Johann Karl Wezel Hermann und Ulrike Ein komischer Roman in vier Bänden.     Dritter Band. Siebenter Theil. Erstes Kapitel. Herrmann stund nach einer langen ernsten nachdenkenden Nacht sehr früh auf, um an Ulriken folgenden Brief zu schreiben. den 29. Jan. »Dein lezter Brief, liebste Ulrike, hat mich in die ernsthafteste Ueberlegung versenkt, die mich selbst mitten im Vergnügen gestern Abend beschäftigte. Die Liebe empört sich zwar in meinem Herze laut wider ihn: bey dem tiefsten Nachdenken preßte sie mir eine rührungsvolle Zähre in die Augen und suchte meine Vernunft durch Wehmuth zu täuschen: aber, liebste Ulrike, so gewiß die feurigste Liebe in meinem Herze für dich brennt, so gewiß sagt mir mein Verstand, daß wir nicht blos lieben , sondern auch überlegen müssen. Unterdrücke einmal 4 alle Empfindlichkeit, alle Neigung für mich! verschließe die Ohren für deine Zärtlichkeit und laß sie nur mir und der Vernunft offen! Glaubest du wirklich, daß die Liebe glücklich genug macht, um äußerliches Wohlseyn zu verachten? daß die Liebe auf die ganze lange Lebenszeit dem Herze Stärke und Trost genug mittheilt, um Mangel, Armuth, Bedrückung, Unsicherheit, Niedrigkeit, Verachtung, auch vielleicht Spott standhaft zu ertragen? daß nicht endlich überhäuftes Leiden sich durch den eisernen Muth bis zum Herze durchfrißt, schmerzlich am Leben naget und am Ende vielleicht die Liebe selbst zermalmt? Glaubst du das, nicht blos auf die Ueberredungen deiner Leidenschaft, sondern aus reifer lebendiger Ueberzeugung? Was hast du von mir und durch mich zu erwarten? – Elend oder kärgliches Glück! Meine Person ist mein einziges Gut; und hieltest du sie in der Verblendung des Affekts für ein unschäzbares Kleinod, so würde ich zum Bösewicht, wenn ich dich nicht daran erinnerte, daß sie nichts ist. Weder zum Pfluge, noch 5 zum Handwerke, noch zum Fabrikanten tauglich, ohne Stand, ohne Gewerbe, ohne Vermögen, um eins anzufangen, ohne Wissenschaft, ohne Gönner! – ein bloßer nakter Erdenkloß, dem das Glück einen seidenen Rock oder einen Kittel anziehen kan! auf die Erde dahingeworfen, daß das Schicksal mit ihm spielen, ihn entweder emporschnellen oder in den Koth wälzen soll! Und wenn in diesen dürftigen Erdenklumpen die Natur alle große Talente gelegt hätte, die nur einen Sterblichen erheben, alle Leidenschaften, die ihn aus dem Staube emporreißen können, was sind sie ohne Glück? – Würmer, die am Herze nagen und das Bischen Glückseligkeit, das Jugend und Gesundheit darbieten, wie eine frische Blüthe, wegfressen! verderbliche Würmer, die sich in den saftvollen Baum des Lebens hineingraben, seine Rinde durchlöchern, den nüzlichen Nahrungssaft abzapfen, in seiner Schale mit unendlicher Fruchtbarkeit brüten, daß oft der kraftlose Baum erstirbt, eh er noch die ersten Blüthen trieb, oder mit dürren Zweigen, 6 kleinen gilblichten Blättern, ohne Frucht, Schönheit und Anmuth dasteht und sich zu Tode kränkelt! Möchte ich also der vollkommenste Sterbliche seyn, der jemals aus der Hand des Schöpfers gieng: alle diese Vollkommenheiten sind immer nur Krücken auf dem Wege des Lebens, aber das Glück ist der Führer, das lehren mich alle meine bisherigen Schicksale. Nimm deine ganze Besonnenheit, dein ganzes Nachdenken zusammen und überlege! Sind dir gewisse zweytausend Pfund Einkünfte lieber, oder ein Würfel, mit dem du vielleicht den zwanzigsten Theil dieser Summe, oder nichts gewinnen kanst? Denn wie ich dir gesagt habe, ich bin fürwahr nichts als ein Würfel, den das Schicksal wirft; und es steht nicht etwa wenig oder gar kein Glück auf dem Spiel: nein, wenig Glück oder viel Ungemach sind die beiden wahrscheinlichsten Gewinste, die du durch mich erlangen kanst. Wählst du zu deinem Schaden, statt der Gewißheit Wahrscheinlichkeit, statt einer lebenslangen unverbesserlichen Versorgung vielleicht lebenslangen Kummer, Reue, 7 Armuth, dann ist wenigstens mein Gewissen ruhig, ob es gleich mein Herz nie seyn könte: ich habe mich dir mit meinem ganzen Nichts vor Augen gestellt. Wäre mein Körper für ländliche Arbeiten gemacht und nicht in Bequemlichkeit und Zärtlichkeit aufgewachsen, oder wüßte ich eine Kunst, ein Handwerk, das mir jeden Tag das Brod des folgenden verspräche, dann sagte ich dir: Ulrike, wenn dein Herz so fest an meinem hängt, daß es Niedrigkeit und sparsames Auskommen nicht zu trennen vermögen, wohl! entsage aller Bequemlichkeit, allem Range, allem Ueberflusse! laß deine zarten Finger von Arbeit, Kälte und Sonnenhitze auflaufen, deine weißen Arme von der Luft schwärzen oder röthen, und deine weichen Hände mit Schwielen überziehn! Du sollst in der Umarmung eines Fürsten nicht glücklicher seyn als bey mir: Liebe soll unser schwarzes Brod würzen und unsern schwachen Trank lieblich und stark machen: Liebe soll den Tag anfangen und beschließen, und aus meinen Händen will ich dich dem Grabe entgegentragen. – Aber Ulrike! ein 8 Würfel des Glücks seyn und auf Einen mißlichen Wurf seine Ruhe, selbst seine Liebe setzen! – die heißeste Hölle verdiente ich, wenn ich dich vor einem solchen Wagstücke nicht warnte. Ein Brief von Schwingern, den ich in Dresden empfieng und dir hier beilege, ist für mich eine Lampe, bey welcher ich meine Vernunft anzünde, sobald die Liebe sie auslöscht: ich lese ihn oft und habe ihn noch diese Nacht zweimal gelesen: lies ihn aufmerksam, und dann erwäge! Was ich thun werde, wenn du der Vernunft folgest? – denn einen Menschen, wie mich, einem Lord vorziehn, was ist das anders als Schwachheit, und ich kan es dreist Unvernunft nennen, ob ich gleich wider mich selbst spreche. – Was ich also thun werde? – Berlin verlassen und zeitlebens um meine erste Liebe trauern: dein Ring, den du mir unter dem Baume gabst, soll, in Flor gehüllt, auf meinem Herze hängen, im Leben und im Grabe, so lange mein Gebein zusammenhält: mein Herz soll ein ewiges Trauerhaus seyn, still, öde, traurig, wie das Haus eines Wittwers, der nie wieder zu lieben 9 versprach; und dies soll auch mein Gelübde seyn, mein feyerlich zugesagtes Gelübde. Glaube mir, daß ichs halten werde! Ein Herz, wo du wohntest, ist für jede Andre eine zu kostbare Wohnung: an den Ort, den dein Bild heiligte, ein andres setzen, wäre Abgötterey. In jedem Jahre soll der Tag, wo meine Liebe starb, ein Tag der Trauer seyn: Zähren will ich ihr opfern, wenn ich ihn beginne, Zähren, wenn er sich schließt: keine Speise soll meine Lippen berühren, so lange die Sonne den Horizont erleuchtet, kein Trank meine Zunge benetzen: in Flor und schwarzer Kleidung will ich den ganzen langen Tag feyern, wie einer, dem man seine Liebe begrub; und fragt mich Jemand: um wen trauerst du, Freund? dann antwort' ich ihm: um mich! – Wäre ich in einer Religion geboren, die dem Bedrängten eine Zuflucht in einsamen Mauern darbietet, so legte ich den nämlichen Tag, wo deine Wahl wider mich entscheidet, einen Ordenshabit an: doch ich bedarf solcher gewaltsamen Mittel nicht, um mir mein Gelübde zu erleichtern: es wird mir leicht seyn, so leicht, wie 10 eine Sache, die gar nicht anders geschehen kan. Ein zweites Gelübde, das ich zur Erleichterung deiner Schmerzen thue, ist das Versprechen, sogleich Teutschland zu verlassen und weder dahin noch in Engelland jemals einen Fuß zu setzen: welches Land mich auch nähren mag, so soll es doch nie eins seyn, wo du bist. So überlege dann, erwäge und wähle! Frage nicht, ob es mich, ob es dich schmerzt: was wäre Trennung, wenn sie nicht schmerzte? – Vergiß mich ganz, und denke nur an dich! Ich opfre dir meine Glückseligkeit mit schwerem, aber willigem Entschlusse: so wahr eine Seele in mir denkt und empfindet, so wahr fühle und sage ich dir, daß ich mit eben so williger Entschließung noch heute meinen Kopf auf den Block legen wollte, wenn ich dir durch meinen Tod alle Schmerzen unsrer Trennung ersparen könte. Lebe wohl. Wie Vignali mir sagt, werden wir uns nur selten bey ihr sehn können: sie darf dich nicht oft mehr zu sich bitten, weil es der Herr von Troppau untersagt haben soll: 11 warum? entdeckte sie mir nicht. Glaube mir! die Frau ist tückisch: sie hat etwas im Kopfe wider uns, darauf wollte ich schwören; und wenn sie nicht allwissend ist, so muß sie unsre Briefe lesen; denn sie hat mir gestern Dinge gesagt, die nur in unsern Seelen und in unsern Briefen stehn. Ich argwohne sehr, sie weis unsre ganze Liebe schon. So schön sie ist, so schlau scheint sie mir: ich trau ihr nicht.« H .        Vignali nöthigte ihn, nach Tische mit ihr spatzieren zu fahren, und er empfieng deswegen erst gegen Abend Ulrikens Antwort, ohngefähr eine Viertelstunde nach seiner Zurückkunft. »Heinrich! Heinrich! bist du toll, daß du mir so einen Brief schreiben kanst? Denkst du, daß ich um Geld liebe? oder daß ich mit meinem Herze hausiren gehe und es dem Meistbietenden zuschlage? – Du Undankbarer! so 12 einen schlechten verächtlichen Begriff hast du also von mir, daß du glaubst, es komme mir nicht darauf an, wen ich liebe, sondern wie viel er mir Glück oder Unglück einbringt? Durch so viele Widerwärtigkeiten, die ich seit meinen frühesten Jahren um deinetwillen litt, mit freudiger Standhaftigkeit litt, hab' ich nicht einmal so viel bey dir gewonnen, daß du mir eine edlere Denkungsart zutraust? Ist jemals eine Handvoll Schmerz und Gefahr in meinen Augen ein Punkt gewesen, den ich Eines Blicks würdigte? Hab' ich nur Eine Minute mich bedacht, Ehre und Leben zu wagen, wenn sie dich mir versicherten, wenn sie unsre Liebe in Sicherheit sezten? Und nun trittst du, kalter Vernünftler, noch hin und räthst mir, für gehabte Bemühung zweytausend Pfund Sterlinge anzunehmen, aus Furcht, du möchtest vielleicht gar mein Schuldner bleiben müssen! Hab' ich denn noch jemals eine Bezahlung, eine Vergeltung von dir gefodert?– Es falle Unglück, wie Hagel, auf uns herab! was ist das mehr oder weniger? Wenn es unsre Liebe daniederhagelt, dann macht es 13 uns unglücklich: aber das thu' es! ich spotte seiner. Todsünde war es schon, daß du dir nur einbilden kontest, mich durch so einen abgeschmackt vernünftigen Brief zu einem Entschlusse zu bewegen, den ich nicht denken kan, ohne daß mir dafür ekelt: ich will auch die Minute den abscheulichen Brief verbrennen, damit dich die Leute nicht ins Gesicht schimpfen, wenn ihn Jemand bey mir fände. – Hier flammt er im Ofen, der beleidigten Liebe geopfert! Wie ein böser Geist, fährt sein Dampf durch die krachende Blechröhre und läßt einen scheußlichen Gestank zurück. Wenn du wieder so einen schreibst, laß' ich ihn auf öffentlichem Markte verbrennen. Ich armes Mädchen denke, was für ein rührendes Dankschreiben ich erhalten werde, daß ich der Vignali und dem Lord so gescheidt geantwortet habe, und da ichs öfne – ist es eine elende schlechtgeschriebne erbärmliche Bußpredigt, als wenn du einem schlechten Kandidaten das Konzept von seiner ersten Predigt gestohlen 14 hättest. Zeitlebens habe ich mich nicht so entsezlich erzürnt, als wie mir da die Galle überlief: ich glühte, wie mein Ofen, ich schluchzte, ich weinte vor Aerger und kan nicht zu Tische gehn, bis ich dir den Text recht derb gelesen habe. Aber sage mir! denkst du wirklich so weggeworfen von mir, wie du schreibst? – Heinrich! ich beschwöre dich bey deiner Glückseligkeit! haftet noch Ein Gedanke von deinem Briefe in deiner Seele, so lösch' ihn aus! rein aus, als wenn er nie dagewesen wäre: oder wenn du es nicht vermagst, so laß' ihn meine Thränen austilgen! mein Blut soll ihn tilgen, wenn Thränen zu schwach sind. Könten sie so in deine Seele fließen, wie sie auf dies Blatt tröpfeln? Es sind bittre Thränen, wie die beleidigte Liebe sie weint: sie würden dich heißer brennen, als deine heißeste Reue. – O du Grausamer! daß ich sie so zeitig um dich vergießen muß! * * * Oder hat dich vielleicht Vignali's Schönheit schon geblendet? Diese edle schöne englische 15 Figur, wie man sie nennt! Wolltest du mirs etwa nicht zu Leide thun, daß du so kalt von ihr sprichst? Guter Heinrich! man kan auch rathen, was kluge Leute verschweigen. Die Frau ist mir seit heute und gestern, daß du bey ihr wohnst und immer um sie bist, so verdächtig, so widrig geworden, daß ich mich wundre, wie ich sie jemals so sehr habe lieben können. Sie hat ganz ein ander Gesicht, ganz andres Thun und Wesen, seitdem du bey ihr wohnst: wenn ich sie am Fenster mit dir stehn sehe, schielt sie so tückisch, so schlau, so tigermäßig grinzend durch die Scheibe! und wie sie heute mit dir in den Wagen stieg, kam mirs nicht anders vor, als wenn sie Hörner hätte, wie der Teufel. Ich trau ihr keinen Schritt weiter; und doch hab' ich dem falschen Weibe mein Einziges, mein Liebstes anvertraut! – O ich Tolle! ich Unbesonnene! wenn ich dich nur wieder mit Ehren aus dem Hause bringen könte! Die Vignali kömmt mir nun Tag und Nacht nicht aus den Gedanken: wo ich gehe und stehe, ist sie neben mir und grinzt mich mit ihrer stolzen tückischen Miene an, wie ein Beutelschneider, 16 der die Gelegenheit ablauert, um mir meinen einzigen Reichthum zu rauben. – Izt war mirs doch wahrhaftig, als wenn sie zur Stube hereinkäme, um mir meinen Brief wegzureißen: ich versteckte ihn hurtig unter die Schnürbrust: du wirsts dem armen Briefe anmerken, daß er sich vor einem Räuber hat verkriechen müssen: er ist jämmerlich zerknittert. Heinrich, wenn du mich betrügst, dich durch Vignali's List und Schönheit von mir abziehen und untreu machen läßt; wenn du vielleicht schon wirklich auf dem Wege bist, dich von ihr einnehmen zu lassen, vielleicht schon gar für sie eingenommen bist: welche Strafe kan für einen solchen Meineid empfindlich genug seyn? Alle zeitliche und ewige Strafen wären zu schwach für eine Untreue, die du an der schwachen Gutherzigkeit begiengst, an mir unschuldigem Geschöpfe, mir jammernder Taube, die aus einfältiger Güte den Geier liebkoste, der ihr ihren geliebten Tauber würgen will. Meine Ruhe ist vorbey, so lange du bey der Vignali bist. Daß ihr der Herr von Troppau 17 untersagt hat, mich zu sich zu bitten, ist eine der schändlichsten Lügen, darauf wette ich. – O wie ich mir so süße, so himmlische Freuden versprach, wenn du mir so nahe wärst! Wo sind sie? – Alle dahin! alle von einem Fuchse in Einer Nacht gewürgt! Ich kan nicht mehr schreiben, so zittert mir die Hand. Ich fühle einen Fieberschauer. Heinrich, mache mir bald wieder Muth, eh ich krank werde! U .        Herrmann wurde durch den Schluß des Briefes und die Wendung, die Ulrike dem seinigen gab, nicht wenig außer Fassung gebracht: doch ermannte er sich bald und antwortete ihr sogleich. »Ulrike, härme dich nicht! Vignali kan mich vielleicht zu ihrem Freunde, zu ihrem Bewunderer machen: aber nie, nie wird sie dich 18 verdrängen, nie mir die Untreue nur Eines Gedankens abnöthigen. Außer dir ist keine auf der Erde, die mir Liebe einflößen kan, am wenigsten eine Vignali, die sich mir auf der Spatzierfahrt noch verdächtiger gemacht hat. Mein Brief war in der reinsten Absicht geschrieben: aber er sey vergessen, weil du es willst, in unserm Gedächtnisse vernichtet, wie ihn die Flammen vernichteten; und auch meine Kopie will ich verbrennen Dies war vermuthlich nur ein Versprechen, um sie zu beruhigen; denn er hat sie, auf blaues Papier geschrieben, mit zwey großen Scherenschnitten, die er vielleicht in der ersten Hitze gemacht haben mag, dem Verfasser übersendet. . Daß ich nicht so von dir dachte, wie du glaubst, und nie so denken werde, bezeugt mir mein Gewissen. – Was du für mich thust, das fühl' ich dankbarlich: was ich für dich werde thun können, weis Gott. – Aber muthig! kan ein Mädchen des Unglücks spotten, so kan ichs fürwahr auch, spottete schon lange alles dessen, was mich trift, und nur von dir wollte ich durch meinen Rath die Leiden abwenden, die unsre Liebe 19 über dich zusammenzieht. Wenn Vernunft nicht die Streiche des Unglücks abwehren darf, so soll Standhaftigkeit ihnen trotzen, und weder Vignalis, noch die ausgesuchtesten Qualen werden jemals die meinige erschüttern. H .        Er kam wegen des Briefes sehr spät in die Gesellschaft bey Vignali und fand schon den Herrn von Troppau, dem sie ihn, als ihren Freund, vorstellte, ohne seiner vorgegebnen Anverwandtschaft mit Ulriken zu erwähnen: auch den ganzen übrigen Abend wurde nicht mit Einer Sylbe an sie gedacht. Vignali glänzte bey Tische mit allen Seiten ihrer Größe: sie wagte es sogar leichten gefälligen Witz zu haben, was sonst ihr Talent nicht war, da es ihr hingegen an boshaftem, auch wohl beißendem niemals fehlte: ihre Aufmerksamkeiten und Gefälligkeiten gegen Herrmann waren unzählbar: wie einem kleinen Prinzen schmeichelte und wartete sie ihm auf: als wenn sie seinen und Ulrikens Brief gelesen hätte, benahm sie ihm allen Verdacht und bließ ihm das 20 Mistrauen, wie rein gefegt, aus dem Herzen. Sie war in seinen Gedanken ganz eine andre Frau. Aber wie lange? – Eine Nacht! und der Verdacht war desto stärker wieder da. Ueberhaupt gab ihr Jedermann das Zeugniß, daß man nicht klug in ihr werden könne: sie wechselte ihren Charakter, wie ihre Handschuhe; und vermuthlich wird auch Herrmann nicht eher in ihr klug werden, als bis er es werden soll. 21   Zweites Kapitel. Der weniger mistrauische Herrmann mußte bey Vignali des Morgens darauf frühstücken. Sie sah ihm wieder so listig, so tückisch aus, daß er sich vor ihr scheute. »Herrmann,« hub sie nach einigen gleichgültigen Gesprächen mit ihrem Entdeckungstone an: »Sie sind in Ihre Muhme verliebt.« – Ihr größtes Vergnügen war, bey solchen Gelegenheiten den Leuten starr ins Gesicht zu sehn, um die Verlegenheit zu vermehren, in welche sie durch ihre überraschenden Worte gesezt wurden: die heimtückische Freude lachte alsdann aus allen Zügen des Gesichts. Herrmann war zwar eine gute halbe Minute nach ihrer Anrede wie auf den Kopf geschlagen: allein sein beleidigter Ehrgeiz, daß ihn die Frau so aus der Fassung gebracht hatte, arbeitete sich bald durch, er fragte etwas hastig: »woher wissen Sie das?« – Vignali verdroß die Frage: sie that ihm, statt der Antwort, eine andre mit sehr spitzigem 22 Tone: »Wollen Sie den Mann vor Gerichte verhören lassen, der mirs gesagt hat? Hier ist er!« – Sie wies auf ihn selbst. Herrmann. Ich? ich hätte Ihnen jemals so etwas nur mit Einem Worte verrathen? Vignali. Pst! Verrathen? das ist ein verräthrischer Ausdruck. Herrmann. Entdeckt, anvertraut, wollt' ich sagen. Vignali. Ja doch! Sie versprachen sich. – Aber bey aller Behutsamkeit sind und bleiben Sie doch Ihr eigner Verräther. Herrmann. Oder Sie eine selbstbetrogne Erratherin! Vignali sah ihn mit dem stolzesten Ernste an: – »Herrmann! wollen Sie mich Lügen strafen? Gleich gestehn Sie mir, daß Sie das Mädchen lieben! oder es wird Leute geben, die ihr schaden können.« Herrmann. Eine solche Drohung bewegte mich fürwahr! zu keinem Geständnisse: aber was soll ich läugnen, was ich für mein größtes Verdienst halte? – Ja, Madam, Sie habens getroffen: ja, ich liebe sie. 23 Vignali. Und sind ihr wohl recht exemplarisch treu? Herrmann. Das ist eine Frage, die sich selbst beantwortet. Vignali. Sie werdens nicht lange mehr seyn. Herrmann. Ihr? Ulriken nicht lange mehr treu? – So müßte doch wahrhaftig die Sonne auslöschen und der Mond vom Himmel fallen – Vignali. Was wetten Sie? Sie müssen ihr untreu werden. Herrmann. Madam, Sie haben mich zum Besten. Außer ihr, das sag' ich Ihnen dreist, außer ihr ist kein Reiz für mich auf der Welt, keine Schönheit, die mir nur Einen Pulsschlag Liebe abnöthigen könte. Vignali. Daran ist gar kein Zweifel – Aber eben darum, weil diese einzige Schönheit so unmenschlich schön ist, müssen Sie ihr untreu werden. Glauben Sie denn, daß Sie der einzige sind, der diese einzige Schönheit empfindet und anbetet? 24 Herrmann. Das nicht! aber zuverlässig der einzige, von dem sie angebetet seyn will! Vignali. Ah! das ist eine andre Sache. – Sie sind eifersüchtig. Herrmann. Eifersüchtig? Ich habe gar keine Ursache dazu. Vignali. Sie sinds! haben auch Ursache dazu! Sie kennen nur diese Ursachen noch nicht recht: aber rechnen Sie auf meinen Beistand! In wenigen Tagen sollen Sie ganz zuverlässig wissen, wie viel oder wie wenig Ursachen zur Eifersucht Sie haben. Herrmann. Das wäre lustig. Sparen Sie Ihre Mühe, Madam! So gewiß Ulrike das einzige Mädchen ist, das ich lieben kan, so gewiß bin ich der einzige, der von ihr geliebt wird; und eher wollt' ich mir überreden lassen, daß heute Nachmittag das Ende der Welt kömt, als daß unsre Treue und Standhaftigkeit in unserm ganzen Leben nur eine Minute lang wanken wird. – »Lieber Herrmann, wie glücklich ist Ihre Freundin, einen so außerordentlichen Liebhaber 25 zu besitzen!« sprach Vignali mit verstellter Süßigkeit. »Ziehen Sie sich an! wir wollen ausfahren: vielleicht kan ich meine abscheuliche Migräne los werden. Gehn Sie!« Auf der Spatzierfahrt wurde das Gespräch in dem nämlichen Tone fortgesezt, und Vignali gab ihm Eifersucht und nahe Untreue mit so dreister Frechheit Schuld, daß er fast zu zweifeln anfieng, ob er es nicht ohne sein Wissen schon wirklich sey: wenigstens brachte sie ihn doch für diesmal so weit, daß er auf Ursachen zur Eifersucht aufmerksam wurde. Nachmittags hielt sie mit Lairesse und Rosier eine Rathsversamlung bey verschloßnen Thüren in dem innersten Kabinete, wovon freilich Herrmann sich nicht träumen ließ, daß sie ihn betraf. Vignali, als Vorsitzerin, eröfnete die Versammlung mit einer pathetischen Rede. »Meine lieben Freundinnen,« begann sie, »ich muß Euch eine Entdeckung machen, die Euch gewiß sehr interessiren wird. Der junge Mensch, den ich ins Haus genommen habe, liebt die Guvernante bey der Fräulein Troppau, und 26 mit einer Zärtlichkeit und Heftigkeit, daß man sich zu Tode lachen muß. Ich habe alle Briefe gelesen, die sie einander täglich schreiben: ehe sie abgegeben werden, muß mir sie der Bursche zeigen, der den Liebhaber bedient; auch da seine Mutter noch ihre geheime Bothschafterin war, sind sie schon in meine Hände gekommen: ich habe mir noch gestern eine Migräne über das tolle Zeug gelacht. Das möchte hingehn: aber die Sache wird für uns ernsthaft. Das Mädchen ist äußerst stolz und bildet sich viel auf ihre sogenannte Tugend ein: ich habe sie zwar ins Haus gebracht, weil ich mir etwas anders in ihr versprach, aber sie wurde mir gleich drey Tage nach unsrer angefangenen Bekanntschaft unleidlich; und ich habe deswegen ihr Emporkommen beständig zu hintertreiben gesucht. Der Herr von Troppau war wirklich in sie verliebt, und hätte ich nicht gethan, so wäre sie schon längst auf den nämlichen Fuß gesezt worden, wie wir alle; und sähe sie sich einmal aus einer solchen Höhe, dann wäre es um uns geschehen: wir würden zurückgesezt und endlich gar verabschiedet. 27 Dafür sind wir bisher durch meine Klugheit gesichert worden, und werden auch künftig dafür gesichert werden: aber es droht eine andre Gefahr. Ihre närrische Grille von Tugend und Ehre hat dem Herrn von Troppau einige wunderliche Ideen in den Kopf gebracht: er schwazte mir gestern nach Tische so viel albernes Zeug von der Tugend eines Mädchen daher und besonders so viel von der Tugend und Ehrbarkeit dieses Affen, wie sehr die weibliche Tugend allen noch so glänzenden Schönheiten vorzuziehen sey, daß man doch am Ende ihr Bewunderer werden müsse, auch wenn man sich den Vergnügungen noch so sehr ergäbe, und was dergleichen armselige Lappereyen weiter waren: der Himmel weis, in welchem einfältigen Romane er einmal das tugendhafte Geschnake aufgelesen haben mag; denn da kriegt er mannichmal solche Paroxysmen von Weisheit. Ich mußte alle Mühe anwenden, um ihn aus seinem Weisheitsfieber herauszureißen: da ich ihn nur einmal so weit gebracht hatte, daß er bey mir blieb, alsdann vergieng ihm wohl die Weisheit. Wißt 28 Ihr, was ich befürchte? – Wenn er erfährt, daß das Mädchen von seinem Stande ist, so sind wir nicht einen Augenblick sicher, daß er nicht die Thorheit begeht und sie heirathet; denn er ist wirklich in sie verliebt, sehr verliebt: was er gestern von ihr sprach, war mehr als Bewunderung: es entschlüpfte ihm sogar der Wunsch, daß sie von seinem Stande seyn möchte, und er erschrack, da er sich besann, daß er sich so sehr verrathen hatte. Seine gottselige Schwester treibt ohnehin beständig an ihm, daß er sich wieder verheirathen soll: weis sie erst, daß das Mädchen eine Baronesse ist, dann ruht sie nicht, bis sie seine Frau wird, so bald sie nur merkt, das er sie liebt. Was alsdann aus uns allen würde, könt Ihr leicht rathen, die verachteten zurückgesezten Nachtreterinnen einer stolzen Ehefrau! »Wie sie izt schon von uns denkt, und wie sie uns also in einem solchen Falle unfehlbar begegnen würde, das könt Ihr leicht aus zween Umständen abnehmen. Neulich, als der Herr von Troppau eine kleine Schäkerey mit ihr 29 vornahm, wurde sie so empfindlich darüber, daß sie mir ins Gesicht sagte: »sie möchte nicht des Herrn von Troppau Hure seyn:« – und zwar mit einem so verächtlichen Seitenblicke nach mir, daß sich meine ganzen Eingeweide erschütterten. Ich unterdrückte damals meinen Zorn, aber von dieser Minute an war Rache über sie beschlossen. Glaubt das eingebildete Mädchen, daß sie die einzige Tugend auf der Welt ist? Haben wir nicht sowohl Tugend und Ehre als sie? Ist es nicht die tollste Frechheit, uns einen so erniedrigenden Namen zu geben? Ist das nicht die schmerzendste Beleidigung, die allein schon Rache, die empfindlichste Rache forderte? »Aber das ist noch nicht genug. In ihren lezten Briefen an ihren Liebhaber spricht sie so schlecht von mir, daß ich alle meine Fassung zusammennehmen mußte, um meinen Unwillen nicht gegen den jungen Menschen zu verrathen. Sie mahlt mich als eine schlaue stolze boshafte Frau ab, und auch ihr Liebhaber macht keine bessere Schilderung von mir: sie sind beide darinne einig, daß sie mir nicht trauen 30 wollen. Das Mistrauen ärgert mich, daß ich rasen möchte: aber ihr Elenden! ihr sollt mir trauen, und durch euer Vertrauen eure eignen Verderber werden: dafür steh' ich. Ich will mein Haupt nicht ruhig niederlegen, bis ich die Würmer zerdrückt habe. »Izt kennt Ihr die Gefahr, die uns alle bedroht, meine Freundinnen, und die Beleidigung, die mir und uns allen wiederfahren ist: vernehmt nunmehr auch meine Rache! Das Mädchen muß gedemüthigt werden: das einzige, worauf sie stolz thut, weswegen sie uns verachtet, uns solche kränkende Namen giebt, muß sie verlieren: ich beruhige mich nicht, so lange sie nicht so weit gebracht ist. Ich habe schon den alten Gecken, den Lord Leadwort, der auch in die Närrin verliebt ist, an sie abgeschickt: er mußte ihr einen sehr anständigen Kontrakt anbieten, aber sie schlug ihn aus: ich beredte ihn, daß er sie heirathen sollte, und das ehrliche Vieh verstund sich auch dazu. Ich that ihr in seinem Namen den Antrag: auch diesen wies sie mit der frechsten Naseweisheit von sich. Ich dachte 31 gewiß, sie würde mir auf diese Art ins Garn laufen: sagte sie damals ja, dann mußte noch denselben Abend der Lord seine Brautnacht mit ihr feiern, in einem paar Tagen von Berlin wegreisen, und die Braut sich mit der Brautnacht begnügen. Den treuherzigen Lord drehe und wende ich, wie ein Stückchen Papier: ich triumphirte schon über meine gelungene Rache, und hätte dem Mädchen das Gesicht zerfleischen mögen, als sie mir so ein trotziges Nein zur Antwort gab. Dem Fratzengesichte steckt ihr Herrmann im Kopfe: auf diesen gesezten gewissenhaften soliden Philosophen baut sie ihre Hofnung, wie auf einen Felsen: dieser nachdenkende altkluge, übermäßig weise Junge hat ihr ganzes Herz. Wißt Ihr nun was zu thun ist? – Wir müssen die Liebe zerreißen. Erstlich wollen wir den warmen Liebhaber eifersüchtig machen: ich will dem Mädchen Liebhaber über Liebhaber zuschicken: der Bube ist sehr heiß vor der Stirn, und ich wette mit euch, ehe eine Woche vergeht, sollen sich die beiden Leute nach Herzenslust zanken. Facht ihr nur in allen Abendgesellschaften seine 32 Eifersucht recht an! weder Lügen noch Betrug müssen gespart werden. Sind sie erst veruneinigt, dann nehmen wir den Liebhaber vor und setzen ihm alle drey aus allen Kräften zu, daß wir ihn zu einer Untreue verleiten: aus Verdruß, Eifersucht und Rache gegen das Mädchen wird er schon von seines Herzens Härtigkeit nachlassen: die ihn unter euch gewinnt, soll diesen Ring zur Belohnung von mir empfangen. Erfährt das Mädchen seine Untreue – und sie soll sie gewiß die Minute darauf erfahren, dafür will ich sorgen – dann wird sie sich rächen wollen: man schickt ihr einen Liebhaber zu, der den Augenblick des Verdrusses zu nützen weiß; und fällt sie da noch nicht, dann muß sie ihr Liebhaber selbst zu Grunde richten, selbst demüthigen und unser aller Schande und Gefahr an ihr rächen. »Betragt Euch klug und verschwiegen, das rathe ich Euch! bedenkt, daß ihr mir euer Glück zu verdanken habt, daß du, Lairesse, eine Tänzerin, und du, Rosier, ein Waschmädchen warst! Um euch an mein Interesse zu knüpfen, hab' ich Euch erhoben: gehorcht ihr mir nicht 33 in allen pünktlich; seyd Ihr nicht verschwiegen, wie die Mauern, dann wißt, daß der Töpfer so gut den Topf zerschmeißen kan, als er ihn bildete. Troppau muß von nun an nicht eine Stunde zur Besonnenheit kommen: wir müssen ihm seinen Paroxysmus von Weisheit ganz vertreiben: er muß mit Vergnügungen überfüllt werden, daß es ihm gar nicht einfällt, an seine Liebe zu dem Mädchen zu gedenken. Ich will schon sorgen, daß er sie wenig zu sehn bekömmt. Izt wißt Ihr alles, was ihr zu thun habt: ich ermahne euch noch einmal – seyd klug und verschwiegen, oder – zittert!« Sie sprachs, räusperte dreymal ihren rauhen Hals, und beide Zuhörerinnen klatschten ihr Beifall zu und gelobten ihr Gehorsam und Verschwiegenheit an. Lairesse wälzte sich vor Freuden auf dem Sofa, daß sie den jungen Menschen zum Narren haben sollte, und Rosier hüpfte, wie eine Elster, und lispelte mit Händeklatschen: »das ist hübsch! das ist hübsch!« – Die Rathsversammlung erhub sich in das Zimmer, Vignali stimmte ihre 34 Muskeln zur Freundlichkeit und Liebe um, und Herrmann wurde zur Gesellschaft gerufen.   Drittes Kapitel. Die listige Vignali lenkte sogleich das Gespräch auf die Untreue der Mädchen und führte bittre Klagen über die Wankelmüthigkeit ihres eignen Geschlechts, erzählte Geschichten von hintergangenen Liebhabern, die ihr Leben gegen die Beständigkeit ihrer Geliebten verwettet hätten: die übrigen beiden Nimphen brachten auch einen Zuschuß von ähnlichen Begebenheiten herbey. Herrmann schwieg, seufzte und machte Betrachtungen bey sich. Auf einmal sprachen die drey Schönen leise, als wenn er es nicht hören sollte, wiewohl sie eigentlich seine Aufmerksamkeit noch mehr dadurch zu reizen suchten, daß sie durch öftere Seitenblicke nach ihm, durch öftere halblaute Warnungen, daß man den armen Herrmann nicht kränken müßte, sich ein Stillschweigen 35 auferlegten und immer lauter und öfterer Ulrikens und seinen Namen nannten: eine wollte es schlechterdings nicht glauben, die andere hielt eher des Himmels Einsturz für möglich, als so eine Treulosigkeit, und die dritte stritt mit aller Zuverlässigkeit dafür. Herrmann wurde roth, horchte mit allen Ohren auf das zischelnde Gespräch und kochte am ganzen Leibe, als er aus dem geheimnißvollen Geschwätze eine Geschichte errieth, die er nur fürchten, aber nicht glauben konte. Endlich, als man ihn in Gährung gerathen sah, fieng man an sich laut zu erzählen, wie glücklich Ulrike sey, daß kein Mädchen in Berlin so viele Anbeter habe als sie. – »Ich weis keinen als den Leadwort,« sprach Vignali. – »Und Monsieur Piquepoint !« rief Lairesse. – »Und der slavonische Graf!« lispelte Rosier. – »Den Herrn von Troppau können wir auch dazu rechnen,« hub Vignali wieder an. – »Und den Herrn Bassano bitte ich nicht zu vergessen!« sagte Lairesse. – »Und wie heißt denn der da?« lispelte Rosier. »Wißt Ihr nicht? Monsieur 36 Nattier .« – »Das sind ihrer doch nicht mehr als sechse,« rief Vignali laut und vernehmlich, als wenn sie zur Ausruferin darüber bestellt wäre. Lairesse konte des Spaßes nicht satt werden und nennte noch wenigstens drey oder vier Kastraten her, die Herrmann nicht kannte, und von denen er also nicht wußte, wie wenig fürchterliche Nebenbuhler sie waren. »Das Mädchen kan sich nicht erhalten,« versicherte Vignali. »Gebt Acht! sie fällt, ehe man sichs versieht.« Lairesse. Ich setze nicht eine Stecknadel dagegen. Sie sind ohnehin alle schon ziemlich weit mit ihr gekommen. Rosier. Und ich wette nicht um eine Seifenblase. Sie ist auch nicht wenig froh, so eine Heerde Liebhaber zu haben. Vignali. Aber ich beklage nur den armen Menschen. So viele Liebe gegen ihn vorzugeben und doch so eine Menge Anderer daneben zu haben! Wie nur Jemand so falsch seyn kan! – Herrmann glühte, stund mit einem Seufzer auf: – »Der arme Teufel ärgert sich,« sprach 37 Vignali zu ihren beiden Freundinnen: » finissons! « – »Er muß es doch einmal erfahren,« sezte Lairesse hinzu: »besser zeitig als spät!« –Vignali gebot noch einmal Stillschweigen und holte buntes Papier: Herrmann mußte sich niedersetzen und arbeiten helfen: man schnaubte nicht mehr von Ulrikens Untreue. Der arme Verliebte war äußerst zerstreut und im eigentlichen Verstande auf der Folter: er konte nichts glauben, und gleichwohl war doch alles so wahrscheinlich. Sobald der Herr von Troppau anlangte, wurde er von Vignali auf die Seite genommen und empfieng ohne seine Bewußtseyn eine Rolle bey ihrem rachsüchtigen Plane. Sie berichtete ihm, daß Monsieur Piquepoint eingeladen sey, worüber er sich von Herzen freute, und daß er ihm überreden solle, Ulrike habe sich in ihn verliebt und sey zu bescheiden, ihm ihre Liebe anzutragen, weswegen sie sich blos begnüge, ihm ihren Schattenriß zu überschicken; sie hoffe den seinigen zum Gegengeschenk zu erhalten. Herr von Troppau war entzückt über das Possenspiel und 38 beförderte, aus Liebe zum Vergnügen, Vignali's Absichten wider Herrmanns Ruhe. Dieser Monsieur Piquepoint – wie man ihn zum Scherz hieß – war ehemals Schneider gewesen, hatte unvermuthet eine reiche Erbschaft von einem Vetter in Holland gethan und sogleich Nadel und Bügeleisen zum Fenster hinausgeworfen. Weil er ehedem, als Geselle, in Paris gearbeitet hatte, war ihm ein wenig von der Sprache hängen geblieben, welches ihn verleitete, schon als Schneider, seine kleine Wissenschaft bey jeder Gelegenheit auszukramen: alles um und an ihm bekam französische Namen, und er hielt es für eine Beschimpfung, worüber er auf der Stelle Beschwerde führte, wenn man ihn teutsch anredte. Da er vollends so viel Vermögen bekam, wurde es zur Todsünde, wenn man nur mit Einem Worte sich merken ließ, daß man ihn für einen Teutschen hielt. Er wollte schlechterdings ein vornehmer Herr scheinen und glaubte es wirklich zu seyn, wenn er die Laster und Thorheiten der Vornehmen nachahmte: er überließ sich also den entsezlichsten 39 Ausschweifungen der Liebe, und da kein Mädchen anders als durch den Nutzen angelockt werden konte, ihn nur Hofnung zur Begünstigung zu machen, so kosteten ihm seine verliebten Abentheuer unmäßiges Geld, und meistentheils endigten sie sich damit, daß er um den Genuß betrogen und ausgelacht wurde: indessen das machte ihm wenig Sorge: er begieng seine Ausschweifungen aus Eitelkeit, und darum war es zu seiner Zufriedenheit genug, wenn nur die Leute wußten, daß er mit dieser Schöne, mit dieser Tänzerin, jener Aktrice in Verbindung stund: er wollte nichts als die Mine der Ausschweifung haben, und sein ganzes Gesicht wurde mit Vergnügen, wie mit einem Firniß überzogen, wenn man ihm einen verliebten Ritterzug mit dieser oder jener berühmten Schönheit Schuld gab. Seine Narrheit und sein Geld lockten viele junge Leute herbey, die auf seine Unkosten theils schmarotzen, theils sich belustigen wollten: sie hatten ihn auf alle Weise zum Besten, und wenn sie ihn ein ganzes Abendessen hindurch, das er bezahlen 40 mußte, herumgetummelt hatten, dann genoß oft einer von ihnen die Gunst, die der arme Narr durch sein Gastmahl und vorhergegangne Geschenke zu erkaufen suchte, während daß ihn die übrigen Gäste auf seine Rechnung zu Boden tranken. Eine zweite vornehme Thorheit, die er bis zum Uebermaaße trieb, war seine Sucht französisch zu reden und ein Franzose zu scheinen: er würdigte keinen Teutschen eines Blicks, wenn er ihn seine Muttersprache reden hörte, und seine Frau und Kinder ließ er beinahe verhungern, weil sie Teutsche waren und kein französisch sprachen. Er veränderte deswegen seinen Namen, und der Herr von Troppau, ein großer Namenerfinder, schlug ihm zum Scherze die Benennung Piquepoint vor, die er mit Dank annahm und beständig beybehielt: wer ihm einen süßen Augenblick machen oder sich bey ihm einschmeicheln wollte, hieß ihn Monsieur de Piquepoint , und endlich adelte man ihn so allgemein, daß er sich selbst einbildete, ein Edelmann zu seyn, und es übel nahm, wenn ihm jemand das Wörtchen de entzog: auch hütete 41 er sich sorgfältig mit einem andern Menschen als mit seines Gleichen umzugehen, wie er den Adel nannte. Dieser ausgesuchte Narr hatte mit der Lairesse, als sie noch Tänzerin war, ein Paar tausend Thaler durchgebracht, doch ohne daß es ihr etwas half, weil ihre Unbesonnenheit mehr ans Verschwenden, als ans Bereichern dachte: sie hatte ihn in Vignali's Bekanntschaft gebracht, die ihn um so lieber zum Abendessen lud, weil der Herr von Troppau nie aufgeräumter war, als wenn er den selbstgeadelten Schneider durchziehen konte; und auch die übrige Gesellschaft fand ihre Rechnung dabey, weil schon sein Französisch allein hinreichend war, um einen Abend über ihn zu lachen. Er kam diesmal sehr spät, in einem buntsamtnen Kleide, wie der vollkommenste Stutzer, herausgepuzt und so entsezlich parfumirt, daß er eine herumwandelnde Apotheke zu seyn schien. Er war ein dickes unterseztes Männchen mit einem rothkupfrichten Gesichte und machte, zur Nachahmung der französischen Flüchtigkeit, jede Bewegung mit so komischer Behendigkeit und 42 so steif, wie die Kartenmänner, die mit Einem Fadenzuge den ganzen Körper bewegen: auf dem Absatze konte er sich so meisterhaft umdrehn, als wenn er auf einer Spindel liefe. Sobald er hereintrat, rief ihm der Herr von Troppau französisch entgegen: » Monsieur de Piquepoint , woher kommen Sie so spät?« » Ah, « antwortete er schmunzelnd, » on m' dit ça, d'apord, Monsieur lé Baron « Um diese Rolle recht zu lesen, muß man jeden Accent und jeden Buchstaben so hart aussprechen, wie er hier geschrieben ist. . Herr von Troppau. Von welcher berühmten Schönheit? Soll ich rathen? Piquepoint. » Ah, Monsieur lé Baron, ça Vous né devine pas. « Lairesse schrie ihm von hinten einen Namen hastig ins Ohr. – .» Pardon, Mademoiselle! « rief er und drehte sich auf dem Absatze zu ihr, » né mé parlez par lé derriere. « Der Herr von Troppau kündigte ihm darauf einen neuen Sieg an und nahm ihn auf die Seite, um ihm Ulrikens Schattenriß zu geben, mit 43 der Nachricht, daß sie ein gleiches von ihm erwarte. »Das arme Mädchen schmachtet recht nach Ihnen,« sezte der Herr von Troppau hinzu. – » Elle languit! « schrie Piquepoint ganz außer sich. » Ah, la pauvre petite chose! « (das arme kleine Ding!) Herr von Troppau. Aber Sie müssen Mitleid haben. Lassen Sie das arme Mädchen nicht zu lange schmachten! Piquepoint. Pacienza, Monsieur lé Baron! Je fais ça, comme les grands Seigneurs de campagne: dans lé commencement jé marche sur les filles un peu horriblement; mais si ils se donnent, jé fuis douce comme de la marmelade.  – Unterdessen daß dies Gespräch noch einige Zeit fortgesezt wurde, und Monsieur de Piquepoint seine Freude über Ulrikens Liebe auf alle Weise auszudrücken bemüht war, besteckte ihm die muthwillige Lairesse den Haarbeutel mit einer Menge Scheeren und Bügeleisen von buntem Papier, und berichtete Jedermann, daß Herr Piquepoint heute sein Wappen umgehängt habe. Wohin sich der 44 verspottete Narr kehrte, fieng man an zu lachen, und kaum hatte er sich hurtig nach der lachenden Person hingewandt, so brach hinter ihm eine Andre los: er sagte einige von seinen bon-mots über das Lachen, und weil es sich vermehrte – welches er seinem gesagten Witze zuschrieb – so drehte er sich, wie ein Dreher, voller Lustigkeit herum und lachte selbst mit. » Ah! « rief der tumme Tropf und klatschte in die Hände, » je pé (peux) amiser les gens en maître qu' ils crévent pour rire. « Bey Tische hatte er Ulrikens Silhouette beständig neben sich liegen, küßte sie und musterte ihre Reize, versicherte, qu' il l'aimoit toute entiere, son ame et son corps, und schwazte so viel aberwitziges Zeug, besonders wie er ihr seine Liebe bezeugen wollte, daß Herrmann die Geduld verlor und ihm den Schattenriß heimlich wegnahm. Wie unsinnig schrie und wehklagte der Narr, als er den Verlust inne ward, und bot einen, zwey, drey Dukaten, wenn man ihn wiederschafte. »Und wenns tausend Dukaten wären,« fieng 45 Herrmann an, »so soll er nicht in so unwürdige Hände wieder kommen.« Piquepoint. Ces mains sont au Monsieur de Piquepoint: savez-Vous ça bien, mon petit Monsieur? Herrmann. Einem ausgemachten Narren gehören sie. Piquepoint. Quoi? Moi une boufon! Allons, je me duelle! je me duelle. – Er trat wirklich mitten in die Stube und zog den Degen: Lairesse stund auf, zog eine Scheere aus der Tasche und erbot sich, Herrmanns Verfechter zu seyn. – » Quoi! « rief Piquepoint , » Vous voulez être son champignon? (champion) Allez, ou jé Vous pique!– Non, non, unterbrach er sich sehr sanftmüthig, kniete nieder und legte ihr den Degen zu Füßen, pour les Dames je place mon epée sur la terre. - VoyezVous? sagte er zu Herrmann, als er wieder aufstund, Vous êtes echapé par ste Demoiselle. « – Die Silhouette blieb für ihn verloren. Nach Tische erbot sich Lairesse, seinen Schattenriß zu machen, da er ihn zum Gegengeschenk 46 versprochen hätte: er sezte sich, und sie erhöhte die Häßlichkeit seines Gesichts so sehr, daß es wie einer von den Polischinellen aussah, die sie in buntem Papier ausschnitt: demungeachtet küßte er ihr demüthig die Hände dafür und versicherte, daß ihn in seinem Leben noch Niemand so gut getroffen habe: sie machte sogleich eigenhändige Anstalt, es aufzupappen, und kleisterte im Kabinet das scheußliche Profil auf einen Bogen türkisches Papier, daß der ganze Schattenriß einem Gesichte ähnlich sah, das vor kurzem die Blattern gehabt hat. Herrmann langte von der großen Lustigkeit sehr unlustig in seinem Zimmer an: nicht als wenn ihn der Narr eifersüchtig gemacht hätte! sondern daß man zu einer solchen Art des Spaßes Ulriken wählte, das beleidigte ihn: die vielen Liebhaber, die man ihm vorgezählt hatte, giengen ihm doch nicht wenig im Kopfe herum: er war zwar wegen Ulrikens Treue festiglich versichert, allein die Empfindung der Liebe, die Andre für sie fühlten, beneidete er schon: er war ein so habsüchtiger misgünstiger Verliebter, daß 47 er gern alle Lichtstrahlen von ihrem Gesicht auf sich allein gelenkt oder ihre Gestalt in eine beständige Nebelwolke für jeden Andern gehüllt hätte, damit alle Empfindung des Wohlgefallens, die sie erregen konte, sich allein in seinem Herze versammelte. Und dann! Verführung, Ueberraschung durch List war seine große Furcht. Wie ein Geiziger, der ängstlich seinen Schaz gern bey sich tragen möchte, um ihn vor Diebstahl zu sichern, schloß er die eroberte Silhouette in die Kommode und beklagte sehr, daß er das Original nicht zugleich mit verschließen konte. Den folgenden Morgen bekam er einen Brief von Ulriken, der den weitern Erfolg von der Liebesgeschichte des Herrn Piquepoint enthielt. »Heute früh, Heinrich, habe ich ein großes Schrecken und eine große Lust gehabt. Der Fantast, Monsieur de Piquepoint , den du vermuthlich nunmehr auch kennen wirst, trat ausserordentlich gepuzt zu mir herein, machte eine unendliche Menge seiner zierlichen 48 Verbeugungen und warf sich gerade vor mir hin auf die Knie: ich erschrak und dachte wahrhaftig, der Narr wäre verrückt geworden. Er zog unter dem Rocke einen großen, mit Goldpapier eingefaßten Bogen hervor, worauf ein abscheuliches Fratzengesicht von buntem Papier geklebt war, ein so possierlicher rothgeschundner Kopf, daß ich mich vor Lachen nicht halten konte. – Ist das Ihr Porträt? fragte ich ihn. – » Oui, oui, ma charmante bête! « antwortete er voller Süßigkeit, hustete und sagte mir knieend vier französische Knittelverse her, die er diese Nacht gemacht haben will. Ich habe sie aufgeschrieben: hier sind sie: Acceptez, divine Deesse, Le portrait d'un Amant, qui Vous aime sans cesse,     Accordez-moi un rendez-Vous,     Ou mon amour me rend très fou. Zulezt, da ich nicht glauben wollte, daß es sein Produkt wäre, gestand er mir, daß es ein Billet sey, das einmal ein teutscher Baron an eine Französin geschrieben habe. » C'est un seigneur, « sezte er hinzu, » qui crache des vers françois, 49 tant il est françois, tout françois: c'est un Monsieur de qualité, comme il faut; il parle allemand comme un cochon, mais lé françois, il lé parle comme lé diable; et il ecrit françois comme un enfant en France. « (französisches Landeskind.) Die Possen, die er außerdem noch sagte und that, waren unzählich: er ließ mir keine Ruhe, bis ich ihn wegen der gefoderten Zusammenkunft auf eine bessere Zeit vertröstete: wenn ich über sein unverschämtes Verlangen zürnte, besänftigte er mich mit so komischen Ausdrücken, daß ich meinen Zorn vergessen und lachen mußte: um seiner los zu werden, mußte ich ihm die Hofnung geben, daß er bey Gelegenheit nähere Nachricht bekommen sollte. Es ist mir höchstverdrießlich, daß der Fantast mit mir seine Narrenrolle zu spielen anfängt: er berühmt sich immer mit so vielem unsinnigen Zeuge, daß ich sicher durch ihn in die Rede der Leute kommen werde: ob ihm gleich Niemand glaubt, weil man weis, daß er ein Narr ist, so könte doch sein Geschwätze mehr Menschen 50 auf mich aufmerksam machen, als ich wünschte; denn ich vermeide mit Fleis alle öffentliche Oerter, wo viele Leute beysammen sind, seitdem man mein Porträt hergeschickt hat. Ich lebe seitdem so eingezogen, wie eine Nonne; und so ist es der Frau von Dirzau recht, die mich schon deswegen gelobt hat, besonders weil ich izt weder zu Vignali, noch in die Abendgesellschaften komme. Wenn sie wüßte, wie gern ich ihr Lob entbehrte! Aber ich begreife doch nicht, was dem Herrn von Troppau im Kopfe liegt, daß er der Vignali den Umgang mit mir untersagt hat. Ich mache mir tausend Grillen darüber und sinne, ob ich ihn oder Vignali beleidigt habe: es bleibt mir ein Räthsel. Mein Leben ist dadurch äußerst verdrießlich und traurig geworden: den ganzen Tag bin ich allein auf meinem Zimmer, oder mit meiner Karoline, die vor Sittsamkeit und Vernünftigkeit unter den Händen ihrer Tante stumm, wie ein Stockfisch, geworden ist; man kan nicht ein muntres Wort aus ihr bringen: bey Tische ist die Langeweile so gewöhnlich und unausbleiblich da, wie das liebe Brod: sie ist unser 51 Hauptgerichte. Also liegt mir der ganze lange Tag auf dem Nacken, wie ein schweres Joch. Ich will lesen; aber es schmeckt mir kein Buch, ich kriege Kopfschmerzen, die Gedanken laufen mir im Kopfe herum, und dabey ist so eine Leere, so eine langweilige schmerzhafte Leere in meiner Seele, wie in einem Magen, der drey Tage gefastet hat. Ans Arbeiten darf ich gar nicht denken; denn mir ekelt, wenn ich nur eine weibliche Arbeit liegen sehe. Schreiben? – das thu ich ja wohl, aber es gelingt mir nicht: alles klingt mir so steif, so hölzern, daß ichs zerreißen möchte: ich thu es auch oft genug; denn dies ist von vier Briefen der erste, den du bekömmst; und noch möchte ich ihn lieber ins Feuer werfen, so elend ist er, so schleppend, so schläfrig, so langweilig, wie ich selbst und alles um mich her. Fürwahr, man wird so eines abgeschmackten ungesalznen Lebens überdrüßig, und ich wäre izt aus Verdruß zu allem fähig, um mir nur die Last vom Halse zu schaffen. – So einen entsezlichen Ekel vor allem, was ich denke, thue und empfinde, hab ich in meinem 52 Leben nicht gespürt: meine eignen Gedanken machen mir Langeweile. Was das für eine abscheuliche Schrift ist. Es wird kaum zu lesen seyn: da liegt mir nun das Dintenfaß so voller Federn, daß ich immer die unrechte faße: ich will sie alle zerstampfen, die unseligen Federn! Ich bin des einfältigen Schreibens müde: ich bringe doch nichts gescheidtes zu Stande. Lebe wohl. * * * Ich sah dich eben izt am Fenster mit Vignali lachen. Sage mir, wie du das kanst! Stellest du dir nicht vor, daß ich vor Verdruß vergehen möchte, und unsre Trennung, die ewige Störung unsrer Liebe liegt dir so wenig am Herze, daß du noch lachen kanst? – O Heinrich! Leichtsinn ist sonst nicht dein Fehler: es ist also Unbeständigkeit, überlegte Unbeständigkeit, daß dich Vignali's Vergnügen stärker rührt als mein Kummer. Hat sie dich etwa schon so fest mit ihren Fesseln umschlungen, daß dir das Mitleid gegen die arme vergeßne Ulrike Mühe 53 kostet? Bist du schon so sehr mit Vignali einverstanden, daß du ihren Triumph über mich durch deine Freude empfindlicher machen willst? Ich versichre dich, dein Lachen gieng mir durch Mark und Bein. O ich Thörin! daß ich dich in die Hände eines so listigen Weibes brachte! Du kanst, du kanst mir nicht treu bleiben, wenn du gleich wolltest: es ist um mich geschehn. Aber wisse! Untreue kan nur durch Untreue gerächt werden; und gewiß ein schwerer Schritt, wenn ein Mädchen aus Rache Untreue begehen muß! der Schritt in den Sarg kan nicht schwerer seyn. Heinrich, wenn es noch Zeit ist, erbarme dich deiner Ulrike! Ich wohnte in einem Rosengarten, ehe du kamst: seitdem du hier bist, wohne ich im Kloster, schlafe auf Dornen, der Fußboden wird mir zum zackichten Felsen, und die ganze Welt eine Wüste. »Nun willst du Freuden des Paradieses voll, rein, unerschöpflich genießen,« hofte ich, als du zu Vignali zogst; und ach! – ich durfte kaum hineinblicken in das Paradies. – Keine Liebe, keine Sorge. U .        54 Dies war der lezte Brief, den Herrmann empfieng: seine Antwort darauf, die Ulriken wegen ihrer Besorgniß beruhigen sollte, wurde nebst den folgenden, so viel sie ihrer beiderseits schrieben, von Vignali zurückbehalten: also war ihnen auch diese Art der Mittheilung benommen, doch ohne daß eins das Stillschweigen des Andern der wahren Ursache zuschrieb. Herrmann wurde nunmehr gar nicht auf sein Zimmer gelassen als des Nachts und zur Zeit des Anziehens und Auskleidens: die ganze übrige Zeit mußte er bei Vignali zubringen, mit ihr ausfahren, sie bald dahin, bald dorthin führen. Das heimliche Gezischel zwischen ihr und ihren Mitverschwornen nahm täglich zu, und jeden Tag erzählten sie sich, wie weit der Lord Leadwort, wie weit der sklavonische Graf, dieser und jener mit Ulriken gekommen sey: dabey äußerte man das grausamste Mitleiden gegen den betrognen Herrmann und ließ ihm nichts als den elenden Trost, daß er Gleiches mit Gleichem vergelten könte. Er wagte nicht, Jemandem seinen geheimen Kummer über dies halblaute Reden 55 mitzutheilen, sondern litt geduldig, wie ein Märtyrer: was ihn jeden Tag vermehrte, war die Wahrscheinlichkeit des Verdachtes, der mit jedem Tage wuchs. Einige Morgen hinter einander führte ihn die tückische Vignali ans Fenster, damit er den Lord Leadwort erblicken sollte, der Ulriken auf ihr Anstiften so früh besuchen mußte und ihr jedesmal aus Ulrikens Fenster einen guten Morgen bot. Sie hatte dem verliebten Lord überredet, daß sich die spröde Ulrike durch anhaltende Zudringlichkeit gewiß gewinnen lasse; und er war so gut und folgte ihrem Rathe. Das arme geängstigte Mädchen klagte zwar ihr Herzeleid in ihren aufgefangnen Briefen, weinte, kümmerte und härmte sich doppelt über das Zusetzen und Zudringen des Lords und über Herrmanns vermeinte Untreue; denn was konte sie aus einem so langen Stillschweigen anders argwohnen, als daß Vignali ihn überwunden habe? Sie war wider die himmelschreyende Treulosigkeit Beider zu sehr aufgebracht, um ihnen mündliche Vorhaltung darüber zu thun: sie schien sich der beleidigte Theil und konte also 56 unmöglich den Anfang zur Wiederkehr machen. Wenn sie des Nachts zu einem Schlummer erwachte, stund ihr Vignali und Herrmann, mit umschlungnen Armen, lachend, froh, küssend und scherzend vor ihren Augen: die stolze Siegerin warf einen verachtenden triumphirenden Blick auf sie, welcher der schlummernden Verlaßnen, wie ein schneidendes Schwert, durch das Herz fuhr: beide flohen in verliebter Vertraulichkeit und mit spottendem Gelächter über die leichtgläubige hintergangne Ulrike hinweg: die Träumende wollte ihnen nach, sie sprang aus dem Bette, erwachte und sah sich allein, bebte vor dem melancholischen Scheine der Nachtlampe und dem stillen Grausen des dämmernden Zimmers. Hurtig warf sie sich wieder in die Betten, wickelte sich tief ein, ächzte und weinte. Selbst wachend fuhr ihre aufgeregte Einbildung fort, sie mit Kummerbildern zu quälen: aus jedem Schatten, den die düstre Lampe in einem Winkel mahlte, aus jedem schmalen Scheine, den sie auf die Wand warf, schuf ihre Fantasie eine Vignali und einen Herrmann: die Täuschung 57 gieng so weit, daß sie ihr Zischeln, ihr halblautes Lachen hörte: sie verbarg Augen und Ohren tief in den Betten und schluckte mit neuen Thränen ihren Aerger hinab. Sie schrieb in diesem Zustande zuweilen einige Hauptscenen desselben auf Zettelchen, wovon sie die meisten verbrannte und nur einige aufbehielt, weil sie sich in ihrem Arbeitsbeutel verkrochen hatten. Auf einem steht: »Das war ein harter Kampf heute früh. Warum muß nun der verwünschte Lord jedesmal zu mir kommen, wenn ich am meisten vom Kummer entkräftet bin und über die Treulosigkeit des Undankbaren, der mich so schnell vergaß, geweint und gewehklagt habe? Als wenn er mit meiner Betrübniß in geheimer Verbindung stünde, kömmt er nur dann! – Wahrhaftig, fast sollte ich glauben, daß böse Geister Gedanken eingeben können; denn wohl tausendmal fährt mir die Idee durch den Kopf: Wie? wenn du dich an dem Undankbaren rächtest? Was nüzt Tugend und Beständigkeit, wenn nur Herzeleid und Kummer ihr Lohn ist? Haben Vignali und andre ihres Gleichen nicht unendlich 58 größre Freuden, als ich? Ohne Liebe des Herzens schwimmen sie im Vergnügen: ein Liebhaber, der sie verläßt, ist ihnen nicht mehr als eine Stecknadel, die sie verlieren: es giebt ihrer mehr. Weg mit allen den Grillen von Tugend und Liebe! Einbildungen sinds! Vignali hat mirs oft genug gesagt, daß ich an die Grillen nur glaube, weil ich die Welt nicht kenne. Sie hat Recht: ich will dem Anerbieten des Lords Gehör geben, will dem Vergnügen nachgehn und alle die Zierereyen von Delikatesse und Ehre vergessen. Die Liebe hat mich einmal zu einer Entlaufnen, zu einem übelberüchtigten Flüchtlinge gemacht: meine Ehre vor der Welt ist dahin: was hab' ich weiter zu fürchten? – Vignali's Zustand ist ein Himmel, der meinige eine Hölle; und doch bildete ich mir so viel über sie ein, weil ich tugendhaft liebte, und hielt Tugend und Glückseligkeit für zwo Schwestern: nein, es können wohl weitläuftige Verwandten seyn, aber sie vertragen sich auch so schlecht, wie Verwandte.« Auf einem andern Blatte, worauf sie Zwirn 59 gewunden hatte, ist etwas unleserlich geschrieben: »Wenn nur ein Engel vom Himmel käme und mir sagte, ob Vignali's Leben ein Verbrechen ist! Liebe macht unglücklich: das hab' ich leider erfahren: sie hat mich zu Unbesonnenheiten verleitet, um Stand und Ehre gebracht. – Herrmann ist zeitiger zur Erfahrung gelangt als ich. Er hat das Schimärische der Liebe eingesehn. Er hat ihr entsagt. Warum sollte ich nicht dem Beispiele folgen? So viele tausend, die der Liebe hönen und für das Vergnügen leben, werden doch klüger seyn, als ich fantastisches Mädchen? – Ich träume noch in der Welt herum: ich kenne sie noch nicht: Vignali hat Recht darinne. Izt sind mir die Augen geöfnet worden: alles hab' ich erfahren, was sie mir von der Liebe prophezeihte. Drum warnte sie mich wohl vor der schimärischen Herzensliebe. Nicht anders! ich will dem Lord – bin ich nicht erschrocken! War mirs doch als wenn ein Teufel vor mir stünde und mir die Hand führte: ich fühle noch, wie ich mich losriß. – Was das für tolle Einbildungen sind!« 60 Den Inhalt eines dritten übriggebliebnen Zettelchen, das sehr zerstochen ist, kan man nur durch mühsames Rathen herausfinden. Es fängt abgebrochen an: »Nein! ich will nicht! meine ganze Seele widersezt sich dem Gedanken, eine Buhlerin zu seyn, oder das Weib eines Mannes, der nicht liebt, der wollüstig seine vorgegebene Liebe auf den Kauf herum trägt, und noch Geld bietet, damit man sie nur annimmt! Ich will – nicht lieben? – Nein, mich grämen!« Auf der umgewandten Seite steht: »Wie schrecklich ist es, Liebe zu fühlen, und Niemanden lieben zu können! Wie traurig, Liebe zu fühlen, und den einzigen, den man lieben möchte, seiner Liebe unwerth zu finden! – O wie glücklich machte mich heute mein Unwille! er machte mich hart, mürrisch, gefühllos: doch itzo wacht meine ganze Seele wieder zur Empfindung auf: das Feuer ergreift mich, und ich elendes Mädchen – muß verbrennen. – Heinrich! gern will ich dir vergeben! gern! Kehre nur wieder! mache mirs nur nicht zu schwer, dich zu lieben! 61 Entsage Vignali, und meine Arme sollen dir so offen entgegeneilen, wie itzo mein Herz!« – In solchen Stunden der Liebe war sie mehr als einmal im Begriffe, zu ihm zu gehen und ihm Vergebung für seine Untreue anzubieten, ihn durch Thränen zu bewegen, daß er Berlin mit ihr verlassen möchte: allein theils fürchtete sie Vignali's Uebermuth, wenn ihr der Versuch nicht gelänge, theils ihre heimtückische List, die die Wirkung ihrer Bemühungen vereiteln würde, so bald sie Gefahr von ihnen besorgte. Also jammerte und trauerte die arme Einsame über eine nicht begangne Untreue, während daß derjenige, der sie begangen zu haben schien, nicht weniger über die ihrige sich beschwerte: beide hatten das größte Recht; denn da Vignali ihre Briefe unterdrückte, mußte ein jedes unter ihnen glauben, von dem andern zuerst beleidigt zu seyn. Herrmann klagte und wimmerte zwar nicht über die erlittne Kränkung, aber er zürnte, er raste. Er knirschte mit den Zähnen, so oft er den Lord an Ulrikens Fenster erblickte: jede 62 Speise schmeckte ihm widrig, wie jedes Vergnügen. Die Abendgesellschaft konte um ihn herum schäkern und lachen, daß ihm die Ohren zitterten: er bewegte keine Lippe: er hörte kaum, so zerstreut, verwildert und vertieft war er in seinen Schmerz. Reichte ihm der Bediente ein Glas, dann hielt er es in seiner Verwirrung für Brodt und griff gerade hinein: oft trank er in der Selbstvergessenheit so hastig und so übermäßig viel, als wenn sein Magen ein Feuerofen wäre, den er löschen müßte, und einmal goß er seiner Nachbarin ein ganzes Glas Wasser in die Suppe, als sie ihn um das Salzfaß bat. Wenn ihm Vignali sagte, daß er mit ihr ausfahren oder ausgehn sollte, dann wanderte er gedankenvoll auf sein Zimmer, um den Hut zu holen, vergaß unterwegs seine Absicht, stellte sich ans Fenster oder sezte sich trübsinnig auf den Stuhl und ließ die wartende Vignali vor Ungeduld vergehen, bis sie nach ihm schickte. Einmal gab sie ihm in einer Gesellschaft bey Lairessen den Auftrag, sich zu erkundigen, ob ihr Wagen da sey: er gieng 63 hinunter, fand ihn, sezte sich hinein und fuhr nach Hause, und Vignali mußte über eine Stunde verziehen, bis die Kutsche zurückkam. Zuweilen belustigten seine Zerstreuungen die übrigen, oft veranlaßten sie ihm auch Bitterkeiten und empfindliche Spöttereyen: aber sein Gefühl war halb stumpf, wenigstens empfand er das Gesagte nie in gehöriger Maaße: oft konte er die stechendsten Reden gelassen anhören, und oft erzürnte er sich bey Kleinigkeiten, worüber er lachen sollte. Oft mitten unter den frölichsten Auftritten bey Tische stiegen ihm Thränen in die Augen, und in der Gruppe lachender Gesichter stach das seinige mit betrübter Wehmuth und weinerlicher Traurigkeit hervor: mitten im gleichgültigsten Gespräche verzogen sich seine Muskeln plözlich in Wuth, er sprang knirschend auf und murmelte verbißne Flüche vor sich hin. Die schlimmsten Verfolgungen mußte er von Lairessens Muthwillen ausstehn. In jeder Gesellschaft, wo er sich befand, wußte sie eine Menge Gefälligkeiten zu erzählen, die bald der Lord, bald der sklavonische Graf von Ulriken genossen 64 haben sollte: ihren Nachrichten und Schilderungen zufolge war sie ganz gesunken, ein freches liederliches wollüstiges Weibsbild geworden; und wenn ihr Herrmann widersprach, dann lachte ihn die Boshafte als einen leichtgläubigen empfindsamen einfältigen Duns mit den angreifendsten Spöttereyen aus. Er that Ulriken in einem Briefe sehr lebhafte Vorhaltung darüber, allein er wurde nicht beantwortet, weil ihn Vignali so wenig als die vorhergehenden übergeben ließ. Was war nunmehr gewisser zu vermuthen, als daß sie sich scheute, auf Vorstellungen zu antworten, die sie nicht befolgen wollte? oder daß sie vielleicht aus Leichtsinn ihrer gar nicht achtete? Lairesse gieng in ihrem boshaften Muthwillen so weit, daß sie den sogenannten sklavonischen Grafen, der bisher verreist gewesen war, ohne daß es Herrmann wußte, unmittelbar nach seiner Rückkunft in eine Abendgesellschaft zog. Er gehörte unter die Zahl ihrer heimlich begünstigten Liebhaber und war ein Abentheurer, dessen eigentliches Vaterland Niemand wußte, weil er in jeder Stadt, wo er sich aufhielt ein anderes 65 angab: bald war er ein Italiäner, bald ein Türke, bald aus Albanien, bald aus der Wallachey, und in dieser Gesellschaft wurde er der sklavonische Graf genennt. Er hatte im vorjährigen Karnawal zu Venedig großes Glück im Spiel gehabt und hielt sich izt in Berlin auf, um seinen Gewinst wieder zu verthun. Der Mann war das drollichste Gemische von affektirter Philosophie, natürlichem Verstande und aufschneidendem Aberwitze, er räsonnirte über alles, und oft übernahm ihn mitten in dem Laufe seiner kalten Dissertationen der Zorn so gewaltig, daß er die Leute um sich mit den Zähnen hätte zerreißen mögen. Lairesse, der es nur um seine Geschenke zu thun war, hatte schon sehr oft die Stelle einer Kupplerin für ihn vertreten und erbot sich auch itzo, es bey Ulriken zu seyn. Er hatte dies gute Mädchen, wie er sie nannte, einigemal in den Abendgesellschaften gesehn und nur darum seiner Lüsternheit widerstanden, weil es ihm eine Beleidigung alles Rechts zu seyn schien, wenn er nach einem Gegenstande strebte, in dessen rechtskräftigem Besitze, nach seiner Meinung, der Herr von Troppau sich schon 66 befand: doch izt, da ihn Lairesse von dem Gegentheil seiner Muthmaßung überzeugte, ward seine Begierde desto entflamter, besonders weil man ihm dabey die Lorbern der ersten Eroberung versprach. Vignali und Lairesse erboten sich, unterdessen für ihn wirksam zu seyn, bis eine günstige Gelegenheit herannahte, wo er den Kranz eines so schönen Siegs verdienen könte. In der ersten Abendgesellschaft, wo er nach seiner Reise erschien, sprach er von Ulriken mit so vieler Entzückung, als nur ein feuriger Liebhaber von einem Mädchen sprechen kan: Herrmann schlich während seiner berauschten Lobrede an den Wänden herum, biß sich an den Lippen, nagte an den Nägeln, zog jede Viertelstunde das Schnupftuch aus der Tasche, nahm Tobak, rückte an der Weste oder Halsbinde, ob sie gleich beide vortreflich saßen, – machte mit Einem Worte alle Handgriffe eines Schauspielers, der nicht weis, was er mit seiner Person anfangen soll. Endlich gieng der Sklavonier so weit, daß er gegen Lairesse und Vignali, die ihm verstellter Weise 67 widersprachen, trotzig behauptete, er brauche nur die Karten auszulegen, so gewiß sey ihm sein Spiel mit Ulriken. Das war in Herrmanns Ohren eine Blasphemie wider sie. Zurückhaltung wurde ihm nun zu schwer, er faßte den Grafen von hinten zu bey dem Arme und drehte ihn hastig herum. – »Legen Sie Ihre Karten aus!« rief er mit bitterm Lachen: »Sie sollen doch bete werden.« Der Graf antwortete mit philosophischer Kälte: »Ich habe hundert hinreichende Gründe, warum ich meine Eroberung als gemacht betrachte: aber ich will Ihnen nur einen angeben, der stärker ist, als alle Gründe in der Welt: – Weil ich es bin!« Herrmann. Der Grund beweist weiter nichts, als daß Sie sehr viele Einbildung haben. Der Graf. Ich räsonnire so: Wer viel Einbildung hat, muß Ursache dazu haben, und wer Ursache dazu hat, muß viel Einbildung haben: und da meine Einbildungen groß sind, müssen auch meine Ursachen groß seyn: folglich muß ich zu meinem Zweck gelangen. 68 Herrmann. Und Sie werden nicht zu Ihrem Zweck gelangen, sage ich. Wissen Sie warum? – Weil ich mein Leben daran wage, um sie zu hindern. Der Graf. Ich räsonnire so: Ihr Leben ist weniger werth als das Mädchen, und das Mädchen mehr als Ihr Leben: folglich können Sie mich nicht daran hindern. Das Mädchen ist Ihre baare hundert Dukaten unter Brüdern werth, und für Ihr Leben gebe ich nicht einen halben Gulden: folglich können Sie mich nicht daran hindern. Madam Vignali würde in meinem Vaterlande nicht mehr als neunzig Dukaten gelten, wenn man sie zu Markte brächte, und Lairesse kaum siebenzig: aber das Mädchen ist völlig so gebaut, wie wir sie bey uns zu Lande lieben. Wenn ich sie bewegen könte, mir in mein Gebiet zu folgen, so würde ich ihr ein Paar Städte schenken, wovon sie honnet leben sollte. Sie müßte sich freilich gefallen lassen, meine Sklavin zu heißen, weil ich sie nach den Gesezen des Landes nicht zur Gemahlin machen darf: und wenn Sie sich insgesamt 69 entschlössen, mir zu folgen, so sollte es Ihr Schade nicht seyn. Ihnen, Vignali, verspreche ich drey Dörfer: unter uns gesagt, ich danke Gott, daß ich sie los werde; und dir, Lairesse, gebe ich eine Stadt mit drey Thoren: und Sie, sprach er zu Herrmann, mach ich zum Vicegouverneur meiner sämtlichen Lande, bis der itzige mit Tode abgeht. – Herrmann merkte nunmehr, daß auch dieses Subjekt mit Monsieur de Piquepoint in Eine Klasse gehörte, und hielt ihn deswegen nicht für fürchterlich: er verließ ihn voller Verachtung. Allein der Aufschneider fuhr ungestört in seinem großsprecherischen Tone fort. Der Herr von Troppau erzählte in der Folge, daß ihm ein Bedienter entlaufen sey: gleich erbot sich der Graf ihm drey Sklaven zu schenken, wenn er sie von seinen Gütern aus der Wallachey holen lassen wollte. Vignali beschwerte sich über einige Unbequemlichkeiten ihrer Wohnung: der Graf versicherte sie, daß er zu Hause über zwanzig Paläste leer stehen habe, die alle zu ihrem Befehle wären, wenn man sie nach 70 Berlin schaffen könte. Lairesse beklagte sich über Berlins Weitläuftigkeit und den gewaltigen Koth der Straßen: »Sie sollten in meinen Städten wohnen,« fieng der Graf an: »ich möchte, daß ich Ihnen eine zur Probe herbringen lassen könte: da würden Sie Gassen sehen, wie sie seyn müssen! so rein, daß man sich auszuspucken scheut!« – Man sprach von der Schwierigkeit, mit welcher sich die Zimmer im Hause heizen ließen, und Herrmann berichtete, daß das seinige ein Abgrund sey, der unendliches Holz verschlinge, ohne jemals warm zu werden: »Ich wünschte,« unterbrach ihn der Graf, »daß ich Ihnen ein Paar von meinen Wäldern kommen lassen könte: sie verderben und verfaulen mir, weil der Ueberfluß nicht zu verbrauchen ist.« – Man sprach von Oefen: der Graf hatte in seinen Palästen Sparöfen, die mit sechs Stücken trocknen Holzes eine Stube von sieben Fenstern im stärksten Winter auf einen ganzen Tag heizten. Man machte ihm den Einwurf, wozu ihm bey so unverbrauchbarem Ueberflusse an Waldung Sparöfen nüzten. – »Ja.« antwortete er, 71 »meine Waldungen liegen alle so viele Meilen weit von meinen Palästen, daß mich die Transportkosten zwanzigmal höher kommen, als hier das theuerste Holz.« – »So bauen Sie lieber Ihre Paläste näher an die Wälder!« rieth ihm der Herr von Troppau. – »Ich räsonnire so,« versezte der Graf: »wer viel Sklaven hat, muß ihnen viel zu thun geben, und wer ihnen viel zu thun geben will, muß sein Holz weit holen lassen: folglich lasse ich alle meine Residenzen weit von meinen Wäldern anlegen.« – »Sonach kan Ihnen ja der Transport nicht viel kosten, wenn er von Sklaven geschieht,« warf ihm Vignali ein. – »Der Transport nicht,« versezte er, »aber die Lebensmittel für so viele Sklaven, die es auf den Schultern an Ort und Stelle tragen müssen!« So war der Großsprecher unerschöpflich an Aufschneidereyen, und unerschöpflich an Beschönigungen und Ausflüchten, wenn man ihm Zweifel und Einwürfe entgegenstellte. Es durfte kaum eine Möbel oder ein anderes Bedürfniß des menschlichen Lebens genannt werden, so hatte er eine äußerst sinnreiche Erfindung 72 entweder selbst auf seinen Gütern, oder auf seinen Reisen an irgend einem Orte der Welt gesehn: er trieb den Unsinn so weit, daß er behauptete, er habe auf einem seiner Sommersitze ein Zimmer, das man, so wie die Gesellschaft zunähme, erweitern könte. Er besaß viele Geheimnisse in der Medicin, wovon er zwar nie eine Probe ablegte, aber doch ungemein viel sprach. Auch dieser prahlende Abentheurer belagerte die arme Ulrike mit seinen Besuchen und so unverschämt, daß er sie wiederholte, ob sie ihm gleich in einer mürrischen Laune das Zimmer verbot: die beiden ältern Liebhaber, der Lord und Mr. de Piquepoint , sezten ihre Verfolgungen – so nannte Ulrike ihre Besuche – eben so unermüdlich fort. Die Frau von Dirzau ward ihr so gram deswegen, daß sie ihrem Bruder unaufhörlich anlag, sie aus dem Hause zu thun, weil die Erziehung seiner Tochter darunter litte: allein er gab ihr seine gewöhnliche Antwort, daß er sich um solche Sachen nicht bekümmerte. – »Ich bezahle eine Guvernante für meine Tochter,« sagte er: »wenn sie nichts taugt, so ist es 73 nicht meine Schuld: ich kan nicht jede Woche eine neue annehmen.« – Ueber die häufigen männlichen Besuche, die seiner Schwester so anstößig waren, lachte er und versprach, den Lord und die übrigen zu bitten, daß sie künftig ganz eingestellt würden, versprach es in völligem Ernste und vergaß die Minute darauf, daß er es versprochen hatte. Ueberhaupt besaß er eine unaussprechliche Indolenz in allen seinen Angelegenheiten, wünschte sehr oft etwas zu ändern und kam niemals dazu: seine gesellschaftlichen Zerstreuungen rissen ihn davon hinweg, ehe er an die Ausführung seines Wunsches denken konte: also blieb es in seinem Hause beständig, wie es war, schlecht oder gut, und es gehörte ein gewaltsamer Stoß dazu, um eine Aenderung hervorzubringen, wobey meistens Vignali die erste bewegende Kraft war. Die bedrängte Ulrike wußte in ihrer ganzen Seele kein Mittel zu finden, wie sie den hönischen Vorwürfen der Frau von Dirzau entgehen sollte, die um so viel stärker und häufiger wurden, je weniger ihr Bruder Anstalt zu der 74 verlangten Abänderung machte. Alle Entschuldigungen halfen nichts bey dieser grausamen Moralistin, nichts mehr als das ausdrücklichste Verbot bey den hartnäckigen Liebhabern. In so einer kritischen Lage gab ihr an einem Nachmittage, wo sie von allen dreyen den ungestümsten Sturm hatte ausstehen müssen, üble Laune und Aerger einen sonderbaren Einfall ein, den sie auf der Stelle ausführte. Sie versprach der Küchenmagd, einem häßlichen triefäugichten alten Weibe, ein Geschenk, wenn sie diesen Abend eins von ihren Kleidern anziehn und sich in ihr Zimmer setzen wollte: die alte Melusine ließ sich ihren Lohn zum voraus bezahlen und gab ihre Hand darauf, daß sie die Rolle übernehmen werde. Sogleich flog Ulrike auf ihr Zimmer zurück und schrieb an jeden ihrer drey Liebhaber ein Billet, mit dem bloßen Anfangsbuchstaben ihres Namens unterschrieben, worinne sie allen Eine Stunde zu einem Abendbesuche bestimmte. Kaum hatte der Sklavonier das seinige empfangen, als er zu Vignali eilte und es triumphirend vorzeigte: Vignali triumphirte nicht weniger und 75 glaubte ihren rachsüchtigen Zweck nunmehr völlig erreicht zu haben. Herrmann erkannte Ulrikens Hand und war mit seinen eignen Augen von ihrer Untreue überzeugt: er überlas mit tiefsinniger Aufmerksamkeit unzählichemal das unglückliche Billet, legte es langsam auf den Tisch, und neben der Hand fielen zween große Thränentropfen nieder, die ihm wider seinen Willen entschlüpften: sie wurden tief aus dem Herze um Ulrikens Tugend geweint. Er drückte hurtig die übrigen, welche eben nachfolgen wollten, ins Schnupftuch, verbarg, so gut er konte, seinen Schmerz und gieng auf sein Zimmer. Vignali, die mit einem Seitenblicke die Thränen hatte abwandern sehn, hinderte ihn nicht, sondern empfand wirkliches Mitleid für ihn, da sie sich ohne seine Beihülfe der Vollendung ihrer Rache so nahe dünkte. Im Uebermaaße ihres Mitleids beschloß sie sogar, ihn für seine Betrübniß durch ihre eignen Reize wieder zu entschädigen: sie war so entzückt, so trunken von ihrem Siege, daß sie sich vor Freuden selbst nicht kante: sie holte den niedergeschlagnen Herrmann in eigner 76 Person von seinem Zimmer und war äußerst geschäftig, seinen Schmerz durch alle Arten des Zeitvertreibs zu zerstreuen; allein das Vergnügen berührte nur die Oberfläche seiner Seele: es war keins mehr für ihn auf der Erde. Unterdessen stellten sich die beschiedenen Liebhaber zur bestimmten Stunde ein: der Lord war der erste und stuzte nicht wenig, als er das ganze Zimmer mit einem unausstehlichen Branteweinsgeruche durchräuchert fand, der immer stärker wurde, je mehr er sich der vermeinten Ulrike näherte. Die Alte hatte sich für den verdienten Lohn eine Güte gethan, und zwar in so reichlichem Ueberflusse, daß sie auf keinem Beine stehen und kein Wort sprechen konte. Der Lord erkannte in der schlecht erleuchteten Stube ihr Gesicht nicht und redte sie sehr treuherzig an, als er noch einige Schritte von ihr war: wie fuhr er zurück, als ihm ein lautes grunzendes Gelächter und mit demselben eine ganze Atmosphäre voll Branteweinsdünste entgegenkam! Mit seinem gewöhnlichen Flegma ergriff er das Licht, um den übelriechenden Gegenstand zu 77 beleuchten, und hatte es kaum in die Hand genommen, als der Sklavonier, in einen weißen Mantel gehüllt, hereintrat. Der Lord hielt ihm das Licht vor das Gesicht: er starrte den Sklavonier an, der Sklavonier ihn: jedem starb das Wort zwischen den Lippen. Eben wollte sich ihre Zunge lösen, als auch Mr de Piquepoint , in dem funkelndsten Anzuge, den Degen an der Seite, gravitätisch durch die Thür hereinmarschirte. Wie versteinert, blieb er mitten in seinem majestätischen Schritte stehn, als er die beiden übrigen erblickte: da stunden sie alle drey, gaften einander an, und jeder fragte den andern, was er hier wollte. Der Lord nahm den Sklavonier bey der Hand, um mit ihm gemeinschaftlich die vorhin unterbrochne Untersuchung anzustellen. » Mon Dieu! « schrien sie beide in Einem Tempo, da ihnen die gläsernen Katzenaugen aus dem alten runzlichten Gesichte entgegenblinkten: die Alte nahm es in ihrer Trunkenheit übel, daß man ihr so nahe in die Augen leuchtete und fieng mit stotternder Zunge aus allen Leibeskräften zu schimpfen an. Der 78 Lord sezte kaltblütig das Licht nieder und sprach eben so kaltblütig: »Wir sind betrogen.« – »Wir sind betrogen,« schrie der Sklavonier und schwur Tod und Rache. Die Alte, die indessen in Einem fort geschimpft hatte, stund wankend auf und torkelte auf den erstaunten Mr de Piquepoint hin, der sich mitten im Zimmer aufhielt und nicht wußte, wie ihm geschehn war. Kaum hatte sie ihn erwischt, so gab sie ihm mit tölpischer Hand eine so lautschallende Ohrfeige, daß er sich im Kreise herumdrehte. » Ah, mon joue, mon tête! « rief er winselnd und floh: die Alte torkelte ihm nach. In der Angst rennte er an den ergrimmten Sklavonier, der in seinem Zorne ihn bey der Brust packte und zurückstieß, daß er der nachsetzenden Alten in die Arme stürzte und in ihrer Umarmung auf den Sofa sank. Sie hielt den kraftlosen Schneider mit angestrengter Stärke fest, streichelte ihm die Backen, lehnte sich mit ihrem Gesichte auf das seinige, und wenn er vor Branteweinsdampf beinahe erstickte und sich losmachen wollte, strafte sie ihn mit Ohrfeigen und überströmte ihn mit 79 ihrer ganzen Fischmarktberedsamkeit. Der Lord sah dem Scharmützel zu und sagte frostig zu dem Sklavonier: »Der Mann könte leicht Schaden leiden.« – »Sie bringt ihn um!« rief der Sklavonier, machte die Thür auf, riß die Alte los, trug sie hinaus und legte sie auf dem Saale hin. Unterdessen hatte Mr de Piquepoint bey dem Lord seine Beschwerden angebracht, daß er ihn beinahe hätte umbringen lassen, ohne ihm beizustehen. – »Aber warum?« fragte der Lord. »Sie hätten sollen zu Hause bleiben.« – Das nahm Piquepoint übel und belferte ihm eine Menge von seinem rothwälschen Französisch ins Gesicht, um ihn zu belehren, daß er gleiches Recht mit ihm gehabt habe, hier zu erscheinen. Er war mitten im Flusse der Rede, als der Sklavonier zurückkam: weil er sehr heftig sprach, gebot ihm dieser zu schweigen. Piquepoint versicherte ihn, daß er kein Recht habe, ihm ein solches Gebot zu thun: hurtig lud ihn der Sklavonier auf seine Schultern, trug ihn hinaus und sezte ihn an dem nämlichen Orte ab, wo die betrunkne Alte lag: kaum merkte Piquepoint, 80 daß er sich in einer so übeln Nachbarschaft befand, als er aufsprang und brüllend, wie ein Beseßner, die Treppe hinunter lief. »Was wollen wir thun, Lord?« fragte der Sklavonier voller Zorn, als er zurückkam. »Nach Hause gehn!« antwortete der Lord äußerst gelassen. Der Sklavonier. Aber wir müssen uns rächen: ich sprühe Feuer und Flammen. Lord. Aber warum? Der Sklavonier. Lord, Sie können noch fragen, warum? Ist es nicht die grausamste Beleidigung, uns Beide so zum Besten zu haben? uns mit so einem Narren in Eine Klasse zu setzen? – Rathen Sie, Lord! was wollen wir thun. Lord. Eine Schale Punsch zusammen trinken und dann zu Bette gehn. Der Sklavonier. Ich nehme die Partie an, Lord. Bey dem Punsch beschließen wir Rache. – Sie giengen und thaten, wie der Sklavonier wollte, beschlossen Rache über Ulriken, die fürchterlichste Rache, die ein beleidigter Wollüstling 81 über ein unbesonnenes Mädchen beschließen kan. Vignali war um so empfindlicher, als sie den Morgen darauf den unglücklichen Verlauf von dem Sklavonier erfuhr, je sichrer sie schon auf den guten Erfolg gerechnet hatte. Dies unerwartete Mislingen sezte sie so sehr aus ihrer Fassung, daß sie auf den Tisch schlug und schwur, das naseweise Mädchen in seine Hände zu liefern oder nicht zu leben. 82   Viertes Kapitel. Herrmann wußte von allen diesen Begebenheiten nichts, und weil er Ulrikens eigenhändiges Billet gesehn hatte, hielt er den traurigen Abend, wo sie vorgiengen, für die Sterbestunde ihrer Tugend. Er siegelte noch denselben Abend, als er von Tische kam, den goldnen Ring, den er von Ulriken zum Unterpfande ihrer Liebe unter dem Baume empfieng, in ein Blatt, welches nichts als diese Worte enthielt: »Ulrike, dieser Ring werde das Monument deiner Tugend, da er nicht länger das Band unsrer Liebe seyn darf. Weine bey ihm, wie bey dem Grabsteine einer Freundin, die plözlich in der Blüte ihres Lebens dahinstarb! Blutige Zähren sind für eine Tugend, wie die deine, nicht zu viel. Ich feire heute deinen Sterbetag; denn seit gestern bist du für mich todt.« – Er konte sich nicht entschließen, das Briefchen abzuschicken, weil ihm Ulrikens Fall so unglaublich vorkam, daß er beinahe seinen eignen 83 Augen nicht traute. Nach langem Bedenken und Aengstigen stieg ihm der wunderliche Vorsatz auf, Vignali zur Vertrauten seines Kummers zu machen: sie hatte bisher so vielen verstellten Antheil daran genommen, daß ihn sein Mistrauen gegen sie gereute: sie hatte ihm seine Eifersucht und Ulrikens Untreue vorausgesagt und ihn vor der Leichtgläubigkeit gegen sie gewarnt; und der Erfolg gab ihrer Prophezeihung so völlig Recht, daß er sich über sich selbst wunderte, wie er ihr jemals Unrecht geben konte. Er tadelte sich, daß er ihr nicht eher sein Zutrauen schenkte, und wie die meisten Menschen, wenn sie recht entsezlich betrogen sind, faßte er izt das Vertrauen der Verzweiflung zu ihr: er war so arg hintergangen worden, daß es ihm nicht auf die Gefahr ankam, noch einmal hintergangen zu werden. Leicht zu erachten, daß ihn Vignali nicht allein bey seiner Ueberredung von Ulrikens Falle ließ, sondern auch aus allen Kräften darinne bestätigte! Die schadenfrohe Frau war wegen des Streiches, wodurch Ulrike den Abend vorher ihre gewiß 84 geglaubte Rache vereitelt hatte, in völligem Ernste so herzlich auf sie erbittert, daß sie in einem ausgezeichnet heftigen Tone von ihr sprach. Herrmann war überhaupt ein sehr brennbarer Zunder und stund daher sehr bald in hellen Flammen: als er durchaus loderte, ließ die hinterlistige Vignali heimlich Ulriken rufen: unterdessen, bis sie kam, fachte sie seinen Zorn vollends bis zur gänzlichen Feuersbrunst an. Das gute Mädchen wurde durch die unerwartete Bothschaft in solche Freude versezt, daß sie zitterte: sie vermuthete Wiederkehr, Versöhnung, Reue, Verbindung auf ewig – alles, was nur gutherzige Liebe vermuthen kan. Sie eilte, schauernd vor Vergnügen und Erwartung, hinüber, und Vergebung schwebte ihr schon auf der Zunge: sie beschloß, gleich alle Entschuldigungen zu verbitten und nach dem ersten ruhigen Worte Verzeihung und neue stärkere Liebe entgegen zu rufen. So, mit gespannten Segeln der Erwartung, trat sie herein: sie bebte innerlich, als wenn sie das Fieber schüttelte. Vignali that, als wenn der Besuch ein 85 Wunder für sie wäre, und schwazte so viel in sie hinein, daß Ulrike nicht zum Worte kommen und fragen konte, warum man sie habe rufen lassen. Die falsche Frau überhäufte sie mit Liebkosungen; berichtete ihr freudig, daß sie ins künftige ihre Besuche wieder, wie zuvor, fortsetzen könte, weil die Ursache aufgehört habe, warum sie der Herr von Troppau untersagt hätte; und nöthigte sie auf dem Sofa Platz zu nehmen, wo Herrmann in Schrecken und Erstaunen über diese plözliche Erscheinung, wie angefesselt, sitzen geblieben war. So gern sie diesen Platz im Herzen annahm, so rückte sie doch dicht an das äußerste Ende, um nicht den Anschein zu haben, als wenn sie Herrmanns Wiederkehr veranlassen oder gar den ersten Schritt dazu thun wollte. Er stund hastig auf, als sie sich sezte, wollte zur Thür hinaus und fand sie verschlossen – Vignali hatte bey Ulrikens Empfange verstohlner Weise das Schloß abgedrückt: – er wollte sie öfnen, aber Vignali rief ihn zurück und bat, Ulriken unterdessen zu unterhalten, bis sie mit einem Briefe fertig wäre, 86 den sie nothwendig itzo schreiben müßte. – »Sagen Sie ihr die Wahrheit!« zischelte sie ihm ins Ohr und gieng ins Kabinet. Herrmann wandelte das Zimmer auf und ab, am ganzen Leibe kochend, wollte jeden Augenblick herausplatzen und hielt sich jeden Augenblick wieder zurück. Ulrike saß auf dem Sofa, spielte an Vignali's Arbeit, die an einem Tischchen angeknüpft hieng, und schielte darüber weg nach Herrmann hin, voller Erwartung, ob er nicht bald das Gespräch anfangen werde: vor Ungeduld, daß es nicht geschah, hatte sie schon etlichemal den Mund offen und schloß ihn sogleich wieder: es entschlüpfte ihr sogar zweimal ein Wort, aber schnell verwandelte sie es künstlich in einen tiefgeholten Husten. Die Liebe wollte sich bey Ulrikens Gegenwart in Herrmanns Herze wieder emporarbeiten: sie rang in ihm mit dem Zorne, wie ein Paar ergrimmte Riesen: Angstschweiß strömte ihm über das rothbraune geschwollne Gesicht; er schlug die Daumen vor Beklemmung und innerlichem Tumulte ein: der Zorn that einen gewaltsamen Stoß auf Seele und 87 Zunge, und die Worte stürzten sich, wie geflügelt, heraus. »Unverschämte!« stürmte er auf sie los: »wie kanst du die Frechheit begehn, dich vor meine Augen zu wagen? Ist es dir nicht genug, daß du eine Ehrlose bist, die Zucht und Tugend vergaß? Willst du sogar mich zum Zeugen deiner Schande machen? Soll ich nicht blos wissen, soll ich sogar sehn, wie tief du gesunken bist? – O wenn doch ein Erdbeben unter dir den Boden geöfnet hätte, als der lezte Funke deiner Tugend erlosch! – In der nämlichen Minute erlosch auch meine Liebe, und kein Mensch hat noch so fürchterlich gehaßt, als ich seitdem. Du bist seitdem in meinen Augen ein so niedriges elendes Geschöpf geworden, das ich nicht zermalmen, das ich noch tiefer verachten möchte, als den Staub, den meine Füsse treten. Meine Liebe war fest wie Himmel und Erde, aber mein Haß ist stärker als der Tod.« – Ulrike wollte zitternd ein Paar Worte einschieben, aber er rief ihr sogleich zu: »Schweig, Unwürdige! schweig, daß ich deinen Hauch nicht 88 einathme! Hier! nimm diesen Brief!« – Todesangst überfiel ihn, als er ihn aus der Tasche zog: alle seine Muskeln arbeiteten, wie bey einer gezwungnen Trennung von dem Liebsten, was er sich entreißen konte: mit zitternden Händen warf er ihn auf den Tisch und sezte bebend hinzu: »Da! lies und weine!« – Ulrike riß ihn auf, fuhr zusammen, als ihr der Ring entgegenfiel, und die Thränen quollen ihr vor Unwillen aus den Augen, indem sie las. Stolz, Liebe, Dankbarkeit, waren auf das äußerste beleidigt: sie war sich lebhaft bewußt, daß Herrmann zuerst mit Kaltsinnnigkeit angefangen, zuerst den Briefwechsel unterbrochen hatte, und nun noch oben drein so eine schnöde Behandlung, die sie nach aller Ueberzeugung nicht verdiente! Sie schwieg lange und wußte nicht, was sie thun sollte: immer war es ihr, als wenn sie seinen bleyernen Ring vom Finger ziehen und eben so verächtlich hinwerfen müßte: gleichwohl war es hart, sich zu scheiden, ohne sich vorher zu verständigen. Ihr Zorn verbrauste bald. »Aber sage mir, Heinrich!« fieng sie 89 an, »was bewegt dich zu so einem ungerechten Schritte?« Herrmann. Wie sehr er gerecht ist, wird dir dein Gewissen sagen. Ulrike. Wer hat mich bey dir verläumdet? Herrmann. Diese meine Augen zeugen wider dich. Ulrike. Worinne denn? Herrmann. O du Schamlose! Also willst du noch wider dich selbst zeugen, daß du nicht blos verführt, daß du verderbt bist? – Wehe, wehe über uns beide, daß wir in diese Stadt, in dies Grab der Unschuld kamen! Aus Engeln macht sie Teufel, die beharrlichsten frechsten Teufel. Ulrike schwieg. Mit wehmüthigem Tone fieng sie wieder an: »Heinrich, ich bitte dich mit Thränen, reiß nicht wegen einer schwarzen Grille dein Herz von dem meinigen!« Herrmann. Wenn Thränen deine Seele wieder rein zu waschen vermögen, dann bade dich darinne. – Aber wie sollen sie dies vermögen? Einmal verscheucht, kehrt die Unschuld 90 nie in ihre entheiligte Wohnung zurück. – Gott! wer hätte sich das im Schlafe träumen lassen? daß eine so frische Blume so bald verduften sollte? – Aber sie ist dahin! Wer mag einen Leichnam und die Unschuld eines Mädchen wider ins Leben bringen? – Lege dich und stirb! Was nüzt dir dieser elende Odem? seit gestern bist du doch nur eine herumwandelnde, langsam modernde Leiche. – Ulrike, die den Grund seines Grolls nunmehr errieth und argwohnte, daß man ihm eins von ihren gestrigen Billeten gezeigt und verläumderische Auslegungen davon gemacht habe, sprang auf, daß der Arbeitstisch, der vor ihr stand, umstürzte, und warf sich um Herrmanns Hals. »Ich bitte dich,« sprach sie, »laß dir deinen schrecklichen Argwohn widerlegen!« Herrmann ließ sie nicht ausreden: er stieß sie von sich zurück. »Weg von mir!« rief er: »deine Umarmung ist mir izt ein Abscheu, deine Berührung ein Ekel. Mein Entschluß ist unerschütterlich, wie ich deine Tugend glaubte: ich mag nicht lieben, was ich verachten muß. 91 Nimm deinen Ring und stecke ihn dem Ersten, dem Besten an den Finger, der deine Schande nicht weis oder niedrig genug denkt, um sie nicht zu achten. – Sprich nicht Ein Wort zu deiner Entschuldigung! Du kontest schwach seyn: aber ich mag keine lieben, die nicht stärker war, als die Schwächste, ob man sie gleich warnte.« – Ulrike machte noch einen Versuch, ihn zu besänftigen, aber er gebot ihr zu schweigen, wie vorhin. Ihre Empfindlichkeit über eine solche Unwürdigkeit schwoll in ihr von neuem auf: sie konte sich unmöglich länger zurückhalten, sondern brach in einem harten scheltenden Tone aus. Er stund am Fenster, das Gesicht nach der Straße gekehrt. »Undankbarer!« hub sie an. »So lohnest du denen, die dich lieben? Erst lockst du die gutherzige Schwäche, daß sie dir in den Morast folgt, und wenn sie mitten im Sumpfe steckt, dann reißest du deine Hand von ihr los, daß sie umstürzt und darinne erstickt? Weil dich größre oder vielleicht listigere Schönheiten reizen, darum machst du Uebereilung zum Verbrechen, 92 um nur mit mir zanken und brechen zu können. Geh, Verblendeter! versuche, ob eine einzige von denen, die dich von mir abgezogen haben, sich den Finger deinetwegen ritzen wird! ob sie aus Liebe zu dir nur eine Schleife ihres Kleides hingeben wird! Gerathe in Noth und versuche dann die Liebe dieser schönen Gesichter! – Heinrich, laß dich nur überzeugen! Gern, gern will ich dir ja verzeihen – Herrmann. Du mir verzeihen? Welche Unverschämtheit! – Du mir? die Verbrecherin dem Beleidigten? Ulrike. Wer beleidigte zuerst? du oder ich? Rede! Herrmann. Wer zuerst Tugend, Unschuld und Schaam beleidigte! Wer war das? du oder ich? Rede! Ulrike. Blinder! merkst du nicht, in welchen Wahn dich meine Feinde gestürzt haben? Herrmann. Deine größte Feindin bist du selbst: du hast mir einen Wahn entrissen, den süßesten Wahn, daß du die Tugend selbst seyst. Ulrike. Verliert man durch eine Unbesonnenheit sogleich die Tugend? 93 Herrmann. Ha! eine feine Philosophie! Man hat nur Eine Tugend und nur Ein Leben. Ulrike. Möcht' ich doch fast dieses nicht mehr haben, da ich die erste nicht mehr besitzen soll! Kan der grausamste Barbar härter seyn als du? Zu verdammen, ohne den Beschuldigten anzuhören! Herrmann. Solch alltägliches Gerede wird dich fürwahr von keiner Schuld lossprechen. Hier steht sie an deiner Stirn: sie spricht aus allen Zügen deines Gesichts. – Mein Schluß ist einmal gefaßt: meinen Ring hast du: unsre Herzen bleiben getrennt, und wenn uns tausend Ringe zusammenbänden. Sey glücklich, so sehr du es verdienst! Wir sind in Zukunft zween Menschen, die einander nur kennen. – Er gieng. »O ich Elende!« rief Ulrike und warf sich auf den Sofa. »Ich selbstbetrognes Mädchen! Da sitz' ich nun in der Fremde unter Wölfen, die mich alle anheulen, und auch der einzige, der mich liebte, ist ein grimmiger Wolf geworden. Da sitz' ich nun, von allen verlassen! 94 verworfen von Mutter und Anverwandten! verrathen von Freunden! verläumdet, verfolgt! verstoßen von dem Einzigen, der mir alles dies ersetzen sollte! der mich zur Verrätherin an meinem Glück, meiner Ehre und an meiner ganzen Wohlfahrt machte! – O hätt' ich mirs nie einkommen lassen, Jemanden zu lieben, den ich nicht lieben durfte! Nun ist das unbesonnene Mädchen gestraft – Gott weis es, härter gestraft, als Onkel und Tante es können! – Ach daß jemals ein Fünkchen Liebe gegen einen solchen Starrköpfigen, Mürrischen, Undankbaren in meinem Herze glimmte! Nun hab' ichs versucht, was Liebe ist – ein blinkender rothschimmernder saurer Apfel, der die Zähne stumpft, lieblich anzusehn, und herbe bis in die Seele, wenn man ihn kostet. – Es ist schrecklich! so vieles für Einen Menschen zu leiden und zu thun, seine ganze Hoffnung auf Einen Menschen zu bauen, und auf einmal mit dem ganzen festen Gebäude von Hofnung einzusinken! in die tiefste Verachtung und Verworfenheit hinabzustürzen! – Was wird nun aus mir 95 werden? – Ein herumirrendes scheues Täubchen, mitten in die weite große Welt hinausgejagt! – Freilich, wer verjagte es? Wär es im Taubenschlage unter den Flügeln seiner Freunde geblieben, wie wohl wär' ihm izt!« – Sie weinte: eben trat Vignali herein, und ob sie gleich den ganzen Auftritt von einem Ende zum andern an der halbofnen Kabinetthür gehört hatte, so erkundigte sie sich doch, warum sie Herrmann verlassen habe und warum sie weine. »Um meine Liebe!« brach Ulrike mit einem Thränenstrome aus: »und Sie, Vignali, Sie sind ihre Mörderin.« – Vignali. Ich? Wie denn das? – Ach! hier liegt ja ein Ring! hat etwa die eisenfeste Treue einen Riß bekommen? – Ich kondolire. Ulrike. Wehe der elenden Spötterin, die den Riß machte! die durch Verführungen, Aufhetzungen, Anschwärzungen meine Ruhe untergrub! Vignali. Mädchen, von wem reden Sie denn? Wer wird sich denn die Mühe geben, 96 Ihre Liebe zu stören? Wenn Herrmann Ursache findet, mit Ihnen zu brechen, wer kan sie ihm gegeben haben, als Sie selbst? Ulrike. Oder die Boshaften, die ihn durch falsche Eingebungen wider mich einnahmen! Vignali. Sie schwärmen. Das sind Fantomen, die Ihnen Ueberdruß und Langeweile machen. Sie sind des Menschen satt gewesen, und weil der Trank schal geworden ist, soll Ihnen Jemand etwas widriges hineingeworfen haben. Wer kan für verdorbnen Appetit? Ulrike. Vignali, Sie sind die falscheste heimtückischste Frau, die es geben kan: das sag' ich Ihnen dreist unter die Augen. Vignali. Und ich nehm' es nicht übel; denn Sie sind halb verrückt: aber ich begreife nur nicht, worüber Sie sich eigentlich beschweren. Wenn eine Schüssel nicht schmeckt, langt man nach der andern, und hat man sich überladen, so fastet man. Sie mögen sich eine etwas starke Indigestion der Liebe zugezogen haben. Sie machten es also recht klug, daß Sie dem unschmackhaften Liebhaber den Laufzettel gaben: 97 was wollen Sie weiter? – Sie werden vielleicht ein Paar Tage, auch wohl Wochen fasten: aber Geduld, liebes Kind! der Appetit kömmt wieder; er kömmt gewiß wieder. Ulrike. Vignali, ich mag Ihre hämischen Verdrehungen nicht länger ertragen. Ich verlasse Sie. Vignali. Das wird auch wirklich das Beste seyn. Alte Liebe und alte Eichen fallen freilich nicht ohne große Erschütterung: es geht durch Mark und Bein, wenn so eine tiefe Wurzel aus dem Herze gerissen wird, das weis ich wohl. Drum gehn Sie, schaffen Sie sich die Kleider vom Leibe, nehmen Sie eine Herzstärkung ein, stecken Sie sich in die Federn bis über den Kopf und schlafen Sie bis an den späten Morgen. Der Appetit wird schon wieder kommen. – Ulrike riß sich mit thränenden Augen und erstickendem Aerger von ihr hinweg: Vignali küßte, tröstete sie, trocknete ihre Zähren ab und beklagte mit vieler Politesse, daß sie um Herrmanns willen nunmehr, wenigstens auf einige 98 Zeit, ihre Besuche wieder einstellen werde, begleitete die schluchzende Trostlose bis an die unterste Thür; und dann in einem Rennen die Treppe hinan, ins Zimmer hinein! und mit drey Händeklatschen und drey Sprüngen rief sie ein lautes Viktoria! Sie vertauschte ihren Anzug mit einem weißatlaßnen Deshabillé, frischte ihre Wangen mit neuem Rosenroth auf, stellte in der weitausgeschnittnen Kleidung die Reize des Busens mehr als gewöhnlich zur Ansicht dar, gab ihnen Glanz und duftenden Wohlgeruch, den Augenbramen ein tieferes Kolorit, und den Augen ertheilte die Freude ohne ihr Zuthun Feuer und Lebhaftigkeit: die blendende Hand schien mit dem Kleide von Einem Stoffe zu seyn, so einen täuschenden Uebergang bahnte dem Auge die dunklere Farbe des Aufschlags. Selbst der Athem wurde schwach, aber lieblich parfumirt: alles strahlte von Schönheit an ihr, alles duftete Liebe und Wollust: mit jeder Bewegung breitete sich ein sanfter Hauch von ihr aus, wie ein erquickendes Abendlüftchen, das den Blumen ihre Wohlgerüche geraubt hat. Herrmann wurde durch ihr Mädchen 99 befehligt, zu Madame Vignali zu kommen. Er gieng ins gewöhnliche Zimmer und spatzierte gedankenvoll auf und nieder, war lange allein, und Niemand regte sich. Das Zimmer wurde von zwey dämmernden Wachslichtern nur halb erhellt: Düsternheit und Stille machten die Scene feierlich. Plözlich erhub sich im Kabinet ein Gesang: es war Vignali selbst. Ihre Stimme war mittelmäßiger als ihre Kunst, aber durch die fingerbreite Oefnung einer Flügelthür schien sie vortreflich. Sie sang ein französisches Liedchen, das den Abschied eines beleidigten Liebhabers an seine ungetreue Schöne enthielt: die Melodie verlor sich bald in leise zärtliche Klagetöne, und stürmte bald in brausenden Accenten des Zorns; und das Adieu des Schlusses wiederholte sie etlichemal mit so hinsterbender erlöschender Schwäche, als wenn es die Liebe selbst mit dem lezten Lebenshauche ausspräche. Herrmann stund mitten in dem Zimmer horchend: ihm wars, als wenn das lezte Adieu aus seinem Herze herausdränge, als wenn der Ton in seiner Kehle stürbe: die plözlich darauf folgende Stille machte 100 den Abschied eindringender und die Empfindung wahrer und stärker: es schien das Verstummen der Scheidung zu seyn. Dies stumme Intermezzo wurde durch ein ander Lied unterbrochen: der geschiedene Liebhaber hatte eine Andre gewählt, drückte voller Berauschung seine Freude über die neue Wahl aus, triumphirte, die vorige Verletzung der Treue gerochen zu haben, und lobte seine neue Schöne von allen Seiten: das Lied tanzte so munter und frölich dahin, wie ein Triumphgesang und wurde gegen das Ende ganz übermüthig froh. Unmittelbar darauf folgte eins der wollüstigsten: der begünstigte Liebhaber schilderte voller Trunkenheit die Scene des Genusses mit lichten Farben, und was dem Ausdrucke an Kraft und Mysteriosität fehlte, ersezte Vignali durch gewisse täuschende Accente, durch wohlangebrachte Pianos, und besonders durch die angemeßne Veränderung des Tempo: die Stimme ersank, wie von der Stärke der Wonne überwältigt, und verstummte mit zitternden abgebrochenen Lauten. Herrmann stand mit ofnen Ohren und verwirrten 101 Gedanken noch auf dem nämlichen Flecke des Zimmers da, als sich die Kabinetthüre öfnete: ein labender Duft von lieblichen Wohlgerüchen athmete durch sie daher. die Göttin erschien und leuchtete durch die dämmernde Atmosphäre des Zimmers, wie ein neuaufgehender Stern: noch nie war in Herrmanns Augen ihr Gesicht so blendend, nie ihre Figur so majestätisch gewesen: der Eindruck auf seine durch den Gesang gestimmten Sinnen war hinreißend. – Ein gewaltiger erschütternder Schlag. »Sind Sie schon da?« fragte Vignali, als wenn sie nichts um seine Gegenwart wüßte. »O Sie sind ein Mensch, des Küssens werth!« – und so flog sie mit ofnen Armen zu ihm hin, drückte ihn dicht an die Brust und gab ihm einen berauschenden entzückten Kuß. Herrmann konte vor Behaglichkeit und Erstaunen sich nicht erkundigen, wodurch er einen so schönen Lohn verdient hatte: sie faßte seine Hand, streichelte, drückte und schloß sie in die ihrigen. »Sie haben Ihrem Affen den Abschied gegeben?« fieng sie an: »Sie haben sich bey der 102 Scene so meisterhaft betragen, daß ich Sie krönen muß.« – Sie nahm aus der Kommode einen Kranz von Wachs und steckte ihn mit einer großen Haarnadel auf seinem Kopfe fest, führte ihn zum Spiegel, umschlang ihn mit einem Arme und ließ ihn sich in dieser angenehmen Gruppe im Spiegel erblicken: dabey stimmte sie ein Siegesliedchen an, worinne er mit Lorbern gekrönt und unter die Sterne versezt wurde; und sie konte es ungehindert in dieser Stellung durchsingen; denn Herrmann dachte nicht daran, vom Spiegel wegzusehn, so sehr hatte er sich in die Gruppe vertieft, die darinne stand. Sie beschloß den Gesang mit einem Kusse, den er sich mit schielendem Blicke im Spiegel geben sah, wie er ihn auf seinen Lippen fühlte: er schien ihn in dem Glase mitzuempfinden. »So gefallen Sie mir!« fuhr Vignali fort und gieng umfaßt mit ihm das Zimmer hinab. »So sind Sie ganz der liebenswürdige Mensch, wofür ich Sie gehalten habe. Ein Mensch, wie Sie, konte sich unmöglich mit einer so närrischen Liebe lange abgeben: hab' ichs nicht 103 vorausgesagt? – Ein Mensch, wie Sie, kan lieben, wo er will« – Hierbey trat sie vor ihm hin und gab ihm einen sehr bedeutungsvollen Blick. »Wo er will!« fuhr sie fort. »Er darf nur anklopfen, nur winken, nur gebieten. Nur Ein Wort dürfen Sie sprechen, und Jedermann wird Ihnen mit der Liebe zuvorkommen. O Sie haben schon manche Eroberung gemacht!« – Dabey schoß sie einen zweiten verliebten Blick auf ihn und klopfte ihm die Backen. Bewegung und Rede wurden immer belebter, immer auf die Empfindung eindringender, und Herrmann blieb immer stumm: in einem so überspannten Tone war Vignali noch nie mit ihm umgegangen. Er war uns aller Fassung, so hatte sie ihn überrascht, und in seinem Kopf und Herze drehte sich alles wie in einem großen Wirbel herum. Man brachte spanischen Wein und einen Teller Gebackenes: Vignali trank zu Ehren des großen Herzenbezwingers Herrmann, zu Ehren seiner gemachten, nahen und künftigen 104 Eroberungen: er mußte dem Anstande zu Gefallen ihrem Beispiele folgen und bemerkte sehr bald eine gänzliche Revolution in sich: die trüben Schatten, die der Zorn und die Trennung von Ulriken in seinem Kopfe zurückließen, verschwanden, sein ganzer Horizont wurde lichter, und lebhaftere hellere Bilder tanzten mit muntern Gestalten rings in ihm herum. »Wo denken Sie sich nunmehr mit Ihrem Herzchen hinzuwenden, wenn ich fragen darf?« hub Vignali an. »Nirgends!« antwortete Herrmann mit einem abgebrochenen Seufzer. »Einmal getäuscht, mag ichs nicht zum zweitenmale werden.« Vignali. Nirgends? – Wissen Sie, daß Sie da eine Lüge der ersten Größe sagten? Herrmann. Keine, Madam! So gewiß dieser Wein vor meinen Augen steht, so gewiß ist dies mein fester unveränderlicher Entschluß. Vignali. Und ich wette mit Ihnen, der feste Entschluß soll schon heute nach dem Essen sehr wandelbar seyn. 105 Herrmann. Ich schwöre Ihnen, Madam – Vignali. Fi! fi! schwören Sie nicht! Wissen Sie nicht, daß man grüne Augen und schwarze Nägel bekömmt, wenn man falsch schwört? Und Sie wollten sich muthwillig ihre schönen verliebten Augen und ihre schönen fleischfarbenen Nägel verderben? – Nein, um alles in der Welt geb' ich nicht zu, daß Sie schwören. Herrmann. Sie scherzen, Madam; und ich rede sehr ernsthaft. Vignali. Auch ich! In völligem Ernste versichre ich Sie, daß Sie einen Meineid begiengen, wenn Sie die Liebe verschwüren. Herrmann. Und ich betheure Ihnen nochmals, daß ich nie wieder lieben werde. Soll ich nicht wissen, was ich will und empfinde? Vignali. O, wenn Sie das wüßten, dann redten Sie ganz anders mit mir. Herrmann. Sie sind ungemein drollicht. Warum sollt' ichs denn nicht wissen? 106 Vignali. Weil Sie nicht verliebt seyn wollen und es doch schon sind. Herrmann. Ich? verliebt? – Fürwahr, das kömmt mir izt nach einer so widrigen Erfahrung am wenigsten ein. Wenn Ulrike so gewiß tugendhaft wäre, als ich nicht verliebt bin – Vignali. Was wetten Sie? Sie sinds. Herrmann. Wetten Sie, so viel Sie wollen! Vignali. Sie sind verliebt, dabey bleib' ich, und ich weis auch in wen. Herrmann. Lustig! – In wen denn? Vignali. In mich. – Herrmann sah sie starr und bestürzt an: er war so jämmerlich in die Enge getrieben, daß er weder Ja noch Nein sagen konte. Sie füllte die Pause des Gesprächs mit einem Blicke, einer Miene aus, die ihn beinahe glaubend machten, daß sie die Wahrheit gesagt habe. »Närrchen!« sagte sie mit einer kleinen Frechheit: »das hab ich dir lange schon angemerkt, daß du in mich verliebt bist. Dein schelmisches 107 Auge hat mirs jeden Tag millionenmal gesagt. Du armes Kind! bist wahrhaftig ganz trunken von Liebe: wie dir die Backen glühn! wie du so schmachtend nach mir blickst! wie dir das kleine Herz schlägt! – Und nun gar ein Seufzer? – Du brennst ja wahrhaftig so ganz lichterloh vor Liebe, daß dir die Funken aus den Augen sprühen: nur Geduld, mein Puppchen! Ich bin eine vernünftige Frau: ich weis, was die Liebe eines solchen Amors heißt: wir wollen die Flamme schon löschen, ehe du in Asche zerfällst.« Herrmann. Madam, ich begreife nicht, was Sie mir heute noch überreden werden. Vignali. Ueberreden? – Gar nichts! Ich erzähle dir ja nur, was du fühlst, was du bist. Ich sage dir, daß du der liebenswürdigste Mensch unter der Sonne bist, ein Adonis, mit allen Schönheiten des Geistes und des Körpers geschmückt, – ein Kupido, der mit seinen Augenstrahlen tödtlicher verwundet, als mit Pfeilen, – ein Gott, den Dichter und Mahler nicht schöner erfinden können: ist denn das nicht wahr? 108 Herrmann. Vermnthlich nicht! denn das Lob ist überspannt. Vignali. Lobte die Liebe wohl jemals anders als überspannt? – Laß doch einmal sehn, ob dein Lob nicht eben so überspannt ausfallen würde, wenn du mich schildertest! Laß einmal hören! – Du schielst nach meinem Busen? Ich merke wohl, damit fiengst du dein Gemählde am liebsten an. – Wohlan! Fürs erste also, was sagst du von meinem Busen? Herrmann. Madam, Sie setzen mich außer mir: alle meine Sinne benebeln sich. Vignali. Laß sie sich benebeln! Antworte mir nur auf meine Frage! – Wie findest du meinen Busen? Herrmann. Ich finde, daß er ein Meisterstück der Natur ist, zween Marmorhügel, mit Rosen bekrönt. Vignali. Wie der Mensch so gut treffen kan! – Und dann? Herrmann. Ein Blumenpfad zwischen zween Rosengärten, wo Wonne und Entzücken strömt – zween lieblich duftende Marmortempel der 109 Liebe, wo man ihr täglich ein reichliches Opfer von Küssen bringen möchte – Vignali. In der That, diese Beschreibung ist allein schon einer Erkenntlichkeit werth. Man muß dich lieben, man mag wollen oder nicht. Du bist einzig. – Dabey erfolgte eine feurige Umarmung, die zu Opfern in dem Tempel der Liebe unausweichbare Gelegenheit gab. »Und die Hand?« fragte Vignali. Herrmann. Es ist Vignali's Hand, die man nicht schildern, nur küssen, nur drücken, nur liebkosen kan. Die Seele zittert, wenn man sie nur berührt: jedes Streicheln von ihr thut erquickender, als ein kühles Lüftchen am schwülen Abend: ein Druck von ihr belebt mit so schauernder Wonne, daß das Herz flattert und davon fliegen möchte. Vignali. Das ist vermuthlich eine Schmeicheley – Herrmann. Nein, Vignali, die selbständigste Wahrheit, gefühlte, tausendfach gefühlte Wahrheit! 110 Vignali. Aber das Lob ist doch überspannt. Herrmann. Wollen Sie meine Empfindungen schon wieder besser wissen, als ich? – O den tausendsten Theil verschweig' ich ihnen, weil ich mich zu kraftlos fühle, es auszudrücken. Vignali. Sie sind ein loser Schmeichler. Herrmann. Wenn ich Ihnen nun sage, daß ich nicht schmeichle! So wahr ich lebe! ich schmeichle Ihnen nicht. Vignali. Wer weis, was Sie mir alles heute noch überreden werden? Herrmann. Vignali, Sie ärgern mich mit Ihrem Widerspruche. Glauben Sie, daß ich ein elender fader Schwätzer bin, der Ihnen gelernte Liebestiraden hersagt? Denken Sie, daß ich zu schwach, zu dummköpficht bin, um das Schöne und Vortrefliche zu empfinden? – Bey dem ersten Besuche, den ich Ihnen machte, überzeugten Sie mich, daß Sie die größte, die hinreißendste Schönheit sind. Ich habe seit jener Stunde Ihren Werth täglich mehr empfunden: so mistrauisch ich gegen Ihre Freundschaft war, – ich bekenne izt frey, daß ich dies war, und 111 wohl mir, daß ichs nicht mehr zu seyn brauche! – aber alles Mistrauen hinderte mich nicht, Ihre Liebenswürdigkeit zu erkennen, zu bewundern, anzubeten: Vignali ist falsch, sagte ich oft, aber schön; und wenn ich damals Jemanden außer Ulriken hätte lieben können – Vignali. So wäre ichs gewesen? – Wie glücklich, wenn ichs glauben dürfte! Herrmann. Sagen Sie mir nur, was Ihnen meine Aufrichtigkeit gerade heute so verdächtig gemacht hat! Ich sage Ihnen die innersten Gedanken meiner Seele, und doch bezweifeln Sie meine Aufrichtigkeit! Vignali. Zürne nur nicht! Ich glaube dir ja. Du hättest mich also damals geliebt, wenn dich Ulrike nicht gehindert hätte? Ulrike hindert dich nicht mehr; und du liebst mich? Herrmann. Ja, ich würde! aber ich habe geschworen, nie wieder zu lieben. Vignali. Nein, Kind! Du hast nicht geschworen: besinne dich! Herrmann. Aber ich habe mir vorgenommen, ein feierliches Gelübde zu thun – 112 Vignali. Vorgenommen ist nicht gethan! So kan ich dich vor der Narrheit bewahren. – Ein Mensch von deinem Alter, deiner Figur, deinem einnehmenden Wesen will die Liebe verschwören? – Man wird sich zu dir drängen, dich bestürmen, dir die Liebe aufzwingen: siehst du nicht, wie man mich neidisch anschielt, wenn ich mit dir fahre, mit dir gehe? wie alle Augen auf dich nur gerichtet sind? wie die Damen sich zischeln, dich anlächeln, dir gern gefallen möchten? wie alle vom höchsten und niedrigsten Stande stehn bleiben, wo sie dich erblicken, dir nachsehn, einander halbleise zurufen: »ah, ein allerliebster Mensch! ein sehr schöner Mensch! ein Mensch zum küssen! zum aufessen!« – und dabey fliegt dir mancher Seufzer, mancher zärtliche Blick entgegen. Vor zwey Tagen lorgnirte dich eine alte alte Dame in der Komödie so lüstern, so schmunzelnd, als wenn sie durch deinen Anblick wieder verjüngt würde: – Und ein so allgemein geliebter Mensch will der Liebe entsagen? Wie lange wird man dich denn das Gelübde halten lassen? – Siehst du nun die 113 Thorheit ein? – Liebe, liebe und laß dich lieben! Wenn du nicht mehr lieben kanst, dann thue dein Gelübde! Izt genieße der Liebenswürdigkeit, womit dich die Natur nicht umsonst beschenkt hat! Herrmann. O Vignali! Sie sind eine verführerische Frau. Vignali. Aber doch zu deinem Besten, zu deiner Glückseligkeit? – In unaufhörlichem Taumel überfüllender Freuden, von Vergnügung zu Vergnügung hineilend, immer überflüssig reich an Wonne, stets genießend und doch nie gesättigt, immer nach neuer Lust lechzend – nennst du das keine Glückseligkeit? Herrmann. Schweigen Sie, Vignali! sonst schwatzen Sie mir meine ganze Vernunft hinweg. Vignali. Ah, quel drôle! Was willst du denn nun vollends gar mit der Vernunft? Was geht dich die Vernunft an? – Lerne von mir, was leben heißt, und wie man leben muß! – Sie erzählte ihm nunmehr eine Menge 114 verliebter Geschichten, die sie bey ihrem Aufenthalte in Paris erlebt hatte, mahlte ihm die wollüstigsten Scenen mit Freiheit und ohne Schleier, und unterrichtete ihn in allen Geheimnissen der Buhlschaft, daß er in diesem einzigen Abende Kenntnisse erlangte, die ihm Paris in Jahren nicht hätte verschaffen können. Die Schamröthe, die zu Anfange ihrer Erzählungen seine Wange färbte, verwandelte sich bald in das glühende Roth eines innern Wohlgefallens, und in allen Muskeln des Gesichts drückte sich das Arbeiten seiner aufgeregten Fantasie aus. Er fühlte ungekannte Regungen, ein Feuer, das tief ins Mark drang: alle Fibern waren vom süß hinabschleichenden Weine gespannt, Blut und Lebensgeister liefen in übereiltem gedrängtem Tumulte durch Adern und Nerven, und ungeheure Massen von üppigen Bildern rasch und dicht hinter einander durch den Kopf. Sie speisten allein zusammen: der Gerichte waren wenige, aber alle ausgesucht leckerhaft und stark gewürzt. Herrmanns gereizte Neubegierde führte nunmehr selbst die Fortsetzung des 115 abgebrochnen Gesprächs wieder herbey: der Ton wurde immer kühner, immer freyer, die Beschreibungen immer unverhüllter: er schien mit allen begeisterten Sinnen in einer See von Entzücken zu schwimmen, die Augen verengerten sich und blinkten nur noch durch schmale Ritzen hindurch, alle Gegenstände bemahlten sich mit den Farben des Regenbogens, sein Mund sprach durch ein unaufhörliches inniges Lächeln, er zitterte vor Gluth, und sah Vignali nur noch mit seiner Fantasie, wie sie mit ihm alle die Scenen des Vergnügens durchwanderte, die sie ihm eben izt geschildert hatte: alle Herzoginnen, Markisinnen und berühmte Schönheiten, von welchen ihm Vignali erzählte, spatzierten in den bezauberndsten naktesten Reizen, die ihnen seine Einbildungskraft sogleich lieh, durch den Kopf, und alle sahen, wie Vignali, aus: wenn ihm seine Gedanken einen erzählten Auftritt ausmahlten, waren die handelnden Personen allemal Vignali und er. In dieser Berauschung wäre nichts leichter gewesen, als den überwältigten, seiner unmächtigen Herrmann allmälig auf den entscheidenden 116 Punkt zu führen: allein Vignali gerieth in der Verfolgung ihres Siegs außer Fassung: die Freude, ihrem Zwecke so nahe zu seyn, machte sie hitzig, und die Vorstellung seiner Unverfehlbarkeit verleitete sie, in der Gradation einen Sprung zu begehen. Sie lenkte den eingeschläferten Liebhaber mit einer zu raschen Wendung von der Erzählung fremder Gegebenheiten auf sich und ihn: sie stand plözlich vor seinen Augen, wie eine freche unzüchtige Buhlerin, nicht mehr unter dem Bilde verführerischer Liebe, die unmerklich hinreißt, sondern als ein foderndes geiles Weib. Dieser beleidigende Anblick schoß, wie ein Lichtstrahl, durch seine Seele und verscheuchte auf einmal alle Schatten des Traums, welche sie umhüllten: er sprang mit empörter Empfindung und unwilliger Verachtung auf. »Vignali, ich verabscheue Sie!« rief er zornig und gieng. Sie riß sich hastig empor und eilte ihm nach: allein in der Uebereilung des ersten Schreckens verwickelte sie sich in ihre losflatternde Kleidung und stürzte: eben so schnell rafte sie sich wieder auf und erwischte ihn 117 noch bey dem Arme: als er eben die Thür zumachen wollte, zog sie ihn mit allen Kräften wieder herein. Sie wollte schlechterdings siegen und wiederholte ihren Sturm mit so vieler Unbesonnenheit, daß er sich gewaltsam aus ihren Armen wand und sie von sich stieß. – »Laß mich, unwürdige Buhlerin!« rief er: »du bist mir ein Abscheu.«–Er gieng auf sein Zimmer. Vignali wütete fast über diese unerwartete Katastrophe: sie tobte, wie in einer Verirrung, in dem Zimmer herum, riß sich den Kopfputz herunter und warf ihn an die Erde, das schöne Gesicht wurde zum wahren Medusenkopfe vom Zorne gemacht, das weiße Atlaskleid zerknittert und beschmuzt, vom Leibe gerissen und auf einen Stuhl geschleudert: der schöne Marmorbusen kochte vor Aerger und wollte zerspringen. In diesem verwilderten Zustande brachte sie die halbe Nacht zu: ein reicher Thränenstrom quoll aus den aufgeschwollnen Augenliedern, und kaum war ihre Hitze durch ihn ein wenig gemildert, so sann sie auf Entwürfe, den Unglücklichen auf 118 das empfindlichste zu demüthigen, der sie so empfindlich gedemüthigt hatte. Desto froher und entzückter triumphirte Herrmann über die errungnen Lorbern, als wenn er den Euphrat und Ganges überwunden hätte: sein eignes Verdienst stieg in seinen Augen desto höher, wenn er an die Gefahr zurückdachte, in welcher er schwebte, und wie nahe er dem Unterliegen gewesen war, fast nur ein Haarbreit davon entfernt. Vignali war ihm durch die lezte Uebereilung so verächtlich, so widrig, so ekelhaft geworden, daß er an ihre glühende wollüstige Miene und ihre freche Stellung nicht denken konte, ohne den lebhaftesten Abscheu wider sie zu empfinden. Er dünkte sich ein unüberwindlicher Held der Tugend und glaubte mit stolzer Zuversicht, nunmehr die gefährlichsten Angriffe überstehn zu können. Voll Uebermuth gieng er den Morgen darauf sehr zeitig zum Thee, um durch seinen Triumph die gedemüthigte Ueberwundne noch mehr zu kränken. Vignali war sehr freundlich und höflich, aber äußerst niedergeschlagen: je mehr sie 119 ihren Mißmuth merken ließ, je mehr zwang er sich zur Aufgeräumtheit und Lustigkeit: je weniger und einsylbiger sie sprach, je geschwätziger und lebhafter plauderte er: alle seine Geberden und Mienen waren angestrengt munter, und man konte im eigentlichen Verstande von ihm sagen, daß er im Angesicht des überwundnen Feindes sein Te Deum anstimmte. Vignali senkte den Blick, nahm Verschämtheit und Verwirrung an und sagte ganz abgebrochen mit unterdrückter Stimme: »Lieber Herrmann, ich muß Sie wegen einer Unbesonnenheit um Vergebung bitten, die mich in Ihren Augen nothwendig erniedrigen muß.« – »Das ist alles längst vergeben und vergessen!« rief Herrmann mit freudigen Verbeugungen, ohne zu merken, daß Vignali ihn durch ihre Reue mehr hintergieng, als er sie durch seine Großmuth. Vignali. Bey Ihnen vielleicht, aber nicht bey mir! Sie sind in der That ein gefährlicher Mensch: ich merke wohl, man muß auf seiner Hut bey Ihnen seyn: Sie können so unvermerkt 120 das Herz wegstehlen – und Sie wissen, wie schwach ein weibliches ist! – so unvermerkt hinreißen, daß man aus aller Fassung geräth und halb verwirrt handelt. Sehn Sie alles gestern Vorgefallne als Handlungen einer Verrückten an: auch war ichs wirklich: die Liebe, womit Sie mich erfüllten, hatte meinen Verstand angegriffen: ich raste. Herrmann. Denken Sie nicht mehr daran! Eine solche Kleinigkeit – Vignali. Nein, Herrmann, für mich ists keine Kleinigkeit, wenn es gleich ein Mensch, der so edel und großmüthig denkt, wie Sie, dafür hält. Welche weggeworfne verächtliche Meinung muß ich Ihnen von mir eingeflößt haben? Man muß so erhaben denken, wie Sie, um mich nur eines Anblicks zu würdigen. Aber nehmen Sie meine Reue zur Versöhnung und den Zustand der Verirrung, in welchen mich das Feuer der Liebe versezte, zur Entschuldigung an! Wollen Sie mich hassen? – ich hab' es verdient. Wollen Sie mir den kleinen Rest von Liebe erhalten, den Ihre Güte in Ihrem Herze für mich 121 noch übrig gelassen hat? – es ist ein Geschenk, das ich mit Stolz und Dankbarkeit empfange und durch die feurigste Gegenliebe erwiedern werde. Herrmann. Geben Sie meiner Liebe keinen solchen Werth! Sie ist meine Pflicht. Ich thue wahrhaftig nur meine Schuldigkeit, wenn ich Sie liebe. Vignali. Spötter! Herrmann. Ich versichre Sie auf mein Leben, ich spotte nicht. Kan man bey einer Venus wohnen und sie nicht anbeten? Vignali. Ich vergebe diesen beißenden Scherz Ihrem Uebermuthe: ich dächte, meine Reue hätte mehr Schonung verdient, als solche empfindliche Spötteleyen. Herrmann. Ich schwöre Ihnen bey meiner Seele, ich spotte nicht. Vignali. Schweigen Sie! ich kenne diese Sprache. Sie sollten aber nur bedenken, daß ich ein Weib bin und Sie ein Mann sind, und daß ein Weib Mitleiden und keinen Spott verdient, wenn die Liebe ihre Ueberlegung zu 122 Boden wirft: inzwischen muß ich auch meinem Geschlechte die Gerechtigkeit wiederfahren lassen, daß es nur wenige Männer giebt, wie Sie. Sie sind ein wahres Muster von Tugend und Standhaftigkeit. Herrmann. Madam, Sie beschämen mich. Vignali. So ein heroischer Muth! so ein männlicher Widerstand gegen die Versuchung. Ohne mir schmeicheln zu wollen, unter tausend, vielleicht zehntausend Mannspersonen würde nicht einer so herzhaft der Macht der Liebe getrozt haben. Ihr Heroismus verdiente einen Platz in der Chronik von Berlin. Herrmann. Das, das ist Spott, Madam: aber so sehr Sie sich vielleicht innerlich darüber aufhalten werden, so muß ich Sie doch ernsthaft versichern, daß ich über alle Verführungen der Liebe hinaus bin: das dank' ich den Grundsätzen der Ehre und des Gewissens, womit mich mein Lehrer, wie mit einem doppelten Schilde, bewafnet hat: mich schrecken keine Gefahren, weil mich keine überwinden. Vignali's Schönheiten können mir Liebe einflößen, aber nie 123 bewegt mich Schönheit noch Liebe zu einer Handlung, die meine Ehre brandmahlte; die mich in meinen Augen verfluchenswerth machte; die mich zeitlebens, wie eine Hölle, peinigte: – nie, nie bewegt mich etwas zu einer solchen Vergehung, das betheure ich Ihnen zuversichtlich. Vignali. Wahrhaftig, man möchte vor Ihnen auf die Kniee fallen: Sie sind ein Gott. – Aber mich däucht, auch Jupiter ließ sich oft von Nimphen fangen? Herrmann. Ihres Jupiters lach' ich: der verdiente fürwahr kaum Aufwärter in einem Bordelle zu seyn – der schwachköpfichte Jupiter! Vignali. Aber er hatte Eine Tugend – er bildete sich nicht mehr Stärke ein, als er besaß. – Sie sagte dies mit einem bedeutungsvollen Ernste: aber Herrmann, ob er den Verweis gleich verstund, lachte insgeheim desselben. Er ward so stolz auf Vignali's Demüthigung, daß er sich mehr solche Versuchungen wünschte, um sie, wie Herkules die Ungeheuer, zu bekämpfen und zu besiegen – so sicher ward er durch sein 124 gestriges gutes Glück, daß er sich von Herzen freute, als ihm Vignali Nachmittags einen Besuch bey Lairessen vorschlug. – »Aha!« dachte er: »da blüht ein zweiter Lorber für dich!«   Fünftes Kapitel. Kaum waren sie bey Lairessen fünf oder sechs Minuten gewesen, als sich Vignali eines nöthigen Besuchs erinnerte und Herrmannen bis zu ihrer Rückkunft zu verziehen bat: sie gieng und begab sich heimlich in die Nebenstube. Lairesse war neben der Tänzerin auch einige Zeit Schauspielerin gewesen, in beiden zwar gleich mittelmäßig, aber sie hatte doch zuweilen im Nothfall auch zweite Liebhaberinnen gespielt. Ohne Zweifel mochte sie dies auf den Einfall bringen, ihren Unternehmungsplan ganz theatralisch einzurichten. Sie sprachen einige Zeit von lieben und geliebt werden, und Herrmann, der erst während seines Aufenthalts bey Vignali so 125 hochgelehrt in diesem Fache geworden war, redte darüber mit zufriedner Selbstgenügsamkeit: Lairesse wußte nicht mit dem zehnten Theile seiner Erfahrung und Beredsamkeit davon zu sprechen, ob sie gleich seit ihrem siebzehnten Jahre im Tempel der Liebe diente. Plözlich sank sie in Ohnmacht – aber nur in eine künstliche Ohnmacht, versteht sich! Man sagte ihr als Schauspielerin nach, daß sie nur zwo Aktionen meisterhaft zu machen verstünde – sich wie ein Klotz auf das Theater hinzuwerfen und in Ohnmacht zu fallen: man versicherte deswegen, daß sie die größte Aktrice des Erdbodens seyn würde, sobald Jemand ein Stück von lauter Ohnmachten schriebe. Auch gelang ihr die gegenwärtige so täuschend, daß ihr Herrmann mit ängstlicher Besorgniß sein vergoldetes Riechfläschchen in die Nase goß: das war ein unseliger Streich, der dies Meisterstück von Ohnmacht durchaus verdarb; denn die Menge der hinabströmenden stark riechenden Essenz verursachte ihr einen erstickenden Husten: doch zog sie sich sehr gut aus dem widrigen Zufalle: sie schlug mit richtiger 126 Steigerung des wiederkommenden Lebens und mit einem zärtlichen Blicke nach Herrmannen die Augen auf und blieb liegen, wie sie die Ohnmacht auf das Kanape hingeworfen hatte. »Was haben Sie denn?« fragte Herrmann. »O du Ungeheuer!« antwortete Lairesse mit kraftlosem Zorne: »du wirst mich wohl noch umbringen.« Herrmann. Ich? Lairesse. Ja, du, du! Herrmann. Ich erstaune. Wie das? Lairesse. Daß du so schön und doch so unempfindlich bist! Ich armes Mädchen bin in dich verliebt, so lang ich dich kenne: so oft ich dich nur sehe, wandelt mir eine Ohnmacht an; und du, kieselhartes Herz, thust gar nicht, als wenn du meine Noth wüßtest. Ich werde gewiß noch vor Liebe sterben, wenn du mir nicht beyzeiten zu Hülfe kömmst. Komm, du Pavian! gieb mir einen Kuß! – Sie zog mit diesen Worten den neben ihr stehenden Herrmann nach sich hin und nahm sich den Kuß mit einer so zweydeutigen Umarmung, 127 daß sich der Tugendheld nach einer flüchtigen Anwandelung von süßer Schwachheit losriß und mit stolzem Muthe, wie ein tapfrer Ritter, der abermals ein Abentheuer glücklich bestanden hat, auf sie herabsah. »Ach, der vermaledeyte Kuß!« fieng Lairesse wieder halb ohnmächtig an: »da wird mir schon wieder schlimm. Komm mir zu Hülfe, du Unmensch! Ich ersticke: mache mir Luft!« »Lairesse!« sagte Herrmann mit trocknem Lächeln: »geben Sie sich nicht zu viele Mühe! Ich errathe Ihr Spiel: so fängt man mich nicht.« »Seht mir einmal das Affengesicht!« rief Lairesse lachend und sprang auf. »O lacht ihn doch aus! Da wird man dich lange fragen: willst du mich gleich im Guten lieben? oder ich drücke dir die Kehle zu.« Wirklich faßte sie ihn auch so fest bey dem Halse, daß er zu ersticken glaubte und sich mit Mühe von ihren Armen losmachte. »Lairesse, das ist Beleidigung, aber nicht Scherz,« sprach er unwillig. Lairesse. Denkst du, daß ich scherze? – 128 Hab' ich dirs denn nicht deutlich gesagt, daß ich dich liebe? Aber ich weis schon, ich bin nicht die erste, die du hast verschmachten lassen. Herrmann. Desto besser! So können Sie sich um so viel leichter beruhigen. Lairesse. Desto schlimmer! willst du sagen. – Fürwahr, ich schämte mich: so ein hübscher Mensch und thut so steif und hölzern, wenn sich ein Mädchen die Mühe giebt, sich in dich zu verlieben! Bin ich dir denn nicht hübsch genug? – Ueber den Delikaten! Herrmann. Zur Gesellschafterin sind Sie mir hübsch genug: und mehr verlang' ich nicht. Lairesse. Aber damit bin ich nicht zufrieden. Gesellschaft ohne Liebe ist etwas kahl. Herrmann. Auch daran soll es nicht fehlen: ich liebe Sie, und habe Sie geliebt, so lange wir einander kennen. Lairesse. Und das ist deine ganze Liebe, wie sie bisher gewesen ist? – Die ist verzweifelt trocken und langweilig. Ich will dich eine bessere lehren. Aber du Heuchler! kennst sie lange. Herrmann. Und wenn ich sie kennte? 129 Lairesse. So wärst du Schläge werth, daß du so unwissend thust und dich nicht gescheidter aufführst, als ein kleines Kind. – Stehst du nicht da, wie eine Bildsäule? – Sie sang ihm ein Liedchen vor, dessen Hauptgedanke war, daß Genuß der lezte Zweck der Liebe ist, und die lezte Strophe schloß sich: Einladend winkt ein Sofa dir, Gepolstert für die Liebe – »Schweigen Sie!« unterbrach sie Herrmann. »Entheiligen Sie nicht einen Namen, der nur auf Ihrer Zunge und nicht in Ihrem Herze ist! Ich will Ihnen mit zwey Worten sagen, wie ich hierüber denke. Liebe und Buhlerey sind bey mir zwey verschiedene Dinge: merken Sie sich das!« Lairesse schlug ein Gelächter auf, als wenn sie springen wollte. – »O du hochweiser Stockfisch!« rief sie und stieß ihn von sich. »Ich will die Leute auf der Gasse zusammen rufen, daß sie dich auslachen helfen. Der Mensch redt, wie ein Schulmeister. – Lieber Herr Schulmeister, seyn Sie doch nicht so grämlich! – Die Buhlerey! wo hast du denn das Wort her?« 130 Herrmann. Das Wort ist alt: aber die Sache hab' ich izt an Ihnen wahrgenommen. Lairesse. Die Buhlerey? – Was der Mensch für ein Orakel ist! Ein lebendiges Buch der Weisheit bist du. Herrmann. Und Sie ein verbuhltes Mädchen! Lairesse. Ihre Dienerin! – Warum misfällt denn Euer Hochweisheiten das Buhlen so sehr? Herrmann. Weil die Stimme der Ehre in mir ruft, daß ich mich nicht wegwerfen soll. Lairesse. Mit mir wirfst du dich weg? – O mein kleiner Herr, Er muß sichs für eine Ehre rechnen, daß ich mich mit Ihm abgebe. Prinzen, Lords, Grafen, Barone haben meine Gütigkeit mit Dank erkannt: man ist so verlegen nicht, wie Sie denken. Ihr kleines Persönchen mag in Ihren Augen sehr liebenswürdig seyn: aber solche Schlaraffengesichter kan man alle Tage haufenweise bekommen, wenn man nur wollte. Herrmann. Lairesse, Sie werden so beleidigend, daß ich zürnen muß. Lairesse. Allons , zürnen Sie doch! Sie werfen doch nicht etwa die Leute mit Goldbörsen todt? – Der arme Schlucker! spricht so weise, wie ein Buch! will sich nicht wegwerfen! Ich würfe mich weg: wissen Sie das? Herrmann. Sie werden so unverschämt, daß ich gehn muß. Lairesse. Geh! geh! Wer hat denn dich Polisson gerufen? – Aber noch eins! Du bist ein Narr. – Dies sagte sie ihm in einem leisen vertraulichen Tone und wollte die Lobrede mit einer derben Ohrfeige begleiten: doch Herrmann fieng ihre Hand auf, ergrimmte, hub den Stock in die Höhe und drohte: »Ich werde dich strafen, du niederträchtige Dirne!« Lairesse. Strafe mich! hier steh ich. Siehst du hier zehn Finger? und an jedem einen Nagel? Alle zehn sollen sie dir auf den ersten Schlag in deinen Schelmenaugen liegen. – Herrmann gieng, um nicht zu einer Mishandlung hingerissen zu werden. In der Thür knipp sie ihn von hinten zu empfindlich in die Arme. – »Wirf dich nicht weg!« schrie sie. 132 Herrmann drehte sich, und der Zorn übernahm ihn so sehr, daß er den Stock mit der völligen Absicht zu strafen aufhub. – »Schlagen Sie zu!« rief Vignali hereintretend: »das Geschöpf hat es verdient.« – Sie glühte vor Aerger; und da Herrmann ihren Befehl nicht vollzog, gab sie Lairessen einen empfindlichen Stoß mit der Faust und sagte leise zu ihr: »Du bist ein tummes Vieh: nun kanst du noch heute dein Packet zusammenmachen.« »Kommen Sie! wir wollen gehn,« sprach sie außer Athem und nahm Herrmanns Arm.»– Vignali! Vignali! das war stark verrathen: auch merkte Herrmann nunmehr das ganze Spiel, das er vorhin nur dunkel argwohnte. Dem Herrn von Troppau wurde seit dieser Zeit von Vignali tägliche und stündliche Vorstellung gethan, daß er Lairessen den Abschied geben sollte, und nach einigen Weigerungen willigte er, obgleich sehr ungern, darein: Lairesse kam, demüthigte sich vor Vignali, bat um Verzeihung, und der Herr von Troppau mußte sie behalten. 133   Sechstes Kapitel. Vignali sahe nunmehr wohl ein, daß sie den unrechten Weg gewählt hatte: sie nahm sich also vor, dem Tugendhelde durch unaufhörliche Schmeicheleyen und Gefälligkeiten unvermerkt vollends einzuflößen, was zur Liebe noch fehlte, ihm durch wollüstige Gespräche seine Einbildung noch mehr aufzuregen, ihn bey der Eitelkeit anzugreifen, und vielleicht durch dieses Mittel ihm eine so heftige Leidenschaft beyzubringen, daß ihn am Ende die Begierde selbst zu einem Schritt hinrisse, dem er izt so standhaft auswich. Ulrike war durch die unglückliche Wendung, die sein Widerstand Vignali's Plane gab, ihrer Aufmerksamkeit ganz verschwunden: obgleich Herrmann anfangs nur Mittel zur Demüthigung der Erstern seyn sollte, so wurde er nunmehr das Ziel der Unternehmung: wenigstens mußte Vignali sich erst an ihm gerochen haben, um wieder an die alte Rache gegen Ulriken zu denken. Die neue Methode glückte besser: er war 134 schon vorhin in Vignali verliebt, ohne daß er es vielleicht selbst wußte, und es wurde also unendlich leicht, einen Verliebten noch verliebter zu machen. Mit eben so vielem Glücke gelang es ihr, Galanterie und Liebe für ihn zu einer Sache der Eitelkeit zu machen: sie sprach beständig davon, daß es eine von den ersten Eigenschaften eines Mannes von Lebensart und gutem Stande sey, viele Liebeshändel zu haben: Menschen, die ohne Intrigue lebten, wurden verächtlich als Dummköpfe oder schlechte niedrige Leute verschrien. Auch hierzu war er schon längst hinlänglich zubereitet; denn die gewöhnliche Unterhaltung in allen Gesellschaften, wozu er kam, betraf Liebesintriguen, und die Wichtigkeit, womit sich die Leute behandelten, die die meisten eignen Erfahrungen hierinne zu erzählen wußten, hatte schon mannichmal den Wunsch in ihm erregt, sich eine solche Wichtigkeit zu verschaffen. So mächtig ihn also die Ehrbegierde auf der einen Seite von der Ausschweifung abzog, so sehr trieb sie ihn auf der andern Seite zu ihr hin. 135 Am liebsten wäre es Vignali gewesen, wenn sie diese Eitelkeit hätte nützen können, um ihn in einen lächerlichen Liebeshandel zu verwickeln; und vielleicht hätte er es als ein Glück ansehen können, wenn er weniger vorsichtig und vernünftig gewesen wäre, um ihr nicht diese Freude zu machen: sie hätte auf seine Unkosten gelacht und mit dieser geringern Rache vorlieb genommen. Es bot sich ihr eine Gelegenheit dazu dar. Ihm gegenüber wohnte eine alte Kokette, die jeden Nachmittag am Fenster die aufgetragnen Reize trocknete, womit sie des Abends in der Gesellschaft glänzen wollte. Ihr entblößter Busen schien in der Ferne eine helleuchtende Marmorfläche: auf ihren schneeweißen Wangen blühten die Rosen der Jugend, und blaue strotzende Adern liefen über die Schläfe hin. Herrmann sah mit Verlangen nach dieser einladenden Schönheit: sie bemerkte seine Aufmerksamkeit sehr bald und suchte sie durch ihre Koketterie noch mehr auf sich zu ziehen: aus Blicken wurden Gestikulationen: ein jedes verstand schon des Andern Sprache. Herrmanns galante 136 Eitelkeit hatte nunmehr ihr Ziel gefunden: wer war glücklicher? – Vignali, die die stumme Unterredung aus den Fenstern sehr bald auskundschaftete, zog ihn damit auf und machte ihn so treuherzig, daß er sich sein Geheimniß entwischen ließ. Sie ermunterte ihn, eine so schöne Prise nicht fahren zu lassen, sondern sobald als möglich Besitz davon zu nehmen: sie entwarf ihm sogar einen Operationsplan und versprach ihren Beistand. Was die Wollust nicht vermocht hatte, vermochte beinahe der Ehrgeiz: ohne zu überlegen, wie empfindlich er abermals Vignali beleidigte, daß er die Liebe einer Unbekannten suchte, nachdem er die ihrige verschmäht hatte, ließ er sich halb in die Unterhandlung ein: Vernunft und Eitelkeit stritten so gewaltig in ihm, daß er wankte und sich bald als einen Narren betrachtete, der Unsinn begehen wollte, bald als einen feinen Mann, der es in der Kunst zu leben bis zur Galanterie gebracht hatte. Während dieses Schwankens zwischen Vernunft und Thorheit riß ihn sein gutes Schicksal auf einmal aus der Verblendung: er hatte sehr oft hinter 137 dem Vorhange des nämlichen Fensters, an welchem Nachmittags so eine glühende Schönheit prangte, vormittags einen runzlichten alten Todtenkopf lauschen sehn, der sich sogleich zurückzog, wenn er ihn zu genau betrachtete. Eines Nachmittags führte das Schrecken, weil ein Feuergeschrey einen plözlichen Auflauf in der Straße verursachte, Herrmanns Geliebte vor der Zeit ans Fenster, ehe die Schöpfung ihrer Schönheit vollendet war: sie besann sich zwar bald und fuhr wieder zurück, aber der Galan hatte doch ein Gesicht erblickt, das halb Tag und halb Nacht war, vom Kinne bis zu den Augen glänzend weiß und an der Stirn schwarzgelb, wie ein Mulatte, auf den Wangen blühten keine Rosen und über den Augen hiengen, statt der schön gewölbten schwarzen Bogen, ein Paar struppichte Büschel graue Haare. In der ersten Ueberraschung that er die Frage an Vignali, wer die Misgeburt sey: sie konte sich das Vergnügen nicht versagen, ihn zu beschämen, und antwortete: »Ihre Liebe! – Ihre Liebe!« rief sie noch einmal und lachte seiner, als er 138 erschrocken, verlegen, verwirrt vor ihr stand, sich gern durch Ausflüchte helfen wollte und nicht konte, weil sie ihn nicht dazu ließ. »Nun sollen Sie Ihre Schönheit werden sehn,« sprach Vignali. »Des Morgens ist sie ein Ungeheuer, daß man die Kinder mit ihr zu fürchten machen könte – ein abgestorbnes gelbsüchtiges Affengesicht. Von zehn Uhr bis um eins wird ihr der ellenhohe Haarpuz mit der Menge dicker Locken auf den kahlen Wirbel gebaut und an die dünnen grauen Borsten, die noch daraufstehn, angekleistert, angesteckt und angenäht. Wenn dieser chinesische Porzellänthurm von Schaafwolle und Ziegenhaaren aufgeführt ist, dann ißt sie eilfertig ein Paar Bissen, um hurtig wieder zur Toilette zu kommen. Vor Tische wurde das Dach aufgesezt, nun wird das beräucherte leimenfarbne Haus angestrichen. Der Busen, so weit er sichtbar ist, das ganze Gesicht und selbst Hände und Arme werden mit weißer Tünche überworfen – da kömmt Sie! Izt trocknet sie die weiße Glasur an der Luft.« – Ueber eine Weile gieng die kalkweise Schönheit 139 vom Fenster weg. – »Ah, rief Vignali, die Tünche hat Ritze bekommen: nun werden sie ausgefüllt und das Ganze mit der Kelle sehr zierlich geebnet; denn das ist wahre Mäurerarbeit, müssen Sie wissen.« – Einige Zeit darauf fieng Vignali wieder an: »Aufgeschaut! izt sind ihr an den eingesunknen Schläfen jugendliche blaue Adern gewachsen!« Herrmann. Woher hat sie so schnell diese herrlichen blauen Adern bekommen? Vignali. Sie kauft sie bey meiner Zwirnfrau: für einen Dreyer kriegt sie Adern auf ein halbes Jahr, und jeden Tag hat sie neue. O die Frau ist sehr wohl daran: sie kauft ihre Reize in Büchsen und kan sich die Dosis so stark geben, wie sie es nöthig hat. – Endlich langte die schnellaufgeblühte Schönheit in dem lezten Punkte ihrer Reife mit schönen funkelnden rothen Backen an. »Sie fallen doch nicht in Ohnmacht?« sprach Vignali zu Herrmann. »So ein frisches sechzigjähriges Mädchen reißt hin. Der arme galante Herrmann! verliebt sich in eine Schminkbüchse!« 140 Der arme Herrmann mußte noch unendlich mehr dergleichen Hönereyen ausstehen, und die außerordentliche Geduld, womit er sie ertrug, bewies, daß Vignali ein großes Vorrecht in seinem Herze haben mußte; denn da Lairesse dazu kam und sich ins Spiel mischte, brach seine Empfindlichkeit sogleich los. Aber wie er sich seiner Thorheit schämte, als er mit sich allein war! Seit der Zeit war an keine Galanterie mehr bey ihm zu gedenken: weiter konte seine Eitelkeit nichts von ihm erhalten, als daß er sich die Miene davon gab, sich vorsichtig nirgends einließ, aber doch beständig den Schein annahm, als wenn er sich mit einer Menge einlassen wollte, oder gar schon eingelassen habe. Sonach fehlte nicht viel, daß er in dieser Schule zum Gecken wurde: ein Paar Gran weniger Verstand! so war der Thor fertig. Er lernte in den Abendgesellschaften und Vignali's Umgange meisterlich persifliren, von jeder Sache im verächtlichen spöttelnden Tone sprechen, feine Unverschämtheit in Reden und Betragen, eine Dreistigkeit, die fast an die Keckheit gränzte: 141 seine Ehrbegierde strebte nicht mehr mit Adlerflügeln zu großen rühmlichen Handlungen empor: durch gesellschaftliche Artigkeiten, durch Gefälligkeiten und Achtsamkeit zu gefallen, war izt ihr Ziel. Die Sphäre seiner Ruhmsucht, die sonst die halbe, wo nicht die ganze, Welt umfaßte, war izt ein kleiner Kreis von Damen und Herren aus der schönen Welt, und ein gelungenes Kompliment, eine glückliche Lüge, eine beklatschte artige Bosheit, ein belachter Einfall gab ihm itzo so viel Entzücken, als sonst die edlen Thaten der Antonine und aller großen Männer, mit welchen ihn Schwinger bekant machte. Gefühl des Großen, Erhabnen, Begeisternden ertrug seine Seele kaum mehr: sie war nur dem Angenehmen, dem Reizenden, dem Ergötzenden offen: aus dem stolzen hochfliegenden Adler war ein artiger bunter Kolibri geworden. Freilich leuchtete immer, auch selbst wenn sich Betragen und Reden dem Geckenhaften näherten, sein großer gesunder Verstand hervor, und sogar seine Narrheiten hatten eine gewisse Würde, die zu erkennen gab, daß der Mensch sich bemühte, 142 weniger zu seyn, als er sollte und konte. Sein gutes Herz gab ihm oft empfindliche Stiche, wenn er einen ehrlichen Einfältigen zum Besten hatte; aber wie sollte er es unterlassen, da es ihm den Beifall aller einbrachte, die er belustigte? Seine Beurtheilung lehrte ihn oft das Geschmacklose, das Unmoralische eines Einfalls, und doch sagte er ihn, weil er belacht wurde: seine Vernunft rief ihm unaufhörlich zu – »Du thust Thorheit!« – und doch that er sie. Das sind alles warnende Lehren, die nicht eher gehört werden, als bis das Schicksal, wie ein Schulmeister, mit einem wohlgemeinten Hiebe die Ohren öfnet. Und Ulrike? – Die arme Vergeßne trauerte, härmte, verzehrte sich unterdessen, und hofte auf eine Gelegenheit, um ihren verirrten Heinrich von ihrer Unschuld zu überzeugen. 143   Achter Theil. Erstes Kapitel. Wie weit Vignali mit ihrer Operation in kurzer Zeit fortrückte, und welch' eine starke Dosis von Liebe sie ihm beygebracht haben mußte, beweist nichts so deutlich, als ihre Gewalt über seine tiefsten festgewurzelten Neigungen und Gesinnungen. Keine Freundschaft war ihm so heilig, als die seinige gegen Schwingern: sie gründete sich auf Dankbarkeit, und Dankbarkeit war seine erste Tugend. Er hatte wohl den guten Mann unter den unaufhörlichen Zerstreuungen, Vergnügungen und dem erschlaffenden Müßiggange seines itzigen Lebens vergessen: er dachte und empfand gegenwärtig ganz anders, als sein Freund, bedurfte seiner nicht; was konte ihn also an ihn erinnern? Unvermuthet empfieng er einen Brief von ihm, der im März geschrieben, im März von dem 146 Kaufmanne, bey welchem er in der Lehre gestanden hatte, nach Berlin gebracht und izt zu Anfange des Junius erst abgegeben wurde: er hätte seine Wohnung nicht eher auskundschaften können, ließ er sagen. Das sanfteste Gefühl der Freude überströmte den Jüngling, als er eine so lange nicht gesehne Hand erblickte, und mit inniger Wehmuth fühlte er den Abstand seines gegenwärtigen und vorigen Lebens: es war, als wenn ihm ein Freund aus fernen Landen nach langer Trennung wiederkäme und ihn izt umarmte: alle Vergnügen und Leiden seiner ersten Jugend, alle Verbindlichkeiten seines Freundes überlief er mit schneller Erinnerung und vergaß vor Rührung über die sonderbare Leitung seines Schicksals den Brief zu öfnen. Indem er so ganz wieder der vorige gutdenkende starkempfindende dankbare Herrmann war und sich in Empfindungen und Vorstellungen versezt fühlte, die ihm sein bisheriges Leben fremd gemacht hatte, kam Vignali auf sein Zimmer. – »Sie haben, glaub' ich, einen Brief bekommen?« fieng sie an. »Ja,« antwortete Herrmann mit entzückter 147 Freude, »von meinem einzigen besten Freunde, dem ich alles zu danken habe, was ich bin, die Bildung meines Verstandes und Herzens, mein Fortkommen. Vignali, das ist für mich der erste Mensch unter der Sonne, mehr als Vater und Mutter; und ich bin so entzückt über sein freundschaftliches Andenken, daß ich weinen möchte. Ich bin in der äußersten Rührung und« – Vignali. Doucement, Monsieur, doucement! Ich will Ihnen den Brief vorlesen: da Sie bis zu Thränen gerührt sind, werden Sie vermuthlich nicht gut sehen können. Soll ich? Herrmann. Ja, Vignali, lesen Sie! lesen Sie! – Sie sezten sich: Vignali wurde zu ihrem Leidwesen inne, daß der Brief teutsch war, und Herrmann mußte ihn also Periode für Periode ins Französische übersetzen. Er las: »Unbesonnener Freund,« »Der Mann ist wohl Schulmeister?« fragte Vignali: Herrmann stuzte über den Anfang und fuhr fort: 148 »Muß ich abermals die Feder ergreifen, um dich zu züchtigen?« Vignali. Potz tausend! der Mann wird böse: er greift nach der Ruthe. »Hast du allen Verstand, alle Ueberlegung in deiner Vaterstadt zurückgelassen, daß du so höchstunsinnig handelst?« Vignali. Der Pedantist verrückt: ihm mag wohl der Verstand fehlen, daß er so schreiben kan. »Welche eiserne Stirn gehörte dazu, um dem Grafen statt seiner Schwestertochter eine verbuhlte liederliche Dirne zuzuschicken?« Vignali. Sie haben das gethan? O Sie sind bewundernswerth! Hurtig, erzählen Sie mir die Geschichte! – Herrmann erzählte ihr mit einiger Verlegenheit den Vorfall und entschuldigte sich mit seiner Liebe zu Ulriken, daß er den Kaufmann durch eine falsche Aussage verleitet habe, dem Grafen statt ihrer ein Bordelmädchen zu überbringen. »Darüber entschuldigen Sie sich?« rief 149 Vignali und brach in ein erschütterndes Gelächter aus. »Das ist ein Streich, der eine Ehrensäule verdient: Sie sind werth, daß man Sie anbetet. Die Bosheit ist nicht mit Gelde zu bezahlen. – Und was sagt Ihr Schulmeister dazu?« »Den Zorn des Grafen, der unter seinen eignen drückenden Angelegenheiten vielleicht verdampft wäre, hast du von neuem zur Flamme gebracht: er hat geschworen, daß er nicht ruhen will, bis du für diese Bosheit bestraft bist; und gewiß! sie verdient Strafe.« Vignali. Der Mann ist ein Narr: sie verdient Altäre, sollte er sagen. »Hat dich ein kleines Glück, welches du nach dem Berichte deines gewesenen Lehrherrn gefunden hast, schon so übermüthig gemacht, daß du keines Menschen mehr achtest, selbst derjenigen nicht, die dir schaden können? O lieber Freund, ein Schreiber Der Kaufmann mußte Schwingern diese Unwahrheit sagen, weil ihm Herrmann, als er zu Vignali zog, überredet hatte, daß er Schreiber werde, wie im 2. Bande auf der 354. Seite erzählt worden ist. , 150 selbst in einem angesehnen Hause, hat keinen so hohen Posten, daß dich ein Mann, wie der Graf Ohlau, nicht mit seiner Rache erreichen könte; und wenn du auf der höchsten Staffel der Ehre und des Wohlseyns säßest, so sollte dichs in der Seele schmerzen, daß du ihn mit so kränkendem Muthwillen beleidigtest, ihn, der dir Gutes that.« Vignali. Das ist sehr erbaulich: der Mann predigt, wie ein Pfarr auf der Kanzel. »Ich weis nicht, welche Einbildung mich noch immer beredet, alle deine bisherigen Vergehungen für Uebereilungen zu halten: mache, lieber Freund, daß meine Einbildungen mich nicht täuschen. Du wohnst itzo an einem Orte, der freilich wohl nicht so schlimm ist, wie ihn viele übertriebene Sitteneiferer verschreien, aber zuversichtlich schlimmer, als dein Vaterstädchen: unter einer so viel größern Menge 151 Menschen müssen mehr Gute, aber auch mehr Böse, als bey uns, seyn. Ich sagte mir also, da ich deine Vergehung an dem Grafen erfuhr: vielleicht hat ihn der Ton des Leichtsinns und Muthwillens, der in solchen Städten herrscht, angesteckt: Bosheit war es gewiß nicht: nein, nichts als jugendlicher Uebermuth, vielleicht gar die Eingebung und Anstiftung eines leichtfertigen Jünglings, der sich für seinen Freund ausgiebt: izt lege die Hand auf dein Herz und frage dich, ob ich recht gewähnt habe!« Vignali. Ah! das ist ja so herzbrechend, daß man gähnt. Ein Muster von Bußtagsrede! »Daß ich richtig geurtheilt habe, daran zweifle ich gar nicht mehr; und damit nicht die Verderbniß der großen Stadt dich eben so leicht ergreife, als dich bereits ihr Leichtsinn angesteckt hat, will ich dir einen Vorschlag der Freundschaft thun. Der Oberpfarr in G., auf dessen Platz ich schon 152 vor dem Jahre vertröstet wurde, ist gestorben, und ich werde im May seine Stelle antreten« – Vignali. Hab' ichs nicht gesagt? Der Mann ist ein Pfarrer: dergleichen Vögel erkennt man bey dem ersten Tone, den sie singen. »Komm zu mir! wohne bey mir! sey mein Freund, wie ich der deinige seyn will! Wir wollen uns die Zeit durch Lesen und Gespräche, ökonomische Geschäfte und ländliche Vergnügungen vertreiben. Du bist freilich noch jung und köntest nach deiner Kraft und Thätigkeit der Welt besser dienen, als daß du mein Gesellschafter wirst: und wenn du schon zuverlässige, nicht blos eingebildete Aussichten dazu hast, will ich kein Wort mehr verlieren: hast du diese nicht und du willst bessere bey mir erwarten, wohl! so eile und sey meiner Liebe willkommen! Ich habe aus einer Ursache, die ich dir hernach vertrauen will, das Gelübde gethan, nie zu heirathen: ich habe mir von meiner bisherigen Einnahme 153 jährlich hundert Thaler zurückgelegt und also ein Kapital von tausend Thalern zusammengebracht: diese sind dein, wenn ich sterbe. Mein künftiger Platz wird auf sechshundert jährliches Einkommen gerechnet: was ich von ihnen erspare, samle ich für dich, damit du mit der Zeit, wenn uns der Tod trennen sollte, einen Handel oder ein andres Gewerbe anfangen kanst.« Vignali. Das ist sehr edel: nach einem so schlechten Eingange hätte ich nicht so etwas Gutes erwartet. »Mein Herz wünscht sehnlich, daß du meinen Vorschlag annehmen mögest. Da G. eine gute Meile von dem Schlosse des Grafen ist, so wird er dich weder sehn, noch erfahren, daß du bey mir bist: erfährt ers ja, so will ich alles thun, um ihn für dich auszusöhnen; und es wird mir hoffentlich gelingen, da die Baronesse nicht mehr auf dem Schlosse ist, noch jemals wieder da wohnen wird; denn ihr Schicksal ist beschlossen. Ich setze zum voraus, daß du 154 deine thörichte Neigung gegen sie bezwungen hast: ist es noch nicht ganz geschehen, so fliehe zu mir! Erfülle dein Herz ganz mit den Empfindungen der Freundschaft, daß die Liebe keinen Platz darinne findet. Wir wollen uns lieben und leben wie Brüder; und meine stille Einsamkeit soll dir mehr Freude gewähren, als das Geräusch der größten Stadt. Welche Glückseligkeit wird den Rest meines Lebens bekrönen, wenn ich ihn mit dir zubringe! mit dir, der in meinem Herze wohnt, wie er von nun an in meinem Hause wohnen soll! »Nu, mein kleiner Abgott?« unterbrach ihn Vignali und sah ihn mit einem durchdringenden Blicke voll Zärtlichkeit und Liebe an: »wirst du den Vorschlag annehmen?« Herrmann. Fast möcht' ich, Vignali! mein ganzes Herz hängt dahin: aber – Vignali. Aber ich habe zuviel Mitleiden für die arme Vignali und zuviel Dankbarkeit für ihre Liebe, um eine Trennung vorzunehmen, die sie ins Grab bringen würde: – dachten Sie nicht so? 155 Herrmann. Nicht mit so vielem Stolze, aber mit eben so vieler Liebe! Mein Freund ist mir lieb: aber Sie, Vignali – – Ich will zu meinem Freunde. Vignali. Das nenn' ich plözliche Entschliessung; denn das Gegentheil schwebte Ihnen schon auf der Zunge. Wir wollen sehn, ob Sie bey dem Entschlusse beharren. – Lassen Sie doch indessen Ihren bezaubernden Brief weiter hören! »Du wirst um so viel freudiger in mein Verlangen willigen, wenn ich dir die Nachricht gebe, daß dein größter Feind auf immer von uns entfernt ist. Ich meldete dir in meinem lezten Briefe 2. Bnd. 281. S. , daß Jakobs Vater durch seinen eignen Sohn in gerichtliche Untersuchung wegen seiner Spitzbübereyen gerathen sey, und daß der Sohn sich bemühe, ihn wieder davon zu befreyen, damit seine eignen Schelmenstücke nicht durch das Bekenntniß des Alten an den Tag kämen: er brachte auch wirklich den Grafen so weit, daß er die Inquisition einzustellen befahl. Plözlich nahm die 156 Sache eine unvermuthete Wendung. Der Vater sezte sich durch die Verschaffung einiger Summen zur Schuldenbezahlung seines Herrn auf einmal wieder in völligen Kredit, und ehe man sichs versah, stund er wieder in seinem vorigen Posten. Als nunmehriger Oberaufseher rächte er sich auf das empfindlichste an seinem Sohne: unter dem Scheine der Gerechtigkeit, als wenn er aus Liebe für den Grafen seines eignen Sohns nicht einmal schonte, brachte er es durch geheime Angebungen dahin, daß Jakob in der größten Ungnade fortgejagt wurde, und der Himmel weis, wohin ihn sein Schicksal getrieben hat. Nun ist also das ganze Vermögen des Grafen wieder in den Händen des Räubers, der zur Verringerung desselben das Seinige aus allen Kräften beygetragen hat. Dein gewesener Lehrherr hat sich fast zwey Monate hier aufgehalten und wollte nicht von der Stelle gehen, bis er sein Geld hätte: kaum war er befriedigt, 157 so erschienen schon andre Mahner. Man spricht sehr stark von Sequestration, weil die Gläubiger so häufig und so ungestüm fodern. Niemand dauert mich mehr, als die arme Gräfin: sie hat sich ihres Schmuckes beraubt und die gelöste Summe dem Grafen durch Jakobs Vater, als von einem Fremden vorgestrecktes Geld, anbieten lassen: dadurch hat sie ihren Gemahl auf einige Zeit gerettet, ohne daß er es weis, und doch ist sie die Lastträgerin seiner mürrischen Laune: sie bemüht sich unaufhörlich, seine Verdrießlichkeit zu zerstreuen, und bekömmt nichts als üble Begegnung dafür zum Lohne: sie ist abgehärmt, bleich, entstellt, daß man sie kaum kennt; und doch ist sie gegen Jedermann, der ihren Kummer nicht wissen soll, freundlich, und nimmt sogar, wenns nöthig ist, eine Munterkeit an, die ihr sehr wohl glückt. Dein toller Streich hat sie sehr aufgebracht und ihren Haß gegen dich vermehrt: doch hat sie mir, als ich lezthin mich für die 158 erhaltne Pfarrstelle bedankte, anvertraut, daß der Graf Ulrikens Schicksal sehr mildern werde, wenn sie um Gnade bittet. Wenn sie weise ist, so ergreift sie dieses einzige Mittel, um sich von dem Untergange zu retten. Man weis, daß sie auf eine ehrliche Weise, obgleich unter ihrem Stande, in Berlin lebt: man weis das Haus, wo sie sich aufhält: ergreift sie das angebotne Rettungsmittel nicht, dann mag sie sich es selbst zuschreiben, wenn man sie durch härtre Maasregeln zur Vernunft bringt.« »Dein Vater hat, wie ich höre, den unsinnigen Streich begangen und schon in der Mitte des Februars den Leinweber, wo er sich aufhielt, und seine Frau heimlich verlassen: wo der tolle Mann herumschweift, weis Niemand.« »Um dir, als einem Freunde, den ich in mein Herz geschlossen habe, kein Geheimniß zu verhelen, habe ich dir hier die Abschrift eines Briefs von Fräulein Hedwig 159 beygelegt, der für mich ein Bewegungsgrund geworden ist, nie zu heirathen so lange sie lebt.« »Wer ist das Thier?« fragte Vignali. Herrmann entwarf ihr kürzlich mit etwas komischen Farben das Porträt der Fräulein Hedwig; und Vignali wurde so begierig, ihren Brief an Schwingern zu hören, daß er ihn sogleich vorlesen mußte. Hochwohlehrwürdiger künftiger Herr Seelenhirte,         Trautester Herr Pastoris , »Gott, der Allmächtige, schuf ein Männlein und ein Fräulein, daß sie beide würden Ein Leib, und erweckte dem Stamvater unser aller aus seiner Rippe eine Gehülfin, die um ihn sey, und so Freud als Leid mit ihm theile, und welches der liebe Gott heutiges Tages nicht mehr thut, weil die Hülle und die Fülle da sind, daß ein weiser Mann sich durch eine vorsichtige Wahl darunter auslesen mag, wenn er etwa benöthigt 160 sey, sich eine conjugam oder sociam thori durch eine mariage beyzulegen. Da nun erfahren habe, daß Dieselben durch die hohe Vorsorge Eu. hochgräflichen Excellenz eine Seelensorge und curam pastorum bekommen haben, so gratulire Denenselben ergebenst, wünschend, daß er auch bald Dero inclination allväterlich leiten möge und Denenselben eine Gehülfin bescheren, die um Ihnen sey, damit sie eine curam corporis erhalten, wie er Ihnen izt eine curam animorum mitgetheilt hat. Da nun Dieselben, mein liebwerthester Herr Pastor , mir beständig als ein gottesfürchtiger, leutseliger und wohl conduisirter Mann bekant gewesen sind, so kan nicht bergen, daß schon längst wahren estime und inclination für Dieselben gehabt habe, will auch nicht verhelen, daß vermöge meiner inclination wohl wünschte, Dieselben mit einer tugendhaften und frommen Gattin, auch treuen fleißigen Hausfrau versorgt zu sehen. Da nun Gott der Herr den Ehestand selbst eingesezt und anbefohlen hat, und insonderheit die Herren Seelenhirten dazu gesezt und verordnet sind, daß 161 sie ihren anvertrauten Seelen mit gutem Beispiele vorgehen sollen und lebendige Lehren geben, so kan nicht unterlassen, Denenselben vorzustellen, daß mein Stand wohl verdient in consideration gezogen zu werden, und daß meine übrigen Qualitaeten , ohne Flatterie von mir zu reden, mich zu einer Frau Pastorin wohl capable machen. Da nun eine Fräulein bin und Dieselben vermuthlich wegen meines Standes nicht gewagt haben, mir Ihre inclination zuerst anzutragen, so habe nicht ermangeln wollen, Ihnen zu averti ren, daß mir Dieselben mit einem solchen Antrage angenehm und willkommen seyn werden, auch daß Dieselben sich keines refus oder repulses zu versehen haben. Die ich in Erwartung einer baldigen Antwort mit wahrem estime und vollkommner inclination lebenslang verharre Meines trauten Herrn Pastori , zum Gebet verbundne Dienerin, Hedwig Gottelieba Charitas von Starkow . 162 Vignali konte nicht vom Lachen zurückkommen, ob ihr gleich Herrmanns Uebersetzung nur die Hälfte von den Schönheiten des Briefs zu genießen gab. »Und Ihr Herr Seelsorger,« sprach sie, »ist so einfältig gewissenhaft, daß er einem solchen tummen Thiere zu Gefallen nicht heirathen will? Fürwahr, man weis nicht, wer von beiden das tümmste ist. – Aber wir sind ja mit seinem Briefe noch nicht fertig: übersetzen Sie mir doch den Rest vollends! – »Spotte nicht über die Schwachheit einer alten dürftigen Person! habe Mitleiden mit ihr! Sie befindet sich in kümmerlichen Umständen, weil ihr bey der itzigen Verwirrung ihre Pension nicht richtig ausgezahlt wird, die ohnehin klein genug ist. Zu welchen mißlichen lächerlichen Schritten verleitet nicht Hunger und Stolz? Vignali. O das ist ja das ewige Evangelium! ein unausstehlicher Prediger! Machen Sie, daß wir fertig werden, oder ich schlafe ein. 163 »Und nun, liebster Freund meines Herzens! eile, komm in meine wartenden Arme! Wenn du kein Verlangen nach mir empfindest, sondern mein Anerbieten gar ausschlägst: dann fürchte ich für dich, dann hat gewiß eine thörichte Leidenschaft wieder Wurzel bey dir geschlagen. Noch ist dir Hülfe zu schaffen: hast du vielleicht Ulriken in Berlin gefunden, und sezt Ihr beide Eure unsinnige Liebe fort, weil euch Niemand daran hindert, so fasse den muthigen Entschluß, Berlin zu verlassen, um dich bey mir von deiner Thorheit zu heilen. Bist du izt, da du am Ende dieses Jahres bereits dein neunzehntes erreichst, noch nicht vernünftig genug, um der Stimme deines Freundes zu gehorchen, dann gebe ich dich für verloren: du kanst alsdann nicht anders als durch Unglück, durch schweres Unglück weise werden. Nur vor einem einzigen bewahre dich und Ulriken der Himmel: ihr seyd beide in dem Alter der brausenden Begierden, lebt ohne 164 Hinderniß, Zwang und Aussicht an einem Orte, wo die Wollust laut spricht und ohne Scheu handelt, wo leicht Umgang, Gesellschaft, Beispiele die Fantasie aufregen und mit verführerischen Bildern erfüllen, die wie Schwefel in das brennende Jünglingsherz hinabsinken, daß es von tausend Wünschen und Trieben auflodert: Wenn in der Stunde der Schwachheit dein feuriges Blut aufkochte und in hohen Wellen über Vorsichtigkeit und Klugheit zusammenschlüge – o Freund, die Feder sinkt mir, so erschüttert mich dieser Gedanke bis ins Innerste. Bleibst du in so naher Gefahr – vielleicht sizt sie dir schon auf dem Nacken – so erwarte nicht mehr die freundschaftliche Züchtigung eines Freundes: wie einen Unwürdigen will ich dich züchtigen und selbst an deiner Festsetzung und Bestrafung arbeiten: wer sich nicht zur Weisheit leiten läßt, muß von Elend und Schmerz mit Ruthen zu ihr gepeitscht werden. Aber, bester Freund, noch immer hoffe ich, du wirst 165 eine so harte Besserung nicht brauchen, und unter dieser Voraussetzung bin ich Dein Freund, Schwinger .         Herrmann war durch den Schluß des Briefes tief gerührt: allein Vignali höhnte und belachte ihn so viel über seine Rührung, daß er sie nicht nur verbarg, sondern auch unterdrückte. Sie arbeitete mit allen Kräften ihres boshaften Witzes, ihn wider Schwingers strafende Sprache aufzubringen, und legte ihm unaufhörlich ans Herz, daß sie eine Beleidigung seiner Ehre sey. – »Mit einem Menschen, wie Sie, so im Tone des Präzeptors zu reden!« rief sie einmal über das andere aus. »Einen Menschen, wie Sie, züchtigen zu wollen! Es ist schon ein Verbrechen, daß der Schulmeister mit einem Menschen, wie Sie, in so vertrautem Tone spricht; und Sie leiden gar, daß so ein Pedant einen Menschen, wie Sie, züchtigen will? Züchtigen!«– Herrmann 166 entschuldigte zwar seinen Freund, allein durch das ewige »ein Mensch, wie Sie!« schwoll doch sein Ehrgeiz so stark auf, daß er endlich Schwingers starke Sprache für beleidigend erkannte. In der Abendgesellschaft wurde seine unsterbliche That, wie Vignali den Betrug nennte, den er dem Grafen Ohlau mit einer falschen Ulrike gespielt hatte, belacht, beklatscht und bis zum Himmel erhoben: Vignali sezte ihm zum Scherz bey Tische eine dampfende Räucherpfanne vor, um ihm, wie einem Halbgotte, zu räuchern. Ebenso fand Jedermann Schwingers Brief unverschämt, grob, beleidigend, weil ihn Vignali so fand: Jedermann schalt Schwingern einen Pedanten, einen Schulmeister, weil ihm Vignali so schalt: man spottete auf das unbarmherzigste über seinen Stand und machte den Brief durch boshafte Verdrehungen und muthwillige Glossen so lächerlich, daß er auch in Herrmanns Augen sehr viel von seinem Werthe verlor. Des Morgens darauf war der Brief Vignali's erstes Gespräch. – »Die Beleidigung, die Ihnen gestern wiederfahren ist,« fieng sie an, »hat mir eine schlaflose Nacht verursacht: Sie wissen, wie 167 stark mich alles interessirt, was Sie angeht, und ich muß Sie antreiben, Ihre Ehre zu rächen, oder keine Ruhe haben. Selbst das Anerbieten, das Ihnen der Pedant thut, ist eine Beschimpfung. Wie? ein Mensch, wie Sie, sollte in einen einsamen Winkel zu einem Landgeistlichen kriechen und da mit allen seinen Talenten und Annehmlichkeiten im Stillen vermodern? Ein Mensch, wie Sie, der für die Welt gemacht ist, um zu gefallen, bewundert und angebetet zu werden? Was fehlt Ihnen denn, um in jeder Gesellschaft zu glänzen? Sie sind Ihres Beifalls und Ihres Glücks gewiß: Sie dürfen nur winken, so fliegen Ihnen die Herzen der Damen entgegen: wenn Sie mit Ihren angenehmen Talenten auf dem Rosenpfade der Liebe und des Vergnügens weiter fortgehn, was hindert Sie denn, vielleicht einmal eine der glänzendsten Rollen in Europa zu spielen? Damen können Minister und Subalternen machen: selbst wo ihr Einfluß so gering ist, daß sie gar nichts zu vermögen scheinen, vermögen sie doch immer genug, um einen Menschen von Ihren 168 Verdiensten emporzuheben. Fi! ich muß mich in Ihre Seele schämen, daß Sie gestern nur anstehn konten, einen so entehrenden Vorschlag abzuweisen.« Herrmann. Aber, Vignali, die Freuden der Freundschaft, ländliche Ruhe, einsames Vergnügen muß auf so ein tumultuarisches zerstreutes Leben, wie ich hier geführt habe, unendlich wohl thun: ich sehne mich nach der stillen Einsamkeit. Vignali. So hätte ich Ihnen doch fürwahr! mehr Verstand zugetraut. Was wollen Sie denn dort? – Bußpsalmen mit ihrem Herrn Pastor beten? oder über die Sündlichkeit und Bosheit der argen Welt erbauliche Betrachtungen anstellen? – Freilich, Sie haben doch wohl Gottlob! nunmehr fast neunzehn Jahre auf der Welt zugebracht und sind dieses Jammerthals, voll tumultuarischer Zerstreuungen, so satt und überdrüßig, daß Sie den Rest Ihres mühseligen Lebens in Ruhe hinzubringen wünschen. So ein lebenssatter Greis von neunzehn Jahren ist freilich wohl ein lächerliches Ding: Sie stehen freilich wohl erst an der Thür 169 des Vergnügens und der Ehre: Sie durften nur noch einen Schritt thun, um zu dem innersten Heiligthum dieser beiden Götter eingelassen zu werden: allein das bekümmert Sie nicht: das viele Glück, das viele Vergnügen schmeckt Ihnen nun einmal bitter, und Sie wünschen gar sehnlich, daß Ihnen der Tod endlich einmal Ihre neunzehnjährige Kehle abschneiden möge. – Fühlen Sie nicht, wie lächerlich Sie sind? – Fort! ich will Sie vor der Lächerlichkeit bewahren: schreiben Sie! ich will Ihnen die Antwort an Ihren Schulmeister diktiren. Herrmann. Ich bitte Sie, Vignali, lassen Sie mich keinen Undank begehn – Vignali. Keine Einwendungen! Gehorchen Sie! – Versteht der Herr Pastor französisch? Herrmann. Ja. Vignali. So schreiben Sie! »Mein lieber Herr Präzeptor, »Ich bin neunzehn Jahr alt und brauche keinen Schulmeister mehr, der mich mit 170 Ruthen züchtigt, wenn ich nach seiner einfältigen Meinung nicht Gutes thue.« Herrmann. Vignali, mein ganzes Herz widersezt sich einem so trotzigen Briefe. Vignali. Ihr Herz ist ein Narr. Schreiben Sie! »Ich bin zu alt, um mich mit so pedantischem Tone ausschelten zu lassen, aber auch zu jung, um schon mit Ihnen im Sack und in der Asche Buße zu thun. Ich habe die Ehre, Sie zu versichern, daß ich hier so viel Vergnügen genieße, als ich bey Ihnen Langeweile haben würde. Eine Frau, wie Vignali, bey welcher ich lebe, die mich liebt, schäzt und fast anbetet, vertauscht man nicht gern mit einem mürrischen moralisirenden Landpastor. – Sie können leicht daraus schließen, daß auch meiner Seits Liebe und Dankbarkeit sich einer Trennung von ihr widersetzen würden, wenn gleich Ihr lächerliches Anerbieten weniger beleidigend wäre. Herrmann. Vignali, unmöglich kan ich solchen Unsinn schreiben. Vignali. Unsinn, mein kleines Herrchen? – 171 Unsinn ist es, wenn Sie bekennen, daß Sie Liebe und Dankbarkeit gegen mich fühlen? – Du stolzer Bettler! wem bist du dein ganzes Wohlseyn schuldig als mir? Wer hat dich aus dem Kramladen herausgezogen? Wer hat dich mit glänzenden Kleidern, mit anständiger Wohnung, mit Bedienung, Bequemlichkeit und Wohlleben bisher versorgt? Wer hat dir deinen rohen kleinstädtischen Geist gebildet? Wer hat dich aus deiner schulmäßigen Denkungsart herausgerissen? wer dich von pedantischen Stubengrundsätzen und linkischen Meinungen befreyt? Wer hat dich mit den Artigkeiten der Welt, mit einnehmenden Manieren, mit gefälligen Sitten und dem Tone der guten Gesellschaft bekannt gemacht? Wer als ich? sage mir! Du bist meine Kreatur: ich will dich dein ganzes Nichts einmal fühlen lassen; und nunmehr nennst du es Unsinn, Dankbarkeit gegen die Frau zu bekennen, die dich geschaffen hat? – Wenn dir dein knurrender Präzeptor lieber ist, als deine Wohlthäterin, wohl! gehe zu ihm! wirf mir alle meine Geschenke und Wohlthaten vor die 172 Füße! gieb mir verächtlich alle Kleider und Wäsche zurück, die du von mir empfiengst, und eile, nackt, wie du aus Mutterleibe kamst, in die liebreichen Arme deines ökonomischen Landpredigers! Herrmann. Ja, Vignali, ja! ich will gehn: ich mag nicht das Insekt seyn, daß ein Weib zerdrücken oder leben lassen kan. Alle Geschenke und Gütigkeiten, die Sie mir so entehrender Weise vorrücken, sollen Ihnen durch meinen Freund bezahlt werden. Danken will ich dir, stolzes Weib, und dich verachten. Vignali. Unsinniger! trotzest du also meiner Liebe?– Alle meine Geschenke sind nichts: verachte sie! Aber eins – wag' es dies einzige zu verachten, wenn du nicht der ärgste Bösewicht der Erde seyn willst! Ist dir die heiße brennende Liebe eines Weibes nichts? Die elenden Lumpen, womit dich das stolze Weib behieng, kanst du bezahlen: aber sage mir, Trotziger, womit willst du meine Liebe bezahlen? Und wenn du einem Könige seine Schätze abborgtest, gegen die Liebe einer Frau wären sie immer eine leichte Feder. 173 Nur Liebe vergilt Liebe. – Verblendeter Thor! bedenk einmal, was Vignali aus Liebe für dich that! Wer bot dir mit zuvorkommender Güte die süßesten Vergnügungen der Liebe an, die du, Undankbarer, verschmähtest? Wer ließ dich die berauschenden Freuden der Zärtlichkeit aus vollem Becher genießen? Wer ließ dich, wenn du, wie ein Durstender, vor Liebe schmachtetest, an seinem Busen, wie ein Kind, ruhen und dich mit dem seligsten Entzücken laben? Welche Lippen eilten deinem Kusse entgegen? In wessen Umarmungen starbst du voll trunkner Wonne dahin? Wer machte dir mein Haus zum Paradiese, und deine Tage zu Tagen der Seligkeit? Wer that dies alles als die stolze Vignali, die dir noch unendlich mehr anbot als du annahmst? die dir alle ihre Delikatesse, alle Rechte ihres Geschlechts, ihre ganze Person aufopferte! die mit ihrem Blicke an den deinigen hieng, keine Freuden kannte, wenn Du nicht Theil daran nahmst, mit zärtlicher Schwachheit Tag und Nacht vor dir, ihrem Abgotte, auf den Knien lag, auf jeden deiner Winke von fern merkte, 174 dich, wie eine Magd, bediente, deinen Willen ausforschte und ihn that, ehe du noch wolltest! – Glaubst du, daß Vignali ein Weib ist, das für elenden Lohn liebt? ein Weib, das Liebhaber durch Schmeicheleyen ankörnen muß? – Nein, unter den vielen wählte nur dich mein Herz aus. Ueberdenke dies, Wahnsinniger! und dann wag' es solche Geschenke zu verachten! Wag' es, wenn dir nicht der Schlag die Zunge lähmen soll, so bald sie noch Ein undankbares Wort ausspricht! Herrmann. Vignali, schonen Sie meiner! Sie vernichten mich. – O Sie verführerisches Weib könten mich mit Ihren Reden in die Hölle locken. Vignali. Denke nicht, daß ich dich, wie eine Buhlschwester, überreden will! Nein, ich will dich blos ermahnen, gerecht zu seyn: aber wenn ich es gegen dich seyn wollte? – doch was red' ich von Gerechtigkeit gegen dich? Gegen dich, du kleiner Herzensbezwinger, kan ich an nichts als Liebe denken – O wie gefährlich ist es, mit Ihnen zu zanken! Mit Einem Blicke entwafnen 175 Sie gleich den fürchterlichsten Zorn. – Wenn Sie ja meine Liebe nicht achten – Herrmann. Leider, Vignali! acht' ich sie mehr als ich sollte. Sie haben Saiten in meinem Herze berührt, die ich nie so tönen hörte. – Vignali, warum zwingen Sie nun die Leute zur Liebe, wenn man alle Ursache hätte, Sie zu hassen? Die eine Hälfte meines Herzens möchte Sie für Ihre Beleidigung zerfleischen, und die andere vor Liebe Ihnen um den Hals fliegen. Vignali. Was das für ein schneidender Blick war, mit dem Sie das sagten! – Ich bitte Sie, sehen sie mich nicht so wild verliebt an! Sie schmelzen mir das Herz. Herrmann. Vignali, ich bin ein Undankbarer: ich habe Sie durch meinen Trotz beleidigt. Vignali. Sie mich beleidigt? – Liebes Kind, Sie irren sich. Ich machte Ihnen ja übereilte Vorwürfe über ein Paar armselige Geschenke, die kaum des Redens werth sind. Herrmann. Und ich war der Elende, der Ihr größtes Geschenk, Ihre Liebe, verkannte: – 176 aber, Vignali, wo ich Sie wieder verkenne, dann stoßen Sie mich aus dem Hause! Vignali. Nein, gewiß! In der Hitze haben Sie vergessen, was wir redten: Sie sind von mir auf das empfindlichste beleidigt worden: ich muß Ihnen Genugthuung geben. Was für eine foderst du denn, du kleiner Zauberer? Herrmann. Keine! denn ich habe sie nicht verdient. Aber um eine Wohlthat fleh ich, die ich nie genug schätzen kan – Ihre Liebe. Vignali. Du verführerischer Schwätzer! Du köntest mich mit deinen Reden in die Hölle locken. Wer mag dir denn etwas versagen, und wenn du noch so unverschämt bätest? – Und wenn ich dir nun meine Liebe verspräche, was thätest du dann? Verließest du mich und giengest zu deinem andächtigen Herrn Pastor? Herrmann. Ich wünschte, zu ihm gehen zu können, und – blieb bey Ihnen. Vignali. Gut! das wollen wir ihm schreiben. »Ich wünschte zu Ihnen kommen zu können, allein Vignali hat mich eben izt ihrer 177 Liebe von neuem so lebhaft versichert, daß ich nur für sie zu leben verlange. Unter der Voraussetzung, daß Sie dieses sehr vernünftig finden werden, bin ich Freund Herrmann .         Sogleich wurde Licht bestellt, der Brief zugesiegelt und fortgeschickt. Herrmann gieng unruhig aus dem Zimmer: in der Thür rief ihm Vignali nach: »Sie vergessen doch nicht, daß Sie eine Genugthuung bey mir zu fodern haben?« – Herrmann sah sich mit einem tiefen Seufzer nach ihr um, schwieg und gieng. Der Brief quälte ihn mit unbeschreiblicher Angst: er hätte ihn gern zurückgewünscht. Schwingern mit Undank zu begegnen, war ihm empfindlich; aber Vignali's Willen zu widerstehen, eine platte Unmöglichkeit. 178   Zweites Kapitel. So überzeugend dieses alles Vignali's Macht und Herrmanns Schwäche bewies, so trieb sie doch ihre Ueberlegenheit bey einem andern Vorfalle ein Paar Wochen darauf viel weiter. Nach Schwingers Berichte Im vorhergehenden Kapitel a. d. 158. S. hatte Herrmanns Vater schon in der Mitte des Februars den christlichen Leinweber verlassen: nach langem Herumschweifen war er im May, seinem Vorsatze Im 2. B. 288. S. gemäß, zu Berlin angekommen: allein wie sollte er ohne Adresse in dem weiten Berlin seinen Sohn finden? Er lief bey allen Kaufleuten herum, ihn auszufragen, und lief so lange, bis er zu dem gewesenen Lehrherrn seines Sohnes kam, der ihn anweisen ließ: er erzählte ihm aber zugleich in der Kürze so viel von Herrmanns itzigen Umständen, daß dem Alten der Zorn aufschwoll: er nahm sich fest vor, den ungerathenen Jungen tüchtig auszuhunzen, daß er sich zu dem vornehmen Leben hätte verführen lassen. 179 Als er in Vignali's Hause anlangte und auf seine Anfrage erfuhr, daß Herrmann hier wohne und sich in diesem Zimmer bey Vignali befinde, wollte er geradezu gehn: der Bediente hielt ihn zurück und erbot sich, seinen Sohn herauszurufen. – »Was?« rief der Alte, »der Hans Lump, mein Sohn, soll mich vor der Thür sprechen?« – Aber es ist Madam Vignali's Zimmer, erwiederte der Bediente. – »Was geht mich deine Madam Maulaffe an?« schrie der Alte und stieß ihn von sich. »Ich will hinein, und wenn hundert Madams drinne steckten.« – Auch gieng er wirklich, ohne nur anzuklopfen, ins Zimmer. Herrmann erkannte sogleich seinen Vater und erschrak bis zum Zittern: der Alte hingegen lief mit aufgehobnem Stocke auf ihn zu. »Du Halunke!« war sein Gruß. »Bist du schon so hochmüthig geworden, daß du deinen Vater vor der Thür sprechen willst? Sag mir einmal, Schurke! wie wärest du denn auf die Welt gekommen, wenn ich nicht gethan hätte? Und nun soll sich dein Vater bey dir, Hans Lump, erst melden lassen? 180 Daß dus weißt, ich habe deine Mutter bey dem Leinweber sitzen lassen und bleibe bey dir. Nille hat den Durchbruch so gewaltig gekriegt, daß kein ehrlicher Mann bey ihr aushalten kan; und der Leinweber ist auch so ein verflucht frommer Kerl, daß sie mich beide so lange gepeinigt haben, bis ich davon lief. Der Narr meinte, ich wäre so ein roher Heide, daß die Gnade gar nicht bey mir durchschlagen könte: für den rohen Heiden gab ich ihm eine derbe Ohrfeige und gieng meinen Weg. – Ihr habt verdammt schlechten Brantewein in Eurer schönen Stadt: ich habe noch keinen gescheidten Tropfen hier getrunken. – Ja, mein lieber Sohn, da hab' ich etwas rechtes ausgestanden. Im Fieber kont' ich mich meiner Haut nicht wehren, da mußt' ich beten, daß mir hören und sehen vergieng. Da ich wieder bey Kräften war, ließ ich mich nicht länger plagen: ich sagte ihnen geradezu, daß sie ein Paar Narren wären, die man ins Tollhaus bringen sollte, und daß ich beten wollte, wenn ich Lust hätte: aber in der Krankheit mußt' ich alle Stunden ein Gebetbuch durchlesen: das war ein elendes Leben! – Aber 181 sage mir, Heinrich! läßt du mich denn so trocken dasitzen? Ich dächte. du köntest deinem Vater wohl etwas vorsetzen.« Herrmann bat, ihn auf sein Zimmer zu begleiten, um Madam Vignali nicht zu belästigen, allein der Alte versicherte ihn, daß es hier sehr hübsch wäre. Er hatte während seiner Erzählung bereits einen Stuhl in Besitz genommen und saß mit voller Bequemlichkeit da, den Hut auf dem Kopfe und den Rücken nach Vignali gekehrt, die er in der ersten Berauschung seines väterlichen Grußes ganz übersah. Sie erschnappte aus seiner Anrede gerade die wenigen teutschen Worte, die sie verstund: sie hörte ihn sehr oft »Vater« wiederholen, und sogar die Benennung »mein lieber Sohn«: Herrmanns Bestürzung, als der Fremde hereintrat, die Freude, die mitten aus seiner Verwirrung hervorleuchtete, und die beständige Unruhe, womit er von Zeit zu Zeit nach ihr hinsah, machten ihr die Vermuthung ungemein wahrscheinlich, daß es sein Vater sey. Sie fragte ihn französisch, ob sie recht vermuthet habe, und eine gewisse falsche Scham 182 hielt ihn zurück, einen Mann ohne Sitten für seinen Vater vor ihr zu erkennen: er ließ ihre Frage unbeantwortet und suchte den Alten durch alle mögliche Vorstellungen auf sein Zimmer zu bringen: er war unbeweglich. Vignali sezte ihm auf der andern Seite mit gehäuften Fragen zu, daß er ihr endlich ein gestammeltes unruhiges » Oui « zur Antwort gab. Der Alte fuhr indessen ungehindert in seinen Reden fort, schlug auf den Tisch und machte tausend von seinen geräuschvollen Geberden: besonders schalt er seinen Sohn aus, daß er sich wider seine Warnung mit dem vornehmen Leben eingelassen habe. – »Was ist denn das für ein Mensch?« fragte er endlich und wies auf Vignali. – »Ich bitte um etwas mehr Anständigkeit in den Ausdrücken,« antwortete Herrmann mit ärgerlichem Tone. Der Vater. Was? du willst deinen Vater lehren, wie er reden soll? Wenn ich mich nicht zu sehr freute, dich wiederzusehn, ich drückte dir das Genicke ein, wie einem Krammetsvogel. Ich will reden, wie mir der Schnabel gewachsen ist; 183 und daran soll mich so ein vornehmer Hundejunge, wie du, nicht hindern: kein Kaiser und kein König solls, so lang er mir nicht die Zunge ausschneiden läßt. Wenn ich nur erst meinen Gaum gelezt habe, dann solls besser gehn. Aber sage mir nur, was du da stehst, wie ein alter Kehrbesen? So rühr dich doch! In den schönen Zimmern gehts verzweifelt hungerleidig zu: denkst du, daß ich satt werde, wenn ich die bunten Wände ansehe? Schaff etwas Gutes zu essen und zu trinken! dann wollen wir etwas rechtes zusammen schnaken. – Du Bube, frissest hier, wie ein Papagey im goldnen Käfig, lauter artige feine Leckerbissen, und dein armer Vater hat drey Monate her gelebt, wie ein Hundsfott: es fehlte nicht viel, so mußt' ich das Brod vor den Thüren suchen. Ich habe meiner Nille alles Geld mitgenommen, was noch da war: sie mag sehn, wie sie sich etwas verdient. Sie ist ja unter Dach und Fach, und ich muß, wie ein Storch, in der Welt herumfliegen. – Das Leben bey dem Leinweber war ein verfluchtes Leben: ich mußte Garn winden, wie ein 184 Waisenjunge, und meine Nille spann und betete laut dazu. Der Leinweber sang und accompagnirte mit seinem Weberstuhle: ich fluchte und knurrte, wie ein Bär: das war eine Teufelsmusik. – Hol mir Feuer! ich will mir mein Pfeifchen indessen anstecken, bis etwas zu trinken kömmt. – Was lauerst du denn? Deinen Vater mußt du bedienen, wenn du gleich eine ganze Goldfabrik auf dem Kleide hättest. – Vignali, als sie ihn ein kleines beräuchertes Pfeifchen aus der Tasche ziehen sah, erzürnte sich und sprach unwillig zu Herrmann: »Sie werden doch ein solches Schwein nicht für Ihren Vater erkennen? Ich will ihn fortjagen lassen.« – Sie klingelte dem Bedienten. Herrmann, voll kochender Unruhe, lief ihr nach und beschwor sie, keine Gewalt zu gebrauchen. – »Wenn Sie sich unterstehen,« sprach sie drohend, »gegen irgend Jemanden zu bekennen, daß er Ihr Vater ist, so zittern Sie! Glauben Sie, daß Vignali sich mit der Gesellschaft eines Menschen entehren wird, der einem solchen Urang-utang angehört?« – 185 Der Bediente erschien, und Vignali gab ihm Befehl, diesen Wilden aus dem Hause zu schaffen, in Güte oder Gewalt. Herrmann bat den Bedienten inständigst, ihm nicht unsanft zu begegnen, weil er betrunken sey. Der Vater. Was? dein Vater wäre betrunken? Herrmann. Ich kenne keinen Vater, der sich ungesittet aufführt. Der Vater. Du vergoldeter Halunke, willst deinen Vater verläugnen? – Die Hand wird dir aus dem Grabe wachsen. Herrmann. Ein ungesitteter Mann kan mein Vater nicht seyn. – Vignali. Führt ihn fort, den Trunkenbold! – Der Bediente faßte ihn an und zerrte ihn nicht mit der sanftesten Manier nach der Thüre hin: der Alte fluchte und schimpfte unaufhörlich auf seinen gottlosen Sohn und die Hure, die ihn verleitete, ihn zu verläugnen, riß sich von dem Bedienten los und trat mitten ins Zimmer. »Sage mir,« rief er geifernd, »bin ich nicht dein Vater?« – Nein! antwortete Herrmann 186 hastig mit erstickender Beklemmung. – »O so schlage dich aller Welt Donnerwetter in die Erde zusammen, du Höllenbrut!« – das war sein Abschied; denn der Bediente schleuderte ihn unversehens zur Thür hinaus, und Vignali schob den Riegel vor. Herrmann lief, wie ein Halbrasender, im Zimmer herum, schlug sich an die Stirn und rief aus: »O ich bin ein Ungeheuer, und Sie, Vignali, machen mich dazu.« Vignali. Ein Thor sind Sie! – Bedauern Sie es noch, daß Sie von der schönen Anverwandtschaft befreyt sind? Herrmann. Aber er ist mein Vater! Vignali. Und sollt' es nicht seyn! Auch die Melone wächst aus Miste. Es ist unverschämt, daß Sie ihn in meiner Gegenwart für Ihren Vater erkannten. Ueberlegten Sie nicht, was ich empfinden mußte, den Menschen, den ich mit meiner Freundschaft beehre, als den Sohn eines solchen Ungeheuers zu erblicken? Wenn Sie es nicht überlegten, so will ich Ihnen sagen, was ich empfand – ich schämte mich Ihrer. – 187 Diese Anverwandtschaft bleibt ein Geheimniß unter uns beiden: wo Sie noch sonst Jemanden Antheil daran haben lassen dann veracht' ich Sie. Herrmann. Und wenn Sie mich auf der Stelle mit der empfindlichsten Verachtung straften, so kan ich kein Barbar seyn und meinen Vater im Elende schmachten lassen. Vignali. Wer verlangt denn das? – Er soll essen und trinken, so viel ihm beliebt: nur Ihr Vater darf er nicht seyn. Ich will ihm einen Louisdor geben: dann mag er den Weg wieder nach Hause suchen. – Sie rief dem Bedienten, der mit der Nachricht zurückkam, daß der Mann verrückt seyn müßte; er sey gar nicht aus dem Haus zu bringen. Er überlieferte ihm auf Vignali's Befehl den Louisdor, allein der Alte warf ihn fluchend auf die Erde und gieng mit den schrecklichsten Verwünschungen fort. »O des empfindlichen Knabens!« fieng Vignali spöttelnd an, als der Bediente dieses 188 erzählt hatte. »Sie sollten sich schämen: wahrhaftig, die Thränen stehn Ihnen in den Augen.« Herrmann. Und mein Herz zerfließt darinne. Vignali. Sie haben ein lächerliches Herz: es weis immer nicht, was es will. – Wer ist Ihnen mehr? Vignali oder dieser Irokese? – Wenn Sie diesen vorziehn, begleiten Sie ihn. Herrmann. Das will ich! Tausendmal besser, ein Bettler seyn, als die ersten heiligsten Pflichten der Natur verläugnen! Vignali. Aber mein lieber Gewissenhafter! Du nimmst doch auch die arme Vignali mit, wenn du gehst? – Denn ich bilde mir ein, du liebst die Frau zu sehr, als daß du sie so allein lassen solltest. Ich kan mich irren: aber ich bilde mir fest ein, daß du nicht ohne mich seyn kanst. Herrmann. Ich möchte, daß Sie nicht wahr redten! Vignali. Aber ich dächte auch, die Frau hätt' es um dich verdient; sie liebt dich so zärtlich und pflegt dich, wie einen Prinzen: das 189 verdient allerdings Erkenntlichkeit; und du bist gewissenhaft – o so gewissenhaft, daß man dich einmal kanonisiren wird! So ein dankbarer Mensch gäbe wohl einer solchen Frau zu Gefallen zwey Väter hin, und Mutter und Großmutter noch oben drein; und die Frau, die dies kleine Opfer fodert, ist gewiß eine gute Frau – die beste Frau, die ich kenne! Meinst du das nicht auch? Herrmann. Ich wollte, daß ich Ihre Vortreflichkeit weniger empfände. – Vignali, beherrschen Sie mich nicht so tirannisch! Der Himmel weis es, wie Sie mit Einem Worte, Einem Blicke meine Seele regieren: sind Sie allmächtig, daß Sie so meine besten Gesinnungen und Entschließungen zu Boden stürzen? Immer fühl' ich, daß ich anders handeln sollte: aber nein! ich muß handeln, wie Sie wollen. Selbst meine feurigsten Begierden und Wünsche stehen still, wenn Sie gebieten. Ich fürchte jede Minute, daß Sie mich zum häßlichsten Verbrecher machen werden. Vignali. Also sind wir ja einig? – Sie 190 thun, was Sie wollen, und Sie wollen, was ich will: es läßt sich keine bessere Harmonie denken. Bilde ich, närrisches Weib, mir nicht ein, wir hätten uns einmal wieder gezankt, und ich wäre Ihnen Genugthuung schuldig? – Wie ist mir denn? Ich bin Ihnen wirklich noch eine schuldig: wissen Sie nicht, von unserm lezten großen Zanke her, da ich Sie so gröblich beleidigte? – Du saumseliger Mahner! wirst du mir bald die Schuld abfodern? – Sie führte ihn ins Kabinet und leitete ihn unter mancherley Wendungen so weit, daß er nur noch um Einen Gedanken von dem Entschlusse entfernt war, seine Schuldfoderung zu befriedigen. Die unendlichen Reizungen, womit ihn Vignali bestürmte, schläferten, wie ein Ammenlied, sein Bewußtseyn und Nachdenken ein: mit umwölkten Sinnen, in glühendem Traume, mit hinreißender Begierde stand er dicht am Abgrunde seines Falles: plözlich rollte mit lautem Geräusch das schlecht befestigte Rouleau am Fenster herab: das Schrecken verscheuchte seinen Traum, seine Sinne öffneten sich, er sah um sich 191 her, erblickte Vignali in enthülltem Reize der Liebe, zitterte und taumelte, als wenn ihn ein Dämon hinwegpeitschte, zum Kabinet hinaus. Auch Vignali war durch das Getöse des Rouleau's so erschreckt worden, daß sie ihn gehen ließ, ohne ihm nachzusetzen. Dies war der höchste Sieg, den sie über ihn erlangte: vielfältig gelang es ihr, ihn dem entscheidenden Schritte so nahe zu führen, und jedesmal rettete ihn, genau untersucht, der Zufall – ein herabrollendes Rouleau, ein Lichtstrahl, der plözlich auf sein Auge fiel und ihn aus seiner Trunkenheit schreckte, ein ungefähr aufsteigendes Bild der Fantasie, eine Idee, die durch den Kopf fuhr, der Himmel weis woher, eine schnell dazwischen kommende Empfindung – ein solches Etwas, gleichsam wie vom Winde dahergeweht, weckte sein Gefühl für Würde und Ehre auf, riß plözlich die Stärke seines Geistes aus dem Schlummer empor: die Schüchternheit der ersten Begierde und die Scham eines edeln Herzens, das nicht der empfundne Genuß, sondern blos die Reize einer verführerischen Frucht locken, 192 vollendeten seinen Sieg: er schmachtete nach dem einladenden Apfel und mußte ihn fliehen, ärgerte sich, ihn nicht gepflückt zu haben, und dankte dem guten Schicksale, das seinen zulangenden Arm zurückzog. Jedesmal wurde er vorsichtiger, wünschte, es nicht zu seyn, und war es nicht, wenn ihn neue Reizungen einluden: jedesmal zitterte er vor der Gefahr, wünschte sie sich wieder und eilte ihr entgegen, wenn sie sich zeigte. Nicht wollen und doch wollen, verwerfen und doch begehren, vermeiden und doch suchen war der Lebenslauf seines Herzens. 193   Drittes Kapitel. Vignali, die über den zaghaften Liebhaber bis zum Zähneknirschen zürnte, hatte das Unglück, nicht lange darauf eine sehr herzangreifende Nachricht von ihren besoldeten Aufpassern zu erfahren: sie meldeten ihr, daß der Herr von Troppau einen Brief, von unbekannter Hand geschrieben, erhalten habe und seitdem Ulriken mit ihrer Untergebnen oft zu sich auf das Zimmer kommen lasse, daß er sich zu ganzen Stunden mit ihr unterrede, und daß sie jedesmal sehr vergnügt und froh sich von ihm trenne. Zween Tage darauf berichtete ihr der Kammerdiener, daß er den Brief in seines Herrn Schreibeschranke gefunden und weiter nichts als die Unterschrift » Le Comte d'Ohlau « habe lesen können. Noch den nämlichen Tag erfuhr sie, daß der Herr von Troppau bey seiner Schwester gespeist habe, was er in zwey Jahren nicht gethan hatte, und nach Tische lange allein mit ihr in ihrem Kabinet gewesen sey. Mehr brauchte Vignali nicht, um sich diese sonderbaren Begebenheiten zu 194 erklären: sie errieth die ganze Geschichte auf ein Haar und machte sogleich Anstalt, ihren Muthmaßungen Gewißheit zu geben und den vermutheten Anschlag zu zernichten. Seit der ersten Nachricht von dem Empfange des Briefes giengen die Kouriere unaufhörlich herüber und hinüber und statteten ihr von der kleinsten Handlung des Herrn von Troppau Bericht ab, und eben izt, eine halbe Stunde nach jener Unterredung mit der Frau von Dirzau, lief die Zeitung ein, daß er schriebe: im Augenblick wanderte Vignali hinüber zu ihm und überraschte ihn so sehr, daß sie schon das überschriebene » Monsieur « auf dem Blatte las, als er sich umdrehte und sie erblickte: er erschrak, daß er alle Fassung verlor, versteckte den Brief unter den Papieren und schloß sie ein. Vor Schrecken vergaß er, sie zu bewillkommen oder nach der Ursache ihres Besuchs zu fragen. Sie ließ ihm zwar auch keine Zeit dazu, sondern fieng sogleich an: »Ich beklage, daß ich Sie störe; und der Brief ist wohl nothwendig?« Herr von Troppau. Nein, er kan warten. 195 Vignali. Was wetten Sie, ich weis, an wen Sie schreiben? Herr von Troppau. Schwerlich. Vignali. Ich wette mit Ihnen um die erste Nacht Ihrer künftigen Gemahlin. – Der Herr von Troppau wurde feuerroth, stuzte und lächelte, seine Verlegenheit zu verbergen. – »Sie sind spashaft,« sprach er. Vignali. Wozu denn lange Umwege? Sie schreiben an den Grafen Ohlau. – Das war ein Donnerschlag für den Herrn von Troppau: er hustete und brauchte lange Zeit, ehe ihn sein Erstaunen reden ließ. – »Wie kommen Sie denn auf diesen Mann?« fragte er voller Verwundrung und mit gezwungner Gleichgültigkeit. Vignali. Weil er an Sie geschrieben hat. Herr von Troppau. An mich? – Sie träumen. Vignali. Er schreibt Ihnen wegen der Baronesse von Breysach. Herr von Troppau. Wer hat Ihnen das gesagt? 196 Vignali. Ich kenne die Baronesse sehr gut: sie hat unzählichemal bey mir gegessen. Ich weis ihre ganze Geschichte aus ihrem eignen Munde: sie macht vor mir gar kein Geheimniß daraus. – Wird sich die Baronesse bald öffentlich dafür erklären? Man muß doch alsdann auf eine andre Guvernante für Ihr Fräulein denken – Die Baronesse sollte heirathen, da ihre heimliche Liebe aus ist. Herr von Troppau. Sie reden also von der Guvernante meiner Tochter? Vignali. Ja, ja, von der Baronesse von Breysach. Herr von Troppau. Wer hat sie denn dazu gemacht? Vignali. Vermuthlich ihr hochseliger Herr Vater. Es ist mir eine eigne Idee dabey eingekommen. Wissen Sie, wer die Baronesse heirathen sollte? – Sie! Herr von Troppau. Ich? – Woher wissen Sie denn, daß ich heirathen will? Vignali. Ein Einfall! ein bloßer Einfall! ^ Es ist Ihnen ja wohl bekannt, daß die 197 Weiber gern Heirathen machen. Da sie von Ihrem Stande ist – so viele Liebenswürdigkeiten besizt – nicht wahr, Sie sind meiner Meinung? – Die Baronesse ist liebenswürdig? Herr von Troppau. Unläugbar liebenswürdig! – Das Geständniß, daß ich das Mädchen so finde, wird Sie hoffentlich nicht beleidigen – Vignali. Mich im mindsten nicht! – Denken Sie, daß ich mich für die einzige liebenswürdige Frau auf der Welt halte? – Denn daß ich mir einige Liebenswürdigkeit zutraue, das ist mir zu vergeben, weil Sie mich mit Ihrer Liebe beehrt haben – Sie, ein so feiner Kenner der Schönheit! – Wenn Ihnen die Baronesse gefällt, so würde michs beleidigen, wenn Sie sich meinetwegen die geringste Gewalt anthäten. Herr von Troppau. Sprechen Sie aufrichtig, Vignali? Vignali. Warum zweifeln Sie denn an meiner Aufrichtigkeit? Haben Sie nicht Proben genug, daß ich nichts als Ihr Vergnügen, Ihre 198 Zufriedenheit suche? Steht nicht mein ganzes Leben in Ihrer Hand? Hab' ich Ihnen nicht einen Mann aufgeopfert? Hab' ich nicht alle Bande der Freundschaft und Liebe zerrissen, um nur für Sie zu leben? Und wie hab' ich für Sie gelebt? – Mit einer Treue, Ergebenheit, mit einer so festen Vereinigung des Willens, mit einer Stärke der Liebe, die nur mein Herz ganz kennt! – Kan man wohl nicht aufrichtig sprechen, wenn man so aufrichtig handelt? Herr von Troppau. Sie entzücken mich, Vignali. Ich bekenne, ich bin Ihnen unendliche Verbindlichkeiten schuldig. Vignali. Sie beschämen mich mit so einem stolzen Worte. Ich bin nicht so eitel, daß ich Ihnen meine kleinen Verdienste herzählte, um Ihnen ein Kompliment abzulocken: ich wollte Sie nur überzeugen, wie ungerecht Ihre Zweifel wider meine Aufrichtigkeit sind. – Aber wozu denn so weit hergeholte Beweise? ich kan Sie ja auf der Stelle überführen, daß ich aufrichtig gegen Sie handle. Wenn Sie die Baronesse lieben und durch ihren Besitz glücklich zu 199 werden hoffen, so erbiete ich mich zur Brautwerberin. Da Sie die Güte gehabt haben, so viele Gefälligkeiten von mir anzunehmen, so werden Sie doch nicht so grausam gegen mich seyn und einer Andern das Vergnügen gönnen, Ihnen eine liebenswürdige Gemahlin verschaft zu haben? – Sagen Sie mir nur, ob Sie die Baronesse lieben oder lieben können! Für das übrige lassen Sie mich sorgen. Herr von Troppau. Sie bezaubern mich, Vignali! Ich habe unendlich viel Gutes von Ihnen geglaubt: aber eine solche Uneigennützigkeit traute ich Ihnen nicht zu. Vignali. Da seh' ich keine Uneigennützigkeit. Ich glaube wahrhaftig, daß Sie mir noch oben drein ein Verdienst daraus machen: wie man doch so leicht zu einem Verdienste kommen kan, wenn man mit guten Leuten zu thun hat. Herr von Troppau. Und Sie müssen mehr als gut seyn, daß Sie sich so etwas für kein Verdienst anrechnen wollen. Einer so edlen Uneigennützigkeit waren nur Sie unter Ihrem ganzen Geschlechte fähig: aber Sie können auch 200 meiner immerwährenden Erkentlichkeit versichert seyn: selbst wenn ich einen solchen Schritt thun sollte, wozu Sie mir rathen – Vignali. Behält die ehrliche Vignali immer noch die Eine Hälfte Ihres Herzens! – Haben Sie der Baronesse schon Ihre Absicht entdeckt? Herr von Troppau. Was reden Sie denn schon von Absicht? – Ich weis ja noch nicht, ob sie mich lieben kan. Vignali. Das sollen Sie durch mich erfahren. Sie haben Ihre Tochter schon längst aus der erbärmlichen Zucht der Frau von Dirzau wegnehmen wollen: ich will ihr ein Zimmer in meinem Hause einräumen. Alsdann hab' ich die schönste Gelegenheit, die Baronesse auszuforschen: Sie soll nicht eher etwas von unsern Absichten erfahren, als bis es Zeit ist, nicht einmal, daß Jemand außer mir ihren Stand weis. Wie gefällt Ihnen der Plan? Herr von Troppau. Sehr wohl: nur wird es schwer halten, meine Schwester zu bewegen, daß sie meine Tochter von sich läßt. 201 Vignali. Das will ich besorgen, wenn ich nur Ihr Wort habe. Herr von Troppau. Das geb' ich Ihnen sehr gern: allein ich sage Ihnen zum voraus, ich mische mich nicht darein, wenn es Uneinigkeit giebt. Ich bekümmere mich um solche Dinge nicht: meine Erlaubniß haben Sie: nun sehen Sie, wie Sie das Mädchen von meiner Schwester herauskriegen. Vignali. Das soll mir wenig kosten. Sie können ja indessen dem Grafen Ohlau melden – Herr von Troppau. Ich war eben damit beschäftigt. Aber woher in aller Welt wissen Sie, daß er an mich geschrieben hat? Vignali. Einfall! Scherz! Weiter war es nichts. Weil mir die Baronesse ihre Geschichte anvertraut hat und täglich fürchtet, daß ein Brief von ihrem Onkel an Sie kommen wird, um sie zurückzufodern, so fiel mir gerade, als ich zum Zimmer hereintrat und Sie schreiben sah, der Graf Ohlau ein: ich wunderte mich selbst, wie mir der Mann so plözlich in die Gedanken 202 kam. Der Graf Ohlau führte seine Schwestertochter herbey, und seine Schwestertochter brachte uns auf Ihre Liebe, und Ihre Liebe auf Ihre Heirath. Wie sich doch ein Gespräch so wunderlich drehen kan! Das hätt' ich mir nun fürwahr nicht eingebildet, daß ich heute noch Ihre Brautwerberin werden sollt. – Will sie der Graf Ohlau wiederhaben? Herr von Troppau. Allerdings. Er bittet mich, den jungen Menschen in Verhaft nehmen zu lassen und seine Schwestertochter in Verwahrung zu bringen, bis er Jemanden schickt, der sie abholt. – Hier ist sein Brief. Vignali. Ich will ihn zu mir stecken und zu Hause lesen: izt ist mir Ihre Unterhaltung lieber. Herr von Troppau. Aber, Vignali, daß ihn Niemand sieht! Das Mädchen könte etwas erfahren – Vignali. Sie werden doch keine solche Sorglosigkeit bey mir vermuthen? – Sonach ist mir doch der Graf Ohlau recht zu gelegner Zeit durch den Kopf gefahren: denn ich kan Sie in den 203 Stand setzen, ihm eine fröliche Nachricht zu geben. Ich hab' Ihnen ja, glaub' ich, schon gesagt, daß es mit der Liebe des jungen Menschen aus ist? Er hat mit ihr gebrochen, auf ewig gebrochen. Herr von Troppau. Das ist also der junge Mensch, der bey Ihnen wohnt? Vignali. Freilich wohl, das gute Vieh! Herr von Troppau. Er schien mir aber nicht tumm. Vignali. Ach, er wirds täglich mehr. Ich nahm ihn aus Freundschaft für die Baronesse ins Haus; und in wenigen Wochen war er ihr schon zuwider. Es ist eine kindische Leidenschaft bey dem Mädchen gewesen: izt da sie zu Verstande kömmt, sieht sie ein, daß es ein hübsches Schaf ist. Herr von Troppau. Kan ichs also für gewiß schreiben, daß ihre Liebe zerrissen ist? Vignali. Für unzweifelhaft gewiß! – Sie werden ihm wohl die Wahl frey stellen, wenn er das Mädchen abholen lassen will? Herr von Troppau. Abholen? – Das 204 soll er nicht, sondern ich will ihn vielmehr fragen, ob er mir die Erlaubniß giebt, eine anständige Partie für sie zu machen, mit einem Manne von gutem Hause, dessen Namen ich ihm melden will, so bald ich seine Gesinnungen hierüber weis. Vignali. Und dieser Mann sind Sie? – Also ist es wirklich Ihr Ernst? Ich hab' es nur für halben Scherz gehalten. – Wie mich das freut! Ich kan Ihnen meine Freude nicht ausdrücken. Also zieht Ihre Tochter zu mir; und in kurzer Zeit sollen Sie über den streitigen Punkt Nachricht haben. Herr von Troppau. Ich wünschte, daß es bald seyn könte. Vignali. Freilich, die Liebe zaudert nicht gern. – Weis es die Frau von Dirzau? Herr von Troppau. Ich hab' ihr etwas davon entdeckt. Vignali. Vergeben Sie mir! das war ein großer Fehler. Herr von Troppau. Warum? Sie räth mir sehr dazu. 205 Vignali. Sie räth Ihnen dazu? – Wenn Sie nur recht gehört haben! Oder es ist Verstellung. Ich lasse dieser hönischen Heuchlerin schlechterdings den Ruhm nicht, daß sie Ihnen ein so wesentliches Vergnügen angerathen haben soll: den Ruhm muß ich mir verdienen. Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, so heirathete ich die Baronesse gleich nicht, weil die Frau von Dirzau dazu gerathen hat. Soll ich mich ernstlich mit der Sache abgeben, so muß diese weise Dame ihre Hand aus dem Spiele ziehen; und ich hoffe doch, daß Sie einen so angenehmen Dienst lieber von mir annehmen werden, als von einer solchen Betschwester, die alles tadelt, was Sie sagen und thun?– Versprechen Sie, daß Sie die Frau von Dirzau nicht weiter zu Rathe ziehen wollen? Herr von Troppau. Ja, Vignali, ich versprech' es. Niemandem als Ihnen will ich die größte Verbindlichkeit schuldig seyn. Vignali. O wie mich das freut, daß Sie sich vermählen wollen! und daß Sie mich zur 206 Mittelsperson wählen! Ich kan mich vor Vergnügen nicht halten. Wie mich das freut! – Sie nahm mit dieser verstellten Freude gleich darauf Abschied und gieng gerades Wegs zu Ulriken hinauf, um ihr die bevorstehende Veränderung ihrer Wohnung zu melden. Ulrike wußte nicht, was sie von dieser unvermutheten Revolution fürchten oder hoffen sollte: sie entschuldigte sich, daß sie ohne der Frau von Dirzau Erlaubniß so etwas nicht unternehmen dürfte. – »Der Herr von Troppau befiehlt,« sprach Vignali heftig, »und ich befehle Ihnen im Namen des Herrn von Troppau: brauchen Sie mehr? – Mein Kind,« redte sie die kleine Karoline an, »Sie sollen ins künftige bey mir wohnen, hat Ihr Papa befohlen.« »Ach, bewahre mich Gott!« schrie die Fräulein und floh vor ihr. »Sie verführen mich.« Vignali. Närrchen! ich habe ein herrliches Gebetbuch für sie angeschaft, in schwarzen Sammt gebunden, vergoldet auf dem Schnitt, und bey dem Buchbinder sind noch drey schönere. Wir wollen Tag und Nacht zusammen beten. 207 Karoline. Können Sie auch beten? – Sie sind ja eine Sünderin. Vignali. Das hat Ihnen Ihre einfältige Tante überredet. Ich verstehe das Beten besser als Sie. Karoline. Sie prahlen. Das versteht niemand so gut als ich. – Und nun betete sie mit frommem Stolze eine lange Reihe von Gebeten, Sprüchen und Liedern her, und da sie fertig war, fragte sie mit der äußersten Selbstgenügsamkeit: »Können Sie so beten?« Vignali. Meine kleine Einfalt, hundertmal besser! Sie werden. sehen: kommen Sie nur! Karoline. Nein, mit Ihnen gehe ich nicht: Sie sind ein freches Kind des Satans. Vignali. Du einfältigster Papagey der einfältigsten Tante! Komm! deine Guvernante wird so gescheidt seyn und dir ungebeten nachfolgen. – Mit diesen Worten nahm sie die achtjährige Fräulein auf die Arme, trug sie den Flur hindurch, die Treppe hinunter, die Straße 208 hinüber in ihr Haus hinein: das Kind faltete zitternd die Hände und betete so inbrünstig, als wenn sie der Teufel in seinen Klauen davontrüge: Ulrike gieng voller Verlegenheit in einer kleinen Entfernung hinter drein. Sogleich gab Vignali ihrem Bedienten Befehl, die Sachen der beiden Flüchtlinge herüberzuräumen; und das Zimmer war schon zur Hälfte leer, als die Frau von Dirzau den geschehenen Raub erfuhr. Ihre Bedienten, die das Ausräumen verhindern sollten, halfen dabey, weil Vignali ein gutes Trinkgeld versprochen hatte. Die Frau von Dirzau lief in eigner Person zu ihrem Bruder und beschwerte sich, daß er ihre Möbeln wegschaffen ließ. – »Ich will sie bezahlen,« rief er. – »Und deine Tochter willst du in die Hände eines so schändlichen Weibes geben?« – »Ich bekümmere mich um solche Sachen nicht,» antwortete ihr Bruder. »Vignali hat mich gebeten, daß ich sie zu ihr in Pension thun soll: ich hab' es ihr versprochen: nun misch' ich mich weiter nicht drein. Schicke mir die Rechnung für die Möbeln! dann seht Ihr, wie Ihr aus einander kommt. Ich will 209 ausgehn. Adieu, Schwester.« – So war er zur Thür hinaus. Was war also zu thun? Die Frau von Dirzau mußte in ihr Zimmer zurück, mußte geduldig leiden, daß man Ulrikens Zimmer ausleerte, und ihren Aerger in frommer Gelassenheit verbeißen. Den Tag darauf schickte ihr Vignali alle ihre Möbeln zurück, weil sie einen unmäßigen Preis darauf sezte, und schrieb ihr einen der empfindlichsten Briefe dazu. Sobald Ulrike mit ihrer Untergebnen in sicherer Verwahrung war – denn es mußte beständig Jemand auf der Treppe wachen, um sie zu hindern, wenn sie vielleicht entfliehen wollten – so stürzte sich Vignali, wie unsinnig vor Freuden, in ihr Zimmer hinein. »Ich habe gewonnen,« rief sie aus, »ich habe gewonnen. Alles geht, wie ich will. Nun sollen alle meine Zwecke erreicht werden, oder der Satan selbst müßte mich hindern. Der stolze widerspenstige Junge, der meine Gütigkeit so lange gemisbraucht hat, soll gedemüthigt werden: er muß sich zum Ziele legen, oder es ist sein Untergang. Das Mädchen will ich 210 erniedrigen: dann werde Gemahlin eines Mannes, der mich liebt, du Elende! – Wie sich der gute Troppau so treuherzig sein Geheimniß abschwatzen ließ! Es ist köstlich, wie ich den Mann angeführt habe. Der Brief von dem Grafen Ohlau ist mir Goldes werth: das soll der lezte Pfeil seyn, den ich verschieße, wenn kein andrer trift. – Triumph! ich habe gewonnen.« 211   Viertes Kapitel. Herrmann und Ulrike spielten bey dieser unvermutheten Nähe eine sonderbare Rolle: keins sah das andre an, und die ersten zwo Mahlzeiten, die sie zusammen thun mußten, brachten sie beide ganz stumm hin: bey der dritten wurden schon verstohlne Blicke herüber und hinüber geworfen, wobey man aber die Gelegenheit sorgfältig ausspähte, daß der angeblickte Theil es nicht wahrnahm. Für Vignali war dieses Blickespiel eine herrliche Komödie; und wenn der Zufall einmal die beiden Blicke in Einem Punkte zusammentreffen ließ, wie dann hurtig ein Jedes den seinigen zurückzog und viele Minuten den Kopf nicht wieder aufzuheben wagte! Der Zufall und Vignali veranlaßten sie endlich auch Worte zu wechseln, so sehr es beide anfangs vermieden: aus einzelnen Worten, mit gesenkten Augen gesprochen, wurden allmälich Reden, und nach sechs oder sieben Mahlzeiten war das Gespräch schon wieder leidlich in Gang gebracht: allein beide sprachen mit essigsaurem 212 Ernste zu einander, der desto drollichter gegen die Freundlichkeit abstach, womit ein jedes zu Vignali redte. Der Blick milderte sich, nahm bey Ulriken sogar Güte an, ihr Ton blieb nicht mehr gebrochen und scharf, sondern bekam seine natürliche Sanftheit: obgleich auch Herrmann Miene und Stimme sehr herabstimmte, so erhielt er sich doch in einer beständigen ernsten Entfernung von ihr, und suchte der Vertraulichkeit so sorgfältig zu entgehn, daß er eine übertriebne Politesse gegen sie annahm, die sie dann erwiederte. Dies eiskalte Betragen behielten sie bis zu dem großen Sturme, den Vignali indessen veranstaltete: jedermann erkannte sie für sehr höfliche Freunde, die sich nie liebten und vermutlich auch nie lieben würden. Was in ihren Herzen vorgieng? – Beide wünschten, sich mit Ehren wieder lieben zu können, beide wünschten, daß sie Zufall oder Zwang dahin führen möchte. Die Liebe schwang in beiden die glimmende Fackel, um sie wieder zur Flamme zu bringen. – »Wenn sich nur Herrmann verzeihen lassen wollte!« dachte Ulrike. – 213 »Wenn du nur Ulriken Unrecht gethan hättest!« dachte Herrmann. Auch stellte sich bey ihr ein gutes Symtom wieder ein – eine ziemlich eifersüchtige Empfindung, wenn Herrmann und Vignali zu freundlich mit einander thaten. Die Sache war also wieder in dem besten Gleise; aber Vignali! Vignali! – Sie hat zween zu mächtige Gründe – Rache und Selbstvertheidigung – warum sie jenen ruhigen Gang der Sachen entweder anders leiten oder ganz stören muß. Auch hemmte ihre Unternehmung nichts als die Ueberlegung, welches von beiden ihr am zuträglichsten seyn werde. Sie ersann endlich ein Projekt, das alle ihre Verlangen mit einemmale zu befriedigen versprach: der sklavonische Graf, der ohnehin noch einen alten Groll wider Ulriken wegen des unglücklich abgelaufnen Abendbesuchs hatte und bisher mit seiner Rache nicht an sie kommen konte, wurde zum Werkzeuge ihrer Erniedrigung bestimmt: Herrmann sollte durch Vignali's Veranstaltung Augenzeuge davon seyn, und also zu aller Versöhnung auf immer abgeneigt werden: auch er 214 sollte zum Zeugen wider Ulriken bey dem Herrn von Troppau dienen, um ihm seine Liebe zu ihr und den Gedanken an die Verheiratung mit ihr zu benehmen. Herrmanns unbewegliche Seele konte alsdann durch neue Stürme überwunden werden; denn eine angefangene Eroberung unvollendet zu lassen, wäre für ein solche Herzensbändigerin ein ewiger Vorwurf gewesen. Welch' ein treflicher Plan, der mit Einem Hiebe den Knoten zerschnitt! Vignali war nichts als Jubel und Wonne. Daß der Graf die aufgetragene Rolle mit Dank annahm, versteht sich von selbst. Vignali ließ des Nachmittags die kleine Karoline zu sich herunterrufen und gab ihr mancherlei Spielzeug, womit sie sich izt Stunden lang zu belustigen pflegte, weil ihr die Frau von Dirzau kein solches Vergnügen erlaubt hatte: sie spielte eifrig für sich in Vignali's Zimmer. Gegen die Dämmerung begab sich der Graf zu Ulriken, die über den Besuch nicht wenig erstaunte und Misshandlungen für ihre falsche Einladung fürchtete. Der Graf brannte von Wollust und Rache und schritt sehr bald zu verdächtigen 215 Thätlichkeiten: Ulrike argwohnte böse Absichten, zitterte für den Ausgang, da sie im ganzen zweiten Stockwerk allein war, und faßte allen Muth und alle Kräfte zur Gegenwehr zusammen. Sie machte Vorwürfe, sie bat: nichts rührte den entflammten Grafen, der schon in Gedanken Rache und Begierde befriedigte. Die Gewaltthätigkeiten wurden so unerhört, daß Ulrike zu Faustschlägen ihre Zuflucht nehmen mußte. Vignali eilte sogleich in Herrmanns Zimmer und schlug ihm einen Besuch bey Ulriken vor. Er weigerte sich, allein ihre Autorität zwang ihn zum Gehorsam. Sie giengen leise die Treppe hinan, um sie zu überraschen, und langten in dem Augenblicke bey der Thür an, als Ulrikens erschöpfte Kräfte der wilden Brutalität des Grafen beinahe unterlagen. Sie horchten, und hörten ein heftiges Keuchen nebst einem rauschenden Getöse, als wenn sich zwey Leute balgten: Vignali triumphirte schon in der Seele. Plözlich erhub sich ein heiseres angestrengtes Geschrey: Ulrikens ersterbende Stimme rief: 216 »Hülfe! Hülfe! Ach! Gott!« – Herrmann, ohne sich von Vignali zurückhalten zu lassen, so derb sie ihn auch faßte, riß die Thür auf und fand Ulriken im ohnmächtigen Kampfe wider den Grafen, der in der Begeisterung weder das gewaltsame Oefnen der Thür noch Herrmanns Hereintritt wahrnahm, sondern die arme Unschuldige mit dem plumpsten Ungestüm nach dem Sofa hintrieb. Herrmann ergriff ihn mit voller Wuth bey dem Zopfe und zog ihn mit solcher Stärke, daß er vor Schmerz seine Beute fahren ließ und schreyend rückwärts auf den Fußboden hinstürzte: er war so erbittert, daß er den hingestreckten, vom Falle betäubten Sklavonier bey den Füßen an die Thür schleppte und nicht eher ruhte als bis er ihn außer dem Zimmer hatte: er kehrte sogleich zurück, schob inwendig den Riegel vor – da stand er und wußte nicht, was er glauben, denken und sagen sollte! Ulrike stand mit eben so freudiger Verlegenheit da, in zerstörten zerrißnen Haaren, bleich, schwerkeuchend, mit entblößtem blutendem Busen, zerfezter Kleidung, über die Hüften herabgezogenen 217 Röcken und blutrünstigen Armen: Vignali las mit tiefem Aerger die ausgerißnen Locken, Blonden und Fragmente der Garnirung vom Schlachtfelde auf. »Ist es möglich?« rief Herrmann nach der ersten verwunderungsvollen Pause: »bist du es, Ulrike, die so für ihre Unschuld kämpfte? Du, die blutend eine Tugend vertheidigte, die ich schon längst für erstorben hielt? Ich kan meine Wonne nicht fassen.« – Und so stürzte er sich ihr um den arbeitenden Hals und drückte sie so fest in seine Arme, daß sie kaum athmen konte. Jammer, Freude und Dankbarkeit preßten ihr Thränen aus den Augen: sie schmiegte tief schluchzend, weinend und zitternd den Kopf an seine linke Schulter und konte kein Wort reden: indessen schielte Vignali mit scheelem Blicke nach der Umarmung hin und hätte beinahe vor Aerger über ihren mislungenen Plan mitgeweint. Sie konte den Anblick der wiederversöhnten Zärtlichkeit, die sie durch das nämliche Mittel neu belebt hatte, wodurch sie ihr auf immer den Tod geben wollte, unmöglich 218 länger ertragen, sondern trennte die Umarmung und erinnerte Ulriken an den beschämenden Zustand, in welchem eine solche Heldin der Tugend, wie sie, eine Mannsperson nicht umarmen dürfte. Dieser spöttische Verweis ließ sie ihre Entblößung gewahr werden, die sie im ersten Taumel der Ueberraschung ganz übersehen hatte: sie eilte verschämt ins Schlafzimmer, um dem Uebel abzuhelfen. Herrmann war so berauscht, daß er ungestüm mit seiner Freude in Vignali hineinstürmte, ihr die Hände drückte und küßte, sie zur Theilnehmung an seiner Wonne ermunterte, wozu sie nicht den mindesten Trieb empfand, und einmal über das andre schrie er: »Wie glücklich! nun kan ich Ulriken wieder lieben.« – Vignali hätte zerspringen mögen: sie befahl ihm, sie hinunter zu begleiten: er wollte nicht, aber er mußte. In ihrem Zimmer fanden sie den Grafen vor dem Spiegel aus allen Kräften beschäftigt, seine zerzausten Haare wieder in Ordnung zu bringen. Vignali. Sie haben ja schreckliche 219 Excesse in meinem Hause begangen, Graf. Was bewegte sie denn zu einem so barbarischen Verfahren? Der Graf. Die Rache, wie Sie wissen. Vignali. Wie ich weis? – Ach vermuthlich wegen des Billets, das Ihnen das Mädchen neulich schrieb, als sie Ihnen eine Zusammenkunft anbot und Sie hernach statt ihrer eine alte betrunkne Frau finden ließ? – »Das ist das unglückliche Billet, das uns entzweyt hat?« unterbrach sie Herrmann. »O so reut michs, daß ich den Bösewicht nicht ärger gemishandelt habe.« »Wer ist der Bösewicht?« fragte der Graf mit einer Renomistenmiene. »Wenn ich es seyn soll, so wollen wir auf eine andre Art mit einander sprechen.« Herrmann. Auf welche Sie wollen; und gleich auf der Stelle! Der Graf. In einer Dame Zimmer wär' es ja unanständig, Händel anzufangen. Vignali. Ich erlaub' es: ich bin Herrmanns Sekundantin. 220 Der Graf. Nein, so eine Unanständigkeit werd' ich nicht begehn. Herrmann. Feiger! mit schwachen kraftlosen Mädchen kanst du kämpfen, aber nicht mit Männern. Der Graf. Beruhigen Sie sich! in einer Dame Zimmer sich zu zanken, wäre ungesittet. Ich räsonnire so – Vignali. Mein Herr Räsonnirer, Sie werden die Güte haben, nicht weiter an die Sache zu gedenken, da Sie doch kein Herz haben, sie auszufechten. Wir wollen vergeben und vergessen. Bis auf Wiedersehn. – Er nahm sehr höflichen Abschied, besonders von Herrmann, dem er gnädigst die erste vakante Stelle in seinen Ländern zum Zeichen der Versöhnlichkeit versprach. – »Aus einem schlechten Komödianten Der Abentheurer war eine kurze Zeit in Lyon Schauspieler gewesen, ehe er sich in den Grafenstand erhob, und jedesmal, wenn er auftrat, richtig ausgepfiffen worden. wird auch ein schlechter Graf,« sprach Vignali, als er weg war. »Der baumstarke Kerl ist nur gegen betrunkne Weiber und 221 furchtsame Knaben tapfer: einem Kinde, das ihn stark anfährt, giebt er nach: gleichwohl thut er gleich als wenn er seine Gegner mit Leib und Seele vernichten wollte; und wenn er nicht auszukommen getraut, dann macht er den Philosophen und fängt an zu räsonniren. Ich will ihn schon wegen seiner heutigen Aufführung züchtigen: sich in mein Haus zu schleichen und solche Unmenschlichkeiten zu begehn!« – In diesem Tone wurde der sogenannte Herr Graf tüchtig ausgefilzt, weil er nicht zugegen war: weder Herrmann noch Ulrike merkten jemals, daß Vignali selbst ihn zu diesen Unmenschlichkeiten angestiftet hatte. Ulrike, so sehr sie das Bewußtseyn, alles gethan zu haben, was Pflicht und Tugend von ihren Kräften fodern konten, beruhigen mußte, fühlte eine so tiefe Scham über das Vorgegangne, insonderheit über den Zustand, worinne sie Herrmann und Vignali antrafen, daß sie eine Schwächlichkeit vorwandte und auf ihrem Zimmer speiste. Wirklich hatte sie auch die 222 Plumpheit des Satyrs, mit welchem sie um ihre Ehre stritt, die Anstrengung ihres Widerstandes und die Angst, unter dem Kampfe zu erliegen, so sehr angegriffen, daß sie die folgende Nacht Kopfschmerz und Fieber bekam. So sehr auch Herrmann vor Ungeduld brannte, ihr seinen falschen Verdacht, Groll und übereilten Bruch abzubitten, so ließ sie ihn doch nichts vor sich: Scham und Schüchternheit nöthigten sie, seit jener schrecklichen Begebenheit beständig die Thür verschlossen zu halten, und sie würde auch des Mittags darauf nicht zu Tische gekommen seyn, wenn nicht Vignali sich mit Gewalt bey ihr eingedrängt und sie mit Gewalt heruntergeholt hätte. Sie wünschte ihr spöttisch zum Siege der Tugend Glück und schalt sie, daß sie, wie ein Kind, sich über einen Unfall schämte, wozu sie nichts beygetragen hätte. – »So eine exemplarische Standhaftigkeit macht Ehre,« sagte sie lächelnd: »und was noch mehr ist, Sie haben ja durch diesen heldenmütigen Kampf ihren Liebhaber wieder errungen. Sie sind ein braves Mädchen: wenn Sie sich beständig so 223 herzhaft wehren, werden Sie Ihre Tugend gewiß unversehrt und wohlbehalten mit sich ins Grab nehmen.« Kaum trat die verschämte Ulrike in Vignali's Zimmer, wo Herrmann auf sie wartete, als er auf sie zuflog und in den reuigsten Ausdrücken um eine Verzeihung bat, die ihm im Herzen schon längst zugestanden war. Er nannte seinen so schnell gefaßten Verdacht ein Verbrechen wider ihre Tugend, und versicherte, daß er sich durch ihn ihrer Liebe unwürdig gemacht habe. – »Nein,« sprach sie gütig: »um dieses Verdachtes willen werd' ich dich desto mehr lieben; denn ich hoffe, daß du selbst so bist, wie du mich verlangst. Wer mich nicht ohne Tugend lieben kan, muß wohl selbst ihr Freund seyn.« – Herrmann merkte in der Fülle der Freude die Bedenklichkeit des Tons nicht; womit sie dies sagte: denn es schien ihr sehr mißlich, daß Herrmann so lange mit Vignali auf Einem Meere gesegelt habe, ohne Schiffbruch zu leiden. Die feine Frau, die eine eigne Spürkraft besaß, sich keinen unmerkbaren Zug in Reden und Betragen entwischen zu 224 lassen, rückte ihr ihren bedenklichen Ton vor und überschüttete den verwunderten Herrmann, der die Veranlassung nicht merkte, mit einem ganzen Regen von Lobsprüchen auf seine Enthaltsamkeit, Standhaftigkeit, Vernunft und Herrschaft über sich selbst. Die Bitterkeit, womit sie ihre Lobrede hielt, benahm Ulriken fast gänzlich ihren Argwohn; denn sie vermuthete zu ihrer Zufriedenheit, daß Vignali ihn versucht und nicht überwunden habe. So wurde unter den Augen der Friedensstörerin der Friede förmlich unterzeichnet und die Liebe wieder erneuert. 225   Fünftes Kapitel. Verschoben ist nicht unterlassen. Für eine Frau, wie Vignali, ist jedes Hinderniß, jedes Mislingen ein neuer Sporn. Sie war zwar nach jenem unglücklichen Erfolge ihrer Absichten ein Paar Tage von höchstübler Laune und ließ die Sache gehen, wie sie gieng: aber deswegen unterließ sie nicht, Maasregeln auszusinnen, um doch endlich zu ihrem Zwecke zu gelangen. Der Herr von Troppau brachte ihr auch in einigen Tagen die fröliche Nachricht, daß der Graf Ohlau versprochen habe, sogleich in die Vermählung seiner Schwestertochter zu willigen und auch die Einwilligung ihrer Mutter zu bewirken, sobald er Namen, Familie und Vermögensumstände des Mannes wüßte, den man ihr bestimmte, wofern die Partie nur im mindsten anzunehmen wäre. Er verrieth durch das Vergnügen, das er über die Bereitwilligkeit des Grafen bezeugte, die Stärke seiner Liebe so völlig ohne Zurückhaltung, daß Vignali bey sich stuzte, sie größer zu finden, als sie geglaubt hatte. Er war im 226 Grunde ein leibhafter flegmatischer Deutscher, der sich durch den Umgang mit Franzosen und aus Nachahmungssucht etwas von ihrer Lebhaftigkeit angewöhnt hatte: daher fiel es desto stärker auf, daß sein sonst lauer, höchstens warmer Ausdruck der Freude izt so siedend heiß wurde. Um die wallende Freude ein wenig niederzuschlagen, gab ihm Vignali die Nachricht, daß Ulrike nicht sonderlich viel Neigung für ihn zu haben scheine. Der Verliebte vergaß sein Flegma so sehr, daß er aufsprang und sie versicherte, sie werde sich ihm verhaßt machen, wenn sie keine bessere Nachrichten brächte. Vignali tröstete ihn mit etlichen Gemeinsprüchelchen, daß die Liebe oft langsam wachse und dann sehr schnell reife; versprach aus allen Kräften ihr Wachsthum zu beschleunigen und leitete ihn allmälich zu seiner alten Liebe hin, daß der selbstgelaßne Wollüstling über den gegenwärtigen Genuß den künftigen aus der Acht ließ. Es wurde beschlossen, daß die Antwort an den Grafen acht oder vierzehn Tage verschoben bleiben sollte, bis man Ulrikens Gesinnungen tiefer erforscht hätte. Nun war Hannibal vor dem Thore. 227 Entdeckte sie dem Herrn von Troppau Herrmanns erneuerte Liebe, so mußte dieser aus ihrem Hause, und Ulrike wurde entweder, ohne daß Vignali es hindern konte, Troppau's Gemahlin, oder, wenn sie das schlechterdings nicht werden wollte, zu ihrem Onkel gebracht: das war für die rachsüchtige Frau viel zu wenig: sie verlangte ihre Nebenbuhlerin nicht blos wegzuschaffen, sondern zu demüthigen, und den halsstarrigen Herrmann mit ihr. Ließ sie die Liebe bey den beiden jungen Verliebten frey wirken, so konten sie durch Beyhülfe einer so großen Gelegenheitsmacherin, wie Vignali war, wohl endlich selbst die Werkzeuge der verlangten Rache werden: allein wie langsam vielleicht! und gar zu lange ließ sich weder der Herr von Troppau, noch der Graf Ohlau aufhalten, ohne daß nicht der erste aus verliebter Ungeduld sich an Ulriken selbst wendete; und war sie gleich wieder mit Herrmannen ausgesöhnt, so konte sie doch der Zufall, nach Vignali's Begriffe von der weiblichen Veränderlichkeit, sehr leicht wieder entzweyen, der Herr von Troppau in diesem Zeitpunkte sich anbieten, und Ulrike im ersten Verdrusse 228 seine Hand annehmen. Die Lage war also höchstkritisch. – »Aber ich muß Herr des Wahlplatzes werden oder nicht leben,« sprach Vignali. »Soll ein so elender Junge über mich triumphiren? ein so albernes Mädchen meine Absichten vereiteln? Sie müssen beide fallen, ohne Schonung fallen. Mögen sie sich lieben und in ihrer Liebe allmälich das Gift bereiten, das ihren Stolz tödten soll! Der Nichtswürdige, der mich verschmähen konte, muß gebeugt werden: hart, hart soll er für seinen stolzen Widerstand büßen; und meine Nebenbuhlerin will ich ganz vernichten. Entgeht sie auch diesmal ihrem Falle, dann ruh ich nicht, bis ich sie mit meinen eignen Händen in den Sarg gelegt habe: mag sich der verliebte Narr, der Troppau, zu ihr legen und seine Brautnacht bey den Todten halten! – Aber seyd ihr nur einmal dahin, wohin ihr sollt – o dann will ich euch geißeln! wie keine Furie das Gewissen züchtigen kan, will ich euch quälen: dann sollt ihr mir schon selbst den Kampfplatz einräumen! – Wohlan! die Liebe thue, was weder Vignali noch der Satan vermag!« Hätte es auch ihr Plan nicht so mitgedacht, 229 so wäre es ihr doch nunmehr unmöglich gewesen, Freundschaft gegen Ulriken und Liebe gegen Herrmann zu affektiren: Zorn und Rachsucht hatten wegen Nähe der Gefahr zu sehr Besitz von ihr genommen; und auch der Herr von Troppau warf ihr vor, daß sie auf einmal in allen Handlungen so äußerst unruhig und hastig sey und eine heftige Leidenschaft in allen verzerrten Zügen des Gesichts trage: sie lehnte die Vorwürfe immer durch vorgewandte Erhitzung oder Krankheit ab. Indessen weideten sich die beiden Verliebten sorglos in vollem Maaße mit den Freuden der wiedergekehrten Liebe und spielten, wie zwey Lämmer, vertraulich und froh um den Wolf, der sie gern gewürgt hätte. Der Kontrast zwischen Ulriken und Vignali, besonders bey dem itzigen leidenschaftlichen Zustande der Leztern, lehrte Herrmannen täglich mehr, daß nur Eine Ulrike sey: oft konte er bey Tische stumm dasitzen und die Vergleichung zwischen Beiden Zug für Zug anstellen, und jedesmal wunderte er sich am Ende der Vergleichung, wie er sich nur einfallen ließ, Vignali im 230 Ernste zu lieben, nachdem er eine viel reizendere Schönheit gekannt hatte. Den Unterschied des Alters abgerechnet, stach das heitre unschuldvolle anspruchlose wohlwollende Gesicht der Einen gegen die ernste gebietende, Beyfall fodernde, wollüstige schlaue Miene der Andern sehr zum Vortheil des ersten ab: Ulrikens Augen waren ein Paar anziehende Magnete, oder ein Paar Sonnen, die in jedem Herze die Liebe erwärmten, und wenn sie auch den kältesten Boden trafen: Vignali's Blick ein Blitz, der niederschlug, er gebot Ehrerbietung und selbst die Liebe, wie einen Tribut: daher drückte sich Herrmann ihren Unterschied dadurch aus, daß er sagte – Ulrike giebt Liebe, Vignali fodert sie; und ein Andrer nannte Vignali einen Despoten, den man zu lieben glaubt, weil man ihn fürchtet. Bewegungen und Geberden waren bey der Italiänerin ihrem Gesichte völlig ähnlich, edel, anständig, durch die Welt gebildet, lebhaft bis zur Heftigkeit, immer leidenschaftlich, wenn nicht der Wohlstand es verbot; ihr Ton stark, schnell und fast jeden halben Tag anders – denn jeder 231 heimlichen Absicht, jeder vorgegebnen Empfindung paßte sie ihn mit unendlichen Veränderungen an. Wie vortheilhaft stach auch hierinne Ulrike in Herrmanns Augen dagegen ab! Jede ihrer Bewegungen bezeichnete Reiz und Anstand, das Tempo ihrer Geberden war eine sanfte, ruhig dahinfließende Lebhaftigkeit, alles hatte darinne das Gepräge der Natur und nur selten noch Spuren von dem Studirten, Abgemeßnen, wozu man sie bey ihrem Onkel abrichtete; doch äußerte sich dieses nie, als wenn sie sich im Zwange befand. Ihre Stimme war eine zärtliche, sanft dahingleitende Modulation, jeder Ton von Güte und Liebe gestimmt. Wie konte der begeisterte Herrmann lauschen, wenn sie sprach! wie hallte jeder Laut in seinem Ohre, gleich einer eindrucksvollen Musik, lange nach! Der kleine Gram während ihrer Uneinigkeit hatte das vorige Rasche und Uebereilte, das sie zuweilen überfiel, ziemlich gedämpft; und es gehörte izt ein hoher Grad von Leidenschaft dazu, wenn es wieder kommen sollte. Eine Annehmlichkeit, die man gegenwärtig an ihr vermißte, war der kleine 232 lustige Muthwille, in welchem sich sonst ihre Aufgeräumtheit ausdrückte: aber Herrmann vermißte ihn nicht sonderlich, weil er sich in einem zu unruhigen leidenschaftlichen Zustande befand, um ein Wohlgefallen für etwas zu fühlen, das Heiterkeit in der Seele desjenigen verlangt, der es erwecken und der es genießen soll. Die Verfassung seines Gemüths in dem gegenwärtigen Zeitpunkte schildert er selbst in einem spät geschriebnen Briefe an einen seiner Freunde. »Nach der Wiedergeburt meiner Liebe,« sagt er, »fühlte ich mich, oft zu meiner größten Verwunderung, in einen Zustand versezt, den ich in meinem Leben noch nicht gekannt hatte: meine Liebe veränderte ihre Miene so ganz, daß sie mir eine Fremde zu seyn schien, die sich während deines Umgangs mit Vignali in mein Herz eingeschlichen habe. Nicht mehr dieses stille sanfte angenehme Feuer war es, das auf dem Schlosse des Grafen Ohlau in mir brannte, von erquickender belebender Wärme, mehr leuchtend als brennend: nicht mehr die heftiger 233 schlagende Flamme, die in Dresden in mir wallte, ein starkes überwältigendes Gefühl, aber noch immer durch Güte und Zärtlichkeit gemildert: nein, Eine hochlodernde Feuersbrunst war meine ganze Seele, und jeder Blick, jedes Wort, jeder Händedruck von Ulriken neuer Brennstoff, der in die glühende Masse hineinfiel: dabey so viel Wildheit, so viel Grausamkeit, so ungestüme Heftigkeit! daß ich noch zittre, wenn ich an diese Gemüthsverfassung denke. Welche ein süßer Schauer durchlief mich sonst, wenn ich neben Ulriken stand oder ihre Hand in der meinigen lag! desto süßer und durchdringender, je seltner mich das neidische Schicksal ein solches Glück genießen ließ! Izt da ichs Stunden und Tage ungehindert genießen konte, fürchtete ich mich vor mir selbst, es zu thun: sobald ich mich ihr näherte, fuhr eine schneidende Flamme durch alle meine Adern, meine Brust zog sich pressend zusammen, das Herz schlug hoch, wie gethürmte Wellen, daß mir der Athem stockte: unter zehnmalen konte ich mich kaum einmal entschließen, ihre Hand zu fassen, und wenn ich sie hielt, 234 dann flogen mir die ungeheuresten Bilder durch den Kopf: es war, als wenn von innen her ein geheimer Antrieb mich drängte, sie zu zerdrücken. Tausendmal stieß mich diese nämliche innerliche Heftigkeit zu Ulriken hin, mir schien es, als wenn eine geheime Macht mir die Arme aus einander zöge und mich gewaltsam forttriebe, ihr um den Hals zu fallen und sie in meine Brust hineinzudrücken; und zu gleicher Zeit zog eine andre gütige Macht die Heftigkeit meiner Begierde zurück. War ich bey ihr allein, dann wollte mich die Angst von ihr wegtreiben: ich konte nicht bleiben, ich mußte sie verlassen. Ermannte ich mich und blieb da, so fiengen meine Beunruhigungen erst recht an: es wurde mir finster und schwindlicht, der Boden wankte unter mir, und alle Gegenstände schienen mir zu zittern; und zerstreueten sich die Wolken in meinem Kopfe, dann trat ich vor ihr hin, sah sie steif an und hätte weinen mögen, so überfiel mich ein plözlicher Jammer. Wie ein Teufel mit glühenden Augen, stand der Gedanke vor mir: »So viel Liebenswürdigkeit und Unschuld soll nicht ewig blühen! 235 Du sollst der Mörder einer solchen Tugend werden!« – Ich suchte mich seiner zu erwehren; ich stritt mit ihm, wie mit einem bösen Geiste: aber umsonst! Dann überfiel mich eine Beängstigung, wie die Reue einer großen Frevelthat: ich war wie in einen Abgrund von Unruhen gestürzt. Auch that Ulrike so schüchtern, wenn wir beisammen saßen oder standen, bey jeder meiner Bewegungen so scheu und furchtsam, als ob sie mich, gleich dem ärgsten Bösewichte, fürchtete, welches vermutlich von ihrer Begebenheit mit dem Sklavonier herrührte. Manche Viertelstunde lang stand ich an dem braunen Tische in ihrem Zimmer mit untergeschlagnen Armen, sie saß neben ihm: wir sahen einander stumm an und weinten: der Himmel weis, woher unsre Thränen kamen; ohne alle nahe Veranlassung drängte sie der innere Tumult aus den Augen hervor, als wenn sie die Flammen des Volkans, der in mir wütete, löschen sollten. Zuletzt gieng diese ahndungsvolle Traurigkeit so weit, daß wir einander fast nicht anblicken konten, ohne gerührt, ohne erschüttert zu werden. 236 Ich besinne mich noch genau, daß wir eines Nachmittags allein in Vignali's Zimmer auf dem Sofa saßen: mein rechter Arm hatte sich, ohne daß ichs selbst wußte, um Ulriken geschlungen: wir sprachen sehr ernst, in kurzen abgebrochenen Reden: auf einmal riß sie sich von mir los und sprang auf. – Was hast du, Ulrike? fragte ich. – Ich weis nicht, antwortete sie, was für eine närrische Erscheinung in meinem Gehirne mich täuschte: du kamst mir vor, als wenn du mich so grausam behandeln wolltest, wie der Graf neulich. Aber nein! das wirst du nicht! sezte sie nach einer Pause mit zitternder Stimme hinzu: ich schwieg, sah auf die Erde und dachte – der Himmel weis es, was ich dachte: wenns Gedanken waren, so hatte ich sie ohne mein Bewußtseyn. »Daß ich Vignali's Versuchungen so herzhaft widerstand, war vielleicht keine so große Heldenthat, wie sie es scheint: den Zufall abgerechnet, der mir meistens durch die größten Gefahren half, konte das verführerische Weib nicht anders als in Augenblicken der Schwäche oder 237 durch Ueberraschung über mich siegen; denn so sehr ich sie auch liebte, so streifte doch diese Liebe nur die Oberfläche des Herzens: auch blieb mir immer noch eine gewisse Kälte dabey zurück: sie war gleichsam nur ein künstliches Lustfeuer, von Eitelkeit durch eine aufgeregt Fantasie angezündet, das ohne meine Entzweyung mit Ulriken blos geglimmt hätte und mit einem kleinen Knalle erloschen wäre, wie eine schwache Rackete. Hingegen die Liebe zu Ulriken nach unsrer Versöhnung wohnte im Herze drinne, bemächtigte sich aller meiner Kräfte und Empfindungen, spannte meine Thätigkeit zu einer solchen Höhe an, daß ich Riesenstärke in meinen Nerven fühlte. Alle Nächte waren Ein fortdauernder schwerer Traum: aus Vignali's üppigen Erzählungen und Ulrikens neulichem Kampfe sezte meine Einbildung die seltsamsten, ausschweifendsten und schrecklichsten Scenen zusammen. So sehr ich mich zulezt fürchtete, mit ihr allein zu seyn, war ichs doch immer: oft schien es sogar als wenn Vignali uns mit Fleis aus dem Wege gienge. Ihr tägliches Gespräch war noch 238 unzüchtiger als sonst, daß oft Ulrike mit Schamröthe sie zu schweigen bat: allein allmälich gewöhnte sie sich so sehr daran, daß sie ohne Erröthen mit Aufmerksamkeit und sogar mit Vergnügen zuhörte: wenn die ausschweifendsten Auftritte erzählt wurden, schielte sie oft aus den gesenkten Augen nach mir herauf, seufzte und glühte, als wenn sie ein plözlicher strafender Schlag für ihre Empfindung träfe. Alle meine Sinne waren so mächtig erhöhet, daß selbst Speisen und Getränke meiner Zunge ein schärferes Gefühl mittheilten und neues Feuer in meine Adern zu gießen schienen. Also von Vignali und der Liebe vorbereitet, schlich ich, wie die lebendige Unruhe, von Zimmer zu Zimmer, von Stuhl zu Stuhl, fand nirgends eine bleibende Stelle, nirgends Friede, bis zu jenem unglücklichen Spatziergange, der den wichtigsten Knoten meines Lebens knüpfte: die Geschichte desselben ist ein bedeutungsvolles memento mori für die menschliche Stärke. Der unglückliche Spatziergang, dessen hier in 239 diesem Briefe gedacht wird, geschah an einem der schönen Tage im August: nach einem schwülen drückenden Vormittage hatte ein Donnerwetter die erhizte Atmosphäre abgekühlt und eine schmeichelnde, Herz und Sinne belebende Temperatur der Luft für den Nachmittag hervorgebracht. Alles, was ein Paar Füße bewegen konte, eilte zum Thiergarten, den herrlichen Nachmittag in sonntäglichem Wohlleben hinzubringen. Vignali schlug auch eine Spatzierfahrt vor, allein eine Grille, die sie für Migräne ausgab, bewegte sie zu Hause zu bleiben und die kleine Karoline bey sich zu behalten. Hermann und Ulrike giengen allein und zwar zu Fuße. Das Gewimmel der Gehenden und Fahrenden unter den Linden war unbeschreiblich groß – ein bunter funkelnder summender Schwarm in eine große Staubwolke gehüllt, in welcher man die Gesichter nicht eher erkannte als bis man den Leuten auf die Füße trat, denen sie gehörten; das Rasseln der Karossen auf beiden Seiten, wo die hervorragenden Kutscher auf den hohen Böcken in aufwallendem Staube, wie Jupiter in den 240 Wolken, dahinzuschweben schienen, indessen daß man Kutsche und Pferde nur wie Schatten hinter einem Flore dahinlaufen sah – das Rasseln der Karossen stritt mit dem Gemurmel der Gehenden um den Vorzug, welches das andere am betäubendsten überstimmen könte. Dies ungemein lebhafte Bild, so erschütternd es war, machte gleichwohl einen schwachen Eindruck auf Herrmanns Sinne: er gieng, in sich gekehrt, stumm und ängstlich an Ulrikens Arme durch die Menge dahin, ließ sich treiben und stoßen, ohne es sonderlich zu merken, und hatte kaum für den auffallenden Staub einen Sinn: in ihm brannte die Atmosphäre noch so glühend heiß, wie Vormittags, und der Regen hatte sie so wenig gelöscht, als den Sand, auf welchem er wandelte. Ulrike rühmte, als sie durch das Thor waren, den duftenden Wohlgeruch, den ein kühles Lüftchen Tannen und Birken raubte, und den Hauch der Fruchtbarkeit, der in den lichten Gängen von Wiesen und Bäumen athmete: Herrmann hatte keinen Sinn dafür. Gewohnheit und Neugierde lenkte Ulriken nach den 241 Zelten hin: er folgte ihr ohne Widerspruch, sprach wenig, auch die gleichgültigsten Dinge in harten abgebrochenen Tönen. Zuweilen stund er plözlich, sah in den Sand, dann ergriff er Ulrikens Hand und drückte sie mit einer so befeuernden Inbrunst, daß ihr die zitternde Empfindung des Druckes, wie ein geschlängelter Blitz, durch die Seele fuhr. – In lautem Tumulte spielte Frölichkeit und Eitelkeit bey und unter den Zelten das große Sonntagsschauspiel: im weiten Zirkel saß unter Bäumen und in Hecken die glänzende schöne Welt in Fischbeinröcken und im Frack, in bezahlter und geborgter Seide – ein furchtbares Heer, das in vergnügter Muße nach Herzen und guten Namen, wie nach der Scheibe schoß: gieng gleich neben den Herzen mancher Schuß hinweg, so fehlte doch keiner, der einem guten Namen galt. Spott und Plauderey schwebten mit witzigem und unwitzigem Lärme über der Gesellschaft: gepuzte Franzosen tanzten frölich daher und suchten den Mann, der sie heute Abend speisen sollte; Hypochondristen schlichen gebückt dahin und suchten im Sande die 242 Zufriedenheit: nachäffende Teutsche gaukelten mit schwerfälliger Geckerey herum und dünkten sich Wesen höherer Art, weil sie französisch erzählten, wo sie gestern gegessen hatten, andre krochen krumm und gebückt, wie lichtscheue Engländer, umher und glaubten, brittische Philosophen zu seyn, weil sie rothfuchsichte Hüte und zerrißne Ueberröcke trugen: junge Liebesritter eröfneten hier die Laufbahn ihrer künftigen Größe, das junge Mädchenauge buhlte um Liebhaber oder Mann, was der liebe Himmel bescheeren wollte, und die verblühete Schönheit spottete über Siege, die sie nicht mehr machen konte. Aus den Büschen tönten muntre Chöre von Oboen und Hörnern, und mit ihnen wechselten, wenn sie schwiegen, kreischende Fideln und brummende Violonschelle nebst dem schallenden Händeklatschen des Tanzes ab. Hier saß ein schweigender Herrenhuter bey dem Bierkruge und betete mit verdrehten Augen für die Sünden, die seine Nachbarn begiengen; dort fluchte ein trunkner Soldat, daß ihm Jemand das Glas ausgeleeret habe, wovon er taumelte; hier 243 suchte ein erboßter Liebhaber sein gestohlnes Mädchen, und dort ein Andrer sein einziges gestohlnes Schnupftuch: mancher vertrank hier für den lezten halben Gulden die Sorgen der vorigen Woche, um die ganze künftige zu darben: mancher gewann mit dem glücklichen Würfel das Brod, das seine hungernde Familie morgen nähren sollte: jedermann war vergnügt, entweder weil er Freude genoß, oder wenigstens weil er nichts that. Ulriken theilte sich das allgemeine Vergnügen sehr lebhaft mit, und ob sie gleich nichts weniger als ruhig war, so bildete sie sich doch, wie alle um sie her, das Vergnügen ein: allein Herrmann hatte für diese geräuschvolle Frölichkeit keinen Sinn. Er eilte vor ihr vorüber durch hohe lichte Alleen in düstre gewölbte Gänge bis zu den einsamen Schlangenwegen der Wildniß. Sie sezten sich, schwiegen, sahen vor sich hin. Insekten summten, einzelne Vögel zwitscherten, in den Wipfeln der hohen Tannen lispelte ein leiser Wind: sonst war alles menschenleer, dämmernd, schauerlich still. Hastig warf Herrmann 244 einen Arm um Ulrikens Schulter und drückte sie so fest in sich hinein, daß sie sich losriß und schüchtern zurückfuhr. »Herrmann!« rief sie mit zitterndem Erschrecken, indem sie ihn anblickte: »was ist dir? warum rollen deine flammenden Augen so fürchterlich? warum bebt deine Unterlippe, wie im Fieberfrost? – Was liegt dir im Sinne, das dich so heftig erschüttert? Jeder deiner Blicke erfüllt mich mit Entsetzen. – Ich bitte dich um unsrer Liebe willen, laß uns diesen Ort fliehn! Der Himmel will über mich einstürzen, so ängstigt mich deine grimmige wilde Miene: laß uns fliehen! mir bricht das Herz vor Angst.« Er wollte ihre Hand fassen, um sie zu beruhigen: sie that einen lauten Schrey und sprang auf, wie ein gescheuchtes Reh. »Was fürchtest du?« sprach er, wie vom Froste geschüttelt. »Aengstige dich nicht mit Fantomen deiner Einbildung! Der Ort ist angenehm: setze dich!« Sie gehorchte und sezte sich in einer scheuen 245 Entfernung von ihm, immer zum Fliehen bereit. »Ach, Ulrike,« fieng er abgebrochen an, »wie nahe sind Liebe und Grausamkeit verwandt! zwo leibliche Schwestern!« Ulrike. Grausamkeit? – Was bringt dich auf diesen sonderbaren Gedanken? Herrmann. Mein Gefühl. – Ich könt' in dieser Minute die barbarischste Grausamkeit an dir begehn. Ich bin der verruchteste Mensch unter der Sonne. Ulrike. Schon wieder so ein blitzender Blick! – Laß uns fliehen! Herrmann. Bleibe! fürchte nichts! – Könte die Liebe, wenn sie in diesem Gehölze wohnen wollte, einen angenehmern Platz wählen als diesen? Sieh! Gewürme und Insekten, alles hüpft und scherzt um uns her in reger unbesorgter Freundlichkeit, und wir allein verbittern uns unser Glück durch ängstliche Besorgnisse? – Verscheuche diese bange Mädchenfurcht! Vor wem zitterst du denn? Bin ich nicht dein Freund? der Geliebte deines Herzens? der 246 Vertraute deiner Liebe, der gern jedem rauhen Lüftchen wehren möchte, daß es dir nicht ein Haar krümmte? dein Erwählter, der gern jeden Pfad vor dir ebnete, daß kein Steinchen deine Fußsolen drückte? der dich gern allenthalben auf seinen Armen, oder noch lieber in seinem Herze herumtrüge, um dich vor jeder Gefahr zu sichern? – Bin ich nicht dies alles? Ulrike. Das bist du! der Retter meiner Tugend! meine Seele, die mich belebt und regiert! – Aber thut nicht die Seele im Menschen das Böse? Da du so unumschränkt über meinen Willen herrschest, was vermöchte das schwächere Mädchenherz wider den stärkern Männerwillen? – Ich bitte dich auf den Knien, tödte die Tugend nicht, die du erhalten hast! Was würde das zarte Gewächs, wenn du ihm die Blüthe abstreiftest? Es senkte die welken Blätter, verdorrte und – stürbe. Herrmann. Trauest du mir ein solches Verbrechen zu? – Werth wäre ich, daß sich jeder Thautropfen, der mich benezt, in brennendes 247 Feuer verwandelte, daß jeder Sonnenstrahl ein Schwert würde, das meine Seele verwundete, wenn ich jemals eine solche Uebelthat begönne. – Hab' ich nicht schon der Gefahr in mancherley Gestalten widerstanden? Wenn eine Vignali mit allen zauberischen Künsten und zwingenden Lockungen meine Vernunft nicht einschläferte, sollt' ich da aus freyer Wahl ein Bösewicht werden? Und an wem? an dir? – Hat noch jemals ein Tauber das Täubchen gewürgt, die ihm liebkost? – Sey muthig! Man fällt am leichtesten, wenn man sich zu schwach dünkt. Ulrike. Und noch leichter durch Sicherheit..– Ich kan dir nicht bergen, ich liebe dich, daß ich mich vor mir selber fürchte. – O warum müssen nun tausend Hindernisse eine Vereinigung verzögern, die der Himmel selbst wollen muß? Sie muß doch geschehn, früh oder spät: warum nun so eine unaussprechliche Langsamkeit in allem, was auf der Welt vorgeht? Herrmann. Das weis Gott, wie alles in der Welt schleicht! Immer tanzt das Glück, wie ein Irrlicht, vor den Schritten her, und je 248 hurtiger man nachläuft, je weiter stößt man es mit seinem eignen Odem fort. Es ist wahrhaftig schwer, über so ein zauderndes Schicksal nicht zu zürnen: wenn man eine Glückseligkeit doch gewiß einmal haben soll, warum bekommt man sie nicht gleich, wo man sie am liebsten hätte? Ulrike. Und wo man sie am vollsten und stärksten genösse! Aber nein! da geht alles so einen saumseligen Schneckengang, daß man vor Ungeduld sich verzehren möchte. Herrmann. Die Wünsche fliegen, und das Schicksal kriecht. Wahrhaftig, mehr als eiserne Geduld hat man nöthig, um in so einer Welt anzudauern – Ulrike. Das ist ein ewiges Hoffen und Harren; und was hat man am Ende? Herrmann. Nichts! die Jahre der Freude fliehn, das Alter der Lebhaftigkeit verschwindet, und endlich als schlaffer siecher fühlloser Greis gelangt man zu der so lange gehoften und erharrten Glückseligkeit – Ulrike. Und kan sie vor Ueberdruß des 249 unendlichen Wartens nicht genießen. Es ist doch fürwahr! eine recht wunderliche Welt. Herrmann. Alles geht schief, alles quer. Heftige Wünsche, voreilende Begierden, rennende Leidenschaften, und Millionen Gebürge von Hindernissen, Schwierigkeiten, Verzögerungen! Wenn man zu genießen weis, darf man nicht: wenn man genießen soll, kan man nicht. So gehts mit jeder Freude. Tausendmal besser befänden wir uns, wenn wir Klötze wären, nichts wünschten noch begehrten; so entbehrten wir nichts. Das Schicksal reicht uns das Vergnügen so kümmerlich, so kärglich, wie arme Leute ihren Kindern das Brod. – Sollt' es denn nicht Einen Winkel auf dieser Erde geben, wo Ruhe und Glückseligkeit für zween irrende Verliebte wohnt? Ulrike. O wenn du einen solchen wüßtest! Zu Fuße wollt' ich dir dahin folgen und mit meinen eignen Händen eine Hütte baun, um mit dir dort zu wohnen; aber nirgends ist eine: wir werden sterben, eh' unser Glück vollendet ist. 250 Herrmann. Traure nicht, Ulrike! Warum sollte nicht ein solcher zu finden seyn? Wir dürfen nur suchen: – aber dann, wenn wir ihn gefunden haben, dann wollen wir die einzigen glücklichen Geschöpfe unter dem Himmel seyn. Unsre Arme sollen vom Morgen bis zum Abend in einander verschlungen seyn, wie unsre Herzen: Liebe soll unsre Speise, Liebe unsre Arbeit seyn; sie soll vor uns hergehn und uns auf allen Schritten begleiten, unser Leben ein wahres arkadisches Leben werden, wie Dichter es nur dachten und noch nie Sterbliche empfanden – ein immer klarer Bach, worinne Freuden, Entzückungen und Seligkeiten in ungestörtem Laufe dahinfließen – ein Himmel, wo nie die Sonne untergeht, im ewigen Frühlinge alles blüht und grünt – ein Paradies, voll der lieblichsten Früchte und labendsten Ergötzungen, voll Einigkeit, Ruhe, Zufriedenheit, ohne Kummer und Sorge, wo unsre Gedanken und Empfindungen in vertraulicher Friedlichkeit in einander fließen, wie zween Ströme, die sich in Einer Seele vereinigen; wo wir, wie Kinder, stets 251 nur genießen, kein Unglück kennen, als bis es uns trift, die Gegenwart voll, rein und unverbittert empfinden, und für die Zukunft nie sorgen, als bis sie da ist, und sie dann zufrieden theilen, sie gebe Schmerz oder Freude – O des seligen, des seligen Lebens! – Die Vorstellung dieser träumerischen Glückseligkeit berauschte sie so heftig, daß sie beide in entzückter Umarmung dahinsanken und weinend verstummten; und bald hätte der Taumel ihrer Träumerey Vignali's Wunsch erfüllt: kaum trennten sie noch wenige Augenblicke von ihrem Falle: plözlich geschah in der Nähe ein Schuß: Ulrike wand sich aus seinen Armen, als wenn ihr der Schuß gegolten hätte, sprang auf und sprach mit zitternder Furchtsamkeit: »Laß uns fliehen!« »Laß uns fliehen!« rief Herrmann mit der nämlichen Erschrockenheit. Sie giengen beide in weiter Entfernung von einander, stillschweigend, mit schüchternem Mistrauen gegen sich selbst, um einen Ausweg aus dem Gebüsche zu suchen. Der Pfad verlor sich in dichtes 252 Gesträuch: sie mußten wieder umkehren. Bald kamen sie an einen Ort, wo vier bis fünf kreuzende Wege nach verschiedenen Richtungen hinliefen: die Wahl war sehr ernsthaft, weil im Walde schon die Dämmerung anfieng: je weiter sie auf dem gewählten Pfade fortgiengen, je tiefer geriethen sie in Waldung hinein, je dunkler wurde die Dämmerung. Das Gewitter hatte des Mittags die Luft so abgekühlt, daß izt Ulrike in der leichten Sommerkleidung vor Frost zitterte: Fledermäuse fuhren sausend über ihren Köpfen hin, der ganze Schwarm der Nachtvögel sezte sich in Bewegung und fieng sein trauriges mißtönendes Konzert an: die Furcht vor allen diesen ungewohnten Erscheinungen der Nacht. die Furcht vor Verirrung, und noch mehr die Furcht vor sich selbst und den täuschenden Verführungen der Liebe schreckte das arme Mädchen so gewaltig, daß ihr die Knie sanken: ihre Lippen bebten und vermochten kaum ein verständliches Wort zu sprechen: das Gesicht färbte sich mit einer bläulichen Blässe, und der Angstschweiß, den ihre innerliche Noth auspreßte, 253 stand in dichten Tropfen auf der bleichen Stirn: sie klammerte sich fest an Herrmanns Arm mit dem ihrigen an, schloß die Augen zu, stund und sprach mit schwachem schaurichtem Tone: »ich kan nicht weiter; meine Füße tragen mich nicht mehr.« – Herrmann verbarg, so gut er konte, seine eigne Beängstigung und tröstete sie, rieth ihr, hier auszuruhen und ihn einen Weg suchen zu lassen. Das war gar kein Rath für sie, und kaum hatte er ihn gegeben, so hieng sie sich mit dem ganzen Gewichte ihres Körpers an ihn, um ihn zurückzuhalten: er mußte sich mit ihr auf den bethauten Boden setzen, und nahm sie in die Arme, um sie an seiner Brust ausruhen zu lassen. Der innerliche Kampf zwischen Begierde und Furcht, zwischen Tugend und Schwachheit, zwischen Leidenschaft und Vernunft stieg bey beiden so hoch, und die Dunkelheit, die Schöpferin und Pflegemutter der Leidenschaften, vermehrte ihn so gewaltig, daß sich keins von beiden rührte – hin und wieder ein ängstlicher tiefer Seufzer! das war ihre ganze Sprache. Die fernen Feldgrillen zischten ihr muntres 254 Abendlied; aus weiter Entfernung schallte der helltönende Chor der Frösche; mit dem Schweigen des finstern Waldes wechselte zuweilen das Rauschen des wehenden Abendwindes in den Aesten der hohen Tannen ab; auf dem Boden rings um sie her regten sich schlüpfend hie und da Geschöpfe, die zur Ruhe eilten oder zum nächtlichen Leben erwachten. Ulrike, deren Einbildung durch die Nachtscene mit seltsamen abentheuerlichen Bildern erfüllt wurde, wiederholte noch einmal weinend die Bitte, die sie schon bey dem ersten Niedersitzen an Herrmann gethan hatte: ihr Herz schlug von einer bangen Ahndung, die er ihr durch die größten Betheurungen nicht benehmen konte; und ihm selbst flisterte bey jeder neuen Betheurung eine geheime Stimme zu: »du lügst!« Sie traten nach langem Ausruhen eine neue Wanderung an, um sich vielleicht herauszufinden: aber da war keine andre Möglichkeit, als daß sie hier übernachteten: sie wurden eine Jägerhütte ansichtig, und Ulrike selbst bezeigte vor großer Ermattung ein Verlangen, sie zum 255 nächtlichen Aufenthalte zu wählen. Herrmann untersuchte sie und bereitete ihr von den darinne liegenden Zweigen und Blättern ein Lager: vor Furcht konte sie ihn nicht von sich lassen, und gleichwohl sezte sich eine eben so große Furcht dawider, daß er an ihrem Lager Theil nehmen sollte: sie überlegten, stritten und berathschlagten lange, theilten schon in vertraulicher Nähe das Lager und beratschlagten immer noch, wie sie es anfangen sollten, um es nicht zu thun. Ihre Beratschlagung verlor sich in Besorgnisse, ihre Besorgnisse in Empfindungen der Liebe, ihre Empfindungen in Liebkosungen, die Zärtlichkeiten stiegen zur Flamme empor, und so führte allmälich die Furcht vor dem Falle den Fall selbst herbey: was keine Reizungen der Wollust, keine Eitelkeit, kein Geld, keine Vignali, kein Lord Leadwort und kein Herr von Troppau vermochten, vermochte die Allmacht der Liebe. Die Tugend fiel durch ihre Hand: bey ihrem Falle brauste der blasende Wind durch die Bäume und starb mit erlöschendem Keuchen in ihren wankenden Wipfeln: Kybitze wimmerten in den 256 sausenden Lüften ihren Klaggesang, und Eulen heulten in den holen Aesten das Grabelied der gefallnen Unschuld: die Tannen seufzten, vom Winde bewegt, und der ganze Wald trauerte im Flor der Nacht um die gefallne Unschuld.   Sechstes Kapitel. Vignali kam die ganze Nacht nicht ins Bette: es war für sie eine Nacht des Triumphs und des Frolockens; und sie wachte noch, als am frühen Morgen die beiden Verirrten, in weiter Entfernung hinter einander, beschämt und verwirrt, zu Hause anlangten. Bey ihrem Erwachen hatte sich Ulrike aus der Hütte herausgeschlichen und befand sich zu ihrer Befremdung nicht weit von einem bekannten breiten Wege, den vergangne Nacht in der Angst und Berauschung einer geheimen Leidenschaft keins von beiden gewahr wurde. Herrmann, als er sie herausgehn hörte, riß sich von der Lagerstätte 257 der Liebe empor, erblickte mit gleicher Verwunderung den gestern übersehnen Weg und folgte Ulriken nach: nicht Einen Blick wagte sie zurückzuwerfen, und er nicht einen aufzuheben: von Scham und trüber Besorgniß gefoltert, begaben sie sich auf ihre Zimmer, und Vignali wollte vor rachsüchtigem Vergnügen unsinnig werden, als sie das Geräusch ihrer Ankunft hörte. Sie hatte ihnen den Bedienten nachgeschickt, der sie in der Ferne still begleitete und schon vor etlichen Stunden mit der Nachricht von ihrer Einkehr in der Jägerhütte zurückgekommen war. So sehr sie indessen Herrmanns und Ulrikens Fall für gewiß hielt und über die Erreichung ihres Wunsches triumphirte, so mischte sich doch in ihre Freude ein bittrer Unwille, daß sie Herrmanns Erniedrigung nicht durch sich selbst hatte bewirken können. Er wurde zum Thee gerufen, allein er wandte eine Unpäßlichkeit vor und schloß sich ein: Ulrike that dasselbe – zween überzeugende Beweise für Vignali, daß ihr gelungen war, was sie wünschte! Sie ließ fleißig durch die 258 Schlüssellöcher spioniren, und that, als wenn sie die Ursache der Krankheit nicht wüßte. Indessen saß Herrmann auf Dornen da, von den schrecklichsten Empfindungen der Schuld und Reue gepeinigt: er zürnte wider sich und seine Uebereilung, dachte an seine Betheurungen, eine Handlung nicht zu begehn, zu welcher er sich von seiner Schwäche kurz darauf hinreißen ließ, und fluchte sich, wie einem Verbrecher. – »Ach könt' ich doch,« sprach er bey sich, »tief im Schooße der Erde mein Angesicht verbergen, um von keinem Auge mehr beschaut zu werden! – Ich, ein Schänder der Tugend! ein Räuber der Unschuld! ein Mörder, der die Ehre der feinsten geliebtesten Engelsseele würgte! – fluche mir, Ulrike! fluche mir! ich will mit dir die schrecklichsten Verwünschungen über mein Haupt ausschütten. – Wie in diesen verbrecherischen Armen das Kostbarste dahinschwand, was ich ihr nehmen konte! Wie noch mit dem lezten Hauche ihre Ehre durch schwaches Widerstreben den Mörder von sich abwehrte! kämpfte und ohnmächtig im Kampfe erlag! – O 259 tausendfach heißer brenne mich, Reue, als du thust! Und würde gleich mein Herz zum Feuerpfuhl, aus welchem glühende Bäche in alle Adern ausströmten – ich hätt' es verdient. – – Entsezlich! ein Mädchen über alles zu lieben und aus Liebe sie elend zu machen! Läßt sich etwas schwärzeres denken? – Sie in Thränen, Kummer, Jammer und Schande zu stürzen! O der verfluchten Liebe, die so barbarisch liebt! – Wehe dem unseligen Rathe, der uns zu diesem Spatziergange antrieb! Wehe den Füßen, die uns zu dem Verbrechen trugen! und tausendfaches Wehe der Hütte, die sich uns zum Opferaltare der Unschuld darbot! Jedes Auge wird an meiner Stirn meine Schuld lesen; jede Zunge wird mir nachrufen: das ist er, der schändlichste Unmensch, der nicht schonte, was er liebte! – Keinen Blick werd' ich wieder in ein menschliches Auge wagen können, keine Minute meines Lebens ohne Vorwürfe und Qual seyn. – Die Unschuld wählte mich zum Freunde, und zum Lohne ihres Vertrauens ward sie von mir vergiftet! – Aber schon verfolgt mich die 260 Strafe: die Angst nagt, wie ein Wurm, in meinen Eingeweiden. – O wehe über mich Verbrecher!« Ulrike weinte in tiefer Schwermuth und zwar am meisten über die fürchterlichen Folgen, die sich ihrer Einbildung in der schreckendsten Gestalt vormahlten: sie jammerte, wie eine Verlaßne, die um ihre liebste Gespielin trauert, verzieh dem Unglücklichen, der sie tödtete, und klagte nur sich und die Schwäche ihres Herzens an. Herrmann hatte sich kaum von seinem Schmerze ein wenig ermannt, so schrieb er folgenden Brief an Ulriken. »Wenn deine Augen, Ulrike, die Schrift eines Frevlers anzuschauen würdigen, der die schändlichste Unthat an dir begieng, so lies hier meine Reue und die Strafe, die sie mir auferlegt! Ich irre, wie ein Mensch, der einen Mord begangen hat und jeden Augenblick fürchtet, entdeckt zu werden, voll Verzweiflung im 261 Zimmer herum und kan mit Mühe meine Gedanken zu diesem Briefe sammeln. Ich bin mir selbst ein Abscheu: meine eignen Gedanken sind mir verhaßt; und wenn ich jemals meine Ruhe wiederfinde, kan es nur in Einem Falle seyn – nur dann, wenn ich im Stande bin, dir durch eine gesezmäßige Verbindung die Ehre wieder zu geben, die ich dir nahm. Bis dahin soll dich mein Auge nicht sehn, oder ich will verflucht seyn: ich will mich aus deiner Gegenwart verbannen, Berlin morgen verlassen und dich nicht eher wieder an mich erinnern, als bis ich jene Bedingung erfüllen kan. Begünstigt das Glück meine Absicht nicht; soll deine Schande ausbrechen und laut wider ihren Urheber zeugen, dann sehn wir uns in diesem Leben nie wieder. Wohin ich gehen werde, weis Gott; aber weit genug, um nie wieder ein Land zu betreten, wo ich mich mit der schwärzesten Schande brandmahlte, dafür steh ich. Lebe wohl, Ulrike, so glücklich als die entweihte Unschuld leben kan! Ich kan dir keinen Trost geben; denn ich habe selbst keinen. 262 Meine Leiden sind unzählbar, wie deine Thränen. Vergieße keine um mich! ich bin ihrer nicht werth, und wenn Unglück über Unglück auf mich herabstürzte. O Liebe! wie bitter ist dein Kelch, wenn du ihn bis auf den Boden zu leeren giebst!« Ohne sich zu unterschreiben, machte er das Blatt zusammen: da er wußte, daß man seine und Ulrikens Briefe während ihrer Uneinigkeit unterschlagen hatte, so traute er Niemandem, als der kleinen Karoline, welcher er an der Thür aufpaßte; und als sie aus Vignali's Zimmer kam, rief er sie zu sich und bat sie heimlich, ihn sogleich zu bestellen. Das Fräulein lief aus allen Kräften die Treppe hinauf und überlieferte ihn richtig: sie hatte von Vignali den Auftrag gehabt, sich bey Ulriken zu erkundigen, ob sie zu Tische kommen werde, und langte mit einem »Nein« die Minute drauf wieder bey ihr an. »Was macht sie?« fragte Vignali; und das gute Kind erzählte ihr mit treuherziger 263 Aufrichtigkeit, daß sie einen durch sie bestellten Brief lese. Statt des Botenlohns bekam sie einen Stoß, und Vignali eilte in Einem Fluge zu Ulriken. Sie traf die arme Bekümmerte in Thränen bey Herrmanns Briefe an, den sie sogleich bey Erblickung einer so unwillkommnen Zeugin zusammendrückte und in den Busen steckte. »Was lesen Sie da?« fieng Vignali glühend an. Ulrike wollte ihr Weinen zurückhalten und schluchzte immer stärker, konte weder reden noch die Augen aufschlagen. »Zeigen Sie mir!« sprach die gebietrische Frau; und da Ulrike nicht gleich Anstalt dazu machte, fuhr sie ihr plözlich mit der Hand in den Busen hinein und zog troz alles Sträubens den Brief heraus. Ulrike warf sich mit dem Kopfe auf das Fensterbret und verbarg ihr bethräntes Gesicht in ihren Händen. Zum Unglück war der Brief teutsch, und Vignali rief also stehendes Fußes dem Bedienten, der ihn, so gut er konte, französisch verdolmetschte: so unvollkommen auch die Uebersetzung war, so gab sie 264 doch genug von dem Sinne wieder, um die Hauptsache zu verstehn. Vignali erhub das bitterste Gelächter, als sie so viel herausgebracht hatte, und der Dolmetscher stimmte mit ein. »Ich kondolire,« begann Vignali mit dem schadenfrohesten Spotte. »Ist die gute Tugend auch gestorben? Ey! ey! Es war doch eine gar schöne Tugend. Heute Nacht ist wohl das Leichenbegängniß gewesen? – Und sie war doch so frisch und gesund! blühte wie eine Rose! Wie hinfällig doch eine Tugend ist! – Weinen Sie, mein liebes Kind! weinen Sie um die Herzensfreundin! Einmal begraben, auf immer begraben! – Aber sagen Sie mir doch, wie hat denn die arme Tugend so plözlich den Hals gebrochen? – Erzählen Sie mir doch!« Ulrike fiel ihr um den Hals und flehte mit Thränen, ihre Leiden nicht durch einen so grausamen Spott zu verdoppeln. »Was ist es denn nun weiter?« unterbrach sie Vignali lächelnd. »Wer wird sich denn bey einem so kleinen Unfalle so närrisch anstellen? Haben Sie nicht vor lauter Tugend und 265 Unschuld die Liebe lange genug hungern lassen? – Mein Kind, an der Tugend zu sterben, muß ein sehr bittrer Tod seyn.« Ulrike. Wenn man nicht besser denkt, als Vignali. Vignali. Wie denkst denn du, mein tugendhaftes Puppchen? – Du schreitest auf der Tugend, wie auf Stelzen, daher, siehst mit verächtlichem Stolze auf alle herab, die nur auf natürlichen Absätzen und nicht auf Stelzen gehn, und wenn die Nacht kömmt und kein Mensch mehr zusieht – hurtig werden die Stelzen weggeworfen; und die Tugendbelobte Dame schläft ganz natürlich bey dem Liebhaber – Ulrike. Ich bitte Sie, Vignali, verlassen Sie mich! Mein Kummer quält mich genug: warum wollen Sie noch mein zweiter Henker seyn? Vignali. Weil ich mich ganz unendlich über Ihre Demüthigung freue: ich frolocke, daß Sie Ihren Stolz selbst gestraft haben. – Elendes Geschöpf! verachte eine Vignali! erhebe dich 266 mit deiner Tugend über sie! Ist sie noch die Hure, wie du sie einmal nanntest? Ulrike. Das ist sie! und ich verachte die schnöde Spötterin, die so triumphiren kan. Vignali. Verachtung ist mir nicht genug: fürchten sollst du mich. – Hier! lies! und dann rathe dir!  – Sie gab ihr den Brief des Grafen Ohlau, den sie jüngst dem Herrn von Troppau abschwazte. Ulrike las mit Zittern den heftigen Brief, worinne ihr Onkel inständigst bat, sie einsperren zu lassen, bis sie zu ihrer Bestrafung abgeholt werden könte. Sie sank todtblaß auf den Stuhle hin und bebte mit fieberhaften Verzuckungen. Vignali. Erkennst du nun, daß du in der Gewalt der Frau bist, die du verachtest? – Vignali darf nur Ein Wort sprechen, so ist deine Thür mit Wache besezt – nur Ein Wort sprechen, so wirst du in eine Kutsche geladen und zu deinem Onkel gebracht, der dich einsperren und bey Wasser und Brod deine Sünden bereuen lassen will: – aber ich wills nicht sprechen: ich will mich deiner erbarmen und den Untergang 267 abwenden, den ich bisher durch meine Fürsprache bey dem Herrn von Troppau verschoben habe. Vignali wird dir deine Verachtung mit Großmuth vergelten und dir forthelfen: verlaß heute oder morgen heimlich deinen Platz und dies Haus! Du sollst entwischen, ohne daß ichs sehe. – Verachte nun die stolze Vignali, und fliehe! – Sie sprach dies mit einem unaussprechlichen Stolze, warf den verachtenden Blick auf sie und begab sich hinweg. Das arme Mädchen konte weder stehen noch sitzen: ihr Herz faßte ihre Leiden kaum. Vignali drängte sich unmittelbar darauf in Herrmanns verschloßnes Zimmer mit dem Hauptschlüssel ein und trat mit schreckender strafender Miene vor ihm hin. »Unglücklicher!« rief sie, »was hast du gethan? die Unschuld betrogen, die Ehre eines schwachen Mädchens geraubt! O du verruchter Heuchler! warst du darum gegen meine Proben so standhaft, um das ärgste Bubenstück zu begehn? verschmähtest du darum 268 meine Anerbietungen, um auf die Tugend einer unschuldigen Taube zu lauschen?« Herrmann. Vignali, Sie sind ein Teufel: erst reizen Sie zum Verbrechen, und dann quälen Sie den Verbrecher mit Vorwürfen. Vignali. Ich möchte, daß ich einer wäre: es sollte mir eine Wonne seyn, dich für deine Unthat zu peinigen. Herrmann. Sie thun es: aber fahren Sie fort! Eine Hölle voll Vignali's wäre noch nicht Strafe genug für mich. – Warum lachen Sie nicht über mich? Ihr Herz grinzt doch vor Freuden, daß ich zum Verbrecher wurde: woher wüßten Sie es so schnell, wenn Ihnen nicht daran läge? – Ich bins und triumphire bey allen meinen Leiden, daß ichs nicht an Ihnen wurde: aber wisse, wollüstiges Weib! auf dein Haupt muß die Strafe meines Verbrechens doppelt fallen: du hast mich die Wollust gelehrt, du meine Begierden angeflammt, du Leidenschaften in mir aufgeregt und die Vernunft eingeschläfert, die vorher über sie wachte. Dein Werk ist es, Ungeheuer: genieße deines Werks 269 und freue dich, daß ich nicht besser bin als du! Vignali. Elender! ist das die Sprache der Dankbarkeit, in welcher du mit mir sprechen mußt? Herrmann. Die Sprache des Hasses, des glühendsten Hasses, den du verdienst! Was prahlst du mit Wohlthaten, die doch nur der Köder an der Angel seyn sollten? Hast du nicht, mitten unter allen falschen verdammten Liebkosungen, in verstellter Vertraulichkeit an meinem Kummer gearbeitet? – denn wer anders, als du, kan meine und Ulrikens Briefe unterschlagen haben? Kein Mensch auf der Erde ist einer solchen Falschheit und Bosheit fähig wie Vignali: – Und nun soll der Fisch es dem Fischer als eine Wohlthat verdanken, daß er ihm einen Regenwurm an der Angel reichte? Vignali. Herrmann, Sie werden mich zwingen, meinen ganzen Zorn über Sie auszuschütten – Herrmann. Schütte ihn aus, Weib! Gieße deine ganze Galle über mich her, die du so 270 lange zurückhieltest – den ganzen Groll, daß ich deine buhlerischen Foderungen ausschlug! Entlade dich deines Gifts, Viper! Vignali. Weißt du, daß du in meiner Gewalt bist? daß ich nur einen Wink zu thun brauche, um dich auf Befehl des Grafen Ohlau gefangen nehmen zu lassen? Herrmann. Thun Sie den Wink! mir liegt fürwahr! wenig daran, ob ich mich im Gefängniß oder in Freiheit quäle. – Ich bin ein Elender, aber kein Schwachkopf, der ein Mährchen fürchtet. Vignali. Da! lies das Mährchen! – Sie gab ihm den Brief des Grafen: er las ihn, erschrak und schleuderte ihn in den Winkel hin. – »Thun Sie, was Sie wollen!« sezte er trotzig hinzu. »Verblendeter jachzorniger Mensch!« sprach Vignali mit gezwungner Güte. »Glaubst du, daß ich eine solche Grausamkeit an dir begehen könte? An dir, der meine ganze Liebe besaß?« Herrmann. Schweigen Sie von Liebe! In Ihrem Munde ist sie mir verhaßt. 271 Vignali. Schmähe mich und meine Liebe! und bey aller Undankbarkeit sollst du sie doch empfinden, erkennen und dich schämen. Du kanst ungehindert mein Haus verlassen: durch meine Hülfe sollst du der Nachstellung des Grafen entfliehen. Herrmann. Ihre Hülfe kömmt zu spät: meine Abreise war heute früh beschlossen. Vignali. Und ich will den Entschluß nicht hindern. Herrmann. Hindern Sie ihn, damit ich keine Verbindlichkeit gegen Sie mit mir hinwegnehme. – O daß ich jemals eine von Ihnen empfieng! Sie haben den Frieden aus meiner Seele gescheucht und sie mit ewigem Kriege erfüllt. – Vignali! Vignali! die Rechnung Ihrer Sünden ist während meines Aufenthalts bey Ihnen stark angewachsen: wenn einst so viel Strafen auf Sie warten – Vignali. Wir wollen nicht in den erbaulichen Ton fallen. – Ich liebte in Ihnen einen Unwürdigen, der für meinen Zorn zu klein ist. 272 Herrmann. Und ich liebte in Ihnen eine Falsche, eine Verführerin – Vignali. Stille! Wir wollen uns nicht schimpfen, sondern auf eine anständige Art brechen. – Reisen Sie glücklich und vergessen Sie Vignali nicht! Herrmann. Ja, um ihr zu fluchen. Vignali. Und ich will mich Ihrer erinnern, um Ihnen zu verzeihen. Herrmann. Das thu ich Ihnen izt. – Vignali gieng voller Unmuth hinweg, daß er ihre verstellte Großmuth überbot. Um nicht den Anschein zu haben, als ob sie im Zanke mit ihm gebrochen habe, und vielleicht auch aus einem Rest von Liebe schickte sie ihm des Nachmittags zehn Louisd'or Reisegeld, meldete ihm in einem sehr höflichen Billet, daß sie auf morgen früh Post für ihn habe bestellen lassen, und wünschte, daß er im Stillen, ohne Abschied zu nehmen, abreisen möchte. Herrmann wurde bey allem Unwillen wider sie, der ohne ihre vormittägigen Vorwürfe nicht ausgebrochen wäre, durch so viel Güte empfindlich gerührt, 273 und sahe mit Beschämung, daß sie großmüthiger handelte, als er nach seiner itzigen Vorstellung verdiente: er verachtete sich selbst als einen Unwürdigen, der sich von Zorn und Unmuth zur Undankbarkeit hinreißen ließ, dankte seiner großmüthigen Freundin, wie er izt Vignali nannte, schriftlich für die gegenwärtige Verbindlichkeit und für alle vergangne, empfahl ihr Ulriken auf das angelegenste und bat, sie vor den Nachstellungen ihres Onkels zu sichern, bis ihm sein Schmerz und bessere Umstände erlaubten, sich ihrer anzunehmen. Vignali hatte vor Freuden, sich an den beiden Verliebten gerächt und von einer gefährlichen Nebenbuhlerin so schnell erlöst zu sehn, wirklich die gutgemeinte Absicht, sie beide auf der ersten Station zusammenzubringen, als ob es vom Zufalle geschähe, und rieth deswegen Ulriken, in der Nacht heimlich mit einem für sie bestellten Fuhrmanne abzufahren, und gab ihr einen Brief nach Leipzig an eine Freundin, die vor einem Paar Jahren ihr Mädchen gewesen war, wegen einer Angelegenheit Berlin verlassen hatte, izt als 274 Puzmacherin in Leipzig lebte, und noch mancherley Aufträge für ihre ehemalige Herrschaft besorgen mußte: diese Umstände erfuhr freilich Ulrike nicht, sondern wurde blos versichert, daß es eine sehr gute Frau sey, die ihr auf Vignali's Verlangen allen möglichen Beistand angedeihen lassen werde. Die niedergeschlagne Ulrike faßte wieder einiges Zutrauen zu Vignali, da sie so lebhaft für ihre Entfliehung aus der Gefahr sorgte, und nahm den Vorschlag mit Vergnügen an, um nur nicht in die Hände ihres Onkels zu gerathen. – »Bleiben Sie bey dieser Frau,« sezte Vignali hinzu, »bis Sie Herrmann abholt: ich habe meiner Freundin den Auftrag gegeben, dafür zu sorgen, daß Sie mit ihm auf einem Dorfe getraut werden und von dem Wenigen, was Sie beide haben, so lange dort leben, bis sich eine Gelegenheit zu Ihrem Unterkommen zeigt; denn nunmehr ist doch wahrhaftig nichts besseres für Sie zu thun, als daß Sie sich von einem schwarzröckichten Manne zusammenbinden lassen. Vergessen Sie die Baronesse und werden Sie beyzeiten Madam 275 Herrmann, damit nicht ein Monsieur Herrmann – Was weinen Sie denn nun gleich wieder? Geschehen ist geschehen. Liebes Kind! wenn Jede so viel weinen wollte wie Sie, so wären wir nicht vor einer zweiten Sündfluth sicher. Muth gefaßt! Lafosse, an die ich Sie empfehle, wird Ihnen mit Ehren unter die Haube helfen; und dann sorgen Sie weiter für sich! Wenn Sie ein Anliegen haben und ich kan Ihnen dienen, so wenden Sie sich dreist an mich.« Ulrike hielt diese Sprache ganz vor Güte, da sie es doch höchstens nur zur kleinsten Hälfte, und die größte eignes Interesse war: sie bat Vignali wegen ihres Mistrauens um Verzeihung und glaubte im ersten Anfalle der Dankbarkeit, daß die Frau wirklich besser sey als sie ihr geschienen habe. Der Abschied war auf beiden Seiten rührend und zärtlich, und des nachts gieng die Reise fort. Das verliebte Mädchen war durch die Aussicht auf eine nahe Verbindung wieder so leidlich aufgeheitert worden, daß sie nur mit halber Betrübniß an ihren Fall zurückdachte. Auch Herrmann, der von allen diesen nichts 276 erfuhr, empfieng einen Brief an Madam Lafosse, doch ohne von seiner nahen Trauung unterrichtet zu werden, sondern Vignali sezte blos in ihrem Billet die Worte hinzu: – »Lassen Sie sich nicht durch falsche Scham, wie Sie bereits geäußert haben, abhalten, ihre Pflicht gegen Ulriken zu thun! Wenn Sie dies nach dem, was gestern zwischen Ihnen beiden vorgefallen ist, nicht verstehn, so wird Ihnen Madam Lafosse auf meinen Befehl sagen, was Sie zu thun haben. Ein Mensch von so vielen Grundsätzen, wie Sie, wird doch wohl nicht zaudern, einem unschuldigen Mädchen wiederzugeben, was er ihr genommen hat?« Er reiste in aller Frühe ab und glaubte Ulriken noch im Hause, und sein Herz wurde deswegen so viel schwerer, als das ihrige durch Vignali's tröstende Vorspiegelungen leichter geworden war: er verließ, nach seiner Meinung, sein Liebstes im Hause des Vergnügens und der Gefahr. Erst unterwegs, da sich das Gewühl seiner schmerzhaften Empfindungen ein wenig zerstreute, überlegte er sich Vignali's 277 Ermahnungen, seiner Pflicht gegen Ulriken nicht zu vergessen und sich von Madam Lafosse belehren zu lassen, wie er sie erfüllen sollte: er schloß daraus, daß er sie dort finden oder von dieser Frau erfahren werde, wo sie ihn erwarte. Vignali's lezte Güte brachte ihn in seinen guten Muthmaßungen so weit, daß er gar Veranstaltungen zu seiner Verbindung mit Ulriken argwohnte; und er freute sich schon halb über die Nähe seines Glücks, allein der traurige Gedanke, »wovon soll ich mit ihr leben?« tödtete seine Freude, wie ein giftiger Mehlthau. Ohne zu wissen, was er wünschen, hoffen und thun sollte, langte er in Zehlendorf an. Ulrike hatte auf Vignali's Veranstaltung den nämlichen Weg genommen, war wirklich schon im Wirthshause, als Herrmann abstieg, und rettete sich bey seiner unvermutheten Erblickung durch die Flucht, ließ sich ein Stübchen allein geben und verschloß sich. Die guten Kinder hatten beide Vignali's Vertröstung, daß Madam Lafosse ihre Verheirathung besorgen sollte, angehört, ohne in der Verwirrung zu bedenken, 278 daß sie also Einen Weg nehmen müßten. Ulrike hätte sich durch alle Reichthümer der Welt nicht bewegen lassen, sich ihm zu zeigen, und tröstete sich dafür mit der gewissen Hofnung, ihn in Leipzig wiederzuhaben, um durch Madam Lafosse mit ihm vereinigt zu werden: die süße Erwartung zerstreute fast ihren ganzen Kummer. Herrmann, ohne zu vermuthen, daß ihn nur eine Leimendecke von Ulriken schied, überließ sich finstern Gedanken und zweifelhaften Hofnungen, frühstückte wenig und saß mit der traurigsten Melancholie im Winkel. Ihm gegenüber befand sich an einem kleinen Tischchen voller Viktualien ein kleiner dicker runder Pommer, der sich mit stiller Selbstgelassenheit von dem reichlich aufgetragenen Vorrathe nährte: mit ernster Bedachtsamkeit steckte er jede Minute einen Bissen in den Mund, seufzte vor Sättigung und fuhr immer in gleichem Takte zu essen fort. Herrmann hatte ihn bey dem Hereintritte in der Zerstreuung gar nicht wahrgenommen und bemerkte ihn auch nicht, da er ihm gegenübersaß, weil sich an der dickgestopften Figur 279 kein Glied regte als der Arm, wenn er den Lippen einen neuen Bissen überlieferte. Herrmann dachte über die Unmöglichkeit, Ulrikens Ehre zu retten, bey sich nach, glaubte allein zu seyn und fuhr in der Düsternheit seiner Träumerey auf: »O Gott! stehe mir bey! was soll ich anfangen?« – Indem er es sagte, gieng er in dem Stübchen auf und nieder, stund still vor sich hinsehend – auf einmal zupfte ihn Jemand etlichemal am Ermel; er blickte um sich, und siehe! da stund der kleine dicke runde Pommer mit dem originalsten Gesichte voll treuherziger Einfalt, ein kleines ledernes Beutelchen in der Hand, das er mit ganzer Seele darbot. Der gutherzige Junge kannte aus eigner Erfahrung keine andre Noth als Geldmangel und bildete sich also ein, als Herrmann mit gerungnen Händen seine Ausrufung that, daß es ihm an Baarschaft fehle, besonders da er sich ein so elendes Frühstück geben ließ. – »Ich habe noch acht Groschen,« sagte er, indem er das Beutelchen darreichte: »da! ich will mit Ihm theilen.« – Herrmann mußte erst einige Fragen thun, um 280 hinter die Veranlassung einer so originalen Dienstfertigkeit zu kommen, und ward so entzückt von ihr, daß er den Jungen in die Arme drückte und die angebotnen vier Groschen aus dem Beutelchen nahm: der Bube verließ Umarmung und Beutelchen und kehrte, um nichts zu versäumen, zum Essen zurück. In der Zwischenzeit steckte ihm Herrmann statt der vier Groschen zwey preußische halbe Thaler hinein und gab es mit feurigem Danke zurück. – »Es will nicht viel sagen,« sprach der Bube in seiner platten Sprache: »steck' Er mir nur das Säckel in die Ficke!« – Herrmann that es, und sein Wohlthäter schmauste ungehindert fort. »Wo willst du hin?« fragte Herrmann. Der Pommer. In die Fremde. Herrmann. Mit vier Groschen? Der Pommer. Die Leute werden mir ja geben, wenns alle ist. Herrmann. Du guter Junge! aus welcher Welt kömmst du? Der Pommer. Aus Pommern. Herrmann. O so gehe den Augenblick 281 wieder nach Hause, wenn die Menschen dort so gut sind, wie du sie in der Fremde erwartest! Warum bliebst du nicht zu Hause? Der Pommer. Vater ist zu böse; er schlägt mich. Herrmann. Was willst du aber in der Fremde anfangen? Der Pommer. Was der liebe Gott beschert. Herrmann. O du weiser Pommer! komm mit mir! du sollst mich lehren, wie man mit vier Groschen ohne Sorgen durch die Welt kömmt. – »Das kan ich wohl!« antwortete der Bube und nahm die Partie an. Er ruhte nicht, bis das ganze aufgetragne Frühstück verzehrt war, und dehnte sich ächzend, nachdem er das Messer eingesteckt hatte, als wenn er sich von einer schweren Arbeit erholen wollte. Die Bezahlung des Frühstücks nahm gerade sein übriges Vermögen hin: da er bey dieser Gelegenheit die zwey halben Thalerstücke gewahr wurde, legte er sie auf Herrmanns Tisch. »Mein Säckel ist 282 ledig,« sagte er äußerst zufrieden und wickelte das Beutelchen zusammen: Herrmann nöthigte ihn, das Geld zurückzunehmen, allein er verlangte, daß Er es tragen möchte, da sie doch mit einander giengen. Der Bursch in einem kurzen blauen Jäckchen und einer Pelzmütze, ob es gleich mitten im Sommer war, baarfuß, Schuh und Strümpfe unter dem Arme, sezte sich ohne Bedenken auf den Wagen und fuhr davon, ohne zu wissen wohin. In Beeliz hielt es Herrmann für ökonomischer, die ordentliche Post zu erwarten, und verkündigte seinem Pommer, daß er ihm keinen Platz werde verschaffen können. »So geh ich zu Fuße nebenher,« sprach der Junge, mit allem zufrieden, wenn er sich nur nicht von ihm trennen durfte. Ulrike kam erst in der Dunkelheit an, schlich hurtig und ungesehen in ein Stübchen und verschloß sich. Ihr Fuhrmann war nur bis dahin gedungen: zur Extrapost schien ihr kleiner Geldvorrath nicht hinlänglich: sie entschloß sich also auch zur ordentlichen; allein da man ihr berichtete, daß unten auch ein Herr auf die Post wartete, und da sie aus der Beschreibung Herrmannen erkannte, den sie schon wieder abgereist glaubte, verschob sie ihre Entschließung und blieb nach langem Wanken bis zum folgenden Posttage hier: nach seinem lezten Billet besorgte sie ihn zu beleidigen, wenn sie ihn plözlich auf dem Postwagen mit ihrer Gegenwart überraschte. »Finden wir doch einander gewiß bey Madam Lafosse,« dachte sie freudig und ließ ihn reisen. Herrmann merkte abermals nicht, daß er eine Nacht und einen Tag in Einem Wirthshause mit ihr zubrachte: er sezte seinen Weg fort, sein getreuer Pommer zu Fuß nebenher: der Bube war durch eiserne Banden an ihn geknüpft und hätte auf dem nächsten Dorfe vor Leipzig beinahe die Freundschaft mit seinem Blute besiegelt. Ein Schwarm berauschter Musensöhne focht hier einen alten Groll aus, einen vieljährigen Zwist mit den Gesellen verschiedener Zünfte, der schon bey mancher Dorflustbarkeit die schmuzigen Dielen mit Blute gefärbt hatte, wenn es auch nur blutende Nasen waren: an diesem 284 Tage war ein entscheidendes Treffen geliefert worden. Die schlauen Zünftler, die es vermutheten, versammelten sich sehr früh und zahlreich und nahmen mit ihren Nimphen den Tanzplaz ein: nicht lange darauf langten die Vortruppen der akademischen Armee an und suchten durch feine Neckereyen den ruhenden Zwist in Bewegung zu setzen: ihre gelehrten Hälse ertönten von platten Schimpfwörtern, ihre Ellenbogen bestürmten die Flanken der friedfertigen Handwerker: noch immer wollte der Streit nicht Feuer fangen. Endlich versuchten die Angreifer das lezte gewaltsame Mittel: sie begiengen einen Sabinerraub, entführten den Zünftlern ihre Schönen, eroberten den Tanzplatz und tummelten sich mit ihnen in frölichen triumphirenden Schwenkungen herum. Gelassen ertrug lange das feindliche Chor Unrecht und Hohn, und regte sich nur durch leises Murmeln dagegen; doch izt konten sie länger nicht: pathetisch trat ein Schneidergesell, ein großer Redner, der bey den hohen Festtagen seiner Zunft schon manchen 285 Lorber durch seine Beredsamkeit errungen hatte, ein zweiter Demosthen, mit edlem Anstande hervor, erzählte Punkt für Punkt, mit fruchtbarer Kürze die Beschwerden seines Ordens und bat – doch ohne seiner eignen Ehre etwas zu vergeben – um Einstellung der Feindseligkeiten: wider alles Völkerrecht verachteten die Söhne der Musen seine gesandschaftliche Würde, höhnten den Redner und prellten ihn mit einem unvermuteten Kniestoße, daß er stotternd in die Arme seiner Kameraden zurücktaumelte. Ueber eine so offenbare Beleidigung der geheiligten Gesandschaftsrechte schwoll allen die Galle empor, schwarze Wuth sprach aus den braunen Gesichtern, Rachsucht blitzte aus den wäßrigen Augen, und die Hände ergriffen die Waffen: sie verschwuren sich, einen solchen Schimpf mit akademischem Blute auszulöschen. Muthig brachen sie auf die schwächern Feinde los, doch kaum fiel der erste Schlag auf sie herab, so stürzte sich die ganze Hauptarmee der Musensöhne mit blinkenden Degen und knotichten Prügeln 286 herein, sie schwangen unter kriegerischem Jauchzen die Waffen hoch in die Luft und ließen einen Platzregen von Wunden auf die Köpfe der umzingelten Feinde herabfallen, die bald der eindringenden Macht weichen mußten: hier lag einer und glaubte sich todt; dort untersuchte ein andrer seinen Kopf, ob er noch fest sitze; ein dritter kroch krächzend und hustend unter den schwerausgeholten Hieben hindurch; wimmernde Mädchen weinten um ihre zerprügelten Liebhaber; andere wuschen den ihrigen den Heldenschweiß und die blutigen Wunden: einige heroische Nymphen wagten sich sogar in den Streit, um ihre Seladons anzufrischen oder aus dem Gedränge herauszureißen und wurden so tief in das Getümmel verwickelt, daß ihre goldnen Häubchen über die Haufen der Geschlagnen dahinrollten, und ihre glattgeschnürten Leiber über ihre Freunde herpurzelten. Der Sieg war so unzweifelhaft, daß die Zünftler um Frieden baten und voll Beulen und Wunden das Feld räumten. Die Sieger trugen Tisch und Stüle in die freye 287 Luft und besangen hier bey dem vollen Glase mit lauten Jubelliedern die großen Heldenthaten des Tages. Dem Landesvater zu Ehren stachen sie patriotische Löcher in die Hüte und vertranken die lang erwarteten Wechsel zur Erhaltung der akademischen Freiheit. In diesem Zeitpunkte des Triumphs und des Jubels langte Herrmanns getreuer Pommer neben dem Postwagen an: man hielt, weil der Postknecht Geschäfte im Wirthshause hatte. Einige unter den Triumphirenden, von Sieg und Biere trunken, nahten sich den Pferden, um die armen müden Thiere die Ausgelassenheit ihrer Freude empfinden zu lassen. Der kleine Pommer, dem dieser Wagen mit allem Zubehör so nahe, wie sein Leben, angieng, weil Herrmann auf ihm fuhr, hatte das Herz, ihn wider die Anfälle der Betrunknen zu vertheidigen: sie verstunden seine gutgemeinte Herzhaftigkeit so übel, daß sie mit geballten Fäusten auf ihn hereinstürzten und das arme Geschöpf zu zermalmen drohten. Mit Mühe konte ihn Herrmann nebst der übrigen Gesellschaft von 288 ihrer Wuth retten: er floh ins weite Feld hinaus, und die Trunknen wurden von einigen weniger Trunknen zum Glase zurückgeholt. Kaum war der Wagen wieder in Belegung, so kam er von der Flucht zurück, hielt, als Herrmanns Begleiter, seinen Einzug in Leipzig und ließ, wie ein Pudel, Tag und Nacht nicht von ihm ab, aß fleißig, wo er nur etwas erwischen konte, und gehorchte auf den Wink. 289   Neunter Theil. Erstes Kapitel. Daß Herrmann, voll guter Ahndungen, nicht lange zögerte, Vignali's Brief abzugeben, lehrt die Sache selbst: aber wie scheiterten die guten Ahndungen so plözlich! Madam Lafosse hatte noch vor einem Paar Wochen in dem Hause gewohnt, welches die Aufschrift des Briefes anzeigte, und war gegenwärtig gar nicht mehr in Leipzig. Warum? – »weil sie einem Handschuhmacher aus Dresden nachsezte, der sich mit ihr in der Ostermesse versprochen hatte und nicht Wort halten wollte,« berichtete der Hausknecht und sezte hinzu, daß sie ihre Stube aufgegeben habe und vermuthlich nur in den Messen Leipzig besuchen werde. Also war dem armen Herrmann auch das Bischen Trost geraubt? – Nicht Eine Stütze, nicht ein Schatten, nicht eine Illusion blieb ihm 292 übrig: sein trauriges Schicksal lag so schwer auf ihm, daß er unter dem gewaltigen Drucke weder dachte noch fühlte. Er öfnete Vignali's Brief, verstund ihn in der Niedergeschlagenheit kaum und las ihn wohl zwanzigmal, ehe er den Inhalt glaubte, als er darinne den Auftrag an Madam Lafosse fand, den Ueberbringer desselben anzuhalten und ihm allen möglichen Vorschub zu thun, daß er sich auf einem Dorfe in der Stille mit dem Frauenzimmer trauen ließe, das entweder in seiner Gesellschaft oder nicht lange nach ihm mit einem Briefe von Vignali ankommen werde; als er darinne fand, daß Vignali sich zur Tragung der Unkosten erbot und ihre Freundin recht inständig bat, die Sache mit ihrer gewöhnlichen Klugheit zu betreiben und so sehr als möglich zu beschleunigen: zugleich wurde sie auf den Brief verwiesen, den Ulrike mit sich bringen werde, um den ganzen Plan zur Ausführung zu erfahren. Wie unglücklich war er nun vollends! Der Brief lehrte ihn, daß ihm der Zufall sein Glück unter den Händen wegnahm: gleichwohl war 293 er auf der andern Seite nunmehr in so fern besser daran, daß er sich mit einem Schimmer von Hofnung täuschen konte. Ulrike mußte also, nach Vignali's Briefe zu urtheilen, nicht mehr in Berlin seyn – schon eine Beruhigung! Sie mußte entweder schon in Leipzig sich befinden oder doch bald eintreffen: wie leicht war es, sie aufzusuchen, Vignali's vorgeschlagnen Plan aus ihrem Briefe zu erfahren und ihn ohne Beyhülfe der Madam Lafosse auszuführen? – Aber er hatte sich vorgenommen, nicht eher wieder vor ihr zu erscheinen, als bis er ihr einen sichern Unterhalt anbieten könte! – Er schwankte lange, ob er seinem Vorsatze treu bleiben sollte, erkannte ihn für Uebereilung in den ersten Augenblicken der Reue, glaubte, daß es für ihn und Ulriken zuträglicher sey, sie zu heirathen, um sie nicht den Nachstellungen und der Rachsucht ihres Onkels aufzuopfern: – aber wo und wovon sollten sie zusammen leben? – »Von der Arbeit!« sagte er sich. »Sie mag nehen, stricken, waschen: ich will in einer Handlung oder bey einem Advokaten Arbeit suchen.« – Wie 294 gesagt, so beschlossen; wie beschlossen, so gethan: er bestellte in der gewesenen Wohnung der Madam Lafosse, daß man ein junges Frauenzimmer, wenn sie nach dieser Frau fragte, in seinen Gasthof weisen sollte. Er, für seinen Theil, ließ es unterdessen nicht an Mühe fehlen, sie zu treffen: vom frühen Morgen bis zum Abend wanderte er auf den Straßen, auf dem Wege, wo die Berliner Post kommen mußte, unermüdlich herum, stellte auch eine Anweisung im Posthause aus: da war keine Ulrike! da kam keine Ulrike! Er durchstrich an den volkreichsten Tagen und Stunden den Spatziergang ums Thor, sahe gepuzte Damen und Herren, die in einem kleinen Bezirke drängend durch einander herumkrabelten, alle etwas suchten und zum Theil zu finden schienen. Gähnende Damengesichter, von der Langeweile auf beiden Seiten begleitet, suchten den Zeitvertreib, und rechnende Mathematiker suchten zu der Größe ihres Kopfputzes und ihrer Füße die mittlere Proportionalzahl, oder suchten in den Garnirungen ihrer Kleider 295 Parallelopipeda, Trapezia, Würfel und Kegel: schöne Mädchen und Weiber suchten Bewunderer ihrer Reize, und funfzigjährige Magistri Bewunderer ihres Schmuzes: Doktores juris à quatre epingles suchten die Jurisprudenz, und veraltete Koketten die Jugend: junge Anfängerinnen suchten die ersten Liebhaber, und junge Docenten die ersten Zuhörer: Scheinheilige suchten Sünden und Aergernisse, um sie auszubreiten, Moralisten suchten Laster und Thorheiten, um dawider zu eifern, und Kennerinnen des Putzes suchten Sünden des Anzugs, um darüber zu spotten: ein jedes suchte die Gesichter der Andern, ein jedes in den Gesichtern der Andern Zeitvertreib, und ein großer Theil des Geländers war mit lebendigen Personen verziert, die mit stieren Augen die übrigen alle suchten, um sich auf ihre Unkosten zu belustigen. Aus dieser suchenden Gesellschaft drängte sich Herrmann in den größern verachteten Theil der Promenade: hier suchte ein tiefsinniger Philosoph mit gesenktem Haupte und wackelndem Schritte die Monaden mit dem Stocke im Sande, ein denkender Kaufmann suchte 296 Geld für verfallene Wechsel, ein Almanachsdichter Gedanken für seine Reime, und ein bleicher Hypochondrist das Vergnügen in der Luft; und alle suchten vergebens, wie Herrmann. Welch nagender Kummer, nicht zu wissen, wo sie ist, die man liebt! Tausend Gefahren und Widerwärtigkeiten sich als möglich zu denken, unter welchen sie vielleicht schmachtet, und dabey sich den Vorwurf machen zu müssen: Du warst es, der sie durch Eine Unbesonnenheit aus ihrer Ruhe auf ein Meer von Kümmernissen hinaustrieb! – Unendlichemal sagte sich Herrmann dies in Einem Tage und bereute, daß er eine Liebe nährte, die der Himmel selbst nicht billigen müßte, weil er sie so vielfältig hinderte. Seine Leiden machten ihn stumm und äußerst traurig: er sprach an dem öffentlichen Tische, wo er speiste, beinahe kein Wort, aß wenig und wußte selten, was er genoß: sein gewöhnlicher Nachbar hielt es eben so; und deswegen vertrugen sich diese beiden Leute so vortreflich mit einander, daß sich allmälich eine Sympathie mischen ihnen entspann. Die 297 leidende verzerrte Mine des Mannes, sein hagres fast verdorrtes Gesicht, sein in sich gezognes, menschenhassendes Betragen, seine Zerstreuung, zog sehr bald Herrmanns Aufmerksamkeit auf sich: er liebte ihn, weil er auch zu leiden schien. Wenn einer den Tisch verließ, verließ ihn auch der andre: als wenn sie ein geheimer Zug lenkte, giengen sie neben einander spazieren, ohne es meistenteils selbst zu wissen, redten nicht viel mehr, als bey Tische, höchstens alle fünf Minuten ein Paar Worte: der eine richtete seinen Gang, vielleicht ohne daran zu denken, in einen Garten; ungefragt und ohne Widerspruch folgte der Andre ihm nach: sie sezten sich in eine Laube, eine schattichte Allee; der eine stund vielleicht auf und gieng nach Hause, der Andre vermißte ihn nicht, als bis er selbst gehen wollte. Geriethen sie in einen Kaffegarten, so foderten sie Kaffe, vergaßen ihn zu trinken, und schmähten, wenn sie endlich einmal einschenkten, daß man ihnen so kalten Kaffe vorsezte. Die Bekanntschaft wuchs so schnell zur Freundschaft empor, daß sie sich mit vieler Treuherzigkeit 298 Besuche versprachen, zuweilen gaben und alsdann die Stunden mit nichts hinbrachten, als daß sie neben einander träumten. Nachdem sie schon einige Wochen einander alle Tage gesehen hatten, machte Herrmanns neuer Freund die Bemerkung, daß er ihm heute nicht so aufgeräumt, wie sonst, vorkomme, obgleich Herrmann vorher während ihrer ganzen Bekanntschaft so traurig gewesen war, wie izt. – »Ist Ihnen etwas widriges begegnet?« sezte der Hypochondrist hinzu. – »Ach Freund!« antwortete Herrmann; »ich bedarf keines neuen Unglücks zur Traurigkeit: ich muß der Freude sehr jung entsagen.« Der Hypochondrist. Ich bin auch heute nicht halb so lustig, wie sonst. Die starke Hitze schlägt allen meinen Muth nieder. Herrmann. O es ist kühl, rauh, wie im Herbst: man friert. Der Hypochondrist. Meinen Sie? – Ja, Sie haben wirklich Recht: es ist sehr kalt: ich werde meinen Pelz umnehmen. – Er nahm ihn um: über eine Weile schüttelte 299 er sich, als wenn er vor Frost schauderte. – »Es ist so gewaltig kalt,« sprach er, »daß ich einheizen lassen muß.« – Er gab Befehl dazu; und der Mann, der vorher sich einbildete, vor Hitze zu ersticken, bildete sich itzo ein, vor Frost zu vergehen, und stellte sich im Pelze an den glühenden Ofen. Auf einmal fieng er an: »es ist Ihnen ganz entsezlich warm.« Herrmann. Ich sitze hier am ofnen Fenster: ich kan nicht darüber klagen. Der Hypochondrist. Ihnen wäre nicht warm? Sie keuchen ja vor Hitze. Herrmann. Wenn meinem Herze so wohl wäre, wie dem Körper! Der Hypochondrist. Ich weis nicht, wozu Sie es läugnen: der Schweis läuft Ihnen ja am Kopfe herein. Herrmann. Mir nicht, aber Ihnen! Sie schwitzen und glühen, wie ein Backofen. Der Hypochondrist. Meinen Sie? – Ja, es kan wohl seyn. – Oh, es ist mir 300 übernatürlich warm: der Pelz brennt, wie die Hölle – ah, ich möchte verschmachten. – Hastig warf er den Pelz von sich, das Kleid hinter drein, und zog das leichteste dünnste Neglische an. Er gieng stillschweigend in der Stube herum. »Warum sind Sie denn so still?« fragte er. Herrmann. Lieber Freund, meine Seele ist so voll, daß die Zunge nicht reden kam Sprechen Sie! zerstreuen Sie meine düstern Empfindungen! Der Hypochondrist. Red' ich denn nicht? – Ich dächte, ich hätte den Mund nicht zugethan. Herrmann. Kaum funfzig Worte haben Sie gesprochen, so lang ich hier bin. Der Hypochondrist. Das wundert mich: aber es ist möglich: ich fühl' es selbst, daß ich heute nicht halb so munter bin, wie sonst. Kommen Sie! wir wollen den Magister – wie heißt er doch? – Sie werdens schon erfahren; er ist mein sehr guter Freund und wird uns gewiß aufheitern. – 301 Sie begaben sich zu dem Magister und fanden ihn in einem so tollen Anzuge, daß sich Herrmann, seiner übeln Laune ungeachtet, des Lachens kaum enthalten konte. Ein kleines Männchen, einen Tressenhut nebst einer Haarbeutelperücke auf dem Kopfe, den buntstreifigten Schlafrock mit einem braunledernen Degengehenke zusammengeschnallt und aufgeschürzt, wie die Bauermädchen die Röcke aufgürten, in bloßen Füßen und großen wollnen Socken: – in dieser grotesken Kleidung wandelte er gravitätisch die enge beräucherte Stube auf und nieder, ohne sich durch den Besuch von seiner Richtungslinie abbringen zu lassen. Kaum hatte Herrmann den Mund geöfnet, um ihn zu grüßen, als ihn der Ton seiner fremden Stimme verscheuchte – husch! war er in die Kammer hinein. Nach langer Zeit kam er mit bekleideten Füßen, aber in dem vorigen Anzuge, wieder zurück, weil ihn sein Freund durch die Kammerthür aus allen Kräften versicherte, daß der Fremde seine Draperie nicht übel nehmen werden. Er bewillkommte seinen noch nie gesehnen Gast 302 mit vieler Aengstlichkeit und drückte sich dabey mit dem Rücken so dicht an die Wand, als wenn er besorgte, Herrmann werde ihm darauf springen; und da er sich so an drey Wänden hin bekomplimentirt hatte, bat er an der vierten um Erlaubnis seinen Hut aufzusetzen. – »Ich habe mir meinen Kopf so gewaltig erkältet,« gab er zur Ursache an, »daß er sich seit vier Tagen nicht erwärmen läßt.« – Herrmann verstattete ihm sehr gern die verlangte Freiheit und wartete ungeduldig auf die versprochne Aufheiterung, die ihm dieser Mann verschaffen sollte: er suchte deswegen das erloschne Gespräch wieder anzufachen: der Aufheiterer machte sich bey jedem Gange, den er that, beständig den Rücken frey und verließ deswegen niemals die Wand. Seine Scheu wurde zulezt so groß, daß sie sein Freund bemerkte und ihn darüber befragte: er wollte lange nicht beichten, doch da ihm auch Herrmann durch Fragen zusezte, gestand er endlich, daß seine Gegenwart ihn in solche Furcht versetze. Herrmann näherte sich ihm, um die Furcht durch freundliches Zureden zu 303 vertreiben: je näher er ihm kam, je ängstlicher und zitternder zog sich der Andre vor ihm zurück, bis er in einen Winkel kam, der ihn nicht weiter ließ: er bat um Gottes willen, ihm ja nicht auf den Hals zu fallen. Herrmann entfernte sich zwar, aber ruhte nicht, bis er ihm die Ursache dieser sonderbaren Besorgniß entdeckte. – »Sie sehen,« sagte er, »natürlich wie ein griechisches Sigma (ς) aus; und den verwünschten Buchstaben kan ich nun vierzehn Tage her nicht ohne Angst ansehn: es ist mir immer, als wenn er über mich herfallen und mich mit dem gottlosen langen Schnabel hacken wollte.« Nicht lange darauf erschien ein zweiter Besuch: ein anständig gekleideter, wohlgesitteter Mann trat herein, um, wie er berichtete, dem Herrn der Stube den Krankenbesuch zu machen: »aber,« sezte er hinzu, »ich thu es aus großer Freundschaft; denn ich bin selbst keine Minute vor dem Tode sicher.« – Herrmann mußte sich um so viel mehr darüber verwundern, da der Mann so frisch und gesund aussah, daß er dem Tode wohl noch zwanzig Jahre Trotz bieten zu 304 können schien. Man erkundigte sich nach der Krankheit, die ihn mit einem so nahen Tode bedrohte. »Gestern,« antwortete er, »hab ich mir mit dem Federmesser eine so tödtliche Wunde gemacht, daß ich wegen der gefährlichen Folgen keinen Augenblick ruhig seyn kan. Der Schnitt schmerzte mich entsezlich: es wollte nicht bluten, und das ist immer eine schlimme Anzeige. Wenn nun gar eine Entzündung dazu schlüge, und aus der Entzündung würde der kalte Brand und der kalte Brand träfe die Eingeweide: da wär' ich ja den Augenblick ohne alle Umstände todt.« – Weil Herrmanns Freund mit der Gewohnheit des Verwundeten, seine körperlichen Leiden zu vergrößern, bekannt war, drang er in ihn, seine Wunde zu zeigen: der Mann gieng außerordentlich schwer daran und wickelte nach vielen schmerzlichen Bewegungen und langen Zurüstungen ein großes Stück Leinwand von dem Finger: die ganze Gesellschaft untersuchte ihn an allen Seiten und konte ohne Mikroskop schlechterdings keine Wunde entdecken. Der Verwundete, der mit beständigem 305 Zittern fürchtete, daß man sie zu stark berühren werde, bezeugte eine sonderbare Verlegenheit, als man nirgends eine Wunde entdecken wollte: endlich besann er sich, daß es der Zeigefinger war, an welchem man auch einen kleinen unbedeutenden Schnitt fand: der gute Mann hatte sich den unrechten Finger verbunden, und sich den unrechten Finger schmerzen lassen. »Kleinigkeit!« rief der Herr von der Stube: »die ganze vorige Woche hab' ich meine linke Hand nicht brauchen können: ich fürchtete mich, sie nur zu berühren.« »Und warum?« fragte Jemand. »Sie war in Einer Nacht so weich geworden, daß ich alle Augenblicke glaubte, sie würde zerfließen: wie eine Gallerte! und so leicht, daß ich kaum fühlte, ob ich eine Hand hatte.« – »Und wie ist sie denn wieder hart geworden?« – »Von sich selbst in Einer Nacht! Da ich des Morgens aufstehe, ist meine Hand wieder so fest und brauchbar, wie die Rechte.« »Possen!« fiel ihm der Mann mit der 306 Federmesserwunde ins Wort. »Das ist Einbildung gewesen: aber lassen Sie sich einmal eine Historie von mir erzählen, wobey Ihnen die Haare zu Berge stehn sollen! Am dritten heiligen Osterfeiertage vor dem Jahre – was meinen Sie wohl? – da sitz' ich unter den Linden – es war gerade ein gar allerliebster Tag – da sitz' ich unter den Linden und – was meinen Sie wohl? – da fällt mir etwas von dem Baume über mir gerade in den Mund hinein, und eh' ich michs versehe, ist es hinuntergeschluckt. Nun stellen Sie sich einmal die Angst vor! was das alles gewesen seyn konte! vielleicht ein Stückchen Holz voll von giftigem Thau, wie er in dieser Jahrszeit häufig fällt? Es konte auch ein Stückchen Glas seyn, das mir die Eingeweide zerschnitt; oder wohl gar der Unrath eines Vogels, der mir Säfte und Blut mit Fäulniß ansteckte; oder auch ein Samenkorn, das in mir keimte und aufgieng, woran ich hätte elendiglich ersticken müssen: was meinen Sie wohl, daß es war? – Ich zittre noch an allen Gliedern – eine Spinne!« – 307 »Woher wissen Sie denn das?« – »Woher?« antwortete er, durch die Frage beleidigt. »Weil ichs gefühlt habe! Ich habe mich ja mit der verdammten Spinne über zwey Monate geplagt: dem Arzte machte sie auch nicht wenig zu schaffen: er hat mir Arzeney über Arzeney eingeschüttet, um sie zu tödten: ich bat ihn um Gottes willen, daß er das nicht thun sollten denn es fiel mir immer aus Pantoppidans Naturgeschichte ein, daß einmal eine junge Seekrabbe – die doch nach seiner Beschreibung auch eine Art Spinnen seyn müssen – in einem Kanale verfault ist und beinahe eine ganze Stadt angesteckt hat: was meinen Sie wohl, daß aus mir geworden wäre, wenn sie der Doktor wirklich umgebracht hätte? – Elendiglich wär' ich gestorben.« Herrmann. Und wie wurden Sie denn das Ungeheuer los? – »Mein Arzt gab mir einen Schlaftrunk ein und körnte sie am Munde so lange mit einer Fliege, bis sie sich zu der Lockspeise herausspann: er zeigte sie mir, als ich erwachte, nebst einem 308 großen Bündel von ihrem Gewebe. Nun war mir nur wegen des übrigen Gewebes bange; aber mein Arzt hat mir glücklich davon geholfen. Er purgirte mich so stark und ließ mir so lange zur Ader, bis ich weder Saft noch Kraft mehr im Körper hatte: das hat mich vom Tode errettet. Lieber Gott! wie der Mensch doch so leicht elendiglich umkommen kan!« »Wie können Sie nur so ein Kindermährchen glauben?« fieng Herrmanns Freund an. »Sie haben sich das närrische Zeug eingebildet, und der Doktor machte Ihnen etwas weiß.« »Ich? mir das eingebildet?« rief Jener und brannte vor Aerger. »Nicht anders! eingebildet!« unterbrach ihn der Andre eben so hitzig. »So ein kluger Mann, wie Sie, und läßt sich solche tolle Einbildungen aufheften! Das sind alles Schwachheiten: Aber ich will Ihnen einmal einen Vorfall erzählen, der ganz anders aussieht: Sie werden sich wundern, allein ich kan Ihnen einen körperlichen Eid schwören, daß es die reine lautere Wahrheit ist. Vor drey Jahren in dem 309 grimmig kalten Winter – Sie werden das allerseits noch wissen – stund ich an dem kältesten Tage bey dem Ofen und fror, daß mir die Zähne klapperten, obgleich der Ofen vor Hitze springen wollte. Die Fenster hatte eine dicke Eisrinde überzogen, die etliche Tage her gar nicht aufgethaut war: ich sehe immer nach den vereisten Fenstern hin: auf einmal fang' ich von unten an, zu erfrieren: die Beine waren schon bis an die Knie todt, so steif, daß ich mich auf einen nahen Stuhl werfen mußte. Ich fühlte ganz deutlich, wie der Tod immer weiter nach dem Herze heraufstieg: ich wurde so starr, daß ich mich nicht rühren konte, das Herz stund – weg war ich!« Herrmann. Wie sind Sie denn wieder aufgethaut? – »Das weis Gott. Meine Aufwärterin, da sie mich findet, macht gleich Lärm und holt Leute, die mich zu Bette schaffen. Wer weis, was sie nun mit mir vorgenommen haben: Sie sagen alle, daß ich von selbst wieder zu mir gekommen wäre; aber ein Narr, ders glaubt! 310 Sie wollen mir nur nicht gestehen, was für entsezliche Mittel sie gebraucht haben. – Was sagen Sie dazu?« – »Daß es Einbildungen gewesen sind!« riefen die andern beiden Hypochondristen. »Einbildungen, wenn man alles so gewiß fühlt, als ich hier vor Ihnen stehe? – Wenn man sich mit dem Federmesser rizt und den unrechten Finger verbindet, und dann sich vorstellt, daß man in der Minute daran sterben wird, das sieht einer Einbildung eher ähnlich: oder wenn man sich vom Arzte überreden läßt, daß er mit einer Fliege eine Spinne aus dem Leibe gelockt hat, das ist eine Einbildung; oder wenn man sich gar vorstellt, daß die Hand zu Gallerte geworden ist – man möchte toll werden, sich so eine handgreifliche Unmöglichkeit einzubilden!« – »Ey! sagen Sie mir doch,« rief der Mann, dem der lezte Stich galt, »ist denn Ihr Erfrieren von unten aus nicht eine viel größere Unmöglichkeit? Sie sind von der großen Ofenhitze, die Ihren Kopf von hinten traf, in Ohnmacht 311 gefallen, und weil Ihnen die kalte Luft vom Fenster auf die Füße strich, bildeten Sie sich ein, daß Sie von unten aus erfrören.« – »Schwachheiten!« rief der Widerlegte erboßt; »ich hab' es aber gefühlt.« »Wir auch!« antworteten die Andern beide: »auch wir haben gefühlt.« – »Das ist nicht wahr: Ihr habt nicht gefühlt, sondern Euch nur das Gefühl eingebildet.« – »Und Sie haben etwas gefühlt und sich eine falsche Ursache eingebildet,« erwiederte der Herr von der Stube. »Das ist albern geredt,« sprach der Erfrorne, »daß Sie es nur wissen! als wenn ich nicht causam et effectum unterscheiden könte!« »Das können Sie auch nicht!« rief Jener. »Das hab' ich gekont, eh an Sie gedacht wurde: ich habe distinguirt, da ich noch ohne Hosen herumlief.« – »Und wenn Sie in Mutterleibe schon distinguirt hätten, so sind Sie doch ein Narr, wenn 312 Sie sagen, daß ich mir meinen Zufall mit der Hand nur eingebildet habe.« – »Ein Erznarr,« stimmte sein Konsorte mit ihm ein, »wenn ich mir nur eingebildet haben soll, daß ich eine Spinne im Leibe hatte.« »Meine Herren,« fieng Herrmann sehr bescheiden an, »wenn Sie nun alle drey Recht hätten? Sie bildeten sich alle etwas ein.« – Armer Herrmann! nun gieng der ganze Krieg auf den Zweifler los, der allen zugleich, und keinem allein Recht gab: zu seinem großen Glücke stellte sich ein neuer Besuch ein. Herr Logophagus trat äußerst verwildert herein: die Streitenden riefen ihn zum Richter aus, allein er lehnte die Ehre mit der höflichen Bitte von sich ab, daß man ihn ungeschoren lassen sollte, weil er wichtigere Sachen im Kopfe hätte. Man fragte ihn, welche, und er begann also: »Da bin ich mit einem Ignoranten, einem Narren, der den schönen Geist macht, zusammen gewesen: der Hasenfuß that so dicke und hielt sich so viel über mich auf, daß ich böse wurde und mich recht tüchtig mit ihm zankte. 313 Ach! es ist aus in der Welt: alle wahre ächte Gelehrsamkeit hat ein Ende: seitdem so viele schöne Geister unter uns geworden sind, rücken die Wissenschaften und Gelehrsamkeit dem Untergange mit jeder Minute näher. Da lernen die Leute ein bischen Geschmack, und nun sind sie schöne Geister und verachten einen Mann, der das seinige redlich und rechtschaffen in litteris gethan hat.« Herrmann. Machen denn vielleicht die schönen Geister eine besondre Innung bey Ihnen aus? Sie sprechen davon, wie von einem Handwerke, das man lernt. »Er ist ein schöner Geist« – kömmt mir nicht anders vor als wenn man von Jemandem sagte, er ist ein gutes Gedächtniß Herrmanns unentwickelter Gedanke ist sehr richtig. Schöner Geist , bel esprit , ist eine Eigenschaft des Kopfs, das Vermögen, den Gedanken eine angenehme gefallende Wendung und einen einnehmenden Ausdruck zu geben, – l'art de faire parôitre les choses plus ingenieuses qu'elles ne sont - l'art de donner à une pensée sommune un tour sententieux , wie ihn Maupertuis ein wenig einseitig beschreibt. Wie sehr dieser schöne Geist bey uns herrscht, überlasse ich den Lesern selbst zu bestimmen: er ist in diesem Sinne gar nicht die herrschende Eigenschaft des teutschen Kopfs. Das Publikum ist so gefällig und nennt jeden leeren Kopf, der Reime liest und macht, einen schönen Geist;: dadurch ist der Name verächtlich geworden, während daß wir gern ein wenig mehr von der Sache halten möchten. So geht es uns mit den Wörtern Genie und Witz ; und wenn einmal der Verstand bey uns Mode wird, dann sagt man vermuthlich auch: da gehen zwey Verstande – wie man itzo sagt: da gehn ein Paar schöne Geister. . Ein französischer Gelehrte 314 sagte mir einmal: die Teutschen haben viel schöne Geister , aber wenig schönen Geist . »Es ist auch nicht viel daran gelegen,« antwortete der Wirth. »Das sind Einbildungen des Herrn Lithophagus. Er denkt, weil seine Sylbenstechereyen, seine kritische und humanistische Wortkrämerey nicht mehr im Gange ist, deswegen wird es gleich mit aller Gelehrsamkeit aus werden. Desto besser, daß wir uns nicht mehr um das heidnische abergläubische Zeug bekümmern! Ich will Ihnen besser sagen, was das Schöngeistern unter uns für Schaden anrichtet: es verdirbt die Religion, führt Freygeisterey und Unglauben ein, und Gottesfurcht 315 und Frömmigkeit nehmen alle Tage mehr ab, seitdem das verhenkerte Schöngeistern bey uns eingerissen ist. Nichts wird geschrieben und gelesen als Witz: ein bischen Witz ist bald hingeschmiert, und wer ihn liest, dem thut der Kopf auch nicht weh: darum saugen die Menschen so gern Witz ein, und Witz und Unglauben sind Brüder.« — academic dull ale - drinkers Pronounce all men of Wit freethinkers , sagt Swift. »Da haben Sie völlig recht,« fiel ihm der Mann mit der Federmesserwunde ins Wort. »Aber das Uebel erstreckt sich viel weiter. Wissen Sie, warum das Menschengeschlecht so elend, so kraftlos, klein und schwach ist, daß sechs Menschen izt nicht so viel heben und tragen können als einer zu unsrer Väter Zeiten? Sonst gab man dem The und Kaffe die Schuld: grundfalsch! der Witz hat uns zu solchen krüpelichten Zwergen gemacht; und wenn der verdammte Witz so fortfährt, unter uns einzureißen, so werden unsre Kinder so matt werden, wie die Fliegen: wenn sie ein rauhes Lüftchen trift, werden sie umfallen und sterben.« 316 »Ach, Sie haben immer etwas mit dem Sterben zu thun!« unterbrach ihn Herrmanns Freund. »Ich weis besser, woran unser Jahrhundert krank liegt – an der Menge von Genies. Die Genies haben die Sitten verderbt, alle Wissenschaften in Verachtung gebracht und sind die Ursachen unsrer itzigen Unwissenheit in der Philosophie. Hätten wir nichts vom Genie in Teutschland gehört und gesehn, so würde auch die Philosophie noch so viel gelten wie vormals.« A. Ach, mit Ihrer Philosophie! Diese könten wir wohl entbehren: aber wo Kritik und Philologie nicht mehr in Werthe sind, da sind die Menschen der Barbarey nahe. B. Die Philologie und Kritik? – Was Sie sich einbilden! Die Wortklaubereyen hätten immerhin niemals aus der Welt seyn mögen: aber die Theologie! das ist der Brunnquell aller Künste und Wissenschaften: wenn diese in Verfall geräth, dann werden aus den Menschen bruta . C. Ey, gehorsamer Diener! Ich dächte, 317 auf die Jurisprudenz käme wohl mehr an als auf die liebe Theologie: wo die ächte elegante römische Jurisprudenz keine Liebhaber mehr findet, da ist alles vorbey; und nach ihr setze ich die Medicin; denn sie errettet vom Tode. D. Ja, wenn man Spinnen verschluckt hat! Ihr seyd alle nicht auf dem rechten Flecke. Der übrige Plunder alle kan zu Grunde gehn: aber wenn die Philosophie sinkt, dann entsteht allgemeine Finsterniß. Außer der Philosophie ist alles Schnurrpfeiferey. »Das sagt ein Narr!« riefen die andern drey in Einem Tempo. »Woher wüßte denn die Philosophie so viele Sachen, wenn ihr meine Wissenschaft nicht hülfe?« sprach der Theolog. »Sie weis nichts von guten und bösen Geistern« – Auf dies Wort fielen die andern drey mit vereinten Kräften der Lunge über ihn her. Der Philolog bewies aus griechischen Redensarten, daß diese beiden Benennungen nur Namen und keine Wesen wären: der Jurist läugnete ihre Existenz schlecht weg ohne Gründe, und der 318 Philosoph höhnte den Theologen, als einen abergläubischen Schwachkopf, mit seinen bösen Geistern aus: alle redten zugleich mit wüstem Geschrey, daß Gläser und Fenster klangen, und der arme kleine Theolog, da er von drey so beißigen Disputanten zugleich angebellt wurde, wußte sich nicht anders zu helfen, als daß er alle seine Gegner in den Bann that. »Ich möchte,« schrie er mit lauter Stimme, »daß den Augenblick der Teufel käme und euch alle holte: alsdann würdet Ihr wohl an ihn glauben.« – Nicht lange nach dieser Appellation an den Herrn selber, den der Streit betraf, geschah plözlich vor der Thür ein entsezliches Getöse, als wenn ein Stück Mauer einstürzte: schnell verstummte die Disputation, alle zitterten und bebten und stunden eingewurzelt da, ohne einen Schritt von der Stelle zu wagen. Daß einer die Ursache des Schreckens hätte untersuchen sollen, war gar nicht zu erwarten: der Lärm geschahe zum zweitenmale, und es schlug sogar etwas heftig an die Thür an: als wenn der Erzfeind mit Schwanz und Klauen leibhaftig schon in der Stube stünde, 319 purzelten alle vier mit übereilter Hastigkeit in die Kammer hinein und schlossen sie fest zu. Herrmann, ob er gleich nie eine Akademie besucht hatte, öfnete die Stubenthür und entdeckte bey dem ersten Blicke die Ursache des Schreckens: der Thür gegenüber ruhte auf zween Balken, ein Paar Ellen über den Fußboden erhaben, ein Holzschrank, in welchem der kleine übelgethürmte Haufen eingestürzt und zum Theil an die Stubenthür herübergerollt war. Er theilte den vier verschloßnen Flüchtlingen seine Entdeckung mit und konte sie mit großer Mühe bewegen, das Holz selbst in Augenschein zu nehmen: sie kamen dicht hinter einander heraus, ein jeder hielt des Andern Rockzipfel – alle gestunden das Phänomen zu: Aber die Ursache? – Herrmann gab eine sehr natürliche an, daß das Holz schlecht gelegt gewesen sey; und der Jurist und Philolog pflichteten ihm insofern bey, weil sie es überhaupt nicht für nöthig hielten, sich um die Ursache eines Dinges zu bekümmern. »An solchen Unfällen ist nichts als die Ignoranz Schuld,« sezte der Philolog hinzu: »hätten die 320 Holzhauer griechisch gelernt so wüßten sie, daß die Figur eines großen Delta (Δ) die vollkommenste zum Holzlegen ist.« – So leicht sich diese beiden beruhigten, so schwer konten es die übrigen Beiden: der Theolog ahndete gewisse ausdrückliche Veranstaltungen der Vorsicht, um seine rechtgläubige Meinung durch ein Zeichen zu bestätigen, und der Philosoph, da er mit der Zentralkraft nichts ausrichtete, war nicht ungeneigt, eine eigne holzbewegende Kraft zu erschaffen. Sie disputirten unendlich lange und mit vieler Heftigkeit: jeder widerlegte den Andern, ohne daß er ihn seine Meinung völlig vortragen ließ: fast mit jedem Worte kamen sie weiter vom Ziel ab und thaten so starke Märsche durch alle Nebenwege und Schleifpfade, daß sie in einer Viertelstunde von der holzbewegenden Kraft schon bey dem Leben nach dem Tode waren. Sie kamen beide (die erste Uebereinstimmung während der ganzen Unterredung!) in den Klagen über die Mühseligkeiten dieses Jammerthals überein, und der Philosoph wußte keine bessere Kur dawider, als sich durch einen herzhaften Tod den 321 Weg daraus zu öfnen: hier schied sich sein Gegner plözlich von ihm und bestritt seine gewagte Meinung mit allen möglichen theologischen Gründen; doch jener, ohne seine Einwürfe zu achten, fuhr ungehindert fort und untersuchte schon, welches die bequemste Art des Todes sey, um sich von der Last des Lebens zu befreyen, und war für das Kehlenabschneiden ungemein eingenommen. »Was ist es denn?« sprach er und zog ein Messer aus der Tasche. »Ein herzhafter Schnitt! und man ist weg.« – Der Andre bat ihn zitternd, das mörderische Gewehr einzustecken; und da er, aller Warnungen ungeachtet, in der Hitze, womit er die Leichtigkeit eines solchen Todes verfocht, die blinkende Klinge sehr oft der Kehle näherte – welches aber bey ihm nur eine Gestikulation war – so glaubte der Andre in seiner hypochondrischen Einbildung, daß er sich im Ernste entleiben wollte, schrie auf, warf sich in Herrmanns Arme und bat ihn inständigst, die Unthat zu verhindern, daß sie nicht auf seiner Stube geschehe. Der Philosoph lachte seiner und der zwey Andern, die furchtsam aus 322 dem Winkel nach ihm anschielten und jeden Augenblick den tätlichen Streich erwarteten: er steckte das gefährliche Werkzeug wieder ein, die Flüchtigen versammelten sich um den Tisch, und jeder machte die weise Anmerkung, daß man mit dergleichen abscheulichen Dingen nicht scherzen müsse. Der Vertheidiger des Selbstmords, der vielleicht nicht das Herz gehabt hätte, einem Sperlinge das Leben zu nehmen, war in diese Materie so verliebt, daß er sie sogleich wieder fortsezte: ein jeder wußte ein Histörchen von einem Selbstmorde; man erzählte nach der Reihe herum, je schauderhafter, je lieber: die Dämmerung nahte sich, und die ganze Gesellschaft hatte sich ihre Einbildung mit so schreckenden Bildern erfüllt, daß sie alle, wie fest gemacht, am Tische saßen: keiner wagte einen Blick hinter sich in die finstre Stube: die Furcht band endlich auch die Zungen: Licht zu bestellen, wäre keinem einzigen möglich gewesen, und Herrmann wollte sich eigenmächtig nicht dazu erbieten, weil er die Gelegenheiten des Hauses nicht kante. Sie schnaubten kaum, machten 323 die Augen zu und schliefen alle viere ein, daß sie schnarchten. Herrmann, dem die schnarchende Musik lästig wurde, schlich sich leise zur Thür hinaus und gieng nach Hause. Den folgenden Tag erfuhr er, daß die Gesellschaft bis gegen zehn Uhr zusammen geschlafen hatte. Als einer nach dem Andern erwachte, fürchtete sich ein Jeder vor den Augen der Uebrigen, die ihm in der Dunkelheit zu brennen schienen: der Philosoph ermannte sich zuerst und suchte ein altes Feuerzeug, schlug an: er lief mit dem brennenden Schwefel in der Hand herum, um den Leuchter zu suchen, und da er von ungefähr nach dem Tische blickte und die drey Gesichter seiner Freunde sahe, auf welche das blaue Schwefellicht einen blassen todtenähnlichen Schein warf, daß sie in der Dunkelheit drey Leichen zu seyn schienen, warf er vor Schrecken den Schwefel auf die Erde, flüchtete in die nahe Kammer, legte sich wohlbedächtig auf das Bette und schlief sehr bequem, während daß der Wirth mit den 324 übrigen beiden Gästen am Tische übernachtete.   Zweites Kapitel. Für einen Menschen, der, wie Herrmann, so viele eigne Ursachen zur Betrübniß hatte, war solche traurige Gesellschaft ein wahres Verderben: gleichwohl gieng er ihr nach, und hätte sie um alles in der Welt nicht gegen bessere vertauscht: sie harmonirte zu sehr mit der Stimmung seiner Seele, um nicht Nahrung für seinen Kummer in ihr zu suchen. Nicht blos Unglück der Liebe; nicht blos Ungewißheit wegen Ulrikens Schicksal, nicht blos Reue über seine verliebte Uebereilung; nicht blos die Unmöglichkeit einer Verbindung mit ihr quälte ihn itzo mehr, sondern das schrecklichste Uebel, das einen Menschen von Herrmanns Denkungsart bedrohen kan – der Mangel. Seine kleine Baarschaft, die er von Berlin mit sich brachte, war theils auf der Reise, theils bey seinem Aufenthalte in Leipzig weggeschmolzen, er hatte kein 325 gelehrtes, noch mechanisches Handwerk gelernt, um sich seinen Unterhalt zu verschaffen; zu den Arbeiten, die er hätte verrichten können, raubte ihm der Gram Lust und Kräfte; mit seinem einzigen Freunde, mit Schwingern, hatte er sich auf Vignali's Antrieb entzweit und wagte es nicht, ihm seinen Aufenthalt zu entdecken, aus Furcht, er möchte seine Drohung wahr machen und ihn in die Hände des Grafen zur Bestrafung für seinen unverschämten Brief liefern; von seinen Eltern, wenn er auch seinen Vater nicht durch die schnöde Behandlung in Berlin beleidigt hätte, konte er keinen Beistand erwarten; die Rache des Grafen mußte er täglich fürchten: also ohne Rettungsmittel, ohne Freund, unter Furcht, Quaal und Kummer saß er da in einer unbekanten Stadt unter unbekanten Menschen, die von ihm gewinnen wollten, und sein ganzes Vermögen waren zween Louisd'or. Hunger war seine kleinste Sorge; aber sich ohne Schande aus einer so kritischen Lage herauszuziehn, das war sein Anliegen: er überlegte so oft und vielfältig auf allen Seiten, was er thun sollte, 326 daß ihm von der Unmöglichkeit, sich zu retten, wie vor einem Abgrunde schwindelte. Das Rosenthal wurde der Vertraute seines Schmerzes, aber meistens um ihn zu mehren: jedes Paar, das vertraulich nach geendigter Arbeit dem Vergnügen in Golis zueilte, erinnerte ihn an eine Glückseligkeit, die ihm fehlte – »So köntest du,« dachte er, »izt mit Ulriken dahinwandeln, wenn Vignali's Anschlag vollzogen worden wäre, so nach der Mühe des Tags die Ruhe am Arme der Liebe genießen. O wärst du einer von diesen Glücklichen, die Leben und Vergnügen durch die Arbeit ihrer Hände zu erkaufen wissen!« – Er wollte dem beneideten Anblicke in Nebenpfade entfliehen, und kam immer wieder auf den Hauptweg zurück, um sich neuen Stof zum Missvergnügen zu holen; er hörte die fröliche schreyende Tanzgeige, das schallende Horn und das laute Gewühl der Freude: o wie eilte er der brausenden Mühle zu, für ihn ein viel harmonischer Getöse! und mit weitem Umwege entgieng er der Freude durch einsame menschenlose Gänge. Das absterbende Laub, die abgemähten Wiesen, der herannahende Tod der 327 Natur, den die herbstliche Scene allenthalben ankündigte, waren redende Bilder für seine Melancholie: die halbentblätterten Bäume wurden seine Freunde, die mit ihm zu empfinden schienen, weil sie mit ihm um sich selbst trauerten. In einer der finstersten Launen kam er eines Abends von einem solchen Spatziergange zurück, und auf der Stube warteten schon eben so finstre Gedanken auf ihn, als er mit sich brachte. Er wollte kein Licht, lehnte sich in der Dunkelheit mit dem Rücken ans Fenster und that, was er immer that – sann auf Rettung und fand keine. »Ist es möglich?« fieng er endlich mit gerungnen Händen an: »also ist leben wirklich eine so schwere Kunst als mir Schwinger oft sagte? Unter einer solchen Last von Unglück den Athem nicht zu verlieren, das erfodert Riesenstärke. – Aber wenn doch leben unsere Beruf auf der Erde ist, warum muß dieser Beruf so sauer sein? Hätte mich die Natur zum Bösewichte oder zum Niederträchtigen gemacht, wohl mir! Ich dränge mit einem schlechten 328 Wagestücke, das mir Leben oder Tod brächte, hindurch, raubte oder betröge, um reich oder geköpft zu werden: aber die Natur gab meinem Gewissen eine Stimme und legte in mein Herz die Ehre, die mich bey jedem Schritte nicht blos vor Schande bey den Menschen, sondern auch vor der Schande bey mir selbst warnt – ein edles, aber fürwahr! auch ein lästiges Geschenk! »Kämpfe mit Unglück, Kummer und Mangel!« gebietet das Schicksal: »rette dich aus dem Kampfe!« will die Natur: »übersteh ihn ohne Schande oder komme darinne um!« verlangt Gewissen und Ehre: – ist das nicht das Leben eines Missethäters, der auf der Folter liegt und nach allen Seiten hingezerrt wird? Der Elende muß zerspringen und den Geist aufgeben: wehe ihm, wenn er ihn langsam aufgiebt!« Nach einer Pause, die schwarze Bilder und ängstigende Empfindungen ausfüllten, begann er wieder: »Sollte denn wahrhaftig, wie meine Freunde neulich unter sich stritten, dem Unglücklichen verboten seyn, sich den Weg aus dem Labirinthe gewaltsam zu öfnen? Wenn ich nichts 329 Böses noch Entehrendes thun soll, und gleichwohl meine Rettung aus dem Unglücke nicht anders geschehen kan, ist es nicht doppele Pflicht, mir selbst die Versuchung zu einem entehrenden Rettungsmittel abzuschneiden? Was lehrte mich Seneka? Was that Kato um der Schande zu entgehen? Er wählte den kleinern Schmerz, um dem größern auszuweichen. Was kan ein Mensch, wie ich, der sich durch ein Verbrechen an der Tugend versündigt hat, anders erwarten, als die tiefste Schande? Beginnt nicht meine Strafe schon? Kan die Gerechtigkeit, die mein Schicksal regiert, härter strafen, als daß sie mir alle Mittel benimmt, der geschändeten Unschuld nur das kränkelnde Leben wieder zu verschaffen, das man guten Ruf nennt? – Verschmachten soll ich in Reue und Verzweiflung, in Kummer und Mangel, wie in tiefem Schlamme, mich emporarbeiten wollen, meine Kräfte langsam verzehren, bis das Aestchen, woran ich mich halte, zerbricht, mich sinken läßt, und das eindringende Wasser den schwachen Athem erstickt. Thut ein Verbrecher nicht den Willen 330 der Gerechtigkeit, wenn er eine Strafe beschleunigt, die ihn spät, aber gewiß treffen soll? Menschen strafen mit Einem Schwertschlage; und eine Gerechtigkeit, wovon die unsrige nur ein Schatten ist, sollte mit zehntausend Streichen, mit langsam entseelenden Stichen, mit verwundenden und allmälich tödtenden Schnitten, wie der grausamste Hurone, strafen? – Nein: sie will durch kein Wunder tödten: das junge feste Leben widersteht ihrer Hand: was thut also der Verbrecher, als daß er ihrer Hand seine eigne leiht und das Urtheil ausführt, das sie gern gleich vollstrecken möchte, aber nicht anders als langsam vollstrecken kan? – Meine Thätigkeit ist in der Blüthe verwelkt: für das Vergnügen bin ich todt, für Geschäfte erstorben, ein wahres Flickwort im Ganzen des menschlichen Lebens; in Schande bey mir selbst versunken; der Schande vor den Menschen nahe; jeden Augenblick in Gefahr, von Mangel und Kummer, wenn sie Gewissen und Ehre allmälich einschläfern, zu Verbrechen und entehrende Handlungen hingerissen zu werden; an keinen Freund, keine 331 Familie, nur an eine einzige Seele mit einem Faden geknüpft, den das Schicksal zerrissen hat: ein so unnützes Geschöpf, für Jedermann entbehrlich, das nichts erhebliches thun kan noch soll, elend außer sich, elend in sich, elend in der Gegenwart und in der Zukunft, eine Beute der Verzweiflung, wozu lebt das? – Die Welt verliert nichts an ihm: es verliert nichts an der Welt: jeder künftige Zustand kan leicht besser seyn, als der seinige: welche Bedenklichkeit kan also einen Entschluß aufhalten, den Gerechtigkeit und Selbstliebe vorschreiben?« – Hier stockte er: seine Seele hatte sich aus dem stürmenden Gewitter in die bange schwüle schwerdrückende Stille hineinräsonnirt, wo sie nichts als Vernunft zu seyn scheint, aber alles, was in ihr denkt und spricht, ist Leidenschaft, die durch lange Gewohnheit die Mine der Vernunft angenommen hat. Es däuchte ihm, als ob ein neues Licht in seinem Kopfe aufgegangen wäre: kein Tumult, kein Brausen und Toben mehr in ihm! Aber so kalt, so vernünftig er sich vorkam, so fühlte er doch, daß alle seine Glieder zitterten: 332 so richtig ihm seine Gründe schienen, so hielt er sich doch in einer mistrauischen Entfernung von ihnen, wie von neuen Bekannten, denen er sich nicht so blindlings anvertrauen möchte. Je schärfer und länger er sie ansah, je mistrauischer wurde er; aus dem Mistrauen wurde Angst: er floh in der finstern Stube auf und nieder, rang die Hände und schlug sie über den Kopf zusammen; und immer verfolgte ihn der fürchterliche Gedanke des Selbstmords, wie eine Furie, die ihn bey den Haaren fassen wollte: seine Schritte wurden immer stärker und hastiger, die Angst drückender: der Unglückliche floh vor seinen eignen Gedanken, wollte ein Gespenst abschütteln, das in seiner Seele saß und desto grimmiger die Zähne fletschte, je mehr er mit ihm rang. Schon eilte er nach der Thür, um dem Henker seiner Seele aus der Stube zu entfliehen, die Treppe hinab und durch die Straßen zu rennen: indem trat sein kleiner Pommer, der ihn zeither bedient hatte, mit einem Lichte in der Hand herein. Herrmann faßte ihn derb bey der andern und bat mit geknirschtem holem Tone, 333 bey ihm zu bleiben. – »Laß mich nicht aus den Augen! stehe dicht neben mir! laß meine Hände nicht aus den deinigen!« sprach er, äußerst verwildert und bebend. Der Junge wußte nicht, was er denken sollte, fühlte wohl an dem einklammernden Drucke der Hand, merkte auch an Mine und Ton, daß sein Herr sich in einer unbeschreiblichen Angst befand; allein da er an blinden Gehorsam gewohnt war, that er den Befehl wörtlich, ohne nach der Ursache zu fragen. Hermann sezte sich, der Pommer hielte ihm beide Hände fest und sah ihm unverwandt ins Gesicht; und obgleich sein Herr, als sich die Angst durch die Erleuchtung der Scene und die Gesellschaft ein wenig milderte, seinen Befehl widerrief, so gehorchte er doch dem ersten Gebote mehr, als dem lezten. Herrmann sah wehmütig auf ihn und sprach: »Lieber Bursche, was wird aus dir werden, wenn wir von einander kommen sollten?« Der Pommer. Was Gott will. Herrmann. Bekümmert dich denn die Zukunft gar nicht? 334 Der Pommer. Die Zukunft? – Was ist denn das? Herrmann. Sorgst du nie für morgen, sondern blos für heute? Der Pommer. Nicht für morgen und auch nicht für heute. Ich sorge gar nicht. Herrmann. Wenn ich dir aber kein Brod mehr geben könte, oder stürbe, was dann? Der Pommer. Da giebt mirs ein Andrer. Herrmann. Wohl dir, daß du so denken kanst! – Also hast du niemals Unruhe? Der Pommer. In Pommern nicht; aber hier! Wenn ich die schönen Leute in den schönen Kleidern sehe, wenn sie so fahren und reiten, oder wenn ich die reichen Leute in der großen Stube unten brav essen und trinken sehe, da geht mirs mannichmal wohl so unruhig im Leibe herum, daß ich nicht auch so essen und trinken und reiten und fahren kan. Wenn mirs denn so gar zu bange wird, so pfeif' ich: da vergehts. Herrmann. Wenn dein Pfeifen solche Kraft hat, so pfeife mir doch eins vor! – 335 Der Pommer gehorchte und pfiff aus allen Leibeskräften ein Liedchen aus seinem Vaterlande. »Ich sehe wohl,« sprach Herrmann nach beendigter Musik, »man muß ganz wie du denken, wenn dein Liedchen die Unruhe wegpfeifen soll.« Der Pommer. Ich will Ihm wohl sagen, woher das bey mir kömmt. Sieht er? Das Liedel pfiff ich allemal, wenn mir Mutter ein Brodränftel zur Vesper abschnitt, und wenn ich das Liedel pfeife, denk' ich allemal an die Brodränftel, und da wird mir so wohl! so wohl, ich kans Ihm gar nicht sagen. Herrmann. O gehe den Augenblick wieder nach Pommern, wenn das Wohlseyn dort so wohlfeil ist! Geh in dein Vaterland zurück! Ich kan dich unmöglich länger bey mir behalten. Der Pommer. Warum denn nicht? Herrmann. Ich werde Leipzig verlassen. Der Pommer. So geh ich mit. Herrmann. Aber mein Geld könte alle werden, und wir müßten dann beide zusammen hungern. 336 Der Pommer. Da bettle ich und bring es Ihm. Herrmann. Oder ich könte sterben. Der Pommer. Er wird ja nicht! Mutter sagte immer: wenn man stirbt, ist man todt. Er wird nicht sterben: dazu ist er viel zu jung. Herrmann. Der Kummer frißt auch ein junges Leben: du Glücklicher, weißt nicht, was Kummer ist. Der Pommer. Wenn Er Kummer hat, ich will ihm eins pfeifen: da vergehts. – Wenn er stürbe, da legt' ich mich zu Ihm in den Sarg: da schmeckte mir zeitlebens Essen und Trinken nicht mehr. Sieht Er? Mutter hatte einmal eine Gans, die sie stopfte: die Gans war ihm so fett, daß man seine Freude daran sah. Das wird schmecken! dacht' ich. Sieht Er? Da wollte Mutter die Gans schlachten, und da starb die tumme Gans; und da hab' ich Ihm um die Gans geflennt, daß mich der Bock stuzte. – Hör' Er! sterb' Er ja nicht, wie Mutter ihre Gans! – Ja, warlich! wenn Er stürbe, ich flennte, wie um Mutter ihre Gans. 337 Herrmann. Ich beklage, daß ich dir so viele Treue nicht belohnen kan. Deine Treuherzigkeit verdient, daß ich aufrichtig gegen dich bin. Mein Geld ist alle: ich kan dich nicht länger ernähren. Der Pommer. Da sorg' Er nur nicht: die Leute werden mir schon geben; und was sie mir geben, das soll Er alles kriegen. – Ich gehe nicht von Ihm, daß Ers nur weis! Herrmann. Geh wieder nach Pommern: da bist du am glücklichsten, wo du nur ein Brodränftchen dazu brauchst. Der Pommer. Ich gehe nun nicht, das sag' ich Ihm. Ich bleibe bey Ihm bis in den Tod. Herrmann. Bis in den Tod? – Vielleicht kömmt dieser gute Freund bald und führt mich aus meinem Unglücke heraus. Wie glücklich bist du, daß du dir so eine traurige Hülfe nicht wünschen darfst! Der Pommer. Ach, ich habe mir auch schon einmal den Tod gewünscht, aber ich bin deswegen nicht gestorben. Vater schlug mich alle Tage so 338 gottesjämmerlich, daß mir der Rücken plazte. Sieht Er? Da gieng ich heraus aufs Feld zum Schäfer und sagte: »Matthis, schlagt mich todt! Vater bläut mich gar zu sehr.« Da sagte der Schäfer: »David, bist ein Narr! Wenn du todt bist, schmeckt dir kein Bissen mehr gut.« Da sagt' ich zum Schäfer: »Mathis, du sollst mich todtschlagen.« – »Das thut weh,« sagte Matthis: »wir wollen uns lieber ersäufen. Ich hab' es schon gestern thun wollen: meine Frau bläut mich, wie ein Dreschflegel: aber ich habe mirs erst überlegt, eh' ichs thue: ich habe da eine schöne Wurst, die möcht' ich dem Wetteraase doch nicht gönnen; sie ist dir gar zu schön: ich kans gar nicht übers Herz bringen, daß ich sie anschneide. Weißt du was, David? wir wollen sie zusammen essen, und hernach ersäufen wir uns.« Da holte Matthis eine große unbändige Wurst aus dem Schubsacke – daß ich nicht lüge! sie war Ihm, bey meiner blutarmen Seele! wohl so dick wie mein Arm: eine recht unbändige Wurst! und da sezten wir uns hin und schnabulirten, daß einem das Herz im Leibe lachte. Da fieng Matthis 339 an: »David, es schmeckt gar zu gut: hol mich der Teufel! ich kan mich nicht ersäufen.« – Und da sagt' ich: »bey meiner blutarmen Seele! ich auch nicht! und wenn mir Vater alle Rippen zerbläute.« Da sprach Matthis: »Wer gäb' uns denn im Wasser so schöne Würste? David, wir wollen uns bläuen lassen. Alle Tage Schläge und mannichmal so ein Stückchen Wurst ist doch besser, als keine Schläge und keine Wurst. Man wird das Unglück gewohnt. Nach einer Tracht Schläge schmeckts noch einmal so gut.« – »Das sag' ich auch,« sprach ich; und da gieng ich heim und ersäufte mich nicht, und ließ mich Vatern bläun, so viel er wollte, und da wurd' ichs gewohnt, und da that mirs nicht mehr weh, und ich kans Ihm gar nicht sagen, wie mirs seitdem gut geschmeckt hat. Der Matthis war Ihm ein recht gescheidter Kerl. Nun bereut' ichs schön, wenn ich mich damals ersäuft hätte. – Herr, soll ich Ihm etwas zu essen holen? Herrmann. Ja, David; bringe mir ein Stück von Matthis Wurst! Der Pommer. Hol mich alle! wenn wir 340 die noch hätten! da sollt' Ihm das Sterben schon vergehn. Wenn Ihm nicht so recht lustig um den Kopf ist, so sag' Er mirs nur: da pfeif' ich Ihm mein Liedel; und da vergehts. Herrmann. So mußt du mich erst lehren, bey einem Brodränftchen glücklich zu seyn. Der Pommer. Das lernt sich bald; und wenn Er kein Geld hat, da müssen mir die Leute geben, und ich brings Ihm; und wenn Er sterben will, da hol' ich Ihm etwas zu essen. – Herrmann wurde durch die genügsame zufriedne Philosophie des Burschen beschämt: er tadelte sich, daß ein so tummes Geschöpf mehr Standhaftigkeit haben sollte, das Unglück zu ertragen, als er, und fand in der Anmerkung des Schäfers »man wird das Unglück gewohnt« einen Schatz von Weisheit, die ihn weder der Umgang mit seinen gelehrten Freunden, noch sein eignes, von der Leidenschaft bestochnes Nachdenken so anschauend gelehrt hätte. Zwar kamen die vorigen trüben Gedanken in der Nacht etlichemal zurück, und der Stolz sophisticirte Matthis Philosophie oft danieder: allein der 341 nämliche Stolz, der ihm den Mangel an Gelde als einen unerträglichen Schandfleck vorstellte, mahlte ihm nunmehr den Mangel an Standhaftigkeit und die Verzagtheit im Unglücke als einen noch größern Schandfleck ab. Wie die Sonne, wenn sie über dem gesunknen Nebel hervorsteigt, erhub sich den Morgen darauf seine Seele über die gestrigen düstern Gedanken: die Muthlosigkeit schien ihm so entehrend klein, und die Stärke des Geistes in der Widerwärtigkeit so erhaben, daß er sich beinahe über seine Verlegenheit freute, weil sie ihm Gelegenheit gab, sich selbst durch Muth und Klugheit zu gefallen. In seinem Kopfe hatten izt alle Gedanken eine andre Beleuchtung: jedes Rettungsmittel, das ihm sein bisheriger Unmuth für verwerflich und unrühmlich erklärte, schien ihm itzo wünschenswerth oder doch nicht schimpflich, nachdem seine Rettung einmal eine Sache der Ehre für ihn geworden war. Er nahm sich vor, noch denselben Vormittag an Schwingern und Vignali zu schreiben, suchte unter seinen Briefschaften Papier, und siehe da! – unter dem 342 Suchen fällt ihm Ulrikens Schattenriß, den er einmal in einer eifersüchtigen Laune dem Mr. de Piquepoint in Berlin raubte, in die Hände; er erschrak, verweilte dabey, und je mehr er die sanfte Physiognomie ansah, je mehr schämte er sich seiner gestrigen Melancholie. Gedanke holte Gedanken, Empfindung Empfindung herbey, und in wenigen Minuten stand er im vollem Feuer verliebter Begeisterung: das Bild schien seinem Ehrgeize zu sagen, daß er für Ulriken Ungemach leide und überstehe: ihre Lippen befahlen ihm, jedes Mittel zu versuchen, um einen an ihr begangnen Raub wieder zu vergüten: was ihm gestern Verbrechen schien, war ihm heute Uebereilung, und fast war ihm die Uebereilung lieb, weil sie ihm eine so wünschenswerthe Vergütung auferlegte. Alles gieng ihm leicht, alles hurtig von der Hand: er schrieb an Vignali, meldete ihr die Entfernung der Madam Lafosse von Leipzig und seine daher entstandne Verlegenheit, und ersuchte sie um ihren Rath, besonders um Nachricht von Ulriken. An Schwingern schrieb er gleichfalls, berichtete ihm die Veranlassung 343 zu seinem trotzigen Briefe aus Berlin, bat ihn um Verzeihung, Rath und Beistand, und bezeigte, da er sich in dem Sitze einer Universität aufhielt, ein großes Verlangen, zu studiren, doch war er auch bereit, den Vorschlag, den er in Berlin von sich gewiesen hatte, nunmehr anzunehmen, wenn Schwinger ihm mehr dazu riethe, als zum Studiren. – Alles ernste und feste Vorsätze! Er hofte, daß Schwinger seinen Plan, sich einer Wissenschaft zu widmen, nicht nur billigen, sondern ihm auch einen Zuschuß dazu geben werde: die noch fehlenden Bedürfnisse dachte er sich durch Arbeiten zu gewinnen, und wenn es auch durch Informiren geschehen müßte: keine sollte ihm zu gering, keine zu beschwerlich seyn, um am Ende seiner akademischen Laufbahn Ulriken, einen so hohen Preis, zu erlangen. Er sann, zu welcher Fakultät er sich schlagen wollte, und wählte die juristische. »Wer weis,« sagte er sich, »welchen hohen Posten ich durch Fleis und Anstrengung erringen kan, der mich Ulriken mit Ehren besitzen läßt, ohne daß sich 344 ihre Anverwandten meiner zu schämen brauchen?« – Mit ungeduldiger Hitze eilte er diesem glücklichen Zeitpunkte auf den Flügeln der Liebe schon entgegen, wollte seine Wissenschaft nicht blos lernen, sondern verschlingen, und deswegen während seiner ganzen Studirjahre niemals mehr als fünf Stunden schlafen und zum Vergnügen nicht Eine Minute verschwenden: Bücher sollten sein einziger Umgang, und Studiren seine einzige Beschäftigung seyn. Wie kränkte es ihn, daß er nicht auf der Stelle gleich Instituten und Pandekten, wie eine Tasse Thee, hinunterschlucken konte! 345   Drittes Kapitel. Die Philosophie seines Pommers und Ulrikens Schattenriß schienen ihm seine vorige Thätigkeit wieder eingehaucht zu haben: er machte noch denselben Tag Anstalt, sich Bekantschaften, Gönner und Freunde zu verschaffen, die ihm mit Rath und Unterstützung beystehen sollten, und erfuhr von seinem hypochondrischen Freunde, daß er Bekantschaften von dieser Art in einem gewissen Italiänerkeller machen könte, wo er des Abends jederzeit Leute finden würde, die viel durch Empfehlung vermöchten. Wie dauerte ihm der Nachmittag so ewig! und wie flog er, sobald es dunkel war, nach dem Keller! Er wagte eine halbe Bouteille Wein daran und hofte, daß ihm diese Ausgabe durch die neuen Bekantschaften wieder ersezt werden sollte. Ein merkurialischer Mann von unendlichem Geschwätze sprach für die ganze übrige Gesellschaft: man fragte sich rings herum zischelnd, wer der Fremde wäre, selbst der Schwätzer hielt mit seiner Predigt inne, und da Herrmann ein 346 Kleid mit einer schmalen Tresse trug, wurde die Neugierde so allgemein rege, daß man schlechterdings dahinter kommen wollte. Ein junger Kaufmann redte ihn an, gab ihm seine Adresse und erbot sich, ihn mit allen seinen Waaren, die er nach der Reihe hersagte, zu bedienen. Herrmann dankte sehr freundlich. – »Sie wollen hier studiren?« hub der Sprecher der Gesellschaft an: die Frage wurde mit einem der höflichsten Ja beantwortet. – »Kan ich Ihnen irgend worinne dienen,« fuhr jener mit geläufiger Zunge fort, »so werde ich mir eine Ehre daraus machen. Ich wollte, daß Sie schon ausstudirt hätten: ich habe izt eine Versorgung für Sie, die Ihr Glück machen würde. Die Kaiserin von Rußland hat an mich geschrieben, ihr einen Informator für den Sohn ihrer ersten Kammerfrau zu schaffen: ich schwöre Ihnen zu Gott, wer den Platz bekömmt, der hat sein Glück gemacht: straf mich Gott! es kan ihm gar nicht fehlen. Die Kaiserin ist seine Pathe und hat mir sehr viele Komplimente gemacht – ich habe den Brief nicht bey mir, aber ich kan ihn zeigen – 347 sie schreibt überaus gnädig, daß man sieht, es muß der Dame sehr am Herzen liegen, daß ihre Kammerfrau wohl versorgt wird: sie fängt ohngefähr so an – Monsieur, la reputation, dont Vous jouissez par toute l'Europe – und so weiter in diesem Tone fort. Oder wäre denn das nicht etwas für Sie? der erste Kammerherr beim König in Schweden braucht einen Sekretär. Sehn Sie, da wäre wieder Ihr Glück gemacht: sie dürfen ja, straf mich Gott! dem Herrn nur sagen, was für eine Stelle im Reich Sie haben wollen, so sagt er dem Könige, und ich weis, der König interessirt sich überaus für den Herrn: er hat selbst die Gnade gehabt, mich grüssen zu lassen, und empfiehlt mir die Sache, wie seine eigene. Ich habe Ihre Majestät meine unterthänigste Bereitwilligkeit versprochen, aber noch hab' ich, so wahr ich lebe! keinen Menschen gefunden, der so gut dafür wäre wie Sie: Sie sind gut gewachsen, und Ihr Glück ist gemacht, dafür lassen Sie mich sorgen! Ich parire hundert Dukaten, Sie sind in einem halben Jahre Reichsrath, oder was sie nun dort haben. 348 Nach China gehn Sie doch nicht, das weis ich schon: aber ich habe auch einen schönen Auftrag. – A propos , meine Herren,« fuhr er in Einem Athem fort und wandte sich zur übrigen Gesellschaft, »gestern hat mir die Fürstin von ** ein Kompliment sagen lassen durch den Bereuter vom Hofe. »Daß Er mir ja zu dem Manne geht!« hat sie noch aus dem Fenster nachgerufen, als er fortgeritten ist. »Ein halb Dutzend andre Kommissionen kan Er vergessen, aber nur mein Kompliment nicht.« – Er kam auch gerades Weges vor mein Haus geritten, eh er noch in einem Gasthof eingekehrt war. Der Mann hatte nun seine tausend Freude mich zu sehen – den berühmten Mann und den großen Gelehrten und was er mir denn noch weiter für Komplimente machte – er hatte gar nicht geglaubt, daß ich so aussähe, wie ein andrer Mensch: ich schwöre Ihnen zu Gott, der Mann freute sich, wie ein Kind: die Thränen standen ihm in den Augen, da er Abschied nahm. »Hören Sie!« sagte er: »bey Ihnen wollte ich Tag und Nacht en suite sitzen und nur zuhören: ich kan es gar 349 nicht satt kriegen.« – und drückte mir die Hand; und da ich ihn vollends küßte, da wollt' er wie von Sinnen kommen. »Hören Sie!« sagt' er, »das ist mir so lieb, als wenn mich meine Fürstin geküßt hätte.« – Ha, ha, ha, ha. Er hat mir Aufträge über Aufträge mitgebracht: ich weis gar nicht, wo ich anfangen oder wo ich aufhören soll. Hört, Leute! ich rathe Euch, werdet nicht berühmt! Ihr denkt, das ist lauter Glückseligkeit, wenn man von Königen und Fürsten, bald von der schönen Dame, bald von dem vornehmen Herrn Komplimente und Aufträge bekömmt: aber ich schwöre Euch zu Gott, man wird seines Lebens nicht froh dabey. Bey Tische esse ich kaum sechs Bissen – so fällt mir der Brief ein – »der Henker! dem Geheimerathe hast du auch noch nicht geantwortet« – und so werf' ich die Serviette hin und setze mich und schreibe an den Herrn Geheimerath. Geh ich spatzieren, so bin ich kaum vor dem Thore– »halt! hast du die Verse nach Wien doch vergessen!« – gleich kehr' ich wieder um, und wenn andre Leute sich belustigen und das schöne 350 Wetter genießen, da sitz' ich in meinem Stübchen und mache Verse nach Wien. A propos – (womit er sich zum Kellerwirth hindrehte) – habt Ihr meine Ode auf die Leipziger Lerchen noch nicht gehört? Seht Ihr! solche Oden müßt Ihr Euch ein paar Duzend machen lassen und sie den Gästen vorlesen, wenn Sie Lerchen bey Euch essen: da werden Euch die Leute den Keller stürmen. Die Gräfin ** war die lezte Messe hier und ließ mich zu sich rufen, sie war kaum aus dem Wagen gestiegen. Des Abends konte ich nun nicht wegkommen, das war vorbey. Da die Lerchen kamen, fieng ich an: Ihre Excellenz, ich parire hundert Luisdor, ich bezahle Ihnen die Lerchen theurer als sie Ihnen der Wirth anschreibt.– Wie so? fragte sie. – »Ich parire tausend Dukaten, ich gebe Ihnen so viel Verse dafür, als sie alle zusammen Krallen an den Füßen haben.« – Sie wollte das sehn. Ich sagte: haben Sie nur die Gnade, mich fünf Minuten ins Nebenzimmer gehen zu lassen! – Ich gieng, und hört, Ihr Leute! in fünf Minuten komme ich mit funfzig Versen zurück, daß die 351 Dame ganz erstaunt ist. Hören Sie! sagte sie, ich lasse Sie nicht mehr mit mir essen, Sie müssen hexen können: ich habe Sie zwar für einen sehr großen Mann galten, aber so etwas ist mir noch nicht vorgekommen. – Da ich ihr nun vollends meine Verse vorlas, da gieng das Erstaunen erst recht an; da wollte die Dame gar nicht aufhören zu lachen: es that mir selber leid um sie; denn sie ist sehr korpulent und wollte nun gar nicht wieder zu sich kommen. Noch bey dem Abschiede fieng sie wieder an und drückte mir die Hand sehr gnädig.– »Ach, Sie sind ein scharmanter Mann! ein gar allerliebster Mann! man möchte sich bucklicht über Sie lachen; und so lange ich hier bleibe, dürfen Sie gar nicht von meiner Seite kommen. Sie müssen jeden Morgen den The bey mir trinken, und hernach nehm' ich Sie in Beschlag und lasse Sie nicht von mir bis zum Schlafengehn.«. – Ich sage: Ihre Excellenz, es ist mir eine hohe Gnade, aber meine vielen Geschäfte! es warten wenigstens dreyßig Briefe auf Antwort; und die Welt will doch auch befriedigt seyn: ich lebe doch 352s einmal für die Welt. – »Ach, Sie haben genug für die Welt gelebt; leben Sie nun einmal auch acht Tage für mich!« – Straf mich Gott! Sie hat mich des Morgens durch die Heiducken mit der Portechaise holen und des Abends wieder nach Hause bringen lassen: darüber hab' ich nun alles versäumt und kan diesen Winter mit meinen Briefen nicht fertig werden: da liegen an hundert zu Hause. Ja, denk' ich, wenn ich sie sehe: ihr werdet lange liegen müssen, ehe die Reihe an euch kömmt. – Stille! ich will Euch meine Ode vorlesen« – Auf diese Ankündigung hub sich einer nach dem andern in der Gesellschaft empor, um sich in die andre Stube zu begeben: allein der Deklamator stellte sich vor die Thür. – »Ihr wärt nicht werth, daß Euch die Sonne beschien, wenn ihr meine Ode auf die Leipziger Lerchen nicht anhörtet,« sprach er und trieb sie an den Tisch zurück. Sie mußten sich dem Zwange unterwerfen; er räusperte sich, gebot allgemeine Stille und hub an: 353 Wie wenn im Ocean die hocherhabnen Wellen Mit grimmig wilder Wuth bis zu den Sternen schwellen; Wie wenn ein schwarzer Sturm den Nationen Tod, Und steilen Felsen Angst und bange Schmerzen droht; »Die Stelle hab' ich dem Virgil gestohlen. aber dieser römische Homer könte sie nicht herrlicher ausdrücken, wenn er deutsch schriebe. Ich will Euch die Stelle einmal vorlesen: sie ist überaus prächtig: aber straf mich Gott! sie hat in meiner Ode nichts verloren.« – Er holte stehendes Fußes einen Virgil aus der Tasche, las die Beschreibung eines Sturms vor, und übersezte und erklärte die Schönheiten derselben mit der wortreichsten Beredsamkeit, doch jederzeit mit einer Wendung, daß Virgil einen Grad unter seiner Ode blieb. Die Gesellschaft schlich sich, einer nach dem andern, in die andre Stube, auch Herrmann folgte dem Beispiele, und der erzgelehrte Mann las den stummen Kellerwänden bald ein Stück aus seiner Ode, bald ein Stück aus dem Virgil oder Horaz in Einem unaufhaltsamen Flusse vor, stürzte mit seinen 354 fechtermäßigen Geberden ein Paar Gläser zu Boden und wurde nicht gewahr, daß er sich selbst predigte, bis ein Fremder zur Thür hereintrat. »Setzen Sie sich! Setzen Sie sich!« rief ihm der Deklamator entgegen: es war ein guter ehrlicher Wollhändler, der sich etwas langsam bewegte, und da er nicht gleich gehorsamte, wurde er mit gewaffneter Faust niedergestoßen. »Sind das Zeitungen?« fragte der Wollhändler phlegmatisch. – »Ja, mein lieber Freund,« antwortete der quecksilberichte Poet lachend, »Zeitungen aus dem Parnaß! Ihm zu Gefallen will ich wieder von vorn anfangen.« – Der Wollhändler horchte einige Zeit zu, allein da ewig nichts von Spaniern, Franzosen oder Engelländern kommen wollte, zog er gähnend sein Taschenbuch hervor und rechnete seine Bestellungen und Wechsel durch. Der begeisterte Dichter ward über seine Verachtung grimmig, riß ihm mitten im Lesen das Taschenbuch weg und warf es unter den Tisch, daß die Zettelchen, wie Schneeflocken, herumflogen. Der erstaunte Wollhändler wußte lange nicht, wie ihm geschah: endlich, da jener 355 ungestört fortlas, faßte er ihn bey der Krause, schüttelte ihn und sprach, die drohende Peitsche in der Hand: »den Augenblick les' Er mir meine Zettel auf, oder der Teufel soll ihm das Licht halten.« Der Deklamator. Herr, hab' Er Respekt vor den Musen und ihren Schwestern, den Grazien! Der Wollhändler. Was geht mich alles das Lumpengesindel an? Weis Er wohl, daß Er hier viele tausend Thaler unter den Tisch geworfen hat, die Er zeitlebens nicht bezahlen kan? Der Deklamator. Er ist ein roher Mann. Straf mich Gott! Er glaubt wohl gar, daß Seine Zettel mehr werth sind als meine Ode. Der Wollhändler. Das denk' ich! Für Seine purpurrothen und hochgethürmten Quodlibets geb' ich Ihm nicht einen Quark: aber mein Taschenbuch ist viele tausend Thaler werth. Den Augenblick les' Er auf! Der Deklamator. Ich parire hundert Dukaten, Er weis nicht, wen Er vor sich hat. Ich bin der große Solstizius. Untertäniger Diener. 356 Der Wollhändler. Blitz! das ist ja wohl der Stizius, der mich nun sechs Messen her nicht bezahlt hat. Gut daß ich dich habe! He da! – Der Wollhändler rennte ihm nach, aber der große Solstizius war entwischt, und er mußte sich bequemen, seine papiernen Reichthümer selbst aufzulesen. Hinter drein erfuhr er, daß dieser Mann nicht der Tuchmacher Stizius, sein übler Bezahler, sondern nur ein egoistischer Windbeutel sey; und Herrmann wurde von einem artigen bescheidnen Manne gewarnt, sich nicht mit dem Aufschneider einzulassen. »Wenn Sie Rath, oder Unterstützung brauchen,« sagte er, »so wenden Sie sich an ** und **: diese Männer dienen gern, so viel sie vermögen, und thun ohne Prahlerey alles, dessen sich dieser Windbeutel berühmt.« – Herrmann nahm den Rath um so freudiger an, da er schon bey dem ersten Anblicke das nämliche Urtheil über den Mann bey sich gefällt hatte, und trank eben das lezte Glas von seinem Weine, als sich ein anständig gekleideter Mann in seine Bekantschaft einführte, ihn 357 nach einigen Wendungen des Gesprächs um seine Freundschaft ersuchte und morgen zu Mittage zu sich zu Tische bat. Herrmann nahm die Partie an. Die Gesellschaft bestund aus sechs Personen, und der Wirth führte das Wort – ein Mann von einer unendlichen, aber verworrenen Einbildungskraft und einem unpolirten Witze, der in Einem Athem von Grönland nach Ostindien, vom Großsultan auf den Bullenbeißer Sultan, vom Coeurbuben zu dem Mann im Monde hinübersprang: die Uebrigen aßen und schwiegen und bezahlten ihm die Mahlzeit mit unaufhörlichem bewunderndem Lachen über seine fantastisch-witzigen Seiltänzerspringe. Nach Tische hatte oder gab Jedermann Langeweile vor, und der Wirth trug auf ein Spielchen an: Herrmann wollte sein kleines Vermögen nicht daran wagen und machte sich unter dem Vorwande los, daß er kein Spiel verstünde: man ließ ihm seine Freiheit, ohne ihm mit einem einzigen Worte zuzureden. Als der Spieltisch schon zur Quadrille 358 in Bereitschaft war, fieng einer nach dem andern an, Quadrille langweilig zu finden und den lebhaftesten Widerwillen dagegen zu bezeugen. So wollen wir eine kleine Bank machen, schlug der Wirth vor: die meisten schrien Ja und lobten ihn über einen Einfall, auf welchen sie nie verfallen wären, und der übrige Theil willigte halb gezwungen aus bloßer Höflichkeit darein. Einer erzählte, daß er nun in einem halben Jahre nicht Farao gespielt habe; der Andre mußte erst überrechnen, wie lang er nicht dabey gewesen war; ein Dritter brachte zwey Jahre heraus, daß er keine Karten in einem Hasardspiele angerührt hatte; und der Vierte mußte sich erst besinnen, wie man es spielte. Der Wirth wurde Bankier, und Herrman eben so eingeladen wie vorhin, als wenn es gar nicht auf ihn abgesehn wäre: er bat, daß man ihm erlaubte, vorizt ein wenig zuzusehn, und es wurde ohne alle Schwierigkeit in sein Belieben gestellt. Man spielte äußerst niedrig: der Bankier verlor fast jedes Blatt, das er umschlug. Herrmann, als er so gewinnen sah, bekam keine kleine Lust, mit 359 zu gewinnen; und da der höchste Satz nur zwey Groschen seyn sollte und also die Gefahr so sehr klein war, so konte er unmöglich der Versuchung widerstehen, sein Glück auf die Probe zu stellen. So bald er Anstalt machte zu setzen, wollte man aufhören, und nur aus Höflichkeit gegen ihn verlängerte man das Spiel. Er gewann in Einem fort: in der Hitze des Glücke wurde von allen das Gesez, das den höchsten Satz bestimmte, merklich überschritten; und binnen einer Stunde war die kleine Bank gesprengt, und Herrmann beinahe funfzig Thaler reich. Ein Andrer erbot sich zwar, Bank zu machen, aber niemand hatte den mindsten Appetit dazu. Die Gesellschaft gieng aus einander und küßte sich so herzlich bey dem Abschiede, als wenn sie in Jahr und Tag nicht wieder zusammenzukommen gedächten. Herrmann wurde von seinem neuen Freunde auf ein Kaffehaus eingeladen, des Abends abgeholt und verlor die Hälfte seines Gewinstes wieder: so weh es ihm that, sie nicht wieder erobern zu können, weil er nicht mehr bey sich gesteckt hatte, so verbiß er doch seinen 360 Aerger und gieng mit gezwungner Mäßigung nach Hause. Dreymal hatte er schon seine übrige Baarschaft in den Händen, um mit ihr zum Spieltisch zurückzugehn, und dreymal zog ihn sein guter Genius warnend zurück. Der Verlust ließ ihn nicht ruhig schlafen: nicht sowohl aus Eigennutz und Gewinnsucht, als vielmehr weil ihm seine Ehre beleidigt schien, empfand er ihn so hoch und beschloß noch in derselben Nacht, den folgenden Tag die Hälfte seines Restes daran zu setzen, um seinen Ehrgeiz wieder zu versöhnen. Er war der erste auf dem Kaffehause, spielte an der Bank seines Freundes, den er nunmehr aus allen Umständen für einen Spieler von Profession erkannte, und gewann über achtzig Thaler. Der Mann besuchte ihn den morgenden Nachmittag und erkundigte sich mit einer Neugierde nach seiner Herkunft, Familie und seinen Vermögensumständen, als wenn er ihn über Artikel verhören wollte, doch auf eine so gute Art, daß er allen Schein einer lästigen Zudringlichkeit vermied. Er merkte wohl aus Herrmanns 361 Verlegenheit und stotternden Antworten, daß sein Reichthum nicht sehr erheblich seyn mußte, und daß er daher keine Prise war, wie er sie in ihm suchte: kaum war er so weit mit seinen Fragen gekommen, als er ihn durch überhäufte Freundschaftsbezeugungen so treuherzig machte, daß er seine Verlegenheit wegen seines Auskommens in ziemlich unverhüllten Ausdrücken gestund. Der Spieler, der ihn bis auf die lezte Faser ausgezogen hätte, wenn er bey Gelde gewesen wäre, legte ihm eine Börse auf den Tisch. »Hier, mein Freund!« sprach er; »spielen Sie aus dieser Börse, bey welcher Bank Sie wollen! den Gewinst theilen wir: den Verlust trage ich.« – Herrmann war über eine so unerwartete Freigebigkeit erstaunt, weigerte sich, sie anzunehmen, und wollte dafür danken, als sein Freund ihn mit den Worten verließ: »wir sehen einander heute auf dem Kaffehause.« Wer war nun froher und der Glückseligkeit näher als Herrmann? – Er fand in der Börse vierzig Louisd'or, und war beinahe willens, gewisse zweyhundert Thaler besser anzuwenden 362 als zum ungewissen Spiel: allein sein Freund hatte sie ihm nur zu diesem Endzwecke geliehen, und er glaubte einen Diebstahl zu begehn, wenn er sie zu einem andern anlegte. Er spielte viele Abende hinter einander mit steigendem und fallendem, doch nie mit ausgezeichnetem Glücke, speiste täglich bey seinem Freunde, der eine Art von ofner Tafel für den Zirkel seiner Freunde hielt, und Glück und Vergnügen verdrängten Kummer, Unruhe und beinahe auch Ulriken, wenigstens dachte er nicht mit so wehmütigem Verlangen mehr an sie; und wenn es geschah, that er es mehr mit der Empfindung eines Versorgers als eines Liebhabers. Die neue Laufbahn, in welche ihn die Gewinnsucht seines Freundes hingeleitet hatte, und worinne ihn die Großmuth des nämlichen Mannes erhielt, brachte ihn unvermeidlich auf den Plan, sich auf einem so angenehmen Wege ein kleines Vermögen zu erwerben, alsdann Ulriken aufzusuchen und in einem unbekanten ländlichen Winkel sparsam mit ihr davon zu leben. Er theilte den Vorsaz seinem Freunde mit, der in vierzehn 363 Tagen schon zu einer so brüderlichen Vertraulichkeit mit ihm gelangt war, daß keiner dem Andern ein Geheimniß verschwieg: er billigte den Plan überaus und versprach alle mögliche Beyhülfe. Die Freundschaft wurde noch inniger durch ein Verdienst, das sich Herrmann zufälliger Weise um ihn erwarb. Er hörte eines Abends ein Komplot wider seine Bank machen, die die Zusammenverschwornen schlechterdings sprengen wollten: er benachrichtigte seinen Freund davon, daß er die nöthigen Maasregeln dawider nehmen konte, und aus Dankbarkeit versprach dieser, bey dem ersten glücklichen Streiche, den er machen würde, ihm zu Errichtung einer eignen Bank eine Summe zu geben, die er nicht wieder bezahlen sollte, im Fall daß er unglücklich damit wäre. Auch diese Gelegenheit erschien. Einen reichen Liefländer lockte man auf die nämliche Weise ins Garn, wie Herrmann gekirrt wurde, da man nur sein bordirtes Kleid, und seine leere Börse nicht kannte: der junge Mensch wurde durch den kleinen Gewinst, den man ihn anfangs 364 machen ließ, so hitzig, und durch den nachfolgenden Verlust so aufgebracht, daß er sein Glück schlechterdings zwingen wollte und in Einem Niedersitzen alle Wechsel verlor, die er in Leipzig zu seinen Reisen nach Frankreich und England theils heben, theils stellen lassen sollte. Den Tag darauf dachte er seinen Verlust einigermaßen wieder zu erobern, und verlor an einen andern Spieler um die Hälfte so viel als gestern, gegen einen Wechsel: der arme Unglückliche stellte ihn mit Thränen und hätte in der Angst und Betrübniß seine Seele verpfändet, wenn es verlangt worden wäre. Arnold – so hieß Herrmanns Freund – ließ den jungen Menschen täglich bey sich speisen und erlaubte ihm nicht anders, als unter seiner Aufsicht zu spielen: er streckte ihm von Zeit zu Zeit einige Louisdor vor, um bey andern Banken vielleicht das Reisegeld nach Hause zu gewinnen, allein das Glück blieb sein entschloßner Feind: alles Vorgestreckte gieng den vorigen Weg. Arnold ermahnte ihn täglich, wieder nach Hause zu reisen, weil der Termin seines Wechsels bald verflossen war. »Sie 365 kommen augenblicklich in Verhaft,« sagte er ihm unaufhörlich; »und Sie haben mit einem harten geizigen Manne zu thun.« – Nichts half: der unglückliche Junker getraute sich nicht, vor seinem Vater zu erscheinen, und wußte doch auch keine andre Partie zu ergreifen. Arnold rieth ihm, Kriegsdienste zu nehmen; allein dazu fand er in seinem weichen zarten Körperchen nicht den mindesten Beruf. Sein Hofmeister, der bey einem Freunde etliche Meilen von Leipzig zum Besuch war, getraute sich gleichfalls nicht, vor einem Vater zu erscheinen, dessen ihm anvertrauter Leibeserbe alle seine Wechsel verspielt hatte, und antwortete dem jungen Herrn gar nicht auf den Brief, worinne er ihm seinen Unfall klagte, sondern nahm aus Verzweiflung die Flucht. Ueber der Unentschlossenheit des Junkers rückte der Zahlungstermin heran, und was man ihm prophezeiht hatte, erfolgte: auch hier schlug sich Arnold ins Mittel, zwang den Gläubiger durch vieles Zureden, daß er sich mit der Hälfte der schuldigen Summe beliebigen ließ, und streckte sie dem Schuldner auf einen weit 366 hinaus gestellten Wechsel vor: der junge Mensch wurde durch diese Güte so gerührt, daß er einen kleinen Ring, den ihm Fräulein Renatchen zum Andenken ihrer Gewogenheit auf die Reise mitgegeben hatte, aus der innersten Beinkleidertasche zog und ihm mit Thränen der Dankbarkeit zum Geschenk überreichte. Arnold, als er erfuhr, welchen Werth der Zuneigung der Ring für seinen Besitzer hatte, lehnte das Geschenk von sich ab, bestellte die Post für ihn, versah ihn mit Reisegeld und übergab ihn einem liefländischen Kaufmanne, der ihn in die Hände des gnädigen Papas liefern sollte. Noch den Abend vor der Abreise fährt dem unbesonnenen Jünglinge der Spielgeist in den Kopf: er besaß noch zwanzig der auserlesensten hellglänzendsten Kremnitzer Dukaten, die dem theuren Kinde die gnädige Frau Mama von ihrem Spielgelde nach und nach zurückgelegt und in einem rothen saubern Beutelchen von Gros de Tour, worauf sie mit eigner Hand das Familienwappen in Gold stickte, als einen Nothpfennig auf den Weg mitgegeben hatte, mit dem Befehle, diesen Schatz, wo 367 möglich, unversehrt wieder zurückzubringen. Um dem Befehle desto leichter zu gehorchen, nähte der Herr Sohn nach seinem ersten großen Verluste dies Beutelchen in der linken Uhrtasche fest und glaubte, daß es der Satan selbst nunmehr nicht wegstehlen sollte: auch widerstand er die ganze übrige Zeit tapfer allen Versuchungen, den Gefangnen zu erlösen, sah jeden Abend bey dem Schlafengehen darnach, ob seine Fesseln noch unversehrt wären, und in Gesellschaft, wo er gieng und stund, untersuchte alle fünf Minuten seine linke Hand das Befinden des rothen gestickten Beutelchens. An jenem unglücklichen Abende führte ihn die Dankbarkeit auf das Kaffehaus, um seinen Freund Arnold noch einmal zu umarmen: Arnold warnte ihn vor dem Spiele, allein er glaubte sich über alle Reizungen erhaben und trat an einen Tisch, um blos zuzusehn: da stand er, sah neidisch Summen gewinnen und verlieren, und zappelte vor Begierde! Bald graute er sich hinter dem Ohre, bald nahm er den Hut ab und fächelte sich, – er glühte am ganzen Leibe von dem innerlichen Kampfe – 368 seine Linke deckte unaufhörlich das rothe Beutelchen, arbeitete zuweilen an den Zwirnbanden, um sie loszureißen, und stund hastig wieder davon ab, wenn ihm die Möglichkeit, die schönen Dukaten zu verlieren, einfiel. Lange drehte er sich so in dieser ängstlichen Unentschlossenheit herum: endlich gab die Leidenschaft seinem Herze einen Stoß: er foderte von dem Marqueur ein Messer, trat in einen Winkel und schnitt die ganze Uhrtasche heraus, um sich nicht zu lange dabey aufzuhalten. Grinzend vor Freude trat er an den Tisch, das Beutelchen in der Linken, sezte eine Maria Theresia nach der andern und verlor sie: seine Dukaten waren so hervorstechend, daß ihnen der Tailleur einen besondern Platz anwies, und Jedermann mit Bewundrung nach ihnen hinblickte. Izt prangten sie alle zwanzig vor dem Bankier: dem Junker traten die Thränen vor Aerger in die Augen. »So mag der Teufel den Beutel auch holen!« sprach er weinerlich, nahm eine Karte und sezte das rothe Beutelchen darauf: der ganze Tisch lachte, der Tailleur schlug um, und mit der ersten Karte war auch das 369 rothe Beutelchen in seiner Gewalt. Der unglückliche Junker schlug sich an den Kopf, weinte und jammerte: das ganze Kaffehaus versammelte sich, die schönen zwanzig Dukaten und das schöne Beutelchen zu beschauen: auch Arnold erschien und fragte nach der Ursache seines Wehklagens. »Ach, der gnädigen Mama rothes Beutelchen!« rief er unaufhörlich mit bangem Trauerton, schlug die Hände über den Kopf zusammen und stürzte sich zur Thür hinaus. Arnold lief ihm nach und wich nicht von seiner Seite, bis er auf dem Postwagen saß, damit er nicht sein Reisegeld noch oben drein verspielen sollte. So handelte dieser sonderbare Mann beständig: er lebte vom Raube im eigentlichen Verstande, und theilte seinen Raub mit Andern, die weniger hatten, als er: wen er nicht plündern konte, den beschenkte er, oder plünderte die Leute und erzeigte ihnen hinter drein die größten Wohlthaten, interessirte sich so brüderlich für sie wie für diesen Junker, und verschwendete durch seine aufrichtige gutgemeinte Vorsorge oft die Hälfte der Beute wieder an demselben 370 Menschen, dem er sie abgenommen hatte. Jede Betrügerey verabscheute er im Glücke, aber in der Noth war ihm keine zu verächtlich, wenn sie nur ein wichtiges Objekt betraf: überhaupt konte er nie im Kleinen arbeiten, und er kannte keine andre Niederträchtigkeit, als kleine Summen durch schlechte Mittel zu erobern suchen: dies nannte er Beutelschneiderey. Seine größte Stärke war die Kunst, junge und alte, erfahrne und unerfahrne Leute zum Spiel zu verleiten, und zwar so unmerklich, daß sie die Absicht der Verleitung gar nicht argwohnten. Seine Leidenschaften waren Verschwendung und Liebe, für deren Befriedigung er jeden Streich unternahm, und oft gesellte sich auch ein gewisser Ehrgeiz hinzu, daß er sich schmeicheln konte, einen gesezten oder vorsichtigen Menschen überlistet und wider seinen Willen zu einer Handlung gebracht zu haben, die er zu vermeiden suchte. Der nämliche Ehrgeiz schien ihn größtenteils auch bey seinen verliebten Unternehmungen zu regieren; die seinen Anerbietungen muthig widerstund, konte auf seine Freigebigkeit sichre Rechnung machen, 371 ohne daß er die mindeste Erkenntlichkeit dafür verlangte, und er verließ gemachte Eroberungen sogleich wieder, weil ihm der Sieg keine Mühe kostete. War er einmal aus Mitleid oder innere Zuneigung Jemandes Freund geworden, dann dünkte ihm keine Aufopferung, keine Gefahr, keine Arbeit zu groß, um seinem Freunde zu helfen oder Vergnügen zu machen. Davon war Herrmann ein lebendiger Beweis: von der Minute an, da er sich das Geständniß seines Mangels entwischen ließ, wurde Arnold sein unermüdeter Freund und Wohlthäter, besonders nachdem er aus der Nachricht, die ihm Herrmann eines Abends von dem Komplote wider seine Bank gab, schließen konte, daß der junge Mensch Zuneigung für ihn fühlte: einen solchen Beweis wartete er gemeiniglich ab, und auch ein geringerer Dienst, als ihm Herrmann that, war ihm hinlänglich dazu. Seinem Versprechen gemäß, schenkte er ihm von dem Gewinst, den der liefländische Junker einbrachte, die Hälfte, um selbst Bank zu halten. Das Glück breitete seine Flügel über Herrmann aus und träufelte Gewinn und 372 Reichthum auf ihn herab: er legte sich von Zeit zu Zeit einen Theil seines Gewinns zu Ausführung seines Plans mit Ulriken zurück und wiegte sich, wie ein auserwählter Günstling, in dem Schooße der Freude und der süßesten Hofnung. Allmälich verlor er freilich seinen verliebten Zweck ganz aus dem Gesichte, und spielte nicht mehr, um zum Besten seiner Liebe zu gewinnen, sondern um zu spielen. Seine ganze Thätigkeit wurde auf diesen Punkt hingerissen, und seine Leidenschaft so überspannt heftig, daß ihn selbst Arnold darüber tadelte. Wie bald waren nun Musen und Wissenschaften aus seinem Kopfe verscheucht! Bald wollte er spielen, um nebenher studiren zu können, wollte immer morgen den Anfang machen, und immer erschien nur der künftige Morgen für das Spiel: bald verwarf er das Studiren als einen Umweg, um zu Ulrikens Besitze zu gelangen, und hofte, nach einem halbjährigen Gewinnen schon genug beysammen zu haben, um mit ihr in philosophischer Stille und Genügsamkeit den Rest deines neunzehnjährigen Lebens auf dem Lande 373 zuzubringen: er schwankte bald zu diesem, bald zu jenem Plane; jeder Tag brachte einen neuen hervor, bis sie endlich samt und sonders verdrängt, und nur Spielen sein Denken, Trachten und Begehren wurde.   Viertes Kapitel. In diesem Zeitraume der Spielsucht empfieng er Schwingers Antwort auf seinen lezten reuvollen Brief und in demselben den Rath, seinen Studirplan noch ein halbes Jahr aufzuschieben und den Winter bey ihm auf dem Lande zuzubringen: er hatte dabey die gutgemeinte Absicht – wiewohl er sie in dem Briefe nicht angab – den jungen, von der Liebe verführten Menschen wieder in das Gleis seiner vorigen Grundsätze durch seinen Umgang zurückzuführen und von dem Geschmacke einer verstreuten geräuschvollen Lebensart zu heilen: auch glaubte er ihn auf solche Weise von Ulriken abzuziehn, die ihm nach seiner Muthmaßung entweder nachgefolgt seyn 374 möchte, oder doch bald nach Leipzig nachfolgen würde. Ueberhaupt war ihm in Herrmanns Geschichte alles zu dunkel, als daß er nicht das Schlimmste argwohnen und nicht neugierig seyn sollte, sie im Zusammenhange aus seinem eignen Munde zu erfahren. Der gutmüthige Mann schrieb in einem so gemilderten Tone und vergab ihm seinen unhöflichen Brief aus Berlin so aufrichtig, daß Herrmann in jeder andern Gemüthsverfassung bis zu Thränen gerührt worden wäre: doch izt fühlte er nur einen flachen Eindruck, steckte den Brief in die Tasche und legte das Reisegeld, das ihm Schwinger schickte, in seine Spielkasse: er wollte jeden Tag antworten und ihm berichten, daß er seinen Vorschlag auch diesmal ausschlagen müßte, und vergaß es jeden Tag: Zerstreuung und Spiel ließen ihm keine Zeit dazu. Inzwischen, so leichtsinnig ihn auch Glück und Leidenschaft zu machen schienen, so wenig vermochten sie doch über Gewissen und Ehre bey hm: nie suchte er, wie seine Freunde, von der Unerfahrenheit oder Dummheit eines Jünglings 375 Vorteil zu ziehen: nie lockte er durch listige Kunstgriffe zum Spiel an, sondern wer freywillig bey ihm gewinnen oder verlieren wollte, war ihm willkommen, und nur das Glück entschied. Den Nachstellungen, womit Arnold junge Leute zum Spieltisch und meistens in ihr Verderben lockte, sah er anfangs mit stiller Misbilligung zu, tadelte seinen Freund darüber, der ihn meistens dafür auslachte, und die Gewohnheit härtete allmälich seine Billigkeit so sehr ab, daß er sich an den lustigen Scenen, die oft dabey vorkamen, vergnügte, Arnolds List bewunderte und das Ungerechte, Räuberische in seinem Verfahren gar nicht mehr fühlte: er bedauerte im Herzen die unglücklichen Schlachtopfer und bliebe ein stiller Zuschauer ihres Verlustes. Die Leidenschaft hat eine eigne Kasuistik: in den wenigen Stunden der Ueberlegung, die Herrmann übrig behielt, machte er sich zuweilen Vorwürfe über seine itzige Lebensart, allein sie wurden sehr bald durch die herrlichsten Scheingründe niedergeschlagen. »Was thut Arnold Böses?« sagte er sich in solchen nachdenkenden Stunden. 376 »Er verleitet freilich Leute zum Spiel, die außerdem vielleicht nicht gespielt hätten: aber läßt er es nicht lediglich auf das Schicksal ankommen, welchen Ausgang es haben soll? Wagt er nicht das Seinige mit dem Gelde des Andern in gleiche Gefahr? Kan er dafür, daß das Glück die Karten für ihn günstiger fallen läßt, als für den Andern? Ich, der Arme, streite mit dem Reichen um das ungleich ausgetheilte Vermögen, und der Wurf eines gemalten Blattes entscheidet, ob er oder ich mehr davon besitzen soll, als ein jeder bereits hat; handelt nicht ein jeder unter uns aus gleich freyer Entschließung und nach gleichem Rechte? – Aber seine Kräfte so im geschäftigen Müssiggange dahinschwinden lassen! die Thätigkeit, womit man etwas Großes, Rühmliches und allgemein Nützliches schaffen könte, blos zu seinem eignen Nutzen, zu Befriedigung einer schnöden Geldbegierde anzuwenden! – Freilich sind das nicht Grundsätze, die mir Schwinger eingeprägt hat: – aber was Schwinger? Er kennt die Welt nicht. Was thun die Menschen rings um mich anders, als 377 daß sie mit einander um ihren Nutzen, um die Mittel des Vergnügens und Wohlseyns kämpfen? Dieser arbeitet mit den Händen, jener mit dem Kopfe, um dem Reichern etwas abzugewinnen: dieser handelt mit Schwefelhölzern, jener mit Juwelen, um von der Masse des allgemeinen Reichthums einen größern Theil zu erbeuten, als er hat; und was thut ein Spieler mehr oder weniger, als das? Der Kaufmann, der Handwerker, der Gelehrte sucht Kunden an sich zu ziehen: wir thun nichts mehr und nichts weniger. Ich spiele aufrichtig, ohne den mindsten Betrug und habe einen der edelsten Zwecke dabey, der beleidigten Unschuld Genugthuung und der schmachtenden Liebe Nahrung und Unterhalt zu verschaffen: kan es bey solchen Absichten und unter solchen Umständen Schande seyn, für seinen Nutzen zu leben? – Schwinger hat mich mit finstern Schulgrillen angefüllt: Vignali sagte mir das oft: je mehr ich von der Welt sehe, je mehr fühl' ich, daß es ganz anders ist und seyn muß, als mir sie der gute Mann vormahlte. Da sollt' ich immer nur zum 378 Besten der menschlichen Gesellschaft, immer nur für meine Ehre, immer nur wegen des Bewußtseyns, etwas Gutes gethan zu haben, arbeiten; allem Vergnügen und Eigennutz entsagen und nur nach großen und edlen, sich selbst belohnenden Handlungen streben: Schimären! nichts als Schimären! Ich habe bey Vignali dem Vergnügen gelebt; und ich lebe hier dem Nutzen, um mir neues Vergnügen erkaufen zu können. Niemand bewegt um meinetwillen eine Fingerspitze, wenn er nicht eine Vergeltung seiner Mühe erwarten kan: jeder denkt nur an seinen Vortheil, sein Vergnügen; und ich Thor, soll mich mit leeren Gespenstern der Ehre herumjagen? soll der Grille nachlaufen, dem Irrlichte der Einbildung, dem Fantome des Bewußtseyns, etwas Gutes für Andre gethan zu haben, da doch Niemand etwas Gutes für mich thun will? – Weg mit den Träumen! Vergnügen und Nutzen sind die beiden Realitäten auf der Erde: das übrige ist Tand. Meine eingesognen Vorurtheile und Hirngespinste haben mich in Berlin gegen das Vergnügen 379 mistrauisch gemacht: o welch' ein glückseliges Leben hätt' ich bey Vignali genießen können, wenn meine lichtscheuen Grundsätze nicht gethan hätten! Schwinger hat, bey aller guten Absicht, die bisherige Hälfte meines Lebens verbittert. Das Vergnügen bot sich mir, wie ein voller Baum mit funkelnden Früchten, dar: meine hungernden Lippen wollten sich sättigen, und ängstliche Besorgnisse, wunderliche Träume von hoher Ehre und überspannter Tugend ließen mich nicht einmal kosten: diese nämlichen Grillen entzweiten mich auch mit Ulriken und trübten eine Liebe, die wie ein klares süßes labendes Wasser aus Herz in Herze floß: sie brachten mich der Verzweiflung und dem Gedanken des Selbstmordes nahe: noch izt machen sie mich bedenklich und schmälern mir meine Glückseligkeit: immer hungre ich halb am Tische des Vergnügens und Nutzens, aus Furcht mich zu überladen. – Nein! ich will die Einbildungen alle verscheuchen: erwerben und genießen sollen meine beiden Wünsche, meine beiden Beschäftigungen seyn.« 380 Diese veränderten Gesinnungen, die der herrschende Ton des Eigennutzes rings um ihn, und größtenteils Arnolds Umgang erzeugt hatte, befolgte er getreulich: doch konten sie die zwey Elemente seiner Denkungsart, Größe und Güte, nie verdrängen. Er dürstete nach Gewinn; und gleichwohl konte er sich nie entschließen, einen rechtmäßigen Gewinst anzunehmen, wenn er wußte, daß der Verlierer deswegen darben mußte: er schickte ihm einen Theil seines Verlustes wieder nach geendigtem Spiele, ohne daß er ihn wissen ließ, wer das Geld schickte, oder er lud ihn zu sich ein und verlor durch vorsezliche Unachtsamkeit an ihn. Er wollte sammeln und sammelte auch sehr geizig; allein wenn er von einer armen Wittwe hörte, die kein Holz hatte, oder von einer dürftigen Familie, die sich des Bettelns schämte und doch kümmerlich darbte, oder von einem Unglücklichen, den die Musen beinahe verhungern und erfrieren ließen, dann wurde des Zurückgelegten nicht eine Minute geschont: die Leute empfiengen von ihm durch die dritte Hand, ohne 381 zu wissen, wem sie es verdanken sollten: er sammelte also in das Faß der Danaiden, und hatte bey dem größten Glücke und dem größten Geize immer nichts. Seine stille gutherzige Wohlthätigkeit machte gegen Arnolds ausschweifende Großmuth und verschwenderische Freigebigkeit einen sonderbaren Kontrast, und es war ein wirkliches Vergnügen zu hören, wie diese beiden Leute deswegen wechselsweise den Hofmeister an einander spielten. – »Wenn du jedem, der Geld braucht, das deinige hingiebst,« sprach Arnold, »so wirst du in Ewigkeit nichts zusammenbringen. Was gehn dich denn die Leute an, denen du einen Louisd'or nach dem andern zuwirfst? Du kanst hundert Jahre spielen, und wirst doch nie genug beysammen haben, um dir nur ein Bauergütchen kaufen zu können.« – »Bist du nicht wunderlich?« antwortete Herrmann lachend. »Ich habe ja Geld in Menge: es fließt mir von allen Seiten zu. Wer viel hat, muß viel geben. Ich verschenke alle Tage und lege alle Tage neue Summen zurück. Das Glück ist freygebig gegen mich: so muß ich ja wohl 382 wieder freygebig gegen Andre seyn, die es karg behandelt.« »Du bist ja ein wahrer Verschwender,« sprach zu einer andern Zeit Herrmann zu seinem Freunde. »Du wirst dich durch deine übertriebne Freigebigkeit zu Grunde richten. Wozu denn so ungeheure Verschwendungen an Leute, die dirs nicht einmal danken? Sie essen sich dick und rund, und thun nicht einen Schritt deinetwegen, wenn du Hülfe brauchst.« – »Narr!« war Arnolds Antwort gemeiniglich: »das Geld muß verthan werden: dazu ist es gemacht. Ich kan nicht so klein leben, wie alle die Knicker, die bey mir schmarotzen. Bey mir muß es groß hergehn, alles im Ueberflusse seyn; und wenn mirs morgen einfällt, die ganze Stadt zu Tische zu bitten, so darf mirs nicht fehlen. Was willst du denn? mein itziges Leben ist ein bettelhaftes Leben. Wenn ich täglich sieben oder acht Leuten vier, auch wohl sechs Schüsseln und ein lumpichtes Dutzend Bouteillen Wein vorsetze; was ist das? – Wenns nach meiner Neigung recht ordentlich zugehn soll, so muß ich alle 383 Tage an zwey, drey Tafeln vierzig, funfzig Personen speisen können: jede Mahlzeit müssen sich ein paar Leute zu Tode essen; die Champagnerflaschen müssen in Einem fort springen, als wenn bey Tische kanonirt würde: in einer Stunde müssen die Gäste schon vor Trunkenheit auf der Erde herumliegen, wie todte Fliegen, und sich im Weine wälzen; und dabey Pauken, Trompeten, Kanonen und ein halbes Duzend Hofnarren! Das muß ein Toben und Lärmen seyn, daß die Ohren zerspringen möchten: da muß gar nicht gefragt werden: – ist das da? kan man jenes haben? – sondern ein jeder sagt: – ich will Tokayer; ich will Fasanen; ich will Drosseln; ich will Vogelnester; ich will Kapwein; ich will den Fisch, ich will jenen; – und wie ers sagt, muß es da seyn, und wenn sich Jemand einfallen ließ, amerikanische Schweinefüße zu fodern: das heiß' ich Leben. Mein itziges Leben ist ein halber Tod; kümmerlich, wie bey einem Halunken, gehts bey mir zu. Wenn wir vier und zwanzig Bouteillen ausgestochen haben, ein bischen torkeln, und hie und du ein 384 schwacher Kopf spricht, wie ein Kalb, oder mit der Nase auf den Tisch fällt und einschläft, das ist unser größtes Fest: ist das wohl des Redens werth? – Schwimmen muß ich im Wohlleben, wie ein Sultan, wenn ichs gelten lassen soll: izt leb' ich wie Sultan, mein Hund.« Unter der Anführung eines solchen Lehrmeisters war es kein Wunder, daß Herrmann mit dem Geschmack am geräuschvollen trunknen Wohlleben angesteckt wurde: seine tägliche Gesellschaft hielt es für eine Sache der Ehre, im Trunke viel leisten zu können: wie mochte er es also über das Herz bringen, sich durch verspottete Mäßigkeit lächerlich zu machen? Außerdem verdrängte der Wein den Rest seines vorigen Kummers vollends; der halbe Rausch, in welchem sich sein Kopf beständig befand, unterdrückte die Stimme der Vernunft und des Nachdenkens, die ihm izt beide sehr zur Last fielen, weil sie ihm mancherley unangenehme Dinge sagten, so bald sie zum Sprechen kamen: der Trunk begeisterte ihn mit Kraft und Thätigkeit und spannte alle Nerven seiner Fantasie an: er befand 385 sich ungemein wohl in dem Gefühl seiner Stärke und leerte das freudenschaffende Glas desto öftrer aus, um dieses Gefühl voller und dauerhafter zu machen. Ohne Liebe ist der Wein matt: auch folgte sie dem Trunke auf dem Fuße nach, aber keine Liebe zu einer Ulrike! nein, eine Liebe, die sich vor Ulrikens Andenken schämte und es mit aller Gewalt zu vertilgen suchte! Sie wurde durch Arnolds Reden genährt, der die Ausschweifung laut predigte, und durch seine Beyhülfe brach sie sehr bald in verwüstende Flammen aus. In dem einsamsten Winkel der Stadt wohnten zwo Schwestern, die von der Arbeit ihrer Hände lebten, trocknes Brod aßen und dünnen Kaffe dazu tranken, und dieser kümmerlichen Kost ungeachtet, in der Kirche und auf dem Spatziergange mit den Reichsten in der Schönheit und Nettigkeit des Anzugs wetteiferten. Die Aelteste war rasch, leichtsinnig, verbuhlt, und Arnold genoß ihre Vertraulichkeit im weitesten Umfange: seine Freigebigkeit erhielt sie beide; allein sie ließen seine Geschenke mehr 386 ihrer Eitelkeit als ihrem Appetite zu gute kommen, aßen so kümmerlich wie vorher, wenn er sie nicht bewirthete, und puzten sich alle Tage herrlich heraus. Die Jüngste war still, von angenehmem Ernste, hatte einen hochinteressanten Zug der Traurigkeit im Gesichte, und aus ihrem schüchternen Auge sprach die Liebe mit so vieler Stärke, als aus ihrer Schwester ganzem Gesichte die Buhlerey. Sie gab sich wohl auch zuweilen die freche Mine, allein man merkte sehr bald, daß sie nur nachgemachte Grimasse und nicht natürlicher Ausdruck ihrer Denkungsart war: deswegen achtete sie Arnold sehr wenig, nennte sie das stille Schaf und machte sich nebst ihrer Schwester meistenteils über sie lustig. Herrmann wurde von seinem Freunde in diese Gesellschaft gezogen, damit er nicht so müßig gienge, wie dieser sagte, sondern sich etwas zu thun schafte. Arnolds Absicht schlug nicht fehl; denn gleich bey dem ersten Blicke, den Herrmann und Lisette – welches der Name der Jüngsten war – auf einander warfen, machten beide den Anfang, sich etwas zu thun zu schaffen. Die Vertraulichkeit blieb nicht lange außen; allein mitten 387 darunter mischte sich bey dem Mädchen eine Scheu, eine Zurückgezogenheit, die den neuen Liebhaber so sehr anlockte, als ihn ihre Buhlerey zurückstieß, weil sie ihr so wenig stund, daß sie unendlich dabey verlor. Arnold erkundigte sich jeden Tag bey ihm, wie weit er mit ihr gekommen wäre, und jedesmal tadelte er seine Blödigkeit. »Ich will dein Geschäfte machen,« erbot er sich endlich, da ihm die Zauderey zu lange währte, brachte dem entbrannten Herrmann die günstigste Antwort und trieb ihn durch beschämende Vorwürfe an, aller Schüchternheit zu entsagen. Eigentlich war es nicht Schüchternheit bey ihm, sondern Lisette hatte ihm mit der Liebe bereits zu viele Achtung beygebracht: er liebte sie zu sehr und zu zärtlich, um ihr eine unerlaubte Zumuthung thun zu können; allein Arnolds Zuredungen, die seinen Ehrgeiz verwundeten, siegten zulezt über ihn. Lisette, von seinem Freunde vorbereitet, empfieng ihn überaus ängstlich und traurig, ob man gleich das Gegentheil hätte vermuthen sollen. Das Gespräch belebte sich zwar ein wenig: Herrmann, von 388 Wein, Liebe und Ehrgeize trunken, erlaubte sich ungewohnte Freiheiten: das Mädchen wurde immer trauriger und bis zum Weinen bänglich. Endlich, da die geduldeten Freiheiten sich bis zur Unverschämtheit verstärkten, fieng Lisette an, bitterlich zu weinen. »Schonen Sie meiner!« sprach sie mit unterdrückter Stimme. »Meine Armuth, Ihre Geschenke und Arnolds Zuredungen verleiteten mich freilich zu einem übereilten Versprechen, das ich seitdem vielfältig bereut habe. Ich bin in Ihrer Gewalt: wollen Sie mich unter keiner andern Bedingung Ihre Freigebigkeit genießen lassen, so muß ich Ihnen aufopfern . . .« – Thränen erstickten den Rest ihrer Rede: Herrmann stand bestürzt und verlegen da, ohne ein Wort reden zu können. »Sie sind zu edel, um ein armes Mädchen ins Verderben zu stürzen,« fieng sie nach einer langen Pause wieder an: »und unglücklich muß ich zeitlebens seyn, wenn Sie schlechter denken, als ich glaube; denn Sie können mich nicht heirathen.« – »Warum nicht, Lisette?« unterbrach sie 389 Herrmann, der sich indessen wieder von der Bestürzung erholt hatte. »Glauben Sie, daß ich Sie dazu nicht genug liebe?« – »Nein,« antwortete das Mädchen; »sondern weil Sie vermutlich eine ältre Liebe mir nicht aufopfern werden.« Herrmann. Wie so? eine ältre Liebe? – Sie sind freilich nicht die Erste, die ich liebe; aber was schadet das? – Aus den Augen, aus dem Sinne: wer kan alle Mädchen heirathen, die man liebt? Lisette. Und so dächten Sie wahrhaftig nicht besser gegen unser Geschlecht? Sind Sie wirklich einer so entsezlichen Untreue fähig? – Wollen sie mich wirklich heirathen? Herrmann. Vielleicht: versprechen kan ich nichts – vielleicht, vielleicht! Lisette. Ich muß Ihr völliges Ja haben. Herrmann. Wenn Sie mir nicht anders trauen wollen – Ja, Lisettchen: hier ist meine Hand. Lisette. Ich nehme sie nicht an, weil Sie mich durch Ihr Versprechen hintergehn wollen. 390 Sie können keine Hand mehr weggeben: Ihre Treue ist verpfändet. – Sie zog darauf ein Papier aus der Tasche und überreichte es ihm. »Wenn die Verfasserin dieses Briefs befriedigt ist,« sprach sie, »dann bin ich von dieser Minute an die Ihrige.« Herrmann erkannte, wie vom Schlage gerührt, Ulrikens Hand auf dem Papiere: es war einer ihrer zärtlichsten Briefe, worein er – wie es sich hernach auswies – in der Zerstreuung des Vergnügens und der Spielsucht eine Garnitur Haarputz gewickelt und Lisetten ein Geschenk damit gemacht hatte. Er fühlte sich, wie von einem Abgrunde zurückgezogen: er war überführt, konte und wollte nichts läugnen, sondern bekannte offenherzig die Falschheit, die er zu begehen willens gewesen war. Lisette unterbrach sein Bekentniß. »Meine Schwester,« sagte sie, »hat sich mit mir veruneinigt: ich habe zeither halb von ihrer Wohlthätigkeit leben müssen, und sie rückte mirs sehr 391 oft vor, daß sie mich Arnolds Freigebigkeit mitgenießen ließ. Ihre Vorwürfe und ihr Uebermuth auf Arnolds Freundschaft werden so unerträglich, daß ich mich von ihr trennen muß. Die Arbeit meiner Hände giebt mir kaum kümmerliches Brod; und ich wollte lieber verhungern, als durch meine Aufführung in Kleidern meine Eltern im Grabe beschimpfen. Sie waren reich, erzogen uns beide im Ueberflusse und wurden durch einen unglücklichen Bankerut arm. Die Welt hatte an unserm Unglücke nicht genug, sondern beneidete, verläumdete und verspottete uns noch oben drein, daß wir den Schein des vorigen Glücks durch unsern Anzug zu behaupten suchten: mit dem giftigsten Spotte und den hämischsten Erdichtungen haben uns die übeln Nachreden der Stadtklatscherinnen verfolgt. Verlassen Sie mich, so bin ich ganz verloren; ich werde der Dürftigkeit und Schadenfreude preisgegeben; und lieber wollte ich in den Tod gehn oder in die größte Schandthat willigen, als der Bosheit das 392 Vergnügen machen, daß ich ihr meine Dürftigkeit öffentlich zeigen mußte. Wollen Sie nunmehr nicht anders als für die Befriedigung Ihrer Lust mein Wohlthäter werden und mich der öffentlichen Schande der Armuth entziehen, wohl! – machen Sie alles mit mir was Ihnen gefällt! Ich muß Ihrer Begierde gehorchen; aber nur noch einen Augenblick Ueberlegung! Wenn Sie mich armes Mädchen einer noch größern Schande aussetzten; und wenn mich, um der Schande und den Gesezen zu entgehn, meine Ehre zu einem Verbrechen verführte – haben Sie das Herz, die ganze künftige Glückseligkeit eines verlaßnen Mädchens einigen frohen Augenblicken aufzuopfern?« Sie weinte, daß Thräne auf Thräne folgte. – »Solch' ein Verworfner bin ich nicht!« rief Herrmann tief gerührt. »Nein, Lisette! so weit will ich nicht herabsinken, daß meine Liebe Ihre Thränen verachten soll. Ich war ein Leichtsinniger, der im Taumel der Verführung eine Schandthat durch Untreue und Betrug erkaufen wollte: aber ein vorsezlicher Bösewicht 393 kan ich nicht seyn. Ich will verflucht seyn, wenn ich von dieser Minute an noch Ein Verlangen gegen Sie äußere, das Sie unglücklich machen könte. Einmal Verführer der Unschuld gewesen zu seyn, ist genug; und das war ich, Lisette, das war ich! an dem schuldlosen Geschöpfe, das diesen Brief schrieb! An die Stirn will ich mir meine Schande ätzen lassen, daß Jede, die noch Einen Funken Tugend und Ehre im Herze trägt, vor mir flieht, wie das Schaf vor dem Wolfe. – Solch' eine Nichtswürdigkeit hätte ich mir doch nie selbst zugetraut. Kaum steh' ich von einem Falle auf, so renne ich schon wieder zu einem zweiten hin. – O Verführung! Verführung! du bist der Löwe, der im Finstern herumschleicht! aber du sollst mich nicht mehr beschleichen, das schwör' ich. Kein Tropfen Wein soll wieder über meine Zunge gehn, und meine Hände keine Karte jemals wieder berühren; denn das sind meine beiden Verderber. – O Ulrike! wenn du den wüsten taumelnden Spieler und Mädchenverführer sehen solltest, ob du deinen Herrmann noch in ihm erkennen 394 würdest? Mit Abscheu müßtest du dich von mir wenden; und du thätest Recht: ich bin deiner unwerth! ein Verworfner!« Lisette mußte alle Mühe anwenden, um ihn wieder zu beruhigen; denn des Selbstverwünschens und Bereuens wurde gar kein Ende. Nachdem es ihr gelungen war, ihn zufrieden zu sprechen, that er ihr, um seine ungerechten Zumuthungen zu vergüten, die heiligste Versicherung, daß er nunmehr seine Freigebigkeit gegen sie verdoppeln werde. »Miethen Sie sich eine Wohnung!« sprach er; »ich bezahle sie: Alles, was Ihre kleine Haushaltung kostet, trage ich aus Dankbarkeit, daß Sie mich aus einer Verblendung gerissen haben, die mich in das tiefste Verderben führen konte. Sie sind künftig meine Freundin; und sobald mich die Liebe hinreißt, mehr, als Freund, für Sie seyn zu wollen, so verstoßen Sie mich als einen Unwürdigen, oder rufen Sie mich mit der liebenswürdigen Güte, wie izt, zu meiner Pflicht zurück! – Aber auf Einer Bitte muß ich bestehen: Arnold soll glauben, daß Sie meine Absichten 395 begünstigen: sein Spott würde mich unbarmherzig verfolgen, wenn er erführe, was zwischen uns vorgefallen ist. Er hätte vielleicht gerade so in meinem Falle gehandelt; allein seine Hönereyen über meine Blödigkeit und Mäßigung sind ohnehin unendlich: er würde mich, wie ein Kind, auslachen. Daß er ja nicht eine Silbe erfährt!« Lisette versprach, weil er schlechterdings darauf bestund, sich gegen seinen Freund einen schlimmern Schein zu geben, als sie war; und sie trennten sich beide mit dem lebhaftesten Danke, und zuversichtlich zufriedner, als wenn Herrmann in ihren Armen seine Leidenschaft gestillt hätte. Seinem Vorsatze gemäß, gieng er nicht auf das Kaffehaus, speiste zu Hause und hatte Langeweile: das Spiel fehlte ihm; die ganze Stube war ihm zu enge: er gieng in allen vier Winkeln herum, wie ein Mensch, der etwas vermißt, konte dem Triebe unmöglich widerstehen, nahm den Hut, gieng an die Thür, stund – warf plözlich den Hut auf den Tisch und sezte sich. Um sich seine Enthaltsamkeit 396 weniger peinlich zu machen, rief er seinen Pommer zu sich in die Stube. »Kanst du spielen?« fragte er; »mit Karten, mit Würfeln, oder ein ander Spiel?« – »Würfeln!« antwortete der Pommer: »würfeln ist mein Leibspiel.« – Wer war froher als Herrmann? Er würfelte mit dem Burschen, und da er ihm alle Baarschaft abgenommen hatte, mußte er Weste, Beinkleider, Strümpfe und Schuhe setzen: der arme Teufel war so unglücklich, daß er seinen ganzen Anzug verlor und im Hemde und baarfuß dort stehen mußte. Die Beschimpfung verdroß ihn, und weil ihm gar nichts mehr übrig war, sezte er im Zorne seine Haut: auch diese verlor er: der Junge fieng an bitterlich zu weinen, als wenn er das Schicksal des Marsyas leiden sollte, und während daß Herrmann seiner Thränen lachte, trat Arnold herein. Der Spas wurde auf Unkosten des armen Pommers eine Zeit lang fortgesezt, der so verwegen war, auch Arnolden eine Partie anzubieten: das Glück drehte sich so schnell auf seine Seite, daß er in kurzer Zeit einen Dukaten gewann. Wie 397 unsinnig vor Freuden sprang der Bube, den funkelnden Dukaten in der Hand, zur Thür hinaus und ließ seinen Anzug herzlich gern im Stiche. Sogleich wurde das Gespräch auf Lisetten gelenkt: Herrmann gab sich die Mine des begünstigten Liebhabers, nahm mit vieler Verlegenheit die Glückwünsche seines Freundes an, und wurde berichtet, daß heute sehr schlechtes Kommerz auf dem Kaffehause wäre: deswegen schlug Arnold eine Partie bey ihm auf der Stube vor. Herrmann wollte sie ablehnen, aber er kam mit seinem Widerstande nicht sonderlich weit; denn eben traten vier von seinen Bekannten herein und unterstüzten Arnolds Vorschlag. Sie machten, ohne lange zu fragen, Anstalt zum Spiel, Arnold besorgte den Punsch: halb ängstlich, ein gethanes Gelübde so bald zu brechen, und halb erfreut, sich zum Bruche gezwungen zu sehn, sezte sich Herrmann zum Spiel, brachte die Nacht bis an den frühen Morgen bey dem Punschglase und den Karten zu und verlor ein Paar hundert Thaler. Das war in jedem Verstande ein schlimmer Anfang zur Besserung; denn mit dem Verluste 398 bemäntelte seine Leidenschaft den gänzlichen Aufschub derselben: er mußte nunmehr notwendig spielen, um sich das verlorne Geld wieder zu schaffen. Der Verlust wuchs jeden Tag, und also auch jeden Tag die Hitze seiner Spielbegierde: das Glück gieng so gewaltig mit ihm abwärts, daß er, der noch vor acht Tagen der Besitzer unendlicher Reichthümer zu seyn glaubte, nicht den Pfennig mehr besaß. Das Schlimmste dabey war, daß Arnold mit ihm gleiches Schicksal hatte: einige, die ihm übel wollten, hatten eine Verschwörung wider ihn gemacht und Vermögen und Leben unter sich verpfändet, ihn zu Grunde zu richten: das Glück und Arnolds Heftigkeit begünstigten ihren Plan, und in kurzer Zeit war er ganz auf dem Trocknen, mit Schulden überhäuft, nicht fähig, sie zu bezahlen, und sehr geneigt, sie zu vermehren; allein man verschob den Kredit bis auf beßre Zeiten. Was war zu thun? die ofne Tafel wurde eingestellt, kein Champagner nezte mehr seine Kehle, Freunde und Schmarotzer flohen, und er mußte nebst Herrmannen äußerst zufrieden seyn, daß ein gutherziger Speisewirth 399 ihnen täglich eine schlechte Portion Fleisch auf Kredit zukommen ließ. Kleider und Wäsche war schon verkauft, und nichts mehr übrig als bey der Nacht sich unsichtbar zu machen: der Entschluß war wirklich gefaßt, und nur die nahe Neujahrsmesse sollte entscheiden, ob er ausgeführt werden müßte. Unterdessen stimmte Arnold seine Denkungsart herab und arbeitete im Kleinen: er schlich in den Dorfschenken herum und übertölpelte zuweilen ein Paar junge Bauerkerle, denen er mit dem Würfel wenigstens so viel abgewann, um den Kredit des Speisewirths bey Athem zu erhalten. Herrmann fand freilich diese Lebensart äußerst erniedrigend: allein was vermag nicht die Noth? Wenn Niemand um Geld spielen wollte, geschah es um Stecknadeln, einen Krug Bier, eine Mahlzeit, und an einem Sonntage gewannen sie einem Bauer seinen ganzen Hünerstall ab. Sie trieben sich einige Zeit auf dem Lande herum, und alle, was nur in Geld gesezt werden konte, wurde zum Einsaz angenommen: Herrmann war zwar bey den häufigen Betrügereyen, wodurch Arnold sich sein 400 Gewerbe ergiebig machte, nur Zuschauer, höchstens Gelegenheitsmacher, allein er erschien sich selbst als Mitgehülfe bey einer solchen Kaperey in einem so verächtlichen Lichte, daß er beschloß, die Messe abzuwarten und dann heimlich seinen Freund zu verlassen, wenn sie das Glück nicht wieder in bessere Umstände versezte.   Fünftes Kapitel. Die längstgewünschte Messe erschien, und die beiden Kaper rückten mit einer kleinen Baarschaft, die sie aus den erbeuteten Hünern, Gänsen, Kühen und Eyern gelöst hatten, wieder in die Stadt. Arnold, so freygebig und edel er im Glücke war, handelte in der Noth mit der grausamsten Tiranney: um sich emporzuhelfen, schonte er weder Vater, Mutter, noch Freund. Gleich zu Anfange der Messe wandte er sich an einen fremden Kaufmann von seiner vertrautesten Bekanntschaft, der von seinem Unglücke noch nichts wußte, und schwazte ihm zehn Louisdor ab, 401 die er in drey Tagen wieder zu bezahlen versprach. Herrmann bekam zwey davon, um sein Glück auf den Kaffehäusern zu versuchen, und Arnold gieng aus, einen einfältigen reichen Fremden oder gutherzigen Jüngling aufzusuchen, um ihn rein zu plündern. Herrmann, der sein Versprechen gegen Lisetten noch nicht mit Einem Groschen hatte erfüllen können, flog sogleich zu ihr und überbrachte ihr die Hälfte seiner zehn Thaler: er fand sie noch bey ihrer Schwester, die theils aus Kummer, daß sie Arnold ganz verlassen hatte, theils aus Furcht vor künftiger Schande krank geworden war; denn sie hatte gegründete Ursachen, traurige Folgen von Arnolds Vertraulichkeit zu erwarten. Lisette konte nicht genug verdienen, um sich und ihre bettlägerige Schwester zu erhalten: ein Theil ihrer Kleider war schon versezt, und an den übrigen sollte nächstens die Reihe kommen. In einer so kläglichen Lage war Herrmann mit seinem Louisd'or ein Engel, der sie vom Himmel speiste. Lisette weinte, bleich von vielem Härmen, und ihre Schwester wickelte sich schluchzend in die 402 Betten, um ihr entstelltes schamvolles Gesicht zu verbergen: das Bild des Schmerzes und Mangels, das er erblickte, wohin er sich kehrte und die Klagen der beiden Mädchen machten so tiefen Eindruck auf Herrmann, daß er auch seinen zweiten Louisd'or hingab. Er blieb die übrige Zeit des Tages bey ihnen und gieng gegen Abend auf Arnolds Stube mit verstellter Wuth und Trostlosigkeit, als wenn er sein Geld auf dem Kaffehause verloren hätte. Sein Freund zog ihn mit seinem vorgegebnen Verluste auf und versicherte ihn, daß er heute Abend einen bessern Fang thun werde. »Den Vogel hab' ich im Garne,« sprach er; »und diesen Abend wollen wir ihn rupfen. Einen Mann, so fidel, wie ein halbjähriger Student, so treuherzig wie ein Kind, und ein herzlicher Liebhaber von Spiel, hab' ich erwischt. Er ist in Geschäften hier und hat einige tausend Thaler bey sich, die er morgen auszahlen soll: so bald wir sie ihm abgenommen haben, müssen wir fort; denn das Geld gehört nicht ihm, und wenn Untersuchung angestellt würde, könten wir übel dabey wegkommen. Ich habe ihn zum Abendessen gebeten: 403 Essen, Wein und Gesellschaft ist schon bestellt: unser Hahn, dem wir die Federn ausziehen wollen, trinkt gern ein Gläschen, und damit soll er reichlich bedient werden. Wenn er dessen genug hat, dann soll die Lustjagd angehn; und ich setze meinen Kopf zum Unterpfande, daß ihm nicht ein rother Pfennig von seinen dreytausend Thalern übrig bleiben soll. Hier sind meine Würfel mit lauter Sechsen, und hier mein allzeit artiges Aß zum Vingt et un ; denn das ist sein liebstes Spiel, hat er mir gesagt. Freue dich, Brüderchen! Morgen wollen wir nicht mehr solche Halunken seyn wie heute.« Herrmann konte sich nicht freuen, ob ihm gleich reichlicher Antheil an der Beute versprochen wurde: er gieng ängstlich, wie ein Missethäter, herum, oder als wenn er zu einem Opfer eingeladen wäre: er konte es weder sich noch seinem Freunde verhelen, daß dies förmliche Räuberey sey, wurde für sein gutherziges Moralisiren ausgelacht und mußte schweigen. Der eingeladne Fremde stellte sich früher als alle Andre ein, weil er sich einmal einen recht 404 lustigen Abend machen wollte: aber wie groß war Herrmanns Entsetzen, als er an der Stimme und Figur bey seinem Hereintritt den Doktor Nikasius erkannte: er wußte nicht, wie er sich vor ihm verbergen sollte, und begab sich deswegen unter einem Vorwande gleich nach dem ersten Grusse hinweg. Sich erkennen zu geben, war demüthigend, weil er glaubte, daß ihm Jedermann seine schlechten Umstände und schlechte Lebensart an der Stirn lesen könte: gleichwohl seinen ehemaligen Retter, seinen wohlthätigsten Freund und Beschützer der schrecklichsten Gefahr nahe zu sehn und ihn mit keinem Winke zu warnen, das war eine Unmenschlichkeit, wofür sein Herz schauderte: warnte er ihn, so zerstörte er Arnolds Plan und lud seine unversöhnlichste Feindschaft auf sich. Er gieng die Straße einigemal nachdenkend auf und ab, so kalt es war, und beratschlagte: bald wollte er dem Doktor in einem Billet, als ein Unbekanter, die Gefahr zu wissen thun, bald Arnolden inständigst bitten, sich ein andres Opfer zu wählen: beides war mißlich, und er schlug deswegen einen Ausweg ein. Arnold hatte des Doktors 405 Bekantschaft bey Tische in einem Gasthofe gemacht: es war folglich zu vermuthen, daß er auch dort wohnen, oder seine Wohnung dort zu erfragen seyn werde. Er wanderte hin: glücklich war es des Doktors Quartier: man wies ihn zu dem Bedienten, der ihn auf den ersten Blick erkannte und etwas verdrießlich bewillkommte. Herrmann bat ihn, sogleich in das Haus, das er ihm anzeigte, zu gehen, nach Herrn Arnold zu fragen und dem Doktor zu melden, daß ihn Jemand, der Geld an ihn auszuzahlen habe und noch diesen Abend wegreisen wolle, notwendig auf eine Viertelstunde augenblicklich sprechen müßte: dem Bedienten schärfte er auf das Gewissen ein, seinen Namen nicht eher zu verrathen, als bis er mit seinem Herrn auf der Straße sey. Der Bediente gieng, und Herrmann wartete am Thore des Gasthofes so freudig, so leicht ums Herze, als wenn ihm ein großer Stein abgewälzt wäre. Arnold ließ den Doktor mit unendlicher Schwierigkeit von sich, und nur wegen der Hofnung, seinen Gewinst durch die neue Auszahlung vielleicht zu vergrößern, willigte er in sein 406 Weggehn. Nikasius langte voll Erwartung und keuchend an: der Bediente hatte ihm auch unterwegs Herrmanns Namen nicht entdeckt, und er führte ihn unerkannt auf seine Stube. »Dergestalt und allermaßen,« rief der Doktor, als er ihm ins Gesicht blickte, »wie ist mir denn? Bin ich denn recht?« – Herrmann unterbrach sogleich seine Verwunderung, versicherte ihn, daß er recht sey, und erzählte ihm das Komplot. Nun gieng erst Verwundrung und Erstaunen bey dem Doktor an: er lief vor Angst hurtig nach seiner Schatulle, um zu sehn, ob er seine dreytausend Thaler nicht schon verspielt habe, und wußte nicht, wie er für die Warnung genug danken sollte, als er sie noch fand. Er wollte aus Erkenntlichkeit sogleich Wein und Kuchen holen lassen, allein Herrman verbat es, versprach, ihn den andern Tag zu besuchen, und trennte sich von ihm, um keinen Verdacht bey Arnolden zu erwecken. Der Doktor wollte umständlich belehrt seyn, woher er das alles wüßte, wie er in solche Bekantschaft gekommen wäre, und that tausend andre Fragen, die Herrmann nicht zu beantworten Lust hatte. 407 Er kam zur Gesellschaft zurück, die mit Schmerzen auf des Doktors Rückkunft wartete, ließ sich die Ursache seiner Abwesenheit, wie eine ganz fremde Sache erzählen, und wandte sehr heftige Zahnschmerzen als einen Bewegungsgrund vor, warum er sich vorhin wegbegeben habe und itzo auf seine Stube verfügen werde, ohne Antheil an der Lustbarkeit zu nehmen. Der Anblick seines ehemaligen Versorgers, das Andenken an seine eigne Gemüthsbeschaffenheit bey seinem Aufenthalte in des Doktors Hause und die Vergleichung seiner damaligen Umstände mit den gegenwärtigen hatten ihn in eine Stimmung des Geistes versezt, daß er das Gewühl der Freude unmöglich zu ertragen vermochte. Er schloß sich ein und seine traurigen nagenden Gedanken mit sich. Arnold verlor indessen alle Geduld über des Doktors langes Ausbleiben, schöpfte Argwohn und suchte ihn in eigner Person auf. Welch Entsetzen! die Thür war verschlossen, Nikasius ausgegangen und die Beute verloren: Arnold durchstrich in der äußersten Wuth alle Oerter des Vergnügens und traf ihn nirgends; denn 408 er besuchte einen alten Magister, seinen ehemaligen Universitätsfreund. Mit den Zähnen hätte Arnold sich, den Doktor und die ganze Gesellschaft zerreißen mögen: Verdacht war sichtbarlich da; aber auf wen?– Es war nichts zu thun, als daß er das bestellte Abendessen mit den beiden übrigen Gästen genoß und sich im Namen des Doktors betrank. Herrmann, der mit ihm seit dem großen Verluste in Einem Hause wohnte, wurde von ihm zur Gesellschaft zurückgeholt: Wein und Spiel zerstreuten die quälenden Gedanken, die des Doktors Gegenwart in ihm erregt hatte, und trieben ihn wieder ins vorige Gleis zurück. Er bekam zwar noch einige Tage hinter drein einige Unfälle von Vernunft: er wollte den Doktor aufsuchen und ihn bitten, daß er ihn aus seiner Lebensart herausrisse; allein theils schämte er sich, in einem so nachtheiligen Lichte vor ihm zu erscheinen, theils war seine Leidenschaft für das Spiel ein verzärteltes Kind, dem er unmöglich wehe thun konte: er wünschte, sie zu vertreiben, und wagte es nicht. Arnold hatte in jener Nacht der Schwelgerey 409 von den beiden halbtrunknen Gästen über hundert Thaler gewonnen und eilte nunmehr mit seinem Busenfreunde Herrmann auf neue und größere Beute aus. Auf ihren Wanderungen erblickten sie einen kleinen blaurockichten Mann, der mit vier schönen kastanienbraunen Pferden Vormittags und Nachmittags um das Thor fuhr. – »Was wettest du?« fieng Arnold an: »übermorgen soll der Postzug unser seyn.« – Herrmann lachte über seinen Einfall und nahm ihn für Scherz auf. Sie erkundigten sich nach diesem blaurockichten Manne und erfuhren, daß es ein Pferdehändler war, der diesen Postzug einer Herrschaft auf dem Lande überbringen wollte und zu seinem Vergnügen in der Messe mit ihm paradirte. Sie paßten ihm auf, als er vor seinem Quartier hielt, und Arnold fragte ihn, wie theuer er die Pferde verkaufen wollte. – »Nit theuer und nit wohlfeil, mein Herr,« antwortete der Pferdehändler: »sie sind bestellt.« – Arnold und Herrmann lobten die Gäule um die Wette, daß den kleinen Pferdehändler die Eitelkeit nicht wenig übernahm, und fragten, ob 410 er ihnen nicht gerade so einen Postzug schaffen könte, und zwar so bald als möglich. Der Roßtäuscher, dessen Eigennuz ein Paar verblendete Liebhaber vor sich zu haben glaubte, lenkte sogleich wieder ein und erbot sich, den beiden Herren aus Geselligkeit, weil sie es wären, auch diesen zu lassen, wenn sie einen guten Preis machten. Arnold sezte mit verstellter Begierde vierhundert Thaler darauf: der Roßtäuscher glaubte die Leidenschaft der beiden Leute besser nützen zu müssen und schüttelte mit dem Kopfe, als wenn das ein Mißgebot wäre. – »Aber so sagen Sie doch gerade heraus,« sprach Arnold heftig, »was Sie haben wollen! Es wird ja noch zu bezahlen seyn.« – »Mit einem Wort, achthundert Reichsthaler in Gold!« war des Mannes Erklärung. Arnold und Herrmann fanden die Foderung etwas hoch und meinten, daß vielleicht noch funfzig oder hundert Thaler abgehen würden: der Mann versicherte das Gegentheil, und die beiden vorgeblichen Liebhaber baten sich indessen die Erlaubniß aus, des Nachmittags mit ihm und seinen Pferden auf ein Dorf zu fahren, um genauere Bekantschaft mit 411 dem Postzuge zu machen. – »Wenn er gut geht,« sezte Arnold hinzu, »so solls auf funfzig, hundert Thaler nicht ankommen.« – Nach einer so edelmüthigen Erklärung willigte der Pferdehändler mit einer tiefen Verbeugung in die Partie und sprach nunmehr nicht anders als den Hut in der Hand, ob er ihn gleich vorher nicht mit einer Fingerspitze vom Kopfe bewegt hatte. Sie luden den Mann des Mittags zu Tische ein, und auch diese Einladung nahm er mit einer so tiefen Verbeugung an, daß er keuchte; denn weil er ziemlich dick war, wurde ihm die Höflichkeit ein wenig sauer. Bey Tische fand der Blaurock den Wein so köstlich, daß er, wie ein trockner Schwamm, ein Glas nach dem andern in sich zog: kaum war ihm eingeschenkt, so wischte er die dicken Finger an der Serviette ab, packte das Glas an – »Sie erlauben Dero hohes Wohlseyn« – schnapp! war es hinunter. Er ließ sich Dero hohes Wohlseyn so angelegen seyn, daß er taumelte, als sie in den Wagen stiegen. Arnold und Herrmann fanden die Pferde so vortreflich, daß der Roßtäuscher seine 412 achthundert Thaler schon in der Tasche zu haben glaubte: seine Höflichkeit stieg so übermäßig hoch, daß er, trotz der Kälte, nicht anders als mit bloßem Kopfe fahren wollte. Kaum war man an Ort und Stelle, als schon von neuem aufgetragen wurde – Wein, Liqueur, Kuchen, alles im Ueberflusse! Der Pferdehändler lobte aus Erkenntlichkeit, daß man seine Gäule so vortreflich fand, den Liqueur aus allen Kräften, sezte sich an den Tisch und fütterte und tränkte sich mit solcher Behaglichkeit, daß ihm die kleinen Katzenaugen, wie ein Paar Feuerfünkchen, aus den glühenden aufgedunsnen Backen hervorleuchteten. Arnold und Herrmann stritten mit einander, wer von ihnen den Postzug kaufen sollte, und man wählte die Würfel zu Schiedsrichtern: man ließ Würfel bringen, und Arnold gewann den Vorkauf. »Sie würfeln, wie die Hundsfötter,« fieng der betrunkne Roßtäuscher an: »ich werfe auf jeden Wurf einen Pasch.« – Arnold schob ihm seine falschen Würfel unter, und der Narr triumphirte laut, als seine Prahlerey ein Paar Würfe hinter einander wahr wurde. Er 413 bildete sich ein – wenigstens gab er in ganzem Ernste so vor – daß ihm dies niemals fehlgienge, und foderte Arnolden mit einem Dukaten heraus: das Spiel hub an, der Roßtäuscher gewann drey oder vier Dukaten; aber plözlich wandte sich das Glück, weil es Arnold regierte: alles Geld, was der Pferdehändler in seiner Tasche hatte, war ihm in etlichen Minuten abgewonnen. Der Mann ergrimmte, schnallte eine ungeheure Geldkatze los, die er um den Leib trug, legte sie mit Arnolds Beyhülfe auf den Tisch und foderte die beiden Hundsfötter heraus, indem er auf seinen ledernen Geldsack klopfte. Der Einsaz wurde von Wurf zu Wurf gesteigert, die strotzende Geldkatze von Wurf zu Wurf magrer: der Blaurock schwizte, keuchte und entschädigte sich für jeden großen Verlust mit einem Glase Liqueur. Das viele Trinken machte ihn so hitzig und zugleich so unbesonnen, daß er in weniger als einer Stunde alles baare Geld, den Postzug, Chaise und Knecht verspielte. Arnold machte gleich Anstalt, daß er zu Bette gebracht wurde, um den Folgen des Liqueurs vorzubeugen, und hielt mit den gewonnenen Pferden 414 seinen Einzug vor dem Kaffehause, wo er gewöhnlich spielte: alle seine Freunde wurden mit dem Postzuge dahin geholt und der Abend in Schmausen, Freude und Wonne zugebracht: dem Pferdehändler schickte er noch denselben Tag seinen Postzug zum Geschenke zurück. Herrmann bekam einen ansehnlichen Theil von der Beute: das Glück erklärte sich wieder zu seinem Vortheil, und der ganze übrige Winter war, kleine Abwechslungen abgerechnet, für Beide sehr ergiebig: so sehr auch Arnold verschwendete, so fehlte es doch nie an Geld und Kredit. Er machte eine Reise zum Karnewal an einen Hof und kam bereichert zurück. In seiner Abwesenheit gelangte Herrmann so sehr zum Nachdenken, daß er ernstliche Anstalten machte, seiner Lebensart zu entsagen, Ulriken aufzusuchen und sein Erworbnes mit ihr zu theilen. Er überlegte täglich, wo er sie finden oder ihren Aufenthalt erfahren sollte, blieb mit seiner Ueberlegung von Tag zu Tag auf dem nämlichen Flecke und spielte rüstig fort, mit Glück, Klugheit und Oekonomie. Izt besann er sich, daß ihm Vignali seinen Brief, den er vor vielen Monaten an sie 415 schrieb In diesem Bande a. d. 342. S. , nicht beantwortet habe, und schrieb zum zweitenmale an sie: er bekam keine Antwort: Ulrike blieb verloren. Plözlich wurde seine Ruhe durch eine Begebenheit unterbrochen, die ihm von schlimmer Vorbedeutung seyn mußte, wenn er sie recht überdacht hätte. Er kam in Verhaft, und zwar, wie es sich auswies, auf Verlangen des Grafen Ohlau: er spielte mit dem Schließer der Gefangenstube um Stecknadeln, weil dieser nichts höhers daran wenden wollte, wurde verhört, und da man nicht das mindeste Strafbare auf ihn bringen konte, wieder auf freyen Fuß gesezt. Seine Freude, wieder ungehindert spielen zu können, erstickte seinen Zorn gegen den Grafen: er lachte seiner öffentlich und rächte sich mit Spott. Das Gefährlichste bey diesem kurzen vorübergehenden Sturme war, daß ihn eigentlich Schwinger veranlaßte, dem Nikasius von Dresden aus gemeldet hatte, daß sein Freund sich in schlimmer Gesellschaft und wüstem Leben befinde. Der äußerst gutmüthige nachsichtige Mann schloß daraus auf die Ursache, warum ihm 416 Herrmann auf seinen lezten verzeihungsvollen Brief nach Leipzig Ebendas. a. d. 373. S. nicht geantwortet haben möchte; und weil er einmal auf einen bösen Argwohn wider ihn gebracht war, vermuthete er, daß seine ganze Reue wegen seines schändlichen Briefs aus Berlin Ebendas. Seite 169 . S. 342 . u. 343 . nur erdichtet gewesen sey, um ihm ein Paar Louisdor abzulocken. Der Gedanke, sich durch einen Menschen, den er so zärtlich liebte, dem er so viele Wohlthaten und so viele Nachsicht erwiesen hatte, mit der schändlichsten Undankbarkeit hintergangen zu sehn und mit falscher Reue von ihm betrogen worden zu seyn, brachte seine gute Seele so gewaltig auf, daß er ernstlich beschloß, an seiner Bestrafung und durch sie an seiner Besserung zu arbeiten, weder Mühe noch Antreiben bey dem Grafen zu sparen, und seinen Entschluß durch keine Bitten, Reue und Demütigungen erschüttern zu lassen. Herrmanns Arrest war die erste Wirkung dieses Entschlusses.     Ende des dritten Bandes.