Emile Zola Der Totschläger (L'Assommoir) Die Rougon-Macquart. Band VII Ungekürzte Übersetzung von Willibald König. Neu durchgesehen von Armin Schwarz Vorwort Die Rougon-Macquart sollen sich aus etwa zwanzig Romanen zusammensetzen. Seit dem Jahre 1869 steht der allgemeine Plan fest, und ich folge ihm mit größter Strenge. »Der Totschläger« ist zur bestimmten Stunde erschienen; ich habe dieses Buch geschrieben, wie ich die anderen schreiben werde, ohne auch nur einen Augenblick von dem vorgezeichneten Wege abzuweichen. Hierin beruht meine Kraft. Ich habe ein Ziel, auf das ich losgehe. Als »Der Totschläger« in einer Zeitung erschien, griff man dieses Buch mit einer Erbitterung ohnegleichen an, man verdächtigte es und belud es mit allen Verbrechen. Ist es wohl nötig, hier in einigen Zeilen meine schriftstellerischen Absichten auseinanderzusetzen? Ich habe den verhängnisvollen Verfall einer Arbeiterfamilie in dem verpesteten Innern unserer Vorstädte schildern wollen. Am Ende der Trunksucht und des Müßigganges steht eine Erschlaffung der Familienbande, ein Versinken im Schmutz, ein fortschreitendes Abnehmen jeder ehrenwerten Empfindung und schließlich als Lösung die Schande und der Tod. Das ist ganz einfach in Handlung umgesetzte Moral. »Der Totschläger« ist ohne Zweifel das keuscheste meiner Bücher. Wie oft habe ich nicht noch viel entsetzlichere Wunden berühren müssen. Die Form allein hat verwirrt. Man hat an der Ausdrucksweise Anstoß genommen. Mein Verbrechen ist, daß ich die literarische Neugier hatte, die Sprache des Volkes aufzuraffen und in eine fein durchbildete Form zu gießen. Ach! die Form, da liegt das große Verbrechen! Und dennoch gibt es Wörterbücher dieser Sprache, die Gelehrten studieren sie und freuen sich ihrer Frische, der Ursprünglichkeit und Kraft ihrer Bilder. Sie ist das Lieblingsgericht des umherstöbernden Grammatikers. Doch was liegt daran? Niemand scheint es geahnt zu haben, daß ich beabsichtigte, eine rein philologische Arbeit zu machen, von der ich glaube, daß sie ein lebhaftes historisches und soziales Interesse hat. Übrigens verteidige ich mich nicht. Mein Werk wird mich verteidigen. – Es ist ein Werk der Wahrheit; der erste Roman über das Volk, der nicht lügt, aus dem das Volk selber spricht. Man darf durchaus nicht aus meinem Buche den Schluß ziehen, daß das ganze Volk schlecht sei, denn meine Personen sind nicht schlecht, sie sind nur unwissend und verdorben durch den Wechsel von harter Arbeit und bejammerungswürdigem Elend, aus dem ihr Leben besteht. Nur lesen, verstehen und in ihrem Zusammenhange erfassen müßte man meine Romane, ehe man schon fertige, ungeheuerliche und häßliche Urteile über meine Person und meine Werke in die Welt setzt. Oh! wie meine Freunde das verblüffende Märchen belächeln, womit man die Menge belustigt! Wenn man wüßte, was dieser Blutmensch, dieser wilde Romandichter für ein würdiger Bürger, ein Mann der Wissenschaft und Kunst ist, dessen einziges Streben dahin geht, ein so großes und lebendiges Werk zu hinterlassen, wie seine Kräfte ihm erlauben! Ich will keine dieser Fabeln widerlegen; ich arbeite und verlasse mich auf die Zeit und den gesunden Sinn des Publikums, das mich endlich wohl hervorziehen wird unter dem Haufen von Narrheit und Torheit, unter dem man mich begraben hat. Paris, den 1. Januar 1877. Emile Zola. Erstes Kapitel. Gervaise hatte Lantier bis zwei Uhr morgens erwartet. In leichter Nachtjacke der scharfen Luft des geöffneten Fensters ausgesetzt, zitterte sie vor Kälte. Endlich war sie entschlummert, quer über das Bett gestreckt, fiebernd und die Wangen von Tränen genetzt. Seit acht Tagen schickte er sie und die Kinder beim Verlassen des Gasthauses »Zum zweiköpfigen Kalbe«, wo sie aßen, zu Bett und erschien erst sehr spät in der Nacht wieder; er erzählte dann, daß er Arbeit suche. Als sie heute abend seine Rückkehr erspähte, glaubte sie ihn gesehen zu haben; er trat in den Tanzsaal »Zum großen Balkon«, dessen zehn strahlend helle Fenster ein breites Lichtfeld auf den dunklen Straßenzug des äußeren Boulevard warfen; und fünf bis sechs Schritte hinter ihm hatte sie die kleine Adele bemerkt, eine Plätterin, die in ihrem Restaurant aß; diese schlenkerte mit ihren Händen, als ob sie eben seinen Arm habe fahren lassen, um nicht mit ihm zusammen unter den hellen Gaslichtern in die Tür zu treten. Als Gervaise gegen fünf Uhr, steif vom Frost und die Lenden von Übermüdung wie zerschlagen, erwachte, brach sie in lautes Schluchzen aus. Lantier war nicht heimgekehrt. Zum ersten Male brachte er die Nacht außer dem Hause zu. Sie blieb auf dem Rande des Bettes sitzen unter dem Lappen ausgeblichenen Möbelkattuns, der von einer Stange herunterhing, die mit Bindfaden an der Decke befestigt war. Sie ließ ihre von Tränen verschleierten Blicke langsam in dem elenden Zimmer umherschweifen, dessen Ausstattung in einer Nußholzkommode, der eine Schieblade fehlte, drei Strohstühlen und einem kleinen fettigen Tisch bestand, auf den ein zerbrochener Wasserkrug gestellt war. Man hatte für die Kinder ein eisernes Bett hinzugefügt, das den Zugang zur Kommode verstellte und zwei Drittel des ganzen Raumes einnahm. Der Koffer von Gervaise und Lantier lag weit geöffnet in einer Ecke und zeigte sein leeres Innere; ein alter Männerhut war ganz auf dem Grunde zwischen schmutzige Hemden und Strümpfe hineingepfercht, während an der Wand und auf der Lehne eines Stuhls ein durchlöcherter Schal und ein vom Straßenschmutz zerfressenes Beinkleid hingen, die letzten Lumpen, welche die Kleiderhändler nicht mehr wollten. In der Mitte des Kaminsimses zwischen zwei ungleichen Zinkleuchtern lag ein Paket Pfandscheine des Leihhauses von zarter rosa Farbe. Es war das schönste Zimmer des Hotels, das Zimmer im ersten Stock mit der Aussicht auf den Boulevard. Indes schliefen die beiden Kinder nebeneinander auf demselben Kopfkissen. Claude, der acht Jahre alt war, atmete langsam, während seine kleinen Hände auf der Bettdecke lagen, und der nur vierjährige Etienne hatte lächelnd einen Arm um den Nacken des Bruders geschlungen. Als der tränenfeuchte Blick der Mutter auf ihnen ruhte, hatte diese einen neuen Anfall von Schluchzen, sie drückte ein Taschentuch an ihren Mund, um den leisen Schrei zu ersticken, der sich ihr unwillkürlich entrang. Barfuß, ohne daran zu denken, ihre zu Boden gefallenen Morgenschuhe wieder anzuziehen, kehrte sie zum Fenster zurück und spähte wieder wie in der Nacht wartend hinaus, die Bürgersteige weithin mit ihren Blicken absuchend. Das Hotel befand sich auf dem Kapellenboulevard links von dem Fischertor. Es war ein altes, zweistöckiges Gebäude, mit roter Farbe getüncht, dessen durch den Regen faul gewordene Fensterläden zerfielen. Über einer Laterne, in deren Scheiben sich Sterne befanden, las man mühsam zwischen den beiden Fenstern: Marsouillers Hotel »Zum guten Herzen«, in gelben Buchstaben, denen durch das Abspringen des Mörtels große Stücke fehlten. Gervaise, der die Laterne hinderlich war, richtete sich auf und preßte ihr Taschentuch gegen die Lippen. Sie blickte zur Rechten nach der Seite des Boulevard Rochechouart, wo Gruppen von Schlächtern in blutigen Schürzen vor den Schlachthäusern sich aufhielten; der frische Morgenwind trug hin und wieder einen stinkenden, faden Geruch von abgeschlachteten Tieren herüber. Sie blickte zur Linken, ihr suchendes Auge irrte die lange Allee hinab, um schließlich beinahe ihr gegenüber auf der weißen Masse des Krankenhauses Lariboisiere auszuruhen, das damals noch im Bau begriffen war. Langsam verfolgte sie dann von einem Ende des Horizonts zum andern den Lauf der Mauer des Schlachthauses, hinter der sie hin und wieder während der Nacht das Geschrei von geschlachteten Tieren gehört hatte; sie durchforschte die versteckten Winkel, die von Feuchtigkeit und Unrat geschwärzten dunklen Ecken in der geheimen Furcht, dort den Körper Lantiers zu entdecken, den Leib von Messerstichen durchbohrt. Als sie die Augen über diese graue, unendliche Mauer erhob, die Paris gleichsam mit einem Streifen Wüste umgibt, bemerkte sie eine große Helligkeit, eine Flut von Sonnenlicht, die schon ganz von dem morgendlichen Getöse der Stadt erfüllt war. Aber immer wieder wendete sie dem Fischertor ihre Blicke zu, mit vorgestrecktem Halse betäubte sie sich an dem ununterbrochenen Strom von Männern, Tieren und Karren, den sie zwischen den beiden niedrigen Zollhäuschen hervorbrechen sah und der von den Höhen des Montmartre und von la Chapelle sich herniederwälzte. Das war ein Gestampfe wie von Herden, eine Menge, deren hin und wieder plötzliches Anhalten sich gleich Pfützen auf der Chaussee ausbreitete, ein endloses Vorüberziehen von Handwerkern, die zur Arbeit gingen, ihre Werkzeuge auf dem Rücken, ihr Brot im Arm; all dieses Gewühl stürzte sich auf Paris, das es fortwährend verschlang. Wenn Gervaise unter allen diesen Menschen Lantier zu erkennen glaubte, so beugte sie sich, auf die Gefahr hin zu fallen noch weiter nach vorn; fester preßte sie ihr Taschentuch an den Mund, um ihren Schmerz zurückzudämmen. Eine junge, lustige Stimme bewog sie zum Verlassen des Fensters. »Ihr Mann ist wohl nicht da, Frau Lantier?« »Nein, Herr Coupeau,« antwortete sie und versuchte dabei zu lächeln. Es war ein Zinkarbeiter, der ganz oben im Hause ein kleines Zimmer zu zehn Franken bewohnte. Er hatte seinen Sack auf der Schulter. Da er den Schlüssel in der Tür stecken sah, war er freundschaftlich eingetreten. »Sie wissen,« fuhr er fort, »ich arbeite jetzt dort drüben am Krankenhause ... Ha! das ist ein feiner Maimonat! Es weht ein bißchen scharf heute morgen! Er betrachtete Gervaises Gesicht, das vom Weinen gerötet war. Als er sah, daß das Bett fast unberührt dastand, schüttelte er leise den Kopf; dann kam er bis zum Bettchen der Kinder, die immer noch mit ihren rosigen Engelsmienen schliefen; und mit gedämpfter Stimme fuhr er fort: »Ei der Tausend! Ihr Mann ist wohl ein bißchen bummlig, nicht wahr? Trösten Sie sich, Madame Lantier. Er beschäftigt sich viel mit Politik; als man neulich bei der Wahl für Eugène Sue stimmte (es ist das einer von den Guten, wie es scheint), da war er rein närrisch. Vielleicht hat er die Nacht mit Freunden zugebracht und auf die bonapartistische Schweinewirtschaft geschimpft.« »Nein, nein,« murmelte sie gepreßt, »wie Sie glauben, ist es nicht. Ich weiß, wo Lantier ist ... Mein Gott, wir haben eben unsern Kummer wie alle Welt.« Coupeau blickte sie pfiffig an, um zu zeigen, daß er auf diese Lüge nicht hineinfalle. Im Fortgehen erbot er sich, ihr die Milch zu holen, wenn sie nicht ausgehen wolle; sie sei eine hübsche und tüchtige Frau und könne auf ihn zählen, wenn sie eines Tages in Not sei. Sowie er sich entfernt hatte, wandte sich Gervaise dem Fenster wieder zu. Durch die Zollgrenze strömte noch immer die Menge in der Kälte des Morgens. Man erkannte die Schlosser an ihren blauen Arbeitskitteln, die Maurer an ihren weißen Jacken, die Maler an den Röcken, unter denen die langen Blusen hervorsahen. Diese Menge erschien von weitem in den Farben matten Gipses in einem unbestimmten Ton, in dem verwaschenes Blau und schmutziges Grau abwechselte. Hin und wieder stand ein Arbeiter still und steckte seine Pfeife an, während die anderen um ihn herum immer vorwärtsschritten, ohne ein Lachen, ohne ein zum Kameraden gesprochenes Wort, die Backen erdfahl, das Gesicht nach Paris gerichtet, das sie einen nach dem anderen durch die weitaufgähnende Straße, die Fischerstraße, verschlang. An den beiden Ecken der Straße, an den Türen der beiden Weinschenken, die ihre Läden öffneten, wurden die Schritte der Leute langsamer; vor dem Eintreten blieben sie auf dem Rande der Bürgersteige stehen, hin und wieder halb unwillig, halb verlegen auf Paris niederblickend, mit schlaffen Armen, schon halb für einen Bummel tag gewonnen. Vor den Schenktischen waren Gruppen, welche sich freihielten; dort beieinander stehend vergaßen sie sich, füllten die Säle speiend, hustend und sich mit Hilfe kleiner Schnäpse die Kehlen reinspülend. Gervaise spähte zur Linken der Straße nach dem Laden des Vater Colombe hinüber, wo sie Lantier gesehen zu haben glaubte, als eine dicke Frau mit bloßem Kopf und einer Schürze sie von der Straße aus anrief. »Sie sind so früh schon auf, Frau Lantier?« Gervaise beugte sich vor. »Sie sind es, Madame Boche! ... Oh! ich habe eine Menge zu tun heute!« »Ja, ja, nicht wahr? Die Sachen machen sich nicht von selber!« Jetzt begann eine Unterhaltung vom Fenster zum Fußwege. Madame Boche war die Pförtnersfrau des Hauses, in dem das Restaurant »Zum Kalbe mit den zwei Köpfen« das Erdgeschoß innehatte. Öfter hatte Gervaise Lantier in ihrem Pförtnerzimmerchen erwartet, um sich nicht allein neben all die Männer zu Tisch zu setzen, die dort mit ihnen aßen. Die Pförtnersfrau erzählte, daß sie nur zwei Schritte von hier nach der Kohlenstraße gehe, um einen Beamten dort noch im Bette anzutreffen, von dem ihr Mann die Bezahlung für Ausbesserung eines Überziehers nicht erlangen könne. Hierauf erzählte sie von einem ihrer Mieter, der abends mit einem Frauenzimmer nach Hause gekommen sei und bis drei Uhr morgens alle im Schlaf gestört habe. Während dieses Geschwätzes betrachtete sie die junge Frau mit den Mienen unbezwinglicher Neugier und schien nur dahin gekommen zu sein und sich unter den Fenstern aufgepflanzt zu haben, um eine Vermutung, die sie hegte, bestätigt zu finden. »Herr Lantier schläft wohl noch?« fragte sie plötzlich. »Jawohl, er schläft,« antwortete Gervaise und errötete unwillkürlich. Madame Boche sah, wie ihr die Tränen in die Augen schossen. Ohne Zweifel befriedigt von dem Ergebnis ihrer Nachforschung, entfernte sie sich, etwas von verdammten Taugenichtsen vor sich hinmurmelnd; plötzlich jedoch kam sie zurück und rief: »Sie wollten doch heute morgen zum Waschhaus gehen, nicht wahr? Ich habe etwas zu waschen und werde Ihnen einen Platz neben mir freihalten, dann können wir plaudern.« Wie von plötzlichem Mitleid erfaßt, fuhr sie fort: »Meine arme Kleine, Sie würden gut tun, vom Fenster wegzugehen, Sie werden sich etwas holen. Sie sind ja schon ganz blau gefroren!« Gervaise blieb eigensinnig noch zwei tödlich lange Stunden am Fenster bis acht Uhr. Jetzt waren die Läden geöffnet. Der Strom der Blusenmänner, der von den Höhen herabkam, hatte aufgehört, und bloß einige Nachzügler passierten die Zollgrenze eiligen Schrittes. Bei den Weinwirten standen noch dieselben Männer, die weiter tranken, husteten und spien. Den Arbeitern waren die Arbeiterinnen gefolgt; Plätterinnen, Modistinnen, Blumenmacherinnen gingen in ihren engen Kleidchen zu dreien oder vieren die äußeren Boulevards entlang, lebhaft plaudernd, leise lachend und leuchtende Blicke um sich werfend; hin und wieder kam eine einzelne, mager, mit bleichen, ernsten Mienen, diese ging an der Mauer des Schlachthauses entlang, indem sie sorgfältig die Schmutzpfützen vermied. Hierauf waren die Beamten vorübergegangen; in die Finger blasend, aßen sie ihr Sousbrötchen im Gehen; es waren meist abgemagerte junge Leute mit kurzen Kleidern, deren matte Augen noch mit dem Schlafe kämpften; oder kleine alte Männchen, die mit kurzen schnellen Schritten dahinliefen, mit bleichem Antlitze und abgenützt durch die langen Bürostunden; sie sahen nach der Uhr, um ihren Schritt nach der Sekunde zu regeln. Alsdann hatten die Boulevards ihr friedliches Morgenaussehen wiedergewonnen; die Rentner der Nachbarschaft gingen in der Sonne spazieren; Mütter mit zottigen Haaren und schmutzigen Unterröcken wiegten auf ihren Armen Wickelkinder, die sie auf den Bänken trockenlegten, während eine ganze Schar taschentuchbedürftiger, halbnackter Gören sich unter Heulen, Lachen und Weinen auf der Erde umherbalgte und stieß. Gervaise war es, als müsse sie ersticken, jetzt hoffte sie nicht mehr, und die Angst machte sie schwindeln; es schien ihr, als sei alles aus, als habe die Zeit aufgehört und als werde Lantier niemals zurückkehren. Ihre Augen irrten von den durch das ewige, stinkende Blutbad geschwärzten Mauern der allen Schlachthäuser hinüber zu dem neuen bleichen Krankenhause, durch dessen noch offene Fensterreihen man in die nackten Säle blickte, in denen der Tod seine fürchterliche Ernte halten sollte. Ihr gegenüber, hinter der Stadtmauer, blendete sie der leuchtende Himmel, das Aufsteigen des Sonnenballs, der höher und höher sich über der erwachenden, ungeheuren Stadt erhob. Die junge Frau hatte sich auf einen Stuhl gesetzt, ihre Arme hingen schlaff hernieder, sie weinte nicht mehr, als Lantier ruhig eintrat. »Du bist es? Du bist es?« rief sie und wollte ihm um den Hals fallen. »Ja, ich bin es, was weiter? Du wirst doch nicht wieder deine Dummheiten anfangen?« Er war ihr ausgewichen. Dann warf er mit einer übellaunigen Bewegung seinen schwarzen Filzhut auf die Kommode. Lantier war ein kleiner, sehr dunkelfarbiger Bursche von sechsundzwanzig Jahren, mit einem hübschen Gesicht und einem kleinen Schnurrbart, den er stets mit einer unwillkürlichen Handbewegung drehte. Er trug eine Arbeiterbluse, einen alten fleckigen Überrock, den er über die Taille zuknöpfte, und sprach mit sehr bemerklich provenzalischem Dialekt. Gervaise war auf den Stuhl zurückgesunken und beklagte sich leise in kurzen Sätzen. »Ich habe kein Auge schließen können ... Ich glaubte, man hätte dich in eine Schlägerei verwickelt ... Wo bist du denn gewesen? Wo hast du die Nacht zugebracht? Mein Gott, fange nicht wieder so an, ich werde sonst wahnsinnig ... Sage, August, wo bist du gewesen?« »Wo ich zu tun hatte, zum Donnerwetter!« sagte er mit Achselzucken. »Ich war um acht Uhr auf dem Eiskeller bei dem Freunde, der die Hutfabrik errichten will. Ich habe mich verspätet und da zog ich es vor, dort zu schlafen ... Übrigens du weißt, ich liebe es nicht, wenn man mich ausfragt. Laß mich in Ruhe!« Die junge Frau begann wiederum zu schluchzen. Der Ton seiner Stimme, die rücksichtslosen Bewegungen Lantiers, der die Stühle umherrückte, weckten die Kinder. Sie richteten sich halb nackt und, die Haare mit ihren kleinen Händchen entwirrend, von ihrem Lager auf. Als sie ihre Mutter weinen sahen, weinten auch sie mit ihren kaum geöffneten Augen und fingen ein entsetzliches Geschrei an. »Da haben wir die Musik!« rief Lantier wütend. »Ich sage euch, ich nehme die Türe in die Hand und gehe, aber dieses Mal ... auf Nimmerwiedersehen ... Wollt ihr wohl stille sein? Lebt wohl, ich gehe dahin, wo ich hergekommen bin.« Er hatte schon seinen Hut wieder von der Kommode genommen. Aber Gervaise stürzte auf ihn zu und stammelte: »Nein, nein!« Sie erstickte die Tränen der Kinder mit ihren Liebkosungen. Sie küßte ihre Haare und legte sie mit sanften Worten wieder nieder. Die Kleinen waren schnell beruhigt, sie lachten auf ihrem Kopfkissen und belustigten sich damit, einander zu kneifen. Indes hatte sich der Vater, ohne selbst seine Stiefel auszuziehen, auf das Bett geworfen; seine Mienen waren abgespannt, sein Gesicht bewegungslos und bleich durch die verschwelgte Nacht. Er schlief nicht ein, sondern spähte mit offenen Augen im Zimmer umher. »Das ist ja recht sauber hier!« murmelte er und setzte dann, nachdem er einen Augenblick Gervaise betrachtet hatte, boshaft hinzu: »Du wäschst dich wohl gar nicht mehr?« Gervaise war erst zweiundzwanzig Jahre alt. Sie war groß, ein wenig mager, mit feinen Zügen, in denen sich die Härte ihres Daseins schon aussprach. Ungekämmt, in Morgenschuhen, zitternd vor Kälte in ihrer weißen Nachtjacke, auf der die Möbel die Spuren von Staub und Schmutz zurückgelassen hatten, schien sie durch die soeben durchlebten angst- und tränenreichen Stunden um zehn Jahre gealtert. Das Wort Lantiers ließ sie ihre furchtsame und duldende Haltung aufgeben. »Du bist nicht gerecht,« sagte sie wieder lebhafter, »du weißt wohl, daß ich alles tue, was ich kann. Es ist nicht meine Schuld, daß wir hier sitzen ... Ich möchte einmal sehen, was du mit den beiden Kindern anfängst in einem Zimmer, wo nicht einmal ein Ofen ist, in dem man warmes Wasser machen kann ... Man hätte sich gleich, als wir nach Paris kamen, anstatt dein Geld zu vergeuden, irgendwo festsetzen sollen, wie du es auch versprochen hattest.« »Ei, sieh doch!« schrie er, »erst hast du das goldene Kalb mit mir aufgefressen, und jetzt gefällt dir das Leben nicht mehr, weil es an feinen Bissen fehlt. Sie schien ihn nicht zu hören und fuhr fort: »Gleichviel, mit ein wenig Anstrengung wird man immer noch über Wasser bleiben können. Ich habe gestern Madame Fauconnier gesprochen, die Wäscherin aus der Neuen Straße, sie wird mich am Montag nehmen. Wenn du dich mit deinem Freunde vom Eiskeller zusammentätest, so würden wir binnen sechs Monaten wieder flott werden, das ist gerade Zeit genug, um uns etwas Kleider auf den Leib zu schaffen und irgendwo ein kleines Loch zu mieten, wo wir für uns wären ... man müßte arbeiten, arbeiten ...« Als Lantier sich gelangweilt der Wand zukehrte, wurde Gervaise heftiger. »Ja, ja, so ist es, ich weiß wohl, daß du der Arbeit gern aus dem Wege gehst. Du platzest vor Ehrgeiz, du möchtest wie ein Stutzer angezogen gehen und liederliche Weibsbilder mit seidenen Röcken spazieren führen. Nicht wahr? Ich bin dir nicht mehr fein genug, seit du mich alle meine Kleider auf das Leihhaus hast tragen lassen ... Sieh, August, ich wollte dir davon nicht sprechen, ich hätte noch gewartet, aber ich weiß, wo du heute nacht gewesen bist; ich habe dich in den »Großen Balkon« hineingehen sehen mit dieser Schlampe, der Adele. Du suchst sie dir gut aus! Das ist mir eine Saubere, die hat recht, wenn sie wie eine Prinzessin schön tut ... Das ganze Restaurant hat schon mit ihr geschlafen.« Mit einem Satz war Lantier aus dem Bette. Seine Augen funkelten so schwarz wie Tinte in seinem blassen Gesicht. Bei diesem kleinen Kerl fachte der Zorn einen Sturm an. »Ja, ja, das ganze Restaurant!« wiederholte die junge Frau. »Madame Boche wird sie aus dem Hause tun, sie und ihre große Klapper von Schwester, weil ihre Liebhaber immer die Treppe belagern. Lantier erhob seine beiden Fäuste; doch dem Drange widerstehend, sie zu schlagen, ergriff er ihre Arme, drückte sie nieder und schleuderte sie gegen das Bett der Kinder, die von neuem zu schreien anfingen. Er legte sich wieder nieder mit der wilden Miene eines Mannes, der einen Entschluß gefaßt hat, vor dem er bisher noch zurückschrak. »Du weißt nicht, was du da eben angerichtet hast, Gervaise ... Du hast unrecht gehabt, du wirst es sehen!« Schon während des vorhergehenden Wortwechsels hatten die Kinder wiederum zu schluchzen angefangen. Ihre Mutter war über den Rand des Kinderbettchens gebeugt geblieben und hielt beide umarmt; sie wiederholte wohl zwanzigmal mit eintöniger Stimme die Worte: »Wenn ihr nur nicht da wäret, meine armen Kleinen! ... Wenn ihr nicht da wäret! ... Wenn ihr nicht da wäret!« ... Lantier hörte nichts von alledem; ruhig ausgestreckt, die Augen nach oben auf den Lappen verblichenen Kattuns gerichtet, vertiefte er sich mehr und mehr in seinen vorgefaßten Gedanken. Er blieb so beinahe eine Stunde, ohne dem Schlafe nachzugeben, obwohl ihm die Müdigkeit die Augenlider niederdrückte. Als er sich herumdrehte und sein hartes, entschlossenes Gesicht auf den Ellenbogen stützte, hatte Gervaise die letzte Hand an die Reinigung des Zimmers gelegt. Sie machte das Bett der Kinder, die sie soeben aufgenommen und angezogen hatte. Er beobachtete sie, wie sie fegte und die Möbel abwischte; das Zimmer blieb düster und jämmerlich mit seiner rauchgeschwärzten Decke, seinen durch die Feuchtigkeit losgelösten Tapeten, seinen drei Stühlen und der verkrüppelten Kommode, auf welcher der Schmutz sich unter dem Wischlappen immer mehr ausbreitete, anstatt zu verschwinden. Während sie ihren Oberkörper wusch, nachdem sie ihre Haare vor dem kleinen, an einem Haken aufgehängten Drehspiegel, der ihm zum Rasieren diente, aufgesteckt hatte, schien er ihre nackten Arme, ihren nackten Hals, all das Nackte, das sie zeigte, zu prüfen, als ob er im Geist Vergleiche anstelle. Er zuckte höhnisch mit der Lippe. Gervaise hinkte auf dem rechten Bein, aber man bemerkte es nur, wenn sie sehr ermüdet war, wenn ihre Beine wie zerschlagen waren und sie sich gehen ließ. Gebrochen durch ihre ruhelose Nacht, schleppte sie diesen Morgen das Bein nach und stützte sich an den Wänden. Völliges Schweigen herrschte, sie hatten kein Wort mehr gewechselt. Er schien zu warten. Sie bemühte sich, gleichgültig zu erscheinen, während sie ihren Schmerz hinunterwürgte; hastig arbeitete sie fort. Als sie ein Paket schmutziger Wäsche zusammenband, die in einer Ecke hinter dem Koffer gelegen hatte, öffnete er endlich die Lippen und fragte: »Was machst du da? ... Wo gehst du hin?« ... Sie antwortete zuerst nicht. Als er dann seine Frage wütend wiederholte, entschied sie sich. »Du siehst es ja ... Ich will waschen ... Die Kinder sollen nicht vor Schmutz verkommen.« Er ließ sie noch zwei oder drei Taschentücher aufraffen und fragte nach einem neuen Stillschweigen: »Hast du Geld?« Sofort richtete sie sich auf und sah ihm gerade ins Gesicht, ohne die schmutzigen Hemden der Kleinen, die sie in der Hand hielt, fahren zu lassen. »Geld? Wo soll ich es stehlen? ... Du weißt sehr wohl, daß ich vorgestern drei Franken auf meinen schwarzen Unterrock bekommen habe. Davon haben wir zweimal gefrühstückt, damit kommt man nicht weit bei dem Wursthändler ... Nein, ich habe kein Geld. Ich habe vier Sous für das Waschhaus ... Ich verdiene kein Geld wie gewisse Frauenzimmer.« Ohne sich bei dieser Bemerkung aufzuhalten, war er vom Bett herabgestiegen und musterte die im Zimmer aufgehängten Lumpen. Endlich nahm er die Hosen und den Schal, öffnete die Kommode und fügte dem Paket eine Nachtjacke und zwei Frauenhemden hinzu; das ganze warf er Gervaise auf den Arm. »Da, trage es ins Loch!« »Soll ich die Kinder nicht auch hintragen?« fragte sie. »Wenn man die Kinder auch versetzen könnte, das wäre schön!« Dennoch ging sie zum Leihhause Mont-de-Piété. Als sie nach Verlauf einer halben Stunde zurückkam, legte sie ein Fünffrankenstück auf den Kamin und fügte den Pfandschein den anderen hinzu, die zwischen den beiden Leuchtern lagen. »Da, das haben sie mir gegeben!« sagte sie. »Ich wollte sechs Franken, aber es war keine Möglichkeit. Die sehen schon, wo sie bleiben ... Und eine Menge Leute ist immer da drin!« Lantier nahm nicht gleich das Fünffrankenstück. Er hätte gewünscht, daß sie wechselte, um ihr etwas zu lassen. Aber als er auf der Kommode in Papier gewickelt noch einen Rest von Schinken und einen Brotkanten sah, entschied er sich, das Geldstück in seine Westentasche gleiten zu lassen. »Ich bin nicht zur Milchfrau gegangen, weil wir ihr acht Tage die Milch schulden,« setzte Gervaise auseinander. »Aber ich werde früh wiederkommen. Du kannst hinuntergehen, ein Brot und panierte Koteletten holen, während ich nicht da bin, dann werden wir frühstücken ... Du kannst auch einen Liter Wein mitbringen.« Er sagte nicht nein. Der Friede schien wiederhergestellt. Die junge Frau ging wieder daran, ihr Paket schmutziger Wäsche fertigzumachen. Aber als sie die Hemden und Strümpfe Lantiers aus dem Koffer nehmen wollte, rief er ihr zu, es zu lassen. »Laß meine Wäsche, hörst du? Ich will nicht!« »Was willst du nicht?« fragte sie und richtete sich auf. »Du kannst doch nicht etwa diese Schmutzlappen noch einmal anziehen? Es tut not, sie zu waschen.« Als sie ihn prüfend anschaute, wurde sie unruhig, da sie auf seinem hübschen Gesicht denselben Ausdruck von Härte wiederfand, als ob nichts ihn künftig erweichen könne. Er wurde böse, riß ihr die Wäsche aus den Händen und warf sie in den Koffer zurück. »Himmel Donnerwetter! Wirst du denn einmal gehorchen, wenn ich dir sage, ich will nicht?« »Aber weshalb?« fing sie wieder an. Sie erbleichte, ein furchtbarer Verdacht stieg in ihr auf. »Du brauchst ja deine Hemden jetzt nicht, du willst ja nicht fortgehen ... Was kann dir daran liegen, daß ich sie mitnehme?« Er zögerte einen Augenblick, da ihn die brennenden Augen, mit denen sie ihn anstarrte, verlegen machten. »Weshalb? Weshalb?« stotterte er ... »Zum Donnerwetter! Du wirst noch sagen, daß du mich aushältst, daß du für mich wäschst und ausbesserst. Das paßt mir nicht. Besorge du deine Sachen, ich werde meine besorgen ... Die Waschfrauen arbeiten nicht für die Hunde.« Obwohl sie ihn bat und sagte, daß sie sich niemals beklagt habe, warf er doch in roher Weise den Koffer zu, setzte sich darauf und schrie ihr sein Nein entgegen. Er sei wohl noch Herr seiner Sachen! Um den Blicken zu entgehen, mit denen sie ihn verfolgte, warf er sich wieder auf das Bett, sagte, daß er müde sei und daß sie ihm nicht noch mehr den Kopf toll machen solle. Dieses Mal schien er wirklich einzuschlafen. Gervaise blieb einen Augenblick unentschieden, sie dachte daran, das Paket Wäsche mit dem Fuß zurückzustoßen, sich niederzusetzen und zu nähen. Das regelmäßige Atemholen Lantiers machte sie wieder sicherer. Sie nahm das Waschblau und das Stück Seife, das ihr von ihrer letzten Wäsche geblieben war, trat zu den Kleinen, die ruhig vor dem Fenster mit alten Korken spielten und sagte ihnen mit leiser Stimme, indem sie sie küßte: »Seid recht artig und macht keinen Lärm. Papa schläft!« Als sie das Zimmer verließ, ertönte das gedämpfte Lachen von Claude und Etienne in der großen Stille unter der rauchgeschwärzten Decke. Es war zehn Uhr. Ein Sonnenstrahl stahl sich durch das halbgeöffnete Fenster. Auf dem Boulevard wandte sich Gervaise zur Linken und bog in die Neue Goldtropfengasse ein. Als sie an dem Laden der Madame Fauconnier vorüberkam, grüßte sie mit einem leichten Kopfnicken. Die Waschanstalt lag in der Mitte der Straße an einer Stelle, wo das Pflaster bergan zu gehen anfing. Über einem niedrigen Gebäude zeigten drei ungeheure Wasserbehälter von starkem Zink ihre grauen Rundungen, während dahinter in einem zweiten, sehr hohen Stockwerk sich der Trockenraum erhob, von allen Seiten durch Jalousien aus schmalen Holzplättchen geschlossen, zwischen denen die Luft freien Spielraum hatte, und durch deren Öffnungen man auf Messingdrähten trocknende Wäsche sah. Der enge Schlot der Maschine stieß mit regelmäßigem Ächzen den Dampf aus. Gervaise schritt durch die Eingangstür, ohne die Röcke hochzunehmen wie eine Frau, die es gewöhnt ist, durch Wasserlachen zu gehen. Der Zugang war durch große Bütten von Fleckwasser Anmerk. des Übersetzers : Javellewasser, eine Art Fleckwasser, nach seinem Erfinder, dem Chemiker Javelle, genannt. fast versperrt. Sie kannte die Besitzerin der Waschanstalt, eine kleine zarte Frau mit kranken Augen, die in einem Kabinett mit Glasscheiben saß; vor sich hatte sie Stücke Seife, auf den Regalen stand Waschblau und kohlensaure Soda in Paketen. Im Vorbeigehen forderte sie von ihr ihren Waschschlegel und ihre Bürste, die sie ihr bei der letzten Wäsche zum Aufbewahren gegeben hatte. Nachdem sie ihre Nummer genommen, trat sie in die Waschanstalt. Es war ein ungeheurer Schuppen mit niedriger Decke, deren sichtbares Gebälk auf gußeisernen Säulen ruhte; große helle Fenster erleuchteten den Raum. Das bleiche Tageslicht drang frei durch den heißen Dunst, der wie ein milchweißer Nebel in der Luft hing. Aus verschiedenen Ecken stiegen Dämpfe auf, die sich ausbreiteten und die Enden des Schuppens in bläuliche Schleier hüllten. Eine schwere, mit Seifendünsten geschwängerte Feuchtigkeit tropfte hernieder, die bald von stärkeren Strömen von Fleckwasserdämpfen verschlungen wurde. Längs der Vorrichtungen zum Schlagen der Wäsche, die an beiden Seiten des Mittelganges hinliefen, standen Reihen von Frauen, deren Arme bis zu den Schultern entblößt waren; die Hälse waren nackt, und die verkürzten Röcke ließen farbige Strümpfe und grobe Schnürschuhe sehen. Sie hieben kräftig auf die Wäsche ein, lachten und beugten sich vor, um sich in dem Lärm ein Wort zuzurufen; unmäßig beschmutzt, schlampig und durchnäßt wie von einem Sturzregen, Arme, Gesicht und Busen gerötet und dampfend, beugten sie sich auf den Grund ihrer Wäschezuber nieder. Um sie herum und unter ihnen flutete ein fortwährender Strom, die Eimer heißen Wassers, die herbeigebracht und auf einmal geleert wurden, die geöffneten Kaltwasserhähne, aus denen das Wasser herabfloß, der mit Seifenschaum vermischte Schmutz, der unter den Waschschlegeln hervorquoll, das Abtropfwasser der gespülten Wäsche, und endlich die Pfützen, in denen sie umherpatschten, das alles floß in kleinen Bächen über den abschüssigen steinernen Fußboden dahin. Inmitten all dieses Schreiens, der regelmäßig ertönenden Schläge, des murmelnden Regengeräusches und dieses Sturmgeheuls, das von der niedrigen feuchten Decke erstickt wurde, schien die in einen weißen Tau gehüllte Dampfmaschine zur Rechten, die ohne Unterlaß keuchte und stöhnte, mit dem tanzenden Beben ihres Schwungrades, den ungeheuren Lärm zu beherrschen. Indes schritt Gervaise mit kleinen Schritten den Mittelgang entlang und blickte sich rechts und links um. Sie trug ihren Pack Wäsche auf dem Arm, mit vorgeschobener Hüfte, stärker hinkend bei dem Hin- und Herlaufen der Wäscherinnen, die sie anstießen. »Heda! Hierher! Kleine!« schrie die fette Stimme der Madame Boche. Als die junge Frau ganz am Ende zu ihrer Linken sich niedergelassen hatte, fing die Pförtnersfrau, die heftig an einem Strumpfe rieb, in kurzen Sätzen zu reden an, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen. »Fangt nur hier an, ich habe Euch den Platz aufbewahrt ... Bei mir wird es nicht mehr lange dauern. Boche macht seine Wäsche fast gar nicht schmutzig ... Und bei Euch? da wird es ja auch keine Ewigkeit währen, nicht wahr? Euer Paket ist ja ganz klein. Ehe es Mittag ist, haben wir es fertig, und dann können wir frühstücken gehen ... Ich gab meine Wäsche an eine Wäscherin in der Pouletstraße, aber sie brachte mir alles hin mit ihrem Chlor und ihren Bürsten. Jetzt wasche ich selbst, das ist reiner Verdienst. Es kostet ja nichts als Seife ... Sagt doch, da habt Ihr Hemdchen, die hättet Ihr einweichen sollen. Diese verteufelten kleinen Gören, es ist, als ob sie Ruß am Hintern hätten! Gervaise machte ihr Paket auseinander und breitete die Kinderhemdchen aus. Als Madame Boche ihr riet, einen Eimer Laugewasser zu nehmen, antwortete sie: »O nein, heißes Wasser wird genügen ... ich verstehe mich darauf.« Sie hatte die Wäsche ausgesucht und die wenigen farbigen Stücke beiseite gelegt. Als sie darauf ihren Waschzuber mit vier Eimern kalten Wassers gefüllt hatte, das sie aus einem hinter ihr befindlichen Hahn nahm, tauchte sie die ganze Masse der weißen Wäsche hinein; ihre Röcke hochhebend und zwischen die Schenkel ziehend, stellte sie sich in einen aufrechtstehenden Holzkasten, der ihr bis zum Bauch hinaufreichte. »Ihr versteht Euch darauf, wie ich sehe«, wiederholte Madame Boche. »Ihr waret Wäscherin in Eurer Heimat, nicht wahr, Kleine?« Gervaise hatte ihre Ärmel zurückgeschlagen und zeigte die schönen Arme einer noch jugendlichen Blondine, die kaum an den Ellenbogen einen leichten rötlichen Anflug hatten; sie begann ihre Wäsche vom Schmutz zu befreien. Sie hatte soeben ein Hemdchen auf dem geraden Brett der Schlagevorrichtung, welches durch das Wasser gebleicht und abgenutzt war, ausgebreitet, rieb es mit Seife, wandte es um und seifte es auch auf der anderen Seite ein. Ehe sie antwortete, ergriff sie ihr Schlagholz und begann zu schlagen, schrie ihre Sätze und begleitete sie mit taktmäßigen Schlägen. »Ja, ja, Wäscherin ... Schon mit zehn Jahren, das sind jetzt zwölf Jahre her ... Wir gingen an den Fluß ... Da roch es besser als hier ... Man muß es sehen ... da war eine Ecke unter Bäumen ... wo klares Wasser floß ... Sie wissen, in Plassans ... Sie kennen Plassans nicht? Dicht bei Marseille?« »Die hat es raus!« rief Madame Boche, ganz entzückt von den mächtigen Schlägen des Waschholzes. »Was für ein Frauenzimmer! Die könnte ja Eisen platt schlagen mit den zarten Ärmchen eines Fräuleins!« Die Unterhaltung wurde sehr laut fortgeführt. Öfter mußte die Pförtnersfrau sich vorbeugen, um besser zu hören. Alle weiße Wäsche wurde geschlagen, und das gründlich! Gervaise tauchte sie in die Waschbütte zurück und nahm Stück für Stück, um es ein zweites Mal einzuseifen und zu bürsten. Mit einer Hand hielt sie das Wäschestück auf dem Brette fest, mit der anderen, in der sie eine kurze Bürste von Hundsgras hatte, zog sie von der Wäsche den schmutzigen Seifenschaum, der in langen Flocken niederfiel. Bei dem geringen Geräusch, das die Bürste machte, näherten sie sich einander und plauderten angelegentlicher. »Nein, wir sind nicht verheiratet«, hub Gervaise wieder an. Ich mache daraus kein Hehl. Lantier ist nicht so gut zu mir, daß man seine Frau sein möchte. Wenn die Kinder nicht da wären, holla! ... Ich war vierzehn Jahre und er achtzehn, als wir unser erstes hatten. Das andere kam vier Jahre später ... Es kam so, wie es gewöhnlich geht, wissen Sie. Ich war bei uns nicht glücklich, der Vater Macquart traktierte mich mit Fußtritten für jedes dritte Wort. Mein Gott, da denkt man daran, sich außer dem Hause zu amüsieren ... Man hätte uns verheiratet, aber ich weiß nicht mehr recht, unsere Eltern wollten nicht.« Sie schüttelte ihre Hände, die sich unter dem weißen Seifenschaum röteten. »Das Wasser ist hübsch hart in Paris«, sagte sie. Madame Boche wusch nur noch scheinbar. Sie machte Ruhepausen, verlängerte ihr Einseifen, nur um noch bleiben zu können und diese Geschichte zu erfahren, die ihre Neugierde schon seit vierzehn Tagen erregte. In ihrem dicken Gesicht stand ihr Mund halb offen und ihre Glotzaugen leuchteten. Mit Befriedigung dachte sie daran, daß sie so etwas geahnt habe. Ja, so ist es, die Kleine plaudert zuviel. Da hat es eine Zänkerei gegeben. Dann fuhr sie laut fort: »Er ist also nicht gut zu Ihnen?« »Sprechen Sie mir davon nicht!« antwortete Gervaise, »drüben war er sehr gut zu mir; aber seit wir nach Paris gekommen sind, kann ich nicht mehr mit ihm auskommen ... Ich muß Ihnen sagen, daß seine Mutter, die im letzten Jahre gestorben ist, ihm etwas hinterlassen hat, ungefähr siebzehnhundert Franken. Er wollte nach Paris gehen. Da der Vater Macquart fortfuhr, mich mit Prügeln freizuhalten, willigte ich ein, ihn zu begleiten, so haben wir die Reise mit den beiden Kindern gemacht. Er sollte mich als Wäscherin einrichten und er in seinem Fach als Hutmacher arbeiten. Dann hätten wir glücklich sein können ... Aber sehen Sie, Lantier ist einer, der oben hinauswill, ein Verschwender, ein Mensch, der nur an sein Vergnügen denkt. Kurz: er taugt nicht viel ... Wir stiegen damals im Hotel Montmartre in der Montmartrestraße ab. Und da gab es denn Mittagessen, Wagen, Theater, eine Uhr für ihn, ein Seidenkleid für mich: wenn er Geld hat, ist er gutherzig. Sie verstehen wohl, bei solcher Wirtschaft saßen wir in zwei Monaten auf dem Trockenen. Damals kamen wir nach dem Hotel ›Zum guten Herzen‹, und dieses verdammte Leben fing an ...« Sie unterbrach sich, es schnürte ihr plötzlich die Kehle zusammen, und sie mußte ihre Tränen niederkämpfen. Sie war mit dem Bürsten ihrer Wäsche fertig. »Ich muß jetzt mein heißes Wasser holen«, murmelte sie. Aber Madame Boche, welche die Unterbrechung dieser vertraulichen Mitteilung sehr verstimmte, rief den Hausknecht der Anstalt, der gerade vorüberging. »Lieber Karl, Sie wären sehr nett wenn Sie einen Eimer heißes Wasser holten, Madame hat es eilig.« Der Bursche nahm den Eimer und brachte ihn voll zurück. Gervaise bezahlte, das machte einen Sou der Eimer. Sie goß das heiße Wasser in die Waschbütte, seifte die Wäsche zum letztenmal mit den Händen ein und beugte sich mitten in einem Dampf über das Waschbrett, der graue Flocken an ihre blonden Haare ansetzte. »Haltet doch, nehmt ein wenig Soda, ich habe sie ja da!« sagte artig die Portierfrau. Dabei leerte sie in die Waschbütte: von Gervaise den Rest eines Pakets kohlensaurer Soda, die sie mitgebracht hatte. Sie bot ihr auch Fleckwasser an, aber die junge Frau lehnte es ab. Das wäre gut für Fett- und Weinflecke. »Ich glaube, daß er ein bißchen den Frauenzimmern nachläuft«, begann Madame Boche, indem sie wieder auf Lantier zurückkam, ohne ihn zu nennen. Gervaise, die mit gebeugtem Rücken tief in der Wäsche wühlte, begnügte sich, mit dem Kopfe zu nicken. »Ja, ja,« fuhr die andere fort, »ich habe so mehrere kleine Sachen bemerkt ...« Aber sie hielt inne, als sich Gervaise mit einer plötzlichen Bewegung aufrichtete und sie ganz bleich anstarrte. »Nein, ich weiß ja nichts! ... Er schäkert gern ein bißchen, glaube ich, das ist alles ... Da sind die beiden Mädchen, die bei uns wohnen, Adele und Virginie, Ihr kennt sie ja, nun! Er macht seine Späße mit ihnen, aber weiter geht es sicher nicht!« Die junge Frau stand noch immer aufgerichtet vor ihr, das Gesicht in Schweiß gebadet, die Arme triefend, und betrachtete sie mit stieren, tiefen Blicken. Jetzt tat die Portierfrau gekränkt, sie schlug sich mit der Faust vor die Brust und gab ihr Ehrenwort: »Ich weiß ja nichts, wenn ich es Euch sage!« Und dann fügte sie ruhiger mit zuckersüßer Stimme hinzu wie man zu einer Person spricht, der die Wahrheit nicht gut ist: »Ich finde, er hat einen recht offenen Blick ... Er wird Sie heiraten, Kleine, ich verspreche es Ihnen!« Gervaise wischte sich mit der nassen Hand über die Stirn. Dann zog sie ein anderes Wäschestück aus dem Wasser und nickte von neuem mit dem Kopfe. Einen Augenblick schwiegen beide. Um sie herum war es im Waschhaus ruhiger geworden. Es schlug elf Uhr. Die Hälfte der Wäscherinnen aßen, mit einem Bein auf dem Rande ihrer Waschzuber, mit einem entkorkten Liter Wein zu ihren Füßen, Würstchen zu Stücken langen Brotes. Nur die daheim eine Wirtschaft hatten und hier nur ein kleines Paket Wäsche wuschen, beeilten sich und sahen oft nach der großen Uhr, die über dem Bureau angebracht war. Hin und wieder ertönte noch ein verlorener Schlag mit dem Waschholz inmitten gedämpften Gelächters und abgerissener Unterhaltungen, die in dem Geräusch gierig kauender Kinnbacken untergingen, während die Dampfmaschine ohne Rast und Ruhe fortarbeitete und mit ihrer zitternden, schnarchenden Stimme den ungeheuren Raum erfüllte. Aber keine der Frauen hörte sie, sie war gleichsam die Lunge der Waschanstalt, deren glühender Atem die Wolken von Laugedämpfen unter dem Gebälk der Decke anhäufte, die dort auf und nieder wogten. Die Hitze wurde mit der Zeit unerträglich. Die durch die hohen Fenster zur Linken hereinbrechenden Sonnenstrahlen erzeugten in den rauchenden Dämpfen opalfarbige Gebilde, die in lichtem Rosa und feinem Graublau schimmerten. Als man sich beklagte, ging der Hausknecht Karl von einem Fenster zum anderen und ließ die Vorhänge von grober Leinwand herunter, auf der Schattenseite öffnete er die Luftfenster. Man belobte ihn und klatschte ihm Beifall; eine allgemeine Lustigkeit bemächtigte sich der Gesellschaft. Bald verstummten auch die letzten Schläge der Waschhölzer. Die Wäscherinnen saßen mit vollem Munde da und machten keine anderen Bewegungen mehr als mit den geöffneten Messern, die sie in den Fäusten hielten. So stille wurde es, daß man ganz am Ende des Raumes das Geräusch der Schaufel des Heizers hörte, wenn er die Steinkohlen in den Ofen der Maschine warf. Indessen wusch Gervaise ihre farbigen Wäschestücke in dem heißen Seifenwasser, das sie noch erübrigt hatte. Als es beendet war, holte sie einen Bock herbei und warf die Wäschestücke quer darüber, was auf dem Fußboden bläuliche Lachen entstehen ließ. Hierauf begann sie zu spülen. Hinter ihr floß kaltes Wasser aus einem Hahn, der über einer großen, auf dem Boden befestigten Waschbütte angebracht war. Im Innern dieser Bütte waren zwei Querhölzer zum Auflegen der Wäsche. Darüber etwas höher befanden sich zwei andere Hölzer, um die Wäsche abtropfen zu lassen. »Jetzt ist ja endlich alles fertig«, sagte Madame Boche. »Ich bleibe und helfe Ihnen alles ausringen.« »Das verlohnt nicht der Mühe, ich danke schön!« antwortete die junge Frau, die mit ihren: Fäusten die farbigen Stücke im klaren Wasser durchknetete und umschwenkte. »Wenn es Bettücher wären, wollte ich nichts sagen.« Aber nichtsdestoweniger mußte sie sich die Hilfe der Pförtnersfrau gefallen lassen. Sie rangen gerade beide, jede an einem Ende einen Unterrock von schlecht gefärbter kastanienbrauner Wolle aus, von dem ein gelbliches Wasser abfloß, als Madame Boche plötzlich ausrief: »Sieh da! Die große Virginie! ... Was will denn die hier waschen, etwa die vier ins Taschentuch gebundenen Lappen?« Gervaise hatte lebhaft den Kopf erhoben. Virginie war ein Mädchen in ihrem Alter, größer als sie, sehr brünett, jedoch hübsch trotz ihres etwas länglichen Gesichts. Sie trug ein altes schwarzes Kleid mit Spitzen und hatte ein rotes Band um den Hals gebunden; sie war sorgfältig frisiert und ihr Haarknoten mit einem blauen Netz bedeckt. Als sie den Mittelgang erreicht hatte, kniff sie einen Augenblick mit der Miene jemandes, der etwas sucht, ihre Augenwimpern zusammen; sowie sie Gervaise bemerkt hatte, ging sie hart an ihr vorbei mit unverschämter Miene, sich in den Hüften wiegend; sie nahm ihren Platz in derselben Reihe, etwa fünf Waschzuber von ihr entfernt. »Was fällt denn der ein?« fuhr Madame Boche mit leiserer Stimme fort. »Niemals hat sie auch nur ein Paar Manschetten eingeseift ... Ah, eine solche Faulenzerin gibt's nicht noch mal, dafür stehe ich Euch! Eine Nähterin, die nicht einmal ihre aufgeplatzten Schuhe zunäht! Die ist wie ihre Schwester, die Plätterin Adele, die Lotterliese; von drei Tagen geht sie immer nur einen auf Arbeit. Das hat weder Vater noch Mutter gekannt; das lebt, kein Mensch weiß, wovon. Wenn man da reden wollte! ... Was schrubbt die denn da? Sieh doch, das ist ein Unterrock? Na, der ist aber ekelhaft; der muß saubere Dinge gesehen haben!« Madame Boche wollte mit dem, was sie sagte, Gervaise ein Vergnügen machen. In Wahrheit ließ sie sich sehr oft mit Kaffee traktieren, wenn Adele und Virginie Geld hatten. Gervaise antwortete nicht, sie eilte, mit fliegenden Händen ihre Arbeit zu enden. Sie hatte soeben in einer kleinen Waschbütte, die auf drei Füßen stand, ihr Waschblau zurechtgemacht, tauchte die weißen Wäschestücke hinein und bewegte sie einen Augenblick in dem gefärbten Wasser, dessen Oberfläche lackfarbigen Widerschein zeigte; nach einem leichten Ausringen fügte sie die Stücke zu den übrigen, die auf den Hölzern zum Abtropfen hingen. Während dieser Beschäftigungen drehte sie Virginie absichtlich den Rücken zu. Aber sie hörte ihr spöttisches Gelächter und fühlte die auf sie gerichteten Seitenblicke. Virginie schien nur hierhergekommen zu sein, um sie herauszufordern. Einen Augenblick, als Gervaise sich herumgedreht hatte, sahen sie einander gerade in die Augen. »Laßt sie doch zufrieden'«, flüsterte Madame Boche. »Ihr werdet euch doch nicht etwa in die Haare fahren ... Wenn ich Euch sage, es ist nichts! Mit der hat er nichts vorgehabt!« In diesem Augenblick ertönte, als die junge Frau ihr letztes Wäschestück aufhängte, Gelächter an der Eingangstür der Waschanstalt. »Da sind ein paar Schlingel, die nach ihrer Mutter fragen!« rief Karl. Alle Frauen sahen sich um. Gervaise erkannte Claude und Etienne. Sobald sie die Mutter erblickt hatten, liefen sie mitten durch alle Pfützen auf sie zu und klapperten mit den Hacken ihrer noch nicht zugebundenen Schuhe auf dem Fußboden. Claude, der ältere, hielt seinen jüngeren Bruder an der Hand. Die Wäscherinnen, an denen sie vorüberkamen, redeten ihnen mit zärtlichen Worten zu, da sie sahen, daß die Kinder trotz all ihrer Befangenheit lächelten. Bei ihrer Mutter angekommen, blieben sie stehen, ohne sich loszulassen und hoben ihre blonden Köpfchen in die Höhe. »Papa schickt euch?« fragte Gervaise. Als sie sich niederbeugte, um Etiennes Schuhe zuzubinden, bemerkte sie an Claudes Fingern den Zimmerschlüssel, dessen kupfernes Nummerschildchen herabhing. »Ei, sieh da, du bringst mir den Schlüssel!« sagte sie sehr überrascht. »Warum denn?« Als das Kind den Schlüssel bemerkte;, den es vergessen hatte, schien es sich zu erinnern und rief mit seiner hellen Stimme: »Papa ist fort!« »Er ist gegangen, um das Frühstück zu holen, und hat euch gesagt, ihr solltet hierher gehen und mich abholen.« Claude sah seinen Bruder zaghaft an und wußte nicht mehr, was er sagen sollte. Plötzlich fing er an: »Papa ist weg ... Er ist vom Bett gesprungen, hat alle Sachen in den Koffer getan, dann hat er den Koffer hinuntergetragen in eine Droschke. Er ist fortgefahren!« Gervaise, die zusammengekauert war, erhob sich langsam mit bleichem Gesicht; sie legte die Hände an Backen und Schläfe, als ob der Kopf ihr zerspringen wollte. Sie fand keine Worte, wohl zwanzigmal wiederholte sie in demselben Tone: »O mein Gott! O mein Gott! ... O mein Gott! ...« Madame Boche fragte indessen ihrerseits die Kinder aus; sie war ganz erregt, in eine so interessante Sache verwickelt zu sein. »Sieh mal, mein Kleiner, man muß die Sache ordentlich erzählen ... Er schloß die Tür zu und sagte euch, ihr solltet den Schlüssel hierher bringen, nicht wahr? Und leise sagte sie Claude ins Ohr: War eine Dame im Wagen?« Das Kind wurde verlegen. Endlich fing es noch einmal mit triumphierender Miene seine Geschichte an. »Er ist vom Bett gesprungen, hat die Sachen in den Koffer getan, und dann ist er fort« ... Da Madame Boche die Kinder gehen ließ, zog Claude seinen Bruder an einen Hahn. Hier amüsierten sich beide, das Wasser laufen zu lassen. Gervaise konnte nicht weinen. Gegen ihre Waschbank gelehnt, die Hände vor dem Gesicht, war es ihr, als müsse, sie ersticken. Von Zeit zu Zeit überrieselte sie ein Schüttelfrost, und tiefe Seufzer entrangen sich ihrer Brust. Sie preßte ihre Hände fester gegen die Augen, gleichsam sich verlierend in das schwarze Nichts ihrer Verlassenheit. Es schien ihr ein von Nebeln umwogter Abgrund, den sie unaufhörlich hinabstürzte. »Aber zum Teufel auch, mein Kind!« murmelte Madame Boche. »O wenn Ihr wüßtet! Wenn Ihr wüßtet!« sagte sie endlich ganz leise. »Heute morgen hat er mich meinen Schal und meine Hemden ins Leihhaus tragen lassen, um diesen Wagen zu bezahlen.« ... Sie weinte. Die Erinnerung an den Weg nach dem Leihhause vergegenwärtigte ihr die Vorgänge des Morgens und entriß ihr Seufzer, die sie zu ersticken drohten. Dieser Gang war eine Abscheulichkeit, in all ihrer Verzweiflung schmerzte das am heftigsten. Die Tränen, die ihre Hände schon genetzt hatten, flossen über ihr Kinn herab, ohne daß sie daran dachte, ihr Taschentuch zu nehmen. »Seid doch vernünftig und verhaltet Euch ruhig, man beobachtet Euch«, sagte Madame Boche, die sich um sie bemühte. Wie kann man sich nur eines Mannes wegen soviel Gram machen! ... Ihr liebt ihn wohl immer noch, wie? mein armes Herzchen. Eben wäret Ihr doch gar nicht so besonders gut auf ihn zu sprechen, und jetzt heult Ihr um ihn, daß es Euch das Herz abstößt ... Mein Gott, was sind wir Frauen für dumme Geschöpfe!« In mütterlichem Tone fuhr sie fort: »Ein so hübsches kleines Frauenzimmer wie Ihr! Ist das wohl erhört! ... Jetzt kann man Euch wohl alles sagen, nicht wahr? Ihr erinnert Euch, als ich heute morgen an Euren Fenstern vorbeiging, da ahnte ich schon so etwas ... Stellt Euch vor: als Adele heute nacht nach Hause kam, hörte ich den Schritt eines Mannes neben dem ihrigen. Da ich wissen wollte, was vorging, guckte ich die Treppe hinauf. Das Bürschchen war schon im zweiten Stock, aber ich habe dennoch sehr gut den Überrock von Herrn Lantier erkannt. Boche, der diesen Morgen auf der Lauer lag, hat ihn ruhig die Treppe herabkommen sehen ... Wie ich Euch sagte, er war mit Adele. Virginie hat jetzt einen Herrn, zu dem sie zweimal die Woche geht. Aber das ist ganz gleich; eine unsaubere Geschichte bleibt es immer, denn sie haben nur ein Zimmer und einen Alkoven, und ich weiß nicht recht, wo Virginie geschlafen haben kann.« Sie unterbrach sich einen Augenblick, und nachdem sie sich umgewandt hatte, fuhr sie fort und dämpfte ihre grobe Stimme: »Sie lacht, das herzlose Geschöpf da unten, weil sie Euch weinen sieht. Ich lege meine Hand ins Feuer, daß ihre ganze Wäscherei eine Falle ist ... Sie hat die beiden anderen fortgeschafft und ist hierhergekommen, um ihnen zu erzählen, was Ihr für ein Gesicht zu der Sache schneiden werdet.« Gervaise nahm ihre Hände vom Gesicht und blickte um sich. Als sie Virginie bemerkte, die, umgeben von drei oder vier Weibern, lebhaft sprach und zu ihr hinüber zeigte, ergriff sie eine blinde Wut. Mit vorgestreckten Armen, am ganzen Leibe zitternd und sich um sich selber drehend, suchte sie am Boden; einige Schritte vorstürzend, ergriff sie einen vollen Eimer mit beiden Händen und leerte ihn auf einen Wurf. »Rindvieh! bist du unsinnig?« schrie die große Virginie. Sie hatte einen Sprung nach rückwärts gemacht, und nur ihre Schuhe waren naß geworden. Indes strömte das ganze Waschhaus zusammen, das durch die Tränen des jungen Weibes schon in Aufruhr war. Alles wollte die Schlacht sehen. Die Wäscherinnen, die noch an ihrem Frühstücksbrot kauten, stiegen auf die Waschbütten. Andere liefen mit ihren Händen voll Seife herbei. Es bildete sich ein Kreis um die beiden. »Dieses Vieh!« wiederholte die große Virginie. »Was fällt der denn ein, dieser Tollen!« Gervaise antwortete nicht, sie hatte noch nicht die Zungenfertigkeit der Pariserinnen; wie zum Sprunge bereit stand sie mit vorgestrecktem Kinn und krampfhaft zuckendem Gesicht. Die andere fuhr fort: »Seht doch! Die ist es müde, sich in der Provinz herumzutreiben, zu zwölf Jahren ist das schon Soldatenliebste gewesen, ein Bein hat sie zu Hause gelassen ... Es war angefault, das Bein ...« Alles lachte. Als Virginie ihren Erfolg sah, trat sie zwei Schritte näher heran, reckte sich zu ihrer ganzen Höhe auf und fuhr lauter fort: »Holla! Komm doch ein bißchen näher, damit ich es dir besorgen kann. – Das wäre schön, hierherkommen und die Spielverderberin machen ... Ich kenne sie gar nicht mal, dieses Weibsbild! Wenn sie mich begossen hätte, würde ich ihr das Fell lose gemacht haben. Da hättet ihr mal sehen sollen. Wenn sie wenigstens sagte, was ich ihr getan habe ... Sage doch, altes Wrack, was man dir getan hat?« »Redet nur nicht soviel,« stotterte Gervaise, »Ihr wißt es wohl ... Man hat meinen Mann gestern abend gesehen ... Haltet das Maul, wenn ich Euch nicht erwürgen soll.« »Ihren Mann! Ah, der Spaß ist gut! ... Madames Gatte; als ob das einen Mann hätte, so ein Tolpatsch! ... Kann ich was dafür, wenn er dich hat sitzen lassen ... Habe ich ihn dir etwa gestohlen? Man kann mich durchsuchen ... Willst du, daß ich dir's sage? Er hat einen Ekel vor dir, dieser Mann! Er war viel zu schade für dich ... Hatte er wenigstens sein Halsband? Hat denn niemand Madames Gatten gefunden? ... Sie zahlt Finderlohn ...« Alle fingen wieder an zu lachen. Gervaise murmelte immer nur mit leiser Stimme: »Ihr wißt wohl, Ihr wißt es wohl ... Eure Schwester ist es, Eure Schwester, ich drehe ihr den Hals um ...« »Ja doch, geh' du nur und reibe dich an meiner Schwester!« erwiderte Virginie höhnisch. »Also meine Schwester soll es sein! Das ist wohl möglich, meine Schwester sieht ein bißchen anders aus wie du ... Aber was geht denn das mich an, kann man denn hier nicht mehr ruhig seine Wäsche waschen? Laß mich in Ruhe, hörst du, ich habe jetzt genug davon!« Nachdem sie fünf oder sechs Schläge mit dem Waschholze getan hatte, kam sie zurück; die ausgestoßenen Beschimpfungen hatten sie berauscht und fortgerissen. Sie schwieg und begann dann wieder, wobei sie dreimal den ersten Satz wiederholte: »Nun ja, es ist meine Schwester. Bist du nun zufrieden? ... Sie lieben sich einmal, die beiden. Man muß es sehen, wie sie sich schnäbeln! ... Er hat dich mit deinen Bastarden sitzen lassen! Das sind hübsche Wechselbälge, die die Gesichter voll Schmutz haben! Eins ist von einem Gendarmen, nicht wahr? und drei andere hast du krepieren lassen, weil du zur Reise nicht soviel Überfracht haben wolltest ... Dein Lantier hat uns alles erzählt ... Ach! der ist gut auf dich zu sprechen, der hat genug von dir, Vogelscheuche!« »Du Schlampe! Du Loddrige!« heulte Gervaise ganz außer sich, während ein neuer Wutanfall bei ihr losbrach. Sie wandte sich und suchte wieder am Boden; da sie nichts anderes fand als die kleine Waschbütte, ergriff sie diese bei den Füßen und schleuderte Virginie das Waschblau ins Gesicht. »Schindluder! Jetzt hat sie mein Kleid verdorben!« schrie jene, deren eine Schulter ganz durchnäßt und deren linke Hand blau gefärbt war. »Warte, Dirne!« Jetzt ergriff sie ihrerseits einen Eimer und entleerte ihn über die junge Frau. Jetzt entwickelte sich ein regelrechter Kampf. Sie liefen beide an den Waschbänken entlang, bemächtigten sich der vollen Eimer, kamen damit zurück und warfen sich das Wasser ins Gesicht. Jedes Sturzbad begleiteten sie mit lautem Geschrei und Schimpfen. Auch Gervaise antwortete jetzt: »Da, du Drecksau! ... Den hast du gekriegt. Das wird dir den Hintern abkühlen!« »Ah! du Vettel! Da hast du was für deinen Dreck! Jetzt wirst du doch einmal in deinem Leben waschen!« »Ja, ja, ich werde dich schon rein kriegen, du langer Stockfisch!« »Da hast du noch einen! ... Spüle dein Maul aus und mache Toilette für dein Geschäft heut abend an der Ecke der Belhommestraße.« Sie füllten schließlich die Eimer an den Hähnen; während sie warteten, bis sie voll liefen, beschimpften sie sich weiter mit schmutzigen Worten. Die ersten schlecht geworfenen Eimer hatten sie kaum getroffen. Aber mit der Zeit bekamen sie Übung. Virginie erhielt zuerst einen vollen Eimer ins Gesicht. Das Wasser kam ihr in den Nacken und floß den Rücken hernieder, es strömte ihr in den Hals und rieselte unter ihrem Kleide hervor. Sie war noch ganz betäubt, als ein zweiter sie von der Seite traf und ihr einen starken Schlag gegen das linke Ohr gab, gleichzeitig ihren Haarknoten so durchnäßte, daß er sich wie ein Bindfaden aufrollte. Gervaise wurde zuerst an den Beinen getroffen, ein Eimer füllte ihre Schuhe, bespritzte ihre Beine, zwei andere durchnäßten sie bis an die Hüften. Bald wurde es unmöglich, die Würfe zu zählen. Sie waren eine wie die andere, triefend vom Kopf bis zu den Füßen, die Taillen klatschten an den Schultern und die Röcke klebten an den Schenkeln; abgemagert, steif und zitternd, an allen Seiten tropfend, machten sie den Eindruck von Regenschirmen nach einem Wolkenbruch. »Das hört schon auf, spaßhaft zu sein«, sagte die rauhe Stimme einer Wäscherin. Die ganze Waschanstalt belustigte sich ganz außerordentlich. Man hatte sich zurückgezogen, um nicht von den Würfen erreicht zu werden. Beifallsbezeugungen und Scherzworte erhoben sich inmitten des Geräusches der Wassermengen, die den hoch im Bogenwurf entleerten Eimern entströmten. Am Boden flossen Wasserlachen, die beiden Frauen wateten darin bis an die Knöchel. Unterdessen dachte Virginie an einen Überfall; sie bemächtigte sich plötzlich eines Eimers kochend heißen Laugenwassers, den eine ihrer Nachbarinnen hatte kommen lassen; diesen schleuderte sie auf Gervaise. Ein Schrei ertönte. Man glaubte, Gervaise sei verbrüht. Aber nur ihr linker Fuß war leicht gestreift worden. Mit aller Kraft und außer sich vor Schmerz schleuderte sie Virginie einen Eimer, den sie dieses Mal nicht füllte, zwischen die Beine. Diese stürzte zu Boden. Alle Waschfrauen sprachen durcheinander. »Sie hat ihr einen Fuß gebrochen!« »Donnerwetter! die andere hat sie verbrühen wollen!« »Sie hat recht, die Blonde, wenn man ihr ihren Mann abspenstig gemacht hat!« Madame Boche hob rufend ihre Arme empor. Sie hatte sich klugerweise zwischen zwei Waschzubern gut gedeckt, und die Kinder, Claude und Etienne, hängten sich weinend, schluchzend und zu Tode erschrocken an ihre Röcke mit dem ewigen Schrei: »Mama! Mama!« den sie zwischen Schluchzen ausstießen. Als sie Virginie auf der Erde sah, lief sie herbei und zog Gervaise an den Röcken, indem sie sagte: »Laßt es genug sein und geht fort! Seid vernünftig ... Auf mein Wort! es dreht sich alles in mir um! Hat man jemals solchen Mord und Totschlag gesehen?« Aber sie zog sich zurück und flüchtete zwischen die beiden Waschbütten mit den Kindern. Virginie war Gervaise an die Kehle gefahren. Sie zog ihren Hals hernieder und suchte sie zu erwürgen. Allein diese machte sich mit einem heftigen Rucke frei und hing sich an Virginies Chignon, als ob sie ihr den Kopf abreißen wollte. Der Kampf begann aufs neue, schweigend, ohne einen Schrei, ohne ein Schmähwort. Sie packten sich nicht Körper an Körper, sie griffen nach den Gesichtern mit geöffneten Händen; die Finger gekrümmt, kniffen und kratzten sie, was ihnen unter die Finger kam. Das rote Band und blaue Netz der großen Brünette wurden herabgerissen; ihre Kleidertaille war am Halse zerfetzt und zeigte ihre nackte Haut, ein ganzes Stück ihrer Schulter; indessen fehlte der Blonden ein Ärmel ihrer weißen Nachtjacke, ohne daß sie wußte, wie es zugegangen war, außerdem hatte sie einen Riß in ihrem Hemde, der den Ansatz ihrer Taille bloßlegte. Fetzen Stoffes flogen umher. Zuerst floß bei Gervaise Blut, drei lange Kratzwunden gingen ihr vom Munde zum Kinn; sie schützte ihre Augen, indem sie sie bei jedem Schlage schloß aus Furcht, einäugig gemacht zu werden. Virginie blutete noch nicht. Gervaise zielte auf ihre Ohren und war wütend, sie nicht greifen zu können; endlich faßte sie einen der Ohrringe, eine Birne von gelbem Glas, sie zog und zerriß das Ohrläppchen, nun floß auch hier Blut. »Sie töten sich, trennt sie doch, die Scheusale!« sagten mehrere Stimmen. Die Wäscherinnen waren näher herzugetreten, es bildeten sich zwei Parteien: die einen hetzten die Frauen aufeinander wie ein Paar Hündinnen, die sich beißen; die anderen, Empfindsameren, zitterten an allen Gliedern, wandten sich fort und erklärten, sie hätten genug davon und würden sicher noch krank werden. Eine allgemeine Schlacht drohte auszubrechen, man nannte sich herzlos und Tunichtgut; nackte Arme reckten sich empor und drei Ohrfeigen hörte man schallen. Madame Boche suchte indessen den Hausknecht der Waschanstalt. »Karl! Karl! Wo ist er denn?« Sie fand ihn auf der erhöhten Galerie, mit gekreuzten Armen zuschauend. Er war ein großer Schlingel mit mächtig starkem Nacken. Er lachte und freute sich an den entblößten Stellen, welche die Frauen zeigten. Die kleine Blonde ist fett wie eine Wachtel, das wäre ein Spaß, wenn ihr Hemd ganz zerrisse. »Seht doch!« murmelte er, die Augen zusammenkneifend, »sie hat ein Mal unter dem Arm.« »Wie, Ihr seid da?« schrie Madame Boche, als sie ihn bemerkte. »Aber so helft uns doch, sie auseinander zu bringen. Ihr könnt es fertigbringen.« »Ich denke ja gar nicht daran; als ob außer mir niemand da wäre«, sagte er ruhig. »Um mir wieder die Augen, zerkratzen zu lassen, wie neulich, nicht wahr? Dazu bin ich nicht hier, da hätte ich viel zu tun... Seid nur nicht so ängstlich! So ein kleiner Aderlaß tut ihnen gut. Das stimmt sie milder.« Die Pförtnersfrau sprach jetzt davon, die Polizei zu benachrichtigen. Aber die Besitzerin der Waschanstalt, die junge, zarte Frau mit den kranken Augen, widersetzte sich diesem Plan in aller Form. Sie wiederholte mehrmals: »Nein, nein, das will ich nicht, das bringt mein Haus in schlechten Ruf.« Auf dem Boden wurde der Kampf fortgesetzt. Plötzlich richtete sich Virginie auf ihren Knien auf. Sie hatte ein Waschholz ergriffen und schwang es. Sie röchelte mit veränderter Stimme: »Jetzt habe ich dich, warte! Nun zeige deine schmutzige Wäsche her!« Gervaise streckte schnell ihre Hand aus und ergriff gleichfalls ein Waschholz, sie hob es empor wie eine Keule. Auch ihre Stimme klang jetzt heiser: »Du willst große Wäsche ... Gib her dein Fell, ich will es dir zu Waschlappen klopfen!« Einen Augenblick blieben sie so auf den Knien und bedrohten sich. Die Haare hingen ihnen wirr in die Gesichter, die Brust flog ihnen; schmutzig, mit Beulen bedeckt, belauerten sie einander und warteten noch, um wieder Atem zu schöpfen. Gervaise schlug zuerst, ihr Holz glitt an Virginies Schulter hernieder. Sie warf sich zur Seite, um dem Schlage ihrer Gegnerin auszuweichen, der ihre Hüfte streifte. Als sie erst im Zuge waren, schlugen sie, wie die Wäscherinnen auf ihre Wäsche einbauen, schonungslos, in taktmäßigen Schlägen. Wenn sie sich trafen, klang der Schlag dumpf, man könnte sagen, wie ein Schlag in ein mit Wasser gefülltes Waschfaß. Um sie herum lachten die Wäscherinnen nicht mehr; viele waren fortgegangen, sie sagten, daß ihnen dabei übel werde; die anderen, die geblieben waren, streckten die Hälse vor, ihre Augen leuchteten mit einem grausamen Funkeln, sie fanden die beiden Weibsbilder sehr gelungen. Madame Boche hatte Claude und Etienne fortgeführt, und man hörte vom anderen Ende des Saales her ihr Schluchzen, das sich in das tönende Klappen der beiden Waschhölzer mischte. Plötzlich schrie Gervaise laut auf. Virginie hatte ihr mit aller Kraft einen Schlag auf den Arm, oberhalb des Ellenbogens beigebracht; ein roter Fleck zeigte sich und das Fleisch schwoll sofort an. Jetzt holte sie aus. Man meinte, sie wolle die andere zu Boden schlagen. »Genug! Genug!« schrie man. Ihr Gesicht war so furchtbar, daß niemand ihr zu nahen wagte. Mit zehnfach verstärkten Kräften ergriff sie Virginie bei der Taille, bog sie nieder und drückte ihr Gesicht gegen den steinernen Fußboden, so daß ihre Lenden in die Luft standen; trotz der heftigsten Stöße hob sie ihr die Röcke hoch auf. Virginie hatte ein Beinkleid an. Sie fuhr mit der Hand in den Spalt, riß das Beinkleid auseinander und zeigte alles, die nackten Schenkel und Hinterbacken. Sie begann dann mit dem Waschholz zu schlagen, wie sie einst in Plassans an den Ufern der Viorne geschlagen hatte, wenn ihre Lehrmeisterin die Wäsche der Garnison wusch. Mit einer Art feuchtem Geräusch erweichte das Holz die Fleischmassen. Bei jedem Schlage zeigte sich ein roter Striemen auf der weißen Haut. »Oh! Oh!« murmelte der entzückte Hausknecht Karl mit aufgerissenen Augen. Von neuem ertönte Lachen. Aber bald schrie man: »Genug! Genug!« Gervaise hörte nichts, sie ermüdete nicht. Sie besorgte ihr Geschäft, nach vorn gebeugt, nur darauf bedacht, keine Stelle auszulassen. All diese Haut wollte sie geklopft und mit Striemen bedeckt sehen. Von wilder Lustigkeit ergriffen, plauderte sie; sie entsann sich eines Wäscherinnenliedes: Pan! Pan! Margot beim Waschen ... Pan! Pan! beim Schlag der Hölzer ... Pan! Pan! wäscht sie ihr Herz ... Pan! Pan! ganz schwarz vor Schmerz ... Wieder fing sie an: »Das ist für dich, das für deine Schwester, das für Lantier ... Wenn du sie siehst, wirst du es ihnen geben ... Paß auf, ich fange wieder an. Das ist für Lantier, das für deine Schwester, das ist für dich ...«' Pan! Pan! Margot beim Waschen ... Pan! Pan! beim Schlag der Hölzer ... Man mußte Virginie ihren Händen entreißen. Das Gesicht der großen Brünette war purpurrot und von Tränen überströmt; verwirrt ergriff sie ihre Wäsche und entfloh; sie war besiegt. Indessen hatte Gervaise die Ärmel ihrer Nachtjacke wieder übergezogen und die Röcke fester gebunden. Ihr Arm schmerzte sie, und sie bat Madame Boche, ihr ihre Wäsche auf die Schulter zu heben. Die Pförtnersfrau erzählte von der Schlacht, sie schilderte ihre Aufregung und sprach davon, ihr den Körper zu untersuchen, um zu sehen. »Vielleicht habt Ihr irgend etwas gebrochen ... Ich habe einen Schlag gehört ...« Aber die junge Frau wollte fortgehen. Sie antwortete nichts auf die Mitleidsbezeugungen und schwatzhaften Lobeserhebungen der Wäscherinnen, die in ihren Schürzen. um sie herumstanden. Als sie ihre Wäsche aufgeladen hatte, ging sie der Tür zu, wo ihre Kinder sie erwarteten. »Es waren zwei Stunden, das macht zwei Sous!« sagte die Besitzerin der Waschanstalt und hielt sie an; sie saß schon wieder in ihrem Kabinett mit den Glasscheiben. Weshalb zwei Sous? Sie verstand nicht mehr, daß man den Preis für ihren Platz von ihr verlangte. Endlich gab sie ihre zwei Sous. Sie hinkte stark unter dem Gewicht der nassen Wäsche, die auf ihren Schultern hing; triefend, mit blauen Ellenbogen und die Jacke blutig, ging sie davon, an ihren nackten Armen Claude und Etienne hinter sich herziehend, die noch ganz erschüttert ihr zur Seite trotteten mit ihren vom Weinen ganz beschmutzten Gesichtern. Hinter ihr nahm die Waschanstalt ihr ungeheures Schleusengeräusch wieder auf. Die Wäscherinnen hatten ihr Brot gegessen und ihren Wein getrunken; mit neu belebten Gesichtern schlugen sie jetzt fester zu, die Prügelei zwischen Gervaise und Virginie hatte sie erheitert. Längs der Waschbänke bewegten sich aufs neue arbeitswütige Arme, eckige Marionettenprofile, vornübergebeugt und mit vorgeworfenen Schultern, zogen sich zusammen und streckten sich, als ob ein Scharnier sie bewege. Die Unterhaltungen wurden von einem Ende der Gänge zum anderen geführt. Die Stimmen, das Lachen und die unflätigen Worte verloren sich in dem großen Gegurgel des Wassers. Die Hähne spien, den Eimern entströmten Lachen, ein ganzer Fluß rauschte unter den Schlagevorrichtungen dahin. In dem Ungeheuern Saal färbten sich die Dämpfe rot, nur unterbrochen durch runde Sonnenflecke, die goldenen Bällen glichen, welche die Risse in den Vorhängen einließen. Man atmete die erstickende Luft der weichen Seifendünste ein. Plötzlich erfüllte sich der ganze Raum mit weißem Dampf; der ungeheure Deckel des Kessels, in dem die Lauge kochte, hob sich von selbst an einer Zahnstange in die Höhe; die gähnende Öffnung des ganz mit Mauerwerk umkleideten Kupferkessels stieß diesen Wirbel von Dämpfen aus, die den süßlichen Geschmack der Pottasche hatten. Indessen arbeiteten zur Seite die Trockenmaschinen; Bündel Wäsche in gußeisernen Zylindern gaben ihr Wasser her, sobald eine Raddrehung der Maschinen sie zusammenpreßte; keuchend, dampfend und heftiger stoßend besorgte die Maschine die fortwährende Arbeit der Waschanstalt mit ihren stählernen Armen. Als Gervaise den Fuß in die Allee des Hotels »Zum guten Herzen« setzte, begann sie aufs neue zu weinen. Es war eine enge schwarze Gasse mit einem Rinnstein für das Schmutzwasser längs der Mauern; der Geruch, den sie hier wiederfand, erinnerte sie an die letzten vierzehn Tage, die sie mit Lantier verlebt hatte, vierzehn Tage des Elends und der Zänkerei, deren Andenken ihr zu dieser Stunde einen stechenden Schmerz bereitete. Jetzt erst schien es ihr, als ob sie ganz verlassen sei. Oben war das kahle Zimmer voller Sonnenschein, das Fenster war offen. Diese Sonnenstrahlen, diese Flut tanzender goldiger Stäubchen machte die schwarze Decke und die von den Wänden gerissenen Tapeten noch kläglicher. Da war nur noch an einem Nagel des Kamins ein kleines Frauentuch aufgehängt, das wie ein Strick zusammengedreht war. Das in die Mitte des Zimmers gerückte Kinderbett ließ die Kommode sehen, deren offen gelassene Kasten ihr leeres Innere zeigten. Lantier hatte sich gewaschen und den Rest der Pomade aufgebraucht, für zwei Sous Pomade in einer Spielkarte; das fettige Wasser seiner Hände war in der Waschschüssel. Er hatte nichts vergessen, die Ecke, in der bisher sein Koffer gestanden, erschien Gervaise wie ein ungeheures Loch. Sie fand selbst nicht einmal den kleinen runden, am Drehhaken aufgehängten Spiegel wieder. Da ergriff sie eine Ahnung, sie sah nach dem Kamin: Lantier hatte die Pfandscheine mitgenommen, das rosa Paket war nicht mehr zwischen den beiden ungleichen Zinkleuchtern. Sie hing ihre Wäsche an einer Stuhllehne auf und schaute prüfend auf den Möbeln umher, sie war so verdutzt, daß selbst ihre Tränen zu fließen aufhörten. Es blieb ihr ein Sou von den vieren, die sie für das Waschhaus behalten hatte. Als sie Claude und Etienne, die schnell getröstet waren, am Fenster lachen hörte, näherte sie sich ihnen, umfaßte ihre Köpfe und verlor sich einen Augenblick in dem Anblick dieser grauen Straße, wo sie; am Morgen die Arbeiter hatte erwachen sehen, dieses Volk der Riesenarbeit von Paris. Um diese Stunde strahlte das durch die Geschäfte des Tages erhitzte Pflaster seine Glut über die Stadt hinter der Stadtmauer aus. Auf dieses Pflaster mit seiner Backofenhitze warf man sie mit ihren Kleinen; mit einem Blick überflog sie die äußeren Boulevards zur Rechten und zur Linken bis an die Endpunkte, und ein. dumpfer Schrecken erfaßte sie; es überkam sie wie eine Ahnung, daß ihr Leben hierher gebannt sei und sich hier abspielen müsse zwischen einem Schlachthause und einem Krankenhause. Zweites Kapitel. Drei Wochen später, an einem schönen, sonnigen Tage, gegen elfeinhalb Uhr, aßen Gervaise und Coupeau, der Zinkarbeiter, im »Totschläger« des Vater Colombe eine Pflaume. Anmerk. des Übersetzers: In den Pariser Weinschänken ist es Sitte, Früchte, besonders Pflaumen, in Branntwein einzulegen. Coupeau, der auf dem Bürgersteig eine Zigarette rauchte, hatte sie gezwungen, dort einzutreten, als sie, vom Wäscheaustragen zurückkehrend, die Straße überschritt; ihr großer, viereckiger Wäschekorb stand neben ihr auf der Erde hinter dem kleinen Tisch von Zink. Der »Totschläger« des Vater Colombe befand sich an der Ecke der Fischerstraße und des Boulevard Rochechouart. Auf dem Schilde stand in langen, blauen Buchstaben, die von einem Ende bis zum anderen reichten, das eine Wort: Destillation . An der Türe standen in zwei halben Fässern verstaubte Oleanderbäume. Der sehr große Schanktisch mit seinen Reihen von Gläsern, dem Spülbecken und seinen Maßen von Zinn befand sich links vom Eingang; der weite Saal war ringsumher mit hellgelb angestrichenen Tonnen geschmückt, die ganz spiegelblank gefirnist waren, und deren kupferne Bänder und Hähne leuchteten. Höher hinauf verdeckten Branntweinflaschen, Gefäße mit Früchten und allerlei Arten von Flaschen, die auf Holzgestellen aufgestellt waren, die Mauern, sie spiegelten sich in den Spiegeln hinter dem Schanktisch mit ihren lebhaften, apfelgrünen oder blassen, zarten Lacktönen. Die größte Sehenswürdigkeit der Schenke aber befand sich ganz am Ende hinter einem Verschlag von Eichenholz; in einem glasüberdeckten Hofe sahen dort die Gäste den Destillierapparat arbeiten, langhalsige Destillierkolben und Schlangenröhren, die bis in die Erde hineinreichten. Es war eine wahre Hexenküche, bei deren Anblick sich die trunkenen Arbeiter in Träumereien verloren. Jetzt um die Frühstücksstunde blieb der »Totschläger« leer. Ein dicker Mann von vierzig Jahren, der Vater Colombe, in einer Ärmelweste bediente ein kleines, zehnjähriges Mädchen, das von ihm für vier Sous Schnaps in einer Tasse verlangte. Die durch die Tür hereinfallenden Sonnenstrahlen erwärmten den durch das Spucken der Raucher ewig feuchten Fußboden. Von dem Schanktisch, von all den Fässern, die im ganzen Saale standen, ging ein Likörgeruch, ein Duft von Alkohol aus, der die tanzenden Sonnenstäubchen zu verdicken und zu berauschen schien. Coupeau drehte sich eine neue Zigarette. Er sah sehr sauber aus mit seiner Bluse und der kleinen Mütze von blauer Leinwand; lachend zeigte er seine weißen Zähne. Sein Unterkiefer sprang ein wenig vor, die Nase war leicht eingedrückt, er hatte schöne, kastanienbraune Augen und im Gesicht einen Ausdruck von Frohsinn, der mit großer Gutmütigkeit gepaart war. Sein dickes, leicht gekräuseltes Haar stand ganz aufrecht. Seine Haut zeigte die ganze Frische und Zartheit seiner sechsundzwanzig Jahre. Ihm gegenüber verzehrte Gervaise in einem schwarzen Umhängetuch mit bloßem Kopf den Rest ihrer Pflaume, die sie mit den Fingerspitzen am Stengel hielt. Sie waren nahe bei der Straße an dem ersten der vier Tische, die längs der Fässer vor dem Schanktisch aufgestellt waren. Als der Zinkarbeiter seine Zigarette angesteckt hatte, legte er seine Ellenbogen auf den Tisch, beugte sein Gesicht vor und betrachtete einen Augenblick, ohne zu sprechen, die junge Frau, deren hübsches Blondinengesicht an diesem Tage die milchige Durchsichtigkeit feinen Porzellans hatte. Auf eine nur von ihnen allein gekannte und schon besprochene Angelegenheit anspielend, fragte er sie halblaut: »Also nein? Ihr sagt nein?« »Ganz gewiß, nein, Herr Coupeau,« antwortete ruhig lächelnd Gervaise. »Ihr wollt mir doch hoffentlich hier nicht davon reden. Ihr habt mir doch versprochen, vernünftig zu sein ... Wenn ich das gewußt hätte, wäre ich Eurer Einladung hierher nicht gefolgt.« Er sprach nicht, doch fuhr er fort, sie so ganz nahebei mit einer Art kecker Zärtlichkeit zu betrachten, die sich besonders leidenschaftlich für ihre Mundwinkel zeigte, diese kleinen Winkel von zartem, feuchtem Rosa, welche das lebhaftere Rot des inneren Mundes sehen ließen, wenn sie lächelte. Sie rückte trotzdem nicht zurück, sondern blieb ruhig und teilnehmend. Nach einigem Stillschweigen sagte sie noch: »Ihr solltet wirklich nicht daran denken. Ich bin eine alte Frau und habe einen Jungen von acht Jahren ... Was sollten wir denn zusammen machen?« »Ei der Tausend!« murmelte Coupeau und zwinkerte mit den Augen, »was die anderen machen!« Sie machte eine verdrossene Bewegung. »Oh! Ihr glaubt doch nicht, daß es immer vergnüglich ist? Man sieht, daß Ihr niemals mit jemandem zusammen gelebt habt ... Nein, Herr Coupeau, ich muß an ernste Dinge denken. Das lustige Bummelleben führt zu nichts, seht Ihr doch ein. Ich habe zu Hause zwei Mäulchen zu stopfen, die tapfer dreinhauen, laßt es nur gut sein. Wie denkt Ihr Euch, daß ich es anfangen soll, meine Kleinen großzuziehen, wenn ich mich auf die leichte Seite lege? ... Und dann, hört, mein Unglück ist mir eine gute Lehre gewesen. Ihr wißt, die Männer von heutzutage – es ist nichts mehr für mich. Es wird lange dauern, ehe man mich wieder einmal darankriegt!« Sie machte ihre Auseinandersetzung ohne Heftigkeit mit großer Ruhe und Klugheit, als behandle sie eine Frage der Arbeit, etwa die Gründe, die sie verhinderten, ein Spitzentuch in die Stärke zu tauchen. Man sah wohl, daß sie nach langem und reiflichem Überlegen zu diesen Ansichten gekommen war. Coupeaus Stimmung verdüsterte sich, er wiederholte: »Ihr tut mir weh, sehr weh ...« »Das sehe ich,« fuhr sie fort, »und es betrübt mich Euretwegen, Herr Coupeau ... Es muß Euch aber nicht verletzen. Wenn ich daran dächte, ein lustiges Leben zu führen, mein Gott! so täte ich es lieber mit Euch als mit jedem anderen. Ihr seht gutmütig aus und seid hübsch. Wir würden uns zusammentun, nicht wahr? und gingen dann soweit, wie es eben geht. Ich spiele mich ja nicht als Prinzessin auf, ich sage nicht, daß es nicht hätte so kommen können ... Aber wozu soll es? Ich habe einmal keine Lust. Seit vierzehn Tagen bin ich bei Madame Fauconnier. Die Kleinen gehen zur Schule. Ich arbeite und bin zufrieden ... Was meint Ihr? Das beste ist, die Sache so zu lassen, wie sie ist.« Hierauf bückte sie sich, um ihren Korb zu nehmen. »Ihr habt mich so lange plaudern lassen, man wird mich im Geschäft erwarten ... Laßt es nur gut sein, Ihr findet. eine andere, Herr Coupeau, hübscher als ich, und die nicht zwei Bälge mit sich herumzieht.« Er sah nach der Uhr, die oben in den Spiegelrahmen eingelassen war, und veranlaßte sie wieder niederzusitzen: »Wartet doch! Es ist erst elf Uhr fünfunddreißig Minuten ... Ich habe noch fünfundzwanzig Minuten Zeit ... Ihr fürchtet doch nicht, daß ich Dummheiten mache, der Tisch ist ja zwischen uns ... Also Ihr verabscheut mich so, daß Ihr nicht noch ein bißchen mit mir plaudern wollt?« Sie setzte aufs neue ihren Korb nieder, um ihn nicht zu verletzen, und sie sprachen als gute Freunde. Sie hatte gegessen, ehe sie ging, ihre Wäsche auszutragen. Er hatte sich diesen Tag beeilt, seine Suppe und sein Rindfleisch herunterzuwürgen, um sie abzupassen. Während Gervaise freundlich antwortete, betrachtete sie durch die Scheiben zwischen den Gefäßen mit in Branntwein eingemachten Früchten das Leben auf der Straße, wo während der Frühstückstunde große Menschenmengen auf und ab wogten. Auf den beiden Fußwegen zwischen den engen Häuserreihen war ein Eilen von Schritten, ein Schlenkern von Armen, ein Ellenbogenstoßen ohne Ende. Die Nachzügler, welche die Arbeit noch zurückgehalten hatte, kamen mit großen Sprüngen über den Straßendamm mit der verdrießlichen Miene des Hungers; sie traten gegenüber bei einem Bäcker ein; wenn sie wieder zum Vorschein kamen, hatten sie ein Pfund Brot im Arm; sie gingen dann drei Türen weiter nach dem »Zweiköpfigen Kalbe«, wo sie eine Portion zu sechs Sous aßen. Neben, dem Bäcker saß eine Hökerin, welche Bratkartoffeln und mit Petersilie gekochte Seemuscheln verkaufte; eine unaufhörliche Reihe von Arbeiterinnen in langen Schürzen trug fortwährend Tüten mit Kartoffeln und Tassen mit Seemuscheln fort; andere, hübsche Mädchen mit bloßem Kopfe und zartem Gesicht, kauften Bündel Radieschen. Wenn Gervaise sich vorbeugte, sah sie noch einen Wurstladen, der gedrängt voll war. Kinder kamen dort heraus, die in ihren Händen in fettiges Papier gewickelte panierte Koteletten, eine kleine oder ein Stück ganz warmer Wurst hielten. Indes sah man schon mehrere Arbeiter, welche die Garküchen verlassen hatten, auf der Straße, auf der selbst bei schönem Wetter durch das Gestampfe der hin und her wogenden Menge ein schwarzer Schmutz lag; sie bummelten in Trupps umher und klopften behaglich auf ihre eben gefüllten Bäuche; ruhig und langsam bewegten sie sich inmitten der stoßenden Menge. Eine Gruppe hatte sich an der Tür des »Totschlägers« gebildet. »Sage doch, Bibi-la-Grillade,« fragte eine heisere Stimme, »zahlst du einen Satz Vitriol?« Fünf Arbeiter traten ein, sie blieben stehen. »Ah! dieser Spitzbube, der Vater Colombe!« hob die Stimme wieder an. »Wir wollen vom Alten haben, keine Nußschalen, gebt ordentliche Gläser!« Der Vater Colombe bediente sie mit ruhigem Gleichmut. Eine andere Gesellschaft von drei Arbeitern kam an. Nach und nach häuften sich die Blusen, an der Ecke des Trottoirs machten sie kurz halt, um sich schließlich zwischen den beiden verstaubten Oleanderbäumen in den Saal zu schieben. »Ihr seid dumm! Ihr denkt nur an Schlechtes!« sagte Gervaise zu Coupeau. »Gewiß liebte ich ihn ... aber nachdem er mich so abscheulich verlassen hat ...« Sie sprachen von Lantier. Gervaise hatte ihn nicht wiedergesehen; sie glaubte, er lebe mit Virginies Schwester auf dem Eiskeller bei dem Freunde, der die Hutfabrik errichten sollte. Übrigens dachte sie nicht daran, ihm nachzulaufen. Es habe ihr zwar zuerst einen großen Schmerz bereitet, so daß sie sich ins Wasser stürzen wollte, aber jetzt sei sie ruhig geworden, und alles sei so aufs beste. Vielleicht habe sie mit Lantier niemals die Kinder ordentlich erziehen können, so viel Geld verbrauchte er für sich. Wenn er komme, um Claude und Etienne zu umarmen, könne er kommen, sie werde ihn nicht zur Tür hinauswerfen. Aber lieber lasse sie sich in Stücke zerhacken, ehe sie zugebe, daß er sie auch nur mit einer Fingerspitze berühre. Alles sagte sie wie ein entschlossenes Frauenzimmer, das sich seinen Lebensplan vorgezeichnet hat. Coupeau indessen, der von seinem Wunsch, sie zu besitzen, nicht abließ, scherzte und verdrehte alles ins Unzüchtige, er stellte in bezug auf Lantier, mit seinen weißen Zähnen lustig lachend, die kecksten Fragen, ohne daß Gervaise daran dachte, sich verletzt zu fühlen. »Ihr habt ihn geschlagen,« sagte er endlich. »Ihr seid nicht gut, Ihr verhaut jeden.« Sie unterbrach ihn mit einem langen Lachen. Sie hatte freilich das lange Gestell, die Virginie, verhauen. An diesem Tage hätte sie mit kaltem Blute jemanden erdrosseln können. Sie lachte noch mehr, als Coupeau ihr erzählte, daß Virginie außer sich darüber, alles gezeigt zu haben, das Viertel verlassen habe. Ihr Gesicht bewahrte einen Ausdruck kindlicher Sanftmut, sie streckte ihre hübschen, rundlichen Hände vor und versicherte, daß sie nicht eine Fliege töten könne; Schläge seien ihr nur daher bekannt, weil sie in ihrem Leben schon hübsche Trachten bekommen habe. Hierdurch kam sie auf ihre in Plassans verlebte Jugend zu sprechen. Sie sei niemals hinter den Männern her gewesen; es langweile sie; als sie Lantier mit vierzehn Jahren genommen, habe sie es hübsch gefunden, daß er sich ihren Mann genannt und sie geglaubt habe, sie spielten zusammen Ehewirtschaft. Ihr einziger Fehler, versicherte sie, sei, zu gefühlvoll zu sein, alle Welt lieb zu haben und sich für Leute zu erwärmen, die ihr hernach tausend Ungelegenheiten machten. Wenn sie daher einen Mann liebe, denke sie dabei an keine Dummheiten, ihr Traum sei immer, zusammen zu leben und glücklich zu sein. Als Coupeau scherzte und von ihren beiden Kindern sprach, die sie doch gewiß nicht unter ihrem Kopfkissen ausgebrütet habe, gab sie ihm einen Klaps auf die Hand und fügte hinzu, sie sei wohl ebenso gemacht wie alle anderen Frauen; aber es sei unrecht zu glauben, daß die Frauen so sehr hinter solchen Dingen her seien; die Frauen dächten an ihre Wirtschaft, sie arbeiteten sich im Hause zuschanden und legten sich des Abends zu ermüdet nieder, um sogleich einzuschlafen. Sie gleiche übrigens ihrer Mutter, einer tüchtigen Arbeiterin, die sich aufgerieben habe, weil sie dem Vater Macquart mehr denn zwanzig Jahre als Lasttier gedient habe. Sie sei nur schmächtig, indes ihre Mutter habe Schultern gehabt, Türen einzurennen; aber das hindere nicht, daß sie ihr gleiche in der Sucht, sich an Leute anzuschließen. Wenn sie ein wenig hinke, so habe sie auch das von der braven Frau, die der Vater Macquart mit Schlägen traktiert habe. Wohl hundertmal habe ihr diese erzählt von den Nächten, in denen der Vater betrunken heimgekehrt sei und sich dann von einer so rohen Zärtlichkeit gezeigt habe, daß er ihr fast die Glieder zerbrochen; sicherlich verdanke sie einer dieser Nächte ihr Dasein und ihr hinkendes Bein. »Oh! das ist ja fast gar nichts, das sieht man ja kaum!« sagte Coupeau, um sich angenehm zu machen. Sie schüttelte den Kopf. Sie wisse wohl, daß man es sähe; mit vierzig Jahren werde sie zusammenbrechen. Dann sagte sie freundlich mit leichtem Lächeln: »Es ist doch ein sonderbarer Geschmack von Euch, eine Lahme zu lieben!« Er hatte noch immer die Ellenbogen auf dem Tische und näherte ihr sein Gesicht noch mehr; er sagte ihr Artigkeiten in gewagten Worten, um sie zu berauschen. Aber sie schüttelte immer mit dem Kopf, ohne in Versuchung zu kommen, obgleich ihr diese zärtliche Stimme wohl tat. Sie hörte zu, während ihre Blicke draußen umherschweiften, sie schien sich wieder für die stets wachsende Menge zu interessieren. Jetzt fegte man in den leeren Läden; die Hökerin nahm die letzte Pfanne mit Bratkartoffeln herein, während der Wursthändler seine in Unordnung geratenen Schüsseln auf seinem Ladentisch wieder einreihte. Aus allen Garküchen kamen Trupps von Arbeitern, bärtige Burschen stießen sich und teilten Klapse aus, wie Straßenjungen amüsierten sie sich über den Lärm, den ihre nägelbeschlagenen groben Schuhe machten, wenn sie auf dem Pflaster schlidderten; andere rauchten mit nachdenklicher Miene, die Hände tief in ihre Taschen geschoben, die müden Augen halb geschlossen. Das war eine Überflutung von Menschen auf dem Bürgersteig und dem Fahrweg, selbst den Rinnsteinen; wie eine träge Flut strömte es aus den geöffneten Türen und steckte zwischen den Wagen, ein langer Zug von blauen und schwarzen Blusen, oder von alten Überziehern, die ganz ausgeblaßt und farblos erschienen bei dem Quell blonden Lichts, der sich über die Straße ergoß. In der Ferne ertönten die Glocken der Fabriken; doch die Arbeiter beeilten sich nicht, sie steckten noch einmal ihre Pfeifen an, ehe sie sich entschlossen, mit gekrümmtem Rücken und sich von einer Weinschenke zur anderen abrufend, mit schleppenden Schritten den Weg zur Werkstatt zu nehmen. Gervaise belustigte sich damit, drei Arbeiter, einen größeren und zwei kleinere, zu beobachten, die sich alle zehn Schritte umdrehten; schließlich kamen sie die Straße herab und schritten gerade auf den »Totschläger« des Vater Colombe los. »Ei, sieh da!« murmelte sie, »da kommen drei, die gewiß keine Lust zur Arbeit haben.« »Sieh,« sagte Coupeau, »ich kenne den Großen, »das ist Mes-Bottes, ein Kamerad von mir.« Der »Totschläger« hatte sich ganz gefüllt. Man sprach sehr laut, einzelne Stimmen übertönten das allgemeine heisere Gemurmel. Hin und wieder ließen Faustschläge auf den Ladentisch die Gläser klirren. Alle standen, die Hände über dem Bauch oder hinter dem Rücken ineinandergeschlagen. Die Trinker bildeten kleine Gruppen und standen gedrängt einer neben dem anderen; ganze Gesellschaften waren da neben den Fässern, die wohl eine Viertelstunde warten mußten, ehe sie beim Vater Colombe ihr Getränk bestellen konnten. »Was! ist das nicht der Stutzer Cadet-Cassis?« schrie Mes-Bottes und versetzte Coupeau einen tüchtigen Schlag auf die Schulter. »Ein niedliches Herrchen, raucht Papier und trägt Wäsche! ... Das schwänzelt um seine Liebste und bezahlt ihr Süßigkeiten!« »Hol dich der Teufel!« antwortete Coupeau wütend. Aber der andere höhnte: »Laß nur gut sein! Wir wissen schon Bescheid, mein Bester ... Flegel bleibt Flegel!« Er wandte dem Paar den Rücken, nachdem er Gervaise unverschämt angeglotzt hatte. Diese lehnte sich erschrocken zurück. Der Rauch der Pfeifen, der starke Geruch all dieser Männer erfüllte die alkoholgeschwängerte Luft, nahm ihr den Atem und machte sie husten. »Wie häßlich ist doch das Trinken!« sagte sie leise. Sie erzählte, daß auch sie früher in Plassans mit ihrer Mutter Anisette getrunken hatte. Aber eines Tages sei ihr zum Sterben übel darnach geworden, und seitdem habe sie einen Ekel vor dem Trinken; sie könne keinen Likör mehr sehen. »Sehen Sie,« fügte sie hinzu, indem sie auf ihr Glas zeigte, »ich habe meine Pflaume gegessen, aber ich werde die Soße zurücklassen, weil mir darnach übel würde.« Coupeau seinerseits verstand auch nicht, wie man Branntwein gläserweise hinabstürzen könne. Hie und da eine Pflaume, das sei nicht schlimm. Aber Vitriol, Absinth und die anderen Schweinereien, damit solle ihm keiner kommen. Er lasse es ruhig über sich ergehen, wenn ihn die Kameraden höhnten, er bleibe hübsch an der Tür, wenn die Schreier in Schnapskneipen gingen. Der Papa Coupeau, der wie er Zinkarbeiter gewesen, habe sich an einem solchen Sauftage den Kopf auf dem Pflaster zerschmettert, denn er sei von der Dachrinne des Hauses Nr. 25 in der Coquenard-Straße abgestürzt; diese Erinnerung in ihrer Familie mache sie alle nüchtern. Wenn er durch die Coquenard-Straße gehe und die Stelle sehe, wolle er lieber Rinnsteinwasser trinken als umsonst ein Glas in einer Weinschenke. Er schloß mit den Worten: »Bei unserm Handwerk muß man fest auf seinen Füßen stehen.« Gervaise hatte ihren Korb wieder ergriffen. Sie stand indessen noch nicht auf, sondern hielt ihn auf ihren Knien; mit verlorenen Blicken träumte sie, als ob die Worte des jungen Arbeiters die Erinnerung an verflossene Zeiten in ihr wachgerufen hätten. Langsam ohne merklichen Übergang sagte sie noch: »Mein Gott, ich bin nicht ehrgeizig, ich verlange nicht viel ... Mein Ideal wäre es, ruhig zu arbeiten, immer Brot zu haben, ein reinliches Kämmerchen zum Schlafen, Ihr wißt wohl, ein Bett, einen Tisch und zwei Stühle, nicht mehr ... Ah! ich möchte auch meine Kinder erziehen und gute Menschen aus ihnen machen, wenn es möglich wäre ... Ich hätte noch ein Ideal und das ist, nicht geschlagen zu werden, wenn ich mich je wieder mit jemandem zusammentäte; nein, das könnte mir nicht passen, geschlagen zu werden. Das ist alles, wie Ihr seht, alles ...« Sie zögerte noch, ließ ihre Wünsche an sich vorübergehen und fand nichts mehr, was der Erwähnung wert gewesen wäre. Nach einigem Zaudern fügte sie noch hinzu: »Schließlich könnte man noch wünschen, in seinem eigenen Bette zu sterben ... Wenn ich mein ganzes Leben lang mich matt und müde gearbeitet habe, möchte ich gern in meinem eigenen Bette sterben.« Jetzt erhob sie sich. Coupeau, der ihre Wünsche durchaus billigte, war schon aufgestanden; er beunruhigte sich wegen der späten Stunde. Aber sie gingen noch nicht gleich fort; sie wollte gern noch dorthin gehen, wo hinter dem eichenen Schranke der große, rotkupferne Destillator auf dem kleinen glasüberdeckten Hofe arbeitete. Der Zinkarbeiter war ihr gefolgt und erklärte ihr, wie alles ineinandergriff, indem er mit dem Finger die verschiedenen Teile des Apparates bezeichnete; besonders zeigte er ihr die ungeheure Retorte, aus der ein dünner, durchsichtiger Strahl von Alkohol herniederfloß. Der Destillierapparat mit seinen seltsam geformten Aufsaugern, seinen mannigfach verschnörkelten Röhren hatte ein düsteres Aussehen. Nicht ein Wölkchen Dampf entwich, kaum daß man ein unterirdisches Geräusch hörte; es war, als ob hier am hellen Tage von einem düsteren, mächtigen und schweigsamen Gesellen ein Geschäft der Nacht verrichtet werde. Mittlerweile war auch Mes-Bottes mit seinen beiden Kameraden herangekommen; auf die Eichenholz-Schranke gelehnt, warteten sie, bis eine Ecke des Schanktisches freigeworden sei. Das Lachen dieses Mannes klang wie das Knarren einer schlecht geschmierten Winde, er schüttelte leise den Kopf, und seine schwimmenden Augen betrachteten den Apparat, der so manchen Rausch erzeugen konnte. Himmeldonnerwetter! Das war ein nettes Ding! In dem großen Kupferkessel war genug, um sich die Kehle acht Tage frisch zu halten. Er möchte wohl, daß man ihm das Ende der Röhre zwischen die Zähne löte, damit er fühle, wie ihm der warme Branntwein hineinfließe und ihn anfülle bis zum Überlaufen, immerfort, wie ein kleiner Bach. Verdammt noch eins! Das sei ihm nicht so unlieb, das sei doch einmal etwas anderes als die Fingerhüte, die dieser rotbärtige Vater Colombe immer einschenke! Die Kameraden lachten und sagten, dieses Vieh, der Mes-Bottes, habe ein schnurriges Maulwerk. Indes arbeitete der Apparat unaufhörlich weiter, dumpf, ohne Flamme, ohne ein lustiges Blitzen; im stumpfen Widerschein seiner kupfernen Behälter ließ er seinen Alkoholschweiß von sich fließen wie eine langsam, aber stetig rinnende Quelle, die den Saal erfüllen, sich über die äußeren Boulevards ausbreiten mußte, um schließlich das ganze ungeheure Loch Paris zu überschwemmen. Gervaise erfaßte ein Schauder, sie wich zurück, murmelte mit einem Versuch zu lächeln: »Es ist dumm, aber diese Maschine macht mich schaudern ... Das Trinken verursacht mir einen Schüttelfrost.« Plötzlich kam sie auf den Gedanken zurück, den sie von vollendeter Glückseligkeit hegte und sagte: »Nicht wahr? es ist doch besser, arbeiten, Brot essen, sein Nest für sich haben, seine Kinder erziehen und in seinem Bette sterben ...« »Und nicht geschlagen werden!« fügte Coupeau lustig hinzu. »Aber ich würde Euch ja nicht schlagen, Madame Gervaise ... Ihr braucht keine Furcht zu haben, ich trinke niemals, dazu habe ich Euch viel zu lieb ... Nicht wahr? heut abend darf ich zu Euch kommen, da wollen wir uns die Füße wärmen!« Er hatte die Stimme gesenkt und sprach ihr ins Ohr, während sie sich mit ihrem Korbe voran einen Weg durch all diese Männer bahnte. Aber sie schüttelte immer wieder verneinend den Kopf. Dennoch blickte sie lächelnd zu ihm zurück, sie schien glücklich in dem Gedanken, daß er nicht trinke. Sicherlich hätte sie ja gesagt, wenn sie sich nicht zugeschworen hätte, sich nicht wieder mit einem Manne zusammenzutun. Endlich erreichten sie die Tür und gingen hinaus. Hinter ihnen blieb der »Totschläger« voll; bis auf die Straße hinaus hörte man die heiseren Stimmen seiner Insassen und roch den Likörgeruch, der von ihnen ausging. Man hörte Mes-Bottes, wie er den Vater Colombe einen Schuft nannte, der ihm sein Glas nur zur Hälfte gefüllt habe. Er sei ein gutmütiger Kauz, auf dem alle herumtrampelten, aber der Affe solle ihn lausen, wenn er noch einmal in den Kasten zurückkehre; er hätte heute keine Lust zum Arbeiten. Er schlug seinen beiden Kameraden vor, mit ihm ins » Hustende Männchen « zu gehen, das sei eine Kneipe an der Zollgrenze Saint-Denis, wo man den Schnaps unverfälscht und unverwässert bekomme. »Wie man aufatmet,« sagte Gervaise, als sie auf dem Bürgersteige war. »Leben Sie wohl und schönen Dank, Herr Coupeau!... Ich mache jetzt schnell, daß ich weiter komme.« Sie wollte sich dem Boulevard zuwenden. Er aber hatte ihre Hand ergriffen, die er nicht fahren ließ, und sagte: »Macht doch mit mir den kleinen Umweg durch die Goldtropfengasse, das wird Euch kaum aufhalten... Ich muß zu meiner Schwester gehen, ehe ich auf den Bauplatz zurückkehre... Begleitet mich!« Sie ging auf seinen Vorschlag ein, und so stiegen sie langsam die Fischerstraße hinauf; sie gingen nebeneinander, ohne daß er ihr den Arm gereicht hätte. Er erzählte ihr von seiner Familie. Seine Mutter, die Mama Coupeau, sei eine frühere Strickerin, die aber jetzt ihrer immer schwächer werdenden Augen halber als Aufwartefrau arbeite; sie sei am Dritten des vergangenen Monats zweiundsechzig Jahre alt geworden. Er sei der Jüngste von seinen Geschwistern. Eine seiner Schwestern, Madame Lerat, eine Witwe von sechsunddreißig Jahren, sei Blumenmacherin und wohne in Batignolles in der Mönchstraße. Die andere Schwester, die jetzt dreißig Jahre alt sei, habe einen Kettenmacher geheiratet, den immer mürrischen Lorilleux. Dahin gehe er jetzt, in die Goldtropfengasse. Seine Schwester wohne in dem großen Hause linker Hand. Für gewöhnlich esse er des Abends bei den Lorilleuxs, das sei für sie alle drei eine Ersparnis. Heute gehe er dahin, um zu sagen, daß man ihn nicht erwarten solle, weil er von einem Freunde eingeladen sei. Gervaise, die ihm zuhörte, schnitt ihm plötzlich das Wort ab, um ihn mit lächelnder Miene zu fragen: »Ihr heißt also Cadet-Cassis, Anmerk. des Übersetzers : Cassis heißt die schwarze Johannisbeere. Herr Coupeau?« »Oh!« antwortete er, »das ist ein Spitzname, den die Kameraden mir gegeben haben, weil ich gewöhnlich Johannisbeerschnaps nehme, wenn sie mich mit Gewalt zu einer Branntweinschenke führen... Es ist doch noch immer ebensogut, Cadet-Cassis als Mes-Bottes zu heißen, nicht wahr?« »Oh! sicherlich, Cadet-Cassis ist nicht häßlich,« erklärte die junge Frau. Sie fragte ihn nach seiner Arbeit. Er sagte, daß er immer dort hinter der Stadtmauer an dem neuen Krankenhause arbeitete. An Arbeit fehlt es nicht, er würde sicherlich in diesem Jahre den Bauplatz nicht mehr verlassen. Es seien noch viele, viele Meter Dachrinnen zu machen. »Ihr wißt doch,« sagte er, »daß ich das Hotel ›Zum guten Herzen‹ sehen kann, wenn ich da oben bin... Gestern waret Ihr am Fenster, ich habe mit den Armen Zeichen gemacht, aber Ihr habt mich nicht bemerkt.« Mittlerweile waren sie schon beinahe hundert Schritte in der Goldtropfengasse hinaufgegangen, als er stillstand und in die Höhe sah. »Hier ist das Haus!« sagte er. »Ich bin etwas weiter hinauf in Nummer zweiundzwanzig geboren... Es ist ein hübsches Stück Mauerwerk, dieses Haus. Drinnen ist es geräumig wie eine Kaserne.« Gervaise erhob den Kopf und warf einen prüfenden Blick auf die Vorderseite. Nach der Straße zu hatte das Haus fünf Stockwerke, deren jedes fünfzehn Fenster zeigte, die schwarzen Fensterläden mit ihren zerbrochenen Einsätzen gaben diesem ungeheuren Gemäuer das Aussehen einer Ruine. Unten befanden sich zu ebener Erde vier Läden: rechts vom Torweg der große Saal einer fetttriefenden Garküche; zur Linken ein Kohlenhändler, ein Krämer und ein Schirmladen. Das Haus wirkte um so mächtiger, als es sich zwischen zwei kleinen Baulichkeiten befand, die in ihrer Armseligkeit wie darangeklebt aussahen; gleich einem viereckigen Block roh zusammengerührten Mörtels, der unter dem Einfluß des Regens fault und zerbröckelt, hob es sich gegen den lichten Himmel ab; dieser ungeheure Würfel überragte die Dächer der Nachbarhäuser mit seinen unverputzten Seitenwänden, deren schmutzige Farbe und trostlose Nacktheit an Gefängnismauern erinnerte; die für den Anbau von Nebenhäusern berechneten Verzahnungen glichen lückenhaften Kiefern, die ins Leere gähnten. Gervaise betrachtete besonders die Einfahrt; es war ein ungeheures rundes Tor, das bis zum zweiten Stockwerk ging und im Hause gleichsam eine tiefe Halle bildete, an deren anderem Ende man das von einem großen Hofe kommende bleiche Tageslicht sah. Inmitten dieser Halle, die wie die Straße gepflastert war, befand sich ein Rinnstein, in welchem rosafarbenes Wasser floß. »Tretet doch näher!« sagte Coupeau, »es wird Euch niemand etwas tun!« Gervaise wollte ihn auf der Straße erwarten. Indessen konnte sie doch der Lust nicht widerstehen, in den Torweg einzutreten und bis zum Pförtnerfenster zu gehen, das an der rechten Seite lag. Hier auf dem Flur blickte sie wieder um sich. Im Innern zeigte der Hof sechs Stockwerke, vier regelmäßige Mauern schlossen das weite Viereck ein. Es waren graue Mauern, auf denen ein gelbliches Moos wucherte; durch das Abtropfen des Regens vom Dache waren auf den ganz glatten Mauern lange Streifen entstanden, welche, da kein Vorsprung sie hinderte, vom Dach bis auf das Pflaster gingen; nur die Rinnen, die an jedem Stockwerk ein Knie machten, wo ein bleierner Ausgußkasten mit ihnen verbunden war, unterbrachen durch die Flecke, die ihr rostendes Metall auf den Mauern entstehen ließ, die Eintönigkeit des Aussehens. Die Fenster, denen hier die Läden fehlten, zeigten ihre nackten, bläulich-grünen Scheiben. In einzelnen, die geöffnet waren, lagen blaukarrierte Matratzen zum Lüften; vor anderen war auf gespannten Stricken Wäsche zum Trocknen aufgehängt, die ganze Musterkarte eines Haushalts, Männerhemden, Frauenjacken und Knabenhöschen; an einem Fenster im dritten Stock trocknete ein Kinderbett, das ganz beschmutzt war. Von oben bis unten schienen die zu engen Wohnungen zu platzen, und zu allen Ritzen guckten die Fetzen des Elendes hervor, das in ihnen herrschte. Unten war an jeder Seite des Hofes ein hoher, schmaler Eingang ohne Holzverkleidung, ein einfaches Loch in der nackten Mauer; durch jede dieser Öffnungen gelangte man auf eine Art Flur, auf dem sich eine Treppe mit eisernem Geländer befand, deren schmutzige Stufen sich nach oben wandten; man zählte vier solcher Treppenaufgänge, die durch die ersten Buchstaben des Alphabets auf der Mauer bezeichnet waren. Im Erdgeschoß waren große Werkstätten eingerichtet mit riesigen, staubgeschwärzten Fenstern: da brannte das Schmiedefeuer eines Schlossers; von weitem hörte man das Hobeln von Tischlern, während neben dem Pförtnerzimmerchen aus einer Färberei der Bach rosenfarbenen Wassers hervorquoll, der den Rinnstein unter dem Torbogen entlang floß. Dieser Hof, auf dem Pfützen farbigen Wassers mit Hobelspänen und Kohlenschlacken abwechselten, an dessen Seiten aus dem schadhaften Pflaster Gras emporwucherte, erschien in grellem Lichte gleichsam in zwei Teile geschnitten durch die Linie, die der Sonnenschein hervorbrachte. Auf der Schattenseite, um den Brunnen, dessen tropfender Mund die Umgebung stets feucht erhielt, pickten drei kleine Hühner auf dem Boden herum, sie suchten mit ihren scharrenden Füßen nach Regenwürmern. Gervaise ließ ihre Blicke langsam vom sechsten Stock bis zur Erde und wieder hinaufschweifen, überrascht von dieser ungeheuren Größe; sie fühlte sich gleichsam im Innern eines lebenden Wesens, im Herzen einer Stadt, dieses Haus beschäftigte ihre Phantasie so lebhaft, als ob sie eine Riesin vor sich habe. »Zu wem wünscht Madame?« rief die aufmerksame Pförtnersfrau, die in der Tür ihrer Loge erschien. Die junge Frau sagte, daß sie jemanden erwarte. Sie hatte sich der Straße wieder zugewandt, doch da Coupeau immer noch nicht kam, konnte sie der Lust nicht widerstehen zurückzukehren, um noch einmal das Haus zu betrachten. Es erschien ihr nicht häßlich. Trotz aller Fetzen, die aus den Fenstern hingen, sah sie auch freundliche Stellen: eine Levkoje blühte in einem Topf, aus einem Zeisigkäfig ertönte ein Gezwitscher, Rasierspiegel, die an den Fenstern hingen, warfen Sonnenblitze in die tiefen Schatten der Zimmer. Unten begleitete ein Tischler das regelmäßige Pfeifen seines Glatthobels mit Gesang, während in der Schlosserwerkstatt das Geräusch der gleichmäßig niederfallenden Hämmer ein lautes, helltönendes Klingen erzeugte. An allen geöffneten Fensterflügeln, die einen Einblick in mancherlei Elend gestatteten, waren Kinder, die ihre schmutzigen, lachenden Köpfe zeigten; Frauen nähten, ruhig auf ihre Arbeit niedergebeugt. Es war der Wiederbeginn der Tätigkeit nach dem Frühstück; die Zimmer der Männer, die außen arbeiteten, waren leer; auf das Haus hatte sich jene große friedliche Ruhe gesenkt, die nur durch das gleichmäßige Geräusch der Handwerkstätigkeit und das Gesumme eines immer wiederkehrenden Kehrreims unterbrochen wird. Der Hof war ein wenig feucht. Wenn Gervaise dort hätte wohnen sollen, würde sie eine Wohnung nach der Sonnenseite zu gewünscht haben. Sie war fünf bis sechs Schritte vorwärts gegangen und atmete den fauligen Geruch der Wohnungen armer Leute ein, den Duft von altem Staub und ranzigem Schmutz; da aber die Schärfe des Wassers aus der Färberei diese Gerüche überdeckte, fand sie, daß es hier lange nicht so schlecht rieche als im Hotel »Zum guten Herzen«. Sie wählte schon ihr Fenster aus, es war ein Fenster in einem Winkel zur Linken, wo in einem kleinen Kasten Bohnen gepflanzt waren, deren zarte Schößlinge anfingen, sich an Fäden in die Höhe zu ranken. »Ich habe Euch warten lassen, nicht wahr?« sagte Coupeau, den sie plötzlich neben sich hörte. »Das ist immer eine Geschichte, wenn ich einmal nicht bei ihnen esse, besonders heute, wo meine Schwester Kalbfleisch gekauft hat.« Da sie vor Überraschung ein wenig zitterte, ließ auch er seine Blicke umherschweifen und fuhr fort: »Ihr habt Euch das Haus angesehen. Es ist immer von oben bis unten vermietet. Ich glaube, es sind hier an dreihundert Mieter. Wenn ich Möbel gehabt hätte, so möchte ich wohl ein kleines Stübchen hier haben ... Man wäre hier gut aufgehoben, nicht wahr?« »Ja, hier wäre man gut aufgehoben«, murmelte Gervaise. »In Plassans war unsere Straße nicht so dicht bewohnt ... Seht doch! Wie hübsch ist das Fenster im fünften Stock mit den Bohnen!« Eigensinnig, wie er war, fragte er sie noch einmal, ob sie wolle. Sobald sie ein Bett hätten, könnten sie dort mieten. Sie wich ihm aus und ging schnell unter den Torweg, dort bat sie ihn, er möge doch seine Dummheiten nicht wieder anfangen. Eher werde wohl das Haus einstürzen, als sie unter derselben Bettdecke mit ihm schlafe. Als Coupeau sie vor dem Wäscheladen der Madame Fauconnier verließ, durfte er einen Augenblick ihre Hand in der seinigen halten, die sie ihm in aller Freundschaft überließ. Einen ganzen Monat hindurch dauerten die guten Beziehungen zwischen der jungen Frau und dem Zinkarbeiter fort. Er fand sie sehr brav, wenn er sah, wie sie sich zu Tode arbeitete; sie pflegte die Kinder und hatte des Abends noch Zeit übrig, allerlei Lappen zurechtzunähen. Gemeiniglich seien die Frauen nicht sauber, schwärmten die Nächte durch und seien schwatzhaft; aber beim Himmel! So eine sei sie nicht, sie nehme das Leben zu sehr von der ernsten Seite! Dazu lachte sie und verteidigte sich bescheiden. Zu ihrem Unglück sei sie nicht immer so vernünftig gewesen. Sie spielte auf ihre ersten Niederkünfte seit ihrem vierzehnten Jahre an; sie erwähnte die Liter Anisette, die sie früher mit ihrer Mutter geleert hatte. Die Erfahrung habe sie ein wenig gebessert, das sei alles. Man habe unrecht, ihr große Charakterfestigkeit zuzutrauen; sie sei im Gegenteil sehr schwach, sie gehe dahin, wo man sie hinstoße, schon aus Furcht, irgend jemandem wehe zu tun. Ihr Traum sei, in guter Gesellschaft zu leben, denn schlechte Gesellschaft, sagte sie, sei wie ein Schlag über den Kopf; es breche einem den Schädel, bringe eine Frau herunter, daß auch nichts mehr an ihr sei. Kalter Schweiß überriesele sie, wenn sie an die Zukunft denke. Sie verglich sich mit einem Sou, den man in die Luft geworfen und der nun entweder mit Kopf oder Schrift nach oben herniederfallen könne je nach den Zufälligkeiten des Pflasters. Alles, was sie schon gesehen habe, besonders die schlechten Beispiele, die sie schon in ihrer Kindheit vor Augen gehabt habe, alles sei für sie eine gute Lehre gewesen. Aber Coupeau scherzte mit ihr über ihre düsteren Gedanken und versuchte es, sie um die Taille zu fassen; dann stieß sie ihn zurück und schlug ihm auf die Hände; er rief dann lachend, daß sie für eine schwache Frau nicht die angenehmsten Umgangsformen habe. Er sei ein Bruder Lustig und mache sich keine Sorgen um die Zukunft. Ein Tag bringe den anderen, ei der Tausend! Ein Nest und ein wenig Brot werde man schon immer haben. Das Stadtviertel erscheine ihm ganz annehmbar, abgerechnet die Hälfte der Trunkenbolde, von denen man die Rinnsteine säubern könne. Er war kein schlechter Kerl, sprach sogar manchmal recht verständig, war ein wenig stutzerhaft, sein Scheitel war immer sehr sorgfältig gezogen, er trug hübsche Halstücher und für den Sonntag lackierte Schuhe. Mit alledem verband er die Geschicklichkeit und Unverschämtheit eines Affen, die schwatzhafte Spaßhaftigkeit des Pariser Arbeiters, die sehr gut zu seinem noch jugendlichen Aussehen paßte. Nach und nach erwiesen sie einander eine Menge Gefälligkeiten. Coupeau holte ihr Milch, besorgte ihre Gänge und trug ihre Wäschebündel; da er oft des Abends zuerst von der Arbeit kam, führte er die Kinder auf den äußeren Boulevards spazieren. Um ihm seine Freundlichkeiten zu erwidern, stieg Gervaise unter das Dach hinauf in die enge Kammer, wo er schlief, untersuchte dort seine Garderobe, setzte Knöpfe an seine Röcke und besserte seine Leinwandwesten aus. So entwickelte sich zwischen ihnen eine große Vertraulichkeit. Sie langweilte sich nicht einen Augenblick, wenn er da war, die Geschichten, die er ihr zutrug, dieser ewige Klatsch der Pariser Vorstädte, der für sie noch den Reiz der Neuzeit hatte, amüsierten sie sehr. Durch dieses fortwährende Zusammensein flammte er immer mehr auf. Er hatte angebissen und saß fest. Es war ihm schließlich unbequem. Er lachte zwar noch immer, aber innerlich war ihm nicht wohl dabei zumute, er fühlte sich so beklommen, daß ihm dieser Zustand unerträglich erschien. Was sie seine Dummheiten nannte, hörte nicht auf; wo er sie traf, rief er ihr entgegen: »Wann wird es sein?« Sie wußte, was er damit sagen wollte, und versprach ihm die Sache für die Zeit, wo Ostern und Pfingsten auf einen Tag fallen würden. Dann quälte er sie, er kam zu ihr mit seinen Morgenschuhen in der Hand, als ob er zu ihr ziehen wolle. Sie machte sich über ihn lustig und vermochte es über sich, während eines ganzen Tages nicht einmal zu erröten über die fortwährenden verliebten Anspielungen, die er stets in seine Unterhaltung flocht. Vorausgesetzt, daß er nicht handgreiflich werde, gestattete sie ihm alles. Nur einmal geriet sie in Zorn, als er ihr eines Tages mit Gewalt einen Kuß rauben wollte und ihr dabei eine kleine Haarlocke ausriß. Gegen Ende des Monats Juni verlor Coupeau seine gute Laune. Er wurde ganz eigentümlich. Gervaise verbarrikadierte sich während der Nacht, weil gewisse Blicke sie beunruhigten. Nach einer kleinen Verstimmung, die von Sonntag bis Dienstag gedauert hatte, klopfte er plötzlich Dienstag abend gegen elf Uhr bei ihr an. Sie wollte ihm nicht öffnen, aber er bat mit so sanfter, zitternder Stimme, daß sie schließlich die Kommode zurückschob, die sie vor die Tür gestellt hatte. Als er eingetreten war, glaubte sie, daß er krank sei, so blaß war sein Aussehen, seine Augen waren gerötet und sein Gesicht verzerrt. Er blieb vor ihr stehen und schüttelte stotternd mit dem Kopfe. Nein, nein, er sei nicht krank. Seit zwei Stunden weine er dort oben in seinem Zimmer, er weine wie ein Kind und beiße in sein Kopfkissen, damit die Nachbarn ihn nicht hörten. Drei Nächte habe er nun schon nicht mehr geschlafen. Das könne so nicht weiter fortgehen. »Hören Sie, Madame Gervaise,« sagte er mit zugeschnürter Kehle, die von neuem ausbrechenden Tränen kaum zurückhaltend, »wir müssen ein Ende machen, nicht wahr? ... Wir werden uns heiraten. Ja, ich will und bin dazu entschlossen.« Gervaise zeigte sich sehr überrascht, sie war sehr ernst. »Herr Coupeau,« murmelte sie, »wie seid Ihr nur darauf gekommen? Ich habe es niemals von Euch verlangt, Ihr wißt es wohl ... Das kam mir nicht zu ... Nein, nein! Die Sache ist ernsthaft, überlegt sie Euch bitte!« Er schüttelte immer noch mit dem Kopfe, seine Mienen zeigten eine unerschütterliche Entschlossenheit. Es sei alles wohl überlegt. Er sei herabgekommen, weil er endlich einmal eine Nacht schlafen müsse. Sie werde ihn doch nicht weinend wieder fortgehen lassen. Von dem Augenblick an, wo sie Ja gesagt habe, wolle er sie auch nicht länger quälen, sie könne sich dann ruhig wieder niederlegen. Er wolle nur hören, ob sie Ja sagte. Morgen könne man dann alles besprechen. »Sicherlich werde ich nicht so ohne weiteres Ja sagen«, erwiderte Gervaise. »Ich will nicht, daß Ihr mir später einmal vorwerft, ich hätte Euch dazu getrieben, eine Dummheit zu machen ... Seht, mein lieber Coupeau, Ihr habt unrecht, so eigensinnig darauf zu bestehen. Ihr selbst wißt noch nicht recht, was Ihr für mich empfindet. Wenn Ihr mich acht Tage nicht zu sehen bekämet, wette ich, daß Ihr mich vergeßt. Wie oft verheiraten sich nicht die Männer für eine Nacht, die erste; aber dann folgen Nacht auf Nacht, Tag auf Tag, ein ganzes Leben hindurch bittere Enttäuschungen ... Setzt Euer dort nieder, laßt uns gleich über alles sprechen.« Bis ein Uhr morgens saßen sie in dem rauchgeschwärzten Zimmer, bei dem blakigen Licht einer Talgkerze, die sie zu schnäuzen vergaßen, und besprachen ihre Heirat. Sie dämpften ihre Stimmen, um Claude und Etienne nicht zu wecken, die ruhig atmend auf demselben Kissen schliefen. Immer wieder sprach Gervaise von ihnen und zeigte sie Coupeau; es sei eine drollige Mitgift, die sie ihm dazubringe, sie könne ihm doch nicht eine solche Last, wie die beiden Bälge, aufbürden. Sie schäme sich vor ihm. Was werde man im Quartier dazu sagen? Man habe sie mit ihrem Liebhaber gekannt, man wisse ihre Geschichte; für was müßten die Leute sie halten, wenn sie sähen, wie sie sich nach kaum zwei Monaten heirateten? Für all diese guten Gründe hatte Coupeau nur ein Achselzucken. Er kümmerte sich den Teufel um das Quartier! Er stecke seine Nase nicht in anderer Leute Sachen, er habe zu viel Furcht, sich zu beschmutzen. Nun ja, sie habe Lantier vor ihm gehabt. Was sei dabei Schlimmes? Sie werde kein liederliches Leben führen und Männer in ihren Haushalt bringen, wie es so viele andere und Reichere täten. Was die Kinder anbetreffe, potz tausend! Die würden eben groß werden, man ziehe sie auf. Niemals werde er eine so brave und gute Frau finden, die so viel gute Eigenschaften besitze, wie sie. Übrigens sei das alles nichts, selbst wenn er sie von der Straße hätte auflesen müssen, wenn sie häßlich, liederlich und ekelhaft gewesen wäre, wenn eine Schar schmutziger Kinder an ihr gehangen, in seinen Augen würde es nichts gegolten haben, er wolle sie einmal. »Ja, ich will Euch!« wiederholte er und schlug mit seiner Faust auf seine Knie wie mit einem Hammer. »Hört Ihr wohl, Ihr müßt die Meine werden ... Ich denke, dagegen läßt sich nichts sagen!« Gervaise wurde nach und nach weicher. Eine Schwäche des Herzens und der Sinne bemächtigte sich ihrer gegenüber diesem gewaltsamen Willen, der sie begehrte. Sie wagte nur noch schüchtern einige Einwendungen zu machen, ihre Hände waren schlaff auf ihren Unterrock herabgesunken und ihr Gesicht ganz in Sanftmut getaucht. Von außen sandte durch das halboffene Fenster die schöne Juninacht einen warmen Luftzug herein, welcher das Licht zum Flackern brachte, dessen lange, rotglühende Schnuppe verkohlte. In dem großen Schweigen der schlafenden Vorstadt hörte man nur das Schluchzen eines Trunkenboldes, der auf dem Rücken mitten auf den Boulevards lag; während in weiter Ferne in irgendeinem Restaurant eine Violine eine gemeine Quadrille für eine verspätete Tanzgesellschaft spielte; es war ein leises, helles Klingen, bestimmt und zart, wie eine Melodie auf einer Mundharmonika. Als Coupeau sah, daß die junge Frau mit ihren Einwänden zu Ende war und schweigend vor sich hinlächelte, hatte er ihre Hände ergriffen, er zog sie an sich. Es war eine ihrer schwachen Stunden, gegen die sie selbst so mißtrauisch war; sie hatte ihren eigenen Willen aufgegeben und war zu bewegt, um irgend etwas abzuschlagen und irgend jemandem Pein zu bereiten. Aber der Zinkarbeiter verstand nicht, daß sie sich hingab, er begnügte sich damit, ihre Hände zu drücken, als ob er sie zerquetschen wolle, um sich ihrer ganz zu versichern. Beide seufzten bei dem leisen Schmerz, in dem ihre Zärtlichkeit eine kleine Befriedigung fand. »Nicht wahr, Ihr sagt ja?« fragte er. »Wie Ihr mich quält!« murmelte sie. »Ihr wollt es so? Nun denn, ja ... Mein Gott! Ihr macht vielleicht eine große Dummheit!« Er hatte sich erhoben und ihre Taille umfaßt, ganz aufs Geratewohl drückte er ihr einen heftigen Kuß auf das Gesicht. Als diese Zärtlichkeit ein großes Geräusch machte, war er der erste, welcher sich deshalb beunruhigte, nach Claude und Etienne hinüberblickte, leise auftrat und seine Stimme dämpfte. »Pst! Wir müssen vernünftig sein, um die Kinder nicht aufzuwecken ... Also auf morgen!« So stieg er wieder nach seinem Zimmer hinauf. Gervaise blieb, am ganzen Leibe zitternd, wohl noch eine Stunde auf dem Rande ihres Bettes sitzen, ohne daran zu denken, sich zu entkleiden. Sie war gerührt, sie fand, daß Coupeau sehr ehrenhaft gehandelt habe, denn einen Augenblick hatte sie geglaubt, daß es zu Ende sei, daß er hier schlafen werde. Der Trunkenbold unter dem Fenster stieß heißere Klagetöne wie ein verlaufener Hund aus. In der Ferne hörte die Violine auf zu spielen, welche die Quadrille gespielt hatte. An den folgenden Tagen wollte Coupeau Gervaise dazu veranlassen, mit ihm einen Abend zu seiner Schwester in der Goldtropfengasse hinaufzugehen. Aber die schüchterne junge Frau zeigte eine große Furcht vor diesem Besuche bei den Lorilleux'. Sie bemerkte wohl, daß der Zinkarbeiter eine unbestimmte Scheu vor dem Ehepaar hatte. Er hing nicht von dieser Schwester ab, die nicht einmal die Älteste war. Mutter Coupeau würde ihre Zustimmung aus vollem Herzen geben, denn sie legte ihrem Sohne nie Hindernisse in den Weg. Allein da man wußte, daß Lorilleux' bis zu zehn Franken den Tag verdienten, verdankten sie diesem Umstande ein gewisses Ansehen. Coupeau würde es nicht gewagt haben, sich zu verheiraten, wenn sie nicht vorher seine Frau bei sich aufgenommen hätten. »Ich habe zu ihnen von Euch gesprochen, sie kennen unsere Pläne«, setzte er Gervaise auseinander. »Mein Gott, was seid Ihr für ein Kind! Kommt heute abend ... Ich habe Euch schon angekündigt. Ihr werdet meine Schwester ein wenig schroff finden, auch Lorilleux ist nicht immer der Liebenswürdigste. Eigentlich sind sie sehr ärgerlich, daß ich mich verheirate, da ich dann nicht mehr bei ihnen essen werde; das ist für sie eine Ersparnis weniger. Aber das tut nichts, sie werden Euch nicht den Stuhl vor die Tür setzen ... Ihr müßt es für mich tun, es ist durchaus notwendig.« Diese Worte erschreckten Gervaise noch mehr. Eines Sonnabends gab sie dennoch nach. Coupeau kam um achteinhalb Uhr und holte sie ab. Sie hatte sich fein gemacht, trug ein schwarzes Kleid und einen Schal von Wollmusseline, auf welchen gelbe Palmen gedruckt waren; auf dem Kopfe hatte sie eine kleine Spitzenhaube. Seit den sechs Wochen, die sie arbeitete, hatte sie sich die sieben Franken für den Schal und die zwei Franken fünfzig Centimes für die Haube erspart, das Kleid war alt, aber gereinigt und zurecht gemacht. »Sie erwarten Euch«, sagte ihr Coupeau, während sie durch die Fischerstraße gingen. »Sie fangen schon an, sich mit dem Gedanken auszusöhnen, mich verheiratet zu sehen. Heute abend haben sie sehr liebenswürdige Gesichter aufgesetzt ... Wenn Ihr noch keine goldenen Ketten habt machen sehen, wird es Euch Spaß machen, zuzugucken. Sie haben gerade eine dringende Bestellung für Montag.« »Sie haben Gold bei sich?« fragte Gervaise. »Das will ich meinen! Gold ist da an den Wänden, auf der Erde, überall!« Inzwischen hatten sie den großen Torweg durchschritten und gingen über den Hof. Die Lorilleux' wohnten im sechsten Stock, Treppe B. Coupeau rief ihr lachend zu, das Geländer zu erfassen und nicht wieder loszulassen. Sie sah mit zusammengekniffenen Wimpern nach oben und blickte in den hohen, hohlen Turm, in dem sich die Treppe hinaufwand; drei Gasflammen, die von zwei zu zwei Stockwerken angebracht waren, erleuchteten den Raum; die letzte der Flammen erschien gleich einem zitternden Stern am schwarzen Himmel, während die beiden anderen lange Streiflichter warfen, die von der endlosen Spirale der Treppenstufen seltsam unterbrochen wurden. »Potz tausend!« sagte der Zinkarbeiter, als sie auf dem Flur des ersten Stockwerkes angekommen waren, »das riecht hier hübsch nach Zwiebelsuppe. Sicherlich wird hier Zwiebelsuppe gegessen.« In der Tat war diese graue, schmutzige Treppe B, deren Stufen und Geländer von fettigem Schmutz starrten, mit starken Küchengerüchen erfüllt. Von jedem Flur gingen lange Gänge aus, die ein dumpfer Lärm erfüllte; es öffneten sich die gelben Türen, die um die Schlösser herum von dem Schmutz der Hände geschwärzt waren; in der Höhe der Fenster ging von den bleiernen Ausgußkästen eine übelriechende Feuchtigkeit aus, deren Gestank sich mit dem scharfen Duft der gekochten Zwiebel mischte. Vom Erdgeschoß bis ins sechste Stockwerk hinauf hörte man das Klappern von Geschirr, das Geräusch von dem Herumstochern in eisernen Öfen und dem Abkratzen von Bratpfannen, welche mit dem Löffel gereinigt wurden, ehe man sie abwusch. Im ersten Stockwerk bemerkte Gervaise durch eine halboffene Tür, auf der in großen Buchstaben das Wort »Musterzeichner« geschrieben stand, zwei Männer, die vor einem mit Wachstuch gedeckten, abgeräumten Tisch saßen, in wütender Unterhaltung, umwogt von dem Rauch ihrer Pfeifen. Das zweite und dritte Stockwerk waren ruhiger, hier drang durch die Ritze der Türen nur das Geräusch einer Wiege, die man schaukelte, das erstickte Weinen eines Kindes und die laute Stimme einer Frau, die wie das Murmelgeräusch fließenden Wassers an ihr Ohr schlug, ohne daß sie bestimmte Worte hätte unterscheiden können; auf den an die Türen gehefteten Karten las sie: » Madame Gaudron, Wollkämmerin ,« und weiterhin: » Herr Madinier, Werkstätte für Pappschachteln .« Im vierten Stock prügelte man sich: man hörte ein Stampfen, das den Fußboden erzittern machte, das Umwerfen von Möbeln und einen schrecklichen Lärm von Schlägen und Flüchen, was alles die Nachbarn gegenüber nicht hinderte, bei offener Türe Karten zu spielen, um mehr Luft zu haben. Als sie den fünften Stock erreicht hatten, mußte Gervaise Atem schöpfen, sie war nicht daran gewöhnt, soviel zu steigen; die runden Mauern der Wendeltreppe, der Einblick in die vielen Wohnungen, an denen sie vorbeikam, machten sie schwindlig. Hier versperrte eine Familie den Durchgang; der Vater wusch Teller auf einem kleinen Ofen in der Nähe des Abgusses, während die Mutter, an das Geländer gelehnt, einen Säugling trockenlegte, ehe sie ihn wieder in die Wiege brachte. Coupeau sprach der jungen Frau Mut ein; gleich würden sie oben sein. Als er endlich im sechsten Stock war, wandte er sich lächelnd zurück, um ihr zu helfen. Sie hatte den Kopf erhoben und spähte, wo der Ton einer singenden Stimme herkomme, die sie schon seit der ersten Stufe hörte und die hell und durchdringend die anderen Geräusche übertönte. Sie kam von einer kleinen alten Frau, die unter dem Dache Puppen zu dreizehn Sous anzog. Gervaise sah noch in dem Augenblick, wo ein großes Mädchen mit einem Eimer in ein Zimmer eintrat, ein ungemachtes Bett, in dem ein Mann in Hemdärmeln sich wartend herumsielte; seine Augen starrten nach oben; als die Tür geschlossen war, las man auf einer Visitenkarte, die geschrieben war: » Fräulein Clémence, Plätterin .« Als sie endlich mit müden Beinen und ohne Atem oben angekommen war, hatte sie die Neugierde, sich über das Geländer zu beugen. Jetzt war es die unterste Gasflamme, die wie ein Stern erschien auf dem Grunde dieses sechs Stockwerke tiefen Loches, aus dem die Gerüche und das drohende Brausen des ungeheuren Lebens in dem Hause zu ihr aufstiegen, wie ein heißer Atem, der ihr unruhiges Gesicht traf, das sie dort gleichsam wie über den Rand eines Abgrundes gebeugt hatte. »Wir sind noch nicht da«, sagte Coupeau. »Es ist eine wahre Reise!« Er war links in einen langen Gang hineingegangen. Zweimal wandte er sich, das eine Mal zur Linken, das zweitemal zur Rechten. Der Korridor verlängerte sich mehr und mehr, er teilte sich gabelförmig, verengte sich und wurde immer rissiger und abgenutzter, je tiefer man hineinkam. Eine einzige kleine Gasflamme erleuchtete ihn; und alle Türen, die eine neben der anderen in langer Reihe wie in einem Gefängnis oder einem Kloster einförmig angebracht waren, zeigten, da sie größtenteils weit offen standen, das Innere von Räumen, in denen das Elend und die Arbeit beieinanderwohnten, und die der heiße Juniabend mit einem rauchigen Dampf erfüllte. Zuletzt kamen sie an ein Ende des Ganges, das ganz finster war. »Wir sind da!« sagte der Zinkarbeiter. »Nun aufgepaßt! Haltet Euch rechts an der Wand, es kommen drei Stufen.« Gervaise ging ganz vorsichtig etwa zehn Schritte in der Dunkelheit vorwärts. Sie stolperte und zählte die drei Stufen. Ganz am Ende des Ganges hatte Coupeau eine Tür aufgestoßen, ohne anzuklopfen. Eine plötzliche Helligkeit verbreitete sich über die Schwelle. Sie traten ein. Es war ein unglaublich enger Raum, eine Art von Kammer, die eine Fortsetzung des Ganges zu bilden schien. Ein Vorhang von ausgeblaßtem Wollenzeug, der jetzt zurückgeschlagen war, teilte diese Kammer. Der erste Raum enthielt ein Bett, das unter der mansardenartig geneigten Decke im Winkel stand, einen Ofen, der vom Mittagessen her noch warm war, zwei Stühle, einen Tisch und einen Schrank, von dem man die obere Ausladung hatte abschneiden müssen, damit er zwischen Bett und Tür hineingeklemmt werden konnte. Im zweiten Raum hatte man die Werkstätte hergerichtet: hinten eine kleine Schmiede mit einem Blasebalg; zur Rechten ein an der Wand angebrachter Schraubstock unter einem offenen Schrank, in dem altes eisernes Gerümpel lag; zur Linken, nahe dem Fenster, stand ein kleiner Arbeitstisch, der ganz mit kleinen Zangen, Scheren und Sägen bedeckt war; alles starrte vor Schmutz. »Wir sind es!« rief Coupeau, der bis zu dem Wollenvorhang geschritten war. Man antwortete nicht sogleich. Gervaise war sehr erregt; der Gedanke, daß sie in einen Raum treten sollte, der voller Gold war, machte sie unruhig, sie hielt sich dicht hinter dem Arbeiter, stammelnd und wiederholt mit dem Kopfe grüßend. Die große Helligkeit, die von einer auf dem Arbeitstisch brennenden Lampe und von dem auf der Schmiede glimmenden Kohlenfeuer kam, vermehrte noch ihre Verlegenheit. Endlich sah sie Madame Lorilleux, eine kleine, rothaarige, ziemlich starke Frau, die aus Leibeskräften mit ihren kurzen Armen an einer starken Handhabe einen schwarzen Metalldraht zog, den sie durch die Löcher eines an dem Schraubstock befestigten Locheisens brachte. Vor dem Werktische arbeitete Lorilleux, ebenfalls ein kleiner Mann, der aber in den Schultern schwächer als seine Frau war. Mit der Lebhaftigkeit eines Affen bewegte er zwischen seinen knotigen Fingern so kleine Dinge, daß man außer seinen Zangen nichts davon sah. Der Mann hob zuerst den Kopf, einen Kopf mit spärlichen Haaren, von der gelblichen Blässe alten Wachses, länglich und von leidendem Aussehen. »Ah! Ihr seid es, gut, gut!« murmelte er. »Wir haben es eilig, wie ihr wißt ... Kommt nicht in die Werkstätte, es würde uns aufhalten. Bleibt im Zimmer.« Hierauf nahm er seine feine Arbeit wieder auf, indem er sein Gesicht aufs neue in den grünlichen Widerschein einer mit Wasser gefüllten Glaskugel tauchte, durch welche die Lampe auf seine Arbeit einen runden Fleck scharfen Lichtes warf. »Nimm Stühle!« rief ihrerseits Madame Lorilleux. »Das ist die Dame, nicht wahr? Sehr gut, sehr gut!« Sie hatte den Draht aufgerollt und brachte ihn zur Schmiede, dort fachte sie mit einem großen hölzernen Fächer das Kohlenfeuer an, legte den Draht darauf, um ihn zum Glühen zu bringen, ehe sie ihn durch die Löcher des Zieheisens steckte. Coupeau rückte die Stühle heran und ließ Gervaise in der Nähe des Vorhangs niedersitzen. Das Kämmerchen war so eng, daß er sich nicht neben ihr niederlassen konnte. Er setzte sich etwas zurück und beugte sich nach vorn gegen ihren Nacken, um ihr die Arbeiten zu erklären. Die junge Frau, die über den Empfang der Lorilleux' ganz starr war und sich unter den auf sie gerichteten Seitenblicken unbehaglich fühlte, hatte ein förmliches Sausen vor den Ohren, das ihr das Hören erschwerte. Sie fand die Frau sehr alt für ihre dreißig Jahre; ihre Miene war herb, ihr Aussehen unsauber mit ihren aufgelösten Haaren, die ihr wie ein Kuhschwanz über die zerrissene Nachtjacke herabhingen. Der Gatte, der nur ein Jahr älter war, erschien ihr ein Greis mit seinen boshaft zusammengekniffenen schmalen Lippen; er war in Hemdärmeln, und seine nackten Füße staken in durchlöcherten Pantoffeln. Am meisten überraschte sie die Kleinheit der Werkstätte, der Schmutz an den Wänden, der schlechte rostige Zustand des Handwerkszeugs und all dieser schwarze Schmutz, der sich dort angesammelt hatte und den Raum wie den Laden eines Alteisentrödlers erscheinen ließ. Es war entsetzlich heiß. Dicke Schweißtropfen standen auf dem grünlich beleuchteten Gesichte Lorilleux', während Madame Lorilleux ihre Nachtjacke abgelegt hatte und mit nackten Armen und auf ihren hängenden Brüsten festgeklebtem Hemde weiter arbeitete. »Wo ist denn das Gold?« fragte Gervaise halblaut. Ihre unruhigen Blicke durchforschten alle Ecken und suchten unter dem Schmutz den Glanz, von dem sie geträumt hatte. Coupeau hatte zu lachen angefangen. »Gold?« sagte er; »hier seht doch, und dort, und hier zu Euren Füßen!« Er hatte nacheinander auf den verdünnten Draht, den seine Schwester bearbeitete, auf ein anderes Paket Draht, das wie gewöhnlicher Eisendraht an der Wand, in der Nähe des Schraubstockes, aufgehängt war, gezeigt; hierauf kniete er zur Erde nieder und nahm dort von der Binsendecke, die den Fußboden der Werkstätte bedeckte, ein Abfallstückchen auf, ein Metallkrümchen, welches der Spitze einer verrosteten Nadel glich. Gervaise erschrak. Das sei doch nicht etwa Gold, dieses häßliche schwarze Metall, das wie Eisen aussehe? Er mußte auf das Abfallstückchen beißen und ihr den leuchtenden Einschnitt zeigen, den seine Zähne darauf hervorbrachten. Er fuhr mit seinen Erläuterungen fort: die Arbeitgeber lieferten das Gold als Draht, schon vermischt; die Arbeiter führten den Draht zuerst durch die Zieheisen, um ihm die Dicke zu geben, die sie gerade brauchten; sie wendeten dabei die Vorsicht an, den Draht fünf– bis sechsmal während dieser Arbeit zu erhitzen, damit er nicht abreiße. Es gehöre dazu eine gute Faust und viel Übung. Seine Schwester lasse ihren Mann nicht an die Drahtzieherei heran, weil er huste. Sie habe tüchtige Arme, er habe sie schon das Gold so fein wie Haar ausziehen sehen. Indes überfiel Lorilleux ein so starker Hustenanfall, daß er sich auf seinem Schemel zusammenkrümmte. Mitten im Husten sprach er mit erstickter Stimme, immer ohne Gervaise anzusehen, als ob er nur für sich die Tatsache habe feststellen wollen: »Ich, ich mache die Säule.« Anmerk. des Übersetzers: Eine Art der Gliederung bei goldenen Ketten. Coupeau veranlaßte Gervaise, sich zu erheben. Sie solle sich nur dreist nähern, dann werde sie sehen. Der Kettenmacher stimmte mit einem Brummen ein. Er rollte den von seiner Frau vorbereiteten Draht um einen Zapfen, einen sehr dünnen, stählernen Rundstab. Hierauf durchschnitt er mit einem einzigen Scherenschnitt den aufgewickelten Draht, von dem jede Umdrehung jetzt ein Ringelchen bildete. Hierauf lötete er. Die Ringchen lagen auf einem dicken Stück Holzkohle. Er feuchtete sie mit einem Tropfen Borax an, den er aus dem Boden eines zerbrochenen Glases nahm, das neben ihm stand. Mit großer Schnelligkeit machte er sie an der Lampe unter der horizontalen Flamme des Lötröhrchens rotglühend. Wenn er gegen hundert solcher Gliedchen hatte, begann wieder seine feine Arbeit, indem er auf den Rand eines Pflockes gestützt, der durch die Reibung seiner Hände ganz blank geworden war, die Ringchen mit der Zange bog, länglich machte und dann eines an das andere fügte, indem er vermittelst einer Feile den oberen, schon befestigten Ring öffnete. Alles dies tat er mit unausgesetzter Regelmäßigkeit, die Ringchen folgten einander so schnell, daß die Kette sich unter Gervaises Augen nach und nach verlängerte, ohne daß sie recht wußte, wie es zuging. »Das ist die Säule!« sagte Coupeau. »Man hat die Panzerkette, die Gabelkette, die Kinnkette und die Schnur. Lorilleux macht nur die Säule.« Dieser lächelte befriedigt; während er fortfuhr seine Ringchen zu biegen, die unter seinen schwarzen Fingernägeln unsichtbar waren, rief er: »Höre doch, Cadet-Cassis, ich habe heute morgen eine Rechnung aufgestellt. Ich habe mit zwölf Jahren angefangen, nicht wahr? Weißt du, was für ein Stück Kette ich bis zum heutigen Tage gemacht habe?« Er hob sein blasses Gesicht und blinzelte mit seinen rotgeränderten Augen. »Achttausend Meter! Hörst du? Zwei Meilen ... Was sagst du zu einem Stückchen Kette von zwei Meilen! Das langt, um die Hälse aller Frauenzimmer im ganzen Stadtviertel zu umwickeln ... Und du weißt, das Stück wird noch immer länger. Ich denke, ich werde es noch auf die Länge des Weges von Paris nach Versailles bringen.« Gervaise war wieder zu ihrem Platz zurückgekehrt und hatte sich niedergesetzt. Sie war ernüchtert und fand alles sehr häßlich. Am meisten peinigte sie das Stillschweigen, das man in betreff ihrer Heirat beobachtete. Ohne diese für sie so wichtige Sache wäre sie sicherlich nicht gekommen. Die Lorilleux' fuhren fort, sie als neugierige Besucherin zu behandeln, die Coupeau mitgebracht habe. Als sich doch endlich eine Unterhaltung angebahnt hatte, drehte sie sich lediglich um die Mieter des Hauses. Madame Lorilleux fragte ihren Bruder, ob er nicht beim Heraufkommen gehört habe, wie sich im vierten Stock die Leute schlügen. Diese Bernards prügelten sich täglich; der Mann komme betrunken wie ein Schwein nach Hause, auch die Frau habe viel Schuld, sie schimpfe in ekelhaften Ausdrücken. Dann sprach man von dem Musterzeichner im ersten Stock; der große Lümmel, der Baudequin, sei ein Taugenichts, der mehr Schulden als Haare auf dem Kopfe habe; ewig rauche und gröle er mit den Kameraden. Die Pappschachtelkleisterei von Herrn Madinier liege in den letzten Zügen. Gestern abend habe der Meister wieder zwei Arbeiterinnen entlassen, es sei ein wahrer Segen, wenn er umkippe, denn er esse alles auf und lasse seine Kinder halb nackt herumlaufen. Madame Gaudron nütze noch immer lustig ihre Matratzen ab: sie sei schon wieder schwanger, was doch in ihrem Alter kaum noch anständig sei. Der Wirt habe Coquets im fünften Stock gekündigt; sie seien drei Mietsraten schuldig und hätten sich darauf gesetzt, ihren Kochofen auf dem Treppenflur anzuzünden, obgleich erst am vorigen Sonnabend Fräulein Remanjou, die Alte im sechsten Stock, beim Abliefern ihrer Puppen gerade zurechtgekommen sei, um den kleinen Linguerlot vor dem Verbrennen zu retten. Fräulein Clémence, die Plätterin, führe sich so auf, daß man es gar nicht aussprechen könne, sie sei rein toll auf die Mannsbilder, dabei habe sie ein vortreffliches Herz. Nein, es sei jammerschade, daß ein so hübsches Mädchen mit jedem Kerl gehe! Man werde sie wohl eines schönen Tages aus dem Rinnstein auflesen, das sei sicher. »Da!« sagte Lorilleux zu seiner Frau, indem er ihr eine Kette gab, an der er seit dem Frühstück gearbeitet hatte, »da hast du wieder eine. Du kannst sie fertigmachen.« Dann fügte er mit der Beharrlichkeit eines Menschen, der einen Scherz gern zu Tode hetzt, hinzu: »Noch vier und einen halben Fuß. – Das bringt mich Versailles immer näher.« Madame Lorilleux erhitzte die Kette und ließ sie dann durch ein Loch des Zieheisens gehen, um sie ganz gleichmäßig zu machen. Dann legte sie die Kette in eine kleine Kupferschüssel mit langem Stiel, die verdünntes Scheidewasser enthielt, und reinigte sie so am Feuer der Schmiede. Gervaise mußte, von Coupeau aufmerksam gemacht, auch dieser letzten Hantierung zusehen. Als die Kette gereinigt war, wurde sie matt rötlich. Sie war jetzt zum Abliefern fertig. »Man liefert roh,« setzte der Zinkarbeiter auseinander, »die Poliererinnen reiben es dann mit Wollenlappen blank.« Gervaise fühlte ihre Fassung zu Ende gehen. Die immer stärker werdende Hitze erstickte sie. Man hielt die Tür immer geschlossen, weil der geringste Luftzug Lorilleux eine Erkältung zuzog. Da man immer noch nicht von ihrer Heirat sprach, wollte sie fortgehen, sie zupfte Coupeau leicht an der Weste. Dieser verstand den Wink. Auch er fing an, sich über dieses absichtliche Stillschweigen zu ärgern. »Na, wir wollen nun fortgehen und euch arbeiten lassen.« Er zögerte noch einen Augenblick in der Hoffnung, ein Wort oder irgendeine Anspielung zu hören. Endlich entschloß er sich, die Sache selbst aufs Tapet zu bringen. »Sagt doch, Lorilleux, wir rechnen darauf, daß Ihr Trauzeuge meiner Frau sein werdet.« Der Kettenmacher hob höhnisch lachend den Kopf auf und spielte den Überraschten, während seine Frau ihre Drähte losließ und sich mitten in der Werkstatt aufpflanzte. »Es ist also ernsthaft?« murmelte er. Der verdammte Cadet-Cassis, man weiß nie, wie man mit dem Burschen daran ist!« »Ah so! Madame ist die Person!« sagte ihrerseits die Frau und musterte Gervaise. »Mein Gott, wir haben euch keine Ratschläge zu geben ... Es ist ja immerhin ein schnurriger Gedanke, sich zu verheiraten. Mein Gott! Ihr seid ja miteinander einig! wenn die Sache nicht glückt, habt ihr nur euch selbst Vorwürfe zu machen, nicht wahr? Oft glückt ja so was nicht, im Gegenteil, sehr selten ...« Die letzten Worte hatte sie immer langsamer gesprochen und dabei mit dem Kopfe geschüttelt; sie musterte Gervaise von oben bis unten, als ob sie sie habe mit ihren Blicken entkleiden und ihre Haut begucken können. Die Musterung schien besser auszufallen, als sie gedacht hatte. »Mein Bruder ist sein eigener Herr«, fuhr sie mit etwas mehr gekniffenem Tone fort. »Ohne Zweifel hätte die Familie gewünscht ... Man macht ja immer so seine Pläne. Aber die Dinge nehmen ja gewöhnlich eine unerwartete Wendung ... Ich will vor allem Ruhe und Frieden haben. Und wenn er uns das niedrigste Weibsbild zugeführt hätte, ich hätte ihm immer gesagt, heirate sie, und laß uns zufrieden ... Er hatte es ja bei uns nicht schlecht, er ist rund und fett, man sieht ihm an, daß er nicht zu fasten brauchte. Immer fand er seine Suppe warm, pünktlich auf die Minute ... Sage doch, Lorilleux, findest du nicht, daß Madame der Therese ähnlich sieht, du weißt doch, der Frau von gegenüber, die an der Brustkrankheit gestorben ist?« »Ja, ja, es ist eine Ähnlichkeit«, antwortete der Kettenmacher. »Sie haben zwei Kinder, Madame. Ei der Tausend! da habe ich denn doch zu meinem Bruder gesagt: Ich verstehe nicht, wie du eine Frau heiraten kannst, die zwei Kinder hat ... Ihr müßt mir nicht übelnehmen, wenn ich sein Interesse wahrnehme, das ist ja natürlich ... Überdies scheint Ihr nicht die Allerkräftigste zu sein ... Nicht wahr, Lorilleux, Madame sieht ein bißchen schwächlich aus?« »Ja, ja, sie sieht schwächlich aus.« Sie sagten nichts von ihrem Bein. Aber Gervaise sah doch an ihren Seitenblicken und an ihren gekniffenen Lippen, daß sie stillschweigend darauf anspielten. Sie stand da vor ihnen, in ihrem kleinen Schal mit den gelben Palmen und antwortete einsilbig, als ob sie ihre Richter vor sich habe. Coupeau sah, daß ihr die Sache peinlich sei und rief: »Was soll das alles ... Ob ihr es sagt oder nicht, das ist ganz gleich. Die Hochzeit findet Sonnabend, den neunundzwanzigsten Juli statt. Ich habe den Tag nach dem Kalender berechnet. Sind wir einig? Paßt es euch?« »Jawohl! Jawohl! es paßt uns immer«, sagte seine Schwester. Du hattest ja gar nicht nötig, uns um Rat zu fragen ... Ich werde Lorilleux nicht daran hindern, Zeuge zu sein. Ich will Ruhe und Frieden haben.« Gervaise, die mit gesenktem Kopfe dastand und nicht mehr wußte, was sie machen sollte, war mit einem ihrer Füße in eine lockere Stelle der Binsendecke geraten, mit der der Fußboden der Werkstätte bedeckt war. Aus Furcht, durch das Zurückziehen des Fußes irgend etwas in Unordnung gebracht zu haben, hatte sie sich gebückt, um mit der Hand die Binsendecke zu glätten. Lorilleux brachte schnell die Lampe zur Stelle. Er untersuchte ihre Hände mit Mißtrauen. »Man muß sich in acht nehmen,« sagte er, »die kleinen Stückchen Gold setzen sich an den Schuhen fest, und ohne es zu wissen, schleppt man es fort.« Es sei eine böse Geschichte. Die Arbeitgeber bewilligten auch nicht ein Milligramm Abfall. Er zeigte die Hasenpfote, mit der er die Goldstückchen von seinem Arbeitstisch zusammenfegte, und die Lederschürze auf seinen Knien, die dazu diente, sie aufzufangen. Zweimal wöchentlich fege man die Werkstatt aufs allersorgfältigste, man hebe allen Abfall auf und verbrenne ihn, wo man dann in der Asche monatlich für zwanzig bis dreißig Franken Gold fände. Madame Lorilleux ließ Gervaises Schuhe nicht aus dem Auge. »Ihr müßt deshalb nicht böse sein«, murmelte sie mit einem liebenswürdigen Lächeln. »Madame kann ja ihre Sohlen nachsehen!« Gervaise, die sehr rot geworden war, setzte sich wieder, hob ihre Füße hoch und ließ sehen, daß dort nichts war. Coupeau hatte die Tür aufgerissen und rief mit ärgerlicher Stimme: »Guten Abend!« Vom Gang aus rief er nach ihr. Da ging auch sie, indem sie ein paar höfliche Worte hervorstotterte: sie hoffe, daß man sich wiedersehen und verständigen werde. Die Lorilleux' achteten schon nicht mehr auf sie, sie hatten sich in ihrem schwarzen Loch von Werkstatt schon wieder an die Arbeit gemacht, wo das Feuer der kleinen Schmiede leuchtete, wie das Glimmen einer letzten Kohle, die in der Hitze eines Ofens verglüht. Die Frau, der das Hemd von der einen Schulter herabgeglitten war und deren Haut im Widerschein des roten Lichtes glänzte, zog aufs neue ihre Drähte; bei jeder besonderen Kraftanstrengung, die sie machte, sah man das Spiel der Muskeln auf ihrem entblößten Nacken. Indes saß der Mann zusammengekauert vor dem grünlichen Lichte seiner mit Wasser gefüllten Glaskugeln und begann ein neues Stück Kette zu arbeiten; er bog den Ring mit der Zange, erweiterte ihn nach der einen Seite und fügte ihn in den oberen Ring ein, um ihn dann wieder mit Hilfe einer scharfen Schere zu öffnen. So fuhr er unaufhörlich mechanisch fort, ohne sich Zeit zu nehmen, den Schweiß von seinem Gesichte zu wischen. Als Gervaise den Gang verließ, der auf den Treppenflur des sechsten Stockes führte, konnte sie nicht mehr an sich halten und stotterte unter Tränen die Worte hervor: »Das verspricht nicht viel Glück!« Coupeau schüttelte wütend den Kopf. Lorilleux solle ihm diesen Abend vergelten. Hat man jemals einen solchen Lumpenkerl gesehen? Zu glauben, daß man ihm drei Körner von seinem Goldstaub wegschleppen werde! Alle diese Geschichten, das sei reiner Geiz. Seine Schwester habe vielleicht geglaubt, daß er sich nie verheiraten werde, damit sie durch ihn täglich vier Sous an ihrem Mittagbrot ersparen könne. Übrigens werde es dennoch geschehen, und sie heirateten den neunundzwanzigsten Juli. Er schere sich den Teufel um sie! Während Gervaise die Treppe hinabstieg, fühlte sie ihr Herz schwer und schwerer werden, eine törichte Furcht erfaßte sie, und mit ängstlichen Blicken durchforschten ihre Augen die Dunkelheiten der Treppenflure. Um diese Stunde war die Treppe still und verlassen, nur noch die verkleinerte Flamme des zweiten Stockes leuchtete in die finsteren Abgründe wie das Flimmern einer Nachtlampe. Hinter den geschlossenen Türen herrschte tiefes Schweigen; es war die Stille des dumpfen, schweren Schlafes, dem sich die ermüdeten Arbeiter unmittelbar nach beendeter Mahlzeit hingaben. Nur aus dem Zimmer der Plätterin ertönte ein unterdrücktes Kichern, während sich ein feiner Lichtstrahl durch das Schlüsselloch des Fräulein Remanjou stahl, die mit dem leichten Geklapper ihrer Schere die Gazekleidchen für die Puppen zu dreizehn Sous anfertigte. Unten bei Madame Gaudron wollte ein Kindchen nicht aufhören zu weinen. Den bleiernen Ausgüssen auf den Fluren entstieg ein durchdringender Geruch inmitten dieser schwarzen, dumpfen Stille. Auf dem Hofe, wo Coupeau mit lauter Stimme das Öffnen des Haustores verlangte, blickte Gervaise zurück und betrachtete noch einmal das Haus. Es schien gewachsen unter dem mondlosen Himmel. Die grauen Mauern, gleichsam gereinigt von ihren Moosbildungen und geglättet durch den Schatten, breiteten sich aus und strebten empor; sie erschienen noch nackter, noch platter, da man sie der Lumpen entkleidet hatte, die über Tags dort an der Sonne trockneten. Die geschlossenen Fenster schienen zu schlafen. Hier und da waren einige hell erleuchtet, sie waren wie die offenen Augen eines Riesen und gaben den Ecken, aus denen sie hervorblitzten, ein schielendes Aussehen. Über jedem Hausflur bildeten die sechs Treppenfenster mit ihrem matten Licht gewissermaßen einen Turm. Die Strahlen einer Lampe, die vom zweiten Stock aus der Pappschachtelfabrik herableuchteten, bildeten einen gelben Fleck auf dem Pflaster des Hofes und durchdrangen die Finsternis, in welche die Werkstätten zu ebener Erde getaucht waren. In der Tiefe dieser Dunkelheit, in der feuchten Ecke hörte man das Klatschen von Wassertropfen, die aus dem schlecht zugedrehten Brunnenhahn fielen. Da kam es über Gervaise, als ob das Haus erdrückend, eisig auf ihren Schultern laste. Es war immer noch ihre törichte Furcht, eine Kinderei, die sie später belachte. »Paßt auf!« rief Coupeau. Sie mußte, um hinauszugehen, über eine große Pfütze springen, die aus der Färberei geflossen war. An diesem Tage war das Wasser blau, ein tiefes Azurblau, gleich dem Himmel eines Sommertages, in dem der Widerschein der kleinen Lampe des Pförtners wie ein Stern leuchtete. Drittes Kapitel. Gervaise wollte keine Hochzeit; wozu sollte man Geld ausgeben? Eigentlich schämte sie sich ein wenig: es schien ihr unnütz, die Augen des ganzen Quartiers auf ihre Heirat zu lenken. Coupeau dagegen war anderer Ansicht: man könne sich doch nicht so mir nichts dir nichts verheiraten, ohne auch nur ein Stückchen Fleisch zusammen gegessen zu haben. Er mache sich den Teufel was aus dem Quartier! Natürlich nur ganz einfach: ein kleiner Spaziergang am Nachmittag, ehe man in irgendeiner Garküche ein gebratenes Kaninchen verzehrte. Auch keine Musik zum Nachtisch, keine Klarinette, bei deren Klängen die Damen den Hintern schütteln würden. Man werde nur ein wenig miteinander anstoßen, ehe jeder sich zu Hause aufs Ohr legte. Der Zinkarbeiter scherzte und neckte so lange, bis er die junge Frau überredete; er versicherte, daß man keine Hetze machen wolle. Er wolle auch ein Auge auf die Gläser haben, um Streitigkeiten nicht aufkommen zu lassen. So brachte er denn ein Essen zu fünf Franken für den Kopf zustande bei August in der » Goldenen Windmühle « auf dem Kapellen-Boulevard. Dieser war ein kleiner Weinhändler, der mäßige Preise und einen Tanzboden hinter seinem Laden hatte, der von drei Akazienbäumen beschattet wurde, die seinen kleinen Hof zierten. Im ersten Stock werde man vortrefflich aufgehoben sein. Während zehn ganzer Tage brachte er aus dem Hause seiner Schwester in der Goldtropfengasse die Gäste zusammen. Es waren Herr Madinier, Fräulein Remanjou, Madame Gaudron und ihr Mann. Er brachte es sogar zuwege, daß Gervaise zwei seiner Kameraden, Bibi-la-Grillade und Mes-Bottes, annahm. Ohne Zweifel war Mes-Bottes kein sehr artiger Kerl, aber man lud ihn wegen seines drolligen Appetits zu allen Essen ein, um das verblüffte Gesicht des Kneipwirtes zu sehen, wenn der Gierschlung seine zwölf Pfund Brot verschwinden ließ. Die junge Frau ihrerseits versprach, Madame Fauconnier, ihre Arbeitgeberin, und die Boches mitzubringen, die sehr ordentliche Leute seien. Als man die Rechnung machte, fand sich, daß fünfzehn Gäste zu Tisch sein würden. Das war genug; wenn zuviel Leute da sind, endet es immer mit Streitigkeiten. Bei alledem hatte Coupeau keinen Sou Geld. Er wollte nicht großtun, aber doch als anständiger Mensch sich zeigen. Er borgte sich von seinem Meister fünfzig Franken. Dafür kaufte er zuerst die Ringe. Es waren das Goldringe zu zwölf Franken, die ihm Lorilleux aus der Fabrik für neun Franken verschaffte. Dann bestellte er sich einen Überrock, eine Hose und eine Weste bei einem Schneider in der Myrrha-Straße, dem er darauf eine bare Zahlung von zwanzig Franken machte. Seine Lackschuhe und seine Mütze konnten zur Not noch gehen. Wenn er die zehn Franken für das Essen, seinen und Gervaises Anteil (die Kinder wurden nicht gerechnet), beiseite legte, blieben ihm noch gerade die sechs Franken für eine Messe am Altar der Armen. Sicherlich liebte er die Schwarzen nicht, es drehte ihm das Herz um, diesen Tagedieben seine sechs Franken hinzutragen, die sie wahrlich nicht nötig hätten, da sie sich auch ohnedies den Leib vollschlügen. Aber eine Heirat ohne Messe, man mochte darüber denken, wie man wolle, eine richtige Heirat war das nicht. Er ging selbst zur Kirche, um womöglich dort etwas abzuhandeln. Während einer ganzen Stunde schacherte er mit einem kleinen, alten Priester in schmutziger Sutane herum, der ein schlimmerer Spitzbube als ein Hökerweib war. Er hatte nicht übel Lust, den alten Filz zu ohrfeigen. Endlich fragte er ihn zum Spaß, ob er denn unter seinen Vorräten nicht irgendeine alte, abgelegte Messe habe, so eine, die noch nicht ganz und gar verdorben sei, mit der könnten sich ein paar genügsame Menschen immerhin noch behelfen. Der alte, kleine Priester murmelte so etwas, als ob Gott an seiner Ehe auch nicht allzuviel Wohlgefallen haben werde, und ließ ihm schließlich die Messe zu fünf Franken. Das waren immerhin zwanzig Sous Ersparnis. Nun blieben ihm noch zwanzig Sous übrig. Auch Gervaise hielt darauf, sauber zu erscheinen. Von dem Augenblick, wo die Heirat beschlossene Sache war, trachtete sie danach, ihre Verhältnisse zu regeln. Sie machte des Abends Überstunden, und es gelang ihr, dreißig Franken zu ersparen. Ein seidenes Mäntelchen, das in der Vorstadt-Fischerstraße mit dreizehn Franken ausgezeichnet war, stach ihr in die Augen; sie erwarb es und kaufte dazu für zehn Franken von dem Manne einer Wäscherin, die jüngst im Hause der Madame Fauconnier gestorben war, ein Kleid von blauer Wolle, das sie für ihre Figur zurechtmachte. Für die sieben Franken, die ihr noch blieben, erstand sie ein Paar baumwollene Handschuhe, eine Rose für ihre Haube und ein Paar Schuhe für Claude, ihren Ältesten. Glücklicherweise waren die Kittelchen der Kleinen noch nicht allzu schlecht. Vier Nächte brachte sie damit zu, alles zu säubern und auszubessern; nicht das kleinste Loch in ihren Strümpfen oder ihren Hemden wollte sie ungeflickt lassen. Endlich war es Freitag abend geworden, der Vorabend des großen Tages. Gervaise und Coupeau hatten, als sie von der Arbeit heimkehrten, noch bis gegen elf Uhr umherzulaufen, um das letzte zu besorgen. Ehe jedes sein Lager aufsuchte, brachten sie noch eine Stunde gemeinsam im Zimmer der jungen Frau zu, sehr zufrieden, alle ihre Geschäfte besorgt zu haben. Ungeachtet ihres Entschlusses, sich um die Meinung des Quartiers nicht zu bekümmern, hatten sie sich schließlich die Dinge zu Herzen genommen und sich eine Menge Sorgen gemacht. Als sie sich gute Nacht sagten, schliefen sie schon im Stehen. Trotzdem fühlten sie sich erleichtert, jetzt war alles in Ordnung. Coupeau hatte Herrn Madinier und Bibi-la-Grillade zu Trauzeugen; Gervaise rechnete auf Lorilleux und Boche. Man konnte nun ruhig zum Standesamt und in die Kirche gehen, man war zu sechs Personen und hatte kein großes Gefolge von Menschen hinter sich. Selbst die beiden Schwestern des Bräutigams hatten erklärt, daß sie zu Hause bleiben würden, da ja ihre Anwesenheit nicht vonnöten sei. Nur Mama Coupeau erklärte unter Tränen, daß sie vorher hingehen und von einem Winkel aus der Feier zusehen wolle; hierauf versprach man sie mitzunehmen. Der Treffpunkt für die ganze Gesellschaft war auf ein Uhr in der »Goldenen Windmühle« festgesetzt. Von dort aus wollte man, um sich Appetit zu machen, in die Ebene von Saint Denis gehen; hin wollte man mit der Eisenbahn fahren und zurück auf der Chaussee zu Fuß gehen. Das Fest versprach sehr hübsch zu werden, kein großartiges Gelage, aber eine lustige Partie, bei der es anständig und vernünftig zuging. Als sich Coupeau Sonnabend früh beim Anziehen seinem einsamen Zwanzigsousstück gegenübersah, erfaßte ihn eine gewisse Unruhe. Er dachte daran, daß die Höflichkeit von ihm erfordere, den Zeugen eine Schnitte Schinken und ein Glas Wein anzubieten; dann könne er noch irgendwelche unvorhergesehene Ausgaben haben. Sicherlich kam er mit seinen zwanzig Sous in Verlegenheit. Nachdem er es auf sich genommen, Claude und Etienne zu Madame Boche zu führen, die sie abends zum Essen mitbringen sollte, lief er in die Goldtropfengasse und stieg entschlossen zu den Lorilleuxs hinauf, um von ihnen zehn Franken zu borgen. Es schnürte ihm die Kehle zusammen, denn er wußte wohl, was für ein Gesicht ihm sein Schwager schneiden würde. Dieser brummte und hohnlachte mit der Miene einer wilden Bestie, aber endlich gab er die beiden Hundertsousstücke her. Doch Coupeau hörte, wie seine Schwester zwischen den Zähnen murmelte, daß es ja recht hübsch anfange. Die Eheschließung auf dem Standesamt war auf halb elf Uhr festgesetzt. Es war sehr schönes Wetter; eine glühende Sonne brannte auf das Straßenpflaster nieder. Um nicht beobachtet zu werden, hatte sich die Gesellschaft getrennt. Vorn ging Gervaise am Arm von Lorilleux, während Herr Madinier Mama Coupeau führte; zwanzig Schritte dahinter auf der anderen Seite ging Coupeau, Boche und Bibi-la-Grillade. Diese drei hatten schwarze Röcke an, ihre Rücken waren gekrümmt, und sie schlenkerten mit den Armen. Boche hatte ein gelbes Beinkleid; Bibi-la-Grillade war bis an das Kinn zugeknöpft; er hatte keine Weste an und ließ nur den Zipfel einer Kravatte sehen, die wie ein Strick um seinen Hals geschlungen war. Nur Herr Madinier trug einen Frack, einen großen Frack mit viereckigen Schößen. Die Vorübergehenden standen still, um diesen Herrn anzusehen, der die dicke Mama Coupeau in grünem Schal und schwarzer Haube mit roten Bändern spazieren führte. Gervaise, die sehr sanft und heiter dreinschaute in ihrem blauen Wollenkleide und ihrem knappen Mäntelchen, das ihr die Schultern beengte, hörte freundlich auf die Schnurren von Lorilleux, der ungeachtet der Hitze tief in einen großen Sackpaletot versunken war. Von Zeit zu Zeit wandte sie sich an den Straßenecken um und lächelte zu Coupeau hinüber, der sich in seinen neuen Kleidern, die in der Sonne glänzten, recht unbehaglich fühlte. Obgleich sie sehr langsam gegangen waren, langten sie doch auf dem Standesamt eine gute halbe Stunde zu früh an. Da der Beamte sich etwas verspätete, kamen sie erst gegen elf Uhr an die Reihe. Sie hatten sich in einer Ecke des Saales auf Stühle gesetzt und warteten. Sie betrachteten die hohe Decke und die kahlen Wände und sprachen leise miteinander. Jedesmal, wenn ein Bureaudiener vorüberkam, rückten sie aus Höflichkeit mit ihren Stühlen. Nichtsdestoweniger behandelten sie mit leiser Stimme den Standesbeamten als Taugenichts, der sicherlich bei seiner Blondine sei, um sich die Gicht zu reiben; vielleicht habe er seine Schärpe verschluckt. Als aber der Beamte erschien, erhoben sie sich mit großer Achtung. Man ließ sie wieder niedersitzen. Sie wohnten drei Trauungen bei, mit Bräuten in Weiß, frisierten kleinen Mädchen und jungen Fräulein mit rosa Gürteln und mit einem unendlichen Gefolge von Herren und Damen, die alle sehr fein aussahen. Als man sie endlich aufrief, wären sie beinahe gar nicht verheiratet worden, weil Bibi-la-Grillade verschwunden war. Boche fand ihn schließlich, wie er unten auf dem Platze eine Pfeife rauchte. Er meinte, das seien schnurrige Kerle in dem Kasten da, die sich um die Leute nicht kümmerten, die ihnen keine buttergelben Handschuhe unter die Nase halten könnten. Die Förmlichkeiten, die Vorlesung aus dem Gesetz, die Fragen, die man ihnen stellte, und die Unterschrift der Aktenstücke, das alles wurde so schnell und prompt besorgt, daß sie glaubten, man habe ihnen die Hälfte der Handlung unterschlagen. Gervaise, die ganz betäubt und geängstigt war, preßte ihr Taschentuch an die Lippen, Mama Coupeau weinte heiße Tränen. Alle hatten sich auf das Register gebeugt und ihre Namen mit dicken hinkenden Buchstaben eingezeichnet; nur der junge Ehemann, der nicht schreiben konnte, hatte ein Kreuz gemacht. Sie gaben jeder vier Sous für die Armen. Als der Diener an Coupeau den Trauschein aushändigte, entschied sich dieser, von Gervaise mit dem Ellenbogen aufgemuntert, noch ein Zehnsousstück herzugeben. Es war ein langer Marsch vom Standesamt zur Kirche. Unterwegs tranken die Männer Bier, Mama Coupeau und Gervaise Johannisbeersaft mit Wasser. Sie hatten eine lange Straße hinabzugehen, in die die Sonne voll hineinschien, ohne auch nur ein bißchen Schatten zu lassen. Der Küster erwartete sie mitten in der leeren Kirche. Er führte sie in eine kleine Kapelle und fragte sie, ob sie sich über die Religion lustig machen wollten, da sie so spät kämen. Ein Priester kam mit großen Schritten heran, seine Miene war mürrisch, und vor Hunger sah er blaß aus. Er wurde durch einen Gehilfen in schmutziger Sutane unterstützt, der sich um ihn her zu schaffen machte. Er beschleunigte die Messe, indem er die Hälfte der lateinischen Worte hinunterschluckte, drehte sich, beugte sich und breitete seine Arme aus, alles in Eile und mit schiefen Seitenblicken auf das Brautpaar und die Zeugen. Die Eheleute waren vor dem Altar sehr verlegen, sie wußten nicht, was sie tun sollten, wann sie niederknien, sich erheben oder setzen mußten, und warteten immer auf einen Wink des Gehilfen. Die Zeugen blieben, um recht anständig zu sein, während der ganzen Zeit aufrecht stehen, während Mama Coupeau ihren Tränen wieder freien Lauf ließ, die sich in einem Gebetbuch ansammelten, das sie von einer Nachbarin geliehen hatte. Währenddessen hatte es zwölf geschlagen, die letzte Messe war gelesen, und die Kirche widerhallte von dem Lärm der Fußtritte des Küsters und seiner Gehilfen, welche die Stühle beiseite setzten. Der große Altar wurde für irgendein Fest hergerichtet, denn man hörte die Hammerschläge der Tapezierer, die Teppiche und Vorhänge annagelten. Am Ende der Kapelle, wo sich die Staubwolken zusammenballten, die der Besen des Küsters aufwirbelte, breitete der Priester mit mürrischer Miene segnend seine Hände über die Häupter des vor ihm knienden Paares; er schien sie während eines Umzuges zusammenzugeben zwischen zwei ordentlichen Messen zu einer Stunde, wo der liebe Gott nicht gegenwärtig war. Als das Brautpaar und die Zeugen sich noch einmal im Register der Sakristei eingetragen hatten und sich im hellen Sonnenschein vor der Kirchentür wieder zusammenfanden, blieben sie dort verdutzt und atemschöpfend stehen und waren sehr erstaunt darüber, daß man die Eheschließung so mit Dampf betrieben hatte. »Da haben wir's«, sagte Coupeau mit einem verlegenen Lachen. Er wiegte sich nachdenklich hin und her und fand doch kein komisches Wort, endlich fügte er hinzu: »Ja ja! Das rutscht nur so. Die bringen einem das in vier Griffen bei ... Es ist wie beim Zahnarzt, man hat nicht einmal Zeit, Au! zu schreien, sie verheiraten schmerzlos.« »Ja, ja, ein hübsches Stück Arbeit«, murmelte Lorilleux. »Es wird in fünf Minuten zusammengebracht und hält doch fürs ganze Leben ... Oh! mein armer Cadet-Cassis!« Die vier Zeugen klopften dem Zinkarbeiter auf die Schultern, was er mit guter Laune über sich ergehen ließ. Indessen umarmte Gervaise Mama Coupeau, wobei sie unter Tränen lächelte. Sie antwortete auf die abgebrochenen Worte der alten Frau: »Seid ohne Furcht, ich werde schon mein möglichstes tun. Wenn es nicht gut ausschlägt, soll es gewiß nicht meine Schuld sein. Nein, nein, sicherlich nicht, ich will ja zu gerne glücklich sein ... Jetzt ist es. einmal geschehen, nicht wahr? Und es ist an ihm und mir, uns zu verständigen und unser Bestes zu tun.« Hierauf ging man geradesweges zur »Goldenen Windmühle«. Coupeau hatte jetzt den Arm seiner Frau genommen. Sie gingen schnell dahin, lachend und in gehobener Stimmung. Sie waren den anderen zweihundert Schritte vorausgeeilt, ohne um sich zu blicken, sie sahen weder die Häuser noch die Fußgänger und die Wagen. Das betäubende Geräusch der Vorstadt schlug wie entferntes Glockenläuten an ihre Ohren. Als sie in der Weinschenke ankamen, bestellte Coupeau sofort zwei Liter, etwas Brot und Schinken, was man in dem kleinen Kabinett zu ebener Erde, ohne erst Teller und Servietten zu beschmutzen, schnell verzehren wollte, nur um sich ein wenig zu entnüchtern. Als Coupeau sah, daß Boche und Bibi–la–Grillade einen ernsthaften Appetit entwickelten, ließ er noch einen Liter Wein und ein Stück Käse kommen. Gervaise starb fast vor Durst und trank mehrere große Gläser Wasser, die mit ein wenig Wein gerötet waren. »Das ist meine Sache«, sagte Coupeau, indem er plötzlich an den Schanktisch ging; dort zahlte er vier Franken und fünf Sous. Mittlerweile war es ein Uhr geworden, und die Gäste stellten sich ein. Madame Fauconnier, eine dicke, aber noch schöne Frau, erschien zuerst; sie trug ein Kleid von ungebleichtem Stoff mit darauf gedruckten Blumen. Nach ihr erschienen zusammen Fräulein Remanjou, ebenso verschossen und kränklich aussehend wie ihr ewig schwarzes Kleidchen, von dem man glauben konnte, daß sie es auch anbehalte, wenn sie zu Bette gehe, und das Ehepaar Gaudron; der Mann, schwerfällig wie ein Stier, ließ bei jeder Bewegung seine braune Atlasweste krachen, und die Frau gefiel sich darin, ihren schwangeren Leib behaglich vorzustrecken, dessen erhebliche Rundung durch einen Rock von schreiendem Violett noch bedeutend gehoben wurde. Coupeau verkündete, daß man auf den Kameraden Mes-Bottes nicht zu warten brauchte, da dieser die Hochzeitsgesellschaft auf dem Wege nach Saint-Denis erwarten wolle. »Das kann hübsch werden!« rief Madame Lerat, die eben eintrat, »wir werden gut eingeweicht! Seht nur, wie es aussieht!« Sie rief die Gesellschaft an die Tür der Weinschenke, damit sie sich die Gewitterwolken ansähe, die schwarz wie Tinte schnell von Süden her über Paris aufzogen. Madame Lerat, die Älteste der Coupeaus, war eine große, trockene Frau mit männlichem Wesen, die durch die Nase sprach und in ihrem zu langen, flohfarbenen Kleid mit nachschleppenden Enden wie eine Pudelhündin aussah, die eben aus dem Wasser kommt. Sie fuchtelte mit ihrem Sonnenschirm wie mit einem Stock umher. Nachdem sie Gervaise umarmt hatte, fuhr sie fort: »Ihr habt keine Vorstellung, wie heiß der Wind auf der Straße weht ... Man meint, es werde einem Feuer ins Gesicht geworfen.« Da erklärten alle, sie hätten das Gewitter schon lange gespürt. Herr Madinier hatte schon beim Heraustreten aus der Kirche gesehen, daß das so kommen werde. Lorilleux erzählte, daß seine Hühneraugen ihn schon von drei Uhr morgens an nicht mehr hätten schlafen lassen. Übrigens konnte es gar kein anderes Ende nehmen; seit drei Tagen sei die Hitze unerträglich. »Das wird etwas geben«, meinte Coupeau, der in der Tür stand und den Himmel mit unruhigen Blicken musterte. »Wir warten nur noch auf meine Schwester, man könnte doch vielleicht losgehen, wenn sie käme.« Madame Lorilleux verspätete sich wirklich. Madame Lerat war zu ihr gegangen, um sie zu holen; sie fand sie noch mit dem Anlegen ihres Korsetts beschäftigt und machte ihr wegen ihrer Langsamkeit Vorwürfe. Die große Witwe sagte ihrem Bruder ins Ohr: »Ich habe sie sitzen lassen. Die ist in einer Laune! ... Du wirst ja sehen!« Die Gesellschaft mußte sich noch eine volle Viertelstunde gedulden; sie ging in der Weinschenke umher, gestoßen und angerempelt von den Männern, die an den Schanktisch traten und dort ihren Schoppen tranken. Hin und wieder wagten sich Boche, Madame Fauconnier oder Bibi-la-Grillade bis auf den Rand des Bürgersteigs und hielten Umschau. Es regnete nicht, aber es wurde dunkel, heftige Windstöße fegten über den Boden hin und trieben Wolken weißen Staubes vor sich her. Beim ersten Donner schlug Fräulein Remanjou das Kreuz. Aller Augen sahen ängstlich auf die große Zimmeruhr: es fehlten nur noch zwanzig Minuten an zwei Uhr. »Da haben wir's!« rief Coupeau. »Seht nur, die Engel fangen an zu weinen!« Ein Regenschauer fegte über die Straße hin, auf der die Frauen nach allen Seiten flohen und ihre Röcke mit beiden Händen hochhielten. Während dieses ersten Gusses kam endlich Madame Lorilleux; atemlos und wütend kämpfte sie mit ihrem Regenschirm, der durchaus nicht zugehen wollte. »Hat man je so was gesehen?« stotterte sie. »Gerade an der Tür hat es mich gefaßt. Ich hatte schon die schönste Lust, wieder hinaufzugehen und mich auszuziehen. Es wäre das beste gewesen ... Das ist ja 'ne hübsche Hochzeit! Habe ich es denn nicht gesagt? Ich wollte alles auf nächsten Sonnabend verschieben. Jetzt regnet's, weil ihr nicht auf mich gehört habt: Nun, desto besser! desto besser! meinetwegen mag der Himmel platzen!« Coupeau versuchte, sie zu beruhigen. Sie aber fertigte ihn schön ab: er bezahle ihr wohl ihr Kleid nicht, wenn es verdorben sei. Dieses Kleid war von schwarzer Seide und so eng, daß sie darin zu ersticken schien; die Taille zog sich an den Knopflöchern und schnitt in die Schultern ein; der Rock war wie eine Scheide gemacht und beengte ihre Beine so, daß sie nur mit ganz kleinen Schritten gehen konnte. Nichtsdestoweniger betrachteten die Damen der Gesellschaft diese Toilette mit neidischen Mienen und gekniffenen Lippen. Gervaise, die neben Mama Coupeau saß, schien sie überhaupt gar nicht zu sehen. Sie rief Lorilleux und verlangte von ihm sein Taschentuch, womit sie in einer Ecke der Schenke sorgfältig jedes Regentröpfchen abtrocknete, das auf den Stoff gefallen war. Mittlerweile hatte es plötzlich zu regnen aufgehört. Es wurde immer dunkler, so daß es fast Nacht war, eine feuchte Nacht, die starke Blitze durchzuckten. Bibi-la-Grillade versicherte lachend, daß es gleich Pfaffen regnen werde. Hierauf brach das Gewitter von neuem mit größerer Heftigkeit los. Während einer halben Stunde stürzte das Wasser in Strömen hernieder, und der Donner grollte ohne Unterlaß. Die Männer, die in der Tür standen, betrachteten den grauen Schleier, in den der Regenguß alles hüllte, die angeschwollenen Rinnsteine und den Wasserstaub, den die fallenden Tropfen aus den Pfützen aufsteigen ließen. Die erschrockenen Frauen saßen alle zusammen und hielten sich die Augen zu. Alle Unterhaltung war verstummt, weil ihnen die Kehlen wie zugeschnürt waren. Als Boche versuchte, einen Scherz über den Donner zu machen, indem er sagte, daß Petrus da oben recht ordentlich zu niesen schiene, wurde er von niemandem belacht. Als das Gewitter abzog und der Donner ferner und ferner ertönte, fing die Gesellschaft wieder an, ungeduldig zu werden, alle schimpften auf das Wetter, fluchten und erhoben die Fäuste drohend gegen die Wolken. Der Himmel war jetzt aschfarbig, und ein feiner Regen rieselte ohne Aufhören hernieder. »Jetzt ist es schon zwei Uhr durch!« schrie Madame Lorilleux. »Wir können doch hier nicht zu Bett gehen!« Als Fräulein Remanjou vorschlug, man möge trotz alledem aufs Land hinausgehen, selbst wenn man bei den Festungsgräben anhalten müsse, weigerte sich die ganze Hochzeitsgesellschaft: die Wege müßten in einem schönen Zustande sein; man könne sich ja nicht einmal ins Gras setzen; übrigens sei es noch nicht zu Ende, es könne immer noch ein neuer Guß kommen. Coupeau, der mit den Augen einem ganz durchnäßten Arbeiter folgte, der ruhig im Regen dahinging, murmelte: »Wenn der Schafskopf Mes-Bottes uns auf der Straße nach Saint-Denis erwartet, bekommt er auch keinen Sonnenstich.« Man lachte bei dem Gedanken an Mes-Bottes, aber im ganzen nahm die schlechte Laune überhand. Das war schließlich zum Auswachsen. Man mußte irgend etwas beschließen, man konnte sich doch nicht so bis zum Essen gegenseitig in den Hals gucken. Während einer Viertelstunde zerbrach man sich angesichts des hartnäckigen Regens den Kopf. Bibi-la-Grillade schlug vor, man solle Karten spielen, während Boche, der naseweis und etwas verliebter Natur war, sagte, daß er ein sehr unterhaltendes, kleines, komisches Spiel wisse, das Spiel heiße »Beichtvater«; Madame Gaudron sprach davon, nach der Chaussee Clignancourt zu gehen und Zwiebelkuchen zu essen, während es Madame Lerat am liebsten gesehen hätte, daß man Geschichten erzähle; Gaudron langweilte sich nicht, er fühlte sich ganz behaglich und schlug nur vor, man solle sich gleich zu Tisch setzen. Jeder Vorschlag wurde besprochen, und bei jedem zankte man sich: Das sei zu dumm, zum Einschlafen, man werde sie für unreife Jungen halten, wenn sie immer so dasäßen. Lorilleux, der doch auch seinen Senf dazugeben wollte, meinte, es sei doch ganz einfach, man gehe ein wenig auf den äußeren Boulevards spazieren bis zum Père-Lachaise, wo man hineingehen und die Gräber von Héloise und Abèlard ansehen könnte, wenn noch Zeit sei. Nun konnte Madame Lorilleux nicht mehr an sich halten und brach los: Nach Hause gehe sie, das tue sie! Es sei ja gerade, als ob man sie zum besten habe! Sich anziehen und einweichen, um nachher einen ganzen Tag in einer Weinschenke zu sitzen! Nein, das passe ihr nicht, sie habe genug von der Hochzeit, dafür sitze sie lieber zu Hause. Coupeau und Lorilleux mußten die Tür versperren, damit sie nicht abging. Noch einmal sagte sie: »Macht Platz, ich sage euch, ich gehe!« Endlich gelang es ihrem Mann, sie zu beruhigen. Coupeau ging zu Gervaise, die immer ruhig in ihrer Ecke mit Mama Coupeau und Madame Fauconnier plauderte. »Nun, und Ihr? Schlagt Ihr denn gar nichts vor?« sagte er, ohne daß er schon gewagt hätte, sie zu duzen. »Oh, ich bin zu allem bereit,« antwortete sie lachend, »ich bin nicht wählerisch. Ich bin sehr glücklich und verlange nichts weiter.« In der Tat leuchtete ihr ganzes Gesicht vor stiller Freude. Seit die Gäste da waren, hatte sie mit jedem gesprochen, mit ein wenig leiser, bewegter Stimme freilich, in ihre Streitigkeiten mischte sie sich nicht. Während des Gewitters hatte sie mit starren Augen dagesessen und in die Blitze geguckt, als ob dieses ernste Schauspiel und dieses grelle Leuchten ihr die dunkle Zukunft enthüllen könne. Nur Herr Madinier hatte noch keinen Vorschlag gemacht. Er stand gegen den Schanktisch gelehnt, nahm die Schöße seines Fracks sorgfältig zusammen und bewahrte seine Würde als selbständiger Kaufmann und Arbeitgeber. Hin und wieder spuckte er mit großer Wichtigkeit und rollte seine hervorstehenden Augen. »Mein Gott,« sagte er endlich, »man könnte nach dem Museum gehen ...« Er streichelte sein Kinn und zwinkerte fragend mit den Augen. »Da sind Altertümer, Gemälde, Bilder, eine Menge Dinge; es ist sehr lehrreich ... Vielleicht kennen Sie es noch nicht. So etwas muß man doch einmal gesehen haben.« Die Gäste sahen einander fragend an. Nein, Gervaise kannte das alles nicht, Madame Fauconnier auch nicht, ebensowenig Boche und die anderen. Coupeau glaubte, daß er einmal an einem Sonntage oben gewesen sei, aber er entsann sich nur dunkel. Noch zauderte: man, als Madame Lorilleux, auf welche die Würde des Herrn Madinier einen großen Eindruck machte, den Vorschlag sehr gut fand, sehr passend und sehr anständig. Da man doch einmal den Tag geopfert und sich angezogen habe, sei es ebensogut, etwas für seine Belehrung zu tun, als etwas anderes. Alle waren einverstanden. Da es noch immer regnete, borgte man von dem Weinhändler alte Regenschirme, blaue, grüne und kastanienbraune, die alle von Gästen dort vergessen waren, und ging ins Museum. Die Hochzeitsgesellschaft wendete sich nach rechts und stieg nach Paris hinunter durch die Vorstadt-Saint-Denis-Straße. Coupeau und Gervaise hatten sich wieder an die Spitze gesetzt und waren den anderen weit voraus. Herr Madinier gab jetzt Madame Lorilleux den Arm, Mama Coupeau blieb wegen ihrer schwachen Füße bei dem Weinwirt. Dann folgten Lorilleux mit Madame Lerat, Boche mit Madame Fauconnier und Bibi-la-Grillade mit Fräulein Remanjou, zuletzt das Ehepaar Gaudron. Es waren sechs Paare, die auf der Straße einen hübschen Aufzug machten. »Uns geht die ganze Sache gar nichts an, versichere ich Ihnen!« sagte Madame Lorilleux zu Herrn Madinier. »Wir wissen nicht, wo er sie hergenommen hat, oder vielmehr, wir wissen es nur zu gut; aber wir sprechen darüber nicht, nicht wahr? ... Mein Mann hat die Ringe kaufen müssen. Heute früh, als wir kaum aus dem Bette waren, haben wir ihnen noch zehn Franken geborgt, ohne die nichts zustandegekommen wäre ... Eine Braut, die auch nicht einen Verwandten mit zur Hochzeit bringt; sie hat erzählt, daß sie in Paris eine Schwester hat, die einen Wurstladen hält; warum hat sie sie denn nicht eingeladen?« Sie unterbrach sich, um ihm zu zeigen, wie stark Gervaise bei dem abschüssigen Pflaster hinkte. »Seht doch! ist das erlaubt! ... Die Humpelliese!« Dieses Wort: Humpelliese! machte den Weg durch die ganze Gesellschaft. Lorilleux lachte schadenfroh und meinte, daß man sie immer so nennen müsse. Aber Madame Fauconnier verteidigte Gervaise: man tue unrecht, sich über sie lustig zu machen, sie sei sauber, wie aus dem Ei gepellt und verstehe, bei der Arbeit tüchtig zuzugreifen, wenn es nottue. Madame Lerat, die immer den Kopf voller unanständiger Anzüglichkeiten hatte, nannte das Bein der Kleinen einen »Liebeskegel« und fügte hinzu, daß viele Männer es gerne hätten, des Näheren wollte sie sich über die Sache aber nicht auslassen. Der Hochzeitszug, der aus der Saint-Denis-Straße herauskam, überschritt den Boulevard. Man wartete einen Augenblick vor den angestauten Fuhrwerken, ehe man sich auf den Damm wagen konnte, den der Gewitterregen in eine Pfütze flüssigen Schlammes verwandelt hatte. Es begann jetzt wieder zu gießen, und die Hochzeitsgäste hatten ihre Regenschirme aufgespannt; unter dem Schutze dieser jammervollen Musspritzen, die in den Händen der Männer schwankten, schürzten die Frauen ihre Röcke auf; der Zug schritt im Schlamm immer vorwärts und reichte von einem Fußwege bis zum andern. Zwei Bummler verhöhnten sie mit lautem Geschrei, die Fußgänger liefen herzu, und die Ladenbesitzer richteten sich mit vergnügten Gesichtern hinter ihren Scheiben auf. In dem Gewimmel der Menge, inmitten der grauen Regentöne der Boulevards, stachen die Paare des Zuges wie bunte Flecke ab: das schreiend blaue Kleid von Gervaise, die Blumenrobe der Madame Fauconnier, das kanariengelbe Beinkleid Boches, die Unbeholfenheit der Leute in ihrem Sonntagsstaat, alles ließ selbst den glänzenden Rock Coupeaus und den Frack des Herrn Madinier mit den geraden Schößen wie eine Maskerade erscheinen, während die schöne Toilette der Madame Lorilleux, die Schleppe der Madame Lerat und das vertragene Röckchen des Fräulein Remanjou, dieses sonderbare Gemisch von Moden in einer Reihe, ein lebendiges Bild des Luxus der Armen darstellte. Hauptsächlich waren es die Hüte der Herren, welche die meiste Heiterkeit erregten, diese alten, lange aufbewahrten Hüte, die in der Dunkelheit der Schränke blind geworden waren, hatten die lächerlichsten Formen: sie waren hoch, an den Rändern abgegriffen und fettig, mit ungewöhnlichen Krempen, aufgestülpt und platt, zu weit oder zu eng. Ihren Gipfel erreichte die Heiterkeit, als ganz zuletzt, die Krone des Schauspiels, Madame Gaudron, die Wollkämmerin, in ihrem grellen violetten Kleide und mit ihrem schwangeren Bauch, dessen mächtige Rundung sie weit vor sich hertrug, anrückte. Trotz alledem beschleunigten die Hochzeitsgäste ihre Schritte nicht; gutmütig, wie sie waren, freuten sie sich der Spaße, die man über sie machte, glücklich in dem Gedanken, beachtet zu werden. »Seht doch, da ist die Braut!« rief einer der Bummler, indem er auf Madame Gaudron zeigte. »Donnerwetter! die hat keine kleine Pille runtergeschluckt!« Die ganze Gesellschaft schüttelte sich vor Lachen. Bibi–la–Grillade wandte sich zurück und sagte, der Balg werde sich schon durchbeißen. Die Wollkämmerin selbst lachte am meisten, sie brüstete sich, es sei keine Schande, im Gegenteil, viele der vorübergehenden Damen schielten von der Seite nach ihr und hätten etwas darum gegeben, ebenso zu sein wie sie. Man war die Cléry-Straße hinaufgegangen. Dann ging man in die Mail–Straße. Auf dem Siegesplatz gab es einen kleinen Aufenthalt. Der Hochzeiterin war das Band ihres linken Schuhs aufgegangen; als sie es am Postament der Statue Ludwigs XIV. wieder zuknüpfte, drängten sich die Paare wartend um sie herum und scherzten über das Stückchen Wade, das sie sehen ließ. Als man endlich die Kleine Kreuzwegstraße hinuntergegangen war, kam man beim Louvre an. Herr Madinier fragte höflich, ob er den Zug führen dürfe. Es sei drinnen sehr geräumig, und man könnte sich verlieren; übrigens kenne er die schönen Stellen, weil er oft mit einem Künstler, einem sehr aufgeweckten Burschen, von dem eine große Kartonfabrik die Bilder kaufe, die sie auf ihre Schachteln klebe, dorthin gekommen sei. Als die Hochzeitsgesellschaft in das Museum eingetreten war und sich in dem assyrischen Saal umschaute, überlief sie ein gelinder Schauder. Potztausend! Da war es nicht warm, der Saal hätte einen schönen Keller abgegeben. Langsam schritten die Paare vorwärts, mit vorgestrecktem Kinn und blinzelnden Augen betrachteten sie die Steinkolosse, die Götterbilder aus schwarzem Marmor, die stumm in ihrer priesterlichen Härte dastanden, diese Fabeltiere, halb Katzen, halb Weiber, mit Totengesichtern, mit dünnen Nasen und dicken Lippen. Sie fanden alles sehr häßlich. Heutzutage bearbeitete man den Stein bedeutend besser. Eine Inschrift in phönizischen Schriftzeichen verblüffte sie; es sei doch nicht möglich, daß irgend jemand ein solches Gekritzel entziffere. Indes war Herr Madinier mit Madame Lorilleux schon auf dem ersten Treppenabsatz und rief ihnen durch das Gewölbe zu: »Kommen Sie doch! Das ist ja nichts, die alten Dinger da ... Oben im ersten Stock gibt's was zu sehen!« Die strenge Einfachheit der Treppe stimmte sie ernst. Ein würdevoller Galeriediener in roter Weste und goldgestickter Livree, der sie auf dem Treppenflur zu erwarten schien, erhöhte noch ihre Erregung. Mit großer Achtung und so leise wie möglich auftretend traten sie in die französische Galerie ein. Sie durchschritten, ohne auch nur einen Augenblick innezuhalten, die Augen geblendet von der Menge der Goldrahmen, die lange Reihe der kleinen Salons; die Bilder zogen so an ihnen vorüber, viel zu zahlreich, um überhaupt gesehen zu werden. Da hätte man eine Stunde vor jedem bleiben können, bis man es verstanden hätte. Himmel! was für Bilder! Das nahm ja gar kein Ende. Da mußte ein schönes Stück Geld drin stecken. Schließlich ließ Madinier die Gesellschaft vor dem »Floß der Medusa« plötzlich anhalten und erklärte das Bild. Alle standen unbeweglich und schwiegen in tiefer Ergriffenheit. Als man sich wieder in Bewegung setzte, faßte Boche die Empfindungen aller in die Worte zusammen: es sei kolossal! In der Apollogalerie setzte besonders der Fußboden die Gesellschaft in Erstaunen, das Parkett war so glatt und glänzend, daß die Füße der Sitzbänke sich darin widerspiegelten. Fräulein Remanjou schloß die Augen, weil sie auf dem Wasser zu gehen glaubte. Man rief Madame Gaudron zu, sie solle ihre Füße nur ja recht platt und fest auf den Boden setzen, da ihr Zustand doch Vorsicht erheische. Herr Madinier wollte ihnen die Vergoldungen und Malereien an der Decke zeigen, aber das Genick tat ihnen weh, und sie unterschieden doch nichts ordentlich. Ehe man in den sogenannten viereckigen Salon eintrat, zeigte er mit einer Handbewegung auf ein Fenster: »Das ist der Balkon, von dem aus Karl IX. auf das Volk geschossen hat.« Mit Feldherrnmiene überwachte er das Ende seines Zuges. Inmitten des viereckigen Salons befahl er durch eine Handbewegung, haltzumachen. »Hier sind nur Meisterwerke vertreten,« flüsterte er mit leiser Stimme, als ob er in einer Kirche sei. Man machte einen Rundgang im Salon. Gervaise wollte die Hochzeit zu Kana erklärt haben; sie fand es dumm, daß unten an den Rahmen nichts angeschrieben sei. Coupeau blieb bei der Jucunde stehen, von der er fand, daß sie einer seiner Tanten ähnlich sehe. Boche und Bibila-Grillade lächelten verschmitzt und machten sich durch Augenblinzeln auf die nackten Frauen aufmerksam; die Schenkel der Antiope erfreuten sich ihrer ganz besonderen Wertschätzung. Schließlich war das Ehepaar Gaudron in dummen Schauen vor der Jungfrau des Murillo stehen geblieben, der Mann mit offenem Munde, und die Frau, die Hände auf ihrem Bauch gefaltet. Als der Umgang im Salon beendet war, wollte Herr Madinier, daß man noch einmal von vorn anfange, denn es verlohne die Mühe. Er bemühte sich ganz außerordentlich um Madame Lorilleux, wegen ihres seidenen Kleides; jedesmal, wenn sie eine Frage an ihn richtete, antwortete er mit großer Würde und erstaunlicher Sicherheit. Als sie sich für die Geliebte Titians interessierte, von der sie fand, daß ihr blondes Haar dem ihrigen gleiche, sagte er ihr, es sei die schöne Ferronniere, eine Maitresse Heinrichs IV., von der ein Drama handele, das man jüngst im Lustspieltheater gespielt habe. Hierauf begab sich der Hochzeitszug in die lange Galerie, in der sich die Gemälde der italienischen und niederländischen Schulen befinden. Immer noch Bilder und wieder Bilder von Heiligen, von Männern und Frauen, mit Gesichtern, die man nicht verstand, ganz schwarze Landschaften, und Tiere, die gelb geworden waren, ein Durcheinander von Menschen und Dingen, deren lebhafte Farben anfingen, den Leuten ordentlich Kopfschmerzen zu machen. Herr Madinier sprach jetzt nicht mehr, er führte die Gesellschaft langsam, alle folgten in guter Ordnung, sie reckten sich die Hälse aus, und ihre Augen schweiften in der Höhe umher. Die Kunst von Jahrhunderten zog so an ihrer verdutzten Unwissenheit vorüber, die feine Sprödigkeit der Vorraphaeliten, der leuchtende Glanz der Venetianer wie die satte Üppigkeit des Lebens in den Werken der Niederländer. Am meisten interessierten sie die Kopisten, die mit ihren Staffeleien sich dort aufgepflanzt hatten und ganz ungeniert malten; eine alte Dame, die auf einer hohen Leiter stand und einen zarten Himmel mit einem Maurerpinsel auf eine ungeheure Leinwand strich, setzte sie in großes Erstaunen. Mittlerweile hatte sich das Gerücht verbreitet, daß eine Arbeiterhochzeit das Louvre besuchte. Die Maler liefen lachend von allen Seiten zusammen, Neugierige setzten sich schon im voraus auf die Bänke, um dem Vorbeimarsch bequemer zusehen zu können, während die Wärter, eingedenk ihrer Würde, nur mühsam die Witzworte zurückhielten, die ihnen auf die Lippen kamen. Die Hochzeitsgesellschaft war schon müde, sie verloren das stumpfe Gefühl von Achtung und schleppten ihre nägelbeschlagenen Schuhe mit den klappenden Hacken über die tönenden Fußböden wie eine stampfende Herde, die man inmitten dieser vornehmen, von Sauberkeit strahlenden Säle losgelassen hatte. Herr Madinier hielt noch immer an sich, um der Gesellschaft eine große Überraschung zu bereiten. Er ging gerade auf die Kirmes von Rubens los. Ohne ein Wort zu sprechen, begnügte er sich damit, mit schelmischem Seitenblick auf die Leinwand zu deuten. Als die Damen das Bild ganz in, der Nähe betrachteten, schrien sie auf und wandten sich sehr rot geworden davon ab. Die Männer hielten sie scherzend zurück und suchten nach lüsternen Stellen. »Seht doch!« rief Boche, »das ist das Eintrittsgeld wert. Da ist ja einer, der kotzt! Und der da, der begießt die Blumen! Und da ist noch einer! Aber der! ... Potztausend, die treiben's gut!« »Jetzt können wir weitergehen«, sagte Herr Madinier, den sein Erfolg berauschte. »Auf dieser Seite gibt's nichts mehr zu sehen.« Die Gesellschaft machte den Weg zurück, den sie gekommen war; sie durchzog noch einmal den viereckigen Salon und die Apollogalerie. Madame Lerat und Fräulein Remanjou beklagten sich; sie behaupteten, daß ihnen die Füße vor Müdigkeit abfielen. Aber der Kartonfabrikant wollte noch Lorilleux die alten Schmuckgegenstände zeigen. Es war gleich hier nebenan, an der Hinterwand eines kleinen Kabinetts; er könne sie mit verbundenen Augen hinführen. Trotz dieser Versicherung verirrte er sich und führte die Gesellschaft durch sieben oder acht Säle, an deren kahlen Wänden Glasschränke standen, in denen unendliche Reihen alter zerbrochener Töpfe und sehr häßlicher Männerchen aufgestellt waren. Die Hochzeitsgesellschaft überlief ein Schauder, man langweilte sich tödlich. Als man einen Ausgang suchte, geriet man zu den Handzeichnungen. Das war wieder ein unendlicher Weg: die Zeichnungen wollten kein Ende nehmen, Saal folgte auf Saal, ohne daß man etwas anderes zu sehen bekam, als bekritzelte Papiere hinter den Scheiben der Schränke an den Wänden. Herr Madinier, der den Kopf verloren hatte, wollte durchaus nicht zugeben, daß er nicht mehr Bescheid wisse. Er fand eine Treppe und ließ die Gesellschaft hinaufsteigen. Nun waren sie in das Marinemuseum geraten, mitten unter die Kanonenmodelle und Darstellungen von Schiffen, die wie Kinderspielzeug aussahen. Nach einem Marsch von beinahe einer Viertelstunde stießen sie auf eine andere Treppe. Als man diese hinabgestiegen war, befand man sich wieder bei den Handzeichnungen. Jetzt erfaßte sie die Verzweiflung; dem Zufall sich überlassend, streiften sie durch die Säle, die Paare immer eines hinter dem andern. Sie folgten immer noch Herrn Madinier, der sich den Schweiß von der Stirne wischte; er war außer sich und schimpfte auf die Museumsverwaltung, die er anklagte, die Türen verändert zu haben. Mit Erstaunen sahen die Galeriediener und die Besucher diesen Hochzeitszug an sich vorüberziehen. In weniger denn zwanzig Minuten sah man sie im viereckigen Salon, in der französischen Galerie und längs der Schränke, in denen die kleinen orientalischen Götzenbilder schlummerten. Sie schienen den Ausgang nie mehr zu finden. So schleppte sich der Zug mit müden Beinen von Saal zu Saal und ließ auf diesem verzweifelten Marsch den Bauch der Madame Gaudron weit hinter sich. »Es wird geschlossen! Es wird geschlossen!« riefen mit gewaltigen Stimmen die Galeriediener. Beinahe hätte man sie eingeschlossen. Ein Galeriediener mußte die Führung übernehmen und sie zum Ausgange bringen. Nachdem alle an der Garderobe ihre Regenschirme wieder in Empfang genommen hatten, schöpften sie auf dem Hofe des Louvre wieder Atem. Herr Madinier hatte seine Würde wiedergefunden; er hätte sich links wenden sollen, meinte er; links seien die Geschmeide zu sehen. Übrigens heuchelte die ganze Gesellschaft die größte Zufriedenheit, und alle versicherten, sie seien sehr froh, es gesehen zu haben. Es schlug vier Uhr. Man hatte bis zum Essen noch zwei Stunden totzuschlagen. Man beschloß, einen Spaziergang zu machen. Die Damen, die sehr müde waren, hätten sich gerne niedergesetzt; da sich aber niemand erbot, eine Erquickung geben zu lassen, machte man sich auf den Weg und ging die Uferstraße hinab. Hier überraschte sie ein so heftiger Sturzregen, daß jetzt die Kleider der Damen ernstlich zu leiden anfingen. Madame Lorilleux, der jeder Tropfen das Herz brach, der auf ihr seidenes Kleid fiel, machte den Vorschlag, sich unter die Königsbrücke zu flüchten; sie drohte damit, ganz allein hinunterzugehen, wenn man ihr nicht folge. So ging denn die ganze Gesellschaft unter die Brücke. Man war da sehr gut aufgehoben und konnte wohl sagen, daß es eine gelungene Idee war, dorthin zu gehen! Die Damen breiteten ihre Taschentücher auf dem Pflaster aus und setzten sich nieder, ihre Knie ausspreizend und mit den Händen die Büschel Gras ausreißend, die zwischen den Steinen emporwuchsen. Vor sich sah man das schwarze Wasser fließen, so daß man sich einbilden konnte, auf dem Lande zu sein. Die Männer unterhielten sich damit, sehr stark zu schreien, um das Echo des gegenüberliegenden Bogens hervorzurufen. Boche und Bibi–la–Grillade schimpften ins Leere und sandten abwechselnd einer nach dem andern ihr »Schafskopf!« in die Lüfte, wobei sie übermäßig lachten, wenn das Echo ihnen ihr Wort zurückrief. Als sie heiser waren, nahmen sie flache Kiesel und warfen Butterstullen. Der Regenguß war vorüber, aber die Gesellschaft fühlte sich so wohl da, wo sie war, daß sie gar nicht daran dachte fortzugehen. Auf der Seine trieben fettige Abgänge, alte Korke und Überreste von Gemüsen. All diesen Unrat hielt ein Strudel einen Augenblick in dem unruhigem Wasser fest, das im Schatten des Brückenbogens ganz düster dahinfloß; während oben das Rollen der Omnibuswagen und Droschken und all der ungeheure Lärm der Stadt Paris vorüberbrauste, von der man da unten nur zur Rechten und Linken einige Dächer sah wie aus dem Grunde eines Brunnenloches. Fräulein Remanjou seufzte; wenn da Bäume gewesen wären, hätte es sie, sagte sie, an eine Stelle an den Ufern der Marne erinnert, wo sie im Jahre 1817 mit einem jungen Manne spazierengegangen sei, den sie noch heute beweine. Da gab Herr Madinier das Zeichen zum Aufbruch. Man ging quer durch den Tuileriengarten mitten durch eine ganze Schar von kleinen Kindern, deren Reifen und Ballons die schöne Ordnung des Zuges störte. Als die Gesellschaft auf dem Vendômeplatz angekommen war und die Säule betrachtete, kam es Herrn Madinier in den Sinn, den Lernen eine Artigkeit zu erweisen. Er bot ihnen an, die Säule zu besteigen, um Paris zu sehen. Dieser Vorschlag erschien sehr seltsam. Ja, ja, man müsse hinaufsteigen, so wurde unter vielem Lachen beschlossen. Übrigens war die Sache nicht ohne Interesse für Leute, die noch nie ihr bißchen Heimat verlassen hatten. »Glaubt Ihr denn wirklich, daß die Humpelliese sich mit ihrem Stumpf da hinauf wagen wird?« murmelte Madame Lorilleux. »Ich würde sehr gern hinaufsteigen,« sagte Madame Lerat, »aber ich mag nicht, daß hinter mir ein Mann ist.« Die Gesellschaft stieg hinauf. In der engen Rundung der Wendeltreppe klommen hintereinander die zwölf empor. Sie stießen sich an den abgenutzten Treppenstufen und hielten sich an den Wänden fest. Als es vollkommen finster war, gab es des Lachens kein Ende. Die Damen kreischten dann und wann. Die Herren kitzelten sie und kniffen sie in die Beine, aber sie hüteten sich wohl, etwas zu sagen, man gab sich den Anschein, als ob man glaubte, daß es Mäuse seien. Übrigens blieb die Sache ohne Folgen, weil man es verstand, sich in den Grenzen des Anstandes zu halten. Boche erfand jetzt einen Scherz, den die ganze Gesellschaft nachmachte. Man rief nach Madame Gaudron, als ob sie nicht mehr mitkönne, und fragte, ob ihr Bauch auch noch durchgehe. Denkt doch! wenn sie da stecken bliebe, ohne vor- noch rückwärts zu können, sie hätte das Loch verstopft, und man hätte nie wieder hinaus gekonnt. Man lachte so sehr über den Bauch dieser schwangeren Frau mit so übermütiger Lustigkeit, daß die Säule davon zu wanken schien. Boche, der jetzt sehr ausgelassen war, erklärte, daß man in diesem Schornstein alt und grau werde, ob denn die Sache gar kein Ende nehme? Das gehe ja bis in den Himmel. Dann suchte er die Damen zu erschrecken, indem er behauptete, daß das Ding wackele. Coupeau verhielt sich ganz ruhig. Er ging hinter Gervaise, deren Taille er umfaßt hatte, da ihre Kräfte zu schwinden schienen. Als man plötzlich ans Tageslicht kam, wollte er ihr gerade einen Kuß auf den Nacken geben. »Na, das ist ja hübsch, geniert euch nur ja nicht, ihr beiden!« sagte Madame Lorilleux mit sittlicher Entrüstung. Bibi-la-Grillade schien wütend; er murmelte zwischen den Zähnen: »Ihr habt so viel Lärm gemacht, daß ich nicht einmal die Stufen habe zählen können.« Herr Madinier war schon auf der Plattform oben und mitten in der Erklärung der Baudenkmäler. Madame Fauconnier und Fräulein Remanjou erklärten, daß sie nie aus der Treppe ins Freie kommen würden, schon allein der Gedanke an das Pflaster unten mache sie schwindlig. Sie begnügten sich damit, hin und wieder einen ängstlichen Blick durch die kleine Tür zu tun. Madame Lerat, die kühner war, machte einen Rundgang um die schmale Terrasse, wobei sie sich an der Bronze der Kuppel festhielt und anlehnte. Es war doch ein wenig aufregend, wenn man bedachte, daß es genüge, nur ein Bein hinauszustecken. Welch ein Sturz, heiliger Himmel! Die Männer, die etwas bleich aussahen, betrachteten den Ort. Man konnte glauben, man sei ganz in der Luft, abgetrennt von allem. Donnerwetter, da konnte einen eine Gänsehaut überlaufen. Herr Madinier empfahl, geradeaus zu sehen und die Augen auf Dinge in weiter Ferne zu richten, das verhindere am besten den Schwindel. Er fuhr fort, die Aussicht zu erklären; er zeigte mit dem Finger auf den Invalidendom, das Pantheon, die Liebfrauenkirche, den Turm von St.-Jakob und den Montmartre. Madame Lorilleux hatte den Gedanken, zu sehen, ob man auf dem Kapellen-Boulevard das Haus des Weinwirtes sehen könne, bei dem man essen solle. Während voller zehn Minuten suchte man und zankte sich sogar, jeder verlegte den Weinwirt wo anders hin. Um sie herum breitete Paris die Unendlichkeit seiner grauen Massen bis zu den bläulichen Fernen aus, in seinen tiefen Tälern wogte ein Meer von Dächern; die ganze rechte Seite des Flusses lag im Schatten einer großen, beinahe kupferfarbigen Wolke. Die Ränder dieser Wolke leuchteten goldig, und unter ihr strömten breite Lichtmassen hervor, welche die Tausende und aber Tausende von Fensterscheiben auf der linken Seite des Flusses wie Sterne erglänzen ließen, so daß sich dieser Teil der Stadt wie in Licht gebadet von dem klaren Himmel abhob, den der Sturm reingefegt hatte. »Wir sind doch hier nicht heraufgestiegen, um uns zu zanken«, sagte Boche, indem er übellaunig der Treppe zuschritt. Die Hochzeitsgesellschaft stieg stumm und verstimmt hinab, so daß man nur das Klappern ihrer Schuhe auf den Treppenstufen hörte. Unten wollte Herr Madinier bezahlen, aber Coupeau duldete es nicht, er beeilte sich, dem Wächter vierundzwanzig Sous, also zwei Sous für die Person, in die Hand zu drücken. Es war nahezu halb sechs geworden, und man hatte nur noch so viel Zeit, um geradeswegs zum Essen zu gehen. So ging man denn die Boulevards und die Vorstadt Fischerstraße entlang. Coupeau war der Ansicht, daß der Spaziergang nicht ein so nüchternes Ende nehmen könne und drängte die Gäste in eine Weinschenke, wo sie etwas Wermutschnaps mit Wasser zu sich nehmen mußten. Das Essen war zu sechs Uhr bestellt. Bereits seit zwanzig Minuten wartete man im Wirtshause auf die Hochzeitsgäste. Madame Boche, die ihre Pförtnerloge einer Frau aus ihrem Hause anvertraut hatte, plauderte mit Madame Coupeau in dem Saal des ersten Stockes angesichts des gedeckten Tisches, um den herum die beiden Schlingel Etienne und Claude zwischen einem Gewirre von Stühlen Zeck spielten. Als Gervaise beim Eintreten die Kleinen bemerkte, deren Anblick sie während des ganzen Tages hatte entbehren müssen, nahm sie sie auf ihren Schoß und bedeckte sie mit Küssen. »Sind sie denn auch artig gewesen?« fragte sie Madame Boche. »Haben sie Euch denn nicht ganz toll gemacht?« Als diese ihr erzählte, was das kleine Kroppzeug im Laufe des Nachmittags gesagt hatte und das zum Todlachen war, hob sie sie noch einmal empor und küßte sie mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit. »Für Coupeau ist es immerhin ein bißchen merkwürdig«, sagte Madame Lorilleux zu den Damen am andern Ende des Saales. Gervaise hatte ihre ruhige, lächelnde Miene vom Morgen noch immer bewahrt. Nur während des Spazierganges wurde sie von Zeit zu Zeit besorgt, wenn sie ihren Mann und die Lorilleux mit nachdenklicher Miene beobachtete. Sie fand Coupeau seiner Schwester gegenüber feige. Noch am vergangenen Abend hatte er sich hoch und teuer verschworen, er wolle diesen Lästermäulern schon die Wege weisen, wenn sie es seiner Frau gegenüber sollten an der gebührenden Achtung fehlen lassen. Aber wenn er ihnen gegenüber war, sah sie, wie er sich duckte, er legte, was sie sagten, den besten Sinn unter, und war geschmeidig wie ein Aal, wenn er glaubte, daß sie ihm böse sei. Das allein beunruhigte die junge Frau für die Zukunft. Jetzt wartete man nur noch auf Mes-Bottes, der noch nicht wieder zum Vorschein gekommen war. »Ach was!« rief Coupeau, »laßt uns doch zu Tisch gehen. Er wird sich schon einfinden; er hat eine gute Nase und riecht eine Gasterei auf eine Meile weit ... Hört mal, wenn er immer noch auf dem Wege nach St. Denis Schnittlauch für den Salat sucht, dann muß er sich gut unterhalten!« Diese Vorstellung brachte Heiterkeit in die Gesellschaft und alle setzten sich mit großem Stuhlgerücke zu Tisch. Gervaise saß zwischen Lorilleux und Herrn Madinier, und Coupeau zwischen Madame Fauconnier und Madame Lorilleux. Die anderen setzten sich, wo sie wollten, denn es gab fast immer Eifersüchteleien und Streitigkeiten, wenn die Plätze vorher belegt wurden. Boche schlängelte sich neben Madame Lerat. Bibi-la-Grillade bekam Fräulein Remanjou und Madame Gaudron zu Nachbarinnen. Madame Boche und Mama Coupeau übernahmen es, an dem einen Ende des Tisches für die Kinder zu sorgen, ihnen das Fleisch zu schneiden und zum Trinken einzugießen, damit sie nicht zu viel Wein bekämen. »Spricht niemand das Tischgebet?« fragte Boche, während die Damen ihre Röcke aus Furcht vor Flecken unter dem Tischtuch zurechtdrückten. Da Madame Lorilleux erklärte, daß sie solche Dummheiten nicht liebe, so wurde die schon fast ganz kalte Nudelsuppe sehr schnell und mit einem schmatzenden Geräusch verzehrt. Zwei Kellner in kurzen, fleckigen Jacken und Schürzen von zweifelhafter Weiße besorgten die Bedienung. Anmerk. des Übersetzers: Der französische, besonders der Pariser Kellner trägt nicht, wie der deutsche, einen Frack, sondern eine kurze Jacke und eine vom Gürtel bis beinahe zum Boden reichende weiße Schürze. Durch die vier geöffneten Fenster, die auf den Hof mit den Akazienbäumen gingen, drang die Abendluft des Sommertages herein, die nach dem Gewitter nicht viel von ihrer früheren Wärme verloren hatte. Der Widerschein der Bäume in diesem feuchten Winkel ließ den dunstigen Saal grün erscheinen, und die Schatten des Laubes huschten über das feuchte Tischtuch, von dem ein unbestimmter stockiger Geruch ausging. Zwei Spiegel zierten den Saal, die voller Fliegenschmutz waren; da sie einander gegenüber an den beiden Querwänden hingen, so schienen sie die Tafel bis ins Unendliche zu verlängern. Diese Tafel war mit dickem, gelblichem Steingutgeschirr bedeckt, in dessen Rissen und Messerkratzen sich der schwarze, fettige Schmutz des Spülwassers festgesetzt hatte. Wenn sich beim Eintreten der Kellner die nach der Küche führende Hintertür öffnete, machte sich ein starker Geruch von Speiseresten bemerkbar. »Aber wir dürften nicht alle auf einmal reden«, sagte Boche, als alle schweigend die Nasen in ihre Teller steckten. Als man soeben das erste Glas Wein trank und mit den Augen zwei Fleischpasteten verschlang, die von den Kellnern aufgetragen wurden, trat Mes-Bottes ein. »Ihr seid ja eine nette Bande!« schrie er. »Volle drei Stunden habe ich meine Beine auf der Landstraße abgenutzt, daß mich sogar ein Gendarm nach meinen Papieren gefragt hat ... Ist das recht, einen Freund so hereinfallen zu lassen? Wenn ihr mir wenigstens noch durch einen Dienstmann einen Zettel geschickt hättet! Nein, wißt ihr, Scherz beiseite, ich finde es etwas stark. Und dabei regnete es so toll, daß ich alle Taschen voll Wasser hatte ... Ich glaube, man kann jetzt noch nach Plötzen darin fischen!« Die Gesellschaft lachte aus vollem Halse. Das Vieh, der Mes-Bottes hatte einen Schwips, zwei Liter hatte er wenigstens schon hinter die Binde gegossen, nur um der Froschsuppe das Gegengewicht zu halten, die der Gewitterregen auf seine Kleider schüttete. »Nun laß es gut sein, du Graf Gierschlung,« sagte Coupeau, »mach und setze dich da neben Madame Gaudron. Du siehst, daß du erwartet wurdest.« Das sei das Wenigste, er werde schon nachkommen; dabei verlangte er von der Suppe dreimal und schnitt noch ungeheure Mengen Brot in die tiefen Teller mit den Nudeln. Als man die Fleischpasteten in Angriff nahm, erregte er die ungeheuchelte Bewunderung der ganzen Tischgesellschaft. Wie schlang er! Die erschrockenen Kellner waren beide beschäftigt, ihm Brot zuzureichen, wovon er die klein bemessenen Schnitten auf einen Bissen verschwinden ließ. Schließlich wurde er böse, er wollte, daß man ein ganzes Brot neben ihn lege. Der ernsthaft beunruhigte Wirt der Weinschenke zeigte sich einen Augenblick auf dem Vorflur. Die Gesellschaft, die es erwartet hatte, schüttete sich vor Lachen aus. Der zeige dem Kneipwirt einmal, was Essen heiße! Er war doch ein verteufelter Kerl, dieser Mes-Bottes! Hatte er nicht eines Tages zwölf harte Eier gegessen und dazu zwölf Gläser Wein getrunken, während die zwölf Schläge der Uhr ertönten? Man konnte lange suchen, ehe man wieder so einen fand. Fräulein Remanjou sah mit wehmütiger Rührung auf die Kinnbackenarbeit des Mes-Bottes, und Herr Madinier suchte nach Worten, um sein beinahe ehrfurchtsvolles Erstaunen auszudrücken, schließlich erklärte er eine solche Fähigkeit für ganz außerordentlich. Eine feierliche Stille entstand, als ein Kellner in einer sehr großen Schüssel, die so tief wie ein Salatnapf war, ein Kaninchenfrikassee auftrug. Coupeau, der immer Spaße machte, hatte diesmal einen guten Einfall. »Sagt mal, Kellner, das war wohl ein Dachhase? Der schreit ja noch Miau!« In Wirklichkeit schien ein vortrefflich nachgeahmtes Miau! Miau! von der Schüssel her zu kommen. Es war Coupeau, der es mit der Kehle machte, ohne die Lippen zu bewegen. Dieses kleine gesellschaftliche Talent war stets von so sicherem Erfolg begleitet, daß er niemals auswärts aß, ohne ein Frikassee von Kaninchen zu bestellen. Die Damen wischten sich mit ihren Servietten über die Gesichter, weil sie zuviel hatten lachen müssen. Madame Fauconnier bat sich den Kopf aus, den sie ganz besonders gern esse. Fräulein Remanjou schwärmte für die Speckstückchen. Als Boche erklärte, daß er die kleinen Zwiebeln vorziehe, wenn sie gut durchgebraten seien, kniff Madame Lerat die Lippen zusammen und murmelte zwischen den Zähnen: »Das kann ich begreifen.« Obgleich sie dürr wie eine Hopfenstange war und das zurückgezogene Leben einer ordentlichen, fleißigen Arbeiterin führte, die seit ihrer Witwenschaft auch nicht die Nase eines Mannes bei sich gesehen hatte, liebte sie doch, fortwährend Anspielungen auf unzüchtige Dinge zu machen; sie hatte eine besondere Vorliebe für doppelsinnige Worte, deren Bedeutung allerdings gewöhnlich so tief lag, daß nur sie allein sie verstand. Als Boche sich vorbeugte und eine Erklärung verlangte, sagte sie ihm ganz leise ins Ohr: »Nun natürlich, die kleinen Zwiebel ... Ich denke, das genügt.« Jetzt wurde die ganze Unterhaltung ernsthaft. Jeder fing an, von seinem Handwerk zu sprechen. Herr Madinier sang ein Loblied auf die Kartons, es gäbe in unserem Vaterlande wahre Künstler; er erzählte von Kartons für Neujahrsgeschenke, deren Modelle er kannte und die wahre Wunderwerke von Reichtum und Schönheit seien. Lorilleux lächelte verächtlich, er war sehr stolz darauf, Gold zu verarbeiten und glaubte, daß sich ein Abglanz davon über seine Hände und seine ganze Person verbreite. Er erzählte, daß die Juweliere in früheren Zeiten den Degen getragen hätten, und führte aufs Geratewohl Bernhard Palissy als Beispiel an. Coupeau sprach von einer Wetterfahne, dem Meisterstück eines seiner Kameraden; sie bestehe aus einer Säule, einer Garbe, einem Fruchtkorb und einer Fahne; alles sei sehr schön dargestellt und nur aus kleinen Stückchen Zink zusammengesetzt, die aneinander gelötet seien. Madame Lerat zeigte Bibi-la-Grillade, wie man einen Rosenstengel mache, indem sie den Griff ihres Messers zwischen ihren knochigen Fingern hin und her rollte. So wurde die Unterhaltung immer lebhafter, alle sprachen durcheinander und in dem Lärm hörte man, wie Madame Fauconnier sich mit erhobener Stimme über eine ihrer Arbeiterinnen beklagte, eine kleine Dirne, die noch lerne und ihr noch tags zuvor ein paar Bettücher verbrannt habe. »Ihr mögt alle sagen, was ihr wollt,« schrie Lorilleux, indem er mit der Faust auf den Tisch schlug, »Gold bleibt immer Gold!« Inmitten des Schweigens, das durch den Ausspruch dieser unumstößlichen Wahrheit hervorgebracht wurde, hörte man nur die Flötenstimme des Fräulein Remanjou, die fortfuhr: »Also, ich hebe ihnen den Unterrock auf und nähe ihn inwendig fest ... Dann stecke ich ihnen eine Stecknadel in den Kopf, um die Haube festzuhalten ... Damit ist sie fertig und man verkauft sie zu dreizehn Sous. Sie setzte Mes-Bottes auseinander, wie sie ihre Puppen machte, während die Kiefern dieses Ehrenmannes langsam wie ein Paar Mühlsteine arbeiteten. Er hörte ihr gar nicht zu und nickte nur hin und wieder mit dem Kopfe, sondern paßte scharf auf die Kellner, damit sie nicht eine Schüssel hinaustrügen, ehe er sie ganz ausgeleert hatte. Man hatte noch ein Kalbsgehacktes mit Sauce und grüne Bohnen gegessen. Jetzt trug man den Braten auf, es waren zwei magere Hühner, die auf einer Unterlage von Brunnenkresse schlummerten, sie waren im Ofen gekocht und sahen blaß und kränklich aus. Draußen lagen die letzten Strahlen der untergehenden Sonne auf den Zweigen der Akazien. Im Saale nahm der grüne Widerschein des Laubes zu; vom Tisch, der mit Wein und Soße befleckt war und den die in Unordnung gebrachten Kuverts bedeckten, stiegen Dünste auf. Längs der Wände hatten die Kellner die schmutzigen Teller und die leergetrunkenen Flaschen niedergesetzt, die sich dort wie der zusammengefegte Abhub einer Mahlzeit ausnahmen. Es war sehr heiß geworden, die Männer hatten ihre Röcke ausgezogen und aßen in Hemdärmeln weiter. »Madame Boche, ich bitte, stopft sie nicht so voll«, sagte Gervaise, die nur wenig sprach und Claude und Etienne von weitem überwachte. Sie stand auf und plauderte einen Augenblick hinter den Stühlen ihrer Kleinen. Solche Kinder haben keinen Verstand, die würden den ganzen Tag lang essen, ohne auch nur ein Stück zurückzuweisen; sie selbst legte ihnen von dem Huhn ein Stückchen weißes Fleisch vor. Mama Coupeau meinte, einmal könnten sie sich schon immer den Magen verderben. Madame Boche beklagte sich mit leiser Stimme über ihren Mann, er kneife Madame Lerat die Knie. Er sei ein Taugenichts, der nur Dummheiten mache. Sie habe wohl gesehen, wo seine Hand geblieben sei. Wenn er solche Sachen anfange, bei Gott, sie sei die Frau danach, ihm eine Wasserflasche an den Kopf zu werfen. Jetzt, wo in den Gesprächen eine Pause eintrat, hörte man Herrn Madinier von Politik sprechen. Ihr Gesetz vom einunddreißigsten Mai sei eine Schandtat. Jetzt müsse man zwei Jahre an derselben Stelle gewohnt haben. Drei Millionen Bürger seien aus den Listen gestrichen ... Man sage, daß Bonaparte eigentlich auf das Gesetz sehr böse sei, denn er liebe das Volk, davon habe er Beweise gegeben. Er sei Republikaner, aber er bewundere den Prinzen seines Onkels wegen; das sei ein Mann gewesen, wie wohl so bald keiner wiederkomme. Bibi-la-Grillade wurde ärgerlich; er habe im Elysee gearbeitet und Bonaparte gesehen, wie er jetzt Mes-Bottes sehe, der ihm da gegenüber sitze; dieser Tölpel von Präsident sehe wie ein Klopphengst aus, ja, ja! Man sage ja, daß er jetzt einen Ausflug in die Gegend von Lyon machen wolle, da könne man ihn billig los werden, wenn er sich in irgendeinem Graben den Hals breche. Da die Unterhaltung einen häßlichen Ton annahm, glaubte Coupeau sich ins Mittel legen zu müssen. »Seid ihr noch so grün, euch in die Politik zu verrennen? ... Das ist eine schöne Komödie! Da kann man hinsetzen was man will, einen König, einen Kaiser, oder gar nichts, alles kann mich nicht hindern, meine fünf Franken zu verdienen, zu essen und zu schlafen, nicht wahr? ... Nein, das ist zu dumm!« Lorilleux schüttelte den Kopf. Er war am selben Tage wie der Graf von Chambord geboren, den neunundzwanzigsten September achtzehnhundertundzwanzig. Dieses Zusammentreffen beschäftigte ihn sehr, er erging sich in unbestimmten Träumereien, in denen er eine Beziehung zwischen der Rückkehr des Königs nach Frankreich und seinem eigenen Schicksal sah. Er sagte nicht geradezu, was er hoffte, aber er ließ durchblicken, daß ihm dann etwas ganz außerordentlich Angenehmes widerfahren werde. So verschob er denn die Erfüllung aller Wünsche, die zu groß waren, um jetzt befriedigt zu werden, auf die Rückkehr des Königs nach Frankreich. »Übrigens«, erzählte er, »habe ich einmal des Abends den Grafen von Chambord gesehen ...« Alle wendeten ihm ihre Gesichter zu. »Jawohl, ganz genau. Ein starker Mann, der wie ein Biedermann aussieht, in einem Überrock ... Ich war gerade bei Péquignot, einem meiner Freunde, der in der Großen Kapellenstraße Möbel feilhält. Der Graf von Chambord hatte abends zuvor dort einen Regenschirm gelassen. Er kam also hinein und sagte ganz einfach: ›Wollen Sie so gut sein und mir meinen Schirm geben?‹ Mein Gott! Ja, er war es, Péquignot hat mir sein Ehrenwort darauf gegeben.« Keiner der Gäste zweifelte im geringsten daran. Man war jetzt beim Nachtisch. Die Kellner räumten mit großem Tellergeklapper den Tisch ab. Madame Lorilleux, die sich bis dahin sehr schicklich, ganz wie eine Dame, benommen hatte, entfuhr plötzlich ein: Verdammter Schlingel! weil einer der Kellner beim Abräumen ihr etwas Feuchtes hatte in den Nacken fließen lassen. Sicher mußte ihr Seidenkleid einen Fleck haben. Herr Madinier mußte ihren Rücken untersuchen, aber er fand nichts, wie er heilig beteuerte. In der Mitte der Tafel prangte jetzt eine große Schüssel mit Eiern in geschlagener Sahne, an deren Seite eine Schüssel mit verschiedenen Arten Käse und eine Schüssel mit Früchten aufgestellt war. Die Eier, deren Weißes zu hart gekocht war und die in der gelblichen Schlagsahne schwammen, erregten ehrfurchtsvolles Staunen, man hatte auf so etwas nicht gerechnet und fand das Gericht sehr vornehm. Meß-Bottes aß noch immer. Er hatte sich schon wieder Brot bestellt, mit dessen Hilfe er den Überresten auf der Käseschüssel ein Ende machte; da noch etwas Schlagsahne übrig blieb, so ließ er sich die Schüssel reichen und schnitt große Brocken Brot hinein, wie er es mit der Suppe gemacht hatte. »Der Herr leistet wirklich Bedeutendes«, sagte Herr Madinier, den diese Taten zu neuer Bewunderung hinrissen. Die Männer standen jetzt auf, um ihre Pfeifen hervorzuholen. Einen Augenblick blieben sie hinter Mes-Bottes stehen, klopften ihm auf die Schultern und erkundigten sich, ob es denn nun schon ein bißchen besser gehe. Bibi-la-Grillade hob ihn mit seinem Stuhl in die Höhe, aber heiliger Himmel! Das Vieh hatte sein Gewicht verdoppelt. Coupeau erzählte zum Spaß, daß sein Kamerad jetzt erst anfange, in Zug zu kommen, jetzt werde er noch die ganze Nacht hindurch Brot essen. Die zu Tode erschrockenen Kellner verschwanden bei dieser Schreckenskunde. Boche, der einen Augenblick nach unten gegangen war, kam zurück und erzählte, was der Weinwirt für ein verstörtes Gesicht unten mache, er sitze ganz blaß in seinem Rechnungszimmer. Die verblüffte Wirtin habe soeben geschickt, um sich zu erkundigen; ob die Bäckerläden noch auf seien, sogar die Hauskatze sehe so aus, als ob sie ihren Konkurs anmelden müsse. Es war aber auch wirklich zu spaßhaft; der fraß mehr Brot, als das ganze Essen kostete, ohne diesen Vielfraß war gar kein Essen zu denken. Die rauchenden Männer blickten mit einem gewissen Neid zu ihm hinüber, denn um soviel essen zu können, mußte man eine verdammt feste Konstitution haben. »Euch möchte ich nicht zu ernähren haben,« sagte Madame Gaudron, »nicht um alle Welt.« »Hört mal, Mütterchen,« erwiderte er mit einem Seitenblick auf den Bauch der Madame Gaudron, »Ihr müßt keinen Unsinn reden, Ihr scheint Euch noch ein bißchen mehr in den Leib geschlagen zu haben als ich.« Man klatschte ihm Beifall und rief: »Bravo!« Der hatte er's gut gegeben. Es war eine dunkle Nacht, die drei Gasflammen, die in dem Saale brannten, beleuchteten mit unsicher flackerndem Licht die dichten Rauchwolken, die aus den Pfeifen der Männer schnell emporwirbelten. Als die Kellner den Kaffee und den Kognak aufgetragen hatten, trugen sie die letzten Stöße schmutziger Teller hinunter. Unten bei den drei Akazien hatte der Tanz angefangen, ein Waldhorn und zwei Violinen ließen ihre harten Weisen ertönen, die zeitweise von dem Lachen der Weiber begleitet wurden; alle Laute klangen rauh in die heiße, weiche Nachtluft hinaus. »Laßt uns einen Punsch machen!« schrie Mes-Bottes, zwei Liter Fusel, viel Zitrone und wenig Zucker!« Coupeau, der in Gervaises besorgtes Gesicht sah, erhob sich und erklärte, daß weiter nichts getrunken werde. Es seien fünfundzwanzig Liter getrunken, die Person ein und ein halbes Liter, wenn man die Kinder für voll rechne; das, sei mehr als genug. Man sei hier zusammengekommen und habe ein Stück Fleisch gegessen in guter Freundschaft ohne großen Klumpatsch, weil man einander achte und ein Familienfest zusammen feiern wolle. Alles sei sehr gut verlaufen, man sei vergnügt gewesen und damit genug. Wer sich jetzt hier mit Gewalt einen Zacken antrinken wolle, werde die Achtung vor den Frauen außer Augen setzen. Mit einem Wort zu guter Letzt, man sei zusammengekommen, um den jungen Eheleuten eine Gesundheit zuzutrinken, aber nicht, um sich ohne Sinn und Verstand zu bezechen. Diese kleine Rede, die der Zinkarbeiter mit dem Brustton der Überzeugung vortrug, indem er zu Ende jedes Satzes die Hand auf das Herz legte, erntete den ungeteilten Beifall von Lorilleux und Madinier; aber die anderen, Boche, Gaudron, Bibi-la-Grillade, und besonders Mes-Bottes, die alle schon etwas angeheitert waren, versicherten mit lallenden Zungen, daß sie einen ganz verdammten Durst hätten, den sie notwendig begießen müßten. »Wer Durst hat, hat Durst, und wer keinen hat, der hat keinen«, bemerkte Mes-Bottes. »Deshalb muß man einen Punsch bestellen ... Man will ja keinen zwingen. Die Vornehmen können sich ja Zuckerwasser raufkommen lassen.« Als der Zinkarbeiter mit seiner Predigt noch einmal von vorne anfangen wollte, stand der andere auf und schrie, indem er sich auf die Hüfte schlug: »Bist du bald fertig? Halt's Maul, Cadet! ... Kellner, zwei Liter Scharfen!« »Nun,« sagte Coupeau, »das wäre ja recht gut, aber dann solle man wenigstens die Rechnung für das Essen gleich in Ordnung bringen; es werde alle Zänkereien vermeiden. Leute von guter Lebensart brauchten doch nicht für Saufbolde zu bezahlen. Gerade Mes-Bottes brachte nach langem Suchen nur drei Franken und sieben Sous zum Vorschein. Warum habe man ihn auch solange auf der Landstraße von St. Denis umhervagabondieren lassen, da habe er das Fünffrankstück angegriffen, er könne sich doch nicht ganz ausspülen lassen. Das sei doch nicht seine Schuld, nicht wahr? Endlich gab er die drei Franken und behielt die sieben Sous auf Tabak für den nächsten Morgen zurück. Coupeau war so wütend, daß er auf ihn losgeschlagen hätte, wenn ihn nicht Gervaise, die sehr erschrocken war, mit bittender Miene am Rock festgehalten hätte. Er entschloß sich, zwei Franken von Lorilleux zu borgen, der sie ihm heimlich gab, nachdem er sie ihm erst verweigert hatte, denn seine Frau werde es sicherlich nie zugegeben haben. Mittlerweile hatte Herr Madinier einen Teller zum Sammeln genommen. Das Fräulein und die alleinstehenden Damen, Madame Lerat, Madame Fauconnier, Fräulein Remanjou, legten ihr Fünffrankenstück bescheiden darauf. Dann zogen sich die Herren nach dem anderen Ende des Saales zurück und machten die Rechnung. Es waren fünfzehn Personen, machte also fünfundsiebzig Franken. Als diese Summe im Teller war, legte noch jeder der Männer fünf Sous für die Kellner hinzu. Sie gebrauchten eine volle Viertelstunde, um mit angestrengtestem Rechnen die Sache zur Zufriedenheit aller zu erledigen. Als Herr Madinier, der die Angelegenheit mit dem Wirt selbst ordnen wollte, diesen heraufbitten ließ, war die ganze Gesellschaft sehr betroffen von dessen Erklärung, daß er damit noch durchaus nicht befriedigt sei. Es seien einige mehr gelieferte Dinge zu berechnen. Als dieser Ausspruch mit einem Wutgeheul aufgenommen wurde, machte er die besondere Berechnung: Fünfundzwanzig Liter statt zwanzig, wie man vorher abgemacht habe; die Eier in der Schlagsahne, die er hinzugefügt habe, als er gesehen habe, daß der Nachtisch ein wenig dürftig ausfalle, endlich eine Flasche Rum, die man mit dem Kaffee herumgereicht habe für den Fall, daß jemand Rum liebe. Diese Erklärung entfachte einen heftigen Streit. Coupeau, den man beiseite genommen hatte, sträubte sich: er habe nicht ein Wort von zwanzig Litern gesprochen. Was die Eier in der Schlagsahne betreffe, so gehörten sie zum Nachtisch. Das sei des Wirtes Sache, denn er habe sie aus freien Stücken zugegeben. So bleibe nur noch die Flasche Rum; das sei ein Gaunerkniff, um die Rechnung größer zu machen, daß man Liköre auf den Tisch stelle, von denen niemand wisse, daß sie besonders bezahlt werden müssen. »Er ist mit dem Kaffee serviert, also gehört er zum Kaffee ... Laßt uns in Ruhe! Nehmt Euer Geld, und ein heiliges Donnerwetter soll einschlagen, wenn wir je wieder einen Fuß in Eure Baracke setzen!« »Es macht sechs Franken mehr«, sagte der Wirt. »Gebt mir meine sechs Franken ... dann will ich auch die drei Brote nicht rechnen, die der Herr extra gegessen hat!« Die ganze Gesellschaft hatte sich um ihn herumgedrängt und redete mit wütenden Gebärden und zornerstickten Stimmen auf ihn ein. Besonders die Frauen hatten ihre Zurückhaltung aufgegeben und weigerten sich, auch nur eine Centime hinzuzufügen. Nun ja! Das war ja eine recht hübsche Hochzeit! Fräulein Remanjou werde sich wohl hüten, noch einmal solches Essen mitzumachen! Madame Fauconnier hatte sehr schlecht gegessen; zu Hause habe sie sich für vierzig Sous ein Gericht gemacht, um sich die Finger danach zu lecken. Madame Gaudron beklagte sich bitter, daß man ihr unten am Tisch einen schlechten Platz neben Mes-Bottes gegeben hätte, der auch nicht die geringste Rücksicht für sie gezeigt habe. Solche Gesellschaften nähmen immer ein schlechtes Ende. Wenn man seine Hochzeit feiern wollte, müsse man sich die Leute einladen! Gervaise, die sich zu Mama Coupeau an eines der Fenster geflüchtet hatte, sagte nichts, beschämt fühlte sie sehr wohl heraus, daß alle diese Bemerkungen auf sie gemünzt waren. Endlich ging Herr Madinier mit dem Wirt hinunter, wo man sie laut unterhandeln hörte. Nach einer halben Stunde kam der Kartonfabrikant wieder nach oben; er hatte die Sache in Ordnung gebracht, indem er noch drei Franken gegeben. Trotzdem blieb die Gesellschaft verstimmt und erregt, man kam immer wieder auf die Frage wegen der Nachrechnung zurück. Der Lärm nahm noch zu, als Madame Boche eine Gewalttat beging. Sie paßte fortwährend auf ihren Mann auf. Als sie ihn in einer Ecke Madame Lerat um die Taille fassen sah, ergriff sie eine Wasserflasche und warf sie nach ihm, so daß das Gefäß an der Wand zerschellte. »Man sieht wohl, daß Ihr Mann Schneider ist, Madame«, sagte die große Witwe mit einem geheimnisvollen Lächeln. »Er ist ein Unterrockschneider Nummer eins ... Ich habe ihm dafür auch unter dem Tisch ein paar Fußtritte gegeben, die waren nicht schlecht.« Damit war der Abend ganz und gar verdorben; man wurde immer übellauniger. Herr Madinier schlug vor, daß man singen solle, aber als man nach Bibi-la-Grillade suchte, der eine schöne Stimme hatte, war er verschwunden. Fräulein Remanjou, die an einem der Fenster saß, bemerkte ihn, wie er unter den Akazien mit einem dicken Mädchen mit aufgelösten Haaren tanzte. Das Waldhorn und die beiden Violinen spielten »den Mostrichmann«, eine Quadrille, bei deren einzelnen Touren man in die Hände klatschte. Da gab es einen allgemeinen Aufbruch: Mes-Bottes und das Ehepaar Gaudron gingen hinunter, selbst Boche verschwand spurlos. Von den Fenstern aus sah man die Paare unter dem Laubdach sich drehen, dessen Grün dem Licht der an den Zweigen aufgehängten Laternen ein grelles, unnatürliches Aussehen gab. Die Nacht schlummerte ohne einen Atemzug, als ob die große Hitze sie betäubt habe. Oben im Saal hatte sich eine ernste Unterhaltung zwischen Lorilleux und Herrn Madinier entwickelt, während die Damen, die nicht mehr wußten, woran sie ihre üble Laune auslassen sollten, ihre Kleider untersuchten und nachsahen, ob sie keine Flecke bekommen hätten. Die Schleppe der Madame Lerat war in den auf den Boden gegossenen Kaffee gestippt. Die ungebleichte Robe der Madame Fauconnier war voller Sauce. Der grüne Schal der Mama Coupeau war vom Stuhle gefallen und wurde in einer Ecke wiedergefunden, nachdem er ganz zerknautscht und zertreten war. Alles war nichts gegen Madame Lorilleux, die es am besten verstand, eine Nahrung für ihren Grimm zu finden. Sie hatte einen Fleck auf dem Rücken, und wenn man ihr auch noch so oft versicherte, daß es nicht der Fall sei, sie fühlte es. So lange drehte sie sich vor dem Spiegel den Hals um, bis sie ihren Fleck gefunden hatte. »Na, was habe ich denn gesagt?« schrie sie. »Es ist Soße von den gebratenen Hühnern. Der Kellner muß mein Kleid bezahlen. Dem werde ich einen Prozeß an den Hals hängen ... Na, weiter hat ja dem Tage nichts mehr gefehlt! Wie klug wäre ich gewesen, wenn ich zu Hause geblieben wäre ... Jetzt gehe ich. Ich habe genug von ihrer verdammten Hochzeit!« Sie ging wütend weg und ließ die Treppe unter der Wucht ihrer Tritte erzittern. Lorilleux lief ihr nach. Aber alles, was er von ihr erlangen konnte, war, daß sie versprach, fünf Minuten auf der Straße zu warten, wenn man mit ihr zusammen gehen wolle. Sie hätte schon nach dem Gewitter weggehen sollen, wie sie es auch eigentlich gewollt habe. Den Tag werde sie Coupeau sobald nicht vergessen. Als dieser hörte, daß sie so wütend sei, schien er sehr betreten; um ihm Unannehmlichkeiten zu ersparen, willigte Gervaise ein, auch gleich nach Hause zu gehen. So nahm man eiligen Abschied voneinander. Herr Madinier übernahm es, Mama Coupeau nach Hause zu bringen. Madame Boche sollte für die erste Nacht Claude und Etienne bei sich schlafen lassen, da könne ihre Mutter ruhig sein, sie würden auf Stühlen ganz gut schlafen, obwohl sie sich mit den Schlagsahneeiern beide den Magen überladen hatten. Endlich konnte das junge Paar mit Lorilleux sich fortstehlen und den Rest der Gesellschaft bei dem Weinwirt lassen, wo gerade jetzt ein heftiger Streit auf dem Tanzboden ausbrach, und zwar zwischen ihrer Gesellschaft und einer andern; Boche und Mes-Bottes hatten eine Dame geküßt und wollten sie auf keinen Fall den beiden Soldaten wieder zustellen, zu denen sie gehörte; sie drohten, die ganze Bude auszuräumen, all das bei den Klängen des Waldhorns und der beiden Violinen, die die Perlenpolka spielten. Es war eben elf Uhr. Auf dem Kapellen-Boulevard und in dem ganzen Goldtropfen-Stadtviertel de la Goutte-d'Or herrschte ein wüster Lärm. Es war diesen Sonnabend der Fünfzehnte und Zahltag, daher die Menge der Betrunkenen, die man antraf. Madame Lorilleux wartete unter einer Gaslaterne zwanzig Schritte vom Wirtshause zur »Goldenen Windmühle«. Sie nahm Lorilleux' Arm und ging, ohne sich umzusehen, mit so starken Schritten davon, daß Coupeau und Gervaise daran verzweifelten, ihnen zu folgen. Hin und wieder schritten sie vom Fußsteige, um einen Trunkenbold zu umgehen, der dort, alle Viere von sich gestreckt, auf dem Pflaster lag. Lorilleux wandte sich einigemal zurück und suchte alles wieder ins gleiche zu bringen. »Wir werden euch bis zu eurer Tür bringen.« Da aber erhob Madame Lorilleux ihre Stimme und erklärte, daß sie nicht begreifen könne, wie man eine Hochzeitsnacht in einem solchen Schmutzloch, wie das Hotel »Zum Guten Herzen«, zubringe. Hätten sie nicht mit der Hochzeit noch warten, sich etliche Groschen ersparen, Möbel kaufen und dann den ersten Abend in ihrem eigenen Heim zubringen können? Sie würden sich sehr wohl befinden unter dem Dach, alle beide eingepfercht in ein Kämmerchen zu zehn Franken, wo sie nicht einmal Luft zum Atmen hätten. »Ich habe schon gekündigt, wir bleiben da oben nicht«, bemerkte Coupeau schüchtern. »Wir behalten das Zimmer von Gervaise, das ist größer.« Jetzt vergaß Madame Lorilleux alle Rücksicht; mit einem kurzen Ruck wendete sie sich um. »Aber das ist denn doch zu stark!« schrie sie. »Du willst dich in dem Zimmer der Humpelliese schlafen legen?« Gervaise erbleichte. Dieser Spitzname, der ihr da zum erstenmal ins Gesicht geschleudert wurde, berührte sie wie eine Ohrfeige. Sie verstand sehr wohl die Bemerkung ihrer Schwägerin: das Zimmer der Humpelliese, das war das Zimmer, in dem sie noch einen Monat mit Lantier zusammengelebt hatte, dem noch die Spuren dieses früheren Lebens anhafteten. Coupeau verstand es nicht, ihn verletzte nur der Spitzname. »Du hast auch nicht gerade nötig, andere Leute zu taufen, du weißt wohl nicht, daß man dich im ganzen Quartier Kuhschwanz nennt wegen deiner schönen Haare. Das gefällt dir auch nicht, nicht wahr? ... Warum sollten wir denn das Zimmer im ersten Stock nicht behalten? Heute abend, wo die Kinder nicht da sind, werden wir da sehr gut aufgehoben sein.« Madame Lorilleux antwortete darauf nichts, sie hüllte sich in ihre Würde, innerlich empört darüber, daß sie Kuhschwanz hieß. Coupeau versuchte es, Gervaise zu trösten, und drückte ihr sanft den Arm; schließlich gelang es ihm, ihr sogar ein Lächeln zu entlocken, als er ihr mitteilte, daß er noch mit der runden Summe von sieben Sous, drei dicken Sous und einem kleinen, nach Hause komme, wobei er die Geldstücke in seiner Hosentasche aneinander klingen ließ. Am Hotel »Zum Guten Herzen« angekommen, verabschiedete man sich mit verstimmten Gesichtern. Als eben Coupeau die beiden Frauen aneinander drängte und sagte, daß sie dumm seien, kam ein Trunkenbold des Weges, der nach rechts zu gehen schien, doch plötzlich eine heftige Wendung nach links ausführte und so zwischen die beiden fiel. »Sieh da! Das ist ja der Vater Bazouge!« sagte Lorilleux. »Der hat seine Ladung heute.« Gervaise lehnte sich erschreckt gegen die Haustür. Der Vater Bazouge war Leichenbesorger und ungefähr fünfzig Jahre alt. Er hatte sein schwarzes Beinkleid mit Straßenschmutz bespritzt und seinen schwarzen Mantel schief auf der Schulter zugehakt; sein Hut von schwarzem Leder hatte durch irgendeinen Sturz eine bedenklich platte Form erhalten. »Ihr braucht Euch nicht zu fürchten, er ist nicht bösartig«, sagte Lorilleux. »Er ist ein Nachbar von uns und hat das dritte Zimmer vor dem unseren auf demselben Gange ... Das wäre hübsch, wenn seine Vorgesetzten ihn so sehen könnten!« Der Vater Bazouge nahm den Schrecken der jungen Frau sehr übel. »Na, na,« stotterte er, »hierzulande frißt dich niemand auf ... Ich bin ebensogut wie ein anderer, meine Kleine ... Ich habe allerdings einen Schluck getrunken! Wenn man arbeiten soll, muß man die Räder schmieren. Ihr oder Eure Gesellschaft hättet heute den sechshundert Pfund schweren Rentier nicht so wie ich und mein Kamerad vom vierten Stock auf die Straße befördert und noch dazu ohne ihn kaputt zu machen... Ich liebe lustige Leute.« Trotz dieser beruhigenden Versicherungen trat Gervaise noch mehr in die Türvertiefung zurück und hatte nicht übel Lust zu weinen, ihre ganze Freude an dem Tage war ihr verdorben. Sie dachte nicht mehr daran, ihre Schwägerin zu küssen, sondern bat Coupeau, den Betrunkenen aus dem Wege zu schaffen. Für diesen Wunsch hatte Bazouge nur eine Handbewegung voll philosophischer Verachtung. »Das tut alles nichts, meine Kleine ... Ihr seid vielleicht 'mal ganz zufrieden, wenn man Euch abholt ... Ja, ja, ich kenne Frauen, die noch ›Danke schön‹ dazu sagen würden, wenn man sie nur wegholte.« Als Lorilleux sich endlich entschloß, ihn mitzunehmen, murmelte er zwischen zwei Schluchzern noch die letzten Worte: »Wenn man tot ist ... hört Ihr wohl ... wenn man tot ist, das dauert lange, sehr lange.« Viertes Kapitel. Es folgten vier Jahre harter Arbeit. Das Stadtviertel sah in Gervaise und Coupeau ein Musterehepaar; sie lebten still für sich ohne Zank und machten allsonntäglich ihren Spaziergang ins Freie nach St.-Quen zu. Die Frau arbeitete zwölf Stunden bei Madame Fauconnier und machte es doch möglich, ihre Wirtschaft tadellos sauber zu halten und ihrer Familie morgens und abends die Mahlzeiten zu bereiten. Der Mann betrank sich nicht, er brachte alle vierzehn Tage seinen Lohn nach Hause, abends rauchte er vor dem Schlafengehen am Fenster seine Pfeife, um frische Luft zu schöpfen. Wegen ihrer Ordnung und Sparsamkeit waren sie von allen gekannt, und da man wußte, daß sie nahezu neun Franken täglich verdienten, so berechnete man, daß sie schon hübsches Geld beiseite gelegt haben mußten. Besonders in der ersten Zeit mußten sie sich sehr quälen, um sich mit Ehren durchzubringen. Ihre Heirat hatte ihnen nicht weniger als zweihundert Franken Schulden auf den Hals geladen. Auch gefiel es ihnen gar nicht im Hotel »Zum Guten Herzen«, sie fanden die Menge schmutzigen Verkehrs ekelhaft; ihr Traum war, unter ihren eigenen Möbeln zu wohnen und ihre Sachen zu schonen. Wohl zwanzigmal machten sie den Kostenanschlag; es belief sich in runder Summe auf dreihundertfünfzig Franken, wenn sie sich nicht allzusehr beschränken und auch einmal eine Schüssel und einen Kochofen bei der Hand haben sollten, wenn sie sie gebrauchten. Schon verzweifelten sie daran, eine so bedeutende Summe zu ersparen, als ihnen ein glücklicher Zufall zustatten kam: ein alter Herr aus Plassans bat, daß man ihm Claude, den älteren der beiden Kleinen, überlassen solle, er wolle ihn dort auf die Schule schicken. Es war dieses die großmütige Anwandlung eines Sonderlings von Bilderliebhaber, den die Kritzeleien, die der Kleine früher gemacht hatte, aufs lebhafteste interessierten. Claude kostete ihnen schon fast unerschwingliche Summen. Als sie nur noch für den Jüngsten zu sorgen hatten, erübrigten sie die dreihundertundfünfzig Franken in sieben und einem halben Monat. An dem Tage, an dem sie die Möbel bei einem Trödler in der Wackermannsstraße kauften, machten sie, ehe sie heimkehrten, noch einen Spaziergang auf den äußeren Boulevards, um der großen Freude Luft zu machen, die sie erfüllte. Sie hatten jetzt ein Bett, einen Nachttisch, eine Kommode mit Marmorplatte darauf, einen Schrank, einen runden Tisch mit Wachstuchdecke und sechs Stühle. Alles von altem Mahagoniholz; dabei waren das Bettzeug und die noch fast ganz neuen Küchensachen noch nicht gerechnet. Es war für sie ein ernster und endgültiger Eintritt in ein geordnetes Leben, das Leben der Besitzenden, das ihnen unter den Leuten des Stadtviertels ein gewisses Ansehen gab. Seit zwei Monaten suchten sie nach einer Wohnung. Zuerst wollten sie in dem großen Hause in der Goldtropfengasse mieten. Aber dort war auch nicht ein Zimmer frei, und sie mußten von der Verwirklichung dieses alten Traums abstehen. Im Grunde genommen war Gervaise nicht allzu böse darüber; die unmittelbare Nachbarschaft der Lorilleux' erschreckte sie. So suchten sie denn anderweitig. Coupeau hielt vernünftigerweise darauf, sich nicht allzuweit von dem Geschäft der Madame Fauconnier zu entfernen, damit Gervaise mit wenig Schritten zu allen Tageszeiten einmal nach Hause kommen konnte. Endlich machten sie einen Fund: ein großes Zimmer mit Kammer und Küche in der Neuen Goldtropfengasse, beinahe dem Wäschegeschäft gegenüber. Es war dieses ein kleines, einstöckiges Haus mit einer sehr steilen Treppe, die nur zu zwei Wohnungen führte, eine zur Rechten und eine zur Linken; unten wohnte ein Fuhrherr, dessen Wagen in Schuppen auf dem sehr großen Hof standen, die längs der Straße hinliefen. Die junge Frau war entzückt, sie glaubte sich in die Provinz zurückversetzt; keine Nachbarn, deren Klatschereien zu fürchten waren, ein stiller Winkel, der sie an eine Gasse in Plassans erinnerte, die dort hinter den Wällen lag; um ihrem Glück die Krone aufzusetzen, fand es sich, daß sie von ihrem Arbeitstische aus die Fenster ihrer Wohnung sehen konnte, wenn sie nur den Kopf aufhob, ohne ihre Plätteisen auch nur einen Augenblick zu verlassen. Der Umzug fand zum Apriltermin statt. Damals war Gervaise im achten Monat schwanger. Sie hielt sich sehr tapfer und versicherte lächelnd, daß ihr das Kind bei der Arbeit helfe; sie fühle, wie es seine kleinen Patschhändchen anstemme und ihr Kraft gebe. Coupeau komme schön bei ihr an, wenn er ihr zureden wolle, sich hinzulegen, um sich zu pflegen! Sie werde sich schon legen, wenn die richtigen Schmerzen kämen; dann sei es immer noch früh genug, denn jetzt, wo noch ein Mäulchen mehr zu stopfen sei, würden sie sich wohl beide ganz gehörig daranhalten müssen. Sie selbst machte die ganze Wohnung rein, ehe sie ihrem Manne half, die Möbel stellen. Für diese Möbel hatte sie eine innige Verehrung, mit mütterlicher Zärtlichkeit wischte sie daran herum und bekam Herzweh über Schrammen, die sie entdeckte; erschrocken hielt sie inne, wenn sie beim Fegen aus Versehen mit dem Besen daran stieß. Die Kommode war ihr besonders wert, sie fand sie schön, dauerhaft und von würdigem Aussehen. Einer ihrer Träume, den sie nie auszusprechen wagte, war es, eine Stutzuhr zu besitzen, um sie mitten darauf zu setzen, wo sie eine prachtvolle Wirkung machen mußte. Wenn das Kind nicht gekommen wäre, hätte sie vielleicht gewagt, die Stutzuhr zu kaufen. So aber vertagte sie solche Gedanken mit einem Seufzer auf später. Das Ehepaar lebte in einem vollen Strom von Entzücken über die neue Wohnung. Das Bett Etiennes stand in der Kammer, wo auch noch Platz für eine andere Kinderschlafstelle war. Die Küche war nicht viel größer als ein Handteller und ganz dunkel, wenn man aber die Tür offen ließ, sah man genug; übrigens hatte ja Gervaise auch nicht für dreißig Personen zu kochen, wenn sie nur Platz für ihr Suppenfleisch fand, so war es genug. Das große Zimmer war ihr Stolz. Sowie es Tag war, schlossen sich die Vorhänge des Alkovens; diese Vorhänge waren von weißer Baumwolle, und das Zimmer verwandelte sich in ein Eßzimmer mit dem Tisch in der Mitte, der Schrank und die Kommode standen einander gegenüber. Da der Kamin bei der Heizung für wenigstens fünfzehn Sous Steinkohlen täglich verbrauchte, so hatten sie einen kleinen gußeisernen Ofen davor auf die Marmorplatte gesetzt, der selbst bei großer Kälte das Zimmer für sieben Sous gut erwärmte. Die Wände hatte Coupeau nach Möglichkeit geschmückt, indem er sich noch weitere Verschönerungen vorbehielt: ein hoher Kupferstich stellte einen Marschall von Frankreich vor, der mit seinem Stabe zwischen einer Kanone und einem Haufen Kugeln herumfuchtelte, er vertrat die Stelle des Spiegels; über der Kommode waren die Photographien der Familie in zwei Reihen rechts und links von einem alten Weihkessel aus vergoldetem Porzellan geordnet, in dem man die Zündhölzer aufbewahrte; auf dem Karnies des Schrankes standen die Büsten von Pascal und Beranger als Gegenstücke, der eine ernst, der andere lächelnd, neben der Kuckucksuhr, deren Ticktack er zu lauschen schien. Es war wirklich ein schönes Zimmer. »Ratet einmal, was wir hier zahlen?« fragte Gervaise jeden Besuch. Wenn man dann ihre Miete zu hoch schätzte, triumphierte sie und war entzückt, für so wenig Geld so gut zu wohnen. »Hundertundfünfzig Franken, nicht einen Sou mehr! ... Nicht wahr, das ist rein geschenkt?« Auch die Neue Goldtropfengasse trug viel zu ihrer Zufriedenheit bei. Gervaise lebte da, indem sie fortwährend zwischen ihrer und Madame Fauconniers Wohnung hin und her ging. Coupeau ging jetzt des Abends hinunter und rauchte seine Pfeife an der Haustür. Die Straße war ohne Fußwege, und das schlechte Pflaster stieg bergan. Dort oben nach der Goldtropfengasse zu waren dunkle Verkaufsläden mit schmutzigen Fensterscheiben, Schuhmacher, Böttcher, ein Winkelkrämer und ein Weinhändler im Konkurs, dessen seit Wochen geschlossene Fensterläden mit Anschlagzetteln bedeckt waren. Am anderen Ende gegen Paris zu ragten Häuser von vier Stockwerken gen Himmel, deren Erdgeschosse durch eine Menge von Wäscherinnen, eine neben der andern, dicht besetzt waren, nur die Vorderseite eines kleinstädtischen Friseurladens, der ganz grün angestrichen war und dessen Schaufenster eine Menge von Fläschchen in zarten Farben aufwies, belebte diesen düstern Winkel mit dem hellen Leuchten seiner kupfernen Rasierbecken, die sehr sauber gehalten waren. Das lustigste Aussehen hatte die Straße in der Mitte, hier waren die Gebäude weitläufiger und niedriger und ließen Licht und Luft zu. Die langen Schuppen des Fuhrherrn und eine benachbarte Selterwasserfabrik, sowie die Waschanstalt gegenüber erweiterten den freien Raum, der so still war, daß die unterdrückten Stimmen der Wäscherinnen und das regelmäßige Ächzen der Dampfmaschine die Ruhe noch zu vergrößern schienen. Tiefe Grundstücke, zu denen enge Wege zwischen dunklen Mauern hinführten, gaben dem Ort ein dorfartiges Aussehen. Coupeau belustigte sich über die seltenen Passanten, welche die ewigen Ströme von Seifenwasser überspringen mußten; er sagte, daß ihn das an eine Gegend erinnere, in die ihn einer seiner Onkel geführt habe, als er fünf Jahre alt war. Die Hauptfreude von Gervaise war ein Baum, der links von ihrem Fenster in einem Hof gepflanzt war, es war eine Akazie mit einem einzigen langen Ast, dessen dürftiges Grün hinreichte, um die ganze Straße in Entzücken zu versetzen. Am letzten Tage des Monat April kam die junge Frau nieder. Die Wehen stellten sich am Nachmittag gegen vier Uhr ein, als sie gerade ein paar Gardinen bei Madame Fauconnier plättete. Sie wollte noch nicht gleich weggehen, blieb und wand sich auf einem Stuhl; wenn die Schmerzen sich ein wenig beruhigten, plättete sie weiter. Die Gardinen waren eilig, und sie setzte ihren Kopf darauf, sie fertig zu machen. Vielleicht war es auch nur eine Kolik, und man dürfe doch nicht auf jedes bißchen Leibschmerzen so achten. Als sie aber davon sprach, Männerhemden anzufangen, wurde sie plötzlich ganz blaß. Sie mußte die Arbeit liegen lassen und ganz zusammengekrümmt über die Straße gehen, wobei sie sich an den Mauern hielt. Eine Arbeiterin erbot sich, sie zu begleiten; doch lehnte sie es ab und bat sie, nur schnell nebenan zur Hebamme in die Kohlenstraße zu gehen. Sicher war zu Hause kein Feuer. Die Nacht über werde sie wohl mit der Sache zu tun haben. Nichts hindere sie, beim Nachhausekommen Coupeaus Essen zurecht zu machen, nachher werde sie sehen, daß sie sich einen Augenblick auf das Bett lege, wenn sie sich auch nicht ausziehe. Auf der Treppe erfaßte sie eine so starke Wehe, daß sie sich auf den Stufen niedersetzen mußte. Sie preßte beide Hände gegen den Mund, um nicht zu schreien, weil sie sich schämte, dort vielleicht von Männern gefunden zu werden, die die Treppe heraufkämen. Der Schmerz ging vorüber, sie konnte ihre Tür öffnen und fühlte sich leichter in dem Gedanken, daß sie sich sicher getäuscht habe. Sie machte diesen Abend ein Hammelragout mit Koteletten. Alles ging noch gut, während sie die Kartoffeln schälte; als sie die Koteletten über das Feuer setzte, brach ihr wieder der Schweiß aus, und die schneidenden Schmerzen erfaßten sie aufs neue. Sie arbeitete an ihrer Pfanne, indem sie vor dem Ofen hin und her trippelte; dicke Tränen verschleierten ihre Augen. Wenn sie auch niederkam, so war es doch kein Grund, Coupeau ohne Essen zu lassen. Endlich prasselte das Ragout auf gelindem, mit Asche überdecktem Feuer. Sie ging in das Zimmer und glaubte noch soviel Zeit zu haben, um an einem Ende des Tisches aufzudecken. Sie mußte jedoch das Liter Wein, das sie in der Hand hatte, schnell wegsetzen. Sie hatte nicht mehr soviel Kraft, bis zum Bette zu kommen, fiel zu Boden und gebar auf einer Matratze, die da lag. Als die Hebamme eine Viertelstunde später kam, fand sie sie dort mit dem Kleinen. Noch immer arbeitete der Zinkarbeiter am Krankenhause. Gervaise wollte nicht dulden, daß man hingehe und ihn bei der Arbeit störe. Als er um sieben Uhr nach Hause kam, fand er sie im Bette, bis zum Kinn zugedeckt, und ihr Gesicht lag bleich auf dem Kopfkissen. Das Kindchen war zu Füßen seiner Mutter in einen Schal gewickelt und schrie. »Oh, mein armes Frauchen!« sagte Coupeau, indem er Gervaise küßte. »Und ich scherzte noch vor einer Stunde, als du schon in den Wehen lagst! ... Sage mir, dir ist doch gut? Du hast das abgemacht in der Zeit, die ein anderer braucht, um zu niesen.« Ein schwaches Lächeln erhellte ihr Antlitz, und dann murmelte sie: »Es ist ein Mädchen.« »Das ist mir gerade recht!« sagte der Zinkarbeiter scherzend, um sie zu erheitern, »hatte ich denn nicht eine Tochter bestellt? Wie? Nun habe ich eine! Machst du denn nicht alles so, wie ich es will?« Dann nahm er das Kind auf und fuhr fort: »Laß dich doch mal ein bißchen ansehen, Fräulein Schmutzfink! ... Du hast ja ein ganz schwarzes Gesichtchen. Na, das wird schon weiß werden, nur nicht ängstlich. Sei mir hübsch artig und werde keine liederliche Dirne, sondern groß und vernünftig wie Papa und Mama.« Gervaise war sehr ernst geworden, mit weit geöffneten Augen betrachtete sie ihre Tochter und konnte sich trüber Ahnungen nicht erwehren. Sie schüttelte leise ihren Kopf, sie hätte lieber einen Knaben gehabt, weil sie sich immer leichter durchschlagen und in Paris nicht so viel Gefahren laufen. Die Hebamme mußte Coupeau den Säugling aus den Händen nehmen. Sie verbot auch Gervaise das Sprechen, es sei schon schlimm genug, daß man so viel Lärm um sie herum mache. Der Zinkarbeiter meinte, daß man Mama Coupeau und die Lorilleux' benachrichtigen müsse; aber jetzt komme er vor Hunger um und wolle erst essen. Für die Wöchnerin war es peinlich, daß sie nun zusehen mußte, wie er sich selbst bediente, wie er in die Küche lief, um das Ragout zu holen, das er auf einem Suppenteller aß, und wie er das Brot nicht finden konnte. Trotz des Gebots, stille zu sein, jammerte sie darüber und krümmte sich unter der Bettdecke. Es war aber auch zu dumm, daß sie den Tisch nicht mehr hatte decken können, die Wehe hatte sie umgeworfen, als ob sie jemand zu Boden geschlagen habe. Ihr guter Mann solle ihr nur nicht böse sein, da sie faulenze, während er so schlecht essen müsse. Sind denn auch die Kartoffeln ordentlich gar? Sie konnte sich nicht mehr darauf besinnen, ob sie sie gesalzen habe. »Seid doch stille!« rief die Hebamme. »Ihr werdet sie auch nicht hindern, sich abzuzappeln«, sagte Coupeau mit vollem Munde. »Wenn Ihr nicht da wäret, wollte ich wetten, sie würde aufstehen und mir mein Brot schneiden ... Bleibe doch auf dem Rücken liegen, dicke Pute! Du mußt dich doch nicht kaput machen, sonst dauert es vierzehn Tage, ehe du wieder auf die Beine kommst ... Dein Ragout ist sehr gut. Madame wird ein bißchen mitessen. Nicht wahr, Madame?« Die Hebamme dankte bestens, aber ein Glas Wein wolle sie gern annehmen, weil es sie so erschüttert habe, die arme Frau mit dem Kleinen auf der Matratze liegen zu sehen. Dann endlich ging Coupeau, um die Neuigkeit der Familie mitzuteilen. Eine halbe Stunde darauf kam er schon mit der ganzen Gesellschaft an, mit Mama Coupeau, den Lorilleux' und Madame Lerat, die er gerade dort getroffen hatte. Bei dem guten Fortkommen des Paares waren die Lorilleux' sehr liebenswürdig geworden und lobten Gervaise über alle Maßen, wenn sie auch durch zweifelhafte Gesten, bedenkliches Kopfschütteln und gelegentliches Augenzwinkern dieses laute Lob sehr beeinträchtigten. Sie wußten einmal, was sie wußten, aber sie wollten der allgemeinen Meinung des Stadtviertels nicht entgegen sein. »Da bringe ich dir den ganzen Bau!« rief Coupeau. »Es ist nun mal so, sie haben dich alle sehen wollen ... Daß du nicht den Schnabel auftust, das ist dir verboten. Sie können dich ansehen, ohne Umstände, nicht wahr? ... Ich werde ihnen Kaffee machen und ihnen allen Gesellschaft leisten.« Damit verschwand er in der Küche. Mama Coupeau, die Gervaise umarmt hatte, konnte des Staunens kein Ende finden über das dicke Kind. Auch die beiden anderen Frauen hatten jede der Wöchnerin den üblichen Kuß auf die Backe gegeben. So standen alle drei Frauen vor dem Bette und sprachen über Entbindungen; sie führten seltene Fälle an und waren schließlich der Ansicht, daß die ganze Geschichte nicht schlimmer sei als das Zahnausziehen. Madame Lerat untersuchte die Kleine überall und gewann die Überzeugung, daß sie eine tüchtige Frau abgeben werde; nur den Kopf fand sie zu spitz und drückte ihn leicht, um ihn runder zu machen. Darüber war Madame Lorilleux so böse, daß sie ihr das Kind wegnahm; wenn man ein Kind so drücke, so genüge es, eine solche Kreatur für alle Laster empfänglich zu machen, besonders so lange der Kopf noch offen sei. Dann suchten sie nach Ähnlichkeiten. Beinahe hätte man sich gezankt. Lorilleux, der hinter den Frauen einen langen Hals machte, meinte, daß die Kleine nichts von Coupeau habe, vielleicht die Nase ein bißchen. Das war die ganze Mutter, besonders in den Augen, sicherlich kämen diese Augen nicht von ihrer Familie. Noch immer kam Coupeau nicht wieder. Man hörte, wie er sich in der Küche am Herd mit der Kaffeemaschine zu schaffen machte. In Gervaise drehte sich alles um, das Kaffeemachen war keine Beschäftigung für einen Mann, und sie rief ihm zu, wie er sich dabei benehmen solle, ohne daß sie weiter auf das »Pst! Pst!« der Hebamme geachtet hätte. »Macht mir den Tisch frei!« sagte Coupeau, als er mit der Kaffeemaschine hereinkam. »Nun, war sie langweilig genug? Sie muß sich jetzt unausstehlich machen .. Wir wollen den Kaffee aus Gläsern trinken, wenn's euch recht ist, weil die Tassen noch beim Kaufmann sind.« Alle setzten sich um den Tisch herum, und Coupeau ließ es sich nicht nehmen, den Kaffee selbst einzugießen; er roch sehr stark, das war kein Blümchenkaffee! Als die Hebamme ihr Glas ausgeschlürft hatte, ging sie fort. Alles ging nach Wunsch, und man bedurfte ihrer nicht mehr: wenn die Nacht nicht gut sein solle, so könne man sie ja immer gegen Morgen holen. Sie war noch nicht die Treppe herunter, als Madame Lorilleux sie auch schon eine Schmarotzerin und Lotterliese nannte. »Das nimmt sich vier Stücke Zucker zu seinem Kaffee und läßt sich fünfzehn Franken bezahlen, wenn man auch ganz allein niedergekommen ist. Coupeau verteidigte die Frau; er wolle gern die fünfzehn Franken bezahlen, und dann müsse man auch bedenken, daß solche Frauen ihre Jugend damit zubrächten, die Sache zu studieren, deshalb hätten sie recht, wenn sie sich teuer bezahlen ließen. Hierauf entstand ein Streit zwischen Lorilleux und Madame Lerat; er behauptete, wenn man einen Jungen haben wollte, müsse man das Kopfende des Bettes nach Norden drehen. Sie zuckte hierüber mit den Achseln und erklärte es für eine Kinderei, empfahl dagegen ein anderes Rezept, das darin bestand, unter der Matratze, ohne der Frau etwas davon zu sagen, ein Bündel Brennesseln zu verstecken, die man in der Sonne gepflückt habe. Man hatte den Tisch nahe an das Bett gerückt. Bis gegen zehn Uhr hielt Gervaise, die nach und nach eine große Mattigkeit überkam, ihr Gesicht, verloren lächelnd, auf ihrem Kopfkissen den Besuchern zugewendet; sie sah und hörte, aber sie fand weder die Kraft, eine Bewegung zu machen, noch ein Wort zu sprechen; sie schien eines sanften Todes gestorben zu sein, durch dessen Schleier sie voller Seligkeit die Lebenden erkennen konnte. Hin und wieder machte sich der Schrei des Säuglings in dem Getöse der Stimmen bemerklich, die sich in unendlichen Betrachtungen über einen Mord ergingen, der abends zuvor am andern Ende von la Chapelle begangen war. Als die Gesellschaft endlich ans Fortgehen dachte, sprach man von der Taufe. Die Lorilleux' hatten sogleich eingewilligt, Taufpaten zu sein; hinterher machten sie saure Gesichter; wenn man sie aber nicht aufgefordert hätte, würden sie es sehr übelgenommen haben. Coupeau war durchaus nicht von der Notwendigkeit durchdrungen, die Kleine taufen zu lassen; davon bekomme sie gewiß keine zehntausend Franken Rente, sondern laufe im besten Falle noch Gefahr, sich zu erkälten. Je weniger man mit den Pfaffen zu tun habe, um so besser sei es. Die Lorilleux', die zwar auch nicht immer in der Kirche hockten, wollten doch gern für kirchliche Leute angesehen werden. »Also auf den nächsten Sonntag, wenn es euch recht ist«, sagte der Kettenmacher. Als Gervaise ihr Einverständnis durch ein Kopfnicken bekundet hatte, wurde sie von allen geküßt und ihr anempfohlen, es sich gut gehen zu lassen. Auch vom Säugling wurde Abschied genommen. Jeder beugte sich mit Lächeln und zärtlichen Worten über das kleine, zitternde Wesen, als ob es schon alles verstehen könne. Man nannte es Nana, es war das der Schmeichelname von Anna, den ihre Pate trug. »Gute Nacht, Nana! ... Leb wohl, Nana! werde ein hübsches Mädchen!« ... Als sie endlich fort waren, rückte Coupeau seinen Stuhl dicht neben das Bett und rauchte seine Pfeife zu Ende, wobei er Gervaises Hand in der seinen hielt. Er rauchte bedächtig und sprach zwischen den Rauchwolken, die er ausstieß, sehr bewegt. »Nun, Alte, dir wird gewiß der Kopf dröhnen. Du weißt ja; ich konnte nicht hindern, daß sie herkamen. Übrigens beweist es auch ihre Freundschaft ... Aber nicht wahr, man ist doch besser allein? Ich wollte so gern, so gern ein wenig mit dir ganz allein sein. War der Abend für mich lang! ... Mein armes Weibchen! Du hast genug Weh-Weh gehabt! Wenn solch kleine Knirpse zur Welt kommen, wissen sie nichts davon, wie weh es tut. Wahrhaftig, es muß ja sein, als ob einem Herz und Nieren geöffnet würden ... Wo tut es dir weh, ich will es küssen.« Er hatte eine seiner großen Hände vorsichtig unter ihren Rücken geschoben und küßte sie durch die Leinentücher auf den Bauch mit der Zärtlichkeit des rauhen Mannes für diese noch schmerzhaft zuckende Mutterschaft. Er fragte, ob er ihr auch nicht weh tue, und hätte am liebsten darauf gepustet, um sie gesund zu machen. So fühlte sich Gervaise ganz glücklich. Sie versicherte ihrem Mann, daß sie gar keine Schmerzen mehr habe und nur daran denke, so bald als möglich aufzustehen, denn jetzt dürfe man nicht die Hände in den Schoß legen. Er beschwichtigte sie. Sei er denn nicht da, um für die Kleine zu sorgen? Er sei ein Elender, wenn er ihr jemals die Sorge für dieses Wesen überlassen werde. Es scheine ihm kein großes Kunststück, ein Kind zu machen, nicht wahr? aber eins zu ernähren, das sei schwerer. Coupeau schlief während dieser Nacht fast gar nicht. Er hatte das Feuer im Ofen weiter schwelen lassen und stand jede Stunde auf, um dem Kinde einen Löffel lauwarmen Zuckerwassers zu geben. Das hinderte ihn nicht, morgens zur gewöhnlichen Stunde zur Arbeit zu gehen. Er benützte sogar seine Frühstückspause, um auf dem Standesamte die Anmeldung zu besorgen. Mittlerweile war Madame Boche gekommen, die man benachrichtigt hatte, und verweilte den Tag über bei Gervaise. Diese hatte zehn Stunden lang in tiefem Schlafe gelegen und sagte, daß sie das Liegen im Bette schon ganz steif gemacht habe. Man solle sehen, sie werde noch krank, wenn man sie nicht aufstehen lasse. Als abends Coupeau nach Hause kam, erzählte sie ihm all ihre Qualen: sie habe ja volles Vertrauen zu Madame Boche, aber sie könne es nicht ertragen, eine andere in ihrem Zimmer sich einnisten zu sehen, die all ihre Schubkasten aufziehe und all ihre Sachen anfasse. Als am andern Morgen, die Pförtnersfrau von einem Gang zurückkam, fand sie sie außer Bett und angezogen, wie sie die Stube ausfegte und das Mittagessen für ihren Mann besorgte. Unter keiner Bedingung wollte sie sich wieder niederlegen. Man wolle sich wohl über sie lustig machen? Das möge für die Damen gut sein, so zu tun, als ob man gleich halbtot sei. Wenn man nicht reich sei, habe man dazu keine Zeit. Drei Tage nach ihrer Niederkunft plättete sie bei Madame Fauconnier schon wieder Unterröcke, sie drückte mit ihrem Eisen fest auf, wenn ihr auch bei der großen Hitze des Ofens die Schweißtropfen von der Stirn rannen. Schon am Sonnabend brachte Madame Lorilleux ihre Patengeschenke: ein Häubchen für fünfunddreißig Sous und ein Taufkleidchen mit Falten und einer kleinen Spitze, das sie für sechs Franken erstanden hatte, weil es nicht mehr ganz frisch war. Am nächsten Tage gab Lorilleux als Pate der Wöchnerin sechs Pfund Zucker. Sie benahmen sich sehr gut. Selbst am Abend kamen sie zu der Mahlzeit, die bei den Coupeaus stattfand, nicht mit leeren Händen. Der Mann brachte unter jedem Arm einen Liter guten Wein mit und die Frau einen großen Kuchen, den sie von einem sehr beliebten Pastetenbäcker auf der Clignancourt-Chaussee gekauft hatte. Nur daß die Lorilleux' ihre Freigebigkeit im ganzen Quartier herumerzählten, sie hätten nahezu zwanzig Franken verausgabt. Als Gervaise dieses Geklatsch zu Ohren kam, wollte sie vor Ärger ersticken und schlug jetzt alle ihre Liebenswürdigkeiten erheblich geringer an. Bei diesem Essen zu Ehren der Taufe schlossen sich die Coupeaus auch inniger an ihre Flurnachbarschaft an. Die andere Wohnung in dem kleinen Hause hatten zwei Personen inne, eine Mutter mit ihrem Sohne, die Goujets, wie man sie nannte. Bis dahin hatte man sich wohl auf der Treppe oder auf der Straße gegrüßt, aber weiter nichts, weil die Nachbarn wenig umgänglich zu sein schienen. Als die Mutter am Tage von Gervaises Niederkunft einen Eimer Wasser heraufgetragen hatte, hielt sie es für schicklich, die Leute einzuladen, um so mehr, als sie sie sehr anständig fand. Damit hatte man natürlich Bekanntschaft gemacht. Die Goujets waren aus dem Departement du Nord. Die Mutter war Spitzenausbesserin; der Sohn, seines Handwerks ein Schmied, arbeitete in einer Bolzen- und Riegelfabrik. Schon seit fünf Jahren bewohnten die Leute die andere Wohnung am Flur. Hinter ihrem stillen, friedlichen Leben verbarg sich ein alter Kummer: Goujet, der Vater, hatte in Lille eines Tages in sinnloser Trunkenheit mit einer Eisenstange einen Kameraden zu Boden geschlagen und sich dann im Gefängnis mit seinem Schnupftuch erhängt. Die Witwe und das Kind, die nach diesem Unglück nach Paris gekommen waren, fühlten immer das Schreckliche dieser Katastrophe auf sich lasten und bestrebten sich, durch strenge Ehrenhaftigkeit, durch stete Milde und Hingebung das beleidigte Schicksal zu versöhnen. Schließlich gewann ihre Haltung etwas Stolzes, denn sie kamen sich besser als die anderen vor. Madame Goujet kleidete sich stets schwarz und trug Kopfbedeckungen, die nach Art der Nonnenhauben ihre Stirn einschlossen; sie hatte ein weißes, ruhiges Matronenantlitz, dem die Blässe der Spitzen und die mühselige Arbeit ihrer Hände einen Abglanz heitern Seelenfriedens zu geben schien. Goujet war ein Riese von dreiundzwanzig Jahren, mannhaft, mit blühendem Gesicht, blauen Augen und herkulischen Körperkräften. In der Werkstatt nannten ihn die Kameraden Löwenmaul wegen seines schönen blonden Bartes. Gervaise fühlte sich gleich sehr zu den Leuten hingezogen. Als sie zum erstenmal in ihre Behausung kam, konnte sie nicht genug über die Sauberkeit staunen. Es war nichts zu sagen, da konnte man pusten, wo man wollte, auch nicht das kleinste Stäubchen flog auf. Madame Goujet ließ sie auch das Zimmer ihres Sohnes sehen. Das war so hübsch und sauber wie das Zimmer eines jungen Mädchens: da war ein eisernes Bett mit Musselinevorhängen, eine Waschtoilette, ein kleines, an der Wand hängendes Bücherbrett und alles voller Bilder, es waren Männer, die aus buntfarbigen Kupferstichen geschnitten waren, oder Porträts aus illustrierten Zeitungen. Madame Goujet erzählte lächelnd, daß ihr Sohn ein großes Kind sei, den das Lesen am Abend ermüde und der dann lieber seine Bilder ansehe. Gervaise verbrachte nahezu eine Stunde bei ihrer Nachbarin, die schon wieder an ihrem Stickrahmen nahe beim Fenster saß. Sie interessierte sich für die Hunderte von Stecknadeln, mit denen die Spitzen aufgesteckt wurden, und war glücklich, dort zu verweilen und die reine Luft einer Behausung zu atmen, der die mühsame, zarte Arbeit einen ruhigen Frieden zu geben schien. Die Goujets gewannen noch bei näherer Bekanntschaft. Sie arbeiteten mit Überstunden und brachten mehr als das Viertel ihres vierzehntägigen Lohnes zur Sparkasse. Im Quartier waren sie sehr angesehen und ihre Ersparnisse ein beliebter Unterhaltungsgegenstand. Goujet hatte nie etwas Zerrissenes an sich, er ging stets mit sauberen Blusen, nie war ein Fleck an ihm zu sehen. Er war sehr artig, je selbst ein wenig schüchtern, trotz seiner mächtigen Schultern. Die Wäscherinnen vom andern Ende der Straße kicherten, wenn sie sahen, wie er an ihnen mit gesenktem Kopfe vorüberging. Er liebte ihre Großmäuligkeit nicht und fand es ekelhaft, wenn Frauen unaufhörlich schmutzige Redensarten im Munde führten. Eines Tages war er etwas angetrunken nach Hause gekommen. Statt aller Vorwürfe hatte ihn seine Mutter zu dem Bilde seines Vaters geführt, das sie voll frommer Scheu stets in der Tiefe eines Kommodenkastens verborgen hielt. Seit dieser Lehre trank Goujet nur noch Wein mit Wasser, ohne daß er den Wein verachtet hätte, denn der Wein ist dem Arbeiter notwendig. Sonntags führte er seine Mutter aus, wobei er ihr den Arm reichte, gewöhnlich besuchte er mit ihr die Gegend von Vincennes, hin und wieder auch ein Theater. Seine Mutter war seine einzige Leidenschaft, er sprach zu ihr immer so, als ob er noch ganz Hein sei. Mit seinem mächtigen Kopf, seinen durch die harte Arbeit mit dem Hammer gestählten herkulischen Gliedern war er wie die großen Tiere: schwer von Begriff, aber sehr gutmütig. In den ersten Tagen war ihm der Anblick von Gervaise störend, aber nach einigen Wochen gewöhnte er sich an sie. Er paßte auf, wenn sie kam, um ihr ihre Pakete hinaufzutragen, und behandelte sie wie eine Schwester mit einer Art rauher Freundlichkeit, die so weit ging, daß er nur noch Bilder nach ihrem Geschmack ausschnitt. Als er sie eines Morgens, wo er, ohne anzuklopfen, ihre Tür geöffnet hatte, halb nackt überraschte, wie sie sich Hals und Arme wusch, konnte er ihr acht Tage lang nicht in die Augen sehen, so daß selbst sie schließlich bei seiner Begegnung errötete. Cadet-Cassis fand in seiner Pariser Ausdrucksweise, daß das Löwenmaul ein Fatzke sei. Es ist ja ganz gut, wenn man nicht trinkt und auf den Straßen nicht den Mädchen nachläuft, aber ein Mann muß doch immer ein Mann sein, sonst kann er sich ja lieber gleich Unterröcke anziehen. Er zog ihn in Gegenwart von Gervaise auf, indem er behauptete, daß er auf alle Frauen im Quartier ein Auge habe; und dieser Tambourmajor von Goujet verteidigte sich allen Ernstes gegen solche Anschuldigungen. Trotz alledem waren die beiden Arbeiter gute Kameraden. Sie warteten des Morgens einer auf den andern und gingen zusammen zur Arbeit, oft tranken sie auch vor dem Nachhausekommen ein Glas Bier zusammen. Seit dem Taufessen duzten sie sich, denn das ewige »Sie« sagen macht die Sätze so lang. So standen sie miteinander, als eines Tages Löwenmaul dem Cadet-Cassis einen von den Diensten leistete, die man zeitlebens nicht vergißt. Es war am zweiten Dezember. Der Zinkarbeiter hatte aus purem Übermut den Plan gefaßt, sich den Volksauflauf anzusehen, er machte sich den Teufel was aus der Republik, aus Bonaparte oder wie die Sache sonst auch immer heißen mochte, aber er roch gern Pulver, Flintenschüsse kamen ihm spaßhaft vor. So hatte man ihn denn zur Verteidigung einer Barrikade gepreßt, als der Schmied noch eben zur rechten Zeit dazu kam, um ihm entkommen zu helfen und mit seinem mächtigen Körper seinen Rückzug zu decken. Als Goujet die Vorstadt Fischerstraße wieder hinaufstieg, ging er schnell und mit ernstem Gesicht. Er beschäftigte sich mit Politik, er war Republikaner, gemäßigt, im Namen der Gerechtigkeit and des Glückes aller. Er hatte noch nie zur Flinte gegriffen, dafür hatte er seine Gründe: das Volk hatte genug davon, für die Bürger die Kastanien aus dem Feuer zu holen und sich die Pfoten zu verbrennen; Februar und Juni seien gute Lehren gewesen, künftig würden es die Vorstädte der Stadt überlassen, auszukommen wie sie könne. Als er auf der Höhe der Fischerstraße angekommen war, wandte er sich um und sah nach Paris zurück; trotz allem schien man da unten diesmal die Sache ordentlich anzufassen, und vielleicht werde es einst der Arbeiter noch einmal bereuen, mit gekreuzten Armen zugesehen zu haben. Coupeau lachte ihn aus und meinte, das müßten dumme Esel sein, die ihre Haut zu Markte trügen, um schließlich nur ja den Nichtstuern in den Kammern ihre fünfundzwanzig Franken per Tag zu erhalten. Am Abend luden die Coupeaus die Goujets zum Essen ein. Beim Nachtisch gaben sich Cadet-Cassis und Löwenmaul ein paar Küsse auf die Backen. Damit waren sie auf Leben und Tod verbunden. Während dreier Jahre ging so das Leben der beiden Familien zu beiden Seiten des Flures ohne ein bemerkenswertes Ereignis hin. Gervaise hatte es möglich gemacht, die Kleine großzuziehen, ohne mehr als höchstens zwei Arbeitstage in der Woche zu verlieren. Sie war schließlich eine so gute Arbeiterin geworden, daß sie drei Franken für den Tag verdiente. Da hatte sie sich entschlossen, Etienne, der in sein achtes Jahr ging, in eine kleine Pension in der Chartres-Straße zu geben, wofür sie fünf Franken wöchentlich bezahlte. Trotz der Ausgaben für die beiden Kinder, brachten die Eheleute doch jeden Monat zwischen zwanzig und dreißig Franken auf die Sparkasse. Als ihre Ersparnisse die Höhe von sechshundert Franken erreicht hatten, faßte die junge Frau einen ehrgeizigen Plan, der sie nicht mehr schlafen ließ: sie wollte sich selbständig machen, einen kleinen Laden mieten und Arbeiterinnen nehmen. Sie hatte alles berechnet. In zwanzig Jahren konnte sie eine Rente haben, wenn die Arbeit nur irgend ging; dann konnten sie irgendwo auf dem Lande von ihren Zinsen leben. Trotz ihrer schönen Rechnung wagte sie sich mit der Sache doch nicht recht heraus. Sie sagte, daß sie nach einem Laden suche, um Zeit zu gewinnen und alles reiflich zu überlegen. Das Geld wurde ja auf der Sparkasse nicht weniger, im Gegenteil, es kam ja immer noch etwas dazu. In den ganzen drei Jahren hatte sie sich nur die Befriedigung eines einzigen Wunsches gegönnt: eine Stutzuhr war gekauft worden, sie war von Mahagoniholz, mit gewundenen Säulen, und hatte einen vergoldeten Kupferpendel; sie mußte während eines ganzen Jahres mit Barzahlungen von zwanzig Sous alle Montage abgezahlt werden. Sie wurde böse, wenn Coupeau davon sprach, sie aufzuziehen, nur sie allein durfte das Glas abheben, dann wischte sie mit so andächtiger Sorgfalt die Säulen ab, als ob die Marmorplatte ihrer Kommode sich in eine Kapelle verwandelt habe. Unter dem Glase hinter der Uhr verbarg sie das Sparkassenbuch. Oft stand sie vor dem Zifferblatt und beobachtete die Bewegung der Zeiger, wenn sie von ihrem zukünftigen Laden träumte, als ob sie eine besonders feierliche Minute abwarten wolle, um ihren letzten Entschluß zu fassen. Die Coupeaus gingen jetzt fast jeden Sonntag mit den Goujets aus. Es waren hübsche Landpartien, bei denen man ein Stückchen Braten oder ein Kaninchen in den Lauben eines Restaurateurs zu St. Quen oder Vincennes ohne Umstände verzehrte. Die Männer tranken nach ihrem Durst und kamen gesund und nüchtern nach Hause, indem sie ihre Dame am Arm führten. Abends vor dem Schlafengehen berechnete man die Ausgaben und teilte sie zur Hälfte; nie kam es vor, daß eines Sous mehr oder weniger Erwähnung getan wurde. Die Lorilleux' waren auf die Goujets eifersüchtig. Es war ihnen nicht recht, daß sie Cadet-Cassis und die Humpelliese immer mit Fremden sehen mußten, da sie doch ihre Familie hatten. Oh, jawohl! Um die kümmerten sie sich gerade soviel wie um eine taube Nuß! Jetzt, wo sie ein paar Sous auf die hohe Kante gelegt hatten, taten sie, was ihnen gut dünke. Madame Lorilleux war sehr wütend darüber, ihren Bruder so ihrem Einfluß ganz entzögen zu sehen, und fing wieder an, Gervaise hinter ihrem Rücken zu verleumden. Dagegen nahm Madame Lerat Partei für Gervaise und verteidigte die junge Frau; sie erzählte von außerordentlichen Versuchungen, denen sie des Abends auf dem Boulevard ausgesetzt gewesen sei, und denen sie immer wie eine Heldin widerstanden habe, ja daß sie sogar oft ihre feigen Angreifer mit ein paar Ohrfeigen heimgeschickt habe. Mama Coupeau suchte alle Gegensätze auszugleichen und sich bei allen ihren Kindern gern gesehen zu machen; ihre Augen wurden immer schwächer, sie hatte jetzt nur noch eine Aufwartestelle und war sehr zufrieden, von dem einen oder dem andern hin und wieder fünf Franken zu bekommen. An dem Tage, wo Nana drei Jahre alt wurde, fand Coupeau Gervaise ganz zerstreut. Sie weigerte sich zu sprechen und sagte, ihr sei gar nichts. Als sie aber den Tisch ganz verkehrt deckte und plötzlich in tiefes Nachdenken versank, wollte ihr Mann durchaus wissen, was sie habe. »Nun wohl!« gestand sie endlich, »der Laden des kleinen Krämers in der Goldtropfengasse ist zu vermieten ... Ich habe das vor einer Stunde gesehen, als ich ging, mir Zwirn zu kaufen. Das hat mir zu denken gegeben.« Der Laden war sehr sauber und gerade in dem Hause, in dem sie zu wohnen früher immer so sehnlichst gewünscht hatten. Das Lokal bestand aus dem Laden nach vorn, einem großen Raum nach hinten mit zwei rechts und links gelegenen Zimmern; das gerade brauchten sie; obgleich die Räume nur klein waren, lagen sie doch gut. Das einzige Bedenken erregte der Preis, sie fand ihn zu teuer: der Wirt sprach von fünfhundert Franken. »Du warst also bei ihm und hast nach dem Preise gefragt?« sagte Coupeau. »Du weißt wohl, nur aus Neugierde!« sagte sie und versuchte eine gleichgültige Miene anzunehmen. Wenn man etwas sucht, liest man alle Zettel; das verpflichtet einen ja zu gar nichts ... Aber der Laden ist entschieden zu teuer. Und dann wäre es vielleicht eine Dummheit, mich selbständig zu machen.« Schon nach dem Essen fing sie wieder an, von dem Laden des Krämers zu sprechen. Sie zeichnete die Räume auf den Rand einer Zeitung, maß die Ecken aus und gab den einzelnen Zimmern ihre Bestimmung, als ob sie schon am nächsten Morgen ihre Möbel habe hineinsetzen sollen. Da redete ihr Coupeau zu, sie möge mieten, da er sah, wie sehr ihr daran lag; sicherlich fand sie nichts Geeigneteres für fünfhundert Franken, und vielleicht könne man noch eine Ermäßigung erlangen. Das einzig Unangenehme war, daß man in einem Hause mit den Lorilleux wohnen müsse, die sie so gar nicht leiden konnte. Aber auch darüber werde sie hinweggekommen; sie ging sogar in ihrem Eifer soweit, die Lorilleux zu verteidigen; sie seien ja im Grunde nicht schlecht und man würde sich schon vertragen. Als sie zu Bette gegangen waren und Coupeau schon lange schlief, überdachte sie noch die innere Einrichtung und war doch noch gar nicht so ganz fest entschlossen zu mieten. Sowie sie am nächsten Morgen allein war, konnte sie der Versuchung nicht widerstehen, das Glas der Stutzuhr hochzuheben und das Sparkassenbuch nachzusehen. Es war kaum zu fassen, daß ihr neuer Laden da drin sein solle in diesen Blättern, die mit so häßlichen Buchstaben bedeckt waren. Ehe sie zur Arbeit ging, fragte sie noch Madame Goujet um Rat. Diese billigte ihren Plan, sich selbständig zu machen, von ganzem Herzen; mit einem Manne, wie sie ihn habe, einem guten Kerl, der nicht trinke, sei sie sicher, ihr Geschäft zu machen und nicht zugrunde zu gehen. Während der Frühstückszeit ging sie selbst zu den Lorilleux hinauf, um ihre Ansicht zu hören; sie hielt darauf, vor der Familie keine Heimlichkeiten zu haben. Madame Lorilleux war peinlich überrascht. Wie? Die Humpelliese sollte jetzt gar einen Laden haben? Sie platzte innerlich vor Wut und stammelte etwas Unverständliches; sie mußte sich ja so stellen, als ob sie sehr zufrieden sei, Gervaise habe ganz recht, den Laden zu mieten; er liege ohne Frage sehr bequem. Erst als sie den ersten Schreck überwunden hatte, fing sie und auch ihr Mann an, von dem feuchten Hof zu sprechen, auch sei es dunkel im Erdgeschoß. Es war eine gute Ecke für den Rheumatismus. Wenn sie jedoch entschlossen sei, zu mieten, würde sie sich durch ihre Vorstellungen sicher nicht davon abhalten lassen. Am Abend gestand Gervaise ganz offen mit lachendem Munde, daß sie krank geworden wäre, wenn man sie gehindert hätte, den Laden zu mieten. Jedenfalls wollte sie, ehe man sagt: Das ist gemacht! Coupeau dorthin führen, damit er sich die Räume ansehe und versuche, eine Herabminderung der Miete zu bewirken. »Nun also morgen, wenn es dir recht ist«, sagte ihr Mann. »Du kannst mich ja gegen sechs Uhr vor dem Hause in der Nationstraße, wo ich jetzt arbeite, abholen, und wir gehen dann bei der Heimkehr in der Goldtropfengasse mit heran.« Coupeau vollendete damals gerade das Dach eines dreistöckigen neuen Hauses. Gerade an diesem Tage mußte er die letzten Zinkplatten legen. Da das Dach fast ganz flach war, hatte er seinen breiten Werktisch auf zwei Böcken dort aufgestellt. Die untergehende Sonne eines schönen Maitages vergoldete die Schornsteine. Der Arbeiter schnitt dort oben in freier Luft, über seinen Tisch gebeugt, seine Zinkplatten mit der Schere zu, wie der Schneider ein Paar Hosen in seiner Werkstatt. An der Mauer des Nachbarhauses unterhielt sein Gehilfe, ein schmächtiger Bursche von siebzehn Jahren, vermittelst eines großen Blasebalges das Feuer einer Kohlenpfanne, von dem bei jedem Handdruck ein Regen kleiner Funken emporsprühte. »Heda! Isidor! Lege das Eisen ins Feuer!« schrie Coupeau. Der Gehilfe steckte die Löteisen mitten in die Glut, die bei dem noch hellen Tageslicht einen zarten rosa Schein gab, dann setzte er wieder den Blasebalg In Bewegung. Coupeau arbeitete an der letzten Zinkplatte, diese sollte an den Rand des Daches nahe bei der Gosse gelegt werden, wo es eine sehr stark abschüssige Stelle gab, hinter der sich der gähnende Abgrund der Straße auftat. Der Zinkarbeiter, der wie bei sich zu Hause in Morgenschuhen einherging, näherte sich dem Ort mit lässigen Schritten, indem er die Melodie des Liedes: »Die Lämmchen« vor sich hinpfiff. Als er bei dem Loch angekommen war, ließ er sich nieder, stützte sich mit einem Knie gegen das Mauerwerk eines Schornsteins und blieb so zwischen Himmel und Erde hängen. Eines seiner Beine hing über die Gosse herab. Als er sich zurückbog, um diesen Schlingel von Isidor zu rufen, hielt er sich der Sicherheit wegen an einer Mauerecke fest. »Infamer Bengel! Wirst du machen? Gib die Eisen her! Wenn du auch noch soviel in die Luft guckst, du Maulaffe, die gebratenen Tauben werden dir doch nicht in den Mund fliegen!« Aber Isidor hatte keine Eile. Er interessierte sich für einen starken Rauch, der sich über den Dächern von Paris nach der Seite von Grenelle zu erhob; es schien ein bedeutendes Feuer zu sein. Endlich legte er sich platt auf den Bauch mit dem Kopf über den Dachrand hinweg und reichte Coupeau die Eisen. Jetzt fing dieser an, die Zinkplatte festzulöten. Er bog sich zusammen, streckte sich wieder und blieb immer im Gleichgewicht, so saß er auf einem Schenkel, stützte sich auf eine Fußspitze oder hielt sich mit einem Finger. Er hätte eine verdammte Sicherheit, eine Kühnheit, die nur die Gewohnheit gibt, der Gefahr ins Auge zu sehen. Er kannte es. Die Straße mußte sich vor ihm fürchten. Da er seine Pfeife nicht aus dem Munde genommen hatte, wandte er sich von Zeit zu Zeit um und spie ruhig auf die Straße. »Sieh doch! Madame Boche!« rief er plötzlich. »Heda! Madame Boche!« Er sah, wie die Pförtnersfrau über den Damm kam. Sie hob den Kopf auf und erkannte ihn. Da entspann sich eine Unterhaltung zwischen Dach und Straße. Sie hielt ihre Hände unter ihrer Schürze und guckte nach oben. Er hatte sich aufgerichtet, umfaßte mit seinem linken Arm eine Schornsteinröhre und bog sich vor. »Habt Ihr meine Frau nicht gesehen?« fragte er. »Nein, ganz und gar nicht!« antwortete die Pförtnersfrau. »Ist sie denn hier in der Nähe?« »Sie soll mich abholen ... Ist bei Euch denn alles wohl?« »Ja gewiß! Danke schön! Ich bin die Kränkste, wie Ihr seht ... Ich gehe nach der Clignancourtchaussee, um eine kleine Hammelkeule zu holen. Der Schlächter neben der Roten Mühle verkauft sie nicht unter sechzehn Sous.« Sie sprachen etwas lauter, weil in der sonst stillen und einsamen Nationstraße ein Wagen vorbeifuhr; die laut hinausgerufenen Worte ihrer Unterhaltung hatten nur eine kleine, alte Frau an ihr Fenster gelockt; dieses alte Weib blieb dort auf das Fensterbrett gelehnt und durchkostete mit einer Art Wohlbehagen die große Erregung, in die sie die gefährliche Stellung des Mannes auf dem Dache versetzte, als ob sie hoffe, ihn von Minute zu Minute fallen zu sehen. »Na, denn guten Abend!« rief noch Madame Boche. »Ich will Euch nicht länger stören.« Coupeau wandte sich wieder zurück und ergriff das Eisen, das Isidor ihm zureichte. In dem Augenblick, wo die Pförtnersfrau sich entfernte, bemerkte sie auf der andern Seite der Straße Gervaise, die Nana an der Hand führte. Sie hob schon den Kopf auf, um Coupeau zu benachrichtigen, als die junge Frau ihr mit schneller Entschlossenheit die Hand auf den Mund legte. Sie sagte ihr mit leiser Stimme, um oben nicht gehört zu werden, daß sie fürchte, wenn ihr Mann da oben sie so plötzlich höre oder sehe, ihm das einen Stoß geben könne und er hinunterstürze. Während der vier Jahre habe sie ihn nur ein einziges Mal von der Arbeit abgeholt, heute sei es zum zweiten Male. Sie könne es nicht mit ansehen, das Blut wirbele ihr vor den Augen, wenn sie ihren Mann so zwischen Himmel und Erde sehe, an Orten, wo selbst die Spatzen sich nicht hinzusetzen wagten. »Ohne Zweifel ist es nicht angenehm«, murmelte Madame Boche. »Meiner ist Schneider, da habe ich solche Aufregung nicht.« »Wenn Ihr wüßtet! In der ersten Zeit«, sagte noch Gervaise, »hatte ich schreckhafte Ahnungen vom Morgen bis zum Abend. Ich sah ihn immer mit zerschmettertem Kopf auf einer Tragbahre ... Jetzt denke ich nicht mehr soviel daran, man gewöhnt sich ja schließlich an alles. Man muß doch sein Brot verdienen ... Es ist ein verdammt teures Brot, bei dem man täglich seine Haut und Knochen zu Markte trägt.« Sie schwieg jetzt stille und verbarg Nana hinter ihrem Rock, weil sie fürchtete, daß die Kleine schreien könne. Trotz ihrer Furcht konnte sie doch ihr Gesicht nicht wegwenden. Coupeau lötete den äußersten Rand der Platte nahe bei der Gosse; er glitt so weit wie möglich nach vorn, ohne das Ende erreichen zu können. Nun wagte er sich mit diesen langsamen Bewegungen, mit großer Ruhe und beinahe schwerfällig noch weiter vor. Einen Augenblick war er mit halbem Leibe über dem Pflaster, er hielt sich gar nicht und besorgte doch ruhig seine Arbeit; von unten sah man von dem Eisen, das er mit sorgsamer Hand auf dem Rande entlang führte, die kleine, weiße Lötflamme schimmern. Gervaise stand stumm, mit vor Angst zugeschnürter Kehle und gerungenen Händen da; als er sich noch mehr vorbog, hob sie sie bittend in die Höhe. Sie atmete erst wieder auf, als sie Coupeau auf das Dach zurückkehren sah; er tat es langsam, ohne sich zu eilen, und nahm sich Zeit, noch einmal auf die Straße zu spucken. »Man spioniert mich wohl aus?« rief er lustig, als er sie bemerkte. »Sie hat Dummheiten gemacht, nicht wahr, Madame Boche? Sie hat nicht rufen wollen ... Warte auf mich, ich habe noch zehn Minuten zu tun!« Er hatte nur noch eine Kappe auf einen Schornstein zu setzen, das war nur eine Kleinigkeit. Die Wäscherin und die Pförtnersfrau blieben auf dem Bürgersteig stehen, besprachen den Klatsch des Quartiers und überwachten Nana, damit sie nicht im Rinnstein herumpatsche, wo sie immer nach kleinen Fischen suchte; beide Frauen blickten oft nach dem Dach, um mit Lächeln und Kopfnicken anzudeuten, daß ihnen die Zeit noch nicht lang werde. Gegenüber hatte die Alte das Fenster immer noch nicht verlassen, sie beobachtete den Mann und wartete. »Was hat denn die da immer hinzuglotzen, die alte Nachteule?« sagte Madame Boche, »die hat ein verdammtes Gesicht.« Oben hörte man den Zinkarbeiter mit starker Stimme singen: Wie schön ist's, zu spazieren im schönen, grünen Wald Jetzt schnitt er, über seinen Werktisch gebeugt, sein Zink mit Meisterhand. Mit einem Zirkelschlag hatte er einen Kreis in seine Zinkplatte gerissen und schnitt nun mit Hilfe einer krummen Schere ein fächerartiges Stück aus und bog mit leisen Hammerschlägen diesen Fächer zur Form eines Champignons mit scharfer Spitze. Die Sonne ging hinter dem Hause in rosiger Klarheit unter, der Himmel verblaßte allmählich und nahm eine zarte lila Färbung an. Um diese ruhige Stunde des Tages zeichneten sich die Gestalten der beiden Arbeiter von dem leuchtenden Himmel ab, sie erschienen unverhältnismäßig groß, und neben ihnen sah man die schwarze Masse des Werktisches und die sonderbare Form des Blasebalges. Als die Kappe geformt war, stieß Coupeau seinen Ruf aus: »Isidor! Die Eisen!« Aber Isidor war nicht da. Der Zinkarbeiter blickte fluchend umher, suchte ihn mit den Augen und rief durch die offene Dachluke auf den Boden. Endlich sah er ihn auf einem andern Dach, das zwei Häuser weiter war. Der Schlingel ging da spazieren und machte sich mit der Umgegend bekannt; seine dünnen, blonden Haare flogen im Winde; geblendet von der ungeheuren Größe von Paris, blinzelte er mit den Augen. »Sage 'mal, du Rumtreiber, glaubst du, daß du eine Landpartie machst?« rief Coupeau wütend. »Du bist wohl wie Herr Béranger? Du scheinst mir Verse zu machen? ... Willst du mir wohl die Eisen geben? Hat man das jemals gesehen! Fängt der hier auf den Dächern an zu schwärmen! Warum bringst du dir nicht lieber gleich dein Verhältnis mit rauf, um ihr Liebeslieder vorzusingen? ... Willst du mir die Eisen geben, du Pfund Wurst?« Als er lötete, rief er Gervaise zu: »Na, das ist fertig ... Ich komme runter!« Das Schornsteinrohr, auf das er die Kappe setzen mußte, befand sich in der Mitte des Daches. Gervaise war jetzt ganz ruhig und folgte lächelnd seinen Bewegungen. Nana schien jetzt der Anblick ihres Vaters viel Vergnügen zu machen, denn sie klatschte in ihre kleinen Händchen. Sie hatte sich auf dem Fußweg niedergesetzt, um besser nach oben sehen zu können. »Papa! Papa!« schrie sie aus Leibeskräften. »Papa, sieh doch!« Der Zinkarbeiter wollte sich hinabneigen, aber sein Fuß glitt aus. Jetzt rollte er schnell wie eine Katze, deren Pfoten sich verfangen haben, die nur wenig abschüssige Dachseite hinab, ohne daß er sich hätte halten können. »Um Gottes willen!« rief er mit erstickter Stimme. Er fiel. Sein Körper beschrieb einen kleinen Bogen, überschlug sich zweimal und stürzte mitten auf dem Straßenpflaster nieder wie ein Paket Wäsche, das man von hoch oben herunterwirft. Der entsetzten Gervaise entfuhr ein furchtbarer Schrei, dann blieb sie mit hoch erhobenen Armen stehen. Die Vorübergehenden liefen herbei, und es entstand ein Auflauf. Madame Boche, die vor Bestürzung auf den Füßen schwankte, nahm Nana in ihre Arme, um ihr das Gesicht zu verhüllen und sie daran zu hindern, etwas zu sehen. Jetzt machte die kleine Alte von gegenüber ihr Fenster ruhig zu, als ob sie befriedigt sei. Endlich trugen vier Männer Coupeau zu einem Apotheker, an der Ecke der Fischerstraße; dort blieb er über eine Stunde mitten im Laden auf einer Decke liegen, indes man nach dem Krankenhause Lariboisière schickte, um eine Tragbahre zu holen. Er atmete noch, aber der Apotheker schüttelte leise seinen Kopf. Gervaise lag auf ihren Knien und schluchzte unaufhörlich, die Tränen überströmten ihr Gesicht, blendeten ihre Augen, sie schien gegen alles stumpf zu sein. Mechanisch streckte sie die Hände vor und befühlte die Glieder ihres Mannes, indem sie ganz leise darüber hinfuhr. Dann zog sie die Hände zurück und sah den Apotheker an, der ihr verboten hatte, ihn zu berühren; aber nach wenigen Sekunden fing sie wieder an; sie konnte nicht aufhören, sich zu versichern, daß er noch warm sei, und glaubte ihm damit Gutes zu tun. Als endlich die Tragbahre ankam und man davon sprach, nach dem Krankenhause zu gehen, stand sie auf und sagte heftig: »Nein, nein! Nicht ins Krankenhaus! ... Wir wohnen in der Neuen Goldtropfenstraße!« Wie sehr man ihr auch auseinandersetzte, daß die Krankheit sehr viel Geld kosten werde, wenn sie ihren Mann nach Hause nehme, – sie wiederholte eigensinnig: »Neue Goldtropfenstraße! Ich werde die Tür zeigen ... Was geht denn euch das an? Ich habe ja Geld ... Es ist mein Mann, nicht wahr? Er gehört mir, ich will es!« So mußte man denn Coupeau nach Hause schaffen. Als die Tragbahre die Apotheke verließ, vor der sich die Menge drängte, sprachen die Frauen des Quartiers mit Anerkennung von Gervaise; wenn sie auch hinke, so sei sie doch eine entschlossene Person, die ihren Willen durchsetze. Die wird ihren Mann schon retten, eher als im Hospital, wo die Ärzte sich nicht allzuviel um die Kranken bekümmerten; die nichts zuzubrocken hätten, ließen sie lieber draufgehen, dann hätten sie keine Not mit der Behandlung. Madame Boche, die Nana zu sich geführt hatte, kam zurück und erzählte den Unglücksfall mit einer wahren Flut von Einzelheiten; sie war noch ganz aufgelöst von der Gemütserschütterung. »Ich holte gerade meinen Hammelbraten, ich war dabei, ich habe ihn fallen sehen«, sagte sie immer wieder. »Alles kam wegen der Kleinen, die hat er ansehen wollen, und da plumps! Um Gottes Barmherzigkeit! Ich will nicht noch einen fallen sehen ... Aber ich muß jetzt gehen und meine Hammelkeule holen.« In den ersten acht Tagen ging es mit Coupeau sehr schlecht. Die Familie sowie jedermann glaubten von Stunde zu Stunde, daß er das Zeitliche segnen werde; der Arzt, der sehr teuer war, denn er bekam fünf Franken für jeden Besuch, befürchtete innere Verletzungen. Dieses Wort erregte viel Angst, man sprach im Quartier davon, daß dem Zinkarbeiter das Herz gesprungen sei von dem furchtbaren Stoß. Nur Gervaise, die die Nachtwachen blaß gemacht hatten, blieb ernst und entschlossen, sie zuckte ungläubig die Achseln Ihr Mann hatte das rechte Bein gebrochen; das wußte ja alle Welt, das werde man ihm heilen und damit gut. Sonst aber, was das geplatzte Herz anlangte, damit war es nichts. Sie wußte schon, wie Herzen wieder heil würden: durch Pflege, Sauberkeit und unverbrüchlich treue Freundschaft. Sie trat so sicher auf und war davon überzeugt, daß sie ihn gesund machen werde, wenn sie nur immer um ihn sei, wenn nur ihre Hände ihn berührten, wenn er im Fieber lag. Sie zweifelte auch keinen Augenblick daran. Während einer ganzen Woche sah man sie auf den Füßen, sie sprach wenig und schien gefaßt; in der festen Überzeugung, ihn zu retten, vergaß sie alles andere, ihre Kinder, die Straße und die Stadt. Als am Abend des neunten Tages der Arzt endlich für das Aufkommen des Kranken sich verbürgte, sank sie erschöpft auf einen Stuhl mit ermatteten Beinen und ganz gebrochen, ein Tränenstrom machte ihrem bedrängten Herzen Luft. In dieser Nacht verstand sie sich dazu, zwei Stunden zu schlafen, indem sie den Kopf auf das Fußende des Bettes legte. Coupeaus Unglücksfall hatte die ganze Familie aus ihrem Geleise geworfen. Mama Coupeau verbrachte ihre Nächte bei Gervaise, aber schon von neun Uhr an schlief sie auf einem Stuhl ein. Madame Lerat machte jeden Abend, wenn sie von der Arbeit kam, einen großen Umweg, um zu hören, wie es ging. Die Lorilleux waren zuerst zwei- bis dreimal jeden Tag gekommen, sie boten sich zum Wachen an und brachten selbst für Gervaise einen Lehnstuhl. Bald aber entstanden Streitigkeiten über die Art, wie man Kranke behandeln müsse. Madame Lorilleux behauptete, daß sie schon genug Leuten das Leben gerettet habe und daß sie ganz genau wisse, wie man sich dabei zu benehmen habe. Sie beschuldigte auch die junge Frau, daß sie sie stoße, um sie nur von dem Bette ihres Bruders fernzuhalten. Nun, die Humpelliese habe auch alle Ursache, Coupeau wieder gesund zu machen, denn wenn sie ihn nicht in der Nationstraße aufgesucht hätte, wäre er nie gefallen. Nur auf die Art, wie sie ihn behandelte, würde sie ihn sicher hinbringen. Als sie Coupeau außer Gefahr sah, hörte Gervaise auf, sein Bett so eifersüchtig zu bewachen. Jetzt konnte man ihn ihr ja nicht mehr töten, und daher ließ sie die Leute ohne Mißtrauen näher treten. Jetzt machte sich die Familie im Zimmer breit. Die Genesung konnte sehr lange dauern, der Arzt hatte von vier Monaten gesprochen. Wenn Coupeau oft stundenlang schlief, warfen die Lorilleux Gervaise ihre Dummheit vor. Was sie davon gehabt habe, ihren Mann bei sich zu behalten, im Hospital wäre er zweimal so schnell wieder auf die Beine gekommen. Lorilleux hätte einmal krank sein sollen oder irgend etwas wegkriegen, da hätte er ihr mal zeigen wollen, ob er auch nur einen Augenblick Anstand genommen hätte, ins Hospital zu gehen. Madame Lorilleux kannte eine Dame, die eben aus dem Spital kam; die hätte morgens und abends Hühner gegessen. Wohl zum zwanzigsten Male machten beide die Berechnung, was die vier Monate Erholung kosten würden: erstens die verlorenen Arbeitstage, dann der Arzt, die Medizin und später der gute Wein und das Filetfleisch. Wenn die Coupeaus mit ihren Ersparnissen ausreichten, könnten sie noch von Glück sagen. Aber sie würden Schulden machen, das war klar. Nun, das sei ihre Sache; nur daß sie dabei nicht auf die Familie zu rechnen hätten, denn die wäre nicht reich genug, um einen Kranken bei sich zu pflegen. Desto schlimmer für die Humpelliese, nicht wahr? Sie könnte es ja so machen wie alle anderen und ihren Mann ins Krankenhaus bringen lassen. Das gab ihr vollends den Rest, daß sie so stolz war. Eines Abends war Madame Lorilleux boshaft genug, sie plötzlich zu fragen: »Nun, wie ist es denn mit eurem Laden, wann werdet ihr denn mieten?« »Ja, ja!« höhnte Lorilleux, »der Hausmeister wartet noch immer auf euch.« Gervaise glaubte ersticken zu müssen. Den Laden hatte sie ganz und gar vergessen. Sie sah den Leuten die Schadenfreude an, daß jetzt aus dem Laden nun und nimmer etwas werden könne. Seit diesem Abend lauerten sie auf jede Gelegenheit, um sie mit ihrem gescheiterten Zukunftstraum aufzuziehen. Wenn von einem unerfüllbaren Wunsch die Rede war, so verschoben sie die Sache auf den Tag, wo sie die Herrin in dem neuen Laden nach der Straße hinaus sein werde. Auch hinter ihrem Rücken wetzten sie ihre verleumderischen Mäuler. Gervaise wollte keinen häßlichen Vermutungen Raum geben, aber in Wirklichkeit schien es so, als ob die Lorilleux sehr zufrieden seien, daß Coupeau der Unfall betroffen habe, weil damit ihr Plan, sich als Wäscherin in der Goldtropfenstraße niederzulassen, zu Wasser geworden war. Sie wollte selber darüber lachen, um ihnen zu zeigen, wie gern sie das Geld für die Wiederherstellung ihres Mannes hergab. Jedesmal wenn sie in ihrer Gegenwart das Sparkassenbuch unter dem Glase der Stutzuhr hervornahm, sagte sie heiter: »Ich gehe jetzt aus, um meinen Laden zu mieten.« Sie hatte das Geld nicht auf einmal zurückziehen wollen, sie nahm immer nur hundert Franken, damit sie nicht eine so große Summe in ihrer Kommode aufbewahren mußte, dann hoffte sie auch auf einen unvorhergesehenen Glücksfall; irgendein Wunder, das ihr erlauben werde, noch etwas Geld auf der Sparkasse zu lassen. Jedesmal, wenn sie von dort zurückkam, rechnete sie auf einem Stückchen Papier die Summen zusammen, die sie noch dort hatte. Das tat sie einzig und allein der Ordnung wegen. Wie groß auch immer das Loch wurde, sie behielt ihre gefaßte Miene bei und stellte mit ruhigem Lächeln die Rechnung über dieses Verschwinden ihrer Ersparnisse auf. War es denn nicht schon ein Trost, dieses Geld so gut anzuwenden, es bei der Hand gehabt zu haben, als das Unglück hereinbrach? So legte sie denn ohne Bedauern sorgfältig jedesmal das Einlagebuch wieder unter das Glas der Stutzuhr. Die Goujets zeigten sich während Coupeaus Krankheit gegen Gervaise sehr liebenswürdig. Madame Goujet war immer zu ihrer Verfügung, nicht einmal ging sie aus, ohne vorher zu fragen, ob sie nicht Zucker, Butter oder Salz nötig habe; sie brachte ihr immer die erste Suppe, wenn sie abends ihren Topf mit Suppenfleisch aufs Feuer gesetzt hatte; wenn sie sie sehr beschäftigt sah, besorgte sie selbst ihre Küche und ging ihr beim Abwaschen zur Hand. Goujet nahm jeden Morgen die Eimer der jungen Frau und füllte sie an dem Brunnen in der Fischerstraße. Das war ein Ersparnis von zwei Sous. Nach dem Essen, wenn die Familie das Zimmer nicht mehr in Beschlag hatte, kamen die Goujets, um Coupeaus Gesellschaft zu leisten. Während zweier Stunden bis gegen zehn Uhr rauchte dort der Schmied seine Pfeife und sah Gervaise zu, wie sie sich um den Kranken bemühte. Er sprach an solchem Abend nicht zehn Worte. Mit seinem großen, blonden Kopf, der zwischen den mächtigen Schultern stak, saß er da und empfand eine innige Rührung, wenn er zusah, wie Gervaise den Tee in eine Tasse goß, den Zucker hineintat und mit dem Löffel geräuschlos umrührte. Wenn sie an das Bett ging und Coupeau mit sanfter Stimme Mut einsprach, war er ganz bewegt. Niemals hatte er eine so gute Frau angetroffen. Selbst daß sie hinkte, stand ihr nicht schlecht, denn das erhöhte noch ihr Verdienst, wenn sie sich so den lieben langen Tag für ihren Mann abplagte. Kaum daß sie sich die Zeit zum Essen nahm und sich dann eine Viertelstunde hinsetzte. Immer war sie auf den Beinen, sie lief zum Apotheker, besorgte die schmutzigsten Arbeiten und quälte sich ab, dieses Zimmer rein zu halten, in dem man jetzt alles machte; dabei hörte man von ihr keine Klage, immer war sie liebenswürdig, selbst am Abend, wo sie fast im Stehen mit offenen Augen schlief, so müde war sie. Dieser Schmied, der mit seiner ergebenen Miene inmitten all der Medikamente, die auf den Möbeln umherstanden, so ruhig dasaß, faßte eine große Zuneigung zu Gervaise, wenn er sah, wie sie Coupeau von ganzem Herzen liebte und ihn pflegte. »Na, Alter, da bist du ja wieder zusammengeflickt!« sagte er eines Tages zum Gesundenden. »Ich habe mich um dich nicht gesorgt, deine Frau ist ja ein wahrer Engel!« Er sollte sich verheiraten, wenigstens hatte seine Mutter ein sehr passendes, junges Mädchen gefunden, eine Spitzenarbeiterin wie sie, von der sie lebhaft wünschte, daß sie seine Frau werde. Um seine Mutter nicht zu betrüben, sagte er ja und die Hochzeit wurde auf einen der ersten Tage des Monats September festgesetzt. Das Geld zur Gründung eines Hausstandes lag seit lange schon auf der Sparkasse. Aber er schüttelte den Kopf, wenn Gervaise ihm von dieser Heirat sprach und murmelte in seiner langsamen Sprechweise: »Nicht alle Frauen sind so wie Ihr, Madame Coupeau. Wenn alle Frauen so wie Ihr wären, würde man ihrer zehn heiraten.« Nach zweimonatlichem Krankenlager konnte Coupeau anfangen aufzustehen. Er ging noch nicht weit, nur vom Bett ans Fenster, und selbst dabei unterstützte ihn noch Gervaise. Dort setzte er sich in den Lehnstuhl der Lorilleux' und streckte sein Bein gerade aus auf eine Fußbank. Dieser Spötter, der immer an Tagen, wo es Glatteis gab, über gebrochene Beine gelacht hatte, war sehr ungehalten über seinen Unfall. Es fehlte ihm die Fähigkeit ruhiger Überlegung. Er hatte die zwei Monate im Bette damit zugebracht, zu fluchen und alle Welt zu ärgern. War das ein Leben, so auf dem Rücken zu liegen mit einem angeschnallten Bein, steif wie eine Schlackwurst? Die Decke kenne er auswendig, da sei eine Ritze bei dem Alkoven, die könne er mit geschlossenen Augen zeichnen. Als er sich im Lehnstuhl heimisch gemacht hatte, fing eine andere Geschichte an. Wie lange werde es denn noch dauern, daß er da angenagelt sitzen müsse wie eine Mumie? Die Straße sei auch nicht allzu unterhaltend, Menschen gingen nicht vorüber, und es stinke den ganzen Tag nach Fleckwasser. Nein wahrhaftig, das sei kein Dasein; zehn Jahre seines Lebens hätte er darum gegeben, nur zu wissen, wie es jetzt bei den Festungswällen aussehe. Immer wieder klagte er in heftigen Worten das Schicksal an. Darin war keine Gerechtigkeit: ein solcher Unfall dürfe einem so guten Arbeiter wie ihm nicht zustoßen, er sei kein Müßiggänger und kein Säufer. Wenn das einem andern geschehe, das hätte er begriffen. »Der Papa Coupeau«, sagte er, »hat sich das Genick gebrochen an einem Tage, wo er einen Schluck über den Durst getrunken hatte. Ich will nicht sagen, daß er es verdient hatte, aber es war doch erklärlich ... Ich aber war nüchtern, ruhig wie der heilige Johannes, ohne einen Schluck irgendeiner Flüssigkeit im Körper, und da muß ich herunterpurzeln, als ich mich nur umdrehe, um Nana zuzunicken ... Das findet Ihr nicht stark? Wenn es einen Gott da oben gibt, dann richtet er die Dinge schnurrig ein. Niemals werde ich darüber hinwegkommen.« Schon lange konnte er seine Beine wieder gebrauchen und behielt dennoch eine dumpfe Scheu vor der Arbeit. Es war ein unglückliches Handwerk, bei dem man seine Tage wie eine Katze auf den Dächern längs der Gossen zubringen mußte. Die sind ja nicht dumm, die Spießer! die schicken einen in den Tod, dehn sie selbst sind zu feige, auch nur auf eine Leiter zu klettern; die setzen sich ruhig in ihre sichere Ecke am Kamin und kümmern sich den Teufel um arme Leute. Er kam schließlich dahin, daß er sagte, es solle sich doch jeder sein Zinkdach selber decken. Darin liege doch noch Gerechtigkeit, dahin müsse man es bringen: wenn du nicht naß werden willst, mach' dir dein Dach alleine. Er bedauerte es, daß er kein anderes Handwerk erlernt habe, eines, das angenehmer sei und weniger gefährlich, wie zum Beispiel Kunsttischler. Das sei wieder Papa Coupeaus Fehler gewesen; die Väter haben die dumme Angewohnheit, ihre Kinder immer in denselben Beruf hineinzupressen. Zwei Monate hindurch mußte Coupeau noch an Krücken gehen. Er hatte zuerst die Treppe hinabsteigen können, um vor der Türe eine Pfeife zu rauchen. Dann ging er bis zum äußeren Boulevard, blieb dort stundenlang auf einer Bank sitzen und ließ sich die Sonne in den Hals scheinen. Nach und nach stellte sich auch seine Lustigkeit wieder ein, und seine Großmäuligkeit nahm noch zu durch das viele Umhertreiben. Zu der neuen Lebenslust, die in ihm erwacht war, gesellte sich eine große Freude am Nichtstun; er liebte es, mit schlaffen Gliedern und untätigen Muskeln vor sich hin zu dämmern; langsam bemächtigte sich seiner die Faulheit, der durch seine Genesung Tür und Tor geöffnet war, und die, während sie seinen Leib kitzelte, seinen Geist in Schlummer lullte. Seine Gesundheit ließ jetzt nichts mehr zu wünschen übrig, er war stets bei spaßhafter Laune und sah nicht ein, warum es nicht immer so fortgehen solle. Als er erst die Krücken entbehren konnte, dehnte er seine Spaziergänge weiter aus und besuchte die Bauplätze, um seine Kameraden wiederzusehen. Mit gekreuzten Armen blieb er lächelnd und kopfschüttelnd vor den Neubauten stehen und verhöhnte die Arbeiter, die sich da plagten; er zeigte ihnen sein Bein, um sie sehen zu lassen, wohin es führe, wenn man sich das Leben abarbeite. Wenn er so die anderen vom Schaffen abgraulen konnte, gewährte es ihm eine Befriedigung für seinen Haß gegen die Arbeit. Natürlich müsse er auch einmal wieder anfangen, es müsse ja sein; aber so spät wie möglich. Nach dem, was ihm zugestoßen sei, könne man keine Begeisterung von ihm verlangen. Dann schien es ihm auch gar zu gut, ein wenig blau zu machen. Wenn sich Coupeau des Nachmittags langweilte, ging er zu den Lorilleux' hinauf. Hier wurde er sehr bedauert, und man suchte ihn durch allerlei Liebenswürdigkeiten zu fesseln. In den ersten Jahren seiner Ehe hatte er sich unter Gervaises Einfluß ihnen entziehen können. Jetzt nahmen sie ihn wieder in Besitz und neckten ihn damit, daß ihm seine Frau soviel Respekt einflößte. War er denn gar kein Mann mehr? Dabei benahmen sich die Lorilleux' immer noch mit großer Vorsicht und hoben Gervaises Verdienste bis in den Himmel. Coupeau, der sich mit seiner Frau noch gut stand, versicherte ihr, daß seine Schwester sie sehr hochschätze und nichts sehnlicher wünsche, als daß sie besser zu ihr sei. Der erste Streit in der Ehe entstand eines Tages wegen Etienne. Der Zinkarbeiter hatte den Nachmittag bei den Lorilleux' zugebracht. Als er nach Hause kam, war das Essen noch nicht fertig, und die Kinder schrien nach der Suppe. Da drehte er sich plötzlich nach Etienne um und gab ihm ein paar Ohrfeigen. Noch eine ganze Stunde nachher hatte er gemault, und gebrummt: dieser Schlingel war nicht sein Kind, er wußte eigentlich nicht, warum er ihn in seinem Hause dulde; schließlich warf er ihn zur Tür hinaus. Bis dahin hatte er den Jungen ohne alle Redensarten um sich gelitten. Am nächsten Morgen sprach er von seiner Würde. Drei Tage darauf traktierte er das Kind vom Morgen bis zum Abend mit Fußtritten, so daß der Kleine, wenn er ihn die Treppe hinaufkommen hörte, sich schnell zu den Goujets rettete, wo ihm die alte Spitzenwäscherin immer einen Platz an ihrem Tische freiließ, wo er seine Arbeiten machen konnte. Gervaise hatte schon lange wieder zu arbeiten angefangen. Sie war jetzt der Mühe überhoben, das Glas von der Stutzuhr abzunehmen; die Ersparnisse waren alle aufgezehrt, da mußte sie hart arbeiten, arbeiten für vier, denn es waren bei Tisch vier Münder satt zu machen. Sie allein mußte alle ernähren. Wenn sie hörte, wie die Leute sie beklagten, beeilte sie sich, Coupeau zu entschuldigen. Bedenkt doch! wieviel er gelitten hat, da ist es kein Wunder, wenn er bitter wird! Das wird schon vorübergehen, wenn er erst wieder ganz gesund ist. Wenn man ihr anzuhören gab, daß Coupeau jetzt wieder ganz hergestellt sei und zum Bauplatz zurückkehren könne, so entsetzte sie sich davor. Nein, nein, noch nicht! Sie wolle ihn nicht wieder bettlägerig haben. Sie wüßte wohl, was der Arzt ihr gesagt habe. Sie hinderte ihn daran, schon zur Arbeit zu gehen, sie steckte ihm sogar Zwanzigsousstücke in seine Westentasche. Coupeau nahm es an, als ob es ganz natürlich sei: er klagte über allerlei Schmerzen, um sich pflegen zu lassen; obgleich schon sechs Monate verflossen waren, dauerte seine Gesundung noch immer fort. Wenn er jetzt nach den Bauplätzen ging, um die anderen arbeiten zu sehen, so trank er gern mit den Kameraden ein Glas Bier. Man war in so einer Kneipe gar nicht schlecht aufgehoben, man scherzte und hielt sich da ein bißchen auf; das machte niemandem Schande. Es sei pure Ziererei, vor der Tür zu bleiben und vor Durst umzukommen. Man habe früher ganz recht gehabt, sich über ihn lustig zu machen, ein Glas Wein habe nie einen Mann getötet. Er schlug sich auf die Brust und machte sich ein besonderes Verdienst daraus, nur Wein zu trinken, immer Wein, niemals Schnaps; der Wein verlängere das Leben, und man bleibe gesund und nüchtern dabei. Doch war es schon öfter vorgekommen, daß er, nachdem er den ganzen Tag von einem Bauplatz zum andern und von einer Kneipe zur andern gegangen war, etwas angeheitert nach Hause kam. An solchen Tagen schloß Gervaise ihre Tür ab unter dem Vorwande, daß sie große Kopfschmerzen habe, nur um zu verhindern, daß die Goujets etwas von Coupeaus Dummheiten hörten. Nach und nach wurde die junge Frau immer trauriger. Morgens und abends ging sie in die Goldtropfengasse, um den Laden anzusehen, der immer noch zu vermieten war; sie verheimlichte diese Gänge wie eine Kinderei, die eine erwachsene Person begeht. Dieser Laden fing wieder an, ihr den Kopf zu verdrehen; wenn nachts das Licht ausgelöscht war, so überraschte sie sich dabei, daß sie nur daran dachte; sie lag mit offenen Augen und genoß den Reiz einer verbotenen Frucht. Aufs neue fing sie an zu rechnen: zweihundertfünfzig Franken kostete die Miete, hundertfünfzig Franken die Werkzeuge und die Einrichtung, und hundert Franken Vorschuß, um zwei Wochen leben zu können, zusammen fünfhundert Franken, wenn man alles aufs niedrigste annahm. Wenn sie nicht laut davon sprach, geschah es nur, weil sie nicht wollte, daß man glauben solle, sie bedaure, ihre Ersparnisse für Coupeaus Krankheit ausgegeben zu haben. Sie wurde leichenblaß, wenn ihr wider ihren Willen etwas davon entfahren war, und sie versuchte, dem ausgesprochenen Satz einen andern Sinn zu geben, als ob sie einen häßlichen Gedanken geäußert habe. Jetzt mußte man wenigstens fünf bis sechs Jahre arbeiten, ehe man eine so große Summe ersparen konnte. Sie war unglücklich darüber, daß sie sich nicht gleich jetzt selbständig machen konnte, dann hätte sie die Wirtschaft leicht erhalten können, ohne auf Coupeau zu rechnen, dem man dann ja noch Monate Zeit lassen konnte, damit er wieder Geschmack an der Arbeit finde; sie wäre dann ruhiger gewesen und die Zukunft hätte ihr gesicherter erschienen; jetzt konnte sie sich oft geheimer Befürchtungen nicht erwehren, wenn Coupeau sehr vergnügt und singend nach Hause kam und dann irgendeinen gelungenen Witz von diesem Vieh, dem Mes-Bottes, erzählte, dem er einen Liter spendiert habe. Als Gervaise eines Abends allein zu Hause war, kam Goujet und lief nicht wieder fort, wie er sonst tat, wenn er nur sie fand. Er setzte sich nieder, rauchte seine Pfeife und betrachtete sie. Er mußte irgend etwas auf dem Herzen haben, was er vergeblich in Worte zu fassen suchte. Nach einem längeren Stillschweigen nahm er seine Pfeife aus dem Munde und sagte alles auf einmal: »Madame Gervaise, würdet Ihr mir wohl erlauben, Euch Geld zu leihen?« Sie hatte sich gerade über einen Kommodenkasten gebeugt und suchte Wischlappen. Sie richtete sich auf und wurde sehr rot. Hatte er sie also doch gesehen, wie sie des Morgens beinahe zehn Minuten in Verzückung vor dem Laden stehengeblieben war? Er lächelte sie mit verlegener Miene an, als ob er ihr einen verletzenden Vorschlag gemacht habe. Sie lehnte mit großer Lebhaftigkeit ab; nie werde sie Geld annehmen, ohne daß sie wisse, wann sie es wiedergeben könne. Und dann handle es sich doch auch wirklich um eine hohe Summe. Als er etwas bestürzt von ihrer Weigerung dennoch darauf bestand, rief sie endlich: »Aber was wird dann aus Eurer Heirat? Ich kann das Geld nicht annehmen, das Ihr dafür bestimmt habt. Nein, ganz gewiß nicht!« »Oh, deswegen braucht Ihr Euch nicht zu sorgen. Ich heirate nicht mehr. Ihr wißt ja, das war nur so ein Gedanke ... Nein, wirklich, ich borge Euch lieber das Geld.« Da senkten beide die Köpfe. Es gab da zwischen ihnen etwas, wovon sie nicht sprachen, eine tiefinnere Zuneigung, die ihnen sehr wohl tat. Gervaise nahm das Geld an. Goujet hatte seine Mutter schon vorbereitet. Sie gingen über den Treppenflur sogleich zu ihr hinüber. Die Spitzenwäscherin war ernst und ein wenig traurig, wie sie so mit ihrem weißen Gesicht über ihren Rahmen gebückt saß. Sie wollte ihrem Sohn nicht hinderlich sein, aber sie billigte jetzt den Plan von Gervaise durchaus nicht mehr und sagte auch ganz rund heraus, warum nicht: Coupeau lege sich auf die leichte Seite, er werde ihr den ganzen Laden verprassen. Was sie dem Zinkarbeiter besonders nicht vergessen konnte, das war seine Weigerung, während der Genesung lesen zu lernen; der Schmied hatte sich erboten, ihm das zu zeigen, aber er hatte ihn schön abgeführt, er behauptete, daß die Wissenschaft die Leute mager mache. Das hatte die beiden Arbeiter beinahe auseinandergebracht, und jeder ging jetzt seine eigenen Wege. Als nun aber Madame Goujet die bittenden Blicke ihres großen Kindes sah, da zeigte sie sich zu Gervaise sehr gut, und man beschloß, den Nachbarn fünfhundert Franken zu borgen; sie sollten es zurückbezahlen, indem sie jeden Monat zwanzig Franken gaben; das dauere so lange wie es dauerte. »Du, sage mal, der Schmied hat wohl ein Auge auf dich geworfen?« sagte Coupeau lachend, als er von der Geschichte hörte. Na, da bin ich ganz ruhig, der ist ja zu komisch ... Wir wollen ihm sein Geld schon wiedergeben. Wenn er mit Lumpenpack zu tun hätte, wäre er schön reingefallen.« Schon am nächsten Tage mieteten die Coupeaus den Laden. Gervaise lief den ganzen Tag zwischen der Neuen Straße und der Goldtropfengasse hin und her. Als man sie in dem Quartier so leicht und schnell vorbeikommen sah, daß sie fast nicht mehr zu hinken schien, sprach man davon, daß sie sich habe operieren lassen. Fünftes Kapitel. Gerade zum Apriltermin verließen die Boches die Fischerstraße und bezogen die Pförtnerloge des großen Hauses in der Goldtropfenstraße. Das war ein recht glücklicher Zufall! Gervaise, die in ihrer kleinen Wohnung in der Neuen Straße ohne Portier so ruhig gelebt hatte, konnte sich nicht mehr recht an den Gedanken gewöhnen, jetzt wieder unter die Herrschaft eines solchen Haustyrannen zu fallen, mit dem man sich um jeden Eimer Wasser zanken mußte und der bei jedem Türzuwerfen des Abends ein schiefes Gesicht schnitt. Diese Pförtner sind eine ekelhafte Gesellschaft! Nun, mit den Boches war das alles Spaß. Da man so gut bekannt war, würde man sich schon verständigen, da würde eben alles so abgemacht, als ob man von einer Familie sei. An dem Tage, als die Coupeaus gemietet hatten und den Kontrakt unterzeichnen sollten, war Gervaise ganz beklommen zumute, als sie unter dem großen Torweg hindurchging. Nun werde sie also doch in dem Hause wohnen, das so groß wie eine kleine Stadt war, nun werde sie doch in diesen endlosen Gängen herumgehen und diese vielen Treppen auf und nieder steigen. Mit gemischten Gefühlen betrachtete sie die grauen Wände, zu deren Fenstern allerlei Lumpen zum Trocknen an der Sonne hinaushingen, den hellen Hof mit seinem schadhaften Pflaster, der an einen öffentlichen Platz erinnerte, und all den Lärm der Arbeit, von dem diese Mauern widertönten; sie empfand eine große Freude darüber, jetzt so nahe vor der Befriedigung ihrer ehrgeizigen Wünsche zu stehen, und auch wieder eine große Furcht, daß es ihr nicht glücken werde und daß sie erliegen könne in diesem ungeheuren Kampf gegen den Hunger, dessen Toben sie um sich herum vernahm. Es schien ihr ein kühnes, verwegenes Beginnen, als ob sie in das Schwungrad einer Maschine eingreife, während in den Werkstätten zu ebener Erde die Hämmer der Schlosser klopften und die Hobel der Tischler pfiffen. An diesem Tage hatte das Wasser, das von der Färberei aus durch den Torweg floß, eine sehr zarte blaugrüne Farbe. Sie schritt lächelnd darüber hin und hielt diese Farbe für ein Zeichen von guter Vorbedeutung. Man sollte sich mit dem Hauseigentümer in der Pförtnerloge der Boches treffen. Herr Marescot war ein bedeutender Messerschmied in der Friedensstraße; er war früher mit dem Schleifkarren in den Straßen umhergezogen, jetzt galt er für einen mehrfachen Millionär. Er war ein Mann von fünfundfünfzig Jahren, stark und knochig gebaut, mit einem Orden, und ließ mit Wohlgefallen seine großen Hände sehen, die den früheren Arbeiter verrieten; er hatte die Eigenheit, alle Messer und Scheren seiner Mieter mitzunehmen und umsonst zu schleifen, nur zu seinem Vergnügen, weil es ihm Spaß machte. Er galt durchaus nicht für stolz, denn er verbrachte Stunden bei seinen Pförtnersleuten in den dunklen Logen, um dort die Rechnungen nachzusehen. Coupeaus fanden ihn an dem schmutzigen Tisch von Madame Boche, wie er sich erzählen ließ, mit wie gemeinen Ausdrücken die Näherin im zweiten Stock der Treppe A die Zahlung der Miete verweigert hatte. Als der Kontrakt unterzeichnet war, gab er dem Zinkarbeiter die Hand. Er liebte die Arbeiter. Er habe sich früher auch nicht schlecht geplagt, aber mit der Arbeit könne man es weit bringen. Als er die zweihundertundfünfzig Franken, die die Miete für das erste halbe Jahr ausmachten, gezählt hatte, steckte er sie in seine weite Tasche und erzählte seine Geschichte, wobei er nicht vergaß, auf seinen Orden aufmerksam zu machen. Trotz alledem war Gervaise etwas unbehaglich zumute, wenn sie die Haltung sah, welche die Boches beobachteten. Sie taten so, als ob man sich nie gesehen habe. Dem Wirt gegenüber krümmten sie sich wie die Würmer; sie sprachen ihm stets zu Munde und hatten für alles, was er sagte, ein beifälliges Kopfnicken. Madame Boche verließ schnell die Loge, um eine Bande Kinder fortzujagen, die beim Brunnen in den Pfützen herumpatschten, die sich dort durch das Laufen des immer offenen Hahnes gebildet hatten; als sie steif und streng zurückkehrte, schritt sie langsam über den Hof und musterte die Fenster, wie um sich zu überzeugen, ob auch alles in guter Ordnung sei; sie kniff die Lippen zusammen, um damit auszudrücken, für wie bedeutend sie ihre neue Stellung halte, die ihr das Kommando über dreihundert Mieter in die Hand gab. Boche sprach schon wieder von der Schneiderin im zweiten Stock; er war der Ansicht, daß ihr gekündigt werden müsse. Er berechnete die rückständigen Mieten mit der Wichtigkeit eines Intendanten, der fürchtet, daß man ihm Vorwürfe wegen seiner Verwaltung machen könne. Herr Marescot billigte den Gedanken der Kündigung, aber er wollte noch ein halbes Vierteljahr warten. Es sei hart, die Leute auf die Straße zu setzen, und dann helfe es einem noch gar nichts, denn dadurch bekomme der Wirt nicht einen Sou in die Tasche. Gervaise schauderte, sie fragte sich, ob man sie auch auf die Straße werfen werde, wenn sie eines Tages ein Unglücksfall daran verhindern sollte zu zahlen. Die rauchige Pförtnerloge mit ihren schwarzen Möbeln war feucht und dunkel wie ein Keller, das ganze Licht fiel auf den Arbeitstisch von Boche, auf dem ein alter Rock, der gewendet werden sollte, umherlag. Die kleine Pauline, das rothaarige vierjährige Mädchen des Bocheschen Ehepaares, saß auf der Erde und guckte ruhig zu, wie ein Stück Kalbfleisch kochte; der starke Küchengeruch, der von dem eisernen Ofen kam, entzückte die Kleine. Herr Marescot ergriff aufs neue die Hand des Zinkarbeiters. Da erinnerte ihn dieser daran, daß er ihnen versprochen habe, Ausbesserungen vorzunehmen und daß man es doch jetzt besprechen möge. Da wurde der Wirt böse, er habe sich zu nichts verpflichtet, man mache übrigens niemals Ausbesserungen an Läden. Endlich verstand er sich dazu, die Räume anzusehen, und ging mit den Coupeaus und Boche dahin. Der kleine Krämer hatte beim Ausziehen seine ganze Ladeneinrichtung mit fortgenommen, so war denn der Laden ganz kahl, die Decke geschwärzt, und an den Wänden hingen die Fetzen einer ehemaligen gelben Tapete. In diesen leeren Räumen, in denen die Stimmen stärker tönten, begann eine sehr erregte Unterhaltung. Herr Marescot schrie und behauptete, es sei Sache der Handelsleute, sich ihre Läden schön herauszuputzen, denn schließlich könne so einer verlangen, daß man überallhin Gold machte und er, der Wirt, könne nicht alles vergolden. Er sprach dann von seiner eigenen Einrichtung in der Friedensstraße, für die er mehr als zwanzigtausend Franken ausgegeben habe. Mit der den Frauen eigenen Hartnäckigkeit brachte Gervaise immer wieder ihre Gründe vor, die ihr unwiderleglich schienen: in einer Wohnung werde er doch die Tapeten erneuern? Warum sollte denn ein Laden anders angesehen werden als eine Wohnung? Sie verlange weiter nichts von ihm, als daß er die Decken weißen lasse und neue Tapeten anschaffe. Boche blieb undurchdringlich und würdig, er drehte sich herum und guckte in die Luft, ohne eine Meinung zu äußern. Coupeau konnte ihm soviel mit den Augen zublinzeln, wie er wollte, es half alles nichts, er tat so, als ob er seinen großen Einfluß auf den Wirt nicht mißbrauchen wolle. Endlich ließ er sich denn doch zu einem kleinen Mienenspiel herbei und begleitete ein leises Lächeln mit einem leichten Kopfschütteln. Gerade jetzt gab Herr Marescot den Vorstellungen von Gervaise nach, er war außer sich und krampfte seine Finger wie ein Geizhals zusammen, dem man sein Gold wegnimmt; er versprach, die Decken machen zu lassen und zu tapezieren, unter der Bedingung, daß sie die Hälfte zu den Tapeten zuzahle. Dann ging er schnell fort und wollte von nichts mehr hören. Als Boche mit den Coupeaus allein war, schlug er ihnen sehr freundschaftlich auf die Schulter. Nicht wahr, das war gutgemacht? Wenn er nicht gewesen wäre, hätten sie im Leben nicht ihre Decken und ihre Tapeten bekommen. Sie würden wohl bemerkt haben, wie der Wirt fragend zu ihm hingeschielt und wie er gleich alles bewilligt habe, als er ihn lächeln sah. Er teilte ihnen im Vertrauen mit, daß er der eigentliche Herr im Hause sei: er bestimme, wem gekündigt werden solle, er vermiete, wenn die Leute ihm paßten, er kassiere die Mieten ein und behalte sie oft vierzehn Tage in seiner Kommode. Am Abend schickten Coupeaus zwei Liter Wein an die Boches, um höflich zu sein: so etwas mußte belohnt werden. Von dem folgenden Montag ab wurde im Laden gearbeitet. Der Einkauf der Tapeten war eine Angelegenheit von großer Wichtigkeit. Gervaise wollte eine graue Tapete mit blauen Blumen haben, weil es den Raum hell und lustig mache. Boche erbot sich, sie hinzuführen, wenn sie aussuche. Aber er hatte gemessenen Auftrag des Wirtes, er durfte den Preis von fünfzehn Sous für die Rolle nicht überschreiten. Eine volle Stunde blieben sie bei dem Tapetenhändler; die Wäscherin kam immer wieder auf ein sehr hübsches persisches Muster zurück, das achtzehn Sous kosten solle, sie war der Verzweiflung nahe, denn sie fand alle anderen Muster abscheulich. Endlich gab der Pförtner nach, er werde die Sache einrichten; wenn es nicht anders gehe, werde man eine Rolle mehr berechnen. Beim Nachhausegehen kaufte Gervaise einen Kuchen für die kleine Pauline. Sie wollte nicht Schuldnerin bleiben, und man sollte sehen, daß es vorteilhaft war, ihr gefällig zu sein. In vier Tagen sollte der Laden fertig sein, doch die Arbeiten dauerten drei Wochen. Man hatte erst davon gesprochen, die Malereien einfach mit Lauge abzuwaschen, aber dieser alte, essigfarbene Anstrich war so schmutzig und so düster, daß sich Gervaise dazu bestimmen ließ, in den Vorderräumen einen hellblauen Anstrich mit gelben Netzen anbringen zu lassen. Jetzt nahmen die Ausbesserungen gar kein Ende. Coupeau, der immer noch nicht arbeitete, war schon des Morgens da, um nachzusehen, ob es vorwärts gehe. Boche verließ den Überrock oder die Hosen, an denen er die Knopflöcher ausbesserte, um auch seinerseits die Arbeiter zu überwachen. So brachten sie beide tagelang damit zu, rauchend und spuckend, mit den Händen auf dem Rücken, den Arbeitern zuzusehen und jeden Pinselstrich zu beurteilen. Da wurden unendliche Erwägungen und tiefsinnige Betrachtungen über jeden Nagel angestellt, der ausgerissen werden sollte. Die Maler, ein paar große, gutmütige Kerle, verließen jeden Augenblick ihre Leitern und pflanzten sich mitten im Laden auf, sie mischten sich in die Unterhaltung und betrachteten stundenlang mit zur Seite geneigten Köpfen ihre eben angefangene Arbeit. Die Decken waren schnell genug geweißt, aber aus den Malerarbeiten schien man nie herauskommen zu sollen, das wollte nicht trocknen. Gegen neun Uhr zeigten sich die Maler mit ihren Farbentöpfen, die sie in eine Ecke setzten, dann sahen sie sich ein bißchen um und verschwanden, um nicht mehr gesehen zu werden. Sie waren frühstücken gegangen, oder sie mußten noch eine kleine Arbeit in der Nähe, in der Myrrha-Straße fertigmachen. Ein anderes Mal führte Coupeau die ganze Gesellschaft einen Schoppen trinken, Boche, die Maler und ein paar Kameraden, die gerade vorbeigingen; das war dann wieder ein verlorener Nachmittag. Gervaise verging fast vor Ungeduld. Da plötzlich war alles in zwei Tagen fertig, die Malereien gefirnißt, die Tapeten geklebt und der Schmutz auf den Schubkarren geworfen. Die Arbeiter waren schließlich damit umgesprungen, als ob es Spaß sei; sie pfiffen auf ihren Leitern und sangen, als ob sie das ganze Quartier betäuben wollten. Dann ging man sogleich an den Umzug. Gervaise empfand in den ersten Tagen eine kindische Freude, wenn sie von einer Besorgung zurückkehrte und über die Straße ging. Sie machte halt und lächelte ihrer neuen Behausung zu. Wenn sie von weitem kam, so erschien ihr ihr Schaufenster in der langen Reihe der anderen, die schwarz und düster aussahen, ganz hell, so freundlich und einladend mit seinem neuen Ladenschild, wo auf zartem, blauem Grunde das Wort: Feinwäscherin in großen, gelben Buchstaben aufgemalt war. Das Schaufenster selbst war hinten mit einem Paar Musselinegardinen abgeschlossen und inwendig ganz blau tapeziert, um die Weiße der Wäsche besser zur Geltung zu bringen; Männerhemden lagen dort als Schaustücke und Frauenhäubchen waren mit ihren Bändern an Messingdrähten aufgehängt. Sie fand ihren Laden bildhübsch in seiner himmelblauen Farbe. Wenn man hineinkam, war wieder alles blau; die Tapete stellte ein Gitter vor, an dem sich Winden emporrankten; der Ladentisch war von ungeheuerer Größe und nahm zwei Drittel des ganzen Raumes ein, er hatte eine dicke Decke und war ringsum mit bedrucktem Kattun eingefaßt, um die Böcke zu verdecken, auf denen er stand. Gervaise ließ sich auf einem Sessel nieder und atmete vor Befriedigung hoch auf; wie glücklich machte sie diese Sauberkeit aller neuen Dinge, und mit wie zärtlichen Blicken betrachtete sie ihre neuen Werkzeuge! Ihr erster Blick galt immer ihrem gußeisernen Plättofen, auf dem sie zehn Bolzen gleichzeitig glühend machen konnte, die rundherum auf schrägen Platten lagen. Sie kniete davor nieder, um nachzusehen, denn sie schwebte in beständiger Furcht, daß ihr Schaf von Lehrmädchen den Ofen sprenge, weil sie zuviel Koks hineinstopfe. Die Wohnung hinter dem Laden war sehr anständig. Coupeaus schliefen im ersten Zimmer, wo man auch kochte und aß: eine Hintertür ging auf den Hof des Hauses hinaus. Nanas Bett stand in einem kleinen Zimmer, das rechts lag und nur durch eine dicht bei der Decke angebrachte Luke erhellt wurde. Etienne indes teilte das links gelegene Zimmer mit der schmutzigen Wäsche, wovon immer ungeheure Berge dalagen. Ein häßlicher Umstand machte sich doch fühlbar, wenn auch Coupeaus es zuerst nicht zugeben wollten, die Wände sappten vor Feuchtigkeit und schon von drei Uhr nachmittags an konnte man nicht mehr recht sehen. Im ganzen Quartier machte der neue Laden großes Aufsehen. Man beschuldigte Coupeaus, zu schnell vorzugehen und sich Ungelegenheiten zu machen. Und wirklich hatten sie die fünfhundert Franken von Goujet nur für die Einrichtung ausgegeben, ohne sich nur so viel zurückzulegen, daß sie vierzehn Tage zu leben gehabt hätten, wie sie es sich eigentlich vorgenommen. Den ersten Tag, als Gervaise ihren Laden aufmachte, hatte sie gerade sechs Franken in ihrer Geldbörse. Das machte ihr indessen keine Sorge, denn die Kunden kamen, und die Geschäfte ließen sich recht gut an. Acht Tage später, an einem Sonnabend, brachte Gervaise vor dem Schlafengehen zwei Stunden damit zu, auf einem Stückchen Papier zu rechnen; dann weckte sie Coupeau auf und sagte ihm mit leuchtender Miene, daß Tausende und aber Tausende zu verdienen seien, wenn man nur vernünftig sei. »Jawohl!« schrie Madame Lorilleux durch die ganze Goldtropfengasse, »mein Esel von Bruder muß drollige Dinge erleben! ... Das fehlte bloß noch, daß die Humpelliese ihr Brot verdiene. Das steht ihm gut an, nicht wahr?« Lorilleux' hatten sich mit Gervaise tödlich verfeindet. Schon damals, als der Laden instand gesetzt wurde, platzten sie vor Wut; wenn sie nur die Maler von weitem sahen, gingen sie schon auf die andere Seite und stiegen mit zusammengebissenen Zähnen die Treppen hinauf. Ein blauer Laden für diese hergelaufene Dirne, wenn anständige Leute darüber nicht den Verstand verloren! Schon am zweiten Tage nach dem Einzug, als die Gehilfin gerade ein Gefäß mit Stärke ausgoß, wie Madame Lorilleux vorbeikam, hatte diese die ganze Straße in Aufruhr gebracht und behauptet, daß ihre Schwägerin sie absichtlich von ihren Arbeiterinnen beschimpfen lasse. Nun waren alle Beziehungen abgebrochen, und man schleuderte sich wütende Blicke zu, wenn man sich traf. »O ja, es ist ein hübsches Leben!« sagte Madame Lorilleux immer wieder. Man weiß ja, wo das Geld zu ihrer Bude hergekommen ist! Sie hat es sich bei dem Schmied verdient ... Das sind auch recht nette Leute! Hat sich nicht der Vater den Hals abgeschnitten, damit er nicht guillotiniert zu werden brauchte? Kurz: irgendeine schmutzige Geschichte dieser Art!« Sie beschuldigte Gervaise geradezu, mit Goujet ein strafbares Verhältnis zu unterhalten. Sie log sogar und behauptete, daß sie sie eines Abends auf einer Bank des äußeren Boulevards überrascht habe. Der Gedanke an diese Liebschaft und die Freuden, die ihre Schwägerin genießen müsse, empörten in ihr die ganze Ehrbarkeit einer häßlichen Person. Täglich mußte sie ihrem Herzen Luft machen: »Aber was hat denn die Lahme an sich, daß sie geliebt wird? Warum liebt mich denn keiner?« Jetzt folgten ewige Klatschereien mit den Nachbarn. Sie erzählte die ganze Geschichte. Geht mir doch! Am Hochzeitstage habe sie ein schönes Gesicht geschnitten! Sie habe eine feine Nase, sie merkte schon, was es für ein Ende nehmen werde. Später, mein Gott, da habe sich die Humpelliese so heuchlerisch sanft gezeigt, daß sie und ihr Mann darein gewilligt hatten, Taufpaten für die kleine Nana zu sein, obwohl so eine Taufe ein schönes Stück Geld kostete. Aber jetzt! Seht ihr, die Humpelliese kann auf den Tod daliegen und ein Glas Wasser verlangen, ich reiche es ihr nicht. Unverschämtheit, Schurkerei und Schamlosigkeit könne sie nicht vertragen. Was Nana anlange, so werde man die immer gut aufnehmen, wenn sie nach oben komme, um ihre Paten zu sehen. Die Kleine, nicht wahr? Die könne doch nichts für die Schlechtigkeit ihrer Mutter. Coupeau habe ja ihren Rat nicht nötig; an seiner Stelle hätte jeder andere Mann solche Frau mit dem Hintern ins Waschfaß gesteckt und ihr ordentlich was drauf gegeben; das sei seine Sache, aber das könne man von ihm doch verlangen, daß er seine Familie in Ehren halte. Gerechter Gott! wenn Lorilleux sie eines Tages mit einem überrascht hätte! Das wäre so ruhig noch nicht abgegangen, der hätte ihr seine Schere in den Leib gestoßen! Boches, die sehr strenge Sittenrichter bei häuslichen Streitigkeiten waren, gaben Lorilleux' unrecht. Ohne Frage seien Lorilleux' ordentliche, ruhige Leute, die den langen, lieben Tag arbeiteten und pünktlich ihre Miete zahlten. Aber in dieser Sache mache sie die Eifersucht ungerecht. Und dann überhaupt, die Leute bissen sich lieber einen Finger ab, als anderen einmal etwas zukommen zu lassen. Geizhammel, die ihre Liter versteckten, wenn jemand dazu kam, um ihm kein Glas Wein anbieten zu müssen. Eines Tages bot Gervaise Boches Johannisbeersaft und Selterwasser an, man trank es gerade in der Loge, als Madame Lorilleux sehr steif vorbeikam und vor der Tür der Portierleute mit Absicht ausspie. Seit diesem Tage ließ Madame Boche, wenn sie Sonnabends die Treppen fegte, den Schmutz vor Lorilleux Türe liegen. »Nun ja!« schrie Madame Lorilleux, »die Humpelliese, die Fresser und Schlemmer, es ist ja alles dieselbe Gesellschaft! ... Aber sie sollen sich in acht nehmen und mich zufrieden lassen! Sonst gehe ich zum Wirt und beschwere mich ... Gestern habe ich erst wieder den unverschämten Boche gesehen, wie er sich an Madame Gaudron rangemacht hat. Sich an einer Frau in dem Alter zu vergreifen, die ein halbes Dutzend Kinder hat, wie? Ist das nicht eine Schweinerei? ... Noch eine solche Sache, und ich werde die Mutter Boche benachrichtigen, damit sie ihm etwas zur Abkühlung an den Kopf wirft ... Da hätte man wenigstens etwas zum Lachen!« Madame Coupeau besuchte beide Parteien, sie redete allen zu Munde und war sogar soweit gekommen, daß sie sich zureden ließ und sehr oft zum Essen blieb; sie hörte ebenso geduldig ihrer Tochter wie ihrer Schwiegertochter zu, an einem Abend der einen, am andern Abend, der andern. Madame Lerat ging jetzt nicht zu Coupeaus, sie hatte sich mit der Humpelliese wegen eines Zuaven gezankt, der seiner Geliebten mit dem Rasiermesser die Nase abgeschnitten hatte; sie nahm für den Zuaven Partei, sie fand, dieser Rasiermesserschnitt sei ein Zeichen von großer Liebe, ohne daß sie ihre Gründe näher erklärt hätte. Sie hatte den Zorn der Frau Lorilleux noch mehr angefacht, denn sie erzählte, daß sich die Humpelliese nicht entblöde, in einer Gesellschaft von sechzehn oder zwanzig Personen ihre Schwägerin Kuhschwanz zu nennen. Mein Gott ja! Boches und alle Nachbarn nannten sie Kuhschwanz! Trotz all dieser Klatschereien stand Gervaise ruhig lächelnd auf der Schwelle ihres Ladens und grüßte ihre Freunde mit einem leichten, freundlichen Kopfnicken. Es machte ihr Spaß, ihr Plättbrett für einen kleinen Augenblick zu verlassen und von der Ladentür aus einen liebevollen Blick auf die Straße zu werfen; sie tat es mit der eiteln Überhebung der Handelsfrau, die sich einbildet, daß ein Stück von dem Bürgersteig ihr Eigentum sei. Ihren Gedanken nach gehörten ihr die Goldtropfengasse und die benachbarten Straßen, ja das ganze Viertel. Wenn sie so mit ihrer weißen Jacke und mit nackten Armen den Kopf zur Tür hinaussteckte, auf dem ihre hübschen blonden Haare in der Hitze der Arbeit sich gelöst hatten, so daß der Wind mit den kleinen, losen Locken spielte, so war es, als ob sie mit einem Blick von ihrem Eigentum wieder Besitz ergreifen wolle, von den Vorübergehenden, den Häusern, dem Pflaster und dem Himmel: nach links hin erstreckte sich die Goldtropfengasse friedlich und menschenleer wie ein Stückchen Provinz, wo die Frauen leise in den Türen plauderten, während nach rechts hin, in der Fischerstraße, der Lärm der Fuhrwerke und das Gewoge der Menschenmenge, die da auf und nieder flutete, dieses Ende wie eine Rennbahn erscheinen ließ, auf der fortwährend Tausende das Glück oder den Tod erjagen wollten. Gervaise liebte die Straße, das Poltern der Wagen auf dem großsteinigen, unebenen Pflaster, das Stocken der Fußgänger auf den schmalen Bürgersteigen, die hin und wieder mit kleinem, stark geneigtem Kieselsteinpflaster abwechselten; die drei Meter Rinnstein vor ihrem Laden gewannen in ihren Augen die Bedeutung eines breiten Flusses, der noch das Besondere hatte, daß die Färberei im Hause seinen Wellen die zartesten, launigsten Farben gab, die ihn von dem gleichmäßig schwarzen Schmutz der anderen vorteilhaft unterschieden. Auch den Läden schenkte sie ein lebhaftes Interesse; da war ein Mehl- und Vorkostladen, in dessen Fenster getrocknetes Obst an Messingdrähten hing; eine Wäschehandlung für Arbeiter, wo Frauenröcke und blaue Blusen mit ausgespreizten Ärmeln bei jedem Luftzug hin und her schwankten; bei der Hökerin und der Kaldaunenhändlerin erspähte sie Ecken von Ladentischen, auf denen prächtige Katzen ruhig schnurrten; ihre Nachbarin, Madame Vigouroux, die Kohlenhändlerin, erwiderte ihren Gruß. Diese kleine, dicke Frau mit schwarzem Gesicht und leuchtenden Augen liebte es, faulenzend an ihrem Ladenschild zu stehen und mit den Männern zu liebäugeln; auf ihrem Schilde sah man Klobenholz gemalt, das dort auf hellem Grunde so verwickelt angeordnet war, daß es einer Sennhütte glich. Die Damen Cudorge, Mutter und Tochter, waren ihre Nachbarn auf der andern Seite, sie hatten den Laden mit den Regenschirmen inne, doch sah man sie niemals, ihr dunkles Schaufenster und ihre Tür waren immer geschlossen; den Laden schmückten von außen zwei kleine Sonnenschirme von Zink, die mit einem dicken Überzug von zinnoberroter Ölfarbe angestrichen waren. Ehe Gervaise sich wieder an ihre Arbeit machte, versäumte sie nie, einen Blick auf eine große, weiße Mauer ihr gegenüber zu werfen. Diese Mauer hatte nicht ein einziges Fenster, nur ein ungeheueres Einfahrtstor, durch dessen Bogen man auf dem Hofe, der stets mit einer Menge von Wagen und Karren, deren Deichseln in die Höhe standen, angefüllt war, das Flammen eines Schmiedefeuers sah. Auf der Mauer stand in großen Buchstaben: Hufschmiede , das Wort war mit einem Kranz von Hufeisen umgeben. Während des ganzen Tages tönten die Hämmer auf den Amboßen, und ein Sprühregen von Funken erhellte die düstern Schatten des Hofes. Ganz unten an dieser Mauer, in einem Loche, das nicht größer wie ein Kleiderschrank war, saß zwischen einem Alteisenkrämer und einer Frau, die mit Bratkartoffeln handelte, ein Uhrmacher, ein Herr mit einem Überrock von peinlicher Sauberkeit, der fortwährend mit ganz kleinen Instrumenten in Uhrwerken herumstocherte; er saß an einem Arbeitstisch, auf dem ganz kleine Gegenstände unter umgestülpten Weingläsern lagen, hinter ihm schwangen sich die Perpendikel von zwei oder drei Dutzend Kuckucksuhren, die inmitten der schwarzen Armseligkeit der Straße und in dem Lärm des Hammergeklopfes in der Hufschmiede ihre zarten, kleinen Kuckucksrufe ertönen ließen. Im ganzen Viertel fand man Gervaise sehr hübsch. Wenn man auch hie und da über sie redete, so gab es doch niemand, der ihr ihre hübschen, großen Augen und ihren kleinen Mund mit den weißen Zähnen abgesprochen hätte. Sie war eine so hübsche Blondine, daß sie sich dreist neben die Schönsten hätte stellen können, wenn sie nicht das Unglück mit dem Bein gehabt hätte. Sie war nun achtundzwanzig Jahre alt und hatte ein wenig Wohlbeleibtheit bekommen. Ihre feinen Züge rundeten sich, und ihre Bewegungen nahmen eine behagliche Langsamkeit an. Es kam jetzt öfter vor, daß sie auf einem Stuhl sich ihren Träumereien überließ, wenn sie auf ein neues Eisen wartete. sie lächelte dann in sich hinein, und ihr Gesicht strahlte von einer Freude, wie sie die Empfänglichkeit für die Genüsse des Lebens erzeugt. Sie liebte es jetzt, wirklich gute Dinge zu essen, alle Welt sagte es; dabei war ja nichts Schlimmes, im Gegenteil, wenn man so viel verdient, daß man Geld für gute Bissen übrig hat, dann wäre man ja dumm, sich von Kartoffelschalen zu ernähren. Und das um so mehr, als sie immer hart arbeitete und sich für ihre Kunden in die Länge und in die Quere legte, so daß sie selbst die Nächte hindurch bei geschlossenen Fensterläden schaffte, wenn es nottat. Wie man im Viertel sagte, hatte sie Glück, alles schlug ihr zum Guten aus. Sie wusch für das Haus, für Herrn Madinier, Fräulein Remanjou und das Ehepaar Boche, ja sie hatte sogar ihrer früheren Arbeitgeberin, Madame Fauconnier, mehrere Damen weggenommen, die in der Vorstadt Fischerstraße wohnten. Schon in der dritten Woche hatte sie zwei Gehilfinnen nehmen müssen, Madame Putois und die große Clemence, dasselbe Mädchen, das früher im sechsten Stock gewohnt hatte; es waren drei Personen mit der kleinen, schielenden Augustine, die noch lernte und so häßlich wie ein Affe war. Einer andern wäre sicherlich ein so schnelles Gedeihen zu Kopf gestiegen. Es wäre ihr wohl zu verzeihen gewesen, wenn sie des Montags ein wenig blaugemacht hätte, nachdem sie die ganze Woche so tüchtig geschafft hatte. Dies war übrigens für sie ein Bedürfnis; sie wäre ganz schlaff gewesen und hätte die Hemden ungeplättet gelassen, wenn sie sich nicht einen süßen Likör gegönnt hätte, etwas Gutes, wonach ihr das Herz geizte. Noch nie war Gervaise so gut und liebenswürdig gewesen, sie war so sanft wie ein Lämmchen und so gut wie das liebe Brot. Mit Ausnahme von Madame Lorilleux, die sie, um sich zu rächen, immer Kuhschwanz nannte, wünschte sie niemandem etwas Böses und nahm für jedermann Partei. In der leichten Hingabe an ihre Leckermäuligkeit, besonders wenn sie gut gefrühstückt hatte und ihren Kaffee trank, war sie sehr zu einem alle umfassenden Verzeihen geneigt. Ihr Lieblingswort war: Man muß einer dem andern verzeihen, nicht wahr? sonst lebt man ja wie unter den Wilden! Wenn man ihr von ihrer Güte sprach, so lachte sie; weiter hätte auch nichts gefehlt, daß sie auch noch hätte böse sein sollen! Dann wies sie alles Lob zurück und sagte, daß es nicht ihr Verdienst wäre, wenn sie gut sei; hätten sich denn nicht alle ihre Träume erfüllt? bleibe ihr denn im Leben noch irgend etwas zu wünschen übrig? Dann erinnerte sie daran, was früher ihr Ideal gewesen sei, als sie noch auf der Straße lag und nichts hatte: arbeiten, Brot essen, ein Nest für sich haben, seine Kinder erziehen, nicht geschlagen werden und in seinem eigenen Bette sterben. Und jetzt, war denn ihr Ideal nicht übertroffen worden? hatte sie denn nicht alles aufs schönste? Was das Sterben im eigenen Bette anbetreffe, fügte sie dann scherzend hinzu, so rechne sie auch darauf, aber, wohlverstanden, so spät als möglich. Besonders Coupeau gegenüber zeigte sich Gervaise sehr liebenswürdig. Nie entfuhr ihr ein böses Wort, nie beklagte sie sich hinter seinem Rücken. Endlich hatte der Zinkarbeiter wieder zu arbeiten angefangen; da der Bauplatz am anderen Ende von Paris war, gab sie ihm jeden Morgen vierzig Sous für sein Frühstück, sein Getränk und seinen Tabak. Aber zwei Tage von den sechsen der Woche blieb Coupeau unterwegs und vertrank die vierzig Sous mit einem Freunde; zum Frühstück kam er dann nach Hause und erzählte irgendeine Geschichte. Einmal bleib er ganz in der Nähe, da ließ er sich mit Mes-Bottes und drei anderen eine Extramahlzeit auftischen, Schnecken, einen Braten und gesiegelten Wein im Kapuziner an der Kapellenzollgrenze; da hierfür seine vierzig Sous nicht ausreichten, schickte er die Rechnung durch einen Kellner zu seiner Frau und ließ ihr sagen, daß er im Versatz sei. Diese zuckte lachend die Achseln; was sei denn daran Schlimmes, wenn ihr Mann sich ein bißchen amüsiere? Man müsse den Männern die Strippe lang lassen, wenn man Ruhe und Frieden in seiner Wirtschaft haben wolle; ein Wort gebe das andere, und man komme bald bei Schlägen an. Mein Gott, für so etwas müsse man Verständnis haben; Coupeau leide immer noch an seinem Bein, man habe ihn verschleppt, und da habe er wohl oder übel mit den anderen mittun müssen, wenn er nicht für einen Duckmäuser gelten wolle. Übrigens habe es ja auch weiter nichts auf sich; wenn er ein bißchen blau nach Hause komme, lege er sich zu Bette, und zwei Stunden darauf sei alles vergessen. Mittlerweile war die Zeit der großen Hitze gekommen. An einem Juninachmittag – es war Sonnabend und die Arbeit sehr eilig – hatte Gervaise selbst den Ofen mit Koks vollgestopft, auf dem die zehn Plätteisen erhitzt wurden. Um diese Stunde schien die Sonne voll auf die Vorderseite des Ladens, der Bürgersteig strahlte eine glühende Hitze aus, und der Widerschein der Sonnenreflexe tanzte an der Decke des Ladens; dieser Lichtstrom, der von der Farbe der Gestelle im Schaufenster einen blauen Schein annahm, fiel mit blendender Helligkeit auf den Arbeitstisch, als ob die Sonnenstäubchen durch die feine Wäsche hindurchgesiebt werden sollten. Es war eine Hitze zum Ersticken. Man hatte die Tür nach der Straße zu offen gelassen, aber es entstand auch dadurch nicht der geringste Zug. Die Wäschestücke, die man zum Trocknen an den Messingdrähten aufgehängt hatte, dampften und waren in kaum dreiviertel Stunden so steif und hart wie Holz. Es herrschte unter dem Drucke dieser Schwüle ein tiefes Stillschweigen, in dem man nur das Aufsetzen der Plätteisen hörte, ein Ton, der durch die dicken Überzüge von Flanell auf den Plättbrettern gedämpft wurde. »Wir können von Glück sagen, wenn wir heute nicht wegschmelzen!« bemerkte Gervaise, »da möchte man sich ja das Hemde ausziehen!« Sie hockte am Boden vor einer Schüssel und war damit beschäftigt, Wäsche durch Stärkewasser zu ziehen. Sie war in weißem Unterrock und hatte die Ärmel ihrer ebenfalls weißen Nachtjacke, die ihr halb von der Schulter geglitten war, aufgestreift, so daß ihre Arme und ihr Nacken bloß blieben; sie war ganz rosig und schwitzte so stark, daß die kleinen Locken ihres wirren, blonden Haares an ihrer Haut anklebten. Mit großer Sorgfalt tauchte sie Frauenhäubchen, die Vorderteile von Männerhemden, ganze Unterröcke und die Garnierungen von Frauenhosen in die milchige Flüssigkeit. Dann rang sie die Stücke aus und legte sie in einen viereckigen Korb, nachdem sie ihre Hände in einen Eimer getaucht und dann die Teile der Stücke besprengt hatte, die nicht gestärkt werden sollten. »Dieser Korb ist für Euch, Madame Putois«, sagte sie. »Ihr werdet Euch ein bißchen beeilen, das muß heute geschafft werden, nicht wahr? Das trocknet gleich, man kann schon in einer Stunde anfangen.« Madame Putois war eine Frau von fünfundvierzig Jahren, klein und mager, sie plättete ohne einen Tropfen Schweiß zu verlieren, obwohl sie bis obenhin in ein Kleid von kastanienbraunem Stoff eingeknöpft war. Sie hatte selbst ihre Haube nicht einmal abgenommen, eine schwarze Haube mit grünen Bändern, die schon ins Gelbliche spielten. Sie stand ganz steif vor dem Arbeitstisch, der für sie zu hoch war, und bewegte ihr Plätteisen mit steifen, puppenhaften Bewegungen, wobei ihre Ellenbogen immer in der Luft blieben. Plötzlich rief sie: »Ah! aber Fräulein Clemence, ziehen Sie Ihre Jacke wieder an, Sie wissen wohl, ich liebe solche Unanständigkeiten nicht. Wenn Sie bei Ihrem Vergnügen sind, mögen Sie alles zeigen, was Sie haben. Da drüben sind schon drei Männer stehengeblieben!« Die große Clemence murmelte so etwas wie altes Tier zwischen den Zähnen. Sie ersticke, sie könne es sich doch bequem machen, es habe doch nicht jeder eine Haut wie ein Feuerschwamm. Übrigens was könne man denn sehen? Sie hob ihre Arme hoch, wobei ihr üppiger Busen beinahe ihr Hemd sprengte und ihre Schultern die kurzen Ärmel aufzureißen drohten. Clemence hatte es sich in den Kopf gesetzt, vor ihrem dreißigsten Jahre das Leben nach Kräften zu genießen. Des Morgens nach wilddurchschwärmter Nacht fühlte sie kaum den Boden unter ihren Füßen, sie schlief dann über der Arbeit ein, und es war ihr zumute, als ob man ihren Kopf und Leib voll alter Lappen gestopft habe. Trotz alledem behielt man sie, wenn sie mitunter auch langsam arbeitete, denn es gab keine Arbeiterin, die es ihr im Plätten von Männerhemden gleichtat. Es war ihr Vorzug, die Männerhemden. »Das alles gehört mir, versteht Ihr wohl?« beendete sie ihre Erklärung, indem sie sich auf die Brust schlug, »das beißt nicht und tut niemandem weh!« »Clemence, zieht Eure Jacke wieder an!« sagte Gervaise. »Madame Putois hat recht, es ist nicht anständig ... Man könnte mein Geschäft für etwas halten, was es nicht ist.« Da zog die große Clemence sich murrend wieder an. »Wie ängstlich Ihr seid! Als ob die Leute, die da vorbeigehen, noch nie ein paar Brüste gesehen hätten!« Sie ließ nun ihren Zorn an dem Lehrling, der kleinen, schielenden Augustine aus, die neben ihr glatte Wäsche, Strümpfe und Taschentücher plättete; sie stieß sie mit dem Ellenbogen, daß die Kleine beinahe umfiel. Aber Augustine, die bissig und heimtückisch wie eine getretene Bestie war, spuckte ihr von hinten auf ihr Kleid; so rächte sie sich, ohne daß es jemand sah. Gervaise hatte eine Haube von Madame Boche angefangen, der sie besondere Sorgfalt angedeihen lassen wollte. Sie hatte gekochte Stärke zubereitet, um sie aufs neue zu plätten. Mit einem kleinen, schmalen, an den Enden abgerundeten Plätteisen bearbeitete sie vorsichtig das Mittelstück der Kopfbedeckung, als eine knochige Frau eintrat, deren Gesicht mit roten Flecken bedeckt war; ihre Röcke waren naß und klebten an ihren Beinen. Das war eine Waschmeisterin, die drei Arbeiterinnen in der Waschanstalt Goldtropfengasse beschäftigte. »Ihr kommt zu früh, Madame Bijard!« rief Gervaise. »Ich hatte Euch gesagt, heute abend ... Ihr stört mich nur, wenn Ihr jetzt kommt!« Da die Wäscherin jammerte und befürchtete, daß sie sonst die Wäsche heute nicht mehr spülen lassen könne, so willigte sie darein, ihr die schmutzige Wäsche sogleich herauszusuchen. Sie gingen in die Nebenstube, wo Etienne schlief, und kamen mit ungeheuren Haufen schmutziger Wäsche zurück, die sie hinten im Laden aufstapelten. Das Aussuchen dauerte eine volle halbe Stunde. Gervaise warf die einzelnen Sorten zusammen auf einen Haufen, die Männerhemden, Frauenhemden, Taschentücher, Strümpfe und Wischlappen. Wenn ein Stück von einem neuen Kunden ihr unter die Hände kam, so zeichnete sie es mit einem roten Kreuz, um es wiederzuerkennen. In der heißen Luft entwickelte sich ein muffiger Geruch von. all dem Herumkramen in der schmutzigen Wäsche. »Oh! ho! Das duftet!« sagte Clemence und hielt sich die Nase zu. »Ja, wenn alles rein wäre, würde man es uns ja nicht geben«, erklärte Gervaise ruhig. »Das riecht danach, wo es herkommt, was weiter? ... Wir hatten vierzehn Frauenhemden, nicht wahr, Madame Bijard? Fünfzehn, sechzehn, siebzehn ...« So fuhr sie ganz laut zu zählen fort. Sie ekelte sich nicht, sie war an den Schmutz gewöhnt; ohne Zaudern versenkte sie ihre rosigen, nackten Arme in die Haufen von gelben schmutzigen Hemden, von Küchenhandtüchern, die von dem Fette des Geschirres ganz steif geworden waren, und in die Strümpfe, bei denen Schweiß und Schmutz wetteiferten. Trotz all der starken Gerüche, welche ihr entgegendufteten, überkam sie inmitten dieser Haufen ein Gefühl nachlässiger Behaglichkeit. Sie hatte sich auf einen niedrigen Sessel gesetzt und streckte mit langsamen Bewegungen nach rechts und links ihre Arme aus, und als ob diese menschlichen Gerüche sie berauschten, lächelte sie verloren mit schwimmenden Augen. Es scheint, daß der erste Anstoß zu faulem Dahinleben durch den betäubenden Einfluß dieser schmutzigen Wäsche veranlaßt wurde, die die Luft um sie herum verpestete. Als sie gerade eine vor Schmutz unkenntliche Kinderbettunterlage zusammenlegte, trat Coupeau ein. »Heiliger Bimbam! ist das eine Hitze!« ... stotterte er, »das brät einem ja das Gehirn!« Der Zinkarbeiter mußte sich am Werktisch halten, sonst wäre er gefallen. Es war das erstemal, daß er so pumpvoll nach Hause kam. Bis dahin war er wohl ein wenig angerissen gewesen, nicht mehr. Aber diesmal hatte er eine Brüsche über dem Auge, so einen freundschaftlichen Hieb von irgendeiner Anrempelei. Seine krausen Haare, in denen sich hin und wieder schon ein weißes zeigte, mußten mit einer Ecke in dem Saale einer Schenke in einige Berührung gekommen sein, denn an einer Locke im Nacken hing eine Spinnwebe. Er blieb ganz scherzhaft, obwohl seine Züge ein wenig gespannt und gealtert aussahen, der Unterkiefer sprang noch mehr hervor als früher, aber er war immer noch gutmütig und seine Haut so zart, um eine Herzogin neidisch zu machen. »Ich will dir die Sache erklären«, sagte er zu Gervaise gewandt. »Du kennst doch den Pied-de-Céleri, den mit dem Stelzfuß ... der reist nach Hause und hat uns gern freihalten wollen ... wie sich das gerade traf bei diesem glühenden Sonnenschein ... Auf der Straße ist alles krank. Alle feiern ...« Als die große Clemence sich darüber lustig machte, daß er alles auf der Straße betrunken gesehen habe, überkam ihn eine große Lustigkeit, die ihn erstickt hätte, wenn er sie nicht austoben lassen konnte. »Ja, ja! die verdammten Säufer! Sind die komisch. Aber sie können nichts dafür, das kommt von der Sonne ...« Da lachte der ganze Laden, selbst Madame Putois, die Betrunkene nicht leiden konnte. Die schielende Augustine schrie aus vollem Halse wie ein Huhn und wollte sich ausschütten vor Lachen. Gervaises einzige Sorge war, daß Coupeau nicht sogleich nach Hause gekommen sei, sondern vorher noch eine Stunde bei den Lorilleux' zugebracht hätte, von denen er immer übel beraten wurde. Als er ihr zugesichert, daß es nicht der Fall sei, lachte auch sie mit, verzieh ihm alles und machte ihm keine Vorwürfe über den verlorenen Arbeitstag. »Aber was sagt er für Unsinn, mein Gott!« murmelte sie. »Wie kann man solche Dummheiten sagen!« Wie eine Mutter zu einem kleinen Kinde sagte sie: »Geh ins Bett, nicht wahr? Du siehst, wir haben zu tun, du hältst uns auf ... Es waren zweiunddreißig Taschentücher, Madame Bijard, und noch zwei macht vierunddreißig ...« Aber Coupeau war nicht müde. Er blieb da und schwankte wie der Perpendikel einer Uhr immer von einer Seite zur andern und trieb mit trotziger, eigensinniger Miene seine Späße. Gervaise wollte sich gern Madame Bijard vom Halse schaffen und rief deshalb Clemence, um sie die Wäsche zählen zu lassen, während sie sie aufschrieb. Bei jedem Stück machte diese große Lotterliese eine freche schmutzige Bemerkung; sie deckte das Elend der Kunden, ihre Schlafstubengeheimnisse auf, sie begleitete jeden Riß, jeden Schmutzfleck, der ihr durch die Hände ging, mit ihren handwerksmäßigen Scherzworten. Augustine tat so, als ob sie nicht verstehe, und sperrte doch die Ohren weit auf mit dem instinktiven Interesse einer lasterhaften kleinen Dirne für solche Dinge. Madame Putois kniff entrüstet die Lippen zusammen, sie fand es dumm, solche Sachen vor Coupeau zu sagen; ein Mann braucht solche Wäsche nicht zu sehen, das sind Dinge, die man bei anständigen Leuten vermeidet. Gervaise war so in ihre Arbeit vertieft, daß sie nicht zu hören schien. Während des Aufschreibens folgten ihre Blicke jedem Stück, damit sie es, wenn es wieder vorkam, erkennen könne; sie irrte sich nie, wenn sie die Namen zu jedem schrieb, sie roch es und sah es an der Farbe. Diese Servietten gehörten Goujets, das sprang in die Augen, die waren nicht dazu gebraucht worden, um die Rückseiten von Bratpfannen abzuwischen. Da war ein Kopfkissenbezug, der sicherlich von Madame Boche kam, wegen der Pomade, womit diese Frau alle ihre Bettwäsche befleckte. Sie hatte gar nicht nötig, die Flanellunterjacken genau anzusehen, um zu wissen, daß sie Herrn Madinier gehörten; er färbte ordentlich die Wolle, dieser Mann, so fett war seine Haut. So kannte sie alle Eigenheiten, die Geheimnisse der Reinlichkeit von jedermann, das Inwendige der Nachbarn, die da in seidenen Röcken über die Straße gingen, die Zahl ihrer Taschentücher und Strümpfe, wieviel Hemden sie in der Woche anzogen, bis auf die Art, wie die Leute immer ihre Sachen zerrissen. Sie konnte viel erzählen. Zum Beispiel von den Hemden des Fräulein Remanjou, die sehr schätzenswerte Beiträge zur Erkenntnis der Menschen lieferten; sie nutzten sich nur oben ab, die alte Jungfer mußte sehr spitze Schulterknochen haben: nie waren sie schmutzig, wenn sie sie selbst vierzehn Tage getragen hätte; das beweist, daß der Mensch in dem Alter so trocken wie ein Stück Holz ist und man selbst mit aller Mühe keinen Tropfen aus ihm pressen würde. Bei jedem Wäscheaussuchen im Laden wurde das Quartier so ausgezogen und durchgehechelt. »Das ist aber was, puh!« rief Clemence, als sie wieder ein Paket öffnete. Gervaise erfaßte plötzlich ein Ekel, und sie wich zurück. »Das Paket von Madame Gaudron!« sagte sie. »Ich will nicht für sie waschen und suche schon immer nach Vorwänden ... Nun, ich bin nicht heikler als eine andere, ich habe genug ekelhafte Wäsche in meinem Leben anfassen müssen, aber wahrhaftig, die da, das kann ich nicht, da fällt mir das Herz vor die Füße ... Wie fängt es die Frau nur an, ihre Wäsche so zuzurichten!« Sie bat Clemence, sich zu beeilen. Aber die Arbeiterin fuhr mit ihren Bemerkungen fort, steckte ihre Finger mit bezeichnenden Randbemerkungen in alle Löcher der Wäschestücke und schwenkte sie umher wie die Fahnen des triumphierenden Schmutzes. So waren die Haufen um Gervaise herum immer größer geworden. Sie saß noch immer auf dem niedrigen Sessel und verschwand fast in dem Haufen von Hemden, Unterröcken, Bettüchern, Hosen und Tischtüchern, einem Berg von Unsauberkeit. Inmitten dieser wachsenden Flut bewahrte sie immer noch, mit ihren nackten Armen und ihrem nackten Hals, an dem die kleinen, blonden Löckchen festklebten, ihr rosiges, appetitliches Aussehen. Sie fand immer ihr gesetztes Wesen wieder, ihr aufmerksames Lächeln als sorgende Geschäftsinhaberin. Die Wäsche der Madame Gaudron hatte sie vergessen, sie roch es nicht mehr und wühlte mit den Händen in dem Haufen, um sich zu vergewissern, daß alles richtig sei. Die schielende Augustine, die für ihr Leben gern ganze Schaufeln Koks in den Ofen warf, hatte ihn so vollgestopft, daß die gußeisernen Platten rotglühend waren, im ganzen Laden zitterte die Luft vor Hitze; die furchtbare Glut machte Coupeau noch betrunkener und erzeugte bei ihm eine plötzliche Zärtlichkeit. Er war sehr bewegt und näherte sich Gervaise mit offenen Armen. »Du bist meine gute Frau,« stammelte er, »komm, gib mir einen Kuß!« Da er sich in dem Haufen von Unterröcken verhaspelte, wäre er beinahe gefallen. »Bist du närrisch?« sagte Gervaise, ohne böse zu werden, »verhalte dich ruhig, wir sind gleich fertig.« Nein, er mußte ihr einen Kuß geben, es war ihm ein Bedürfnis, weil er sie so lieb hatte. Während er so sprach, brachte er die ganzen Unterröcke in Unordnung und tappte in den Haufen Hemden hinein; da er noch immer nicht von seinem Vorhaben abstehen wollte, verwickelten sich seine Füße, und er fiel mit der Nase mitten in die Küchenhandtücher. Jetzt riß Gervaise die Geduld, und sie stieß ihn fort und schrie, daß er ihr alles in Unordnung bringe. Aber Clemence und selbst Madame Putois gaben ihr unrecht. Er sei doch bei alledem sehr nett und wolle sie küssen, sie könne sich doch ruhig von ihm küssen lassen. »Laßt es nur gut sein, Ihr seid glücklich, Madame Coupeau,« sagte Madame Bijard, deren Trunkenbold von Mann, ein Schlosser, sie jeden Abend, wenn er nach Hause kam, beinahe tot schlug. »Wenn meiner so wäre, wenn er ein bißchen was im Kopf hat, das wäre ja ein wahres Vergnügen!« Gervaise, die sich wieder beruhigt hatte, bereute schon ihre Härte. Sie half Coupeau wieder auf die Beine und hielt ihm lachend ihre Backe hin. Aber der Zinkarbeiter faßte sie ungeniert an den Brüsten. »Man kann nichts dazu sagen, aber deine Wäsche stinkt nicht schlecht! Na, ich habe dich deshalb doch lieb, siehst du?« »Laß mich, du kitzelst mich!« schrie sie und lachte noch stärker. »Was bist du für ein großer Tollpatsch! Wie kann man sich nur so betragen!« Er hatte sie umfaßt und ließ sie nicht los. Sie sträubte sich nicht, es überkam sie eine leichte Ohnmacht inmitten all der stark riechenden Wäsche, die ihr ebensowenig Ekel einflößte wie der starke Weingeruch, der von Coupeau ausging. Der lange Kuß, den sie sich da auf den Mund gaben mitten in diesem schmutzigen Getriebe ihrer täglichen Tätigkeit, war wie der erste Schritt auf der abschüssigen Bahn der Verlotterung, die ihr Leben hinabgleiten sollte. Mittlerweile knotete Madame Bijard die Wäsche in Pakete zusammen. Sie sprach dabei von ihrem kleinen, zweijährigen Mädchen, das Eulalie hieß und schon so vernünftig wie eine Große sei. Man könne sie ruhig allein lassen, sie weine niemals, auch spiele sie nicht mit Streichhölzern. Endlich schleppte sie die Wäschepakete eines nach dem andern weg, ihre starke Figur bog sich unter der Last zusammen, und die roten Flecke auf ihrem Gesichte färbten sich violett. »Das ist ja nicht mehr auszuhalten, wir schmoren!« sagte Gervaise und trocknete sich das Gesicht ab, ehe sie sich wieder an die Haube von Madame Boche machte. Man sprach davon, der Augustine ein paar Kopfstücke zukommen zu lassen, denn der Plättofen war glühend. Selbst die Eisen röteten sich. Hatte denn das Mädel den Teufel im Leibe? Kaum daß man den Rücken wende, so mache sie irgendeine Dummheit. Jetzt müsse man eine Viertelstunde warten, ehe man die Plätteisen wieder gebrauchen könne. Gervaise bedeckte das Feuer mit Asche und kleinen Stückchen Schlacken. Sie kam auf den Gedanken, ein paar Laken auf den Messingdrähten unter der Decke aufzuhängen, um sie als schützende Vorhänge gegen die Sonne zu verwenden. Jetzt war es bedeutend besser in dem Laden. Obschon es immer noch recht hübsch warm war, konnte man doch glauben, daß man in irgendeinem hellen Schlafzimmer sei, wenn man auch die schnellen Schritte der Vorübergehenden auf dem Fußwege hinter dem Laken hörte, konnte man es sich doch bequem machen. Clemence zog wieder ihre Jacke aus. Coupeau wollte noch immer nicht schlafen gehen. So erlaubte man ihm denn zu bleiben, aber er mußte versprechen, sich ruhig in seiner Ecke zu halten, denn es war viel zu tun, und man durfte nicht feiern. »Was hat denn dieses Ungeziefer schon wieder mit dem kleinen Eisen gemacht«, murmelte Gervaise, die von Augustine sprach. Man suchte nach dem kleinen Eisen und fand es endlich an einem Ort, an den es auf natürliche Weise nicht hingekommen sein konnte und vermutlich Augustine es aus Niederträchtigkeit hingesteckt hatte. Gervaise machte endlich die Haube der Madame Boche fertig. Sie hatte die Spitzen gefaltet und puffte sie mit der Hand ein wenig auf, ehe sie ihnen noch einen leichten Strich mit dem Plätteisen gab. Bei dieser Haube setzte sich der sehr reiche Besatz aus kleinen Rüschen und gestickten Zwischenteilen zusammen. So machte sie sich schweigend und sorgsam daran, diese Rüschen und Einsätze auf einer Vorrichtung zu plätten, die man Zahn nannte und die aus einem länglichen eisernen Ei bestand, das an einem langen Stock in einem hölzernen Fuß befestigt war. Es war jetzt ganz still. Augenblicke lang hörte man nichts mehr als das Aufsetzen der Eisen auf die überzogenen Plättbretter. An beiden Seiten des Tisches standen die Inhaberin, ihre beiden Gehilfinnen und Augustine auf ihre Arbeit niedergebeugt, wobei ihre Arme sich fortwährend eifrig hin und her bewegten. Jede hatte neben sich eine viereckige Steinplatte liegen, die durch die zu heißen Eisen ganz verbrannt waren. Mitten auf dem Tisch lagen in einer tiefen Schüssel mit klarem Wasser ein Lappen und eine kleine Bürste. Ein großer Strauß Lilien in einer alten Flasche, in der früher in Branntwein eingelegte Kirschen gewesen waren, verwelkte dort und nahm sich in dieser Umgebung mit seinen großen, schneeweißen Blumen wie ein Stückchen eines königlichen Gartens aus. Madame Putois hatte mit der Wäsche aus dem Korbe angefangen, den Gervaise für sie hergerichtet hatte, es waren Servietten, Beinkleider, Nachtjacken und Manschetten. Augustine säumte sehr mit ihren Strümpfen und Wischlappen, mit der Nase in der Luft interessierte sie sich für eine große Fliege, die da umherflog, während Clemence seit dem Morgen schon fünfunddreißig Männerhemden geplättet hatte. »Immer nur Wein, niemals Schnaps!« sagte plötzlich der Zinkarbeiter, der das Bedürfnis in sich fühlte, diese Erklärung abzugeben. »Der Schnaps bekommt mir nicht, den darf man nicht nehmen!« Clemence nahm ein Eisen vom Ofen mit seiner Handhabe von lederüberzogenem Blech und hielt es in die Nähe ihrer Backe, um sich zu überzeugen, ob es auch heiß genug sei. Sie trocknete es mit einem an ihrem Gürtel hängenden Lappen ab und begann ihr sechsunddreißigstes Hemd, sie plättete erst den Einsatz und die Ärmel. »Nun, nun, Herr Coupeau,« sagte sie nach einer Minute, »so ein kleines Gläschen Kümmel ist doch nicht schlecht. Mir gibt es Lebenslust ... Und dann, wißt Ihr, je schneller man damit zu Ende kommt, desto besser ist es. Ich mache mir darüber keine Späne, ich weiß ganz gut, daß meine Knochen nicht alt werden. »Seid Ihr abscheulich mit Euren Grabesgedanken!« unterbrach sie Madame Putois, die keine Unterhaltungen über traurige Dinge hören konnte. Coupeau war aufgestanden und wurde böse, weil er glaubte, daß man ihn beschuldige, Branntwein getrunken zu haben. Er schwor bei seinem Kopfe, bei dem seiner Frau und seines Kindes, daß er nicht einen Tropfen Branntwein im Körper habe. Er näherte sich Clemence und hauchte ihr ins Gesicht, damit sie sich überzeugen konnte. Als er so nahe mit ihren bloßen Schultern in Berührung kam, fing er an, Unsinn zu machen. Er wollte mehr sehen. Clemence, die den Rückenteil gefaltet und die Seitenteile leicht übergeplättet hatte, war jetzt bei den Manschetten und dem Kragen. Da er sich immer an sie herandrängte, so machte sie eine falsche Falte und mußte die Bürste von dem Rande der tiefen Schüssel nehmen, um die Stärke wieder anzufeuchten. »Madame,« sagte sie, »sorgen Sie doch dafür, daß er nicht so hinter mir her ist!« »Lasse sie zufrieden, du bist unvernünftig!« erklärte Gervaise ganz ruhig. »Du weißt doch, daß wir Eile haben, hörst du?« Sie hatten Eile, gut! Was weiter? Das war doch nicht seine Schuld, er tat ja nichts Böses! War es denn nicht mehr erlaubt, die schönen Sachen anzusehen, die der liebe Gott gemacht hat? Sie habe doch famose Hüften, diese verteufelte Clemence! Sie könne sich für Geld sehen und anfassen lassen, es würden keinem Menschen seine zwei Sous leid tun. Die Arbeiterin wehrte ihn jetzt nicht mehr ab, sondern lachte über die rohen Komplimente, die er ihr in der Trunkenheit machte. Sie ging so weit, mit ihm zu scherzen. Er zog sie mit den Männerhemden auf; sie sei ja immer nur in Männerhemden. Nun ja, sie lebe darin. Sie habe sie gut kennengelernt, sie wisse, wie es gemacht sei, es seien ihr ja Hunderte und Hunderte durch die Hände gegangen! Alle Schwarzen, alle Blonden im ganzen Quartier trügen die Arbeit ihrer Hände auf dem Leibe. Trotz alledem arbeitete sie fort, obwohl sie sich vor Lachen ausschüttete; sie hatte fünf große, glatte Falten auf das Rückenstück gelegt, indem sie ihr Eisen durch die Öffnung des Vorderteiles einführte, sie legte dann das Vorderteil nieder und faltete es auch mit ein paar langen Strichen ihres Eisens. »Da, das ist das Banner!« sagte sie, und lachte noch stärker. Die schielende Augustine schlug eine große Lache auf, so komisch schien ihr dieses Wort. Man schalt sie. Diese Rotzliese lache über Sachen, die sie nicht verstehen dürfe. Clemence gab ihr ihr Eisen, die Kleine brauchte die Eisen noch, wenn sie für die gestärkten Stücke nicht mehr heiß genug waren; sie griff so ungeschickt danach, daß sie sich am Handgelenk eine lange Brandwunde machte. Da heulte sie und beschuldigte Clemence, sie mit Absicht gebrannt zu haben. Die Arbeiterin, die gegangen war, um ein neues heißes Eisen für den Vordereinsatz zu holen, brachte sie sofort zur Ruhe, als sie ihr drohte, ihr die Ohren anzuplätten, wenn sie nicht aufhöre. Sie hatte nun ein Stück Flanell unter das Vorderblatt gelegt und ließ ihr Eisen langsam darüber hingehen, um der Stärke Zeit zum Trocknen zu lassen. Der Einsatz der Oberhemden bekam die Härte und Glätte starken Papiers. »Donnerwetter, die macht's fein!« rief Coupeau, der mit dem Eigensinn der Trunkenbolde noch immer hinter ihr herumtrampelte. Er stellte sich auf die Zehen und lachte mit dem Kreischen eines schlecht geölten Brunnenschwengels. Clemence drückte stark auf und stützte sich fest auf den Tisch mit nach außen gedrehten Armen und gebogenem Nacken; bei der Anstrengung schwoll all ihr nacktes Fleisch an, ihre Schultern hoben sich, und man sah die langsamen Bewegungen ihrer Muskel unter der feinen Haut, ihr Busen schwoll an, und der feuchte Schweiß glänzte in den rosigen Schatten ihres offenstehenden Hemdes. Er streckte seine Hände aus und wollte sie anfassen. »Madame! Madame!« schrie Clemence, »sorgt endlich dafür, daß er sich ruhig verhält ... Ich gehe weg, wenn es nicht aufhört. Ich will mich hier nicht beleidigen lassen!« Gervaise hatte die Haube von Madame Boche auf einen mit Leinen überzogenen Haubenkopf gesetzt und tollte die Spitzen sehr sorgfältig mit einem kleinen Eisen. Sie blickte gerade auf, als Coupeau wieder die Hände ausstreckte, um Clemence anzufassen. »Wirklich, Coupeau, du bist unvernünftig!« sagte sie mit einem Ausdruck von schlechter Laune, als ob sie ein Kind schelte, das sich in den Kopf gesetzt hat, Mus ohne Brot zu essen. Du gehst jetzt zu Bette!« »Ja, ja, gehen Sie zu Bette, Herr Coupeau, das ist das beste!« erklärte Madame Putois. »Ei, das wäre!« stammelte er, ohne seine handgreiflichen Späße abzubrechen, »Ihr seid wohl ganz verdreht! ... Kann man denn gar keinen Scherz mehr machen? Ha, die Frauenzimmer, ich kenne das, ich habe niemals was an ihnen kaputt gemacht. Man kneift eine Dame ein bißchen, nicht wahr? Aber weiter auch nichts, das ist man dem schönen Geschlecht schuldig ... Und dann, wenn man eine Ware zur Ansicht ausstellt, so muß man auch wählen können, nicht wahr? Warum zeigt denn die große Blonde alles, was sie hat? Nein, das ist nicht hübsch von ihr ...« Und er wandte sich an Clemence: »Du weißt, mein Herzchen, du hast unrecht, wenn du so spröde tust ... Wenn es nur geschieht, weil Leute dabei sind ...« Weiter kam er nicht. Gervaise ergriff ihn, ohne besonders heftig zu sein, mit einer Hand und legte ihm die andere auf den Mund. Er sträubte sich scherzhaft, während sie ihn nach hinten zu dem Eingang der Kammer führte. Er machte seinen Mund frei und sagte, daß er gerne schlafen gehen wolle, wenn die große Blonde mitkomme und ihm die Sohlen wärmte. Dann hörte man, wie Gervaise ihm die Schuhe auszog; sie entkleidete ihn und stupste ihn ganz mütterlich zurecht. Als sie ihm seine Hosen abzog, wollte er vor Lachen rein umkommen; er warf sich nach hinten über mitten in das Bett, strampelte und behauptete, daß sie ihn kitzele. Schließlich deckte sie ihn sorgfältig zu, wie man es mit einem Kinde macht. War er jetzt gut aufgehoben? Aber er antwortete nicht, sondern rief nach Clemence: »Sage doch, du Liebchen, ich bin hier, ich warte auf dich!« Als Gervaise in den Laden zurückkehrte, gab Clemence gerade der schielenden Augustine eine ordentliche Ohrfeige. Die Ursache war ein schmutziges Eisen, das Madame Putois auf dem Ofen gefunden hatte; diese dachte an nichts Böses und hatte eine Nachtjacke ganz schwarz gemacht; Clemence hatte, um sich gegen den Vorwurf zu verteidigen, daß sie ihr Eisen nicht gereinigt habe, Augustine beschuldigt und schwur die heiligsten Eide, das Eisen sei nicht das ihrige, obwohl unter dem Eisen noch jetzt ein Fleck ganz verbrannter Stärke saß; die Kleine hatte ihr diesmal ganz öffentlich von vorn auf das Kleid gespuckt, weil eine solche Ungerechtigkeit sie empörte. Daher die wohlgezielte Ohrfeige. Die Schielende schluckte ihre Tränen herunter und machte das Eisen rein, indem sie es abkratzte und abwischte, nachdem sie es mit einem Ende Licht gerieben hatte; aber jedesmal, wenn sie hinter Clemence kam, sammelte sie ihren Speichel und spie nach ihr, innerlich lachend, wenn es an deren Rock herniederfloß. Gervaise fing wieder an, die Rüschen der Haube zu tollen. Bei dem tiefen Schweigen, das jetzt herrschte, unterschied man die lallende Stimme Coupeaus. Er blieb immer gutmütig, lachte mit sich selbst und sprach in abgerissenen Sätzen: »Ist die dumm, meine Frau! ... Ist die dumm, mich ins Bett zu legen. Nein! Das ist zu dumm, am hellen Mittag, wenn man gar nicht müde ist!« Plötzlich schnarchte er. Gervaise schöpfte erleichtert Atem, sie war glücklich, ihn endlich in Ruhe zu wissen, wo er seinen Rausch auf zwei guten Matratzen ausschlief. Dann sprach sie in der Stille, langsam und anhaltend, ohne dabei mit den Augen ihre Tollschere zu verlassen, welche sie lebhaft handhabte: »Was wollen Sie? Er hat seine fünf Sinne nicht beisammen, da kann man ihm nicht böse sein. Wenn ich ihn schlecht behandeln würde, wäre damit nichts gebessert. Ich rede ihm lieber zum Munde und lege ihn ins Bett; das ist wenigstens schnell gemacht, und ich habe Ruhe ... Und dann ist er auch nicht böse, er hat mich sehr lieb. Das habt Ihr ja vorhin gesehen, er ließe sich in Stücke zerhacken, um mir einen Kuß zu geben. Das ist doch sehr hübsch von ihm, denn da gibt es genug, die laufen zu anderen Frauenzimmern, wenn sie etwas im Kopf haben ... Er kommt immer heim. Er macht wohl seinen Unsinn mit den Arbeiterinnen, aber weiter geht es nicht. Ihr wißt ja, wie Männer sind, wenn sie was im Kopf haben, so einer würde Vater und Mutter töten, und sich nachher nicht einmal darauf besinnen ... Ich nehme es ihm nicht im geringsten übel. Er ist eben wie alle anderen auch.« Sie sagte alles so leicht hin, ohne besonderen Wert darauf zu legen; sie war eben an Coupeaus Unregelmäßigkeiten schon gewöhnt, und wenn sie auch ihr duldsames Benehmen ihm gegenüber zu rechtfertigen suchte, fand sie schon gar nichts Schlimmes mehr dabei, wenn er in ihrer Gegenwart ihre Arbeiterinnen um die Taille faßte. Als sie schwieg, herrschte tiefes Stillschweigen, das nicht mehr unterbrochen wurde. Madame Putois zog bei jedem Stück, das sie aufnahm, an dem Korbe, der sich schließlich ganz unter der Garnierung verlor, die um den Tisch herum angebracht war, sie zog die Schultern hoch und legte mit ihren kleinen Armen das Geplättete auf ein Gestell. Clemence beendete ihr sechsunddreißigstes Oberhemd, indem sie es mit dem Eisen noch einmal nachfaltete. Es gab sehr viel zu tun; man hatte ausgerechnet, daß man bis elf Uhr aufbleiben müsse, selbst wenn man sich noch sehr daranhalte. Da es jetzt keine Abhaltung und Zerstreuung mehr gab, arbeiteten alle tüchtig und anhaltend hintereinander weg. Die nackten Arme bewegten sich auf und nieder und ließen durch den Gegensatz der rosigen Fleischtöne die weiße Wäsche noch leuchtender erscheinen. Man hatte den Plättofen aufs neue mit Koks gefüllt, und da die Sonne durch einen Ritz zwischen den Laken gerade auf den Ofen fiel, sah man die große Hitze, die er ausströmte, bei der Helligkeit der Sonnenstrahlen förmlich emporsteigen wie die Glut einer Flamme bei hellem Tageslicht, die sich nur durch das Zittern der Luft verrät. Die Luft unter den an der Decke trocknenden Unterröcken und Tischtüchern wurde so drückend, daß selbst der schielenden Augustine der Speichel ausging und sie ihre Zungenspitze zum Munde hinaushängen ließ. Es roch nach dem überheizten Ofen, der sauer werdenden Stärke und den glühenden Bolzen, dazu gesellte sich die weiche Dumpfigkeit der Luft einer Badezelle, in der die vier Frauenzimmer sich abarbeiteten und die sie mit dem Dunst ihrer Haarzöpfe und ihrer schweißtriefenden Nacken erfüllten, während von den immer mehr verwelkenden Lilien, die schon das Wasser ihres Glases ganz grün gefärbt hatten, ein sehr reiner, starker Geruch ausging. Hin und wieder vernahm man inmitten des Klappens der Plätteisen und des Kratzens des Feuerhakens ein Schnarchen von Coupeau, das mit der Regelmäßigkeit des Ticktacks einer Wanduhr die Geschäftigkeit der Werkstätte zu regeln schien. Am Morgen nach solchem Saufgelage hatte der Zinkarbeiter einen Kater, ein entsetzliches Unwohlsein, er fand dann nicht den Mut, sich die Haare zu machen und ging mit übelriechendem, geschwollenem Munde umher. Er blieb dann lange im Bett und rieb sich erst gegen acht Uhr den Schlaf aus den Augen; dann trieb er sich spuckend im Laden herum und konnte sich nicht entschließen, zur Arbeit zu gehen. So war auch dieser Tag verloren. Er beklagte sich morgens darüber, daß seine Beine ihn nicht tragen wollten, er fand es zu dumm, solche Freß- und Saufgelage anzustellen, weil es einem die ganze Laune verderbe. Man treffe immer eine Menge von Herumtreibern, die sich an einen hängen; da fange man, ohne daß man wolle, an zu trinken und werde zu allerhand Schelmenstreichen verleitet, bis sie einen schließlich fest haben. Ah, der Teufel auch! Ihm solle das gewiß nicht wieder passieren, es falle ihm gar nicht ein, seine besten Jahre bei den Kneipwirten zu verbringen. Aber nach dem Frühstück machte er sich wieder fein und probierte verschiedene Male ein hum! hum! um sich zu vergewissern, daß er wieder auf dem Damm sei. Er fing dann an, die Trinkerei des vorigen Tages zu leugnen; ein bißchen angerissen sei er vielleicht gewesen. Aber solchen Kerl wie er sei, gebe es auch so bald nicht wieder, immer auf dem Posten, immer eine feste Hand; er könne trinken, soviel er wolle, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Den ganzen Nachmittag über trieb er sich dann im Quartier umher. Wenn er die Arbeiterinnen seiner Frau genug geärgert hatte, gab sie ihm zwanzig Sous, nur damit er das Feld räume. Er ging dann ab, kaufte seinen Tabak in der kleinen Civette in der Fischerstraße, wo er dann gewöhnlich auch noch eine Pflaume in Branntwein zu sich nahm, wenn er einen Freund dort traf. Dann fuhr er fort, den Rest der zwanzig Sous durchzubringen, gewöhnlich ging er zu Franz an der Ecke der Goldtropfengasse, wo es einen lieblichen, ganz jungen Wein gab, der so hübsch den Gaumen kitzelte. Das war so eine Schenke aus der alten Zeit, ein dunkler Laden mit niedriger Decke; in einem räucherigen Raum daneben wurde Suppe verkauft. Da blieb er bis zum Abend und knobelte Viertelliter aus; er hatte bei Franz Kredit, und Franz hatte sich sogar förmlich verpflichtet, nie die Rechnung zu Gervaise zu schicken. Nicht wahr? Man müsse sich ein bißchen den Mund reinspülen von all dem Zeug, das tags zuvor 'runtergelaufen sei. Aus einem Glase Wein werden immer mehrere. Übrigens sei er bei alledem ein guter Kerl, der sich nie am schönen Geschlecht vergreife; wenn er auch gern Unsinn mache und mal mit der Nase ein bißchen tief ins Glas gucke, so habe das bei ihm doch noch immer eine Art; er verachte die Schweinereien der Leute, die sich so dem Schnapsgenuß hingeben, daß sie nie ganz ausnüchterten! Er komme immer lustig und frisch wie ein Fisch nach Hause. »Kommt denn dein Liebhaber gar nicht mehr?« fragte er manchmal Gervaise, um sie zu necken. »Man sieht ihn ja gar nicht, ich werde wohl noch gehen müssen und ihn herholen.« Der Liebhaber war Goujet. Er vermied es wirklich, gar zu oft zu kommen, weil er Furcht hatte, daß er störe und die Leute auch darüber reden könnten. Doch nahm er jeden Vorwand wahr, er brachte die Wäsche und ging wohl zwanzigmal auf der Straße vorüber. Es gab eine Ecke im Laden, die er gern hatte, dort saß er oft stundenlang, ohne sich zu rühren und rauchte seine kurze Pfeife. Wenn es Abend war und er gegessen hatte, wagte er wohl, alle zehn Tage einmal hinzukommen; dann setzte er sich in seine Ecke; gesprächig war er nicht, er saß schweigsam da, folgte Gervaise mit den Augen und nahm nur seine Pfeife aus dem Munde, um über alles zu lachen, was sie sagte. Wenn am Sonnabend länger gearbeitet wurde, vergaß er ganz, an das Fortgehen zu denken, und schien sich dort mehr zu belustigen, als wenn er ins Theater gegangen wäre. Manchmal plätteten die Arbeiterinnen bis drei Uhr morgens. Dann hing von der Decke an einem Eisendraht eine Lampe herab. Der große Lampenschirm warf die ganze Helligkeit auf einen Fleck, wo die Wäsche wie frischgefallener Schnee dalag. Augustine machte dann die Ladenflügel zu; aber da die Juninächte glühend heiß waren, ließ man die Tür nach der Straße offen. Je später es nun wurde, desto mehr zogen sich die Arbeiterinnen aus, um es sich bequem zu machen. Sie hatten alle eine sehr zarte Haut, die bei dem hellen Schein der Lampe ganz goldig aussah, besonders Gervaise, die ein wenig fett geworden war, hatte leuchtende Schultern, die wie Seide schimmerten; am Halse zog sich ein Fettfältchen hin, wie es kleine Kinder haben; das hätte er aus dem Gedächtnis zeichnen können, so genau hatte er es angesehen. Die große Hitze des Plättofens, der Geruch der Wäsche, die unter den heißen Eisen dampfte, übermannte ihn, und es kam über ihn wie eine Art von Halbschlaf, während sein Gehirn langsamer arbeitete und seine offenen Augen die Frauen vor ihm kaum zu sehen schienen, die da mit ihren nackten Armen die ganze Nacht hin und her fuhren, um den Sonntagsstaat für das Quartier fertigzustellen. Um den Laden herum lagen die Nachbarhäuser in festem Schlaf, eine große Stille hatte sich auf sie hinabgesenkt. Es schlug Mitternacht, dann ein Uhr, dann zwei Uhr. Die Wagen, die Fußgänger, alles war verschwunden. Jetzt fiel allein von dem Laden ein heller Streifen von Licht auf die dunkle, verlassene Straße, der dort auf dem Pflaster wie ein Stück heller, gelber Stoff lag, den man auf dem Boden entrollt hatte. Hin und wieder ertönten Schritte von weitem, ein Mann kam näher; wenn er den Lichtstreifen durchschritt, so sah er sich um, wie überrascht von dem Ton der Plätteisen, den er hörte, und nahm das flüchtige Bild der halb angezogenen Arbeiterinnen, die da in einem rötlichen Dampf schafften, mit sich fort. Goujet sah, daß Etienne Gervaise viel Sorge machte, und da er ihn gerne vor den Fußtritten retten wollte, die ihm Coupeau versetzte, wo er ihn sah, hatte er ihn zum Ziehen des Blasebalges in der Bolzen- und Riegelfabrik gedungen. Das Handwerk eines Nagelschmiedes hatte an sich nichts Verlockendes wegen des Schmutzes in so einer Schmiede und weil man immer auf das gleiche Stück Eisen schlagen mußte, aber es nährte seinen Mann, und man verdiente bis zu zehn und zwölf Franken täglich. Der Kleine, der jetzt zwölf Jahre alt war, konnte es bald zu etwas bringen, wenn das Handwerk ihm gefiel. So war denn Etienne ein Band mehr geworden, das die Wäscherin und den Schmied vereinte. Dieser nahm das Kind mit sich und berichtete über seine gute Führung. Alle Welt sagte lachend zu Gervaise, daß sie Goujet den Kopf verdreht habe. Sie wußte es wohl und errötete wie ein junges Mädchen mit einem solchen Schamgefühl, daß ihre Backen wie Paradiesäpfel aussahen. Der arme Bursche, er mache keine Ansprüche! Nie habe er ihr von seiner Liebe gesprochen, nie durch eine Bewegung oder ein freies Wort sich verraten. Es gebe nicht viele, die aus solchem Teig gemacht seien. Obgleich sie es nicht eingestehen wollte, so empfand sie doch eine große Freude darüber, wie die heilige Jungfrau geliebt zu werden. Wenn sie irgendeine große Sorge hatte, dachte sie an den Schmied, das gewährte ihr Trost. Wenn sie allein zusammen waren, benahmen sie sich ganz unbefangen, sie sahen einander lachend in die Augen, ohne ihren Empfindungen Worte zu leihen. Es herrschte zwischen ihnen eine vernünftige Zuneigung ohne Begehrlichkeit, denn es ist immer besser, seine Ruhe zu bewahren, wenn man auch in dieser Ruhe schon sein Glück finden kann. Gegen Ende des Sommers stellte Nana das ganze Haus auf den Kopf. Sie war erst sechs Jahre alt und zeigte doch schon alle Anlagen zu einer losen Dirne. Um sie nicht immer um sich herumkriechen zu sehen, brachte ihre Mutter sie jeden Morgen in eine Kleinkinderschule in der Polonçeaustraße, zu einem Fräulein Josse. Dort steckte sie ihren Gespielinnen die Kleider von hinten an den Stühlen fest, füllte die Schnupftabaksdose ihrer Lehrerin mit Asche, ja selbst noch unappetitlicheren Dingen, die man gar nicht einmal erwähnen kann. Zweimal hatte sie Fräulein Josse schon hinausgeworfen und dann doch immer wieder genommen, um nicht monatlich die sechs Franken einzubüßen. Wenn Nana aus der Klasse kam, so rächte sie sich dafür, daß man sie solange an die Schulbank gefesselt hatte, indem sie den Torweg und den Hof mit einem Höllenlärm erfüllte, denn dahin schickten sie die Plätterinnen zum Spielen, weil sie ihnen drin die Ohren voll schrie. Dort fand sie Pauline, die Tochter der Boches, und den Sohn der früheren Arbeitgeberin von Gervaise, Victor, einen großen Schlingel von zehn Jahren, der nichts lieber tat, als mit den ganz kleinen Mädchen umherzulaufen. Madame Fauconnier hatte sich mit Coupeaus nicht erzürnt und schickte selbst ihren Sohn dorthin. Übrigens war in dem Hause ein förmliches Überwuchern von Kindern, ganze Schwärme von ihnen bedeckten stets die vielen Treppen des Hauses und prügelten sich auf dem Hofe wie eine zänkische, räuberische Bande von Sperlingen. Auf Madame Gaudron allein kamen neun, Blonde und Schwarze, alle schlecht gekämmt, mit nie geputzten Nasen, mit Hosen, die ihnen immer zu kurz waren, und Strümpfen, die stets über die Schuhe herabfielen; ihre aufgeplatzten Jacken zeigten die weiße Haut unter dem Schmutz. Einer anderen Frau, die Brot austrug, gehörten sieben. Ganze Scharen kamen aus allen Zimmern. In diesem krabbelnden Ungeziefer mit den rosigen Mäulchen, das nur gewaschen wurde, wenn es einmal regnete, waren auch Größere mit Spitzbubengesichtern, Dicke mit Bäuchen wie Männer und ganz Kleine, die kaum aus der Wiege gekrochen waren und noch nicht fest stehen konnten; diese waren noch so dumm, daß sie auf allen Vieren krochen, wenn sie schnell vorwärtskommen wollten. Über diesen ganzen Haufen von Schmutzfinken herrschte Nana unumschränkt, sie spielte das Fräulein und kommandierte mit Mädchen herum, die noch einmal so groß wie sie waren; ein wenig von ihrer Macht geruhte sie an Pauline und Victor abzutreten, die ihre besonderen Vertrauten waren und ihr in allen Stücken den Willen taten. Diese lose Dirne sprach fortwährend davon, Mama zu spielen; sie entkleidete die Kleinen und zog sie wieder an, wollte durchaus bei den anderen nachsehen, quälte alle und übte die phantastische Herrschsucht einer erwachsenen, lasterhaften Person aus. Nach ihrer Angabe wurden Spiele gespielt, bei denen geohrfeigt wurde. Die ganze Bande patschte in dem bunten Wasser herum, das aus der Färberei floß; wenn sie herauskamen, waren ihre Beine bis zum Knie rot oder blau gefärbt; dann liefen sie davon und stahlen in der Schlosserei Nägel und Eisenfeilspäne, um sich schließlich auf den Hobelspänen niederzulassen, die die Tischler auf den Hof warfen; in diesem großen Haufen wälzten sie sich sehr vergnügt herum und zeigten ihre Hintern. Der Hof gehörte ihnen, unaufhörlich tönte er von dem Geklapper ihrer kleinen Schuhe wieder; sie stießen einander um, wenn sie sich plötzlich zerstreuten, und schrien durchdringend, wenn sie sich aufs neue sammelten. An manchen Tagen war ihnen der Hof nicht groß genug, dann überschwemmte die Bande die Keller, stieg die Treppen in die Höhe, ergoß sich in die Gänge, stieg herab und eine andere Treppe wieder hinauf; ohne müde zu werden, ging es stundenlang, dann heulten sie und erfüllten den Riesenbau mit ihrem Geschrei, wie eine Herde wilder, schädlicher Tiere, die darin herumtobte und alle Ecken heimsuchte. »Sind sie nichtsnutzig, diese Würmer!« schrie Madame Boche. »Die Leute mußten wahrhaftig nicht viel Gescheites zu tun haben, daß sie so viel Kinder in die Welt setzen ... Und da beklagen sie sich immer, daß sie kein Brot haben!« Boche sagte, daß die Kinder auf dem Elend wüchsen wie die Pilze auf dem Misthaufen. Die Pförtnersfrau schrie den ganzen Tag und bedrohte sie mit ihrem Besen. Sie mußte schließlich die Türen zu den Kellern abschließen, weil sie durch die kleine Pauline erfuhr, der sie für die Nachricht ein paar Ohrfeigen gab, daß Nana dort immer Doktor in der Dunkelheit spielte; dieses verderbte Geschöpf kurierte dort die anderen mit dem Stock. An einem Nachmittage trug sich eine schreckliche Szene zu. Einmal mußte es so kommen. Nana hatte ein sehr komisches Spiel ausgesonnen: sie hatte vor der Loge der Madame Boche einen Holzpantoffel gestohlen, daran befestigte sie einen Bindfaden und fuhr damit wie mit einem Wagen umher. Viktor hatte den Gedanken, den Holzschuh mit Apfelschalen zu füllen. Jetzt ordnete sich ein ganzer Zug. Nana war die erste, sie zog den Schuh; Pauline und Viktor gingen ihr zur Rechten und zur Linken; dann folgte die ganze Schar in guter Ordnung, voran die Großen und dann die Kleinen, die sich auch hinzudrängten; ganz zuletzt kam eine kleine Krabbe so groß wie ein Stiefel, mit einem eingedrückten Fallhut auf einem Ohr. Alle sangen etwas sehr Trauriges, immer Oh! und Ah!, weil Nana gesagt hatte, daß man Begräbnis spiele; die Apfelschalen waren der Tote. Wenn sie einmal um den Hof herum waren, fingen sie wieder an. Sie fanden es sehr hübsch. »Was machen die denn?« murmelte Madame Boche, die aus ihrer Loge ging und immer sehr mißtrauisch aufpaßte. Als sie erst begriffen hatte, um was es sich handelte, schrie sie wütend: »Aber das ist ja mein Holzschuh! Diese Kanaillen!« Sie teilte verschiedene Klapse aus, ohrfeigte Nana auf beide Backen und gab Pauline einen Fußtritt; wie konnte diese dumme Pute leiden, daß man ihrer Mutter ihren Schuh wegnahm! Gervaise wollte gerade einen Eimer am Brunnen füllen. Als sie Nana mit blutender Nase und laut schluchzend vorfand, wäre sie beinahe Madame Boche an den Hals gefahren. Schlug man denn auf ein Kind wie auf einen Ochsen? Man mußte ja schlechter wie die Schlechteste sein, um so etwas zu tun. Die Pförtnersfrau schwieg dazu nicht still. Wenn man ein so sauberes Pflänzchen von Tochter habe, halte man sie hübsch unter Schloß und Riegel. Endlich erschien Boche auf der Schwelle der Pförtnerloge und rief seiner Frau zu, hereinzukommen und sich mit solchem Pack in kein Gezänk mehr einzulassen. Damit hatte man sich gründlich verfeindet. Seit einem Monat schon ging zwischen den Boches und den Coupeaus nicht alles mehr wie sonst. Gervaise, die von Natur sehr zum Geben geneigt war, hatte alle Augenblicke mal einen Liter Wein, Tassen Bouillon, Apfelsinen und Kuchen dorthin geschenkt. Eines Abends brachte sie einen Rest von rotem Rübensalat hinüber, weil sie wußte, daß die Pförtnersfrau eine Schlechtigkeit begehen konnte, nur um solchen Salat zu haben. Am andern Morgen wurde sie ganz blaß vor Ärger, als Fräulein Remanjou ihr erzählte, wie Madame Boche die roten Rüben, als ob sie sich davor ekle, vor Leuten hinausgeworfen habe mit dem Bemerken, daß sie es ja, Gott sei Dank, nicht nötig hätten, sich von Sachen zu nähren, in denen schon andere herumgepatscht hätten. Seit der Zeit hatte Gervaise allen Schenkereien ein Ende gemacht: es gab keine Liter Wein, keine Tassen Bouillon, keine Apfelsinen und keine Kuchen mehr. Da mußte man die Gesichter sehen, die die Boches jetzt schnitten! Das kam ihnen wie Diebstahl vor, den Coupeaus an ihnen begingen. Gervaise sah ihren Fehler ein; wenn sie früher nicht so dumm gewesen wäre, ihnen soviel zuzustecken, hätte sie sie nicht verwöhnt, und sie wären gut geblieben. Jetzt sagte ihr die, Pförtnersfrau alles Schlechte nach. Zum Oktobertermin hetzten sie den Wirt, Herrn Marescot, mit erlogenen Gerüchten auf; Gervaise gebe selbst ihre gute Garderobe her, um sich Leckerbissen zu kaufen, natürlich sei sie auch mit der Miete einen Tag im Rückstande. Herr Marescot, der auch nicht der Feinste war, kam mit dem Hut auf dem Kopfe in den Laden und verlangte sein Geld, was man ihm, sofort aushändigte. Natürlich hatten die Boches sich mit Lorilleux' wieder gut gestellt, die man mit versöhnlicher Rührung in der Loge empfing. Nie wäre man auseinandergekommen ohne diese Humpelliese; die hätte selbst Berge auseinandergebracht. Boches kannten sie jetzt; jetzt begriffen sie, was die Lorilleux' von ihr leiden mußten. Wenn sie vorbeiging, so taten alle so, als ob sie sich in der Tür über sie lustig machten. Trotz alledem ging Gervaise eines Tages zu den Lorilleux' hinauf. Es handelte sich um Mama Coupeau, die jetzt siebenundsechzig Jahre alt war; die Augen der alten Frau waren ganz hin, auch ihre Beine trugen sie kaum noch. Sie hatte notgedrungen auf ihren letzten Dienst verzichten müssen und mußte Hungers sterben, wenn man nichts für sie tat. Gervaise fand es schändlich, daß eine Frau in dem Alter, die drei Kinder hat, so von Gott und den Menschen verlassen sei. Da Coupeau es abgelehnt hatte, mit den Lorilleux' zu sprechen, und gemeint, daß sie ganz gut hinaufsteigen könne, so war sie, von einer Entrüstung getrieben, die ihr das Herz schwellen machte, nach oben gegangen. Dort trat sie, ohne anzuklopfen, wie der Sturmwind ein. Nichts hatte sich dort seit dem Abend geändert, wo ihr die Lorilleux' einen so wenig ermutigenden Empfang bereitet hatten. Derselbe verschossene wollene Lappen trennte noch immer das Zimmer von der Werkstatt. Hinten saß Lorilleux über seinen Arbeitstisch gebeugt und fügte einen Ring an den andern, während Madame Lorilleux vor dem Schraubstock die Goldfäden mit dem Zieheisen auszog. Das kleine Schmiedefeuer hatte bei vollem Tageslicht einen rosigen Schein. »Ja, ja, ich bin es!« sagte Gervaise. »Das wundert euch, weil wir blank miteinander stehen? Aber ich komme nicht meinetwegen zu euch, und auch nicht euretwegen, das könnt ihr glauben ... Ich komme wegen der Mama Coupeau. Ja, ich komme, um zu sehen, ob wir es hinnehmen sollen, daß sie von der Mildtätigkeit Fremder ihr Leben fristet?« »Na, das ist ja ein recht hübsches Willkommen!« murmelte Madame Lorilleux. »Was bildet denn die sich ein?« Damit drehte sie sich um und fing wieder an, ihre Golddrähte zu ziehen, als ob ihre Schwägerin gar nicht da sei. Aber Lorilleux war ganz blaß aufgestanden und schrie: »Was habt Ihr gesagt?« Da er es ganz ausgezeichnet verstanden hatte, so fuhr er fort: »Was das wieder für Geschichten sind! Das ist ja sehr hübsch von Mama Coupeau, überall zu jammern, daß sie verhungert! ... Noch vorgestern hat sie hier gegessen. Wir tun, was wir können, wir haben auch keine Goldmine ... Wenn sie aber zu anderen läuft und da schwatzt, dann kann sie auch da bleiben, denn ausspionieren lassen wir uns nicht.« Er nahm sein Ende Kette wieder auf, wandte ihr den Rücken und fügte schließlich mit einem Seufzer hinzu: »Wenn jeder monatlich hundert Sous gibt, so geben wir auch hundert.« Gervaise war ruhiger geworden; die kalten, gleichgültigen Gesichter der Lorilleux' hatten sie abgekühlt. Sie hatte nie den Fuß in ihre Behausung setzen können, ohne ein Gefühl des Unbehagens zu empfinden. Die Augen auf die Rauten des hölzernen Fußbodens geheftet, auf den die kleinen Goldstücke niederfielen, legte sie vernünftig ihre Ansicht dar. Mama Coupeau hatte drei Kinder; wenn jedes hundert Sous gebe, seien es fünfzehn Franken, und das sei wahrlich nicht genug, davon könne niemand leben, man müsse die Summe verdreifachen. Da schrie Lorilleux auf. Wo solle er wohl monatlich fünfzehn Franken herstehlen? Wie komisch doch die Leute seien! Weil er Gold im Hause habe, glaubten sie auch gleich, daß er reich sei. Dann ging es über Mama Coupeau her: sie wollte sich durchaus morgens den Kaffee nicht verkneifen, sie trinke Schnaps und habe Gelüste wie eine wohlhabende Person. Potztausend! Jeder mache es sich gern bequem, nicht wahr? Aber wenn man es nicht verstanden habe, sich auch nur einen Sou beiseite zu legen, so müsse man es wie die anderen machen und sich den Leib zusammenschnallen. Übrigens sei Mama Coupeau durchaus nicht so alt, um nicht noch arbeiten zu können; sie könne noch recht gut sehen, wenn es sich darum handele, ein gutes Stück aus der Schüssel zu fischen; sie sei ein hinterlistiges, altes Weib, das blos daran denke, sich ausfüttern und pflegen zu lassen. Selbst wenn er das Geld dazu habe, werde er unrecht zu handeln glauben, wenn er bei jemandem die Faulheit unterstütze. Gervaise blieb versöhnlich und besprach ruhig diese schlechten Gründe. Sie versuchte es, die Lorilleux' zu rühren. Aber der Mann antwortete ihr schon gar nicht mehr. Die Frau war jetzt bei der Schmiede und reinigte ein Ende Kette mit Scheidewasser in der kleinen Schüssel mit dem langen Stiel. Sie drehte Gervaise geflissentlich immer den Rücken zu, als ob sie hundert Meilen weit weg sei. Gervaise sprach noch immer, obwohl sie sah, wie sie sich anscheinend in ihre Arbeit vertieften und mitten in dem schwarzen Staub der Werkstatt mit vorgebeugtem Körper in geflickten, schmutzigen Kleidern, die von Schweiß und Fett schon so steif und hart wie altes Handwerkszeug geworden waren, ihre mechanische Arbeit wie zwei Maschinen verrichteten. Da endlich stieg der Zorn in ihr auf und sie schrie: »So ist es recht, das ist mir auch viel lieber, behaltet euer Geld! ... Ich nehme Mama Coupeau zu mir, hört ihr! Ich habe neulich abends eine Katze behalten, die mir zugelaufen ist, da kann ich ja wohl auch eure Mutter von der Straße auflesen. Es soll ihr an nichts fehlen, sie soll ihren Kaffee und ihren Schluck Branntwein haben! ... Mein Gott! Was ist das für eine schmutzige Familie!« Darauf hatte sich Madame Lorilleux plötzlich umgedreht. Sie schwenkte ihre Schüssel, als ob sie ihrer Schwägerin das Scheidewasser ins Gesicht schleudern wolle. Sie stotterte: »Macht, daß Ihr rauskommt! Oder es gibt ein Unglück! ... Rechnet nur nicht auf die hundert Sous, nicht ein Radieschen gebe ich! Nein, nicht ein Radieschen! ... Das wäre was! Hundert Sous! Mama soll Eure Dienstmagd spielen, und Ihr wollt meine hundert Sous verjuchheien! Wenn sie zu Euch geht, sagt ihr nur, dann kann sie krepieren, ich werde ihr kein Glas Wasser reichen ... Und nun 'raus! An die Luft mit Euch!« »Was ist das für ein Satan von Frau!« sagte Gervaise, als sie heftig die Türe zuwarf. Schon am nächsten Tage nahm sie Mama Coupeau zu sich. Sie setzte ihr Bett in die große Kammer, in der Nana schlief, und die durch das runde Fenster unter der Decke erleuchtet wurde. Der Umzug war bald gemacht, denn Mama Coupeau besaß nur dieses Bett, einen alten Schrank von Nußbaumholz, den man in dem Zimmer, wo die schmutzige Wäsche lag, aufstellte, einen Tisch und zwei Stühle; den Tisch verkaufte man, und die Stühle wurden neu gerohrt. Am selben Abend noch, wo sie eingezogen war, fegte die alte Frau die Zimmer aus, wusch das Geschirr ab und machte sich nützlich. Die Lorilleux' platzten vor Wut, besonders weil auch Madame Lerat sich mit den Coupeaus wieder gut stand. Eines schönen Tages hatten sich die beiden Schwestern in bezug auf Gervaise mit spitzen Redensarten traktiert, die Lerat hatte es gewagt, ihr Benehmen ihrer Mutter gegenüber zu billigen; da sie sah, wie sehr die andere sich darüber ärgerte, fügte sie in dem Wunsche, sie noch empfindlicher zu kränken, hinzu, daß doch die Wäscherin Augen habe, die so schön und feurig seien, daß man Fidibusse daran anstecken könne; danach hatten sich beide geohrfeigt und geschworen, sich nicht wiederzusehen. Jetzt verbrachte Madame Lerat ihre Abende im Laden, wo sie sich an den zweideutigen Scherzen der großen Clemence vergnügte. So vergingen drei Jahre. Man zankte sich und versöhnte sich noch mehrere Male. Gervaise fragte den Teufel nach den Lorilleux', den Boches und den anderen, die nicht mit ihr einer Meinung waren. Wenn es ihnen nicht paßte, nicht wahr? so konnten sie ja ihrer Wege gehen. Sie verdiente so viel Geld, wie sie nur immer wollte, das war die Hauptsache. Im Quartier war sie sehr beliebt, und man behandelte sie überall mit Rücksicht, denn es gab im ganzen wenig Kundschaft, die so prompt bezahlte und so wenig knickerte und handelte. Sie nahm ihr Brot bei Madame Coudeloup, in der Fischerstraße, ihr Fleisch bei dem dicken Charles, einem Fleischer in der Polonçeaustraße, ihren Mehl- und Vorkostbedarf bei Lehongre in der Goldtropfengasse, beinahe ihrem Laden gegenüber. Franz, der Weinwirt von der Ecke der Straße, brachte ihr den Wein in Fünfzigliterkörben. Der Nachbar Vigouroux, dessen Frau von den Männern so viel gekniffen wurde, daß sie gewiß schon ganz blaue Hüften hatte, verkaufte ihr den Koks zum Einkaufspreis bei der Gasanstalt. Man konnte sagen, daß ihre Lieferanten sie gut bedienten, denn sie wußten wohl, daß sie nur dabei profitierten, wenn sie ihr gefällig waren. Wenn sie im Quartier in Holzschuhen und mit bloßem Kopf ausging, wurde sie von jedermann gegrüßt; sie war dort überall wie zu Hause, die benachbarten Straßen waren wie zu ihrem Laden gehörig, der ja immer nach der Straße zu weit offen stand. Es kam jetzt vor, daß sie sich bei einer Besorgung verspätete, sie war draußen so glücklich inmitten ihrer Bekanntschaften. An den Tagen, wo sie keine Zeit hatte, irgend etwas aufs Feuer zu setzen, holte sie das Essen aus der Garküche; sie schwatzte dann mit dem Wirt, der den Laden auf der anderen Seite des Hauses hatte, diesen weiten Saal, durch dessen schmutzige, große Fensterscheiben man auf den Hof sehen konnte. Manchmal hielt sie sich auch, mit Tellern und Flaschen beladen, an einem der Fenster des Erdgeschosses auf, durch das man in eine Flickschusterwerkstatt sah; dort stand hinten ein ungemachtes Bett, und der Boden war mit den Lappen und Kissen bedeckt, die zu zwei gebrechlichen Kinderwiegen gehörten; auch fand sich oft auf der Erde eine Pechpfanne, die voll schwarzen Wassers war. Der Nachbar, vor dem sie die größte Hochachtung hatte, war der Uhrmacher gegenüber, der Herr im Überrock; immer saß er sauber und ordentlich da und arbeitete mit seinen zarten Instrumenten in den Uhrwerken; oft ging sie nur zu dem Zweck über die Straße, um ihn zu begrüßen, dann machte es ihr Freude, in den kleinen Laden zu gucken, der so eng wie ein Schrank war, und die lustig sich schwingenden Perpendikel der vielen Kuckucksuhren zu sehen und zu hören, wie alle auf einmal zu schlagen anfingen. Sechstes Kapitel An einem Herbstnachmittag kam Gervaise von einer Kundin aus der Weißtorstraße, wo sie ihre Wäsche abgeliefert hatte, zurück, und war bis an das Ende der Fischerstraße gelangt, als es Abend zu werden anfing. Da es morgens geregnet hatte und die Luft sehr warm war, verdampfte die Feuchtigkeit auf dem Straßenpflaster. Der Wäscherin war ihr großer Korb lästig und sie stieg mit langsamen Schritten und etwas außer Atem die Straße hinauf; sie empfand das Bedürfnis, für eine unbestimmte Lüsternheit, die das lässige Dahinschlendern in ihr erzeugt hatte, Befriedigung zu suchen. Sie hätte gern etwas Gutes gegessen. Als sie suchend umherblickte, fiel ihr Auge auf das Straßenschild der Mercadet-Straße, und ihr kam der Gedanke, Goujet in seiner Schmiede zu besuchen. Wohl zwanzigmal hatte er ihr gesagt, sie möge doch einmal einen Augenblick herangucken, wenn sie Lust habe, zu sehen, wie das Eisen bearbeitet werde. Übrigens beschloß sie, vor den anderen Arbeitern nach Etienne zu fragen, damit es so aussehe, als ob sie nur wegen des Kleinen gekommen sei. Die Bolzen- und Nagelfabrik mußte dort unten am Ende der Mercadet-Straße sein, sie wußte nicht genau wo, besonders da dort oft die Nummern fehlten, wo zwischen den Häusern lange, alte Mauern und unbebaute Strecken lagen. Für alles Gold der Welt hätte sie da nicht wohnen mögen; die Straße war breit, schmutzig durch den Kohlenstaub der benachbarten Fabriken, und in den Fahrgeleisen auf dem holprigen Pflaster standen Wasserpfützen. An beiden Seiten zogen sich lange Schuppen hin, geräumige Werkstätten mit großen Fenstern; es waren meist graue Fachwerkbauten, deren leichte, mit Mauersteinen ausgefüllte Holzwände sichtbar wurden, wo stellenweise der dünne Kalkputz abgefallen war; es war ein Gewirre baufälliger Baracken, durch deren offene Türen man auf weite, ländliche Höfe sah; hin und wieder stand da auch ein düsteres Haus, wo man möbliert vermietete, und in dem unten eine schmutzige Garküche sich befand. Sie entsann sich nur, daß die Fabrik neben dem Laden eines Eisenkrämers lag, in dessen Räumen sich für Hunderttausende von Franken Waren aufgespeichert befanden, wie Goujet erzählte. Umgeben von all dem Lärm der Fabriken, suchte sie sich zurechtzufinden: auf den Dächern stießen schmale Rohre mit pfeifendem Ton weißen Dampf in die Luft; aus einer Schneidemühle kam ein regelmäßiger, schreiender Ton, der so klang, als ob man mit heftigen Rucken ein Stück baumwollenes Zeug aufreiße. Knopffabriken machten den Boden erbeben unter dem Rollen und gleichmäßigen Stoßen ihrer Maschinen. Als sie unschlüssig nach dem Montmartre hinaufsah und überlegte, ob sie sich noch weiter vorwagen solle, schlug ein Windstoß rußigen Rauch aus einem hohen Schornstein herunter und hüllte die Straße ein; als sie halb erstickt die Augen schloß, hörte sie das taktmäßige Schlagen von Hämmern: sie befand sich, ohne es zu wissen, gerade der Fabrik gegenüber; sie erkannte es an dem dunklen Loch daneben, das ganz mit altem Gerümpel angefüllt war. Sie zögerte noch, da sie nicht recht wußte, wo sie eintreten sollte. Ein schadhafter Lattenzaun ließ einen Weg frei, der zwischen Schutthaufen hindurch auf einen Platz zu führen schien, wo alte Gebäude niedergerissen wurden. Eine schlammige Pfütze, die den Zugang versperrte, hatte man mit ein paar Brettern überbrückt. Sie entschloß sich endlich, diese Bretter zu betreten, wandte sich nach links und befand sich inmitten einer unzählbaren Menge von alten Karren und Wagen, deren Deichseln in die Luft hineinragten; die Baulichkeiten, die diesen Ort einschlossen, waren im Abbruch begriffene Fachwerkhäuser, deren Balkengerippe allein noch dastanden. Ganz hinten glomm durch die Schatten des Abends ein rotes Feuer. Sie ging vorsichtig auf das Feuer zu, als ein Arbeiter mit rußgeschwärztem, ziegenbärtigem Gesicht an ihr vorbeikam und sie aus seinen matten Augen von der Seite anglotzte. »Mein Herr,« fragte sie, »arbeitet hier nicht ein kleiner Junge, der Etienne heißt? ... er ist mein Sohn.« »Etienne, Etienne«, wiederholte der Arbeiter mit rauher Stimme, sich hin und her wiegend; »Etienne, nein, den kenne ich nicht.« Wie er den Mund öffnete, entströmte ihm ein starker Alkoholgeruch, wie er von Branntweinfässern ausgeht, denen man die Reifen abschlägt. Das Zusammentreffen mit einer Frau in dieser dunklen Ecke machte den Mann zu schlechten Späßen aufgelegt, so daß Gervaise zurückwich und murmelte: »Aber Herr Goujet arbeitet doch hier?« »Ah! Goujet! ja!« sagte der Arbeiter, »Goujet kenne ich! ... Wenn Ihr Goujet sprechen wollt, geht nur nach hinten.« Er wandte sich um und rief mit einer Stimme, die wie der Ton eines gesprungenen Kupferkessels klang: »Heda! Löwenmaul! eine Dame will dich sprechen!« Ein starkes Getöse herunterrollender Eisenstangen übertönte diesen Ruf. Gervaise kam an eine Tür und streckte den Kopf vor. Sie sah in einen großen Saal hinein, in dem sie vorerst nichts unterscheiden konnte. Das fast erloschene Schmiedefeuer sah in der Ecke wie ein bleicher Stern aus und verdüsterte die tiefen Schatten noch mehr, in die der ganze Raum gehüllt war. Hin und wieder schoben sich schwarze Körper vor das Feuer und verdeckten so mit ihren Massen diesen letzten Funken von Helligkeit. Die Männer erschienen unverhältnismäßig groß, man ahnte ihre mächtigen Glieder. Gervaise, die sich nicht weiter vorwagte, rief von der Tür aus mit schwacher Stimme: »Herr Goujet! Herr Goujet! ...« Da wurde plötzlich alles hell. Von dem Windzug des Blasebalges hervorgerufen, leuchtete eine helle Flamme auf. Der Schuppen schien ein Bretterverschlag zu sein, dessen Ecken man durch etwas Mauerwerk dauerhafter gemacht hatte. Der schwarze Kohlenstaub erfüllte die ganze Halle mit einem schmutzigen Dunst. An dem Gebälk der Decke hingen Spinngewebe, als ob es zum Trocknen aufgehängte Lumpen seien, in denen sich seit Jahren Staub und Schmutz verfangen hatten. Längs der Wände, auf Gestellen oder an Nägeln und in den düstern Ecken hingen und lagen in wirrem Durcheinander alte Eisenstücke, worunter Werkzeuge von ungeheurer Größe ihre harten, seltsamen Formen zeigten. Die weiße Flamme wurde immer größer, wie die aufgehende Sonne erleuchtete sie den unebenen Boden, auf dem die Stahlkörper von vier Ambossen in silbrigen und goldigen Lichtern schimmerten. Da erkannte Gervaise Goujet vor dem Schmiedefeuer an seinem schönen blonden Bart; Etienne zog den Blasebalg. Es waren noch zwei andere Arbeiter da, doch sie sah nur Goujet und ging gerade auf ihn zu. »Sieh da! Madame Gervaise!« rief er mit freudigem Gesicht, »das ist einmal eine Überraschung!« Als er sah, was die Kameraden für schnurrige Gesichter machten, nahm er Etienne und brachte ihn zu seiner Mutter, indem er fortfuhr: »Ihr kamt her, um den Kleinen zu sehen? ... Er ist gut und fleißig und bekommt auch schon eine kräftige Faust.« »Das ist ja schön,« sagte sie, »es war nicht leicht hierherzufinden ... Ich glaubte, hier sei die Welt mit Brettern vernagelt ...« Sie erzählte, wie sie dorthin gekommen war. Dann fragte sie, wie es denn komme, daß man in der Werkstätte nicht Etiennes Namen kenne. Goujet erklärte ihr lachend, daß ihn hier jedermann Zouzou Anmerk. des Übersetzers : Zouzou ist der Spitzname für einen Zuaven. nenne, weil seine Haare so ganz kahl abgeschoren seien und er deshalb wie ein Zuave aussehe. Während sie miteinander sprachen, zog Etienne nicht den Blasebalg, deshalb wurde die Flamme immer kleiner, das rosige Licht verschwand und der Schuppen wurde wieder dunkel. Der Schmied betrachtete ganz gerührt die lächelnde junge Frau, die bei dem ersterbenden Licht ganz frisch und rosig aussah. Als die beiden in der steigenden Dunkelheit zu sprechen aufgehört hatten, schien er sich plötzlich auf etwas zu besinnen und brach das Schweigen: »Ihr erlaubt wohl, Madame Gervaise, ich habe da noch etwas fertigzumachen. Ihr bleibt doch ruhig noch ein bißchen hier, nicht wahr? Ihr stört hier niemand.« So blieb sie. Etienne hatte sich wieder an den Blasebalg gehängt. Das Schmiedefeuer flammte mit einem Sprühregen von Funken empor, und das um so mehr, als der Kleine, der seiner Mutter seine Kraft zeigen wollte, einen wahren Orkan mit dem Blasebalg entfesselte. Goujet stand beim Schmiedefeuer und überwachte eine Eisenstange, die er glühend machte; er hatte seine Zange in der Hand. Die große Helligkeit fiel ganz auf ihn ohne einen Schatten. Sein Hemd, dessen Ärmel zurückgeschlagen waren und dessen Kragen offen stand, ließ seine nackten Arme und die nackte Brust sehen, deren rosige Haut mit kleinen, blonden Haaren bedeckt war. Wie er so dastand, den Kopf zwischen den mächtigen Schultern, deren Muskel sich wölbten, ein wenig gesenkt, mit dem hellen Auge, ohne ein einziges Zucken aufmerksam in die Flamme sehend, glich er einem ruhenden Koloß, einem Bilde selbstbewußter Kraft. Als die Eisenstange weißglühend war, ergriff er sie mit der Zange und schlug auf einem Amboß mit dem Hammer regelmäßige Stücke davon ab, mit so leichten Schlägen, als ob die Stange von Glas sei. Dann legte er die Stückchen wieder ins Feuer und nahm sie eines nach dem andern, um sie zu formen. Er schmiedete Nietnägel mit sechseckigen Köpfen. Zuerst steckte er das Stückchen Eisen in ein Loch des Ambosses, zerschmetterte das darüber hinausstehende Ende, das den Kopf bilden sollte, und formte die sechs Seiten; den fertigen Nagel, dessen Rotglut langsam erlosch, warf er auf den schwarzen Fußboden. Alles tat er mit gleichmäßigen Schlägen, mit solcher Leichtigkeit schwang sein rechter Arm den fünf Pfund schweren Hammer und formte mit jedem Schlage irgendeine Einzelheit mit solcher Geschicklichkeit, daß er ruhig dabei sprechen und jedermann ansehen konnte. Es schien ihm sehr wohl zu sein, kein Schweißtropfen zeigte sich, und er schlug mit so gutmütiger, harmloser Miene, daß er sich ebensowenig dabei anzustrengen schien, als wenn er abends bei sich zu Hause Bilder ausschnitt. »Es sind nur kleine Nägel von zwanzig Millimeter«, sagte er, um auf Gervaises Fragen zu antworten. »Man kann davon bis zu dreihundert Stück täglich machen ... Aber es gehört Übung dazu, sonst erlahmt der Arm bald.« Als sie fragte, ob nicht doch gegen Abend die Faust ermüdete, lachte er gutmütig. Glaube sie denn, daß er ein Fräulein sei? Seine Faust habe in den letzten fünfzehn Jahren genug graues Eisen geschlagen und sich soviel an den Werkzeugen gerieben, daß sie selber fast wie Eisen geworden sei. Übrigens habe sie recht: ein Herr, der nie einen Nagel oder Haken geschmiedet habe und mit seinem Fünfpfundhammer spielen wolle, der werde sich nach zwei Stunden keine schlechten Muskelschmerzen zuziehen. Das sehe so aus, als ob es gar nichts sei, aber es bringe manchmal die strammsten Burschen schon in ein paar Jahren auf den Hund. Indessen schlugen auch die anderen Arbeiter alle darauf los. Die großen Schatten der Männer schwankten bei der Helligkeit hin und her, die rotleuchtenden Blitze, die von dem Eisen ausgingen, fuhren in die dunklen Tiefen, und ganze Strahlenbündel von Funken, die unter den Hammerschlägen den Eisenstücken auf den Ambossen entsprühten, ließen diese wie Sonnen erscheinen. Gervaise fühlte sich so traulich angemutet von diesem besonderen Schauspiel, daß sie nicht fortging. Sie wollte sich eben, um sich nicht die Hände zu verbrennen, auf einem großen Umweg Etienne nähern, als sie den schmutzigen, bärtigen Arbeiter eintreten sah, an den sie sich vorher im Hofe gewendet hatte. »Nun, Madame, haben Sie gefunden?« sagte er mit seiner Miene eines schelmischen Trunkenboldes. »Du weißt doch, Löwenmaul, daß ich Madame zu dir geschickt habe? ...« Er hieß Salzschnabel, genannt Sauf-aus-ohne-Durst, der Forscheste unter den Forschen, der Nagelschmied, wie er sein soll, der seine Eisen jeden Tag mit einem Liter Fusel begießt. Er war nur weggegangen, um einen Schluck zu trinken, denn er fühlte sich nicht mehr fest genug, um noch bis sechs Uhr auszuhalten. Als er hörte, daß Zouzou Etienne hieß, fand er es zu komisch und lachte, daß man alle seine schwarzen Zähne sah. Dann entsann er sich auf Gervaise. Erst gestern abend hatte er mit Coupeau einen Schoppen getrunken. Ja, ja, man konnte Coupeau nach dem Salzschnabel, genannt Sauf-aus-ohne-Durst, fragen, da werde er gleich sagen: Das ist ein famoser Junge! Aha! dieses Vieh, der Coupeau! er ist sehr splendid und gibt öfter mal einen Satz, ehe die Reihe an ihn kommt. »Es freut mich, zu erfahren, daß Ihr seine Frau seid«, sagte er. »Er verdient eine so hübsche Frau ... Nicht wahr, Löwenmaul, Madame ist eine hübsche Frau?« Er war von so zudringlicher Artigkeit, und rührte die Wäscherin fortwährend an, so daß diese ihren Korb wieder aufnahm, um ihn sich vom Leibe zu halten. Goujet ärgerte sich, denn er verstand wohl, daß der Kamerad ihn wegen seiner Freundschaft für Gervaise aufzog und rief ihm zu: »Sage mal, du Flausenmacher, wie wird es denn mit den vierzig Millimetern? ... Hast du Lust, daran zu gehen, jetzt, wo du die Hucke voll hast, du Süffel?« Der Schmied wollte von einer Bestellung auf sehr große Nägel sprechen, zu denen zwei Schläger am Amboß nötig waren. »Wenn du willst, jetzt gleich, du große Schreipuppe!« antwortete Salzschnabel, genannt Sauf-aus-ohne-Durst. »So einer lutscht sich am Daumen und tut, als ob er ein Mann ist! Wenn du auch noch länger wärest, ich bin schon mit ganz anderen fertig geworden!« »So ist es recht, gleich! Komm nur her!« »Hier bin ich, mein Bursche!« Sie trauten einander nicht, die Gegenwart von Gervaise hatte sie entflammt. Goujet legte im voraus geschnittene Stücke Eisen ins Feuer, dann befestigte er auf dem Amboß ein sehr starkes Nageleisen. Mittlerweile hatte der Kamerad zwei Zwanzigpfundhämmer von der Wand genommen, die beiden großen Schwestern der Werkstatt, die von den Arbeitern Fifine und Dédèle genannt wurden. Er fuhr noch immer fort zu prahlen und sprach von einem halben Gros Bolzen, die er für den Leuchtturm von Dünkirchen geschmiedet hatte; das seien solche Meisterwerke gewesen, daß man sie habe in einem Museum aufstellen können, so vollendet seien sie gewesen. Den Teufel auch! er fürchte keinen Nebenbuhler; ehe man einen Bengel wie ihn finde, da müsse man schon alle Buden von Paris auf den Kopf stellen. Das werde was zu lachen geben, man werde schon sehen, was man da zu sehen bekomme! »Madame wird selbst urteilen«, sagte er, zur jungen Frau gewandt. »Genug geschwatzt!« rief Goujet. »Zieh' fest, Zouzou! Das hitzt nicht genug, mein Junge!« Aber Salzschnabel, genannt Sauf-aus-ohne-Durst, fragte noch: »Also wir schlagen zusammen?« »Im Gegenteil! Jeder seinen Bolzen für sich, mein Bursche!« Dieser Vorschlag wirkte wie eine kalte Dusche, und dem Kameraden wurde trotz seiner Prahlerei der Mund trocken. Bolzen von vierzig Millimeter von einem einzigen Mann hergestellt, das hatte man bisher noch nicht gesehen, um so mehr, als diese Bolzen runde Köpfe haben mußten. Das war eine Arbeit, die ihre verdammten Schwierigkeiten hatte, es war ein Meisterstück, so etwas zu machen. Die drei anderen Arbeiter der Werkstatt hatten ihre Arbeit verlassen, um zuzusehen; ein großer, magerer Kerl wettete einen Liter, daß Goujet unterliegen werde. Da ergriff jeder der beiden Schmiede mit geschlossenen Augen einen Hammer, denn Fifine wog ein halbes Pfund mehr als Dédèle. Salzschnabel, genannt Sauf-aus-ohne-Durst, hatte das Glück, die Hand auf Dédèle zu legen, Löwenmaul erfaßte Fifine. Während sie auf das Weißglühen des Eisens warteten, fing der erste vor dem Amboß wieder zu prahlen an, seine Zuversicht war ihm wiedergekommen und er warf zärtliche Blicke auf die Wäscherin; er stellte sich in Positur, machte Ausfälle nach vorn wie ein Herr, der sich schlagen will, und machte schon die Armbewegungen, mit denen er Dédèle in vollem Schwunge durch die Luft führen werde. Ah! ein heiliges Donnerwetter! er fühlte sich; wie er da war, hätte er aus der Vendômesäule einen Musbrei gemacht! »Vorwärts! fange an!« sagte Goujet und legte dabei selbst ein Stück Eisen von der Größe einer Mädchenfaust in das Nagelloch. Salzschnabel, genannt Sauf-aus-ohne-Durst, stürzte sich vorwärts und brachte Dédèle mit beiden Händen in den Schwung. Klein und ausgemergelt wie er war, mit seinem Bocksbart und seinen glitzernden Wolfsaugen, die zwischen den Strähnen seines schlecht gekämmten Haares hervorleuchteten, beugte er sich fast bei jedem Schwunge, den er dem Hammer gab, und sprang in die Höhe, als ob der geführte Hieb ihn vom Boden aufhebe. Er war ein Wüterich, der ärgerlich auf sein Eisen losschlug, weil er es so hart fand; er stieß sogar ein wohlgefälliges Grunzen aus, wenn er ihm einen recht tüchtigen Hieb versetzt zu haben glaubte. Bei anderen, da mache der Branntwein wohl die Muskeln schlaff, aber er gebrauche den feurigen Saft, der ihm statt des Blutes durch die Adern laufen müsse; der Schluck, den er da eben genommen, der wärme ihm den Leib wie eine Wärmflasche; er fühle eine verdammte Kraft in sich, wie eine Dampfmaschine. Dann fürchte sich auch das Eisen vor ihm, heut abend werde er es schlagen, daß es weicher wie Blei werden solle. Und wie tanzte Dédèle, man mußte das sehen! Sie führte die großen Sprünge aus immer mit den Hacken in der Luft, als ob sie ein Stammgast im Elysée-Montmartre wäre, die ihre Höschen zeigt; hier handelte es sich darum, nicht die Zeit zu vertrödeln; das Eisen ist so hinterlistig, daß es gleich kalt wird, nur um sich über den Hammer lustig zu machen. Mit dreißig Schlägen hatte Salzschnabel, genannt Sauf-aus-ohne-Durst, den Kopf seines Nagels geformt. Aber er atmete schwer, seine Augen waren weit aus ihren Höhlen getreten und eine unsinnige Wut erfaßte ihn, als er seine Arme knacken hörte. Außer sich, wie er war, versetzte er tanzend und heulend dem Nagel noch ein paar Schläge, nur um sich an ihm für die Mühe zu rächen, die er ihm gemacht hatte. Als er ihn aus dem Loche zog, hatte der unförmige Bolzen einen schief aufgesetzten Kopf wie ein Buckliger. »Nun, wie ist das gemacht?« sagte er nichtsdestoweniger mit seiner unverschämten Sicherheit, indem er Gervaise seine Arbeit zeigte. »Ich verstehe nichts davon, mein Herr«, antwortete die Wäscherin mit Zurückhaltung. In Wirklichkeit bemerkte sie sehr wohl auf dem Kopf des Bolzens die beiden letzten Fußtritte Dédèles, und sie war sehr erfreut darüber; sie biß die Lippen zusammen, um nicht zu lachen, denn jetzt hatte Goujet alles für sich. Jetzt war das Löwenmaul daran. Ehe er anfing, warf er der Wäscherin einen Blick zu, der voll von vertrauender Zärtlichkeit war. Er beeilte sich nicht, nahm seinen Abstand und ließ seinen Hammer von oben herab in großen, regelmäßigen Schwingungen niederfallen. Er hatte den wahrhaft klassischen Hammerschlag, der ebenso berechnet wie gewandt war. Fifine tanzte, von seinen beiden Händen geführt, nicht eine tolle Tanzbodenquadrille, bei der man die Röcke mit den Füßen in die Höhe wirft; sie hob sich empor und fiel im Takte nieder wie eine Edelfrau, die mit ernster Miene die Touren eines alten Menuetts ausführt. Die Hacken Fifines schlugen ernst und gewichtig den Takt; mit durchdachter Kunst drangen sie in das rote Eisen ein, das den Kopf des Bolzens bilden sollte; zuerst platteten sie das Eisen in der Mitte ab und dann rundeten sie es mit einer Reihe Schläge von gleichmäßiger Sicherheit. Das war nicht Branntwein, was das Löwenmaul da in den Adern hatte, das war Blut, reines Blut, das mächtig schlug, bis in seinen Hammer hinein, und so seine Schaffenskraft betätigte. Dieser Kerl! was bot er bei der Arbeit für einen prachtvollen Anblick! Die große Flamme des Schmiedefeuers beleuchtete ihn gerade von vorn. Seine kurzen Haare, die auf der niedrigen Stirn sich kräuselten, und sein schöner, goldgelber Bart, der in Wellen herniederfiel, schienen zu brennen und das ganze Gesicht mit den goldigen Fäden zu erleuchten, so daß es in Wahrheit aussah, als sei sein Kopf von Gold. Dabei hatte er einen Nacken, der einer Säule glich und dabei weiß wie ein Kinderhals war; seine Brust war so weit und mächtig, daß ein Weib genug Platz gehabt hätte, sich in der Quere darauf zur Ruhe niederzulegen; Schultern und Arme waren von so mächtiger Bildung, als ob irgendein Riese im Museum für sie zum Modell gedient hätte. Wenn er zum Schlage ausholte, sah man seine Muskeln schwellen, wahre Berge von Fleisch rollten und verhärteten sich da unter seiner Haut; seine Schultern, seine Brust und sein Nacken erweiterten sich, und eine Helligkeit umfloß ihn; er war in dem Augenblick schön und mächtig wie ein Gott. Schon zwanzigmal hatte er Fifine niederfallen lassen; die Augen fest auf das Eisen gerichtet, atmete er bei jedem Schlage hoch auf, nur an seinen beiden Schläfen rannen zwei dicke Schweißtropfen nieder. Er zählte: einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig. Immer wieder verbeugte sich Fifine mit der Würde einer Hofdame. »Dieser Geck!« murmelte hohnlachend Salzschnabel, genannt Sauf-aus-ohne-Durst. Gervaise, die dem Löwenmaul gerade gegenüber saß, betrachtete ihn mit gerührtem Lächeln. Mein Gott, was waren diese Männer doch dumm! Schlugen die beiden da nicht auf ihre Bolzen los, nur um ihr den Hof zu machen? Sie fühlte das sehr wohl, man kämpfte um sie mit Hammerschlägen, wie ein paar große, rote Hähne sich einer kleinen, weißen Henne wegen in die Kämme fahren. Auf was für Gedanken man kommt, nicht wahr? Das Herz findet oft seltsame Mittel, sich zu erklären. Ja, ja, es war ihretwegen, dieses Donnern von Dédèle und Fifine auf den Ambossen. Es war ihretwegen, all das zerschmetterte Eisen, ihretwegen zitterte die Schmiede, flammte dieser Brand und flogen diese leuchtenden Funken. Aus Liebe für sie schmiedeten die beiden und stritten miteinander, wer am besten schmiede. Es bereitete ihr wirklich eine tiefinnere Freude; denn alle Frauen lieben es, wenn man ihnen Schmeicheleien sagt. Besonders die Hammerschläge Löwenmauls tönten in ihrem Herzen ebenso wieder, wie auf dem Amboß, sie klangen ihr wie helle Musik, die das starke Wallen ihres Blutes begleitete. Es scheint eine Torheit, aber sie empfand, daß da etwas auf sie eindrang, das so mächtig, so fest war wie das Eisen des Bolzens. Als sie in der Dämmerstunde, ehe sie hierhergekommen war, auf dem feuchten Fußweg dahinging, empfand sie ein unbestimmtes Verlangen, die Lust, irgend etwas Gutes zu essen; jetzt war sie befriedigt, als ob die Hammerschläge Löwenmauls sie genährt hätten. Sie zweifelte nicht an seinem Siege. Ihm mußte er gehören. Salzschnabel, genannt Sauf-aus-ohne-Durst, war zu häßlich, wie er da mit seinem schmutzigen Rock und seiner zerrissenen Bluse wie ein weggelaufener Affe umhersprang. Sie war sehr rot und doch glücklich in der großen Hitze; ein wollüstiger Schauer überlief sie, als die letzten mächtigen Schläge von Fifine sie vom Kopf bis zu den Füßen erschütterten. Goujet zählte noch immer. »Und achtundzwanzig!« rief er endlich, indem er den Hammer an die Erde legte. »Es ist getan, Ihr könnt es ansehen!« Der Kopf des Bolzens war glatt und sauber, ohne eine Erhöhung oder Vertiefung, eine wahre Goldschmiedsarbeit, als ob der Kopf auf dem Schleifstein abgeschliffen sei. Die Arbeiter betrachteten es und nickten zustimmend mit den Köpfen; es war nichts dagegen zu sagen, es war gemacht, um sich davor auf die Knie zu legen. Salzschnabel, genannt Sauf-aus-ohne-Durst, versuchte wohl ein bißchen zu lästern, aber er stotterte und kehrte schließlich mit gekniffener Miene zu seinem Amboß zurück. Unterdes drängte sich Gervaise dichter an Goujet heran, angeblich, um besser sehen zu können. Etienne hatte den Blasebalgzug losgelassen und die Schmiede fiel schnell wieder ins Dunkel zurück, als ob ein großer roter Stern am Himmel untergegangen sei und die schwarze Nacht sich plötzlich herabsenke. Als der Schmied und die Wäscherin sich von dieser Nacht umhüllt sahen, empfanden sie es wie eine Wonne; in diesem von Ruß und Feilspänen geschwärzten Schuppen, wo die Gerüche alten Eisens aufstiegen, fühlten sich die beiden so ganz allein, als ob sie sich im Vincenner Gehölz befänden oder sich an irgendeinem im Laub versteckten Winkel ein Stelldichein gegeben hätten. Er ergriff ihre Hand, als ob er sie erobert habe. Als sie draußen waren, sprachen sie nichts miteinander. Er suchte nach Worten und sagte endlich, daß sie Etienne hätte mit nach Hause nehmen können, wenn nicht noch eine halbe Stunde gearbeitet würde. Endlich ging sie; doch er rief sie zurück, und da er sie gern noch etwas dabehalten hätte, sagte er: »Kommt doch her, Ihr habt noch nicht alles gesehen ... Wirklich, es ist sehr merkwürdig!« Er führte sie nach rechts in einen andern Schuppen, wo sein Fabriksherr eine Maschinenfabrikation eingerichtet hatte. Auf der Schwelle zögerte sie, weil eine unbestimmte Furcht sie erfaßte. Der weite Saal wurde durch das Stoßen der Maschinen erschüttert, und große Schatten flogen darüber hin, zwischen denen rote Feuerflecke auftauchten. Er beruhigte sie mit lächelnder Miene und versicherte ihr, daß sie nichts zu fürchten habe, sie solle nur sorgfältig darauf achten, daß sie mit ihren Röcken keinem der Zahnräder zu nahe komme. Er ging voraus; und sie folgte ihm in diesem betäubenden Lärm, wo alle möglichen Geräusche ertönten, es pfiff und schnarchte inmitten der weißen Dämpfe, die von schattenhaften Wesen belebt schienen; es waren bei den Maschinen beschäftigte schwarze Männer, die ihre Arme hin und her bewegten, und die sie nicht voneinander unterscheiden konnte. Die Gänge waren sehr eng, man mußte über Hindernisse hinwegsteigen, Löcher vermeiden und sich winden, um einem laufenden Karren auszuweichen. Man hörte nicht, was man sprach. Bis jetzt sah sie noch gar nichts, alles tanzte vor ihren Augen. Als sie über ihrem Kopfe eine Zugluft wie von einem mächtigen Flügelschlage empfand, stand sie still und blickte nach den Treibriemen, deren lange Bänder wie ungeheure Spinngewebe an der Decke hingen, von denen jeder Faden sich fortwährend abhaspelt, ohne je zu enden. Die Dampfmaschine versteckte sich in einer Ecke hinter einer kleinen Mauer von Backsteinen, die Treibriemen schienen daher ganz von selbst zu laufen, als ob sie ihren Schwung aus der Tiefe des Schattens herschöpften, durch den sie unaufhörlich mit dem leisen Fluge eines Nachtvogels dahinglitten. Beinahe wäre sie gefallen, als sie über eine der Röhren des Ventilators stolperte, die sich über den ganzen Tonschlagfußboden verzweigten und ihren scharfen Luftzug nach den verschiedenen kleinen Schmieden führten, die nahe bei den Maschinen standen. Er mußte es ihr zeigen und richtete den Luftzug auf einen der Öfen; mächtige Flammen lohten nach vier Seiten fächerartig empor wie ein Halskragen von feurigen Spitzen; das Licht war blendend und zeigte kaum einen rötlichen Schimmer; es war so hell, daß die kleinen Lampen der Arbeiter wie ganz trübe Lichterchen bei Sonnenschein aussahen. Er mußte sehr laut sprechen, um ihr das alles zu erklären, und ging dann zu den Maschinen über: da waren mechanische Schneidemaschinen, die eine Eisenstange nach der andern verschlangen, indem sie bei jedem Griff Stücke Eisen abzwackten, die sie eines nach dem andern auf der Rückseite ausspien. Da waren hohe, künstlich gebaute Riegel- und Bolzenpressen, die mit einem einzigen Niedergehen ihres mächtigen Gewichts die Köpfe schmiedeten; Poliermaschinen mit gußeisernen Flügeln und eine Gußstahlwalze, die bei jedem Stück, das sie von seinen Unebenheiten befreite, ein wütendes Geräusch ertönen ließ; und schließlich Schraubenschneidemaschinen, die von Frauen bedient wurden und Schraubengewinde auf den Bolzen und in den dazugehörigen Schraubenmuttern hervorbrachten, deren Stahlräder durch das Fett des Maschinenöles hindurchleuchteten. Sie konnte so den ganzen Verlauf der Bearbeitung verfolgen, von der Eisenbarre, die an der Mauer lehnte, bis zu den fertigen Bolzen und Schrauben, von denen ganze Kisten voll in allen Ecken umherstanden. Sie hatte jetzt alles begriffen und nickte mit dem Kopfe; trotzdem war ihr recht unbehaglich zumute, sie kam sich so klein und gebrechlich zwischen diesen rauhen Eisenarbeitern vor; erschreckt sah sie sich um, wenn eine der Poliermaschinen einen besonders heftigen Laut ertönen ließ. Nach und nach gewöhnte sie sich an die Dunkelheit; wenn von einem der Öfen plötzlich die hellen Flammengarben emporstiegen, sah sie in den Vertiefungen unbewegliche Männer, die den atemlosen Tanz der Maschinen beobachteten. Ohne es zu wollen, mußte sie immer wieder ihre Blicke zur Decke erheben, von der das Leben ausging, das sich in den Maschinen betätigte; zu diesem sanften Flug der Treibriemen, an denen sie die ungeheure stumme Kraft bewunderte, erhob sie ihre Augen und sah sie durch die dunkle Nacht unter dem Gebälk dahingehen. Mittlerweile war Goujet vor einer Bolzenpresse stehengeblieben. Er blieb da mit nachdenklicher Miene und gesenktem Kopfe, ohne die Blicke abzuwenden. Die Maschine preßte Vierzigmillimeterbolzen mit der ruhigen Leichtigkeit eines Riesen. Es gibt wirklich nichts Einfacheres. Ein Arbeiter nimmt ein Stück Eisen vom Schmiedefeuer, ein anderer legt es in das Nagelloch, das ein fortwährender Wasserstrahl netzt, um das Weichwerden des Stahls zu verhindern; damit war es gemacht, der Stempel senkt sich nieder, und der fertige Bolzen fällt auf den Boden, mit einem so runden Kopf, als ob er von der Schleifmühle komme. In zwölf Stunden verarbeitete diese verdammte Maschine mehrere hundert Kilo. Goujet war kein böser Mensch, aber manchmal hätte er am liebsten Fifine genommen, um diesen ganzen Kram in Stücke zu schlagen, aus Zorn darüber, daß die Dinger denn doch noch kräftigere Arme hatten als er. Das verursachte ihm einen tiefen Kummer, selbst wenn er bedachte, daß doch Fleisch nicht gegen Eisen aufkommen könne. Eines Tages drückte die Maschine gewiß den Arbeiter zu Boden; schon jetzt war der Tageslohn von zwölf Franken auf neun heruntergegangen, und man sprach davon, ihn noch zu verringern; übrigens sahen diese großen Bestien durchaus nicht lustig aus, die da Schrauben und Bolzen machten, als ob es Leberwürstchen seien. Drei Minuten betrachtete er alles, ohne zu sprechen; seine Brauen zogen sich zusammen, und sein schöner blonder Bart sträubte sich dräuend empor. Bald aber flog eine Miene von Sanftmut und Ergebung über sein Gesicht und wischte den harten Ausdruck hinweg. Er wandte sich zu Gervaise, die sich an ihn lehnte, und sagte mit traurigem Lächeln: »Seht nur! Das setzt uns hübsch aufs Trockene! Vielleicht macht es später einmal alle glücklich!« Gervaise kümmerte sich nicht viel um das Glück aller. Sie fand, daß die Maschinenbolzen schlecht gemacht seien. »Versteht mich recht!« rief sie in lebhafter Erregung, »sie sind zu gut gemacht ... Mir sind Eure lieber, da merkt man wenigstens die Hand des Künstlers.« Sie bereitete ihm eine große Befriedigung, da sie so sprach, denn er hatte schon einen Augenblick gefürchtet, daß sie ihn geringschätzen werde, nachdem sie die Maschinen gesehen. Den Teufel auch, wenn er stärker sei als der Salzschnabel, genannt Sauf-aus-ohne-Durst, so waren die Maschinen wieder stärker als er. Als er sie auf dem Hofe endlich verließ, drückte er ihr die Hände, als ob er sie zerbrechen wollte, eine so große Freude hatte sie ihm bereitet. Alle Sonnabende ging Gervaise zu den Goujets, um ihnen ihre Wäsche zu bringen. Sie wohnten immer noch in dem kleinen Hause in der Neuen Goldtropfengasse. Während des ersten Jahres hatte sie ihnen regelmäßig monatlich zwanzig Franken auf die fünfhundert Franken zurückgezahlt; um keine Verwirrung in die Rechnung zu bringen, wurde ihr Wäschebuch nur am Ende des Monats zusammengerechnet, und sie setzte dann hinzu, was fehlte, um die zwanzig Franken vollzumachen, denn die Wäsche der Goujets stellte sich monatlich selten höher als sieben oder acht Franken. So hatte sie ungefähr die Hälfte der schuldigen Summe abgetragen, als sie an einem Quartalsersten, wo sie weder ein noch aus wußte, weil ihr ihre Kundschaft nicht Wort gehalten hatte, zu den Goujets laufen mußte, um sich von ihnen ihre Miete zu borgen. Zu zwei anderen Malen hatte sie sich ebenfalls an sie gewandt, um ihre Arbeiterinnen zu bezahlen, so daß ihre Schuld dadurch wieder auf vierhundertfünfundzwanzig Franken angewachsen war. Jetzt gab sie keinen Sou mehr, sondern brachte nur ihre Wäscherechnungen in Abzug. Das kam nicht daher, daß sie weniger arbeitete oder ihre Geschäfte schlechter gingen. Im Gegenteil; aber das Gold glitt ihr zwischen den Fingern durch, als ob es Wasser sei, und sie war schon zufrieden, wenn sie sich nur so durchschlug. Mein Gott! wenn man nur lebte, nicht wahr? da darf man schon nicht klagen. Sie wurde fett und gab sich willig allen Bequemlichkeiten hin, welche ihre zunehmende Leibesstärke ihr wünschenswert machten, weil sie nicht mehr die Kraft hatte, sich zu dem erschreckenden Gedanken an ihre ungewisse Zukunft aufzuraffen. Was war da auch weiter! Geld werde ja immer einkommen, das werde ja rostig, wenn man es beiseite lege. Trotz alledem blieb Madame Goujet für Gervaise eine mütterliche Freundin. Sie las ihr hin und wieder mit Milde den Text nicht etwa wegen des Geldes, sondern weil sie sie lieb hatte und fürchtete, daß sie zugrunde gehen könne. Sie sprach nicht einmal von ihrem Gelde. In jeder Beziehung war sie voll rücksichtsvoller Feinheit. Am Tage nach dem Abend, wo Gervaise den Besuch in der Schmiede gemacht hatte, war gerade der letzte Sonnabend im Monat. Als sie bei den Goujets ankam, zu denen sie stets selber ging, hatte ihr der Korb dermaßen den Arm gedrückt, daß sie volle zwei Minuten nach Atem ringen mußte. Man sollte nicht meinen, wie schwer solche Wäsche ist, besonders wenn Bettücher dabei sind. »Sie bringen doch alles?« fragte Madame Goujet. Sie war in solchen Dingen sehr streng. Sie wollte, daß, wenn ihr die Wäsche gebracht wurde, auch nicht ein Stückchen fehlte, der guten Ordnung wegen, wie sie sagte. Eine andere ihrer Bedingungen war, daß die Wäscherin pünktlich an dem festgesetzten Tage und jedesmal zur selben Stunde komme; so verliere niemand seine Zeit. »Es ist alles da!« antwortete Gervaise lächelnd. »Ihr wißt ja, daß ich nie etwas zurücklasse!« »Das ist schon wahr!« bekannte Madame Goujet. »Ihr laßt Euch in manchen Dingen gehen, aber in diesem Punkte seid Ihr noch sorgsam.« Während die Wäscherin ihren Korb auspackte und die Wäsche auf das Bett legte, sang die alte Frau ihr Lob: sie verbrannte kein Stück beim Plätten, zerriß nicht die Wäsche, wie so viele andere, sie riß auch mit dem Eisen keine Knöpfe ab; nur bei den Vorderblättern der Oberhemden nahm sie zuviel Blau und zuviel Stärke. »Seht nur her, das ist ja so steif wie Pappe!« sagte sie, indem sie einen Hemdeneinsatz bog, daß er krachte. »Mein Sohn beklagt sich ja darüber nicht, aber das muß ihm ja im Nacken drücken ... Wenn wir morgen von Vincennes zurückkommen, wird er wohl einen blutigen Hals haben.« »Nein, nein, sagt doch das nicht!« rief Gervaise trostlos. »Die Hemden für den Sonntag müssen ein bißchen steif sein, sonst hat man bald einen Lappen auf dem Leibe. Seht Euch nur die Herren an ... Ich mache alle Eure Wäsche selbst. Nie lasse ich eine Arbeiterin daran rühren, und ich nehme sie in acht, versichere ich Euch, ich würde sie am liebsten zehnmal wieder von vorn anfangen, weil es für Euch ist, nicht wahr?« Sie hatte das Ende ihres Satzes unter leichtem Erröten hervorgestottert. Sie fürchtete, daß man ihr anmerken könne, was es ihr für Vergnügen bereite, Goujets Hemden selbst zu plätten. Sicherlich dachte sie ja dabei an nichts Böses, aber sie schämte sich doch ein wenig. »Oh, ich sage ja nichts gegen Eure Arbeit, Ihr macht es so gut wie möglich, ich weiß es wohl«, sagte Madame Goujet. »Da ist eine Haube, die ist wie gefallener Schnee. Keine kann wie Ihr die Stickereien so zur Geltung bringen! Und diese Rüschen sind getollt! Laßt nur gut sein, da erkennt man gleich Eure Hand. Wenn Ihr auch nur ein kleines Stückchen einer Arbeiterin gebt, sieht man es gleich ... Nicht wahr? Ihr nehmt nicht mehr soviel Stärke, das ist alles, was ich auszusetzen habe! Goujet liegt gar nichts daran, für einen Herrn gehalten zu werden.« Unterdessen hatte sie das Buch genommen und strich mit einer Feder die Stücke durch. Alles war in Ordnung. Als sie die Rechnung durchsah, fand sie, daß Gervaise ihr eine Haube mit sechs Sous berechnete; das schien ihr zu teuer, aber sie mußte zugeben, daß die übrigen Sachen nicht teuer waren, nein, die Männerhemden fünf Sous, die Frauenbeinkleider vier Sous, die Kopfkissenüberzüge einundeinhalb Sous, die Schürzen einen Sous, das war nicht teuer, besonders wenn man bedachte, daß viele Wäscherinnen zwei Liard und selbst einen Sous mehr für alle Stücke nahmen. Als Gervaise die schmutzige Wäsche angesagt hatte, die die alte Frau in das Buch einschrieb, steckte sie sie in ihren Korb; sie ging noch nicht fort, sondern blieb verlegen stehen, weil sie eine Bitte auf den Lippen hatte, die sie nur mit schwerem Herzen aussprach. »Madame Goujet,« sagte sie schließlich, »wenn es Euch gleich ist, möchte ich diesen Monat das Geld für die Wäsche nehmen.« Gerade dieser Monat war sehr stark; die Rechnung, die sie eben zusammengezogen hatte, belief sich auf zehn Franken und sieben Sous. Madame Goujet sah sie einen Augenblick mit strenger Miene an, dann antwortete sie: »Mein Kind, wir wollen es machen, wie es Euch paßt. Ich will Euch das Geld nicht vorenthalten, wo Ihr es gerade nötig braucht ... Nur scheint es mir nicht der Weg zu sein, auf dem Ihr Eure Schuld abtragt. Ich sage es Euretwegen, versteht mich recht. Nein, wahrlich, Ihr solltet vorsichtig sein!« Gervaise nahm mit gesenktem Kopf und stotternd den Verweis hin. Die zehn Franken sollten das Geld für einen Wechsel vollmachen, den sie ihrem Kohlenhändler gegeben hatte. Bei dem Worte Wechsel wurde Madame Goujet noch strenger. Sie führte sich selbst als Beispiel an: sie schränkte ihre Ausgaben ein, seit man Goujets Lohn von zwölf Franken auf neun herabgesetzt hatte. Wenn man in der Jugend nicht sorgt, so stirbt man im Alter Hungers. Bei alledem hielt sie noch an sich und sagte Gervaise nicht, daß sie ihr nur ihre Wäsche überließ, um ihr eine Gelegenheit zu geben, die Schuld zu tilgen; früher wusch sie alles selbst, und sie würde auch wieder zu waschen anfangen, wenn die Wäsche ihr starke Summen aus der Tasche zöge. Als Gervaise die zehn Franken und sieben Sous hatte, bedankte sie sich und machte schnell, daß sie fortkam. Erst auf dem Treppenflur fühlte sie sich wieder ganz wohl, sie hätte tanzen mögen, denn sie gewöhnte sich jetzt schon an Geldverlegenheiten und schmutzige Geschäfte, von denen ihr nur die Erinnerung an das glückliche Entwischen blieb, bis sie das nächstemal wieder festsaß. Gerade an diesem Sonnabend hatte Gervaise eine merkwürdige Begegnung, als sie von Goujets die Treppe hinabstieg. Sie mußte sich mit ihrem Korbe gegen das Geländer drücken, um eine große Frau mit bloßem Kopfe durchzulassen, die heraufstieg und in der Hand, in ein Stück Papier gewickelt, eine sehr frische Makrele trug, deren Kiemen blutrot waren. In dieser Person erkannte sie Virginie, das Mädchen, dem sie im Waschhaus die Röcke lose gemacht hatte. Beide sahen sich überrascht an. Gervaise schloß die Augen, denn sie glaubte einen Augenblick, daß ihr die Makrele ins Gesicht fliegen werde. Aber nein, Virginie lächelte leicht. Da wollte sich die Wäscherin, deren Korb die Treppe versperrte, artig zeigen. »Ich bitte vielmal um Verzeihung!« sagte sie. »Ich habe Euch längst verziehen!« antwortete die große Brünette. So blieben sie mitten auf den Treppenstufen und plauderten; sie waren plötzlich ausgesöhnt, ohne auch nur eine Andeutung an die Vergangenheit gewagt zu haben. Virginie, die neunundzwanzig Jahre zählte, war eine wundervolle Frau geworden; sie war voll, obwohl ihr Gesicht zwischen den beiden rabenschwarzen Haarlocken noch immer ein wenig länglich war. Sie erzählte gleich ihre Geschichte, um sich ein Ansehen zu geben: sie war jetzt Ehefrau, hatte im Frühjahr einen früheren Kunsttischler geheiratet, der seine Dienstzeit abgemacht hatte und sich jetzt um ein Amt als Stadtsergeant bewarb, denn ein Amt, das ist doch sicherer und anständiger. Gerade hatte sie für ihn die Makrele gekauft. »Er ißt Makrelen für sein Leben gern«, sagte sie. Man muß diese bösen Männer ein bißchen pflegen, nicht wahr? ... Aber kommt doch mit nach oben, Ihr müßt Euch unsere Wohnung ansehen ... Es zieht hier auf der Treppe!« Als Gervaise, die auch ihrerseits von ihrer Ehe berichtet hatte, noch mitteilte, daß sie in der Wohnung gewohnt habe und dort sogar von einem kleinen Mädchen entbunden sei, drängte Virginie sie noch lebhafter, mit hinaufzukommen. Das mache ja immer Freude, Orte wiederzusehen, an denen man glücklich gewesen sei. Volle fünf Jahre habe sie jenseits des Flusses gewohnt. Dort habe sie ihren Mann kennengelernt, als er noch diente. Aber sie langweilte sich drüben und es sei ihr steter Traum gewesen, in das Goldtropfenquartier zurückzukehren, wo sie jeden Menschen kenne. Seit vierzehn Tagen bewohne sie das Zimmer gegenüber von den Goujets. Es sei alles bei ihr noch sehr in Unordnung, aber das werde sich nach und nach schon machen. Endlich auf dem Treppenflur nannten sie sich ihre Namen. »Madame Coupeau!« »Madame Poisson!« Von da an nannten sie sich immer mit besonderer Betonung Madame Poisson und Madame Coupeau einzig um des Vergnügens willen, sich jetzt als ehrbare Frauen dastehen zu sehen, während sie, als sie sich in ihrer Mädchenzeit kannten, Beziehungen unterhielten, die wenig erbaulich waren. Trotz alledem hegte Gervaise noch einen Schatten von Mißtrauen. Es war wohl möglich, daß die große Brünette an sich hielt und, um sich für die Schläge im Waschhause besser zu rächen, irgendeinen hinterlistigen Plan aushecke. Gervaise nahm sich vor, auf ihrer Hut zu sein. Für den Augenblick zeigte sich Virginie so liebenswürdig, daß sie es wohl oder übel auch sein mußte. Oben im Zimmer arbeitete Virginies Ehegatte, Poisson. Er war ein Mann von etwa fünfunddreißig Jahren mit erdfahlem Gesicht, das mit einem roten Schnurr- und Knebelbart geziert war. Er saß an einem Tisch nahe beim Fenster. Dort baute er kleine Schachteln. Als einziges Handwerkszeug diente ihm ein Messer, eine Säge, die so klein wie eine Nagelfeile war, und ein Topf mit flüssigem Leim. Das Holz, das er verarbeitete, kam von alten Zigarrenkisten her, es waren ganz dünne Brettchen rohen Mahagoniholzes, aus denen er mancherlei Schnitzwerk und allerlei Zierrate herstellte, die von außerordentlicher Zartheit waren. Tag für Tag, jahraus, jahrein, machte er dieselbe Schachtel, acht Zentimeter zu sechs. Nur daß er das Schnitzwerk veränderte, neue Formen für die Deckel erfand und im Innern neue Fächereinteilungen machte. Er tat es nur zu seiner Unterhaltung und um sich die Zeit zu vertreiben, bis seine Ernennung zum Stadtsergeanten erfolgt sei. Von seinem früheren Handwerk, der Kunsttischlerei, war ihm nur diese Leidenschaft für die kleinen Schachteln geblieben. Er verkaufte seine Arbeit nicht, sondern machte damit Geschenke an Personen seiner Bekanntschaft. Poisson erhob sich und begrüßte Gervaise sehr artig, da sie ihm von seiner Frau als eine alte Freundin vorgestellt wurde. Aber er war nicht sehr gesprächig, sondern griff bald wieder zu seiner kleinen Säge. Von Zeit zu Zeit warf er einen Blick auf die Makrele, welche auf dem Rande der Kommode lag. Gervaise sah mit vieler Freude ihre frühere Wohnung wieder; sie sagte, wie ihre Möbel gestanden hätten und zeigte die Stelle, wo sie auf der Erde ihr Kind geboren hatte. Wie merkwürdig sich das traf! Als sie sich damals aus den Augen verloren, hätten sie niemals gedacht, sich so wiederzufinden, daß eine nach der andern dasselbe Quartier bewohnte. Virginie berichtete noch näheres über sich und ihren Mann: er hatte von einer Tante ein kleines Vermögen geerbt. Später werde er sie sicherlich einrichten, für den Augenblick beschäftige sie sich noch immer mit der Schneiderei und nähe hie und da ein Kleid zusammen. Nach einer reichlichen halben Stunde wollte die Wäscherin endlich fortgehen. Poisson drehte sich kaum nach ihr um. Virginie, die sie hinausbegleitete, versprach, ihren Besuch zu erwidern; übrigens werde sie ihre Kundin, das sei eine abgemachte Sache. Als sie sie auch auf dem Treppenflur noch festhielt, bildete sich Gervaise ein, daß sie ihr von Lantier und ihrer Schwester, der Plätterin Adele, sprechen wolle. Dieser Gedanke brachte ihr ganzes Innere in Aufruhr. Aber diese heiklen Dinge wurden mit keinem Worte erwähnt, sie trennten sich in liebenswürdigster Weise, indem sie sich versprochen, sich wiederzusehen. »Auf Wiedersehen! Madame Coupeau.« »Auf Wiedersehen! Madame Poisson.« Diese Begegnung wurde der Ausgangspunkt einer großen Freundschaft. Acht Tage später konnte Virginie nicht an Gervaises Laden vorübergehen, ohne einzutreten; sie schwatzte sich dann jedesmal so fest, daß sie unter zwei bis drei Stunden nicht leicht wegkam, so daß Poisson, der unruhig wurde und glaubte, sie sei unter die Räder gekommen, sie mit seinem stillen, erdfarbigen Gesicht abholte. Da Gervaise die Näherin so täglich um sich sah, konnte sie sich eines sonderbaren Gefühls nicht erwehren: sie konnte nicht hören, daß Virginie einen Satz anfing, ohne zu glauben, daß sie jetzt von Lantier sprechen werde; unwillkürlich mußte sie immer an Lantier denken, solange Virginie bei ihr war. Das war gewiß recht albern von ihr, denn niemand war ihr gleichgültiger als Lantier und Adele, und sie fragte den Teufel danach, was aus ihnen geworden sei; nie richtete sie eine darauf bezügliche Frage an Virginie, sie war nicht neugierig genug, von ihnen hören zu wollen. Nein, es packte sie ganz gegen ihren Willen. Dieser Gedanke steckte ihr im Kopfe wie eine Melodie, die man nicht los werden kann und immer wieder trällern muß, wenn man sich auch darüber ärgert. Übrigens ließ sie es Virginie nicht entgelten, denn diese konnte doch nichts dafür. Sie gefiel ihr ganz ausnehmend, und sie hielt sie wohl zehnmal zurück, ehe sie sie fortgehen ließ. Mittlerweile war der Winter herangekommen, es war das der vierte, den die Coupeaus in der Goldtropfengasse zubrachten. In diesem Jahre war der Dezember und Januar ganz besonders streng, es fror Stein und Bein. Nach dem Neujahrstage blieb der Schnee drei Wochen auf den Straßen liegen, ohne zu schmelzen. Das tat der Arbeit keinen Schaden, im Gegenteil, denn der Winter ist die schöne Jahreszeit der Plätterinnen. Im Laden war es sehr behaglich. Dort sah man niemals Eis an den Fensterscheiben wie bei dem Krämer und dem Hutmacher gegenüber; der mit Koks vollgepfropfte Plättofen unterhielt stets eine Backofenhitze, die Wäsche dampfte, so daß man glauben konnte, man sei mitten im Sommer. Da die Türen stets geschlossen waren, so blieb es überall warm, ja selbst so warm, daß man schließlich mit offenen Augen einschlief. Gervaise versicherte lachend, daß sie sich einbilde, auf dem Lande zu sein. Und wirklich konnte man es glauben, denn die Wagen machten auf dem Schnee keinen Lärm mehr, und selbst die Schritte der Fußgänger hörte man kaum; in der tiefen, winterlichen Stille erhoben sich allein einige Kinderstimmen; sie kamen von einer Bande von Straßenjungen, die in dem Rinnstein vor der Hufschmiede eine Schlittenbahn angelegt hatten. Hin und wieder ging Gervaise an die Scheiben der Glastüre und wischte sie mit der Hand ab, um nachzusehen, was eigentlich bei dem verdammten Wetter aus der Nachbarschaft geworden sei; aber keine Nasenspitze ließ sich vor den Ladentüren sehen; das in den Schnee gehüllte Quartier schien im Winterschlaf zu liegen; nur mit der Kohlenhändlerin von nebenan konnte sie einen kleinen Gruß austauschen, weil diese, seit es so kalt geworden war, mit bloßem Kopf und vergnügt grinsendem Munde vor ihrem Laden auf und ab ging. Am besten bekam es, wenn man bei diesem Hundewetter mittags seinen Kaffee recht heiß nahm. Die Arbeiterinnen hatten sich nicht zu beklagen, die Ladenbesitzerin machte ihn sehr stark, und es kamen kaum vier Körner Zichorie hinein; er hatte gar keine Ähnlichkeit mit dem Kaffee bei Madame Fauconnier, der ein reines Abspülwasser war. Nur wenn sich Mama Coupeau mit dem Kaffeekochen beschäftigte, kam die Sache nie zu Ende, weil sie vor dem Kessel einschlief. So warteten denn die Arbeiterinnen nach dem Frühstück auf den Kaffee und machten nur so hin und wieder einen Strich mit dem Plätteisen. Gerade an dem Vormittage des Dreikönigstages hatte es schon halb eins geschlagen, und der Kaffee war noch nicht fertig; an diesem Tage wollte er durchaus nicht durchlaufen. Obgleich Mama Coupeau mit einem kleinen Löffel beständig an den Trichter klopfte, so hörte man doch die einzelnen Tropfen langsam niederfallen, das Klopfen änderte an der Sache nichts. »Laßt es doch!« sagte die große Clemence. »Davon wird er trübe ... Heute hat man sicher bei dem Kaffee ebensoviel zu essen wie zu trinken.« Die große Clemence war dabei, ein Männerhemd aufs neue zu plätten und sie machte die Falten des Einsatzes mit dem Fingernagel lose. Sie war schrecklich erkältet, ihre Augen waren verquollen, und die Hustenanfälle, die sie hin und wieder packten, waren so heftig, daß sie sich am Rande des Arbeitstisches ordentlich zusammenbog. Trotzdem trug sie auch nicht den kleinsten Schal um den Hals, sondern hatte nur eine leichte Flanelljacke zu achtzehn Sous an, in der sie vor Frost klapperte. Neben ihr stand Madame Putois, die bis über die Ohren in Flanell gewickelt war, sie plättete einen Unterrock, den sie über ein Plättbrett gezogen hatte, dessen eines Ende auf eine Stuhllehne gelegt war; auf der Erde war ein Laken ausgebreitet, um zu verhindern, daß der Unterrock, wenn er den Boden berühre, schmutzig werde. Gervaise nahm für sich allein mehr als die Hälfte des Arbeitstisches in Anspruch, auf dem sie gestickte Musselinegardinen ausgebreitet hatte, über die sie ihr Eisen ganz gerade hinwegführte und dabei mit dem weitausgestreckten linken Arm den Stoff glatt anzog, um Falten zu vermeiden. Sie erhob plötzlich den Kopf, weil der Kaffee mit großem Geräusch anfing zu laufen. Das kam daher, daß die schielende Augustine vermittelst eines Löffels ein großes Loch in das Filtrierpapier gestoßen hatte. »Willst du dich wohl ruhig halten?« rief Gervaise. »Was ist dir denn schon wieder eingefallen? Jetzt können wir lauter Schlamm trinken!« Mama Coupeau hatte fünf Gläser an einer freien Ecke des Arbeitstisches nebeneinander aufgestellt. Jetzt legten die Arbeiterinnen ihre Arbeit beiseite. Gervaise schenkte immer selbst den Kaffee ein, nachdem sie in jedes Glas zwei Stücke Zucker getan hatte. Auf diese Stunde hatten alle sehnlichst gewartet. Als an diesem Tage jede sich auf einer kleinen Fußbank in der Nähe des Plättofens niedergelassen hatte, ging die Türe auf und Virginie trat, vor Frost klappernd, ein. »Ah, Kinder,« sagte sie, »das schneidet einen ordentlich in Stücke! Ich fühle meine Ohren gar nicht mehr. Ist das eine Hundekälte!« »Ei, sieh da, Madame Poisson!« rief Gervaise. »Ihr kommt gerade zur rechten Zeit ... Ihr müßt mit uns Kaffee trinken!« »Meiner Treu! Da will ich Euch keinen Korb geben ... Wenn man nur über die Straße geht, hat man den ganzen Winter in den Gliedern!« Zum Glück war noch Kaffee da. Mama Coupeau holte ein sechstes Glas, und Gervaise ließ aus Höflichkeit Virginie sich selbst mit Zucker bedienen. Die Arbeiterinnen rückten auseinander und machten nahe am Ofen einen kleinen Platz für den Gast zurecht. Einen Augenblick zitterte sie noch, ihre Nase war rot, und sie preßte ihre steif gefrorenen Finger an das Glas, um sie zu erwärmen. Sie kam von dem Krämer, wo man erfrieren konnte, ehe einem ein Viertel Schweizerkäse verabfolgt wurde. Sie konnte sich nicht genug über die große Hitze in dem Laden wundern, es sei ja, als ob man in einen Backofen eintrete, und es sei hinreichend, um einen Toten aufzuwecken, so mollig kitzele es die Haut. Als ihre Glieder wieder geschmeidig geworden waren, streckte sie ihre langen Beine aus. Jetzt schlürften alle Sechse langsam ihren Kaffee inmitten der überall umherliegenden Wäsche, deren Bearbeitung unterbrochen war und die zum Teil noch feucht in der Hitze dampfte. Nur Mama Coupeau und Virginie saßen auf Stühlen, die anderen auf so niedrigen Fußbänken, daß es aussah, als ob sie auf der Erde säßen, was bei der schielenden Augustine auch wirklich der Fall war, die sich auf einer Ecke des Lakens niedergelassen hatte, das unter dem Unterrock zum Schutze lag. Es wurde noch nicht gleich gesprochen, sondern alle steckten die Nasen in ihre Gläser und letzten sich an ihrem Kaffee. »Er ist aber doch recht gut!« erklärte Clemence. Da überkam sie ein solcher Hustenanfall, daß es aussah, als ob sie ersticken müsse. Sie mußte den Kopf gegen die Wand stützen, um das starke Husten aushalten zu können. »Ihr habt's Euch ordentlich geholt!« sagte Virginie. »Wo habt Ihr denn das her?« »Kann man es wissen?« antwortete Clemence und wischte sich dabei das Gesicht mit ihrem Ärmel ab. Das muß von neulich Abend sein. Da waren zwei, die sich an der Tür des Großen Ballsaales das Fell über die Ohren zogen. Ich habe es mit ansehen wollen und bin da beim Schneetreiben draußen stehen geblieben. War das eine Schlägerei! Man konnte sterben vor Lachen! Der einen war die Nase aufgerissen, das Blut floß bis auf die Erde. Wie die andere das Blut gesehen hat, es war eine lange Latte wie ich, da hat sie Reißaus genommen ... In der Nacht habe ich angefangen zu husten. Übrigens muß ich auch sagen, daß die Männer zu dumm sind; wenn sie mit einer Frau zusammen sind, decken sie einen fortwährend auf ...« »Das ist ja eine recht hübsche Aufführung!« murmelte Madame Putois. »Ihr werdet es nicht mehr lange machen, Kleine.« »Wenn es mir Spaß macht, darauf loszutollen! ... Das Leben ist wohl so besonders spaßhaft! Den ganzen lieben langen Tag sich plagen und sich von morgens bis zum Abend hin bei dem heißen Ofen die Haut versengen für fünfzig Sous, nein, wißt Ihr, ich habe es satt bis an den Hals! ... Laßt es nur gut sein, die Erkältung tut mir den Gefallen nicht, mich zum Teufel zu schicken; die geht fort, wie sie gekommen ist.« Nun entstand ein Stillschweigen. Diese Dirne, die Clemence, die auf den Tanzböden den Ton angab und dort die Ausgelassenste von allen war, stimmte bei der Arbeit alle Welt mit ihren ewigen Grabesgedanken traurig. Gervaise, die sie recht gut kannte, begnügte sich, ihr zu sagen: »Ihr seid des Morgens nicht gerade in guter Laune, wenn Ihr die Nacht durchgeschwärmt habt!« Im Grunde genommen hätte Gervaise es lieber gesehen, wenn man nicht von Schlägereien zwischen Frauenzimmern gesprochen hätte. Das ärgerte sie wegen der Tracht Prügel im Waschhause, wenn man in Virginies Gegenwart von Fußtritten an die Beine oder fünfblättrigen Kleeblättern sprach, die man einander ins Gesicht geklebt habe. Gerade jetzt sah Virginie lächelnd zu ihr hinüber. »Oh,« sagte sie, »ich habe gestern ein Zopfherunterreißen gesehen, die haben sich gut zugerichtet!« »Wo denn?« fragte Madame Putois. »Es war die Hebamme, die am Ende der Straße wohnt, mit ihrem Dienstmädchen, Ihr wißt ja, die kleine Blonde ... Ein Ekel von einem Mädchen! Sie rief der andern zu: ›Ja, ja, ich werde auf die Polizei gehen und anzeigen, daß du der Krämerin ein Kind abgetrieben hast, wenn du mich nicht bezahlst!‹ Man mußte nur hören, was die alles auspackte! Da hat ihr die Hebamme eine Knallschote mitten ins Gesicht gegeben. Aber das verdammte Geschöpf ist ihr an die Kehle gefahren und hat sie zerkratzt und zerfetzt, als ob sie Frikassee aus ihr machen wollte. Der Wursthändler mußte sie ihr aus den Klauen reißen.« Die Arbeiterinnen lächelten wohlgefällig. Alle tranken einen kleinen Schluck Kaffee, und man sah ihnen an, wie wohlig sie sich dem Gaumenkitzel hingaben. »Glaubt Ihr denn das, was die da von der Krämerin und der Hebamme gesagt hat?« fragte Clemence. »Je nun! Das Gerücht war im Quartier verbreitet«, sagte Virginie. »Versteht mich recht, ich war nicht dabei ... Übrigens schlägt es ins Handwerk, sie tun es ja alle.« »Ach ja,« sagte Madame Putois; »man ist dumm genug, sich ihnen anzuvertrauen. Danke schön, um struppiert zu werden! ... Seht, es gibt ein unfehlbares Mittel: alle Abende trinkt man ein Glas Weihwasser und macht sich dabei mit dem Daumen drei Kreuze auf den Bauch. Da geht es weg wie der Wind.« Mama Coupeau, die man eingeschlafen glaubte, schüttelte mit dem Kopf, um dagegen zu protestieren. Sie kannte ein anderes Mittel, das war wirklich unfehlbar: man mußte alle zwei Stunden ein hartes Ei essen und sich Senfblätter auf die Lenden legen. Die anderen vier Frauen blieben ernst. Aber die schielende Augustine, deren Anfälle von Heiterkeit immer kamen, ohne daß man einen Grund dafür entdecken konnte, schlug eine Lache auf, die wie das Gackern einer Henne anzuhören war. Man hatte sie ganz vergessen. Gervaise hob den Unterrock hoch und fand sie dahinter auf dem Laken liegen, wo sie sich wie ein Ferkel herumsielte. Sie zog sie dort hervor und setzte sie mit einer tüchtigen Ohrfeige auf die Füße. Was hat sie denn da zu lachen, die dumme Pute? Hat sie denn überhaupt zuzuhören, wenn erwachsene Personen sich etwas erzählen? Sofort solle sie gehen und ein Paket Wäsche nach Batignolles tragen, zu einer Freundin der Madame Lerat. Während des Sprechens schob sie ihr schon den Korb auf den Arm und stieß sie zur Tür. Maulend und schluchzend ging Augustine davon und schleppte ihre Füße durch den Schnee. Unterdessen besprachen Mama Coupeau, Madame Putois und Clemence die Wirksamkeit der harten Eier und der Senfblätter. Virginie, die mit ihrem Kaffeeglase in der Hand träumerisch vor sich hingeblickt hatte, sagte plötzlich ganz leise: »Mein Gott! Man schlägt sich und verträgt sich, das geht ja immer, wenn man nur ein gutes Herz hat ...« Lächelnd wandte sie sich zu Gervaise: »Nein, gewiß, ich trage Euch nichts nach ... Die Geschichte aus der Waschanstalt, Ihr wißt doch noch?« Die Wäscherin wurde ganz verlegen. Da war es, was sie immer gefürchtet hatte. Jetzt ahnte sie, daß auf Lantier und Adele das Gespräch gebracht werde. Der Plättofen pustete, und das rotglühende Ofenrohr verdoppelte die Hitze. In schlaftrunkener Betäubung verlängerten die Arbeiterinnen ihre Kaffeestunde, um nur so spät wie möglich wieder an die Arbeit zu gehen. Sie betrachteten den Schnee draußen auf der Straße mit beschaulicher Befriedigung. Man war jetzt bei den vertraulichen Mitteilungen. Sie sagten, was sie tun würden, wenn sie zehntausend Franken jährliche Rente hätten; sie würden gar nichts tun, ganze Nachmittage würden sie damit zubringen, sich am Feuer zu wärmen und von weitem auf die Arbeit zu spucken. Virginie hatte sich Gervaise genähert, um von den anderen nicht gehört zu werden. Gervaise fühlte sich so schwach, ohne Zweifel von der großen Hitze, so weich und erschlafft, daß sie nicht den Mut fand, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, ja, sie erwartete sogar die Worte der großen Brünette mit einer Art freudiger Erregung, die ihr förmlich das Herz schwellen machte, wenn sie es sich selbst auch nicht eingestehen wollte. »Es wird Euch doch nicht allzu nahe gehen?« hub die Näherin an. »Wohl zwanzigmal ist es mir auf die Zunge gekommen. Nun, da wir einmal angefangen haben ... Es ist ja doch nur, um zu plaudern, nicht wahr? ... Nein, wahrlich, ich trage es Euch nicht nach, was da geschehen ist. Mein Ehrenwort! Ich habe auch nicht so viel Haß gegen Euch zurückbehalten!« Sie schwenkte den Rest ihres Kaffees im Glase um, damit der letzte Zucker mit herauskomme, und trank drei kleine Schlucke mit einem leisen Schmatzen der Lippen. Gervaise wartete mit gepreßter Kehle; innerlich fragte sie sich, ob ihr Virginie die Tracht Prügel wirklich so ganz verziehen haben könne, denn sie sah, wie in ihren schwarzen Augen gelbe Funken aufblitzten. Diese große Dirne mußte ihre Rache in die Tasche gesteckt und ihr Taschentuch obendrauf gelegt haben. »Ihr hattet eine Entschuldigung«, fuhr sie fort. »Man hatte schlecht, abscheulich an Euch gehandelt ... Ich bin nicht ungerecht, laßt es gut sein. Ich hätte damals ein Messer genommen!« Sie trank noch drei kleine Schluck und schnalzte mit der Zunge am Rande des Glases; dann gab sie ihre langsame Redeweise auf, fügte schnell und ohne anzuhalten hinzu: »Es hat ihnen auch kein Glück gebracht, mein Gott! Nein, gar kein Glück! ... Sie waren da ans Ende der Welt gezogen, in die Gegend des Eiskellers, in eine schmutzige Straße, in der der Schmutz immer kniehoch liegt. Zwei Tage nachher habe ich mich eines Morgens aufgemacht, um mit ihnen zu frühstücken. Es war eine lange Omnibusfahrt, das versichere ich Euch, meine Liebe! Ich fand sie schon damals in voller Zänkerei. Wahrhaftig, wie ich eintrete, traktieren sie sich mit Kopfstücken. Das muß ich sagen, ein nettes Liebespaar! ... Ihr wißt, daß Adele nicht den Strick wert ist, um sie dran aufzuhängen. Sie ist zwar meine Schwester, aber ich kann nicht anders sagen, als daß sie in der Haut einer richtigen Schlampe steckt. Sie hat mir eine Menge von Schweinereien gemacht. Das wäre zu lang, alles zu erzählen, es geht auch am Ende nur uns beide an ... Was nun Lantier anbetrifft, ei der Tausend! Ihr kennt ihn, der ist auch nicht der beste. Ein pratschiger Kerl, nicht wahr? Der für ein Ja und für ein Nein gleich loshaut! Er ist einer der die Faust zumacht, wenn er schlägt ... So haben sie sich allen Ernstes beinahe totgeschlagen. Wenn man die Treppe hinaufstieg, hörte man schon von draußen, was da vorging. Eines Tages ist sogar die Polizei gekommen. Lantier wollte durchaus eine Ölsuppe haben, einen Gräuel, den sie im Süden essen. Als Adele es abscheulich fand, haben sie sich gegenseitig die Ölflasche, die Schüssel, die Suppenterrine, kurz die ganze Wirtschaft an den Kopf geworfen; es war eine Szene, die das ganze Quartier in Aufruhr versetzte. Sie erzählte noch von anderen Schlägereien und konnte mit ihrem Bericht über die Wirtschaft der beiden kein Ende finden; sie wußte Sachen, die einem die Haare zu Berge trieben. Gervaise hörte alle diese Geschichten mit an, ohne ein Wort von sich zu geben, ihr Gesicht war blaß und es zuckte um ihre Lippen, als ob sie lächle. Es waren bald sieben Jahre her, daß sie nicht mehr von Lantier hatte sprechen hören. Nie hätte sie geglaubt, daß, wenn der Name Lantier so an ihre Ohren schlug, es ihr eine so heftige Erregung verursachen könne. Nein, sie hätte nie geglaubt, daß das Schicksal eines Menschen, der sich ihr gegenüber so abscheulich benommen hatte, sie so erregen könne. Sie konnte jetzt auf Adele nicht mehr eifersüchtig sein, aber innerlich lachte sie doch über das wüste Treiben der beiden, sie sah den Körper dieses Mädchens voll blauer Flecke; das rächte sie, das belustigte sie. Bis zum nächsten Morgen hätte sie so dasitzen können und sich von Virginie erzählen lassen. Sie tat keine Fragen, weil sie nicht durchblicken lassen wollte, einen wie lebhaften Anteil sie an diesen Dingen nahm. Es war ihr, als ob man plötzlich in der Geschichte ihres Lebens eine Lücke ausfülle; erst von dieser Stunde an schloß sich ihr jetziges Leben ihrer Vergangenheit an. Virginie hielt inne und steckte noch einmal ihre Nase ins Glas; sie sog mit halbgeschlossenen Augen den Zucker auf. Gervaise begriff, daß sie irgend etwas sagen müsse, sie nahm daher eine gleichgültige Miene an und fragte: »Wohnen sie immer noch beim Eiskeller?« »I bewahre!« antwortete die andere, »habe ich Euch denn nicht erzählt? Es sind jetzt gerade acht Tage her, daß sie nicht mehr zusammen sind. Adele hat eines schönen Tages ihre sieben Sachen aufgepackt und ist davongegangen; daß Lantier ihr nicht nachgelaufen ist, könnt Ihr mir glauben!« Der Wäscherin entfuhr ein leichter Schrei, und sie wiederholte ganz laut: »Sie sind nicht mehr zusammen?« »Wer denn?« fragte Clemence, die ihre Unterhaltung mit Mama Coupeau und Madame Putois unterbrach. »Niemand!« sagte Virginie; »Leute, die Ihr nicht kennt!« Sie beobachtete Gervaise und fand sie sonderbar bewegt. Sie näherte sich ihr wieder und schien schadenfroh genug zu sein, ihre Geschichten wieder anzufangen. Plötzlich fragte sie sie, was sie denn zu machen gedenke, wenn Lantier plötzlich wieder in ihrer Nähe auftauchen sollte. Denn die Männer seien doch nun einmal so seltsam; Lantier sei wohl imstande, seine erste Liebe wieder aufzusuchen. Gervaise richtete sich empor und benahm sich korrekt, sehr würdig. Sie sei verheiratet und würde Lantier die Wege weisen. Damit basta! Zwischen ihnen sei alles aus, nicht einmal einen Händedruck könne sie mit ihm wechseln. Wahrlich, sie müsse kein Herz haben, wenn sie noch einmal diesem Manne ins Gesicht sehe! »Ich weiß wohl,« sagte sie, »daß es ein Band zwischen uns gibt, das ich nicht brechen kann: Etienne ist sein Kind. Wenn Lantier seinen Sohn umarmen will, schicke ich Etienne zu ihm, denn es ist unmöglich, daß man einen Vater hindern kann, sein Kind zu lieben ... Aber was mich anbetrifft, seht Ihr, Madame Poisson, ich ließe mich eher in kleine Stücke zerhacken, als daß ich ihm erlaubte, mich mit einer Fingerspitze zu berühren. Es ist aus!« Als sie die letzten Worte sprach, machte sie in der Luft das Zeichen des Kreuzes, wie um damit für alle Zeiten ihren Eid zu besiegeln. Von dem Wunsche beseelt, die Unterhaltung abzubrechen, schien sie plötzlich zu erwachen und rief den Arbeiterinnen zu: »Sagt mal, ihr da! Glaubt ihr vielleicht, daß die Wäsche sich von selber plättet? ... Das ist ja ein schöner Arbeitseifer! ... Auf! An die Arbeit!« Die Arbeiterinnen übereilten sich nicht, sie waren so erschlafft vor Faulheit, daß sie noch immer mit den Armen auf ihren Knien dasaßen und in der einen Hand die leeren Kaffeegläser hielten, auf deren Boden sich ein wenig Kaffeegrund abgesetzt hatte. Sie plauderten noch weiter. »Da war die kleine Celestine«, sagte Clemence. »Ich habe sie gut gekannt. Die hatte die Verrücktheit mit den Katzenhaaren ... Ihr wißt wohl, sie sah überall Katzenhaare; sie würgte fortwährend mit der Zunge herum, weil sie den Mund voller Katzenhaare zu haben glaubte.« »Ich war mit einer Frau befreundet,« sagte Madame Putois, »die hatte einen Bandwurm ... Ei der Tausend! Diese Tiere haben Gelüste! ... Der kniff ihr in den Bauch, wenn sie ihm kein gebratenes Huhn zu essen gab! Nun müßt Ihr wissen, der Mann verdiente sieben Franken. Da ging alles in Leckerbissen für den Wurm drauf ...« »Ich hätte sie gleich gesund gemacht!« unterbrach sie Mama Coupeau. »Mein Gott! Man ißt eine gebratene Maus runter. Das vergiftet den Wurm mit einemmal.« Gervaise hatte sich aufs neue einem behaglichen Träumen hingegeben. Aber sie schüttelte die Schlaffheit ab und erhob sich. »Das ist ja hübsch, da hätte man sich ja wieder einmal einen Nachmittag um die Ohren geschlagen! Davon wird die Börse auch nicht voll!« Sie war die erste, die zu ihren Gardinen zurückkehrte; da sie einen Kaffeefleck darauf fand, mußte sie die Stelle erst wiederholt mit einem feuchten Läppchen anfeuchten, ehe sie wieder zum Eisen greifen konnte. Die Arbeiterinnen machten sich noch um den Ofen herum zu tun und suchten maulend und brummend ihre Handleder. Sowie Clemence sich in Bewegung setzte, bekam sie einen Hustenanfall von solcher Stärke, daß man glauben mußte, sie werde ihre Zunge ausspucken. Danach machte sie ihre Oberhemden fertig, indem sie die Manschetten und den Kragen mit Stecknadeln zusammensteckte. Madame Putois hatte sich wieder an ihren Unterrock gemacht. »Nun denn, auf Wiedersehen!« sagte Virginie. »Ich war nur runtergegangen, um ein Viertel Schweizerkäse zu holen. Poisson muß glauben, daß ich unterwegs erfroren bin.« Als sie schon drei Schritte auf der Straße gemacht hatte. kehrte sie um, öffnete die Tür und rief hinein, daß sie am Ende der Straße Augustine mit ein paar Straßenjungen schliddern sähe. Diese Range war vor zwei vollen Stunden fortgegangen. Nun kam sie rot und außer Atem herein, ihren Korb auf dem Arm und ihren Haarzopf mit einem Schneeball verziert. Sie ließ sich mit heimtückischer Miene ausschelten und erzählte, daß man wegen des Glatteises nicht gehen könne. Ein paar Taugenichtse mußten ihr aus Mutwillen Stückchen Eis in die Taschen gesteckt haben, denn nach einer Viertelstunde tropfte sie und bewässerte den Laden wie ein Sprengwagen. So verflossen jetzt gewöhnlich die Nachmittage. Der Laden war für das ganze Quartier der Zufluchtsort der frostigen Leute. In der ganzen Goldtropfengasse wußte man, daß es da warm war. Da fanden sich immer schwatzhafte Weiber ein, die vor dem warmen Ofen Plauderstunde hielten, wobei sie ihre Röcke bis ans Knie in die Höhe zogen. Gervaise war auf diese schöne Wärme stolz, sie lud alle ein, sie empfing, wie boshafterweise die Lorilleux' und die Boches sagten. Das Wahre daran war, daß sie liebenswürdig und hilfsbereit blieb und sogar die Armen herbeirief, wenn sie sie draußen frieren sah. Eine besondere Vorliebe hatte sie für einen alten Anstreicher, einen Greis von siebzig Jahren, gefaßt, der im Hause einen Hängeboden bewohnte, wo er vor Hunger und Kälte umkam. Er hatte seine drei Söhne in der Krim verloren und lebte seit den zwei Jahren, wo er keinen Pinsel mehr halten konnte, vom Zufall. Sowie Gervaise den Vater Bru bemerkte, wenn er, um sich zu erwärmen, im Schnee hin- und herlief, rief sie ihn herein und hielt ihm seinen Platz neben dem Ofen frei. Oft mußte er auch ein Stück Brot und Käse essen. Dort saß der alte Mann oft stundenlang, ohne zu sprechen. Sein Rücken war gekrümmt, sein Bart weiß und sein faltiges Gesicht sah wie ein alter Apfel aus. Er horchte auf das Knistern des Kokses; vielleicht zogen an seinem Geiste die fünfzig Jahre vorüber, die er arbeitend auf den Leitern zugebracht hatte, dieses halbe Jahrhundert, in dem er an allen vier Ecken von Paris Türen angestrichen und Decken geweißt hatte. »Nun, Papa Bru,« fragte ihn manchmal die Wäscherin, »woran denkt Ihr denn?« »Oh, an gar nichts, an allerlei!« antwortete er dann mit stumpfsinniger Miene. Die Arbeiterinnen machten sich über ihn lustig und erzählten, daß er Liebeskummer habe. Aber er fiel, ohne sie zu hören, in sein Schweigen und sein dumpfes Hinbrüten zurück. Nach dieser Zeit sprach Virginie zu Gervaise sehr oft von Lantier. Es schien ihr Spaß zu machen, sie mit ihrem früheren Liebhaber zu beschäftigen, um sie durch Vermutungen und Voraussetzungen in Verwirrung zu stürzen. Eines Tages erzählte sie, daß sie ihn getroffen habe; da die Wäscherin darauf nichts erwiderte, fügte sie nichts hinzu, nur am folgenden Tage gab sie zu verstehen, daß er lange mit ihr von Gervaise gesprochen habe und sehr viel Zärtlichkeit für sie hege. Gervaise war durch diese in einer Ladenecke mit halber Stimme geflüsterten Mitteilungen sehr verwirrt. Der Name Lantier wirkte immer auf sie, als ob ihr ein Brandmal auf die Herzgrube beigebracht würde, als ob dieser Mann etwas von sich in ihr zurückgelassen habe! Sicherlich glaubte sie an ihre Festigkeit, sie wollte als anständige Frau leben, denn der Anstand ist allein schon die Hälfte des Glückes. Sie dachte bei der ganzen Angelegenheit auch gar nicht an Coupeau, weil sie sich ihrem Manne gegenüber auch nicht einmal in Gedanken etwas vorzuwerfen hatte. Mit zagendem, gequältem Herzen dachte sie an den Schmied. Es schien ihr, als ob dieses Wiedererwachen der Erinnerung an Lantier, dieses langsame Wiederinbesitznehmen des Mannes, das sie in sich fühlte, eine Untreue gegen Goujet sei, gegen dessen unausgesprochene Liebe, welche die Süßigkeit der Freundschaft hatte. Sie brachte traurige Tage zu, denn sie glaubte sich ihrem besten Freunde gegenüber schuldig. Sie hätte außer ihrer Ehe nur für ihn Zuneigung empfinden mögen. Diese Gefühle lagen tief in ihrem Innern, erhaben über all den niedrigen Leidenschaften, deren verräterischen Abglanz Virginie auf ihrem Antlitz erspähen wollte. Als das Frühjahr gekommen war, nahm sie ihre Zuflucht zu Goujet. Sobald sie sich niedersetzte, um über etwas nachzudenken, kam ihr ihr erster Liebhaber in den Sinn; sie sah, wie er Adele verließ, die Wäsche auf den Grund ihres alten Koffers packte und zu ihr kam, mit dem Koffer auf dem Wagen. An Tagen, wo sie ausging, überfiel sie oft eine plötzliche Furcht; sie glaubte Lantiers Schritte hinter sich zu hören, so daß sie sich nicht umzusehen wagte, sie zitterte und glaubte schon seine Hände zu fühlen, die ihre Taille umfaßten. Es war sicher, daß er um sie herumspionierte, eines schönen Tages werde er schon über sie herfallen. Dieser Gedanke trieb ihr den Angstschweiß auf die Stirn, denn sicherlich werde er ihr einen Kuß aufs Ohr geben, wie er es früher so oft aus Neckerei getan hatte. Vor diesem Kuß entsetzte sie sich schon im voraus, er betäubte sie und umgab sie mit einem so brausenden Geräusch, daß sie nichts mehr hörte als das gewaltige Schlagen ihres Herzens. Wenn diese Beängstigungen sie anwandelten, war die Schmiede ihre einzige Zuflucht; dort wurde sie wieder ruhig und heiter unter Goujets Schutz, dessen mächtiger Hammer ihre bösen Ahnungen in die Flucht schlug. Was für eine glückliche Zeit war das! Die Wäscherin verwendete besondere Sorgfalt auf die Wäsche ihrer Kunden aus der Weißtorstraße. Dorthin lieferte sie immer selbst die Wäsche ab, weil dieser Weg ihr jeden Freitag einen erwünschten Vorwand bot, durch die Mercadetstraße zu gehen und in die Schmiede einzutreten. Schon wenn sie um die Straßenecke bog, fühlte sie sich so leicht und frei, als ob sie eine Landpartie machte. Zwischen diesen spärlich bebauten Grundstücken, die von grauen Werkstätten eingefaßt waren, machte ihr der vom Kohlenstaub geschwärzte Straßendamm und die von weißen Dampf wölken umschwebten Dächer soviel Freude, als ob es ein moosiger Waldpfad in einem Gehölz der Umgegend gewesen sei, der sich in dichten Massen üppigen Grüns verliert; sie liebte selbst den bleichen Horizont, den die hohen Fabrikschornsteine überragten, und den Hügel des Montmartre, der den Himmel verdeckte mit seinen kreidigen Häusern, deren regelmäßige Fensterreihen zu ihr hinüberblickten. Je näher sie kam, desto langsamer wurden ihre Schritte, sie übersprang die Pfützen und durchstreifte mit Vergnügen die verlassenen Winkel des wüsten Bauplatzes. Ganz hinten leuchtet die Schmiede selbst am hellen Mittag. Ihr Herz hüpfte beim Taktschlag der Hämmer. Wenn sie eintrat, war sie ganz rot, die kleinen blonden Löckchen in ihrem Nacken flatterten aufgelöst im Winde, wie bei einer Frau, die zu einem Stelldichein kommt. Goujet erwartete sie, mit nackten Armen und nackter Brust schlug er an diesen Tagen noch stärker auf den Amboß, um sich schon von weitem hörbar zu machen. Er ahnte ihr Kommen und bewillkommnete sie mit einem freudigen Lächeln in seinem blonden Bart. Sie wollte ihn nicht bei der Arbeit stören und bat ihn, wieder zum Hammer zu greifen, denn sie liebte ihn noch mehr, wenn er mit seinen mächtigen Armen, an denen die Muskeln schwollen, den Hammer schwang. Sie gab Etienne, der seinen Blasebalg zog, einen leichten Klaps auf die Backe und blieb da wohl eine Stunde in der Betrachtung der Bolzen vertieft. Sie sprachen keine zehn Worte miteinander, und dennoch hätten sie in einem doppelt verschlossenen Zimmer ihrer Zärtlichkeit nicht mehr genugtun können. Die Stichelreden des Salzschnabels, genannt Sauf-aus-ohne-Durst, störten sie nicht, denn sie hörten sie nicht einmal. Nach einer Viertelstunde fing sie an, ein wenig von der Hitze zu leiden, die starken Gerüche und der Dampf betäubten sie, während die dumpfen Schläge sie von Kopf bis Fuß erzittern ließen. Weiter wünschte sie nichts, das war ihre ganze Freude; selbst wenn Goujet sie an seine Brust gedrückt hätte, wäre ihre Bewegung nicht größer gewesen. Sie ging nahe zu ihm heran, um den Wind seiner Hammerschläge an ihrer Backe zu spüren, um so mit teilzunehmen an dem Schlage, den er führte. Wenn die Funken auf ihre zarten Hände niederfielen, zog sie sie nicht zurück, im Gegenteil, sie fühlte diesen Feuerregen, der da auf ihre Haut niederprasselte, wie eine Lust. Sicherlich ahnte er, welches Glück sie dort empfand; er sparte für den Freitag besonders schwierige Arbeiten auf, um ihr mit all seiner Kraft und Geschicklichkeit seine Liebe zu erweisen. Er hielt jetzt nicht mehr an sich; auf die Gefahr hin, den Amboß zu zerschmettern, ließ er hochaufatmend in seinen Schlägen die Freude austönen, welche ihn durchdrang. Während des ganzen Frühjahrs erfüllte ihre Liebe die Schmiede mit dem Getöse eines Gewitters. Das war ein Traumleben in dem Werk eines Riesen, inmitten der flammenden Kohle, unter diesem wackelnden Schuppen, dessen rußige Balken krachten. All dieses zerschmetterte Eisen, das wie rotes Wachs gefügig sich formen mußte, trug den rauhen Stempel ihrer Zärtlichkeit. Wenn die Wäscherin Freitags das Löwenmaul verließ, stieg sie langsam die Fischerstraße hinauf; sie war befriedigt und ihr Geist sowie ihr Körper hatten ihr Gleichgewicht wiedergewonnen. Nach und nach hörte sie auf, sich vor Lantier zu fürchten, und sie wurde wieder ruhig. Zu dieser Zeit hätte sie sehr glücklich leben können, wenn Coupeau nicht gewesen wäre, der jetzt entschieden anfing, ein schlechter Mensch zu werden. Als sie eines Tages gerade von der Schmiede zurückkam, glaubte sie Coupeau zu erkennen, der im »Totschläger« des Vater Colombe sich mit Mes-Bottes, Bibi-la-Grillade und Salzschnabel, genannt Sauf-aus-ohne-Durst, einen Satz Vitriol leistete. Sie ging schnell vorbei, weil sie nicht wollte, daß es so aussehe, als ob sie sein Tun und Treiben ausspioniere. Aber sie blickte doch noch einmal zurück; jawohl, es war Coupeau, der mit der geübten Handbewegung, die nur die häufige Gewohnheit gibt, sein kleines Glas Fusel hinunterstürzte. Er log also, er war doch schon beim Branntwein angekommen! Ganz verzweifelt kam sie nach Hause; der ganze Schrecken, den sie vor dem Schnaps hegte, erfaßte sie wieder. Den Wein verzieh sie, denn der Wein nährt den Arbeiter, aber der Alkohol war eine Schweinerei, ein Gift, das dem Manne das Brot verleidete. Ah! die Regierung hätte wohl die Herstellung solcher Schweinereien verhindern sollen! Als sie in der Goldtropfenstraße ankam, fand sie das ganze Haus in Aufregung. Ihre Arbeiterinnen hatten den Werktisch verlassen und guckten auf dem Hofe in die Höhe. Sie fragte Clemence. »Der Vater Bijard haut seine Frau durch!« antwortete die Plätterin. »Er war hier unter dem Haustor, betrunken wie ein Pole, und paßte auf, wenn sie vom Waschhaus käme... Er hat sie mit Faustschlägen die Treppe hinaufgejagt und jetzt schlägt er sie da oben in ihrem Zimmer zusammen... Hört doch, hört Ihr das Schreien?« Gervaise ging schnell nach oben. Sie hegte eine große Freundschaft für Madame Bijard, ihre Wäscherin, die eine tüchtige, brave Frau war. Sie hoffte der Sache Einhalt zu tun. Oben im sechsten Stock war die Tür des Zimmers offen geblieben, ein paar Nachbarn jammerten auf dem Gange, während Madame Boche in der Türe schrie: »Wollt Ihr wohl aufhören?... Ich hole die Polizei, versteht Ihr wohl?« Niemand wagte sich in das Zimmer, denn man kannte Bijard, er war ein stumpfsinniges Tier, wenn er betrunken war. Er tobte übrigens seine Räusche nie anders aus. Die wenigen Tage, wo er arbeitete, setzte er einen Liter Branntwein neben seinen Schraubstock in der Schlosserei und trank in vollen Zügen alle halbe Stunde. Er konnte sich nicht anders mehr aufrechterhalten; er hätte wie eine Fackel angefangen zu brennen, wenn man ein angezündetes Streichholz seinem Munde nahe gebracht hätte. »Aber man kann sie doch nicht in Stücke schlagen lassen!« sagte Gervaise, am ganzen Leibe zitternd. Sie trat ein. Das Mansardenzimmer war sehr sauber, aber nackt und kalt, ausgeleert durch die Trunksucht des Mannes, der die Bettbezüge fortnahm, um sie zu vertrinken. Bei dem Kampfe war der Tisch umgefallen und bis zum Fenster gerollt, die beiden Stühle lagen mit den Beinen nach oben am Boden. Auf den Dielen, in der Mitte des Raumes, lag Madame Bijard, deren Röcke, noch naß vom Waschhause, an ihren Schenkeln klebten; ihre Haare waren zerzaust und blutig, sie röchelte mit schwerem Atem und stieß halb unterdrückte Schmerzenslaute aus bei jedem Fußtritt, den ihr Bijard versetzte. Er hatte sie erst mit beiden Fäusten zu Boden geschlagen und jetzt stieß er sie mit Füßen. »Jawohl! Du Dirne!... Du Sau!...« heulte er mit erstickter Stimme und begleitete jedes seiner Worte mit einem Tritt, sich selbst anfeuernd und um so stärker stoßend, je mehr ihm der Atem verging. Zuletzt versagte ihm die Stimme ganz und doch schlug er noch immer unsinnig und rasend; sein Rock und seine zerfetzte Bluse hingen an seinem steifen Körper, sein Gesicht war blau, soweit es der schmutzige Bart freiließ, und auf seiner Stirn zeigten sich große rote Flecke. Die Nachbarn auf dem Gange erzählten, er schlüge sie, weil sie ihm am Morgen zwanzig Sous verweigert habe. Man hörte Boches Stimme von der Treppe her. Er rief Madame Boche und schrie: »Komm doch runter! Laß sie sich doch totschlagen, da gibt's ein paar Lumpen weniger!« Der Papa Bru war Gervaise in das Zimmer gefolgt. Beide versuchten den Schlosser zur Vernunft zu bringen und ihn nach der Tür zuzustoßen. Aber er wandte sich, ohne ein Wort zu sprechen, ab, vor seinen Lippen stand Schaum, aus seinen öden Augen leuchtete der Alkohol mit der tückischen Flamme des Mordes. Der Wäscherin hatte er eine Hand zerquetscht, und der alte Arbeiter war über den Tisch gefallen. Am Boden stöhnte Madame Bijard mit weit offenem Munde und geschlossenen Augenlidern. Bijard traf sie jetzt nicht mehr, er versuchte wieder mit verdoppelter Wut, schlug blindlings zur Seite und traf sich schließlich selbst mit Hieben, die er ins Leere führte. Während dieser ganzen entsetzlichen Szene sah Gervaise in einer Ecke des Zimmers die kleine vierjährige Lalie, welche zusah, wie ihr Vater ihre Mutter zu Tode schlug. Das Kind hielt auf seinen Armen, wie um sie zu beschützen, ihre Schwester Henriette, die seit einem Tage entwöhnt war. Das Kind stand aufrecht, um seinen Kopf ein Kattuntaschentuch gebunden; es sah sehr bleich aus, und seine Miene war ernst. Aus seinen dunklen Augen strahlte ein Blick von gedankenvoller Festigkeit ohne eine Träne. Als Bijard über einen Stuhl gestolpert war und auf dem Boden ausgestreckt lag, ließ man ihn schnarchen. Der Papa Bru half Gervaise Madame Bijard aufheben. Diese weinte jetzt mit heftigem Schluchzen. Lalie, welche herzugekommen war, sah sie weinen, aber sie war so gewöhnt an solche Auftritte, daß sie schon getröstet war. Während die Wäscherin hinabstieg und das Haus sich wieder beruhigt hatte, konnte sie den Blick dieses vierjährigen Kindes nicht vergessen, der so ernst und mutig war wie der Blick einer Frau. »Herr Coupeau ist auf der andern Seite der Straße!« rief ihr Clemence entgegen, als sie sie bemerkte. »Er sieht verdammt angeheitert aus!« Coupeau kam gerade über den Damm. Beinahe hätte er mit der Schulter eine Glasscheibe eingerannt, weil er die Tür verfehlte. Er war total betrunken; seine Zähne waren fest aufeinander gepreßt und seine Züge gespannt. Gervaise erkannte sogleich das Vitriol des »Assommoir« in dem vergifteten Blut, das seine Haut erbleichen machte. Sie wollte lachen und ihn zu Bette bringen, wie es gewöhnlich geschah, wenn er seinen gutmütigen Weinrausch hatte. Aber er stieß sie von sich, ohne ein Wort zu sprechen; im Vorbeigehen nach seinem Bett hin, das er selbst aufsuchte, drohte er ihr mit der Faust. Er glich dem andern, dem Trunkenbold, der da oben schnarchte, nachdem er sich müde geschlagen hatte. Da legte es sich ihr wie Eis aufs Herz, sie dachte an die Männer, an ihren Ehemann, an Goujet, an Lantier, und mit zerrissenem Herzen verzweifelte sie daran, jemals glücklich zu werden. Siebentes Kapitel. Gervaises Namenstag fiel auf den neunzehnten Juni. An solchen Festtagen wurde bei den Coupeaus das Unterste zu oberst gekehrt; da wurden Fressereien veranstaltet, von denen alle wie genudelt aufstanden, da sie sich den Bauch für die ganze Woche voll geschlagen hatten. Da wurde alles Geld verputzt bis auf den letzten Sou. Sowie man ein paar Franken im Hause hatte, wurden sie verjubelt. Man suchte im Kalender nach neuen Heiligen, um nur einen Vorwand für eine Fresserei zu haben. Virginie bestärkte Gervaise noch darin, sich möglichst viel Gutes anzutun. Wenn man einen Mann habe, der alles vertrinke, sei es ja ein gutes Werk, wenn man sich erst einmal den Magen ordentlich voll schlage, ehe das ganze Vermögen für Flüssigkeiten weggehe. Da das Geld doch einmal vergeudet wurde, war es da nicht ebensogut, wenn man den Fleischer etwas verdienen ließ, wie wenn alles zum Weinhändler ging? Und Gervaise, leckermäulig wie sie war, begnügte sich mit dieser Entschuldigung. Was konnte sie dafür? War es nicht Coupeaus Schuld, wenn sie nicht einen roten Heller ersparen konnten? Sie war noch fetter geworden und hinkte stärker, weil ihr Bein im Verhältnis, wie es an Fett zunahm, immer kürzer zu werden schien. In diesem Jahre sprach man schon einen Monat vorher von dem Feste. Man beriet, was gekocht werden sollte, und ließ sich schon im voraus das Wasser im Munde zusammenlaufen. Im ganzen Laden hatten alle eine ganz verdammte Lust zu schmausen und zu jubilieren. Diesmal mußte es eine ganz tolle Geschichte geben, so etwas Gelungenes, was man nicht alle Tage sah. Mein Gott! es war ja nicht alle Tage Sonntag! Die größte Schwierigkeit für die Wäscherin war zu überlegen, wen sie alles einladen sollte; sie wollte gern zwölf Personen zu Tisch haben, nicht mehr und nicht weniger. Sie, ihr Mann, Mama Coupeau, Madame Lerat, das machte schon vier Personen, die zur Familie gehörten, dann würde sie die Goujets und die Poissons bitten. Zuerst hatte sie beschlossen, ihre Arbeiterinnen, Madame Putois und Clemence, nicht einzuladen, um sich nicht allzu vertraulich mit ihnen zu machen; aber da immer in ihrer Gegenwart von dem Feste gesprochen wurde und sie immer längere Gesichter bekamen, sagte sie ihnen schließlich, daß sie auch kommen sollten. Vier und vier, waren acht, und zwei, machte zehn. Da sie durchaus ihre zwölf Personen vollzählig haben wollte, so versöhnte sie sich mit den Lorilleux', die schon seit einiger Zeit um sie herumschwänzelten; es wurde abgemacht, daß die Lorilleux' zum Essen herunterkämen und daß man mit dem Glase in der Hand Frieden schließen wolle. Man konnte doch mit der Familie nicht fortwährend böse spielen. Dann stimmte auch der Gedanke an das Fest alle Herzen versöhnlich. Das war eine Gelegenheit, die man unmöglich von der Hand weisen konnte. Als die Boches von der beabsichtigten Aussöhnung Kenntnis erhielten, versuchten auch sie, sich Gervaise durch Artigkeit und verbindliches Lächeln wieder zu nähern, so daß man sie bitten mußte, mit von der Partie zu sein. Da waren es schon vierzehn, die Kinder ungerechnet. Niemals hatte sie ein solches Gastmahl gegeben; das machte sie ganz verwirrt und stolz zu gleicher Zeit. Das Fest fiel gerade auf einen Montag. Das war sehr glücklich. Gervaise rechnete darauf, am Sonntag nachmittag mit dem Kochen anzufangen. Am Sonnabend, während die Plätterinnen die Arbeit besorgten, entspann sich im Laden eine lange Unterhaltung, um endgültig festzustellen, was man essen werde. Ein einziges Gericht war schon seit drei Wochen von allen gebilligt: eine fette, gebratene Gans. Von der sprach man mit lüsternen Augen. Die Gans war sogar schon gekauft. Mama Coupeau brachte sie herein, um sie von Clemence und Madame Putois abschätzen zu lassen. Da war nur ein Schrei der Bewunderung, so riesengroß erschien das Tier mit seiner dicken Haut, welche die gelben Fettpolster schwellen ließen. »Vorher gibt man Suppenfleisch, nicht wahr?« sagte Gervaise. »Eine gute Bouillon und ein Stückchen Suppenfleisch, das tut immer gut... Dann müssen wir eine Schüssel mit einer Soße haben.« Die große Clemence schlug Kaninchen vor; aber das aß man nicht, jeder war seiner überdrüssig. Gervaise dachte an etwas Vornehmeres. Als Madame Putois von einem Kalbsfrikassee gesprochen hatte, sahen sie einander immer befriedigender lächelnd an. Das war ein Gedanke! Nichts werde so viel Aufsehen machen, wie ein Kalbsfrikassee! »Nachher«, meinte Gervaise, »müssen wir noch eine solche Schüssel haben.« Mama Coupeau dachte an Fisch. Aber die anderen schnitten Gesichter und setzten ihre Eisen fester auf. Niemand wollte etwas von Fisch wissen; das fühlte man nicht im Magen und war voller Gräten. Die schielende Augustine wagte sofort zu bemerken, daß sie gern Rochen esse, aber Clemence schloß ihr sofort mit einem Rippenstoß den Schnabel. Endlich hatte die Meisterin etwas gefunden, das aller Welt die Gesichter verklärte: einen Schweinsrücken mit Kartoffeln, als Virginie wie ein Wirbelwind mit erregtem Gesicht hereinkam. »Gut, daß Ihr kommt!« rief Gervaise. »Mama Coupeau, zeigt ihr doch das Tier!« Da ging Mama Coupeau und holte zum zweiten Male die fette Gans, die Virginie in ihre Hände nehmen mußte. Sie war entzückt. Potztausend! war die schwer! Aber sie legte sie gleich auf den Rand des Arbeitstisches zwischen einen Unterrock und ein Paket Hemden. Andere Dinge beschäftigten sie, deshalb führte sie Gervaise in das Hinterzimmer. »Hört doch, meine Liebe,« murmelte sie hastig, »ich muß Euch etwas mitteilen ... Ihr ahnt nicht, wen ich da unten am Ende der Straße getroffen habe? Lantier, meine Beste! Er spioniert da umher und paßt auf ... Ich bin deshalb gleich gekommen. Es hat mich Euretwegen besorgt gemacht, Ihr versteht mich doch?« Die Wäscherin war ganz blaß geworden. Was wollte denn der Unglückliche von ihr? Gerade jetzt stolperte er ihr mitten in die Vorbereitungen zu ihrem Feste hinein. Sie hätte auch nie ein bißchen Glück gehabt, nie konnte sie ein Vergnügen ruhig genießen. Aber Virginie sagte ihr, daß sie sich daran doch nicht kehren solle. Ei der Tausend! Wenn Lantier sich einfallen lassen solle, sie zu belästigen, werde sie einen Polizeisergeanten holen und ihn einlochen lassen. Seit einem Monat, wo ihr Mann seine Stelle als Stadtsergeant bekommen hatte, nahm die große Brünette ein sehr schneidiges Wesen an und sprach davon, jedermann einstecken zu lassen. Mit erhobener Stimme sprach sie davon, wie sie wünschte, daß sich auf der Straße doch einmal jemand an ihr vergreifen möge, nur damit sie den Unverschämten selbst zur Wache bringen und an Poisson ausliefern könne. Gervaise bat sie mit einer Handbewegung, sich doch zu mäßigen, die Arbeiterinnen könnten alles hören. Sie ging zuerst wieder in den Laden, dort sagte sie mit erheuchelter Ruhe: »Müssen wir ein Gemüse haben?« »Was meint Ihr zu grünen Schoten mit Speck?« sagte Virginie. »Ich esse nichts lieber als das.« »Ja, ja, grüne Schoten mit Speck!« jubelten alle anderen, während Augustine vor Entzücken den Feuerhaken immer tiefer in den Ofen steckte. Am nächsten Tage war Sonntag. Seit drei Uhr hatte Mama Coupeau die beiden Öfen im Hause in Brand gesetzt und noch einen dritten tragbaren Kochofen von den Boches geborgt. Um halb vier kochte das Suppenfleisch in einem großen Kochtopf, den der Wirt von nebenan geborgt hatte, weil der gewöhnliche Kochtopf zu klein erschien. Man hatte sich dafür entschieden, das Kalbsfrikassee und den Schweinsrücken am Tage zuvor zu bereiten, weil diese Schüssel aufgewärmt besser schmecke, nur die Soße zum Frikassee sollte erst gemacht werden, wenn man sich zu Tische setze. Dann blieb immer noch genug für den Montag zu tun übrig, die Suppe, die Schoten mit Speck und der Gänsebraten. Das Hinterzimmer war ganz hell von den drei Kochfeuern. Die braune Butter prasselte in den Töpfen, und es verbreitete sich ein starker Dunst von angebranntem Mehl, während der große Bouillonkessel wie eine Dampfmaschine regelmäßige Dampfwolken ausstieß, wobei seine Wände erzitterten, ehe sich mit Gurgelgeräusch der Deckel hob. Mama Coupeau und Gervaise, jede mit einer weißen Schürze, erfüllten den Raum mit ihrer hastigen Tätigkeit; sie putzten Petersilie, liefen nach Pfeffer und Salz, oder wandten mit hölzernen Gabeln das Fleisch um. Sie hatten Coupeau den Stuhl vor die Tür gesetzt, um ihn los zu sein; aber sie hatten trotzdem den ganzen Nachmittag Leute genug, die ihnen im Wege standen. Die Kocherei roch so gut, aus dem Hause kamen die Nachbarn einer nach dem andern und traten unter irgendeinem Vorwand näher, nur um zu wissen, was gekocht wurde; sie pflanzten sich da auf und warteten, bis die Wäscherin einmal die Deckel aufheben mußte. Gegen fünf Uhr erschien Virginie, sie hatte schon wieder Lantier gesehen, man konnte keinen Fuß mehr auf die Straße setzen, ohne ihn zu treffen. Auch Madame Boche hatte ihn soeben mit seinem listigen Gesicht an der Ecke auf dem Bürgersteig stehen sehen. Nun erfaßte Gervaise ein Zittern; sie hatte eben zu der Bouillon für einen Sou Zwiebel holen wollen, aber jetzt wagte sie nicht auszugehen, um so weniger, als die Pförtnersfrau und die Näherin schreckliche Geschichten von Männern erzählten, die auf Frauen warteten und unter ihren Überziehern Messer und Pistolen verborgen hätten. Nun ja! man las davon alle Tage in den Zeitungen; wenn sich so einer einmal in den Kopf gesetzt hat, seine alte Liebe wieder besitzen zu wollen, da ist er zu allem fähig. Virginie erbot sich in liebenswürdiger Weise, die Zwiebel zu holen. Man mußte sich doch helfen unter Frauen und durfte doch die arme Kleine nicht umbringen lassen. Als sie zurückkam, sagte sie, daß Lantier nicht mehr da sei, er werde sich wohl davon gemacht haben, weil er sich entdeckt sah. Bei der Unterhaltung um die Kochöfen herum wurde viel von ihm gesprochen bis zum Abend. Als Madame Boche den Rat gab, Coupeau von der Sache zu verständigen, zeigte sich Gervaise sehr erschreckt und bat, man möge doch gegen ihn nie ein Wort von diesen Dingen fallen lassen. Das wäre eine schöne Geschichte! Ihr Mann müsse schon so etwas vermuten, denn seit einigen Tagen fluche er, wenn er zu Bette gehe und schlage mit den Fäusten gegen die Wand. Der Gedanke, daß die beiden Männer ihretwegen aneinandergeraten könnten, ließ sie erzittern; sie kenne Coupeau, er sei eifersüchtig genug, um über Lantier mit seinen Scheren herzufallen. Während sich so alle vier in dieses Gespräch vertieften, prasselten die Soßen auf den mit Asche bedeckten Öfen ganz leise. Als Mama Coupeau von dem Frikassee und dem Schweinsrücken die Deckel abnahm, gab es ein kleines Geräusch, so ein heimliches Zittern; der große Bouillonkessel schnarchte noch immer wie ein eingeschlafener Küster, dem die Sonne auf den Bauch scheint. Schließlich schöpften sie sich jede eine Tasse Bouillon ab, um zu kosten. Endlich war der Montag da. Jetzt, wo Gervaise vierzehn Personen zu Tische haben sollte, fürchtete sie, nicht alle unterbringen zu können. Sie entschloß sich, im Laden zu decken. Vom Morgen an ging sie mit einem Metermaß umher, um zu sehen, wie sie den Tisch stellen mußte; darin mußte die Wäsche beiseite geschafft und der Arbeitstisch abgeräumt werden, denn auf dem Arbeitstisch, den man auf andere Böcke setzte, sollte gegessen werden. Gerade mitten in diese Kramerei hinein kam eine Kundin und machte Lärm, weil sie schon seit Freitag vergebens auf ihre Wäsche wartete; es schien, als ob man sich gar nicht um sie bekümmere, sie wolle augenblicklich ihre Wäsche haben. Da entschuldigte sich Gervaise und log mit großer Sicherheit; es sei gewiß nicht ihre Schuld, aber ihr Laden werde reingemacht, und die Arbeiterinnen kämen erst morgen wieder. So gelang es ihr, die Kundin beruhigt wegzuschicken, nachdem sie ihr versprochen, zuerst an sie zu denken. Als sie fort war, fielen böse Redensarten. Ist es denn nicht wahr? wenn man nur auf die Kunden höre, so dürfe man sich selbst nicht die Zeit zum Essen nehmen, da müsse man sich sein ganzes Leben lang schinden nur ihrer schönen Augen wegen. Man sei doch am Ende auch kein Hund! Das fehle noch! Wenn der Großtürke in eigener Person gekommen wäre und ihr einen Kragen gebracht hätte, und wenn sie gleich hunderttausend Franken damit hätte verdienen können, an diesem Montag würde sie kein Plätteisen angerührt haben, denn an diesem Tage wolle sie auch einmal ein bißchen ihr Leben genießen. Der ganze Morgen ging damit hin, die letzten Einkäufe zu machen. Dreimal ging Gervaise aus und kam jedesmal wie ein Maulesel beladen nach Hause. Eben als sie wieder gehen wollte, um den Wein zu bestellen, machte sie die Entdeckung, daß ihr Geld zu Ende war. Sie hätte den Wein ja sehr gut borgen können, aber man konnte doch wegen der vielen kleinen, unvorhergesehenen Ausgaben im Hause nicht ganz ohne Geld bleiben. In der Hinterstube besprach sie mit Mama Coupeau die traurige Lage der Dinge und berechnete mit ihr, daß sie wenigstens zwanzig Franken gebrauche. Wo sollten diese vier Hundertsousstücke herkommen? Mama Coupeau, die früher die Aufwartung für eine kleine Schauspielerin vom Theater Batignolles besorgt hatte, sprach zuerst vom Leihhause. Gervaise lachte erleichtert auf. Wie dumm von ihr, auch daran nicht zu denken! Schnell wickelte sie ihr schwarzes Seidenkleid in eine Serviette, die sie mit Stecknadeln zusammensteckte. Sie schob selbst das Paket der Mama Coupeau unter die Schürze und riet ihr, es ja recht platt vor ihren Bauch zu halten, damit die Nachbarn nichts davon merkten. An der Türe paßte sie auf, ob jemand auf die alte Frau achte. Doch als diese kaum bis zum Kohlenhändler gekommen war, rief sie sie zurück: »Mama! Mama!« Sie ließ sie wieder in den Laden kommen, zog ihren Trauring vom Finger und sagte: »Hier, nehmt das dazu, da werden wir mehr bekommen!« Als Mama Coupeau ihr fünfundzwanzig Franken brachte, hüpfte sie vor Freude. Schnell bestellte sie noch sechs Flaschen guten Wein nach, den man zum Braten trinken sollte. Nun mußten die Lorilleux' platzen. Seit vierzehn Tagen träumten die Coupeaus von nichts anderem, als die Lorilleux' vor Ärger bersten zu machen. Wie machten es denn diese Duckmäuser? Mann und Frau, fürwahr, ein nobles Paar! Wenn sie ein gutes Stück zu essen hatten, schlössen sie sich damit ein, als ob sie es gestohlen hätten. Ja, ja, sie hängten Decken vor die Fenster, damit das Licht nicht hindurchscheine und man glauben solle, sie schliefen. Natürlich, damit nur ja niemand nach oben käme. Da fressen sie dann ganz allein und stopfen sich hastig voll, ohne ein lautes Wort dabei zu reden. Selbst am nächsten Tage hüteten sie sich, die Knochen auf den Müll zu werfen, weil man daraus hätte schließen können, was sie gegessen haben. Madame Lorilleux ging bis ans Ende der Straße und warf alles in ein Abfalloch; eines Morgens hatte Gervaise sie dabei überrascht, wie sie ihren Korb dort ausleerte, der voller Austernschalen war. Nun, soviel war sicher, diese Geizhammel verstanden nicht zu leben, und alle ihre Manöver kommen nur daher, weil sie mit aller Gewalt für arme Leute gelten wollten. Denen werde man es einmal zeigen; denen werde man zeigen, daß man auch kein Hund sei. Wenn Gervaise gekonnt hätte, würde sie am liebsten den Tisch quer über die Straße weg gedeckt und jeden Vorübergehenden eingeladen haben, denn nicht wahr? das Geld ist doch nicht dazu erfunden, daß es im Kasten verschimmelt; es ist hübsch, wenn es so ganz neu in der Sonne blinkt. So wenig glich sie jetzt ihren Verwandten, daß an Tagen, wo sie nur zwanzig Sous hatte, sie so daraufloswirtschaftete, daß man glauben mußte, es seien vierzig. Um drei Uhr deckten Mama Coupeau und Gervaise den Tisch und sprachen dabei von den Lorilleux'. Sie hatten vor dem Schaufenster große Vorhänge befestigt, aber da es warm war, blieb die Ladentür offen, und alle konnten von der Straße den gedeckten Tisch sehen. Die beiden Frauen setzten nicht eine Wasserflasche, nicht ein Glas oder einen Salznapf auf den Tisch, ohne darauf bedacht zu sein, die Lorilleux' nach Kräften zu ärgern. Sie hatten ihnen solche Plätze gegeben, daß sie die ganze wundervolle Entwicklung der Tafel übersehen mußten; sie hoben für sie das beste Geschirr auf, denn sie wußten wohl, daß die echten Porzellanteller sie grün und gelb vor Ärger machen würden. »Aber, nicht doch, Mama!« rief Gervaise, »gib ihnen doch nicht die Servietten! Ich habe zwei, die mit Damast sind!« »Desto besser!« murmelte die alte Frau, »dann ersticken sie sicher vor Ärger.« Sie lächelten einander zu, wie sie so an den beiden Seiten des großen, weißen Tisches standen, auf dem die vierzehn aufgelegten Gedecke ihre Herzen vor Stolz schwellen ließen. Das war mitten im Laden wie eine Kapelle. »Das ist ihnen ganz recht!« fing Gervaise wieder an, »warum sind sie solche Geizhammel! ... Ihr wißt doch, daß sie gelogen haben, als sie vorigen Monat überall erzählten, daß die Frau beim Arbeitabtragen ein Stück Kette verloren habe. Als ob die jemals etwas verlieren werde! ... Das war bloß so eine Finte, den Leuten etwas vorzujammern, um Euch nicht Eure hundert Sous geben zu brauchen.« »Bis jetzt habe ich sie nur zweimal zu sehen bekommen, meine hundert Sous.« »Paßt mal auf, ich will mit Euch wetten, nächsten Monat werden sie wieder eine andere Geschichte erfinden ... Darum verhängen sie auch ihre Fenster, wenn sie ein Kaninchen essen. Nicht wahr? man hätte doch das Recht, ihnen zu sagen: ›Wenn ihr Kaninchen essen könnt, dann könnt ihr auch eurer Mutter ihre hundert Sous geben.‹ Oh, das ekelhafte Pack! ... Was wäre wohl aus Euch geworden, wenn ich Euch nicht zu uns genommen hätte!« Mama Coupeau nickte mit dem Kopfe. An diesem Tage war sie ganz gegen die Lorilleux' wegen des großen Essens, das die Coupeaus gaben. Sie liebte das Kochen, das Geschwätz bei den Schüsseln und die durch die Gastereien und Feste auf den Kopf gestellten Wirtschaften. Übrigens vertrug sie sich auch für gewöhnlich ganz gut mit Gervaise. An Tagen, wo sie einmal ein bißchen miteinander herumzankten, wie es in allen Haushaltungen vorkommt, brummte die alte Frau und hielt sich für kreuzunglücklich, daß sie so von ihrer Schwiegertochter abhängig sein mußte. In der Tiefe ihres Herzens hegte sie wohl noch Zärtlichkeit für Madame Lorilleux, die doch immerhin ihre Tochter war. »Was meint Ihr? Ob Ihr bei denen auch so wohlgenährt wäret? Ohne Kaffee, ohne Tabak und hin und wieder einmal etwas Süßes! ... Meint Ihr, daß die zwei Matratzen für Euer Bett gegeben hätten?« »Oh, gewiß nicht!« sagte Mama Coupeau. »Wenn sie kommen, werde ich mich der Tür gegenüberstellen, damit ich sehen kann, was sie für Gesichter machen.« Diese Gesichter der Lorilleux' belustigten sie schon im voraus. Aber man durfte die Hände noch nicht in den Schoß legen und den gedeckten Tisch angucken. Coupeaus hatten erst sehr spät gefrühstückt, gegen ein Uhr, sie nahmen nur ein wenig kalten Aufschnitt, denn die drei Kochöfen waren besetzt, und sie wollten auch kein Geschirr mehr schmutzig machen, das alles schon für den Abend gewaschen war. Um vier Uhr hatten die Frauen die Kocherei ordentlich in den Gang gebrächt. Die Gans briet auf einem Eisenrost, den man auf der Erde gegen die Mauer zur Seite des geöffneten Fensters aufgestellt hatte; das Tier war so groß, daß man es mit Gewalt hatte in die Bratpfanne pressen müssen. Die schielende Augustine, die auf einer kleinen Fußbank saß, bekam den vollen Widerschein vom Feuer des Rostes und begoß mittels eines langstieligen Löffels die Gans mit großer Wichtigkeit. Gervaise beschäftigte sich mit den Speckerbsen. Mama Coupeau hatte über alle Gerüche völlig den Kopf verloren; sie trippelte umher und wartete auf den Augenblick, wo sie das Frikassee und den Schweinsrücken werde warmstellen können. Gegen fünf Uhr fingen die Gäste an zu kommen. Zuerst erschienen die beiden Arbeiterinnen, Clemence und Madame Putois, beide sonntäglich geschmückt, die erste in Blau, die andere in Schwarz; Clemence brachte einen Geraniumtopf, Madame Putois einen Heliotrop. Gervaise, die gerade ganz mehlige Hände hatte, mußte jeder von beiden einen ordentlichen Schmatz auf die Backe geben, wobei sie ihre weißen Hände so weit wie möglich nach hinten streckte. Ihnen auf dem Fuße folgte Virginie; sie war wie eine Dame angezogen, hatte ein Kleid von bedrucktem Musselin mit einer Schärpe an; ihren Kopf schmückte ein Hut, obgleich sie nur quer über die Straße zu gehen gehabt hatte. Sie brachte einen Topf roter Nelken mit, umarmte die Wäscherin mit ihren großen Armen und drückte sie stark an sich. Dann kamen Boche mit einem Veilchentopf und Madame Boche mit Reseda. Madame Lerat kam mit einem Zitronenbaum, der mit seinem Sande ihr violettes Merinokleid ganz schmutzig gemacht hatte. Alle diese Leute umarmten, küßten sich und füllten das ganze Zimmer, wo die drei Kochöfen und der Rost eine Hitze ausstrahlten, daß einen der Schlag rühren konnte. Das Geräusch des Bratens und Kochens auf den Öfen übertönte die Stimmen. Als jemand mit dem Kleid an der Bratpfanne hängen blieb, entstand eine Bewegung. Das roch so stark nach Gänsebraten, daß alle in die Luft schnüffelten. Gervaise war sehr liebenswürdig; sie dankte jedermann für seine Blumen, ohne daß sie deswegen aufgehört hätte, in einer tiefen Schüssel die Soße für das Frikassee fertigzumachen. Sie hatte alle Töpfe an das eine Ende des Tisches gestellt, ohne ihnen ihre hohen Papierumhüllungen zu nehmen. So mischte sich denn ein sanfter Blumenduft unter die Küchengerüche. »Darf man Euch ein bißchen helfen?« sagte Virginie. »Wenn ich bedenke, daß Ihr schon seit drei Tagen arbeitet, alles Essen zu bereiten, und daß wir es in so kurzer Zeit alles 'runterschlingen werden!« »Ei was!« antwortete Gervaise, »es macht sich doch einmal nicht von selber ... Nein, nein, macht Euch nicht die Hände schmutzig. Ihr seht ja, es ist alles fertig. Nur noch die Suppe ist abzufüllen ...« Jetzt machte man es sich bequem. Die Damen legten ihre Schals und Hauben auf das Bett und steckten ihre Unterröcke mit Stecknadeln ein wenig auf, um sie nicht zu beschmutzen. Boche, der seine Frau bis zum Essen in die Pförtnerloge zurückgeschickt hatte, stieß schon Clemence in eine Ecke beim Plättofen und fragte sie, ob sie kitzlig sei. Diese wand sich keuchend hin und her, so daß ihr Busen das Korsett zu zersprengen drohte, denn nur der Gedanke an Kitzeln ließ ihr schon einen förmlichen Schauder über den ganzen Körper laufen. Auch alle die anderen Damen kamen in den Laden, um den Köchinnen nicht lästig zu fallen; dort stellten sie sich dem Tische gegenüber an die Wand. Da aber die Unterhaltungen durch die Tür immer noch fortgesetzt wurden, kehrten sie alle Augenblicke in das Hinterzimmer zurück und erfüllten den kleinen Raum mit dem Schall ihrer Stimmen. Dort drängten sie sich um Gervaise, die mit dem rauchenden Löffel in der Hand ihre Arbeit vergaß und ihnen antwortete. Als Virginie erzählte, daß sie seit zwei Tagen nichts gegessen habe, um sich für heute Platz zu schaffen, berichtete der große Nichtsnutz, die Clemence, noch eine tollere Schnurre: sie habe heute früh eine stark gepfefferte Bouillon gegessen, um sich den Magen leerzumachen, das sei bei den Engländern Sitte. Da gab Boche ein Mittel an, um sofort zu verdauen; es bestand darin, daß man sich nach jedem Gericht ein bißchen zwischen die Tür klemmte; auch das täten die Engländer, daher seien sie imstande, zwölf Stunden hintereinander zu essen, ohne sich den Magen zu überladen. Nicht wahr? schon bloß aus Höflichkeit muß man essen, wenn man zu Mittag eingeladen ist. Man tischt doch Kalb, Schwein und Gans nicht für die Katzen auf. Die Wirtin könne ruhig sein, man werde ihr alles so rein wegputzen, daß sie nicht einmal nötig habe, das Geschirr am andern Tage abzuwaschen. So schien die Gesellschaft ihren Appetit dadurch zu reizen, daß sie um die Kochöfen und Bratpfannen herumschnüffelte. Die Damen waren schließlich so weit gekommen, daß sie wie junge Dirnen umhertollten, sich stießen und haschten, so daß sie, von einem Zimmer zum andern laufend, mit ihren Röcken die Gerüche aus der Küche überall hintrugen und man in dem betäubenden Lärm ihres Lachens und Tobens kaum das Klappen des Hackemessers hörte, mit dem Mama Coupeau die Speckstücke schnitt. Gerade in dem Augenblick, als alle in toller Ausgelassenheit lachten und schrien, erschien Goujet. Er war so eingeschüchtert, daß er kaum näherzutreten wagte. Er trug auf seinem Arm einen großen, weißen Rosenstock, eine prächtige Pflanze, deren Krone bis zu seinem Gesicht emporreichte, wo sich die weißen Rosen an seinen gelben Bart schmiegten. Gervaise lief ihm mit ihren vom Herde geröteten Backen entgegen. Er war so linkisch, daß er seinen Blumentopf nicht anzubringen wußte; erst als sie ihm denselben aus den Händen nahm, stotterte er seinen Glückwunsch, ohne daß er es gewagt hätte, sie zu küssen. Sie selbst stellte sich auf die Zehen, um ihm ihre Backe darzubieten; doch er war so verwirrt, daß er sie täppisch und derb aufs Auge küßte, auf die Gefahr hin, sie blind zu machen. Beide zitterten. »Aber, Herr Goujet, das ist zu schön!« sagte sie, indem sie den Rosenstock neben die anderen Blumen stellte, die er mit seiner üppigen Blätterkrone überragte. »O nein! o nein!« sagte er mehrmals, ohne ein anderes Wort zu finden. Als er sich durch einen großen Seufzer ein wenig Erleichterung verschafft hatte, meldete er, daß man auf seine Mutter nicht rechnen dürfe, da sie wieder vom Hüftweh geplagt werde. Gervaise war trostlos; sie sprach davon, ein Stück von dem Gänsebraten zurückzulegen, denn sie wolle durchaus, daß Madame Goujet davon esse. Jetzt waren alle vollzählig. Coupeau mußte sich im Quartier umhertreiben; er hatte nach dem Frühstück Poisson abgeholt; sie mußten wohl bald kommen, denn sie hatten versprochen, pünktlich um sechs Uhr da zu sein. Da jetzt auch die Suppe beinahe gut war, rief Gervaise Madame Lerat und sagte ihr, daß wohl der Augenblick gekommen sei, wo sie hinaufgehen könne, die Lorilleux' zu holen. Madame Lerat wurde sogleich sehr ernst: sie hatte die ganzen Unterhandlungen zwischen beiden Familien geführt und festgestellt, wie alles vor sich gehen solle. Sie legte Schal und Haube an und stieg steif und wichtig die Treppen empor. Unten rührte die Wäscherin ihre Suppe um, legte italienische Pasteten auf und sprach kein Wort. Die Gesellschaft war plötzlich ernst geworden und wartete in feierlicher Stimmung. Madame Lerat war die erste, die wieder erschien. Sie hatte den Umweg über die Straße gemacht, um der Versöhnung Gewicht und Ansehen zu geben. Sie hielt mit der Hand die Tür des Ladens weit offen, während Madame Lorilleux in seidenem Kleide auf der Schwelle stillstand. Alle Eingeladenen hatten sich erhoben. Gervaise ging ihnen entgegen und küßte ihre Schwägerin, so war es verabredet worden; dabei sagte sie: »Nur herein! Tretet näher! Jetzt ist alles beigelegt, nicht wahr? Wir sind jetzt einander wieder gut!« Darauf antwortete Madame Lorilleux: »Ich habe keinen anderen Wunsch, als daß es immer so bleiben möge.« Als sie eingetreten war, blieb auch Lorilleux auf der Schwelle stehen und erwartete seinen Kuß, ehe er in den Laden kam. Keines von ihnen hatte Blumen mitgebracht, sie fanden, daß es der Humpelliese gegenüber zu unterwürfig ausgesehen hätte, wenn sie schon das erstemal mit Blumen zu ihr gekommen wären. Inzwischen hatte Gervaise Augustinen zugerufen, daß sie zwei Liter herbeibringen solle. Auf einer Ecke des Tisches füllte sie viele Weingläser und rief alle herbei. Jeder ergriff ein Glas, und man trank auf die gute Freundschaft in der Familie. Es war ganz still geworden, die Gesellschaft trank, die Damen mit erhobenen Ellenbogen, bis auf den letzten Tropfen. »Vor der Suppe gibt es nichts Besseres«, erklärte Boche mit schnalzender Zunge. »Das ist besser als ein Fußtritt auf den Hintern!« Mama Coupeau hatte sich der Tür gegenüber aufgestellt, um zu sehen, was die Lorilleux' für Gesichter schneiden würden. Sie zupfte Gervaise am Rock und führte sie in das Hinterzimmer. Dort plauderten beide, über den Suppentopf geneigt, lebhaft und mit gesenkter Stimme. »Nun, sind sie paff?« sagte die alte Frau. »Ihr habt es ja gar nicht so sehen können. Aber ich habe sie belauert ... Wie sie den Tisch gesehen hat, da hat sie so ein Gesicht gemacht! Ihre Mundwinkel gingen in die Höhe, beinahe bis an die Augen. Und er erst, er ist schier erstickt, er mußte zu husten anfangen ... Und jetzt seht nur dahin, wie sie sich auf die Lippen beißen!« »Es ist ein Jammer, wenn man so neidisch ist«, murmelte Gervaise. Wirklich machten die Lorilleux' schnurrige Gesichter. Es ist natürlich niemand sehr angenehm, so in der Familie überboten zu werden; wenn es dem einen gut geht, sind die anderen wütend, das ist natürlich. Nur muß man doch ein wenig an sich halten, nicht wahr? Man macht doch den anderen nicht die Freude, sich etwas merken zu lassen. Nun, die Lorilleux' konnten sich nicht halten, es ging über ihre Kräfte; sie schielten nach rechts und links und machten saure Gesichter. Es war schließlich so auffallend, daß die anderen Gäste es sahen und sie fragten, ob ihnen etwas sei. Den gedeckten Tisch mit seinen vierzehn Gedecken, das weiße Tischzeug und die im voraus geschnittenen Brotstücke würden sie nie verwinden. Man konnte denken, daß man in einem der Boulevard-Restaurants sei. Madame Lorilleux ging um den Tisch herum und sah fort, als sie zu den Blumen kam; sie befühlte heimlich das Tischtuch, weil sie der Gedanke peinigte, daß es neu sein könne. »Endlich sind wir so weit!« rief Gervaise, als sie lächelnd mit nackten Armen und ein wenig gelösten Haaren, die besonders an den Schläfen lose Löckchen bildeten, wieder hereinkam. Die Gäste trippelten um den Tisch herum. Alle waren hungrig und gähnten mit abgespannten Gesichtern. »Wenn mein Mann käme,« meinte die Wäscherin, »könnten wir anfangen.« »Nun,« sagte Madame Lerat, »da wird die Suppe wohl hübsch kalt werden ... Coupeau vergißt ja so etwas immer. Man hätte ihn nicht dürfen weggehen lassen.« Es war nun schon halb sieben geworden. Alles war in vollem Brande; die Gans konnte leicht zu braun werden. Gervaise war trostlos, sie sprach davon, jemanden im Quartier bei den Weinwirten herumzuschicken, um nach Coupeau zu sehen. Als sich Goujet dazu erbot, wollte sie mit ihm gehen; Virginie, die ihres Mannes wegen in Unruhe war, begleitete sie. Sie waren alle drei ohne Kopfbedeckung und nahmen fast den ganzen Bürgersteig ein. Der Schmied hatte heute seinen Rock an; er hielt Gervaise unter seinem linken und Virginie unter seinem rechten Arm: er machte den Korb mit zwei Henkeln, sagte er. Das Wort kam ihnen so drollig vor, daß sie vor Lachen anhalten mußten, denn ihre Beine wollten sie nicht weitertragen. Goujet, der ganz schwarz angezogen war, kamen die beiden Frauen wie ein paar ausgelassene leichte Dämchen vor, die Näherin mit ihrem Musselinkleide mit den Rosenbuketts und die Wäscherin im weißen Seidenkleide mit blauen Punkten, mit halblangen Ärmeln und einer kleinen Krawatte von grauer Seide um den Hals. Die Leute sahen sich nach ihnen um, wenn sie vorübergingen. So lustig, frisch und geputzt, drängten sie sich durch die Menge, die an dem milden Juniabende dieses Werkeltages die Fischerstraße belebte. Aber es handelte sich um etwas anderes, als Späße zu machen. Sie streckten die Hälse aus und suchten vor den Schanktischen. Ist denn dieses Scheusal, der Coupeau, diesmal bis an den Triumphbogen gegangen, um seinen Schluck zu trinken? Sie hatten schon die ganze obere Straße abgesucht und an allen Orten nachgesehen: bei der Petite-Civette , wo die Pflaumen berühmt waren, bei der Madame Baquel , die den Wein von Orleans für acht Sous verkaufte, beim Schmetterling , dem Treffpunkt der Herren Kutscher, die sehr wählerische, schwer zu befriedigende Leute waren. Nirgends war Coupeau. Als sie dem Boulevard zugingen und bei Franz, dem Weinwirt an der Ecke, vorüberkamen, stieß Gervaise einen leichten Schrei aus. »Was ist denn?« fragte Goujet. Die Wäscherin lachte nicht mehr. Sie war ganz blaß geworden und so erregt, daß sie beinahe umgefallen wäre. Virginie begriff sofort, um was es sich handelte, als sie bei Franz an einem Tisch Lantier sitzen sah, der dort ruhig zu Mittag aß. Die beiden Frauen zogen den Schmied mit sich fort. »Ich habe mir den Fuß umgeknickt«, sagte Gervaise, als sie wieder sprechen konnte. Endlich entdeckten sie Coupeau und Poisson ganz am Ende der Straße im »Totschläger« des Vater Colombe. Sie standen mitten in einer Gruppe von Männern; Coupeau in grauer Bluse schrie mit wütenden Gebärden und Faustschlägen auf den Schanktisch; Poisson, der an diesem Tage dienstfrei war, trug einen alten, engen, kastanienbraunen Paletot und hörte mit trüber, schweigsamer Miene zu, während er seinen roten Schnurr- und Knebelbart drehte. Goujet ließ die Frauen draußen auf der Straße und legte die Hand auf die Schulter des Zinkarbeiters. Als dieser aber Gervaise und Virginie draußen bemerkte, wurde er böse. Wer hat ihm denn die Weiber auf den Hals gehetzt? Nun komme er erst recht nicht! Die Unterröcke hätten ihn abgeschreckt. Um keinen Preis! Er komme nicht, sie könnten ja ihre Schmürgelei von Mittagbrot allein essen! Um ihn nur zu beruhigen, mußte Goujet einen Satz von irgendeinem Getränk annehmen; auch dann war er noch so boshaft, fünf lange Minuten vor dem Schanktisch zu vertrödeln. Als er endlich hinauskam, sagte er zu seiner Frau: »Das paßt mir nicht ... Ich bleibe, wo ich zu tun habe, verstehst du mich?« Sie antwortete nicht. Doch schien sie sehr erregt, denn sie zitterte. Sie mußte mit Virginie von Lantier gesprochen haben, denn sie trieb ihren Mann und Goujet vorwärts und rief ihnen zu, sie sollten vorausgehen. Die beiden Frauen nahmen den Zinkarbeiter in die Mitte, um ihn zu beschäftigen und zu verhindern, daß er etwas sehe. Er war kaum angerissen und auch das mehr vom Brüllen als vom Trinken. Als er merkte, daß sie auf der linken Seite der Straße entlanggehen wollten, drängte er sie, um sie zu ärgern, über den Damm auf den rechten Fußweg. Sie liefen erschreckt vorwärts und versuchten, ihn zu verhindern, durch die Tür bei Franz zu sehen. Aber Coupeau mußte wissen, daß Lantier dort war. Gervaise war ganz verdutzt, als sie ihn schelten hörte: »Jawohl! Nicht wahr, mein Liebchen? da sitzt ein Bursche, den wir kennen! Für so ganz dumm mußt du mich auch nicht halten! ... Laß dich nur von mir einmal fassen, daß du da umherliebelst mit deinen Augen, du Wetterhexe!« So kamen rohe Worte über seine Lippen. Ihn suchte man nicht, wenn man so mit untergeschlagenen Armen und gepudertem Mäulchen umherzog, die Reise ging auf den alten Liebsten. Er redete sich plötzlich in eine tolle Wut gegen Lantier. Dieser Spitzbube! Dieser gemeine Schuft! Einer von ihnen beiden mußte auf dem Pflaster liegenbleiben wie ein abgezogenes Karnickel. Lantier schien alles nicht zu hören, er aß ganz ruhig Kalbfleisch mit Sauerampfer. Es begann sich schon ein Auflauf zu bilden. Virginie führte endlich Coupeau fort, der sich plötzlich beruhigte, als sie die Straßenecke hinter sich hatten. Trotzdem kam man etwas weniger heiter nach dem Laden zurück, als man fortgegangen war. Um den Tisch herum warteten die Gäste mit langen Gesichtern. Der Zinkarbeiter drückte allen die Hände und machte sich bei den Damen beliebt. Gervaise, die ein wenig gedrückt war, sprach mit leiser Stimme und verhalf jedermann zu seinem Platze. Plötzlich bemerkte sie, daß Madame Goujet nicht gekommen war und so der Platz neben Madame Lorilleux leer bleiben werde. »Wir sind ja dreizehn!« sagte sie sehr erregt und sah in diesem Umstände einen neuen Beweis dafür, daß ihr ein Unglück bevorstehe, das sie schon seit einiger Zeit zu ahnen glaubte. Die Damen, die schon Platz genommen hatten, standen mit unruhigen und ärgerlichen Gesichtern wieder auf. Madame Putois erbot sich zurückzubleiben, denn ihrer Meinung nach dürfe man so etwas nicht so leicht nehmen; übrigens werde sie nichts anrühren, da ihr die Speisen doch nicht bekommen würden. Boche für sein Teil hohnlachte: ihm sei es lieber, wenn es dreizehn blieben, als vierzehn, die Teile seien größer. »Wartet einmal!« sagte Gervaise, »es wird sich machen lassen!« Sie ging auf die Straße hinaus und rief den Vater Bru, der gerade über den Damm ging. Der alte Arbeiter trat ein, sein Rücken war gebeugt, seine Glieder steif und seine Miene ergeben. »Setzt Euch nur dort nieder, mein lieber Mann«, sagte die Wäscherin. »Ihr werdet doch ein wenig mit uns essen, nicht wahr?« Er nickte einfach mit dem Kopfe. Er wolle gern, es sei ihm recht. »Ist er nicht ebensogut wie jeder andere?« fuhr sie mit leiser Stimme fort. »Er ißt sich nicht oft satt. So wird er sich doch einmal etwas Gutes antun ... Jetzt brauchen wir uns nicht mehr zu scheuen und können beruhigt anfangen.« Goujet kamen beinahe die Tränen in die Augen, so gerührt war er. Auch die anderen hatten mitleidige Anwandlungen, sie fanden es sehr gut, es werde ihnen allen Glück bringen. Nur Madame Lorilleux schien nicht zufrieden, daß der Alte ihr Nachbar geworden; sie rückte ein wenig von ihm fort und warf entrüstete Blicke auf seine harten Hände und seine geflickte, verschossene Bluse. Der Vater Bru saß mit gesenktem Kopfe da, ihn genierte nur die Serviette, die den Teller vor ihm bedeckte. Er nahm sie schließlich und legte sie ganz vorsichtig auf den Rand des Tisches, ohne daran zu denken, sie über seine Knie zu decken. Endlich trug Gervaise die Suppe mit kleinen italienischen Pasteten auf. Die Gäste hatten gerade zu den Löffeln gegriffen, als Virginie bemerkte, daß Coupeau schon wieder verschwunden sei. Vielleicht war er wieder zum Vater Colombe zurückgegangen. Jetzt wurde die Gesellschaft böse. Schlimm genug für ihn! Aber diesmal könne man ihm doch nicht wieder nachlaufen; er könne auf der Straße bleiben, wenn er keinen Hunger habe. Als alle mit den Löffeln das letzte aus den Tellern herausschöpften, erschien Coupeau plötzlich wieder; er hatte unter jedem Arm einen Blumentopf, eine Levkoie und eine Balsamine. Am ganzen Tisch klatschte man Beifall. Er stellte seine Töpfe rechts und links von Gervaises Glas, beugte sich galant zu ihr nieder und küßte sie: »Ich hatte dich vergessen, mein Liebchen ... Aber es schadet nichts, an einem Tage wie dem heutigen hat man sich doch lieb!« »Heute abend ist Coupeau wirklich gut«, murmelte Clemence Boche ins Ohr. »So ist er gerade richtig, er hat genug, um recht liebenswürdig zu sein.« Die Liebenswürdigkeit Coupeaus stellte schnell die gute Stimmung wieder her, die schon einen Augenblick hatte entfliehen wollen. Auch Gervaise, die jetzt ganz beruhigt war, lächelte wieder. Die Gäste verzehrten so die Suppe. Dann machten die Literflaschen die Runde, und man trank das erste Glas Wein, ein wenig unvermischten Wein, um die Pasteten herunterzuspülen. Man hörte, wie im Nebenzimmer die Kinder sich zankten, Etienne, Nana, Pauline und der kleine Viktor Fauconnier. Man hatte sich entschlossen, für die vier dort an einem besonderen Tisch zu decken, wenn sie versprächen, recht artig zu sein. Die schielende Augustine, die die Öfen überwachte, mußte auf ihrem Schoß essen. »Mama! Mama!« schrie plötzlich Nana, »Augustine läßt ihr Brot in die Bratpfanne fallen!« Die Wäscherin lief herzu und überraschte die Schielende, wie sie eben dabei war, sich den Schlund zu verbrennen, weil sie recht schnell eine Brotschnitte herunterschlucken wollte, die sie in das kochende Gänsefett getaucht hatte. Sie gab ihr eine Ohrfeige, weil diese verteufelte Dirne behauptete, daß es nicht wahr sei. Als man nach dem Suppenfleisch das Kalbsfrikassee in einer tiefen Salatschüssel auftrug, weil es in der Wirtschaft keine Schüssel gab, die ausreichend groß gewesen wäre, ging ein wohlgefälliges Schmunzeln durch die Gesellschaft. »Das fängt ja an ernsthaft zu werden!« erklärte Poisson, der selten sprach. Es war inzwischen halb acht Uhr geworden. Sie hatten jetzt die Ladentür geschlossen, um nicht vom ganzen Quartier beobachtet zu werden. Besonders war es gegenüber der kleine Uhrmacher, der seine Augen so weit wie ein Paar Tassen aufriß; er zählte ihnen die Bissen in den Mund, und seine Blicke waren so begehrlich, daß er sie wirklich am Essen hinderte. Die Vorhänge, die vor den Fenstern herabgelassen waren, verbreiteten ein gleichmäßig verteiltes, weißes Licht im Raum, das alle Schatten aufhob. In diesem Lichte schwamm der Tisch mit seinen gleichmäßig geordneten Gedecken und den Blumentöpfen, die noch ihre hohen, weißen Papierhüllen umgaben. Diese bleiche Helligkeit, die in der langsam zunehmenden Dämmerung dahinschwand, gab der ganzen Gesellschaft ein vornehmes Aussehen. Virginie fand das Wort: sie blickte im Zimmer umher, das von allen Seiten mit weißen Musselinvorhängen abgeschlossen war, und erklärte, daß es sehr fein sei. Wenn ein Wagen auf der Straße vorüberfuhr, zitterten die Gläser auf dem Tische, und die Damen mußten ebenso laut ihre Stimme erheben wie die Männer. Aber man plauderte noch wenig, man hielt an sich und sagte höchstens hie und da eine artige Schmeichelei. Nur Coupeau hatte eine Bluse an, weil, wie er sagte, man doch nicht nötig habe, sich unter guten Freunden Zwang aufzuerlegen, und weil die Bluse das Ehrenkleid des Arbeiters sei. Die Damen waren in ihre Korsetts gepreßt; ihr glattgestrichenes Haar glänzte von Pomade, so daß sich das Tageslicht in ihnen spiegelte, während die Männer weit vom Tische absaßen, ihre Brust, einzogen und die Ellenbogen ausbreiteten, aus Furcht, sich Flecke auf ihre Röcke zu machen. Heiliger Himmel! was für ein Loch war schon in das Frikassee gekommen! Wenn man nur wenig sprach, kaute man dafür desto fester. Die Salatschüssel wurde immer hohler, in der dicken Soße steckte ein Löffel, die Soße war gut, von gelblicher Farbe und zitterte wie Gelee. Daraus fischte man die Stücke Kalbfleisch; es war immer noch etwas da, die Salatschüssel ging von Hand zu Hand, die Gesichter beugten sich darüber und suchten nach Champignons. Die großen Brote, die hinter den Gästen an der Wand standen, schienen hinwegzuschmelzen. Man hörte, wie nach einem jeden Bissen die Boden der geleerten Gläser wieder auf den Tisch gesetzt wurden. Die Soße war ein wenig zu gesalzen, und man brauchte vier Liter, um dieses verteufelte Frikassee herunterzuspülen; es aß sich so sanft wie Sahne und brachte einem doch den Brand in den Bauch. Da blieb wenig Zeit, Atem zu schöpfen, denn schon erschien der Schweinsrücken, den man auch in eine tiefe Schüssel gelegt hatte, und den zu beiden Seiten schöne, runde Kartoffeln einschlossen; er schien wie in eine Wolke gehüllt durch den Dampf, der von ihm aufstieg. Da gab es nur einen Schrei des Entzückens: Heiliger Himmel! Das nannte man einmal getroffen! Das aß jeder gern. Augenblicks ging man daran, sich neuen Appetit zu schaffen; jeder folgte der Schüssel mit Seitenblicken und wischte sein Messer an seinem Brote ab, um zeitig fertig zu sein. Als sich alle davon genommen hatten, stießen sie einander mit den Ellenbogen an und sprachen mit vollem Munde: Potztausend! wie weich war dieser Schweinsrücken! Das war zart und kräftig zugleich, man fühlte es die Speiseröhre hinabgleiten bis zu den Stiefeln. Die Kartoffeln waren eine Delikatesse. Es war zwar nicht so salzig, aber der Kartoffeln wegen mußte es doch alle Augenblicke ordentlich begossen werden. So hatte man wieder vier Litern den Hals gebrochen. Die Teller wurden so rein ausgestippt, daß man keine anderen reichte, als die Speckerbsen kamen. Solche Gemüse, das war unerheblich. Man verputzte es so löffelweise wie zum Spaß. Das war die wahre Feinschmeckerei, man konnte sagen, ein rechtes Gericht für die Damen. Das beste an den Erbsen waren die Speckstückchen, die ganz braun gebraten waren und so rochen, als ob in der Schmiede ein Pferdehuf mit dem glühenden Hufeisen angesengt wird. Nach diesem Gericht genügten zwei Liter. »Mama! Mama!« schrie plötzlich Nana wieder, »Augustine kommt mit ihren Händen auf meinen Teller!« »Ach, sei doch ruhig! Gib ihr einen Katzenkopf!« antwortete Gervaise, die sich gerade die letzten Erbsen vom Teller aufpickte. Im Nebenzimmer am Kindertische spielte Nana die Wirtin. Sie hatte sich neben Viktor gesetzt und ihren Bruder Etienne neben die kleine Pauline. Auf diese Art spielten sie, als ob sie verheiratet seien, sie waren zwei Ehepaare auf einer Vergnügungsreise. Zuerst hatte Nana ihre Gäste sehr aufmerksam bedient und ihnen mit lächelnder Miene und dem Benehmen einer erwachsenen Person aufgewartet; aber ihre Vorliebe für die Speckstücke ließ sie aus der Rolle fallen, sie hatte sie alle für sich behalten. Die schielende Augustine, die heimlich um den Tisch der Kinder herumschlich, benutzte diesen Umstand, um eine ganze Handvoll davon wegzunehmen, unter dem Vorwande, sie besser zu verteilen. Nana wurde darüber so wütend, daß sie sie in die Hand biß. »Du sollst einmal sehen!« murmelte Augustine, »ich werde es deiner Mutter sagen, daß du nach dem Frikassee zu Viktor gesagt hast, er solle dich küssen.« Alles kam wieder ins Gleiche, als Mama Coupeau und Gervaise hereinkamen, um die Gans aufzutragen. An dem großen Tische war eine Erholungspause eingetreten und alle hatten sich nach hinten gegen die Stuhllehnen gelegt. Die Männer knöpften ihre Westen auf, und die Damen wischten sich mit den Servietten die Gesichter ab. Das Mahl war gewissermaßen unterbrochen, nur einige Gäste, deren Kiefern noch in Tätigkeit geblieben waren, verschlangen große Stücke Brot, ohne daß sie selbst es zu bemerken schienen. Man ließ die Speisen sich ein wenig sacken und wartete. Es war langsam Abend geworden, das schmutzige, aschgraue Licht des schwindenden Tages schimmerte nur spärlich durch die Vorhänge. Als Augustine an jedes Ende des Tisches eine angezündete Lampe setzte, machte sich bei der lebhaften Helligkeit die Unordnung bemerkbar, in welche die Gedecke geraten waren; die Teller und Gabeln glänzten vor Fett, und das Tischtuch war mit Weinflecken und Krümeln allerart bedeckt. Man erstickte in dem starken Geruch, der sich jetzt fühlbar machte. Dennoch wandten sich die Gesichter der Küche zu, von der einzelne heiße, duftende Wolken hereinkamen. »Kann man Euch vielleicht ein bißchen helfen?« rief Virginie. Sie stand von ihrem Stuhle auf und ging in das Nebenzimmer. Alle Frauen folgten eine nach der anderen ihrem Beispiele. Dort standen sie alle um die Bratpfanne herum und beobachteten mit tiefem Interesse Mama Coupeau und Gervaise, die das Tier auflegten. Es entstand ein großes Geschrei, aus dem man die hellen Stimmen der Kinder und ihre Freudensprünge heraushörte. Im Triumph kam man wieder zurück: Gervaise trug die Gans mit steifen Armen, ihr Gesicht war in Schweiß gebadet und strahlte von einem breiten, sprachlosen Lächeln; alle Frauen kamen hinter ihr her und lachten ebenso wie sie, während Nana ganz hinten mit unnatürlich großen Augen sich auf die Zehenspitzen stellte, um besser sehen zu können. Als die Gans so groß, goldig und fettriefend auf dem Tische stand, nahm man sie noch nicht gleich in Angriff. Das ehrfurchtsvolle Erstaunen und die Überraschung hatten der ganzen Gesellschaft die Sprache geraubt. Man zeigte sie einander mit Augenzwinkern und leisem Kopfnicken. Heiliger Himmel! War das eine Dame! Waren das Hüften! Und welch ein Bauch! »Die ist auch nicht davon so fett geworden, daß sie an den Mauern geleckt hat!« sagte Boche. Man vertiefte sich jetzt in die Einzelheiten ihrer Vorgeschichte. Gervaise machte die nötigen Angaben: das Tier war das schönste Stück bei dem Geflügelhändler der Fischervorstadt, sie wog zwölfundeinhalbes Pfund auf der Wage des Kohlenhändlers; man hatte einen Scheffel Kohlen verbraucht, um sie gar zu bekommen, und sie hatte drei große Töpfe Schmalz gegeben. Virginie unterbrach diese Erklärung, um sich zu rühmen, daß sie das Tier noch roh gesehen habe: man hätte sie essen mögen, so wie sie da war, eine so feine, weiße Haut hat sie gehabt wie eine Blondine. Alle Männer lachten mit lüsterner Gefräßigkeit, die ihnen die Lippen schwellen machte. Dabei kniffen Herr und Madame Lorilleux die Gesichter zusammen, es war ihnen zu furchtbar, ein solches Tier auf dem Tische der Humpelliese zu sehen. »Nun denn, ich denke, so ganz können wir sie doch nicht essen!« sagte endlich die Wäscherin. »Wer will sie zerschneiden? ... O nein, ich nicht! Das ist zu groß, ich fürchte mich davor!« Coupeau erbot sich dazu. Mein Gott, es war doch ganz einfach: man faßte die Glieder an und zog daran, die Stücke blieben deswegen doch ebensogut. Darüber entsetzte man sich und nahm ihm mit Gewalt das Küchenmesser wieder weg; wenn er sie zerschneide, werde er ja aus dem Gericht einen wahren Kirchhof machen. Einen Augenblick suchte man nach jemand, der sich freiwillig anbieten würde. Endlich sagte Madame Lerat mit lieblicher Stimme: »Hört einmal, nur Herr Poisson ... sicherlich nur Herr Poisson! ...« Als die Gesellschaft nicht zu begreifen schien, fügte sie mit noch schmeichelhafterer Absicht hinzu: »Nun, sicherlich nur Herr Poisson ist im Waffenhandwerk erfahren!« So überreichte sie dem Stadtsergeanten das Küchenmesser, das sie in der Hand hielt. Am ganzen Tische lachte man erleichtert auf und alle gaben ihre Zustimmung. Poisson senkte den Kopf mit militärischer Steifheit und stellte die Gans vor sich hin. Seine beiden Nachbarinnen, Gervaise und Madame Boche, rückten zurück, um seinen Ellenbogen Platz zu schaffen. Er zerschnitt langsam mit wohlgefälligen Bewegungen, die Augen fest auf das Tier gerichtet, als ob er es mit seinen Blicken auf dem Boden der Schüssel festnageln wolle. Als er die Gabel in den Brustknochen stieß und dieser krachte, hatte Lorilleux einen Anfall von Patriotismus. Er rief: »Oh! Wenn das doch ein Kosake wäre!« »Haben Sie sich mit Kosaken geschlagen, Herr Poisson?« fragte Madame Boche. »Nein, aber mit Beduinen!« antwortete der Sergeant, der gerade eine Schulter loslöste. »Es gibt keine Kosaken mehr!« Es entstand jetzt ein großes Stillschweigen. Die Gesichter verlängerten sich zusehends, und alle Augen folgten dem Messer. Poisson hatte eine Überraschung im Hinterhalte. Er trennte plötzlich mit einem einzigen Schnitt das Hinterteil des Tieres ab und stellte es aufrecht hin, so daß der Steiß in die Luft ragte: das war eine Bischofsmütze. Da kannte die Bewunderung keine Grenzen mehr: nur die alten Soldaten sind liebenswürdige Gesellschafter. Mittlerweile floß der Gans aus dem gähnenden Loch ihres Hinterteils ein Strom von Fett. Boche scherzte: »Ich abonniere darauf,« murmelte er, »daß es mir so in den Mund pißt!« »Oh, der Schmutzfink!« riefen alle Damen. »Wie kann man nur solche Gedanken haben! Ich kenne keinen so unappetitlichen Mann!« sagte Madame Boche, die noch wütender war als die anderen. »Willst du wohl ruhig sein, hörst du? Du könntest einer Armee das Essen verekeln ... Er tut es nur, um alles allein zu essen!« In diesem Augenblick wiederholte Clemence inmitten des allgemeinen Lärms mit Eindringlichkeit: »Herr Poisson, hören Sie, Herr Poisson ... Sie heben den Steiß für mich auf, nicht wahr?« »Meine Liebe, auf den Steiß habt Ihr ein gutes Recht«, sagte Madame Lerat mit ihrer Miene heimlicher Lustigkeit. Endlich war die Gans zerschnitten. Der Stadtsergeant, der die Gesellschaft erst mehrere Minuten lang die Bischofsmütze hatte bewundern lassen, schnitt dann in wenigen Schnitten die Stücke herunter und ordnete sie auf der Schüssel. Jetzt konnte man zugreifen. Die Damen, die schon anfingen, ihre Kleider aufzumachen, beklagten sich über die Hitze. Coupeau rief, man sei ja zu Hause, er werde den Nachbarn Honig ums Maul schmieren; und damit machte er die Türe nach der Straße weit auf. Der Schmaus nahm jetzt seinen Fortgang mitten unter dem Rollen der Droschken und dem Gedränge der Fußgänger auf dem Bürgersteige. So begann man denn wieder zu essen, die Kinnbacken hatten sich ausgeruht, und in dem Bauche hatte man sich wieder etwas Platz geschafft. Man fiel wütend über die Gans her. Schon allein das Warten und Zusehen, wie das Tier zerlegt wurde, sagte der Flausenmacher, der Boche, habe ihm das Kalbsfrikassee und den Schweinsrücken bis in die Waden hinuntergehen lassen. Das war einmal noch ein Bissen, niemand in der Gesellschaft entsann sich, daß er sich jemals so gründlich den Magen verdorben habe. Gervaise saß mit aufgestülpten Ellenbogen da und aß große Stücke weiches Fleisch, sie sprach nicht, weil sie fürchtete, daß sie einen Bissen verlieren könne; sie schämte sich ein bißchen vor Goujet, daß sie so leckermäulig war wie eine Katze. Übrigens Goujet stopfte sich selber zu voll, wenn er sie so ganz rosig und strotzend von Nahrung dasitzen sah. Und dann blieb sie trotz ihrer Vorliebe für das Essen so liebenswürdig und gut: sie sprach nicht, aber jeden Augenblick bemühte sie sich um den Vater Bru und schob ihm zarte Stücke auf seinen Teller. Es war beinahe rührend zu sehen, wie dieses Leckermäulchen sich selbst ein Stück Flügel vor dem Munde wegnahm und es dem Alten gab, der kein Kenner zu sein schien und mit gesenktem Kopfe alles hinabschlang, ganz betäubt von dem ungewohnten Schlingen, er, dessen Gaumen selbst die Erinnerung an den Geschmack des Brotes verloren hatte. Die Lorilleux' ließen ihre Wut an dem Braten aus, sie nahmen davon für drei Tage; sie hätten am liebsten die Schüssel, den Tisch, ja den ganzen Laden heruntergeschlungen, um so die Humpelliese auf einmal zu ruinieren. Alle Damen hatten Brust haben wollen; Brust ist das beliebteste Stück bei den Damen. Madame Lerat, Madame Boche und Madame Putois kratzten die Knochen ab, während Mama Coupeau, die den Hals so gern aß, mit ihren letzten beiden Zähnen das Fleisch von den Knochen riß. Virginie liebte die Haut, wenn sie recht braun und knusprig war, und jeder der Gäste hatte ihr aus Höflichkeit sein Stückchen Haut hingeschickt, so daß Poisson seiner Frau strenge Blicke zuwarf und ihr befahl, aufzuhören, weil sie davon genug habe; schon einmal habe sie, weil sie zuviel Gänsebraten gegessen, vierzehn Tage mit geschwollenem Bauch zu Bette liegen müssen. Aber Coupeau ärgerte sich darüber und legte Virginie ein Keulenstück vor, wobei er schrie: wenn sie, zum Donnerwetter, das nicht mehr aufbekomme, sei sie keine ordentliche Frau! Habe sich an einer Gans jemals einer Schaden getan? Im Gegenteil! Die Gans heile die Milzsucht. Das könne man ohne Brot wie einen Nachtisch essen. Er könne noch die ganze Nacht davon essen, ohne daß es ihm Beschwerden machen werde; um zu prahlen, stopfte er sich einen großen Pfropfen Fleisch in den Mund. Mittlerweile kam Clemence mit dem Steiß zu Ende, sie sog mit schmatzenden Lippen daran und wand sich vor Lachen auf ihrem Stuhl wegen der Unanständigkeiten, die Boche ihr ganz leise ins Ohr sagte. Beim heiligen Himmel: was war denn weiter? Man verdarb sich für vierzehn Tage den Magen! Wenn man einmal dabei ist, muß man es auch ausnützen, nicht wahr? Wenn man sowieso nur alle Jubeljahre einmal an ein ordentliches Essen kommt, sei man doch schön dumm, wenn man sich nicht bis über die Ohren hineinfressen wolle. In Wirklichkeit sah man nach und nach die Wänste schwellen. Die Damen hatten dicke Bäuche; sie rülpsten, diese verdammten Vielfraße! Mit offenem Munde und das Kinn von Fett glänzend, saßen sie da, ihre Gesichter waren so glatt und rund, daß man sie für Hintere hätte halten können, und sie waren so rot, daß man fürchten mußte, sie würden vor lauter Wohlergehen noch platzen. Und erst der Wein, meine Kinder? Der floß um den Tisch, wie das Wasser in der Seine fließt; ein wahrer Rinnstein, wenn es geregnet hat und die Erde durstig ist. Coupeau goß von oben ein, um den roten Strahl schäumen zu sehen; wenn ein Liter leer war, machte er den Scherz, den Hals mit der Handbewegung zu drücken, mit der die Frauen Kühe melken. Da ist wieder eine Negerin, der man das Blut weggetrunken hat! In einer Ecke des Ladens wurde der Haufen dieser toten Negerinnen immer größer, ein Kirchhof von Flaschen, auf die man den Abfall des Mahles warf. Als Madame Putois nach Wasser verlangte, hatte der Zinkarbeiter selber ganz entrüstet die Karaffen vom Tisch genommen. Welcher anständige Mensch trank denn Wasser? Wollte sie denn durchaus Frösche in den Magen bekommen? Die Gläser wurden auf einen Zug geleert, man hörte die Flüssigkeit, die so auf einmal die Kehle hinabgegossen wurde, mit dem Geräusch des Regenwassers, das an stürmischen Tagen die Gossen hinabstürzt, nach unten gehen. Es regnete eben roten Wein; dieser rote Wein schmeckte zuerst nach alten Fässern, aber man gewöhnte sich wunderbar schnell daran, so daß es einem bald so vorkam, als ob der Wein nach Nüssen schmecke. Du lieber Gott! Die Jesuiten mochten sagen, was sie wollten, das Blut der Trauben war doch eine famose Erfindung! Die ganze Gesellschaft lachte und billigte solche Aussprüche, denn der Arbeiter hätte ohne den Wein nicht leben können, der alte Papa Noah mußte den Wein für die Zinkarbeiter, die Schneider und die Schmiede gepflanzt haben. Der Wein reinigte den Körper und stärkte nach der Arbeit, er wärmte den Bummlern den Leib; und wenn der Schäker euch auch manchmal einen Streich spielt, was schadet es weiter, man hat doch nicht den König zum Oheim! Ganz Paris gehörte dem Arbeiter. Und was war denn weiter? Was hatte denn der Arbeiter vom Leben, wenn er sich kreuzlahm machte und doch stets ohne Sou blieb und vom Bürger über die Achsel angesehen wurde? Wer wollte es ihm verdenken, wenn er sich einen kleinen Rausch antrank, um auch einmal im Leben die Welt in rosigem Lichte zu sehen? Besonders jetzt, wer kümmere sich denn groß um den Kaiser? Es sei wohl möglich, daß der Kaiser sich auch hin und wieder einen Zacken antrinke, darum kümmere sich niemand, ja, man traue ihm zu, daß er öfter einmal blau sei und noch mehr Unsinn treibe, als unsereiner. Der Teufel soll die Aristokraten holen! Coupeau schickte die ganze Welt auf die Guillotine. Er fand alle Frauen reizend und klopfte auf seine Taschen, wo ein paar Sous aneinander klimperten, dabei lachte er so vergnügt, als ob es wenigstens zwanzig Frankenstücke seien. Selbst Goujet, der sonst immer so nüchtern war, hatte einen kleinen Schwips. Boches Augen wurden immer kleiner, Lorilleux' wurden stumpf, während Poisson immer strengere Blicke aus seinem bronzenen alten Soldatengesicht um sich warf. Sie waren alle schon so betrunken wie die Russen. Auch die Damen hatten jede ihren Spitz; es war zwar erst so ein leichter Anflug, aber der reine Wein zeigte sich doch auf ihren Wangen, und sie hatten alle das Bedürfnis, sich ein wenig auszuziehen und wenigstens die Umschlagtücher abzulegen. Clemence war auch sonst nicht mehr ganz anständig. Jetzt erinnerte sich plötzlich Gervaise der sechs Flaschen gesiegelten Weines, den sie vergessen hatte, zum Braten zu geben. Sie brachte ihn jetzt herein und man füllte die Gläser. Da erhob sich Poisson und sagte mit dem Glase in der Hand: »Ich trinke auf die Gesundheit der Wirtin!« Die ganze Gesellschaft erhob sich mit großem Stuhlgerücke, und in wüstem Lärm klangen die Gläser aneinander, die man sich mit ausgestreckten Armen entgegenhielt. »Noch fünfzig Jahre so wie heute!« rief Virginie. »Nein, nein!« antwortete Gervaise bewegt und lächelnd, »dann wäre ich zu alt. Laßt es nur gut sein, es kommt einmal ein Tag, wo man zufrieden ist, davonzukommen.« Durch die weit geöffnete Tür sah das ganze Quartier dem Schmause zu und nahm daran seinen Anteil. Die Vorübergehenden standen in dem hellen Lichtstreifen still, der auf das Pflaster fiel, und lachten vor Vergnügen über die Leute, die da mit solchem Behagen beim Essen waren. Die Kutscher auf ihren Böcken bogen sich zurück und riefen ein Witzwort hinein, während sie ihre Pferde weiter peitschten: »Du, sage mal, das kostet wohl nichts? ... O je! die dicke Mama! Ich werde gleich die Hebamme schicken! ...« Der starke Duft der Gans verbreitete sich in der Straße und betäubte und erheiterte die Passanten. Die Gehilfen des Kaufmanns von gegenüber glaubten, daß sie mit von dem Tiere äßen; die Krämerin und die Kaldaunenhändlerin kamen alle Augenblicke und pflanzten sich vor dem Laden auf, um mit der Nase die Luft aufzuziehen und sich die Lippen zu lecken. Es war wirklich beinahe so, als ob die ganze Straße sich an der Gans den Magen verdorben habe. Die Damen Cudorge, Mutter und Tochter aus dem Schirmladen, die man sonst nie auf der Straße sah, gingen eine nach der anderen zu wiederholten Malen über den Damm und warfen heimliche Seitenblicke auf den Laden; sie waren so rot wie die Krebse. Der kleine Uhrmacher an seinem Tisch konnte nicht mehr arbeiten, er war schon davon betrunken, daß er die Liter gezählt hatte und saß ganz aufgeregt mitten unter seinen lustigen Kuckucksuhren. Jawohl, die ganze Nachbarschaft solle mittun! schrie Coupeau. Was habe man denn nötig, sich zu genieren? Wie die Gesellschaft jetzt war, schämten sie sich durchaus nicht mehr, vor aller Welt zu Tische zu sitzen; im Gegenteil, dieser Auflauf von Leuten, die alle vor Lust, mitzumachen, ihre Mäuler weit aufsperrten, schmeichelte ihnen und hob ihre Stimmung; am liebsten hätten sie die Ladenfenster eingestoßen, um ihren Tisch bis über den Damm zu decken und dort ihren Nachtisch zu verzehren vor der Nase aller Leute auf dem zitternden Pflaster. Man war doch am Ende nicht ekelhaft anzusehen, nicht wahr? Deshalb hatte man auch nicht nötig, sich einzuschließen, wie die Egoisten. Coupeau, der sah, wie der Uhrmacher zehn Sousstücke zählte, zeigte ihm von weitem eine Flasche, und als der andere mit dem Kopfe nickte, trug er ihm die Flasche mit einem Glase hinüber. So wurde mit der ganzen Straße Brüderschaft getrunken. Man rief die Kameraden herein, die lustig aussahen. So breitete sich das Gelage immer mehr aus und das ganze Goldtropfenquartier merkte etwas von der Fresserei, und man hielt sich den Bauch über ein so verteufeltes Saufen. Seit einigen Minuten ging Madame Vigouroux, die Kohlenhändlerin, vor der Türe auf und nieder. »Heda! Madame Vigouroux! Madame Vigouroux!« brüllte die Gesellschaft. Sie trat nun mit einem dummen Lachen ein: sie war gewaschen und so fett, daß sie fast ihr Korsett zersprengte. Die Männer kniffen sie gern, weil sie sie kneifen konnten, wo sie wollten und nie auf einen Knochen trafen. Boche ließ sie neben sich niedersitzen und griff sogleich heimlich unter den Tisch nach ihrem Knie. Aber sie war an so etwas zu sehr gewöhnt, als daß sie nicht ruhig hätte ihr Glas Wein leeren sollen; sie erzählte dabei, daß alle Nachbarn an den Fenstern seien und daß die Leute im Hause schon anfingen sich zu ärgern. »Oh! was das anbelangt! Das ist unsere Sache«, sagte Madame Boche. »Wir sind die Pförtnerleute, nicht wahr? Wir stehen dafür, daß alles ruhig bleibt ... Sie sollen mir kommen und sich beklagen, wir werden ihnen schon die Wege weisen.« Im Hinterzimmer war mittlerweile zwischen Nana und Augustine wegen der Bratpfanne eine wütende Schlacht geschlagen worden, weil beide den Rest der Soße ausstippen wollten. Während einer Viertelstunde war so die Bratpfanne auf dem Fußboden hin und her gerissen worden und hatte bei jedem Aufstoßen Töne wie eine alte Trommel von sich gegeben. Jetzt pflegte Nana den kleinen Viktor, der einen Knochen im Halse stecken hatte, sie strich ihm mit ihren Fingern den Kehlkopf und zwang ihn, ein großes Stück Zucker als Medizin zu essen. Bei alledem hatte sie ein Auge auf den großen Tisch. Alle Augenblicke kam sie und verlangte Wein, Brot oder Fleisch für Etienne oder Pauline. »Da! Du Nimmersatt!« sagte ihre Mutter, »wann wirst du mich denn endlich zufrieden lassen?« Die Kinder konnten zwar nichts mehr runterbringen, aber sie schlangen doch noch und schlugen mit ihren Gabeln den Takt zu einem Liede, um sich aufs neue anzuregen. In all dem Lärm war eine Unterhaltung zwischen dem Vater Bru und Madame Coupeau in Gang gekommen. Der Alte, den der Wein und die Speisen ganz bleich und schwach gemacht hatten, sprach von seinen Söhnen, die in der Krim gefallen waren. Wenn doch die Kleinen gelebt hätten, da hätte er alle Tage Brot gehabt. Aber Mama Coupeau beugte sich zu ihm und sagte mit etwas schwerer Zunge: »Laßt nur gut sein, man hat mit den Kindern auch viel durchzumachen. Seht einmal mich an, sieht es nicht so aus, als ob ich hier ganz glücklich sei? Nun, ich weine auch öfter als ich es nachsage ... Nein, nein, wünscht Euch nur keine Kinder.« Der Vater Bru nickte mit dem Kopfe. »Man will nirgend mehr etwas von mir wissen«, murmelte er. »Ich bin zu alt. Wenn ich in eine Werkstatt komme, höhnen mich die Jungen und fragen mich, ob ich Heinrich IV. die Stiefel geputzt habe ... Voriges Jahr habe ich noch dreißig Sous täglich verdient, damals tünchte ich eine Brücke; man mußte da auf dem Rücken liegen und unten floß der Strom. Seit der Zeit huste ich ... Heute ist es ganz aus, jetzt werfen sie mich überall hinaus.« Er sah auf seine armen, steifen Hände und fügte hinzu: »Es ist ja begreiflich, ich bin zu nichts mehr zu brauchen. Sie haben ja recht, ich würde es ja ebenso machen ... Seht, das Unglück liegt nur darin, daß ich noch nicht gestorben bin. Ja, ja es ist meine Schuld. Man soll sich hinlegen und sterben, wenn man nicht mehr arbeiten kann.« »Nein, wirklich,« sagte Lorilleux, der zuhörte, »ich verstehe wirklich nicht, daß die Regierung den Invaliden der Arbeit nicht zu Hilfe kommt ... Ich habe darüber neulich einmal was in einer Zeitung gelesen.« Aber Poisson glaubte, die Regierung verteidigen zu müssen. »Die Arbeiter sind keine Soldaten«, erklärte er. »Die Invalidenhäuser sind für Soldaten ... Man muß auch nichts Unmögliches verlangen.« Der Nachtisch war aufgetragen. In der Mitte stand eine Savoyer Torte, in Form eines Tempels mit einem Dom, dessen Seiten Melonen bildeten; auf dem Dom hatte man eine künstliche Rose angebracht, zu deren Seite ein Schmetterling aus Silberpapier an dem Ende eines feinen Eisendrahtes zitterte. Zwei Tropfen Gummi im Herzen der Rose ahmten zwei Tautropfen nach. Zur Linken schwamm in einer tiefen Schüssel ein Stück weißer Käse, während zur Rechten in einer andern Schüssel große Erdbeeren mit Wasser und Zucker zurechtgemacht waren und so von ihrer Soße umflossen wurden. Es war immer noch etwas Salat übriggeblieben, große, starke Blätter Romain, die in Öl getaucht waren. »Seht doch, Madame Boche,« sagte zuvorkommend Gervaise, »wie ist es noch mit ein bißchen Salat? Das ist ja Eure Leidenschaft, ich weiß es wohl.« »Nein, nein, ich danke, ich habe bis hierher«, antwortete die Pförtnerfrau. Die Wäscherin hatte sich zu Virginie herumgedreht, diese stieß sich den Finger in den Hals, wie um die Nahrung zu berühren. »Nein wirklich, ich bin voll«, murmelte sie. »Es ist kein Platz mehr da. Nicht einen Bissen würde ich noch hinunterbringen.« »Oh, wenn Ihr Euch ein wenig Mühe gebt«, fing Gervaise wieder an. »Man hat doch immer noch so ein kleines Loch. Und dann Salat, den ißt man ohne Hunger ... Ihr werdet doch den Lattich nicht umkommen lassen?« »Ihr könnt ihn ja morgen eingemacht essen«, sagte Madame Lerat. »Er ist eingemacht noch besser.« Die Damen pusteten und sahen mit bedauernden Blicken nach der Salatschüssel hin. Clemence erzählte, daß sie eines Tages drei große Bündel Brunnenkresse zum Frühstück aufgegessen habe. Madame Putois leistete noch mehr, sie nahm die Köpfe vom Lattich ungeputzt und aß sie mit Salz herunter. Alle hätten am liebsten ganz von Salat gelebt und Kübel voll davon gegessen. Mit Hilfe dieser Unterhaltung bezwangen die Damen den Inhalt der Salatschüssel. »Ich könnte auf einer Wiese auf allen vieren kriechen«, sagte die Pförtnersfrau mit vollem Munde. Beim Anblick des Nachtisches scherzte man; der Nachtisch zähle nicht. Er komme zwar ein bißchen spät, aber das schade nichts, man werde ihm doch alle Ehre antun. Und wenn man wie die Bomben aufplatzen sollte, man würde sich doch von so einem bißchen Kuchen und den paar Erdbeeren nicht zum besten haben lassen. Übrigens eile es nicht, man habe ja Zeit. Inzwischen füllte man seine Teller mit Erdbeeren und weißem Käse. Die Männer zündeten ihre Pfeifen an; da die Flaschen mit dem gesiegelten Wein ausgetrunken waren, kehrte man wieder zu den Litern zurück und trank den Wein beim Rauchen. Alle wollten, daß Gervaise die Savoyer Torte anschneiden solle. Poisson als galanter Kavalier erhob sich, um die Rose zu nehmen und der Wirtin anzubieten, wozu die ganze Gesellschaft Beifall klatschte. Sie mußte sie auf der linken Brust an der Seite des Herzens mit einer Stecknadel feststecken. Bei jeder ihrer Bewegungen tanzte der Schmetterling. »Sagt doch mal!« rief Lorilleux, der eben eine Entdeckung gemacht hatte, wir essen auf Eurem Werktisch! ... Das lasse ich mir gefallen! soviel ist vielleicht noch nie darauf gearbeitet worden!« Dieser boshafte Scherz hatte einen großen Erfolg. Jetzt fing es an geistreiche Bemerkungen zu regnen. Clemence schluckte keinen Löffel Erdbeeren mehr hinunter, ohne daß sie sagte, sie tue einen Strich mit dem Plätteisen; Madame Lerat behauptete, daß der weiße Käse nach Stärke rieche, während Madame Lorilleux zwischen den Zähnen murmelte, daß es ja das Richtige sei, auf denselben Brettern das Geld zu verprassen, auf denen man es so sauer erwerbe. Ein wahrer Sturm von Schreien und Gelächter erhob sich. Plötzlich gebot eine starke Stimme Schweigen. Es war Boche, der ein freies, keckes Wesen annahm und »den Liebesvulkan oder den verführerischen Krieger« sang. Ich bin Blavin, der die Schönen verführt. Mit einer Salve von donnernden Bravos wurde das erste Couplet begrüßt. Ja, ja, man mußte singen! Jeder komme an die Reihe. Das war das Unterhaltendste von allem. So stützte die Gesellschaft denn die Ellenbogen auf den Tisch oder lehnte sich an die Stühle zurück, nickte mit dem Kopf bei den hübschen Stellen und trank einen Schluck beim Kehrreim. Dieser Kerl, der Boche, war besonders stark in komischen Liedern. Er brachte einen Milzsüchtigen zum Lachen, wenn er den Ersatzsoldaten machte mit gespreizten Fingern und den Hut im Nacken. Gleich nach dem Liebesvulkan fing er das Lied von der Baronin Hirschkuh an, das ihm stets den Beifall sicherte. Als er bei dem dritten Verse ankam, wendete er sich an Clemence und murmelte mit langsamer, wollüstiger Stimme: Wer speist bei der Gräfin Cousine? Es sind vier Schwesterlein, Drei Braune und eine Blondine, Die haben acht Äugelein. Nun sang die angeheiterte Gesellschaft den Kehrreim. Die Männer schlugen mit den Hacken den Takt. Die Damen hatten ihre Messer zur Hand genommen und schlugen damit an ihre Gläser. Alle heulten: Ei der Tausend! wer wird wohl zahlen Den Wein für die Pa ... für die Pa ... für die Pa ... Ei der Tausend! wer wird wohl zahlen Den Wein für die Patrouille. Die Scheiben im Laden klangen und der Atem der Sänger machte selbst die Musselinvorhänge erzittern. Unterdessen war Virginie schon zweimal verschwunden und hatte sich, als sie wieder hereinkam, zu Gervaise gebeugt und ihr ganz leise eine vertrauliche Mitteilung gemacht. Als sie das drittemal bei dem großen Lärm wiederkam, sagte sie zu ihr: »Meine Liebe, er ist immer noch bei Franz und gibt sich den Anschein, als ob er die Zeitung lese ... Sicherlich hat er irgendeinen Überfall vor.« Sie sprach von Lantier. Nach ihm spionierte sie herum. Nach jedem neuen Bericht wurde Gervaise ernster. »Ist er denn betrunken?« fragte sie Virginie. »Nein,« sagte die große Brünette, »er sieht sehr gesetzt und ruhig aus. Das beunruhigt mich gerade. Weshalb bleibt er denn beim Weinwirt, wenn er nüchtern ist? ... Mein Gott! Mein Gott, wenn doch nur nichts geschehen möchte!« Die Wäscherin, die sehr unruhig geworden war, bat sie, doch still zu sein. Es war plötzlich ein gänzliches Stillschweigen eingetreten. Madame Putois hatte sich erhoben und sang: »Das Enterlied«. Die Gäste hörten schweigend und gesammelt zu und sahen die Sängerin an; selbst Poisson hatte seine Pfeife auf den Rand des Tisches gelegt, um besser hören zu können. Sie hielt sich ganz gerade: klein und mutig, wie sie war, mit ihrem bleichen Antlitz unter der schwarzen Haube, streckte sie ihre linke Faust mit bewußtem Stolz aus und schmetterte mit einer Stimme, die größer war, als sie selbst: Wenn ein fürchterlicher Räuber Vor uns jagt mit vollen Segeln, Sitzt der Tod in seinen Raaen, Denn Pardon gibt man ihm nicht. An die Stücke, meine Burschen! Sauft den Rum in vollen Zügen! Raubgesindel auf dem Meere Stirbt von Eurer Rächerhand! Das war etwas Ernsthaftes. Aber zum Donnerwetter! Das gab einen richtigen Begriff von der Sache! Poisson, der auf dem Meere gefahren war, wiegte seinen Kopf hin und her, um die Einzelheiten zu billigen. Man fühlte übrigens recht gut, daß dieses Lied für die Stimmung der Madame Putois wie gemacht war. Coupeau beugte sich vor, um zu erzählen, wie Madame Putois eines Abends vier Männer geohrfeigt habe, die sie entehren wollten. Jetzt reichte Gervaise mit Hilfe von Mama Coupeau den Kaffee herein, obgleich man immer noch von der Savoyer Torte aß. Man ließ gar nicht zu, daß sie sich wieder setzte, sondern rief ihr zu, daß sie jetzt an der Reihe sei. Sie weigerte sich, sie sah blaß aus, und man merkte, daß sie nicht so ganz wohl war, so daß man sie fragte, ob die Gans ihr vielleicht zu schaffen machte. Nun fing sie das: » Oh, laßt mich schlafen !« an und sang es mit schwacher, sanfter Stimme. Als sie bei dem Kehrreim angekommen war, in dem der Dichter wünscht, daß sein Schlaf von schönen Träumen belebt sein möge, schloß sie ihre Augenlider ein wenig, und ihr feuchter Blick verlor sich in das Dunkel der Straße. Gleich darauf begrüßte Poisson die Damen mit einem kurzen Kopfnicken und stimmte ein Lied an, in dem er dazu aufforderte, » die Weine Frankreichs zu trinken «, aber er sang wie eine Feuerspritze; nur der letzte Vers, der patriotische, hatte einigen Erfolg, weil er darin von der dreifarbigen Fahne Frankreichs sprach und sein Glas besonders hoch erhob, um es nach einigem Schwanken auf einen Zug in den weit aufgehaltenen Mund zu entleeren. Nun folgte eine Romanze auf die andere; da war die Rede von Venedig und seinen Gondelieren in der Barkarole in der Madame Boche, von Sevilla und den Andalusiern in dem Bolero der Madame Lorilleux, während Lorilleux sich sogar dazu aufschwang, bei Gelegenheit der Liebe Fatmas, der Tänzerin, von Arabien und seinen Düften zu sprechen. Um diesen fettigen Tisch in der verdickten Luft, durch die ein Hauch von Unverdaulichkeit ging, schienen sich goldene Horizonte zu eröffnen; da träumte man von Nacken wie Elfenbein, Haaren, so schwarz wie Ebenholz, von Küssen bei Mondschein und Guitarrenklang, von Bajaderen, unter deren Schritten Perlen und Edelsteine emporwüchsen. Da rauchten die Männer behaglich ihre Pfeifen, auf den Gesichtern der Damen strahlte das Lächeln ununterbrochenen Genusses, alle glaubten im Lande der Poesie zu sein und die Düfte Arabiens einzuatmen. Als Clemence anfing, das » Baut ein Nest « zu gurren und dabei alle Töne trillerte, verursachte es viele Freude; es erinnerte an das Land, an die flüchtigen Vögel, an die Tänze im Grünen, an Blumen mit honiggefüllten Kelchen, mit einem Wort, man sah im Geiste das Gehölz von Vincennes, wenn man dort einem Kaninchen den Garaus machte. Aber Virginie verstand noch heitere Töne mit » dem kleinen Riquiqui « anzuschlagen; mit einer Hand auf die Hüfte gestützt und mit schön gerundetem Ellenbogen, ahmte sie die Marketenderin nach, die immer ins Leere einschenkt und hübsch ihr Händchen dreht. Die Gesellschaft wurde so lustig, daß sie Mama Coupeau bat, nun » die Maus « zu singen. Die alte Frau weigerte sich und versicherte, daß sie von der Schweinerei gar nichts mehr wisse. Sie fing aber denn doch mit ihrer fadendünnen Stimme an, und ihr altes, faltiges Gesicht mit den kleinen lebhaften Augen gab den Ausdruck des Schreckens wieder, den Fräulein Lise empfand, wenn sie beim Anblick einer Maus ihre Röcke zusammennahm. Der ganze Tisch lachte; die Frauen konnten nicht mehr an sich halten und warfen ihren Nachbarn leuchtende Blicke zu; das war nicht unanständig, wenn man es recht überlegte, denn es kam kein schamloses Wort darin vor. Boche, der allen Dingen eine praktische Seite abgewann, machte die Maus längs der Waden der Kohlenhändlerin. Es hätte noch böse enden können, wenn nicht Goujet auf einen Blick von Gervaise mit dem Anstimmen » des Abschiedes von Abd-el-Kader «, den er mit seiner Baßstimme donnerte, die Aufmerksamkeit auf sich gezogen hätte. Der hatte einen schönen Baß, das mußte wahr sein, das kam aus seinem großen, blonden Bart wie der Ton einer Kupfertrompete. Wenn er so aus voller Brust sang: »Oh, meine edle Gefährtin!« (er sprach von der schwarzen Stute des Kriegers), da schlugen aller Herzen und man klatschte rasend Beifall, ohne das Ende abzuwarten, so stark hatte er geschrien. »Nun ist an Euch die Reihe, Vater Bru!« sagte Mama Coupeau. »Singt Euer Lied! Laßt es nur gut sein, die alten sind doch noch immer die besten!« Die Gesellschaft wendete sich dem Alten zu, bestand darauf, daß er singe, und ermutigte ihn. Er war so versteinert in seiner Maske von Unbeweglichkeit, daß er die Leute ansah, ohne zu begreifen, was sie von ihm wollten. Man fragte ihn, ob er » die fünf Vokale « kenne. Er senkte den Kopf, er entsann sich nicht mehr; alle die Lieder der guten, alten Zeit wirbelten in seinem Dickkopf durcheinander. Als man sich endlich entschied, ihn ganz ruhig überlegen zu lassen, schien er sich zu entsinnen und stotterte mit hohler Stimme: Trou la la, trou la la, Trou la, trou la, trou la la! Sein Gesicht belebte sich, dieser Kehrreim mußte in ihm die Erinnerung an längst entschwundene Lust wieder anfachen, die nur er allein genoß, wenn er seine Stimme hörte, die immer dumpfer mit dem Entzücken eines Kindes wieder anhub: Trou la la, trou la la, Trou la, trou la, trou la la! »Sagt doch, meine Liebe,« murmelte Virginie Gervaise ins Ohr, »Ihr wißt, daß ich schon wieder daher komme. Es ließ mir keine Ruhe! Lantier ist von Franz fortgegangen!« »Ihr habt ihn draußen nicht getroffen?« fragte die Wäscherin. »Nein, ich bin schnell gegangen und habe nicht daran gedacht, mich umzusehen.« Als Virginie die Augen erhob, unterbrach sie sich und stieß einen unterdrückten Seufzer aus. »Großer Gott! ... Da ist er drüben auf dem Bürgersteig und sieht hierher!« Gervaise war ganz verwirrt und wagte doch einen Blick hinüberzuwerfen. Es hatte sich dort auf der Straße ein Auflauf gebildet, um die Gesellschaft singen zu hören. Die Ladendiener des Kaufmanns, die Kaldaunenhändlerin und der kleine Uhrmacher bildeten eine Gruppe und schienen zu glauben, daß sie im Theater seien. Da waren Soldaten, Zivilisten in Überröcken und drei kleine Mädchen von fünf oder sechs Jahren, die einander an der Hand hielten und sehr ernst und ganz entzückt zuhörten. Und richtig! Auch Lantier hatte sich da im ersten Rang aufgepflanzt, er hörte und sah mit gleichmütiger Miene. Für seine Lage war es ein bißchen unverschämt. Gervaise fühlte, wie es ihr von unten herauf bis zum Herzen hin kalt wurde und sie wagte sich nicht mehr zu rühren, während der Vater Bru noch immer fortfuhr: Trou la la, trou la la, Trou la, trou la, trou la la! »Gut, mein Alter, jetzt ist es genug!« sagte Coupeau. »Kennt Ihr das Lied ganz? ... Ihr werdet es uns ein andermal vorsingen, wenn wir noch ein bißchen lustiger sind als heute!« Man lachte. Der Alte brach kurz ab, ließ seine blöden Augen in die Runde gehen und sank wieder in sein dumpfes Hinbrüten zurück. Jetzt war auch der Kaffee getrunken, und der Zinkarbeiter hatte wieder Wein verlangt. Clemence hatte angefangen, Erdbeeren zu essen. Einen Augenblick hörte das Singen auf, und man sprach von einer Frau, die man des Morgens im Nachbarhause erhängt gefunden hatte. Jetzt war Madame Lerat an der Reihe, aber sie mußte erst Vorbereitungen treffen. Sie tauchte den Zipfel einer Serviette in ein Glas Wasser und feuchtete sich damit die Schläfe an, weil ihr zu heiß war. Darauf verlangte sie einen Fingerhut voll Branntwein, trank ihn und trocknete sich lange die Lippen. »› Das Kind des lieben Gottes ‹, nicht wahr?« murmelte sie, »das Kind des lieben Gottes ...« Groß, männlich, mit knochiger Nase und vierschrötigen Schultern wie ein Gendarm, richtete sie sich auf und fing nun an: Du armes Kind, von Mutterlieb' verlassen, An heil'ger Stätte nimmt man gern dich auf, Gott selbst wird schätzend deine Hand erfassen, Gott, Vater, nimmt dich in den Himmel auf! Ihre Stimme zitterte bei bestimmten Worten, und bei gewissen Molltönen verweilte sie mit Vorliebe. Sie schlug ihre Augen gen Himmel auf, während die rechte Hand vor ihrer Brust hin und her schwebte und sich schließlich mit der Bewegung tiefer Ergriffenheit auf das Herz niedersenkte. Gervaise, die durch die Anwesenheit Lantiers sehr peinlich berührt war, konnte ihre Tränen nicht mehr zurückhalten; es schien ihr, als ob das Lied all ihren Kummer ausspreche, als ob sie dieses verlassene Kind sei, das der liebe Gott von seinem Throne aus verteidigen werde. Clemence, die sehr betrunken war, brach plötzlich in heftiges Weinen aus, mit dem Kopf auf dem Rande des Tisches erstickte sie ihr Schluchzen mit dem Tischtuch. Ein peinliches Schweigen herrschte. Die Damen hatten ihre Taschentücher hervorgezogen und trockneten sich die Augen, sie saßen mit erhobenen Gesichtern da und rechneten sich ihre Rührung zur Ehre an. Die Männer blickten mit gesenkten Stirnen gerade vor sich hin und ihre Augenlider klappten unwillkürlich auf und nieder. Poisson, der mit Gewalt seine Rührung bemeistern wollte und seine Zähne zusammenpreßte, biß zweimal hintereinander Stückchen von seiner Tonpfeife ab und spie sie aus, ohne daß er aufgehört hätte zu rauchen. Boche, der seine Hand auf dem Knie der Kohlenhändlerin gelassen hatte, kniff sie nicht mehr, er machte sich Vorwürfe, und ein unbestimmtes Gefühl von Achtung bemeisterte sich seiner, während zwei dicke Tränen über seine Backen herniederrannen. Diese Schlemmer waren unbeugsam wie die Gerechtigkeit und milde wie die Lämmer. Der Wein kam ihnen zu den Augen wieder heraus. Als die Wiederholung kam, die noch langsamer und rührender vorgetragen wurde, konnte niemand mehr an sich halten, sie heulten wie die Kälber auf ihre Teller nieder, knöpften sich die Westen und Taillen auf und waren ganz aufgelöst vor Rührung. Aber Gervaise und Virginie mußten gegen ihren Willen den Bürgersteig gegenüber immer im Auge behalten. Madame Boche ihrerseits bemerkte Lantier auch und konnte einen leichten Aufschrei nicht unterdrücken, ohne daß sie deswegen den Tränen Einhalt getan hätte, die ihr Gesicht beschmutzten. So hatten denn diese drei sehr ängstliche Mienen und machten sich unwillkürlich Zeichen mit dem Kopfe. Mein Gott! Wenn Coupeau sich umdrehte, wenn Coupeau den andern sähe. Welcher Mord und Totschlag! Was für ein Blutbad! Sie machten das schließlich so auffallend, daß der Zinkarbeiter sie fragte: »Was habt ihr denn da zu gucken?« Er beugte sich vor und erkannte Lantier. »Beim heiligen Himmel! Das ist zu stark!« murmelte er. »Dieser schmutzige Schuft! Dieser schmutzige Schuft ... Nein, das ist wirklich zu stark, da muß man ein Ende machen!« Als er aufstand und seine wütenden Drohungen hervorstotterte, versuchte Gervaise ihn mit leise bittender Stimme zu beschwichtigen. »Höre doch, ich beschwöre dich ... Laß das Messer liegen ... bleibe auf deinem Platz, richte kein Unheil an!« Virginie mußte ihm das Messer wegnehmen, das er vom Tisch aufgegriffen hatte. Aber sie konnte nicht verhindern, daß er aufstand, hinausging und sich Lantier näherte. Die Gesellschaft, deren Erregung sich immer noch steigerte, hörte und sah nichts, sondern weinte noch stärker, als Madame Lerat mit herzzerreißendem Ausdruck weitersang: Die arme Waise war verloren, Und ihre Stimme kam zu Ohren Nur den Bäumen und dem Wind. Dieser letzte Vers erklang wie der klagende Ton des Sturmwindes. Madame Putois, die gerade trank, war so gerührt, daß sie ihren Wein über das Tischtuch goß. Indessen war Gervaise wie erstarrt vor Schrecken sitzen geblieben, ihre eine Hand hatte sie vor den Mund gepreßt, um nicht zu schreien, ihre Augenlider schlossen und öffneten sich abwechselnd vor Entsetzen, denn sie erwartete von einem Augenblick zum andern, einen der beiden Männer zerschmettert mitten auf der Straße zu Boden stürzen zu sehen. Auch Virginie und Madame Boche folgten der Szene mit tiefem Interesse. Coupeau, dem die frische Luft beinahe die Besinnung nahm, wäre auf ein Haar in den Rinnstein gefallen, als er sich auf Lantier stürzen wollte. Dieser stand ruhig mit den Händen in den Hosentaschen da und war ihm einfach ausgewichen. Dann brüllten die beiden einander an, besonders der Zinkarbeiter fuhr mit dem anderen ab, er warf ihm Worte wie krankes Schwein an den Kopf und sprach davon, ihm die Kaldaunen aus dem Leibe zu reißen. Man hörte den Ton ihrer wütenden Stimmen und sah ihre rasenden Bewegungen, als ob sie sich bei ihren Schlägen die Arme aus den Gelenken drehen wollten. Gervaise wurde ohnmächtig und schloß die Augen. Das dauerte zu lange, und sie glaubte jeden Augenblick, jetzt sei der Zeitpunkt gekommen, wo sie aufeinander losfahren würden, so nahe waren sie Gesicht bei Gesicht aneinander. Als sie nichts mehr hörte, öffnete sie die Augen und blieb ganz dumm sitzen, als sie sie ruhig miteinander plaudern sah. Die Stimme der Madame Lerat erhob sich wieder schluchzend und weinerlich, als sie einen neuen Vers anfing: Am nächsten Morgen, schon halb entseelt, Da fand man das arme Kind. »Es gibt Frauen, die trotz alledem nichts taugen!« sagte Madame Lorilleux inmitten des allgemeinen Beifalls. Gervaise hatte mit Madame Boche und Virginie einen Blick gewechselt. Das schien also beigelegt? Coupeau und Lantier plauderten ruhig auf dem Bürgersteig fort. Sie schimpften sich zwar noch, aber freundschaftlich. Sie nannten sich »verdammtes Tier«, und das mit einem Ton, in dem schon die Keime einiger Zärtlichkeit lagen. Da man sie beobachtete, fingen sie an, nebeneinander langsam an den Häusern entlang zu gehen, wobei sie alle zehn Schritte wieder umdrehten. Sie hatten sich in eine sehr lebhafte Unterhaltung verwickelt. Plötzlich schien Coupeau wieder böse zu werden, weil der andere ihm etwas abschlug und sich bitten ließ. Endlich stieß der Zinkarbeiter Lantier vor sich her, zwang ihn über die Straße zu gehen und in den Laden einzutreten. »Ich sage Euch, es geschieht aus gutem Herzen!« schrie er. »Ihr trinkt ein Glas Wein ... Männer sind Männer, nicht wahr? Man kann sich doch verständigen.« Madame Lerat brachte ihren letzten Vers zu Ende. Alle Damen wiederholten den Kehrreim, wobei sie ihre Taschentücher förmlich ausrangen: Verlor'ner Kinder nimmt ein Gott sich an! Man sagte der Sängerin viele Schmeicheleien, doch diese saß erschöpft da und tat so, als ob sie ganz gebrochen sei. Sie forderte etwas zu trinken, denn sie wandte bei diesem Liede stets so viel Gefühl an, daß sie ihre Nerven abzuspannen fürchtete. Nun richteten sich alle Blicke auf Lantier, der ganz friedlich neben Coupeau saß und schon den Rest der Savoyer Torte aß, die er in ein Glas Wein einstippte. Außer Virginie und Madame Boche kannte ihn niemand. Die Lorilleux' witterten wohl irgendwelchen Unrat, aber sie wußten nichts, doch hatten sie eine gekniffene Miene angenommen. Goujet, dem die Gemütsbewegung von Gervaise nicht entgangen war, betrachtete den neuen Ankömmling von der Seite. Als ein förmliches Stillschweigen eintrat, sagte Coupeau ganz einfach: »Einer meiner Freunde!« Und sich seiner Frau zuwendend: »Nun, tummle dich doch ein bißchen! ... Vielleicht hast du noch etwas warmen Kaffee!« Gervaise betrachtete sie einen nach dem andern mit sanften, stumpfen Blicken. Zuerst, als ihr Mann ihren früheren Liebhaber in den Laden gestoßen hatte, nahm sie ihren Kopf zwischen die Hände mit derselben unwillkürlichen Bewegung, die ihr an Tagen, wo es gewitterte, eigen war, wenn es heftig donnerte. Es schien ihr unmöglich; die Mauern müßten einfallen und alle zerschmettern. Als sie dann die beiden Männer nebeneinander sitzen sah, ohne daß auch nur die Musselinvorhänge gezittert hätten, hatte sie plötzlich alles ganz natürlich gefunden. Die Gans drückte ihr auf den Magen, sie hatte entschieden zuviel davon gegessen, und das verhinderte sie am Denken. Eine glückliche Faulheit schläferte sie ein; sie saß an dem Tisch wie eine beinahe fühllose Masse, und hegte nur den einen Wunsch, nicht ganz zu verdummen. Mein Gott! Wozu sollte sie sich das Herz abstoßen, wenn die anderen die Sache leicht nahmen und sich die Dinge von selbst zur allgemeinen Zufriedenheit zu ordnen schienen? So stand sie auf, um zu sehen, ob noch Kaffee da war. Im Hinterzimmer schliefen die Kinder. Während des ganzen Nachtisches hatte sie die schielende Augustine tyrannisiert, ihnen ihre Erdbeeren fortgenommen und sie mit abscheulichen Drohungen eingeschüchtert. Jetzt war sie sehr krank und saß auf einer kleinen Fußbank zusammengekauert mit bleichem Gesicht, ohne ein Wort zu sprechen. Die dicke Pauline hatte ihren Kopf auf die Schulter Etiennes fallen lassen, der selbst, gegen den Tisch gelehnt, eingeschlafen war. Nana saß auf dem Rande des Bettes neben Victor, den sie an sich drückte und dem sie einen Arm um den Nacken geschlungen hatte; im Schlaf mit geschlossenen Augen murmelte sie fortwährend mit leiser Stimme: »O Mama, ich bin so müde ... O Mama, ich bin so müde!« »Ja, ja!« murmelte Augustine, die ihren Kopf nicht aufrecht zu halten vermochte, nun sind sie ganz hin! Sie haben ebenso gesungen wie die Großen!« Beim Anblick von Etienne gab es Gervaise einen Stich ins Herz. Sie glaubte ersticken zu müssen, wenn sie daran dachte, daß der Vater dieses Burschen da nebenan ganz ruhig Kuchen aß, ohne daß er den Wunsch hatte laut werden lassen, den Kleinen zu umarmen. Sie war schon im Begriff, Etienne aufzuwecken und ihn auf ihren Armen hineinzutragen. Da fand sie noch einmal, daß es doch sehr gut sei, wenn sich alles so ruhig mache; es sei sicher nicht schicklich gewesen, das Ende ihres Festes zu stören. So kam sie mit der Kaffeekanne zurück und goß Lantier, der sich übrigens nicht um sie zu bekümmern schien, ein Glas Kaffee ein. »Jetzt bin ich an der Reihe!« lallte Coupeau mit rauher Stimme. »Ja, ja, mich haben sie bis zuletzt aufgespart ... Nun denn, ich werde euch singen: » Was ist das Kind für 'n Schwein !« Da begann der Lärm aufs neue, und Lantier war vergessen. Die Damen rückten ihre Gläser und Messer zurecht, um den Kehrreim zu begleiten. Man lachte schon im voraus beim Anblick des Zinkarbeiters, der sich mit Schelmenmiene fest auf seine Beine zu stellen versuchte. Er begann mit der heiseren Stimme einer alten Frau: Wenn man des Morgens früh aufsteht, Sind Herz und Beutel stets gleich leicht; Das Kind dann zum Budiker geht, Der mir den Schnaps auf Pump noch reicht. Drei Viertelstunden bleibt die Range, Eh' sie bringt den Branntewein, Säuft die Hälfte auf dem Gange, Oh! was ist das Kind für 'n Schwein! Nun schlugen die Damen an ihre Gläser und wiederholten im Chor mit ungeheurer Heiterkeit: Oh! was ist das Kind für 'n Schwein! Oh! was ist das Kind für 'n Schwein! Die Goldtropfengasse mischte sich jetzt hinein. Das ganze Quartier sang: » Oh! was ist das Kind für 'n Schwein !« Gegenüber fielen der Uhrmacher, die Ladenburschen des Kaufmanns, die Krämerin und die Kaldaunenhändlerin, die alle das Lied kannten, in den Kehrreim ein und schlugen einer auf des andern Rücken zum Spaß den Takt. Schließlich schien es so, als ob die ganze Straße mit betrunken sei; schon der Geruch der Gasterei bei den Coupeaus ließ alle Leute auf der Straße Feierabend machen. Man muß sagen, daß die drinnen um diese Stunde schon recht hübsch angeheitert waren. Die Betrunkenheit steigerte sich nach und nach von dem ersten Schluck reinen Weines, den sie nach der Suppe getrunken hatten. Jetzt hatte die Sache ihren Höhepunkt erreicht; alle waren mit Nahrung bis zum Platzen vollgepfropft und saßen so in dem rötlichen Dampf, den die beiden blakenden Lampen erzeugten. Der Lärm ihrer Lustigkeit übertönte das Rollen der letzten Wagen. Zwei Stadtsergeanten, die glaubten, daß da ein Auflauf entstanden sei, eilten herbei; als sie aber Poisson inmitten der Gesellschaft sahen, nickten sie ihm verständnisinnig zu. Sie gingen nun zusammen langsam an den dunklen Häusern hin. – Coupeau war bei folgendem Vers: Des Sonntags in Petit-Villette, Wenn die Glut vorbei, Besuch' ich meinen Onkel Tinette Von der Abfuhrkompagnei. Kirschenkerne dort zu sammeln, Wagen wir uns tief hinein, Kind läßt drin die Beine bammeln. Oh! was ist das Kind für 'n Schwein! Oh! was ist das Kind für 'n Schwein! Jetzt aber kam das Haus ins Wackeln, ein solches Geheul ertönte durch die milde, stille Nacht; diese Schreihälse klatschten sich selber Beifall, denn sie konnten nicht hoffen, daß es ihnen gelingen werde, noch stärker zu brüllen. Niemand von der ganzen Gesellschaft konnte sich so recht darauf besinnen, was die Sache eigentlich für ein Ende genommen hatte. Es mußte schon sehr spät gewesen sein, denn auf der Straße kam keine Katze mehr vorüber. Es konnte wohl sein, daß man noch um den Tisch herumgetanzt hatte und sich dabei bei den Händen gehalten. Alles ging in einem gelben Nebel unter, in dem rote Gesichter hin und her sprangen, deren Mäuler von einem Ohr bis zum andern aufgerissen waren. Soviel stand fest, man hatte zuletzt den Wein in vollen Gläsern heruntergestürzt; nur wußte man nicht ganz genau, ob nicht jemand aus Unsinn Salz in die Gläser geschüttet hatte. Die Kinder mußten sich ganz allein ausgezogen und zu Bette gelegt haben. Madame Boche rühmte sich am nächsten Morgen, daß sie Boche zwei Ohrfeigen gegeben habe, weil er in einer Ecke mit der Kohlenhändlerin gar zu eindringlich geplaudert. Aber Boche, der sich des Vorfalls nicht entsann, behandelte die ganze Sache als eine Erfindung. Was jedermann für wenig anständig hielt, war das Betragen von Clemence. Die war entschieden ein Mädchen, das man nicht einladen konnte; sie hatte schließlich alles gezeigt, was sie besaß, und es war ihr so übel geworden, daß sie eine Musselingardine total verdorben hatte. Die Männer gingen wenigstens auf die Straße; Lorilleux und Poisson waren, als ihre Magen rebellisch wurden, direkt bis zum Laden des Wursthändlers gegangen. Wenn man eine gute Erziehung genossen hat, kommt es immer zur Geltung. So waren Madame Putois, Madame Lerat und Virginie, als sie die Hitze zu sehr belästigte, einfach in das Hinterzimmer gegangen und hatten ihre Korsetts ausgezogen; Virginie hatte sich sogar lang auf das Bett gestreckt, nur für einen Augenblick freilich, um böse Folgen zu vermeiden. Dann schien die Gesellschaft weggeschmolzen zu sein, die einen verschwanden nach den anderen; alle begleiteten einander und verloren sich so in dem dunkeln Quartier mit einem letzten Lärm, den ein wütender Streit zwischen den Lorilleux' verursachte; noch ein »Trou la la, trou la la!« auf das sich der Vater Bru mit stumpfsinniger Energie verbissen hatte, und alles war aus. Es war Gervaise so vorgekommen, als ob Goujet, ehe er fortging, geschluchzt habe. Coupeau sang noch immer. Lantier mußte wohl bis zuletzt geblieben sein, denn es war ihr einen Augenblick so, als ob in ihren Haaren ein gewisser Duft sei, aber sie konnte nicht genau sagen, ob es von Lantier oder der heißen Nachtluft kam. Da Madame Lerat sich geweigert hatte, zu so später Nachtstunde noch nach Batignolles zurückzukehren, wurde für sie in einer Ecke des Ladens, nachdem man den Tisch beiseite gerückt hatte, auf einer Matratze ein Lager aufgeschlagen. Dort schlief sie mitten unter den Abfällen des Gastmahles. Während der ganzen Nacht, wo die Coupeaus in bleiernem Schlafe ihren Rausch sühnten, fraß eine Katze aus der Nachbarschaft, die durch ein offenes Fenster eingedrungen war, die Knochen der Gans und verzehrte so mit dem leisen Geräusch ihrer feinen Zähne die letzten Reste des Tieres. Achtes Kapitel Am nächsten Sonnabend brachte Coupeau, der zum Mittagessen nicht nach Hause gekommen war, gegen zehn Uhr Lantier mit. Sie hatten bei Thomas am Montmartre zusammen Kalbsfüße gegessen. »Du mußt nicht böse sein, Mutter!« sagte der Zinkarbeiter. »Wir waren ganz vernünftig, wie du siehst ... Wenn ich mit ihm zusammen bin, hat es keine Not. Der paßt schon auf, daß ich nicht über die Stränge schlage!« Er erzählte nun, wie sie sich in der Rochechouartstraße getroffen hatten. Nach dem Essen hatte Coupeau vorgeschlagen, daß er in der »Schwarzen Kugel« etwas geben wollte, aber Lantier hatte es rund abgeschlagen; er sagte, wenn man mit einer hübschen, ehrbaren Frau verheiratet sei, so sei es unschicklich, sich in allen Kneipen und Tanzlokalen herumzutreiben. Gervaise hörte diese Geschichte mit leise lächelnder Miene an. Es fiel ihr gar nicht ein, böse zu sein, dazu fühlte sie sich viel zu unbehaglich. Seit dem Feste hatte sie sich wohl schon darauf gefaßt gemacht, ihren alten Liebhaber an einem oder dem anderen Tage wiederzusehen; aber heute zu so später Stunde, wo man eben im Begriff war, zu Bette zu gehen, hatte sie das plötzliche Eintreten der beiden Männer überrascht, und mit zitternden Händen befestigte sie wieder ihren Zopf, der ihr auf den Nacken gerutscht war. »Du begreifst wohl,« fing Coupeau wieder an, »da er so zartfühlend war und in einer Schenke von mir nichts annehmen wollte, daß du uns jetzt einen Trunk vorsetzen mußt ... Ich dächte, das wärst du uns schuldig!« Die Arbeiterinnen waren schon lange fortgegangen, Mama Coupeau und Nana hatten sich eben zu Bette gelegt. Gervaise, die schon einen Flügel der Ladentüre in der Hand hatte und schließen wollte, als sie kamen, ließ jetzt den Laden offen und brachte auf eine Ecke des großen Arbeitstisches Gläser und den Rest einer Flasche Kognak. Lantier setzte sich nicht und vermied es, mit ihr zu sprechen. Nur als sie ihm eingoß, rief er: »Nur einen Tropfen, Madame, wenn ich bitten darf!« Coupeau beobachtete sie und erklärte sich sehr unumwunden. Sie würden doch hier nicht etwa die Blöden spielen! Was vorbei ist, ist vorbei, nicht wahr? Wenn man nach neun oder zehn Jahren immer noch Haß gegeneinander hegen wolle, so werde man schließlich dahin kommen, mit niemandem zu verkehren. Nein, nein, er sei ein Mensch, der jedermann wohlwolle! Und dann wisse er auch, mit wem er es zu tun habe, mit einer braven Frau und mit einem Ehrenmanne, kurz: mit zwei Freunden! Er sei ruhig, denn er kenne ihre Ehrenhaftigkeit. »Oh, sicherlich ... sicherlich ...« meinte Gervaise mit gesenkten Augenlidern, ohne recht zu wissen, was sie sagte. »Ich betrachte sie jetzt wie meine Schwester, nicht anders«, meinte Lantier seinerseits. »Gebt euch in Gottes Namen die Hände!« rief Coupeau. »Wir kümmern uns den Teufel was um die Kuponabschneider! Wenn man Grütze im Schädel hat, seht ihr wohl, ist man mehr wert als alle Millionäre. Ich für meine Person stelle die Freundschaft am höchsten, weil die Freundschaft eben die Freundschaft ist und nichts darüber geht.« Er gab sich heftige Faustschläge auf den Magen und war so aufgeregt, daß sie ihn beruhigen mußten. So tranken sie nun alle drei, stillschweigend miteinander anstoßend, ihren Schnaps. Jetzt konnte Gervaise Lantier nach Gefallen betrachten, denn an dem Abend ihres Festes war ihr alles wie im Nebel erschienen. Er war dicker geworden, fett und rund, die Arme und Beine schienen wegen seiner kleinen Gestalt sehr schwer zu sein. Aber in seinem Gesicht hatten sich trotz der Aufgedunsenheit infolge seines nichtstuerischen Lebens noch hübsche Züge erhalten, und da er seinen kleinen Schnurrbart noch immer sehr sorgfältig pflegte, erschien er nicht älter, als er war, gerade fünfunddreißig Jahre. An diesem Tage trug er ein graues Beinkleid und einen blauen Überzieher wie ein Herr, seine Kopfbedeckung war ein runder Hut; er hatte selbst eine Uhr mit silberner Kette, an der ein Ring hing, wahrscheinlich ein Andenken. »Ich muß jetzt fort, ich habe verteufelt weit nach Hause!« Er war schon auf der Straße, als Coupeau ihn zurückrief und ihm das Versprechen abnahm, nicht mehr bei ihnen vorüberzugehen, ohne ein wenig mit heranzukommen. Währenddessen kam Gervaise, die plötzlich verschwunden war, zurück und stieß Etienne vor sich her, der in Hemdärmeln war und ein sehr verschlafenes Gesicht hatte. Das Kind rieb sich lächelnd die Augen. Doch als es Lantier bemerkte, blieb es verlegen und zitternd stehen, indem es unruhig fragende Blicke auf Gervaise und Coupeau richtete. »Kennst du denn den Herrn gar nicht?« fragte dieser. Das Kind senkte zuerst den Kopf, ohne zu verstehen. Dann nickte es, daß es den Herrn erkenne. »Nu denn, stelle dich nicht so dumm an, geh und umarme ihn!« Lantier saß ruhig und würdig da und erwartete ihn. Als Etienne sich endlich entschloß, näherzukommen, beugte er sich zu ihm nieder, hielt ihm beide Backen hin und gab dem Knaben selbst einen Kuß mitten auf die Stirn. Jetzt wagte dieser, seinen Vater zu betrachten. Aber plötzlich fing er heftig zu schluchzen an und lief wie ein Toller davon. Coupeau überhäufte ihn mit Scheltworten und sagte, daß er ein wahrer Wilder sei. »Das ist die Gemütsbewegung!« sagte Gervaise, die selbst ganz blaß und erschüttert war. »Er ist gewöhnlich sehr sanft und artig«, meinte Coupeau. »Ich habe ihn famos erzogen, Ihr werdet es noch sehen ... Seht, schon des Kleinen wegen konnte man doch nicht immer böse miteinander spielen, nicht wahr? Schon seinetwegen mußten wir das wieder schön Wetter machen, denn ich ließe mir lieber den Kopf abschneiden, als daß ich einen Vater verhindern sollte, sein Kind zu sehen!« Danach sprach er davon, daß man recht gut die Flasche Kognak austrinken könne. Alle drei stießen aufs neue an. Lantier erstaunte über nichts, seine Ruhe war unerschütterlich. Ehe er fortging, wollte er, um dem Zinkarbeiter seine Artigkeit heimzuzahlen, durchaus ihm helfen, den Laden zuzuschließen. Als er hierauf der Reinlichkeit wegen in die Hände geschlagen hatte, wünschte er dem Ehepaare eine gute Nacht. »Schlaft wohl! Ich will versuchen, ob ich den Omnibus noch abfassen kann ... Ich verspreche euch, bald wiederzukommen!« Seit diesem Abend zeigte sich Lantier recht oft in der Goldtropfengasse. Er kam immer zu Zeiten, wo der Zinkarbeiter zu Hause war, fragte schon an der Tür nach seinem Befinden und tat so, als ob er überhaupt nur seinetwegen komme. Wenn er so mit dem Rücken nach dem Ladenfenster dasaß, immer im Paletot, rasiert und sorgfältig gekämmt, und dort höflich plauderte, konnte man ihn für einen Menschen halten, der eine gute Erziehung genossen hat. Mit der Zeit erfuhren die Coupeaus von ihm etwas Genaueres über sein Leben. Während der letzten acht Jahre hatte er eine kurze Zeit eine Hutfabrik geleitet. Wenn man ihn fragte, warum er sich denn zurückgezogen habe, so sprach er von der Schuftigkeit eines Gesellschafters, der ein böser Bruder, ein Schurke, das ganze Unternehmen mit Weibern durchgebracht habe. Aber sein früherer Titel eines Chefs umschwebte unsichtbar seine Person und gab ihm etwas Vornehmes, das er nicht mehr abtun konnte. Er sagte alle Augenblicke, daß er im Begriff stehe, ein ganz ausgezeichnetes Geschäft zum Abschluß zu bringen. Die ersten Hutfirmen seien im Begriff, ihm Fabriken einzurichten und ihm mit größtem Vertrauen ihre Interessen in die Hände zu legen. Inzwischen tat er nicht das Geringste, er ging mit den Händen in der Tasche in der Sonne spazieren wie ein Spießbürger. Wenn er hin und wieder einmal klagte, und man es wagte, ihm Fabriken nachzuweisen, wo Arbeiter verlangt wurden, hatte er dafür nur ein mitleidiges Lächeln; er habe keine Lust, Hungers zu sterben und sich für die anderen zu Tode zu arbeiten. Und doch lebte dieser Schlingel, wie Coupeau sagte, nicht von der Luft. Das war ein Feiner, er wußte sich durchzuhelfen! Er mußte irgendein Geschäft betreiben, denn sein Äußeres zeigte, daß es ihm gut ging; es gehörte doch Geld dazu, um immer weiße Wäsche und Krawatten wie die Söhne reicher Leute zu tragen. In Wirklichkeit verhielt sich Lantier, der über alle anderen sehr gesprächig war, sehr schweigsam über seine Person, oder er log auch in Dingen, die ihn betrafen. Er wollte nicht einmal sagen, wo er wohnte. Er wohne bei einem Freunde, weit, am Ende der Welt, bis er eine schöne Stellung gefunden habe; er verbiete es den Leuten, zu ihm zu kommen, weil er doch niemals zu Hause sei. »Man kann ja zehn Anstellungen für eine bekommen«, setzte er oft auseinander. »Nur lohnt es nicht, in eine von diesen Butiken einzutreten, weil man doch nicht länger als vierundzwanzig Stunden da bleiben würde ... So komme ich eines schönen Montags zu Champion nach Montrouge. Am Abend ärgerte mich Champion mit der Politik; wir hatten nicht dieselben Ansichten. Nun! am Mittwoch früh gehe ich davon, denn wir leben doch heute nicht mehr in den Zeiten der Sklaverei, und ich will mich doch nicht für sieben Franken täglich verkaufen.« Es waren damals die ersten Tage des Monats November. Lantier brachte sehr galant Veilchenbuketts mit, die er an Gervaise und die Arbeiterinnen verteilte. Nach und nach wurden seine Besuche häufiger, schließlich kam er fast täglich. Er schien das Haus, ja das ganze Quartier erobern zu wollen und begann damit, Clemence und Madame Putois zu bezaubern, denen er, ohne auf den Altersunterschied Rücksicht zu nehmen, die ausgesuchteste Artigkeit erwies. Nach einem Monat wurde er von den beiden Arbeiterinnen angebetet. Die Boches, denen er sehr schmeichelte, weil er sie in ihrer Loge besuchte, konnten nicht genug Rühmens von seiner Höflichkeit machen. Als die Lorilleux' erst erfahren hatten, wer der Herr gewesen sei, der da am Tage des Festes zum Nachtisch gekommen war, schien sie Feuer und Flamme gegen Gervaise, die es wagte, auf solche Art ihren alten Liebhaber in ihr Haus einzuführen. Als Lantier eines Tages zu ihnen hinaufging und sich ihnen damit vorstellte, daß er eine Kette für eine ihm bekannte Dame bestellte, waren sie so entzückt von seiner Unterhaltung, daß sie ihn baten, Platz zu nehmen, und über eine Stunde dort behielten; ja sie fragten sich sogar, wie es nur denkbar sei, daß ein so vornehmer Herr mit der Humpelliese zusammen hätte leben können. So war es schließlich dahin gekommen, daß jedermann die Besuche des Hutmachers bei den Coupeaus ganz natürlich fand; auf diese Weise hatte er es verstanden, sich bei der ganzen Goldtropfengasse in Gunst zu setzen. Nur Goujet blieb finster. Wenn er da war und der andere kam, so nahm er sogleich die Tür in die Hand, damit er nicht nötig habe, die Bekanntschaft dieses Herrn zu machen. Trotz der allgemeinen Zärtlichkeit für Lantier lebte Gervaise in den ersten Wochen in einer großen Erregung. Sie empfand auf der Herzgrube dieses Brennen, das sie zum erstenmal bei den vertraulichen Mitteilungen von Virginie gespürt hatte. Ihre Hauptfurcht bestand darin, daß sie ihm gegenüber machtlos sei, wenn er sie eines Abends allein antreffe und sich einfallen lasse, sie zu küssen. Sie dachte zuviel an ihn, er hatte ihr zuviel Kummer bereitet. Aber sie beruhigte sich mit der Zeit, da sie ihn so vernünftig fand; er blickte ihr nicht gerade in die Augen und berührte sie nie auch nur mit einer Fingerspitze. Virginie, die sie ganz zu durchschauen schien, machte ihr über ihre bösen Gedanken Vorwürfe. Weshalb zittere sie denn? Könne man denn einen rücksichtsvolleren Menschen finden? Sicher habe sie von ihm nichts zu fürchten. Die große Brünette ruhte eines Tages nicht eher, als bis sie beide in eine Ecke hineingebracht hatte und eine Unterhaltung über die Gefühle in den Gang kam. Lantier erklärte mit gewichtiger Stimme und in gewählten Ausdrücken, daß sein Herz tot sei, daß er sich aber nichtsdestoweniger nur dem Glück seines Sohnes widmen wolle. Er sprach nie von Claude, der immer noch im Süden war. Er küßte Etienne jeden Abend auf die Stirn, wußte aber nicht, was er mit ihm sprechen sollte, wenn das Kind dort blieb, und vergaß es schnell, um Clemence Artigkeiten zu sagen. Gervaise, die nun ganz beruhigt war, fühlte die Vergangenheit in sich ersterben. Die Gegenwart von Lantier verwischte ihre Erinnerungen an Plassans und an das Hotel »Zum guten Herzen«. Da sie ihn täglich sah, so träumte sie nicht mehr von ihm. Es stellte sich bei ihr sogar ein gewisser Abscheu vor ihren früheren Beziehungen ein. Das war jetzt gründlich aus. Wenn er es wagen sollte, so etwas von ihr zu verlangen, würde sie ihm mit ein paar Ohrfeigen antworten, oder besser noch, sie würde es ihrem Mann sagen. Oft gedachte sie dabei immer wieder ohne Reue, doch mit sanfter Innigkeit an die treue Freundschaft Goujets. Eines Morgens erzählte Clemence, als sie nach dem Atelier kam, daß sie am Abend zuvor gegen elf Uhr Herrn Lantier mit einer Dame am Arm getroffen habe. Sie erzählte es in ihrer rohen Weise in der boshaften Absicht zu sehen, was wohl Gervaise dazu für ein Gesicht mache. Ja, ja, Herr Lantier sei die Liebfrauenstraße hinaufgegangen; die Frau sei blond gewesen, eine jener Boulevardnymphen, halb krepiert und kein Hemd unter dem Seidenkleide. Zum Spaß sei sie dem Paare gefolgt. Die Nymphe sei zuerst in einen Fleischladen gegangen und habe dort Krabben und Schinken gekauft. In der Rochefoucauldstraße habe Herr Lantier auf dem Bürgersteig gewartet, bis die Kleine ihm vom Fenster aus ein Zeichen gemacht habe, dann sei er hinaufgegangen. Clemence konnte noch soviel gemeine Erläuterungen hinzufügen, Gervaise plättete ruhig an ihrem weißen Kleide weiter. Hin und wieder lockte die Geschichte ein leichtes Lächeln auf ihre Lippen. Die Provenzalen sind alle hinter den Weibern her, sie müssen um jeden Preis eine haben, und wenn sie sie selbst von einem Haufen Unrat auflesen sollten. Als am Abend der Hutmacher kam, belustigte sie sich sehr über Clemences Neckereien, die ihn fortwährend mit seiner Blonden aufzog. Übrigens schien es ihm zu schmeicheln, daß er gesehen worden war. Mein Gott! Es war eine alte Freundin von ihm, die er hin und wieder besuchte, wenn es sich gerade so machte. Es sei übrigens ein Mädchen, dem es gut gehe und das sich sehr geschmackvoll kleide; sie wohne bei Mahagonimöbeln. Dann nannte er ihre Liebhaber, einen Vicomte, einen Großhändler in Porzellan und den Sohn eines Notars. Er liebe Frauen, die Parfüms gebrauchen. Gerade hielt er Clemence sein Taschentuch unter die Nase, das ihm die Kleine gestern parfümiert hatte, als plötzlich Etienne hereinkam. Sogleich nahm er eine ernste Miene an, küßte den Knaben und sagte, daß solche Scherze ohne Folgen seien, denn sein Herz sei ja doch tot. Gervaise, die über ihre Arbeit gebeugt dasaß, nickte beistimmend mit dem Kopfe. Clemence allein erntete jetzt die Früchte ihrer Bosheit, denn sie hatte wohl gefühlt, wie sie Lantier, ohne sich etwas merken zu lassen, schon zwei- oder dreimal gekniffen hatte; jetzt starb sie vor Eifersucht und Neid, daß sie nicht ebenso nach Moschus stank, wie die Nymphe von den Boulevards. Als der Frühling kam, sprach Lantier, der jetzt schon ganz und gar zur Familie gehörte, davon, in das Quartier zu ziehen, um seinen Freunden näher zu sein. Er suchte ein möbliertes Zimmer in einem sauberen Hause. Madame Boche und selbst Gervaise gaben sich alle erdenkliche Mühe, etwas zu finden. Sie durchsuchten alle benachbarten Straßen. Aber er war zu schwer zu befriedigen: er wünschte einen großen Hof, eine Wohnung zu ebener Erde, kurz alle nur denkbaren Annehmlichkeiten. Jeden Abend, wenn er jetzt bei den Coupeaus saß, schien er dort die Höhe der Zimmer zu messen, ihre Einteilung zu studieren, als ob er eine ähnliche Wohnung für sich wünsche. Mehr verlange er ja nicht, er werde sich gern an irgendeinem ruhigen, warmen Ort ein Loch machen und da unterkriechen. Er beendete jedesmal seine Untersuchung mit diesem Satz: »Donnerwetter! Ihr sitzt hier wirklich ganz famos!« Als er eines Abends dort gegessen hatte und wieder beim Nachtisch seinen ewigen Satz losließ, schrie Coupeau, der ihn jetzt duzte, plötzlich: »Du mußt hier bleiben, mein alter Junge, wenn dein Herz dich herzieht ... Wir werden uns schon einrichten.« Er setzte auseinander, daß das Zimmer für die schmutzige Wäsche, wenn man es rein mache, ein sehr hübsches Zimmer sei. Etienne könne auf Matratzen im Laden schlafen, dann sei alles gemacht. »Nein, nein!« sagte Lantier. »Das kann ich nicht annehmen! Da würde ich euch lästig fallen! Ich weiß wohl, daß ihr mir das Anerbieten aus gutem Herzen macht, aber wir würden einer dem andern zu dicht auf der Pelle sitzen ... Und dann, ihr wißt wohl, jeder muß seine Freiheit haben. Ich müßte durch euer Zimmer gehen, und das wäre doch nicht immer passend!« »Dieser Schlingel!« sagte der Zinkarbeiter, der beinahe vor Lachen erstickte und auf den Tisch schlug, um die Kehle wieder frei zu machen, »er denkt doch immer an Nichtsnutzigkeiten! ... Aber du Schlauberger! Da muß man eben etwas suchen! Nicht wahr? Da sind zwei Fenster in dem Zimmer. Nun gut, man bricht eins bis zum Fußboden durch und macht eine Tür daraus. Dann, mein Junge, hast du deinen Eingang vom Hof, verstehst du? Wir können ja sogar die Verbindungstür verstellen, wenn uns das besser paßt. Dann sieht und hört man nichts voneinander, du hast deine Wohnung für dich und wir unsere für uns!« Es entstand ein Stillschweigen. Endlich murmelte Lantier: »Ja gewiß! Auf diese Art läßt sich nichts dagegen sagen ... Aber nein; ich würde euch allzuviel auf dem Halse liegen.« Er vermied es, Gervaise anzusehen. Aber er erwartete von ihr ein aufmunterndes Wort, um anzunehmen. Diese war durch den Gedanken ihres Mannes sehr unangenehm überrascht. Es war nicht der Gedanke, Lantier bei sich wohnen zu haben, der sie besonders verletzte oder beunruhigte, sie fragte sich nur, wo sie mit der schmutzigen Wäsche bleiben solle. Da betonte der Zinkarbeiter die Vorteile des Übereinkommens. Die Miete von fünfhundert Franken war immer ein wenig hoch gewesen. Nun gut! Der Kamerad werde ihnen für das möblierte Zimmer zwanzig Franken monatlich zahlen; das sei für ihn nicht zuviel und gebe doch zum Quartalstag eine schöne Hilfe. Er fügte hinzu, daß er es auf sich nehme, unter ihrem Bett einen großen Kasten anzubringen, der die schmutzige Wäsche des ganzen Quartiers aufnehmen könne. Gervaise zögerte noch immer und schien mit einem Blick Mama Coupeau zu befragen, deren Eroberung Lantier schon seit Monaten dadurch gemacht hatte, daß er ihr Schachteln mit Gummibonbons gegen ihren Husten mitbrachte. »Ihr würdet uns sicher keine Unbequemlichkeiten machen!« sagte sie schließlich. »Man wird immer Mittel finden, sich einzurichten ...« »Nein, nein! ich danke wirklich!« sagte der Hutmacher. »Ihr seid zu liebenswürdig, um Mißbrauch mit eurer Güte zu treiben!« Da brach Coupeau los. Ob er sich denn noch länger nötigen lassen wolle? Wenn man ihm doch sage, daß man es aufrichtig meine! Er tue ihnen einen Gefallen, so liege die Sache! Dann heulte er mit wütender Stimme: »Etienne! Etienne!« Der Knabe war am Tische eingeschlafen und hob plötzlich den Kopf auf. »Höre 'mal, sage du ihm, daß du es willst ... Ja, ja! Diesem Herrn da ... Sage es ihm recht deutlich: Ich will es!« »Ich will es!« stotterte der Knabe, der so verschlafen war, daß er kaum den Mund aufmachen konnte. Alle lachten. Aber Lantier nahm bald seine würdige Miene wieder an. Er schüttelte Coupeau über den Tisch die Hand und sagte: »Ich nehme es an... Es ist aus Freundschaft geboten und genommen von beiden Seiten, nicht wahr? Ich nehme es des Kindes wegen an!« Als am nächsten Morgen Herr Marescot gekommen war, um seine Stunde bei den Boches zu verbringen, sprach ihm Gervaise von der Sache. Er zeigte sich zuerst beunruhigt, lehnte ab und wurde böse, als ob man von ihm verlangt habe, daß er einen ganzen Flügel seines Hauses habe niederreißen sollen. Als er dann eine eingehende Besichtigung des Ortes vorgenommen und sich überzeugt hatte, daß die oberen Etagen noch genügend gestützt seien, gab er schließlich unter der Bedingung seine Einwilligung, daß ihm nicht die geringsten Kosten aus der Sache erwüchsen und ihm überdies die Coupeaus noch ein Schriftstück darüber ausfertigten, daß sie bei Ablauf ihres Kontraktes den jetzigen Zustand wieder herstellen würden. Noch am selben Abend brachte der Zinkarbeiter ein paar Kameraden mit, einen Maurer, einen Tischler und einen Anstreicher, lauter gute Kerle, die die Lumperei nach Feierabend aus guter Freundschaft machen wollten. Das Einsetzen der neuen Tür und die Instandsetzung des Zimmers kostete gegen hundert Franken, ungerechnet all die Liter, mit denen die Arbeit begossen wurde. Der Zinkarbeiter sagte seinen Kameraden, daß er ihnen alles später bezahlen werde, nämlich mit dem Mietsgelde seines neuen Hausgenossen. Alsdann handelte es sich darum, wie das Zimmer möbliert werden sollte. Gervaise ließ den Schrank von Mama Coupeau darin, dann stellte sie einen Tisch und zwei Stühle hinein, die sie ihrem eigenen Zimmer entnahm; sie mußte noch einen Waschtisch und ein Bett mit allem Zubehör kaufen, das war im ganzen eine Angelegenheit von hundertunddreißig Franken, die sie in monatlichen Raten von zehn Franken abzahlen sollte. So waren auf ungefähr zehn Monate die zwanzig Franken Lantiers schon im voraus verausgabt durch die Schulden, in die sie sich gestürzt hatten, später werde man einen schönen Nutzen haben! In den ersten Tagen des Monats Juni fand der Umzug des Hutmachers statt. Die Alte, Mama Coupeau, hatte sich erboten, mit ihm zu gehen, um seinen Koffer zu holen, da er dann die dreißig Sous für die Droschke sparen werde. Aber Lantier blieb sehr bekniffen und sagte, sein Koffer sei zu schwer, als ob er noch bis zum letzten Augenblick seinen früheren Wohnort habe geheim halten wollen. Er kam am Nachmittag gegen drei Uhr an. Coupeau war nicht da. Als Gervaise von der Ladentür aus den Koffer auf der Droschke wiedererkannte, wurde sie ganz blaß. Das war ihr alter Koffer, mit dem sie die Reise von Plassans gemacht hatten, heute war er ganz verbraucht und zerbrochen und wurde nur notdürftig durch Stricke zusammengehalten, die darum geschnürt waren. So sah sie ihn wiederkommen, wie sie es so oft geträumt hatte; sie konnte sich einbilden, es sei dieselbe Droschke, in der damals die Dirne, die Adele, mit ihm davongefahren war und die ihn jetzt wieder zu ihr führte. Boche war Lantier beim Abladen behilflich. Die Wäscherin folgte ihnen schweigend und ein wenig betäubt. Als die Männer ihre Last mitten im Zimmer niedergesetzt hatten, sagte sie, um doch etwas zu sprechen: »So haben wir das Geschäft in Ordnung.« Als sie sah, daß Lantier, der damit beschäftigt war, die Stricke loszubinden, sich nicht einmal nach ihr umsah, fügte sie hinzu: »Nicht wahr, Herr Boche, Ihr trinkt einen Schluck Wein.« So ging sie und holte einen Liter und Gläser. Gerade jetzt ging Poisson in Uniform vorüber. Sie machte ihm ein Zeichen mit den Augen und lächelte dabei. Der Stadtsergeant hatte sogleich verstanden, um was es sich handelte. Wenn er im Dienst war und man ihm mit den Augen zuzwinkerte, so hieß es soviel, daß man ihm ein Glas Wein anbot. Oft ging er stundenlang vor dem Wäscheladen auf und ab und wartete auf das Zeichen. Dann ging er, um nicht gesehen zu werden, über den Hof und trank heimlich sein Glas aus. »Ah! ah!« sagte Lantier, »Ihr seid es, Badinguet!« Anmerk. des Übersetzers : Badinguet war der Name des Maurers, in dessen Bluse Napoleon von Hamm entfloh, und wurde später als Spitzname Napoleon III. im Volke sehr gebräuchlich. Er nannte ihn aus Unsinn immer Badinguet, um ihn mit seiner treuen, kaiserlichen Gesinnung zu verhöhnen. Poisson nahm es mit seiner verschlossenen Miene immer ruhig hin, ohne daß man ergründen konnte, ob er sich innerlich darüber ärgere oder nicht. Diese beiden Männer, die in ihren politischen Ansichten so weit auseinandergingen, waren sonst recht gute Freunde geworden. »Ihr wißt doch, daß der Kaiser in London Stadtsergeant gewesen ist«, sagte nun Boche seinerseits. »Ja, ja, ich gebe Euch mein Wort darauf, daß er die betrunkenen Weiber arretiert hat.« Gervaise hatte nochmals die drei Gläser auf dem Tische gefüllt. Sie selbst wollte nicht trinken, denn sie fühlte ihr Herz schwer bedrückt. Dennoch blieb sie da und sah zu, wie Lantier die letzten Stricke abnahm, weil sie gerne wissen wollte, was wohl in dem Koffer war. Sie erinnerte sich noch in der einen Ecke der Menge Strümpfe, zweier schmutziger Hemden und eines alten Hutes. Ob diese Sachen wohl noch da lagen? Würde sie diese Lumpen aus vergangener Zeit hier wiederfinden? Ehe Lantier den Deckel zurückschlug, griff er nach seinem Glase und stieß damit an. »Auf eure Gesundheit.« »Gleichfalls«, antworteten Boche und Poisson. Wiederum füllte die Wäscherin die Gläser. Die drei Männer wischten sich mit der Hand den Mund ab. Endlich öffnete der Hutmacher den Koffer. Er war mit einem wüsten Durcheinander von alten Zeitungen, Büchern, vertragenen Kleidern und mehreren Paketen schmutziger Wäsche angefüllt. Er zog nach und nach eine Schüssel, ein Paar Stiefel, eine Büste Ledru Rollins mit zerbrochener Nase, ein gesticktes Hemd und eine Arbeitshose heraus. Gervaise, die sich vorbeugte, bemerkte, wie von den Sachen ein Tabaksgeruch, gemischt mit dem Duft eines unsauberen Mannes, der nur das reinhält, was von ihm zu sehen ist, emporstieg. Nein, der alte Hut lag nicht mehr in der linken Ecke. Dafür lag dort ein Knäuel, das sie nicht kannte, vermutlich das Geschenk irgendeiner Frau. Sie beruhigte sich und konnte sich doch einer gewissen Traurigkeit nicht erwehren, wenn sie so mit den Augen allen Stücken folgte und sich bei jedem fragte, ob es noch aus ihrer Zeit oder aus der ihrer Nachfolgerinnen sei. »Seht mal Badinguet! kennt Ihr das?« fragte Lantier. Dabei hielt er ihm ein kleines Buch unter die Nase, das in Brüssel gedruckt war und die Aufschrift trug: Die Liebesabenteuer Napoleon III.; es war mit Kupferstichen geschmückt. Unter anderen Anekdoten erzählte man darin, wie der Kaiser einst der Tochter eines Kochs, einem dreizehnjährigen Mädchen, nachstellte; die Abbildung zeigte Napoleon, wie er mit nackten Beinen (er hatte nur das Großkreuz der Ehrenlegion anbehalten) eine Dirne verfolgte, die sich vor seiner Lüsternheit retten wollte. »Ei, das ist gut!« schrie Boche, dessen innerste wollüstige Instinkte sehr gekitzelt wurden. »So was geht immer!« Poisson war so verdutzt, daß er nicht ein Wort zur Verteidigung des Kaisers fand. Das war gedruckt, dagegen ließ sich nichts sagen. Da Lantier ihm fortwährend das Bild unter die Nase hielt, um ihn zu necken, schlug er die Arme untereinander, und es entfuhr ihm die Äußerung: »Nun, was ist da weiter groß dabei, liegt das denn nicht in der menschlichen Natur?« Durch diese Antwort war Lantier der Mund geschlossen. Er ordnete seine Bücher und Zeitungen auf dem Schrank; da er sehr betrübt darüber schien, daß er nicht ein kleines Bücherbrett hatte, das man über dem Tisch aufhängen könne, versprach ihm Gervaise, daß sie eins besorgen wolle. Er besaß die Geschichte der zehn Jahre von Louis Blanc, davon fehlte der erste Band, den er übrigens nie gehabt hatte, die Girondisten von Lamartine in den Zwei-Sous-Lieferungen, die Geheimnisse von Paris und den ewigen Juden von Eugene Sue, ungerechnet einen Haufen von philosophischen und humanistischen Büchern, die er bei den Alteisenkrämern aufgerafft hatte. Alle seine Zeitungen umfaßte er mit gerührten, wehmütigen Blicken. Er selbst hatte diese Sammlung seit Jahren zusammengebracht. Jedesmal, wenn er im Café eine Zeitung las und darin einen Artikel fand, der ihm besonders gelungen schien und mit seinen Ansichten übereinstimmte, kaufte er das Blatt und bewahrte es auf. Es hatte sich bei ihm ein ungeheures Paket Zeitungen angesammelt, die aus den verschiedensten Zeiten und verschiedenster Herkunft waren und ohne jede Ordnung durcheinander lagen. Als er dieses Paket aus dem Boden des Koffers genommen hatte, klopfte er wohlgefällig mit der Hand darauf und sagte zu den beiden anderen: »Seht mal her! Was meint ihr wohl? Das gehört mir, kein Mensch kann sagen, daß er so etwas Hübsches besitzt ... Was da drin steckt, laßt ihr euch nicht träumen! Das will soviel heißen: wenn man die Hälfte dieser Gedanken ausführte, das würde auf einmal die Gesellschaft in Ordnung bringen. Ja, ja, dann könnte euer Kaiser und alle seine Banditen uns den Buckel lang rutschen...« Er wurde durch den Stadtsergeanten unterbrochen, der seinen roten Schnurr- und Knebelbart drehte. »Und die Armee, sagt mal, was macht Ihr denn damit?« Da wurde Lantier wütend. Er schrie und schlug mit der Faust auf seine Zeitungen: »Ich will die Unterdrückung des Militarismus, die Verbrüderung der Völker ... Ich will die Abschaffung der Vorrechte, der Titel, der Monopole ... Ich will Gleichheit der Gehälter, Teilung der Güter und die Verherrlichung des Proletariats ... Alle Freiheiten, versteht ihr wohl? alle!... Und die Scheidung!« »Ja, ja, die Ehescheidung wegen der Moral!« sagte Boche. Poisson hatte eine majestätische Miene angenommen. Er antwortete: »Wenn ich nun aber von euren Freiheiten nichts wissen will? Ich bin ja frei.« »Wenn Ihr nichts davon wissen wollt, wenn Ihr nichts davon wissen wollt...« stotterte Lantier, den die Leidenschaft fast erstickte. »Nein, Ihr seid nicht frei! ... ich schicke Euch nach Cayenne, ich, ja, nach Cayenne mit Eurem Kaiser und seiner ganzen Schweinebande!« So gerieten sie fast jedesmal aneinander, wenn sie miteinander sprachen. Gervaise, die solche Auftritte nicht liebte, vermittelte gewöhnlich. Sie erwachte jetzt aus der Grübelei, in die sie der Anblick des Koffers versetzt hatte, aus dem die verblaßten Erinnerungen an ihre alte Liebe wieder emporgestiegen waren. Sie zeigte den Männern die Gläser. »Richtig!« sagte Lantier schnell beruhigt, indem er nach seinem Glase griff. »Eure Gesundheit!« »Die Eure!« antworteten Boche und Poisson, die mit ihm anstießen. Indessen wiegte sich Boche hin und her und betrachtete den Sergeanten mit mißtrauischen Blicken von der Seite. »Das bleibt doch alles unter uns, nicht wahr, Herr Poisson?« murmelte er endlich. »Man zeigt und sagt Euch hier Sachen...« Aber Poisson ließ ihn gar nicht ausreden. Er legte die Hand aufs Herz, um damit anzudeuten, daß da alles ruhig bliebe. Er werde doch nicht seine Freunde ausspionieren! Als jetzt Coupeau ankam, leerte man noch ein zweites Liter. Der Sergeant ging dann über den Hof hinaus und begann auf der Straße wieder seinen steifen, strengen Marsch mit abgemessenen Schritten. In der ersten Zeit stand bei der Wäscherin das ganze Haus auf dem Kopf. Lantier hatte zwar sein besonderes Zimmer, seinen eigenen Eingang, seinen Schlüssel, aber da man sich im letzten Augenblick entschlossen hatte, die Verbindungstür nicht zu verstellen, kam er doch meistenteils durch den Laden. Die schmutzige Wäsche störte Gervaise sehr, denn ihr Mann dachte nicht mehr an den großen Kasten, von dem er gesprochen hatte; sie sah sich gezwungen, die schmutzige Wäsche überall hinzustopfen, in alle Ecken, besonders unter ihr Bett, was in heißen Sommernächten keine große Annehmlichkeit war. Dann belästigte sie es auch sehr, daß sie jeden Abend Etiennes Bett mitten im Laden machen mußte; wenn die Arbeiterinnen länger zu tun hatten, schlief das Kind inzwischen auf einem Stuhl. Als Goujet ihr davon gesprochen hatte, Etienne nach Lille zu geben, wo sein früherer Lehrherr, ein Mechaniker, Lehrlinge verlangte, faßte sie diesen Gedanken auf, um so mehr, als der Knabe, der sich im Hause nicht glücklich fühlte und gern sein eigener Herr sein wollte, sie bat, ihre Einwilligung zu geben. Sie fürchtete nur, daß Lantier unumwunden ablehnen werde. Er war doch nur zu ihnen gezogen, um seinem Sohne näher zu sein; er konnte nicht wollen, daß er ihm gerade vierzehn Tage nach seiner Übersiedelung wieder fortgenommen werde. Als sie ihm dennoch mit Zittern von der Sache sprach, billigte er den Plan ganz und gar, er sagte, die jungen Arbeiter müßten etwas vom Lande zu sehen bekommen. Am Morgen, als Etienne abreiste, hielt er ihm einen Vortrag über seine Rechte, dann umarmte er ihn und deklamierte so fort: »Bedenke stets, daß der Erzeuger kein Sklave ist, aber bedenke auch, daß jeder, der nichts erzeugt, ein Dieb ist, der auf Kosten derer lebt, die arbeiten.« Bald regelte sich der Haushalt nach den veränderten Bedingungen; alles beruhigte sich, und jeder lebte sich in die neuen Gewohnheiten ein. Gervaise hatte sich an das liederliche Umherwerfen der schmutzigen Wäsche und an das Gehen und Kommen von Lantier gewöhnt. Dieser sprach fortwährend von seinen großen Geschäften. Hin und wieder ging er sorgfältig frisiert aus, immer trug er weiße Wäsche; ab und zu wurde er unsichtbar und kam selbst nachts nicht nach Hause; wenn er dann zurückkehrte, tat er sehr abgespannt, als ob ihm der Kopf brumme und er vierundzwanzig Stunden hintereinander die wichtigsten Dinge verhandelt habe. Die Wahrheit war, daß er sich herumtrieb. Da war keine Not, daß der Schwielen in die Hände bekam! Er stand gewöhnlich morgens gegen zehn Uhr auf, machte des Nachmittags einen Spaziergang, wenn das Wetter seinen Beifall hatte; an den Regentagen blieb er im Laden und las seine Zeitung. Das war sein Hauptquartier, er schwoll ordentlich auf vor Behagen da mitten unter den Unterröcken; dort setzte er sich bei dem üppigsten von den Frauenzimmern fest; er war entzückt von ihren Kraftausdrücken und veranlaßte sie damit herauszurücken, während er selbst nie seine gewählte Sprechweise verließ. Daß er es so sehr liebte, sich in der Nähe der Wäscherinnen aufzuhalten, erklärte sich daher, weil diese Mädchen alle ein entsetzlich loses Maulwerk haben. Wenn Clemence ihre saftige Weisheit vor ihm auskramte, so ließ er es sich sanft lächelnd gefallen und drehte sich vor Vergnügen seinen kleinen Schnurrbart. Diese Dünste des Ateliers, der Schweiß der Arbeiterinnen, die mit ihren nackten Armen unablässig die Eisen hin und her bewegten, diese ganze Ecke, die einem Alkoven glich, in dem sich die äußeren Hüllen fast aller Frauen des ganzen Quartiers befanden, das alles schien für ihn die Verwirklichung eines lange gehegten Traumwunsches zu sein; so hatte er sich das Los gedacht, in dessen Zurückgezogenheit er faulenzen und genießen konnte. In der ersten Zeit hatte Lantier bei Franz an der Ecke der Fischerstraße gegessen; aber von den sieben Tagen der Woche aß er an dreien oder vieren bei den Coupeaus zu Mittag, so daß er ihnen endlich den Vorschlag machte, bei ihnen in Pension zu gehen, er werde dann fünfzehn Franken an jedem Sonnabend zahlen. Jetzt verließ er das Haus überhaupt nicht mehr und richtete sich ganz und gar ein. Man sah ihn vom Morgen bis zum Abend in Hemdsärmeln zwischen Laden und Hinterzimmer hin und her gehen; mit lauter Stimme ordnete er alles an, gab sogar den Kunden Bescheid, mit einem Wort, er beherrschte das ganze Haus. Da ihm der Wein von Franz nicht schmeckte, überredete er Gervaise, von nun an ihren Wein bei Vigouroux, dem Kohlenhändler, zu kaufen, wo er mit Boche zusammen die Frau kneipte, wenn er die Bestellungen machte. Dann fand er das Brot von Coudeloup nicht ordentlich durchgebacken; er schickte Augustine nach der Wiener Bäckerei in die Fischervorstadt zu Meyer. Er behielt auch Lehongre nicht bei, den Mehl- und Vorkosthändler; der einzige, von dem er nicht abging, war der Fleischer, der dicke Karl von der Polonceau-Straße, an dem er seiner politischen Meinungen halber festhielt. Nach Verlauf eines Monats wollte er die ganze Küche unter Öl setzen. Gervaise sagte, wenn sie ihn necken wollte, daß bei so einem Kerl von Provenzalen doch immer der Ölfleck wieder zum Vorschein komme. Er machte sich selbst eine Art Eierkuchen, die auf beiden Seiten gebacken wurden und so hart und knusprig wie Krausbrot waren, reine Schiffszwiebacke. Er beaufsichtigte Mama Coupeau und verlangte, daß die Beefsteaks sehr durchgebraten, ungefähr wie Schuhsohlen waren; überall tat er Knoblauch dazu und wurde böse, wenn man Beikräuter in den Salat warf; das sei schlechtes Zeug! schrie er, worin sehr leicht einmal etwas Giftiges vorkommen könnte. Sein Leibgericht war eine gewisse Suppe, wo man Nudeln in Wasser sehr dick einkochte, und wozu er dann beinahe eine halbe Flasche Öl goß. Nur er und Gervaise aßen davon, denn die anderen, die Pariser, hätten eines Tages, als sie auch davon gekostet hatten, beinahe Lunge und Leber ausgebrochen. Nach und nach hatte es Lantier auch auf sich genommen, die Angelegenheiten in der Familie zu regeln. Da die Lorilleux' sich immer zu drücken versuchten, wenn sie ihrer Mutter die fünf Franken bezahlen sollten, so hatte er gesagt, daß man ihnen recht gut einen Prozeß an den Hals hängen könne. Was gingen ihn denn die Leute an? Die müßten zehn Franken monatlich geben. Er selbst ging mit so unternehmender und doch liebenswürdiger Miene nach oben, die zehn Franken zu holen, daß Lorilleux sie ihm nicht abzuschlagen wagte. Jetzt gab auch Madame Lerat zwei Fünffrankenstücke. Mama Coupeau hätte Lantier die Hände küssen mögen, der übrigens auch in den Streitigkeiten der alten Frau mit Gervaise den Schiedsrichter spielte. Wenn die Wäscherin zuweilen ungeduldig wurde und ihre Schwiegermutter schlecht behandelte, so daß diese sich auf ihr Bett setzte und weinte, ruhte er nicht eher, als bis sie einander umarmten, er fragte sie dann, ob sie vielleicht glaubten, daß die Leute es hübsch fänden, wie sie sich aufführten. Ebenso war es mit Nana: seiner Meinung nach wurde sie verteufelt schlecht erzogen. Darin hatte er nicht so unrecht, denn wenn der Vater drauflosschlug, so gab die Mutter der Dirne Recht, und wenn die Mutter sie einmal anfaßte, machte ihr Coupeau eine Szene. Nana war entzückt, ihre Eltern so uneins zu sehen, sie sah sich so schon im voraus für alles entschuldigt und beging tausend dumme Streiche. Sie hatte wieder eine neue Erfindung gemacht, sie ging jetzt nach der Hufschmiede hinüber und spielte dort; während des ganzen Tages schaukelte sie auf den Deichseln der Karren; dort versteckte sie sich mit einer Bande Straßenjungen auf dem düsteren Hofe, den das rote Schmiedefeuer beleuchtete; plötzlich erschien sie wieder, dann lief sie schreiend nach Hause, beschmutzt, mit aufgelösten Haaren, von der ganzen Bande verfolgt, als ob der Schwung eines Hammers das ganze Kinderkruppzeug in die Flucht geschlagen habe. Nur Lantier konnte sie schelten; und auch den wußte sie schön zu nehmen. Diese zehnjährige Krabbe spielte vor ihm die Dame, wiegte sich in den Hüften und warf ihm Seitenblicke zu mit Augen, aus denen alles andere als Kinderunschuld sprach. Er hatte es auf sich genommen, ihre Erziehung zu vollenden: er lehrte sie tanzen und provençalisch sprechen. Auf diese Art verging ein Jahr. Im Quartier glaubte man, daß Lantier von seinen Renten lebe, denn das war die einzige Möglichkeit, um sich das üppige Leben der Coupeaus zu erklären. Zwar verdiente Gervaise noch immer Geld; aber sie ernährte jetzt zwei Männer, die nicht arbeiteten, dafür konnte ihr Geschäft nicht ausreichen, besonders da es weniger gut wurde; die Kundschaft ging ab, und die Arbeiterinnen aßen und tranken vom Morgen bis zum Abend. In Wirklichkeit bezahlte Lantier nicht einen Pfennig, weder für Wohnung noch für Essen. Die ersten Monate hatte er bare Zahlungen gemacht; nachher begnügte er sich, von einer bedeutenden Summe zu sprechen, die er demnächst erheben müsse, und er werde dann auf einmal die ganze Rechnung glattmachen. Gervaise wagte auch nicht einen Centime von ihm zu fordern. Sie nahm das Brot, den Wein, das Fleisch, alles auf Borg. Ihre Rechnungen wurden immer größer, das summierte sich an drei Franken und vier Franken jeden Tag. Sie hatte dem Möbelhändler auch noch nicht einen Sou abbezahlt, ebensowenig hatten die drei Kameraden, der Maurer, der Tischler und der Anstreicher, irgend etwas bekommen. Überall fingen die Leute an unwirsch zu werden, in den Läden wurde sie nicht mehr höflich behandelt. Sie aber war wie trunken durch den Schrecken, den ihr ihre Schulden einflößten; sie suchte sich zu betäuben, sie wählte die teuersten Sachen aus; in ihrer Leckermäuligkeit ließ sie sich, da sie nichts mehr bezahlte, erst recht gehen; im Grunde ihres Herzens blieb sie ja noch rechtschaffen, vom Morgen bis zum Abend träumte sie davon, hunderte von Franken zu verdienen, wenn sie auch nicht recht wußte, auf welche Art, nur um Hände voll Fünffrankstücke an ihre Lieferanten zu verteilen. Schließlich verrannte sie sich ganz und gar, und je mehr sie herunterkam, desto mehr sprach sie davon, ihr Geschäft auszudehnen. Trotzdem war gegen Mitte des Sommers die große Clemence abgegangen, weil sie nicht mehr genug Arbeit hatte und schon seit Wochen auf ihren Lohn wartete. Mitten in diesem Verfall machten sich Coupeau und Lantier lustige Tage. Diese Schlingel saßen bis über die Ohren in der Fresserei, verpraßten den letzten Rest des Geschäftes und mästeten sich am Ruin des Unternehmens; sie stachelten noch einer den anderen an, um nur recht flott zu leben, und klopften sich lachend auf die Bäuche, um schneller zu verdauen. Im Quartier zerbrach man sich die Köpfe darüber, ob Lantier und Gervaise wieder in alter Weise zusammen lebten. Die Meinungen über diesen Punkt waren geteilt. Wenn man die Lorilleux' hörte, so setzte die Humpelliese alles daran, um Lantier wieder in ihre Fesseln zu schlagen, aber er wollte nichts von ihr wissen, er fand sie zu verweppt; er hatte in der Stadt kleine Mädchen, die viel sauberer waren. Nach der Ansicht der Boches hatte im Gegenteil die Wäscherin schon in der ersten Nacht ihren alten Liebhaber wieder aufgesucht, sowie der Trottel, der Coupeau, angefangen hatte zu schnarchen. Wie dem auch sei, sehr anständig war weder das eine noch das andere; aber es gibt soviel schmutzige Verhältnisse im Leben, die noch schlimmer sind, daß die Leute diese Ehe zu dreien schließlich ganz natürlich fanden; die Leute betrugen sich sogar sehr nett, denn es gab nie Schlägereien und Gezanke, so daß der äußere Anstand immer gewahrt blieb. Wenn man die Nasen in andere Familien im Quartier gesteckt hätte, würde man noch mehr Gefahr gelaufen sein, sich zu beschmutzen. Bei den Coupeaus machte sich alles mit guter Manier. Alle drei lebten ihre Neigungen für gute Bissen, zankten sich, vertrugen sich, spielten Papa und Mama miteinander, ohne daß sie deshalb die Nachbarn im Schlafe störten. Im übrigen blieb das Quartier entzückt von Lantiers guten Manieren. Dieser schmeichlerische Schwätzer ließ alle Lästerzungen verstummen. Das ging soweit, daß, wenn die Krämerin leugnete, daß Gervaise und Lantier ein Verhältnis hätten, die Kaldaunenhändlerin meinte, daß es doch recht schade sei, denn dann wären die Coupeaus bei weitem nicht so interessant. Gervaise lebte in dieser Beziehung ganz ruhig. Die Sachen kamen dahin, daß man sie in der Familie der Herzlosigkeit zieh. Man begriff nicht, wie sie dem Hutmacher noch immer zürnen könne. Madame Lerat, deren größtes Vergnügen es war, sich in Liebeshändel zu mischen, kam alle Abende und behandelte Lantier als unwiderstehlich, als einen Mann, in dessen Arme die vornehmsten Frauen sich mit Entzücken stürzen mußten. Madame Boche hätte nicht für sich gut gesagt, wenn sie zehn Jahre jünger gewesen wäre. Eine Art heimliche Verschwörung wuchs beständig und drängte Gervaise, als ob alle diese Weiber um sie herum nur darin ihre Befriedigung fänden, ihr einen Liebhaber zu verschaffen. Gervaise begriff es nicht, sie fand Lantier nicht so verführerisch. Er war ja sehr zu seinem Vorteil verändert: er trug jetzt immer einen Rock und hatte sich in den Cafés und in den politischen Versammlungen eine gewisse Bildung angeeignet. Nur sie, die ihn gut kannte, blickte durch die beiden Löcher seiner Augen in seine Seele und fand da eine Menge von Dingen, bei deren Anblick sie eine Gänsehaut überlief. Wenn er den anderen so gut gefiel, warum machten sie sich denn nicht an das Herrchen heran? Das gab sie eines Tages Virginie zu verstehen, die sich am allerleidenschaftlichsten zeigte. Da wollten Madame Lerat und Virginie sie eifersüchtig machen und erzählten ihr die Liebesgeschichte Lantiers und der großen Clemence. Ja, ja, sie hätte nichts davon gemerkt; aber jedesmal, wenn sie einen Weg zu machen hatte, nahm sie der Hutmacher in sein Zimmer. Auch jetzt traf man sie noch zusammen, und er mußte oft zu ihr gehen. »Nun, was weiter?« sagte die Wäscherin mit ein wenig zitternder Stimme, »was geht mich das alles an?« Sie blickte Virginie in die dunklen Augen, in denen so goldige Funken blitzten wie in den Katzenaugen. Die Frau hatte also doch einen heimlichen Haß auf sie, da sie sie eifersüchtig machen wollte? Die Näherin nahm schnell wieder ihre harmlose Miene an und antwortete: »Das kann Euch ganz gleich sein, sicherlich ... Nur solltet Ihr ihm raten, das Mädchen laufen zu lassen, von dem er schließlich doch nur Unannehmlichkeiten haben wird.« Das Schlimme war, daß Lantier, als er sich so von allen Seiten unterstützt sah, gegen Gervaise andere Manieren annahm. Wenn er ihr jetzt die Hand reichte, so hielt er ihre Finger einen Augenblick fest. Er beunruhigte sie mit seinen Blicken und sah ihr oft so unverwandt in die Augen, daß sie über das, was er wollte, nicht im Zweifel sein konnte. Wenn er hinter ihr durchging, drückte er seine Knie in ihre Röcke und pustete ihr in den Nacken, wie um sie zu berauschen. Dennoch wartete er noch, blieb noch bescheiden, ehe er sich erklärte. Als er aber eines Abends mit ihr allein war, stieß er sie, ohne ein Wort zu sprechen, vor sich her, drückte sie an die Wand hinten im Laden und wollte sie küssen. Zufälligerweise trat Goujet gerade in diesem Augenblick in den Laden. Da wehrte sie sich und machte sich los. Alle drei wechselten ein paar Worte, als ob nichts vorgefallen sei. Goujet, der ganz blaß geworden war, hatte den Kopf gesenkt, weil er zu stören glaubte, und meinte, sie sträube sich nur, weil sie nicht vor aller Augen geküßt sein wollte. Am nächsten Tage stolperte Gervaise sehr unglücklich im Laden umher, sie war nicht imstande, auch nur ein Taschentuch zu plätten; sie mußte Goujet sehen und ihm auseinandersetzen, wie Lantier sie an die Wand gedrückt hatte. Seit Etienne in Lille war, wagte sie nicht mehr nach der Schmiede zu gehen, wo der Salzschnabel, genannt Saufaus-ohne-Durst, sie mit höhnischem Lachen empfing. Aber an diesem Nachmittag konnte sie der Sehnsucht nicht widerstehen; sie nahm einen leeren Korb und ging unter dem Vorwande, bei einer Kundin in der Weißtorstraße Unterröcke zu holen, weg. Als sie in der Mercadel-Straße vor der Tür der Bolzenfabrik war, ging sie langsam auf und nieder, weil sie auf eine zufällige Begegnung hoffte. Wie es schien, mußte Goujet sie erwartet haben, denn sie war noch keine fünf Minuten da, als er wie zufällig aus der Tür trat. »Ei, sieh da, habt Ihr einen Gang?« sagte er mit schwachem Lächeln; »Ihr geht nach Hause ...« Er sagte das, um überhaupt etwas zu sagen, denn Gervaise kehrte gerade der Fischerstraße den Rücken zu. Sie gingen nun den Montmartre hinauf, eines neben dem andern, ohne sich unterzufassen. Ihr gemeinsamer Gedanke war vielleicht, sich erst von der Fabrik zu entfernen, um nicht den Glauben zu erwecken, daß sie sich vor der Tür ein Stelldichein gegeben hätten. Mit gesenkten Köpfen schritten sie auf der holprigen Straße fort; um sie herum tobte der Lärm der Fabriken. Nach zweihundert Schritten bogen sie links ab; das machte sich ganz natürlich, als ob sie den Weg gekannt hätten, und begaben sich, immer noch schweigend, auf ein unbebautes Gebiet. Der Ort lag zwischen einer Dampfschneidemühle und einer Knopffabrik, es war ein Streifen Wiese, deren Grün durch gelbe Flecke vertrockneten Grases unterbrochen wurde; eine Ziege, die an einem Pflock festgemacht war, lief meckernd um ihn herum; ganz hinten beschien die volle Sonne einen rissigen, abgestorbenen Baum. »Wahrlich!« murmelte Gervaise, »man könnte glauben, daß man auf dem Land wäre.« Sie gingen bis zu dem abgestorbenen Baum und setzten sich dort nieder. Die Wäscherin stellte den Korb vor ihre Füße. Vor ihnen erhoben sich auf der Anhöhe des Montmartre viele Reihen hoher, grauer oder gelber Häuser zwischen dem spärlichen Laub der Bäume; und wenn sie den Kopf noch mehr hintenüberlegten, so sahen sie den weiten Himmel in glühender Klarheit sich über die Stadt spannen, auf dem nur von Norden her ein ganzer Flug kleiner, weißer Wölkchen hinwegzog. Aber die leuchtende Luft blendete sie, und so senkten sie ihre Blicke auf den flachen Horizont hernieder, wo in der fernen Ebene die kreidigen Vorstädte lagen; besonders sahen sie nach den Dampfwolken, welche der kleine Schornstein der Schneidemühle in kurzen Stößen von sich gab. Diese paffenden Seufzer schienen ihre bedrängte Brust zu erleichtern. »Ja,« sagte Gervaise, die das Schweigen verlegen machte, »ich hatte einen Gang, ich war ausgegangen ...« So lebhaft wie sie eine Auseinandersetzung herbeigesehnt hatte, jetzt wagte sie nicht zu sprechen. Sie schämte sich. Und sie fühlte wohl, daß sie hierhergekommen waren, um davon zu sprechen, ja sie sprachen davon, ohne daß sie ein Wort laut werden ließen. Die Geschichte vom Abend zuvor lag zwischen ihnen wie ein Bleigewicht, das ihre Bewegungen hemmte. Da ergriff sie eine entsetzliche Traurigkeit, und sie erzählte mit Tränen in den Augen den Todeskampf der Madame Bijard, ihrer Waschmeisterin, die am Morgen nach schrecklichen Schmerzen gestorben war. »Die Ursache war ein Fußtritt, den ihr Bijard gegeben hatte«, sagte sie mit sanfter, eintöniger Stimme. »Der Bauch war ihr aufgeschwollen. Zweifellos hatte er ihr eine schwere innere Verletzung beigebracht. Mein Gott! was hat sie in den drei Tagen gelitten ... Es gibt auf den Galeeren Schurken, die noch lange nicht so schlecht sind wie so einer. Aber die Gerichte hätten zu tun, wenn sie sich um alle Frauen kümmern sollten, die von ihren Männern zu Tode gepeinigt werden. Ein Fußtritt mehr oder weniger, nicht wahr? was kommt es darauf an! Um so mehr, als die arme Frau, die ihren Mann vor dem Schafott retten wollte, ausgesagt hat, daß sie auf eine Waschbank gefallen sei und sich dabei den Bauch verletzt habe ... Sie hat die ganze Nacht vor Schmerz geschrien, ehe es mit ihr zu Ende ging. Der Schmied schwieg und riß eine Hand voll Gras nach der andern ab. »Es sind noch keine vierzehn Tage her,« fuhr Gervaise fort, »da hat sie ihr jüngstes Kind, den kleinen Jules, entwöhnt. Das war noch ein Glück, so wird das Kind wenigstens nicht durch den plötzlichen Tod der Mutter zu leiden haben ... Aber wie dem auch sei, es bleibt der kleinen Dirne, der Lalie, die Sorge für zwei kleine Kinder. Sie ist noch nicht acht Jahre und doch schon ernst und vernünftig wie eine wirkliche Mutter. Bei alledem schlägt sie der Vater ... Oh ja! es gibt Wesen, die nur zum Leiden geboren sind!« Goujet sah sie an und sagte plötzlich mit zitternden Lippen: »Ihr habt mir gestern Kummer gemacht, viel Kummer ...« Gervaise, die bleich geworden war, schlug ihre Hände zusammen. Aber er fuhr fort: »Ich wußte, daß es so kommen mußte ... Nur hättet Ihr Euch mir anvertrauen müssen und mir sagen, woran ich mit Euch war, um mich nicht glauben zu lassen ...« Er konnte seinen Satz nicht zu Ende bringen. Sie war aufgestanden, da sie begriffen hatte, daß er glaubte, sie lebe jetzt wieder mit Lantier, wie es ja auch das ganze Quartier versicherte. Mit ausgestreckten Armen rief sie: »Nein, nein, ich schwöre Euch ... Er stieß mich, er wollte mich küssen, das ist wahr, aber sein Gesicht hat das meine nicht berührt, und es war das erstemal, daß er es versuchte ... Oh! glaubt mir doch, bei meinem Leben, bei dem meiner Kinder, bei allem, was es Heiliges gibt!« Aber der Schmied schüttelte mit dem Kopfe. Er traute ihr nicht, weil die Frauen immer Nein! sagen. Nun wurde Gervaise sehr ernst und fing langsam zu sprechen an: »Ihr kennt mich, Goujet, ich lüge nicht ... Nun denn! nein, es ist nicht so, mein Ehrenwort! ... Nie wird es geschehen, hört Ihr wohl? Niemals! An dem Tage, wo es geschähe, würde ich die Schlechteste unter den Verworfenen sein, und ich würde die Freundschaft eines ehrenwerten Mannes, wie Ihr seid, nicht mehr verdienen!« Sie sah, während sie sprach, so schön aus, und ihre Augen strahlten so von Aufrichtigkeit, daß er ihre Hand ergriff und sie wieder niedersitzen ließ. Jetzt atmete er freier und lachte innerlich. Es war das erstemal, daß er so ihre Hand hielt und in der seinen drückte. Alle beide schwiegen. Am Himmel schwammen die weißen Wölkchen so langsam, wie ein Schwan durch das Wasser zieht. In der Ecke des Grundstückes hatte sich die Ziege nach ihnen herumgewandt und sah sie an, während sie in regelmäßigen Zwischenräumen ein sanftes Meckern laut werden ließ. Ohne ihre Hände loszulassen, verloren sie sich mit schwimmenden Augen in dem Anblick des Abhanges von Montmartre, wo ein Hochwald von Schornsteinen den Horizont überragte, in diesem kalkigen, traurigen Weichbild der Stadt, wo die grünen Büsche vor den Schenken sie bis zu Tränen rührten. »Eure Mutter zürnt mir, ich weiß es!« fing Gervaise mit leiser Stimme wieder an. Sagt nur nicht nein ... Wir sind Euch zuviel Geld schuldig!« Aber er zeigte sich beinahe schroff, um sie zum Schweigen zu bringen. Er schüttelte ihre Hand, als wolle er sie zerbrechen. Er wollte nicht, daß sie von Geld sprach. Dann zauderte er und stammelte endlich: »Hört mich an, seit lange schon habe ich daran gedacht, Euch einen Vorschlag zu machen ... Ihr seid nicht glücklich. Meine Mutter versichert mir, daß Euer Leben eine böse Wendung nimmt ...« Hier stockte er, als ob ihn seine Worte erstickten. »Nun denn! Wir müssen zusammen fortgehen!« Sie sah ihn an, denn sie verstand zuerst nicht recht; diese rauhe Erklärung einer Liebe, die bisher nie über seine Lippen gekommen war, überraschte sie. »Wie das?« fragte sie. »Ja! fuhr er mit gebeugtem Haupte fort, wir wollen fortgehen, irgendwo leben, in Belgien, wenn Ihr wollt ... Das ist beinahe mein Vaterland ... Wenn wir beide arbeiten, werden wir uns bald wohl fühlen!« Da errötete sie heftig. Wenn er sie an sich gepreßt hätte, um sie zu küssen, würde sie sich nicht so geschämt haben. Das war doch ein wunderlicher Bursche, der ihr da eine Entführung vorschlug, wie es in Romanen oder in der vornehmen Gesellschaft vorkommt. Wie seltsam! Um sie herum sah sie die Arbeiter verheirateten Frauen den Hof machen, aber sie führten sie nicht einmal nach Saint-Denis; es geschah auf der Stelle und ohne Umschweife. »Oh! Herr Goujet! Herr Goujet! ...« murmelte sie, ohne daß ihr anderes eingefallen wäre. »Dann wären wir beide allein!« fing er wieder an. »Die anderen sind mir lästig, versteht Ihr wohl? Wenn ich für jemand Freundschaft hege, mag ich ihn nicht mit anderen sehen.« Aber sie kam wieder zu sich und lehnte jetzt mit vernünftiger Miene ab. »Das ist unmöglich, Herr Goujet. Das wäre sehr schlecht von mir ... Ich bin verheiratet, nicht wahr? Ich habe Kinder ... Ich weiß wohl, daß Ihr mich gern habt und daß ich Euch Kummer mache. Auch wir würden Reue fühlen und doch kein Vergnügen genießen. Auch ich habe Euch lieb, ja ich habe Euch so lieb, daß ich nicht dulden werde, daß Ihr eine solche Dummheit macht. Und es wäre eine Dummheit sicherlich ... Nein, seht Ihr wohl, dafür ist es besser, daß alles beim alten bleibt. Wir achten einander, unsere Gefühle stimmen überein. Das ist viel und hat mich schon mehr als einmal aufrecht erhalten. Wenn man in unserer Lage anständig und ehrenwert bleibt, wird es einem einst vergolten werden. Er nickte mit dem Kopfe, wie er ihr so zuhörte. Er billigte, was sie wollte, dagegen ließ sich nichts sagen. Ganz plötzlich am hellen lichten Tage umarmte er sie und drückte sie an sich, als ob er sie zerquetschen wolle, dann gab er ihr einen so wilden Kuß auf den Nacken, daß ihre Haut beinahe zwischen seinen Zähnen blieb. Er ließ sie nun los, mehr verlangte er nicht, auch von ihrer Liebe sprach er nie wieder. Sie schüttelte sich, ohne böse zu werden, denn sie begriff wohl, daß sie beide diesen kleinen Genuß sauer genug verdient hatten. Der Schmied, den seine Leidenschaft geschüttelt hatte wie der Sturmwind die Eiche, ging ein wenig abseits, weil er der Lust widerstehen wollte, sie aufs neue an sich zu drücken; er kniete nieder, und da er nicht wußte, womit er seine Hände beschäftigen sollte, pflückte er die Blüten des dort üppig wuchernden Löwenzahns und warf sie von weitem in Gervaises Korb. Nach und nach beruhigte und unterhielt ihn dieses Spiel. Mit seinen von der Arbeit mit dem Hammer hart und steif gewordenen Fingern pflückte er die Blumen aufs zarteste, warf eine nach der anderen, und seine treuen Augen mit dem Kinderausdruck lachten, wenn er den Korb nicht verfehlte. Die Wäscherin hatte ihren Rücken an den Stamm des abgestorbenen Baumes gelehnt. Sie war ruhig und heiter; um bei dem Lärm, den die Schneidemühle machte, besser gehört zu werden, sprach sie mit erhobener Stimme. Als sie miteinander die Baustelle verließen; sprachen sie von Etienne, der sich in Lille sehr gut gefiel, und sie trug ihren Korb ganz voll mit Blumen nach Hause. Im Grunde genommen fühlte sich Gervaise Lantier gegenüber nicht ganz so sicher, wie sie sagte. Gewiß, sie war fest entschlossen, ihm nicht zu gestatten, daß er ihr auch nur eine Fingerspitze berühre; aber sie hatte vor seiner Berührung Furcht, sie fürchtete ihre alte Schlaffheit, ihr träumerisches Hindämmern und ihre Willfährigkeit, aller Welt zu Gefallen zu leben. Indes machte Lantier keinen neuen Versuch. Sie war öfter mit ihm allein, doch er hielt sich stets ruhig. Er schien sich jetzt mit der Kaldaunenhändlerin zu beschäftigen, die eine sehr wohl erhaltene Frau von fünfundvierzig Jahren war. Gervaise sprach zu Goujet von diesem Verhältnis, um ihn noch mehr zu beschwichtigen. Sie antwortete Virginie und Madame Lerat, wenn sie den Hutmacher in den Himmel hoben, daß er auf ihre Bewunderung recht gut verzichten könne, da er ja allen Frauen der ganzen Nachbarschaft den Kopf verdreht habe. Coupeau brüllte es im ganzen Quartier aus, daß Lantier ein wahrer Freund sei. Seinetwegen könne man über sie schwatzen, was man wolle, er wisse, was er wisse, den Teufel kümmere er sich um alles Geschwätz, weil er die Ehrenhaftigkeit auf seiner Seite habe. Wenn sie alle drei des Sonntags ausgingen, so nötigte er seine Frau, Lantiers Arm zu nehmen und vor ihm herzugehen, nur um den Leuten erst recht die Augen aufzureißen; er sah alle Welt an und wartete darauf, dem, der sich die geringste Anspielung erlaubt hätte, ein rohes Wort ins Gesicht zu schleudern. Es war ja wahr, er fand Lantier ein wenig stolz, er beschuldigte ihn, daß er sich dem Branntwein gegenüber wie ein Mädchen ziere, er verhöhnte ihn, weil er lesen konnte und wie ein Advokat sprach. Aber im großen ganzen war er doch ein famoser Junge. Man konnte lange suchen, ehe man noch einen zweiten fand, der so fest auf den Beinen stand. Und dann verstanden sie einander, sie waren einer für den anderen wie geschaffen. Die Freundschaft eines Mannes ist dauerhafter als die Liebe einer Frau. Eines mußte man sagen: Coupeau und Lantier praßten und schlemmten miteinander, daß alles aus Rand und Band ging. Lantier borgte sich jetzt Geld von Gervaise, einmal zehn, einmal zwanzig Franken, sowie er Wind davon hatte, daß Geld im Hause war. Das war natürlich immer für seine großen Unternehmungen. An solchen Tagen seifte er Coupeau gründlich ein, er sprach dann von einem weiten Weg und nahm ihn mit. Bald saßen sie in dem Hinterkabinett einer benachbarten Restauration dicht beieinander und taten sich an Gerichten gütlich, die man im Haushalt nicht haben kann, dazu begossen sie diese noch mit gesiegeltem Wein. Den Zinkarbeiter hätten auch etwas weniger gewählte Speisen schon befriedigt, aber er mußte sich dem aristokratischen Geschmack des Hutmachers fügen, der auf der Karte immer ganz außergewöhnliche Gerichte und ganz unbekannte Soßen herauszufinden wußte. Man hatte keinen Begriff, wie schwer zu befriedigen dieser Mann war! Es scheint, als ob die Südländer alle so wären. So wollte er zum Beispiel nichts Erhitzendes; über jedes Gericht hielt er Abhandlungen vom gesundheitlichen Standpunkt aus, er schickte das Fleisch wieder hinaus, wenn es zu scharf gesalzen oder gepfeffert war. Noch schlimmer war es mit dem Zug, davor hatte er eine höllische Angst; wenn einmal eine Tür halb offen blieb, so brüllte er durch das ganze Restaurant. Dabei war er knauserig, denn er gab denn Kellner für eine Zeche von sieben bis acht Franken nie mehr als zwei Sous Trinkgeld. Trotzdem zitterte alles vor ihm; man kannte sie gut auf den äußeren Boulevards von Batignolles bis Belleville! Sie gingen nach der Großen Batignollesstraße, um dort Gekröse à la Caen zu essen, das man ihnen auf kleinen Wärmapparaten auftrug. Unterhalb des Montmartre fanden sie die besten Austern im ganzen Quartier in der Stadt Bar-le-Duc. Wenn sie einmal nach oben hin verschlagen wurden bis zur Fladenmühle, so ließen sie sich ein Kaninchen zubereiten. In der Märtyrerstraße hatte das Restaurant zum »Flieder« eine besondere Feinheit in Kalbsköpfen; während man ihnen in der Chaussee Clignancourt im Restaurant zum »Goldenen Löwen« und bei den »Zwei Kastanienbäumen« gesottene Nieren gab, daß sie sich die Finger danach leckten. Am oftesten wandten sie sich zur Linken nach Belleville zu, wo man für sie bei der »Burgundertraube«, bei der »Blauen Uhr« und im »Kapuziner« stets einen Tisch vorbehielt. Allen diesen Restaurants kennte man blindlings trauen, da konnte man alles fordern, ohne hineinzufallen. Diese Ausflüge machten sie heimlich und sprachen davon am nächsten Tage durch die Blume, während sie in Gervaises Kartoffeln herumstocherten. Das ging so weit, daß Lantier sogar eines Tages einmal in eine Gartenlaube der Fladenmühle ein Frauenzimmer mitgebracht hatte, mit dem ihn Coupeau nach dem Nachtisch allein ließ. Selbstverständlich kann man nicht so schlemmen und dabei arbeiten. So hatte denn auch der Zinkarbeiter, der schon sowieso nicht schlecht bummelte, seitdem Lantier in die Familie gekommen war, auch nicht ein Werkzeug mehr angerührt. Und wenn er sich doch einmal wieder anwerben ließ, weil es ihn langweilte, so arbeitslos einherzuschlendern, so war der andere stets da, um ihn vom Bauplatz fortzulocken; er neckte ihn zu Tode, wenn er ihn dort an seinem Knotenstrick hängend fand; er sagte ihm, er sehe wie ein Schinken im Rauchfang aus, er solle nur runter kommen und einen Schoppen trinken. In der Regel ließ dann der Zinkarbeiter die Arbeit fahren und fing eine Saufreise an, die tage-, ja selbst wochenlang dauerte. Das waren famose Reisen, bei denen über alle Spelunken des ganzen Quartiers Generalinspektion gehalten wurde; dabei verschlief man den Morgenrausch am Mittag, und abends wurde wieder frisch aufgegossen; ein Satz Branntwein folgte dem andern bis spät in die Nacht hinein, bis dann beim Erlöschen des letzten Lichtes das letzte Glas getrunken wurde. Dieses Vieh, der Hutmacher, machte so etwas nie bis zu Ende mit. Er ließ den andern sich ansäuseln und verließ ihn dann, während er lächelnd und liebenswürdig zu Hause ankam. Er holte sich nur so einen leichten Schwips, den man ihm nicht anmerkte. Nur wenn man ihn ganz genau kannte, sah man es an seinen zusammengekniffenen Augen und seinem unternehmenderen Benehmen den Frauen gegenüber. Dagegen wurde der Zinkarbeiter geradezu ekelhaft, er konnte überhaupt nicht mehr trinken, ohne sich in einen abscheulichen Zustand zu versetzen. So stellte Coupeau in den ersten Tagen des Monats November eine Sauferei an, die für ihn, sowie auch für die anderen in Schmutz und Ekel endete. Er hatte eines Abends Arbeit gefunden. Lantier war dieses Mal ganz von schönen Empfindungen erfüllt; er schwärmte für die Arbeit und predigte, wie sie den Mann veredle. Er stand selbst am nächsten Morgen noch bei der Lampe auf, denn er wollte seinem Freunde in feierlicher Weise das Geleit zur Arbeit geben, um in ihm den Arbeiter zu ehren, der dieses Namens würdig sei. Als sie bis zur Kleinen Civette gekommen waren, wurde gerade geöffnet, und so traten sie ein und nahmen dort eine Pflaume, nur um so zusammen den festen Entschluß einer guten Aufführung zu besiegeln. Dem Schanktisch gegenüber saß Bibi-la-Grillade auf einer Bank und lehnte sich an die Wand; er rauchte seine Pfeife und sah sehr mürrisch aus. »Sieh doch! da ist ja Bibi, der hier auf der Bärenhaut liegt«, sagte Coupeau. »Du hast wohl den Brand, mein alter Junge?« »I bewahre«, antwortete der Kamerad, indem er seine Arme ausreckte. »Die Meister machen einem so viel Ärger ... Ich habe gestern meinen sitzen lassen ... Sie sind alle Schufte, Canaillen ...« Bibi-la-Grillade gestattete, daß man ihm eine Pflaume spendierte. Er mußte da auf der Bank auf so etwas gewartet haben. Jetzt verteidigte Lantier die Meister; die hätten auch manchmal ihre Not; er könne ein Wort davon erzählen, denn er habe es durchgemacht, wie er noch im Geschäft war. Eine nette Schwefelbande, die Arbeiter! Immer auf der Bummelei, aus der Arbeit machen sie sich den Teufel was, mitten in einer Bestellung laufen sie einem davon und kommen wieder, wenn das Geld verjuxt ist. So hatte er einen kleinen Kerl, den Picard, der hatte die Verrücktheit, spazierenzufahren; sowie er seinen Lohn ausgezahlt bekam, nahm er gleich eine Droschke auf einen ganzen Tag. Das war doch am Ende für einen Arbeiter auch keine Sache! Dann fing er plötzlich an, auch die Meister anzugreifen. Er sei hell, er sage jedem die Wahrheit. Es sei bei alledem eine schmutzige Gesellschaft, die die anderen schamlos ausbeuteten, diese Leuteschinder. Er, du lieber Gott, er könne mit ruhigem Gewissen schlafen, denn er habe an seinen Leuten immer als ein Freund gehandelt, er habe keine Millionen zusammengescharrt wie die anderen. »Wir wollen jetzt fort, mein Kleiner«, sagte er, zu Coupeau gewandt. »Wir müssen vernünftig sein, sonst kommen wir zu spät.« Bibi-la-Grillade schlenderte mit ihnen. Draußen war es noch nicht recht Tag geworden, es dämmerte, und das schwache Licht spiegelte sich in den Pfützen auf dem Pflaster wieder; es hatte am Abend zuvor geregnet und war sehr milde. Die Gasflammen waren eben ausgelöscht; die Fischerstraße, in der die letzten Schatten der Nacht noch zwischen den Häusern schwebten, füllte sich mit den Arbeitern, die nach Paris heruntergingen. Coupeau mit seinem Arbeitssack auf der Schulter marschierte mit der prahlerischen Miene eines Bürgers, der zufällig einmal seine Nationalgardistenuniform angezogen hat. Er wandte sich um und fragte: »Bibi, soll ich dich auch fest machen? Der Meister hat mir gesagt, ich könne einen Kameraden mitbringen.« »Danke schön,« sagte Bibi-la-Grillade, »ich muß jetzt abführen ... Du mußt Mes-Bottes den Vorschlag machen, der suchte gestern eine Werkstätte ... Warte mal, Mes-Bottes ist sicher da drin.« Sie waren gerade am Ende der Straße und bemerkten auch wirklich Mes-Bottes drin beim Vater Colombe. Trotz der frühen Morgenstunde war der Totschläger hell erleuchtet, die Fensterläden geöffnet und alles Gas angezündet. Lantier blieb in der Tür stehen und bat Coupeau, sich zu beeilen, denn sie hätten gerade noch zehn Minuten. »Was, du gehst zu dem Spion, dem Bourguignon!« schrie Mes-Bottes, als der Zinkarbeiter mit ihm gesprochen hatte. »In die Bude soll mich keiner mehr reinbringen! Da will ich lieber bis zum nächsten Jahre Rauch schnappen ... Aber, alter Junge, da bleibst du keine drei Tage, ich sage es dir.« »Ist es wirklich eine solche schmutzige Bude?« fragte Coupeau unruhig. »Oh! das Schlimmste, das du dir denken kannst ... Man kann sich nicht rühren. Der Affe von Meister sitzt einem immer auf dem Nacken. Und dabei haben sie da eine Art, die Meisterin behandelt einen als Saufbold, im Laden darf man nicht ausspucken ... Ich habe sie gleich den ersten Abend versetzt, verstehst du.« »Na, da bin ich wenigstens vorbereitet. Bei denen werde ich also keinen Scheffel Salz essen ... Ich will es heute mal versuchen, aber wenn ich mit dem Meister nicht durchkommen kann, dann nehme ich ihn und setze ihn seiner Meisterin auf den Schoß, aber weißt du, ordentlich, wie die Heringe müssen sie aufeinanderliegen!« Der Zinkarbeiter schüttelte dem Kameraden die Hand, um ihm für die guten Winke zu danken, und wollte fortgehen, als Mes-Bottes böse wurde. Heiliges Donnerwetter! der Bourguignon würde sie doch nicht daran hindern, noch einen Schluck zusammen zu trinken! Sind denn Männer keine Männer mehr? Der Affe könne gut und gern fünf Minuten warten. Jetzt trat auch Lantier näher, um ein Glas anzunehmen; die vier Arbeiter standen vor dem Schanktisch. Mes-Bottes mit seinen zerrissenen Schuhen, seiner unmäßig beschmutzten Bluse und seiner flachen Mütze auf dem Schädel brüllte fortwährend und rollte seine Augen mit Herrscherblicken umher. Man hatte ihn zum Säuferkönig ausgerufen, weil er einen Salat mit lebendigen Maikäfern gegessen und in eine tote Katze gebissen hatte. »Höre mal, du alter Giftmischer!« schrie er dem Vater Colombe zu, »gib mir von dem Gelben, von deiner Eselspisse Numero eins.« Als der Vater Colombe, der bleich und ruhig in seiner gestrickten Wollenweste dastand, die vier Gläser gefüllt hatte, leerten die Herren sie auf einen Zug, um den Branntwein nicht verdunsten zu lassen. »Das tut einem doch gut, wenn das so durchgeht«, murmelte Bibi-la-Grillade. Nun erzählte das Vieh, der Mes-Bottes, eine drollige Schnurre. Am Freitag war er so besoffen, daß die Kameraden ihm die Pfeife mit Mörtel am Munde festgebackt hatten. Ein anderer wäre dran gestorben, aber er schlief auf dem Rücken ruhig weiter und brüstete sich nachher noch damit. »Darf ich den Herren noch einmal einschänken?« fragte Vater Colombe mit fetter Stimme. »Jawohl, verdoppelt uns das«, sagte Lantier. »Es ist meine Runde.« Sie sprachen jetzt von den Weibern. Bibi-la-Grillade hatte letzten Sonntag seine Geliebte nach Montrouge zu einer Tante gebracht. Jetzt erkundigte sich Coupeau nach dem Ergehen des »indischen Koffers«; das war der Spitzname einer Wäscherin aus Chaillot, die im Lokal sehr bekannt war. Sie wollten eben wieder trinken, als Mes-Bottes sehr laut und heftig nach Goujet und Lorilleux rief, die gerade vorübergingen. Die beiden kamen bis zur Tür, weigerten sich aber einzutreten. Der Schmied fühlte kein Bedürfnis, etwas zu nehmen. Der bleiche Kettenmacher zitterte und hielt in der Tasche die goldenen Ketten fest, die er abtrug; er hustete und entschuldigte sich; er sagte, nach einem Schluck Branntwein müsse er sich auf die Seite legen. »Das sind ein Paar Kaffern!« wetterte Mes-Bottes. »Die müssen im Verborgenen saufen.« Als er die Nase in sein Glas gesteckt hatte, faßte er den Vater Colombe ab. »Altes Giftfaß, du hast von einer andern Flasche gegeben ... Du weißt doch, daß du mit mir solche Scherze nicht machen darfst!« Es war nun gänzlich Tag geworden, so daß im Totschläger doppelte Beleuchtung war; der Vater Colombe drehte das Gas aus. Da entschuldigte Coupeau seinen Schwager, er könne wirklich nicht trinken, und man dürfe ihm das am Ende doch nicht als Verbrechen anrechnen. Er billigte selbst Goujets Verhalten, denn schließlich sei es ein Glück, nie Durst zu haben. Als er wieder davon sprach, zur Arbeit zu gehen, gab ihm Lantier mit der überlegenen Miene des Lebemanns eine Lehre: man bezahle seinen Satz, ehe man sich aus dem Staube mache; man lasse seine Freunde nicht wie einen Lumpenkerl im Stich, selbst wenn man fort wolle, um seine Pflicht zu tun. »Wird der uns denn noch lange mit seiner ewigen Arbeit langweilen?« schrie Mes-Bottes. »Diesen Satz gibt also der Herr?« fragte der Vater Colombe Coupeau. Dieser zahlte seinen Satz. Als aber die Reihe an Bibi-la-Grillade kam, sprach er leise zu dem Wirt, dieser schüttelte langsam den Kopf. Mes-Bottes verstand, daß Colombe nicht borgen wolle, und überschüttete den zugeschnürten Geizhals mit Schimpfworten. Was! ein Schuft von seiner Sorte nahm sich so etwas gegen einen Kameraden heraus! Alle Budiker pumpten! In solche Giftbude müsse man kommen, um so beschimpft zu werden! Der Wirt blieb ruhig und stützte seine großen Fäuste auf den Rand des Schanktisches, dann sagte er artig: »Borgen Sie dem Herrn doch das Geld, es ist ja viel einfacher.« »Nun, in Teufels Namen! ja, ich werde es ihm borgen!« heulte Mes-Bottes. »Hier, Bibi, wirf ihm sein Geld in den Rachen, diesem Verbrecher!« Dann wandte er sich an Coupeau: »Du siehst ja wie 'ne Amme aus. Laß deine Puppe los. Sie macht bucklig.« Einen Augenblick zögerte Coupeau, dann nahm er ruhig, als ob er sich nach reiflichem Nachdenken dazu entschlossen habe, seinen Arbeitssack herunter, legte ihn auf die Erde und sagte: »Es ist jetzt doch schon zu spät. Ich werde nach dem Frühstück zu Bourguignon gehen. Ich kann ja sagen, daß meine Alte Leibschmerzen bekommen hat ... Hört mal! Vater Colombe, ich lasse meine Werkzeuge hier unter dem Ladentisch und hole sie mittags ab.« Lantier billigte mit einem Kopfnicken diese Abmachung. Man muß ja arbeiten, darüber ist kein Zweifel; wenn man aber mit Freunden zusammen ist, muß man zu allererst höflich sein. Die Lust an der Völlerei hatte sie zuerst gekitzelt und hernach betäubt, ihre Hände waren schwer geworden, und ihre Blicke irrten unsicher umher. Die Aussicht, daß sie nun fünf Bummelstunden vor sich hatten, erfüllte sie mit lärmender Lustigkeit, sie schlugen sich gegenseitig auf die Schultern und brüllten sich zärtliche Worte ins Gesicht. Coupeau, der sich besonders erleichtert und wie verjüngt fühlte, nannte die anderen »mein alter Ast!« Man gönnte sich nun noch einen allgemeinen Satz und ging dann in den »schnarchenden Floh«, ein übel beleumundetes Lokal, wo ein Billard war. Der Hutmacher zog zuerst ein Gesicht, weil das Lokal wirklich nicht sehr reinlich war: der Schnaps kostete dort einen Franken der Liter, ein Schoppen in zwei Gläsern zehn Sous; die Gäste des Lokals hatten so viel Schmutzereien auf dem Billard gemacht, daß die Bälle beinahe anklebten. Als die Partie einmal beschlossen war, fand Lantier, der ganz außerordentlich Billard spielte, seine Liebenswürdigkeit und gute Laune wieder, er machte schöne Stellungen beim Spiel und begleitete jede Karambolage mit einer interessanten Hüftbewegung. Als die Frühstücksstunde herangekommen war, hatte Coupeau einen guten Gedanken. Er stampfte mit dem Fuß auf und schrie: »Wir müssen hingehen und Salzschnabel abholen! Ich weiß, wo er arbeitet ... Wir nehmen ihn dann mit zur Mutter Luise und essen Hühnerpoten!« Die Idee fand Beifall. Ja, der Salzschnabel, genannt Sauf-aus-ohne-Durst, der mußte die Hühnerpoten mitessen. So gingen sie ab. Die Straßen waren von gelblichem Licht erfüllt, dabei regnete es ein wenig; aber es war ihnen allen schon zu warm, als daß sie von dem leichten Guß auf ihre Köpfe etwas bemerkt hätten. Coupeau führte sie in die Mercadet-Straße zu der Bolzenfabrik. Da sie eine volle halbe Stunde vor der Mittagspause ankamen, so gab der Zinkarbeiter einem Straßenjungen zwei Sous, damit er hineingehe und dem Salzschnabel sage, seine Frau sei unwohl geworden, er müsse gleich nach Hause kommen. Der Schmied kam auch gleich, er wiegte sich in den Hüften und sah sehr unbesorgt aus, er ahnte schon irgendeine Sauferei im Hintergrunde. »Ach, diese Brüllochsen!« sagte er, als er sie hinter einer Tür versteckt fand. »Ich habe es mir schon gedacht ... Nun? Was wollen wir denn essen?« Als sie alle bei der Mutter Luise an den kleinen Knochen lutschten, schimpften sie wieder auf die Meister. Salzschnabel, genannt Sauf-aus-ohne-Durst, erzählte, daß in seiner Bude eine eilige Bestellung sei. Dann könne der Affe so höflich sein; wenn man dreist beim Aufruf nicht da sei, bleibe er doch liebenswürdig; er könne noch von Glück sagen, wenn man überhaupt wiederkomme. Vorläufig habe es noch keine Not, daß ein Meister je wagen solle, den Salzschnabel vor die Tür zu setzen, denn so leicht fände man solchen Burschen nicht wieder. Nach den Hühnerpoten aßen sie einen Eierkuchen. Jeder trank dazu einen Liter. Die Mutter Luise ließ ihren Wein aus der Auvergne kommen, der hatte eine Farbe wie Blut und war so dick, daß man ihn hätte mit dem Messer schneiden können. Das fing nun an ein bißchen toll zu werden, das Saufgelage kam immer besser in den Zug. »Was hat denn dieser verdammte Affe sich um mich zu kümmern?« schrie Salzschnabel beim Nachtisch. Hat der doch jetzt gar eine Glocke an seiner vermaledeiten Bude angebracht! Eine Glocke ist gut für Sklaven ... Na! die soll heute nur immer klingeln! Das müßte schlimm kommen, wenn sie mich heute noch mal an den Amboß kriegen! Seit fünf Tagen schinde ich mich, ich kann es gern entbehren ... Wenn er mir einen Abzug macht, schicke ich ihn nach Chaillot!« Anmerk. des Übersetzers : Envoyer quelqu'un à Chaillot heißt soviel wie: »Macht, daß Ihr weiter kommt!« und ist ein sehr gebräuchliches Schimpfwort. Das Dorf Chaillot war früher von allerlei Gesindel bewohnt. Wenn man von einer Agnes von Chaillot sprach, so bezeichnete man damit eine gefallene Dirne niedrigster Art. »Ich muß euch jetzt verlassen!« sagte Coupeau mit wichtiger Miene, »ich gehe arbeiten! Ja, ja, ich habe es meiner Frau zugeschworen ... Laßt es euch gut gehn, ich bleibe mit meinem Herzen bei den Kameraden, das wißt ihr ja!« Die anderen machten ihn lächerlich. Er aber schien so entschlossen, daß sie ihn alle begleiteten, als er davon sprach, sein Handwerkszeug vom Vater Colombe zu holen. Er nahm dort seinen Sack von der Bank und legte ihn vor sich, während man noch einen letzten Tropfen trank. Um ein Uhr traktierte sich die Gesellschaft noch immer. Da brachte Coupeau mit gelangweilter Miene sein Handwerkszeug wieder unter den Ladentisch zurück; es war ihm jetzt lästig, er konnte nicht an den Schanktisch treten, ohne darüber zu stolpern. Es sei ja zu dumm, er werde am nächsten Tage zu Bourguignon gehen. Die vier anderen, die sich über die Lohnfrage stritten, waren gar nicht verwundert, als sie Coupeau aufforderte, einen kleinen Spaziergang auf den Boulevards zu machen, um sich die Füße zu vertreten. Der Regen hatte jetzt aufgehört. Der Spaziergang beschränkte sich darauf, daß sie auf einer Strecke von zweihundert Schritten hin und her gingen; sie schlenkerten mit den Armen und sprachen fast gar nicht mehr, die frische Luft benahm sie, und sie langweilten sich draußen. Langsam, ohne vorherige Verabredung, ja, ohne daß einer nötig gehabt hätte, dem andern mit dem Ellenbogen die Richtung zu bezeichnen, stiegen sie ganz von selbst die Fischerstraße wieder hinauf; dort gingen sie zu Franz hinein, um einen Schoppen Wein von der Flasche zu trinken. Das tat ihnen wirklich nötig, um wieder auf die Strümpfe zu kommen. Man wurde auf der Straße gar zu traurig; es war so schmutzig, daß man keinen Stadtsergeanten vor die Tür hätte jagen mögen. Lantier veranlaßte die Kameraden, in das Kabinett zu gehen: das war ein kleiner, enger Winkel, den ein einziger Tisch ausfüllte, und den eine Holzwand mit matten Scheiben von der allgemeinen Trinkstube trennte. Es war Lantiers besondere Vorliebe, in Kabinetten zu trinken, weil es vornehmer war. Waren die Kameraden da nicht gut aufgehoben? War man da nicht wie zu Hause? Man hätte, ohne sich zu genieren, ein kleines Schläfchen machen können. Er verlangte nach einer Zeitung, die er groß ausbreitete und mit gerunzelten Augenbrauen durchflog. Coupeau und Mes-Bottes hatten eine Partie Piquet angefangen. Zwei Liter und fünf Gläser standen auf dem Tisch. »Na, was lügen die denn da in der Zeitung wieder zusammen?« fragte Bibi-la-Grillade den Hutmacher. Er antwortete nicht sogleich. Dann fing er, ohne die Augen zu erheben, an: »Ich lese hier von der Kammer. Das sind auch Republikaner für vier Sous das Stück, diese verdammten Bummler von der Linken! Glauben sie wirklich, daß das Volk sie gewählt hat, damit sie da ihre Zuckerwasserreden halten! ... Der glaubt an Gott und macht den Canaillen von Ministern Liebeserklärungen! Ich, wenn ich gewählt wäre, ich würde auf die Tribüne steigen und sagen: Sch...! Ja, ja; nicht mehr und nicht weniger, das ist meine Meinung!« »Ihr wißt doch, daß Badinguet Anmerk. des Übersetzers: Badinguet ist der Spitzname für Napoleon III. neulich abend vor dem ganzen Hofe seine Frau geschlagen hat!« erzählte Sauf-aus-ohne-Durst. »Mein Ehrenwort darauf! Und um nichts und wieder nichts haben sie das Zanken gekriegt. Badinguet war angerissen!« »Laß uns doch mit deiner faulen Politik ungeschoren!« schrie der Zinkarbeiter. »Lies lieber die Morde, das ist amüsanter!« Dann wandte er sich seinem Spiel wieder zu und meldete eine Terz von der Neun und drei Damen: »Ich habe eine Terz von oben runter und drei Täubchen ... Ja, die Krinolinen verlassen mich nicht!« Alle leerten ihre Gläser. Lantier las jetzt ganz laut vor: »Ein entsetzliches Verbrechen hat die Gemeinde Gaillon (Seine-Marne) in Schrecken versetzt. Ein Sohn hat seinen Vater mit einem Spaten erschlagen, um ihm dreißig Sous zu stehlen ...« Alle stießen Rufe der Entrüstung aus. Das war einer, da wären sie alle gern hingegangen, um ihn einen Kopf kürzer machen zu sehen. Die Guillotine war noch nicht einmal Strafe genug, den hätte man in kleine Stücke reißen müssen! Ein Kindesmord empörte sie ebenso. Aber der Hutmacher spielte sich als den Moralischen auf, er entschuldigte die Frau und gab ihrem Verführer alle Schuld; denn wenn so ein Schuft von einem Kerl das Mädchen nicht unglücklich gemacht hätte, so hätte sie nie ein Kind umbringen können! Sehr bewundert wurden die Heldentaten eines Marquis de T......, der, um zwei Uhr morgens von einem Balle heimkehrend, sich auf dem Invaliden-Boulevard gegen drei Strolche verteidigte; dabei hatte er es nicht einmal der Mühe für wert gehalten, seine Handschuhe auszuziehen; der beiden ersten Lumpen hatte er sich entledigt, indem er ihnen mit seinem Kopf gegen den Bauch rannte, und den dritten dann an einem Ohr zur Wache geführt. Potz tausend! hatte der eine Faust! Wie schade, daß so einer gerade adlig sein muß! »Hört jetzt einmal zu!« fuhr Lantier fort. »Ich komme jetzt zu den Neuigkeiten aus der hohen Gesellschaft! Die Gräfin von Bertigny verheiratet ihre älteste Tochter an den jungen Adjutanten Sr. Majestät, den Baron von Valancay. Bei den Brautgeschenken befanden sich für dreimalhunderttausend Franken Spitzen ...« »Was geht uns denn das an?« schrie Bibi-la-Grillade. »Ich will nicht wissen, was ihre Hemden für eine Farbe haben ... Die Kleine kann soviel Spitzen haben wie sie will, deshalb muß sie doch den Mond durch dieselben Löcher sehen wie die anderen!« Als Lantier Miene machte, seine Lektüre fortzusetzen, nahm ihm Sauf-aus-ohne-Durst die Zeitung ab und setzte sich darauf, dabei sagte er: »Nun ist es genug! ... Nun will ich sie hier warm halten ... Das Papier ist zu weiter nichts zu gebrauchen!« Mes-Bottes, der seine Karten angesehen hatte, schlug triumphierend mit der Faust auf den Tisch. Er machte dreiundneunzig. »Bei mir ist Revolution!« schrie er. »Eine Quint-Major, die bis in die Puppen geht ... Das macht zwanzig, nicht wahr? Dann Terz-Major in Caro, dreiundzwanzig; drei Könige, sechsundzwanzig; drei Buben, neunundzwanzig; drei Asse, zweiundneunzig ... Nun spiele ich im ersten Jahre der Republik, das macht dreiundneunzig!« »Du bist aufgeschrieben, mein alter Junge!« schrien die anderen Coupeau zu. Damit bestellten sie zwei frische Liter. Die Gläser wurden schon nicht mehr geleert, und die Trunkenheit steigerte sich immer mehr. Gegen fünf Uhr wurde es so widerwärtig, daß Lantier sich ganz still hielt und daran dachte, sich davonzumachen; wenn sie erst so weit waren, daß sie heulten und den Wein auf die Erde gossen, paßte es ihm nicht mehr. Gerade jetzt war Coupeau aufgestanden, um das Zeichen des Kreuzes für die Säufer zu machen. Den Kopf taufte er Montparnasse, die rechte Schulter Menilmoutant, die linke Schulter Courtille, die Mitte des Bauches Bagnolet. Der Hutmacher benutzte das Schreien und den Tumult, der dieses Tun begleitete, um ganz still fortzugehen. Die Kameraden wurden seine Abwesenheit gar nicht einmal gewahr. Er war selbst schon ziemlich stark angerissen. Als er erst draußen war, richtete er sich auf und fand bald seine Sicherheit wieder; er kam ruhig in den Laden zurück und erzählte Gervaise, daß er Coupeau in der Gesellschaft seiner Freunde gelassen habe. Danach verstrichen zwei Tage. Der Zinkarbeiter war nicht wieder zum Vorschein gekommen. Er trieb sich im Quartier umher, man wußte nicht recht wo. Dabei hatten ihn verschiedene Leute gesehen, einmal bei der Mutter » Baquet im Papillon «, oder bei dem » hustenden Männchen «. Nur versicherten die einen, er sei allein gewesen, während die anderen behaupteten, ihn in einer Gesellschaft von noch sieben oder acht solchen Hartsäufern, wie er selbst, getroffen zu haben. Gervaise zuckte mit gefaßter Miene die Achseln. Mein Gott! an so etwas mußte man sich gewöhnen! Sie lief ihrem Mann nicht nach: im Gegenteil, wenn sie ihn bei einem Weinwirt sah, machte sie einen Umweg, um ihn nicht wütend zu machen; sie wartete ruhig, bis er nach Hause kam und horchte in der Nacht hin und wieder auf, ob er nicht vor der Ladentür schnarche. Er schlief gewöhnlich auf einem Schutthaufen, einer Bank, auf einer Baustelle oder in einem Rinnstein. Wenn er am Morgen den Rausch des vorigen Abends noch nicht ganz verschlafen hatte, ging er wieder davon, schlug an die Fensterläden, versuchte sich durch neues Trinken zu betäuben und begann wieder seine rasende Jagd, immer von Schnapsgläsern, Schoppen und Litern umgeben; er verlor und fand seine Freunde auf diesen Reisen, von denen er voller Schrecken heimkehrte, weil er die Straße wanken sah. Die Nacht senkte sich hernieder, und der junge Tag stieg empor, ohne daß er einen andern Gedanken hätte fassen können, als immer wieder zu trinken und auf der Stelle seinen Rausch zu verschlafen. Wenn er nur schlief, dann war alles aus. Gervaise ging diesmal dennoch am zweiten Tage in den »Totschläger« des Vaters Colombe, um sich zu erkundigen; er war dort fünfmal wieder hingekommen, mehr konnte man ihr nicht sagen. Sie mußte sich damit begnügen, sein Handwerkszeug mitzunehmen, das unter der Bank liegengeblieben war. Als Lantier am Abend sah, wie verstimmt die Wäscherin war, schlug er ihr vor, sie in ein Kaffeekonzert zu führen, damit sie sich ihre trüben Gedanken aus dem Kopfe schlage. Sie schlug es zuerst ab, sie sei nicht zum Lachen aufgelegt. Zu anderer Zeit hätte sie nicht nein gesagt, denn er machte ihr sein Anerbieten mit so ehrlicher Miene, daß sie sich keiner Verräterei von seiner Seite versah. Er schien voller Mitgefühl für ihr Unglück zu sein und zeigte sich wirklich ganz väterlich. Unwillkürlich mußte sie alle zehn Minuten nach der Ladentür laufen, ohne dabei ihr Eisen aus der Hand zu setzen; sie sah nach beiden Seiten die Straße hinauf und hinunter, ob ihr Mann nicht nach Hause komme. Es war ihr in die Beine gefahren, wie sie sagte, und peinigte sie so, daß sie nicht ruhig auf einem Fleck bleiben konnte. Es war so leicht möglich, daß Coupeau sich Schaden getan habe, er konnte unter einen Wagen geraten und mit zerbrochenen Beinen liegenbleiben. Sie sei dann eine schöne Last losgeworden, sie verwahrte sich förmlich dagegen, in ihrem Herzen auch noch einen Schimmer von Freundschaft für eine so ekelhafte Person zu hegen. Aber schließlich war es doch ärgerlich, sich immer zu fragen, wird er nun nach Hause kommen oder nicht? Als man das Gas anzündete und Lantier wieder von dem Kaffeekonzert zu sprechen anfing, nahm sie seine Einladung an. Wenn sie alles recht bedachte, war es zu dumm, sich ein Vergnügen zu versagen, wo ihr Mann schon seit drei Tagen das Leben eines Vagabunden führte. Da er nicht nach Hause kam, konnte sie ja auch ausgehen. Ihretwegen mochte die Bude zum Teufel gehen, wenn sie wollte; sie hätte selbst am liebsten Feuer an die Baracke gelegt, so sehr verbitterten ihr alle die Sorgen und Qualen das Leben. Es wurde schnell zu Mittag gegessen. Als Gervaise gegen acht Uhr am Arm des Hutmachers ausging, bat sie Mama Coupeau und Nana, doch gleich zu Bette zu gehen. Der Laden wurde geschlossen. Sie ging durch die Tür, die zum Hofe führte, übergab Madame Boche den Schlüssel und bat, sie möge die Güte haben, ihr Schwein zu Bette zu legen, wenn es nach Hause kommen solle. Der Hutmacher wartete unter dem Torweg auf sie, er war sehr gut angezogen und pfiff ein Lied. Sie hatte ihr Seidenkleid angelegt. Sie gingen langsam die Straße entlang, eng aneinandergepreßt; der helle Schein aus den Läden beleuchtete sie hin und wieder, wie sie lächelnd und mit leiser Stimme sprechend dahingingen. Das Kaffeekonzert auf dem Boulevard Rochechouart war ein kleines, altes Lokal, das man nach dem Hofe zu durch einen Bretteranbau erweitert hatte. Am Eingang erblickte man einen leuchtenden Bogen, der durch Glasglocken gebildet wurde. Lange Anzeigen hatte man auf Bretter geklebt und diese in der Nähe des Rinnsteins auf die Erde gestellt. »Da sind wir«, sagte Lantier, »heute Abend ist das erste Auftreten des Fräuleins Amanda, einer Soubrette.« Mitten in dieser Erklärung bemerkte er Bibi-la-Grillade, der auch die Zettel las. Bibi hatte von irgendeinem Schlage, den er abends zuvor bekommen hatte, ein Auge ganz braun und blau. »Wo ist Coupeau?« fragte der Hutmacher, indem er um ihn herum suchte, »habt Ihr denn Coupeau verloren?« »Oh! Das ist schon lange her, seit gestern«, antwortete der andere. »Beim Fortgehen von Mutter Baquet hat es eine Schlägerei gegeben. Ich liebe solche Sachen nicht ... Ihr kennt doch den Kellner der Mutter Baquet, mit dem hat es Streit gegeben wegen eines Liters, den er zweimal von uns bezahlt haben wollte ... Da bin ich denn fortgegangen und habe mich ein bißchen aufs Ohr gelegt.« Er gähnte noch, obwohl er volle achtzehn Stunden geschlafen hatte. Er war übrigens vollständig ausgenüchtert, seine Miene war abgestumpft und seine alte Jacke voller Bettfedern, er mußte sich mit allen Kleidern niedergelegt haben. »Sie haben keine Ahnung, wo mein Mann ist?« fragte die Wäscherin. »Nein, keine Ahnung ... Es war fünf Uhr, als wir von der Mutter Baquet gingen. Wartet mal! ... Er ist vielleicht die Straße hinabgegangen. Ja, ich glaube sogar, daß ich ihn mit einem Kutscher habe in den » Schmetterling « gehen sehen ... Das ist doch zu dumm! Wahrhaftig, man verdiente totgeschlagen zu werden!« Lantier und Gervaise unterhielten sich während des ganzen Abends sehr gut in dem Kaffeekonzert. Als um elf Uhr geschlossen wurde, kamen sie tänzelnd zurück, ohne sich im geringsten zu beeilen. Es war ein wenig kalt geworden, die Leute gingen truppweise nach Hause; von den Mädchen wollten einige vor Lachen beinahe sterben, weil die Männer im Schatten der Bäume zu handgreifliche Scherze machten. Lantier sang zwischen den Zähnen eines der Lieder von Fräulein Amanda: Nur in der Nase bin ich kitzlig . Gervaise, die betäubt und beinahe wie trunken war, wiederholte den Kehrreim. Es war ihr sehr warm gewesen. Dann lag ihr das, was sie genossen hatte und der Rauch der vielen Pfeifen, vermischt mit den Dünsten der Gesellschaft, die dort zusammengepfercht war, schwer auf dem Magen. Die lebhafteste ihrer Empfindungen war der Eindruck, den Fräulein Amanda auf sie gemacht hatte. Sie hätte es nie gewagt, in solcher Nacktheit sich öffentlich zu zeigen. Wenn man gerecht war, mußte man zugeben, daß diese Dame eine Haut hatte, die wirklich reizend war. Sie hörte mit lüsterner Neugierde von Lantier noch näheres über die fragliche Dame; dieser gab seine Wissenschaft mit der Miene eines Lebemannes von sich, als ob er mit all diesen Dingen ganz besonders vertraut zu sein Gelegenheit gehabt habe. »Alle schlafen schon«, sagte Gervaise, als sie dreimal an der Hausglocke gezogen hatte, ohne daß die Boches öffneten. Als die Tür aufging, war der Hausflur dunkel, und als sie an die Scheibe der Pförtnerloge klopfte, um ihren Schlüssel zu fordern, rief ihr die verschlafene Pförtnersfrau eine Geschichte zu, von der sie vorerst kein Wort verstand. Endlich begriff sie, daß der Sergeant Poisson Coupeau in einem ganz tollen Zustande nach Hause geführt habe, und daß der Schlüssel in der Tür stecken müsse. »Zum Teufel!« murmelte Lantier, als sie eingetreten waren, »was hat der denn hier gemacht? Das ist ja die reine Pest.« Es roch in der Tat recht durchdringend. Gervaise, die nach Streichhölzern suchte, fühlte, daß sie im Nassen ging. Als sie endlich ein Licht anzündete, hatten sie ein hübsches Schauspiel vor Augen. Coupeau hatte sich übergeben; das ganze Zimmer war voll; das Bett war beschmutzt, ebenso der Teppich, auch an der Kommode war es hochgespritzt. Überdies war Coupeau vom Bett, auf das Poisson ihn wohl gelegt hatte, herabgefallen und schnarchte mitten in seinem Schmutze. Er lag darin ausgestreckt wie ein Schwein, seine eine Backe war beschmutzt und sein verpesteter Atem kam aus dem weit offenen Munde, mit seinen schon ergrauten Haaren wischte er in der Pfütze herum, die seinen Kopf umgab? »Oh, das Schwein! das Schwein!« wiederholte Gervaise entrüstet und außer sich. »Er hat alles beschmutzt ... Das hätte nicht einmal ein Hund gemacht, ein krepierter Hund ist sauberer wie der.« Keiner von ihnen wagte sich zu rühren, weil sie nicht wußten, wohin sie die Füße setzen sollten. Nie war der Zinkarbeiter so total betrunken nach Hause gekommen, und nie hatte er das Zimmer in einen solchen abscheulichen Zustand versetzt, wie diesmal. Dieser Anblick zerstörte für immer den letzten Rest von Empfindung, den seine Frau etwa noch für ihn hatte hegen können. Wenn er früher angesäuselt oder selbst angerissen nach Hause kam, zeigte er sich liebenswürdig und war nie ekelhaft. Der Gedanke, daß die Haut dieses rohen Kerls ihre Haut berühren könne, verursachte ihr schon Ekel, man hätte ebensogut von ihr verlangen können, sich neben einen Toten zu legen, der an einer ansteckenden Krankheit gestorben ist. »Irgendwo muß ich doch schlafen«, murmelte sie. »Ich kann mich doch nicht auf die Straße hinlegen ... Dann möchte ich doch lieber über ihn hinwegsteigen.« Sie versuchte über den Trunkenbold zu schreiten, mußte sich aber an der Kommode festhalten, um in dem Schmutz nicht auszugleiten. Coupeau versperrte vollkommen den Zugang zum Bett. Da nahm Lantier, der mit einem Lächeln merkte, daß sie diese Nacht doch nicht auf ihrem Kopfkissen schlafen werde, sie bei der Hand und sagte mit leiser, leidenschaftlicher Stimme: »Gervaise ... höre, Gervaise ...« Sie hatte genug gehört und machte sich los, in ihrer Bestürzung duzte auch sie ihn, wie früher. »Nein, laß mich gehen ... Ich beschwöre dich, August, gehe in dein Zimmer ... Ich werde mich einrichten, ich will vom Fußende ins Bett steigen.« »Gervaise, höre doch, sei nicht kindisch«, wiederholte er. »Es riecht zu schlecht, du kannst nicht bleiben ... Komm! Was fürchtest du denn? Er hört uns nicht, dafür stehe ich.« Sie kämpfte noch, energisch schüttelte sie mit dem Kopf. In ihrer Verwirrung wollte sie zeigen, daß es ihr mit dem Dableiben Ernst war, und so begann sie sich zu entkleiden, ihr Seidenkleid warf sie über einen Stuhl und zog sich hastig bis auf Hemd und Unterrock aus, so daß sie ganz weiß, mit nacktem Hals und bloßen Armen dastand. Ihr Bett gehörte ihr, nicht wahr? sie wollte durchaus in ihrem Bett schlafen. Zweimal versuchte sie es noch, eine reine Stelle zu finden, wo sie durchschlüpfen könne. Aber Lantier gab nicht nach, er faßte sie um die Taille und sagte ihr Dinge, die ihr Blut wallen machten. Sie war da in einer schönen Lage mit einem ekelhaften Tier von Ehemann vor sich, der sie daran hinderte, sich ehrbar in ihr Bett zu legen, und einem verdammten Schuft von einem Mann im Rücken, der nur daran dachte, ihr Unglück auszunützen und sie wieder für sich zu gewinnen! Da der Hutmacher lauter zu sprechen anfing, bat sie ihn, stille zu sein. Sie horchte nach der Tür des Kabinetts hin, wo Nana und Mama Coupeau schliefen. Die Kleine und die Alte mußten in festem Schlaf liegen, denn man hörte ihr regelmäßiges Atmen. »August, laß mich, du wirst sie noch aufwecken«, fing sie wieder mit gefalteten Händen an. »Sei doch vernünftig. Ein andermal ... Nicht hier vor meiner Tochter ...« Jetzt sprach er nicht mehr, aber seine Miene blieb lächelnd; langsam küßte er sie aufs Ohr, wie er es früher tat, wenn er sie necken und betäuben wollte. Das machte sie wehrlos, sie fühlte ein gewaltiges Sausen, und ein Frösteln überlief sie von Kopf bis Fuß. Trotzdem machte sie noch einen Schritt. Doch sie mußte zurückweichen. Es war nicht möglich, der Ekel war so groß, der Geruch wurde so unerträglich, daß sie selbst in ihrem Bett sich hätte übergeben müssen. Coupeau lag wie tot da, seine Trunkenheit hatte ihn völlig benommen und nahezu leblos gemacht, er verschlief seinen Rausch mit totensteifen Gliedern und aufgesperrtem Maul. Die ganze Straße hätte hereinkommen können und seine Frau küssen, ohne daß sich auch nur ein Haar auf seinem Körper bewegt hätte. »Um so schlimmer,« stotterte sie, »es ist seine Schuld, ich kann nicht anders ... Oh! mein Gott! oh! mein Gott! er wirft mich aus meinem Bett, ich habe kein Bett mehr ... Nein, ich kann nicht anders, es ist seine Schuld.« Sie zitterte und verlor den Kopf. Während Lantier sie vor sich her seinem Zimmer zudrängte, zeigte sich Nanas Kopf hinter einer der Glasscheiben der Tür des Kabinetts. Die Kleine war aufgewacht und ganz leise aufgestanden, in ihrem Hemdchen kauerte sie da ganz blaß und verschlafen. Sie sah ihren Vater am Boden in der Schmutzlache liegen; sie preßte ihr Gesichtchen gegen die Scheibe und blieb, um zu warten, bis der Unterrock ihrer Mutter in dem Zimmer des andern Mannes da gegenüber verschwunden war. Sie war ganz ernst. In ihren großen Augen eines lasterhaften Kindes leuchtete es wie eine sinnliche Neugier auf. Neuntes Kapitel. Diesen Winter wäre Mama Coupeau beinahe an einem Asthmaanfall erstickt. Jedes Jahr im Monat Dezember konnte sie sicher sein, daß diese langwierige Krankheit sie für zwei oder drei Wochen an das Zimmer bannte. Sie war nicht mehr fünfzehn Jahre alt, sie sollte am heiligen Antoniustage dreiundsiebzig Jahre alt werden. Dabei war sie sehr gebrechlich, für nichts und wieder nichts lag sie gleich da und röchelte, obgleich sie dick und fett war. Der Arzt hatte ihnen angekündigt, daß sie eines schönen Tages mit einem Hustenanfall in kürzerer Zeit abgehen würde, als man gebraucht hätte, um zu schreien: Gute Nacht, Jeanneton, das Licht ist aus! Wenn sie zu Bette lag; wurde Mama Coupeau bösartig wie die Krätze. Man muß zugeben, daß das Kabinett, in dem sie mit Nana schlief, nicht gerade sehr luftig war. Zwischen ihrem und dem Bett der Kleinen war gerade soviel Platz, daß zwei Stühle stehen konnten. Die Tapeten von altem, verschossenem Grau hingen in Fetzen an den Wänden. Das runde Fenster bei der Decke ließ ein trübes, bleiches Licht in den Raum fallen, so daß man sich in einem Keller glauben konnte. Jünger machte solch ein Aufenthalt auch nicht gerade, besonders eine Person, die an Atembeschwerden litt. In der Nacht, wenn sie sich schlaflos umherwälzte, hörte sie die Kleine atmen. Das war doch eine Zerstreuung. Aber am Tage, wo ihr niemand Gesellschaft leistete und sie vom Morgen bis zum Abend allein lag, da schalt und weinte sie und wiederholte wohl stundenlang, wenn sie ihren Kopf auf dem Kissen hin und her warf: »Mein Gott! wie bin ich unglücklich! ... Mein Gott! wie bin ich unglücklich! ... Wie im Gefängnis, ja, es ist ein Gefängnis, in dem sie mich sterben lassen!« Wenn jemand zu ihr kam, Virginie oder Madame Boche, um sich zu erkundigen, wie es ihr gehe, so gab sie darauf keine Antwort, sondern fing sofort an, das Kapitel ihrer Klagen herzubeten. »Oh, es ist bitteres Brot, das ich hier esse! Nein, bei Fremden würde ich soviel nicht auszustehen haben! ... Sehen Sie, ich habe eine Tasse Tee haben wollen, da haben sie mir einen großen Wasserkrug voll gebracht, um mir vorzuwerfen, daß ich zuviel trinke ... Auch die Nana, das Kind, das ich erzogen habe, läuft des Morgens barfuß weg, und ich sehe sie vor Abend nicht wieder. Es ist gerade so, als ob ich schlecht rieche. Und in der Nacht da schläft sie, daß ein Auge das andere nicht sieht; nie wacht sie auf und fragt mich, wie es mir geht, ob ich leide ... Ja, ja, ich bin ihnen zur Last, sie warten darauf, daß ich mich davonmache. Es wird ja nicht mehr lange dauern. Ich habe ja keinen Sohn mehr; diese Spitzbübin, die Wäscherin, hat ihn mir weggenommen. Sie würde mich schlagen und ein Ende mit mir machen, wenn sie nicht Angst hätte, gefaßt zu werden.« Gervaise war wirklich hin und wieder roh. Ihr Geschäft ging täglich schlechter; jedes war schlechter Laune, und bei dem geringsten Anlaß war ein Zank da. Coupeau hatte eines Morgens, als er den Kater hatte, geschrien: »Die Alte sagt immer, daß sie sterben will, und sie stirbt nicht!« Solche Worte hatten Mama Coupeau ins innerste Herz getroffen. Man warf ihr vor, was sie koste, und sagte ruhig, daß es eine große Ersparnis sein werde, wenn sie nicht mehr da sei. Aber auch sie führte sich nicht so auf, wie sie es hätte sollen. Sobald sie ihre älteste Tochter, Madame Lerat, sah, klagte sie ihr ihre Not; sie verleumdete ihren Sohn und ihre Schwiegertochter und behauptete, daß man sie Hungers sterben lasse. Das tat sie, um nur einen Franken von ihrer Tochter herauszulocken. Das Geld vertat sie dann für Näschereien. Sie richtete auch ganz abscheuliche Klatschereien mit den Lorilleux' an, denn sie erzählte ihnen, wofür ihre zehn Franken verausgabt würden; die gingen für Gelüste der Wäscherin drauf, für neue Hauben, für Kuchen, die heimlich im Winkel gegessen würden, ja selbst noch für viel schlimmere Dinge, die man gar nicht andeuten könne. Zwei- oder dreimal hatte sie es schon soweit gebracht, daß die ganze Familie sich untereinander in die Haare geriet. Bald hielt sie es mit dem einen, bald mit dem anderen, es war eine wahre Höllenwirtschaft. Als in diesem Winter ihre Krankheit sich immer steigerte, saßen eines Nachmittags Madame Lorilleux und Madame Lerat, die sich dort getroffen hatten, vor ihrem Bett; sie winkte ihnen mit den Augen, daß sie sich zu ihr neigten. Sie konnte kaum sprechen. Mit leiser Stimme flüsterte sie: »Das ist eine saubere Geschichte! ... Ich habe sie diese Nacht gehört. Ja, ja, die Humpelliese und den Hutmacher ... Und die machten eine Wirtschaft! Coupeau ist ein netter Junge! Das ist eine saubere Geschichte!« Sie erzählte nun in kurzen Sätzen, bei denen sie fast vor Husten erstickte, daß ihr Sohn wohl gegen Abend mit einem schrecklichen Rausch nach Hause gekommen sei. Da sie nicht schlafen konnte, habe sie sehr wohl all die verschiedenen Geräusche unterscheiden können: das Auftreten der nackten Füße der Humpelliese auf den Dielen, die flüsternde Stimme des Hutmachers, der sie rief, das leise Öffnen und Schließen der Verbindungstür und das übrige. Das müsse bis Tagesanbruch gedauert haben, sie wisse die Stunde nicht genau, weil sie ungeachtet ihres Ankämpfens gegen den Schlaf doch gegen Morgen eingeschlummert sei. »Das Ekelhafteste dabei war, daß Nana alles hören konnte. Sie hat sich die ganze Nacht herumgewälzt, sie, die sonst so fest schläft. Sie sprang auf und drehte sich um, als ob sie glühende Kohlen in ihrem Bette habe.« Die beiden Frauen schienen davon nicht überrascht. »Potz tausend!« murmelte Madame Lorilleux. »Das wird wohl schon am ersten Tage angefangen haben ... Wenn Coupeau nichts dagegen hat, haben wir uns nicht dahineinzumischen. Wie dem auch sei, sehr ehrenvoll für die Familie ist es nicht!« »Wenn ich da wäre,« meinte Madame Lerat, wobei sie die Lippen zusammenkniff, »ich würde sie erschrecken, ich riefe ihnen irgend etwas zu, ganz gleich was: »Ich sehe dich!« oder: »Da sind die Gendarmen!« ... Der Diener eines Arztes hat mir gesagt, daß so etwas in einem gewissen Moment eine Frau auf der Stelle töten könne. Nicht wahr? Das geschähe ihr recht; sie würde darin bestraft werden, worin sie gesündigt hat.« Bald wußte das ganze Quartier, daß Gervaise jede Nacht zu Lantier ging. Madame Lorilleux zeigte vor den Nachbarn eine sehr wortreiche Entrüstung; sie beklagte ihren Bruder, diesen Trottel, den seine Frau zum Hahnrei machte. Wenn man sie hörte, ging sie überhaupt nur noch ihrer armen alten Mutter wegen in solches Haus, weil diese gezwungen sei, inmitten dieser Abscheulichkeiten zu leben. Jetzt hackte das ganze Quartier auf Gervaise. Sie müsse den Hutmacher verführt haben, man sehe es an ihren Augen. Ja, trotz all dieser häßlichen Gerüchte hielt alle Welt diesen unverschämten Patron für ein Opfer, weil er immer seine weltmännischen Manieren beibehielt, auf dem Bürgersteig gehend die Zeitung las und zuvorkommend und galant gegen die Damen blieb, denen er noch immer Näschereien oder Blumen mitzubringen hatte. Mein Gott! er tat eben, was er tun mußte; ein Mann ist eben ein Mann, man kann nicht von ihm verlangen, daß er Frauen widersteht, die sich ihm an den Hals werfen. Aber für sie gab es gar keine Entschuldigung, sie entehrte die ganze Goldtropfenstraße. Die Lorilleux' fühlten sich als Paten verpflichtet, Nana an sich zu ziehen, um noch Genaueres zu erfahren. Als sie sie auf eine versteckte Art ausfragten, machte das Kind ein dummes Gesicht und antwortete ausweichend, wobei sie ihre flammenden Augen hinter ihren langen Wimpern verbarg. Inmitten dieser allgemeinen Entrüstung lebte Gervaise ganz ruhig, sie war so schlaff, als ob sie im Halbschlaf sei. Zu Anfang war sie sich wohl etwas schuldig vorgekommen, es war doch schmutzig, und sie bekam einen Ekel vor sich selbst. Wenn sie aus Lantiers Zimmer ging, machte sie sich einen Lappen naß und rieb sich damit Hals und Schultern beinahe bis aufs Blut, wie um die Schande abzureiben. Wenn Coupeau mit ihr anbändeln wollte, wurde sie böse und lief vor Kälte zitternd in den Laden und kleidete sich dort an; ebensowenig duldete sie, daß der Hutmacher sie anrührte, wenn ihr Mann sie eben geküßt hatte. Am liebsten hätte sie ihre Haut jedesmal ebenso wie den Mann gewechselt. Aber auch daran gewöhnte sie sich langsam. Es war zu schwierig und ermüdend, sich jedesmal zu waschen. Ihre Faulheit verweichlichte sie, und ihr Bedürfnis, glücklich zu sein, ließ sie danach streben, aus all diesen unerquicklichen Verhältnissen soviel Genuß wie möglich zu ziehen. Sie war nachsichtig gegen sich und gegen die anderen und trachtete nur danach, alles so einzurichten, daß niemand Ärger davon hatte. Nicht wahr? wenn ihr Mann und ihr Liebhaber zufrieden waren, wenn im Hause alles seinen gewöhnlichen Gang ging, wenn man vom Morgen bis zum Abend scherzte und allen dieses sanft dahinfließende Leben behagte, so hatte doch niemand das Recht, sich zu beklagen. Und dann schien es doch auch gar nicht etwas so Böses zu sein, weil es sich so zur Zufriedenheit der Beteiligten gemacht hatte; gewöhnlich trägt doch das Unrecht seine Strafe in sich. So war ihr die Liederlichkeit zur Gewohnheit geworden. Es war jetzt ebenso geregelt wie das Essen und Trinken; jedesmal wenn Coupeau betrunken nach Hause kam, ging sie zu Lantier. Das kam wenigstens in jeder Woche Montag, Dienstag und Mittwoch vor. Sie brachte dann ihre Nacht dort zu. Ja, sie war schließlich dahin gekommen, daß sie, wenn der Zinkarbeiter zu stark schnarchte, ihn einfach liegen ließ und ihren Schlaf auf den Kissen des Nachbars fortsetzte. Dabei empfand sie nicht etwa mehr Freundschaft für den Hutmacher, durchaus nicht, sie fand ihn nur sauberer, es ruhte sich in seinem Zimmer besser, wo es ihr zumute war, als ob sie ein Bad nahm. Sie war wie die Katzen, die sich auch gern auf weiße Leinwand niederlegen. Mama Coupeau wagte niemals geradezu von diesen Dingen zu sprechen. Aber als Gervaise sie einmal bei einem Zank etwas geschüttelt hatte, sparte sie ihre Anspielungen nicht. Sie sagte, sie kenne Männer, die recht dumm seien, und Weiber, die große Spitzbübinnen seien, ja sie ließ noch andere Worte laut werden, deren Unzweideutigkeit ihr als früheren Westenstickerin geläufig waren. Die ersten Male hatte sie Gervaise gerade angesehen, ohne zu antworten; dann aber hatte sie sich, auch ohne die Dinge geradezu zu nennen, mit allgemein gehaltenen Gegengründen verteidigt. Wenn eine Frau einen Säufer zum Mann hat, einen schmutzigen Schlingel, der im Unrat lebt, so ist es ihr wohl nicht so sehr zu verübeln, wenn sie anderweit sich nach Reinlichkeit umsieht. Sie ging noch weiter, sie gab zu verstehen, daß Lantier ebensogut ihr Mann sei wie Coupeau, ja selbst noch mehr; hatte sie ihn nicht schon mit vierzehn Jahren gekannt? hatte sie nicht zwei Kinder von ihm? Unter solchen Verhältnissen sei alles verzeihlich, und niemand könne einen Stein auf sie werfen. Sie nahm für sich das Recht der Natur in Anspruch. Übrigens solle man sie nur nicht aufbringen, sie werde sonst sehr schnell auch den anderen ihre Rechnung machen. Die Goldtropfengasse sei nicht gerade so sehr reinlich. Die kleine Madame Vigouroux benutze ihre Kohlen von morgens bis abends als Sofa; Madame Lehongre, die Frau des Krämers, habe ein Verhältnis mit ihrem Schwager, dem großen Geiferer, den man nicht von der Erde aufheben möge, wenn man ihn gefunden habe; der Uhrmacher von gegenüber, dieser feine Herr, sei nur dicht am Zuchthause vorbeigekommen für eine Abscheulichkeit: er solle mit seiner eigenen Tochter, die eine freche Dirne sei und sich auf den Boulevards herumtreibe, ein Verhältnis haben. So erläuterte sie mit bezeichnenden Gesten das ganze Quartier; das dauerte nahezu eine Stunde, wenn sie so die schmutzige Wäsche der Leute ausbreitete; die Menschen schliefen wie das Vieh miteinander, es war ein Haufe von Vätern, Müttern und Kindern, die sich im Schmutze wälzten. Sie wußte davon zu erzählen, denn die Schweinerei gucke zu allen Ritzen heraus, das verpeste förmlich die Häuser in der Umgegend! Es sei eine saubere Sache, Mann und Frau in diesem Winkel von Paris, wo das Elend die Menschen so eng aneinandertreibe, daß sie fast einer auf dem andern lägen. Wenn man die beiden Geschlechter in einem Mörser zusammenstampfte, so würde nichts weiter herauskommen als Dünger für die Kirschbäume in der Ebene von Saint-Denis. »Sie würden besser tun, nicht in die Luft zu spucken, es könnte ihnen auf die eigene Nase zurückfallen!« rief sie, wenn man ihr zu sehr zusetzte. Jeder fege vor seiner Tür, nicht wahr? Sie möchten doch nur ruhige Leute leben lassen wie sie wollten, dann werde man auch sie nicht belästigen. »... Ich finde, daß alles so ganz gut ist, wie es ist; aber ich will nicht von Leuten in den Schmutz gezerrt werden, die selber bis an den Hals darin stecken.« Als sich Mama Coupeau eines Tages etwas deutlicher ausgesprochen hatte, sagte sie ihr mit zusammengebissenen Zähnen: »Ihr seid in Eurem Bette, Ihr habt den Vorteil davon ... Hört mich an: Ihr tut unrecht, denn Ihr seht, daß ich liebenswürdig bin. Habe ich Euch je Euer Leben vorgehalten? Ich weiß wohl, eine recht nette Wirtschaft muß das gewesen sein, zwei oder drei Männer noch bei Lebzeiten des Papa Coupeau ... Nein, hustet nur nicht, ich habe schon aufgehört zu plaudern. Das war nur, weil ich sagen wollte, daß Ihr mich von jetzt an in Ruhe lassen sollt, versteht Ihr wohl?« Die alte Frau wäre beinahe erstickt. Am nächsten Morgen war Goujet gekommen, um nach der Wäsche seiner Mutter zu fragen, als Gervaise gerade nicht da war. Mama Coupeau rief ihn zu sich und behielt ihn lange Zeit an ihrem Bett. Sie wußte wohl, welch innige Freundschaft der Schmied für Gervaise hegte; sie sah, daß er seit einiger Zeit düster und unglücklich war, weil er ahnte, wie häßliche Dinge vor sich gingen. Und jetzt teilte sie ihm aus Schwatzhaftigkeit und um sich für den Zank des vorigen Tages zu rächen, die nackte Wahrheit mit, als ob die schlechte Aufführung von Gervaise ein besonderes Unrecht gegen ihn gewesen sei. Als Goujet das Kabinett verließ, mußte er sich an den Wänden stützen, so gebrochen hatte ihn der Kummer. Als die Wäscherin zurückkam, rief ihr Mama Coupeau zu, daß man sie sogleich bei Goujets erwarte, sie solle die Wäsche, geplättet oder nicht, mitbringen wie sie sei. Die Alte war so lebhaft, daß Gervaise die Klatscherei schon ahnte; im Geiste sah sie schon die traurige Szene, der sie entgegenging, und fühlte den Herzenskummer, der sie bedrohte. Sie war sehr blaß geworden und ihre Glieder schon jetzt wie gebrochen. Sie legte die Wäsche in einen Korb und ging fort. Schon seit Jahren hatte sie keinen Sou mehr an die Goujets zurückgezahlt. Die Schuld betrug immer noch vierhundertfünfundzwanzig Franken. Sie nahm jedesmal das Geld für die Wäsche und sprach davon, wie knapp sie bei Kasse sei. Sie empfand es wie eine große Schande, denn es gab ihr den Anschein, als ob sie sich die Freundschaft des Schmiedes zunutze mache, um ihn auszubeuten. Coupeau war jetzt weniger empfindlich; er machte schlechte Scherze und meinte, daß Goujet sie wohl hinreichend in den Ecken um die Taille gefaßt habe und daß er damit bezahlt sei. Sie aber war, trotz ihres Umganges mit Lantier, entrüstet über solche Worte und fragte ihren Mann, ob er denn schon so weit sei, daß er solches Brot essen wolle? Man durfte in ihrer Gegenwart nicht schlecht von Goujet sprechen; ihre Zärtlichkeit für den Schmied war der letzte Rest von Ehrbarkeit in ihr, die sie wie ein Heiligtum pflegte. Daher kam es auch, daß jedesmal, wenn sie zu diesen braven Leuten Wäsche zu tragen hatte, sich schon auf der ersten Treppenstufe ihr Herz krampfhaft zusammenzog. »Nun, seid Ihr endlich da?« sagte ihr trocken Madame Goujet, die ihr die Tür öffnete. »Wenn ich einmal den Tod herbeirufen will, möchte ich Euch danach schicken.« Gervaise trat verlegen näher, sie wagte es nicht einmal, eine Entschuldigung zu stammeln. Sie war nicht mehr pünktlich, kam nie zur bestimmten Stunde und ließ oft acht Tage auf sich warten. Sie wurde nach und nach immer unordentlicher. »Seit einer vollen Woche warte ich nun schon auf Euch«, fuhr die Spitzenklöpplerin fort. »Und dann lügt Ihr, Ihr schickt mir Euer Lehrmädchen, das mir Geschichten erzählt: man sei mit meiner Wäsche beschäftigt, man werde sie mir noch abends bringen, oder es sei irgend etwas passiert, ein Paket sei in den Eimer gefallen. Und ich verliere unterdessen meine Zeit, ich sehe nichts kommen und mache mir Gedanken darüber. Nein, Ihr seid unvernünftig ... Laßt einmal sehen, was Ihr in dem Korbe habt! Ist es wenigstens alles? Bringt Ihr mir die beiden Bettücher, die Ihr schon seit einem Monat habt, und das Hemde, das noch von der vorigen Wäsche her geblieben ist?« »Ja ja,« murmelte Gervaise, »das Hemd ist da. Hier ist es!« Aber Madame Goujet entsetzte sich. Das Hemd gehörte ihr nicht, sie wollte das nicht haben. Wenn ihr nun auch noch ihre Wäsche verwechselt werde, dann höre alles auf! Schon in der vorigen Woche hatte sie ihr zwei Taschentücher gebracht, die nicht ihr Zeichen hatten. Das war nicht nach ihrem Geschmack, solche Wäsche, von der man nicht wisse, wo sie herkam. Und dann lag ihr daran, ihre eigenen Sachen wieder zu haben. »Und die Bettlaken?« fragte sie. »Die sind verloren? ... Nun, meine Kleine, macht, was Ihr wollt, aber ich will sie bis morgen früh hier haben, versteht Ihr mich?« Da entstand ein Stillschweigen. Gervaises Verlegenheit wurde noch dadurch vermehrt, daß sie die Tür zu Goujets Zimmer halb offen stehen sah. Der Schmied mußte da sein, sie ahnte es; wie schämte sie sich, daß er all diese verdienten Vorwürfe mit anhörte, auf die sie nichts zu antworten wußte! Sie war so geschmeidig, so sanft, beugte ihren Kopf und legte so schnell wie möglich die Wäsche auf das Bett. Aber die Sache wurde noch schlimmer, als Madame Goujet anfing, die Stücke eins nach dem andern nachzusehen. Sie nahm sie und warf sie zurück, indem sie sagte: »Ah! mit Eurer Tüchtigkeit ist es auch aus! Man kann Euch jetzt kein Lob mehr sagen ... Ja, ja, Ihr verludert Euch und verhaut Eure Arbeit jetzt ... Seht einmal her, dieses Vorhemd ist verbrannt, das Eisen ist zu sehen auf jeder Falte. Alle Knöpfe sind abgerissen. Ich weiß nicht, wie Ihr das anstellt, daß nie mehr ein Knopf sitzen bleibt ... Da ist eine Nachtjacke, die bekommt Ihr nicht bezahlt. Seht doch einmal her! Da ist ja noch aller Schmutz darauf, die habt Ihr ganz einfach gespült und aufgeplättet. Danke schön! wenn die Wäsche nicht einmal mehr rein ist ...« Sie hielt inne und zählte die Stücke. Dann rief sie aus: »Wie! Das bringt Ihr mir? ... Es fehlen zwei Paar Strümpfe, sechs Servietten, ein Tischtuch und die Wischlappen ... Ihr macht Euch wohl über mich lustig? Ich ließ Euch sagen, Ihr solltet alles wiederbringen, ob geplättet, ob nicht. Wenn in einer Stunde Euer Lehrmädchen nicht mit dem Rest hier ist, werden wir uns ernstlich erzürnen, Madame Coupeau, das sage ich Euch im voraus!« In diesem Augenblick hustete Goujet in seinem Zimmer. Gervaise überlief ein leichtes Zittern. Wie man sie in seiner Gegenwart behandelte, mein Gott! Sie blieb verlegen und verwirrt in der Mitte des Zimmers stehen und wartete auf die schmutzige Wäsche. Als aber Madame Goujet die Rechnung nachgesehen hatte, nahm sie ruhig ihren Platz am Fenster wieder ein und arbeitete an der Ausbesserung eines Spitzentuches. »Die Wäsche?« fragte schüchtern die Wäscherin. »Nein, danke schön!« antwortete die alte Frau, »diese Woche ist keine Wäsche.« Gervaise erbleichte. Man entzog ihr die Kundschaft. Da verlor sie vollends den Kopf, sie mußte sich auf einen Stuhl setzen, weil ihr die Beine den Dienst versagten. Sie versuchte es nicht einmal, ein Wort für sich zu sprechen; das einzige, was sie herausbrachte, war: »Herr Goujet ist wohl krank?« »Ja, er war leidend, er hatte nach Hause kommen müssen, anstatt in die Schmiede zu gehen, er hatte sich soeben auf seinem Bett ausgestreckt, um zu ruhen.« Madame Goujet sah bei diesen Worten sehr ernst aus, wie sie so in ihrem schwarzen Kleide und ihrer nonnenhaften Haube dasaß. Man hatte den Lohn der Nagelschmiede noch heruntergesetzt, von neun Franken war er auf sieben gefallen, wegen der Maschinen, die jetzt alle Arbeit machten. Sie setzte auseinander, daß sie an allem jetzt spare; sie wolle wieder ihre Wäsche selbst waschen. Es hätte natürlich sehr gut gepaßt, wenn die Coupeaus ihr jetzt das Geld wiedergegeben hätten, das ihr Sohn ihnen geliehen hatte. Sie würde ihnen ja nicht die Leute vom Gericht über den Hals schicken, wenn sie nicht zahlen könnten. Seit Madame Goujet von der Schuld sprach, schien Gervaise mit gesenktem Kopfe dem Spiel ihrer Nadel zu folgen, die mit großer Schnelligkeit Masche auf Masche bildete. »Und dennoch,« fuhr die Spitzenklöpplerin fort, »wenn Ihr Euch ein wenig einschränktet, könntet Ihr ganz gut die Schuld tilgen. Denn Ihr eßt sehr gut, Ihr gebt sicher viel aus ... Wenn Ihr uns nur zehn Franken monatlich geben würdet ...« Sie wurde durch Goujets Stimme unterbrochen, er rief: »Mama! Mama!« Als sie fast augenblicklich zurückkam und sich wieder setzte, änderte sie das Gesprächsthema. Vermutlich hatte sie der Schmied gebeten, von Gervaise kein Geld zu verlangen. Aber unwillkürlich kam sie nach kaum fünf Minuten wieder auf die Schuld zurück. Sie habe wohl vorhergesehen, daß das so kommen werde, der Zinkarbeiter vertrinke den Laden, und das werde die Frau weit bringen. Auch hätte ihr Sohn niemals die fünfhundert Franken hergeliehen, wenn er auf sie gehört hätte. Er wäre dann heute verheiratet und brauche nicht vor Herzweh zu vergehen mit der Aussicht, sein ganzes Leben unglücklich zu bleiben. Sie wurde sehr lebhaft und sehr hart, sie klagte Gervaise geradezu an, sich mit Coupeau ins Einvernehmen gesetzt zu haben, um ihren törichten Jungen auszunützen. Ja, es gebe Frauen, die Jahre hindurch die Scheinheiligen spielten und deren schlechter Charakter erst ganz zuletzt plötzlich zutage komme. »Mama! Mama!« rief zum zweitenmal Goujets Stimme noch heftiger. Sie erhob sich, und als sie wiederkam, sagte sie, als sie sich wieder an ihre Spitzen setzte: »Geht hinein, er will Euch sehen!« Gervaise ließ zitternd die Tür offen. Die Szene bewegte sie sehr, denn sie erschien ihr wie ein Geständnis ihrer Zärtlichkeit vor Madame Goujet. Sie fand das kleine Zimmer so ruhig wie früher; mit den ausgeschnittenen Bildern an den Wänden und dem engen eisernen Bett glich es dem Zimmer eines fünfzehnjährigen Knaben. Der mächtige Körper Goujets, den die Mitteilungen Mama Coupeaus gebrochen hatten, lag auf dem Bett ausgestreckt, seine Augen waren gerötet und sein schöner blonder Bart von Tränen benetzt. Er mußte in seinem ersten Wutanfall mit seinen fürchterlichen Fäusten sein Kopfkissen zerfetzt haben, denn aus den Rissen quollen die Federn hervor. »Glaubt mir, meine Mutter hat unrecht«, sagte er zur Wäscherin beinahe mit leiser Stimme. »Ihr seid mir nichts schuldig, ich will nicht, daß man davon spricht.« Er hatte sich aufgerichtet und blickte sie an. Große Tränen kamen ihm in die Augen. »Ihr seid leidend, Herr Goujet?« murmelte sie. »Was fehlt Euch denn? Sagt es mir, ich bitte Euch!« »Nichts, danke! Ich habe mich gestern zu müde gemacht. Ich will ein wenig schlafen.« Doch ihm brach das Herz, er konnte nicht länger an sich halten. »Oh! mein Gott! mein Gott! niemals hätte das geschehen sollen, niemals! Ihr hattet mir es geschworen. Und jetzt ist es doch! ... Oh, mein Gott! Das tut mir zu weh, geht fort!« Er winkte ihr mit bittender Gebärde zu gehen. Sie näherte sich seinem Bett nicht, sie ging fort, wie er es wünschte, stumpf und sprachlos, da sie kein Wort finden konnte, um ihn zu beschwichtigen. Im Nebenzimmer nahm sie ihren Korb; aber sie ging noch immer nicht, sie hätte so gern ein Wort gefunden. Madame Goujet fuhr mit ihrer Arbeit fort, ohne den Kopf zu erheben. Endlich sagte sie: »Nun denn, guten Abend! Schickt mir meine Wäsche, wir rechnen dann später ab.« »Jawohl, so soll es sein! Guten Abend!« stotterte Gervaise. Sie schloß langsam die Tür, weil sie noch einen Blick in diese sauberen, ordentlichen Räume werfen wollte, in denen, wie sie glaubte, ein Stück von ihrer Ehrbarkeit zurückblieb. Sie kam nach Hause in ihren Laden zurück wie eine Kuh, die in den Stall geht, ohne sich über den Weg Sorgen zu machen. Mama Coupeau saß auf einem Stuhle nahe bei dem Plättofen, sie hatte zum erstenmal ihr Bett wieder verlassen. Aber die Wäscherin machte ihr selbst nicht einmal einen Vorwurf, sie war zu müde, die Knochen schmerzten sie, als ob sie geschlagen worden sei; sie dachte, daß das Leben schließlich doch zu hart sei, und da man doch nicht sogleich davongehen könne, nütze es auch nichts, sich selbst das Herz herauszureißen. Jetzt fragte Gervaise nach gar nichts mehr. Sie hatte so eine unbestimmte Handbewegung, mit der sie sagen wollte: »Macht, was Ihr wollt, was kümmert's mich!« Bei jeder neuen Sorge vertiefte sie sich mehr in ihr einziges Vergnügen, das darin bestand, jeden Tag drei gute Mahlzeiten zu haben. Ihr Laden hätte zusammenbrechen können, vorausgesetzt, daß sie nicht gerade darin war, sie wäre gern ohne Hemd weggegangen. Und der Laden brach wirklich zusammen, nicht auf einmal, aber ein bißchen alle Tage, morgens und abends. Eine Kundschaft nach der andern erzürnte sich und trug ihre Wäsche anderwärts hin. Herr Madinier, Fräulein Remanjou und selbst die Boches waren zu Madame Fauconnier zurückgegangen, wo sie pünktlicher bedient wurden. Es wurde schließlich langweilig, wochenlang ein Paar Strümpfe nicht herauszubekommen und die Hemden mit den Fettflecken vom vorigen Sonntag wieder anzuziehen. Gervaise verlor kein Wort, um sie zurückzuhalten, sie rief ihnen »Glückliche Reise!« nach; ja sie hatte noch eine andere Art, sie zu verabschieden, sie meinte, sie sei sehr zufrieden, daß sie nicht mehr nötig habe, in ihrem Schmutz herumzuwühlen. Nun gut! Das ganze Quartier konnte von ihr abgehen, da werde sie einen hübschen Haufen Schmutz los werden; und dann habe man auch weniger Arbeit. Inzwischen behielt sie nur die schlechten Zahler, die Dirnen, Frauen wie Madame Gaudron, deren Wäsche keine Wäscherin in der Neuen Straße waschen wollte. Der Laden war nicht mehr zu halten, sie hatte ihre letzte Arbeiterin, Madame Putois wegschicken müssen; so blieb sie allein mit ihrem Lehrmädchen, der schielenden Augustine, die immer dümmer wurde, je mehr sie wuchs; und selbst sie beide hatten nicht immer Arbeit und saßen ganze Nachmittage untätig umher. Es war ein vollständiger Sturz und roch ordentlich nach Ruin. In demselben Verhältnis, wie die Faulheit und das Elend stieg, wuchs auch die Unsauberkeit. Man hätte diesen schönen blauen Laden nicht wiedererkannt, der ehemals der Stolz Gervaises gewesen war. Die Holzverkleidung und die Scheiben des Schaufensters, die man zu waschen vergaß, blieben von oben bis unten beschmutzt von dem Schmutz, den die vorüberfahrenden Wagen daranspritzten. Im Schaufenster hingen an den Messingdrähten drei graue Lumpen, die von Kunden, die im Krankenhause gestorben, zurückgeblieben waren. Noch erbärmlicher war es im Innern: die Feuchtigkeit der Wäsche, die unter der Decke trocknete, hatte die Tapeten abgelöst, das schöne Muster hing in Fetzen herab, die wie alte Spinngewebe dick mit Staub befallen waren; der zerbrochene und von dem Schüreisen durchlöcherte Plättofen ließ die Ecke, in der er stand, wie den Laden eines Alteisenkrämers erscheinen; der Arbeitstisch schien von einer ganzen Garnison gebraucht zu sein, soviel Kaffee- und Weinflecke waren darauf, so klebrig war er von dem Eingemachten und so fettig von den Schmausereien, denen man sich gewöhnlich am Montag hingab. Gervaise befand sich dabei sehr wohl, sie hatte es nicht bemerkt, wie der Laden immer schmutziger wurde, sie hatte das Bewußtsein dafür verloren und gewöhnte sich ebenso an die zerrissenen Tapeten und schmutzigen Ladenfenster, wie sie dahin gekommen war, aufgerissene Unterröcke zu tragen und sich nicht mehr die Ohren zu waschen. Selbst der Schmutz war für sie ein warmes Nest, und es behagte ihr, sich darin zusammenzukauern. Die Dinge ihrem Verfall entgegengehen zu lassen und zu warten, bis der Staub alle Löcher verstopfe und sich wie eine Decke von grauem Samt auf alles lege, in fauler Betäubung das Haus immer schwerer auf sich lasten zu fühlen, das war für sie eine wahre Wollust, in der sie sich berauschte. Wenn sie nur ihre Ruhe hatte, dann pfiff sie auf das übrige. Die immer höher anwachsenden Schulden machten ihr keine Sorgen mehr. Sie verlor ihre Rechtschaffenheit; ob man einmal bezahlen könne oder nicht, das blieb im Ungewissen, sie war nicht neugierig genug, um es wissen zu wollen. Wenn man ihr in einer Handlung den Kredit aufkündigte, fing sie anderwärts zu borgen an. Sie brandschatzte das ganze Quartier und war alle zehn Schritte etwas schuldig. Allein in der Goldtropfengasse wagte sie schon nicht mehr bei dem Kohlenhändler, bei dem Krämer und der Hökerin vorbeizugehen, so daß sie, wenn sie nach dem Waschhause ging, den Weg durch die Fischerstraße nehmen mußte, was ein Umweg von guten zehn Minuten war. Die Lieferanten behandelten sie als Spitzbübin. Eines Abends revoltierte der Mann, der die Möbel für Lantier geliefert hatte, die ganze Nachbarschaft, er heulte, daß er ihr eine Tracht Schläge verabfolgen und sich so an ihrem Leibe bezahlt machen werde, wenn sie ihm nicht sein Geld herausgebe. Nach solchen Szenen zitterte sie, doch sie schüttelte es ab wie ein geschlagener Hund, und wenn es vorüber war, schmeckte ihr das Mittagbrot deshalb nicht schlechter. Dieses unverschämte Pack, das ihr über den Hals kam! Sie hatte doch einmal kein Geld, sollte sie vielleicht welches machen? Und dann, bestahlen einen denn die Kaufleute nicht genug? Die konnten warten! So kauerte sie sich wieder in ihrem Loch zusammen und dachte absichtlich nicht an das, was notwendig am nächsten Tage geschehen mußte. Sie werde über die Klinge springen, gewiß! Aber bis dahin solle man sie ungeschoren lassen! Mama Coupeau hatte sich noch einmal wieder erholt. Während eines ganzen Jahres stand das Geschäft so auf der Kippe. Im Sommer gab es natürlich immer mehr Arbeit, da waren die weißen Unterröcke und die Seidenkleider der Mädchen, die in den Ballsälen der äußeren Boulevards tanzten. Es war eine langsame Auflösung, jede Woche mußte sie die Nase tiefer in den Schmutz stecken; es ging einmal besser, einmal schlechter, manchen Abend schnürten sie sich vor dem leeren Speiseschrank den Bauch zusammen, und dann aßen sie auch einmal wieder so viel Kalbsbraten, daß sie davon hätten platzen können. Nur Mama Coupeau sah man noch auf der Straße, gewöhnlich verbarg sie Pakete unter ihrer Schürze und ging, als ob sie Spazierengehen wolle, nach dem Leihhause in der Polonceaustraße. Sie krümmte ihren Rücken und machte ein so scheinheiliges, lüsternes Gesicht wie eine Muckerin, die zur Messe geht; sie verachtete so etwas nicht, diese Art von Geldgeschäften machte ihr Spaß, dieses Verhandeln von alten Kleidern kitzelte ihre Leidenschaft für den Beruf einer Aushilfsmutter. Die Beamten in der Polonçeaustraße kannten sie schon recht gut, sie nannten sie die Vierfrankenmutter , weil sie immer vier Franken haben wollte, wenn man ihr drei bot für ihre Pakete, die nicht größer als ein Pfund Butter waren. Gervaise hätte gern das ganze Haus versetzt, sie hatte eine förmliche Leidenschaft für das Leihhaus, sie hätte sich gern den Kopf scheren lassen, wenn man ihr für ihre Haare etwas gegeben hätte. Es war gar zu bequem, dorthin zu laufen und sich Geld zu holen. Ihre ganze Wirtschaft ging dahin, ihre Wäsche, ihre Kleider, ja sogar die Möbel. Zu Anfang nahm sie Gelegenheit, in guten Wochen etwas auszulösen, wenn sie es auch in der folgenden Woche wieder hintrug. Dann aber, als sie ihr Geschäft gehen ließ, wie es wollte, ließ sie die Sachen verfallen oder verkaufte die Pfandscheine. Eine einzige Sache ging ihr nahe, das war, ihre Stutzuhr zu versetzen; doch als ein Gerichtsdiener wegen eines Wechsels von zwanzig Franken darauf Beschlag legen wollte, entschloß sie sich auch dazu. Bis dahin hatte sie geschworen, daß sie lieber Hungers sterben wolle, als ihre Stutzuhr anzurühren. Als Mama Coupeau sie in einer kleinen Deckelkiste forttrug, sank sie mit nassen Augen auf einen Stuhl und ließ ihre Arme schlaff herniederhängen. Als aber Mama Coupeau mit fünfundzwanzig Franken wiederkam, trösteten sie diese unerwarteten fünf Franken schnell über den Verlust; sie schickte gleich die alte Frau wieder fort, um für vier Sous einen Schluck zu holen, nur um die fünf Franken festlich zu begießen. Wenn sie gut Freund miteinander waren, tranken sie sehr oft an einer Ecke des Arbeitstisches Schnaps zusammen, es war zur Hälfte Branntwein, zur Hälfte Johannisbeersaft. Mama Coupeau hatte eine Geschicklichkeit, in ihrer Schürzentasche ein volles Glas zu transportieren, ohne einen Tropfen zu vergießen, die wirklich bewundernswert war. Die Nachbarn brauchten davon nichts zu wissen, nicht wahr? In der Tat wußten es die Nachbarn recht gut. Die Hökerin, die Kaldaunenhändlerin und die Ladenburschen des Krämers sagten: »Seht doch, die Alte geht zur Tante!« oder: »Seht doch, die Alte trägt ihr Tröstungswasser in der Tasche!« Und wie es nur natürlich war, brachte so etwas das Quartier gegen Gervaise noch mehr auf. Sie verjuxte alles, es werde nicht mehr lange dauern, dann sei der Laden aufgefressen. Ja, ja, noch drei- oder viermal das Maul vollgenommen, dann sei der Platz kahl wie abgeleckt. Inmitten dieses allgemeinen Verfalls gedieh Coupeau. Diesem verdammten Saufbold war so wohl wie einem Fisch im Wasser; der Schnaps und der Branntwein machten ihn fett. Dabei aß er viel und kümmerte sich den Teufel um diesen Hund, den Lorilleux, der immer sage, daß der Suff den Menschen töte. Er antwortete ihm damit, daß er sich auf den Bauch klopfte, dessen Haut durch das Fett gespannt war wie eine Trommel. Er machte ihm darauf ein großes Konzert vor, wobei er mit Klopfen und Trommeln ein Musikstück aufführte, das vor der Bude eines Zahnausreißers viel Glück gemacht haben würde. Aber Lorilleux, der sich ärgerte, daß er keinen Bauch hatte, meinte, das sei alles nur gelbes Fett und tauge nichts. Aber es machte ihm nichts, er soff weiter, weil es ihm so gut bekam. Seine Haare, die jetzt schon so gemischt waren wie Pfeffer und Salz, schienen bei jedem Windstoß Funken zu sprühen. Sein Säufergesicht mit den Affenkiefern färbte sich und nahm nach und nach die Farbe blauen Weines an. Er blieb ein Bruder Lustig und stieß seine Frau, wenn sie sich einmal an ihn wandte und ihm von ihren Verlegenheiten sagte. Sind denn die Männer dazu da, um sich mit solchen ärgerlichen Sachen zu befassen? Seinetwegen konnte das Brot im Hause fehlen, ihm war es gleich. Er müsse morgens und abends sein Essen haben und werde sich doch keine Sorgen darüber machen, wo es herkomme! Wenn er wochenlang nicht gearbeitet hatte, wurde er noch anspruchsvoller als vorher. Übrigens klopfte er noch immer Lantier freundschaftlich auf die Schultern. Soviel stand fest, er wußte nichts von den Abwegen, die seine Frau ging, wenigstens Leute wie die Boches und Poissons schwuren die heiligsten Eide, daß er nichts ahne und daß es ein großes Unglück gebe, wenn er je von der Sache erfahre. Aber seine eigene Schwester, Madame Lerat, schüttelte den Kopf; sie kannte Ehemänner, denen so etwas gar nicht so sehr mißfiel. In einer Nacht war selbst Gervaise ganz versteinert vor Schreck geblieben, weil sie, aus dem Zimmer des Hutmachers kommend, in der Finsternis einen Schlag auf den Hintern zu fühlen glaubte; aber sie hatte sich nachher überlegt, daß sie sich auch an dem Bettpfosten gestoßen haben konnte. Die Lage der Dinge war doch wirklich zu schrecklich, als daß ihr Mann sich darüber habe amüsieren und mit ihr habe Unsinn treiben können. Auch Lantier kam durchaus nicht herunter, er pflegte sich sehr, täglich maß er seine Bauchweite an seinem Hosengurt, weil er beständig in Sorge war, daß er die Schnalle ändern müsse; er fand, daß er so gerade richtig sei und war so eitel, daß er weder stärker noch magerer werden wollte. Infolgedessen war er sehr wählerisch mit dem Essen, weil er jede Schüssel darauf ansah, ob sie nicht seine Figur verändern werde. Seit er sich auch in die Wirtin mit dem Ehemann geteilt hatte, benahm er sich so, als ob ihm die Hälfte von allem rechtmäßig zustehe; er steckte die Fünffrankenstücke ein, die er umherliegen fand, mit Gervaise machte er, was er wollte, er zankte und schrie umher, so daß er da mehr zu Hause zu sein schien als der Zinkarbeiter. Das war eben eine Wirtschaft, die zwei Herren hatte. Der Gelegenheitsmann, der schlauer war als der andere, zog die Zudecke nach seiner Seite hin; er nahm das Beste, von der Frau, vom Tische und von allem übrigen. Er preßte die Coupeaus aus, das war klar, er genierte sich auch gar nicht mehr, es vor aller Welt sehen zu lassen. Nana blieb sein Liebling, weil er die hübschen, kleinen Mädchen gern hatte. Mit Etienne beschäftigte er sich immer weniger, nach seiner Meinung mußten sich die Jungens selbst durchbeißen. Wenn jemand nach Coupeau fragte, fand er sich immer ein; in Pantoffeln und Hemdsärmeln kam er aus dem hinteren Laden mit der Miene eines sehr beschäftigten Ehemannes hervor; er antwortete für Coupeau und sagte den Leuten, daß es ganz dasselbe sei. Zwischen diesen beiden Herren führte Gervaise auch nicht immer ein allzu lustiges Leben. Über ihre Gesundheit konnte sie nicht klagen, Gott sei Dank! Auch sie wurde fett. Aber daß ihr zwei Männer immer auf dem Halse lagen, die sie pflegen und zufriedenstellen sollte, das ging manchmal über ihre Kräfte. Heiliger Himmel! Ein Mann kann einen schon zur Verzweiflung bringen! Das Schlimme war, daß sie, wenn es Streit gab, immer zusammenhielten; sie zankten sich niemals. Des Abends nach dem Essen hänselten sie einander, wenn sie mit aufgelegten Ellenbogen am Tische saßen; während des ganzen Tages rieben sie sich aneinander wie ein Paar Katzen, die ihrem Vergnügen nachgehen. An Tagen, wo sie wütend nach Hause kamen, fielen beide über sie her. Nur immer zu! Schlagt nur auf das Lasttier los, die hat einen breiten Buckel! Das erhöhte noch ihre Freundschaft, wenn sie so zusammen brüllen konnten; da durfte sie kein Wort zu ihrer Verteidigung sagen. Zu Anfang, wenn einer schrie, bat sie den andern durch Seitenblicke, ihr beizustehen und ein Wort für sie einzulegen. Aber es gelang selten. Sie war jetzt ganz kirre geworden und duckte sich mit ihren breiten Schultern, weil sie begriffen hatte, daß es ihnen Spaß mache, sie herumzustupsen, weil sie rund wie eine wahre Kugel geworden war. Coupeau mit seinem losen Maul gebrauchte abscheuliche Worte ihr gegenüber. Lantier dagegen war in seinen Schimpfworten sehr gewählt, er brauchte Ausdrücke, die sonst niemand sagte und die sie noch empfindlicher trafen. Glücklicherweise gewöhnt man sich ja an alles; die Schimpfworte und Ungerechtigkeiten der beiden Männer glitten schließlich von ihrer glatten Haut ab wie von einer Wachstuchdecke. Sie war sogar dahin gekommen, daß es ihr lieber war, wenn sie böse waren; machten sie die Liebenswürdigen, so waren sie ihr noch viel mehr zur Last, dann waren sie immer hinter ihr her und ließen sie keine Haube ruhig plätten. Dann verlangten sie von ihr kleine Gerichte, die sie salzen mußte oder milder machen, dann mußte sie ihnen zu Munde reden, sie pflegen, zu Bette legen und einen nach dem andern warm einwickeln. Wenn eine Woche herum war, fühlte sie kaum noch ihre Glieder, und ihr Kopf war wüst, sie wurde ganz stumpfsinnig, und ihre Augen bekamen einen Ausdruck, als ob sie ihrer Sinne nicht mehr mächtig sei. Das reibt eine Frau auf, ein solches Geschäft. Ja, Coupeau und Lantier verbrauchten sie, das ist das rechte Wort; sie hatten sie an beiden Enden zugleich angesteckt, wie man vom Licht sagt. Soviel stand fest, der Zinkarbeiter hatte keine Bildung; aber der Hutmacher hatte zuviel oder vielmehr er hatte eine Bildung, wie schmutzige Leute ein reines Hemd anhaben, der Schmutz sitzt darunter. In einer Nacht träumte sie, daß sie am Rande eines Brunnenloches stehe; Coupeau stieß sie mit der Faust, während Lantier sie an den Schenkeln kitzelte, um sie noch schneller hineinstürzen zu lassen. So war ihr Leben. Sie war in einer guten Schule, da konnte es nicht überraschen, wenn sie vor die Hunde ging. Die Leute im Quartier waren nicht gerecht gegen sie, wenn sie ihr häßliches Betragen ihr zum Vorwurf machten, denn sie hatte ihr Unglück nicht verschuldet. Wenn sie manchmal darüber nachdachte, so überlief sie ein Schauder. Dann dachte sie, daß es doch auch noch viel schlimmer habe kommen können. Es war doch immer noch besser, zwei Männer zu haben, als seine beiden Arme zu verlieren. So fand sie ihre Lage natürlich, wie es so oft vorkommt; so trachtete sie danach, auch unter diesen Verhältnissen ein wenig Glück für sich zu genießen. Der beste Beweis dafür, wie abgestumpft ihre Empfindungen waren und wie sie nur noch den rohesten Genüssen zugänglich blieb, ist es, daß sie Coupeau nicht mehr verabscheute als Lantier. In dem Varieté hatte sie in einem Stück eine Dirne gesehen, die ihren Mann verabscheute und ihn wegen ihres Liebhabers vergiftete; darüber war sie böse geworden, weil sie einer ähnlichen Empfindung nicht fähig wäre. War es denn nicht viel vernünftiger, wenn alle drei in gutem Einvernehmen weiterlebten? Nein, nein, solche Dummheiten machen das Leben ungemütlich, das ja ohnehin schon nicht allzu lustig ist. Schließlich würde sie sich trotz aller Schulden, trotz des Elends, das sie bedrohte, ganz ruhig für sehr befriedigt erklärt haben, wenn der Zinkarbeiter und der Hutmacher sie weniger abgehetzt und weniger mit ihr herumgeschrien hätten. Um die Herbstzeit ging leider die Wirtschaft noch mehr bergab. Lantier behauptete, daß er mager werde, und machte täglich ein längeres Gesicht. Er murrte über alles und nörgelte besonders beim Essen; die ewigen Kartoffelgerichte, das sei ein Schweinefraß, den er nicht runterbringen könne, ohne danach Kolik zu bekommen. Die geringfügigste Zänkerei endete jetzt mit Schlägen, wobei man sich die ganze Wirtschaft gegenseitig an den Kopf warf, und es war manchmal ein Teufelskram, ehe alles sich aussöhnte, ehe jeder sein Lager aufsuchte. Wenn die Musik zu Ende ist, schlagen sich die Esel, nicht wahr? Lantier witterte den Krach; er war außer sich darüber, als er merkte, daß die ganze Wirtschaft aufgegessen sei, und er den Tag herankommen sah, wo er seinen Hut in die Hand nehmen müsse, um sich wo anders ein warmes Nest und etwas Futter aufzusuchen. Er hatte sich hier so hübsch hineingewöhnt, konnte seinen kleinen Gewohnheiten nachgehen und wurde von jedermann verhätschelt; es war ein wahres Schlaraffenleben gewesen, dessen Süßigkeiten er nicht so leicht wiederfinden werde. Potz der Tausend! Man kann sich nicht bis obenheran vollfressen und dann immer noch gute Stücke auf dem Teller haben. Er war jetzt auf seinen Bauch besonders böse, denn jetzt war die ganze Wirtschaft in seinem Bauch. Aber er dachte keineswegs so; er war noch auf die anderen böse, die sich in dem kurzen Zeitraum von zwei Jahren von ihm hatten auffressen lassen. Wirklich, die Coupeaus waren unbegreiflich. Jetzt schrie er, daß Gervaise nicht gut zu wirtschaften verstehe. Heiliges Donnerwetter! Was sollte denn daraus werden? Gerade jetzt ließen einen die Freunde sitzen, wo man im Begriff war, ein glänzendes Geschäft abzuschließen: sechstausend Franken Gehalt in einer Fabrik, das war genug, um die ganze kleine Familie zum Wohlstand zu bringen. Eines Abends im Dezember hatten sie nichts, um Mittagbrot zu essen. Es war auch nicht ein Heller mehr da. Lantier, der sehr trübe gestimmt war, ging schon bei guter Zeit aus und trieb sich auf den Straßen herum, um irgendwo eine Bude zu finden, wo der Küchengeruch die Gesichter fröhlich machte. Er blieb oft volle zwei Stunden bei dem Plättofen sitzen und hing seinen Gedanken nach. Plötzlich zeigte er eine große Freundschaft für die Poissons. Er neckte den Stadtsergeanten nicht mehr damit, daß er ihn Badinguet nannte; ja, er ging soweit, daß er zugab, der Kaiser sei vielleicht ein ganz braver Kerl. Besonders für Virginie schien ihn eine hohe Achtung zu erfüllen, er sagte, sie sei eine gescheite Frau, die es wohl verstehe, ihr Lebensschiff zu steuern. Es war zu ersichtlich, daß er ihnen schön tat. Man hätte auf den Gedanken kommen können, daß er bei ihnen in Pension treten wolle. Aber seine Falle hatte einen doppelten Boden und war viel verwickelter. Virginie hatte gegen ihn den Wunsch ausgesprochen, irgendeinen Laden aufzumachen; in dieser Absicht bestärkte er sie und erklärte es für ausgezeichnet. Jawohl, sie war für den Handel wie geschaffen: groß, zuvorkommend und tätig, wie sie war. Sie werde soviel Geld verdienen, wie sie wolle. Da das Geld, was sie von der Erbschaft einer Tante her schon lange bereit liegen hatte, nur darauf wartete, verwendet zu werden, habe sie gewiß recht, wenn sie ihre vier Kleider, die sie in jeder Saison zusammenstoppele, im Stich lasse, um sich dem Geschäftsleben zu widmen; dabei zählte er an den Fingern die Leute her, die im Begriffe seien, ein Vermögen zu erwerben: da war die Hökerin in der Ecke, eine kleine Porzellanhändlerin vom äußeren Boulevard; der Augenblick sei ungemein günstig, mit jeder Ausschußware habe man jetzt ein Geschäft machen können. Trotzdem zögerte Virginie noch; sie hätte gern einen Laden gehabt, aber sie wollte auch das Quartier nicht gern verlassen. Da führte sie Lantier in die Ecke und sprach dort oft zehn Minuten lang mit ihr leise. Er schien sie mit Gewalt von etwas überzeugen zu wollen, sie weigerte sich nicht, sondern es sah so aus, als ob sie ihm Vollmacht gebe, für sie zu handeln. Das war ein Geheimnis zwischen ihnen beiden, sie blinkten sich mit den Augen zu und wechselten schnelle Worte miteinander; daß sie gemeinsam einen Plan schmiedeten, verriet sich sogar in ihren Händedrücken. Von diesem Augenblick an belauerte Lantier die Coupeaus mit heimlichen Seitenblicken, während er sein trockenes Brot herunterwürgte; er war wieder sehr gesprächig geworden und betäubte sie mit einem fortwährenden Gejammer. Den ganzen Tag mußte Gervaise in diesem Elend herumwühlen, das er recht gefällig vor ihr ausmalte. Er sprach ja nicht seinetwegen, großer Gott! Er werde ja gerne mit den Freunden Hungers sterben. Aber die Klugheit erfordere doch, daß man sich genaue Rechenschaft über die Lage gebe. Man schulde wenigstens fünfhundert Franken im Quartier an den Bäcker, den Kohlenhändler, den Krämer und die anderen. Überdies sei man mit der Miete für zwei Quartale im Rückstande, das seien auch noch zweihundertundfünfzig Franken; der Wirt, Herr Marescot, habe davon gesprochen, sie aus dem Hause zu jagen, wenn sie nicht vor dem ersten Januar bezahlten. Dann habe man schon alles aufs Leihhaus getragen, so daß man nicht mehr für drei Franken hätte versetzen können, so gründlich sei alles ausgesäubert nur die Nägel blieben noch in den Wänden, mehr nicht, und davon habe man für drei Sous recht gut zwei Pfund bekommen können. Gervaise war von diesem Rechenexempel so verdutzt, daß ihr die Arme schlaff herniederfielen, sie wurde böse und schlug mit der Faust auf den Tisch, oder fing ganz dumm an zu heulen. Eines Abends schrie sie: »Morgen gehe ich weg!... Ich will lieber den Schlüssel auf die Schwelle legen und auf dem Steinpflaster schlafen, als so hier noch weiterleben.« »Es sei viel klüger,« sagte heimtückisch Lantier, »den Mietsvertrag abzutreten, wenn man jemanden finden könnte... Wenn ihr beide entschlossen wäret, den Laden aufzugeben ...« Sie unterbrach ihn heftig: »Aber sofort, gleich!... Das wäre ja eine wahre Erlösung!« Jetzt war der Hutmacher der praktische Mann. Wenn man den Mietsvertrag abtreten wolle, so werde man von dem neuen Mieter die beiden rückständigen Quartalsraten bekommen. Dann wagte er es, von den Poissons zu sprechen; er erinnerte daran, daß ja Virginie einen Laden suchte, vielleicht gefalle ihr dieser. Er erinnere sich selbst, daß sie sich einen ebensolchen oft gewünscht habe. Als aber die Wäscherin den Namen Virginie hörte, war sie still geworden. Man werde sehen; man spreche so leicht davon, sein Heim aufzugeben, wenn man erregt sei, aber die Sache sei doch nicht so einfach und reiflich zu bedenken. Vergeblich versuchte Lantier in den folgenden Tagen wieder das Gespräch darauf zu bringen. Gervaise antwortete, daß sie schon noch mehr herunter gewesen sei und sich doch wieder heraufgerappelt habe. Was sei denn gewonnen, wenn sie ihren Laden nicht mehr habe? Davon werde sie kein Brot bekommen. Im Gegenteil, sie werde ihre Arbeiterinnen wieder nehmen und sich eine neue Kundschaft schaffen. Sie sagte es nur, um damit die guten Gründe des Hutmachers abzuwehren, der ihr zeigte, wie sie am Boden lag, wie ihre Schulden sie erdrückten, wie es gar keine Hoffnung gab, wieder obenauf zu kommen. Aber er war ungeschickt genug, immer noch Virginies Namen hineinzumengen, so daß sie ganz wütend wurde. Nein, nein, niemals! Sie hatte immer an ihrem guten Herzen gezweifelt; wenn Virginie den Laden haben wolle, sei es nur deshalb, weil sie sie demütigen wolle. Der ersten besten Frau auf der Straße hätte sie den Laden gegeben, aber nicht dieser großen Scheinheiligen, die schon seit Jahren darauf warte, sie zugrunde gehen zu sehen. Jetzt sei ihr so manches klar. Sie begreife jetzt wohl, warum die gelben Funken aus den Augen dieser Katze sprühten. Ja, ja, Virginie habe ihr die Tracht Schläge von der Waschanstalt nie vergessen, sie habe ihre Rache aufgespart. Nun denn, sie werde klug daran tun, sie es nicht merken zu lassen, wenn sie nicht riskieren wolle, daß sie ihr zum zweitenmal das Fell versohle. Das werde nicht lange dauern, sie könne sich schon immer darauf gefaßt machen. Nach einem solchen Schwall böser Redensarten duckte Lantier Gervaise; er nannte sie einen Trotzkopf, ein tolles Weib, eine Madame Granale, die den Teufel im Leibe habe, ja, er ging sogar so weit, Coupeau zu beschuldigen, daß er ein Pantoffelheld sei, der nicht einmal soviel Macht über seine Frau habe, es durchzusetzen, daß diese vor einem Freunde die schuldige Achtung bewahre. Er begriff wohl, daß der Zorn alles verderbe, deshalb versicherte er, daß er sich nie mehr mit den Geschäften anderer befassen wolle, denn davon habe man nichts als Undank. In der Tat schien es, als ob er die Sache mit der Abtretung des Mietsvertrages nicht weiter berühren wolle und auf eine Gelegenheit warte, wo er von der Sache noch einmal sprechen und die Wäscherin bestimmen könne. Mit dem Januar war das schlechte Wetter gekommen, es war naß und kalt zugleich. Mama Coupeau, die schon den ganzen Dezember gehustet hatte, mußte sich nach dem Dreikönigstage fest zu Bette legen. Das war wie ihre Rente; jeden Winter wartete sie schon darauf. Aber diesen Winter, sagten alle, werde sie wohl nur mit den Füßen vorweg wieder aus ihrem Zimmer herauskommen. Und wirklich, sie hatte einen recht versteckten Husten, der so hohl und verdächtig klang; dabei war sie dick und fett, ihre Augen waren schon halb erloschen und ihr Gesicht auf einer Seite ganz zusammengezogen. Sicherlich hätten ihre Kinder ihr Ende nicht herbeigewünscht, aber sie schleppte sich schon so lange hin, sie machte so viel Ungelegenheiten, daß man ihren Tod wie eine Befreiung für alle ansah. Für sie selbst war es ja auch das beste, denn ihre Zeit war vorüber, nicht wahr? Und wenn man seine Zeit gelebt hat, so hat man sich nichts vorzuwerfen. Man gab ihr noch ihren Tee, um sie nicht ganz hilflos liegenzulassen. Alle Stunden ging einmal jemand hinein und sah nach, ob sie noch lebe. Sie sprach gar nicht mehr, weil sie so wenig Luft hatte, aber mit ihrem einen Auge, das noch gut, lebendig und klar geblieben war, sah sie jeden scharf an; es lag vieles im Blick dieses Auges: die Trauer um ihre jungen Jahre, die Trauer der tiefen Kränkung, wenn sie sah, wie die Ihren es gar nicht mehr erwarten konnten, sie endlich loszuwerden, der Zorn gegen die kleine, lasterhafte Dirne, die Nana, die sich jetzt nicht mehr genierte und des Nachts an der Glastür lauerte. Eines Montag abends kam Coupeau stark angerissen nach Hause. Seit seine Mutter in Gefahr war, lebte er fortwährend in einer wehmütigen Stimmung. Als er fest eingeschlafen war und laut schnarchte, ging Gervaise von ihm und wachte einen Teil der Nacht bei Mama Coupeau. Nana war jetzt sehr artig, sie legte sich nahe bei der Alten nieder und sagte, daß, wenn sie höre, daß sie sterbe, sie schon alle schnell herbeirufen werde. In dieser Nacht, wo die Kleine fest schlief und auch die Kranke ruhig zu schlummern schien, ließ sich die Wäscherin schließlich von Lantier, der sie mit leiser Stimme rief, überreden, sich in seinem Bett etwas auszuruhen. Sie wollten ein Licht auf der Erde hinter der Schranktür brennen lassen. Gegen drei Uhr sprang Gervaise plötzlich zitternd vom Bett auf, weil eine unbestimmte Angst sie peinigte. Sie hatte einen kalten Schauer über den ganzen Körper gehen fühlen. Das Endchen Licht war heruntergebrannt, so mußte sie im Finstern ihre Unterröcke zusammenbinden; sie tat es, betäubt und in fieberhafter Hast. Erst in dem kleinen Kabinett konnte sie, nachdem sie sich an verschiedenen Möbeln gestoßen hatte, eine kleine Lampe anstecken. In das erdrückende Schweigen der Nacht tönten allein die tiefen Töne von Coupeaus Schnarchen hinein. Nana, die auf dem Rücken ausgestreckt lag, atmete leise zwischen ihren leicht geschwellten Lippen. Gervaise, die die Lampe, welche große Schatten vorüberhuschen ließ, herabgeschraubt hatte, beleuchtete das Gesicht von Mama Coupeau, die ganz weiß, mit weit geöffneten Augen und zur Seite gefallenem Kopf dalag. Mama war tot. Ohne einen Schrei auszustoßen, leise und vorsichtig kam die Wäscherin wieder in das Zimmer Lantiers zurück. Er war wieder eingeschlafen. Sie beugte sich über ihn und murmelte: »Höre! Du! Es ist aus mit ihr, sie ist tot!« Ganz vom Schlaf übermannt, kaum erwacht, brummte er zuerst: »Laß mich doch zufrieden! Lege dich doch nieder ... Wir können ja nichts dabei machen, wenn sie tot ist!« Dann stützte er sich auf einen Ellenbogen und fragte: »Wie spät ist es denn?« »Drei Uhr!« »Erst drei Uhr, lege dich doch nieder ... Du wirst dich erkälten ... Wenn es Tag ist, werden wir ja sehen!« Aber sie hörte nicht auf ihn, sondern zog sich vollständig an. Darauf machte er es sich wieder bequem, schlug die Bettdecke um sich und wandte sein Gesicht der Wand zu, wobei er etwas von verdammten eigensinnigen Weiberköpfen murmelte. Was war denn da für Eile, den Leuten mitzuteilen, daß es eine Tote im Hause gab? Mitten in der Nacht war so etwas gar nicht lustig, und er war außer sich darüber, seine Nachtruhe durch so düstere Dinge gestört zu sehen. Als sie alle ihre Sachen bis auf ihre Haarnadeln wieder in ihr Zimmer zurückgetragen hatte, setzte sie sich dort nieder, und obwohl sie vor Kälte zitterte, war sie doch zufrieden, daß man sie nicht mehr mit dem Hutmacher überraschen konnte. Eigentlich hatte sie Mama Coupeau recht lieb gehabt und empfand jetzt einen wahren Schmerz, während sie im ersten Augenblick nur Ärger ausgestanden hatte, daß Mama Coupeau ihre Sterbestunde so schlecht gewählt hatte. Sie weinte laut und heftig in der stillen Nacht, doch der Zinkarbeiter hörte nicht auf zu schnarchen. Er hörte nichts, sie hatte ihn gerufen und geschüttelt, dann hatte sie sich dafür entschieden, ihn schlafen zu lassen, weil sein Erwachen nur noch mehr Unruhe und Verlegenheiten gemacht haben würde. Als sie zu der Leiche zurückkehrte, fand sie Nana im Bette aufrechtsitzen und sich den Schlaf aus den Augen reiben. Sie begriff sogleich, was da vorgegangen war, und streckte mit der Neugierde einer nichtsnutzigen Dirne ihr Kinn vor, um ihre Großmutter besser sehen zu können. Sie sagte nichts, aber sie zitterte ein wenig; erstaunt sah sie sich diesem Tode gegenüber, der schon seit Tagen wie eine häßliche Sache, die für Kinder verboten war, herannahte; vor diesem weißen Totenantlitz, auf dem die Leidenschaften des Lebens ihre tiefen Furchen gezogen hatten, erweiterten sich ihre jungen Katzenaugen, und dieselbe Erschlaffung legte sich auf ihre Wirbelsäule, die sie stets an der Glastür festhielt und sie dort nach Dingen spähen ließ, die solch eine kleine Rotzliese nichts angingen. »Mach', stehe auf!« sagte ihre Mutter mit leiser Stimme. »Ich will nicht, daß du hier bleibst!« Nur widerwillig ließ sie sich vom Bett nehmen und ließ die Tote nicht aus den Augen. Gervaise war in großer Verlegenheit, da sie nicht wußte, wohin sie mit ihr solle, bis der Tag anbrach. Sie wollte sie schon anziehen, als Lantier in Rock und Pantoffeln zum Vorschein kam, er konnte nicht mehr schlafen und schämte sich ein wenig seines Benehmens. Jetzt konnte man alles einrichten. »Lasse sie in meinem Bett sich niederlegen, da hat sie Platz genug!« Nana richtete auf ihre Mutter und Lantier ihre großen, klaren Augen und nahm ihren dummen Ausdruck an, den Ausdruck vom Neujahrstage, wenn man ihr Schokoladenplätzchen schenkte. Man brauchte ihr nicht erst zuzureden, sie lief im Hemdchen hin, ihre nackten Füße berührten kaum den Boden, wie eine Blindschleiche glitt sie in das Bett, das noch ganz warm war, streckte sich aus und verkroch sich darin, so daß ihr leichter Körper kaum unter der Zudecke sich bemerkbar machte. Jedesmal, wenn ihre Mutter in das Zimmer kam, sah sie sie mit leuchtenden Augen daliegen; sie bewegte sich nicht, aber sie schlief auch nicht, sie war sehr rot und schien über ernste Dinge nachzudenken. Unterdessen hatte Lantier Gervaise geholfen, Mama Coupeau anzukleiden; es war keine leichte Arbeit, denn die Tote war sehr schwer, man hätte nie geahnt, wie weiß und fett die alte Frau war. Sie hatten ihr Strümpfe, einen weißen Unterrock und eine weiße Nachtjacke angezogen und eine Haube aufgesetzt, ihre besten Wäschestücke. Coupeau schnarchte noch immer, er gab zwei Töne von sich, einen tiefen, der nach unten ging, und einen andern trockenen Ton, der aufstieg; es klang beinahe wie Kirchenmusik zu den heiligen Handlungen am Karfreitag. Als die Tote angezogen und sauber auf ihrem Bett aufgebahrt war, goß sich Lantier ein Glas Wein ein, um wieder auf den Damm zu kommen, denn ihm war ganz schlecht geworden. Gervaise kramte in der Kommode und suchte nach einem kleinen, kupfernen Kruzifix, das sie aus Plassans mitgebracht hatte; aber sie erinnerte sich dann, daß Mama Coupeau selbst es schon verkauft haben mußte. Sie hatten den Ofen angesteckt. Den Rest der Nacht brachten sie halb schlafend auf Stühlen zu, wobei sie das Liter austranken, das angegossen war; obwohl müde und abgestumpft, grollte eines dem andern, als ob es ihre Schuld sei, daß die Alte gerade jetzt gestorben war. Erst gegen sieben Uhr, als es noch nicht ganz Tag war, erwachte Coupeau. Als er das Unglück vernahm, blieb sein Auge trocken, weil er glaubte, daß sie sich einen Scherz mit ihm machten. Dann aber warf er sich zur Erde und lag vor der Toten; er weinte wie ein Kalb, und seine Tränen flossen so reichlich, daß er das Laken naß machte, als er sich daran die Backen abtrocknete. Auch Gervaise hatte wieder zu schluchzen angefangen, weil sie über den heftigen Schmerz ihres Mannes eine große Rührung empfand; ja, er war im Grunde seines Herzens besser, als sie bisher geglaubt hatte. Die Verzweiflung Coupeaus mischte sich mit einem sehr starken Kater. Er fuhr sich mit den Händen in die Haare, und sein Mund war geschwollen wie immer des Morgens nach seinen Saufgelagen; er war noch immer ein wenig im Rausch, trotzdem er sechs Stunden geschlafen hatte. Er jammerte mit geballten Fäusten: Heiliger Gott! Jetzt sei sie fort, seine arme Mutter, die er so geliebt habe! Wie ihn sein Kopf schmerze, das werde auch sein Ende sein! Wie Feuer brenne es ihm im Kopf und auf dem Herzen, als ob ihm alles herausgerissen sei! Nein, das Schicksal sei nicht gerecht, einen Mann so unablässig zu verfolgen! »Aber so fasse doch Mut, alter Junge!« sagte Lantier, der ihn aufhob. Man muß sich ein bißchen zusammennehmen!« Er goß ihm ein Glas Wein ein, aber Coupeau wies es zurück, er wollte nicht trinken. »Wie ist mir denn? Habe ich denn Kupfer im Schädel? ... Das ist meine arme Mutter? Wenn ich sie sah, war's mir immer, als ob ich Kupfer schmeckte ... Mutter! Mein Gott! Mutter! Mutter! ...« Und aufs neue weinte er wie ein Kind. Dann trank er doch das Glas Wein, um den Brand zu mildern, der in seiner Brust tobte. Lantier ging bald aus, er gab vor, daß er die Familie benachrichtigen und auf dem Standesamt die Anzeige machen wolle. Er mußte etwas frische Luft schöpfen. Er beeilte sich durchaus nicht, sondern genoß die Morgenluft beim Dampf einiger Zigaretten. Als er von Madame Lerat wegging, trat er sogar in eine Sahnenhandlung in Batignolles, um dort einen recht heißen Kaffee zu trinken. Da blieb er wohl eine gute Stunde in Gedanken versunken sitzen. Gegen neun Uhr war die ganze Familie im Laden versammelt, wo man die Tür geschlossen gelassen hatte. Lorilleux weinte nicht; er hatte übrigens sehr eilige Arbeit und stieg fast sogleich die Treppen wieder hinauf, nachdem er sich mit einem für die Gelegenheit passenden Gesicht eine kurze Weile aufgehalten hatte. Madame Lorilleux und Madame Lerat hatten die Coupeaus umarmt und geküßt, sie trockneten ihre Augen, aus denen kleine Tränen herabrollten. Als die erstere einen schnellen Blick auf die Umgebung des Totenbettes geworfen hatte, sagte sie plötzlich mit sehr lauter Stimme, daß es allem Anstande zuwider sei, wenn man in der Nähe der Leiche eine angezündete Lampe lasse, es müßten Lichter sein. So schickte man Nana nach einem Paket Lichter, aber sie solle große holen. Nun ja! Wenn man bei der Humpelliese sterbe, habe sie ihre saubere Art, die Sache zurechtzumachen! So ein dummes Geschöpf, die sich nicht einmal einem Toten gegenüber zu benehmen wisse! Habe sie denn noch nie im Leben jemanden begraben? Madame Lerat mußte zu den Nachbarn herumgehen, um ein Kruzifix zu borgen; sie brachte schließlich eines, das zu groß war, ein Kreuz von schwarzem Holz, auf das ein Christus von Pappe genagelt war, der fast Mama Coupeaus ganze Brust bedeckte und sie mit seinem Gewicht zu erdrücken schien. Dann wollte man nach Weihwasser holen, aber niemand hatte etwas, so daß Nana wiederum gehen mußte; sie lief bis zur Kirche und füllte dort eine Flasche. Im Handumdrehen hatte der Raum ein anderes Aussehen: auf einem kleinen Tisch brannte eine Kerze, zu deren Seite ein mit Weihwasser gefülltes Glas stand, in das man einen Zweig Buchsbaum gesteckt hatte. Wenn jetzt Leute kamen, war es wenigstens sauber. Nun stellte man im Laden die Stühle in der Runde auf, um Besuche zu empfangen. Lantier kam erst um elf Uhr wieder zurück. Er hatte bei dem Beerdigungsbüro Erkundigungen eingezogen. »Der Sarg kostet zwölf Franken!« sagte er. »Wenn Ihr eine Messe haben wollt, macht es noch zehn Franken mehr. Dann ist noch der Leichenwagen, der je nach der Ausschmückung bezahlt wird ...« »Das wird uns auch nichts nützen!« murmelte Madame Lorilleux, die überrascht und unruhig den Kopf erhob. »Davon wird Mutter auch nicht wieder aufstehen, nicht wahr? Man muß sich nach der Decke strecken!« »Gewiß! So dachte ich auch!« meinte der Hutmacher. »Ich habe die Zahlen nur zu Eurer Wahl aufgeschrieben ... Sagt mir, was Ihr wünscht, ich werde nach dem Frühstück hingehen und bestellen.« Sie sprachen bei dem schwachen Licht, das durch die Ritze der geschlossenen Fensterläden in den Raum fiel. Die Tür zum Kabinett blieb weit offen, und von dieser großen Öffnung aus legte sich die Stille des Todes auf alles. Auf dem Hofe hörte man die Kinder lachen, die kleinen Mädchen tanzten »Ringel, Ringel, Rosenkranz« in der bleichen Wintersonne. Plötzlich hörte man Nanas Stimme, die von den Boches, zu denen man sie geschickt hatte, fortgelaufen war. Sie kommandierte mit hellen Tönen, und die Hacken schlugen den Takt auf dem Pflaster, während der Gesang wie der Lärm schreiender Vögel ertönte: Unser Esel, Unser Esel, Der hat Weh am Fuß. Mutter läßt ihm Grütze machen Und auch lila Schuh'! Lila, lila, lila, la, Und auch lila Schuh'! Gervaise wartete, bis die Reihe an sie kam: »Wir sind nicht reich, sicherlich, aber wir wollen uns doch mit Anstand benehmen ... Wenn Mama Coupeau uns auch nichts hinterlassen hat, ist es doch kein Grund, sie wie einen Hund in die Erde zu bringen. Nein, es soll eine Messe sein und ein hübscher Leichenwagen ...« »Wer wird das bezahlen?« fragte heftig Madame Lorilleux. »Wir gewiß nicht, die wir erst vorige Woche wieder Geld verloren haben; und Ihr doch auch nicht, denn Ihr seid doch ratzekahl ... Ihr solltet doch schon wissen, wo es hinführt, wenn man den Leuten Sand in die Augen streut!« Als man Coupeau fragte, stotterte er etwas Unverständliches und machte eine Bewegung, die ungefähr sagte, daß ihm die Sache durchaus gleichgültig sei; dann schlief er auf seinem Stuhl wieder ein. Madame Lerat erklärte, daß sie ihren Anteil bezahlen wolle. Sie war ganz Gervaises Ansicht, man müsse die Sache; anständig zu Ende bringen. Sie rechneten dann beide auf einem Stückchen Papier: das Ganze werde sich ungefähr auf neunzig Franken belaufen, da sie nach langen Auseinandersetzungen dahin übereinkamen, einen Leichenwagen zu nehmen, der mit einem bortengeschmückten Tuch behangen war. »Wir sind drei«, schloß die Wäscherin die Besprechung. »Wir geben jeder dreißig Franken, das wird uns nicht umbringen.« Da brach aber Madame Lorilleux ganz wütend los. »Ich mache nicht mit, ich weigere mich! ... Nicht etwa wegen der dreißig Franken. Ich möchte gern hunderttausend geben, wenn ich sie hätte und damit Mama Coupeau wieder aufwecken könnte ... Aber ich kann die Hochmütigen nicht leiden. Ihr habt einen Laden, Ihr denkt, daß Ihr dem Quartier die Augen aufreißen müßt. Dazu werden wir anderen doch nichts beitragen. Wir wollen nicht für etwas gelten, was wir nicht sind... Ihr werdet schon alles einrichten. Meinetwegen laßt doch die Leichenpferde Federbüsche tragen, wenn es Euch Spaß macht.« »Wir wollen ja von Euch nichts haben«, sagte schließlich Gervaise. »Und wenn ich mich verkaufen sollte, möchte ich mir doch keinen Vorwurf zu machen haben. Ich habe Mama Coupeau ohne Euch ernährt, ich werde sie auch ohne Euch begraben... Es ist nicht das erstemal, daß ich sie Euch nicht überlassen habe: ich nehme verlaufene Katzen bei mir auf, da werde ich auch Eure Mutter nicht im Dreck verkommen lassen.« Da weinte Madame Lorilleux, und Lantier mußte sie halten, daß sie nicht fortging. Der Streit wurde so lärmend, daß Madame Lerat mehrere Male energisch Pst! Pst! rief und dann nach dem Kabinett ging und auf die Tote einen unruhigen, betrübten Blick warf, als ob sie fürchte, sie sei erwacht und habe gehört, weshalb man neben ihr gestritten. In diesem Augenblick fing der Gesang der Kinder auf dem Hofe wieder an; die fadendünne, aber durchdringende Stimme von Nana übertönte die anderen: Unser Esel, Der hat so Weh im Bauch, Unser Esel, Mutter läßt ihm Suppe machen Und auch lila Schuh'! Lila, lila, lila, la, Und auch lila Schuh'! »Mein Gott! Sind die Kinder gräßlich mit ihrer Singerei!« sagte Gervaise zu Lantier; sie war so erschüttert und nahe daran, vor Ungeduld und Traurigkeit wieder loszuschluchzen. »Laß sie still sein und bringe Nana zu den Pförtnersleuten zurück und wenn du ihr auch ein paar Fußtritte auf den Hintern geben mußt.« Madame Lerat und Madame Lorilleux gingen frühstücken und versprachen wiederzukommen. Die Coupeaus setzten sich zu Tische und aßen kalten Aufschnitt, aber sie aßen ohne Appetit und wagten nicht mit Messer und Gabel Geräusch zu machen. Sie waren sehr abgespannt und stumpf, die arme Mama Coupeau lastete förmlich auf ihnen, sie schien alle Räume zu erfüllen. Ihr Leben war wie aus den Angeln gehoben. Zuerst gingen sie alle herum und fanden nicht, was sie suchten; sie waren mürrisch und fühlten sich unbehaglich wie nach einer durchschwärmten Nacht. Lantier ging sogleich wieder fort, um zu der Beerdigungsgesellschaft zurückzukehren, wohin er die dreißig Franken von Madame Lerat und sechzig Franken, die Gervaise sich in der Eile mit aufgelösten Haaren wie eine Tolle aussehend, von Goujet geborgt hatte, gleich mitnahm. Am Nachmittag kam Besuch, es waren die Nachbarn, die von ihrer Neugierde gequält, sich seufzend mit verweinten Augen einfanden; sie traten in das Kabinett und betrachteten die Tote, bekreuzigten und besprengten sich mit dem Buchsbaumzweig und dem Weihwasser; alsdann nahmen sie im Laden Platz, wo sie ununterbrochen von der lieben, guten, alten Frau sprachen; ohne Aufhören wiederholten sie stundenlang dieselben Sätze. Fräulein Remanjou hatte bemerkt, daß ihr rechtes Auge noch ein wenig offen stand; Madame Gaudron ließ es sich nicht nehmen, daß sie für ihr Alter noch eine wundervolle Farbe gehabt habe, und Madame Fauconnier konnte sich nicht darüber beruhigen, daß sie sie noch vor drei Tagen ganz munter hatte ihren Kaffee trinken sehen. Ja, wahrlich! Im Umsehen war man weg, da konnte sich jeder die Stiefel schmieren. Gegen Abend vermochten die Coupeaus es kaum noch zu ertragen; es war zu traurig für eine Familie, einen Leichnam solange im Hause zu behalten. Da hätte die Regierung wohl ein anderes Gesetz darüber machen sollen. Noch einen ganzen Abend, eine ganze Nacht und einen Vormittag, nein! Das nehme ja gar kein Ende. Wenn man nicht mehr weint, verwandelt sich der Schmerz in Ärger, und schließlich kommt man dazu, sich, unpassend zu benehmen. Mama Coupeau, die da so ruhig und stumm in ihrem kleinen Kämmerchen lag, verbreitete sich mehr und mehr über die ganze Wohnung; es legte sich bleischwer auf alles, so daß jeder zu ersticken meinte. So nahm die Familie unwillkürlich ihre gewöhnlichen Geschäfte wieder auf und verlor ihre Achtung vor dem unheimlichen Gast. »Ihr werdet doch ein wenig mitessen«, sagte Gervaise zu Madame Lerat und Madame Lorilleux, als sie wiederkamen. »Wir sind zu traurig, um uns jetzt zu trennen.« Auf dem Arbeitstisch wurde aufgedeckt. Beim Anblick der Teller dachte jeder an die festlichen Mahlzeiten, die man an dieser Stelle schon mitgemacht hatte. Lantier war zurückgekommen. Auch Lorilleux war wieder da. Ein Pastetenbäcker brachte eine Speise, denn Gervaise hatte keinen Kopf, um sich mit der Küche zu beschäftigen. Als man sich eben niedersetzte, kam Boche und meldete, daß Herr Marescot seine Aufwartung machen wolle. Der Wirt trat ein, er war sehr ernst und hatte seinen Orden auf den Überzieher geknöpft. Er grüßte schweigend und ging direkt in das Kabinett, wo er niederkniete. Er war sehr fromm und betete mit der ruhigen Andacht eines Pfarrers, schlug das Kreuz und besprengte sich mit Weihwasser. Die ganze Familie hatte den Tisch verlassen und stand sehr bewegt an der Tür des Kabinetts. Als Herr Marescot seine Andacht beendet hatte, kam er in den Laden und sagte zu Coupeau: »Ich bin wegen der beiden rückständigen Mieten gekommen, seid Ihr zu zahlen bereit?« »Nein, mein Herr, nicht so ganz«, stotterte Gervaise, die sich sehr ärgerte, daß so etwas vor den Lorilleux' verhandelt wurde. Sie begreifen wohl, bei dem Unglück, was uns getroffen hat. »Gewiß, gewiß, aber jeder hat seine Sorgen«, fing der Wirt wieder an, wobei er seine riesengroßen Hände, die den früheren Arbeiter verrieten, ausstreckte. »Es tut mir sehr leid, aber ich kann nicht länger warten ... Wenn ich bis übermorgen früh nicht mein Geld habe, muß ich zur Exmission schreiten.« Gervaise schlug die Hände ineinander und blickte ihn mit Tränen in den Augen bittend an. Doch er bedeutete ihr mit einem energischen Schütteln seines großen, knochigen Kopfes, daß ihr Bitten unnütz sei. Übrigens schnitt die Achtung vor der Toten jetzt jede Unterhandlung ab. Herr Marescot zog sich also höflich und leise zurück. »Bitte tausendmal um Verzeihung, wenn ich gestört habe«, murmelte er noch. »Also übermorgen, vergessen Sie nicht.« – Da er beim Fortgehen an dem Kabinett vorbeikam, grüßte er noch ein letztes Mal die Leiche mit einer Kniebeugung durch die weit offene Tür. Zuerst aßen alle schnell, damit es nicht so aussehe, als ob sie daran Vergnügen fänden; aber als sie beim Nachtisch angekommen waren, nahmen sie sich mehr Zeit, weil ein Bedürfnis nach Behaglichkeit sich bei ihnen einstellte. Gervaise oder eine der beiden Schwestern, stand hin und wieder auf, um einen Blick in das Kabinett zu werfen, ohne deshalb die Serviette aus der Hand zu legen: wenn sie zurückkamen, sahen die anderen sie einen Augenblick an, um sich zu vergewissern, daß nebenan alles in Ordnung war, und dann kauten sie ruhig weiter. Nach und nach genierten sich die Damen weniger, Mama Coupeau war schon vergessen. Es war ein Eimer voll Kaffee gekocht worden und noch dazu starker Kaffee, um die Gesellschaft die Nacht über munter zu erhalten. Gegen acht Uhr kamen die Poissons. Man lud auch sie ein, ein Glas Kaffee zu trinken. Jetzt musterte Lantier heimlich Gervaises Gesicht und glaubte die Gelegenheit gekommen, auf die er schon seit dem Morgen gewartet hatte. Als die Unterhaltung auf die Schändlichkeit der Wirte gebracht war, die, wenn man eine Leiche im Hause habe, kämen und Geld verlangten, sagte er plötzlich: »Das ist ein Jesuit, der Schuft mit seiner scheinheiligen Miene! ... Aber ich würde ihn an Eurer Stelle mit seinem Laden sitzen lassen.« Gervaise, die abgespannt, müde, weich und kraftlos war, antwortete, sich vergessend: »Ja, gewiß, ich werde die Gerichtsdiener nicht abwarten: ... Ich habe die Geschichte bis hierher, bis hierher.« Die Lorilleux', die sich schon im voraus freuten, daß die Humpelliese dann keinen Laden mehr habe, billigten den Gedanken außerordentlich. Es sei gar nicht zu sagen, was so ein Laden kostete. Wenn sie bei anderen auch nur drei Franken verdiene, habe sie wenigstens keine Unkosten und schwebe nicht in Gefahr, bedeutende Summen zu verlieren. Sie wiederholten auch Coupeau diese Beweisgründe und stießen ihn eindringlich an; er trank sehr viel und erhielt sich in beständiger Rührung, so daß er ganz allein über seinen Teller gebeugt weinte. Da die Wäscherin nachzugeben schien, blinkte Lantier den Poissons mit den Augen zu; darauf nahm die große Virginie die Unterhaltung auf und zeigte sich sehr liebenswürdig. »Wißt Ihr, man könnte sich verständigen. Ich könnte in Euren Vertrag eintreten, ich würde dann Eure Sache mit dem Wirt ausgleichen ... So daß Euch das doch wenigstens keine Sorge machen könnte.« »Nein, ich danke«, erklärte plötzlich Gervaise, die eine Art Schauder überlief. »Ich weiß, wo ich die Miete herbekomme, wenn ich will. Ich werde arbeiten, ich habe meine beiden Arme, Gott sei Dank! um mich aus aller Verlegenheit zu ziehen.« »Man kann ja später darüber sprechen«, beeilte sich der Hutmacher dazwischenzuwerfen. »Heut schickt sich so etwas ja nicht ... Später, vielleicht morgen.« In diesem Augenblick stieß Madame Lerat, die in das Kabinett gegangen war, einen leichten Schrei aus. Sie hatte sich gefürchtet, weil das Licht aus war, es war bis zu Ende herabgebrannt. Alle waren sehr geschäftig, ein anderes anzuzünden; sie schüttelten mit den Köpfen und meinten, daß es keine gute Vorbedeutung habe, wenn bei einer Leiche das Licht verlösche. Die Wache begann. Coupeau hatte sich ausgestreckt, nicht etwa um zu schlafen, wie er sagte, sondern um nachzudenken; nach fünf Minuten schnarchte er. Als man Nana zu den Boches zum Schlafen schickte, weinte sie, weil sie schon den ganzen Tag über sich darauf gefreut hatte, wie warm sie in dem großen Bett ihres Freundes Lantier liegen werde. Bis Mitternacht blieben die Poissons da. Man hatte schließlich in einer Salatschüssel einen großen Punsch gemacht, weil der Kaffee den Damen zu sehr auf die Nerven wirkte. Die Unterhaltung wurde jetzt empfindsam. Virginie sprach vom Aufenthalt auf dem Lande: sie werde es gern sehen, wenn sie einst in einem kleinen Gehölz beerdigt werde und wenn man Feldblumen auf ihr Grab pflanze. Madame Lerat bewahrte schon jetzt im Schrank ihr Totenhemd auf und parfümierte es mit Lavendel; sie hielt darauf, einen guten Geruch vor der Nase zu haben, wenn sie einmal die Veilchen bei den Wurzeln anbeißen werde. Ohne allen Übergang erzählte der Stadtsergeant, daß er heute ein schönes, großes Mädchen verhaftet habe, die bei dem Wursthändler gestohlen hatte; als man sie entkleidete, fand sich, daß sie sich sechs Würste um den Körper herum aufgehängt hatte. Madame Lerat erklärte mit Abscheu, daß sie davon nicht essen würde; die Gesellschaft begleitete diese Äußerung mit leisem Lachen. Sie wurden ein bischen lustig, ohne den Anstand zu verletzen. Als gerade der Rest des Punsches getrunken war, kam aus dem Kabinett ein sonderbares Geräusch, ein dumpfes Gegurgel. Alle erhoben die Köpfe und blickten dorthin. »Es ist nichts!« sagte ruhig Lantier mit leiser Stimme. »Sie leert sich aus!« Die Erklärung wurde ausreichend befunden und die Gesellschaft setzte wieder mit beruhigten Mienen die Gläser auf den Tisch. Endlich gingen die Poissons. Lantier begleitete sie: er gehe zu einem Freunde, sagte er, um sein Bett den Damen zu überlassen, die sich dort jede eine Stunde niederlegen könnten, wenn die Reihe an sie komme. Lorilleux ging nach oben, um dort allein zu schlafen, und bemerkte, daß es ihm seit seiner Heirat noch nie passiert sei. So blieben Gervaise und die beiden Schwestern mit dem schlafenden Coupeau zurück; sie machten es sich um den Ofen herum bequem, auf dem sie sich den Kaffee heiß hielten. Da saßen sie eingewickelt und zusammengekauert, mit den Händen unter ihren Schürzen und den Nasen über dem Feuer. Madame Lorilleux jammerte: sie hatte kein schwarzes Kleid und wollte gern vermeiden, sich eins zu kaufen, denn sie waren jetzt sehr knapp, sehr knapp; sie fragte Gervaise, ob von Mama Coupeau nicht noch der schwarze Unterrock da sei, den sie zu ihrem Namenstage geschenkt bekommen habe. Gervaise mußte den Rock holen. Wenn man in den Gurt eine Falte legte, konnte es gehen. Aber Madame Lorilleux wollte auch die Wäsche, sprach vom Bett, vom Schrank und den beiden Stühlen; sie suchte überall mit den Augen umher, ob da nicht noch alter Krimskrams war, der geteilt werden mußte. Beinahe hätten sie sich gezankt. Aber Madame Lerat hielt den Frieden aufrecht, sie war nicht so ungerecht: die Coupeaus hatten die Last von der Mutter gehabt, deshalb hatten sie auch die paar Lumpen, die blieben, ehrlich verdient. So kauerten sich alle drei wieder um den Ofen herum, wo ihre Stimmen eintönig murmelten. Die Nacht kam ihnen sehr lang vor. Von Zeit zu Zeit rührten sie sich, um sich Kaffee einzuschenken und den Kopf durch die Tür des Kabinetts zu stecken, wo das Licht, das nicht geschnäuzt werden durfte, mit roter, trauriger Flamme brannte, die durch die lange, verkohlte Schnuppe noch vergrößert war. Gegen Morgen zitterten sie vor Unbehagen, obgleich der Ofen noch sehr heiß war. Eine Angst und Schlaffheit, die wohl daher kam, daß sie zuviel gesprochen hatten, überkam sie, ihre Zungen waren trocken, und die Augen schmerzten sie. Madame Lerat warf sich auf Lantiers Bett und schnarchte bald wie ein Mann, während die beiden anderen, denen die Köpfe auf die Knie niedergesunken waren, dort vor dem Feuer einschliefen. Als es anfing Tag zu werden, wachten sie plötzlich fröstelnd auf. Mama Coupeaus Kerze war schon wieder ausgegangen. Da nun in der Dunkelheit das merkwürdige dumpfe Geräusch wieder anfing, gab Madame Lorilleux die Erklärung mit lauter Stimme, um sich selbst zu beruhigen: »Sie leert sich aus!« wiederholte sie und steckte eine andere Kerze an. Die Beerdigung sollte um zehneinhalb Uhr sein. Es war ein hübscher Morgen, wenn man ihn mit der vergangenen Nacht und dem gestrigen Tage verglich. Gervaise, die keinen Sou hatte, würde gern hundert Franken hergegeben haben, wenn ihr jemand Mama Coupeau drei Stunden früher weggeholt hätte. Nein! und wenn man die Leute auch noch so lieb gehabt hat, wenn sie tot sind, lasten sie schwer auf einem! Ja, je lieber man sie hatte, desto schneller möchte man von ihnen befreit sein! Glücklicherweise ist so ein Beerdigungsmorgen voller Abwechslung. Da sind allerhand Vorbereitungen zu treffen. Zuerst frühstückte man. Dann kam der Vater Bazouge, der Leichenbesorger vom sechsten Stock, der den Sarg brachte. Er wurde nie mehr nüchtern, der brave Mann. An diesem Tage war er um acht Uhr noch ganz lustig von einem Trunk, den er am Abend zuvor getan. »Nicht wahr? ich bin hier recht?« sagte er. Als er aber den Sarg absetzte, blieb er mit weit aufgerissenen Augen und offenem Munde stehen, als er Gervaise vor sich bemerkte. »Oh! bitte um Verzeihung, ich habe mich geirrt!« stotterte er. »Man hatte mir gesagt, Ihr wäret es!« Er hatte schon den Sarg wieder aufgegriffen, und die Wäscherin mußte ihm zurufen: »Laßt ihn nur hier, es ist schon recht!« »Potz Donnerwetter! Sagt mir doch ordentlich Bescheid!« fing er wieder an und schlug sich auf die Hüften. »Jetzt verstehe ich erst, es ist die Alte ...« Gervaise war ganz blaß geworden. Der Vater Bazouge hatte den Sarg für sie gebracht. Er wollte sich galant bezeigen und versuchte sich zu entschuldigen: »Nicht wahr? Man erzählte mir gestern, daß es da ein Geschäft im Erdgeschoß gebe. Da hatte ich denn geglaubt ... Ihr wißt ja, bei unserem Geschäft gehen solche Dinge zu einem Ohr rein, zum andern wieder raus ... Aber ich mache Ihnen mein Kompliment. Wie? Je später, desto besser, obgleich das Leben auch nicht immer lustig ist, oh! nein, durchaus nicht!« Sie hörte ihm zu und wich zurück aus Furcht, daß er sie mit seinen großen, schmutzigen Händen ergreifen und in seinen Kasten legen könne. Schon einmal, am Abend ihres Hochzeitstages, hatte er ihr gesagt, daß er Frauen kenne, die noch »Danke schön!« sagen würden, wenn er komme und sie abhole. Nun denn! so weit war sie noch nicht, es lief ihr bei dem Gedanken kalt über den Rücken. Ihr Leben war verdorben, aber so bald wollte sie denn doch noch nicht davongehen; sie zog es vor, jahrelang Hunger zu leiden, als mit einemmal ins Gras zu beißen. »Er ist angetrunken!« murmelte sie mit dem Ausdruck des Ekels und des Schreckens. »Die Verwaltung sollte doch wenigstens keine Trunkenbolde schicken, man bezahlt ja teuer genug!« Da wurde der Leichenbesorger gemein und unverschämt. »Laßt nur gut sein, mein kleines Mütterchen, ich komme schon noch wieder. Ich bin ja ganz zu Euren Diensten, versteht Ihr? Ihr braucht mir nur zu winken. Ich bin ja der Tröster der Damen... Spucke du nur nicht auf den Vater Bazouge; der hat schon ganz andere, wie du bist, in seinen Armen gehalten, die sich zurecht machen ließen, ohne sich zu beklagen und sehr zufrieden waren, daß sie im kühlen Schatten ruhig weiter ihr Schläfchen machen konnten!« »Seid ruhig, Vater Bazouge!« sagte Lorilleux streng, der bei dem lauten Ton der Stimmen herbeigekommen war. »Das sind unschickliche Späße. Wenn man sich darüber beschwerte, würdet Ihr weggejagt... Vorwärts! Macht, daß Ihr hinauskommt, wenn Ihr den Anstand nicht bewahren könnt!« Der Leichenbesorger ging weg, aber man hörte ihn noch lange auf der Straße stottern: »Zu was auch noch Anstand!... Es gibt keinen Anstand!... Es gibt keinen Anstand!... Es gibt nur Ehrlichkeit!« Endlich schlug es zehn Uhr. Der Leichenwagen verspätete sich. Es waren schon Leute im Laden, Freunde und Nachbarn: Herr Madinier, Mes-Bottes, Madame Gaudron und Fräulein Remonjou. Alle Augenblicke steckte ein Mann oder eine Frau den Kopf zwischen den Flügeln der Ladentür hindurch, um zu sehen, ob der Leichenwagen noch nicht da sei. Die Familie, die im Hinterzimmer vereinigt war, drückte allen die Hände. Es wurde manchmal ganz still, bis ein hastiges Geflüster entstand; es war ein ärgerliches, fieberhaftes Warten, wo plötzlich bei heftigem Gehen die Kleider rauschten, wenn sich Madame Lorilleux in Bewegung setzte, weil sie ihr Taschentuch vergessen hatte, oder Madame Lerat aufstand, um sich ein Gebetbuch zu borgen. Jeder sah beim Kommen in der Mitte des Kabinetts vor dem Bett den offenen Sarg, und jeder blieb unwillkürlich stehen und prüfte mit einem Seitenblick die Weite des Sarges, weil es ganz unmöglich schien, daß Mama Coupeau da hineingehen sollte. Alle hatten denselben Gedanken und sahen sich daraufhin an, doch niemand sprach davon. Plötzlich vernahm man ein Stoßen an der Ladentür, und Herr Madinier kündigte mit tiefer, feierlicher Stimme an, indem er dazu eine erklärende Armbewegung machte: »Da sind sie!« Es war noch nicht der Leichenwagen. Vier Leichenbesorger traten einer hinter dem andern ein; sie waren sehr eilig, ihre Gesichter gerötet, ihre Hände steif vor Frost und zerarbeitet, die schwarzen Kleider, in denen sie steckten, sahen schäbig, vergilbt und blankgescheuert durch das Reiben an den Särgen aus. Der Vater Bazouge war der erste; er war sehr betrunken, aber sehr anständig; sowie er im Dienst war, fand er immer seine Haltung wieder. Sie sprachen kein Wort; mit ein wenig gesenkten Köpfen schienen sie schon mit den Augen Mama Coupeaus Gewicht zu taxieren. Das dauerte nicht lange; die arme alte Frau wurde eingepackt in der Zeit, die einer braucht, um zu niesen. Der Kleinste, ein junger Mensch, der schielte, hatte die Weizenkleie in den Sarg getan und darin verteilt, als ob er Brot backen wolle. Ein anderer, ein großer Magerer, der ein spaßhaftes Aussehen hatte, legte das Laken darauf, und dann eins, zwei, hoppla! ergriffen alle vier den Körper, hoben ihn hoch, zwei an den Füßen, zwei am Kopf. Das ging im Handumdrehen! Die Leute, die lange Hälse machten und zusahen, konnten glauben, daß Mama Coupeau selbst in den Kasten gesprungen sei. Sie war hineingeschlüpft, als ob sie da zu Hause sei; wie paßte sie dahinein, ganz genau, so genau, daß man es hörte, wie sie das neue Holz der Wände berührte! Sie stieß auf allen Seiten an, wie ein Bild im Rahmen. Aber sie war hineingegangen, was die Umstehenden gar nicht begreifen konnten; sicherlich hatte sie schon seit dem vorigen Abend abgenommen. Nun hatten sich die Leichenbesorger wieder aufgerichtet und warteten; der Kleine, der schielte, nahm den Deckel, um die Familie einzuladen, den letzten Abschied zu nehmen. Mittlerweile nahm der Vater Bazouge die Nägel in den Mund und hielt den Hammer bereit. Jetzt warfen sich Coupeau, die beiden Schwestern, Gervaise und auch andere auf die Knie und küßten Mama Coupeau, die fortging, mit heißen Tränen, deren Naß dieses kalte, eisige Antlitz netzte. Vielfaches Schluchzen wurde laut. Dann wurde der Deckel aufgelegt, der Vater Bazouge setzte die Nägel ein, er tat es mit der Gewandtheit, die die tägliche Gewohnheit gibt, zwei Schläge für jeden Nagel. Da hörte niemand mehr das Weinen bei diesem Geräusch, das die Gesellschaft an Möbelausbessern erinnerte. Es war vorüber. Man sprach wieder. »Wie ist es nur möglich, in einem solchen Augenblick soviel Gepratsch zu machen!« sagte Madame Lorilleux zu ihrem Mann, als sie den Leichenwagen vor der Tür bemerkte. Der Leichenwagen brachte das ganze Quartier in Aufregung. Die Kaldaunenhändlerin rief die Ladenburschen des Kaufmanns, der kleine Uhrmacher war auf die Straße gekommen, die Nachbarn lehnten in den Fenstern. Sie alle sprachen von der Borte mit den weißen, baumwollenen Fransen. Die Coupeaus hätten auch besser daran getan, ihre Schulden zu bezahlen! Aber wie die Lorilleux' sagten: wenn man Stolz hat, so kommt es überall zum Vorschein, selbst bei solchem Anlaß. »Es ist schändlich«, wiederholte in demselben Augenblick Gervaise, die von den Lorilleux' sprach. »Man soll sagen, daß diese Geizhälse nicht einmal einen Veilchenstrauß für ihre Mutter mitgebracht haben!« Wirklich waren die Lorilleux' mit leeren Händen gekommen. Madame Lerat hatte einen Kranz von künstlichen Blumen gegeben. Man legte noch einen Immortellenkranz und ein von den Coupeaus gekauftes Bukett auf den Sarg. Die Leichenbesorger hatten recht fest anpacken müssen, um den Sarg hochzuheben und auf die Schultern zu laden. Es dauerte lange, ehe das Gefolge sich ordnete. Coupeau und Lorilleux, beide in schwarzen Röcken, mit den Hüten in der Hand, führten den Zug an; der erstere, dem zwei Gläser weißer Wein, die er am Morgen getrunken hatte, seine Rührung bewahrten, stützte sich auf den Arm seines Schwagers, weil seine Beine schlaff waren und es ihm nicht recht im Kopf zumute war. Dann kamen die Männer, Herr Madinier, sehr würdig ganz in Schwarz, Mes-Bottes, einen Paletot über seiner Bluse, Boches gelbes Beinkleid war unten schon ausgefranst, dann folgten Lantier, Gaudron, Bibi-la-Grillade, Poisson und andere. Hierauf kamen die Damen, in erster Linie Madame Lorilleux, die den eingenähten Unterrock der Toten schleppte, Madame Lerat, die unter einem schwarzen Tuch eine mit Fliederblüten bedruckte Taille verbarg, dann folgten Virginie, Madame Gaudron, Madame Fauconnier, und Fräulein Remanjou bildete den Schluß des Zuges. Als der Leichenwagen sich in Bewegung setzte und langsam die Straßen hinabrollte, inmitten der Leute, die stillstehend ihre Hüte lüfteten und sich bekreuzten, setzten sich die vier Leichenbesorger an die Spitze, zwei nahmen die Tote, und zwei gingen rechts und links. Gervaise war zurückgeblieben, um den Laden zu schließen. Sie gab Nana an Madame Boche und lief hinterher, um den Zug noch zu erreichen, während die Kleine, die die Pförtnersfrau festhielt, mit großem Interesse ihre Großmutter in einem so schönen Wagen am Ende der Straße verschwinden sah. Gerade als die Wäscherin außer Atem den Zug erreichte, trat Goujet von der andern Seite herzu; aber er wandte sich von ihr und grüßte sie nur mit einem Kopfnicken, er tat es so sanft, daß sie sich aufs neue sehr unglücklich fühlte und ihre Tränen wiederum zu fließen begannen. Sie beweinte jetzt nicht nur Mama Coupeau, sie weinte jetzt über etwas Abscheuliches, das sie nicht hätte aussprechen können, und das sie erstickte. Während des ganzen Weges hielt sie ihr Taschentuch an die Augen gepreßt. Madame Lorilleux, deren trockene Backen glühten, sah sie von der Seite an, als ob sie sie beschuldigen wolle, daß sie sich verstelle. In der Kirche war die Feierlichkeit schnell beendigt. Nur die Messe verzögerte sich ein wenig, weil der Priester sehr alt war. Mes-Bottes und Bibi-la-Grillade hatten es vorgezogen, draußen zu bleiben, ihnen war der Klingelbeutel unbequem. Herr Madinier, der immer die Priester studierte, teilte Lantier seine Beobachtungen mit: wenn diese Faxenmacher da ihr Latein von sich gaben, so wußten sie selbst nicht einmal, was ihnen da aus dem Munde kam; die begruben ebenso, wie sie tauften oder verheirateten, ohne die geringste Empfindung in der Brust. Dann tadelte Herr Madinier diese Menge von Förmlichkeiten, die Kerzen, die traurigen Gesänge, daß man so etwas vor den Familien so breit trat. Wahrlich, so verlor man seine Angehörigen zweimal, zu Hause und in der Kirche. Alle Männer gaben ihm recht; denn es war noch ein sehr peinlicher Augenblick, wenn nach beendigter Messe die Gebete gesprochen werden mußten und die Leidtragenden an der Leiche vorüberzogen und Weihwässer darauf sprengten. Glücklicherweise war der Kirchhof nicht weit; es war der kleine Kirchhof von La Chapelle, ein Stückchen Garten, das von der Mercadet-Straße seinen Eingang hatte. Der Zug kam dort ohne Ordnung und mit den Füßen stampfend an, jeder sprach von seinen Geschäften. Der hartgefrorene Boden dröhnte, so daß man gern mit den Sohlen darauf trappte. Das offene Erdloch, neben das man den Sarg gesetzt hatte, war an den Rändern ganz gefroren und der ausgeworfene Boden war hell und steinig wie grober Mörtel; die Leidtragenden, die um den Erdhügel herumstanden, dachten nicht daran, wie sonderbar es sei, daß man sie in der Kälte da warten ließ, denn der Anblick des gähnenden Loches betäubte sie. Endlich kam ein Priester in einer Soutane aus dem kleinen Häuschen, er zitterte vor Kälte und man sah bei jedem »de profundis«, das er aussprach, seinen Hauch in der Luft. Beim letzten Kreuzeszeichen ging er davon; er hatte gewiß keine Lust, wieder von vorn anzufangen. Der Totengräber nahm seinen Spaten; da aber der Boden gefroren war, so lösten sich nur große, harte Stücke ab, die da beim Herunterfallen eine merkwürdige Musik machten; es war ein wahres Bombardement auf den Sarg, eine Reihe von Kanonenschlägen, so daß man glauben konnte, der Sargdeckel müsse bersten. Wenn man auch ein noch so großer Egoist ist, diese Musik fällt einem doch auf den Magen. Die Tränen fingen wieder an zu fließen. Als sie weggingen und schon draußen waren, hörten sie immer noch das dumpfe Rollen. Mes-Bottes, der sich in die Finger blies, machte ganz laut eine Bemerkung: Beim heiligen Donnerwetter! Nein! Der armen Mama Coupeau wird wohl nicht allzu warm sein! »Meine Damen und Herren,« sagte der Zinkarbeiter zu den Freunden, die da noch mit der Familie geblieben waren, »wenn Sie uns erlauben wollten, Ihnen noch eine Kleinigkeit anzubieten ...« Er war der erste, der bei einem Weinwirt in der Mercadetstraße eintrat, bei der Kirchhofsausspannung . Gervaise war auf der Straße geblieben und rief Goujet, der fortgehen wollte, nachdem er sie noch einmal mit einem Kopfnicken gegrüßt hatte. Warum wolle er nicht ein Glas Wein annehmen? Aber er hatte Eile, er mußte in die Werkstatt zurückkehren. Sie blickten einander einen Augenblick, ohne zu sprechen, an. »Ich bitte Euch um Verzeihung wegen der sechzig Franken«, murmelte endlich die Wäscherin. »Ich war wie unsinnig, da dachte ich an Euch ...« »Das ist ja nicht der Rede wert, daran denke ich ja gar nicht mehr«, unterbrach sie der Schmied. »Ihr wißt ja, ich bin stets zu Euren Diensten, wenn Euch ein Unglück geschieht ... Sagt aber nichts meiner Mutter, die hat ihre eigenen Gedanken über solche Dinge, und ich möchte ihr keinen Kummer bereiten.« Sie blickte immer noch zu ihm auf; und wie sie ihn so gut und so traurig mit seinem schönen blonden Bart sah, war sie drauf und dran, seinen alten Vorschlag anzunehmen und mit ihm irgendwo hinzugehen und dort glücklich zu sein. Dann hatte sie einen andern schlechten Gedanken, sie wollte sich die beiden Mietsraten von ihm borgen, es koste, was es wolle. Sie zitterte, und hub mit schmeichelnder Stimme wieder an: »Wir sind doch nicht mehr böse miteinander?« Er schüttelte mit dem Kopf und antwortete: »Nein, gewiß nicht, wir werden niemals böse miteinander sein ... Nur, Ihr wißt doch, zwischen uns ist alles aus.« Darauf ging er mit großen Schritten davon und ließ Gervaise betäubt zurück, weil ihr seine letzten Worte wie die Töne einer Glocke vor den Ohren hallten. Als sie bei dem Weinwirt eintrat, hörte sie dumpf in ihrem Innern: »Alles ist aus, nun ja! Alles ist aus, nun ja! Was habe ich denn noch zu tun, wenn alles aus ist?« Sie setzte sich nieder, schlang einen Bissen Brot und Käse herunter und leerte ein Glas Wein, das sie vor sich stehen sah. Der Raum lag zu ebener Erde, es war ein langer Saal mit niedriger Decke, den zwei große Tische beinahe ausfüllten. Einige Liter, Stücke Brot und breite Schnitten Briekäse auf drei Tellern waren der Reihe nach aufgestellt. Die Gesellschaft aß aus der Hand ohne Teller und ohne Servietten. Weiterhin nahe bei dem pustenden Ofen beendeten die vier Leichenbesorger ihr Frühstück. »Mein Gott!« erklärte Herr Madinier, »jeder kommt an die Reihe. Die Alten machen den Jungen Platz ... Das wird Euch zu Hause ganz leer vorkommen, wenn Ihr zurückkommt.« »Mein Bruder zieht aus«, sagte sehr lebhaft Madame Lorilleux. »Das ist ja der reine Ruin, der Laden.« Man hatte Coupeau bearbeitet. Alle drängten ihn dazu, den Vertrag abzutreten. Selbst Madame Lerat, die in letzter Zeit sehr befreundet mit Lantier und Virginie war, weil der Gedanke, daß beide ineinander verliebt sein könnten, sie kitzelte, sprach von Konkurs und Gefängnis, wobei sie ein sehr erschrecktes Gesicht schnitt. Ganz plötzlich wurde der Zinkarbeiter böse; seine Traurigkeit, die er nun schon allzu reichlich begossen hatte, verwandelte sich in Wut. »Höre mal,« schrie er und trat dicht an seine Frau heran, »ich will, daß du mir gehorchst! Dein harter Schädel tut immer nur, was er will. Aber diesmal werde ich meinen Willen durchsetzen, das sage ich dir.« »Jawohl!« sagte Lantier, »als ob bei der mit Vernunftgründen etwas auszurichten wäre! Dazu gehörte ein Hammer, um der was in den Schädel einzupauken.« Jetzt fielen beide über sie her. Bei alledem kauten sie rüstig weiter. Der Käse wurde ganz aufgezehrt, der Wein floß wie aus dem Brunnen. Gervaise wurde weich durch alles Zureden. Sie gab keine Antwort mehr, dabei stopfte sie sich immer den Mund voll und beeilte sich so, als ob sie den größten Hunger habe. Als sie nachließen, hob sie sanft den Kopf auf und sagte: »Laßt es gut sein! Ich mache mir den Teufel was aus dem Laden! Ich will ihn nicht mehr haben ... Versteht Ihr wohl, laßt mich zufrieden! Alles ist aus!« Jetzt wurde noch einmal Käse und Brot bestellt, und man besprach die Sache ernsthaft. Die Poissons traten in den Vertrag ein und erboten sich, die beiden rückständigen Mieten zu zahlen. Übrigens nahm Boche im Namen des Wirtes dieses Übereinkommen an. Er vermietete sogar auf der Stelle eine leere Wohnung im sechsten Stock auf dem Flur der Lorilleux an Coupeau. Lantier, mein Gott, wolle gern sein Zimmer behalten, wenn es die Poissons nicht geniere. Der Stadtsergeant verbeugte sich, es geniere ihn nicht im geringsten; unter Freunden verständige man sich ja immer, selbst wenn die Ansichten über Politik nicht übereinstimmen. Da kümmerte sich Lantier nicht weiter um die Abtretung des Vertrages, wie ein Mann, der sein kleines Geschäft ins reine gebracht hat, und den das übrige nichts mehr angeht; er machte sich eine ungeheure Käsestulle fertig, dann lehnte er sich zurück und aß mit bescheidener Miene, wobei er sich zu verbergen bemühte, wie ihm vor Freude das Blut in die Backen schoß; dabei winkte er heimlich bald Gervaise, bald Virginie mit den Augen zu. »Heda! Vater Bazouge!« rief Coupeau, »kommt doch näher und trinkt einen Schluck. Wir sind nicht stolz, wir sind ja auch nur Arbeiter.« Die vier Leichenbesorger, die schon fortgehen wollten, kamen zurück und stießen mit der Gesellschaft an. Man konnte ja niemandem einen Vorwurf daraus machen, aber die Dame von vorhin wog hübsch schwer und war wohl ein Glas Wein wert. Der Vater Bazouge sah Gervaise gerade an, ohne ein unpassendes Wort zu sprechen. Dennoch stand sie auf, ihr war es unbehaglich; sie verließ die Männer, welche fortfuhren, sich einen Rausch anzutrinken. Coupeau war so betrunken wie eine Wachtel und fing schon wieder zu schluchzen an; er sagte, es sei vor Kummer. Als Gervaise am Abend allein zu Hause war, sank sie stumpf in einen Stuhl. Es kam ihr so vor, als ob die Räume ungeheuer groß und verlassen seien. Wahrlich, das hatte gut aufgeräumt. Aber sicherlich, sie hatte nicht nur Mama Coupeau da unten in der Grube des kleinen Gartens der Mercadetstraße gelassen. Es fehlte ihr zuviel, da mußte ein Stück von ihrem Leben geblieben sein: ihr Laden, ihr Stolz als Arbeitgeberin, – und wie viele Empfindungen noch hatte sie an diesem Tage mitbegraben. Ja, die Wände waren kahl, ihr Herz war es nicht minder; es war ein vollständiger Umzug, ein Heruntersinken in den Rinnstein. Für den Augenblick fühlte sie sich zu schlaff, sie würde sich später wieder aufraffen, wenn sie könnte. Um zehn Uhr beim Ausziehen weinte Nana und trampelte mit den Füßen. Sie wollte durchaus in Mama Coupeaus Bett schlafen. Ihre Mutter versuchte es, sie graulich zu machen, aber die Kleine war schon zu frühreif, die Toten erregten bei ihr nur eine große Neugierde; so daß man ihr schließlich gestattete, sich auf Mama Coupeaus Lagerstätte auszustrecken. Diese Dirne liebte die großen Betten, sie streckte sich und warf sich darin herum. In dieser Nacht schlief sie ganz ausgezeichnet in der schönen Wärme und dem weichen Kitzel des Federunterbettes. Zehntes Kapitel. Die neue Wohnung der Coupeaus befand sich im sechsten Stock, Treppe B. Wenn man bei Fräulein Remanjou vorbeigekommen war, mußte man den Korridor linker Hand hinuntergehen. Dann mußte man sich noch einmal wenden. Die erste Tür war die der Bijards, dieser Tür beinahe gegenüber in einem Loche ohne Luft schlief der Vater Bru unter einer kleinen Treppe, die zum Dach hinaufführt. Zwei Wohnungen weiter, und man war bei Bazouge. Endlich hinter Bazouge kamen die Coupeaus mit einem Zimmer und einem Kabinett, die beide nach dem Hofe heraus lagen. Es waren auf diesem Flur nur noch zwei Familien, ehe man zu den Lorilleux' gelangte, die ganz am Ende wohnten. Ein Zimmer und ein Kabinett mehr nicht. Da saßen die Coupeaus jetzt darin. Dabei war das Zimmer nicht größer als eine Handfläche. Alles mußte darin getan werden, geschlafen, gegessen und das übrige. In das Kabinett ging Nanas Bett kaum hinein; sie mußte sich bei ihren Eltern ausziehen und dann blieb während der Nacht die Türe offen, damit sie nicht ersticke. Es war so wenig Raum, daß Gervaise viele Sachen an Poissons hatte überlassen müssen, als sie aus dem Laden zog, weil sie hier nicht alles unterstellen konnte. Das Bett, der Tisch und vier Stühle füllten die ganze Wohnung aus. So niedergebrochen wie Gervaise auch war, hatte sie sich doch nicht von ihrer Kommode trennen wollen, sie hatte dieses große Stück Möbel so an die Pfeilerwand stellen müssen, daß es einen Teil des Fensters verstellte. Einer der Fensterflügel konnte nicht geöffnet werden, das nahm dem Zimmer Luft und Freundlichkeit. Da Gervaise jetzt immer dicker wurde, hatte sie, wenn sie aus dem Fenster in den Hof hinabsehen wollte, kaum Platz für ihre Ellenbogen, sie mußte sich ganz schiefbiegen und sich den Hals ausrecken, wenn sie etwas sehen wollte. In den ersten Tagen saß die Wäscherin immer und weinte. Das kam ihr zu hart an, sich in ihrer Behausung so gar nicht rühren zu können, sie, die gewohnt war, immer weite Räume um sich zu haben. Diese Enge nahm ihr die Luft, stundenlang blieb sie da am Fenster zwischen der Wand und der Kommode eingezwängt, daß sie sich Gliederschmerzen zuziehen konnte. Nur da allein konnte sie atmen. Und doch konnte sie dieser Hof auch nur auf traurige Gedanken bringen. Ihr gegenüber, an der Sonnenseite, sah sie ihren Traum von früher, das Fenster im fünften Stock mit den spanischen Bohnen, jedes Frühjahr rollten sie ihre schlanken Schößlinge um das Netz von Bindfäden. Ihr Zimmer lag an der Schattenseite, die Resedatöpfe gingen da schon nach acht Tagen aus. Oh! Nein! Das Leben hatte sich nicht glücklich für sie gewandt; das war nicht die Zukunft, die sie sich gewünscht hatte. Anstatt daß ihre alten Tage von Blumen umblüht sein sollten, nahm ihr Schicksal eine Wendung, die sie wohl mit weniger wohlriechenden Dingen in enge Berührung bringen werde. Als sie sich eines Tages herniederbeugte, hatte sie eine merkwürdige Erscheinung: sie glaubte sich selbst da unten im Torweg zu erblicken, wie sie bei der Pförtnersloge stand und mit erhobenem Kopfe zum erstenmal das Haus betrachtete. Dieses Zurückversetzen um dreizehn Jahre gab ihr einen Stoß ins Herz. Der Hof hatte sich nicht verändert, die nackten Wände waren kaum schwärzer und rissiger geworden als damals; von den bleiernen Gossen, die der Rost zerfraß, stieg ein Gestank empor; auf den Stricken, die an den Fensterrahmen befestigt waren, trocknete Wäsche, beschmutzte Kinderbetten; das Pflaster unten im Hofe war immer noch schadhaft, die Kohlenschlacken aus der Schlosserwerkstatt und die Hobelspäne des Tischlers waren darauf ausgestreut, selbst in der feuchten Ecke beim Brunnen war eine Pfütze, die von der Färberei ausgeflossen war und deren Blau ebenso zart war wie das Blau von damals. Aber sie kam sich seitdem höllisch verändert und heruntergekommen vor. Sie stand nicht mehr da unten wie damals, das Gesicht dem Himmel zugewendet, zufrieden und mutig, mit keinem anderen Ehrgeiz als dem, ein hübsches Zimmer zu bewohnen. Sie saß unter dem Dach an einem lausigen Ort, in einem schmutzigen Loch, wo nie ein Sonnenstrahl hinfiel. Daher ihre Tränen; sie konnte von ihrem Schicksal nicht entzückt sein. Als Gervaise sich erst ein wenig in die neuen Verhältnisse hineingewöhnt hatte, ließen sich die Dinge fürs erste gar nicht schlecht an. Der Winter war beinahe vorüber, und das Geld, das Virginie für die Möbel zahlte, half über die erste Einrichtung hinweg. Mit den schönen Frühlingstagen kam ein günstiger Umstand. Coupeau wurde angeworben, um in der Provinz zu arbeiten, in Etampes; dort blieb er drei ganze Monate, ohne sich zu betrinken, weil ihn die frische Luft auf dem Lande für den Augenblick geheilt hatte. Man sollte nicht glauben, wie ein solcher Luftwechsel auf Säufer einwirkt, denn die Luft von Paris ist wahrhaft mit Wein- und Branntweindünsten geschwängert. Als er zurückkam, blühte er wie eine Rose und brachte vierhundert Franken mit, wovon die beiden rückständigen Mietsraten an die Poissons und andere kleine Schulden im Quartier, die gar zu beschämend waren, bezahlt werden konnten. Gervaise stopfte so in zwei oder drei Straßen die Löcher zu, wo sie sonst nicht mehr entlang gehen konnte. Natürlich hatte sie sich wieder als Lohnplätterin bei Madame Fauconnier anstellen lassen, die, vorausgesetzt, daß man ihr schmeichelte, sehr gut und gefällig war und sie deshalb gern wiedergenommen hatte. Sie zahlte ihr sogar drei Franken Lohn wie einer ersten Arbeiterin, mit Rücksicht auf ihre frühere Stellung als Geschäftsinhaberin. So schien denn die Wirtschaft wieder in den Gang kommen zu sollen. Ja, Gervaise sah sogar die Möglichkeit, über kurz oder lang bei einiger Sparsamkeit alles bezahlen zu können und sich ein erträgliches Leben zu schaffen, wenigstens gelobte sie sich das in der Aufregung über die große Summe, die ihr Mann verdient hatte. Als es dann anders kam, nahm sie die Verhältnisse, wie sie waren und sagte, daß gute Dinge keine lange Dauer hätten. Am meisten Ärger bereitete es den Coupeaus, wenn sie sahen, wie die Poissons sich in ihrem Laden einrichteten. Sie waren eigentlich von Natur nicht besonders mißgünstig, aber man reizte sie fortwährend, die Leute konnten ihnen gegenüber gar nicht entzückt genug sein über die schöne Einrichtung ihrer Nachfolger. Die Boches und besonders die Lorilleux' ersparten ihnen nichts; wenn man die hörte, hatte es überhaupt nie einen schöneren Laden gegeben. Dann sprachen sie von dem schmutzigen Zustand, in dem die Poissons die Räume vorgefunden hatten; sie erzählten, daß das Weißen der Decke und Wände allein gegen dreißig Franken gekostet habe. Virginie hatte sich nach einigem Schwanken für einen Handel mit feinen Kolonialwaren entschieden; sie verkaufte Kaffee, Tee, Zucker und hatte auch noch Bonbons und Schokolade dazugenommen. Lantier hatte ihr sehr zu diesem Handel geraten, denn er meinte, es seien damit ganz enorme Summen zu verdienen, weil man die Naschhaftigkeit der Leute ausbeuten müsse. Der Laden wurde schwarz gemalt und mit gelben Strichen abgesetzt, beides waren vornehme Farben. Drei Tischler arbeiteten acht Tage an der Ladeneinrichtung und dem Schaufenster; sie machten einen Ladentisch mit großer Platte, um dort Pokale aufzusetzen, gerade wie bei den Konfitürenhändlern. Die kleine Erbschaft, die Poisson sich als Rückendeckung immer noch gehalten hatte, mußte ein böses Loch bekommen haben. Aber Virginie strahlte und die Lorilleux' ersparten Gervaise, von den Boches unterstützt, keinen Schrank, keine Scheibe und keinen Pokal, alles rieben sie ihr unter die Nase und freuten sich, wenn sie sahen, wie sich ihr Gesicht veränderte. Wenn ihr auch nicht ein bißchen neidisch seid, so geratet ihr doch in Wut, wenn ein anderer eure Schuhe anzieht und euch damit auf den Bauch herumtrampelt. Es spielte da auch noch so ein bißchen Liebe im Verborgenen mit. Alle waren überzeugt, daß Lantier Gervaise verlassen habe. Im Quartier billigte man es sehr. Das setzte doch endlich einmal in der Straße wieder die Moral in ihre Rechte ein. Alle Ehren des Bruches wurden auf diesen Schlauberger, den Hutmacher, gehäuft, hinter dem die Weiber immer noch her waren. Man erzählte sich näheres darüber; er habe die Wäscherin prügeln müssen, damit sie sich ruhig verhalte, so heftiges Verlangen habe sie nach ihm getragen. Selbstredend sagte niemand die Wahrheit; die es hätten wissen können, hielten die Sache für zu einfach und lange nicht interessant genug. Wenn man so wollte, hatte Lantier wirklich Gervaise verlassen, weil er sie nicht mehr jeden Augenblick Tag und Nacht zu seiner Verfügung hielt; aber sicher war, daß er nach dem sechsten Stock hinaufstieg, um sie zu besuchen, wenn ihn die Lust dazu anwandelte, denn Fräulein Remanjou traf ihn öfter, wenn er zu sehr unnatürlichen Stunden von den Coupeaus kam. So dauerten die Beziehungen so kleinbei immer weiter fort, ohne daß weder eines noch das andere viel Vergnügen dabei empfunden hätte; es war die Macht der Gewohnheit, gegenseitige Gefälligkeiten, aber nicht mehr. Was die Verhältnisse ein wenig verwickelte, war, daß man im Stadtviertel Lantier und Virginie zusammen in dieselben Bettücher steckte. Auch darin war das Urteil des Viertels voreilig. Zweifellos versuchte der Hutmacher die große Brünette zu erwärmen, das lag ja zu sehr auf der Hand, denn sie ersetzte Gervaise in allem und für alles in der Wohnung. Man erzählte sogar eine lustige Geschichte darüber, wie er in einer Nacht Gervaise auf den Kissen des Nachbars gesucht habe und daß er dafür Virginie gefunden und zu sich genommen habe, ohne sie vor Morgengrauen in der Finsternis zu erkennen. Die Geschichte wurde sehr belacht, aber in Wirklichkeit war es soweit noch nicht, er erlaubte sich kaum, sie hin und wieder in die Hüften zu kneifen. Nichtsdestoweniger sprachen die Lorilleux' doch in Gervaises Gegenwart mit trauriger Rührung von der Liebe Lantiers zu Virginie, weil sie hofften, damit ihre Eifersucht erregen zu können. Auch die Boches gaben zu verstehen, daß sie nie ein schöneres Paar gesehen hätten. Das Merkwürdige bei alledem blieb immer, daß die Goldtropfengasse durchaus nicht aufgebracht über diese neue Ehe zu dreien zu sein schien; nein, die Moral, die für Gervaise so streng gewesen war, zeigte sich für Virginie ganz milde. Vielleicht kam diese lächelnde Duldsamkeit der Straße daher, daß hier der betrogene Ehemann ein Stadtsergeant war. Glücklicherweise quälte die Eifersucht Gervaise durchaus nicht. Die Untreue Lantiers ließ sie ganz kalt, weil ihr Herz in den Beziehungen zu ihm schon lange nicht mehr mitsprach. Sie hatte, ohne daß sie sich bemüht hätte, so schmutzige Geschichten über die Liebschaften Lantiers mit allerlei Dirnen der niedrigsten Art in Erfahrung gebracht; das hatte keinen besonderen Eindruck auf sie gemacht, sie war eben weiter willfährig geblieben, da sie nicht genug Kraft in sich fühlte, um zu brechen. Nicht ganz dasselbe war es mit dieser neuen Neigung ihres Liebhabers. Bei Virginie, da war es etwas anderes. Ein solches Gerücht war nur aufgebracht worden, um sie beide zu quälen; wenn sie auch über Kleinigkeiten leicht hinwegsah, verstand sie doch in gewissen Dingen keinen Spaß. Wenn daher Madame Lorilleux oder irgendein anderes boshaftes Wesen in ihrer Gegenwart sagte, daß Poisson wegen seiner Hörner nicht mehr unter dem Saint-Denis-Tor hindurchgehen könne, wurde sie ganz blaß, und ein wütender Schmerz brannte ihr auf der Herzgrube. Sie kniff dann die Lippen zusammen und versuchte zu verbergen, daß sie sich ärgerte, weil sie ihren Feinden diese Freude nicht machen wollte. Aber sie mußte mit Lantier Streit deswegen gehabt haben, denn Fräulein Remanjou glaubte eines Nachmittags ein Geräusch wie von einer Ohrfeige gehört zu haben. Übrigens schien eine gewisse Verstimmung zu herrschen, denn Lantier sprach vierzehn Tage nicht mit ihr, dann kam er aber zuerst wieder, und die Sache schien ihren alten Gang zu gehen, als ob nichts vorgefallen wäre. Die Wäscherin zog es vor, sich ruhig zu verhalten, sie schrak vor einer neuen Frauenschlägerei zurück, weil sie ihr Leben nicht noch mehr in den Schmutz ziehen wollte. Sie war nicht mehr zwanzig Jahre alt und liebte die Männer nicht mehr so sehr, um deswegen Schläge auszuteilen oder einzuheimsen und nur für die schönen Augen dieser Herren ihre Lebensstellung noch mehr zu erschüttern. Sie fügte nur diese Erfahrungen all den übrigen hinzu. Coupeau höhnte am meisten. Er, der selbst ein so bequemer Ehemann war und die Hahnreischaft bei sich durchaus nicht sehen wollte, konnte nicht Witze genug über Poissons Hörner machen. In seiner Ehe, da zählte es nicht, aber bei den anderen schien es ihm gar zu drollig; er gab sich eine unglaubliche Mühe, solche Dinge aufzuspüren und den Frauen in der Nachbarschaft aufzupassen, wenn sie verbotene Wege wandeln wollten. War das ein Trottel, dieser Poisson! Und der trug den Degen an der Seite, der wollte auf der Straße die Leute zurechtstoßen! Coupeau ging so weit, Gervaise zu verspotten. Das war ja schön! Ihr Liebster, der habe sie hübsch sitzen lassen! Sie habe einmal kein Glück: zum erstenmal hatten ihr die Schmiede nicht stichgehalten, und zum zweitenmal gingen ihr die Hutmacher durch. Das kam davon her, daß sie sich an so leichtsinnige Gewerke angeschlossen hatte. Warum nahm sie denn nicht einmal einen Maurer, einen Mann der Haltbarkeit, der seinen Mörtel fest anzulegen gewöhnt ist? Es war ja klar, daß er diese Dinge im Scherz sagte, aber Gervaise wurde doch grün und gelb jedesmal, weil er sie mit seinen kleinen grauen Augen dabei so durchdringend ansah, als ob er mit solchen Worten wie mit einer Sonde auf sie eindringe. Wenn er einmal auf das Thema der Schweinereien kam, so wußte sie niemals, ob er im Scherz oder Ernst sprach. Ein Mann, der sich von einem Ende des Jahres bis zum andern betrinkt, dem gehört sein Kopf nicht mehr; es gibt Ehemänner, die mit zwanzig Jahren sehr eifersüchtig sind und die der Trunk mit dreißig Jahren über das Kapitel der ehelichen Treue sehr nachsichtig denken läßt. Man mußte Coupeau in der Goldtropfengasse herumbrüllen hören. Er nannte Poisson den Hahnrei. Das stopfte den Schwätzern die Schnäbel! Er war ja nun nicht mehr der Hahnrei. Er wußte, was er wußte. Wenn es einmal eine Zeitlang so ausgesehen hätte, als ob er nichts hörte und sähe, so war es, weil er solches Geschwätze nicht liebte. Jeder kratzt sich da, wo es ihn juckt. Ihn juckte es gar nicht, er brauchte sich doch nicht zu kratzen, nur um den Leuten Vergnügen zu machen. Nun wohl! Der Sergeant, hörte der etwa? Und doch war es diesmal wahr; man hatte doch die Liebenden zusammen gesehen; hier handelte es sich nicht mehr um ein bloßes Gerücht. Er wurde sogar böse, er begriff nicht, wie ein Mann, ein Beamter der Regierung, bei sich einen solchen Skandal dulden konnte. Der Stadtsergeant mußte wahrscheinlich gern haben, das andere vor ihm schon ausgelutscht hätten, das war die einzige Erklärung. Wenn sich Coupeau des Abends in seinem Loch unter dem Dach allein mit seiner Frau langweilte, ging er hinunter und holte Lantier mit Gewalt nach oben. Er fand, daß seine Häuslichkeit traurig sei, seit der Kamerad darin fehle. Er versöhnte ihn mit Gervaise, wenn er sah, daß sie kühl zueinander taten. Heiliges Donnerwetter! mag sich doch die ganze Welt zum Teufel scheren, es kann einem doch niemand verwehren, sich zu amüsieren, wie man eben kann? Er hohnlachte, in seinen Trunkenboldsaugen flackerten Blitze auf, die auf sehr weitgehende Gedanken zurückschließen ließen; er schien das Bedürfnis zu empfinden, alles mit dem Hutmacher zu teilen, um das Leben zu verschönen. Besonders an solchen Abenden wußte Gervaise gar nicht mehr, ob er im Ernst oder im Scherz sprach. Mitten in diesen Geschichten tat Lantier, als ob alles das ihn nichts angehe. Er zeigte sich stets väterlich und würdig. Schon dreimal hatte er Streitigkeiten zwischen den Poissons und den Coupeaus verhindert. Das gute Verhältnis der beiden Familien gehörte mit zu seinem Wohlbefinden. Seinen teils zärtlichen, teils strengen Blicken war es zu danken, daß die eine für die andere immer noch eine große Freundschaft heuchelte. Er herrschte über die Blonde wie über die Brünette mit der Ruhe eines Paschas und mästete sich an diesem Doppelverhältnis. Am Morgen verdaute er noch an den Coupeaus und hatte doch schon angefangen, von den Poissons zu essen. Das machte ihm nicht die geringsten Schwierigkeiten; einen Laden hatte er verschlungen, jetzt fing er mit dem zweiten an. Nur Männer, die aus solchem Holz geschnitzt sind, haben ein so unverschämtes Glück. In diesem Jahre, im Monat Juni, wurde Nana eingesegnet. Sie ging in ihr dreizehntes Jahr, war wie eine Spargelstange in die Höhe geschossen und hatte ein freches Wesen; im Jahre zuvor war sie ihrer schlechten Aufführung wegen aus dem Katechismusunterricht fortgejagt worden; und wenn der Pfarrer sie diesmal zuließ, so geschah es nur, weil er fürchtete, sie überhaupt nicht wiederzusehen, und so noch eine Heidin mehr auf die Straße zu schleudern. Nana tanzte schon vor Freude, wenn sie an ihr weißes Kleid dachte. Die Lorilleux' hatten als Paten das weiße Kleid versprochen und sprachen im ganzen Hause von diesem Geschenk; Madame Lerat sollte den Schleier und das Häubchen geben, Virginie das Geld für die Einsegnung, Lantier das Gebetbuch, so daß die Coupeaus der Feierlichkeit entgegensahen, ohne sich allzuviel Sorgen zu machen. Die Poissons, die eine Art Eröffnungsfest geben wollten, wählten, vermutlich auf Lantiers Rat, gerade diese Gelegenheit dazu. Sie luden die Coupeaus und die Boches, deren Kleine auch zum erstenmal zur Beichte ging, ein. Man sollte abends eine Hammelkeule und noch einiges dazu essen. Gerade als am Abend zuvor Nana vor der Kommode stand und die dort ausgebreiteten Geschenke bewunderte, kam Coupeau in einem ganz abscheulichen Zustand nach Hause. Die Pariser Luft hatte ihn wieder zurückerobert. Er fiel über seine Frau und Tochter mit seinen durch die Trunkenheit erzeugten Reden her; er brachte ekelhafte Worte vor, die für den jetzigen Augenblick doppelt unschicklich waren. Übrigens hatte sich Nana auch schon inmitten dieser schmutzigen Unterhaltungen, die sie fortwährend hörte, ein recht böses Maulwerk angewöhnt. An Tagen, wo ihre Eltern sich zankten, kam es ihr gar nicht darauf an, ihre Mutter mit Ausdrücken wie Kamel und Kuh zu beehren. »Wo ist mein Essen?« brüllte der Zinkarbeiter. »Ich will meine Suppe, ihr Weiberpack! ... Dieses Volk mit seinen Lappen! Ich setze mich auf den Krempel, wenn ich nicht meine Suppe bekomme!« »Was macht er für Wirtschaft, wenn er betrunken ist!« murmelte Gervaise ungeduldig. Sie wandte sich ihm zu. »Sie ist warmgestellt, laß uns doch zufrieden.« Nana spielte die Bescheidene, weil sie es an diesem Tage so hübsch fand. Sie fuhr ruhig in der Betrachtung ihrer Geschenke auf der Kommode fort, wobei sie so tat, als ob sie die Augen niederschlage und von den häßlichen Worten ihres Vaters nichts verstehe. Aber der Zinkarbeiter konnte unermüdlich nörgeln, wenn er so betrunken wie an diesem Abend war. Er sprach ihr ganz dicht vor den Ohren weiter. »Ja wohl! ich werde dir weiße Kleider geben! Was? Damit du dir wieder Papierkugeln in Dein Korsett steckst, wie vorigen Sonntag! ... Ja, ja, warte nur noch ein bißchen! Du denkst wohl, ich sehe nicht, wie du mit dem Hintern drehst und schwänzelst. Das kitzelt dich wohl, solche hübsche Sachen. Das steigt dir zu Kopf ... Willst du dich gleich da wegscheren, du verdammte Range! Nimm deine Pfoten weg, stecke mir den Kram in den Schubkasten, oder ich wische mir die Hände dran ab!« Nana stand mit gesenktem Köpfchen da und antwortete noch immer nichts. Sie hatte das kleine Tüllhäubchen in die Hand genommen und fragte ihre Mutter, wieviel es wohl kostete. Als Coupeau die Hand ausstreckte, um nach dem Häubchen zu greifen, stieß ihn Gervaise zurück und rief: »Lasse mir doch nur das Kind! Sie ist artig und tut nichts Böses.« Da packte der Zinkarbeiter alles aus, was er noch auf dem Herzen hatte. »Diese Dirnen! Die Mutter und die Tochter, ein schönes Paar. Ist es wohl recht, zum Abendmahl zu gehen und sich dabei nach den Männern umzusehen? Wage doch zu sagen, daß es nicht wahr ist, du kleiner Schmutzfink, du! ... Ich werde dir einen Sack anziehen, dann wollen wir einmal sehen, wie es dich auf der Haut kratzen wird. Ja, mit einem Sack, damit du und dein Pfaffe einen Ekel vor dir bekommen. Brauche ich denn zuzugeben, daß du zum Laster groß gezogen wirst? Beim heiligen Gott! Wollt ihr jetzt auf mich hören, ihr beide?« Plötzlich wandte sich Nana wütend herum, während Gervaise ihre Arme ausbreiten mußte, um die Sachen zu beschützen, die Coupeau zu zerreißen drohte. Das Kind blickte seinen Vater gerade an; die Bescheidenheit, die der Pfarrer ihr anempfohlen, war vergessen: »Schwein!« sagte sie mit zusammengepreßten Zähnen. Sowie der Zinkarbeiter seine Suppe gegessen hatte, schnarchte er. Am nächsten Morgen wachte er in sehr gutmütiger Stimmung auf. Er hatte noch einen kleinen Rest vom Abend zuvor, gerade genug, um liebenswürdig zu sein. Er wohnte der Toilette der Kleinen bei, das weiße Kleid rührte ihn; er fand, daß ein nichts diesem kleinen Ungeziefer das Aussehen eines wahren Fräuleins gebe. Dann meinte er, sei es doch nur natürlich, wenn ein Vater an solchem Tage stolz auf seine Tochter sei. Man mußte sehen, wie Nana sich benahm; mit dem verlegenen Lächeln einer Braut ging sie in ihrem zu kurzen Kleidchen umher. Als sie heruntergegangen waren, bemerkte sie auf der Schwelle der Pförtnerloge Pauline, die ebenso angezogen war; sie blieb stehen und warf einen klaren, prüfenden Blick auf das Kind; dann war sie sehr lieb und gut zu ihr, weil sie fand, daß sie schlechter angezogen war als sie und wie ein Paket aussah. Die beiden Familien gingen zusammen zur Kirche. Nana und Pauline schritten vorauf mit ihren Gebetbüchern in den Händen, sie mußten ihre Schleier festhalten, weil sich der Wind hineinsetzte; sie sprachen nicht und konnten sich vor Vergnügen kaum fassen, wenn sie sahen, wie die Leute aus den Läden traten; sie schnitten fromme Gesichter, damit die Leute, an denen sie vorübergingen, sagen sollten, sie seien nett und artig. Madame Boche und Madame Lorilleux verspäteten sich etwas, weil sie einander ihre Betrachtungen über die Humpelliese mitzuteilen hatten; sie sei ein Gierschlung, dessen Tochter nie eingesegnet worden wäre, wenn die Familie nicht alles gegeben hätte, ja, alles, bis auf ein neues Hemd, aus Achtung für den Altar. Madame Lorilleux beschäftigte sich hauptsächlich mit dem Kleide, das von ihr kam; sie schleuderte Nana wütende Blicke zu und schalt sie »Schmutzfink« jedesmal, wenn das Kind etwa Staub abfegte, weil es den Läden zu nahe gekommen war. In der Kirche weinte Coupeau die ganze Zeit über. Das war dumm, aber er konnte nicht an sich halten. Es ergriff ihn so, wenn der Pfarrer die Arme ausbreitete und die kleinen Mädchen so engelgleich mit gefalteten Händen vorüberzogen; und dann ging ihm auch die Orgelmusik bis in den Magen, und der Geruch des Weihrauchs kam ihm so vor, als ob ihn jemand an einem schönen Bukett riechen ließe. Mit einem Wort, es schwamm alles vor seinen Augen, sein Herz war gerührt. Da war besonders eine Melodie, die hatte so etwas Sanftes; während die kleinen Mädchen das heilige Abendmahl nahmen, war es ihm, als ob die Musik ihm in den Nacken fließe und mit einem leisen Schauder an seinem Rückgrat herniederriesele. Übrigens machten um ihn herum auch andere empfindsame Leute ihre Taschentücher naß. Wahrlich, das war ein schöner Tag, der schönste Tag seines Lebens. Als er auf dem Heimweg von der Kirche mit Lorilleux einen Schoppen trank, foppte ihn dieser, denn seine Augen waren ganz trocken geblieben; da wurde er böse, er beschuldigte die Schwarzen, in ihren Kirchen Teufelskraut zu verbrennen und damit die Menschen weich zu machen. Übrigens schäme er sich dessen nicht, seine Augen seien übergelaufen, das sei doch nur ein Beweis, daß er keine Pflastersteine in der Brust habe. Darauf bestellte er noch einen neuen Schoppen. Am Abend war das Gastmahl sehr heiter bei den Poissons. Die beste Freundschaft herrschte ohne die geringste Unterbrechung vom Anfang bis zu Ende der Mahlzeit. Obschon der schlechten Tage viele sind, trifft man doch auch manchmal auf gute Abende, auf Stunden, wo sich Leute lieben, die sich sonst verabscheuen. Lantier, der Gervaise zu seiner Linken und Virginie zur Rechten hatte, zeigte sich zu beiden gleich liebenswürdig und überschüttete sie mit Aufmerksamkeiten, wie ein Hahn, der unter seinen Hennen ein gutes Einverständnis aufrechterhalten will. Poisson, der gegenüber saß, bewahrte seine ruhige, träumerische Miene, die ihm durch die Gewohnheit, an nichts zu denken, eigentümlich geworden war, und die er in seinen langen Dienststunden auf der Straße angenommen hatte. Die Königinnen des Festes waren aber die beiden Kleinen, denen man erlaubt hatte, ihre schönen Kleider anzubehalten. Sie saßen ganz steif und aufrecht da, weil sie fürchteten, ihre weißen Kleider zu beflecken, bei jedem Bissen rief man ihnen zu, ja das Kinn recht hoch zu heben und ja recht sauber zu essen. Das wurde Nana bald langweilig, und sie goß sich schließlich ihren Wein auf die Taille. Das war eine Geschichte, sie wurde nun sogleich ausgezogen, und man wusch die Taille in einem Glase aus. Als der Nachtisch aufgetragen war, besprach man ernsthaft die Zukunft der Kinder. Madame Boche hatte sich schon entschieden; Pauline sollte in ein Stickereigeschäft eintreten, wo Gold- und Silberstickereien angefertigt wurden, damit waren bis zu fünf und sechs Franken täglich zu verdienen. Gervaise wußte noch nicht, was tun; Nana zeigte für nichts besondere Neigung. Sie trieb sich umher; das war nach ihrem Geschmack, aber für alles übrige wollte sie ihre Händchen nicht gern gebrauchen. »Ich«, sagte Madame Lerat, »würde an Eurer Stelle sie Blumenmacherin werden lassen, es ist ein hübsches, reinliches Geschäft.« »Die Blumenmacherinnen«, murmelte Lorilleux, »sind auch lauter solche leichte Fliegen.« »Oho! Und ich, wenn ich bitten darf?« meinte die große Witwe mit blauen Lippen. »Ihr seid ja sehr galant, Ihr müßtet doch wissen, daß ich auch keine Hündin bin, die schön tut, wenn der erste beste pfeift!« Die ganze Gesellschaft tat sehr entrüstet. »Madame Lerat! Aber Madame Lerat! Ich bitte Sie!« Dabei zeigte man mit den Augen auf die beiden Eingesegneten, die die Nasen in ihre Gläser steckten, um das Lachen zu verbeißen. Bis dahin hatten selbst die Männer, um den Anstand zu bewahren, sich nur in gewählten Ausdrücken unterhalten. Madame Lerat ließ die Zurechtweisung nicht gelten. Das, was die da eben gesagt hatte, habe sie in den besten Gesellschaften gehört; übrigens schmeichele sie sich, ihre Sprache zu kennen; ja man sagte ihr oft sehr viel Schönes über die geschickte Art, mit der sie über alles, selbst vor Kindern, zu sprechen verstehe, ohne jemals den Anstand zu verletzen. »Es gibt unter den Blumenmacherinnen sehr anständige Frauen!« rief sie, »das laßt Euch nur gesagt sein! Sie sind ebenso gemacht wie alle anderen Weibsbilder, und ihre Haut reicht nicht überall zu, das ist sicher! Nur sie verstehen es, an sich zu halten und wählen sich ihre Leute aus, wenn sie sich denn doch einmal vergessen müssen: Ja, ja, das kommt von dem Umgang mit den Blumen. Das hat auch mich stets gehalten!« »Mein Gott!« sagte Gervaise, »ich habe nichts gegen die Blumen einzuwenden! Wenn die Sache Nana gefällt, so bin ich es zufrieden. Man muß Kindern nie gegen ihren Willen einen Lebensberuf aufdrängen. Nun, Nana, stelle dich nicht so dumm an, antworte hübsch! Gefallen dir die Blumen?« Die Kleine, die über ihren Teller gebeugt dasaß, stippte mit ihren nassen Fingern die Kuchenkrümel auf und leckte die Finger ab. Sie beeilte sich nicht mit ihrer Antwort. Sie hatte wieder ihr freches Lachen. »Oh! ja, Mama, das gefällt mir ganz gut!« erklärte sie schließlich. Da wurde die Sache auch sogleich in Ordnung gebracht. Coupeau hatte nichts dagegen, daß Madame Lerat Nana schon am nächsten Morgen in ihr Atelier in der Cairostraße mitnehme. Die Gesellschaft sprach jetzt sehr würdevoll über die Pflichten, die das Leben jedermann auferlege. Boche meinte, daß Nana und Pauline jetzt, wo sie zum erstenmal gebeichtet hätten, Frauen geworden seien. Poisson fügte hinzu, daß es nichtsdestoweniger nötig sei, daß sie kochen lernten, Strümpfe stopften und sich übten, einen Haushalt zu führen. Man sprach selbst von ihrer Heirat und den Kindern, die sie dermaleinst bekommen würden. Die Dirnen hörten es mit an und kicherten heimlich, rieben sich eine an der andern vor Vergnügen, daß sie nun auch schon Frauen sein sollten; das machte ihnen das Herz schwellen, sie erröteten und saßen in ihren weißen Kleidern ganz verlegen da. Am meisten Vergnügen machte es ihnen, als sie Lantier fragte, ob sie nicht etwa schon kleine Männer hätten. Man erpreßte Nana mit Gewalt das Geständnis, daß sie Victor Fauconnier, den Sohn der Arbeitgeberin ihrer Mutter, gern habe. »Nun ja!« sagte Madame Lorilleux zu den Boches, als man fortging, »Nana ist unsere Pate, aber wenn man sie Blumenmacherin werden läßt, wollen wir nichts mehr von ihr wissen. Das wird wieder so ein Fressen für die Boulevards ... Das wird auch keine sechs Monate mehr dauern!« Als die Coupeaus sich an diesem Abend niederlegten, kamen sie darin überein, daß alles vortrefflich verlaufen sei und daß die Poissons keine schlechten Menschen seien. Gervaise fand selbst, daß der Laden recht hübsch sauber hergerichtet sei. Sie war darauf vorbereitet gewesen, viel auszuhalten, wenn sie so einen Abend in ihrer alten Behausung zubringen werde, wo nun jetzt andere sich an ihrer Stelle breit machten; so war sie über sich selber erstaunt, daß sie auch nicht einen Augenblick in Wut geraten war. Nana fragte beim Ausziehen ihre Mutter, ob das Kleid der Dame aus dem zweiten Stock, die im verflossenen Monat geheiratet hatte, auch so wie das ihre, von Musselin gewesen sei. Das war der letzte schöne Tag in diesem Familienleben. Es verflossen nun zwei Jahre, in denen sie immer mehr herunterkamen. Der Winter setzte ihnen besonders hart zu. Wenn sie auch, solange wie das Wetter schön war, noch Brot zu essen hatten, so begann doch die knappe Zeit mit dem ersten Frost des Winters. Da gab es denn diese Tänze vor dem leeren Speiseschrank, diese Mittagbrote ohne einen Bissen in der Kälte ihrer kleinen Kammer. Dieser schlimme Bursche, der Dezember, kam zu ihnen durch Tür und Fenster herein und brachte alle Leiden mit sich; in den Werkstätten gab es keine Arbeit, im Müßiggang und Frost erschlafften die Glieder, es war das schwarze Elend der feuchten, kalten Jahreszeit. Den ersten Winter konnten sie noch hin und wieder Feuer anmachen und sich um den Ofen herum kauern, weil sie es vorzogen, im Warmen zu sitzen und dafür nicht zu essen; den zweiten Winter wurde der Ofen nicht einmal angeheizt, er machte das Zimmer noch kälter mit seinem traurigen Aussehen. Was ihnen den Hals brach und sie vollständig ausquetschte, war das Mietebezahlen. Die Januarmiete war eine harte Sache, wenn nicht eine Brotkrume im Hause war und dann der Vater Boche kam und die Quittung vorlegte. Dann blies es noch kälter, es war wie ein Nordoststurm. Herr Marescot kam am folgenden Sonnabend; er hatte einen warmen Paletot an, und seine große Tatzen steckten in gestrickten, wollenen Handschuhen; immer führte er gleich das Wort Exmission im Munde, während draußen der Schnee fiel, als ob er ihnen mit seiner weißen Decke ein Bett auf dem Pflaster bereiten wolle. Um diese Miete zu zahlen, hätten sie gern von ihrem Fleisch verkauft; es war die Mietsrate, die den Speiseschrank und den Ofen leer fegte. Im ganzen Hause hörte man dann nichts als Klagen. In allen Stockwerken hörte man weinen, und die Musik des Unglücks ertönte in den langen Gängen und auf den hohen Treppen. Wenn in jeder Wohnung ein Toter gelegen hätte, würde die Musik auch nicht abscheulicher haben klingen können. Es war wie der Tag des letzten Gerichts, das Ende aller Dinge, ein unmögliches Leben, eine entsetzliche Zuchtrute für diese armen Leute. Die Frau aus dem dritten Stock stellte sich für acht Tage an die Ecke der Wackermannstraße. Ein Arbeiter, ein Maurer, hatte seinen Meister bestohlen. Ohne Zweifel hatten die Coupeaus nur sich selbst Vorwürfe zu machen. Wenn das Leben auch noch so schwer ist, man kann sich mit Ordnung und Sparsamkeit doch immer über Wasser halten; den Beweis dafür lieferten die Lorilleux', die ihre Mietsraten regelmäßig in kleine Stücke schmutziges Papier gewickelt hinlegten; aber sie führten auch ein Leben wie magere Spinnen, so daß sie einem selbst die Arbeit verekeln konnten. Nana verdiente mit dem Blumenmachen noch gar nichts, ja sie gebrauchte sogar ziemlich viel für ihren Unterhalt. Gervaise wurde jetzt bei Madame Fauconnier schon sehr ungern gesehen. Sie verlor ihre Geschicklichkeit von Tag zu Tag mehr und stoppelte ihre Arbeit so erbärmlich zusammen, daß die Fouconnier sie schon im Lohn bis auf vierzig Sous, den Lohn der Schnodels, herabgesetzt hatte. Bei alledem war sie sehr stolz, sehr empfindlich, aller Welt warf sie ihre Stellung als frühere Ladenbesitzerin an den Kopf. Sie blieb tagelang fort; wenn sie plötzlich etwas krumm nahm, verließ sie ihre Arbeit; so hatte sie es sehr übelgenommen, daß Madame Fauconnier Frau Putois bei sich angestellt hatte, so daß sie nun Schulter an Schulter mit ihrer früheren Arbeiterin plätten mußte; sie war daraufhin vierzehn Tage nicht zur Arbeit gekommen. Nach solchen Vorkommnissen nahm man sie aus Mitleid wieder auf; das machte sie noch verbitterter. Natürlich war jetzt am Ende der Woche der Lohn nicht allzu schwer; wie sie selbst höhnisch sagte, werde es wohl noch an einem Sonnabend dahin kommen, daß sie noch etwas herauszuzahlen habe. Was Coupeau anlangte, so arbeitete er vielleicht, aber soviel war sicher, daß er dann mit seiner Arbeit der Regierung ein Geschenk machte, denn Gervaise hatte seit seiner Rückkehr von Etampes nicht mehr die Farbe seines Geldes gesehen. An den Zahltagen sah sie ihm gar nicht mehr nach den Händen, wenn er nach Hause kam, er kam dann doch immer mit Armgeschlenker und leeren Taschen an; manchmal fehlte ihm sogar das Schnupftuch; mein Gott! ja, er hatte den Rotzlappen verloren, oder irgendein Spitzbube hatte ihn ihm genommen. Die ersten Male legte er sich Geschichten zurecht, er erfand allerlei Unglücksfälle: zehn Franken hatte er für eine Spendenliste gegeben, zwanzig Franken waren durch ein Loch in seiner Tasche, das er zeigte, verlorengegangen, fünfzig Franken hatte er für die Tilgung irgendeiner eingebildeten Schuld weggegeben. Dann aber hatte er sich auch nicht einmal mehr geschämt. Das Geld verflüchtete sich, so war es! Er hatte es nicht mehr in der Tasche, er hatte es im Bauche, das war nur eine andere Form, in der er es seiner Frau mit nach Hause brachte. Hin und wieder ging die Wäscherin auf Anraten von Madame Boche und paßte ihren Mann ab, wenn er aus der Werkstatt fortging. Aber damit erreichte sie auch nichts, die Kameraden warnten Coupeau, und das Geld spazierte in die Schuhe oder selbst in ein noch weniger sauberes Portemonnaie. Madame Boche war in solchen Dingen sehr gewitzt, weil Boche sehr oft Zehnfrankstücke verschwinden ließ, die er dann irgendwo verbarg, um damit liebenswürdigen Damen seiner Bekanntschaft Kaninchenbratenessen zu geben; sie untersuchte die allerkleinsten Ecken in seinen Kleidertaschen und fand dann gewöhnlich das fehlende Geldstück in seiner Mütze zwischen Schirm und Futter eingenäht. Der Zinkarbeiter, der machte es anders. Er versteckte sein Geld sicherer. Der versteckte es sich unter das Fleisch! Da konnte Gervaise doch keine Schere nehmen und ihm die Haut vom Bauche aufschneiden! Ja, das war der Fehler in dieser Ehe, woran sie von Jahr zu Jahr mehr krankte. Aber diese Dinge sagt man sich nie, besonders wenn man erst im Elend sitzt. Sie klagten ihr Mißgeschick an, sie behaupteten, daß der liebe Gott ihnen zürne. Ihr Heim war jetzt eine wahre Hölle. Den ganzen Tag über stritten sie miteinander. Dabei waren sie noch nicht bei Schlägen angekommen, kaum daß hie oder da einmal ein Hieb aus Versehen bei einem heftigen Streit gefallen war. Das Traurigste war, daß sie für die Freundschaft auch die Türen des Bauers geöffnet hatten, da waren denn die guten Gefühle wie die Spatzen davongeflogen. Die Wärme des Gefühls, das Vater, Mutter und Kinder auf einem Häufchen zusammenhält und belebt, hatte sich bei ihnen verflüchtigt, und so klapperte jedes allein in seiner Ecke. Coupeau, Gervaise und Nana gerieten sich jeden Augenblick in die Haare; das kleinste Wort entzündete Zänkereien, wobei ihre Augen vor Haß funkelten; es schien so, als ob irgend etwas das Familienheiligtum, zertrümmert habe, diese Art von Talisman, der bei glücklichen Leuten die Herzen in den Familien so warm füreinander schlagen läßt. Oh! soviel war sicher, jetzt beunruhigte sich Gervaise nicht mehr wie früher, wenn sie Coupeau an den Rändern der Dächer hängen sah, die zwölf oder fünfzehn Meter über dem Pflaster waren. Sie hätte ihn ja nicht hinabgestoßen, aber wenn er von selber gefallen wäre, meiner Treu! Das hätte die Oberfläche der Erde von einem schönen Taugenichts befreit. An Tagen, wenn er wie eine Fackel flammte, da schrie sie, warum man ihn ihr nicht lieber auf einer Tragbahre bringe? Wozu sei denn ein solcher Säufer noch gut? Nur um sie weinen zu machen, um ihr alles wegzufressen und sie ins Elend zu stoßen. Warum warf man denn Männer, die so zu gar nichts gut waren, nicht so schnell wie möglich in die Grube? man würde ja eine Befreiungspolka auf solchem Grabe tanzen! Wenn die Mutter sagte: »Töte!« so antwortete die Tochter: »Schlage ihn nieder!« Nana las die Unglücksfälle in den Zeitungen mit entarteten Empfindungen, ihr Vater hatte ein solches Glück, daß ihn neulich ein Omnibus umgeworfen hatte, ohne daß er auch nur davon nüchtern geworden war. Wie lange würde es denn noch dauern, bis dieses Biest krepierte? Mitten in diesem Dasein, in dem das eigene Elend sie schon zur Verzweiflung trieb, litt Gervaise auch noch unter dem Hunger, den sie um sich herum heulen hörte. Diese Ecke des Hauses war der allerverlausteste Winkel, wo sich drei oder vier Familien das Wort gegeben zu haben schienen, nicht alle Tage Brot im Hause zu haben. Wenn die Türen auch noch so oft aufgingen, Küchengerüche ließen sie sehr selten heraus. Längs dieses Flures herrschte das Schweigen des Elends, und die Mauern klangen hohl wie leere Bäuche. Für Augenblicke hörte man wohl Geschrei, Frauentränen, das Klagen hungernder Kinder; es waren Familien, die ihre Magen täuschen wollten; deshalb fingen die Leute miteinander zu zanken an. Man befand sich mitten in einer allgemeinen Maulsperre, mit der sich alle diese offenen Münder einem entgegenstreckten; die Brust zog sich zusammen, wenn man nur diese Luft einatmete, in der selbst Fliegen aus Mangel an Nahrung nicht hätten leben können. Das größte Mitleid erweckte bei Gervaise noch immer der Vater Bru in seinem kleinen Loch unter der Bodentreppe. Er rollte sich da zusammen wie ein Murmeltier, um nicht gar so zu frieren; tagelang blieb er auf seinem Haufen Stroh liegen, ohne sich zu rühren. Selbst der Hunger trieb ihn da nicht mehr fort; denn was nützte es ihm, wenn er sich draußen Appetit machte, es hatte ihn ja doch niemand zum Essen geladen. Wenn er einmal vier oder fünf Tage gar nicht mehr zum Vorschein kam, so stießen die Nachbarn wohl die Tür auf und sahen nach, ob es mit ihm noch nicht zu Ende sei. Nein! er lebte trotz alledem, nicht gerade sehr, aber ein bißchen, so nur mit einem Auge, bis der Tod kam, der ihn vergessen haben mußte! Sowie Gervaise selbst Brot hatte, warf sie ihm die Rinden hin. Wenn sie auch schlecht geworden war und Coupeaus wegen die Männer verachtete, so hatte sie doch immer ein weiches Herz für die Tiere; und der Vater Bru, dieser arme Alte, den man verrecken ließ, weil er kein Werkzeug mehr halten konnte, war für sie wie ein Hund, ein ausgemustertes Tier, von dem die Schinder selbst nicht einmal die Haut und das Fett; kaufen wollten. Es lag ihr wie eine Last auf der Seele, daß sie ihn beständig auf der andern Seite des Flures wußte, verlassen von Gott und den Menschen, wie er sich selbst aufzehrte und wieder zum Kinde wurde an Gestalt, zusammengeschrumpft und vertrocknet wie eine Orange, die auf einem Kamin gedörrt wird. Beinahe ebenso litt Gervaise unter der Nachbarschaft des Leichenbesorgers Bazouge. Eine sehr dünne Bretterwand trennte ihr Zimmer von dem seinen; man konnte sich nicht den Finger in den Mund stecken, ohne daß man es nebenan hörte. Sowie er abends nach Hause kam, verfolgte sie unwillkürlich seine häuslichen Verrichtungen; der schwarze lederne Hut tönte dumpf auf der Kommode, als ob man eine Schaufel voll Erde hinwirft; wenn er den schwarzen Mantel anhängte, so machte es ein Geräusch, als ob ein Nachtvogel mit dem Flügel eine Mauer streift, seinen Frack warf er in die Mitte des Zimmers und entledigte sich, so seiner Trauerabzeichen. Sie hörte ihn umhergehen und beunruhigte sich bei seiner geringsten Bewegung, sprang in die Höhe, wenn er an ein Möbel stieß oder mit seinem Geschirr umherrückte. Dieser verdammte Säufer beschäftigte sie stets; sie empfand eine dumpfe Furcht vor ihm, in die sich nur unbezwingliche Neugierde mischte. Er war immer lustig, alle Tage hatte er die Hucke voll, er hustete, spie und sang die »Mutter Godichon«; immer sprach er mit sich selbst in schmutzigen Ausdrücken, und ehe er sein Bett fand, schlug er sich mit den vier Wänden seines Zimmers. Sie hörte ihm ganz blaß zu und fragte sich, was er wohl treibe; sie gab sich fürchterlichen Einbildungen hin; hatte sie es sich doch nun einmal in den Kopf gesetzt, daß er einen Leichnam mitgebracht haben müsse, den er unter das Bett stecke. Mein Gott! in den Zeitungen standen oft genug solche Dinge; ein Bediensteter der Beerdigungsgesellschaft sollte die Särge der kleinen Kinder bei sich aufgestellt haben, um sich die Mühe zu ersparen, so oft nach dem Kirchhof zu gehen. Soviel stand fest, wenn Bazouge ankam, so roch es durch das Schlüsselloch nach Leichen. Man konnte glauben, daß man dicht beim Friedhof mitten im Reich der Maulwürfe wohne. Er hatte etwas Schreckliches an sich, dieser Kerl, der immer so allein für sich lachte, als ob sein Beruf ihn so aufheitere. Selbst wenn er seinen Hexentanz beendet hatte und auf dem Rücken lag, schnarchte er so ungewöhnlich, daß der Wäscherin dabei der Atem ausging. Stundenlang horchte sie, weil sie glaubte, daß fortwährend Leichenzüge bei dem Nachbar vorüberrollten. Das Schlimmste bei diesem Schrecken war, daß sich Gervaise davon so angezogen fühlte, daß sie ihr Ohr an die Wand legte, um genauer zu hören, was nebenan vorging. Bazouge machte auf sie den Eindruck wie schöne Männer auf anständige Frauen: sie möchten sie gern anfassen, aber sie getrauen sich nicht; die gute Erziehung hält sie zurück. Nun denn! wenn die Furcht sie nicht zurückgehalten hätte, so hätte Gervaise gern einmal den Tod befühlt, um zu sehen, wie er eigentlich beschaffen sei. Sie war jetzt manchmal so seltsam; mit verhaltenem Atem wartete sie aufmerksam auf ein Wort, auf eine Bewegung von Bazouge, die ihr das Geheimnis lösen sollte, so daß Coupeau sie einmal höhnisch fragte, ob sie etwa eine Neigung für den Leichenbesorger nebenan habe. Sie ekelte sich vor ihm; aber unwillkürlich verfiel sie, sowie der Alte mit seinem Kirchhofsgeruch nach Hause kam, wieder in ihre Betrachtungen, und ihre Mienen nahmen den erregten und furchtsamen Ausdruck einer jungen Gattin an, die im Begriff ist, dem Ehevertrag die ersten Messerstöße beizubringen. Hatte er ihr nicht schon zweimal angeboten, sie einzupacken und irgendwohin mitzunehmen zu einem Schlaf, dessen Seligkeit so groß ist, daß man alles Elend darüber vergesse? Wer weiß, ob es nicht wirklich recht gut war? Nach und nach wurde die Versuchung, es einmal zu kosten, immer größer. Oh! einen Monat lang schlafen, besonders im Winter, den Mietsmonat, wenn sie unter der Last des Lebens zusammenbrach! Aber es war ja unmöglich, man mußte ja immer weiter schlafen, wenn man einmal eine Stunde zu schlafen angefangen hatte; dieser Gedanke ließ sie erstarren, und ihre Liebe zum Tode verging vor der ewigen und ernsten Freundschaft, welche die Erde verlangte. Indes schlug sie eines Abends im Januar mit beiden Fäusten an die dünne Wand. Sie hatte eine entsetzliche Woche durchgemacht, jedermann hatte sie umhergestoßen; ohne einen Sou mehr zu besitzen, war sie mit ihrem Mut zu Ende. Es war ihr diesen Abend nicht gut, sie klapperte vor Fieber, und vor ihren Augen tanzten Flammen. Da hatte sie, statt sich aus dem Fenster zu stürzen, wie sie zuerst beabsichtigte, angefangen zu klopfen und zu rufen: »Vater Bazouge! Vater Bazouge!« Der Leichenbesorger zog gerade seine Schuhe aus und sang dabei: »Es waren drei schöne Mädchen«. Er mußte den Tag über viel zu tun gehabt haben, denn er schien noch unruhiger als gewöhnlich zu sein. »Vater Bazouge! Vater Bazouge!« schrie Gervaise mit erhobener Stimme. Hörte er sie denn nicht? Sie wollte gleich mitgehen, er konnte sie beim Nacken fassen und dahin bringen, wo er die anderen Frauen hinbrachte, die Armen und die Reichen, die er tröstete. Sein Lied tat ihr wehe, denn es lag darin die Nichtachtung des Mannes, der zu viele Liebchen hat. »Was gibt's denn? Was gibt's denn?« stotterte Bazouge, »wem ist denn unwohl? Ich komme schon, Mütterchen!« Aber bei dieser rauhen Stimme erwachte Gervaise wie aus einem Traum. Was hatte sie denn getan? Sie hatte an die Wand geschlagen, sicher, es war für sie wie ein Stockschlag über die Schenkel; der Rock klemmte ihr ordentlich die Beine zusammen, sie wich zurück, weil sie schon die großen Hände des Leichenbesorgers durch die Wand kommen zu sehen meinte, um sie beim Schopfe zu fassen. Nein, nein, sie wollte nicht, sie war noch nicht so weit. Wenn sie geklopft hatte, so mußte es mit dem Ellenbogen gewesen sein beim Umdrehen, ohne daß sie sich etwas dabei dachte. Es erfaßte sie ein Schauder, der ihr von den Knien bis zu den Schultern lief, wenn sie daran dachte, von den Armen des Alten umfaßt zu werden, wenn sie ganz steif daliege und ihr Gesicht so weiß wie eine Porzellanschüssel sei. »Nun! ist denn da niemand mehr?« fing Bazouge nach kurzem Schweigen wieder an. »Gegen Damen ist man immer zuvorkommend.« »Nichts, es ist nichts!« sagte endlich die Wäscherin mit erstickter Stimme. »Ich brauche nichts! Danke!« Während der Leichenbesorger einschlief und dabei immer noch brummte, blieb sie ängstlich wach und horchte; sie wagte sich nicht zu rühren, weil sie fürchtete, daß er sich einbilden könne, sie habe noch einmal geklopft. Sie schwor sich zu, von jetzt an auf sich zu achten. Wenn sie schon im Todesröcheln liege, werde sie doch nie wieder den Nachbar um Hilfe anflehen. Sie sagte es, um sich selbst Mut zu machen, denn zu gewissen Stunden bewahrte sie trotz ihrer Angst noch immer diese fürchterliche Neigung. In ihrer elenden Ecke mitten unter ihren Sorgen und den Sorgen anderer, fand Gervaise doch ein schönes Vorbild des Mutes bei den Bijards. Die kleine Lalie, dieses Kind von acht Jahren, führte den Haushalt mit der Sauberkeit einer erwachsenen Person; es war eine schwere Arbeit, denn sie hatte für zwei kleine Kinder zu sorgen, ihren Bruder Julius und ihre Schwester Henriette, das waren Göhren von drei und fünf Jahren, die der fortwährenden Aufsicht bedurften, selbst wenn sie fegte oder das Geschirr wusch. Seit der Vater Bijard seine Frau mit dem Fußtritt in den Bauch getötet hatte, war Lalie für die ganze kleine Familie die neue Mutter geworden. Ohne ein Wort zu sagen, hatte sie den Platz der Toten eingenommen, und zwar so gründlich, daß dieses stumpfe Tier von Vater, um die Ähnlichkeit vollkommen zu machen, jetzt die Tochter schlug, wie er früher die Mutter geschlagen hatte. Wenn er betrunken nach Hause kam, mußte er Frauen haben, die er zu Boden schlagen konnte. Er merkte es gar nicht einmal, daß Lalie noch so sehr klein war, er würde auf eine alte Haut ganz ebenso eingehauen haben. Mit einem Schlage bedeckte er ihr ganzes Gesicht, dessen Fleisch so zart war, daß die fünf Finger noch zwei Tage lang darauf zu sehen waren. Es waren unwürdige Züchtigungen, Schläge für ein »Ja« und für ein »Nein« wie ein wütender Wolf über eine arme, kleine, furchtsame Katze herfällt, die so mager ist, daß man darüber weinen könnte; so mißhandelte dieser Unhold seine Tochter, die mit ihren schönen Augen voller Ergebung stillhielt, ohne zu klagen. Nein, nie widersetzte sich Lalie. Sie duckte sich wohl ein wenig, um ihr Gesicht zu schützen; aber sie verbiß das Schreien, um nicht das Haus in Aufruhr zu bringen. Wenn es dann ihr Vater müde war, sie mit Fußtritten in alle vier Ecken des Zimmers umherzustoßen, so wartete sie, bis sie wieder so viel Kraft fand, sich aufzuraffen; dann ging sie an ihre Arbeit, wusch die Kinder, bereitete das Essen und ließ auch nicht ein Stäubchen auf den Möbeln; das gehörte mit zu ihren täglichen Pflichten, sich schlagen zu lassen. Gervaise hatte zu dieser kleinen Nachbarin eine innige Freundschaft gefaßt. Sie behandelte sie wie eine Gleiche, wie eine Frau, die das Leben kennt. Nun muß man sagen, daß Lalie eine bleiche, ernste Miene hatte wie eine alte Jungfer. Man hätte sie für dreißig Jahre alt gehalten, wenn man sie sprechen hörte. Sie verstand ausgezeichnet einzukaufen, auszubessern und ihr Heim in Ordnung zu halten; von den Kindern sprach sie, als ob sie wenigstens schon zwei oder drei selbst gehabt habe. Zuerst lachten wohl die Leute, wenn sie ein achtjähriges Kind so reden hörten, aber dann gingen sie weg, weil es ihnen die Kehlen zuschnürte und sie nicht in ihrer Gegenwart weinen wollten. Gervaise zog sie nach Möglichkeit an sich heran, sie gab ihr alles, was sie nur konnte, Essen und alte Kleider. Als sie ihr eines Tages eine alte Taille von Nana anpaßte, war sie ganz außer sich, als sie das Rückgrat des Kindes ganz blau angelaufen sah; der Ellenbogen war aufgerissen und blutig und das ganze unschuldige Fleisch ihres kleinen Körperchens gepeinigt und hing nur so an den Knochen. Nun, da konnte der Vater Bazouge nur immer den Kasten bereithalten, lange konnte es auf die Art nicht mehr dauern. Aber die Kleine bat die Wäscherin, doch ja nichts zu sagen, sie wollte nicht, daß ihrem Vater ihretwegen Ungelegenheiten gemacht würden. Sie verteidigte ihn noch und versicherte, daß er es nicht böse gemeint, nur daß er getrunken habe. Dann sei er unsinnig, verrückt und wisse nicht, was er tue. Oh! Sie verzeihe es ihm, denn den Verrückten müsse man alles verzeihen! Von da an paßte Gervaise auf und suchte so etwas zu hindern, sowie sie den Vater Bijard die Treppen heraufkommen hörte. Meistenteils bekam sie dann auch ein paar Rippenstöße ab. Wenn sie am Tage einmal eintrat, um nachzusehen, fand sie sehr oft Lalie am Fußgestell des eisernen Bettes festgebunden. Das war so eine fixe Idee des Schlossers, daß er, bevor er fortging, dem Kinde die Beine und den Bauch mit einem Stricke festband, ohne daß man herausbekam, weshalb er es tat. Es war nicht zu verwundern, daß so ein Gedanke in seinem durch den Trunk zerstörten Gehirn sich gebildet hatte; wahrscheinlich wollte er die Kleine auch seine Macht noch fühlen lassen, wenn er nicht mehr da war. Lalie blieb da oft tagelang steif wie ein Pfahl mit blutunterlaufenen Beinen, selbst eine Nacht hatte sie einmal so ausgehalten, als Bijard vergessen hatte, nach Hause zu kommen. Wenn Gervaise entrüstet davon sprach, sie loszubinden, so bat sie, daß man den Strick doch ja nicht in Unordnung bringen solle, weil ihr Vater wütend werde, wenn er nicht dieselben Knoten wiederfinde, die er gemacht habe. Sie sei wirklich gar nicht so schlecht daran, sie ruhe sich dabei aus. Das sagte sie lächelnd, und dabei waren ihre kleinen Engelsbeinchen geschwollen und abgestorben. Ihr einziger Kummer war, daß so die Arbeit nicht recht vorwärts kam, wenn sie an das Bett gefesselt war und vor sich all die Unordnung mit ansehen mußte. Dabei überwachte sie trotzdem die Kinder, brachte sie zum Gehorsam, rief Henriette und Julius zu sich heran, um ihnen die Nasen zu schnauben; da ihre Hände frei waren und sie doch nicht ganz ihre Zeit verlieren wollte, so strickte sie. Am meisten litt sie, wenn Bijard sie losband, wohl eine Viertelstunde schleppte sie sich auf der Erde hin, weil sie sich nicht aufrecht zu halten vermochte, da das Blut nicht mehr umlief. Der Schlosser hatte sich noch ein anderes kleines Spiel ausgedacht. Er legte Sousstücke in den Ofen, bis sie rotglühend waren. Dann brachte er sie auf die Ecke des Kamins. Er rief Lalie und sagte ihr, daß sie zwei Pfund Brot holen solle. Die Kleine nahm ohne Mißtrauen das Geld, stieß einen Schrei aus und warf es zur Erde, wobei sie ihre verbrannte kleine Hand schüttelte. Da wurde er wütend. Wer hatte ihm denn solches Schindluder ins Haus gebracht? Sie verlor jetzt sogar Geld! Er drohte ihr die Röcke lose zu machen, wenn sie nicht gleich das Geld aufhebe. Als die Kleine zögerte, bekam sie einen solchen Schlag als erste Aufmunterung, daß sie sechsunddreißig Lichter flammen sah. Stumm und mit zwei großen Tränen an den Wimpern raffte sie die Sousstücke auf und ging davon, wobei sie sie fortwährend in der hohlen Hand hin und her warf, um sie abzukühlen. Niemals kann man es ausdenken, was für Grausamkeiten in so einem Säufergehirn ausgeheckt werden können. An einem Nachmittag, als Lalie alles in Ordnung gebracht hatte, spielte sie mit ihren Kindern; das Fenster war weit offen, es zog, und der Wind, der sich im Flur verfangen hatte, stieß mehrmals leicht an die Tür. »Das ist Herr Lustig!« sagte die Kleine. »Treten Sie doch näher, Herr Lustig. Nehmen Sie doch gefälligst Platz.« Sie machte nach der Tür hin mehrere Verbeugungen, sie grüßte den Wind. Henriette und Julius, die hinter ihr waren, grüßten mit und waren so entzückt von diesem Spiel, daß sie sich vor Lachen ausschütten wollten, als ob sie gekitzelt würden. Lalie war ganz rot vor Vergnügen darüber, daß sie sich über sie so gut amüsierten, was höchstens mal am sechsunddreißigsten des Monats vorkam. »Guten Tag, Herr Lustig. Wie befinden Sie sich denn, Herr Lustig?« Da stieß eine rohe Hand die Tür auf, und Vater Bijard trat ein. Nun veränderte sich die Szene, Henriette und Julius fielen auf den Hintern gegen die Mauer, während Lalie mitten in einer Verbeugung wie versteinert stehen blieb. Der Schlosser hielt in seiner Hand eine ganz neue, lange Fuhrmannspeitsche mit langem Stiel, die lederne Schnur endete in einer ganz feinen Knappe. Er setzte die Peitsche in die Ecke neben dem Bett; heute gab er der Kleinen nicht den gewöhnlichen Fußtritt, den sie schon dadurch parierte, daß sie ihre Hinterseite darbot. Hohnlachend zeigte er all seine schwarzen Zähne, er war sehr lustig und sehr betrunken, sein versoffenes Kupfergesicht leuchtete ordentlich vor Vergnügen über den neuen Scherz, den er erdacht hatte. »Nun?« sagte er, »du bist ja sehr lustig hier, du Schmutzliese. Ich habe dich schon unten tanzen hören ... Nun komm nur her! Noch näher und sieh mich gerade an; ich habe nicht nötig, nach deiner Fratze zu suchen. Was tue ich dir denn, daß du so zitterst wie Espenlaub? ... Ziehe mir meine Schuhe aus.« Lalie war entsetzt, daß sie nicht ihre gewöhnliche Tracht Schläge bekam, sie war wieder ganz blaß geworden und zog ihm seine Schuhe aus. Er hatte sich auf den Rand des Bettes gesetzt, legte sich mit allen Kleidern nieder, blieb mit offenen Augen liegen und folgte den Bewegungen der Kleinen im Zimmer. Sie drehte sich unter seinen Blicken verdutzt herum, es hatte sich ihrer eine solche Furcht bemächtigt, daß ihre Glieder wie erstarrt waren und sie schließlich eine Tasse zerbrach. Nun nahm er, ohne sich aufzurichten, die Peitsche und zeigte sie ihr. »Du, sieh mal her, du Kalb, sieh dir das einmal an, das ist ein Geschenk für dich. Ja, ja, da habe ich schon wieder fünfzig Sous für dich ausgegeben ... Mit diesem Spielzeug erspare ich mir das Laufen, wenn du dich auch jetzt in die Ecken verkriechst. Willst du es mal versuchen? ... Oh! Du brichst Tassen entzwei! ... Nun vorwärts! Holla! Nun tanze doch! Mache doch deine Verbeugungen an Herrn Lustig!« Er richtete sich nicht einmal auf; auf dem Rücken ausgestreckt, mit dem Kopf in die Kissen gedrückt, ließ er die große Peitsche durch das Zimmer knallen und machte dabei einen Lärm wie ein Postillon, der seine Pferde antreibt. Dann ließ er den Arm sinken, umfaßte Lalie in der Mitte des Körpers, rollte sie ein und ließ sie wieder los wie einen Kreisel; sie fiel und wollte sich auf allen Vieren flüchten, aber er umschlang sie noch einmal und setzte sie wieder auf die Füße. »Hopp! Hopp!« heulte er, »das ist der Viehtreibertanz! ... Nicht wahr? ... Das ist hübsch, an so einem Wintermorgen; ich liege ruhig im Bett, ich hole mir keinen Schnupfen, ich treffe meine Kälberchen von weitem, ohne mir die Beine auszurecken. In die Ecke willst du? Klapp! Da hab' ich dich! Jetzt in die andere Ecke, klapp! Da hab' ich dich auch! Ah! Wenn du dich auch unter das Bett verkröchest, ich würde dich schon da hervorpeitschen! Hopp! Hopp! La la! Hopplala!« Es zeigte sich jetzt weißer Schaum vor seinem Munde, und seine gelben Augen traten aus ihren Höhlen. Lalie, die schon ganz außer Atem war, sprang heulend in allen Ecken des Zimmers umher, stürzte zu Boden, preßte sich an die Wände; aber die feine Knappe der großen Peitsche erreichte sie überall und knallte vor ihren Ohren wie ein abgeschossenes Geschütz und schnitt ihr lange, blutige Striemen in das Fleisch. Es war ein wahrer Hexentanz, als ob man ein wildes Tier abrichten wolle. Man mußte sehen, wie diese arme kleine Katze sprang und dabei vor Schmerz schrie; kaum atmete sie noch, da sie wie ein Gummiball auf- und niederspringen mußte; sie ließ sich schlagen, da sie wie blind geworden war und sie sich nicht abmühen mochte, eine schützende Stelle zu suchen. Ihre Bestie von Vater triumphierte, er schimpfte sie niedrige Dirne und fragte sie, ob sie nun genug davon habe, ob sie jetzt eingesehen habe, daß sie alle Hoffnung aufgeben müsse, ihm zu entwischen. Jetzt trat Gervaise plötzlich ein, das Geheul der Kleinen hatte sie herbeigeholt. Vor dem Bilde, das sich da vor ihr entrollte, wurde sie von einer wütenden Entrüstung ergriffen. »Ah! Dieser infame Kerl!« schrie sie. »Wollt Ihr sie wohl in Frieden lassen? Ich werde Euch der Polizei anzeigen, ja, das werde ich tun!« Bijard brummte wie ein wildes Tier, das man stört; er stammelte: »Was wollt Ihr denn, Ihr Humpelliese? Kümmert Euch doch um Eure Geschäfte! Ich werde wohl noch Handschuhe anziehen müssen, wenn ich sie züchtige? ... Das dient nur dazu, um sie munter zu machen; Ihr seht ja, ich will ihr nur zeigen, wie weit mein Arm reicht!« Nun holte er noch einmal aus und traf Lalie ins Gesicht. Die Oberlippe wurde ihr gespalten, so daß das Blut floß. Gervaise hatte einen Stuhl ergriffen und wollte sich damit auf den Schlosser stürzen. Aber die Kleine streckte bittend ihre kleinen Arme zu ihr empor und versicherte, daß ihr gar nichts sei und daß nun ja alles gut sei. Sie wischte mit dem Zipfel ihrer Schürze das Blut ab und beruhigte die Kinder, die heftig schluchzten, als ob sie den Hagel von Peitschenhieben bekommen hätten. Wenn Gervaise an Lalie dachte, so wagte sie nicht mehr zu klagen. Sie hätte wohl den Mut dieses achtjährigen Kindes haben mögen, das allein soviel zu erdulden hatte wie alle Frauen auf den verschiedenen Treppen. Sie hatte gesehen, wie sie während dreier Monate nur trockenes Brot zu essen hatte, aber selbst davon aß sie sich nicht einmal an den Krusten satt; sie war so mager und so schwach, daß sie sich an den Wänden stützen mußte, wenn sie ging; brachte sie ihr heimlich die Überreste einer Fleischmahlzeit, so brach ihr das Herz, wenn sie sie stumm, mit nassen Augen das Essen in kleinen Stücken herunterwürgen sah, weil ihr Schlund sich schon so verengt hatte, daß er die Nahrung kaum noch durchließ. Trotzdem war sie immer zärtlich und ergeben; mit einer Vernunft, die über ihre Jahre ging, erfüllte sie die Pflichten einer Familienmutter so weit, daß sie bei dieser Aufgabe ihr Leben opferte. So nahm sich denn Gervaise an diesem lieben Geschöpf ein Beispiel, wie man leiden und verzeihen müsse; von ihr lernte sie; wie sie ihre Leiden zu tragen habe. Lalie behielt noch immer in ihren großen, schwarzen Augen den stummen, ergebenen Blick, auf dessen Grunde man ahnte, daß ihr Leben eine immerwährende Nacht und ein ewiger Todeskampf sei. Nie kam eine Klage über ihre Lippen, nur in ihren weitgeöffneten schwarzen Augen las man die Geschichte ihres Elends. Jetzt fing in der Coupeauschen Familie das Gift des »Totschlägers« auch schon an, seine verderblichen Wirkungen zu zeigen. Die Wäscherin sah die Stunde herannahen, wo auch ihr Mann zur Peitsche greifen werde wie Bijard, um sie tanzen zu lassen. Das Unglück, das sie selbst bedrohte, machte sie natürlich teilnehmender für das Schicksal der Kleinen. Ja, Coupeau fing an einzugehen; die Zeit war vorbei, wo ihm der Trunk ein gesundes Aussehen gab. Er konnte sich jetzt nicht mehr auf den Bauch schlagen und lustig sagen, daß ihn der verdammte Suff fett mache, denn das ungesunde gelbe Fett der ersten Jahre war geschwunden, und er wurde mager, sein Fleisch nahm die grünen Töne eines Aases an, das in einer Wasserpfütze verfault. Er hatte allen Appetit verloren; nach und nach verging ihm der Geschmack am Brote, er war schon so weit gekommen, daß er die Speisen anspie. Man hätte ihm das Essen noch so sorgfältig bereiten können, sein Magen versagte den Dienst, seine Zähne wollten nicht mehr kauen. Um sich auf den Beinen zu erhalten, mußte er täglich seinen Schoppen Branntwein haben; das war seine Portion, sein Essen und sein Trinken, die einzige Nahrung, die er noch verdaute. Wenn er des Morgens aus dem Bette stieg, bog ihn wohl eine volle Viertelstunde ein starker Husten zusammen, und er klapperte mit den Knochen; er hielt sich den Kopf und spie Schleim und etwas Bitteres aus, was so ähnlich wie Koloquintensaft war und ihn in der Kehle kratzte; das blieb nie aus; man konnte jede Wette darauf eingehen. Erst wenn er sein erstes Tröstungsglas heruntergestürzt hatte, fühlte er sich auf seinen Beinen wieder sicher; es war für ihn wahre Medizin, deren Feuer ihm die Gedärme erwärmte. Im Laufe des Tages bekam er dann seine Kräfte wieder. Zuerst hatte er ein gewisses Jucken gespürt, Hautprickeln an Händen und Füßen; er lachte dazu und erzählte, daß man überallhin Krümel streue und daß seine Frau zwischen die Laken wahrscheinlich Haare lege, die ihn kitzelten. Dann aber wurden ihm seine Beine schwer; das Jucken hatte sich schließlich in abscheuliche Krampfanfälle verwandelt, die ihm die Glieder kniffen, als ob sie in einem Schraubstock steckten. Das kam ihm schon weniger spaßhaft vor. Jetzt lachte er nicht mehr, wenn er plötzlich mitten auf der Straße stehenbleiben mußte, weil er wie betäubt war, ihm die Ohren sausten und ihm vor den Augen Funken aufsprangen. Da sah er alles gelb, die Häuser tanzten, er schwankte für ein paar Sekunden und fürchtete niederzufallen. Ein andermal lief ihm am hellen lichten Tage ein Schauder das Rückgrat entlang von den Schultern bis nach unten, als ob ihm jemand Eiswasser in den Nacken gegossen habe. Am meisten ärgerte ihn, daß seine beiden Hände leicht zitterten; besonders die Rechte mußte irgend etwas Schlimmes gemacht haben, denn sie tanzte am lebhaftesten. In Himmels Namen! War er denn kein Mann mehr? Wurde er denn ein altes Weib? Wütend spannte er seine Muskel straff, er griff nach dem Glase und wettete, daß er es so unbeweglich halten werde, als ob seine Hand von Marmor sei; aber trotz all seiner Anstrengungen tanzte das Glas in seiner Rechten eine wahre Polka, es war ein ganz regelmäßiges, schnelles Zittern. Dann goß er es hinter die Binde und heulte wütend, daß er erst ein Dutzend trinken müsse; dann wolle er eine Tonne tragen, ohne daß sich ein Finger bewege. Gervaise sagte ihm, er solle im Gegenteil das Trinken aufgeben, wenn er nicht mehr zittern wolle. Er aber gab nichts darauf und trank den Branntwein literweise, um wieder in Übung zu kommen; er wütete und meinte, es seien die Omnibusse, die vorüberfuhren und ihn ins Schwanken brächten. Im Monat März kam Coupeau eines Abends bis auf die Knochen durchnäßt nach Hause. Er war mit Mes-Bottes von Montrouge gekommen, wo sie sich eine Aalsuppe geleistet hatten. Von der Fischerzollstation waren sie im Sturzregen gelaufen; es war ein hübsches Stück Weges. In der Nacht bekam er einen verdammten Husten; er war sehr rot, und ein heftiges Fieber brach bei ihm aus, so daß seine Seiten förmlich flogen. Als ihn am Morgen Boches Arzt gesehen und ihm den Rücken behorcht hatte, schüttelte er den Kopf und nahm Gervaise beiseite, um ihr zu raten, daß sie ihren Mann nur gleich in ein Krankenhaus bringen lassen möge, denn er habe eine Lungenentzündung. Gervaise war darüber gar nicht so böse. Früher hätte sie sich lieber in Stücke schneiden lassen als ihren Mann den Lazarettgehilfen anvertraut. Bei dem Unglück in der Volkstraße hatte sie ihre ganzen Ersparnisse aufgezehrt, um ihn zu pflegen. Aber diese schönen Empfindungen sind nicht mehr am Platze, wenn die Männer in den Schmutz heruntersinken. Nein, nein, jetzt fiel es ihr gar nicht ein, sich solches Ohrensausen zu machen; man konnte ihn ihr wegnehmen und nie wiederbringen, sie hätte noch »Danke schön!« dazu gesagt. Als nun aber doch der Krankenkorb kam und man Coupeau wie ein Möbel auflud, wurde sie ganz blaß und kniff die Lippen zusammen; und wenn sie sich es auch noch so oft vorstellte, daß es so am besten sei, ihr Herz war nicht dabei, und sie hätte gern zehn Franken in der Kommode gehabt, um ihn nicht fortzulassen. Sie ging mit ins Krankenhaus Lariboisière und sah zu, wie die Krankenwärter ihn zu Bette brachten; sie legten ihn an das Ende eines großen Saales, wo die Kranken in langer Reihe mit totengleichen Gesichtern lagen; sie richteten sich auf und folgten dem Kameraden, den man da brachte, mit den Augen. Es war eine hübsche Leichenhalle, ein Fieberdunst lag über dem Raum, daß man erstickte, und eine Schwindsuchtsmusik ließ den Besucher fast die Lungen ausspeien; bei alledem hatte der Saal Ähnlichkeit mit einem kleinen Friedhofe, die Reihe der weißen Betten war wie eine Reihe von Gräbern. Als sie sah, daß er ruhig auf dem Kissen liegenblieb, ging sie fort, ohne daß sie ein Abschiedswort gefunden hätte und ohne daß sie ihm etwas hätte dalassen können, was ihm zur Erleichterung gedient hätte. Als sie draußen vor dem Krankenhause war, wendete sie sich um und warf einen Blick auf das Gebäude. Sie gedachte dabei der vergangenen Zeiten, als Coupeau über den Rand des Daches gebeugt da oben seine Zinkplatten legte und dabei im Sonnenscheine sang. Damals trank er noch nicht; damals hatte er eine Farbe wie ein junges Mädchen, und sie von ihrem Fenster im Hotel »Zum guten Herzen« aus suchte ihn mit den Augen, ganz vom Himmel umgeben fand sie ihn; dann wehten sie beide mit ihren Taschentüchern und telegraphierten sich lächelnd Küsse zu. Ja, Coupeau hatte da oben gearbeitet, er hatte kaum daran gedacht, daß er auch für sich gearbeitet habe. Jetzt war er nicht auf den Dächern gleich munteren, zwitschernden Sperlingen; er hatte sein Nest im Hospital gebaut und würde wohl dort an seiner letzten Speckschwarte kratzen. Mein Gott! Wie doch die Zeit ihrer Liebe heute weit von ihnen zu liegen schien! Als Gervaise nach zwei Tagen wiederkam, um sich nach seinem Ergehen zu erkundigen, fand sie sein Bett leer. Eine der Schwestern erklärte ihr, daß man ihren Mann in das Annenasyl habe überführen müssen, weil er am Abend zuvor plötzlich entsetzlich zu toben angefangen habe. Oh! Er sei vollständig aus sich herausgegangen; er habe die beste Lust, sich den Kopf an der Wand zu zerspalten und heule, daß keiner von den anderen Kranken habe schlafen können. Das komme vom Trunk, wie es scheine. Die Trunksucht, die ihm heimlich im Körper stecke, nehme die Gelegenheit wahr und greife seine Nerven in dem Augenblick an, wo die Lungenentzündung ihn kraftlos zu Boden geworfen habe. Die Wäscherin ging ganz zerschmettert nach Hause. Ihr Mann war also jetzt verrückt! Das Leben wurde doch gar zu seltsam, wenn man es so gehen ließ, wie es wollte. Nana schrie, man müsse ihn im Krankenhause lassen, sonst werde er sie noch beide umbringen! Erst am Sonntag konnte sich Gervaise ins Annenasyl begeben; es war eine wahre Reise. Glücklicherweise ging der Omnibus, der vom Boulevard Rochechouart nach dem Eiskeller führte, am Asyl vorbei. Sie stieg in der Gesundheitsstraße ab und kaufte zwei Apfelsinen, um nicht mit leeren Händen zu kommen. Das Asyl war wieder so ein Gebäude mit grauen Höfen und unendlichen Gängen; ein Geruch wie von alten, verdorbenen Arzneien brachte keine besonders heitere Stimmung hervor. Als man sie schließlich in eine Zelle eintreten ließ, war sie überrascht, Coupeau beinahe wieder ganz munter zu sehen. Er saß gerade auf dem Thron, einem sehr sauberen Holzkasten, von dem nicht der geringste Geruch ausging. Sie lachten darüber, daß sie sich so wiedersahen, wo gerade das Loch in seinem Ballon sich in frischer Luft und voller Tätigkeit befand. Nicht wahr? Benahm er sich nicht als Kranker ausgezeichnet? Er hatte sich da festgesetzt wie ein Papst, und sein Redestrom von früher floß wieder munterer als je. Oh! Es ging ihm besser, seit er damit wieder in Ordnung kam. »Und die Entzündung!« fragte die Wäscherin. »Rein weg!« antwortete er. »Sie haben es mir im Handumdrehen weggebracht! Ich huste noch ein bißchen, aber es ist nur so das letzte vom Ausfegen.« Als er seinen Thron verließ und sich wieder in sein Bett legte, spaßte er weiter: »Du hast eine tüchtige Nase und hast keine Furcht, eine Prise mitzunehmen!« Das belustigte sie noch mehr. Im Grunde freuten sie sich; es war so ihre Art, sich ihre gegenseitige Zufriedenheit zu bezeigen, daß sie, ohne davon zu sprechen, auf so feine Weise scherzten. Man muß einmal Kranke gepflegt haben, um zu wissen, was für eine Freude es ist, wenn man sie wieder so nach allen Seiten hin tätig sieht. Als er wieder im Bett war, gab sie ihm die beiden Apfelsinen, was ihn sehr rührte. Er wurde wieder liebenswürdig und anhänglich, seit er Tee trank und sein Herz nicht auf den Schanktischen der Schnapsbuden zurückließ. Sie getraute sich endlich, ihm von seiner Geistesverwirrung zu sprechen, und war überrascht, ihn ganz so wie in alten Zeiten vernünftig reden zu hören. »Ja, ja!« sagte er, wobei er sich über sich selbst lustig machte, »ich habe schönen Unsinn geredet! ... Denke dir, daß ich Ratten sah; ich lief ihnen auf allen vieren nach, um ihnen Salz unter den Schwanz zu streuen, und du, du riefst nach mir, du warst von Männern bedroht, kurz, alle möglichen Dummheiten, ich sah Geister am hellen Tage ... Oh! Ich habe alles sehr gut behalten, der alte Gedankenkasten ist noch ziemlich solide ... Jetzt ist es vorbei, ich träume wohl, wenn ich einschlafe, ich habe Alpdrücken, aber das haben ja fast alle Leute!« Gervaise blieb bis zum Abend bei ihm. Als der Unterarzt um sechs Uhr zur Visite kam, ließ er ihn die Hände ausstrecken; sie zitterten fast gar nicht mehr, nur noch an den Fingerspitzen ein klein wenig. Als aber die Nacht hereinbrach, wurde Coupeau nach und nach unruhiger. Er stand zweimal von seinem Lager auf und blickte auf die Erde und in die dunklen Ecken des Raumes. »Was hast du?« fragte Gervaise erschreckt. »Da sind schon wieder Ratten!« murmelte er. Nach einigem Schweigen schien er einzuschlafen, aber er warf sich herum und sprach abgerissene Worte. »Heiliger Himmel! Sie fressen mir die Haut durch! ... Oh! Die ekelhaften Tiere! ... Halt fest! Nimm deine Röcke zusammen! Passe doch auf, die Bande ist ja hinter dir! ... Donnerwetter! Da haben sie sie umgeschmissen und die Ekel lachen noch! ... Ekelhafte Bande! Haufen Ungeziefer! Räuberbande!« Er führte Schläge ins Leere, zog seine Decke an sich und rollte sie auf seiner Brust zusammen, als ob er damit seine Frau gegen einen Haufen bärtiger Männer beschützen wolle, die ihr Gewalt antaten. Als ein Wärter herbeikam, zog sich Gervaise, ganz erstarrt von dieser Szene, zurück. Als sie nach einigen Tagen wiederkam, fand sie Coupeau vollständig wiederhergestellt. Selbst die Träume und das Alpdrücken waren vergangen, er schlief wie ein Kind seine sechs Stunden, ohne ein Glied zu rühren. Man gestattete seiner Frau, ihn mit nach Hause zu nehmen. Nur daß der Unterarzt ihr beim Hinausgehen noch gute Lehren mit auf den Weg gab und ihr riet, darüber nachzudenken. Wenn er wieder zu trinken anfange, verfalle er wieder in die Krankheit und müsse unrettbar daran sterben. Das habe er ganz allein in der Hand. Er habe jetzt gesehen, wie frisch und munter man werden könne, wenn man sich nicht betrank. Er solle also zu Hause das mäßige Leben im Annenasyl fortführen und sich einbilden, daß er noch immer hinter Schloß und Riegel sei, und daß es gar keine Wein- und Schnapshändler gebe. »Der Herr hat recht!« sagte Gervaise im Omnibus, der sie nach der Goldtropfengasse zurückbrachte. »Gewiß hat er recht!« antwortete Coupeau. Als er dann einen Augenblick nachgedacht hatte, meinte er: »Oh! Ein kleines Glas hie und da, kann ja keinen Menschen töten, es hilft verdauen!« Noch an demselben Abend trank er ein kleines Glas Kümmel zur Verdauung. Acht Tage lang zeigte er sich noch leidlich vernünftig. Eigentlich war er sehr furchtsam und der Gedanke, im Arbeitshause zu enden, hatte für ihn wenig Erfreuliches. Aber schließlich gewann seine Leidenschaft die Oberhand, dem ersten Glas Schnaps folgte ein zweites, drittes und viertes; sowie der Zahltag herankam, war er schon wieder bei seiner gewöhnlichen Ration, einem Schoppen Rachenputzer täglich, angekommen. Gervaise war so außer sich, daß sie ihm am liebsten den Schädel eingerannt hätte. Wie konnte sie nur so dumm sein und noch einmal von einem ehrbaren, anständigen Leben träumen, als sie ihn im Asyl bei vollem Verstande gesehen hatte! Da war wieder einmal eine frohe Stunde vorübergehuscht, sicherlich die letzte! Jetzt, wo sie sah, daß nichts ihn heilen konnte, nicht einmal die Furcht vor einem elenden Elende; jetzt schwor sie sich zu, auch keine Rücksichten mehr zu nehmen; jetzt mochte die Wirtschaft gehen wie sie wollte, sie kümmerte sich nicht mehr darum, sie gab sich das Wort, auch das Vergnügen zu suchen, wo es auch sei. Das Leben, das jetzt begann, war die Hölle; tiefer und tiefer versank die Familie im Schmutz, ohne einen Schimmer von Hoffnung, daß es je besser werden würde. Wenn Nana von ihrem Vater geschlagen worden war, fragte sie wütend, warum denn dieses Vieh nicht im Krankenhause geblieben sei? Sie sagte, sie warte nur darauf, Geld zu verdienen und es ihm zu geben, damit er sich dafür Branntwein kaufen könne und desto schneller zugrunde gehe. Als Coupeau eines Tages bedauerte, Gervaise geheiratet zu haben, wurde auch sie aufgebracht. Was? Sie habe ihm zugebracht, was andere nicht mehr wollten! Sie habe sich von der Straße auflesen lassen, sie habe ihn mit ihrer scheinheiligen Miene verlockt! In Teufels Namen! An Unverschämtheit fehle es ihm nicht! Soviel Worte, soviel Lügen! Sie wolle nichts von ihm wissen, das sei die Wahrheit! Auf seinen Knien sei er vor ihr umhergerutscht, um sie zur Entscheidung zu drängen, während sie ihm riet, sich die Sache recht ordentlich zu überlegen! Wenn es noch einmal zu machen sei, wie werde sie nein sagen! Lieber lasse sie sich einen Arm abhacken! Es sei wahr, sie habe den Mond schon gesehen, ehe sie ihn kannte, aber eine Frau, die nicht als Jungfer in die Ehe komme und arbeite, sei immer noch mehr wert als eine Puppe von Mann, der seine Ehre und die seiner Familie an allen Schanktischen beschmutze. An diesem Tage gab es bei den Coupeaus die erste regelrechte Prügelei, es wurde so fest zugeschlagen, daß dabei ein alter Regenschirm und ein Besen zerbrachen. Gervaise hielt Wort. Sie vernachlässigte sich mehr und mehr und sank immer tiefer; immer öfter blieb sie von der Arbeit fort und vertrödelte ganze Tage. Bei der Arbeit wurde sie so weich wie Wachs; wenn ihr etwas aus der Hand fiel, so konnte es ruhig auf der Erde liegenbleiben, sie bückte sich nicht danach, um es aufzuheben. Sie setzte an den Rippen immer mehr Fett an, diesen Speck wollte sie sich nicht abarbeiten. Sie versank so in Faulheit, daß sie keinen Besen ansetzte, wenn nicht der Schmutz so hoch lag, daß sie darüber fallen mußte. Wenn die Lorilleux' an ihrem Zimmer vorübergingen, so taten sie so, als ob sie sich die Nase zuhielten, es sei das reine Gift, sagten sie. Sie lebten heimlich da hinten am Ende des Flures und verschlossen die Ohren vor all dem Elend, das hier in dieser Ecke des Hauses nistete, sie öffneten nie ihre Tür, wenn sie ahnten, daß sie mit einem Zwanzigsousstück aushelfen sollten. Es waren gutherzige Menschen; hilfreiche Nachbarn! Ja, die waren zärtlich!! Man brauchte nur anzuklopfen; wenn man Feuer haben wollte, eine Prise Salz oder eine Karaffe Wasser verlangte, war man sicher, daß einem die Tür vor der Nase zugeworfen wurde. Dabei hatten sie wahre Natternzungen; sie schrien, daß sie sich nie um die anderen bekümmerten; ja, wenn es sich darum handelte, den Nachbarn zu helfen, dann gewiß nicht, aber vom Morgen bis zum Abend waren sie geschäftig, über ihre Nächsten herzufallen. Wenn die Tür verschlossen war, vor dem Fenster eine dicke Decke hing und zum Überfluß auch das Schlüsselloch noch verstopft war, dann weideten sie sich an den Klatschgeschichten, ohne ihre Goldfäden auch nur einen Augenblick zu verlassen. Das Zugrundegehen der Humpelliese gab ihnen Stoff, den ganzen Tag lang sich zu erfreuen; es tat ihnen so wohl, als ob man einen Kater streichelt. Kinder! Was war das für eine ewige Klemme! Wie kamen die Leute herunter! Sie paßten ihr auf, wenn sie Lebensmittel kaufte und lachten über die ganz kleinen Stücke Brot, die sie unter ihrer Schürze heimbrachte. Ja, sie berechneten die Tage, wo sie vor dem leeren Speiseschrank standen; sie wußten ganz genau, wie dick der Staub dort lag und wie viele Teller vergeblich auf das Abwaschen warteten; jede dieser Vernachlässigungen, die das Elend und die Faulheit mit sich bringt, wurde von ihnen an die große Glocke gehängt. Und wie ging sie angezogen! So ekelhafte Lappen würde ja keine Lumpensammlerin aufgehoben haben! Heiliger Himmel! Der regnete es gut in die Bude, dieser schönen Blondine, diesem Tugendspiegel, die früher ihren Hintern gar nicht stolz genug drehen und wenden konnte, als sie noch den schönen blauen Laden hatte. Da konnte man sehen, wo es schließlich hinführt, wenn man so naschhaft ist, gern Liköre trinkt und Fressereien veranstaltet. Gervaise, die wohl wußte, wie sie sie zurichteten, zog ihre Schuhe aus und schlich sich auf Strümpfen an die Tür, aber sie konnte der Decken wegen nichts hören; nur einmal überraschte sie sie dabei, wie sie sie »dicke Säugeamme« nannten, vermutlich weil die Brust trotz der schlechten Nahrung, die ihre Haut zusammenschrumpfen ließ, auffallend stark blieb. Übrigens ließ sie es ziemlich kalt, sie hörte nicht auf, mit ihnen zu sprechen, um keinen Anlaß zu Gerede zu geben; aber sie wußte wohl, daß sie von so schmutzigem Volk nichts als Beleidigungen und Beschimpfungen zu erwarten hatte; sie war zu schlaff, um ihnen auch nur zu antworten oder sie wie einen Haufen von Torheit und Bosheit sich selbst zu überlassen. Und wozu auch? Sie trachtete nach ihrer Behaglichkeit, still auf einem Fleck zu sitzen und die Daumen umeinander zu drehen, wenn es einmal ein bißchen gut ging, mehr verlangte sie nicht. Eines Sonnabends hatte Coupeau versprochen, sie in den Zirkus zu führen. Das war doch einmal eine Sache, wegen der es sich lohnte, daß man sich rührte! Damen auf Pferden galoppieren und durch papierbeklebte Reifen springen zu sehen! Coupeau hatte gerade seinen vierzehntägigen Lohn ausgezahlt bekommen, er könnte also die vierzig Sous dranwenden; ja sie hatten sich sogar vorgenommen, außer dem Hause zu essen. Nana hatte an diesem Abend eines eiligen Auftrages wegen sehr lange zu arbeiten. Als es sieben Uhr geworden war, sah man noch nichts von Coupeau, um acht Uhr war noch immer niemand da. Gervaise war wütend. Sicherlich verpraßte ihr Saufbold den ganzen Lohn mit seinen Kameraden bei den Weinwirten im Stadtviertel. Sie hatte sich eine Haube gewaschen und quälte sich schon den ganzen Tag mit den Löchern eines alten Kleides, weil sie anständig erscheinen wollte. Um neun Uhr endlich entschloß sie sich, mit leerem Magen und rot vor Zorn in der Umgegend nach Coupeau auf die Suche zu gehen. »Ihr sucht Euern Mann?« rief ihr Madame Boche zu, als sie sie so ärgerlich vorbeigehen sah. »Er ist bei dem Vater Colombe. Boche hat eben mit ihm Kirschschnaps getrunken!« Sie sagte: »Danke schön!« Dann ging sie gerade die Straße hinab, um Coupeau mitten im besten zu überfallen. Es regnete ganz fein, was ihren Spaziergang noch unangenehmer machte. Als sie vor dem »Totschläger« angekommen war, machte sie die Furcht, daß es eine Szene geben könne, wenn sie ihren Mann dort überfalle, plötzlich ruhig und vorsichtig. Der Laden strahlte, alles Gas brannte mit sonnenhellen Flammen, die Flaschen und Pokale blitzten an den Wänden mit ihren farbigen Gläsern. Sie blieb dort einen Augenblick vorgebeugt stehen und blickte durch die Scheibe zwischen zwei Flaschen auf dem Schaufensterbrett hindurch. Sie entdeckte Coupeau ganz hinten, er saß mit Kameraden um einen der kleinen Eisentische; alle schwammen gleichsam in dem blauen Tabaksdampf. Da man nicht hören konnte, wie sie schrien, so machte es einen drolligen Eindruck, wenn man sie so lebhaft mit vorgestreckten Köpfen und herausgequollenen Augen die Hände bewegen sah. Wie war es in aller Welt nur möglich, daß diese Männer ihre Frauen und ihr Heim verlassen konnten, um sich in ein solches Loch hineinzupferchen, wo sie erstickten? Der Regen lief ihr in den Nacken; so richtete sie sich wieder auf und ging auf den äußeren Boulevard, um zu überlegen, was sie zu tun habe, da sie doch nicht einzutreten wagte. Nein, wahrlich, das schien denn doch kein Ort für eine ehrbare Frau zu sein! Coupeau würde ihr einen schönen Empfang bereitet haben, er wollte nicht, daß man ihn da störe. Als sie so unter den ganz naß geregneten Bäumen zögernd dahinging, überlief sie ein leichter Schauder, und sie meinte, sie werde sich ordentlich etwas holen. Noch zweimal ging sie zurück und blickte unverwandt durch die Scheibe, wo sie zu ihrem Ärger die verdammten Säufer noch immer heulen und trinken sah. Der Lichtstrom aus dem »Totschläger« spiegelte sich in den Wasserpfützen auf der Straße, auf deren Oberfläche die Regentropfen eine fortwährende prickelnde Bewegung hervorbrachten. Wieder ging sie fort und patschte da herum, wenn die Tür sich öffnete und zufiel, wobei ihre kupfernen Beschläge klappten. Schließlich meinte sie, sie sei doch zu dumm, stieß die Tür auf und ging gerade auf den Tisch los, an dem Coupeau saß. Wenn man alles recht bedachte, war er doch immer ihr Mann, nicht wahr? Nach ihm durfte sie doch fragen, und besonders heute hatte sie ein Recht dazu, weil er versprochen hatte, sie in den Zirkus zu führen. Um so schlimmer! Sie hatte keine Lust, wie ein Stück Seife auf dem Trottoir zu zerschmelzen. »Ah, sieh da! Du bist es, Alte!« schrie der Zinkarbeiter, wobei er fast vor Lachen erstickte. »Ist die komisch! Ei der tausend! ... Nicht wahr, sie ist zu komisch?« Alle lachten, Mes-Bottes, Bibi-la-Grillade, Sauf-aus-ohne-Durst. Ja, es kam ihnen allen komisch vor, obgleich sie nicht sagten, weshalb. Gervaise stand ein wenig betäubt bei dem Tische. Coupeau schien ihr bei sehr guter Stimmung zu sein, und so wagte sie zu sagen: »Du weißt doch, wir wollten dahin gehen! Wir müssen uns ein bißchen eilen, dann kommen wir noch früh genug, um die Geschichte zu sehen!« »Ich kann nicht aufstehen, ich bin festgeklebt! Oh ohne Spaß!« fing Coupeau, immer aufs neue lachend, wieder an. »Versuche mal selbst, damit du dich überzeugst, zieh an meinem Arm, so stark du kannst! Donnerwetter! Viel stärker! Holla! Heb' an! ... Du siehst, dieser Schuft, der Vater Colombe, hat mich an seine Bank geschmiedet!« Gervaise hatte sich zu diesem Spiel herbeigelassen; als sie endlich seinen Arm losließ, fanden sie den Spaß so ausgezeichnet, daß sich kreischend einer auf den andern warf und sich Schulter an Schulter rieb wie Esel, wenn sie gestriegelt werden. Dem Zinkarbeiter stand vor allem Lachen der Mund so weit offen, daß man ihm bis in den Schlund hineinsah. »Dummes Tier!« sagte er endlich, »du kannst dich ganz gut für eine Minute hierher setzen! Es ist hier besser, als da draußen herumzupatschen ... Nu ja, ich bin nicht nach Hause gekommen, ich habe zu tun gehabt. Wenn du auch dein Gesicht aufsetzest, es ändert nichts an der Sache ... Macht mal Platz, ihr anderen!« »Wenn Madame auf meinem Schoß Platz nehmen möchte, da ist es weicher!« sagte der galante Mes-Bottes. Gervaise, die kein Aufsehen machen wollte, nahm einen Stuhl und setzte sich in einiger Entfernung vor dem Tische nieder. Sie sah sich an, was die Männer tranken: Rachenputzer, es glänzte wie Gold in den Gläsern. Auf dem Tisch war etwas Schnaps übergelaufen, dahinein tauchte Salzschnabel beim Sprechen seinen Finger und schrieb einen Frauennamen: Eulalie, mit großen Buchstaben. Sie fand, daß Bibi-la-Grillade höllisch heruntergekommen aussah, er war magerer als eine Hopfenstange. Mes-Bottes' Nase blühte wie eine blaue Georgine. Sie waren alle vier sehr schmutzig, ihre struppigen ungekämmten Bärte sahen wie Strauchbesen aus, ihre Blusen hingen in Fetzen um sie herum, und wenn sie ihre schwarzen Pfoten vorstreckten, so hatten alle Nägel die tiefste Trauer angelegt. Wahrlich, in der Gesellschaft konnte man sich noch zeigen! Obgleich sie da schon von sechs Uhr an zechten, blieben sie doch noch ganz anständig, sie waren erst gerade soweit, daß sie ihrer liebenswürdigen Laune die Zügel schießen ließen. Gervaise sah auch zwei andere, die am Schanktisch standen und im Begriff waren, sich den letzten Rest zu geben; sie waren so blau, daß sie sich die Gläser mit Schnaps unter dem Kinn aufs Hemd gossen und glaubten doch, sie spülten sich die Kehle aus. Der dicke Vater Colombe streckte seine ungeheuren Arme aus, die den Respekt im Lokale aufrecht erhielten, und goß ruhig einen Satz nach dem andern ein. Es war sehr heiß, der Rauch aus den Pfeifen stieg in der blendenden Helligkeit der Gasflammen auf und wogte unter der Decke wie ein Nebel; unten hüllte er die Trinker in immer dickere Wolken ein, aus denen der betäubende Lärm der Stimmen das Anstoßen der Gläser, Flüche und Faustschläge auf die Tische, die wie Schüsse dröhnten, heraustönten. Gervaise machte zu all diesen Dingen ein merkwürdiges Gesicht; denn solcher Anblick ist nicht gerade sehr aufmunternd für eine Frau, die an so etwas nicht gewöhnt ist; sie erstickte fast, die Augen schmerzten sie und von all den Alkoholdünsten, die den ganzen Saal erfüllten, war ihr der Kopf schon schwer geworden. Plötzlich empfand sie ein noch größeres Gefühl von Unbehagen, es beunruhigte sie etwas hinter ihrem Rücken. Als sie sich umwandte, sah sie den Destillierapparat. Diese Sufferzeugungsmaschine arbeitete auf dem mit Glas überdeckten engen Hofe mit dem dumpfen Zittern ihrer höllischen Eingeweide. Am Abend waren die kupfernen Kessel noch düsterer anzuschauen, weil sich nur oben auf ihren Rundungen ein breites, leuchtendes Licht zeigte; der Schatten, den der Apparat an die Mauer des Hofes warf, hatte die seltsamsten Formen; es sah aus wie geschwänzte Ungeheuer, die ihre Rachen weit aufsperrten, um eine Welt zu verschlingen. »Höre mal, du süßmäulige Marie, tue hier nur nicht etwa beleidigt!« schrie Coupeau. »Du weißt doch, die Spaßverderber mögen zum Teufel gehen! ... Was willst du trinken?« »Oh! gar nichts!« antwortete die Wäscherin. »Ich habe noch nichts zu Mittag gegessen!« »Das ist ein Grund mehr; so ein Schluck hält dich aufrecht.« Als sie sich immer noch nicht entschließen konnte, zeigte sich Mes-Bottes wiederum galant. »Madame liebt doch gewiß Süßigkeiten?« meinte er. »Ich liebe Männer, die sich nicht betrinken!« antwortete sie ganz böse. »Ja, ich liebe es, wenn man seinen Lohn nach Hause bringt und sein Wort hält, wenn man etwas versprochen hat!« »Also das macht dich so kratzbürstig?« sagte der Zinkarbeiter, ohne mit dem Lachen aufzuhören. »Du willst deinen Anteil? Nun denn, du dumme Gans, warum nimmst du denn nichts an? ... Trinke nur, es ist alles rein gefunden!« Sie sah ihm mit ernster Miene gerade in die Augen, dabei legte sich auf ihre Stirn eine Falte wie ein schwarzer Strich. Dann antwortete sie sehr langsam: »Sieh einmal an! Du hast recht, es ist ein guter Gedanke! Auf die Art vertrinken wir das Geld zusammen!« Bibi-la-Grillade stand auf, um ihr ein Glas Anislikör zu holen. Sie rückte ihren Stuhl heran und nahm am Tische Platz. Während sie so ihren Anislikör ausschlürfte, kam ihr plötzlich eine Erinnerung: sie dachte an die Pflaume, die sie mit Coupeau bei der Tür gegessen hatte, als er noch um sie warb. Damals rührte sie die Soße der eingelegten Früchte nicht an, und jetzt saß sie und suchte im Likör ihr Heil. Oh! sie kannte sich gut, sie hatte nicht für zwei Sous Energie im Leibe. Man brauchte ihr nur noch einen kleinen Stoß zu geben, und sie würde gewiß in den Abgrund des Trunks hinabstürzen. Das schien sogar recht gut zu sein; der Anislikör war vielleicht ein wenig zu süß, zu weichlich. So schlürfte sie an ihrem Glase und hörte zu, wie Sauf-aus-ohne-Durst von seiner Liebschaft mit der großen Eulalie erzählte: sie war Fischverkäuferin und ein ganz verdammt geriebenes Frauenzimmer, eine Person, die es förmlich roch, bei welchem Weinwirt er gerade saß, wenn sie ihren kleinen Wagen vor sich her über das Pflaster schob; da konnten die Kameraden ihn noch so zeitig warnen und verstecken, sie faßte ihn doch ab, ja sie hatte ihm sogar am Abend zuvor eine ordentliche Knallschote verabfolgt, um ihn dafür zu strafen, daß er die Werkstatt geschwänzt hatte. Das war eine schnurrige Geschichte! Bibi-la-Grillade und Mes-Bottes hielten sich vor Lachen die Seiten und schlugen Gervaise freundschaftlich auf die Schultern, die auch schon gegen ihren Willen mitlachen mußte, als ob sie gekitzelt werde; sie gaben ihr den Rat, dem Beispiel der großen Eulalie zu folgen, ihre Eisen mitzubringen und Coupeau die Ohren auf den Schanktischen festzubügeln. »Nun sieh doch mal einer an!« schrie Coupeau, der das Glas umkehrte, das seine Frau getrunken hatte. »Das hast du ja recht hübsch ausgelutscht! Seht doch mal her, da kann man die Nagelprobe machen!« »Nimmt Madame noch einen?« fragte Salzschnabel, genannt Sauf-aus-ohne-Durst. Nein, sie hatte genug davon! Sie zögerte, als sie es sagte. Der Anislikör war so weichlich und machte ihr übel. Sie hätte lieber etwas Strammes genommen, das ihr den Magen auswärmte. Sie warf verstohlene Blicke auf die große Maschine hinter sich. Dieser verdammte Kochtopf war rund und dick wie der Bauch eines Teekessels und seine Nase verlängerte und wand sich, daß ihr ein Schauder über den Rücken lief und sie eine sonderbare Furcht erfaßte, in die sich doch eine gewisse Begierde mischte. Man sollte meinen, daß da die metallenen Gedärme einer großen Hexe arbeiteten, die Tropfen für Tropfen das feurige Gift aus ihren Eingeweiden herauslaufen ließ. Es war eine hübsche Quelle, die Tod und Verderben spie; diese Maschine hätte man im tiefsten Keller verbergen sollen, so frech und abscheulich war sie! Aber dessenungeachtet wollte sie doch ihre Nase da hineinstecken, den Duft einziehen, von der Abscheulichkeit kosten, wenn sie auch ihre Zunge so daran verbrennen würde, daß sich die Haut davon schälte wie von einer Orange. »Was trinkt ihr denn da?« fragte sie heimlich die Männer, wobei ihre Augen ordentlich leuchteten bei dem Anblick der schönen Goldfarbe in den Gläsern. »Das, Alte,« antwortete Coupeau, »ist Papa Colombes Kampfer ... Du wirst doch nicht dumm sein, nicht wahr? Wir wollen dich davon kosten lassen!« Als man ihr ein Glas von dem Vitriol gebracht hatte und sich ihr nach dem ersten Schluck die Kinnbacken zusammenzogen, rief der Zinkarbeiter, indem er sich auf die Seiten schlug: »Nun! so einen zu pfeifen, das kuriert! ... Auf einen Zug mußt du es hinuntergießen! Jeder Satz von dem Zeug zieht dem Arzt einen Sechsfrankentaler aus der Tasche!« Beim zweiten Glase fühlte Gervaise den Hunger nicht mehr, der sie bis dahin gepeinigt hatte. Jetzt war sie mit Coupeau ausgesöhnt, jetzt verzieh sie ihm, daß er ihr nicht Wort gehalten hatte, sie konnten ja ein andermal in den Zirkus gehen; es war ja auch gar nicht so interessant, die Faxenmacher anzusehen, die auf den Pferden umhersprangen. Bei Vater Colombe regnete es nicht, und wenn auch der Lohn wegschmolz wie Schnee an der Sonne, so wärmte man sich wenigstens den Leib damit, man trank ihn feucht und glänzend wie flüssiges Gold. Oh! sie pfiff auf die Meinung der Leute! Das Leben bot ihr nicht so viel Vergnügen; übrigens schien es ihr ein wahrer Trost zu sein, daß sie jetzt an dem Geldvergeuden zur Hälfte beteiligt war, sie fühlte sich wohl da, warum sollte sie nicht bleiben? Ihretwegen konnte man jetzt Kanonen abschießen, sie rührte sich nicht gern, wenn sie einmal irgendwo saß; sie schmorte förmlich in der Hitze, ihre Taille klebte ihr fest am Körper und eine Wohligkeit war über sie gekommen, die ihre Glieder halb und halb einschläferte. Sie lachte ganz ohne Grund mit auf den Tisch gestemmten Ellenbogen und schwimmenden Augen. Zwei der Gäste amüsierten sie sehr, ein großer Dicker und ein Knirps, die an einem Nebentisch sich fortwährend umarmten und gerade ins Gesicht küßten, so betrunken waren sie. Ja, sie lachte im »Totschläger« über das Vollmondsgesicht des Vater Colombe, das wie eine gefüllte Schweinsblase aussah, über die Gäste, die ihre kurzen Tonpfeifen rauchten, schrien und spuckten, über die großen Gasflammen, die von den Spiegeln und Likörflaschen widerstrahlten. Der Geruch war ihr nicht mehr lästig; im Gegenteil, ihre Nase wurde gekitzelt, sie fand, daß es gut rieche; ihre Wimpern schlossen sich zur Hälfte, sie atmete sehr kurz, aber ohne Beschwerde, und genoß die Glückseligkeit eines wonnigen Halbschlafes, der sie überkam. Als sie ihr drittes Glas getrunken hatte, ließ sie ihr Kinn auf die Hände fallen. Sie sah jetzt nur noch Coupeau und seine Kameraden; sie blieb da Kopf an Kopf mit ihnen, ganz dicht, der heiße Atem machte ihre Backen glühend, und ihre schmutzigen Bärte betrachtete sie so genau, als ob sie alle Haare habe zählen wollen. Um diese Stunde waren sie alle schon sehr betrunken. Mes-Bottes sabberte mit der Pfeife im Munde und sah dabei so ernst und würdig aus wie ein eingeschlafener Ochse. Bibi-la-Grillade erzählte eine Geschichte, wie er ein Liter auf einen Zug austrinken könne, indem er der Flasche so einen herzhaften Kuß gebe, daß er ihr durch den Hintern gucke. Mittlerweile war Sauf-aus-ohne-Durst an den Schanktisch gegangen, um dort das Drehlotto zu holen und mit Coupeau die Zeche auszuspielen. »Zweihundert! ... Du bist ein Spitzbube, du holst immer die großen Nummern vor!« Die Feder des Drehlottos knackte, das Bild der Glücksgöttin, einer großen, roten Frau, die hinter Glas an der Trommel angebracht war, drehte sich so schnell, daß sie nur wie ein einziger roter Fleck aussah, der von ausgegossenem Wein herrührte. »Dreihundert! ... Wo hast du denn hineingetreten, verdammter Kommisknüppel? Ach was! ich spiele nicht mehr!« Gervaise interessierte sich für das Drehlotto. Sie trank jetzt in großen Zügen und nannte Mes-Bottes »mein lieber Sohn«. Hinter ihr arbeitete die Schnapsmaschine mit dem Murmeln eines unterirdischen Baches immer weiter; sie verzweifelte daran, sie anzuhalten und auszuschöpfen, ein dumpfer Zorn erfüllte sie gegen diese Maschine, sie hatte die schönste Lust, wie auf ein wildes Tier auf sie loszuspringen und ihr mit Fußtritten den Bauch zu sprengen. Alles fuhr bei ihr wirr durcheinander, sie sah, wie die Maschine sich bewegte, und fühlte, wie ihre eisernen Arme sie ergriffen, während der Bach jetzt mitten durch ihren Körper zu fließen schien. Der Saal tanzte mit seinen Gasflammen, die wie Kometen umherschweiften. Gervaise war ganz fertig. Sie hörte noch einen wütenden Streit zwischen Sauf-aus-ohne-Durst und diesem verdammten Vater Colombe. Es war ein Spitzbube von Wirt, der aufschrieb, was er wollte! Man war doch hier nicht, um sich prellen zu lassen! Aber plötzlich entstand ein Stoßen, man hörte heulen und schreien, und mehrere Tische wurden umgeworfen. Das kam daher, daß der Vater Colombe die Gesellschaft an die Luft setzte; er tat es ohne den geringsten Verzug, nur so im Handumdrehen. Vor der Tür schimpften sie weiter auf ihn und nannten ihn einen Betrüger. Es regnete immer noch, und ein feiner, eisiger Wind wehte. Gervaise verlor Coupeau, fand ihn wieder und verlor ihn noch einmal. Sie wollte nach Hause gehen und befühlte die Läden, um daran ihren Weg zu erkennen. Sie war sehr erstaunt darüber, daß es plötzlich so ganz Nacht geworden war. An der Ecke der Fischerstraße setzte sie sich in einen Rinnstein, weil sie glaubte, daß sie im Waschhause sei. Alles fließende Wasser machte sie schwindelig, und ihr wurde sehr übel. Endlich kam sie an ihr Haus, sie ging gerade an dem Pförtnerzimmer vorbei, wo sie sehr gut die Lorilleux und die Poisson erkannte, die da am Tisch saßen und vor Ekel ihre Gesichter verzogen, als sie sie in solchem Zustand ankommen sahen. Nie ist es ihr klar geworden, wie sie die sechs Treppen hinaufgekommen ist. Als sie oben war und in ihren Flur einbog, lief die kleine Lalie auf sie zu, die ihren Schritt auf der Treppe gehört hatte, breitete ihre Ärmchen zärtlich aus und rief lachend: »Frau Gervaise, Papa ist nicht nach Hause gekommen! Tretet doch näher und seht, wie süß die Kinder schlafen ... Oh! Die sind so hübsch anzusehen!« Als sie aber dem stumpfen Gesicht der Wäscherin gegenüberstand, wich sie zitternd zurück. Sie kannte diesen alkoholgeschwängerten Atem, diese erloschenen Augen und diesen zuckenden Mund. Als Gervaise, ohne ein Wort zu sprechen, vorüberstolperte, blieb die Kleine auf der Schwelle ihrer Tür stehen und folgte ihr mit dem stummen, ernsten Blick ihrer schwarzen Augen. Elftes Kapitel. Nana wuchs heran und wurde eine Dirne. Mit fünfzehn Jahren war sie aufgeschossen wie ein Kalb, sehr weiß von Fleisch, sehr fett und so üppig, daß man sagen konnte, sie sei ein Ball. Ja, ja, so war sie, fünfzehn Jahre, alle Zähne und kein Korsett. Ein richtiges Dirnengesicht, wie in Milch getaucht, eine sammetweiche Haut wie ein Pfirsich, eine lustige Nase, ein rosiger Schnabel und Guckaugen so hell, daß die Männer Lust bekamen, ihre Pfeifen daran anzuzünden. Ihr Haufen blonder Haare hatte die Farbe reifen Hafers und schien ihr Goldstaub auf die Schläfe zu werfen, dabei hatte das Haar rötliche Lichter, die sie manchmal mit einer Krone von Sonnenstrahlen umgeben erscheinen ließen. Sie war eine nette Pflanze! wie die Lorilleux' sagten, eine Rotzliese, der man noch hätte die Nase schnauben können, und deren breite Schultern so rund und voll waren und so viel Reife zeigten wie bei einer fertigen Frau. Jetzt steckte sich Nana keine Papierkugeln mehr in die Taille, sie hatte jetzt da ein Paar Kugeln bekommen, und zwar ein Paar ganz neue von weißem Atlas. Das war ihr gar nicht unbequem, sie hätte einen ordentlichen Arm voll davon haben mögen, sie träumte von der Überfülle einer Amme, so merkwürdig unüberlegt ist der Geschmack der Jugend. Was sie besonders lüstern erscheinen ließ, war eine häßliche Gewohnheit, die sie angenommen hatte: sie steckte ihre Zungenspitze stets zwischen ihren weißen Zähnen ein wenig hervor. Wahrscheinlich hatte sie sich im Spiegel so sehr hübsch gefunden. Jetzt steckte sie. den ganzen Tag, um recht hübsch auszusehen, die Zunge heraus. »Verstecke doch die Lügnerin!« rief ihr ihre Mutter zu. Oft mußte sich Coupeau ins Mittel legen, mit den Fäusten aufschlagen und fluchen: »Willst du wohl deinen roten Lappen einziehen?« Nana zeigte sich sehr gefallsüchtig. Sie wusch sich zwar nicht immer die Füße, aber sie nahm stets so enge Schuhe, daß sie alle Qualen der Hölle durchkostete; fragte sie einer, was ihr sei, wenn sie ganz violett aussah, so sagte sie, sie habe Leibkneifen, um nur nicht ihre Eitelkeit einzugestehen. Wenn das Brot im Hause fehlte, hielt es sehr schwer, sich herauszuputzen. Dann vollführte sie wahre Wunder: sie brachte Bänder von der Arbeitsstätte mit, machte sich Toiletten zurecht, schmutzige Kleider besetzte sie mit Schleifen und Quasten. Der Sommer war die Jahreszeit ihrer Triumphe. Mit einem Samtkleidchen für sechs Franken erschien sie jeden Sonntag und entzückte das ganze Goldtropfenviertel mit ihrer blonden Schönheit. Ja, sie war bekannt von den äußeren Boulevards bis zu den Befestigungen, von der Chaussée Clignancourt bis zur Kapellenstraße. Man nannte sie »das kleine Hühnchen«, weil sie in Wahrheit eine so zarte, frische Farbe hatte wie ein junges Hühnchen. Ein Kleid hatte sie, das stand ihr ganz besonders gut, das war ganz weiß, mit erbsengroßen rosa Punkten, sehr einfach und ohne die geringste Garnierung. Der etwas kurze Rock ließ ihre Füße frei, die weit offenen Hängeärmel zeigten ihre Arme bis zum Ellenbogen unbedeckt; der Halsausschnitt der Taille, den sie in einer dunkeln Ecke der Treppe herzförmig öffnete und mit Stecknadeln feststeckte, weil sie Papa Coupeaus Schläge fürchtete, legte ihren schneeigen Nacken und die goldigen Schatten ihres Halses bloß. Nichts schmückte sie weiter, nichts als ein rosa Band, das sie um ihre Haare schlang und dessen Enden ihren Nacken lustig umflatterten. Sie war darin so frisch wie ein Blumenstrauß. Der Duft der Jugend lag auf dieser Erscheinung, die noch ein Kind und dennoch schon eine Jungfrau war. Zu dieser Zeit waren die Sonntage für sie die Zeit des Zusammentreffens mit der Menge, mit all den Männern, die sie im Vorbeigehen anglotzten. Während der ganzen Woche wartete sie sehnlichst auf den Sonntag, schon im voraus gekitzelt von dem Vergnügen, das sie genießen werde; in der Woche erstickte sie, der Sonntag erfüllte ihr Verlangen nach Luft und Freiheit. Schon früh am Morgen fing sie an sich anzukleiden, stundenlang blieb sie im Hemd vor dem kleinen Stückchen Spiegel, das über der Kommode aufgehängt war, und weil das ganze Haus sie da sehen konnte, fragte ihre Mutter sie oft, ob sie denn noch nicht lange genug als Nackedei herumspaziert sei. Aber sie machte sich ganz ruhig auf der Stirn kleine Löckchen mit Zuckerwasser, nähte die Knöpfe an ihren Stiefeln fest oder heftete etwas an ihrem Kleide. Bei alledem waren ihre Beine nackt, ihr Hemd glitt ihr von den Schultern, und ihre gelösten blonden Haare umwallten unordentlich ihren Kopf. Sie sei hübsch so! sagte Vater Coupeau, der sie neckte und hänselte, eine wahre büßende Magdalena! Sie habe sich können für zwei Sous als wilde Frau sehen lassen! Er rief ihr oft zu »Verstecke doch dein Fleisch, damit ich mein Brot essen kann!« Sie war bewunderungswürdig, so weiß und fein unter ihrem blonden Dach von Haaren, so rosig, wenn sie zürnte. Sie wagte ihrem Vater nicht zu antworten und zerbiß vor Wut ihren Faden zwischen den Zähnen, so daß dieser kurze Knacks wie ein Schauer ihre nackte Schönheit überlief. Gleich nach dem Frühstück ging sie ab, sie stieg in den Hof hinunter. In sonntäglichem Frieden schlief das Haus; unten waren die Werkstätten geschlossen; von den Wohnungen gähnten die offenen Fenster hinaus ins Freie, hinter denen man die schon für den Abend gedeckten Tische sah, während die Bewohner draußen auf den Befestigungen sich Appetit für das Mittagsmahl holten. Eine Frau im dritten Stock benutzte den Tag, um ihr Zimmer zu scheuern, sie rückte ihr Bett und ihre Möbel und sang dabei stundenlang dasselbe sanfte, weinerliche Lied. Der Lärm des Werkeltagtreibens schwieg, der Hof war still und heimlich. Dann begannen Nana, Pauline und andere große Mädchen Fangball zu spielen; es waren sechs oder sieben, die zusammen aufgewachsen und jetzt die Königinnen des Hauses geworden waren. Sie teilten sich in die verliebten Blicke der Herren. Wenn ein Mann über den Hof ging, ertönte ihr silbernes Lachen, und mit dem Rauschen ihrer gestärkten Unterröcke flogen sie wie vom Winde getrieben umher. Über ihnen flammte die Luft des Feiertages weich und lind wie die Faulheit und erfüllt von dem Staube, den die Menge der Spaziergänger aufwirbelte. Aber die Fangballpartien waren nur ein Vorwand, um sich fortzumachen. Plötzlich fiel das Haus in die große Stille zurück, sie hatten sich auf die Straße geschlichen, um auf die äußeren Boulevards zu gelangen. Nun faßten sich alle sechs unter und nahmen so die halbe Breite des Weges ein; sie waren alle hell gekleidet und hatten nur ein Band um ihre bloßen Köpfe gebunden. Ihre lebhaften Augen, die aus den Ecken der Wimpern verstohlene Seitenblicke umherwarfen, sahen alles; sie warfen beim Lachen die Köpfe nach hinten und zeigten so ihren Hals und die Fülle des Unterkinnes. Mit lautem Gelächter machte sich ihr Übermut Luft, wenn ein Buckliger vorüberkam, oder wenn eine alte Frau an der Ecke nach ihrem Hündchen pfiff; dann sprengte das Lachen ihre Reihen, die einen blieben zurück, während die anderen sie heftig hinter sich her zogen; dabei wiegten sie sich in den Hüften, bildeten ein Knäuel und stieben wieder auseinander, nur um das Aufsehen der Spaziergänger zu erregen und bei den lebhaften Bewegungen ihre schönen, schmiegsamen Figuren recht zur Geltung zu bringen, deren jugendliche Frische ihre Mieder krachen ließ. Die Straße gehörte ihnen, da waren sie aufgewachsen, dort hatten sie ihre ersten Kleidchen längs der Läden in die Höhe gerafft; noch jetzt nahmen sie ihre Röcke bis zum Knie auf, wenn sie ihre Strumpfbänder wieder festmachen wollten. Inmitten der Menge, die ruhig und bleich zwischen den dürftigen Bäumchen der Boulevards dahinwandelte, trieb diese lose Bande ihr Spiel; sie zogen von der Zollstation Rochechouart bis zur Zollstation Saint-Denis, sie stießen die Leute, trennten im Zickzack die Gruppen der Spaziergänger, wandten sich um und ließen unter lauten Lachen übermütige Worte fallen. Aus den flatternden Falten ihrer Kleider entschlüpfte die Unverschämtheit ihrer Jugend, in voller freier Luft, unter dem nackten Licht des Tages entfalteten sie da die lüsterne Keckheit junger Taugenichtse und waren dabei begehrenswert und frisch wie Jungfrauen, die mit noch feuchtem Nacken soeben dem Bade entstiegen sind. Nana war mit ihrem rosigen Kleide, das in der Sonne leuchtete, immer die Mittelste. Sie reichte den Arm der Pauline, deren weißes, mit gelben Blumen gemustertes Kleid gleichfalls im Lichte strahlte. Da sie beide die Größten, Entwickeltesten und Frechsten waren, führten sie die Bande an und heimsten die bewundernden Blicke und schmeichelhaften Redensarten ein, die ihnen gespendet wurden. Die anderen, die noch jünger waren, marschierten an den Seiten und am Ende; sie blähten sich auf und gaben sich die größte Mühe, auch schon beachtet zu werden. Nana und Pauline hatten sehr tief angelegte Kriegspläne und sehr verwickelte gefallsüchtige Listen. Wenn sie liefen, daß ihnen der Atem ausging, so taten sie es, um ihre weißen Strümpfe sehen zu lassen und ihre Haarbänder im Winde flattern zu lassen. Wenn sie dann plötzlich anhielten und so taten, als ob sie Atem schöpfen müßten, konnte man sicher darauf rechnen, daß eine ihrer Bekanntschaften, irgendein Bursche aus dem Viertel, in der Nähe war; dann gingen sie langsam, flüsterten lächelnd miteinander und warfen heimlich verlangende und beobachtende Blicke auf ihn. Sie liefen hauptsächlich so, um dadurch zufällige Begegnungen auf der Promenade herbeizuführen. Große, sonntäglich geputzte Burschen in Ärmelwesten und mit runden Hüten hielten sie für Augenblicke an den Übergängen fest, scherzten mit ihnen und versuchten es, sie um die Taillen zu fassen. Junge, zwanzigjährige Arbeiter in grauen Blusen, die Hals und Brust fast unbedeckt ließen, plauderten langsam und mit gekreuzten Armen mit ihnen und bliesen dabei den Rauch ihrer kurzen Tonpfeifen nicht gerade sehr rücksichtsvoll von sich. Diese Dinge blieben ohne Folgen, die Burschen waren mit ihnen gemeinsam aufgewachsen. Aber sie fingen schon an, unter dieser Zahl zu wählen. Pauline traf immer mit einem der Söhne von Madame Gaudron zusammen. Es war ein siebzehn Jahre alter Tischler, der ihr Äpfel kaufte. Nana entdeckte schon von einem Ende der Straße bis zum andern Victor Fauconnier, den Sohn der Wäscherin, mit dem sie sich in dunklen Ecken küßte. Aber weiter ging es nicht, sie waren zu durchtrieben, um unbewußt eine Dummheit zu machen; nur mit Worten waren sie schon sehr weit. Wenn dann die Sonne niederging, war es das größte Vergnügen dieser Backfische, sich hinzustellen, wo ein Taschenspieler seine Späße machte. Gaukler und Herkulesse kamen dann und breiteten in den Anlagen ihr mottenzerfressenes Stückchen Teppich aus. Dann sammelten sich die Gaffer, es bildete sich ein Kreis, und der Clown ließ in seinem verschossenen Trikot die Muskel spielen. Nana und Pauline blieben stundenlang im dichtesten Haufen der Zuschauer stehen; ihre schönen, frisch gewaschenen Kleider wurden zwischen Paletots und schmutzigen Blusen zerknittert; ihre nackten Arme, ihr bloßer Nacken und die gelösten Haare glühten unter dem verpesteten Atem ihrer Umgebung, von der ein mit Schweiß gemischter Branntweingeruch ausging. Dabei lachten sie und freuten sich, ohne den geringsten Ekel zu empfinden; ihr Aussehen wurde noch rosiger denn zuvor, als ob sie sich da in ihrem natürlichen Fahrwasser befunden hätten. Um sie herum wurden schlimme Sachen gesagt, ganz nackte Gemeinheiten oder die Betrachtungen vollkommen betrunkener Männer. Das war ihre Sprache, sie kannten alles, mit ruhigem, schamlosem Lächeln wandten sie sich um, ohne daß die zarte Blässe ihrer seidenen Haut der leisesten Schamröte gewichen wäre. Das einzige Unangenehme, was ihnen begegnen konnte, war, wenn sie ihre Väter trafen, besonders wenn diese getrunken hatten. Darauf paßten sie auf und warnten eine die andere. »Du, Nana!« rief plötzlich Pauline, »da kommt Vater Coupeau!« »O weh! er ist nicht betrunken! Ih, ich werde ihm was husten!« sagte Nana ärgerlich. »Ich kneife aus, wißt ihr? Ich habe keine Lust, mir von ihm die Flöhe abschütteln zu lassen! Hat der wieder ein Gesicht aufgesetzt! Mein Gott! Als ob er sich den Hals brechen wollte!« Wenn Coupeau so gerade auf sie loskam, daß sie nicht mehr weglaufen konnte, duckte sie sich nieder und murmelte: »Versteckt mich doch, ihr anderen! ... Er sucht mich ja, er hat versprochen, mir die Röcke hochzuheben, wenn er mich wieder beim Umhertreiben abfaßt!« Wenn dann der Trunkenbold an ihnen vorüber war, so richtete sie sich wieder auf, und alle lachten aus vollem Halse hinter ihm her. Er findet sie! Er findet sie nicht! Das war ein reines Versteckspiel. Eines schönen Tages aber, als Boche mitgekommen war, um Pauline zu holen und am Ohrläppchen nach Hause zu führen, hatte auch Coupeau Nana mit Fußtritten heimgeschickt. Wenn die Dämmerung begann, machten sie noch einen letzten Rundgang und kamen mit einbrechender Nacht mit der müden Menge der Spaziergänger zurück. Der aufgewirbelte Staub verdickte die Luft und verfinsterte den Himmel. Die Goldtropfenstraße nahm sich wie ein Stück Provinz aus mit den schwatzenden Müttern, die in den Haustüren standen und deren Stimmen nur hin und wieder die lauschige Ruhe störten, die sich auf das Stadtviertel bei dem Fehlen des Wagenverkehrs herabgesenkt hatte. Einen Augenblick blieben sie noch im Hofe, griffen wieder zum Federballspiel, um glauben zu machen, daß sie sich gar nicht fortgerührt hätten; dann gingen sie nach oben und machten sich unterwegs eine Geschichte zurecht, die sie oft gar nicht vorzubringen brauchten, weil ihre Eltern eben damit beschäftigt waren, wegen einer zuviel oder zu wenig gesalzenen Suppe sich mit Ohrfeigen zu traktieren. Nana war jetzt Arbeiterin, sie verdiente bei Titreville, dem Hause in der Kairostraße, wo sie ihre Lehrzeit zugebracht hatte, täglich vierzig Sous. Die Coupeaus wollten nicht, daß sie abging, damit sie unter der Obhut von Madame Lerat, die dort schon seit zehn Jahren Vorsteherin war, bleiben konnte. Des Morgens sah ihre Mutter nach der Uhr, wenn die Kleine fortging. Sie sah hübsch aus, trotz des alten, schwarzen Kleidchens, das zu kurz war und ihr die Schultern einzwängte. Madame Lerat hatte Auftrag, die Zeit ihrer Ankunft genau festzustellen und sie nachher Gervaise mitzuteilen. Man ließ ihr zwanzig Minuten Zeit, um von der Goldtropfenstraße bis zur Kairostraße zu kommen; das reichte aus, denn diese jungen Taugenichtse von Mädchen haben Beine wie die Hirsche. Manchmal kam sie zur rechten Zeit, war aber so rot und so außer Atem, daß sie gewiß von der Zollstation ab in zehn Minuten gelaufen war und vorher unterwegs umhergebummelt hatte. Meistenteils blieb sie mit sieben oder acht Minuten im Rückstande; dann war sie bis zum Abend so liebenswürdig zu ihrer Tante und warf ihr soviel bittende Blicke zu, bis sie sie schließlich rührte und am Petzen hinderte. Madame Lerat, die mit der Jugend fühlte, belog die Coupeaus, aber sie kanzelte Nana mit nie endenden Reden herunter, worin sie von ihrer Verantwortlichkeit und von den Gefahren sprach, denen ein junges Mädchen auf dem Pariser Pflaster ausgesetzt sei. Oh! Du gerechter Gott! Wurde sie selbst nicht verfolgt? Mit den zärtlichsten Blicken ihrer Augen, in denen stets allerlei lüsterne Zweideutigkeiten aufblitzten, betrachtete sie ihre Nichte, und der Gedanke, daß sie über die Unschuld dieser armen kleinen Katze zu wachen berufen sei, erfüllte sie mit einem wahren Feuereifer. »Du weißt doch,« wiederholte sie ihr oft, »daß du mir alles sagen mußt. Ich bin zu gut zu dir; wenn dir ein Unglück passierte, bliebe mir nichts übrig, als mich in die Seine zu stürzen. Hörst du, mein liebes Kätzchen? Wenn dich Männer ansprechen, so mußt du es mir erzählen und mir alles wiederholen, alles, ohne ein Wort zu vergessen ... Nicht wahr? Man hat dir noch nichts gesagt; du schwörst es mir?« Nana lachte dann so seltsam, daß es ihr förmlich den Mund zusammenzog. Nein, nein, die Männer sprachen sie nicht an, dazu ging sie zu schnell! Und dann, was sollten sie ihr denn auch sagen? Hatte sie denn etwas mit ihnen zu schaffen? Ihre Verspätungen erklärte sie mit einfältiger Miene: sie war vor einem Schaufenster stehengeblieben und hatte sich Bilder angesehen, oder hatte Pauline begleitet, die immer so drollige Geschichten wußte. Man konnte ihr ja nachgehen, wenn man es nicht glaubte; sie ging sogar nie von dem linken Bürgersteige weg und lief so schnell, alle anderen jungen Mädchen überholte sie wie ein Wagen. Eines Tages hatte sie Madame Lerat wirklich einmal abgefaßt, wie sie in der Kleinen Plattenstraße mit drei anderen leichtfertigen Blumenmacherinnen in die Höhe guckte und lachte, weil ein Mann sich da oben am Fenster rasierte; aber die Kleine war böse geworden, sie schwor, daß sie gerade zum Bäcker hineingehen wollte, um sich für einen Sou Brot zu kaufen. »Oh! Ich wache über sie, fürchtet nichts!« sagte die große Witwe zu Coupeau. »Ich stehe für sie ein wie für mich selbst! Und wenn so ein schmutziger Schlingel sie auch nur berühren wollte, ich würfe mich dazwischen!« Das Arbeitszimmer bei Titreville war ein geräumiger Zwischenstock mit einem großen Arbeitstisch, der auf Böcken stand und die ganze Mitte des Raumes einnahm. Längs der vier kahlen Wände, deren graue, ins Gelbliche verschossene Tapeten an den zerrissenen Stellen den Kalk der Mauer sehen ließen, waren Gestelle angebracht, wo alte Kartons, Pakete, Modelle und alter, vergessener Ausschuß unter einer Lage dicken Staubes schlummerten. An der Decke zeigten sich über den Gasflammen stark angerußte Stellen. Die beiden Fenster öffneten sich so weit, daß die Arbeiterinnen, ohne den Tisch zu verlassen, die Vorübergehenden auf der anderen Seite der Straße beobachten konnten. Madame Lerat, die mit gutem Beispiel voranging, kam immer zuerst. Dann klappte die Tür wohl eine volle Viertelstunde lang, und die kleinen Blumenmacherinnen kamen truppweise, schwitzend und mit halb gelösten Haaren an. An einem Julimorgen kam Nana als die letzte, was übrigens durchaus in ihren Gewohnheiten lag. »Ach Gott!« sagte sie, »es würde auch kein Unglück sein, wenn ich einen Wagen hätte!« Ohne selbst ihren Hut abzunehmen, der ein so alter, abgetragener Deckel war, daß sie es schon müde war, ihn immer wieder aufzustülpen und den sie ihren Helm nannte, ging sie an das Fenster, beugte sich hinaus und blickte nach rechts und links die Straße hinunter. »Was hast du denn da zu sehen?« fragte Madame Lerat mißtrauisch. »Hat dich etwa dein Vater begleitet?« »Nein, warum nicht gar!« antwortete Nana ruhig. »Ich sehe nach gar nichts ... Ich sehe nur, daß es ganz furchtbar warm ist. Wahrhaftig! Man kann sich Schaden tun, wenn man heute so läuft!« An dem Morgen herrschte wirklich eine erstickende Hitze. Die Arbeiterinnen hatten die Holzvorhänge heruntergelassen, zwischen deren Stäben hindurch sie auf die Straße hinabspähten. Endlich hatten sie sich doch zur Arbeit niedergesetzt, wo sie in zwei Reihen je eine Längsseite des großen Tisches einnahmen, während Madame Lerat allein an der einen Querseite saß. Es waren acht, von denen jede ihren Gummitopf, ihre kleine Zange, andere Werkzeuge und ihren Modellierknäuel vor sich liegen hatte. Auf dem Werktische lagen in wirrem Durcheinander große Haufen Eisendraht, Garnknäuel, Watte, grünes und kastanienbraunes Papier, grüne Blätter und Blütenblätter, die aus Seide, Atlas oder Sammet geschlagen waren. Mitten auf dem Tische hatte eine Blumenmacherin in den Hals einer großen Wasserflasche ein Zweisousbukett gesteckt, das schon am Abend vorher an ihrem Busen zu verwelken angefangen hatte. »Ach! Wißt ihr denn nicht?« sagte Leonie, eine hübsche Brünette, während sie sich auf ihren Blätterknäuel niederbeugte und Rosenblätter davon abnahm. »Die arme Karoline ist mit dem Burschen, den sie neulich Abend kennengelernt hat, sehr unglücklich!« Nana, die gerade im Begriff war, schmale, grüne Papierstreifen zu schneiden, rief: »Das will ich meinen! Er ist ja ein Mensch, der ihr alle Tage wenigstens einmal untreu ist!« Des ganzen Zimmers bemächtigte sich eine heimliche Lustigkeit, und Madame Lerat mußte ihre ganze Strenge zeigen, obgleich es nicht leicht war, sich immer durchzusetzen. Sie rümpfte die Nase und brummte: »Das ist ja recht hübsch, mein Töchterchen, du gebrauchst ja recht nette Worte! Ich werde es deinem Vater sagen, da wollen wir einmal sehen, wie es ihm gefallen wird!« Nanas Backen schwollen förmlich an, so stark war ihre Lachlust, die sie verbeißen mußte. Ihr Vater, der sagte noch ganz andere Sachen! Aber plötzlich flüsterte Leonie sehr leise und schnell: »Huh! Paßt auf! Die Herrin!« Wirklich trat auch Madame Titreville, eine lange, magere Frau, ein. Für gewöhnlich hielt sie sich unten im Laden auf. Sie war von den Arbeiterinnen sehr gefürchtet, weil sie niemals mit ihnen scherzte. Sie ging langsam um den Arbeitstisch herum, auf den sich jetzt alle Nacken schweigend und tätig niederbeugten. Sie las einer Arbeiterin den Text und ließ sie ein Tausendschönchen noch einmal anfangen. Dann ging sie ebenso steif wieder fort, wie sie gekommen war. »Hoppsassa! Hoppsassa!« wiederholte Nana mehrere Male, während ein Seufzer der Erleichterung durch den Saal ging. »Meine Damen! Meine Damen!« sagte Madame Lerat, die eine strenge Miene aufsetzen wollte, »Sie werden mich zu Maßregeln zwingen ...« Die jungen Mädchen hörten gar nicht auf sie, sie fürchteten sie nicht. Sie war viel zu nachsichtig; das Zusammenleben mit diesen kleinen, jungen Dingern, die stets den Kopf voller Schelmenstreiche hatten, reizte sie viel zu sehr; sie nahm sie beiseite und forschte sie über ihre Liebhaber aus oder legte ihnen auf einer freien Ecke des Arbeitstisches die Karten. Ihre harte Haut und ihre ganze Gendarmenfigur zitterte nur so vor Freude, wenn das Kapitel der Liebesabenteuer aufs Tapet gebracht wurde. Nur die gemeinen Worte konnte sie nicht leiden; sobald die gemeinen Worte vermieden wurden, konnte man ihr alles sagen. Wahrlich, Nanas Erziehung wurde in diesem Zimmer eine würdige Krone aufgesetzt. Sie hatte sicher viele natürliche Anlagen. Aber das gab ihr den Rest, daß sie täglich mit einer Menge von Mädchen zusammenkam, die durch Elend und Laster schon müde gehetzt waren. Sie waren da eine so dicht bei der anderen, das steckte an, gerade wie in einem Korbe Äpfel, wenn ein paar faule dabei sind. Gewiß hielt man vor den Augen der Welt den Anstand aufrecht, man vermied es, ein zu rohes Wesen zu zeigen und zu gemeine Ausdrücke zu gebrauchen. Es war Sitte, das Benehmen anständiger Fräulein äußerlich zur Schau zu tragen. Nur vom Mund zum Ohr und in den Ecken, da gingen die Unanständigkeiten lustig ihren Weg; sowie zwei beieinander waren, schütteten sie sich vor Lachen aus über die Schweinereien, die sie einander zuflüsterten. Und dann begleitete eine die andere des Abends; da wollten die vertraulichen Mitteilungen und die haarsträubenden Geschichten gar kein Ende nehmen, so daß die beiden Dirnen sich auf der Straße mitten in dem Stoßen der Vorübergehenden verspäteten. Für solche Mädchen, die wie Nana noch unschuldig waren, brachte schon die Luft des Zimmers das Verderben mit sich, es war der Duft der Tanzböden und der durchschwärmten Nächte, den die Arbeiterinnen in ihren schlecht aufgesteckten Haarknoten und ihren zerknitterten Unterröcken, in denen sie geschlafen zu haben schienen, mit dahinbrachten. Diese hindämmernde Faulheit nach durchschwärmter Nacht, die matten Augen mit den dunkeln Rändern, die Madame Lerat in ihrer anständigen Sprache die Faustschläge der Liebe nannte, dieses Rütteln und Strecken und die heiseren Stimmen, das alles wehte wie ein Hauch des Verderbens über den Arbeitstisch in die zarte Gebrechlichkeit der künstlichen Blumen hinein. Nana sog diesen Duft ein und berauschte sich daran, wenn sie ein Mädchen zur Nachbarin bekam, das die erste Schlacht der Liebe schon geschlagen hatte. Lange Zeit hatte sie sich neben die große Lisa gesetzt, von der das Gerücht ging, daß sie schwanger sei, und sie betrachtete ihre Nachbarin mit so aufmerksamen, so leuchtenden Blicken, als ob sie sie vor ihren Augen anschwellen und plötzlich auseinanderplatzen sehen könne. Etwas Neues zu lernen, hätte ja sehr schwer gehalten; dieser Nichtsnutz wußte alles; alles hatte sie auf dem Pflaster der Goldtropfenstraße gelernt. Nur daß sie im Arbeitszimmer sah, wie es gemacht wurde und die Lust in ihr erwachte, auch mitzutun. »Man erstickt hier!« murmelte sie und näherte sich dabei einem Fenster, als ob sie den Vorhang noch mehr herunterlassen wolle. Aber sie beugte sich hinaus und blickte wieder rechts und links die Straße hinab. Im selben Augenblick rief Leonie, die drüben auf der anderen Seite einen Mann beobachtete, der stehengeblieben war: »Was macht denn der Alte da? Der spioniert ja da schon eine volle Viertelstunde umher!« »Das ist wohl wieder so ein alter Kater?« sagte Madame Lerat. »Nana, willst du dich wohl hinsetzen! Ich habe dir doch verboten, am Fenster zu bleiben!« Nana ergriff wieder die Veilchenstengel, die sie rollte, aber das ganze Zimmer beschäftigte sich mit dem Herrn. Er war sehr gut gekleidet, trug einen Überrock und schien in den fünfziger Jahren zu stehen; sein Gesicht war bleich, sehr ernst und sehr würdig mit einem grauen Bart, der vornehm verschnitten war. Eine ganze Stunde lang stand er schon vor dem Laden eines Kräuterhändlers und erhob von Zeit zu Zeit die Augen zu den herabgelassenen Vorhängen der Fenster des Zimmers. Die Blumenmacherinnen kicherten untereinander, die unterdrückten Töne ihres Lachens wurden von dem Geräusch der Straße übertönt, das durch die geöffneten Fenster hereindrang; sie beugten sich sehr geschäftig über ihre Arbeit, verließen aber doch mit keinem Auge den Herrn gegenüber. »Seht doch!« bemerkte Leonie, »er hat ein Augenglas! Es ist ein feiner Mann ... Sicherlich wartet er auf Augustine!« Aber Augustine, ein großes, blondes, sehr häßliches Mädchen, antwortete spitz, daß sie die Alten nicht leiden könne. Madame Lerat schüttelte mit dem Kopfe und murmelte mit ihrem gekniffenen Lächeln, das voller Anzüglichkeiten war: »Ihr habt unrecht, meine Liebe, die Alten sind die Zärtlichsten!« In diesem Augenblick flüsterte die Nachbarin Leonies, eine kleine, fette Person, dieser einige Worte ins Ohr, welche diese wie unsinnig lachen ließen; sie warf sich auf ihren Stuhl zurück und schüttelte sich förmlich, dabei sah sie wiederholt zu dem Herrn hinüber und lachte noch stärker. Sie stotterte endlich: »Oh! Ja, so muß es sein! So muß es sein ... Ach, diese Sophie ist ein durchtriebener Racker!« »Was hat sie gesagt! Was hat sie gesagt!« fragte das ganze Zimmer mit neugierigen Mienen. Leonie trocknete sich die Tränen aus den Augen, ohne zu antworten. Als sie sich ein wenig beruhigt hatte, fing sie wieder an, Blätter zu kleben, und erklärte: »Das kann man nicht wiedersagen!« Alle bestanden darauf, aber sie schüttelte den Kopf und lachte noch beständig in sich hinein. Da bat Augustine, ihre linke Nachbarin, sie, es ihr doch leise ins Ohr zu sagen, Leonie wollte es ihr gern sagen, aber sie mußte die Lippen dicht an ihr Ohr legen. Da wand sich auch Augustine vor Lachen und gab die Worte weiter an die Nachbarin, die so den Weg durch das ganze Zimmer machten und einen Sturm von Ausrufen und tolles Gelächter hervorriefen. Als sie alle das Geheimnis von Sophies Worten kannten, blickten sie einander an und lachten zusammen, obwohl sie ein wenig rot und verlegen dabei waren. Nur Madame Lerat wußte nichts, sie war sehr böse darüber. »Das ist sehr unartig, was Sie da machen, meine Damen!« sagte sie. »Man sagt sich nichts in die Ohren, wenn man sich in Gesellschaft befindet ... Es ist gewiß etwas Unanständiges, nicht wahr? Das ist ja recht hübsch!« Trotz ihrer brennenden Neugierde wagte sie doch nicht zu verlangen, daß man ihr die Unanständigkeit von Sophie mitteilte. Sie setzte ihre würdigste Miene auf und senkte den Kopf, dabei ging ihr aber von den Unterhaltungen der Arbeiterinnen kein Wort verloren. Wenn eine von ihnen irgend etwas sagte, und wenn es auch das Unschuldigste gewesen wäre, irgendeine Bemerkung über ihre Arbeit zum Beispiel, so hörten alle anderen gleich eine Zweideutigkeit heraus; sie legten den Worten einen anderen Sinn unter, gaben ihnen eine unanständige Bedeutung und suchten die außergewöhnlichsten Anspielungen in den einfachsten Sätzen, wie dieser: »Meine Zange ist gesprungen!« oder: »Wer hat denn in meinem kleinen Topf gerührt?« Alles bezogen sie auf den Herrn, der da immer noch unten auf dem Anstand aushielt, immer war der Herr das Ziel aller Anspielungen. Wie mußten dem die Ohren klingen! Sie sagten schließlich die dümmsten Sachen, weil sie durchaus geistreich sein wollten; aber nichtsdestoweniger fanden sie dieses Spiel so hübsch, daß sie davon sehr aufgeregt waren und mit leuchtenden Augen sich zu immer gewagteren Reden verstiegen. Madame Lerat brauchte nicht böse zu werden, es wurden keine häßlichen Ausdrücke gebraucht. Sie selbst erregte die größte Heiterkeit mit den Worten: »Fräulein Lisa, mein Feuer ist erloschen, borgt mir doch Eures!« »Ach! Madame Lerats Feuer ist erloschen!« schrie das ganze Zimmer. Sie wollte eine Erklärung anfangen: »Wenn Sie erst so alt sind wie ich, meine Fräulein ...« Aber man hörte nicht auf sie, sondern sprach davon, den Herrn von drüben zu rufen, damit er Madame Lerats Feuer wieder entzünde. Man mußte nur sehen, wie Nana sich bei diesen Lachsalven beteiligte. Kein zweideutiges Wort entging ihr, ja sie selbst gab oft die kräftigsten zum besten, die sie dann noch durch nachträgliche Bewegungen betonte. Sie schwamm im Laster wie ein Fisch im Wasser. Dabei drehte sie ihre Veilchenstengel sehr gut, wenn sie sich auch vor Lachen auf ihrem Stuhl wand. Sie war von verblüffender Geschicklichkeit, sie brauchte kaum soviel Zeit, wie eine Zigarette zu machen in Anspruch nimmt. Wenn sie die Bewegung machte und nach den grünen Papierstreifen griff, so war auch die Sache schon gemacht, so leicht rollte sich der Streifen um den Draht; dann noch ein Tropfen Gummi oben zum Kleben, und es war gemacht; es kam aus ihren Händen wie ein grüner Zweig, den man nur gleich so hätte an eine Damentoilette stecken mögen. Die Geschicklichkeit lag in ihren Fingern, die so schlank, zart und weich, so wollüstig geschwellt waren, daß sie fast ohne Knochen schienen. Nur das eine hatte sie von ihrem Beruf lernen können; man ließ sie alle Stengel machen, die bei der Arbeit vorkamen, so gut konnte sie es. Endlich war der Herr da gegenüber weggegangen. Das Zimmer beruhigte sich wieder, und alle arbeiteten in der großen Hitze. Als die Mittagstunde schlug, gerieten die Mädchen in Bewegung. Nana, die sich schnell dem Fenster genähert hatte, rief ihnen zu, daß sie die Besorgungen machen wolle, wenn es ihnen recht sei. Da bestellte sich Leonie für zwei Sous Krabben, Augustine eine Tüte mit Bratkartoffeln, Lisa ein Bündel Radieschen und Sophie eine Wurst. Als sie aber hinunterging, holte Madame Lerat, die ihre Vorliebe für das Fenster an diesem Tage etwas sonderbar gefunden hatte, sie mit ihren langen Beinen ein und sagte: »Warte mal ein bißchen, ich gehe mit dir, ich brauche auch etwas.« Als sie auf die Allee hinunterkam, bemerkte sie den Herrn, der da wie eine Wachskerze aufgepflanzt war und seine Augen zu Nana hinüberspielen ließ. Die Kleine wurde sehr rot. Ihre Tante nahm sie mit einem Ruck beim Arm und ließ sie über das Pflaster traben, während der Kavalier seine Schritte den ihren anpaßte. Ah! Also der Kater kam Nanas wegen! Nun! Das war ja recht hübsch, so zu fünfzehn und einem halben Jahre die Männer an den Röcken nach sich zu schleppen! Da befragte ihre Tante sie sehr lebhaft. Oh! Mein Gott! Nana wußte von nichts. Sie konnte nicht mehr die Nase vor die Tür stecken, ohne ihn auf ihrem Wege zu finden; sie glaubte, er sei ein Kaufmann oder ein Knopffabrikant. Madame Lerat war sehr erregt. Sie sah sich um und musterte den Herrn mit verstohlenen Blicken. »Man sieht ihm an, daß er Geld im Beutel hat«, murmelte sie. »Höre mal, mein kleines Kätzchen, du mußt mir alles sagen. Jetzt hast du nichts mehr zu fürchten.« Sie liefen plaudernd von Laden zu Laden, vom Wursthändler zum Krämer und zu dem Mann mit den Bratkartoffeln. Ihre Einkäufe stapelten mit ihren fettigen Papierhüllen in ihren Händen wahre Berge auf. Dabei blieben sie liebenswürdig, zierten sich, ließen leises Gelächter erschallen und waren mit leuchtenden Blicken nicht sparsam. Selbst Madame Lerat tat zierlich und spielte das junge Mädchen wegen des Knopffabrikanten, der ihnen beständig auf den Fersen folgte. »Er macht einen sehr vornehmen Eindruck!« erklärte sie beim Einbiegen in die Allee, wenn er nur ehrenhafte Absichten hat ...« Als sie die Treppe hinaufgingen, schien sie sich plötzlich auf etwas zu besinnen. »Ja, sage doch! Was war denn das, was die Damen sich vorhin ins Ohr sagten, du weißt doch! Die Unanständigkeit von Sophie.« Nana machte keine Umstände. Nur daß sie Madame Lerat um den Nacken faßte und sie zwang, zwei Stufen wieder herunterzusteigen, weil man es wirklich selbst auf einer Treppe nicht laut wiederholen konnte. Dann sagte sie das Wort. Es war so schlimm, daß die Tante sich begnügte, mit dem Kopf zu nicken, die Augen aufzureißen und den Mund zusammenzukneifen. Endlich wußte sie es, jetzt kitzelte sie es nicht mehr. Die Blumenmacherinnen frühstückten auf ihrem Schoß, um den Arbeitstisch nicht schmutzig zu machen. Sie aßen alle sehr eilig, weil das Essen sie langweilte und sie es vorzogen, die freie Stunde damit auszufüllen, daß sie die Leute auf der Straße angafften oder sich in den Ecken vertrauliche Mitteilungen machten. An diesem Tage wollten alle gern wissen, wo der Herr vom Morgen hingekommen sei; denn er war jetzt wirklich verschwunden. Madame Lerat und Nana warfen sich mit gepreßten Lippen verständnisinnige Blicke zu. Es war schon ein Uhr zehn Minuten, und die Arbeiterinnen machten noch immer keine Miene, wieder zu ihren Werkzeugen zu greifen, als Leonie mit den Lippen ein eigentümliches Geräusch hervorbrachte; das klang wie Prrrut! und war das Zeichen, womit die Malergehilfen sich das Erscheinen des Meisters anzeigen. Sogleich waren alle auf ihren Stühlen und hatten die Nasen auf der Arbeit. Madame Titreville trat ein und machte mit strenger Miene die Runde. Von diesem Tage an erquickte sich Madame Lerat an dem ersten Liebesabenteuer ihrer Nichte. Sie ließ sie nicht mehr locker, begleitete sie von Morgen bis Abend und schützte ihre Verantwortlichkeit vor. Das war Nana zwar ein bißchen langweilig, aber es schmeichelte ihr doch, daß sie so wie ein Schatz bewacht wurde. Die Unterhaltungen, die sie auf den Straßen alle beide mit dem Knopffabrikanten hinter sich pflegten, regten sie sehr auf und machten ihr noch mehr Lust, den Sprung zu wagen. Oh! Ihre Tante verstand solche Gefühle; selbst der Knopffabrikant, dieser bejahrte Herr, der so anständig war, rührte sie sehr, denn schließlich sind die Gefühle bei reifen Personen deshalb viel inniger, weil sie viel tiefer Wurzel geschlagen haben. Aber sie wachte, nur über sie hinweg ging der Weg zu der Kleinen. Eines Abends näherte sie sich dem Herrn und sagte ihm gerade auf den Kopf zu, daß das, was er da tue, nicht recht sei. Er grüßte sie artig, ohne zu antworten, denn er war ein alter Lüstling, der an solche elterlichen Ermahnungen gewöhnt war. Sie konnte ihm wirklich nicht böse werden, denn er war gar zu höflich. Durch ihre Unterhaltungen, in denen sie praktische Ratschläge über die Liebe erteilte, allerlei Geschichten von Dirnen erzählte, denen es sehr leid tat, daß sie das alles durchgemacht hatten, machte sie Nana noch lüsterner, und wenn sie die Kleine verließ, so glühten ihr die Augen in ihrem weißen Gesichtchen. Eines schönen Tages hatte der Knopffabrikant in der Vorstadt-Fischerstraße seinen Kopf zwischen die Nichte und die Tante gesteckt und Dinge gesagt, die wirklich unerhört waren. Das hatte Madame Lerat erschreckt, und jetzt meinte sie, daß sie selbst nicht mehr Schutz genug sei, und deshalb erzählte sie die ganze Geschichte ihrem Bruder. Da wurde die Sache anders angefaßt. Sie richtete bei den Coupeaus eine schöne Verwirrung an. Zuvörderst bedachte Coupeau Nana mit einer ordentlichen Tracht Prügel. Was mußte er da erfahren! Diese Krabbe ließ sich mit alten Kerlen ein! Das war ja hübsch! Sie solle sich nur einmal unterwegs bei solchen Sachen von ihm fassen lassen, da könne sie sicher sein, daß er ihr den Kopf zurechtsetzen werde, gar nicht wie es Mode sei! Habe man je so etwas gesehen? Eine solche Rotzliese wolle ihre Familie entehren! Er schüttelte sie und sagte, daß sie auf dem rechten Wege bleiben werde, denn er selbst werde in Zukunft über sie wachen. Sowie sie nach Hause kam, untersuchte er sie: er blickte ihr gerade in die Augen, um sich zu vergewissern, daß nichts passiert sei und daß ihre Stirn nicht die Spuren von kleinen Küssen trage, die solche alte Wollüstlinge da vorzugsweise zu rauben trachten. Er besah sie von allen Seiten und versuchte ihr den Fehltritt anzuriechen. Eines Abends machte er ihr eine heftige Szene, weil er auf ihrem Nacken einen dunkeln Fleck gefunden hatte. Die Dirne wagte zu sagen, daß es kein Lutschfleck sei, sondern ganz einfach ein blauer Fleck, den Leonie ihr da aus Spielerei gemacht hatte. Er werde sie lehren, sich blaue Flecke machen zu lassen, er werde sie schon daran hindern, sich so gehen zu lassen, und wenn er ihr die Pfoten zerbrechen solle. Wenn er bei guter Laune war, neckte und hänselte er sie. Wahrhaftig! sie sei ein schönes Stück für die Mannsbilder, so platt wie eine Scholle und mit Salzfässern an den Schultern, so groß, daß man die Faust hineinlegen könne. Nana, die für lauter abscheuliche Dinge geschlagen wurde, die sie nicht begangen hatte, hinabgezogen durch die rohen Beschuldigungen ihres Vaters, zeigte zu allem die scheinbare Unterwürfigkeit einer von den Treibern umstellten wilden Bestie. »Lasse sie doch zufrieden!« sagte Gervaise oft, die viel vernünftiger war. »Du wirst ihr noch Lust zu allem machen, wenn du ihr fortwährend davon sprichst!« Das blieb auch nicht aus, die Lust kam ihr, das heißt, es juckte ihr danach auf dem ganzen Körper, sich zu beeilen und hineinzugehen, wie der Vater Coupeau sagte. Er prägte ihr diese Gedanken zu fest ein, das anständigste Mädchen hätte Feuer fangen müssen. Selbst durch die Art, wie er sie herunterkanzelte, lehrte er sie Dinge, die sie bis dahin nicht gewußt hatte, was doch gewiß erstaunlich war. So nahm sie denn nach und nach recht sonderbare Manieren an. Eines Morgens bemerkte er, daß sie in einem Papier umherwühlte und sich etwas ins Gesicht schmierte. Es war Reispuder, womit sie, einer verderbten Geschmacksrichtung folgend, sich den zarten, leuchtenden Glanz ihrer Haut verdarb. Er wischte es ihr mit einem Stück Papier so heftig wieder ab, daß er ihr die Backen bis aufs Blut aufkratzte und schalt sie eine Müllersmagd. Ein andermal brachte sie rote Bänder mit, um ihre Mütze, diesen alten, schwarzen Deckel, der ihr soviel Kummer und Schande machte, neu zu garnieren. Er fragte sie wütend, woher diese Bänder kämen. Das habe sie wohl auf dem Rücken verdient? Oder habe sie die etwa gestibitzt, als gerade keiner im Laden war? Dirne oder Spitzbübin, vielleicht auch beides! Zu verschiedenen Malen sah er in ihren Händen hübsche Dinge, einen Karneolring, ein Paar Ärmel mit kleinen Spitzen und eines dieser Herzen mit zwei Kapseln, welche die Mädchen sich auf den Busen hängen. Coupeau wollte alles wegnehmen, aber sie verteidigte ihre Sachen mit wahrer Wut: es gehöre ihr, verschiedene Damen hätten es ihr gegeben, oder sie habe es bei der Arbeit eingetauscht. Zum Beispiel das Herz habe sie in der Aboukirstraße gefunden. Als ihr Vater trotzdem das Herz mit einem Fußtritt zermalmte, blieb sie ganz bleich und aufrecht stehen, obgleich eine innere Wut sie antrieb, sich auf ihn zu stürzen und ihm irgend etwas herunterzureißen. Seit zwei Jahren war es ihr Traum gewesen, ein solches Herz zu besitzen, und jetzt trat man es ihr unter die Füße! Nein, das fand sie zu stark, das mußte ein Ende nehmen! Bei allem lag in Coupeaus Art, Nana mit dem kleinen Finger leiten zu wollen, mehr Quälerei als Anstand. Sehr oft hatte er unrecht, und seine Ungerechtigkeiten brachten die Kleine ganz von Sinnen. So kam sie schließlich dahin, die Arbeit zu schwänzen; wenn ihr Coupeau dafür eine Tracht Schläge verabfolgte, schüttelte sie es ab und sagte, daß sie nicht mehr zu Titreville zurückkehren wolle, weil man sie immer neben Augustine setzte, die sicherlich ihre Füße gegessen haben müsse, so stinke sie aus dem Maul. Nun brachte sie Coupeau selbst nach der Kairostraße und bat die Besitzerin, sie doch zur Strafe immer neben Augustine zu setzen. Während ganzer vierzehn Tage nahm er sich die Zeit, sie von der Fischer-Zollstation ab bis zur Tür des Arbeitszimmers zu begleiten, Er blieb dann wohl noch fünf Minuten auf der Straße, um auch gewiß zu sein, daß sie hineingegangen sei. Aber als er eines Morgens einen Kameraden getroffen hatte und mit diesem bei einem Weinwirt in der Dionysiusstraße eingetreten war, bemerkte er die Dirne zehn Minuten später, wie sie mit ihrem Korbe schlenkernd schnell die Straße hinaufging. Seit vierzehn Tagen hinterging sie ihn, sie stieg bis zum zweiten Stockwerk hinauf, anstatt bei Titreville einzutreten, und setzte sich dort auf die Treppe, bis sie glaubte, daß er fort sei. Als Coupeau die Schuld Madame Lerat in die Schuhe schieben wollte, erklärte ihm diese kurz und bündig, daß sie solchen Vorwurf nicht annehme: sie habe ihrer Nichte alles gegen die Männer gesagt, was sie ihr sagen müsse, ihr Fehler sei es nicht, wenn das Mädchen noch Geschmack an solchen Schweinehunden finde; sie wasche ihre Hände in Unschuld; sie versicherte, daß sie sich um nichts mehr bekümmern werde, denn sie wisse, was sie wisse, sie habe genug von dem Geklatsch in den Familien, und das besonders, wenn Leute so schlecht sind zu behaupten, daß sie Nana verderbt habe, daß sie ein gemeines Vergnügen daran finde, unter ihren Augen das Mädchen schlecht werden zu sehen. Übrigens erfuhr Coupeau von der Besitzerin, daß Nana durch eine andere Arbeiterin verführt worden sei, durch das Kamel, die kleine Leonie, welche die Blumenmacherei an den Nagel gehängt habe, um sich einem liederlichen Lebenswandel zu ergeben. Ohne Zweifel habe man das Kind, das nur von der Lust, sich auf den Straßen herumzutreiben, erfaßt war, noch ganz gut mit einer Krone von Orangenblüten auf dem Kopfe verheiraten können. Aber den Teufel auch! man müsse sich ein bißchen beeilen, wenn man sie dem Manne übergeben wolle, ohne daß schon etwas zerrissen sei, sauber und in gutem Zustand, mit einem Wort, so vollständig, wie eine junge Dame sein soll, die sich selber achtet. In dem Hause der Goldtropfenstraße sprach man von Nanas Altem wie von einem Herrn, den alle Welt kennt. Er blieb so bescheiden, selbst ein wenig furchtsam, aber eigensinnig und geduldig; wie der Teufel folgte er ihr immer auf zehn Schritte Entfernung mit der Miene eines gehorsamen Dieners nach. Manchmal kam er bis in den Hof. Madame Gaudron traf ihn eines Abends auf dem Treppenflur im zweiten Stock, wie er mit gesenktem Kopf und furchtsam am Geländer hinging. Die Lorilleux' drohten, daß sie ausziehen würden, wenn ihr Schmutzlappen von Nichte immer soviel Männer an ihren Fersen in das Haus schleppte. Das wurde ja ekelhaft, die ganze Treppe war voll, man konnte nicht mehr nach unten gehen, ohne daß man auf allen Stufen welche stehen sah, die da herumschnüffelten und warteten; wahrhaftig, man mußte glauben, daß eine läufige Hündin in dieser Ecke des Hauses sei. Die Boches bedauerten das Schicksal des armen alten Herrn; ein so anständiger Mann mußte sich in eine solche Straßendirne verschießen. Er war wirklich ein Kaufmann, sie hatten seine Knopffabrik am Boulevard de la Vilette gesehen; er hätte eine Frau glücklich machen können, wenn er auf ein anständiges Mädchen verfallen wäre. Dank diesen durch die Boche gegebenen Einzelheiten bezeigten alle Leute im Viertel, die Lorilleux' nicht ausgenommen, für den Alten die größte Rücksichtnahme, wenn er Nanas Spuren folgend, mit hängender Unterlippe und bleichem, von dem verschnittenen grauen Bart eingerahmten Gesicht vorüberkam. Während des ersten Monats machte Nana der Alte viel Spaß. Man mußte es sehen, wie er immer um sie herumschwänzelte. Wie ein wahrer Topfgucker berührte er von hinten auf der Straße ihr Kleid, ohne daß er was merken ließ. Und seine Beine! reine Stöcke, wahre Streichhölzchen. Auf seinem kahlen Schädel wuchs kein Flaum mehr, und die vier Haare, die da auf dem Nacken so glatt angebürstet waren, brachten sie immer in Versuchung, ihn nach der Adresse des Perückenmachers zu fragen, der ihm seinen Scheitel machte. Ach! was war das für ein alter Knickstiefel, der war gar nicht lustig anzusehen. Als sie ihn immer und immer wieder auf ihren Wegen fand, kam er ihr mit der Zeit nicht mehr so sonderbar vor. Dennoch hatte sie eine unbestimmte Furcht vor ihm und würde geschrien haben, wenn er sich genähert hätte. Oft, wenn sie vor einem Juwelierladen stillstand, hörte sie ihn plötzlich hinter ihrem Rücken auf sie einreden. Es war richtig, was er sagte, sie hätte gern so ein Kreuz am Sammetbande um den Hals getragen oder sich die kleinen Korallenohrringe eingesteckt, die wie kleine Bluttropfen aussahen. Aber selbst wenn sie auf Schmucksachen verzichtet hätte, so konnte sie so in ihrem Lumpen nicht länger gehen, sie war es müde mit dem, was sie durch die Arbeit in der Kairostraße aufraffte, sich so notdürftig zurechtzuflicken; einen besonderen Widerwillen hatte sie gegen ihren alten Hut. Diese Kiepe, auf der die neuen Blumen, die sie bei Titreville geklemmt hatte, sich ausnahmen, als ob man einen Bettler mit Schellen und Klunkern behängt. Wenn sie so im Straßenschmutz dahintrabte, und die Wagen sie mit Kot bespritzten, wenn sie geblendet war von dem Glanz der Schaufenster, so wandelten sie Gelüste an, die sie peinigten, als ob sich ihr Magen schmerzhaft zusammenziehe; dann wollte sie gern gut gekleidet sein, in den Restaurants essen, ins Theater gehen und ein Zimmer mit schönen Möbeln für sich allein haben. Ganz bleich vor Verlangen blieb sie stehen und fühlte, wie von dem Pariser Pflaster eine Wärme an ihren Schenkeln emporstieg; dann erfaßte sie eine wilde Lust sich hineinzustürzen in all die Genüsse, denen sie die Menge im stoßenden Getriebe auf den Bürgersteigen nachjagen sah. In solchen Augenblicken fehlte denn auch nie ihr Alter und flüsterte ihr seine verlockenden Vorschläge in die Ohren. Wie gern würde sie eingeschlagen haben, wenn sie sich nicht vor ihm gefürchtet hätte, wenn in ihrem Innern sich nicht etwas geregt hätte, was sie taub machte und in ihrer Weigerung bestärkte; das Unbekannte in der Natur des Mannes machte sie wütend und ekelte sie an, trotz all ihrer Verderbtheit. Als der Winter herankam, wurde das Leben bei den Coupeaus unmöglich. Jeden Abend bekam Nana ihre Tracht Prügel. Wenn es der Vater müde war, sie zu schlagen, fuchtelte sie die Mutter durch, um ihr beizubringen, daß sie sich ordentlich zu halten habe. Oft geriet die ganze kleine Familie in Krieg, wenn einer auf sie losschlug und der andere sie verteidigte, so daß sie schließlich sich alle drei mit den Scherben zerschlagenen Geschirrs auf dem Boden umherwälzten. Bei alledem war die Nahrung knapp, und man klapperte von Kälte. Wenn sich die Kleine irgend etwas hübsches kaufte, eine Schleife oder ein Paar Manschettenknöpfe, so nahmen es ihr die Eltern weg und verputzten es. Sie konnte nichts ihr eigen nennen als ihre Tracht Schläge, die sie jedesmal bekam, ehe sie sich auf den paar Lumpen, aus denen ihr Bett bestand, niederlegte, und wo sie sich zitternd unter ihrem dünnen, schwarzen Unterrock zusammenkauerte, der ihr als einziges Zudeck dienen mußte. Nein, dieses verdammte Leben konnte so nicht fort gehen, so wollte sie nicht vor die Hunde gehen. Schon seit lange rechnete ihr Vater nicht mehr mit; wenn ein Vater sich fortwährend so betrinkt, wie es ihr Vater tat, so ist er kein Vater, sondern ein schmutziges Tier, das man mit Vergnügen los sein möchte. Auch ihre Mutter verlor mehr und mehr in ihren Augen. Sie trank jetzt auch. Sie hatte Geschmack daran gefunden, ihren Mann beim Vater Colombe aufzusuchen und sich dort Schnäpse anbieten zu lassen; sie setzte sich da zu Tische, als ob es so sein müsse, ohne so entrüstete Gesichter zu schneiden, wie das erstemal; sie goß ihre Gläser auf einen Zug hinunter und lümmelte sich stundenlang mit aufgestützten Ellenbogen da herum, um endlich in einem Zustand fortzugehen, daß ihr die Augen aus dem Kopf zu fallen schienen. Wenn Nana beim Totschläger vorüberging und dort ganz hinten ihre Mutter erspähte, wie sie mit der Nase im Schnapsglase steckte und stumpfsinnig zwischen den brüllenden Männern saß, erfaßte sie eine unsinnige Wut, weil die Jugend, deren Sinn nach anderen leckeren Sachen steht, die Leidenschaft für den Trunk nicht begreifen kann. An solchen Abenden bot sich ihr ein schönes Bild dar, der betrunkene Vater und die benebelte Mutter, eine gottverlassene Bude, in der kein Brot war und die der Dunst des Branntweins vergiftet hatte. Da hätte selbst eine Heilige nicht aushalten können. Kein Wunder, wenn sie eines schönen Tages einmal ausriß; ihre Eltern konnten wohl an ihre Brust schlagen und das mea culpa beten, denn sie selbst hatten sie hinausgejagt. An einem Sonnabend fand Nana beim Nachhausekommen ihren Vater und ihre Mutter in einem abscheulichen Zustand. Coupeau lag quer über das Bett gestreckt und schnarchte. Gervaise war auf einen Stuhl gesunken, ihr Kopf hing schlaff hernieder, und ihre Augen starrten mit irren Blicken ins Weite. Sie hatte vergessen, das Essen, einen Rest von Ragout, warm zu halten. Eine Talgkerze, die sie nicht schnauzte, beleuchtete das schmachvolle Elend der Behausung. »Bist du da, kleiner Wurm?« stotterte Gervaise. »Warte nur! Dein Vater wird dich gut empfangen!« Nana antwortete nicht, sie blieb ganz bleich stehen und betrachtete den kalten Ofen, den Tisch ohne Teller und das düstere Gemach, in dem der tierische Stumpfsinn der beiden Trunkenbolde sie mit bleichem Schrecken erfüllte. Sie nahm ihren Hut nicht ab, machte einen Rundgang im Zimmer und dann biß sie die Zähne zusammen, öffnete die Tür und ging fort. »Du gehst wieder runter?« fragte ihre Mutter, ohne den Kopf nach ihr umwenden zu können. »Ja, ich habe etwas vergessen. Ich komme wieder nach oben... Guten Abend.« Sie kam nicht wieder. Als die Coupeaus am andern Morgen nüchtern waren, schlugen sie sich und warfen sich einander Nanas Flucht vor. Die war nun weit, wenn sie immer gelaufen war! Wie man zu den Kindern sagt, wenn sie Sperlinge fangen wollen; die Eltern konnten hingehen und ihr Salz auf den Hintern streuen, dann würden sie sie vielleicht wieder bekommen. Es war ein harter Schlag, der Gervaise noch mehr niederbeugte; denn sie fühlte trotz ihres tierischen Stumpfsinnes sehr wohl, daß der Sturz ihrer Kleinen, die jetzt vom Zufall umhergestoßen wurde, sie selbst noch tiefer herabzog; jetzt war sie allein, jetzt hatte sie selbst kein Kind mehr, das ihr einen Zügel angelegt hätte, jetzt würde sie sich ganz gehen lassen und immer tiefer sinken. Ja, dieses entartete Kind schleppte da an den schmutzigen Röcken den letzten Rest von Ehrenhaftigkeit davon, der ihr noch geblieben war. Während dreier Tage betrank sie sich; wütend, mit geballten Fäusten und geschwollenem Munde schimpfte sie in den gemeinsten Ausdrücken über ihre Dirne von Tochter. Als Coupeau sich auf allen äußeren Boulevards umhergetrieben und jedem Weibsbilde unter die Nase geguckt hatte, das vorüberkam, rauchte er von neuem ruhig seine Pfeife; nur wenn er sich zu Tische setzte, hob er manchmal mit dem Messer in der Faust wütend seine Arme empor und schrie, daß er entehrt sei; dann setzte er sich wieder hin und aß ruhig seine Suppe. Im Hause, wo jeden Monat die Mädchen auf und davon gingen wie die Zeisige, denen man den Käfig offengelassen hat, war niemand über den Unfall der Coupeaus besonders erstaunt. Aber die Lorilleux' triumphierten. Sie hatten es ja vorhergesagt, daß die Kleine sich auf die leichte Seite legen werde! Das war ihnen ganz recht, alle Blumenmacherinnen nahmen ein schlechtes Ende. Auch die Boche und Poisson lästerten und machten dabei ein ungemeines Aufheben von ihrer Tugendhaftigkeit. Nur Lantier verteidigte Nana heimlich. Mein Gott! es ist ja wahr, erklärte er mit seiner scheinheiligen Miene, ein junges Mädchen, das auf und davon geht, verletzt ja alle Gesetze; aber, fügte er dann mit einem schnellen Aufblitzen seiner Augen hinzu, das Mädchen sei zu verdammt hübsch, um in ihrem Alter so im Elend zu verkommen. »Wißt ihr noch nicht?« rief Madame Lorilleux in die Loge der Boche, wo die Klatschgesellschaft ihren Kaffee trank, »so wahr wie uns das Tageslicht bescheint, die Humpelliese hat ihre Tochter verkauft ... Ja, sie hat sie verkauft, ich habe Beweise dafür! ... Der Alte, den man morgens und abends auf den Treppen traf, ging damals schon hin und gab Abschlagszahlungen. Das sprang ja in die Augen. Und gestern noch hat sie jemand im Varieté-Theater gesehen, das Mädel und ihren Kater ... Mein Ehrenwort darauf! sie sind zusammen, seht ihr wohl!« Man schlürfte den Kaffee aus und besprach die Neuigkeit. Wenn man alles bedachte, war es wohl möglich, es kamen noch schlimmere Dinge vor. Im Viertel waren schließlich die wohlwollendsten Leute der Meinung, daß Gervaise ihre Tochter verkauft habe. Gervaise schleppte jetzt ihr Leben hin und kümmerte sich nicht um die Meinung der Welt. Wenn man sie auf der Straße Diebin geschimpft hätte, würde sie sich deshalb nicht einmal umgedreht haben. Seit einem Monat arbeitete sie nicht mehr bei Madame Fauconnier, die sie hatte hinauswerfen müssen, um Streitigkeiten zu vermeiden. In wenigen Wochen war sie bei acht Wäscherinnen eingetreten; sie arbeitete zwei oder drei Tage in jeder Werkstatt, dann bekam sie ihren Abschied, weil sie ihre Arbeit wahrhaft versaute; sorglos und unsauber, wie sie war, verlor sie so weit den Kopf, daß sie ihren Beruf vollständig verlernte. Als sie einsah, was für ein Schnudel sie geworden war, hatte sie das Plätten ganz aufgegeben, sie wusch jetzt im Tagelohn in der Waschanstalt der Neuen Straße; im Schlamm umherpantschen, sich mit dem Schmutz herumschlagen, hinabsteigen zu dem, was ihr Handwerk Rohes und wenig Schwieriges hatte, das ging allenfalls noch, aber es brachte sie wiederum eine Stufe herunter auf der abschüssigen Bahn des Verderbens. Die Arbeit im Waschhause verschönte die Menschen auch nicht gerade. Wie ein begossener Hund sah sie aus, wenn sie da herauskam, durchnäßt und mit blauroten Händen und Armen. Dabei wurde sie immer noch fetter, trotz all der unfreiwilligen Fasttage, und ihr Bein verkürzte sich so, daß sie kaum neben jemandem gehen konnte, ohne ihn umzuwerfen, so stark hinkte sie jetzt. Es ist ja nur natürlich, daß, wenn man so herunterkommt, aller Stolz der Frau dahinschwindet. Gervaise hatte auf ihre früheren Ansprüche vollständig verzichtet; ihr Wunsch zu gefallen, ihr Bedürfnis für bessere Empfindungen, ihr Streben nach Achtung und Rücksichtnahme, war ihr abhanden gekommen. Man hätte ihr jetzt vorn und hinten Fußtritte versetzen können, sie fühlte es nicht mehr, dazu war sie zu stumpf und abgetrieben. So hatte auch Lantier sie vollständig aufgegeben; nicht einmal der Form halber faßte er sie um die Taille; sie schien es selbst nicht einmal zu bemerken, wie diese Liebschaft, die sich so lange hingezogen hatte, schließlich in stummer Erschlaffung ihr Ende fand. Für sie war es eine Last weniger. Selbst die Beziehungen Lantiers zu Virginie ließen sie vollkommen ruhig, so groß war ihre Gleichgültigkeit gegen all diese Dummheiten geworden, deretwegen sie früher so sehr in Wut geraten konnte. Sie würde ihnen das Licht gehalten haben, wenn sie es gewollt hätten. Es gab jetzt niemanden mehr, der die Sache nicht gewußt hätte, der Hutmacher und die Konfitürenhändlerin führten einen schönen Haushalt. Es war aber auch zu bequem für sie; der gute, gehörnte Poisson hatte alle zwei Tage einmal Nachtdienst, wo er dann auf der Straße vor Kälte klapperte, während seine Frau und der Nachbar sich in seinem Bette die Füße wärmten. Die übereilten sich gar nicht, sie hörten längs des Ladens auf dem Pflaster seine Fußtritte, wenn er die leere, dunkle Straße hinabging, ohne daß sie deshalb auch nur die Nasenspitze unter der Bettdecke hervorgesteckt hätten. Ein Schutzmann kennt nur seine Pflicht, nicht wahr? Und so blieben sie ganz ruhig bis Tagesanbruch und schädigten sein Eigentum, während dieser strenge Mann über das Eigentum der anderen wachte. Das ganze Viertel der Goldtropfengasse wollte sich über diesen guten Witz vor Lachen ausschütten. Man fand es zu komisch, daß einem würdigen Beamten solche Hörner aufgesetzt wurden. Übrigens hatte Lantier diesen Winkel erobert. Der Laden und die Ladensbesitzerin gehörten zusammen. Er hatte eine Wäscherin aufgefressen, jetzt knabberte er an der Konfitürenhändlerin. In Gedanken gab er ihr schon eine ganze Reihe von Nachfolgerinnen: Krämerinnen, Papeteriehändlerinnen, Modistinnen, er fühlte seine Kinnbacken kräftig genug, sie alle zu verschlingen. Noch nie ist es vielleicht vorgekommen, daß sich ein Mann so wie dieser in Zucker wälzte. Lantier hatte die Karre sehr geschickt geschoben, als er damals Virginie zu einem Handel mit Konfitüren riet. Er war zu sehr Provenzale, um nicht für Süßigkeiten zu schwärmen, das heißt, er hätte ganz gut von Pastillen, von Gummibonbons, Zuckerwerk und Schokolade leben können. Ein Zuckerwerk liebte er besonders, er nannte es »überzuckerte Mandeln«; das ließ ihm das Wasser im Munde zusammenlaufen, so sehr kitzelte es seinen Gaumen. Seit einem Jahre lebte er nur noch von Bonbons. Er zog die Schubfächer auf und nahm Hände voll heraus, wenn Virginie ihn bat, den Laden zu versehen. Oft wenn fünf oder sechs Leute da waren, nahm er beim Plaudern den Deckel von einem der Pokale auf dem Ladentisch, versenkte die Hand hinein und fing an zu knabbern; der Pokal blieb offen und war bald leer. Darauf achtete niemand mehr, er sagte, es sei krankhaft. Dann hatte er eine immerwährende Erkältung erfunden, ein Leiden des Kehlkopfes, welche er beständig mit Süßigkeiten mildern mußte. Arbeiten tat er durchaus nicht, hatte aber die allergroßartigsten Geschäfte in Aussicht; er brütete über einer ganz famosen Erfindung, einem Regenschirmhut; das war ein Hut, der sich bei den ersten Tropfen eines Regengusses sofort in einen Schirm verwandelte; von dieser Erfindung versprach er Poisson die Hälfte des Nutzens und borgte sich inzwischen von ihm Zwanzigfrankenstücke für die Herstellung der Modelle. Mittlerweile löste sich der Laden auf seiner Zunge in Wohlgefallen auf, alle Waren passierten diesen Weg bis zu den Schokoladenzigarren und den Pfeifen von rotem Zucker. Wenn er vor Zuckerwerk förmlich platzte und ihn eine zärtliche Regung überkam, hielt er sich als letztes Naschwerk in irgendeiner Ecke an die Ladenbesitzerin, die ihn dann so überzuckert fand, daß seine Lippen wie Pralines schmeckten. Das war ein Mann, der hübsch zu küssen war! Er wurde wirklich wie von Honig. Die Boches sagten, daß es ihm genügte, seinen Finger in den Kaffee zu stippen, um ihn so süß wie Sirup zu machen. Das unaufhaltsame Verderben von Gervaise betrübte Lantier, und er zeigte sich ganz väterlich zu ihr. Er gab ihr Ratschläge und schalt sie, daß sie die Arbeit nicht mehr liebe. Den Teufel auch! Eine Frau in ihren Jahren mußte sich doch noch ein bißchen tummeln! Er beschuldigte sie, von jeher naschhaft gewesen zu sein. Aber da man auch den Leuten behilflich sein muß, wenn sie es nicht verdienen, so war er darauf bedacht, kleine Arbeiten für sie zu finden. So hatte er Virginie bestimmt, einmal wöchentlich Gervaise kommen zu lassen, um von ihr den Laden und die Zimmer aufwaschen zu lassen. Das war ihr Element, Wasser, Lauge und Seife. Jedesmal verdiente sie damit dreißig Sous. Gervaise kam am Sonnabend früh mit einem Eimer und ihrer Bürste, ohne daß es ihr besonders peinlich zu sein schien, daß sie hier ein so schmutziges und niederes Geschäft, das Geschäft des Abwaschlappens, besorgen mußte, wo sie früher als schöne, blonde Ladenbesitzerin gethront hatte. Das war eine letzte Erniedrigung, die ihrem Stolz den Rest gab. An einem Sonnabend hatte sie viel auszustehen. Es hatte drei Tage lang geregnet, und die Füße der Kunden schienen den Straßenschmutz des ganzen Viertels in den Laden gebracht zu haben. Virginie saß an der Kasse und spielte die Dame; sie war sorgfältig frisiert, trug einen kleinen Stehkragen und Spitzenärmel. Ihr zur Seite auf einer kleinen Bank, die mit rotem Plüsch überzogen war, räkelte sich Lantier, er schien sich da ganz zu Hause zu fühlen, als ob er hier Herr und Gebieter sei; nachlässig versenkte er eine seiner Hände in einen Pokal mit Pastillen, die er herunterlutschte, weil er gewohnheitsmäßig Zucker naschte. »Hört mal, Madame Coupeau!« rief Virginie, die der Arbeit der Reinmachefrau mit gekniffenen Lippen folgte, »Ihr laßt ja allen Schmutz da in der Ecke! Bürstet das doch gefälligst noch mal über!« Gervaise gehorchte. Sie ging noch einmal in die Ecke und fing aufs neue zu scheuern an. Wie kniete sie da inmitten des schmutzigen Wassers am Boden und bog sich zusammen mit schmerzenden Schultern und steifen, blauen Armen. Ihr alter, ganz durchnäßter Unterrock klebte ihr an den Schenkeln. Sie sah da auf dem Fußboden wie ein unbestimmtes Etwas aus, das nicht sehr reinlich war; ihre Haare waren wirr, und durch die Löcher ihrer Jacke sah man die Wülste ihres Körpers, eine Überfülle weichen Fleisches, das, da sie hin und her fuhr, rollte und sprang bei den heftigen Stößen ihres gemeinen Geschäftes; dabei schwitzte sie so stark, daß von ihrem schweißgebadeten Gesicht große Tropfen herniederfielen. »Je mehr Schweißtropfen darauffallen, desto glänzender wird es!« sagte nachdenklich Lantier mit dem Munde voll Pastillen. Virginie, die mit der Würde einer Fürstin sich zurückgelehnt hatte, folgte noch immer mit halbgeschlossenen Augen dem Aufwaschen und ließ ihre Betrachtungen laut werden. »Noch ein bißchen rechte! Nun, paßt mir gut bei der Holzverkleidung auf. Ihr wißt doch, vorigen Sonnabend bin ich gar nicht zufrieden gewesen, da sind die Flecke geblieben!« Alle beide, der Hutmacher und die Konfitürenhändlerin, machten es sich noch bequemer, wie auf einem Thron, während zu ihren Füßen Gervaise sich in dem schwarzen Schmutz abquälte. Das mochte Virginie gefallen, denn in ihren Katzenaugen leuchteten die gelben Funken auf, und sie sah Lantier mit einem halben Lächeln an. Jetzt endlich war sie gerächt für die Prügel im Waschhause, die ihr immer noch auf der Seele gebrannt hatten. Aus dem Hinterzimmer kam das leichte Geräusch einer kleinen Säge, als Gervaise zu schrubben aufgehört hatte. Durch die Tür bemerkte man das Profil Poissons, das sich von dem bleichen Tageslicht des Hofes scharf abhob. Er hatte heute Urlaub und benutzte seine freien Stunden, um seiner Leidenschaft für die Herstellung der kleinen Kästen zu frönen. Er saß an einem Tische und schnitt mit großer Sorgfalt Arabesken in ein Holz, das von einer Zigarrenkiste herrührte. »Hört mal, Badinguet!« rief Lantier, der nun wieder angefangen hatte, ihm aus Freundschaft diesen Spitznamen zu geben, »ich werde Euren Kasten behalten, weil ich einer jungen Dame damit ein Geschenk machen will!« Virginie kniff ihn, aber der Hutmacher vergalt ihr galant, ohne daß er dabei zu lächeln aufhörte, Böses mit Gutem und machte die Maus längs ihrer Schenkel hinter dem Ladentisch; er zog seine Hand mit einer ganz natürlichen Bewegung zurück, als der Ehemann den Kopf hochhob und mit seinem roten Schnurr- und Knebelbart, der sich in seinem erdfahlen Gesicht emporsträubte, erschien. »Ich habe es gerade für Euch gemacht, August«, sagte der Stadtsergeant. »Es sollte ein freundschaftliches Andenken sein.« »Nun, zum Teufel! dann werde ich Euer kleines Ding behalten!« erwiderte Lantier lachend. »Wißt Ihr, ich werde es mir mit einem Bändchen um den Hals hängen.« Und als ob dieser Gedanke plötzlich einen anderen geweckt hätte: »Beiläufig!« rief er, »ich habe gestern Nana getroffen!« Die Erregung, die bei dieser Nachricht Gervaise ergriff, ließ sie inmitten ihres Wasserschlammes sich aufrichten. Sie blieb schwitzend, mit der Bürste in der Hand, regungslos stehen. »Ah!« murmelte sie nur. »Ja, ich ging gerade die Märtyrerstraße hinab, als ich eine Kleine sah, die da am Arm eines Alten herumschwänzelte, und sagte mir: Ei, sieh da! die Beine solltest du doch kennen ... Ich ging schneller und stand der kleinen, verflixten Nana bald von Angesicht zu Angesicht gegenüber ... Laßt es nur gut sein, Ihr braucht die Kleine nicht zu beklagen; sie ist ganz glücklich, ein hübsches, wollenes Kleidchen auf dem Rücken, ein goldenes Kreuz um den Hals und bei alledem sieht sie verdammt hübsch aus!« »Ah!« wiederholte Gervaise mit noch dumpferer Stimme. Lantier, der die Pastillen alle aufgegessen hatte, nahm aus einem anderen Pokal etwas Orangenzucker. »Und durchtrieben ist die Kleine!« fuhr er fort. »Denkt Euch, daß sie mir ein Zeichen machte, ihr zu folgen, und wie geschickt machte sie das. Dann hat sie den Alten irgendwo in einem Café versetzt ... Das war ja köstlich mit dem Alten! Der Alte versetzt! ... Dann kam sie und traf mich in einer Haustüre. Sie ist ein wahres Eichkätzchen! so niedlich sah sie aus und trug sie sich, und schmeicheln tat sie, wie ein kleines Hündchen! Ja, sie hat mich geküßt, sie hat wissen wollen, wie es allen ergeht ... Schließlich bin ich sehr zufrieden gewesen, daß ich sie getroffen habe.« »Ah!« sagte zum drittenmal Gervaise. Sie setzte sich wieder nieder, aber sie wartete immer noch. Hatte denn ihre Tochter gar kein Wort für sie? In der Stille hörte man wieder den Ton von Poissons Säge. Lantier, der sehr lustig war, lutschte mit einem kleinen Pfeifen zwischen den Lippen schnell ein Stück Orangenzucker auf. »Nun, wenn ich, um sie zu sehen, nur über die Straße zu gehen hätte, ich rührte mich nicht«, fing Virginie an, die eben Lantier ganz wütend gekniffen hatte. »Ja, mir würde die Schamröte ins Gesicht steigen, wenn ich öffentlich von einem dieser Mädchen gegrüßt würde ... Ich sage es nicht, weil Ihr da seid, Madame Coupeau, aber Eure Tochter ist ein schönes Stückchen Schweinefleisch. Poisson greift alle Tage welche auf, die besser sind.« Gervaise sagte nichts und rührte sich nicht, ihre Augen starrten ins Leere. Schließlich schüttelte sie langsam den Kopf, wie um auf die Gedanken zu antworten, die ihr durch den Schädel gingen, während der Hutmacher mit lüsterner Miene murmelte: »An dem Schweinefleisch möchte sich mancher ganz gern ein bißchen den Magen verderben. Es ist zart wie junges Huhn ...« Jetzt sah ihn die Konfitürenhändlerin mit einem so schrecklichen Blicke an, daß er kurz abbrach und für gut fand, sie durch eine Liebenswürdigkeit zu begütigen. Er spähte nach dem Schutzmann, und da er sah, daß dieser mit der Nase auf seine Arbeit gebeugt war, benutzte er den Moment, um Virginien den Orangenzucker in den Mund zu stecken. Da lächelte sie befriedigt, wandte sich dann aber zur Wäscherin, um an dieser ihren Unmut auszulassen. »Beeilt Euch doch ein bißchen! Dabei kann die Arbeit nicht vorwärtskommen, wenn Ihr wie ein Prellstein dasteht. Vorwärts! rührt Euch, ich habe keine Lust, bis zum Abend im Schlamm umherzupatschen.« Dann fügte sie leiser, boshaft hinzu: »Kann ich etwa dafür, daß ihre Tochter eine liederliche Dirne ist!« Wahrscheinlich hatte Gervaise das letzte nicht gehört. Sie hatte wieder zu schrubben angefangen; mit gebogenem Rückgrat lag sie da am Boden und machte ihre mechanischen Bewegungen wie ein Frosch. Mit ihren beiden Händen, die das Holz der Bürste umspannt hielten, schob sie eine schwarze Flut vor sich her, deren Aufspritzen sie bis in die Haare hinein mit Schmutz befleckte. Es brauchte nur noch gespült zu werden, wenn man das Schmutzwasser in den Rinnstein gefegt hatte. Nach einigem Stillschweigen erhob Lantier, der sich langweilte, seine Stimme. »Wißt Ihr, Badinguet?« rief er, »ich habe gestern in der Rivolistraße Euren Herrn und Meister gesehen. Er sieht höllisch verstört aus, dem gebe ich keine sechs Monate mehr... Den Teufel auch! bei dem Leben, das er führt!« Er sprach vom Kaiser. Der Schutzmann antwortete mit trockenem Tone, ohne die Augen zu erheben: »Wenn Ihr die Obrigkeit wäret, sähet Ihr auch nicht so fett aus.« »Oh! mein Bester, wenn ich die Obrigkeit wäre,« antwortete der Hutmacher, indem er plötzlich sehr ernst tat, »gingen die Dinge ein bißchen besser, darauf könnt Ihr Euch verlassen... Seht Euch mal ein bißchen ihre auswärtige Politik an! da bricht einem ja in letzter Zeit der Angstschweiß aus. Wenn ich, der ich hier zu Euch rede, irgendeinen Zeitungsschreiber kennte, dem ich meine Gedanken einhauchen könnte...« Er wurde lebhaft und zog, da er mit dem Orangenzucker zu Ende war, einen Kasten auf, aus dem er Eibischzucker nahm, den er dann beim Gestikulieren verputzte. »Das ist sehr einfach... Vor allen Dingen würde ich Polen wiederherstellen und einen großen skandinavischen Staat gründen, der den nordischen Riesen im Schach hielte... Dann würde ich aus all den deutschen Königreichen eine Republik machen... Was England anbelangt, so ist es kaum zu fürchten, aber wenn es sich rührte, würde ich hunderttausend Mann nach Indien schicken... Nehmt hinzu, daß ich mit Kolbenstößen in den Rücken den Großtürken nach Mekka und den Papst nach Jerusalem zurückschicken würde... Nun, was meint Ihr? Europa wird bald in Ordnung sein. Seht mal! Badinguet! guckt mal ein bißchen her...« Er unterbrach sich, um auf einen Griff fünf oder sechs Stückchen Eibischzucker aus dem Kasten zu nehmen. »Das würde nicht länger dauern, als ich dies hier aufgegessen habe.« Darauf warf er sich die Stücke eines nach dem andern in den Mund. »Der Kaiser hat einen andern Plan«, sagte der Schutzmann nach zwei Minuten langer Überlegung. »Laßt es nur gut sein!« erwiderte heftig der Hutmacher. »Den Plan kennt man! Europa macht sich den Teufel was aus uns... Alle Tage müssen die Bedientenseelen in den Tuilerien Euren Herrn unter dem Tisch vorholen, an dem er zwischen zwei Dirnen aus der vornehmen Welt gesessen hat.« Jetzt war Poisson aufgestanden. Er kam näher und legte die Hand aufs Herz, wobei er sagte: »August, Ihr tut mir weh. Sprecht über die Sache, ohne persönlich zu werden.« Jetzt legte sich Virginie ins Mittel und bat, daß man doch Ruhe halten solle. Sie kümmere sich den Teufel um Europa. Wie könnten nur zwei Männer, die in allem andern so einig waren, sich ohne Aufhören über die Politik zanken? Einen Augenblick brummten sie noch unverständliche Worte. Dann ging der Schutzmann, um zu zeigen, daß er nicht mehr böse war, und brachte den Deckel des kleinen Kastens, den er soeben fertiggemacht hatte; man las darauf in erhabenen Buchstaben: An August als Andenken der Freundschaft . Lantier fühlte sich sehr geschmeichelt, beugte sich vor und lehnte sich so auf Virginie, daß er sie fast verdeckte. Der Ehemann sah es mit seinem Gesicht, das einer alten Mauer glich, mit an, und seine ausdruckslosen Augen zeigten keine Beunruhigung, aber die roten Haare seines Schnurrbartes bewegten sich ganz allein so merkwürdig, daß ein Mann, der seiner Sache weniger sicher war als Lantier, dabei hätte unruhig werden müssen. Dieses Vieh, der Lantier, hatte diese unverschämte Ruhe, die den Frauen so sehr gefällt. Als Poisson den Rücken kehrte, kam ihm der tolle Gedanke, Madame Poisson einen Kuß auf das linke Auge zu geben. Gewöhnlich zeigte er sich von schlauer Vorsicht; aber wenn er sich über Politik gezankt hatte, so wagte er alles, weil er wenigstens den Frauen gegenüber recht behalten wollte. Diese ungestümen Zärtlichkeiten, die er dann hinter dem Rücken des Schutzmannes seiner Frau raubte, waren seine Rache am Kaiserreich, das aus ganz Frankreich ein Bordell machte. Diesmal hatte er die Anwesenheit von Gervaise vergessen. Sie hatte den Laden nachgewischt und getrocknet und stand jetzt aufrecht am Ladentisch, wo sie auf ihre dreißig Sous wartete. Der Kuß aufs Auge ließ sie sehr ruhig wie eine Sache, die sie nur natürlich fand, und die sie nichts anging. Virginie schien etwas ärgerlich zu sein. Sie warf Gervaise die dreißig Sous auf den Ladentisch, doch diese rührte sich nicht und schien immer noch auf etwas zu warten; sie war abgemattet von dem Aufwaschen, durchnäßt und häßlich wie ein Hund, den man aus einem Abfalloch gezogen hat. »Also sie hat Euch nichts gesagt?« fragte sie endlich den Hutmacher. »Wer denn?« rief er. »Ach so! Nana! ... Nein, nichts weiter. Die Kleine hat einen Mund, wie ein kleiner Erdbeertopf!« Da ging Gervaise mit ihren dreißig Sous in der Hand ab. Aus ihren niedergetretenen Schuhen floß das Wasser wie aus einer Pumpe, es waren wahre Musikschuhe, die eine Arie knarrten, während sie auf dem Pflaster die feuchten Abdrücke ihrer breiten Sohlen hinterließen. Im Viertel erzählten jetzt die anderen Trunkenbolde, daß sie trinke, um sich über den Fall ihrer Tochter zu trösten. Sie selbst nahm die Mienen einer Tragödin an, wenn sie am Schenktisch ihr Glas Fusel hinunterstürzte; sie warf es sich in den Rachen und wünschte, daß sie daran zugrunde gehen möge. An den Tagen, wo sie voll wie eine Radehacke nach Hause kam, stammelte sie, daß es vom Kummer komme. Aber die anständigen Leute zuckten die Achseln: Man kannte es; die Trunkenheit, die sie sich im »Totschläger« geholt hatte, ihren Kummer zu nennen! Als ob der Kummer dort auf Flaschen gezogen sei. Ohne Zweifel konnte sie in der ersten Zeit Nanas Flucht nicht verwinden. Der Rest von Ehrenhaftigkeit, der noch in ihr war, lehnte sich dagegen auf; und dann mag es gewöhnlich eine Mutter nicht leiden, wenn sie weiß, daß ihre Tochter jeden Augenblick von dem ersten besten geduzt wird. Aber sie war schon niedergebrochen; ihr Kopf war zu krank und ihr Herz zu bedrückt, als daß das Bewußtsein der Schande ihr lange hätte gegenwärtig bleiben sollen. Bei ihr kam es und ging wieder. Es verflossen sehr oft acht Tage, ohne daß sie einmal an Nana dachte; aber dann plötzlich erfaßte sie eine Zärtlichkeit oder eine Wut, je nachdem sie hungerte oder schlemmte, ein Bedürfnis, Nana irgendwo zu kneifen, zu küssen oder zu schlagen, wie es der Augenblick ihr gerade eingab. Schließlich war sie sich über den Begriff des Anständigen nicht mehr recht klar. Sie wußte nur, daß Nana ihr gehörte, nicht wahr? Nun! wenn man einen Besitz hat, so will man nicht, daß er unsichtbar wird. Wenn dieser Gedankengang sich ihrer bemächtigte, durchforschte Gervaise die Straßen mit Argusaugen. Ah! wenn sie ihre Schmutzliese irgendwo getroffen hätte, wie würde sie sie nach Hause gebracht haben! Gerade um diese Zeit wurde der Durchbruch für den Boulevard Magenta und den Boulevard Ornano gemacht, wobei die alte Fischer-Zollstation verschwand und der äußere Boulevard durchbrochen wurde. Die ganze eine Seite der Fischerstraße wurde niedergelegt. Von der Goldtropfenstraße aus sah man jetzt auf einen ungeheuren, weiten, hellen Raum. Das gab Sonnenschein und frische Luft; an Stelle der Baulichkeiten, die früher nach dieser Seite die Aussicht gehindert hatten, erhob sich auf dem Boulevard Ornano ein stattliches Gebäude von sechs Etagen, mit einer schön gegliederten und von Bildhauerarbeit gezierten Vorderseite. Das war wie eine Kirche, wo die hellen Fenster mit ihren gestickten Vorhängen Luxus und Reichtum atmeten. Jeden Tag stritten sich Lantier und Poisson über dieses Haus; der Hutmacher schalt auf das Niederreißen von Paris, er klagte den Kaiser an, daß er überallhin Paläste baue, um die Arbeiter in die Provinz zurückzujagen; dagegen behauptete der Schutzmann, der dabei ganz blaß vor Zorn war, daß der Kaiser gerade nur an die Arbeiter denke, wenn er soviel niederreißen und aufbauen ließ, und daß sein einziger Zweck dabei sei, ihnen Arbeit zu geben. Auch Gervaise konnte sich mit den Verschönerungen nicht befreunden, die ihr ihre dunkle Vorstadtecke, an die sie nun einmal gewöhnt war, veränderten. Sie ärgerte, daß das Viertel sich gerade verschönerte, als sie selbst im Begriff war, zugrunde zu gehen. Wenn man über und über mit Schmutz bedeckt ist, hat man es nicht gern, wenn die volle Sonne darauf scheint. An Tagen, wo sie Nana suchte, schimpfte sie, wenn sie über Baumaterialien hinwegsteigen mußte, oder wenn die Bürgersteige neu gelegt wurden und sie längs der Bauzäune hinstolpern mußte. Das schöne Gebäude auf dem Boulevard Ornano erregte ihren ganzen Zorn; solche Gebäude waren für Früchtchen wie ihre Nana. Indessen hatte sie mehrmals Nachrichten von der Kleinen gehabt. Es gibt ja immer soviel gute Seelen, die nichts lieber tun, als schlechte Nachrichten überbringen. Man hatte ihr erzählt, daß ihre Kleine den Alten eines schönen Tages habe sitzen lassen, was ein Streich von einer unerfahrenen Dirne war. Sie hatte es bei dem Alten sehr gut; er pflegte sie, betete sie an und ließ ihr selbst etwas Freiheit, wenn sie es geschickt anzufangen verstanden hätte. Aber Jugend hat keine Tugend, und so mußte sie mit irgendeinem Stutzer auf- und davongegangen sein, man wußte nicht genau wie oder wohin. Soviel war sicher, daß sie eines Nachmittags auf dem Bastilleplatz von ihrem Alten drei Sous für irgendein kleines Bedürfnis verlangt hatte und daß der Alte noch immer auf sie wartete. In guter Gesellschaft nennt man das »sich englisch empfehlen«. Andere schworen darauf, daß sie sie seitdem bemerkt hätten, wie sie im »Großen Narrensaal« in der Kapellenstraße ihr Tanzbein schwinge. Von da an setzte es sich Gervaise in den Kopf, die Tanzböden des Viertels zu besuchen. Sie trat jetzt in jedes Vergnügungslokal, an dem sie vorüberkam; Coupeau begleitete sie. Zuerst machten sie ganz einfach eine Rundreise und beguckten sich alle die kleinen Mädchen, die da ihr Wesen trieben; als sie aber eines Abends Geld hatten, setzten sie sich ordentlich fest und tranken eine Bowle Punsch, um sich zu erfrischen und zu warten, ob Nana nicht komme. Nach Verlauf eines Monats hatten sie Nana vergessen, jetzt gingen sie auf die Tanzböden, weil es ihnen Spaß machte, dem Tanzen zuzusehen. Stundenlang blieben sie da, mit den Ellenbogen aufgestützt, in dumpfem Brüten, während der Fußboden unter ihnen zitterte; wahrscheinlich folgten ihre erloschenen Augen mit Vergnügen den Bewegungen der Boulevarddirnen, die da in der roten Helligkeit des Saales ihre Reize zeigten. An einem Novemberabend waren sie, um sich zu erwärmen, in den »Großen Narrensaal« eingetreten. Draußen wehte ein schneidender Wind, der den Fußgängern scharf um die Gesichter fuhr. Der Saal war gerappelt voll. Es war drinnen ein wahrer Höllenlärm; an allen Tischen saßen Menschen, alle Gänge standen voll, ja selbst in der Luft schienen welche zu schweben, die Leute waren wie gepökelt; wer gern Gekröse aß, der konnte sich da letzen. Als sie einen Rundgang gemacht hatten, um einen Tisch zu suchen, entschlossen sie sich endlich, stehenzubleiben und zu warten, bis irgendwo eine Gesellschaft aufstand. Coupeau wiegte sich auf seinen Füßen hin und her, seine Bluse war schmutzig, und die alte Mütze, die er trug, hatte keinen Schirm mehr und lag oben auf dem Schädel platt auf. Da er den Weg versperrte, stieß ein kleiner, magerer, junger Mensch mit dem Ellenbogen an ihn an, und er sah, wie dieser nachher sorgfältig seinen Ärmel abwischte. »Hört mal!« schrie er wütend, wobei er die kurze Tonpfeife aus dem schwarzen Munde nahm, Ihr konntet wohl nicht um Entschuldigung bitten? ... Es scheint Euch ekelhaft zu sein, daß man eine Bluse trägt! Der junge Mensch hatte sich umgewandt und maß den Zinkarbeiter mit den Augen, doch dieser fuhr fort: »Du Schlingel scheinst nicht zu wissen, daß die Bluse die schönste Tracht ist, ja, das Kleid der Arbeit! ... Ich werde dich lehren, dir den Ärmel abwischen, wenn du willst, mit ein paar Knallschoten ... Hat man schon je so einen Fatzke gesehen? So einer will hier einen Arbeiter beleidigen! Gervaise versuchte vergeblich, ihn zu beruhigen. Er prahlte in seinen Lumpen, schlug auf seine Bluse und heulte: »Da sitzt die Brust eines Mannes drin!« Nun verlor sich der junge Mann in der Menge und murmelte: »Was ist das für ein schmutziger Bummler!« Coupeau wollte ihn einholen. Er würde sich doch von solchem Überrock nichts gefallen lassen, der war ja nicht einmal bezahlt, der da! Der war von irgendeinem Trödler gepumpt, um damit einem Mädchen die Augen zu verblenden, darauf sollte eine reinfallen und nachher genassauert werden. Wenn er ihn wiederfinde, dann müsse der Bursche sich auf die Knie legen und der Bluse seine Achtung bezeigen. Aber das Gedränge war so groß, man konnte nicht vorwärtskommen. Langsam nur wurde er und Gervaise den Gang entlanggeschoben, der den Raum umgab, in dem getanzt wurde; eine dreifache Reihe von Zuschauern drängte sich da herum, und ihre Gesichter belebten sich, wenn ein Tänzer besonders komische Bewegungen machte oder ein Mädchen die Beine so hoch hob, daß ihr zu zeigen nichts mehr übrigblieb; da sie beide klein waren, sahen sie höchstens die Haarknoten und die Hüte der Tanzenden. Das Orchester spielte auf seinen geborstenen Blasinstrumenten eine wütende Quadrille, die wie ein Sturmwind durch den Saal tobte, und unter deren Einfluß die Füße der Tänzer einen so dicken Staub aufwirbelten, daß die Gasflammen dabei nur mühsam brennen konnten. Es war eine Hitze zum Ersticken. »Sieh doch!« sagte plötzlich Gervaise. »Was denn?« »Die Sammetkiepe da unten!« Sie stellten sich auf die Zehen. Da war zur Linken ein alter, schwarzer Sammethut mit vertragenen Federn, die hin und her wippten, ein richtiger Leichenpferdekopfputz. Aber sie sahen immer nur diesen Hut, der einen wahren Hexentanz aufzuführen schien, so hob, senkte und drehte er sich um sich selbst. Manchmal verloren sie ihn in dem Wogen der anderen Köpfe und fanden ihn dann wieder, wie er über den anderen mit so drolliger Frechheit schwebte, daß die Leute um sie herum lachten, wenn sie nur diesen Hut tanzen sahen, ohne daß sie wußten, was darunter steckte. »Nun! was soll es?« fragte Coupeau. »Erkennst du denn nicht den Haarknoten? murmelte Gervaise gepreßt. Ich setze meinen Kopf zum Pfande, daß sie es ist!« Der Zinkarbeiter stieß mit einer Armbewegung die Umstehenden beiseite. Zum Donnerwetter! Ja, das war Nana! Und in was für einem Aufzuge! Sie hatte nichts weiter an als ein vertragenes Seidenkleid, dessen Flecken man es ansah, daß damit die Tische aller Tanzkneipen aufgewischt waren und von dem die überall zerrissenen Spitzen in Fetzen herunterhingen. Dabei hatte sie weder Umhang noch Schal, und ihre Taille zeigte recht bedenklich ausgerissene Knopflöcher. Wenn man bedachte, daß dieses Mädchen einen Alten gehabt hatte, der mit väterlicher Sorgfalt sich ihrer annahm, so war sie recht hübsch heruntergekommen, weil sie irgendeinem jungen Bengel nachgelaufen war, der sie jetzt wahrscheinlich schlug! Trotzdem war sie frisch und appetitlich, zottlich wie eine Hündin, und ihr rosiger Mund lachte unter dem unförmig großen Hut. »Paß mal auf! wie ich die werde tanzen lassen!« sagte Coupeau. Nana war natürlich ahnungslos. Man mußte sehen, wie sie sich wand! Bald drehte sie sich nach links und bald nach rechts, sie machte Verbeugungen, bei denen sie sich ganz zusammenbog, und ihre Füße schleuderte sie in das Gesicht ihres Kavaliers, als ob sie sich auseinanderreißen wollte. Ein Kreis von Bewunderern umgab sie und klatschte ihr Beifall. Das feuerte sie an, so daß sie ihre Röcke zusammenraffte und bis über das Knie in die Höhe hob; so fieberhaft erfaßte sie das wilde Toben, daß sie sich wie ein Kreisel um sich selbst drehte und sich mit großen Seitensprüngen ganz auf dem Boden niederduckte und wieder emporschnellte; dann ging sie zu einer ganz bescheidenen Tanzweise über, wobei sie sich mit solcher Grazie in den Hüften wiegte und ihren Kopf hintenüberlegte, daß sie alle bezauberte. Man hätte sie in eine Ecke tragen und mit Liebkosungen ersticken mögen. In diese Idylle platzte Coupeau hinein, störte den Kreis und wurde von allen Seiten mit Murren empfangen. »Ich sage euch, es ist meine Tochter!« schrie er. »Laßt mich durch!« Gerade jetzt bewegte sich Nana rückwärts und fegte das Parkett mit den Lumpen ihrer Schleppe, der sie hin und wieder kleine Stöße gab, damit es hübscher aussehe. Da bekam sie einen so meisterhaften Fußtritt gerade auf den guten Ort, daß sie emporschnellte und ganz blaß wurde, als sie ihren Vater und ihre Mutter erkannte. Man konnte nicht behaupten, daß sie heute viel Glück hatte. »Raus!« brüllten die Tänzer. Aber Coupeau, der in dem Kavalier seiner Tochter den magern jungen Mann im Überzieher wiedererkannt hatte, kümmerte sich nicht um die Leute. »Ja, ja, wir sind es!« heulte er. »Nicht wahr? uns hast du hier nicht erwartet? ... Also hier trifft man dich, und noch dazu mit einem Gelbschnabel, der mich eben erst achtungswidrig behandelt hat!« Gervaise stieß ihn mit zusammengepreßten Zähnen an und sagte: »Sei doch still, soviel Redensarten sind gar nicht nötig!« Sie stürzte vor und verabfolgte Nana zwei tüchtige Ohrfeigen, – die erste ließ den Federhut zu Boden fliegen, und die zweite hinterließ auf ihrer Backe, die so weiß wie ein Leinentuch war, einen roten Fleck. Nana war zu überrascht und nahm daher diese beiden Ohrfeigen ohne Tränen und ohne Widerstreben hin. Das Orchester spielte immer weiter, die Leute zürnten über die Unterbrechung des Tanzes und riefen noch heftiger: »Hinaus! Hinaus!« »Vorwärts!« sagte Gervaise. »Gehe voran und lasse dir nicht etwa einfallen durchzubrennen, sonst lasse ich dich einsperren!« Der kleine, junge Mann hatte sich vorsichtig aus dem Staube gemacht. Da ging Nana, ganz betäubt von ihrem Mißgeschick, voran. Wenn sie Miene machte, sich zur Seite zu drücken, gab ihr ein wohlgezielter Hieb von hinten die Richtung zum Ausgang wieder. So verließen sie denn alle drei unter dem Johlen und Schreien der Menge den Saal, während das Orchester den Schlußsatz der Quadrille mit einem solchen Trompetengeschmetter ausführte, daß die Instrumente Kanonenkugeln zu speien schienen. Jetzt fing das alte Leben wieder an. Nachdem Nana in ihrem Kämmerchen volle zwölf Stunden geschlafen hatte, zeigte sie sich während einer Woche sehr liebenswürdig. Sie hatte sich ein altes, bescheidenes Kleidchen wieder zurechtgenäht und trug ein Häubchen, dessen Bänder sie unter ihrem Haarknoten zusammenband. Von einer rechtschaffenen Regung erfaßt, erklärte sie sogar, daß sie zu Hause arbeiten wolle; man könne zu Hause verdienen, soviel man nur immer wolle und höre da nicht die Unanständigkeiten der Arbeitszimmer. Sie suchte auch Arbeit, richtete sich auf dem Tische mit ihren Werkzeugen ein und stand in den ersten Tagen um fünf Uhr auf, um ihre Veilchenstengel zu drehen. Als sie aber ein paar Gros davon abgeliefert hatte, wurden ihre Arme bei der Arbeit schlaff, und ihre Hände, die die Übung des Drehens verloren hatten, bekamen Krämpfe. Sie litt darunter, immerwährend eingesperrt zu sein, nachdem sie während ganzer sechs Monate so viel Bewegung in frischer Luft gemacht hatte. Der Kleistertopf fing an einzutrocknen, die Blumenblätter und das grüne Papier bekamen Fettflecke, so daß der Fabrikant dreimal selber kam und seine verlorenen Materialien forderte. Nana schleppte das Leben so weiter; von ihrem Vater steckte sie täglich mehrere Ohrfeigen ein, und mit ihrer Mutter zankte sie vom Morgen bis zum Abend, wobei sich die beiden Frauen lauter Abscheulichkeiten vorwarfen. Das konnte nicht lange so fortgehen; am zwölften Tage machte sich die Dirne davon und nahm als einziges Reisegepäck ihr bescheidenes Kleidchen und ihr kleines Häubchen mit. Die Lorilleux', die die Rückkehr und die Reue der Kleinen sehr unangenehm berührt hatte, hätten beinahe vor Freude alle viere in die Luft gestreckt. Zweite Vorstellung! Auskneifen Nummer zwei! Die Fräulein für das Magdalenenstift einsteigen! Nein, es war zu komisch! Diese hatte einen Schick, sich aus der Sache zu ziehen! Nun! wenn die Coupeaus sie jetzt zu Hause behalten wollten, mußten sie ihr ihre Kleider zusammennähen und sie in einen Käfig setzen! Die Coupeaus taten vor den Leuten so, als ob sie froh seien, sie wieder los zu sein. Innerlich waren sie wütend. Aber die Wut tobt sich aus. Bald erfuhren sie, ohne selbst mit der Wimper zu zucken, daß sich Nana im Viertel herumtriebe. Gervaise beschuldigte sie, daß sie es tue, um sie zu entehren. Sie setzte sich über allen Klatsch hinweg; sie hätte jetzt ihr ungeratenes Kind auf der Straße treffen können, sie würde sich nicht die Hände beschmutzen und ihr eine Ohrfeige verabfolgen. Ja, es war jetzt ganz aus; wenn sie sie nackt und sterbend auf dem Pflaster gefunden hätte, wäre sie vorbeigegangen, ohne zu sagen, daß sie dieses Untier unter ihrem Herzen getragen habe. Nana war der Stern aller Bälle in der Umgegend. Man kannte sie von der »Weißen Königin« bis zum »Großen Narrensaal«; wenn sie in das »Elysee Montmartre« kam, stiegen die Leute auf Stühle, um sie tanzen zu sehen. Da sie im »Roten Schloß« zweimal hinausgeworfen war, strich sie nur in der Nähe herum und wartete auf Personen ihrer Bekanntschaft. Die »Schwarze Kugel« auf dem Boulevard und der »Großtürke« waren die vornehmsten Säle, wo sie nur hinging, wenn sie reine Wäsche hatte. Aber von allen Tanzböden des Quartiers bevorzugte sie den »Junggesellenball«, der auf einem feuchten Hofe lag, und den »Robertball« in der Uhrensackgasse; das waren zwei schmutzige, kleine Orte, die durch ein halbes Dutzend Laternen erleuchtet wurden; hier ging es gemütlich zu; jeder tat und ließ, was er wollte; ja es ging so weit, daß man es duldete, wenn die Tänzer ihre Damen in den Ecken abküßten. Mit Nana ging es aufwärts und abwärts wie mit einem Zauberschlage, bald trug sie die ausgesuchtesten Toiletten wie eine Modedame, bald fegte sie mit jammervollen Fahnen den Straßenschmutz. Sie führte ein schönes Leben! Mehrmals glaubten die Coupeaus ihre Tochter an recht verrufenen Orten zu bemerken. Sie wandten dann den Rücken und schlugen eine andere Richtung ein, um sie nicht erkennen zu brauchen. Sie hatten jetzt keine Lust mehr, sich von der Gesellschaft eines ganzen Tanzsaales verhöhnen zu lassen, um solch ein sauberes Pflänzchen mit nach Hause zu nehmen. Als sie sich eines Abends gegen zehn Uhr schlafen legen wollten, schlug man an ihre Tür. Es war Nana, die ganz ruhig ankam und dort zu schlafen wünschte; und in welchem Zustand war sie, großer Gott! Auf dem Kopf hatte sie nichts, ihr Kleid bestand aus Lumpen, ihre Schuhe waren zerrissen, mit einem Wort eine Toilette, deretwegen allein schon die Polizei sie aufgreifen mußte. Sie bekam natürlich ihre Tracht Prügel; dann aber fiel sie heißhungrig über eine harte Brotkruste her und schlief vor Mattigkeit noch mit dem letzten Bissen im Munde ein. So ging das Leben immer weiter. Wenn die Kleine fühlte, daß sie sich erholt hatte, verschwand sie eines Morgens wieder. Aus den Augen, aus dem Sinn! Der Vogel war wieder ausgeflogen. Es vergingen oft Wochen, Monate, sie schien ganz verschwunden, dann plötzlich war sie wieder da, ohne zu sagen, wo sie herkam, manchmal schmutzig, daß man sie nicht mit der Zange hätte anfassen mögen, zerkratzt von oben bis unten, ein anderes Mal gut gekleidet, aber so schlaff, so entkräftet durch ihr Leben, daß sie sich kaum noch aufrecht erhielt. Die Eltern hatten sich daran gewöhnen müssen. Aus den Schlägen machte sie sich nichts. Wenn sie sie auch mit Füßen traten, benutzte sie doch ihre Wohnung wie eine Herberge, wo man wochenweise schläft. Sie wußte, daß sie ihr Bett mit einer Tracht Prügel bezahlte; wenn sie die Prügel weg hatte, so befühlte sie sich, um zu sehen, ob sie beim Austausch noch im Vorteil war. Übrigens wird man schließlich auch des Schlagens müde. So kamen auch die Coupeaus dahin, Nanas Kommen und Gehen ohne weiteres hinzunehmen. Ob sie kam oder wegblieb, es war dasselbe, wenn sie nur die Tür hinter sich zumachte, das genügte. Mein Gott! die Gewohnheit nutzt die Ehrenhaftigkeit gerade so gut ab, wie alle anderen Dinge. Eine Sache gab es noch, die Gervaise in Zorn versetzte. Das war, wenn Nana in Schleppkleidern und Federhüten wieder erschien. Nein! Diesen Luxus konnte sie nicht so herunterschlucken. Nana mochte ein Leben führen, wie sie wollte, aber wenn sie zu ihrer Mutter kam, so sollte sie wenigstens gekleidet sein, wie es sich für eine Arbeiterin schickte. Die Schleppkleider empörten das Haus: Die Lorilleux' hohnlachten; Lantier, den so etwas ordentlich aufkratzte, umschnüffelte die Kleine, weil sie so gut roch; die Boches hatten Pauline verboten, mit dieser ekelhaften Person im Flitterstaat zu reden. Ebenso böse war Gervaise über den bleiernen Schlaf Nanas, wenn sie nach vielen wild durchtobten Wochen bis in den hellen Mittag hinein schlief; so abgetrieben lag sie mit ihrem aufgelösten Haarknoten, der noch voller Haarnadeln steckte, da, so blaß sah sie aus und so kurz war ihr Atem, daß sie einer Sterbenden glich. Vier- oder fünfmal schüttelte sie sie des Morgens und drohte, daß sie ihr einen Topf Wasser auf den Leib gießen werde. Es brachte sie zur Verzweiflung, daß dieses schöne, arbeitsscheue Mädchen, das halb nackt vor ihr lag, hier ihren Liebesrausch, der ihr Fleisch ordentlich schwellen ließ, ausschlief, ohne daß es möglich war, sie zu erwecken. Nana öffnete ein Auge, schloß es wieder, drehte sich herum und schlief weiter. Als eines Tages Gervaise ihr mit harten Worten ihr Leben vorhielt und sie fragte, ob sie sich etwa schon mit Soldaten abgebe, um so über alle Gebühr erschöpft und abgemattet anzukommen, führte sie endlich ihre Drohung aus und fuhr ihr mit der nassen Hand über den Körper. Die Kleine wütete, hüllte sich in das Laken und schrie: »Nun ist es aber genug, nicht wahr? Mama! Laß uns lieber nicht über Männer sprechen, es wird besser sein. Du hast immer getan, was du gewollt hast, und nun tue ich das, was ich will.« »Was soll das heißen?« stotterte die Mutter. »Nun, ich habe zu dir nie davon gesprochen, weil es mich nichts anging; aber du hast dir gewiß keinen Zwang angetan, ich habe dich oft genug im Hemde und auf Strümpfen herumspazieren sehen, wenn Papa schnarchte... Jetzt macht es dir keinen Spaß mehr, aber andere finden Gefallen daran. Lasse mich zufrieden, du hättest mir nicht solches Beispiel geben sollen!« Gervaise blieb ganz blaß, mit zitternden Händen stehen und drehte sich schließlich herum, ohne daß sie wußte, was sie tat, während Nana, die platt auf dem Bauche lag, ihr Kopfkissen an sich zog und in die Bewußtlosigkeit ihres bleiernen Schlafes zurückfiel. Coupeau brummte und kam selbst nicht mehr auf den Gedanken, sie zu schlagen. Er verlor völlig seinen Verstand. Man konnte ihm wirklich nicht einmal vorwerfen, daß er ein unmoralischer Vater sei, denn der Trunk verwischte bei ihm völlig die Erkenntnis des Guten und Bösen. Sein Leben war jetzt geregelt. Während voller sechs Monate wurde er nicht nüchtern, dann brach er zusammen und wurde nach dem Annenkrankenhause gebracht; das war für ihn eine Landpartie. Die Lorilleux' sagten, daß Seine Durchlaucht der Herzog Kaldaunenbrand sich auf seine Güter begeben habe. Nach Verlauf von einigen Wochen kam er, geflickt und wiederhergestellt, aus dem Asyl und fing wieder an, sich zu zerstören, bis er eines Tages wieder auf der Seite lag und wieder zurechtgemacht werden mußte. Während dreier Jahre war er so siebenmal im Annenkrankenhause gewesen. Im Viertel erzählte man sich, daß ihm dort seine eigene Zelle aufgehoben werde. Das Schlimmste an der Geschichte war, daß sich dieser verdammte Säufer jedesmal immer mehr kaputt machte, so daß man von Fall zu Fall den Schlußakt wohl voraussehen konnte, wo mit einem letzten Krach das alte Faß auseinanderfallen mußte, von dem sich jetzt schon ein Reif nach dem andern ablöste. Dabei verschönerte er sich durchaus nicht; er sah wie ein Verstorbener aus! Das Gift zerstörte ihn schrecklich. Sein Körper war so mit Alkohol durchtränkt, daß er zusammenschrumpfte wie die Leibesfrucht in den Gläsern bei den Ärzten. Wenn er sich ans Fenster setzte, so schien das Tageslicht beinahe durch ihn durch, so mager war er. Seine Backen waren faltig, und aus seinen Augen triefte genug Wasser, um eine Wiese damit zu berieseln; ihm blieb nur seine schöne, rote Nase, die sich wie eine einsame Blüte am verdorrten Stamme ausnahm. Wer da wußte, wie alt er war, runde vierzig Jahre, den schüttelte ein leiser Frost, wenn er gebeugt und wackelnd vorüberkam und so alt aussah wie die Straßen. Das Zittern seiner Hände wurde immer stärker, seine rechte Hand besonders tanzte so heftig, daß er oft sein Glas mit beiden Fäusten packen mußte, um es an den Mund zu bringen. Dieses verdammte Zittern! Das war das einzige, was ihn in seiner gänzlichen Versumpfung noch ärgerte! Oft hörte man ihn wilde Drohungen gegen seine Hände ausstoßen. Zu anderen Malen sah man ihn stundenlang seine tanzenden Hände beobachten, ohne daß er etwas sagte oder sich ärgerte, er schien es herausbringen zu wollen, durch welchen inneren Mechanismus dieses Spiel unterhalten wurde; eines Abends hatte Gervaise ihn so gefunden, wie ihm zwei dicke Tränen an seinen gefurchten Wangen herniederrannen. Der letzte Sommer, in dem Nana den Rest ihrer Nächte bei den Eltern zubrachte, war für Coupeau besonders schlecht. Seine Stimme veränderte sich vollkommen, als ob ein neues Instrument in seine Kehle gesetzt worden wäre. Er wurde auf einem Ohre taub. Dann wurden ganz plötzlich seine Augen schwach, und er mußte sich am Treppengeländer halten, wenn er nicht fallen wollte. Was seine Gesundheit anbelangt, nun, die war auf Urlaub, wie man zu sagen pflegt. Er hatte abscheuliche Kopfschmerzen und Wallungen, daß er sechsunddreißig Kerzen flammen sah. Ganz plötzlich überfielen ihn stechende Schmerzen in den Armen und Beinen; er wurde dann blaß, mußte sich niedersetzen und blieb stundenlang auf einem Stuhl ohne Besinnung; einmal war ihm sogar für einen ganzen Tag ein Arm gelähmt geblieben. Mehrere Male hatte er sich schon fest ins Bett gelegt, da kauerte er sich zusammen und verkroch sich unter der Bettdecke, wobei er anhaltend stöhnte wie ein krankes Tier. Jetzt fingen die Beängstigungen vom Annenkrankenhause wieder an. Er wurde mißtrauisch, unruhig, und ein heftiges Fieber ergriff ihn; er wälzte sich in tollen Wutanfällen umher, zerriß seine Bluse und biß mit seinen krampfhaft zuckenden Kiefern in die Möbel; oder es befiel ihn eine große Traurigkeit, er jammerte dann wie ein Kind, schluchzte und beklagte sich, daß niemand ihn lieb habe. Als eines Abends Gervaise und Nana zusammen nach Hause kamen, fanden sie ihn nicht in seinem Bett. Statt seiner hatte er ein Kissen dort hingelegt. Sie fanden ihn selbst zwischen dem Bette und der Wand versteckt, wo er mit den Zähnen klapperte; er erzählte, daß bald Männer kämen, die ihn ermorden wollten. Die beiden Frauen mußten ihn wieder zu Bette bringen und beschwichtigen wie ein Kind. Coupeau kannte nur ein Heilmittel: sich seinen Schoppen Branntwein in den Leib zu schlagen, das brachte ihn wieder auf die Beine. Jeden Morgen kurierte er so seinen Schleimhusten. Seit lange war schon sein Gedächtnis schwach geworden, sein Schädel war leer; denn sobald er nur ein bißchen kriechen konnte, spottete er über die Krankheit. Er war nie krank gewesen. Ja, er war auf dem Punkte angekommen, wo es zu Ende geht und man doch sagt, daß man sich ganz ausgezeichnet befindet. Übrigens verließ ihn schließlich auch die Erinnerung. Wenn Nana nach sechswöchiger Abwesenheit nach Hause kam, glaubte er, sie habe nur einen Gang im Viertel besorgt. Wenn er ihr am Arme eines Herrn begegnete, lachte er sie oft an, ohne sie zu erkennen. Mit einem Wort: er zählte nicht mehr mit; sie würde sich auf ihn gesetzt haben, wenn sie gerade keinen Stuhl gefunden hätte. Als der erste Frost kam, machte sich Nana wiederum davon; sie war unter dem Vorwande hinuntergegangen, um zu sehen, ob es bei der Obsthändlerin keine gebackenen Birnen gebe. Sie fühlte den Winter kommen und hatte keine Lust, vor dem leeren Ofen mit den Zähnen zu klappern. Die Coupeaus schalten auf sie wegen des langen Ausbleibens, weil sie auf die Birnen warteten. Sie werde schon wiederkommen; dabei war sie im verflossenen Winter einmal drei Wochen fortgeblieben, um für zwei Sous Tabak zu holen. Indessen verfloß Monat auf Monat, die Kleine kam nicht wieder. Diesmal mußte sie einen famosen Fang gemacht haben. Als der Juni herankam, brachte auch die Sonne sie nicht wieder zurück. Jetzt war es ganz entschieden aus, sie mußte irgendwo ihr Weißbrot gefunden haben. An einem ihrer Fasttage verkauften sie das eiserne Bett des Kindes für runde sechs Franken, die sie in Saint-Ouen vertranken. So füllte ihnen das Bett den Leib. Eines Morgens im Juli rief Virginie Gervaise, die gerade vorüberging, und bat sie, bei ihr etwas Geschirr abzuwaschen, weil Lantier am Abend zuvor zwei Freunde zu Tische gehabt hatte. Wie nun Gervaise das Geschirr abwusch, das übrigens recht hübsch fettig von dem Gastmahl des Hutmachers war, rief dieser, der im Laden noch mit der Verdauung beschäftigt war, plötzlich: »Wißt Ihr was, Mutter? Neulich habe ich Nana gesehen.« Virginie, die an der Kasse nachdenklich ihren immer leerer werdenden Pokalen und Schubkästen gegenübersaß, erhob wütend den Kopf. Sie hielt an sich, um sich nicht zu verraten; denn es fing schon an, bedenklich zu werden. Lantier sah Nana sehr oft. Sie hätte nicht die Hand ins Feuer legen mögen, er war der Mann dazu, das Schlechteste zu tun, wenn ein Unterrock ihm den Kopf verdrehte. Madame Lerat, die gerade jetzt mit Virginie sehr befreundet war, schnitt ihre geheimnisvolle Grimasse und fragte: »Wie habt Ihr sie gesehen?« »Ausgezeichnet«, antwortete der Hutmacher sehr geschmeichelt und drehte dabei lachend seinen Schnurrbart. »Sie saß in einer Droschke; und ich stolperte über das Pflaster ... Wahrhaftig, ich schwöre Euch! Eigentlich hätte man sich gar nicht zu entschuldigen, denn die Söhne aus guten Häusern, die sie ganz nahebei duzen, sind verdammt beneidenswerte Burschen!« Seine Blicke waren lebhaft geworden, und er wandte sich an Gervaise, die hinten im Laden einen Teller abtrocknete. »Ja, sie fuhr in einer Droschke und war angezogen, mit einem Geschmack! ... Sie glich so sehr einer ganz vornehmen Dame, daß ich sie gar nicht erkannte; mit ihren weißen Beißern in ihrem frischen Gesichtchen sah sie wie eine Blume aus. Sie lächelte mir zu und grüßte mich mit dem Handschuh ... Sie hat, glaube ich, einen Grafen gefischt. Sie ist jetzt sehr obenauf! Die braucht sich um uns alle nicht zu bekümmern, sie hat Glück bis über die Ohren, die kleine Canaille! ... Und wie entzückend sah sie aus! Nein, Ihr könnt es Euch gar nicht denken, wie reizend!« Gervaise wischte noch immer an ihrem Teller, obwohl er schon lange rein und blank war. Virginie dachte mit Sorge an zwei Wechsel, von denen sie noch nicht wußte, wie sie sie morgen bezahlen sollte, während Lantier, der so dick und fett war, daß er den Zucker ausschwitzte, von dem er sich nährte, mit seiner Begeisterung für die kleinen, hübsch gekleideten Freudenmädchen den Konfitürenladen erfüllte, den er schon zu dreiviertel aufgefressen hatte, und in dem es aus allen Ecken nach Bankerott roch. Ja, er hatte nur noch einige Pralinees aufzuknabbern und etwas Orangenzucker zu lutschen, um dem ganzen Handel der Poissons ein Ende zu machen. Plötzlich sah er auf dem Fußwege gegenüber den Schutzmann, der heute Dienst hatte und vorschriftsmäßig zugeknöpft, mit dem Degen an der Seite vorüberging. Das stimmte ihn noch heiterer, und er zwang Virginie, ihren Mann zu betrachten. »Seht mal!« meinte er, Badinguet hat heute morgen ein famoses Gesicht aufgesetzt! ... Paßt auf! er hat seinen Degengurt so fest geschnallt; der muß sich irgendwo ein Glasauge haben einsetzen lassen, um seine Leute abzufassen.« Als Gervaise nach oben kam, fand sie Coupeau auf dem Bette sitzen. Er war gerade wieder in der Erstarrung einer seiner Anfälle. Mit seinen erloschenen Augen stierte er zu Boden. Sie selbst setzte sich auf einen Stuhl, ihre Glieder waren ihr wie zerschlagen, und ihre Hände hingen an ihrem schmutzigen Unterrock schleif hernieder. Wohl eine Viertelstunde blieb sie ihm gegenüber sitzen, ohne zu sprechen. »Ich habe Nachrichten bekommen«, murmelte sie endlich. »Deine Tochter ist gesehen worden ... Ja, deiner Tochter geht es sehr gut, sie hat dich nicht mehr nötig. Die ist glücklich, will ich meinen! ... Himmel und Welt! Was würde ich drum geben, an ihrer Stelle zu sein!« Coupeau betrachtete noch immer den Fußboden. Dann hob er sein verwüstetes Gesicht empor und stammelte mit einem blödsinnigen Lächeln: »Nun, mein Herzchen, ich halte dich nicht ... Du bist noch gar nicht so übel, wenn du dich ordentlich gewaschen hast. Du weißt ja, wie man sagt: es gibt keinen so alten Topf, daß sich nicht noch ein Deckel dazu fände ... Den Teufel auch! Wenn das unseren Kohl ein bißchen fetter machen könnte!« Zwölftes Kapitel. Es mußte so ungefähr der Sonnabend nach dem Mietstermin sein, etwa der zwölfte oder dreizehnte Januar, Gervais wußte es nicht so genau. Sie verlor nach und nach den Verstand, weil es schon ein Jahrhundert her war, seit sie nichts Warmes mehr in den Leib bekommen hatte. Was war das für eine höllische Woche! Eine wahre Hungerkur; zwei Brote von vier Pfund hatten vom Dienstag bis zum Donnerstag vorgehalten, dann eine trockene Kruste, die sie am Abend gefunden, und seitdem nichts, keine Krume seit sechsunddreißig Stunden. Es war ein höllischer Tanz vor dem leeren Speiseschrank! Soviel wußte sie, sie fühlte in ihrem Rücken das Hundewetter, das draußen herrschte; es war kalt und düster, am Himmel lagerten schwere Wolken, die den Schnee, den sie in sich bargen, durchaus nicht niederfallen lassen wollten. Wenn man den Winter und den Hunger zusammen in den Eingeweiden hat, dann kann man sich den Leibgurt noch so fest schnallen, es hilft doch nichts. Vielleicht brachte Coupeau am Abend Geld mit. Er sagte, daß er arbeitete. Es ist ja alles möglich, nicht wahr? Und Gervaise war trotz all ihrer bösen Erfahrungen schließlich dahin gekommen, auf dieses Geld zu rechnen. Nach allerlei Geschichten, die vorgekommen waren, bekam sie im ganzen Viertel auch nicht einen Lappen mehr zu waschen; selbst eine alte Dame, deren Aufwartung sie gemacht hatte, warf sie hinaus, weil sie sie beschuldigte, daß sie ihre Liköre austrank. Man wollte nirgends mehr etwas von ihr wissen, sie war wie gebrandmarkt. Das war ihr im Grunde ganz recht, denn sie war jetzt schon bis zu dem Punkte vertiert, daß sie es vorzog, lieber Hungers zu sterben, als ihre zehn Finger zu rühren. Wenn Coupeau seinen Lohn nach Hause brächte, würde man etwas Warmes essen. Da die Mittagstunde schon geschlagen hatte, blieb sie wartend auf ihrer Matratze liegen, weil man weniger friert und weniger Hunger hat, wenn man lange liegt. Gervaise nannte es eine Matratze, aber in Wirklichkeit war es nur ein Haufen Stroh in einer Ecke. Nach und nach waren die Betten zu den Trödlern des Viertels gewandert. Zuerst hatte sie an Hungertagen die Matratzen aufgetrennt und Hände voll Wolle herausgenommen, die sie in ihre Schürze nahm und für zehn Sous das Pfund in der Wackerstraße verkaufte. Als die Matratzen leer waren, hatte sie sich eines Morgens dreißig Sous für den Überzug geben lassen und sich Kaffee dafür gekauft. Die Kopfkissen waren nachgefolgt und schließlich auch das Keilkissen. Es blieb noch das hölzerne Bettgestell, das sie wegen der Boches nicht unter den Arm nehmen konnte, die das ganze Haus in Aufruhr gebracht hätten, wenn sie so die einzige Sicherheit des Hauswirtes flöten gehen sahen. Aber als sie eines Abends erspäht hatte, daß die Boches beim Essen saßen, brachte sie mit Coupeaus Hilfe ganz ruhig, Stück für Stück, das Bett herunter, die Seitenwände, den Hinterteil und den Rahmen. Mit den zehn Franken, die sie dafür bekamen, machten sie sich drei lustige Tage. War denn nicht der Strohsack ebenso gut? Selbst die Leinentücher waren dahingegangen, wo schon das Bett stand; so kamen sie mit ihrer Lagerstätte zu Ende. Sie hatten sich für den Erlös des letzten nach vierundzwanzigstündigem Fasten an der Menge Brot, die sie herunterschlangen, den Magen verdorben. Man rührte das Stroh mit dem Besen etwas auf, dann war das Lager immer bereitet, und es war auch nicht viel schmutziger als etwas anderes. Auf diesem Strohhaufen lag Gervaise mit ihren Kleidern zusammengekauert, die Hände hatte sie unter ihren zerfetzten Unterrock gesteckt, um sie wärmer zu erhalten. So zusammengekrümmt und mit weit offenen Augen gingen ihr an diesem Tage Gedanken durch den Kopf, die nicht allzu lustig waren. Nein, durchaus nicht lustig, man konnte so, ohne zu essen, nicht weiter leben! Sie fühlte den Hunger nicht mehr, nur war es ihr, als ob sie Blei im Magen habe, während ihr Kopf ganz wüst und leer zu sein schien. Wenn sie sich ihre vier leeren Wände anguckte, konnte sie das allerdings nicht auf lustige Gedanken bringen! Es war eine wahre Jammerbude, wo die Windspiele, die auf den Straßen warme Decken trugen, nicht einmal geduldet hätten, daß man ihre Photographie aufhänge. Ihre glanzlosen Augen betrachteten die nackten Wände. Seit lange schon war alles ins Leihhaus gewandert; da blieb die Kommode, der Tisch und ein Stuhl; die Marmorplatte und die Schubkästen der Kommode waren denselben Weg gegangen wie das Bettgestell. Ein Brand hätte auch nicht mehr aufräumen können; die kleinen Dinge waren auch hinweggeschmolzen, zu Anfang eine Uhr zu zwölf Franken bis zu den Familienphotographien, von denen eine Händlerin die Rahmen gekauft hatte. Es war eine sehr gefällige Frau, zu der sie eine Schüssel, ein Plätteisen und einen Kamm brachte, und die ihr dafür fünf Sous, drei Sous und zwei Sous, je nach den Gegenständen, hinzahlte, wofür sie sich ein Stück Brot mit nach oben nehmen konnte. Jetzt blieb nur noch eine alte, zerbrochene Lichtputzschere, für die die Händlerin auch nicht einen Sou bezahlen wollte. Wenn sie gewußt hätte, an wen sie den Schmutz verkaufen könnte, den Staub und den Dreck, da hätte sie schnell einen Handel angefangen, denn das Zimmer war in einem schönen Zustand. Sie sah nur die Spinngewebe in den Ecken; die sind vielleicht gut für Schnittwunden, aber es gibt nur noch keinen Händler, der sie kauft. So gab denn ihr zermarterter Kopf die Hoffnung auf, irgendeinen Handel zu machen, und sie kauerte sich noch mehr in ihrem Stroh zusammen und betrachtete durch das Fenster den Himmel mit seinen Schneewolken; es war ein trüber Tag, der ihr das Mark in den Knochen erstarren ließ. Wie drang das alles auf sie ein! Was half es, das müde Hirn zu quälen und vom Schlechten ins Schlimmere zu sinken? Wenn sie wenigstens hätte schlafen können; aber der gänzliche Zusammenbruch ihrer Wirtschaft ging ihr zu sehr im Kopfe herum. Herr Marescot, der Wirt, war abends zuvor selbst gekommen, um zu sagen, daß er sie hinaussetzen müsse, wenn die beiden rückständigen Mietsraten nicht in acht Tagen bezahlt seien. Nun gut! er solle sie hinaussetzen, auf dem Pflaster würden sie nicht viel schlechter liegen. Sehe sich einer so einen Schweinigel an, der kommt hier mit seinem warmen Überzieher und seinen wollenen Handschuhen herauf und will ihr von Mietsraten sprechen, als ob sie irgendwo einen versteckten Schatz hätte! Den Teufel auch! Ehe sie sich so den Schlund zusammenschnürte, würde sie sich doch lieber erst etwas in den Leib schlagen! Nein, wahrhaftig! sie fand ihn zu erbärmlich, diesen Schuft; sie hatte ihn, nun, ihr wißt schon wo, und das noch dazu recht tief. Ebenso war es mit ihrem Schlummerkopf, dem Coupeau; der konnte gar nicht mehr anders nach Hause kommen, als daß er mit Schlägen über sie herfiel; den wünschte sie sich an denselben Ort wie den Wirt. Um diese Zeit mußte der bewußte Ort bei ihr recht hübsch groß sein, denn sie schickte die ganze Welt dahin, so überdrüssig war sie der Menschen und des Lebens. Sie wurde ein wahrer Fang für Faustschläge. Coupeau hatte einen kurzen Knüttel, den nannte er seinen Sonntagsfächer, damit fächelte er seiner Frau Trachten Schläge zu, die waren abscheulich; man mußte nur sehen, wie sie oft bluttriefend davonkam. Sie war auch nicht die Allerbeste, sie biß und kratzte. So prügelten sie sich in dem leeren Zimmer so lange, bis ihnen der Appetit nach Brot ganz vergangen war. Schließlich machte sie sich aus dem Hagel dieser Schläge ebensowenig wie aus allem anderen. Coupeau konnte wochenlang blaumachen, Saufreisen ausführen, die manchmal Monate andauerten, dann, durch den Trunk irrsinnig und wütend, nach Hause kommen und sie prügeln: sie hatte sich daran gewöhnt, sie fand ihn unausstehlich, weiter nichts. An solchen Tagen hatte sie ihn im Magen, ja sogar im Hintern hatte sie dieses Schwein von Mann! im Hintern die Lorilleux', die Boches und die Poissons! im Hintern das Viertel, das sie verachtete. Ganz Paris konnte dahin, und sie wies ihm da seinen Platz mit einer Handbewegung an, in der eine erhabene Gleichgültigkeit lag; denn sie fühlte sich gerächt und glücklich, daß sie es da unterbringen konnte. Wenn man sich auch an alles gewöhnen kann, so kann man es sich leider doch nicht angewöhnen, gar nichts zu essen. Das war das einzige, was Gervaise beunruhigte; es war ihr gleichgültig, daß sie von den Elenden die Erbärmlichste war, daß sie so ganz auf dem Grunde des Rinnsteins lag und daß sie sah, wie die Leute sich ihre Ärmel abwischten, wenn sie sie zufällig im Vorbeigehen gestreift hatten; die schlechten Manieren der Leute waren ihr nicht weiter unbequem, aber der Hunger, der wühlte in ihren Eingeweiden. Sie hatte schon lange von den Leckerbissen Abschied genommen, sie war so weit herunter, daß sie alles verschlang, was sie fand. An ihren Feiertagen, wenn sie Geld hatte, kaufte sie bei den Schlächtern die Fleischabfälle für vier Sous das Pfund, die dort schon so lange auf den Tellern umhergelegen, daß sie schwarz zu werden anfingen. Das setzte sie mit einer Portion Kartoffeln bei und schmürgelte es im Ofen zurecht; oder sie zerhackte ein Ochsenherz, das war eine Mahlzeit, nach der sie sich noch lange die Finger leckte. Zu anderen Malen, wenn sie Wein hatte, brockte sie sich Brot hinein; das gab eine Suppe, von der sie einen Spitz bekam. Für zwei Sous italienischen Käse, einen Scheffel weiße Äpfel oder ein Viertel trockene Bohnen, die in ihrem eigenen Fett gekocht werden mußten, konnte sie sich nur sehr selten leisten. Sie war bis zum Harlekin, Anmerk. des Übersetzers : Harlekin nennt man in Paris die zusammengeworfenen Abfälle aus den Restaurationen, die in den niedrigsten Garküchen serviert werden. Das Wort kommt daher, daß dieses Gericht sich aus ebenso zufällig zusammengewürfelten Stücken zusammensetzt, wie der Anzug eines Harlekins. der in den niedrigsten Garküchen für einen Sou verkauft wurde, hinabgestiegen; da hatte sie für ihr Geld einen Haufen Gräten, mit denen die Abfälle verdorbenen Bratenfleisches gemischt waren. Sie sank noch tiefer, sie bettelte bei einem mitleidigen Schankwirt um die Überreste von den Tellern der Gäste; davon machte sie ein Gehacktes und ließ das möglichst lange auf dem Ofen irgendeines Nachbars schmoren. Sie kam dahin, daß sie an Hungertagen mit den Hunden zusammen vor den Türen der Häuser umherstrich, um unter den fortgeworfenen Küchenabfällen Genießbares zu suchen. Da kam es denn manchmal vor, daß sie reiche Mahlzeiten hielt; sie fand verfaulte Melonen, übergegangene Schellfische und Kotelette, deren Papiermanschetten sie sorgfältig vom Knochen zog, weil sie fürchtete, daß jemand, der sich über sie lustig machen wollte, dort etwas dazwischen gesteckt hätte. Ja, soweit war es mit ihr gekommen; die Empfindsamen rümpften darüber die Nase, wenn aber die Empfindsamen drei Tage lang nichts gegessen hätten, dann möchten wir einmal sehen, ob sie gegen ihren Magen böse würden, oder ob sie sich nicht, auf allen Vieren kriechend, ekelhaftes Zeug in den Mund stopfen würden gerade wie die Kameraden. Das ist das Verrecken der Armen, deren leere Eingeweide Hunger schreien; wie die Tiere, deren Kiefer klappern, müssen sie sich mit ekelerregenden Sachen vollstopfen in diesem großen, goldigen, glänzenden Paris! Sollte man wohl glauben, daß Gervaise sich an fetten Gänsen den Magen verdorben hatte! Jetzt konnte sie sich das Maul danach wischen. Als ihr eines Tages Coupeau für zwei Sous Brot gestohlen hatte, um es zu verkaufen und zu vertrinken, hätte sie ihn beinahe erwürgt, so wütend machten sie der Hunger und der Diebstahl. Bei dem Hinausblicken auf den düsteren Himmel war sie denn doch schließlich eingeschlafen, aber der Schlaf war unruhig und peinlich. Sie träumte, daß dieser Himmel all seinen Schnee auf sie ausschüttete, so sehr fror sie im Schlaf. Plötzlich richtete sie sich auf, sie war durch eine Todesangst, die sie befiel, erwacht. Mein Gott! Sollte sie denn sterben? Klappernd und hohläugig sah sie, daß es noch immer Tag war; wollte denn die Nacht gar nicht kommen? Wie die Zeit langsam schleicht, wenn der Bauch leer ist! Auch ihr Magen war erwacht und peinigte sie. Sie fiel auf den Stuhl und steckte die Hände zwischen ihre Schenkel, um sie zu erwärmen, dabei überdachte sie schon das Mittagbrot, das sie besorgen wollte, wenn Coupeau nach Hause käme und Geld mitbrächte: sie würde dann ein Brot, einen Liter und ein Frikassee einkaufen. Die Kuckucksuhr des Vater Bazouge schlug drei. Es war also erst drei Uhr! Da überfiel sie die Furcht, daß ihre Kräfte nicht mehr ausreichen würden, um noch drei lange Stunden zu warten. Sie empfand ein Schütteln in ihrem ganzen Körper, und wie ein kleines Mädchen, das seinen großen Schmerz zu beschwichtigen trachtet, wiegte sie sich hin und her und preßte die Arme an den Magen, um ihn nicht mehr zu fühlen. Wahrlich! Es ist besser, zu gebären als zu hungern! Da sie keine Erleichterung fand, ergriff sie eine tolle Wut, sie sprang auf und lief im Zimmer umher, wobei sie ihren Hunger wie ein Kind einzuschläfern hoffte. Wohl eine Viertelstunde lang stieß sie sich so an den vier Wänden des leeren Zimmers, dann plötzlich stand sie still mit starren Augen. Es koste, was es wolle, was sie auch sagen mochten, sie würde ihnen die Füße küssen, wenn sie wollten, aber sie mußte hingehen und von den Lorilleux' zehn Sous borgen. Während des Winters war in diesem verlausten Winkel des Hauses der Verkehr zwischen den Hungerleidern sehr lebhaft; es war ein fortwährendes Borgen von Zehn- und Zwanzigsousstücken und ein beständiger Austausch von Gefälligkeiten, die sich die Nachbarn untereinander erwiesen. Nur wäre ein jeder lieber gestorben, ehe er sich an die Lorilleux' wandte, weil man wußte, wie schwer die den Daumen bewegten. Gervaise bewies einen schönen Mut, als sie hinging und bei ihnen klopfte. Auf dem Flur erfaßte sie eine solche Furcht, daß sie wie die Leute, die bei einem Zahnarzt klingeln, nach dem Klopfen eine plötzliche Erleichterung verspürte. »Herein!« rief die dünne Stimme des Kettenmachers. Wie war es gut da drinnen! Das Schmiedefeuer flammte und erhellte die Werkstatt mit seiner weißen Flamme, während Madame Lorilleux ein Bund Golddraht zum Erhitzen in die Pfanne tat. Lorilleux schwitzte an seinem Arbeitstisch, so warm war ihm; er war damit beschäftigt, die Ringchen mit dem Lötrohr zusammenzulöten. Das roch so gut, weil eine Kohlsuppe auf dem Feuer schmorte und dabei die Luft mit so wohlriechenden Dämpfen erfüllte, daß sich in Gervaise alles herumdrehte und sie schier ohnmächtig wurde. »Ach, Ihr seid es!« brummte Madame Lorilleux, ohne ihr auch nur zu sagen, daß sie sich setzen sollte. »Was wollt Ihr denn?« Gervaise antwortete nicht. Sie stand gerade in dieser Woche nicht allzu schlecht mit den Lorilleux', aber die Bitte um die zehn Sous blieb ihr doch in der Kehle stecken, weil sie Boche bemerkte, der da breitspurig am Ofen saß und Klatschgeschichten erzählte. Dieses Vieh sah so aus, als ob er sich aus der ganzen Welt nichts mache. Er lachte so unflätig mit seinem zum O gerundeten Maul und seinen geschwollenen Backen, daß man fast seine Nase gar nicht sah, was sein Gesicht wie eine runde Fleischkugel erscheinen ließ. »Was wollt Ihr denn?« fragte nun auch Lorilleux. »Habt Ihr Coupeau nicht gesehen?« stotterte schließlich Gervaise. »Ich glaubte, er sei hier!« Der Kettenmacher und der Portier hohnlachten. Nein, durchaus nicht, sie hatten Coupeau nicht gesehen! Sie gaben nicht genug kleine Schnäpse, um Coupeau so ohne weiteres bei sich zu sehen. Gervaise überwand sich und fing stotternd wieder an: »Es ist nur, weil er mir versprochen hatte, nach Hause zu kommen ... Ja, er soll mir Geld bringen ... Da ich eben sehr notwendig etwas brauche ...« Es herrschte eine peinliche Stille. Madame Lorilleux fachte mit roher Hand das Schmiedefeuer an. Lorilleux hatte seinen Kopf auf das Ende Kette niedergebeugt, das sich unter seinen Händen verlängerte, während Boche sein breites, unverschämtes Lächeln beibehielt, wobei das Loch seines Maules so rund wurde, daß man Lust bekam, den Finger hineinzustecken. »Wenn ich nur zehn Sous hätte!« murmelte Gervaise mit leiser Stimme. Es blieb ebenso still wie zuvor. »Könntet Ihr mir nicht zehn Sous borgen? ... Ich würde sie Euch heute Abend noch wiedergeben!« Madame Lorilleux drehte sich um und blickte sie gerade an. So eine Faulenzerin kommt hierher, um uns zehn Sous abzuborgen; wenn man ihr heute zehn gibt, sind es morgen zwanzig. Es ist ja gar kein Grund, daß es aufhören sollte. Nein, nein, daraus wird nichts. Am Dienstag, wenn recht schönes Wetter ist! »Aber, meine Liebe!« rief sie, »Ihr wißt ja, daß wir kein Geld haben! Da, hier ist mein Taschenfutter, Ihr könnt nachsehen ... Wir würden es ja herzlich gerne tun!« »Das Herz ist ja immer dabei!« brummte Lorilleux. »Aber wenn man nicht kann, dann kann man nicht!« Gervaise, die sehr gedemütigt war, billigte diesen Satz mit einem Kopfnicken. Trotzdem ging sie noch nicht fort, das Gold stach ihr in die Augen, die an der Wand aufgehängten Bunde Golddraht, der goldene Faden, den die Frau mit aller Kraft ihrer kleinen Arme mit dem Zieheisen auszog, und der Haufen der goldenen Ringlein, die sich da unter den knotigen Fingern des Mannes zur Kette bildeten. Sie dachte daran, daß ein kleines Stückchen dieses häßlichen, schwarzen Metalls hingereicht hätte, um ihr eine reichliche Mahlzeit zu verschaffen. Wenn auch die Werkstatt an diesem Tage mit ihren alten Werkzeugen, ihrem Kohlenstaub und ihren Ölflecken ebenso schmutzig war wie sonst, ihr erschien sie im Glanz des Reichtums wie der Laden eines Geldwechslers. So wagte sie denn auch noch sanft zu wiederholen: »Ich gebe sie Euch ja wieder! Ich gebe sie Euch ja wieder, ganz gewiß ... Zehn Sous, das kann Euch doch nichts ausmachen!« Ihr war das Herz so beklommen, weil sie nicht eingestehen wollte, daß sie sich seit dem vorigen Abend den Bauch zusammenschnürte. Sie fühlte, daß ihre Beine sie nicht mehr lange trügen, und da sie in Tränen auszubrechen fürchtete, stammelte sie: »Wie wäre es lieb und gut von Euch! ... Ihr könnt ja nicht wissen ... Ja, soweit ist es mit mir gekommen, mein Gott! Soweit! ...« Nun kniffen die Lorilleux' die Lippen zusammen und tauschten schnell einen Blick aus. Die Humpelliese bettelte jetzt. Jetzt war der Sturz vollkommen. So etwas konnten sie nicht leiden; wenn sie das gewußt hätten, würden sie ihre Tür versperrt haben, denn mit Bettlern muß man immer sehr auf der Hut sein, die kommen unter Vorwänden in die Wohnungen und lassen beim Fortgehen wertvolle Gegenstände verschwinden, um so mehr, als es bei ihnen etwas zu stehlen gab; wo man auch die Hände hinsteckte, konnte man dreißig bis vierzig Franken haben, wenn man nur die Faust zumachte. Sie waren schon öfter mißtrauisch gewesen, wenn sie das schnurrige Gesicht von Gervaise beobachteten, mit dem sie sich vor dem Golde aufpflanzte. Diesmal wollten sie sie genau beobachten. Als sie noch ein wenig näher kam und mit dem Fuße auf die Binsendecke trat, rief ihr der Kettenmacher, ohne auf ihre Bitte zu antworten, rauh zu: »Hört mal, paßt ein bißchen auf, sonst werdet Ihr noch Stückchen Gold an Euren Sohlen mitnehmen ... Wenn es wahr ist, was man sagt, dann habt Ihr Euch Fett darunter geschmiert, damit es anhackt!« Gervaise wich langsam zurück. Sie hatte sich einen Augenblick auf ein Wandgestell gestützt, und da sie sah, daß Madame Lorilleux ihre Hände prüfend anblickte, öffnete sie beide und zeigte sie; dabei sagte sie mit weicher Stimme, ohne daß der Verdacht sie erzürnt hätte, wie eine tief gesunkene Frau, die alles hinnimmt: »Ich habe nichts genommen, Ihr könnt nachsehen!'' Sie ging fort, weil der starke Geruch der Kohlsuppe und die gute Wärme des Raumes sie unwohl machten. Sicherlich, die Lorilleux' hielten sie nicht zurück. Glückliche Reise! Das müßte mit dem Teufel zugehen, wenn sie der noch einmal aufmachten! Sie hatten sich an dem Gesicht satt gesehen, sie wollten bei sich nichts von dem Elend anderer hören, wenn das Elend verdient war. Sie überließen sich nun einem großen, selbstsüchtigen Freudenausbruch; wie kamen sie sich reich vor, wie warm war es bei ihnen, und wie erquickend war die Aussicht auf die gute Suppe! Auch Boche brüstete sich, und seine Backen schwollen so sehr auf, daß sein Lachen beinahe ekelhaft wurde. Sie alle waren jetzt gerächt für all den Stolz der Humpelliese, für den blauen Laden, für die Gastereien und all das übrige. Das war mehr als gelungen; das bewies, wohin die Liebe zur Naschhaftigkeit führt. Zum Teufel mit allen Schlemmern, allen Faulen und allen Liederlichen! »Was es für hübsche Manieren hat, es kommt und bettelt um zehn Sous!« schrie Madame Lorilleux hinter Gervaises Rücken. Jawohl, ich werde sie dir an den Kopf werfen, ich werde ihr so schnell zehn Sous borgen, damit sie hingeht und sie versäuft!« Gervaise schleppte sich über den Flur, sie ging beschwerlich, als ob eine Last ihre Schultern niederdrücke. Als sie an ihrer Zimmertür angekommen war, trat sie nicht ein, ihr Zimmer machte ihr Angst. Es war ebensogut zu gehen, dabei würde ihr wärmer sein, und sie würde geduldiger warten. Im Vorbeigehen steckte sie den Kopf in das Loch des Vater Bru unter der Treppe. Da war auch einer, der einen schönen Appetit haben mußte, denn seit drei Tagen genoß er nichts zum Frühstück, zu Mittag als die verpestete Luft seines Loches. Aber er war nicht da; das Loch war leer, und sie war auf ihn eifersüchtig in dem Gedanken, daß ihn vielleicht jemand eingeladen haben könnte. Als sie bei den Bijards angekommen war, hörte sie Schmerzenslaute; sie trat ein, denn der Schlüssel steckte immer im Schloß. »Was ist denn hier los?« fragte sie. Das Zimmer war sehr sauber. Man sah wohl, daß Lalie noch am Morgen gefegt und alles geordnet hatte. Wenn das Elend auch noch so sehr da hineinblies, Stück für Stück fortnahm und seinen zerstörenden Samen ausstreute, Lalie kam hinterher, verwischte alle Spuren und gab allen Dingen ein hübsches Aussehen. Wenn es auch nicht reich war, so sah man doch aus allem die gute Wirtin heraus. An diesem Tage hatten die beiden Kinder Henriette und Julius alte Bilder gefunden, die sie ruhig in einer Ecke ausschnitten. Aber Gervaise war ganz überrascht, Lalie in ihrem engen Gurtbettchen bis an das Kinn zugedeckt zu finden; sie sah sehr bleich aus. Sie bettlägerig! Da mußte sie sehr krank sein! »Was ist dir denn?« fragte Gervaise beunruhigt. Lalie klagte selbst nicht mehr. Sie erhob langsam ihre matten Augenlider und versuchte mit ihren Lippen, die ein Schauer zucken machte, zu lächeln: »Mir ist nichts!« hauchte sie sehr leise. »Oh! Gewiß! Gar nichts!« Dann fuhr sie mit geschlossenen Augen, mit Anstrengung fort: »Ich war all diese Tage so müde, da mache ich denn die Faule und pflege mich im Bett, Ihr seht es ja!« Aber ihr Kindergesicht, auf dem sich braune und blaue Flecke zeigten, nahm den Ausdruck so großen Schmerzes an, daß Gervaise ihre eigene Todesangst vergaß und mit gerungenen Händen neben ihr niederkniete. Seit einem Monat sah sie sie an den Wänden hinschleichen, wobei sie ein Husten peinigte, der so hohl und trocken klang, wie ein Schlag auf einen Sargdeckel. Jetzt konnte die Kleine selbst nicht mehr husten, es stieß ihr auf, und dabei flossen ihr blutige Streifen aus den Mundwinkeln. »Ich kann nichts dafür, ich fühle mich nicht recht kräftig!« murmelte sie wie erleichtert. »Ich habe mich noch umhergeschleppt, ich habe noch ein wenig Ordnung gemacht ... Es ist doch ganz sauber, nicht wahr?... Ich wollte noch die Scheiben waschen, aber die Beine trugen mich nicht mehr. Es ist zu dumm! Nun, wenn man fertig ist, legt man sich nieder!« Sie unterbrach sich, um zu sagen: »Seht doch nach, ob meine Kinder sich nicht mit den Scheren schneiden!« Dann schwieg sie zitternd, da sie einen schweren Tritt auf der Treppe hörte. Mit roher Hand stieß Vater Bijard die Tür auf. Er hatte seinen gewöhnlichen Rausch, in seinen Augen flammte die tolle Wut des Vitriols. Als er Lalie im Bett sah, schlug er sich hohnlachend auf die Hüften, dann nahm er die große Peitsche und brummte: »Den Teufel auch! Das ist zu stark! Das wird was zu lachen geben! ... Die Kühchen legen sich am hellen Mittag auf das Stroh! ... Du machst dich wohl über alle Heiligen lustig, du verdammte Wetterhexe? ... Vorwärts! Auf! Raus aus dem Nest! Schon ließ er die Peitsche über das Bett hinknallen. Aber das Kind sagte mit bittender Stimme: »Nein, Papa, ich bitte dich, schlage nicht! Ich schwöre dir, daß du dir Kummer bereitest! ... Schlage nicht!« »Willst du wohl springen?« heulte er stärker. »Oder ich werde dir die Seiten kitzeln! ... Willst du springen, verdammte Dirne?« Da sagte sie sanft: »Ich kann nicht, verstehst du? ... Ich werde sterben!« Gervaise hatte sich auf Vater Bijard geworfen und ihm die Peitsche entrissen. Er blieb verdutzt vor dem Gurtbettchen stehen. Was pfeift sie da, diese Rotzliese? Stirbt man denn so jung, wenn man nicht einmal krank gewesen ist? Das ist ja eine Falle, um sich Zucker geben zu lassen! Ah! Er würde sich überzeugen, und wenn sie log! »Du wirst es sehen, es ist die Wahrheit!« fuhr sie fort. »Solange ich konnte, habe ich dir keinen Kummer gemacht ... Sei jetzt gut in dieser Stunde und sage mir Lebewohl, Papa!« Bijard zupfte sich an der Nase, er fürchtete noch immer, daß man ihn täuschen wolle. Es war wahr, sie sah sehr merkwürdig aus; ihr Gesicht war so lang und ernst wie bei einer erwachsenen Person. Der Hauch des Todes, der da durch das Zimmer wehte, machte ihn nüchtern. Er ließ seine Blicke umherschweifen, wie jemand, der aus einem langen Schlaf erwacht; er sah die Wirtschaft in Ordnung, die beiden Kinder, die an der Erde spielten und lachten, waren gewaschen. Da fiel er auf einen Stuhl und stammelte: »Unsere kleine Mutter! Unsere kleine Mutter ...« Das war alles, was er hervorbrachte, aber schon das kam Lalie sehr zärtlich vor, denn sie war bis jetzt nicht verwöhnt gewesen. Sie tröstete ihren Vater. Er war ihr besonders schmerzlich, daß sie jetzt so fortgehen mußte, ehe sie die Kinder ganz hatte erziehen können. Er würde sich doch jetzt darum kümmern, nicht wahr? Mit ihrer immer schwächer werdenden Stimme unterwies sie ihn, wie er sich dabei zu benehmen hätte, wie er sie sauber halten sollte. Stumpfsinnig saß er vor ihr und blickte sie an, wobei sein Kopf, in dem stoßweise die Trunkenheit wieder aufstieg, hin und her rollte. Das regte so mancherlei in ihm auf, aber sein Mund öffnete sich nicht; er war zu hart gesotten, als daß er hätte weinen sollen. »Nun höre noch weiter!« fing Lalie nach einem Stillschweigen wieder an. Wir sind dem Bäcker vier Franken und sieben Sous schuldig, das mußt du bezahlen ... Madame Caudron hat ein Plätteisen von uns, das laß dir wiedergeben ... Ich habe für heute nichts kochen können, aber es ist Brot da, und du kannst Kartoffeln aufsetzen ...« Bis zu ihrem letzten Todesröcheln blieb dieses arme, herzige Wesen die kleine Mutter für all die Ihrigen. Da ging eine fort, die konnte man nicht ersetzen, nein, diese gewiß nicht! Sie starb daran, daß sie in ihrem Alter schon den Verstand einer wahren Mutter gehabt hatte und daß ihre kleine, schmale Brust eine so große, so allumfassende Mutterliebe nicht hatte in sich bergen können. So schwand sie dahin, dieser Schatz, und das war die Schuld ihrer Bestie von Vater; er, der die Mutter mit einem Fußtritt getötet, hatte er nicht auch die Tochter zerfleischt? Die beiden guten Engel seines Hauses hatte er in die Grube gestoßen; was blieb ihm anderes übrig, als wie ein Hund an einer Straßenecke zu verrecken! Gervaise mußte an sich halten, um nicht in lautes Weinen auszubrechen. Sie streckte ihre Hände aus und wollte das Kind stützen, damit es leichter atmete: wie dabei der Lappen von Zudecke sich verschob, versuchte sie sie aufzurichten und das Bett zu ordnen. Dabei kam der arme, kleine Körper der Sterbenden zum Vorschein. Oh! Großer Gott! Wie entsetzlich! Wie bejammernswert! Da hätten Steine weinen können! Lalie war ganz nackt, der Überrest eines Nachtjäckchen hüllte ihre Schultern ein und sollte das Fehlen des Hemdchens verbergen; ja, ganz nackt, und diese Nacktheit war blutig und schmerzensreich wie bei einer Märtyrerin. Sie hatte kein Fleisch mehr, die Knochen durchlöcherten die Haut. Von den Seiten aus liefen bis zu den Schenkeln nieder lange, violette Striemen; das waren die ganz frischen Peitschenhiebe. Ein schwärzlicher Fleck zog sich um den linken Arm, als ob die Griffe eines Schraubstockes dieses zarte Glied, das nicht viel stärker als ein Streichholz war, erfaßt und zusammengepreßt hätten. Das rechte Bein wies eine kaum verharschte Wunde auf, die wohl von irgendeinem bösen Schlag herrührte und immer des Morgens beim Herumwirtschaften wieder aufgebrochen war; von Kopf bis Fuß war sie mit schwarzen Flecken bedeckt. Oh! Wie entsetzlich war der Anblick dieser hingemordeten Kindheit, dieses gebrechlichen Engels, der da unter den schweren Fäusten des rohen Mannes zerschmettert war, dieser Vergewaltigung eines so zarten Wesens, das ein so schweres Kreuz getragen hatte! Man verehrt in den Kirchen gegeißelte Heilige, deren Nacktheit nicht so rein ist wie diese. Gervaise war aufs neue niedergekniet; sie dachte nicht mehr daran, das Laken wieder emporzuziehen, so sehr erschütterte sie der Anblick dieses jammervollen Nichts auf dem Bette, und ihre Lippen versuchten Gebete zu stammeln. »Madame Coupeau!« murmelte die Kleine, ich bitte Euch ...« Mit ihren kleinen Armen suchte sie das Bettuch wieder über sich zu ziehen, so schamhaft war sie, und so sehr empfand sie, welche Schande ihr armer Körper für ihren Vater war. Bijard saß noch immer stumpfsinnig da und blickte auf diesen Leichnam, das Werk seiner Fäuste; noch immer wiegte er seinen Kopf mit der schweren, langsamen Bewegung eines gestörten Tieres hin und her. Als Gervaise Lalie wieder bedeckt hatte, litt es sie nicht länger dort. Die Sterbende wurde immer schwächer, sie sprach nicht mehr, nur aus ihren Augen leuchtete noch der ergebene, nachdenkliche Blick, den sie auf die beiden Kinder richtete, die noch an ihren Bildern ausschnitten. Im Zimmer wurde es immer dunkler. Bijard ernüchterte sich langsam bei dem Anblick dieses Todeskampfes. Nein, nein, das Leben war gar zu jammervoll und abscheulich! Was für ein ekelhaftes Ding! Ein schmutziges Ding! So ging Gervaise fort, sie stieg die Treppe hinab, ohne es zu bemerken; sie war so von Ekel erfüllt, daß sie sich am liebsten unter die Räder eines Omnibus geworfen hätte, um ein Ende zu machen. Während sie beim Vorwärtslaufen mit dem verdammten Schicksal haderte, fand sie sich plötzlich vor der Tür der Werkstatt, in welcher Coupeau angeblich arbeiten sollte. Ihre Beine hatten sie unwillkürlich dahin getragen, weil ihr Magen sein altes Hungerlied mit wenigstens achtzig Versen wieder angefangen hatte, die sie übrigens alle schon auswendig kannte. Wenn sie auf diese Art Coupeau beim Herauskommen abfaßte, würde sie auf sein Geld die Hand legen und Lebensmittel kaufen. Sie mußte noch eine kleine Stunde warten, aber darüber würde sie wohl auch noch hinwegkommen, da sie sich doch schon seit dem Abend zuvor am Daumen lutschte. Es war das in der Kohlenstraße an der Ecke der Chartresstraße, eine verdammte Straßenkreuzung, wo der Wind von allen vier Seiten her blies. Nein, wahrlich! es war da nicht warm, wenn man das Pflaster trat. Wenn sie noch einen Pelz angehabt hätte! Der Himmel hatte immer noch seine schwere Bleifarbe beibehalten; der Schnee, der da oben angehäuft hing, setzte dem Viertel eine förmliche Eiskappe auf. Es viel nichts herab, aber es war in der Luft eine große Stille, in der sich für Paris eine völlige Verkleidung vorbereitete. Paris sollte in ein ganz neues, weißes Ballkleid gehüllt werden. Gervaise erhob den Kopf und bat den lieben Gott, diesen Musselin noch nicht gar so bald loszulassen. Sie stampfte mit den Füßen auf, blickte nach dem Laden eines Krämers hinüber und kehrte wieder um, weil es doch unnütz ist, sich schon vorher durch den Anblick von Lebensmitteln noch mehr Hunger zu machen. Die Straßenkreuzung bot nicht allzuviel Abwechslung. Die wenigen Menschen gingen schnell vorüber; sie waren bis an die Nase eingehüllt; denn wenn man vor Kälte klappert, geht man nicht spazieren. Aber Gervaise bemerkte doch noch vier oder fünf Frauen, die ebenso wie sie an der Tür des Meisters Wache standen, damit sich der Lohn ihrer Männer nicht bei den Weinwirten verflüchtige. Da war eine lange Schindmähre mit einem Gendarmengesicht, die sich an die Wand drückte und jeden Augenblick bereit war, sich auf ihren Mann zu stürzen. Eine kleine, ganz schwarze Zarte ging mit demütiger Miene auf der anderen Seite der Straße auf und nieder. Eine andere hatte zwei Kinder mitgebracht, die sie an den Händen hielt und die rechts und links von ihr zitterten und weinten. Sie alle, Gervaise sowie ihre Wachkameradinnen, gingen auf und ab und betrachteten sich mit Seitenblicken, aber sie sprachen nicht miteinander. Eine angenehme Begegnung! Oh! Ja, jede hätte gern darauf verzichtet. Sie hätten nicht nötig, Bekanntschaft miteinander zu machen, um ihr Schicksal zu kennen. Sie wohnten alle bei derselben Firma, bei Elend \& Co. Man fror noch mehr, wenn man sie so in diesem abscheulichen Januarwetter auf und nieder laufen sah. Es kam immer noch keine Katze aus der Tür des Meisters. Endlich erschien ein Arbeiter, dann zwei, dann drei; aber diese waren ohne Zweifel gute Gesellen, die ihren Lohn getreulich nach Hause brachten, denn sie schüttelten die Köpfe, als sie die herumstreichenden Wesen sahen. Die große Schindmähre drückte sich noch dichter neben der Tür an die Wand, dann plötzlich fiel sie über einen kleinen Mann im Überrock her, der eben vorsichtig die Nase zur Tür heraussteckte. Es war bald geordnet! Sie durchsuchte seine Taschen und nahm das Geld an sich. Er war gefaßt, das Geld war weg, nicht einmal soviel ließ sie ihm, um noch einen Schluck zu trinken. Da ging der kleine Mann wütend und außer sich hinter seinem Gendarmen her und weinte helle Tränen wie ein Kind. Es kamen immer noch Arbeiter heraus. Als die dicke Mutter, die mit den beiden Bälgen sich der Tür genähert hatte, von einem großen, braunen Burschen mit abgefeimtem Gesicht bemerkt wurde, ging er schnell wieder zurück, um den Mann zu warnen; als dieser dann endlich herangeschlendert kam, hatte er zwei Rad verduften lassen,, zwei schöne, ganz neue Fünffrankenstücke, von denen er jedes in einen Schuh gesteckt hatte. Er nahm eine von den Göhren auf den Arm und erzählte seiner Frau, die ihn auszankte, ein paar Lügen vor. Manche waren sehr lustig, die sprangen mit einem großen Satz auf die Straße und konnten gar nicht schnell genug davonlaufen, um ihren vierzehntägigen Lohn mit den Freunden durchzubringen. Andere waren düster, sie preßten mürrisch den Lohn für drei oder vier Arbeitstage, die sie von den vierzehn nur gemacht hatten, in ihrer Hand zusammen und murmelten Säuferflüche vor sich hin. Das traurigste war der Schmerz der kleinen, ergebenen, zarten Frau in Schwarz: ihr Mann, ein hübscher Bursche, kniff ihr vor der Nase mit solcher Rohheit aus, daß er sie beinahe über den Haufen gerannt hätte; so ging sie denn allein wieder fort, sie schwankte an den Mauern hin und aus ihren Augen stürzten unaufhörlich die Tränen. Endlich war der letzte Arbeiter verschwunden. Gervaise, die mitten auf der Straße stand, starrte noch immer nach der Tür. Es fing an sengerig zu riechen. Zwei verspätete Arbeiter kamen noch, aber von Coupeau war nichts zu sehen. Als sie die Arbeiter fragte, ob denn Coupeau nicht herauskäme, antworteten sie ihr scherzend, daß der Kamerad gerade mit dem Laternenanstecker durch die Hintertür gegangen sei, um die Hühner abzuhalten. Gervaise ging ein Licht auf: wieder also hatte Coupeau sie belogen, und sie konnte nun Rauch schnappen gehen! So schleppte sie sich denn langsam mit ihren geplatzten Schuhen die Kohlenstraße hinunter. Ihr Mittagessen schwebte immer undeutlicher vor ihr; sie sah es, wie es in dem gelben Nebel vor ihr schwamm, und da es ihr unerreichbar schien, überlief sie ein Schauder. Diesmal war es wirklich ganz aus. Nicht ein Pfifferling, kein Hoffnungsstrahl mehr, nichts als Nacht und Hunger! Es war eine hübsche Nacht zum Verrecken, die sich da auf sie herabsenkte. Mit schweren, Schritten ging sie die Fischerstraße hinauf, als sie plötzlich Coupeaus Stimme hörte. Ja, er war in der Kleinen Civette, wo er sich von Mes-Bottes freihalten ließ. Dieser Flausenmacher, der Mes-Bottes, hatte gegen Ende des Sommers den Turkel gehabt, eine Dame wirklich zu heiraten, die zwar schon etwas verweppt war, aber immer noch sehr hübsche Überreste hatte. Sie war eine Dame aus der Märtyrerstraße, keine solche gewöhnliche Straßendirne. Man mußte ihn sehen, diesen glücklichen Sterblichen, wie er wie ein Bürger lebte, die Hände in die Taschen steckte und wohlgenährt aussah; man erkannte ihn kaum wieder, so fett war er. Die Kameraden erzählten, daß die Frau bei den Herren ihrer Bekanntschaft soviel Arbeit habe wie sie wolle. Solch eine Frau und ein Haus auf dem Lande, ist das nicht alles, was einem Menschen das Leben verschönern kann? So blickte denn auch Coupeau zu Mes-Bottes mit wahrer Bewunderung empor. Hatte denn dieser Bursche nicht sogar einen goldenen Ring am kleinen Finger? Gervaise legte Coupeau die Hand auf die Schultern, als er aus der kleinen Civette herauskam. »Du, sage mal, ich warte ... Ich habe Hunger, willst du denn gar nichts anfahren lassen?« Da kam sie aber schön bei ihm an. »Du hast Hunger? Beiße dir doch in die Faust! ... Und spare dir die andere für morgen auf!« Er fand es himmelschreiend, daß sie da so vor den Leuten ein Drama aufführte. Was war denn da weiter! Er hatte nicht gearbeitet, und die Bäcker hatten doch Brot geknetet! Hielt sie ihn denn für so kindisch, daß sie ihn mit ihren Ammenmärchen vom Hunger ins Bockshorn zu jagen dächte? »Dann willst du also, daß ich stehlen soll?« murmelte sie mit dumpfer Stimme. Mes-Bottes streichelte mit versöhnlicher Miene sein Kinn. »Nein, das ist verboten!« sagte er. »Aber wenn eine Frau sich ein bißchen zu drehen und zu wenden weiß ...« Hier unterbrach ihn Coupeau, um ihm »Bravo!« zuzurufen. Das war das Wahre, eine Frau, die sich zu drehen und zu wenden weiß. Seine Frau sei immer eine alte Karete, ein Haufen Unglück gewesen. Es sei nur ihre Schuld, wenn sie jetzt auf der Streu verrecken müsse. Dann suchte er aufs neue nach Worten, um seine Bewunderung für Mes-Bottes auszudrücken. Sah denn das Vieh nicht aus wie ein Dandy? Ein wahrer Millionär! Weiße Wäsche und Schuhe, so fein wie eine Dame! Den Teufel auch! Das war keine Kleinigkeit! Das war einer, dessen Hausfrau das Lebensschiff ordentlich zu steuern verstand! Darauf gingen die beiden Männer gegen den äußeren Boulevard zu. Gervaise folgte: ihnen. Nach einigem Schweigen fing sie hinter Coupeau wieder an: »Du! Weißt du, ich habe Hunger ... Ich habe auf dich gerechnet. Du mußt mir irgend etwas zu beißen verschaffen!« Er antwortete ihr nicht, und sie wiederholte mit dem gepreßten Ton der Todesangst: »Das ist also alles, was du mir zahlst?« »Aber in Teufels Namen! Wenn ich nun doch nichts habe!« heulte er, während er sich wütend nach ihr herumdrehte. »Willst du mich gehen lassen, oder ich stoße dich zur Seite!« Er hob schon die Faust zum Schlage. Da wich sie zurück und schien einen Entschluß gefaßt zu haben. »Geh, ich lasse dich, ich finde wohl noch einen Mann.« Da fing der Zinkarbeiter an zu scherzen. Er tat, als ob er das für Spaß halte, und feuerte sie an, ohne daß es den Anschein hatte. Ei der Tausend! Das war ein glänzender Gedanke! Des Abends bei Licht konnte sie noch Eroberungen machen! Wenn sie einen Mann kaperte, könne er ihr das Restaurant zum Kapuziner empfehlen, da esse man in den kleinen Kabinetten ganz vortrefflich. Als sie nun wirklich bleich und wütend dem äußeren Boulevard zuging, rief er ihr noch nach: »Höre! Du! Bringe mir was vom Nachtisch mit, ich esse gern Kuchen ... Du! Und wenn dein Herr gut angezogen ist, frage ihn doch nach einem abgelegten Rock, damit ich doch auch etwas davon habe!« Gervaise lief vor diesen teuflischen Worten schnell davon. Bald fand sie sich allein in der Menge und ging langsamer. Sie war jetzt entschlossen. Da sie nur zwischen dem Diebstahl und dem anderen die Wahl hatte, so zog sie noch immer das andere vor, damit geschah wenigstens niemandem unrecht; dabei verfügte sie doch nur über etwas, was ihr gehörte. Es war ja ohne Zweifel nicht sehr reinlich, aber rein und unrein, gut und schlecht, das verwirrte sich in dieser Stunde in ihrem gemarterten Hirn zu einem unkenntlichen Knäuel; wenn man vor Hunger verreckt, macht man nicht so feine, philosophische Unterscheidungen. Sie war bis zur Chaussee Clignancourt hinauf gegangen. Noch immer und immer wollte es nicht Nacht werden, so nahm sie denn inzwischen die Miene einer Spaziergängerin an, die vor dem Essen noch eine Promenade in der frischen Luft macht. Dieses Viertel verschönerte sich jetzt so sehr, daß Gervaise sich schämte; nach allen Seiten öffnete es sich ins Freie. Der Boulevard Magenta kam aus dem Herzen von Paris, und der Boulevard Ornano führte hinaus aufs Land; sie beide hatten die alte Zollgrenze durchbrochen. Es war ein schönes Stück Mauerwerk, was da hinweggeschleift war; die beiden weiten Alleen sahen mit dem noch neuen Putz ihrer Häuser ganz licht und hell aus, während die Vorstadt-Fischerstraße und die Fischerstraße mit ihren verstümmelten Enden sich wie ein Paar gewundene, düstere Därme in die Stadt vertieften. Schon seit lange hatte das Niederreißen der Stadtmauer die äußeren Boulevards mit ihren Seitenstraßen erweitert, die in der Mitte eine breite Fußgängerpromenade zeigten, die mit vier Reihen kleiner Platanenbäume eingefaßt war. Das war ein ungeheurer Kreuzungspunkt, von dem aus die Straßen sich in weite Fernen bis zum Horizont hinzogen, und in ihnen wogte die Menge auf und nieder, tauchte auf und verschwand in dem Durcheinander der Gebäude. Zwischen den hohen Neubauten standen noch viele armselige Häuschen; zwischen den mit Bildhauerarbeit verzierten Vorderseiten zeigten sich schwarze Lücken, aus denen das Elend hervorgähnte mit seinen baufälligen Baracken, in deren Fenstern Lumpen trockneten. Der Glanz der Neubauten erdrückte das Elend der Vorstadt, das noch vor seinem Verschwinden den Bauplatz für die neue Stadt besudelte, die man da so hastig aufzubauen im Begriffe war. Verloren in dem Gedränge auf der weiten Promenade zwischen den Platanen fühlte sich Gervaise allein und verlassen. Diese verteufelten Alleen da unten machten ihr den Magen noch leerer. Sollte man es wohl glauben, daß von diesem ganzen Menschenstrom, in dem doch viel wohlhabende Leute dahinzogen, auch nicht einer ihre Lage ahnte und ihr ein Zehnsousstück in die Hand gleiten ließ! Ja, ja, es war zu groß, zu schön, ihr schwindelte und ihre Beine gingen ganz mechanisch immer weiter unter diesem unendlichen Himmelszelt, das sich über so ungemessene Räume spannte. Der Nebel hatte das schmutzige Gelb des Pariser Nebels, diese Farbe, die so unheimlich ist, daß man sterben möchte, so häßlich läßt sie die Straßen erscheinen. Um diese Stunde verloren sich bei dem unsicheren Licht die Fernen in schmutzigen, schweren Tönen. Gervaise, die schon matt und müde war, geriet gerade in den Strom der heimkehrenden Arbeiter. Gegen Abend umwimmelte die Herren in guten Kleidern und die Damen mit Hüten, die in den neuen Häusern wohnten, ein Gedränge von Männern und Frauen, deren. Gesichter noch den Stempel der verpesteten Luft der Werkstätten trugen. Vom Boulevard Magenta und der Vorstadt Fischerstraße kamen ganze Trupps, die vom Bergansteigen außer Atem waren. Bei dem schweren Rollen der Omnibusse, der Fiaker und der Rollwagen, die unbeladen im Galopp nach Hause fuhren, wuchs das Gewimmel der Blusen und Arbeitsjacken auf der Straße immer mehr. Die Dienstmänner kamen mit ihren Tragegurten auf der Schulter zurück. Zwei Arbeiter, die schnell vorwärts schritten, machten Seite an Seite große Sprünge, wobei sie laut sprachen und lebhafte Bewegungen machten, ohne einander anzusehen; andere gingen einsam, im Überzieher und Mütze, mit gesenktem Kopfe am Rande der Rinnsteine hin; wieder andere gingen zu fünf und sechs schweigend hintereinander her; sie hatten die Hände in den Taschen und ihre Blicke waren müde; einzelne hatten ihre ausgebrannten Pfeifen im Munde behalten. Maurer saßen auf Arbeitswagen, die sie zu vieren gemietet hatten und auf denen die Kalkkübel hin und her schwankten; zwischen ihren Geräten zeigten sich die blassen, mit Mörtel bespritzten Gesichter. Maler trugen ihre Farbentöpfe; ein Zinkarbeiter schleppte eine große Leiter, mit der er leicht jemandem ein Auge ausstoßen konnte, während ein verspäteter Brunnenmacher mit seinem Handwerkskasten auf dem Rücken auf einer Mundharmonika das Lied vom guten König Dagobert spielte. Es war eine traurige Weise, die wehmütig durch den eisigen Nebel klang. Die düstere Melodie begleitete das Stampfen der Menge wie das Geläute die Saumtiere, wenn sie sich müde und erschöpft auf ihrer Straße weiterschleppen. Wiederum war ein Tag zu Ende. Wahrlich, so ein Tag war lang, und es fing gleich wieder von neuem an. Kaum hatte man Zeit, den Leib zu füllen und im Schlafe die Speisen zu verdauen, da war es schon wieder Tag, und man mußte wieder die Last des Elends auf die Schultern nehmen. Und doch pfiffen die Burschen, tappten auf das Pflaster und zogen schnell ihre Straße, weil ihr Schnabel der Richtung nach dem Futter zugewendet war. So wanderte Gervaise mit dem Strom, gleichgültig gegen die Püffe der Vorübergehenden: man stieß sie rechts, man stieß sie links, und gab ihr so ihre Richtung; denn die Männer, die sich über Tag matt und müde gearbeitet haben und die ihr Hunger vorwärts treibt, nehmen sich nicht die Zeit, höflich und zuvorkommend zu sein. Als Gervaise zufällig die Augen erhob, befand sie sich plötzlich vor dem früheren Hotel »Zum guten Herzen«. Das kleine Haus, in dem eine Zeitlang ein anrüchiges Kaffee gewesen war, das die Polizei hatte schließen müssen, stand jetzt ganz unbewohnt; seine geschlossenen Fensterläden waren mit Anschlagzetteln bedeckt, die Laterne war zerbrochen und der miserable Abputz zerbarst und löste sich im Regen auf. Sonst schien in der Umgebung alles beim alten geblieben zu sein. Der Papier- und der Tabakshändler waren noch immer da. Hinter diesen niederen Gebäuden erhoben die Hinterwände großer, neuer, fünfstöckiger Häuser ihre frisch beworfenen Flächen. Nur der Ballsaal »Zum Großen Balkon« war verschwunden; in dem Saale, dessen zehn erleuchtete Fenster früher so strahlten, hatte man eine Zuckerschneiderei eingerichtet, deren Maschinen man den ganzen Tag pfeifen hörte. Dort in der erbärmlichen Kammer des alten Hotel »Zum guten Herzen« hatte das verdammte Leben angefangen. Sie blieb stehen und blickte zu dem Fenster im ersten Stock auf, wo ein Sonnengitter zerbrochen herabhing; dabei gedachte sie ihrer Jugend und Lantiers, ihrer ersten Zwistigkeiten und der abscheulichen Art, wie er sie verlassen hatte. Was schadete das alles? Damals war sie jung gewesen, alles erschien ihr lustig im Lichte der Erinnerung. Nur zwanzig Jahre war es her, mein Gott! Und jetzt lag sie auf dem Pflaster! Beim Anblick des Hotels wurde ihr übel, und so stieg sie den Boulevard wieder nach der Seite des Montmartre hinauf. Auf einem Sandhaufen, der zwischen den Bänken lag, spielten die Straßenbuben in der hereinbrechenden Dunkelheit. Noch immer wogte das Volk auf den Straßen; jetzt waren es zumeist die Arbeiterinnen, die vorüberzogen; sie liefen eiligen Schrittes, um die Zeit wieder einzuholen, die sie bei den Schaufenstern versäumt hatten; eine Große stand still und ließ ihre Hand in der eines Burschen, der sie bis zum dritten Hause vor ihre Wohnung begleitet hatte; andere versprachen sich beim Abschied ein Wiedersehen in dem »Großen Narrensaal«, oder in der »Schwarzen Kugel«. Unter den vielen Arbeiterinnen gab es auch welche, die für Konfektionsgeschäfte nähten und die man an den eingeschlagenen Kleidungsstücken erkannte, die sie auf dem Arm trugen. Ein Töpfergeselle, der an einem. Ziehgurt einen Wagen mit Schutt zog, wäre beinahe von einem Omnibus überfahren worden. Zwischen dem Menschenstrom, der sich jetzt doch nach und nach verlief, erblickte man Frauen ohne Kopfbedeckung, die eilig noch Lebensmittel für das Mittagessen einkauften, nachdem sie zu Hause das Feuer angezündet hatten; sie stießen in ihrer Hast die Fußgänger und liefen ohne Säumen zurück, wenn sie beim Bäcker und Fleischer ihren Bedarf eingekauft hatten. Man sah kleine, achtjährige Mädchen, die fortgeschickt waren, um einzuholen; sie gingen längs der Läden entlang und trugen an ihre Brust gepreßt Vierpfundbrote, die ebenso groß waren wie sie selbst; sie glichen schönen, blondhaarigen Puppen, die sich manchmal wohl fünf Minuten lang vor den Bildern der Schaufenster aufhielten und ihre Bäckchen nachdenklich gegen das große Brot lehnten. Nach und nach verlief sich der Menschenstrom, und die Gruppen lösten sich auf, die Arbeiter waren heimgekehrt, und bei dem flammenden Leuchten des Gaslichtes begann jenes Leben, das gleichsam die Rache der Faulheit gegen die Arbeit darstellt, das mit dem Sonnenuntergang erwacht, um erst mit Sonnenaufgang zu enden. Auch für Gervaise war der Tag zu Ende. Sie war matter und abgehetzter als all diese Arbeiter, mit denen sie soeben Schulter an Schulter sich durch die Straßen geschoben hatte. Sie konnte sich da niederlegen und verrecken, denn die Arbeit wollte sie nicht mehr, und sie hatte sich in ihrem Leben genug geplagt, um sagen zu können: »Wer ist jetzt an der Reihe? Ich habe mein Teil geschafft!« Um diese Tagesstunde aßen in Paris alle. Ja, es war zu Ende, das Sonnenlicht war verschwunden und die lange, lange Nacht war da. Mein Gott! Wie gut wäre es, wenn man sich behaglich ausstrecken könnte, um nie wieder aufzustehen, wenn man denken könnte, jetzt habe ich mein Handwerkszeug beiseite gelegt für immer und werde jetzt eingehen in eine Ewigkeit ohne Arbeit! Wie gut mußte das sein, wenn man sich zwanzig Jahre gemüht und geschunden hatte! Trotz der Krämpfe, die Gervaises Magen peinigten, dachte sie unwillkürlich an die Festtage, an die guten Mahlzeiten und die heiteren Stunden ihres Lebens. Besonders an einen Fastnachtsdonnerstag dachte sie, wo es abscheulich kalt gewesen war und wo sie des Lebens Fröhlichkeit bis auf die Neige ausgekostet hatte. Sie war damals sehr hübsch gewesen, blond und frisch wie ein Pfirsich. Ihre Waschanstalt in der Neuen Straße hatte sie zur Königin der Wäscherinnen ernannt trotz ihres Hinkens. So war sie in festlichem Aufzuge auf einem mit Girlanden geschmückten Wagen inmitten der feinen Welt über die Boulevards gefahren, wo jedermann sie anguckte; ja, die Herren setzten ihre Augengläser auf, als gelte es einer wirklichen Königin. Am Abend gab es dann ein Festessen, daß die Tische krachten, und bis zum lichten Morgen hatte man das Tanzbein geschwungen. Königin, ja Königin! Mit Krone und Schärpe, volle vierundzwanzig Stunden lang, die Zeit, in der die Zeiger zweimal über das Zifferblatt dahingehen! Ihr schwerer Kopf senkte sich unter den Qualen des Hungers, als ob sie in dem Rinnstein die Stelle finden wolle, wo sie ihre frühere königliche Herrlichkeit verloren hatte. Von neuem erhob sie den Blick. Sie befand sich jetzt den Schlachthäusern gegenüber, die abgerissen wurden; die stellenweise niedergelegte Vorderseite gestattete den Blick auf düstere Höfe, die noch feucht und stinkend waren von dem Blut, das dort vergossen wurde. Als sie den Boulevard wieder hinaufgegangen war, sah sie auch das Krankenhaus Lariboisière mit seiner großen, grauen Mauer, über der sich fächerförmig die mit regelmäßigen Fensterreihen versehenen düsteren Flügel des Gebäudes erhoben. Eine Tür in der Mauer war der Schrecken des Viertels: Das war die Totentür, deren feste, eichene Planken nicht den kleinsten Riß zeigten; das gab ihr den Ernst und das Schweigen eines Grabsteines. Dem Bereich dieser Tür mußte sie entfliehen, und so trieb sie die Verzweiflung weiter; sie ging bis zur Eisenbahnbrücke hinab. Die hohen Brustwehren von Eisenblech verhinderten sie hier in die Ferne zu sehen; sie erblickte nur den leuchtenden Horizont von Paris, eine Ecke des weiten Bahnhofes mit dem großen, vom Kohlenrauch geschwärzten Dach; sie hörte in dem großen, erhellten Räume das Pfeifen der Lokomotiven, die regelmäßigen Stöße der drehbaren Platten, auf denen die Wagen gewendet wurden, kurz all diesen Lärm einer ungeheuren, zum Teil verborgenen Geschäftigkeit. Bald kam ein Zug vorbei, er verließ Paris, und sein Schnauben und Stampfen wurde immer stärker und stärker; sie sah von dem Zuge nur eine weiße Dampfwolke, die einen Augenblick die Brustwehr streifte und sich dann verlor. Aber die Brücke hatte gezittert und sie selbst empfand die Erschütterung dieser Abfahrt unter vollem Dampf. Sie wandte sich um, als ob sie der unsichtbaren Lokomotive folgen wolle, deren Donnern und Rollen langsam erstarb. Nach dieser Seite hin mußte das offene Land liegen, sie sah dort hinten zwischen den hohen Häusern zur Rechten und Linken ein Loch, da zeigte sich der freie Himmel. Die Häuser standen hier vereinzelt, ohne Ordnung, ihre Vorderseiten zeigten riesige Anpreisungen in ungeheuren Buchstaben, aber die schönen Malereien waren vergilbt und geschwärzt von dem Ruß der unaufhörlich vorbeisausenden Lokomotiven. Wenn sie doch auch so hätte abreisen können; fortgehen, weit fort von diesen Häusern, in denen nur Leid und Elend nisteten. Vielleicht hätte sie noch einmal zu leben angefangen. Sie wandte sich wieder zurück und begann ganz stumpfsinnig die Zettel zu lesen, die an die Brustwehr geklebt waren. Da waren solche von jeder Farbe; ein kleiner, blauer Zettel – es war ein so hübsches Blau – versprach fünfzig Franken dem, der eine verlorene Hündin wiederbringe. Wie mußten die Leute das Tier liebhaben! Langsam begann Gervaise aufs neue ihren Marsch. In dem düsteren, rauchigen Nebel, der herniederfiel, wurden die Gasflammen angezündet. Diese langen Straßen und Alleen, die nach und nach in die Finsternis getaucht waren, erschienen jetzt ganz strahlend wieder; sie sahen noch länger aus als bei Tage und durchschnitten die Nacht bis zu den düsteren Fernen des Horizontes. Es war, als ob ein Hauch auf der Erde hinwehe und all die tausende von Gassternchen in dem erweiterten Viertel entzünde, über die sich der ungeheure, mondlose Himmel spannte. Um diese Stunde strahlten auf den Boulevards von einem Ende bis zum anderen die zahlreichen Weinkneipen und Schnapsbuden mit ihren Lichtern lustig in den Abend hinein, und aus ihrem Innern ertönte das Lachen und Johlen der Trinker. Der Zahltag belebte die Bürgersteige mit einer Menge genußsüchtiger Menschen, die alle ihre Sauf reise machen wollten. Man roch es förmlich in der Luft, es war ein verdammtes Bummeln und Schlemmen; aber es war jetzt noch manierlich genug, es war nur der Anfang der Bekneiptheit, weiter nichts. Hinten in den Garküchen schlugen sich die Leute den Leib voll; in den ganz erleuchteten Räumen sah man durch die Fenster, wie alle mit vollem Munde aßen, dabei lachten sie und gaben sich kaum die Mühe des Kauens, so schlangen sie. Bei den Weinwirten setzten sich schon die Säufer fest und brüllten mit heftigen Bewegungen. Es war ein Höllenlärm von kreischenden und rauhen Stimmen, die sich in dem Gestampfe, auf den Fußwegen erhoben: »Du, sage mal, hast du schon gefuttert? ... Komm her, du Humpelfritze, ich gebe dir einen Schoppen ... Ei, sieh da! Bist du es, Pauline? Oh! Jawohl, das wäre noch schöner, heute ist es nichts mit uns beiden!« Die Türen klappten auf und zu und ließen jedesmal einen warmen Hauch aus dem Innern der Schenken, der nach Wein roch oder in dem ein paar Töne des Waldhorns erklangen. Vor dem »Totschläger« des Vater Colombe staute sich die Menge, die Kneipe war erleuchtet wie eine Kathedrale bei einer großen Messe; und beim Himmel! Man konnte wirklich glauben, es werde da drinnen etwas feierlich begangen, denn die Säufer sangen mit vollen Backen und dicken Bäuchen, so daß sie wie Küster am Chorpult aussahen. Sie feierten den heiligen Zahltag ; das war ein liebenswürdiger Heiliger, der mußte oben im Paradiese Säckelmeister sein. Man mußte nur sehen, wie toll es schon anfing! Die kleinen Rentner, die ihre Frauen am Arm dort spazieren führten, meinten kopfschüttelnd, daß es doch in dieser Nacht in Paris verdammt viel betrunkene Kerle gebe. Die Nacht war sehr dunkel, tot und eisig lag sie über dem Häusermeer; nur die langen Linien der Boulevards streckten ihre Feuerstreifen nach den vier Richtungen der Windrose. Wie fest gebannt stand Gervaise vor dem »Totschläger« und dachte nach. Wenn sie zwei Sous gehabt hätte, wäre sie hineingegangen und hätte sie vertrunken. Vielleicht, daß ihr ein Schluck Schnaps den Hunger gestillt hätte. Wie oft hatte sie schon getrunken! Und das Trinken schien ihr so gut zu sein! Von weitem sah sie zu, wie die Destilliermaschine arbeitete; dumpf empfand sie in ihrem Innern, daß all ihr Unglück von dorther komme; und sie gelobte sich, daß sie durch den Branntwein ihrem Leben ein Ende machen wolle, wenn sie einmal Geld habe, sich welchen zu kaufen. Als sie so dachte, schüttelte sie der Frost und sie sah, daß es schwarze Nacht war. Jetzt kam die gute Stunde heran. Jetzt war der Augenblick da, wo es galt, sich mutig zu zeigen und liebenswürdig zu machen, wenn sie nicht inmitten der allgemeinen Lustigkeit krepieren wollte. Und das um so mehr, als ihr das Zusehen, wie die anderen aßen, nicht gerade den Bauch füllte. Sie fing an, noch langsamer zu gehen und blickte um sich. Unter den Bäumen war der Schatten noch tiefer. Es gingen wenig Leute auf der Straße und diese wenigen hatten es eilig und gingen mit schnellen Schritten über den Boulevard. Auf diesem breiten, düsteren und verlassenen Fußweg, wohin die Freude und Heiterkeit aus den benachbarten Straßen nur in ersterbenden Tönen drang, standen wartende Frauen. Lange standen sie unbeweglich, geduldig und steif wie die kleinen, dürftigen Platanen, dann setzten sie sich langsam in Bewegung und gingen wohl zehn Schritte über den gefrorenen Boden hin, um dann von neuem stehen zu bleiben, als ob sie an das Pflaster gebannt seien. Da war eine mit einem unförmig massigen Körper und Armen und Beinen, die wie Insektenglieder dünn und gebrechlich schienen; ihre überquellenden Formen waren in einen Lumpen von ehemals schwarzer Seide gehüllt und ihren Kopfputz bildete ein gelbes Tuch. Eine andere, die groß und mager war, hatte sich eine weiße Schürze wie ein Dienstmädchen umgebunden. Noch andere waren alt, aber desto stärker geschminkt; und einzelne junge waren sehr schmutzig, ja so schmutzig, so ekelhaft, daß ein Lumpensammler sie nicht aufgehoben haben würde. Gervaise wußte nicht, wie sie sich benehmen sollte, sie suchte zu lernen und machte es wie die anderen. Eine Erregung kam über sie, wie sie sie wohl als Kind gehabt zu haben sich entsann. Das schnürte ihr die Kehle zusammen; sie fühlte nicht, daß sie sich schämte, denn alles, was sie tat, schien ihr ein böser Traum. Wohl eine Viertelstunde lang blieb sie ganz stille stehen; es kamen Männer vorüber, aber sie sahen sie nicht an. Da bewegte sie sich und wagte einen Mann, der pfeifend, mit den Händen in der Tasche, daherkam, anzusprechen; mit erstickter Stimme murmelte sie: »Mein Herr, hören Sie doch ...« Der Mann blickte sie von der Seite an und ging noch stärker pfeifend weiter. Gervaise wurde kühner. Sie vergaß alles in dem wilden Ringen dieser verzweifelten Jagd; mit schmerzlich gekrümmtem Leibe suchte sie ihr Mittagbrot zu erhaschen, das noch immer unerreichbar vor ihr schwebte. So ging sie lange, sie wußte nicht mehr, welche Stunde es war, noch welchen Weg sie ging. Um sie herum bewegten sich jene schweigenden, schwarzen Gestalten unter den Bäumen mit so regelmäßigen Schritten auf und nieder, als ob es wilde Tiere im Käfig seien. Sie verließen das Dunkel mit der zögernden Langsamkeit einer Erscheinung; wenn sie unter der Helligkeit einer Laterne dahingingen: so wurde für einen Augenblick ihr weiß geschminktes Antlitz sichtbar, und aufs neue tauchten sie in die Tiefen des Schattens zurück, aus dem nur der weiße Rand ihres Unterrockes ein wenig hervorleuchtete; sie hatte den schaurigen Reiz der Dunkelheit wiedergewonnen. Manchmal glückte es ihnen, die Männer für einen Augenblick anzuhalten, sie sprachen dann aus Mutwillen mit ihnen und gingen lachend weiter. Andere folgten heimlich und verlegen einer Frau auf zehn Schritte Entfernung. Manchmal wurde die Stille durch lautere Gespräche unterbrochen, man stritt mit gedämpfter Stimme; das war oft ein wütendes Feilschen, das in die schweigende Nacht hineintönte. So weit Gervaise auch ging, überall sah sie diese eigentümlichen Schildwachen stehen, als ob die ganzen äußeren Boulevards mit Frauen bepflanzt seien von einem Ende bis zum anderen; weithin erstreckte sich diese Kette, ganz Paris war so bewacht. Ein Ekel erfaßte sie; wütend wechselte sie ihren Platz, sie ging jetzt von der Chaussée de Clignancourt nach der Kapellenstraße. »Mein Herr, hören Sie doch ...« Aber die Männer gingen vorüber. Sie ging von den Schlachthäusern fort, deren Abbruchmauern nach Blut stanken. Im Vorbeigehen warf sie einen Blick auf das frühere Hotel »Zum guten Herzen«, es war geschlossen und öde. Am Krankenhause Lariboisière kam sie vorüber, unwillkürlich zählte sie längs der Vorderseite die hellen Fenster, die wie ebensoviele Nachtlampen leuchteten, und deren fast ersterbende Lichter einen bleichen, ruhigen Schein gaben. Sie überschritt die Eisenbahnbrücke, die unter der Gewalt der Züge erbebte, deren Lokomotiven die Luft mit dem verzweifelten Schrei ihrer Dampfpfeife zerrissen. Wie entsetzlich traurig ließ doch die Nacht all diese Dinge erscheinen! Dann ging sie ihren Weg wieder zurück; wieder erblickten ihre Augen dieselben Häuserreihen, die einander so ähnlich sahen an diesem Ende der Allee; wohl zehn, ja zwanzigmal durchlief sie dieses Stück Straße ohne Ruhe, ohne auf einer der Bänke auch nur eine Minute zu rasten. Nein, es begehrte sie niemand. Die Verachtung schien ihre Schande zu vergrößern. Noch einmal ging sie bis zum Krankenhause und kehrte noch einmal zu den Schlachthäusern zurück. Das war ihr letzter Spaziergang zwischen den blutigen Höfen, wo man schlachtete, und den bleichen Sälen, wo der Tod die Menschen erstarren ließ in den Leichentüchern, die das Gemeingut aller waren. Dort hatte sich ihr Leben abgespielt. »Mein Herr, hören Sie doch...« Jetzt plötzlich bemerkte sie ihren Schatten auf der Erde. Wenn sie sich einer Gasflamme näherte, verdichtete sich der unbestimmte Schatten und nahm festere Formen an; der Schatten war ungeheuerlich, kurz, untersetzt und schreckenerregend, so rund war sie; das floß alles in eins zusammen, der Bauch, der Hals und die Hüften. Sie hinkte so stark mit ihrem lahmen Bein, daß ihr Schatten auf dem Boden bei jedem Schritte umkippte; sie war, so gesehen, ein wahres Stück Unglück. Wenn sie sich von der Flamme entfernte, so vergrößerte sich dieser Unglücksschatten, er wurde riesig und erfüllte die Boulevards mit seinen Verbeugungen, bei denen er sich an Bäumen und Häusern die Nase stieß. Mein Gott! Wie war sie komisch und fürchterlich! Nie hatte sie es so begriffen, wie tief sie gesunken war. Sie konnte nicht mehr aufhören, das Spiel zu beobachten; wenn eine Gasflamme kam, so folgte sie mit den Augen dem wilden Tanze ihres Schattens. Oh! Ja! Es war ein hübsches Weibsbild, das ihr zur Seite ging! Es sah lustig aus und mußte gleich die Männer anlocken. Sie ließ ihre Stimme sinken, jetzt wagte sie nur noch hinterrücks den Vorübergehenden ihre Worte zuzuflüstern: »Mein Herr, hören Sie doch ...« Es mußte mittlerweile sehr spät geworden sein. Die Lustigkeit nahm im Viertel immer mehr ab. Die Garküchen waren geschlossen und selbst bei den Weinwirten brannte das Gas mit roter Flamme; die Stimmen, die aus dem Innern heraustönten, lallten vor Trunkenheit. Aus Scherz und Lachen war jetzt Streit und Faustschlag geworden. Ein zerlumpter, großer Teufel heulte: »Warte, dir zerschlag' ich alle Knochen, du kannst sie immer numerieren!« Ein Mädchen war mit ihrem Liebhaber an der Tür eines Tanzlokales in Streit geraten, sie schimpfte ihn ›schmutziges Tier« und »krankes Schwein«, während der Liebhaber immer antwortete: »Und deine Schwester?« Anmerk. des Übersetzers : Dieses Et ta sœur war der Refrain eines zu Anfang der sechziger Jahre sehr beliebten Gassenhauers und hatte eine sehr vielfache, nicht gerade immer sehr reinliche Bedeutung. Die Trunkenheit in den Kneipen erzeugte eine Art von Bedürfnis, sich in Schlägen auszutoben; eine Wildheit überkam die Säufer und ließ bei denen, die hin und wieder vorbeikamen, die blassen Gesichter krampfhaft verzerrt erscheinen. Bald kam es zu einer Schlägerei; ein Trunkenbold fiel zu Boden und streckte alle Viere in die Luft, während sein Kamerad, der glaubte, daß er ihm den Garaus gemacht habe, so schnell ihn seine Beine tragen wollten, mit lautem Geklapper seiner schweren Schuhe davonlief. Ganze Banden zogen vorbei, die gemeine Lieder brüllten; dann wurde es wieder plötzlich ganz still, und man hörte nur hin und wieder das Rülpsen oder den schweren Fall eines Betrunkenen. So endete immer diese Nacht des Fünfzehnten im Monat. Seit sechs Stunden war der Wein in solchen Strömen geflossen, daß er stellenweise auch den Bürgersteig überschwemmte. Es waren hübsche Ergüsse, diese Fuchsschwänze, die da auf dem Pflaster sich ausbreiteten und welche die anständigen Leute, die spät heimgingen, überspringen mußten, wenn sie nicht hineintreten wollten. Wahrhaftig! Das Viertel war sauber! Ein Fremder, der es so vor dem Morgenausfegen gesehen hätte, mußte einen hübschen Begriff mit nach Hause nehmen. Aber um diese Stunde waren die Trunkenbolde unter sich und kümmerten sich den Teufel um die Meinung von Europa. Verdammt noch eins! Da flogen die Messer aus den Taschen und das kleine Fest endete mit Blutvergießen. Schnellen Schrittes gingen einzelne Frauen vorüber und Männer strichen hohläugig umher. Die Nacht schien sich förmlich zu verdunkeln, soviel Düsteres, Verderbenschwangeres und Abscheuliches barg sich unter ihrem Mantel. Gervaise ging immer fort, schlotternd trabte sie die Straßen herauf und hinab mit dem einzigen Gedanken, unaufhörlich so zu gehen. Wenn eine plötzliche Müdigkeit sie überfiel, schlief sie im Gehen ein, wobei ihr hinkendes Bein sie wie eine Wiege in den Schlaf lullte; wenn sie dann plötzlich um sich blickte, merkte sie; daß sie wohl an hundert Schritte ohne Bewußtsein gemacht hatte wie eine Tote. Da sie so aufrecht im Gehen schlief, schwollen ihre Füße in ihren durchlöcherten Schuhen förmlich an. Sie wurde stumpf und ganz fühllos, so erschöpft und ausgepumpt war sie jetzt. Der letzte klare Gedanke, der sie noch beschäftigte, war, daß ihre Dirne von Tochter vielleicht gerade jetzt Austern esse. Danach verwirrte sich alles; sie behielt zwar die Augen noch offen, aber das Denken hätte ihr eine unüberwindliche Anstrengung gekostet. Die einzige Empfindung, die noch inmitten ihres Verfalls in ihr fortlebte, war die der Hundekälte: diese Kälte war so eisig, so schneidend, wie sie sie nie zuvor empfunden hatte. Sicherlich, so kalt konnten es selbst die Toten in der Erde nicht haben. Als sie mühsam den Kopf erhob, empfand sie auf ihrem Gesicht ein eisiges Prickeln. Das war der Schnee, der sich nun endlich doch entschlossen hatte, von dem dicken Himmel herniederzufallen; es war ein feiner Schnee, der in dichten Massen herabkam und den ein leichter Wind wirbelnd vor sich hertrieb. Seit drei Tagen wurde er erwartet, jetzt fiel er gerade im rechten Augenblick. Dieser erste Windstoß hatte Gervaise erweckt, und sie ging schneller. Die Männer auf der Straße liefen und eilten, um nach Hause zu kommen; ihre Schultern waren weiß. Wie sie einen sah, der langsam unter den Bäumen daherkam, so näherte sie sich ihm und sagte noch einmal: »Mein Herr, hören Sie doch ...« Der Mann war stehen geblieben. Aber er schien doch nichts gehört zu haben. Er streckte seine Hand aus und murmelte mit schwacher Stimme: »Um Gottes Barmherzigkeit willen, bitte ...« Beide blickten einander an. Oh! Mein Gott! Dahin war es gekommen! Der Vater Bru bettelte und Madame Coupeau war eine Straßendirne! Entsetzt standen sie einander gegenüber. Jetzt konnten sie sich die Hand reichen. Den ganzen Abend war der alte Arbeiter umhergestreift, ohne daß er gewagt hätte, jemanden anzusprechen; die erste Person, die er ansprach, starb Hungers ebenso wie er selber. Heiliger Gott! War das nicht ein Jammer? Fünfzig Jahre gearbeitet haben und betteln müssen! Eine der gesuchtesten Wäscherinnen in der Goldtropfengasse gewesen zu sein und im Rinnstein zu endigen! Noch immer sahen sie einander an. Dann gingen sie wortlos auseinander, jedes seines Weges in dem Schneetreiben, das sie vorwärts peitschte. Es wurde ein förmlicher Sturm. Auf dieser Höhe, inmitten dieser weiten, offenen Räume, wirbelte der feine Schnee hernieder, als ob er aus allen vier Windrichtungen dahin zusammengeblasen würde. Man konnte nicht zehn Schritte weit sehen, alles war in diesen fliegenden Schneestaub gehüllt. Das Viertel war verschwunden, der Boulevard schien wie ausgestorben, als ob das Schneetreiben mit seinem weißen Leichentuch die Seufzer der letzten Trunkenbolde zugedeckt habe. Mühselig ging Gervaise noch immer weiter, der Schnee blendete sie, und sie verlor den Weg. Sie faßte nach den Bäumen, um sich zurecht zu finden. Je mehr sie vorwärts schritt, desto mehr schwand das Licht der Gasflammen in der bleichen Luft, als ob es erlöschende Fackeln gewesen seien. Aber als sie eine große Straßenkreuzung überschritt, fehlten plötzlich auch diese Lichter; der Wind erfaßte sie und hüllte sie in den weißen Wirbel von Flocken, ohne daß sie etwas unterscheiden konnte, was ihr als Wegweiser hätte dienen können. Unter ihr floh der Boden mit seiner unsicheren Schneedecke. Ein graues Gemäuer umschloß sie. Und wenn sie stillstand und zögernd den Kopf umwendete, so ahnte sie hinter diesem eisigen Schleier die ungeheure Weite der Alleen mit ihren unabsehbaren Laternenreihen, diese ganz öde, schwarze Unendlichkeit des schlafenden Paris. Sie befand sich gerade an der Stelle, wo der äußere Boulevard mit dem Boulevard Magenta und dem Boulevard Ornano zusammenstößt, und träumte davon, sich dort auf die Erde niederzulegen, als sie das Geräusch von Schritten hörte. Sie lief darauf zu, aber der Schnee kam ihr in die Augen und die Schritte entfernten sich, ohne daß sie hätte unterscheiden können, ob sie sich nach rechts oder links hingewandt hätten. Endlich bemerkte sie die breiten Schultern eines Mannes wie einen dunkeln, tanzenden Fleck, der sich in den Nebel hinein verlor. Diesen da mußte sie haben, ihn würde sie nicht von hinnen lassen! Und sie lief stärker, erreichte ihn und ergriff seine Bluse. »Mein Herr, mein Herr, hören Sie doch ...« Der Mann wendete sich um; es war Goujet. Da hatte sie sich an das Löwenmaul gehängt, an ihn gerade jetzt! Aber womit hatte sie denn Gott so schwer gekränkt, daß er sie jetzt, wo es zu Ende ging, so entsetzlich peinigte? Das war der letzte Schlag, der sie treffen konnte, sich so dem Schmied vor die Füße zu werfen, von ihm auf der niedersten Stufe der Boulevarddirnen gesehen zu werden gleich einem bettelnden Gespenst. Und das ging unter einer Gasflamme vor sich! Sie erblickte ihren unförmigen Schatten, der so aussah, als ob er sich auf dem Schnee über sie lustig mache, wie eine echte Verzerrung. Man sollte meinen, es sei der Schatten eines betrunkenen Weibes! Mein Gott! Und dabei nicht eine Krume Brot, nicht einen Tropfen Wein im Körper zu haben, und für betrunken gehalten zu werden! Es war ja ihre Schuld, warum trank sie! Sicher glaubte Goujet, daß sie getrunken hatte und daß sie im Trunk ein tolles Gelage feiere. Goujet sah indessen auf sie hernieder, während der Schnee sich in dichten Massen in seinem schönen, blonden Barte festsetzte. Als sie dann rückwärts weichend den Kopf senkte, hielt er sie zurück. »Kommt mit mir!« sagte er. Damit ging er voran. Sie folgte ihm. Beide schritten ohne Geräusch durch das schweigende Viertel, wobei sie sich dicht an den Mauern hielten. Die arme Madame Goujet war im Monat Oktober an einem heftigen Gelenkrheumatismus gestorben. Goujet bewohnte noch immer das kleine Haus in der Neuen Straße, wo es jetzt düster und einsam war. An diesem Tage hatte er sich verspätet, weil er bei einem verwundeten Kameraden gewacht hatte. Als er die Tür geöffnet und die Lampe angezündet hatte, wandte er sich zu Gervaise, die demütig auf der Schwelle stehen geblieben war. Er sagte sehr leise, als ob seine Mutter ihn noch habe hören können: »Tretet näher!« Das erste Zimmer, das der Madame Goujet, war liebevoll in demselben Zustande erhalten, wie sie es verlassen hatte. Nahe beim Fenster war auf einem Stuhl, zur Seite des Sessels, der Stickrahmen aufgestellt, der auf die alte Spitzenklöpplerin zu warten schien. Das Bett war gemacht und sie hätte sich dort niederlegen können, wenn sie den Kirchhof verlassen hätte, um einmal einen Abend mit ihrem Kinde zu verbringen. Das Zimmer bewahrte eine Art von Sammlung, und ein Hauch von Ehrenhaftigkeit und Güte schien es zu durchwehen. »Tretet näher!« sagte der Schmied noch einmal. Nun trat sie furchtsam mit der Miene einer Dirne, die zufällig an einen anständigen Ort gekommen ist, näher. Er war ganz bleich und zitterte, weil er so eine Frau zu seiner toten Mutter brachte. Beide durchschritten das Gemach mit leisen Schritten, als ob sie die Schande hätten vermeiden wollen, daß man sie höre. Als der Schmied dann Gervaise in sein Zimmer geschoben hatte, schloß er die Tür. Dort war er bei sich. Das war das enge Kabinett, das sie kannte, das mit seiner schmalen, eisernen Bettstelle und den weißen Musselinvorhängen wie das Zimmer einer Pensionärin aussah. Nur an den Wänden hatten sich die ausgeschnittenen Bilder noch vermehrt und waren bis zur Decke hinaufgestiegen. Gervaise wagte in dieser reinen Umgebung nicht einen Schritt vorwärts zu tun, sie zog sich möglichst weit von der Helligkeit der Lampe zurück. Da überkam den Schmied eine Raserei, er wollte sie ergreifen und zwischen seinen Armen zermalmen. Aber es ging vorüber und er murmelte: »Oh! Mein Gott! ... Oh! Mein Gott! ...« Der Ofen, dessen Feuer mit Koksstaub bedeckt war, brannte noch und ein Überrest von Ragout, das der Schmied warm gestellt hatte, weil er zeitiger heimzukehren gedachte, dampfte auf der Platte. Gervaise, welche die große Wärme aus ihrer Erstarrung aufweckte, hätte sich auf alle Viere gelegt, um von dem Ofen essen zu können. Das ging über ihre Kräfte, in ihrem Magen fühlte sie ein schneidendes Reißen, und mit einem Seufzer beugte sie sich nieder. Da verstand sie Goujet. Er setzte das Ragout auf den Tisch, schnitt ein Stück Brot ab und goß zu trinken ein. »Danke! Danke!« sagte sie. »Oh! Wie gut seid Ihr! Danke!« Sie stammelte, sie konnte die Worte nicht mehr aussprechen. Als sie die Gabel umfaßte, zitterte sie so stark, daß sie sie fallen ließ. Der Hunger, der sie peinigte, schüttelte sie, daß sie wie eine Greisin mit dem Kopfe wackelte. Sie mußte mit den Fingern zugreifen; bei der ersten Kartoffel, die sie sich in den Mund schob, brach sie schluchzend in Tränen aus, dicke Tropfen rollten an ihren Backen hernieder und netzten ihr Brot. Sie aß immerfort, heißhungrig schlang sie das Brot herunter, das ihre Tränen geweicht hatten; dabei atmete sie sehr stark, und beim Schlucken mußte sie ihr Kinn krampfhaft bewegen. Goujet nötigte sie zum Trinken, damit sie nicht erstickte, und das Glas klang dabei zitternd zwischen ihren Zähnen. »Wollt Ihr noch Brot?« fragte er halblaut. Sie weinte. Sie sagte »Nein«, sie sagte »Ja«, sie wußte es nicht. Oh! Allmächtiger Gott, wie ist es gut, und doch auch traurig, zu essen, wenn man verreckt! Dabei stand er vor ihr und betrachtete sie. Jetzt sah er sie ordentlich bei dem hellen Licht, das unter der Lampenglocke auf sie niederfiel. Wie war sie gealtert und heruntergekommen! Die Hitze taute den Schnee in ihren Haaren und auf ihren Kleidern, so daß sie triefte. Ihr armer, wackelnder Kopf war mit ganz grauen Haaren bedeckt, die der Wind entfesselt hatte. Ihr Hals steckte jetzt zwischen den Schultern, sie war ganz untersetzt und so häßlich und dick, daß man hätte weinen mögen. Und er rief sich ihre Reize ins Gedächtnis zurück, und als sie noch ganz rosig war, mit ihren Eisen klapperte und das kleine Kinderfältchen hatte, das ihren Hals besser schmückte als das kostbarste Halsband. Zu jener Zeit war er hingegangen und hatte sie stundenlang ansehen, können und war zufrieden, wenn er sie nur sah. Später war sie zur Schmiede gekommen; was hatte er da für herrliche Freuden gekostet, und wenn er auf sein Eisen schlug und sie dem Tanze seines Hammers mit den Augen folgte! Wie oft hatte er nicht in sein Kopfkissen gebissen in der Nacht und gewünscht, sie so in seinem Zimmer zu haben wie heute. Oh! Er hätte sie zerquetscht, wenn er sie an sich gedrückt hätte, so heftiges Verlangen trug er nach ihr. Und heute gehörte sie ihm, er konnte sie nehmen. Sie aß am letzten Stückchen Brot und wischte damit ihre Tränen aus der Schüssel, die noch immer in ihr Essen fielen. Dann stand Gervaise auf. Sie hatte aufgehört zu essen. Einen Augenblick blieb sie verlegen stehen, weil sie nicht wußte, was er von ihr wollte. Als sie in seinen Augen eine Flamme aufleuchten zu sehen vermeinte, faßte sie mit der Hand nach ihrer Taille und knöpfte den ersten Knopf auf. Aber Goujet war vor ihr auf die Knie gesunken, ergriff ihre Hände und sagte sanft: »Ich liebe Euch, Madame Gervaise, oh! Ich liebe Euch noch trotz allem, was geschehen ist, das schwöre ich Euch!« »Oh! Sprecht nicht so, Herr Goujet!« rief sie, denn es machte sie beinahe närrisch, daß sie ihn so zu ihren Füßen sah. »Nein, sagt es nicht, es ist zu schmerzlich für mich!« Und als er es wiederholte, daß er in diesem Leben nicht zum zweitenmal lieben könne, wurde sie noch verzweifelter. »Nein, nein, ich will es nicht, ich habe zuviel Schande auf mich gehäuft ... Um der Liebe Gottes willen! Steht jetzt auf! An mir ist es, vor Euch auf dem Boden zu liegen!« Nun stand er zitternd auf und sagte mit stammelnder Stimme: »Wollt Ihr mir erlauben, Euch zu küssen?« Sie war so bestürzt und überrascht, daß sie nicht ein Wort der Erwiderung fand. Sie nickte mit dem Kopfe Gewährung. Mein Gott! Sie war sein, er konnte mit ihr tun wie ihm gut dünkte. Aber er rundete nur seinen Mund zu einem Kuß. »Das ist genug zwischen uns beiden, Madame Gervaise!« murmelte er. »Das ist all unsere Freundschaft, nicht wahr?« Er küßte sie auf die Stirn, auf eine ihrer ergrauten Haarlocken. Er hatte seit dem Tode seiner Mutter niemanden geküßt. Nur Gervaise, seine gute Freundin, blieb für ihn im Leben übrig. Als er sie nun mit soviel Achtung geküßt hatte, wandte er sich von ihr und warf sich quer über das Bett, weil das Schluchzen ihm die Kehle zu zersprengen drohte. Gervaise konnte nicht länger bleiben, es war zu traurig, zu abscheulich, sich unter solchen Verhältnissen wiederzufinden, wenn man einander lieb hatte. Sie rief ihm zu: »Ich liebe Euch, Herr Goujet! Ja, auch ich liebe Euch ... Oh! Es ist ja nicht möglich, ich begreife es wohl ... Lebt wohl! Denn es würde uns beide töten!« Laufend stürzte sie durch das Zimmer von Madame Goujet und war bald auf der Straße. Als sie wieder zu sich gekommen war, hatte sie in der Goldtropfengasse geschellt. Boche zog die Tür auf. Das Haus war ganz dunkel. Sie trat da ein wie eine Witwe in ihr Trauerjahr. Zu dieser Nachtstunde schien der ungeheure, gähnende, rissige Torweg ein offener Rachen zu sein. Wie war es nur möglich, daß früher der Besitz einer Ecke in dieser verdammten Kaserne zu ihren ehrgeizigen Wünschen gehört hatte! Waren denn damals ihre Ohren verstopft gewesen, daß sie zu jener Zeit diese entsetzliche Musik der Verzweiflung nicht gehört hatte, die hinter diesen Mauern fort und fort ertönte? Seit dem Tage, wo sie hierher ihren Fuß gesetzt, hatte es angefangen, bergab mit ihr zu gehen. Ja, das mußte Unglück bringen, wenn die einen so auf den anderen saßen in diesen großen Arbeiterhäusern; da wurde man angesteckt von der Cholera des Elends. An diesem Abend schien ihr alle Welt dem Verrecken nahe zu sein. Sie hörte, wie zur Rechten die Boches schnarchten und zur Linken Lantier und Virginie leise schnurrten wie Katzen, die nicht schlafen, die aber warm und mollig mit geschlossenen Augen dasitzen. Auf dem Hofe glaubte sie sich inmitten eines Begräbnisplatzes; der Schnee bildete auf dem Boden ein bleiches Viereck; die hohen Wände des Hauses stiegen grau und düster, ohne ein Licht empor, wie die Mauern einer Ruine. Sie hörte nichts, nicht einen Seufzer; die Bevölkerung eines ganzen Dorfes war da begraben, erstarrt vor Kälte und Hunger. Sie mußte den schwarzen Rinnstein überschreiten, aus der Färberei floß ein dampfender Wasserquell, der sich ein schmutziges Bett in dem weißen Schnee gebildet hatte. Die Farbe dieses Wassers stimmte mit ihren Gedanken überein. Da war auch schon Wasser mit schönen Farben geflossen, Himmelblau und zartes Rosa! Als sie die sechs Stockwerke in die Höhe stieg, konnte sie ein böses Lachen nicht unterdrücken, das Lachen tat ihr weh. Sie dachte an ihr früheres Ideal: ruhig arbeiten, immer Brot essen, seine Kinder gut erziehen, nicht geschlagen werden, ein sauberes Loch für sich haben und in seinem eigenen Bette sterben. Nein, wahrhaftig, es war zu komisch, wie ihr das alles in Erfüllung gegangen war! Sie arbeitete nicht mehr, sie aß nicht mehr, sie schlief auf Schmutz, ihre Tochter betrieb ein Schandgewerbe, ihr Mann traktierte sie mit Schlägen, was blieb ihr da anderes übrig, als ihrem Leben auf dem Pflaster ein Ende zu machen, und das so bald wie möglich? Wenn sie nur den Mut hätte, sich jetzt, wenn sie in ihr Zimmer käme, aus dem Fenster zu stürzen! Sollte man nicht meinen, sie hätte vom Himmel dreißigtausend Franken Rente und Gott weiß was noch für Ehren verlangt? Ja, wahrlich! Wenn man in diesem Leben auch noch so bescheiden ist, es nützt einem doch nichts! Nicht einmal ein Stückchen Brot und ein warmes Nest haben, das ist das große, allgemeine Schicksal. Ihr häßliches Lachen rief noch einmal die Erinnerung an ihre schöne Hoffnung hervor, sich auf das Land zurückzuziehen, wenn sie zwanzig Jahre geplättet habe. Nun wohl, jetzt ging sie ja aufs Land. Sie wollte ihre Ecke grünen Rasens auf dem Friedhof haben. Als sie in ihren Flur hineinging, war sie wie toll. In ihrem armen Kopfe wirbelte es. Eigentlich kam ihr großer Schmerz daher, daß sie dem Schmied für ewig Lebewohl gesagt hatte. Es war aus zwischen ihnen, sie würden sich niemals wiedersehen. Dazu kam dann noch all ihr anderes Unglück und verdrehte ihr vollends den Kopf. Im Vorbeigehen steckte sie den Kopf bei den Bijards zur Tür herein; sie sah Lalie tot daliegen; wie zufrieden war die, und wie schien es ihr wohl zu tun, daß sie nun so für immer ruhen konnte. Da aus der Türspalte des Vater Bazouge ein Lichtstrahl fiel, trat sie entschlossen bei ihm ein, weil sie plötzlich das dringende Verlangen beseelte, denselben Weg zu gehen wie die Kleine. Der alte Spaßvogel, der Vater Bazouge, war in dieser Nacht ganz besonders lustig nach Hause gekommen. Er hatte sich so stark angesäuselt, daß er trotz der Kälte auf der Erde schnarchte, und das hinderte ihn ohne Zweifel nicht, recht vergnüglich zu träumen, denn sein Bauch schüttelte sich förmlich vor Lachen im Schlaf. Die Talgkerze war brennen geblieben und beleuchtete seinen Frack, seinen platten, schwarzen Hut, der in der Ecke lag, und seinen Mantel, den er wie ein Stück Zudecke über seine Knie gezogen hatte. Als Gervaise ihn sah, fing sie so laut zu jammern an, daß er aufwachte. »Den Teufel auch! Macht doch die Türe zu! Da kommt eine Kälte rein! ... Ach! Ihr seid es! ... Nun, was gibt's denn? Was wollt Ihr denn?« Da begann Gervaise mit ausgestreckten Armen leidenschaftlich zu bitten, ohne das sie wußte, welche Worte sie hervorstotterte. »Oh! Führt mich fort, ich habe genug, ich will fortgehen ... Ihr müßt mir nicht mehr böse sein. Ich weiß nicht, mein Gott! Man weiß es ja niemals, bis es soweit ist ... Ja, dann ist man zufrieden, eines Tages dahin zu kommen! ... Nehmt mich fort! Nehmt mich fort! und ich werde noch ›Danke schön!‹ dazu sagen.« Ganz bleich ließ sie sich auf die Knie nieder, so heftig war das Verlangen, das sie erfüllte. Nie hatte sie sich so vor den Füßen eines Mannes gewälzt. Das versoffene Pausbackengesicht des Vater Bazouge mit seinem gekniffenen Munde und der lederfarbenen Haut, auf der der Staub der Begräbnisse lag, erschien ihr schön und leuchtend wie die Sonne. Der Alte, der noch halb im Schlafe war, glaubte an irgendeinen schlechten Spaß. »Hört mal!« murmelte er, »Ihr müßt mich nicht zum besten haben!« »Nehmt mich mit Euch!« wiederholte Gervaise ihre Bitte noch glühender. »Erinnert Ihr Euch noch des Abends, wo ich an die Bretterwand geklopft habe? Nachher habe ich gesagt, es sei nicht wahr, weil ich noch zu dumm war ... Gebt mir jetzt nur Eure Hände, ich habe keine Furcht mehr. Nehmt mich mit fort, daß ich zur Ruhe komme, Ihr könnt nachsehen, ich werde mich nicht rühren ... Oh! Ich habe nur diesen einen Wunsch, oh! Ich würde Euch so lieb haben!« Bazouge, der immer sehr galant war, dachte, daß er doch eine Dame nicht vor den Kopf stoßen dürfe, die eine so heftige Neigung zu ihm gefaßt habe. Sie war zwar schon etwas in Verfall geraten, aber sie hatte immer noch schöne Reste, wenn sie sich ordentlich aufputzte. »Ihr seid da ganz auf dem richtigen Wege!« sagte er mit überzeugtem Tone. »Ich habe noch heute drei eingepackt, die mir ein anständiges Trinkgeld gegeben hätten, wenn sie nur die Hand in die Tasche hätten stecken können ... Nur, mein kleines Mütterchen, es geht doch nicht so ohne weiteres!« »Nehmt mich doch mit! Nehmt mich doch mit!« rief immer Gervaise, »ich will ja so gerne fortgehen! ...« »Den Teufel auch! Da geht erst noch eine kleine Operation vorher ... Ihr wißt doch, Kuik!« Er machte bei diesem Laut eine Anstrengung mit der Kehle, als ob er seine Zunge herunterschlucken wollte. Da er den Scherz recht gut fand, lachte er. Gervaise war langsam aufgestanden. Also auch er konnte nichts für sie tun? Stumpfsinnig ging sie in ihr Zimmer und warf sich auf das Stroh. Jetzt tat es ihr leid, daß sie gegessen hatte. Oh! Nein, so ging es nicht, das Elend tötet nicht schnell genug. Dreizehntes Kapitel. Coupeau machte in dieser Nacht eine seiner Saufreisen. Am nächsten Morgen erhielt Gervaise zehn Franken von ihrem Sohn Etienne, der Mechaniker bei einer Eisenbahn war. Der Kleine schickte ihr hin und wieder ein Fünffrankenstück, weil er wußte, daß zu Hause Schmalhans Küchenmeister war. Sie setzte sich einen Topf mit Fleisch und Gemüse an das Feuer und aß das Gericht ganz allein auf, denn das Vieh, der Coupeau, war auch am folgenden Tage nicht heimgekommen. Es kam der Montag, der Dienstag, niemand ließ sich sehen. Die ganze Woche verging so. Ah! Den Teufel auch! Wenn den irgendeine Dame entführt hätte, so könnte man das einen glücklichen Umstand nennen! Gerade am Sonntag bekam Gervaise ein amtliches Schreiben, das sie zuerst erschreckte, weil es wie ein Brief von der Polizei aussah. Als sie es las, beruhigte sie sich; es war ganz einfach die Mitteilung, daß ihr Schwein im Begriffe sei, im Annenkrankenhause vor die Hunde zu gehen. Das Schriftstück sagte es höflicher, aber es kam im Grunde genommen auf dasselbe hinaus. Ja, ja, es war also doch eine Dame gewesen, die Coupeau entführt hatte, und diese Dame hieß Sophia Drehauge , die letzte gute Freundin der Trunkenbolde. Nein, wahrlich, deswegen beunruhigte sich Gervaise nicht. Er kannte ja den Weg, er würde vom Asyl schon allein wieder nach Hause finden; er war dort schon so oft geheilt worden, daß sie ihm wohl noch einmal den bösen Streich spielen würden, ihm wieder auf die Beine zu helfen. Hatte sie nicht erst heute morgen gehört, daß man während ganzer acht Tage Coupeau gesehen habe, wie er trunken wie ein Igel bei allen Weinwirten von Belleville sich umhergetrieben habe. In seiner Gesellschaft war Mes-Bottes; und Mes-Bottes war es auch, der alles zahlte; er mußte einen tiefen Griff in die verborgenen Schätze seiner sauberen Ehehälfte getan haben, die ihre Ersparnisse mit dem hübschen Spielchen gewann, das ihr alle kennt. Es war ein recht reinliches Geld, was sie da vertranken, kein Wunder, wenn ihnen da alle möglichen Krankheiten in die Knochen fuhren. Desto besser, wenn Coupeau ein bißchen Leibschmerzen davon bekommen hatte! Gervaise war ganz wütend bei dem Gedanken, daß diese beiden verdammten Selbstsüchtigen auch nicht einmal daran gedacht hatten, sie abzuholen und ihr auch einen Schluck anzubieten. Hat man je so etwas gesehen! Ein Gelage von acht Tagen und so unhöflich gegen eine Dame! Wenn man allein getrunken hat, kann man auch allein krepieren, so ist es! Am Montag hatte Gervaise eine recht hübsche, kleine Mahlzeit für den Abend, es war ein Rest Bohnen und ein Schoppen Wein. Sie überredete sich, daß eine kleine Promenade ihren Appetit verbessern würde. Der Brief da auf der Kommode war ihr unbequem. Der Schnee war geschmolzen, das Wetter war angenehm, der Himmel zwar bewölkt, aber die milde Luft hatte etwas Erfrischendes, in ihrem leisen Wehen lag es wie Frühlingsahnen. Ein solches Wetter läßt auch ein bedrücktes Menschenherz aufs neue hoffnungsreich schlagen. Sie machte sich schon mittags auf, denn der Weg war lang; man mußte quer durch ganz Paris, und ihr Bein schleppte immer nach; dabei war eine Menge von Menschen auf den Straßen, alle Welt war heiter und guter Dinge, so kam denn auch sie ganz munter dort an. Als sie ihren Namen genannt hatte, erzählte man ihr eine ganz tolle Geschichte: es schien, als ob man Coupeau bei der Neuen Brücke aufgefischt habe; er hatte sich über die Brustwehr gestürzt, weil er glaubte, daß ein bärtiger Mann ihm den Weg versperrte. Ein hübscher Sprung, nicht wahr? Wie Coupeau auf die Neue Brücke gekommen war, das konnte er selbst nicht erklären. Ein Wärter führte Gervaise. Als sie eine Treppe in die Höhe stiegen, hörte sie ein Geheul, das ihr das Mark gefrieren ließ. »Nicht wahr? Der macht eine Musik!« sagte der Wärter. »Wer denn?« fragte sie. »Nun, Euer Mann! So heult er schon seit vorgestern. Und dabei tanzt er, Ihr werdet gleich selbst sehen!« Oh! Mein Gott! Was war das für ein Anblick! Sie blieb wie angedonnert stehen. Die Zelle war von oben bis unten gepolstert, auf der Erde lagen zwei Strohsäcke, einer auf dem anderen und in der Ecke eine Matratze und ein Keilkissen, weiter nichts. In diesem Räume tanzte und heulte Coupeau. Er sah aus wie eine richtige Gründonnerstagsmaske mit seiner zerlumpten Bluse und seinen Gliedern, die in der Luft umherfuchtelten. Aber die Maske war nicht komisch, nein, diese Maske tanzte da einen Tanz, der dem Zuschauer jedes Haar des Körpers vor Entsetzen emporsträubt. Seine Maske stellte einen Sterbenden dar. Heiliger Himmel! war das ein Mensch! Er hüpfte auf das Fenster zu, und wenn er rückwärts schreitend von dort fortging, schlug er mit den Armen den Takt und schüttelte die Hände, als wolle er sie von sich schleudern, damit sie den Leuten ins Gesicht flögen. Man trifft in den Tanzkneipen Spaßmacher, die es nachahmen, aber sie machen es schlecht nach; wenn man sich eine richtige Meinung von dieser Säuferquadrille verschaffen will, muß man es von einem sehen, der es ganz ernsthaft aufführt. Auch das Lied hat seinen eigenartigen Charakter, es ist ein fortwährendes Karnevalsgeheul, wobei aus dem weit offenen Munde stundenlang dieselben Noten wie aus einer heiseren Posaune kommen. Coupeau schrie wie ein Hund, dem man eine Pfote zerquetscht hat. Und dabei fortwährend: Die Herren vor! Hinüber zu den Damen! »Himmlischer Vater! Was ist das? Was hat er denn? ...« fragte wiederholt Gervaise, die schier versteinert war. Ein junger Mediziner, ein starker, blonder, rosiger Bursche mit einer weißen Schürze, saß ruhig und machte Notizen. Der Fall war interessant, der junge Mann ließ den Kranken nicht aus den Augen. »Bleibt einen Augenblick hier, wenn Ihr wollt!« sagte er zur Wäscherin. »Aber verhaltet Euch ruhig ... Versucht es mal ihn anzureden, er wird Euch nicht erkennen.« Coupeau schien wirklich seine Frau nicht einmal zu bemerken. Sie hatte ihn beim Hereintreten nur schlecht sehen können, weil er sich so viel hin und her bewegte. Als sie ihm nun näherbei ins Gesicht sah, ließ sie ihre Arme vor Schreck niedersinken. Wie war es, um Gottes willen! nur möglich, daß er ein solches Gesicht hatte mit blutunterlaufenen Augen und dicken Krusten auf den Lippen? Sie hätte ihn sicherlich nicht wiedererkannt. Er schnitt auch viel zu viel Gesichter, ohne zu sagen, weshalb; den Mund zog er plötzlich ganz schief, die Nase zog sich faltig zusammen und die Backen waren gespannt, so daß er ein wahres Tiergesicht hatte. Seine Haut war so heiß, daß die Luft um ihn herum dampfte, dabei war sein Fleisch glänzend und schwere Schweißtropfen rannen an ihm nieder. Wenn man so seinem rasenden Tanz zusah, merkte man recht gut, daß er sich dabei nicht wohl fühlte, daß ihm sein Kopf schwer war und seine Glieder ihn schmerzten. Gervaise hatte sich dem jungen Mediziner genähert, der mit den Fingern auf der Stuhllehne einen Marsch trommelte. »Sagen Sie doch, mein Herr, dieses Mal ist es also ernsthaft?« Der Mediziner nickte mit dem Kopfe, ohne zu antworten. »Sagen Sie, plappert er nicht ganz leise? Nicht wahr? Sie hören es auch, was ist denn das?« »Das sind Dinge, die er sieht!« murmelte der junge Mann. »Seid still und laßt mich hören.« Coupeau sprach ruckweise. Dabei schien ein Funke von Spaßhaftigkeit in seinen Augen aufzuleuchten. Er blickte rechts und links zu Boden und drehte sich um sich selbst, als ob er im Vincenner Gehölz spazieren gehe und mit sich selbst spreche. »Ei! Das ist hübsch, das ist gelungen ... Da sind ja niedliche Buden, ein ganzer Jahrmarkt. Und die hübsche Musik! Was tanzen die toll! Die verbrechen da drinnen alles Geschirr wie an einem Polterabend ... Sehr hübsch! Ei! Da steigen ja auch rote Luftballons auf, wie die springen, wie die abgehen ... Oh! oh! Wie viele Laternen an den Bäumen hängen! ... Es ist ganz verdammt hübsch hier! Überall Springbrunnen und Wasserfälle, und das Wasser plätschert und murmelt, ah! als ob Kinder im Chor sängen ... Es ist erstaunlich! Solche Wasserfälle!« Er richtete sich auf, als ob er das entzückende Lied des Wassers besser hören wolle; er sog in starken Zügen die Luft ein, weil er den frischen Hauch von den Wasserfällen zu atmen glaubte. Aber nach und nach nahm sein Gesicht den Ausdruck der Angst an. Jetzt krümmte er sich zusammen und lief an den Wänden der Zelle entlang, wobei er dumpfe Drohworte vor sich her murmelte. »Noch immer die Schufte und all das andere! Oh! Ich traute ihnen nicht... Ruhe da! Ihr Haufen von Schurken! Ja, ihr kümmert euch nicht um mich! Ihr wollt euch über mich lustig machen, wenn ihr da drinnen mit euren Weibsbildern sauft ... Ich werde euch in Stücke schlagen, euch und eure Bude! ... In drei Teufels Namen! Wollt ihr mich in Ruhe lassen?« Er ballte die Fäuste. Rauhes Schreien kam aus seinem Munde und er lief, sich niederduckend, an den Wänden entlang. Dann stotterte er, und die Zähne klapperten ihm vor Entsetzen. »Ich soll wohl ein Ende mit mir machen? Nein, ich werfe mich da nicht hinein! ... All das Wasser, das bedeutet, daß ich keinen Mut habe. Nein, ich stürze mich doch nicht hinein!« Die Wasserfälle flohen bei seiner Annäherung und rückten vor, wenn er zurückwich. Plötzlich blickte er stumpfsinnig um sich und stammelte mit kaum vernehmbarer Stimme: »Das ist, ja unmöglich, die Naturforscher haben sich gegen mich verschworen!« »Ich gehe jetzt fort, mein Herr. Guten Abend!« sagte Gervaise zu dem Mediziner. »Es ist mir zu schmerzlich, ich werde wiederkommen!« Sie war bleich vor Entsetzen. Coupeau fuhr mit seinem Tanzschritt fort, immer vom Fenster zur Matratze und von der Matratze zum Fenster; dabei schwitzte er, spannte all seine Kräfte aufs äußerste an und bei alledem schlug er noch selbst den Takt. Da lief sie fort. So schnell wie sie auch die Treppe hinabeilte, bis unten hörte sie immer noch den entsetzlichen Lärm, den ihr Mann machte. Wie gut war es doch draußen, da atmete man auf. Am Abend sprach das ganze Haus in der Goldtropfenstraße von der sonderbaren Krankheit Vater Coupeaus. Die Boches, die die Humpelliese jetzt ganz über die Achsel ansahen, verehrten ihr doch einen Johannisbeerschnaps in ihrem Zimmer, um von ihr näheres zu erfahren. Madame Lorilleux kam dazu und auch Madame Poisson. Da gab es denn ellenlange Erklärungen. Boche hatte einen Tischler gekannt, der ganz nackt auf die Martinstraße gegangen war; beim Polkatanzen ist er gestorben, der Bursche trank Absinth. Die Damen wandten sich vor Lachen, weil es ihnen zu komisch vorkam, obgleich es eigentlich sehr traurig war. Als sie noch immer nicht recht begriffen, wie so etwas zugehe, schob Gervaise die Leute beiseite und rief, daß man ihr Platz machen solle; und dann ahmte sie in der Mitte des Zimmers, während die anderen ihr zusahen, Coupeau nach, wie er brüllte und hopste und dabei abscheuliche Grimassen schnitt. Ja, auf Ehrenwort! Ganz so war es! Jetzt verwunderten sich alle; das sei ja nicht möglich! Ein solches Toben könne ein Mann ja keine drei Stunden aushalten! Nun! Sie schwor bei allem, was es Heiliges gab. Coupeau mache es schon seit dem vorigen Morgen, sechsunddreißig Stunden lang. Wenn man es ihr nicht glaube, könne man ja hingehen und nachsehen. Aber Madame Lorilleux erklärte, sie danke dafür, sie sei schon einmal im Annenkrankenhause zu Besuch gewesen und werde auch nicht erlauben, daß Lorilleux einen Fuß dahin setze. Virginie, deren Laden täglich schlechter und schlechter ging, so daß sie mit einer wahren Leichenbittermiene umherwankte, begnügte sich zu murmeln, daß das Leben nicht immer lustig sei, nein, bei Gott! Gar nicht lustig! Man trank den Johannisbeerschnaps aus, und Gervaise wünschte der Gesellschaft einen guten Abend. Wenn sie nicht mehr sprach, so nahm ihr Gesicht sogleich einen närrischen Ausdruck an, wobei ihre Augen weit offen standen. Wahrscheinlich sah sie im Geiste ihren Mann tanzen. Als sie am andern Morgen aufstand, nahm sie sich vor, nicht wieder hinzugehen. Wozu auch? Sollte sie denn auch noch ihr bißchen Verstand verlieren? Aber doch fing sie alle zehn Minuten wieder aufs neue an, darüber nachzudenken; sie war nicht recht bei sich, wie man zu sagen pflegt. Es sei doch zu merkwürdig, wenn er immer noch seine Tanzübungen mache. Als es zwölf Uhr schlug, konnte sie sich nicht mehr halten, sie bemerkte selbst nicht einmal die Länge des Weges, so groß war ihr Verlangen und ihre Furcht zu sehen, was sie dort erwarte. Sie brauchte sich gar nicht nach dem Befinden des Patienten zu erkundigen. Schon unten auf der Treppe hörte sie Coupeaus Lied, ganz dieselbe Melodie, ganz denselben Tanz! Sie hätte glauben können, sie sei nur eine Minute hinuntergegangen und komme jetzt zurück. Der Wärter von gestern, der Töpfe mit Medizin über den Flur trug, nickte ihr zu, als er sie wiedererkannte, um sich liebenswürdig zu zeigen. »Also immer noch!« sagte sie. »Oh! noch immer!« antwortete er, ohne stehenzubleiben. Sie trat ein, aber sie hielt sich nahe bei der Tür, denn es waren Leute bei Coupeau. Der blonde, rosige Mediziner stand und hatte den Stuhl an einen alten, dekorierten Herrn abgetreten, der kahlköpfig war und ein Gesicht wie ein Fuchs hatte. Es war wahrscheinlich der Chefarzt, denn er warf so schnelle, scharfe Blicke um sich, die einem durchbohrten. Alle diese Totenhändler haben solche Blicke an sich. Übrigens war Gervaise nicht dieses Herrn wegen gekommen, deshalb richtete sie sich hinter ihm auf und verschlang Coupeau mit den Augen. Der Rasende tanzte und brüllte noch stärker als tags zuvor. Sie hatte früher bei den Fastnachtsbällen wohl gesehen, wie die Hausdiener aus den Waschanstalten, die alle sehr stramme Burschen waren, sich für eine ganze Nacht solchem Tanz hingegeben hatten; aber nimmermehr hätte sie sich träumen lassen, daß ein Mann so lange daran Vergnügen finden könne. Wenn sie »Vergnügen finden« sagte, so war es eine Redensart, denn es kann unmöglich sehr viel Spaß machen, wider Willen wie ein Karpfen zu springen, als ob man ein Pulverfaß verschluckt habe. Coupeau, der in Schweiß gebadet war, dampfte noch stärker, das war alles; sein Mund schien sich von dem vielen Schreien vergrößert zu haben. Oh! Schwangere Frauen taten sehr wohl daran, diesem Anblick fern zu bleiben. Er war soviel zwischen der Matratze und dem Fenster hin und her gegangen, daß man auf dem Fußboden den Weg sich abzeichnen sah, den er machte; auch die Strohsäcke waren von seinen Schuhen zu Boden getreten. Nein, wahrlich, so ein Anblick war nicht schön, und Gervaise fragte sich zitternd, weshalb sie eigentlich wieder hergekommen war. Da hatte man abends bei den Boches gesagt, daß sie zu stark aufgetragen habe. Nun! Sie hatte es noch nicht zur Hälfte so gemacht, wie es wirklich war. Jetzt sah sie noch besser, wie Coupeau sich dabei benahm; sie würde es nie mehr vergessen, wie er seine Augen weit aufriß und ins Leere starrte. Trotzdem fing sie einiges von dem Gespräch zwischen dem jungen und dem alten Arzt auf. Der erstere gab in Ausdrücken, die sie nicht verstand, einen Bericht über den Verlauf der Nacht. Während der ganzen Nacht habe ihr Mann geplaudert und getanzt, was das nur eigentlich bedeute? Jetzt endlich schien der alte, kahlköpfige Herr, der übrigens nicht sehr höflich war, ihre Anwesenheit zu bemerken; als der junge Mann ihm gesagt hatte, daß sie die Frau des Kranken sei, stellte er ein Verhör mit ihr an, als ob er ein Polizeikommissar sei. »Hat der Vater dieses Mannes auch getrunken?« »Ja, mein Herr, ein klein wenig, wie jedermann ... Er hat sich das Genick abgestürzt, als er eines Tages in der Trunkenheit vom Dach fiel.« »Hat seine Mutter auch getrunken?« »Aber, mein Herr, so wie am Ende jede trinkt. Sie wissen schon, hin und wieder einen Schluck ... Die Familie ist sehr anständig! ... Es war noch ein Bruder da, der sehr jung an Krämpfen gestorben ist.« Der Arzt sah sie mit seinen durchdringenden Augen an. Dann sagte er mit brutaler Stimme: »Und Ihr trinkt auch?« Gervaise stotterte Worte der Entschuldigung hervor und legte dabei die Hand aufs Herz, um das, was sie sagte, glaubhafter zu machen. »Ihr trinkt! Nehmt Euch in acht, Ihr seht, wohin es führt, wenn man trinkt ... Eines schönen Tages werdet Ihr dann ebenso sterben!« Da blieb sie an die Wand gelehnt stehen. Der Arzt hatte ihr den Bücken zugedreht. Er bückte sich nieder, ohne sich zu beunruhigen, daß dabei sein Bockschoß den Staub des Strohsackes vom Boden wischte, und studierte lange das Zappeln Coupeaus; er wartete, bis er vorbei kam und folgte ihm mit den Augen. An diesem Tage zappelten nur die Beine, das Zittern war mehr nach unten gegangen, von den Händen war es auf die Füße gekommen; er war wie ein Hampelmann, bei dem man unaufhörlich die Strippe zog, als ob seine Glieder zum Vergnügen hüpften. Das Übel nahm langsam Schritt für Schritt zu. Es war, als ob unter der Haut ein fortwährender Strom fließe. Das begann alle drei oder vier Sekunden aufs neue, rollte einen Augenblick und hielt dann an, um einem kleinen Schauder Platz zu machen, wie er die verlorenen Hündchen zu ergreifen pflegt, wenn sie im Winter unter einem Torweg frieren. Der Bauch und die Schultern hatten schon jetzt eine Art von Zittern wie kochendes Wasser. Es war eine merkwürdige Art der Zerstörung, und bei alledem sich so winden zu müssen, wie ein Mädchen, das das Kitzeln nicht vertragen kann! Hin und wieder klagte Coupeau mit dumpfer Stimme. Er schien bedeutend mehr zu leiden als tags zuvor. Seine abgerissenen Klagen ließen alle Arten von Schmerzen ahnen. Tausende von Stecknadeln pikten ihn. Überall hatte er auf der Haut etwas Schweres, was ihn drückte; ein kaltes, nasses Tier wand sich um seine Schenkel und biß in sein Fleisch. Dann waren es wieder andere Tiere, die sich ihm auf die Schultern setzten und ihm mit ihren Tatzen den Rücken zerkratzten. »Ich habe Durst! Oh! Ich habe Durst!« brummte er unaufhörlich. Der junge Mediziner nahm einen Topf mit Limonade von einem Brett und gab ihn ihm. Er ergriff den Topf mit beiden Händen und schlang gierig einen Schluck herunter, wobei er die Hälfte der Flüssigkeit vergoß; aber er spie den Schluck gleich mit Ekel wieder aus und schrie wütend: »Pfui Teufel! Das ist ja Branntwein!« Da wollte auf ein Zeichen des Arztes der junge Mediziner ihn Wasser trinken lassen, ohne daß er die Flasche losließ. Diesmal schluckte er die Flüssigkeit herunter, aber er heulte nachher, als ob er Feuer getrunken hätte: »Das ist ja Branntwein! Pfui Teufel! Das ist ja Branntwein!« Seit dem vorigen Abend schien ihm alles, was er trank, Branntwein zu sein. Das verdoppelte seinen Durst und er konnte doch nicht trinken, weil alles ihn wie Feuer brannte. Man hatte ihm eine Art Suppe gebracht, aber er glaubte, daß man ihn vergiften wolle, denn diese Suppe roch ihm nach Vitriol. Das Brot war sauer und verdorben. Er sah nichts wie Gift um sich herum. Die Zelle roch nach Schwefel. Ja, er beschuldigte die Wärter, daß sie unter seiner Nase Schwefelhölzchen ansteckten, um ihn verdorbene Luft atmen zu lassen. Der Arzt war aufgestanden und hörte Coupeau zu, der jetzt am hellen Mittag neue Gebilde sah. Glaubte er doch an den Wänden Spinngewebe zu sehen, die so groß wie Bootssegel waren. Dann wurden diese Spinngewebe Netze mit Maschen, die sich zusammenzogen und ausdehnten; es war ein drolliges Spielzeug! In den Netzen rollten schwarze Kugeln, wie die Gaukler sie haben; zuerst waren sie wie Billardkugeln, dann groß wie Kanonenkugeln, sie schwollen an und verkleinerten sich, alles nur, um ihn zu ärgern. Plötzlich schrie er: »Oh! Die Ratten! Da sind die Ratten, jetzt um diese Zeit!« Die Kugeln hatten sich in Ratten verwandelt. Diese ekelhaften Tiere wurden größer, kletterten aus den Netzen, sprangen auf die Matratze oder verschwanden wieder. Er sah auch einen Affen, der aus der Wand kam und auch dort wieder hineinging, der kam ihm jedesmal so nahe, daß er zurückwich, weil er fürchtete, er werde ihn in die Nase beißen. Plötzlich änderte sich alles; er mußte glauben, die Mauern seien ins Wanken gekommen, denn er wiederholte mit schreck- und wuterstickter Stimme: »Da, da ist es schon wieder! Oh! Je! Halt doch! Stützt mich! Mir soll's recht sein! ... Oh! Weh! Die ganze Bude! Oh! Weh! Alles fällt um! ... Ja, läutet nur die Glocken, ihr schwarzes Volk! Spielt nur die Orgel, damit ich nicht nach der Wache rufen kann! ... Sie haben eine Maschine hinter die Mauer gestellt, dieses Lumpengesindel! Ich höre es ja, wie sie pustet, sie wollen uns in die Luft sprengen ... Feuer! Um Gottes willen! Feuer! Alle rufen jetzt Feuer! Ha! wie es flammt! Oh! wie hell es wird! Wie hell es wird! Der ganze Himmel brennt in rotem Feuer, in grünem Feuer, jetzt ist es gelb ... Hierher! Zu Hilfe! Feuer!« Sein Geschrei erstarb in einem Röcheln. Er stammelte nur noch unzusammenhängende Worte hervor, vor seinem Munde stand Schaum, und sein Kinn war von dem Speichel genäßt, der ihm aus dem Munde floß. Der Arzt rieb seine Nase mit dem Zeigefinger, das schien eine Bewegung, die ihm angesichts schwerer Fälle eigentümlich war, dann wandte er sich an den jungen Kollegen und fragte ihn halblaut: »Und die Temperatur ist immer noch vierzig Grad, nicht wahr?« »Ja, mein Herr!« Der Arzt zog eine Grimasse. Noch zwei Minuten blieb er da und sah Coupeau unverwandt an. Dann zuckte er die Achseln und meinte: »Fahren Sie mit derselben Behandlung fort: Bouillon, Limonade, Milch, einen leichten Extrakt von Chinarinde in Dosen ... Verlassen Sie ihn nicht; wenn er sich verändert, lassen Sie mich rufen!« Er ging fort. Gervaise folgte ihm, um ihn zu fragen, ob denn gar keine Hoffnung mehr sei. Aber er ging so steif den Flur entlang, daß sie es nicht wagte, ihn anzusprechen. Einen Augenblick blieb sie stehen und zögerte, ob sie wieder hineingehen und ihren Mann noch einmal sehen solle. Der eine Besuch schien ihr schon schwer genug. Als sie ihn noch immer schreien hörte, daß die Limonade nach Branntwein rieche, da machte sie, daß sie fortkam, sie hatte von der Vorstellung gerade genug. Als sie auf der Straße war und den Galopp der Pferde sah, und die Wagen rollen hörte, glaubte sie, das ganze Annenkrankenhaus sei ihr auf den Fersen. Die Drohung des Arztes kam ihr ins Gedächtnis. Wahrhaftig! sie glaubte, sie habe die Krankheit auch schon. In der Goldtropfenstraße wurde sie von den Boches und den anderen schon erwartet. Sowie sie im Torweg erschien, rief man sie in das Pförtnerzimmer. Nun! Hielt denn Vater Coupeau noch immer aus? Mein Gott! ja, er hielt es noch immer aus. Boche schien verdutzt und bestürzt: er hatte einen Liter gewettet, daß Coupeau es nicht mehr bis zum Abend machen werde. Wie! er lebte immer noch? Die ganze Gesellschaft konnte sich darüber vor Erstaunen gar nicht fassen und schlug sich auf die Schenkel. Das war ein zäher Bursche! Madame Lorilleux rechnete nach, wieviel Stunden es schon währte: sechsunddreißig Stunden und vierundzwanzig Stunden, sechzig Stunden. Heiliger Vater! Schon sechzig Stunden zappelte er mit den Beinen und strapazierte seine Kehle! Nie hatte man solche Kraftleistung gesehen! Boche wollte nicht recht an die Sache glauben wegen seines Liters, er befragte Gervaise mit zweifelhafter Miene, ob sie auch ganz sicher sei, daß er sich nicht doch hinter ihrem Rücken davongemacht habe. Oh! Nein, er hopse zu stark, er habe gar nicht Lust, abzugehen. Da bat Boche noch inständiger, sie möge doch zeigen, wie er es mache, damit man sich davon einen Begriff machen könne. Ja, ja, noch ein bißchen! Auf allgemeines Verlangen! Die Gesellschaft meinte, es sei doch so nett von ihr, wenn sie es tue, denn es seien gerade zwei Nachbarinnen da, die es am Abend zuvor noch nicht mit angesehen hätten und die eigens heruntergekommen seien, um der Vorstellung beizuwohnen. Der Pförtner rief den Leuten zu, daß sie Platz machten; man ließ die Mitte der Loge frei und stieß einander, vor Neugierde zitternd, mit den Ellenbogen. Aber Gervaise senkte den Kopf. Wahrhaftig, sie fürchtete, daß sie sich krank machen werde. Da sie aber zu beweisen wünschte, daß sie sich nicht nötigen lasse, so machte sie zwei oder drei kleine Sprünge; aber es wurde ihr übel, und sie mußte sich niedersetzen; auf Ehrenwort, sie könne nicht! Ein Murmeln der Enttäuschung lief durch die Gesellschaft: Das war schade, sie ahmte es so vollendet nach! Mein Gott! wenn sie nicht konnte! Da Virginie in ihren Laden zurückkehrte, vergaß man schnell den Vater Coupeau, um sich lebhaft über das Poissonsche Ehepaar zu unterhalten. Da ging jetzt alles drunter und drüber; am vorigen Abend waren die Gerichtsvollzieher gekommen; der Schutzmann werde wohl seinen Posten verlieren; Lantier scherwenzele um das Kellnermädchen im Restaurant nebenan; es sei eine prächtige Person, die davon spreche, sich als Kaldaunenhändlerin einzurichten. Verdammt noch eins! Darüber war des Lachens kein Ende, man sah schon den Kaldaunenhandel in dem Laden eingerichtet; nach der Leckerei etwas Solides. Der Hahnrei, der Poisson, machte zu alledem ein gutmütiges Gesicht; den Teufel auch! wie war es nur möglich, daß ein Mann, dessen Beruf es ist, mit allen Hunden gehetzt zu sein, sich in seinem Hause so blind und täppisch zeigte? Plötzlich schwiegen alle still, weil sie ganz hinten Gervaise bemerkten, die für sich, mit Händen und Füßen zitternd, Coupeau nachzuahmen versuchte. Bravo! Das war das Wahre, mehr konnte man nicht verlangen. Sie war wie betäubt und schien aus einem Traum zu erwachen. Dann ging sie schnell fort. »Schön guten Abend, meine Herrschaften!« So ging sie nach oben und versuchte zu schlafen. Am anderen Tage sahen die Boches sie um die Mittagsstunde fortgehen, gerade so wie an den Tagen zuvor. Sie wünschten ihr viel Vergnügen. An diesem Tage zitterte im Annenkrankenhause der Flur von dem Geheul und dem Fußstampfen Coupeaus. Sie hatte das Treppengeländer noch nicht losgelassen, als sie ihn schon heulen hörte. »Pfui! Ist das ein Gesindel von Dirnen! ... Kommt doch mal ein bißchen her, daß ich euch die Knochen zerschlage! ... Ah! sie wollen mich kalt machen, ah! die Dirnen! Ich bin schlauer als ihr alle! Schert euch fort in Teufels Namen!« Einen Augenblick atmete sie vor der Tür hoch auf. Schlug er sich denn mit einer Armee? Als sie eintrat, nahm es noch zu, wurde noch toller. Coupeau war tobsüchtig, als ob er aus Charenton entsprungen sei. Er stand in der Mitte der Zelle und marterte sich ab, überallhin schlug er mit seinen Händen, auf sich selbst, an die Wände und den Fußboden, fortwährend schwankend, führte er seine Hiebe ins Leere; er wollte das Fenster öffnen, er versteckte sich, rief und antwortete sich selbst und führte so einen wahren Hexensabbat auf wie ein Mann, der in einem schweren Traum sich gegen eine Menge von Angreifern verteidigt. Dann verstand Gervaise, daß er auf einem Dache zu sein glaube, wo er seine Zinkplatten lege. Er ahmte mit seinem Munde das Pusten des Blasebalges nach, er wandte die Eisen auf dem Kohlenfeuer um, legte sich auf die Knie, um mit dem Daumen auf der Naht des Strohsackes entlangzufahren, weil er glaubte, er löte dort. Ja, sein Handwerk flackerte noch einmal vor seinem Geiste auf in dem Augenblick, wo es mit ihm zu Ende ging; wenn er jetzt so sehr heulte und schrie, so tat er es, weil eine Bande von Schweinehunden ihn daran hinderte, seine Arbeit ordentlich fertigzumachen. Auf allen Nachbardächern waren Spitzbuben, die ihn foppten. Und dabei jagten ihm die Schwätzer ganze Banden von Ratten zwischen die Beine. Oh! Diese ekelhaften Tiere sah er immerwährend! Wenn er auch noch so viele davon mit den Füßen zerstampfte, es kamen immer neue Scharen, das ganze Dach war schwarz. Und waren denn nicht auch große Spinnen da? Er riß an seiner Hose, um die dicken Spinnen an seinen Schenkeln zu zerquetschen, die da hineingekrochen waren. In drei Teufels Namen! er konnte gar nicht mit seinem Arbeitstag zu Ende kommen, man wollte ihn durchaus verderben, sein Meister werde ihn ins Arbeitshaus schicken. Als er nun schneller arbeitete, glaubte er, daß er eine Dampfmaschine in seinem Leibe habe; er machte den Mund weit auf, als ob er Rauch ausatme, eine dichte Rauchwolke erfülle die Zelle und ging dann durch das Fenster; nun beugte er sich vor und sah draußen die langen Streifen Rauch sich entrollen und am Himmel emporsteigen, wo sie die Sonne verfinsterten. »Halt!« schrie er, »das ist die Bande von der Chaussee Clignancourt; die sind als Bären verkleidet und machen einen Lärm ...« Er blieb vor dem Fenster sitzen und blickte hinaus, als ob oben in der Höhe der Dächer ein Zug vorüberkomme. »Da sind ja auch die Löwen und die Panther, die Grimassen schneiden ... Da sind Kinder als Hunde und Katzen angezogen ... Da ist ja auch die große Clemence, die hat die ganze Perücke voller Federn. Ei! den Teufel auch! Die überschlägt sich und zeigt alles, was sie hat! ... Du höre mal, Liebchen! Wollen wir zusammen durchgehen ... Du da! Schuftiger Schlingel, willst du sie wohl nicht wegnehmen! ... Ziehe nicht so, Donnerwetter! Ziehe doch nicht so!... Seine Stimme wurde lauter und klang rauh und fürchterlich, dann bückte er sich schnell und sagte, daß da unten Polizei sei und Rothosen, die mit ihren Flinten auf ihn zielten. In der Wand sah er den Lauf einer Pistole, die auf seine Brust angeschlagen war, Wieder raubte man ihm das Mädchen. »Zieht doch nicht so! In Teufels Namen! Ihr sollt nicht so ziehen ...« Dann stürzten alle Häuser ein, und er ahmte das Krachen eines ganzen Viertels nach, das zusammenpurzelt; dann verschwand alles, alles hatte sich verflüchtigt. Aber es blieb ihm keine Zeit, Atem zu schöpfen, andere Bilder zogen mit außerordentlicher Schnelligkeit vorüber. Eine wütende Sucht zu sprechen füllte ihm den Mund mit Worten, die er dann ohne Zusammenhang hervorschnatterte. Immer sprach er mit lauter Stimme: »Ah, sieh da! Du bist es! ... Mach doch keinen Unsinn, du stopfst mir ja deine Haare in den Mund!« Dabei fuhr er sich mit der Hand über das Gesicht und pustete, um die Haare loszuwerden. Der Mediziner fragte ihn: »Was seht Ihr denn?« »Nun, wen sonst als meine Frau!« Während er das sagte, sah er die Wand an und drehte Gervaise den Rücken zu. Diese bekam keinen schlechten Schreck, auch sie blickte nach der Wand, um zu sehen, ob sie da noch einmal sei. Er fuhr zu sprechen fort: »Du weißt, du darfst mir nichts vorflunkern ... Ich will nicht, daß man mir was aufbindet ... Donnerwetter! Wie siehst du schön aus! Wo hast du die famose Toilette her? Womit hast du das verdient, du Tier! Du kommst ja von den Boulevards, du Kamel! Warte mal, dir werde ich den Kopf zurechtsetzen! ... Nun? Du versteckst ja deinen Herrn hinter deinen Röcken! Wer ist denn das da? Bücke dich doch, damit ich sehen kann ... In drei Teufels Namen! Da ist er schon wieder!« Mit einem schrecklichen Satz stürzte er vorwärts und stieß sich den Kopf an die Wand, aber die Polsterung milderte den Stoß, man hörte nur das Aufschlagen seines Körpers auf dem Strohsacke, wohin der Stoß ihn geworfen hatte. »Wen seht Ihr denn?« fragte der Mediziner. »Den Hutmacher! Den Hutmacher!« heulte Coupeau. Der Mediziner fragte Gervaise, wer das sei, doch diese stammelte etwas, ohne ordentlich antworten zu können, denn diese Szene erweckte in ihr das Andenken an allen Verdruß ihres Lebens. Der Zinkarbeiter streckte die Fäuste vor. »Komm heran, mein Bursche! Endlich muß ich einmal mit dir abrechnen! Ach! Du kommst so ohne weiteres mit diesem Geschöpf am Arm daher, um mich vor den Leuten lächerlich zu machen. Nun gut! Ich will dich erwürgen, ja, ja, ich, und ich werde mir keine Handschuhe dazu anziehen! Tue nur nicht so großspurig ... Da, stecke das ein! Und nochmal! nochmal! nochmal!« Er hieb mit den Fäusten ins Leere. Es hatte sich seiner eine tolle Wut bemächtigt. Da er sich beim Zurückweichen an die Wand gestoßen hatte, so glaubte er, daß man ihn auch von hinten angreife, und wandte sich wütend der Wand zu. Er sprang vorwärts und setzte von einer Ecke in die andere, dabei schlug er sich auf den Bauch, den Hintern und die Schultern, wälzte sich auf dem Boden umher und sprang wieder auf. Seine Knochen wurden mürbe und sein Fleisch so weich, daß es bei jedem Schlage so klang, als sei es nasses Werg. Dieses Spiel unsinniger Drohungen begleitete er mit wilden, rauhen Kehltönen. Es schien, als ob die Schlacht für ihn ein schlechtes Ende nehme, denn sein Atem wurde kurz, seine Augen traten aus ihren Höhlen, und es überkam ihn nach und nach die Furchtsamkeit eines Kindes. »Ah! Der Mörder! Ah! Der Mörder ... Macht alle beide, daß ihr fortkommt! ... Oh! Die Schlechten, sie lachen noch! Da streckt sie alle viere in die Luft, das liederliche Weib! Die muß auch dran glauben, soviel ist sicher... Ach! der Räuber, jetzt zerfleischt er sie! Er schneidet ihr mit seinem Messer ein Bein ab! Das andere Bein liegt am Boden, der Bauch ist entzwei. Da ist alles voll Blut ... Oh! mein Gott! Oh! mein Gott! Oh! mein Gott!.,.« In Schweiß gebadet, mit gesträubten Haaren und einem entsetzlichen Ausdruck im Gesicht wich er zurück und bewegte abwehrend seine Arme vor sich, wie um diese fürchterliche Szene zurückzustoßen. Zwei entsetzliche, klagende Schreie rangen sich aus seiner Brust, und er stürzte auf der Matratze nieder, über die seine Füße gestolpert waren. »Mein Herr! Mein Herr, er ist tot!« sagte Gervaise mit gerungenen Händen. Der Mediziner war näher herzugetreten und zog Coupeau auf die Mitte der Matratze. Nein, er war nicht tot. Man hatte ihm seine Schuhe ausgezogen, seine nackten Füße sahen aus den Hosen hervor; die tanzten ganz allein, einer neben dem anderen, im Takt, einen kleinen, schnellen, regelmäßigen Tanz. Gerade jetzt trat der Arzt ein. Er brachte noch zwei Kollegen mit, einen Mageren und einen Dicken, die beide, wie er, dekoriert waren. Alle drei beugten sich über den Kranken, ohne ein Wort zu sprechen, sie betrachteten den Mann überall; dann tauschten sie mit leiser Stimme, sehr schnell sprechend, ihre Meinungen aus. Sie hatten den Mann von den Hüften bis zu den Schultern entblößt, und Gervaise sah, als sie sich auf die Zehen stellte, seinen nackten Oberkörper. Das Zittern war die Arme hinabgegangen und an den Beinen in die Höhe gestiegen, selbst der Leib nahm schon an dem Zittern teil. Wirklich, dieser Hampelmann lachte jetzt auch mit dem Bauch. Längs der Seiten krampften sich die Muskeln wie zum Lachen zusammen, und über den Bauch hin zog es sich, wenn er mühsam atmete, wie ein tolles Gelächter, das das Bauchfell zu sprengen drohte. Alles bewegte sich, es war nicht zu sagen! Die Muskel tanzten sich gegenüber, die Haut zitterte wie ein Trommelfell, ja selbst die Haare walzten und grüßten einander. Nun endlich mußte der große Kehraus sein, es war der Galopp am Ende, wenn der Tag schon graut und die Tänzer sich an den Händen halten und mit den Füßen stampfen. »Er schläft!« murmelte der Chefarzt. Er machte die beiden anderen auf das Gesicht des Mannes aufmerksam. Coupeau, der mit geschlossenen Augen dalag, hatte kleine, nervöse Zuckungen, die ihm das ganze Gesicht verzogen. Er war, wie er so ermattet dalag, noch viel abscheulicher mit seinem hängenden Unterkiefer und dem Antlitz eines Toten, der mit einem gräßlichen Fiebertraum hinübergegangen ist. Als die Ärzte die Füße angesehen hatten, beugten sie sich mit tiefem Interesse ganz nahe darauf nieder. Die Füße tanzten noch immer. Coupeau konnte schlafen soviel er wollte, die Füße tanzten! Wenn ihr Herr und Meister auch schnarchte, das kümmerte sie nicht, sie setzten ihr Zittern fort, ohne sich zu beeilen oder langsamer zu werden. Es waren ganz mechanische Füße; Füße, die ihrem Vergnügen nachgingen, wie es ihnen beliebte. Als Gervaise gesehen hatte, wie die Ärzte ihre Hände auf den Körper ihres Mannes legten, wollte sie ihn auch befühlen. Sie trat leise näher und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Sie ließ sie dort wohl eine Minute lang. Mein Gott! Was ging denn darin vor? Das tanzte ja bis in das Fleisch, bis auf die Knochen, ja selbst die Knochen mußten noch mittanzen. Es liefen Schauder über den Körper, und es kamen Wallungen von weit her und flössen wie Ströme unter der Haut fort. Wenn sie ein wenig aufdrückte, fühlte sie das schmerzliche Zucken bis ins Mark hinein. Mit dem Auge sah man nur die kleinen Wellen, die die Haut bewegten, wie ein leiser Wirbelwind eine Wasseroberfläche; aber im Innern mußte eine arge Zerstörung sein. Was war das für ein verdammtes Arbeiten drinnen, wie Maulwurfswühlen! Das war das Vitriol des »Totschlägers«, das seine Unterminierungsarbeit verrichtete. Der ganze Körper war damit durchdrängt, und wahrlich! es war Zeit, daß diese Arbeit zu Ende kam, bei der Coupeau zerbröckelte und durch die große, allgemeine und fortgesetzte Zerrüttung seines Leibes dahinschwand. Die Ärzte waren fortgegangen. Als eine Stunde vergangen war, sagte Gervaise, die mit dem jungen Mediziner allein geblieben war, mit leiser Stimme: »Mein Herr, mein Herr, er ist tot ...« Aber der junge Mann sah nach seinen Füßen und schüttelte mit dem Kopfe; die nackten Füße, die über die Matratze hinausragten, tanzten noch immer. Sie waren nicht sehr sauber, und sie hatten lange, überwachsene Nägel. So vergingen noch zwei Stunden. Plötzlich wurden sie steif und bewegten sich nicht mehr. Da wandte sich der Mediziner zu Gervaise herum und sagte: »Jetzt ist es zu Ende!« Der Tod allein hatte die Füße anhalten können. Als Gervaise in die Goldtropfenstraße und in das Haus zurückkam, fand sie bei den Boches eine Menge Frauen, die alle lebhaft durcheinanderschwatzten. Sie glaubte, daß man auf sie gewartet habe, um von ihr zu hören, wie es gehe, wie an den vorigen Tagen. »Es ist aus mit ihm!« sagte sie, wobei sie mit ruhiger Miene die Tür zumachte und sich ermüdet und zerschlagen niedersetzte. Aber niemand achtete auf sie. Das ganze Haus befand sich in der größten Aufregung. Es war eine unbezahlbare Geschichte! Poisson hatte seine Frau mit Lantier abgefaßt, man wußte nicht ganz genau, wie es zugegangen war, denn jeder erzählte die Geschichte auf seine Art. Darin waren alle einig: er war in einem Augenblick über sie hergefallen, wo sie ihn nicht erwarteten. Man erzählte sich sogar Einzelheiten, bei denen die Damen die Lippen zusammenkniffen, wenn sie sie eine der anderen ins Ohr sagten. Ein solcher Anblick hatte natürlich Poisson aus seiner gewöhnlichen Ruhe aufgerüttelt. Er war wie ein Tiger, dieser Mann, der so wenig sprach und immer so aussah, als ob er einen Ladestock verschluckt habe; er war kirschrot geworden und umhergesprungen wie unsinnig. Dann hatte man nichts mehr gehört. Lantier mußte dem Ehemann die Sache erklärt haben. Wie dem auch sei, so konnte es nicht weitergehen. Boche erzählte, daß das Mädchen aus dem Restaurant nebenan ganz bestimmt den Laden miete, um darin einen Kaldaunenhandel anzufangen. Dieser Spitzbube, der Lantier, liebte Kaidaunen über alles. Als Gervaise Madame Lorilleux und Madame Lerat ankommen sah, sagte sie leise: »Es ist aus mit ihm ... Mein Gott! Vier Tage zu springen und zu heulen ...« Die beiden Schwestern konnten nicht anders, sie mußten ihre Taschentücher ziehen. Ihr Bruder hatte ja viele Fehler gehabt, aber es war doch immer ihr Bruder. Boche zuckte die Achseln und sagte laut genug, um von jedermann gehört zu werden: »Bah! Nun gibt es einen Säufer weniger!« Seit diesem Tage verlor Gervaise manchmal ihren Verstand; es war eine der Merkwürdigkeiten des Hauses, sie Coupeau nachahmen zu sehen. Man hatte gar nicht nötig, sie deshalb zu bitten, sie gab die Vorstellungen umsonst; sie zitterte mit den Händen, mit den Füßen und stieß kleine unwillkürliche Schreie aus. Ohne Zweifel hatte sie diese Sonderbarkeit vom Annenkrankenhause her, wo sie zu lange ihrem Manne zugesehen hatte. Aber sie war nicht so glücklich, sie ging an der Sache nicht zugrunde. Es beschränkte sich darauf, daß sie Grimassen wie ein weggelaufener Affe schnitt und von den Straßenjungen mit Kohlstrunken beworfen wurde. Gervaise lebte so noch Monate lang hin. Sie sank noch tiefer, nahm die mutwilligsten Beschimpfungen geduldig hin und verhungerte alle Tage ein bißchen mehr. Sowie sie vier Sous hatte, vertrank sie sie und taumelte längs der Mauern hin. Man beauftragte sie mit den schmutzigsten Geschäften im Viertel. Eines Abends hatte jemand gewettet, daß sie etwas Ekelhaftes nicht essen werde; sie hatte es doch gegessen, um zehn Sous zu bekommen. Herr Marescot hatte sich entschlossen, sie aus dem Zimmer im sechsten Stock hinauszuwerfen. Aber da man den Vater Bru in seinem Loch unter der Treppe tot gefunden hatte, wollte er ihr gern diese Wohnung überlassen. Jetzt bewohnte sie das Loch des Vater Bru. Dort klapperte sie auf altem Stroh mit den Zähnen, wenn sie mit leerem Bauch und steifgefrorenen Knochen dalag. Anscheinend wollte die Erde sie nicht mehr haben. Sie wurde blödsinnig und dachte nicht mehr daran, sich vom sechsten Stock auf das Pflaster des Hofes zu stürzen, um ein Ende zu machen. Der Tod mußte sie so klein bei, Stück für Stück nehmen; sie schleppte ihr jammervolles Leben, das sie sich selbst bereitet hatte, bis ans Ende. Man hat es nie so recht erfahren, woran sie eigentlich gestorben ist. Man sprach von einem Fieber. Aber die Wahrheit war, daß das Elend, der Schmutz und die Ermüdung ihrem Leben ein Ende machten. Sie krepierte an ihrer Vertiertheit, wie die Lorilleux' sagten. Eines Morgens roch es so schlecht auf dem Flur; da erinnerte man sich, daß man sie seit zwei Tagen nicht mehr gesehen hatte; man fand sie schon ganz grün in ihrem Loch. Gerade kam der Vater Bazouge mit seinem Sarge, um sie einzupacken. Er war an diesem Tage wieder recht hübsch angerissen, aber er hatte einen gutmütigen Rausch und war munter und lustig wie ein Fisch. Als er seine Kundschaft erkannt hatte, erging er sich, während er sein kleines Geschäft besorgte, in philosophischen Betrachtungen. »Alle Welt kommt dahin ... Man braucht sich gar nicht zu drängen; es ist Platz für alle ... Ist das dumm, wenn's einer so eilig hat; er kommt deshalb nur noch später an ... Ich bin ja gern aller Welt gefällig. Die einen wollen, die anderen wollen nicht. Macht es untereinander ab, um zu sehen, wer recht hat ... Da ist auch eine, die wollte nicht, und dann wollte sie wieder. Da hat man sie warten lassen ... Endlich ist sie zur Ruhe, und wahrhaftig! Sie hat dabei gewonnen! So mag sie denn lustig den letzten Weg gehen!« Und als er Gervaise mit seinen großen, schwarzen Händen umfaßte, überkam ihn eine seltsame Zärtlichkeit, er hob sie sanft auf, diese Frau, die gegen ihn eine so lange Feindschaft gehegt hatte. Als er sie auf den Boden der Bahre mit väterlicher Sorgfalt niederlegte, stammelte er zwischen zwei Schluchzern: »Weißt du ... merke dir's gut ... ich bin Bibi der Lustigmacher, den man auch den Tröster der Damen nennt ... Gehe hin, du bist glücklich! Und nun schlafe sanft, meine Schöne!«