Christoph Martin Wieland Sendschreiben an einen jungen Dichter Geschrieben im Jahre 1782 Nun wohlan denn, mein junger Freund! niemand kann seinem Schicksal entrinnen; und wenn auch Sie zum Lorbeerkranz und dunkeln Kämmerchen des göttlichen Tasso , oder zum Spital und Nachruhm des Portugiesen Camoens bestimmt sind, kann ich schwacher Sterblicher es verhindern? Ich habe Ihre Beichte gehört, und den ganzen Fall wohl erwogen. Ihr innerer Beruf scheint in der Tat keinem Zweifel unterworfen zu sein. Eine so scharfe Stimmung aller äußern und innern Sinne , daß der leiseste Hauch der Natur das ganze Organ der Seele, gleich einer Äolsharfe , harmonisch ertönen macht, und jede Empfindung die Melodie des Objekts, wie das schönste Echo, im reinsten Einklang, verschönert zurück gibt, und, so wie sie stufenweise verhallt, immer lieblicher wird. Ein Gedächtnis , worin nichts verloren geht, aber alles sich unmerklich zu jener feinen, bildsamen, halb geistigen Masse amalgamiert, woraus die Phantasie ihre eigenen neuen Zauberschöpfungen hervor haucht. Eine Einbildungskraft , die durch einen unfreiwilligen innern Trieb alles Einzelne idealisiert , alles Abstrakte in bestimmte Formen kleidet, und unvermerkt dem bloßen Zeichen immer die Sache selbst oder ein ähnliches Bild unterschiebt; kurz, die alles Geistige verkörpert, alles Materielle zu Geist reinigt und veredelt. Eine zarte und warme, von jedem Anhauch auflodernde Seele , ganz Nerv, Empfindung und Mitgefühl, die sich nichts totes , nichts fühlloses in der Natur denken kann, sondern immer bereit ist, ihren Überschwang von Leben, Gefühl und Leidenschaft allen Dingen um sich her mitzuteilen; immer mit der behendesten Leichtigkeit andre in sich , und sich in andre verwandelt. Eine von der ersten Jugend an erklärte, sich nie verleugnende leidenschaftliche Liebe zum Wunderbaren , Schönen und Erhabenen in der physischen und moralischen Welt. Ein Herz , das bei jeder edlen Tat hoch empor schlägt , vor jeder schlechten , feigherzigen, gefühllosen, mit Abscheu zurück schaudert . Zu allem diesem, bei dem heitersten Sinne und leichtesten Blut, ein angebornen Hang zum Nachsinnen, zum Forschen in sich selbst, zum Verfolgen seiner Gedanken, zum Schwärmen in der Ideenwelt – und, bei der geselligsten Gemütsart und der zärtlichsten Lebhaftigkeit der sympathetischen Neigungen, eine immer vorschlagende Liebe zur Einsamkeit , zur Stille der Wälder, zu allem was die Ruhe der Sinne befördert, allem was die Seele von den Gewichten erleichtert, wodurch sie in ihrem eigentümlichen freien Fluge gehemmt wird, oder was sie von den Zerstreuungen befreit, die ihr inneres Geschäft stören. Freilich, wenn dies alles nicht natürliche Anlage zu einem künftigen Dichter ist, nicht hinreicht einem Jüngling Sicherheit zu geben, daß es (mit dem Philosophen der Dichter zu reden) die Musen selbst seien, die ihm die schöne Raserei zugeschickt, die er eben so wenig, als Virgils Cumäische Sybille den prophetischen Gott, von sich schütteln kann – Sei'n Sie ruhig, mein Freund! Ich erkenne und ehre den unauslöschlichen Charakter, wodurch die Natur Sie zum Priester der Musen geweiht hat: und da es, nach dem göttlichen Plato , bloß darauf ankommt, daß die Musenwut η απο Μουσων μανια. , um die schönsten Wirkungen zu tun, eine zarte und ungefärbte Seele ψυχην απαλην και αβαπτον. ergreife; so müßte ich mich sehr an Ihnen irren, oder Sie werden der Theorie unsers Philosophen Ehre machen. Ich möchte es eben nicht für ein untrügliches Kennzeichen eines echten innern Berufs annehmen; aber wenigstens pflegt sich fast immer bei künftigen Virtuosen , bei Dichtern, Malern usw. von der ersten Jugend an ein beinahe unwiderstehlicher Trieb zu der Kunst, in welcher sie vortrefflich zu werden bestimmt sind, zu äußern – und auch dieses Zeichen der Erwählung findet sich an Ihnen, mein junger Freund. »Ich kann mich, (sagen Sie mir) so weit ich in meine ersten Lebensjahre zurück zu sehen vermag, keiner Zeit erinnern, wo ich nicht Verse gemacht hätte. Die angeborne Empfindlichkeit meines Ohrs für die Musik schöner Verse – die Wollust, in welcher ich schwamm, wenn ich mir schon als Knabe gewisse vorzüglich schön versifizierte Stellen in alten oder neuern Dichtern, besonders in der Aeneis und in Horazens Oden , laut vordeklamierte – das häufige Wiederholen und Verweilen bei solchen Stellen, an denen sich, auch wenn ich sie still las, ich weiß nicht welch ein inwendiges geistiges Ohr, womit mich die Natur beschenkt hat, wie am verhallenden Nachklange des Gesanges der Musen, weidete – alles dies kam bei mir dem Unterrichte zuvor: und so fand sichs, daß ich alle Arten von Versen machte und eine Menge von Regeln beobachtete, eh ich den mindesten gelehrten Begriff von Prosodie , Rhythmus , poetischem Numerus , nachahmender Harmonie , und dergleichen hatte. Nichts glich meiner Liebe zu den Dichtern als die Leichtigkeit womit ich sie verstand, das Interesse, das sie mir einflößten, und die beinahe ekstatische Entzückung, in welcher ich Stunden lang im Genuß einer vorzüglich schönen Stelle, und in den Visionen , die dadurch in meiner Seele veranlaßt wurden, verharrete. Über meinem Virgil , Haller , Milton , und Klopstocks ersten fünf Gesängen, vergaß ich Essen und Trinken, Spiel, Schlaf, mich selbst und die ganze Welt. – Ich erfuhr zwar von früher Jugend an, von Seiten derer, denen meine Erziehung von natürlicher oder bezahlter Pflicht wegen oblag, den nämlichen Widerstand, womit Ovid , Ariost , Tasso , Marino , und so viele andre berühmte Dichter zu kämpfen hatten. Aber die stärkere Natur siegte, und der Genius oder Kobold (wie Sie ihn lieber nennen wollen) der mich besaß, wollte sich weder in gutem noch bösem austreiben lassen. Wenn ich auch keine Verse machte, meine musenfeindlichen Aufseher hatten damit wenig gewonnen. Alle Ideen und Kenntnisse, womit sie meine Seele voll zu stopfen beflissen waren, fielen entweder wieder durch, oder verwandelten sich in poetischen Stoff. Was ich nur trieb, Metaphysik, Moral, Naturlehre, Geschichte, Politik, alles wurde in mir zu Epopee und Drama; und während uns der Lehrer mit der Miene eines Mystagogen die Leibnizische Monadologie erklärte, entwickelte sich in meiner Einbildungskraft der Plan eines Gedichts über den Ursprung der Venus aus Meerschaum ; oder ich ließ die Bildsäule Pygmalions sich vor meinen Augen beleben, oder erklärte mir, wie das große Principium der Orphischen Kosmogonie , die Liebe , gleich der Leier Amphions , durch ihre Anziehungskraft die Elemente in eine Welt habe zusammen fügen können. –« Was kann ich Ihnen, mein Lieber, gegen Tatsachen von dieser Stärke einwenden? – Ich glaube meine eigene Geschichte zu hören. Alles dies war, von Wort zu Wort, vor fünfunddreißig Jahren mein eigner Fall: und wenn ich Sie, nach so deutlichen Fingerzeigen der Natur, gleichwohl noch am diesseitigen Ufer des gefährlichen Rubikon aufhalten möchte; so habe ich wenigstens ganz andre Ursachen dazu, als Mißtrauen in Ihre Anlage und Fähigkeiten. Schon die ersten Blumen des fruchtbaren Bodens, der Ihnen zu Teil geworden ist, so bescheiden Sie selbst davon denken, würden hinlänglich sein, mir von Ihnen die schönsten Hoffnungen zu machen; und um so gewissere, eben darum weil Sie, bei einem so entschiedenen Naturberuf und so vielen Vorübungen und Studien von mehrern Jahren, noch immer so wenig mit Ihren eignen Produkten zufrieden sind, und durch einen Beifall, den Sie zu verdienen sich nicht bereden können, beinahe eben so sehr beleidigt werden als andre durch den gerechtesten Tadel. Ich kenne kein entscheidendres Merkmal eines wahren Talents als – diese Schwierigkeit sich selbst ein Genüge zu tun; dieses unermüdete Höherstreben; diese unaffektierte Verachtung dessen, was man schon ist, gegen das, was man noch werden zu können sich getraut; und dieses feine Gefühl für die Schönheiten in den Werken andrer , und für die Mängel in seinen eigenen : – Eigenschaften, die ich so oft an Ihnen wahrzunehmen Gelegenheit habe, und die bei jungen und alten Dichtern so selten sind. Staunen Sie mich immer an so viel Sie wollen, mein Lieber! Aber gerade meine so wohl begründete Überzeugung, daß Mutter Natur wirklich die Absicht hatte einen Dichter aus Ihnen zu machen, und daß Sie, wenn Sie sich Ihrem Hang überlassen, ganz Dichter und also für alle andre Lebensarten verloren sein werden, gerade dies ists, was mich für Sie zittern macht. Unglücklicher Weise hat die gute Mutter an alles, nur nicht an den einzigen großen Punkt gedacht, daß Plutus zu ihrem Plan hätte beigezogen werden müssen. Wie konnte sie vergessen, daß die Dichter, so wenig als die Paradiesvögel, von Blumendüften leben können; und daß gerade der Mann, dem alle Elementargeister zu Gebote stehen, und dem es nur einen Federzug kostet um die herrlichste Zaubertafel aus der Erde hervor steigen zu lassen, unter allen Menschen in der Welt dem Hungersterben am nächsten ist, wenn nicht zufälliger Weise irgend ein mitleidiger Genius (auf den übrigens nie zu rechnen ist) besser für ihn gesorgt hat, als die Natur, die Musen – und er selbst? Ein andres wäre, wenn Sie die Miene hätten, dem weisen Rate zu folgen, den Herr Klinggut seinem Freunde gibt S. dessen Episteln. Erstes Heft. S. 22 u. f. , die Poeterei (mit der es, wie er meint, doch immer in allem Betracht eine unsichre Sache ist) bloß als Nebenwerk neben einem einträglichen Amte oder einer andern ehrbaren gelehrten oder bürgerlichen Nahrung zu treiben. »Ruft dich dann einmal«, sagt Herr Klinggut , »ein schöner Tag in deinen Garten, Dein Kaffee und die Vögel warten Nebst deinen Blumen schon auf dich; Du wirst entzückt, du freust dich inniglich, Du kennst schon die Natur und sie kennt dich, Und eh dus merkst, macht sie dich selbst zum Dichter; Ruft dann die Curie als Richter, Dein Amt, dein Haus, dein Freund, nichts auf der Welt, dich ab: So eil und lauf in vollem Trab, Hol dir ein Blatt Papier und schreibe, Von keinem bessern Zeitvertreibe Gereizt, den ganzen langen Tag, Und schicks nach Dessau in Verlag.« Das ist doch eine Art sich mit der Natur und den Musen auf einen Fuß zu setzen, wobei man noch ziemlich leidlich wegkommt! Aber die Verse, die man so nach Dessau in Verlag schickt, sind denn freilich auch darnach; und man muß gestehen, daß die Dichter vom engern Ausschusse sich gewöhnlich anders dazu angeschickt haben. Wer nur alsdann Verse macht, wenn er sonst auf der Gotteswelt nichts zu tun weiß, wird gerade so ein Dichter sein, wie einer, der sich nur in verlornen Stunden mit Malerei abgeben wollte, ein Raffael sein würde. Was ich Ihnen hier sage bleibt unter uns. Bewahren mich die Grazien, daß ich die Herren, die ihre verlornen Stunden so gut zu benutzen wissen, in ihrem Zeitvertreibe beeinträchtigen wollte! – Genug, Sie , mein junger Freund, sind, zu Ihrem Glück oder Unglück, keiner von dieser Kategorie. Ihre Liebe zur Muse ist eine ernsthafte Leidenschaft, die das Schicksal Ihres Lebens entscheiden wird. Sie werden überall, in allen Vorfallenheiten, Verhältnissen, Geschäften, Händeln, Leiden und Freuden Ihres Erdewallens, Dichter sein; immer denken, fühlen, reden, handeln, wie nur ein Dichter denkt, fühlt, spricht und handelt: und, wenn Sie auch zehn Jahre hinter einander keinen einzigen Vers gemacht hätten, so wird doch alles, was Sie in diesen zehn Jahren gesehen, gehört, versucht, getan und gelitten haben, entweder Poesie gewesen oder zu Poesie geworden sein; und es werden am Ende dieser (dem Anschein nach) für die Musen verlornen Periode Ihres Lebens mehr Keime und Embryonen von Gedichten aller Art in Ihrer Seele liegen, als Sie, wenn Sie auch Bodmers oder Nestors Jahre erreichten, nicht auszubrüten Zeit haben würden. Aber, ach! dies ists nicht allein. Sie werden auch Torheiten begehen , die nur ein Dichter begehen kann – werden mit dem glücklichsten Kopfe, mit dem besten Herzen, alle Augenblicke in einem falschen Lichte vor der Welt stehen; immer Klagen und Vorwürfe hören, und doch immer nur sich selbst Schaden tun; und, wie Sie es auch anstellen mögen, um die Welt zu überzeugen daß Sie ein unschuldiges harmloses wohlmeinendes Wesen sind, wird man Sie doch immer als ein Wundertier anstaunen, in dessen Art zu denken und zu sein die Leute sich nicht finden können, und in dessen Verstand oder Herz alle Augenblicke mächtige Zweifel gesetzt werden. Alles dies, mein Lieber, verbreitet sehr unangenehme Folgen auf das Leben eines Menschen, der mit diesem bewunderten und verachteten, beneideten und verhaßten, geschmeichelten und fast immer schlecht belohnten Talente begabt ist, das ihm so sonderbare Vorzüge vor den gewöhnlichen Menschen, so viel Gewalt über ihre Einbildungskraft , und so unerschöpfliche Mittel sich selbst zu helfen – in der seinigen gibt. Das goldne λαθε βιωσας, der unbemerkte schmale Pfad durchs Leben Fallentis semita vitae. Horat . Ep. I 18. , der ewige Wunsch aller Seelen, die zum stillen Genusse der Natur und zum Leben mit ihren eigenen Ideen geboren sind, wird für Sie der Baum des Tantalus werden. Eine verhaßte Celebrität, der Sie unmöglich entgehen können, wird Ihre Ruhe vergiften, und einen unversieglichen Schwall von tausend nichtswürdigen aber nur desto beschwerlichern kleinen Plagen über Sie ergießen, die Ihnen nicht einmal die arme Täuschung übrig lassen werden, sich für das Vergnügen, das Sie der Welt machen, wenigstens mit Liebe belohnt zu glauben. Eine Musenliebe , wie die Ihrige, endet sich gewöhnlich wie die Leidenschaft eines unerfahrnen Paars von Turteltaubenseelen , die einander statt alles andern Brautschatzes einen unermeßlichen Schatz von Zärtlichkeit zubringen, und in dem süßen Wahne, daß die Liebe sie ewig speisen und tränken werde, aller Vorkehrungen gegen die Bedürfnisse des Lebens vergessen haben. Der bezauberte Liebhaber ist vollkommen versichert, daß an der Seite seiner Geliebten eine Strohhütte ein Feenpalast sei; daß er, bei den Strahlen aus ihren Augen keines Lichts, an ihrem wärmenden Busen keiner Feuerung, kurz, in dem Ozean von Wonne, worin seine trunkene Seele taumelt, gleich den Göttern im Himmel, nichts bedürfe als – daß der süße Wahn ewig daure ! Aber, das ists eben worauf man vergebens gerechnet hat! Man hat nicht bedacht, daß Stunden, Tage, Monate, vielleicht ganze Jahre, kommen werden, wo die Phantasie, ihrer Zauberkraft beraubt, uns dem unangenehmen Gefühle des Gegenwärtigen preisgibt; und daß sie (vermöge ihrer immer täuschenden Natur) die Übel, die uns drücken, eben so sehr vergrößert, als sie in glücklichen Stunden das Angenehme unsers Zustandes erhöhet. Man hat nicht bedacht, daß, wenn es auch in der Natur wäre, aus dem schönen Endymions-Traume , worein sie uns versenkt hat, nimmer von uns selbst zu erwachen, doch gewiß die nüchternen Leute um uns her , aus gutem oder bösem Willen, nicht ermangeln würden, uns so lange zu schütteln und zu rütteln, bis sie uns den schlimmen Streich gespielt hätten, der jenem Argeer von seinen Anverwandten widerfuhr, da sie ihm so lange Niesewurz gaben, bis die herrlichen Tragödien verschwanden, die er auf der leeren Schaubühne zu sehen glaubte. Dieser Umstand allein wäre schon hinlänglich, alle meine Besorgnisse bei dem Lebenswege, den Sie einzuschlagen begriffen sind, zu rechtfertigen. Ein wahrer Dichter – (so selten auch, nach Versichrung des vorbelobten Herrn Klinggut , die Louisd'or und – die Zuckermandeln bei ihm sind Und seine Louisd'or? Da stehts nun auch so so! Mit Groschen hört man bei der Wasserflasche Wohl einen Dichter in der Tasche Noch klimpern, wenn er eben froh Sein Schweißgeld zählt; doch Gold – ho! ho! Ein Böhmisch Dorf! – Nein, Gold und Zuckermandeln, Konfekte, Wein und Ordensband Sind unser einem nur dem Namen nach bekannt. Episteln, S. 21. – befindet sich doch ungefähr in eben der Lage gegen die Welt, worin sich ein Besitzer des Steins der Weisen befinden würde. Beide könnten vielleicht, jener mit seinem Talisman im Kopf und Herzen , und dieser mit seinem Pulver in der Tasche , glücklich sein; wenn nur eine Möglichkeit wäre, ihr Geheimnis vor der ganzen Welt zu verbergen . Aber da dies nicht wohl angeht, so mögen sich beide darauf verlassen, daß man Mittel genug finden wird, sie für den Vorteil, den sie vor andern wackern Leuten haben, büßen zu lassen! Wenn ich, mein Lieber, so viel für das Glück Ihres künftigen Lebens fürchte, so sind die Louisd'or und die Zuckermandeln wohl das wenigste was mir im Sinne liegt. Der letztern, mit allem Zubehör von Konfekten und Weinen (die Ordensbänder etwa ausgenommen), werden Sie vielleicht nur zu oft zu schmecken bekommen; und zu so viel Gold, als ein Dichter braucht, der eben keine Ansprüche an eine Villa – wie Boileaus und Popes , oder gar an ein Ferney macht, wird wohl auch noch Rat werden. Horaz speiste so oft er wollte an den Tafeln der Großen in Rom; wohnte so oft und so lange als es ihm gefiel in dem prächtigen Hause Mäcens , oder in seiner herrlichen Villa zu Tibur ; hatte sein eigenes kleines Sabinum – kannte beinahe keine andre Plagen, als die er, durch das Unglück Roms erster Lyrischer Dichter zu sein, von den Autoren, vom Publikum und von seiner Celebrität zu leiden hatte; und fand sich doch öfters so davon zusammen gedrückt, daß ihm, bei aller seiner Liebe zu den Musen, in der Ungeduld die Lästerung entfuhr: Der Henker sollte ihn holen, wenn er seine Zeit nicht lieber verschlafen als Verse machen wollte. Lesen Sie, was dieser liebenswürdige Dichter – der ein eben so feiner Weltmann als ein Mann von Genie und auserlesenen Kenntnissen war – an vielen Stellen seiner Briefe (besonders im neunzehnten an Mäcen , und im zweiten des zweiten Buchs an Julius Florus ) von den Ungemächlichkeiten und Drangsalen des poetischen Berufs sagt; und lesen Sie, wenn Sie wollen, auch die Zusätze seines neuesten Kommentators, der seinen Autor (aus dem sehr simpeln Grunde, weil es ihm ungefähr eben so ergangen war) anschaulicher und inniger als manche andre verstanden zu haben scheint. Es ist, weil man doch einmal sein Schicksal erfüllen muß, wenigstens gut wenn man weiß wessen man sich zu versehen, und wie viel oder wenig man auf die Einnahmen, die man für die sichersten hielt, Rechnung zu machen hat. Unter allen den schönen Lufterscheinungen , die einen jungen Dichtergeist ermuntern und beflügeln, wenn er die lange und mühevolle Laufbahn beginnt, deren Ziel unter tausend mitlaufenden nur so wenige erreichen, ist vielleicht die süßeste , – »der Wahn , daß etwas mehr als Beifall, mehr als das eitle digito monstrari et dicier hic est , daß die Liebe der Nation, für die er arbeitet , der Preis seiner unermüdeten Bestrebungen sein werde.« Schmeicheln Sie sich nicht mit einer so eiteln Hoffnung, mein Freund! Das höchste, worauf Sie zählen können, sind Augenblicke von Gunst , kurze Aufbrausungen , von dem Vergnügen, das Sie uns in diesen Augenblicken gemacht haben, veranlaßt, und wofür man Sie durch die Gefälligkeit, sich von Ihnen vergnügen zu lassen , überflüssig belohnt zu haben glaubt. Von dem Momente an, da wir wahrnehmen oder uns auch nur einbilden daß Sie nach unserm Beifall ringen , betrachten wir Sie mit eben den Augen, womit wir alle andre Prätendenten an Virtuosität in den ergetzenden Künsten ansehen; und Sie stehen (es mag Ihnen nun gefallen oder nicht) mit Taschenspielern , Luftspringern und Histrionen in Einer Linie. Alle Ihre Anstrengungen, einen hohen Grad von Vollkommenheit zu erreichen, sehen wir als Schuldigkeit an; und wehe Ihnen, wenn Sie nicht immer sich selbst übertreffen, oder sich jemals für erlaubt halten auf Ihren Lorbeern einzuschlummern! Sie werden diesen Gedanken nicht sehr aufmunternd finden. Aber ich habe Ihnen noch nicht das ärgste gesagt. Ihre Lage gegen das Publikum als Dichter ist weit weniger vorteilhaft, als wenn Sie die Ehre hätten ein großer Kadenzenmacher oder der Parisische Grand-Diable zu sein. Zu diesen Künsten hat ungefähr jedermann einen Maßstab, und kann, mehr oder weniger, ziemlich richtig beurteilen, wie viel dazu gehört um diese oder jene Wunderdinge zu leisten. Aber in der Musenkunst ists gerade das Widerspiel. Unter tausend Lesern hat kaum Einer einen deutlichen und bestimmten Begriff von den Schwierigkeiten und von dem Höchsten der Kunst . Die Leser oder Zuhörer fühlen wohl, ob man sie interessiert oder gähnen macht : aber das ist auch alles! Und da ein sehr mittelmäßiges oder höchst nachlässig gearbeitetes Werk so gut als ein Meisterstück etwas interessantes haben kann: so können Sie sich darauf gefaßt machen, daß, so bald Ihr Werk aufgehört hat eine Meß-Neuigkeit zu sein, der erste beste Roman, der etwas Neues ist, und ein wenig Witz, hier oder da eine überraschende Situation, eine rührende Stelle oder ein schlüpfriges Gemälde hat, sich der Aufmerksamkeit der lesenden Welt bemächtigen, und Ihre Arbeit, hätten Ihnen auch alle neun Musen daran geholfen, auf die Seite drängen wird. Hoffen Sie nicht durch irgend eine Anstrengung, irgend eine idealische Vollkommenheit, zu der Sie mit allen Kräften Ihres Geistes empor streben, endlich einmal zu erhalten, was Sie nach Ihren Begriffen von der Kunst, und im lebendigen Bewußtsein dessen was Sie geleistet haben, für bloße Gerechtigkeit ansehen. Sie werden sie nie erhalten; nicht weil man Ihnen Gerechtigkeit versagen will , sondern weil man keinen Begriff von allem dem hat, was man wissen müßte um sie Ihnen widerfahren zu lassen. Wenn ein poetisches Werk, neben allen andern wesentlichen Eigenschaften eines guten Gedichtes, das ist, was Horaz totum teres atque rotundum nennt; wenn es bei der feinsten Politur die Grazie der höchsten Leichtigkeit hat; wenn die Sprache immer rein, der Ausdruck immer angemessen, der Rhythmus immer Musik ist, der Reim sich immer von selbst, und ohne daß man ihn kommen sah, an seinen Ort gestellt hat; wenn alles wie mit Einem Guß gegossen , oder mit Einem Hauch geblasen da steht, und nirgends einige Spur von Mühe und Arbeit zu sehen ist: so kann man sich sicher darauf verlassen, daß es dem Dichter, wie groß auch sein Talent sein mag, unendliche Mühe gekostet hat. Die Natur der Sache bringt das so mit sich; und, da es vielleicht in keiner Europäischen Sprache schwerer ist schöne Verse zu machen als in der unsrigen, so muß auch der Fleiß und die Anstrengung, um es in einer solchen Sprache zu einigem Grade von Vollendung zu bringen, verhältnismäßig desto größer sein. Aber bilden Sie sich ja nicht ein, wofern Ihnen jemals ein Werk dieser Art gelingt, daß Ihnen die Leser für das, was Sie mehr geleistet haben als man von Ihnen forderte , den mindesten Dank wissen werden. Man hätte (wie die tägliche Erfahrung lehrt) auch mit wenigerm fürlieb genommen. Ja, was das schlimmste ist, gerade diese Leichtigkeit, diese Glätte und Rundung, die Ihnen so viel gekostet, und die der einzelne und seltne Kenner mit aller gebührenden Kälte anerkennt, wird Ihrem Werke bei dem großen Haufen – Schaden tun . – » Es kostet Ihnen wohl nicht die geringste Mühe solche Verse zu machen? « – wird das Kompliment sein, das Ihnen überall entgegen schallen wird: und da die Menschen gewohnt sind, ein Kunstwerk nach der in die Augen fallenden Schwierigkeit, es hervorzubringen, zu schätzen; so wird auf das Ihrige, gerade um dessentwillen, weswegen Sie sich selbst am meisten Glück wünschten, eine Art von Verachtung fallen. Man wird es vielleicht mit mehr Vergnügen lesen als manche andre Früchte des nämlichen Jahrganges. Aber, weil man glaubt, daß Ihnen nichts leichter sei als solche Dinge zu machen; so werden Sie kaum mit einem fertig sein, da man Ihnen, als ob Sie noch nichts getan hätten, schon wieder ein anderes zumuten wird: und wenn Sie so ungefällig oder träg oder unfruchtbar sind, die Erwartung Ihrer Gönner nicht aufs schleunigste zu erfüllen; so wird bald eine neue Fabrikware, worins irgend etwas zu lachen oder zu weinen gibt, sich der Aufmerksamkeit der müßigen Welt bemächtigen; und das Werk, worin sich Ihre ganze Seele abgedruckt hat, das Werk Ihrer Liebe, Ihrer Nachtwachen, wobei Sie alle Ihre Kräfte aufgeboten, woran Sie alle Ihre Talente, alle Ihre Kenntnis der Geheimnisse der Kunst verschwendet hatten, wird – mit den Erdschwämmen, die in Einer Nacht hervorstechen, vermengt – in einen Winkel geworfen, und in kurzem so rein vergessen werden, als ob es nie gewesen wäre. Alles dies, mein Freund, ist etwas so natürliches, so alltägliches, ist aus einerlei Ursachen von je her bei allen Nationen (wenigstens in einem gewissen Zeitpunkt) etwas so allgemeines gewesen, daß es lächerlich wäre sich darüber zu beklagen. Aber angenehm ists freilich nicht, von Erfahrungen dieser Art überrascht zu werden; und in den Momenten, worin Ihnen dies begegnen wird, werden Sie mehr als Einmal versucht sein, das Glück eines jeden ehrlichen Böotiers zu beneiden, der, gerade mit so viel Menschenverstand als er ins Haus gebraucht, sein Brot im Schweiße seines Angesichts ißt, und für den Mangel des zweideutigen Vorzugs – daß zehntausend Menschen, die er nie gesehen hat, seinen Namen nennen und sich anmaßen über ihn und seinen Wert oder Unwert abzusprechen – durch den Genuß eines unbekannt aber ruhig den Strom der Zeit hinab gleitenden Lebens reichlich entschädigt wird. Ich würde nie fertig werden, wenn ich Ihnen alle Arten von Verdruß und Ungemach vorzählen wollte, welche jenseits der Aganippe , die für Sie der gefährliche Rubikon ist, auf Sie warten. Ich zweifle nicht, daß ich Ihnen mit einem guten Teile davon nichts sagen würde, als was Sie schon wissen. Aber vergessen Sie nicht, auch die ganze zarte Empfindlichkeit und Reizbarkeit einer poetischen Organisation mit dabei in Anschlag zu bringen. Tausend Dinge die Ihr Leben verbittern werden, sind, an sich betrachtet, Kleinigkeiten: aber für den Nervenbau, für die Einbildung, für das Herz eines Dichters werden es schwere Leiden sein. Ein einziges schiefes oder hämisches Urteil, ein einziger dummer Blick eines Zuhörers bei einer Stelle die ihm einen elektrischen Schlag hätte geben sollen, oder die Frage: Was meinen Sie damit? bei einer feinen Ironie – wird Sie gegen den Beifall von Tausenden unempfindlich machen; und um einer einzigen solchen Zitation willen, wie Sie eine ganz jungfräuliche Stanze eines Gedichtes das Sie lieben, in einem Buche wo Sie es gewiß nicht erwarteten, und von einem harmlosen akademischen Philosophen , der den Dichter ehren wollte, zitiert oder vielmehr stupriert gesehen haben, werden Sie wünschen Ihr bestes Werk vernichten zu können. Ich sage nichts von den Begegnungen, die Sie von Autoren, Kunstverwandten, Kennern, Kunstrichtern, Rezensenten usw. zu gewarten haben. Sie werden, wenn ich mich nicht sehr an Ihnen irre, in Absicht aller dieser Herren Horazens Methode Non ego ventosae plebis suffragia venor etc. Non ego nobilium scriptorum auditor et ultor Grammaticas ambire tribus et pulpita dignor. Epist. I 19. einschlagen: erwarten Sie also auch Horazens Schicksal, das ist in geheim mit Vergnügen gelesen, ins Angesicht mit Lob überschüttet, und öffentlich bei jeder Gelegenheit mit kritischem Achselzucken oder, wenns am besten geht, mit Stillschweigen beehrt zu werden. – Ein gemeiner Soldat, der bloß durch Talente und Verdienste bis zum Feldmarschall empor stiege, wäre eine große Seltenheit: aber ein Schriftsteller, der, ohne von einer Clique zu sein, ohne Schüler gemacht, ohne seinen Ruhm den dermaligen Potentaten in der Gelehrten-Republik zu Leben aufgetragen, ohne hinwieder angehende Schriftstellerchen in seine Klientel genommen und sich in ihnen einen rüstigen Anhang gemacht zu haben, welcher immer bereit ist, auf jeden, der sich des Patrons Ungnade zugezogen hat, mit Faust und Ferse los zu schlagen – ein Autor, sage ich, der ohne alle diese Hülfsmittel, und (was ich nicht vergessen muß) ohne von der Aegide der goldnen Mittelmäßigkeit bedeckt zu sein, bloß durch eigenes Verdienst zum ruhigen Besitz eines unangefochtnen Eigentums von Ruhm und Ansehen unter seinen Zeitgenossen gelangte, wäre eine noch viel größre Seltenheit. Es tragen sich wohl zuweilen seltsame Dinge in der Welt zu, und einer gewinnt ja wohl das große Los: aber wer kann darauf rechnen daß Er dieser Eine sein werde? Überhaupt, wenn ein ausgebreiteter entschiedner Ruhm und die damit verbundnen Vorteile das Ziel sind wornach Sie laufen: so machen Sie sich in Zeiten gefaßt, alle nur ersinnlichen Hindernisse in Ihrem Wege zu finden; und am Ende doch vielleicht zu sehen, wie Ihnen Leute zuvor kommen, die, anstatt in der vorgesteckten Bahn zu laufen, querfeld über die Schranken wegsetzen, und durch eine glückliche Verwegenheit den Preis an sich reißen, den sie in einem ordentlichen Wettlaufe nicht erhalten hätten. »Zum Laufen hilft nicht schnell sein«, sagt Salomon , »und daß einer angenehm sei, dazu hilft nicht daß er ein Ding wohl könne; sondern alles liegt an der Zeit und am Glücke.« Sie wissen, mein Lieber, aus wie vielen Ursachen ich den lebhaftesten Anteil an Ihnen nehme. Ich sehe Sie auf einem Wege, der Sie wahrscheinlicher Weise – nicht zum Tempel des Glücks führen wird; und doch habe ich nicht das Herz Sie zurück zu halten. Ich selbst liebe die Kunst, welcher Sie sich mit einer so entschiednen Fähigkeit widmen wollen, zu sehr, als daß ich ohne eine Art von innerlicher Bestrafung wünschen könnte, Sie von ihr abzuschrecken. Und wie sollte ich die Antwort nicht voraus sehen, mit der Sie alles was ich Ihrem Entschluß entgegen setzen könnte auf einmal zu Boden werfen werden? Auch ist meine Absicht nicht Sie abzuschrecken ; ich möchte Sie nur nötigen, ehe Sie Ihre Partei auf immer nehmen, auch die Fährlichkeiten und Unlusten des Weges, der Ihnen so reizend vorkommt, in Betrachtung zu ziehen. Zu Horazens Zeiten war die Poesie zufälliger Weise der Weg eine Art von Glück zu machen. Ihn trieb, wie er sagt, die Dürftigkeit , die alles zu wagen fähig ist, zum Versemachen. Ibit eo quo vis qui zonam perdidit – Bei uns, fürchte ich, ists just umgekehrt: der schmale Pfad über den Helikon ist ordentlicher Weise der gerade Weg in die Arme der lumpigen Göttin welcher Horaz entfliehen wollte. Vielleicht erleben Sie eine glücklichere Zeit für die Deutschen Musen. Vielleicht ist einem andern Fürsten der Nachruhm bestimmt, den der große König verschmähte, der, nachdem er in vierzig mit jedem andern Ruhme beladnen Jahren nichts für unsre ihm völlig unbekannte Literatur getan hatte , sich endlich an dem Verdienste begnügte, uns die Dürftigkeit und die Mängel derselben öffentlich vorzurücken . Vielleicht – Aber, nein! – weil doch diese hoffnungsvollen Vielleichts sehr ungewiß, und in der Tat weit unwahrscheinlicher sind als itzt manche sich träumen lassen; so stellen Sie sich lieber das ärgste vor: und da Sie ohnehin keine große Anlage zur Philosophie des Aristippus haben, und nicht sehr geneigt scheinen, was auch dabei zu gewinnen wäre, viel Weihrauch an die Götter der Erde , oder diejenigen die ihre Gnaden austeilen, zu verschwenden; so untersuchen Sie sich selbst genau, ob Sie im Schoße Ihrer lieben Muse allenfalls auch bei einer Mahlzeit von Kartoffeln und Brunnenwasser glücklich sein können . Und wenn Sie dann, mein Freund, alles wohl überlegt, entschlossen sind es darauf ankommen zu lassen: so versprechen Sie mir mit Mund und Hand – weil ich Ihnen doch das schlimmste was begegnen kann voraus gesagt habe – niemals in Ihrem Leben, wie es Ihnen auch ergehen mag, sich über den Neid Ihrer Nebenbuhler und Zunftgenossen , über die Gleichgültigkeit der Großen , und über den Undank des Publikums zu beschweren. Nichts ist zugleich unbilliger und alberner, als darüber wimmern, daß die Dinge sind wie sie immer gewesen sind ; und daß die Welt, anstatt sich um unser liebes kleines Selbst herum zu drehen, in ihrem ewigen Fortschwung, uns , wie ein unmerkliches Atom, ohne es gewahr zu werden mit sich nimmt. Die Menschen um uns her, vom größten bis zum kleinsten, haben so viel mit sich selbst und ihrer eignen Not, so viel mit ihren eignen Planen, Bedürfnissen, Leidenschaften, und momentanen Eingebungen des guten und bösen Dämons, den jeder gern oder ungern auf den Schultern tragen muß, zu tun, daß es kein Wunder ist, wenn sie sich nicht viel um die unsrigen bekümmern können. Und dennoch – helfen Sie einem Menschen aus einer Not , oder machen Sie ihm Vergnügen – wann , wo und wie ers bedarf , und er wird Ihnen in diesem Augenblicke aufrichtig dafür danken. Aber wie können wir von ihm fordern, daß er uns auch für ungebetene und unbrauchbare Dienste Dank wisse, oder, wenn wir ihm zur Unzeit die Ohren voll gesungen haben, sich uns noch dafür verbunden halte? Wie können wir verlangen, daß andern Menschen, mitten im Gedränge ihrer Verhältnisse, Geschäfte, Sorgen, Zerstreuungen, Ergetzlichkeiten, die Kunst die wir treiben, die Gegenstände wovon unsre Seele voll ist, das Werk womit wir uns beschäftigt haben, und womit sie vielleicht auf der Gottes-Welt nichts anzufangen wissen, eben so wichtig sein sollen als uns selbst? Wie können wir billiger Weise verlangen, daß sie ein eben so geübtes Ohr für die Musik unsrer Verse haben, die feinern Schönheiten eines poetischen Gemäldes eben so genau bemerken, eben so hoch in Anschlag bringen sollen, als ob sie viele Jahre lang ein besonderes Studium von solchen Dingen gemacht hätten? Die Natur der Sache bringt es mit sich, daß für den bloßen Liebhaber, in Werken des Witzes, des Geschmacks und der Kunst, immer viel verloren geht. Aber darum ist doch das Publikum weder ungerecht gegen vorzügliche Schriftsteller, noch ohne Gefühl für den Wert der Meisterstücke der Musenkunst. Sehen Sie, wie gut öfters auch sehr alltägliche Machwerke, sine pondere et arte , wenn nur irgend etwas daran gefallen kann, aufgenommen werden! Die lesende Welt will auf allerlei Art ergetzt und unterhalten sein; und sie liebt die Mannigfaltigkeit so sehr, daß ein Autor ganz und gar ungenießbar sein müßte, dem es nicht glücken sollte bemerkt und (wenigstens eine Zeit lang) aus dem Gedränge der täglich zunehmenden Mitwerber hervorgezogen zu werden. Auch in der leichtesten und kunstlosesten Gattung, die kaum etwas andres Poetisches hat als die Lebhaftigkeit des Ausdrucks und den Reim, ist Witz oder Laune oder glückliche Ejakulation eines augenblicklichen Gefühls genug, einen Verfasser der Nation lieb und schätzbar zu machen. Lassen Sie es also nur nicht an sich selbst fehlen, mein junger Freund! Verdienen Sie den öffentlichen Beifall, er wird Ihnen nicht versagt werden. Spannen Sie alle Ihre Segel auf, erheben Sie sich über die Menge, und bereichern Sie, unzufrieden mit einem gemeinen Preise, unsre Literatur durch Werke, die, anstatt nur auf einen Augenblick zu ergetzen, sich der ganzen Seele des Lesers bemächtigen, alle Organen seiner Empfindung ins Spiel setzen, seine Einbildungskraft erwärmen, bezaubern, und in ununterbrochner Täuschung erhalten, seinem Geiste Nahrung, und seinem Herzen den süßen Genuß seiner besten Gefühle, seines moralischen Sinnes, seiner Teilnehmung an andrer Leiden und Freuden, seiner Bewundrung für alles was edel, schön und groß in der Menschheit ist, gewähren – und verlassen Sie sich darauf, das Publikum wird Ihnen so viel Dank dafür wissen als Sie billiger Weise nur immer verlangen können. Ich setze diese Klausel hinzu, weil es Unsinn wäre, von den Menschen mehr zu erwarten als sie zu geben haben. Und mit welchem Rechte wollten die Schriftsteller allein von ihrer Nation mehr Gerechtigkeit, mehr Dankbarkeit, mehr Gleichheit und Beständigkeit fordern, als irgend ein andrer Mann von Verdienste, in welcher Kategorie er immer sein mag, von ihr zu gewarten hat? Ich habe diese kleine Abschweifung für nötig gehalten, damit Sie das, was ich Ihnen von den mancherlei Unannehmlichkeiten des poetischen Lebens bloß als Tatsache gesagt, nicht für Klagelieder aufnehmen, die mir das Gefühl oder Andenken eigener Erfahrungen ausgepreßt habe. In allen nur ersinnlichen Lebensarten und Umständen ist das menschliche Leben mit mancherlei wirklichen, eingebildeten, natürlichen und selbstgemachten Plagen umfangen; und im Augenblicke der Überraschung kann uns oft auch ein kleiner Schmerz einen lauten Schrei abnötigen: aber wer wollte über unvermeidliche, allgemeine, und eben darum sehr erträgliche Übel sich ungebärdig stellen? Quisque suos patimur manes. – Indessen bedurfte es keiner Rücksicht auf die meinigen , um Ihnen von allgemeinen Erfahrungen zu sprechen, die in allen Zeiten und bei allen Völkern, wo Literatur blühte, Statt gefunden haben. Sie, mein Lieber, kennen mich gut genug, um zu wissen daß ich mit meinem Lose in jeder Betrachtung zufrieden bin. Von meiner Jugend an habe ich die Kunst mehr geliebt als was man Ruhm und Glück nennt; und immer ist mir die unverfälschte Empfindung einzelner edler Seelen, der unerwartete gutherzige Dank irgend eines wackern Biedermannes der keine Nebenabsichten dabei haben konnte, mehr gewesen, als der ruhige Beifall des kalten Kenners oder das laute Zuklatschen der Menge, – wiewohl es mir in einem Laufe von mehr als dreißig Jahren auch an diesen nicht gefehlt hat. Aber ich würde mir ein Verdienst beilegen, an welches ich keinen Anspruch zu machen habe, wenn ich leugnen wollte: daß ich, indem ich den größten Teil meines Lebens im Dienste der Musen zugebracht, mehr für mich selbst als für andere getan habe; und daß es die reinste Wahrheit war, und vermutlich bis an mein Ende wahr bleiben wird, was ich schon vor funfzehn Jahren (zu einer Zeit, da ich am äußersten Ende des südlichen Deutschlandes in gänzlicher Abgeschiedenheit von unserm Parnaß und ohne alle literarische Verbindung lebte) aus vollem Herzen zu meiner Muse sagte: Gefällst du nicht, stimmt Welt und Kenner ein Dich deines Diensts zu überheben, So mag dein Trost in diesem Unfall sein, Daß du bei süßer Müh mir viele Lust gegeben: Du machst, o Muse, doch das Glück von meinem Leben, Und hört dir niemand zu, so singst du mir allein. Ich müßte mich sehr irren, wenn diese Gesinnung nicht im Fortgang Ihres Lebens auch die Ihrige sein sollte; und so bleibt mir (was für Wege auch übrigens das Schicksal mit Ihnen gehen mag) doch immer der Trost: daß eine Quelle von Glückseligkeit in Ihrem Innern springt, die Ihnen jeden Kummer des Lebens versüßen, den Genuß seiner besten Freuden verdoppeln, und, auch wenn sie zu versiegen anfängt, zum Labsal in den Tagen die uns nicht gefallen, wenigstens noch einzelne Nektartropfen für Sie übrig haben wird.