift, deren Buchstaben kunstreich aus buntem Papiere ausgeschnitten waren, das Motto der weltberühmten Hudsons-Bai-Compagnie: Propelle cutem. »Wahrlich, Corporal Joliffe, sagte Kapitän Craventy zu seinem Untergebenen, Ihr habt Euch selbst übertroffen. – Ich glaub' es, Herr Kapitän, ich glaub' es selbst, erwiderte der Corporal. Aber Jedem das Seine! Ein Theil Ihrer Lobsprüche trifft Mrs. Joliffe, die mir bei alledem geholfen hat. – Das ist eine Capitalsfrau, Corporal. – Sie hat nicht ihresgleichen, mein Kapitän.« Mitten im Salon erhob sich ein ungeheurer Ofen, der halb aus Backsteinen und halb aus glasirten Kacheln aufgebaut war. Sein dickes Eisenblechrohr ging durch die Decke und verbreitete draußen dichte, schwarze Rauchwirbel. Dieser Ofen zog, prasselte und glühte bei der unausgesetzten Kohlenfütterung, die ihm der Heizer – ein speciell dazu angewiesener Soldat – zuführte. Manchmal verfing sich der Wind in der Esse, dann wälzte sich ein scharfer Rauch durch den Rost in den Salon; lange Flammen leckten an den Backsteinen in die Höhe; ein dichter Nebel verschleierte den Schein der Lampen und schwärzte die Balken der Decke. Diese kleine Unbequemlichkeit störte indeß die Gäste des Fort-Reliance nicht im Mindesten. Der Ofen spendete ja Wärme, und diese war damit nicht zu theuer erkauft, denn draußen war eine bittere Kälte, welche durch einen scharfen Nordwind doppelt fühlbar wurde. Rund um das Haus tobte der Sturm. Der Schnee, der fast in festen Stücken fiel, trommelte an den Fenstern. Der Luftzug, welcher durch die Ritzen der Thüren und Fenster einen Eingang fand, verstärkte sich manchmal bis zum hörbaren Pfeifen. Dann wurde es wieder ganz still. Die Natur schien Athem zu holen, und erhoben die Windstöße dann sich wieder mit furchtbarer Gewalt. Man fühlte das Haus in seinen Grundpfählen erzittern, hörte die Dielen krachen und die Balken seufzen. Jeder Fremdling, der weniger, als die Gäste des Fort-Reliance, an dieses Wüthen des Luftmeeres gewöhnt war, hätte sich gefragt, ob dieser Haufen von Brettern und Bohlen nicht Gefahr liefe, ganz umgerissen zu werden. Kapitän Craventy's Gäste kümmerte der Sturm aber wenig und hätte sie auch draußen eben so wenig erschreckt, wie die Sturmvögel, die dabei umherflatterten. Die Gesellschaft bestand aus etwa hundert Personen beiderlei Geschlechts; nur Zwei – zwei Frauen – zählten nicht zu dem gewöhnlichen Personal und Besuchscontingent des Forts. Zu dem Ersteren gehörte Kapitän Craventy, Lieutenant Jasper Hobson, Sergeant Long, Corporal Joliffe und etwa sechzig Soldaten und Beamte der Compagnie. Einige von diesen waren verheiratet, unter Anderen der Corporal Joliffe, der glückliche Gatte einer munteren und geschickten Canadierin; ferner ein gewisser Mac Nap, ein Schotte, und mit einer Landsmännin verheiratet, und John Raë, der sich kürzlich eine Indianerin aus der Nachbarschaft zur Frau genommen hatte. Diese ganze Gesellschaft ohne Unterschied des Ranges, Officiere, Beamte und Soldaten, wurde an diesem Abende von Kapitän Craventy festlich bewirthet. Das Personal der Compagnie lieferte aber die Festgäste nicht allein. Die Forts in der Nachbarschaft – und in solchen entlegenen Gegenden rechnet man diese bis auf hundert Meilen Entfernung – waren der Einladung des Kapitän Craventy gefolgt. Eine gute Anzahl Beamte oder Geschäftsführer waren aus Fort-Providence oder Fort-Resolution, ja sogar aus dem südlicher gelegenen Fort-Chipeway und Fort-Liard herbeigekommen. Eine so seltene Lustbarkeit und so unerwartete Zerstreuung durften sich diese Einsiedler, diese Verbannten, welche in der Einsamkeit der Borealgegenden halb verloren waren, nicht entgehen lassen. Endlich hatten auch einige Indianerchefs die ihnen zugegangene Einladung nicht abgeschlagen. Diese Eingeborenen, welche zu den Factoreien in dauernder Beziehung stehen, liefern zum größten Theil und mittelst Tauschhandel die Pelzwaaren, welche die Compagnie vertreibt. Es waren zumeist Chipeway-Indianer, starke, prächtig gebaute Menschen, die in Lederröcke und Pelzumhänge der schönsten Art gekleidet waren. Ihr halb rothes, halb schwarzes Gesicht gewährte einen Anblick, wie man ihn in Europa bei Zaubervorstellungen etwa an den Teufeln sieht. Auf ihrem Haupte thronte ein Adlerfederbusch, wie der Fächer einer Sennora, der bei jeder Bewegung ihres pechschwarzen Haares erzitterte. Diese Häuptlinge, etwa ein Dutzend an Zahl, hatten ihre Frauen nicht mitgebracht, welche bedauernswerthen »Squaws« ein Leben nicht besser als das von Sklaven führen. So war die Gesellschaft zusammengesetzt, welcher der Kapitän des Fort-Reliance seine Honneurs machte. Getanzt wurde, wegen Orchestermangels, nicht; das Büffet ersetzte aber reichlich die Lohnmusik der europäischen Bälle. Auf der Tafel erhob sich ein pyramidenförmiger Pudding, den Mrs. Joliffe hergestellt hatte; er bildete einen großen abgestumpften Kegel und war aus Mehl und Rennthier-, sowie Bisonochsenfett zusammengebaut. Vielleicht fehlte ihm die Zuthat an Eiern, Milch und Citronen, welche die Kochkünstler vorschreiben; diesen Mangel ersetzte er aber reichlich durch seine erstaunliche Größe. Mrs. Joliffe schnitt fleißig davon ab, ohne daß man deshalb eine wesentliche Verminderung der enormen Masse bemerkt hätte. Ferner figurirten sogenannte Sandwichbrödchen auf der Tafel, bei welchen freilich der Schiffszwieback die Scheiben feinen englischen Brodes ersetzen, mußte. Zwischen diese Zwiebackschnitten, welche trotz ihrer Härte den Zähnen der Chipeways nicht zu widerstehen vermochten, hatte Mrs. Joliffe erfinderischer Weise Schnitten von »corn-beef« , d. i. eine Art Pökelrindfleisch gelegt, welches den Schinken von York und die Trüffel-Gelatine der europäischen Büffets ersetzen mußte. Als Erfrischung reichte man Whisky und Gin in kleinen Zinnbechern herum, ohne des riesigen Punsches zu gedenken, der ein Fest beschließen sollte, von dem die Indianer in ihren Wigwams gewiß noch lange sprachen. Wie viele Lobsprüche ernteten die Joliffe'schen Eheleute an diesem Abende! Aber welche Thätigkeit und Liebenswürdigkeit entfalteten sie auch! Sie schienen sich zu vervielfältigen. Mit welcher Freundlichkeit besorgten sie die Vertheilung der Herzstärkungen; sie erwarteten die Wünsche eines Jeden gar nicht, sie kamen ihnen zuvor. Niemand kam dazu, Etwas zu verlangen oder nur zu wünschen. Den Sandwichbrödchen folgten die Schnitten des unerschöpflichen Puddings, dem Pudding der Gin und der Whisky. »Nein. ich danke, Mrs. Joliffe. – Sie sind zu gütig, Corporal, lassen Sie mich nur einmal zu Athem kommen. – Mrs. Joliffe, ich versichere Ihnen, daß ich ersticke! – Corporal Joliffe, Sie machen aus mir, was Sie wollen. – Nein, jetzt nicht, Mistreß, ich bin es nicht im Stande.« Der Art waren die fast stehenden Antworten, welche sich das glückliche Ehepaar zuzog. Der Corporal und sein Weib nöthigten aber so herzhaft, daß ihnen auch die Widerspenstigsten den Willen thun mußten. Man aß ohne Unterlaß und trank eben immer. Die Unterhaltung ward munter; Soldaten und Beamte wurden lebendiger. Hier sprach man von der Jagd, dort vom Handel. Was gab es da für Pläne für die kommende Saison! Die ganze Thierwelt der arktischen Regionen hätte die kühnen Nimrods nicht befriedigen können. Schon fielen Bären, Füchse und Bisonochsen unter ihren Kugeln. Biber, Hermeline, Wiesel und Marder fingen sich in ihren Fallen zu Tausenden. Die kostbarsten Pelze füllten die Magazine der Compagnie, welche in diesem Jahre einen ganz unerwarteten Segen einheimste. Während die reichlich fließenden Liqueure aber die Einbildung der Europäer erhitzten, ließen die ernsten und schweigsamen Indianer, welche zu stolz sind, um zu bewundern, und zu vorsichtig, um leichtsinnig zu versprechen, jene geläufigen Zungen schwatzen und vertilgten nur in großer Menge das »Feuerwasser« des Kapitän Craventy. Dieser selbst, glücklich über den Jubel und befriedigt, daß sich diese armen Leute, welche fast außerhalb der bewohnten Erde dahinleben, einmal ergötzten, ging voller Freude unter seinen Gästen umher, antwortete aber auf alle Fragen, welche bezüglich des Festes an ihn gerichtet wurden, mit: »Fragen Sie Joliffe! Immer nur Joliffe!« Joliffe hatte aber auf jede Frage eine freundliche Antwort. Von den Personen nun, welche eigentlich zum Fort-Reliance gehörten, müssen wir Einige naher betrachten, da wir sie in so schrecklichen Verhältnissen, wie keine menschliche Voraussicht sie erwarten konnte, wiederfinden werden. Es sind dies aber: der Lieutenant Jasper Hobson, Sergeant Long, das Joliffe'sche Ehepaar, und zwei weibliche Fremdlinge, denen zu Ehren der Kapitän jene Festlichkeit veranstaltet hatte. Lieutenant Hobson war ein Mann von vierzig Jahren. Klein und mager, besaß er keine besondere Körperkraft, seine geistige Energie half ihm aber über alle Prüfungen und Unfälle hinaus. Er war ein »Kind der Compagnie«. Sein Vater, Major Hobson, ein Irländer aus Dublin, war erst seit einigen Jahren todt, nachdem er sehr lange Zeit mit Mrs. Hobson auf Fort-Assiniboine gewaltet hatte. Dort war auch Jasper Hobson geboren. Dort, am Fuße felsiger Berge, verlebte er seine Kindheit und Jugend. Bei dem strengen Unterrichte Major Hobson's ward er durch seine Kaltblütigkeit und seinen Muth zum »Manne«, als er den Jahren nach noch Jüngling war. Jasper Hobson war kein Jäger, aber ein Soldat, ein tüchtiger und gebildeter Officier. Während der Kämpfe, welche die Compagnie in Oregon gegen rivalisirende Compagnien zu bestehen hatte, zeichnete er sich durch seine Kühnheit ebenso, wie durch seinen Eifer aus, und avancirte bald zum Lieutenant. In Folge seiner anerkannten Verdienste war er eben zum Befehlshaber einer Expedition nach dem hohen Norden ausersehen worden. Diese Expedition sollte die Gegenden nördlich vom »See des Großen Bären« erforschen, und an der Küste des amerikanischen Festlandes ein Fort errichten. Lieutenant Jasper Hobson's Abreise hatte in den ersten Tagen des April zu erfolgen. Bot nun der Lieutenant das vollkommene Bild eines Officiers, so war dagegen Sergeant Long, ein Mann von fünfzig Jahren, dessen röthlicher Bart aus Kokosfasern zu bestehen schien, der Urtypus eines Soldaten; eine wackere Natur, gehorsam von Temperament, kannte er nur seine Ordre, grübelte über keinen noch so sonderbaren Befehl, und dachte an nichts Anderes, sobald es sich um den Dienst handelte; eine wahre Maschine in Uniform war er doch eine vollkommene, welche sich nicht abnutzte, immer im Gange blieb, und nie ermüdete. Dabei war Sergeant Long gegen seine Leute, aber auch gegen sich selbst, etwas hart. Er duldete nicht die geringste Lockerung der Disciplin, und machte unerbittlich von dem geringsten Fehler Meldung, wogegen wider ihn nie eine Anzeige eingelaufen war. Er commandirte wohl, weil er als Sergeant das mußte, aber man sah, daß er nur ungern Befehle ertheilte. Mit einem Worte, er war nur zum Gehorchen erschaffen, und diese Verneinung seines eigenen Ichs ihm ganz in Fleisch und Blut übergegangen. Aus solchen Leuten bildet man die furchtbaren Armeen. Sie sind nur Arme, welche einem Kopfe gehorchen. Liegt aber darin nicht die wahrhafte Organisation der Kraft? Die Fabel hat zwei Bilder erfunden: Briareus mit hundert Armen und die Hydra mit hundert Köpfen. Wenn diese beiden Ungeheuer mit einander kämpften, wer trüge den Sieg davon? – Briareus. Corporal Joliffe ist schon etwas bekannt. Er war schon mehr eine schwärmende Fliege, aber man ergötzte sich bei deren Summen. Zu einem Haus- und Hofmeister eignete er sich besser, als zum Soldaten, und wußte das auch selbst. Mit Vorliebe nannte er sich den »Corporal für alles Mögliche«, aber dabei wäre er hundertmal nicht zurecht gekommen, hätte ihn nicht die sichere Hand der kleinen Mrs. Joliffe geleitet. Daraus folgt, daß der Corporal, ohne es zuzugestehen, nach seines Weibchens Pfeife tanzte, wobei er wohl mit dem Philosophen Sancho denken mochte: »An dem Rathschlage einer Frau ist zwar nicht viel, aber ein Thor ist, wer gar nicht auf einen solchen merkt.« Das fremde Element der Abendgesellschaft war, wie erwähnt, durch zwei Frauen, im Alter von etwa vierzig Jahren, repräsentirt. Die Eine derselben verdiente mit Recht in der Reihe der berühmtesten weiblichen Reisenden zu stehen. Als Rivalin der Ida Pfeiffer, der Tinné, der Haumaire de Hell, wurde auch Paulina Barnett's Name in den Sitzungen der Königlich Geographischen Gesellschaft häufig ehrenvoll erwähnt. Paulina Barnett hatte auf ihrem Zuge längs des Bramaputra bis zu den Gebirgsstöcken Tibets, und bei einem solchen durch unbekannte Theile Australiens, nämlich von der Bai der Schwäne bis zum Golf von Carpentaria, alle Eigenschaften einer großen Reisenden entfaltet. Sie war eine Frau von hohem Wuchse, seit fünfzehn Jahren Witwe, welche die Leidenschaft zu reisen immerfort durch unbekannte Länder jagte. Ihr von langen Bändern umrahmter, stellenweise schon ergrauter Kopf brachte eine stählerne Energie zum Ausdruck. Ihre etwas kurzsichtigen Augen verbargen sich hinter einem silbernen Lorgnon, welches seinerseits auf einer langen, geraden Nase aufsaß, deren bewegliche Flügel »nach der Weite zu trachten« schienen. Ihr Auftreten war freilich etwas männlich, und ihre ganze Erscheinung athmete weniger Liebreiz, als moralische Kraft. Sie war eine reiche Engländerin aus der Grafschaft York und verwendete einen großen Theil ihres Vermögens auf abenteuerliche Reisen. Auch wenn sie sich jetzt in Fort-Reliance befand, kam das daher, daß eine neue Entdeckungsfahrt sie dorthin verschlagen hatte. Nach Durchstreifung der Tropenregionen wollte sie nun zweifellos bis an die letzten Grenzen der Polarländer vordringen. Ihre Gegenwart im Fort galt als ein Ereigniß. Der Director der Compagnie hatte sie dem Kapitän Craventy schriftlich speciell empfohlen. Dieser sollte, nach dem Inhalte des Briefes, die Absicht der berühmten Reisenden, nach den Küsten des Eismeeres zu ziehen, nach Kräften fördern. Welch' großes Unternehmen! Es galt, den Weg eines Hearne, Mackenzie, Raë und Franklin einzuschlagen. Welche Mühen und Prüfungen, welche Kämpfe gegen die in den Polarländern so schreckliche Natur standen damit bevor! Wie konnte ein Weib sich dahin wagen, wo so viele Forscher umgekehrt oder untergegangen waren? Aber die Fremde, welche jetzt schon bis nach Fort-Reliance gekommen war, war kein gewöhnliches Weib, es war eben Paulina Barnett, die Preisgekrönte der Royal Society. Wir fügen hinzu, daß die berühmte Reisende in ihrer Begleiterin, Namens Madge, mehr als eine Dienerin, eher eine muthige, ergebene Freundin besaß, welche nur für sie lebte, eine Schottin aus der guten alten Zeit, die ein Caleb ohne langes Besinnen hätte heiraten können. Madge war noch einige Jahre älter, als ihre Herrin, dabei groß und von gesundem Holze gezimmert. Madge duzte Paulina, wie diese Madge. Paulina betrachtete Letztere mehr als ältere Schwester, Madge aber Paulina als ihre Tochter. Alles in Allem machten Beide nur ein zusammengehöriges Wesen aus. Zu Ehren dieser Paulina Barnett also bewirthete Kapitän Craventy an jenem Abende seine Beamten und die Indianer vom Stamme der Chipeways. Die Reisende sollte sich dann dem Detachement des Lieutenants Jasper Hobson auf dessen Erforschungsreise nach dem Norden anschließen. Für Paulina Barnett ertönte der große Salon der Factorei von kräftigen Hurrahs. Wenn der Ofen an diesem denkwürdigen Abend einen Centner Kohlen consumirte, so lag das daran, daß draußen eine Kälte von vierundzwanzig Grad Die Temperaturangaben beziehen sich im Folgenden auf Celsiusgrade, (100° Celsius = 80° Réaumur.) – Unter Meilen sind englische zu verstehen, von denen 4, 611 einer geographischen, 4, 681 einer österreichischen Meile gleich sind. herrschte, und Fort-Reliance unter 61° 47", also weniger als fünf Grade vom Polarkreise lag. Zweites Capitel. Hudson's bay fur Company. »Herr Kapitän? – Mistreß Barnett. – Was denken Sie von Ihrem Lieutenant, Herrn Jasper Hobson? – Ich halte ihn für einen Officier, der weit vordringen wird. – Was verstehen Sie unter den Worten, weit vordringen? Wollen Sie damit sagen, daß er den achtzigsten Breitengrad überschreiten wird?« Der Kapitän Craventy konnte sich bei dieser Frage Mrs. Barnett's des Lächelns nicht erwehren. Er und sie plauderten nahe dem Ofen, während die Eingeladenen zwischen dem Tische mit Speisen und dem mit Erfrischungen hin- und hergingen. »Madame, erwiderte der Kapitän, Alles, was einem Manne möglich ist, wird Jasper Hobson thun. Die Compagnie hat ihn mit der Durchforschung ihrer nördlichsten Besitzungen und der Errichtung einer Factorei, möglichst nahe der Nordküste Amerikas beauftragt, und das wird er auch ausführen. – Da ruht aber eine große Verantwortlichkeit auf dem Lieutenant Hobson, sagte die Reisende. – Ja, Madame, doch ist Jasper Hobson nie vor der Durchführung eines Versuches, und wenn dieser auch noch so mühsam war, zurückgeschreckt. – Ich glaube Ihnen, Kapitän, antwortete Mrs. Paulina, und ich werde ja diesen Lieutenant in Thätigkeit sehen. Welches Interesse treibt aber die Compagnie, auch an der Küste des Arktischen Oceans noch ein Fort zu errichten? – O, ein sehr großes Interesse, Madame, um nicht zu sagen, ein doppeltes. Voraussichtlich wird Rußland in nächster Zeit seine amerikanischen Besitzungen der Regierung der Vereinigten Staaten abtreten. Ist inzwischen wirklich geschehen. Tritt diese Cession ein, so wird der Handel der Compagnie nach dem Pacifischen Ocean hin wesentlich erschwert, wenn die von Mac Clure entdeckte nordwestliche Durchfahrt keinen brauchbaren Seeweg bieten sollte. Darüber müssen erst neue Untersuchungen Licht geben, und die Admiralität rüstet eben ein Schiff aus, dessen Aufgabe es sein wird, von der Behrings-Straße aus längs der amerikanischen Küste bis zum Krönungs-Golf an der Ostgrenze, wo das neue Fort gegründet werden soll, hinzufahren. Gelingt das Vorhaben, so wird dieser Punkt zu einer sehr wichtigen Factorei werden, in der sich der ganze Rauchwaarenhandel des Nordens concentriren müßte. Und während der Transport der Pelze über die Indianer-Territorien sehr viel Zeit und hohe Spesen kostet, könnten flinke Dampfer den Stillen Ocean von jenem Fort aus in wenigen Tagen erreichen. – Das wäre freilich, erwiderte Mrs. Paulina Barnett, ein schwerwiegender Erfolg, wenn die Nordwest-Passage überhaupt benutzbar ist. Doch Sie sprachen, glaub' ich, von einem doppelten Interesse? – Das zweite Interesse, fuhr der Kapitän fort, berührt gewissermaßen eine Lebensfrage der Compagnie. Hierzu muß ich Sie jedoch um die Erlaubniß bitten, Ihnen deren Ursprung mit kurzen Worten zu berichten. Sie werden daraus abnehmen können, wie diese einst so blühende Handelsverbindung jetzt in ihrer Wurzel bedroht ist.« In wenigen Worten erzählte also der Kapitän die Geschichte dieser weitberühmten Compagnie. Es ist bekannt, daß der Mensch schon in den ältesten Zeiten nach den Fellen und Pelzen gewisser Thiere trachtete, um sie zu seiner Kleidung zu verwenden. Der Rauchwaarenhandel reicht also bis in das hohe Alterthum zurück. Der Kleiderluxus ging ja manchmal so weit, daß mehrere Male sogenannte Aufwands-Gesetze (Kleiderordnungen) erlassen wurden, um dieser Mode, welche vorzüglich in Pelzwaaren Verschwendung trieb, zu steuern. So mußte z. B. das graue Pelzwerk im zwölften Jahrhundert verboten werden. Im Jahre 1553 gründete Rußland in seinen Steppen des Nordens mehrere Niederlassungen, und englische Compagnien folgten bald diesem Beispiele. Der Handel mit Zobel, Hermelin, Viber u. s. w. wurde damals durch die Samojeden vermittelt. Unter der Regierung Elisabeth's aber wurde der Gebrauch kostbarer Pelzwaaren durch ein königliches Verbot streng verpönt, und einige Jahre lag diese Handelsbranche völlig brach. Am 2. Mai 1670 erhielt dann die Pelzwaaren-Compagnie der Hudsons-Bai ein Privilegium. Diese Compagnie hatte eine Anzahl Theilhaber aus den höchsten Kreisen, wie den Herzog von York, den Herzog von Albemarle, den Grafen von Shaftesbury u. s. w. Ihr Capital betrug anfangs nur 8400 Pfund Sterling. – Als Rivalen hatte sie besondere Genossenschaften, deren französische, in Canada seßhafte Agenten oft sehr abenteuerliche, aber auch ergiebige Züge unternahmen. Die unerschrockenen Jäger, welche unter dem Namen der »Canada-Reisenden« bekannt sind, machten der jungen Compagnie eine derartige Concurrenz, daß deren Fortbestand ernstlich in Zweifel gestellt wurde. Die Eroberung von Canada aber veränderte diese bedrohliche Sachlage. Drei Jahre nach der Einnahme von Quebec, im Jahre 1766, blühte der Rauchwaarenhandel sehr merkbar auf. Die englischen Factore hatten sich in die Schwierigkeiten dieses Geschäftes eingelebt, sie kannten nun die Landessitten, die Gewohnheiten der Indianer und das Verfahren, welches diese bei ihrem Tauschhamdel einhielten. Dennoch war von Erträgnissen der Compagnie noch keine Rede. Dazu waren, gegen 1784, Kaufleute aus Montreal zur Ausbeutung desselben Geschäftes zusammengetreten, und hatten die mächtige »Compagnie des Nordwestens« gegründet, welche bald Alles zu sich heranzog. Im Jahre 1798 belief sich der Umsatz dieser neuer Compagnie auf die enorme Ziffer von hundertundzwanzig Millionen Pfund Sterling, während die Hudsons-Bai-Compagnie noch um ihren Fortbestand kämpfte. Freilich schreckte jene Compagnie des Nordwestens auch vor keiner Immoralität zurück, wenn ihr Interesse im Spiele war. Sie beutete ihre eigenen Beamten aus, speculirte auf das Elend der Indianer, mißhandelte sie, machte sie trunken, um sie zu berauben, und übertrat das Parlamentsverbot, welches den Verkauf von Spirituosen in den Gebieten der Eingeborenen untersagte. So ernteten die Agenten dieser Gesellschaft reiche Erträgnisse, trotz der Concurrenz der inzwischen gegründeten amerikanischen und russischen Handelsgesellschaften, unter Anderen der »Amerikanischen Rauchwaaren-Compagnie«, welche 1809 mit dem Kapitale von einer Million Dollars gegründet worden war und den Westen der Felsengebirge ausbeutete. Von allen Gesellschaften blieb die Hudsons-Bai-Compagnie die bedrohteste, bis sie im Jahre 1821 nach lange hingezogenen Verhandlungen ihre alte Rivalin, die Compagnie des Nordwestens, in sich aufnahm, und sich nun »Hudson's bay fur Company« nannte. Heutzutage hat diese mächtige Gesellschaft keine andere Rivalin, als die »Amerikanische Pelzwaaren-Compagnie von St. Louis«. Sie besitzt zahlreiche Etablissements, welche auf einem Raume von 3,700,000 Quadratmeilen verstreut liegen. Ihre Hauptfactoreien befinden sich an der James-Bai, an der Mündung des Severn, im südlichen Theile und nahe den Grenzen von Ober-Canada, an den Seen Athapeskow, Winnipeg, Supervior, Methye, Buffalo, ferner an den Strömen Colombia, Mackenzie, Saskatchavan, Assinipoil u. s. w. Fort-York, welches den Nelson-Fluß, der in die Hudsons-Bai mündet, beherrscht, bildet das Hauptquartier der Compagnie, bei dem sich die ausgedehntesten Rauchwaarenmagazine befinden, daneben hat sie, seit 1842, gegen eine jährliche Entschädigung von 200,000 Francs die russischen Etablissements im Norden Amerikas übernommen. Sie beutet also für eigene Rechnung die ungeheuren Ländereien zwischen dem Mississippi und dem Stillen Weltmeere aus. Nach allen Richtungen hat sie unerschrockene Reisende entsendet, so Hearn nach dem Polarmeere, welcher 1770 Copernicia entdeckte; Franklin, von 1819 bis 1822, über 5550 Meilen des amerikanischen Küstenlandes; Mackenzie, welcher nach der Entdeckung des Flusses, der seinen Namen trägt, die Ufer des Stillen Oceans unter 52° 24' nördlicher Breite erreichte. Von 1833 bis 1834 sendete sie folgende Massen von Häuten und Pelzfellen nach Europa, welche den erstaunlichen Umfang ihres Handels genau angeben: Biber ....... 1,074 Seehunde und junge Biber. 92,288 Bisams ....... 694,092 Dachse ....... 1,069 Bären ....... 7,451 Hermelins ...... 491 Iltisse ....... 5,296 Füchse ....... 9,937 Luchse ....... 14,255 Marder ....... 64,490 Nerze ....... 25,100 Fischottern ...... 22,303 Waschbären ...... 713 Schwäne ...... 7,918 Wölfe ....... 8,484 Vielfraße ...... 1,571 Eine solche Production mußte der Gesellschaft wohl einen reichen Ertrag liefern; unglücklicher Weise waren aber solche Ziffern nicht beständig, und etwa seit zwanzig Jahren nahmen sie fortwährend ab. Woher kam nun diese Abnahme, welche Kapitän Craventy jetzt Mrs. Barnett erklärte? »Bis zum Jahre 1837, Madame, sagte er, konnte man den Zustand der Compagnie einen blühenden nennen. In eben diesem Jahre hatte sich der Export bis auf 2,358,000 Felle erhoben. Seitdem hat er sich aber stets vermindert, und erreicht jetzt kaum die Hälfte. – Worin suchen Sie aber die Ursache hierfür? fragte Mrs. Paulina Barnett. – In der Entvölkerung, welche die Thätigkeit der Jäger, und, fügen wir hinzu, die Sorglosigkeit derselben in den Jagdgebieten erzeugt hat. Man stellte dem Wilde nach und tödtete es ohne Schonzeit. Die Metzeleien vollzogen sich ohne Ausnahmen. Selbst die Jungen und die tragenden Weibchen wurden nicht verschont. Die Otter ist fast ganz verschwunden und findet sich nur nahe den Inseln des höchsten Nordens. Die Biber sind in kleinen Gesellschaften an die Ufer der entlegensten Ströme entflohen. Dasselbe ist mit anderen kostbaren Thieren der Fall, welche vor dem Andringen der Jäger entfliehen mußten. Die sonst immer gefüllten Fallen und Gruben sind jetzt leer. Der Preis der rohen Felle steigt, gerade wo die Pelzwaaren sehr gesucht sind. Auch verlieren die Jäger die Lust, und nur die Kühnsten und Unermüdlichen dringen noch bis zu den Grenzen des amerikanischen Festlandes vor. – Ich begreife jetzt das Interesse, sagte Mrs. Paulina Barnett, welches die Compagnie an der Gründung einer Factorei an der Küste des Eismeeres hat, da sich die jagdbaren Thiere über den Polarkreis hinaus geflüchtet haben. – So ist es, Madame, antwortete der Kapitän. Uebrigens mußte sich die Compagnie bald entschließen, den Mittelpunkt ihrer Thätigkeit mehr nach Norden zu verlegen, da vor zwei Jahren eine Parlamentsacte ihr Jagdgebiet wesentlich eingeschränkt hat. – Und was konnte der Grund dieser Einschränkung sein? fragte die Reisende. – Ein sehr wichtiger nationalökonomischer war es, Madame, der die Staatsmänner Großbritanniens lebhaft berühren mußte. Die Mission der Kompagnie ist offenbar keine civilisatorische gewesen; im Gegentheil. In ihrem eigenen Interesse mußte sie den Zustand der öden Landgebiete in Gleichem erhalten. Jeder Versuch einer Urbarmachung, welche die Pelzthiere verscheucht hätte, wurde unerbittlich von ihr unterdrückt. Ihr Monopol ist der Feind des Landbaues. Alle seiner Industrie fremden Fragen wurden von ihrem Verwaltungsrathe von der Hand gewiesen. Dieses absolute, und von gewissem Gesichtspunkte unmoralische Regime hat jene Maßnahme des Parlaments veranlaßt und eine im Jahre 1857 von dem Secretär der Colonien ernannte Commission entschied dahin, daß alle zum Ackerbau geeigneten Ländereien zu Canada geschlagen würden, wie die Territorien des Rothen, und die Districte des Saskatchavan-Flusses, während der Gesellschaft fernerhin nur diejenigen Strecken als Domäne zu überlassen seien, welche für die Civilisation keine Zukunft hätten. Im folgenden Jahre verlor die Compagnie die Abhänge der Felsen-Gebirge, welche nun direct unter dem Colonialamte stehen und der Jurisdiction der Hudsons-Bai-Compagnie entzogen wurden. Und deshalb, Madame, will die Compagnie, statt ihren Handel aufzugeben, die noch fast unbekannten nördlichen Gegenden ausbeuten, und Mittel und Wege zu einer Verbindung mit dem Pacifischen Oceane suchen.« Mrs. Paulina Barnett war über diese Projecte der berühmten Handelsgesellschaft sehr zufrieden. Sie sollte in Person an der Gründung eines neuen Forts an der Küste des Eismeeres theilnehmen. Kapitän Craventy hatte sie mit der Sachlage völlig bekannt gemacht, und bald wäre er – denn er plauderte gern – auch noch auf weitere Einzelheiten eingegangen, wenn ihm nicht ein Zufall das Wort abschnitt. Corporal Joliffe meldete nämlich mit lauter Stimme an, daß er mit Mrs. Joliffe's Hilfe daran gehe, den Punsch zu bereiten. Diese Nachricht fand die verdiente Würdigung. Die Bowle – doch es war vielmehr ein Bassin – war mit dem köstlichen Naß gefüllt; sie enthielt nicht weniger, als zehn Maß Branntwein, auf dem Boden lag ein ganzer Haufen Zucker und auf der Oberfläche schwammen die nöthigen, freilich vor Alter schon runzlichen Citronen. Es bedurfte nur noch der Entzündung dieses Sees von Alkohol, und der Corporal wartete, mit der Lunte in der Hand, der Befehle seines Kapitäns, so als gelte es eine Mine anzuzünden. »Los! Joliffe!« rief nun Kapitän Craventy. Sofort flammte unter dem Jubel der Umstehenden das Meer von Punsch in die Höhe. Zwei Minuten später wurden die gefüllten Gläser umhergereicht, welche stets eifrige Abnehmer fanden. »Hurrah! Hurrah! Der Mrs. Paulina Barnett! Ein Hurrah für unseren Kapitän!« Mitten in diesen Freudenlärmen ertönte da plötzlich ein Geschrei von außerhalb. Erstaunt schwieg die Gesellschaft. »Sergeant Long, sehen Sie nach, was draußen vorgeht«, sagte der Kapitän. Und auf den Befehl seines Chefs ließ der Soldat sein Glas halb ausgetrunken stehen und verließ den Salon. Drittes Capitel. Ein aufgethauter Gelehrter. Als Sergeant Long in dem engen Gange war, auf welchen sich die Außenthüre des Forts öffnete, hörte er die Rufe sich verdoppeln. Irgend Jemand klopfte auch heftig an das Ausfallsthor, welches zu dem von hohen Holzmauern geschützten Hofe den Zugang bildete. Der Sergeant stieß die Thür auf. Ein fußhoher Schnee bedeckte den Boden. Bis an die Kniee in diese weiße Decke sinkend, blind vom Schneewirbel, und geschüttelt von der eisigen Kälte ging jener quer über den Hof auf das Thor zu. »Wer, zum Kukuk, mag nur bei diesem miserablen Wetter noch kommen! sagte sich Sergeant Long und hob methodisch, um nicht zu sagen »reglementmäßig« die schweren Schließbalken des Thores aus, – bei einer solchen Kälte wagen sich doch nur Eskimos heraus. – Aufmachen! Aufmachen! drängte von draußen eine Stimme. – Es wird schon aufgemacht«, antwortete Sergeant Long, der allerdings seine zwölf Tempos zum Oeffnen zu brauchen schien. Endlich schlugen sich die Thorflügel nach Innen auf, wobei den Sergeanten ein Schlitten halb in den Schnee schleuderte, welcher mit einer Bespannung von sechs Hunden wie ein Blitz hereinfuhr. Fast wäre der wackere Long überfahren worden. Doch erhob er sich ohne Murren, schloß das Thor wieder und kam in gewöhnlichem Marschirtempo, das heißt mit fünfundsiebenzig Schritt per Minute, an das Hauptgebäude nach. Schon waren Kapitän Craventy, Lieutenant Jasper Hobson und Corporal Joliffe da, welche, der entsetzlichen Kälte trotzend, den überschneiten Schlitten betrachteten, der vor ihnen hielt. Soeben entstieg demselben ein dick in Pelze verpackter Mann. »Das Fort-Reliance? fragte dieser. – Ist hier, antwortete der Kapitän. – Der Kapitän Craventy? – Bin ich; und Sie? – Ein Courier der Compagnie. – Allein? – Nein, ich bringe einen Reisenden. – Einen Reisenden? Und was will er hier? – Er will den Mond sehen.« Bei dieser Antwort fragte sich der Kapitän, ob er es mit einem Tollhäusler zu thun habe, was in Anbetracht der begleitenden Umstände nicht unwahrscheinlich war. Jetzt hatte er aber keine Zeit, darüber nachzudenken. Der Courier hatte eine schwere Masse, eine Art schneebedeckten Sack, von dem Schlitten gezogen, den er Anstalt traf, in das Haus zu bringen, als der Kapitän ihn fragte: »Was ist's mit diesem Sacke? – Das ist mein Reisender. – Und wer ist er? – Der Astronom Thomas Black. – Aber er ist erfroren! – Nun, dann thauen wir ihn wieder auf.« Von den Händen des Sergeanten, des Corporals und des Couriers getragen, hielt Thomas Black seinen Einzug in das Haus, wo man ihn in einem Zimmer des ersten Stockwerks niederlegte, dessen Temperatur in Folge eines wohlgeheizten Ofens eine ganz erträgliche war. Dort legte man ihn auf ein Bett, und der Kapitän ergriff seine Hand. Diese Hand war buchstäblich gefroren. Man löste die Decken und Pelzhüllen, welche Thomas Black, der wie ein Packet verschnürt war, umschlossen, und fand darunter einen dicken, kleinen Mann von gegen fünfzig Jahren, mit graulichen Haaren und struppigem Barte, dessen Augen geschlossen und dessen Lippen zusammengepreßt waren, als wären sie mit Leim verbunden. Dieser Mann athmete gar nicht, oder doch nur so schwach, daß er dadurch keinen Spiegel getrübt hätte. Joliffe entkleidete ihn weiter, und wendete und drehte ihn immer hin und her mit den Worten: »Nun vorwärts, mein Herr! Wollen Sie denn nicht wieder zu sich kommen?« Die also angeredete Persönlichkeit schien aber nur noch ein Leichnam zu sein. Um in ihm die entschwundene Wärme wieder zurückzurufen, fand Joliffe nur ein heroisches Mitttel, welches darin bestand, den Patienten in den heißen Punsch zu tauchen. Ohne Zweifel zum Glücke für Thomas Black kam Lieutenant Jasper Hobson auf einen anderen Gedanken. »Schnee her! befahl er. Sergeant Long, schaffen Sie einige Hände voll Schnee!« Im Hofe von Fort-Reliance war daran kein Mangel. Während der Sergeant den verlangten Schnee zu holen ging, kleidete Joliffe den Astronomen vollends aus. Der Körper des Unglücklichen zeigte sich mit weißen Flecken bedeckt, welche auf ein tiefes Eindringen der Kälte in den Organismus hinwiesen. Gewiß war es die höchste Zeit, den ergriffenen Stellen wieder Blut zuzuführen, was Jasper Hobson durch kräftige Abreibungen mittels Schnee zu erreichen hoffte. Bekanntlich bedient man sich in den Polargegenden ganz allgemein dieses Mittels, um die Blutcirculation wieder herzustellen, welche eine übermäßige Kälte eben so hemmt, wie sie das Wasser der Flüsse zum Stehen bringt. Sergeant Long war zurückgekommen, und er und Joliffe frottirten nun den neuen Ankömmling auf eine Weise, die dieser vorher sicher nicht gewöhnt war. Es war das kein sanftes Abreiben oder Einsalben mehr, sondern ein handfestes Kneten, das mehr etwa an die Bearbeitung mit einer Striegel, als mit der Hand erinnerte. Während dieser Operation sprach der schwatzhafte Corporal immer auf den Reisenden, der ihn doch nicht hören konnte. »Nun aber vorwärts, mein Herr! Was ist Ihnen nur eingefallen, sich dermaßen durchfrieren zu lassen. So seien Sie doch nicht so halsstarrig!« Jedenfalls blieb Thomas Black zunächst noch halsstarrig, denn eine halbe Stunde verging noch ohne ein Lebenszeichen von seiner Seite. Schon wollte man daran verzweifeln, daß er wieder zu beleben sei, und die Massirenden gedachten eben ihre anstrengenden Versuche aufzugeben, als der arme Mann leise aufseufzte. »Er lebt! Er erholt sich!« rief freudig Jasper Hobson. Nach Wiedererwärmung der Körperoberfläche durch jene Frictionen durfte man auch die inneren Organe nicht vergessen. Corporal Joliffe beeilte sich demnach, einige Gläser Punsch herbeizuschaffen, die dem Reisenden sehr wohl zu thun schienen. Seine Wangen bekamen wieder Farbe, seine Augen den Blick, seine Lippen die Sprache, und der Kapitän durfte endlich auf die Mittheilung hoffen, warum Thomas Black hierher, und das in so jämmerlichem Zustande gekommen war. Der nun wieder warm zugedeckte Thomas Black richtete sich halb empor, stützte sich auf einen Ellenbogen und sagte mit schwacher Stimme: »Fort-Reliance? – Ist hier, erwiderte der Kapitän. – Der Kapitän Craventy? – Bin ich selbst, mein Herr, der Sie hier willkommen heißt. Doch darf ich fragen, was Sie nach Fort-Reliance führte? – Er will den Mond sehen!« fiel der Courier ein, der beharrlich bei dieser Antwort blieb. Sie schien übrigens Thomas Black zu befriedigen, denn er nickte beifällig mit dem Kopfe. Dann fuhr er fort: »Der Lieutenant Hobson? – Steht auch vor Ihnen. – Also noch nicht abgereist? – Wie Sie sehen, noch nicht, mein Herr. – Schön, schön, mein Herr, versetzte Thomas Black, dann habe ich zunächst Ihnen nur noch zu danken und bis morgen auszuschlafen.« Der Kapitän zog sich mit seinen Begleitern zurück und überließ den Sonderling der so nothwendigen Ruhe. Eine halbe Stunde später war das Abendfest zu Ende und Alle suchten ihre betreffenden Wohnungen auf, entweder im Fort selbst, oder in einigen kleinen Baulichkeiten, welche außerhalb desselben in der Nähe lagen. Am anderen Tage war Thomas Black annähernd wieder hergestellt. Seine kräftige Konstitution hatte der furchtbaren Kälte widerstanden. Ein Anderer wäre wohl nicht aufgethaut, aber Er war eben von besserem Holze geschnitzt. Doch wer war dieser Astronom? Woher kam er? Wozu diese Reise durch die Compagnieländereien, und das jetzt, noch während des strengen Winters? Was bedeutete die Antwort des Couriers, den Mond zu sehen? War denn der Mond nicht überall sichtbar und hatte es einen Zweck, ihn hier im hohen Norden zu suchen? Diese Fragen stellte sich Kapitän Craventy. Als er jedoch Tags nachher ein Stündchen mit seinem neuen Gast gesprochen hatte, war er sich über alle im Klaren. Thomas Black war in der That Astronom und zwar an der von Airy mit so großem Geschick geleiteten Sternwarte von Greenwich. Ein mehr intelligenter und kluger Kopf, als Theoretiker, hatte Thomas Black seit den vierundzwanzig Jahren, die er seine Stelle schon einnahm, den uranographischen Wissenschaften (d.i. der Himmelskunde) sehr große Dienste geleistet. Im Privatleben war er ein ganz unbrauchbarer Mensch, der außerhalb seiner astronomischen Fragen gar nicht existirte und mehr im Himmel als auf der Erde wohnte; ein würdiger Abkomme des gelehrten La Fontaine, der bekanntlich in einen Ziehbrunnen fiel. Mit ihm war keine Unterhaltung möglich, wenn man nicht von Sternen und Sternbildern sprach. Er war ein Mann, geschaffen, gleich im Fernrohr zu leben. Aber wenn er beobachtete, that es ihm auch Keiner gleich. Welch' unerschöpfliche Geduld hatte er dann! Ganze Monate lang konnte er nach einem kosmischen Phänomen auf der Lauer liegen. Meteore und Sternschnuppen bildeten seine Specialität, und seine Entdeckungen in dieser Richtung sind von bleibendem Werthe. Handelte es sich um ganz feine Beobachtungen oder genaue Messungen und Bestimmungen, so wandte man sich stets an Thomas Black, der eine sehr merkwürdige »Gewandtheit des Blickes« besaß. Beobachten zu können ist nicht Jedermanns Sache. So nimmt es nicht Wunder, daß der Greenwicher Astronom ausersehen worden war, die nachfolgenden Beobachtungen, welche für die Selenographie (d. i. die Mondkunde) von hohem Werthe waren, auszuführen. Bei einer totalen Sonnenfinsterniß erscheint die Mondscheibe nämlich von einem Strahlenkranze umgeben, dessen Ursprung indessen noch nicht fest steht. Ist er thatsächlich vorhanden oder Brechungsphänomen der Sonnenstrahlen rund um den Mond? Noch ist das eine offene Frage. Seit 1706 schon haben die Astronomen diese »Aureola« wissenschaftlich beschrieben. Louville und Halley beobachteten bei der totalen Sonnenfinsterniß von 1715, Maraldi bei der von 1724, Antonio de Ulloa 1778, Bouditch und Ferrer 1806, diesen Strahlenkranz möglichst genau. Bei Gelegenheit der totalen Sonnenfinsterniß von 1842 suchten Gelehrte aller Nationen, wie Airy, Arago, Peytal, Laugier, Mauvais, Otto Struve, Petit, Baily u. A. die Lösung des Ursprungs dieser Erscheinung zu finden; aber so streng auch diese Beobachtungen waren, so sagt Arago darüber doch, daß »der Mangel an Übereinstimmung, welchen man an den von geübten Astronomen an verschiedenen Punkten angestellten Beobachtungen ein und derselben Sonnenfinsterniß findet, über diese Frage eine solche Dunkelheit verbreitet habe, daß vor der Hand an eine bestimmte Entscheidung über den Ursprung dieser Erscheinung nicht gedacht werden könne«. Diese Frage berührt jedoch die Mondkunde sehr wesentlich und verlangt gebieterisch ihre Lösung. Jetzt bot sich eine neue Gelegenheit, diesen Lichtkranz zu beobachten. Am 18. Juli 1860 stand wieder eine totale Sonnenfinsterniß bevor, welche im Norden Amerikas, in Spanien und dem nördlichen Afrika sichtbar sein mußte. Die Astronomen verschiedener Länder waren übereingekommen, gleichzeitige Beobachtungen an verschiedenen Punkten in der Zone der Sichtbarkeit anzustellen. Thomas Black war zu dem Ende für den Norden Amerikas gewählt worden. Er befand sich da etwa unter denselben Verhältnissen, wie die englischen Astronomen, welche zur Beobachtung der Finsterniß von 1851 nach Schweden und Norwegen gegangen waren. Es ist selbstverständlich, daß Thomas Black die ihm gebotene Gelegenheit, jenen Lichtkranz zu beobachten, mit Begierde ergriff. Er sollte gleichzeitig so weit als möglich die Natur der röthlichen Protuberanzen in's Auge zu fassen suchen, welche an verschiedenen Stellen des Umkreises an unserem Tagesgestirne bemerkt werden. Gelang es dem Astronomen aus Greenwich, diese Frage auf unwiderlegliche Weise zu lösen, so durfte er der Anerkennung der ganzen gelehrten Welt sicher sein. Thomas Black rüstete sich also zur Abreise und erhielt an die Hauptagenten der Hudsons-Bai-Compagnie die gewichtigsten Empfehlungsschreiben. Gleichzeitig sollte auch nächstens eine Expedition nach den Nordgrenzen abgehen, um dort eine neue Factorei zu gründen. Von dieser Gelegenheit galt es Nutzen zu ziehen. Thomas Black reiste also ab und durchschiffte den Atlantischen Ocean nach New-York, gelangte über die amerikanischen Seen nach der Niederlassung am Rothen Flusse, und dann von Fort zu Fort auf flüchtigem Schlitten, unter Leitung eines Couriers der Compagnie, trotz des Winters, trotz der Kälte, unter Mißachtung aller Gefahren einer Reise durch die arktischen Länder, am 17. März in Fort-Reliance unter den eben beschriebenen Umständen an. Das waren die Aufklärungen, die der Astronom dem Kapitän Craventy gab, welcher sich in Folge dessen Thomas Black vollkommen zur Verfügung stellte. »Aber, Herr Black, sagte er, warum eilten Sie dermaßen, um hierher zu kommen, da diese Sonnenfinsterniß erst im nächsten Jahre, also 1860, statthaben wird? – Ich hatte ja gehört, Herr Kapitän, daß die Compagnie eine Expedition nach dem nördlichen Küstengebiet und über den siebenzigsten Breitengrad hinaus entsende, und wollte also die Abreise des Lieutenant Hobson nicht verfehlen. – Herr Black, versetzte der Kapitän, wäre der Lieutenant schon fort gewesen, so würde es mir eine Ehre gewesen sein, Sie bis an die Küsten des Eismeeres zu geleiten.« Endlich wiederholte er dem Astronomen, daß dieser völlig auf ihn rechnen könne, und nannte ihn nochmals in Fort-Reliance herzlich willkommen. Viertes Capitel. Eine Factorei. Der Sklavensee ist einer der größten, welchen man über dem einundsechzigsten Breitengrade begegnet. Er ist bei fünfzig Meilen Breite einhundertundfünfzig Meilen lang und liegt unter 61° 25' nördlicher Breite und 144° westlicher Länge. Seine ganze Umgebung dacht sich von weither nach einem gemeinschaftlichen Mittelpunkte, eben jener Bodensenkung hin, ab, welche der erwähnte See ausfüllt. Die Lage dieses Sees, mitten in den Jagdgebieten, welche früher von Pelzthieren fast übervölkert waren, hatte von jeher die Aufmerksamkeit der Compagnie erregt. Zahlreiche Wasserläufe mündeten in denselben, oder entsprangen aus ihm, wie der Mackenzie, der Foin-Fluß, der Athapeskow u. A. m. An seinen Ufern waren einige ansehnliche Forts errichtet, wie Fort-Providence im Norden und Fort-Resolution im Süden. Fort-Reliance selbst lag am nordöstlichen Ende des Sees, nur dreihundert Meilen vom Chesterfield-Busen, den die Gewässer der Hudsons-Bai füllen. Der Sklavensee ist von kleinen, zwei- bis dreihundert Fuß hohen Inseln, auf welchen Granit und Gneiß da und dort zu Tage steht, so zu sagen übersäet. Sein nördliches Ufer ist von dichtem Gehölz besetzt, welches an jenen dürren und eisigen Theil des Festlandes grenzt, der den Namen des »verwünschten Landes« nicht mit Unrecht erhalten hat. Dagegen ist die aus kalkigem Boden bestehende Gegend im Süden flach, ohne jeden Hügel oder irgend eine Bodenerhebung. Dort zieht sich die Grenze hin, welche die großen Wiederkäuer Amerikas, die Büffel und Bisonochsen, fast nie überschreiten, und deren Fleisch fast die ausschließliche Nahrung der canadischen und eingeborenen Jäger bildet. Der Baumbestand im Norden bildet prächtige Wälder. Es ist nicht zu erstaunen, daß man in einer so entlegenen Gegend doch einen so schönen Pflanzenwuchs antrifft. Wirklich liegt der Sklavensee nicht in höherer Breite, als etwa Stockholm und Christiania in Schweden und Norwegen. Doch gehört hierzu die Bemerkung, daß die Isothermen, d. h. die Linien der gleichen Wärme, fast gar nicht den Breitengraden parallel laufen, und daß Amerika in gleicher Breite ungleich kälter ist, als Europa. Im April liegt in den Straßen New-Yorks z. B. noch Schnee, während diese Stadt etwa mit den Azoren in gleicher Breite liegt. Es kommt das daher, daß die Natur eines Continentes, seine Lage bezüglich der Meere, und selbst seine Bodengestaltung, von großem Einflusse auf sein Klima ist. Fort-Reliance war zur Sommerzeit von Grün umgeben, an dem sich das Auge nach dem langen, strengen Winter ergötzte. Die Wälder bestanden in der Hauptsache aus Pappeln, Fichten und Birken. Die See-Eilande trugen herrliche Weidenbäume. Wild war im Ueberflusse darin und verließ es sogar während der schlechten Jahreszeit nicht. Mehr nach Süden zu erlegten die Jäger des Forts reichlich Bisonochsen, Elennthiere und eine Art canadischer Stachelschweine, deren Fleisch sehr geschätzt ist. Die Gewässer des Sklaven-Sees waren sehr fischreich. Seeforellen erlangten darin eine außergewöhnliche Größe und öfters ein Gewicht von über sechzig Pfunden. Hechte, gefräßige Quappen, eine Art Schattenfisch, den die Engländer den »blauen Fisch« nennen, ganze Legionen »Tittamegs«, der »weiße Corregu«, der Naturforscher, vermehrten sich darin im Ueberfluß. Die Nahrungsfrage bot demnach für die Insassen des Furt-Reliance eine leichte Lösung, und unter der Bedingung, daß sie sich den Winter über wie die Füchse, die Marder, die Bären und andere Pelzthiere bekleideten, konnten sie es wohl mit der Strenge des Klimas aufnehmen. Das genannte Fort bestand zunächst aus einem hölzernen Hause mit Erdgeschoß und einem Stockwerke, welches dem Commandanten und dessen Officieren zu Wohnungen diente. Rund um dieses Haus befanden sich die Wohnstätten der Soldaten, die Magazine der Compagnie und die Comptoire, in welchen die Tauschgeschäfte abgewickelt wurden. Ein kleines Bethaus, dem nur ein Priester fehlte, und ein Pulverhäuschen vervollständigten die Bauwerke des Etablissements. Das Ganze war von zwanzig Fuß hohen Palissaden umplankt, die ein weites von vier Eckbastionen mit spitzen Dächern vertheidigtes Parallelogramm bildeten. Gegen einen Handstreich war das Fort also hinreichend geschützt. Diese Vorsicht war übrigens zu einer Zeit nöthig, während der die Indianer, statt Lieferanten der Kompagnie zu sein, für die Unabhängigkeit ihrer Territorien kämpften; gleichzeitig bedurfte man ihrer früher auch gegen die Agenten und Soldaten concurrirender Gesellschaften, als um den Besitz und das Ausbeutungsrecht dieser pelzreichen Ländereien noch Streit war. Auf ihrem ganzen Gebiete zählte die Hudsons-Bai-Compagnie früher ein Personal von etwa tausend Mann. Ueber ihre Beamten und Soldaten stand ihr die ausgedehnteste Gerichtsbarkeit, selbst das Recht über Leben und Tod, zu. Die Chefs der Factoreien regelten die Gehalte nach Belieben und stellten eben so den Kaufwerth des Proviantes, wie den der Pelzwaaren fest. In Folge dieses Systemes, das jeder Controle entbehrte, war es nicht selten, daß sie zwei- bis dreihundert Procent Nutzen erzielten. Aus folgender Zusammenstellung, welche der »Reise des Kapitän Robert Lade« entnommen ist, kann man ersehen, welche Ansätze dem Tauschhandel mit den Indianern zu Grunde gelegt wurden. Letztere sind übrigens die eigentlichen und besten Jäger der Compagnie geworden. Ein Biberfell war zu jener Zeit die beim Ein- und Verkauf benutzte Werthseinheit. Die Indianer zahlen: Für ein Gewehr ....... 10 Biberfelle. " ein halbes Pfund Pulver.. 1 " " vier Pfund Blei ..... 1 " " eine Axt ........ 1 " " sechs Messer ....... 1 " " ein Pfund kleine Glaswaaren . 1 " Für einen Tressenrock ...... 6 Biberfelle. " einen gewöhnlichen Rock... 5 " " ein besetztes Frauenkleid... 6 " " ein Pfund Tabak ...... 1 " " ein Pulverhorn ...... 1 " " einen Kamm und einen Spiegel 2 " Seit einigen Jahren waren aber Biber so selten geworden, daß man mit der Münzeinheit wechseln mußte, und jetzt dient eine Bisonhaut als solche. Kommt ein Indianer nach einem Fort, so erhält er von den Agenten eben so viele Holzmarken, als er Häute bringt, welche er dann am betreffenden Orte gegen irgendwelche Producte umtauscht. Da die Compagnie alle Ein- und Verkaufspreise nach Gutdünken feststellt, erzielt sie bei diesem Systeme meist einen glänzenden Gewinn. Wie in allen Factoreien galten diese Handelsbräuche auch in Fort-Reliance. Mrs. Paulina Barnett konnte sie während ihres Aufenthaltes, der sich bis zum 16. April ausdehnte, kennen lernen. Oft unterhielten sich die Reisende und Lieutenant Hobson mit einander, entwarfen stolze Plane und waren jedenfalls entschieden dafür, vor keinem Hindernisse zurückzuweichen. Thomas Black sprach nur dann, wenn es seine Specialmission betraf. Der Lichtkranz und die röthlichen Protuberanzen um den Mond verschlangen sein ganzes Interesse. Man fühlte es heraus, daß er sein ganzes Leben an die Lösung dieses Problems gesetzt hatte, und zuletzt erregte er auch in Mrs. Paulina ein lebhaftes Interesse für dieses wissenschaftliche Räthsel. O, wie verlangte es sie Beide, nur erst den Polarkreis zu überschreiten, und wie entfernt erschien noch dieser 18. Juli 1860, mindestens dem Astronomen aus Greenwich. Die Vorbereitungen zur Abreise konnten erst gegen Mitte März begonnen werden und nahmen einen vollen Monat in Anspruch. Es bedurfte auch wirklich einer langwierigen Arbeit, eine solche Expedition nach den Polargegenden zu organisiren, da man ja Alles, wie Lebensmittel, Kleidung, Werkzeuge, Ausrüstungsgegenstände, Waffen und Munition mitnehmen mußte. Die von Lieutenant Jasper Hobson befehligte Truppe sollte aus einem Officier, zwei Unterofficieren und zehn Soldaten bestehen, von denen drei Verheiratete auch ihre Frauen mitnahmen. Aus den energischsten und entschlossensten Mannschaften der Besatzung hatte Kapitän Craventy folgende ausgewählt: 1) Lieutenant Jasper Hobson. 2) Sergeant Long. 3) Corporal Joliffe. 4) Petersen , Soldat. 5) Belcher , " 6) Raë , " 7) Marbre , " 8) Carey , " 9) Pond , " 10) Mac Nap , " 11) Sabine , " 12) Hope , " 13) Kellet , " Darüber: Mrs. Raë . Mrs. Joliffe. Mrs. Mac Nap. Fremde: Mrs. Paulina Barnett. Madge. Thomas Black. Zusammen waren das also neunzehn Personen, welche es mehrere Hundert Meilen über wüste und wenig gekannte Gebiete zu transportiren galt. Mit Rücksicht hierauf hatten die Agenten der Compagnie alles für diesen Zug Nöthige nach Fort-Reliance geschafft. Ein Dutzend Schlitten nebst zugehöriger Bespannung standen bereit. Diese sehr kunstlosen Fahrzeuge bestanden aus leichten Planken, welche durch Querhölzer fest mit einander verbunden waren. Dazu kam ein dem Vordertheile eines Schlittschuhs ähnliches Stück Holz, welches also nach aufwärts gebogen war, und dem Schlitten gestattete, leicht, und ohne tief einzusinken, über den Schnee zu gleiten. Sechs paarweis angespannte Hunde bildeten die Zugkraft jedes Schlittens, – intelligente und flüchtige Thiere, welche unter günstigen Umständen bis fünfzehn Meilen in der Stunde zurückzulegen vermögen. Die Garderobe der Reisenden bestand aus Rennthierfellen, welche mit dickem Pelze gefüttert waren. Alle führten auch noch wollene Kleidung mit sich, um gegen den in jenen Breiten oft sehr schroffen Temperaturwechsel gesichert zu sein. Jedermann, Officier und Soldat, Mann oder Weib, war mit Stiefeln aus Robbenfell, die mit Sehnen genäht werden, ausgerüstet, und welche die Eingeborenen mit einer Geschicklichkeit ohne Gleichen herstellen. Diese Stiefeln sind für Wasser ganz undurchlässig und empfehlen sich zum Marschiren durch ihre leichte Biegsamkeit. An die Sohlen derselben waren Schneeschuhe aus Fichtenholz von drei bis vier Fuß Länge angepaßt, Apparate, welche das Gewicht eines Menschen auch auf dem lockersten Schnee tragen, und eine sehr schnelle Fortbewegung, etwa wie die der Schlittschuhläufer auf den Eisflächen, ermöglichen. Pelzmützen und Gürtel aus Damwildleder vervollständigten diese Ausrüstung. An Waffen nahm Lieutenant Hobson, neben hinreichender Munition, von der Compagnie gelieferte Dienstgewehre, Pistolen und einige Ordonnanz-Säbel mit; an Werkzeugen Aexte, Sägen, Hohlbeile und andere zur Zimmerarbeit nöthige Instrumente; an Ausrüstungsgegenständen Alles, was zur Gründung einer Factorei unter den gegebenen Umständen gehörte, unter Anderem einen Ofen, einen Kochofen, zwei Luftpumpen als Ventilatoren, ein »Halkett-Boat«, das ist ein Kautschuk-Canot, welches man im Augenblicke des Bedarfs aufbläst. Bezüglich der Verpflegung durfte man wohl auf die Jäger des Detachements rechnen. Einige der Soldaten waren geübte Treiber, und Rennthiere fehlten in diesen hochnördlichen Gegenden niemals. Ganze Stämme von Indianern oder Eskimos nähren sich, aus Mangel an Brod und anderen Speisen, ausschließlich von diesem Wild, welches reichlich vorhanden und sehr schmackhaft ist. Da jedoch auch auf unvermeidliche Verzögerungen und Schwierigkeiten aller Art zu rechnen war, so mußte immerhin eine gewisse Menge Proviant mitgeführt werden. Dieser bestand aus Bisonochsen-, Elenn- und Damhirschfleisch, welches durch große Treibjagden im Süden des Sees gewonnen wurde; ferner aus Pökelfleisch, das sich ja eine beliebige Zeit lang eßbar erhält, und endlich aus einem Präparate nach Indianerart, in welchem das getrocknete und zu ganz feinem Pulver gemahlene Fleisch alle seine nährenden Bestandtheile bei geringster Masse behält. So zerrieben, braucht es auch gar nicht gekocht zu werden, und bildet in dieser Form eine sehr stoffreiche Nahrung. An Liqueuren nahm Lieutenant Hobson mehrere Barils Ein Baril – etwa siebenzig Liter. Branntwein und Whisky mit, nahm sich aber vor, damit so sparsam als möglich umzugehen, da Spirituosen bei ganz strenger Kälte dem Menschen leicht Nachtheile zuziehen können. Dagegen hatte ihm die Compagnie, nebst einer Taschenapotheke, beträchtliche Mengen von »Lime juice« (Limoniensaft), Citronen und andere Droguen zur Verfügung gestellt, welche zur Bekämpfung der in jenen Gegenden so furchtbar auftretenden scorbutischen Affectionen, wie zum Verhindern ihres Eintritts, unentbehrlich sind. Alle Theilnehmer waren übrigens sorgfältig ausgewählt, um nicht zu fett und nicht zu mager zu sein; seit langen Jahren an die Strenge dieses Klimas gewöhnt, mußten sie die Strapazen eines Zuges nach dem Eismeere leichter ertragen. Zudem waren es gutwillige, herzhafte und unerschrockene Leute, welche ungezwungen teilnahmen. Während der Zeit ihres Aufenthaltes an den Grenzen des amerikanischen Continentes war ihnen ein doppelter Sold für den Fall zugesichert, daß sie bis über den siebenzigsten Breitengrad hinauskamen. Für Mrs. Paulina Barnett und ihre getreue Madge war ein besonderer, etwas bequemerer Schlitten hergestellt worden. Die muthige Frau wollte zwar durchaus keinen Vorzug vor ihren Mitreisenden genießen; sie mußte sich jedoch der Einsprache des Kapitäns fügen, der übrigens nur der Dolmetscher der Compagnie selbst war. Den Astronomen Thomas Black sollte dasselbe Gefährt, welches ihn nach Fort-Reliance gebracht hatte, auch sammt seinem gelehrten Apparate bis zum Ziele führen. Die, übrigens wenig zahlreichen, Instrumente des Astronomen, – bestehend aus: einem Fernrohre zur Mondbeobachtung, einem Sextanten zur Bestimmung der geographischen Breite und einem Chronometer zu der der Längengrade, einigen Karten und wenigen Büchern – Alles war auf diesen Schlitten verpackt, und Thomas Black rechnete stark darauf, daß ihn seine getreuen Hunde nicht im Stiche lassen würden. Selbstverständlich war das Futter für die Bespannung nicht vergessen. Es galt unterwegs im Ganzen zweiundsiebenzig Hunde, also eine ganze Heerde, zu unterhalten, wofür die Jäger des Detachements speciell zu sorgen hatten. Diese klugen und kräftigen Thiere waren von Chipeway-Indianern angekauft, welche sie zu ihrer harten Arbeit ausgezeichnet abzurichten wissen. Die ganze Organisation der kleinen Gesellschaft erfreute sich der einsichtigsten Leitung. Lieutenant Jasper Hobson unterzog sich ihr mit einem über alles Lob erhabenen Eifer. Stolz auf seine Mission, begeistert für sein Werk, wollte er Nichts vernachlässigen, was den Erfolg unsicher machen könnte. Corporal Joliffe, der immer alle Hände voll zu thun hatte, brachte doch nicht viel zu Stande; doch die Gegenwart seiner Frau war und wurde für die Expedition sehr nützlich. Mrs. Paulina Barnett schloß diese intelligente und muntere Canadierin, mit den blonden Haaren und großen Augen, bald in ihr Herz. Es bedarf kaum der Erwähnung, daß Kapitän Craventy für den guten Ausgang der Unternehmung Nichts unterließ. Die seitens der Oberagenten der Compagnie ihm zugestellten Instructionen bewiesen, welchen Werth man auf den Erfolg der Expedition und auf die Gründung einer neuen Factorei jenseit des siebenzigsten Breitengrades legte. Alles, was menschenmöglich war, wurde denn auch zu diesem Zwecke aufgeboten. Wenn die Natur aber dem Fuße des kühnen Lieutenants unübersteigliche Hindernisse entgegenthürmte? – Das entzog sich freilich aller Vorausberechnung. Fünftes Capitel. Von Fort-Reliance nach Fort-Entreprise. Die ersten schönen Tage waren herangenaht. Der grüne Mantel der Hügel kam unter dem theilweise verschwundenen Schnee zum Vorschein. Einige Vögel, als: Schwäne, Auerhähne, kahlköpfige Adler und andere Zugvögel, strichen, von Süden kommend, durch die lauere Luft. An den Zweigspitzen der Pappeln, Birken und Weiden schwollen die Knospen. Große Wasserlachen, welche durch das Schmelzen des Schnees entstanden, lockten jene rothköpfigen Enten herbei, von denen es im nördlicheren Amerika so zahllose Arten giebt. Die Taucherhühner, Wasserscheerer und Eidergänse suchten sich im Norden kältere Gegenden auf. Spitzmäuse, in der Größe von Haselnüssen, spielten neben ihren Löchern und zeichneten mit ihrem kleinen, spitzigen Schwanze bunte Linien auf dem Erdboden. Es war jetzt eine Wollust, zu athmen und die Sonnenstrahlen einzusaugen, welche den Frühling so lebenweckend machen. Die Natur erhob sich nach der endlosen Winternacht aus dem Schlafe und lächelte beim Erwachen. Die Wirkung dieser Rückkehr zu neuem Leben ist in diesen nördlichsten Gegenden vielleicht fühlbarer, als auf jedem anderen Punkte der Erde. Immerhin war die Thauwitterung noch nicht durchgreifend. Zwar zeigte das Thermometer +5°, aber die weit niedrigere Temperatur der Nächte erhielt noch die Schneeflächen. Es war das übrigens ein für die Benutzung der Schlitten allzugünstiger Umstand, als daß Jasper Hobson nicht davon hätte Nutzen ziehen sollen. Das Eis des Sees stand noch fest. Die Jäger des Forts machten bei ihren weiten Excursionen auf dieser ebenen Fläche immer gute Beute, da das Wild schon wiedergekommen war. Mrs. Paulina Barnett konnte gar nicht genug die Geschicklichkeit bewundern, mit welcher diese Männer sich ihrer Schneeschuhe bedienten. Sie erreichten mit denselben die Geschwindigkeit eines galopirenden Pferdes. Auf den Rath Craventy's übte sich auch die Reisende in dem Gebrauche dieser Apparate, und erwarb sich bald eine hinlängliche Geschicklichkeit, über den Schnee zu gleiten. Schon seit einigen Tagen kamen die Indianer truppweise zum Fort, um die Ergebnisse ihrer Winterjagden gegen allerhand andere Gegenstände umzutauschen. Pelze gab es aber nicht im Ueberflusse; Marder- und Wieselfelle erreichten zwar eine hohe Zahl, aber Biber, Ottern, Luchse, Hermelins und Füchse waren selten. Die Compagnie that also gewiß gut daran, höher im Norden neue, von der Raubgier des Menschen noch verschonte Jagdgebiete aufzusuchen. Am Morgen des 16. April war Lieutenant Jasper Hobson nebst Gesellschaft zur Abreise fertig. Durch die ganze bekanntere Gegend zwischen dem Sklaven-See und dem des Großen Bären, welcher schon über dem Polarkreise liegt, war der Weg im Voraus festzustellen. Jasper Hobson sollte zunächst nach Fort-Confidence, das am nördlichsten Theile dieses Sees liegt, ziehen. Dann war ein ganz geeigneter Punkt zur frischen Verproviantirung der Gesellschaft das Fort-Entreprise, welches zweihundert Meilen im Nordwesten, am Ufer des kleinen Snure-Sees erbaut ist. Bei Zurücklegung von fünfzehn Meilen täglich rechnete Jasper Hobson darauf, dort in den ersten Tagen des Mai einmal Halt zu machen. Von dieser Stelle aus sollte die Expedition auf kürzestem Wege die amerikanische Küste zu erreichen suchen und sich von da aus nach dem Cap Bathurst begeben. Man war dahin übereingekommen, daß Kapitän Craventy nach einem Jahre eine Proviantsendung nach demselben Punkte dirigiren, und daß Lieutenant Hobson dieser Sendung einige Mann entgegenschicken sollte, um sie nach dem Orte, an dem dann das neue Fort errichtet wäre, zu geleiten. Auf diese Weise war die Zukunft der Factorei gegen alle Uebelstände sicher gestellt, und der Lieutenant nebst seinen Begleitern, diese freiwillig Verbannten, blieben doch in einiger Beziehung zu ihren Nebenmenschen. Am Morgen des 16. April erwarteten die angespannten Hunde vor dem äußeren Thore des Forts nur noch die Reisenden. Kapitän Craventy hatte die zu dem Detachement gehörigen Mannschaften versammelt und richtete an sie einige herzliche Worte. Vor allen Dingen empfahl er ihnen die vollkommenste Einigkeit mitten in den Gefahren, denen sie zu trotzen berufen waren. Die Unterordnung unter ihre Führer war eine unabweisliche Bedingung für dieses Unternehmen, eine Sache der Entsagung und Ergebenheit. Ein Hurrah antwortete der Rede des Kapitäns. Dann sagte man kurz Lebewohl, und Jeder nahm in dem ihm vorher bezeichneten Schlitten Platz. Jasper Hobson und Sergeant Long nahmen die Spitze des Zuges ein. Mrs. Paulina Barnett und Madge folgten ihnen, die lange Eskimopeitsche, welche in trockene gedrehte Sehnenstücke auslief, geschickt handhabend. Thomas Black und einer der Soldaten, der Canadier Petersen, kamen in dritter Reihe. Hieran schlossen sich dann die anderen, von den Soldaten und den drei Frauen besetzten Schlitten. Corporal Joliffe nebst Gattin bildeten den Schluß. Nach Jasper Hobson's Anordnung sollte jeder Schlitten in der vorgeschriebenen Reihenfolge verbleiben, auch eine gewisse Distanz halten, um jeder Unordnung vorzubeugen. Der Stoß eines solchen Schlittens, der im vollsten Jagen war, hätte auch sicher leicht Unheil anrichten können. Von Fort-Reliance aus schlug Jasper Hobson sogleich eine nordwestliche Richtung ein. Dabei war zunächst ein breiter Strom zu überschreiten, welcher den Sklaven-See mit dem Wolmsley-See verbindet. Dieser Wasserlauf, welcher noch dick gefroren war, unterschied sich indeß in keiner Weise von der ungeheuren, weißen Ebene. Ein gleichmäßiger Schneeteppich lag über die ganze Umgebung gebreitet, und die von der kräftigen Bespannung gezogenen Schlitten sausten über die feste Unterlage. Das Wetter war schön, aber noch sehr kalt. Die nur wenig über den Horizont aufsteigende Sonne beschrieb am Himmel nur einen sehr flachen Bogen. Ihre von der Schneedecke glänzend reflectirten Strahlen spendeten mehr Licht, als Wärme. Glücklicherweise bewegte kein Windhauch die Luft, welche Ruhe die Kälte weit erträglicher machte. Dennoch mußte wohl der durch die Schnelligkeit der Schlitten entstehende Luftstrom den beiden, nicht an das rauhe Polarklima gewöhnten Begleitern des Lieutenants Hobson empfindlich in's Gesicht schneiden. »Es geht gut, sagte da Jasper Hobson zu dem Sergeanten, welcher ruhig neben ihm saß, als stände er ›Gewehr auf Schulter‹, die Fahrt läßt sich gut an. Der Himmel ist günstig, die Temperatur mäßig, unsere Bespannung läuft wie ein Expreßzug, und wenn diese gute Witterung anhält, wird unsere Ueberfahrt ohne Hinderniß verlaufen. Was denken Sie darüber, Sergeant Long? – Was Sie selbst denken, Lieutenant Jasper, antwortete der Sergeant, der sich nichts anders vorstellen konnte, als sein Vorgesetzter. – Sind Sie ebenso wie ich dafür, Sergeant, fuhr Jasper Hobson fort, so weit als möglich nach Norden vorzudringen? – Sie haben nur zu befehlen, Herr Lieutenant, ich gehorche. – Ich weiß es, Sergeant, ich weiß, daß es hinreicht, Ihnen eine Ordre zuzustellen, um sie ausgeführt zu sehen. Möchten unsere Leute ebenso die Tragweite unserer Mission einsehen, und sich mit Leib und Seele den Interessen der Compagnie widmen. O, Sergeant Long, ich glaube, wenn ich Ihnen einen ganz unausführbaren Befehl gäbe... – Es giebt keine unausführbaren Befehle, Herr Lieutenant. – Was? Und wenn ich Sie bis an den Nordpol schickte? – Dann ginge ich hin, Herr Lieutenant. – Um auch von dort zurückzukehren? setzte Jasper Hobson lächelnd hinzu. – Ich käme auch wieder«, antwortete einfach der Sergeant. Während dieses Zwiegesprächs zwischen Lieutenant Hobson und seinem Sergeant hatten auch Mrs. Paulina Barnett und Madge, als die Schlitten der Steilheit des Bodens wegen etwas langsamer gingen, einige Worte gewechselt. Diese beiden beherzten Frauen betrachteten, wohl verwahrt in ihren Otterpelzhauben und unter einem dicken, weißen Bärenfelle halb begraben, diese rauhe Natur und die blassen Umrisse der hohen Eisberge, welche sich längs des Horizontes abhoben. Das Detachement hatte die Hügel schon hinter sich gelassen, welche das nördliche Ufer des Sklaven-Sees uneben machen, und deren Gipfel von starrenden Baumgerippen bekrönt waren. Die unendliche Ebene dehnte sich ohne Grenzen vor den Augen aus. Doch belebten einige Vögel durch ihre Stimmen und ihr Auffliegen die ungeheure Einöde. Unter diesen bemerkte man einige Schwärme von Schwänen, welche nach Norden zogen und deren Weiße des Gefieders sich mit der des Schnees verschmolz. Man unterschied sie blos, wenn man das Grau der Atmosphäre als Hintergrund hatte. Auf dem Erdboden aber waren sie auch von dem schärfsten Auge kaum zu entdecken. »Welch' wunderbare Gegend! sagte Mrs. Paulina Barnett. Welch' ein Unterschied zwischen diesen Eisregionen und den grünenden Ebenen Australiens! Erinnerst Du Dich, meine gute Madge, als uns am Golf von Carpentaria die Hitze überwältigte; entsinnst Du Dich dieses unerbittlichen Himmels, ohne jede Wolke und jeden Wasserdunst? – Meine Tochter, antwortete Madge, ich besitze nicht, wie Du, die Gabe der Erinnerung. Du bewahrst Deine gehabten Eindrücke, ich vergesse die meinen. – Was, Madge, rief Mrs. Barnett, Du hast die Tropenhitze Indiens und Australiens vergessen? Dir ist keine Erinnerung an unsere Qualen verblieben, wie uns in der Wüste das Wasser fehlte, wie die Sonnenstrahlen uns brannten bis in's Mark hinein, und selbst die Nacht unsere Leiden kaum unterbrach? – Nein, nein, Paulina, erwiderte Madge, die sich dichter in die Pelzdecken wickelte, nein, ich erinnere mich dessen nicht. Und wie kannst Du mir auch jetzt die Leiden, von denen Du sprichst, die Hitze und den quälenden Durst in's Gedächtniß zurückrufen wollen, jetzt, wo das Eis uns rings umstarrt, und ich nur die Hand auszustrecken brauche, um einen Schneeball zu erfassen. Du sprichst mir von Hitze, und wir frieren unter den dicken Bärenfellen! Du erinnerst Dich der Sonnengluth, während diese Aprilsonne nicht einmal das Eis von unseren Lippen wegthauen kann! Nein, meine Tochter, sprich mir nicht mehr von Hitze, sage nicht, daß ich mich je beklagt hätte, es sei mir zu warm gewesen, jetzt könnte ich Dir's nicht glauben.« Mrs. Paulina Barnett konnte sich eines Lächelns nicht erwehren. »Ach, sagte sie, Du frierst wohl sehr, meine gute Madge? – Gewiß, meine Tochter, mir ist's kalt, aber diese Temperatur mißfällt mir nicht. Im Gegentheil, dieses Klima muß recht gesund sein, und ich hoffe, mich an diesem Ende von Amerika sehr wohl zu befinden. Das ist wirklich ein schönes Land hier! – Ja wohl, Madge, ein wunderbares Land, und bis jetzt haben wir von seinen Wundern nur noch sehr wenig gesehen. Laß aber unsere Reise sich bis an die Küsten des Polarmeeres ausdehnen, laß den Winter kommen mit seinen gigantischen Eisgebilden, seiner tiefen Schneedecke, seinen Borealstürmen, mit dem Nordlichte, den funkelnden Sternbildern, der langen sechsmonatlichen Nacht – dann wirst Du es begreifen, daß des Schöpfers Werk allüberall vollkommen ist!« So sprach, bei ihrer lebhaften Einbildung, Mrs. Paulina Barnett. In diesen entlegenen Regionen mit ihrem unerträglichen Klima sah sie nur die schönsten Phänomene der Natur. Ihr Reisetrieb überwog die Vernunft. Jetzt sog sie aus diesen Polargegenden nur die ergreifende Poesie, welche die Weisen durch die Legende fortgepflanzt und die Barden aus Ossian's Zeiten gesungen hatten. Die nüchternere Madge aber machte sich aus den Gefahren einer Reise nach den arktischen Ländern kein Hehl, so wenig, wie aus den Leiden einer Ueberwinterung bei weniger als dreißig Graden vom Nordpole. Wirklich unterlagen ja oft auch die Stärksten den Anstrengungen und Entbehrungen, den geistigen und körperlichen Qualen dieser rauhen Klimate. Lieutenant Jasper Hobson's Mission gab freilich keine Veranlassung, bis zu den höchsten Breitengraden der Erdkugel vorzudringen; es handelte sich nach seinem Auftrage nicht darum, den Pol zu erreichen oder sich auch nur auf die Fährten eines Parry, Roß, Mac Clure, Kane oder Morton zu wagen. Hat man den Polarkreis aber einmal überschritten, so sind die Prüfungen fast die nämlichen, nehmen wenigstens nicht in dem Verhältniß, wie das Wachsthum der Breite, zu. Jasper Hobson dachte wohl auch gar nicht daran, über den siebenzigsten Grad hinauszugehen! Gut. Man erinnere sich aber, daß Franklin und seine Unglücksgenossen durch Hunger und Frost umgekommen sind, an einer Stelle, wo sie noch nicht einmal den achtundsechzigsten Grad nördlicher Breite passirt hatten! In dem vom Joliffe'schen Ehepaare besetzten Schlitten war unterdessen von ganz anderen Dingen die Rede. Wahrscheinlich hatte der Corporal seinen Abschied etwas zu reichlich begossen, denn er wagte ganz ausnahmsweise anderer Ansicht zu sein, als sein Weibchen. Ja, er trotzte ihr sogar, was nur bei ganz außergewöhnlichen Gelegenheiten vorkommen konnte. »Nein, liebe Frau, sagte der Corporal, keine Furcht! Ein Schlitten ist nicht schwieriger zu regieren, als ein Ponygespann, und der Kukuk hole mich, wenn ich nicht mit solch' einer Hundebespannung fertig werde. – Dein Geschick hierzu bestreite ich ja gar nicht, entgegnete Mrs. Joliffe, Du sollst nur die Schnelligkeit der Fahrt mäßigen. Da sind wir schon an der Spitze des Zuges, und ich höre den Zuruf des Lieutenant Hobson, daß Du Deinen Platz am Ende desselben wieder einnehmen sollst. – Laß ihn nur rufen, Frauchen, immer laß ihn rufen ...« Von neuen Peitschenschlägen angetrieben, flogen die Hunde mit dem Schlitten in wachsender Schnelligkeit dahin. »Nimm Dich in Acht, Joliffe! mahnte seine Frau. Nicht so schnell! Es geht hier bergab! – Bergab? erwiderte der Corporal, Du nennst das bergab? – Ich sage es Dir noch einmal, es geht hier bergunter! – Und ich versichere Dir, daß es bergauf geht. Da sieh' doch, wie die Hunde ziehen müssen!« In Wahrheit zogen aber die Hunde keineswegs. Die Abhängigkeit des Bodens war im Gegentheil ganz auffallend. Mit schwindelnder Schnelligkeit flog der Schlitten dahin, und war jetzt den anderen schon weit voraus. Mr. und Mrs. Joliffe sprangen darin auf und nieder. Die Stöße in Folge der Unebenheit des Weges wurden häufiger. Die beiden Gatten, welche bald nach links, bald nach rechts und bald an einander geworfen wurden, schüttelte es tüchtig durch. Der Corporal wollte aber einmal auf Nichts, weder auf die Ermahnungen seiner Frau, noch auf das Zurufen des Lieutenants Hobson, hören. Da Letzterer die Gefahren dieser wilden Jagd einsah, trieb er sein eigenes Gespann an, um den Tollkopf einzuholen, und ihm folgte die ganze Karawane in demselben Sturmschritte. Der Corporal aber flog immer tapfer weiter; seine Schnelligkeit berauschte ihn; er focht mit den Armen; rief und handhabte seine lange Peitsche, als wäre er ein vollkommener Sportsman. »Ein prächtiges Instrument, eine solche Peitsche, sagte er, und dazu verstehen die Eskimos mit unglaublicher Geschicklichkeit mit ihr umzuspringen. – Du bist aber kein Eskimo, fiel seine Frau ein und machte den vergeblichen Versuch, den Arm ihres tollen Schlittenlenkers fest zu halten. – Ich habe mir sagen lassen, lallte der Corporal, ja, ich habe mir sagen lassen, daß die Eskimos jeden Zughund und auch an jeder beliebigen Stelle zu treffen wissen. Mit dem harten sehnigen Ende können sie ihm sogar ein kleines Endchen vom Ohre abschlagen, wenn sie das für passend halten. Ich werde versuchen ... – Versuche Nichts, Joliffe, thu' es nicht! rief die kleine auf's Höchste erschreckte Frau. – Keine Furcht, Mrs. Joliffe, nur keine Furcht. Ich verstehe mich darauf. Da ist gerade unser fünfter Hund, der Dummheiten macht, ich werde ihn gleich in Ordnung bringen! ...« Ohne Zweifel war aber der Corporal weder genug »Eskimo«, noch mit dem Gebrauche des langen Riemens, der bis vier Fuß über die Bespannung hinausreicht, genügend vertraut, denn pfeifend rollte sich zwar die Peitsche lang auf, schnellte aber durch einen falsch berechneten Rückschlag zurück und schlang sich um Mr. Joliffe's Kopf und Hals, wobei auch seine Pelzkapuze verloren ging. Ohne diese dicke Mütze hätte der Corporal wahrscheinlich sein eigenes Ohr ganz empfindlich getroffen. Gleichzeitig warfen sich die Hunde nach der Seite, der Schlitten stürzte um und die Insassen rollten in den Schnee, der zum Glück tief genug war, um sie keinen Schaden nehmen zu lassen. Aber welche Beschämung für den Corporal! Wie verdutzt sah er sein Weibchen an! Und dazu die Vorwürfe seitens des Lieutenants Hobson! Der Schlitten ward wieder aufgerichtet, aber gleichzeitig bestimmte man, daß die Zügel von Rechts wegen nun Mrs. Joliffe zu überlassen seien. Der ganz beschämte Corporal mußte sich fügen, und der kurze Zeit unterbrochene Zug des Detachements bewegte sich weiter. Die folgenden vierzehn Tage verliefen ohne weiteren Zufall. Die Witterung blieb dauernd günstig, die Temperatur erträglich, und am 1. Mai langte die Gesellschaft bei Fort-Entreprise an.   Sechstes Capitel. Ein Wapiti-Duell. Zweihundert Meilen hatte die Expedition seit ihrer Abfahrt von Fort-Reliance zurückgelegt. Die Reisenden, welche, begünstigt durch die lange Dämmerung, Tag und Nacht auf den durch die Zughunde schnell davongeführten Schlitten verblieben, waren sehr erschöpft, als sie die Ufer des Snure-Sees, neben welchem Fort-Entreprise liegt, erreichten. Dieses Fort, das erst seit wenigen Jahren von der Hudsons-Bai-Compagnie errichtet war, bildete nur einen Verproviantirungsplatz von untergeordneter Bedeutung. Hauptsächlich diente es als Haltepunkt für die Detachements, welche die Fellsendungen vom See des Großen Bären her, der gegen dreihundert Meilen nordwestlich davon lag, begleiteten. Nur ein Dutzend Soldaten waren dort auf Posten. Das Fort bestand auch nur aus einem umplankten Holzgebäude. So wenig einladend diese Wohnstätte aber auch war, so willkommen erschien sie doch den Gefährten des Lieutenants Hobson, welche dort zwei Tage lang von den ersten Anstrengungen der Reise ausruhten. Der Polarfrühling machte hier schon seinen bescheidenen Einfluß geltend. Allmälig schmolz der Schnee und die Nächte waren nun nicht mehr kalt genug, ihn frisch zu übereisen. Einige leichte Moose und schwächliche Grasarten grünten da und dort auf, und kleine, fast farblose Blumen erhoben ihre feuchte Blüthe zwischen den Kieseln. Diese Vorzeichen des langsamen Erwachens der Natur nach langem Winterschlafe ergötzten das von der Weiße des Schnees angegriffene Auge, das mit Wohlgefallen auf diesen noch seltenen Beispielen der arktischen Flora ruhte. Mrs. Paulina Barnett und Jasper Hobson benutzten die Mußezeit, um die Ufer des kleinen Sees kennen zu lernen. Beide hatten Verständniß für die Natur, deren begeisterte Bewunderer sie waren. Sie wanderten also zusammen über die gebrochenen Eisstücken und die durch die Wirkung der Sonnenwärme hervorgezauberten Cascaden. Das Eis des Snure-Sees stand noch. Kein Sprung deutete auf einen bevorstehenden Bruch desselben hin. Einige zerfallende Eisberge starrten aus der festen Fläche empor und bildeten sonderbare Formen und Erscheinungen, vorzüglich wenn das Licht, das sich an ihren scharfen, durchsichtigen Spitzen brach, deren Farben veränderte. Es erschien, als habe eine mächtige Hand einen Regenbogen zerstückelt, dessen Strahlen sich nun auf dem Erdboden kreuzten. Das ist doch ein herrliches Schauspiel, Herr Hobson, sagte wiederholt Mrs. Paulina. Diese Strahlenbrechungen ändern sich stets, je nachdem man den Ort wechselt. Erscheint es Ihnen nicht so, als stünden wir vor der Oeffnung eines ungeheuren Kaleidoskops? Vielleicht sind Sie aber für dieses mir so neue Schauspiel schon unempfänglicher geworden? – Gewiß nicht, Mistreß, erwiderte der Lieutenant. Ich bin zwar in diesem Lande geboren, welches meine ganze Kindheit und Jugend sah, aber ich werde niemals satt, seine Schönheiten zu betrachten. Ist aber Ihr Enthusiasmus schon so groß, wenn die Sonne ihr Licht über diese Gegenden gießt, das will sagen, wenn das Tagesgestirn den Anblick des Landes schon verändert hat, wie groß wird er sein, wenn Sie diese Gebiete mitten in der strengsten Winterkälte werden betrachten können? – Ich muß Ihnen gestehen, Mistreß, daß die Sonne, welche für gemäßigte Zonen so unbezahlbar ist, mir die Freude an meinem arktischen Vaterlande etwas verleidet. – Wirklich, Herr Hobson? antwortete die Reisende, welche über diese Bemerkung des Lieutenants lächelte. Meines Erachtens nach ist die Sonne doch ein trefflicher Reisebegleiter, und hat man sich über die Wärme, welche sie ausstrahlt, selbst in den Polargegenden doch nicht zu beklagen. – Ah, Madame, entgegnete Jasper Hobson, ich gehöre zu denen, welche Rußland mit Vorliebe im Winter und die Sahara im Sommer besuchen. Dann erst sieht man diese Länder in ihrem charakteristischen Gewande. Nein! Die Sonne ist ein Gestirn für die gemäßigten und heißen Zonen. Dreißig Grade vom Pole ist sie nicht an ihrem Platze. Der Himmel dieser Erdengegend ist der reine, kalte Winterhimmel, der mit Sternen besäet und manchmal durch ein Nordlicht erhellt ist. Hier ist das Reich der Nacht, Madame, nicht das des Tages, und diese lange Polarnacht birgt auch noch Freuden und Wunder in ihrem Schooße. – Haben Sie, Herr Hobson, die gemäßigten Zonen Europas und Amerikas besucht? fragte da die Dame. – Ja, Mistreß, und habe sie nach Verdienst bewundert. Aber stets bin ich mit brennender Begierde und neuem Enthusiasmus nach dem Lande meiner Geburt zurückgekehrt. Ich bin einmal der Mann der Kälte, und rechne mir das, daß ich sie ertrage, nicht zum Verdienst an. Sie hat durchaus keine Gewalt über mich, und ich könnte, wie die Eskimos, ganze Monate in einer Schneehütte zubringen. – Herr Hobson, antwortete die Reisende, Sie haben eine Art und Weise von diesem furchtbaren Feinde zu reden, welche Einem ordentlich das Herz erwärmt. Ich hoffe mich Ihrer würdig zu zeigen, und so weit Sie nach dem Pole hinauf der Kälte zu trotzen wagen, werden wir es auch zusammen thun. – Schön, Madame, sehr schön; möchten nur Alle, die mir folgen, Soldaten wie Frauen, sich ebenso entschlossen zeigen, wie Sie! Mit Gottes Hilfe werden wir noch weit gehen. – Ueber den Anfang der Reise haben Sie sich eben nicht zu beklagen. Bis jetzt gab es keinen Unfall, aber günstiges Wetter und erträgliche Temperatur, so daß Alles nach Wunsch ging. – Gewiß, Madame, entgegnete der Lieutenant; aber gerade die von Ihnen so bewunderte Sonne wird bald Strapazen und Hindernisse unter unserem Fuße hervorrufen. – Und inwiefern, Herr Hobson? fragte begierig Mrs. Paulina Barnett. – Insofern, als die Sonne binnen Kurzem das Aussehen dieses Landes verändert haben wird; als das schmelzende Eis dann den Schlitten keine geeignete Oberfläche mehr bietet; als der Erdboden holperig und hart werden wird, und die keuchenden Hunde uns nicht mehr mit Pfeilgeschwindigkeit werden befördern können. Dann gehen Flüsse und Seen wieder in flüssigen Zustand über, und wir werden sie umfahren oder durchwaten müssen. Alle diese dem Einflusse der Sonne zuzuschreibenden Veränderungen werden sich in Verzögerungen, Mühen und Gefahren übersetzen, von denen der lockere Schnee, welcher unter den Füßen weicht, und die Lawinen, welche von den Eisbergen hernieder donnern, nur die kleinsten sind. Sehen Sie, das wird uns die Sonne nützen, wenn sie sich mehr und mehr über den Horizont erhebt. Erinnern Sie sich später meiner Worte, Mistreß! Von den vier Elementen des Alterthums ist uns hier ein einziges, die Luft, nützlich, nothwendig, ja, unentbehrlich; die drei anderen aber, Erde, Feuer und Wasser, brauchten für uns gar nicht vorhanden zu sein. Sie entsprechen der Natur der Polargegenden nicht!« Offenbar übertrieb der Lieutenant. Mrs. Paulina Barnett hätte ihn leicht mit seinen eigenen Beweismitteln schlagen können, aber es machte ihr Vergnügen, Jasper Hobson mit solcher Wärme der Ueberzeugung sprechen zu hören. Leidenschaftlich liebte der Lieutenant das Land, durch welches des Lebens Wechselfälle die Reisenden soeben führten, und ihr gab das die Versicherung, daß er vor keinem Hinderniß zurückweichen werde. Immerhin hatte Jasper Hobson ganz Recht, wenn er sich von der Sonne zukünftiger Schwierigkeiten versah. Man merkte das schon, als sich das Detachement nach drei Rasttagen am 4. Mai wieder auf den Weg machte. Das Thermometer hielt sich selbst während der kältesten Nachtstunden immer über dem Gefrierpunkte. Die weiten Flächen kamen zum Thauen. Die weiße Decke verschwand in Form von Wasser. Die Unebenheiten des aus Urgebirge bestehenden Bodens verriethen sich durch die wiederholten Stöße, welche die Schlitten, und in Folge dessen die Darinsitzenden, erschütterten. Die Hunde konnten sich in Folge des beschwerlicheren Ziehens nur in mäßigem Traben erhalten, und nun durften auch die Zügel gefahrlos wieder Corporal Joliffe's unkluger Hand anvertraut werden. Weder sein Zuruf, noch das Kitzeln mit der Peitsche hätte die angestrengte Bespannung in schnelleren Gang gebracht. So kam es, daß die Reisenden von Zeit zu Zeit die Last der Hunde verminderten, indem sie einen Theil des Weges zu Fuße zurücklegten. Damit waren vor Allen die Jäger des Detachements einverstanden, denn Letzteres näherte sich unmerklich den wildreicheren Jagdgründen des britischen Amerikas. Mrs. Paulina Barnett und ihre getreue Madge folgten den Jagden mit ausgesprochener Theilnahme. Thomas Black dagegen gab sich den Anschein, als habe er durchaus kein Interesse an allen waidmännischen Uebungen. In diese entlegenen Gegenden hatte er sich nicht begeben, um Wiesel und Hermelins zu erlegen, sondern einzig, um den Mond in den Augenblicken, wo seine Scheibe die der Sonne überdecken würde, zu beobachten. Sobald die Leuchte der Nacht über dem Horizonte auftauchte, verschlang sie der ungeduldige Astronom mit den Augen, was den Lieutenant einmal zu den Worten veranlaßte: »He, Herr Black, nun sollte, wenn's auch nicht gut möglich ist, der Mond kommenden 18. Juli 1860 das Stelldichein verfehlen, das dürfte Ihnen wohl unangenehm sein! – Herr Hobson, erwiderte der Astronom mit allem Ernste, wenn der Mond so gegen alles Uebereinkommen sündigte, würde ich ihn gerichtlich belangen lassen.« Die besten Jäger der Gesellschaft waren die Soldaten Marbre und Sabine, Beide Meister in ihrem Fache. Ihre Geschicklichkeit ohne Gleichen, die Schärfe ihres Auges und die Sicherheit ihrer Hand übertraf kein Indianer. Sie waren Schützen und Fallensteller zu gleicher Zeit. Ihnen waren alle Apparate und Maschinen bekannt, mit deren Hilfe man Marder, Ottern, Wölfe, Füchse und Bären fing. Keine Jägerlist war ihnen fremd. Es waren im Ganzen geschickte und intelligente Männer, und Kapitän Craventy hatte wohl daran gethan, sie Lieutenant Hobson's Detachement beizugeben. Während des Marsches fanden Marbre und Sabine freilich nicht die Muße, Schlingen zu legen. Sie konnten sich nur eine bis zwei Stunden lang entfernen, und mußten sich mit dem Wilde begnügen, das ihnen selbst in Schußweite kam. Doch wären sie schon sehr zufrieden gewesen, einen jener großen Wiederkäuer der amerikanischen Fauna zu erlegen, welche in so hohen Breiten freilich selten angetroffen werden. Eines Tages, am Morgen des 15. Mai, hatten sich die beiden Jäger, Lieutenant Hobson und Mrs. Barnett einige Meilen östlich von ihrem Wege hinwegbegeben. Marbre und Sabine hatten von ihrem Lieutenant die Erlaubniß erhalten, einige eben entdeckte frische Wildspuren zu verfolgen, und Jasper Hobson gestattete das nicht nur, sondern wollte ihnen, in Begleitung der reisenden Dame, folgen. Jene Spuren rührten offenbar von einem Rudel großen Damwildes her. Ein Irrthum war nicht denkbar. Marbre und Sabine stimmten in obiger Ansicht überein, und im Nothfall hätten sie auch noch die specielle Art, der diese Wiederkäuer angehörten, bezeichnen können. »Die Anwesenheit jener Thiere in diesen Gegenden scheint Sie Wunder zu nehmen, Herr Hobson? fragte Mrs. Paulina Barnett den Lieutenant. – Ja wohl, Madame, antwortete Jasper Hobson, nur selten begegnet man diesen Gattungen über dem siebenundfünfzigsten Breitengrade. Wir jagen sie eigentlich nur im Süden des Sklaven-Sees, dort, wo sich neben Schößlingen von Pappeln und Weiden auch gewisse wilde Rosen finden, nach denen das Damwild sehr lüstern ist. – Dann muß man also annehmen, daß diese Wiederkäuer, ebenso wie die Pelzthiere, von den Jägern vertrieben, jetzt nach stilleren Gegenden flüchten. – Es ist mir keine andere Ursache für ihr Vorkommen hier im fünfundsechzigsten Breitengrade erklärlich, erwiderte der Lieutenant, wenn wir annehmen, daß sich unsere beiden Jäger bezüglich der Natur und des Ursprungs dieser Spuren nicht getäuscht haben. – Nein, Herr Lieutenant, meldete sich Sabine, das nicht. Marbre und ich, wir haben uns nicht geirrt. Diese Spuren auf der Erde rühren von Damhirschen her, welche wir anderen Jäger rothe Damhirsche, und die Eingeborenen ›Wapitis‹ nennen. – Das steht fest, bekräftigte Marbre. Alte Trappers, wie wir, täuschen sich darin nicht. Uebrigens, Herr Lieutenant, hören Sie nicht jenes eigenthümliche Pfeifen?« Jasper Hobson, Mrs. Paulina Barnett und ihre Begleiter waren jetzt am Fuße eines kleinen Hügels angekommen, dessen schneefreie Abdachung gangbar war. Sie eilten also denselben hinan, während das von Marbre bezeichnete Pfeifen deutlich hörbar wurde. Ein Geschrei, wie das eines Esels, vermischte sich manchmal damit und bewies, daß die beiden Jäger Recht gehabt hatten. Auf dem Gipfel angelangt, ließen Alle den Blick über die Ebene nach Osten schweifen. An manchen Stellen war der Boden noch weiß, aber ein schüchternes Grün unterbrach doch schon da und dort die blendenden Schneeflächen. Einzelne nackte Gebüsche waren sichtbar. Am Horizonte hoben sich große, platt abgeschnittene Eisberge von dem graulichen Himmel ab. »Wapitis! Wapitis! Da sind sie! riefen Sabine und Marbre wie aus einem Munde, und zeigten eine Viertelmeile östlich auf eine dichte, doch leicht unterscheidbare Gruppe von Thieren. – Aber was beginnen diese? fragte die Reisende. – Sie kämpfen, Mistreß, antwortete Jasper Hobson; das ist so ihre Gewohnheit, wenn die Polarsonne ihr Blut erhitzt. Wieder eine traurige Folge des Tagesgestirns!« Von der Entfernung aus, in welcher sie sich befanden, konnten Jasper Hobson, Mrs. Paulina Barnett und die Jäger den Trupp Wapitis bequem sehen. Es waren prächtige Exemplare jener Damwildfamilie, welche unter den verschiedenen Namen der Damhirsche mit rundem Geweih, amerikanischen Hirsche und Hindinnen, der grauen und rothen Elenns verstanden werden. Diese zierlichen Thiere haben feingebaute Beine. Einige röthliche Streifen, welche sich in der warmen Jahreszeit noch lebhafter färben, ziehen sich durch ihr braunes Fell. An dem weißen, stolz entwickelten Geweih erkennt man die Männchen unter ihnen leicht, denn die Weibchen entbehren dieses Schmuckes vollkommen. Früher waren diese Wapitis auf dem ganzen Gebiete des nördlichen Amerikas verbreitet und sogar noch zahlreich in den Vereinigten Staaten. Aber bei der allseitigen Urbarmachung, bei dem Sinken der Wälder unter der Axt der Pionniere, mußte sich der Wapiti in die friedlicheren Gefilde Kanadas zurückziehen. Auch dort fehlte ihm bald die Ruhe, und so floh er zumeist an die Küsten der Hudsons-Bai. Kurz, der Wapiti ist zwar ein Thier der kälteren Länder, doch bevölkert er, wie der Lieutenant erwähnt hatte, nur selten Gegenden über dem siebenundfünfzigsten Breitengrade. Die hier Vorgefundenen waren zweifellos nur deshalb bis in diese hohen Breiten geflohen, um den Chipeways, welche gegen sie einen Krieg bis auf's Messer führen, zu entgehen und jene Sicherheit wiederzufinden, die der Wüstenei niemals abgeht. Der Kampf der Wapitis setzte sich indessen mit Erbitterung fort. Die Thiere hatten das Erscheinen der Jäger, welches dem Streite wahrscheinlich auch kein Ende gemacht hätte, offenbar nicht bemerkt. Marbre und Sabine, welche schon wußten, mit welch' blinden Kämpfern sie zu thun hatten, konnten sich also ohne Scheu nähern und bequem schießen. Dieser Vorschlag wurde auch von Lieutenant Hobson gemacht. »Entschuldigen Sie, Herr Lieutenant, sprach da Marbre. Schonen wir unser Pulver und Blei. Diese Thiere spielen ein wenig ›sich gegenseitig tödten‹, und wir kommen immer noch zeitig genug, die Gefallenen aufzulesen. – Haben diese Wapitis einen Handelswerth? fragte da Mrs. Paulina Barnett. – Ja, Mistreß, antwortete Jasper Hobson, und ihre Haut, welche nicht ganz so stark ist, wie die des eigentlichen Elenns, liefert ein sehr geschätztes Leder. Reibt man sie mit dem eigenen Fett und Gehirn des Thieres ein, so wird dieses sehr weich, und widersteht der Trockenheit und Feuchtigkeit gleich gut. Deshalb ergreifen und suchen sogar die Indianer jede Gelegenheit, sich Wapitihäute zu verschaffen. – Ist ihr Fleisch nicht auch eine ausgezeichnete Nahrung? – Eine mittelmäßige, Madame, wirklich, eine sehr mittelmäßige. Dieses Fleisch ist hart und wenig schmackhaft, das Fett desselben gerinnt, sobald es vom Feuer wegkommt, und klebt an den Zähnen. Es wird also nur gering geschätzt und steht weit unter dem des anderen Damwildes. Doch ißt man es in der Noth, beim Mangel eines besseren, und dann ernährt es seinen Mann so gut wie anderes Fleisch.« So unterhielten sich die Beiden während einiger Minuten, als der Kampf der Wapitis plötzlich aufhörte. Hatten die Thiere ihren Zorn gestillt oder die Jäger, und damit eine drohende Gefahr, gewittert? Wie dem auch sei, jedenfalls entfloh, mit Ausnahme zweier großer Exemplare, die ganze Gesellschaft mit Windeseile nach Osten. Nach wenigen Augenblicken waren sie verschwunden, und das schnellste Pferd hätte sie nicht einzuholen vermocht. Zwei stolze Damhirsche aber waren auf dem Schlachtfelde zurückgeblieben. Mit gesenkten Köpfen, Geweih gegen Geweih, die Hinterfüße kräftig eingestemmt, boten sie sich die Spitze. Wie zwei Kämpfer, die sich nicht loslassen, bis Einer unterliegt, drehten sie sich nur auf den Vorderfüßen, so als ob sie aneinander genietet wären. »O, welche Erbitterung! rief Mrs. Barnett. – Ja, sagte Jasper Hobson, diese Wapitis sind sehr nachtragende Thiere, und Jene kämpfen jetzt gewiß einen alten Strauß aus. – Wäre das nicht aber der Zeitpunkt, sich ihnen zu nähern, während sie so wuthblind sind? fragte die Reisende. – Dazu ist noch Zeit, Mistreß, bemerkte Sabine, diese da können uns nicht mehr entwischen. Wir könnten ihnen auf drei Schritte nahe sein, das Gewehr in Anschlag und den Finger am Drücker, sie wichen doch nicht von der Stelle. – Wirklich? – In der That, Madame, meinte Jasper Hobson, der darauf die Zweikämpfer aufmerksamer beobachtet hatte, ob durch unsere Hand oder die Zähne der Wölfe, jedenfalls werden diese Wapitis auf der Stelle selbst, auf der sie sich befinden, früher oder später umkommen. – Ich begreife nicht, wie Sie das wissen können, Herr Hobson, versetzte die Reisende. – Nun wohl, Mistreß, erwiderte der Lieutenant, nähern Sie sich Jenen. Fürchten Sie nicht, die Thiere zu verscheuchen. Diese können, wie unser Jäger gesagt hat, nicht mehr fliehen.« Mrs. Paulina Barnett stieg, von Sabine, Marbre und dem Lieutenant begleitet, den Hügel hinab. Wenige Minuten reichten zur Durchschreitung der kleinen Entfernung hin, die sie von dem Schauplatz des Kampfes trennte. Die Wapitis waren nicht von der Stelle gewichen. Sie stießen sich noch immer mit den Köpfen, wie zwei streitende Widder, und schienen doch fest mit einander verbunden. Wirklich hatten sich die Geweihe der beiden Wapitis in der Hitze des Kampfes so in einander gestoßen, daß jene dieselben, ohne sie abzubrechen, nicht wieder lösen konnten. Eben das kommt übrigens häufig vor, und es ist nicht selten, in den Jagdgebieten solche abgebrochene, aber fest aneinander hängende Geweihe auf der Erde zu finden. Die derselben beraubten Thiere sterben bald vor Hunger oder werden eine leichte Beute der Raubthiere. Zwei Kugeln endigten das Duell der Wapitis. Marbre und Sabine, welche dieselben auf der Stelle abzogen, nahmen nur die Häute mit, um diese später zuzurichten, und überließen den Wölfen und Bären einen Haufen blutigen Fleisches. Siebentes Capitel. Der Polarkreis. Die Expedition ging weiter nach Norden, aber das Ziehen der Schlitten auf dem unebenen Boden ermüdete die Hunde übermäßig. Die muthigen Thiere, welche am Anfang der Reise der Zügel der Führer kaum bändigen konnte, kamen nur noch langsam vorwärts, so daß ihnen mehr als zehn bis zwölf Meilen den Tag nicht zuzumuthen waren. Dennoch beeilte Jasper Hobson den Zug seines Detachements nach Möglichkeit. Es drängte ihn, an der Grenze des Sees des Großen Bären anzukommen und Fort-Confidence zu erreichen. Dort hoffte er manche für die Expedition wichtige Fingerzeige zu erhalten. Hatten die Indianer, welche das nördliche Ufer des Sees besuchen, auch schon die Gegenden in der Nachbarschaft des Meeres durchstreift? War das Eismeer zu jener Jahreszeit überhaupt offen? Das waren gewichtige Fragen, von deren zweifelloser Beantwortung die Zukunft der neuen Factorei abhing. Die Gegend, welche die kleine Gesellschaft durchzog, war von einer großen Anzahl Wasserläufen, meist Zuflüssen der beiden großen Ströme, welche von Süden nach Norden laufend sich in den arktischen Ocean stürzen, durchschnitten. Diese waren, im Westen der Mackenzie-, im Osten der Coppermine-Strom. Zwischen diesen zwei Hauptpulsadern lagen Seen, Lagunen und zahlreiche Teiche. Auf ihre schon im Aufthauen begriffene Oberfläche durfte man sich mit den Schlitten nicht wagen. Man mußte diese also umfahren, wodurch die Länge des Weges wesentlich vergrößert wurde. Entschieden hatte Lieutenant Hobson recht gehabt: der Winter ist die eigentliche Jahreszeit dieser hochnördlichen Länder; er macht sie wenigstens leichter passirbar. Mrs. Paulina Barnett sollte das noch bei mancher Gelegenheit bestätigt finden. Diese unter dem Namen des »Verwünschten Landes« bekannte Gegend war übrigens, wie fast alle die nördlichen Gebiete des amerikanischen Festlandes, völlig verlassen. Die Bevölkerungsdichtigkeit ergiebt durch Rechnung noch nicht einen Menschen auf zehn Quadratmeilen. Die Bewohner bestehen, wenn man von den schon sehr verminderten Eingeborenen absieht, aus einigen Tausend Agenten oder Soldaten, welche den verschiedenen Pelzcompagnien angehören. Es drängt sich diese Bevölkerung mehr in den südlichen Districten und in der Nachbarschaft der Forts zusammen. Auf dem Wege des Detachements traf man also auf keines Menschen Spuren. Was von solchen in dem mürben Schnee noch gefunden wurde, rührte allein von Wiederkäuern oder Nagethieren her. Einige Bären wurden bemerkt; furchtbare Thiere, wenn sie zur Familie der Polarbären gehören. Immerhin erstaunte Mrs. Paulina Barnett über diese Seltenheit der Fleischfresser. Die Reisende dachte, in Erinnerung der Berichte von Ueberwinterungen, daß die arktischen Regionen sehr reich an dergleichen furchtbaren Thieren sein müßten, weil Schiffbrüchige oder Wallfischfahrer der Baffins-Bai, wie die von Grönland und Spitzbergen, regelmäßig von denselben angegriffen wurden, und sich hier kaum dann und wann ein solches Raubthier im Sehfelde der Gesellschaft zeigte. »Warten Sie den Winter ab, Madame, erwiderte ihr Lieutenant Hobson; gedulden Sie sich bis zur Kälte, die den Hunger reizt, dann werden Sie vielleicht nach Wunsch bedient werden.« Endlich kam die kleine Gesellschaft nach einem langen, anstrengenden Zuge am 23. Mai an der Grenze des Polarkreises an. Bekanntlich bezeichnet der vom Pole um 23º 27' 5" entfernte Parallelkreis diejenige Linie, bis zu der die Sonnenstrahlen am kürzesten Tage nur reichen, wenn die andere südliche Erdhälfte Sommer hat. Von dieser Stelle aus betrat die Expedition also frischen Muthes die Gebiete der arktischen Regionen. Die geographische Breite war mittelst der sehr feinen Instrumente, welche Thomas Black und Jasper Hobson gleich geschickt handhabten, sorgfältig aufgenommen worden. Mrs. Paulina Barnett, welche dabei zugegen war, hörte mit Vergnügen, daß sie nun den Polarkreis betrete. Es war das eine gewiß zulässige Eigenliebe von ihr. »Sie haben bei Ihren früheren Reisen, Madame, bemerkte der Lieutenant, die beiden Tropenzonen durchwandert und begeben sich hiermit über den nördlichen Polarkreis. Wenige Forscher haben sich so verschiedenen Zonen ausgesetzt. Die Einen befassen sich, so zu sagen als Specialität, mit den warmen Ländern, und Afrika und Australien bilden das Hauptfeld ihrer Thätigkeit, z.B. eines Barth, Burton, Livingstone, Speke, Douglas und Stuart. Andere dagegen widmeten sich mit Vorliebe den noch so wenig bekannten arktischen Regionen, wie Mackenzie, Franklin, Penny, Kane, Parry und Raë, auf deren Wegen wir uns eben befinden. Alle Ehre also der Mrs. Paulina Barnett, der so kosmopolitischen Reisenden! – Man muß Alles sehen, oder doch zu sehen suchen, Herr Hobson, erwiderte die Dame. Ich glaube, die Schwierigkeiten und Gefahren sind wohl unter jeder Zone gleich groß. In den Polarländern hat man die Fieber der heißen Zone nicht zu fürchten, so wenig, wie die gesundheitlichen Nachtheile der zu großen Hitze oder die Grausamkeit der Wilden, dafür ist wohl die Kälte ein ebenso schrecklicher Feind. Auf wilde Thiere stößt man in allen solchen Gegenden, und die Eisbären, denke ich, werden hier gegen Reisende nicht freundlicher sein, als die Tiger in Thibet oder die Löwen in Afrika. Ueber den Polarkreisen drohen also wohl die nämlichen Gefahren, wie unter den Tropen. Das sind eben Landstriche, welche sich lange der Erforschung durch den Menschen widersetzen. – Ohne Zweifel, Madame, antwortete Jasper Hobson, aber ich glaube, daß das bei den hochnördlichen Gegenden am längsten der Fall sein wird. In den Tropengegenden sind es vorzüglich die Ureinwohner, deren Auftreten ein schwer zu beseitigendes Hinderniß bietet, und ich weiß, wie viele Opfer diesen afrikanischen Barbaren, welche doch ein civilisatorischer Krieg früher oder später einmal zu Paaren treiben wird, gefallen sind. In den arktischen und antarktischen Gegenden dagegen halten zwar keine Einwohner den Schritt der Reisenden auf, sondern die Natur selbst errichtet eine unübersteigliche Schranke, die Kälte, die grausame Kälte, welche die Kraft des Menschen verzehrt. – Sie glauben demnach, Herr Hobson, daß die heiße Zone bis in die unbekanntesten Theile Afrikas und Australiens eher bekannt sein wird, bevor die kalte Zone vollkommen durchforscht sein werde? – Ja, Madame, antwortete der Lieutenant, und diese Ansicht scheint auch wohlbegründet. Die kühnsten Entdeckungsreisenden in den arktischen Gegenden, wie Parry, Penny, Franklin, Mac Clure und Andere mehr, sind noch nie über den dreiundachtzigsten Breitengrad hinausgekommen, blieben also noch immer sieben Grade vom Pole entfernt. Dagegen ist Australien von Süden nach Norden schon mehrere Male, z. B. durch den unerschrockenen Stuart durchforscht worden, und Afrika, – das so furchtbare – hat Doctor Livingstone von der Loanga-Bai bis zur Mündung des Zambese durchzogen. Man hat also allen Grund zu der Annahme, daß die Gebiete der heißen Zone eher geographisch bekannt sein werden, als die der kalten. – Sind Sie auch der Meinung, Herr Hobson, fragte Mrs. Paulina Barnett, daß der Mensch nie im Stande sein werde, den Pol selbst zu erreichen? – Ohne Zweifel erreicht ihn einst ein Mann, Madame, sagte Hobson, oder eine Frau, fügte er galant hinzu. Doch scheint mir, daß die von den Seefahrern bislang dazu angewendeten Mittel einer tiefgreifenden Modification bedürfen. Man spricht von einem freien Meere, welches einzelne Forscher gesehen haben wollen. Dieses eisfreie Meer ist aber, wenn es überhaupt existirt, nur sehr schwer zu erreichen, und so kann zunächst Niemand mit Sicherheit voraussagen, daß er zum Pol gelangen werde. Ich bin übrigens der Meinung, daß ein solches freies Meer weit mehr eine Erschwerung, als eine Erleichterung jeder dorthin gerichteten Reise darstellen würde. Einen festen, gleichviel ob aus Eis oder aus Felsen bestehenden Boden würde ich für meinen Theil bei einer solchen Reise weit lieber sehen. Dann ließe ich durch wiederholte Expeditionen Niederlagen von Nahrungsmitteln und Kohlen immer naher nach dem Pole hin errichten und so glaube ich, daß man nach langer Zeit, großen Geldopfern, und wohl auch mit dem Verluste so manchen Menschenlebens, doch endlich bis zu diesem unerreichten Punkte der Erdkugel gelangen müßte. – Ich theile ganz Ihre Meinung, Herr Hobson, antwortete Mrs. Paulina Barnett, und wenn Sie sich jemals an dieses Unternehmen wagten, werd' ich nicht davor zurückschrecken, Mühen und Gefahren mit Ihnen zu theilen, um auf den Nordpol die Fahne des Vereinigten Königreichs zu pflanzen. Aber für jetzt ist das ja wohl unser Zweck nicht. – Für jetzt, Madame, nein, erwiderte Jasper Hobson. Immerhin könnte, nach Realisirung der Projecte der Compagnie, das an der obersten Grenze des amerikanischen Festlandes begründete Fort einen natürlichen Ausgangspunkt für alle ferneren Nordpolexpeditionen bilden. Wenn übrigens die Pelzthiere durch die Jagd weiter, und bis zu dem Nordpole hin vertrieben würden, müßten wir ihnen auch bis dahin folgen. – Mindestens, wenn diese kostspielige Mode des Pelztragens nicht einmal aufhört, ergänzte Mrs. Paulina Barnett. – O, Mistreß, entgegnete der Lieutenant, eine schöne Fran, welche einen Zobelmuff oder eine Pelzpelerine haben möchte, wird es immer geben, und diese muß doch befriedigt werden. – Das fürchte ich auch, lenkte die Reisende lächelnd ein, und wahrscheinlich ist der Erste, der den Pol erreicht, ein Jäger bei der Verfolgung eines Marders oder eines Silberfuchses. – Das ist meine Ueberzeugung, Madame, erwiderte Jasper Hobson. Die menschliche Natur ist nun einmal so geschaffen, daß die Gewinnsucht mehr und weiter treibt, als der Wissensdrang. – Wie? Und so sprechen Sie, Herr Hobson? – Nun, bin ich denn nicht Beamter der Hudsons-Bai-Compagnie, und besteht deren Thätigkeit denn in etwas Anderem, als ihre Agenten und ihre Capitalien daran zu wägen, in der einzigen Hoffnung, ihre Erträgnisse zu erhöhen? – Herr Hobson, sagte da Mrs. Paulina Barnett, ich glaube Sie so weit zu kennen, daß Sie, wenn nöthig, Leib und Seele der Wissenschaft zu opfern im Stande wären. Gälte es ein einfaches geographisches Interesse, bis zum Pole vorzudringen, so bin ich überzeugt, daß Sie nicht zögern würden. Doch, fügte sie lächelnd hinzu, das ist eine große Frage, deren Lösung noch in weiter Ferne liegt. Wir selbst sind ja bis jetzt nur am Polarkreise angelangt, den wir hoffentlich ohne zu große Schwierigkeiten überschreiten werden. – Ich weiß das nicht bestimmt, Madame, antwortete Jasper Hobson, welcher den Himmel aufmerksam musterte. Seit einigen Tagen droht schon ein Witterungswechsel. Betrachten Sie diese gleichmäßige, graue Himmelsbedeckung. Alle diese Nebel werden sich bald in Schnee auflösen, und sollte sich nur Wind erheben, so würden wir auch bald einen tüchtigen Sturm haben. Mich drängt es wirklich, erst am See des Großen Bären anzukommen. – Dann, Herr Hobson, schloß Mrs. Paulina Varnelt, sich erhebend, dieses Gespräch, wollen wir keine Zeit verlieren, und Sie sollten wohl das Zeichen zum Aufbruch geben.« Der Lieutenant bedurfte keiner weiteren Anregung. Allein, oder in Begleitung thatkräftiger Männer, wie er es war, hatte er seinen Zug Tag und Nacht fortgesetzt. Aber er konnte nicht von Allen verlangen, was er sich selbst zumuthete. Er mußte wohl die Ermüdung der Anderen in Anschlag bringen, wenn er auch die seinige nicht beachtete. An jenem Tage hatte er deshalb seiner kleinen Gesellschaft, welche erst gegen drei Uhr Nachmittags weiter zog, eine dreistündige Rast gegönnt. Bezüglich des nahe bevorstehenden Umschlages der Witterung hatte sich Jasper Hobson nicht getäuscht. Noch an diesem Tage ballten sich die Dunstmassen dichter zusammen und boten einen gelblichen, düsteren Anblick. Der Lieutenant war sehr unruhig, ohne es äußerlich durchblicken zu lassen, und während die Hunde seinen Schlitten nur mit großer Mühe dahin zogen, unterhielt er sich mit Sergeant Long, der die Vorzeichen des Sturmes nicht so sehr wahrnahm. Das Land, über welches der Zug ging, war zu einer Schlittenreise zum Unglück wenig geeignet. Der sehr unebene, da und dort von Hohlwegen durchschnittene Boden, dessen Wege einmal mit Granitblöcken besäet, ein andermal durch große, kaum vom Thauwetter angenagte Eisberge versperrt waren, verzögerte den Lauf der Zugthiere sehr wesentlich, und machte ihn sehr beschwerlich. Die armen Hunde konnten nicht mehr leisten und auch die Peitsche der Führer hatte keinen Erfolg. Der Lieutenant und seine Leute waren oft genöthigt, zu Fuße zu gehen, und um die Kräfte der erschöpften Bespannung zu unterstützen, die Schlitten zu schieben, oder diese auch zu halten, wenn sie bei den stark wechselnden Bodenneigungen umzustürzen drohten. Es ist einleuchtend, daß hierdurch eine unausgesetzte Anstrengung erwuchs, welche übrigens Alle ohne Klage ertrugen. Nur Thomas Black, der immer seiner fixen Idee nachhing, verließ seinen Schlitten niemals, da seine Corpulenz auch zu derartigen mühseligen Hebungen nicht besonders paßte. Seit Überschreitung des Polarkreises hatte sich also, wie man sieht, die Bodenbeschaffenheit vollkommen geändert. Offenbar hatten Erdrevolutionen jene gigantischen Felsblöcke dahin verschlagen. Auf der Oberfläche erhob sich dagegen eine ausgebildetere Vegetation. Nicht Büsche und Sträucher allein, auch Bäume besetzten die Abhänge der Hügel an Stellen, wo sie gegen die gar so rauhen Nordwinde geschützt waren. Sie bestanden aus Tannen, Fichten und Weiden, Baumarten, welche durch ihr Vorkommen in dieser kalten Zone doch eine gewisse vegetative Kraft der Letzteren bewiesen. Jasper Hobson rechnete sehr darauf, daß an diesen Erzeugnissen der arktischen Zone auch an den Küsten des Eismeeres kein Mangel sein werde. Diese Bäume lieferten ja Holz, Holz zum Erbauen eines Forts, Holz zum Erwärmen seiner einstigen Bewohner. Jedermann drängte sich der Unterschied zwischen dieser minder unfruchtbaren Gegend und den langen, weißen Flächen auf, welche sich zwischen dem Sklaven-See und Fort-Entreprise erstreckten. Gegen Abend wurden die gelben Dünste dunkler. Der Wind sprang auf. Bald fiel der Schnee in großen Flocken und in wenigen Minuten hatte sich der Boden mit einer dicken weißen Decke überzogen. In weniger als einer Stunde lag ein Fuß hoch Schnee, und da derselbe sich nicht hielt, sondern zu mürbem Kothe wurde, so kamen die Schlitten nur mit größter Anstrengung vorwärts. Ihr aufgebogener Vordertheil sank tief in die weiche Masse ein, welche sie stets aufhielt. Gegen acht Uhr Abends steigerte sich der Wind zum Sturme. Der heftig fortgetriebene Schnee, der bald den Boden berührte, bald wieder in die Höhe geweht wurde, bildete nur noch einen dichten Wirbel. Die von den Windstößen zurückgeworfenen Hunde, welche durch das Schneetreiben blind waren, konnten nicht mehr vorwärts. Der Zug bewegte sich jetzt durch einen schmalen Engpaß, den hohe Eisberge flankirten, und durch welchen der Sturm mit schrecklichster Heftigkeit fegte. Vom Orkan abgerissene Stücken der Eisberge stürzten in den Hohlweg und machten den Durchmarsch sehr gefährlich. Sie bildeten ebenso viele partielle Lawinen, deren jede einzelne hingereicht hätte, die Schlitten und deren Insassen zu zerschmettern. Unter solchen Umständen konnte der Weg nicht weiter fortgesetzt werden. Jasper Hobson mußte sich ergeben. Nachdem er noch Sergeant Long's Ansicht eingeholt hatte, ließ er Halt machen. Nun galt es aber einen Schutz vor den Schneewehen zu suchen, welche unerhört fortwütheten. Männer, welche an Polarexpeditionen gewöhnt sind, konnte das nicht in Verlegenheit setzen. Jasper Hobson und seine Gefährten wußten sich in solchen Fällen zu helfen. Es war ja nicht das erste Mal, daß der Sturm sie, vielleicht einige Hundert Meilen von einem Fort der Compagnie, überfiel, ohne daß ihnen eine Eskimohütte oder ein Indianerwigwam zur Verfügung stand. »Nach den Eisbergen! Nach den Eisbergen!« rief Jasper Hobson. Der Lieutenant wurde von Allen verstanden. Es galt jetzt in den dichten Eismassen sogenannte ›Schneehäuser‹ auszuhöhlen, oder vielmehr nur Löcher, in welche sich Alle während der Dauer des Sturmes bergen könnten. Die Aexte und Messer waren schnell in Thätigkeit, die mürbe Masse anzugreifen. Dreiviertel Stunde später schon war ein Dutzend Höhlen mit engen Eingängen ausgearbeitet, deren jede zwei bis drei Menschen aufnehmen konnte. Die Hunde wurden abgezäumt und sich selbst überlassen. Man überließ es ihrem Spürsinne, unter dem Schnee ein schützendes Obdach zu finden. Vor zehn Uhr war das ganze Personal der Expedition in den Schneehäusern untergebracht. Man hatte sich zu Zweien und zu Dreien, zum Theil je nach Neigung, zusammengefunden. Mrs. Paulina Barnett, Madge und Lieutenant Hobson nahmen eine Hütte ein. Thomas Black und Sergeant Long vergruben sich zusammen in einer anderen Höhle. Die Anderen würfelte der Zufall zusammen. Diese Zufluchtsorte waren, wenn nicht comfortabel, so doch wenigstens verhältnißmäßig warm, und man erinnerte sich dabei auch, daß die Eskimos und Indianer selbst in der strengsten Kälte keinen besseren Schutz haben. Jasper Hobson und die Seinen konnten den Sturm nun ruhig abwarten und hatten nur dafür zu sorgen, daß sich die Oeffnungen der Höhlen nicht mit Schnee verstopften, weshalb diese von einer halben Stunde zur anderen immer frei gelegt wurden. Während dieses Unwetters konnte Niemand einen Fuß in's Freie setzen. Zum Glück aber hatten sich Alle hinreichend mit Proviant versehen, um dieses Biberleben, ohne von Frost oder Hunger gequält zu werden, auszuhalten. Achtundvierzig Stunden lang nahm der Sturm an Heftigkeit zu. Der Wind heulte durch den Engpaß und entriß den Eisbergen ihre Gipfel. Ein Donner, den das Echo zwanzigfach wiedergab, bezeichnete den Sturz der Eislawinen. Jasper Hobson hatte allen Grund, zu befürchten, daß sein Weg durch herabgestürzte Eisblöcke ganz und gar versperrt sein möchte. Unter jenes Donnern mischte sich auch ein Brummen, über dessen Ursprung der Lieutenant nicht im Unklaren sein konnte, und er verhehlte der furchtlosen Mrs. Barnett auch nicht, daß Bären durch den Engpaß trotteten. Die mit sich selbst zu sehr beschäftigten Thiere entdeckten aber glücklicher Weise das Versteck der Reisenden nicht. Weder die Hunde, noch die Schlitten, welche unter dichter Schneedecke vergraben waren, erregten ihre Aufmerksamkeit. Die letzte Nacht, die vom 25. zum 26. Mai, war noch furchtbarer. Die Wuth des Orkanes nahm so zu, daß ein allgemeiner Einsturz des Eisberges zu befürchten war, denn man fühlte diese ungeheuren Massen in ihren Grundfesten erzittern. Ein schrecklicher Tod erwartete die Unglücklichen, die von dem Berge zerschmettert worden wären. Entsetzlich krachten die Eisblöcke, und schon bildeten sich da und dort Sprünge in der Masse, welche ihre Haltbarkeit bedrohlich verminderten. Doch trat kein Einsturz ein. Die ganze Bergmasse leistete Widerstand; gegen Ende der Nacht ließ, wie man das in Polarländern häufig beobachtet, die Gewalt des Sturmes, wie erschöpft, plötzlich unter dem Eintritt einer grellen Temperaturerniedrigung nach, und mit dem anbrechenden Tageslichte war die vollkommene Ruhe der Atmosphäre wieder hergestellt.   Achtes Capitel. Der See des Großen Bären. Die lebhafte Kälte, welche an einigen Tagen des Mais selbst in gemäßigten Zonen auf kurze Zeit einzutreten pflegt, war unseren Reisenden günstig; sie reichte hin, die dichte Schneedecke haltbar zu machen. Die Bahn wurde wieder gut. Jasper Hobson brach also wieder auf, und die Gesellschaft flog mit der ganzen Schnelligkeit der Zughunde dahin. Die Richtung der Reise wurde nun etwas geändert. Statt geraden Weges nach Norden wandte man sich westlicher und folgte gewissermaßen dem vom Polarkreise beschriebenen Bogen. Der Lieutenant wollte nach Fort-Confidence, welches an der äußersten Spitze des Sees des Großen Bären errichtet ist. Die wenigen Kältetage waren seiner Absicht sehr förderlich; es ging sehr rasch, und ohne dazwischen tretende Hindernisse vorwärts, so daß die kleine Gesellschaft schon am 30. Mai an jenem Fort ankam. Fort-Confidence und Fort-Good-Hope, beide am Mackenzie-Flusse gelegen, waren die nördlichsten Vorposten, welche die Hudsons-Bai-Compagnie bis dahin besaß. Das sehr wichtige, an der nördlichsten Spitze des Sees des Großen Bären gelegene Fort-Confidence stand durch die im Winter gefrorenen, im Sommer schiffbaren Gewässer des Sees mit dem am Südende desselben errichteten Fort-Franklin in bequemer Verbindung. Abgesehen von dem tagtäglichen Handel, welcher hier mit den Indianer-Jägern stattfand, beuteten diese Factoreien und vorzüglich Fort-Confidence, auch die Ströme und die Gewässer des Großen Bären durch Fischfang aus. Dieser See ist ein wirkliches Binnenmeer, das sich über einige Längen- und Breitengrade hin erstreckt. Es hat eine eigenthümliche, in der Mitte durch zwei spitze Vorgebirge zusammengedrängte Form und bildet im nördlichen Theile etwa ein sich nach oben erweiterndes Dreieck. Seine allgemeine Form ähnelte der des Fells eines großen Wiederkäuers, an dem die Kopfhaut fehlte. Am Ende der »rechten Tatze« war Fort-Confidence erbaut, mindestens zweihundert Meilen vom Krönungs-Golf, einem jener zahlreichen Einschnitte, welche die Nordküste Amerikas so launenhaft ausschweifen. Es befand sich also ein wenig oberhalb des Polarkreises, aber fast noch drei Grade von jenem siebenzigsten Parallelkreise entfernt, über welchen hinaus die Hudsons-Bai-Compagnie noch ein Fort zu errichten strebte. Fort-Confidence zeigte im Großen und Ganzen die nämliche Anordnung, wie die meisten übrigen Factoreien im Süden. Es bestand aus einem Officierhause, den Soldatenwohnungen und den Magazinen für die Pelzwaaren, – Alles aus Holz, und von einem Palissadenkranze umschlossen. Der commandirende Kapitän war zur Zeit abwesend. Er hatte sich einer Abtheilung Indianer und Soldaten angeschlossen, welche nach Osten, zur Aufsuchung wildreicheren Jagdgebietes, ausgezogen war. Die letzte Saison war keine gute gewesen. Vorzüglich fehlte es an werthvolleren Pelzen. Zum Ersatz waren wenigstens Otternfelle, Dank der Nachbarschaft des Sees, in großer Zahl erbeutet worden. Dieser Vorrath war aber sofort nach den Centralstationen im Süden versandt worden, so daß die Magazine des Fort-Confidence augenblicklich leer standen. In Abwesenheit des Kapitäns empfing ein Sergeant den Lieutenant Hobson im Fort. Dieser Unterofficier war ein Schwager des Sergeant Long, Namens Felton. Derselbe stellte sich ganz zur Verfügung des Lieutenants, welcher, da er seinen Begleitern einige Rast gönnen wollte, zwei bis drei Tage in Fort-Confidence zu bleiben beschloß. An Wohnräumen war, da die kleine Besatzung sich auswärts befand, kein Mangel, und Menschen wie Thiere wurden also bequem untergebracht. Das beste Zimmer im Hauptgebäude blieb natürlich für Mrs. Paulina Barnett reservirt, welche die Aufmerksamkeit des Sergeant Felton gar nicht genug loben konnte. Jasper Hobson's erste Sorge war es gewesen, sich bei Felton zu erkundigen, ob nicht irgend eine Gesellschaft von Indianern des Nordens jetzt etwa an den Seeufern hause. »Ja wohl, Herr Lieutenant, antwortete der Sergeant. Uns wurde kürzlich ein Lager von Hasen-Indianern angezeigt, welches sich an der anderen Spitze der Nordküste des Sees befindet. – Und in welcher Entfernung vom Fort? fragte Jasper Hobson. – Gegen dreißig Meilen, erwiderte Sergeant Felton. Haben Sie wohl Interesse daran, sich mit diesen Eingeborenen in Beziehung zu setzen? – Ohne Zweifel, sagte Jasper Hobson. Diese Indianer können mir werthvolle Notizen über das Territorium geben, welches an das Polarmeer grenzt und mit Cap Bathurst endigt. Ist die Oertlichkeit günstig, so möchte ich dort unsere neue Factorei anlegen. – Nun, Herr Lieutenant, antwortete Felton, nach dem Lager der Hasen-Indianer können Sie sehr leicht gelangen. – Längs des Seeufers? – Nein, gleich über den See selbst, denn dieser ist jetzt offen und der Wind günstig. Wir stellen Ihnen unser Boot zur Verfügung, zu dessen Leitung ein Matrose zur Hand ist; so können Sie das Indianerlager in wenigen Stunden erreichen. – Gut, Sergeant, sagte Jasper Hobson, ich gehe auf Ihren Vorschlag ein, und, wenn Sie wollen, morgen früh ... – Wann es Ihnen beliebt, Herr Lieutenant«, antwortete Sergeant Felton. Die Abfahrt wurde auf den anderen Morgen festgesetzt. Als Mrs. Paulina Barnett von dem Vorhaben hörte, bat sie Jasper Hobson, ihn begleiten zu dürfen, was ihr natürlich gern zugestanden wurde. Nun galt es noch, den Tag bestmöglichst auszunutzen. Mrs. Paulina Barnett, Jasper Hobson, zwei oder drei Soldaten, Madge, Mrss. Mac Nap und Joliffe besuchten, unter Felton's Führung, das benachbarte Seeufer, welches mit frischem Grün geschmückt war. Die nun schneefreien Abhänge waren da und dort mit Harzbäumen, vorzüglich mit Kiefern, bestanden. Diese Bäume stiegen etwa vierzig Fuß vom Boden auf, und lieferten übrigens den Bewohnern des Forts alles für die langen Wintermonate nöthige Brennmaterial. Ihre dicken, von biegsamen Zweigen umgebenen Stämme zeigten eine sehr charakteristische, grauliche Färbung. Doch verliehen sie in Folge ihres dichten gleichmäßigen Beisammenstehens, ihrer Geradheit und fast ganz gleichen Größe, der Landschaft nicht den Reiz der Abwechselung. Zwischen diesen Baumgruppen bedeckte eine Art weißlichen Grases den Erdboden, von welchem ein angenehmer, dem des Thymians ähnlicher Geruch aufstieg. Sergeant Felton belehrte seine Gäste, daß dieses wohlriechende Gras den Namen »Weihrauch- Gras« habe, dem es auch, auf glimmende Kohlen geworfen, alle Ehre machte. Die Spaziergänger verließen das Fort und kamen schon nach einigen hundert Schritten zu einem kleinen, von hohen Granitfelsen gedeckten Hafen, von welchem letztere den Wellenschlag der freien Wasserfläche abhielten. Dort ankerte die Flotille von Fort-Confidence, die aus einem einzigen Fischerboote bestand, dem nämlichen, welches anderen Tages Jasper Hobson und die Reisende nach dem Lager der Indianer tragen sollte. Von dieser Stelle aus schweifte der Blick über einen großen Theil des Sees, über sein bewaldetes, sanft ansteigendes Uferland, seine wunderliche Küste, die von Caps und Buchten zerrissen erschien, und über das wenig bewegte Wasser, über dem nur einige schwimmende Eisblöcke ihre beweglichen Umrisse schaukelten. Im Süden verlor sich das Auge in einem wahrhaften Meereshorizonte, einer vollkommenen Bogenlinie, an der Himmel und Wasser unter dem Glanze der Sonnenstrahlen verschmolzen. Der weite Raum, den die Oberfläche des Sees des Großen Bären einnahm, die mit Kieselgestein und Granitblöcken besäeten Ufer, die grasbekleideten Abhänge und endlich die Hügel mit ihren Bäumen, boten ein vollkommenes Bild des pflanzlichen und thierischen Lebens. Zahlreiche Arten von Enten huschten laut schnatternd über das Wasser; ferner Eidergänse, Pfeifenten, sogenannte »alte Frauen«, geschwätzige Vögel, deren Schnabel niemals stillstand. Einige Hundert Wasserscheerer und Tauchhühner flogen eiligst nach allen Richtungen davon. Unter der Decke der Bäume stolzirten Fischadler einher, Thiere von zwei Fuß Höhe, eigentlich einer Falkenart angehörig, deren Bauch von aschgrauer, Füße und Schnabel von bläulicher, und deren Augen von orangegelber Farbe sind. Die in den Zweiggabelungen der Bäume angebrachten Nester dieser Vögel sind aus Seepflanzen zusammengesetzt und von enormer Größe. Der Jäger Sabine hatte das Glück, ein paar solcher gewaltiger Fischadler zu erlegen, welche eine Flügelspannweite von sechs Fuß zeigten,– ein paar prächtige Proben jener, ausschließlich Fische fressenden, Zugvögel, welche der Winter bis an die Küsten des Mexicanischen Meerbusens treibt und der Sommer nach den höchsten Breiten Nordamerikas zurücklockt. Was die Wanderer aber am meisten interessirte war der Fang einer Otter, deren Fell mehrere hundert Rubel gilt. Das Pelzwerk von dieser kostbaren Amphibie war früher in China sehr gesucht. Wenn diese Felle aber auch an den Märkten des Himmlischen Reiches sehr verloren haben, so stehen sie dafür an denen Rußlands in hoher Gunst. Dort ist ihr Absatz, und zwar zu sehr hohen Preisen, stets gesichert. Auch sind die russischen Händler, welche die ganze Küste von Neu-Corwallis bis zum Polarmeere durchziehen, sehr begierig nach See-Ottern, deren Vorkommen immer seltener wird. Das ist der Grund, warum diese Thiere immer vor den Jägern fliehen, die ihnen bis zu den Küsten von Kamtschatka und nach den Inseln des Behring-Archipels folgen mußten. »Doch, fügte Sergeant Felton hinzu, nachdem er seinen Gästen diese Einzelheiten mitgetheilt hatte, die amerikanischen Ottern sind auch nicht zu verachten und diejenigen, welche den See des Großen Bären bewohnen, haben noch immer einen Preis von zwei- bis dreihundert Francs das Stück.« Wirklich lebten in den Gewässern des Sees ganz prächtige Ottern. Ein von dem Sergeanten selbst geschickt getroffenes und getödtetes Exemplar mochte wohl die »Wasserschlangen« Kamtschatkas aufwiegen. Es war übrigens von der Schnauze bis zur Schwanzspitze zweiundeinhalb Fuß lang, hatte handförmige Füße, kurze Beine, ein bräunliches, auf dem Rücken dunkleres, am Bauche helleres Fell und lange, seidenglänzende Haare. »Ein schöner Schuß, Sergeant, sagte Lieutenant Hobson, der Mrs. Paulina Barnett das prächtige Fell des erlegten Thieres zeigte. – Das ist er wohl, Herr Hobson, antwortete Sergeant Felton, und wenn jeder Tag ein solches Otternfell einbrächte, würden wir uns nicht zu beklagen haben. Doch wie viele Zeit geht mit dem Auflauern der Thiere verloren, die mit der äußersten Schnelligkeit schwimmen und untertauchen. Sie selbst gehen nur in der Nacht auf Raub und wagen sich am Tage nur sehr selten aus ihrem Lager heraus, das sich in einer, auch von dem geübtesten Jäger nur schwer aufzufindenden Aushöhlung eines Baumstammes oder eines Felsens befindet. – Und diese Ottern werden auch immer und immer seltener? fragte Mrs. Paulina Barnett. – Ja, Madame, erwiderte der Sergeant, und mit dem Tage, da diese Race einmal ausstirbt, werden sich auch die Erträgnisse der Compagnie wesentlich vermindern. Alle Jäger streiten vorzüglich um dieses Pelzwerk, und die Amerikaner bedrohen uns mit einer verderblichen Concurrenz. Haben Sie auf Ihrer Herreise, Herr Lieutenant, keinen Agenten einer amerikanischen Compagnie getroffen? – Keinen Einzigen, antwortete Jasper Hobson. Besuchen Jene überhaupt diese Gebiete im hohen Norden? – Gewiß, Herr Hobson, bestätigte der Sergeant, und wenn diese lästigen Menschen in der Nähe sind, ist es gut, auf seiner Huth zu sein. – Diese Agenten sind wohl Straßenräuber? fragte Mrs. Barnett. – Nein, Mistreß, entgegnete der Sergeant; aber es sind furchtbare Rivalen, und ist das Wild rar, dann fallen auch ein paar Schüsse zwischen den Jägern gegenseitig. Ich glaube sogar vorhersagen zu können, daß die Amerikaner, die der Himmel verderben möge, sollte der Versuch der Compagnie mit Erfolg gekrönt sein, und es Ihnen gelingen, an der äußersten Grenze des Landes ein Fort zu errichten, nicht zögern werden, Ihrem Beispiele zu folgen. – Was thut das? erwiderte der Lieutenant. Die Jagdgebiete sind groß und unter der Sonne ist für Jedermann Platz. Wir wollen also getrost den Anfang machen. Immer vorwärts, so lange der Boden den Füßen nicht fehlt, und Gottes Hilfe mit uns ist!« Nach dreistündigem Spaziergange kehrten Alle nach Fort-Confidence zurück. Im großen Saale desselben erwartete sie eine leckere, aus Fisch und frischem Wild bestehende Mahlzeit, der sie alle Ehre anthaten. Einige Plauderstunden im Salon beschlossen diesen Tag, und auch die Nacht spendete den Besuchern des Forts einen vortrefflichen Schlaf. Am anderen Morgen, den 31. Mai, waren Mrs. Paulina Barnett und Jasper Hobson schon seit fünf Uhr auf den Füßen. Der Lieutenant wollte diesen ganzen Tag dem Besuche des Indianerlagers widmen, um dabei alle ihm behilfliche Nachrichten einzuziehen. Er schlug auch Thomas Black vor, an dem Ausfluge Theil zu nehmen. Der Astronom zog es jedoch vor, auf dem Lande zu bleiben. Er wünschte einige astronomische Beobachtungen anzustellen und die Lage von Fort-Confidence nach Länge und Breite genau zu bestimmen. Mrs. Paulina Barnett und Jasper Hobson sollten demnach allein über den See setzen, wobei ein alter Seemann, Namens Norman, der schon lange Jahre im Dienste der Compagnie stand, die Leitung des Fahrzeuges übernahm. Die beiden Passagiere begaben sich also, von Sergeant Felton begleitet, nach dem kleinen Hafen, wo der alte Norman sie schon in seinem kleinen Schiffe erwartete. Letzteres bestand eigentlich nur in einem ungedeckten, am Kiele sechzehn Fuß langen Fischerboot, und war nach Art eines Kutters aufgetakelt, so daß ein Mann zu seiner Bedienung hinreichte. Das Wetter war schön. Eine leichte Brise blies, in sehr günstiger Richtung für die Ueberfahrt, aus Nordosten. Sergeant Felton empfahl sich seinen Gästen, die er um Entschuldigung bat, sie nicht begleiten zu können, doch dürfe er in Abwesenheit des Kapitäns die Factorei nicht so weit verlassen. Die Leine wurde gelöst und das Canot, welches unter Backbordhalsen den kleinen Hafen verließ, glitt schnell über die frischen Gewässer des Sees. Die Reise glich wirklich mehr einer anmuthigen Promenade. Der alte und von Natur verschlossene Matrose verhielt sich, das Steuer im Arme, schweigend im Hintertheile des Bootes. Mrs. Paulina Barnett und Jasper Hobson, welche auf Seitenbänken saßen, musterten die Landschaft, die sich vor ihren Augen entrollte. Das Fahrzeug segelte in etwa drei Meilen Entfernung von der Nordküste des Sees hin, um eine gerade Linie einhalten zu können. Dabei konnte man leicht die bewaldeten Abhänge, welche nach Westen zu immer niedriger wurden, überblicken. Von dieser Seite aus gesehen, schien die Umgebung im Norden des Sees völlig eben zu sein, denn der Horizont erweiterte sich ganz auffallend. Ueberhaupt stach das Ufer hier sehr gegen das des spitzen Winkels ab, an welchem Fort-Confidence, von Tannen grün umrahmt, lag. Noch sah man die Flagge der Compagnie, welche von der Spitze des Wartthurmes daselbst flatterte. Nach Süden und Westen glitzerten stellenweise die von der Sonne schief beleuchteten Wasser des Sees; vorzüglich blendend erschienen aber die beweglichen Eisberge, welche schmelzenden Silberblöcken glichen, und deren Strahlenbrechung das Auge kaum zu ertragen vermochte. Von der Eisdecke des Sees, die jeder Winter über diesen legte, war keine Spur mehr vorhanden. Nur diese schwimmenden Berge, welche das Strahlengestirn kaum auflösen konnte, schienen gegen die Polarsonne zu protestiren, die ja nur einen sehr flachen Bogen am Himmel beschrieb, und der die Wärme, nicht aber der Glanz abging. Die beiden Passagiere plauderten über derartige Gegenstände und tauschten, wie immer, die Gedanken aus, welche diese fremdartige Natur in ihnen erweckte. Sie bereicherten dadurch ihren Geist mit Erinnerungen, während das Boot, welches sich leicht auf den friedlichen Wellen wiegte, rasch dahinschoß. Wirklich näherte sich dasselbe, nachdem es um sechs Uhr früh abgefahren war, schon um neun Uhr demjenigen Punkte der nördlichen Küste, den es anlaufen sollte. Das Indianerlager war nahe der nordwestlichen Ecke des Sees aufgeschlagen. Vor zehn Uhr hatte Norman diese Stelle erreicht und landete an einem ziemlich steilen Gestade. Der Lieutenant und Mrs. Paulina sprangen sofort an's Land. Zwei bis drei Indianer – darunter deren federngeschmückter Häuptling, der sie in genügend verständlichem Englisch ansprach –, kamen ihnen entgegen. Die Hasen-Indianer, ebenso wie die Kupfer-, die Biber-Indianer und Andere, gehören alle zum Stamme der Chipeways, und unterscheiden sich in Kleidung und Lebensweise nur wenig von einander. Sie stehen übrigens in so häufiger Verbindung mit den Factoreien, daß dieser Handel sie so zu sagen, und soweit das bei einem Wilden eben möglich ist, »britannisirt« hat. Nach den Forts bringen sie ihre Jagdbeute, in diesen vertauschen sie dieselbe gegen andere zum Leben notwendige Gegenstände, welche sie schon seit einigen Jahren nicht mehr selbst herstellen. Sie stehen gewissermaßen im Solde der Compagnie; durch diese allein existiren sie, und es wäre kaum zu verwundern, wenn sie schon ihre ganze Ursprünglichkeit eingebüßt hätten. Um Indianer zu finden, bei welchen die Berührung mit Europäern noch keinen Eindruck hinterlassen hat, muß man bis in die höchsten Breiten, nach den von Eskimos bevölkerten Eisregionen hinaufgehen. Der Eskimo ist, wie der Grönländer, das echte Kind dieser Polarländer. Mrs. Paulina Barnett und Jasper Hobson begaben sich also nach dem Lager dieser Hasen- Indianer, das eine halbe Meile vom Ufer entfernt lag. Dort trafen sie etwa dreißig Eingeborene, Männer, Weiber und Kinder, an, welche von Jagd und Fischfang lebten, und die Umgebungen des Sees ausbeuteten. Nur vor Kurzem waren diese Indianer aus den nördlichsten Gebieten Amerikas zurückgekommen, und gaben Jasper Hobson einige, wenn auch sehr lückenhafte Auskunft über die Verhältnisse des Küstenstriches in der Nähe des siebenzigsten Breitengrades. Cap Bathurst selbst, wohin er sich ja gerade begeben wollte, kannten die Hasen- Indianer nicht. Uebrigens sprach ihr Häuptling von dem Gebiete zwischen dem See des Großen Bären und jenem Cap Bathurst, als von einem sehr unwegsamen Lande, das sehr hügelig und von zahlreichen, jetzt aufgethauten Wasserläufen durchschnitten wäre. Er rieth dem Lieutenant, längs des Coppermine- Flusses, im Nordosten des Sees, hinzuziehen, und so die Küste auf kürzestem Wege zu gewinnen. Am Polarmeere angelangt, würde es leichter sein, dieser Küste zu folgen, und es stände ja dann in Jasper Hobson's Belieben, Halt zu machen, wo er die Oertlichkeit eben für geeignet hielt. Der Lieutenant dankte dem Indianer-Häuptling und verabschiedete sich unter Zurücklassung einiger Geschenke. Dann besuchte er in Mrs. Paulina Barnett's Begleitung noch die Umgebungen des Lagers, und kam erst gegen drei Uhr Nachmittags an das Boot zurück. Neuntes Capitel. Ein Binnenseesturm. Der alte Seemann erwartete seine Passagiere schon mit einiger Ungeduld. Seit einer Stunde hatte sich das Wetter merklich geändert, freilich konnte das Aussehen des Himmels nur einen Mann beunruhigen, welcher Wind und Wolkenbildungen zu beobachten schon gewöhnt war. Die von dichten Dünsten verhüllte Sonne bot nur noch das Bild einer weißlichen, glanz- und strahlenlosen Scheibe. Der Wind hatte sich zwar gelegt, doch hörte man von Süden her das Grollen der Wogen des Sees. Die Anzeichen des nahe bevorstehenden Witterungswechsels waren so plötzlich eingetreten, wie es jenen hohen Breiten eigenthümlich ist. »Wir wollen schnellstens abreisen, Herr Lieutenant, sagte der alte Norman, und ja keinen Augenblick verlieren. In der Luft droht Unheil. – Wirklich, antwortete Jasper Hobson, der Himmel sieht anders aus, als vorher. Wir hatten die Aenderung gar nicht bemerkt, Mistreß Paulina. – Befürchten Sie einen Sturm? fragte die Reisende Norman. – Ja, Madame, entgegnete der alte Seemann, und die Stürme auf dem Großen Bärensee sind oft furchtbar, die Orkane wüthen wie im Atlantischen Oceane. Der plötzliche Nebel da oben weissagt nichts Gutes. Immerhin ist es möglich, daß der Tanz vor drei bis vier Stunden nicht losgeht, und bis dahin würden wir Fort-Confidence wohl erreicht haben. Doch lassen Sie uns unverzüglich absegeln, denn das Boot könnte bei den bis zur Wasserlinie aufragenden Felsen in große Gefahr kommen.« Der Lieutenant konnte Norman bei Fragen, welche dieser besser zu lösen verstand als er, nicht widersprechen. Uebrigens war der alte Seemann in der Beschiffung gerade dieses Sees wohl erfahren, weshalb man sich wohl seinem Urtheile fügen mußte. Mrs. Paulina Barnett und Jasper Hobson schifften sich also ein. Als Norman aber die Bootsleine löste und abstieß, murmelte er – vielleicht in Folge eines beängstigenden Vorgefühls – die Worte: »Es wäre wohl besser, jetzt zu warten!« Jasper Hobson, dem diese Worte nicht entgangen waren, blickte den schon am Steuer sitzenden alten Seemann besorgt an. Wäre er allein gewesen, so würde er keinen Augenblick gezweifelt haben, abzufahren; die Mitanwesenheit der Mrs. Paulina Barnett verpflichtete ihn aber doch zu größerer Vorsicht. Die Reisende verstand das Zaudern ihres Begleiters. »Nehmen Sie auf mich keine besondere Rücksicht, Herr Hobson, sagte sie, und handeln Sie, als ob ich nicht da wäre. Wenn unser wackerer Seemann den Zeitpunkt zur Abfahrt gekommen glaubt, nun wohl, so segeln wir ab. »Also, Gott befohlen! sagte Norman, indem er die Leine schießen ließ, so kehren wir so schnell als möglich zum Fort zurück,« Das Boot stach in See; während einer Stunde kam es nur wenig vorwärts. Das Segel schlug, von wechselnden Winden geschwellt, klatschend an den Mast. Die Dunstmassen wurden dichter. Schon schwankte das Boot auf der hohler gehenden See, denn das Wasser »fühlte« mit der Atmosphäre schon die drohende Sturmfluth. Schweigend verharrten die beiden Passagiere, während der ergraute Seemann bei halbgeschlosseneu Augenlidern den dichten Nebel zu durchdringen suchte. Im Uebrigen war er auf Alles vorbereitet und wartete, seine Schoten fest in der Hand, des Sturmes, bereit jene sofort nachzulassen, wenn der Anprall desselben zu heftig wäre. Bis jetzt waren aber die Elemente noch nicht im Kampfe und Alles wäre gut gewesen, hätte das Boot nur Fahrt machen können. Nach einer Stunde noch befand es sich aber kaum zwei Meilen von dem Indianerlager. Zudem war es von einigen unglückseligen Windstößen, welche von der Landseite herkamen, weit in See hinausgetrieben worden, so daß das im Nebel verhüllte Ufer kaum noch zu erkennen war. Es wäre ein sehr bedenklicher Umstand, wenn der Nordwind etwa stetig blieb, denn das leichte Boot, welches sehr zum Abweichen neigte, und nicht sehr dicht vor dem Winde segeln konnte, lief dann Gefahr, weit in den See hinaus verschlagen zu werden. »Wir kommen kaum vorwärts, sagte da der Lieutenant zum alten Norman. – Kaum, Herr Hobson, bestätigte dieser. Der Wind hält nicht aus einer Gegend an, und wenn es geschieht, ist zu befürchten, daß er gerade in der für uns ungünstigsten Richtung wehen wird. Dann könnten wir, setzte er hinzu, und wies mit der Hand nach Süden, dort eher Fort-Franklin, als Fort- Confidence zu sehen bekommen. – Nun, warf die Reisende lächelnd ein, da hätten wir doch nur eine ausgedehntere Spazierfahrt gemacht. Dieser See des Großen Bären ist ja prächtig und verdient vom Norden bis zum Süden besucht zu werden. Ich setze voraus, Norman, daß man auch von diesem Fort-Franklin aus den Rückweg findet. – Gewiß, Madame, sagte der alte Norman, wenn man nämlich bis dahin gekommen ist. Aber das stürmische Wetter hält auf diesem See oft vierzehn Tage unausgesetzt an, und wenn wir zum Unglück bis an die Südküste desselben verschlagen würden, könnte ich Herrn Jasper Hobson wohl kaum vor einem Monate für die Rückkehr nach Fort- Confidence stehen. – Dann wollen wir auf unserer Huth sein, versetzte der Lieutenant, denn ein solcher Verzug könnte unser Vorhaben sehr in Frage stellen. Unterlassen Sie also ja Nichts, mein Freund, und gehen, wenn nöthig, irgend wo an der Nordküste an's Land. Mrs. Paulina Varnett wird meiner Ansicht nach vor einer Fußreise von zwanzig bis fünfundzwanzig Meilen nicht zurückschrecken. – Ich würde gern an der Nordküste landen, Herr Hobson, entgegnete Norman, aber dorthin kann ich nicht zurück. Sehen Sie selbst, der Wind scheint von daher beständig zu werden. Höchstens kann ich auf das Nordost-Cap zu halten, und wenn es nicht zum Sturme kommt, hoffe ich dann gute Fahrt zu machen.« Schon gegen halb fünf Uhr kündigte sich aber das Unwetter an. Aus den höheren Luftschichten hörte man ein scharfes Pfeifen. Noch berührte der Wind, der in Folge des Zustandes der Atmosphäre mehr in den höheren Luftschichten wehte, die Oberfläche des Sees nicht, doch konnte das nicht mehr fern sein. Laut hörte man die Vögel kreischen, welche erschreckt durch die Dunstmassen jagten. Plötzlich zertheilten sich diese und machten schwere, niedrige, ausgezackte Wolken, wahre Fetzen von Wasserdunst, sichtbar, welche stürmisch nach Süden trieben. Die Befürchtung des alten Seemanns hatte sich also bewahrheitet; der Wind blies aus Norden und mußte in nächster Zeit zur Gewalt eines Orkanes anwachsen. »Achtung!« rief Norman, der die Schoten straff anzog, um das Boot mit Hilfe des Steuers möglichst scharf an den Wind zu bringen. Da brach der Sturm los. Weit neigte sich das Schiffchen auf die Seite, erhob sich dann wieder und tanzte auf einem Wellenberge. Von dem Augenblicke an wurde der Seegang so hohl, wie im freien Meere. Bei dem hier verhältnißmäßig seichten Wasser stießen sich die Wellen mit Macht an dem Seegrunde und schnellten dann zu beträchtlicher Höhe auf. »Zu Hilfe! Zu Hilfe!« rief der alte Seemann, der das Segel schnell einzuziehen suchte. Jasper Hobson und selbst Mrs. Paulina Barnett suchten dem alten Norman beizustehen, erreichten aber Nichts, da sie mit Schiffsmanoeuvern zu wenig vertraut waren. Norman konnte das Steuer unmöglich verlassen, und da sich die Hißleinen an der Mastspitze verwickelt hatten, folgte das Segel dem Zuge nicht. Jeden Augenblick drohte das Boot umzuschlagen, und häufig schon drang das Wasser über die eine Seite herein. Der dicht bedeckte Himmel verdunkelte sich mehr und mehr. Ein kalter Regen stürzte, mit Schnee vermischt, stromweise herab, und der Orkan verdoppelte seine Wuth und zerbrach den Kamm der Wellen. »Abschneiden! Abschneiden!« rief der alte Seemann mitten durch das Toben des Sturmes. Jasper Hobson, dem der Wind die Kopfbedeckung geraubt und der Platzregen das Sehen fast unmöglich gemacht hatte, ergriff Norman's Messer und trennte die wie eine Harfensaite gespannte Hißleine. Das naßgewordene Troß glitt aber nicht mehr in der Hohlkehle der Blockrolle, und so blieb die Segelstange immer noch in senkrechter Stellung zu der Mastspitze. Nun wollte Norman fliehen, fliehen nach Süden, da er gegen den Wind ja doch nicht aufkommen konnte; fliehen, trotzdem daß dieser Versuch, mitten durch die Wogen, deren Schnelligkeit größer war, als die des Fahrzeuges, zu gehen, außerordentlich gefährlich erschien; fliehen, und lief er auch dabei Gefahr, bis an die südliche Küste des Sees getrieben zu werden. Jasper Hobson und seine muthige Begleiterin waren sich der ihnen drohenden Gefahr wohl bewußt. Dieses zerbrechliche Boot konnte ja dem Anschlagen der Wogen nicht lange widerstehen. Entweder mußte es zertrümmert werden, oder kentern. Das Leben derjenigen, die es trug, stand nur in Gottes Hand. Trotz alledem verzweifelte weder der Lieutenant, noch Mrs. Paulina Barnett. Von Kopf bis zu Füßen von den Sturzseen bedeckt, vom kalten Regen durchnäßt und von dunkeln Sturmwolken umhüllt, klammerten sie sich fest an die Bänke und blickten forschend durch die Wasserstaubmassen. Das Land war völlig außer Sicht. Kaum eine Kabellänge vom Boote entfernt mischten sich scheinbar Wolken und Wellen. Dann lenkten sich ihre Blicke fragend auf den alten Norman, der, mit trotzig geschlossenem Munde und das Steuerruder krampfhaft in den Händen, sein Schiff noch immer möglichst nahe am Winde zu halten suchte. Die Heftigkeit des Orkans ward aber so groß, daß das Boot in dieser Richtung nicht mehr lange weiter segeln konnte. Die ihm von vorn entgegenschlagenden Wogen mußten es unfehlbar zertrümmern. Schon hatten sich die ersten Bordplanken gelöst und es war, wenn es mit seinem ganzen Gewichte in ein Wellenthal hinabstürzte, immer zu befürchten, daß es sich nicht wieder erheben werde. »Wir müssen fliehen, trotz alledem fliehen!« murmelte der alte Seemann. Er wendete also das Steuer, zog die Schoten an und richtete den Cours nach Süden. Mit rasender Schnelligkeit flog das Schiffchen sofort unter dem straff gespannten Segel dahin. Doch die ungeheuren, noch leichter beweglichen Wellen eilten noch schneller vorwärts, und hierin lag die größte Gefahr dieser Flucht mit dem Winde im Rücken. Schon wälzten sich ganze Wassermassen über das gerundete Hintertheil des Bootes, welches immer ausgeschöpft werden mußte, wenn man nicht sinken wollte. Je weiter es in den offenen See hinauskam und sich dem entsprechend also vom Ufer entfernte, desto wilder wurde das Wasser. Kein Schutz, keine Baumwand oder Hügelkette brachen die Wuth des Orkans. Durch gewisse Lichtungen, oder vielmehr durch Risse in den Dunstmassen erblickte man manchmal enorme Eisberge, welche wie Ankerbojen von den Wogen gehoben und wieder gesenkt wurden und ebenfalls nach Süden zu trieben. Es war jetzt halb sechs Uhr; weder Norman, noch Jasper Hobson vermochten die durchfahrene Strecke abzuschätzen, so wenig, wie sie die eingehaltene Richtung bestimmen konnten. Sie waren nicht mehr Herren ihres Fahrzeuges, vielmehr ganz den Launen des Sturmes preisgegeben. Da erhob sich, etwa hundert Fuß hinter dem Boote, eine riesige Welle, deren Kamm ein weißer Schaum krönte. Vor ihr her lief eine Wassersenkung, die mehr einem Abgrunde ähnlich war. Alle kleinen Wellen dazwischen, die der Wind aufgewirbelt hatte, waren in ihr aufgegangen. In der Tiefe jenes Abgrundes erschien das Wasser von schwärzlicher Farbe. Das Boot, welches in diese Tiefe hineingerissen wurde, sank immer mehr und mehr. Der Wogenberg, der die ganze Umgebung überragte, zog heran. Er hing schon über dem Boote und drohte es zu erdrücken. Norman, der sich zurückgebogen hatte, sah ihn herankommen. Jasper Hobson und Mrs. Paulina Barnett sahen ihm starr mit weit aufgerissenen Augen entgegen, und erwarteten ängstlich, daß er sich über sie stürzen werde. In diesem Augenblicke brach die Woge auch mit Donnertoben über ihnen zusammen. Einer Brandung ähnlich fluthete sie über das Schiffchen, dessen Hintertheil vollständig begraben wurde. Ein furchtbarer Stoß wurde fühlbar, den ein Schrei von den Lippen des Lieutenants und der Mrs. Paulina Barnett, die unter dem Wasserberge verschwanden, begleitete. Sie mußten annehmen, daß das Boot jetzt untergehe. Dennoch erhob es sich, zu drei Viertel mit Wasser gefüllt, wieder..., aber der alte Seemann war verschwunden. Jasper Hobson entrang sich ein Schrei der Verzweiflung. Mrs. Paulina Barnett wandte sich nach ihm. »Norman! rief er, und zeigte nach dem leeren Platz am Steuer. – Der Unglückliche!« sagte die Reisende. Jasper Hobson und sie hatten sich auf die Gefahr hin, aus dem Boote geworfen zu werden, erhoben, doch sahen sie Nichts. Kein Schrei, kein Zuruf war zu vernehmen, – kein Körper tauchte in dem weißen Schaume auf... Der alte Seemann hatte den Tod in den Wellen gefunden. Mrs. Paulina Barnett und Jasper Hobson waren auf ihre Sitze zurückgesunken. Jetzt hatten sie allein für ihre Rettung zu sorgen. Aber weder der Lieutenant noch seine Begleiterin verstanden mit einem Schiffe umzugehen, das unter den jetzigen mißlichen Verhältnissen kaum ein wetterfester Seemann zu regieren vermocht hätte. Das Boot war nun ein Spiel der Wellen. Das geblähte Segel riß dasselbe fort; konnte Jasper Hobson seinen Lauf hemmen? Die Lage der beiden Unglücklichen, die vom Sturme in einer zerbrechlichen Barke erfaßt, diese nicht einmal lenken konnten, wurde entsetzlich. »Wir sind verloren! sagte der Lieutenant. – Nein Herr Lieutenant, entgegnete die muthige Paulina Barnett. Helfen wir uns selbst, so wird uns auch der Himmel helfen.« Jasper Hobson erkannte jetzt ganz die unerschrockene Frau, deren Schicksal augenblicklich auch das seine war. Am notwendigsten erschien es, das Boot von dem eingedrungenen Wasser zu befreien. Eine zweite Sturzwelle würde es augenblicklich gefüllt und auf den Grund versenkt haben. Es handelte sich demnach darum, das Fahrzeug so zu erleichtern, daß es sich leichter mit den Wellen hob und weniger Gefahr lief, zertrümmert zu werden. Mrs. Paulina Barnett und Jasper Hobson schöpften also das Wasser möglichst schnell aus, welches durch seine Beweglichkeit das Umschlagen begünstigen mußte; was keine leichte Arbeit war, da jeden Augenblick ein Wellenkamm über den Bordrand schlug, und man die Wasserschaufel nie aus der Hand legen konnte. Vorzüglich unterzog sich die Reisende dieser Mühe, während der Lieutenant das Steuerruder hielt, und das Schiff wohl oder übel vor dem Wind zu halten suchte. Zur Vergrößerung der Gefahr brach die Nacht, oder wenn nicht die Nacht, denn diese dauert zu jener Jahreszeit in solchen hohen Breiten nur wenige Stunden, – so doch die Abenddämmerung mehr und mehr herein. Die niedrigen, mit Wasserstaub vermengten Wolken waren kaum noch vom verschwimmenden Lichte erhellt. Kaum zwei Bootslängen weit konnte man vor sich sehen, und mußte doch fürchten, durch den etwaigen Anprall an einen schwimmenden Eisblock vollständig zu scheitern. Solche Eisinseln konnten aber ganz unerwartet auftauchen, und bei dieser Geschwindigkeit gab es kein Mittel, ihnen auszuweichen. »Sind Sie nicht Herr Ihres Steuers, Herr Hobson? fragte Mrs. Paulina Barnett, als der Sturm eine kurze Pause machte. – Nein, Madame, antwortete der Lieutenant, Sie werden auf Alles gefaßt sein müssen. – Ich bin es!« erwiderte einfach die muthige Frau. In demselben Augenblicke ließ sich ein scharfes Reißen hören, das fast betäubend war. Das durch den Druck des Windes aufgeschlitzte Segel flog wie eine kleine weißliche Wolke von dannen. Noch schoß das Boot, in Folge der ihm innewohnenden Geschwindigkeit, einige Augenblicke weiter fort; dann kam es zur Ruhe, und die Wellen schaukelten es, wie ein Stückchen eines Wracks. Jasper Hobson und Mrs. Paulina Barnett gaben sich verloren; sie wurden furchtbar erschüttert, von den Bänken geschleudert, gequetscht und verwundet. An Bord war kein Stückchen Leinwand weiter, welches man dem Winde hätte bieten können. Die beiden Unglücklichen sahen sich, bei diesem dunkeln Wasserstaube und den fortwährenden Schneewirbeln und Regenschauern, kaum selbst einander. Verständlich machen konnten sie sich eben so wenig; so verharrten sie, jeden Augenblick in Todesangst, wohl eine Stunde lang, und empfahlen sich der Gnade des Höchsten, der sie allein noch zu retten vermochte. Wie lange sie so von den wüthenden Wellen umhergeworfen wurden? – Weder Lieutenant Hobson, noch Mrs. Paulina Barnett hätten das sagen können. Da erfolgte ein furchtbarer Stoß. Das Boot war gegen einen ungeheuren Eisberg gestoßen, einen schwimmenden Block mit steilen und glatten Seitenwänden, an welchen kein Halt zu finden war. Bei diesem plötzlichen Stoße, dem gar nicht auszuweichen gewesen war, wich das Vordertheil aus einander und strömend drang das Wasser ein. »Wir sinken! Wir sinken!« rief Jasper Hobson. Wirklich sank das Fahrzeug, und schon stand das Wasser in der Höhe der Sitzbänke. »Mistreß, Mistreß! rief der Lieutenant laut, ich bin hier, ich bleibe... bei Ihnen! – Nein, Herr Jasper, entgegnete Mrs. Paulina; allein können Sie sich retten; zu Zweien würden wir Beide untergehen. Lassen Sie mich! Lassen Sie mich! – Niemals!« rief Lieutenant Hobson. Kaum hatte er indeß dieses Wort vollendet, als das von einem neuen Wellenschlage getroffene Boot senkrecht hinabsank. Alle beide verschwanden in dem Schaum, der über das plötzlich sinkende Boot zusammenwirbelte. Nach wenig Augenblicken tauchten sie wieder an der Oberfläche auf. Kräftig schwamm Jasper Hobson mit dem einen Arme und umschlang seine Begleiterin mit dem andern. Offenbar konnte aber sein Kampf gegen die wüthenden Wellen nicht von langer Dauer sein, und bald hätte er wohl mit der, welche er retten wollte, untergehen müssen. In diesem Augenblicke erweckten fremdartige Laute seine Aufmerksamkeit. Das waren keine Schreie eines erschreckten Vogels, sondern Zurufe einer menschlichen Stimme. Jasper Hobson, der sich mit der gewaltigsten Anstrengung möglichst über das Wasser zu erheben suchte, spähte rasch rund umher. Aber Nichts sah er mitten in diesem Wasseraufruhre. Immer noch hörte er jedoch die Rufe, welche sich offenbar näherten. Welche Tollköpfe wagten es wohl, ihm hier zu Hilfe zu kommen? Doch, wer sie auch seien, sie mußten ja zu spät kommen. Von seinen Kleidern behindert, fühlte sich der Lieutenant sinken sammt der Unglücklichen, deren Kopf er kaum noch über Wasser zu halten vermochte. Wie als letztes Lebenszeichen stieß da Jasper Hobson einen herzzerreißenden Schrei aus, dann verschwand er unter einer ungeheuren Woge. Doch er hatte sich vorher nicht getäuscht. Drei Menschen, welche auf dem See waren, hatten das Boot in Noth gesehen und eilten ihm zu Hilfe. Diese Menschen, die Einzigen, welche mit einiger Aussicht auf Erfolg einem solchen wüthenden Wasser trotzen konnten, befanden sich in der einzigen Art von Booten, welche einem solchen Sturme Widerstand zu leisten vermochte. Diese Menschen waren drei Eskimos, deren Jeder in seinem Kaiak festgebunden war. Der Kaiak ist eine lange, an beiden Enden aufgebogene Pirogue, die aus sehr leichtem Holz gezimmert ist, und über welche mit Seekalbsehnen genähte Robbenfelle gespannt sind. So ist der ganze Kaiak bis auf eine in der Mitte aufgesparte Oeffnung mit Fellen überdeckt. In der Mitte nimmt der Eskimo Platz, befestigt seine für Wasser undurchdringliche Jacke an dem Rande der Oeffnung, und bildet sonach mit seinem Boote ein unzertrennliches Ganzes, in welches kein Tropfen Wasser eindringen kann. Dieser lenksame und leichte Kaiak tanzt immer auf dem Rücken der Wellen; untergehen kann er nicht, höchstens umschlagen, doch ein Schlag mit dem Doppelruder richtet ihn ebenso leicht wieder auf. Wo die besten Schaluppen unfehlbar zertrümmert würden, widersteht ein solcher Kaiak mit Erfolg. Auf den letzten, von dem Lieutenant ausgestoßenen Schrei trafen die drei Eskimos gleichzeitig an der Stelle des Schiffbruchs ein. Jasper Hobson und Mrs. Paulina Barnett, die schon fast bewußtlos waren, fühlten nur noch, wie eine kräftige Hand sie erfaßte und dem Abgrunde entriß. Bei der herrschenden Dunkelheit war es ihnen aber unmöglich, ihre Retter zu erkennen. Der Eine der Eskimos packte den Lieutenant und legte ihn quer über sein Boot, ein Anderer verfuhr ebenso mit Mrs. Paulina Barnett, und schnell schossen die drei von sechsfüßigen Doppelrudern geschickt getriebenen Kaiaks über die schäumenden Wellen dahin. Eine halbe Stunde nachher waren beide Schiffbrüchige auf einer sandigen Stelle am Ufer, drei Meilen unterhalb Fort-Providence, niedergelegt. Nur der alte Seemann fehlte bei der Heimkehr.   Zehntes Capitel. Ein Rückblick. Gegen zehn Uhr Abends klopften Mrs. Paulina Barnett und Jasper Hobson an das äußere Thor des Forts. Da war eine Freude, sie wiederzusehen, nachdem man sie schon verloren geglaubt hatte. Diese Freude wich aber einer tiefen Betrübniß, als man den Tod des alten Norman vernahm. Der brave Mann hatte die Liebe Aller besessen, und ein lebhaftes Bedauern ehrte sein Andenken. Die muthigen und opferfreudigen Eskimos wollten, als sie den herzlichsten Dank des Lieutenants und seiner Begleiterin sehr phlegmatisch entgegen genommen hatten, nicht einmal mit nach dem Fort kommen. Was sie gethan hatten, erschien ihnen ganz selbstverständlich. Es war das auch nicht ihr erstes Rettungswerk gewesen, und sofort hatten sie den gefährlichen Weg über den See wieder eingeschlagen, auf dem sie bei Tag und Nacht dem Fange der Ottern und verschiedener Wasservögel oblagen. Die auf die Rückkehr Jasper Hobson's folgende Nacht, der nächste Tag, der 1. Juni, und die Nacht vom 1. zum 2. wurde ausschließlich der Ruhe gewidmet. Die kleine Truppe ließ sich das ganz gern gefallen, doch war der Lieutenant fest entschlossen, am Morgen des 2., an dem sich der Sturm auch glücklicher Weise gelegt hatte, abzureisen. Alle Hilfsmittel des Forts hatte Sergeant Felton der Gesellschaft zur Verfügung gestellt. Einige Gespanne Hunde wurden ersetzt, und zur Zeit der Abfahrt fand Jasper Hobson seine Schlitten in bester Ordnung am äußeren Thore aufgefahren. Man nahm Abschied. Jeder dankte dem Sergeant Felton, der sich unter den gegebenen Verhältnissen sehr gastfreundlich gezeigt hatte, und Mrs. Paulina Barnett war nicht die Letzte, ihm ihre Anerkennung auszudrücken. Ein kräftiger Handschlag, den der Sergeant seinem Schwager Long reichte, beendete die Abschiedsceremonie. Paarweise besetzte man wieder die bestimmten Schlitten, doch fuhren diesmal Mrs. Paulina und der Lieutenant mit einander, während Madge und Sergeant Long ihnen folgten. Dem Rathe des Indianerhäuptlings folgend, wollte Jasper Hobson die Küste Amerikas auf kürzestem, nämlich dem geraden Wege zwischen Fort-Confidence und dem Meere erreichen. Nach seinen Karten, welche die Gestaltung des Landes freilich nur annäherungsweise zeigten, schien es ihm gut, längs dem Thale den Lauf des Coppermine, eines ziemlich mächtigen, in die Krönungs-Bai einmündenden Flusses, zu verfolgen. Die Entfernung zwischen dem Fort und jener Ausmündung beträgt nur ein und ein halb Breitengrade, – etwa fünfundachtzig bis neunzig Meilen. Die tiefe Einbuchtung, welche jenen Golf bildet, wird im Norden durch das Cap Krusenstern begrenzt; von da aus aber verläuft die Küste flach bis zu jenem Punkte des siebenzigsten Breitengrades, an welchem die Bathurst-Spitze, oder das Cap gleichen Namens, emporsteigt. Hobson änderte also die bis jetzt eingehaltene Richtung und wandte sich nach Osten, um dem Wasserlaufe in gerader Linie nach wenigen Stunden zu begegnen. Anderen Tages, am 3. Juni Nachmittags, wurde der Fluß erreicht. Der Coppermine strömte mit klarem, schnellem, jetzt ganz eisfreiem Wasser, voll bis an die Ufer, in einem breiten Thale dahin, genährt von zahllosen, launenhaften Bergwässern, welche indeß alle ohne Beschwerde zu passiren waren. Leicht glitten die Schlitten dahin. Unterwegs erzählte Lieutenant Hobson seiner Gefährtin die Geschichte des Landes, durch welches sie reisten. Zwischen ihm und der Reisenden hatte sich in Folge der Umstände und des gleichen Alters eine wirkliche Vertraulichkeit und ernsthafte Freundschaft herausgebildet. Mrs. Paulina Barnett strebte ihre Kenntnisse zu erweitern, und da sie selbst Sinn für Entdeckungen hatte, hörte sie auch gern von Entdeckern erzählen. Jasper Hobson, der sein Nordamerika »aus dem Fundamente« kannte, war in der Lage, die Wißbegier der Reisenden vollkommen zu befriedigen. »Noch vor etwa neunzig Jahren, sprach er, war dieses vom Coppermine durchströmte Gebiet völlig unbekannt, und verdankt man seine Entdeckung einigen Agenten der Hudsons-Bai-Compagnie, nur fand hierbei Dasselbe statt, was in der Wissenschaft so häufig vorkommt, daß man nämlich das Eine suchte, und das Andere fand. Columbus suchte z.B. Asien und entdeckte dafür Amerika. – Und was suchten damals die Sendlinge der Compagnie? fragte Mrs. Paulina Barnett. Etwa die berühmte nordwestliche Durchfahrt? – Nein, Madame, entgegnete der junge Lieutenant, das nicht. Vor hundert Jahren lag der Compagnie Nichts daran, die Fahrbarkeit dieses Seeweges, der nur ihren Concurrenten von Vortheil gewesen wäre, festzustellen. Man behauptet sogar, daß im Jahre 1741 ein gewisser Christoph Middleton, der jene Gegenden bereiste, von der Compagnie 5000 Pfund Sterling für die Erklärung erhalten habe, daß eine Verbindung zwischen den beiden Meeren nicht vorhanden sei und auch nicht vorhanden sein könne. – Das gereicht der berühmten Compagnie nicht gerade zur Ehre, warf Mrs. Paulina Barnett ein. – In diesem Punkte möchte ich sie auch gar nicht vertheidigen, fuhr Jasper Hobson fort. Ich füge Ihnen sogar noch hinzu, daß das Parlament diese Handlungsweise sehr durchschlagend desavouirte, indem es, im Jahre 1746, einen Preis von 20,000 Pfund Sterling für Denjenigen auswarf, der die fragliche Durchfahrt entdecken würde. So sah man denn auch noch in dem nämlichen Jahre zwei unerschrockene Reisende, William Moore und Francis Smith, bis zur Repulse-Bai, um jene gewünschte Meeresverbindung aufzusuchen, vordringen. Ihr Unternehmen blieb jedoch erfolglos, und nach anderthalbjähriger Abwesenheit kehrten sie wieder nach England zurück. – Aber begaben sich nicht andere, von der Thatsache überzeugte Seefahrer sogleich auf die Spuren Jener? fragte Mrs. Paulina Barnett. – Nein, Mistreß; dreißig Jahre lang wurde trotz der hohen Belohnung seitens des Parlamentes kein neuer Versuch zur Lösung dieses geographischen Räthsels unternommen, welches so hinderlich über diesem Theil des amerikanischen Festlandes, oder vielmehr des britischen Nordamerikas, – denn dieser Name soll erhalten bleiben, – schwebte. Erst im Jahre 1769 nahm ein Agent der Compagnie Moore's und Smith's unterbrochene Arbeiten wieder auf. – Demnach war die Compagnie von ihren engherzigen und selbstsüchtigen Ideen abgekommen? – Nein, Madame, noch nicht. Samuel Hearne, – dies ist der Name des betreffenden Agenten, – hatte nur den Auftrag, die Lage einer Kupfermine zu bestimmen, von welcher umherschweifende Eingeborene gesprochen hatten. Am 6. November 1769 verließ dieser Agent Fort-Prince-de-Galles, das am Churchill-Strome, nahe der Westküste der Hudsons-Bai, liegt. Schnell drang Samuel Hearne nach Nordwesten vor; die eintretende allzu heftige Kälte und der Mangel an Nahrungsmitteln nöthigten ihn jedoch, nach Fort-Prince-de-Galles zurückzukehren. Zum Glück war er aber ein nicht so schnell zu entmuthigender Mann. Am 23. Februar reiste er in Begleitung mehrerer Indianer auf's Neue ab. Die Strapazen dieser zweiten Reise waren ganz außerordentliche. Wild und Fische, worauf Samuel Hearne rechnete, fehlten oft gänzlich. Sieben Tage lang hatte er einmal Nichts als wilde Früchte neben Stücken alten Leders und gebrannter Knochen zur Nahrung. Nochmals war der furchtlose Reisende gezwungen, ohne Erzielung irgend eines Resultates nach der Factorei umzukehren. Dennoch beruhigte er sich nicht. Zum dritten Male ging er am 7. December 1770 ab und entdeckte nun, nach neunzehnmonatlichen Kämpfen, am 13. Juli 1772, den Coppermine-Fluß, den er bis zur Mündung verfolgte, von welcher aus er das offene Meer gesehen haben wollte. Zum ersten Male war hiermit die Nordküste Amerikas erreicht worden. – Aber die nordwestliche Durchfahrt, d.h. die Verbindung zwischen dem Atlantischen und dem Stillen Weltmeere, war damit noch nicht entdeckt? fragte Mrs. Paulina Barnett. – O nein, Mistreß, erwiderte der Lieutenant, und wie viele abenteuerlustige Seefahrer suchten sie später noch! So unterzogen sich Phipps (1773), James Cook und Clerke (von 1776 bis 1779), Kotzebue (von 1815 bis 1818), Roß, Parry, Franklin und noch viele Andere, diesem immer vergeblichen Versuche, und erst in unserer Zeit begegnet man in dem unerschrockenen Entdeckungsreisenden Mac Clure dem einzigen Menschen, der wirklich durch das Polarmeer von einem Ocean zum anderen gelangt ist. – Wahrlich, Herr Hobson, antwortete die Reisende, dann bildet das ein geographisches Ereigniß, auf welches stolz zu sein wir Engländer alle Ursache haben. Doch sagen Sie mir, hat denn die Hudsons-Bai-Compagnie, nachdem sie endlich auf ihrer würdigere Gedanken gekommen war, nach Samuel Hearne keinem anderen Reisenden ihre Unterstützung geliehen? – Gewiß, Madame, und ihr verdankt es beispielsweise Franklin, daß er seine Reise 1819 bis 1822, genau zwischen dem Hearne-Flusse und dem Cap Turnagain, ausführen konnte. Dieser Zug verlief freilich unter den härtesten Leiden und Entbehrungen, denn auch bei diesem ging den Reisenden die Nahrung öfter gänzlich aus. Zwei Canadier, die von ihren Kameraden erschlagen worden waren, wurden aufgezehrt. Trotz aller Qualen zog Franklin aber doch nicht weniger als 5500 Meilen an dem bis dahin unbekannten Küstengebiete Nordamerikas hin. – Ja, das war ein Mann von seltener Thatkraft, fügte Mrs. Paulina Barnett hinzu. Hat er es nicht dadurch bewiesen, daß er sich trotz der überstandenen Leiden und Gefahren noch an eine neue Nordpolexpedition wagte? – Ja wohl, bestätigte Jasper Hobson, und der kühne Forscher mußte noch auf dem Schauplatze seiner Entdeckungen einen grausamen Tod finden. Doch ist es sehr wahrscheinlich, daß nicht alle Begleiter Franklin's mit ihm umgekommen sind, und gewiß irren noch viele dieser Unglücklichen in den eisstarrenden Einöden umher. O, ich kann an dieses traurige Verlassensein nicht ohne Beklommenheit des Herzens denken. Der Tag wird noch kommen, Mrs. Paulina, setzte der Lieutenant sichtlich bewegt hinzu, an dem auch ich jene unbekannten Länder, welche diese schreckliche Katastrophe sahen, durchstreifen werde ... – Und dann werde ich, schloß Mrs. Paulina Barnett mit einem warmen Händedrucke diese Worte, dann werde ich Ihre treue Begleiterin sein. O, mir ist, ebenso wie Ihnen, dieser Gedanke mehr als einmal gekommen, und das Herz will mir brechen, wenn ich mir sage, daß da droben Engländer, Landsleute vielleicht sehnsüchtig auf Hilfe harren ... – Welche freilich für die Meisten dieser Bedauernswerthen zu spät, aber doch noch für Einige, das dürfen Sie glauben, gelegen kommen würde. - Gott hört Sie, Herr Hobson! sagte Mrs. Paulina Barnett fast feierlichen Tones. Ich finde übrigens, daß diejenigen Agenten der Compagnie, welche dem nördlichen Ufer ganz nahe wohnen, in der besten Lage wären, die Erfüllung dieser Pflicht der Menschlichkeit zu versuchen. – Auch ich theile Ihre Ansicht, Mistreß, antwortete der Lieutenant, denn diese Agenten sind an die Strenge des Polarklimas am meisten gewöhnt. Hiervon haben sie übrigens manche Beweise gegeben. Waren sie es nicht, welche im Jahre 1834 den Kapitän Back auf seiner Reise unterstützten, deren Folge die Entdeckung des König-Wilhelm-Landes, d. h. desjenigen Gebietes war, auf dem sich die Katastrophe mit Franklin ohne Zweifel zugetragen hat. Waren es nicht Zwei der Unseren, der muthige Dease und Simpson, denen der Gouverneur der Hudsons-Bai im Jahre 1838 die specielle Erforschung der Ufer des Polarmeeres auftrug, in deren Folge das Victoria-Land zum ersten Male erblickt wurde? – Unserer Compagnie scheint also die Zukunft die Erforschung der arktischen Continente aufgespart zu haben. Allmälig werden sich neue Factoreien immer weiter im Norden, dem natürlichen Zufluchtsorte der Pelzthiere, erheben, und dereinst gewiß auch auf dem Pole selbst, jenem mathematischen Punkte, an dem sich alle Meridiane der Erdkugel schneiden!« Während dieses Gespräches und mehrerer anderer, die ihm noch folgten, erzählte Jasper Hobson auch seine eigenen Abenteuer im Dienste der Compagnie, seine Kämpfe mit den Agenten concurrirender Gesellschaften und seine Erforschungsversuche in den unbekannten Gebieten des Nordens und Westens. Ihrerseits berichtete Mrs. Paulina Barnett über ihre eigenen Wanderungen durch die Tropenländer. Sie sprach von Allem, was sie schon ausgeführt habe und noch auszuführen gedenke. Hierdurch bildete sich zwischen den beiden Insassen des Schlittens ein angenehmer Austausch, der die langen Reisestunden verkürzte. Unterdessen eilten die von den Hunden im Galop gezogenen Schlitten dem Norden zu. Das Coppermine-Thal erweiterte sich entsprechend der Annäherung an das Meer. Die minder zerrissenen Seitenhügel wurden niedriger. Da und dort unterbrachen kleine Gruppen von Harzbäumen die Eintönigkeit dieser fremdartigen Gegenden. Einige von der Strömung mitgeführte Eisblöcke widerstanden noch den auflösenden Strahlen der Sonne. Von Tag zu Tage wurden ihrer aber weniger, und ein Boot, selbst eine Schaluppe hätte diesen Strom, den nirgends ein natürliches Hinderniß aufhielt, bequem hinabführen können. Das Bett des Coppermine war tief und breit. Seine sehr klaren, von dem thauenden Schnee genährten Wässer liefen zwar schnell, bildeten aber nirgends gefährliche Wirbel. Sein im oberen Theile sehr gewundener Lauf streckte sich im unteren gerader und verlief meilenweit in ganz ungebrochener Linie. Die breiten und flachen Ufer, welche aus feinem, hartem Sande bestanden, waren stellenweise mit niedrigem, trockenem Grase bedeckt und demnach für die Fortbewegung der Schlitten und die Kraftentwickelung der langen Bespannung verhältnißmäßig günstig. Die Gesellschaft kam also schnell vorwärts. Man reiste Tag und Nacht, wenn dieser Ausdruck für eine Gegend paßt, über der die Sonne nur einen sehr flachen Bogen beschrieb und kaum unter dem Horizonte verschwand. Die wirkliche Nacht währte zu dieser Jahreszeit nur zwei Stunden und die Morgendämmerung schloß sich fast unmittelbar an die des Abends an. Zudem war die Witterung gut, der Himmel, wenn auch am Horizont etwas dunstig, doch ziemlich rein, und so vollzog sich die Reise unter den günstigsten Bedingungen. Zwei Tage lang verfolgte man den Lauf des Coppermine ohne jede Schwierigkeit. Die Umgebungen erschienen zwar arm an Pelzthieren, aber überreich an Geflügel. Der erstere Umstand beunruhigte übrigens Lieutenant Hobson kaum, da er sich sagte, daß die Thierbevölkerung dieser Gattung durch die lebhafte Jagd auf Raub- und Nagethiere vertrieben sein werde. Das wurde auch dadurch noch wahrscheinlicher, daß man da und dort Spuren von Lagern und auch verloschene Feuer fand, welche die kürzer oder länger vorhergegangene Anwesenheit eingeborener oder anderer Jäger bekundeten. Jasper Hobson sah es ganz gern, daß er weiter nach Norden zu gehen Veranlassung hatte und daß mit Erreichung der Mündung des Coppermine erst ein Theil seiner Reise zurückgelegt sei. Er hatte demnach Eile, seinen Fuß auf das von Samuel Hearne entdeckte Küstengebiet zu setzen und beschleunigte den Marsch seiner Gesellschaft nach Kräften. Im Uebrigen theilten Alle die Ungeduld Jasper Hobson's. Eine unerklärliche Anziehungskraft trieb diese kühnen Pionniere vorwärts. Der Reiz des Unbekannten funkelte vor ihren Augen. Vielleicht sollten aber ernsthafte Schwierigkeiten an dieser so herbeigesehnten Küste erst beginnen? Sei es darum, Alle beeilten sich, ihnen Trotz bieten und auf ihr eigentliches Ziel lossteuern zu können. Die jetzige Reise führte sie ja nur durch ein Land, welches ihnen kein directes Interesse darbot; erst an den Küsten des Eismeeres sollten die eigentlichen Nachforschungen beginnen. Jedermann strebte also, sich auf jenem Küstenstriche zu befinden, den der siebenzigste Breitengrad einige hundert Meilen im Westen durchschnitt. Am 5. Juli endlich, vier Tage nach der Abreise von Fort-Confidence, bemerkte Lieutenant Jasper Hobson eine ganz beträchtliche Verbreiterung des Coppermine. Die westliche Küste entwickelte sich in einer leicht gekrümmten Linie, welche fast direct nach Norden verlief. Im Osten dagegen verschwand sie am unbegrenzten Horizonte. Jasper Hobson hielt sofort an und zeigte seinen Genossen mit der Hand das grenzenlose Meer. Elftes Capitel. Längs der Küste. Der breite Meerbusen, den die Gesellschaft nach sechswöchentlicher Fahrt erreichte, bildete einen trapezförmigen, scharf in das Festland Amerikas hinein verlaufenden Einschnitt. In seiner westlichen Ecke befand sich die Mündung des Coppermine-Flusses. An der östlichen dagegen zog sich eine lange Meerstraße hin, welche den Namen »Bathurst's Eingang« erhalten hat. An dieser Seite zeigt das Ufer eine launenhafte Bildung, ist von Buchten und kleinen Schlüpfhäfen unterbrochen und mit scharfen Caps und steil abfallenden Vorgebirgen besetzt, verliert sich auch weiterhin in jenes Gewirr von Meerengen, Oeffnungen und Durchlässen, welche den Karten der Polargegenden einen so sonderbaren Anblick verleihen. An der anderen, also an der westlichen Seite des Meerbusens, steigt die Küste, von der Mündung des Coppermine aus, nach Norden zu an und lauft in dem Cap Krusenstern aus. Dieser Meerbusen trägt den Namen der Krönungs- Bai, und seine Gewässer sind mit Inseln und Eilanden, welche den Archipel des Herzogs von York bilden, bedeckt. Nach Zuratbeziehung des Sergeants Long beschloß Jasper Hobson, seinen Begleitern an diesem Punkte einen Rasttag zu gewähren. Die Erforschung im eigentlichen Sinne, welche dem Lieutenant eine zur Gründung einer Factorei geeignete Stelle nachweisen sollte, begann also von hier ab. Die Compagnie hatte empfohlen, sich so weit als möglich oberhalb des siebenzigsten Breitengrades und an der Küste des Polarmeeres zu halten. Seinem Mandate gemäß konnte der Lieutenant also nur im Westen nach einem Punkte suchen, welcher so hoch und doch noch auf dem Festlande läge. Nach Osten hin bilden die so merkwürdig zerrissenen Ländermassen (vielleicht mit alleiniger Ausnahme des Bootia-Landes), welche von jenem Breitengrade durchschnitten werden, Theile der eigentlich arktischen Gebiete, deren geographische Gestaltung aber nur erst sehr unvollkommen bekannt ist. Nach Aufnahme der Länge und Breite und Einzeichnung seiner Position in der Karte sah Jasper Hobson, daß er sich noch mehr als hundert Meilen unterhalb des siebenzigsten Breitengrades befand. Oberhalb des Cap Krusenstern aber durchschnitt die Küste, welche sich nach Nordwesten fortsetzte, etwa mit dem hundertunddreißigsten Meridiane, jenen Parallelkreis, genau in der Höhe des Cap Bathurst, welches von Kapitän Craventy als Ort des Zusammentreffens bezeichnet worden war. Diesen Punkt galt es also zu erreichen und dort etwa konnte sich auch das neue Fort erheben, wenn die Oertlichkeit die nöthigen Hilfsquellen für eine Factorei versprach. »Da, Sergeant Long, sagte der Lieutenant und zeigte seinem Unterofficier die Karte der Polargegenden, da werden wir uns unter den von der Compagnie vorgeschriebenen Bedingungen befinden. An diesem Punkte gestattet das einen großen Theil des Jahres über offene Meer den Schiffen von der Behrings-Straße bis an das Fort zu gelangen, dieses mit allem Nöthigen zu versehen und seine Producte auszuführen. – Ohne zu erwähnen, fügte Sergeant Long hinzu, daß unsere Leute von der Zeit ab, da wir uns über dem siebenzigsten Breitengrade befinden, doppelte Löhnung beziehen sollen. – Das versteht sich von selbst, entgegnete der Lieutenant, und ich denke, sie werden sie ohne Murren annehmen. – Nun wohl, Herr Lieutenant, dann haben wir also nur nach Cap Bathurst aufzubrechen«, sagte einfach der Sergeant. Da aber einmal ein Rasttag angesagt war, fand die Abreise erst anderen Tages, am 6. Juni, statt. Dieser zweite Theil der Reise mußte dem ersten gegenüber sehr verschieden sein und war es auch wirklich. Die Ordnung, welche den Schlitten bis hierher vorgeschrieben gewesen war, wurde nicht weiter aufrecht erhalten. Man zog in kleinen Tagereisen weiter, hielt an allen Ecken der Küste und ging häufig zu Fuß. Lieutenant Hobson empfahl seinen Begleitern nur dringend, sich niemals weiter als drei Meilen von der Küste zu entfernen und zweimal des Tages, Mittags und Abends, bei der Hauptabtheilung wieder einzutreffen. Bei einbrechender Nacht lagerte man sich. Das Wetter war zu dieser Jahreszeit beständig schön, und die Temperatur, welche bis + 15° C. stieg, sehr angenehm. Zwei- oder dreimal brachen zwar plötzliche Schneestürme los, welche aber nicht andauernd genug waren, um die Luftwärme wesentlich zu beeinträchtigen. Der ganze Theil der amerikanischen Küste zwischen Cap Krusenstern und Cap Parry, welcher eine Ausdehnung von etwa zweihundertundfünfzig Meilen hat, wurde nun zwischen dem sechsten und dem zwanzigsten Grad möglichst sorgsam bereist. Wenn die geographische Aufnahme dieses Küstenstriches Nichts zu wünschen übrig ließ, wenn Jasper Hobson sogar – und hierbei wurde er von Thomas Black sehr erfolgreich unterstützt – einige hydrographische Irrthümer zu berichtigen vermochte, so wurde doch auch das benachbarte Land fortwährend scharf im Auge behalten, vorzüglich in der Hinsicht, welche die Hudsons- Bai-Compagnie direct interessirte. Waren diese Gebiete z. B. wildreich? Konnte man auf eßbare Thiere ebenso rechnen, wie auf Pelzthiere? Würden die selbständigen Hilfsquellen des Landes ausreichen, eine Factorei, mindestens den Sommer über, zu erhalten? Das waren die wichtigeren Fragen, welche sich Jasper Hobson vorlegte und die ihn mit vollem Rechte beschäftigten. In Bezug hierauf beobachtete er etwa Folgendes: Das eigentliche Wild, d. h. dasjenige, dem Corporal Jolisse, so gut wie Andere, den Vorzug gaben, schien nicht eben im Ueberfluß vorhanden. Geflügel, welches zu der zahlreichen Familie der Enten gehörte, gab es zwar in großer Menge, aber Nagethiere waren nur durch einige Polarhasen, welche sich übrigens schwierig ankommen ließen, vertreten. Dagegen mußten Bären hier häufig sein. Sabine und Marbre hatten nicht selten frische Spuren dieser Raubthiere angetroffen. Mehrere waren sogar bemerkt oder aufgespürt worden, doch hielten sie sich immer in gemessener Entfernung. Jedenfalls lag es auf der Hand, daß diese Thiere, wenn sie die strengere Jahreszeit durch Hunger aus den höher gelegenen Gegenden vertrieb, an den Küsten des Eismeeres nicht selten sein konnten. »Uebrigens, sagte Corporal Jolisse, den die Verproviantirungsfrage vorwiegend beschäftigte, wenn der Bär in der Speisekammer hängt, ist er auch gar nicht zu verachten. Ist das aber noch nicht der Fall, so stellt er nur ein sehr problematisches Wild, welches alle Vorsicht nöthig macht, dar, und droht Euch Jägern immer dasselbe Loos, welches ihr ihm bestimmt habt.« Klüger konnte wohl kein Mensch reden. Bären konnten die Bedürfnisse des Forts nicht wohl mit Sicherheit decken. Glücklicher Weise war das Gebiet aber auch von Banden noch nützlicherer, und vorzüglich wohlschmeckenderer Thiere, als es die Bären sind, häufiger besucht, denen die Indianer und manche Eskimostämme oft ihre einzige Nahrung entlehnen. Es sind das die canadischen Rennthiere, deren häufiges Vorkommen Corporal Joliffe auf diesem Küstenstriche constatirte. Wirklich hatte die Natur Alles gethan, sie hierher zu locken, indem sie den Boden mit jener Moosart bedeckte, nach welcher das Rennthier vorzüglich lüstern ist, die es sogar geschickt unter dem Schnee hervorzuscharren weiß, und von der es den Winter über ausschließlich lebt. Jasper Hobson war nicht minder befriedigt, als Corporal Joliffe, als er mit diesem die Fußtapfen solcher Wiederkäuer auffand, welche sich dadurch leicht von anderen unterscheiden, daß die innere Huffläche, ähnlich der des Kameels, einen convexen Abdruck hinterläßt. Man begegnet in gewissen Gegenden Amerikas ganz beträchtlichen wilden Heerden dieser Thiere, die sich wohl bis zu mehreren tausend Köpfen ansammeln. Lebend lassen sie sich leicht zähmen, und leisten dann den Factoreien beträchtliche Dienste; entweder durch ihre selbst die Kuhmilch an Stoffreichthum übertreffende Milch, oder auch als Zugthiere für die Schlitten. Todt sind sie kaum minder nützlich, da ihr sehr dichtes Fell sich zu Kleidungsstücken verwerthen läßt; ihr Haar liefert gesponnen sehr dauerhafte Fäden; ihr Fleisch ist ziemlich schmackhaft, und kaum giebt's unter den hohen Breiten ein allseitiger verwendbareres Geschöpf. Das Vorkommen solcher Rennthiere, welches unzweifelhaft bestätigt war, konnte also Jasper Hobson in seiner Absicht, auf einem Punkte dieses Gebietes eine Niederlassung zu begründen, nur bekräftigen. Bezüglich der Pelzthiere war er aber ebenso befriedigt. Längs der kleinen Wasserläufe fanden sich häufige Bauten von Bibern und Bisamratten. Dachse, Luchse, Hermelins, Vielfraße, Marder und Wiesel waren in der Umgebung zahlreich, wo das Nichtauftreten von Jägern ihnen Ruhe gelassen hatte. Von Menschen sah man hier noch keine Spuren, folglich mußten die Thiere ebenda eine gesicherte Zuflucht finden. Gleichzeitig fanden sich auch Spuren von blauen, und von Silber-Füchsen, eine Abart, welche immer seltener und deren Fell sozusagen mit Gold aufgewogen wird. Die Jäger hätten auf dem Zuge nicht selten Gelegenheit gehabt, sich einen Preis herauszuschießen, doch verbot kluger Weise Hobson vorläufig alles Jagen. Er wollte die Thiere nicht vor der Saison, das heißt, vor der Zeit aufschrecken, in welcher ihr Fell dichter und schöner ist, und auch höher im Preise steht. Nebenbei wäre es nutzlos gewesen, die Schlitten zu überlasten. Sabine und Marbre sahen diese Gründe wohl ein, aber ihre Hand bewegte sich doch unwillkürlich, wenn ihnen ein Zobel oder ein kostbarer Fuchs vor den Lauf kam. Jasper Hobson's Befehl war aber einmal ausgesprochen, und der Lieutenant hätte nicht geduldet, daß man dem zuwider handelte. Die Gewehre der Jäger hatten also während dieser zweiten Reiseperiode kein anderes Ziel, als einige Eisbären, welche sich manchmal an den Seiten des Zuges sehen ließen. Diese Raubthiere aber liefen, da sie jetzt nicht Hunger litten, meist eiligst davon, so daß es zu keinem ernsthaften Engagement mit ihnen kam. Hatten die Vierfüßler des Landes aber von der Ankunft der Reisegesellschaft nicht zu leiden, so hatte dafür das ganze Federvieh reichlich zu bezahlen. So erlegte man weißköpfige Adler, eine Art großer Vögel, welche sehr laut kreischen, Fischer-Falken, die gewöhnlich in den Höhlungen abgestorbener Bäume nisten und während des Sommers bis in die arktischen Breiten hinaufziehen; ferner Schneegänse von prachtvoll weißem Gefieder, wilde Baumgänse, vom Standpunkte der Eßbarkeit wohl die beste Art des Geschlechts der Gänse; Enten mit rothem Schnabel und schwarzer Brust; aschfarbene Krähen, eine Art Spott-Elstern von ausnehmender Häßlichkeit; Eidergänse, Trauerenten und noch verschiedene Arten Geflügel, die mit ihrem Geschrei das Echo der Uferwände wach riefen. Die Vögel bewohnen diese Nachbarschaft der Seeküste zu Millionen, und ihre Menge übersteigt wirklich jede Schätzung. Die Jäger, denen jede andere Jagd streng untersagt war, stillten also ihre Lust an dem Federvieh. Mehrere hundert, meist gut eßbare Vögel erlagen während der ersten vierzehn Tage dem Schrote, und brachten in die gewöhnliche aus Pökelfleisch und Schiffszwieback bestehende Tafel eine gern gesehene Abwechselung. Thiere fehlten also in diesen Gebieten offenbar nicht. Die Compagnie konnte leicht ihre Magazine füllen, sowie das Personal des Forts seine Speisekammern. Hiermit allein war aber die Zukunft einer Factorei nicht sicher gestellt. In so hohen Breiten war eine dauernde Niederlassung ja ohne bequemen Bezug reichlichen Brennmaterials nicht zu begründen, da es hier auch der schneidigen Kälte des Polarwinters zu widerstehen galt. Glücklicher Weise war das Küstengebiet bewaldet. Die Hügel, welche sich im nächsten Hinterlande erhoben, waren mit grünen Bäumen, vorherrschend mit Fichten so besetzt, daß diese fast den Namen von Wäldern verdienten. Da und dort bemerkte Jasper Hobson auch in einzelnen Gruppen Weiden, Pappeln, Zwergbirken und andere baumartige Gesträuche. Jetzt, in der warmen Jahreszeit, grünten alle diese Bäume und machten auf das Auge, gegenüber der gewohnten Nacktheit der Polarländer, fast einen fremdartigen Eindruck. Am Fuße der Hügel war der Erdboden mit kurzem Grase bedeckt, das die Rennthiere begierig aufsuchen, und von dem sie sich den Winter über ausschließlich nähren. Man sieht also, daß der Lieutenant sich nur Glück wünschen konnte, dies neue Jagdgebiet im Norden des amerikanischen Festlandes aufgesucht zu haben. Kamen aber Thiere in der erwähnten Gegend fast im Ueberfluß vor, so schienen Menschen dagegen fast absolut zu fehlen. Man traf weder Eskimos an, deren Stämme mit Vorliebe die der Hudsons-Bai näher liegenden Ländereien durchstreifen, noch Indianer, welche sich so weit über den Polarkreis nur selten hinauswagen. Wirklich könnten solche Einzeljäger hier auch von einem plötzlichen und nicht selten andauernden Rückschlage der schlechten Witterung überrascht und von jeder Verbindung abgeschnitten werden. Daß Lieutenant Jasper Hobson keine Ursache hatte, sich über die Abwesenheit von Seinesgleichen zu beklagen, liegt wohl auf der Hand, da er in ihnen doch nur Rivalen hätte sehen können. Ein jungfräulicher Boden war es, den er suchte; eine Einöde, in der nur die Pelzthiere ein Asyl gefunden hätten, und hierüber sprach er öfters sehr eingehend mit Mrs. Paulina Barnett, welche sich sehr lebhaft für den Erfolg der Unternehmung interessirte. Die Reisende vergaß nie, daß sie Gast der Hudsons-Bai-Compagnie sei, und ihre Wünsche richteten sich auf ein möglichst durchgreifendes Resultat bezüglich Jasper Hobson's Vorhabens. Wie groß mußte da die unangenehme Verwunderung des Lieutenants sein, als er sich am 20. Juni plötzlich angesichts eines Lagers, das erst vor mehr oder weniger langer Zeit verlassen sein konnte, sah. Es befand sich bei einer kleinen, schmalen Bucht, welche den Namen Darnley-Bai führt, und deren westlichste Spitze das Cap Parry bildet. An dieser Stelle sah man am Fuße eines kleinen Hügels noch Pfähle, welche zu einer Art Umzäunung gehört haben mochten, und auf den erloschenen Herden noch Haufen erkalteter Asche. Die ganze Reisegesellschaft lief an diesem Lager zusammen. Jeder fühlte, daß dieses auf Lieutenant Hobson einen sehr unangenehmen Eindruck hervorbringen mußte. »Das ist ein übles Ding, sagte er; lieber wäre ich auf dem Wege einer Familie Eisbären begegnet. – Die Leute aber, wer sie nun auch gewesen sein mögen, welche hier gelagert haben, antwortete Mrs. Paulina Barnett, sind nun schon wieder ohne Zweifel fern, und haben sich wahrscheinlich nach ihren gewöhnlichen Jagdgebieten im Süden zurückgewendet. – Das ist die Frage, Mistreß Paulina, entgegnete der Lieutenant. Waren es Eskimos, so sind, sie voraussichtlich weiter gegen Norden gezogen. Waren es dagegen Indianer, so dürften sie, so gut wie wir, wohl in der Auskundschaftung neuer Jagdgebiete begriffen gewesen sein, und ich wiederhole, daß das für uns von sehr üblen Folgen begleitet sein könnte. – Aber kann man denn, fragte Mrs. Paulina Barnett, an gar Nichts erkennen, welcher Race diese Reisenden angehörten? Sollte sich nicht entscheiden lassen, ob es Eskimos oder Indianer aus dem Süden gewesen sind? Stämme von so verschiedenem Ursprünge und Volkssitten werden ein Lager doch nicht auf ganz gleiche Weise herstellen.« Mrs. Paulina Barnett hatte hiermit offenbar recht, und es war wohl möglich, daß diese Frage durch ein genaueres in Augenschein-Nehmen des Lagers eine Lösung versprach. Jasper Hobson ging also mit einigen Anderen an diese Prüfung, und suchte peinlich nach jeder Spur, nach irgend einem vergessenen Gegenstände, selbst nur nach einer Fußspur, welche ihnen einige Andeutung gegeben hätte. Doch weder aus dem Zustande des Erdbodens, noch der Feuerherde, war eine solche herzuleiten. Einige Thiergebeine, welche da und dort umherlagen, waren dazu ebenso ungenügend. Schon wollte der Lieutenant die fruchtlose Nachforschung aufgeben, als ihn Mrs. Joliffe, die sich etwa hundert Schritte nach links hin entfernt hatte, anrief. Jasper Hobson, Mrs. Paulina Barnett, der Sergeant und noch Mehrere eilten sogleich auf die junge Canadierin zu, welche unbeweglich den Erdboden betrachtete. »Sie suchten nach Spuren, sagte Mrs. Joliffe zu dem Lieutenant. Nun, hier sind deren!« Sie zeigte dabei auf zahlreiche Fußeindrücke, welche sich in dem thonichten Erdboden sehr scharf erhalten hatten. Diese hätten wohl ein charakteristisches Merkmal bieten können, denn der Fuß des Eskimos und der des Indianers ist ebenso verschieden, wie das beiderseitige Schuhwerk. Vor Allem war Jasper Hobson über die eigentümliche Art dieser Eindrücke verwundert. Gewiß rührten sie von einem menschlichen, mit einem Stiefel bekleideten Fuße her, zeigten aber nur den Abklatsch der Sohle, während der des Fersentheiles fehlte. Daneben waren diese Fußspuren nach allen Seiten gerichtet, und nur in beschränktem Umkreise sehr zahlreich. Jasper Hobson machte seine Begleiter auf diese Eigenthümlichkeit aufmerksam. »Das sind keine Fußtapfen einer Person, welche im Gehen begriffen war, sagte er. – Und auch keine eines springenden Menschen, da der Abdruck der Ferse fehlt, setzte Mrs. Barnett hinzu. – Nein, antwortete Mrs. Joliffe, das sind Fußspuren einer tanzenden Person!« Mrs. Joliffe hatte vollkommen recht. Bei genauerer Betrachtung bestätigte sich ihre Annahme, daß jene von irgend einer choregraphischen Vorstellung herrührten, und dazu nicht von einem langsamen, abgemessenen, sondern von einem leichten, lustigen Tanze. Die Thatsache war unbestreitbar. Aber welcher Mensch konnte wohl so leichtlebigen Charakters sein, um den Gedanken, oder gar das Bedürfniß zu einem flotten Tanze, hier an den Grenzen Amerikas, einige Grade über dem Polarkreise zu bekommen? »Das war sicher kein Eskimo, sagte der Lieutenant. – Auch kein Indianer! meinte Corporal Joliffe. – Nein, entschied sehr ruhig Sergeant Long, das war ein Franzose!« Und nach der Ansicht Aller mußte es wirklich nur ein Franzose gewesen sein, welcher an einer solchen Stelle der Erdkugel noch – an's Tanzen denken konnte! Zwölftes Capitel. Die Mitternachtssonne. War denn Sergeant Long's Ausspruch doch nicht etwas zu kühn? Ein Tanz war hier abgehalten worden; durfte man aber von seiner Leichtigkeit allein schließen, daß nur ein Franzose ihn habe ausführen können? Indessen, Lieutenant Jasper Hobson theilte die Ansicht seines Sergeanten, und alle Uebrigen mit ihm. Alle hielten es für ausgemacht, daß sich an dieser Stelle eine Reisegesellschaft, unter der sich wenigstens ein Landsmann Vestris' befand, aufgehalten habe. Selbstverständlich war das für den Lieutenant keine besonders erfreuliche Entdeckung. Jasper Hobson kam die Befürchtung, daß ihm in den nordwestlichen Gebieten des britischen Amerika schon Concurrenten vorausgeeilt seien, und so geheim sein Vorhaben auch seitens der Compagnie gehalten wurde, so konnte es doch in den Handelsbrennpunkten Canadas oder der Vereinigten Staaten bekannt geworden sein. Als er dann sein einen Augenblick unterbrochenes Vordringen fortsetzte, erschien der Lieutenant sehr sorgenvoll, der Sachlage nach war aber an eine Rückkehr gar nicht zu denken. Nach obigem Vorfalle stellte Mrs. Barnett an ihn die Frage: »Herr Hobson, begegnet man denn noch Franzosen in diesen Gebieten des arktischen Continentes? – Ja, Madame, erwiderte Jasper Hobson; und wenn auch nicht eigentlich Franzosen, so doch, was fast dasselbe sagen will, Canadiern, welche von den früheren Herren Canadas, aus der Zeit, wo es eine französische Besitzung war, herstammen, und man muß gestehen, daß diese Leute gar nicht zu verachtende Rivalen sind. – Ich glaubte immer, entgegnete die Reisende, daß die Hudsons-Bai-Compagnie, nachdem die Compagnie des Nordwestens in ihr aufgegangen war, auf dem amerikanischen Festlande ohne Concurrenten sei. – O, Madame, antwortete Jasper Hobson, wenn neben ihr auch keine bedeutendere Gesellschaft, welche den Pelzhandel betreibt, existirt, so bestehen doch noch kleinere, ganz unabhängige Vereinigungen. Im Allgemeinen sind es amerikanische, welche sich noch französischer Agenten, oder doch der Abkömmlinge dieser, bedienen. – Diese Agenten scheinen also in hohem Ansehen zu stehen? fragte Mrs. Paulina Barnett. – Gewiß, Mistreß, und das mit vollem Rechte. Während der vierundneunzig Jahre, welche die Oberherrschaft Frankreichs über Canada dauerte, zeigten sich diese französischen Agenten den unserigen immer überlegen. Man soll immer gerecht sein; selbst gegen Rivalen. – Vorzüglich gegen Rivalen! verbesserte Mrs. Paulina Barnett. – Ja wohl ... vorzüglich ... Jener Zeit drangen die französischen Jäger von Montreal, ihrer Hauptstation, aus kühner als alle Anderen nach Norden vor. Jahre lang lebten sie mitten unter Indianerstämmen und heirateten nicht selten unter diesen. Man nannte sie «Waldläufer» oder «Canada- Reisende», und sie behandelten sich einander Alle als Brüder oder Vettern. Sie waren kühne, geschickte Männer, mit der Flußschifffahrt wohl vertraut, muthig, sorglos, und schickten sich mit der ihrem Stamme eigenen Fügsamkeit in alle Umstände. Dabei waren sie sehr treu und lustig und unter allen Verhältnissen aufgelegt, zu singen und zu tanzen. – Und Sie argwöhnen, daß die Reisegesellschaft, deren hinterlassene Spuren wir trafen, nur zu dem Zwecke, Pelzthiere zu jagen, so hoch hinauf vorgedrungen ist? – Etwas Anderes ist gar nicht anzunehmen, Madame, antwortete Lieutenant Hobson, und sicher sind jene Leute auf Kundschaft nach neuen Jagdgründen. Da uns nun kein Mittel zu Gebote steht, sie aufzuhalten, so wollen wir unser Ziel nur desto eher zu erreichen suchen, und dann gegen jede Concurrenz muthig ankämpfen!« Lieutenant Hobson, der sich des Gedankens einer drohenden Concurrenz nicht erwehren konnte, trieb also sein Detachement zu möglichster Eile an, um schneller über den siebenzigsten Breitengrad hinaus zu gelangen. Vielleicht – er hoffte es mindestens – würden ihm seine Rivalen nicht bis dahin folgen. Während der nächsten Tage wandte sich die kleine Gesellschaft einige zwanzig Meilen nach Süden, um schneller um die Franklin-Bai herum zu kommen. Das Land bot immerfort ein grünes Aussehen. Die schon beobachteten Säugethiere und Vögel waren ebenfalls in großer Anzahl vorhanden und der ganze Nordwesten aller Wahrscheinlichkeit nach ebenso reich bevölkert. Das Meer, welches hier die Küste netzte, dehnte sich noch immer endlos vor den Blicken, und fand sich auch auf den neuesten Karten kein nördlich von der Festlandgrenze gelegenes Land verzeichnet. Es bildete einen freien Raum, und nur das Eis hätte also Seefahrern hinderlich sein können, von der Behrings- Straße bis zum Pole vorzudringen. Am 4. Juli war das Detachement um eine andere tief einspringende Bai, die Washburn-Bai, gekommen, und erreichte die Spitze eines noch wenig bekannten Sees, der aber nur eine kleine Fläche, etwa zwei Quadratmeilen, bedeckte. Er bildete eigentlich nur eine Süßwasser-Lagune, mehr einen großen Teich, als einen See. Die Schlitten glitten leicht dahin. Der Anblick des Landes reizte hier zur Gründung einer neuen Factorei, und allem Anschein nach mußte ein Fort an der Spitze des Cap Bathurst, hinter sich jene Lagune, vor sich die vier Monate lang im Jahre freie Behrings-Straße, das heißt das offene Meer, sich in einer sehr günstigen Lage für die Productenausfuhr sowohl, als auch für seine eigene Verproviantirung befinden. Am 5. Juli, Nachmittags gegen drei Uhr, hielt das Detachement endlich an der Spitze des Cap Bathurst an, dessen Position, welche die Karten über den sicbenzigsten Breitengrad verlegten, nur noch genau zu bestimmen war. Auf die Hydrographie dieses Küstenstriches, welche noch nicht sehr genau sein konnte, durfte man sich nämlich nicht allzusehr verlassen. Jasper Hobson beschloß, vorläufig an dieser Stelle anzuhalten. »Was hindert uns, uns hier endgiltig festzusetzen? fragte Corporal Joliffe. Sie werden zugeben, Herr Lieutenant, daß die Oertlichkeit ganz verführerisch ist. – Sie wird es Ihnen noch mehr sein, erwiderte Lieutenant Hobson, wenn Sie da eine doppelte Löhnung erhalten, mein wackerer Corporal. – Das ist ja nicht zweifelhaft, antwortete Joliffe, man kann sich stets auf die Instruktionen der Compagnie verlassen. – Gedulden Sie sich bis morgen, fügte Jasper Hobson hinzu, und wenn Cap Bathurst, wie ich voraussetze, wirklich über dem siebenzigsten Breitengrade liegt, so werden wir hier unser Zelt aufschlagen.« Wirklich zeigte sich diese Stelle zur Gründung einer Factorei sehr geeignet. Die Ufer der Lagune, welche von bewaldeten Hügeln umgeben war, konnten genug Fichten, Virken und anderes zum Hausbau und zur Heizung nöthiges Material liefern. Der Lieutenant, der mit einigen seiner Begleiter bis nach der Spitze des Caps gegangen war, sah, wie die Küste im Westen in einem langen Bogen zurückwich. Das Wasser der Lagune erkannte man als trinkbar und nicht als Brackwasser, wie es doch bei der nahen Nachbarschaft des Meeres leicht zu erwarten gewesen wäre. Jedenfalls hätte der Colonie aber Trinkwasser nicht gefehlt, denn es verlief ein kleines, klares und frisches Flüßchen nach dem Eismeere, in dem es, einige hundert Schritte südöstlich von Cap Bathurst, in einer engen Bucht mündete. Diese Bucht, welche nicht von Felsen, sondern von einer auffälligen Anhäufung von Sand und besserer Erde geschützt war, vermochte bequem zwei bis drei Schiffe gegen etwaige Stürme der offenen See zu decken; sie bildete also einen ganz vortheilhaften Ankerplatz für diejenigen Fahrzeuge, welche in der Folge durch die Behrings-Straße kommen würden. Aus Galanterie gegen die Reisende taufte Jasper Hobson den kleinen Wasserlauf »Paulina-Fluß« und nannte die Bucht »Barnett-Hafen«, worüber die Dame offenbar sehr erfreut war. Errichtete man das Fort etwas hinter dem durch Cap Bathurst gebildeten Vorsprunge, so mußten sowohl das Hauptgebäude, als auch die Magazine, gegen die schneidendsten Winde vollkommen geschützt sein. Voraussichtlich deckte sie die Erhebung auch einigermaßen gegen die heftigen Schneewehen, welche in einigen Stunden ganze Wohnungen, wie unter großen Lawinen, zu begraben vermögen. Der Raum zwischen dem Fuße des Vorgebirges und dem nördlichen Ende der Lagune war übrig hinreichend, alle für die Factorei notwendigen Baulichkeiten aufzuführen. Man konnte diese sogar noch mit einem Palissadenzaune umgeben, welcher sich an das steile Ufer anlehnen sollte, und das Cap selbst mit einer Schanze krönen – reine Vertheidigungsmaßregeln, welche doch in dem Falle nützlich sein konnten, daß es Concurrenten einfallen sollte, sich auch hier festzusetzen. Ohne daß Jasper Hobson für jetzt an die Ausführung solcher Maßnahmen dachte, erkannte er doch mit Genugthuung, daß dieser Platz leicht zu vertheidigen sein werde. Noch immer war das Wetter sehr schön, und die Wärme beträchtlich. Weder am Zenith, noch am Horizonte schwebte eine Wolke. Den klaren Himmel der gemäßigten und heißen Zonen durfte man freilich in so hoher Breite nicht suchen. Auch während des Sommers erfüllte die Atmosphäre immer ein leichter Dunst. Aber im Winter, wenn sich die Eisberge festsetzten, wenn der rauhe Nordwind die Uferwände peitschte, wenn die viermonatliche Nacht über diese Länder herabsank, wie mochte es wohl dann um Cap Bathurst aussehen? Jetzt dachte keiner von Jasper Hobson's Begleitern daran, denn das Wetter war herrlich, die Landschaft mit Grün geschmückt, die Wärme angenehm, und lieblich glitzerte das Meer. Ein provisorisches Lager, zu welchem man auf den Schlitten alles Nöthige mit sich führte, wurde für die Nacht am Ufer der Lagune aufgeschlagen. Bis zum Abend durchstreiften Mrs. Paulina Barnett, der Lieutenant, selbst Thomas Black und Sergeant Long die nächsten Umgebungen, um deren Erzeugnisse kennen zu lernen. Das Land erschien in jeder Beziehung günstig. Jasper erwartete ungeduldig den andern Tag, um die geographische Lage genau aufzunehmen und zu wissen, ob er sich unter den von der Compagnie vorgeschriebenen Verhältnissen befinde. »Nun, Lieutenant, sagte der Astronom, als sie ihre Umschau beendet hatten, ich dächte, das wäre ein herrliches Plätzchen, und hätte nie geglaubt, daß man über dem Polarkreise noch solch' ein Land antreffen könne. – O, Herr Black, antwortete Jasper Hobson, hier finden sich sogar die schönsten Länder der Erde, und ich brenne darauf, die Länge und Breite des Unsrigen zu bestimmen. – Vorzüglich die Breite, meinte der Astronom, der nur an seine zukünftige Sonnenfinsternis dachte, und ich glaube, daß Ihre wackeren Gefährten nicht weniger ungeduldig sind, als Sie, Herr Hobson. Es gilt den doppelten Sold, wenn Sie sich oberhalb des siebenzigsten Breitengrades festsetzen! – Doch, Sie selbst, Herr Black, fragte Mrs. Paulina Barnett, haben Sie nicht ein rein wissenschaftliches Interesse daran, diese Parallele zu überschreiten? – Ohne Zweifel, Madame, erwiderte der Gelehrte, zu überschreiten wohl, aber nur nicht zu weit. Unseren unbedingt verläßlichen Berechnungen zufolge wird die Sonnenfinsterniß, mit deren Beobachtung ich betraut bin, nur für denjenigen Beobachter eine totale sein, der sich ein wenig über dem siebenzigsten Breitengrade befindet. Ich bin also ebenso ungeduldig, als unser Lieutenant, die Lage des Cap Bathurst aufzunehmen. – Soviel ich aber weiß, Herr Black, erwiderte die Reisende, soll jene Sonnenfinsterniß erst am 18. Juli stattfinden. – Ganz recht, Madame, am 18. Juli 1860. – Und wir schreiben erst den 5. Juli 1859! Mit dem Ereignisse hat es demnach noch über ein Jahr Zeit. – Zugestanden, Madame, sagte der Astronom. Doch wenn ich erst nächstes Jahr abgereist wäre, gestehen Sie auch zu, daß ich dann hatte Gefahr laufen können, zu spät einzutreffen? – Dem ist wirklich so, Herr Black, fiel Jasper Hobson ein, und Sie haben gut gethan, sich vorher aufzumachen. So find Sie doch sicher, Ihn Sonnenfinsterniß nicht zu verfehlen, denn ich muß Ihnen gestehen, daß unsere Reise von Fort-Reliance bis Cap Bathurst unter sehr ausnahmsweise günstigen Verhältnissen verlaufen ist. Wir haben nur wenig Hindernisse, und folglich auch nur geringe Verzögerungen gehabt. Offen gestanden hatte ich vor Mitte August nicht darauf gerechnet, hier die Küste zu erreichen, und wäre die Verfinsterung am 18. Juli 1859, also in diesem Jahre eingetreten, so hätten Sie dieselbe recht leicht verfehlen können. Dazu wissen wir auch jetzt noch nicht, ob wir uns über dem siebenzigsten Breitengrade befinden. – Mein lieber Lieutenant, sagte Thomas Black, ich bereue auch gar nicht, die Reise in Ihrer Gesellschaft zurückgelegt zu haben, und werde« meine Sonnenfinsterniß geduldig bis nächstes Jahr erwarten. Die blonde Phöbe ist ja eine so hohe Dame, daß man ihr die Ehre, zu warten, schon anthun kann.« Am anderen Tage, dein 6. Juli, hatten Jasper Hobson und Thomas Black kurz vor Mittag alle Anstalten getroffen, eine genaue Aufnahme des Cap Bathurst, nach seiner geographischen Länge und Breite vorzunehmen. Die Sonne glänzte hell genug, um ihre Peripherie genau abzuvisiren. Uebrigens hatte sie zu dieser Jahreszeit ihre größte Höhe über dem Horizonte erreicht, nnd ihre Culmination bei Durchschreitung des Meridianes mußte die Aufgabe der Beobachter wesentlich erleichtern. Schon am Abend vorher und am Morgen hatten der Lieutenant und der Astronom, mittels Aufnahme verschiedener Höhen und Berechnung der Stundenwinkel die Lange des Ortes genau gefunden. Seine Lage bezüglich der Höhe aber war es, welche Jasper Hobson vorzüglich interessirte. Der Meridian des Cap Bathurst war ja von geringerer Bedeutung, wenn es nur über dem siebenzigsten Breitengrade lag. Der Mittag rückte heran. Alle Mitglieder des Detachements umringten die mit ihren Sextanten versehenen Beobachter. Die braven Leute erwarteten das Resultat der Höhenmessung mit erklärlicher Ungeduld. Für sie handelte es sich darum, ob das Ziel der Reise erreicht oder noch ein neuer, den Absichten der Compagnie entsprechender Küstenpunkt aufzusuchen sei. Die letztere Alternative hätte auf ein befriedigendes Resultat übrigens wenig Aussicht geboten. Nach den allerdings nicht ganz zuverlässigen Karten der amerikanischen Küste dieser Gegenden zog sich jene westlich von Cap Bathurst wieder unter den siebenzigsten Grad zurück, und überschritt diesen erst im russischen Amerika von Neuem, auf dem sich niederzulassen die Engländer ja kein Recht hatten. Jasper Hobson hatte sich also nach Einsichtnahme der Karten der Polarländer mit gutem Grunde nach Cap Bathurst gewendet. Dieses Cap streckt sich wie eine Spitze über den siebenzigsten Breitengrad hinaus, eine Höhe, welche zwischen dem hundertsten, und dem hundertundfünfzigsten Meridian kein zum Festlande und zum britischen Amerika gehöriges Vorgebirge wieder erreicht. Es blieb demnach nur zu bestimmen, ob Cap Bathurst die auf den Landkarten verzeichnete Lage wirklich habe. Hierin gipfelte also die wichtige Frage, welche Thomas Black's und des Lieutenants genaue Aufnahmen lösen sollten. Die Sonne näherte sich jetzt ihrem Culminationspunkte. Die beiden Beobachter richteten die Fernrohre ihrer Sextanten nach dem noch immer aufsteigenden Tagesgestirn. Mittels daran schief stehender Spiegel wurde die Sonne scheinbar an den Horizont versetzt, und der Augenblick, in dem der untere Rand ihres Bildes eben diesen berührte, war dann derselbe, an welchem sie den höchsten Punkt ihres Tagesbogens erreichte, oder in dem sie, mit anderen Worten, die Mittagslinie des Ortes passirte. Alle sahen zu und beobachteten ein tiefes Schweigen. »Mittag! rief bald Jasper Hobson. – Mittag!« erscholl es auch in demselben Augenblicke von Thomas Black. Die Instrumente wurden herabgesenkt. Der Lieutenant und der Astronom lasen auf dem graduirten Limbus den Werth des Winkels ab, den sie erhalten hatten, und machten sich sogleich daran, ihre Beobachtungen niederzuschreiben. Wenige Minuten später erhob sich Lieutenant Hobson und wandte sich an seine Begleiter. »Meine Freunde, sagte er, von diesem Tage, dem 6. Juli, an, erhöht die Compagnie, die sich durch mich verpflichtet, Euren Sold auf das Doppelte. – Hurrah! Hurrah! Hurrah der Compagnie!« riefen die würdigen Gefährten des Lieutenants Hobson wie aus einem Munde. Cap Bathurst und das angrenzende Landgebiet befand sich wirklich, oberhalb des siebenzigsten Breitengrades. Wir geben hier auf eine Secunde genau die geographische Lage, welche später von so großer Bedeutung werden sollte, an. Die Stelle des neuen Forts lag unter: 127° 36' 12'' östlicher Länge von Greenwich, und 70° 44' 37'' nördlicher Breite. An demselben Abend sahen die kühnen Pionniere, welche fern von der bewohnten Welt, mehr als achthundert Meilen von Fort-Reliance, lagerten, die Sonne den nördlichen Horizont streifen, ohne daß ihre Scheibe im Geringsten untertauchte. Zum ersten Male leuchtete die Mitternachtssonne ihren Augen. Dreizehntes Capitel. Fort-Esperance. Die Oertlichkeit des Forts war also nun endgiltig festgestellt. Keine andere, als diese natürliche, im Rücken des Cap Bathurst und an dem Ostende der Lagune sich ausdehnende Ebene konnte dazu geeigneter erscheinen. Jasper Hobson beschloß in Folge dessen den Bau des Hauptgebäudes sofort in Angriff zu nehmen. Inzwischen mußte sich Jeder helfen, so gut es eben anging, und man verwendete auch die Schlitten auf sehr sinnreiche Weise zu Zwecken der provisorischen Niederlassung. Der Lieutenant rechnete übrigens, Dank der Geschicklichkeit seiner Leute, darauf, daß mindestens das Hauptgebäude nach Verlauf eines Monates fertig gestellt sein werde. Es mußte groß genug angelegt werden, um vorläufig alle neunzehn Mitglieder des Detachements aufzunehmen. Später, und noch vor Eintritt der strengen Kälte, sollten dann die gemeinschaftlichen Wohnräume für die Soldaten, so wie die zur Aufspeicherung der Felle und Pelzwaaren bestimmten Magazine errichtet werden. Vor Ende September war indessen an die Vollendung aller dieser Baulichkeiten nicht zu denken. Nach diesem Monate aber mußten die längeren Nächte, das schlechte Wetter und der eintretende Winterfrost zur Einstellung jeder Arbeit zwingen. Von den zehn durch Kapitän Craventy ausgewählten Soldaten waren Zwei, Marbre und Sabine, Jäger von Fach. Die acht Anderen wußten mit der Axt eben so gut umzugehen, als mit der Muskete. Wie die Seeleute waren sie zu Allem geschickt und mit Allem bekannt. Vor der Hand sollten sie mehr als Werkleute, denn als Soldaten Verwendung finden, da es sich erst um die Errichtung eines Forts handelte, welchem ja kein feindlicher Angriff drohte. Petersen, Belcher, Raë, Garry, Pond, Hope und Kellet bildeten eine Gesellschaft geschickter und eifriger Zimmerleute unter Führung Mac Nap's, eines Schottländers aus Stirling, der in der Construction von Häusern und auch von Schiffen sehr erfahren war. Werkzeuge, wie Beile, Queräxte, Lochsägen, Hebel, Hohlbeile, Armsägen, Schlägel, Hämmer, Meißel u.s.w., waren in Ueberfluß zur Hand. Einer jener Leute, Raë, eigentlich von Fach ein Schmied, konnte selbst mit Hilfe einer Feldschmiede allerlei Bolzen, Zapfen, Anker, Schrauben und Muttern, und was sonst nothwendig wurde, anfertigen. Ein Maurer war allerdings nicht vorhanden, aber auch nicht von Nöthen, da alle Factoreigebäude des Nordens nur aus Holz hergestellt werden. An Bäumen dazu fehlte es in der Umgebung des Cap Bathurst nicht, wohl aber fand man, wie schon erwähnt, nirgends einen Felsen, oder auch nur einen Kiesel am Strande, sondern nichts weiter, als Erde und Sand. Dafür war das Ufer mit zahllosen zweischaligen Muscheln, welche die Brandung angespült hatte, so wie mit Meerpflanzen und Zoophyten übersäet, deren Letztere meist aus See-Igeln und See-Sternen bestanden. In seiner Masse baute sich der Landvorsprung aber aus loser Erde auf, welche von einigen Vegetabilien nur mühsam zusammen gehalten wurde. An diesem Nachmittage wählten Jasper Hobson und Meister Mac Nap noch den Platz am Fuße des Caps aus, welchen das Hauptgebäude einnehmen sollte. Von ihm aus beherrschte der Blick die Lagune und bis auf zehn bis zwölf Meilen das Land im Westen. Rechts erhob sich da stufenweise das steilere Ufer, welches aber in der Entfernung von vier Meilen im Dunste verschwand; links dagegen dehnten sich ungeheure Ebenen, wüste Steppen aus, welche im Winter von den übereisten Oberflächen der Lagune und des Oceanes wohl kaum zu unterscheiden sein mochten. Nachdem man über den Platz einig geworden war, grenzten Jasper Hobson und Mac Nap den Umriß des Hauses mittels einer Schnur ab. Man entwarf jenes als längliches Viereck, dessen lange Seiten sechzig, und dessen schmale dreißig Fuß maßen. Die Façade sollte vier Oeffnungen, drei Fenster und eine Thür nach der einem späteren inneren Hofe und dem Vorgebirge zugekehrten Seite, und vier Fenster nach der Lagunenseite zu, erhalten. Die Thür wurde der Wohnlichkeit halber statt in die Mitte der Hinterwand, an der linken Ecke projectirt. Man bezweckte hierdurch vorzüglich, daß die Außentemperatur nicht so leicht bis zu den am entgegengesetzten Hausende gelegenen Wohnräumen eindringen könne. Die erste Abtheilung bildete eine Art Vorraum, welcher mit doppelter Thüre gegen die Unbilden der Witterung geschützt werden sollte; – eine zweite diente nur als Küche, um alle beim Kochen entstehenden Dämpfe und alle Feuchtigkeit von den speciell zu Wohnungen bestimmten Räumen fern zu halten; – eine dritte umfaßte einen geräumigeren Saal zum Zwecke der täglich gemeinschaftlich einzunehmenden Mahlzeiten; – eine vierte Abtheilung endlich sollte, wie der oberste Raum eines Schiffes in Cabinen, so in Einzelkammern zerlegt werden. Das war der einfache, zwischen den beiden Baumeistern vereinbarte Plan. Die Soldaten mußten vorläufig mit dem großen Saale und einem darin herzustellenden breiten Feldbette vorlieb nehmen. Für den Lieutenant und Thomas Black, Mrs. Paulina Barnett mit Madge und endlich für Mrs. Joliffe, Mrs. Mac Nap und Mrs. Raë waren die Kammern der vierten Abtheilung vorgesehen. Im Grunde genommen würde man zwar »etwas über einander hocken«, aber diese Verhältnisse konnten ja nicht von langer Dauer sein, und sobald die Soldatenwohnungen hergestellt wären, sollte das Hauptgebäude für den Lieutenant, Thomas Black und Mrs. Paulina nebst ihrer unzertrennlichen Madge reservirt bleiben. Dann erschien es thunlich, die vierte Abtheilung nur in drei Einzelwohnungen zu theilen und die provisorischen Cabinen wieder zu entfernen; denn »allen Ecken den Krieg zu erklären« ist ein Hauptgrundsatz, der bei einer Ueberwinterung nie aus den Augen gelassen werden darf. Winkel und Ecken sind immer Sammelpunkte für das Eis; Zwischenwände verhindern die so nothwendige Luftcirculation, und die Feuchtigkeit, welche sich in Form von Schnee niederschlägt, macht die Zimmer unbewohnbar und ungesund, und ruft bei Denen, welche sich darin aufhalten, leicht die schwersten Störungen hervor. So richten auch Seefahrer, wenn sie im Eise zu überwintern gezwungen sind, im Innern ihrer Schiffe gemeinsame Säle ein, welche von der ganzen Besatzung, von Officieren und Soldaten untereinander, bewohnt werden. Aus leicht begreiflichen Gründen mußte Jasper Hobson indeß von dieser Regel abweichen. Man sieht aus obiger anticipirten Beschreibung einer Wohnung, welche noch gar nicht vorhanden war, daß das Hauptgebäude des Forts nur aus einem Erdgeschosse mit geräumigem, und, um den Wasserabfluß zu begünstigen, steil abgewalmtem Dache bestand. Der Schnee konnte noch immer darauf liegen bleiben und hatte, wenn er sich da aufhäufte, den doppelten Nutzen, die Wohnung sowohl dicht abzuschließen, als auch in ihrem Inneren eine mehr gleich bleibende Temperatur zu erhalten. Der Schnee ist ja seiner Natur nach ein sehr schlechter Leiter der Wärme; er verwehrt dieser freilich den Zugang, aber auch, – und das ist während eines arktischen Winters weit wichtiger – das Entweichen. Ueber das Dach hinaus sollte der Zimmermann zwei Feueressen, eine von der Küche, die andere von dem Stubenofen aus, führen. Der Letztere hatte nämlich die Einzelkammern mit zu erwärmen. Das Ganze stellte dann gewiß kein Prachtwerk der Architektur dar, aber das Haus befand sich doch in dem für seine Bewohnbarkeit günstigsten Zustande. Was war denn auch mehr zu verlangen? Uebrigens mußte dieses Gebäude beim Dämmerungsdunkel und mitten in den Schneestürmen, halb im Eise eingesargt, weiß von oben bis unten, und mit seinem grauschwarzen, vom Winde in Drehungen hinweggeführten Rauche doch einen fremdartig düstern und traurigen, der Erinnerung eines Malers würdigen Anblick gewähren. Der Plan zu dem neuen Hause war also festgestellt; es galt nur noch ihn auszuführen, was Meister Mac Nap's und seiner Leute Sache war. Doch während die Zimmerleute arbeiteten, gingen auch die Jäger, welche für frischen Proviant zu sorgen hatten, nicht müßig. Ueberhaupt fehlte es für Niemand an Beschäftigung. Mac Nap suchte zunächst passende Baumstämme aus. Auf den Hügeln fand er den schottischen sehr ähnliche Kiefern in großer Menge. Diese Bäume waren nur mittelgroß, doch zu dem zu errichtenden Hause sehr geeignet. Denn in solchen roh hergestellten Wohnungen bestehen Außenwände und Dach, Scheidewände und Fußboden, kurz Alles aus Balken und Planken. Selbstverständlich verlangt eine derartige Construction keine besondere Meisterschaft, und konnte Mac Nap, ohne der Solidität derselben Eintrag zu thun, sehr kurz und bündig verfahren. Er wählte also möglichst gerade Stämme aus, die man einen Fuß über dem Erdboden fällte. Nachdem sie alle zwanzig Fuß lang gleichmäßig zugeschnitten waren, wurden sie nur an den Enden wegen der zur Verbindung dienenden Zapfen und Zapfenlöcher, mit der Axt bearbeitet. Diese Zurichtung beanspruchte nur wenige Tage, dann wurden gegen hundert solcher Stämme durch die Hunde nach dem für das Hauptgebäude bestimmten Platze herangeschleift. Letzterer war vorher sorgfältig wagrecht geebnet worden, wobei man den aus Sand und fetterer Erde bestehenden Boden tüchtig festrammte. Das kurze Gras und die mageren Gesträuche, welche ihn früher theilweise bedeckten, wurden an Ort und Stelle niedergebrannt und erzielte man durch die sich bildende Aschenlage auch noch den Vortheil einer dichten, für Feuchtigkeit undurchdringlichen Zwischenlage. So erlangte Mac Rap einen reinen und trockenen Baugrund, auf dem er die untersten Balkenlagen bequem und sicher anbringen konnte. Dann wurden an den Ecken des Hauses und an den Enden der späteren Zwischenwände die Hauptpfeiler, welche zum Tragen der ganzen Construction bestimmt waren, eingetrieben. Diese hatte man, um der Fäulniß besser zu widerstehen, äußerlich leicht verkohlt. Auf den Seitenflächen ausgefalzt, dienten sie zur Aufnahme der die eigentliche Mauer bildenden Längsbalken, in welchen die nöthigen Thür- und Fensteröffnungen wohlberechnet ausgespart waren. Die Deckbalken hatten wiederum Zapfen, welche in die Zapfenlöcher der Grundpfeiler eingepaßt waren, so daß die Gesammtconstruction einen recht soliden Zusammenhang bekam; auch bildeten sie mit den etwas hervorragenden Theilen den Sims der beiden Façaden, auf welchem sich der ein wenig überhängende Dachstuhl, so wie man ihn von Schweizerhäusern her kennt, aufstützte. Die Balken des Daches ruhten auf diesem Sims, die des Fußbodens auf der Aschenlage. Natürlich lagen die Stämme der äußeren und inneren Mauern im Allgemeinen nur auf einander. Doch hatte sie der Schmied Raë da und dort der sichereren Verbindung halber theils noch durch Schrauben, theils durch lange eiserne Bolzen verbunden. Bei jenem Aufeinanderlegen mußten offenbar noch Ritzen und Oeffnungen bleiben, welche luftdicht zu verschließen waren. Mac Nap bediente sich dazu mit bestem Erfolge des Kalfaterns, wodurch man ja die Schiffe so vollkommen dichtet, wie es durch ein bloßes Ausfugen nie zu erreichen wäre. An Stelle des zum Kalfatern gebräuchlichen Hanfes benutzte man hier gewisse Moosarten, welche auf dem östlichen Abhange des Cap Bathurst überreichlich vorkamen. Dieses Moos wurde nun zuerst mittels des Kalfatereisens eingetrieben, jede Fuge aber darüber noch mit Fichtenharz, das sich in Ueberfluß vorfand, ausgegossen. Mauern und Decken schlossen hierdurch vollkommen luft- und wasserdicht und daneben bot ihre Stärke hinreichende Garantie gegen die Winterstürme und den strengen Frost. Die Thür und die Fenster, welche die Mauerfläche unterbrachen, wurden roh, aber haltbar hergestellt. Als Scheiben dienten in den kleinen Fenstern freilich nur solche hornartige, gelbliche, halb durchsichtige Platten, welche man aus getrocknetem Fischleime gewinnt; doch man mußte wohl damit vorlieb nehmen. Während der besseren Jahreszeit wurden jene Fenster, der nöthigen Lüftung des Hauses wegen, so wie so offen gehalten werden; während der schlechten aber, wenn in der arktischen Nacht auch der Himmel kein Licht spendete, machte es sich nothwendig, sie immer hermetisch mit dichten, eisenbeschlagenen Klappen zu verschließen, denen man den nöthigen Widerstand gegen die Gewalt des Sturmes zutrauen durfte. Der innere Ausbau des Hauses wurde bald vollendet. Eine zweite Thür hinter der äußeren in der als Vorraum dienenden Abtheilung gestattete den Ein- und den Austretenden, den Uebergang zwischen der inneren und äußeren Temperatur durch eine dazwischen liegende zu vermitteln. So konnte auch der Wind, selbst wenn er noch so eisig oder mit Feuchtigkeit beladen war, nicht gleich bis zu den Wohnräumen dringen. Uebrigens wurden die Luftpumpen, welche man von Fort-Reliance mitgeführt hatte, sammt dazugehörigem Reservoir, in Stand gesetzt, um die Luft im Innern nach Bedürfniß zu erneuern, wenn der gar zu strenge Frost das Oeffnen der Thür oder eines Fensters unthunlich machen sollte. Die eine dieser Pumpen diente dazu, die durch deletäre Stoffe verdorbene Luft nach außen abzuführen, während die andere reine Luft von außen in das Reservoir einsaugte, von dem aus diese, nach Bedürfniß erwärmt, in die Einzelräume vertheilt werden konnte. Lieutenant Hobson widmete dieser Einrichtung alle Aufmerksamkeit, da man von ihr im Nothfalle große Dienste erwartete. Das Hauptstück der Küche bildete ein großer, gußeiserner Kochofen, den man in Stücke zerlegt von Fort-Reliance aus mitgenommen hatte. Der Schmied Raë vermochte ihn ohne viele Mühe wieder aufzustellen. Mehr Zeit und Ueberlegung erforderte aber die Anlage der Rauchfänge von der Kochmaschine sowohl, als auch von dem Ofen im Saale aus. Blechrohre waren dazu nicht wohl anwendbar, insofern diese den Stürmen zur Zeit der Tag- und Nachtgleiche nicht gewachsen waren; jedenfalls machten sich widerstandsfähigere Materialien hierzu erforderlich. Nach mehreren mißlungenen Vorversuchen entschied sich Jasper Hobson dahin, ein anderes Material als Holz, zu verwenden. Wären Steine zur Hand gewesen, so konnte wohl kaum von großer Schwierigkeit die Rede sein. Aber, wie erwähnt, fehlten diese sonderbarer Weise ganz und gar in der Umgebung des Cap Bathurst. Wie zum Ersatz fanden sich dagegen jene auch schon erwähnten Muscheln im Sande des flachen Ufers zu Millionen. »Wohlan, sagte Lieutenant Hobson zu Meister Mac Nap, unsere Rauchfänge werden wir also aus Muscheln bauen. – Aus Muscheln? rief erstaunt der Zimmermann. – Ja wohl, Mac Nap, wiederholte Jasper Hobson, aus Muscheln, d.h. aus zerstückelten, gebrannten und in Kalk verwandelten Schalen. Aus diesem Kalk formen wir Täfelchen und vermauern sie dann wie gewöhnliche Bausteine. – Nun, meinetwegen; also aus Muscheln!« stimmte der Zimmermann ein. Lieutenant Hobson's Idee war wirklich gut und wurde sofort zur Ausführung gebracht. Das Ufer erwies sich mit einer unerschöpflichen Menge dieser Schalthiere übersäet, welche zum Theil das Kalkgestein der unteren Schichten der Tertiärformation, den sogenannten Muschelkalk, bilden. Mac Nap ließ also einige Tonnen voll sammeln und eine Art Brennofen errichten, in welchem die Kohlensäure, die in jenen mit Kalk gebunden erscheint, ausgetrieben werden sollte. So gewann man einen zum Zweck des Mauerns ganz geeigneten Kalk. Das Brennen desselben nahm etwa zwölf Stunden in Anspruch. Es hieße übertreiben, wollte man behaupten, daß Jasper Hobson und Mac Nap durch jenes etwas urwüchsige Verfahren einen schönen, fetten, von fremden Körpern freien Kalk, der sich leicht in Wasser löscht, viel Bindekraft hat und auch mit größeren Mengen Wasser und Sand einen festen Mörtel bildet, erzielt hätten. Doch war er mindestens von solcher Beschaffenheit, daß er zu Tafeln verarbeitet und zum Essenbau verwendet werden konnte. Binnen wenigen Tagen erhoben sich also zwei conische Rauchfänge über dem Dachstuhl, deren Stärke sie auch gegen die heftigsten Windstöße sicherte. Mrs. Paulina Barnett beglückwünschte den Lieutenant, so wie den Zimmermann Mac Nap, das schwierige Werk so gut und in so kurzer Zeit durchgeführt zu haben. »Vorausgesetzt, daß Ihre Kamine nicht rauchen! setzte sie schelmisch hinzu. – Sie werden rauchen, Madame, entgegnete philosophisch Jasper Hobson, sie sollen rauchen, verlassen Sie sich darauf. Es rauchen alle ja Essen!« Im Zeitraume eines Monats wurde das große Werk vollständig zu Ende gebracht. Am 6. August sollte die Einweihung des Hauses stattfinden. Während aber Mac Nap mit seinen Leuten unausgesetzt arbeitete, hatten Sergeant Long, Corporal Joliffe – Mrs. Joliffe stand dem Departement der Küche vor –, und die beiden Jäger Marbre und Sabine unter Anführung Jasper Hobson's die weiteren Umgebungen des Cap Bathurst durchstreift. Zu ihrer Befriedigung hatten sie von dem Ueberflusse an Pelzthieren und Geflügel Kenntniß genommen. Eigentliche Jagden waren zwar noch nicht angestellt worden, da vorläufig die Auskundschaftung des Terrains mehr in Betracht kam; dennoch fingen sie dabei einige Rennthierpärchen lebend ein, welche man zu zähmen beschloß. Diese Thiere sollten sich vermehren und Milch liefern. Man brachte sie also baldigst innerhalb einer Umzäunung unter, welche ein halbes hundert Schritte weit vom Hause ab errichtet wurde. Mac Nap's Frau verstand sich, als Indianerin von Geburt, auf die Behandlung jener Thiere, und demnach wurde ihr die specielle Fürsorge um dieselben übertragen. Mrs. Paulina Barnett, und Madge natürlich mit ihr, wollte sich auch ihren Beitrag an der inneren Einrichtung nicht nehmen lassen, und bald machte sich der Einfluß dieser intelligenten und guten Frau bei einer Menge Einzelheiten, welche Jasper Hobson und seinen Leuten wahrscheinlich nie in den Sinn gekommen wären, recht angenehm fühlbar. Nach Durchwanderung des Terrains im Umkreise einiger Meilen erkannte der Lieutenant, daß dasselbe eine ausgedehnte Halbinsel von etwa hundertundfünfzig Quadratmeilen bilde. Eine höchstens vier Meilen breite Landenge heftete dieselbe an das Festland Amerikas und erstreckte sich vom hintersten Theile der Washburn-Bai im Osten bis zu einer entsprechenden Ausbuchtung der entgegengesetzten Seite. Die Begrenzung dieser Halbinsel, welche der Lieutenant »Halbinsel Victoria« taufte, war also sehr deutlich erkennbar. Jasper Hobson wünschte hierauf auch kennen zu lernen, was die Lagune und das Meer hier wohl zu bieten vermöchten. Auch damit konnte er recht zufrieden sein. Das nur seichte, aber sehr fischreiche Wasser der Lagune enthielt Seeforellen, Hechte und andere Süßwasserfische in großer Menge; in dem kleinen Flusse tummelten sich Lachse und wimmelnde Haufen von Weißfischen und Stinten. Das Meer erschien an der Küste minder bevölkert, als die Lagune. Von Zeit zu Zeit sah man aber in der Ferne große Spritzfische, Wale und Pottfische, welche vor der Harpune der Walfischjäger aus der Behrings-Straße entflohen sein mochten, vorüberziehen, und erschien es deshalb nicht unmöglich, daß auch einmal ein solcher Seeriese auf der Küste stranden könne. Es war dies wohl der einzige Weg, auf welchem die Colonisten des Cap Bathurst sich eines solchen bemächtigen konnten. Die westliche Seite der Küste zeigte sich zur Zeit von zahlreichen Robbenfamilien belebt; Jasper Hobson empfahl aber seinen Leuten, jetzt nicht unnützer Weise auf diese Jagd zu machen. Später werde man sehen, ob sich das als vortheilhaft empfehle. Am 6. August also nahmen die Colonisten des Cap Bathurst von ihrer neuen Wohnung Besitz. Vorher gaben sie ihr, nach allgemeiner Besprechung darüber, einstimmig einen Namen von guter Vorbedeutung. Man nannte diese Wohnung, oder vielmehr dieses Fort – für jetzt den am weitesten vorgeschobenen Posten auf dem amerikanischen Festlande – Fort Esperance. Wenn aber dieser Name auch auf den neuesten Karten der arktischen Gegenden nicht glänzt, so hat das darin seinen Grund, daß zum Nachtheil der modernen Kartographie dieser Ansiedelung in nächster Zukunft ein schreckliches Loos bestimmt war. Vierzehntes Capitel. Einige Ausflüge. Die Einrichtung der neuen Wohnung war bald vollendet. Das in dem Hauptsaale aufgeschlagene Feldbett harrte nur noch seiner Schläfer. Mac Nap hatte einen großen, schweren Tisch mit starken Füßen gebaut, der wohl nie unter der Last der aufgetragenen Speisen, und wäre diese noch so groß gewesen, seufzen konnte. Um diesen Tisch herum waren am Boden befestigte Bänke angebracht, welche also den Namen »Meubles«, der ja nur beweglichen Hausgeräthen zukommt, nicht eigentlich verdienten. Einige Sessel und ein Paar große Schränke vervollständigten die Zimmerausstattung. Auch das Zimmer im Hintergrunde war nun beziehbar. Dicke Scheidewände theilten dasselbe in sechs Cabinen, von denen zwei durch die letzten Fenster der Vorder- und der Rückenfaçade erleuchtet wurden. Das Mobiliar jeder Cabine bestand nur aus einem Tisch und einem Bett. Mrs. Paulina Barnett und Madge bezogen diejenige Abtheilung welche eine directe Aussicht auf den See bot. Die andere erleuchtete, nach dem Hofe gelegene Cabine hatte Jasper Hobson Thomas Black angeboten, welcher sofort von ihr Besitz nahm. Er selbst begnügte sich, in der Erwartung, daß seine Leute ja in ferneren Neubauten untergebracht werden sollten, mit einer Art halbdunklen Zelle, welche sich nach dem Hauptsaale zu öffnete und durch ein kleines, rundes, durch die Scheidewand gebrochenes Fenster nothdürftig Licht erhielt. Mrs. Joliffe, Mrs. Mac Nap und Mrs. Raë nahmen mit ihren Männern die übrigen Räumlichkeiten ein. Es wäre ja grausam gewesen, diese wohlgeordneten Hausstände zu zerreißen. Uebrigens sollte die Colonie in nicht zu ferner Zeit um ein Mitglied vermehrt werden, und Meister Mac Nap stellte eines Tages die vorläufige Anfrage an Mrs. Paulina Barnett, ob sie ihm die Ehre erweisen werde, gegen Ende des Jahres bei ihm Gevatter zu stehen, was die Dame mit großer Befriedigung zusagte. Die Schlitten wurden nun vollends entladen und das Bettzeug in die entsprechenden Räume gebracht. Auf dem Dachboden, zu welchem man mittels einer im Vorraum befindlichen Treppe gelangte, legte man alle Geräthe, Proviant und Schießbedarf, deren man nicht augenblicklich benöthigte, vorläufig nieder. Die Winterbekleidungen, nebst Stiefeln und Reiseröcken fanden, um vor jeder Feuchtigkeit geschützt zu sein, in den großen Schränken Platz. Nach Beendigung dieser ersten Arbeiten beschäftigte sich der Lieutenant mit der zukünftigen Heizung des Hauses. Von den bewaldeten Hügeln ließ er demnach einen großen Vorrath an Brennmaterial anfahren, da er wohl wußte, daß es während einiger Wochen ganz unmöglich sein werde, sich in's Freie zu begeben. Er dachte sogar daran, aus der Anwesenheit der Robben an der Küste insofern Nutzen zu ziehen, als er aus ihnen einen hinreichenden Vorrath an Oel zu gewinnen hoffte, da man der Polarkälte oft mit den durchgreifendsten Mitteln entgegen zu treten gezwungen ist. Auf seinen Befehl und unter seiner Leitung construirte man im Hause zwei Kondensatoren für die Feuchtigkeit im Innern, Apparate, welche von dem Eise, das sich während des Winters in ihnen ansammelt, leicht befreit werden können. Diese gewiß sehr ernste Frage der Heizung des Hauses beschäftigte Lieutenant Hobson auf das lebhafteste. »Madame, wandte er sich manchmal an die Reisende, ich bin ein Kind des Polarlandes, ich habe einige Erfahrung nach dieser Seite und manche Berichte über Durchwinterungen wiederholt gelesen – man kann nie vorsichtig genug sein, wenn es sich darum handelt, die kalte Jahreszeit in diesen Gegenden zu verbringen. Man muß Alles vorhersehen; eine Vergeßlichkeit, oft eine einzige, kann bei einer Ueberwinterung zur unheilvollsten Katastrophe führen. – Ich glaube Ihnen, Herr Hobson, erwiderte Mrs. Paulina Barnett, und sehe wohl, daß die Kälte an Ihnen einen unversöhnlichen Gegner haben wird. Erscheint Ihnen aber die Nahrungsfrage nicht mindestens ebenso wichtig? – Ganz gewiß, Madame, und ich rechne auch darauf, daß das Land uns mit der nöthigen Reserve versorgt. So sollen binnen wenigen Tagen, wenn wir erst etwas wohnlicher eingerichtet sind, Jagden angestellt werden, um uns mit Proviant zu versehen. Bezüglich der Pelzthiere werden wir noch etwas verziehen müssen, bevor sich die Magazine der Compagnie füllen, da jetzt auch nicht die geeignete Zeit ist, Zobel, Hermelins, Füchse und andere Pelzthiere zu jagen. Diese haben heute ihren Winterpelz noch nicht, und ihre Felle würden fünfundzwanzig Procent minder werth sein, wenn man sie jetzt einsammelte. Nein; vorläufig begnügen wir uns damit, die Speisekammern des Fort-Esperance zu füllen. Rennthiere, Elenns, Wapitis, wenn solche bis in diese Gegenden heraufgekommen sind, sollen allein das Ziel unserer Jäger sein. Zwanzig Personen und ein Schock Hunde zu ernähren ist schon der Mühe, der Ueberlegung werth!« Man ersieht hieraus, daß der Lieutenant ein ordnungsliebender Mann war. Er wollte in Allem Methode haben, und wenn seine Genossen ihn einsichtig unterstützten, hoffte er seine schwierige Aufgabe glücklich zu Ende zu führen. Das Wetter blieb zu dieser Jahreszeit fast unveränderlich schön. Vor fünf Wochen war der Eintritt von Schnee noch nicht zu erwarten. Jasper Hobson ließ also nach Vollendung des Hauptgebäudes rüstig weiter zimmern und einen geräumigen Stall zur Unterbringung der Hunde errichten. Dieses »Dog-house« wurde am Fuße des Vorgebirges, an dessen Abhang angelehnt, und etwa vierzig Fuß zur Rechten des Hauses erbaut. Die Soldatenwohnungen sollten jenem Stalle gegenüber, links vom Hause hergestellt werden, während das Pulvermagazin innerhalb der Umplankung vor dasselbe zu stehen kommen sollte. Diese Umplankung beschloß Jasper Hobson in Folge vielleicht etwas übertriebener Vorsicht, noch vor dem Winter zu vollenden. Tüchtige, aus zugespitzten Pfählen bestehende, tief eingerammte Palissaden sollten die Factorei ebenso gegen Angriffe durch Thiere, wie gegen einen solchen durch Menschen schützen, im Fall sich feindliche Indianer oder Andere zeigten. Der Lieutenant konnte die Spuren nicht vergessen, denen er kaum zweihundert Meilen von Fort-Esperance begegnet war. Er kannte das Ungestüm solcher nomadisirender Jäger, und hielt es für besser, auf jeden Fall gegen einen Handstreich gesichert zu sein. Die Umwallung wurde also abgesteckt, und unterließ Mac Nap nicht, an den beiden vorderen Winkeln, welche das Ufer der Lagune deckten, zwei Wartthürme aus Holz zum Schutze der Wachhabenden zu erbauen. Mit ein wenig Fleiß – und seine wackeren Werkleute arbeiteten ohne Unterlaß – war es wohl möglich, diese Schutzbauten noch vor dem Winter zu Ende zu führen. Während dieser Zeit veranstaltete Jasper Hobson mehrere Jagden. Die Expedition auf die Robben verschob er noch einige Tage, und stellte vielmehr den großen Wiederkäuern nach, deren getrocknetes und conservirtes Fleisch die Versorgung des Forts während der schlechten Jahreszeit sichern sollte. So durchstreiften also Sabine und Marbre, vom 8. August ab, manchmal vom Lieutenant und Sergeant Long begleitet, tagtäglich in einem Umkreise von mehreren Meilen das Land. Nicht selten schloß sich ihnen auch die unermüdliche Mrs. Paulina Barnett an, handhabte ihr Gewehr mit allem Geschick, und stand nach keiner Seite hinter ihren Jagdgenossen zurück. Diese Ausflüge während des ganzen Monats August waren sehr ergiebig, und der Proviantvorrath auf dem Hausboden nahm sichtlich zu. Freilich war Sabine und Marbre auch keine in diesen Gebieten anwendbare Jägerlist, vorzüglich auch in Bezug auf die außerordentlich scheuen Rennthiere, unbekannt. Welche Mühe verwandten sie darauf, jenen hinter den Wind zu kommen, um nicht durch den so scharfen Geruchssinn dieser Thiere vorzeitig entdeckt zu werden. Manchmal lockten sie dieselben dadurch heran, daß sie über den Zwergbirken irgend ein schönes Geweih, eine Trophäe früherer Jagden, hin- und herbewegten, worauf sich die Rennthiere – oder vielmehr die »Caribous«, um ihnen ihren indianischen Namen wieder zu ertheilen – den Jägern getäuscht näherten, und in bequemer Schußweite sicher erlegt wurden. Manchmal verrieth auch ein sogenannter »Angeber«, eine Marbre und Sabine wohlbekannte, taubengroße Art Tageule, das Versteck der Caribous. Er lockte die Jäger durch einen scharfen Schrei, ähnlich dem eines Kindes, heran, und rechtfertigte also den Namen eines »Anzeigers«, den ihm die Indianer gaben. Wohl fünfzig solcher Thiere wurden erlegt. Ihr in lange Streifen zerlegtes Fleisch lieferte eine ansehnliche Menge Proviant, und ihre lohgar gemachten Haute sollten zur Ausbesserung des Schuhwerks dienen. Die Caribous lieferten aber nicht den einzigen Zuwachs der Nahrungsvorräthe. Polarhasen, welche sich in diesen Gebieten stark zu vermehren schienen, hatten daran beträchtlichen Antheil. Sie erschienen weniger flüchtig, als ihre europäischen Stammverwandten, und kamen leicht zum Schusse. Es waren große, langohrige Nagethiere mit braunen Augen, und einem weißen, dem Flaum der Schwäne ähnlichen Pelze. Die Jäger erbeuteten eine große Zahl solcher Thiere, deren Fleisch besonders schmackhaft ist. Hundertweise wurden sie geräuchert, ohne die zu zählen, welche sich unter den Händen der geschickten Mrs. Joliffe in ganz köstliche Pasteten verwandelten. Während aber auf diese Weise die Hilfsquellen für die Zukunft geschaffen wurden, vernachlässigte man auch das Tagesbedürfniß nicht. Viele solcher Polarhasen kamen frisch gebraten auf den Tisch, und die Jäger, so wie Mac Nap's Zimmerleute waren nicht dazu angethan, ein saftiges und wohlschmeckendes Stück Wildpret zu verachten. In Mrs. Joliffe's Laboratorium unterlagen jene Nagethiere den verschiedensten culinarischen Kombinationen; die geschickte Frau übertraf sich zur großen Freude des Corporals selbst, welcher gern Lobsprüche, mit denen auch Niemand karg war, für sie einheimste. Einige Wasservögel gewährten dazwischen eine sehr angenehme Abwechselung. Ohne von den Enten zu reden, welche die Lagunenufer bevölkerten, sind hierbei noch einige Vogelarten zu erwähnen, welche an Stellen, wo sich einige magere Weiden angesiedelt hatten, in zahlreichen Gesellschaften vorkamen. Es waren das gewisse Rebhühnerarten, für welche es an fachwissenschaftlichen Namen keineswegs fehlte. Als Mrs. Paulina Barnett zum ersten Male an Sabine die Frage stellte, welches der Name dieser Vögel sei, antwortete der Jäger: »Madame, die Indianer nennen sie ›Weiden-Tetras‹, für uns andere Jäger aus Europa aber sind es einfach ›Auerhähne‹.« Wirklich hätte man weiße Rebhühner mit großen, an der Schwanzspitze schwarz gesprenkelten Federn zu sehen geglaubt. Sie bildeten ein vorzügliches Wild, das nur schnell an hellem und lebhaftem Feuer gebraten werden mußte. Neben diesen verschiedenen Sorten Wildpret lieferten auch die Gewässer des Sees und des kleinen Flusses recht reichliche Gaben. Niemand verstand sich besser auf das Fischen, als der ruhige, friedliche Sergeant Long. Ob er die Fische nun sich an seinem Köder festbeißen, oder auch seine Schnur mit leeren Haken durch das Wasser streifen ließ, – Niemand konnte an Geschick oder Geduld mit ihm wetteifern, höchstens Mrs. Barnett's Begleiterin, die getreue Madge. Ganze Stunden saßen diese beiden Schüler des berühmten Isaac Walton Verfasser einer in England sehr geschätzten Anleitung zur Angelfischerei. , die Schnur in der Hand, schweigend neben einander und beobachteten ihre Spule; glücklicher Weise »blieb die Fluth niemals aus«, und Lagune oder Fluß lieferten täglich wahre Prachtexemplare aus der Familie der Lachse. Während der Ausflüge, welche bis Ende August fast täglich unternommen wurden, hatten die Jäger auch nicht selten Begegnungen mit gefährlicheren Thieren. Nicht ohne Besorgniß überzeugte sich Jasper Hobson, daß Bären auf diesem Theile des Gebietes sehr zahlreich waren. Kaum verging ein Tag, an dem nicht eine Meldung über die Anwesenheit einiger dieser furchtbaren Raubthiere einlief, und mancher Flintenschuß galt diesen gefährlichen Besuchern. Bald war es eine Bande jener braunen Bären, welche im ganzen Gebiete des Verwünschten Landes so häufig sind, bald eine Familie ungeheuer großer Polarbären, von denen der erste Frost dem Cap Bathurst wohl noch eine beträchtlichere Menge zuführen mußte. Wirklich erzählen die Berichte über Durchwinterungen, daß Forscher oder Walfänger fast Tag für Tag von diesem Raubgesindel belästigt wurden. Marbre und Sabine sahen auch zu wiederholten Malen ganze Banden von Wölfen, welche aber bei Annäherung der Jäger wie eine abfließende Woge davonflohen. »Bellen« hörte man sie vorzüglich, wenn sie Rennthiere oder Wapitis aufgespürt hatten. Es waren das große, graue, drei Fuß hohe Wölfe mit langen Schwänzen, deren Felle mit Annäherung des Winters erbleichten. Dieses wenig bevölkerte Gebiet bot ihnen leicht ihre Nahrung, so daß sie hier überhand nahmen. Häufiger begegnete man auch an buschigeren Stellen Löchern mit mehreren Eingängen, in welchen diese Thiere, ähnlich den Füchsen, sich unter der Erde verkrochen. Zu dieser Zeit des üppigen Futters flohen sie die Jäger, sobald sie diese gewahr wurden, mit aller ihrer Race eigenthümlichen Feigheit. In der Zeit des Hungers aber konnten sie durch ihre Anzahl wohl furchtbar werden, und da ihre Erdbaue hier waren, mußte man daraus schließen, daß sie diese Gegend auch im Winter nicht verlassen würden. Eines Tages brachten die Jäger nach Fort-Esperance ein grundhäßliches Thier ein, welches weder Mrs. Paulina Barnett, noch der Astronom Thomas Black bisher zu Gesicht bekommen hatten. Dieses Thier war ein dem amerikanischen Vielfraß sehr ähnlicher Plattfüßler, ein abschreckendes Raubthier mit untersetztem Körper, kurzen, durch furchtbare Krallen bewehrten Beinen und gewaltigen Kinnladen, seine Augen waren lauernd und wild, und das Rückgrat geschmeidig, wie überhaupt bei dem Katzengeschlechte. »Was ist das für ein gräuliches Thier? fragte Mrs. Paulina Barnett. – Madame, erwiderte Sabine, der mit Vorliebe etwas dogmatische Antworten gab, ein Schotte würde Ihnen sagen, daß es ein «Quickhatch» sei; bei einem Indianer wäre es ein «Ockelcoo-haw-gew»; bei einem Canadier ein «Carcajou ...» – Und bei Euch Anderen, fiel Mrs. Barnett ein, ist es ... – Ein «Vielfraß», Madame«, erwiderte Sabine, offenbar selbstbefriedigt von seiner lehrreichen, gebildeten Antwort. In der That ist Vielfraß die richtige zoologische Bezeichnung für diesen eigentümlichen Vierfüßler, einen gefährlichen Nachtstreicher, der in hohlen Bäumen oder Felsenlöchern rastet, Biber, Moschuskatzen und andere Nagethiere eifrig verfolgt und ein erklärter Feind der Füchse und Wölfe ist, denen er sogar ihre Beute noch streitig zu machen wagt. Uebrigens ist er ein sehr listiges, muskelstarkes Thier von scharfem Geruchsinne, das sich auch in den höchsten Breiten vorfindet, und dessen kurzhaariges, schwarzes Winterfell in der Ausfuhr der Compagnie nicht die untergeordnetste Rolle spielt. Bei den Ausflügen schenkte man auch der Pflanzenwelt dieselbe Aufmerksamkeit, wie der Thierwelt. Die Pflanzen waren natürlich nicht so reich an Arten als die Thiere, da sie nicht wie diese die Fähigkeit besitzen, während der schlechten Jahreszeit ein milderes Klima aufzusuchen. Fichten und Tannen wuchsen noch am meisten auf den Hügeln, welche das östliche Ufer der Lagune bekränzten. Jasper Hobson bemerkte auch einige »Tacamahacs«, eine Art Balsam-Pappeln von großer Höhe, deren Blätter bei der ersten Entfaltung von gelber, bei voller Entwickelung von grünlicher Farbe sind. Doch diese Bäume waren selten, ebenso wie einige schwindsüchtige Lärchenbäume, welchen die schräg auffallenden Sonnenstrahlen kaum das Leben fristeten. Gewisse Schwarztannen gediehen besser, vorzüglich in den gegen die Nordwinde geschützten Bodensenkungen. Ueber das Vorkommen dieses Baumes war große Freude, denn seine Sprossen verwendet man bei der Herstellung eines geschätzten, in Nordamerika unter dem Namen »Pine-ale« oder »Pineporter« bekannten Bieres. Man verschaffte sich einen reichlichen Vorrath solcher Sprossen, der in dem Speisegewölbe des Fort-Esperance geborgen wurde. Die weiteren Pflanzen bestanden aus Zwergbirken, niedrige, kaum zwei Fuß hohe Gesträuche, welche den kalten Klimaten eigenthümlich sind, und aus Zwergwachholderbüschen, die ein zur Heizung sehr taugliches Holz liefern. Sonst waren Nährpflanzen, welche auf diesem geizigen Boden wild gewachsen wären, sehr selten. Mrs. Joliffe, die sich für die »positive« Botanik stark interessirte, konnte nur zwei Pflanzen finden, welche sie der Verwendung in ihrer Küche würdig erachtete. Die eine, eine Wurzelzwiebel, welche schwer aufzufinden war, da ihre Blätter mit Eintritt der Blüthe sehr schnell abfallen, wurde als der gemeine Lauch erkannt. Derselbe lieferte eine reichliche Ernte an Zwiebeln von Eigröße, die als Gemüse genossen wurden. Die andere Pflanze, im ganzen Norden Amerikas unter dem Namen »Labradorthee« bekannt, wuchs in großer Menge zwischen den Weidengebüschen und anderem Gesträuche am Ufer der Lagune und war das Lieblingsfutter der Polarhasen. Dieser Thee bildet, mit siedendem Wasser aufgegossen und mit wenig Brandy oder in versetzt, ein vortreffliches Getränk, und gestattete jene im Vorrath angesammelte Pflanze an dem vorhandenen chinesischen Thee wesentlich zu sparen. Um aber einem Mangel an pflanzlicher Nahrung zu entgehen, hatte Jasper Hobson eine reichliche Menge Samenkörner zur Aussaat in passender Jahreszeit mitgebracht, hierunter vorzüglich auch Sauerampher und Löffelkraut, deren antiscorbutische Eigenschaften man unter jenen Breiten sehr hoch zu schätzen weiß. Wählte man ein gegen die schneidendsten Winde geschütztes Terrain, welche ebenso wie eine Flamme alle Vegetation scheinbar verbrennen, so durfte man wohl auf das Aufkeimen dieser Körner im nächsten Sommer rechnen. Uebrigens war die Apotheke des neuen Forts mit Mitteln gegen den Scorbut reichlich versehen. Die Compagnie hatte einige Kisten Citronen und Limoniensaft geliefert, deren eine Polar-Expedition niemals entbehren kann. Der Vorrat hieran, wie der anderer Artikel, mußte aber weise geschont werden, da anhaltendes schlechtes Wetter die Verbindung von Fort-Esperance mit den Factoreien im Süden auf lange Zeit unterbrechen konnte. Fünfzehntes Capitel. Fünfzehn Meilen von Cap Bathurst. Die ersten Septembertage waren herangekommen. In drei Wochen mußte, selbst unter den günstigsten Verhältnissen, die rauhe Jahreszeit zur Einstellung jeder Arbeit nöthigen. Man mußte also eilen. Glücklicher Weise waren die neuen Bauten schnell aufgeführt worden. Meister Mac Nap hatte mit seinen Leuten wahre Wunder der Arbeit vollbracht. Das »Dog-house« wartete nur noch des letzten Hammerschlages, und die Palissade umschloß das Fort fast vollkommen in der vorgezeichneten Linie. Man war jetzt dabei, das Thor anzufertigen, welches den Zugang zum inneren Hofe bildete. Die aus zugespitzten, fünfzehnfüßigen Pfählen bestehende Umplankung bildete an der Vorderseite eine Art Halbmond oder »Katze«. Zur Vollendung des Vertheidigungsystemes sollte aber auch der Gipfel des Cap Bathurst, welcher die Position beherrschte, befestigt werden. Man sieht hieraus, daß Lieutenant Hobson neben dem System der fortlaufenden Umwallung auch das der detachirten Forts anwandte, womit ein großer Fortschritt in der Kunst Vauban's und Cormontaigne's bezeichnet ist. In Erwartung dieser Krönung des Caps gewährte aber auch schon die Palissade allein hinreichenden Schutz gegen einen »Tatzenstreich«, wo nicht gegen einen Handstreich. Den 4. September bestimmte Jasper Hobson zur Jagd auf die Amphibien des Ufers, denn es wurde allgemach nöthig, sich vor Eintritt der schlechteren Jahreszeit mit dem nöthigen Heiz- und Leuchtmaterial zu versorgen. Das Lager der Robben war etwa fünfzehn Meilen weit entfernt. Jasper Hobson schlug Mrs. Paulina Barnett vor, den Zug zu begleiten, was diese gern annahm. Hatte auch das beabsichtigte Gemetzel für sie nichts besonders Anziehendes, so reizte doch die Aussicht, das Land zu sehen, die Umgebung des Cap Bathurst, und vorzüglich diejenigen Theile, welche unmittelbar an die steile Küste grenzten, kennen zu lernen, ihre lebhafte Neugierde. Als Begleitung bestimmte Lieutenant Hubson den Sergeant Long und die Soldaten Petersen, Hope und Kellet. Um acht Uhr Morgens brach man auf. Zwei mit je sechs Hunden bespannte Schlitten folgten der kleinen Gesellschaft, um die Körper der erlegten Amphibien zum Fort zurückzubefördern. Da die Schlitten jetzt leer waren, so benutzten sie die Theilnehmer der Expedition für sich selbst. Das Wetter war schön, doch dämpften die niedrigen Nebel des Horizontes die Strahlen der Sonne, deren gelbliche Scheibe zu dieser Zeit des Jahres während der Nacht schon einige Stunden lang unterging. Der Küstenstrich westlich von Cap Bathurst zeigte eine vollkommen ebene Oberfläche, welche das Niveau des Polarmeeres nur um einige Meter überragte. Diese Eigentümlichkeit des Erdbodens erregte aus folgenden Gründen Jasper Hobson's Aufmerksamkeit: In den arktischen Meeren ist die tägliche Fluth eine sehr hohe, wenigstens nach der allgemeinen Annahme. Viele Seefahrer, welche darauf Acht hatten, wie Parry, Franklin, die beiden Roß, Mac Clure und Mac Clintock, haben das Meer zur Zeit der Syzygien (d.i. des Neu- oder des Vollmondes) zwanzig bis fünfundzwanzig Fuß über den gewöhnlichen Wasserspiegel steigen sehen. War diese Beobachtung richtig – und es lag kein Grund vor, die Wahrheitsliebe jener Beobachter in Zweifel zu ziehen, – so mußte sich Lieutenant Hobson nothwendiger Weise fragen, woher es käme, daß der unter dem Einflusse der Anziehungskraft des Mondes anschwellende Ocean dieses kaum über das Meer hervorragende Ufer nicht überfluthete, da sich keinerlei Hinderniß, keine Düne und keine Bodenerhebung der Ausbreitung des Wassers widersetzte; wie es zuginge, daß die Hochfluth nicht das ganze Gebiet bis zum fernsten Horizonte überschwemmte, und keine Vermischung zwischen den Wassern des Binnensees und des Eismeeres stattfand. Es lag deutlich auf der Hand, daß ein solches Ereigniß weder in der Gegenwart eintrat, noch jemals früher eingetreten war. Jasper Hobson konnte eine dahin zielende Bemerkung nicht unterdrücken, was seine Begleiterin zu dem Ausspruche veranlagte, daß Ebbe und Fluth im Arktischen Ocean trotz der gegentheiligen Berichte doch eben nicht bemerkbar sein würden. »Im Gegentheil, Madame, erwiderte Jasper Hobson, die Berichte aller Seefahrer stimmen in dem Punkte überein, daß Ebbe und Fluth in den Polarmeeren sehr ausgesprochen auftreten, und es ist gar nicht anzunehmen, daß alle diese Beobachtungen falsch wären. – Dann, Herr Hobson, erwiderte Mrs. Paulina Barnett, erklären Sie mir gefälligst, warum die Fluthen des Oceans dieses Land, welches sich kaum zehn Fuß über den niederen Wasserstand erhebt, nicht bedecken? – Ja, Madame, entgegnete Jasper Hobson, diese Thatsache nicht erklären zu können ist ja eben der Grund meiner Verlegenheit. Seit einem Monat nach unserer Ankunft auf diesem Küstenpunkte habe ich mich mehr als einmal überzeugt, daß das Meer sich unter gewöhnlichen Verhältnissen kaum um einen Fuß hob, und ich möchte fast behaupten, daß die Niveau-Differenz in vierzehn Tagen, am 22. September, zur Zeit der Tag- und Nachtgleiche, das heißt eben dann, wenn diese Erscheinung ihr Maximum erreichen muß, an den Ufern des Cap Bathurst nicht ein und einen halben Fuß übersteigen wird. Uebrigens werden wir das ja selbst sehen. – Aber die Erklärung, Herr Hobson, wo bleibt die Erklärung dafür, da es eine solche doch für Alles in der Welt geben muß? – Nun, Madame, antwortete der Lieutenant, sie kann nur in einer der beiden folgenden Erwägungen gesucht werden. Entweder haben die Seefahrer ungenau beobachtet, was man bei Leuten wie Parry, Franklin, den Roß und Anderen nicht voraussetzen kann, oder die Gezeiten sind speciell für diese Stelle der amerikanischen Küste gleich Null, vielleicht aus denselben Gründen, welche sie in gewissen abgeschlossenen Meeren, wie z.B. dem Mittelländischen und anderen, unmerkbar machen, bei welchen die nahe aneinanderrückenden Festlandsufer und die Enge der Durchlässe dem Wasser des Atlantischen Oceans nicht hinreichend Zutritt geben. – So nehmen wir also die letztere Hypothese an, Herr Hobson, sagte Mrs. Paulina Barnett. – Wir müssen wohl, bestätigte der Lieutenant durch eine Neigung des Kopfes, trotzdem sie mich noch nicht befriedigt; ich habe hierbei immer die Empfindung einer Eigenheit der Natur, von der ich mir nicht klare Rechenschaft geben kann.« Um neun Uhr waren die beiden Schlitten, welche stets dem sandigen und vollkommen ebenen Ufer gefolgt waren, an der gewöhnlich von den Robben besuchten Bucht angekommen. Man ließ die Bespannung zurück, um die Thiere, welche man auf dem Ufer überraschen mußte, nicht zu erschrecken. Wie verschieden war aber dieses Gebiet von demjenigen, welches Cap Bathurst unmittelbar begrenzte! Bei der Haltestelle der Jäger verrieth das Küstengebiet, das am Saume vielfach ausgehöhlt und gleichsam angenagt war, auch in seiner ganzen Ausdehnung sonderbare, schroffe Erhebungen aufwies, deutlich seinen plutonischen Ursprung, der von den Sedimentschichten, welche die Umgebungen des Cap Bathurst kennzeichneten, sehr wesentlich abwich. Diese Landstriche waren in Zeiten der zoologischen Geburtsarbeit durch Feuer, nicht durch Wasser entstanden. Das Gestein, welches Cap Bathurst ganz abging – nebenbei gesagt, eine ebenso unerklärliche Sonderbarkeit, wie das Fehlen der Ebbe und Fluth, – trat hier in der Form erratischer Blöcke, d.h. beträchtlicher, tief in den Erdboden versenkter Felsstücke, auf. Ueberall hin lagen auf schwärzlichem Sande und feinblasiger Lava Kiesel umhergestreut, welche zu den thonigen Silicaten, die man unter dem Collectivnamen der Feldspathe zusammenfaßt, gehören und deren Vorhandensein die vulkanische Entstehungsursache dieses Küstenstrichs unwiderleglich darthut. Auf Letzterem glitzerten auch unzählige Labradoriten, Kieseldiamanten mit lebhaften, zwischen blau, roth und grün wechselnden Lichtreflexen; ferner da und dort Bimsteine und Obsidiane. Im Hintergrunde erhob sich das steile Gestade bis zweihundert Fuß über die Oberfläche des Meeres. Jasper Hobson beschloß, diese Höhenpunkte zu besteigen, um sich einen Ueberblick über das ganze Land im Osten zu verschaffen. Er hatte genügend Zeit dazu, denn die Stunde der Robbenjagd war noch nicht gekommen. Bis jetzt sah man nur einige Pärchen jener Amphibien, welche sich auf dem Ufer gütlich thaten, während es sich empfahl, erst die Ansammlung einer größeren Anzahl abzuwarten, um sie während ihrer Siesta, oder vielmehr während des Schlummers, welcher bei allen Meersäugethieren in Folge der Bestrahlung durch die Sonne eintritt, zu überraschen. Lieutenant Hobson sah übrigens auch, daß diese Amphibien nicht, wie seine Leute ausgesagt hatten, eigentliche Robben waren. Sie gehörten wohl zu der Familie der Flossenfüßler, aber es waren sogenannte See-Pferde und See-Kühe, welche in den zoologischen Systemen die Unterart der Walrosse bilden, sowie an den langen von oben nach unten verlaufenden und zur Vertheidigung dienenden Spitzzähnen erkennbar sind. Die Jäger umgingen also die kleine, von jenen Thieren scheinbar bevorzugte Bai, der sie den Namen »Walroß-Bai« gaben, und bestiegen die Erhöhungen am Ufer. Petersen, Hope und Kellet blieben auf einem kleinen Vorgebirge zurück, um die Amphibien im Auge zu behalten, während Mrs. Paulina Barnett, Jasper Hobson und der Sergeant den hundertundfünfzig bis zweihundert Fuß über seine Umgebungen emporragenden Gipfel erstiegen. Ihre drei Begleiter mußten sie fortwährend in Sicht behalten, da diese ein verabredetes Zeichen geben sollten, sobald sich die Walrosse in genügender Menge angesammelt hätten. Binnen einer Viertelstunde hatten die Drei den höchsten Punkt erreicht. Von hier aus konnten sie die ganze Landschaft, welche sich rund umher entfaltete, überschauen. Zu ihren Füßen dehnte sich das unendliche Meer, das sich nach Norden zu im Horizonte verlor. Kein Land, keine Scholle, kein Eisberg war in Sicht. Der Ocean war gewiß auch über Sehweite hinaus offen, und das Eismeer unter diesem Breitengrade allem Anscheine nach bis zur Behrings-Straße hin fahrbar. Während des Sommers konnten demnach die Schiffe der Compagnie Cap Bathurst von Nordwesten her leicht anlaufen. Nach Westen hin entdeckte Jasper Hobson eine bisher ganz unbekannte Gegend, welche ihm das Vorkommen der vulkanischen Trümmer, mit denen das Ufer vollkommen übersäet war, genügend erklärte. In einer Entfernung von etwa zehn Meilen ragten feuerspeiende Berge mit kegelförmigen Gipfeln in die Luft, die man von Cap Bathurst, der eben hier befindlichen Uferhöhen wegen, nicht wahrnehmen konnte. Sie starrten in allerhand Richtungen zum Himmel empor, so als ob eine zitternde Hand ihre Umrisse ausgeschnitten hätte. Nach eingehender Betrachtung wies sie Jasper Hobson dann, mit der Hand auf sie hinzeigend, dem Sergeanten und der Mrs. Paulina Barnett, wandte sich aber, ohne ein Wort über dieselben zu sagen, nach der entgegengesetzten Seite. Im Osten erstreckte sich jener lange Ufersaum hin, welcher ohne Unregelmäßigkeiten oder Terrainbewegungen bis nach Cap Bathurst verlief. Mit guten Ferngläsern versehene Beobachter hätten wohl Fort-Esperance erkennen und den bläulichen Rauch sehen müssen, der zu dieser Stunde aus Mrs. Joliffe's Küchenesse aufwirbelte. Im Rücken bot das Territorium zwei sehr streng geschiedene Bilder. Im Osten und im Süden das einer ungeheuren Ebene, welche das Cap mehrere hundert Quadratmeilen groß umschloß, wogegen das Hinterland der Gegend des steilen Gestades, von der Walroß-Bai bis zu den Vulkangruppen hin, furchtbar zerrissen erschien und deutlich zeigte, daß es seinen Ursprung früheren vulkanischen Ausbrüchen verdankte. Der Lieutenant betrachtete den so auffallenden Unterschied zwischen den beiden Theilen des Landes, der ihm doch als etwas »Fremdartiges« auffiel. »Glauben Sie, Herr Hobson, fragte da Sergeant Long, daß jene Berge, welche den Horizont im Westen abschließen, wirklich Vulkane sind? – Ohne Zweifel, Sergeant, erwiderte Jasper Hobson. Eben diese haben die Bimsteine, die Obsidiane und die zahllosen Labradoriten bis hierher geschleudert, und wir würden keine drei Meilen weit zu gehen haben, um auf Lava und Asche zu treten. – Und setzen Sie voraus, Her Lieutenant, daß jene noch thätige Vulkane sind? fragte der Sergeant weiter. – Das vermag ich nicht zu entscheiden. – Augenblicklich bemerkte man gerade keine Rauchsäule an ihrem Gipfel. – Das ist noch kein Beweis, Sergeant Long; haben Sie etwa immer die Pfeife im Munde? – Nein, Herr Hobson. – Nun, sehen Sie, ganz eben so verhält es sich mit den Vulkanen, sie rauchen auch nicht immerfort. – Das begreife ich, Herr Hobson, antwortete Sergeant Long, was ich aber nicht begreife, das ist das Vorkommen der Vulkane in den Polarländern überhaupt. – Sie sind da auch nicht allzu zahlreich, bemerkte Mrs. Barnett. – Nein, Madame, bestätigte der Lieutenant, und doch kennt man eine gewisse Anzahl: auf der Insel Johann-Mayen, auf den Aleuten, in Kamtschatka, im russischen Amerika und in Island; auf der südlichen Halbkugel aber in Feuerland. Diese Vulkane stellen nur die Rauchfänge der gewaltigen Centralwerkstätte des Innern vor in der sich die chemischen Vorgänge in der Erdkugel vollziehen, und ich glaube, daß der Schöpfer aller Dinge diese Abzugscanäle überall da errichtet hat, wo sie nothwendig waren. – Gewiß, Herr Hobson, antwortete der Sergeant, aber am Pole, in diesem eisigen Klima!... – Und was thut das, Sergeant, ob am Pole oder am Aequator! Ich möchte sogar behaupten, daß die Sicherheitsventile am Pole noch weit nothwendiger wären, als an jedem anderen Punkte der Erde. – Und weshalb das? fragte der Sergeant, der über diese Ansicht höchlichst erstaunt war. – Weil zur Zeit, als diese Ventile sich unter dem Druck der Gase des Erdinnern öffneten, das vorwiegend an solchen Stellen geschehen mußte, an welchen die Erdrinde die geringste Stärke hatte, und in Folge der Abplattung an den Polen wird es wahrscheinlich, daß... Doch, da sehe ich Kellet's Signal, sagte der Lieutenant, indem er seine Beweisführung unterbrach. Haben Sie Lust, uns zu begleiten, Madame? – Ich möchte Sie lieber hier erwarten, Herr Hobson, entgegnete die Reisende. Jenes Gemetzel unter den Walrossen hat für mich nichts Verlockendes. – Ich widerstreite dem nicht, Madame, antwortete Jasper Hobson, und wenn es Ihnen beliebt, uns in einer Stunde wieder zu treffen, so werden wir uns vereinigt auf den Rückweg zum Fort begeben.« Mrs. Paulina Barnett blieb also allein auf der Anhöhe zurück und betrachtete das an Abwechselung so reiche Panorama, welches sich vor ihren Blicken entrollte. Eine Viertelstunde später langten Jasper Hobson und der Sergeant an dem Ufer an. Walrosse waren jetzt in großer Menge da und konnte man deren wohl hundert zählen. Einige derselben krochen mit Hilfe ihrer kurzen, handförmigen Füße auf dem Sande hin, der größere Theil lag aber zu Familien vereinigt im Schlafe. Ein oder zwei sehr große, wohl drei Meter lange, aber mit wenig dichtem Pelze versehene und fast röthlich aussehende Thiere schienen für die ganze Heerde Wache zu stehen. Die Jäger durften nur mit äußerster Vorsicht herankommen, benutzten Felsstücke und Unebenheiten des Bodens als Deckung und suchten einige Haufen Walrosse zu umstellen und ihnen den Rückzug nach dem Meere abzuschneiden, da diese Thiere auf dem Lande sehr schwerfällig, langsam und ungeschickt sind. Sie bewegen sich auf diesem nur in kurzen Sprüngen oder indem sie durch Krümmung des Rückgrats, ähnlich gewissen Raupenarten, kriechen. Im Wasser, ihrem Lebenselemente, aber werden sie zu flinken Fischen und furchtbaren Schwimmern, welche die sie verfolgenden Schaluppen nicht selten in Gefahr bringen. Jene großen Exemplare schienen mißtrauisch zu werden und eine nahende Gefahr zu wittern. Sie hoben die Köpfe in die Höhe und sahen sich nach allen Seiten um. Aber bevor sie noch Zeit zu einem Warnungsignale hatten, stürzten Jasper Hobson und Kellet von der einen, Petersen, Hope und der Sergeant von der anderen Seite hervor und erlegten durch ihre Kugeln fünf Walrosse, denen sie mit den Messern vollends den Garaus machten, während die übrige Heerde sich so schnell als möglich in's Meer stürzte. Der Sieg war leicht gewesen. Die fünf Amphibien waren von ansehnlicher Größe. Das wenn auch etwas gekörnte Elfenbein ihrer Häuer schien doch von erster Sorte zu sein; Lieutenant Hobson freute sich aber weit mehr über ihren großen und fetten Körper, weil dieser eine beträchtliche Menge Oel zu liefern versprach. Man beeilte sich, sie auf die Schlitten zu verladen, und hatten die Hunde an ihnen auch eine hinreichende Last. Eine Stunde war verflossen. Mrs. Paulina Barnett schloß sich ihren Gefährten wieder an, und Alle begaben sich längs des Ufers auf den Weg nach Fort-Esperance. Natürlich ging man jetzt, da die Schlitten vollkommen beladen waren, zu Fuß. Es waren nur zehn Meilen, jedoch in gerader Linie, zurückzulegen. Nun sagt aber ein englisches Sprichwort: »Nichts ist so lang als ein Weg, der gar keine Ecken macht«, und dieses Sprichwort hat vollkommen Recht. Um die Langeweile des Weges hinweg zu täuschen, plauderten die Wanderer wohl von Dem und Jenem. Mrs. Paulina Barnett mischte sich häufig in das Gespräch und zog aus den Specialkenntnissen der wackeren Jäger für sich manche Belehrung. Alles in Allem kam man aber nicht allzu rasch vorwärts. Die Fleischmassen waren für die Hunde eine tüchtige Last, und die Schlitten glitten nicht zum Besten. Auf fester Schneefläche hatten die Hunde die Entfernung zwischen der Walroß-Bai und Fort- Esperance mit Bequemlichkeit in noch nicht zwei Stunden zurückgelegt. Mehrere Male mußte Lieutenant Hobson Halt machen lassen, um die Thiere, deren Kräfte zu Ende gingen, verschnaufen zu lassen. Das veranlaßte den Sergeant Long zu dem Ausspruche: »In unserem Interesse hätten die Walrosse auch eine dem Fort näher gelegene Lagerstätte auswählen können. – Sie würden keine geeignete Stelle dazu gefunden haben, antwortete Lieutenant Hobson kopfschüttelnd. – Und warum das, Herr Hobson? fragte Mrs. Paulina Barnett, erstaunt über diese Antwort. – Weil diese Amphibien nur die sanft abfallenden Küsten besuchen, auf denen sie kriechend das Meer verlassen können. – Aber das Ufer des Caps? ... – Das Ufer des Caps, erwiderte Jasper Hobson, ist steil wie eine Festungsmauer, und zeigt nirgendswo eine schiefe Ebene. Es erscheint wie lothrecht abgeschnitten. Das, Madame, ist wiederum eine für jetzt unerklärliche Eigentümlichkeit dieser Landstrecke, und wollten unsere Leute an seinem Gestade fischen, so müßten ihre Schnuren, um bis zum Grunde zu reichen, wohl dreihundert Faden lang sein! Woher diese Bildung stamme? – Ich weiß es nicht, doch verleitet mich die Thatsache zu der Annahme, daß vielleicht vor vielen Jahrhunderten einst ein Theil des Continentes durch vulkanische Kräfte abgerissen wurde und im arktischen Oceane untergegangen sein mag!« Sechzehntes Capitel. Zwei Schüsse. Die erste Hälfte des Monats September war verflossen. Wäre Fort-Esperance am Pole selbst gelegen gewesen, d.h. also noch um zwanzig Grad nördlicher, so würde es am 21. desselben Monats die Polarnacht schon mit ihren Schatten umhüllt haben. Ueber diesem siebenzigsten Breitengrade aber zog die Sonne wohl noch einen Monat lang ihre Kreise über dem Horizonte. Nichts desto weniger sank die Temperatur schon sehr fühlbar und in der Nacht fiel das Thermometer gelegentlich bis auf -1° C. Da und dort bildete sich junges Eis, das freilich die Sonnenstrahlen während des Tages wieder schmolzen. Manchmal mischte sich ein kurzes Schneegestöber unter die Regenschauer und die Windstöße. Offenbar war die schlechte Jahreszeit nahe. Die Bewohner der Factorei konnten dieser jedoch sorglos entgegen sehen. Der aufgespeicherte Proviant versprach die ganze Zeit über, und wohl noch länger, auszureichen. Der Vorrath an trockenem Wildpret hatte wesentlich zugenommen, auch waren noch weiter gegen zwanzig Walrosse erlegt worden. Mac Nap hatte Zeit gefunden, einen wohlverwahrten Stall für die Rennthiere, welche man im Fort hielt, und einen geräumigen Schuppen zur Aufnahme des Heizmateriales zu errichten. Der Winter, das will sagen: die Nacht, der Schnee, das Eis, die Kälte konnten nun kommen; man war auf Alles vorbereitet. Nach Sicherung der späteren Bedürfnisse der Bewohner des Forts faßte Jasper Hobson aber auch die Interessen der Compagnie in's Auge. Es war die Zeit gekommen, während der die Thiere, welche ihr Winterfell wieder bekommen haben, die schätzbarste Beute sind. Jetzt konnte man sie durch Pulver und Blei erlegen, während später, wenn sich die Schneedecke gleichmäßig ausgebreitet hatte, Schlingen und Fallen aufgestellt werden sollten. Jasper Hobson organisirte also förmliche Jagdzüge. Die Concurrenz von Seiten der Indianer war in diesen hohen Breiten kaum zu fürchten, da diese gewöhnlichen Lieferanten der Factoreien meist nur südlichere Gebiete durchstreifen. Lieutenant Jasper Hobson, Marbre, Sabine und zwei bis drei ihrer Genossen sollten also für die Compagnie jagen, und es ist einleuchtend, daß es ihnen nicht an Arbeit fehlte. An einem Arme des kleinen Baches, etwa sechs Meilen südlich vom Fort, war ein Bibervolk bemerkt worden. Nach diesem Punkte richtete Jasper Hobson seinen ersten Ausflug. Früher, als es die Hutmacher noch vielfach verwendeten, galt das Kilogramm Biberhaare bis zu vierhundert Franken; seitdem der Verbrauch dieses Flaumenhaares aber abgenommen hat, ist zwar auch der Preis gesunken, aber dennoch an den Rauchwaaren- Märkten ein ziemlich hoher, da diese unerbittlich und unvernünftig verfolgte Nagerfamilie dem Verschwinden nahe zu sein scheint. Die Jäger begaben sich also nach dem bezeichneten Orte an den Fluß. Der Lieutenant rief Mrs. Paulina Barnett's Bewunderung hervor, als er ihr die sinnreichen Anlagen zeigte, welche diese Thiere behufs Errichtung ihrer halb unter dem Wasser erbauten Stadt getroffen hatten. Gegen hundert Biber bewohnten pärchenweise in der Nachbarschaft des Wasserlaufes ausgehöhlte Löcher, hatten aber schon den Bau ihrer Winterwohnungen begonnen, an denen sie fleißig arbeiteten. Quer durch das schnelllaufende Wasser, welches tief genug war, um nicht vollkommen auszufrieren, hatten die Biber einen gegen die Strömung hin etwas ausgebogenen Damm erbaut; er bestand zunächst aus lothrecht und nahe an einander gestellten Pfählen, welche in wagerechter Richtung von biegsamen Baumästen umschlungen und verbunden waren. Das Ganze bedeckte eine thonige Erde, welche die Füße der Nager erst geknetet hatten, wie mit einem Cemente überdeckt. Hierauf war der Thon mit Hilfe der breiten ovalen, horizontal abgeplatteten und schuppigen Schwänze zu einzelnen Werkstücken geformt und damit das ganze Zimmerwerk des Dammes gleichmäßig gedichtet worden. »Dieser Damm, Madame, sagte Jasper Hobson, hat den Zweck, das Flüßchen immer bei unverändertem Wasserstande zu erhalten und gestattet er den Baumeistern der Biber, stromaufwärts ihre rundlichen Wohnungen, deren oberste Theile sie dort wahrnehmen, zu errichten. Diese Bauten sind sehr solid construirt; ihre aus Holz und Thon hergestellten Wände haben eine Stärke von zwei Fuß, und bieten als Eingang nur eine unterhalb des Wasserspiegels gelegene Oeffnung, was Jeden, der heraus oder hinein will, allerdings zum Tauchen nöthigt, aber auch die Sicherheit der Biberfamilie erhöht. Bei Zerstörung eines solchen Baues findet man ihn aus zwei Stockwerken bestehend, einem unteren, welches als Vorrathsraum dient und den Winterproviant an Zweigen, Wurzeln und Rinden enthält, und einem oberen, welches das Wasser nicht erreicht und in dem der Eigenthümer mit seinem kleinen Hausstande lebt. – Ich sehe aber keines dieser klugen und fleißigen Thiere, sagte Mrs. Paulina Barnett. Sollte die Ansiedelung schon wieder verlassen sein? – Nein, Madame, erwiderte Lieutenant Hobson, jetzt ruhen die Arbeiter im Schlafe aus, denn sie sind nur in der Nacht thätig und wir werden sie in ihren Höhlen überraschen!« Wirklich verursachte der Fang dieser Nagethiere keinerlei Schwierigkeit. Binnen einer Stunde hatte man wohl hundert Stück erbeutet, und darunter Einige, deren Fell vollkommen schwarz war, von sehr hohem Handelswerthe. Die Anderen hatten auch einen seidenweichen, langhaarigen, glänzenden Pelz, der aber eine rothbraune Nuance zeigte, und unter diesem einen feinen, dichten, silbergrauen Flaum. Die Biberfelle wurden in das Magazin gebracht und unter dem Namen »Parchemins« oder »junge Biber«, je nach ihrem Werthe registrirt. Während des ganzen Septembers und bis Mitte October wurden derartige Jagdzüge wiederholt und lieferten diese immer sehr günstige Resultate. Dachse wurden nur in geringer Menge gefangen. Man stellte ihnen wegen ihrer Haut, welche zur Garnitur der Pferdekummete dient, und wegen der Haare nach, die man zu Bürsten und Pinseln verarbeitet. Diese Raubthiere – denn sie sind wirklich kleinen Bären gleich – gehören zu der Nordamerika eigenthümlichen Abart der Vielfraß-Dachse. Andere zum Geschlechte der Nagethiere gehörige und dem Biber an Intelligenz sehr nahe stehende Arten erreichten in den Magazinen der Factorei eine sehr hohe Ziffer. Es waren das z. B. die einen Fuß langen Bisamratten mit sehr entwickeltem Schwänze, deren Pelz ziemlich geschätzt ist. Eine Katzenart, welche auch dann und wann vorkam, machte die Anwendung der Feuerwaffen nöthig. Es waren das gelenkige, lebhafte Thiere mit hellröthlichem, schwarz gesprenkeltem Haar, welche selbst den Rennthieren gefährlich werden, kurz Luchse, die sich sehr wacker vertheidigen. Aber weder Marbre noch Sabine standen ihnen zum ersten Male gegenüber, und sie erlegten auch gegen sechzig dieser Thiere. Eben so erbeutete man einige wenige Vielfraße mit sehr schönen Pelzfellen. Hermeline zeigten sich nur selten. Diese eben so wie die Iltisse zum Mardergeschlechte gehörigen Thiere hatten ihr schönes Winterfell, welches bis auf ein kleines schwarzes Fleckchen an der Schwanzspitze ganz weiß ist, noch nicht wieder. Ihr Haar war äußerlich noch gelblich grau und röthlich darunter. Jasper Hobson hatte seinen Leuten also anempfohlen, jenes Wild für jetzt zu schonen. Man mußte warten und die Felle nach Marbre's Ausdruck »reif« werden, d. h. durch die Winterkälte bleichen lassen. Iltisse, deren Jagd wegen des unangenehmen Geruches, den sie um sich verbreiten, sehr lästig ist, erlegte man entweder durch Umstellung der hohlen Bäume, welche ihnen als Zuflucht dienten, oder durch Flintenschüsse, wenn sie in den Aesten umher sprangen. Die Zobelmarder waren der Gegenstand einer ganz speciellen Jagd. Es ist bekannt, wie sehr das Fell dieser Raubthiere geschätzt ist, wenn es auch im Preise etwas gegen den eigentlichen Zobel, dessen Pelz im Winter von schwärzlicher Farbe ist, zurücksteht. Dieser eigentliche Zobel tritt aber nur im nördlichen Europa und Asien, bis nach Kamtschatka hin, auf und wird von den Sibiriern lebhaft gejagt. An der amerikanischen Küste des Eismeeres begegnet man anderen Marderarten, deren Fell immerhin von hohem Werthe ist, wie der »Wison« und der »Pékan«, welche auch den Namen »canadische Marder« führen. Während des Monates September sollten diese der Factorei nur wenige Pelzfelle liefern. Diese sehr munteren und lebhaften Thiere haben einen langen und biegsamen Körper, der ihnen auch den Namen »Vermiformes« (d. i. wurmförmige) erworben hat. Wirklich können sie sich auch strecken wie ein Wurm, und folglich durch die engsten Oeffnungen schlüpfen, weshalb sie den Nachstellungen der Jäger natürlich leicht entgehen. Während des Winters fängt man sie leichter in Fallen und Schlingen, und Marbre und Sabine erwarteten schon ungeduldig den geeigneten Augenblick, wieder zu »Trappern« (Fallenstellern) zu werden. Sie waren fest überzeugt, daß die Magazine der Compagnie bei der Rückkehr des Frühlings mit diesen gesuchten Fellen reichlich versehen sein sollten. Zur Vervollständigung des Verzeichnisses derjenigen Pelzwaaren, welche sich in Fort-Esperance durch jene Jagden anhäuften, verdienen auch die blauen und die Silber-Füchse eine Erwähnung, da sie an den russischen so wohl, wie an den englischen Märkten als die allerkostbarsten Pelzwaaren betrachtet werden. Allen steht der blaue Fuchs, bekannt unter dem zoologischen Namen »Isatis«, voran. Dieses hübsche Thier hat eine schwarze Schnauze, sonst aber aschfarbene, fast dunkelblonde Behaarung, sieht indeß nirgends blau aus, wie man nach seinem Namen vermuthen sollte. Sein langes, dichtes und festes Haar ist wirklich bewundernswerth und besitzt alle die Eigenschaften, welche die Schönheit eines Pelzes ausmachen: Weichheit, Festigkeit und Länge, Dichtheit und schöne Färbung. Der blaue Fuchs ist der unbestrittene König der Pelzthiere; sein Pelz gilt den sechsfachen Preis jedes anderen, und ein Pelzmantel des Kaisers von Rußland, der ganz aus Halsstücken des blauen Fuchses besteht, welche man für die hochfeinsten Theile des Felles hält, wurde auf der Londoner Weltausstellung von 1851 zu 3400 Pfund Sterlings 34,000 Oesterr. S.-Gulden, 68,000 Reichsmark. geschätzt. Einige solcher Füchse waren in der Umgebung von Cap Bathurst erschienen, doch von den Jägern nicht erlangt worden, denn diese Raubthiere sind sehr listig, flink und schwer zu fangen, dagegen gelang es, ein Dutzend Silberfüchse zu erlegen, deren prachtvoll schwarzes Haar weiße Spitzen hat. Obgleich das Fell der Letzteren dem der blauen Füchse an Werth nicht gleichkommt, so ist dies dennoch ein kostbarer Balg, der an den Märkten Rußlands und Englands einen hohen Preis erzielt. Der eine dieser Silberfüchse war ein vorzügliches Exemplar, der den gemeinen Fuchs an Größe überragte. Seine Ohren, Schultern und der Schwanz waren rauchschwarz, aber das feine Ende seines Schwanzes und die Spitzen der Haare um die Augen silberweiß. Die besonderen Umstände, unter welchen dieser Fuchs getödtet wurde, verdienen eine eingehende Schilderung, denn sie rechtfertigten gewisse Befürchtungen Jasper Hobson's eben so, wie die Vertheidigungsmaßregeln, welche zu treffen er für nöthig erachtet hatte. Am 24. September früh hatten zwei Schlitten Mrs. Paulina Barnett, den Lieutenant, Sergeant Long, Sabine und Marbre nach der Walroß-Bai gebracht. In der Mitte von Felsen, zwischen denen wenige magere Gesträuche sproßten, hatten einige Leute des Detachements Tags vorher Spuren von Füchsen entdeckt, die es unzweifelhaft machten, daß Letztere in der Nähe umherschweiften. Die Jäger, deren Lust einmal gereizt war, drängten daher, die Fährte wieder aufzusuchen, welche ihnen eine so kostbare Beute versprach und in der That auch lieferte. Zwei Stunden nach ihrer Ankunft lag ein schöner Silberfuchs todt auf dem Boden. Da wurden noch zwei bis drei andere Exemplare bemerkt, was die Jäger veranlaßte, sich zu theilen. Während Sabine und Marbre den Spuren des einen nachgingen, suchten der Lieutenant, Sergeant Long und Mrs. Paulina Barnett einem anderen schönen Thiere, welches sich hinter Felsstücken zu verbergen suchte, den Rückweg abzuschneiden. Es bedurfte gegenüber diesem Fuchse, der sich schlau zu decken und keinen Körpertheil einer Kugel auszusetzen wußte, der Aufbietung der größten List. Eine halbe Stunde währte schon diese resultatlose Verfolgung. Drei Seiten waren indessen dem Thiere abgesperrt und das Meer verschloß die vierte. Jenes mochte das Mißliche seiner Lage einsehen und beschloß derselben durch einen glücklichen Sprung zu entgehen, der dem Jäger keine andere Wahl, als die, ihn im Fluge zu schießen, übrig ließ. Der Fuchs sprang also auf einen Felsblock, doch Jasper Hobson lauerte ihm schon auf, und in dem Augenblicke, da das Thier wie ein Schatten vorüber flog, begrüßte er es mit seiner Kugel. Fast zu derselben Zeit donnerte ein zweiter Schuß, und der tödtlich getroffene Fuchs sank zu Boden. »Hurrah! Hurrah! rief Jasper Hobson, der ist mein! – Und mein!« antwortete ein Fremder, der, als Jasper Hobson eben die Hand nach dem Thiere ausstreckte, seinen Fuß darauf setzte. Erstaunt wich Jasper Hobson zurück. Er hatte den zweiten Schuß aus Sergeant Long's Gewehr gekommen geglaubt, und jetzt stand er vor einem vollkommen fremden Jägersmann, dessen Büchsenlauf noch rauchte. Die beiden Rivalen maßen sich mit den Augen. Mrs. Paulina Barnett und ihr Begleiter kamen hinzu, auch Sabine und Marbre fanden sich eiligst ein, während ein Dutzend Menschen vom Ufer her auf den Fremdling zukamen, der sich höflich vor der Reisenden verneigte. Jener war ein hochgewachsener Mann, der vollständige Typus jener »Canada-Reisenden«, deren Concurrenz Jasper Hobson vor Allem fürchtete. Der Jäger trug noch ganz jenes traditionelle Costüm, welches Washington Irving, der amerikanische Romanschriftsteller, genau beschrieben hat: eine in Mantelform übergeschlagene Decke, ein baumwollenes Hemd mit bunten Streifen, weite kurze Tuchhosen, Gamaschen aus Leder und Schuhe aus Damfell, einen bunten Gürtel, welcher das Waidmesser, Tabaksbeutel nebst Pfeife, und einige Lagergeräthschaften barg, mit einem Worte, eine halb civilisirte und halb wilde Kleidung. Vier seiner Begleiter waren so wie er, nur minder elegant, ausgerüstet, die acht Anderen, welche als Bedeckung dienten, gehörten zu den Chipeway-Indianern. Jasper Hobson konnte sich nicht täuschen; er hatte einen Franzosen, mindestens einen Abkommen der canadischen Franzosen, vielleicht den Agenten einer amerikanischen Compagnie vor sich, welcher die Errichtung der neuen Factorei zu beobachten entsendet war. »Dieser Fuchs gehört mir, mein Herr, sagte Jasper Hobson nach einigen Augenblicken des Schweigens, während deren er und sein Gegner sich Auge in Auge gegenüber gestanden hatten. – Er gehört Ihnen, falls Sie ihn getroffen haben, antwortete der Unbekannte in gutem Englisch, aber mit einem leichten fremden Accente. – Sie irren sich, mein Herr, entgegnete Jasper Hobson lebhafter. Selbst für den Fall, daß ihn Ihre Kugel und nicht die meinige getödtet hätte!« Ein verächtliches Lächeln antwortete dieser Behauptung, welche die ganze Anmaßung der Hudsons-Bai-Compagnie über die Territorien vom Atlantischen bis zum Stillen Oceane wiederspiegelte. »Sie betrachten also, fuhr der Fremdling fort, während er sich gefällig auf die Mündung seines Gewehres stützte, die Hudsons-Bai-Compagnie als vollkommene Herrin über die Gebiete des nördlichen Amerikas? – Ohne Zweifel, erwiderte Lieutenant Hobson, und wenn Sie, mein Herr, wie ich voraussetze, etwa einer amerikanischen Gesellschaft angehören... – Der Pelzwaaren-Gesellschaft von St. Louis, bekannte der Jäger mit einer Verneigung. – Ich meine, dann sollten Sie, fuhr der Lieutenant fort, sich doch veranlaßt fühlen, die Acte aufzuweisen, welche Ihnen in irgend einem Theile dieses Gebietes ein Jagdrecht zugesteht. – Acten! Privilegien! sagte verächtlich der Canadier, das sind Worte aus dem altersschwachen Europa, welche in Amerika einen schlechten Klang haben. – Sie sind auch nicht auf amerikanischem, sondern auf englischem Grund und Boden! belehrte ihn Jasper Hobson mit Stolz. – Herr Lieutenant, antwortete der Jäger, der nun auch seinerseits etwas wärmer wurde, jetzt ist wohl nicht der geeignete Zeitpunkt, über diese Frage zu debattiren. Die Ansprüche Englands im Allgemeinen und die der Hudsons-Bai-Compagnie im Besonderen, welche bezüglich dieser Jagdgebiete geltend gemacht werden, sind uns schon seit langer Zeit bekannt; doch denke ich, der Tag soll nicht mehr fern sein, wo die Ereignisse diese Sachlage ändern sollen, und Amerika von der Magelhaens-Straße bis zum Nordpole wirklich amerikanisch sein wird. – Das glaube ich nicht, erwiderte trocken der Lieutenant. – Wie dem auch sei, mein Herr, entgegnete unbeirrt der Canadier, ich schlage Ihnen vor, die internationale Seite der Frage nicht zu betonen. Was sich die Compagnie auch anmaße, so liegt es doch auf der Hand, daß die nördlichsten Theile des Continentes dem zugehören, der sie besetzt, und vor Allem gilt das vom Küstengebiete. Sie haben bei Cap Bathurst eine Factorei gegründet; gut, so werden wir nicht in Ihrem Gebiete jagen; Ihrerseits erwarte ich aber auch, daß Sie unsere Grenzen respectiren, wenn die Pelzwaaren-Gesellschaft von St. Louis an einer anderen Stelle der Nordküste eine Factorei errichtet haben wird.« Jasper Hobson's Stirne faltete sich. Der Lieutenant erkannte es zu klar, daß die Hudsons-Bai-Compagnie in nächster Zukunft gefährliche Rivalen bis hinauf an die nördliche Küste haben, daß man ihre Ansprüche auf den ganzen Norden Amerikas nicht anerkennen, und mancher Kugelwechsel zwischen den Concurrenten stattfinden werde. Aber auch er konnte sich der Einsicht nicht verschließen, daß jetzt nicht der geeignete Augenblick sei, die Privilegienfrage zu discutiren, und sah es nicht ungern, daß der im Uebrigen höfliche Jäger die Rede wieder auf etwas Anderes lenkte. »Was nun die Angelegenheit betrifft, welche uns entzweit, sagte der Canada-Reisende, so ist diese doch nur von sehr untergeordneter Bedeutung, und ich denke, wir schlichten sie nach Waidmanns-Brauch. Ihr und mein Gewehr haben sicher verschiedenes Caliber, und unsere Kugeln werden leicht wieder zu erkennen sein. Der Fuchs gehöre also Demjenigen, der ihn wirklich getödtet hat.« Der Vorschlag war gerecht. Die Frage nach dem Eigentumsrechte an dem Thiere konnte auf diese Weise mit Gewißheit entschieden werden. Der Cadaver des Fuchses wurde also untersucht. Er hatte von den zwei Jägern auch zwei Kugeln bekommen. Die eine saß ihm in der Seite, die andere in der Brust. Die Kugel des Canadiers war diese Zweite. »Das Thier gehört Ihnen, mein Herr«, sagte Jasper Hobson, der seine Enttäuschung, sich eines so kostbaren Balges durch fremde Hand beraubt zu sehen, nur schlecht verhehlte. Der Reisende nahm den Fuchs auf; doch als man schon glaubte, daß er ihn über die Schulter werfen und davon gehen werde, schritt er mit einer weltmännischen Verneigung auf Mrs. Paulina Barnett zu. »Die Damen lieben ja schönes Pelzwerk, sagte er. Wüßten sie, mit welchen Mühen, ja manchmal, mit welchen Gefahren man dieses zuerst erlangt, sie würden wohl nicht immer eine solche Sehnsucht darnach haben! Doch, sie lieben es einmal! Erlauben Sie mir also, Madame, Ihnen dieses Stück zur Erinnerung an unser Zusammentreffen zu überreichen.« Mrs. Paulina Barnett zögerte, das Geschenk anzunehmen, der canadische Jäger hatte das kostbare Fell aber mit solcher Verbindlichkeit und so gutherzig angeboten, daß es beleidigend für ihn gewesen wäre, es abzuschlagen. Die Reisende nahm es also mit einem Danke gegen den Fremdling an. Dieser verneigte sich noch einmal vor Mrs. Paulina Barnett, grüßte die Engländer und verschwand, gefolgt von seinen Begleitern, hinter den Uferfelsen. Der Lieutenant begab sich mit den Seinigen auf den Rückweg nach Fort-Esperance. Jasper Hobson wanderte aber in Gedanken vertieft dahin. Die Lage des durch seine Mühen gegründeten Etablissements war nun einer rivalisirenden Gesellschaft bekannt, und diese Begegnung mit dem Canada-Reisenden ließ ihn für die Zukunft die größten Schwierigkeiten vorhersehen. Siebenzehntes Capitel. Die Annäherung des Winters. Man schrieb den 21. September. Die Sonne stand im Herbst-Aequinoctium, das heißt, Tag und Nacht waren auf der ganzen Erdkugel von gleicher Dauer. Die Abwechselung zwischen Licht und Finsterniß hatte den Insassen des Fort-Esperance, welche während der Stunden der Dunkelheit natürlich besser schliefen, zu großer Befriedigung gedient. Das Auge ruht dabei aus und stärkt sich wieder, vorzüglich, wenn einige Monate ununterbrochenen Sonnenlichtes es hartnäckig ermüdet hatten. Es ist bekannt, daß die Fluth zur Zeit der Tag- und Nachtgleiche eine besonders hohe ist, da sich Sonne und Mond dabei in Conjunction befinden und die Summe ihres Einflusses die Intensität jener Erscheinung erhöht. Es war das also eine Veranlassung, die Fluth an der Küste des Cap Bathurst mit möglichster Sorgsamkeit zu beobachten. Einige Tage vorher hatte Jasper Hobson deshalb verschiedene Merkzeichen, eine Art Seehöhenmesser, angebracht, um den Unterschied zwischen dem niedrigsten und dem höchsten Wasserstande genau kennen zu lernen. Auch dieses Mal fand er es, trotz aller Angaben früherer Beobachter, bestätigt, daß der Einfluß der Sonne und des Mondes sich an diesem Theile des Eismeeres kaum bemerkbar machte. Die Fluth war eben annähernd gleich Null, – was den Berichten so vieler anderer Seefahrer widersprach. »Hier liegt etwas vor, was nicht natürlich ist!« sagte sich dabei der Lieutenant Hobson. Er wußte in der That nicht, was er davon zu halten habe. Da ihn aber andere Sorgen in Anspruch nahmen, beschäftigte er sich mit der Erklärung dieser Eigenthümlichkeit nicht allzulange. Am 29. September trat in dem Zustande der Atmosphäre eine wesentliche Veränderung ein. Das Thermometer fiel auf 5° unter Null. Der Himmel war mit Dünsten erfüllt, welche sich auch bald als Schnee niederschlugen. Die schlechte Jahreszeit rückte heran. Mrs. Joliffe beschäftigte sich, bevor der Schnee den Boden bedeckte, mit ihren Sämereien. Es stand zu hoffen, daß die nicht überempfindlichen Sauerampher- und Löffelkrautsamen, wenn sie durch die Schneedecke geschützt waren, der Rauhigkeit des Klimas widerstehen und im Frühlinge hervorknospen würden. Ein hinter dem ansteigenden Cap gelegenes Terrain von mehreren Ackern war vorher zugerichtet worden, und wurde nun in den letzten Tagen des Septembers besäet. Jasper Hobson wollte nicht die strenge Kälte abwarten, um seine Gefährten die Winterkleidung wieder anlegen zu lassen. Alle eilten auch, sich entsprechend zu bekleiden, und trugen nun Wolle auf dem bloßen Körper, Ueberzieher von Damhirschfell, Beinkleider von Robbenhaut, Pelzmützen, und für Wasser undurchlässige Stiefeln. Gleichzeitig machten auch die Wohnräume so zu sagen Wintertoilette. Die Holzwände wurden nämlich mit Pelzfellen überdeckt, um zu verhindern, daß sich bei zufälligen Temperaturerniedrigungen Eisschichten an ihrer Oberfläche ablagerten. Meister Raë setzte zu derselben Zeit die Condensatoren in Stand, welche den in der Luft verbreiteten Wasserdampf aufnehmen und zweimal wöchentlich entleert werden sollten. Das Feuer im Ofen wurde nach den Schwankungen der Luftwärme so regulirt, daß das Thermometer in den Wohnräumen immer +10° Celsius zeigte. Bald mußte das Haus ja auch mit einer dicken Schneelage bedeckt sein, welche gegen jeden Verlust der Wärme seines Innern schützte. Mit diesen Hilfsmitteln hoffte man den beiden furchtbarsten Feinden der Ueberwinternden, der Kälte und der Feuchtigkeit, siegreich entgegen zu treten. Am 2. October war die Thermometersäule noch weiter gesunken, und der erste dauernde Schnee umhüllte die ganze Umgebung des Cap Bathurst. Die leichte Brise veranlaßte keinen eigentlichen in den Polarländern so bekannten Schneewirbel, denen die Engländer den Namen »Drifts« gegeben haben. Ein weißer, gleichmäßig gelagerter Teppich breitete sich bald über das Cap, die Umzäunung des Forts und das Küstenland. Nur die Gewässer des Sees und des Meeres waren noch nicht in Banden geschlagen, und stachen durch ihre graue, trübe, fast schmutzige Farbe grell gegen alles Andere ab. Am nördlichen Horizonte aber gewahrte man schon die ersten Eisberge, welche sich scharf am Himmel abzeichneten. Es bildeten diese noch keine eigentliche Schollenwand, aber die Natur häufte langsam das Material zusammen, welches die Kälte bald zu einer unübersteiglichen Schranke verlöthen sollte. Uebrigens währte es nicht lange, bis das »junge Eis« die Oberfläche des Meeres und des Sees fest überzog. Die Lagune kam zuerst an die Reihe. Da und dort wurden ausgedehnte weißlich-graue Stellen auf ihr sichtbar, die Vorzeichen des baldigen Gefrierens, das durch die Ruhe der Atmosphäre sehr begünstigt wurde. Und als sich das Thermometer eine Nacht über auf - 9° Celsius gehalten hatte, zeigte der See am anderen Tage eine Eisfläche, welche auch die wählerischsten Schlittschuhläufer der Serpentine Ein kleiner Fluß im Hyde-Park zu London. befriedigt hätte. Am fernen Horizonte nahm der Himmel nun eine eigenthümliche Färbung an, der die Walfänger die Bezeichnung »Blink« gegeben haben, und welche von dem Wiederschein der Eisfelder herrühren soll. Bald fror auch das Meer auf ungeheure Strecken hinaus zu, nachdem sich durch einzeln angeschobene Schollen ein weites Eisfeld längs der Küste gebildet hatte. Es bot dieses freilich nicht eine Spiegeloberfläche, wie das Eis des Sees, da es bei seiner Entstehung durch die Wellenbewegung gestört worden war. Da und dort schwankten einzelne Schollen noch auf und ab, schwimmende Eisblöcke, welche unter dem Namen »Drift-ices« bekannt sind, und an manchen Stellen ragten verschieden geformte und manchmal sehr steile Erhöhungen hervor, welche ihre Bildung dem allseitigen Drucke verdanken und die die Walfänger »Hummocks« (Spitzhügel) benennen. Schon nach wenigen Tagen hatte sich der Anblick des Cap Bathurst und seiner Umgebung vollkommen verändert. Mit fortwährender Bewunderung verfolgte Mrs. Paulina Barnett dieses ihr so neue Schauspiel. Mit welchen Mühen und Anstrengungen hatte sie sich doch die Betrachtung desselben erkauft! Es giebt aber auch nichts Erhabeneres, als diesen Eintritt der kalten Jahreszeit, diese Besitznahme der Polarländer durch den Winterfrost. Kein Aussichtspunkt, kein Landschaftsbild, wie sie sich der Erinnerung der Mrs. Paulina Barnett bis hierher eingeprägt hatten, war wieder zu erkennen. Die Gegend erschien wie umgewandelt. Ein neues Land, mit dem Stempel der großartigsten Trauer, erzeugte sich vor ihren Blicken. Die Einzelheiten gingen unter, so daß der Schnee der Landschaft nur ihre gröberen Linien übrig ließ, und auch diese waren durch die Dunstmassen nur unklar sichtbar. Das Ganze war aber doch ein Schmuck, der dem früheren mit magischer Schnelligkeit folgte. Da war kein Meer zu sehen, wo früher der weite Ocean sich dehnte; kein Erdboden mit wechselnden Farben, sondern ein gleichmäßiger, blendender Teppich. Keine Wälder von verschiedenen Bäumen, sondern ein Gewirr ihrer blätterlosen Silhouetten, welche der Rauchfrost sein überzog. Keine strahlende Sonne gab es mehr? sondern an ihrer Stelle eine bleiche Scheibe, welche sich durch den Nebel schleppte und kaum während einiger Stunden des Tages einen sehr gedrückten Bogen beschrieb. Auch der Meereshorizont, der sich sonst so scharf vom Himmel abhob, war verschwunden; dagegen bildete eine launenhaft unterbrochene Kette von Eisbergen jene unübersteigliche Schollenschranke, welche die Natur zwischen dem Nordpole und den kühnen Reisenden, die nach ihm zu gelangen trachten, aufgethürmt hat. Welchen Stoff für Gespräche, welche Fülle von Beobachtungen dieser Wechsel der Außenwelt bot, wird man sich leicht vorstellen können. Nur Thomas Black blieb allein von den Reizen dieses Schauspiels ungerührt. Was konnte man auch Anderes von dem so sehr beschäftigten Astronomen erwarten, der bis jetzt bei dem Personal der Colonie in der That kaum mitzählte. Der verschlossene Gelehrte lebte ja nur in der Beobachtung der Himmelserscheinungen und erging sich einzig in den Azurstraßen des Firmamentes; er verließ manchmal einen Stern, aber blos, um sich schnell nach einem anderen zu begeben. Und eben jetzt verschleierte sich ihm der Himmel, die Sternbilder verschwanden seinem Auge, jetzt wälzte sich ein undurchdringlicher Nebel zwischen ihm und dem Zenithe hin! O, wie wüthend er darüber war! Dennoch beruhigte er sich bei Jasper Hobson's tröstlicher Versicherung, daß binnen Kurzem schöne, frosthelle Nächte, welche zu astronomischen Beobachtungen besonders günstig wären, eintreten müßten, und dazu Nordlichter, Mondhöfe, Nebenmonde und andere Erscheinungen, welche den Polarländern eigenthümlich sind, seine astronomische Bewunderung hervorrufen sollten. Inzwischen war die Temperatur noch recht erträglich. Es blieb auch windstill, und vorzüglich ist es ja die bewegte Luft, welche die Empfindung des Frostes so sehr steigert. Einige Tage setzte man demnach die Jagden noch fort. Weitere Mengen von Pelzfellen häuften sich in den Magazinen der Factorei an, weitere Proviantvorräthe in der Speisekammer. Rebhühner und Schneegänse flohen nach milderen Gegenden, kamen dabei zu Hunderten vorüber, und lieferten eine frische, gesunde Fleischkost. Auch Polarhasen, welche nun den Winterpelz trugen, gab es jetzt. Etwa hundert dieser schmackhaften Nagethiere vergrößerten die Reserven des Forts. Dazu erschienen große Züge sogenannter »Pfeifer-Schwäne«, eine im nördlichen Amerika vorkommende schöne Abart, von welcher die Jäger einige Paare tödteten. Es waren prächtige, vier bis fünf Fuß lange Thiere, mit weißem Gefieder, aber kupferfarben am Kopfe und oberen Theile des Halses. Im Begriff, in einer gastlicheren Zone die zu ihrer Nahrung nöthigen Wasserpflanzen und Insecten zu suchen, flogen sie auffallend schnell, denn auf dem Wasser und in der Luft sind sie gleichmäßig in ihrem Elemente. Andere Schwäne, sogenannte »Trompeter-Schwäne«, deren Schrei dem Tone eines Signalhornes ähnelt, wurden ebenfalls in großen Schwärmen bemerkt. Weiß wie die Pfeifer, hatten sie auch ungefähr deren Gestalt, aber schwarze Schnäbel und Schwimmfüße. Weder Marbre, noch Sabine waren so glücklich, einen dieser Trompeter zu erlegen, sie riefen ihnen aber ein sehr bezeichnendes »Auf Wiedersehen!« zu. Mit den ersten Frühlingswinden kommen diese Vögel nämlich in der Regel wieder und werden dann mit Leichtigkeit gefangen. Wegen ihrer Haut, ihrer Federn und ihres Flaums wird ihnen von Jägern und Indianern eifrig nachgestellt, und in ergiebigen Jahren versenden die Factoreien diese Schwäne zu Zehntausenden nach den Märkten der alten Welt, wo sie mit einer halben Guinee das Stück bezahlt werden. Bei diesen nur wenige Stunden dauernden und zudem oft von schlechter Witterung unterbrochenen Ausflügen begegnete man auch nicht selten ganzen Banden von Wölfen. Es war nicht nöthig, deshalb weit zu gehen, da diese vom Hunger getrieben nahe genug an die Factorei herankamen. Sie besitzen einen sehr feinen Geruch und wurden von den Ausdünstungen der Küche angelockt, so daß man während der Nacht oft ihr schauerliches Geheul hörte. Wenn diese Raubthiere vereinzelt auch nicht gerade gefährlich sind, so können sie es doch durch ihre große Anzahl werden, was die Jäger nöthigte, die Umplankung des Forts niemals unbewaffnet zu überschreiten. Auch die Bären wurden jetzt angriffslustiger. Es verging kein Tag, ohne daß sich nicht einige dieser Thiere zeigten. In der Nacht streiften sie wohl bis an die Palissadenwand heran, so daß verschiedene angeschossen wurden, deren blutige Spur dann auf dem Schnee zu finden war. Bis zum 10. October hatte aber noch keiner sein warmes und kostbares Pelzfell in den Händen der Jäger gelassen; übrigens erlaubte Jasper Hobson seinen Leuten jetzt auch noch nicht, diese gefährlichen Gesellen anzugreifen. Er hielt es für besser, ihnen gegenüber die Defensive zu bewahren, da zu erwarten stand, daß sie später der Hunger treiben werde, Fort-Esperance vielleicht unmittelbar anzugreifen. Dann wollte man ihnen natürlich gegenübertreten und sich auf jeden Fall den nöthigen Vorrath einsammeln. Einige Tage lang hielt sich das Wetter trocken und kalt. Der Schnee bot eine harte Oberfläche, welche das Gehen darauf leicht gestattete. Man unternahm deshalb auch einige Ausflüge nach der Küste und dem Gebiete im Süden des Forts. Der Lieutenant wünschte zu erfahren, ob von den Agenten der Pelzwaaren-Gesellschaft in St. Louis, im Fall sie sein Territorium verlassen hätten, Spuren zu finden wären; doch war alles Nachsuchen vergeblich. Wahrscheinlich waren die Amerikaner nach einem südlicher gelegenen Fort abgezogen, um dort den Winter zu verbringen. Die schönen Tage währten aber nicht allzu lange und in der ersten Woche des Novembers fiel, bei gleichzeitigem Umspringen des Windes nach Süden und merkbarem Steigen der Temperatur, außerordentlich reichlich Schnee. Tagtäglich mußten die Zugänge zum Hause mühsam gereinigt und je ein Gang nach dem Thore, dem Schuppen, dem Rennthier- und dem Hundestalle freigelegt werden. Ausflüge wurden nun seltener und waren nur unter Anwendung der sogenannten Schneeschuhe auszuführen. Wenn die Schneedecke nämlich durch die Kälte erhärtet ist, trägt sie ja das Gewicht eines Menschen ganz sicher, und bietet dem Fuße einen festen Stützpunkt. Das Gehen ist im Allgemeinen also dadurch nicht behindert. Ist dieser Schnee aber weich, so vermöchte Niemand einen Schritt über denselben zu thun, ohne bis zum Knie einzusinken; dann eben machen die Indianer von jenen Schneeschlittschuhen Gebrauch. Lieutenant Hobson und seine Leute waren in der Anwendung dieser »Snow-shoes« vollkommen geübt und erreichten auf dem mürben Schnee wohl die Schnelligkeit eines Schlittschuhläufers. Auch Mrs. Paulina Barnett hatte sich ja schon an dieses seltsame Schuhwerk gewöhnt, und wetteiferte bald an Geschwindigkeit mit ihren Gefährten. Derartige schnelle Spaziergänge wurden sowohl auf dem Eise des Sees, als auch an der Küste unternommen. Einige Meilen weit konnte man sich sogar auf die feste Oberfläche des Oceans hinauswagen, denn dessen Eis hatte schon eine Dicke von mehreren Fußen. Eine solche Excursion war freilich der holprigen Eisfläche wegen etwas anstrengender, denn allenthalben traf man auf über einander geschobene Schollen, mußte Spitzhügel umkreisen und hatte weiterhin die Kette von Eisbergen oder vielmehr die Schollenmauer, welche durch ihren wohl fünfhundert Fuß hohen Kamm ein unübersteigliches Hinderniß darstellte, vor sich. Diese malerisch über einander gehäuften Eisberge boten einen prächtigen Anblick. An einer Stelle glaubte man wohl die weißen Ruinen einer Stadt mit ihren Monumenten, Säulenhallen und niedergelegten Wällen vor sich zu haben; an einer anderen aber eine vulkanische Landschaft, eine Anhäufung von Eisschollen, welche ganze Bergketten mit überragenden Gipfeln, Widerlagern und Thälern, kurz, eine ganze Schweiz aus Eis bildeten! Einige spät wegziehende Vogelarten, wie die Sturmvögel und Wasserscheerer, belebten noch diese Einöde mit ihrem durchdringenden Geschrei. Große weiße Bären trotteten zwischen den Spitzhügeln, bei deren blendender Weiße sie schwer zu unterscheiden waren, umher. Neue Eindrücke und Aufregungen fehlten der Reisenden wahrlich nicht. Die treue Madge theilte sie stets an ihrer Seite. Wie unendlich fern waren die Beiden jetzt von den Tropenzonen Indiens oder Australiens! Mehrere Ausflüge wurden auf dem übereisten Oceane unternommen, dessen dicke Kruste ganze Artillerieparks, selbst die schwersten Denkmale getragen hätte. Bald aber erwiesen sie sich so mühselig, daß man sie endgiltig aufgeben mußte. Die Temperatur sank nämlich beträchtlich, und die kleinste Arbeit, die geringste Anstrengung verursachte Jedermann eine fast betäubende Lähmung. Auch die Augen litten jetzt von der intensiven Weiße des Schnees, und war die Rückstrahlung von derselben, welche die Ursache von so häufiger Blindheit bei den Eskimos ist, auf keinen Fall lange zu ertragen. Zudem beurtheilte man, in Folge einer eigenthümlichen Erscheinung, welche ihre Erklärung in der Brechung der Lichtstrahlen findet, Entfernungen und Tiefen nicht mehr richtig. Oft war eine Entfernung von fünf bis sechs Fuß zwischen zwei Eisstücken, die das Auge trotzdem nur auf zwei Fuß schätzte. In Folge dieser optischen Täuschung kam man auch sehr häufig und oft sehr empfindlich zum Fallen. Am 14. October zeigte das Thermometer -16° Celsius, eine Temperatur, welche deshalb sehr rauh war, weil sie ein starker Wind begleitete. Die Luft stach, wie mit Nadeln. Wer außerhalb des Hauses zu verweilen wagte, lief immer Gefahr, schnell den oder jenen Körpertheil zu erfrieren, wenn er die Blutcirculation in demselben durch Frictionen mit Schnee nicht eiligst wieder herzustellen suchte. Mehrere Insassen des Forts, z. B. Garry, Belcher und Hope, machten diese üble Erfahrung, kamen aber durch rechtzeitige Hilfe noch ohne dauernden Nachtheil davon. Selbstverständlich wurde unter solchen Verhältnissen jede Handarbeit im Freien unmöglich. Dazu waren die Tage in dieser Jahreszeit außerordentlich kurz; nur einige Stunden lang verweilte die Sonne über dem Horizonte, auf welche dann eine lange dauernde Dämmerung folgte. Die eigentliche Ueberwinterung, das heißt, die Beschränkung auf den geschlossenen Raum, nahte nun heran. Schon hatten die letzten Polarvögel das düsterer werdende Küstengebiet verlassen. Nur wenige Pärchen gefleckter Falken hielten noch aus, denen die Indianer auch den Namen »Wintergäste« beigelegt haben, weil sie in den Eisregionen bis zum Eintritt der eigentlichen Polarnacht ausharren. Aber auch diese mußten bald verschwinden. Lieutenant Hobson betrieb also die Vollendung der noch nöthigen Arbeiten, das heißt, das Aufstellen von Fallen und Schlingen, mit welchen Cap Bathurst den Winter über umgeben werden sollte. Diese Fallen bestanden im Wesentlichen aus sehr schweren Bohlenwänden, welche durch drei in Form einer 4 aufgestellte und leicht umzustoßende Holzstücke gehalten wurden. Sie waren also den Fallen, wie sie die Vogelsteller in den Feldern anwenden, ganz ähnlich, nur in vergrößertem Maßstabe ausgeführt. Das Ende des horizontalen Holzstückes trug als Köder ein Stück Wildpret, und mußte jedes mittelgroße Thier, wie ein Fuchs oder Zobelmarder, das nur mit der Tatze daran rührte, unfehlbar erschlagen werden. Ganz so sind die Fallen beschaffen, welche die berühmten Jäger, deren abenteuerliches Leben Cooper so dichterisch schildert, oft auf einem Raum von mehreren Meilen verstreut aufstellen. Rund um Fort-Esperance brachte man gegen dreißig solcher Fallen an, welche in kurzen Zwischenräumen untersucht werden sollten. Am 12. November vermehrte sich die Colonie um ein neues Mitglied. Mrs. Mac Nap gab einem tüchtigen, wohlgestalteten Jungen das Leben, den der Meister Zimmermann stolz umherzeigte. Mrs. Paulina Barnett wurde die Pathe des kleinen Bürschchens, dem man die Vornamen »Michael Esperance« gab. Die Taufceremonie verlief mit möglichster Feierlichkeit, und zu Ehren des kleinen Wesens, das oberhalb des siebenzigsten Breitengrades das Licht der Welt erblickt hatte, wurde der ganze Tag als Festtag begangen. Wenige Tage später, am 20. November, blieb die Sonne zum ersten Male ganz unter dem Horizonte, um nun erst nach zwei Monaten wieder zu kehren. Die Polarnacht hatte ihren Anfang genommen.   Achtzehntes Capitel. Die Polarnacht. Diese lange Winternacht führte sich mit einem heftigen Sturme ein. Die Kälte war vielleicht etwas minder lebhaft, aber die Atmosphäre ungemein feucht. Trotz aller Vorsichtsmaßregeln drang Letztere in das Haus ein und jeden Morgen enthielten die Condensatoren einige Pfund Eis. Draußen wirbelte ein furchtbares Gestöber. Der Schnee fiel nicht mehr vertical, sondern nahezu horizontal. Jasper Hobson mußte das Oeffnen der Thüre vollständig untersagen, da zu befürchten war, daß der Vorraum sich sofort anfüllen möchte. Die Ueberwinterer waren nun in der That Gefangene. Die Fensterläden wurden möglichst luftdicht verschlossen. Stets waren also die Lampen in Brand und beleuchteten die langen Stunden dieser nicht dem Schlafe gewidmeten Nacht. Wenn aber auch außerhalb des Hauses Dunkelheit herrschte, so war an die Stelle des Schweigens in dieser hohen Breite das Getöse des Sturmes getreten. Der Wind, welcher zwischen dem Hause und der Ufererhöhung hindurch fegte, erzeugte einen langen, klagenden Ton. Wenn er sich an das Wohnhaus stieß, erzitterte dieses in seinen Grundpfeilern, so daß es ihm ohne die Solidität seiner Construction schwerlich hätte Widerstand leisten können. Zum Glück brach der sich ringsum anhäufende Schnee die Gewalt seiner Stöße. Mac Nap fürchtete nur für die Rauchfänge, deren äußerer aus Kalkziegeln errichteter Theil dem Drucke leicht nachgeben könnte. Indeß auch diese widerstanden, nur mußte man ihre vom Schnee verstopften Mündungen öfter reinigen. Mitten durch das Pfeifen des Sturmes ließ sich dann und wann auch ein eigenthümliches Krachen hören, über das Mrs. Paulina Barnett sich keine Rechenschaft geben konnte. Dasselbe rührte von dem Sturze von Eisbergen her, dessen Geräusch das Echo vervielfältigte und es dem Donner ähnlich wiedergab. Unaufhörlich drang auch eine Art Knattern, von der Verschiebung des Eisfeldes, welche die Bergstürze veranlaßten, herrührend, an das Ohr. Wohl mußte man an das Wüthen der Elemente in diesen rauhen Klimaten schon gewöhnt sein, um sich dabei nicht bedrückt und geängstigt zu fühlen. Bei Lieutenant Hobson und seinen Leuten war das schon der Fall; Mrs. Paulina Barnett und Madge härteten sich allmälig dagegen ab. Sie hatten bei ihren Reisen auch schon jene furchtbaren Stürme mit erlebt, welche über zwanzig Meilen in der Stunde durchrasen und einen Vierundzwanzigpfünder von der Stelle rücken. Hier am Cap Bathurst aber wurde ein solches Naturereigniß durch die Nacht und den Schnee noch grauenvoller. Wenn dieser Wind das Haus auch nicht zertrümmerte, so begrub er es doch, und die Befürchtung lag nicht fern, daß zwölf Stunden Sturm hinreichen würden, die ganze Ansiedelung unter einer gleichmäßigen Schneedecke einzusargen. Während dieser Gefangenschaft kam nun das Leben im Inneren in seine Gleise. Alle die wackeren Leute verstanden sich unter einander, und dieses Zusammenleben in so engem Räume gab dennoch zu keiner Belästigung oder Klage Veranlassung. Sie hatten sich ja übrigens von Fort-Reliance und Fort- Entreprise her gewöhnt, unter solchen Verhältnissen zu leben. Mrs. Paulina Barnett verwunderte sich also nicht besonders, zu sehen, wie leicht Alle zu leiten und zu behandeln waren. Die Arbeit auf der einen, Lectüre und Spiele auf der anderen Seite nahmen jeden Augenblick in Anspruch. Die Arbeit bestand in der Anfertigung und Ausbesserung von Kleidungsstücken, der Instandhaltung der Waffen, der Verfertigung von Schuhwerk, der Abfassung des von Jasper Hobson geführten Tagebuches, welches auch die kleinsten Vorkommnisse des Winteraufenthaltes, aber auch über das Wetter, die Temperatur, die Windrichtung, die Erscheinung der in den Polargegenden so häufigen Meteore u.s.w. berichtete. Sie bestand aber auch in der Instandhaltung des Hauses selbst, der Reinigung der Zimmer, der täglichen Besichtigung der aufgespeicherten Pelzwaaren, denen die Feuchtigkeit Schaden bringen konnte; ferner in der Ueberwachung der Feuer und des Zuges in den Oefen und endlich in der unausgesetzten Jagd nach jeder Spur von Feuchtigkeit, welche sich in den Ecken ansammelte. Einem Jeden war, entsprechend den Vorschriften eines in dem großen Saale angehefteten Reglements, bei dieser Arbeit sein Theil zugewiesen. Ohne über die Maßen angestrengt zu sein, hatten die Bewohner des Forts doch stets Etwas zu thun. Während dieser Zeit zerlegte Thomas Black seine Instrumente und schraubte sie wieder zusammen, oder prüfte seine astronomischen Berechnungen; fast immer in seiner Cabine eingeschlossen, schimpfte er höchstens auf den Sturm, der ihm jede nächtliche Beobachtung raubte. Von den drei verheirateten Frauen hatte Mrs. Mac Nap mit ihrem lustig gedeihenden Säuglinge alle Hände voll zu thun, während Mrs. Joliffe mit Unterstützung der Mrs. Raë und dem unvermeidlichen »Topfgucker« von Corporal die Küchengeschäfte besorgte. Zu gewissen Stunden, Sonntags aber den ganzen Tag über, erging man sich vereinigt in verschiedenen Zerstreuungen. Diese bestanden vor Allem in Lectüre. Die Bibel und einige Reisewerke bildeten allerdings die ganze Bibliothek des Forts, aber auch dieses Wenige genügte den wackeren Leuten. Für gewöhnlich las Mrs. Paulina Barnett zum großen Vergnügen ihrer Zuhörer vor. Die biblischen Geschichten, so wie die Reiseberichte, gewannen einen ganz besonderen Reiz, wenn sie mit ihrer volltönenden, sicheren Stimme einige Kapitel aus dem heiligen Buche vortrug. Die sinnbildlichen Persönlichkeiten, die Helden der Legende belebten sich und traten überzeugend vor die Augen. Mit großer Befriedigung sahen Alle stets die Stunde heran kommen, in der die liebenswürdige Frau ihr Buch zur Hand nehmen sollte. Sie war wirklich die Seele dieser kleinen Welt, belehrte sich und andere, fragte um Rath und theilte solchen aus und blieb immer und überall zu einem gewünschten Dienste bereit. Sie vereinigte alle Liebe und Güte des Weibes in sich, verband sie aber mit der geistigen Energie des Mannes. Dieses Doppelwesen hatte in den Augen der rauhen Soldaten einen doppelten Werth. Sie waren ganz vernarrt in sie und hätten nicht gezaudert, ihr Leben für sie zu lassen. Es verdient auch Erwähnung, daß Mrs. Paulina Barnett die allgemeine Lebensweise in Allem theilte, sich nicht in ihrer Cabine abschloß, sondern mitten unter ihren Gefährten arbeitete und durch ihre Reden und Fragen Jedermann in die allgemeine Unterhaltung hineinzog. Nichts feierte also in Fort-Esperance, weder Hände, noch Zungen. Man arbeitete, plauderte und, was das Wichtigste ist, man befand sich wohl dabei. Bei guter Laune und vortrefflicher Gesundheit wurde man der Langeweile während dieser Einsperrung Meister. Der Sturm schien sich gar nicht legen zu wollen. Drei Tage lang waren die Ueberwinternden schon einzig auf das Haus beschränkt, und immer noch währte das Schneetreiben mit unverminderter Heftigkeit fort. Jasper Hobson wurde unruhig. Die mit Kohlensäure überladene Atmosphäre des Hausinneren mußte nothwendig einmal erneuert werden, denn schon brannten die Lampen in der ungesunden Luft nur trübe. Man gedachte also die Luftpumpen in Betrieb zu setzen. Die Rohre fanden sich aber, wie es ja zu erwarten stand, durch Eis verstopft und functionirten nicht; sie waren auch nur für den Gebrauch in dem Falle bestimmt, daß das Haus nicht unter solchen Unmassen von Schnee vergraben lag. Jetzt war guter Rath theuer. Lieutenant Hobson berieth mit Sergeant Long die Sachlage und beschloß, am 23. November eines der Fenster der Vorderseite, welches in dem Vorraume angebracht war, zu öffnen, da der Sturmwind dort noch am wenigsten anschlug. Es war das keine so leichte Arbeit. Der Fensterflügel schlug zwar bald nach innen auf, der Laden aber, der von hart gewordenen Eisstücken gehalten wurde, trotzte jeder Anstrengung, so daß er endlich aus den Angeln gehoben werden mußte. Hierauf griff man die Schneeschicht mit Schaufeln und Hacken an. Sie war mindestens zehn Fuß dick, machte also die Aushöhlung einer Art Laufgrabens nöthig, durch welchen dann die freie Luft eindringen konnte. Jasper Hobson, der Sergeant, einige Soldaten und selbst Mrs. Paulina Barnett wagten sich durch diesen Gang, durch welchen der Sturmwind mit ganz absonderlicher Wuth pfiff, nicht ohne große Mühe hinaus. Welchen Anblick bot ihnen das Cap Bathurst und die nächst liegende Ebene! Es war jetzt zwar Mittagszeit, doch färbte kaum ein schwaches Dämmerlicht den südlichen Horizont. Die Kälte zeigte sich nicht so heftig, als man es hätte glauben sollen, und las man am Thermometer nur 9° unter dem Gefrierpunkte ab. Das Schneegestöber setzte sich aber noch immer mit ganz unvergleichbarer Heftigkeit fort, und der Lieutenant, seine Leute und die Reisende wären bestimmt umgeworfen worden, hätte ihnen nicht die Schneelage, in welche sie bis zum halben Körper eingesunken waren, gegen das Ungestüm des Windes den nöthigen Halt verliehen. Zu sprechen vermochten sie nicht; ja bei dem Entgegenschlagen der Flocken, das sie halb blind machte, kaum etwas zu sehen. In weniger als einer halben Stunde wären sie wohl vollkommen überschneit gewesen. Alles rings um sie war weiß; die Umplankung überhäufelt; das Dach des Hauses verschwamm mit seinen Mauern unter einer gleichen Oberfläche, und ohne die bläulichen Rauchsäulen, welche aus den beiden Essen hinaufwirbelten, hätte kein Fremder an dieser Stelle das Vorhandensein eines bewohnten Hauses auch nur geahnt. Unter solchen Umständen war »der Spaziergang« natürlich nur sehr kurz, dennoch hatte sich die Reisende einen schnellen Ueberblick der trostlosen Scene verschafft. Nur halb hatte sie zwar diesen schneegepeitschten Polarhimmel und den arktischen Sturm in seinem ganzen Schrecken sehen können, und dennoch nahm sie bei der Rückkehr in's Haus eine unauslöschliche Erinnerung daran mit. Die Luft im Hause war schon in wenigen Augenblicken erneuert gewesen, und die schädlichen Dünste verschwanden unter dem Einflüsse der reinen belebenden Atmosphäre. Lieutenant Hobson und seine Begleiter beeilten sich, wieder Schutz zu suchen. Das Fenster wurde wieder geschlossen, doch sorgte man im Interesse der Ventilation für die tägliche Reinigung seiner Oeffnung. Auf diese Weise verfloß die ganze Woche. Glücklicher Weise hatten Rennthiere und Hunde hinreichendes Futter, so daß es unnöthig war, nach ihnen zu sehen. Acht Tage lang blieb die kleine Gesellschaft eingeschlossen. Für Leute, welche an die frische Luft gewöhnt sind, wie für Soldaten und Jäger, ist das eine sehr lauge Zeit. Am Ende verlor auch das Vorlesen seinen Reiz, und das »Cribbage« Ein in England sehr verbreitetes Kartenspiel. drohte langweilig zu werden. Immer legte man sich mit der heimlichen Hoffnung nieder, am anderen Tage den Sturm austoben zu hören, immer sah man sich getäuscht. Fortwährend lagerte sich der Schnee vor den Scheiben des Fensters ab und heulte der Wind, fortwährend krachte es mit Donnergepolter in den Eisbergen und schlug der Rauch in die Wohnräume zurück, welche unausgesetzt von Husten wiederhallten – kurz der Sturm legte sich nicht nur nicht, sondern schien sich gar nicht wieder legen zu wollen. Am 28. November endlich zeigte das in dem großen Saale angebrachte Aneroid-Barometer eine nahe Veränderung in dem Zustande der Atmosphäre an und stieg ganz bemerklich. Zu derselben Zeit fiel das außerhalb angebrachte Thermometer auch plötzlich auf 20° Celsius unter Null. Das waren untrügliche Erscheinungen. Und wirklich konnten die Bewohner von Fort-Esperance am 29. November aus der draußen herrschenden Ruhe das Ende des Unwetters bemerken. Schnell suchte nun Jedermann hinaus zu gelangen. Die Gefangenschaft hatte lange genug gedauert. Die Thüre war nicht gangbar. Man mußte durch das Fenster klettern und es von den angehäuften Schneewehen reinigen. Jetzt galt es aber keine weiche Schneelage zu durchbrechen; im Gegentheil hatte die strenge Kalte die ganze Masse erhärtet, so daß sie nur durch Spitzhacken beseitigt werden konnte. Das war das Werk einer halben Stunde, und bald befanden sich alle Wintergenossen, mit Ausnahme der Mrs. Mac Nap, welche noch nicht aufstand, in dem inneren Hofraume. Die zwar strenge Kälte erschien, da der Wind sich gelegt hatte, ganz erträglich. Dennoch mußte man beim Verlassen einer geheizten Wohnung einigermaßen vorsichtig sein, um sich einem Temperaturunterschiede von vollen dreißig Graden ohne Nachtheil aussetzen zu können. Es war acht Uhr Morgens. Vom Zenith, in dem der Polarstern leuchtete, bis zum Horizonte hinab glänzten die Sternbilder in prachtvoller Klarheit. Man hätte wohl geglaubt, Millionen zählen zu können, obgleich für das unbewaffnete Auge an der ganzen Himmelskugel nur etwa 5 000 deutlich unterscheidbar sind. Thomas Black gab seiner Bewunderung unverhohlen Ausdruck. Er jauchzte nach dem sternenbesäeten Firmament empor, welches kein Dunst, kein Wölkchen verhüllte. Nie breitete sich wohl ein schönerer Himmel vor dem Auge eines Astronomen aus! Während Thomas Black in Verzückung schwelgte und gegen die Zustande auf der Erde ganz ohne Theilnahme war, begaben sich die Anderen bis nach der befestigten Umwallung hin. Zwar hatte die Schneelage die Festigkeit des Felsens, sie war aber so glatt, daß so Mancher deshalb hinfiel. Der Hof des Forts war selbstverständlich ganz ausgefüllt. Nur das Dach des Hauses trat etwas über die weiße, vom Winde ganz horizontal abgewetzte Masse hinaus. Von der Palissade ragte nur noch das Ende der Pfähle hervor und in diesem Zustande würde sie auch dem ungelenkigsten Thiere kein Hinderniß gewesen sein. Was war aber dagegen zu thun? An das Wegschaffen einer zehn Fuß dicken und harten Schneelage von einer so großen Fläche war nicht zu denken. Höchstens konnte man versuchen, die äußere Fläche frei zu legen, indem man einen Graben um dieselbe zog, dessen Gegenböschung noch zum weiteren Schutze der Palissade diente. Jetzt war der Winter aber erst im Beginnen und man mußte fürchten, daß ein wiederholter Sturm den Graben in wenigen Stunden zuschütten würde. Als der Lieutenant die Werke besichtigte, welche dem Hauptgebäude jetzt keine weitere Deckung boten, bis einst der Sonnenstrahl diese Schneekruste schmolz, rief Mrs. Joliffe: »Und unsere Hunde! Unsere Rennthiere!« In der That war es nöthig, sich nun einmal um diese Thiere zu bekümmern. Das »Dog-House« und der Stall, beide niedriger als das Wohnhaus, mußten wohl vollständig überweht sein und vielleicht gar der nöthigen Luft entbehrt haben. Man eilte also, die Einen nach dem Hunde-, die Anderen nach dem Rennthierstalle, sah aber bald jede Befürchtung zerstreut. Die Eismauer, welche jetzt die nördliche Ecke des Hauses mit der Uferhöhe verband, hatte die beiden Baulichkeiten so weit geschützt, daß der Schnee um sie her nur vier Fuß hoch lag. Die in den Wänden angebrachten »Lichter« waren also nicht verstopft. Man traf die Thiere ganz munter an, und sobald der Stall geöffnet wurde, sprangen die Hunde freudig bellend im Hofe umher. Nun wurde die Kälte aber doch empfindlicher, und nach einstündiger Promenade sehnte sich Jeder nach dem wohlthuenden Ofen zurück, der im großen Saale prasselte. Draußen war ja überhaupt Nichts zu thun. Die Fallen, welche sechs Fuß tief unter dem Schnee lagen, konnten für jetzt nicht nachgesehen werden. Man kehrte demnach zurück. Das Fenster ward wieder geschlossen und da die Zeit des Mittagessens heran gekommen war, suchten Alle ihren Platz am Tische. Natürlich kam das Gespräch auf die plötzliche Kälte, welche die dicke Schneeschicht so schnell fest gemacht hatte. Hierin lag der bedauerliche Umstand, daß die Sicherheit des Forts bis zu einem gewissen Punkte in Frage gestellt war. »Aber, Herr Hobson, fragte Mrs. Paulina Barnett, dürfen wir nicht noch auf einige Tage Thauwetter rechnen, welche dieses ganze Schnee-Eis wieder in Wasser verwandeln? – Nein, Madame, antwortete der Lieutenant. Thauwetter zu dieser Jahreszeit ist nicht wahrscheinlich. Ich glaube vielmehr, daß die Kälte bald zunehmen wird, und es ist zu bedauern, daß wir diesen Schnee nicht, als er noch weich war, fortschaffen konnten. – Wie? Sie glauben, daß die Temperatur noch beträchtlich herabgehen werde? – Ohne Zweifel, Madame. Was wollen denn zwanzig Grad unter dem Gefrierpunkte in so hoher Breite bedeuten? – Wie würde sich aber das gestalten, wenn wir am Pole selbst wären, fragte die Reisende. – Der Pol, Madame, ist höchst wahrscheinlich nicht der kälteste Punkt der Erdkugel, da alle Seefahrer dort ein freies Meer voraussetzen. Die niedrigste Mitteltemperatur scheint vielmehr, in Folge gewisser geographischer und hydrographischer Einflüsse, an einem unter 95° der Länge und 70° nördlicher Breite gelegenen Punkte, das wäre also an der Küste von Nord-Georgia, zu herrschen. Dort soll die Mitteltemperatur des Jahres 19° Celsius unter dem Gefrierpunkte betragen. Es ist dieser Punkt auch unter dem Namen des »Kältepols« allgemein bekannt. – Von diesem Punkte, Herr Hobson, erwiderte die Reisende, sind wir aber um acht Längengrade entfernt. – Gewiß, antwortete der Lieutenant, und ich hoffe auch, daß wir am Cap Bathurst nicht ebenso hart daran kommen werden, wie es in Nord-Georgia der Fall sein müßte. Von dem Kältepole spreche ich Ihnen aber, um einer Verwechselung mit dem wirklichen Pole vorzubeugen, wenn es sich um das Herabgehen der Luftwärme handelt. Merken Sie sich übrigens, daß auch an anderen Punkten der Erdkugel oft eine sehr bedeutende Kälte beobachtet worden ist, nur war diese dann nie so anhaltend. – Und wo, Herr Hobson? fragte Mrs. Paulina Barnett. Ich versichere Ihnen, daß mich gerade jetzt die Kälte ganz besonders interessirt. – So weit ich mich entsinne, antwortete Lieutenant Hobson, haben Polar-Seefahrer bestätigt, daß die Temperatur auf der Insel Melville bis auf -51° und bis -53° Celsius am Port Felix herabgegangen ist. – Liegen diese Insel Melville und der Port Felix nicht unter noch höherer Breite, als Cap Bathurst? – Gewiß, Madame, aber bis zu einer gewissen Grenzlinie ist die Breitenlage ohne erheblichen Einfluß. Es genügt schon die Zusammenwirkung gewisser atmosphärischer Verhältnisse, um sehr heftige Kälte zu erzeugen. Trügt mich mein Gedachtniß nicht, so beobachteten wir im Jahre 1845 ... Sergeant Long, waren Sie jener Zeit nicht in Fort- Reliance? – Zu Befehl, Herr Lieutenant, antwortete Long. – Nun hatten wir im Januar eben dieses Jahres nicht eine ganz außergewöhnliche Kälte? – Ja wohl, bestätigte der Sergeant, ich erinnere mich mit Bestimmtheit, daß das Thermometer 50°,7 unter Null zeigte. – Was? rief Mrs. Paulina Barnett, über fünfzig Grad Kälte und das bei Fort-Reliance an dem großen Sklaven-See? – So ist es, Madame, fuhr der Lieutenant fort, und nur bei einer Breite von fünfundsechzig Graden, in derselben Polhöhe, wie etwa Christiania oder St. Petersburg. – Dann, Herr Hobson, werden wir auf Alles gefaßt sein müssen. – Gewiß, wenn man in diesen arktischen Ländern den Winter zubringt, auf Alles!« Am 29. und 30. November nahm der Frost nicht ab, und mußte man in den Oefen fortwährend ein tüchtiges Feuer unterhalten, sonst würde sich die Luftfeuchtigkeit in Ecken und Winkeln bald in Form von Eis abgelagert haben. Brennmaterial war jedoch in Ueberfluß vorhanden, und man schonte es deshalb auch nicht. Trotz der strengen Kälte im Freien wurde die Wärme im Inneren stets auf + 10° Celsius gehalten. Ungeachtet der so niedrigen Temperatur wollte Thomas Black, den der klare Himmel verlockte, Sternbeobachtungen vornehmen. Er hoffte von den glänzenden Gestirnen, die um den Zenith kreisten, den oder jenen in zwei aufzulösen; doch mußte er auf jede Beobachtung verzichten. Die Instrumente »brannten« ihm in den Händen. Brennen ist das einzige Wort, welches die durch einen metallischen und so starker Kälte ausgesetzten Körper hervorgebrachte Empfindung verdeutlichen kann. Im physikalischen Sinne ist die Erscheinung auch ganz die nämliche, der Eindruck ist derselbe, ob ein brennender Körper der Haut plötzlich hohe Wärmegrade zuführt, oder ein eiskalter Körper sie ihr eben so schnell entführt. Der würdige Gelehrte erkannte das recht handgreiflich, als die Haut seiner Finger an dem metallenen Rohre hängen blieb. Sofort stellte er dann seine Beobachtungen ein. Der Himmel entschädigte ihn aber reichlich durch das unbeschreiblich schöne Schauspiel seiner prachtvollsten Erscheinungen, erst der Paraselene und dann eines glühenden Nordlichtes. Die Paraselene oder der Mondhof bildet rings um den Mond einen Weißen, röthlich-bleich geränderten Kreis. Dieser Lichtabschnitt, welcher von der Brechung der Lichtstrahlen durch kleine, in der Atmosphäre schwebende Eiskrystalle herrührt, zeigte einen Durchmesser von etwa fünfundvierzig Graden. In der Mitte dieses Kranzes leuchtete das Gestirn der Nacht im lebhaftesten Glänze. Fünfzehn Stunden später flammte über dem nördlichen Horizonte ein prächtiges Nordlicht auf, welches einen Bogen von mehr als hundert geographischen Graden einnahm. Der Gipfel des Bogens schien über dem magnetischen Meridiane zu stehen, auch war das Meteor, wie es dann und wann beobachtet wird, mit allen Farben des Prismas, unter welchen sich die rothe allerdings besonders geltend machte, geschmückt. An gewissen Stellen des Himmels erschienen die Sterne wie in Blut getaucht. Von der Nebelschicht, welche am Horizonte lagerte und den Kern der Erscheinung ausmachte, schossen manchmal Gluthstrahlen aus, die zum Theil den Zenith überschritten und den Mond erbleichen ließen, wenn er unter diese elektrischen Wellen tauchte. Diese Strahlenbündel erzitterten, als ob ein Luftstrom ihre Moleküle bewegte. Keine Beschreibung vermöchte die unerhörte Pracht dieses »Glorienscheines« wieder zu geben, welcher den Nordpol der Erde in vollem Glänze umrahmte. Dann verlöschte nach etwa, einer halben Stunde, ohne daß es sich verkleinert oder concentrirt hätte, ja ohne eine auch nur theilweise Verminderung seines Lichtscheines, das glänzende Meteor ganz plötzlich, als habe eine unsichtbare Hand die Elektricitätsquellen, von denen es sich nährte, mit einem Schlage verschlossen. Für Thomas Black war es die höchste Zeit. Noch kurze fünf Minuten, und der eifrige Astronom wäre auf der Stelle angefroren. Neunzehntes Capitel. Ein Besuch in der Nachbarschaft. Am 2. December erfolgte ein Abschlag der Kälte. Die Erscheinung des Mondhofes war ein Zeichen, welches ein Meteorolog nicht hätte mißverstehen können. Sie verrieth das Vorhandensein einer gewissen Menge Feuchtigkeit in der Luft, und wirklich fiel die Barometersäule auch zu der nämlichen Zeit, als sich die Thermometersäule bis auf -9° Celsius hob. In gemäßigten Zonen wäre diese Kälte noch für sehr streng gehalten worden; Leute, wie die unserigen, ertrugen sie sehr bequem. Dazu war der Luftkreis ruhig. Da Lieutenant Hobson die Beobachtung gemacht hatte, daß die oberen Schneeschichten wieder mürber geworden waren, so ordnete er die Reinigung der äußeren Wand der Umplankung an. Mac Nap und seine Werkleute griffen die Arbeit muthig an und führten sie auch binnen wenigen Tagen glücklich zu Ende. Zu gleicher Zeit legte man auch die vom Schnee überdeckten Fallen wieder frei und stellte sie von Neuem auf. Zahlreiche Spuren wiesen darauf hin, daß Pelzthiere sich in der Umgebung des Forts ansammelten, und da ihnen der Erdboden kein Futter lieferte, so mußten sie durch die Lockspeisen der Fallen leicht gefangen werden. Auf den Rath des Jägers Marbre errichtete man auch eine Rennthiergrube nach Art der Eskimos. Diese besteht aus einem zehn Fuß im Durchmesser haltenden und zwölf Fuß tiefen Loche. Eine schaukelartig angebrachte Planke, welche sich durch ihr eigenes Gewicht wieder aufrichtet, lag darüber hin. Ließ sich das Thier von den am Ende der Planke hingestreuten Kräutern verlocken, so stürzte es sicher in die Grube, aus der es nicht wieder heraus kam. Man sieht, daß sich diese Falle durch Anwendung der Schaukel selbstthätig wieder einstellte und daß sich auf diese Weise mehrere Rennthiere nach einander fangen konnten. Bei Errichtung seiner Falle fürchtete Marbre keine andere Schwierigkeit, als die, einen sehr harten Boden aufgraben zu müssen; aber er – und Jasper Hobson nicht minder – war höchlichst erstaunt, daß seine Hacke nach Beseitigung einer vier bis fünf Fuß messenden Erd- und Sandschicht wieder eine felsenfeste Schneelage antraf, welche von beträchtlicher Stärke zu sein schien. »Notwendiger Weise, sagte der Lieutenant nach Betrachtung dieses Ergebnisses, muß dieser Küstenstrich, wahrscheinlich vor sehr vielen Jahren, einer ganz außerordentlichen Kälte ausgesetzt gewesen sein, und das auch eine sehr lange Zeit hindurch. Später hat dann Sand und Erde diese Eisschicht, welche höchst wahrscheinlich auf einem Bette von Granit ruht, überdeckt. – Das mag sein, Herr Lieutenant, antwortete der Jäger, für unsere Fallgrube ist es aber gar nicht schädlich. Im Gegentheil werden die Rennthiere darin eine sehr glatte Wand ohne jeden Anhaltepunkt vorfinden.« Marbre hatte recht, und die Zukunft bestätigte seine Voraussicht. Als Sabine und er am 5. December nach der Grube gegangen waren, hörten sie ein dumpfes Brummen daraus hervor kommen. Sie hielten an. »Das ist aber kein Rennthierschrei, sagte Marbre; das Thier, welches sich da drinnen gefangen hat, könnte ich Wohl nennen. – Ein Bär? fragte Sabine. – Ja, nickte Marbre, dessen Augen freudig erglänzten. – Nun, meinte Sabine, bei solchem Tausche werden wir nichts einbüßen. Ein Beefsteak vom Bären ist wohl so viel werth, wie ein solches vom Rennthier, und das Fell haben wir obendrein! Vorwärts denn!« Die beiden Jäger waren bewaffnet. Sie luden noch eine Kugel auf ihre schon mit Hagel geladenen Gewehre, und begaben sich nach der Grube. Die Schaukel war wieder an richtiger Stelle, aber der Köder war verschwunden, und wahrscheinlich mit in die Grube hinabgefallen. Das Brummen wurde lauter; ohne Zweifel rührte es von einem Bären her. In einer Ecke der Grube hockte eine gigantische Masse, ein wahres Pack von weißem Pelze, das in dem Dunkel kaum zu erkennen war, aber in dessen Mitte zwei funkelnde Augen leuchteten. Die Wände der Grube erschienen von Tatzenschlägen zerkratzt, und hätte sich der Bär, wenn sie nur aus Erde bestanden, gewiß einen Ausweg in's Freie verschafft. Auf dieser gleitenden Fläche aber vermochten seine Tatzen nicht zu haften, und wenn er sein Gefängniß sich auch ein wenig erweitert hatte, so hatte er mindestens nicht daraus entweichen können. Jetzt bot es also keine Schwierigkeit, sich des Riesen zu bemächtigen. Von zwei Kugeln getroffen, sank er auf dem Grunde der Grube zusammen, und bestand das größte Stück Arbeit darin, ihn heraus zu ziehen. Die beiden Jäger kehrten nach der Factorei zurück, um sich Unterstützung zu holen. Etwa zehn ihrer Genossen folgten ihnen mit Stricken belastet nach der Grube, aus der das große Thier auch dann nur mühsam herauf zu bringen war. Es war ein riesiges Exemplar von sechs Fuß Höhe und mindestens sechshundert Pfund Gewicht, das eine ungeheure Stärke besessen haben mußte. Durch seinen platten Kopf, den länglichen Körper, die kurzen und wenig eingebogenen Krallen, die feine Schnauze und das vollkommen weiße Fell gehörte es zu der Unterart der sogenannten Weißen Bären. Die eßbaren Theile des Kolosses wurden in Mrs. Joliffe's Hände sorgfältig abgeliefert, und figurirten bei der Mahlzeit an diesem Tage als hauptsächlichstes Fleischgericht. In der folgenden Woche lieferten die Fallen noch so manchen Fang. Man erbeutete gegen zwanzig Zobelmarder, deren Winterfell jetzt am schönsten war, jedoch nur zwei bis drei Füchse. Diese schlauen Thiere witterten wohl die ausgelegten Köder, gewöhnlich aber höhlten sie den Erdboden unter und neben der Falle auf, gelangten auf diese Weise zur Lockspeise, und wußten sich dann unter der über ihnen zugeschlagenen Falle wegzustehlen. Sabine brachte diese Erfahrung ganz außer sich, und der Jäger erklärte eine solche Ausflucht für »ganz unwürdig eines anständigen Fuchses!« Am 10. December war der Wind nach Südwesten umgesprungen; wieder fiel Schnee, aber nicht in großen Flocken. Es war ein feiner, nicht sehr reichlicher Schnee, der sich aber sofort zu Eis umwandelte, gleichzeitig aber eine tüchtige Kälte, und diese bei steifem Winde kaum zu ertragen. Man mußte sich demnach von Neuem kaserniren und die Stubenarbeiten wieder vornehmen. Der Vorsicht halber vertheilte Jasper Hobson an seine Leute Kalkpastillen und Citronensaft, da die anhaltende feuchte Kälte deren Gebrauch rathlich erscheinen ließ. Uebrigens war bisher noch bei keinem Inwohner von Fort-Esperance nur ein einziges Zeichen von Scorbut aufgetreten. Dank den getroffenen hygienischen Vorsichtsmaßregeln erlitt die allgemeine Gesundheit keinerlei Störung. Jetzt war es tiefe Polarnacht. Das Winter- Solstitium rückte heran, das heißt, die Zeit, in der das Tagesgestirn am tiefsten unter den Horizont der nördlichen Erdhälfte taucht. Bei dieser mitternächtlichen Dunkelheit färbte sich, zu Mittag der südliche Horizont nur mit etwas helleren Farbentönen. Das ganze Gebiet machte vollkommen den Eindruck tiefster Trauer, als es die Schatten so allseitig umrahmten. Einige Tage verbrachte man in der gemeinschaftlichen Wohnung. Wegen eines Ueberfalls durch wilde Thiere war Jasper Hobson beruhigter, seitdem die Außenseite der Umplankung von Schnee gereinigt war. Ein Glück war es auch zu nennen, denn oft ließ sich bis in das Haus hinein ein dumpfes Brummen vernehmen, über dessen Natur man gar nicht in Zweifel sein konnte. Ein unwillkommener Besuch indianischer oder canadischer Jäger war zu dieser Jahreszeit nicht zu erwarten. Da trug sich ein Ereigniß zu, eine Unterbrechung der langen und langweiligen Durchwinterung, welches bewies, daß diese Einöden selbst im tiefsten Winter von Menschen nicht ganz verlassen sind. Auf der Jagd nach Walrossen und sich mit Lagerstätten unter dem Schnee begnügend, durchstreiften menschliche Wesen diesen Küstenstrich. Sie gehörten zur Race der »rohen Fisch-Esser« Übersetzung des Wortes Eskimo. , welche sich im ganzen Norden Amerikas auf sehr verschiedenen Punkten vorfinden, wenigstens in der ganzen Breite von der Baffins-Bai bis nach der Behrings-Straße, wahrend der Sklaven-See etwa ihre Grenze im Süden darstellt. Am Morgen des 14. Decembers, oder vielmehr um neun Uhr Vormittags, als Sergeant Long von einem Ausflug nach der Küste heimkam, schloß er seinen dem Lieutenant abgestatteten Bericht mit den Worten, daß, wenn seine Augen ihn nicht getauscht haben sollten, ein nomadisirender Stamm etwa vier Meilen von dem Fort entfernt, nahe einem kleinen Cap, welches die Küste dort bildete, sein Lager aufgeschlagen haben müsse. »Und was für Nomaden sind es? fragte Jasper Hobson. – Entweder Menschen oder – Walrosse, antwortete der Sergeant, denn ein Mittelglied dazwischen giebt es doch nicht.« Der wackere Sergeant würde wohl nicht wenig erstaunt gewesen sein, hätte man ihm mitgetheilt, daß gewisse Naturforscher allerdings jenes ihm unbekannte »Mittelglied« angenommen haben. Denn wirklich betrachten einige Gelehrte, mehr oder weniger im Scherz, die Eskimos »als eine zwischen dem Menschen und dem Seekalbe rangirende Race«. Lieutenant Hobson, Mrs. Paulina Barnett, Madge und einige Andere machten sich sofort auf, die Anwesenheit dieser Besucher sicherer zu begründen. In warmer Verhüllung, und gegen plötzlich eintretenden härteren Frost wohl geschützt, mit Flinten und Aexten bewaffnet und mit Pelzstiefeln versehen, da sie damit bequem über die Eiskruste des Schnees gehen konnten, verließen sie das äußere Thor und folgten dem Ufer, dessen Linie jetzt durch angeschobene Schollen nicht überall klar erkennbar war. Der Mond, welcher zur Zeit im letzten Viertel stand, warf durch die Dünste am Himmel nur ein unsicheres Licht über das Eisfeld. Nach einer Stunde Wegs glaubte der Lieutenant schon annehmen zu müssen, daß sein Sergeant sich getäuscht, oder wirklich nur Walrosse gesehen habe, die durch die Oeffnungen, welche sie sich im Eise stets offen zu erhalten wissen, schon wieder in ihr Element zurückgekehrt seien. Der Sergeant wies aber auf einen graublauen aus einer conischen Erhöhung noch einige hundert Schritte von ihnen aufsteigenden Rauch und sagte ganz gelassen: »Da ist auch Rauch von den Walrossen!« In demselben Augenblicke verließen einige lebende Wesen auf dem Schnee kriechend die Hütte. Es waren Eskimos; ob aber Männer oder Frauen, das hätte nur ein Stammesgenosse sagen können, so wenig unterschieden sie sich in der Kleidung. Und in Wahrheit glaubte man, ohne damit im Geringsten der Anschauung oben erwähnter Naturforscher beizutreten, zottige, behaarte Amphibien vor sich zu haben. Jene waren ihrer sechs, vier größere und zwei kleine, breitschulterig, aber von geringer Größe, mit platter Nase, die Augen unter buschigen Brauen versteckt, mit großem Munde, dicken Lippen, langem, schwarzem, ungeordnetem Haare und bartlosem Gesicht. Als Kleidung trugen sie einen runden Ueberrock aus Walroßfell, Kapuzen, Stiefeln und Fausthandschuhe aus dem nämlichen Stoffe. Diese halbwilden Wesen näherten sich den Europäern und sahen sie schweigend an. »Versteht Niemand die Sprache der Eskimos?« fragte Jasper Hobson seine Begleiter. Niemand kannte dieses Idiom, aber plötzlich ließ sich eine Stimme vernehmen, welche eine Begrüßung in englischer Sprache darbrachte. »Welcome! Welcome!« erklang es von einem Eskimo, oder, wie man bald erfuhr, von einer Eskimodin, welche auf Mrs. Paulina Barnett zuging und diese auch durch eine Handbewegung grüßte. Die erstaunte Reisende erwiderte einige Worte, welche die Eingeborene leicht zu verstehen schien, weshalb man die Familie einlud, den Europäern nach dem Fort zu folgen. Die Eskimos schienen einander durch Blicke zu fragen; nach einigen Augenblicken des Zögerns begleiteten sie aber in geschlossener Gruppe den Lieutenant. Als man an der Umplankung ankam, rief die Eingeborene beim Anblick des Hauses, dessen Vorhandensein sie gar nicht vermuthet hatte: »House! House! Snow-House?« (Haus! Haus! Schneehaus?) Zu dieser Frage war sie wohl nicht unberechtigt, denn die Wohnung verschwand jetzt fast vollständig unter der weißen Masse, welche die Erde bedeckte. Man gab ihr zu verstehen, daß es sich um ein hölzernes Haus handele. Die Eskimoden sprach hierauf einige Worte zu ihren Genossen, welche mit einem Zeichen der Zustimmung antworteten. Alle traten nun durch das äußere Thor ein, und in kurzer Zeit waren sie in den großen Saal eingeführt. Erst als sie dort die Kapuzen zurückschlugen, konnte man die Geschlechter unterscheiden. Es waren zwei Männer von vierzig bis fünfzig Jahren, mit rothgelbem Teint, spitzigen Zähnen und hervortretenden Backenknochen, was ihnen eine entfernte Aehnlichkeit mit Raubthieren verlieh. Zwei Frauen in jugendlicherem Alter trugen die Haare geflochten und mit Zähnen und Krallen des Polarbären verziert. Endlich waren zwei fünf- bis sechsjährige Kinder dabei, arme Wesen, aber mit munterem Gesichtsausdruck, welche Alles mit großen Augen anstaunten. »Da man annehmen muß, begann Jasper Hobson, daß die Eskimos immer Hunger haben, so denke ich, wird ihnen ein Stück Wildpret nicht unwillkommen sein.« Corporal Joliffe schaffte also einige Stücken Rennthierfleisch herbei, auf welche sich die armen Menschen mit wahrhaft thierischer Begierde stürzten. Nur die junge, der englischen Sprache etwas mächtige Eingeborene zeigte eine gewisse Zurückhaltung, und hatte die Augen immer auf Mrs. Paulina Barnett und die anderen Frauen der Factorei geheftet. Als sie dann Mrs. Mac Nap's kleines Kind bemerkte, das diese auf den Armen trug, erhob sie sich, lief zu diesem hin, flüsterte ihm mit schmeichelnder Stimme zu, und herzte es auf die artigste Weise. Sie schien überhaupt, wenn sie nicht über ihren Gefährten stand, civilisirter zu sein als diese; man bemerkte es vorzüglich, als sie bei einem leichten Hustenanfall, ganz entsprechend den Grundregeln gesellschaftlicher Bildung, die Hand vor den Mund hielt. Es entging das auch Niemandem. Mrs. Paulina Barnett, welche sich unter Anwendung der gebräuchlichsten englischen Worte mit der jungen Eskimofrau unterhielt, erfuhr bald, daß dieselbe früher ein Jahr lang bei dem dänischen Gouverneur in Uppernawik, dessen Gattin eine geborene Engländerin war, in Diensten gestanden hatte. Später hatte sie Grönland wieder verlassen, um ihrer Familie in die Jagdgebiete zu folgen. Die beiden Männer waren ihre Brüder. Die andere Frau war mit Einem derselben verheiratet, also ihre Schwägerin; dieser gehörten auch die beiden Kinder. Alle kamen von der an der Ostküste des britischen Amerika liegenden Insel Melbourne, und waren auf dem Wege nach der Barrow-Spitze, im Westen gelegen und zu Nord-Georgia im russischen Amerika gehörig, wo auch ihr Stamm wohnte. Sie erstaunten nicht wenig, am Cap Bathurst eine Factorei errichtet zu finden. Die beiden Eskimos schüttelten sogar mit dem Kopfe, als sie das Etablissement sahen. Mißbilligten sie den Bau eines Forts an diesem Küstenpunkte? Fanden sie die Oertlichkeit nicht gut gewählt? Trotz seiner Geduld gelang es Lieutenant Hobson nicht, Jene zur Kundgebung ihrer Ansicht hierüber zu veranlassen, oder mindestens verstand er ihre Antworten nicht. Die junge Eskimodin, welche Kalumah hieß, schien sich der Mrs. Paulina Barnett schnell freundschaftlich anzuschließen. Ungeachtet ihres geselligen Wesens sehnte sie sich jedoch nicht nach ihrer bei dem Gouverneur von Uppernawik inne gehabten Stellung zurück, sondern schien sehr ihrer Familie anzuhängen. Nachdem sie sich gestärkt und eine halbe Pinte Branntwein, von dem auch die Kinder einige Schlucke bekamen, redlich unter einander getheilt hatten, nahmen die Eskimos von ihren Wirthen Abschied. Bevor sie aber weggingen, lud die junge Eingeborene die Reisende ein, sie in ihrer Schneehütte zu besuchen. Mrs. Paulina Barnett versprach, wenn die Witterung nicht zu ungünstig wäre, am folgenden Tage zu kommen. Wirklich begab sich am anderen Tage Mrs. Paulina in Begleitung von Madge, dem Lieutenant Hobson und einigen – nicht wegen jener armen Leute, aber für den Fall, daß etwa Bären an der Küste herumlungern sollten, – bewaffneten Soldaten nach dem Cap Eskimo, welchen Namen man der Stelle, an der sich das Lager der Eingeborenen befand, zugetheilt hatte. Kalumah lief ihrer Freundin vom Tage vorher entgegen und wies ihr mit einer gewissen Selbstbefriedigung ihre Hütte. Diese bestand aus einem umfangreichen Kegel aus Schnee, hatte am obersten Punkte eine enge Oeffnung, die zum Austritte des Rauches diente, und in diesem Schneehaufen hatten die Eskimos ihre vorübergehende Wohnung ausgehöhlt. Die »Snow-Houses«, welche sie mit großer Geschwindigkeit herzustellen verstehen, heißen in der Landessprache »Igloo«. Dem Klima sind sie ganz vorzüglich angepaßt und ihre Bewohner ertragen darin, selbst ohne Feuer und ohne zu viel davon zu leiden, eine Kälte von 40° unter Null. Den Sommer über lagern die Eskimos unter Zelten aus Rennthier- oder Robbenfellen, welche den Namen »Tubic« führen. In diese Hütte einzudringen, war keine so leichte Arbeit. Einen Eingang besaß sie nur dicht am Erdboden, durch welchen man, wie durch einen drei bis vier Fuß langen Gang, dessen Länge die Dicke der Wände darstellte, kriechend schlüpfen mußte. Doch eine Reisende von Profession, die ein Diplom der Königlichen Geographischen Gesellschaft besaß, konnte das nicht aufhalten. Gefolgt von Madge schob sich Mrs. Paulina Barnett hinter der jungen Eingeborenen her in den engen Schlauch. Lieutenant Hobson und seine Leute verzichteten auf diesen Besuch. Auch Mrs. Paulina Barnett kam bald zu dem Einsehen, daß es noch nicht die schwierigste Aufgabe war, in diese Schneehütte zu gelangen, sondern erst, darin zu verweilen. Die Atmosphäre, welche durch einen offenen Herd, auf dem Walroßtheile verbrannt wurden, erwärmt, und von den Ausdünstungen einer rußenden Thranlampe ebenso, wie durch die der Kleider und des die Hauptnahrungsmittel bildenden Amphibienfleisches erfüllt wurde, – diese Atmosphäre war wirklich erstickend. Madge konnte sich nicht darin aufhalten und kroch sogleich wieder hinaus. Mrs. Paulina Barnett bewies, um die junge Eingeborene nicht zu kränken, einen ganz übermenschlichen Muth und verlängerte ihren Besuch bis auf fünf Minuten, – fünf Ewigkeiten für sie! Anwesend waren die beiden Kinder und deren Mutter, während die Männer vier bis fünf Meilen weit zur Walroßjagd ausgezogen waren. Als Mrs. Paulina Barnett einmal aus der Hütte wieder heraus war, sog sie die kalte Außenluft, welche ihr erst wieder Farbe gab, mit einer wahren Wollust ein. »Nun, Madame, fragte sie der Lieutenant, was sagen Sie von diesen Eskimo-Wohnungen? – Daß der Luftwechsel darin Etwas zu wünschen läßt«, erwiderte einfach die Reisende. Acht Tage lang blieb jene interessante Familie an der nämlichen Stelle wohnen. Von je vierundzwanzig Stunden verbrachten die beiden Eskimos zwölf mit der Jagd auf Walrosse. Sie lauerten auf jene Amphibien mit einer ihnen ganz eigenthümlichen Geduld am Rande der Oeffnungen, durch welche jene öfters auftauchen, um Athem zu schöpfen, auf. Zeigte sich nun ein Walroß, so wurde ihm eine Schlinge um die Brustflossen geworfen, mittels welcher die beiden Eingeborenen das Thier mit großer Mühe auf das Eis herausbugsirten, und es mit Axthieben tödteten. Eigentlich war das Verfahren mehr ein Fischfang, als eine Jagd zu nennen. Das größte Vergnügen bestand dann darin, das Blut dieser Amphibien zu trinken, was die Eskimos mit größter Vorliebe thun. Trotz der Kälte kam Kalumah tagtäglich nach Fort-Esperance. Sie fand ein großes Vergnügen daran, die einzelnen Räume zu durchlaufen, oder sah der Nadelarbeit zu, und folgte Mrs. Joliffe's Thätigkeit in der Küche bis in's Einzelnste. Von jedem Gegenstande wollte sie den englischen Namen wissen und plauderte ganze Stunden lang mit Mrs. Paulina Barnett, wenn man »plaudern« einen Gedankenaustausch nennen kann, für den die Worte auf beiden Seiten nur mühsam gefunden wurden. Wenn die Reisende laut vorlas, hörte ihr Kalumah mit größter Aufmerksamkeit zu, obwohl sie gewiß kaum eine Sylbe davon verstand. Kalumah sang auch mit weicher Stimme Lieder mit eigenthümlichem Rhythmus, Lieder, aus denen man die Kälte und das Eis, die ganze Melancholie des Nordens herausfühlte. Mrs. Paulina Barnett hatte sich die Mühe genommen, eine dieser grönländischen »Sagas« zu übersetzen, eine treffende Probe hochnordischer Poesie, welcher eine traurige Melodie, die von Pausen unterbrochen und in wunderlichen Intervallen fortgesetzt wurde, einen unbeschreibbaren Reiz verlieh. Wir geben hier eine möglichst getreue deutsche Übertragung aus dem Album der Reisenden. Grönländisches Lied. Am Himmel ist Nacht! Kaum streift ein schwacher Sonnenstrahl Das Erdenthal! Nur ich halte Wacht, In meinem Herzen allzumal Des Zweifels Qual. Das schöne Kind verlacht mein zärtlich Liebeslied – Ob denn ein Eisberg wohl ihr Herzchen überzieht? Du Engelsgestalt, Von Deiner Liebe leb' ich hier, Berauscht von ihr. Des Sturmes Gewalt Trotzt' ich um einen Blick von Dir, O, send' ihn mir! Mein heißer Kuß schmilzt nicht mit seiner Liebesgluth Den Schnee, der kalt und dicht auf Deinem Herzen ruht! O gieb, daß geschwind Auch Deine Seele endlich sich Anschließ' an mich. Und morgen, mein Kind, Wenn meine Hand nach Deiner schlich, Dann schenk' mir Dich. Die Sonne glänzt gewiß viel schöner Dir als Braut, Hat nur die Lieb' einmal Dein Herzchen aufgethaut! Am 20. December kam die Eskimo-Familie nach Fort-Esperance, um von dessen Bewohnern Abschied zu nehmen. Kalumah hatte sich an die Reisende sehr innig angeschlossen, und diese hätte sie gerne bei sich behalten; die junge Eingeborene brachte es aber nicht über sich, die Ihrigen zu verlassen; doch versprach sie, im Laufe des kommenden Sommers nach Fort-Esperance zurück zu kehren. Der Abschied war rührend. Sie ließ Mrs. Paulina Barnett einen kupfernen Ring zum Andenken, und erhielt dafür ein Halsband von schwarzem Gagath, mit dem sie sich auf der Stelle schmückte. Jasper Hobson ließ die armen Leute nicht ohne einen tüchtigen Vorrath von Lebensmitteln, den man auf ihre Schlitten lud, davongehen, und nach einigen Dankesworten Kalumah's verschwand die interessante Familie auf ihrem Zuge nach Westen in dem dicken Nebel der Küste. Zwanzigstes Capitel. Das Quecksilber gefriert. Noch einige Tage begünstigte das trockene und ruhige Wetter die Jäger; vom Fort entfernten sie sich aber niemals weit. Der Ueberfluß an Wild gestattete ihnen übrigens auch, sich mit einem beschränkten Raume zu begnügen. Lieutenant Hobson konnte sich also nur Glück wünschen, sein Etablissement an einer so günstigen Stelle des Landes begründet zu haben. Die Trapper erbeuteten eine große Anzahl Pelzthiere aller Art. Sabine und Marbre tödteten eine beträchtliche Menge Polarhasen. Einige zwanzig hungerige Wölfe wurden geschossen. Diese Raubthiere waren sehr angriffslustig und, zu Heerden vereinigt, erfüllte ihr Bellen die Luft in der Umgebung des Forts. Auf der Seite des Eisfeldes passirten zwischen den Spitzhügeln häufig große Bären, deren Annäherung sorgsam überwacht wurde. Am 25. December mußte wiederum jeder Ausflug aufgegeben werden. Der Wind sprang nach Norden um, und die Kälte wurde äußerst heftig; man konnte nicht in der freien Luft verweilen, ohne Gefahr zu laufen, sofort zu erfrieren. Das Thermometer fiel bis auf - 28° Celsius. Wie ein Kartätschenhagel blies der Wind. Bevor sich aber Alle verkrochen, trug Jasper Hobson Sorge, daß den Zugthieren genügend Futter zu Theil wurde, um einige Wochen damit auszudauern. Der 25. December war ja Weihnachten, dieses, den Engländern so theure häusliche Fest. Es wurde mit aller religiösen Andacht gefeiert. Die Ueberwinternden dankten der Vorsehung, daß dieselbe sie bis hierher bewahrt hatte; dann fanden sich die Werkleute, nachdem sie den ganzen Christtag gefeiert hatten, zu einem splendiden Mahle zusammen, bei dem auch zwei gewaltige Puddings nicht fehlten. Am Abend dampfte ein Punsch mitten zwischen den Gläsern. Die Lampen wurden verlöscht, und der nur durch die bleichen Flammen des Branntweins erhellte Saal gewann ein phantastisches Ansehen. Schon bei den zitternden Reflexen wurden alle diese braven Soldaten munter, was durch die Vertilgung des heißen Gebräues nur noch zunehmen sollte. Darauf würden die Flammen kleiner,sprangen noch wie bläuliche Irrlichter um das nationale Gebäck herum, und verloschen endlich. Da, o Wunder, trotzdem daß die Lampen noch nicht wieder angezündet waren, wurde doch der Saal nicht dunkel. Ein lebhaftes Licht drang durch die Fenster, welches vorher zu sehen nur die Lampen verhindert hatten. Erschrocken sprangen Alle auf und sahen sich an. »Eine Feuersbrunst!« riefen Einige. Wenn das Haus aber nicht selbst brannte, so konnte in der Nachbarschaft des Cap Bathurst keine Feuersbrunst ausbrechen. Der Lieutenant stürzte an das Fenster und erkannte bald die Ursache des Wiederscheins; sie bestand in einer vulkanischen Eruption. In der That stand westlich von dem steilen Ufer, jenseits der Walroß-Bai, der Horizont in Flammen. Den Gipfel der feuerspeienden Berge, welche etwa fünfundzwanzig Meilen von Cap Bathurst entfernt waren, konnte man allerdings nicht erkennen, die Flammengarbe aber, welche zu bedeutender Höhe aufstieg, erhellte die ganze Umgegend mit ihren Farbenreflexen. »Das ist noch schöner als ein Nordlicht!« rief Mrs. Paulina Barnett. Thomas Black widersprach dem; wie konnte ein Erdenphänomen schöner als eine Himmelserscheinung sein! Doch anstatt dieses Thema zu besprechen, verließen Alle, trotz der heftigen Kälte und des scharfen Nordostwindes, den Saal, um das Schauspiel dieser funkensprühenden Flammengarbe zu bewundern, die sich glänzend von dem dunkeln Himmel abhob. Hätten Jasper Hobson und seine männlichen und weiblichen Begleiter nicht Mund und Ohren dick in Pelze verhüllt gehabt, so hätten sie das dumpfe Geräusch hören müssen, das von der Eruption ausging, und hätten einander den Eindruck mittheilen können, den dieses wahrhaft erhabene Schauspiel auf sie machte. Aber so, wie sie vermummt waren, konnten sie weder hören, noch reden, und mußten sich mit dem Sehen begnügen. Und welch' imposanter Anblick bot sich da ihren Augen! Welche Erinnerung ihrem Geiste! Zwischen der tiefen Dunkelheit des Firmamentes und dem ungeheuren weißen Schneeteppich, brachte das Aufleuchten der vulkanischen Flammen Effecte hervor, welche keine Feder und kein Pinsel zu schildern vermögen. Bis über den Zenith hinaus erstreckte sich der helle Wiederschein, der nach und nach alle Sterne verlöschte. Der weiße Erdboden war dabei in goldene Tinten gekleidet. Die Spitzhügel des Eisfeldes und, weiter rückwärts, die ungeheuren Eisberge, warfen, wie ebenso viele glänzende Spiegel, die verschiedensten Lichter zurück. An allen Ecken und Kanten brachen und spiegelten sich diese Lichtbündel, und die verschieden geneigten Flächen sendeten sie mit lebhafterem Glanze und in neuen Farben weiter. Es war ein wahrhaft magischer Strahlenkampf; man hätte eine ungeheure Eisdecoration aus einer Feerie vor sich zu haben geglaubt, die eigens für dieses Fest des Lichtes hergestellt wäre. Bald zwang die Kälte die Zuschauer freilich, in ihre warmen Wohnräume zurück zu lehren, und manche Nase mußte dieses Vergnügen theuer bezahlen, das die Augen bei einer solchen Temperatur nur sehr zum Nachtheil jener genossen hatten. In den folgenden Tagen verdoppelte sich die Kalte. Es war zu befürchten, daß das Quecksilberthermometer nicht mehr ausreichen würde, die Grade derselben anzugeben, so daß man zu einem Alkoholthermometer werde greifen müssen. Wirklich ging die Quecksilbersäule in der Nacht vom 28. zum 29. December bis auf - 37° herunter. Fast wurden die Oefen durch Feuermaterial erstickt, und doch gelang es nicht, die Temperatur im Innern über - 7° zu erhöhen. Bis in die Zimmer herein litt man von der Kälte, und in einem Umkreise von zehn Fuß um den Ofen war von Wärme überhaupt nichts mehr zu fühlen. Den besten Platz räumte man dem kleinen Kinde ein, dessen Wiege von Denen, welche sich nach und nach dem Feuerherde näherten, in Gang gehalten wurde. Fenster oder Thüren zu öffnen, wurde ein für alle Mal verboten, denn der in dem Saale aufgehäufte Dampf hätte sich dabei sofort in Schnee verwandelt. Der menschliche Athem brachte in dem Vorraume schon einen ähnlichen Effect hervor. Von allen Seiten hörte man ein kurzes Krachen, welches Personen, die an die Erscheinungen dieser Klimate nicht gewöhnt waren, erschreckte, und von den Baumstämmen, die die Wände des Hauses bildeten, herrührte, indem sie unter dem Einflüsse der Kälte sprangen. Die Vorräthe an Liqueuren, Branntwein und Gin, welche auf dem Boden untergebracht waren, mußten in den allgemeinen Saal herunter geholt werden, denn aller Weingeist dieser Flüssigkeiten concentrirte sich am Grunde der Flaschen, in Form eines Kernes. Das aus Tannensprossen hergestellte Bier zersprengte beim Gefrieren die Gefäße. Alle festen Körper widerstanden dem Einfluß der Wärme, als wären sie versteinert. Selbst das Holz brannte nur schwer, und Jasper Hobson mußte deshalb eine ansehnliche Menge Walroßfett opfern, um eine lebhaftere Verbrennung zu erzielen. Zum Glück zogen die Kamine sehr gut, und verhinderten das Uebertreten irgend welchen schlechten Geruches in's Innere. Draußen aber mußte sich Fort- Esperance schon weithin durch den scharfen, unangenehmen Geruch des Rauches verrathen, und verdiente unter die gesundheitswidrigen Etablissements gezählt zu werden. Als bemerkenswerthes Symptom stellte sich in dieser ungeheuren Kälte bei Jedermann ein brennender Durst ein. Um diesen zu löschen mußte man aber alle Flüssigkeiten erst am Feuer aufthauen, denn in ihrer Form als Eis waren sie nicht zu vertragen. Eine andere Erscheinung, gegen welche Lieutenant Hobson seinen Genossen anzukämpfen empfahl, war eine sonderbare Schlafsucht, deren Einige nicht Herr zu werden vermochten. Mrs. Paulina Barnett, die immer munter war, wirkte durch ihre Nachschlage, ihre Unterhaltung, ihr Ab- und Zugehen, durch das eigene Beispiel, und ermuthigte alle Uebrigen. Oefter las sie aus einem Reisewerke vor oder sang einige alte englische Lieder, die von Allen im Chore wiederholt wurden. Diese Gesänge weckten wohl oder übel die Eingeschlafenen wieder, welche dann auch ihrerseits bald mit einstimmten. So verrannen die langen Tage unter vollständiger Einschließung, und wenn Jasper Hobson durch die Scheiben nach dem außerhalb angebrachten Thermometer sah, fand er nur, daß die Kälte noch immer zunahm. Am 31. December war das Quecksilber in der Kugel des Instrumentes vollständig gefroren. Es war demnach eine Temperatur von mehr als 42° unter Null. Am anderen Tage, am 1. Januar 1860, brachte Lieutenant Jasper Hobson der Mrs. Paulina Barnett seine Glückwünsche zum neuen Jahre dar und sprach ihr seine Anerkennung über den Muth und den guten Humor aus, mit welchen sie sich allen Strapazen unterzog. Dieselben Glückwünsche richtete er auch an den Astronomen, welcher aber in dem Neujahrstage Nichts als den Wechsel der Jahreszahl 1859 gegen 1860 sah, d. h. des Jahres, in welchem seine hochwichtige Sonnenfinsterniß stattfinden sollte. Zwischen allen Mitgliedern dieser kleinen Colonie, welche bis jetzt noch so einig und, Gott sei Dank, auch so vollkommen gesund geblieben waren, wurden herzliche Wünsche ausgetauscht. Hatten sich bei Einzelnen auch einige Vorzeichen von Scorbut gezeigt, so waren diese doch immer der rechtzeitigen Anwendung von Limoniensaft und Kalkpastillen gewichen. Immerhin durfte man sich nicht zu zeitig freuen! Die schlechte Jahreszeit sollte ja noch drei Monate währen. Die Sonne mußte zwar bald wieder über dem Horizonte erscheinen, aber damit war nicht gesagt, daß auch die Kälte nun auch ihr Maximum erreicht haben müsse, und gewöhnlich tritt sogar in allen hochnördlichen Gegenden die stärkste Temperaturerniedrigung erst im Februar ein. Jedenfalls nahm die Kälte in den ersten Tagen des neuen Jahres nicht ab, und am 6. Januar zeigte das vor dem Fenster des Vorzimmers angebrachte Thermometer eine Kälte von 52° an. Noch einige Grade, und die im Jahre 1835 in Fort-Reliance beobachteten Temperaturminima waren erreicht, wenn nicht überschritten! Die andauernde Kälte von solcher Heftigkeit beunruhigte Jasper Hobson mehr und mehr. Er fürchtete, daß die Pelzthiere gezwungen sein möchten, im Süden ein minder strenges Klima aufzusuchen, was seinen Absichten bezüglich der Jagden im kommenden Frühlinge sehr entgegen gewesen wäre. Außerdem vernahm er durch die Erdschichten hindurch öfter ein dumpfes Rollen, das offenbar mit der vulkanischen Eruption zusammen hing. Der nördliche Horizont erschien fortwährend von dem Feuer aus der Erde erleuchtet, und gewiß vollzog sich jetzt in diesen Gegenden der Erdkugel eine furchtbare plutonische Arbeit. Konnte diese Nachbarschaft eines Vulkanes nicht für die neue Factorei gefährlich sein? Das ging Lieutenant Hobson immer durch den Kopf, wenn er dieses unterirdische Grollen vernahm, doch behielt er jene zunächst noch grundlosen Befürchtungen für sich. Selbstverständlich dachte bei so enormer Kälte Niemand daran, das Haus zu verlassen. Hunde und Rennthiere waren reichlich versorgt; diese an ein langes Fasten während der Winterszeit gewöhnten Thiere nahmen auch seitens ihrer Herren keine Dienste in Anspruch. Es war also gar kein Grund vorhanden, sich der Strenge der Atmosphäre auszusetzen, und wohl schon genug, eine Temperatur auszuhalten, welche auch die Verbrennung von Holz und Fett kaum erträglich machte. Aller Vorsicht ungeachtet sammelte sich endlich doch Feuchtigkeit in dem gar nicht gelüfteten Raume an und schlug sich an den Balken als glänzende, von Tag zu Tag an Stärke zunehmende Schicht nieder. Die Condensatoren waren verstopft, und einer derselben sprang sogar unter dem Drucke des gefrierenden Wassers. Unter solchen Verhältnissen dachte Lieutenant Hobson gar nicht daran, das Brennmaterial zu schonen. Er verschwendete es sogar, um die Temperatur etwas zu heben, welche, sobald die Feuer sich nur ein wenig minderten, bis auf – 9° herab ging. Alle Wachthabenden, welche sich von Stunde zu Stunde ablösten, hatten Befehl, wirklich zu wachen und die Feuer gut zu unterhalten. »Das Holz wird uns bald ausgehen«, sagte da eines Tages Sergeant Long zum Lieutenant. – Was? Uns ausgehen? rief Jasper Hobson. – Ich will sagen, daß der Vorrath im Hause sich bald erschöpfen könnte, und daß wir uns aus dem Schuppen werden mit neuem versehen müssen. Ich weiß aber aus Erfahrung, daß man, wenn man sich bei dieser Kalte an die Luft wagt, auch das Leben auf das Spiel setzt. – Ja, erwiderte der Lieutenant, es ist ein Fehler, den wir begangen haben, den Schuppen nicht im Anschluß an das Haus zu bauen. Ich bemerke das jetzt etwas spät und durfte es eigentlich, wenn wir über dem siebenzigsten Breitengrade überwintern wollten, nicht vergessen. Indeß, was geschehen ist, ist geschehen. Sagen Sie mir, Long, wie viel Holz haben wir noch im Hause? – Höchstens so viel, um die Oefen noch zwei bis drei Tage heizen zu können, antwortete der Sergeant. – Hoffen wir, versetzte Lieutenant Jasper Hobson, daß sich die Temperatur bis dahin ermäßigt hat, und daß wir ohne Gefahr über den Hof gehen können. – Daran zweifle ich, Herr Lieutenant, sagte Sergeant Long, den Kopf schüttelnd. Der Himmel ist klar, der Wind hält sich nördlich, und ich würde mich nicht wundern, wenn diese Kälte noch vierzehn Tage, d.h. bis zum Neumond anhielte. – Nun, mein wackerer Long, entgegnete der Lieutenant, vor Kälte werden wir nicht umkommen, und wird es nüthig, sich ihr auszusetzen ... – So wird es geschehen, Herr Lieutenant«, schloß Sergeant Long. Jasper Hobson drückte dem Sergeanten, dessen Ergebung ihm bekannt war, die Hand. Man konnte glauben, daß Jasper Hobson und Sergeant Long übertrieben, als sie die plötzliche Einwirkung einer solchen Kälte für hinreichend ansahen, den Tod zu veranlassen. Doch stand ihnen, die an das herbe Polarklima gewöhnt waren, eine lange Erfahrung zur Seite. Sie hatten kräftige Menschen, die sich unter ähnlichen Umständen hinaus gewagt hatte, wie vom Schlage getroffen niederstürzen sehen; der Athem war ihnen ausgegangen und man hatte sie todt gefunden. Diese Thatsachen sind, so unglaublich sie scheinen, bei verschiedenen Durchwinterungen bestätigt worden. Gelegentlich ihrer Reise an der Küste der Hudsons-Bai im Jahre 1746, haben William Moor und Smith mehrere Fälle der Art erlebt, und einige ihrer Begleiter, die von der Kalte wie vom Blitze getroffen waren, dabei verloren. Unbestreitbar heißt es sich einem plötzlichen Tode aussetzen, wenn man einer Temperatur trotzen will, deren Intensität die Quecksilbersäule nicht mehr zu messen vermag. So war die beunruhigende Lage der Insassen des Fort-Esperance, als ein unerwarteter Zufall diese noch verschlimmern sollte. Einundzwanzigstes Capitel. Die großen Polarbären. Das einzige der vier Fenster, welches nach dem Hofe ging und dessen Läden man nicht geschlossen hatte, war dasjenige, welches sich am Ende des Vorraumes befand. Um aber durch die mit einer dicken Eiskruste bedeckten Scheiben sehen zu können, mußte man dieselben vorher mit siedendem Wasser abwaschen. Das wurde auch auf des Lieutenants Befehl mehrere Male des Tages vorgenommen, und wenn man dann die Umgebung des Cap Bathurst in's Auge faßte, beobachtete man auch gleichzeitig den Zustand des Himmels und den Stand des draußen angebrachten Thermometers. Am 6. Januar, gegen elf Uhr Morgens, rief da der Soldat Kellet, der gerade mit der Beobachtung betraut war, schnell den Sergeanten und zeigte auf unerkennbare Massen, die sich im Schatten durcheinander bewegten. Sergeant Long, der sich dem Fenster genähert hatte, sagte einfach: »Das sind Baren!« Wirklich waren ein halbes Dutzend solcher Thiere in den mit Palissaden umschlossenen Raum eingebrochen und drangen, von dem Gerüche des Rauches angelockt, gegen das Haus vor. Jasper Hobson gab, sobald er von der Anwesenheit dieser furchtbaren Raubthiere unterrichtet war, den Befehl, das Fenster des Vorzimmers von Innen zu verbarrikadiren. Es bot dieses den einzig gangbaren Zugang, und war nur diese Oeffnung verschlossen, so schien es unmöglich, daß die Bären bis in das Haus dringen könnten. Das Fenster wurde demnach mit dicken Balken, die der Zimmermann Mac Nap nach Möglichkeit einpaßte, so verschlossen, daß eine enge Oeffnung blieb, durch welche man das Benehmen der unbequemen Gäste zu beobachten vermochte. »Nun, sagte der Meister Zimmermann, sollen die Herren ohne unsere Erlaubniß nicht eintreten. Wir haben also Zeit, Kriegsrath zu halten. – Nicht wahr, Herr Hobson, meinte Mrs. Paulina Barnett, nun wird unserer Ueberwinterung Nichts gefehlt haben; nach dem Froste die Bären! – Nein, nicht «nach», antwortete Lieutenant Hobson, sondern, was viel mehr in's Gewicht fällt, «während» des Frostes, und das eines Frostes, der uns einen Ausfall unmöglich macht. Ich weiß wirklich kaum, wie wir uns von diesen Bestien befreien sollen. – Ich denke, sie sollen die Geduld verlieren, entgegnete die Reisende, und dann werden sie wieder davon gehen, wie sie gekommen sind.« Jasper Hobson schüttelte den Kopf, als ob er nicht ganz überzeugt sei. »Sie kennen diese Thiere nicht, Madame, erwiderte er. Der strenge Winter hat sie hungerig gemacht, und wenn man sie nicht dazu zwingt, werden sie den Platz nicht räumen. – Sind Sie darüber unruhig, Herr Hobson? fragte Mrs. Paulina Barnett. – Ja und nein, antwortete Lieutenant Hobson, ich weiß wohl, daß diese Bären nicht bis in das Haus kommen werden, aber ich weiß auch nicht, wie wir hinaus kommen sollen, wenn das einmal nöthig würde!« Jasper Hobson kehrte wieder zum Fenster zurück. Unterdessen hatte Mrs. Paulina Barnett und die anderen Frauen den Sergeant Long umringt und lauschten dem braven Soldaten, der die »Frage von den Bären« wie ein Mann von Erfahrung abhandelte. Oft hatte Sergeant Long mit diesem Gesindel, dem man häufig selbst in südlicheren Gebieten begegnet, zu thun gehabt, aber immer unter Bedingungen, die es gestatteten, dasselbe mit Aussicht auf Erfolg anzugreifen; hier aber waren die Belagerten blokirt und überdies verhinderte der Frost jeden Ausfall. Den ganzen Tag lang überwachte man aufmerksam das Hin- und Herlaufen der Bären. Von Zeit zu Zeit kam Einer oder der Andere näher an das Fenster, so daß sein dumpfes, zorniges Brummen zu hören war. Lieutenant Hobson und der Sergeant hielten Rath und beschlossen, daß man, wenn die Bären den Platz nicht verlassen sollten, einige Schießscharten in den Mauern des Hauses anbringen wollte, um sie mit Flintenschüssen zu vertreiben. Doch kam man auch überein, ein bis zwei Tage zu warten, denn Lieutenant Hobson scheute sich, zwischen der freien Luft und der schon so niedrigen des Zimmers eine directe Verbindung herzustellen. Das Walroßfett, welches man in die Oefen einführte, war schon zu so festen Stücken gefroren, daß man es mit der Axt zerkleinern mußte. Der Tag verlief ohne weitere Zufälle. Die Bären kamen und gingen, liefen rund um das Haus, versuchten aber keinen directen Angriff. Man wachte die ganze Nacht, und gegen vier Uhr Morgens konnte man glauben, daß die Angreifer den Hof verlassen hätten, wenigstens zeigten sie sich nirgends. Um sieben Uhr hatte sich Marbre nach dem Boden verfügt, um einige Provisionen zu holen, kam aber sogleich zurück, da die Bären auf dem Dache des Hauses umher marschirten. Jasper Hobson, der Sergeant, Mac Nap und zwei oder drei andere Soldaten ergriffen ihre Waffen und stürzten auf die Treppe im Vorräume, die mittels einer Fallthüre mit dem Boden in Verbindung stand. In diesem Bodenräume war aber eine derartige Kälte, daß Lieutenant Hobson und seine Genossen schon nach wenig Minuten den Lauf ihrer Flinten nicht mehr mit der Hand anfassen konnten. Die durch ihre Respiration erzeugte feuchte Luft fiel rings um sie als Schnee nieder. Marbre hatte sich nicht getäuscht, die Bären hatten das Dach des Hauses erstiegen. Man hörte sie laufen und brummen. Manchmal schlugen sie mit den Tatzen durch die Eiskruste und kratzten an den Planken des Daches, dessen Durchbrechen man bei der Kraft dieser Thiere wohl befürchten mußte. Der Lieutenant und seine Leute, welche die unerträgliche Kälte fast betäubte, stiegen wieder hinab. Jasper Hobson berichtete die Sachlage. »Augenblicklich«, sagte er, »sind die Bären auf dem Dache. Das ist ein böser Umstand. Dennoch haben wir deshalb noch Nichts für uns zu fürchten. Denn in die Zimmer werden die Thiere nicht eindringen können. Zu fürchten ist jedoch, daß sie in den Dachboden gelangen und die Felle auffressen, welche dort aufgespeichert sind. Diese Waaren gehören aber der Compagnie, und unsere Pflicht ist, sie unversehrt zu erhalten. Ich erwarte also von Euch, meine Freunde, daß Ihr mir helft, dieselben in Sicherheit zu bringen.« Sofort theilten sich alle Begleiter des Lieutenants in kleine Trupps, die Einen im Saale, die Anderen in der Küche, in dem Vorzimmer, auf der Treppe, und zwei oder drei, die sich ablösten – denn unausgesetzt hätte Niemand diese Arbeit ertragen –, trotzten der Kälte des Bodenraumes, und in weniger als einer Stunde waren die gesammten Pelzwaaren in dem Saale selbst untergebracht. Während dieser Operation setzten die Bären ihre Versuche fort und suchten die Dachsparren abzuheben. An einigen Stellen sah man, wie sich die Bretter unter ihrer Last bogen. Meister Mac Nap war sehr unruhig darüber. Bei der Construction des Daches hatte er auf eine solche Belastung freilich nicht gerechnet, und er fürchtete, daß es dieselbe nicht aushalten würde. Der Tag verging indessen, ohne daß die Angreifer in den Bodenraum eingedrungen wären. Aber ein nicht minder furchtbarer Feind drang nach und nach in die Räume ein – die Kälte. Die Feuer in den Oefen ließen nach. Der Vorrath an Brennmaterial war fast erschöpft. Noch vor Verlauf von zwölf Stunden mußte das letzte Stückchen Holz verzehrt sein und der Ofen verlöschen. Das war aber gleich mit dem Tode, dem furchtbarsten, dem Tode durch den Frost. Schon umringten die armen Menschen, dicht an einander gedrückt, den erkaltenden Ofen und fühlten, wie auch ihre eigene Wärme allmälig verschwand. Und doch beklagten sie sich nicht. Selbst die Frauen ertrugen diese Qualen wie Helden. Krampfhaft drückte Mrs. Mac Nap ihr kleines Kind an die kalte Brust. Einige der Soldaten schliefen, oder träumten vielmehr in düsterer Betäubung, die kein Schlaf zu nennen war. Um drei Uhr Morgens sah Jasper Hobson nach dem im Inneren des großen Saales an der Mauer und zehn Fuß vom Ofen angebrachten Thermometer – dieser zeigte 20° unter Null. Der Lieutenant preßte seine Hände vor die Stirn und blickte auf seine Begleiter, welche eine gedrängte und schweigende Gruppe bildeten; so verharrte er einige Augenblicke unbeweglich. Der halb niedergeschlagene Dunst seines Athems umgab ihn mit einer weißen Wolke. Da legte sich eine Hand auf seine Schulter; schnell wendete er sich um. Mrs. Paulina Barnett stand vor ihm. »Etwas muß nun geschehen, Herr Lieutenant, sagte die energische Frau, ohne uns zu wehren, können wir so nicht sterben! – Ja, antwortete der Lieutenant, der auch in sich die moralische Energie wieder erwachen fühlte, Etwas muß nun geschehen!« Der Lieutenant rief den Sergeant Long, Mac Nap und Raë, den Schmied, d.h. die muthigsten Männer seiner Gesellschaft. Begleitet von Mrs. Paulina Barnett begaben sie sich nach dem Fenster, und dort befragten sie durch die mit siedendem Wasser abgewaschenen Scheiben das draußen befindliche Thermometer. »Vierzig Grad unter Null, rief Hobson. – Meine Freunde, jetzt haben wir nur zwischen zwei Wegen zu wählen: entweder wir setzen unser Leben daran, um neues Brennmaterial zu holen, oder wir verbrennen die Bänke, Bettstellen, Scheidewände, überhaupt Alles, was aus diesem Hause unsere Oefen ernähren kann. Das ist aber ein äußerstes Hilfsmittel, denn die Kälte kann noch länger andauern, und jetzt läßt noch Nichts einen Witterungswechsel voraussehen. – Wir wagen das Erstere!« antwortete Sergeant Long. Seine beiden Kameraden waren derselben Meinung. Kein weiteres Wort wurde gewechselt, und Jedermann machte sich demgemäß an's Werk. Um das Leben Derjenigen, welche sich für das Allgemeine aufopferten, möglichst zu schützen, beschloß man folgende Maßregeln zu ergreifen. Der Schuppen, welcher das Holz enthielt, befand sich etwa fünfzig Fuß hinter dem Hauptgebäude zur Linken. Einer der Männer sollte diesen Schuppen im Laufen zu erreichen suchen. Um seinen Leib sollte ein langer Strick geschlungen werden, an dem noch ein anderer angeschlossen war, dessen Ende von den Händen seiner Genossen gehalten wurde. War er einmal in dem Schuppen angekommen, so sollte er auf einen der in dem Schuppen untergebrachten Schlitten eine Ladung Holz werfen, dann das Ende des einen Strickes an das Vordertheil des Schlittens befestigen, um diesen bis an das Haus heran ziehen zu können, während er das andere Ende an dem Hintertheil anbrachte, um das Gefährt an demselben wieder nach dem Schuppen zurück zu ziehen. Damit wäre eine Verbindung zwischen Haus und Schuppen hergestellt gewesen, mittelst der man ohne große Gefahr genügend Holzvorräthe heranlootsen konnte. Ein Zug an dem einen oder dem anderen Ende des Seiles sollte anzeigen, ob der Schlitten entweder in der Remise beladen, oder in dem Hause entladen wäre. Der Plan war ganz klug erdacht, doch an zwei Umständen konnte er scheitern. Einmal konnte die von Eis verstopfte Thüre des Schuppens zu schwierig zu öffnen sein, und dann war auch zu befürchten, daß die Bären das Dach verlassen und im Hofe umher streifen könnten. Sergeant Long, Mac Nap und Raë erboten sich alle drei zu dem Wagstück. Der Sergeant bemerkte aber, daß seine beiden Kameraden verheiratet wären, und bestand darauf, persönlich den Versuch zu machen. Zu dem Lieutenant, der auch das Abenteuer bestehen wollte, sagte Mrs. Barnett: »Herr Jasper, Sie sind unser Chef, Ihr Leben ist uns nöthig und Sie haben kein Recht, es auf das Spiel zu setzen. Herr Jasper, lassen Sie den Sergeant Long gewähren.« Jasper Hobson begriff die Pflichten, welche die Sachlage ihm auferlegte, und zur Entscheidung zwischen den Anderen berufen, entschied er für Sergeant Long. Mrs. Paulina Barnett drückte dem braven Long die Hand. Die anderen Bewohner des Forts schenkten, da sie eingeschlafen oder halb erstarrt waren, dem Versuche, den man eben zu machen im Begriff war, keinerlei Aufmerksamkeit. Zwei lange Seile wurden zurecht gemacht, das eine wickelte der Sergeant um seinen Körper, über die dicken Pelze, mit welchen er bekleidet war und in denen er einen Werth von mehreren tausend Pfund Sterling auf dem Rücken trug. Das andere befestigte er an den Gürtel, an dem auch ein Seitengewehr und ein Revolver hing. Bevor er sich an sein Wagniß begab, trank er noch ein halbes Maaß Branntwein, was er »einen guten Schluck Brennmaterial zu sich nehmen« nannte. Jasper Hobson, Long, Raë und Mac Nap verließen hierauf den allgemeinen Saal. Sie gingen durch die Küche, deren Ofen ebenfalls dem Verlöschen nahe war, und gelangten in den Corridor. Von dort aus öffnete Raë die Fallthüre zum Bodenraume und überzeugte sich, daß die Bären noch immer auf dem Dache waren. Jetzt galt es also zu handeln. Die innere Thüre des Vorraumes wurde geöffnet. Jasper Hobson und seine Genossen fühlten, wie ihnen trotz der dicken Pelze die Kälte bis in's Mark drang. Dann stießen sie die äußere Thüre, welche direct nach dem Hofe führte, auf – dem Ersticken nahe taumelten sie einige Schritte zurück. Sofort condensirte sich der im Vorzimmer noch befindliche Wasserdunst, und feiner Schnee fiel rings an den Wänden nieder. Draußen war das Wetter außerordentlich trocken und die Sterne blitzten in ungewöhnlichem Glanze. Ohne einen Augenblick zu zaudern, begab sich Sergeant Long in die Dunkelheit hinaus und zog im Laufen das eine Ende des Seiles mit, dessen anderes in den Händen seiner Gefährten verblieb. Hierauf wurde die äußere Thüre gegen das Simswerk zurück geschlagen und Jasper Hobson trat einstweilen mit den Uebrigen in den Gang zurück, dessen zweite Thüre sie möglichst hermetisch verschlossen. Dann warteten sie. Kam Long nicht schon in den ersten Minuten zurück, so durften sie annehmen, daß sein Vorhaben geglückt sei, daß er in den Schuppen gelangt und dort die erste Ladung Holz zurecht mache. Zehn Minuten durften hierzu wohl hinreichen, wenn ihm sonst gelungen war, die Thüre des Magazins zu öffnen. Die Männer zogen sich also abwartend vor der Kälte möglichst zurück, während Raë den Bodenraum und die Bären im Auge behielt. Bei der finsteren Nacht war zu hoffen, daß Letzteren der schnell über den Hof eilende Sergeant entronnen wäre. Zehn Minuten nach Long's Weggang traten Jasper Hobson, Mac Nap und Raë wieder in den Vorraum zwischen den beiden Thüren, um das Signal, den Schlitten heranzuziehen, zu erwarten. Noch fünf Minuten verstrichen; das Seil, dessen Ende sie in der Hand hielten, blieb unbeweglich. Wer malt sich ihre Angst aus! Schon seit einer Viertelstunde war der Sergeant hinaus gegangen, eine Zeit, die mehr als hinreichend war, den Schlitten einmal zu beladen, und noch hatte er kein Zeichen gegeben. Noch einige Augenblicke wartete Jasper Hobson, da holte er das Ende des Seiles heran und bedeutete seine Leute, mit daran zu ziehen. War die Holzladung noch immer nicht fertig, so würde der Sergeant schon ihrem Zuge Widerstand zu leisten wissen. Beim kräftigen Anziehen bewegte sich ein schwerer Gegenstand gleitend über den Boden. In wenig Augenblicken kam derselbe bis zur äußeren Thür... es war der Körper des Sergeanten, den sie am Gürtel herangezogen hatten. Der unglückliche Long hatte den Schuppen gar nicht erreicht, sondern war unterwegs wie vom Blitz getroffen zusammengestürzt. Da er gegen zwanzig Minuten dieser wahrhaft unerträglichen Temperatur ausgesetzt gewesen war, mußte man fürchten, nur seinen Leichnam gerettet zu haben. Mac Nap und Raë stießen einen Schrei des Entsetzens aus und schleppten den Körper in den Corridor; als aber der Lieutenant eben die äußere Thüre wieder schließen wollte, fühlte er, wie sie mächtig zurückgestoßen wurde. Zugleich ließ sich ein schreckliches Brummen vernehmen. »Zu Hilfe!« rief Jasper Hobson. Mac Nap und Raë eilten zu ihm hin; noch eine andere Person kam ihnen zuvor, das war Mrs. Paulina Barnett, welche ihre Kräfte mit denen des Lieutenants vereinigte, um die Thüre zu schließen. Das schreckliche Thier legte sich aber mit der ganzen Wucht seines Körpers dagegen, drückte sie langsam zurück und wäre offenbar in den Gang eingedrungen... Da ergriff Mrs. Paulina Barnett eine der Pistolen, welche in Jasper Hobson's Gürtel staken, wartete kaltblütig den Augenblick ab, bis sich der Kopf des Thieres zwischen Thür und Pfoste zeigte, und schoß demselben geschickt in den schon geöffneten Rachen. Der Bär fiel rückwärts nieder; die Thüre, wurde schnell geschlossen und durch Barrikaden bestens verwahrt. Sofort wurde jetzt der Körper des Sergeanten nach dem Saale geschafft und dort nahe dem Ofen hingestreckt. Doch schon verloschen die letzten Kohlen! Wie sollte man nun den Bedauernswerthen zum Leben zurückrufen, von dem kein Anzeichen mehr vorhanden zu sein schien? »Ich, ich werde gehen, rief da der Schmied Raë, ich hole Holz, oder... – Ja, Raë, ließ sich da eine Stimme neben ihm vernehmen, wir gehen zusammen!« Die muthige Frau war es, welche also sprach. »Nein, meine Freunde, nein! fiel da Jasper Hobson ein, Ihr entgingt weder der Kälte, noch den Bären. Jetzt wollen wir Alles verbrennen, was hier brennen kann, und dann helfe uns Gott!« Sofort machten sich die armen halb Erfrorenen, mit der Axt in der Hand, alle an's Werk, um Tische und Bänke, Zwischenwände und alles nur Mögliche zu demoliren, zu zerbrechen und in Stücke zu zerschlagen. Bald loderte denn auch in dem Stuben- und dem Küchenofen ein lustiges Feuer, welches durch eine Zugabe von Walroßfett noch lebhafter gemacht wurde. Die Temperatur des Raumes stieg dabei etwa um ein Dutzend Grade. Jetzt verwendete man auch jede Sorgfalt auf Long, der mit warmem Branntwein gerieben wurde, wodurch der Blutumlauf in ihm sich langsam wieder herstellte. Die weißlichen Frostflecken, welche sein Körper da und dort zeigte, verschwanden allmälig; der unglückliche Long hatte aber grausam gelitten, und so verliefen mehrere Stunden, ehe er wieder Worte finden konnte. Er wurde in ein warmes Bett gelegt, an dem Mrs. Paulina Barnett und Madge bis zum anderen Tage wachten. Inzwischen suchten Jasper Hobson, Mac Nap und Raë nach einem Mittel, sich aus der immer bedenklicheren Situation zu ziehen. Es lag auf der Hand, daß das neue aus dem Hause selbst gewonnene Brennmaterial höchstens in zwei Tagen zu Ende gehen würde. Was sollte dann, wenn die Kälte im Gleichen fortdauerte, aus Allen werden? Seit achtundvierzig Stunden war zwar Sturmwind, doch keine Witterungsänderung hatte sich damit vollzogen. Mit eisigem Hauche pfiff der Nordwind über das Land. Das Barometer stand immer auf »schön und trocken«, und aus diesem Erdboden, der ja nur ein ungeheures Eisfeld darstellte, konnten keine Wasserdünste aufsteigen. Es war demnach zu befürchten, daß die Kälte unverändert fortdauern werde. Was war aber dann zu thun? Sollte man einen weiteren Versuch wagen, bis zu der Holzkammer zu dringen, was dann, nachdem die Bären einmal aufmerksam gemacht waren, nur um so schwieriger sein mußte. Konnte man den Thieren im freien Felde entgegen treten? Nein, das wäre ein thörichtes Unternehmen gewesen, welches den Untergang Aller im Gefolge gehabt hätte. Vorläufig war wenigstens die Zimmertemperatur erträglicher geworden. Mrs. Joliffe servirte an demselben Morgen ein Frühstück von warmem Fleisch und Thee. Heißer Grog wurde auch nicht geschont, und auch der brave Sergeant Long konnte seinen Theil davon verzehren. Die wohlthuende Wärme, welche die Oefen ausstrahlten, belebte gleichzeitig den gesunkenen Muth dieser Armen. Sie erwarteten nur Jasper Hobson's Befehl, die Bären anzugreifen. Der Lieutenant aber, dem die Kräfte zu ungleich erschienen, wollte seine Leute nicht auf's Spiel setzen. Der Tag schien ohne weitere Zwischenfälle verlaufen zu wollen, als sich gegen drei Uhr Nachmittags in dem Dachwerk des Hauses ein furchtbares Geräusch vernehmen ließ. »Da sind sie!« riefen zwei oder drei Soldaten, die sich schnellstens mit Aexten und Pistolen bewaffneten. Offenbar hatten sich die Bären, nach der Beseitigung eines Dachbalkens, den Zugang nach dem Bodenraum erzwungen. »Niemand verläßt seinen Platz! sprach der Lieutenant mit ruhiger Stimme. – Raë, die Fallthüre!« Der Schmied verfügte sich in den Gang, erstieg die Treppe und befestigte die Fallthüre so gut als möglich. Ueber der Decke entstand jetzt ein schreckliches Lärmen, auch drohte diese unter der Last der Bären einzubrechen. Es war ein fortwährendes Tatzenschlagen, Brummen und Kratzen. Aenderte dieser feindliche Einfall nun die Sachlage? Wurde das Uebel dadurch vergrößert oder nicht? Jasper Hobson berieth hierüber mit einigen Anderen. Die Mehrzahl war der Meinung, daß ihre Lage sich hiermit verbessert habe. Waren die Bären, was fast voraus zu setzen war, alle in dem Bodenraum, so konnte man sie darin vielleicht angreifen, ohne befürchten zu müssen, daß die Kämpfer von der Kälte überwunden oder ihnen die Waffen aus der Hand gerissen würden. Die Gefahr eines Angriffs auf diese Bestien, Mann gegen Mann, war gewiß nicht zu unterschätzen, doch schien es keine physische Unmöglichkeit, einen solchen zu versuchen. Es blieb jetzt nur noch zu entscheiden, ob man den Angreifern an dem Orte, wo sie sich jetzt befanden, zu Leibe gehen sollte, oder nicht. Dieses Vorhaben war um so gefährlicher, da die Soldaten die enge Fallthüre nur immer einzeln passiren konnten. Es leuchtet hiernach ein, warum Jasper Hobson mit dem Angriff zögerte. Nach der Meinung des Sergeanten und aller Anderen, deren Muth doch außer allem Zweifel war, empfahl es sich, noch zu warten. Vielleicht brachte ein unvorhergesehener Zufall ihnen noch mehr Aussicht auf Erfolg, da es fast unmöglich war, daß die Bären die Deckbalken, welche doch weit fester waren als die Dachsparren, aus der Lage bringen könnten. Dann war es ihnen auch unmöglich, bis in die Zimmer des Erdgeschosses zu gelangen. Man wartete also. Der Tag verstrich, doch konnte in der Nacht Niemand vor Aufregung und Lärmen der Bären schlafen. Am anderen Tage um neun Uhr aber trat ein neues Ereigniß ein, welches Jasper Hobson zum sofortigen Handeln zwang. Die Essen des Ofens und des Küchenherdes gingen bekanntlich durch die ganze Höhe des Dachbodens hindurch. Diese von Kalkstein gebauten und nur unvollkommen gemauerten Rohre konnten einen bedeutenden Seitendruck offenbar nicht aushalten. Nun begannen die Bären aber, ob durch directen Angriff auf dieselben, oder nur dadurch, daß sie sich der Wärme wegen daran lehnten, das Mauerwerk nach und nach zu zerstören. Man konnte im Inneren die Steinbrocken herunterfallen hören, und bald zog weder der Stuben- noch der Küchenofen mehr. Dieses schlimmste Unglück hätte sicher weniger energische Leute ganz zur Verzweiflung gebracht. Es sollte noch ärger kommen. Denn gleichzeitig mit dem Nachlassen des Feuers verbreitete sich ein schwarzer, scharfer und ekelerregender Rauch, der von dem verbrannten Holz und Fett herrührte, in dem ganzen Hause. Die Essen waren auch schon unterhalb der Decke entzwei gegangen. In wenig Minuten wurde dieser Rauch so dicht, daß die Lampen verloschen. Jasper Hobson war nun in die Notwendigkeit versetzt, das Haus zu räumen, wenn er nicht in dieser irrespirablen Atmosphäre ersticken wollte. Aus dem Hause gehen, hieß aber so viel, wie vor Frost umkommen. Da schrieen auch die Frauen einige Male ängstlich auf. »Meine Freunde, rief der Lieutenant, eine Axt ergreifend, – auf die Bären!« Es gab keinen anderen Ausweg; die Thiere mußten ausgerottet werden. Alle ohne Ausnahme eilten nach dem Corridor; Jasper Hobson an der Spitze drangen sie die Treppe hinauf. Die Fallthüre wurde gehoben. Durch den schwarzen Qualm blitzten die Flintenschüsse. Geschrei und Brummen mischten sich; man schlug sich mitten in der tiefsten Dunkelheit. Plötzlich aber ließ sich da ein schreckliches Rollen hören, und heftige Stöße erschütterten den Boden. Das Haus neigte sich, als ob es aus seinen Grundpfeilern gerissen wäre. Die Balken der Wand wichen von einander, und die Bären flohen, erschrocken wie die Schafe, eiligst durch die Finsterniß.   Zweiundzwanzigstes Capitel. Während fünf Monaten. Ein heftiges Erdbeben hatte diesen Theil des amerikanischen Festlandes erschüttert. Solche Stöße konnten bei dem vulkanischen Boden nicht gerade selten sein. Der Zusammenhang zwischen derartigen Ereignissen und den Eruptionen ist ja mehr als einmal nachgewiesen worden. Jasper Hobson war sich über das, was vorging, völlig klar. Er wartete mit peinlichster Unruhe. Ein Riß im Erdboden konnte ihn mit seiner ganzen Gesellschaft verschlingen. Aber es blieb bei dem einzigen Stoße, der mehr eine Rückwirkung zu sein schien, als ein directer Stoß. Er hatte das Haus nur nach der Seite des Sees zu geneigt und seine Wände zerklüftet. Dann wurde die Erde wieder fest und unbeweglich. Jetzt galt es, das Nothwendigste in's Auge zu fassen. Das Haus war wenigstens noch in bewohnbarem Zustande. Die durch die Verschiebung der Balken entstandenen Oeffnungen verstopfte man nach Kräften, und auch die Essen der Feuerungen wurden wohl oder übel ausgebessert. Die Wunden, welche einige Soldaten bei dem Kampfe mit den Bären davongetragen hatten, waren zum Glück nicht von Bedeutung und erforderten nur einen einfachen Verband. So verbrachten diese armen Leute zwei schreckliche Tage, und verbrannten die Bettstellen und das Holz der Scheidewände. In dieser Zeit nahm Mac Nap mit seinen Leuten die dringendsten Reparaturen des Innern vor. Die Grundstämme, welche tief in die Erde eingetrieben waren, standen noch fest, und der ganze Bau war noch haltbar. Offenbar hatte aber die Erderschütterung eine Veränderung in der Oberfläche des Erdbodens hervorgerufen. Jasper Hobson hätte davon gern Kenntniß genommen, da sie bis auf einen gewissen Punkt die Sicherheit der Factorei in Frage stellen konnte. Die unerbittliche Kälte machte aber ein Verlassen des Hauses absolut unmöglich. Zum Glück traten jetzt einige Erscheinungen an den Tag, welche eine bevorstehende Witterungsänderung ankündigten. Durch die Fenster konnte man wahrnehmen, daß der Glanz der Sterne abnahm. Am 11. Januar fiel das Barometer um einige Linien. In der Luft sammelten sich Dünste an, deren Verdichtung mit einem Steigen der Temperatur verbunden sein mußte. Wirklich sprang der Wind am 12. Januar nach Südwest um, und dann und wann trat Schneefall ein. Fast plötzlich stieg das Thermometer vor dem Fenster auf -9°. Für die so grausam geprüften Ueberwinternden war das eine Frühlingstemperatur. Um elf Uhr Morgens drängte sich denn auch an diesem Tage Alles in's Freie. Man hätte Gefangene vor sich zu sehen geglaubt, denen die Freiheit wieder geschenkt war. In Befürchtung gefährlicher Begegnungen wurde es aber unbedingt verboten, die Umzäunung zu überschreiten. In dieser Jahreszeit war zwar die Sonne noch nicht wieder erschienen, sie streifte aber so nahe an dem Horizonte hin, um wenigstens eine länger dauernde Dämmerung hervor zu bringen. Bis auf einen Umkreis von zwei Meilen waren die Umgebungen erkennbar. Jasper Hobson's erster Blick galt der Gestalt des Erdbodens, welchen die Erschütterung verändert haben mußte. Wirklich zeigte sich da und dort ein anderer Anblick. Das Vorgebirge, in welches Cap Bathurst auslief, war theilweise seines Gipfels beraubt, und große Stücke des seitlichen Ufers waren herabgestürzt. Die volle Masse des Caps schien sich auch gegen den See hin geneigt zu haben, wobei das ganze Plateau, auf dem die Wohnung stand, eine Lagenveränderung erlitten hatte. Im Allgemeinen hatte sich der Erdboden nach Westen hin gesenkt und nach Osten gehoben. Die veränderte Neigung des Erdbodens mußte aber die wichtige Folge haben, daß die Gewässer des Sees und des Paulina-Flusses, wenn sie zum Thauen kamen, eine neue Richtung einschlugen und einen Theil des Landes im Westen überschwemmten. Die Strömung mußte sich ein neues Bett bahnen, was auch auf den an der Mündung befindlichen natürlichen Hafen nicht ohne Rückwirkung bleiben konnte. Ebenso erschienen die Hügel des östlichen Ufers merklich gesenkt. Wie es mit dem Uferlande im Westen stand, konnte man der Entfernung wegen nicht sogleich beurtheilen. Die hauptsächlichsten durch das Erdbeben hervorgebrachten Veränderungen bestanden also Alles in Allem in Folgendem: Bis auf die Entfernung von vier bis fünf Meilen war die frühere ebene Oberfläche in so *fern verändert, als sich eine Neigung von Osten nach Westen zu gebildet hatte. »Nun, mein Herr Hobson, sagte da lächelnd die Reisende, sie hatten die Freundlichkeit, dem Flusse und dem Hafen meinen Namen beizulegen, und nun giebt es keinen Paulina-Fluß und keinen Barnett-Hafen mehr. Sie müssen gestehen, daß ich nicht viel Glück habe. – Wirklich, Madame, erwiderte der Lieutenant, wenn auch der Fluß dahin wäre, so ist doch der See, hoffe ich, der nämliche geblieben, und wenn Sie erlauben, nennen wir ihn dessenungeachtet den Barnett-See. Ich hoffe, daß dieser Ihnen treu bleiben soll!« Mr. und Mrs. Joliffe hatten sich, sobald sie das Haus verließen, der Eine nach dem Hunde-, die Andere nach dem Rennthierstalle begeben. Die Hunde hatten durch die lange Einschließung wenig gelitten und sprangen lustig im inneren Hofe herum. Ein Rennthier schien seit wenig Tagen verendet; die anderen fanden sich trotzdem, daß sie etwas abgemagert waren, ganz wohl erhalten. »Da sehen Sie, Madame, sagte der Lieutenant zu Mrs. Paulina Barnett, welche Jasper Hobson begleitete, da haben wir uns nun aus der Schlinge gezogen, und besser, als zu erwarten war. – Ich habe niemals verzweifelt, Herr Hobson, entgegnete die Reisende. Männer, wie Ihre Leute und Sie, werden sich nie von den Zufällen einer Ueberwinterung besiegen lassen. – Seitdem ich in den Polargegenden lebe, Madame, fuhr Lieutenant Hobson fort, habe ich niemals eine solche Kälte kennen gelernt, und frei heraus gesagt, wenn sie noch einige Tage eben so angehalten hätte, wären wir wohl allesammt erfroren gewesen. – Dann kam wohl das Erdbeben zu ganz gelegener Zeit, um die verwünschten Bären zu vertreiben, und hat vielleicht mehr dazu beigetragen, die außergewöhnliche Kälte zu vermindern? – Das ist möglich, Madame, sehr möglich, entgegnete der Lieutenant. Alle diese Naturerscheinungen stehen in gewissen Wechselbeziehungen zu einander, aber ich gestehe Ihnen, daß mich die vulkanische Natur des Bodens hier beunruhigt. Unseres Etablissements wegen bedauere ich die Nachbarschaft jenes thätigen Vulkanes. Wenn die Lavaströme auch nicht bis hierher dringen können, so sind die Erdstöße demselben doch gefährlich. Sie sehen ja das Bild, das unser Haus jetzt darbietet. – Das lassen Sie ausbessern, Herr Hobson, sobald die gute Jahreszeit wieder eintritt, antwortete Mrs. Paulina Barnett, und Sie werden aus der Erfahrung Nutzen ziehen, um es noch sicherer her zu stellen. – Gewiß, Madame, doch so wie es jetzt ist und doch auch noch einige Monate bleiben muß, dürfte es Ihnen nicht mehr genügende Bequemlichkeit bieten. – Mir? Herr Hobson, antwortete lächelnd Mrs. Paulina Barnett, mir? Einer Reisenden? Ich stelle mir einfach vor, daß ich die Cabine eines auf der Seite liegenden Schiffes bewohne, und von dem Augenblicke an, da Ihr Haus weder stampft noch rollt, habe ich von der Seekrankheit Nichts zu befürchten. – Bravo! Madame, versetzte Jasper Hobson, ich lerne Ihren Charakter täglich mehr schätzen. Er ist ja von Allen anerkannt. Doch Ihr moralischer Muth und Ihr liebenswürdiger Humor hat sehr dazu beigetragen, mir und meinen Leuten die harten Prüfungen ertragen zu helfen, und ich sage Ihnen in meinem und im Namen meiner Leute herzlichen Dank dafür. – Ich versichere Ihnen, Herr Hobson, daß Sie übertreiben... – O nein, gewiß nicht, und was ich Ihnen hier gesagt, würden Alle gern bereit sein, zu wiederholen. Doch erlauben Sie mir eine Frage. Es ist Ihnen bekannt, daß Kapitän Craventy uns kommenden Juni einen Provianttransport senden wollte, der bei der Rückkehr unsere Vorräthe an Pelzen nach Fort-Reliance mitnehmen solle. Möglicher Weise benutzt unser Freund Thomas Black nach Beobachtung der Sonnenfinsterniß diese Gelegenheit, um mit dem Detachement zurück zu kehren. Darf ich Sie fragen, Madame, ob es auch in Ihrer Absicht läge, ihn zu begleiten? – Aber, Herr Hobson, wollen Sie mich zurück senden? fragte lächelnd die Reisende. – O, Madame...! – Nun wohl, ›mein Herr Lieutenant‹, fuhr Mrs. Paulina Barnett fort, und bot Jasper Hobson die Hand, ich ersuche Sie um die Erlaubniß, noch einen Winter in Fort-Esperance zubringen zu dürfen. Nächstes Jahr kommt dann vielleicht ein Schiff der Compagnie nach Cap Bathurst, und das würde ich gern, da ich auf dem Landwege gekommen bin, zu meiner Rückreise durch die Behrings-Straße benutzen.« Der Lieutenant war entzückt über diesen Entschluß seiner Begleiterin. Er hatte ihn gemuthmaßt und schätzte ihn hoch. Es band ihn eine tiefe Sympathie an diese muthige Frau, die ihn ihrerseits für einen guten und braven Mann hielt. In Wahrheit hätte weder der Eine noch die Andere die Scheidung ohne Leidwesen kommen sehen. Wer wußte überdies, ob ihnen der Himmel nicht noch schwere Prüfungen aufbewahrt hatte, welche zum Wohle Aller ihres gemeinschaftlichen Einflusses bedurften? Am 20. Januar erschien die Sonne zum ersten Male wieder, und endete damit die Polarnacht. Sie blieb freilich nur wenige Augenblicke über dem Horizonte und wurde von dem freudigem Hurrah der Ueberwinternden begrüßt. Von diesem Zeitpunkte an mußte nun der Tag stetig zunehmen. Während des Monats Februar und bis zum 15. März folgte sich gute und schlechte Witterung noch sehr schroff. Bei gutem Wetter war es sehr kalt, bei schlechtem gab es ungeheuren Schnee. Bei jenem machte die Kälte den Jägern jeden Ausfall unmöglich, und bei letzterem zwangen sie die Schneestürme, das Haus zu hüten. Nur bei mittlerer Witterung waren also gewisse Arbeiten im Freien vorzunehmen, doch war keine größere Excursion zu wagen. Ueberdies lag kein Grund vor, sich weit vom Fort zu entfernen, da die Fallen einen guten Ertrag lieferten. Gegen Ende des Winters ließen sich Marder, Füchse, Hermeline, Vielfraße und andere kostbare Pelzthiere in Menge fangen, so daß die Fallensteller nicht zu feiern hatten, wenn sie sich auch nur in der Umgebung des Cap Bathurst aufhielten. Eine einzige größere Excursion, welche im März nach der Walroß-Bai unternommen wurde, zeigte, daß die seitlich abfallenden Ufer sich durch die Erderschütterung wesentlich geändert, und zwar merklich gesenkt hatten. Die feuerspeienden Berge, welche nur einen leichten Rauch ausstießen, schienen sich vorläufig beruhigt zu haben. Am 20. März signalisirten die Jäger die ersten Schwäne, welche von Süden auswandernd unter lautem Geschrei nach Norden zogen. Ebenso erschienen einige Schneeammern und Winterfalken. Noch immer aber deckte ein ungeheurer weißer Teppich den Boden, und gelang es der Sonne nicht, die feste Oberfläche des Meeres und des Sees zu schmelzen. Erst anfangs April trat Thauwetter ein. Mit furchtbaren Krachen, welches kräftigen Artilleriesalven ähnlich war, sprang das Eis, wodurch an dem seitlichen Ufer tiefe, plötzliche und weitgehende Aenderungen eintraten. Mehr als ein durch fortwährende Stöße erschütterter Eisberg, dessen Grund theilweise abgeschmolzen war, donnerte, wenn er durch Verschiebung seines Schwerpunktes das Uebergewicht bekam, herunter, wodurch das Eisfeld gewaltsam aufgebrochen wurde. Um diese Zeit war die mittlere Temperatur 0° Celsius. Auch das Eis des Baches verlor sich nun allmälig und seine von den Polarströmen entführte Eisbank an der Küste verschwand in den Dünsten des Horizontes. Am 15. April war das Meer offen, und gewiß hätte jetzt ein durch die Behrings-Straße längs der amerikanischen Küste gehendes Fahrzeug das Cap Bathurst erreichen können. Zu gleicher Zeit mit dem Arktischen Ocean entkleidete sich auch der Barnett-See seines Eispanzers zur großen Befriedigung der zahllosen Schwärme von Enten und anderen Wasservögeln, die seine Ufer bevölkerten. So wie es Lieutenant Hobson aber vorausgesehen hatte, war der Umfang des Sees durch die abgeänderte Bodenneigung sehr vermindert. Derjenige Theil des Seeufers, welcher im Osten von den bewaldeten Hügeln begrenzt gewesen war, hatte sich weit zurückgezogen. Jasper Hobson schätzte das Zurückweichen des Wassers von seinem östlichen Ufer auf ungefähr hundertundfünfzig Fuß. An der entgegengesetzten Seite mußte sich das Gewässer um ebenso viel nach Westen ausgedehnt haben, und wenn ihm kein natürliches Hinderniß entgegenstand, das Land überschwemmen. Jedenfalls durfte man sich Glück wünschen, daß die Bodensenkung in der Richtung von Osten nach Westen verlief, denn wenn das Gegentheil der Fall gewesen wäre, würde die Factorei rettungslos überfluthet gewesen sein. Der kleine Bach freilich versiegte sofort, nachdem er aufgethaut war. Sein Wasser strömte, so zu sagen, nach der Quelle zurück, indem der Boden sich dorthin, von Norden nach Süden zu, gesenkt hatte. »Da wäre also, sagte Jasper Hobson, ein Fluß von den Karten der Polarländer zu streichen. Hätten wir nur diesen Wasserlauf gehabt, um unser nöthiges Süßwasser zu gewinnen, so dürften wir jetzt in peinlicher Verlegenheit sein. Zum Glück verblieb uns der Barnett-See, und ich hoffe, daß unsere Trinker keinen Durst leiden sollen. – Ja wohl, der See, antwortete der Sergeant Long, aber ist denn sein Wasser auch trinkbar geblieben?« Jasper Hobson blickte seinen Sergeanten scharf an und zog die Augenbrauen zusammen. Auf den Gedanken war er noch nicht gekommen, daß ein Spalt im Boden die Verbindung zwischen dem Meere und der Lagune hergestellt haben könne. Es wäre das ein Unglück gewesen, das unzweifelhaft den Untergang und die Aufgabe der neuen Factorei nach sich gezogen hätte. Eiligst liefen der Lieutenant und Sergeant Long nach dem See – sein Wasser war noch süß! In den ersten Tagen des Mai, als der Boden sich da und dort von Schnee befreite, begann er unter dem Einfluß der Sonnenstrahlen ein wenig zu grünen. Einige Moose und Gräser wagten sich schüchtern mit ihren Spitzen aus der Erde. Der von Mrs. Joliffe gesäete Sauerampher und das Löffelkraut gingen nun auch auf. Die Schneedecke hatte diese Gewächse gegen die Rauhigkeit des Winters geschützt, aber jetzt wurde es nothwendig, sie gegen die Schnäbel der Vögel und die Zähne der Nagethiere zu vertheidigen. Diese wichtige Arbeit wurde dem würdigen Corporal übertragen, der sich derselben mit der Gewissenhaftigkeit und dem Ernste eines Gliedermannes im Suppenteller annahm. Die langen Tage waren zurückgekehrt; die Jagd wurde wieder aufgenommen. Lieutenant Hobson wollte den Vorrath an Pelzfellen vermehren, welche die Agenten von Fort-Reliance in wenig Tagen übernehmen sollten. Marbre, Sabine und andere Jäger begaben sich an ihr Geschäft. Ihre Excursionen waren weder weitgehend, noch anstrengend, und kaum entfernten sie sich mehr als zwei Meilen vom Cap Bathurst. Nie hatten sie ein so wildreiches Territorium gesehen, so daß sie eben so erstaunt als befriedigt waren. Marder, Elennthiere, Hasen, kanadische Rennthiere, Füchse und Hermeline liefen ihnen geradezu vor die Gewehre. Zu ihrem Leidwesen machten sie nur die eine Beobachtung, daß Bären, fast wie ihnen zum Hohne, sich gar nicht sehen ließen. Man hätte meinen können, daß die Angreifer bei ihrer Flucht alle Uebrigen mit fortgerissen hätten. Vielleicht hatte auch das Erdbeben diese Thiere, welche ganz besonders fein organisirt, gewissermaßen sehr »nervös« sind, wenn man das überhaupt von einem Vierfüßler sagen kann, mehr als andere erschreckt. Der Mai war sehr regnerisch, doch fiel dazwischen hinein gelegentlich noch Schnee; seine Mitteltemperatur erreichte + 5° - Celsius. Auch Nebel waren sehr häufig und oft so dicht, daß es unklug gewesen wäre, sich vom Fort zu entfernen. Petersen und Kellet verursachten deshalb, als sie einmal achtundvierzig Stunden lang abwesend waren, ihren Gefährten ziemliche Unruhe. Ein Fehler in der Richtung, den sie auch gar nicht mehr auszugleichen vermochten, hatte sie nach Süden geführt, als sie sich in der Nähe der Walroß-Bai glaubten. Ganz erschöpft und halb todt vor Hunger kamen sie endlich Zurück. Der Juni rückte heran, mit ihm das schöne Wetter und manchmal eine recht merkbare Wärme. Die Winterkleidung wurde abgelegt. Man arbeitete tapfer an dem Hause, welches vollständig wieder ausgebaut werden mußte. Gleichzeitig ließ Jasper Hobson in der südlichen Ecke des Hofes ein großes Magazin errichten. Die Umgegend erwies sich so wildreich, daß ein solches ganz am Platze war. Ihre Vorräthe an Pelzen waren so beträchtlich geworden, daß sich deren Unterbringung in einem besonderen Speicher nöthig machte. Von Tag zu Tag erwartete nun Jasper Hobson das Detachement, welches ihm Kapitän Craventy zusenden sollte, denn der neuen Factorei begannen schon verschiedene Gegenstände zu fehlen. So war z.B. die Munition zu erneuern. Hatte das Detachement Fort-Reliance in den ersten Tagen des Mai verlassen, so mußte es gegen Mitte Juni Cap Bathurst erreichen. Man erinnere sich hierbei, daß das der zwischen Kapitän Craventy und seinem Lieutenant verabredete Punkt war. Da Jasper Hobson nun das neue Fort an diesem Cap selbst errichtet hatte, so konnten ihn die nach ihm entsendeten Agenten nicht verfehlen. Vom 15. Juni ab ließ der Lieutenant also die Umgebung des Caps genauer beobachten. Auf dem Gipfel eines Uferfelsens war die englische Flagge, um weithin sichtbar zu sein, aufgepflanzt worden. Ueberdies durfte man annehmen, daß der Proviantzug ungefähr denselben Weg einschlagen würde, wie vorher der Lieutenant. Dieser Weg war der sicherste, wenn nicht der kürzeste, da das zu dieser Zeit eisfreie Meer eine leicht zu verfolgende Küste bot. Der Juni verging aber in fruchtlosem Warten. Jasper Hobson wurde einigermaßen unruhig, vorzüglich wenn sich die dichten Nebel wieder weithin über das Land lagern sollten. Er fürchtete dann auch für die Agenten in dieser Wüstenei, denen jene andauernden Dunstmassen ernsthafte Hindernisse bereiten mußten. Oft unterhielt sich Jasper Hobson mit Mrs. Paulina Barnett, dem Sergeanten, Mac Nap und Rae über diesen Gegenstand. Auch der Astronom Thomas Black verhehlte seine Befürchtungen nicht, denn wenn die Sonnenfinsterniß vorüber war, rechnete er stark darauf, mit dem Detachement zurückzukehren. Kam letzteres überhaupt nicht an, so war er zu einer zweiten Ueberwinterung, und damit zu einer ihm gar nicht erfreulichen Aussicht verdammt. Der wackere Gelehrte hatte, wenn seine Absicht erreicht war, nur noch den Wunsch, sich auf den Heimweg zu begeben. Doch wenn er Jasper Hobson auch seine Besorgniß mittheilte, so wußte dieser doch vorläufig noch nicht, was er darauf erwidern sollte. Auch am 4. Juli war noch Niemand angekommen; entweder waren also die Agenten von Fort-Reliance gar nicht abgereist, oder sie hatten sich unterwegs verirrt, und unglücklicher Weise hatte diese letztere Hypothese die größte Wahrscheinlichkeit für sich. Jasper Hobson kannte ja Kapitän Craventy, und setzte gar keinen Zweifel darein, daß der Zug Fort-Reliance zur bestimmten Zeit verlassen habe. Seine lebhafte Unruhe ist also leicht begreiflich! Die gute Jahreszeit ging vorüber, noch zwei Monate, und der arktische Winter, d. h. die rauhen Winde, die Schneewirbel und die langen Nächte lagerten sich von Neuem über diesen Theil des Festlandes. Lieutenant Hobson war aber nicht der Mann, um in einer solchen Ungewißheit zu verbleiben. Ein Beschluß mußte gefaßt werden, und so kam er denn, nach Berathung mit seinen Gefährten, zu folgendem, dem der Astronom natürlich von Herzen beistimmte: Man schrieb den 5. Juli. In vierzehn Tagen, – nämlich am 18. Juli –, sollte die Sonnenfinsterniß stattfinden. Tags nachher konnte Thomas Black das Fort schon verlassen. Wären also bis dahin die Agenten noch immer nicht eingetroffen, so sollte ein aus mehreren Leuten und vier bis fünf Schlitten bestehender Zug von der Factorei nach dem Sklaven-See abgehen. Mit diesem sollte ein großer Theil der kostbarsten Pelzwaaren weggeschickt werden, und nach höchstens sechs Wochen, d. h. gegen Ende August, konnte er in Fort-Reliance eintreffen. Nach dieser Entscheidung wurde Thomas Black wieder der vollkommen von seiner Sache eingenommene Mensch und erwartete nur noch den Augenblick, in dem der Mond, wenn er sich genau zwischen das Tagesgestirn und »ihn« stellte, die Sonnenscheibe total verfinstern würde. Dreiundzwanzigstes Capitel. Die Sonnenfinsterniß vom 18. Juli 1860. Leider zerstreuten sich die Nebel nicht. Die Sonne war nur wie durch einen dichten Dunstvorhang sichtbar, was dem Astronomen angesichts seiner Sonnenfinsterniß sehr zu Herzen ging. Oft war der Nebel so dicht, daß man vom Hofe des Forts aus kaum den Gipfel des Cap Bathurst wahrnehmen konnte. Lieutenant Hobson's Unruhe stieg von Tage zu Tage. Er war nicht mehr in Zweifel, daß der von Fort-Reliance entsendete Zug sich in den verlassenen Gegenden verirrt habe. Unbestimmte Befürchtungen und traurige Ahnungen quälten seinen Geist, und dieser so energische Mann sah jetzt der Zukunft mit wahrer Angst entgegen. Warum, wußte er im Grunde nicht zu sagen. Alles glückte ihm ja vortrefflich, und trotz des überstandenen rauhen Winters erfreute sich die kleine Colonie der besten Gesundheit. Keine Uneinigkeit herrschte unter seinen Leuten, welche sich alle ihrer Aufgabe mit lobenswerthem Eifer hingaben. Die Umgegend war voll Wild, die Beute an Pelzfellen überreich, und die Compagnie konnte mit den von ihrem Agenten erzielten Erfolgen gewiß zufrieden sein. Selbst angenommen, daß Fort-Esperance nicht mit neuem Proviant versehen wurde, bot ja das Land so ergiebige Hilfsquellen, daß einer zweiten Ueberwinterung ohne große Besorgniß entgegen zu sehen war. Weshalb fehlte also dem Lieutenant Hobson das Zutrauen? Mehr als ein Mal kam er mit Mrs. Paulina Barnett hierüber in's Gespräch. Die Reisende suchte ihn durch Vorführung der oben dargelegten Gründe zu beruhigen. Als sie jetzt mit ihm am Ufer spazieren ging, trat sie mit ganz besonderem Eifer für Cap Bathurst und die mit so großer Mühe gegründete Factorei ein. »Ja, Madame, Sie haben Recht, erwiderte Jasper Hobson, aber seiner Ahnungen ist man nicht immer Herr. Ich bin gewiß kein Schwarzseher. Hundert Mal in meinem Leben habe ich mich als Soldat in den kritischsten Lagen befunden, ohne daß es mich nur gerührt hätte. Jetzt zum ersten Male ängstigt mich die Zukunft! Hätte ich eine bestimmte Gefahr vor mir – ich würde sie nicht fürchten. Aber eine unklare, unbestimmte, die ich nur vorausfühlen kann ... – Aber welche Gefahr, fragte Mrs. Paulina Barnett, und was fürchten Sie, die Menschen, die Thiere oder die Elemente? – Die Thiere? Keineswegs, antwortete der Lieutenant, sie haben vielmehr die Jäger des Cap Bathurst zu fürchten. Die Menschen? Nein. Diese Gegenden werden kaum von Eskimos besucht, und Indianer verirren sich nur selten hierher ... – Und dazu bemerke ich Ihnen, Herr Hobson, setzte Mrs. Paulina Barnett hinzu, daß diese Canadier, deren Besuch Sie in der guten Jahreszeit in gewisser Hinsicht zu fürchten gehabt hätten, nicht ein Mal gekommen sind ... – Was ich sehr bedauere, Madame! – Wie? Sie bedauern diese Concurrenten der Compagnie, welche ihr doch stets feindlich gegenüber stehen? – Madame, entgegnete der Lieutenant, ich bedauere sie und bedauere sie auch nicht. Es ist das etwas schwierig zu erklären. Wollen Sie beachten, daß von Fort-Reliance eine Sendung ankommen sollte und das doch nicht geschehen ist. Dasselbe ist mit den Agenten der Pelzwaaren-Compagnie von St. Louis der Fall, welche wohl hierher kommen konnten, aber nicht gekommen sind. Nicht einmal ein einziger Eskimo hat in diesem Sommer den Küstenstrich besucht ... – Und daraus schließen Sie, Herr Hobson? ... – Daß man nach Cap Bathurst und Fort-Esperance nicht «so leicht» gelangen könne, Madame, als es mir wünschenswert!) wäre.« Die Reisende blickte Lieuteuant Hobson an, dessen Stirn sehr sorgenvoll erschien, und der das Wort »leicht« so auffallend betont hatte. »Nun, Lieutenant Hobson, sagte sie, da Sie weder von Seiten der Thiere, noch von der der Menschen etwas befürchten, muß ich glauben, daß es die Elemente sind ... – Madame, fiel Lieutenant Hobson ein, ich weiß nicht,ob meine Sinne befangen sind und meine Nerven mich blind machen; mir erscheint aber dieses Land im Grunde sonderbar. Kannte ich es vorher besser, ich glaube nicht, daß ich mich daselbst niedergelassen hätte. Einige Eigentümlichkeiten, die mir unerklärlich geblieben sind, habe ich Ihnen schon mitgetheilt, wie das vollkommene Fehlen von Steinen auf dem ganzen Gebiete und das so glatt abgeschnittene Küstengebiet. Die Urformation dieses Winkels des Festlandes ist mir nicht ganz klar. Wohl weiß ich, daß die Nachbarschaft eines Vulkanes gewisse Erscheinungen im Gefolge haben kann ... Sie erinnern sich z.B., was ich Ihnen in Bezug auf Ebbe und Fluth gesagt habe – – Vollkommen, Herr Hobson. – Da, wo das Meer nach den Untersuchungen Derjenigen, welche diese Gebiete zuerst durchforscht haben, fünfzehn bis zwanzig Fuß hoch steigen sollte, steigt es in Wirklichkeit kaum einen Fuß! – Ja wohl, erwiderte Mrs. Paulina Barnett, das erklärten Sie aber als eine Folge der sonderbaren Konfiguration des Landes, der Enge der Meerstraßen ... – Ich versuchte es zu erklären, das ist richtiger, antwortete Lieutenant Hobson; gestern aber habe ich eine noch weit unerklärbarere Erscheinung beobachtet, eine Erscheinung, welche wohl auch die größten Gelehrten nicht zu deuten vermöchten.« Mrs. Barnett sah Jasper Hobson an. »Und diese wäre ...? fragte sie. ! – Vorgestern, Madame, war Vollmond, und die Fluth hätte in Folge dessen sehr hoch sein müssen. Nun, und gerade da hat sich das Meer nicht nur nicht um einen Fuß, nein, es hat sich «gar nicht» gehoben. – Dann haben Sie sich wohl getäuscht, bemerkte die Reisende dem Lieutenant. – Ich habe mich nicht getäuscht und die Beobachtung auch selbst angestellt. Vorgestern, am 4. Juli, war die Fluth gleich Null an der Küste des Cap Bathurst, bestimmt gleich Null. – Und was schließen Sie daraus, Herr Hobson? fragte Mrs. Paulina Barnett. – Daraus schließe ich, Madame, erwiderte der Lieutenant, entweder, daß die Naturgesetze sich verändert haben, oder daß dieses Land sich unter ganz besonderen Verhältnissen befindet ... oder vielmehr, ich schließe noch gar nichts – ich erkläre es nicht – aber ich bin darüber unruhig.« Mrs. Paulina Barnett drang nicht weiter in Lieutenant Hobson. Offenbar war dieses vollkommene Ausbleiben der Fluth unerklärlich, unnatürlich, so wie es unnatürlich wäre, wenn die Sonne zu Mittag nicht im Meridian erschiene. Wenn die Erderschütterung die Formation des Küstenlandes und der arktischen Länder überhaupt nicht geändert hatte ... doch diese Hypothese genügte einem strengen Beobachter terrestrischer Erscheinungen nicht. Daß der Lieutenant sich bezüglich seiner Beobachtung getäuscht habe, war auch nicht wohl anzunehmen, und noch an demselben Tage – am 6. Juli – constatirten Mrs. Paulina Barnett und er durch am Ufer angebrachte Marken, daß die Fluth, welche seit einem Jahre immer um einen Fuß zu steigen pflegte, jetzt Null, vollständig Null war! Ueber diese Beobachtung versprach man sich zu schweigen. Lieutenant Hobson hatte auch guten Grund, seine Leute auf keine Weise zu beunruhigen. Oft aber konnten sie ihn allein, schweigsam und unbeweglich sehen, wie er von der Spitze des Caps das jetzt noch offene Meer betrachtete, das vor seinen Blicken lag. Im Juli mußte nun die Jagd auf Pelzthiere aufgegeben werden. Marder, Füchse und andere Thiere hatten schon ihre Winterfelle verloren. Man verfolgte also nur eßbares Wild, wie canadische Rennthiere, Polarhasen und andere, welche, wie Mrs. Paulina Barnett selbst bemerkte, sich sonderbarer Weise in der Umgebung des Cap Bathurst sichtbarlich vermehrten, während die Schüsse der Jäger sie doch vielmehr daraus hätten vertreiben sollen. Am 15. Juli hatte sich noch nichts an der Sachlage geändert. Von Fort-Reliance war keine Nachricht eingetroffen; die erwartete Sendung erschien nicht. Jasper Hobson beschloß also, sein Vorhaben auszuführen und zum Kapitän Craventy zu senden, statt dieser zu ihm. Natürlich konnte der Führer dieses kleinen Detachements kein Anderer sein, als Sergeant Long, der sich jedoch von dem Lieutenant nicht gern trennen wollte. Es handelte sich hierbei in der That um eine lange Abwesenheit, denn nach Fort-Esperance konnte man vor dem nächsten Sommer nicht zurückkehren, was also einer Trennung von mindestens acht Monaten gleich kam. Mac Nap oder Raë hätten zwar den Sergeanten ersetzen können, doch diese beiden wackeren Soldaten waren verheiratet. Ueberdies war der eine als Zimmermann, der andere als Schmied in der Factorei, welche Beider Dienste nicht entbehren konnte, nothwendig. Das waren die Gründe, welche bei Lieutenant Hobson den Ausschlag gaben und denen Sergeant Long sich »militärisch« fügte. Die vier Soldaten, welche ihn begleiten sollten, und sich auch dazu bereit erklärten, waren Belcher, Pond, Petersen und Kellet. Vier Schlitten nebst der nöthigen Bespannung an Hunden wurden für die Reisenden bestimmt. Außer Lebensmitteln sollten sie Pelze, welche man unter den kostbarsten, wie Füchse, Hermeline, Zobelmarder, Schwäne, Luchse, Bisams und Vielfraße, auswählte, mitnehmen. Die Abfahrt wurde auf den 19. Juli, den Tag nach der Sonnenfinsternis festgesetzt. Selbstverständlich sollte Thomas Black den Sergeant Long begleiten und einer der Schlitten zum Transport seiner Person und der Instrumente dienen. Es verdient erwähnt zu werden, daß der würdige Gelehrte während der Tage, die der von ihm so ungeduldig erwarteten Erscheinung vorhergingen, ganz unglücklich war. Der Wechsel zwischen gutem und schlechtem Wetter, die Häufigkeit der Dünste, die bald mit Regenwolken, bald mit feuchtem Nebel erfüllte Atmosphäre, der unsichere Wind, welcher sich auf keinem Punkte des Horizontes fixirte, Alles beunruhigte ihn mit vollem Rechte. Er aß nicht mehr, er schlief nicht mehr, kaum lebte er noch! Wenn der Himmel während der wenigen Minuten, welche die Finsterniß andauern sollte, bedeckt war, wenn das Gestirn der Nacht und das des Tages sich hinter einem dicken Schleier verbargen, wenn er, Thomas Black, der zu diesem Zwecke hergesendet war, weder den Lichtkranz, noch die röthlichen Protuberanzen beobachten konnte, – welche Enttäuschung! Und so viel unnütze Strapazen, so viel vergeblich bestandene Gefahren! »So weit hierher gekommen, um den Mond zu sehen, rief er in fast weinerlich komischem Tone, und nun ihn nicht zu sehen!« Nein, diesen Gedanken konnte er nicht fassen! Sobald es dunkel wurde, bestieg der würdige Gelehrte den Gipfel des Caps, um nach dem Himmel zu blicken. Er hatte nicht einmal den Trost, den silbernen Trabanten zu beobachten. In drei Tagen sollte Neumond sein, und in Folge dessen begleitete er die Sonne bei ihrem Wege um die Erde sehr nahe, so daß er in ihren Strahlen verschwand. Oft schüttete Thomas Black sein Herz gegen Mrs. Paulina Barnett aus. Die mitfühlende Frau konnte nicht umhin, ihn zu beklagen, und eines Tages beruhigte sie ihn nach Möglichkeit durch die Versicherung, daß das Barometer eine gewisse Neigung zum Steigen zeige, und rief ihm in's Gedächtniß, daß sie sich ja in der schönen Jahreszeit befänden. »In der schönen Jahreszeit! rief Thomas Black achselzuckend; giebt es in einem solchen Lande eine schöne Jahreszeit? – Nun, Herr Black, antwortete die Dame, wenn Ihnen diese Finsterniß am letzten Ende entgehen sollte, wird es ja wohl noch andere geben. Gewiß ist die am 18. Juli nicht die letzte in diesem Jahrhundert! – Nein, Madame, erwiderte der Astronom, nein. Außer dieser werden wir noch fünf totale Sonnenfinsternisse bis zum Jahre 1900 haben. Die erste am 31. December 1861, welche für den Atlantischen Ocean, das Mittelmeer und die Wüste Sahara total sein wird; die zweite am 22. December 1870, total für die Azoren, das südliche Spanien, Sicilien und die Türkei; eine dritte am 19. August 1887, total für Nordost-Deutschland, das südliche Rußland und Mittel-Asien; eine vierte am 9. August 1896, welche in Grönland, Lappland und Sibirien sichtbar ist, und endlich im Jahre 1900, am 28. Mai, eine fünfte, welche für die Vereinigten Staaten, Spanien, Algier und Egypten total sein wird. – Nun denn, Herr Black, versetzte Mrs. Paulina Barnett, wenn Sie also die Finsterniß vom 18. Juli 1860 versehen sollten, werden Sie sich mit der vom 31. December 1861 zu trösten wissen; das sind ja nur siebenzehn Monate! – Ich würde mich nicht nur siebenzehn Monate trösten müssen, Madame, entgegnete der Astronom, sondern müßte sechsunddreißig Jahre warten. – Und warum das? – Weil von allen diesen Verfinsterungen nur eine, die vom 9. August 1896, für Gegenden in so hoher Breite, wie Lappland, Sibirien oder Grönland, total sein wird. – Welches Interesse haben Sie aber daran, eine Beobachtung nur unter einem so hohen Breitengrade anzustellen? fragte Mrs. Paulina Barnett. – Welches Interesse, Madame! fuhr Thomas Black auf, ein wissenschaftlich es Interesse von allerhöchster Wichtigkeit. Finsternisse sind bis jetzt nur selten in den dem Pole nahe liegenden Ländern beobachtet worden, da, wo die Sonne, indem sie sich nur wenig über den Horizont erhebt, scheinbar eine Scheibe von großem Durchmesser zeigt. Dasselbe ist mit dem Monde der Fall, der sie überdeckt, und so ist es möglich, daß das Studium des Strahlenkranzes und der Protuberanzen unter diesen Verhältnissen ein weit ergiebigeres wäre. Aus diesem Grunde, Madame, bin ich selbst über den siebenzigsten Breitengrad hinausgekommen. Aehnliche Verhältnisse werden aber erst im Jahre 1896 wiederkehren. Können Sie mir nun versichern, daß ich zu der Zeit noch leben werde?« Auf diese Beweisführung gab es allerdings keine Antwort. Thomas Black blieb also fortdauernd sehr unglücklich, denn die Unbeständigkeit der Witterung drohte ihm einen garstigen Streich zu spielen. Am 16. Juli war es sehr schön. Am anderen Tage aber gerade im Gegentheil bedeckt und sehr nebliges Wetter. Thomas Black war an diesem Tage wirklich krank. Der fieberhafte Zustand, in dem er sich schon seit einigen Tagen befand, drohte in eine wirkliche Krankheit überzugehen. Vergebens versuchten Mrs. Paulina Barnett und Jasper Hobson ihn zu trösten. Sergeant Long und alle die Uebrigen konnten gar nicht begreifen, daß man »aus lauter Liebe zum Mond« so unausstehlich sein könne. Endlich brach der große Tag, der 18. Juli, an. Nach den Angaben der Ephemeriden sollte die totale Verfinsterung vier Minuten und siebenunddreißig Secunden dauern, das heißt, von elf Uhr dreiundvierzig Minuten und fünfzehn Secunden bis elf Uhr siebenunduierzig Minuten und siebenundfünfzig Secunden Vormittags. »Was verlange ich denn Großes, rief der bedauernswerthe Astronom, der seine Haare zerwühlte, ich verlange einzig und allein ein kleines Eckchen Himmel rein von allen Wolken, nur das kleine Fleckchen, an dem die Verfinsterung vor sich gehen soll; und wie lange denn? Nur kurze vier Minuten! Nachher mag es schneien, donnern, mögen die Elemente sich entfesseln, ich werde mich so wenig darum kümmern, wie ein Specht um ein Chronometer!« Thomas Black hatte wirklich einigen Grund zum Verzweifeln. Allem Anschein nach sollte aus der Beobachtung nichts werden. Bei Tagesanbruch war der Himmel dick von Nebel bedeckt. Im Süden stiegen große Wolken auf, und zwar gerade an derjenigen Stelle, an der die Verfinsterung stattfinden sollte. Ohne Zweifel hatte aber der Gott der Astronomen mit dem armen Thomas Black Mitleid, denn gegen acht Uhr erhob sich eine frische Brise aus Norden und fegte das ganze Firmament rein! O, welche Ausrufe des Dankes quollen da aus der Brust des würdigen Gelehrten! Rein war der Himmel; hell glänzte die Sonne, in Erwartung, daß der Mond, der jetzt vor ihren Strahlen noch nicht sichtbar war, sie nach und nach verlöschen sollte. Sofort wurden Thomas Black's Instrumente geholt und auf dem Gipfel des Vorgebirges aufgestellt. Dann richtete sie der Astronom nach der südlichen Himmelsgegend, und verharrte in Erwartung. Seine ganze gewohnte Geduld hatte er jetzt wieder gefunden, sein ganzes, für die Beobachtung so nöthiges kaltes Blut. Was hatte er nun noch zu fürchten? Wenn der Himmel ihm nicht auf den Kopf fiel, Nichts. Um neun Uhr war nicht eine Wolke, noch ein Nebelstreifen weder am Horizonte noch am Zenith! Nie konnte eine astronomische Beobachtung unter günstigeren Umständen beginnen! Jasper Hobson und alle seine Leute, Mrs. Pau lina Barnett und alle ihre Gefährtinnen wollten der Operation beiwohnen. Die ganze Colonie war auf, Cap Bathurst versammelt und umringte den Astronomen. Langsam stieg die Sonne empor und beschrieb ihren sehr flachen Bogen über der ungeheuren Ebene, die sich nach Süden erstreckte. Kein Mensch sagte ein Wort. Man wartete mit einer gewissen feierlichen Sorge. Gegen neun ein halb Uhr begann die Verfinsterung. Die Scheibe des Mondes berührte die der Sonne. Die Erstere sollte die Zweite aber nicht vor elf Uhr dreiundvierzig Minuten fünfzehn Secunden vollständig bedecken! Das war die in den Ephemeriden für die Sonnenfinsterniß berechnete Zeit, und Jedermann weiß, daß sich in diese Rechnungen kein Fehler einschleichen kann, Rechnungen, welche von den Gelehrten aller Sternwarten der Welt aufgestellt, berichtigt und controlirt werden. Thomas Black hatte in seinem Gepäck auch eine, Anzahl geschwärzter Gläser mitgebracht; diese vertheilte er an seine Gefährten, welche so die Fortschritte der Erscheinung ohne Anstrengung der Augen verfolgen konnten. Allmälig rückte die dunkle Mondscheibe vor. Schon nahmen die Gegenstände auf der Erde eine eigenthümliche Färbung an; auch die Atmosphäre hatte im Zenith ihre Farbe verändert. Um zehn ein viertel Uhr war die Hälfte der Sonnenscheine verdunkelt. Einige frei umher laufende Hunde zeigten eine merkwürdige Unruhe und bellten manchmal ganz kläglich. Enten, welche unbeweglich am Seeufer saßen, erhoben ihr Nachtgeschrei und suchten sich einen zum Schlafen geeigneten Platz. Die Alten riefen die Jungen zusammen, welche sich unter ihren Fittigen verbargen. Für alle diese Thiere kam die Nacht herein und mit ihr die Stunde des Schlafes. Um elf Uhr waren zwei Drittheile der Sonne bedeckt. Die Gegenstände nahmen eine weinrothe Färbung an. Noch herrschte ein gewisses Halbdunkel, welches aber bald während der vier Minuten der totalen Verfinsterung in ein vollkommenes übergehen sollte. Schon wurden einige Planeten, wie Mercur und Venus, sichtbar, ebenso wie gewisse Sternbilder, z. B. der Stier, der Orion und Andere. Die Dunkelheit nahm von Minute zu Minute zu. Thomas Black folgte, das Auge an dem Ocular seines Fernrohres, unbeweglich und schweigend dem Fortschreiten der Erscheinung. Um elf drei viertel Uhr sollten die beiden Scheiben einander decken. »Elf Uhr dreiundvierzig Minuten«, sagte Jasper Hobson, der den Secundenzeiger seines Chronometers genau im Auge hatte. Thomas Black, der über sein Instrument geneigt war, rührte sich nicht. – Eine halbe Minute verfloß. Thomas Black erhob sich mit weit aufgerissenen Augen. Dann postirte er sich noch eine halbe Minute vor sein Ocular und rief, indem er sich eine Secunde lang erhob: »Aber sie nimmt ab! Sie nimmt ab. Der Mond, der Mond entflieht! Er verschwindet!« In der That glitt die Mondscheibe über die Sonne, ohne diese vollkommen verdeckt zu haben. Nur Zwei Drittheile der Sonnenscheibe waren verfinstert gewesen. Entsetzt war Thomas Black zurück gefallen. Die vier Minuten waren vorbei. Langsam wurde es wieder heller; der Lichtkranz hatte sich nicht gezeigt. »Aber was in der Welt ist denn los? fragte Jasper Hobson. – Was los ist! schrie der Astronom, daß die Verfinsterung keine vollständige, für diesen Punkt der Erdkugel keine totale gewesen ist. Verstehen Sie, mich? Keine to–ta–le! – Dann sind also Ihre Ephemeriden falsch! – Falsch! O gehen Sie und sagen Sie das einem Anderen, Herr Lieutenant! – Nun dann ... rief Jasper Hobson, dessen Gesicht sich plötzlich veränderte. – Dann befinden wir uns nicht unter dem siebenzigsten Breitengrade, antwortete Thomas Black. – Das wäre! rief Mrs. Paulina Barnett. – Das werden wir sogleich erfahren, sagte der Astronom, aus dessen Augen Zorn und Verzweiflung blitzten. In wenig Minuten geht die Sonne durch den Meridian ... Meinen Sextanten! Schnell! Schnell!« Einer der Soldaten lief nach dem Hause und brachte das verlangte Instrument. Thomas Black visirte das Tagesgestirn, ließ es den Meridian passiren, dann senkte er seinen Sextanten und warf schnell einige Zahlen in sein Notizbuch. »Wie hoch lag Cap Bathurst, fragte er, als wir vor einem Jahre hier ankamen und seine geographische Lage bestimmten? – Unter 70° 44' 37''! antwortete Lieutenant Hobson. – Nun wohl, mein Herr, jetzt liegt es unter 73° 7' und 20''. Sie sehen, daß wir uns nicht im siebenzigsten Breitengrade befinden! – Oder vielmehr, daß wir uns nicht mehr da befinden!« murmelte Jasper Hobson. In seinem Geiste war es plötzlich hell geworden. Alle ihm bis jetzt unerklärlichen Erscheinungen wurden ihm nun klar! ... Das Territorium des Cap Bathurst war seit Ankunft des Lieutenant Hobson um drei Grad nach Norden – – abgewichen. Ende des ersten Bandes.