Julius von Voß Die Moden der guten alten Zeit Ein launiges Sittengemälde aus dem Jahre 1750 Der vorliegende Text folgt in Orthographie und Interpunktion der Romanausgabe aus dem Jahre 1827. Herr Goehl war ein ziemlich wohlhabender Kaufmann zu Berlin, den seine Gattin mit einem Sohn und einer Tochter beschenkt hatte. Leberecht nannten sie Jenen, und hatten ihn, nach wohlabsolvirter Unterschule, auf die Oberschule – Wolke sagte Hochschule und Hoechstschule – nach Halle gesandt, um sich zum Doktor der Arzneigelahrtheit auszubilden. Waer es nach Herrn Goehl gegangen, haette Leberecht im vaeterlichen Tuchladen Buch und Elle gefuehrt, es ging aber nach Madame Goehl, die hoeher hinaus und das Muttersoehnchen Herr Doktor angeredet hoeren wollte. Freilich mußte sie ihn auch drei Jahre missen, was ihr einen nicht geringen Aufwand von Thraenen abnoethigte. Es gab demungeachtet einen lebhaften Briefwechsel, waehrend er sich zu Halle befand. An den Vater schrieb Leberecht selten, wohl aber an die Mutter – damals bei Honoratioren stets Mama genannt – zu der seine Kindlichkeit mehr Vertrauen hegte. Die Briefe hatten stets die naive Nachschrift: »Wenn ich kein Geld brauchte, schrieb ich nicht.« Weil dies jedoch nicht selten der Fall war, schrieb er auch oft, und eigentlich bestand der ganze Brief nur aus dem Postscript. Von andern Seiten empfing der Vater dagegen Zuschriften aus Halle. Von Gast- und Hauswirthen, Schneidern und Schuhmachern, Pferdevermiethern und Aufwaertern, die Alle um Tilgung gewisser Rueckstaende baten. Als Korrespondentinnen traten selbst etliche Dienstmaegde auf. Herr Goehl tobte dann, verwünschte die jetzige ruchlose Welt, versicherte, vor dreißig Jahren haette man goldene Zeiten gesehn, bezahlte indessen zuletzt. Mama seufzte still, und sie schaffte noch heimlich Rath. Unvergleichliche Ermahnungen und Strafpredigten sandten uebrigens beide Theile nach Halle. Die vaeterlichen waren arithmetisch, daher mathematisch, folglich auf Wahrheit gestuetzt. Sie variirten das Thema: Soll's bei Dir heißen: was ein fleißiger Vater addirt, ein luederlicher Sohn subtrahirt? Die Mutter legte sich, wenn sie schrieb, Porsts Gesangbuch auf die eine, das gueldne Schatzkaestlein auf die andre Seite und schmueckte den Brief daraus mit den herrlichsten Stellen. Leberecht bekuemmerte sich aber um den klingenden, nicht den moralischen Inhalt, liebte das Ausschaelen von Dukaten, nicht das Auswaehlen von Citaten. So blieben die Abhandlungen stets werthvoll, nur ungelesen. Zu lebhaft war der Sohn, daran hing Alles. Mit der Tochter hatten die Eltern ihre liebe Noth im Gegensatz. Die war zu sanft. Man mußte sie peinlich sorgsam vor jungen Maennern hueten, weil sich fuerchten ließ, sie wuerde aus lauter Sanftmuth ihnen keinen Widerstand leisten. Der Vater liebte sein Toechterchen mehr wie den Sohn, dennoch sagte er oft: Geh mir nicht an die Sonne, auch an keinen Ofen, Du bist von Wachs, ich seh Dich noch schmelzen. Und die Mutter: Gieb Dir doch ein Ansehn! Klopfe einem sueßen Herrn, der Dir zu nahe koemmt, mit dem Faecher auf die Finger, oder drehe Dich, daß ihm der Fischbeinrock einen Schub giebt. Dorothea hatte man sie bei der Taufe genannt, Doertchen riefen die Eltern sie liebreich, Doerte erzuernt, allein sie wollte Doris heißen. Wohl dem, der sich danach richtete. Fontenelle war schuld. Er hatte die Schaefergedichte, nach Theokrit und Virgil, in Frankreich wieder in Gang gebracht, und die gehorsamen Deutschen ahmten – wie in unsern Tagen von neuem – Frankreich nach. Ohne eine Menge vergessener Dichter hatten Gellert, Geßner, Hagedorn, Kleist die liebe Jugend in Arkadiens Traumwelt gefuehrt. Fünfundzwanzig Jahre spaeter hieß es: Jeder Juengling sehnt sich zu lieben wie Werther, jedes Maedchen geliebt zu sein wie Lotte, im Jahre 1750 wollte jeder Juengling aber zum Myrtill, jedes Mädchen zur Galathee werden. Herr Goehl aergerte sich und warf einmal die Leipziger Beitraege, die stets neue Eklogen auftischten, zum Fenster hinaus. Vor dreißig Jahren, sagte er, hatte man auch Gedichte, von Canitz, von Besser, da war doch Vernunft darin, und nicht solches dumme Zeug. Bei einem sonntaeglichen Spaziergang kam er mit den Seinigen ueber eine Wiese vor dem Thor. Ein Schaeferknecht, mit einem Strumpf in der Hand, huetete die Hammel des Fleischergewerks. Jener zeigte mit dem Finger nach ihm und rief: Siehst Du, siehst Du den schmutzigen Kerl? Das ist ein Myrtill! Sieh den garstigen Koeter, das ist ein Phylax! Ich will Dich nur einen Tag einmal hinausschicken, Du sollst ihm die Hammel bei schlimmen Wetter treiben helfen und aus seinem Kober speisen. Abends hast Du es satt, ich wette. Es verfing nichts, Idealitaet laeßt sich nicht sobald durch Realitaet schlagen, doch mit der Zeit wohl. Wenn uebrigens Papa auch schalt, das Toechterchen blieb doch sein Augapfel. Leberecht, der eine Ausnahme von der Regel machte und die arkadischen Juenglinge mit keinen schmeichelhaften Namen bezeichnete, kam nun von Halle zurueck. Mit hellem Geraeusch trat er ins Vaterhaus, mit weit geoeffneten Armen flog ihm die Mutter entgegen. Sie wollte ihn eben dergestalt ans Herz druecken, daß er Ach und Weh darueber haette schreien mögen, als sie stutzte, und, einem sprachlosen Ach und Weh aehnlich, in einen Stuhl sank. Es war nachmittags um drei Uhr, man hatte ihn erwartet und seit dem Essen oft am Fenster nach ihm ausgesehn. Herr Goehl hatte mit einer Hand die Brille aufgesetzt, um den Eintretenden genau zu besichtigen, die andere ballte er, um damit waehrend der Strafpredigt zu gestikuliren, die Leberecht hoeren sollte, gleichwohl verstummte er nun, wie er die Ehehaelfte schier ohnmaechtig sah. Lebrecht begriff das auch nicht. Mit einem gesungenen: »Sein Diener, Herr Papa, Ihr Diener, Frau Mama« war er hereingestuermt, nun fuegte er redend hinzu: »Aber was, zum Teufel, ist Ihnen denn?« Herr Goehl rief zornig: »Schickt es sich, wenn man wieder zu den Eltern koemmt, wie ein Landsknecht zu fluchen? Mein Kind – siehst Du, siehst Du –« Die Mutter stammelte: »Hast Du das aus meinen erbaulichen Briefen gelernt? Aber Leberechtchen, Leberechtchen, was hast Du denn im Gesicht?« Es war eine tuechtige Schmarre und ueber sie eben Mama erschrocken. Die lachende Antwort hieß: »Das ist ein circumflex. Hier sind noch ein Paar!« Er streifte den Aermel auf und wies noch zwei kleinere. »Aber«, fuegte er hinzu, »andre koennen, hol mich der Teufel, wohl ein Dutzend von mir zeigen.« »Lebrechtchen«, wimmerte Mama, »heißt das recht leben?« »Siehst Du, so machens die Studenten«, rief Herr Goehl, »die Theologen sollen lernen, wenn ihnen einer einen Backenstreich giebt, den andern Backen auch hinzuhalten, die Juristen, wie bestraft werden muß, wer Jemandem Uebels thut, und du Schlingel bist Mediziner, sollst Wunden kuriren, nicht machen, auch Dir keine machen lassen.« »Papa«, fiel Lebrecht ein, »es ist Ihr Glueck, daß Sie mein Papa sind, ich wollte Ihnen den Schlingel sonst – und auch jetzt muß ich mir solche Ehrentitel verbitten. Ich habe cursirt, dissertirt, disputirt, bin zum Doktor graduirt.« Papa lief vor Unmuth hinaus, und Mama rief: »Da hast Du nun Dein schoenes Gesicht verschimpfirt.« »Was?« fiel Lebrecht ein, »was? Da sieht die Welt gleich, daß ich ein tuechtiger, hallischer Bursch gewesen bin, der nichts auf sich sitzen ließ.« »Aber wenn Du nun zu Kranken gerufen wirst, fuerchten sie sich, Frauen koennen sich an Dir versehen, und Kinder mit Schmarren auf die Welt bringen, der Himmel behuete sie davor! O der Alte hat wohl recht gehabt, haettst die Tuchhandlung lernen sollen.« »Da waer ich ein Philister geworden.« »Mit Ellen kann man sich doch nicht solchen Schaden thun wie mit den abscheulichen Degen. Aber geschehn ist geschehn, das seh ich auch wohl ein. Bitte nur den Himmel Tag und Nacht, daß er Dir die Studentensuenden vergiebt, und fuehre Dich kuenftig wie ein Christ auf.« »Bei Gelegenheit, Mama! Aber ich brauche Geld.« »Das sollst Du bei Gelegenheit auch haben. Ich muß den Alten nur erst wieder gut machen.« »Er soll schon wieder gut werden, wenn er meine testimonia sieht. Die lauten, Tausend –« »Pfui doch!« »Lustig bin ich gewesen, aber –« »Doch wenigstens auch fleißig? So war doch ein gutes Haar an Dir.« »Warum nicht gar! Am Fleiß schwitzen die langsamen Alltagskoepfe. Ich habe ingenium, das laeuft Sturm auf die Wissenschaften, ein Loth ingenium ist besser wie ein Centner Fleiß.« »Aber wie Du aussiehst! Ich dachte, Du wuerdest mit einer niedlichen Perruecke kommen.« – »Renommisten tragen keine mehr, tragen jetzt einen Pudelkopf.« »Aber Du wirst doch als Doktor eine aufsetzen? Die Kranken laßen sich von Dir ja nicht kuriren, wenn Du mit Deinem eignen Haar koemmst. In der Perruecke, meinen sie Alle, staecke die Weisheit.« »Ich bin jung, liebe junge, nicht alte Moden. Gaudeamus igitur, juvenes dum sumus!« »Und wo ist denn Dein Koffer?« »Mama, omnia mecum porto. Da in der Mappe sind meine Hefte, sonst bring' ich nichts mit.« »Was – Jung –« »Mama, ich bin Doctor medicinae!« »Wo sind die schoenen Kleider?« »Die alten sind verkauft, die neuen versetzt.« »Mich ruehrt der Schlag!« »Da verordne ich einen Aderlaß, temperantia und magre Diaet, so sind Sie kurirt.« »Und meine schoene neue Waesche, die ich selbst genaeht, selbst Stueck vor Stueck roth mit LG gezeichnet habe?« »Steht LG darauf, gehoerte sie ja mein.« »Aber wo ist sie?« »Besinn ich mich doch nicht gleich!« »Ich komme um!« »Das müssen Sie nicht thun, Mama, sonst koennen alle medizinischen Fakultaeten nicht helfen.« Frau Goehl war hinausgelaufen, die schoene, durchgebrachte, Waesche konnte selbst ihre zaertliche Mutterliebe nicht verzeihn, wenigstens in den ersten Monaten nicht. Lebrecht dachte bei sich: Ein Sturm waer ueberstanden, es wird aber noch ein Orkan toben, wenn sie hoeren, welche Baeren außerdem in Halle angebunden sind. Die Schwester nahte jetzt mit ihrem Willkommen, den sie stumm, in einer sanften Ruehrung ausdrueckte. »Sieh, Doertchen«, rief Jener, »bist ja recht gewachsen.« »Doertchen – nenne mich Doris.« »Auch Hirtenpossen im Kopf? Aber ich will verdammt sein, wenn Du nicht recht huebsch geworden bist! Es verdrießt mich, daß Du meine Schwester sein mußt. Nun hast Du gewiß Dich auch schon verliebt.« »Jage mir keine Schaamroethe auf die Wange! Sich verlieben waere auch suendlich. Zwar – wenn ein Schaefer kaem, treu, innig, sanft und fein, der, nur aus Furcht, mich nicht genug zu lieben, mit seinem Seufzen fern mir waer geblieben, dann wollt ich nicht mehr grausam sein. – Ich sage das nicht, hab es nur wo gelesen. Ach, Bruder, und ein neues Lied hab ich von Damoet« – »Wer ist der Patron?« »Im Grunde – still davon – der Herr Sekretaer Damm, er pflegt sich aber Damoet zu nennen, schriftlich, nicht immer, bisweilen« – »Unter den Liebesbriefen an Dich!« »Bruder – wer hat Dir das gesagt, uns verrathen?« »Niemand, ich weiß auch gar nichts!« »So? Nun, das ist mir lieb – es ist auch kein Wort davon wahr – in meinem Leben hat er nicht an mich geschrieben – nur einmal, nein, nein, Du hast mich ganz verwirrt gemacht, ich sagte ihm, Damon klaenge sanfter, und Damoet am lieblichsten. Aber das Lied von ihm heißt: Damoetas war schon lange Zeit der schoenen Phyllis nachgegangen, noch konnte seine Zaertlichkeit nicht einen Kuß von ihr erlangen.« Lebrecht fiel ein: »Wie ich noch Fuchs war, las ich bisweilen so was, spaeterhin nicht. Die Poeten sind heut zu Tage Narren. Zwar sind sie das, so lange die Welt steht, gewesen – und machen die Maedchen auch zu Naerrinnen. Und, zum Teufel, warum wollt Ihr denn nur Schaafhirten lieben? Warum nicht auch Ochsenhirten, et cetera? Und wenn die Poeten ihre Kupfernasen in den Homer steckten, wuerden sie auch sehn, daß in Griechenland Einer so viel galt wie der Andre.« »Bruder – nimm es nicht uebel, Du bist gar nicht mehr so weich, sanft, hold wie als Knabe, bist recht ungezogen aus Halle gekommen. Und – fing es Dir nicht auch schon ein wenig an – im Herzen zu klopfen – ich meine, von Liebe?« »Nein! – Nein und Ja koennt ich sagen. Doch wie Du es meinst, Nein!« »Da beklag ich Dich wehmuethig. Sieh, meine Thraenen fließen schon aus Mitleid. Du Ungluecklicher, weißt noch nicht, was Liebe ist!« »Laß nur! Drei Jahre immatrikulirter Studiosus –« »Doch also? Hast Du deine Daphne, eine Chloe?« »Ueber Studentenzaertlichkeit will ich Dir doch kein Collegium lesen.« »Willst Du deine Schaeferin zum Traualtar fuehren?« »Oho, ich will niemals heirathen.« »Verschmachte nicht, wie ein Veilchen ohne Thau und Regen!« »Dafuer laß mich sorgen! Unter allen Narrheiten, die es giebt, und ihre Zahl heißt Legion, ist keine aerger, als sich ein Weib aufbuerden.« »Du wirst Dich todt graemen, wie ein Taeuberich, dem ein wilder Habicht sein Taeubchen nahm.« »Damit hat es nichts auf sich. Bei Euch Maedchen ist's ein Andres. Ihr koennt nicht leben wie freie Burschen, wollt nicht gern alte Jungfern werden, obschon ich – genau erwogen – nicht einsehe, was einer alten Jungfer fehlt.« »Alles, Liebe, Beistand, Pflege und Wonne im Alter, und was noch das Schlimmste ist, die Achtung der Welt. Stirbt sie endlich, drueckt ihr Niemand die Augen zu, es mueßte denn ihr Mops mit den Pfoten thun!« »Liebe ist die aergste Betruegerin in der ganzen Natur! Heißt es also nicht klug, weit vom sueßen Koeder zu bleiben, damit uns nicht der Angelhaken auch trifft? Beistand hoffst Du von einem Mann? Viele geben ihr halbes Vermoegen zum Abstand , den Beistand los zu werden. Pflege und Wonne im Alter! Wohl von den Kindern? Ha, das sind die rechten. Achtung der Welt! Eine alte Jungfer darf sie ja nur wieder nicht achten, so begegnet sie ihr nach Verdienst obenein. Und das Augenzudruecken noch. Will sie mir Niemand zudruecken, moegen sie aufstehn. Kurz, bleibe ledig, Schwester! Du erbst einmal Geld, eine Arme muß sich des lieben Brots willen schon heirathen lassen.« »O Du wirst noch einmal anders empfinden, Lebrecht!« »Da soll mich –« »Ich bitte Dich, schwöre nicht! Was mich betrifft – so empfinde ich – sieh mich nur nicht an, ich werde ja roth.« »Ich weiß schon Alles, Du möchtest gern den Herrn Damm, oder Damoet heirathen.« »Mein Himmel, wer hat Dir das gesagt?« »Die Alten wollen nicht. Hab ich recht? – Warum wollen sie denn nicht?« »Es ist ja nichts an der Sache, gar nichts. – Ach, Papa, wenn ich flehte, meine Zaehren seine Hand bethauten – aber Mama, Mama!« »Da koennten die Zaehren wohl daherrauschen wie die Saale bei Giebichenstein.« »Sieh aber, die Eltern haben mich dem jungen Sueßmilch versprochen – wohl nur so vorlaeufig, es hieß, wenn die jungen Leute sich auch gefallen wuerden.« »Und er gefaellt Dir nicht? Das wundert mich bei dem Namen nicht.« »Es geschah vor zwei Jahren, eh er nach Paris ging, da wußt' ich noch nicht, was Liebe ist, nun weiß ich es aber.« »Hast es wohl schnell gelernt?« »Waere aber Sueßmilch auch nicht, wuerde ein Sekretaer den Eltern nicht genug sein – ach, und mir ist er noch zuviel, ich wollte vergnuegt mit ihm in Huetten wohnen, die Liebe macht der Huetten Armuth reich, den Bach zu Wein und harte Fluren weich.« »Ich danke fuer solchen Wein und solche Fluren, wenn's gefroren hat. Nun hoere, Doertchen, auch Doris meintwegen, wir wollen ein Pactum schließen. Ich helfe Dir – Rath muß sich schon finden – steh mir aber auch bei. Du sollst mir nicht in Liebessachen beistehn, nur in Baerensachen. Da nimm die Liste von den Baeren, die noch in Halle angebunden sind, ein ziemlich Rudelchen. Sprich mit Mama, daß sie mit Papa spricht, mache so, daß Papa meine Baeren losbindet, auch noch einen kleinen Affen, zu dem ich gekommen bin, ich weiß nicht wie. Fuer einen Anderen kann man besser sprechen wie fuer sich. Und ich schaffe Dir deinen – wie heißt der Kerl – Damoetas.« »So hoere denn! Vorigen Winter ging ich mit Mama in die Redute, ich hatte sie gebeten, daß ich eine Schaeferinnentracht anziehn duerfte, weiß mit gruenen Baendchen, und ein Rosenbouquet dazu, und auf der Redute forderte mich ein Schaefer, denke nur, auch weiß und gruen, zur Menuet auf. Wir tanzten die Freimaurermenuet, die jetzt so Mode ist.« »Ich weiß, die Graefin Bruehl in Dresden hat sie gemacht.« »Nein, ich kann Dir nicht sagen, wie niedlich mein Schaefer tanzte.« »Da warst Du wohl mit Haut und Haar in Arkadien.« »Aber – gewiß war das Sympathie, Beide weiß und gruen, oder als wenn es der Himmel so gefuegt haette.« – »Leibnitzsche harmonia praestabilita.« »Mein Tanzen mußte ihm auch gefallen haben, denn er forderte mich gleich wieder zu einer Polonaise auf, und hernach zu einem Baspied, und wenn er mich abholte, und wieder zu meiner Mama brachte, die auf der Bank saß« – »Und wohl gut auf Euch Acht gab?« »Er machte mir immer so viel galante Complimente, sagte: Schoene Maske, Sie tanzen wie ein Engel, oder: Ich bin, hol mich der – das fatale Fluchen hatte er an sich wie Du –, ich bin schon verliebt in Sie und sehe Ihr Gesicht nicht einmal, was wuerde geschehn, wenn Sie sich demaskirt haetten! Endlich sagte Mama, wir wollen eine Tasse Chocolade trinken, und wir gingen hinten zum Konditor und demaskirten uns. Ich trank aber meine Tasse nicht, mir war ohnehin so heiß, waer die Chokolade noch dazugekommen – nein, ich ließ mir etwas Limonade geben. Mama sprach mit der Frau Muhme Kuerbiß, die auch da war, und nicht lange, so kam der Schaefer, war uns nachgegangen, setzte sich neben mich. Auf Ehre, sagte er, ich habe geglaubt, daß Sie so schoen waeren! Er nahm die Larve aber auch ab, und ich erschrak ordentlich, denn er war so schoen, wie ich in meinem Leben noch keine Mannsperson gesehn hatte. Erst war ich bloede und konnte nicht ein Wort sagen, aber ich weiß nicht, war mir die Limonade in den Kopf gestiegen, oder wie es kam, die Worte fingen mir endlich an zu fließen wie ein Silberbaechlein. Es haette nicht angehn koennen, waer Mama auf ihrer alten Stelle geblieben. Aber die Frau Muhme hatte Uebelkeiten, wurde ohnmaechtig und mußte in eine andere Stube gefuehrt werden. Mama ging mit und vergaß mich ueber den Schrecken. Nun war ich mit dem Schaefer allein, da that er erst sueß, hold. Ich fragte ihn nach seinem Namen. Er antwortete: Damm. Warum nennen Sie sich nicht lieber Damis, fragte ich noch einmal, oder, was noch schoener klingt, Damon, nein, Damoet, lieblicher giebt es keinen Namen. Wenn Sie es befehlen, sagte er, will ich mich Damoet nennen. Und nun bat er schmachtend, ich sollte wieder mit ihm in den Tanzsaal gehn.« »Maedchen, Du hast es doch nicht gethan? Nemo cum diabolo jocatur impune, das heißt, laß Dich den Teufel nicht –« »Keinen Schritt bin ich mit ihm gegangen, denn Mama kam eben zurueck, und eben fing ich auch an, nicht mehr widerstehn zu koennen. Ich mußte mit zur Frau Muhme, die brachten wir nach Hause. Ach, und es gab Schelte von Mama, es fehlte wenig, so haette sie mir eine Ohrfeige gegeben. Und ich hatte doch nichts gethan.« »Sie wird Dir angesehn haben, daß Du was haettest thun koennen.« »Wir gingen auch den ganzen Winter nicht mehr in die Redute. Von meinem Schaefer – ach, der jede Nacht mir im Traum erschien – hoerte und sah ich lange nichts mehr. Unter der Hand gab ich unserm Hausknecht Kommission, sich einmal nach einem Herrn Damm zu erkundigen, sagte ihm aber nicht, warum. Ich dachte, er muß doch auszufragen sein, und der Hausknecht ist nicht einfaeltig.« »Hier ist ja der Rektor Damm, von dem habe ich eine Uebersetzung, betitelt: Des alten roemischen Prinzen Marcus Tullius Cicero Briefe, er schreibt Sohn ohne h, die ohne e, ist ein Narr in folio, ein Freigeist, aber grundgelehrt, Doctor eruditis, eruditior, illustrissimus, capacissimus, der Kerl wird doch nicht Dein Liebhaber sein?« »Der ist ja alt, und ich hatte dem Hausknecht gesagt, er sollte sich nach einem jungen Herrn Damm erkundigen. Es dauerte auch nicht lange, so brachte er mir die Nachricht, Herr Damm stuende bei der Kammer. Im ersten Augenblick sah ich mich geschwind nach der Kammerthüre um, hernach besann ich mich aber, die churmaerksche Kammer wuerde gemeint sein.« » Die Kammer sitzt immer in einem großen Saal, wenn Vortrag ist.« »Nun wußt ich's doch. Er mußte mich aber im Fruehjahr einmal am Fenster gesehn haben, ich ihn aber nicht. Den andern Abend war er in einem Mantel geschlichen gekommen und hatte unsrer Kathrine ein Briefchen an mich zugesteckt, und vier Groschen, daß sie mir's heimlich geben sollte. Erst wollt' ich's nicht nehmen, hernach in Granatstüecke reißen, da fiel mir ein, es waere doch schon drei Monate seit der Redute, und weil mich der Schaefer waehrend der Zeit nicht vergessen haette, mueßte er's wohl treu meinen, wie die Hirten in Arkadia. Weil mich das so ruehrte, las ich den Brief. Hier hab ich ihn noch. Hoere: Allerliebste Mademoiselle, oder weil Sie es lieber so hoeren, schaetzbarste Doris! Sollten Sie sich noch auf Ihren ganz gehorsamsten Damis oder Damoet von der zweiten Redute besinnen, so wuerde es mir auf Ehre das groeßte Plaisir von der Welt machen. Was mich betrifft, so ist mir seitdem zu Muthe gewesen, als ob Sie mich mit einer zwoelfpfuendigen Kanonenkugel durchs Herz geschossen haetten. Und das Verdammteste war, daß ich nicht wußte, wer Sie waren, wo Sie wohnten, nichts hatte ich erfahren, als Sie hießen Doris. Alle Tage fiel mir nun die Arie ein: Doris, o Doris, wo find ich Dich wieder, es ward aber im Januar, Februar und Maerz nichts daraus, bis ich gestern, den 31sten, Nachmittag, Sie am Fenster sitzen sah. Nun dacht ich gleich, ich muß ein Billet doux schreiben, das habe ich nun gethan, und hoffentlich wird die Magd es in Ihre sueßen Haendchen geben. Und nun bitt ich Sie um Himmelswillen, allerschoenste Mademoiselle Doris, sein Sie doch heute Abend zwischen neun und zehn ein bischen vor der Thüre, denn ich habe Ihnen etwas sehr noethiges zu sagen. Ich will die ganze Stunde vor dem Hause patroulliren, daß ich Sie gleich sehe. Mein Herz ist, als waer es voll Salpeter, Schwefel und Kohle wie eine Pulvermuehle, ich bitte Sie daher instaendig, schicken Sie nicht, weil wir heute den datum schreiben, in den April Ihren Sie adorabel findenden und adorirenden Damoet weil Sie es befahlen. Berlin, den 1sten April 1750. N. S. Anbei erdreiste ich mich, ein neues Liedchen gehorsamst zu uebersenden.« Lebrecht rief: »Es muß ein fideler Bursch sein! Ob er auf der Universitaet gewesen ist? Nach dem Briefe glaub ichs nicht, die Latinitaet fehlt darin. Was machtest Du, Schwesterchen? Gingst Du vor die Thuere?« Doris antwortete: »O behuete, er waere im Stande gewesen, zu verlangen, ich sollte mit ihm spatzieren gehn. Und wenn das Mama erfahren haette!« »Da wuerde es geheißen haben: ad carcerem!« »Ich sagte auch Kathrinen: sie sollte zwischen neun und zehn Uhr acht geben, und wenn mich die Sympathie etwa nach der Thuere zoege, sollte sie mich geschwinde wieder zurueckziehn, wenn ich auch boese wuerde.« »Bene fecisti! Weit davon ist gut vorm Schuß.« »Aber ich kam doch, ganz von ungefaehr, zwischen neun und zehn Uhr ans Fenster. Drueben hing eine Nachtigall im Bauer, die fing schon ihr Fruehlingsliedchen an, ach und Nachtigallentoene hatten mich nie so bezaubert, als seitdem ich liebte. Da wollte ich nur ein wenig –« »Aha!« »Es waehrte aber nicht lange, so – so –« »Hatte der Vogel den Monsieur Damoet da?« »Wie Du doch Alles weißt! In einen Mantel gewickelt, schlich er heran, grueßte mich sehr hoeflich und fragte mich: warum ich nicht an die Thuere gekommen waere. Ich sagte aber: es wuerde sich nicht fuer mich schicken, mit einem solchen losen Vogel von Schaefer draußen zu stehn, und wenn er mir was noethiges zu sagen haette, koennte ers am Fenster auch thun.« »Eine Parterrwohnung hat ihr Gutes, man braucht keine Strickleiter.« »Nun fragte er mich: ob ich nicht einmal sagen koennte, ich wollte eine gute Freundin besuchen, oder waere eingeladen, da wollte er mit einer Miethskutsche warten, mit mir nach dem Grunewald oder nach Tegel fahren. Das nahm ich ihm uebel. Sie kleiner Schalk, sagte ich, wie koennen Sie glauben, daß ich mit Ihnen in einer Miethskutsche fahren werde? Ja, wenn Papa und Mama dabei waeren, da sollt es mir ein großes Vergnuegen sein.« »Die Strafpredigt soll er wohl gefuehlt haben.« »Bald haett ich aber doch geweint, denn er sagte, ich waere eine Grausame. Ich faßte nun aber ein Herz und sagte: Es thut mir leid, ich bin geruehrt, es kostet mich viele Muehe, den Lauf meiner Thraenen zu hemmen. Aber ich weiß auch, was Mama mir befohlen hat. Es koemmt nun darauf an, ob Sie es ernsthaft meinen oder spaßhaft. Allen Spaß verbitte ich mir, oder ich bin grausam. Meinen Sie es aber ernsthaft, so gehn Sie zu meinem Papa, nein, erst zur Mama und halten Sie um mich an. Er wollte mich wohl heirathen, sagte er, es ginge aber doch nicht, weil er nur ein Subaltern waere. Ich weiß, was Sie sind, sagte ich, habe mich schon erkundigt, ein Sekretaer sind Sie. Ja, ja, eine Art davon, gab er zur Antwort.« »Er wird ein Kanzelistchen sein, mit dem Sekretariustitel, und 150 Thalern Gehalt. Ich wollte doch, Schwester, Du haettest Dich in einen Andern verliebt.« »Wer kann sich helfen, wenn das Herz – o ich habe schon Geheimbte Raethe, Praesidenten, gar Minister gesehn, und mich in keinen davon verliebt.« »Das machte, es waren alte Herren.« »Richtig, und mein Herz fleht um einen jungen Schaefer. Und das muß man dem Damm nun lassen, jung ist er, huebsch auch, sehr huebsch. Wenn er auch nur 150 Thaler Einkuenfte hat. Spraeche Mama mit unserm Papa, und der gaebe mir 10.000 Thaler Brautschatz –« »Papa koennte auch seine Vorgesetzten traktiren, am rechten Ort ein Roellchen Dukaten springen laßen, so wuerde Damm bald mehr sein.« »Zuletzt sagte er: Mit der Zeit werde ich schon was werden, allerliebste Doris, Revenuen haben wie ein Geheimbter-Rath, darauf koennen wir aber noch lange warten. Vor der Hand ist es das Gescheutste, daß wir uns lieben. Schlafen Papa und Mama schon? Ich will Sie zum Fenster herausheben, wir wollen nach einem Picknick, die ganze Nacht tanzen, und vor der Reveille sollen Sie doch wieder zum Fenster hineinsein. Da schlug ich ihm aber das Fenster vor der Nase zu.« »Ei – es ist wohl doch so ein Luftikus. Sieh nur, so hab ich's als Student auch wohl gemacht, wer es aber meiner Schwester thut, dem brech ich den Hals, und die Ehre soll dem Monsieur Damm noch Heute widerfahren.« »Bruder, ich bitte Dich um Gotteswillen! Ich ueberlebte es ja nicht, wenn Du – o ich kann ja so schon seit der Zeit nicht leben und nicht sterben. Er wird sich aber nach meinen Umstaenden nicht erkundigt haben, nicht einmal nach meinem Vatersnamen, auf dem Briefe stand nur: An die schoene Doris. Wenn er wueßte, daß Papa einer von den reichsten Kaufleuten in Berlin ist, wuerde er andere Saiten aufgezogen haben. »Nicht unmoeglich! Honores mutant mores.« »Bei Mama spielte ich ein Paarmal auf einen Sekretaer an – ob ich wohl – wenn einer kaeme – aber sie wollte nichts merken.« »Nun, ich will zu dem Monsieur Damm gehn, untersuchen, was es fuer ein Kraeutchen ist, taugt er, muß er auch heirathen wollen, sonst werde ich ihm seine Possen anstreichen. Will er, sieht man denn, wie man auch die Eltern gewinnt. Sieh derweile auch zu meinen Baeren. Adieu, Doertchen!« Er ging. Seinen Degen hatte er noch nicht abgelegt. In jener Zeit trug ihn jeder Musensohn, aber auch die Koeniglichen Beamten, Aerzte, Apotheker, Kaufleute, mindestens in Gala, von den Edeleuten verstand es sich noch mehr, die sich auch nie ohne Federhut zeigten. Doris fuehlte die Regungen froher Hoffnung, wollte aber auch gegen einen so guten Bruder nicht unerkenntlich sein. Sie nahm den Strickstrumpf und eilte ins Gemach der Eltern. In gelben Saffianpantoffeln und einem gruenen Schlafrock, seinem taeglichen Hausanzug, saß der Vater am Pult und zog die Summen aus dem Buch, welche Lebrecht auf der Hochschule gekostet hatte. Weinend saß die Gattin auf dem Canapee. Ihre, mit einer Stirnbinde versehene Backenmuetze bestand aus weißem, feinen Linnen, die Contousche aus braeunlichem sogenannten Bast, die Schuerze, weiten Umfangs, aus blau bedruckter Leinwand, und der aeußere Stepprock, unter welchem sich noch fuenfe dem Auge entzogen, aus roethlichem gebluemten Moor. Dies war ein halber Staat, der heute Lebrechts Ankunft zu Ehren schimmerte. Sie ging auch mit ihm, oder einem aehnlichen, in die Wochenpredigt, der Kopfputz verwandelte sich dann blos in eine weiße Tellermuetze, mit breitem Kantenstrich. Es ist wahrzunehmen, daß sich damals die Kaufleute, der Außenseite nach, von dem uebrigen Buergerstand nicht unterschieden, es haette denn in bessern Kleidungsstoffen geschehn muessen. Erst spaeterhin ahmten sie den Adel nach, wie dieser ihnen sich wieder in den abgelegten Federhueten annaeherte. Es war Eins, worueber sich Frau Goehl nicht zufrieden geben konnte, auf das Eine kam sie immer zurueck, oder ging vielmehr nicht davon weg. Die schoenen, zuletzt nach Halle gesandten feinen Oberhemden hatte Lebrecht durchgebracht, das wollte ihr Herz durchbrechen. Ihr Ehemann wurde endlich mit den muehsam herausgesuchten, einzelnen Posten und ihrer Addition fertig. Das Facit ueberstieg 700 Thaler. Hatte er nun schon durch Lieferung von Tuechern nach Rußland, die man dort zur Bekleidung des Heers anwandte, und anderweitiges Glueck im Handel, bei spaerlichem Haushalt, sein Vermoegen nach und nach auf mehr als 40.000 Thaler gebracht – was ihn zu einem der reichsten Kaufleute in Berlin erhob –, so kam die Summe ihm doch so ungeheuer vor, daß er sich immer die kurzen – der Peruecke willen verschnittenen – Haare haette ausreißen moegen. Die Ehegenossin erschrak auch heftig ueber diesen Betrag, merkte aber gleich an: die letzte Waesche sei nicht einmal dabei mitgerechnet. Jener sprach vom Erklaerenlassen und vom Enterben, diese pflichtete ihm – was nicht oft geschah – bei, und fuegte hinzu: wer solche Waesche liederlich verbringen kann, Waesche, die noch kein Sohn haette tragen koennen, verdiene es nicht besser. Die Tochter saß wie auf Kohlen und begriff wohl, daß sie, waehrend diese Ungewitter tobten, mit ihrem Papier nicht erscheinen duerfe. Es enthielt ein Verzeichnis diverser Glaeubiger, welche zusammen auch noch gegen 300 Thaler zu fordern hatten. Jene zweifelte sogar, daß sich die Mama lebelang ueber die Waesche beruhigen wuerde. * Lebrecht erkundigte sich waehrenddem nach der Wohnung des Sekretaers Damm und ging zu ihm. In der Stube toente Kindergeschrei. Er pochte nur wenig an, trat gleich hinein, machte eine sehr nachlaessige Verbeugung und hob an: »Serviteur, mein Herr Damm, – aber was, zum Teufel –« Er stutzte, weil er in dem aermlichen Zimmer drei Kindlein sah, die etwas unsauber gekleidete Hausfrau trug das vierte auf dem Arm. Ein kleines Maennchen, im Casaquin von grauer Leinwand, saß am Schreibtisch. »Ich bin doch nicht unrecht«, hoerte man Jenen fortfahren, »hier wohnt doch der Kammersekretaer Damm –« Die unbildliche Madonna fiel ein: »Ganz recht, ich bin die Frau Liebste.« Nun fing Lebrecht an zu wuethen: »Was – – Sie haben eine Frau, und machen meine Schwester auf der Redute in sich verliebt? Da soll ja – wo ist Ihr Degen? –« Die Kinder schrieen gottserbaermlich, ihre Mutter warf sich dem Ungestuemen mit Flehn und Weinen entgegen, dann aber einen zornflammenden Blick auf ihren Mann. Lebrecht ueberschrie Alles: »So laß ich meine Schwester nicht beleidigen. Er muß sich mit mir schlagen, gleich vors Thor – aber –« Das Maennchen war aufgesprungen, doch hinter die laengere und breitere Frau, wodurch es Lebrechts Augen verdeckt ward. Sie wandte sich aber auch um und rief mit einer donnernden und schmetternden Stimme: »So komm ich hinter Seine Schliche? Treibt sich auf der Redute herum, und wir haben oft frueher die liebe Sonne im Hause als das liebe Brot? Laeuft nach Maedchen, der Suender, der Ehebrecher, und hat doch eine Frau, die sich sehn lassen darf, und sollte Gott danken – nein, es ist zu arg, zu himmelschreiend, haett ich Fritzchen nicht auf dem Arm, ich kratzte Ihm die Augen aus!« Das Maennchen entschuldigte sich Punkt fuer Punkt, mit der Zornigen im Unisono: »Liebster Engel, liebster Schatz, ich will nicht ehrlich sein, nicht selig werden, bin ich in meinem ganzen Leben auf der Redute gewesen, und wie wuerd ich denn jetzt das Geld wegwerfen? Der Stadtknecht soll mir am hellen Mittag hundert Nasenstueber vor dem Rathhause geben, ich will nie in den Himmel kommen, wenn ich nach einem Maedchen gelaufen bin, seit ich Dich habe. Freilich bist Du eine Frau, die sich sehn lassen darf. Menagire Dich nur, und bitte den jungen Herrn doch um Alles in der Welt, daß er sich bedeuten laeßt. Es muß ja ein Irrthum sein, er wird sich in der Person irren.« Die Kindlein schrieen noch immer dazu, nun auch Fritzchen, mit einer hellen Oberstimme im Sopran. Lebrecht haette seine Ohren zuhalten moegen, er verstand nur etwas von Irrthum, und schrie: »Aber Madame, halten Sie nun einmal die gefluegelte Zunge an, und verstopfen Sie auch den Kleinen den Mund!« Das Maennchen rief: »Christian, Ulrike, Lotte, Marsch in die Kammer!« Dem Befehl ward gehorcht, und das Konzert verringerte einigermaaßen seinen Effekt. Indem aber der Studiosus das Maennchen sehn wollte, und deshalb um das Weibchen ging, mißlang es noch immer, weil das Maennchen auch weiterrueckte, und dabei nun schrie: »Aus einem Duell wird nichts, mein junger Herr, ich bin ein vernuenftiger Mann, habe Frau und Kinder, respektire die Gesetze. Lassen Sie uns nur mit kaltem Blute reden, so werde ich Sie ueberfuehren, daß ich unschuldig bin.« »Er ist nicht unschuldig«, rief Frau Damm, »er zittert mir zu viel!« Lebrecht nahm das Wort: »So kommen Sie doch zum Vorschein, in des Teufels Namen!« Halb nur that es das Maennchen und bat: »Um Gotteswillen, lassen Sie mich reden, maeßigen Sie Ihre Hitze!« »Gut«, sagte Lebrecht, »aber kurz und buendig!« Dabei sah er das halbe, todtenbleiche, zitternde Maennchen an, dem die Struempfe ueber die aeußerst duennen Waden hinunter hingen und das zitternd jene Versicherungen wiederholte. Zuletzt hieß es: »Ich, ein Mann von fuenfundvierzig Jahren, der so viele Sorgen hat –« »Nun aengstigen Sie sich nur nicht laenger«, sagte Lebrecht, »ich glaube, daß Sie unschuldig sind, es ist wohl ein qui pro quo im Spiel.« »Er hat ihm gewinkt«, schrie Frau Damm, »nun soll's nicht wahr sein.« »Gewiß ein qui pro quo«, wimmerte ihr Mann, und sie fiel ihm ins Wort: »Sie reden lateinisch zusammen, damit ich's nicht verstehen soll.« Der Musensohn ward ungeduldig und sagte lachend: »Nach Ihrem Zittern sollte man Sie schuldig halten, und von meiner Schwester koennte die Regel de gustibus gelten. Aber nein, es ist, hol mich –« Frau Damm schmetterte aber darein: »Nun sagt's der junge Herr selbst!« »Ei behuete«, rief der Student, »es ist nicht moeglich! Aber sagen Sie mir doch: giebt es etwa noch einen Sekretaer Damm in Berlin?« Der gegenwaertige rieb seine duerren Haende und sagte: »Daß ich nicht wueßte –« »Alle Wetter«, hieß es drueben, »ein Sekretaer Damm soll es doch gewesen sein.« »So ist er's ja auch gewesen«, schrie die Wuethende von neuen. »Alter schuetzt vor Thorheit nicht. Ich kenne ihn.« Herr Damm fragte: »Mit wem habe ich denn die Ehre zu sprechen?« Lebrecht nannte seinen Namen. »Ah, der Herr Sohn von dem reichen Kaufmann« – Die Ehehaelfte schrie: »Von dem reichen? Da haben wir's! Er will die reiche Kaufmannstochter heirathen. Ist er so weit mit ihr, laeßt er sich scheiden.« Halblaut, und mit dem Finger auf seine Frau zeigend, sagte Herr Damm: »Ignorantissime pecus«, und setzte vor sich hinzu: »Ach haett' ich nicht geheirathet!« Lebrecht sagte: »Hie illunium tempus est. Vale, Domine!« Er ging nach Hause, wo er seine Schwester in einem Hinterstuebchen bei der Tuchniederlage fand. Sie schnitt sehr emsig Leinwand zu, fuenf Weiber saßen und naehten. Wie Lebrecht gekommen war, fuehrte sie ihn hinaus auf den Gang und sagte ihm dort: sie haette sich ueberzeugt, daß Mama der unseligen Waesche halber bis zum juengsten Gericht nicht wuerde zu beruhigen sein, es waere denn, man daechte auf ein ganz besonderes Mittel. Es sei ihr auch eins beigefallen. Kenne sie doch jene Waesche, sechs Oberhemden von Bielefelder Leinwand, sie haette ja mit daran naehen helfen. Mit Katharinen Alles berathend, waere sie darauf gefallen, schnell aehnliche Leinwand holen zu lassen, wozu sie das Geld aus ihrer Sparbuechse genommen, und zugleich sechs Naetherinnen. Mit diesen wolle sie nun die folgende Nacht hinduch sitzen, und Morgen frueh muesse ein halbes Dutzend anderer Oberhemden, genau gezeichnet wie die aelteren, fertig sein. Daß Niemand von den Eltern heute nach dem Hinterstuebchen kommen wuerde, glaube sie bestimmt, weil sie dort nichts zu thun und heute den Kopf viel zu sehr voll Wirrwar haetten. Im Nothfall wuerde Katharine aber ein Zeichen geben, und die Naetherinnen wuerden auf dem Boden versteckt. Luegen waren nun zwar suendlich, doch eine kleine, unter gewissen Umstaenden, in guter Absicht, vergaebe der Himmel wohl schon einmal. Und hier sei die Absicht, Mama zu beruhigen, ihr eine Freude zu machen, sie mit ihrem Sohn wieder auszusoehnen. Lebrecht muesse nun Morgen thun, als haette er sie bei der Frage nach seiner neuen Waesche mißverstanden, ein alter Koffer wuerde, wie von der Post, gebracht, die Oberhemden befaenden sich darin, und er gaebe vor: sie waeren ihm so lieb und werth gewesen, daß er sie bis jetzt noch nicht zum Gebrauch habe anruehren wollen. Doris fuegte hinzu: so wuerde man gewiß den Zorn der Mutter stillen, sie wuerde ihrerseits den Vater besaenftigen, und wo nicht gleich, wuerde sie, Doris, bei guter Gelegenheit die Sache mit den Baeren zu Halle in Anregung bringen. Denn vor der Hand sei damit noch nicht hineinzuplumpsen. Lebrecht umarmte sie, fuer die schwesterliche Liebe dankend. Es geschah nicht mit vielen, sondern nur mit den nehmlichen kurzen Worten, die Herr von Muenchhausen einst dem Himmel in den Mund legte. Er hatte nehmlich eine christlich barmherzige That veruebt. Da erscholl eine Stimme vom Himmel: Muenchhausen, das vergeß ich Dir, hol mich der Teufel, nicht. Und Lebrecht rief nun: »Doertchen, das vergeß ich Dir u. s. w.« Er kratzte jedoch seinen Kopf, als er den Wunsch aeußerte, ihr Gleiches mit Gleichem vergelten zu koennen. An seinem guten Willen, setzte er hinzu, haette es nicht gelegen, ihr dienstbar zu sein, den Erfolg koenne er indeß nicht loben. Und nun erzaehlte er halb lachend, halb aergerlich, was ihm eben mit Herrn Damm begegnet war, und endete mit den Worten: »Ich kann unmoeglich glauben, daß Du in den Philister aus Liliput vernarrt bist, die Liebe mueßte Dich denn rein blind gemacht haben. Das waere aber auch nicht unmoeglich. Exempla sunt odiosa, sonst wollte ich Dir manches von Personen erzaehlen, denen es um kein Haar besser ging.« Die Schwester ließ sich die Gestalt beschreiben, schuettelte den Kopf, schilderte eine ganz andere, haette aber auch weinen moegen, daß es dem Bruder nicht gelungen sei, die rechte zu treffen. Waehrenddem hatten sich ein kleiner duenner Mann und eine lange dicke Frau im Hause eingefunden und nach der Tochter vom Hause gefragt. Herr Goehl war hinausgegangen, um sich zu erkundigen, was man begehre, und hatte die Fremden ins Zimmer genoethigt. Der kleine Mann trug jetzt eine runde, vielgelockte Perruecke aus weißer Wolle. Die von Haaren kosteten viel, mußten auch mit theuerm Puder bestaeubt werden, den man bei jenen sparte. Wirthlichkeit hatte die, auch von Landpredigern mit schlechten Pfarren getragnen, Wollperruecken, ersonnen. Freilich wußte man ein halbes Jahrhundert spaeter noch wohlfeiler dazuzukommen, indem man das eigne Haar trug und es weder mehr frisirte noch puderte. Im Jahre 1750 wuerde man der Zeit aber mit solchem Aufzug unertraeglich vorangeeilt sein, wer darin erschienen ware, den haetten alle Gebildete sicherlich einen Ungebildeten, einen Bauer vom Dorf ohne alle Lebensart genannt. Was hieß endlich aber, das Haar unfrisirt, ungepudert und verschnitten tragen? Zum Gebrauch des sechszehnten Jahrhunderts zurueckkehren. Solche Ruecklaeufe ereignen sich nicht selten, und nicht allein bei unserer Kleidung, auch bei Religion und Philosophie, Auswahl der Regierungsformen, Poesie u.s.w. Die Kultur waehnt insgemein auf einem Flugroß zu sitzen und mit ihm der hoeheren Entwicklung unablaessig entgegenzueilen. Oft aber, und ihr unbewußt, verwandelt es sich in einen Krebs. Das heißt, wir gehen zu dem kleinen Mann zurueck. Seine weiße Halsbinde zierte vorn eine herabhaengende Krause, die spaeterhin auch einmal wieder ans Licht trat. Demnaechst trug er einen grauen Rock und eine weiß linnene, mit Blumen geschmueckte Weste. Graue Roecke und weiße gebluemte Westen sah man fünfzig Jahre nachher auch, die Schnitte waren nur ungemein verschieden. Jener enthielt viel Tuch, hatte nur eine Reihe von Knoepfen, große, niederhaengende Auffschlaege, und bildete vorn, den Leib meistens deckend, zwei grade hinablaufende Linien. Die Weste reichte ziemlich bis ans Knie und hatte maechtig große Blumen, als Gegensatz des spaeteren kurzen Gilets, mit kleinen Verzierungen. Das Beinkleid verlangte die alte Sitte kaum sehen zu lassen, und dreißig Jahre frueher hatte man gar nichts davon gewahrt. Je weiter die Moden fortrueckten, je mehr kam davon zum Vorschein, wobei die Frommen aber auch nicht wenig von Suende und arger Welt schrien, denen auch die Soldatenuniformen, die hier einige Ausnahme machten, ein Graeuel waren. Man muß den Liebhabern der neuen altdeutschen Kleidung, die unsere Tage auf- und auch wieder ziemlich abkommen sahen, billig nachruehmen, daß sie die Modestie der Voraeltern im Auge hielten. Jener kleine Mann war ueberhaupt i.J. 1750 nicht von der neuen Welt, sonst waere die Weste um etwas kuerzer gewesen, und er haette das Beinkleid unter dem Knie mit Schnallen befestigt gehabt, wodurch um so mehr davon sichtbar geworden waere. Statt dessen zog er die rothen, aus großen, am aeußersten Ende breiten Schuhen emporsteigenden Struempfe bis ueber das Knie, wo sie noch eine Wulst bildeten. Unter demselben nun lief, ihrer Befestigung willen, ein schwarzer Riemen. Man hat in spaeteren Zeiten wenigstens roethliche Struempfe gesehn. Noch trug der kleine Mann große Manschetten und ein langes spanisches Rohr, mit einem Quastenband und silbernen Knopf. Mit noch vergroeßerten Zierrathen sieht man letztern gegenwaertig nur in der Hand eines Regimentstambours. Das Huetchen war dreimal aufgeschlagen, mit Krempen gleicher Groeße, so daß seine Flaeche einen gleichseitigen Triangel bildete. Die Ehefrau wuerde mehr in der Mode erschienen sein, wenn sie es haette ausfuehren koennen. Eine Tellermuetze duenkte ihr nicht stattlich genug, sintemal ihr Gatte Koeniglicher Offiziant war; sollte sie ueberdem elegant, das hieß mit breiten goldnen oder silbernen Lahntressen verziert sein, kostete sie wohl zwanzig bis dreißig Thaler, was Herrn Damms Hufen auch nicht abwarfen. Sich aber das Haar in Locken frisiren und pudern zu lassen – in welchem Fall man es blos, mit Blumen oder Baendchen, mit Perlen, aechten oder unaechten, im äußersten Fall mit Juwelen verziert, trug – wuerde ihr auch zu theuer gewesen sein, daher bediente sie sich einer sogenannten Carcasse, die billig, allenfalls um sechs oder acht Groschen, zu haben, demungeachtet vornehmer als eine theure Tellermuetze war. Ehedem hatten sich die Carcassen (Kopfzeuge) mit Orgelpfeifen zur Hoehe gethuermt, und dann auch im hoeheren Preise gestanden, nun umgaben sie, eng anliegend, den Kopf und waren Oben in mehrere Falten oder Bauschen vertheilt. Sie konnten von feinem Flor, mit niederlaendischen Kanten besetzt, wohl ganz aus herrlichen Spitzen, aber auch aus Nesseltuch verfertigt sein. So war die hier in Rede stehende, sie ließ nur Oben etwas vom Haar sehn, ehrenhalber auch mit einigem Mehl beworfen. Bis sie einst wieder dahin zurueckkehrt, begreift die Nachwelt immer nicht, wie die Vorwelt solchen abgeschmackten Moden huldigen konnte. Aber laendlich, sittlich, zeitlich, sittlich. Die Tuerken begreifen nicht, wie es bei den Franken ueberhaupt Moden geben koenne, weil ihre alte fortbesteht. Und in jener Zeit, wo jedes christliche Haupt; das nicht zum niedrigsten Poebel gehoeren wollte, mit gepudertem Haar sich zeigen mußte, begriffen die Neger in Afrika, die Wilden in Amerika, deren ansichtig, keineswegs, warum sich diese Leutchen vor der Zeit scheinbar alt machten. Es ist aber zu glauben, daß einst alte Leutchen, die jung scheinen wollen, den Puder ausgesonnen haben. Denn, trug ihn die Jugend auch, unterschied sich das Alter nicht mehr. Doch weniger ist selbst fuer uns zu begreifen, aus welchem Grunde man dreißig bis vierzig Jahre spaeter rothen Puder allgemein ueblich sah, man haette ihn denn, einer mit solchen Haaren begabten vornehmen Person willen, in Paris erdacht. Von Ohrgehaengen und Halsgeschmeide sah man nichts an Frau Damm, ein Bernsteinschnuerchen ausgenommen. Noch trug sie Contousche und Rock von rothem Calmang, und eine Mantille, das heißt, ein Maentelchen, kaum bis zum Ellbogen reichend, von ziemlich verschossenem, blauen Taffet darueber. Es war ein Staatsstueck, vorlaengst angeschafft, Prinzessinnen, Graefinnen, kurz: reiche Damen, ließen es aber aus Silber- oder Goldgespinnst darstellen, wo sie nehmlich besonders glaenzen wollten. Die nicht Reiche hatte noch einen Muff von schwarzem Manchester vor dem Unterleib. Ohne weitere Betrachtungen ueber diese Gewande, erzaehlt man, was sich nun begab. Die Goehlschen Eheleute waren eben nicht stolz, fuehlten sich aber so, und was zu ihnen eintrat, maaßen sie mit einem kaufmaennisch pruefenden Blick. Die Angelangten konnten durch ihre Außenhuelle wenig Ehrfurcht einfloeßen, doch spannten ihr Betragen und ihre Worte Neugier und Aufmerksamkeit, beides aber nicht auf angenehme Weise, um so mehr in der schon verdrießlichen Stimmung empfunden. Herr Damm zuckte die Schultern hoch auf, und sagte, nachdem er sich namenkundig gegeben: »Pardonniren Sie, mein Herr Goehl, es war nicht so gemeint, daß wir Ihnen und der Frau Liebsten zur Last fallen wollten, wir haben nur ein Woertchen mit dem Juengferchen Toechterchen zu reden.« Noch von der alten Welt, hieß ihm eine Kaufmannstochter Jungfer, die Ehehaelfte wollte sich jedoch moderner ausdruecken, und bekraeftigte: »Mit der Mamsell Tochter!« Aber sie legte eine gewisse hoehnische Betonung auf die beiden letzten Worte, und sagte sie erhitzten Gemueths. Frau Goehl stemmte die Arme ein, und entgegnete: »Das werden ihre Eltern doch auch wissen koennen?« Kopfschuettelnd nahm Herr Goehl das Wort: »Ich sollt es meinen«, ging indeß zur Thuere, und rief hinaus: »Kathrine, Doerte soll herein kommen!« Sehr aengstlich hob der Sekretaer wieder an: »O mein Himmel, das sollte es nicht, wenn nur das liebe Juengferchen keinen Verdruß hat. Meinetwillen kann sie aber keinen haben, meinetwillen hat sie gewiß ein so reines Gewissen, als ich.« »Nun, nun«, kreischte seine Ehewirthin gedaempft, »wir werden es sehn!« Die Tochter vom Hause kam, sah die ihr ganz Unbekannten mit großen Augen an, mit einiger Bestuerzung aber sah sie auf die entruestet scheinenden Aeltern. Herr Damm hatte sich ziemend gebueckt und leitete nun die Frage ein: »Mein schoenes Juengferchen, koennen Sie – vielmehr, mein – mein –« Hier stockte er. Theils hatte er sich ueber die eigne Selbstvergessenheit entsetzt, theils ueber den zorngluehenden Blick, womit seine Gattin bereits ihn strafte. Denn schoen sollte er nichts außer ihr nennen, sie wollte allein es sein. Doris warf ihm auch keinen ganz zufriedenen Blick entgegen, was ihn um so verwirrter machte. Denn mochten die Jungfern auch in kleineren Staedten lange noch gelten, zu Berlin wollte im Jahre 1750 vom ledigen weiblichen Geschlecht darob erhaben sein, was frisirt und gepudert einherging. Die Urenkelin unserer Doris legte im neunzehnten Jahrhundert, ihr – um es der neuen Zeit gemaeß zu nennen – Mamselthum wieder ab, ohne indeß zur Jungfer zurueckzukehren, sie begehrte nun die Fraeuleinschaft. Doch sammelte das Maennchen die zerstreuten Gedanken, sprach nun aber noch mehr verworren. Klueger thoente zwar der Anfang: »Mein feines Juengferchen«, doch in keinem vortheilhaften Lichte erschien der Sprecher bei dem Zusatz: »Meine Frau hat so lange getobt, bis ich mit ihr hieher gegangen bin. Ach, haett ich nicht geheirathet! Das feine Juengferchen wird meine Unschuld mir nun selbst bezeugen, mein Engel! Wohlan, koennen Sie sagen, daß ich als Schaefer auf der Redute gewesen bin, dort mit Ihnen getanzt habe? Was? Sprechen Sie aufrichtig!« Doris ruempfte das Naeschen, sah mit Hohn auf den Duerrbeinigen und antwortete: »Ich habe Sie niemals gesehn, viel weniger mit Ihnen getanzt.« »Hoerst Du, mein Engel, hoerst Du?« Frau Damm hatte wohl gehoert, sich aber keineswegs ueberzeugt. Ohne Ruhe war sie gekommen, der Anblick ihrer vermeintlichen Feindin machte sie noch unruhiger. Ihr schien Doris auch verlegen. Sie war es in der That. Die aufmerkenden Eltern, der angeregte Schaefer aus dem vorigen Winter, konnten es schon dahin bringen. Frau Damm warf nun die Nase, und warf die Worte hin: »Das Mamsellchen wird ihn wohl nicht verrathen, mueßte sich ja wohl schaemen. Die Frage war auch schon darnach eingerichtet, daß sie wußte, was sie antworten sollte.« Dies klang gewaltig unzart, mußte Tochter und Eltern empoeren. »Frau Secretariussen«, hob die Mutter an. Die Gemeinte unterbrach sie aber: »Mein Mann ist Kammer-Secretarius.« »Gut«, hieß es drueben, »Frau Kammer-Sekretariussen, Sie fuehren sich hier ganz kurios auf. Doertchen ist vorigen Winter ein Einzigesmal auf der Redute gewesen, oefter nicht, und das war auch genug, und es wuerde gar nichts daraus geworden sein, wenn sie mich nicht so viel gequaelt haette. Mitmachen will das junge Volk nun einmal, aergert sich, wenn Andere sagen, ich bin da gewesen, und es kann nicht davon mitreden. So giebt man denn wohl einmal nach. Ich bin aber mit ihr da gewesen, Frau Kammer-Secretariussen, ich, und habe kein Auge von ihr verwandt, ausgenommen einen Augenblick, wie der Kuerbissen schlimm wurde, aber da hat sie nicht getanzt. Vorher hat sie mit einer Schaefermaske getanzt, das ist wahr, lieber Himmel, was soll eine Mutter da thun, wenn sie mit der Tochter einmal auf der Redute ist? Der Tochter einmal ein Vergnuegen goennen, und sie dabei mit keinem Auge verlassen, weiter kann sie nichts, und dies habe ich gethan. Wenn Sie aber denken, Ihr Herr Liebster war die Schaefermaske gewesen, da irren Sie sich! Es war ein junger Mensch, und nicht der Herr Liebste, ein langer Mensch, und nicht der Herr Liebste, ein huebscher Mensch, und nicht der Herr Liebste.« Herr Damm rief, obschon etwas verdrießlich: »So hoerst Du es auch, mein Engel!« Frau Damm hatte aber die Bisse empfunden, welche aus den Gegensaetzen auf sie gezielt, und weil sie das Spruechwort oft im Munde fuehrte: Ich dachte, was mich bisse, fand es jetzt eine passende Anwendung. Den Kopf mit einigem Ingrimm werfend, rief sie: »Seht nur, ich dachte, was mich bisse! Wenn mein Mann nur huebsch genug fuer mich ist, fuer Andere braucht er nicht huebsch zu sein, und fuer die Mamsell da nun gar nicht!« Sehr billig schlug Frau Goehl ein helles Lachen auf, und Doris wuerde nicht ermangelt haben, mehr als beizupflichten, wenn es im Punkt des Gewissens anders gestanden haette. Herr Damm schlug ruehmlich aber den Weg der Vernunft ein. »Komm«, sagte er, »liebster Schatz, Du bist nun beruhigt. Es thut mir ohnehin leid, daß wir hiesigen Orts laestig geworden sind, nun wollen wir uns ganz ergebenst empfehlen.« Vernunft und Eifersucht sind aber nichts weniger als gute Freundinnen, und letztere flieht nichts hartnaeckiger als Ueberzeugung. Sie zieht einmal Pein der Gemuethsruhe vor. Darum hatte sich Jener auch in seiner Voraussehung geirrt, die Ehehaelfte fing noch von dem an, was er mit Stillschweigen uebergangen sehn wollte, damit nicht der Hausfriede hier eine Stoerung litt. »Wenn nun mein Mann«, sagte sie, »auch nicht auf der Redute gewesen ist – ich lasse ihn auch nicht bei Nachtzeit aus dem Hause bleiben, es koennte aber auch sein, daß er, waehrend ich geschlafen haette, weggeschlichen waere, und ich kenne ihn, viel Gutes ist ihm nicht zuzutraun – wenn er aber auch nicht auf der Redute gewesen ist, so wird er's doch sein, den sich das Mamsellchen Abends ans Fenster bestellt hat.« Frau Goehl schlug die Haende ueber dem Kopf zusammen, ihr Mann, sich gern nach ihr richtend, that es auch, Beide wurden bleich ueber diese Worte, Doris aber hochroth. Es konnte wohl nicht anders sein, wie wenig die Arme auch den ihr gemachten Vorwurf verdiente. Den Farbenwechsel gewahrend, schrie nun jene Argwoehnende um so zorniger: »Ach, das Mamsellchen wird roth! Pfui, schaemen Sie sich, einer ehrlichen Frau den Mann abspenstig machen zu wollen!« Nichts als Dolchstiche fuehlte man drueben, blieb aber noch starr und stumm. Dem Maennchen hingegen traten dicke Schweißtropfen an die Stirn, es rang die Haendchen und rief: »Nein, solche Weiberzunge! Alles muß hinueber springen, und wenn das groeßte Unglueck daraus entstaende. Ich wollte nun so gern vom Fenster schweigen, um nicht dem Juengferchen Verdruß zuzuziehn, aber meine Frau schweigt nicht und mueßte die Welt untergehn. Was bin ich fuer ein geschlagener Mann, daß ich solche boese Frau habe! Ach, haett ich nicht geheirathet!« Welche boese Frau wußte noch, daß sie es sei? Doch vom Mann beim rechten Namen genannt, giebt ihm ihre Form des Bestreitens ein vollgeruetteltes und geschuetteltes Maaß von Recht. Das erfuhr nun auch Herr Damm, und neben anderen Schimpfworten wurden »Suender« und »Ehebrecher« am haeufigsten wiederholt. Der ungeduldige Kaufmann fragte: Ob es Manier sei, zu anstaendigen Leuten zu kommen und sich bei ihnen so ungeschliffen zu betragen? Frau Damm that wohl, auf eine Frage zu schweigen, die sich nicht gut beantworten ließ, mit dem vollsten Ausdruck der Unschuld rief jedoch ihr Mann: »Sie haben recht, Herr Goehl, es ist keine Manier, bin ich aber schuld? Ich bitte Sie um Gotteswillen«, sagte er dann zu Doris, »erklaeren Sie nur noch, daß ich so wenig in der Nacht zu Ihnen gekommen bin, als –« Seine Ehegenossin fiel hier ein: »Wird denn nicht wahr sein, was das Mamsellchen, das zuechtige, tugendhafte, doch selbst gesagt hat? Sie hat es zu ihrem Bruder gesagt, und der uns –« Nun stuermte Lebrecht herein. Er hatte einen Laerm vernommen, das Ohr erst ein wenig an die Thuere gelegt und zu seinem groeßten Unwillen hoeren muessen, was hier abgehandelt ward. »Das Wetter soll ja drein schlagen«, wuethete er, »hab ich Euch darum was gesagt, daß Ihr es nachplaudern solltet und gar meiner Schwester solchen Verdruß bei den Eltern machen? Aber nein, ich habe nichts gesagt, es sind verdammte Luegen! Warte Er, Monsieur, ich werde ihn hinausbringen.« Nun faßte er den kleinen Damm und warf ihn mit ungemeiner Leichtigkeit zur Thuere hinaus. »Madame«, rief er seiner Gattin zu, »ich hoffe, Sie werden ohne meinen Beistand folgen.« Ohne zu saeumen, that sie es auch. Frau Goehl hatte bis diesen Augenblick noch keine Worte gefunden, hingegen das Erroethen ihrer Tochter wohl bemerkt. Es schien etwas an der Sache zu sein und selbst Lebrechts uebereilte Rede die Vermuthung zu bestaetigen. Frau Goehl hielt auf Ruf, Ehre, Froemmigkeit, wie mußte sie also empoeren, was ihr zu Ohren gekommen war. Es schien allerdings nicht glaubwuerdig, ihre Tochter wuerde mit dem hagern Sekretaer einen Liebeshandel angesponnen haben, dennoch klangen die letzten festen Behauptungen der Frau seltsam genug. Man hatte indeß auch eines Schaefers in der Redute erwaehnt, dem wirklich dort erblickten hatte Frau Goehl keineswegs getraut, ihr schien hier dunkel ein Zusammenhang zu ahnen. Kaum hatten die fremden Personen das Gemach verlassen, als die Mutter nun auch im hoechsten Zorn auf Doris einging und ihr ein augenblickliches Eingestehen der Wahrheit auflegte. Vielleicht haette die Tochter ein Ablaeugnen versucht, was ihr auch des Studenten letzte Worte als das Beste angedeutet hatten, doch war sie zu bestuerzt. »Ich rufe den Himmel zum Zeugen, daß ich Niemanden bestellt habe. Gesprochen habe ich mit – mit dem Herrn von der Redute, aber nicht mit dem abscheulichen Menschen da!« Ihr war leichter, trotz dem schwer gewordenen Gestaendniß. »So? Also mit dem Herrn? Und wie ging es zu, daß er zu Dir ans Fenster kam?« »Das weiß ich nicht, ich kam ja selbst nur so ans Fenster, daß ich nicht wußte, wie.« »Luegen! Ich will die volle Wahrheit hoeren!« »Es ist die Wahrheit. Er hatte mir geschrieben, ich sollte vor die Thuere kommen, aber ich that es absolut nicht!« »Geschrieben? Ich falle in Ohnmacht! Du ... nimmst Briefe von Mannsleuten an, gar von jungen? Willst Du eine, ich mag nicht sagen, was, werden?« Herr Goehl rief: »Siehst Du, mein Verstand steht mir still!« Seine Gattin fragte: »Wo sind die Briefe?« Die bitterlich weinende Tochter seufzte: »Es ist nur einer gewesen: Da!« Sie hatte ihn wohl verwahrt, zog ihn aus dem Busen. Die Mutter gab ihn ihrem Manne hin. »Da, lies, ich kann wohl Gedrucktes lesen, aber Geschriebnes nicht gut.« Dieser waffnete sich mit einer Brille, und eilte, den Inhalt vorzutragen. Frau Goehl kreuzigte und segnete sich. »Wie ich noch ein Maedchen war«, schrie sie, »haette ich geglaubt, die Erde mueßte sich aufthun und mich verschlingen, ließ ich mich mit einer Mannsperson in Tegel sehn, und Feuer mueßte vom Himmel fallen, fuehr ich mit einer nach dem Grunewald! ... bekenne, wie oft bist Du mit ihm da gewesen!« Doris schwur Stein und Bein auf ein Nie, und konnte es. Doch fand sie keinen Glauben, die Mutter holte eine Elle, hier zum mehrfachen Gebrauch bestimmt, schwang sie ueber Doris' Haupt, und gebot ihr abermal, die Wahrheit einzugestehn. Das arme Maedchen warf sich auf die Knie, hob bittend die Haende empor und erneute jene Versicherung. Schon sollte das messende Werkzeug hart niederfallen, als Herr Goehl weich hineingriff. Im fuerbittenden Ton sagte er: »Der Brief ist vom Ersten, Heute schreiben wir den Dritten, Vorgestern, Gestern und Heute ist Doertchen immer um uns gewesen, des Nachts hat sie in Deiner Stube geschlafen.« »So muß sie dafür was haben, daß sie den Brief genommen hat, und mir nichts gesagt, o braun und blau« – Der Gatte entwand ihr die Elle sanft. »Willst Du sie hergeben«, schrie Jene, »ich binde mir eine Ruthe, wie mein Arm dick, solche gottlose Kreatur« – »Sie ist doch auch kein Kind mehr«, fiel Herr Goehl ein, »und wenigstens strafe nicht in der Hitze. Bei kaltem Blut erst, denn umsonst kann sie es freilich nicht verlangen.« »Ich weiß schon«, hieß es drueben wieder, »was ich thue. Ins Kaminloch werde ich sie sperren, aber vierundzwanzig Stunden, und keinen Bissen zu essen, keinen Tropfen zu trinken. Und Morgen, wenn sie heraus koemmt, will ich ihr noch erst das Geschenk mit der Elle geben.« Doris hatte sich danach zu achten. Sie sprang auf, eh sie noch sich ungestuem zur Hoehe gerissen sah, und eilte nach dem Hausflur, wo sich das sogenannte Kaminloch – von wo eigentlich die Oefen geheizt wurden – befand. Manche unsanfte Faustberuehrung an der so zarten Haut des schoenen Rueckens gab es demungeachtet von der folgenden Mutter, und ein Kniestoß, von hinterwaerts auf die Mitte der holden Gestalt angebracht, foerderte sie um so schneller in die geoeffnete Thuere. Die Flucht, oder ein Zustecken von Lebensmitteln zu vereiteln, rief Jene den Hausknecht, der ein tuechtiges Vorhaengeschloß holen mußte. Wie es sorgsam in die Krampe gefuegt war, entfernte sich die Mutter, und verwahrte den Schlüssel in ihrer mit Leder gefuetterten, an der rechten Seite ihr haengenden, Tasche. Da drinnen saß nun die Arme nicht, sie stand, und noch dazu beklommen genug. Dichte Finsterniß umgab sie, von einem strengen, harzigen Geruch ward sie belaestigt. Schonung der Kleidungsstuecke empfahl ihr die Mutter oft, hier konnte es aber nicht fehlen, daß ihr netter Anzug von gelblichem Kattun stark mit Ruß gefaerbt wurde. Es ging den weißen feinen Haenden eben so, weil sie die Waende verschiedentlich beruehrten. Und weil sie die reichlich fließenden Thraenen dann wieder vom Gesicht tilgten, leuchtet auch ein, was den Lilien und Rosen dort begegnen mußte. Anfangs war Doris auf den Bruder heftig erzuernt, sah indeß bald auch ein, daß er mit seinem Willen sie gewiß nicht ins Unglueck gebracht, vielmehr in guter Meinung fuer sie hatte handeln wollen. Dennoch hatte sie nun den Zorn der Eltern so aufgeladen, mußte in dem engen, so unbequemen Gefaengniß hausen. Nach einiger Zeit fiel ihr jedoch bei, daß sie fuer den holden Schaefer hier schmachte, und ja eigentlich seit dem Redutenabend fuer ihn bereits geschmachtet haette. Ihre Thraenen versiegten, ihr Muth wachte auf. Seinetwillen einmal hungern und duersten, eine Nacht stehend zubringen, koenne so laestig nicht sein, wuerde sogar ein sueßes Nebengefuehl mit sich bringen, dachte sie. Erst hatte sie mit der Hoffnung sich geschmeichelt, des Vaters Fuerbitte werde sie wohl am Abend noch aus ihrem Kerker befreien, nun wuenschte sie es kaum noch, weil ihr um den Geliebten dulden ein Verdienst um den Geliebten erwerben schien. Am meisten hatte sie bis jetzt die Strafe gefuerchtet, die nach ihrer Erloesung ihr noch mit der Elle zugemessen werden sollte, denn ihre Haut war eben so empfindlich als ihr Ehrgefuehl vor dem Gesinde. Nun meinte sie hingegen, der Gedanke an den Schaefer wuerde ihr auch das, selbst Schlimmeres noch, standhaft tragen helfen. Solche Kraft giebt die Liebe. Katharine, die ein wenig gelauscht hatte, kam an die Thuere geschlichen und fluesterte durch den kleinen, oben befindlichen, Zwischenraum. Sie nahm auch wahr, daß er, wenn man die Thuere zurueckbog, sich hinlaenglich oeffnete, um dies und das hindurch zu stecken. Die Gefangne zu troesten, versprach sie ihr, duenne Scheiben Brot und Speck schneiden und in der Daemmerung durch die Ritze ihr einhaendigen zu wollen. Doris entgegnete, sie waere keine Liebhaberin von Speck, empfinde auch eben nicht Hunger, doch etwas Durst, in diesem Betracht wuerden aber wohl keine Anstalten zu treffen sein. Jene bedauerte, nicht einen Schornsteinfeger zum Geliebten zu haben, der Rath zu schaffen im Stande sei, doch wolle sie nachsinnen, Erkundigung einziehen, vielleicht waere eine Bekannte in solcher Lage. »Warum nicht gar«, sagte die Eingesperrte, »wie koennte ich in der Leute Mund kommen, wenn es hieß, ein Schornsteinfeger waere bei mir im Kamin gewesen. Habe keine Sorge um mich, mache nur, daß die Frauen tuechtig an Lebrechts Waesche naehen, ich will mich fromm in mein Schicksal finden.« Katharine hatte aber noch einen guten Einfall. Sie wolle einen kleinen Trichter nehmen, ihn unterwaerts durch den Zwischenraum pressen. »Sie nehmen ihn Unten ins Maul«, fuegte sie hinzu, »ich gieße Oben. Was wollen Sie? Bier oder Milch?« Doris entschied fuer die Milch und bewies auch hier den Sinn einer Schaeferin. Im Wohnzimmer ging es aber von neuen ungestuem zu. Doris hatte, indem sie das Liebesbriefchen hervorgezogen, auch unversehens das ihr von Lebrecht gegebne Papier, an demselben Ort verborgen, mit ergriffen. Ihr unbewußt, fiel es auf die Erde, wurde anfangs nicht gesehn, doch spaeterhin nahm es der Vater auf. Er las, rang die Haende, und machte der zurueckkommenden Gattin den niederschlagenden Inhalt bekannt. O welch ein Doppeljammer ueber ein so ungerathenes Kinderpaar! »Siehst Du, der Junge ruinirt uns noch ganz«, wimmerte Herr Goehl, »an den Bettelstab kommen wir durch ihn!« »Freilich! Wer sich aus solchen feinen Oberhemden, wie meine letzten, nichts macht, was wird der noch schonen!« »Bis er als Doktor praktiziren darf und selbst was verdienen kann, was wird er bis dahin noch kosten! Zuerst muessen wir ihn vom Kopf bis zu den Fueßen neu kleiden. Ordentlich muß er doch aussehn. Mit dem gruenen, luftigen Studentenrock, der ledernen Weste, den Stiefeln, worin er wie ein Kutscher aussieht, kann er sich doch vor keinem vernuenftigen Menschen in Berlin zeigen.« »Haette er noch eins von meinen feinen Oberhemden, ging es allenfalls, so aber nicht!« »Er muß eine huebsche Perruecke haben, einen rothen Rock, einen Hut mit einer Tresse, wenn auch nicht allzu breit.« »Andre feine Waesche kriegt er von mir nun und nimmermehr.« »Aber siehst Du, einem Doktor, der kein Ansehn hat, bescheert der Himmel auch wenig Kranke, vornehme gar nicht, die gut bezahlen. Und so lange es nichts zu thun giebt, wird er Schulden machen, das hat er in Halle gelernt. Soll man sie bezahlen, ruinirt man sich.« »Keinen Heller, weil er meine feinen Oberhemden verbracht hat.« »Thut man es nicht, verklagen sie ihn, lassen ihn wohl setzen.« »Recht, das haette er an der Waesche verdient!« Das Gespraech drehte sich noch einige Zeit um den Sohn, ohne den Zorn der Mutter zu besaenftigen. Es wurde endlich festgestellt, daß man die noch auf der Universitaet vorhandnen Schulden durchaus nicht tilgen wolle, Lebrecht, hieß es, koenne sehn, wie er sie einst vom Gewinn durch seinen Beruf nach und nach abtruege. Einen schicklichen Anzug, weil es unumgaenglich noethig sei, wolle man ihm zwar bestellen, doch ebenfalls auf seine dereinst zu ordnende Rechnung. Essen, Trinken und Wohnung solle er vor der Hand genießen, durchaus aber ohne alles Taschengeld bleiben, so waere er nicht in den Stand gesetzt, Ausschweifungen zu vollziehn. Borgte er gleichwohl auf, solle die unausbleibliche Folge sein, daß er in den Zeitungen fuer einen Verschwender erklaert und maenniglich gewarnt wuerde, mit ihm in Geldbeziehungen zu treten. Im schlimmsten Fall sollte Lebrecht aus Berlin, bei obigen Maaßregeln aber, und wenn man zugleich Besserung verspuere, ihm der hiesige Aufenthalt gestattet sein. Nach dieser Abhandlung kam man auf Doris zurueck und klagte zunaechst die heutige arge Welt an, in der es schon dahin gekommen sei, daß sich Maedchen unterfingen, Briefe anzunehmen, und nicht einmal von alten Mannspersonen, sogar von jungen. Wie man der nun die vom boesen Feind ihr eingegebnen suendigen Gedanken aus den Kopf bringen solle, hieß die Frage. Einiges, meinte Frau Goehl, wuerde immer das Kaminloch thun, auch der Willkommen, dem Maedchen beim Heraustreten aus dem finstern Aufenthalt ertheilt, doch nicht Alles. Das junge Volk sei heut zu Tage leichtsinnig, vergaeße eine wohlverdiente Zuechtigung auch bald. Der Gatte rieth, den zweiten Prediger des Kirchsprengels, der Beichtvater des Goehlschen Hauses war, zu bitten, daß er mit einer tuechtigen Strafpredigt der Tochter das Gewissen schaerfe. Diesen Rath fand die Mutter nicht uebel, und setzte hinzu: von nun an muesse ihr das Fenster verboten werden. Dagegen wandte Herr Goehl nichts ein. »Wenn nur«, fuhr die Rednerin fort, und mit Bangigkeit, »Herr Sueßmilch nichts von dem ruchlosen Briefe und der Suende, die Doerte am Fenster begangen hat, erfaehrt! Die ganze Heirath koennte sich darueber zerschlagen.« »Das ist wahr, ganz Berlin wiese mit Fingern auf sie. Aber Sueßmilch wohnt weit von uns, wer wird es ihm denn sagen. Immer waer es bei dem Allen gut, wenn man sich mit der Heirath sputete. Erfaehrt es der Mann nachher – wie so was Diesem und Jenem wohl schon begegnet sein mag –, nun so muß er schon ehrenhalber schweigen, kann sich auch – nur so zu sagen – selbst an die Nase greifen. Die Maenner sind heutigen Tags vor der Hochzeit auch keine Engel mehr.« »Ich hoffe doch nicht, daß Du vor der Hochzeit eine Suende wirst begangen haben.« »Hm – nun wie ich jung war, hatten wir auch andere Zeiten, da machte man die Jugend noch nicht so klug wie jetzt. Aber Monsieur Sueßmilch – der sah mir schon fluechtig genug aus, eh er nach Paris gegangen war, und in Paris lernen die jungen Leute auch nicht viel Gutes.« »Daß sie doch in Berlin, wenn ihnen der Himmel ein Paar Thaelerchen Vermoegen bescheert hat, die Soehne immer nach Paris schicken muessen! Wie wuerd ich denn noch Geld ausgeben, daß mein Kind nicht viel Gutes lernte. Freilich kostet unser Lebrecht auch Geld genug und hat in Halle nicht viel Gutes gelernt, man siehts an den Oberhemden.« »Sueßmilch hat seine Ursachen. Siehst Du, er hat eine Seidenfabrik, moechte gern alle Seidenwaaren bei Hofe liefern, und wer nicht franzoesisch parliren kann und Lebensart – so nach franzoesischer Art – hat, koemmt nicht fort, wenn er mit Hofdamen, Hofkavalieren und so was reden soll. Denn die thun, als wenn sie kein Wort Deutsch verstuenden, wenn sie auch in Berlin geboren sind. Im Grunde verdrießt es mich nun, daß wir der Doerte keinen franzoesischen Lehrer gehalten haben.« »Wir haetten sie wohl gar auch nach Paris schicken sollen! Sie hat in Berlin schon gelernt, was nicht taugt.« »Siehst Du, Sueßmilch will seinen Sohn als Compagnon annehmen, wenn er zurueckgekommen ist, und der soll denn sehn, wie er bei Hofe Geschaefte macht. Gluecken kann es ihm immer, denn heißt es, er ist in Paris gewesen, ist damit schon viel gethan. Und wie der Hof von ihm die Seidenwaaren nimmt, reißt sich auch die ganze Stadt darum.« »Wie lange ist denn der junge Sueßmilch nun in Paris gewesen?« »Zwei Jahre. Gekostet hat er dem Alten auch was. Er klagte mir's neulich.« »So gehts andern Eltern doch auch wie uns. Nur glaub ich nicht, daß der junge Sueßmilch auch seine feine Waesche wird verkauft haben, dazu hielt er zu viel auf seinen Leib, eh er noch weggereist war. Ich freute mich, wenn ich ihn sah. Immer wie aus dem Ei geschaelt. Lebrecht ist niemals so gewesen. Ob der Rock am Ellbogen entzwei war, ob er Dinte an den Fingern hatte oder nicht, das war ihm egal, wie er noch auf die Werdersche Schule ging. Darum hat er auch nicht in Acht genommen, was ich ihm von Bielefelder Leinwand –« »Das muß man Doertchen lassen, so war sie von Kindesbeinen an nicht. Auch nicht ein Fleckchen mochte sie an ihrem Anzug leiden.« »Wollte ein Maedchen nicht auf Reinlichkeit halten, waer's auch zu arg.« »Und wenn man ihr etwas Neues machen ließ, sie zum erstenmal sich damit putzen konnte, das war eine Freude, schon als Kind!« »Oho, da steckte schon der eitle Hochmuth auf das bischen Larve in ihr. Den haette man ihr gleich mehr austreiben sollen, mit einer huebsch eingeweichten Ruthe. Ich sage so: Heut zu Tage putzen sich die Maedchen nicht nur zuviel und machen sich dadurch huebscher als sie von Gott und Rechtswegen sein sollten, sie werden auch so noch huebscher, wie vor diesen. Jetzt heißt es immer, sie sollen grade gehn, allen Leuten frei unter die Augen sehn, freundlich sein, dazu koemmt noch, daß sie sich vor dem Rauch in der Kueche hueten, nichts Hartes anfassen wollen, nicht ohne Handschuh in die Kaelte moegen. Vor diesen mußten sie krumm gehn, mit dem Kopf wenigstens, und die Augen niederschlagen, ausgenommen, wenn sie nach dem Prediger auf der Kanzel sahn, mußten immer muerrisch sein, zumal vor Mannsleuten, nichts wie Ja und Nein antworten, und dann fleißig in die Kirche, an den Brunnen. Da konnten sie sich nun nicht so grade auswachsen, und wenn sie auch huebsche Augen hatten, sahn es die jungen Mannsleute nicht. Auch das freundliche Wesen, was die so anlockt, gewoehnten sich die Maedchen nicht an. Sie hatten keine feine Haut im Gesicht, die Haende waren sproede, hart, wohl hier und da aufgesprungen. Aber dazumal kam auch der nicht, von dem geschrieben steht: er geht umher wie ein bruellender Loewe und sucht, welchen er verschlinge.« »Du hast recht, mein Kind, vor diesen waren die Frauenzimmer nicht so huebsch wie jetzt. Wenn ich noch bedenke, wie ich Dich heirathete – und es koemmt mir vor, als wenn sie von Jahr zu Jahr huebscher wuerden. Vorigen Sonntag, unter den Linden« – »Ich sehe nicht ein, was Du just danach zu sehn hast, mein Kind! Doch wieder auf meine vorige Rede zu kommen, sage nur: was hat ein Maedchen davon, den Mannsleuten zu gefallen? Gefahr fuer die Ehre, Gefahr fuer die arme Seele. Ein guter Braeutigam sieht nicht aufs glatte Gesicht, er sieht auf die Tuechtigkeit, und die Frau muß dem Mann nur gefallen, sonst keinem Menschen. Und bei Leuten, welchen der Himmel ein Paar Thaelerchen bescheert hat, braucht kein Maedchen erst auf einen Braeutigam zu warten. Die Eltern suchen ihn schon aus und sehn auch besser, was sich zusammen paßt, wie ein Gruenschnabel und ein Gaenschen. Ob der junge Sueßmilch denn bald kommen mag?« »Sein Vater erwartet ihn jeden Tag.« Ueber diese Unterhaltung war der Abend herbeigeschlichen, Katharine brachte die angezuendete Lampe und ging wieder hinaus. Herr Goehl fragte: »Was haben wir auf den Abend, mein Kind?« »Ueber den Wunder und Aerger habe ich noch nichts bestellt. Kathrine soll eine Biersuppe kochen, oder willst Du lieber Milchgruetze?« »Es ist mir gleich. Wo bleibt der Junge aber, das saubre Fruechtchen? Er laeßt sich gar nicht wieder sehn.« »Er schaemt sich, hat kein gut Gewissen. Der Oberhemdenverbringer! Am besten thaete er auch, wenn er mir in meinem Leben nicht mehr vor Augen kaeme. Meine Liebe hat er weg. Hab ich ihm Alles vergeben, das nimmermehr, denn – herein!« Es hatte gepocht, und nun trat herein der Cantor Schmidt, seine Ehehaelfte am Arm. Jener verbeugte sich tief und devot. Diese laechelte sehr freundlich bei ihrem steifen Knix, waehrend ihr Mann von befohlen haben und ganz gehorsamst aufwarten etwas anhob. Es war nicht recht zu verstehn, in sofern die Wirthin vom Hause bei der Fremden Eintritt gleich aufgesprungen, und ihnen mit den Worten: Ei, guten Abend, wie koemmt man noch zu der Ehre, je spaeter in der Nacht, je schoenre Leute, entgegen gegangen war. Ploetzlich schwieg sie aber auch, schlug sich vor den Mund, an den Kopf, faßte sich wieder, noethigte die Frau Cantorn, das Maentelchen und den Pelzkragen – damal schon einmal ueblich – zu entfernen und Platz zu nehmen. Herr Goehl stand auch auf, entbloeßte das Haupt von seinem Muetzchen, reichte dem Cantor die Hand, und rief: »Sehr angenehm, sehr angenehm, bitte so gefaellig zu sein, Hut und Stock abzulegen.« Waehrend es geschah und die Cantorin bereits saß, kam Frau Goehl zum Mann geeilt und fluesterte ihm schnell ins Ohr: »Ach, mein Himmel, bin ich nicht recht dumm?« Schnell beantwortete er auch die Frage: »Ja, mein Kind«, und fuhr fort: »siehst Du, wenn man so konfus ist. Nun ist keine Anstalt gemacht, es wird aber wohl noch gehn, spute Dich, und laß nur gleich die Lampe wegnehmen, zwei Lichter auf den Tisch!« Frau Goehl eilte in die Kueche; rief: »Kathrine, Kathrine«, blieb jedoch ohne Antwort. Sie eilte in den Hof, wiederholte den Ruf, da toente ihr ein »Gleich« entgegen, und das Maedchen, so lange bei den Naetherinnen, kam geschwind. »Ach Gott, Kathrine«, wimmerte nun die Herrin, »stelle Dir einmal vor, was ich fuer Zeug gemacht habe! Dem Sohn zu Ehren, den Abend, wenn er gekommen sein wuerde, und er hatte ja geschrieben, daß er Heute mit der Post kaeme – kurzum, ich wollte ihm zu Ehren – der Luederjahn, der mir die feinen Oberhemden verbracht hat, verdient es nicht – den Abend eine Gesellschaft hier haben. Und vorgestern ließ ich Herrn Sueßmilch bitten, und die Frau Muhme Kuerbiß, mit Renatchen, auch den Cantor Schmidt und seine Frau. Du solltest zwei Karpfen holen und Kohl zum Salat, und einen Schmoorbraten, und Aepfel zu Muß, ich koennte auch die eingemachten Pflaumen dazu geben, die noch im Hafen sind, und das haette auch Alles geschehn koennen. Ueber den Aerger aber, daß mein Sohn so luederlich geworden ist, nicht einmal die feine Waesche mehr hat, der infame Schlingel, und noch ueber einen zweiten, hatte ichs vergessen, so dumm war ich! Nun ist der Cantor schon mit seiner Frau da, die Andern werden auch kommen, haben es zusagen lassen, und –« Katharine fiel der Haenderingenden ins Wort: »Und nun haben Sie nichts zu essen.« »Freilich! Ist das nicht schlimm, Kathrine?« »Ja wohl, recht schlimm!« »Was faengt man nun an?« »Wenn ich Alles weiß, das weiß ich nicht!« »Ich auch nicht!« »Wir wollen geschwind eine Biersuppe kochen und einen Eierkuchen backen.« »Das ginge wohl bei dem Cantor, aber jetzt nicht.« »Ein rechtes Unglueck!« »Auch eben gar nichts im Hause. Es macht das Fruehjahr. Im Winter hatten wir das schoene Poekelfleisch.« »Ja, wenn das noch da waere!« »Und die herrliche Wurst!« »Die ist alle!« »Bald haett ich mich versuendigt, und haette gesagt: ich habe noch ein groß Stueck Fleisch, es ist aber nicht zu braten.« »Darueber moechte sich ja ein Stein erbarmen!« »Aber was hilft es, man muß sich helfen, wie man kann, ich weiß nun aber doch nicht zu helfen.« »Eier haben wir ja, die giebts zum Ostern. Eine Schuessel voll harte gekocht, ich will sehn, ob nebenan im Keller Rabunzeln zu haben sind –« »Das geht nicht!« »Wir koennen auch Ruehrei mit Speck machen.« »Das ginge wohl einen andern Tag, aber heute nicht. Weißt Du was, Kathrine? Warten muessen sie schon, bis sie zu essen kriegen, laufe noch hin, und hole zwei Karpfen! Da ist Geld!« »Wenn nur so spaet noch eine Fischerfrau sitzen wird.« »Ich denke ja wohl, mit dem Schmoorfleisch geht es nicht mehr, das wuerde nach Mitternacht erst fertig, also bringe drei Bratwuerste, zwei Kohlkoepfe, fuer zwei Groschen Provenzeroehl und fuer einen Sechser Essig, zwei kleine Zerbster Kaese, das Stueck zu vier Pfennige, bringe auch noch, Butter haben wir ja. Laufe Kathrinchen, als wenn Dir der Kopf brennte!« Katharine lief gern, und eigentlich brannte ihr der Kopf auch, wie es die rothe Hitze an Stirn und Wangen bewies. Denn seit Doris ihr Unheil erfahren hatte, fuerchtete Katharine eine naehere Untersuchung jenes Briefes willen. Sie hatte ihn vom Boten genommen und der Tochter vom Hause eingehaendigt. Daß man es nicht gut heißen wuerde, konnte sie voraussehn. Frau Goehl nahm aber zwei zinnerne Leuchter, steckte zwei Lichte darauf und trug sie mit eignen Haenden ins Wohngemach. Sie verließ es aber, die Lampe mitnehmend, sogleich wieder und befahl dem Hausknecht Martin, in der Putzstube den langen Tisch zu decken. Das Weißzeug mußte sie dazu aus der großen schwarzen Commode hergeben, das Zinn fand er auf dem breiten Kuechenspinde. Mit heimlichem Murren ging er an die Arbeit, weil er meinte, sie zieme eigentlich der Kathrine und nicht ihm. Auch warf er im Unmuth das schuldlose Zinn tuechtig zusammen. Es ist der Ort, zu bemerken, daß in jener Zeit jenes Metall bei den Mittelstaenden, die sich nicht bis zu Porzellan und Silber bei Schuesseln und Tellern verstiegen, eine wichtige Rolle spielte. Tafelgeschirr, Leuchter, wozu auch die Kronen- und Wandleuchter in Saelen und Prachtzimmern gehoerten, Kaffee- und Milchkannen, Waschbecken und vielerlei noch hatte man von blankem und dem Silber doch aehnlichem, Zinn. Nun haben es laengst Fayence, Steingut, Glas, Argandsche Lampen u.\ s.\ w. dergestalt verdraengt, daß es beinahe an Saergen nur noch glaenzt. Daher ist aber auch das loebliche Zinngießergewerk, einst bedeutend, in seinem Wohlstand ungemein herabgesunken. Man hat schon gesagt, daß sich Herr Goehl zu den reichsten Kaufleuten in Berlin zaehlte. Dennoch speisten seine Gaeste von Zinn, und keineswegs solche Gerichte wie in unsern Tagen bei einem israelitischen Bankier oder in den Restaurationen der Herren Jagor und le Boeuf. Ohne Porzellan und Silber war man gleichwohl hier nicht. Jenes bestand aus sechs Chokoladen- und sechs Kaffeetassen, weiß und blau, weder bemalt noch mit Vergoldungen ausgestattet. Doch am Stockknopf des Herrn Goehl ersah man auch bemaltes. Ihn hatte Doris an seinem Geburtstage dem Vater verehrt und nach ihrem Geschmack auserkohren. Eine Schaeferin mit Krumstab und Huetchen, ein Lamm zur Seite, stand darauf. An Silberzeug besaß man – um vom vornehmsten anzufangen – einen reichen Beschlag am Gesangbuch der Mutter und einen dito an dem des Toechterchens, bei der Einsegnung das muetterliche Angebinde. Ferner zwoelf Eßloeffel, der zum Vorlegen war jedoch – aus Sparsamkeit – nur uebersilbert. Ferner sechs Theeloeffel, und – der wichtigste Luxusartikel – eine Zuckerdose. Ein Schnupftabacksdoeschen von Silber, ein Geschenk des Mannes, hatte die Frau vom Hause auch noch, der laengliche, in der Tasche getragene Rauchtabacksbehaelter ihres Gatten war indeß nur aus Messing verfertigt, doch artig, kunstreich. Man sah Jaeger, Hirsche, wilde Schweine und Hunde darauf. Seine Taschenuhr schien von Gold zu sein, doch war es nur Tomback. Als guter Kaufmann haßte er todte Kapitale, und weil in jenen Zeiten eine goldne Uhr wohl funfzig Thaler und mehr kostete, war ihm ein solches Kleinod zu theuer gewesen. Das einzige Gold, was sich im Hause befand – gepraegtes in der Kasse ausgenommen –, bestand in den Trauringen des Ehepaars und einem alten Dukaten, der nie zum Handelsverkehr gehoert hatte. Es war noch ein Andenken von Goehls Vater, ein seltnes Stueck, eigentlich nur eine Schaumuenze. Das Gepraege sinnig. An einer Seite war Johannes, Christum taufend, abgebildet, und aus der Hoehe kamen die lesbaren Worte: Das ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. Die andere Seite zeigte ein frohes Elternpaar, von muntern Kleinen umringt, mit der Inschrift: Wohl dem, der Freude an seinen Kindern erlebt. Herr Goehl trug diesen Dukaten stets im Geldbeutel und huetete sich sorgsam, ihn mit anderen auszugeben. Wie Frau Goehl draußen ihre Anordnungen getroffen hatte, kehrte sie in das Wohngemach zurueck, doch in ziemlichen Aengsten, wie es mit dem Abendbrot ergehn duerfte. Ihr Mann saß in dem breiten, mit Leder bezognen, wohl ausgepolsterten Großvaterstuhl, schmauchte sein Pfeifchen und hatte, laut Verlangen des Cantors, das sammetne Muetzchen wieder aufgesetzt. Die Gaeste saßen vor ihm auf schwarzen Binsenstuehlen, und Frau Goehl nahm auf einem aehnlichen neben ihnen Platz. Der Cantor war eingeladen, weil er Doris im Clavierspiel unterrichtete. Das Instrument war nicht sonderlich, gleichwohl machte es beiden Alten viel Vergnuegen, wenn Doris – leider auch nicht sonderlich – ihre Finger darauf herumtanzen ließ. Doch war ihr ein Fluegel zugesagt, wenn sie die schwere Menuet erst ohne Anstoß wuerde spielen koennen. Das Pianoforte kannte man damal noch nicht, die Fluegel waren beliebt. Eben that sich in Berlin ein junger Kuenstler hervor, der sie wohlklingender als bisher, auch mit doppelten Claviaturen und selbst Floetenzuegen anfertigte, manches Jahrzehnd hindurch sich Ruhm erwarb. Sein Name verhallte jedoch spaeterhin, wie das Pianoforte seine Instrumente verdraengt hatte. Er nannte sich Oesterlein und war durch seine joviale Laune eben so bekannt wie durch sein Kunsttalent. Erstere vererbte er in hohem Maaß seinem Sohn, der am Hofe die Saiteninstrumente zu stimmen hatte und deshalb zu sagen pflegte: Ich gebe den Ton bei Hofe an. Dem Cantor ging es – gewissermaaßen, doch nicht ganz – wie einst Rameau, der zu sagen pflegte: Ne me parlez de rien, je ne sais rien, je suis un ignorant, mais parlez moi de musique. Herr Schmidt konnte auch von nichts als Musik sprechen, vom Wetter nicht einmal, es haette denn in Toenen ausgedruckt sein muessen. Unter den deutschen Einwohnern Berlins war er indeß kein Licht letzter Groeße, wozu manches beitrug. Er sang einen artigen Tenor und hatte nicht allein die Musik an seiner Kirche und die Bildung des Schuelerchors im geistlichen Fach zu ordnen, sondern auch im weltlichen, dem nehmlich, ueber welches manche fromme Berliner und Berlinerinnen in mittleren Jahren schwer seufzten und behaupteten, der Graeuel wuerde noch der Stadt die Strafe des Himmels zuziehn. Die aelteren waren nicht so undultsam, was man von ihnen doch billig haette vermuthen sollen. Denn sie entsannen sich wohl, daß unter Friedrich I. Regierung schon etwas Aehnliches bestanden und keinen Fluch aus der Hoehe veranlaßt hatte. Es ist hier die waelsche Oper gemeint. Sie bedurfte auch Choere, dazu brauchte man die Schuljugend, und Herr Cantor Schmidt empfing die Aufsicht darueber. Im Anfang war die Gemeinde aeußerst schwierig, wollte nicht dulden, daß ihr Cantor und ihre Kinder eine Art von Komoedianten darstellten, und der Laerm ward zumal groß, wie Herr Schmidt selbst einst, als der heidnische Gott Apoll verkleidet, in der Maschine gesessen und eine Solostimme vorgetragen hatte. Doch wurden die Buerger nach und nach mehr aufgeklaert und gaben dann nicht allein ihre Soehne zu Griechen und Roemern hin, sondern ließen selbst ihre Toechter Priesterinnen der Venus oder Diana heucheln. Freilich thaten es nur wenige, man bedurfte aber auch deren nicht viel. Herr Schmidt kam bei dieser Gelegenheit mit den Toechtern und Soehnen Italiens, die in Deutschland allein kuenstlichen Gesang zu vollziehn wußten, in Beruehrung und merkte ihnen was ab. Vortrefflich konnte er von Grauns Opern reden, selbst schon etwas daran kritisch tadeln. Die Triller der Madame oder Signora Astrua erhob er zum Himmel, wußte aber nicht genau, sollte er den Passagen eines Salimbeni oder Porporino den Vorzug geben. Wie spaeterhin die Harmonie, galt damal die Melodie mehr, Passagen und Triller entzueckten jedoch am meisten. Eine spaetere Mode schaffte sie groeßtentheils ab, versah aber die Musik mit so vielen Blasinstrumenten, Pauken, Janitscharenbecken u.\ s.\ w., daß sie unser Gehoer mit Schaden bedroht. Taback – damal auch nicht so allgemein ueblich wie jetzt – schmauchte der Cantor nicht, aus Furcht, seine Stimme koenne dabei leiden, vom Trinken war er hingegen ein entschiedener Freund und hoffte, ihre Kraft dadurch zu mehren. Man sah es seiner Kleidung auch an, daß er sich ueber Manches hinwegsetzte. Eine Wolkenperuecke, d.h. eine runde, hinten niederhangende, vierzig bis fünfzig Locken zaehlende forderte man von seines Gleichen, dazu einen schwarzen, vorne sich dicht schließenden Rock, mit Unterkleidern von derselben Farbe. Nur in der Kirche zeigte sich Herr Schmidt, wie er sollte, und auch nicht einmal ganz, außer derselben zierte er sich aber mit einer sogenannten Stutz- oder Schwanzperuecke, die an jeder Seite nur etwa acht Loeckchen enthielt, und einen maechtig langen Zopf am Ruecken, auch mit einem braunen, ziemlich ausgeschnittenen Rock und einem Hut mit drei Krempen, wogegen, was zum geistlichen Stand und seiner Umgebung gehoerte, verbunden war, den Hut nur zweimal aufschlagen zu lassen. Doch nahm sich Herr Schmidt wohl in Acht, in dem luftigen Aufzug Niemandem vom Consistorium zu begegnen. Zu seiner kleinen, recht huebschen, Frau war er auf eine seltsame Weise gelangt. Er saß eines Tages und schrieb Noten, als ein Maedchen durch die Straße kam und Rettige zum Verkauf ausrief. Sie that es singend, nach einer allgemein ueblichen, nur aus zwei Toenen bestehenden Melodie, der Cantor horchte gleichwohl auf. Ihm duenkte die Stimme von besonderm Wohllaut. Eilig rief er die gute Anlage, kaufte ihr einige Rettige ab, bewog sie aber auch, gegen ein kleines Geschenk, eine Scala, die er auf der Violine ihr angab, nachzusingen. Nun war es evident, die Stimme hatte Umfang, das Maedchen musikalisches Gehoer, dahinter steckte eine Saengerin. Herr Schmidt fragte die etwa Vierzehnjaehrige, wer ihre Eltern waeren. Von einem Vater hatte sie nie gehoert, ihre Mutter, sagte sie, waere eine alte Jungfer, die nicht weit davon ein Stuebchen im Hofe bewohne und sich kuemmerlich vom Spinnen naehre. Herr Schmidt erbot sich gleich, dem Maedchen taeglich Unterricht im Singen zu geben, auf die Bedingung, daß aller Rettighandel, in Aussicht auf eine edlere Laufbahn, ende. Den Verlust wollte er noch großmuethig tragen helfen. In der That machte die Kleine Fortschritte, nach drei Jahren brachte er sie in den Opernchor, wo sie eine Vestalin darzustellen hatte. Sie that es so zu seiner Zufriedenheit, daß er, zuvor schon ein wenig verliebt in sie, nun es ganz ward und sie heirathete. 0 welche Nackenschlaege hatte der gute Mann deshalb zu tragen, er schwang sich gleichwohl darueber hinaus, und fragte seine Tadler: ob er nicht ein christlich Werk gestiftet haette? Mehrere Jahre lebte er nun schon mit ihr in der Ehe, Madame Schmidt hatte ihr Talent immer hoeher ausgebildet, sang waelsche Opernarien vom Blatt und half ihrem Mann beim Gesangunterricht. Doris hatte keine Lust gezeigt, regelmaeßig singen zu lernen, vor sich nur traellerte sie kleine Liedchen, worunter »Damoetas war schon lange Zeit der schoenen Phyllis nachgegangen« ihr Liebling blieb. Sie trieb das Clavierspiel nur mit geringer Neigung, weil es ihr nicht im arkadischen Lichte erschien, wogegen sie, noch vor dem Zusammentreffen mit dem Redutenschaefer, immer sich einen Liebhaber wuenschte, der die Floete, das idealische Hirteninstrument, bliese. Der Cantor Schmidt hatte jedoch eine andere Schuelerin, deren Hauptstudium Gesang war und die bei einer kraeftigen, volltoenenden Stimme auch große Lust fuehlte, es weit in dieser Kunst zu bringen. Sowohl er als seine Gattin bildeten an der Gelehrigen und begaben sich meistens beide in ihre Wohnung. Haeufig trugen die beiden Frauenzimmer Duette vor, welche der Cantor begleitete. Neuerdings hatte der Kapellmeister Graun aber die Musik zu dem lyrischen Schauspiel Britannicus vollendet, worin er fuer die Astrua eine sogenannte Bravourarie angefertigt, die Alles, was man zeither von schwieriger Ausfuehrung gekannt, weit uebertraf. Man glaubte, nur die erste Saengerin aus Italien, was jene Astrua sich zu sein duenkte, waere faehig, diese Arie rund hinrollend vorzutragen. Doch siehe da, auch die eben erwaehnte Scholarin des Cantors hatte sie dergestalt eingeuebt, daß sie kaum noch etwas daran zu wuenschen uebrig ließ. Allenthalben erzaehlte er das und bildete sich nicht wenig darauf ein. Was er und seine Gattin indeß nun sprachen, konnte das Goehlsche Ehepaar blos zum Gaehnen bringen, weil es keine Silbe davon verstand. Gut also, daß sich bald ein anderweitiger Gast einfand, der Kaufmann und Fabrikherr Sueßmilch. Es war ein Sechziger, lang, hager, doch immer noch ziemlich lebhaft. Seine Rede klang neu, wenn schon der Anzug laengst entflohene Tage bezeichnete. Denn es war vor Zeiten mehr als jetzt ueblich, daß alte Maenner fest auf die Kleidung hielten, die sie als Juenglinge einst getragen hatten. Schultern, Ruecken und Haupt umfloß eine aechte Allongenperruecke, deren Loeckchen auf Zweihundert steigen mochten. Ein franzoesischer Schriftsteller sagt: Die Perruecke haette ihre Racine und Corneille gehabt, diese war von solcher Art, und deshalb ziemlich theuer. In jener Zeit konnte man hier die Todten noch einiges Geld einnehmen, wenn man ihr Haar zum Schmuck der Lebendigen verkaufte, Lichtblondes war das gesuchteste, am freigebigsten bezahlte, und eine daraus verfertigte Perruecke galt oft Zwei- bis Dreihundert Thaler, gab dafuer aber auch ein stattliches Ansehn. Rock und Weste waren bei Herrn Sueßmilch von gleicher Laenge, reichten aber nicht bis ans Knie und hatten so tiefliegende Taschen, daß in grader Stellung nicht mit den Haenden hinein zu fassen war. Das Tuch war hellblau und an den Saeumen und Aufschlaegen mit, zwei Fingern breiten, goldnen Tressen besetzt, denn Herr Sueßmilch sparte an der Außenseite nichts, wußte, daß sie Eindruck mache, und verstand, den Eindruck zu nuetzen. Die Struempfe waren gruen, mit Wickeln und Kniebaendern versehn, die Schuhe mit hohen Absaetzen und breiten Schnaebeln. Seinen Degen trug er an einem Wehrgehaeng von gelben Leder, welches an der rechten Schulter ein Achselband hielt. An der Oberlippe sah man noch ein Baertchen, welches damal hie und da noch – im Buergerstand – Greise beibehielten, statt es fünfzig Jahre spaeter die Juenglinge sich wieder zuzulegen anfingen. Er war ein gereister Mann, in England, Frankreich und Italien gewesen, kannte den Handel als Kaufmann und wußte, wie die Menschen ueberhaupt zu handeln pflegen. Damal gab es einen finanziellen und merkantilischen Zeitgeist im Staat, der dem jetzigen schnurstracks entgegen gestellt war. Man wollte so wenig Einfuhr als moeglich, so viele Ausfuhr als moeglich, so viel Geld ins Land ziehn, darin behalten als moeglich, so wenig hinaus lassen u.s.w. Die Landesstuehle, welche mit Handel, Fabrikwesen und Gewerben in Beruehrung standen, waren angewiesen, nach diesen Grundsaetzen zu verfahren und den innern Wohlstand thaetig zu befoerdern. Nun wußte Herr Sueßmilch Vorstellungen einzusenden, Ministern, Geheimen Raethen, Sekretaeren u.\ s.\ w. seine Aufwartung zu machen, und sich zu erbieten, den beabsichtigten Landesflor, im Gebiet der Seidenwaaren, immer hoher auszubringen. Laengst hatte er dadurch schon ansehnliche Unterstuetzungen, die Anlage seiner Fabrik betreffend, erhalten, wußte es aber dahin zu bringen, daß man ihn immer von neuem wieder beguenstigte. Die Einfuhr der Artikel, womit er Geschaefte machte, war untersagt, und er empfing nicht unansehnliche Praemien fuer die Waaren, die er ausgefuehrt, allenfalls auch nicht ausgefuehrt hatte. Ob er gleich einst mit wenigem Vermoegen angefangen, zaehlte man ihn doch nun zu einem der reicheren Kaufleute in Berlin, und er wuerde es noch mehr gewesen sein, haette er nicht die, welche ihm zu Beguenstigungen halfen, in anderer Art wieder beguenstigen muessen. Der einzige Sohn sollte sich nun auf Reisen auch bilden und hernach Goehls Tochter heirathen, weil sie eine gute Parthie war. Jetzt nahm das Gespraech eine andere Wendung, und Herr Goehl konnte Theil nehmen, als die Rede von Waarenspekulationen, Preiscouranten, Nachfrage und dergleichen war. Destomehr langweilten sich der Cantor und seine Gattin. Doch waehrte es nicht lange, denn nun brachte ein Miethswagen die Frau Muhme Kuerbiß und ihre junge Nichte. Trotz einiger Unpäßlichkeit hatte Jene bei dem Familienfest nicht ausbleiben wollen. Herr Goehl warf Pfeife und Muetzchen weg, und eilte ihr entgegen. Denn Frau Kuerbiß galt in einem kaufmaennischen Hause. Sie zaehlte, eben wie Herr Goehl, fünfzig Jahre, woraus folgte, daß Beide mit der Jahreszahl gingen. Sie hatte drei Maenner gehabt. Zuerst in frueher Jugend einen Gelbgießer. Er war geschickt, doch nur arm gewesen, als zu seinem Gluecke, unter Friedrich Wilhelm I. Regierung, in der nehmlichen Zeit, wo das Heer so ansehnlich vermehrt ward, die Bleche vor den Grenadiermuetzen und an den Patrontaschen der Soldaten aufkamen. Auch die Flinten, sonst nur schlicht mit Eisen belegt, erhielten noch manche Verzierungen aus Messing. Unser Meister sann nun auf allerhand gefaellige Modelle mit Koeniglichen Namenzuegen, Adlern, Szeptern, Pauken, Trompeten, Fahnen, Kanonen. Sie erhielten Beifall, und der Urheber mußte ganze Regimenter mit Glanz schmuecken, wobei er ein artig Stueck Geld verdiente. Nach seinem Ableben heirathete die Witwe einen Goldsticker. Dadurch war sie militaerisch avanzirt, der neue Ehemann zierte die Monturen der Offiziere mit Schleifen und Litzen, wobei es auch nicht an Gewinn fehlte. Nach einigen Jahren starb er auch, und die Witwe blieb zum zweitenmal als alleinige Erbin zurueck. Als der Krieg im Jahre 1744 ausbrach, bot ihr der Lieferant Kuerbiß, der Geld bedurfte, seine Hand. Er verstand sein Geschaeft außerordentlich. Zweimal war er nahe daran, auf die Festung zu kommen, wußte ihr gleichwohl durch seinen gescheuten Kopf zu entgehn, und hatte nach dem Frieden sein Vermoegen mehr als verdoppelt. Jetzt unternahm er eine weitlaeufige Domaenenpachtung. Im ersten Jahre hatte er in die Hauptstadt zu berichten, daß ihm ein allgemeiner Hagelschlag verderblich gewesen sei, im zweiten, daß ein allgemeines Viehsterben ihn betroffen, im dritten, daß eine allgemeine Wasserfluth ihn heimgesucht. Etwas von dem Allen hatte seine Richtigkeit, das Woertchen allgemein haette er nur nicht hinzufuegen sollen. Sonst war auf eine der Brachen wirklich etwas Hagel gefallen, ein Rind und etliche Schaafe starben ihm in der That, und im letzten nassen Fruehjahr trat der Muehlbach ueber seine Ufer. Man bewilligte ihm ansehnlichen Pachterlaß und noch sogenannte Remissionen von Belang. Die groeßte Klugheit hatte er gleichwohl nicht bei den Meldungen bewiesen, vielmehr bei den Personen, welche den Schaden pflichtmaeßig zu untersuchen hatten. Sie zeigten pflichtmaeßig an, daß Alles seine Richtigkeit habe, wobei die Entfernung, in welcher die Laendereien von der Hauptstadt lagen, zutraeglich war. In kurzem starb der gewandte Mann indeß auch, und die Hinterbliebene, deren Vermoegen nun 50.000 Thaler ueberstieg, kehrte in ihre Vaterstadt Berlin zurueck. Sie war die reichste Witwe ihrer Zeit dort, die reichste Parthie im ganzen Buergerstande. Deshalb wimmelten aus allen Stadtvierteln auch die Freier herbei, unter diesen Grafen und Barone, auch poetische Seelen, die sie, trotz ihres halben Jahrhunderts, eine Grazie nannten. Doch lehnte Frau Kuerbiß standhaft jeden neuen Antrag ab. Sie pflegte zu sagen: aller guten Dinge waren drei, sie haette drei Maenner gehabt, damit solle es genug sein. Wen sie abschlaeglich beschied, den pflegte sie auch treuherzig zu bitten, Anderen es zu sagen, damit sich Niemand weiter umsonst bemuehe. Dies kam bald herum, und nun steuerte kein Jason mehr nach dem goldnen Vließ. Sie war daheim geitzig, vor der Welt ließ sie aber ihr Licht ein wenig leuchten, machte auch gerne Lustbarkeiten mit und war die eigentliche Ursache gewesen, daß Frau Goehl letzthin die Redute besucht hatte, was Doris Bitten allein sonst nicht erzielt haben duerften. Kinderlos, nahm sie die Tochter ihres verstorbenen Bruders zu sich, eines armen Landpredigers, und wandte Einiges auf ihre Ausbildung. Der Bruder hatte auch noch einen Sohn nachgelassen, der sich zu Berlin befand. Er durfte sich indeß nur selten bei der Tante zeigen, weil sie ihm Leichtsinn und ueble Wirthschaft vorwarf. Aus diesem Grunde hatte man ihn bei Herrn Goehl – wo man ihn auch gar nicht kannte, nicht einmal dem Namen nach – nicht eingeladen. Frau Kuerbiß war ungemein fett, watschelte schwerfaellig in die Thuere und sank, nach wohlangebrachten und reichlich zurueckempfangnen Complimenten, wuchtend ins Canapee, ihrentwillen so lange unbesetzt gelassen. Sie trug ein weitfaltiges, schwarzseidenes Kleid und ein Maentelchen von rothem Moor, mit Silber durchwirkt, das man ihr gleich hoeflich abnahm. Aber auch Kleinodien waren an ihr wahrzunehmen, historische gleichsam, weil sie von ihren drei Maennern herstammten. Das Unten nur wenig gekraeuselte und Oben glatt zurueckgekaemmte Haar umliefen nehmlich zwei Schnuren Perlen, nicht gar groß, doch aecht. Sie waren einst von dem Ueberschuß an den Grenadierblechen erkauft. Den Hals zierte eine ziemlich schwere goldene Kette, noch ein Andenken vom Goldsticker, der ihren Werth an anderem Golde zu eruebrigen verstanden hatte. In den Ohren sah man Gehaenge von Rubinen, mit kleinen Diamanten eingefaßt. Ein Preußischer Husar hatte sie auf einem boehmischen Schlosse in einem Schrank gefunden und, kein Kenner, sie spottwohlfeil dem damaligen Lieferanten verkauft. Der Hauptglanz strahlte jedoch vom kleinen Finger ihrer rechten Hand. Es war ein runder Brillantring, seine hundertundfunfzig Dukaten unter Bruedern werth. Frau Kuerbiß hatte auch etwas Ausgezeichnetes besitzen wollen, nachdem man an dem Hagelschlag, Viehsterben und Wasserschaden solchen Vortheil gesehn, und ihr Mann hatte gewillfahrt. Sie blendete Alles im Zimmer, vorzueglich wenn sie, ueber Kopfweh klagend, die rechte Hand fleißig zur Stirn fuehrte. An aeußerer Ehrfurcht mangelte es diesem Schimmer nicht, die Betrachtungen im Innern, die er jedoch veranlaßte, waren abweichend. Frau Goehl meinte bei sich: huebsch waere das, aber im Grunde doch suendige Eitelkeit, und wenn sie dereinst so was in der Hoelle abbueßen sollte, moechte sie es auf Erden lieber nicht tragen. Herr Goehl rechnete im Stillen zusammen, was ungefaehr Gold, Perlen und Edelsteine kosten duerften, welchen Zins die Summe jaehrlich tragen koenne und wie viel mithin die Frau Muhme jaehrlich aus dem Fenster wuerfe. Herr Sueßmilch tadelte den Aufwand weniger, fragte sich aber doch, ob die Frau irgend eine Absicht mit ihren Praetiosen verfolge? Dann wuerde er sie gut heißen, aber sonst nicht. Der Cantor war ganz außer sich, verglich die Brillanten mit den brillanten Passagen eines Salimbeni und Porporino, die Perlen mit dem Triller der Astrua. Seiner Hausehre fiel der Rettigkorb alter Zeiten ein, von dem sie bis zur Frau Cantorin emporgestiegen war, koennte sie aber, dachte sie, noch bis zu solchen Juwelen sich auffschwingen, dann – wollte sie gern sterben. In einem Punkt trafen jedoch Alle zusammen, jeder Theil wuenschte nehmlich, die Kleinode gehoerten ihm. Die Nichte war ihrer Vaterschwester gefolgt, doch in der Quere. Weil es doch Heute einmal geglaenzt sein sollte, hatte Frau Kuerbiß die Hand uebers Herz gelegt und ihrer Nichte einen Reifrock mit dazu gehoeriger Andrienne, im letzten Geschmack verfertigen lassen. Wer haette um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts wohl vermuthet, den Reifrock, das wichtigste Stueck im Damenputz, den man immer mehr erweiterte, eine Zeitlang á la Barry, dann wieder á la Pompadour trug, ihn wie einen Triumph des menschlichen Erfindungsgeistes, eine Verherrlichung der weiblichen Gestalt, betrachtend, von dem sie edle Anmuth, hohe Wuerde empfing – wer haette damal vermuthet, diese erhabne Zier koenne noch allmaehlich einschwinden und zuletzt ganz aus dem Reiche der Mode entfliehn. Die elegante Welt von 1750, haette sie das ahnen duerfen, haette ohne Zweifel auch die damal noch nicht geborne Nachwelt des rohesten Ungeschmacks beschuldigt. Doch wer haette wohl der prophetischen Stimme Glauben beigemessen, die damal gesagt: Es wird eine Zeit geben, wo man keine Reifroecke und keinen Puder mehr traegt? Daß der Reifrock nicht natuerlich war, hatte seine Richtigkeit, ist gleichwohl alle Kleidung natuerlich? Daß er, naechst Zubehoer, weil man des Zeugs in so ungemein vielen Ellen dazu bedurfte, auch theuer sein mußte, schadete den Kaeufern nur, den Fabriken war es nuetzlich. Beschwerlich mußte er allerdings sein, einmal des Stoffgewichts halber, und dann ruecksichtlich des inneren Geraestes, aus Fischbein aufgebaut, wozu sogar, der festeren Haltbarkeit willen, noch einiges Holz kam. Dies war noethig, denn in den Zeiten seiner groeßten Ausdehnung, welche um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts anzunehmen sind, breitete sich der Reifrock von jeder Huefte auf drei Schuh weit aus, von welchem Abstand an er erst sich niederwaerts woelbte, aber auch noch unter einem nach auswaerts geneigten Winkel. Es folgte, daß ein schoenes Maedchen in seiner Mitte dadurch um ein Gutes breiter als lang erschien. Beschwerden, die anderweitig Vergnuegen bringen, traegt der Mensch gern, das wissen die Liebenden, und Reifroecke wurden auch geliebt. Darum machte sich eine Dame nichts daraus, wenn sie zwar in einen Thorweg, nicht aber in eine gewoehnliche Thuere so treten konnte, wie sie es ohne ihre kuenstliche Breite vermocht haben wuerde. Es mußte mittelst einer halben Wendung geschehn, was auch vom Einsteigen in eine Kutsche galt, worin damal auch nur zwei Frauenzimmer, die sich gegenueber saßen, Platz finden konnten. Reichte eine Mannsperson der Dame den Arm, um sie zu fuehren, vermochte der ihrige den seinigen nicht abzureichen, wenn nicht die rechte Schulter vor, die linke zurueckgenommen ward, und ihnen die Hueften folgten. Die Mannsperson mußte ihrerseits sich entgegen gesetzt drehen, was einen doppelten Schiefmarsch noethig machte. Eine Dame mußte aber gefuehrt sein, damit sie bei dem ungewissen Gang, den die hohen, spitzen Absaetze der Schuhe jener Zeit veranlaßten, nicht fiel. Angenommen, es waren zwei Personen sich zuwider, so mußte ein Spaziergang beschriebener Art, etwa zu Berlin die Linden einigemal auf und ab, ziemlich ermueden. Im Fall sie jedoch in einander verliebt waren, hatten sie den besten Vorwand, sich unablaeßig anzusehn, was jetzt wieder auffallen wuerde. So hatten folglich die Seitenbewegungen auch zwei Seiten. Man koennte beinahe vermuthen, die Tugend haette jenen beschwerlichen Damenputz erfunden. Es sang gleichwohl ein damaliger Poet von ihm: Dieses siebenfache Bollwerk widersteht nicht stets der List, Ob es gleich durch Wallfischrippen und durch Weiten furchtbar ist. Aber nichts besteht, Alles vergeht. Die eigensinnige Mode baut, und reißt wieder ein. Irn Jahrzehend der Fünfziger gewannen die Reifroecke ihren aeußersten Umfang, in den Sechzigern fingen sie an sich zu beschraenken, in den Siebzigern erschienen sie nur noch unter dem Namen der Considerationen, kaum noch acht bis zehn Zoll breit an jeder Huefte, in den Achtzigern war es ganz um sie geschehn. Allein man konnte sich damal noch nicht entschließen, gar nichts von einer Ausdehnung, ueber die Natur hinaus, an sich zu tragen, man brachte sie also Unten am Ruecken an. Dieser Gebrauch halte mehr Bequemes, legte kein Fischbeingeruest auf, ein halbrundes Kissen, das mit weichen Eiderdaunen gestopft sein konnte, brachte die beabsichtigte Woelbung hervor. Man nannte diese neuerfundne Schoenheit cul de Paris, und auch die gebildetste junge Dame entbloedete sich nicht, das erste, mit verschaemten Sternchen verlarvte Wort unbefangen auszusprechen. Was befiehlt, was gestattet nicht Alles die Mode! Des Quergangs waren die Frauenzimmer nun ueberhoben, ohne alle Plagen ging es bei der neueren Ausdehnung aber auch nicht ab. Sie traten ein, wenn man sich setzen wollte, und ein Frauenzimmer fand auf einem Stuhle kaum halben Platz, den Rest bedurfte das Kissen. In den Neuntzigern endlich hatte das schoene Geschlecht den Muth, auch dies Kissen abzuwerfen, woran ohne Zweifel die franzoesische Staatsumwaelzung Theil hatte, die den Menschen der Natur Allenthalben wieder naeher bringen wollte, auch bald dem Gewand von Kos nahe kam, das nicht allzuweit mehr vom Feigenblatt der ersten Mutter stand, wie laut schon das Klima widersprach. Doch blieb auch das nicht, denn nichts besteht, Alles vergeht. Kehren wir nun zu dem maechtigen Reifrock zurueck, den man in jener Abendgesellschaft erblickte, und der, nachdem seine Eigenthuemerin Platz genommen, an jeder Seite des Stuhls sich ausdehnte. Er bestand aus einem feuerfarbnen gebluemten Seidenstoff. Was konnte mehr Leuchten wie Feuer, und wieder so hold sein wie Blumen. Herr Sueßmilch durfte sich etwas darauf zu gut thun, aus seiner Fabrik hatte man den Stoff entnommen, der Hofschneider mußte ihm aber die jetzige Herrlichkeit geben, die es nicht an mancherlei Bauschwerk fehlen ließ. An den Ellbogen sah man lang niederhaengende, unten spitze Aermel, mit artigen Kanten verziert, die auch am Busen nicht mangelten. Ein sogenannter Latz, mit Fischbein ausgesteift, gehoerte dazu, welchen das Kleid an silberner Rundschnur festhielt. Eine Schleppe verstand sich von selbst, und die Maenner im Zimmer hueteten sich, daß ihre Fueße kein Unglueck anrichteten. Das Haar zu diesem Anzug hatte der beruehmteste Friseur der Stadt geordnet und dazu Brenneisen, Kamm, Pomadenbuechse und Puderquast sinnig gebraucht. Oben hatte er eine krause Toupirung, an jeder Seite acht Locken, und hinten einen Chignon hervorgebracht. Die Locken traegt man in unsern Tagen wieder so, nur daß sie ungepudert sind. Immer kehrt etwas von den alten Moden zurueck, und weil man gegenwaertig so bemueht ist, verschiedne politische und moralische Gewohnheiten der Vorzeit wieder einzufuehren, so steht dahin, ob man nicht einmal Puder, Reifroecke u. s. w. von neuen sehn werde. Um den Hals ringelten sich dicke Glasperlen, die Ohrgehaenge waren vom nehmlichen Inhalt, und die Armbaender von schwarzem Sammt, mit kleinen silbernen Schnallen. Es fehlte also an Juwelen, ein Liebhaber wuerde indessen den rothen Mund der Nichte allen Rubinen, und ihre schwarzen, blitzenden Augen allen Diamanten vorgezogen haben. Auch ein hoher Wuchs, eine lebhafte Gesichtsfarbe und andere Schoenheiten noch waren hier zu loben. Also Natur und Kunst – wenn man die Kunst nicht auch natuerlich nennen will – im Verein, um Bewunderung zu erregen. In der That hatte es Frau Kuerbiß Heute mit ihrer Nichte darauf angelegt. Denn um eines Familienfestes willen haette sie das schoene Maedchen doch wohl in keinen solchen aeußern Glanz gestellt, man dachte aber: es koenne – vielleicht – den Ursprung eines noch wichtigern veranlassen. Renate – so hieß die Nichte – wußte nichts von dem, was ihre Pflegmutter und Frau Goehl zwar nicht als bestimmt abgeredet, demungeachtet als etwas Moegliches und nach Umstaenden Angemessenes vorlaeufig besprochen hatten. Sie fuehlte ihren Glanz, ohne eine Absicht damit zu verbinden. Auch hatte sie noch andere Ursachen, ihr Gewicht zu kennen. Obschon von armen Eltern, waren sie und ihr Bruder die vermuthlichen Erben der Frau Kuerbiß. Aber sie hatte auch Geist, weil sie manches gelesen, und nicht nur Schaeferidyllen wie Doris, sondern auch einige Buecher ernsten Inhalts, die Stoff zum Nachdenken lieferten, und solche, woraus Menschenkunde zu schoepfen war. Dahin gehoerten die frueheren Schriften Gellerts und Rabners Satyren, welche den Menschen im Allgemeinen und auch, wie ihn die Sitte der Zeit gemodelt hatte, treffend zeichneten. Renate hatte aber auch ein bedeutendes Gesangtalent und es mit eifrigem Fleiß ausgebildet, was damal in Berlin noch selten geschah. Sie war es, die dem Unterricht des Cantors so viel Ehre machte. Deshalb zeigte er auch große Freude, sie an diesem Abend hier zu sehn, obgleich der heutige Schimmer ihn abhielt, viel mit ihr zu reden, und die Frau Cantorin, die keinen Reifrock, sondern nur Contousche und Unterkleid von meergruenen Damis trug, machte dieser Schimmer ganz bloede und bange. Doch wenn man das Gepraege eines ziemlichen Selbstgefuehls auch bei der schoenen Renate erkannte, so drueckte es sich doch keineswegs als Stolz aus. Gesuchte Bescheidenheit zeigte sie aber auch nicht, und that wohl daran. Alle Gaeste hatten sich nun versammelt. Es war in der Ordnung, daß sie, nach dem Eintreten, zu Lebrechts Ankunft, von der sie bereits unterrichtet worden, Glueck gewuenscht und weiter um ihn gefragt hatten. Kuehl und einsylbig fiel die Antwort der Eltern aus. Sie erwarteten ihn uebrigens jeden Augenblick, und je laenger er, dem man eigentlich zu Ehren die Gesellschaft eingeladen hatte, ausblieb, je verdrießlicher mußte es Ihnen sein. Es war ein neuer Aerger, welchen der Ungerathene ihnen Heute verursachte. Man fragte aber auch nach Doris, zumal Renate. Die beiden Maedchen hatten einander nur etlichemal gesehn, aber doch einen Freundschaftsbund errichtet. Es war nichts uebrig geblieben, wie eine Unpaeßlichkeit vorzuschuetzen, die man denn hoeflichst bedauerte. Frau Goehl ließ die Gesellschaft aber fuer ihre Unterhaltung sorgen und schlich hinaus, zu sehn, ob Katharine gekommen sei und welchen Mundvorrath sie gebracht haette. Jene war ohnehin betreten genug geworden, als sie Herrn Sueßmilch in solchem Bratenrock und die Frau Muhme gar von Edelsteinen blitzend eintreten gesehn. So festlich und feierlich hatte sie das Abendbrot nicht gemeint, und nun entsprachen ihm die Karpfen und die Bratwuerste allerdings nicht recht, ein solcher Aufzug schien drei Gerichte zu bedingen. Doch erschien eben Katharine, aber ohne Karpfen. Keine Fischerfrau war noch anzutreffen gewesen. Die Hauswirthin erhob ein Lament nach dem andern, und so kreischend, daß Herr Goehl es drinnen hoerte. Eilend begab er sich auch in die Kueche, wo seine Ehehaelfte einmal ueber das andere schrie: »Nun hat man das Haus voll Gaeste, der Tisch ist gedeckt, es wird gleich trommeln, und nichts zu Essen da!« Herr Goehl empfahl vor Allem Stille, damit man sich nicht prostituire, und fuhr fort: »Siehst Du, mein Kind, Du weißt nur nicht Dir zu helfen. Schicke doch zum Garkoch, es wohnt ja einer nicht weit. Lasse drei Gerichte holen, das wird viel kosten, aber siehst Du, es kann nicht anders sein. Wir haben auch gutes Ruppiner Bier, aber es wird heute schon nicht helfen, ich werde einen kleinen Punsch machen muessen.« »Was«, rief die Ehehaelfte, »der Junge kostet so schon so viel, hat mir die feine –« »Siehst Du«, fiel der Mann ein, »ich thu' es nicht gern, werfe kein Geld unnuetz weg, aber man muß zuweilen ehrenhalber etwas verschmerzen, und sehn, wie man es auf andere Weise wieder einbringt. Martin soll Arak, Citronen und Zucker holen. Wenn nur der Blitzjunge kaeme, was moegen die Leute wohl denken? Es ist auch zu arg! Sollte sich freuen, wieder bei den Eltern zu sein, wer weiß, wo er sich herumtreibt.« »0 es ist kein gutes Haar an ihm, und seit er meine« – »Und noch Eins! Soll Doertchen nun da sitzen bleiben, hoeren, daß Andere vergnuegt sind, keinen Punsch abkriegen?« »Die bleibt, wo sie ist, so wahr ich lebe!« »Siehst Du, es wuerde ihr recht geschehn, aber Renatchen hat schon gefragt, wo sie ist, will sie besuchen, man kann sie doch nicht zu ihr in den Kamin bringen. Siehst Du, man koennte sie Heute herauslassen, und Morgen wieder hinein. Ehrenhalber –« »Nun, da ist der Schluessel! Aber wenn die Gaeste weg sind, muß sie die Nacht sitzen. Sich erst anzuziehn, hat sie nicht noethig, man hat einmal gesagt, ihr waere nicht wohl.« Herr Goehl eilte, den Kerker zu oeffnen. »Siehst Du«, sagte er »diesmal hab ich Dich noch losgemacht, mußt Du aber wieder hinein, kann ich nicht helfen. Geh zur Gesellschaft, betrage Dich artig, ich muß noch mit Mama sprechen.« Licht hatte er nicht mitgebracht, Doris ging also aus der Dunkelheit in die Versammlung. Hilf Himmel, welch ein Aufsehn, welch ein schroffer Gegensatz zu dem Schimmer daselbst! Der armen Befreiten war nicht allein das Kleid ueberall mit Ruß gefaerbt, sondern auch das niedliche Gesicht. Man starrte im Anfang, dann erhob die Muhme, die noch dem Gespensterglauben treu blieb, ein Angstgeschrei. Renate hatte oft sagen hoeren, es sei ein Wahn mit uebernatuerlichen Erscheinungen, und sich auf die Hoehe des Unglaubens schwingen wollen, nun ward sie inne, noch keinen festen Fuß dort gefaßt zu haben. Die Frau Cantorin sah in der That aus wie die bleiche Ohnmacht und hatte die Augen geschlossen. Ihr Mann oeffnete dagegen weit den Mund, prallte auch weit zurueck, doch erholte er sich am Ersten noch vom allgemeinen Entsetzen, weil er Doris grueßende Stimme frueher gehoert als die Gestalt ersehn hatte. Doris war ihm auch unter den Anwesenden am meisten bekannt, und so meinte er, es muesse doch mit rechten Dingen zugehn und werde am Ende auf einen Scherz hinauslaufen. Nun sagte er lachend, aber immer noch nicht ganz ohne Zittern: »Aha, Mademoisell, Sie wollen eine Furie aus dem Orfeo sein, das ist spaßhaft, sehr spaßhaft!« Herr Sueßmilch schaemte sich jetzt, einen Augenblick auch erschrocken gewesen zu sein, und rief, sich schnell fassend: »Ei, ei, haben Sie so viele Schoenpflaesterchen aufgelegt, scharmantes kuenftiges Schwiegertoechterchen?« Unsre Zeit begreift nicht, wie doch einst Schoenheitspflaesterchen haben ueblich sein koennen, sie waren es gleichwohl. Sie wurden bald groeßer, bald kleiner, bald mehr, bald weniger zahlreich getragen. Es galt, auszumitteln, an welcher Stelle des Gesichts sie Jedem am besten standen, ob unter dem Auge, neben der Nase, am Mund u.s.w. Das kostete oft Studium, Beirath, Erfahrung, und die Kenner wußten nach einem System davon zu sprechen, dem es nicht an auf die physiognomischen Abweichungen passenden Regeln fehlte. Im Goehlschen Hause, wo man den neuen Moden etwas spaet nachgab, konnte Doris nur die Erlaubnis herausflehn, eins ankleben zu duerfen. Papa haette zweie erlaubt, die Mode war ja auch so wohlfeil, Mama wollte aber nicht. Renate hatte es da besser. Frau Kuerbiß hatte nichts gegen dreie, wovon die Nichte eins unter dem linken Auge, das zweite neben dem rechten Nasenfluegel, und das dritte zur Abwechslung, bald hier, bald dort anzubringen pflegte. Keins uebertraf aber die Groeße einer Linse, wogegen Doris an ihrer Einheit zulegte, was sie an der Mehrheit verlor, und sie glaubte am obern Theil der rechten Wange die vortheilhafteste Wahl getroffen zu haben. Als – was vor mehreren Jahren bereits geschehn war – die kosmetische Erfindung zuerst auftrat, wurde sie heftig bekriegt. Die Geistlichen donnerten von den Kanzeln gegen die Versuendigung, weissagten, der Himmel wuerde Allen, die mit Schaeden und Wunden Spott trieben, Schaeden und Wunden zur Strafe senden. Und klagten Modenliebende ueber Fluesse, Kopfweh, riefen die Aerzt gleich: Da haben wir die Folgen der schaedlichen Pflaster. Sie unterdruecken die Ausduenstung, die zurueckgehaltne Materie wirft sich zurueck, auf Nerven, Blutgefaeße u.s.f. Weil es aber nicht half, ließ man die Sache endlich moralisch und physisch gehn, die Gattinnen und Toechter der Prediger und Aerzte erschienen selbst mit den kleinen Reitzerhoehungen, und manches Maedchen verdankte einer wohlangebrachten einen Mann. Auf des Cantors Anmerkung und Herrn Sueßmilchs Frage kam nun die Reihe, verlegen zu sein, an Doris. Sie wußte kein Wort davon, wie sie aussah, und haette sie unter anderen Umstaenden leicht daran denken koennen, geschah es jetzt aus Verwirrung nicht. Niemand empfahl ihr auch, sich schnell zu reinigen, weil Niemand den Grund der Erscheinung kannte und auch die Frauenzimmer, die sich nun erholten, an ein scherzhaftes Maskenspiel glaubten. Waehrenddem entstand draußen ein Geraeusch, man hoerte die Fragen: »L'ami, est ce que j'ai trouvé ici la demeure de Monsieur – diable, je viens d'oublier son nom – ah, de Monsieur Goe – Goehl? Ou sont les appartemens pour les convives? Peut on entrer la? L'assemblée, ést elle deja arrivé?« Eine Antwort vernahm man nicht, Herr Sueßmilch rief aber: »Der Tausend, da ist mein Sohn! Wird eben gekommen sein, gehoert haben, daß ich hier bin.« Damit ging er an die Thuere, oeffnete sie, und rief: »Hier herein, mein Sohn, willkommen aus Paris!« »Péste«, hieß es draußen wieder, »qu'el desordre ici en Allemagne! L'on n'appercoit ni Suisse, ni valet de chambre, ni laquais –« »Komm, komm«, fiel der Alte ein, »bist wohl ein Pariser Windbeutel geworden. In diesem Hause gilt das nicht.« »Monsieur«, ward ihm entgegnet, »pourvu que je ne me trompe pas, et que je n'ai pas oubliéétout a fait la figure – je crous, d'avoir l'honneur – d'entendre Monsieur mon cher pere. Comment?« »Ja, ja, Monsieur le fou, nur naeher! Und sprich deutsch da drinnen.« »C'est impossible, mon pere! Je viens d'oublier ce viel langage, cet idiome, bon pour etre adresseé aux chevaux allemands, meme pas aux chevaux français –« »Junge, bist Du in Paris toll geworden? Nun, nun, ein wenig verdreht es jungen Leuten wohl den Kopf. Es ist mir auch so gegangen. Meinetwegen sei ein franzoesischer Narr, doch am rechten Ort. Es giebt Haeuser genug in Berlin, wo Du damit sehr gefallen wirst. Aber hier nicht. Ich glaube Niemand drinnen versteht franzoesisch, Deine Braut gewiß nicht« – »Ma promise? Ah, je m'en souviens! Ou ést la petite drole?« Nun flog er hinein, sich um den Vater nicht mehr bekuemmernd. Ein Duft von éau de lavande kam mit ihm ins Gemach, und Alles schaute verwundert auf das kleine, unbeschreiblich luftige Maennchen. Es gab eine Zeit, wo man in Berlin von Muehlendammer Lords sprach, die Zeit, wo vorzugsweise den englischen Moden gehuldigt ward und junge Kaufleute die einst haeufig hier eintreffenden Englaender nachahmten. Ihr ging eine andre voran, wo das franzoesische Ideal den Rang behauptete. Damal gab es Muehlendammer Marquis, und am vollkommensten, auch nach Ansicht an Ort und Stelle, suchten die Soehne das Vorbild nachzuahmen, welche ihre Vaeter nach Paris geschickt hatten, um sie von dort, wie neu geschaffen, heimkehren zu sehn. Allerdings sollten sie Lebensklugheit, feine Sitten, hoehere Berufskenntnisse einsammeln, oft war es aber nur eitel Narrheit, was ihnen zu erbeuten gelang. Aber auch diese war nicht uebel, und der scharfsichtige Vater hatte nicht unrecht, als er dem Sohn sie nicht ganz verbot. Waere stets zu untersuchen, wodurch die Beglueckten ihr Glueck gemacht haben, wuerde man weit oefter in einer Narrheit, als einer Weisheit den Grund sehn. Herr Sueßmilch junior hatte auf dem Scheitel eine frisierte Promenade. Die Haare waren nehmlich bis auf einen Zoll abgeschnitten, durch steife Pommade emporgerichtet, und Oben mit einem Brenneisen gekrauset, was eine entfernte Aehnlichkeit mit einem Baumgang darstellte. Fuer welche Geschoepfe der Spazierweg angelegt war, sagte der Name nicht, gab es aber wohl zu verstehn, denn welcher, als der einen Gattung haette er zu dem Behuf dienen koennen. An jeder Seite wallten nur vier Locken, statt man in Berlin deren mehrere und eine ueber der anderen trug, wogegen die Pariser Neuheit zweie in jede Reihe stellte. Bemerkenswerth sind hier die Launen der Mode. Von Zwei- bis Dreihundert, wozu man allmaehlich hinangestiegen war – und wobei es immer hieß, der gute Geschmack verlange eine groeßere Zahl –, ging es nach und nach wieder an eine Verminderung – die von neuen der gute Geschmack wollte – bis zwanzig, zehn, vier, zwei, einer, keiner. Jetzt fing man es wieder mit einigen an, und wer steht dafuer, daß man nicht allmaehlich wieder sie zu Hunderten erblicken wird. Man forsche indeß nur, ob man nicht bei Wissenschaften, Kuensten, Staatsformen u.s.w. die Geschichte von aehnlichen Modelaunen zu erzaehlen hat. Am Ruecken hing unserm franzoesirten Berliner ein ungeheurer Haarbeutel, ein laecherlich ueberfluessig Ding, auch bald groß, bald klein, das sicher dem ersten Traeger den Namen eines Narren aufgeladen hatte, spaeterhin aber von den vernuenttigen Maennern beliebt war, und ohne welches kein wuerdevolles Auftreten bei Festlichkeiten bestehn konnte. Der Fischbeinrock bestand aus violettfarbnen Sammet. Denn nicht nur das schoene Geschlecht – und die Laeufer der vornehmen Herren – trugen Fischbein in der Kleidung, sondern anfangs auch die Stutzer, und nach ihnen – wie immer – die erst es laesterten. In den Hueftgegenden war es so angebracht, daß es die Rockschoeße weit hinaus in die Luefte ausbreitete. Mit Tressen war dieser Rock nicht versehn, weil sie nachgrade in einige Abnahme geriethen, das Futter bestand aus weißem Atlaß, und aus den gewaltigen Aermeln quollen Manschetten, vor welchen man die Haende kaum sah. Die Weste war fleischfarben, mit Silber durchwirkt. Prachtwesten dieser Art pflegte man auch Schabracken zu nennen, die des Herrn Sueßmilch fiel ihrer ungewoehnlichen Kuerze willen aber auf, denn kaum reichte sie halb bis zum Knie, und der Ausschnitt, der sich unter einem wenig spitzen Winkel nach Unten hin oeffnete, gab selbst der Muhme, die sonst doch fuer eine Weltfrau galt, ein Aergerniß. Das schwarze Beinkleid war ueber dem Knie mit Schnallen befestigt, und die weißseidnen Struempfe hatten kunstreich ausgenaehte Zwickel. An den feinsohligen, vorn runden Schuhen befanden sich rothe Absaetze. Ueberaus klein war der uebergoldete Degen; der kleine Hut, den man seiner Flaeche halber nicht aufsetzen konnte, ward unter dem Arm getragen. Zu dem Allen war Herrn Sueßmilchs Gesicht – natuerlich etwas bleich – stark roth geschminkt, und man zaehlte fuenf Schoenheitspflaesterchen darauf, in einem wahrhaft erhabnen Styl ausgeschnitten. Das groeßere umliefen Spitzen, Strahlen aehnlich, ein anderes war halbmondfoermig, drei kleinere hatten wenige Zacken. Sonne, Mond und Sterne – vielleicht hatte er bei den dreien an den Guertel des Orion gedacht – zierten mithin dies Antlitz, auf dem Aurora auch nicht fehlte. Im Zimmer fiel ihm Renate zuerst ins Auge und gefiel ihm zugleich einigermaaßen in dem schimmernden, feuerfarbnen Gewand. Er meinte, das sei die Braut, weil ihm die Gestalt der rechten in der That nicht recht erinnerlich war. Denn nur zweimal hatte er Doris gesehn, einmal bei der durch die beiderseitigen Eltern abgeredeten Versprechung, wobei die Herzen sich ungemein fremd blieben und Doris, nur fünfzehn Jahre zaehlend, wenig mehr als ein Kind schien, ferner, wie er, als er vor zwei Jahren nach Paris gehn wollte, sich im Goehlschen Hause noch beurlaubte. Nun wollte er aber gegen die Braut aus manchen Gruenden verbindlich thun, erstens, um zu beweisen, er habe in Paris die alte Zurueckhaltung beim schoenen Geschlecht abgelegt und einen musterhaft galanten Damenritter aus sich entwikkelt, demnaechst aber, um den kuenftigen Schwiegervater durch Werthachtung seiner Tochter zu gewinnen. Er sollte, nach Herrn Sueßmilchs geheimen Entwurf, den Brautschatz erhoehn, ihm auch baldigst ein Suemmchen auf Abschlag einhaendigen, denn er hatte viel Geld brauchen gelernt. Auf den Fußspitzen huepfte er zu der Schimmernden, die aufgestanden war, machte zuletzt einen Pirouettensprung, und rief: »Ah ma chere promise, que je suis enchanté, de Vous révoir! Vous avez bien gradi! Et Vos charmes, ciél, qu'ils se sont perfectionnés! Vous étes un astre du jour, il ést impossible, de fixer les regards sur Vos attraits! Beauté brillante, beauté rayonnante, souffréz, que je Vous rends mes hommages a genoux!« Die Worte wurden mehr geschrieen als gesagt, unter den letzten vollzog der Redner aber einen Kniefall, so erschuetternd fuer das eigne Haupt, daß seinem Puder ein dichtes Woelkchen entdampfte. Die malerische Anmuth der Gebehrde verlor gleichwohl dadurch, daß schon Herr Sueßmilch senior herangeeilt war und Herrn Sueßmilch junior am Haarbeutel ergriffen hatte. Ihn daran aufhebend, rief er: »Da ist ja Deine Braut, naerrischer Kautz!« Er wandte ihn zugleich um und fuehrte ihn schnell zu Doris, die im Winkel stand und die man ueber die neue Erscheinung vergessen hatte. Der Braeutigam entsetzte sich, und bruellte wahrhaft: »Diable – viola un monstre!« Renate, vorhin ungemein verlegen, erhob nun ein Gelaechter, und die Uebrigen folgten. Der aeltere Sueßmilch wandte sich aber zu Doris, und hob an: »Wie waer es, mein liebes Kind, wenn Sie nun, da der Braeutigam gekommen ist, die Maskerade ablegten?« Sie faßte immer noch nicht, was in Rede sei, eilte aber zum Spiegel und stieß nun einen Schrei des Entsetzens aus. Auf gefluegelten Fueßen eilte sie auch gleich von dannen und kam heftig weinend in die Kueche, wo ihre Mutter noch Anordnungen beschaeftigten und den Vater schon der Punsch. Beide erschraken auch nicht wenig ueber Doris' Anblick, und beschuldigten sich wechselseitig, das schmaehliche Aufsehn veranlaßt zu haben. »Siehst Du«, rief Herr Goehl, »das koemmt davon, wenn man ein solches Maedchen noch in den Kamin sperrt!« Die zuernende Ehegenossin versetzte: »Aber wie dumm, wie stockdumm! Laeßt sie heraus, und besieht sie nicht erst, ueberlegt nicht, daß sich das dumme Ding voll Ruß wird gemacht haben!« Die Bestuerzung wuchs, als die Tochter noch meldete, Herrn Sueßmilchs Sohn waere angelangt und habe sie gesehwaerzt erblickt. »Hilf Himmel«, wimmerte Frau Goehl, »was mag der junge Mann gedacht haben!« Ruhiger sagte der Gatte: »Es ist nun aber nichts zu thun, als daß sich Doertchen waescht, und ein anderes Kleid anzieht.« »Na Jungfer«, hieß es drueben, »aus die Contousche und den Rock! Da ist schwarze Seife, und ein wollner Lappen! Rein gemacht, ich will das weiße Kleid holen!« Doris ging eilig an die noethige Verrichtung. Mit ihr beschaeftigt, dachte sie nun erst ueber des jungen Sueßmilch Verhalten nach und wie schwer sie dadurch beleidigt sei, daß er sich Renaten zu Fueßen geworfen hatte. Dennoch empfand sie es eben nicht tief. Sueßmilch war ihr sonst gleichgueltig gewesen, in dem franzoesischen luftigen Betragen – dem sie nach ihrer Erziehung keinen Beifall widmen konnte – wuerde er ihr nicht gefallen haben, wenn sie den holden Redutenschaefer auch nie erblickt haette, um so weniger ließ unter den jetzigen Umstaenden sich daran denken. Sueßmilch hatte vor ihrem Anblick geschaudert, ihr Abscheu bewiesen. Die Ursache lag freilich nicht entfernt, jene Aeußerung aber, wie sie schon die weibliche Eigenliebe verwundete, that ihr, genau betrachtet, wenig mehr leid, sie wuenschte sogar, es moechte eine aehnliche statt gefunden haben, auch wenn sie nicht mit Kaminruß besudelt gewesen waere. Sie traeumte nun aber eine Moeglichkeit, der ganze Auftritt koenne eine Trennung der alten Verhaeltnisse einleiten. Sehr eng gebunden waren sie nicht, beruhten nur auf einem muendlichen Versprechen, mit welchem die beiderseitigen Eltern einst die jungen Leute zu kuenftigen Gatten bestimmten. Der alte Sueßmilch hatte damal einen gerichtlichen Vertrag vollziehn wollen, der selbst Strafsummen auf den Fall eines Ruecktritts feststellte, doch Herr Goehl hatte sich widersetzt. Weil die Sache doch mehrere Jahre noch Anstand nehmen wird, hatte er gesagt, so mag es bei einer muendlichen Abrede sein Bewenden haben. Man weiß immer nicht, was sich in Jahren ereignen kann, und wenn zur Heirath geschritten werden soll, muessen wir auch noch in Betracht ziehn, ob die jungen Leute, die bis dahin ihren Sinn auch veraendert haben koennten, einander gefallen. Und von einer Ehe, in der Mann und Frau sich im geringsten nicht lieb haben, wohl gar einander zuwider sind, halte er auch wenig. In noch frueheren Zeiten wuerde ein Vater schwerlich auf solche Eroerterungen eingegangen sein, im Jahre 1750 hob man, wenigstens in gewissen Staenden, schon an, auch die Neigung der Kinder in einigen, wenn gleich nicht entscheidenden Betracht zu ziehn. Herrn Goehls Vorliebe zu Doris trug noch dazu bei, denn seine Gattin war nicht abgeneigt gewesen, einen Ehevertrag, wie ihn der alte Sueßmilch damal verlangt, ausfertigen zu lassen. Doris wußte aber Alles, was geschehen war, und kannte ihres Vaters Gesinnung. In einem andern Fall duerfte auch der Schaefer einen weniger tiefen Eindruck auf sie hervorgebracht oder sie ernstere Muehe angewandt haben, ihn zeitig wieder auszutilgen. Denn wie maechtig unsere Leidenschaften auch sind, vor der unbedingten Nothwendigkeit hegen sie doch einige Ehrfurcht. Sie haette auch wohl die Annahme des Briefs verweigert oder ihn ungelesen den Eltern ueberreicht. Nun stand Alles anders, Lebrecht hatte ihr Hoffnungen geweckt, sie wuenschte im jetzigen Augenblick sehnlichst, ihn bald sprechen, ihm die Ereignisse des Abends berichten und mit ihm weiteren Rath pflegen zu koennen. Es schien ihr, daß eine Braut, in deren Gegenwart der Verlobte sich einem andern Maedchen zu Fueßen geworfen, berechtigt sei, ihn nun auf immer zu fliehn. Hatte Renate dem jungen Sueßmilch aber im Ernst gefallen, koenne es, meinte Doris, um so erwuenschter sein. Das wuerde ihre Eltern doch empoeren, und Sueßmilch sowohl als sein Vater duerften mit Vergnuegen das aeltere Band dann aufgeloest sehn. Sie hatte den Ruß getilgt, das weiße Kleid angelegt, doch wenige Muehe aufgewandt, Heute reitzend zu erscheinen. Es fehlte ihrem Staatsrocke auch nicht an Fischbein, ob er ihn schon in weit geringerer Menge enthielt, wie die schimmernde Renate ihn trug. Es war ihr nun eben recht, sie drueckte selbst die ausspringenden Woelbungen noch etwas herein, damit sie weniger bildlich erschienen. Der junge Sueßmilch hatte aber, wie Doris sich entfernt, den Vater hinausgerufen, und ihm Verwunderung und Unmuth bezeugt. »Mon Dieu«, hatte er angefangen, »ést ce que je suis arrivé de Paris, pour etre joué, bafoué? On me présente une éspece de négresse, de diablesse, en disant, voila Votre promise! Et cela en présence d'une assemblée, d'une fille bien faite, dont je voudrois etre volontiérs l'amant, et qui me voit maintenant fou, dupé – « »Ludwig«, fiel der Alte ein, »Du sollst und mußt Deutsch sprechen!« »Ditez Louis, mon cher pere, s'il Vous plait. J'etais bien ravi en France d'etre nommé Louis, car tout le monde y parle du grand Louis, c'ést a dire Louis quatorze« – »Ich habe selbst mein Bischen Franzoesisch meistens wieder vergessen –« »Mais j'ai oublié –« »Wie wirst Du Deine Muttersprache denn vergessen haben!« »En bien – so wollen ick sehn, ob werden nock sein en état –« »Narr, sprich ordentlich, oder ich gebe Dir, so wahr ich lebe, Eins aufs Maul!« »Nun, ich will sehn. Aber sagen Sie mir doch, mon eher pere, was das signifiziren sollte, mit meiner Braut? Voll Kienruß ueber und ueber wie ein ramoneur de cheminée. So was ist mir doch in meinem Leben nicht arrivirt. Daß sie hat badiniren wollen, kann ich mich nicht imaginiren, es waer eine zu schmutzige badinage, ein Spaß von mauvais gout.« »Gedanken mache ich mir auch darueber, Ludwig!« »C'ést drole, non, ce n'ést pas drole, c'ést fiche, vilain, degoutant, éxite l'horreur. Und sie wußte ja selbst nicht, wie sie aussah, es ist nicht zu capiren, wie das zugehen thut. Beinahe möcht' ich soupponniren, sie haette einem Liebhaber ein rendez-vous im Ofen gegeben –« »Und ich denke wieder, sie hat zur Strafe im Kamin stecken muessen. Ein so großes Maedchen. Das mußte doch einen bedeutenden Grund haben. Und es koennte wohl sein, daß sie – wie die Maedchen sind – nun ich mag nichts weiter sagen –« »Mais, mon pere, wer ist denn die Demoiselle mit dem habillement von couleur de feu? Sie ist scharmant, sehr scharmant, beinah wie eine Parisiénne, beinah, nicht totu a fait.« »Es ist die Nichte der dicken Frau, und die hat schoenes Vermoegen. Aber komm in die Gesellschaft, und nicht luftig gethan, bei einer Hofdame oder einem Kammerherrn thu es! Und wie gesagt, sprich Deutsch!« Sie gingen zurueck. Doris fanden sie nicht, die mußte sich noch mit ihrer Umwandlung beschaeftigen, Herr und Frau Goehl hatten sich von ihren Verrichtungen aber einen Augenblick losgemacht, um den kuenftigen Eidam zu begrueßen. Ersterer fuhr an der Thuere so zurueck, daß er dadurch weit wieder in die Putzstube kam, wie er Herrn Sueßmilch junior ansichtig ward, der eben mit seinem Vater von der andern Seite eintrat. Dennoch schritt er von neuen vorwärts, und seine Gattin, ihm mit einer gewissen Scheu ueber die Schultern sehend, schlug die Haende zusammen. »Monsieur, mon beau pere«, hob das junge Maennchen schon wieder an – »Deutsch«, rief ihm der Vater aber sogleich darein, »Deutsch« – und es hieß nun: »Mein Herr, mein kuenftiger Herr Schwiegerpapa, permittiren Sie, daß ich Ihnen embrassire!« Er schloß ihn auch so heftig in die Arme, daß Herr Goehl laut aufschrie. »Gott behuete und bewahre«, rief Frau Goehl. »Druecken Sie meinen Alten nur nicht gar todt, Musjeh Sueßmilch!« »Nun, nun«, sagte der Vater, »so ein junger Mensch hat Lebhaftigkeit, und – und – von Paris koemmt das auch – allons, Herr Sohn, Madame Goehl die Hand gekueßt.« Es sollte geschehn, die bereits ergriffene Hand ward jedoch auf den Ruecken gezogen. Nie hatte Frau Goehl diese Hoeflichkeitsform geduldet, sie war indeß ihr auch nicht angeboten worden. Doch versuchte sie, gute Miene zu dem Spiel zu machen, wie es sich darbot, und rief mit erzwungnem Laecheln: »Aber seht nur einmal! Ist nicht Musjeh Sueßmilch wie aus dem Ei geschaelt? Und so roth, wie ein Borstorfer Apfel.« Es war noch hergebracht, einen jungen Mann, so lange er unverheirathet blieb oder kein eignes Berufsgeschaeft angefangen hatte, statt Herr Musjeh zu nennen. Woher das Wort stammte, ergab sein Klang, Deutsch war mithin der Gebrauch nicht. Der junge Sueßmilch rief: »Bien obligé, Madame! Und ich finde, auf Seele und Seligkeit, daß Sie sich sehr conserviert haben. Ich wette, Sie sind viel aelter, wie Sie aussehn. Mais les graces ne vielleissent pas.« Frau Goehl war mit dem Verstaendlichen und ihr Unverstaendlichen in dieser Rede wenig zufrieden. Das Letzte jedoch nur beachtend, murmelte sie vor sich: »Was? Will Gras essen?« Es wurde nicht gehoert, denn laut rief der alte Sueßmilch dazwischen: »Kann ich ihn wohl dahin bringen, daß er die franzoesischen Brocken, die verwuenschten, nicht einmengt?« Frau Goehl machte sich aber los, indem sie die Gesellschaft bat, die Zeit sich nicht lang werden zu lassen, nicht unguetig zu nehmen, daß ihr Mann und sie noch etwas abzuthun haetten. Sie ging auch mit ihm hinaus. Sein Punsch war noch nicht voellig bereitet, und Katharine hatte zwar Speisen aus der Garkueche gebracht, sie waren indeß kalt, mußten von neuen gewaermt werden. Feuer brannte schon auf dem Heerd, des Punsches willen, die Speisen konnte die Magd wohl darauf stellen, und Herr Goehl seine Fabrikation in der Putzstube vollenden. Frau Goehl trug deshalb Terrine, Citronen und das Uebrige dahin, auf ihren Wink folgte der Mann. Sie hatte das Herz geruettelt voll, mußte mit ihm reden. Noch schwieg sie aber, wie er schon – leise, damit Niemand im Wohngemach es hoeren sollte – anhob: »Siehst Du, ich hab es mir vorgestellt, daß er so von Paris kommen wuerde. Wo las ich doch? – Warte – es heißt: ›Ich komme jetzt aus fremden Laendern, wo sich die Moden immer aendern, wo Tag und Nacht der Wind regiert, der hat mich auch hieher gefuehrt‹.« »Das steht im kleinen Kalender von diesem Jahr.« »Und in Kupfer ist ein Haasenfuß dabei gestochen, der sieht grade so aus wie der kuenftige Schwiegersohn.« »Solche Weste! Eine Suende und Schande!« »Wenn das so fortgeht, schneiden sie am Ende noch die Schoeße ganz ab.« »Nun, da mueßte doch Feuer vom Himmel regnen!« »Und ich glaube, so wahr ich ehrlich bin, er hat sich geschminkt!« »Was? Goehl! Ne, das ist nicht wahr! Ein halb Schock Pflaster hab ich wohl im Gesicht gesehn, aber keine Schminke. Er wird noch roth von der Luft sein, koemmt von der Reise.« »Na, ich will nicht grade streiten, haette aber geschworen –« »Das abscheuliche Laster wird er doch nicht auch an sich haben? Die Schoenflecke ließ ich mir noch gefallen, wenn es nur nicht so viel waeren, aber Schminke, Schminke!« »Mit welch Verdruß sind wir Heute schon heimgesucht!« »Freilich! Mit dem Luederlichen Sohn.« »Der Waescheverbringer! Die gottlose Tochter.« »Die muß auch pechschwarz in die reputirliche Gesellschaft gehn.« »Nun koemmt der Braeutigam und sieht einem Hanswurst aehnlicher wie einem Menschen!« Nun kam jedoch Ludwigs Vater. »Kinderchen«, hob er freundlich an, »Ihr seid doch nicht boese auf meinen Sohn? Wir sind auch jung gewesen, und da soll man der Jugend etwas zu gute halten. Wie ich vor vierzig Jahren aus Paris kam, sagten die Berliner auch, ich waer ein Narr geworden, und es konnte wohl moeglich sein. Aber es giebt sich wieder, sobald man Geschaefte und Sorgen hat, zumal Frau und Kinder. Und was uns nicht gefaellt, das sehen Andre doch gern. Ich aergere mich auf der einen Seite, und auf der andern freu ich mich. So kann er auf die Lieferung von Seidenwaaren am Ersten hoffen. Und da wirds Euch doch lieb sein, wenn die Tochter einen Mann hat, der bessere Geschaefte macht wie irgend eine Handlung in der Stadt. Was?« »Da habt Ihr auch nicht unrecht«, sagte Herr Goehl wieder vertraulich, »nur – nur –« »Ihr wollt sagen: Bei Leuten, die so was nicht leiden koennen, muß er sich nicht so betragen. Nun, dahin wird man ihn schon bringen, denn folgsam ist er sonst, und ein gutes Herz hat er –« Frau Goehl mengte sich ein: »Das Herz ist freilich das Beste am Menschen, ins Herz sieht der Himmel.« Herr Sueßmilch fing wieder an: »Wenn er sich erst bei vornehmen Leuten eingeschmeichelt hat, was Einem, der wie ein franzoesischer Marquis aussieht, leicht ist, kann er wohl Eure Tuchhandlung noch mehr emporbringen, Freund!« Herr Goehl entgegnete seufzend: »Ach, wenn das anginge! Der Lebrecht hat in Halle so viel gekostet, daß mir die Haare zu Berge stehn, wenn ich daran denke! Seht nur –« »Nichts will ich mehr von ihm hoeren«, fiel ihm Frau Goehl ins Wort, »Du weißt warum!« Herr Sueßmilch rief: »Das wird sich wohl finden, Mamachen! Auf die Universitaet haette ich ihn aber nicht gehn lassen. Ich denke immer: Was hab ich von einem Titel? Ich haette den Titel Kommerzienrath lange schon haben koennen, denn es fehlt mir nicht an Bekanntschaften in den Departements, aber wozu? Das Patent haette mir nur Geld gekostet –« Schnell fiel Jene ein: »Mein Himmel, das hab ich ja noch gar nicht gewußt! Kaufleute haben zuweilen auch einen Titel? Und einen so vornehmen? Hoere, Goehl, wenn Du Herr Kommerzinrath werden koenntest, Du mueßtest mir es werden, und sollt es baare Hundert Thaler kosten.« Herr Sueßmilch sagte: »Das waere so unmoeglich nicht. Ihr lieber Mann hat Geschaefte ins Ausland gemacht, kann nachweisen, Geld aus der Fremde herein gezogen zu haben. Hm, ich will doch mit einem Departementsrath sprechen, den ich kenne. Er ist Rath und weiß auch Rath. Was meinen Sie, Mamachen, wenn ich der Frau Kommerzienraethin gratulirte –« Mit einem stolzen Laecheln entgegnete Mamachen: »O – glauben Sie nur nicht, daß ich auf so was stolz sein wuerde! Nein, so bin ich nicht.« »Mein Ludwig«, fing Jener wieder an, »soll sich darum auch bemuehn, wie er mein Compagnon sein wird. Denn hat man Geschaefte bei Hofe –« »Mein Himmel«, unterbrach ihn Frau Goehl, »da waer ja die Tochter Frau Kommerzienraethin, und die Mutter nicht. Es schickte sich doch wohl nun und nimmermehr, daß die Mutter weniger waere als ihr Kind.« Sueßmilch versetzte laechelnd: »In diesem Falle mueßte freilich erst an das Schwiegermamachen gedacht werden. Aber ich will nur zurueck in die Gesellschaft. Es koemmt mir vor, als wenn mein Sohn etwas laut wuerde.« Er ging und ließ das Goehlsche Ehepaar ziemlich mit dem versoehnt zurueck, was ihm an dem Heimgekehrten so mißfallen hatte. Die Aussicht, durch ihn vielleicht seine Handelsgeschaefte erweitert zu sehn, hatte fuer den kaufmaennischen Sinn des eines Theils viel zu Beherzigendes, und dem andern klang in dem Titel Frau Kommerzienraethin eine ganz neue Saite an, zeither im Gebiet der Wuensche noch nicht vernommen. Frau Goehl sah nun die ganze Verbindung mit dem Sueßmilchschen Hause in einem angenehmeren Licht und trieb Katharinen eben so froehlich zu dem, was noch in der Kueche Noth that, als ihr Mann die letzte Hand an seinen Punsch legte. * Herr Sueßmilch fand im Wohnzimmer erhitzte Gemuether. Der Franzoesirte hatte es mit Allen verdorben. Renate fand seine Schmeicheleien laecherlich, und hier am sehr unrechten Ort. Dann machte er sich an ihre Tante und pries ihre imagnifique uenique Corpulenz, wie er es nannte. Er fuegte hinzu: »Ich habe in Paris auf dem marché des innocens eine poissarde gesehn, mit der Sie ganz extraordinaere Aehnlichkeit haben, sie hatte grade solchen émbonpoint.« Frau Kuerbiß verstand die Unart nicht, die er da gesagt hatte, und dankte ihm wie fuer eine Verbindlichkeit. Er hob nun wieder an: »Vous etes aimable, fort aimable, aber Eins gefaellt mir nicht an Sie, einen odioesen deutschen Namen haben Sie. Kuerbiß, wie kann man Kuerbiß heißen! Melone, das ließ ich noch passiren. Taufen Sie sich doch um, uebersetzen Sie vielmehr den haeßlichen Namen ins Franzoesische. Da heißt ein Kuerbiß citrouille, und ein dickes Weib nennt man in Paris une grosse citrouille. Bedenken Sie, wie schoen es klingt, Madame Citrouille!« Frau Kuerbiß ward nun ziemlich ungehalten. »Ich sehe nicht ein, Musjeh Sueßmilch«, entgegnete sie, warum ich meinen ehrlichen Namen aendern sollte. Und wenn ich sagte, daß Sie mir sehr artig vorkommen, mueßte ich wahrhaftig luegen. Mit wem denken Sie denn, daß Sie sprechen?« Das junge Maennchen wollte sich halbtodt lachen. »J'aime les quérelles, dont le beau sexe va m'honorer«, hieß die Gegenrede. »Sagen Sie mir soviel Sottisen wie Sie wollen, ich finde das amuesant. Aber sans badinage, folgen Sie meinem Rath, aendern Sie Ihren fatalen Namen!« »Warum aendern Sie Ihren denn nicht?« »Ventre gris, Sie fuehren mich auf eine delizioese Idee. Sueßmilch laeßt sich zwar viel huebscher anhoeren wie Kuerbiß, und wer wird nicht lieber sueße Milch trinken als einen Kuerbiß essen, der ist auch pour Messieurs les cochons. Aber was hilfts, der Name ist deutsch, und alles Deutsche ist abominabel, darum will ich ihn auch uebersetzen, will mit mon cher pere davon sprechen. Wie heißt er franzoesisch? Douxlait, o das klingt goettlich, Monsieur Douxlait. Madame, davor muß ich Ihnen embrassiren.« Er wollte zur That schreiten, Frau Kuerbiß trieb aber das Windspiel mit ihren kraeftigen Armen ab und sagte erhitzt: »Thaet ich's nicht um Ihren Herrn Papa, ich wollt' es Ihnen anders geben. In die Krausenstraße In dieser Straße befand sich vor Zeiten das Tollhaus. gehoert Einer, der sich so betraegt.« Nun schien es doch, als waere sie Herrn Sueßmilch zu herb, denn er huepfte zur Gattin des Cantors. »Mon Dieu«, rief er, »da ist ja noch eine scharmante kleine Frau, die ich noch nicht regardirt habe.« » Meine Frau, mit Erlaubniß«, fiel der Cantor ein, »und ich werde bitten –« »Mais ne faitez donc pas le jaloux, Monsieur?« »Verzeihen Sie guetigst, Herr Sueßmilch!« »Vous etes un George Dandin, fi, fi!« »Mit Latein kann ich die Ehre haben aufzuwarten, auch hab ich das Italienische bei der Musik ziemlich gelernt, denn ich dirigire die Choere bei der Oper, doch was die franzoesische Sprache anlangt –« »Aber wie kann man eifersuechtig sein! Ist das in Berlin noch Mode, ist man hier noch so weit zurueck? Ich wuerde mich rejouiren, wenn ich eine huebsche Frau haette, und Jemand marquirte es mich, daß er sie auch huebsch finden thaete, es machte meinem Gout Ehre.« »Erlauben Sie guetigst – es kann mit meiner Frau sprechen, wer da will, sie auch singen hoeren, sie hat einen guten Sopran von weitem Umfang, und ruft ihr Jemand Bravo zu, freut es mich, denn ich habe sie gebildet. Aber Sie, mein Herr Sueßmilch, belieben sich doch ein wenig zu viel Freiheiten herauszunehmen. Setzen sich so ganz dicht heran – ich bitte, guetigst ein bischen wegzuruecken.« »Ei«, rief Herr Sueßmilch, »das schadet Ihnen ja nicht. Je suis un petit papillon, qui fait la cour a tout le monde.« Er rueckte ohne Weiteres noch naeher und kniff die Frau Cantorin ein wenig in die Backen. »Gehn Sie«, rief Diese, »mein Mann ist hitzig, wenn ihm der Kamm schwillt.« »Ja, ja«, rief Dieser schon ziemlich laut, »ich bin Tenorist, im Nothfall uebernehm ich aber auch eine Baßparthie.« Jetzt trat der alte Sueßmilch herein, gab dem Sohn heftige. Verweise, bat die Uebrigen um Nachsicht und stellte so die Ruhe wieder her. Bald erschien nun auch Doris in ihrer Umwandlung, grueßte die Anwesenden sittsam, doch keineswegs mit einem Streben zu gefallen. Renate ging auf sie zu, ließ sie dann Platz neben sich nehmen und sprach leise mit ihr. Waehrenddem fluesterte Ludwig seinem Vater ins Ohr: »Elle a l'air allemand, c'ést a dire, l'air gauche. L'autre vaut mieux, c'ést a dire, la belle niece de la grosse citrouille.« Der Vater achtete nicht darauf, sagte nur unwillig: »Da bringe Deine Galanterien an, da passen sie. Und Du bleibst sitzen, wie die Braut koemmt. Ist das nicht unmanierlich? Gleich gehe hin, und sprich mit ihr.« »Mon eher pere«, entgegnete der Sohn leise, »wenn ich sie werde geheirathet haben, kann ich genug mit ihr sprechen.« »Du hast sie auch noch um Verzeihung zu bitten, wegen vorhin. Allons, sei kein Esel!« Ludwig stand nun auf, ging mit einem Schritt, als ob er eine Menuet tanzte, zu Doris, und sagte: »Eh bien, Mademoiselle, ma promise, Vous voila blanchi, et dans un instant –« »Deutsch, Junge«, fiel ihm der Vater ins Wort, »wie oft soll ich's wiederholen.« Der Sohn hob wieder an: »Mademoiselle, meine Braut, haben Sie sich auf eine Bleiche gelegt und sich mit Wasser begießen lassen, daß Sie mit einemmal weiß geworden sind? Aber die Sonne scheint ja nicht, es muß par un miracle geschehen sein. Nun faellt mir's bei, Sie sind ja eine Sonne, da haben Sie sich selbst beschienen.« Der alte Sueßmilch rief: »O wie fade! Kannst Du denn niemals ein vernuenftiges Gespraech fuehren, mein Sohn? Er hat Sie auch noch um Vergebung zu bitten, Mamsell Goehl! Er hatte sich erschrocken, wie Alle –« »Mort de ma vie – ah, ich soll das insupportable Deutsch sprechen – ah, bei dem Wort insupportable faellt mir ein Geschichtchen bei, das man sich in Paris erzaehlte, von einer Demoiselle in der Bretagne. Sie war auf einem Ball, ein Cavalier wollte mit ihr tanzen, da sagte sie: Non, Monsieur, quand je danse, je sue, quand je sue je pue, et quand je pue, je suis insupportable. Ich sagte, aber in Paris: Das waere nicht wahr, in der Bretagne waere das nicht geschehn, sondern in Pommern. Ich will es Sie uebersetzen –« Sein Vater rief: »Laß es unuebersetzt, und bitte Deine Braut um Verzeihung!« »Ah, je n'en hesiterois plus! Pardonniren Sie also, daß ich schreien that: c'ést un monstre! Dafuer will ich nun auch schreien: c'ést un ange!« Herr Goehl trat nun ins Zimmer. »Es ist recht unartig von mir gewesen«, hob er an, »daß ich die wertheste Gesellschaft nicht gefragt habe: ob's gefaellig waere, eine Parthie Solo zu spielen. Freund Sueßmilch, wie waer's, soll ich das Toccatillenbrett holen? Es ist nun freilich spaet –« »Mein Herr Goehl«, nahm der Cantor aufstehend das Wort, »sollte es der hochwerthen Gesellschaft nicht zuwider sein, wuerd' ich mich erdreisten, eine kleine musikalische Unterhaltung vorzuschlagen.« »Ganz recht«, versetzte Herr Goehl, »warum hat man nicht frueher daran gedacht. Doertchen, geh ans Clavier, spiele meine Leibmenuet!« Sie gehorchte, und der Lehrer setzte sich ihr zur Seite, um mit seinem Fuß den Takt zu treten. Die Menuet war von einem Componisten, wie man ihn nicht alle Jahrhunderte sieht. Sein Bildniß, mit einem vergoldeten Rahmen, hing im Zimmer, man fand es damal beinahe in jeder Wohnung eines Berlinischen Buergers, denn sie wollten alle rechte Patrioten sein. Dieser Componist trug auf dem Gemaeide einen schwarzen Federhut mit Silber, den er eben ein wenig abnahm. Blick und Zuege waren ungemein großartig. An dem blauen Kleide sah man den Stern des schwarzen Adlerordens und ein Achselband, eine Schaerpe, schwarz mit Silber, umgab es. Als die Menuet vollzogen war, fragte Herr Goehl: »Von wem meinen Sie, daß sie ist? Herr Cantor, sagen Sie nichts!« Alle wußten es, so bekannt war die Menuet. »Aber sagen Sie mir«, nahm Jener abermal das Wort, »der Herr hat Kriege gemehrt, muß ein Land regieren, schreibt Buecher, blaest die Floete, und hat noch Zeit, eine Menuet zu komponiren. Ist das zu begreifen?« Der Cantor sagte: »Man hat auch eine Symphonie von ihm, Opernarien, Floetenkonzerte. Seine Armee nennt ihn immer einen neuen Caesar, ich nenne ihn einen neuen David, um der Musik willen.« »Und ich«, rief Sueßmilch, der Vater, »nenne ihn einen neuen Hiram. Das war ein Koenig von Tyrus, der sorgte fuer den Handel.« Der Cantor wandte sich jetzt an die Nichte der Frau Kuerbiß, sie bittend, die Bravourarie Mi paventi vorzutragen. Renate entschuldigte sich aber und gab vor, Heute nicht bei Stimme zu sein, und anfangs April haette man schon an einen Katharr glauben duerfen. Sie forderte hingegen ihren Lehrer auf, mit seiner Gattin ein Duett zu singen. Das ließen Beide sich nicht zweimal sagen und waehlten eins aus einer Oper von Hasse. Sie hatten es wohl eingeuebt und ernteten damit vielen Beifall. Der aeltere Sueßmilch hoerte aber wenig darauf, nahm vielmehr waehrend desselben neben Doris Platz und hob leise an: »Sagen Sie mir aber, mein kuenftiges liebes Toechterchen, wie kam es denn, daß Sie vorhin so schwarz waren? Es ist mir doch ein Raethsel.« Doris wurde blutroth, die Frage mußte sie wohl in peinliche Verlegenheit setzen. Die Wahrheit konnte sie nicht gestehn, schwieg erst eine gute Zeit, und brachte dann eine Nothluege hervor, der es an aller Glaubwuerdigkeit fehlte. Sie wollte nehmlich unter dem Kuechenschornstein weggegangen sein, waehrend der Ofen gefegt würde, und sie sei dergestalt mit Ruß beschuettet worden. Herr Sueßmilch schoepfte nur um so mehr den Glauben, hier moege wohl ein Geheimniß verborgen sein, dessen Enthuellung dem Maedchen eben nicht ganz zur Ehre gereichen durfte. Er brach dies Gespraech inzwischen ab. Dagegen setzte er sich neben Frau Kuerbiß, sprach von ihrer Nichte, lobte sie beredt und kam auf die Frage: ob sie schon einen Braeutigam fuer das liebenswuerdige Maedchen ausgewaehlt haette? Die Antwort hieß: Nur zu viele junge Maenner haetten sich schon um sie bemueht, und sie pflege sie nicht mit an oeffentliche Orte mitzunehmen, um neuen Bekanntschaften, die sich wieder anknuepfen koennten, auszuweichen. »Renate hat ja noch Zeit«, fuhr sie fort, »und es ist mein Vorsatz, sie nicht zu verheirathen, bis ich einen Mann finde, der nach ihrem Sinn ist und auch nach meinem. Er muß bei ihr dem Herzen und bei mir der Vernunft gefallen.« Jener konnte nicht umhin, dies Vorhaben zu billigen, hatte aber mit Zufriedenheit gehoert, daß Renate noch nicht versprochen sei. Der Zweigesang endete, und nun erbot sich Renate von selbst, ihr Mi paventi hoeren zu lassen. Vielleicht hatte die andere Musik ihre Lust dazu aufgeregt, vielleicht war es eine Art Politik, zuletzt aufzutreten. Alles bewunderte die schoene volltoenende Stimme, worin sie die Cantorin weit uebertraf. Aber auch die Fertigkeit war glaenzend, und ob sich schon hier nicht Alle auf Musik verstanden, wetteiferten sie doch in ihren Lobeserhebungen. Ludwig rief den Vater aber hinaus, und sagte ihm: »Mon cher pere, koennten Sie mich denn nicht von der alten Braut losmachen, die mir lange nicht so charmirt wie die couleur de feu? Die singt wie Eine in der Pariser Oper, und es mueßte den Mann doch flattiren, solche Frau zu produziren, mit ihr zu brilliren. Die moecht ich haben, und reich, sagen Sie ja, ist sie auch.« Der Vater antwortete: »Goehl ist mein alter Freund – und viele Maedchen, wie seine Tochter, die einmal 20.000 Thaler haben wird, giebt es in Berlin auch nicht. Die Andere soll aber wohl 25.000 und mehr erben, die Tante hat auch schon einen Anfall vom Stickfluß gehabt. Der kann sich bald wiederholen, Goehl und seine Frau leben aber vielleicht noch zwanzig Jahr, wenigstens Eins davon –« »Die citrouille stickt in ihrem eignen Fett, geben Sie Acht.« »Unrecht hast Du nicht, mein Sohn, mir waere ihre Nichte auch lieber, und ein Ehecontrakt, worueber ich nun ganz zufrieden bin, ist nicht da. Aber wie hier loskommen und dort – das ist eine Hauptsache – wieder anbinden?« »Loskommen? Ich sage, sie gefaellt mir nicht, ich heirathe keine botte a noir de fumée, damit gut.« »Nein, ohne einen Grund, der sich auch hoeren laeßt, geht das nicht an. Goehl koennte am Ende uns doch einen Prozeß machen, es hieße, man haette seine Tochter in der Leute Mund gebracht, ihr geschadet – ein guter Advokat ist da im Stande, verteufelte Schikanen hervorzubringen. Aber – es ist mir so, ich vermuthe wenigstens, daß vielleicht ein Grund entdeckt werden koennte, der mich und Dich berechtigte, uns zurueckzuziehn. Wir muessen spaehn, nachforschen, auszumitteln suchen. Manches fiel mir auf, und besser kann ich mir Alles nicht zusammen reimen als wenn ich mir vorstelle: Mamachen wird sie auf ein Naschen von verbotner Frucht ertappt und sie zur Strafe in einen Kamin gesperrt haben. Wenn man jedoch was beweisen koennte, einen Liebhaber, heißt das, so waer ein Grund da. Nun, wir wollen sehn: Wir duerfen aber kein unreines Wasser ausgießen, bis wir reines haben. Koennen wir nicht gewiß sein, daß die Andere Dich nimmt, lassen wir die alte Braut nicht los, und wenn sie sich zehn andere Amanten angeschafft haette. 20.000 Thaler finden sich nicht so leicht wieder, mein Sohn!« »Ich will die Andere im Voraus in mich verliebt machen. C'ést une bagatelle pour moi!« »Halt, so schnell geht das auch nicht!« »Sie ist schon in mich verliebt, le diable m'en porte! Die Arie hat sie blos gesungen, daß ich sie admiriren sollte.« »Bilde Dir nicht zu viel ein. Zwar so ein Maedchen – Du hast nur mit Deinen Windbeuteleien, Deinen, faden, abgeschmackten Possen die Tante erzuernt.« »Das mache ich wieder gut.« »Wir muessen eine Abrede nehmen. Hier darfst Du Dir nichts von einer anderen Absicht merken lassen, und – vielleicht steht auch Alles da so, daß es am besten ist, wenn die Sache beim Alten bleibt. Hier freundlich, zaertlich gegen die Braut, auch ihre Eltern warm gehalten, zumal die Mutter. In diesen Tagen machst Du der Madame Kuerbiß aber eine Visite. Da siehst Du denn zu, ob Du das Maedchen fuer Dich einnehmen kannst, und setzest Dich bei der Tante wieder in Gunst. Hat es einen guten Anschein, wiederholst Du Deine Besuche, ich gehe auch hin, rede zu Deinem Vortheil. Allenfalls waere darauf zu rechnen, daß es einem Maedchen schmeichelhaft zu sein pflegt, wenn es dem andern den Braeutigam abspenstig machen kann. Waehrenddem suche ich auszuforschen, was hier vorgegangen ist. Man wird ja weiter sehn. Thue nur genau, was ich Dir befohlen habe.« Sie gingen nun zur Gesellschaft zurueck, wo man sie bereits erwartete, denn das Essen war aufgetragen. Mit gebuehrenden Ceremonien begaben sich die Anwesenden in die Putzstube. Herr Goehl bot Frau Kuerbiß den Arm, der aeltere Sueßmilch fuehrte die Wirthin vom Hause, der juengere seine Braut, Renate mußte sich vom Cantor begleiten lassen, den ihr Reifrock ungemein verlegen machte, und Frau Schmidt allein hinterdrein gehn. Vier Lichter brannten in Zinnleuchtern auf dem blendend weiß gedeckten Tisch und erhellten die Putzstube so gut, daß man den Anblick ihrer ganzen netten Einrichtung genießen konnte. Zwischen den Fenstern zeigte sich ein Spiegel, vierzig Zoll hoch und fuenfundzwanzig breit, mit blau angelaufenem Glase eingefaßt, ein koestliches Hausgeraeth. Darunter befand sich die Staatscommode, schwarz mit vergoldeten Leisten und Oben mit einem roethlichen Tuch ueberbreitet. Auf diesem standen saemmtliche Chokoladen- und Kaffeetassen, auch einige Pueppchen dazwischen. Eine saubre Nadelbuechse, ein niedlich Riechflaeschchen und zwei Dutzend Aepfel von ausgezeichneter Schoenheit stellten die weiteren Zierrathen dar. Von ueberaus weißem Nesseltuch hatte man die Fenstergardinen gefertigt, und das große Eckspinde starrte von einem Reichthum an Bier- und Weinglaesern. Ein großer Krug, und ein Festkelch mit Deckel glaenzten besonders, und ganz Oben auf dem pyramidenfoermigen Bau saß ein ausgestopftes Eichhoernchen, welches eine Nuß bestaendig in den Pfoten hielt. Eine Wand zeigte die Gemaeide des Ehepaars, noch in seiner Jugend dargestellt, Herr Goehl mit einer Rose in der Hand, seine Gattin mit einem großen Blumenstrauß am Busen. Unter denselben hingen vier Kupfer, blau abgedruckt, welche die vier ersten Szenen aus dem Leben des verlornen Sohnes versinnlichten. An der Wand gegenueber sah man Schleuens Grundriß von Berlin, und darunter den verlornen Sohn abermal in vier Lebensverhaeltnissen. Die Hinterwand hatte keine Schildereien, wohl aber einen breiten Kamin, auf dessen Gesimse ein Topf von Porzellan mit getrockneten Lavendel und Rosenblaettern stand, auf jeder Seite noch zwei sogenannte chinesische Pagoden, welchen man nur einen kleinen Stoß zu geben brauchte, um sie eine Viertelstunde lang mit dem Kopf nicken zu sehn. Alle Stuehle waren hier von braungebeitztem Holz, und ihre Polster mit karmoisinrothem geschornem Sammet ueberzogen. Die Tapeten schienen uralt zu sein, und man erkannte die Gestalten darauf nicht mehr, einer Sage nach hatte man einst aber Goliath und David, den schwebenden Absalom, und Judith mit dem Kopf des Holofernes, darauf erblickt. Bald haetten wir das Hauptprachtstueck im Prachtgemach vergessen. Dies war eine Floetenuhr, im großen weißen Gehaeuse. Sie schlug alle Viertel- und halbe Stunden, bei den vollen aber ließ sie eine angenehme Musik hoeren. Sechs Veraenderungen, mittelst eben so vielen Walzen, hatte sie in ihrer Gewalt. Nehmlich einen Choral, ein Praeludium von Sebastian Bach und die Arie: Ich bin eine Blume zu Saron als geistliche, den Marsch der Leibgarde in Potsdam, das Freimaurerlied: Brueder, wir sind jetzt hier, doch wer weiß, wie lange , und ein ganz neues: Ich schlief, da traeumte mir, geliebtes Kind, von Dir aber als weltliche Leistungen. Die Uhr war ein Pueppchen des Herrn Goehl, der sie stets mit eignen Haenden aufzog und saeuberte. Mochte sie an Vollkommenheit gegen spaetere aehnliche Kunstwerke auch weit genug zurueckstehn, so war sie doch i.J. 1750 sehenswuerdig. Neu duerfte sie Herr Goehl, alsdann zu theuer, schwerlich gekauft haben, doch sah er sich vermocht, sie von einem Debitor statt Schuldenzahlung anzunehmen, und, einmal es besitzend, wollte er das seltne Stueck nun auch nicht verkaufen. Das Essen war frueher schon erwaermt gewesen, man haette seit einer halben Stunde speisen koennen, wartete indeß immer noch auf Lebrecht. Und er, um dessentwillen das Mahl, das nicht wenig kostspielige, veranstaltet worden, erschien nicht. Es wurde spaet, der Hunger war den Gaesten nachgrade am Gesicht zu lesen, und so blieb nichts uebrig als ohne den Sohn an die Tafel zu gehn. Man sah indeß wohl am Betragen der Eltern, wie sehr dieser verdrießliche und sie beschaemende Umstand ihre gute Laune verscheucht hatte. Der Vater hatte dabei weiter keine Bangigkeit. Er wird sich herumtreiben, hatte er vorhin zum Cantor gesagt, auf einem Billard, hat alte Bekannte gefunden. Dagegen empfand die Mutter unruhige Besorgniß, und aeußerte sie gegen die Muhme. »Mein Himmel«, wimmerte sie, »wenn ihm nur kein Unglueck widerfahren ist. Er hat mich sehr erzuernt, hat mit der feinen Waesche was vorgenommen, was keine Mutter ihrem Sohn vergeben kann, aber ein Unglueck wuenschte ich ihm deswegen doch nicht.« Die Muhme suchte sie zu beruhigen, was ihr indeß wenig gelang. Man stellte sich um den Tisch, und sprach die jeden Tag hier ueblichen Gebete. Der Hausvater erhob zuerst seine Stimme, mit dem: Wir gehen zu Tisch auf Deinen Befehl, Herr Jesu Christ speis' unsre Seel' u.s.w. Dann sprach Frau Goehl das: Diese Speise segne uns Gott der Vater u.s.w., endlich Doris: Alle gute Gabe, und alle vollkommene Gabe u.s.w. Nun ward Platz genommen. Die Oberstelle war der Frau Muhme angewiesen, und sie fuellte die eine schmale Seite des Tisches auch vollkommen mit ihrer Breite aus. Links neben ihr saß der Wirth, dann folgte Renate, hierauf der aeltere Sueßmilch, endlich die Gattin des Cantors. Drueben war Frau Goehl der Muhme Nachbarin, neben sich hatte sie den Braeutigam, und dieser Doris zur Seite, an welche sich der Cantor schloß. Die zweite schmale Seite enthielt ein fuer Lebrecht offenes Gedeck. Zu den ersten und sehr redseligen Gespraechen lieferten die Komplimente den Stoff, als man die Fische, als erste Schuessel, austheilte. Niemand wollte den ihm gereichten Teller behalten, »ich bitte – haben Sie die Guete – es wird nicht geschehn, – er ist in guten Haenden – unmoeglich« so toente es eine lange Zeit hindurch. Ludwig sagte zuletzt aber: »Mesdames, Messieurs, ich muß Ihnen sagen, daß in Paris das Komplimentiren nicht mehr Mode ist.« Vor diesem Ausspruch zeigten sie nun einige Achtung, nahmen und aßen. Die Gaeste nehmlich, Wirth und Wirthin hatten zwar auch die gefuellten Teller vor sich stehn, konnten vor Unmuth aber die Speisen nicht anruehren. Statt es ihr Amt wuerde gewesen sein, die Gaeste zu noethigen, mußten Letztere Heute Jenen diesen Liebesdienst erweisen. Herr Sueßmilch Vater und Frau Kuerbiß empfahlen ihnen besonders, die Traurigkeit zu fliehn. Herr Goehl faltete die Haende und rief: »Ist es aber nicht zu arg? Koemmt immer noch nicht, thut das den Eltern, und an einem solchen Tage!« »Ei nun«, sagte der im blauen Staatsrock, »er wird eine Abhaltung gefunden haben«, und Ludwig nahm das Wort: »Er wird sich gut amuesiren, wo er ist, und nicht wegwollen. Ist ihm das auch zu verdenken?« Frau Goehl brach in helle Thraenen aus. »Mein Himmel«, rief sie, »der Waechter tutet schon! Nun gehts nicht mehr mit rechten Dingen zu. Er ist ueber eine Bruecke gegangen und in die Spree gefallen, oder ein Wagen hat ihn uebergefahren!« Man beeiferte sich, diese Besorgniß zu zerstreuen, und Herr Goehl theilte sie selbst nicht, indem er anmerkte: »Ein Mensch von Ein- bis Zweiundzwanzig Jahren wuerde sich doch in Acht nehmen.« Der junge Sueßmilch rief: »Er kann auch eine affaire d'honneur gehabt haben, ist todt gestochen, oder hat einen Andern todt gestochen.« Das wirkte elektrisch mit Schrecken. Frau Goehl waere bald darueber in eine Ohnmacht gefallen. Nun ward ihrem Mann selbst bange. »Auf der Universitaet«, stotterte er, »hat sich der Blitzjunge herumgeschlagen, eine Schmarre im Gesicht mitgebracht, und etliche auf dem Arm. Siehst Du, mein Kind, was hab ich immer gesagt?« Der aeltere Sueßmilch rief: »Was sprichst Du fuer dummes Zeug, mein Sohn! Auf der Universitaet fordern sich die Studenten wohl heraus, spaeter werden sie aber klueger, und es ist damit vorbei. Wenn er in Berlin Jemanden forderte, wuerde der auch so klug sein und nicht kommen, ihn auslachen. Und Soldat ist er ja nicht, da waer es ein Anderes.« »Wie«, fragte der Sohn, »nicht kommen? Das wollte mir in Paris auch einmal Einer thun, ich hatte aber eine Stelle aus einer Komoedie behalten, die schrieb ich ihm. Sie hieß: Vous, qui donne un lache role, choisissez donc sans façon, D'avoir trente croquignoles, Ou douze coups de baton. Er kam noch nicht. Da fand ich ihn aber auf dem Boulevard und schrie ihm die Verse so lange zu, bis er sich stellen mußte. Ich gab ihm ein Paar Stiche in Arm und Beine, es war compassion, daß ich ihm das Leben ließ.« Doris war hoechst unzufrieden mit des Braeutigams Aeußerungen, und sein Vater tadelte ihn nicht weniger, hier solche Dinge zur Sprache gebracht zu haben. »Ich wette«, fuegte er hinzu, »dem Sohn ist nicht das geringste Ueble begegnet, und es wird sich ausweisen. Froehlich wollen wir sein!« Herr Goehl und Frau sagten zugleich: »Ja, wenn man wueßte, daß ihm nichts Uebles begegnet waere –« Sie bewiesen dadurch einige Lust zur Froehlichkeit. Die Muhme erinnerte auch die Eheleute, daß zwar des Sohnes Verspaetung, die gewiß nichts von Belang auf sich habe, ihnen unangenehm sein muesse, daß sie dafuer aber auch die unvermuthete Freude gehabt haetten, den Braeutigam der Tochter anlangen zu sehn. Martin, der Hausknecht, wartete in seinem Oberrock von braunem Multon auf und hatte jedem Anwesenden ein schaeumendes Glas Ruppiner Bier dargereicht. Erst nach dem Braten sollte das Punschgefaeß, das jetzt ueber Kohlen stand, auf die Tafel gesetzt werden. Weil aber die Froehlichkeit, zu der Sueßmilch, der Aeltere aufgemahnt hatte, immer noch stockte; meinte Herr Goehl auch, der Punsch koenne sie noch am wirksamsten foerdern, und ließ ihn deshalb, sammt Glaesern, gleich bringen. Die Veranstaltung zeigte sich bewaehrt. Herr Sueßmilch fing zur Stelle an, Gesundheiten auszubringen. Dem Wirth und der Wirthin trank er die erste zu, und zwar in den Worten: »Der kuenftige Herr Kommerzienrath Goehl und die Frau Kommerzienraethin sollen leben! Ich nehm es auf mich, die Sache in Richtigkeit zu bringen.« Herr Goehl schuettelte den Kopf dabei, aber doch laechelnd, seine Ehegenossin konnte eine behagliche Aufwallung nicht verbergen. Nun mußten die Geehrten danken, das Geehrtwerden kam an Andere, zuletzt die ganze Reihe herum. Von Lebrecht vermied man, weiter zu reden, beim Fricassee, dem zweiten Gericht, kamen aber nicht blos Tagesneuigkeiten, die man auch zuvor schon abhandelte, sondern selbst aesthetische Gegenstaende zur Sprache, z.\ B. die Opern im vorigen Carneval, wobei der Cantor sein kritisches Licht leuchten ließ. Dann kam die belesene Renate auf die schoenen Romane aus dem Englischen, und Doris mengte sich ein, aber fuer die Schaefergedichte, die lieblichen, Parthei nehmend. Das deutsche Theater, nur damal ab und zu in Berlin, gab eben, unter Herrn Schuchs Leitung, in einer großen Bretterbude Vorstellungen. Die Goehlschen Eheleute fanden keinen Geschmack daran, nur einmal hatten sie, auf der Tochter dringende Bitte, mit ihr eine Vorstellung besucht. An diesem Abend wurde ein ganz neues Schaeferspiel gegeben, was die Eltern langweilte, Doris aber in ein hohes Entzuecken versetzte. Immer klangen seitdem in ihrem Gemueth die Anfangs- und Endzeilen nach. Jene hießen: »Was machst Du, Galathee, Du scheinst mir nicht vergnuegt. – Ich weiß es selber nicht, was mir im Sinne liegt«, und die letzten: »Kennst Du das Spiel, Myrtill? Man fraegt: was macht die Liebe? – Sie zankt sich, weil sie sonst nicht neu und sueße bliebe.« Auch jetzt, wie das Stück in Erinnerung kam, wiederholte Doris die Zeilen, und Ludwig, vom Punsch maechtig aufgeregt, sagte lachend: »Eh bien, ma chere promise, wir werden uns auch wohl oft zanken, wenn wir verheirathet sind, denn unsre Sentiments passen nicht zusammen, mais n'importe, so haben wir die Inelination immer wieder neu und sueß.« Die Braut nahm seine Anmerkung uebel auf, und entgegnete: »Sollten wir nicht zusammen passen, wuerde es am besten sein, wir heiratheten uns nicht.« Der Vater winkte dem Sohn, und dieser meinte die Unschicklichkeit gut zu machen, als er wieder anfing: »Aber nein, nicht zanken, das waere gegen alle Education. Wir wollen uns einander nicht geniren, wie man es in Paris macht, das giebt das beste comportement.« Renate brachte nun Voltairens Trauerspiele aufs Tapet, welche die Schuchsche Gesellschaft, wie auch manche von Corneille, Crebillon u.s.w. in Uebersetzungen gab. Frau Kuerbiß – in dramatischer Liebhaberei der Gegensatz ihrer Nichte – lobte vorzueglich etliche Possen und die extemporirten Einfaelle etlicher Schauspieler darin. Man hatte damal Stuecke, die ganz extemporirt waren, doch kamen sie allmaehlich in Abnahme, weil es die Schauspieler doch bequemer fanden, auswendig zu lernen als zugleich Mimen und Dichter zu sein, was doppelte Talente forderte. Extemporiren mußten die Lustigmacher indeß immer noch, und wer es am besten verstand, durfte auf die ansehnliche Gage zaehlen, doch hießen fuenf Thaler die Woche schon ansehnlich. Weil man indeß hier nicht blos alte Moden schildern und auf ihr Abweichendes von den neuen hindeuten, sondern auch erinnern will, daß nicht selten die alten wiederkehren, sei eine kleine Nebenbemerkung erlaubt. Damal uebersetzte man das gute Dramatische aus dem Franzoesischen, von einheimischen Dichtern begehrte man groeßtentheils nur das Platte und Gemeine, was zahlreiche Liebhaber fand. Nachstehender Witz erhielt damal in Berlin ungemeinen Beifall. Es wurde nehmlich nach der Magd im Hause gefragt. Die Antwort hieß: sie waere unpaeßlich, denn sie haette vor neun Monaten sich unter der Treppe im Finstern an dem großen Heiducken gestoßen – – Man bedenke, wie nahe wir zu Berlin im Jahr 1825 diesem Zustand des Geschmacks wieder kamen. Das Gute – immer ist es auch nicht einmal gut – wird aus dem Franzoesischen uebersetzt, meistens nur gemeine Possen duerfen einheimische Dichter aufgenommen zu sehn hoffen. Woher koemmt es, und warum blieben die Plaetze, worauf Lessing, Schiller, Kotzebue, Iffland standen, unbesetzt? Braechte die Natur in einer Zeit vollkommnere Geisteskraefte hervor als in einer andern? Dies untersagt die Vernunft zu glauben; Schuld muß etwas sein, und was sonst als die deutsche Kritik? Man denke auch an Fieldings, Richardsons, Goldsmiths Romane vor Zeiten, und nun an die von Walter Scott. Die deutsche Nation wollte einmal eine selbstschaffende werden, mit jedem Tage schwindet diese Erhebung mehr hin, sie wird eine uebersetzende, stellt sich folglich auf eine niedrigere Stufe. Vor der Hand sieht man den Nachtheil nicht deutlich, prahlt wohl gar mit einem Reichthum an eignem und hereinverpflanzten fremden Gut. Doch gilt es einst eine allgemeine Kraftmessung mit einem eigenthuemlichen Nachbarvolk, dann – nun man denke weiter. Unsre Tischgesellschaft wurde immer froehlicher. Martin brachte den Lammbraten, den um die Osterzeit so beliebten, der Allen vorzueglich mundete. Frau Goehl mußte sich gestehn, daß sie allein nicht vermocht haben wuerde, ein so gutes Mahl aufzutischen, wiewohl das zum Garkoch gesandte Geld auch nicht unbeseufzt blieb. Noch hatte man emsig mit dem Vertilgen des Bratens zu thun, als es draußen stark an die Hausthuere pochte, die jeden Abend hier um neun Uhr verschlossen und verriegelt ward. Da koemmt er endlich, sagte der Wirth, billig sollte man den Nachtschwaermer nun gar nicht hereinlassen. Wie seine Gattin meinte, Lebrecht sei da, kehrte auch ihr Unwille heftig zurueck, und sie rief mit heller Betonung: »Er kann bleiben, wo er so lange gewesen ist, kann wieder hingehn, wo er die feinen Oberhemden gelassen hat!« »Es ist nicht Ihr Ernst«, nahm der alte Sueßmilch das Wort, »auf meine Verantwortung, Martin!« Er gab Goehl zugleich einen Wink, die Thuere zu oeffnen. Frau Goehl rief: »Es ist mein Ernst«, stand aber doch auf, und fragte draußen das Maedchen, ob die Fische und das Fricassee auf den Kohlen staenden? Sie hatte vorhin dem Hausknecht geboten, etwas davon hier Lebrecht aufbewahren zu lassen. Es war auch geschehn, sie kam zurueck und sah, ob auch noch einiger Braten vorhanden sei. Jetzt nahten maechtig hallende Fußtritte in der Wohnstube, und bald trat ein Grenadier draus herein, in voller Wachtruestung. Barsch fragte er, ob der Kaufmann Goehl hier wohne. Auf die Bestaetigung hob er wieder an: »Der Kapitain vom neuen Markt laeßt sagen, daß sich der Sohn besoffen hat und im Wirthshause fuer funfzehn Thaler Glaeser und Fenster zerschlagen. Er sitzt auf der Hauptwache. Wird das Geld Heute noch geschickt, kann er loskommen, sonst muß er Morgen nach Kalandshof.« Das aeltere Stadtgefaengniß in Berlin. Alle standen bei der uebellautenden Botschaft auf, nur die Wirthin vom Hause sank in ihren Stuhl todtenbleich zurueck. Ihr Mann beschaeftigte sich stumm mit Haenderingen. Der junge Sueßmilch lachte ueberlaut. Doris sah ihn ungemein erbittert an und eilte, der Mutter Beistand zu leisten. »Ce Monsieur Goehl me plait«, rief der junge Sueßmilch, »sans doute il ést vif, gai, plein d'ésprit –« Der Alte verbot ihm den Mund und ging zu dem Soldaten, um sich die Umstaende genau erzaehlen zu lassen. Der wußte nicht mehr wie das schon Gesagte, zog aber noch ein Papier heraus und uebergab es. Es war ein kleines, nur zusammen gewickeltes Billet an Herrn Goehl und lautete:   Liebster Papa, mir ist ein verdammter Streich begegnet, ich konnte Heute recht zum Geschick sagen: Omnia in me conglomeras mala, doch was hilft's, machen Sie nur gute Miene zum boesen Spiel und ruecken gleich funfzehn Thaler heraus, sonst muß ich die Nacht auf der Pritsche liegen, und Morgen wird turpissime prostituirt. Ihr gehorsamer Sohn. Vom Stockhause am 3. April 1750. Lebrecht Goehl.   Herr Goehl hatte gelesen und begann von neuen die Haende zu ringen. Sagen konnte er nichts. Der aeltere Sueßmilch rieb die Stirn, und sagte nach einigem Schweigen: »Hm – das ist kraenkend fuer einen Vater.« »C'ést une bagatelle, mon pere, et j'aurgure de ce.« »Still! – eine sehr ueble Auffuehrung!« »Comment, une plaisanterie? C'ést un aimable débauché, un aimable libertin, ce jeune homme la!« »Halte den Mund! – Fünfzehn Thaler wirft man auch nicht gern unnuetz weg.« »C'ést un rien, moins qu'un rien!« »Du sollst schweigen, Haasenfuß! – Aber, wenn man's recht bedenkt, ist es doch besser, als wenn man von einem Unglueck gehoert haette.« »Wenn es also mit funfzehn Thalern – wie es ja scheint – abgemacht ist, bleibt doch nichts uebrig, als sie hinzuschicken. Denn noch groeßeres Aufsehn Morgen zu haben, was ihm schaden koennte, nicht wahr, Freund Goehl, das mueßt Ihr doch vermeiden.« Herr Goehl fand endlich Worte: »Will Doktor werden, ist schon Doktor –« »Freilich«, unterbrach ihn Jener, »es ist verdammt aergerlich, aber –« »Was hat er denn in solchem Wirthshause zu thun, wo es so luederlich, so toll zugeht?« Herr Sueßmilch fragte den Grenadier noch einmal, ob er nichts Naeheres angeben koenne. Die Antwort hieß: Nein! Herr Goehl fing wieder an: Ein Doktor, und geht in ein Wirthshaus, wo Glaeser und Fenster zerschlagen werden. Er hatte dem Soldaten ein Glas Punsch gebracht. Es trinkend, fragte der: »Ein Doktor ist's?« »Ja, mein Freund«, antwortete Sueßmilch. »So kann man sich ja nicht wundern«, versetzte der Martissohn. »Kennen Sie das alte Lied nicht?« »Welches?« Soldaten, die nicht lustig sind, Ein Jaeger ohne Hunde, Ein junger Doktor ohne Wind, Ein Fleischer ohne Pfunde, Ein Jungfernhemdchen ohne Floeh, Ein Degen ohne Klinge, Ein kalter Winter ohne Schnee Sind unerhoerte Dinge! Die Frauenzimmer sahen bei der fuenften Zeile schnell weg, der junge Sueßmilch gab ihr hingegen durch ein tuechtiges Lachen seinen Beifall. Sein Vater fragte den Soldaten wieder: »Er hat doch nicht auch eine Schlaegerei gehabt, Schaden gelitten?« »Das ich nicht wueßte. Er geht im Stockhause frisch hin und her.« »Nun – Freund Goehl –« Dieser entgegnete: »Wie ist er denn in solch Wirthshaus gekommen?« »Das wird man wohl noch erfahren, und es koemmt jetzt nicht darauf an. Funfzehn Thaler – es bleibt nichts uebrig.« Herr Goehl nahm den Freund an die Hand und fuehrte ihn zu den Kupferstichen, welche den verlornen Sohn darstellten. »Da«, rief er, »seht!« »Was hilft das jetzt!« »Hab ich nicht auch solchen Sohn?« »Lebrecht hat doch nicht sein ganzes Erbtheil verpraßt –« Frau Goehl rief aus ihrem hinfaelligen Zustand: »Aber die feinen Oberhemden!« Ohne darauf zu achten, erneute Herr Sueßmilch die vorigen Anmahnungen. Herr Goehl zeigte mit dem Finger auf den Juengling im Kupferstich: »Hab ich nicht auch solchen Sohn?« »Trebern hat er doch nicht gegessen, und dahin wird's auch, so Gott will, nicht kommen. Macht nur Anstalt –« »Gehts mir nicht wie dem Vater da?« »Lange nicht so schlimm, und am Ende verzieh er doch, ließ ein Kalb schlachten. – Hier, mein Freund, ist ein kleines Trinkgeld! Herr Goehl laeßt dem Herrn Hauptmann seine große Empfehlung machen und sagen, daß er die funfzehn Thalter gleich schicken wuerde.« »Ganz wohl«, versetzte der Grenadier und ging zur Thuere hinaus. »Laßt meinen Sohn das Geld hintragen«, fing Sueßmilch wieder an, »es wuerde nicht rathsam gewesen sein, es dem Soldaten mitzugeben. Die Kerle haben zuweilen verteufelte Pfiffe im Kopfe. Wer weiß am Ende, ob die ganze Sache wahr ist. Koemmt Martin hin, wird es sich ausweisen. Gebt nur das Geld!« Herr Goehl zog den Beutel, worin sich mehrere Dukaten befanden, suchte einen davon aus und reichte ihn Herrn Sueßmilch. »Ein Dukaten? Das ist ja nicht genug –« »Lest einmal die Schrift Oben!« » Wohl dem, der Freude an seinen Kindern erlebt . Was soll das?« »Paßt das auf mich?« »Ei zum Henker –« »Und auf meine Frau?« »Der Aerger hat Euch ganz verwirrt gemacht. Man muß doch wieder einmal zur Besinnung kommen!« Herr Goehl nahm seinen Dukaten zurueck, schob ihn wieder in den Beutel, diesen in die Tasche und rief: »Wenn ich nur wueßte, was er in dem luederlichen Wirthshause –« Herr Sueßmilch ueberzeugte sich, daß mit dem um alle Fassung gekommenen Goehl heute nichts abzureden sei. »Wißt Ihr was«, hob er abermal an, »ich will selbst nach dem neuen Markt gehn. Ist der Sohn da, leg ich die Funfzehn Thaler aus, wo nicht, behaltet Ihr Euer Geld. Komm mit, Ludwig, hier wird so Allen der weitere Appetit vergangen sein.« Ludwig nahm wie sein Vater den Hut, und Beide empfahlen sich schnell. Die Frauenzimmer hatten sich jetzt Alle um die Wirthin vom Hause versammelt und in Trostgruenden gewetteifert. Der Cantor uebernahm das Beruhigungsgeschaeft bei Herrn Goehl, doch ohne Erfolg. Es hatte den guten Mann zu heftig angegriffen, er klagte ueber Kopfweh, Schwindel. Der Zustand seiner Gattin wurde auch uebler. Ihre Stirn brannte, es war, als ob sie ein Fieber ergriffe. Der Hausknecht wurde zum naechsten Wundarzt gesandt. Als dieser kam, verordnete er hier einen Aderlaß, dort ein Niederschlagpulver, und empfahl vor allem Ruhe. Dazu konnten Beide nicht gelangen, sie erwarteten mit jedem Augenblick den Sohn, um das Naehere zu hoeren. Der Cantor sagte, es wuerde zu wuenschen sein, daß kein Theil heute den Sohn noch spraeche, weil es neue Gemuethsbewegungen hervorbringen muesse, und der Wundarzt pflichtete ihm bei. Doch weil Lebrecht noch immer nicht erschien, erbot sich der Cantor, nach der Hauptwache am Neumarkt zu gehn, die eben nicht weit entfernt war, um Erkundigungen einzuziehn. Es geschah. In der That war Lebrecht dort im Arrest gewesen, durch Herrn Sueßmilch jedoch befreit worden. Wohin er gegangen sei, wußte man nicht. Der Cantor begab sich auf den Rueckweg und fand, als er wieder vor dem Goehlschen Hause anlangte, unvermuthet dort Lebrecht, der vor der Thuere auf und nieder ging, noch nicht schluessig, ob er sich hinein begeben sollte oder nicht. Da beide von Ehedem noch zusammen bekannt waren, entstand auch unter ihnen ein Gespraech, in welchem der junge Mann eine lebhafte Reue ueber das Geschehene aueßerte. »Ich begreife selbst nicht«, sagte er ungemein verdrießlich, »wie mir das noch begegnen konnte, doch wird es auch zum letztenmal gewesen sein. Nun scheue ich mich, vor die Eltern zu treten.« Der Cantor haette eine Rede solcher Art nicht erwartet, sagte Jenem aber: »Die liebwerthesten Eltern sind empfindlich und traurig.« »So weit kam es? Da will ich gleich hinein, sie um Vergebung bitten.« »Moechte nicht dazu rathen, wuerde zu neuen Alterationen Gelegenheit geben. Morgen, wenn die Gemuether nicht mehr erhitzt sind, auf das furioso agitato der Affekte ein andante oder largo eingetreten ist, duerfte eine solche, uebrigens loebliche Intonation zu empfehlen sein, und verhoffentlich alle Mißklaenge auch in einem harmonischen Accord loesen.« Eben kam der Wundarzt aus dem Hause, und berichtete, Frau Goehl sei ins Bett gebracht worden und eingeschlummert. Herr Goehl wolle auf sein Anrathen sich auch niederlegen, und es sei mit seinem Uebelbefinden nicht mehr von Bedeutung. Von neuem trat er auch der Meinung des Cantors bei, die Alten mueßten heute nicht mehr gestoert werden. Der Sohn ließ es sich nun gefallen, nach seinem Stuebchen zu gehn und dort sich zur Ruhe zu begeben. Herr Cantor Schmidt brachte hingegen dem Kaufmann noch die gute Botschaft der verhaftet Gewesene sei frei, befinde sich wohl und werde Morgen reuig um Verzeihung bitten. Dann fuehrte er seine Gattin nach Hause, Frau Kuerbiß und Renate waren bereits, in dem wieder bestellten Miethswagen, heimgefahren. * Man wird nun erzaehlen, was dem Sohn Alles begegnet war. Wir verloren ihn aus dem Gesicht, wie er den Kammersecretaer Damm eben nicht sanft zur Thuere hinaus geleitet hatte. Dieser hielt jedoch seine Hand fest und erbot sich zu einem Freundschaftsdienst, trotz der gegruendeten Ursache, mit Lebrecht unzufrieden zu sein. Eigentlich wollte er den Freundschaftsdienst sich freilich selbst thun, in sofern er nur hoffen durfte, seine eifersuechtige Frau beruhigt zu sehn, wenn Alles aufgehellt und seine Unschuld auf diese Weise klar gemacht sein wuerde. »Erlauben Sie«, fing er an, »maeßigen Sie einmal den Zorn und hoeren mich ruhig an. Es ist mir eingefallen, daß hier noch ein Damm lebt, vielleicht sind wir weitlaeufig verwandt, vielleicht auch nicht, ich habe nie danach gefragt. Dieser Damm sieht mir wohl danach aus, daß er als Schaefer auf die Redute gegangen sein kann, auch der Tugend Ihrer Mademoiselle Schwester Fallstricke gelegt haben – kurz, ich werde in einen Verdacht gezogen sein, der billig meinen Namensvetter haette treffen sollen. Wollen Sie, so fuehre ich Sie gleich zu ihm, da moegen Sie ihn selbst fragen.« »Wohlan«, rief Lebrecht, »kommen Sie!« Herr Damm sagte seiner Frau, die ihm folgte: »Sei nun so gut, mein Engel, und gehe nach Hause. Wir haben einen anderen Weg.« Keineswegs ließ sie sich dazu vermoegen. Sie argwohnte Abreden, die ihr Mann mit einem Anderen nehmen wuerde. »Ich gehe mit«, rief sie, »will selbst hoeren, was gesprochen wird und ob wirklich Jemand anders im Spiel gewesen ist.« »Aber, mein Engel, es wird –« »Ich thu' es nicht anders!« Herr Damm seufzte leise: »O haett' ich nicht geheirathet«, und gab seiner Frau den Arm. Hoeflicher haette Lebrecht das thun sollen, empfand aber keine Lust dazu, mit dieser eifersuechtigen Unheilstifterin nichts weniger als zufrieden. Stumm ging man neben einander hin, und ein paar lange Straßen durch. Endlich sagte der Sekretaer: »Hier ist die Wohnung.« Man erstieg zwei Treppen und klopfte an eine Thuere. In dem Zimmer saß ein junger Mann, in einem haeuslichen Anzug, gewoehnlich damal ein sogenannter Schlafrock, am Tische und schrieb. Als die Fremden eingetreten waren, stand er auf, und man gewahrte sowohl ein schoenes bluehendes Gesicht als einen langen, regelmaeßigen Wuchs. Der Sekretaer wollte zu reden anfangen, Lebrecht ward jedoch im Anblick des jungen Mannes, von welchem es ihm gleich schien, er koenne wohl der rechte sein, zu hitzig, fiel Jenem daher gleich ins Wort. »Mein Herr«, fing er an, »sind Sie im vorigen Winter in einer Schaefermaske auf der Redute gewesen?« Mit einiger Verwunderung antwortete man ihm: »Das koennte wohl sein, aber – weshalb fragen Sie danach, mein Herr?« »Hoerst Du, mein Engel«, fluesterte der Sekretaer, »hoerst Du?« Lebrecht entgegnete: »Aus guten Gruenden. Haben Sie dort mit einem Maedchen, im Anzug einer Schaeferin, viel getanzt, dem Maedchen hernach Sueßigkeiten gesagt, den Seladon gespielt, und was bei solchen Gelegenheiten vorzugehen pflegt?« »Ich sehe nicht ein, weshalb ich schuldig waere, Ihnen die Frage zu beantworten. Doch meinetwegen! Ich tanzte viel mit einer artig gewachsenen Schaeferin. Als sie sich demaskirt hatte, sah ich auch ein niedliches Gesicht – aber –« Der kleine Herr Damm stieß die Frau mit dem Ellbogen an und fragte sie: »Haben wir's da nicht?« »Haben Sie«, fuhr Lebrecht fort, »dem Maedchen hernach ein Billet geschrieben?« »Mein Herr – steh ich vor Ihnen im Verhoer?« »Ich muß um eine bestimmte Antwort bitten.« »Und wenn ich es gethan haette, was ginge Sie es an? Wie koennen Sie mich zur Rede stellen wollen?« »Haben Sie dem Maedchen nicht in dem Billet zugemuthet, was nicht ziemte, sind am Abend gekommen, wie das Maedchen am Fenster stand –« »Mein Herr, ich verbitte mir alle weitere Inquisition! Verstehen Sie mich?« »Non sum perplexus!« Der kleine Damm sagte schnell und leise: »Mein Engel, Du hast nun wohl genug gehoert. Hier wird es Streit geben, laß uns gehn, man koennte zum Zeugen gerufen werden.« Laut rief er: »Wir empfehlen uns ganz gehorsamst«, und fueherte seine Ehegenossin, die sich demungeachtet noch etwas straeubte, ab. »Desto besser«, sagte der junge Mann, »so sind wir allein. Aus welchem Grunde gefaellt es Ihnen, mich ausforschen zu wollen? Denken Sie, ich wurde ein Maedchen compromittlren? Da irren Sie. Und nun werde ich bitten –« »Ich bin des Maedchens Bruder.« »So? Nun, ergebner Diener!« »Sie scheinen mir so ein – lucri cupidinis servens, mein Herr! Es waere mir gleich, wenn das Maedchen nicht meine Schwester waere, und ich gehoere allenfalls auch zu dem Orden. Meine Schwester ist aber ein anstaendiges Maedchen, keine, die es mit dem conjicere in amorem haelt, um nur so – Sie verstehen mich wohl –« »Die Wahrheit zu sagen, finde ich, daß Ihre Schwester ein liebes schoenes Maedchen ist, nach ihrem Namen, ihren Eltern habe ich aber noch nicht gefragt, sie nur am Fenster gesehn, nachdem ich frueher auf der Redute ihre Bekanntschaft gemacht –« »Ihr Billet hat die Ehre meiner Schwester beleidigt, wenn Sie es dabei nur auf eine kleine Liebelei abgesehn haben. Unglücklicherweise machten Sie aber auf meine Schwester auch Eindruck, und das finde ich nun begreiflich. Also werden Sie meiner Schwester Genugthuung geben muessen, oder mir. Ich frage: wollen Sie meine Schwester heirathen? Es werden sich einige Hindernisse vorfinden, die ich aber schon aus dem Wege raeumen will.« »Heirathen – heirathen? Auf Ehre, daran habe ich nicht gedacht, nicht denken koennen.« »So werden Sie an ein gladium e vagina educere denken.« »Mit Ihrem Latein! Ich verstehe es nicht, habe mein bißchen aus frueherer Zeit vergessen.« »Ich meine, Sie heirathen oder ziehen den Degen!« »Wie, mein Herr, Sie wollen sich mit mir schlagen?« »Hoc est mihi gentilitium.« Der Andere war schon mit hochroth gluehendem Gesicht in die Nebenkammer verschwunden und eilte gleich darauf mit einem bloßen Degen zurueck. Lebrecht entbloeßte den seinigen auch schnell, und Beide hieben nun mit einer wohl conditionirten Hitze auf einander los. Wohl conditioniert durfte sie heißen, weil die Zornleidenschaft doch keinem Theil die Besonnenheit raubte. Und da Beide zugleich geschickte Fechter waren, hatte nach einem Kampf von mehreren Minuten doch Niemand eine Wunde. Lebrechts Klinge sprang nun aber in Stuecken, was ihn wehrlos machte. Der Andere hielt ein und sagte: »Sie fechten gut.« »Sie auch!« »Wie konnten Sie aber ein Duell auf der Stube anfangen?« »Sie fingen es an!« »Ohne Sekundanten. Haett' ich den Augenblick nuetzen wollen, wo Ihre Klinge sprang, was waer aus Ihnen geworden?« »Ich traue Ihnen nicht zu, unedel handeln zu koennen. Bei einem Maedchen ist es ein Anderes. Nun, wir muessen uns vors Thor bestellen.« »Sekundanten dabei!« »Wir haben ja kein Blut gesehn, und ein Duell ohne Blut, was ist das schon!« »Hab ich mich auch mit Ihnen schlagen duerfen , mein Herr? Wer sind Sie?« »Der Doktor Goehl.« »Ein graduirter Mann also. Nun, wo wollen wir uns finden?« »In der Jungfernheide. Es paßt noch, der Streit entspann sich so gut um eine Jungfer wie einst der trojanische Krieg. Wie der Koenig von Daenemark und der Koenig von Polen einmal hier gewesen sind und der Koenig von Preußen ihnen dort ein laendliches Fest gegeben hat, ist ein Gedicht darauf erschienen, mit dem Anfang: Diana, wie beglueckt ist deine Jungfernschaft, die an dem heutgen Tag drei Koenige einschließt. Haben wir uns darin bei den Ohren gehabt, kann ein Poet singen: Einen Achilles und Hektar sah ihre Umschattung.« »Sie gefallen mir mit Ihrem jovialen Humor, auf meine Ehre!« »Sie mir auch!« »Ich halte es wie Sie mit dem semper lustig, nunquam traurig. Sie sehn, etwas Latein versteh ich noch.« »Haben wir uns geschlagen, muessen wir Freunde sein.« »Ich bin es zufrieden, Herr Doktor!« »Also, Herr – mit wem hab ich denn das Vergnuegen?« »Ich bin der Lieutenant Damm von der Artillerie.« »Offizier? Nun ja, Offiziere machen es so mit den Maedchen. Offiziere und Studenten. Aber meine Schwester sagte mir: Sie haette Sie gefragt, ob Sie nicht Sekretaer waeren, und Sie haetten geantwortet: eine Art davon.« Damm lachte. »Ich bin Adjutant, und der hat eine Art von Sekretariatsgeschaeften.« »Darueber kam ich auf den Gedanken, der Kammersekretaer Damm haette meine Schwester in sich verliebt gemacht!« »Ist denn Ihre Schwester wirklich in mich verliebt? Das koennte – mein Blut noch heißer machen wie es schon ist. Und ich liebe wahrhaftig Ihre Schwester genug, um sie mit Vergnuegen zu heirathen. Aber – es geht nicht.« »Warum, wenn man fragen darf?« »Ich bin Offizier, Subalternoffizier, habe kein Vermoegen – zwar die Aussicht auf eine gute Erbschaft, aber das steht noch weit hinaus. Und das Subalternoffiziertraktament – es reicht eben hin, wenn man gut fruehstuecken will. Die Redute, wo ich Ihre Schwester zum Erstenmal sah, kostete mir grade ein monatliches Einkommen.« »Glauben Sie vielleicht, daß meine Schwester arm ist?« »Ich habe es geglaubt, aber mich nur um ihre Schoenheit bekuemmert, um sonst nichts.« »Der Kaufmann Goehl ist eben nicht der aermste in der Stadt.« »Goehl? Ich muß schon von ihm gehoert haben. Doch weiß ich mehr vom Militaer wie von der Kaufmannschaft.« »Zehntausend Thaler gaebe er wohl der Schwester mit.« »Wahrhaftig? Ei, haett ich gewußt – sehn Sie, nach Geld habe ich nie heirathen wollen. Es koemmt mir – wie soll ich sagen, so faul vor. Mit meiner Batterie, wenn es wieder Krieg gaebe, wollte ich mein Glueck machen, nicht durch einen Schwarzrock, der mich mit Geldsaecken traute, wobei ich ein Frauenzimmer als Zugabe naehme.« »Das ist nobel gedacht, aber – dann soll man anstaendigen Maedchen auch den Kopf nicht verdrehn.« »Darin haben Sie auch recht. Und freilich aendert es die Sache, wenn man ein Maedchen auch dann liebt, wenn es Vermoegen hat. In dem Fall machte ein Maedchen an mir – meine Person abgerechnet, auf die nicht viel zu geben ist – auch keine ganz schlechte Parthie. Denn, wie gesagt, ich erbe einmal. Und habe ich eine Compagnie, eine Preußische Artillerie-Compagnie, Herr Doctor, hat meine Frau einen Mann, dem sechs Traktament, seine Beurlaubten, et cetera, jährlich 3\ 000 Thaler einbringen. »Allen Respekt vor solcher Compagnie! Ich werde viele Kranke haben muessen und huebsch vornehme, soll's bei mir zu solcher Einnahme kommen.« »Und wer staende meiner Frau dafuer, daß ich nicht einmal noch General-Lieutenant wuerde? Dann waere sie eine Excellenz wie ich.« »So heirathen Sie Euere kuenftige Excellenz meine Schwester. Erst ist sie Ihnen fertilis ubere campus, hernach sind Sie es ihr. Erst leben Sie von ihren Zinsen mit, hernach sie von Ihrer Compagnie et cetera.« »Der Vorschlag waere so uebel nicht. Aber – Sie koennten glauben, ich ginge zur Jungfer, weil ich nicht in die Jungfernheide wollte. Nein, nein, mein Herr Doktor! Vielleicht – wenn wir uns erst geschlagen haben.« »Eigentlich – sollt ich denken – haetten wir uns schon geschlagen.« »Es ist sogar Blut geflossen, wenigstens heißer geflossen, meins nehmlich, seit ich hoerte, Ihre Schwester waere in mich verliebt. Aber mich durch einen Bruder zwingen zu lassen, wie man es wohl in der Komoedie sieht, nein, das kann ich nicht.« »Ich bitte Sie ja nur, um meiner Schwester willen, das arme Maedchen graemt sich so.« »Graemt sich, graemt sich! Herr Doktor – ich bin bereit, jeden Augenblick! Aber die Eltern, werden die auch wollen? Es giebt zuweilen Eltern, die Schwierigkeiten machen.« »Das waere hier auch moeglich, doch bleibt immer die Hauptfrage: ob das Maedchen will? Ist die mit Ja beantwortet, und das Maedchen hat noch einen Bruder –« »Sie scheinen mir einer von den Bruedern, die dem Liebhaber gute Huelfe leisten wuerden.« »Im Nothfall sogar ihm das Maedchen entfuehren helfen!« »Da waer ich auch dabei! Ich glaube sogar, daß man eine Frau, deren Besitz viel Muehe gekostet hat, um so mehr liebt. Eine Festung einzunehmen, wo der Commandant gleich die weiße Fahne aussteckt –« »Sie haben recht! Wir muessen ueberlegen, ich werde Sie mit allen Umstaenden bekannt machen und naechstens bewirken, daß Sie meine Schwester sprechen koennen!« »Vortrefflich! Machen wir einen kleinen Spaziergang, nach den Linden, in den Thiergarten. Unterwegs sprechen wir davon!« »Concedo!« Der Lieutenant ging ins Nebengemach, um sich anzukleiden, und Jener besah waehrenddem seine in der einfachen Stube aufgehaengten Zeichnungen. Da sah man eine Festung nach Vaubans, und eine nach Coehorns Manier im Grundriß, ferner die Plaene der Schlachten von Mollwitz, Sorr, Czaslau, Hohen-Friedberg, Alle sauber ausgefuehrt. Der Lieutenant kam zurueck in der Uniform. Sie war damal ganz blau, mit strohgelben Unterkleidern. An jeder Seite des Rocks befand sich eine dichte Reihe von uebergoldeten Knoepfen. Lange Manschetten wurden von den großen Stuelphandschuhen nach den Aermeln hinaufgedrueckt. Die Haare oben waren ein wenig gekraeuselt, an jeder Seite aber sechs Locken uebereinander, kleine duenne Cylinder von etwa zwei Zoll Laenge, mit Nadeln aufgesteckt und von Puder wie beschneit. Ein Zopf, der bis zur Spalte am Rock reichte, durfte zum militaerischen Anzug nicht fehlen, und eben so wenig ein tuechtiger Stock. Er machte theils einen Zierrath, theils hatte er eine Bestimmung, wie sie in den aeltesten Zeiten dem Szepter eigen gewesen ist, was Schiller in den Worten ausdrueckt: »Alles Regiment, muß er wissen, von dem Stock hat ausgehen muessen, und das Szepter in Koenigs Hand, ist der Stock, das ist ja bekannt.« Den dreimal aufgeschlagnen Hut umgab eine schmale goldne Tresse. Beide schlugen ihren Weg nun nach den Linden ein, wo man in jener Zeit nicht solche schoenen Haeuser als jetzt sah, aber zwei Baumreihen mehr. Der ziemlich angenehme Fruehlingstag hatte ein Gewuehl von Lustwandelnden dahin gezogen, die sich aber weit bunter und auch, wenn man will, leuchtender und strahlender ausnahmen wie in unsern Tagen ein spazierengehendes Publikum. Denn unsre dunklen Rockfarben waren bei den Maennern damal nicht ueblich, man liebte die hellen, schreienden, roth, karmoisin, gelb, weiß u. s. w. Tressen und Stickereien, fast gaenzlich nun entfernt, ließ prangen, wer es nur vermochte. In Schuhen und Struempfen, den Hut dabei unter dem Arm, ging damal, was zur feinen Welt gezaehlt sein wollte. Man sah bei Weitem mehr Perruekken verschiedner Art wie frisirtes eignes Haar, bei Militaerpersonen ausgenommen, deren man auch eine gute Zahl hier fand. Ruecksichtlich der Farben galt dasselbe vom schoenen Geschlecht, und es wimmelte hier eben so von Reifroecken als von Gesichtern, die ihre Schoenheit durch kleine schwarze Punkte zu erheben meinten. Da sich, wie schon gesagt, die Damen von Herren am Arm fuehren ließen, folgte auch, daß man sehr vielen unter einem einspringenden Winkel daherschreitenden Paaren begegnete. Die Reuter, welche sich an den Seiten zeigten, hatten meistens breite Tressen, zum Theil sogenannte durchbrochene oder spanische Spitzen (pointes d'Espagne) an den Hueten, bis ueber das Knie reichende Stiefel, noch um eine Handbreit weiter hinaufgehende Stiefelklappen von weißer feiner Leinwand und ledernes Beinkleid. So war das Reuterkostuem, wenn man elegant sein wollte, und das Pferd mußte eine große, und wenn man es haben konnte, sammetne Schabracke mit Gold oder Silber zieren. Die Kutschen, welche man zugleich sah, wuerden in jetziger Zeit unfoermig heißen, doch waren sie bunt genug bemalt und zum Theil mit Wappen versehn. Die Livreen der Dienerschaft waren hingegen viel reicher, und die Pferde trugen auf dem Kopfe Zierrathen von Seide oder Kameelhaar, Pompons genannt, an Form und Hoehe den Federbueschen aehnlich. Einer Kutsche, die einem Vornehmen gehoerte, trabte gewoehnlich ein Laeufer im bordirten Reifrock voraus, bei fuerstlichen waren es zweie, und hinten standen ein Paar riesenhafter Heiducken. Es mag nicht uebergangen sein, daß unsere beiden Spaziergaenger am Thore dem Regiment des Marggrafen Carl begegneten, das von den im Thiergarten vollzognen Waffenuebungen zurueckkehrte. Auf aeußere Schoenheit des Kriegers hielt man damal im ganzen Heer, der Marggraf verschwendete indeß noch hohe Summen aus eignen Mitteln, damit sein Regiment hier jedes andere uebertraefe. Er hatte fuer die Offiziere sich die reichste Uniform – mit Ausnahme der Garde – erbeten, und ungemeine Kosten auf die Werbung hochgewachsener Maenner gewandt. Der kleinste bei seiner Leibcompagnie maas fuenf Schuh und neun Zoll, und jeder trug eine vom Fuersten ihm geschenkte Taschenuhr. Alle Pfeifer und Trommelschlaeger dieses Regiments bestanden aber aus kohlschwarzen Negern, und weil ihre Zahl sich auf zweiundvierzig belief, mußte es nicht wenig Ausgaben verursacht haben, so viele Soehne der heißen Zone in Afrika zu den Ufern der Spree zu rufen. Solche Liebhabereien gehoerten zur Mode jener Zeit, doch ist zu bemerken, daß die erwaehnte keine nachgeahmte, sondern eine eigenthuemlich preußische war, waehrend wir jetzt wohl in ziemliche Verlegenheit kommen duerften, wenn wir etwas aufweisen sollten, das bei uns erfunden sei. Eine spaetere Zeit machte jener Art von Wuth, mit Soldaten zu spielen, herbe Vorwuerfe, die aber wuerden gerechter gewesen sein, wenn nicht die nehmlichen Krieger, die im Frieden gewissermaaßen Drahtpuppen glichen, im Kriege als solche Helden aufgetreten waeren, wie man sie seit griechischen und roemischen Zeiten nicht gesehn hatte, und wie auch – Alles erwogen – spaeterhin sie Napoleon keineswegs ins Feld stellte. Denn ungefaehr 100.000 Preußen schlugen sich im siebenjaehrigen Kriege mit mehr als einer halben Million Feinden, und der Erfolg ist bekannt. In diesem Verhaeltniß konnte Napoleon seinen Gegnern nicht stehn. Aber es gab hier militaerische Spielereien, die in unsern Tagen noch weit mehr auffallen wuerden und die wenig mehr bekannt sind. Weil die Rede nun einmal von aelteren Moden (in Berlin) ist, moegen noch einige Erwaehnungen finden. Aeltere Einwohner entsinnen sich gewiß, daß noch bis zum Jahre 1806 die Trommelschlaeger im Preußischen Heere sehr bunte Roecke trugen, am meisten bei den alten Regimentern, wo ihnen die ganzen Aermel mit mehrfarbigen Schnueren benaeht waren. Es hatte einst den Grund, daß die Trommelschlaeger auch Spaßmacher und Possenreisser bei den Compagnien sein mußten, und sie erhielten deshalb eine ihrer Bestimmung entsprechende Kleidung. Es versteht sich, daß man bei ihrer Wahl auch angemessen zu verfahren, nach hellen Koepfen oder Mutterwitz zu suchen hatte. Grundsaetze spaeterer Zeiten, die sich als weisen Ernst oder verfeinerten Geschmack darstellen wollten, ließen den alten Brauch allmaehlich eingehn, zuletzt wußte man nichts mehr davon, und der buntroeckige Tambour betrug sich nicht anders wie die uebrigen Soldaten. Es mochte sittlich zu loben sein, aber sinnig waren die Altvordern dennoch gewesen. Sie hatten geurtheilt, daß Lustigmacher den uebrigen Kriegern die Beschwerden ihres Standes erleichterten, und man erfuhr im Kriege oft, daß solche Compagnien, die sich vorzueglicher Lustigmacher ruehmten, laenger auf dem Marsch aushielten und bei naechtlichem Dienst muntrer blieben wie andre. Daß man feinen Witz hier aber nicht begehren konnte, leuchtet ein. Eine andere Spielerei war indeß so zwecklos wie geschmacklos. Man war nehmlich darauf bedacht, die Profoße oder Buettel recht auffallend zu kleiden, und zwar moeglichst unangenehm in die Augen fallend, z.\ B. zu falbbraunen Roecken graue Knoepfe, gruene Stiefletten, unfoermliche Huete u.s.w. Bei einigen Regimentern fuegte man aber noch einen Ungeheuern Haarbeutel hinzu, mit allerhand graeßlichen Abbildungen als Ruthen, Ketten, Galgen. Es stammte jedoch aus einer frueheren Zeit her, und ward unter Friedrichs\ II. Regierung abgeschafft. Unsre Spaziergaenger kehrten am Thore wieder um, wollten das Gedraenge unter den Linden noch einmal in Augenschein nehmen. Der Lieutenant grueßte fleißig Damen, ein Beweis, daß er viele kannte, sie dankten ihm hold, was zu erkennen gab, daß er ihnen nicht mißfiel. Auf Lebrecht warf hingegen manche einen spitz laechelnden Blick, der indeß seiner Gestalt nicht gelten konnte, die keineswegs unvortheilhaft war, sondern seinem etwas seltsam erscheinenden und vernachlaeßigten Anzug. Man ging weiter, und bald kamen ein Paar junge Maedchen, stattlich gekleidet, daher. Beide trugen breite Reifroecke, woraus folgte, daß, wenn sie mit diesen auch bis zum Beruehren sich nahe blieben, die Koerper sich doch ziemlich von einander entfernt halten mußten. Der Lieutenant sagte: »Erlauben Sie einen Augenblick!« Hierauf grueßte er die Damen, welche still standen, trat zu ihnen, und sprach mit der einen. Lebrecht blieb einige Schritte davon und betrachtete die Angeredete mit wachsender Unruhe. Sein erster Gedanke war: Ist das etwa eine Geliebte von dem Offizier, darf ich wohl zu meinem Wunsch nicht laenger stehn, denn sie ist schoener wie meine Schwester. Das Gespraech waehrte einige Minuten, desto laenger und schaerfer konnte er seinen Blick auf das geistvolle, strahlende Auge, die lieblich feinrothen Wangen, die ganze, durch Anmuth so ausgezeichnete Gestalt richten. Es duenkte ihm, seiner Schwester wegen, betrachte er diese Schoenheit so genau. Er fuehlte auch eine Anwandlung von Neid, als sie so freundlich gegen den Lieutenant sich bewies, auch mit ihm zu scherzen schien. Dies Alles brachte ihn in Verwirrung. Das Gespraech endete, Lebrecht wuenschte, es moechte noch Stunden lang fortdauern. Jener mußte ihn rufen, er hatte sich umgedreht, sah dem reitzenden Maedchen nach. Unwillig und halb betruebt folgte er. »Verzeihen Sie«, sagte der Offizier, »es ist meine Schwester, ich hatte ihr etwas zu sagen.« Sehr gespannt, und mit einer freudigen Aufwallung, fragte Lebrecht: »Ihre Schwester?« »Ich vergaß, haette Sie ihr vorstellen sollen. Kommen Sie zurueck, ich will es noch thun.« Jener sagte: »Nein, ich – ich bin noch in meinen Reisekleidern. Es ist mir lieb, daß Sie nicht auf mich gesehn hat.« Sie verfolgten nun den alten Weg. Der Lieutenant sprach von andern Gegenstaenden, sein Begleiter achtete nicht darauf, und gab auf Fragen unangemessene Antworten. Der Lieutenant sagte: »Sie scheinen ja mit einemmal so zerstreut!« Lebrecht erschrak heftig, seine Wangen gluehten. »Nein«, stotterte er, »ich muß – ich hatte vergessen – man erwartet mich – erlauben Sie, daß ich mich Ihnen empfehle. Morgen nehme ich mir die Freiheit wieder –« »Ich muß auch nach Hause«, entgegnete der Andere, und sie schieden. Lebrecht that, als wollte er in eine andre Straße einbiegen, er sah jedoch unvermerkt sich um, und als er wahrgenommen, der neue Bekannte habe sich aus dem Spaziergang entfernt, kehrte er dahin zurueck. Er wollte die Schwester des Lieutenants wiedersehn. Dies gelang ihm noch einigemal, weil er sich auf eine Bank setzte und sie nun beim Auf- und Abgehn ins Auge fassen konnte. Immer hielt er, wenn sie nahte, ein Tuch vor das Gesicht. Endlich trennte sie sich, nicht weit von ihm, von der Begleiterin. Er hoerte sie sagen, sie waere diesen Abend eingeladen und wuerde vermuthlich daheim schon erwartet sein. Ihm toente die Sprache sueß melodisch. Mit Ungestuem sprang er auf, um noch zu folgen, so lange als moeglich wenigstens ihr Gewand zu sehn. Sie ging aber in ein nahes Haus, vermuthlich ihre Wohnung. Lebrecht merkte es sich genau. Nun wollte er auch nach Hause, ueberlegend, die Eltern koennten auf sein langes Wegbleiben zuernen. Da begegneten ihm aber zwei alte Mitbrueder aus Halle. Sie waren Heute auf der Post angelangt, wollten Morgen Nachmittag weiter. »Gut«, rief der Eine, »daß wir uns noch begegnen. Wir hatten uns auf der Reise vorgenommen, in Berlin einen Abend schwaermen zu gehn, Du wolltest uns fuehren, weil wir unbekannt sind. Wo gehts hin? Das letzte gaudeamus igitur Heute!« Lebrecht hatte ploetzlich aber die Neigung zu solchen Lustgelagen verloren, bat Jene also, das ihrige ohne ihn zu vollziehn. Sie lachten und neckten ihn. »Bist Du schon aus einem tuechtigen Hallischen Burschen ein Philister geworden? Gewiß, Papa und Mama sind hier, da muß das Soehnchen kuschen. Gut, daß Papa und Mama nicht in Halle gewohnt haben, sonst haette es keinen besseren Kuemmeltuerken da gegeben als dich.« Lebrecht wußte nicht, wie es kam, daß ihm diese Sprache jetzt so widrig klang. Demungeachtet wollte er's sich nicht merken lassen, theils aus einer unrichtigen Schaam, theils weil die Juenglinge seine Freunde, wenigstens lustige Freunde, waren. Er wollte nicht mit ihnen gehn, sie aber auch nicht kraenken. »Hoert, meine Herren Brueder, wir wollen diesen Abend noch vergnuegt mit einander sein, kommt mit mir zu meinen Eltern, es wird sie freuen, wenn ich ihnen ein Paar Bekannte als Gaeste mitbringe.« »Ei was«, entgegnete Einer, »ich will an keinen Ort, wo es steif zugeht, wo ich mich geniren muß, nicht einmal von unsern alten Burschenstueckchen in Passendorf reden kann.« »Nein, nein«, rief der Andere, »bei so einem Berliner Kaufmann zum Abendessen, bloede dasitzen wie ein Fuchs, das will ich nicht. Wir gehen nach Pommern, da wird uns die Langeweile noch genug plagen.« Ueber die Macht der Verfuehrung hat schon Eva geklagt, auch diesmal bewaehrte sie sich, und Lebrecht folgte den Juenglingen. Doch hatte er etwas Aehnliches nie mit groeßerm Widerwillen gethan. Die Frage, wo man hingehn sollte, wo es recht extralustig sei, konnte er ihnen aber nicht beantworten. Er war daheim streng erzogen worden, hatte ein musterhaft ordentliches Betragen geuebt, nur waehrend seines dreijaehrigen Aufenthalts auf der Hochschule hatten ihn Ueberredung, Beispiel und eigne lebhafte Gemuthsweise zu einem der ausgelassensten Juenglinge gemacht. Daher wußten Jene, obschon fremd, besser zu rathen. Sie hatten im Gasthofe sich erkundigt, und ein Wirthshaus, das auch einen Tanzsaal enthielt, war ihnen als ein Vergnuegungsort bezeichnet worden, der lustigen Juenglingen nichts zu wuenschen uebrig ließe. Es war ihnen aus einem andern Grunde aber noch lieb, den Freund angetroffen zu haben. Sie besaßen kein Geld mehr, sollten Morgen nur, auf eine Anweisung, Einiges zum Fortsetzen ihrer Reise empfangen. Mit Goehl, dachten sie, waer es ein Anderes, er sei nun in der Heimath, der Sohn eines reichen Kaufmanns werde schon die leere Tasche wieder gefuellt haben. Er koenne wohl die Zeche heute berichtigen, haetten sie es doch bei anderen Gelegenheiten auch gethan. In der That hatte Lebrecht aber seine Tasche noch nicht wieder gefuellt, an diesen Umstand dachte er nicht gleich und glaubte spaeterhin, die Freunde wuerden vermuthlich hier schon Zahlungen eingestrichen haben, weil sonst ihnen nicht wuerde eingefallen sein, einen Ort wie den erwaehnten zu besuchen. Man streifte noch ein wenig umher und begab sich, als es dunkel ward, nach dem Tanzsaal. Es wurde zuerst Wein getrunken, dann Bischof, Punsch, mancherlei durcheinander. Die Freunde sangen, laermten, kamen mit anderen Anwesenden in Streit und konnten sich nicht genug wundern, heute ihren Freund so still, so untheilnehmend zu sehn. Er trank wenig, der hiesige Aufenthalt kam ihm roh und widrig vor, nur wenn die Anderen, welche die starken Getraenke zu erhitzen anfingen, in Streit geriethen, eilte er hinzu, um die Sache guetlich abzuthun. Nach einer halben Stunde wollte er sich bereits entfernen, allein die Gefaehrten hielten ihn auf, meinten, es solle nun erst recht an ein Freudenfest gehn. »Ich habe Euren Wunsch erfuellt, liebe Freunde«, sagte er, »nun muß ich nach Hause eilen.« Einer rief: »Sein Diener, mein Herr Fuchs, was macht der Herr Papa, was macht die Frau Mama?« Doch ließ sich Lebrecht nicht irre machen. »Habt nur die Guete«, sagte er, »und legt fuer mich aus, Morgen will ich Euch den Betrag in den Gasthof schicken.« »Was«, hieß es dort, »Du hast kein Geld?« »Wir auch nicht«, rief die zweite Stimme. Dies war uebel. Die Herren besaßen weder Uhren noch sonst Werthhaltiges. Lebrecht ging zu dem Wirth, sagte ihm: »Ich bin der Sohn des Kaufmann Goehl und nehme die ganze Bezahlung auf mich. Sie werden mir schon bis Morgen Kredit geben.« Dazu hatte der Wirth nicht die mindeste Lust, und Lebrechts Ansehn schien ihn auch wenig zum Vertrauen einzuladen. Er hatte in solchen Faellen auch abschreckende Erfahrungen gesammelt und kuendigte den Herren an, sie wuerden gleich bezahlen oder man würde ihnen die Roecke ausziehn. Lebrecht wurde ueber eine so geringschaetzige Behandlung zwar empoert, suchte aber seinen Unmuth doch niederzuhalten und verlangte einen Boten, den er zu seinen Eltern senden koenne. Diesen wuerde ihm der Wirth auch wohl bewilligt haben, doch hoerte er Lebrechts Worte nicht mehr, weil die Andern ueber jene Drohung ihn tuechtig anließen. Zu den Feinsten gehoerte der Wirth aber auch nicht, und er rief: »Seht nur, die Jungens! Haben kein Geld und sind noch grob!« Nun wards laut. Des Wirths Aufwaerter, fuer jedes Ereignis angewiesen, kamen mit Stoecken. Die Musensoehne hatten mehr Muth, rissen ihnen die unedlen Waffen aus den Haenden, jagten sie fort, den Wirth sogar ins Nebengemach, und ließen nun ihre Wuth an Fenstern und Glaesern aus. Ein Glueck noch, daß sie die Spiegel verschonten, die Rechnung wuerde sonst bedeutend hoeher ausgefallen sein. Lebrecht, der ueberhaupt nicht zertruemmern half, hielt sie davon zurueck. Nach ihrer Rache triumphirend, schickten sie sich an, von dannen zu gehn, fanden aber die Thuere verschlossen. Sie wollten ihren Weg durch ein Fenster nehmen, Laden, von außen befestigt, hinderten es. Man pflog bestuerzt weiteren Rath. Der Wirth hatte aber auch nach der nahen Wache gesandt, von der bald vier Mann erschienen. Ihnen oeffnete man die Thuere. Nun war Uebermacht, noch dazu mit Ober- und Untergewehr bewaffnete, da. Es blieb den Juenglingen nichts uebrig, als sich zur Hauptwache am neuen Markt fuehren zu lassen. Der Wirth rief ihnen nach: »Wenn Sie fünfzehn Thaler schicken, wird das Uebrige drein gehn.« Es wurde hier damit so genau nicht genommen, zehn bis zwoelf Thaler betrugen etwa Zehrung und Schaden, so konnte der Wirth mit fünfzehn schon zufrieden sein. Zum Glueck war es bereits dunkel; die Soldaten, die noch vor dem Wachhause saßen, uebten aber doch Muthwillen, als sie die lustigen Gesellen bringen sahn, mit Worten wenigstens. Einer rief: »Barbiert sie mit geriebnem Ziegelstein«; der Andre: »Laßt sie auf dem Esel reiten!« Denn in jener Zeit stand noch ein Langohr von Holz, mit schmalem, scharfen Ruecken, vor der Wache, den oft die Soldaten zur Strafe besteigen mußten. Die Verhafteten wurden zum Hauptmann gebracht, der ihnen ihren Aufenthalt im Stockhause, d.\ h. einem wohlbewachten Keller, anweisen ließ. Lebrechts Freunde warfen sich auf die harte Pritsche und schliefen bald ein, er selbst ging aber mit den bittersten Gefuehlen auf und nieder, und sann nach, was zu thun sein duerfte, daß er nicht, wie man ihn bedroht, Morgen am hellen Tage ins buergerliche Gefaengniß abgefuehrt wuerde. Endlich bat er, den Hauptmann noch einmal sprechen zu duerfen, und erzaehlte ihm offen den ganzen Hergang. Der Hauptmann entgegnete: »Ich darf eigentlich Niemanden, der einmal verhaftet ist, loslassen, doch sind Sie noch nicht weiter gemeldet, und ist es, wie Sie sagen, der Gastwirth zufrieden, wenn nur seine Forderung ihm entrichtet wird, so suchen Sie das moeglich zu machen. Ist es geschehn, will ich Sie nicht mehr zurueckhalten.« Lebrecht durfte schreiben, ein Soldat wurde mit dem Billet abgeschickt, das Uebrige ist bekannt. Der aeltere Sueßmilch fand sich ein, erlegte das Geld, und dessen Sohn ueberhaeufte Jenen mit franzoesischen und deutschen Lobeserhebungen. Sie waren ihm hoechst zuwider, und Lebrecht erschrak noch, den Ausspender bereits in Berlin zu finden. Man rief jenen Wirth, um das Geld in Empfang zu nehmen, und die Verhafteten mochten frei ausgehn. Lebrecht schied ziemlich kuehl von Allen. Er empfand eine gewisse Scheu, sich nach Hause zu begeben, machte einen Umweg, der – aus einem andern Antrieb noch – ihn zu den Linden fuehrte. Vor der sich wohl gemerkten Wohnung blieb er stehn. Eben kam ein Wagen, der zwei Damen, und unter ihnen die Schwester des Lieutenants brachte. Der Mond war aufgegangen, Lebrecht erkannte sie. Nicht lange darauf hoerte er oben eine Stimme, die ihn unendlich sueß begeisterte. Es litt keinen Zweifel, daß Jene zum Klavier gesungen hatte, denn sie kam nachher ans offene Fenster. Mit diesem Eindruck ging er nun fort. Was ihm bei seiner Heimkunft begegnete, hat man erzaehlt. Nie hatten ihn widerstreitendere Gefuehle bewegt als nun, wie er sich einsam auf seinem Zimmer befand. Er wuethete von Reue und Verdruß ueber die aergerliche Begebenheit dieses Abends, daß er sich aber in sofern nur dabei anzuklagen hatte, als er den Zumuthungen der lockern Brueder nachgegeben, befremdete ihn ganz ungemein. Er fragte sich: Wie, wenn ich in den boesen Handel noch Gestern mich verwickelt gesehn haette? Da wuerde ich der Leidenschaftlichste von uns Dreien gewesen, das Unheil noch weit schlimmer ausgefallen sein. Wie kam es nun, daß ich Heute bei Trunk und Aufwallungen mich zu maeßigen vermochte, ich auch die ganze wueste Ergoetzlichkeit so leer und gehaeßig fand, daß ich gewiß lebelang keine aehnliche theilen werde? Ich begreife das nicht! Daneben draengte sich aber eine Vorstellung des schoenen Maedchens, welches er Heute gesehn, nach der anderen ihm auf. Es war, als ob ihm dabei ganz neue Saiten im Herzen anklaengen. Er faßte nun auch ebensowenig, wie der Anblick eines Maedchens und ihr Gesang mit einer so wunderbaren Nachwirkung ihm das innerste Leben durchdringen konnten. Er mochte nicht schlafen, lieber seinen holden Erinnerungen und den Betrachtungen ueber ihre Gewalt nachhaengen. Erst gegen Morgen warf er sich, noch angekleidet, aufs Bett, schlief nun aber auch tief und lange. Bei seiner Mutter hatte Doris die ganze Nacht gewacht. Sie befand sich am Morgen wieder ziemlich wohl und stand auf, um haeuslichen Verrichtungen nachzugehn. Mißlaunig war sie noch sehr und schalt Tochter und Gesinde aus. Katharine gab ihr aber den Schluessel zu einem Koffer, den man, wie sie sagte, eben gebracht haette und welcher dem Sohn gehoerte. »Hat er doch noch einen Koffer«, fragte Jene. »Wo ist er denn? Ich will doch sehn, was darinn sein mag.« Sie oeffnete ihn. Da lagen sechs feine Oberhemden, roth gezeichnet. Nun hatte sie eine kindliche Freude. »Doch meine Waesche in Ehren gehalten«, rief sie, »und noch immer geschont! Oh, es ist doch ein guter Sohn, und den Leichtsinn wird er schon noch ablegen!« Und aller Zorn, selbst der ueber den Auftritt vom vorigen Abend, war nun entwichen. Lebrecht hatte ihre ganze alte Gunst zurueckgewonnen. Durch solche Kleinigkeit? fragen die Leser vielleicht. Sie moegen ihre Erfahrungen aber auch fragen: ob sie oefter gesehn haben, daß der Mensch ueberhaupt durch Großes, oder Kleines mehr zu gewinnen sei? Doris hatte ihrem Bruder hier aber einen so guten Dienst erwiesen, daß sie die freundlichsten Gegenleistungen vollkommen verdiente. Frau Goehl lobte nun auch Doris, ihres naechtlichen Wachens halber, und sagte: »Wenn Du Dich niemals wieder unterstehst, nur an einen Brief von einer Mannsperson zu denken, viel weniger des Abends mit einer Mannsperson am Fenster zu sprechen, will ich sehn, ob der liebe Himmel mir das muetterliche Herz so regieren wird, daß ich es diesmal Dir noch vergebe, wenn auch nicht gleich, doch mit der Zeit. Ich will noch denken, Du haettest aus Unerfahrenheit, aus Dummheit gefehlt, aber huete Dich vor solcher neuen schweren Suende und Missethat! Billig solltest Du wieder ins Kaminloch, um Deine ganze Strafe abzusitzen, und mit der Elle hernach Dein Geschenk noch kriegen, weil das Kaminloch aber das Zeug so schwarz macht, weil Du bei mir die Nacht gewacht hast und weil Lebrecht doch meine feinen Oberhemden noch hat, so daß ich sehe, der Himmel will mich doch wohl Freude an meinen Kindern erleben lassen, nun, so mag es diesmal noch hingehn. Aber huete Dich vor einem Brief, und finde ich Dich einen Abend nur am Fenster, koemmt die Strafe doppelt, dreifach. In den Kamin sperr' ich Dich nicht mehr, weil das Zeug da so verdorben wird, aber in den Keller, da sind Ratzen, davor hast Du solche Furcht. Es wird sich aber wohl mit den Briefen und Tuscheln am Fenster geben, weil der Braeutigam nun da ist.« Die Tochter kueßte ihr die Hand und ging sich zu kleiden. »Wacht denn der Lebrecht, der faule Mensch, noch nicht«, fragte Frau Goehl das Maedchen, »seine Biersuppe steht ja noch am Feuer.« Katharine hatte noch nichts von ihm vernommen. Ist er auf, hieß es weiter, soll er seine Biersuppe unten bei mir essen, ich habe viel mit ihm zu reden. Biersuppe war in diesem Hause noch immer das gewoehnliche Fruehstueck, den Kaffee sah man nur bei festlichen Gelegenheiten, wozu aber auch Weihnachten, Ostern u.s.w. gehoerten. Nun eilte Frau Goehl zu ihrem Mann, der sich im Tuchladen befand und dem Ladendiener eben harte Verweise gab. Es war die ueble Laune, von Gestern in den heutigen Tag verpflanzt, auch klagte er noch ueber ein dumpfes Gefuehl im Kopf und Schwindel. Jene nahm ihn an der Hand und fuehrte ihn ins Wohngemach. »Der Junge taugt nicht«, fing sie nun an, »es ist kein gutes Haar an ihm, aber es ist doch unser Fleisch und Blut, und der Himmel wird wohl geben, daß er sich noch bessert. Wer weiß, wie es uns auf eine andere Art bescheert wird, was er in Halle gekostet hat. Und hat er so viele Hunderte da gekostet, muessen wir die funfzehn Thaler – wenn es schon liebes Geld ist – auch verschmerzen. Dafuer sind auch die feinen Oberhemden noch da. Und nun will ich Dir sagen, was ich noch fuer einen Gedanken habe, oder was mir der Himmel eingegeben hat, denn so was koemmt nicht von selbst. Halb und halb ist es schon richtig. Was sagst Du zu Renatchen? Waer das nicht eine Schwiegertochter fuer uns? Was, Alter, was?« Herr Goehl rueckte verwundert mit dem Stuhl und schob das Muetzchen. »Siehst Du – siehst Du –« »Nicht wahr, da bin ich keine Gans gewesen, wie ich das ausgeheckt habe?« »Renatchen wird einmal was erben.« »Nur zu stattlich geht sie mir her. Das wollt ich ihr aber wohl abgewoehnen, wenn sie erst meine Schwiegertochter waere.« »Und am Ende – wer's haben kann – siehst Du, die heutige Welt ist nun so –« »Waer der Lebrecht da nicht ein gemachter Mann, was?« »Und wenn er als Doktor noch viele Kranke haette –« »Die wird ihm der Himmel auch bescheeren – ach pfui, da haett ich mich bald versuendigt – der Himmel straft aber viele mit Krankheiten wegen ihrer Suenden, zumal die Vornehmen.« »Und siehst Du, hat ein Doktor eine Kutsche, lassen ihn die Vornehmen am liebsten rufen. Haette der Junge aber eine reiche Frau, koennte er sich gleich Wagen und Pferde halten.« »Bin ich dumm gewesen?« »Hast Du denn schon –?« »Angepocht hab ich, hingehorcht – es steht geschrieben, klopfet an, so wird euch aufgethan, man kann aus einem Wort schon merken, was die Glocke geschlagen hat – kurz; halb ist es richtig!« »Siehst Du, das waere mir sehr lieb. Aber die Frau Muhme hat ja den Jungen noch nicht gesehn, Renatchen auch nicht –« »Was ist da immer ein Sehen noethig! Ich habe von ihm gesprochen, und eine Mutter wird ihr Fleisch und Blut nicht verachten. Daß Lebrechtchen auch einmal ein Paar Thaler kriegt, wissen sie. Und wenn sie ihn sehn, werden sie auch sehn, daß ihm der Himmel seine gesunden Gliedmaßen bescheert hat, ein Paar rothe Backen obendrauf. Nur so liederlich muß er nicht hergehn. Darum ist mir's auch lieb, daß er Gestern Abend nicht gekommen ist und sie ihn nicht in dem wuesten Anzug gesehn haben.« »Siehst Du aber, sie haben dafuer gehoert, daß der Junge, wie er kaum einen Fuß wieder in Berlin gesetzt hatte, schon –« »Schweig mir davon! Warum bin ich denn krank geworden!« »Zu arg! Muß uns bei nachtschlafender Zeit da noch ein Grenadier ins Haus gelaufen kommen!« »Worueber hab ich mich denn so alterirt, wie ueber den Grenadier!« »Martin ist nur ein Esel gewesen. Er haette ihn nicht hereinlassen sollen, mir es heimlich sagen, da waer Alles heimlich –« »Ist denn Martin in seinem Leben noch was Andres gewesen wie ein Esel? Nun geschehn ist geschehn, und ich denke, die Frau Muhme wird ja auch wohl denken, Jugend hat nicht Tugend, mit der Zeit bricht man aber Rosen.« Jetzt kam Lebrecht. Mit zweierlei Gefuehlen war er aufgewacht, von einer holdseligen und einer ihn peinigenden Erinnerung ausgegangen. Er kleidete sich indeß schnell an und eilte zu den Eltern, des Vorhabens, sie reuig um Verzeihung zu bitten. Freilich wurde er noch, besonders vom Vater, mit unwilligen Mienen empfangen, und zwei Strafpredigten, fast zu gleicher Zeit gedonnert, ließen ihn lange nicht zu Wort koemmen. Doch wie er dazu erst kam, sprach er auch auf eine Weise, die geeignet gewesen waere, einen noch heftigeren elterlichen Zorn zu entwaffnen. Er schien, gegen Gestern, wie umwandelt, schmaehte seine Verirrungen in Halle, ohne sie nur entschuldigen zu wollen, gelobte so fest Besserung, daß er allen Glauben an die Zusage weckte, und erzaehlte die Begebenheit des gestrigen Abends auch der Wahrheit nach, so daß sich Jene ueberzeugten, er sei nicht so strafbar wie es den Anschein gehabt. Die Mutter rief: »Aber es steht geschrieben: wenn dich die boesen Buben locken, so folge ihnen nicht – Kathrine, bringe sein Warmbier – und wer sich vom boesen Feind an einem Haar fassen laeßt – nun, ich will aber hoffen, Du wirst ihm nicht auf ewig gehoeren, weil die feinen Oberhemden noch da sind.« Waehrend er sein Warmbier genoß, sprach er von dem Examen, das er hier noch zu bestehn haben wuerde, um die Erlaubniß, als praktischer Arzt aufzutreten, zu erlangen, wie er schon zu Halle sich darauf vorbereitet und noch mit dem groeßten Fleiß damit fortfahren wolle, was den Eltern sehr wohl gefiel. Die Mutter hob wieder an. »Ein anderes Kleid mußt Du aber haben, so kannst Du hier nicht gehn, Lebrecht!« Das freute ihn ungemein, seit Gestern Abend lag ihm ein neuer Anzug am Herzen, er sollte nicht hoffaertig, gleichwohl nach der Mode, zierlich, etwas glaenzend auch sein. Er machte deshalb nun Vorstellungen. »Schneide ihm Tuch von der Elle ab, mein Kind«, sagte die Mutter, »und vom feinsten, unser Schneider soll auch gleich kommen.« Es gab hier noch einigen Streit. Der Vater wollte braune Farbe, mittlere Guete, Rock, Weste und Beinkleid gleich, der Sohn hatte Lust zu Scharlach, mit einigem Gold, wuenschte eine Schabrackenweste, und schwarzseidnes Beinkleid. Herr Goehl schlug die Haende ueber dem Kopf zusammen, seine Gattin sagte ihm ins Ohr: »Die Frau Muhme haelt auf so was, er soll ja auch Renatchen gefallen.« »Habe ich Dir nicht auch gefallen«, fragte Jener, »und bin ich wie ein Narr –« »Ei was«, fiel sie ein, »zuweilen muß man die Wurst nach der Speckseite werfen.« Man einigte sich endlich. Der Scharlach wurde zugestanden, aber das Gold nicht auf dem Rock, hingegen auf der Weste, die auch aus Scharlach bestehn sollte, zum Beinkleid bewilligte der Vater halbseiden Zeug. Der Hausknecht mußte zur Stelle den Schneider rufen. Der sagte indeß, er habe eben einen vollstaendigen neuen Anzug fertig, vielleicht passe er grade. Waehrend das im Wohngemache vorfiel, hatte sich Doris nicht dahin begeben wollen, um nicht zu stoeren, sondern ihren Platz mit dem Strickstrumpf im Putzzimmer genommen. Daß sie einen Stuhl am Fenster einnahm, konnte ihr nicht zum Verbrechen gemacht werden, in sofern es Tag war und die Mutter nur ueber den abendlichen Aufenthalt am Fenster so gezuernt hatte. Einige Zerstreuung, welche die Voruebergehenden doch zu gewaehren pflegen, war ihr ohnehin noethig. Sie hatte, an ihren Braeutigam denkend, viel geweint. Auch wenn es nie einen Redutenschaefer, ein Ideal der Schaefer in Arkadien, gegeben haette, wuerde ihr der junge Sueßmilch doch fade, abgeschmackt, unertraeglich vorgekommen sein, um wie viel mehr nun. Einige Aueßerungen der Eltern ueber ihn ließen sie hoffen, daß er ihnen auch im hohen Grad mißfallen hatte und sie ihn nicht zum Eidam wuerden annehmen wollen, andere ließen sie aber das Gegentheil fuerchten. Sehnlich wuenschte sie mit Lebrecht von dem Allen zu reden. Nach einiger Zeit kam ein Artillerieoffizier die Straße herauf. Vor Offizieren ueberhaupt hatten sie die Eltern stets wie vor solchen gewarnt, die umher gingen wie bruellende Loewen und suchten, welche Maedchen sie verschlaengen, aber sie hatte zuweilen doch bemerkt, daß es recht huebsche junge Leute darunter gaebe, die man wenigstens ansehn koenne, wenn man sonst auch, mit allem Fug, sich vor ihnen huetete. Deshalb blickte sie auch, wiewohl etwas verstohlen, dem jetzt daher tretenden entgegen und fand, daß er einen ungemein schoenen Wuchs haette, auch einen huebschen maennlichen Anstand, beides ganz anders wie Herrn Sueßmilchs Sohn. Der Offizier kam naeher. Doris sah zum Strickstrumpf hinab, aber doch wieder auf, eben als Jener sich in der Richtung des Fensters befand. Beinahe haette sie aber auch aufgeschrieen, ohne zu wissen, warum. Doch sah der Offizier auch zum Fenster her, zog schnell den Hut und verbeugte sich im Voruebergehen mit einer ueberaus freundlichen Anmuth. Sie sprang auf, um hoeflich zu danken, ließ aber den Strickstrumpf darueber fallen und warf ihren Stuhl um. Gut, daß es die Mutter nicht hoerte und zu fragen kam, was es gaebe. Doris hielt ein kleines inneres Selbstgespraech. Mein Himmel, wie kennt mich der? – Und – ach – der sieht ja dem Schaefer so aehnlich, wie ein Tropfen Wasser dem andern. Ach – am Ende ist er's selbst. Das waer aber ein großes Unglueck! Von Verwirrung ergriffen, eilte sie hinaus. Dort ergriff Katharine aber ihre Hand und zog Doris in die Kueche. »Jungfer Doertchen« – es war ihre Anredeweise – hob sie an, »ich muß Ihnen was erzaehlen, noch ging es nicht. Gestern Abend sollt' ich noch Lichte holen, es waren nicht mehr genug da, ich mußte auch den Seifensieder noch 'rauspochen, er war recht grob, daß ich noch so spaet kam, und fragte mich, warum ich nicht frueher gekommen waere, aber kurz von der Sache zu reden, kam ich auf den Flur, da stand der alte Herr Sueßmilch mit dem jungen Herrn, der Heute erst gekommen ist, der die vielen Schoenflecke hat, ich habe sie wohl gesehn, wie ich durch die Stube ging, Gott bewahre, wie viel Schoenflecke, aber kurz von der Sache zu reden, wie sie nun so dastanden, sprachen sie zusammen, das ging mich nichts an, ein Dienstbote soll auch nicht neugierig sein, es schickt sich nicht, und horchen soll man gar nicht, ich habe bei meiner vorigen Herrschaft viel Verdruß darueber gehabt, ich wollte auch nicht horchen, weil ich aber nicht im Dustern bei Mannsleuten vorbeigehn wollte, man weiß ja, wie die Mannsleute sind, die lassen Einen nicht zufrieden, und dem mit seinen Schoenflecken ist gewiß nicht zu trauen, das seh ich ihm schon an, er haette mir wohl nicht viel thun koennen, war sein Vater doch da, aber es war so duster, da wollt ich doch nicht vorbei, ich haette mir eine Laterne mitnehmen koennen, warum hab ich es nicht gethan, aber kurz von der Sache zu reden, so stand ich still, stand ich und hoerte, was die Beiden sprachen, Herr Sueßmilch und der junge Herr mit den Schoenflecken, aber was sprachen sie, wovon sprachen sie, rathen Sie einmal, Jungfer Doertchen, ich dachte, ich sollte vernarren, das haett' ich nun und nimmermehr gedacht, ich dachte, es waer Ihr Liebster, dacht' ich, und ein Liebster muß doch gut von der Liebsten sprechen, dacht ich, der Liebste sprach aber schlecht von der Liebsten, sprach er, Sie gefielen ihm nicht, sagte er, er waer Ihnen nicht gut, sagte er, die mit der dicken Madam gekommen ist, mit dem großen Fischbeinrock, gefiel ihm besser, sagte er, sein Papa sollte ihm doch die verschaffen, sagte er, und der Papa hatte auch ein groß Maul, hatte er, sagte, Sie waeren nicht freundlich gegen seinen Musjeh, moechten wohl –« »Still, still«, fiel Doris ein, »ich habe genug gehoert, ist das auch wahr?« »Auf dem Rathhause will ich's beschwoeren!« »Ist es wahr, soll es Dir ein neues Kamisol von Damis einbringen.« »Da spring ich ja deckenhoch! – Aber aergern Sie sich denn nicht einmal?« »Du haettest mir nichts Angenehmeres erzaehlen koennen.« Doris wurde jetzt zur Mutter gerufen, um ihr den Anzug ordnen zu helfen, denn ein Ausgang in wichtiger Absicht war beschlossen. Zu dem Ende nahm sie aus dem breiten eichnen Zeugspinde im Wohngemach eine Contouche von weißlichem Moor, und einen schwarzen halbseidnen Stepprock, das schwarze Halstuch dazu war sehr klein und bescheiden, doch mit ziemlich feinen Kanten besetzt. Das Haupt sollte aber eine gruen atlaßne, mit einem langen Strich versehene und mit silbernen Lahntressen prunkende Tellermuetze verherrlichen. Wie dies Alles angelegt war, huellte sich Frau Goehl noch in ein rothes Maentelchen, oben mit Rauchwerk und einem versilberten Schloß geziert, das ein wenig unter die Hueften hinab reichte. Eh sie das Haus verließ, nahm sie das Schluesselbund und loeste einige einzelne davon ab, um sie Doris zu ueberliefern, die uebrigens wurden nicht, wie gewoehnlich, an dem Haken in den Rock gehaengt, sondern in die unter demselben umguertete lederne Tasche gesteckt. Die Tochter empfing Befehl, das Mittagessen anzuordnen, welches in einer guten Hafergruetzsuppe mit kleinen Rosinen und den Ueberbleibseln des gestrigen Abendbrots bestehn sollte. Um auch Speisebier – das Ruppiner schaeumte nicht jeden Tag – herausgeben zu koennen, erhielt die Bevollmaechtigte zugleich den Schluessel zum Keller. Frau Goehl hatte sich kaum entfernt, als auch ihr Mann, um Boersengeschaeften nachzugehn, folgte. Er hatte sich nicht so in vollen Staat geworfen als die Hausehre, der mit einer breiten Tresse versehene Hut blieb daheim, ein einfacher mußte seine Stelle vertreten. Er beschwerte die Perruecke, von der zwei Knoten ueber die Brust und zwei andre am Ruecken hinabhingen, wenig, denn seine Kopfhoehlung war nicht steif, so daß er stark sich vorueber neigte. Weil die vordere Spitze auch, wie die uebrigen, horizontal lag, leistete sie bei Sonnenschein und Regen gute Dienste. Dabei hatte er seinen weiten braunen Plueschrock gewaehlt, an dem vor Alter die Farbe ein wenig verschossen, der aber hoechst bequem war und, bis tief hinab zugeknoepft, die Unterkleidung voellig deckte. Gestiefelt sah man Herrn Goehl nie, weil er kein Pferd bestieg oder je bestiegen hatte. Bei nicht rechtem Wohlbefinden – wie Heute immer noch auf das gestrige Aergerniß, und in der Einbildung wenigstens – pflegte er ueber seine Struempfe und Schuhe schwarztuchene Kamaschen zu ziehn, die warm hielten. Ein Paar daenische Handschuhe und das stattliche spanische Rohr vollendeten diese – ordinaire Toilette. Zur sonntaeglichen gehoerte die Wehrhaftigkeit neben dem linken Hueftbein, die aber die meisten Kaufleute nicht jeden Tag mehr anschnallten. Es hatte ein Ansehn, als richteten sie sich nach Hagedorns Wink, in der Leichenrede des reichen Kaufmanns Jost, worin es heißt: Doch rieth man ihm mit guten Fug, den ritterlichen Degen, den er an seiner Seite trug, nur Sonntags anzulegen. Puenktlich geschah es aber auch an den Sonntagen vom ganzen edlen Commercium, wobei sich die Herren Buchhaendler von selbst verstehn. Aber auch die Herren Apotheker blieben hier nicht zurueck, so daß also die, welche Arzneien (oder Roboranzen) fuer den Geist, und die, welche sie fuer den Leib verkauften, einander aehnlich sahen. Man koennte fragen: ob sich das auf die juedischen Herren Kaufleute auch bezogen haette, die in unsern Tagen um kein Haar anders aussehn wie die an Christum glaubenden. Das mueßte jedoch verneint werden. Kein Israelit durfte in jener Zeit bewaffnet sein. Bis jetzt ließ jeder Hausvater den Bart, nach Vorschrift des alten Testaments, wachsen, und trug am Sabbath einen langen Mantel. Perruecke oder eigen getragnes Haar wurden auch abweichend geordnet, hinten rund, mit vielen Locken, woran die Juenglinge auch zu unterscheiden waren. Bei den Frauenzimmern ward es freilich so genau nicht genommen, doch durfte kein verheirathetes vom Haar etwas zeigen, und der ledigen Kopfputz unterschied sich auch durch einen gewissen Schnitt, den sie nach ihrem, nicht nach einem fremden Geschmack bisweilen abaenderten. Allein die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts – ein ueberhaupt wichtiger Zeitabschnitt, sowohl in Ruecksicht der Gebraeuche als der Meinungen – bezeichnete den Anfang einer wichtigen Periode ihres Modenwechsels. Denn um diese Zeit fingen die juengern – und auch Ansprueche auf Verfeinerung machenden – Ehemaenner an, den Bart um etwas zu verkuerzen. Das Etwas wurde zum Mehr, der Bart zum Weniger. Etwas ueber dreißig Jahre verkuerzten sie so fort, bis nichts mehr da war, und der Mantel verschwand auch. Die Juenglinge schritten etwa vierzig Jahre lang von mehreren Locken im Nacken zu wenigem, zu einer, zu einem kleinen Knauf, bis zum Zopf, der, als er bei den Christen verschwand, auch von den Ebraeerkoepfen sich losmachte. Doris fuehlte eine Freude, ihre beiden Eltern entfernt zu sehn. Sie konnte nun gehoerig mit Lebrecht sprechen. Die Vorrichtungen zur Hafergruetzsuppe raubten wenig Zeit, sie stieg dann in den Keller und mit solcher Eile wieder hinaus, daß sie den Schluessel in der Thuere vergaß. Lebrecht war auf seinem Stuebchen, wo er die in einer Mappe mitgebrachten Hefte auspackte, um sich gleich wieder mit Studien zu befassen. Die Schwester trat zu ihm herein und schuettete ihr Herz vor ihm aus. »Du glaubst nicht, lieber Bruder«, rief sie, »welch ein abgeschmackter Laffe der Sueßmilch ist, und den soll ich nun heirathen.« »Er taugte schon auf dem Gymnasium nicht, wo ich ihn kannte, und Gestern sah ich ihn noch spaet – ich mag mich nicht erinnern, wo – ein wahrer Trottel ist aus ihm geworden. Nein, Du sollst ihn nicht heirathen. Du hast mir einen wahrhaft schwesterlichen Dienst gethan, so muß ich auch wie ein Bruder gegen Dich handeln. Wie – das seh ich freilich noch nicht ein. Fordre ich den Haasenfuß, koemmt er nicht, – aber es wird andere Mittel geben. Doch bleibt es immer schlimm, daß er so frueh schon gekommen ist.« »Aber ich muß Dir doch sagen, was mir Kathrine erzaehlt hat.« Nun folgte der Bericht, den Lebrecht mit wachsendem Vergnuegen hoerte. »Bene, optime«, rief er nach seiner Vollendung, »da kann, da muß ein ehrliebendes Maedchen sagen: den Lump nehm' ich nicht. Die Eltern koennen es Dir auch nicht mehr zumuthen. – Nun hoere meine Neuigkeit. Ich habe mit Deinem Schaefer geredet, ich lobe Deinen Geschmack. Ein allerliebster junger Mann – und hat eine Schwester, die nur einmal singen duerfte, und ein wilder Baer waere gezaehmt – weißt Du aber auch, was er ist?« »Ach – leider! Offizier.« »Du weißt es schon?« »Er kam vorbei und grueßte mich.« »Wenn die Eltern das nur nicht gesehn haben. Zwar nun – er will Dich gerne sprechen. »Um Gotteswillen nicht!« »Will Dir sagen, daß er Dich ernst, aufrichtig, wie ein Mann von Ehre, liebt, Dich zu heirathen wuenscht.« »Wahrhaftig? So tugendhaft denkt er doch? Nun – dann ist es ja wohl keine Suende, wenn ich ihn spreche.« »Ich will sie am juengsten Tage auf mich nehmen. Aber in meiner Gegenwart soll es nur geschehn. Heute ist eine treffliche Gelegenheit, die so bald nicht wiederkommen moechte. Ich werde zu ihm gehn, ihn herbringen.« »Heute schon? Lebrecht! Es wird Aufsehn bei den Nachbarn geben –« »Wenn ich mit ihm gehe? Kann er nicht mein Bekannter sein? Und kann er nicht Tuch kaufen wollen?« »Papa bleibt wohl ein paar Stunden weg, aber wenn Mama bald kaeme –« »Wo ist sie denn hin?« »Sie hat sich geputzt, wird eine Visite machen wollen.« »Oh, da waehrt's auch ein paar Stunden! Beide Eltern aus dem Hause, das ist selten. Komme ich, werde ich freilich erst sehn, ob der Busch rein ist, und ihn noch zuruecklassen. Ist Niemand da, geh ich mit ihm auf meine Stube. Du koemmst, als wenn Du mich zu sprechen haettest, eine Schwester kann doch zu ihrem Bruder gehn. Gieb dem Maedchen im Hofe was zu thun.« »Zum Glueck ist der Hausknecht nach Holz geschickt. Aber der Ladendiener –« »Die Ladenthuere nach dem Flur ist ja immer zugemacht. Ich komme von der andern Seite die Straße her.« »Aber wenn ich nun Oben bin, und Jemand von den Eltern koemmt?« »Man giebt Acht. Der Lieutenant wird versteckt, schluepft bei Gelegenheit weg. Laß mich nur machen. Ihr sollt Euch sprechen, damit Ihr Euch naeher kennen lernt und noch prueft, ob es auch gescheut ist, Euch zu heirathen.« »Oh, wenn's nur anginge! Ich seh es schon an den Augen, an den Mienen, daß er fuer mich paßt. Keinen bessern Mann faende ich im ganzen heiligen roemischen Reich! Hat sich mir zu Gefallen statt Damm Damoet genannt, ist das nicht ein gefaelliger Sinn? Oh, es kann auch per Sympathie geschehen, daß wir Beide so die Schaeferwelt lieben. Und das hab ich wo gelesen, gluecklichere Ehen giebt es nicht, als die per Sympathie geschlossen werden.« »Ich hatte das nicht gleich ueberlegt, thue ein gutes Werk, wenn ich mache, daß Ihr Euch erst naeher kennt. Doch glaube ich wie Du, Ihr wuerdet ein glueckliches Paar sein. Wie Du ihm erst solchen panegyricum hieltst, dacht ich schon, das ist Maedchengeschwaetz, blinde Liebe. Aber wie ich ihn sah, gefiel er mir selbst.« »Hoere, Lebrecht, ich will Dir einen Rath geben. Gewoehne das Lateinische Dir ab. Ihr Gelehrten habt das so an der Art, Euch unter einander mag es wohl gefallen, und ich habe auch bei Dir nichts dagegen, weil ich Deine Schwester bin, Dir gut bin. An Andern mag ich es aber nicht leiden, und so wird's andern Maedchen bei Dir auch gehn.« »So? Ich danke Dir – es ist mir lieb, daß Du mich daran erinnerst.« »Der Sueßmilch spricht immer halb deutsch, halb franzoesisch, pfui, das ist nicht auszustehn. Und mit dem Lateinischen ist es auch nicht besser. Freilich willst Du nicht heirathen, so ist es Dir also gleich, was die Maedchen von Dir halten.« Lebrecht unterbrach sie: »Non sum, qualis eram«, und flog zur Thuere hinaus. Nun gab Doris sich theils wieder haeuslichen Geschaeften, theils einem halb frohen, halb duestern Nachsinnen ueber die Hoffnungen, die Lebrecht eben in ihr weckte, hin. Nach einer halben Stunde kam Renate, von ihrer Tante geschickt, um zu fragen, wie sich das Goehlsche Ehepaar auf die gestrigen Krankheitsanfaelle befinde? Mit Verwunderung hoerte sie, daß es damit von so unbedeutenden Folgen gewesen sei. Die beiden Maedchen waren allein, plauderten von Neuigkeiten, Putz und dergleichen, Renate glaubte bald indeß wahrzunehmen, daß Jene von Unruhe ergriffen sei, und aeußerte sich hierueber auch mit freundlicher Theilnahme. Doris schoepfte dadurch Vertrauen und sagte offen hin, was ihr Gemueth bewegte, doch nur in sofern es den jungen Sueßmilch anging. »Sie haben mir also«, fuhr sie fort, »meinen Braeutigam abspenstig gemacht, andere Maedchen wuerden Sie darueber hassen, ich wahrlich nicht. Ich goennte Ihnen meinen Braeutigam gern – nein, das nicht, ich moechte ihn wohl verlieren, ihn aber doch nicht einer Freundin wuenschen.« Renate entgegnete laechelnd: »Ich halte mich nicht fuer so schoen, daß ich irgend einem Maedchen in der Liebe schaden koennte, aber Sie waren schwarz, ich weiß, er sah mich zuerst, und Sie gaben sich auch, als Sie weiß erschienen, eben keine Muehe, den ersten Eindruck auszuloeschen.« »Das wollte ich auch nicht, aus guten Gruenden.« »Bemerkt hab ich es wohl, daß er wenigstens that, als haette ich seinen Beifall, doch war es mir hoechst gleichgueltig. Und denken Sie nur, diesen Morgen kam er schon zu uns, schwur, er koenne nicht umhin, seine Devotion solchen animablen Damen zu beweisen, machte Tanzspruenge, laechelte sich vor dem Spiegel an und sagte mir eine Menge fader, abgeschmackter Sueßigkeiten.« »Ich bitte Sie, erzaehlen Sie es doch meinen Eltern.« »Wenn sich eine Gelegenheit dazu findet, gern!« »Was thaten Sie denn, was erwiederten Sie auf seine Komplimente?« »Weil er mir so laecherlich vorkam, machte ich mir einen Scherz mit ihm, nahm die Miene an, als ob ich auch in ihn verliebt waere. Die Tante war eben bei guter Laune und zog ihn noch auf. Er steckt so voll thoerichter Eigenliebe, daß er Alles fuer baare Muenze aufnahm. Und wir hatten ihm doch Gestern hinlaenglich gezeigt, daß er uns Beiden von Herzen zuwider ist.« »Wenn es ihn doch bewoege, sich von mir loszumachen, in der Hoffnung –« »Nie wuerde er sie erfuellt sehn. Pfui, eine Braut zu haben, und so flattersinnig, so treulos zu handeln! Ihm ziemte eine tuechtige Bestrafung. Daß sie ihm wuerde, dazu wollte ich gern meine Hand bieten.« »Thun Sie es durch Hoffnung, liebe Freundin, durch Hoffnung!« »In so weit ich mich nicht dadurch binde, mit Vergnuegen. Wie ungluecklich wuerden Sie auch mit diesem Narren sein. Und eh ich solchen Mann naehme, lieber wollte ich zu einer Jungfer mit eisgrauen Haaren werden!« So wurde hier ein kleines Complott eingefaedelt, das nicht tadelnswerth genannt werden konnte. Auf einer Seite bat die Liebe, auf der andern willigte die Freundschaft ein, und einen Narren – in dem noch ein schlechtes Herz wohnte – bestrafen zu wollen, ließ sich nicht ungerecht nennen. Nachdem Beide noch ein Viertelstuendchen die Sache besprochen hatten, empfahl sich Renate. Lebrecht hatte sich waehrenddem erst zu einem Haarkraeusler verfuegt, der ihm an jeder Seite fuenf zierliche fliegende Locken baute. Er verkaufte auch Haarbeutel, und Jener ließ sich einen nach dem neuesten Geschmack einbinden. Nun flog er zum Schneider. Ein Zufall wollte, daß ihm das fertige Kleid genau paßte und vortheilhaft stand. Struempfe aus weißer Seide und Saffianschuhe mußte ihm geschwind ein Lehrling holen. So ging er voellig umgewandelt aus diesem Hause. Die Mutter hatte ihm nach der Versoehnungsszene eine Zehnthalerduete in die Hand gesteckt, so waren die Nebenkosten zu bestreiten gewesen, die groeßeren Kleidungsstuecke kamen auf des Vaters Rechnung. Er hatte mit Allem so geeilt, daß kaum darueber eine halbe Stunde entflohen war. Nun ging es spornstreichs der Wohnung des Lieutenants entgegen. Ihm war unterwegs leicht und froh, daß er seinen Renommistenaufzug von sich geworfen hatte, von dem allein der fuer die Mode zu große Degen und der unfoermliche Hut, den er jedoch nun unter dem Arme trug, uebrig waren. Er bildete sich selbst ein, die neue Ausstaffirung nur deshalb so schnell gefoerdert zu haben, weil sie in Berlin, seiner ferneren Berufsabsichten willen, so noethig sei. Der Lieutenant war noch nicht vom Dienst nach Hause gekommen, sein Aufwaerter aber, der sich Lebrechts von Gestern erinnerte, sagte ihm, er moechte nur ins Zimmer treten und ein wenig warten, gewiß kaeme sein Herr bald. Lebrecht that es und knuepfte ein Gespraech mit dem alten Soldaten an, der ihm ein drolliger Kautz zu sein schien. Wenige Minuten hatte es gedauert, als nach einem kurzen Anklopfen sich die Thuere oeffnete, und eine junge Dame herein trat. »Ist mein Bruder nicht zu Hause?« fragte sie. Zum Zweitenmal bemerken wir: eine Schwester kann doch zu ihrem Bruder gehn. Und diese hatte ihn sehr noethig zu sprechen. Der Aufwaerter versicherte, sein Herr habe gesagt, daß er gleich nach der Parade nach Hause kommen wuerde, sie muesse eben vorueber sein, Mademoiselle moechte also guetigst einen Augenblick warten. Jetzt sah sie erst, daß noch ein Fremder sich im Zimmer befand. Lebrechts gestriger Aufzug wuerde sie veranlaßt haben umzukehren, das heutige Ansehn war dagegen nicht abschreckend. Sie trat deshalb naeher, gab dem Aufwaerter jedoch einen Wink, auch im Zimmer zu bleiben. Lebrecht kam sich anfangs wie eine Statue vor, die sich nicht bewegen kann. Doch machte er, im hoechsten Grad verwirrt, eine sehr linke Reverenz. Die Besucherin dankte kuehl hoeflich, nahm auf einem Stuhle Platz und fragte den Soldaten um Einiges, was ihren Bruder anging. Mit eingeengtem Athem stand Lebrecht da, konnte sie aber sehn, fortwaehrend sehn, weil die junge Dame ihm im Profil saß, doch auf ihn nicht achtete. Der Reifrock von Gestern fehlte, weit reitzender schien sie aber noch in dem einfachen Morgenanzug von niedlichem Kattun, ueber den sie ein schwarzes Seidenmaentelchen gewunden hatte. Das Haar zeigte sich noch ungepudert, dafuer aber hatte es eine glaenzend braune Farbe. Wenige Locken rollten auf die Schultern hinab. Eine aufgeschlagene weiße Florkappe war der einzige Schmuck. Aber die Schoenheit des Gesichts schien im Mangel an schimmerndem Putz unendlich gewonnen zu haben. Lebrecht meinte, es duerfe sich wohl ziemen, die junge Dame zu unterhalten, fuehlte aber keinen Muth dazu und verwunderte sich zum Erstenmal in seinem Leben, daß man sich vor einem Maedchen fuerchten koenne. Es duenkte ihm aber auch, des Lieutenants Schwester sei etwas Anderes wie ein Maedchen, wie hoehere Natur, und ihre Naehe veredle ihn mit. Er fuehlte das, ohne es klar zu denken, und fuehlte es doch scharf, man haette sagen koennen, ihm waeren dunkle Begriffe ploetzlich hell aufgegangen. Die Unterhaltung mit dem Soldaten endete bald aus Mangel an Stoff, und das schoene Maedchen gaehnte. Das Zeichen der Langweile erinnerte ihn, daß er sich wie ein Tropf ohne Lebensart betrage. War er in Halle an einen oeffentlichen Ort gekommen, wo es Frauenzimmer gab, hatte er es recht wohl verstanden, sie zu unterhalten, eigentlich zu wohl, denn seine Scherze waren ihnen angenehm, sie wurden aber auch nicht selten etwas ungezogen, so daß ihn das schoene Geschlecht – der wohlerzogene Theil nehmlich – bald floh. Doch hatte er immer bewiesen, daß er mit den Schoenen zu sprechen verstand, und eher zu viel als zu wenig. Und Heute nun, wie auf den Mund geschlagen! Sollte das erklaert sein, mußte wieder angenommen werden, auf jenem Stuhl sitze etwas Anderes wie ein Frauenzimmer. Es vergingen ein paar stille Minuten, dann wandte sich die liebliche Schwester zu ihm her und fragte mit einer kleinen artigen Neigung: »Wahrscheinlich ein Freund von meinem Bruder?« Die Bahn eines Gespraechs war geoeffnet, es lag etwas Vertrauliches in der Frage, fuer Lebrecht vollends beziehungsreich. Ihm duenkte, Gestern ziemlich des Bruders Freund geworden zu sein, und er bemuehte sich, einen Schwager aus ihm zu machen. Gelang es, ward er auch mit dem schoenen Maedchen verwandt, es schien ihm, das wuerde fuer ihn etwas Emporsteigendes, fuer das Maedchen einiges Niederschweben aus den Hoehen bezeichnen, genug, es ermuthigte ihn etwas. Mit einer sehr artigen Verbeugung, doch bei den Worten noch etwas verwirrt, entgegnete Lebrecht: »Erst Gestern hatte ich die Ehre, ihn kennen zu lernen, doch – vielleicht kommen wir noch in sehr nahe Verhaeltnisse.« Es hatte ihn gedraengt, gleich diesen Umstand zu beruehren. Leitete er doch etwas Annaeherndes ein. Jene konnte aber nicht verstehn, was er gemeint hatte, frug auch nicht darum, wie sie ueberhaupt eine sehr gleichgueltige Stimmung zeigte. Ein neues Schweigen, ein neues Wegsehn drueben, traten ein. Bald aber sagte die Harrende zum Aufwaerter: »Mein Bruder koemmt doch nicht, ich muß nun gehn.« Die obige Versicherung ward erneut, dennoch fuerchtete Lebrecht, sie wuerde Ernst machen, und zum Theil aus empfundner Langweile. Hatte er doch bereits gesprochen, warum nicht von neuen, und in der so wichtigen holden Absicht, die Schoenheit noch hier zu fesseln. Eilig hob er wieder an: »Mademoiselle, ich hatte Gestern auch schon das Glueck, Sie zu sehn.« »Sehr guetig!« »Unter den Linden, wo ich mit dem Herrn Bruder ging.« »Ich sprach ihn da, erinnre mich aber nicht –« Damit war Lebrecht sehr zufrieden. Er warf einen ungefaehren Blick in den Spiegel, dem er jetzt, weil er etwas vorgeschritten war, gegenueber stand. Er bezeugte ihm ein verbessertes Ansehn, leistete ihm noch den nuetzlichen Dienst, ihn zu erinnern, daß weder die Natur noch die frisirenden und drappirenden Kuenste ihn so vernachlaeßigt haetten, daß er Scheu tragen muesse, sich darzustellen, vollends einer kuenftigen Verwandten. Dies wollte er nun gleich deutlicher zur Sprache bringen, um hernach desto muthiger zu sein. »Es waere nicht unmoeglich«, sagte er von neuen, »daß Ihr Herr Bruder meine Schwester heirathete.« Die Beruehrung des Heirathens regt junge Maedchen an sich schon auf, wiewohl verlegen. Hier trat auch noch große Verwunderung hinzu, denn etwas ihr ganz Neues hoerte die Schwester des Lieutenants. Sie haette bei ihrem – etwas fluechtigen – Bruder nicht einmal eine Neigung zum Heirathen vermuthet. Sie sagte nichts, blickte aber theils betreten laechelnd, theils staunend auf Lebrecht. Er fuhr fort: »Meine Schwester wuerde sich sehr gluecklich dadurch fuehlen.« Jene versetzte: »Ich habe nicht das Vergnuegen, sie zu kennen, doch muß sie wohl, nach dem Herrn Bruder zu urtheilen –« Es sollte eine Hoeflichkeit werden, es schien aber, als fiele ihr schnell noch bei, die Gabe duerfte zu stark sein, etwas von einem Wohlgefallen an diesem Bruder verrathen, das einzugestehn ihr nicht zieme. Sie hielt also inne, hatte aber auf Jenen nicht eben entmuthigend gewirkt. Es klang zwar alltaeglich, als er nun sagte: »Und ich wuerde die Ehre haben, Mademoiselle, mit Ihnen verwandt zu werden«, und als sie entgegnete: »Die Ehre wuerde auf meiner Seite sein«, war klar: Jeder haette das sagen koennen, allein die Betonung, welche er auf jene Worte legte, klang viel anders wie gemeine Hoeflichkeit, und die ihrige mindestens etwas anders. Weltbekannt ist das scharfe Gefuehl, welches Liebe eingiebt, so mußte Lebrecht also das Etwas schon wahrnehmen, und mit welchem Entzuecken, leuchtet ein. Aber die Maedchen ahnen ohne alle Liebe schon sehr fein, ob sie Liebe einfloeßen, und das hier anwesende machte keine Ausnahme von der Regel. Lebrecht fuehlte nun auch Herz, mehr das Herz kund zu geben. »Mademoiselle«, rief er, wenn schon leise, »ich hatte auch schon das Glueck, Sie singen zu hoeren.« Das duenkte Jener unglaublich. »Gestern Abend. Ich ging noch an Ihrem Hause vorbei. Das Fenster stand offen.« Sie erroethete. »Lieben Sie die Musik?« »Ich blase ein wenig die Floete.« »Mein Bruder auch.« »Doch vom Gesang – von seiner wundergleichen Wirkung – schoepfte ich Gestern erst einen deutlichen Begriff.« »Oh – Sie – machen mich verlegen.« »Ich dachte erst ueber den Gesang nach. Die menschliche Stimme, sagt man, ist das schoenste von allen Instrumenten. Ich glaubte es sonst nicht, aber nun, oder auch jetzt noch nicht, wie ich das selbst nehmen will. Verzeihen Sie guetigst, ich hoerte Philosophie, Wolfische nach Leibnitz, mochte ueberhaupt mir nicht nachsagen lassen otio congelavit. Philosophie erklaert nun gern, obwohl ich jetzt nicht begreife, wie mir das Erklaeren einfallen kann, zumal das Erklaeren des Unerklaerlichen. Aber ich sagte mir Gestern Abend: Ja, die menschliche Stimme ist das schoenste aller Instrumente, aber sie ist es auch nicht, denn sie kann ueber das Menschliche hinaus toenen, hinaus erheben, ergo nicht menschlich mehr. Das ist eine richtige logische Formel. Die Stimme theilt dem Gesang dann einen gewissen Geist mit, wie Cicero will, daß ihn Dichter der Poesie geben sollen. Er nennt es: divino spiritu afflari, ach, ich bitte tausendmal um Verzeihung, daß ich ein lateinisches Citat – meine Schwester hat mich noch Heute erinnert – ich werde es zu uebersetzen die Ehre haben, es heißt: mit einem goettlichen Geist – wie druecke ich das afflari hier am angemessensten aus? – verklaeren. Die schoene Stimme verklaert nun den Gesang, zuvor aber die Schoenheit die schoene Stimme – aber wie komme ich zu solch einer Dissertation? Verzeihen Sie guetigst, ich hatte auf der Universitaet zuletzt eine Dissertation geschrieben –« Eben trat der Lieutenant ins Zimmer. »Guten Morgen, liebe Schwester – ist Dir nicht wohl, Du bist ja so roth! Ah – mit wem hab ich die Ehre?« »Sie kennen mich nicht mehr?« »Sieh da, unser Doktor, und so veraendert seit Gestern? Schwester, das ist ein merkwuerdiger Doktor, ein ritterlicher, hat fuer seine Schwester gestritten, wie es ein Bayard gethan haben wuerde. Heute seh ich ihm auch an, daß er ritterlich wuerde lieben koennen.« Beide Theile, obschon nichts weniger als bleichen Ansehens, erschienen jaehling noch mehr entflammt, die bereits aufgesprungne Schwester zog den Lieutenant schnell in eine Ecke, um ihm dort heimlich einige Worte zu sagen, die nur einen alten auswaertigen Oheim betrafen, der geschrieben hatte, und entfernte sich schnell. Vorhin empfing sie eine verwirrte Begrueßung von Lebrecht, nun mißlang die ihrige, als sie an ihm vorueberging. Umsonst bat sie der Lieutenant, noch zu weilen. Lebrecht knuepfte schnell mit ihm eine Unterredung anderer Art an, damit er nicht von der Hinausgegangenen zu sprechen anfing, was ihn sehr betreten gemacht haben wuerde. Es gab aber noch einen Grund, mit der Nachricht zu eilen: er sei erschienen, Jenen zu seiner Schwester zu fuehren, wo er Heute und vielleicht so bald nicht wieder Gelegenheit finden koenne, sie ohne Zeugen zu sehn. »Mich ausgenommen«, fuegte Lebrecht hinzu, »ich bitte um die Ehre, gegenwaertig bleiben zu duerfen.« Hoch erfreut rief der Lieutenant: »Augenblicklich – nur die Staatsweste noch!« Er eilte in die Kammer. Lebrecht rief ihm nach, er moechte nicht saeumen, es duerfte sonst zu spaet sein. Jener rief drinnen: »Nur die Staatsweste, es ist gleich geschehn!« Die Artillerieoffiziere trugen gewoehnlich einfache Westen, bei feierlichen Gelegenheiten aber andere, mit einer goldnen, etwa einen Zoll breiten Tresse umgeben. Wie haette ein junger Mann nicht fuer eine feierliche Gelegenheit erachten sollen, was ihm hier bevorstand! Bald erschien er, und Beide eilten von dannen. Unterwegs sagte der Lieutenant: »Freund, ich begreife nicht, was Sie so schnell umgeaendert hat! Gestern den lustigen, etwas abenteuerlichen Studentenanzug, Heute – und auch das Temperament von Gestern nicht mehr, das Sanguinische weg, oder viel mehr besaenftigt, und eine gewisse schmachtende Melancholie –« »Sie irren – wie sollt' ich denn – ich bin nun in Berlin –« »Fast sollt' ich glauben, Sie haetten in Berlin was gesehn – wenn man verliebt ist, nehmlich zum Erstenmal recht, das kann verwandeln.« »Ich verliebt? Oh –« »Und werden von neuem roth? Was Henker, da geht mir ein Licht auf! Sie waren es auf meiner Stube auch, und Gestern Nachmittag mit Einemmal so zerstreut – am Ende hat meine Schwester da eine Eroberung gemacht.« »Sie wollen scherzen. War ich unruhig, was ich zugestehn will, so kam es daher, daß ich mich ueber mich selbst aergerte. Denn ich war so verwirrt, daß ich mich recht unbeholfen, einfaeltig, laecherlich betrug. Ich hatte sie Gestern Abend – durch einen Zufall – noch singen hoeren.« »Auch das? Ei! Meine Schwester sieht nicht uebel aus, ihren Gesang lobten aber schon Kenner.« »Aber ich wollte nur vom Gesang reden, von seiner Wirkung, vom – wie soll ich es nennen – Metaphysischen im Physischen, fiel da in ein pedantisches Deduziren, Dissertiren, brachte Latein zu Markt –« »Woher kam die Verwirrung aber?« »Oh, wie wird die Mademoiselle Schwester mich laecherlich gefunden haben!« »Hm – vielleicht auch nicht.« »Rasend moecht ich werden!« »Lachen Sie doch wieder ueber meine Schwester!« »Lachen? Anbeten – ach, was sag ich da wieder!« »Wenn ich mich nicht betruege, haben Sie einen aehnlichen Eindruck auf sie gemacht.« »Oh, das waere nicht moeglich!« »Warum nicht! Haben die Maedchen kein Gefuehl? Und sind Sie nicht ein junger Mann, den – aber es paßt nicht, daß wir einander Schmeichelhaftes sagen. Uebrigens, wenn ich Ihre Schwester heirathete, koennen Sie auch die meinige –« »So will ich Ihnen gestehn – nein, eine Frage erst! Sie waren gegen mich offen genug, mir zu sagen, daß Sie ohne Vermoegen sind. Und –« »Meine Schwester ist auch von armen Eltern geboren.« »Das giebt mir Muth. Nun ja, ich liebe sie, habe nun lieben gelernt.« »Ich will ihr das noch Heute sagen.« »Nein – doch ja, ja! – Wir sind aber nah an meiner Eltern Hause. Warten Sie einen Augenblick, ich muß voran!« »Aha, das Terrain recognosziren.« Lebrecht ging voraus, der Lieutenant wartete eine halbe Minute, dann eilte Jener zurueck und rief: »Noch ist Niemand, da, kommen Sie!« Er ließ den Lieutenant zuerst in die Hausthuere treten, sah sich dabei zufaellig um und erblickte seine Mutter, die eben aus einem gegenueber stehenden Hause kam. Den Lieutenant konnte sie nicht gewahrt haben, weil sie im Heraustreten rueckwaerts auf die begleitende Nachbarin sah und Beide noch hoeflich mit einander komplimentirten. Lebrecht erschrack, folgte dem Lieutenant eilig und meldete ihm, daß ein Ueberfall drohe. »Wo versteck ich Sie nun gleich – ach, sie koemmt schon – es geht nicht mehr die Treppe hinauf – der Schluessel steckt in der Kellerthuere, nur schnell da hinab!« Er oeffnete, der Artillerist schluepfte hinein. »So bald als moeglich sollen Sie wieder befreit werden«, rief ihm Jener nach, »und vielleicht bringe ich Sie doch mit der Schwester zusammen.« Die Mutter trat schon in die Hausthuere, und er ihr entgegen. »Seht doch«, rief sie, » das ist aber sauber und nett, nun sieht mein Lebrechtchen doch aus wie ein Sohn von Caspar Goehl und Com – ah pfui, wie haett' ich mich da bald versprochen. Allerliebst! Wenn sie ihn so sieht, hat er sie gleich weg – hoere, ich muß Dir gleich was sagen, hier auf dem Fleck, hab ich so was auf dem Herzen, muß es herunter. Ich habe auf eine Heirath fuer Dich gedacht, mein Sohn! Wenn Du nun Dein eigner Herr wirst, mußt Du auch Deine eigne Frau haben, wer soll Dir sonst die Wirthschaft fuehren, und bis so ein lockrer Zeisig eine Frau hat, wird er auch nicht gesetzt. Denke aber nicht, daß ich dir eine alte ausgesucht habe oder eine garstige, sie ist jung, der liebe Himmel hat ihr gesunde Gliedmaßen gegeben, sie braucht sich nicht zu schaemen, wenn sie ihr Gesicht zeigen soll, und nackend wird sie auch nicht ins Haus kommen. Da ist die Frau Muhme Kuerbiß – Du kennst sie noch nicht, weil sie erst zwei Jahre in Berlin ist, wir sind wohl so weitlaeufig verwandt, daß man es mit einem Scheffel Erbsen zusammen messen koennte, vielleicht sind wir auch gar nicht verwandt. Doch weil meiner Stiefgroßmutter Pflegekind an einen Kuerbiß verheirathet gewesen sein soll, hab ich sie, vom ersten Tag, als ich sie gesehn hatte, Frau Muhme genannt, und dazu hatte ich meine gute Ursache, weil sie eine steinreiche Frau ist. Nun – die hat ihre Bruderstochter bei sich, und die hab' ich Dir – mit dem Himmel hatte ich mich schon vor sechs Monaten darueber berathen – zu Deiner lieben Frau bestimmt. Winke hatten wir uns schon frueher darueber gegeben, alleweile komme ich aber von der Muhme und habe ihr meinen christlichen Antrag gemacht, habe fuer mein Kind um Mamsell Renatchen – sie thun vornehm, thun es nicht unter Mamsell; fragte mich die Muhme doch, warum ich noch immer mit einer Tellermuetze ginge, und meine gruene Sonntagsmuetze kostet zwoelf Thaler und manche Carcasse sechs Groschen – kurz: ich habe fuer Dich um Renatchen angehalten. Die Muhme sagte wohl erst, du waerst ja so ein Thunichtgut, davon haette man Gestern Abend noch Wunderdinge gehoert, aber ich sagte wieder: Frau Muhme, sagt' ich, er hat mir noch Heute die Hand darauf gegeben, daß er sich bekehren will. Jugend hat nicht Tugend, aber die ledige Jugend nur, haben die lustigen Pagen erst eine Frau, so fallen ihnen die wilden Hoerner auch ab. Nun, ein Wort gab das andere, und sie meinte dann: wenn Du Renatchen gefielst, und Renatchen Dir, und man saehe, daß Du ein ordentlicher Mensch wuerdest, so wollte sie es nicht verschworen haben, Dir Renatchen zu geben, und mit leeren Haenden sollte Renatchen auch nicht von ihr gehn. Ein Jahr mueßten wir aber noch warten, bis es mit Deiner Doktorschaft erst vorwaerts gegangen waere und es sich auswiese, ob Du auch was Rechtschaffenes gelernt haettest. Ja, ja, sagt' ich, so lange wollen wir auch noch warten; wir muessen ja erst sehn, ob es auch der Himmel so will. Damit Ihr Euch Beide vor der Hand aber doch einmal sehn und hernach sagen koennt, was Ihr zu einander meint, so hat uns die Frau Muhme Alle auf den Nachmittag zu einer Schaale Kaffee invitirt, und da ist nun ein Glueck, daß Du so nett und sauber herausgeputzt bist. Denn ...« Lebrecht stand wie auf einem Kohlenfeuer da, wartete mit heißer Sehnsucht auf das Ende einer fuer ihn so peinlichen Rede; weil es sich gleichwohl noch immer nicht dazu anließ, unterbrach er sie: »Liebste Mama, unmoeglich kann ich Die heirathen!« »Was? Du wolltest Deiner eignen Mutter Eine verschmaehn, die sie Dir selbst ausgesucht hat? Das haett' ich fuer meine Nachtwachen, wo ich mich geaengstigt habe und immer gedacht: wo soll der Junge einmal eine Frau herkriegen? Das fuer mein Laufen und Rennen, fuer mein Hinhorchen und Sprechen!« »Ich danke Ihnen fuer die Guete Tausendmal, aber ich kann nicht, kann Ihnen auch jetzt nicht sagen, warum, mir ist das Herz zu voll!« Bei den Worten hatte er ihre Hand gekueßt und eilte, von seiner Unruhe gejagt, die Treppe hinauf. Frau Goehl sah ihm nach, rang die Haende, und rief: »Da steht mir mein Verstand still!« Doris sah zur Kueche hinaus, als sie Lebrechts letzte laute Worte hoerte, und nicht mit geringem Herzpochen, denn sie meinte, der Geliebte, auf den seit einer Stunde ihre Sehnsucht hoffte, wuerde mit ihm gekommen sein. Statt seiner gewahrte sie die Mutter und wollte eilig zurueck. »Nur her, Jungfer«, hieß es, »mit Ihr hab ich auch ein Huehnchen zu pfluecken. Was muß ich alleweile von der Nachbarin drueben hoeren! In die Erde haette ich sinken moegen! Sie Gottesvergessene hat auch Bekanntschaft mit Offizieren, hilf Himmel, mit Offizieren! Ist es wahr, daß Sie einer gegrueßt hat?« »Ich habe doch nicht dafuer gekonnt!« »Ist es wahr, daß Sie ihm gedankt hat?« »Ich – konnte doch nicht grob sein.« »Ein ehrbares Maedchen soll grob sein, in der Grobheit ist Christenthum, und man kann es schon so machen, daß es nicht wie Grobheit aussieht. Man sieht geschwinde weg, oder man sieht gar nicht erst hin, so koennen sie nicht grueßen. Ich weiß auch, daß Sie noch gar freundlich gedankt hat! Wie hat mich der Himmel doch gestraft! Das Mädchen hat einen Braeutigam, durch den ihre Mutter Commerzienraethin werden soll, und hält es daneben mit einem Schaefer, einem Secretarius und einem Offizier. Wenn der Alte koemmt, soll Alles untersucht werden, und es ist nichts so klar gesponnen, es koemmt endlich an die Sonnen! Ins Kaminloch soll Sie nicht wieder, mein Zeug kostet mir Geld, aber in den Keller, und nicht auf vierundzwanzig Stunden, auf vierzehn Tage gleich, und alle Morgen zum Fruehstueck die Elle, daß Ihr die Anfechtungen, die boesen Lueste vergehn. Seht, hat Sie nicht den Schluessel auch in der Thuere stecken lassen? Haetten nicht die Diebe alles Bier stehlen koennen? Damit hat Sie schon eine exemplarische Strafe verdient! Will Sie wohl 'runter!« Gegenreden halfen bei diesem Zorngewitter nicht mehr, Doris eilte deshalb, wie Mama die Thuere geoeffnet hatte. Sie sollte noch einen Stoß auf den Weg empfangen, und nicht mit der Hand, sie war indeß schon zu weit die Treppe hinab. Frau Goehl wollte eben den Keller verschließen, als die beiden Herren Sueßmilch in die Hausthuere kamen. Schnell ließ sie ab, suchte Ruhe zu erzwingen und trat ihnen entgegen. Nach dem Gruß sagte der Vater: »Wir hielten es fuer unsre Schuldigkeit, uns nach Ihrem Befinden zu erkundigen, aber, Gott sei Dank, Sie sind ganz wieder wohl.« »Et ma chere promise«, fiel der Sohn ein, »comment se porte elle?« Frau Goehl entgegnete: »Sehr angenehm – ist nicht gefaellig, in die Stube zu spatzieren?« »Ma promise, est ca –« Der Vater rief: »Sage doch: Ist meine liebe Braut in der Stube?« »Die –« erwiderte Jene betreten, »ist – im Keller, muß Bier abziehn. Die Maedchen muessen zur Wirthschaft angefuehrt werden, aber ich bitte –« »Im Keller? Ah, ich werde ihr da meine Visite machen!« »Warum nicht gar«, schrie Mama, ihn am Arm zurueckhaltend, »das wuerde sich schicken, da haetten die Leute was zu reden.« »Comment Madame? Ich habe eine Oper in Paris gesehn, Didon, Didon, da ist ein vornehmer Prinz bei einer Koenigin im Keller!« Er hatte sich losgewunden und machte die Thuer weit auf. Frau Goehl folgte, riß ihn mit kraeftigern Armen als die seinigen zurueck und rief laut: »Doerte, komm herauf!« Sie hatte schnell ueberlegt, daß man den Angelangten die neue Gefangenschaft sorgsam verheimlichen, die Tochter also kommen muesse. Doch ein Artillerieoffizier stieg herauf, schnell und mit gebeugtem Ruecken, so daß er die Oben befindliche respektable Gesellschaft erst sah, wie er auch voellig Oben war. In die Tiefe zurueckzueilen, war es zu spaet, man starrte ihn bereits wie ein Wunderthier an, und Frau Goehl that einen Schrei im hoechsten Diskant ihrer Stimme. Er grueßte daher die Anwesenden hoeflich und eilte zur Hausthuere hinaus. Gleich nach ihm kam Doris, ziemlich bleich und verwirrt, auch ein wenig an allen Gliedern zitternd. Frau Goehl konnte nur auf einen Koffer in der Naehe sinken, Worte hatte die Sprache in den naechsten Minuten nicht fuer sie. Herr Sueßmilch eilte ihr zu Huelfe, rief um Wasser, und sein Sohn lachte schadenfroh aus vollem Halse. Doris verstand sein Lachen nicht, blickte aber mit nassen Augen zur Hoehe und sagte: »Der Himmel ist mein Zeuge, daß ich nicht wußte, Unten sei schon Jemand.« Katharine hatte Wasser gebracht, Frau Goehl war besprengt, schlug die Augen auf, sah Alle an, sprach aber noch kein Wort. Ludwig zupfte seinen Vater am Rock, dieser begriff den Sinn des Zeichens und sagte mit Achselzucken: »Liebste Madame Goehl, unter diesen Umstaenden kann wohl aus einer Heirath zwischen unsern Kindern nichts werden.« Ludwig that zornig. »Mon honneur«, rief er, »ventre bleu, mon honneur!« Jener hob wieder an: »Meines Sohns Ehre wuerde nicht zugeben, und ich – doch was bedarf es vieler Worte, wo die Sache laut genug spricht. Sie werden einsehn, daß ich nicht umhin kann, das bestehende Versprechen aufzuheben.« Frau Goehl fragte nun: »Was? Was? Mein Haus compromittiren?« Ludwig rief: »Madame Goehl, ich gratulire aber zu dem schoenen Artilleristen, mit dem Ihre Tochter eben aus der Mine geflogen ist.« »Schweig«, fiel der Vater ein, »aber von diesem Augenblick an bist Du nicht mehr der Braeutigam des – vestalischen Juengferchens. Madame Goehl, leben Sie wohl! – Mein Kind, Sie haben es sich allein beizumessen.« Er ging mit einer kuehlen Verbeugung, und Ludwig folgte, nachdem er eine satirisch tiefe gemacht hatte. Frau Goehl bruetete noch ein wenig dumpf vor sich hin, dann sagte sie mit heiserm Ton zu der Tochter: »Sie – soll mir ins Spinnhaus!« Doris warf sich auf die Kniee und betheuerte, an diesem Auftritt unschuldig gewesen zu sein. Die Mutter stieß sie zurueck, stand auf und wankte nach ihrem Schlafgemach, wo sie sich einriegelte. Der Lieutenant hatte im Keller nicht hoeren koennen, was man Oben sprach, und sich tiefer hinein begeben, wo es ziemlich helle war. Wie groß war sein Erstaunen, als Doris auch dahin kam! Sie wollte vor Schrecken zu Boden fallen, er mußte den Arm um sie schlingen, damit er sie noch hielt. Er glaubte indeß, Lebrecht haette sie geschickt, und sagte ihr gleich, er liebe sie wahrhaft, in ernster Absicht, wuensche ihre Hand. Doch einem Artilleristen, der ein so schoenes Maedchen im Arm hielt, wuerde es unmoeglich gewesen sein, nicht auch einen Kuß auf zwei so schoene Lippen zu druecken wie Doris sie hatte. Der Kuß schien ihr aus Feuerflammen zu bestehn, doch wand sie nun gleich sich los und wich weit von dem Lieutenant. Jetzt oeffnete sich die Thuere Oben, er meinte, Lebrecht stehe Oben, verlange, daß er kaeme. Er empfahl sich dem Maedchen schnell und stieg hinauf. Bald danach hoerte Doris ihre Mutter laut rufen und gehorchte in aengstlicher Betaeubung. Die beiden Sueßmilch wuerden nicht so schnell von dannen gezogen sein, vielmehr noch ueberlegt haben, ob man nicht bei einem Maedchen, das einmal 25.000 Beichsthaler werth sei, zu Zeiten sehn und auch nicht sehn muesse. Es hatten sich jedoch kleine Begebenheiten zugetragen, welche sie glauben ließen, man koenne den Sperling aus der Hand fliegen lassen, da die Taube mit der Hand zu greifen sei. Wie nehmlich Benate das Goehlsche Haus verlassen hatte, begegnete ihr der junge Sueßmilch, huepfte heran, schnitt Komplimente und kehrte um, sie dann eine Strecke begleitend. Durch ihr Betragen am Morgen – das ihn, wenn er es richtig beurtheilt haette, wuerde abgeschreckt haben, statt nun es seine laecherliche Eigenliebe fuer baare Muenze nahm – ermuthigt, hob er gleich verliebte Reden an. Er dachte auch, jetzt sei er mit ihr allein, und sie wuerde um so mehr ihm ohne Heil das Innre andeuten koennen. Nachdem sie ihn Einigemal erinnert hatte, sich der franzoesischen Sprache zu enthalten, sagte er: »Eh bien, Mademoiselle, so erlauben Sie mir eine deutsche Frage und geben Sie mich eine deutliche Antwort. Wuerden Sie mir wohl lieben koennen?« Renate erwiederte laechelnd: »Hm – das waere nicht unmoeglich.« »Wuerden Sie mir auch heirathen, ganz im Ernst heirathen?« »Aber wie koennen Sie das fragen? Sie haben schon eine Braut.« »Malheureusement! Aber ich habe sie, und auch, wenn man will, wieder nicht. Die Sache ist projektirt, aber nicht paktizirt, nichts schwarz auf weiß darueber, und ich haette Gruende –« »Ihre Braut ist noch dazu meine gute Freundin. Waer es nicht unverantwortlich, wenn ich –« »Wenn ich nun in einer andern Situation waere, daß Sie an nichts sich zu stoßen haetten, daß Sie nichts abhielte, wuerden Sie in dem Fall mir heirathen?« »Nun – wenn ich keinen Anstoß faende, nichts mehr mich abhielte, und – auch noch ein wichtiger Umstand – meine Tante ihre Einwilligung gaebe – dann, ein Maedchen kann das freilich nicht recht gut sagen –« »Bitte, sagen Sie es mir deutlich!« »Unter den eben genannten Bedingungen wuerde ich Sie heirathen. Aber nun habe ich auch eine Bitte. Verlassen Sie mich! Es ziemt nicht, daß ich auf der Straße –« »Oh, ich bin Ihnen viele Obligationen schuldig, Sie glauben es selbst nicht, wie scharmant Sie sind, wie incomparable! Aber Sie werden sehn, mon amour, ma tendresse, ich empfehle mir Ihnen ganz gehorsamst!« Schnell eilte er zum Vater, ihm das zu hinterbringen. Der sagte: »Das waer Eins, aber noch nicht das Andre, und ich bleibe bei meinem Satz: Kein unreines Wasser weg, bis man das reine hat. Ich werde zu der alten Kuerbiß gehn, der auf den Zahn fuehlen.« »Sie that Gestern wohl ein bischen moquant, Heute fruehe war sie aber entgegenkommend –« »Nun laß nur! Warte in der Naehe!« Er ging zur Tante, von der sich Frau Goehl kurz zuvor entfernt hatte, sagte ihr viel Artiges, und fragte sie dann: »Wuerden Sie wohl, wertheste Madame, Ihre Nichte und Pflegetochter dem wackern Sohn eines Kaufmanns geben, der nicht ohne Vermoegen ist? Ganz deutlich kann ich mich darueber noch nicht machen, der Sohn ist jung, huebsch, kam Gestern erst wieder in die Vaterstadt – kurz, ich wuenschte Ihre Meinung darueber genau –« Der Zufall, der so gern sich in menschliche Angelegenheiten mengt, that es auch hier. Die Wittwe hoerte einen Besuch auf der Treppe kommen, antwortete daher schnell: »Wenn der Sohn meiner Renate auch gefaellt, warum nicht, mit Vergnuegen!« Sie hatte uebrigens, der aehnlichen Umstaende willen, etwas in der Frage mißverstanden, worueber es nun zu keiner Erlaeuterung kam, weil der Besuch schon an die Thuere pochte. Der alte Sueßmilch hatte indeß genug. Er traf wieder mit dem Sohn zusammen, und sagte diesem: »Nun wollen wir gleich zu Goehl, Theilnahme beweisen, wegen der gestrigen Unpaeßlichkeit, nach wie vor freundlich thun. Du bist gegen die Tochter zaertlich, wie sich das von selbst versteht. Ich waehle mir aber Tuch aus und bitte, daß es mir durch den Hausknecht geschickt wird. Den Kerl suche ich hernach auszuforschen, man sieht auch, wie an das Dienstmaedchen zu kommen ist. Geld ist ein guter Schluessel zu allen Kammern, wo Heimlichkeiten verwahrt sind. Gieb Acht, wir erfahren, was uns Gelegenheit giebt, mit guter Manier zu brechen. Wo nicht, dringe ich auf Vollziehung des Ehepaktes und spanne die Forderungen so hoch, daß Goehl unmoeglich einwilligen kann, helfe uns so aus dem Handel.« Sie gingen nun und erlebten einen Auftritt, den sie ihren Absichten nicht zutraeglicher wuenschen konnten. Nach dort wohlgemuth verrichteter Loswindung sagte der Vater: »Nun gleich wieder zur Kuerbiß, wir muessen das Eisen schmieden, weil es warm ist.« Der Besuch hatte sich entfernt, Renate war zurueckgekommen. Tante und Nichte befanden sich in verschiednen Zimmern, doch stand die Thuere dazwischen auf. Eine guenstige Gelegenheit, vermoege der sich Alt an Alt und Jung an Jung machen konnte. Ludwig Sueßmilch erklaerte von neuen der Nichte seine Liebe und fuegte hinzu: »Ich thue es nun mit mehr Mut, weil Sie so guetig gewesen sind, mir zu deklariren, daß Sie mir auch lieben koennten. Und – ich habe die Ehre zu notifiziren, daß ich nun in einer Situation bin, wo Sie keinen Anstoß mehr zu nehmen haben, wo Sie nichts mehr abhaelt, Ihren sehr ergebenen Diener zu heirathen.« Renate versetzte: »Wie soll ich das verstehn?« »Es ist zwischen Mademoiselle Goehl und mir eine totale Ruptur arrivirt, wir sind auseinander gesprengt, wie mit einem Centner Pulver, denn eine Mine hat uns auseinander gesprengt, sie ist nicht mehr meine Braut, ich bin nicht mehr ihr Braeutigam. Sie hat sogar einen andern Verehrer, einen feurigen Liebhaber, er schießt mit Kanonen. Das gehoert aber nicht hieher, ich bin sie los.« »Da – gratulire ich...« Sie wollte hinzusetzen: meiner Freundin, verschwieg es aber noch, zeigte sich, der Freundin willen, indeß froh. »Eh bien«, rief Jener, »ich regardire, zu meiner Freude, Ihre Freude und gebe mir nun die Ehre, um Ihre Hand anzuhalten.« Renate trat weit zurueck und fragte: »Doch wohl nur ein Scherz?« »Wieso ein Scherz? Sie koennten noch zweifeln, daß ich sérieusement rede? Und ich habe Ihnen schon drei Stueck déclarations d'amour gemacht, will auch jetzt nicht manquiren, mich wieder zu Fueßen zu werfen.« Sie hinderte es und sagte: »Wahrhaftig, es ist einem Maedchen sehr empfindlich, einen Korb zu geben, ich wuenschte, Sie haetten mich nicht in die widrige Notwendigkeit versetzt –« »Haben Sie nicht gesagt: wenn Sie keinen Anstoß zu nehmen haetten, wenn nichts Ihnen abhielte, wuerden Sie mir heirathen?« »Ersparen Sie mir und – sich die Auslegung –« »Nun muessen Sie Wort halten. Woran haben Sie Anstoß genommen? An meiner Braut. Was hat Sie abgehalten? Die Freundschaft. Jetzt sind alle Hindernisse beseitigt, und Sie koennen thun, was die Liebe ihnen inspirirt.« »Das moechte ich in der That duerfen, wo ich solche Inspiration fuehlte. Doch hier –« »Wissen Sie, daß ich Sie einen Prozeß machen koennte? Weil ich auf meine alte Parthie verzichtet habe?« »Haette ich das je Ihnen gerathen?« »In den so distincten Repliquen auf meine Tentativen lag ein Rath. Was wollten Sie vor der Justiz antworten, wenn ich Ihnen da belangen thaete?« »Da meine Winke, neben aller Deutlichkeit, Sie nicht zufrieden stellen, muß ich schon sagen, was ich antworten duerfte. Nehmen Sie es aber auch nicht uebel, ja nicht! Ich wuerde Sie heirathen, wenn ich keinen Anstoß zu nehmen haette, wenn mich nichts abhielte. Doch nehme ich Anstoß an Ihrem Betragen, das nicht nach meinem Geschmack, und an Ihrer Person, die mir zu klein ist. Dabei haelt Ihr Charakter mich ab, den man, wie ich glaube, nicht zu den edelmuethigen zaehlen kann. Wer eine Braut hat und sich doch um eine Andere bewirbt, rechtfertigt meinen Ausspruch –« »Das sind Ausfluechte, schaamhafte sproede Zurueckhaltung, Sie meinen im Herzen es ganz anders –« »Ich gebe mein Wort darauf, nein!« »Sie sagten: es waere nicht unmoeglich, daß Sie mir lieben koennten!« »Was waere denn unmoeglich! So koennte ich auch verblendet sein, um meinen Verstand kommen, und in solchem Zustand thun oder fuehlen, was mir jetzt – dem Himmel sei Dank, – unmoeglich ist.« »Grausame, wenn Sie mir nicht lieben, nehm ich Gift!« »Dazu haben Sie zu viel Verstand.« »Ich stoße mir den Degen durch das Herz!« »Das thut zu weh!« Eben kam Herr Sueßmilch der Aeltere, mit einem ungemein verdrießlichen Gesicht. Auch die Tante hatte ihm ihre Einwilligung zu der gewuenschten Heirath rund abgeschlagen. »Komm, mein Sohn«, rief er »wir muessen auf andre Maasregeln denken. Ich empfehle mich, Mademoiselle!« Sie gingen, und Renate war von Herzen froh. Doch sollte sie es nicht lange bleiben. Denn nun kam ihre Tante, und rief: »Was das auch ist! Da koemmt der alte Sueßmilch vorhin, fraegt mich, ob ich wohl dem Sohn eines wackern, vermoegenden Kaufmanns meine Nichte zugestehn wuerde? Erst Gestern sei der Sohn in die Vaterstadt zurueckgekommen. Ich dachte, er meinte den jungen Goehl, und sein Vater haette ihn abgeschickt. War die Goehl doch eben bei mir gewesen und hatte fuer ihren Sohn um Dich angehalten. Und nun meint der Sueßmilch seinen abgeschmackten –« Renate fiel mit einer heftigen Gemuethsbewegung ein: »Madame Goehl ist hier gewesen, hat fuer ihren Sohn um mich –« »Foermlich angehalten.« »Und was haben Sie gesagt, liebste Tante?« »Nun, wir stehn auf einem freundschaftlichen Fuß. Die Leute haben artiges Vermoegen, sind sparsam, werden noch viel erwerben – abgewiesen habe ich die Mutter nicht.« »Ich sollte den Menschen heirathen, der einen so ueblen Ruf wegen seines Leichtsinns, seiner Verschwendung hat, von dem wir gestern Abend noch so viel Schlimmes hoerten? Einen Trunkenbold, der rohen, wilden Unfug angerichtet, den man auf die Wache geschleppt hat?« »Dies wandte ich auch ein. Die Mutter sagte dagegen, er haette Besserung gelobt, wuerde die Zusage halten. Freilich mueßten wir davon erst ueberzeugt sein.« »Liebste Tante, ich bitte, ich flehe Sie an, zwingen Sie mich nicht dazu. Mir graust schon nach der Beschreibung vor dem Goehl!« »Von Zwang soll nicht eben die Rede sein, aber wenn man ihn Jahr und Tag geprueft haette, und die Vernunft riethe zu einer Heirath, dann hoffe ich, daß Du auch nicht so thoericht sein wuerdest, zu widerstehn.« »O Himmel, welche schreckliche Nachricht!« »Es giebt viele brave Maenner, die in ihrer Jugend leichtsinnig gewesen sind. Da ist es heutigen Tags nicht so genau zu nehmen. Uebrigens sagte ich: Ihr solltet einander erst kennen lernen, man mueßte sehn, ob Ihr Euch gefielt.« »Oh, nun schoepfe ich wieder Athem. Er wird mir nicht gefallen, dafuer steh ich ein.« »Das kann man nicht vorher wissen. Aber nun ist Goehls Tochter um ihren Braeutigam gekommen.« »Sie wird froh sein.« »Und mit Recht! Es ist ein sanftmuethiges, gutes Maedchen und wird einmal ein huebsches Vermoegen haben. 10.000 Thaler, heißt es, wollen ihr die Eltern gleich mitgeben, nehmlich verzinsen, das Capital soll in der Handlung bleiben. Desto besser, so kann es der Mann nicht angreifen. Da habe ich einen Gedanken – hm, ich muß der Goehl doch gleich ein Billet schreiben. Und ich werde noch Jemanden Heute zum Kaffee bitten.« Sie ging nach ihrem Zimmer und fertigte das Billet. Im Goehlschen Hause gab es waehrend dieser Zeit bunte Auftritte. Doris wollte zu ihrer Mutter, um ihr beizustehn, wurde aber nicht eingelassen. Nun ging sie zu Lebrecht und erzaehlte ihm mit vielen Thraenen, was sich ereignet haette. »Verdammt«, rief er, »konnte der Lieutenant nicht im Keller bleiben, bis ich ihn rief, er mich sah, meine Stimme hoerte? Und doch – ueberschwenglich gut auf der andern Seite. Du bist nun frei, ich hatte so viel nachgesonnen, wie ich das bewirken sollte, bringe aber den Lieutenant, und das zerhaut den gordischen Knoten.« »Daß ich frei bin, kann mich auch nur, bei den vielen andern Leiden, troesten. Ach, meine Ehre! Sueßmilch wird von dem Lieutenant reden, wo er hinkoemmt, des Sohns spitze Zunge noch –« »Recht gut! Denn koemmst Du mit dem Offizier in der Leute Mund, bleibt den Eltern auch nichts uebrig, als Dich aus der Leute Mund zu bringen. Dazu giebt es kein besseres Mittel, das einzige probate nur, eine Heirath mit ihm.« »Oh, waere das – wollte ich gern in dem Mund von Europa, Asia, Afrika und Amerika gewesen sein. Aber ach, die Eltern thun es nicht. Ich soll ja vierzehn Tage im Keller sitzen, weil der Lieutenant nur Heute vorbeigegangen ist. Und Mama sprach hernach gar vom Spinnhause!« »Baue nur auf mich, ich will den Zorn der Eltern schon versoehnen. Und Deinen schoenen Artillerielieutenant sollst Du zum Mann haben, dafuer steh ich ein. Mir geht es auch schlimm genug. Denke, Mama will mich mit der Nichte von der – wie heißt sie doch – verheirathen.« »Mit Renatchen?« »Ganz recht! Ich dachte, mich wuerde eine apoplexia sanguinea treffen.« »Lieber Bruder, die nimm! Das ist ein liebes, gutes, verstaendiges und wahrhaftig auch sehr schoenes Maedchen!« »Und waer sie schoener als die Prinzessin Zizizi in Rabners Maerchen, ich naehme sie nicht!« »Lebrecht, warum denn?« »Weil ich schon eine Andere liebe, heirathen will.« »Da haben wir's! Ich glaubte Dir auch kein Wort, als Du Gestern sagtest, Du wolltest niemals lieben und heirathen. Das Heirathen muß man wohl lassen, wenn man nicht darf, aber das lieben – nein, das ist unmoeglich!« Eben erschien Katharine und sagte, Herr Goehl sei da und wolle den Sohn sprechen. »Komm mit, Schwester«, sagte Lebrecht, »ich werde schon eine Nothluege zu Deinem Besten aufs Tapet bringen muessen. Widersprich ihr nicht, bestaetige sie vielmehr, wenn es Noth thut, die fromme Judith hat noch weit aerger gelogen.« Sie gingen hinab ins Wohnzimmer, wo Herr Goehl dem Sohn wegen Halle, wegen Gestern, wegen des heutigen Anzugs, den er luftig und geckenhaft nannte, eine umstaendliche, lange Strafpredigt hielt. Er fuehrte ihn zu den Kupferstichen, welche den verlornen Sohn darstellten, er zeigte ihm seinen Dukaten mit der schon erwaehnten Devise und machte die gehoerigen Anwendungen. Seine Frau war nicht zugegen, desto mehr konnte er seinen Redefluß ausstroemen lassen. Lebrecht hoerte gebeugt zu, kueßte ihm die Hand und rief: »Ich habe diesen Morgen schon Besserung gelobt, weil ich Gestern einen Engel gesehn, der mich auf eine andre Bahn geleitet hatte, und Heute kam die Erscheinung mir wieder zu Gesicht – doch nun etwas von meiner Schwester, guter Papa! Sie ist durch mich in unverschuldetes Unheil gerathen. Nehmen Sie doch ihrer sich an!« »Es pflegt nicht immer zu helfen. Und etwas arg hat es die Jungfer auch gemacht. Das Histoerchen mit dem Secretarius, ei – ei!« »Davon ist nicht die Rede. Ein Adjutant, den ich kenne, begegnet mir Gestern und sagt mir, die Artillerie waere mit ihrem Tuch nicht zufrieden, wuensche anderes, und fraegt auch, ob Sie wohl Lust haben duerften, sie mit anderm zu versehn.« »Mit Tuch? Warum nicht! Nur einen Preis gestellt, wobei ich bestehn kann, und mir Zeit gegeben. In ein paar Monaten sollen die Ruppiner, Zuellichauer, Gruenberger Tuchmacher die Menge fertig schaffen. Es wird der Artillerie aber ja schon geliefert. Du weißt auch, wer das monopolium hat. Oh, nichts ist dem Lande schaedlicher wie monopolia. Doch hat er es einmal. Ja, wenn ich das kriegen koennte, das glaub ich –« »Vielleicht kennt der Adjutant die Umstaende nicht genau, oder man denkt sich von den alten Verpflichtungen losmachen zu koennen, genug, ich bestellte ihn auf Heute frueh hieher. Er koemmt, als Sie nicht zu Hause sind. Meine Schwester strickt am Fenster. Er grueßt sie. Ein hoeflicher Mann, der in ein Haus gehn will, um mit Jemanden dort zu sprechen, grueßt wohl die Angehoerigen. Meine Schwester dankt und soll vierzehn Tage im Keller bei Wasser und Brot dafuer sitzen.« »Woran denkt aber meine Frau!« »Soll's bei der Strafe bleiben, so hab ich sie verwirkt und will auf 14 Tage hinunter.« »Du hast ja eine gute Absicht, willst mir eine Tuchlieferung zuschanzen. Ja, wenn ich die haette! Und ein Doktor im Keller eingesperrt, pfui!« »Noch Eins! Der Lieutenant begegnet mir. Ich nehme ihn wieder mit, bitte ihn, auf meiner Stube zu warten, bis Sie kommen wuerden. Als wir ins Haus treten, sagt' er: ›Lieber Freund, nehmen Sie es mir nicht uebel, wir excerzirten den ganzen Morgen, und ich habe einen brennenden Durst. Koennt' ich mir nicht ein Glas Wasser ausbitten?‹ Ich antwortete: ›Wir haben Ruppiner Bier, mehrere Sorten, ist es Ihnen gefaellig, so gehn wir in den Keller, da ist der Trunk frisch, und die kuehle Luft wird Ihnen wohlthun.‹ Unten war aber kein Glas, ›verzeihn Sie guetigst ein wenig‹ sagte ich und lief hinauf, eins zu holen. Waehrenddem schickt Mama die Schwester hinunter in Arrest, die Sueßmilchs machen ihre Aufwartung, da ruft sie sie wieder, und der Lieutenant koemmt auch.« »Hm – das hat sich recht uebel getroffen. Waren sie denn Beide lange Unten?« »Keine halbe Minute, und die ging mit Hinab- und Heraufsteigen hin.« »Das ist noch ein Glueck – der Leute willen.« »Und Doris soll dafuer ins Spinnhaus. Bleibt's aber dabei, geh ich hinein.« »Warum nicht gar! Wo ist denn Mama?« »In der Schlafkammer, hat sich eingeschlossen, laeßt Niemanden hinein.« »Mich wird sie doch hinein lassen!« Er ging, nannte seine Stimme, und ihm ward aufgethan. »Mein Kind«, rief er, »Doertchen ist ja noch unschuldiger wie die Sonne am Himmel, denn die soll viele Flecke haben«, und nun erzaehlte er schnell, was man ihm erzaehlt hatte. Frau Goehl hatte den Kopf verbunden, war blaß wie ein Leichnam. Aber nun erseufzte sie sich einige Erleichterung. »Wenn es so ist«, fing sie an, »und mein Lebrechtchen wird ja doch nicht luegen, er hat ja die feinen Oberhemden in Ehren gehalten –« Katharine erschien und meldete, das Essen sei aufgetragen. Man ging, stellte sich um den Tisch, faltete die Haende, und auch Lebrecht mußte wieder sein aelteres Amt vollziehn. Es freute die Mutter ungemein, daß er sein Tischgebet nicht vergessen hatte. Sie befand sich nun wieder wohl und genoß ungemein viele Hafergruetzsuppe. »Wir wollen auch gleich zu Herrn Sueßmilch schicken«, sagte sie, »wenn er hoert, wie Alles zuging, wird er doch nicht mehr verlangen, daß sein Sohn meine Doerte sitzen lassen soll. Ich dachte schon, mit der Kommerzienraethin waer's nun vorbei, aber Nein! Die Leutchen sind sich einmal gut, Musjeh Sueßmilch wird sich auch graemen –« Doris rief: »Der? Lassen Sie Katharinen einmal erzaehlen, was er Gestern mit seinem Vater gesprochen hat.« Dies geschah! »Ach, die falsche, gottlose Brut«, rief Madame Goehl, »ich glaube, sie haben mir den Mund mit der Kommerzienraethin nur waessrig gemacht, und Dir mit dem Tuch, Goehl!« »Vielleicht«, sagte dieser, »wird meiner Handlung von einer anderen Seite ein Segen winken.« »Aber was faellt mir nun erst ein! Hilf Himmel, der boese Mensch will meine Doerthe nicht, und Lebrechtchen will er die Braut wegschnappen!« Lebrecht rief: » Meine Braut?« »Still, fuerchte Dich nicht, er kriegt sie nicht, ich habe das Jawort fuer Dich weg.« »Liebste Mama, ich wollte Ihnen vorhin nicht sagen, weil Sie so boese waren –« »Ich werde gleich wieder boese, wie Du da noch ein Wort sagst. Um drei Uhr gehn wir zum Kaffee, da wirst Du Renatchen gut, und in einem Jahr nehmt Ihr Euch.« »Wenn ich aber schon einem andern Maedchen gut waere?« »So kannst Du die von Punkto drei an nicht mehr leiden und wirst Renatchen gut.« Jetzt brachte das Maedchen ein Billet. »An mich«, rief Frau Goehl, »an mich? Doch von einem Frauenzimmer? Von Mannsleuten nehm ich keine Briefe an.« Katharine sagte: »Von der dicken Frau Muhme.« Jene bat ihren Mann, zu lesen. Er sollte sich genau ueberzeugen, daß sie keinen verbotnen Briefwechsel unterhielt. Er las: »Werthgeschaetzte Freundin. Da Ihr liebes Toechterchen nun keinen Braeutigam hat, moechte ich Ihnen einen Vorschlag thun, wie Sie mir einen thaten. Geben Sie das liebe Toechterchen doch meinem Brudersohn. Er erbt einmal mein bischen Armuth halb, und Renatchen halb. So kaeme das Goehlsche Vermoegen mit dem Kuerbißschen zusammen. Mein Brudersohn wird hier sein, so koennen die jungen Leutchen Alle sehn, ob sie sich gefallen. Ich habe die Ehre u.s.w.« »Nun sage mir noch Jemand, daß Ehen nicht im Himmel geschlossen werden. Ist das nicht ein Gedanke, als wenn er vom Himmel gefallen waer?« Doris ward bleich vor Schrecken: »Liebste Mama –« »Will Sie wohl das Maul halten und sich in des Himmels Rathschluß fuegen!« »Ja, Doertchen«, rief Herr Goehl, »das sag ich auch. Und Du mußt nun so bald wie moeglich unter die Haube!« Da halfen keine Gegenreden. Nach gehaltenem Mahl und vollzogenem Putz schritt die Familie ehrbarlich zum Hause hinaus, und manche Nachbarin guckte ihr aus dem Fenster nach. Heimlich sagte Lebrecht zu Doris: »Hin muessen wir schon, der Lieutenant soll Dich aber entfuehren, und ich entfuehre seine Schwester. Es bleibt kein anderes Mittel.« Bei Frau Kuerbiß stand der Kaffeetisch bereit. Ihr Neffe kam, verwundert, sich einmal hier eingeladen zu sehn. »Junger Mann«, sagte die Tante, »ich will Seinem lustigen Leben ein Ende machen, Ihm eine Frau geben.« »Um Gotteswillen«, rief der Neffe, »liebste Tante! Ich – ich –« »Wenn man nicht folgt, giebt's einmal keine Erbschaft. Mamsell Renate, hat Sie's auch gehoert?« Jener rief: »So will ich lieber –« Es klopfte, was ihn unterbrach. Gravitaetisch fuehrte Herr Goehl die Ehegenossin herein, und die Komplimente nahmen ihren Anfang. Traurig folgten Lebrecht und Doris, schlugen kaum die Augen auf, denn Jener wollte die unbekannterweise gehaßte Renate und Diese einen Neffen nicht sehn, der ihr, ohne daß sie ihn gesehn, so viel Abscheu eingefloeßt hatte. Es ließ sich aber doch nicht lange vermeiden, und Lebrecht rief zuerst: »Herr Lieutenant Damm, ich habe das Vergnuegen, Sie hier zu sehn? Und – und – und –« Frau Goehl fiel ein: »Lebrechtchen, das ist sie, um die ich fuer Dich christlich angehalten habe.« Fast mit ihr zugleich sagte Frau Kuerbiß: »Herr Lieutenant, diese Mamsell Goehl hab' ich Ihnen zur Braut gewaehlt.« Ob die jungen Leute nun einander gefielen, beantworte sich der Leser.